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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Schulmädelgeschichten - für Mädchen von 7-12 Jahren - -Author: Marie Beeg - -Release Date: January 27, 2023 [eBook #69864] - -Language: German - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHULMÄDELGESCHICHTEN *** - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter - Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter - Text ist ~so markiert~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - -[Illustration] - - - - - Schulmädelgeschichten - - für Mädchen von 7–12 Jahren - - erzählt von - - Marie Beeg. - - Mit zahlreichen Holzschnitten und 4 Farbdruckbildern. - - Sechste Auflage. - - Berlin W. - Schreiter’sche Verlagsbuchhandlung. - - - - -Inhalt. - - - Seite - - 1. Kapitel: Der Geburtstag 1 - - 2. Kapitel: Der erste Schultag 8 - - 3. Kapitel: Mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett geschlüpft 17 - - 4. Kapitel: Die Handarbeitsstunde 23 - - 5. Kapitel: Lehrstunden 28 - - 6. Kapitel: Ein Tag bei Alma 30 - - 7. Kapitel: Ein Schulspaziergang und seine Abenteuer 42 - - 8. Kapitel: Schlimme Freundschaft 72 - - 9. Kapitel: Martha 79 - - 10. Kapitel: Ein Brief Almas an Aennchen 92 - - 11. Kapitel: Tagebuchblätter. Aus Aennchens Tagebuch 100 - - 12. Kapitel: Aus Marthas Tagebuch 108 - - 13. Kapitel: Marthas Hausgarten. Der arme Hansi 114 - - 14. Kapitel: Wintervergnügen und Eisabenteuer 122 - - 15. Kapitel: Klara 126 - - 16. Kapitel: Musikstunden 129 - - 17. Kapitel: Aus Aennchens Tagebuch. Almas Rückkehr 134 - - 18. Kapitel: Aus Marthas Tagebuch. Die Konfirmation 140 - - 19. Kapitel: Das Kränzchen 144 - - 20. Kapitel: Ein überraschender Besuch 150 - - 21. Kapitel: Schluß 157 - - - - -Erstes Kapitel. - -Der Geburtstag. - - -Sie war ein niedliches liebes Mädchen, die kleine Anna, und wen sie -mit ihren blitzenden Aeuglein und weißen Zähnchen anlachte, der mußte -sie gern haben, trotzdem sie ein solch tüchtiger Wildfang war, welcher -Haus und Hof fortwährend unsicher machte. Ihre Eltern bewohnten ein -wundervolles Haus, das in einem großen schönen Garten lag, und da -tummelte sich denn klein Annchen nach Herzenslust herum, kletterte auf -die Bäume und spielte mit den kleinen Brüdern Verstecken. - -»Das Kind wird uns zu wild, das muß ein Ende nehmen,« sprachen die -Eltern. »Sie lernt gar nichts; die alte Kinderfrau wollte ihr kürzlich -das Stricken zeigen, da zog sie die Nadeln aus den Maschen und spießte -sie ihren Puppen in den Leib. – Ja, das that sie!« - -Nun kam Aennchens Geburtstag heran, an dem sie sieben Jahre werden -sollte; sie hatte sich schon lange darauf gefreut. Was ihr da wohl -alles beschert werden würde? Sie hatte solch köstliche Wünsche: eine -große, große Schaukel, ein Schaukelpferd, wie die Brüder es hatten, -eine recht lange Peitsche und eine Trompete! Das waren freilich keine -passenden Wünsche für ein kleines Mädchen, aber sie hegte sie doch. - -Der Geburtstagmorgen kam heran, Aennchen wachte in aller Frühe auf, -sie hatte ihn ja schier nicht erwarten können. Die Kinderfrau schlief -noch, die kleinen Brüder schliefen noch und es war ihr streng verboten, -sie zu wecken. Aber so lang still im Bette liegen, das war doch -recht schwer! So erhob sie sich denn ganz leise, schlüpfte heraus und -begann in ihrem Nachtkleidchen und bloßen Füßen auf Tisch und Stühlen -herum zu turnen. Aber plumps, da gab es einen furchtbaren Spektakel, -der Stuhl fiel um und klein Aennchen lag halb zerquetscht und betäubt -darunter. Gleich eilte die erschreckte Kinderfrau aus ihrem Bett -herzu und nun gab es zu allem Schrecken noch tüchtige Klopfe, dann -wurde klein Aennchen wieder ins Bett gesteckt und mußte noch ein paar -Stunden mäuschenstille liegen, bis sie endlich um sieben Uhr festlich -angekleidet wurde, ihrem Geburtstag zu Ehren. Ein hellblaues Kleidchen -mit weißen Schleifen und ein weißes Spitzenschürzchen bekam sie an, das -wilde braune Lockenköpfchen wurde tüchtig gebürstet und gekämmt, dann -durfte sie hinüber nach dem Frühstückszimmer laufen, wo bereits die -Eltern und Geschwister versammelt waren. - -Wie köstlich es nach Schokolade und Kuchen duftete, und wie lieb -und freundlich alle sie umringten! Aber sie hatte nur Augen für die -große weißgedeckte Tafel dort drüben, welche ganz mit Geschenken -vollgebreitet war. Die Mama führte das Töchterchen selbst dahin und -es hüpfte dabei vor Freude, blieb aber plötzlich ganz verwundert und -schier erschrocken stehen. - -Wo war die Schaukel? Wo das Schaukelpferd, die Peitsche, die -Trompete? Keine Spur davon zu sehen! Aber inmitten des Tisches saß -eine wunderhübsche Puppe, allerdings ganz unangekleidet, nur in ein -Hemdchen gehüllt, auf einem Stühlchen; zu ihren beiden Seiten waren -Kästen aufgestellt; der eine enthielt nichts als eine große Anzahl der -verschiedensten Stoffreste, blaue, rote, weiße und schwarze, seidene -und wollene, dann breite und schmale Spitzen und Bänder und Borten – -kurz, es war das reine Putzwarengeschäft. Der andere Kasten war mit -Faden und Wolle aller Art und jeder Farbe angefüllt, enthielt ein -Nadelbüchschen und Fingerhut und Schere und noch eine Menge anderer -Kleinigkeiten zum Nähen und Sticken. Ferner war ein niedliches -weißes Strickkörbchen aufgestellt, darin lag ein großer rosenroter -Wunderknäuel und ein Bund dicke Stricknadeln. - -Vorn am Tisch aber lag ein nagelneues Bücherränzchen mit schönen -Schnallen und Riemen, und auf dem Deckel stand der Name »Aennchen« -schön gestickt und darunter »das fleißige Kind.« Das ganze -Bücherränzchen war mit einer Menge nagelneuer Hefte und Bücher -angefüllt, das Schönste aber war ein wunderhübscher Federkasten, in -welchem Griffel und Bleistifte, Federn und Gummi und sogar ein kleines -Messerchen enthalten waren. Eine schöne, neue Schiefertafel war auch zu -sehen; diese hatte einen bemalten Rand, auf welchem allerlei hübsche -und lustige Sprüchlein standen, wie: »Wer mit dem Griffel schreibet -fein, das muß ein artig Mädchen sein!« und: »Wer fleißig seine Arbeit -thut, dem sind die Menschen alle gut!« und ferner: »Geschrieben Wort -ist Perlen gleich, ein Tintenklecks ein böser Streich!« - -Alle diese schönen Dinge waren in bunter Reihe auf den Tisch gebreitet, -dazwischen Teller mit Bonbons und Kuchen, und jedes artige Kind wäre -beim Anblick all’ dieser Herrlichkeiten vor Freude wohl hoch gesprungen. - -Unser Aennchen aber nicht! Wie vom Schreck gerührt stand sie da, als -sie keinen ihrer Lieblingswünsche erfüllt sah, und konnte es kaum noch -fassen, da trat die Mama zu ihr und sprach: - -»Siehst Du, mein Aennchen, für welch großes artiges Mädchen wir dich -jetzt halten, daß wir dir alle die schönen Sachen zum Geburtstag -beschert haben? Du bist jetzt sieben Jahre alt geworden, also mußt du -auch anfangen, recht fleißig und vernünftig zu werden, und die wilden -Spiele, welche sich nur für Buben schicken, aufgeben. Die reizende -Puppe haben wir dir mit Absicht nicht angekleidet, damit du selbst die -Freude haben sollst, hier aus diesen hübschen Stoffen und Spitzchen -schöne Kleiderchen zu verfertigen. Der Wunderknäuel in diesem Körbchen -ist mit einer Menge süßer Bonbons gefüllt und auf dem Grund desselben -ein kleines Geheimnis verborgen; wenn du daher recht fleißig stricken -lernen willst, so wirst du immer eine Freude und Ueberraschung dabei -haben. – Das Bücherränzchen mit all den vielen Heften und Büchern aber -wird dir wohl das größte Vergnügen gewähren und du darfst es bald -benützen, denn von morgen an darfst du die Schule besuchen.« - -»In die Schule soll ich!« rief Aennchen erschrocken aus und starrte die -Mama ungläubig an; als diese aber ganz ernsthaft mit dem Kopfe nickte, -da wurde sie förmlich außer sich; sie warf sich der Länge nach auf den -Boden und schluchzte und schrie: - -»Nein, ich will in keine Schule kommen! ich mag in keine Schule!« - -Das war ein ganz abscheuliches Betragen für ein kleines Mädchen, noch -dazu für ein Geburtstagskind! Ganz entsetzt standen die Geschwister und -starrten das böse Schwesterlein am Boden an, und der Papa, welcher bis -jetzt nichts mitgesprochen hatte, runzelte zornig die Stirn und trat -vor. Aber die Mama ergriff ihn am Arme und bat: - -»Laß du mich heute allein mit Aennchen verhandeln. Ich will sie nicht -gleich schlimm strafen, weil ja ihr Geburtstag ist, aber es wird ihr -schon Strafe genug sein, wenn sie nicht mit uns frühstücken darf, -sondern ihre Schokolade und Kuchen ganz allein verzehren muß.« - -Damit hob sie das noch immer weinende Kind vom Boden auf und führte -es hinüber nach dem kleinen Kämmerchen, welches das »Trutzstübchen« -geheißen wurde, denn hieher wurde immer jedes unartige Kind geschickt, -das eine Strafe abzubüßen hatte. Im ganzen Stübchen stand nichts als -ein einziger kleiner Tisch und ein Stuhl. Wie viele Stunden hatte das -wilde Aennchen hier schon abbüßen müssen; niemals aber schien es ihr so -schmerzlich zu sein als gerade heute an ihrem Geburtstag, auf den sie -sich schon so lange gefreut hatte. - -So saß sie denn mit strömenden Thränen vor ihrer großen -Schokoladentasse und hielt ihr duftendes Stück Kuchen in der Hand; -all die herrlichen Rosinen und Mandeln, die darauf gestreut waren, -vermochten sie nicht zu trösten; sie schluchzte und schluchzte und -jammerte vor sich hin. Ach, und sie schämte sich so sehr, gerade heute -bestraft worden zu sein – das war doch noch keinem der Geschwister am -Geburtstag passiert, und sicherlich würde sie Bruder Fritz, der auch -schon in die Schule ging, noch tüchtig damit necken. - -Eine Stunde später steckte die Mama den Kopf zur Thüre herein und sah -sich nach ihrem Aennchen um. Dieses saß mit ganz dickverweinten Augen -auf seinem Stuhl und als es die Mutter sah, streckte es die Arme aus -und fing von neuem an, bitterlich zu weinen. - -»Wie steht es denn mit dir, Aennchen – willst du jetzt wieder artig -sein?« fragte die liebe Mutter und hob das Töchterchen sanft empor. -Dieses schlang seine Aermchen um ihren Hals und flüsterte: - -»Ja, liebe Mama! ich bitte um Verzeihung, daß ich so böse gewesen bin.« - -»Und willst du jetzt auch gern in die Schule gehen, liebes Kind?« - -»Ich will es versuchen,« kam die Antwort sehr langsam und leise aus -Aennchens Mund hervor. Die Mutter setzte sich auf den Stuhl, nahm ihr -Töchterchen auf den Schoß und sprach mit freundlichem Ernst: - -»Ja, mein Liebling, versuche es und du wirst sehen, daß es nicht so -schlimm ist, sondern im Gegenteil dir bald ausnehmend gefallen wird. -Denn wenn du darüber nachdenkst, so wirst du selbst einsehen, daß ein -Leben, wie du es bis jetzt geführt hast, nicht ewig so fortgehen kann. -Du bist schon ein kräftiges Mädchen, doch kannst du weder stricken -noch lesen, noch rechnen und schreiben. Nun denke nur daran, wohin -das führen würde, wenn es so fortginge; du müßtest dich ja vor jedem -Menschen schämen, so unwissend zu sein, denn es giebt niemand, der -nicht auch etwas lernen muß, und wenn sich alle so sträuben würden, -so gäbe es wohl nur lauter unwissende Menschen, die ein Abc wüßten -und kein Buch lesen könnten und keinen Strumpf stricken. Gelt, das -wäre schrecklich? Damit aber kleine Kinder schon im richtigen Alter, -wo ihnen das Lernen leicht wird, alles gelehrt bekommen, was nötig -ist, sind die Schulen errichtet worden. In diesen Schulen giebt es -eine Anzahl gar lieber Lehrer und Lehrerinnen, welche alle die vielen -kleinen Nichtswisser um sich scharen und unterrichten im Lesen, -Schreiben und Rechnen und sie noch eine Menge anderes lehren und -ihnen vom lieben Gott erzählen. Jedes Kind, das gern zu ihnen kommt, -haben sie lieb und üben Geduld mit ihm, bis das kleine Köpfchen alles -begriffen hat, aber über die bösen und faulen betrüben sich die lieben -Lehrer, und wenn sie gar nicht folgen wollen, dann gibt es Strafe. -Willst du nun zu den artigen Kindern oder zu den bösen und faulen -gehören, mein Aennchen?« - -»Ich will zu den artigen gehören, Mama,« erwiderte Aennchen, welches -aufmerksam zugehört hatte und jetzt ganz still mit leuchtenden Augen -dasaß. - -»Das ist brav, mein Kind,« lobte die Mama, »und dafür darfst du heute -den letzten Tag der Freiheit noch recht nach Herzenslust genießen. Lauf -nur schnell hinunter nach dem Garten; die Geschwister warten schon auf -dich.« - -Wie nun das kleine Aennchen lief, als ob sie vom Wind getragen würde! -Die Treppe hinab und den Hausflur entlang in einem Husch hinaus zum -Garten und unten vom Rasen her hörte sie schon rufen: - -»Aennchen, Aennchen!« - -»Ich komme, ich komme!« rief Aennchen jauchzend den Geschwistern -entgegen; die deuteten lachend in die Höhe und da – was war das? Eine -allerschönste große neue Schaukel war mitten auf dem grünen Rasenplatz -angebracht! War das ein Jubel und eine Seligkeit! Aennchen kannte sich -kaum vor Freude und die Geschwister riefen: - -»Du darfst ja heute am meisten schaukeln, weil ja dein Geburtstag ist.« - -Wie ein Eichhörnchen so flink kletterte Aennchen auf die Schaukel -und Bruder Fritz, der heute einen freien Tag hatte, war so galant -und artig, das Schwesterchen hoch in alle Lüfte zu schaukeln. O das -war herrlich! sie kam dem großen Kastanienbaum ganz nahe und sah die -kleinen Brüderchen Willy und Hermännchen als winzige Punkte unten -stehen. So ging es lange Zeit fort, da wollte Aennchen doch auch die -andern an die Reihe lassen, denn sie war recht artig geworden, und so -setzte sie die kleinen Brüder auf die Schaukel und ließ sie an dem -Vergnügen teilnehmen. - -Um zehn Uhr gab es heute als Frühstück herrliches Honigbrot und die -Kinder durften es im Garten verzehren. So verging Stunde auf Stunde des -so schlimm begonnenen Tages in schönster Lust und als Aennchen endlich -spät am Abend im Bettchen lag und Mama noch kam, mit ihr den Abendsegen -zu beten, da flüsterte sie ihr noch leise ins Ohr: - -»Nicht wahr, Mütterlein, du verzeihst mir, daß ich heute morgen so -unartig gewesen bin?« - -Ein inniger Kuß der Mutter war die Antwort. - -[Illustration] - - - - -Zweites Kapitel. - -Der erste Schultag. - - -Als Aennchen an diesem Morgen erwachte, war ihr das kleine Herz recht -schwer, denn gleich fiel ihr ein, daß ja heute der erste Schultag sein -sollte. »Ach,« seufzte sie vor sich hin, »wie wird es mir gehen! Wenn -doch dieser erste Tag schon vorüber wäre.« - -Aber es half kein Seufzen; sie mußte sich dazu bequemen, aufzustehen -und sich von Lisette, der alten Kinderfrau, ankleiden zu lassen. Diese -that es heute beinahe etwas respektvoll und sagte: - -»Nun wirst du ja wohl bald gar ein Fräulein sein und so gelehrt -werden, daß du mehr weißt wie ich selbst, und mir vorlesen kannst aus -deinen schönen Büchern. Auch das Ankleiden kannst du jetzt bald allein -besorgen, ein Schulmädel muß ja alles können. Hast du denn schon die -schönen neuen Schulkleider gesehen, welche Mama für dich bereit gelegt -hat?« - -Ei der Tausend, die waren freilich hübsch! Ein rotes Wollkleidchen mit -weißen Borten und eine große schwarze Schürze mit Spitzen besetzt, ein -helles warmes Mäntelchen und ein hübsches Mützchen – alles nagelneu, -war neben dem Ränzchen auf den Tisch gebreitet. Das war freilich eine -Freude für Aennchen, die ein kleines eitles Ding war und sich gar gerne -putzen ließ. - -Und so stand sie denn bald, ganz nagelneu angezogen, denn selbst -Strümpfe und Stiefel waren neu, vor den Eltern und Geschwistern und kam -sich förmlich wichtig vor, als sie nun das Ränzchen auf den Rücken -nahm und Papa auf die Uhr sah und sprach: - -»Nun muß unsere Tochter aber in die Schule fort; es ist hohe Zeit.« - -Mama setzte ihren Hut auf und Aennchen nahm Abschied von den kleinen -Geschwistern, als ginge es zum mindesten nach Amerika, dann gab sie -Papa noch einen Kuß und fort ging es an der Mutter Hand zum Hause -hinaus. - -Auf der Straße erblickte sie eine Menge Schulkinder, Mädchen und Knaben -und alle sahen sie neugierig an; je näher sie der Schule kam, desto -mehr kleine Mädchen gingen mit ihnen denselben Weg, viele allein, -manche von ihrer Mutter begleitet, denn das neue Schuljahr hatte noch -nicht lange begonnen. - -Das Schulhaus war ein großes altes Gebäude, welches wohl früher ein -Kloster gewesen sein mochte. Es hatte ein großes Portal und so viele -Fenster, wie Aennchen noch nie gesehen hatte. Aennchen stieg an der -Hand der Mutter drei breite Treppen empor; das Herz klopfte ihr, als ob -es zerspringen wollte, und sie sah gar nicht mehr, wohin sie ging. Da -stand sie auf einmal in einem großen Saale und der Herr Lehrer kam auf -die Mama zu und sprach mit ihr. Diese stellte ihr Töchterchen vor und -sprach zu Aennchen, welche ihre Hand mit krampfhaftem Griff umklammert -hielt: - -»Sei doch nicht so furchtsam, Kind, und gib Herrn Milde eine Hand!« -Da blickte sie langsam auf und in das Gesicht des Herrn Milde, der so -sanfte Augen hatte, welche hinter einer Brille hervorblickten, und so -freundlich lächelte, daß sie alle Furcht verlor und ihre kleine Hand -in die seine legte. Nun blickte er sich um, die langen Reihe der Bänke -entlang, welche Sitz an Sitz mit lauter kleinen Mädchen besetzt waren, -und fragte: - -»Ist kein Platz mehr für unser Aennchen übrig?« - -In der dritten Reihe rückten zwei Mädchen zusammen und streckten die -Finger in die Höhe: - -»Hier!« - -Herr Milde nahm Aennchen an der Hand und setzte sie zwischen die beiden -Mädchen; ängstlich blickte sie sich nach der Mama um. Diese hatte sie -allein gelassen bei all den fremden Mädchen. Sie legte den Kopf auf das -Pult, barg das Gesicht in den Händen und weinte leise und ängstlich -vor sich hin. Da streichelte ein weiches Händchen ihre Wange und eine -sanfte Stimme flüsterte beruhigend: - -»Sei ruhig, kleines Mädchen, du brauchst keine Furcht zu hegen.« - -Aennchen blickte auf in ein sanftes Gesichtchen, das von schlichten -hellen Haaren umrahmt war. Das Mädchen war klein und schmächtig gebaut -und die rechte Schulter stand bedeutend in die Höhe; sie trug ein -einfaches dunkles Kleid und eine hohe Schürze, um den Hals ein weißes -Halstuch und sah so schlicht aus wie eine kleine Nonne. Aennchen fühlte -sich neugierig angezogen und fragte, ihre Thränen trocknend: - -»Wie heißt du?« - -»Martha Traugott,« war die Antwort; »ich bin auch erst seit einigen -Tagen in der Schule und schon ganz gut eingewöhnt, also siehst du, daß -es nicht so schlimm ist.« - -Die Nachbarin zur rechten Seite Aennchens, welche anfangs sehr -spöttisch den Mund verzogen hatte, als sie diese weinen sah, blickte -sie jetzt aufmerksam an und mischte sich in das Gespräch: - -»Glaube ihr nicht, daß es nicht schlimm sein soll; ich sitze nun ein -ganzes Jahr hier in der Klasse und finde es schrecklich.« - -Aennchen blickte sie erstaunt an. Schon ein ganzes Jahr war sie hier -in der Schule – wie furchtbar gelehrt mußte sie sein! Aeußerlich -war freilich nichts Auffallendes davon zu sehen, außer daß sie -sich ziemlich ungeniert benahm, sich bequem zurücklehnte und die -Füße baumeln ließ und hinter des Herrn Lehrers Rücken an einer -Schokoladentafel knusperte. Sie war ein wunderhübsches Geschöpf mit -goldig rotem Haar, welches in tausend Löckchen um das reizende Gesicht -flatterte; gekleidet war sie in ein blaues Samtkleid, aus dem ihre -bloßen Schultern und Aermchen leuchtend hervorblickten. Aennchen -glaubte, noch nie ein solch entzückendes Wesen erblickt zu haben, und -atemlos flüsterte sie zu Martha hinüber: - -»Wie heißt das Mädchen neben mir?« - -Diese gab leise zurück: »Alma von Stolzau. – Aber jetzt darfst du -nichts mehr sprechen – die Stunde beginnt.« - -Denn soeben hob die Schuluhr zum Schlage aus und als die neun Klänge -verklungen waren, da gab Herr Milde auf seinem Katheder, den er -inzwischen bestiegen hatte, ein Zeichen und nahm eine Violine zur Hand. - -Wir singen heute den Choral: »Ach bleib’ mit Deiner Gnade« – sagte -er, »wer von den Neueingetretenen ihn von zu Hause her kennt, darf -mitsingen.« - -Aennchen kannte ihn wohl, die Mama hatte ihn oft mit den Kindern -gesungen und so stimmte sie herzhaft mit in den Chor all der kleinen -Kehlen ein. Auch ihre Nachbarin Martha sang mit klarer Stimme mit, Alma -jedoch, obgleich sie schon so lange in der Schule war, hielt das feine -Taschentuch an die Lippen, als ob sie Halsweh hätte, und sang nicht -mit. Aennchen sah sie verwundert an. - -Nach dem Choral betete die ganze Klasse stehend das Vaterunser und dann -trat plötzlich eine tiefe Stille ein, bis Herr Milde gebot, die Griffel -und Tafel sollten hervorgeholt werden. Das thaten nun alle mit großem -Eifer und auch Aennchen nahm mit geheimem Stolz ihre schöne Tafel -heraus – gewiß hatte keine der Schülerinnen eine gleiche – Marthas -Tafel war wenigstens ganz einfach von Schiefer und weißem Holz, doch -Alma besaß wirklich eine noch viel schönere und ihre Griffel waren mit -Goldpapier umwickelt. Aennchen staunte! - -Nun nahm Herr Milde eine Kreide zur Hand und schrieb an die Tafel ein -kleines i – das sollten die Kinder nachschreiben und nun machten sich -Hunderte von kleinen Fingern an diese Arbeit, während der Herr Lehrer -von einer zur andern ging und Umschau hielt. Das gab harte Plage! -Aennchen mühte und mühte sich, aber sie brachte keinen geraden Strich -zu stande und bewundernd sah sie der kleinen Martha zu, welche schon -eine Menge von schönen i’s gemalt hatte. Alma jedoch saß ganz müßig da. - -»Warum schreibst du nicht?« fragte Aennchen erstaunt. - -»Ich kann es schon und habe keine Lust,« gab sie nachlässig zur Antwort. - -Als aber Herr Milde zu den drei Mädchen kam, da zeigte es sich doch, -daß sie kein Recht hatte, zu thun und zu lassen, was sie wolle, denn er -schalt sie aus, daß sie ihrer neuen Nachbarin kein besseres Beispiel -gebe, die kleine Martha aber lobte er sehr und beauftragte sie, -Aennchen etwas mit Rat beizustehen. - -So ging die erste Stunde zu Ende, schneller, als Aennchen es gedacht -hatte, und als es 10 Uhr schlug, da sprach Herr Milde: - -»Nun dürft ihre eure Arbeit fortlegen und in den Garten springen!« - -Jetzt ging ein Jubel und Lärmen los! Alle die vierzig Mädchen wollten -laut zur Bank hinausstürzen, Herr Milde aber gebot: »Eine nach der -andern und immer hübsch ruhig!« Da dämpften sie die fröhlichen Stimmen -und schoben sich artiger zur Thüre hinaus. Auch Aennchen wurde mit -fortgezogen in der Schar und befand sich schließlich in einem großen -Garten, der nur wenige Beete und Blumen, dafür aber einen großen Kies- -und Rasenplatz aufzuweisen hatte. Und auf diesen Plätzen spielten nun -die verschiedenen Klassen und vergnügten sich, wie sie wollten. - -Aennchens Mitschülerinnen hatten bald einen großen Kreis gebildet, sie -kamen auch zu Aennchen und forderten sie auf, teilzunehmen. Fröhlich -trat sie in die Reihe zum »Ringelreihspiel« und begann bald herzhaft -zu springen und zu jauchzen und es ihrer Nachbarin, der ausgelassenen -Alma, nachzumachen. Als der Kreis sich wieder drehte, sah sie die -kleine verwachsene Martha ganz still und traurig außen stehen. - -»Komm doch und spiele mit!« rief sie ihr zu. - -»Geh, laß sie doch, sie ist ja bucklig,« wehrte ihr Alma laut und -rücksichtslos ab. - -Erschrocken sah Aennchen sich nach der Kleinen um, ob sie die schlimmen -Worte gehört habe; wirklich glänzten dem armen Kind zwei große Thränen -in den Augen und flossen langsam die schmalen Wänglein herunter. Aber -Alma zog Aennchen mit sich fort und diese hatte einen solchen Respekt -vor der glänzenden Gefährtin, daß sie ihr nicht zu wiedersprechen -wagte, sondern sich im Gegenteil sehr geschmeichelt fühlte, so sehr von -ihrer Gunst beglückt zu werden. Denn hier auf dem Spielplatz behauptete -Alma entschieden die erste Rolle; sie gab alle Spiele an, entschied, -wer sich dabei beteiligen durfte, lachte und jubelte am lautesten, -sprang und tanzte am geschicktesten und verstand den Ball so hoch in -die Luft zu schleudern und wieder zu fangen, wie Aennchen es noch nicht -einmal von ihrem Bruder Fritz gesehen hatte. Sie staunte nur so vor -Bewunderung und betete die neue Freundin förmlich an. - -Freilich, als die Freiviertelstunde vorüber war und der Unterricht -wieder begann, da mußte die Bewunderung für Almas Leistungen bald ein -Ende finden, denn der Lehrer hatte gerade bei ihr immer am meisten zu -tadeln und zu rügen. - -Aennchen aber war ganz eingenommen von ihrer Nachbarin und diese -verstand so reizend und witzig zu plaudern und ihr heimlich eine Menge -Scherzhaftes zuzuflüstern, daß sie ganz den Unterricht vergaß und sich -nur immer unterhalten wollte. Schon machte Herr Milde ernste Augen -und sah oftmals herüber zu den kleinen Klatschmäulchen – Martha stieß -die Nachbarin heimlich mit dem Fuße an, doch ruhig zu sein – allein -Aennchen war wie bezaubert und die Folge ihrer Unachtsamkeit war -schließlich, daß der Lehrer, ordentlich böse geworden, ihr am Schluß -der Stunde die doppelte Hausaufgabe zuerteilte, als den andern, und -Alma wurde gar ein Tadel ins Buch geschrieben. - -Aufs tiefste beschämt nahm Aennchen die Strafe hin und suchte beim -Aufbruch ganz zerknirscht ihre sieben Sachen zusammen; Alma jedoch -flüsterte ihr zu, sich doch nichts daraus zu machen, dergleichen würde -wohl noch öfter vorkommen. Sie faßte die neue Freundin unter dem Arm -und zog sie mit auf die Straße. Unten an der Ecke des Hauses hielt ein -reizender kleiner Wagen mit zwei munteren Ponies bespannt. Wie staunte -Aennchen, als Alma darauf zusprang, in einem Nu den Bock erreichte und -dem Kutscher die Zügel aus der Hand nahm. - -»Adieu, mein Herz, auf Wiedersehen morgen!« rief sie lachend, dann -schlug sie auf die Pferdchen ein und fort ging es im sausenden Galopp. - -Aennchen stand noch lange und sah ihr nach; sie kam sich recht armselig -vor, so zu Fuß nach Haus traben zu müssen, während die Freundin so -stolz kutschieren konnte. Als sie noch dastand, kam eben die kleine -bescheidene Martha vorübergegangen. Sie blieb stehen und fragte -freundlich: - -»Willst du vielleicht mit mir kommen, Aennchen?« - -»Wo wohnst du denn?« fragte diese ziemlich kühl, »wir haben sicher -nicht denselben Weg.« - -»O doch,« erwiderte Martha. »Wir wohnen sogar sehr nahe zusammen und -ich habe dich schon oft in eurem schönen Garten spielen sehen, denn -meine Mutter hat die Wohnung in eurem Hinterhause seit einiger Zeit -gemietet.« - -»Aber warum bist du denn dann niemals zu mir in den Garten gekommen?« -fragte Aennchen überrascht. - -»Mutter erlaubte es nicht; sie sagte, wir hätten kein Recht dazu,« -war die bescheidene Antwort. »Auch habe ich zum Spielen beinahe keine -Zeit. Ich muß Mütterchen zu Hause an die Hand gehen und meiner kranken -Schwester Gesellschaft leisten.« - -»Aber du bist ja noch so klein?« staunte Aennchen. - -Ein wehmütiges Lächeln fuhr über das sanfte Gesichtchen Marthas. -»Freilich bin ich noch klein und schwach,« sagte sie, »aber ich thue -eben, was ich kann; später wird es schon besser werden.« - -Sie waren an Aennchens Haus angelangt; eine große, prächtige -Eingangspforte führte hinein; weiter unten bildete eine schmale -Thüre einen Durchgang, welcher zum Hinterhause führte. Hier schieden -die beiden Schulmädchen voneinander; Aennchen sprang fröhlich und -leichtherzig die Treppe hinauf und Martha schlich still von dannen. - -Was hatte Aennchen heute zu Mittag alles zu berichten! Ihre ganze -Phantasie war noch von der neuen Freundin Alma angefüllt, so daß sie -ganz darüber vergaß, der Mama von der kleinen verwachsenen Martha zu -erzählen. Sie kam sich den Brüdern gegenüber höchst wichtig mit ihren -Erlebnissen vor und als Bruder Fritz sie wie sonst necken wollte, -da meinte sie sehr stolz, diese Zeiten seien vorbei, sie sei nun ein -Schulmädel und wolle sich nichts mehr gefallen lassen. - -Nach Tisch mußte Fritz wieder in die Schule fort; Annchen aber hatte -keine Stunde und da es fatalerweise zu regnen begann, so konnte nicht -einmal in den Garten gegangen werden. Aennchen rief die kleinen Brüder -zu sich auf den Hausflur zum Spielen; sie wußte zwar, daß um diese -Zeit, wenn Papa schlafen wollte, nicht viel Geräusch gemacht werden -durfte, und anfangs ging alles ganz still und artig zu. Bald aber fing -sie mit den kleinen Knaben an, laut herumzutollen und Hermännchen so -lang zu necken, bis er tüchtig zu schreien begann. Nun kam der Vater -mit rotem Kopf zornig zur Thüre heraus und rief: - -»Du nichtsnutziges kleines Mädel! Kannst du mich denn niemals schlafen -lassen? Hast du keine Hausaufgabe für die Schule zu machen?« - -Aennchen murmelte »Ja.« - -»Dann marsch in die Stube und nicht eher heraus, bis alles gut fertig -ist!« - -So schlich denn Aennchen recht beschämt in die Kinderstube und setzte -sich an den großen Tisch, wo sie sich auf ihrer Tafel bemühte, die -aufgegebene Arbeit gut fertig zu bringen. Sie ächzte und seufzte dabei -und sah immer sehnsüchtig aus dem Fenster, denn es hatte bereits zu -regnen aufgehört und die Kinderfrau hatte die Brüderchen in den Garten -genommen. Wie schwer doch das Stillsitzen war und die i’s standen alle -so bucklig auf den Linien; doch endlich waren beide Seiten der Tafel -bedeckt und nun atmete sie auf und sprang empor, ließ Griffel, Tafel -und Ränzchen liegen, wie sie ausgebreitet waren – es zog sie hinunter -nach dem Garten. - -Doch halt, was tönte da für ein fröhlicher Lärm die Straße herauf. -Pfeifen und Trommeln und Lachen und Schreien. Eben stürmte Fritz mit -den Büchern unterm Arme den Hausflur herein: »Aennchen, komm, es giebt -etwas zu sehen.« Und sofort flog diese mit ihm hinaus und starrte mit -entzückten Augen die Wunder an, welche da vorüberzogen. Voran winzig -kleine Pferde, auf welchen buntgekleidete Kinder saßen und standen, -dann eine Schar Musikanten mit Pfeifen und Trommeln, dann ein großer -großer Elefant, auf dessen Rücken lustige Aefflein Grimassen schnitten, -und diesen nach ein großes braunes Kamel. Und nun folgten noch ein -Zebra und eine Menge anderer Tiere, welche Aennchen nicht kannte, -es war ein Lärm und Getöse und die Gassenjugend jubelte und stürmte -hinterdrein. Aennchen wußte sich vor Entzücken kaum zu fassen und als -vom ganzen Zug endlich nichts mehr zu sehen war, da stürmte sie mit -Bruder Fritz die Treppe hinauf, den Eltern das Wunder zu berichten. -Papa hatte auch aus dem Fenster geschaut und meinte nun freundlich: - -»Ja, ja, solch eine Menagerie ist wohl interessant und wenn meine -beiden großen Schulkinder sich bis morgen recht gut aufführen und gute -Noten nach Hause bringen, dann führe ich euch morgen abend in die -Vorstellung.« - -Wer war glücklicher als die beiden Geschwister! Sie sprangen und -jubelten und konnten den andern Tag kaum erwarten. Fritz mußte Aennchen -alles erzählen, was er in der Schule schon von fremden Tieren erfahren -hatte, wo die Heimat der Elefanten und Kamele sei und wie sich die -verschiedenen andern Tiere alle benennen. Und gleich begannen sie dann -im Garten selbst mit den kleinen Brüdern Menagerie zu spielen. - -Als Aennchen spät abends endlich erhitzt zum Schlafengehen herauf kam, -zankte Lisette tüchtig und sagte: - -»Du hast heute wieder eine schöne Unordnung hinterlassen, Wildfang. -Als ich hereinkam, waren die Kleinen über deine Sachen her und ich -konnte sie nur gerade noch retten, indem ich alles rasch ins Ränzel -zusammenwarf. Nun magst du selbst sehen, ob alles in Ordnung ist.« - -»Es wird schon in Ordnung sein,« erwiderte Aennchen leichtsinnig und -blickte nicht mehr nach dem Ränzchen um; sie ließ sich auskleiden und -schlief fröhlich ein. - - - - -Drittes Kapitel. - -Mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett geschlüpft. - - -Der andere Morgen brach recht verdrießlich für Aennchen an, indem sie -verschlief. Lisette, welche sich heute bei der großen Wäsche, die im -Hause war, zu schaffen machte und der bei solchem wichtigen Ereignis -alles andere unbedeutend erschien, kam zu spät, sie zu wecken und -anzukleiden. So geschah es, daß Aennchen zuerst mit dem linken Fuß aus -dem Bett fuhr und deshalb schon beim Ankleiden recht verdrießlich und -weinerlich war. Mit knapper Not konnte sie noch einige Tropfen Milch zu -sich nehmen, dann mußte sie eiligst nach dem Ranzen greifen und ihren -Weg, vielmehr ihren Sturmlauf, nach der Schule antreten. - -Dennoch gelang es ihr nicht, sie noch rechtzeitig zu erreichen, denn -als sie noch auf der Straße war, schlug die große Turmuhr bereits neun -Schläge aus und in atemloser Hast rannte sie daher in das Schulgebäude -hinein, die Treppe hinauf und in das Klassenzimmer, wo sie, unbekümmert -um die Störung und das Aufsehen, welches sie verursachte, ihren Platz -zu erreichen strebte. Aber Herr Milde trat ihr ernst und streng -entgegen und faßte sie bei der Hand: - -»Langsam, langsam, mein Kind! Weißt du nicht, daß man beim Betreten -eines Zimmers höflich und fein grüßen muß? weißt du nicht, daß man -pünktlich in der Klasse zu erscheinen hat und wenn dies nicht der -Fall ist, wenigstens eine triftige Entschuldigung für die Verspätung -vorbringen muß?« - -»Lisette hat mich zu lange schlafen lassen,« stotterte Aennchen -verlegen und unter den neugierigen Blicken der andern tief errötend. - -»Nun und wie bittet man jetzt um Verzeihung?« fragte Herr Milde. - -»Verzeihen Sie,« flüsterte Aennchen, aber die Bitte kam sehr gezwungen -heraus, denn es war zu peinlich für das Trotzköpfchen, hier so -öffentlich Abbitte thun zu müssen; bereits begann sich ihre üble Laune -wieder zu regen und indem sie die Unterlippe schmollend hängen ließ, -schlüpfte sie auf ihren Platz. - -Hier begrüßte sie Alma sogleich lebhaft durch heimliches Zupfen, -Nicken und Flüstern und schon wollte Aennchen ein leises Gespräch mit -ihr beginnen, da stand Herr Milde vor ihr und begehrte die gefertigte -Hausaufgabe zu sehen. Hastig begann sie den Ranzen aufzuschnallen, -daß Bücher und Hefte durcheinander purzelten, und zog die schöne neue -Schiefertafel hervor mit einem Gefühle heimlicher Befriedigung: - -»Nun wird Herr Milde sicher Respekt bekommen, wenn er die vielen i’s -sieht!« - -Aber was war denn das? Die Seite war ja leer! Höchst erstaunt drehte -sie die Tafel auf die andere Seite, doch auch hier war kein einziges -i zu erblicken, nur ein wirres Durcheinander von Strichen und kleines -Gekritzel. Verblüfft starrte Aennchen darauf hin – war dies denn ihre -Tafel und wie war die Verwandlung vor sich gegangen? - -»Nun, wo ist die Hausaufgabe? Du faules Mädchen hast sie wohl am Ende -gar nicht gefertigt?« fragte Herr Milde ernstlich erzürnt. - -»Freilich, Herr Lehrer,« schluchzte sie, »ich hatte die beiden Seiten -vollgeschrieben und weiß nicht, warum sie jetzt leer sind – doch halt,« -ein Gedanke blitzte durch ihren Kopf, »gewiß waren es die unartigen -kleinen Brüder, welche mir darüber gekommen sind.« - -»Wie konnten diese zu deiner Büchertasche gelangen? Hattest du sie denn -nicht gut verwahrt?« - -»Nein,« weinte Aennchen, »weil die Menagerie vors Haus kam, ließ ich -alles liegen und sprang davon.« - -»Also bist du wirklich allein schuld daran,« tadelte Herr Milde ernst, -»denn ein Mädchen, ob es noch so klein ist, soll vor allen Dingen stets -ordentlich reinlich und pünktlich sein. Solange sie das nicht ist, muß -sie für ihre Fehler bestraft werden, bis sie dieselben abgelegt hat. -Ich kann dir nicht helfen, Aennchen, ich muß deinen Eltern Anzeige von -dem Vorfall erstatten, damit diese dich nach ihrem Ermessen bestrafen -können.« - -Damit entfernte sich Herr Milde und ließ Aennchen in einer trostlosen -Verfassung zurück. Ach, sie wußte wohl, womit ihre Eltern sie bestrafen -würden; warum mußte ihr das Unglück auch gerade heute passieren! - -In dumpfem Brüten saß sie auf ihrer Bank und vernahm kaum etwas von dem -Unterricht und doch erzählte Herr Milde in solch schlichter fesselnder -Weise eine Geschichte vom lieben Heiland. - -Als um zehn Uhr zur Freiviertelstunde die Mädchen alle wieder fröhlich -aus der Klasse strömten, da hatte sie heute nicht die geringste Lust, -ihnen zu folgen; doch Alma faßte sie einfach am Arm und zog sie mit -sich fort in den Garten hinunter. Und hier begann sie lebhaft auf sie -einzureden, sie solle doch nicht so thöricht sein und sich solche -Kleinigkeit so sehr zu Herzen nehmen, ihre Eltern würden ihr sicher -nicht gleich den Kopf deswegen abreißen. - -»Du hast gut reden, Alma,« schluchzte Aennchen, »meine Eltern hatten -mir versprochen, mich, wenn ich eine gute Zensur mit nach Hause -brächte, in die Menagerie zu führen, und nun ist es nichts damit.« - -»Weiter nichts?« meinte Alma geringschätzig, »aus dieser -gewöhnlichen Menagerie machst du dir etwas? Ich sage dir, da ist ein -Kunstreiterzirkus viel schöner und ich habe schon oft einen gesehen. -Soll ich dir zeigen, wie sie dort tanzen?« - -Damit faßte sie ihr Röckchen zierlich an beiden Seiten, senkte sich -tief zu Boden und machte eine anmutige Verbeugung. Nun begann -sie vorwärts und rückwärts zu schreiten, erst langsam, dann immer -schneller, jetzt drehte sie sich rings im Kreis herum, die schmalen -Fußspitzen berührten den Boden kaum und im raschen Reigen flog sie -auf und nieder. Wie gebannt hingen Aennchens Blicke an der reizenden -Erscheinung; auch die andern Schülerinnen hatten ihre Spiele -eingestellt und standen atemlos im Kreis herum. - -Als sie endlich ihren Tanz mit einer nochmaligen Verbeugung schloß, da -erschallte lautes Beifallsrufen aus den Reihen der Mädchen, nur einige, -welche Alma nicht leiden mochten, verharrten in mißgünstigem Schweigen -und ein größeres blasses Mädchen mit unfreundlichem Gesicht flüsterte -hämisch: - -»Wie eine Gauklerin!« - -Alma hatte die Bemerkung wohl vernommen und mit dunkelglühenden Wangen -stürzte sie auf die Sprecherin zu: - -»Warum hast du mich Gauklerin genannt, Sarah Elich? nimm es gleich -zurück!« - -Sarah Elich aber schwieg verstockt still, da drang Alma mit erhobenen -Armen auf sie ein und nur mit Mühe gelang es den Mädchen, die beiden -auseinander zu bringen. Zur rechten Zeit rief gerade die Schulglocke -die Kinder wieder ins Haus zurück, die leidenschaftliche Alma aber -folgte mit Thränen des Zornes und knirschenden Zähnen ihrem Ruf, und -ihr wunderschönes Gesicht sah ganz entstellt aus, als sie vor sich hin -murmelte: »Dieser Sarah werde ich es noch gedenken!« - -Aennchen erschrak beinahe, als sie sie anblickte, und unwillkürlich -mußte sie, als sie wieder auf ihrem Platz saß, ihre Blicke vergleichend -zu ihrer Nachbarin zur Linken hinüberfliegen lassen, welche sie heute -den ganzen Morgen noch nicht beachtet und kaum eines Grußes gewürdigt -hatte. Martha war auch um zehn Uhr nicht in den Garten gegangen, da -sie sich vor dem wilden Mädchen gefürchtet hatte; doch saß sie mit -ihren sanften stillen Augen ganz zufrieden auf ihrem Sitz, als ob ihr -das größte Vergnügen zuteil geworden wäre. Unwillkürlich, beinahe ohne -zu wissen, was sie that, reichte ihr Aennchen die Hand hinüber und -mit einem überraschten beglückten Ausdruck legte Martha ihr schmales -Händchen hinein. Gesprochen wurde nichts dabei, aber Aennchen fühlte -sich mit einemmal viel ruhiger und der Gedanke flog ihr durch den Sinn: -Könnte ich doch diesem Mädchen ein wenig ähnlich werden! - -Nun begann wieder der Unterricht und diesmal war Aennchen eine achtsame -Schülerin. Herr Milde las schöne Gedichte und Lieder vor, um sie der -Kinder Gedächtnis einzuprägen für die nächste Singstunde. Gar zu gut -gefiel Aennchen das schöne Lied: - - »Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?« - -Und als sie das hübsche Liedchen lernen mußte: »Ich hatt’ einen -Kameraden« – da schwebte merkwürdigerweise in ihrer Phantasie als -»treuer Kamerad« ihr nicht die schöne glänzende Alma, sondern die -kleine verwachsene Gestalt der armen Martha vor. So verging die Zeit -diesmal so rasch, daß sie beinahe mit Bedauern zwölf Uhr schlagen -hörte, und nun kehrte ihr auch ihr ganzes Unglück wieder ins Gedächtnis -zurück, als Herr Milde mit einem Briefchen auf sie zutrat und dasselbe -ihren Eltern zu bringen befahl. O sie wußte wohl, was es enthielt, und -wie schrecklich war es, dasselbe selbst übergeben zu müssen! - -Den ganzen Heimweg über zermarterte sie sich den Kopf, wie sie sich -des Briefchens am besten entledigen könnte – wie? wenn sie es am Ende -unterschlug und gar nicht abgab, dann würde sie doch heute abend die -Menagerie besuchen dürfen! Aber »pfui Aennchen!« schalt sie sich selbst -aus, »das wäre ja abscheulich schlecht gehandelt und das Schlimmste, -was man begehen könnte!« - -So schlich sie denn, zu Hause angelangt, recht kleinlaut die Treppe -hinauf, wo ihr die Mutter mit freundlichem Gruß entgegenkam: »Nun, mein -liebes kleines Mädchen, hast du eine recht gute Zensur mit nach Haus -gebracht?« - -Bitterlich weinend, verbarg Aennchen ihr beschämtes Gesicht in der -Mutter Rock: »Ach nein, Mama, ich bin ein recht unartiges Mädchen -gewesen, der Herr Lehrer hat dir alles in dem Briefe geschrieben, aber -das Schlimmste, das Schlimmste weiß er doch nicht und ich kann es dir -nur leis ins Ohr sagen.« Damit drückte sie den Mund fest an das Ohr -der Mutter und flüsterte: - -»Ich wollte das Briefchen unterwegs zerreißen und nichts davon sagen.« - -Erschrocken rief die Mama: »O Aennchen, das hast du thun wollen! Wie -gut, daß dein frommer Engel dich noch rechtzeitig von solch schlimmem -Unrecht zurückgehalten hat. Was du auch je im Uebermut und Leichtsinn -begehen magst, es wird mich zwar immer sehr betrüben, aber ich kann -es dir doch eher verzeihen, als wenn du zur Unwahrheit und Heuchelei -deine Zuflucht nimmst! Und nun geh hinein, mein Kind, und wasche deine -verweinten Augen; ich werde indes Papa des Lehrers Brief bringen; -freilich kann es mit dem versprochenen Vergnügen für heute Abend nun -nichts werden.« - -Ja, leider wurde nichts daraus, wenn auch die Eltern dem reuigen -Aennchen bald verziehen, als es so zerknirscht um Verzeihung bat. -Die kleinen Brüder bekamen auch Strafe, daß sie sich über die Tafel -der Schwester gewagt hatten. Als am Abend der Papa mit Bruder Fritz, -der eine gute Zensur mit nach Hause gebracht hatte, zur Vorstellung -fortging, da mußte sie brav bei Mama zu Hause sitzen und ihre Aufgaben -sorgfältig machen. Aber sie war heute doch voll Eifer dabei und es ging -ihr leichter von der Hand und als sie dann zu Bette ging, da betete sie -heute bei Mama in ganz besonders andächtiger Weise: - - »Hab ich Unrecht heut gethan, - Sieh es, lieber Gott nicht an – - Mache Du durch Christi Blut - Gnädig allen Schaden gut.« - - - - -Viertes Kapitel. - -Die Handarbeitsstunde. - - -Dienstag nachmittag sollte Aennchen die erste Handarbeitsstunde -bekommen. Als es zwei Uhr schlug, fand sie sich mit ihrem nagelneuen -Strickkörbchen, in welchem der rosenrote Wunderknäuel lag, in der -Schulstube ein, wo heute anstatt des Lehrers eine Dame den Vorsitz -führte. Es war ein liebes altes Fräulein mit silberweißen Haaren, -welche zu beiden Seiten der Stirne als dichte Löckchen unter der großen -schneeweißen Spitzenhaube hervorquollen. Sie trug ein grauseidenes -Kleid und weißen Kragen und Manschetten und sah so lieb und gütig aus -wie Aennchens Großmama, so daß diese gleich ein Herz zu ihr faßte und -zutraulich auf sie zusprang. Und auch alle andern Mädchen hingen mit -innigster Liebe an dem gütigen alten Fräulein, sie durften sie alle -»Tante« nennen und die wildesten wurden sanft und artig, wenn sie -sie mit ihren milden Augen fragend anblickte. Sie hatte für alle ein -gütiges Wort, einen freundlichen Scherz und in ihrem großen Pompadour, -den sie an der Seite trug, bewahrte sie für die allerartigsten sogar -immer kleine Schokoladeplätzchen auf, die sie dann am Schluß der Stunde -austeilte. - -Das war eine gar lustige Stunde, in welcher sich die Mädchen bald so -heimisch wie zu Hause fühlten; das Fräulein sprach mit den Kindern -leichte französische Sätze, die sie bald verstehen lernten, und wenn -sie recht artig gewesen waren, wurden in der letzten Viertelstunde -fröhliche Liedchen gesungen. Aennchen hatte wie immer ihren Platz -zwischen Martha und Alma eingenommen und zeigte sich am Anfang nicht -wenig ungeschickt in der Führung der Stricknadeln, welche immer -anders wollten, als sie selbst sollte. Ach, und die Maschen hatten -eine so unüberwindbare Neigung, herunterzufallen – es war wirklich -zu ärgerlich! Wie staunte Aennchen, als sie die kleine Martha gleich -in der ersten Stunde an einem wunderschön gestrickten großen Strumpf -stricken sah; doch meinte diese lächelnd: »Das ist nicht mein erster. -Meine Mutter hat mich schon lange stricken gelehrt und beinahe alle -Strümpfe, die ich trage, habe ich mir selbst gestrickt.« - -Das war wirklich fabelhaft und Aennchen hätte beinahe den Mut verloren -über einem solchen Ausbund von Vortrefflichkeit, wie sie sich -ausdrückte, wenn nicht ihre Nachbarin Alma sich auch so ungeschickt wie -sie selbst gezeigt hätte und dazu nicht einmal den guten Willen besaß, -es besser zu machen. Sie rümpfte das Näschen über die »langweiligen -Arbeiten«, wie sie sagte, und meinte: »Ich werde es ja gottlob doch -niemals nötig haben, meine Strümpfe selbst zu stricken.« Alma hatte -diese letzte Bemerkung so laut gegen Aennchen geäußert, daß selbst -das Fräulein sie vernehmen mußte auf ihrem Platz am Katheder. Langsam -richtete sie die sanften grauen Augen auf das unter ihrem Blick -errötende Mädchen und sprach mit ihrer leisen gütigen Stimme: - -»Wenn ich dich recht verstanden habe, liebes Kind, so bist du der -Meinung, für dich wäre es nicht nötig, dich mit Handarbeiten abzumühen, -weil deine lieben Eltern durch Gottes Gnade so sorgenfrei gestellt -sind, daß auch deine Zukunft vollkommen gesichert erscheint. Vielleicht -interessiert es dich daher, eine kleine Geschichte von einem Mädchen zu -hören, das auch in seiner frühesten Jugend ähnliche Gedanken hegte wie -du, und dafür bitter bestraft wurde. Sie wuchs in einem hohen stolzen -Schlosse auf und hatte gütige Eltern, welche ihr alles gewährten, was -ein Kinderherz entzücken kann; sie speiste auf Silber und Kristall und -eine Schar von Dienern stand stündlich nur zu ihren Befehlen bereit. -Und an solchen mangelte es dem kleinen herrschsüchtigen Persönchen -nie, bald wollte sie auf dem großen Teich im Garten gerudert sein, bald -wollte sie in ihrer Pony-Equipage fahren oder es sollten ihr aus der -Stadt neue Spielsachen besorgt werden. Sie war so stolz, daß alle armen -Kinder ihr zu gering schienen, sie nur anzusehen, denn sie glaubte sich -über allen erhaben, und wenn ihre Lehrerin von ihr verlangte, sie solle -eine Aufgabe lösen, dann stampfte sie mit dem Füßchen und behauptete, -das Arbeiten sei nur nötig für arme Leute. - -Aber sie sollte für ihren Uebermut hart bestraft werden, denn eines -Tages trat ihr Papa eine weite Reise an, von der er nicht wiederkehrte -– das Schiff, auf dem er fuhr, ging mit ihm unter. Nun war ihre -Mama eine Witwe und fremde Männer kamen ins Schloß, die Reichtümer -zu ordnen. Aber so sehr man suchte und suchte, es fanden sich keine -vor, im Gegenteil nur eine große, große Summe von Schulden, so daß -man auf das herrliche große Schloß und den Garten und die Felder und -Wälder Beschlag legte und der Mutter des kleinen Mädchens gar nichts -mehr übrig blieb, so daß sie eines trüben Tages das Schloß mit ihrem -Kinde verlassen mußte. So jung das kleine Mädchen auch war, es empfand -dennoch schon schwer die furchtbare Umwandlung, welche mit der Mutter -und ihr vorgegangen war; sie sah ihre arme Mama Tag und Nacht weinen -und sich abhärmen und in der kleinen kalten Dachkammer, in der sie -wohnten, war ihr einziger Gefährte die bittere Sorge und Not. Wohl -mühte sich Marguerites Mutter bis tief in die Nacht hinein mit ihren -feinen Fingern ab, Handarbeiten zum Verkauf zu verfertigen, aber der -Erlös reichte kaum hin, die beiden vor dem Verhungern zu retten. - -Ach, und Marguerite hatte so gar nichts gelernt, auch an der Arbeit -ihr Scherflein mit beizutragen, ihre Finger waren gar so ungeschickt -und nichts ging ihr von der Hand. Als aber die Not immer größer wurde, -da fing sie doch an, der Mutter die Arbeiten abzusehen und sich selbst -daran zu versuchen, und siehe, als sie nun erst wirklich einmal wollte, -da ging es auch und sie brachte ganz hübsche Stickereien zu stande. Der -Kaufmann, dem sie dieselben brachte, empfand Mitleid mit ihrer Jugend -und Armut und bestellte neue zu guten Preisen! Das erfüllte sie mit -glücklichem Stolz. Aber es war noch nicht genug der Prüfung, die über -sie gekommen, denn nun begann ihre arme Mutter sehr leidend zu werden -und zu schwach, selbst etwas zu leisten. Welches Glück, daß nun das -Töchterlein imstande war, für sie einzutreten, und sich auch in der -Pflege geschickt und willig zeigte. Der Kaufmann, für den sie stickte, -ward ihr ein treuer Freund, welcher half, so viel er konnte, da er -den guten Willen des armen Kindes sah, und so war Marguerite wirklich -imstande, ihre arme Mutter bald ganz zu erhalten. Aber ihr Stolz war -gebrochen und mit tiefster Beschämung dachte sie oft daran, welch ein -unnützes stolzes Geschöpf sie einst in früheren Tagen gewesen. Der -liebe Gott führte sie denn durch Prüfungen und Irrwege schließlich zum -glücklichen Ziel und sie ist zufrieden und glücklich geworden. Und wißt -ihr, lieben Kinder wer die kleine Marguerite eigentlich war?« fügte -das alte Fräulein nach einer Pause noch leise bei: »Ich selbst bin es -gewesen.« - -»Sie selbst?« riefen überrascht die Kinder, denen bei der schlichten -Erzählung Thränen des Mitleids in die Augen getreten waren, und Alma, -welche besonders aufmerksam diesmal zugehört hatte, fragte noch einmal: - -»Sie selbst waren das vornehme Kind – und jetzt?« – – – Sie stockte. - -»Jetzt bin ich eine arme Handarbeitslehrerin,« vollendete Fräulein -Marguerite mit einem unendlich wehmütigen Lächeln den Satz. »Glaubt -aber nicht, liebe Kinder, daß es mir je einfallen sollte, über mein -jetziges Los zu murren. Ich danke im Gegenteil dem gütigen Gott jeden -Tag, daß er mich so weise Wege geführt und davor bewahrt hat, ein -übermütiges stolzes Geschöpf zu werden, und fühle mich glücklich wenn -er mich ferner gesund erhält, euch, ihr kleinen Mädchen, durch meine -eigenen so schwer errungenen Kenntnisse auf die Schule des Lebens -vorzubereiten – möge aber keine von euch allen durch so harte Prüfungen -gehen müssen, als mir selbst bereitet waren!« - -Die gute alte Dame hatte zwei helle Thränen in den Augen, als sie -endete, und keine von all ihren kleinen Zuhörerinnen war unbewegt. -Selbst Alma, so sehr sie es zu verbergen bemüht war zeigte sich tief -ergriffen und von dieser Stunde an war sie viel eifriger als vorher -bemüht ihre gütige Lehrerin zufrieden zu stellen. - -[Illustration] - - - - -Fünftes Kapitel. - -Lehrstunden. - - -Es waren nun bereits Wochen und Monate darüber hingegangen, seit -Aennchen zum erstenmal in die heiligen Hallen der Schule eingeführt -worden war, und sie war inzwischen so heimisch in derselben geworden, -daß ihr das Liebste gefehlt hätte, wenn sie derselben hätte fern -bleiben müssen. Verschwunden war alle Scheu vor den vielen kleinen -Mädchen, denn sie war jetzt mit allen bekannt und vertraut, wußte alle -bei ihren Namen zu nennen und hatte eine Menge Freundinnen unter ihnen -gefunden. Am meisten ging sie allerdings mit Alma Stolzau um, freilich -nicht zu ihrem Vorteil als Schülerin, denn Alma gab, obwohl sie ein -volles Jahr länger als die andern die Klasse besucht hatte und eine -der wenigen Repetentinnen war, doch nur zu oft durch Leichtsinn und -Flatterhaftigkeit Ursache zu Tadel bei den Lehrern. - -So war auch unser Aennchen leider keine Musterschülerin geworden, -wenngleich ihr alles Lernen leicht ging und sie sich in keiner Weise -zu sehr plagen mußte. Aber es fehlte ihr eben die Ruhe und Stetigkeit. -Sie hatte es allerdings so weit gebracht, daß ihr die Buchstaben -des Alphabets keine unheimlichen Figuren mehr waren, vermochte im -Gegenteil, wenn auch etwas schwerfällig, zusammenhängende Wörter zu -entziffern; auch hatte sie bereits gelernt, ihren Namen zu schreiben, -wenn er freilich immer in sehr schräger Richtung auf den Zeilen lag, -und der Herr Lehrer hatte sogar versprochen, bald einmal mit Tinte es -versuchen zu lassen. - -Aber der Rechenunterricht machte ihr gar viel Kopfzerbrechens und sie -vermochte oft tiefsinnig eine halbe Stunde über einem Rechenexempel -nachzugrübeln, wie viel 5 Birnen und 4 Birnen und 6 Birnen wohl -zusammen ergeben möchten, brachte aber zuletzt doch 13 Birnen heraus, -und das war doch nicht richtig. Oder sie zählte zusammen, daß 6 Pfennig -und 12 Pfennig 16 Pfennig betrügen, und das war doch sicher auch falsch. - -In den biblischen Geschichtsstunden hingegen war sie eine brave -und aufmerksame Schülerin, sie hörte gar zu gern die wunderschönen -Geschichten vom Jesuskindlein mit an, wie es auf die Welt gekommen und -auf Erden gewandelt ist. Und wie die Erde geschaffen wurde und das -Paradies, in welchem die ersten Menschen gelebt, bis die böse Schlange -die Eva verführte, das war doch alles ganz wunderbar interessant und -auch alle die schönen Sprüche aus dem Katechismus prägten sich gar -leicht dem Gedächtnis ein. - -Am liebsten aber von allen Stunden war und blieb für Aennchen die -Gesangstunde, diese bildete ihre ganze Wonne! Es konnte sich aber auch -keine von allen Schülerinnen rühmen, eine solch klare melodische Stimme -zu besitzen, keine vermochte sich eine Melodie so im Fluge einzuprägen -und mit Ausdruck vorzutragen, wie Aennchen. So war sie denn gar bald -zur ersten Chorführerin vorgerückt, welche sogar dem Lehrer behilflich -sein konnte, die andern im Takt zu halten, und wenn die Stunde zu Ende -ging, baten gar oft die Kinder: - -»Bitte, bitte, Herr Milde, lassen Sie Aennchen noch etwas singen.« - -Dann durfte sich Aennchen selbst ein Lied auswählen und sie that es gar -gerne. Bald sang sie mit ihrem süßen Stimmchen: - -»Guter Mond, du gehst so stille durch die Abendwolken hin« – – oder -»Nachtigall, Nachtigall, wie sangst du so schön« – – oder auch »Ich -weiß nicht, was soll es bedeuten« – – und alle lauschten dann entzückt -ihrem Gesang. - - - - -Sechstes Kapitel. - -Ein Tag bei Alma. - - -»Höre, Annchen, morgen ist mein Geburtstag, da hat meine Mama mir -erlaubt, dich für den ganzen Tag zu mir einzuladen,« sprach eines -Samstags am Schluß der Schule Alma zu Aennchen. Aennchens Augen -leuchteten, dennoch aber meinte sie zweifelnd: - -»Wenn ich aber nur kommen darf! Am Sonntag hat Papa es immer gern, wenn -wir alle um ihn sind, und vielleicht denkt meine Mama auch, ich könnte -bei dir genieren den ganzen Tag.« - -»Nun, du wirst schon sehen, daß sie es erlaubt, wenn meine Mama dich -noch besonders einladen läßt,« versicherte Alma eifrig und damit -trennten sich die Freundinnen. - -Aennchen kam ganz aufgeregt nach Hause und erzählte ihrer Mutter von -der Einladung, diese aber schüttelte den Kopf und meinte: - -»Auf die bloße Einladung deiner Freundin hin kann ich dich unmöglich in -ein fremdes Haus lassen.« Aennchen schlich betrübt davon. - -Nachmittags aber läutete es an der Hausglocke und als Aennchen sehen -wollte, wer da sei, da stand ein riesengroßer Bedienter vor der Thüre -mit langem blauem Rock und großen goldnen Knöpfen daran und einer -breiten goldnen Borte am Hut und hielt ein zierliches Briefchen in der -Hand für Aennchens Mutter. Das Briefchen enthielt in wenigen Zeilen -eine sehr liebenswürdige Einladung für Aennchen von Almas Mama, welche -zudem noch bemerkte, für Abholen und Nachhausebringen werde sie selbst -Sorge tragen. - -[Illustration] - -Wer war glücklicher als Aennchen, denn die Einladung wurde angenommen -und nun sprang und hüpfte sie im ganzen Haus herum, freute sich auf -den kommenden Tag und sprang jede Viertelstunde zu Papa in die Stube: -»Süßes Papachen, glaubst du, daß morgen schönes Wetter wird?« - -»Ein Wirbelsturm wird kommen und dich kleine Wetterhexe wie den -fliegenden Robert in alle Lüfte tragen,« rief der Vater endlich -ärgerlich lachend und jagte den kleinen Plaggeist hinaus. - -Am Sonntagmorgen ging aber wirklich, wie Aennchen gewünscht, die Sonne -ganz wunderbar strahlend auf und der blaue Himmel lachte wolkenlos -hernieder. So konnte das weiße Mullkleidchen mit den rosaseidenen -Schleifen denn getrost angezogen werden und Aennchen sah sehr niedlich -darin aus. - -Um zehn Uhr fuhr vor ihrem Hause Almas reizende Pony-Equipage vor und -der Diener kam herauf, den kleinen Gast abzuholen. Wie eine richtige -große Dame kam sich Aennchen vor, als sie dann so allein in dem -wunderhübschen Wagen saß, und sie grüßte ordentlich huldvoll zu den -Geschwistern hinauf, welche mit den Eltern zum Fenster heruntersahen, -ihr Aennchen noch abfahren zu sehen. »Ach, wie beneidenswert glücklich -doch Alma ist,« dachte Aennchen, als sie nun in deren Wagen so weich -dahinfuhr zur Stadt hinaus und lange schattige Alleen entlang, dann -durch Felder und Auen bis zu einem großen Park, dessen herrliche hohe -Bäume den Weg zu beiden Seiten dicht begrenzten. Und nun hielt der -Wagen vor einem reizenden kleinen Schloß, dessen Fenster und Zinnen im -Licht der Sonne blitzten und von dessen oberster Spitze eine rote Fahne -lustig in die Welt hinauswehte. - -Kaum hielt der Wagen vor der Pforte des Schlosses, da flatterte schon -eine zarte, in rosenrote duftige Stoffe gehüllte Mädchengestalt daraus -hervor und dem Gaste entgegen. - -»Willkommen, Liebling, willkommen!« rief sie und hing sich an Aennchens -Hals; beinahe zerdrückte sie bei ihrer heftigen Umarmung das große -Rosenbouquet, welches Aennchen als Geburtstagsgruß für sie in der -Hand hielt, und Aennchen wagte kaum mehr, es ihr zu bieten, denn es -kam ihr jetzt so armselig vor, weil die ganze Umgebung des Schlosses -hier wie ein einziger blühender Rosengarten erschien und Alma selbst -das reizendste Rosenkränzchen im goldenen Haar trug. Diese nahm die -Blumen dann auch ziemlich gleichgiltig hin, war jedoch von bezaubernder -Liebenswürdigkeit gegen ihren kleinen Gast und führte Aennchen gleich -die mit vergoldetem Gitterwerk gezierte Freitreppe des Schlosses -hinauf in einen reizenden Salon, wo eine vornehme Dame in weißem -Kleid nachlässig auf einem Ruhebett lag. Sie reichte dem schüchtern -errötenden und ängstlich knixenden Aennchen freundlich die Hand und -sprach einige gütige Worte; dann aber hielt sie die zarte weiße Hand an -die Stirn und sprach auf französisch zu Alma: - -»Führe deine Freundin fort, mein Kind – ihr macht mich nervös bei der -Hitze. Zu Mittag sehen wir uns wieder.« - -Sie winkte noch einen gnädigen Gruß und dann verließen die Mädchen das -Zimmer. - -»Nun will ich dir vor allem meine Geburtstagsbescheerung zeigen,« -sprach Alma und flog Aennchen voran die Treppe empor zu einer Reihe von -glänzenden Gemächern. Das eine davon war Almas Wohnzimmer, welches mit -deren Schlafzimmer und dem Zimmer für die Gouvernante in Verbindung -stand. Annchen wußte sich vor Staunen nicht zu fassen; bei ihr zu -Haus war es doch sicher recht schön, aber eine solche Pracht hatte -sie noch nicht gesehen. Ueberall, wohin sie blickte, Seide und Samt, -Gold und kostbare Zierraten. Das Schlafzimmerchen Almas war wie eine -kleine Muschel mit rosa Atlas bis zur Decke ausgeschlagen und das -Bettchen glich mit seinen seidenen Kissen und Spitzenvorhängen einem -wahren Feenlager. Auf dem großen Tisch des Wohnzimmers und überall -auf umherstehenden Stühlen war eine solche Masse herrlicher Geschenke -ausgebreitet, daß Aennchen sie anfangs gar nicht zu überblicken -vermochte; da gab es Puppen und Puppenwagen und prächtige Bilderbücher, -Spielzeug und einen reizenden Ziegenbockwagen und neue Kleider, kurz, -was man sich nur denken kann. - -Aennchen schwindelte fast beim Anblick aller Herrlichkeiten, Alma aber -sah ganz gleichgiltig aus und meinte: - -»Die meisten dieser Geschichten langweilen mich; nur der -Ziegenbockwagen macht mir Freude. Wir werden nachher mit ihm fahren.« - -»Darfst du denn alles thun, was du willst?« frug Aennchen. - -»O ja! so ziemlich,« antwortete Alma. »Ich habe zwar leider eine -Gouvernante zur Aufsicht, die mir das Leben recht sauer macht. Sie ist -eine Französin und versteht kein Wort deutsch, aber ich werde schon mit -ihr fertig.« - -Aennchen wurde ganz ängstlich zu Mute. »Eine Französin?« fragte sie, -»wo ist sie denn?« - -»Sie hat heute den ganzen Tag Urlaub erhalten, ich habe Mama darum -gebeten,« lachte Alma. »Mama thut mir alles zuliebe, nur darf ich sie -nicht stören und zu laut in ihrer Gegenwart sein. Sie wollte auch -durchaus nicht erlauben, daß ich in die abscheuliche Schule geschickt -werde, aber mein Papa ist so streng; der hat darauf bestanden, weil er -sagt, ich hätte zu wenig Respekt vor meinen Lehrern zu Hause. Und so -sehr ich mich anfangs sträubte, ich mußte dennoch gehorchen.« - -»Wenn du nicht in der Schule wärst, hätte ich dich nicht kennen -gelernt,« sagte Aennchen, »also bin ich doch froh, daß dein Papa darauf -bestanden hat.« - -Die beiden Freundinnen umarmten sich, dann führte Alma ihren Gast in -einen kleinen Eßsalon und ließ dort Schokolade und Kuchen und süßes -köstliches Obst für sie auftragen. Wie herrlich Aennchen das alles -mundete! sie glaubte noch nie so gut gespeist zu haben. - -Dann aber zog die unruhige Alma sie wieder fort in den Garten und von -da nach den Stallräumen. Hier schien der kleinen Schloßherrin liebstes -Revier zu sein, denn sie kannte alle Pferde und alle streckten ihr -grüßend die Köpfe entgegen. Sie kletterte vom Rücken des einen zum -andern und forderte Aennchen auf, es nachzumachen, diese aber wich -ängstlich zurück. Mit dem Stallburschen, welcher helles Riemenzeug -glänzend putzte, schien sie auf dem besten Fuß zu stehen; sie zupfte -ihn an seinen struppigen strohgelben Haaren, nahm ihm die kurze -Stummelpfeife aus dem Mund und versteckte sie, ehe er es sich versah, -in dem Heukasten. - -»Nun mag der Michel schauen, wo er sie wiederfindet,« flüsterte sie -hinter seinem Rücken Aennchen zu, welche ganz stumm vor Erstaunen über -das seltsame Betragen dabeistand. - -»Nun aber zum Ziegenbock! Ich habe den Wagen schon herüberschaffen -lassen,« rief Alma. Sie rannte Aennchen voran nach dem kleinen Stall -und zerrte einen großen weißen langhaarigen Ziegenbock hervor. Ein -kleiner Bursche, welcher in blaue Livree gekleidet war und gelbe -Stulpstiefeln trug, war beim Anschirren des Bocks an den Wagen -behilflich; dann stiegen die beiden Mädchen auf; Alma riß dem -Burschen, welcher zum Kutschieren aufspringen wollte, die Peitsche -aus der Hand und fuhr blitzschnell mit dem kleinen Gefährt davon. Der -Ziegenbock sprang und Alma jauchzte; Aennchen aber wurde es beinahe -ängstlich zu Mut und schüchtern bat sie: »Alma, sei doch nicht so -stürmisch, wir könnten herausfallen.« - -»Du wirst dich doch nicht fürchten, kleiner Hasenfuß,« lachte Alma -übermütig und hieb immer stärker auf den Ziegenbock ein. Das mochte -diesem aber doch nicht gefallen und er begann störrig zu werden, zerrte -den Wagen nach rechts und nach links und blieb dann bockbeinig stehen. -So sehr Alma zerren und reißen mochte, er rührte sich nicht, da hob sie -die Peitsche zu einem so heftigen Schlag aus, daß der Bock einen Sprung -machte; die beiden Mädchen wurden aus dem Wagen geschleudert, fielen -aber zum Glück so weich auf einen Heuhaufen, daß sie keinen Schaden -erlitten; der Bock aber rannte mit dem reizenden kleinen Wagen über -Stock und Stein davon, daß alles in Stücke sprang und nach allen Seiten -hin die Räder und Kissen auseinander flogen. - -Als sich die Kinder betäubt emporrichteten, waren von dem ganzen neuen -Wagen nichts mehr als Trümmer zu sehen; den Bock hat ein Gärtnerbursche -eingefangen und führte den Widerstrebenden soeben nach seinem Stall. - -Aennchen war vor Schreck ganz blaß und zitterte an allen Gliedern. - -»O weh, was werden deine Eltern sagen, wenn sie es erfahren?« jammerte -sie. - -Alma sah auch ziemlich verdrossen aus. »Papa wird freilich etwas -zanken,« meinte sie, »aber wenn ich Mama vorklage, wie sehr ich -selbst erschrocken bin, dann nimmt sie mich schon in Schutz. Diesem -abscheulichen Bock aber will ich es noch vergelten; er soll drei Tage -nicht genug zu fressen kriegen. Für uns ist jetzt Tischzeit, es hat -schon geläutet und wir müssen uns erst noch die Hände und Gesicht -waschen, bevor wir ins Speisezimmer dürfen.« - -Damit führte sie Aennchen wieder nach dem Schlosse zurück und als -sich die beiden Mädchen gesäubert und geordnet hatten, traten sie in -einen wundervollen Speisesaal ein, in welchem Almas Mutter bereits -mit einem großen stattlichen Herrn zu Tische saß und voll Ungeduld -die beiden erwartete. Es waren vier Gedecke auf die große lange Tafel -gelegt, welche mit einem großen silbernen Tafelaufsatz und einer Menge -Weinflaschen und Kristallschalen bedeckt war. Hinter jedem Stuhl stand -ein Diener in blauer silbergestickter Livree; sie standen alle so steif -wie von Holz und Aennchen war vor Schüchternheit und Staunen über all -die Pracht die kleine Kehle beinahe zugeschnürt. Sie konnte gar keinen -Genuß an all den köstlichen Speisen haben, welche in langer Reihenfolge -angeboten wurden und von denen sie sich selbst nach Belieben auf den -Teller füllen mußte. Wie schwer vermochten ihre kleinen ungeschickten -Hände damit umzugehen und wie bewunderte sie im stillen Alma, welche -mit solcher Leichtigkeit die schweren silbernen Bestecke handhabte. Die -herrlichen Braten und Puddings hätten ihr zu Hause an der gemütlichen -Familientafel gewiß das höchste Entzücken bereitet – hier konnte sie -vor lauter Angst keinen Genuß daran finden und wünschte nur immer, die -Tafel möchte bald zu Ende sein. Denn es ging so still und förmlich zu, -daß kaum ein Wort von den Anwesenden gewechselt wurde, selbst Alma -wagte unter den strengen Blicken des Vaters kaum laut zu sprechen. -Zuletzt füllte er allen die Gläser mit roten funkelnden Wein und sprach: - -»Wir wollen jetzt auf die Gesundheit unserer Tochter trinken.« Darauf -stießen sie alle zusammen an, aber es geschah ganz ernst und steif. - -»Ach,« dachte Aennchen für sich, »wie gemütlich ist es doch bei uns zu -Hause im Gegensatz zu hier, wenn wir es auch nicht so schön haben.« - -Gegen das Ende der Tafel richtete Herr von Stolzau das Wort an Alma und -fragte: - -»Hast du schon dein neues Gefährt probiert und ist es gut gegangen?« - -»Ganz gut,« log Alma und stieß Aennchen unter dem Tisch mit dem Fuße -an, sie solle nichts verraten. Aennchen saß da wie mit Blut übergossen -und das Herz schlug ihr zum Zerspringen; sie atmete hoch auf, als nun -die Hausfrau das Zeichen zum Aufbruch gab und den Kindern die feine -Hand zum Kuß reichte. - -»Unterhaltet euch gut diesen Nachmittag,« sagte sie freundlich – - -»Und macht keine dummen Streiche,« setzte der Vater hinzu; dann durften -die Mädchen das Zimmer verlassen. - -Kaum waren sie draußen, begann Aennchen verstört Alma zu fragen: - -»Aber Alma, wie konntest du eine solche Unwahrheit sagen und den Unfall -verschweigen, der uns mit dem neuen Wagen passierte?« - -»Sprich nicht so laut, Närrchen,« erwiderte Alma rasch und legte der -Freundin den Finger auf den Mund. »Ich werde doch nicht die Thorheit -begehen und mich selbst bei Papa anklagen, was er ohnedies noch früh -genug erfahren wird. Du hast keine Ahnung, wie furchtbar böse er sein -kann, und ich darf ihn schon Mamas wegen nicht reizen, welche immer -gleich angegriffen wird. Sie muß ihre Kräfte für die Gesellschaften -aufsparen und ich darf immer nur kurze Zeit um sie sein. Dann ist sie -freilich lieb und gütig gegen mich, aber ich werde ihr bald zur Last.« - -»Wie merkwürdig!« staunte Aennchen sinnend. »Meine Eltern haben vier -Kinder und doch dürfen wir immer bei ihnen sein und werden ihnen nie -zuviel. Arme Alma, du thust mir leid; es ist so schön, von Papa und -Mama geliebt zu werden. Glaubst du nicht, etwas mehr Vertrauen deinem -Vater gegenüber würde diesen mehr erfreuen und milder stimmen?« - -»Ich weiß es nicht und scheue den Versuch,« antwortete Alma kurz; dann -brach sie das Gespräch ab und forderte Aennchen auf, zum Spielen mit -in den Park zu kommen. Und gar bald hatten die leichtherzigen Kinder -alles Ernste vergessen und gaben sich mit voller Lust dem Vergnügen -hin. Von einem Spielplatz eilten sie zum andern; von der Schaukel zum -Krocketspiel und als sie an den großen klaren Fluß kamen, an welchen -der Park grenzte und an dessen Landungsplatz ein reizender, weiß und -grün gestreifter Kahn in den Wellen schaukelte, da rief Alma fröhlich: - -»Wir wollen eine Kahnpartie machen und ich rudere dich bis zum andern -Ufer auf die kleine Insel hinüber.« Dabei stieg sie in den Kahn und -winkte mit ihrem Taschentuch einem vorüberfahrenden Schiffe zu. - -»Aber darfst du denn allein rudern?« frug Aennchen zweifelnd. - -»Nun, es ist mir zwar nicht gerade erlaubt, aber da Mademoiselle nicht -da ist, so kann es uns niemand verbieten.« - -»Aber ich wage es doch nicht, mit dir zu fahren, wenn es verboten ist.« - -»Schäme dich, du Hasenfuß!« rief Alma zornig und stampfte mit dem Fuße, -»du willst mir wirklich nicht das Geringste zulieb thun; das nenne ich -eine schöne Freundschaft.« Sie wandte sich schmollend ab. Das konnte -aber Aennchen nicht ertragen; freundlich schlang sie den Arm um ihren -Hals und versicherte, ihr alles zu liebe thun zu wollen; dann stieg -sie versöhnt zu der Freundin in den Kahn. Alma ergriff ein Ruder und -gab Aennchen das zweite in die Hand, indem sie ihre Freundin lehrte, -es zu gebrauchen. Das war keine leichte Arbeit und es gab viel Scherz -und Lachen, wenn Aennchen so ungeschickte Bewegungen machte. Alma -wurde immer übermütiger; zuletzt erhob sie sich im Kahn und begann, -ihn heftig zu schwanken. Das aber beängstigte Aennchen, der es vom -Schaukeln übel wurde, und halb weinend rief sie: - -»O Alma, halt ein, es dreht sich alles mit mir herum.« Dies schien aber -gerade dem übermütigen Mädchen rechten Spaß zu machen und noch heftiger -schaukelte sie den Kahn hin und her. Da – ein lauter Schreckensschrei -aus Aennchens Brust – dieses hatte den Halt verloren und stürzte -kopfüber mitten ins Wasser. Mit großen entsetzten Augen starrte Alma -schreckensbleich auf die leere Stelle im Kahn und in das unruhig -wogende Wasser, dann schrie sie laut um Hilfe. - -Da teilte sich plötzlich das Gebüsch und ein etwa vierzehnjähriger -Gärtnerbursche sprang daraus hervor und in den Fluß hinein. Mit -kräftigen Armen durchteilte er die Flut, bis er die Stelle erreichte, -an welcher das verschwundene Kind soeben wieder sichtbar wurde, dann -ergriff er es mit sicherer Hand und hob es in den schwankenden Kahn, -bevor er sich selbst hinein schwang. - -[Illustration] - -»Das hätte schlimm ausfallen können, kleines Fräulein,« sagte er -aufatmend zu der noch immer zitternden Alma, indem er die Ruder ergriff -und den Kahn zurücklenkte. Alma kniete neben der wie leblos daliegenden -Freundin am Boden. - -»Ist sie tot, Jakob?« flüsterte sie entsetzt, das totenbleiche -Gesichtchen betrachtend. - -»So schlimm ist’s wohl nicht,« meinte jener beruhigend, »aber sie muß -so rasch wie möglich aus den nassen Kleidern, daß keine Erkältung -nachfolgt.« - -»Ich wage mich aber nicht mit ihr ins Schloß, da es sonst Papa -erfährt,« flüsterte Alma, »o was sollen wir thun?« - -»Wenn es Ihnen recht ist, Fräulein Alma, bringen wir das Fräulein zu -meiner Mutter, die weiß sicher Rat,« sprach Jakob nachdenklich. - -»O Jakob, das ist das beste, du bist wirklich Goldes wert,« rief Alma -befreit aufatmend dem Gärtnerburschen zu, der es eigentlich nicht um -sie verdient hatte, da sie ihn oft mit schlimmem Hochmut behandelte und -ihm kaum einen Gruß schenkte. Er war aber ein guter Bursche und hatte -das alles im Augenblick vergessen. - -Sorgsam half er seiner kleinen Herrin, das fremde Mädchen in das alte -Gärtnerhäuschen zu bringen, wo seine Mutter, welche früher Almas Amme -gewesen war, die kleinen Gäste bereitwillig aufnahm und sich sogleich -damit beschäftigte, Aennchen aus den nassen Kleidern und ins Bett zu -bringen, wo diese in der Wärme bald die Augen wieder aufschlug und -behauptete, sich ganz wohl zu fühlen. - -Wer war glücklicher als Alma! Sie saß an dem großen Bett in der -Gärtnerstube und plauderte der Freundin vor, welche mit bleichen -Wänglein dalag und sich die seltsame Veränderung kaum erklären -konnte. Währenddem kochte die Frau Gärtnerin den beiden Mädchen einen -prächtigen Kaffee, zu dem sie kräftiges Schwarzbrot und Honig auftrug, -und so fanden sie das Abenteuer erst recht lustig und unterhaltend. -Als Aennchens Kleider am Herde getrocknet waren, wurde sie wieder in -dieselben gehüllt; schon war der Nachmittag darüber zu Ende gegangen -und Aennchen erinnerte sich daran, daß ihr die Mama befohlen habe, bis -um sieben Uhr zu Hause zu sein. Sie fühlte sich auch recht müde und -schwer in den Gliedern, und so vermochte sie Alma nicht zu halten. Sie -geleitete den Gast zum Schlosse zurück, wo sie den Wagen anzuspannen -befahl, dann wollte sie Aennchen zu ihren Eltern führen, damit sie -sich bei diesen verabschieden konnte. Aber beide hatten keine Zeit für -die Kinder und es war Alma willkommen; so wurde auch nichts von der -verunglückten Kahnpartie verraten. - -»Und zu deinen Eltern sprich auch nicht davon, nicht wahr, Aennchen?« -bat sie dieselbe dringend beim Einsteigen noch. Diese gab widerwillig -nach; sie hatte noch nie ein Geheimnis vor den Eltern gehabt und wußte -nicht wie sie es zu stande bringen sollte. Aber endlich versprach sie -es doch. - -Mit bedeutend anderen Gedanken, als diesen Morgen, trat Aennchen ihre -Heimfahrt an; sie war müde und schläfrig, und als sie so in den weichen -Kissen zurückgelehnt saß, dachte sie voll Sehnsucht an ihr liebes -Daheim und sprach leise vor sich hin: - -»Arme Alma, ich möchte doch trotz deines Reichtums nicht mit dir -tauschen und fühle mich viel glücklicher als du.« - -Aennchen hielt wirklich ihr Versprechen und verriet den Eltern nichts -von der Wasserpartie, trotzdem ihre Mutter sehr verwundert war über -den zerstörten Zustand der Kleidung, in welcher ihr Töchterlein nach -Hause zurückkehrte. Aber es war wenig Zeit, darüber zu sprechen, -denn Aennchen hatte einen so tüchtigen Katarrh von ihrem Besuch mit -gebracht, daß sie gleich auf ein paar Tage ins Bett gesteckt wurde, bis -sie wieder wohl genug war, die Schule zu besuchen. - -[Illustration] - - - - -Siebentes Kapitel. - -Ein Schulspaziergang und seine Abenteuer. - - -Die Zeit ging dahin so rasch, wie im Fluge. Der Frühling wich dem -Sommer, aus dem Sommer wurde Herbst und dann folgte der Winter mit -seinen Weihnachtsfreuden. Aennchen war nun schon lange Zeit in der -Schule; sie hatte die erste Klasse verlassen und war mit allen -Mitschülerinnen zugleich in die zweite Klasse vorgerückt, nachdem sie -in der großen Prüfung gut bestanden hatte. - -Das war ein wichtiger Tag für all die kleinen Schulmädchen gewesen, als -die Prüfung abgehalten wurde. Sie waren alle in ihren Sonntagskleidern -im großen Prüfungssaale erschienen, die Hefte und Bücher hatten -auch ein schönes neues Gewand erhalten und es war ein feierlicher -Anblick, als nun in den großen weiten Saal all die Herrn Lehrer und -Prüfungskommissare eintraten und sich gegenüber der Klasse aufstellten. -An den Wänden herum saßen die Eltern der kleinen gelehrigen Mädchen -und lauschten ängstlich, ob ihre Lieblinge auch ordentlich bestehen -würden. Aber gottlob, es ging! sie hatten alle brav gelernt und sich -gut vorbereitet, und nur selten mußte eine Schülerin auf eine Frage -des Herrn Milde das Köpfchen senken: der Herr Prüfungskommissar war -sehr zufrieden und als das Examen zu Ende war, da trat er in seinem -ordengeschmückten Frack vor und hielt eine lange Anrede an die Kinder, -in der er sie wegen ihres Fleißes und ihrer Aufmerksamkeit belobte. - -»Ich darf mit frohem Herzen versichern, daß ihr eure Aufgabe glücklich -gelöst habt,« schloß er zuletzt, »darum entlasse ich euch jetzt mit -Zufriedenheit. Geht nun nach Hause zu euren Eltern und erzählt ihnen, -wie brav ihr die Prüfung bestanden habt.« - -Tiefe Stille herrschte im Saal, niemand wagte einen Laut, da tönte -plötzlich Aennchens helle Kinderstimme klar und vernehmlich als Antwort -auf des Herrn Kommissars Rede: - -»Meine Mama und mein Papa sind schon selbst da und haben alles gehört.« - -Sie verstummte erschrocken, als die Anwesenden in lautes Lachen über -ihre Keckheit ausbrachen, denn sie war so ganz bei der Sache gewesen, -daß sie vergessen, wo sie sich befand, und nur immer mit Stolz daran -gedacht hatte, daß die Eltern Zeugen ihres Sieges seien. Aber der Herr -Kommissar war nicht böse, er klopfte sie freundlich auf die Schulter -und führte sie den Eltern zu. Mittags gab es zu Hause bei Aennchen -dann einen großen Festschmaus, bei dem auf die Gesundheit der kleinen -Gelehrten getrunken wurde. - -Der Abschied von dem guten Herrn Milde wurde der ganzen Klasse sehr -schwer und alle weinten heiße Thränen, selbst Alma, welche dies Jahr -mit vorrücken durfte. - -Aber auch der Lehrer der nächsten Klasse war sehr gütig und freundlich; -er hieß Haase und von dessen Klasse rückten alle in diejenige des Herrn -Müller vor, welcher es nicht weniger als seine Vorgänger verstand, den -Kindern den Lehrunterricht angenehm und anregend zu machen. - -Zur Sommerszeit hatte der Herr Lehrer eine neue Sitte eingeführt: -nämlich allwöchentlich, wenn das Wetter es nur irgendwie erlaubte, -mit seinen Schülerinnen einen Spaziergang hinaus aufs Land zu machen. -Er verband mit diesen Spaziergängen zugleich den Unterricht in der -Botanik, führte die Kinder auf blumige Wiesen und in schöne Wälder, -ließ sie dort Blumen und Kräuter pflücken und lehrte sie dann deren -Namen und Arten erkennen und von einander unterscheiden, nannte ihnen -die lateinischen Namen und belehrte sie über den Nutzen und die -Schädlichkeit jeder einzelnen Pflanze. - -Daß natürlich jeder derartige Ausflug für die Schülerinnen eine Quelle -des reinsten Vergnügens wurde, daß sie von einem Spaziergang zum andern -sich immer wieder freuten und denselben kaum erwarten konnten, ist -leicht begreiflich – am höchsten aber steigerte sich ihr Jubel, als -eines Tages der Lehrer verkündete, den nächsten Tag sollte ein ganzer -Tagesausflug veranstaltet werden. - -Als Stunde des Aufbruchs war 8 Uhr morgens festgesetzt und jede der -Schülerinnen hatte sich mit etwas Lebensmitteln und Geld zu versehen; -als Ausflugsort war ein höchst romantisch gelegenes Thal bestimmt. - -Das war nun eine Freude unter den Kindern; besonders Aennchen konnte -den andern Morgen kaum erwarten. Am Abend schon legte sie sich alles -Nötige für den nächsten Tag bereit und bat und bestürmte ihre Mama so -lange, bis diese die Erlaubnis gab, das neue rotgedruckte Kleidchen -anziehen zu dürfen, obgleich eigentlich Mama meinte, ein derartiges -Gewand sei viel zu schön und zu empfindlich zu einer Partie, denn für -solche Spaziergänge sei oft gerade das Schlechteste gut genug. Aber -klein Aennchen war ein eitles Ding, sie wollte nun einmal ihren Kopf -durchsetzen und sich den Mitschülerinnen in dem schönen neuen Kleide -zeigen – dafür versprach sie, auch recht acht darauf zu geben, damit es -gut geschont bleibe. In ihre große grüne Botanisierbüchse packte sie -alle möglichen Vorräte, welche ihr die gute Mama aus der Speisekammer -zu nehmen erlaubte – Butterbrot mit Wurst und kaltem Braten belegt, -Aepfel und Birnen und Zwieback und Schokolade. Die alte Hanne schnallte -ihr das Regenmäntelchen sorgsam in einen Riemen, damit sie es bequem -tragen könne; Aennchen aber rümpfte das Näschen und meinte, jetzt bei -dem herrlichen Wetter sei ein Mantel doch gänzlich überflüssig und sie -habe keine Lust, sich damit zu belasten. - -Und richtig, den andern Morgen ließ sie wirklich wie aus Versehen die -Rolle zu Hause liegen, und als die Kinderfrau sie dann bemerkte und -ganz aufgeregt damit zu ihrer Herrschaft kam, da war es lang zu spät, -den kleinen Flüchtling noch einzuholen. Denn Aennchen marschierte -längst mit ihrer ganzen Klasse, von dem Herrn Lehrer angeführt, über -Stock und Stein davon. - -Die Mädchen hatten sich alle zur richtigen Stunde auf dem großen -Platz vor der Schule eingefunden; nur einige wenige, welche durch -Unwohlsein abgehalten waren, fehlten; darunter Martha Traugott, deren -schwächlicher Körper eine so weite Tour nicht zu machen erlaubte. -Aennchen aber flog vor allen anderen auf ihre Freundin Alma von -Stolzau zu, welche auch vollständig wie zu einer Reise gerüstet, im -weißen Wollkleidchen und großen Strohhut erschienen war und voll Stolz -sogleich Aennchen ihr wohlgefülltes Portemonnaie zeigte, welches sie in -einem zierlichen Täschchen bei sich trug. - -»Sieh’ her!« flüsterte sie »zwei Thaler hat mir Mama für den heutigen -Tag gegeben und ich habe aus meiner Sparbüchse auch noch einen dazu -genommen – da werden wir wohl reichen!« - -Aennchen blickte ganz beschämt auf ihr eigenes Beutelchen nieder; sie -war sich so unendlich reich vorgekommen, als sie die Mark von den -Eltern erhalten hatte; nun aber hatte Alma so sehr viel mehr. Diese -aber tröstete sie: - -»Wir teilen alles mit einander und wollen es uns recht wohl sein -lassen. Weißt du, was mir das liebste ist: wenn ich heute einmal recht -nach Herzenslust Käse essen kann in einem Wirtshaus.« - -»Aennchen und Alma, was habt ihr wieder für Heimlichkeiten -miteinander?« rief von der Spitze des Zuges Herr Müller zurück. -»Schließt euch ordentlich in die Reihen des Zuges ein und nun frisch in -einem Trab marschiert: Rechts, links, rechts, links, – dann wollen wir -ein Liedchen singen, da geht das Marschieren noch einmal so gut!« - -Und mit hellem Klange begann der ganze Mädchenchor aus frohen Kehlen -das schöne Wanderlied zu singen: - - »Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus – - Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus – - Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt, - So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt. - - – Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott Euch behüt’! - Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht – - Es giebt so manche Straße, die nimmer ich passiert, - Es giebt so manchen Wein, den nimmer ich probiert!« - -Das war ein gar köstlicher Marsch in der hellen Morgenluft über die -herrlichen grünen Wiesen, auf welchen so unzählige Blümlein, weiße -und rote, blaue und gelbe, blühten und von denen die Mädchen schon am -liebsten recht viel gesammelt und in ihre Botanisierbüchse gesteckt -hätten, wenn der Herr Lehrer nicht gemahnt hätte: »Es kommt alles noch -besser und schöner. Wir haben einen großen Wald zum Ziel und kommen -an einem See vorüber, da werdet ihr jubeln vor Freude, denn so etwas -Schönes habt ihr schwerlich je gesehen.« - -Der Herr Müller war heute selbst so glücklich und vergnügt wie -seine kleinen Schülerinnen alle, er scherzte mit ihnen, die sich zu -ihm heran drängten, führte bald die eine, bald die andere bei der -Hand und gab ihnen gern auf alle Fragen, die sie an ihn richteten, -bereitwillig Auskunft und Antwort. Da vergingen die Stunden, ehe man -es sich versah, und die kleinen Reisenden kamen gar nicht dazu, eine -Ermüdung zu spüren. Sie passierten mehrere Dörfer und wo sie vorüber -kamen, da liefen die Leute und Kinder zusammen und hatten ihre Freude -an den vielen kleinen fröhlichen Mädchen, welche so lustig singend -vorüberzogen. Die Sonne fing freilich mit jeder Stunde mehr an zu -glühen, die Bäckchen wurden heiß und die Schritte der Wandernden -träger; gar manches der Mädchen hatte schon heimlich ins Körbchen -gegriffen und von dem mitgenommenen Imbiß genascht, besonders Aennchen -und Alma hatten sich ihre Vorräte schon tüchtig schmecken lassen, aber -nun meldete sich der Durst und noch war weit und breit das Wirtshaus -nicht zu sehen, in welchem der Herr Lehrer mittags zu rasten gedachte. - -Die Kinder seufzten: »Der Durst! o, der böse Durst!« Herr Müller aber -tröstete: »Um so köstlicher wird euch dann die Erquickung munden, ihr -durstigen Schelme. Gewöhnt Euch nur ein wenig an Strapazen, das kann -euch später einmal gut thun.« Und nun begann er, ihnen die Geschichte -von einem Handwerksburschen zu erzählen, was dieser alles auf seiner -Wanderschaft durch die weite Welt zu erdulden gehabt hatte, wie er -mit bloßen blutenden Füßen und leerem hungrigen Magen oft tagelang -herumirren mußte, und das Herz der kleinen Hörerinnen war so voll -von Aufmerksamkeit und Mitleid, daß sie ihre eigene Erschöpfung ganz -vergaßen und ehe sie es sich versahen, vor einem großen ländlichen -Wirtshaus standen, das, von einem grünen schattigen Garten umgeben, -in friedlicher Ruhe dalag. In dem Garten, welcher freilich mehr ein -Grasplatz zu nennen war, standen eine Menge hölzerner Tische und Bänke -in langen Reihen unter großen weitästigen Lindenbäumen – soeben trat -die Frau Wirtin aus dem Haus und mit vergnügten Knixen dem Herrn Lehrer -entgegen. - -»Nun, Frau Wirtin, haben Sie für einen guten Imbiß gesorgt, wie ich -Ihnen geschrieben habe?« rief Herr Müller. »Ich bringe Ihnen dreißig -hungrige Mäulchen, welche alle gesättigt sein wollen.« - -»Ei freilich, Herr Lehrer, habe ich dafür gesorgt,« rief eifrig die -Wirtin, welche sich höchst geschmeichelt fühlte. »Die jungen Fräuleins -dürfen nur bestellen, was sie am liebsten wünschen – ich habe Suppe und -Fleisch und Schinken mit Kraut und Butter und Käse, Milch und Kaffee. -So brauchen sie sich nur zu wählen.« - -»Also Kinder, bestelle sich jedes nach Belieben,« ordnete Herr Müller -an – »ich rate aber jeder vor allem zu einem Teller warmer Suppe, das -ist jedenfalls das Gesündeste vorderhand.« - -Die meisten Mädchen folgten des Lehrers Rat und wünschten sich, während -sie auf den Bänken nach Belieben Platz nahmen von der umhergehenden -Wirtin einen Teller warmer Suppe; als die Wirtin aber zu Alma und -Aennchen kam und frug: - -»Hier darf ich wohl auch Suppe bringen?« da rief Alma, sich schüttelnd: - -»Brrr, das wäre schön, wenn wir heute uns auch mit so abscheulicher -Suppe plagen sollten, wo wir doch endlich einmal thun und lassen -können, was wir wollen. Nein, Frau Wirtin, meine Freundin und ich -wünschen uns nur Käse und Bauernbrot mit Butter; bringen Sie uns für -einen Thaler Käse und für einen Thaler Bauernbrot.« - -Die Wirtin sperrte vor Erstaunen die Augen weit auf. - -»Für einen Thaler Käse und einen Thaler Schwarzbrot?« rief sie -verwundert, »das kann dem Jungferchen doch unmöglich Ernst sein, denn -das wäre ja so viel, daß ein halbes Hundert Kinder satt davon werden -können. Ihr habt wohl nur einen Scherz mit mir machen wollen?« - -Alma hatte freilich nicht vorgehabt, einen Scherz zu machen; sie sah -nun aber doch ein, daß sie etwas recht Ungeschicktes vorgebracht hatte -in ihrer Unkenntnis mit Geldangelegenheiten; jetzt suchte sie ihre -Verlegenheit so gut als möglich zu verbergen, indem sie mit vornehmer -Miene befahl: - -»Bringen Sie uns eben recht tüchtige Portionen Käse und Butterbrot – -ich werde sie dann bezahlen – auch saure Milch wünschen wir dazu.« - -Und während dann die Schulmädchen alle sich die kräftige Brotsuppe und -danach eine Portion Fleisch und Gemüse trefflich schmecken ließen, -saßen Alma und Aennchen bei ihren ersehnten Genüssen, denen sie nicht -gerade in mäßiger Weise zusprachen. Sie hatten sich ein möglichst -verborgenes Eckchen ausgesucht, damit man sie nicht beobachten konnte, -und fühlten sich so glücklich und vergnügt wie die Könige bei ihrem -Mahle. - -Aber der Schaden blieb nicht aus und ihre Unmäßigkeit rächte sich -bald, zumal sie zwischen den Käse und das Schwarzbrot hinein saure -Milch und Schokolade und Früchte naschten; denn noch hatten sie den -letzten Bissen nicht verzehrt, da wurde es den beiden mit einemmale -furchtbar übel und sie fingen vor Magenschmerzen laut zu stöhnen an. -Mit totenbleichen Gesichtern und großen verglasten Augen saßen die zwei -Freundinnen auf der Bank, während sich die anderen Mädchen neugierig -um sie scharten und der Herr Lehrer sich von der Wirtin über das Mahl, -welches die beiden eingenommen hatten, berichten ließ. Da konnte er -freilich leicht begreifen, daß sie sich den Magen verdorben hatten, und -er ordnete an, daß sie in das Schlafzimmer der Frau Wirtin gebracht -wurden, um sich dort von ihrem Unwohlsein zu erholen, während er mit -den andern Mädchen den Spaziergang weiter fortsetzen wollte. - -[Illustration] - -»Es thut mir leid, daß die beiden sich durch ihre Unmäßigkeit um das -schönste Vergnügen gebracht haben,« sagte er kopfschüttelnd, »aber ich -kann ihretwegen den Spaziergang der andern nicht aufschieben.« - -Alma und Aennchen brachen in Thränen aus und beteuerten, sich wohl -genug zu fühlen, um auch weiter wandern zu können, aber ihre bleichen -Wangen straften sie Lügen und Herr Müller erklärte, dies nicht zu -erlauben; er befahl ihnen im Gegenteil, sich den ganzen Nachmittag -vollständig ruhig zu verhalten und nicht vom Hause zu entfernen; gegen -Abend würde er dann wieder mit den andern Schülerinnen kommen, sie -abzuholen; zum Heimweg sollte dann die Bahn benutzt werden, damit jede -weitere Ermüdung vermieden werden könnte. Und nachdem der Lehrer die -beiden Patientinnen nochmals der Frau Wirtin empfohlen hatte, entfernte -er sich mit den andern Schülerinnen, welche durch die Rast und das Mahl -neu gestärkt mit frischen Kräften und fröhlichem Sinn den Weg nach dem -Walde antraten. - -Alma und Aennchen saßen mit hängenden Köpfchen und trübseligen Mienen -währenddem drin in der dumpfen Kammer der Wirtin und jammerten über -ihr Schicksal. Die gute Frau ging ab und zu und kochte ihren jungen -Gästen einen kräftigen Thee, welchen diese wohl mit sehr sauren Mienen -verschluckten, der ihnen aber so ausnehmend wohl für den Magen that, -daß sie sich bald völlig frei von Unwohlsein fühlten und den Wunsch -aussprachen, sich nun auch auf den Weg zu machen, welchen die andern -gegangen waren. - -»Aber der Herr Lehrer hat doch befohlen, daß die beiden Jungferchen -ihn hier erwarten sollen?« meinte die Wirtin ängstlich, als sie die -Absicht der beiden wahrnahm. »Ich kann’s wirklich nicht erlauben, daß -Sie fortgehen. Bei mir ist’s ja auch recht schön draußen im Garten, -wir haben Hühner und Geisen und Bienenstöcke, da giebt’s genug zu sehen -für so junge Fräuleins.« - -»Gut, so sehen wir uns diese an,« gab Alma zu und folgte der Wirtin aus -der Stube; kaum aber hatte die gute Frau den Rücken gewandt, flüsterte -sie Aennchen ins Ohr: »Wir thun eben doch, was wir wollen und folgen -der Wirtin nicht. Ich hole nur rasch mein Körbchen und die Hüte noch -herbei, dann machen wir uns heimlich auf den Weg. Es wird uns schon -glücken, die andern einzuholen, und wenn Herr Müller dann sieht, wie -gut es uns geht, wird er sicher nicht schelten, daß wir nachgekommen -sind.« - -Aennchen horchte nur zu gern auf den Rat der Freundin, rasch suchte -sie ihre sieben Sachen zusammen, wie Alma es geboten, dann verließen -die zwei Mädchen durch ein Hinterthürchen gleich Dieben das Haus der -freundlichen Wirtin und eilten mit raschen Schritten die Landstraße -entlang. Es war ihnen ein Leichtes, die Spuren ihrer Mitschülerinnen -aufzufinden, welche sich in unzähligen kleinen Abdrücken in dem weichen -Sand zu erkennen gaben; der Weg leitete nach einem schönen großen Wald -hin und in übermütiger Eile schritten die beiden Ausreißer demselben -entgegen. Schon nahm ein hohes grünes Waldesdach die Mädchen freundlich -auf und wie herrlich, wie köstlich war es hier! - -Die Sonne, welche da draußen in beinahe sengenden Strahlen unbarmherzig -herniedergebrannt hatte, vermochte hier kaum die dichten grünen Zweige -zu durchdringen und nur zuweilen brach ein glänzender Schein hindurch -und zitterte auf dem weichen Moos, welches sich wie ein dichter -Teppich zu Füßen der hohen Bäume ausbreitete. Ein kräftiger Duft von -Waldkräutern und Blumen drang von der Erde empor, kleine Quellchen -rieselten mit vertraulichem Plätschern den Boden entlang und blaue -Vergißmeinnichtchen neigten sich darüber hin – es war ein köstliches -Bild und den beiden jugendlichen Wanderern ging das Herz auf vor -Entzücken. - -Sie warfen sich bei einem Quellchen ins Moos und tranken von dem -erquickenden Naß, badeten ihre erhitzten Wangen und Hände darin, ja -zuletzt lösten sie sogar Schuhe und Strümpfe von den Füßen und kühlten -dieselben in der Flut. Dann pflückten sie von den umher blühenden -Vergißmeinnicht einen großen Strauß und als sie dabei auch noch sogar -reife Erdbeeren entdeckten, da kannte ihre Freude keine Grenzen. -Wohl eine ganze Stunde brachten sie damit zu, sich recht viele der -köstlichen Beeren zu pflücken und den größten Teil derselben gleich -zum Munde zu führen, endlich aber fiel es Aennchen wieder ein, daß -sie ja ganz darauf vergessen hatten, ihren Mitschülerinnen auf den -Weg nachzufolgen, und sie erinnerte Alma daran, daß es höchste Zeit -sei, aufzubrechen. Rasch wurden die Hüte wieder aufgesetzt und nach -den Sträußchen gegriffen und nun ging’s wieder vorwärts – aber welche -Richtung sollte man einschlagen? Sie waren ja während des Pflückens so -tief in den Wald geraten, daß sie gar nicht mehr wußten, von welcher -Seite sie hergekommen waren. Nirgends zeigte ein betretener Pfad den -Weg ins Freie, denn überall standen Bäume, dichte Büsche und wucherndes -Farnkraut eng aneinander gedrängt, so daß die Mädchen sich oft kaum -hindurchzuwinden vermochten. - -Aber es war ihnen nicht bange; sie hatten beide eine gute Portion -Leichtsinn von der Natur geerbt und so hatte dieses Wandern in der Irre -nur einen neuen Reiz für sie. Immer größer wurden die Sträuße, welche -die beiden pflückten und kaum mehr in den Händen zu halten vermochten, -die Botanisierbüchsen wurden mit Käfern und Eidechsen gefüllt und so -beladen suchten sie dazwischen wieder nach dem Ausgang. Ja, du lieber -Gott, der zeigte sich noch immer nicht, obgleich der Weg jetzt beinahe -steil bergan zu führen begann, so daß deutlich zu erkennen war, daß man -sich auf einer Anhöhe befand. - -»Wie spät es wohl sein mag?« bemerkte Aennchen, jetzt doch ängstlich -werdend. »Es kommt mir vor, als wäre es schon etwas dunkler geworden -und ich bin trotz der vielen Beeren, welche ich gegessen habe, schon -wieder hungrig, aber meine Vorräte sind aus.« - -»Ich habe noch Schokolade im Körbchen, aber beim Himmel, wo habe ich -dieses? Hast du es nicht gesehen, Aennchen? Bei der Quelle habe ich es -ganz sicher noch gehabt und auch das Geldtäschchen.« - -»Dann hast du es unterwegs verloren beim Beerensuchen,« versetzte -Aennchen erschrocken, »wir wollen doch rasch umkehren und nachsehen.« - -»Aber wir wissen ja den Weg nicht mehr, den wir gekommen sind,« meinte -Alma kläglich, »laß uns lieber wenigstens vorwärts eilen, daß wir doch -aus dem Walde kommen. Es scheint mir, als ob es endlich doch lichter um -uns würde.« - -Wirklich hatte Alma recht, die Bäume standen weniger dicht zusammen und -dazwischen brachen Lichtstrahlen freundlich herein. Die beiden Mädchen -atmeten wie befreit auf; es wurde ihnen eigentlich jetzt erst klar, daß -sie sich zuletzt doch recht ängstlich gefühlt hatten, und sie glaubten, -es sei nun alles gewonnen, als sie das helle Licht des Tages wieder -erblickten und aus dem Waldesbereiche hervortraten. - -Aber wo waren sie? An einem vollständig unbekannten Orte! Ohne daß sie -es bemerkt hatten, mußten sie eine hohe Anhöhe erstiegen haben und vor -ihnen, auf dem Gipfel derselben, lag die Ruine eines alten Klosters. -Kein lebendes Wesen zeigte sich ringsum, die Mädchen aber strebten -dennoch, die verlassenen Hallen zu erreichen in der Hoffnung, noch -jemanden zu entdecken. Es ging freilich jetzt nur noch mit mäßiger Eile -vorwärts, Aennchen hatte sich an einer starken Baumwurzel, die über den -Weg lag, den Fuß übertreten und hinkte mühsam vorwärts und Alma fühlte -sich auch recht matt und zerschlagen. Denn es mußten doch schon viele -Stunden vergangen sein, welche sie umhergewandert waren; zwar stand -die Sonne noch am Himmel und eine große Hitze herrschte noch in der -ganzen Natur; aber es war die drückende Schwüle, welche einem Gewitter -voranzugehen pflegt, und auch die Vöglein ringsum schienen dies zu -ahnen, denn sie schwirrten unruhig hin und her und die Schwalben -schossen tief am Boden hin. - -Die Mädchen hatten die Anhöhe erreicht und betraten eine weite Halle, -durch deren geborstenes Dach der Himmel hereinblickte. Hohe Bogengänge, -aus mächtigen Säulen gebildet, standen in langen Reihen die Halle -entlang; viele der Säulen waren geborsten oder lagen gestürzt am Boden, -wuchernder Epheu und anderes Gerank war dazwischen emporgewachsen, -selbst junge Bäume hatten sich den Weg zwischen dem Gestein gebahnt -und trieben nun mit frischem Grün daraus empor – es war wie ein Kampf -zwischen Werden und Vergehen, zwischen Leben und Tod; doch das Leben -und Werden hatte den Sieg behalten über Tod und Vergehen. - -Die beiden jungen Menschenkinder ergriff beinahe ein heimlicher Schauer -in dieser großartigen menschenverlassenen Einsamkeit, und mit ängstlich -klopfenden Herzen betraten sie die weiten Räume. Aennchen ließ sich -erschöpft auf einer geborstenen Säule nieder, während die keckere Alma -darüber hinauskletterte, um Umschau zu halten, wo sie sich eigentlich -befanden. Ein Ausruf des Entzückens drängte sich von ihren Lippen, als -sie auf der Höhe stand und die Blicke hinabgleiten ließ, denn welche -wundervolle Aussicht bot sich ihren Blicken! - -Weit, weit hinein ins Land konnte sie sehen bis zu den Spitzen der -fernsten Berge; zu ihren Füßen dehnte sich ein tiefblauer köstlicher -See aus, darüber erhob sich ein grüner Berg, welcher mit einem stolzen -Schloß gekrönt war, die Wolken zogen in fliegender Eile den blauen -Horizont entlang – es war ein geradezu wunderbares Bild, und Alma war -so ergriffen von dem Anblick, daß sie mit jauchzender Stimme zu singen -begann: - - »Auf die Höhen möcht ich steigen - In die freie Bergesluft - Und den Blick herniederneigen - In das Thal, erfüllt von Duft, - Auf die friedlich stillen Hütten, - Auf des Stromes Silberband, - Und dann rufen laut inmitten: - Schön bist du, mein Vaterland!« - -»Ist es wirklich so schön?« frug Aennchen neugierig, welche ängstlich -dahergehinkt kam; dann deutete sie auf eine schwarze Wolke, welche -pfeilschnell auf die Sonne zugeflogen kam: »Sieh doch Alma, wie -unheimlich das aussieht.« - -»Es wird doch kein Gewitter geben?« frug Alma nun auch rasch -erschrocken, und ängstlich blickte sie dem Spiel der Wolken zu, welche -sich nun innerhalb weniger Minuten immer drohender gestalteten. In -kurzer Zeit war der ganze Horizont mit dichten schwarzen Wolkenmassen -überzogen und ein heftiger Sturmwind begann laut heulend über die Erde -hinzufegen. - -Entsetzt flüchteten die erschreckten Kinder in die Ruine zurück und -schrieen laut um Hilfe, aber natürlich verhallte ihr Ruf ungehört -und sie kauerten zuletzt, ängstlich aneinandergeschmiegt, in einer -Ecke zusammen, während sie mit entsetzten Augen die Vorgänge um sich -her beobachteten. Und auch andere als junge Kinderherzen hätten wohl -geschaudert beim Anblick eines so furchtbaren Orkans, wie er sich hier -in rasender Schnelligkeit entfesselte. Der Himmel hatte sich so dicht -verfinstert, daß man kaum mehr die Hand vor den Augen sah, und nur wenn -die breiten, zuckenden Blitze am Himmel aufflackerten, beleuchteten sie -mit greller Tageshelle die entfesselte Natur. Mit unheimlich dumpfem -Dröhnen folgte der Donner jedem aufzuckenden Blitz und das Echo der -Berge gab den schauerlichen Klang verzehnfacht zurück. Und nun begann -plötzlich ein solch heftiger Regen niederzuprasseln, als ob alle -Schleusen des Himmels sich mit einem Schlage geöffnet hätten; es waren -keine Bäche, sondern wahre Regenflüsse, welche sich, mit Hagelschauern -vermischt, mit unbarmherzigem Grimm herniedergossen, und den beiden -verlassenen Kindern, welche gleich zwei todesbangen Vögelchen in ihrem -Zufluchtsort kauerten, schien das Ende der Welt gekommen. Keines -wagte laut zu atmen oder sich zu regen; die Furcht schnürte ihnen die -kleinen Kehlen zu; entsetzt horchten sie auf das Rollen des Donners, -das Rauschen der Regenfluten, und als sie beim Aufzucken eines langen -blendenden Blitzes ganz nahe ihrem Zufluchtsort die großen runden Augen -eines Käuzchens erblickten, welches sich wohl höchst erstaunt die -fremden menschlichen Gäste zu betrachten schien, da schrieen sie vor -Entsetzen laut auf und klammerten sich noch fester aneinander. - -Aber das Gewitter verschwand so rasch, als es gekommen war; selbst der -Regen hielt nicht lange mehr an und bald war es in der Natur wieder -so ruhig und friedlich, als ob das Ganze nur ein böser Traum gewesen -wäre. Nur die Zerstörungen ringsum zeigten an, daß der grausame Sturm -wirklich hier gehaust hatte; ein junger Eichbaum war von oben bis unten -vom Blitz zerspalten und seine verkohlten Aeste hingen abgestorben zu -Boden – mehrere Säulen lagen in Trümmern geborsten und die abgerissenen -Epheuranken flogen weit umher und in den Ritzen des alten Gemäuers -hatten sich überall kleine Seen von Regenwasser gebildet, welche nun -langsam rieselnd zu Boden sickerten. - -Alma und Aennchen krochen wie zwei gebadete zitternde Mäuschen aus -ihrem Versteck, welches ihnen wohl Schutz vor den ärgsten Unbilden des -Sturmes, aber nicht vollständig vor den Regenfluten geboten hatte, und -nun waren die beiden stark durchnäßt und von Aennchens neuem rotem -Kleidchen floß eine rote Brühe zu Boden nieder. Die Hüte hatten alle -beide verloren, sie dachten auch nicht daran, ihnen nachzusuchen; ihr -ganzes Streben war nun darauf gerichtet, in dieser Einsamkeit eine -lebende Menschenseele zu finden. Ach, sie konnten es sich nicht länger -verhehlen, der Abend war wirklich hereingebrochen, denn die Sonne -hatte sich nach einigen letzten Strahlen nun ganz in ihrem Wolkenbette -schlafen gelegt und eine graubleierne Dämmerung begann sich über die -Erde auszubreiten. - -Mit zitternden Knieen und erblaßten Wangen begannen Aennchen und Alma -Hand in Hand die weiten Hallen zu durchwandern, immer in der Hoffnung, -auf eine menschliche Spur zu stoßen. Ganz am Ende der großen Ruine -blieben sie plötzlich erstaunt stehen, eine kleine, alte halbverfallene -Kapelle lag mit weitgeöffneter Pforte vor ihren Blicken. Vor dem -Altarbild drinnen brannte eine kleine Lampe mit friedlichem Schein, -droben am geborstenen Turme hing ein Glöcklein, dessen Strang bis -tief zur Erde reichte. Von der Kapelle aus führte eine niedere Thüre -in einen kleinen niedern Raum, welcher auf menschliche Bewohner -schließen ließ, wenn er auch höchst unvollkommen und notdürftig mit den -allernotwendigsten Gegenständen ausgestattet war. - -An der niedern Steinbank zog sich eine schmale grobgehauene Holzbank -hin, vor welcher ein ebensolcher Tisch angebracht war. Auf dem Tisch -lag ein Stück grobes schwarzes Brot und ein halbzerbrochener Krug stand -daneben; in der Ecke war von duftendem Heu ein Lager aufgeschichtet, -eine graue Wolldecke lag daneben und oben von der Wand blickte als -seltsamer Schmuck und doppelt überraschend in dieser Einsamkeit ein -kunstvolles silbernes Kruzifix herab. - -Die verirrten Kinder betraten voll Angst und Zagen den kleinen Raum -und wähnten sich wie verzaubert. »In wessen Hütte mögen wir geraten -sein?« frugen sie leise und ängstlich und sie betasteten vorsichtig -Tische und Bänke, um sich zu überzeugen, ob es kein Traum sei, was sie -vor sich sahen. Aber als das grobe Stück Brot in ihre Hände geriet, -da konnten sie dem Verlangen nicht widerstehen, ihren nagenden Hunger -damit zu stillen, und zagend brachen sie ein Stückchen ums andere davon -ab, sich damit zu laben. Dann wankten sie todmüde auf das Heulager in -der Ecke und legten sich nieder – sie waren zu erschöpft, um sich noch -Gedanken darüber zu machen, ob sie sich in fremdem Eigentum befanden, -die Natur behauptete ihr Recht, denn sobald sie nur das weiche Lager -erreicht hatten, fielen ihnen auch schon die müden Augen zu und sie -entschlummerten eng und warm aneinandergedrückt in das Traumland -hinüber. – – - -Sie mußten wohl ohne Unterbrechung die ganze Nacht durchgeschlafen -haben, denn als sie am andern Morgen erwachten, schien die Sonne mit -goldnem Schein hell durch das kleine scheibenlose Fensterchen in das -Gemach hinein. In stummer Verwunderung blickten die verschlafenen -Mädchen ihre fremdartige Umgebung an, in welcher sie sich erst gar -nicht zurechtzufinden vermochten; ein Schrei des Erstaunens aber rang -sich von beider Lippen, als sie plötzlich einen hohen uralten Greis -vor sich stehen sahen, der sie mit sinnenden Augen betrachtete. -Silberweißes glänzendes Haar floß in langen Locken ihm von den -Schultern herab und ein ebensolcher Bart lag in dichten Wellen auf der -braunen Kutte weit bis über den Gürtel, welchen ein einfacher Strick -bildete, herunter. Ein sanftes schönes Greisenantlitz und gütig-milde -Augen blickten die kleinen erstaunten Mädchen an, während die sanfte -Stimme des fremden Mannes frug: - -»Was für fremde Vögelchen haben denn heute nacht Schutz in meinem Nest -gesucht und es sich auf meinem Lager bequem gemacht, während ich nicht -zu Hause war? Sagt Kinder, wie kommt ihr hierher in diese Einsamkeit?« - -Nun fiel den beiden verwirrten Kindern erst wieder der ganze -Zusammenhang ihres Schicksals ein und die Schrecken des gestrigen Tages -stellten sich wieder vor ihre Seele. Ach! und sie hatten sich alles -selbst zuzuschreiben durch ihren Leichtsinn und ihren Ungehorsam; aber -wie schlimm waren sie bestraft worden! Mit stockender Stimme, oft durch -Thränen unterbrochen, klagten sie dem fremden Greise ihr Schicksal, sie -verschwiegen nicht, wie sie selbst Schuld daran trugen, und der gütige -Mann hörte sie ohne Unterbrechung an – nur zuweilen schüttelte er den -Kopf. - -»Da seid ihr ja recht unartig gewesen – ei – ei,« sagte er zuletzt -und strich sich langsam den glänzenden wolligen Bart, »und all den -Schrecken, welchen ihr dafür ausgestanden habt, den hat euch der liebe -Gott zur Strafe geschickt. Und da ihr nun genug durch ihn selbst -bestraft seid, wollen wir nichts mehr hinzufügen, sondern wollen -nur dem lieben Gott danken, daß er euch wenigstens gesund erhalten -hat und nicht hat krank werden lassen in all den Gefahren, welchen -ihr ausgesetzt gewesen. Nun wollen wir gute Freunde sein, da wir -doch einmal auf so seltsame Weise zusammengekommen sind und ich so -überraschende kleine Gäste erhalten habe. Steht nur auf und macht etwas -Toilette, dann nehmen wir alle zusammen unser einfaches Frühstück ein; -meine kleine Aufwärterin wird gleich erscheinen.« - -Rasch erhoben sich die beiden Mädchen vollends von ihrem Lager und -zupften die Heuhalme von ihren Kleidern. Dann zeigte der alte Mann -ihnen, wo sie sich durch Waschen erfrischen konnten, und als sie dann -frisch gereinigt, mit glattgestrichenen Haaren wieder erschienen, da -hatte der alte Mann inzwischen drei Schüsselchen auf den Tisch gestellt -und drei Schnitten Brot dazu gelegt und sprach nun zu seinen Gästen: - -»Kommt jetzt, wir wollen sehen, wo meine kleine Hofköchin heute bleibt, -die uns das Frühstück besorgen soll.« - -Höchst neugierig folgten die Mädchen dem alten Mann aus der Hütte durch -die kleine Kapelle hinaus ins Freie. Erst jetzt waren sie imstande, -wahrzunehmen, wie wundervoll es doch hier oben war. Die ganze kleine -Kapelle lag wie in einem Bett von wilden Rosen, welche ihre Ranken bis -hoch zu dem alten Türmchen erstreckten. Noch zitterten die Regentropfen -wie Tau in all den blühenden, duftenden Kelchen und eine Schar von -kleinen muntern Vögelchen hüpfte auf dem Gezweig hin und her. - -»Nicht wahr, bei mir oben kann’s euch gefallen?« fragte der freundliche -Greis die staunenden Mädchen, dann setzte er die Finger an den Mund und -rief durch die hohle Hand: »Resi, Resi, wo bleibst du?« - -Da kam etwas den Berg heraufgehüpft und zwischen den Steinen -hervorgeschossen – ein kleines krausgelocktes, dunkelgebräuntes Mädchen -in rotem Röckchen und weißem Hemde mit bloßen Armen und Schultern; sie -führte eine meckernde Ziege nach sich; als sie aber die fremden Gäste -erblickte, stand sie plötzlich still und steckte den Finger in den Mund. - -»Komm näher, Resi; wirst dich doch nicht schämen vor meinen kleinen -Gästen?« ermunterte der alte Mann, »wir sind ja schon lange hungrig und -warten auf das Frühstück, das du uns bringen sollst; nun zeige auch, -was du kannst.« - -Er holte den alten Krug, welchen er mit klarem Quellwasser ausgespült -hatte, herbei und reichte ihn dem Kinde; im Nu kniete dieses bei der -Ziege nieder und begann, diese zu melken, bis der Krug ganz bis zum -Rande mit köstlich schäumender Milch gefüllt war; nun bot ihn die -Kleine, dunkelrot vor Verlegenheit, dem alten Mann dar und wandte sich -in einem Husch zum Davonlaufen. - -»Halt, halt, du kleine Hexe!« rief der alte Mann und hielt das Kind -scherzend bei den Stirnlocken fest. »So schnell entkommst du uns heute -nicht! Du mußt erst an unserm Frühstück teilnehmen und die Hausfrau bei -meinen kleinen Gästen spielen, denen du dann später den Weg zum Dorf -hinunter zeigen kannst.« - -Und er zog die kleine Resi mit hinein in das Gemach, wo er die -aufgestellten Schalen mit der frischen Ziegenmilch füllte und seinen -Gästen darbot. So herrlich wie diese Milch hatte ihnen noch selten -etwas gemundet und mit einem wahren Hochgenuß schlürften sie den -köstlichen Trank. Die braune Resi lachte vor Freude, daß alle ihre -weißen Zähnchen durch die roten Lippen blitzten, als sie sah, welche -Ehre ihrer Ziege angethan wurde, und sie vergaß alle Schüchternheit -darüber, so daß sie zuletzt sogar von selbst zu sprechen und zu -erzählen anfing. - -»Gestern hab’ ich aber ’was geseh’n, Vater Einsiedel, das hätt’ ich mir -in meinem ganzen Leben nit träumen lassen,« berichtete sie mit höchst -wichtiger Miene. »Lauter so feine Fräuleins, wie diese zwei da, wohl an -dreißig Stück, in lauter wunderschönen Kleidchen, in grünen und roten -und blauen, mit gerad so feinen weißen Gesichtern und weißen Händchen, -die sind im Wald mit einem Mann dahergekommen und haben so schön und -hell gesungen wie die Engelein. Ich bin hinter einem Baum gestanden und -hab’ sie vorüberziehen sehen und hab’ Augen und Ohren aufgesperrt vor -lauter Freud’ über all’ die vielen schönen Fräuleins.« - -»Das war unsre Klasse mit dem Herrn Lehrer,« riefen Alma und Aennchen -in einem Ton, und wie aus einem Mund setzten sie langsam hinzu: »ach, -was wird Herr Müller gesagt haben, als er uns nicht mehr im Wirtshaus -vorfand!« - -»Ja, euer armer Lehrer thut mir wirklich leid,« sprach der -Einsiedelmann ernst. »Jedenfalls muß er nun so rasch als möglich -benachrichtigt werden, daß ihr nicht verloren gegangen seid; darum ist -es wohl das beste, wenn ihr euch sogleich auf den Weg nach dem Dorfe -macht. Resi kann euch die beste Führerin sein und ich werde euch ein -Stückchen begleiten!« - -So machten sich denn alle auf den Weg. Resi hüpfte mit ihrer Ziege -voran und dann folgten die beiden Freundinnen, von dem Einsiedelmann -zu beiden Seiten geführt. Sie waren längst ganz zutraulich gegen den -gütigen alten Mann, welcher ihr ganzes Herz gewonnen hatte und ihnen -von seinem Leben in der Einsamkeit erzählte. Er berichtete ihnen, daß -er nun schon seit zwanzig Jahren hier oben in der Einsamkeit hause -und sein ganzes Leben dem Dienst des lieben Gottes gewidmet habe. -Nur selten komme er den Hütten der Menschen nahe und das sei stets -dann, wenn er zu Kranken und Sterbenden gerufen werde, welche seines -Rates bedürfen; aber wer zu ihm komme und seine Hilfe begehre oder -nach seinen Kräutersäften verlange, dem stehe er immer gern mit allen -Kräften bei. - -»Der Einsiedel ist ein heiliger Mann, sagt die Großmutter; er ist -so gut wie der liebe Gott,« sprach die kleine Resi, indem sie ihr -braungelocktes Köpfchen rückwärts wandte und andächtig zu dem alten -Manne aufsah; dieser wehrte scherzend mit der Hand, dann zog ein -wehmütiges Lächeln um seine Lippen und er sprach gedämpft: - -»Ein heiliger Mann bin ich nicht, sondern nur ein armer sündiger -Mensch, welcher Gott zu dienen strebt mit seinen schwachen Kräften!« - -Sie waren nun an dem Weg angelangt, welcher auf eine betretene Straße -führte, und hier schied der Einsiedelmann von seinen Gästen, indem -er ihnen freundlich die Hand reichte und sie ermahnte, nicht mehr so -leichtsinnig und unfolgsam zu sein. Die Mädchen dankten dem gütigen -Greis aus vollem Herzen und Aennchen neigte sich über seine Hand, -dieselbe zu küssen; das aber wehrte er freundlich lächelnd ab und -drückte ihr einen leisen Kuß auf die Stirn; darauf verschwand er so -rasch, daß die beiden sich ganz verdutzt anblickten, bis Resi ihnen -zurief: - -»Nun müßt ihr euch aber sputen, denn ich habe mich schon tüchtig -versäumt und Großmutter wird schelten, wenn ich nicht bald nach Hause -komme.« - -Und bergabwärts flogen nun die drei im raschen Lauf, bis sie ein -freundliches Dörfchen vor sich liegen sahen und Resi stolz mit dem -Finger darauf hinwies: - -»Seht, da bin ich zu Hause!« - -Etwas abseits vom Dorf stand ein winzig kleines weißes Häuschen mit -gelbem Strohdach. Aus dem niedern Schornstein stieg eine leichte -Rauchsäule in die blaue Luft und Resi rief erschrocken: - -»Herrje! jetzt hat die Großmutter sich rein das Feuer selbst angezündet -zur Suppe kochen, weil es ihr mit mir zu lang gedauert hat. Nun muß ich -aber laufen, soviel ich kann.« - -Und sie ließ ihre Geis mit dem Stricke fahren, welche selbst recht -vergnügt meckernd ihren Weg zu finden schien, denn sie sprang mit dem -Kind um die Wette zum Häuschen hinauf. Alma und Aennchen blieben, als -sie dasselbe erreicht hatten, höchst erstaunt stehen, denn etwas so -Winziges hatten sie noch nie erblickt, als das kleine Haus, welches -mehr einer Puppenwohnung als einer menschlichen Wohnung glich. Die -niedere Hausthür schien gerade nur für ihre eigene Größe passend zu -sein und als sie durch dieselbe zögernd eingetreten waren, da mußten -sie unwillkürlich an das Märchen von Hänsel und Gretel denken und es -begann ihnen etwas zu grauen. Denn über den niedern rauchenden Herd -gebückt, stand ein kleines steinaltes Mütterlein auf seine Krücke -gelehnt und rührte mit einem Stecken in einem dampfenden Topf; die -braune Resi aber stand mit Reisern beladen daneben und warf eines um -das andere in das lodernde Feuer. Sie begann herzhaft zu lachen, als -sie die verdutzten Gesichter der ängstlich dastehenden Kinder sah, und -rief munter: - -»Kommt nur ohne Scheu näher! Ihr werdet euch doch nicht vor der -Großmutter fürchten, weil sie so klein und alt ist. Wartet nur, sie -wird euch sicher willkommen heißen.« - -Dann preßte sie ihren roten Mund an das rechte Ohr der Großmutter und -rief ihr ins Ohr: - -»Großmütterlein, wir haben Gäst’ bekommen, feine Gäst’! Dort an der -Thür stehen sie und trauen sich nicht heran, obgleich der Einsiedel sie -mit mir geschickt hat!« - -»Ei, ei, ist das wirklich wahr?« murmelte die Alte und wackelte mit -dem Kopf, während sie die Kinder mit ihren kleinen klugen Augen -wohlgefällig betrachtete; »sind wirklich feine Kinder und wenn sie der -Einsiedel uns geschickt hat, dann sollen sie auch willkommen sein.« - -Und sie streckte die runzliche Hand den Kindern entgegen, welche etwas -zögernd einschlugen; dann fuhr sie weiter fort: »Wollt ihr eine Suppe -mit uns essen? Wenn sie nicht zu gering für euch ist, dann sollt ihr -gerne geladen sein.« - -Damit öffnete sie die Thür in ein niedriges Stübchen, dessen Hauptraum -von einem breiten hochgetürmten Bett mit grünen Vorhängen und einem -Kachelofen eingenommen war. Weiter stand noch eine Bank und ein -Lehnstuhl vor einem alten Tisch, daneben ein Spinnrad, und zwei -große alte Katzen mit fünf niedlichen Jungen kugelten übermütig auf -den Dielen herum. Kaum hatte Resi die dampfende Suppe auf den Tisch -gestellt, kamen sie alle heran und die Kleinen steckten neugierig ihr -Näschen an die Schüssel – die Alte aber wehrte mit dem Kochlöffel und -rief: - -»Wartet nur, ihr kleines Gesindel! heut seid ihr nicht die -Hauptpersonen, denn wir haben vornehme Gäste bekommen und erst, wenn -diese satt sind, kommt an euch die Reihe.« - -Sie reichte Alma und Aennchen zwei Holzlöffel und forderte sie auf, -zuzugreifen, was diese sich auch nicht zweimal sagen ließen, denn sie -fühlten heute erst so recht, daß sie gestern keine wirkliche Mahlzeit -genossen hatten, und so schmeckte ihnen die derbe Suppe, welche nur -aus gebranntem Mehl und Wasser bestand, wirklich ganz gut. Während des -Essens scherzten sie mit den kleinen Kätzchen, welche sich wirklich -hier für die Hauptpersonen halten mochten, denn sie wagten sich an -alles heran, sprangen der Alten und den Kindern auf die Schultern und -Köpfe, und als sie dann endlich die halbgeleerte Schüssel zu ihrer -freien Verfügung bekamen, da begann eine Balgerei und ein Gekugel um -die ersehnte Speise, daß den Mädchen vor Lachen die Thränen in die -Augen traten, während die Alte mit höchst drolligem Ernste immer mit -ihrem Löffel Frieden zu schließen versuchte. Resi aber stand jetzt vom -Tisch auf und rief: - -»Nun darf ich aber nicht mehr länger zögern, euch zu unserem -Schulmeister zu bringen, wie mir der Einsiedel befohlen hat, der wird -dann schon weiter für euch sorgen.« - -Und so verabschiedeten sich dann die Mädchen von der freundlichen -Alten, welche ihnen mit ihren Katzen noch bis vor die Thür das Geleit -gab und so lange mit dem Kopfe wackelte, bis die Kinder ihren Augen -entschwunden waren. Die Mädchen aber schritten mit Resi auf der -Dorfstraße weiter bis zu dem Schulhaus, welches freilich ganz anders -aussah als das ihrige in der Stadt. Denn dieses hier war ein niederes -einstöckiges Haus, in einem kleinen Vorgarten gelegen und von unten bis -oben mit grünen Reben bewachsen, so daß selbst die Fenster teilweise -überwuchert waren. Was man aber aus diesen Fenstern vernahm, das ließ -doch recht deutlich auf eine Schulstube schließen, denn ein lauter Chor -gemischter Buben- und Mädchenstimmen schien im gleichen Takt das ABC -aufzusagen – _abcdefghiklmnop_, und die Stimme des Lehrers schallte oft -verweisend laut dazwischen. - -Resi führte die Mädchen bis an die Thür und klopfte ein paarmal an. Man -schien sie nicht zu hören, endlich riefen mehrere Stimmen: - -»Herr Lehrer, es klopft!« - -»Wartet, ich will euch klopfen, ihr Schelme!« rief der Lehrer. »Ihr -habt nur wieder Dummheiten im Kopf.« - -»Aber es klopft ganz gewiß, Herr Lehrer – hören Sie nur selbst,« gaben -mehrere Kinder zurück – da spitzte auch der Lehrer das Ohr und öffnete -rasch die Thür. Es war ein alter Mann mit einer langen spitzen Nase, -auf welcher eine große blaue Brille ganz bis zur Spitze vorgerückt -war, doch wurde sie zur Strafe für ihren Vorwitz dafür dann zuweilen -rasch bis über die Stirne hinaufgeschoben. Dünne graue Haarsträhne -flatterten nach allen Seiten um das schmale Gesicht und die gebeugte -Gestalt steckte in einem langen hellen Kittel, was den Stadtkindern -äußerst seltsam vorkam. In der Hand trug der Schulmeister eine lange -Rute, welche nur zu deutliche Spuren der Benützung zeigte und selbst -in friedlichem Zustand von des Herrn Lehrers Faust immer unruhig hin- -und hergeschwenkt wurde. Ziemlich barsch ließ sich der Schulmeister -von Resi berichten, was der Einsiedel ihr aufgetragen hatte – daß die -zwei Mädchen aus der Stadt hier sich gestern auf die Ruine verirrt -hätten und daß der Herr Lehrer so freundlich sein und für ihr weiteres -Fortkommen sorgen möge. - -»Also ihr seid die Flüchtlinge, welche meinen werten Herrn Kollegen -gestern so in Sorge versetzt haben?« begann der Schulmeister mit -näselnder Stimme und blickte die beiden Mädchen durch seine große -Brille so forschend an, daß sie dunkelrot wurden. - -»Ei, ei, gibt’s also auch in der Stadt so wilde Rangen von der Spezies -wie der Michel da?« Damit deutete er auf einen heulenden, gegen die -Wand gekehrten Buben, dessen dunkelrote geschwollene Backe leider nur -zu leicht erraten ließ, daß sie vor nicht langer Zeit Bekanntschaft mit -der gefürchteten Rute gemacht haben mußte. Den Mädchen wurde angst und -bang und sie blickten scheu nach dem unheimlichen Instrument, doch der -Herr Lehrer sagte nur: - -»Wollet euch jetzt noch einige Zeit gedulden, bis ich die Stunde zu -Ende gebracht habe, dann werde ich weiter für euch sorgen. Nehmet -dahinten auf der Bank Platz, wo noch leere Plätze sind, und spitzet -wohl eure Oehrlein, was ihr von dem Unterricht vernehmet, denn der -Mensch soll keine Gelegenheit vorübergehen lassen, sich zu belehren.« - -So setzten sich Alma und Aennchen denn still auf die letzte Bank, -während Resi durch die Thür verschwunden war. Voll lebhafter Neugier -ruhten die Augen all’ der Dorfkinder auf den seltenen Gästen, sie -verdrehten sich fast die Köpfe nach ihnen, bis der Herr Lehrer mit -einem Stock auf den Tisch schlug und rief: »Aufgepaßt, ihr neugierigen -Rangen. Nun zeigt einmal, was ihr alles wißt, damit die fremden -Mägdlein aus der Stadt Respekt vor eurer Weisheit bekommen!« Da wagten -sie doch nur zuweilen heimlich nach rückwärts zu schielen und mühten -sich unendlich ab, des Lehrers Fragen zu beantworten. Die eine Seite -der langen Bankreihe hatten die Buben, die andere die Mädchen inne – -die meisten waren barfuß und ärmlich gekleidet, nur ein paar trugen -hübsche ordentliche Jacken oder Mieder, doch der blonde Michel in -der Ecke prangte sogar in einem braunen Samtwams und trug blanke -Silberstücke als Knöpfe daran. Da der Herr Lehrer offenbar Staat machen -wollte vor seinen fremden Gästen mit dem Wissen seiner Schüler, so -sprang er mit seinen Fragen in allen Gebieten des Unterrichts umher und -die große Rute hatte es gar eilig, den Schulmeister beim Unterricht zu -unterstützen. - -»Hansjörg, wie hieß der erste Mensch?« Ein langer, aufgeschossener -Bauernbub erhob sich mit blöden Augen und starrte den Lehrer ratlos -an, dann puffte er seinen Nachbar in die Seite: »Sag’ mir doch ein, -Christel.« Dieser flüsterte: »Adam – Adam,« doch da fuhr schon die Rute -flink dazwischen und Hansjörg, der nur die Hälfte verstanden hatte, -stotterte unsicher: »A– A– – A– –« - -»Nein, da hört sich doch alles auf, wenn der Dummkopf nicht einmal mehr -den ersten Menschen weiß!« schrie der Lehrer im hellen Zorn – »zur -Strafe dafür sollst du aber heute deine zwei Schiefertafeln voll »Adam« -schreiben und damit du es nicht wieder vergißt, will ich dir für alle -Fälle noch einen Gedenkzettel geben.« - -Natürlich bestand der Denkzettel in einem Gruß der Rute und laut -aufheulend setzte sich Hansjörg wieder auf seinen Platz. Nun wollte der -Lehrer es mit Rechnen versuchen, er schrieb große Zahlen an die Tafel -und diese mußten die Kinder zusammenaddieren. Einige waren darunter, -welche ganz flink damit umzugehen vermochten, aber dann gab es leider -auch eine ganze Anzahl in der Art von Hansjörg, welche dem Schulmeister -den hellen Schweiß auf die Stirne trieben, so daß er endlich ganz -erschöpft innehalten mußte. - -»Herr Lehrer, es hat elf Uhr geschlagen draußen!« rief ein größerer -Junge und sprang von seiner Bank auf. - -»Halt, du Naseweis, wirst wohl warten können, bis ich selbst ein Ende -mache,« rief der Herr Lehrer ärgerlich – »jetzt sollst gerade du heut’ -der allerletzte sein, der aus der Schule hinaus darf. Ihr anderen -geht jetzt sachte und ohne Geschrei von dannen, auf daß kein weiteres -Aergernis entstehe.« - -Nun drängten sich die Kinder alle mit Ungestüm durch die engen Bänke -zur Thüre hinaus – die Buben knufften die Mädchen, wenn sie vor ihnen -das Freie zu erreichen strebten, und der arme geplagte Herr Lehrer -kam noch zu keiner Ruhe, denn kaum waren sie draußen, so guckten die -Kecksten wieder durch die kleinen Fenster herein voll Neugier die -fremden Stadtmädchen anstarrend und ihre Bemerkungen laut austauschend: - -»Hört, die sind aber fein!« »Habt ihr die schönen Schuhe gesehen, die -sie anhaben?« »Die Eine hat gar ein goldenes Ringerl am Finger.« - -Nun aber stürzte der Schulmeister mit der Rute zur Thüre hinaus, man -hörte noch ein paar Weherufe, dann stob der ganze Schwarm auseinander -und der alte Mann kehrte erschöpft zurück. Nachdem er sich etwas -ausgeschnauft hatte, rief er die harrenden Mädchen zu sich und sprach: - -»Wollet mir nun folgen, liebe Kinder, daß ich euch zu dem Herrn Pfarrer -bringe, welcher am besten wissen wird, wie ihr nach Hause kommen sollt.« - -Und so führte er die beiden nach dem Pfarrhaus; da stand der Herr -Pfarrer gerade in seinem Gärtchen und besah sich die reifen Beeren. -Der Lehrer nahm den Pfarrer beiseite und setzte ihm den Sachverhalt -auseinander; da machte sich dieser sogleich nach dem Telegraphenamt -auf, um dort ein Telegramm an Herrn Müller aufzusetzen, welcher gestern -schon, als er seine Schützlinge vermißte, seine Adresse mit der Bitte -zurückgelassen hatte, ihm doch, sobald dieselben aufgefunden seien, -Nachricht zu geben. - -Und nachdem das Telegramm abgegangen war, kam der Herr Pfarrer ganz -atemlos zurückgelaufen: - -»Sputet Euch, liebe Kinder – es geht gerade ein Zug ab nach der Stadt, -den könnt ihr noch erreichen.« So ging es denn im raschen Lauf der -kleinen Bahnstation zu, dort wurden Alma und Aennchen, ehe sie es sich -versahen, in ein Koupé gehoben und ihnen zwei Billets in die Hand -gedrückt. - -»Nun gebt ein andermal besser acht und grüßt mir meinen werten Kollegen -in der Stadt!« rief der Schulmeister noch; seine grauen Locken flogen -im Winde, da setzte sich der Zug auch schon in Bewegung und entführte -die Mädchen im pfeilschnellen Lauf. - -Ganz verdutzt saßen sich Aennchen und Alma auf den weichen Koupékissen -gegenüber; sie hätten geglaubt, geträumt zu haben, wenn ihre äußere -Verfassung ihnen nicht zu deutlich gezeigt hätte, daß sie alle die -Abenteuer wirklich erlebt hatten. Denn ach, wie sahen sie aus! Beide -hatten ihre Hüte verloren, die Kleider hingen ihnen von dem gestrigen -Regen verwaschen und zerknittert herab, Aennchens neues rotes Kleidchen -hatte seine ganze Farbe eingebüßt und hing ihr in braunroten Streifen -von den Gliedern. Almas Körbchen und Geldtäschchen waren verschwunden, -nur die Botanisierbüchsen hatten beide noch, aber sie hatten diese -längst ihres krabbelnden und zappelnden Inhalts entleert und so -brachten sie nichts weiter nach Hause zurück als ein recht böses -Gewissen. - -»Was wird der Herr Lehrer sagen – und was meine Eltern?« jammerten -sie um die Wette und keine wußte mehr ein Trostwort vorzubringen – da -fuhr auch schon der Zug auf den wohlbekannten Bahnhof ein und voll -Angst gewahrten die beiden jungen Passagiere auf dem Perron schon -die wohlbekannten Gesichter des Lehrers und der Eltern. In einiger -Entfernung stand auch Almas elegante Equipage, des Zuges harrend, und -soeben stieg ein schlanker Herr aus derselben und näherte sich dem -Perron. - -»O Gott, selbst Papa ist gekommen, mich abzuholen – Herr Müller hat -wohl alles benachrichtigt!« stöhnte Alma schreckensbleich und lehnte -sich zurück, aber schon war sie mit ihrer Gefährtin erblickt worden -und die beiden Mädchen wurden von ihren Angehörigen aus dem Wagen -gehoben. Aennchens Mutter stürzte auf dieses zu: »Gott sei Dank, daß -du lebst und gesund bist!« rief sie schluchzend und umarmte stürmisch -ihr Kind; sie sah ganz angegriffen aus, auch Herr Müller hatte bleiche -Wangen, denn er hatte sich die ganze Nacht nicht wenig um das Schicksal -seiner verloren gegangenen Schutzbefohlenen abgehärmt und selbst Herrn -von Stolzau konnte man ansehen, daß ihm ein Stein vom Herzen gefallen -war, als er sein Töchterchen wohlbehalten wieder vor sich erblickte. -So fiel denn der Empfang für die leichtsinnigen Mädchen weit weniger -schlimm aus, als diese gefürchtet und wohl auch verdient hatten, -aber sie waren selbst so sehr vom Gefühl ihres begangenen Unrechts -durchdrungen und baten auch so zerknirscht um Verzeihung, daß man -ihnen eine weitere Strafe erließ, in der Annahme, daß sie durch die -ausgestandene Angst und Gefahren schon genug gestraft worden seien. - -Zu Hause angelangt, mußte Aennchen den aufhorchenden Eltern und -Geschwistern natürlich alles haarklein berichten, was sie erlebt hatte, -und als sie fertig war, da bat sie mit dringender Stimme: »Gelt, liebes -Mütterlein, du erlaubst es, daß ich dem guten Einsiedelmann und der -kleinen braunen Resi etwas zum Dank für ihre Hilfe sende? Alma hat auch -schon denselben Gedanken gehabt und wir haben ausgemacht, dem Einsiedel -ein Briefchen zusammen zu schreiben.« - -Aennchens Mutter erlaubte es gern, denn sie war den beiden Rettern ja -selbst sehr dankbar; darum ging nach wenigen Tagen ein Paket an Resi -und den Einsiedel ab, darin war eine Menge schöner Dinge – für die -kleine Resi ein neues rotes Röckchen und ein Samtmieder und einige -nagelneue Hemdchen und Strümpfe und Schuhe; für die Ziege ein gelbes -Glöckchen am rotseidenen Band und für die alte Großmutter eine Düte -Kaffee und Zichorie und eine Düte Zucker und Butterbrezeln; für die -fünf Katzen aber fünf niedliche kleine Halsbändchen. - -Dem Einsiedelmann hatte Aennchens Mutter ein wunderschönes Gebetbuch -gekauft; sie glaubte, das würde ihm doch die größte Freude sein, und -Alma sandte ihm einen schönen neuen Wasserkrug, weil der seinige ja -schon ganz gesprungen gewesen. - -Wer beschreibt nun die Freude der Mädchen, als dafür nach wenigen Tagen -ein Brief an sie beide ankam; er war auf ganz grobes Papier geschrieben -und die langen Buchstaben standen nach allen Seiten, waren auch mit -verschiedenen Klecksen und Schreibfehlern untermischt, aber er freute -doch die Empfängerinnen nicht minder. Der Brief lautete: - - »Liebe Stadtfräuleins! Der Einsiedel ist so gut und thut mir - bei meinem Schreiben helfen, denn allein könnt’ ich’s nicht, - wenn ich auch schon drei Jahre in die Schul’ geh’ – freilich - immer noch in der unterst’ Klass’ – wir haben eben nur zwei - und in die erste komm’ ich noch lang’ nicht, wenn ich auch gut - aufpassen thu’ und mich besser anstellig zeig’ wie das Katerl, - das neben mir sitzt und gar nix weiß, nicht das Geringste. Der - Herr Lehrer ist auch recht gut gegen mich und sein Rütlein - tanzt nicht so oft auf mir herum wie auf den andern. Aber was - ich sagen wollt’ – ich schreib’ ja lauter falsches Zeug, denn - der Brief ist doch dazu da, daß ich mich bedanken will für - die große Freud’, die mir die Stadtfräuleins gemacht haben. - Ich hab’s kaum glauben wollen, wie mir der Postsepp das große - Paket gebracht hat, der hat aber gesagt: »Schau’, Resi, da - steht ganz wirklich und wahrhaftig dein Nam’ d’rauf und du - darfst’s getrost aufmachen.« Nein, aber die Freud’, wie ich’s - dann wirklich gewagt hab’ und alle die herrlichen Sachen - gefunden hab’! ich bin mir vorgekommen wie die Prinzessin - aus dem Märchen, von dem die Großmutter mir immer so schön - erzählt, und ich bin gleich in das schöne Hemdlein und rote - Röckle und Mieder und die Schuhe und Strümpfe geschlüpft und - alles hat mir ganz herrlich gepaßt und hab’ ausgeschaut wie - eine leibhaftige Fee. So hat die Großmutter selbst gesagt und - die weiß doch alles. Ach, die Großmutter! war das ein Glück - und eine Seligkeit, wie sie den teuren Kaffee und Zucker und - Zichorie gesehen hat; ihre Hände haben ganz gezittert und sie - hat gesagt: »Schau, Resi, seit meiner Hochzeit hab’ ich nicht - so viel Kaffee und Brezeln mehr beisammen gesehen, wo dies - doch meine größte Freude ist, und ich hätt nie gedacht, daß - mir’s im Leben noch einmal so gut werden thät. Jetzt schür’ - aber gleich ein großes Feuer, denn ich will einen Kaffee kochen - so dick, daß der Löffel darin stehen bleibt und so gut wie der - Kaiser selbst noch keinen getrunken hat.« Und sie hat auch - wirklich so einen gekocht und dann hab’ ich auch ein Schälchen - und eine Brezel bekommen und unsere Kätzchen mit den schönen - Halsbändchen sind um uns herumgesprungen, auch die Geiß hat - mit ihrem neuen Glöckle zur Thür hereingeguckt und vor eitler - Freude gemeckert. Dann bin ich mit ihr den Berg hinaufgestiegen - und hab’ dem Einsiedel das schöne Gebetbuch und den Krug und - Eure Briefe gebracht; dem sind die hellen Thränen vor Freude - herunter gerollt und er hat gar nicht gewußt, über was er - sich am meisten freuen sollt’. Aus dem schönen Krug haben - wir gleich zusammen getrunken, und da hat’s noch tausendmal - besser geschmeckt als aus dem alten; dann hat der Einsiedel - das neue Buch mit dem schönen Einband genommen und mir Gebete - daraus vorgelesen, daß mir’s ganz andächtig geworden ist, und - dann haben wir zusammen ausgemacht, daß ich euch einen Brief - schreiben sollte, und hier ist er. Nehmt nur die Kleckse nicht - übel, daran ist nur die Tinte schuld, auf die Schiefertafel - mach’ ich keine. Also adieu, liebe Stadtfräuleins, habt - nochmals tausend Dank. Der Einsiedel grüßt und Großmutter grüßt - und ich grüße. - - Eure _Resi_. - - Nachschrift. Der Herr Lehrer hat mir auch einen Gruß - aufgetragen und sogar der Herr Pfarrer – das ist eine hohe - Ehr’, die euch widerfährt, und ich wag’s kaum niederzuschreiben. - - * * * * * - - Einen Strohhut haben wir auch gefunden, aber er ist ganz - zerdrückt, und ich hielt ihn für eine Düte.« – – – - - * * * * * - -So lautete der Brief der kleinen Resi, welchen Alma und Aennchen mit -großer Freude immer wieder lasen, und der Schulspaziergang mit all -seinen Abenteuern bildete noch lange Zeit ihr liebstes Gesprächsthema, -denn alles, was sie da erlebt hatten, entschwand ihrem Gedächtnis nicht -wieder und noch gar oft weilten sie im Geiste bei dem lieben alten -Einsiedel und der braunen Resi in der kleinen Hütte. - -[Illustration] - - - - -Achtes Kapitel. - -Schlimme Freundschaft. - - -Die Schulstunde war zu Ende und alle Mädchen machten sich fröhlich -daran, nach Hause zu gehen; auch Aennchen hatte bereits ihren Hut vom -Nagel genommen und nach der Büchertasche gegriffen, da nahm Alma sie -beiseite und flüsterte ihr ins Ohr: - -»Du mußt mir einen Gefallen thun und Sarah Elich noch einige -Augenblicke im Zimmer zurückhalten, ohne daß sie es merkt.« - -Aennchen sah die Freundin erstaunt an – was mochte diese mit Sarah -Elich vorhaben, mit welcher sie doch seit jener Scene im Garten in -beständiger Feindschaft gelebt hatte? Aber bereitwillig wie immer, wenn -es galt, einen Wunsch Almas zu erfüllen, ging sie auf Sarah zu, welche -sich soeben zum Fortgehen anschickte, und bat sie um die Gefälligkeit, -ihr ein Rechenexempel, welches der Lehrer heute aufgegeben, noch einmal -zu erklären. Damit war Sarah an ihrer schwachen Seite gepackt, denn -nichts schmeichelte dem ehrgeizigen Mädchen mehr, als wenn sie die -Belehrende in der Klasse spielen durfte. So nahm ihr für gewöhnlich -unfreundliches Gesicht einen milderen Ausdruck an, während sie Aennchen -aufs Umständlichste die Aufgabe begreiflich zu machen versuchte. Die -andern Mädchen verließen unterdessen alle nach einander die Schule; -nur Alma stand, von Sarah unbemerkt, hinter ihr und machte sich hinter -deren Rücken zu schaffen. Endlich war Sarah mit ihrer Erklärung zu -Ende, wandte sich und ging zur Thüre hinaus. Auch Aennchen war im -Begriff, ihr zu folgen, hätte aber beinahe laut aufgeschrieen, als -Alma ihr rasch die Hand auf den Mund legte und Schweigen gebot. -Aennchen aber starrte aufs höchste verblüfft bald die Freundin an, bald -der verschwindenden Sarah nach. - -Wie unendlich komisch, wie furchtbar lächerlich sah die gravitätisch -und ahnungslos dahinschreitende Sarah aus! Alma hatte ihr verstohlener -Weise auf den Hut eine Haube aus rotem Seidenpapier befestigt, von -welcher zwei Bockshörner in die Höhe ragten, und auf dem Deckel ihres -Bücherranzens prangte ein rotes Papier, welches mit einem großen -Eselskopf bemalt war. - -»Aber Alma!« rief Aennchen, als sie wieder Atem bekam. »Du kannst doch -unmöglich wollen, daß Sarah so durch die Stadt läuft!« - -»Natürlich will ich das,« versetzte Alma ernsthaft, »ich gönne ihr eine -solche Demütigung von Herzen.« - -»Nun, dann will ich wenigstens nichts von deinem Streiche wissen!« rief -Aennchen ernstlich böse, indem sie sich rasch von Alma abwandte, »es -thut mir wirklich leid, daß ich dir durch meine Gefälligkeit noch die -Sache erleichtert habe.« - -»Wenn du mich verklatschen willst, du feige Liese,« rief Alma -verächtlich und zornglühend aus, »dann thue es doch! Aber dann erhältst -du auch niemals mehr einen freundlichen Blick von mir!« - -Diese letzte Drohung hätte wohl Aennchen im Augenblick wenig -erschreckt, da sie wirklich aufgebracht über Alma war, aber die -Anschuldigung, feige klatschen zu wollen, erschien ihr wie die größte -Beleidigung. So rief sie dann erregt: - -»Verklatschen werde ich dich niemals, denn das ist verächtlich und du -weißt recht wohl, daß ich verschwiegen sein kann.« - -»Gut, dann versprich mir auch in die Hand, daß du, wenn du gefragt -wirst, meinen Namen nicht nennen willst,« sprach Alma rasch versöhnt, -und Aennchen mußte ihr die Hand darauf geben. - -Es war ihr nicht wohl bei der Sache und mit ziemlich bösem Gewissen -ging sie heute nach Hause, mußte auch den ganzen Mittag über an -die Geschichte denken und beneidete Bruder Fritz, welcher eine -ausgezeichnete Zensur mit nach Hause gebracht hatte und nun so stolz -und vergnügt von seinen Schulerlebnissen erzählen konnte. - -Als Aennchen nachmittags spät in die Schule kam, herrschte in der -ganzen Klasse große Aufregung. Herr Müller stand mit einer lebhaft -erregten Dame in einer Ecke des Zimmers und nicht weit von den beiden -stand Sarah Elich mit ganz dick verweinten Augen, die sie böse im -Zimmer umherschweifen ließ. Die Mädchen flüsterten und kicherten alle -zusammen, bis Herr Müller, nachdem die Dame das Zimmer verlassen hatte, -ein Zeichen gab und sprach: - -»Ich habe heute eine sehr traurige Erfahrung gemacht, die mich bitter -kränkte. Eine eurer Mitschülerinnen, Sarah Elich hier wurde durch -einen so abscheulichen Streich gefoppt, wie er nicht einmal in der -Knabenschule vorkommen darf. Es wurden ihr heimlich entstellende Bilder -am Hut und Ranzen befestigt und als Sarah dann ahnungslos durch die -Straßen nach Hause ging, folgte ihr die Gassenjugend mit Spottgeschrei -und Hohngelächter, so daß sich das erschreckte Mädchen ganz atemlos -in ein Haus flüchten mußte, wo sie die Ursache jenes Aufsehens erst -entdeckte. Wer hat der Armen nun diesen schlechten niederträchtigen -Streich gespielt? Ich fordere jede von Euch auf, zu gestehen oder -anzugeben, was sie darüber weiß!« - -Herr Müller machte eine Pause und ließ seine Blicke forschend über -alle Schülerinnen hinschweifen; als er Aennchens Augen traf, mußte -diese schwer die Lider senken und fühlte dabei, wie sie über und über -flammend rot wurde. - -»Aennchen,« sprach Herr Müller ernst und ließ seinen durchdringenden -Blick noch immer auf ihr ruhen, »du warst diejenige, mit welcher Sarah, -nach ihrer Aussage, zuletzt noch im Gespräch verweilte. So mußt du -unbedingt am ersten Bescheid wissen und ich frage dich ernstlich und -dringend: Was weißt du von dem ganzen Streiche? Hast du ihn am Ende -selbst verübt?« - -»Nein, o nein, gewiß nicht!« rief Aennchen angstvoll, indem sie die -Hand abwehrend ausstreckte, und ihre Augen zeigten solch aufrichtiges -Entsetzen, daß Herr Müller ihr glaubte und freundlicher fortfuhr: - -»Es freut mich, daß du nicht die Schuldige warst; aber vielleicht weißt -du doch, wer es gethan hat; du und Alma von Stolzau, welche heute -nicht in der Klasse erschienen ist, ihr beide waret zuletzt um Sarah -beschäftigt. Weißt du vielleicht, ob Alma den Streich begangen hat?« - -Es wurde Aennchen bei dieser Frage schwindelnd vor den Augen – wie -gerne, o wie gerne hätte sie ihr schweres Herz erleichtert und gerufen: -»Ja, Alma hat es gethan!« aber das durfte sie ja nicht, sie hatte Alma -versprochen, sie nicht zu verraten; so stürzten Thränen aus ihren -Augen, sie zitterte am ganzen Körper und rief angstvoll: - -»Lieber, guter Herr Müller, fragen Sie nicht, fragen Sie, bitte, nicht -– ich kann es nicht sagen!« - -»Wenn ich es aber von dir fordere, so _mußt_ du es gestehen!« rief Herr -Müller, ernstlich böse und entschieden aus. - -Aennchen jedoch gab keine Antwort, so sehr der Lehrer in sie drang; -sie weinte nur immer heftiger und erklärte, nichts zu wissen. So -unglücklich wie in diesem Augenblick hatte sie sich doch im Leben noch -nicht gefühlt und dies alles durch die Schuld der bösen Freundin, -welche sie noch dazu in der Stunde der Not im Stich gelassen hatte und -einfach gar nicht erschienen war. Herrn Müller standen die Zornesadern -auf der Stirn, als er seine Schülerin so verstockt fand, und mit -bebender Stimme erklärte er, sie zur Strafe so lang jeden Tag nach -dem Unterricht eine Stunde nachsitzen zu lassen, bis sie ein offenes -Geständnis abgelegt habe. - -Hierauf brach der Lehrer von der Sache ab und der Unterricht begann, -von welchem Aennchen in ihrer trostlosen Stimmung freilich herzlich -wenig vernahm. - -Als die Uhr vier schlug, durften alle Schülerinnen den Weg nach Hause -antreten. Herr Müller kam noch einmal auf Aennchen zu und sprach -freundlich ernst: - -»Bedenke dich wohl, Aennchen! Wenn du mir den gewissen Bescheid -giebst, kann ich dir die Strafe erlassen und werde dir sogar meine -Verzeihung angedeihen lassen.« - -Aennchen schaute den gütigen Lehrer mit trostlosen leeren Blicken an, -schüttelte den Kopf und – schwieg – da schritt er traurig und ernst -hinaus. Auch die Mädchen hatten sich verzogen, eine nach der anderen, -still war es im Zimmer, stille im ganzen Hause und alle die leichten -Mädchenfüße, welche tänzelnd die Treppen hinuntergeglitten waren, -verhallten nach und nach in der Ferne. Nun mochten auch die letzten das -Haus verlassen haben, denn die alte Hausmeisterin stieg schwerfällig -die Treppe herauf und schloß mit einem großen klappernden Schlüsselbund -die Klassen eine nach der anderen ab. Auch zu derjenigen, in welcher -Aennchen weilte, kam sie auf ihren großen Filzschuhen hergeschlürft und -streckte den grauen Kopf zur Thüre herein, brummte dann aber, als sie -die kleine zusammengekauerte Gestalt in der Ecke sah: - -»Aha, noch ein kleines gefangenes Vögelchen; da darf der Käfig noch -nicht ganz geschlossen werden!« - -Aennchen hätte gar zu gern auf die Alte zustürzen und sie anflehen -mögen, bei ihr zu bleiben in dem großen stillen Zimmer; allein -sie hegte große Scheu vor der strengen Frau, welche schon oftmals -gescholten hatte, wenn sie mit von der Straße beschmutzten Füßen über -die frischgereinigten Treppen hinaufstürmen wollte, ohne sich vorher -gehörig abzustreifen. So lauschte sie angstvoll, bis die Tritte der -Alten langsam wieder verhallten, und nun kam das Gefühl der Einsamkeit -erst recht beängstigend über sie. Sie wagte kaum zu atmen und sich in -dem Gemach umzusehen, das ihr in seiner Verlassenheit so ganz verändert -erschien, und doch mußte sie mit starren Blicken immer auf die lange -Reihe der leeren Bänke vor sich hinschauen und auf die große bunte -Landkarte an der Wand. - -Und dann mußte sie wieder an zu Hause denken, welche Angst wohl ihre -liebe Mama empfinden würde, wenn das Töchterlein nicht zu gewohnter -Stunde nach Hause käme, und welch einen Schmerz würde es ihr bereiten, -wenn sie erfuhr, warum Aennchen nicht nach Hause kam? - -So waren wohl drei Viertelstunden verstrichen, welche Aennchen wie -eine Ewigkeit dünkten, da kam abermals ein Schritt die Treppe herauf, -aber es war nicht der schwere schlürfende Schritt der Hausmeisterin, -sondern er klang leicht und elastisch. Und plötzlich stand eine kleine -unscheinbare Gestalt unter der Thüre und eine sanfte Stimme sprach: - -»Aennchen, ist es dir recht, wenn ich dir etwas Gesellschaft leiste?« - -Aufs höchste überrascht fuhr Aennchen empor und starrte die -Eingetretene an: - -»Du bist es, Martha Traugott, was willst du hier?« - -Martha trat näher zu Aennchen und sprach beinahe schüchtern: - -»Ich habe so sehr Mitleid mit dir gehabt, als du so allein bleiben -mußtest. Da bin ich vorhin zu Herrn Müller gelaufen und habe ihn -gebeten, ob er mir nicht erlaube, die letzte Viertelstunde noch mit -dir nachzusitzen, und er hat es endlich gestattet, wenn auch nur -widerstrebend. Nun wird es dir doch hoffentlich recht sein, wenn ich -bei dir bleibe?« - -Die sanften treuherzigen Augen der armen verwachsenen Martha blickten -Aennchen so herzlich an, daß diese aufs tiefste gerührt in Thränen -ausbrach, die Arme um das kleine verachtete Mädchen schlang, über -welches sie immer so hochmütig hinweggesehen hatte, und schluchzend -rief: - -»O Martha, liebe Martha, wie soll ich dir diesen Liebesdienst vergelten -und wie habe ich es um dich verdient?« - -Martha aber streichelte liebkosend mit ihren dünnen Fingerchen -Aennchens nasse Wangen und flüsterte dabei: - -»Sei nur gut Aennchen, ich habe dich ja immer lieb gehabt, wenn du mich -auch nicht beachtet hast. Nun darfst du bald zu deinem Mütterchen nach -Hause und der erzählst du dann ganz aufrichtig, wie alles gekommen ist, -und verschweigst ihr nicht das Geringste – gelt? Dann wird alles wieder -gut.« - -»Gewiß glaubt der Lehrer und alle Mädchen, daß ich der Sarah den -Streich gespielt habe?« schluchzte Aennchen. - -»Nein,« sprach Martha, »das glauben nur die wenigsten von uns. Die -meisten haben Verdacht auf Alma, welche es gewiß auch gethan hat; du -wolltest sie nur nicht verklatschen.« - -»Martha, woher weißt du es so genau?« rief Aennchen, indem ihr die -Thränen stille standen. »Du mußt wirklich sehr klug sein; aber nun -sage selbst: hätte ich Alma verklatschen dürfen, nachdem ich doch -versprochen hatte, es nicht zu thun?« - -»Ich glaube, du hättest es eben gar nicht versprechen dürfen,« meinte -Martha nachdenklich. »Nun muß jedenfalls Alma bewogen werden, auch -selbst ihr Geständnis abzulegen, und es war sehr schlimm von dir, daß -du gegen Herrn Müller so verstockt warst. Nun wollen wir aber nicht -mehr von der Geschichte sprechen, die Stunde deiner Befreiung schlägt -soeben und ich führe dich nach Hause, wenn es dir recht ist.« - -»Du bist das liebste beste Geschöpf auf Erden!« rief Aennchen tief -gerührt und umarmte die kleine Gefährtin dankbar. »O bitte, stehe mir -noch bei, wenn ich nach Hause komme und Mama die Geschichte erzählen -muß!« - -[Illustration] - - - - -Neuntes Kapitel. - -Martha. - - -Aennchen war krank. Sie war damals an jenem unglücklichen Nachmittag -mit Kopfschmerzen nach Hause gekommen, und während die kleine Martha, -wie sie gebeten worden war, Aennchens Mutter den ganzen Hergang -berichtete, hatte das zerknirschte Mädchen so viel geweint und -geschluchzt, daß es ganz elend geworden war. - -So wurde sie denn rasch zu Bett gebracht und hier begann sie zu -fiebern. Der Herr Doktor wurde geholt und erklärte, daß der Scharlach -bei dem Kind im Anzug wäre. Aennchens Eltern erschraken sehr und -ließen ihr krankes Kind aus dem Kinderzimmer in ein abgelegenes Gemach -bringen, damit die Brüder nicht von ihm angesteckt würden. Die Mama -widmete sich Tag und Nacht der Pflege der Kleinen und nur, wenn sie -zu sehr davon erschöpft war, erlaubte sie der alten Kinderfrau, sie -abzulösen. Aennchen lag längere Zeit in heftigem Fieber und wußte -nichts von sich; da phantasierte sie beständig von der Schule und -Alma – am meisten aber beschäftigte sie sich doch mit Martha und kaum -begann sie wieder klaren Sinnes zu werden, da verlangte sie dringend, -das kleine verwachsene Mädchen zu sehen. Es konnte ihr freilich nicht -gestattet werden; die Gefahr der Ansteckung war noch nicht beseitigt, -aber die Mama versprach ihr sobald sie wieder vollständig genesen sei, -würde sie das kleine Mädchen zu ihr herüberbitten. - -Und so war denn endlich einmal ein Tag gekommen, an welchem Aennchen -vollständig fieberfrei und genesen in ihrem Bettchen saß; der Herr -Doktor war soeben fortgegangen, nachdem er erklärt hatte, seine liebe -Patientin sei von nun an als vollständig gesund zu betrachten und -er habe ihr keinen Rat mehr zu erteilen, als sich das Essen recht -schmecken zu lassen. Die Mama hatte Freudenthränen in den Augen, als -sie ihr liebes Kind mit Dank gegen Gott in die Arme schloß, und die -Brüderchen durften alle an ihr Bett kommen und sie begrüßen. Dann -wurden sie wieder davongeführt und es war still im Zimmerchen; da -öffnete sich auf einmal die Thüre und an der Hand von Aennchens Mutter -trat die kleine Martha schüchtern in das Gemach, in den Händen einen -großen Blumenstrauß haltend. - -»Hier hast du denn endlich deine kleine Freundin, welche ein Stündchen -bei dir bleiben darf,« sprach Aennchens Mama lächelnd. »Ihr dürft -aber nicht gar zu lang sprechen und euch gegenseitig nicht aufregen. -Aennchen besonders soll sich ganz ruhig verhalten und sich lieber von -Marthchen erzählen lassen.« - -Damit ließ die gute Mutter die beiden Mädchen allein, welche sich -innig umschlungen hielten. Die kleine Martha setzte sich an Aennchens -Bett und erzählte ihr mit ihrer leisen sanften Stimme alles, was sich -während der langen Wochen, welche Aennchen krank gelegen, zugetragen -hatte. Und Aennchen hörte voll Staunen, daß bereits so lange vergangen -sei seit jenem letzten Schultag; daß unterdessen der Herbst ins Land -gezogen sei und was sich inzwischen in der Schule alles verändert habe. - -Alma von Stolzau sei gar nicht mehr in die Schule gekommen, weil -ihre Mutter eine Reise mit ihr angetreten habe. Der Lehrer habe ihre -Eltern von dem bösen Streich noch in Kenntnis gesetzt, welchen sie am -letzten Tag einer Schülerin gespielt habe, und Herr von Stolzau habe -geantwortet, er würde seine Tochter noch gebührend bestrafen. - -»Die arme Alma!« sagte Aennchen bedauernd; »das wird wohl schlimm -ausgefallen sein, denn ihr Vater ist sehr streng. Aber hat sie mir denn -kein einziges Wörtlein Lebewohl sagen lassen?« - -»O ja, sie sandte in deiner Krankheit wohl Grüße und Blumen an dich, -aber du warst zu krank, davon zu erfahren. Armes Aennchen, nun hast du -deine Freundin verloren!« Martha blickte Aennchen mitleidig an, diese -schlang den Arm um ihren Hals und bat leise: - -»Willst du meine Freundin sein, wenn ich dir nicht zu böse bin?« - -Damit war der Freundschaftsbund geschlossen und nun kamen Stunden -schönsten Genusses für die beiden kleinen Mädchen. Jeden Tag, welchen -Aennchen noch im Zimmer zu verbleiben hatte, brachte Martha einige -Stunden bei Aennchen zu, machte ihre Schulaufgaben bei ihr und war -Aennchen behilflich, das, was sie während der Krankheitszeit versäumt -hatte, unter ihrer Leitung nachzuholen. Und sie verstand es so gut, die -geduldige, gewissenhafte Lehrerin zu spielen, daß Aennchen wirklich -Fortschritte machte und sich bestrebte, dem guten Beispiel, das ihr -geboten war, nachzufolgen. - -Als sie wieder ausgehen konnte, durfte ihr erster Gang zu Martha sein, -um dieser für alles, was sie ihr während der langen Krankheitszeit -erwiesen hatte, zu danken. Mit klopfendem Herzen stieg sie die enge, -dunkle Treppe empor und klingelte an der kleinen Thür des Hausganges. -Trippelnde Schritte näherten sich von innen und Martha selbst öffnete -ihr. Sie sah wie ein kleines Hausmütterchen aus, war in eine große -leinene Schürze gekleidet, welche die ganze schmächtige Gestalt -einhüllte, und ihre schwachen Aermchen schleppten an einem Bündel Holz -und Reisern, welche sie fest an sich gedrückt trug. Bei Aennchens -Anblick flog ein verlegenes Erröten über ihr Gesichtchen: »Du findest -mich sehr beschäftigt,« sagte sie, »ich war eben darüber, ein kleines -Feuerchen in meiner Schwester Zimmer zu machen.« - -»Ist es möglich?« staunte Aennchen. »Du kannst es doch unmöglich -verstehen?« - -»O doch,« versicherte Martha eifrig, »wir haben kein Mädchen und da -wir deswegen alle Geschäfte selbst verrichten müssen, so habe ich -Mütterchen vieles abgelernt, um sie etwas bei der Arbeit unterstützen -zu können. – Aber so komm doch nur herein, damit du die Meinen begrüßen -kannst!« - -Damit führte sie Aennchen in ein kleines, niedriges Zimmer, das -freilich sehr einfach in seiner Einrichtung war, aber doch höchst -behaglich wirkte durch die Sauberkeit und Ordnung, welche überall -herrschte. Die Kommoden und Tische waren mit weißen gehäkelten Deckchen -geziert, blendend weiße Gardinen verhüllten die kleinen Fenster, -an welchen einige Blumenstöcke standen, und in einem Messingbauer -zwitscherte ein gelber Kanarienvogel ein vergnügtes Liedchen. In einer -Ecke des Gemaches stand ein Bett und auf den weißen Kissen lag ein -blasses zartes, junges Mädchen mit großen glänzenden Augen und sanftem, -lieblichem Gesicht. Den Lehnstuhl neben ihrem Bette hatte eine würdige -alte Dame inne, welche sich bei Aennchens Eintritt freundlich erhob und -ihr grüßend entgegenkam. - -»Gott segne dich, mein liebes Kind, und erhalte dich fortan gesund,« -sprach sie, indem sie Aennchen küßte; »wie glücklich wird deine Mama -sein, daß du wieder genesen bist! Könnte doch meine arme Klara auch -wieder gesund werden!« - -Ein trauriger Blick der guten Frau flog zu dem kranken Mädchen im Bett -hinüber; dieses streckte mit einem süßen Lächeln dem schüchternen -Aennchen die abgezehrte Hand entgegen und sprach mit unendlich sanfter -Stimme: - -»Komm doch näher, liebes Aennchen! Du bist mir schon längst aus den -Erzählungen meines Schwesterchens bekannt und vertraut, und ich habe -mich schon so darauf gefreut, dich kennen zu lernen. Nun mußt du dich -auch zu mir setzen und mir recht viel erzählen.« - -Und sie zog Aennchen zärtlich zu sich heran, welches bald alle Scheu -verlor und sich außerordentlich angeheimelt und wohl in dem niedrigen -kleinen Stübchen zu fühlen begann. Das Feuer, welches Martha im Ofen -entzündet hatte, knisterte so behaglich, Martha ging ab und zu, setzte -einen Topf mit Wasser auf und begann draußen in der kleinen Küche -Kaffee zu mahlen, während die Frau Pfarrerin ruhig an ihrer Arbeit, -einer großen Filetdecke, fortfuhr. Aennchen sah mit hellem Staunen -diesem fleißigen Walten in der Stube zu; sie hätte niemals gedacht, -daß ein kleines Mädchen der Mutter schon so an die Hand zu gehen -vermöchte, denn während diese den Kaffee aufgoß, begann Martha den -Tisch aufzudecken, Tassen und den Brotkorb und die Zuckerdose darauf zu -stellen, und als alles fertig war, nahm sie die große Schürze ab und -lud alle freundlich zum Kaffee ein. - -»Du staunst wohl, liebes Kind, was mein fleißiges Hausmütterchen -Martha alles zu arbeiten versteht?« sprach die Frau Pfarrerin zu dem -verblüfften Gast während sie ihm Kaffee einschenkte. »Aber mit gutem -Willen und einiger Geschicklichkeit vermag ein Mädchen selbst in -Kinderjahren schon Tüchtiges zu leisten. Ich könnte ohne meine liebe -kleine Martha gar nicht zurechtkommen; sie ist unser Sonnenstrahl in -trüben Tagen.« Damit küßte sie ihr vor Freude errötendes Kind auf die -Stirn und blickte ihr tief in die großen blauen Augen, fragte aber dann -besorgt: - -»Hast du heimlich geweint mein Kind, weil du einen solch trüben, -umränderten Blick hast?« - -Martha neigte das Köpfchen tief auf die schmale Brust, konnte aber doch -nicht verbergen, daß zwei große Thränen langsam aus ihren Augen über -die Wangen herabrollten. Leise und betrübt murmelte sie: - -»Als ich vorhin über die Straße ging, kreuzten wilde Gassenbuben meinen -Weg und wie ich ihnen ängstlich auswich, riefen sie mir spottend nach: -›Dort läuft die bucklige Martha!‹« - -Das arme verwachsene Kind brach in Thränen aus und auch Aennchen -standen die hellen Thränen in den Augen. Sie umschlang die Freundin -zärtlich mit den Armen und rief: - -»Laß dich doch durch solche rohe Buben nicht kränken! Ich werde dir ein -Märchen erzählen, das mir erst gestern Mama aus einem schönen Buche -vorgelesen hat und das dich am besten trösten mag. – Da war einmal ein -armes, kleines buckliges Mädchen, das traute sich nie bei Tag über die -Straße zu gehen, weil es einen so großen Höcker gleich einem dicken -Kasten auf dem Rücken trug, daß alle bösen Kinder, die es sahen, -seinen Spott mit ihm trieben und es verhöhnten. Weil das arme Kind -aber nie an die Luft kam und seine Eltern zu arme Leute waren, die -ihm keine kräftige Nahrung bieten konnten, wurde es immer blässer und -schmächtiger und eines Tages war es so schwach, daß es sich nicht mehr -aus seinem elenden Bettchen erheben konnte. Es betete zum lieben Gott -um Erlösung, da sandte er einen lichten Engel, welcher zu dem buckligen -Mädchen niederflog und es emporholte in das himmlische Reich. Der -Engel flog mit dem staunenden Kind durch das ganze weite Himmelszelt: -vor der Pforte zum Eingang in die Ewigkeit setzte er es nieder und -Petrus öffnete die Thür und lud es zum Eintreten ein. Aber das kleine -Mädchen zauderte und Thränen rannen ihm die blassen Wänglein herab. -›Ach,‹ schluchzte es, ›ich bin doch nicht wert, zu all den herrlichen -himmlischen Englein eintreten zu dürfen, ich habe ja einen so großen -Buckel.‹ Petrus stand gerührt und des Engels Antlitz erglänzte voll -himmlischer Milde. Sanft berührte er mit seinem goldenen Stab den -häßlichen großen Kasten, welchen das arme Kind Zeit seines Lebens auf -dem Rücken getragen hatte, und siehe – er sprang auf und zwei wunderbar -lichte Engelsflügel schwangen sich daraus hervor. ›Weißt du nun, was du -so lange auf dem Rücken getragen hast?‹ fragte der goldene Engel und -er küßte den neuen kleinen Engel, welcher ganz berauscht von Glück mit -ihm in die himmlischen Gefilde flog. – Dies ist die Geschichte von dem -armen, buckligen Mädchen.« schloß Aennchen ihre Erzählung. - -Eine feierliche Stille herrschte im Zimmer, dann zog Marthas Mutter die -kleine Erzählerin an sich und küßte sie mit bebenden Lippen. - -»Hab Dank für diese liebe Mär,« flüsterte sie und blickte dann ihre -Martha an, welche ganz gehoben dasaß und deren demütiges Gesichtchen -einen beinahe feierlichen Ausdruck zeigte. »Deine kleine Geschichte -wird ihr künftig bei allen weiteren Demütigungen ein Trost sein, den -sie auf ihrem Lebensweg gar wohl gebrauchen kann. Willst du aber nun -auch erfahren durch welchen unglückseligen Fall mein armes Kind zu -diesem Gebrechen kam? Er hängt mit der Krankheit meiner Tochter Klara -eng zusammen.« - -Aennchen nickte aufs höchste gespannt und die Frau Pfarrerin erzählte: - -»Als mein guter Mann noch lebte, da wohnten wir in einem freundlichen -Pfarrhause auf dem Land. Es war ein reizendes Häuschen, das ein -blühender Garten dicht umschloß, aber freilich lag es ziemlich einsam -und abgelegen von allem Verkehr. Uns störte das in unserem Glücke nicht -und unsere Kinder noch weniger; sie waren damals noch klein: meine -Tochter Klara acht Jahre alt, Martchen kaum ein einziges Jahr, und die -köstliche Landluft, in welcher sie aufwuchsen, ließ die beiden gleich -Röslein erblühen. Eines Tages hatten mein Mann und ich einen weiten -Weg in die Stadt zu machen; wir übergaben daher die beiden Kinder der -Wärterin, welche allerdings keine sehr gewissenhafte Person war. Als -wir halbwegs gegangen waren, begegnete uns eine Schar von Zigeunern und -besorgt sprach ich gegen meinen Mann die Befürchtung aus, dieselben -könnten möglicherweise ihren Weg über das Pfarrhaus nehmen. Beinahe -wäre ich umgekehrt, doch schalt ich mich thörichterweise aus wegen -meiner Angst – hätte ich doch meinen Entschluß ausgeführt, ich würde -viel Unglück verhütet haben! – Denn ach, es geschah, wie ich gefürchtet -hatte: die Zigeuner gerieten in die Nähe unseres Pfarrhauses und ein -Weib wurde von der Bande zum Betteln ausgeschickt. Sie fand keinen -einzigen, erwachsenen Menschen im ganzen Hause; die treulose Wärterin -war zum Plaudern ins Dorf gegangen; Klara spielte hinten im Gärtchen -und alles war totenstill. So machte sich die Alte mit gieriger Hand -daran, in dem offenen Wohnzimmer zu stehlen, soviel sie konnte; da fiel -ihr Blick auf eine kleine Wiege, in welcher ein unschuldiges Kindlein -in süßem Schlummer lag. Rasch wie der Blitz hatte sie es ergriffen -und an sich gedrückt, da fühlte sie sich von hinten umfaßt und eine -bebende Kinderstimme rief: »Laß mir mein Schwesterchen, o nimm mein -Schwesterchen nicht davon.« Die Alte suchte das sie umklammernde -Kind von sich abzuschütteln – allein dasselbe hatte sich mit beinahe -übermenschlicher Gewalt an sie gehangen und rief in lauten gellenden -Tönen um Hilfe. Lange dauerte der Kampf zwischen der Frau und der -Kleinen, die mit dem Mut der Löwin um das zarte Schwesterchen kämpfte -obwohl die Alte ihr einige entsetzliche Stöße versetzt hatte: endlich -riß der Zigeunerin die Geduld, als sie von fernher Schritte nahen -hörte; sie warf den kleinen Säugling mitten in die Stube, schleuderte -das Mädchen von sich ab und rannte ins Freie. – Als wir Eltern nach -Hause kamen, fanden wir unsere unglücklichen Kinder zwar gottlob noch -vor, aber beide schwer verletzt von dem furchtbaren Ueberfall. Es -zittert mir das Herz, mehr davon berichten zu sollen; genug, meine -arme Klara trug durch den Schrecken ein langes Siechtum davon und -meiner armen kleinen Martha ward von dem jähen Fall das zarte Rückgrat -gekrümmt. – Nicht wahr, das ist eine traurige Geschichte, mein Kind?« -schloß die Frau Pfarrerin, ihre Augen trocknend, zu Aennchen, »aber -unser Trost ist, daß jedes Leid von Gott kommt, und daß es uns nur so -viel schickt, als unsere Schultern tragen können. Auch uns ist aus -dem Leid hohe Tröstung erwachsen; die Herzen meiner Kinder haben sich -zu Gott gekehrt und sie nehmen dankbar entgegen, was er in seinem -Ratschluß für sie beschlossen hat.« - -Es war Aennchen zu Mut, als wäre sie in einer Kirche, und sie vermochte -kein Wort zu erwidern. Aber die Frau Pfarrerin, welche fürchten mochte, -sie zu sehr aufgeregt zu haben, brachte das Gespräch auf andere Dinge -und forderte Martha auf, Aennchen ihre Spielsachen zu zeigen – »denn,« -sagte sie, »meine Martha soll auch ihre kindlichen Freuden haben gleich -andern Kindern.« - -»Hast du auch ein Spielzimmer, wie wir?« frug Aennchen neugierig. - -»O nein, wie kannst du denken,« lächelte Martha, »wir haben ja nur zwei -Stuben im ganzen, aber dennoch besitze ich eine so schöne Spielecke mit -Puppenstube, daß ich sie mit keiner prächtigeren vertauschen möchte. -Komm nur, ich will sie dir zeigen.« - -Damit führte Martha Aennchen mit geheimnisvoller Miene nach einem -Plätzchen hinter dem Ofen und voll Staunen stand diese davor. Eine -solche Spielecke hatte sie noch nie gesehen! Der große Kachelofen -bildete eine tiefe Nische zwischen der Wand und einem vorstehenden -Tisch, welcher gerade für eine schmale Kindergestalt noch Raum zum -Durchschlüpfen ließ. Und so war die kleine Ecke denn ein höchst -gemütliches lauschiges Winkelchen, welches sich Martha mit unendlicher -Sorgfalt und Mühe und viel Geschicklichkeit zu einem niedlichen -Puppenzimmer umgeschaffen hatte, in dem sie selbst auf einem -niedern Schemelchen auch Platz finden konnte. Ein kleines einfaches -Puppenbettchen, mit weißen Wollvorhängen umzogen, stand in der Ecke, -daneben eine alte Puppenkommode, auf der ein gehäkeltes Deckchen und -allerlei niedliche Kleinigkeiten lagen; dann ein Schränkchen und ein -Puppentisch und Puppenstühlchen, auf dem eine Puppe saß vor einem -aufgeschlagenen Puppenschreibheft und mehreren Büchelchen. Alles war -sehr einfach aber außerordentlich sauber gehalten, dann hatte noch ein -Nähkästchen und ein Korb mit Flickresten seinen Platz dabei. - -Aennchen war ganz entzückt von allem; so gut hatten ihr selbst Almas -Spielsachen nicht gefallen. - -»Hat deine Mama dir alles so gemütlich eingerichtet?« frug sie lebhaft. - -»Bewahre, Aennchen, das habe ich mir alles selbst gemacht,« erwiderte -Martha. »Sieh, meine Mama ist viel zu arm, mir kostbares Spielzeug zu -kaufen, aber sie besaß selbst von ihrer Kinderzeit her noch diese Puppe -und die kleinen Möbel, welche auch meine Schwester Klara zum Spielen -hatte. Als es auf mich übertragen wurde, war alles schon recht alt -und morsch, doch hat ein guter Tischler, den ich darum bat, mir alles -wieder zusammengeleimt und angestrichen. Dann bat ich Mama um etwas -Mull zu einem Bettvorhang und Stoff zu Ueberzügen. Das nähte ich dann -alles selbst und es ist doch sehr hübsch geworden, nicht wahr? Alle -vierzehn Tage halte ich Puppenwäsche, da wird alles gut durchgewaschen, -damit es ordentlich und sauber aussieht.« - -Aennchen glaubte ihren Ohren nicht trauen zu dürfen. »Das hast du -wirklich alles selbst genäht?« fragte sie erstaunt. »Aber doch sicher -nicht die niedlichen Puppenkleider, die hier in dem Schränkchen hängen?« - -»Alle hab ich selbst gemacht,« versicherte Martha stolz. »Meine -Schwester Klara hat sie mir zugeschnitten und ich nähte sie dann in -meinen freien Stunden, selbst das Mäntelchen und die Kapuze. Wenn ich -nur mehr hübsche Fleckreste bekommen könnte; ich hätte dann auch gern -ein paar Staatskleidchen gemacht.« - -Aennchen war beinahe stumm vor Beschämung. Sie erinnerte sich jener -schönen Puppe zu Hause, welche sie unbekleidet zum Geburtstag bekommen -hatte, damit sie aus den hübschen Zeugresten ihr selbst Kleidungsstücke -herstellen sollte; das hatte sie aber nicht gethan, sondern die arme -Puppe lieber die ganze lange Zeit im dünnen Hemdchen im Kasten liegen -lassen, als daß sie selbst die faulen Fingerchen ihretwegen gerührt -hätte. Und dies kleine Mädchen hier, welches schon ohnedies so viel -Anderes zu thun hatte und in der Schule eine Musterschülerin war, hatte -trotzdem Zeit gefunden, seinen Puppenhaushalt in solch musterhafter -Ordnung zu erhalten! - -»Ich habe auch eine schöne Puppe daheim, welche der Kleidchen bedarf,« -sagte Aennchen jetzt beinahe schüchtern, »würdest du so freundlich -sein, mir zu zeigen, wie man dieselben anfertigt? Meine Mama hat mir -die reizendsten Stoffe zu Kleidchen gegeben.« - -»O, das ist ja herrlich,« rief Martha freudig aus. »Da wollen wir -tüchtig zusammen schneidern; du wirst sehen, welch großes Vergnügen es -gewährt, etwas Hübsches zu stande zu bringen, und ich bin immer ganz -stolz, wenn mein Kind neu und schön gekleidet ist. Bringe deine Puppe -nur recht bald zu mir herüber; wenn ich eine freie Stunde habe, dann -wollen wir recht fleißig zusammen sein. Nun mußt du aber auch noch die -Schulbücher meiner Lilly sehen.« - -Damit öffnete sie ein kleines Schubfach, in welchem eine Anzahl der -niedlichsten Heftchen lagen, alle selbst zugeschnitten und genäht, -liniert und mit sauberer, sorgfältiger Schrift beschrieben, selbst ein -kleines Zeichenheft, zur Hälfte mit Zeichnungen bedeckt, war dabei -und eine kleine Schiefertafel mit Schwämmchen. So etwas Niedliches -hatte Aennchen wirklich noch nicht gesehen und begierig ließ sie sich -von Martha berichten, in welcher Art sie mit der Puppe immer die -Lehrstunde halte und wie diese alles, was Martha selbst in der Schule -gelernt, dann auch in ihre kleinen Hefte eintragen müsse. Bei dieser -Gelegenheit prägte sich Martha dann spielend alles doppelt leicht -ein. Welche Freude hatte Aennchen, als die kleine Lehrmeisterin sie -aufforderte, sich auch künftig an dem Spiel zu beteiligen, und als sie -dann endlich nach Hause zurückkehrte, da war ihr kleines Herz so voll -von allen neuen Eindrücken, daß sie es gar nicht erwarten konnte, ihrer -Mama alles zu berichten. Diese lauschte erfreut den Erzählungen ihres -Töchterleins und sagte dann: - -»Ich bin sehr zufrieden, liebes Kind, wenn du dir ein so vortreffliches -Mädchen, wie die arme kleine Martha es ist, zur Freundin auswählst. -Du kannst dir an ihrem Fleiß, ihrem Gehorsam und ihrer Pflichttreue -nur ein gutes Beispiel nehmen und dies wird von unendlichem Nutzen für -dich sein. ›Sage mir, mit wem du umgehst und ich will dir sagen, wer du -bist,‹ ist ein nur zu wahres Sprichwort. Ein guter Freund vermag den -ganzen Charakter des andern zu veredeln und seinen Anschauungen eine -bessere Richtung zu geben. Dir mein kleines flatterhaftes Aennchen, -wäre dies von ganz besonderem Nutzen, denn durch die Freundschaft, -welche du so lange mit Alma von Stolzau gepflegt hast, hatten deine -Neigungen zum Leichtsinn und Uebermut sich sehr verschlimmert; so -danke ich Gott, wenn du nun auf andere Wege geführt wirst, und werde -glücklich sein, aus meinem Töchterlein ein recht braves artiges Mädchen -werden zu sehen.« - -Und wirklich, die Freundschaft Aennchens zu der armen Martha trug -bald so überraschende Früchte, daß Eltern und Lehrer voller Staunen -die Umwandlung mit ansahen, welche mit dem früher so flatterhaften -Mädchen vorging. Aennchen bemühte sich, in der Schule eine ebenso -fleißige und aufmerksame Schülerin zu sein, wie ihre Freundin; sie -gab in den Unterrichtsstunden genau auf die Worte des Lehrers acht, -vermied es, mit ihren Nachbarinnen heimlich zu flüstern oder unter -dem Tisch sich mit Spielereien zu beschäftigen, wie sie es, zu ihrer -Schande müssen wir es gestehen, leider früher nicht selten versucht -hatte. Ihre Bücher und Hefte hielt sie von nun an sauberer als vorher, -denn das war wirklich höchst notwendig, wollte sie die Geduld ihrer -Lehrer nicht aufs äußerste erschöpfen. Hatte sie doch einmal ein ganzes -Rechenbuch derartig mit Kritzeleien und kleinen Bildern vollgezeichnet, -daß es völlig unbrauchbar geworden war und sie dafür tüchtig bestraft -werden mußte. Ihre Hausaufgaben fertigte Aennchen nur immer mit Martha -zugleich. - -Aennchens Eltern hatten aus dem kleinen Stübchen, welches früher das -»Trutzstübchen« gewesen, seitdem die Kinder größer und artiger geworden -waren, ein gemütliches Arbeitszimmerchen geschaffen, in welchem ein -großer Schreibtisch und ein Büchergestell mit mehreren Stühlen alles -boten, was man zum Arbeiten nötig hatte, ohne die Aufmerksamkeit -durch andere Dinge abzuziehen. Hier saßen nun täglich nach der Schule -Martha und Aennchen zusammen, nachdem sie ihr Vesperbrot verzehrt -hatten, und arbeiteten mit Fleiß und Sorgfalt die Arbeiten aus, -welche die Lehrer ihnen aufgegeben. Bereits bestanden diese nicht -mehr allein aus Schreibübungen, Lesen und Rechnen, sondern sie hatten -schon französische Grammatik zu treiben, für den Religionsunterricht -nachzuholen, Naturgeschichte und Geographie zu studieren und noch -verschiedenes andere. Sogar schon deutsche Aufsätze wurden geübt, das -war den Mädchen die liebste Beschäftigung und sie arbeiteten dieselben -leicht und zufriedenstellend, so daß sie meist gute Noten davontrugen. - -Wenn die Schularbeiten fertig waren, dann mußte Martha nach Hause zu -ihrer Mutter, um dieser an die Hand zu gehen; hatte dieselbe aber -keine besondere Arbeit für ihr fleißiges Töchterchen vor und bedurfte -die kranke Schwester Agnes ihrer Gesellschaft nicht, dann wurde ihr -erlaubt, mit Aennchens Puppe zu spielen. - -Und das war nun erst recht der wahre Genuß! Lange schon hatte Aennchen -mit geschickten Fingern ihrer Freundin das Kleidermachen für Puppen -abgelernt und bereits besaß ihre früher so vernachlässigte Puppe eine -vollständige Garderobe, welche vom hübschesten Sonntagskleidchen bis -zum einfachsten Hausanzug äußerst niedlich von ihr selbst gefertigt -war. Wenn die Weihnachtszeit aber herankam, dann begnügten sich die -fleißigen Mädchen, nicht, ihre eignen Puppen zu versorgen – dann kaufte -Aennchens Mama eine Anzahl hübscher Puppen und diese wurden dann abends -bei Lampenlicht von den lieben kleinen Mädchenhänden reizend gekleidet -und geziert, damit sie dann am Weihnachtsabend eine Anzahl armer Kinder -erfreuen konnten. - -So hatte die Freundschaft der kleinen verwachsenen Martha für Aennchen -wirklich die köstlichsten Früchte getragen. - -[Illustration] - - - - -Zehntes Kapitel. - -Ein Brief Almas an Aennchen. - - -Beinahe zwei Jahre waren schon darüber hingegangen, seitdem Aennchen -ihre Freundin Alma nicht mehr gesehen und nichts mehr von ihr gehört -hatte. Nur einmal brachte am Anfang Aennchens Vater die Nachricht nach -Hause, Herr von Stolzau sei nun auch ganz auf Reisen gegangen und -habe sein Gut einem Verwalter übergeben, seit Frau von Stolzau ganz -plötzlich in Italien gestorben sei. Aennchen hörte voll Mitleid, welche -Trauer die arme Alma betroffen habe, sie hätte ihr gerne ihre Grüße -gesandt, doch wußte sie ihre Adresse nicht und glaubte sich von ihr -längst vergessen. - -Da, wer beschreibt ihr Erstaunen, brachte eines Tages der Briefträger -einen verschlossenen Korb an ihre Adresse; Aennchen konnte kaum -glauben, daß sie selbst damit gemeint sei, und als sie dennoch mit -hastigen Händen öffnete, da stieg ihr ein köstlicher süß betäubender -Duft entgegen! Zwischen Myrten und Orangenblüten lagen die herrlichsten -Apfelsinen, Trauben und Datteln vor ihren entzückenden Blicken, zu -oberst des Korbes aber, in Seidenpapier gewickelt, ein viereckiges -Couvert mit einem dicken engbeschriebenen langen Briefe. Ein Brief von -Alma! War es wirklich möglich?! Hatte die Freundin wirklich sie noch -nicht ganz vergessen?! Aennchen war ganz außer sich vor Stolz, und als -sie sich etwas gefaßt hatte, setzte sie sich hin und las den langen -Brief der folgendermaßen lautete und mit einer hübschen gleichmäßigen -Kinderschrift geschrieben war: - - Venedig. - - _Mein liebes Aennchen!_ - - Du hast ganz sicherlich gedacht, daß ich dich vergessen habe, - weil ich so ewig lange Zeit nichts von mir hören ließ und bei - meiner schnellen Abreise nicht einmal Abschied von dir nahm. - Aber du warst krank damals, da durfte ich nicht zu dir und - hätte auch keine Zeit dazu gehabt, weil meine liebe Mama sich - so schnell zu einer Reise nach Italien entschließen mußte. - Sie war leidend geworden und sollte keinen Augenblick zögern, - in ein wärmeres Klima zu kommen; der Herr Doktor hoffte dann - sichere Genesung für sie. Aber ach, meine arme liebe Mama hat - die Genesung leider nicht gefunden! sie wurde im Gegenteil - immer kränker und schwächer, wenn ich dies selbst freilich kaum - bemerkte; aber einmal, da kam ein schrecklicher Tag, an den ich - nur mit Entsetzen zurückdenken kann, man sagte mir, als ich zu - meinem Mütterchen wollte, es sei gestorben und ich hätte nun - keine Mama mehr auf der Welt. Wie schrecklich mir da zu Mute - war, liebes Aennchen, davon kann ich noch immer nicht sprechen; - sie war ja die Einzige, welche mich, wie ich glaubte, wirklich - lieb gehabt hat auf der Welt, mein Vater stand mir fern und ich - fürchtete ihn und so wollte ich denn schier in meinem Schmerz - verzweifeln. O, ich war so böse damals; ich wollte niemand, - niemand mehr sehen; mein Fräulein, das mich nur immer strafen - und ermahnen konnte, stieß ich mit Widerwillen von mir, und als - mein Vater nach Mamas Tode kam und mich begrüßen wollte, da - floh ich in Angst vor ihm und konnte auch später nur voll Scheu - mit ihm verkehren, obgleich er gütig und nachsichtig war. - - Nicht wahr, lieb Aennchen, du kannst es kaum glauben, daß - dies deine lustige Freundin Alma war? aber ich war völlig - anders geworden und von all dem Kummer wurde ich blaß und - krank und mußte viel zu Bette liegen. Wir wohnten in einem - großen Palaste; mein Fräulein und ich hatten große prächtige - Zimmer, aber sie waren so kalt und hoch, daß mich immer darin - fröstelte. Mein Vater wohnte in einem andern Flügel des Hauses - und machte viel Ausflüge, wo er nach Altertümern unter der - Erde forschte. So war ich mit Mademoiselle doch immer wieder - allein, welche sich gar wenig um mich kümmerte sondern meist in - französischen Romanen las. - - Eines Tages lag ich recht matt auf dem Sofa und war etwas - eingeschlummert; Fräulein hatte im Zimmer nebenan gesessen, - da hörte ich sie plötzlich: »Feuer! um Gottes willen, Feuer!« - rufen, sie warf ihr Buch auf den Boden, stürzte zur Thüre - hinaus und schlug diese hinter sich zu. Erschrocken sah ich - um mich, ich roch Brandgeruch und ein Knistern und Knattern - tönte zu meinen Ohren. Und wie ich noch beinahe betäubt von dem - Schreck war, da schlug plötzlich eine blendende Lohe zum Zimmer - herein und gelbe und rote Flammen zingelten um mich auf. Ich - wollte nun, meinem Fräulein nach, mich durch die Thüre retten; - als ich sie aber geöffnet hatte, schlugen mir schon von unten - Flammen entgegen, so daß ich die Treppe nicht mehr passieren - konnte. - - Ich stürzte zum Fenster und blickte hinaus; schwarze - Rauchwolken hüllten mich ein und man vermochte mich von unten - wohl kaum zu sehen. So schrie ich laut und entsetzt um Hilfe, - bis mein Hals heiser wurde und die Stimme mir versagte. In - dieser entsetzlichen Not, Aennchen, da war ich ganz sicher, daß - ich sterben würde und daß mir niemand nahe sei, als der liebe - Gott; ich warf mich auf die Kniee und betete zu ihm und es fiel - mir in dem gräßlichen Augenblick schwer aufs Herz, welch ein - leichtsinniges verwöhntes Kind ich gewesen sei, wie böse ich - mich dagegen aufgelehnt, als der liebe Gott meine kranke Mama - zu sich genommen hatte und wie unrecht es von mir gewesen war, - meinen Vater durch meine Kälte so zu betrüben. Wie gerne wäre - ich anders geworden, aber jetzt war es zu spät, ich hatte nur - noch Zeit, den lieben Gott um Verzeihung anzuflehen. - - Die Flammen leckten schon an meinen Kleidern und die Besinnung - hatte mich beinahe verlassen, da sah ich plötzlich wie im - Traum, wie eine schwarze jugendliche Gestalt sich über den - Balkon zu mir hereinschwang, mich ergriff und dann zum Fenster - emporhob. Dann hörte und sah ich nichts mehr, denn eine tiefe - lange Ohnmacht kam über mich. – - - Als ich nach langer langer Zeit endlich wieder die Augen - öffnete, da wußte ich mich kaum zurechtzufinden, wo ich war. - Ich lag in einem fremden Bette und neben mir saß mein Vater mit - einem gütigen kummervollen Gesicht, er hielt meine beiden Hände - in den seinen und als ich ihn nun erwachend anblickte, da flog - ein freudiger Strahl über sein Gesicht und er rief: - - »Lebst du wirklich, mein Kind? O, Gott sei gelobt!« Er umarmte - mich, während Freudenthränen über seine Wangen rollten; ich - wagte kaum an das Glück zu glauben, so geliebt zu sein und - leise stammelte ich: - - »Hast du mich denn wirklich lieb, Väterchen?« Da gab sein - inniger Blick mir die Antwort und als ich ihn um Verzeihung - gebeten hatte für mein Benehmen, da sagte er mir, wie bitter - weh es ihm gethan habe, daß sein kleines Mädchen kein Herz - für ihn gezeigt habe, als er sich doch ohnedies so vereinsamt - gefühlt habe in seiner Trauer. Und dann erzählte er mir, wie - lange ich krank gelegen habe seit dem Brand und wie sehr er um - mein Leben gebangt habe. Er hätte damals gar nicht im Hause - geweilt, als der schreckliche Brand ausgebrochen sei, und wäre - erst gerade in dem Moment zurückgekommen, als ein mutiger Knabe - sein Kind aus den Flammen rettete. - - »Wo ist Mademoiselle?« frug ich. - - »Sie ist nicht mehr bei dir,« antwortete mein Vater - stirnrunzelnd. »Als sie dich in der Gefahr so treulos verlassen - konnte, sah ich ein, daß mein armes Vögelchen keine liebende - Gefährtin an ihr besessen hatte. Aber deinen Lebensretter - willst du doch sicher kennen lernen, nicht wahr, mein Kind?« - - Mein Vater stand auf und holte aus dem nächsten Zimmer einen - Knaben herein, der, um einige Jahre älter als ich, mich mit - seinen großen schwarzen Augen freundlich anlachte. Seine - Gestalt schien mir von jener entsetzlichen Stunde her bekannt, - das Gesicht hatte ich nicht deutlich erblicken können. Heute - erschien es mir über die Maßen anziehend: schwarze feurige - Augen, dunkle Gesichtsfarbe und dichtes braunes Lockenhaar. - Ich reichte ihm dankbar die schwache Hand, die er halb - schüchtern ergriff. Mein Vater sagte zu mir: - - »Du wirst hier in Peppino einen Gefährten erhalten für die - Zukunft. Der junge Mann hat dich mir aus den Flammen gerettet, - darum kann ich ihm nie genug dankbar sein. Er ist ein armer, - elternloser Savoyardenknabe, der im größten Elend aufgewachsen - ist; ich habe ihn zu deinem Bruder gemacht und werde ihn nun - mit dir erziehen und ihn alles lernen lassen um dereinst einen - tüchtigen Mann aus ihm zu machen. So hoffe ich auch von dir, - Alma, daß du ihm eine brave liebende Schwester sein wirst.« - - Ich versprach es mit tausend Freuden und siehst du, liebes - Aennchen, auf diese Weise bin ich zu einem gar lieben Bruder - und Gefährten gekommen. Peppino ist ein prächtiger braver Junge - und macht meinem Vater und seinen Lehren durch seinen Fleiß - und seine Strebsamkeit viel Freude und wir beide haben uns so - lieb, als ob wir wirkliche Geschwister wären. Mein Vater hat - eine liebe gütige Dame als Erzieherin für mich gewonnen, welche - so sanft und liebreich gegen mich ist wie eine Mutter, und - ich lerne bei ihr so gern, daß mir die Lehrstunden immer ein - wahrer Genuß sind. Ich habe auch schon sehr gute Fortschritte - gemacht, sagt mein Fräulein. Viele Unterrichtsstunden teile - ich mit Peppino, welcher einen Hofmeister hat, der immer ganz - überrascht ist, wie leicht und rasch sein Schüler lernt. - - Nun muß ich dir aber, mein liebes Aennchen, auch ein wenig - von dem herrlichen Land erzählen, in welchem ich nun schon so - lange verweile. Ich wollte nur, du könntest all das Wunderbare - mit mir schauen, welches uns hier in der Natur stets umgiebt. - – Die Orangen- und Myrtenhaine, die köstliche Blumenpracht, - die Palmen- und Myrtenbäume! Ich habe Rom gesehen mit all den - Römerdenkmalen aus alter Zeit, dem Kapitol und dem Kolosseum, - und mein Vater hat mir alles erklärt, so daß ich beinahe - begriffen habe, warum die Ueberreste so wunderbar interessant - für uns sind. - - Wir haben den Vesuv bestiegen; das ist ein hoher Berg, welcher - einen offenen Krater besitzt; aus demselben steigen bei Tag - und Nacht glühende Dämpfe hervor, denn das furchtbare Feuer, - welches in seinem Innern brennt, ist fortwährend bestrebt, sich - nach außen hin Luft zu machen. Deshalb findet von Zeit zu Zeit - ein so heftiger Ausbruch statt, daß lodernde Feuerflammen hoch - zum Himmel schlagen und glühendes Gestein und Lava hervorbricht - und bergabwärts stürzt in rasendem Lauf. Dabei fällt ein - glühender Aschenregen gleich einem wirklichen Regen im ganzen - Umkreis nieder und wo er hinfällt, da verwüstet und zerstört - er, was zu zerstören ist. Auf diese Weise wurden vor vielen - tausend Jahren zwei blühende, herrliche Städte vollständig vom - Erdboden vertilgt. Der Aschenregen fiel auf sie und bedeckte - sie so vollständig, daß es keine Rettung mehr gab, alles - Lebende wurde zerstört und ein großer Teil durch die glühende - Lava verbrannt. Die beiden unglücklichen Städte hieß Pompeji - und Herkulanum und jetzt, nach Jahrtausenden, hat man die - erkaltete Lava und Asche weggegraben und die Städte wieder - aufgedeckt. - - Nicht wahr, das ist interessant? Ich habe Vieles davon sehen - dürfen und zum Vesuv bin ich mit meinem Vater auf einem - Maulesel geritten und habe in den feurigen Krater voll Grauen - hinabgeschaut. - - Jetzt wohnen wir in Venedig; das ist auch eine ganz merkwürdige - Stadt. Sie besteht aus lauter großen, alten Palästen, welche - wundervoll von Stein aufgeführt sind. Aber die Paläste - sind nicht wie in andern Städten durch Straßen miteinander - verbunden, sondern sie stehen mitten im Wasser und wenn man - über die Straße will, so sind große schwarze Gondeln da, in - denen man fahren muß. Das ist dann so still und feierlich, daß - es Einem ganz eigen zu Mut wird auf dem dunkelblauen Wasser - zwischen den hohen Steinpalästen. Ein einziger Platz ist in der - Stadt, der heißt der Markusplatz, wo die große Markuskirche - steht, und dort gehe ich mit Peppino am liebsten hin. Denn eine - unzählige Schar weißer Tauben wird dort täglich gefüttert und - sie sind so zutraulich, daß sie zu jedem Menschen heranfliegen - und ihm die Körner aus der Hand picken. Ist das nicht reizend? - - Jetzt habe ich dir aber so viel vorgeschwätzt, liebes Aennchen, - daß du einen halben Tag daran zu lesen haben wirst; ich habe - auch eine Woche daran geschrieben; jeden Tag eine Stunde und - mein Fräulein hat mir die orthographischen Fehler korrigiert, - sonst würde wohl manches Fehlerhafte darinnen sein. Ich sende - dir hier als Gruß aus Italien einige Früchte und Blumen, damit - du dir doch einen Begriff machen kannst, und auf dem Grund - des Körbchens wirst du in einem Karton eine Photographie - finden, welche mich und meinen Bruder Peppino darstellt. Ich - habe diesem auch viel von dir erzählt und er läßt dich recht - herzlich grüßen. Vater hat versprochen, uns im nächsten Jahr - wieder einmal nach Deutschland zu führen, dann können wir uns - wiedersehen. Vielleicht schreibst du mir auch einmal. Adieu, - liebes Aennchen; ich umarme und küsse dich von Herzen als deine - treue Freundin - - _Alma von Stolzau_. - -Aennchen hatte voll Interesse und Staunen Almas Brief zu Ende gelesen -und begann nun eifrig nach der besprochenen Photographie zu suchen. -Richtig, da lag sie auf dem Boden des Körbchens und als Aennchen sie -erblickte, stieß sie einen Schrei des Entzückens aus. Ja, das war ihre -Alma, aber noch viel, viel schöner als damals; wohl waren es dieselben -großen Augen, dasselbe zarte, wunderhübsche Gesichtchen, und die -goldenen Haare fielen wie ein lange Schleier über die Schultern; aber -sie zeigte einen so lieblichen, sinnigen Ausdruck, wie sie ihn früher -nicht besessen, und ein stiller sanfter Zug spielte um den kindlichen -Mund. An ihrer Seite lehnte ein braungelockter Knabe mit offenen, -schönen Zügen, er sah das Schwesterchen so freundlich zärtlich an, daß -das Bild einen wahrhaft rührenden Anblick bot und Aennchen voll Stolz -und Glück sich nicht satt daran zu sehen vermochte und eiligst zu -Martha hinüberlief, dieser ihren Schatz zu zeigen. - -Aennchen zögerte auch nicht lange, den Brief ihrer Freundin zu -beantworten, wenn sie auch freilich weniger Interessantes zu berichten -hatte, und so entstand gar bald ein Briefwechsel, welcher nicht nur -sehr anregend und amüsant für die jungen Mädchen war, sondern wirklich -auch sehr bildend und lehrreich, sowohl was Stil und Orthographie -anbelangt, als auch weil er die Schreiberinnen veranlaßte, sich von -ihren Gedanken genaue Rechenschaft zu geben, dieselben klar und -anschaulich zu Papier zu bringen und überhaupt genau zu beobachten, was -um sie her vorging und was das Leben ihnen Liebes und Trauriges brachte. - -[Illustration] - - - - -Elftes Kapitel. - -Tagebuchblätter. - - -Auf des Herrn Lehrers Rat hatten die Mädchen sogar neuerdings -angefangen, kleine Tagebücher zu führen, seitdem es ihnen ein Leichtes -war, die Feder zu führen und sich von ihren Erlebnissen Rechenschaft -zu geben. Bald war es Aennchens und Marthas liebstes Vergnügen, alles, -was sich in ihrem Leben Bemerkenswertes zutrug, in ihren Tagebüchern -festzuhalten, und wir wollen unseren Leserinnen hier einen kleinen -Einblick in einige dieser Blätter gestatten. - - -Aus Aennchens Tagebuch. - -Wir haben gestern einen sehr schönen Sonntag erlebt, an welchen ich die -Erinnerung für mein Leben festhalten möchte. - -Es war der Hochzeitstag meiner lieben Eltern, welchen wir jedes Jahr -in festlicher Weise zu begehen pflegen. Dieses Jahr überraschte uns am -Morgen, als wir alle aufgestanden waren, mein Vater mit der Nachricht, -er hätte heute eine Partie mit uns vor, wohin, das sage er nicht, -auch Mama dürfe es noch nicht wissen! Natürlich jubelten wir laut vor -Freude und erschöpften uns in Vermutungen, wohin der Weg uns wohl -führen möge? Mein Bruder Fritz riet wohl zwanzig verschiedene Orte, die -kleinen Brüder riefen eifrig: »Zur Milchfrau, zur Milchfrau!« (denn -das wünschen sie sich schon lange, weil sie uns eingeladen hat) und -ich selbst wußte gar nicht, was ich denken sollte, auch Mama nicht. -Nun, wir machten uns aber natürlich alle sehr rasch bereit; Papa -befahl, eine Menge Dinge mitzunehmen, die uns in Erstaunen setzten. -Die Kinderwagen, in welchem Hermännchen und Willy durchaus sich nicht -mehr fahren lassen wollen, wurde mit allerlei Eßwaren, einem kalten -Braten und zwei Flaschen Wein und Limonade und einem frischgebackenen -Kaffeekuchen und Obst, ferner mit Tellern und Gläsern und Bestecken -vollgepropft! Er war schließlich so schwer, daß ihn unsere Lisette -nicht allein mehr ziehen konnte, sondern Bruder Fritz mithelfen mußte. -Dieser hatte sich selbst auch tüchtig beladen, obwohl er nicht wußte, -wohin der Weg ging. Seine Botanisierbüchse trug er über der Schulter, -darin ein Gartenmesser und eine Menge anderer Sachen lagen; dann hatte -er seine neue Armbrust bei sich und seine Büchse. Die kleinen Brüder -nahmen ihre Schmetterlingsnetze mit und ein Reifspiel, Hermännchen, der -ein Gärtner werden will, seine kleine Schaufel. Ich selbst nahm meine -Puppe Lilly auf den Arm, welcher ich zum Glück gerade vor einigen Tagen -ein neues Sommerkleid gefertigt hatte, so daß sie sehr niedlich in dem -rosa Röckchen und dem gelben Strohhut aussah. - -So brachen wir auf. Die Eltern gingen voran; Papa führte Mama am Arm, -welche beinahe nicht weniger neugierig war als ihre Kinder und immer -lächelnd fragte: »Wohin werden wir wohl heute noch kommen?« Es war ein -ganz wundervoller Maimorgen; die liebe Sonne schien schon am frühen -Morgen so warm, die Bäume und Hecken standen schon im frischen Grün und -auf den Wiesen guckten unzählige Frühlingsblümchen neugierig zu uns -auf, die wir am liebsten alle gleich gesammelt hätten, wenn Papa nicht -davon abgeraten und gemeint hätte, wir sollten unsere Kräfte noch für -den ganzen langen Tag aufsparen. - -Unser Weg führte erst an der Stadtmauer entlang, dann durch den schönen -Stadtwald über Felder und Wiesen, bis wir ein kleines, freundliches -Dörfchen vor uns liegen sahen. Es war uns wohl bekannt und wir jubelten -vor Freude; Mama war schon einmal mit uns daheraus gekommen und hatte -dann gegen Papa geäußert: sie wisse sich eigentlich kein lieberes -und hübscheres Fleckchen Erde als dieses. Denn das Dörfchen liegt -in einem kleinen Thal, das ganz von romantischen bewaldeten Bergen -eingeschlossen ist, ein silbernes Flüßchen schlängelt sich dazwischen -hin. So schritten wir denn voll froher Erwartung dem Dörflein entgegen -und Mama sagte fröhlich zu Papa: »Das hast du hübsch angefangen, lieber -Mann, daß du uns gerade hierher geführt hast.« Papa aber lächelte und -meinte: »Geduld, Geduld, es kommt schon noch schöner.« - -Wir bogen in die Dorfgasse ein, wo die Leute gerade sonntäglich geputzt -aus der Kirche kamen und uns alle gar freundlich grüßten. Lisette -freute sich so darüber, daß sie ihren alten Kopf vor lauter Nicken gar -nicht zur Ruhe bringen konnte. Schon hatten wir das ganze Dörflein -passiert und Papa war auch an dem Wirtshaus vorübergegangen, zu dem wir -sehnsüchtig hineinschauten, denn es hätte uns gar zu wohl gefallen, -in dem kühlen Wirtsgarten verweilen zu dürfen, und etwas enttäuscht -folgten wir dem nun immer rascher voranschreitenden Vater, der nun -sogar in den Waldweg, welcher zur Anhöhe führt, einbog. Schon verzogen -Hermännchen und Willy kläglich die Gesichter und jammerten, sie wären -müde, da stand Papa auf einmal still und deutete mit dem Finger -aufwärts. Wir riefen alle miteinander »Ah!« und Mama sprach überrascht: -»Welch’ entzückendes, kleines Häuschen steht denn da oben?« - -Es war auch wirklich ein entzückendes Häuschen, das ganz so erbaut war -wie das Schweizerhäuschen, welches wir zu Haus auf der Etagere stehen -haben. Es mußte ganz nagelneu sein: die Wände glänzten von dem hellen -Holz und waren mit vielen Geweihen geziert. Zwei große Veranden liefen -rings um das Häuschen herum, an den Fenstern waren hellgrüne Läden, das -schwarze Dach sprang weit vor und auf der Spitze des Daches wehte eine -Fahne lustig im Wind. - -»Wem gehört denn das köstliche, kleine Anwesen?« frug Mamachen ganz -entzückt, als sie an Papas Arm rasch darauf zuschritt. - -»Du wirst schon sehen!« erwiderte Papa geheimnisvoll. »Wir sind ja bald -oben.« Und wirklich standen wir nun alle vor dem Häuschen, dessen -Thüre gastlich geöffnet war, aber niemand zeigte sich, uns zu begrüßen. - -»Springt nun hinein, Kinder, und sucht die Hausfrau! Ihr dürft es ohne -Scheu!« gebot Papa, und schüchtern folgten wir dem Befehl. Anfangs -getrauten wir uns kaum, in den nagelneuen Stuben aufzutreten, da -die Dielen so schneeweiß waren. Ein Zimmerchen war freundlicher und -niedlicher als das andere, Tische und Stühle, alles war nagelneu, die -Wände reizend verziert, die Sonne lachte durch bunte Scheiben herein, -es war wie in einem verzauberten Häuschen. Denn nirgends war jemand -zu erblicken, das ganze Haus war leer und mir klopfte beinahe das -Herz, während die kleinen Brüder fröhlich vor mir hertrabten und erst -zaghaft, dann immer lauter und herzhafter riefen: »Hausfrau, wo ist -denn die Hausfrau?« - -Endlich waren wir oben am Speicher angelangt und mußten wieder -umkehren; wir liefen zu den Eltern zurück, die uns Hand in Hand vor der -Thür erwarteten, und riefen: - -»Wir haben niemand finden können, die Hausfrau ist nicht da!« - -»Hier ist die Hausfrau!« sprach Papa lächelnd, indem er den Arm um -unser Mütterlein legte, »ich habe eurer Mama heute zum Hochzeitstag -dies Häuschen als Gabe beschert und ihr dürft auch als kleine Herren -darin mit uns schalten und walten. Jeden Sonntag in der schönen -Jahreszeit und jede Ferienzeit werden wir nun in dem neuen Landhäuschen -zubringen, das euch hoffentlich allen gut gefällt.« - -Ach, wie sollte es uns nicht gefallen? Es war alles geradezu himmlisch -schön. Vergessen war alle Müdigkeit in einem Nu, wir wußten uns vor -Freude kaum zu fassen und wurden nicht müde, jeden Winkel des Hauses -zu durchstöbern und alles zu bewundern. Als wir in die niedliche, -nagelneue Küche traten, stand schon unsere Lisette voll Stolz darin; -sie hatte auf dem blitzenden Herd das erste Feuerchen angemacht und -faltete nun betend die Hände, daß es Segen bringen möge, indem ihr die -Thränen über die runzligen Backen herunterliefen. Dann packte sie aus -dem Korb die Eßwaren und das Geschirr und begann im Eßzimmer den Tisch -für das Mahl herzurichten. - -Wir aber sprangen ins Freie, in den Garten hinaus. Da wartete unser -neue Ueberraschung. Ein großer, viereckiger, noch unbepflanzter Platz -war in vier gleiche Teile geteilt, an jedem stand ein Stecken in die -Höhe, welcher eine Tafel mit Namen trug Fritz, Aennchen, Hermann und -Willy! Papa hatte jedem von uns ein eigenes Gärtchen zum Bebauen -zuteilen lassen; der gute, liebe Vater! In einem Stallschuppen standen -eine Menge Gartengerätschaften für uns Kinder, nebenan aus dem Stalle -hörten wir meckern. - -»Eine Ziege, eine lebendige Ziege!« riefen die kleinen Brüder, welche -zu Hause einen ausgestopften Ziegenbock haben, aber sonst noch keinen -sahen. Sie sprangen auf ihn zu und wollten ihn bei den Hörnern fassen, -Ziegenböckchen aber ließ nicht mit sich spaßen, und ehe Hermännchen -sich’s versah, lag es umgeworfen in der weichen Streu auf dem Boden. - -»Mein Sonntagskleidchen! Der böse, böse Bock!« jammerte der kleine -Mann, welcher heute Morgen voll Stolz sich das weiße Kleidchen hatte -anziehen lassen. Währenddem hatte aber Fritz eine neue Entdeckung -gemacht – einen zweiten Stall, in welchem eine glänzende, braune -Kuh sich befand, daneben ein Milchkämmerchen. Darin war ein langer -Holztisch, auf welchem eine Anzahl von Schüsseln, alle mit köstlicher -Milch gefüllt, standen, ferner ein Butterfaß und ein Wasserbottich, in -dem schwamm ein Ballen wundervoll goldgelber Butter herum. Ein junges -Bauernmädchen in rotem Rock, schwarzem Mieder und weißer Schürze trat -herein und erklärte knixend, sie sei als Stallmagd hier gedungen, und -ob wir die Butter verkosten wollten, die sie heute morgen ausgebuttert -habe. - -»Wie, die kannst du doch unmöglich selbst gemacht haben?« frug ich -erstaunt, und Hermännchen rief altklug: »Die Butter wächst ja!« -Wir mußten tüchtig lachen, er aber stampfte mit dem Fuße und rief -weinerlich: »Freilich, die Butter wächst und die Eier – der Fritz hat’s -gesagt.« - -»Fritz hat dir etwas weisgemacht,« belehre ich ihn; dieser wurde ganz -verlegen, das Bauernmädchen aber, welches Bärbele hieß, zeigte uns, wie -die Butter aus der Milch hergestellt wird und wie lang die Milch im -Butterfaß gedreht werden muß, bis sie endlich zu schöner, goldklarer -Butter geworden ist. Das war wirklich höchst erstaunlich – wir konnten -uns nicht genug verwundern. - -»Wollt ihr auch sehen, wo die Eier zu finden sind?« frug Bärbele -und führte uns in einen schönen, geräumigen Hühnerstall, der in -einen umgitterten Hof hinausführte. Was war hier für ein Gegluck und -Gegacker! weiße Hennen, schwarze Hennen, bunte Hennen, große Hähne, -kleine Hähne, niedliche Puttchen, Perlhühner und, o Wunder, sogar ein -großer, prächtiger Pfau spazierten in dem Hofe hin und her, flatterten -auf und duckten sich nieder, es war ein Lärm, daß man sein eigenes Wort -nicht verstand. Bärbele gab uns einen Korb mit Körnern, die durften -wir austeilen; da flogen sie uns auf die Arme und Hände, sogar auf die -Schultern und Köpfe, und wir jauchzten vor Vergnügen. Nur Willy hatte -anfangs beinahe Angst und meinte: »sie wollen mich fressen!« - -Nun ließ uns Bärbele Eier in den Verstecken suchen. War das ein -Vergnügen, als wir eine Menge zusammenfanden! sogar Hermännchen -entdeckte zwei Eier; als er sie uns aber voll Eifer bringen wollte, -stolperte er und brach sie entzwei, so daß seine Händchen ganz gelb -und klebrig wurden, und als er sich weinend damit ins Gesicht fuhr, da -wurde auch dieses voll gelber Flecken. - -Es war nun auch Zeit, nach oben zu kommen. Lisette rief zu Tisch. Und -nun hielten wir das fröhlichste Mahl, noch nie in unserem Leben hatte -es uns so gut gemundet! Papa und Mama sahen ganz glückselig aus und -waren so gütig und liebreich mit uns Kindern, daß wir ganz stolz waren. -Zuletzt bekam jedes in einem Gläschen sogar etwas Wein, Lisette wurde -hereingerufen und erhielt auch ein Glas in die Hand und Papa sagte, sie -dürfe die erste Rede halten, dann müsse jedes der Kinder jemand leben -lassen. Lisette wischte sich erst mit der Schürze über den Mund und sah -ganz kirschrot vor Verlegenheit aus, dann räusperte sie sich und sagte: - -»Oh, die Ehr’, die Ehr’, mir wirbelt der alte Kopf! Gnädiger Herr, -gnädige Frau, ich weiß wohl, was ich sagen möcht’, aber ich bin ein -armer Dienstbot’ und kann’s nicht ausdrücken. An die Kinderlein muß ich -halt denken, wie die in dem schönen Hause aufblühen werden, und ich -wünsch’, es soll halt jedes von ihnen so gut und so brav und so lieb -und treu werden wie ihr Papa und ihre Mama.« - -»Brav gemacht, gute Alte!« rief Papa und reichte Lisette die Hand, und -auch Mama schien ganz gerührt. - -Nun mußte Fritz sprechen – er stand rasch vom Stuhl auf, stieß an das -Glas und rief: - -»Meine Herren und Damen! (So hatte er es schon gehört und war stolz -darauf.) Wir sind so fröhlich hier beisammen, daß niemand weiß, wer von -uns der Fröhlichste ist. Aber ich weiß, wer heute der Allerbeste ist, -und das ist der liebe, gute, goldige Papa, der uns ein so wundervolles -Vergnügen gemacht hat, und darum wollen wir ihn alle mit unserem -köstlichen Wein hochleben lassen und rufen: Hoch, hoch, hoch!« - -Wie wir alle durcheinander schrieen – es war eine Lust! Nun aber sollte -ich sprechen und das machte mich so verlegen, daß meine Stimme ganz -zitterte, als ich stotternd begann: - -»Es ist heute – nein, so wollte ich ja nicht sagen – liebe Mama, lieber -Papa, ich gratuliere, ach, das gehört ja zu einem Geburtstag, lieber -Papa, liebe Mama, wir sind hier versammelt –« ich wußte gar nicht mehr -weiter, d’rum schwenkte ich rasch mein Glas und rief: »Die liebe, süße, -goldige Mama lebe hoch!« - -Dann aber setzte ich mich recht beschämt nieder; ich hatte meine Sache -sehr schlecht gemacht, da konnten’s ja die kleinen Brüder noch besser, -denn Willy rief ganz keck: - -»Hoch! das Häuschen hoch!« und Hermännchen schrie dazwischen: - -»Das Bärbele hoch und die Hühner und die Kuh, nur der Ziegenbock nicht; -der hat mich in meinem Sonntagskleidchen umgeworfen!« - -Nun wurden wir aber den Eltern allzu übermütig, deshalb brachen sie -rasch ab und wir wurden alle hinauf in die Schlafzimmer gebracht; -wir behaupteten zwar, nicht müde zu sein, aber kaum lagen wir auf -den weichen Betten, so sanken wir alle in tiefen Schlaf. Leider -verschliefen wir eine lange Zeit des schönen Nachmittags, dann aber -konnten wir doppelt erfrischt in den Garten springen und uns dem -Vergnügen hingeben, bis am Abend zu unserem großen Bedauern der Heimweg -wieder angetreten werden mußte. - -Diesmal verschmähten Hermännchen und Willy den Kinderwagen nicht, sie -hatten sich so müde gelaufen, daß sie wie die Säcke hineinfielen und -darin schliefen bis zur Heimkehr; ich kam auch sehr müde zu Hause an -und hatte nur noch Zeit zu beten: - -»Lieber Gott, ich danke dir tausendmal für den schönen, schönen Tag.« – -Da fielen mir auch schon die Augen zu. – – - -[Illustration] - - - - -Zwölftes Kapitel. - -Aus Marthas Tagebuch. - - -Ich habe gewöhnlich nicht viel des Interessanten zu erleben, am -verflossenen Sonntag aber fiel doch etwas vor, was mir noch lange im -Gedächtnis bleiben wird. - -Ich erhob mich, wie ich es immer an Sonntagen zu thun pflege, eher als -an den anderen Tagen von meinem Lager. Am Sonntag habe ich immer gern, -wenn mein Mütterchen, welches sich die ganze Woche über gar so viel -plagen muß, länger als sonst der Ruhe pflegt, und da ich mich nicht für -die Schule zu richten habe, so bleibt mir an diesen Tagen immer gut -Zeit, die Hausarbeit an ihrer statt zu übernehmen. So hatte ich denn -auch heute bereits mein Bett gemacht, die Stube gekehrt, Feuer im Ofen -geschürt und den Kaffeetisch gerichtet, als meine liebe Mutter aufstand -und sich freute, alles schon besorgt zu sehen. Meine kranke Schwester -Klara hatte gottlob auch eine bessere Nacht gehabt und freute sich -jetzt der Sonnenstrahlen, welche durch das Fenster gerade schräg auf -ihr weißes Bett hereinzitterten. Sie sprach so hoffnungsvoll: - -»O Mutter, ich glaube, der Frühling läßt mich ganz besonders grüßen!« -daß es uns allen ganz warm mit ihr zugleich ums Herz ward. Mutter -setzte sich dann zu ihr, um mit ihr aus dem Gebetbuch zu lesen, während -ich mich nach dem Gang zur Kirche vorbereitete. Wir wechseln jeden -Sonntag regelmäßig ab und heute war an mir die Reihe. - -Als ich dann in der Kirche saß, war mir ganz besonders festtäglich zu -Mute, denn das Sonnenlicht vergoldete den Altar und die Bilder so -wunderbar, daß alles wie in einer Glorie erschien. Und der Herr Pfarrer -sprach heute so besonders schöne, herzbewegende Worte über den Text: -»Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will -euch erquicken.« - -Ach, das war so gerade wie für mich gesprochen, und ich prägte mir alle -die herrlichen Worte tief ins Herz, um sie zu Hause meinem Mütterchen -wieder erzählen zu können. Wie oft hatte ich schon im stillen geseufzt -und war mir recht unglücklich vorgekommen im Gegensatz zu anderen -glücklicheren Mädchen, welche nicht, wie ich, mit einem Gebrechen -behaftet sind, denen nicht zu Hause Sorge, Krankheit und Not beständig -vor Augen stehen wie mir. Der Herr Pfarrer aber zeigte darauf hin, wie -unrecht es sei, über solches Kreuz zu murren und zu seufzen, denn »wen -Gott lieb hat, den züchtigt er. Er hat für jedes Leid den rechten Trost -bereit, und eines Tages wird er denen, welche die Last ihrer Sorgen -hier auf Erden ohne Murren ertragen haben, die Krone des ewigen Lebens -geben.« - -Ich war so tief in diese Gedanken versunken, daß ich gar nicht vernahm, -wie der Pfarrer seine Predigt schloß; als er dann vorm Altare stand -und den Segen sprach, da flatterte plötzlich ein weißer Schmetterling -zum Kirchenfenster herein und um das Christusbild am Altar. Der erste -weiße Schmetterling! es sah aus, als wolle auch er an dem Gottesdienst -teilnehmen. - -Gehobenen Herzens schritt ich nach Hause, machte aber noch einen -kleinen Umweg an einer Wiese vorbei, auf welcher ich neulich Veilchen -aufkeimen sah. Heute mußten sie aufgeblüht sein, dann wollte ich meiner -kranken Schwester einige zum Gruß ans Bett bringen. Und wirklich eine -ganze Schar der lieben blauen Blümchen lachte mir entgegen, so daß ich -sie nur zu pflücken brauchte, dann eilte ich rasch, um die versäumte -Zeit einzuholen, nach Hause. - -Als ich unsere Treppe hinaufstieg, hörte ich voll Erstaunen mehrere -laute Stimmen aus dem Zimmer schallen und beinahe erschreckt öffnete -ich die Thür. Da saß neben Mütterchen ein fremder, dunkelgebräunter -Herr auf dem Sopha und an dem Tisch stand ein fremdartig gekleidetes -kleines Mädchen mit braunem Lockenkopf und gelblichen Wangen. Ich war -vor Erstaunen ganz stumm und hielt noch immer die Thürklinke in der -Hand; da rief Mutter: - -»Komm nur näher, Martha, und begrüße deinen Onkel aus Amerika, welchen -ich zu meiner großen, großen Freude heute wiedersehen durfte. Seit -seinen Kinderjahren war er verschollen und wir glaubten ihn nicht mehr -am Leben. Doch der liebe Gott hat ihn zu uns zurückgeführt.« - -»Also dies ist deine Jüngste?« fragte der fremde Onkel, mir die Hand -entgegenstreckend; er blickte sehr erstaunt meine kleine Gestalt an -und auch das fremde Mädchen maß mich mit überraschten Blicken, so daß -ich mich am liebsten in den Boden verkrochen hätte. Aber Mutter machte -mich auch mit dem Mädchen als meiner Cousine bekannt und ich hätte -gern mit ihr gesprochen; doch sie verstand unsere deutsche Sprache -nicht und schüttelte immer nur mit dem Kopf. Mutter gab mir einen Wink, -draußen nach der Küche zu sehen; zum Glück war unsere Aufwärterin noch -da und hantierte am Herde; sie stand mir mit Rat und That bei, unser -Mittagsmahl zu vergrößern, das für uns aus einem Kalbsbraten bestanden -hätte, und während ich den Tisch aufdeckte, holte sie noch einiges -Nötige herbei. - -So war denn nach meiner Meinung alles ganz hübsch und festlich -gerichtet, als wir uns zu Tisch setzten; meinem Onkel mochte es -freilich recht bescheiden erscheinen; er fragte uns, ob wir immer so -spät »frühstückten,« und als Mutter ganz erstaunt sagte, dies sei -unser Mittagessen, da teilte er es seinem Töchterchen auf englisch -mit und dieses lachte laut auf. Das gefiel mir nicht, auch daß die -fremde Cousine ihr Mißfallen an unseren einfachen Speisen gar so -auffallend kundgab und den Teller so rasch zurückschob, als es ihr -nicht schmeckte, was uns doch als Leckermahl erschien. Aber es war -unrecht von mir, so vorschnell zu urteilen, und als meine Mutter mir -später erklärte, das arme Mädchen habe eben ganz ohne Mutter aufwachsen -müssen, die ihr alles gesagt hätte, was recht und unrecht sei, da -that sie mir unendlich leid. Ich bemühte mich sehr, das fremde keine -Mädchen zutraulich zu machen; endlich gelang es mir und es schmiegte -sich an mich und sprach einige wenige deutsche Worte, die es gelernt -hatte: »Vater, Mutter, Vaterland, Deutschland.« - -»Als ich in der fernen Welt zuweilen Heimweh nach zu Hause hatte, da -habe ich meiner Kleinen die Worte gelehrt,« sprach mein Onkel. »Jetzt -bin ich hier in der alten Heimat, aber sie erscheint mir nach der -langen Abwesenheit beinahe wie die Fremde und es zieht mich nach den -fernen Ländern zurück.« Dann erzählte er von seinen Erlebnissen drüben -in Südamerika, wie alles, alles so ganz anders sei als hier. Er sei -Besitzer einer großen Ansiedelung, die er ganz aus eigenen Kräften -geschaffen habe; von Jahr zu Jahr vergrößere sich dieselbe, die Reis- -und Zuckerfelder bekämen immer größere Ausdehnung und er sei bereits -dadurch ein reicher Mann geworden. - -»Hast du auch schon Indianer gesehen, Onkel!« frug ich ganz atemlos. - -»Zu Hunderten,« war seine Antwort. »Ich bin schon oft genug mit den -Wilden im Kampfe gewesen, ja, ich war sogar schon einmal von ihnen -gefangen und zum Tode verurteilt, da gelang es mir noch, zu entwischen. -Seht her, hier ist noch die Narbe von der Wunde, die mir eine -erbitterte Rothaut schlug.« - -Damit schob Onkel das Haar über der Stirn etwas beiseite und zeigte uns -eine entsetzliche dunkelrote Narbe, welche sich um den halben Kopf zog. -Mutter schauderte und rief ängstlich: - -»Und doch willst du wieder in dies unheimliche Land zurück, in Kampf -und Gefahr, anstatt deine letzten Lebensjahre in Ruhe in der alten -Heimat zu verleben?« - -»Ich muß, ich muß!« drängte der Onkel, »es läßt mir keine Ruhe hier. -Aber weißt du,« wandte er sich plötzlich an Mutter, indem er mich -aufmerksam ansah, »gieb mir deine jüngste Tochter hier als Gefährtin -für meine Ellen mit. Ich verspreche dir, sie so gut zu halten, als wäre -sie mein eigenes Kind; sie scheint schwächlich und zart, du bist nicht -in der Lage, ihr ein sorgenfreies Leben zu schaffen – ich werde sie mit -allem umgeben, was Reichtum zu bieten vermag, und selbst ihre Zukunft -sicher stellen, indem ich sie im Verein mit meiner Tochter zur Erbin -einsetze. Meine Ellen bedarf einer Gefährtin, am liebsten hätte ich ein -deutsches Kind aus der Heimat für sie, also gib mir deine Martha.« - -Onkel war schließlich ganz lebhaft geworden in seiner Rede; ich aber -saß da, wie versteinert vor Schreck, und das Herz stand mir beinahe -still. Was würde Mutter antworten? Würde sie ihr Kind von sich geben? O -nein, Mütterchen sprach tieferblaßt und mit zitternder Stimme: - -»Von meiner Martha werde ich mich nie trennen und wenn ich das letzte -Stückchen Brot mit ihr teilen müßte. Nicht wahr, mein Kind, du ziehst -auch unser bischen Armut dem Reichtum in der Ferne vor?« Da stürzte ich -mich weinend an ihre Brust. Onkel war sehr kühl geworden; er sah auf -die Uhr und meinte: - -»Ich kann euch nicht helfen, wenn ihr euer Glück so von euch stoßt. Ich -dachte, dir eine Wohlthat zu thun, indem ich die Last einer Tochter -von dir nehmen wollte, nachdem dir schon die Kranke so viel Sorgen -bereitet – nun lasse ich euch noch einen halben Tag Bedenkzeit, bevor -ich abreise.« - -»Es bedarf keiner Bedenkzeit, Onkel; ich verlasse mein Mütterchen -nicht,« rief ich rasch; ich wußte nicht, woher ich den Mut dazu nahm. -»Ich will mich lieber bemühen Tag und Nacht und arbeiten, so viel ich -kann, um ihr keine Last zu sein, als daß ich mich von ihr zu trennen -vermöchte.« - -»Gut, dann habe ich nichts mehr zu sagen,« unterbrach mich mein Onkel -kühl; er wandte sich zu seinem Töchterchen und sprach einige englische -Worte zu ihr, da griff sie nach ihrem Hut und Mäntelchen. Meine Mutter -hatte ganz rote Flecken vor Aufregung auf ihren Wangen, angstvoll -suchte sie meinen Onkel zu begütigen, bis dieser sie zuletzt doch noch -ganz freundlich an sich zog und ihr zum Abschied herzlich die Hand -drückte; auch mir reichte er freundlich die Hand und sprach: - -[Illustration] - -»Wenn ihr einmal meiner bedürfen solltet, so denkt an mich. Lebt -wohl, ich habe Eile!« Damit ging er mit Ellen an der Hand, welche mir -noch herzlich zuwinkte, davon und wir sahen den beiden so lange nach, -bis sie um die Ecke verschwunden waren. Das ganze Erlebnis war wirklich -wie ein Traum gewesen und laut fragte ich mich selbst wiederholt: »Hat -man mich wirklich meinem Mütterlein entreißen wollen?« - -»Nicht wahr, du bleibst doch lieber bei deiner alten Mutter und deiner -armen kranken Schwester?« frug Mütterchen, indem sie mich an sich zog, -dann eilten wir hinüber nach dem Lager meines armen Schwesterchens -und kamen uns vor, als seien wir drei uns wiedergeschenkt. Und als am -Abend das Lampenlicht so traulich auf unserem kleinen Tischlein brannte -und wir so eng zusammensaßen, da fühlten wir so recht erst, wie wir -zusammengehörten, und beteten zum lieben Gott, er möge uns dies Glück -auch ferner erhalten, dann wollen wir ja für alles, was er uns oft -Schweres auferlegt, gern dankbar sein. - -[Illustration] - - - - -Dreizehntes Kapitel. - -Marthas Hausgarten. Der arme Hansi. - - -Klein Aennchens Vater ließ an seinem Hause verschiedene bauliche -Aenderungen vornehmen, auch das Hinterhaus sollte eine Aufbesserung -erhalten, denn Aennchens Vater hatte einen Plan, welcher Frau Pfarrer -Traugott zu Nutzen dienen sollte. Er hatte sich ausgedacht, daß von -deren Wohnung eine Thüre heraus auf das flache Dach des nebenstehenden -Anbaues gebrochen werden könne, und wenn man dieses Dach dann etwas -herrichten und verschönern, zudem ringsum mit einem Gitter versehen -ließ, so konnte mit wenig Mittel ein kleiner einfacher Garten auf -demselben angelegt werden. Und von welcher unendlichen Wohlthat mußte -ein solch bescheidener Zufluchtsort gerade für die kleine Familie -Traugott werden, welche, durch die kranke Tochter beständig ans Haus -gebunden, sich nicht wie andere häufig in der freien Natur ergehen -konnte. - -Wie Aennchens Vater es sich ausgedacht hatte, so geschah es – das Dach -ließ sich wirklich ganz gut zu einem hübschen Aufenthaltsort umschaffen -und nach wenigen Wochen war schon alles fix und fertig, so daß die -Familie Traugott davon Besitz nehmen konnte. Wer war glücklicher als -diese?! Die bescheidenen Menschen wähnten im Himmel zu sein und kein -Palast dünkte ihnen jetzt beneidenswerter als ihre wenigen Stübchen -mit dem daranstoßenden Dachsalon. Nun konnte doch die kranke Klara an -besseren Tagen zuweilen ins Freie getragen werden auf ihren Stuhl, nun -konnte sie doch einmal wieder den freien blauen Himmel und die lieben -Vöglein über sich sehen! Und Martha, die glückliche Martha, konnte -hier ihrer heimlichen beständigen Herzenssehnsucht genügen, welche -darin bestand, selbst ein wenig Blumen und grüne Ranken zu ziehen -und mit aller Sorgfalt über deren Gedeihen zu wachen. Von Aennchens -Gärtner, der das sanfte Kind schon lange in sein Herz geschlossen -hatte, bekam sie verschiedene Samen und kleine Schößlinge geschickt; -es waren nur die einfachsten Pflanzen, die sie in alten Kisten aufzog, -Kressen und Kapuziner, Winden und Erbsen und Geranium, aber unter -ihren sanften Händen schienen alle diese bescheidenen Pflänzlein wie -aus Dankbarkeit doppelt so hold aufzublühen als wo anders. Bald war -wirklich Marthas Garten ein kleines Blütenmeer geworden und wer da oben -über all den hohen Häusern so viel näher dem Himmel diesen seltsamen -Garten erblickte, der mußte voll Staunen das kleine unscheinbare -Geschöpfchen bewundern, welches mit seinen schwachen Händchen dies -alles hervorgebracht hatte. - -Aennchen wußte sich auch nichts Lieberes von nun an, als bei Martha -in deren reizendem Gärtchen zu weilen, und wie viele Stunden des -schönsten Genusses verbrachten die beiden jungen Mädchen da oben, -wenn sie, mit den Schulaufgaben fertig geworden, hier mit ihren -Unterhaltungsbüchern und Handarbeiten beisammen saßen. Da gab es ja -schon ohnedem Unterhaltung in Fülle; nicht allein, daß man von dem -hohen Aussichtsturm eine weite Fernsicht auf die Stadt und die Straßen -hinunter hatte, daß man mit den Augen all die vielen Menschen, die so -lebhaft durcheinander wimmelten, beobachten konnte – es war in der Nähe -noch viel Interessantes zu schauen, was sowohl Marthas als Aennchens -größtes Entzücken bildete. - -Hoch oben auf dem Dach des Hauses, aber gar nicht weit entfernt von -ihnen, hatte sich nämlich eine Storchenfamilie auf dem breiten Schlot -ihr Nest gebaut und die Kinder vermochten so gut hineinzusehen, daß sie -ganz deutlich beobachten konnten, was in der Storchenfamilie täglich -und stündlich vorging. Und das war des Bemerkenswerten oft wirklich -nicht wenig, vom ersten Tag an, da dort oben vier junge Störchlein -aus dem Ei gekrochen waren, bis zu jenem, als sie ihre ersten -Flugversuche anstellten. Was hatten die braven Storcheltern während -der ganzen Zeit für eine fabelhafte Arbeit gehabt, bis sie all die -hungrigen Schnäbelchen, welche so unaufhörlich nach Nahrung schrieen, -befriedigen konnten; besonders der Herr Storch gönnte sich den ganzen -Tag keine Ruhe, bald flog er mit einem Würmchen im Schnabel, bald -gar mit einem zappelnden Fröschlein zum Nest hinauf, um den ärgsten -Schreiern rasch den Schnabel zu stopfen – das war dann ein Zanken um -den besten Leckerbissen, als wenn sich eine Schar unartiger Buben um -eine Wurst balgte, und die Frau Störchin mußte mit ihrem Schnabel oft -friedestiftend dazwischen fahren und Streiche nach allen Seiten hin -austeilen. Sie mochte wohl seufzend die Zeit herbeisehnen, da die -unartigen Kinder sich selbst ihre Nahrung draußen suchen konnten, -und heute schien wirklich der große Tag dazu gekommen, denn Martha -beobachtete schon vom frühen Morgen an ein besonderes festliches -Treiben in dem Storchneste auf dem Dache. Und wirklich, gegen Mittag da -vollzog sich das große Ereignis! Nachdem Vater Storch unruhig, wie zur -Aufforderung, oftmals hin- und hergeflogen war, erhoben sich die Jungen -kreischend und schreiend aus dem Neste, sie setzten sich auf den Rand -desselben, schlugen lebhaft mit den Flügeln und auf einmal hatte das -kühnste sich in die Luft erhoben und wagte mit dem Vater einen kurzen -Flug, die beiden andern folgten flügelschlagend mit der Mutter nach. - -Nur das vierte und kleinste blieb ängstlich im Neste kauern und sah -den Geschwistern sehnsüchtig nach, es wagte sich wohl noch nicht -heraus, obgleich die Eltern bald zurückkamen und es durch Stöße mit -dem Schnabel zu ermuntern suchten. Endlich schien Vater Storch recht -ungeduldig über das ungeschickte Nesthäkchen zu werden, und als -dasselbe gerade ängstlich auf dem Rand des Nestes kauerte, da gab er -ihm einen Stoß, der es von demselben schleuderte. Das Nesthäkchen -kreischte und flatterte mit den Flügeln, es versuchte zu fliegen und -brachte es doch nicht zustande, es mochte doch wohl noch zu schwach -dazu sein, denn auf einmal verließen es die Kräfte, es durchschoß die -Luft, überpurzelte sich und stürzte plötzlich auf das Gartendach neben -Martha nieder, welche wohl seit einer halben Stunde unbeweglich dort -gestanden und den Störchen voll Interesse zugeschaut hatte. Nun war -sie beinahe ebenso erschrocken als das kleine Nesthäkchen, dann aber -bückte sie sich rasch und hob das zappelnde Störchlein auf, welches -so betäubt von dem Fall schien, daß es sich ohne Scheu berühren ließ. -Der eine kleine Flügel hing gebrochen herab und Martha rief rasch die -Mutter, mit deren Hilfe sie den kleinen Patienten verband. Dann suchte -sie, so rasch es ging, ein Nestchen für ihn auf dem Dache zu bereiten -aus weichen Gräsern und Stroh, darauf bettete sie das arme Vögelchen, -schob das Nest so weit als möglich auf dem Dache vor und verbarg sich -dann hinter der Thüre, um abzuwarten, ob nicht die alten Störche nach -dem verunglückten Jungen sehen würden. - -Richtig dauerte es nicht sehr lange, so umkreiste von oben her die alte -Störchin mit lautem Flügelschlagen das Dach, immer näher kam sie heran, -das Kleine schlug ihr wie zum Gruß mit dem gesunden Flügelein entgegen, -da konnte sie es vor Sehnsucht nicht mehr aushalten, schoß hernieder -und stellte sich neben dem Kranken auf. Das Junge sperrte den Schnabel -auf und schrie vor Hunger, da schoß die Alte wieder davon und kehrte -bald mit einem fetten Leckerbissen im Schnabel zurück, ihr nach folgte -der Vater, welcher auch eine Delikatesse in Bereitschaft hielt. Und nun -fütterten die beiden Eltern ihr unglückliches Nesthäkchen so sorgsam, -als ob es droben im eigenen Nest wäre, und Martha stand mit vor Freude -klopfendem Herzen neben dem herbeigerufenen Aennchen hinter der Thür -und weidete sich an dem hübschen Schauspiel. - -Als mit lautem Geklapper die anderen Jungen von ihrem Ausflug -zurückkehrten, da streckten sie gar verwundert die Hälse aus, als sie -das Brüderchen statt im Nest drunten auf dem Dach erblickten, und die -Alten hatten es heute doppelt notwendig mit den beiden Kinderstuben. -Sie waren bald so zutraulich, daß sie gar keine Scheu vor Martha und -Aennchen empfanden, welche sich um das kranke Störchlein zu schaffen -machten, ja es schien, als fühlten sie sogar wirkliche Dankbarkeit -gegen die Menschen, welche sich ihres kranken Jungen angenommen hatten. - -Das verunglückte Störchlein erholte sich auch bald von seinem Fall -und spazierte schon nach einigen Tagen aus dem Nestchen heraus, -aber der eine Flügel, den es beim Fall gebrochen hatte, blieb lahm -herunterhängen und so war wohl niemals Aussicht für das arme Tier -vorhanden, daß es gleich seinen Geschwistern sich in die blaue Luft -erheben konnte. Aber es schien sich dennoch ganz wohl zu fühlen in der -Obhut seiner lieben Pflegerin – es war schon so zutraulich gegen Martha -geworden, daß es ihr gleich entgegenlief, wenn sie sich nur von ferne -zeigte, und ihr wie ein Hündchen auf Tritt und Schritt nachfolgte, wenn -sie sich in ihrem Garten zu thun machte. Das war doch wirklich gar zu -niedlich. - -Martha und Aennchen hatten den jungen Storch Hansi getauft und Hansi -war der Liebling des ganzen Hauses, eine gar wichtige Respektsperson -geworden. Er empfing oft an einem Tag eine Menge Besuche, denn wer -von den Bekannten etwas über den jungen Storchfindling vernahm, der -wollte ihn auch sehen und kennen, und weil Hansi gar so zutraulich und -possierlich war, gefiel er jedermann. - -Nur ein Junge aus der Nachbarschaft, welcher Moritz hieß und der von -seinem Dachfenster herüber zu Hansi klettern konnte, machte Martha -Sorge, denn er neckte und ängstigte den armen Vogel oft ganz gewaltig, -zog ihn an dem rotseidenen Halsband, das jener um den Hals trug, und -trieb so lang allerlei Schabernack mit ihm, bis Martha ihm endlich -ernstlich den Zutritt zu dem Dach verbieten mußte, was den bösen Knaben -in eine wahre Wut versetzte. Aber von nun an hatte der arme Hansi doch -wenigstens wieder Ruhe. - -Der Sommer verging und der Herbst rückte heran. Droben auf dem Dache -beim Storchnest richteten sich die Störche zur Reise nach den fernen -warmen Ländern. Jeden Tag blieben sie länger bei ihren Ausflügen aus, -denn die Jungen mußten ihre Kräfte immer mehr erproben. - -Auf einer Wiese in der Nähe der Stadt hatten sie ihren Exerzierplatz; -da fanden sich viel Hunderte von Störchen aus der ganzen Umgegend -ein und mußten hier auf Kommando einiger alten Störche in Reih und -Glied marschieren. Jeden Tag fanden sich mehr Störche ein, es war -ein Geklapper und Geschrei auf der Wiese, daß es von weitem dem -Geräusch eines großen Jahrmarktes glich; aber hier handelte es sich um -durchaus ernste Dinge, denn die Proben, welche jeder Storch von seiner -Tüchtigkeit zu geben hatte, entschieden bei ihm über Leben und Tod. - -Der letzte Tag kam heran vor der großen Storchenreise, die -Vorbereitungen schienen alle getroffen und die meisten Störche -hatten die Proben ihrer Leistungsfähigkeit gut bestanden. Nur ein -paar schwächliche Geschöpfe schienen darunter, die hatten sich die -ganze Zeit bemüht, es den andern an Tüchtigkeit gleichzuthun, aber -vergeblich. Als sie jetzt zum letztenmal heute in Reih und Glied -beisammen standen, da senkten sie wie in ängstlicher Ahnung die Köpfe, -denn heute sollte sich ihr Schicksal erfüllen, nach der grausamen Art, -mit welcher diese klugen Tiere für ihre Schwachen und Kranken zu sorgen -pflegen. - -Das Gericht dauerte nur wenige Augenblicke, während welcher die Störche -mit lautem Geschrei über ihre Schwächlinge herfielen, dann lagen diese -tot und zuckend am Boden, die andern Störche aber erhoben sich laut -klappernd in die Luft, welche ganz verdunkelt wurde durch den dichten -Schwarm der großen Vogelkörper. – – - -Welch ein Glück für unsern armen Hansi, daß er vor dem Schicksal seiner -kranken Leidensgenossen bewahrt blieb und in der guten Fürsorge und -Pflege der kleinen Martha dem kommenden Winter ruhig entgegensehen -konnte. - -Ach, aber es sollte ihm doch nicht beschieden sein, den kommenden -Frühling und mit ihm die Wiederkehr seiner Eltern und Geschwister mehr -zu schauen – die Bosheit eines Knaben hatte es auf sein Leben abgesehen. - -Längst schon hatte der böse Moritz im Nachbarhause einen Haß auf den -armen unschuldigen Vogel geworfen, den er nicht mehr necken und quälen -durfte, und sich einen ganz abscheulichen Plan ausgedacht, durch den -er Martha Schmerz bereiten konnte. Er wußte nur zu gut, daß der kleine -Hansi ein großes Leckermäulchen war, wenn man einen Vogel so nennen -kann, und darauf baute er seinen bösen Plan. - -Einmal am späten Abend, als alles schon zur Ruhe gegangen war, stieg er -über das Dach hinauf und schlich sich zu Hansis Nest hin, wo er leise -einige Leckerbissen für Hansi niederlegte, von welchen er wußte, daß -sie dieser gern schnabulierte; dann entfernte er sich ebenso leise, als -er gekommen war. - -Am andern Morgen, als Martha, wie sie dies gewöhnlich zu thun pflegte, -ihren ersten Gang zu Hansis Nest richtete und ihn fröhlich anrief, -damit ihr dieser, wie immer mit fröhlichem Klappern entgegenhüpfen -sollte, da rührte sich kein Hansi von der Stelle, und als sie -erschrocken näher trat, da sah sie das arme Tier ganz tot mit -verglasten Augen der Länge nach ausgestreckt liegen – er mochte wohl -schon ein paar Stunden so gelegen haben. - -Marthas Jammer war grenzenlos – das ganze Haus lief zusammen den armen -unglücklichen Vogel zu sehen, und da kam es denn heraus, daß der Vogel -Gift bekommen hatte, auch wer der Thäter dieser abscheulichen That war. - -Natürlich entging der böse Moritz der Strafe nicht für seine -Frevelthat, aber was half dies Martha und Aennchen, welche ihren -liebsten Freund und Spielgefährten verloren hatten? Die beiden weinten -heiße Thränen um den entrissenen Liebling, drunten in Aennchens Garten -wurde ihm unter einem Eschenbaume ein kleines Grab gegraben und die -Mädchen bepflanzten es mit Epheu und Immergrün. Dann ließ Aennchen von -ihrem Sparbüchsengeld einen weißen Stein anfertigen, darauf stand mit -goldenen Buchstaben: - -»Hier ruht unser guter Hansi!« und als im nächsten Frühjahr die Störche -wieder im Nest einkehrten und immer wie fragend das leere Nest auf der -Altane umschwirrten, da zeigten die Mädchen eifrig nach dem kleinen -Gräblein drunten im Garten, aber die Störche verstanden sie natürlich -nicht. - -[Illustration] - - - - -Vierzehntes Kapitel. - -Wintervergnügen und Eisabenteuer. - - -Das war ein großer Jubel, als Aennchen einmal im Winter die -ersten Schlittschuhe bekam. Sie war immer eine große Freundin der -Eisvergnügungen gewesen, und als ihre Eltern es noch nicht erlauben -wollten, die Eisbahn zu besuchen, da hatte sie mit ihren Geschwistern -einen Teil des Gartens überschwemmen dürfen; dort bildete sich -nun sehr rasch dann eine Eisdecke, auf welcher die Kinder nach -Herzenslust herumschlittern durften. Nun aber war Aennchen groß -genug, sogar Schlittschuhe zu bekommen und selbst mit auf die -Eisbahn gehen zu dürfen; ihr Bruder Fritz, welcher schon ein ganz -flotter Schlittschuhläufer war, bekam die Aufgabe zugeteilt, seinem -Schwesterchen das Schlittschuhlaufen zu lehren, und es dauerte gar -nicht lange, da war sie beinahe so geschickt wie er selbst. Jeden -freien Winternachmittag eilten nun die Geschwister zusammen auf das -Eis; Aennchen hatte einen niedlichen Pelzanzug bekommen, in dem sie -recht warm steckte, und so fuhren die Geschwister Hand in Hand oft -stundenlang die weitesten Strecken des Sees entlang. - -Eines Tages, als die beiden, ihre Schlittschuhe in der Hand, soeben -sich auch zum Fortgehen bereit machen wollten, sagte die Mutter: - -»Aennchen, heute wird’s wohl mit eurem Eisvergnügen nichts werden, denn -ich habe einen Gang für euch, der sich nicht aufschieben läßt. Unsere -alte Näherin ist krank und ich möchte ihr eine Flasche Wein schicken, -aber keine der Mädchen hat Zeit dazu. So müßt ihr es denn übernehmen. -Ihr Häuschen steht wohl dicht am See, aber es ist eine zu weite -Strecke, als daß ihr dieselbe schlittschuhlaufen könntet, auch wird -wohl das Eis heute schwerlich mehr sicher sein, nachdem es in der Nacht -so getaut hat; darum müßt ihr eben auf euer Vergnügen verzichten und -euch damit trösten, daß erfüllte Pflicht auch ein Vergnügen ist.« - -Sie händigte damit den beiden Kindern eine Flasche Wein ein, welche -sich mit sehr langen Gesichtern auf den Weg machten. Als sie aber an -den See kamen und die Eisfläche so spiegelglatt daliegen sahen, da -gewann das Verlangen, Schlittschuh zu laufen, doch die Oberhand und -Fritz sagte entschlossen: - -»Das Eis sieht ja noch ganz prächtig aus und hat keine Gefahr. Nicht -wahr, Aennchen, wir machen den Weg lieber direkt über den See, als am -Ufer entlang?« - -Aennchen war dies gleich zufrieden und so schnallten dann die beiden -ihre Schlittschuhe an und machten sich auf den Weg. Es waren nur wenige -Leute anwesend und keiner kümmerte sich um die beiden Kinder, welche -pfeilschnell die sonnenbeschienene Bahn dahinschossen und sich an dem -Krachen des Eises unter ihren Füßen ergötzten. So gut wie heute hatte -es ihnen selten gefallen. Es dauerte auch kaum dreiviertel Stunden, da -waren sie an dem Ufer des Sees angekommen, wo das Häuschen der Näherin -stand. Nun schnallten sie die Schlittschuhe ab und gingen ins kleine -Haus hinein, die Frau zu besuchen. - -Die alte Kathrin war eine gar treue Person und mit dem Hause von -Aennchens Eltern wie verwachsen. Alle Kinder hatte sie von deren ersten -Tagen an gekannt, jede Woche war sie zwei Tage vollständig im Hause -und da von Morgen bis Abend unermüdlich beschäftigt, all die kleinen -Höschen und Röckchen, die ihre unruhigen Lieblinge zerrissen hatten, -auszubessern und neu zu richten. Jetzt lag sie krank, nur von einer -alten Frau gepflegt, und sie freute sich unbeschreiblich, als Aennchen -und Fritz nun ins Zimmer traten und ihr den Liebesgruß brachten. Sie -that es nicht anders: ihre Pflegerin mußte einen Kaffee für ihre -kleinen Gäste kochen und währenddem ließ sie sich von diesen erzählen, -wie es zu Hause gehe. So waren im Umsehen einige Stunden vergangen, da -stand Fritz rasch auf und rief: - -»Nun müssen wir aber aufbrechen, wenn wir noch bei Tag zu Hause sein -wollen.« - -»Ihr werdet doch nicht über den See laufen wollen?« frug Kathrin -erschrocken, als sie die Kinder nach den Schlittschuhen greifen sah; -diese aber lachten fröhlich: - -»Natürlich laufen wir über den See zurück, wie wir hergekommen sind.« - -Und in einem Nu waren sie zur Thür geeilt und verschwunden. - -Draußen war es unterdes noch viel milder geworden, als es vor einigen -Stunden gewesen war, ein warmer Südwind blies mit voller Macht und -als sie auf den See kamen, bemerkten sie, daß derselbe schon bei -weitem mehr Wasser auf der Oberfläche stehen hatte als vorher, aber -es war ihnen nicht bange, doch noch glücklich darüber hinzukommen. So -faßten sie sich denn wieder an den Händen und liefen eiligst vorwärts, -aber je mehr sie weiter hineinkamen, um so heftiger begann es unter -ihnen zu krachen und zu knacken, so daß es ihnen jetzt selbst recht -ängstlich zu Mute wurde und sie nur drängten, vorwärts zu kommen, zudem -der Abend sehr rasch hereinzusinken begann. Der ganze See war auch -merkwürdigerweise völlig menschenleer, und es wurde ihnen die Ursache -erst schrecklich klar, als sie plötzlich zu ihrem Entsetzen bemerkten, -daß das Eis unter ihnen wirklich ganz unsicher war und die Scholle, -auf welcher sie standen, sich soeben langsam von den anderen abzulösen -begann. - -»Um Gotteswillen! Das Eis bricht!« schrie Aennchen entsetzt; Fritz, -selber heftig zitternd, faßte das Schwesterchen um den Leib und -sprang mit ihr über den Spalt vorwärts, dann wie gejagt im fliegenden -Lauf weiter fort. – Gottlob, schon sahen sie das Ufer ziemlich nahe, -da gähnte vor ihnen plötzlich wieder eine Wassertiefe, welche sie -nicht zu überspringen wagten. Mit zitternden Knieen standen sie da, -dann begannen sie laut um Hilfe zu schreien und mit den Tüchern zu -schwenken; da bemerkten sie die Leute am Ufer. Ein Mann sprang vor und -stürzte ihnen entgegen, aber das morsche Eis trug ihn nicht so weit, -daß er die Kinder erreichen konnte; da rief er um einen Strick und -winkte den Kindern, stehen zu bleiben. Einige wenige schreckensvolle -Momente, welche den entsetzten Zuschauern eine Ewigkeit währten, -vergingen – da hatte der tapfere Mann den Kindern den Strick zugeworfen -und denselben bedeutet, ihn um ihren Leib zu schlingen, – Fritz that -es mit bebenden Händen und als der Strick endlich fest genug saß, da -zog der Retter auf der anderen Seite an und schnellte die Kinder mit -einem blitzartigen Ruck über die gefährliche Stelle und von da an -vollends bis an das sichere Ufer hin. Es waren nur wenige Augenblicke -der furchtbarsten Gefahr gewesen, aber ein Schrei des Entzückens ging -durch die angesammelte Menge der Zuschauer beim Anblick der geretteten -Kinder, welche totenbleich und mit wankenden Gliedern sich kaum -aufrecht zu halten vermochten. Aennchen konnte vollends keinen Fuß -mehr rühren, eine mitleidige Frau trug sie auf ihren Armen nach Hause -und als die ahnungslosen Eltern hier erfuhren, welcher furchtbaren -Gefahr ihre Kinder preisgegeben waren, da dankten sie Gott aus innigem -Herzen, daß er sie so gnädig vor dem Verderben bewahrt hatte, und der -hochherzige Retter wurde reich beschenkt entlassen. Fritz und Aennchen -konnten lange nicht die ausgestandenen Schrecken vergessen, und sie -gelobten feierlich, nie mehr in ihrem Leben so unvorsichtig sein zu -wollen. - -[Illustration] - - - - -Fünfzehntes Kapitel. - -Klara. - - -»Herr Doktor, wie geht es eigentlich der armen Klara Traugott?« frug -Aennchens Mutter ihren Hausarzt, welcher jede Woche, selbst wenn -niemand von der Familie krank war, im Hause vorzusprechen pflegte; »ich -habe leider gehört, das arme Mädchen wäre sehr schlimm daran – ist das -wahr?« - -»Leider, leider,« erwiderte der Doktor, indem er sich nachdenklich -über den Bart strich. »Es thut mir leid, nicht helfen zu können, denn -der Kranken wäre leicht geholfen, wenn man ihr nur einmal einen ganzen -Sommer lang vollständigen Aufenthalt in frischer Luft, eine energische -Milchkur und sorgenfreies Dasein verschaffen könnte. Aber wie ist das -anzufangen, wo alle Mittel dazu fehlen? So muß sie wie eine Blume, -welche nicht genug Sonnenschein und Wasser hat, elend verkümmern; es -ist zu traurig. Nicht einmal zum Spazierengehen kann man sie bringen, -da sie zum Gehen zu schwach ist und einen Fahrstuhl nicht besitzt – -ich würde ihrer Mutter, der Frau Pfarrerin, gern etwas unter die Arme -greifen, aber sie ist zu stolz, etwas anzunehmen!« - -»Halt, aber mir kommt ein Gedanke!« rief Aennchens Mutter, welche -aufmerksam und betrübt zugehört hatte. »Herr Doktor, wäre nicht unser -neues Landhaus gerade als Erholungsort für die Kranke wie geschaffen? -Sie könnte dort die ganze schöne Jahreszeit über ländliche Ruhe -genießen, wir haben die köstlichste Milch dort selbst im Hause, ein -Fahrstuhl steht noch von meinem seligen Vater her droben auf dem -Speicher, den könnten wir hinausschaffen lassen, wenn die Patientin -weitere Wege in den Wald unternehmen sollte – fügt sich nicht alles -herrlich zusammen?« - -»Wenn Sie wirklich der armen Kranken diese Hilfe bieten wollen, -dann stehe ich auch dafür ein, sie gesund zu machen,« rief der -Hausarzt erfreut, der gütigen Dame die Hände schüttelnd, und der -vielbeschäftigte Mann empfahl sich, indem er noch meinte, jeder Tag sei -jetzt Gewinn und er könne nur für rasche Ausführung des ausgezeichneten -Planes stimmen. - -So begab sich denn Aennchens Mama ohne Zögern hinüber in das kleine -Stübchen der Frau Pfarrerin Traugott, mit welcher sie sich seit der -Freundschaft der beiden Kinder auch schon längere Zeit befreundet -hatte, und schlug ihr vor, mit ihrem kranken Töchterlein hinaus auf -das schöne Landhaus zu ziehen, damit diese in frischer Luft und bei -kräftiger ländlicher Kost dort zu neuem Leben gesunden könne. Die Frau -Pfarrerin vermochte anfangs kaum an das Glück zu glauben, welches sich -ihr plötzlich so unvermutet bot, sie zögerte, eine solche Großmut -anzunehmen, aber die Sorge für ihre immer mehr dahinsiechende Tochter, -deren Leiden zu lindern so wenig in ihrer Macht stand, ließ sie die -dargereichte Rettungshand mit gerührtem Herzen ergreifen und Gott innig -danken, welcher so edle Menschenfreunde auf ihren Pfad geführt. - -So wurde denn auch kein Tag mehr versäumt, die Uebersiedlung der -Kranken nach dem Landhäuschen, welches »Glückesruh« getauft worden war, -vorzunehmen. Zwei niedliche Fremdenzimmer wurden dort für sie in Stand -gesetzt, die Frau Pfarrerin zog mit Klara hinaus in das reizende Heim -und Martha wurde während der Abwesenheit der Mutter zu Aennchen als -Gast geladen. Das war nun eine köstliche Zeit für die kleinen Mädchen; -wie zwei Schwestern teilten sie alles zusammen und Aennchens Eltern -gewannen die kleine Martha so lieb, als ob sie ihr eigenes Kind wäre; -auch die Jungen hingen mit knabenhaftem Ungestüm an der lieben sanften -Freundin. - -Jeden Sonntag aber den ganzen Sommer über pilgerte denn die ganze -Familie schon am frühen Morgen hinaus nach »Glückesruh« und Martha -konnte es sehnsüchtig immer kaum erwarten, ihre Lieben wiederzusehen. -Und wie grenzenlos war jedesmal ihre Freude, wenn sie ihre geliebte -Schwester Klara von Woche zu Woche immer weiter genesen fand. Der -Herr Doktor hatte recht gehabt; die Kranke hatte wirklich einer Blume -geglichen, welcher der Sonnenschein gefehlt; nun aber ihr alles zuteil -werden konnte, was ihrem geschwächten Körper not that, kehrte die -Farbe der Gesundheit auf ihre blassen, lieblichen Wangen zurück, neue -Kraft strömte durch ihre Glieder, so daß sie nun schon imstande war, -kürzere Wegstrecken allein zurückzulegen, bei weiteren Wegen wurde sie -im bequemen Fahrstuhl gefahren. Das Bärbele fühlte sich sehr wichtig -und geschmeichelt, wenn sie der verehrten Kranken zu wiederholten -Stunden des Tages große Gläser köstlich schäumender Milch bringen -durfte, welche dieser so herrlich mundeten, wie ihr seit Jahren nichts -gemundet hatte. Der Doktor kam alle paar Tage herausgefahren, nach -seiner Patientin zu sehen, und trat stets aufs höchste befriedigt den -Heimweg an, nachdem er ein Stündchen im Garten mit den beiden Damen -verplaudert, und sich von Herzen gefreut hatte über die zunehmende -Frische und Lebenslust des lieben kranken Mädchens – ja, er weissagte -sogar, bis zum Herbst würde er es mit keiner Patientin mehr, -sondern mit einem völlig gesundeten Fräulein zu thun haben. Wer war -glücklicher, als die ganze Familie Traugott – niemals hätten sie zu -hoffen gewagt, daß sich ihr Lebenslos noch so gnädig gestalten würde. - -[Illustration] - -[Illustration] - - - - -Sechzehntes Kapitel. - -Musikstunden. - - -»Lieber Mann, meinst du nicht, daß es Zeit wäre, Aennchen jetzt mit -dem Musikunterricht beginnen zu lassen? Sie hat doch ungewöhnliches -musikalisches Talent und auch offenbar viel Liebe zur Musik. Andere -Kinder beginnen oft schon mit sechs Jahren Klavier zu spielen; so -ist unser Töchterchen verhältnismäßig spät daran, doch wollte ich -sie bisher nicht mit Arbeit überbürden, da ich dafür bin, daß die -Kinder nicht zuviel auf einmal beginnen sollen, weil sonst leicht -alles nur halb gethan wird. Darum ließ ich Aennchen lieber erst über -alle Schwierigkeiten des Anfangsunterrichts in der Schule hinweggehen -und ihr dabei genug Muße zu Spiel und Erholung; jetzt aber, da -ihr Charakter ernster geworden ist und sie verständig genug ist, -einzusehen, welchen Vorteil das Lernen bringt, wird sie mit Freuden -den Musikunterricht beginnen und sich hoffentlich recht gelehrsam und -strebsam zeigen.« - -So sprach eines Tages Aennchens Mutter zu ihrem Mann, welcher sich -vollständig damit einverstanden zeigte; daraufhin wurde dem jungen -Mädchen angekündigt, daß sie von nun an Klavierstunden bekommen -würde, und Aennchen vernahm die Nachricht mit freudigem Stolz. Hatte -sie die Musik ja so lieb, als wäre sie als Waldvögelein geboren! sie -konnte nicht leben, ohne zu zwitschern und zu singen; den ganzen Tag -klangen ihre frohe Liedchen durchs Haus. Wie schön dachte sie es sich -nun, Klavierspielen und sich selbst begleiten zu können – sie hatte -die Freundinnen schon zuweilen beneidet, welche so stolz von ihrem -Klavierunterricht erzählten, und so versprach sie denn gar gern ihren -gütigen Eltern, eine recht fleißige und strebsame Schülerin werden zu -wollen. - -Des andern Tages begleitete ihre Mutter sie dann in die Musikschule, -wo Aennchen bereits angemeldet war. Die Vorsteherinnen derselben waren -zwei feingebildete Damen, welche mit Hilfe mehrerer Lehrerinnen das -Institut gegründet hatten, das sich des besten angesehensten Rufes -erfreute und von den meisten besseren Familien besucht ward. - -Voll Herzklopfen folgte Aennchen ihrer Mutter die Treppe hinauf in -einen großen eleganten Salon, wo die Vorsteherin Fräulein Tamann sie -mit freundlicher Würde empfing. Nach wenigen Worten mit Aennchens -Mutter führte sie dann diese mit dem Töchterlein hinüber nach einem -andern Zimmer, darin standen drei Klaviere an den Wänden, außerdem noch -ein Tisch, einige Fauteuils, ein Sofa, ein Blumentisch und mehrere -Etageren an den Wänden. Aennchen hatte sich eine Musikschule durchaus -nicht so freundlich vorgestellt und war freudig überrascht, auch in der -Lehrerin eine sehr feine junge Dame in höchst gewählter Kleidung zu -erblicken, welche den Kindern so liebenswürdig entgegenkam, daß sie gar -keine Gelegenheit fanden, sich zu fürchten und Scheu zu empfinden. Es -waren außer Aennchen noch drei Ankömmlinge im Zimmer, zwei Knaben und -ein Mädchen, letzteres auch von seiner Mutter begleitet. Doch empfahlen -sich die Damen, als der Unterricht begann; nur die Vorsteherin, Frl. -Tamann, verweilte noch eine Zeitlang im Zimmer, um zu beobachten, wie -sich die neuen Schüler beim Unterrichte benehmen würden. - -Dieser begann nun freilich ganz anders, als Aennchen ihn sich gedacht, -denn anstatt, daß sie gleich an das Klavier gesetzt wurde und dort -darauf heraufklimpern durfte, sang ihnen die Lehrerin, Fräulein -Ina, mit klarer hübscher Stimme ein einfaches Liedchen vor; »Wenn -die Sonn’ mit hellem Schein leuchtet in dein Bett hinein – Büblein, -spring geschwind heraus, sticht dir sonst die Augen aus.« Die Kinder -mußten das Liedchen nachsingen, bis sie es ohne Fehler konnten, -natürlich brachte Aennchen dies mit großer Leichtigkeit zu stande. Dann -wurden alle vier an eine große schwarze Tafel geführt, auf welcher -Notenlinien aufgezeichnet waren und große runde Notenköpfe, welche -freilich den Kindern vollständig unbekannte Größen waren. Es war nun -nicht leicht, bis sie alle nach und nach begriffen hatten, daß diese -Noten, in aufsteigender Reihe auf den fünf Linien hingemalt, die Noten -~c d e f g a h c~ darstellten; noch viel schwerer war es, die Bedeutung -der Zeichen und Vorzeichen kennen zu lernen, den Violinschlüssel -nachzumalen und vieles andere mehr, und es bedurfte dazu vieler -Stunden, bis sie dies alles vollständig begriffen hatten. Heute aber -in dieser ersten Stunde kamen sie doch schon so weit, daß sie einige -der Noten kennen lernten. Dann wurden sie alle an die Klaviere gesetzt, -die zwei Mädchen an das erste, die zwei Knaben zusammen an das zweite, -und Fräulein Ina ging von einem zum andern und zeigte ihnen, wie sie -gerade und aufrecht am Klavier zu sitzen hatten und wie sie Füße und -Arme, Ellbogen und Hände in richtige Haltung bringen mußten. Dies -war besonders bei den Buben keine leichte Mühe, denn ihre eckigen -Gliedmaßen zeigten sich recht ungeschickt für diese Künste. Nun sollte -sich jedes der Kinder die Melodie des Liedchens auf dem Klavier -zusammensuchen. – Aennchen fand sogleich den ersten Ton richtig und, -o Wunder, auch die nächsten Töne ganz gut bis zum Schluß, während die -andern Kinder sich weit mehr bemühen mußten. Fräulein Ina hatte eine -große Freude an ihrer talentvollen Schülerin; zum Schluß der Stunde -bekamen alle als Hausaufgabe eine Seite Violinschlüssel zu schreiben, -ferner das Liedchen recht oft auswendig zu singen, die Notenzeichen -dazu auswendig ins Buch zu schreiben und die Namen der Noten darüber zu -setzen. - -So war denn die erste Stunde sehr gut abgelaufen und Aennchen kehrte -ganz freudestrahlend nach Hause zurück; voll Eifer nahm sie von nun -an jeden freien Augenblick wahr; sich auf dem Klavier zu üben; es war -erstaunlich, welche Fortschritte sie schon in den ersten Lehrstunden -machte, wie sie auch den schriftlichen Teil ihrer Aufgabe stets -zur Zufriedenheit löste und sogar anfing, kleine Kompositionen zu -versuchen, welche ganz niedlich ausfielen. Ihre Eltern und Lehrer -hatten große Freude darüber, besonders aber war Martha stolz über die -musikalischen Fortschritte ihrer Freundin, und jede Stunde, welche -sie am Klavier zubrachte, setzte sie sich mit ihrer Arbeit in ein -Winkelchen daneben und bildete eine aufmerksame Zuhörerin. Sie selbst -konnte ja nicht daran denken, auch Klavier spielen zu wollen – ihre -kleine verkrümmte Figur war schon viel zu schwächlich dazu und dann -hätte ihre Mutter den kostspieligen Unterricht gar nicht erschwingen -können, aber sie war dennoch frei von jedem Neid und freute sich -aufrichtig des Glückes ihrer Freundin. - -Denn für diese wurde die Musik nun wirklich zu einer wahren Quelle des -Glücks und ihre Eltern mußten sie schließlich beinahe zurückhalten, -daß sie nicht zuviel darin that. Bald war sie so weit, daß ihr das -Notenlesen nicht die geringste Schwierigkeit mehr verursachte und sie -nach dem Gehör die verschiedensten Akkorde schon auseinanderzukennen -vermochte; sie spielte mit richtigem Anschlag und gutem Ausdruck schon -eine Anzahl hübscher kleiner Liedchen, Uebungen und Sonatchen, und -als nun in der Musikschule der erste Musikabend, die sog. »Soiree«, -herannahte, da konnte sie bereits zu denjenigen gezählt werden, welche -ein hübsches Musikstück zum Vortrage bringen durften. - -Diese erste Soiree sollte abends 6 Uhr beginnen; die ganze Schülerschar -der Musikschule freute sich schon lange darauf und Aennchen hatte von -den andern schon so viel erzählen hören, wie hübsch und unterhaltend -es an solchen Abenden immer sei. Da wurden alle Eltern derjenigen -Klassenschüler mit eingeladen, welche an dem Abend vorspielen durften, -es wurde Thee gereicht und die Kleinen mußten sich da wie in einer -richtigen Gesellschaft benehmen. Welch ein Ehrgeiz wurde da in den -Kindern erweckt! jedes war bestrebt, an diesem Abend sowohl durch sein -Spiel als auch durch sein gutes Betragen nur Ehre einzulegen! - -Aennchen hatte bei Fräulein Tamann um die Erlaubnis ersucht, ihre -Freundin Martha mitbringen zu dürfen; sie wollte ihr gern auch das -Vergnügen gönnen, obschon das schüchterne Mädchen allerdings nur schwer -zu überreden war, sich mit in den Kreis all der andern frohen Kinder -zu mischen; sie war im größeren Kreise immer ängstlich und scheu, da -sie stets fürchtete, wegen ihres Gebrechens verhöhnt zu werden. Aber -im Hause Fräulein Tamanns brauchte sie keine Furcht zu hegen, daß -die Kinder in Unart und Uebermut ausarten könnten; dort waren alle -liebenswürdig und jedes darauf bedacht, sich so fein und gesittet als -möglich zu benehmen. - -So gestaltete sich dieser Abend für die beiden Mädchen denn auch zu -einem höchst vergnüglichen. Aennchen erntete viel Lob, als sie ihr -Musikstück hübsch und fehlerfrei vorgetragen hatte. Nachdem alle -Kinder ihre Vorträge beendet hatten, wurden für Groß und Klein Thee -und Süßigkeiten herumgereicht und alle durften sich nach Gefallen -Plätze suchen, schwatzen und lachen. Das war nun eine Fröhlichkeit in -der kleinen Schar; sie saßen dicht gedrängt auf den niederen Samtsofas -die Wände entlang, hielten ihre Theetassen, wie die großen Damen, in -der linken Hand und dabei schwatzten all die vielen kleinen Mündchen -unaufhörlich. Ein kleiner sechsjähriger Knabe war dabei, er hieß -Fredchen, der glaubte, für die Unterhaltung allein sorgen zu müssen; -in höchst drolliger Weise geberdete er sich wie ein Kavalier, trug -den kleinen Damen die leeren Theetassen fort, erzählte ihnen lustige -Geschichtchen und es war zuletzt ein Gelächter und Gekicher unter -allen, daß Fräulein Ina neugierig herzukam und fragte, was es denn so -Lustiges gebe? - -»O, Fräulein Ina,« sprach Aennchen lächend, »Fredchen hat gerade -erklärt, wenn er groß sei, wolle er uns alle miteinander heiraten, -aber wir müßten ihm dann den ganzen Tag ›Wer will unter die Soldaten?‹ -vorspielen.« - -»Fräulein Ina aber will ich aber zuerst heiraten, denn sie hat so -schöne Kleider an und ist so arg lieb!« rief der komische kleine -Schelm und versuchte an der jungen Lehrerin hinaufzuklettern; er wäre -wohl am Ende noch gar zu übermütig geworden, wenn die Soiree nicht -ihr Ende erreicht hätte und die verschiedenen Mamas mit ihren Kindern -aufgebrochen wären. Aber noch lange schwärmten alle von dem schönen -Abend und Aennchen konnte schon die nächste Soiree kaum erwarten. - - - - -Siebzehntes Kapitel. - -Aus Aennchens Tagebuch. Almas Rückkehr. - - -Was habe ich doch gestern für eine Freude gehabt! Wirklich, ich bin -jetzt noch ganz aufgeregt, während ich es niederschreibe. - -Wir waren, wie jeden Sonntag in diesem Jahr, alle mit einander zu -unserem Landhäuschen »Glückesruh« hinausgepilgert. Freilich sagten wir -uns unterwegs mit Bedauern, daß es nun wohl nicht oft mehr in diesem -Jahre geschehen könne, denn es ist bereits der Spätherbst gekommen und -dieser macht sich zuweilen schon recht fühlbar. Freilich, gestern war -noch ein ganz köstlicher Tag, die Sonne schien so warm und golden, als -dächte sie gar nicht daran, bald Abschied nehmen zu müssen, und der Weg -über die abgemähten Felderstoppeln war so lustig, daß wir Kinder uns -alle an der Hand faßten und im vollen Galopp über die Furchen jagten. -Dann hingen sich uns die silbernen Marienfäden um die Gesichter, wir -waren wie mit Schleiern umsponnen und spielten »Märchenfee.« - -Und wie freuten wir uns alle, besonders aber meine liebe Martha, die -immer vorauseilen wollte, auf unsere liebe, liebe Klara! Wir konnten -es kaum erwarten, zu ihr zu kommen, da wir alle miteinander mit so -inniger Liebe an ihr hängen. Keine versteht es, wie sie, uns schöne -Märchen und Geschichten zu erzählen, keine nimmt mit so viel Geduld -und Freundlichkeit all unsere kleinen Anliegen entgegen; bei niemand -sind wir so artig und still, selbst die wilden Brüder sind in Fräulein -Klaras Gegenwart immer wie ausgewechselt und man hört kein einziges -wildes oder unbedachtes Wort von ihnen. Und seitdem sie nun so viel -gesünder und kräftiger geworden ist, nimmt sie sogar ganz gern an -unseren Spielen teil, wenn dieselben nicht zu wild sind; wir vergessen -dann immer ganz, daß sie nicht auch ein Kind ist, wenn sie gar so -herzlich lachen und sich mit uns freuen kann. - -So beflügelten sich denn unser aller Schritte, als wir »Glückesruh« -näher kamen – Martha war gar nicht mehr zu halten; sie sprang die -Anhöhe vor uns hinauf, da hörten wir sie ganz glückselig rufen: »Klara, -bist du es denn wirklich?« und als wir um die Ecke bogen, da trauten -auch wir kaum unsern Augen, denn Fräulein Klara stand ganz gesund und -frisch mitten im Weg und hielt die kleine Schwester umschlungen; sie -hatte den Weg vom Häuschen her, der wirklich gar nicht so kurz ist, -ganz allein zu Fuß zurückgelegt, um uns entgegen zu gehen! Das war nun -ein Glück und eine Ueberraschung! Die Eltern und wir alle umringten sie -jubelnd; Frau Pfarrer Traugott kam vom Hause auch herbei und vergoß -Freudenthränen über die Genesung ihrer Tochter und dann schritten wir -alle dem Häuschen zu. Ich durfte mit Fritz zugleich Fräulein Klara -voranführen; wie glücklich und stolz fühlten wir uns! Ich mußte sie -nur immer ansehen, so gut gefiel sie mir mit den zartrosa Wangen und -dem feinen sanften Gesicht, um das die hellen Haare in schönen Wellen -fielen. So könnte eine Fee ausgesehen haben aus den Märchenbüchern! -Ach, und so lieb und gut war sie; wir durften ihr alles erzählen, -was wir die Woche über erlebt hatten, und sie hatte dafür eine Menge -Geschichten für uns bereit, die sie hier außen beobachtet hatte, von -Bärbele und vom Hühnerhof und dem Ziegenbock, und dann hatte sie auch -acht auf unsere verschiedenen Gärtlein gegeben, welche freilich jetzt -leider schon anfingen, recht kahl zu werden. Keine Blume wollte sich -mehr halten, auch die Blätter wurden welk, aber auf der Wiese sah’s -lustig aus, da gab’s Herbstzeitlosen die Hülle und Fülle. - -So verging uns denn der Vormittag in lauter Lust und Fröhlichkeit -und nachmittags waren wir im warmen Sonnenschein alle zusammen auf -dem großen Platz vor dem Hause. Fräulein Klara war in ihren Fahrstuhl -gebettet, da sie hier die beste Bequemlichkeit hatte, und wir Kinder -spielten alle miteinander Croquet, wenn wir auch freilich nichts -Besonderes darin zu leisten vermochten; zumal die kleinen Brüder haben -es noch zu keiner Geschicklichkeit gebracht und Hermännchen schleudert -seine Kugel immer nach allen Richtungen hin, nur nicht nach derjenigen, -welche sie nehmen soll. Eben hatte er wieder höchst unbedacht eine -ganz falsche Kugel erwischt und wollte mit dieser seine Kunststücke -beginnen, Fritz sprang dazwischen und packte ihn am Schopf, und es -hätte vielleicht eine kleine Keilerei gegeben, die unter den Buben -nicht selten ist, da rief Fräulein Klara aufhorchend: - -»Ich höre einen Wagen fahren – es wird doch kein Besuch kommen?« Und -richtig, soeben fuhr eine wundervolle elegante Equipage mit Kutscher -und Diener in schöner Livree den Hof herein. Stumm vor Erstaunen, -mit offenem Mund stand ich da und konnte nicht begreifen, wer das -wunderfeine junge Mädchen war, welches mir schon von weitem aus dem -Wagen so lebhaft zuwinkte. Der Wagen hielt und eine helle Stimme rief: - -»Aennchen, kennst du denn deine Freundin Alma nicht mehr?« - -Beim Himmel, dieses reizende junge Dämchen war Alma! Sie sah ja beinahe -erwachsen aus in dem köstlichen Samtkostüm und Barett, die langen -Haare flossen ihr wie ein Schleier den Rücken herunter; ich konnte nur -stehen und sie anstaunen, während sie rasch aus dem Wagen sprang und -auf mich zueilte. Aber wie sie mich so herzlich und stürmisch umarmte -und an sich drückte, da erkannte ich doch meine liebe alte Alma wieder, -die Schüchternheit verschwand und voll Jubel drückte ich sie an meine -Brust! Es war mir freilich noch immer wie ein Traum, daß es wahr sein -sollte und wir uns wieder hatten; ich stammelte ganz betroffen: - -»Wo kommst du denn so überraschend hierher?« - -»Direkt aus Italien!« lachte Alma fröhlich. »Papa hatte plötzlich -eine große Sehnsucht nach Deutschland erfaßt; so wurde rasch alles -gepackt und zur Abreise gerichtet. In wenigen Tagen waren wir hier; -mein Fräulein trennte sich unterwegs leider von uns, da sie nach Hause -berufen wurde und nicht mehr bei mir bleiben kann. Mein Papa hatte mir -schon in Italien versprochen, sobald wir zu Hause wären, dürfte es mein -Erstes sein, dich, liebes Herz, zu besuchen; so fuhren wir heute gleich -nach eurem Hause, doch wurde uns gesagt, daß ihr hier außen zu finden -wäret. Rasch wurde Kehrt gemacht und hierher gefahren und nun sind wir -hier, alle miteinander, Papa, Peppino und ich. Aber wo ist Peppino, daß -du ihn auch kennen lernst?« - -Nun erst bemerkte ich, daß außer Alma noch andere Fremde im Wagen -gekommen waren: ein vornehm aussehender Herr, welcher sich jetzt -lebhaft mit den Eltern unterhielt, und ein junger Mann von etwas -fremdartigem Aussehen, welchen Alma nun an der Hand ergriff und mir -als ihren Bruder Peppino vorstellte. Ich wurde dunkelrot und verlegen, -aber die beiden sprachen so unbefangen und heiter zusammen und Peppino -wußte schon so viel von mir und meinem Leben, daß ich doch bald auch -ganz vertraulich mit ihm wurde und anfing, tüchtig zu plaudern und -zu lachen. So verging die Zeit wie im Fluge, Mama hatte für Thee und -Kaffee gesorgt, und wir saßen alle zusammen im Kreise um den großen -runden Tisch auf der Veranda, auch Fräulein Klara verweilte sehr -glücklich unter uns und Herr von Stolzau hatte seinen Platz an ihrer -Seite; da bemerkte ich auf einmal, daß meine Martha fehlte. Ich fragte -nach ihr, niemand wußte etwas, sie war schon lang verschwunden! Unruhig -stand ich auf, sie zu suchen; Alma rief mir nach: - -»Halt, Aennchen, ich gehe mit dir!« und hing sich an meinen Arm, -während ich im ganzen Garten nach Martha rief. Da fiel mir ein: sie -wird wohl an ihrem Lieblingsplätzchen sein; das war eine lauschige -entfernte Ecke, welche ganz zwischen Bäumen und Sträuchern verborgen -war; eine einzige kleine Bank stand dort und schon längst hatte Martha -sich diesen kleinen traulichen Platz als Lieblingsort ausgewählt. Als -ich jetzt die Zweige des Gebüsches teilte, da saß sie richtig dort auf -der Bank; sie hatte das Gesicht abgewandt in ihren Händen verborgen; -als ich sie aber anrief, da sah sie zu mir auf – ihr ganzes liebes -Gesichtchen war von Thränen überflutet. - -»Martha, warum weinst du?« rief ich sie ganz erschrocken an. Da sprang -sie auf und suchte zu entschlüpfen, ich aber umfaßte sie rasch und bat -dringend: - -»Du mußt mir sagen, warum du weinst! Hat dir jemand etwas gethan?« - -»O nein, nein!« schluchzte sie, »aber – – –« - -»Aber?« frug ich dazwischen. - -»Aber ich bin doch tief unglücklich, weil – – –« - -»Weil – – –?« drängte ich sie. - -»Weil – weil du nun eine andere Freundin hast und mich nicht mehr lieb -haben wirst,« kam es endlich stockend heraus. Also das war’s! Das böse -Mädchen war eifersüchtig! Sie fürchtete, ich würde sie nun übersehen -neben der neuen Freundin! In ihrer Bescheidenheit dachte sie ja immer, -hinter den andern zurückstehen zu müssen; aber sie sollte sehen, -daß ihre Befürchtungen gänzlich grundlos waren, denn von der einen -Seite nahm Alma, von der andern ich sie unter den Arm, wir umarmten -und küßten sie, schalten sie tüchtig aus und schwuren uns dann auf -derselben Stelle ewige Freundschaft. Es sollte zwischen uns dreien ein -Freundschaftsbund fürs Leben werden; wir waren ganz begeistert von -dem Gedanken und entwarfen sofort den Plan, von nun an ein Kränzchen -stiften zu wollen, welches »Vergißmeinnicht« benannt werden sollte. - -Dann kehrten wir glücklich vereint zu den andern zurück, welche uns -lächelnd empfingen und durchaus wissen wollten, was uns so lange -zurückgehalten habe. Wir aber verrieten nichts, so sehr Peppino in uns -drang. Derselbe ist gar ein lieber, lustiger Bursche, er befreundete -sich herzlich mit Bruder Fritz, obgleich derselbe etwas jünger ist, und -die kleinen Brüder waren bald so keck, daß sie ganz ungeniert mit ihm -spielten und ihre Possen treiben. - -Herr von Stolzau hatte seine Freude daran. Ich hätte nie gedacht, daß -er so mild und liebenswürdig zu sein vermag; er unterhielt sich sehr -freundlich mit allen, am meisten aber sprach er doch mit Fräulein -Klara, welche mit glänzenden Augen zu ihm aufschaute und so frisch und -wohl aussah, daß wir uns alle nicht genug darüber freuen konnten. - -Erst spät am Abend ließ Herr von Stolzau seine Equipage wieder -vorfahren, doch versprach er vor der Trennung noch, Alma recht oft mit -uns verkehren zu lassen, wenn er auch nicht vor hat, sie noch einmal in -die Schule zu schicken; vielmehr erkundigte er sich bei Mama nach einem -passenden Pensionat. Diese sprach lange halblaut mit ihm; ich hörte -zuletzt, wie sie sagte: - -»Auch ich werde Aennchen nach der Konfirmation in diese Pension senden.« - -Das wäre ja dann in gar nicht weiter Ferne, denn meine -Vorbereitungen für die Konfirmation haben schon begonnen und nächste -Ostern wird dieselbe stattfinden. Ich habe mit Martha zugleich -Konfirmationsunterricht bei unserem lieben alten Herrn Dekan, der so -recht versteht, unsere Herzen vorzubereiten zu dem wichtigen Schritt, -der uns bevorsteht. Alma ist katholisch, ich fragte sie, ob sie schon -konfirmiert sei; sie sagte, ihr Vater sei dafür, daß dies erst mit 18 -Jahren geschehe, zu Hause bei ihnen im Norden sei dies so Brauch – dies -wunderte mich sehr. - -[Illustration] - - - - -Achtzehntes Kapitel. - -Aus Marthas Tagebuch. Die Konfirmation. - - -Sehr lange Zeit kam ich nicht mehr dazu, in mein Tagebuch zu schreiben; -ich hatte gar so viel anderes vor, diesen ganzen Winter. In der -Schule gab es mehr als je zu lernen, nun das Ende des Schuljahres -und die große Prüfung nahe war; kurze Zeit darauf sollte die -Konfirmation stattfinden, so war denn meine Zeit vollauf mit Lernen und -Vorbereitungen in Anspruch genommen. Als schönste Erholung dazwischen -wurde mir aber dann gestattet, wöchentlich das Kränzchen mit meinen -lieben Freundinnen Aennchen und Alma abzuhalten, und zwar hatten wir -dafür den Sonntagnachmittag festgesetzt. Welch köstliche Stunden haben -wir an diesen Tagen immer zusammen verlebt! wir freuten uns von Woche -zu Woche darauf und einmal war es schöner und genußreicher als das -andere Mal. Unser Zusammensein war nicht nur dem Vergnügen gewidmet; -wir hatten immer eine Stunde für die Unterhaltung in französischer -Sprache festgesetzt. Natürlich ist Alma darin unsere Meisterin, denn -sie spricht französisch, als wäre es ihre Muttersprache, während wir -andern oft nur recht kläglich zu stammeln vermögen; aber das giebt dann -gerade den größten Spaß, und Alma hat so lange Geduld, bis sie uns die -richtigen Sätze über das, was wir ausdrücken wollen, eingeprägt hat. - -Die liebe Alma! Wie gütig und freundlich ist es von ihr, mich als -Aennchens Freundin mit in den Kauf zu nehmen und zu ihrer Freundin -zu machen! Ich hätte das nie zu hoffen gewagt! Sie ist sehr lebhaft -und witzig, sehr glänzend und verwöhnt, dabei aber doch von Herzen -gut und liebenswürdig. Früher in der Schule hatte ich immer Scheu vor -ihr, da sah sie mit Hochmut über alle hinweg, welche es ihr nicht -gleichthun konnten; mich selbst hatte sie nie beachtet. Aber sie ist -vollständig verändert von der Reise zurückgekommen, wenn sie auch -äußerlich noch dieselbe ist; nur noch viel reizender als früher, und -sie sieht so erwachsen aus, daß sie immer für eine junge Dame gehalten -wird. Ich rechne es ihr hoch an, daß sie es nicht verschmäht, aus ihrem -glänzenden Schloß, so oft die Reihe des Kränzchens an mir ist, in unser -kleines, enges Stübchen zu kommen, und wahrhaft merkwürdig ist es, daß -sie behauptet, sich immer gerade da am wohlsten zu fühlen, weshalb -mein Herzens-Aennchen schon einmal beinahe eifersüchtig geworden -ist. Sie hängt mit einer schwärmerischen Liebe an meiner Schwester -Klara und erscheint niemals, ohne ihr etwas Hübsches an Früchten und -Blumen von ihrem Gute mitzubringen. Klara errötet dann immer vor -Freude; anfangs war es ihr beinahe peinlich und sie fragte Alma, ob -es ihr denn gestattet sei, das Treibhaus so zu plündern; doch Alma -erklärte fröhlich, ihr Papa habe mit eigener Hand ihr immer die Blumen -für Fräulein Klara abgepflückt und sie könne ihn ja selbst darüber -befragen. Denn Herr von Stolzau unterläßt es selten, sein Töchterchen -mit dem Wagen aus dem Kränzchen abzuholen, und es ist vorgekommen, -wenn das Kränzchen in unserem Hause stattfand, daß er sich noch eine -halbe Stunde hinsetzte und mit Klara unterhielt, sie in teilnehmendster -Weise nach ihrer Gesundheit befragte und sich recht herzlich freute, -daß es ihr fortwährend so gut geht. Denn gottlob, mein liebes, liebes -Schwesterchen ist wirklich seit diesem letzten Sommer ganz gesund -und kräftig geworden; sie fühlt keine Schmerzen mehr, kann täglich -ein Stündchen ausgehen, sich zu Hause beschäftigen und ist darüber -natürlich sehr glücklich und dankbar gegen Gott, der ihr dazu so gnädig -verholfen hat. Und wie viele große Hilfe haben wir den gütigen Eltern -meines lieben Aennchen zu verdanken – meiner armen Mama wäre es ja -nicht möglich gewesen, einen solch langen herrlichen Landaufenthalt -für meine leidende Schwester zu erschwingen. Jetzt ist es, als ob -lauter Sonnenschein in unser Häuschen eingezogen wäre; der ganze lange -Winter ging uns wie ein freundlicher Traum vorüber. - -Auch in der Schule durfte ich viel Freude erleben. Die Lehrer sind -alle so gütig gegen mich und haben mich zur Ersten der Klasse ernannt. -Gleich nach mir kommt Aennchen, die es eigentlich noch viel mehr -verdient hätte. Denn sie ist eine vortreffliche Schülerin und lernt -so rasch und leicht, daß es oft ganz wunderbar ist, während ich mich -oft viel mehr plagen muß. Bei der Prüfung erregte sie mit ihrem -Aufsatz über Kaiser Barbarossa förmliches Aufsehen und erhielt eine -Extrabelobung. - -Zwischen der Schulprüfung und der Konfirmation blieben uns noch drei -Wochen zur Vorbereitung für die Konfirmation. Aennchen und ich, welche -den ganzen Unterricht miteinander genossen, verlebten auch diese letzte -Zeit tagtäglich zusammen. Wir waren gegenseitig bemüht, uns auf den -Ernst dieses wichtigen Schrittes würdig vorzubereiten, und als dann -der heilige Ostertag herankam, an welchem wir das Gelübde ablegen -sollten fürs Leben, da nahmen wir mit hohem Ernst die Gnade entgegen, -als erwachsene Christen in die Gemeinschaft der andern aufgenommen -zu werden. Der Spruch, welchen ich erhielt, lautete: »Sei getreu bis -in den Tod, so will ich dir die Krone des ewigen Lebens geben!« und -Aennchen bekam die Worte auf den Lebensweg: »Die Augen des Herrn sehen -auf die, so ihn lieb haben!« - -Wir waren beide zusammen vor den Altar geschritten. Mein schönes -Aennchen, das so unbeschreiblich lieblich mit den hängenden Zöpfen in -dem ernsten schwarzen Gewand aussah, hatte es nicht verschmäht, mit der -mißgestalteten kleinen Freundin zu gehen, welche, ich bemerkte es gar -wohl, die Blicke der meisten auf sich zog. Als ich mich darüber gegen -Aennchen äußerte, meinte das liebe gute Kind: »Vor dem lieben Gott sind -wir ja alle gleich und dein Herz in der unscheinbaren Hülle ist ihm -sicher lieber als das meinige!« Ach, sie weiß doch immer einen Trost -für mich! - -Mittags waren wir alle zu Tisch in Aennchens Hause geladen, Mama, Klara -und ich, auch Herr von Stolzau und Alma. Es war ein schönes erhebendes -Festmahl; wir beiden Konfirmandinnen wurden als erwachsene Christen -betrachtet und jedes sprach schöne gütige Worte mit uns. Aennchens -Brüder wagten sich vor Respekt kaum an uns heran; selbst Alma erklärte, -beinahe etwas Scheu vor unserer Würde zu empfinden. - -Aennchen aber und ich waren den ganzen Tag von einem Gefühl dankbaren -Glückes beseelt, und als ich mich am Abend niederlegte, da gelobte ich -dem lieben Gott noch einmal im stillen, ihm »getreu zu sein und zu -bleiben bis in den Tod.« - -[Illustration] - - - - -Neunzehntes Kapitel. - -Das Kränzchen. - - -Wieder war es Mai geworden, ein wonniger, köstlicher Mai voll -Blütenpracht und Blumenduft und Vogelsang. Das reizende Schlößchen -Stolzau lag wie in einem Meer von Blüten gebettet, weiße und blaue -Fliederbüsche guckten mit ihren duftenden Dolden neugierig in die -Fenster eines glänzenden Zimmers, aus welchem ein jugendlicher -Mädchenkopf, von einer goldenen Haarfülle umrahmt, ungeduldig -herauslugte. - -»Sie kommen noch immer nicht, die säumigen Mädchen,« sprach Alma -halblaut, während sie die reizenden, rosigen Lippen schmollend aufwarf. -In demselben Augenblick aber bog drunten der Wagen um die Ecke, welcher -allwöchentlich die Freundinnen aus der Stadt heraus brachte, und Alma -sprang mit einem frohen Jubelschrei ihnen entgegen. Eine ganze lange -Woche war ja vergangen, seitdem sie sich nicht mehr gesehen hatten – -das dünkte ihnen eine wahre Ewigkeit. Wie viel gab es da zu plaudern -und Neuigkeiten auszutauschen! - -»Heute an dem herrlichen Tag können wir unser Kränzchen im Garten -abhalten!« sprach Alma, während sie ihren jungen Gästen fröhlich -voransprang an ein reizendes Plätzchen unter einem blühenden Apfelbaum. -Dort war ein weißgedeckter Tisch höchst einladend mit Tassen und -Tellern, Früchten und Gebäck besetzt, ein silberner Theekessel summte -über einer Spiritusflamme und eben brachte der Diener auch die -dampfende Schokoladenkanne herbei. - -»Aber Alma! Das ist wider die Verabredung!« tadelte Aennchen, -»Schokolade ist nur bei ganz besonderen Gelegenheiten erlaubt und heute -weiß ich von keiner.« - -»Nun, es könnte aber doch möglicherweise eine geben,« sprach Alma -geheimnisvoll, »obgleich ich, offen gestanden, selbst nicht weiß -welche. Aber mein Papa kam heute mittag zu mir und sprach: ›Ich fahre -in die Stadt und wenn ich zurückkomme, erfährst du etwas Köstliches und -ich bringe dir etwas mit, was dich sehr, sehr freuen wird.‹ Natürlich -war meine Neugierde gleich aufs höchste gespannt und ich bestürmte -Papa, mir doch zu sagen, was es sei – er aber verriet nichts, nur -gestand er zuletzt noch zu, daß es etwas Lebendiges wäre und sprechen -könne, und daß er es bringen wollte, so lange ich noch mit meinen -Freundinnen hier beisammen sei. Nun helft mir aber nur um Gotteswillen -raten, in was die Ueberraschung bestehen könnte? Mir wirbelt schon ganz -der Kopf von dem vielen Denken.« - -»Dann rege dich nur lieber nicht zu sehr auf und lasse die -Ueberraschung an dich herankommen, wie dein Papa es beabsichtigt,« riet -die besonnene Martha, während Aennchen, angesteckt von der Neugierde -der Freundin, in grübelnde Betrachtungen versank, deren Resultat -zuletzt darin bestand, daß sie meinte: - -»Dein Papa bringt dir vielleicht einen Papagei, weil er ja verheißen -hat, daß der geheimnisvolle Gegenstand auch sprechen könne.« - -»Richtig, ein Papagei wird’s sein!« rief Alma aufspringend und in -die Hände klatschend; »o, du kluges Aennchen weißt doch immer das -Richtige zu treffen. Dafür muß ich dich aber gleich mit einem Stück -selbstgebackenen Kuchens belohnen.« - -»Wirklich, selbstgebacken?« staunten die Freundinnen. »Alma, du willst -uns bloß foppen. Deine feinen Fingerchen verstehen doch dergleichen -nicht.« - -»Sicher haben diese zehn Finger den Teig selbst geknetet,« rief -Alma beteuernd aus, indem sie ihre niedlichen weißen Händchen -emporstreckte. »Glaubt ihr denn, man vermöchte lang mit solch -vortrefflichen Geschöpfen, wie ihr es seid, zu leben, ohne von dem -ausgezeichneten Beispiel angesteckt zu werden? Ich habe mich tüchtig -geschämt, als Martha neulich die süßen Kaffeeküchlein auf den Tisch -brachte, welche sie selbst fabriziert hatte, denn ich hatte gar -keine Ahnung, daß man das nur versuchen könnte. Da bin ich heute zu -unserer Mamsell gelaufen und habe gebeten: ›Lassen Sie mich heute -den Kaffeekuchen backen.‹ Denkt euch, Kinder, die Gute hat geglaubt, -ich spreche im Fieber, und hat laut aufgeschrieen. Als sie aber dann -endlich überzeugt worden war, daß es mir mit dem Vorhaben heiliger -Ernst sei, da sind ihr vor freudiger Rührung die Thränen über die -Backen gelaufen und sie hat sich alle Mühe gegeben, mir das Ding -begreiflich zu machen. Freilich, es war nicht leicht; erst zerbrach ich -ein halbes Dutzend Eier, dann schüttete ich die Rosinen ungewaschen in -den Teig, dann ergriff ich anstatt des Zuckers das Salzfaß, und so war -der erste Kuchen ›futsch.‹ Aber der zweite geriet um so besser und ihr -seht das prächtige Resultat hier vor euren eigenen Augen.« - -»Und ganz köstlich schmeckt er,« riefen die Freundinnen, bewundernd in -die duftenden Kuchenstücke beißend. »Welche Freude wird dein lieber -Papa haben, wenn er das erfährt.« - -»Ja, er wird es kaum glauben können,« sprach Alma mit strahlenden -Augen. »Der liebe, gute Papa sieht mich manchmal so traurig an und -spricht: ›Mein armes kleines Mädchen muß sich so allein ohne Mutter -behelfen, da wird es schwer fürs Leben tauglich werden.‹ Ich bemühe -mich ja redlich, ihm ein sorgendes Hausmütterchen zu sein, aber ich -sehe leider nur zu deutlich, das ihm die rechte Behaglichkeit doch -fehlt, wenn er auch freilich in seiner Güte recht zufrieden mit mir -ist und sich noch nicht von mir zu trennen vermochte, trotzdem er den -Hausunterricht, welchen ich dieses halbe Jahr hier außen empfing, -für ungenügend erklärte. Und so wird’s wohl in einigen Wochen Ernst -werden, ihr Lieben, Papa hat schon an die Pensionsvorsteherin nach N. -geschrieben, in deren Haus ich kommen soll.« - -»Alma, weißt du denn schon, daß auch ich zu gleicher Zeit mit dir in -die Pension kommen werde?« rief Aennchen lebhaft. »Mama hat es mir -allen Ernstes nach der Konfirmation eröffnet, und wenn mir der Gedanke, -das Vaterhaus zu verlassen, auch ein recht schmerzlicher war, so ist es -mir doch auf der andern Seite ein Trost, mit dir, du Liebe, zugleich in -ein Institut zu kommen.« - -»Und ich bleibe ganz allein,« murmelte Martha traurig. »Wie schmerzlich -werde ich euch entbehren!« - -»Armes, liebes Herz!« rief Aennchen, sie lebhaft umarmend. »Kannst du -deine Mutter nicht auch bitten, dich mit uns zu lassen?« - -»Nein, das würde ich nie,« versetzte Martha rasch und fest. »Erstens -brächte ich es nicht übers Herz, mich von meinem lieben Mütterchen zu -trennen, und dann gestatten unsere Verhältnisse es auch gar nicht, mich -eine solch kostspielige Pension besuchen zu lassen. Mein Weg, der mir -vorgezeichnet ist, wird ein ganz anderer sein. Nach dem Verlassen der -Schule werde ich zum Lernen in eine Frauenarbeitsschule geschickt, dort -kann ich in vierteljährigen Kursen alles durchmachen, was mich später -zu einer Handarbeitslehrerin befähigt – im ersten Kurs Handnähen, im -zweiten Maschinennähen, dann Kleidermachen, dann Sticken u. s. w. Habe -ich dann alles so gründlich erlernt, daß ich am Schluß ein vorzügliches -Zeugnis davontrage, dann braucht es mir nicht bange zu sein vor der -Zukunft; ich kann dann mit Gottes Hilfe meinem Mütterchen eine gute -Stütze werden.« - -»Du beschämst uns alle, du Gute,« sprachen Aennchen und Alma, indem sie -dem verkrüppelten Mädchen, welches so bescheiden dasaß und deren ganzes -Leben nur aus Pflichterfüllung bestehen sollte, die Hände reichten; -dann fragte Aennchen, auf ein anderes Thema überspringend: - -»Was schreibt dein Bruder Peppino aus der Stadt, Alma?« - -»Die glücklichsten, zufriedensten Briefe,« war die rasche Antwort. -»Er ist auf dem Münchener Gymnasium und seine Lehrer rühmen ihn alle -als ihren fleißigsten, begabtesten Schüler, welcher rastlos vorwärts -strebt. Seine ganze Zeit füllt er mit Lernen und Zeichnen aus, ihr -glaubt nicht, wie weit er es darin schon gebracht hat. Sein höchster -Wunsch ist, Maler zu werden; Papa ist aber dafür, daß er erst tüchtig -die Wissenschaften studiere, bevor er in die Kunstschule übergeht. -Peppino ist ein gar zu lieber braver Mensch, es vergeht kein Tag, an -welchem er nicht seinem fernen Schwesterlein ein paar Zeilen schreibt, -und meistens legt er auch einige niedliche Handzeichnungen bei. Erst -heute morgen kamen wieder mehrere Skizzen an – soll ich sie euch -zeigen?« - -Alma wollte aufspringen, Martha aber hielt sie zurück, indem sie sagte: - -»Später, liebes Herz; jetzt haben wir wirklich so viel geplaudert, -daß wir ganz darauf vergessen haben, daß wir nicht nur zum Vergnügen -beieinander sind, sondern auch Französisch treiben müssen. Und es ist -die höchste Zeit für heute, das Versäumte nachzuholen, darum wollen wir -rasch beginnen.« - -Es sollte aber heute doch nicht zum richtigen Ernste mehr kommen, denn -in demselben Moment hörten die Mädchen einen Wagen in den Hof fahren -und Alma rief aufspringend: »Der Vater kommt! Nun hat er mir sicher die -Ueberraschung mitgebracht! Ich kann es kaum mehr erwarten!« - -Und vor Erwartung beinahe zitternd, schaute sie von ihrem Platz hinüber -nach dem Weg, auf welchem der Erwartete herankommen mußte; die beiden -andern Mädchen, kaum minder neugierig als sie, thaten desgleichen. -Und wenige Augenblicke waren vergangen, da zeigte sich wirklich Herr -von Stolzaus Gestalt zwischen den Büschen, aber nicht allein, denn er -führte eine schlanke Dame am Arme, welche allen merkwürdig bekannt und -vertraut schien. - -»Klara! wie kommt Klara hierher?« murmelte Martha überrascht und -zweifelnd; Alma aber sprang auf ihren Vater zu und rief: - -»Papachen, süßes Papachen, was hast du mir Lebendiges mitgebracht?« - -»Du siehst es hier vor dir, mein Kind!« erwiderte Herr von Stolzau -freudig, dessen sonst so ernste Züge einen ganz glückstrahlenden -Ausdruck zeigten. »Rätst du es nun noch immer nicht, was ich dir -mitgebracht habe? Eine liebe, neue Mama!« - -»Eine neue Mama!« Alma wiederholte es fast wie im Traum; sie konnte das -Wunder kaum begreifen; plötzlich aber jauchzte sie auf: »Eine neue Mama -habe ich bekommen und diese wird meine liebe, liebe Klara sein – o, das -ist zu viel, zu viel des Glücks!« - -Und aufschluchzend vor Freude hing sie bald der neuen Mutter, bald dem -Vater am Hals, während die beiden andern Mädchen noch ganz fassungslos -dabei standen und kaum begriffen, was um sie her vorging. - -»Nun, Marthchen, was sagst du dazu, wenn ich dich verlasse, um die -Mutter deiner Freundin zu werden?« frug da auf einmal die süße Stimme -Klaras zu Martha gewandt, und sie streckte ihr beide Arme entgegen. -»Bist du es zufrieden, allein bei Mütterchen zu bleiben und ihr die -fehlende Tochter mitzuersetzen, und freust du dich meines Glückes?« - -»Es ist zu groß das Glück, als daß ich es so schnell zu fassen -vermöchte,« sprach Martha mit bebender Stimme, sich an die geliebte -Schwester schmiegend, und dann flüsterte sie leise: - -»Weiß es denn Mütterchen schon?« - -»Freilich weiß sie es; sie gab uns freudig ihren Segen und hat uns auch -hier heraus begleitet, nur ließ sie uns allein, bis die Ueberraschung -hier bei euch gelungen wäre. Jetzt aber wollen wir wieder zu ihr eilen.« - -»Und ich muß der künftigen Herrin des Schlosses auch das Heim zeigen, -in welchem sie regieren soll,« sprach Herr von Stolzau, seiner Braut -sorgsam den Arm bietend und sie nach dem Schlosse hingeleitend, während -die drei jungen Mädchen freudestrahlend folgten. - -[Illustration] - - - - -Zwanzigstes Kapitel. - -Ein überraschender Besuch. - - -Zum letztenmal vor der Abreise der Freundinnen sollte das Kränzchen -bei Martha stattfinden. Diese hatte mit gar schwerem Herzen ihren -Hausgarten, wie sie die Terrasse nannte, heute festlich geschmückt, an -der Thüre prangte ein mächtiges, von Blumen umranktes »Willkommen.« -Zum erstenmal in diesem Jahr war das Wetter schön genug, um diesmal -bei Martha im Freien zusammenkommen zu können, zum erstenmal, aber -ja leider auch zum letztenmal! So legte sie denn unter Seufzen und -heimlichen Thränen das selbstgestickte schöne Gedeck und den weißen -Tischläufer auf, welchen sie mit roter Baumwolle in Stilstich mit -allerlei Arabesken so kunstreich verziert und mit selbstgehäkelten -Spitzen versehen hatte. In die Mitte der Tafel stellte sie eines -der schönen Blumenbouquets, deren ihre Schwester Klara täglich von -Herrn von Stolzau eines gesandt bekam, und als sie gerade mit allem -fertig war und ihr Werk noch einmal prüfend betrachtete, da flogen -auch schon die Freundinnen herein und es gab eine Begrüßung, als ob -man sich seit Jahren nicht mehr gesehen hätte. Bald saß Alles in -fröhlichster Eintracht um den hübsch gezierten Tisch herum; Alma hatte -sich natürlich ihren Lieblingsplatz neben ihrem »lieben Mütterchen,« -wie sie Klara mit Vorliebe schon jetzt nannte, genommen und beinahe -beständig hielt sie eine von deren weißen, schmalen Händen liebkosend -an sich gedrückt, als ob sie fürchtete, sie ihr entrissen zu sehen. -Auch Klara dachte mit aufrichtigem Schmerz daran, das geliebte Kind so -bald verlieren zu müssen, und hielt jede kostbare Minute fest, in der -sie noch mit Alma zusammensein konnte. Sie besaß eine so merkwürdige -Macht über deren Gemüt, wie es noch niemand vor ihr besessen hatte – in -Klaras Gegenwart war Alma eine vollständig andere Natur, hier schien -sie nichts als das sanfte bescheidene Kind, welches zu Füßen der -Mutter Schutz sucht. - -[Illustration] - -Natürlich drehte sich heute das Hauptgespräch um die nächste Zukunft -der beiden Institutselevinnen, welche schon mit allen ihren Gedanken -halb in der künftigen Sphäre waren und deren Phantasie sich lebhaft -damit beschäftigte, wie es in dem Institut wohl aussehen möge, ob -es ihnen gelingen werde, die Vorsteherin zufrieden zu stellen, und -welcher Art ihre künftigen Genossinnen sein würden. So war denn der -Gesprächsstoff darüber noch niemals ausgegangen und auch jetzt war man -in den wichtigsten Debatten; da störte plötzlich ein auf der Straße -entstehendes dumpfes Geräusch die Aufmerksamkeit und neugierig sprangen -Aennchen und Alma sogleich von ihren Sitzen, um nachzusehen, was es -wohl da unten zu schauen gebe. - -Eine größere Menschenmenge, meist aus Kindern bestehend, war um -eine elegante Hotelequipage versammelt, welche unten vor der Thür -des Hauses hielt und die Insassen derselben, welche sich nach -einigen Erkundigungen soeben zum Aussteigen anschickten, mochten -es wohl gewesen sein, welche das Aufsehen hervorgerufen hatten. An -der Hauptperson, einem sehr jungen Mädchen, war allerdings nichts -Auffälliges zu bemerken, als daß ihre Kleidung einen beinahe männlichen -Schnitt besaß, indem diese aus einem kurzen schwarzen Jacket mit -Herrenkragen und Kravatte und einem glatten schwarzen Rock, ferner -einem kleinen Herrenhütchen bestand. - -Um so seltsamer stach die Begleiterin der jungen Dame von derselben -ab, denn sie war so bunt als möglich gekleidet in kostbare rote und -schottisch-seidene Stoffe. Um den Kopf trug sie ein fremdartig buntes -Tuch gewunden und darunter schaute ein dunkles Mulattenantlitz hervor -mit schwarzen blitzenden Augen und dunkelroten Lippen, durch welche -die weißen Zähne glänzten. Es war ein seltsam schönes Gesicht, das -aber in dieser Umrahmung noch doppelt überraschend wirkte, zumal die -fremdartige Erscheinung noch aufs reichste mit allerlei Ketten und -kostbaren Perlenschnüren behangen war und außerdem noch ein kleines -Aeffchen und einen Papagei neben sich auf dem Sitz hatte, welch -letzterer beständig in englischer Sprache schwatzte und schrie. Beim -Aussteigen jetzt belud sie sich sowohl mit dem Käfig als mit dem -kleinen Affen, unbekümmert um das Gaffen und die lauten Bemerkungen der -übermütigen Gassenjugend – sie schritt mit fremdartiger Grandezza ihrer -Gebieterin nach, welche mit etwas herrischem Ton sich nach der Wohnung -der Frau Pfarrer Traugott erkundigt hatte und jetzt unten durch die -Thür des Hauses trat. - -»Ist’s möglich?! Die merkwürdigen Gäste wollen zu euch, Martha – ich -habe es ganz deutlich gehört!« rief Aennchen, förmlich atemlos vor -Erstaunen. Doch die Frau Pfarrerin schüttelte ungläubig den Kopf –: - -»Du wirst dich wohl getäuscht haben, mein Kind,« sagte sie, »was hätten -die Fremdlinge bei uns hier zu suchen?« - -Allein schon nahten sich laute Schritte auf der Treppe von außen her -und nach einem raschen Klopfen öffnete sich die Thür, unter deren -Rahmen richtig die Fremden von der Straße unten erschienen. - -Aufs höchste verdutzt, starrten die Anwesenden die Eintretenden an, -dann rief die Frau Pfarrerin ungläubig und zögernd aus: - -»Täusche ich mich oder bist du’s wirklich, meine Nichte Ellen?« - -»Ja, ich bin Ellen Trustgod!« gab die junge Dame in etwas gebrochenem -Deutsch rasch zurück, »und war schon vor Jahren einmal als Gast hier -in deinem Hause zugleich mit meinem Vater. Jetzt ist mein Vater tot,« -ein leises Schluchzen bewegte ihre Stimme, »und ich komme in seinem -Auftrag, dir seine letzten Grüße zu überbringen.« - -»O du armes, armes Kind!« rief die alte Dame tief erschüttert aus, ein -Thränenstrom brach aus ihren Augen und schluchzend zog sie die junge -Mädchengestalt in ihre Arme. »So ist mein armer Bruder wirklich in der -Fremde gestorben und du, mein Kind, bist eine alleinstehende Waise!« - -Auch dem jungen Mädchen wurden die Augen feucht, es unterdrückte -aber mit einer gewaltsamen Anstrengung die Bewegung, als schäme es -sich, seinen Schmerz zu zeigen – so war es wirklich ein merkwürdiger -Anblick, dies blutjunge Geschöpf mit den streng geschlossenen Lippen -neben der fassungslosen alten Frau zu sehen. Auch Klara und Martha -hatten mit schmerzlicher Teilnahme von dem traurigen Schicksale des -Onkels vernommen und eilten herzu, die fremde Cousine zu begrüßen und -mit den Freundinnen bekannt zu machen: auch Ellen dachte nun wieder an -ihre im Hintergrund harrende Begleiterin und stellte diese als ihre -Freundin und treue Gefährtin Olivia Ricardo vor. Dieselbe sei von ihrer -frühesten Kindheit an ihre Gefährtin auf der Farm gewesen und habe sie -auch seit dem Tod ihres Vaters keinen Augenblick verlassen und sich -trotz der Furcht, welche sie vor dem Wasser hege, entschlossen, sie -hinüber nach Deutschland zu begleiten. - -»Unter wessen Schutz habt ihr armen Kinder die weite Reise über Hamburg -bis hierher zurückgelegt?« frug die Tante, als man sich gesetzt hatte, -während Martha eifrig von neuem Kaffee einschenkte und Kuchen anbot. - -»Wir sind ganz allein gereist – was hätten wir auch des Schutzes -bedurft? Ich bin gewohnt, mir allein zu helfen,« gab Ellen in beinahe -verwundertem Ton und mit solcher Entschiedenheit zurück, daß alle dies -junge merkwürdige Mädchen ganz verdutzt anstarrten. - -»Jetzt aber wirst du wohl bei uns bleiben und gerne werde ich an der -armen Waise meines Bruders Mutterstelle vertreten,« sprach die Tante, -indem sie der Nichte die Hand entgegenstreckte. Diese schlug halb -zerstreut ein. - -»Verzeih, liebe Tante,« sprach sie entschieden, »wenn ich von deinem -freundlichen Antrag keinen Gebrauch mache, aber ich habe bereits -meinen Lebensplan festgesetzt. Ein Freund meines Vaters, welcher in -der Residenz Verbindungen hat, hat für mich dort ein hübsche Villa mit -Garten gekauft, dort werde ich mit meiner Olivia leben – wenn ihr mich -aber dort besuchen wollt, werdet ihr mir immer liebe Gäste sein.« - -»Aber das ist ja ganz unmöglich, Kind, daß dies dein Ernst sein -sollte,« rief die alte Dame ganz erschrocken aus, »du kannst doch nicht -daran denken, allein leben zu wollen, kaum 14 Jahre alt und ohne allen -Schutz!« - -»Ich habe ja den Schutz meiner Olivia und einer treuen Dienerschaft,« -erwiderte Ellen beinahe etwas gereizt, »wer sollte mir da etwas anhaben -können!« - -»Aber, was würde die Welt dazu sagen!« rief die Tante lebhaft. - -»Die Welt?« wiederholte Ellen, indem ein hochmütiges Lächeln ihre -Lippen teilte. »Ich bin es nicht gewohnt, nach dem Urteil der Welt -zu fragen und mich deren engherzigen Begriffen unterzuordnen, welche -besonders hier in der alten Welt von einer beinahe lächerlichen -Beschränktheit sein sollen. Ich habe mich gewöhnt, mir selbst Richter -zu sein und einzig meiner eigenen Person Rechenschaft über mein Thun -und Lassen abzulegen. Wenn ich also in der Zurückgezogenheit meines -eigenen Hauses meinen Studien lebe und mir als einzige Erholung nur die -gewohnten Ritte ins Freie gönne, so ist niemand berechtigt, mein Thun -anzutasten oder Tadel daran zu finden. Bei uns in Amerika hat die Frau -ebenso wie der Mann das Recht, über ihr Schicksal zu bestimmen.« - -»Aber du bist keine Frau, sondern ein Kind!« rief die Pfarrerin -ganz entsetzt aus, indem sie sich erregt von ihrem Sitz erhob. »Ich -kann doch unmöglich zugeben, daß meine einzige Nichte sich meinem -mütterlichen Schutze ganz entziehen will. Ich werde keine ruhige Stunde -haben, dich so allein zu wissen.« - -»Aber Tante, du wirst doch nicht komisch sein wollen?« rief das junge -Mädchen, von ihrem gehaltenen Ernst jetzt plötzlich in Lustigkeit -umspringend und die alte Dame umfassend. »Glaube mir, du und die -Cousinen, ihr werdet noch staunen, wie gut ich mich in das neue Leben -hineinfinden werde, und ich lade euch alle zu Besuch in meine Villa -ein. Dann können wir das Wiedersehen recht gründlich erneuern; für -heute muß ich leider gleich wieder Abschied nehmen, da ich eilen -muß, nach der Residenz zu kommen, um mit meinem Baumeister und -verschiedenen Handwerkern zu verhandeln.« - -»Also wirklich ist es dein unabänderlicher Entschluß?« frug die alte -Dame ganz bekümmert; sie fühlte sich, wie auch alle die anderen, -durch das überlegene Wesen der jungen Amerikanerin so gedrückt, -daß sie an keinen Widerspruch mehr dachte, und so sah sie nur mit -stummer Verwunderung, mit welcher Sicherheit Ellen ihre Befehle an -ihre Gefährtin erteilte, welche in vollständigem Schweigen die ganze -Zeit über verharrte und sich nur mit dem Papagei und dem Aeffchen -beschäftigt hatte, während ihre blitzenden Augen von einem der -Anwesenden zum andern flogen. Jetzt bepackte sie sich wieder mit ihren -Lieblingstieren, während Ellen Abschied von ihren Verwandten nahm, auch -Alma und Aennchen freundlich die Hand schüttelte und diese, als sie -hörte, daß die Residenz M. in kurzem deren Aufenthaltsort werden solle, -herzlich einlud, sie in ihrem Hause zu besuchen. - -Gleich darauf verschwand sie mit ihrer Begleiterin durch die Thür, -alle andern in einer leicht begreiflichen Aufregung und Verblüfftheit -zurücklassend. Der Frau Pfarrerin zitterten ganz die Kniee, so sehr -hatte sie das eben Vernommene angegriffen, und ihre Töchter hatten -lange zu thun, die bekümmerte Mutter über den Gedanken zu beruhigen, -daß die Tochter ihres Bruders ein so emanzipiertes Mädchen geworden sei. - -»Du hast alles versucht, was in deiner Macht stand, Mütterchen, Ellen -von ihrem Vorsatz abzuhalten,« tröstete Klara, »nun liegt dir auch jede -Verantwortung fern und es bleibt uns nichts übrig, als das verblendete -Wesen Gottes Schutz zu empfehlen.« - -»Ja, das wollen wir,« bestätigte die alte Dame einigermaßen getröstet, -aber es lastete doch seitdem wie ein geheimer Druck auf ihr und so -beeilten sich die Gäste, Alma und Aennchen, die aufgeregte Familie -lieber allein zu lassen. So hatte dies letzte Beisammensein in Marthas -Hause heute einen unerwartet trüben Abschluß erhalten, der noch lange -Zeit nachher die Gemüter Aller beschäftigte. - - - - -Einundzwanzigstes Kapitel. - -Schluß. - - -Mehrere Wochen später war eine große Gesellschaft auf dem Bahnhof der -Stadt um zwei junge Mädchen in niedlicher Reisekleidung versammelt, -welche der nächste Eilzug in wenigen Minuten entführen sollte. Es waren -Aennchen und Alma, beide von ihren Familien begleitet; außerdem hatte -sich natürlich auch Martha, die unzertrennliche Freundin der beiden, -eingefunden und deren Mutter. Herr von Stolzau führte die zarte Klara -am Arme, welche das geliebte Stieftöchterchen mit Thränen scheiden -sah; sie hätte so gerne gewünscht, sie hier zu behalten, doch hatte -Almas Vater es für besser gefunden, dieselbe, wie bereits früher -beschlossen gewesen, wirklich in die Pension zu senden – in einem -halben Jahr sollte sie einmal auf einige Tage zurückkehren dürfen, um -der Vermählung des Vaters beizuwohnen. Für heute aber galt es nun, -ernstlich Abschied zu nehmen – der Zug pfiff, es war höchste Zeit -einzusteigen, und kaum waren sie im Waggon, so läutete die Glocke zum -zweitenmale. - -In Thränen aufgelöst, hing Martha an Aennchens Halse. - -»Gelt, Liebling, du vergißt mich nicht?« schluchzte sie immer und immer -wieder. - -»Nein, nie im Leben!« versicherte Aennchen, beinahe ebenso tief bewegt, -»ich werde immer in Gedanken bei dir sein und dir täglich Briefe in -Tagebuchform schreiben. Verlaß dich darauf, Liebling.« - -»Die Billets, meine Herrschaften!« scholl die Stimme des Schaffners -dazwischen, die Freundinnen wurden getrennt, beide griffen nach -ihren Täschchen, der Mann nahm die Billets und schlug die Thür zu, -ein lautes, grelles Pfeifen der Lokomotive, die Glocke läutete zum -drittenmal, Aennchens Brüder schwenkten die Mützen und riefen: »Hurra, -nun geht’s auf die Hochschule!« Die weißen Tücher flatterten im Winde -und im raschen Flug entführte der Bahnzug die Mädchen dem neuen -Lebensziel entgegen. - -Welches die Schicksale der drei Freundinnen in den weiteren Jahren -waren, das werde ich meinen jungen Leserinnen ein andermal berichten. - -[Illustration] - - -Druck von Maschning & Kantorowicz, Berlin S., Gneisenaustr. 41. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Lange - Folgen von Gedankenstrichen wurden auf eine einheitliche Länge - gekürzt. - - Korrekturen: - - S. 132: son → schon - und gutem Ausdruck {schon} eine Anzahl - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHULMÄDELGESCHICHTEN *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™ -concept and trademark. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you -are not located in the United States, you will have to check the laws of the -country where you are located before using this eBook. -</div> -</div> - -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Schulmädelgeschichten</span></p> -<p style='display:block; margin-left:2em; text-indent:0; margin-top:0; margin-bottom:1em;'><span lang='de' xml:lang='de'>für Mädchen von 7-12 Jahren</span></p> -<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Marie Beeg</p> -<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: January 27, 2023 [eBook #69864]</p> -<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p> - <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</p> -<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>SCHULMÄDELGESCHICHTEN</span> ***</div> - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p> -</div> - -<figure class="figcenter illowp60" id="illu-002"> - <img class="w100" src="images/illu-002.jpg" alt=""> -</figure> - -<div class="chapter"> -<h1>Schulmädelgeschichten</h1> - -<p class="center larger">für Mädchen von 7–12 Jahren</p> - -<p class="center">erzählt von</p> - -<p class="h2">Marie Beeg.</p> - -<p class="center">Mit zahlreichen Holzschnitten und 4 Farbdruckbildern.</p> - -<p class="center smaller">Sechste Auflage.</p> - -<p class="center p2"><b>Berlin W.</b><br> -Schreiter’sche Verlagsbuchhandlung. -</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2> -</div> - -<table> -<tr> -<td></td><td></td><td class="tdr">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">1. Kapitel:</td><td>Der Geburtstag</td> - <td class="tdr"><a href="#chap_01">1</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">2. Kapitel:</td><td>Der erste Schultag</td> - <td class="tdr"><a href="#chap_02">8</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">3. Kapitel:</td><td>Mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett geschlüpft</td> - <td class="tdr"><a href="#chap_03">17</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">4. Kapitel:</td><td>Die Handarbeitsstunde</td> - <td class="tdr"><a href="#chap_04">23</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">5. Kapitel:</td><td>Lehrstunden</td> - <td class="tdr"><a href="#chap_05">28</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">6. Kapitel:</td><td>Ein Tag bei Alma</td> - <td class="tdr"><a href="#chap_06">30</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">7. Kapitel:</td><td>Ein Schulspaziergang und seine Abenteuer</td> - <td class="tdr"><a href="#chap_07">42</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">8. Kapitel:</td><td>Schlimme Freundschaft</td> - <td class="tdr"><a href="#chap_08">72</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">9. Kapitel:</td><td>Martha</td> - <td class="tdr"><a href="#chap_09">79</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">10. Kapitel:</td><td>Ein Brief Almas an Aennchen</td> - <td class="tdr"><a href="#chap_10">92</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">11. Kapitel:</td><td>Tagebuchblätter. Aus Aennchens Tagebuch</td> - <td class="tdr"><a href="#chap_11">100</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">12. Kapitel:</td><td>Aus Marthas Tagebuch</td> - <td class="tdr"><a href="#chap_12">108</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">13. Kapitel:</td><td>Marthas Hausgarten. Der arme Hansi</td> - <td class="tdr"><a href="#chap_13">114</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">14. Kapitel:</td><td>Wintervergnügen und Eisabenteuer</td> - <td class="tdr"><a href="#chap_14">122</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">15. Kapitel:</td><td>Klara</td> - <td class="tdr"><a href="#chap_15">126</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">16. Kapitel:</td><td>Musikstunden</td> - <td class="tdr"><a href="#chap_16">129</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">17. Kapitel:</td><td>Aus Aennchens Tagebuch. Almas Rückkehr</td> - <td class="tdr"><a href="#chap_17">134</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">18. Kapitel:</td><td>Aus Marthas Tagebuch. Die Konfirmation</td> - <td class="tdr"><a href="#chap_18">140</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">19. Kapitel:</td><td>Das Kränzchen</td> - <td class="tdr"><a href="#chap_19">144</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">20. Kapitel:</td><td>Ein überraschender Besuch</td> - <td class="tdr"><a href="#chap_20">150</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">21. Kapitel:</td><td>Schluß</td> - <td class="tdr"><a href="#chap_21">157</a></td> -</tr> -</table> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> - -<div class="chapter"> -<span class="pagenum" id="Seite_1">[1]</span> - -<h2 class="nobreak" id="chap_01"><span class="smaller">Erstes Kapitel.</span><br> -Der Geburtstag.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-s.jpg" alt=""></div> -<p class="drop">Sie war ein niedliches liebes Mädchen, die kleine Anna, -und wen sie mit ihren blitzenden Aeuglein und weißen -Zähnchen anlachte, der mußte sie gern haben, trotzdem sie -ein solch tüchtiger Wildfang war, welcher Haus und Hof -fortwährend unsicher machte. Ihre Eltern bewohnten ein -wundervolles Haus, das in einem großen schönen Garten -lag, und da tummelte sich denn klein Annchen nach Herzenslust -herum, kletterte auf die Bäume und spielte mit den kleinen -Brüdern Verstecken.</p> - -<p>»Das Kind wird uns zu wild, das muß ein Ende nehmen,« -sprachen die Eltern. »Sie lernt gar nichts; die alte Kinderfrau -wollte ihr kürzlich das Stricken zeigen, da zog sie die Nadeln -aus den Maschen und spießte sie ihren Puppen in den Leib. -– Ja, das that sie!«</p> - -<p>Nun kam Aennchens Geburtstag heran, an dem sie sieben -Jahre werden sollte; sie hatte sich schon lange darauf gefreut. -Was ihr da wohl alles beschert werden würde? Sie hatte solch -köstliche Wünsche: eine große, große Schaukel, ein Schaukelpferd, -wie die Brüder es hatten, eine recht lange Peitsche und eine -Trompete! Das waren freilich keine passenden Wünsche für ein -kleines Mädchen, aber sie hegte sie doch.</p> - -<p>Der Geburtstagmorgen kam heran, Aennchen wachte in aller -Frühe auf, sie hatte ihn ja schier nicht erwarten können. Die -Kinderfrau schlief noch, die kleinen Brüder schliefen noch und es -war ihr streng verboten, sie zu wecken. Aber so lang still im<span class="pagenum" id="Seite_2">[2]</span> -Bette liegen, das war doch recht schwer! So erhob sie sich denn -ganz leise, schlüpfte heraus und begann in ihrem Nachtkleidchen -und bloßen Füßen auf Tisch und Stühlen herum zu turnen. -Aber plumps, da gab es einen furchtbaren Spektakel, der Stuhl -fiel um und klein Aennchen lag halb zerquetscht und betäubt -darunter. Gleich eilte die erschreckte Kinderfrau aus ihrem Bett -herzu und nun gab es zu allem Schrecken noch tüchtige Klopfe, -dann wurde klein Aennchen wieder ins Bett gesteckt und mußte -noch ein paar Stunden mäuschenstille liegen, bis sie endlich um -sieben Uhr festlich angekleidet wurde, ihrem Geburtstag zu Ehren. -Ein hellblaues Kleidchen mit weißen Schleifen und ein weißes -Spitzenschürzchen bekam sie an, das wilde braune Lockenköpfchen -wurde tüchtig gebürstet und gekämmt, dann durfte sie hinüber -nach dem Frühstückszimmer laufen, wo bereits die Eltern und -Geschwister versammelt waren.</p> - -<p>Wie köstlich es nach Schokolade und Kuchen duftete, und -wie lieb und freundlich alle sie umringten! Aber sie hatte nur -Augen für die große weißgedeckte Tafel dort drüben, welche -ganz mit Geschenken vollgebreitet war. Die Mama führte das -Töchterchen selbst dahin und es hüpfte dabei vor Freude, blieb -aber plötzlich ganz verwundert und schier erschrocken stehen.</p> - -<p>Wo war die Schaukel? Wo das Schaukelpferd, die Peitsche, -die Trompete? Keine Spur davon zu sehen! Aber inmitten des -Tisches saß eine wunderhübsche Puppe, allerdings ganz unangekleidet, -nur in ein Hemdchen gehüllt, auf einem Stühlchen; -zu ihren beiden Seiten waren Kästen aufgestellt; der eine enthielt -nichts als eine große Anzahl der verschiedensten Stoffreste, -blaue, rote, weiße und schwarze, seidene und wollene, dann breite -und schmale Spitzen und Bänder und Borten – kurz, es war -das reine Putzwarengeschäft. Der andere Kasten war mit Faden -und Wolle aller Art und jeder Farbe angefüllt, enthielt ein -Nadelbüchschen und Fingerhut und Schere und noch eine Menge -anderer Kleinigkeiten zum Nähen und Sticken. Ferner war ein -niedliches weißes Strickkörbchen aufgestellt, darin lag ein großer -rosenroter Wunderknäuel und ein Bund dicke Stricknadeln.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[3]</span></p> - -<p>Vorn am Tisch aber lag ein nagelneues Bücherränzchen -mit schönen Schnallen und Riemen, und auf dem Deckel stand -der Name »Aennchen« schön gestickt und darunter »das fleißige -Kind.« Das ganze Bücherränzchen war mit einer Menge nagelneuer -Hefte und Bücher angefüllt, das Schönste aber war ein -wunderhübscher Federkasten, in welchem Griffel und Bleistifte, -Federn und Gummi und sogar ein kleines Messerchen enthalten -waren. Eine schöne, neue Schiefertafel war auch zu sehen; -diese hatte einen bemalten Rand, auf welchem allerlei hübsche -und lustige Sprüchlein standen, wie: »Wer mit dem Griffel -schreibet fein, das muß ein artig Mädchen sein!« und: »Wer -fleißig seine Arbeit thut, dem sind die Menschen alle gut!« und -ferner: »Geschrieben Wort ist Perlen gleich, ein Tintenklecks ein -böser Streich!«</p> - -<p>Alle diese schönen Dinge waren in bunter Reihe auf den -Tisch gebreitet, dazwischen Teller mit Bonbons und Kuchen, und -jedes artige Kind wäre beim Anblick all’ dieser Herrlichkeiten vor -Freude wohl hoch gesprungen.</p> - -<p>Unser Aennchen aber nicht! Wie vom Schreck gerührt stand -sie da, als sie keinen ihrer Lieblingswünsche erfüllt sah, und -konnte es kaum noch fassen, da trat die Mama zu ihr und sprach:</p> - -<p>»Siehst Du, mein Aennchen, für welch großes artiges Mädchen -wir dich jetzt halten, daß wir dir alle die schönen Sachen -zum Geburtstag beschert haben? Du bist jetzt sieben Jahre alt -geworden, also mußt du auch anfangen, recht fleißig und vernünftig -zu werden, und die wilden Spiele, welche sich nur für -Buben schicken, aufgeben. Die reizende Puppe haben wir dir -mit Absicht nicht angekleidet, damit du selbst die Freude haben -sollst, hier aus diesen hübschen Stoffen und Spitzchen schöne -Kleiderchen zu verfertigen. Der Wunderknäuel in diesem Körbchen -ist mit einer Menge süßer Bonbons gefüllt und auf dem Grund -desselben ein kleines Geheimnis verborgen; wenn du daher recht -fleißig stricken lernen willst, so wirst du immer eine Freude und -Ueberraschung dabei haben. – Das Bücherränzchen mit all den -vielen Heften und Büchern aber wird dir wohl das größte<span class="pagenum" id="Seite_4">[4]</span> -Vergnügen gewähren und du darfst es bald benützen, denn von -morgen an darfst du die Schule besuchen.«</p> - -<p>»In die Schule soll ich!« rief Aennchen erschrocken aus -und starrte die Mama ungläubig an; als diese aber ganz ernsthaft -mit dem Kopfe nickte, da wurde sie förmlich außer sich; sie -warf sich der Länge nach auf den Boden und schluchzte und schrie:</p> - -<p>»Nein, ich will in keine Schule kommen! ich mag in keine -Schule!«</p> - -<p>Das war ein ganz abscheuliches Betragen für ein kleines -Mädchen, noch dazu für ein Geburtstagskind! Ganz entsetzt -standen die Geschwister und starrten das böse Schwesterlein am -Boden an, und der Papa, welcher bis jetzt nichts mitgesprochen -hatte, runzelte zornig die Stirn und trat vor. Aber die Mama -ergriff ihn am Arme und bat:</p> - -<p>»Laß du mich heute allein mit Aennchen verhandeln. Ich -will sie nicht gleich schlimm strafen, weil ja ihr Geburtstag ist, -aber es wird ihr schon Strafe genug sein, wenn sie nicht mit -uns frühstücken darf, sondern ihre Schokolade und Kuchen ganz -allein verzehren muß.«</p> - -<p>Damit hob sie das noch immer weinende Kind vom Boden -auf und führte es hinüber nach dem kleinen Kämmerchen, welches -das »Trutzstübchen« geheißen wurde, denn hieher wurde immer -jedes unartige Kind geschickt, das eine Strafe abzubüßen hatte. -Im ganzen Stübchen stand nichts als ein einziger kleiner Tisch -und ein Stuhl. Wie viele Stunden hatte das wilde Aennchen -hier schon abbüßen müssen; niemals aber schien es ihr so schmerzlich -zu sein als gerade heute an ihrem Geburtstag, auf den sie -sich schon so lange gefreut hatte.</p> - -<p>So saß sie denn mit strömenden Thränen vor ihrer großen -Schokoladentasse und hielt ihr duftendes Stück Kuchen in der -Hand; all die herrlichen Rosinen und Mandeln, die darauf gestreut -waren, vermochten sie nicht zu trösten; sie schluchzte und -schluchzte und jammerte vor sich hin. Ach, und sie schämte sich -so sehr, gerade heute bestraft worden zu sein – das war doch -noch keinem der Geschwister am Geburtstag passiert, und sicherlich<span class="pagenum" id="Seite_5">[5]</span> -würde sie Bruder Fritz, der auch schon in die Schule -ging, noch tüchtig damit necken.</p> - -<p>Eine Stunde später steckte die Mama den Kopf zur Thüre -herein und sah sich nach ihrem Aennchen um. Dieses saß mit -ganz dickverweinten Augen auf seinem Stuhl und als es die -Mutter sah, streckte es die Arme aus und fing von neuem an, -bitterlich zu weinen.</p> - -<p>»Wie steht es denn mit dir, Aennchen – willst du jetzt -wieder artig sein?« fragte die liebe Mutter und hob das Töchterchen -sanft empor. Dieses schlang seine Aermchen um ihren -Hals und flüsterte:</p> - -<p>»Ja, liebe Mama! ich bitte um Verzeihung, daß ich so böse -gewesen bin.«</p> - -<p>»Und willst du jetzt auch gern in die Schule gehen, liebes -Kind?«</p> - -<p>»Ich will es versuchen,« kam die Antwort sehr langsam -und leise aus Aennchens Mund hervor. Die Mutter setzte sich -auf den Stuhl, nahm ihr Töchterchen auf den Schoß und sprach -mit freundlichem Ernst:</p> - -<p>»Ja, mein Liebling, versuche es und du wirst sehen, daß -es nicht so schlimm ist, sondern im Gegenteil dir bald ausnehmend -gefallen wird. Denn wenn du darüber nachdenkst, so -wirst du selbst einsehen, daß ein Leben, wie du es bis jetzt geführt -hast, nicht ewig so fortgehen kann. Du bist schon ein kräftiges -Mädchen, doch kannst du weder stricken noch lesen, noch -rechnen und schreiben. Nun denke nur daran, wohin das führen -würde, wenn es so fortginge; du müßtest dich ja vor jedem -Menschen schämen, so unwissend zu sein, denn es giebt niemand, -der nicht auch etwas lernen muß, und wenn sich alle so sträuben -würden, so gäbe es wohl nur lauter unwissende Menschen, die -ein Abc wüßten und kein Buch lesen könnten und keinen Strumpf -stricken. Gelt, das wäre schrecklich? Damit aber kleine Kinder -schon im richtigen Alter, wo ihnen das Lernen leicht wird, alles -gelehrt bekommen, was nötig ist, sind die Schulen errichtet worden. -In diesen Schulen giebt es eine Anzahl gar lieber Lehrer<span class="pagenum" id="Seite_6">[6]</span> -und Lehrerinnen, welche alle die vielen kleinen Nichtswisser um -sich scharen und unterrichten im Lesen, Schreiben und Rechnen und -sie noch eine Menge anderes lehren und ihnen vom lieben Gott -erzählen. Jedes Kind, das gern zu ihnen kommt, haben sie lieb -und üben Geduld mit ihm, bis das kleine Köpfchen alles begriffen -hat, aber über die bösen und faulen betrüben sich die -lieben Lehrer, und wenn sie gar nicht folgen wollen, dann gibt -es Strafe. Willst du nun zu den artigen Kindern oder zu den -bösen und faulen gehören, mein Aennchen?«</p> - -<p>»Ich will zu den artigen gehören, Mama,« erwiderte Aennchen, -welches aufmerksam zugehört hatte und jetzt ganz still mit -leuchtenden Augen dasaß.</p> - -<p>»Das ist brav, mein Kind,« lobte die Mama, »und dafür -darfst du heute den letzten Tag der Freiheit noch recht nach -Herzenslust genießen. Lauf nur schnell hinunter nach dem Garten; -die Geschwister warten schon auf dich.«</p> - -<p>Wie nun das kleine Aennchen lief, als ob sie vom Wind -getragen würde! Die Treppe hinab und den Hausflur entlang -in einem Husch hinaus zum Garten und unten vom Rasen her -hörte sie schon rufen:</p> - -<p>»Aennchen, Aennchen!«</p> - -<p>»Ich komme, ich komme!« rief Aennchen jauchzend den Geschwistern -entgegen; die deuteten lachend in die Höhe und da – -was war das? Eine allerschönste große neue Schaukel war -mitten auf dem grünen Rasenplatz angebracht! War das ein -Jubel und eine Seligkeit! Aennchen kannte sich kaum vor Freude -und die Geschwister riefen:</p> - -<p>»Du darfst ja heute am meisten schaukeln, weil ja dein Geburtstag -ist.«</p> - -<p>Wie ein Eichhörnchen so flink kletterte Aennchen auf die -Schaukel und Bruder Fritz, der heute einen freien Tag hatte, -war so galant und artig, das Schwesterchen hoch in alle Lüfte -zu schaukeln. O das war herrlich! sie kam dem großen Kastanienbaum -ganz nahe und sah die kleinen Brüderchen Willy und -Hermännchen als winzige Punkte unten stehen. So ging es<span class="pagenum" id="Seite_7">[7]</span> -lange Zeit fort, da wollte Aennchen doch auch die andern an die -Reihe lassen, denn sie war recht artig geworden, und so setzte sie -die kleinen Brüder auf die Schaukel und ließ sie an dem Vergnügen -teilnehmen.</p> - -<p>Um zehn Uhr gab es heute als Frühstück herrliches Honigbrot -und die Kinder durften es im Garten verzehren. So verging -Stunde auf Stunde des so schlimm begonnenen Tages in -schönster Lust und als Aennchen endlich spät am Abend im Bettchen -lag und Mama noch kam, mit ihr den Abendsegen zu beten, -da flüsterte sie ihr noch leise ins Ohr:</p> - -<p>»Nicht wahr, Mütterlein, du verzeihst mir, daß ich heute -morgen so unartig gewesen bin?«</p> - -<p>Ein inniger Kuß der Mutter war die Antwort.</p> - -<figure class="figcenter illowp50" id="illu-013"> - <img class="w100" src="images/illu-013.jpg" alt=""> -</figure> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_8">[8]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="chap_02"><span class="smaller">Zweites Kapitel.</span><br> -Der erste Schultag.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-a.jpg" alt=""></div> -<p class="drop">Als Aennchen an diesem Morgen erwachte, war ihr -das kleine Herz recht schwer, denn gleich fiel ihr ein, -daß ja heute der erste Schultag sein sollte. »Ach,« -seufzte sie vor sich hin, »wie wird es mir gehen! Wenn doch -dieser erste Tag schon vorüber wäre.«</p> - -<p>Aber es half kein Seufzen; sie mußte sich dazu bequemen, -aufzustehen und sich von Lisette, der alten Kinderfrau, ankleiden -zu lassen. Diese that es heute beinahe etwas respektvoll und -sagte:</p> - -<p>»Nun wirst du ja wohl bald gar ein Fräulein sein und -so gelehrt werden, daß du mehr weißt wie ich selbst, und mir -vorlesen kannst aus deinen schönen Büchern. Auch das Ankleiden -kannst du jetzt bald allein besorgen, ein Schulmädel muß -ja alles können. Hast du denn schon die schönen neuen Schulkleider -gesehen, welche Mama für dich bereit gelegt hat?«</p> - -<p>Ei der Tausend, die waren freilich hübsch! Ein rotes Wollkleidchen -mit weißen Borten und eine große schwarze Schürze -mit Spitzen besetzt, ein helles warmes Mäntelchen und ein hübsches -Mützchen – alles nagelneu, war neben dem Ränzchen auf -den Tisch gebreitet. Das war freilich eine Freude für Aennchen, -die ein kleines eitles Ding war und sich gar gerne putzen ließ.</p> - -<p>Und so stand sie denn bald, ganz nagelneu angezogen, denn -selbst Strümpfe und Stiefel waren neu, vor den Eltern und -Geschwistern und kam sich förmlich wichtig vor, als sie nun das<span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span> -Ränzchen auf den Rücken nahm und Papa auf die Uhr sah -und sprach:</p> - -<p>»Nun muß unsere Tochter aber in die Schule fort; es ist -hohe Zeit.«</p> - -<p>Mama setzte ihren Hut auf und Aennchen nahm Abschied -von den kleinen Geschwistern, als ginge es zum mindesten nach -Amerika, dann gab sie Papa noch einen Kuß und fort ging es -an der Mutter Hand zum Hause hinaus.</p> - -<p>Auf der Straße erblickte sie eine Menge Schulkinder, Mädchen -und Knaben und alle sahen sie neugierig an; je näher sie der -Schule kam, desto mehr kleine Mädchen gingen mit ihnen denselben -Weg, viele allein, manche von ihrer Mutter begleitet, -denn das neue Schuljahr hatte noch nicht lange begonnen.</p> - -<p>Das Schulhaus war ein großes altes Gebäude, welches wohl -früher ein Kloster gewesen sein mochte. Es hatte ein großes Portal -und so viele Fenster, wie Aennchen noch nie gesehen hatte. Aennchen -stieg an der Hand der Mutter drei breite Treppen empor; das -Herz klopfte ihr, als ob es zerspringen wollte, und sie sah gar -nicht mehr, wohin sie ging. Da stand sie auf einmal in einem -großen Saale und der Herr Lehrer kam auf die Mama zu und -sprach mit ihr. Diese stellte ihr Töchterchen vor und sprach zu Aennchen, -welche ihre Hand mit krampfhaftem Griff umklammert hielt:</p> - -<p>»Sei doch nicht so furchtsam, Kind, und gib Herrn Milde -eine Hand!« Da blickte sie langsam auf und in das Gesicht -des Herrn Milde, der so sanfte Augen hatte, welche hinter einer -Brille hervorblickten, und so freundlich lächelte, daß sie alle Furcht -verlor und ihre kleine Hand in die seine legte. Nun blickte er -sich um, die langen Reihe der Bänke entlang, welche Sitz an -Sitz mit lauter kleinen Mädchen besetzt waren, und fragte:</p> - -<p>»Ist kein Platz mehr für unser Aennchen übrig?«</p> - -<p>In der dritten Reihe rückten zwei Mädchen zusammen und -streckten die Finger in die Höhe:</p> - -<p>»Hier!«</p> - -<p>Herr Milde nahm Aennchen an der Hand und setzte sie -zwischen die beiden Mädchen; ängstlich blickte sie sich nach der<span class="pagenum" id="Seite_10">[10]</span> -Mama um. Diese hatte sie allein gelassen bei all den fremden -Mädchen. Sie legte den Kopf auf das Pult, barg das Gesicht -in den Händen und weinte leise und ängstlich vor sich hin. -Da streichelte ein weiches Händchen ihre Wange und eine sanfte -Stimme flüsterte beruhigend:</p> - -<p>»Sei ruhig, kleines Mädchen, du brauchst keine Furcht zu -hegen.«</p> - -<p>Aennchen blickte auf in ein sanftes Gesichtchen, das von -schlichten hellen Haaren umrahmt war. Das Mädchen war klein -und schmächtig gebaut und die rechte Schulter stand bedeutend -in die Höhe; sie trug ein einfaches dunkles Kleid und eine hohe -Schürze, um den Hals ein weißes Halstuch und sah so schlicht -aus wie eine kleine Nonne. Aennchen fühlte sich neugierig angezogen -und fragte, ihre Thränen trocknend:</p> - -<p>»Wie heißt du?«</p> - -<p>»Martha Traugott,« war die Antwort; »ich bin auch erst -seit einigen Tagen in der Schule und schon ganz gut eingewöhnt, -also siehst du, daß es nicht so schlimm ist.«</p> - -<p>Die Nachbarin zur rechten Seite Aennchens, welche anfangs -sehr spöttisch den Mund verzogen hatte, als sie diese weinen sah, -blickte sie jetzt aufmerksam an und mischte sich in das Gespräch:</p> - -<p>»Glaube ihr nicht, daß es nicht schlimm sein soll; ich sitze -nun ein ganzes Jahr hier in der Klasse und finde es schrecklich.«</p> - -<p>Aennchen blickte sie erstaunt an. Schon ein ganzes Jahr -war sie hier in der Schule – wie furchtbar gelehrt mußte sie sein! -Aeußerlich war freilich nichts Auffallendes davon zu sehen, außer -daß sie sich ziemlich ungeniert benahm, sich bequem zurücklehnte -und die Füße baumeln ließ und hinter des Herrn Lehrers Rücken -an einer Schokoladentafel knusperte. Sie war ein wunderhübsches -Geschöpf mit goldig rotem Haar, welches in tausend Löckchen -um das reizende Gesicht flatterte; gekleidet war sie in ein -blaues Samtkleid, aus dem ihre bloßen Schultern und Aermchen -leuchtend hervorblickten. Aennchen glaubte, noch nie ein solch -entzückendes Wesen erblickt zu haben, und atemlos flüsterte sie -zu Martha hinüber:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span></p> - -<p>»Wie heißt das Mädchen neben mir?«</p> - -<p>Diese gab leise zurück: »Alma von Stolzau. – Aber jetzt -darfst du nichts mehr sprechen – die Stunde beginnt.«</p> - -<p>Denn soeben hob die Schuluhr zum Schlage aus und als -die neun Klänge verklungen waren, da gab Herr Milde auf -seinem Katheder, den er inzwischen bestiegen hatte, ein Zeichen -und nahm eine Violine zur Hand.</p> - -<p>Wir singen heute den Choral: »Ach bleib’ mit Deiner -Gnade« – sagte er, »wer von den Neueingetretenen ihn von -zu Hause her kennt, darf mitsingen.«</p> - -<p>Aennchen kannte ihn wohl, die Mama hatte ihn oft mit den -Kindern gesungen und so stimmte sie herzhaft mit in den Chor -all der kleinen Kehlen ein. Auch ihre Nachbarin Martha sang -mit klarer Stimme mit, Alma jedoch, obgleich sie schon so lange -in der Schule war, hielt das feine Taschentuch an die Lippen, -als ob sie Halsweh hätte, und sang nicht mit. Aennchen sah sie -verwundert an.</p> - -<p>Nach dem Choral betete die ganze Klasse stehend das Vaterunser -und dann trat plötzlich eine tiefe Stille ein, bis Herr -Milde gebot, die Griffel und Tafel sollten hervorgeholt werden. -Das thaten nun alle mit großem Eifer und auch Aennchen nahm -mit geheimem Stolz ihre schöne Tafel heraus – gewiß hatte -keine der Schülerinnen eine gleiche – Marthas Tafel war -wenigstens ganz einfach von Schiefer und weißem Holz, doch -Alma besaß wirklich eine noch viel schönere und ihre Griffel -waren mit Goldpapier umwickelt. Aennchen staunte!</p> - -<p>Nun nahm Herr Milde eine Kreide zur Hand und schrieb an -die Tafel ein kleines i – das sollten die Kinder nachschreiben -und nun machten sich Hunderte von kleinen Fingern an diese -Arbeit, während der Herr Lehrer von einer zur andern ging und -Umschau hielt. Das gab harte Plage! Aennchen mühte und mühte -sich, aber sie brachte keinen geraden Strich zu stande und bewundernd -sah sie der kleinen Martha zu, welche schon eine Menge -von schönen i’s gemalt hatte. Alma jedoch saß ganz müßig da.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span></p> - -<p>»Warum schreibst du nicht?« fragte Aennchen erstaunt.</p> - -<p>»Ich kann es schon und habe keine Lust,« gab sie nachlässig -zur Antwort.</p> - -<p>Als aber Herr Milde zu den drei Mädchen kam, da zeigte -es sich doch, daß sie kein Recht hatte, zu thun und zu lassen, -was sie wolle, denn er schalt sie aus, daß sie ihrer neuen Nachbarin -kein besseres Beispiel gebe, die kleine Martha aber lobte -er sehr und beauftragte sie, Aennchen etwas mit Rat beizustehen.</p> - -<p>So ging die erste Stunde zu Ende, schneller, als Aennchen -es gedacht hatte, und als es 10 Uhr schlug, da sprach Herr Milde:</p> - -<p>»Nun dürft ihre eure Arbeit fortlegen und in den Garten -springen!«</p> - -<p>Jetzt ging ein Jubel und Lärmen los! Alle die vierzig -Mädchen wollten laut zur Bank hinausstürzen, Herr Milde aber -gebot: »Eine nach der andern und immer hübsch ruhig!« Da -dämpften sie die fröhlichen Stimmen und schoben sich artiger zur -Thüre hinaus. Auch Aennchen wurde mit fortgezogen in der -Schar und befand sich schließlich in einem großen Garten, der -nur wenige Beete und Blumen, dafür aber einen großen Kies- -und Rasenplatz aufzuweisen hatte. Und auf diesen Plätzen spielten -nun die verschiedenen Klassen und vergnügten sich, wie sie wollten.</p> - -<p>Aennchens Mitschülerinnen hatten bald einen großen Kreis -gebildet, sie kamen auch zu Aennchen und forderten sie auf, teilzunehmen. -Fröhlich trat sie in die Reihe zum »Ringelreihspiel« -und begann bald herzhaft zu springen und zu jauchzen und es -ihrer Nachbarin, der ausgelassenen Alma, nachzumachen. Als -der Kreis sich wieder drehte, sah sie die kleine verwachsene -Martha ganz still und traurig außen stehen.</p> - -<p>»Komm doch und spiele mit!« rief sie ihr zu.</p> - -<p>»Geh, laß sie doch, sie ist ja bucklig,« wehrte ihr Alma -laut und rücksichtslos ab.</p> - -<p>Erschrocken sah Aennchen sich nach der Kleinen um, ob sie -die schlimmen Worte gehört habe; wirklich glänzten dem armen -Kind zwei große Thränen in den Augen und flossen langsam -die schmalen Wänglein herunter. Aber Alma zog Aennchen mit<span class="pagenum" id="Seite_13">[13]</span> -sich fort und diese hatte einen solchen Respekt vor der glänzenden -Gefährtin, daß sie ihr nicht zu wiedersprechen wagte, sondern -sich im Gegenteil sehr geschmeichelt fühlte, so sehr von ihrer Gunst -beglückt zu werden. Denn hier auf dem Spielplatz behauptete -Alma entschieden die erste Rolle; sie gab alle Spiele an, entschied, wer -sich dabei beteiligen durfte, lachte und jubelte am lautesten, sprang -und tanzte am geschicktesten und verstand den Ball so hoch in die -Luft zu schleudern und wieder zu fangen, wie Aennchen es noch -nicht einmal von ihrem Bruder Fritz gesehen hatte. Sie staunte -nur so vor Bewunderung und betete die neue Freundin förmlich an.</p> - -<p>Freilich, als die Freiviertelstunde vorüber war und der -Unterricht wieder begann, da mußte die Bewunderung für Almas -Leistungen bald ein Ende finden, denn der Lehrer hatte gerade -bei ihr immer am meisten zu tadeln und zu rügen.</p> - -<p>Aennchen aber war ganz eingenommen von ihrer Nachbarin -und diese verstand so reizend und witzig zu plaudern und ihr -heimlich eine Menge Scherzhaftes zuzuflüstern, daß sie ganz den -Unterricht vergaß und sich nur immer unterhalten wollte. Schon -machte Herr Milde ernste Augen und sah oftmals herüber zu -den kleinen Klatschmäulchen – Martha stieß die Nachbarin heimlich -mit dem Fuße an, doch ruhig zu sein – allein Aennchen -war wie bezaubert und die Folge ihrer Unachtsamkeit war schließlich, -daß der Lehrer, ordentlich böse geworden, ihr am Schluß -der Stunde die doppelte Hausaufgabe zuerteilte, als den andern, -und Alma wurde gar ein Tadel ins Buch geschrieben.</p> - -<p>Aufs tiefste beschämt nahm Aennchen die Strafe hin und -suchte beim Aufbruch ganz zerknirscht ihre sieben Sachen zusammen; -Alma jedoch flüsterte ihr zu, sich doch nichts daraus zu machen, -dergleichen würde wohl noch öfter vorkommen. Sie faßte die -neue Freundin unter dem Arm und zog sie mit auf die Straße. -Unten an der Ecke des Hauses hielt ein reizender kleiner Wagen -mit zwei munteren Ponies bespannt. Wie staunte Aennchen, als -Alma darauf zusprang, in einem Nu den Bock erreichte und dem -Kutscher die Zügel aus der Hand nahm.</p> - -<p>»Adieu, mein Herz, auf Wiedersehen morgen!« rief sie lachend,<span class="pagenum" id="Seite_14">[14]</span> -dann schlug sie auf die Pferdchen ein und fort ging es im sausenden -Galopp.</p> - -<p>Aennchen stand noch lange und sah ihr nach; sie kam sich -recht armselig vor, so zu Fuß nach Haus traben zu müssen, -während die Freundin so stolz kutschieren konnte. Als sie noch dastand, -kam eben die kleine bescheidene Martha vorübergegangen. -Sie blieb stehen und fragte freundlich:</p> - -<p>»Willst du vielleicht mit mir kommen, Aennchen?«</p> - -<p>»Wo wohnst du denn?« fragte diese ziemlich kühl, »wir -haben sicher nicht denselben Weg.«</p> - -<p>»O doch,« erwiderte Martha. »Wir wohnen sogar sehr -nahe zusammen und ich habe dich schon oft in eurem schönen -Garten spielen sehen, denn meine Mutter hat die Wohnung in -eurem Hinterhause seit einiger Zeit gemietet.«</p> - -<p>»Aber warum bist du denn dann niemals zu mir in den -Garten gekommen?« fragte Aennchen überrascht.</p> - -<p>»Mutter erlaubte es nicht; sie sagte, wir hätten kein Recht -dazu,« war die bescheidene Antwort. »Auch habe ich zum Spielen -beinahe keine Zeit. Ich muß Mütterchen zu Hause an die Hand -gehen und meiner kranken Schwester Gesellschaft leisten.«</p> - -<p>»Aber du bist ja noch so klein?« staunte Aennchen.</p> - -<p>Ein wehmütiges Lächeln fuhr über das sanfte Gesichtchen Marthas. -»Freilich bin ich noch klein und schwach,« sagte sie, »aber -ich thue eben, was ich kann; später wird es schon besser werden.«</p> - -<p>Sie waren an Aennchens Haus angelangt; eine große, -prächtige Eingangspforte führte hinein; weiter unten bildete eine -schmale Thüre einen Durchgang, welcher zum Hinterhause führte. -Hier schieden die beiden Schulmädchen voneinander; Aennchen -sprang fröhlich und leichtherzig die Treppe hinauf und Martha -schlich still von dannen.</p> - -<p>Was hatte Aennchen heute zu Mittag alles zu berichten! -Ihre ganze Phantasie war noch von der neuen Freundin Alma -angefüllt, so daß sie ganz darüber vergaß, der Mama von der -kleinen verwachsenen Martha zu erzählen. Sie kam sich den -Brüdern gegenüber höchst wichtig mit ihren Erlebnissen vor und<span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span> -als Bruder Fritz sie wie sonst necken wollte, da meinte sie sehr -stolz, diese Zeiten seien vorbei, sie sei nun ein Schulmädel und -wolle sich nichts mehr gefallen lassen.</p> - -<p>Nach Tisch mußte Fritz wieder in die Schule fort; Annchen -aber hatte keine Stunde und da es fatalerweise zu regnen begann, -so konnte nicht einmal in den Garten gegangen werden. -Aennchen rief die kleinen Brüder zu sich auf den Hausflur zum -Spielen; sie wußte zwar, daß um diese Zeit, wenn Papa schlafen -wollte, nicht viel Geräusch gemacht werden durfte, und anfangs -ging alles ganz still und artig zu. Bald aber fing sie mit den -kleinen Knaben an, laut herumzutollen und Hermännchen so lang -zu necken, bis er tüchtig zu schreien begann. Nun kam der Vater -mit rotem Kopf zornig zur Thüre heraus und rief:</p> - -<p>»Du nichtsnutziges kleines Mädel! Kannst du mich denn -niemals schlafen lassen? Hast du keine Hausaufgabe für die -Schule zu machen?«</p> - -<p>Aennchen murmelte »Ja.«</p> - -<p>»Dann marsch in die Stube und nicht eher heraus, bis -alles gut fertig ist!«</p> - -<p>So schlich denn Aennchen recht beschämt in die Kinderstube -und setzte sich an den großen Tisch, wo sie sich auf ihrer Tafel -bemühte, die aufgegebene Arbeit gut fertig zu bringen. Sie -ächzte und seufzte dabei und sah immer sehnsüchtig aus dem Fenster, -denn es hatte bereits zu regnen aufgehört und die Kinderfrau -hatte die Brüderchen in den Garten genommen. Wie schwer doch -das Stillsitzen war und die i’s standen alle so bucklig auf den -Linien; doch endlich waren beide Seiten der Tafel bedeckt und -nun atmete sie auf und sprang empor, ließ Griffel, Tafel und -Ränzchen liegen, wie sie ausgebreitet waren – es zog sie hinunter -nach dem Garten.</p> - -<p>Doch halt, was tönte da für ein fröhlicher Lärm die Straße -herauf. Pfeifen und Trommeln und Lachen und Schreien. Eben -stürmte Fritz mit den Büchern unterm Arme den Hausflur herein: -»Aennchen, komm, es giebt etwas zu sehen.« Und sofort flog diese -mit ihm hinaus und starrte mit entzückten Augen die Wunder<span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span> -an, welche da vorüberzogen. Voran winzig kleine Pferde, auf -welchen buntgekleidete Kinder saßen und standen, dann eine Schar -Musikanten mit Pfeifen und Trommeln, dann ein großer großer -Elefant, auf dessen Rücken lustige Aefflein Grimassen schnitten, -und diesen nach ein großes braunes Kamel. Und nun folgten -noch ein Zebra und eine Menge anderer Tiere, welche Aennchen -nicht kannte, es war ein Lärm und Getöse und die Gassenjugend -jubelte und stürmte hinterdrein. Aennchen wußte sich vor Entzücken -kaum zu fassen und als vom ganzen Zug endlich nichts -mehr zu sehen war, da stürmte sie mit Bruder Fritz die Treppe -hinauf, den Eltern das Wunder zu berichten. Papa hatte auch -aus dem Fenster geschaut und meinte nun freundlich:</p> - -<p>»Ja, ja, solch eine Menagerie ist wohl interessant und wenn -meine beiden großen Schulkinder sich bis morgen recht gut aufführen -und gute Noten nach Hause bringen, dann führe ich euch -morgen abend in die Vorstellung.«</p> - -<p>Wer war glücklicher als die beiden Geschwister! Sie sprangen -und jubelten und konnten den andern Tag kaum erwarten. Fritz -mußte Aennchen alles erzählen, was er in der Schule schon von -fremden Tieren erfahren hatte, wo die Heimat der Elefanten und -Kamele sei und wie sich die verschiedenen andern Tiere alle benennen. -Und gleich begannen sie dann im Garten selbst mit -den kleinen Brüdern Menagerie zu spielen.</p> - -<p>Als Aennchen spät abends endlich erhitzt zum Schlafengehen -herauf kam, zankte Lisette tüchtig und sagte:</p> - -<p>»Du hast heute wieder eine schöne Unordnung hinterlassen, -Wildfang. Als ich hereinkam, waren die Kleinen über deine -Sachen her und ich konnte sie nur gerade noch retten, indem ich -alles rasch ins Ränzel zusammenwarf. Nun magst du selbst -sehen, ob alles in Ordnung ist.«</p> - -<p>»Es wird schon in Ordnung sein,« erwiderte Aennchen leichtsinnig -und blickte nicht mehr nach dem Ränzchen um; sie ließ -sich auskleiden und schlief fröhlich ein.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="chap_03"><span class="smaller">Drittes Kapitel.</span><br> -Mit dem linken Fuß zuerst aus dem -Bett geschlüpft.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.jpg" alt=""></div> -<p class="drop">Der andere Morgen brach recht verdrießlich für Aennchen -an, indem sie verschlief. Lisette, welche sich heute bei -der großen Wäsche, die im Hause war, zu schaffen -machte und der bei solchem wichtigen Ereignis alles andere -unbedeutend erschien, kam zu spät, sie zu wecken und anzukleiden. -So geschah es, daß Aennchen zuerst mit dem linken Fuß aus -dem Bett fuhr und deshalb schon beim Ankleiden recht verdrießlich -und weinerlich war. Mit knapper Not konnte sie noch -einige Tropfen Milch zu sich nehmen, dann mußte sie eiligst nach -dem Ranzen greifen und ihren Weg, vielmehr ihren Sturmlauf, -nach der Schule antreten.</p> - -<p>Dennoch gelang es ihr nicht, sie noch rechtzeitig zu erreichen, -denn als sie noch auf der Straße war, schlug die große Turmuhr -bereits neun Schläge aus und in atemloser Hast rannte sie -daher in das Schulgebäude hinein, die Treppe hinauf und in -das Klassenzimmer, wo sie, unbekümmert um die Störung und -das Aufsehen, welches sie verursachte, ihren Platz zu erreichen -strebte. Aber Herr Milde trat ihr ernst und streng entgegen -und faßte sie bei der Hand:</p> - -<p>»Langsam, langsam, mein Kind! Weißt du nicht, daß man -beim Betreten eines Zimmers höflich und fein grüßen muß? -weißt du nicht, daß man pünktlich in der Klasse zu erscheinen -hat und wenn dies nicht der Fall ist, wenigstens eine triftige -Entschuldigung für die Verspätung vorbringen muß?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span></p> - -<p>»Lisette hat mich zu lange schlafen lassen,« stotterte Aennchen -verlegen und unter den neugierigen Blicken der andern tief errötend.</p> - -<p>»Nun und wie bittet man jetzt um Verzeihung?« fragte -Herr Milde.</p> - -<p>»Verzeihen Sie,« flüsterte Aennchen, aber die Bitte kam -sehr gezwungen heraus, denn es war zu peinlich für das Trotzköpfchen, -hier so öffentlich Abbitte thun zu müssen; bereits begann -sich ihre üble Laune wieder zu regen und indem sie die -Unterlippe schmollend hängen ließ, schlüpfte sie auf ihren Platz.</p> - -<p>Hier begrüßte sie Alma sogleich lebhaft durch heimliches -Zupfen, Nicken und Flüstern und schon wollte Aennchen ein leises -Gespräch mit ihr beginnen, da stand Herr Milde vor ihr und -begehrte die gefertigte Hausaufgabe zu sehen. Hastig begann sie -den Ranzen aufzuschnallen, daß Bücher und Hefte durcheinander -purzelten, und zog die schöne neue Schiefertafel hervor mit einem -Gefühle heimlicher Befriedigung:</p> - -<p>»Nun wird Herr Milde sicher Respekt bekommen, wenn er -die vielen i’s sieht!«</p> - -<p>Aber was war denn das? Die Seite war ja leer! Höchst -erstaunt drehte sie die Tafel auf die andere Seite, doch auch -hier war kein einziges i zu erblicken, nur ein wirres Durcheinander -von Strichen und kleines Gekritzel. Verblüfft starrte -Aennchen darauf hin – war dies denn ihre Tafel und wie war -die Verwandlung vor sich gegangen?</p> - -<p>»Nun, wo ist die Hausaufgabe? Du faules Mädchen hast -sie wohl am Ende gar nicht gefertigt?« fragte Herr Milde -ernstlich erzürnt.</p> - -<p>»Freilich, Herr Lehrer,« schluchzte sie, »ich hatte die beiden -Seiten vollgeschrieben und weiß nicht, warum sie jetzt leer sind – -doch halt,« ein Gedanke blitzte durch ihren Kopf, »gewiß waren es -die unartigen kleinen Brüder, welche mir darüber gekommen sind.«</p> - -<p>»Wie konnten diese zu deiner Büchertasche gelangen? Hattest -du sie denn nicht gut verwahrt?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span></p> - -<p>»Nein,« weinte Aennchen, »weil die Menagerie vors Haus -kam, ließ ich alles liegen und sprang davon.«</p> - -<p>»Also bist du wirklich allein schuld daran,« tadelte Herr -Milde ernst, »denn ein Mädchen, ob es noch so klein ist, soll -vor allen Dingen stets ordentlich reinlich und pünktlich sein. Solange -sie das nicht ist, muß sie für ihre Fehler bestraft werden, -bis sie dieselben abgelegt hat. Ich kann dir nicht helfen, Aennchen, -ich muß deinen Eltern Anzeige von dem Vorfall erstatten, damit -diese dich nach ihrem Ermessen bestrafen können.«</p> - -<p>Damit entfernte sich Herr Milde und ließ Aennchen in einer -trostlosen Verfassung zurück. Ach, sie wußte wohl, womit ihre -Eltern sie bestrafen würden; warum mußte ihr das Unglück auch -gerade heute passieren!</p> - -<p>In dumpfem Brüten saß sie auf ihrer Bank und vernahm -kaum etwas von dem Unterricht und doch erzählte Herr Milde -in solch schlichter fesselnder Weise eine Geschichte vom lieben -Heiland.</p> - -<p>Als um zehn Uhr zur Freiviertelstunde die Mädchen alle -wieder fröhlich aus der Klasse strömten, da hatte sie heute nicht -die geringste Lust, ihnen zu folgen; doch Alma faßte sie einfach -am Arm und zog sie mit sich fort in den Garten hinunter. -Und hier begann sie lebhaft auf sie einzureden, sie solle doch -nicht so thöricht sein und sich solche Kleinigkeit so sehr zu Herzen -nehmen, ihre Eltern würden ihr sicher nicht gleich den Kopf deswegen -abreißen.</p> - -<p>»Du hast gut reden, Alma,« schluchzte Aennchen, »meine -Eltern hatten mir versprochen, mich, wenn ich eine gute Zensur -mit nach Hause brächte, in die Menagerie zu führen, und nun -ist es nichts damit.«</p> - -<p>»Weiter nichts?« meinte Alma geringschätzig, »aus dieser -gewöhnlichen Menagerie machst du dir etwas? Ich sage dir, -da ist ein Kunstreiterzirkus viel schöner und ich habe schon oft -einen gesehen. Soll ich dir zeigen, wie sie dort tanzen?«</p> - -<p>Damit faßte sie ihr Röckchen zierlich an beiden Seiten, -senkte sich tief zu Boden und machte eine anmutige Verbeugung.<span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span> -Nun begann sie vorwärts und rückwärts zu schreiten, erst langsam, -dann immer schneller, jetzt drehte sie sich rings im Kreis -herum, die schmalen Fußspitzen berührten den Boden kaum und -im raschen Reigen flog sie auf und nieder. Wie gebannt hingen -Aennchens Blicke an der reizenden Erscheinung; auch die andern -Schülerinnen hatten ihre Spiele eingestellt und standen atemlos -im Kreis herum.</p> - -<p>Als sie endlich ihren Tanz mit einer nochmaligen Verbeugung -schloß, da erschallte lautes Beifallsrufen aus den Reihen -der Mädchen, nur einige, welche Alma nicht leiden mochten, -verharrten in mißgünstigem Schweigen und ein größeres blasses -Mädchen mit unfreundlichem Gesicht flüsterte hämisch:</p> - -<p>»Wie eine Gauklerin!«</p> - -<p>Alma hatte die Bemerkung wohl vernommen und mit -dunkelglühenden Wangen stürzte sie auf die Sprecherin zu:</p> - -<p>»Warum hast du mich Gauklerin genannt, Sarah Elich? -nimm es gleich zurück!«</p> - -<p>Sarah Elich aber schwieg verstockt still, da drang Alma -mit erhobenen Armen auf sie ein und nur mit Mühe gelang es -den Mädchen, die beiden auseinander zu bringen. Zur rechten -Zeit rief gerade die Schulglocke die Kinder wieder ins Haus -zurück, die leidenschaftliche Alma aber folgte mit Thränen des -Zornes und knirschenden Zähnen ihrem Ruf, und ihr wunderschönes -Gesicht sah ganz entstellt aus, als sie vor sich hin murmelte: -»Dieser Sarah werde ich es noch gedenken!«</p> - -<p>Aennchen erschrak beinahe, als sie sie anblickte, und unwillkürlich -mußte sie, als sie wieder auf ihrem Platz saß, ihre Blicke -vergleichend zu ihrer Nachbarin zur Linken hinüberfliegen lassen, -welche sie heute den ganzen Morgen noch nicht beachtet und kaum -eines Grußes gewürdigt hatte. Martha war auch um zehn Uhr -nicht in den Garten gegangen, da sie sich vor dem wilden Mädchen -gefürchtet hatte; doch saß sie mit ihren sanften stillen Augen -ganz zufrieden auf ihrem Sitz, als ob ihr das größte Vergnügen -zuteil geworden wäre. Unwillkürlich, beinahe ohne zu wissen, was -sie that, reichte ihr Aennchen die Hand hinüber und mit einem überraschten<span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span> -beglückten Ausdruck legte Martha ihr schmales Händchen -hinein. Gesprochen wurde nichts dabei, aber Aennchen fühlte sich -mit einemmal viel ruhiger und der Gedanke flog ihr durch den -Sinn: Könnte ich doch diesem Mädchen ein wenig ähnlich werden!</p> - -<p>Nun begann wieder der Unterricht und diesmal war Aennchen -eine achtsame Schülerin. Herr Milde las schöne Gedichte und -Lieder vor, um sie der Kinder Gedächtnis einzuprägen für die -nächste Singstunde. Gar zu gut gefiel Aennchen das schöne Lied:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Und als sie das hübsche Liedchen lernen mußte: »Ich hatt’ einen -Kameraden« – da schwebte merkwürdigerweise in ihrer Phantasie -als »treuer Kamerad« ihr nicht die schöne glänzende Alma, sondern -die kleine verwachsene Gestalt der armen Martha vor. So verging -die Zeit diesmal so rasch, daß sie beinahe mit Bedauern -zwölf Uhr schlagen hörte, und nun kehrte ihr auch ihr ganzes -Unglück wieder ins Gedächtnis zurück, als Herr Milde mit einem -Briefchen auf sie zutrat und dasselbe ihren Eltern zu bringen -befahl. O sie wußte wohl, was es enthielt, und wie schrecklich -war es, dasselbe selbst übergeben zu müssen!</p> - -<p>Den ganzen Heimweg über zermarterte sie sich den Kopf, -wie sie sich des Briefchens am besten entledigen könnte – wie? -wenn sie es am Ende unterschlug und gar nicht abgab, dann -würde sie doch heute abend die Menagerie besuchen dürfen! Aber -»pfui Aennchen!« schalt sie sich selbst aus, »das wäre ja abscheulich -schlecht gehandelt und das Schlimmste, was man begehen könnte!«</p> - -<p>So schlich sie denn, zu Hause angelangt, recht kleinlaut die -Treppe hinauf, wo ihr die Mutter mit freundlichem Gruß entgegenkam: -»Nun, mein liebes kleines Mädchen, hast du eine -recht gute Zensur mit nach Haus gebracht?«</p> - -<p>Bitterlich weinend, verbarg Aennchen ihr beschämtes Gesicht -in der Mutter Rock: »Ach nein, Mama, ich bin ein recht unartiges -Mädchen gewesen, der Herr Lehrer hat dir alles in dem -Briefe geschrieben, aber das Schlimmste, das Schlimmste weiß -er doch nicht und ich kann es dir nur leis ins Ohr sagen.«<span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span> -Damit drückte sie den Mund fest an das Ohr der Mutter und -flüsterte:</p> - -<p>»Ich wollte das Briefchen unterwegs zerreißen und nichts -davon sagen.«</p> - -<p>Erschrocken rief die Mama: »O Aennchen, das hast du thun -wollen! Wie gut, daß dein frommer Engel dich noch rechtzeitig -von solch schlimmem Unrecht zurückgehalten hat. Was du auch -je im Uebermut und Leichtsinn begehen magst, es wird mich zwar -immer sehr betrüben, aber ich kann es dir doch eher verzeihen, -als wenn du zur Unwahrheit und Heuchelei deine Zuflucht -nimmst! Und nun geh hinein, mein Kind, und wasche deine -verweinten Augen; ich werde indes Papa des Lehrers Brief -bringen; freilich kann es mit dem versprochenen Vergnügen für -heute Abend nun nichts werden.«</p> - -<p>Ja, leider wurde nichts daraus, wenn auch die Eltern dem -reuigen Aennchen bald verziehen, als es so zerknirscht um Verzeihung -bat. Die kleinen Brüder bekamen auch Strafe, daß sie -sich über die Tafel der Schwester gewagt hatten. Als am Abend -der Papa mit Bruder Fritz, der eine gute Zensur mit nach Hause -gebracht hatte, zur Vorstellung fortging, da mußte sie brav bei -Mama zu Hause sitzen und ihre Aufgaben sorgfältig machen. -Aber sie war heute doch voll Eifer dabei und es ging ihr leichter -von der Hand und als sie dann zu Bette ging, da betete sie -heute bei Mama in ganz besonders andächtiger Weise:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Hab ich Unrecht heut gethan,</div> - <div class="verse indent0">Sieh es, lieber Gott nicht an –</div> - <div class="verse indent0">Mache Du durch Christi Blut</div> - <div class="verse indent0">Gnädig allen Schaden gut.«</div> - </div> -</div> -</div> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="chap_04"><span class="smaller">Viertes Kapitel.</span><br> -Die Handarbeitsstunde.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.jpg" alt=""></div> -<p class="drop">Dienstag nachmittag sollte Aennchen die erste Handarbeitsstunde -bekommen. Als es zwei Uhr schlug, -fand sie sich mit ihrem nagelneuen Strickkörbchen, -in welchem der rosenrote Wunderknäuel lag, in der Schulstube -ein, wo heute anstatt des Lehrers eine Dame den Vorsitz -führte. Es war ein liebes altes Fräulein mit silberweißen -Haaren, welche zu beiden Seiten der Stirne als dichte Löckchen -unter der großen schneeweißen Spitzenhaube hervorquollen. -Sie trug ein grauseidenes Kleid und weißen Kragen und -Manschetten und sah so lieb und gütig aus wie Aennchens -Großmama, so daß diese gleich ein Herz zu ihr faßte und zutraulich -auf sie zusprang. Und auch alle andern Mädchen -hingen mit innigster Liebe an dem gütigen alten Fräulein, sie -durften sie alle »Tante« nennen und die wildesten wurden sanft -und artig, wenn sie sie mit ihren milden Augen fragend anblickte. -Sie hatte für alle ein gütiges Wort, einen freundlichen -Scherz und in ihrem großen Pompadour, den sie an der Seite -trug, bewahrte sie für die allerartigsten sogar immer kleine -Schokoladeplätzchen auf, die sie dann am Schluß der Stunde -austeilte.</p> - -<p>Das war eine gar lustige Stunde, in welcher sich die -Mädchen bald so heimisch wie zu Hause fühlten; das Fräulein -sprach mit den Kindern leichte französische Sätze, die sie bald -verstehen lernten, und wenn sie recht artig gewesen waren, wurden -in der letzten Viertelstunde fröhliche Liedchen gesungen. Aennchen<span class="pagenum" id="Seite_24">[24]</span> -hatte wie immer ihren Platz zwischen Martha und Alma eingenommen -und zeigte sich am Anfang nicht wenig ungeschickt in -der Führung der Stricknadeln, welche immer anders wollten, -als sie selbst sollte. Ach, und die Maschen hatten eine so unüberwindbare -Neigung, herunterzufallen – es war wirklich zu -ärgerlich! Wie staunte Aennchen, als sie die kleine Martha gleich -in der ersten Stunde an einem wunderschön gestrickten großen -Strumpf stricken sah; doch meinte diese lächelnd: »Das ist nicht -mein erster. Meine Mutter hat mich schon lange stricken gelehrt -und beinahe alle Strümpfe, die ich trage, habe ich mir -selbst gestrickt.«</p> - -<p>Das war wirklich fabelhaft und Aennchen hätte beinahe den -Mut verloren über einem solchen Ausbund von Vortrefflichkeit, -wie sie sich ausdrückte, wenn nicht ihre Nachbarin Alma sich auch -so ungeschickt wie sie selbst gezeigt hätte und dazu nicht einmal -den guten Willen besaß, es besser zu machen. Sie rümpfte das -Näschen über die »langweiligen Arbeiten«, wie sie sagte, und -meinte: »Ich werde es ja gottlob doch niemals nötig haben, -meine Strümpfe selbst zu stricken.« Alma hatte diese letzte Bemerkung -so laut gegen Aennchen geäußert, daß selbst das Fräulein -sie vernehmen mußte auf ihrem Platz am Katheder. Langsam -richtete sie die sanften grauen Augen auf das unter ihrem Blick -errötende Mädchen und sprach mit ihrer leisen gütigen Stimme:</p> - -<p>»Wenn ich dich recht verstanden habe, liebes Kind, so bist -du der Meinung, für dich wäre es nicht nötig, dich mit -Handarbeiten abzumühen, weil deine lieben Eltern durch Gottes -Gnade so sorgenfrei gestellt sind, daß auch deine Zukunft vollkommen -gesichert erscheint. Vielleicht interessiert es dich daher, -eine kleine Geschichte von einem Mädchen zu hören, das auch -in seiner frühesten Jugend ähnliche Gedanken hegte wie du, und -dafür bitter bestraft wurde. Sie wuchs in einem hohen stolzen -Schlosse auf und hatte gütige Eltern, welche ihr alles gewährten, -was ein Kinderherz entzücken kann; sie speiste auf Silber und -Kristall und eine Schar von Dienern stand stündlich nur zu -ihren Befehlen bereit. Und an solchen mangelte es dem kleinen<span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span> -herrschsüchtigen Persönchen nie, bald wollte sie auf dem großen -Teich im Garten gerudert sein, bald wollte sie in ihrer Pony-Equipage -fahren oder es sollten ihr aus der Stadt neue Spielsachen -besorgt werden. Sie war so stolz, daß alle armen Kinder -ihr zu gering schienen, sie nur anzusehen, denn sie glaubte sich -über allen erhaben, und wenn ihre Lehrerin von ihr verlangte, -sie solle eine Aufgabe lösen, dann stampfte sie mit dem Füßchen -und behauptete, das Arbeiten sei nur nötig für arme Leute.</p> - -<p>Aber sie sollte für ihren Uebermut hart bestraft werden, denn -eines Tages trat ihr Papa eine weite Reise an, von der er -nicht wiederkehrte – das Schiff, auf dem er fuhr, ging mit ihm -unter. Nun war ihre Mama eine Witwe und fremde Männer -kamen ins Schloß, die Reichtümer zu ordnen. Aber so sehr man -suchte und suchte, es fanden sich keine vor, im Gegenteil nur -eine große, große Summe von Schulden, so daß man auf das -herrliche große Schloß und den Garten und die Felder und -Wälder Beschlag legte und der Mutter des kleinen Mädchens -gar nichts mehr übrig blieb, so daß sie eines trüben Tages das -Schloß mit ihrem Kinde verlassen mußte. So jung das kleine -Mädchen auch war, es empfand dennoch schon schwer die furchtbare -Umwandlung, welche mit der Mutter und ihr vorgegangen -war; sie sah ihre arme Mama Tag und Nacht weinen und sich -abhärmen und in der kleinen kalten Dachkammer, in der sie -wohnten, war ihr einziger Gefährte die bittere Sorge und Not. -Wohl mühte sich Marguerites Mutter bis tief in die Nacht hinein -mit ihren feinen Fingern ab, Handarbeiten zum Verkauf zu -verfertigen, aber der Erlös reichte kaum hin, die beiden vor dem -Verhungern zu retten.</p> - -<p>Ach, und Marguerite hatte so gar nichts gelernt, auch an -der Arbeit ihr Scherflein mit beizutragen, ihre Finger waren -gar so ungeschickt und nichts ging ihr von der Hand. Als aber -die Not immer größer wurde, da fing sie doch an, der Mutter -die Arbeiten abzusehen und sich selbst daran zu versuchen, und -siehe, als sie nun erst wirklich einmal wollte, da ging es auch -und sie brachte ganz hübsche Stickereien zu stande. Der Kaufmann,<span class="pagenum" id="Seite_26">[26]</span> -dem sie dieselben brachte, empfand Mitleid mit ihrer -Jugend und Armut und bestellte neue zu guten Preisen! Das erfüllte -sie mit glücklichem Stolz. Aber es war noch nicht genug -der Prüfung, die über sie gekommen, denn nun begann ihre arme -Mutter sehr leidend zu werden und zu schwach, selbst etwas zu -leisten. Welches Glück, daß nun das Töchterlein imstande war, -für sie einzutreten, und sich auch in der Pflege geschickt und -willig zeigte. Der Kaufmann, für den sie stickte, ward ihr ein -treuer Freund, welcher half, so viel er konnte, da er den guten -Willen des armen Kindes sah, und so war Marguerite wirklich -imstande, ihre arme Mutter bald ganz zu erhalten. Aber ihr -Stolz war gebrochen und mit tiefster Beschämung dachte sie oft -daran, welch ein unnützes stolzes Geschöpf sie einst in früheren -Tagen gewesen. Der liebe Gott führte sie denn durch Prüfungen -und Irrwege schließlich zum glücklichen Ziel und sie ist zufrieden -und glücklich geworden. Und wißt ihr, lieben Kinder wer die -kleine Marguerite eigentlich war?« fügte das alte Fräulein nach -einer Pause noch leise bei: »Ich selbst bin es gewesen.«</p> - -<p>»Sie selbst?« riefen überrascht die Kinder, denen bei der -schlichten Erzählung Thränen des Mitleids in die Augen getreten -waren, und Alma, welche besonders aufmerksam diesmal zugehört -hatte, fragte noch einmal:</p> - -<p>»Sie selbst waren das vornehme Kind – und jetzt?« -– – – Sie stockte.</p> - -<p>»Jetzt bin ich eine arme Handarbeitslehrerin,« vollendete -Fräulein Marguerite mit einem unendlich wehmütigen Lächeln -den Satz. »Glaubt aber nicht, liebe Kinder, daß es mir je einfallen -sollte, über mein jetziges Los zu murren. Ich danke im -Gegenteil dem gütigen Gott jeden Tag, daß er mich so weise -Wege geführt und davor bewahrt hat, ein übermütiges stolzes -Geschöpf zu werden, und fühle mich glücklich wenn er mich ferner -gesund erhält, euch, ihr kleinen Mädchen, durch meine eigenen -so schwer errungenen Kenntnisse auf die Schule des Lebens vorzubereiten -– möge aber keine von euch allen durch so harte -Prüfungen gehen müssen, als mir selbst bereitet waren!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span></p> - -<p>Die gute alte Dame hatte zwei helle Thränen in den Augen, -als sie endete, und keine von all ihren kleinen Zuhörerinnen -war unbewegt. Selbst Alma, so sehr sie es zu verbergen bemüht -war zeigte sich tief ergriffen und von dieser Stunde an -war sie viel eifriger als vorher bemüht ihre gütige Lehrerin -zufrieden zu stellen.</p> - -<figure class="figcenter illowp30" id="illu-033"> - <img class="w100" src="images/illu-033.jpg" alt=""> -</figure> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="chap_05"><span class="smaller">Fünftes Kapitel.</span><br> -Lehrstunden.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.jpg" alt=""></div> -<p class="drop">Es waren nun bereits Wochen und Monate darüber hingegangen, -seit Aennchen zum erstenmal in die heiligen -Hallen der Schule eingeführt worden war, und sie war -inzwischen so heimisch in derselben geworden, daß ihr das Liebste -gefehlt hätte, wenn sie derselben hätte fern bleiben müssen. -Verschwunden war alle Scheu vor den vielen kleinen Mädchen, -denn sie war jetzt mit allen bekannt und vertraut, wußte alle bei -ihren Namen zu nennen und hatte eine Menge Freundinnen -unter ihnen gefunden. Am meisten ging sie allerdings mit Alma -Stolzau um, freilich nicht zu ihrem Vorteil als Schülerin, -denn Alma gab, obwohl sie ein volles Jahr länger als die andern -die Klasse besucht hatte und eine der wenigen Repetentinnen war, -doch nur zu oft durch Leichtsinn und Flatterhaftigkeit Ursache zu -Tadel bei den Lehrern.</p> - -<p>So war auch unser Aennchen leider keine Musterschülerin -geworden, wenngleich ihr alles Lernen leicht ging und sie sich -in keiner Weise zu sehr plagen mußte. Aber es fehlte ihr eben -die Ruhe und Stetigkeit. Sie hatte es allerdings so weit gebracht, -daß ihr die Buchstaben des Alphabets keine unheimlichen -Figuren mehr waren, vermochte im Gegenteil, wenn auch etwas -schwerfällig, zusammenhängende Wörter zu entziffern; auch hatte -sie bereits gelernt, ihren Namen zu schreiben, wenn er freilich -immer in sehr schräger Richtung auf den Zeilen lag, und der<span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span> -Herr Lehrer hatte sogar versprochen, bald einmal mit Tinte es -versuchen zu lassen.</p> - -<p>Aber der Rechenunterricht machte ihr gar viel Kopfzerbrechens -und sie vermochte oft tiefsinnig eine halbe Stunde über einem -Rechenexempel nachzugrübeln, wie viel 5 Birnen und 4 Birnen -und 6 Birnen wohl zusammen ergeben möchten, brachte aber -zuletzt doch 13 Birnen heraus, und das war doch nicht richtig. -Oder sie zählte zusammen, daß 6 Pfennig und 12 Pfennig -16 Pfennig betrügen, und das war doch sicher auch falsch.</p> - -<p>In den biblischen Geschichtsstunden hingegen war sie eine -brave und aufmerksame Schülerin, sie hörte gar zu gern die -wunderschönen Geschichten vom Jesuskindlein mit an, wie es auf -die Welt gekommen und auf Erden gewandelt ist. Und wie die -Erde geschaffen wurde und das Paradies, in welchem die ersten -Menschen gelebt, bis die böse Schlange die Eva verführte, das -war doch alles ganz wunderbar interessant und auch alle die -schönen Sprüche aus dem Katechismus prägten sich gar leicht -dem Gedächtnis ein.</p> - -<p>Am liebsten aber von allen Stunden war und blieb für -Aennchen die Gesangstunde, diese bildete ihre ganze Wonne! Es -konnte sich aber auch keine von allen Schülerinnen rühmen, eine -solch klare melodische Stimme zu besitzen, keine vermochte sich -eine Melodie so im Fluge einzuprägen und mit Ausdruck vorzutragen, -wie Aennchen. So war sie denn gar bald zur ersten -Chorführerin vorgerückt, welche sogar dem Lehrer behilflich sein -konnte, die andern im Takt zu halten, und wenn die Stunde -zu Ende ging, baten gar oft die Kinder:</p> - -<p>»Bitte, bitte, Herr Milde, lassen Sie Aennchen noch etwas -singen.«</p> - -<p>Dann durfte sich Aennchen selbst ein Lied auswählen und -sie that es gar gerne. Bald sang sie mit ihrem süßen Stimmchen:</p> - -<p>»Guter Mond, du gehst so stille durch die Abendwolken -hin« – – oder »Nachtigall, Nachtigall, wie sangst du so -schön« – – oder auch »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten« -– – und alle lauschten dann entzückt ihrem Gesang.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="chap_06"><span class="smaller">Sechstes Kapitel.</span><br> -Ein Tag bei Alma.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-h.jpg" alt=""></div> -<p class="drop-quot">»Höre, Annchen, morgen ist mein Geburtstag, da hat -meine Mama mir erlaubt, dich für den ganzen Tag -zu mir einzuladen,« sprach eines Samstags am -Schluß der Schule Alma zu Aennchen. Aennchens Augen -leuchteten, dennoch aber meinte sie zweifelnd:</p> - -<p>»Wenn ich aber nur kommen darf! Am Sonntag hat Papa -es immer gern, wenn wir alle um ihn sind, und vielleicht denkt -meine Mama auch, ich könnte bei dir genieren den ganzen Tag.«</p> - -<p>»Nun, du wirst schon sehen, daß sie es erlaubt, wenn -meine Mama dich noch besonders einladen läßt,« versicherte -Alma eifrig und damit trennten sich die Freundinnen.</p> - -<p>Aennchen kam ganz aufgeregt nach Hause und erzählte ihrer -Mutter von der Einladung, diese aber schüttelte den Kopf und -meinte:</p> - -<p>»Auf die bloße Einladung deiner Freundin hin kann ich -dich unmöglich in ein fremdes Haus lassen.« Aennchen schlich -betrübt davon.</p> - -<p>Nachmittags aber läutete es an der Hausglocke und als -Aennchen sehen wollte, wer da sei, da stand ein riesengroßer -Bedienter vor der Thüre mit langem blauem Rock und großen -goldnen Knöpfen daran und einer breiten goldnen Borte am -Hut und hielt ein zierliches Briefchen in der Hand für Aennchens -Mutter. Das Briefchen enthielt in wenigen Zeilen eine sehr -liebenswürdige Einladung für Aennchen von Almas Mama, welche -zudem noch bemerkte, für Abholen und Nachhausebringen werde -sie selbst Sorge tragen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[31]</span></p> - -<figure class="figcenter illowp80" id="illu-037"> - <img class="w100" src="images/illu-037.jpg" alt=""> -</figure> - -<p>Wer war glücklicher als Aennchen, denn die Einladung wurde -angenommen und nun sprang und hüpfte sie im ganzen Haus -herum, freute sich auf den kommenden Tag und sprang jede -Viertelstunde zu Papa in die Stube: »Süßes Papachen, glaubst -du, daß morgen schönes Wetter wird?«</p> - -<p>»Ein Wirbelsturm wird kommen und dich kleine Wetterhexe -wie den fliegenden Robert in alle Lüfte tragen,« rief der Vater -endlich ärgerlich lachend und jagte den kleinen Plaggeist hinaus.</p> - -<p>Am Sonntagmorgen ging aber wirklich, wie Aennchen gewünscht, -die Sonne ganz wunderbar strahlend auf und der blaue -Himmel lachte wolkenlos hernieder. So konnte das weiße Mullkleidchen<span class="pagenum" id="Seite_32">[32]</span> -mit den rosaseidenen Schleifen denn getrost angezogen -werden und Aennchen sah sehr niedlich darin aus.</p> - -<p>Um zehn Uhr fuhr vor ihrem Hause Almas reizende Pony-Equipage -vor und der Diener kam herauf, den kleinen Gast abzuholen. -Wie eine richtige große Dame kam sich Aennchen vor, -als sie dann so allein in dem wunderhübschen Wagen saß, und -sie grüßte ordentlich huldvoll zu den Geschwistern hinauf, welche -mit den Eltern zum Fenster heruntersahen, ihr Aennchen noch -abfahren zu sehen. »Ach, wie beneidenswert glücklich doch Alma -ist,« dachte Aennchen, als sie nun in deren Wagen so weich dahinfuhr -zur Stadt hinaus und lange schattige Alleen entlang, dann -durch Felder und Auen bis zu einem großen Park, dessen herrliche -hohe Bäume den Weg zu beiden Seiten dicht begrenzten. Und nun -hielt der Wagen vor einem reizenden kleinen Schloß, dessen Fenster -und Zinnen im Licht der Sonne blitzten und von dessen oberster -Spitze eine rote Fahne lustig in die Welt hinauswehte.</p> - -<p>Kaum hielt der Wagen vor der Pforte des Schlosses, da -flatterte schon eine zarte, in rosenrote duftige Stoffe gehüllte -Mädchengestalt daraus hervor und dem Gaste entgegen.</p> - -<p>»Willkommen, Liebling, willkommen!« rief sie und hing -sich an Aennchens Hals; beinahe zerdrückte sie bei ihrer heftigen -Umarmung das große Rosenbouquet, welches Aennchen als Geburtstagsgruß -für sie in der Hand hielt, und Aennchen wagte -kaum mehr, es ihr zu bieten, denn es kam ihr jetzt so armselig -vor, weil die ganze Umgebung des Schlosses hier wie ein einziger -blühender Rosengarten erschien und Alma selbst das reizendste -Rosenkränzchen im goldenen Haar trug. Diese nahm die Blumen -dann auch ziemlich gleichgiltig hin, war jedoch von bezaubernder -Liebenswürdigkeit gegen ihren kleinen Gast und führte Aennchen -gleich die mit vergoldetem Gitterwerk gezierte Freitreppe des Schlosses -hinauf in einen reizenden Salon, wo eine vornehme Dame in -weißem Kleid nachlässig auf einem Ruhebett lag. Sie reichte dem -schüchtern errötenden und ängstlich knixenden Aennchen freundlich die -Hand und sprach einige gütige Worte; dann aber hielt sie die zarte -weiße Hand an die Stirn und sprach auf französisch zu Alma:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_33">[33]</span></p> - -<p>»Führe deine Freundin fort, mein Kind – ihr macht mich -nervös bei der Hitze. Zu Mittag sehen wir uns wieder.«</p> - -<p>Sie winkte noch einen gnädigen Gruß und dann verließen -die Mädchen das Zimmer.</p> - -<p>»Nun will ich dir vor allem meine Geburtstagsbescheerung -zeigen,« sprach Alma und flog Aennchen voran die Treppe empor -zu einer Reihe von glänzenden Gemächern. Das eine davon -war Almas Wohnzimmer, welches mit deren Schlafzimmer und -dem Zimmer für die Gouvernante in Verbindung stand. Annchen -wußte sich vor Staunen nicht zu fassen; bei ihr zu Haus war -es doch sicher recht schön, aber eine solche Pracht hatte sie noch -nicht gesehen. Ueberall, wohin sie blickte, Seide und Samt, -Gold und kostbare Zierraten. Das Schlafzimmerchen Almas -war wie eine kleine Muschel mit rosa Atlas bis zur Decke ausgeschlagen -und das Bettchen glich mit seinen seidenen Kissen und -Spitzenvorhängen einem wahren Feenlager. Auf dem großen -Tisch des Wohnzimmers und überall auf umherstehenden Stühlen -war eine solche Masse herrlicher Geschenke ausgebreitet, daß -Aennchen sie anfangs gar nicht zu überblicken vermochte; da gab -es Puppen und Puppenwagen und prächtige Bilderbücher, Spielzeug -und einen reizenden Ziegenbockwagen und neue Kleider, -kurz, was man sich nur denken kann.</p> - -<p>Aennchen schwindelte fast beim Anblick aller Herrlichkeiten, -Alma aber sah ganz gleichgiltig aus und meinte:</p> - -<p>»Die meisten dieser Geschichten langweilen mich; nur der -Ziegenbockwagen macht mir Freude. Wir werden nachher mit -ihm fahren.«</p> - -<p>»Darfst du denn alles thun, was du willst?« frug Aennchen.</p> - -<p>»O ja! so ziemlich,« antwortete Alma. »Ich habe zwar -leider eine Gouvernante zur Aufsicht, die mir das Leben recht -sauer macht. Sie ist eine Französin und versteht kein Wort -deutsch, aber ich werde schon mit ihr fertig.«</p> - -<p>Aennchen wurde ganz ängstlich zu Mute. »Eine Französin?« -fragte sie, »wo ist sie denn?«</p> - -<p>»Sie hat heute den ganzen Tag Urlaub erhalten, ich habe<span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span> -Mama darum gebeten,« lachte Alma. »Mama thut mir alles -zuliebe, nur darf ich sie nicht stören und zu laut in ihrer Gegenwart -sein. Sie wollte auch durchaus nicht erlauben, daß ich in -die abscheuliche Schule geschickt werde, aber mein Papa ist so -streng; der hat darauf bestanden, weil er sagt, ich hätte zu -wenig Respekt vor meinen Lehrern zu Hause. Und so sehr ich -mich anfangs sträubte, ich mußte dennoch gehorchen.«</p> - -<p>»Wenn du nicht in der Schule wärst, hätte ich dich nicht -kennen gelernt,« sagte Aennchen, »also bin ich doch froh, daß -dein Papa darauf bestanden hat.«</p> - -<p>Die beiden Freundinnen umarmten sich, dann führte Alma -ihren Gast in einen kleinen Eßsalon und ließ dort Schokolade -und Kuchen und süßes köstliches Obst für sie auftragen. Wie -herrlich Aennchen das alles mundete! sie glaubte noch nie so -gut gespeist zu haben.</p> - -<p>Dann aber zog die unruhige Alma sie wieder fort in den -Garten und von da nach den Stallräumen. Hier schien der -kleinen Schloßherrin liebstes Revier zu sein, denn sie kannte alle -Pferde und alle streckten ihr grüßend die Köpfe entgegen. Sie -kletterte vom Rücken des einen zum andern und forderte Aennchen -auf, es nachzumachen, diese aber wich ängstlich zurück. Mit dem -Stallburschen, welcher helles Riemenzeug glänzend putzte, schien -sie auf dem besten Fuß zu stehen; sie zupfte ihn an seinen -struppigen strohgelben Haaren, nahm ihm die kurze Stummelpfeife -aus dem Mund und versteckte sie, ehe er es sich versah, -in dem Heukasten.</p> - -<p>»Nun mag der Michel schauen, wo er sie wiederfindet,« -flüsterte sie hinter seinem Rücken Aennchen zu, welche ganz stumm -vor Erstaunen über das seltsame Betragen dabeistand.</p> - -<p>»Nun aber zum Ziegenbock! Ich habe den Wagen schon -herüberschaffen lassen,« rief Alma. Sie rannte Aennchen voran -nach dem kleinen Stall und zerrte einen großen weißen langhaarigen -Ziegenbock hervor. Ein kleiner Bursche, welcher in -blaue Livree gekleidet war und gelbe Stulpstiefeln trug, war -beim Anschirren des Bocks an den Wagen behilflich; dann stiegen<span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span> -die beiden Mädchen auf; Alma riß dem Burschen, welcher zum -Kutschieren aufspringen wollte, die Peitsche aus der Hand und -fuhr blitzschnell mit dem kleinen Gefährt davon. Der Ziegenbock -sprang und Alma jauchzte; Aennchen aber wurde es beinahe -ängstlich zu Mut und schüchtern bat sie: »Alma, sei doch nicht -so stürmisch, wir könnten herausfallen.«</p> - -<p>»Du wirst dich doch nicht fürchten, kleiner Hasenfuß,« lachte -Alma übermütig und hieb immer stärker auf den Ziegenbock ein. -Das mochte diesem aber doch nicht gefallen und er begann störrig -zu werden, zerrte den Wagen nach rechts und nach links und -blieb dann bockbeinig stehen. So sehr Alma zerren und reißen -mochte, er rührte sich nicht, da hob sie die Peitsche zu einem so -heftigen Schlag aus, daß der Bock einen Sprung machte; die -beiden Mädchen wurden aus dem Wagen geschleudert, fielen aber -zum Glück so weich auf einen Heuhaufen, daß sie keinen Schaden -erlitten; der Bock aber rannte mit dem reizenden kleinen Wagen -über Stock und Stein davon, daß alles in Stücke sprang und -nach allen Seiten hin die Räder und Kissen auseinander flogen.</p> - -<p>Als sich die Kinder betäubt emporrichteten, waren von dem -ganzen neuen Wagen nichts mehr als Trümmer zu sehen; den -Bock hat ein Gärtnerbursche eingefangen und führte den Widerstrebenden -soeben nach seinem Stall.</p> - -<p>Aennchen war vor Schreck ganz blaß und zitterte an allen -Gliedern.</p> - -<p>»O weh, was werden deine Eltern sagen, wenn sie es erfahren?« -jammerte sie.</p> - -<p>Alma sah auch ziemlich verdrossen aus. »Papa wird freilich -etwas zanken,« meinte sie, »aber wenn ich Mama vorklage, wie -sehr ich selbst erschrocken bin, dann nimmt sie mich schon in -Schutz. Diesem abscheulichen Bock aber will ich es noch vergelten; -er soll drei Tage nicht genug zu fressen kriegen. Für -uns ist jetzt Tischzeit, es hat schon geläutet und wir müssen uns -erst noch die Hände und Gesicht waschen, bevor wir ins Speisezimmer -dürfen.«</p> - -<p>Damit führte sie Aennchen wieder nach dem Schlosse zurück<span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span> -und als sich die beiden Mädchen gesäubert und geordnet hatten, -traten sie in einen wundervollen Speisesaal ein, in welchem Almas -Mutter bereits mit einem großen stattlichen Herrn zu Tische saß -und voll Ungeduld die beiden erwartete. Es waren vier Gedecke -auf die große lange Tafel gelegt, welche mit einem großen -silbernen Tafelaufsatz und einer Menge Weinflaschen und Kristallschalen -bedeckt war. Hinter jedem Stuhl stand ein Diener in -blauer silbergestickter Livree; sie standen alle so steif wie von -Holz und Aennchen war vor Schüchternheit und Staunen über -all die Pracht die kleine Kehle beinahe zugeschnürt. Sie konnte -gar keinen Genuß an all den köstlichen Speisen haben, welche -in langer Reihenfolge angeboten wurden und von denen sie sich -selbst nach Belieben auf den Teller füllen mußte. Wie schwer -vermochten ihre kleinen ungeschickten Hände damit umzugehen und -wie bewunderte sie im stillen Alma, welche mit solcher Leichtigkeit -die schweren silbernen Bestecke handhabte. Die herrlichen -Braten und Puddings hätten ihr zu Hause an der gemütlichen -Familientafel gewiß das höchste Entzücken bereitet – hier konnte -sie vor lauter Angst keinen Genuß daran finden und wünschte -nur immer, die Tafel möchte bald zu Ende sein. Denn es ging -so still und förmlich zu, daß kaum ein Wort von den Anwesenden -gewechselt wurde, selbst Alma wagte unter den strengen Blicken -des Vaters kaum laut zu sprechen. Zuletzt füllte er allen die -Gläser mit roten funkelnden Wein und sprach:</p> - -<p>»Wir wollen jetzt auf die Gesundheit unserer Tochter trinken.« -Darauf stießen sie alle zusammen an, aber es geschah ganz ernst -und steif.</p> - -<p>»Ach,« dachte Aennchen für sich, »wie gemütlich ist es doch -bei uns zu Hause im Gegensatz zu hier, wenn wir es auch nicht -so schön haben.«</p> - -<p>Gegen das Ende der Tafel richtete Herr von Stolzau das -Wort an Alma und fragte:</p> - -<p>»Hast du schon dein neues Gefährt probiert und ist es -gut gegangen?«</p> - -<p>»Ganz gut,« log Alma und stieß Aennchen unter dem Tisch<span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span> -mit dem Fuße an, sie solle nichts verraten. Aennchen saß da -wie mit Blut übergossen und das Herz schlug ihr zum Zerspringen; -sie atmete hoch auf, als nun die Hausfrau das Zeichen zum -Aufbruch gab und den Kindern die feine Hand zum Kuß reichte.</p> - -<p>»Unterhaltet euch gut diesen Nachmittag,« sagte sie freundlich –</p> - -<p>»Und macht keine dummen Streiche,« setzte der Vater hinzu; -dann durften die Mädchen das Zimmer verlassen.</p> - -<p>Kaum waren sie draußen, begann Aennchen verstört Alma -zu fragen:</p> - -<p>»Aber Alma, wie konntest du eine solche Unwahrheit sagen -und den Unfall verschweigen, der uns mit dem neuen Wagen -passierte?«</p> - -<p>»Sprich nicht so laut, Närrchen,« erwiderte Alma rasch und -legte der Freundin den Finger auf den Mund. »Ich werde doch -nicht die Thorheit begehen und mich selbst bei Papa anklagen, -was er ohnedies noch früh genug erfahren wird. Du hast keine -Ahnung, wie furchtbar böse er sein kann, und ich darf ihn schon -Mamas wegen nicht reizen, welche immer gleich angegriffen wird. -Sie muß ihre Kräfte für die Gesellschaften aufsparen und ich -darf immer nur kurze Zeit um sie sein. Dann ist sie freilich -lieb und gütig gegen mich, aber ich werde ihr bald zur Last.«</p> - -<p>»Wie merkwürdig!« staunte Aennchen sinnend. »Meine Eltern -haben vier Kinder und doch dürfen wir immer bei ihnen sein -und werden ihnen nie zuviel. Arme Alma, du thust mir leid; -es ist so schön, von Papa und Mama geliebt zu werden. Glaubst -du nicht, etwas mehr Vertrauen deinem Vater gegenüber würde -diesen mehr erfreuen und milder stimmen?«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht und scheue den Versuch,« antwortete -Alma kurz; dann brach sie das Gespräch ab und forderte Aennchen -auf, zum Spielen mit in den Park zu kommen. Und gar -bald hatten die leichtherzigen Kinder alles Ernste vergessen und -gaben sich mit voller Lust dem Vergnügen hin. Von einem -Spielplatz eilten sie zum andern; von der Schaukel zum Krocketspiel -und als sie an den großen klaren Fluß kamen, an welchen<span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span> -der Park grenzte und an dessen Landungsplatz ein reizender, -weiß und grün gestreifter Kahn in den Wellen schaukelte, da rief -Alma fröhlich:</p> - -<p>»Wir wollen eine Kahnpartie machen und ich rudere dich -bis zum andern Ufer auf die kleine Insel hinüber.« Dabei -stieg sie in den Kahn und winkte mit ihrem Taschentuch einem -vorüberfahrenden Schiffe zu.</p> - -<p>»Aber darfst du denn allein rudern?« frug Aennchen zweifelnd.</p> - -<p>»Nun, es ist mir zwar nicht gerade erlaubt, aber da Mademoiselle -nicht da ist, so kann es uns niemand verbieten.«</p> - -<p>»Aber ich wage es doch nicht, mit dir zu fahren, wenn es -verboten ist.«</p> - -<p>»Schäme dich, du Hasenfuß!« rief Alma zornig und -stampfte mit dem Fuße, »du willst mir wirklich nicht das Geringste -zulieb thun; das nenne ich eine schöne Freundschaft.« Sie -wandte sich schmollend ab. Das konnte aber Aennchen nicht ertragen; -freundlich schlang sie den Arm um ihren Hals und versicherte, -ihr alles zu liebe thun zu wollen; dann stieg sie versöhnt -zu der Freundin in den Kahn. Alma ergriff ein Ruder -und gab Aennchen das zweite in die Hand, indem sie ihre Freundin -lehrte, es zu gebrauchen. Das war keine leichte Arbeit und -es gab viel Scherz und Lachen, wenn Aennchen so ungeschickte -Bewegungen machte. Alma wurde immer übermütiger; zuletzt -erhob sie sich im Kahn und begann, ihn heftig zu schwanken. -Das aber beängstigte Aennchen, der es vom Schaukeln übel -wurde, und halb weinend rief sie:</p> - -<p>»O Alma, halt ein, es dreht sich alles mit mir herum.« -Dies schien aber gerade dem übermütigen Mädchen rechten Spaß -zu machen und noch heftiger schaukelte sie den Kahn hin und her. -Da – ein lauter Schreckensschrei aus Aennchens Brust – dieses -hatte den Halt verloren und stürzte kopfüber mitten ins Wasser. -Mit großen entsetzten Augen starrte Alma schreckensbleich auf -die leere Stelle im Kahn und in das unruhig wogende Wasser, -dann schrie sie laut um Hilfe.</p> - -<p>Da teilte sich plötzlich das Gebüsch und ein etwa vierzehnjähriger<span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span> -Gärtnerbursche sprang daraus hervor und in den Fluß -hinein. Mit kräftigen Armen durchteilte er die Flut, bis er die -Stelle erreichte, an welcher das verschwundene Kind soeben wieder -sichtbar wurde, dann ergriff er es mit sicherer Hand und hob es -in den schwankenden Kahn, bevor er sich selbst hinein schwang.</p> - -<figure class="figcenter illowp80" id="illu-045"> - <img class="w100" src="images/illu-045.jpg" alt=""> -</figure> - -<p>»Das hätte schlimm ausfallen können, kleines Fräulein,«<span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span> -sagte er aufatmend zu der noch immer zitternden Alma, indem -er die Ruder ergriff und den Kahn zurücklenkte. Alma kniete -neben der wie leblos daliegenden Freundin am Boden.</p> - -<p>»Ist sie tot, Jakob?« flüsterte sie entsetzt, das totenbleiche -Gesichtchen betrachtend.</p> - -<p>»So schlimm ist’s wohl nicht,« meinte jener beruhigend, -»aber sie muß so rasch wie möglich aus den nassen Kleidern, daß -keine Erkältung nachfolgt.«</p> - -<p>»Ich wage mich aber nicht mit ihr ins Schloß, da es sonst -Papa erfährt,« flüsterte Alma, »o was sollen wir thun?«</p> - -<p>»Wenn es Ihnen recht ist, Fräulein Alma, bringen wir das -Fräulein zu meiner Mutter, die weiß sicher Rat,« sprach Jakob -nachdenklich.</p> - -<p>»O Jakob, das ist das beste, du bist wirklich Goldes wert,« -rief Alma befreit aufatmend dem Gärtnerburschen zu, der es -eigentlich nicht um sie verdient hatte, da sie ihn oft mit schlimmem -Hochmut behandelte und ihm kaum einen Gruß schenkte. Er -war aber ein guter Bursche und hatte das alles im Augenblick -vergessen.</p> - -<p>Sorgsam half er seiner kleinen Herrin, das fremde Mädchen -in das alte Gärtnerhäuschen zu bringen, wo seine Mutter, welche -früher Almas Amme gewesen war, die kleinen Gäste bereitwillig -aufnahm und sich sogleich damit beschäftigte, Aennchen aus den -nassen Kleidern und ins Bett zu bringen, wo diese in der -Wärme bald die Augen wieder aufschlug und behauptete, sich -ganz wohl zu fühlen.</p> - -<p>Wer war glücklicher als Alma! Sie saß an dem großen -Bett in der Gärtnerstube und plauderte der Freundin vor, welche -mit bleichen Wänglein dalag und sich die seltsame Veränderung -kaum erklären konnte. Währenddem kochte die Frau Gärtnerin -den beiden Mädchen einen prächtigen Kaffee, zu dem sie kräftiges -Schwarzbrot und Honig auftrug, und so fanden sie das Abenteuer -erst recht lustig und unterhaltend. Als Aennchens Kleider am -Herde getrocknet waren, wurde sie wieder in dieselben gehüllt; -schon war der Nachmittag darüber zu Ende gegangen und Aennchen<span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span> -erinnerte sich daran, daß ihr die Mama befohlen habe, bis um -sieben Uhr zu Hause zu sein. Sie fühlte sich auch recht müde -und schwer in den Gliedern, und so vermochte sie Alma nicht -zu halten. Sie geleitete den Gast zum Schlosse zurück, wo sie -den Wagen anzuspannen befahl, dann wollte sie Aennchen zu -ihren Eltern führen, damit sie sich bei diesen verabschieden -konnte. Aber beide hatten keine Zeit für die Kinder und es -war Alma willkommen; so wurde auch nichts von der verunglückten -Kahnpartie verraten.</p> - -<p>»Und zu deinen Eltern sprich auch nicht davon, nicht wahr, -Aennchen?« bat sie dieselbe dringend beim Einsteigen noch. Diese -gab widerwillig nach; sie hatte noch nie ein Geheimnis vor den -Eltern gehabt und wußte nicht wie sie es zu stande bringen sollte. -Aber endlich versprach sie es doch.</p> - -<p>Mit bedeutend anderen Gedanken, als diesen Morgen, trat -Aennchen ihre Heimfahrt an; sie war müde und schläfrig, und -als sie so in den weichen Kissen zurückgelehnt saß, dachte sie voll -Sehnsucht an ihr liebes Daheim und sprach leise vor sich hin:</p> - -<p>»Arme Alma, ich möchte doch trotz deines Reichtums nicht -mit dir tauschen und fühle mich viel glücklicher als du.«</p> - -<p>Aennchen hielt wirklich ihr Versprechen und verriet den -Eltern nichts von der Wasserpartie, trotzdem ihre Mutter sehr -verwundert war über den zerstörten Zustand der Kleidung, in -welcher ihr Töchterlein nach Hause zurückkehrte. Aber es war -wenig Zeit, darüber zu sprechen, denn Aennchen hatte einen so -tüchtigen Katarrh von ihrem Besuch mit gebracht, daß sie gleich -auf ein paar Tage ins Bett gesteckt wurde, bis sie wieder wohl -genug war, die Schule zu besuchen.</p> - -<figure class="figcenter illowp20" id="illu-047"> - <img class="w100" src="images/illu-047.jpg" alt=""> -</figure> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[42]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="chap_07"><span class="smaller">Siebentes Kapitel.</span><br> -Ein Schulspaziergang und seine Abenteuer.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.jpg" alt=""></div> -<p class="drop">Die Zeit ging dahin so rasch, wie im Fluge. Der Frühling -wich dem Sommer, aus dem Sommer wurde Herbst und -dann folgte der Winter mit seinen Weihnachtsfreuden. -Aennchen war nun schon lange Zeit in der Schule; sie hatte die -erste Klasse verlassen und war mit allen Mitschülerinnen zugleich -in die zweite Klasse vorgerückt, nachdem sie in der großen Prüfung -gut bestanden hatte.</p> - -<p>Das war ein wichtiger Tag für all die kleinen Schulmädchen -gewesen, als die Prüfung abgehalten wurde. Sie -waren alle in ihren Sonntagskleidern im großen Prüfungssaale -erschienen, die Hefte und Bücher hatten auch ein schönes neues -Gewand erhalten und es war ein feierlicher Anblick, als nun in -den großen weiten Saal all die Herrn Lehrer und Prüfungskommissare -eintraten und sich gegenüber der Klasse aufstellten. -An den Wänden herum saßen die Eltern der kleinen gelehrigen -Mädchen und lauschten ängstlich, ob ihre Lieblinge auch ordentlich -bestehen würden. Aber gottlob, es ging! sie hatten alle brav -gelernt und sich gut vorbereitet, und nur selten mußte eine -Schülerin auf eine Frage des Herrn Milde das Köpfchen senken: -der Herr Prüfungskommissar war sehr zufrieden und als das -Examen zu Ende war, da trat er in seinem ordengeschmückten -Frack vor und hielt eine lange Anrede an die Kinder, in der er -sie wegen ihres Fleißes und ihrer Aufmerksamkeit belobte.</p> - -<p>»Ich darf mit frohem Herzen versichern, daß ihr eure -Aufgabe glücklich gelöst habt,« schloß er zuletzt, »darum entlasse<span class="pagenum" id="Seite_43">[43]</span> -ich euch jetzt mit Zufriedenheit. Geht nun nach Hause zu euren -Eltern und erzählt ihnen, wie brav ihr die Prüfung bestanden -habt.«</p> - -<p>Tiefe Stille herrschte im Saal, niemand wagte einen Laut, -da tönte plötzlich Aennchens helle Kinderstimme klar und vernehmlich -als Antwort auf des Herrn Kommissars Rede:</p> - -<p>»Meine Mama und mein Papa sind schon selbst da und -haben alles gehört.«</p> - -<p>Sie verstummte erschrocken, als die Anwesenden in lautes -Lachen über ihre Keckheit ausbrachen, denn sie war so ganz -bei der Sache gewesen, daß sie vergessen, wo sie sich befand, und -nur immer mit Stolz daran gedacht hatte, daß die Eltern Zeugen -ihres Sieges seien. Aber der Herr Kommissar war nicht böse, -er klopfte sie freundlich auf die Schulter und führte sie den -Eltern zu. Mittags gab es zu Hause bei Aennchen dann einen -großen Festschmaus, bei dem auf die Gesundheit der kleinen -Gelehrten getrunken wurde.</p> - -<p>Der Abschied von dem guten Herrn Milde wurde der ganzen -Klasse sehr schwer und alle weinten heiße Thränen, selbst Alma, -welche dies Jahr mit vorrücken durfte.</p> - -<p>Aber auch der Lehrer der nächsten Klasse war sehr gütig -und freundlich; er hieß Haase und von dessen Klasse rückten alle -in diejenige des Herrn Müller vor, welcher es nicht weniger als -seine Vorgänger verstand, den Kindern den Lehrunterricht angenehm -und anregend zu machen.</p> - -<p>Zur Sommerszeit hatte der Herr Lehrer eine neue Sitte -eingeführt: nämlich allwöchentlich, wenn das Wetter es nur -irgendwie erlaubte, mit seinen Schülerinnen einen Spaziergang -hinaus aufs Land zu machen. Er verband mit diesen Spaziergängen -zugleich den Unterricht in der Botanik, führte die Kinder -auf blumige Wiesen und in schöne Wälder, ließ sie dort Blumen -und Kräuter pflücken und lehrte sie dann deren Namen und -Arten erkennen und von einander unterscheiden, nannte ihnen die -lateinischen Namen und belehrte sie über den Nutzen und die -Schädlichkeit jeder einzelnen Pflanze.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span></p> - -<p>Daß natürlich jeder derartige Ausflug für die Schülerinnen -eine Quelle des reinsten Vergnügens wurde, daß sie von einem -Spaziergang zum andern sich immer wieder freuten und denselben -kaum erwarten konnten, ist leicht begreiflich – am höchsten -aber steigerte sich ihr Jubel, als eines Tages der Lehrer verkündete, -den nächsten Tag sollte ein ganzer Tagesausflug veranstaltet -werden.</p> - -<p>Als Stunde des Aufbruchs war 8 Uhr morgens festgesetzt -und jede der Schülerinnen hatte sich mit etwas Lebensmitteln -und Geld zu versehen; als Ausflugsort war ein höchst romantisch -gelegenes Thal bestimmt.</p> - -<p>Das war nun eine Freude unter den Kindern; besonders -Aennchen konnte den andern Morgen kaum erwarten. Am Abend -schon legte sie sich alles Nötige für den nächsten Tag bereit und -bat und bestürmte ihre Mama so lange, bis diese die Erlaubnis -gab, das neue rotgedruckte Kleidchen anziehen zu dürfen, obgleich -eigentlich Mama meinte, ein derartiges Gewand sei viel zu schön -und zu empfindlich zu einer Partie, denn für solche Spaziergänge -sei oft gerade das Schlechteste gut genug. Aber klein -Aennchen war ein eitles Ding, sie wollte nun einmal ihren Kopf -durchsetzen und sich den Mitschülerinnen in dem schönen neuen -Kleide zeigen – dafür versprach sie, auch recht acht darauf zu -geben, damit es gut geschont bleibe. In ihre große grüne -Botanisierbüchse packte sie alle möglichen Vorräte, welche ihr die -gute Mama aus der Speisekammer zu nehmen erlaubte – Butterbrot -mit Wurst und kaltem Braten belegt, Aepfel und Birnen -und Zwieback und Schokolade. Die alte Hanne schnallte ihr das -Regenmäntelchen sorgsam in einen Riemen, damit sie es bequem -tragen könne; Aennchen aber rümpfte das Näschen und meinte, -jetzt bei dem herrlichen Wetter sei ein Mantel doch gänzlich -überflüssig und sie habe keine Lust, sich damit zu belasten.</p> - -<p>Und richtig, den andern Morgen ließ sie wirklich wie aus -Versehen die Rolle zu Hause liegen, und als die Kinderfrau sie -dann bemerkte und ganz aufgeregt damit zu ihrer Herrschaft -kam, da war es lang zu spät, den kleinen Flüchtling noch einzuholen.<span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span> -Denn Aennchen marschierte längst mit ihrer ganzen Klasse, -von dem Herrn Lehrer angeführt, über Stock und Stein davon.</p> - -<p>Die Mädchen hatten sich alle zur richtigen Stunde auf dem -großen Platz vor der Schule eingefunden; nur einige wenige, -welche durch Unwohlsein abgehalten waren, fehlten; darunter -Martha Traugott, deren schwächlicher Körper eine so weite Tour -nicht zu machen erlaubte. Aennchen aber flog vor allen anderen -auf ihre Freundin Alma von Stolzau zu, welche auch vollständig -wie zu einer Reise gerüstet, im weißen Wollkleidchen und großen -Strohhut erschienen war und voll Stolz sogleich Aennchen ihr -wohlgefülltes Portemonnaie zeigte, welches sie in einem zierlichen -Täschchen bei sich trug.</p> - -<p>»Sieh’ her!« flüsterte sie »zwei Thaler hat mir Mama für -den heutigen Tag gegeben und ich habe aus meiner Sparbüchse -auch noch einen dazu genommen – da werden wir wohl reichen!«</p> - -<p>Aennchen blickte ganz beschämt auf ihr eigenes Beutelchen -nieder; sie war sich so unendlich reich vorgekommen, als sie die -Mark von den Eltern erhalten hatte; nun aber hatte Alma so -sehr viel mehr. Diese aber tröstete sie:</p> - -<p>»Wir teilen alles mit einander und wollen es uns recht -wohl sein lassen. Weißt du, was mir das liebste ist: wenn -ich heute einmal recht nach Herzenslust Käse essen kann in einem -Wirtshaus.«</p> - -<p>»Aennchen und Alma, was habt ihr wieder für Heimlichkeiten -miteinander?« rief von der Spitze des Zuges Herr Müller -zurück. »Schließt euch ordentlich in die Reihen des Zuges ein -und nun frisch in einem Trab marschiert: Rechts, links, rechts, -links, – dann wollen wir ein Liedchen singen, da geht das -Marschieren noch einmal so gut!«</p> - -<p>Und mit hellem Klange begann der ganze Mädchenchor aus -frohen Kehlen das schöne Wanderlied zu singen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus –</div> - <div class="verse indent0">Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus –</div> - <div class="verse indent0">Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt,</div> - <div class="verse indent0">So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.</div><span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">– Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott Euch behüt’!</div> - <div class="verse indent0">Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht –</div> - <div class="verse indent0">Es giebt so manche Straße, die nimmer ich passiert,</div> - <div class="verse indent0">Es giebt so manchen Wein, den nimmer ich probiert!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Das war ein gar köstlicher Marsch in der hellen Morgenluft -über die herrlichen grünen Wiesen, auf welchen so unzählige -Blümlein, weiße und rote, blaue und gelbe, blühten und von -denen die Mädchen schon am liebsten recht viel gesammelt und -in ihre Botanisierbüchse gesteckt hätten, wenn der Herr Lehrer -nicht gemahnt hätte: »Es kommt alles noch besser und schöner. -Wir haben einen großen Wald zum Ziel und kommen an einem -See vorüber, da werdet ihr jubeln vor Freude, denn so etwas -Schönes habt ihr schwerlich je gesehen.«</p> - -<p>Der Herr Müller war heute selbst so glücklich und vergnügt -wie seine kleinen Schülerinnen alle, er scherzte mit ihnen, -die sich zu ihm heran drängten, führte bald die eine, bald die -andere bei der Hand und gab ihnen gern auf alle Fragen, die -sie an ihn richteten, bereitwillig Auskunft und Antwort. Da -vergingen die Stunden, ehe man es sich versah, und die kleinen -Reisenden kamen gar nicht dazu, eine Ermüdung zu spüren. Sie -passierten mehrere Dörfer und wo sie vorüber kamen, da liefen -die Leute und Kinder zusammen und hatten ihre Freude an den -vielen kleinen fröhlichen Mädchen, welche so lustig singend vorüberzogen. -Die Sonne fing freilich mit jeder Stunde mehr an -zu glühen, die Bäckchen wurden heiß und die Schritte der Wandernden -träger; gar manches der Mädchen hatte schon heimlich ins -Körbchen gegriffen und von dem mitgenommenen Imbiß genascht, -besonders Aennchen und Alma hatten sich ihre Vorräte schon -tüchtig schmecken lassen, aber nun meldete sich der Durst und -noch war weit und breit das Wirtshaus nicht zu sehen, in -welchem der Herr Lehrer mittags zu rasten gedachte.</p> - -<p>Die Kinder seufzten: »Der Durst! o, der böse Durst!« Herr -Müller aber tröstete: »Um so köstlicher wird euch dann die Erquickung -munden, ihr durstigen Schelme. Gewöhnt Euch nur -ein wenig an Strapazen, das kann euch später einmal gut thun.«<span class="pagenum" id="Seite_47">[47]</span> -Und nun begann er, ihnen die Geschichte von einem Handwerksburschen -zu erzählen, was dieser alles auf seiner Wanderschaft -durch die weite Welt zu erdulden gehabt hatte, wie er mit bloßen -blutenden Füßen und leerem hungrigen Magen oft tagelang -herumirren mußte, und das Herz der kleinen Hörerinnen war so -voll von Aufmerksamkeit und Mitleid, daß sie ihre eigene Erschöpfung -ganz vergaßen und ehe sie es sich versahen, vor einem -großen ländlichen Wirtshaus standen, das, von einem grünen -schattigen Garten umgeben, in friedlicher Ruhe dalag. In dem -Garten, welcher freilich mehr ein Grasplatz zu nennen war, -standen eine Menge hölzerner Tische und Bänke in langen -Reihen unter großen weitästigen Lindenbäumen – soeben trat -die Frau Wirtin aus dem Haus und mit vergnügten Knixen -dem Herrn Lehrer entgegen.</p> - -<p>»Nun, Frau Wirtin, haben Sie für einen guten Imbiß -gesorgt, wie ich Ihnen geschrieben habe?« rief Herr Müller. -»Ich bringe Ihnen dreißig hungrige Mäulchen, welche alle gesättigt -sein wollen.«</p> - -<p>»Ei freilich, Herr Lehrer, habe ich dafür gesorgt,« rief -eifrig die Wirtin, welche sich höchst geschmeichelt fühlte. »Die -jungen Fräuleins dürfen nur bestellen, was sie am liebsten -wünschen – ich habe Suppe und Fleisch und Schinken mit -Kraut und Butter und Käse, Milch und Kaffee. So brauchen -sie sich nur zu wählen.«</p> - -<p>»Also Kinder, bestelle sich jedes nach Belieben,« ordnete Herr -Müller an – »ich rate aber jeder vor allem zu einem Teller -warmer Suppe, das ist jedenfalls das Gesündeste vorderhand.«</p> - -<p>Die meisten Mädchen folgten des Lehrers Rat und wünschten -sich, während sie auf den Bänken nach Belieben Platz nahmen -von der umhergehenden Wirtin einen Teller warmer Suppe; -als die Wirtin aber zu Alma und Aennchen kam und frug:</p> - -<p>»Hier darf ich wohl auch Suppe bringen?« da rief Alma, -sich schüttelnd:</p> - -<p>»Brrr, das wäre schön, wenn wir heute uns auch mit so -abscheulicher Suppe plagen sollten, wo wir doch endlich einmal<span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span> -thun und lassen können, was wir wollen. Nein, Frau Wirtin, -meine Freundin und ich wünschen uns nur Käse und Bauernbrot -mit Butter; bringen Sie uns für einen Thaler Käse und -für einen Thaler Bauernbrot.«</p> - -<p>Die Wirtin sperrte vor Erstaunen die Augen weit auf.</p> - -<p>»Für einen Thaler Käse und einen Thaler Schwarzbrot?« -rief sie verwundert, »das kann dem Jungferchen doch unmöglich -Ernst sein, denn das wäre ja so viel, daß ein halbes Hundert -Kinder satt davon werden können. Ihr habt wohl nur einen -Scherz mit mir machen wollen?«</p> - -<p>Alma hatte freilich nicht vorgehabt, einen Scherz zu machen; -sie sah nun aber doch ein, daß sie etwas recht Ungeschicktes vorgebracht -hatte in ihrer Unkenntnis mit Geldangelegenheiten; jetzt -suchte sie ihre Verlegenheit so gut als möglich zu verbergen, -indem sie mit vornehmer Miene befahl:</p> - -<p>»Bringen Sie uns eben recht tüchtige Portionen Käse und -Butterbrot – ich werde sie dann bezahlen – auch saure Milch -wünschen wir dazu.«</p> - -<p>Und während dann die Schulmädchen alle sich die kräftige -Brotsuppe und danach eine Portion Fleisch und Gemüse trefflich -schmecken ließen, saßen Alma und Aennchen bei ihren ersehnten -Genüssen, denen sie nicht gerade in mäßiger Weise zusprachen. -Sie hatten sich ein möglichst verborgenes Eckchen ausgesucht, -damit man sie nicht beobachten konnte, und fühlten sich so glücklich -und vergnügt wie die Könige bei ihrem Mahle.</p> - -<p>Aber der Schaden blieb nicht aus und ihre Unmäßigkeit -rächte sich bald, zumal sie zwischen den Käse und das Schwarzbrot -hinein saure Milch und Schokolade und Früchte naschten; -denn noch hatten sie den letzten Bissen nicht verzehrt, da wurde -es den beiden mit einemmale furchtbar übel und sie fingen vor -Magenschmerzen laut zu stöhnen an. Mit totenbleichen Gesichtern -und großen verglasten Augen saßen die zwei Freundinnen -auf der Bank, während sich die anderen Mädchen neugierig um -sie scharten und der Herr Lehrer sich von der Wirtin über das -Mahl, welches die beiden eingenommen hatten, berichten ließ.<span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span> -Da konnte er freilich leicht begreifen, daß sie sich den Magen -verdorben hatten, und er ordnete an, daß sie in das Schlafzimmer -der Frau Wirtin gebracht wurden, um sich dort von -ihrem Unwohlsein zu erholen, während er mit den andern Mädchen -den Spaziergang weiter fortsetzen wollte.</p> - -<figure class="figcenter illowp60" id="illu-055"> - <img class="w100" src="images/illu-055.jpg" alt=""> -</figure> - -<p>»Es thut mir leid, daß die beiden sich durch ihre Unmäßigkeit -um das schönste Vergnügen gebracht haben,« sagte er kopfschüttelnd, -»aber ich kann ihretwegen den Spaziergang der andern -nicht aufschieben.«</p> - -<p>Alma und Aennchen brachen in Thränen aus und beteuerten, -sich wohl genug zu fühlen, um auch weiter wandern zu können, -aber ihre bleichen Wangen straften sie Lügen und Herr Müller -erklärte, dies nicht zu erlauben; er befahl ihnen im Gegenteil, -sich den ganzen Nachmittag vollständig ruhig zu verhalten und -nicht vom Hause zu entfernen; gegen Abend würde er dann -wieder mit den andern Schülerinnen kommen, sie abzuholen; -zum Heimweg sollte dann die Bahn benutzt werden, damit jede -weitere Ermüdung vermieden werden könnte. Und nachdem der -Lehrer die beiden Patientinnen nochmals der Frau Wirtin -empfohlen hatte, entfernte er sich mit den andern Schülerinnen, -welche durch die Rast und das Mahl neu gestärkt mit frischen -Kräften und fröhlichem Sinn den Weg nach dem Walde antraten.</p> - -<p>Alma und Aennchen saßen mit hängenden Köpfchen und -trübseligen Mienen währenddem drin in der dumpfen Kammer -der Wirtin und jammerten über ihr Schicksal. Die gute Frau -ging ab und zu und kochte ihren jungen Gästen einen kräftigen -Thee, welchen diese wohl mit sehr sauren Mienen verschluckten, -der ihnen aber so ausnehmend wohl für den Magen that, daß -sie sich bald völlig frei von Unwohlsein fühlten und den Wunsch -aussprachen, sich nun auch auf den Weg zu machen, welchen die -andern gegangen waren.</p> - -<p>»Aber der Herr Lehrer hat doch befohlen, daß die beiden -Jungferchen ihn hier erwarten sollen?« meinte die Wirtin ängstlich, -als sie die Absicht der beiden wahrnahm. »Ich kann’s -wirklich nicht erlauben, daß Sie fortgehen. Bei mir ist’s ja<span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span> -auch recht schön draußen im Garten, wir haben Hühner und -Geisen und Bienenstöcke, da giebt’s genug zu sehen für so junge -Fräuleins.«</p> - -<p>»Gut, so sehen wir uns diese an,« gab Alma zu und folgte -der Wirtin aus der Stube; kaum aber hatte die gute Frau den -Rücken gewandt, flüsterte sie Aennchen ins Ohr: »Wir thun eben -doch, was wir wollen und folgen der Wirtin nicht. Ich hole -nur rasch mein Körbchen und die Hüte noch herbei, dann machen -wir uns heimlich auf den Weg. Es wird uns schon glücken, -die andern einzuholen, und wenn Herr Müller dann sieht, wie -gut es uns geht, wird er sicher nicht schelten, daß wir nachgekommen -sind.«</p> - -<p>Aennchen horchte nur zu gern auf den Rat der Freundin, -rasch suchte sie ihre sieben Sachen zusammen, wie Alma es geboten, -dann verließen die zwei Mädchen durch ein Hinterthürchen -gleich Dieben das Haus der freundlichen Wirtin und eilten mit -raschen Schritten die Landstraße entlang. Es war ihnen ein -Leichtes, die Spuren ihrer Mitschülerinnen aufzufinden, welche -sich in unzähligen kleinen Abdrücken in dem weichen Sand zu -erkennen gaben; der Weg leitete nach einem schönen großen -Wald hin und in übermütiger Eile schritten die beiden Ausreißer -demselben entgegen. Schon nahm ein hohes grünes -Waldesdach die Mädchen freundlich auf und wie herrlich, wie -köstlich war es hier!</p> - -<p>Die Sonne, welche da draußen in beinahe sengenden Strahlen -unbarmherzig herniedergebrannt hatte, vermochte hier kaum die -dichten grünen Zweige zu durchdringen und nur zuweilen brach -ein glänzender Schein hindurch und zitterte auf dem weichen -Moos, welches sich wie ein dichter Teppich zu Füßen der hohen -Bäume ausbreitete. Ein kräftiger Duft von Waldkräutern und -Blumen drang von der Erde empor, kleine Quellchen rieselten -mit vertraulichem Plätschern den Boden entlang und blaue Vergißmeinnichtchen -neigten sich darüber hin – es war ein köstliches -Bild und den beiden jugendlichen Wanderern ging das Herz auf -vor Entzücken.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span></p> - -<p>Sie warfen sich bei einem Quellchen ins Moos und tranken -von dem erquickenden Naß, badeten ihre erhitzten Wangen und -Hände darin, ja zuletzt lösten sie sogar Schuhe und Strümpfe -von den Füßen und kühlten dieselben in der Flut. Dann pflückten -sie von den umher blühenden Vergißmeinnicht einen großen Strauß -und als sie dabei auch noch sogar reife Erdbeeren entdeckten, da -kannte ihre Freude keine Grenzen. Wohl eine ganze Stunde -brachten sie damit zu, sich recht viele der köstlichen Beeren zu -pflücken und den größten Teil derselben gleich zum Munde zu -führen, endlich aber fiel es Aennchen wieder ein, daß sie ja ganz -darauf vergessen hatten, ihren Mitschülerinnen auf den Weg -nachzufolgen, und sie erinnerte Alma daran, daß es höchste Zeit -sei, aufzubrechen. Rasch wurden die Hüte wieder aufgesetzt und -nach den Sträußchen gegriffen und nun ging’s wieder vorwärts – -aber welche Richtung sollte man einschlagen? Sie waren ja -während des Pflückens so tief in den Wald geraten, daß sie gar -nicht mehr wußten, von welcher Seite sie hergekommen waren. -Nirgends zeigte ein betretener Pfad den Weg ins Freie, denn -überall standen Bäume, dichte Büsche und wucherndes Farnkraut -eng aneinander gedrängt, so daß die Mädchen sich oft kaum -hindurchzuwinden vermochten.</p> - -<p>Aber es war ihnen nicht bange; sie hatten beide eine gute -Portion Leichtsinn von der Natur geerbt und so hatte dieses -Wandern in der Irre nur einen neuen Reiz für sie. Immer -größer wurden die Sträuße, welche die beiden pflückten und -kaum mehr in den Händen zu halten vermochten, die Botanisierbüchsen -wurden mit Käfern und Eidechsen gefüllt und so beladen -suchten sie dazwischen wieder nach dem Ausgang. Ja, du lieber -Gott, der zeigte sich noch immer nicht, obgleich der Weg jetzt -beinahe steil bergan zu führen begann, so daß deutlich zu erkennen -war, daß man sich auf einer Anhöhe befand.</p> - -<p>»Wie spät es wohl sein mag?« bemerkte Aennchen, jetzt doch -ängstlich werdend. »Es kommt mir vor, als wäre es schon etwas -dunkler geworden und ich bin trotz der vielen Beeren, welche ich -gegessen habe, schon wieder hungrig, aber meine Vorräte sind aus.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_52">[52]</span></p> - -<p>»Ich habe noch Schokolade im Körbchen, aber beim Himmel, -wo habe ich dieses? Hast du es nicht gesehen, Aennchen? Bei -der Quelle habe ich es ganz sicher noch gehabt und auch das -Geldtäschchen.«</p> - -<p>»Dann hast du es unterwegs verloren beim Beerensuchen,« -versetzte Aennchen erschrocken, »wir wollen doch rasch umkehren -und nachsehen.«</p> - -<p>»Aber wir wissen ja den Weg nicht mehr, den wir gekommen -sind,« meinte Alma kläglich, »laß uns lieber wenigstens -vorwärts eilen, daß wir doch aus dem Walde kommen. Es -scheint mir, als ob es endlich doch lichter um uns würde.«</p> - -<p>Wirklich hatte Alma recht, die Bäume standen weniger dicht -zusammen und dazwischen brachen Lichtstrahlen freundlich herein. -Die beiden Mädchen atmeten wie befreit auf; es wurde ihnen -eigentlich jetzt erst klar, daß sie sich zuletzt doch recht ängstlich -gefühlt hatten, und sie glaubten, es sei nun alles gewonnen, -als sie das helle Licht des Tages wieder erblickten und aus dem -Waldesbereiche hervortraten.</p> - -<p>Aber wo waren sie? An einem vollständig unbekannten -Orte! Ohne daß sie es bemerkt hatten, mußten sie eine hohe -Anhöhe erstiegen haben und vor ihnen, auf dem Gipfel derselben, -lag die Ruine eines alten Klosters. Kein lebendes Wesen zeigte -sich ringsum, die Mädchen aber strebten dennoch, die verlassenen -Hallen zu erreichen in der Hoffnung, noch jemanden zu entdecken. -Es ging freilich jetzt nur noch mit mäßiger Eile vorwärts, -Aennchen hatte sich an einer starken Baumwurzel, die über den -Weg lag, den Fuß übertreten und hinkte mühsam vorwärts und -Alma fühlte sich auch recht matt und zerschlagen. Denn es -mußten doch schon viele Stunden vergangen sein, welche sie -umhergewandert waren; zwar stand die Sonne noch am Himmel -und eine große Hitze herrschte noch in der ganzen Natur; aber -es war die drückende Schwüle, welche einem Gewitter voranzugehen -pflegt, und auch die Vöglein ringsum schienen dies zu -ahnen, denn sie schwirrten unruhig hin und her und die Schwalben -schossen tief am Boden hin.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span></p> - -<p>Die Mädchen hatten die Anhöhe erreicht und betraten eine -weite Halle, durch deren geborstenes Dach der Himmel hereinblickte. -Hohe Bogengänge, aus mächtigen Säulen gebildet, standen -in langen Reihen die Halle entlang; viele der Säulen waren -geborsten oder lagen gestürzt am Boden, wuchernder Epheu und -anderes Gerank war dazwischen emporgewachsen, selbst junge -Bäume hatten sich den Weg zwischen dem Gestein gebahnt und -trieben nun mit frischem Grün daraus empor – es war wie -ein Kampf zwischen Werden und Vergehen, zwischen Leben und -Tod; doch das Leben und Werden hatte den Sieg behalten über -Tod und Vergehen.</p> - -<p>Die beiden jungen Menschenkinder ergriff beinahe ein heimlicher -Schauer in dieser großartigen menschenverlassenen Einsamkeit, -und mit ängstlich klopfenden Herzen betraten sie die weiten -Räume. Aennchen ließ sich erschöpft auf einer geborstenen Säule -nieder, während die keckere Alma darüber hinauskletterte, um -Umschau zu halten, wo sie sich eigentlich befanden. Ein Ausruf -des Entzückens drängte sich von ihren Lippen, als sie auf der -Höhe stand und die Blicke hinabgleiten ließ, denn welche wundervolle -Aussicht bot sich ihren Blicken!</p> - -<p>Weit, weit hinein ins Land konnte sie sehen bis zu den -Spitzen der fernsten Berge; zu ihren Füßen dehnte sich ein tiefblauer -köstlicher See aus, darüber erhob sich ein grüner Berg, -welcher mit einem stolzen Schloß gekrönt war, die Wolken zogen -in fliegender Eile den blauen Horizont entlang – es war ein -geradezu wunderbares Bild, und Alma war so ergriffen von dem -Anblick, daß sie mit jauchzender Stimme zu singen begann:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Auf die Höhen möcht ich steigen</div> - <div class="verse indent0">In die freie Bergesluft</div> - <div class="verse indent0">Und den Blick herniederneigen</div> - <div class="verse indent0">In das Thal, erfüllt von Duft,</div> - <div class="verse indent0">Auf die friedlich stillen Hütten,</div> - <div class="verse indent0">Auf des Stromes Silberband,</div> - <div class="verse indent0">Und dann rufen laut inmitten:</div> - <div class="verse indent0">Schön bist du, mein Vaterland!«</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span></p> -<p>»Ist es wirklich so schön?« frug Aennchen neugierig, welche -ängstlich dahergehinkt kam; dann deutete sie auf eine schwarze -Wolke, welche pfeilschnell auf die Sonne zugeflogen kam: »Sieh -doch Alma, wie unheimlich das aussieht.«</p> - -<p>»Es wird doch kein Gewitter geben?« frug Alma nun auch -rasch erschrocken, und ängstlich blickte sie dem Spiel der Wolken -zu, welche sich nun innerhalb weniger Minuten immer drohender -gestalteten. In kurzer Zeit war der ganze Horizont mit dichten -schwarzen Wolkenmassen überzogen und ein heftiger Sturmwind -begann laut heulend über die Erde hinzufegen.</p> - -<p>Entsetzt flüchteten die erschreckten Kinder in die Ruine zurück -und schrieen laut um Hilfe, aber natürlich verhallte ihr Ruf -ungehört und sie kauerten zuletzt, ängstlich aneinandergeschmiegt, -in einer Ecke zusammen, während sie mit entsetzten Augen die -Vorgänge um sich her beobachteten. Und auch andere als junge -Kinderherzen hätten wohl geschaudert beim Anblick eines so furchtbaren -Orkans, wie er sich hier in rasender Schnelligkeit entfesselte. -Der Himmel hatte sich so dicht verfinstert, daß man kaum mehr -die Hand vor den Augen sah, und nur wenn die breiten, zuckenden -Blitze am Himmel aufflackerten, beleuchteten sie mit greller -Tageshelle die entfesselte Natur. Mit unheimlich dumpfem -Dröhnen folgte der Donner jedem aufzuckenden Blitz und das -Echo der Berge gab den schauerlichen Klang verzehnfacht zurück. -Und nun begann plötzlich ein solch heftiger Regen niederzuprasseln, -als ob alle Schleusen des Himmels sich mit einem Schlage geöffnet -hätten; es waren keine Bäche, sondern wahre Regenflüsse, -welche sich, mit Hagelschauern vermischt, mit unbarmherzigem -Grimm herniedergossen, und den beiden verlassenen Kindern, welche -gleich zwei todesbangen Vögelchen in ihrem Zufluchtsort kauerten, -schien das Ende der Welt gekommen. Keines wagte laut zu -atmen oder sich zu regen; die Furcht schnürte ihnen die kleinen -Kehlen zu; entsetzt horchten sie auf das Rollen des Donners, das -Rauschen der Regenfluten, und als sie beim Aufzucken eines langen -blendenden Blitzes ganz nahe ihrem Zufluchtsort die großen runden -Augen eines Käuzchens erblickten, welches sich wohl höchst erstaunt<span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span> -die fremden menschlichen Gäste zu betrachten schien, da schrieen sie -vor Entsetzen laut auf und klammerten sich noch fester aneinander.</p> - -<p>Aber das Gewitter verschwand so rasch, als es gekommen -war; selbst der Regen hielt nicht lange mehr an und bald war -es in der Natur wieder so ruhig und friedlich, als ob das Ganze -nur ein böser Traum gewesen wäre. Nur die Zerstörungen -ringsum zeigten an, daß der grausame Sturm wirklich hier gehaust -hatte; ein junger Eichbaum war von oben bis unten vom Blitz -zerspalten und seine verkohlten Aeste hingen abgestorben zu Boden -– mehrere Säulen lagen in Trümmern geborsten und die abgerissenen -Epheuranken flogen weit umher und in den Ritzen -des alten Gemäuers hatten sich überall kleine Seen von Regenwasser -gebildet, welche nun langsam rieselnd zu Boden sickerten.</p> - -<p>Alma und Aennchen krochen wie zwei gebadete zitternde -Mäuschen aus ihrem Versteck, welches ihnen wohl Schutz vor -den ärgsten Unbilden des Sturmes, aber nicht vollständig vor -den Regenfluten geboten hatte, und nun waren die beiden stark -durchnäßt und von Aennchens neuem rotem Kleidchen floß eine -rote Brühe zu Boden nieder. Die Hüte hatten alle beide verloren, -sie dachten auch nicht daran, ihnen nachzusuchen; ihr -ganzes Streben war nun darauf gerichtet, in dieser Einsamkeit -eine lebende Menschenseele zu finden. Ach, sie konnten es sich -nicht länger verhehlen, der Abend war wirklich hereingebrochen, -denn die Sonne hatte sich nach einigen letzten Strahlen nun -ganz in ihrem Wolkenbette schlafen gelegt und eine graubleierne -Dämmerung begann sich über die Erde auszubreiten.</p> - -<p>Mit zitternden Knieen und erblaßten Wangen begannen -Aennchen und Alma Hand in Hand die weiten Hallen zu durchwandern, -immer in der Hoffnung, auf eine menschliche Spur zu -stoßen. Ganz am Ende der großen Ruine blieben sie plötzlich -erstaunt stehen, eine kleine, alte halbverfallene Kapelle lag mit -weitgeöffneter Pforte vor ihren Blicken. Vor dem Altarbild -drinnen brannte eine kleine Lampe mit friedlichem Schein, droben -am geborstenen Turme hing ein Glöcklein, dessen Strang bis tief -zur Erde reichte. Von der Kapelle aus führte eine niedere Thüre<span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span> -in einen kleinen niedern Raum, welcher auf menschliche Bewohner -schließen ließ, wenn er auch höchst unvollkommen und notdürftig -mit den allernotwendigsten Gegenständen ausgestattet war.</p> - -<p>An der niedern Steinbank zog sich eine schmale grobgehauene -Holzbank hin, vor welcher ein ebensolcher Tisch angebracht -war. Auf dem Tisch lag ein Stück grobes schwarzes -Brot und ein halbzerbrochener Krug stand daneben; in der Ecke -war von duftendem Heu ein Lager aufgeschichtet, eine graue -Wolldecke lag daneben und oben von der Wand blickte als seltsamer -Schmuck und doppelt überraschend in dieser Einsamkeit -ein kunstvolles silbernes Kruzifix herab.</p> - -<p>Die verirrten Kinder betraten voll Angst und Zagen den -kleinen Raum und wähnten sich wie verzaubert. »In wessen -Hütte mögen wir geraten sein?« frugen sie leise und ängstlich -und sie betasteten vorsichtig Tische und Bänke, um sich zu überzeugen, -ob es kein Traum sei, was sie vor sich sahen. Aber -als das grobe Stück Brot in ihre Hände geriet, da konnten -sie dem Verlangen nicht widerstehen, ihren nagenden Hunger -damit zu stillen, und zagend brachen sie ein Stückchen ums andere -davon ab, sich damit zu laben. Dann wankten sie todmüde auf -das Heulager in der Ecke und legten sich nieder – sie waren -zu erschöpft, um sich noch Gedanken darüber zu machen, ob sie -sich in fremdem Eigentum befanden, die Natur behauptete ihr -Recht, denn sobald sie nur das weiche Lager erreicht hatten, -fielen ihnen auch schon die müden Augen zu und sie entschlummerten -eng und warm aneinandergedrückt in das Traumland -hinüber. – –</p> - -<p>Sie mußten wohl ohne Unterbrechung die ganze Nacht -durchgeschlafen haben, denn als sie am andern Morgen erwachten, -schien die Sonne mit goldnem Schein hell durch das kleine -scheibenlose Fensterchen in das Gemach hinein. In stummer Verwunderung -blickten die verschlafenen Mädchen ihre fremdartige -Umgebung an, in welcher sie sich erst gar nicht zurechtzufinden -vermochten; ein Schrei des Erstaunens aber rang sich von beider -Lippen, als sie plötzlich einen hohen uralten Greis vor sich stehen<span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span> -sahen, der sie mit sinnenden Augen betrachtete. Silberweißes -glänzendes Haar floß in langen Locken ihm von den Schultern -herab und ein ebensolcher Bart lag in dichten Wellen auf der -braunen Kutte weit bis über den Gürtel, welchen ein einfacher -Strick bildete, herunter. Ein sanftes schönes Greisenantlitz und -gütig-milde Augen blickten die kleinen erstaunten Mädchen an, -während die sanfte Stimme des fremden Mannes frug:</p> - -<p>»Was für fremde Vögelchen haben denn heute nacht Schutz -in meinem Nest gesucht und es sich auf meinem Lager bequem -gemacht, während ich nicht zu Hause war? Sagt Kinder, wie -kommt ihr hierher in diese Einsamkeit?«</p> - -<p>Nun fiel den beiden verwirrten Kindern erst wieder der -ganze Zusammenhang ihres Schicksals ein und die Schrecken des -gestrigen Tages stellten sich wieder vor ihre Seele. Ach! und -sie hatten sich alles selbst zuzuschreiben durch ihren Leichtsinn und -ihren Ungehorsam; aber wie schlimm waren sie bestraft worden! -Mit stockender Stimme, oft durch Thränen unterbrochen, klagten -sie dem fremden Greise ihr Schicksal, sie verschwiegen nicht, wie -sie selbst Schuld daran trugen, und der gütige Mann hörte sie -ohne Unterbrechung an – nur zuweilen schüttelte er den Kopf.</p> - -<p>»Da seid ihr ja recht unartig gewesen – ei – ei,« sagte -er zuletzt und strich sich langsam den glänzenden wolligen Bart, -»und all den Schrecken, welchen ihr dafür ausgestanden habt, -den hat euch der liebe Gott zur Strafe geschickt. Und da ihr -nun genug durch ihn selbst bestraft seid, wollen wir nichts mehr -hinzufügen, sondern wollen nur dem lieben Gott danken, daß -er euch wenigstens gesund erhalten hat und nicht hat krank -werden lassen in all den Gefahren, welchen ihr ausgesetzt gewesen. -Nun wollen wir gute Freunde sein, da wir doch einmal -auf so seltsame Weise zusammengekommen sind und ich so überraschende -kleine Gäste erhalten habe. Steht nur auf und macht -etwas Toilette, dann nehmen wir alle zusammen unser einfaches -Frühstück ein; meine kleine Aufwärterin wird gleich erscheinen.«</p> - -<p>Rasch erhoben sich die beiden Mädchen vollends von ihrem -Lager und zupften die Heuhalme von ihren Kleidern. Dann<span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span> -zeigte der alte Mann ihnen, wo sie sich durch Waschen erfrischen -konnten, und als sie dann frisch gereinigt, mit glattgestrichenen -Haaren wieder erschienen, da hatte der alte Mann inzwischen -drei Schüsselchen auf den Tisch gestellt und drei Schnitten Brot -dazu gelegt und sprach nun zu seinen Gästen:</p> - -<p>»Kommt jetzt, wir wollen sehen, wo meine kleine Hofköchin -heute bleibt, die uns das Frühstück besorgen soll.«</p> - -<p>Höchst neugierig folgten die Mädchen dem alten Mann aus -der Hütte durch die kleine Kapelle hinaus ins Freie. Erst jetzt -waren sie imstande, wahrzunehmen, wie wundervoll es doch hier -oben war. Die ganze kleine Kapelle lag wie in einem Bett -von wilden Rosen, welche ihre Ranken bis hoch zu dem alten -Türmchen erstreckten. Noch zitterten die Regentropfen wie Tau -in all den blühenden, duftenden Kelchen und eine Schar von -kleinen muntern Vögelchen hüpfte auf dem Gezweig hin und her.</p> - -<p>»Nicht wahr, bei mir oben kann’s euch gefallen?« fragte -der freundliche Greis die staunenden Mädchen, dann setzte er die -Finger an den Mund und rief durch die hohle Hand: »Resi, -Resi, wo bleibst du?«</p> - -<p>Da kam etwas den Berg heraufgehüpft und zwischen den -Steinen hervorgeschossen – ein kleines krausgelocktes, dunkelgebräuntes -Mädchen in rotem Röckchen und weißem Hemde mit -bloßen Armen und Schultern; sie führte eine meckernde Ziege -nach sich; als sie aber die fremden Gäste erblickte, stand sie -plötzlich still und steckte den Finger in den Mund.</p> - -<p>»Komm näher, Resi; wirst dich doch nicht schämen vor -meinen kleinen Gästen?« ermunterte der alte Mann, »wir sind -ja schon lange hungrig und warten auf das Frühstück, das du -uns bringen sollst; nun zeige auch, was du kannst.«</p> - -<p>Er holte den alten Krug, welchen er mit klarem Quellwasser -ausgespült hatte, herbei und reichte ihn dem Kinde; im Nu -kniete dieses bei der Ziege nieder und begann, diese zu melken, -bis der Krug ganz bis zum Rande mit köstlich schäumender Milch -gefüllt war; nun bot ihn die Kleine, dunkelrot vor Verlegenheit, dem -alten Mann dar und wandte sich in einem Husch zum Davonlaufen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span></p> - -<p>»Halt, halt, du kleine Hexe!« rief der alte Mann und -hielt das Kind scherzend bei den Stirnlocken fest. »So schnell -entkommst du uns heute nicht! Du mußt erst an unserm Frühstück -teilnehmen und die Hausfrau bei meinen kleinen Gästen -spielen, denen du dann später den Weg zum Dorf hinunter -zeigen kannst.«</p> - -<p>Und er zog die kleine Resi mit hinein in das Gemach, wo -er die aufgestellten Schalen mit der frischen Ziegenmilch füllte -und seinen Gästen darbot. So herrlich wie diese Milch hatte -ihnen noch selten etwas gemundet und mit einem wahren Hochgenuß -schlürften sie den köstlichen Trank. Die braune Resi lachte -vor Freude, daß alle ihre weißen Zähnchen durch die roten -Lippen blitzten, als sie sah, welche Ehre ihrer Ziege angethan -wurde, und sie vergaß alle Schüchternheit darüber, so daß sie -zuletzt sogar von selbst zu sprechen und zu erzählen anfing.</p> - -<p>»Gestern hab’ ich aber ’was geseh’n, Vater Einsiedel, das -hätt’ ich mir in meinem ganzen Leben nit träumen lassen,« -berichtete sie mit höchst wichtiger Miene. »Lauter so feine -Fräuleins, wie diese zwei da, wohl an dreißig Stück, in lauter -wunderschönen Kleidchen, in grünen und roten und blauen, mit -gerad so feinen weißen Gesichtern und weißen Händchen, die sind -im Wald mit einem Mann dahergekommen und haben so schön -und hell gesungen wie die Engelein. Ich bin hinter einem -Baum gestanden und hab’ sie vorüberziehen sehen und hab’ -Augen und Ohren aufgesperrt vor lauter Freud’ über all’ die -vielen schönen Fräuleins.«</p> - -<p>»Das war unsre Klasse mit dem Herrn Lehrer,« riefen -Alma und Aennchen in einem Ton, und wie aus einem Mund -setzten sie langsam hinzu: »ach, was wird Herr Müller gesagt -haben, als er uns nicht mehr im Wirtshaus vorfand!«</p> - -<p>»Ja, euer armer Lehrer thut mir wirklich leid,« sprach -der Einsiedelmann ernst. »Jedenfalls muß er nun so rasch als -möglich benachrichtigt werden, daß ihr nicht verloren gegangen -seid; darum ist es wohl das beste, wenn ihr euch sogleich auf<span class="pagenum" id="Seite_60">[60]</span> -den Weg nach dem Dorfe macht. Resi kann euch die beste -Führerin sein und ich werde euch ein Stückchen begleiten!«</p> - -<p>So machten sich denn alle auf den Weg. Resi hüpfte mit -ihrer Ziege voran und dann folgten die beiden Freundinnen, -von dem Einsiedelmann zu beiden Seiten geführt. Sie waren -längst ganz zutraulich gegen den gütigen alten Mann, welcher -ihr ganzes Herz gewonnen hatte und ihnen von seinem Leben -in der Einsamkeit erzählte. Er berichtete ihnen, daß er nun -schon seit zwanzig Jahren hier oben in der Einsamkeit hause -und sein ganzes Leben dem Dienst des lieben Gottes gewidmet -habe. Nur selten komme er den Hütten der Menschen nahe -und das sei stets dann, wenn er zu Kranken und Sterbenden -gerufen werde, welche seines Rates bedürfen; aber wer zu ihm -komme und seine Hilfe begehre oder nach seinen Kräutersäften -verlange, dem stehe er immer gern mit allen Kräften bei.</p> - -<p>»Der Einsiedel ist ein heiliger Mann, sagt die Großmutter; -er ist so gut wie der liebe Gott,« sprach die kleine Resi, indem -sie ihr braungelocktes Köpfchen rückwärts wandte und andächtig -zu dem alten Manne aufsah; dieser wehrte scherzend mit der -Hand, dann zog ein wehmütiges Lächeln um seine Lippen und -er sprach gedämpft:</p> - -<p>»Ein heiliger Mann bin ich nicht, sondern nur ein armer -sündiger Mensch, welcher Gott zu dienen strebt mit seinen -schwachen Kräften!«</p> - -<p>Sie waren nun an dem Weg angelangt, welcher auf eine -betretene Straße führte, und hier schied der Einsiedelmann von -seinen Gästen, indem er ihnen freundlich die Hand reichte und -sie ermahnte, nicht mehr so leichtsinnig und unfolgsam zu sein. -Die Mädchen dankten dem gütigen Greis aus vollem Herzen und -Aennchen neigte sich über seine Hand, dieselbe zu küssen; das aber -wehrte er freundlich lächelnd ab und drückte ihr einen leisen Kuß -auf die Stirn; darauf verschwand er so rasch, daß die beiden sich -ganz verdutzt anblickten, bis Resi ihnen zurief:</p> - -<p>»Nun müßt ihr euch aber sputen, denn ich habe mich schon<span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span> -tüchtig versäumt und Großmutter wird schelten, wenn ich nicht -bald nach Hause komme.«</p> - -<p>Und bergabwärts flogen nun die drei im raschen Lauf, -bis sie ein freundliches Dörfchen vor sich liegen sahen und Resi -stolz mit dem Finger darauf hinwies:</p> - -<p>»Seht, da bin ich zu Hause!«</p> - -<p>Etwas abseits vom Dorf stand ein winzig kleines weißes -Häuschen mit gelbem Strohdach. Aus dem niedern Schornstein -stieg eine leichte Rauchsäule in die blaue Luft und Resi rief -erschrocken:</p> - -<p>»Herrje! jetzt hat die Großmutter sich rein das Feuer selbst -angezündet zur Suppe kochen, weil es ihr mit mir zu lang gedauert -hat. Nun muß ich aber laufen, soviel ich kann.«</p> - -<p>Und sie ließ ihre Geis mit dem Stricke fahren, welche selbst -recht vergnügt meckernd ihren Weg zu finden schien, denn sie -sprang mit dem Kind um die Wette zum Häuschen hinauf. -Alma und Aennchen blieben, als sie dasselbe erreicht hatten, -höchst erstaunt stehen, denn etwas so Winziges hatten sie noch -nie erblickt, als das kleine Haus, welches mehr einer Puppenwohnung -als einer menschlichen Wohnung glich. Die niedere -Hausthür schien gerade nur für ihre eigene Größe passend zu -sein und als sie durch dieselbe zögernd eingetreten waren, da -mußten sie unwillkürlich an das Märchen von Hänsel und Gretel -denken und es begann ihnen etwas zu grauen. Denn über den -niedern rauchenden Herd gebückt, stand ein kleines steinaltes Mütterlein -auf seine Krücke gelehnt und rührte mit einem Stecken in -einem dampfenden Topf; die braune Resi aber stand mit Reisern -beladen daneben und warf eines um das andere in das lodernde -Feuer. Sie begann herzhaft zu lachen, als sie die verdutzten -Gesichter der ängstlich dastehenden Kinder sah, und rief munter:</p> - -<p>»Kommt nur ohne Scheu näher! Ihr werdet euch doch -nicht vor der Großmutter fürchten, weil sie so klein und alt ist. -Wartet nur, sie wird euch sicher willkommen heißen.«</p> - -<p>Dann preßte sie ihren roten Mund an das rechte Ohr der -Großmutter und rief ihr ins Ohr:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span></p> - -<p>»Großmütterlein, wir haben Gäst’ bekommen, feine Gäst’! -Dort an der Thür stehen sie und trauen sich nicht heran, obgleich -der Einsiedel sie mit mir geschickt hat!«</p> - -<p>»Ei, ei, ist das wirklich wahr?« murmelte die Alte und -wackelte mit dem Kopf, während sie die Kinder mit ihren kleinen -klugen Augen wohlgefällig betrachtete; »sind wirklich feine Kinder -und wenn sie der Einsiedel uns geschickt hat, dann sollen sie auch -willkommen sein.«</p> - -<p>Und sie streckte die runzliche Hand den Kindern entgegen, -welche etwas zögernd einschlugen; dann fuhr sie weiter fort: -»Wollt ihr eine Suppe mit uns essen? Wenn sie nicht zu gering -für euch ist, dann sollt ihr gerne geladen sein.«</p> - -<p>Damit öffnete sie die Thür in ein niedriges Stübchen, dessen -Hauptraum von einem breiten hochgetürmten Bett mit grünen -Vorhängen und einem Kachelofen eingenommen war. Weiter -stand noch eine Bank und ein Lehnstuhl vor einem alten Tisch, -daneben ein Spinnrad, und zwei große alte Katzen mit fünf -niedlichen Jungen kugelten übermütig auf den Dielen herum. -Kaum hatte Resi die dampfende Suppe auf den Tisch gestellt, -kamen sie alle heran und die Kleinen steckten neugierig ihr Näschen -an die Schüssel – die Alte aber wehrte mit dem Kochlöffel -und rief:</p> - -<p>»Wartet nur, ihr kleines Gesindel! heut seid ihr nicht die -Hauptpersonen, denn wir haben vornehme Gäste bekommen und -erst, wenn diese satt sind, kommt an euch die Reihe.«</p> - -<p>Sie reichte Alma und Aennchen zwei Holzlöffel und forderte -sie auf, zuzugreifen, was diese sich auch nicht zweimal sagen -ließen, denn sie fühlten heute erst so recht, daß sie gestern keine -wirkliche Mahlzeit genossen hatten, und so schmeckte ihnen die -derbe Suppe, welche nur aus gebranntem Mehl und Wasser -bestand, wirklich ganz gut. Während des Essens scherzten sie -mit den kleinen Kätzchen, welche sich wirklich hier für die Hauptpersonen -halten mochten, denn sie wagten sich an alles heran, -sprangen der Alten und den Kindern auf die Schultern und -Köpfe, und als sie dann endlich die halbgeleerte Schüssel zu ihrer<span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span> -freien Verfügung bekamen, da begann eine Balgerei und ein Gekugel -um die ersehnte Speise, daß den Mädchen vor Lachen die -Thränen in die Augen traten, während die Alte mit höchst drolligem -Ernste immer mit ihrem Löffel Frieden zu schließen versuchte. -Resi aber stand jetzt vom Tisch auf und rief:</p> - -<p>»Nun darf ich aber nicht mehr länger zögern, euch zu unserem -Schulmeister zu bringen, wie mir der Einsiedel befohlen -hat, der wird dann schon weiter für euch sorgen.«</p> - -<p>Und so verabschiedeten sich dann die Mädchen von der freundlichen -Alten, welche ihnen mit ihren Katzen noch bis vor die -Thür das Geleit gab und so lange mit dem Kopfe wackelte, bis -die Kinder ihren Augen entschwunden waren. Die Mädchen aber -schritten mit Resi auf der Dorfstraße weiter bis zu dem Schulhaus, -welches freilich ganz anders aussah als das ihrige in der -Stadt. Denn dieses hier war ein niederes einstöckiges Haus, -in einem kleinen Vorgarten gelegen und von unten bis oben mit -grünen Reben bewachsen, so daß selbst die Fenster teilweise überwuchert -waren. Was man aber aus diesen Fenstern vernahm, -das ließ doch recht deutlich auf eine Schulstube schließen, denn -ein lauter Chor gemischter Buben- und Mädchenstimmen schien -im gleichen Takt das ABC aufzusagen – <em class="gesperrt">abcdefghiklmnop</em>, -und die Stimme des Lehrers schallte oft verweisend laut dazwischen.</p> - -<p>Resi führte die Mädchen bis an die Thür und klopfte ein -paarmal an. Man schien sie nicht zu hören, endlich riefen -mehrere Stimmen:</p> - -<p>»Herr Lehrer, es klopft!«</p> - -<p>»Wartet, ich will euch klopfen, ihr Schelme!« rief der -Lehrer. »Ihr habt nur wieder Dummheiten im Kopf.«</p> - -<p>»Aber es klopft ganz gewiß, Herr Lehrer – hören Sie -nur selbst,« gaben mehrere Kinder zurück – da spitzte auch der -Lehrer das Ohr und öffnete rasch die Thür. Es war ein alter -Mann mit einer langen spitzen Nase, auf welcher eine große -blaue Brille ganz bis zur Spitze vorgerückt war, doch wurde sie -zur Strafe für ihren Vorwitz dafür dann zuweilen rasch bis über<span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span> -die Stirne hinaufgeschoben. Dünne graue Haarsträhne flatterten -nach allen Seiten um das schmale Gesicht und die gebeugte -Gestalt steckte in einem langen hellen Kittel, was den Stadtkindern -äußerst seltsam vorkam. In der Hand trug der Schulmeister -eine lange Rute, welche nur zu deutliche Spuren der -Benützung zeigte und selbst in friedlichem Zustand von des Herrn -Lehrers Faust immer unruhig hin- und hergeschwenkt wurde. -Ziemlich barsch ließ sich der Schulmeister von Resi berichten, was -der Einsiedel ihr aufgetragen hatte – daß die zwei Mädchen aus -der Stadt hier sich gestern auf die Ruine verirrt hätten und daß -der Herr Lehrer so freundlich sein und für ihr weiteres Fortkommen -sorgen möge.</p> - -<p>»Also ihr seid die Flüchtlinge, welche meinen werten Herrn -Kollegen gestern so in Sorge versetzt haben?« begann der Schulmeister -mit näselnder Stimme und blickte die beiden Mädchen -durch seine große Brille so forschend an, daß sie dunkelrot wurden.</p> - -<p>»Ei, ei, gibt’s also auch in der Stadt so wilde Rangen -von der Spezies wie der Michel da?« Damit deutete er auf -einen heulenden, gegen die Wand gekehrten Buben, dessen dunkelrote -geschwollene Backe leider nur zu leicht erraten ließ, daß sie -vor nicht langer Zeit Bekanntschaft mit der gefürchteten Rute -gemacht haben mußte. Den Mädchen wurde angst und bang -und sie blickten scheu nach dem unheimlichen Instrument, doch -der Herr Lehrer sagte nur:</p> - -<p>»Wollet euch jetzt noch einige Zeit gedulden, bis ich die -Stunde zu Ende gebracht habe, dann werde ich weiter für euch -sorgen. Nehmet dahinten auf der Bank Platz, wo noch leere -Plätze sind, und spitzet wohl eure Oehrlein, was ihr von dem -Unterricht vernehmet, denn der Mensch soll keine Gelegenheit -vorübergehen lassen, sich zu belehren.«</p> - -<p>So setzten sich Alma und Aennchen denn still auf die letzte -Bank, während Resi durch die Thür verschwunden war. Voll -lebhafter Neugier ruhten die Augen all’ der Dorfkinder auf den -seltenen Gästen, sie verdrehten sich fast die Köpfe nach ihnen, bis -der Herr Lehrer mit einem Stock auf den Tisch schlug und rief:<span class="pagenum" id="Seite_65">[65]</span> -»Aufgepaßt, ihr neugierigen Rangen. Nun zeigt einmal, was -ihr alles wißt, damit die fremden Mägdlein aus der Stadt -Respekt vor eurer Weisheit bekommen!« Da wagten sie doch -nur zuweilen heimlich nach rückwärts zu schielen und mühten sich -unendlich ab, des Lehrers Fragen zu beantworten. Die eine Seite -der langen Bankreihe hatten die Buben, die andere die Mädchen -inne – die meisten waren barfuß und ärmlich gekleidet, nur ein -paar trugen hübsche ordentliche Jacken oder Mieder, doch der -blonde Michel in der Ecke prangte sogar in einem braunen -Samtwams und trug blanke Silberstücke als Knöpfe daran. -Da der Herr Lehrer offenbar Staat machen wollte vor seinen -fremden Gästen mit dem Wissen seiner Schüler, so sprang er -mit seinen Fragen in allen Gebieten des Unterrichts umher und -die große Rute hatte es gar eilig, den Schulmeister beim Unterricht -zu unterstützen.</p> - -<p>»Hansjörg, wie hieß der erste Mensch?« Ein langer, aufgeschossener -Bauernbub erhob sich mit blöden Augen und starrte -den Lehrer ratlos an, dann puffte er seinen Nachbar in die Seite: -»Sag’ mir doch ein, Christel.« Dieser flüsterte: »Adam – Adam,« -doch da fuhr schon die Rute flink dazwischen und Hansjörg, der -nur die Hälfte verstanden hatte, stotterte unsicher: »A– A– – -A– –«</p> - -<p>»Nein, da hört sich doch alles auf, wenn der Dummkopf -nicht einmal mehr den ersten Menschen weiß!« schrie der Lehrer -im hellen Zorn – »zur Strafe dafür sollst du aber heute deine -zwei Schiefertafeln voll »Adam« schreiben und damit du es nicht -wieder vergißt, will ich dir für alle Fälle noch einen Gedenkzettel -geben.«</p> - -<p>Natürlich bestand der Denkzettel in einem Gruß der Rute -und laut aufheulend setzte sich Hansjörg wieder auf seinen Platz. -Nun wollte der Lehrer es mit Rechnen versuchen, er schrieb große -Zahlen an die Tafel und diese mußten die Kinder zusammenaddieren. -Einige waren darunter, welche ganz flink damit umzugehen -vermochten, aber dann gab es leider auch eine ganze -Anzahl in der Art von Hansjörg, welche dem Schulmeister den<span class="pagenum" id="Seite_66">[66]</span> -hellen Schweiß auf die Stirne trieben, so daß er endlich ganz -erschöpft innehalten mußte.</p> - -<p>»Herr Lehrer, es hat elf Uhr geschlagen draußen!« rief ein -größerer Junge und sprang von seiner Bank auf.</p> - -<p>»Halt, du Naseweis, wirst wohl warten können, bis ich -selbst ein Ende mache,« rief der Herr Lehrer ärgerlich – »jetzt -sollst gerade du heut’ der allerletzte sein, der aus der Schule -hinaus darf. Ihr anderen geht jetzt sachte und ohne Geschrei von -dannen, auf daß kein weiteres Aergernis entstehe.«</p> - -<p>Nun drängten sich die Kinder alle mit Ungestüm durch die -engen Bänke zur Thüre hinaus – die Buben knufften die -Mädchen, wenn sie vor ihnen das Freie zu erreichen strebten, und -der arme geplagte Herr Lehrer kam noch zu keiner Ruhe, denn -kaum waren sie draußen, so guckten die Kecksten wieder durch die -kleinen Fenster herein voll Neugier die fremden Stadtmädchen -anstarrend und ihre Bemerkungen laut austauschend:</p> - -<p>»Hört, die sind aber fein!« »Habt ihr die schönen Schuhe -gesehen, die sie anhaben?« »Die Eine hat gar ein goldenes -Ringerl am Finger.«</p> - -<p>Nun aber stürzte der Schulmeister mit der Rute zur Thüre -hinaus, man hörte noch ein paar Weherufe, dann stob der ganze -Schwarm auseinander und der alte Mann kehrte erschöpft zurück. -Nachdem er sich etwas ausgeschnauft hatte, rief er die harrenden -Mädchen zu sich und sprach:</p> - -<p>»Wollet mir nun folgen, liebe Kinder, daß ich euch zu dem -Herrn Pfarrer bringe, welcher am besten wissen wird, wie ihr -nach Hause kommen sollt.«</p> - -<p>Und so führte er die beiden nach dem Pfarrhaus; da stand -der Herr Pfarrer gerade in seinem Gärtchen und besah sich die -reifen Beeren. Der Lehrer nahm den Pfarrer beiseite und setzte -ihm den Sachverhalt auseinander; da machte sich dieser sogleich -nach dem Telegraphenamt auf, um dort ein Telegramm an Herrn -Müller aufzusetzen, welcher gestern schon, als er seine Schützlinge -vermißte, seine Adresse mit der Bitte zurückgelassen hatte, ihm -doch, sobald dieselben aufgefunden seien, Nachricht zu geben.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[67]</span></p> - -<p>Und nachdem das Telegramm abgegangen war, kam der -Herr Pfarrer ganz atemlos zurückgelaufen:</p> - -<p>»Sputet Euch, liebe Kinder – es geht gerade ein Zug ab -nach der Stadt, den könnt ihr noch erreichen.« So ging es -denn im raschen Lauf der kleinen Bahnstation zu, dort wurden -Alma und Aennchen, ehe sie es sich versahen, in ein Koupé gehoben -und ihnen zwei Billets in die Hand gedrückt.</p> - -<p>»Nun gebt ein andermal besser acht und grüßt mir meinen -werten Kollegen in der Stadt!« rief der Schulmeister noch; seine -grauen Locken flogen im Winde, da setzte sich der Zug auch schon -in Bewegung und entführte die Mädchen im pfeilschnellen Lauf.</p> - -<p>Ganz verdutzt saßen sich Aennchen und Alma auf den -weichen Koupékissen gegenüber; sie hätten geglaubt, geträumt zu -haben, wenn ihre äußere Verfassung ihnen nicht zu deutlich gezeigt -hätte, daß sie alle die Abenteuer wirklich erlebt hatten. -Denn ach, wie sahen sie aus! Beide hatten ihre Hüte verloren, -die Kleider hingen ihnen von dem gestrigen Regen verwaschen -und zerknittert herab, Aennchens neues rotes Kleidchen hatte seine -ganze Farbe eingebüßt und hing ihr in braunroten Streifen -von den Gliedern. Almas Körbchen und Geldtäschchen waren -verschwunden, nur die Botanisierbüchsen hatten beide noch, aber -sie hatten diese längst ihres krabbelnden und zappelnden Inhalts -entleert und so brachten sie nichts weiter nach Hause zurück als -ein recht böses Gewissen.</p> - -<p>»Was wird der Herr Lehrer sagen – und was meine -Eltern?« jammerten sie um die Wette und keine wußte mehr ein -Trostwort vorzubringen – da fuhr auch schon der Zug auf den -wohlbekannten Bahnhof ein und voll Angst gewahrten die beiden -jungen Passagiere auf dem Perron schon die wohlbekannten Gesichter -des Lehrers und der Eltern. In einiger Entfernung stand -auch Almas elegante Equipage, des Zuges harrend, und soeben -stieg ein schlanker Herr aus derselben und näherte sich dem Perron.</p> - -<p>»O Gott, selbst Papa ist gekommen, mich abzuholen – -Herr Müller hat wohl alles benachrichtigt!« stöhnte Alma schreckensbleich -und lehnte sich zurück, aber schon war sie mit ihrer Gefährtin<span class="pagenum" id="Seite_68">[68]</span> -erblickt worden und die beiden Mädchen wurden von ihren -Angehörigen aus dem Wagen gehoben. Aennchens Mutter stürzte -auf dieses zu: »Gott sei Dank, daß du lebst und gesund bist!« -rief sie schluchzend und umarmte stürmisch ihr Kind; sie sah ganz -angegriffen aus, auch Herr Müller hatte bleiche Wangen, denn -er hatte sich die ganze Nacht nicht wenig um das Schicksal seiner -verloren gegangenen Schutzbefohlenen abgehärmt und selbst Herrn -von Stolzau konnte man ansehen, daß ihm ein Stein vom Herzen -gefallen war, als er sein Töchterchen wohlbehalten wieder vor -sich erblickte. So fiel denn der Empfang für die leichtsinnigen -Mädchen weit weniger schlimm aus, als diese gefürchtet und wohl -auch verdient hatten, aber sie waren selbst so sehr vom Gefühl -ihres begangenen Unrechts durchdrungen und baten auch so zerknirscht -um Verzeihung, daß man ihnen eine weitere Strafe erließ, -in der Annahme, daß sie durch die ausgestandene Angst -und Gefahren schon genug gestraft worden seien.</p> - -<p>Zu Hause angelangt, mußte Aennchen den aufhorchenden -Eltern und Geschwistern natürlich alles haarklein berichten, was -sie erlebt hatte, und als sie fertig war, da bat sie mit dringender -Stimme: »Gelt, liebes Mütterlein, du erlaubst es, daß ich -dem guten Einsiedelmann und der kleinen braunen Resi etwas -zum Dank für ihre Hilfe sende? Alma hat auch schon denselben -Gedanken gehabt und wir haben ausgemacht, dem Einsiedel ein -Briefchen zusammen zu schreiben.«</p> - -<p>Aennchens Mutter erlaubte es gern, denn sie war den beiden -Rettern ja selbst sehr dankbar; darum ging nach wenigen Tagen -ein Paket an Resi und den Einsiedel ab, darin war eine Menge -schöner Dinge – für die kleine Resi ein neues rotes Röckchen -und ein Samtmieder und einige nagelneue Hemdchen und -Strümpfe und Schuhe; für die Ziege ein gelbes Glöckchen am -rotseidenen Band und für die alte Großmutter eine Düte Kaffee -und Zichorie und eine Düte Zucker und Butterbrezeln; für die -fünf Katzen aber fünf niedliche kleine Halsbändchen.</p> - -<p>Dem Einsiedelmann hatte Aennchens Mutter ein wunderschönes -Gebetbuch gekauft; sie glaubte, das würde ihm doch die<span class="pagenum" id="Seite_69">[69]</span> -größte Freude sein, und Alma sandte ihm einen schönen neuen -Wasserkrug, weil der seinige ja schon ganz gesprungen gewesen.</p> - -<p>Wer beschreibt nun die Freude der Mädchen, als dafür nach -wenigen Tagen ein Brief an sie beide ankam; er war auf ganz -grobes Papier geschrieben und die langen Buchstaben standen -nach allen Seiten, waren auch mit verschiedenen Klecksen und -Schreibfehlern untermischt, aber er freute doch die Empfängerinnen -nicht minder. Der Brief lautete:</p> - -<div class="letter"> -<p>»Liebe Stadtfräuleins! Der Einsiedel ist so gut und thut -mir bei meinem Schreiben helfen, denn allein könnt’ ich’s nicht, -wenn ich auch schon drei Jahre in die Schul’ geh’ – freilich -immer noch in der unterst’ Klass’ – wir haben eben nur zwei -und in die erste komm’ ich noch lang’ nicht, wenn ich auch gut -aufpassen thu’ und mich besser anstellig zeig’ wie das Katerl, -das neben mir sitzt und gar nix weiß, nicht das Geringste. Der -Herr Lehrer ist auch recht gut gegen mich und sein Rütlein -tanzt nicht so oft auf mir herum wie auf den andern. Aber -was ich sagen wollt’ – ich schreib’ ja lauter falsches Zeug, denn -der Brief ist doch dazu da, daß ich mich bedanken will für die -große Freud’, die mir die Stadtfräuleins gemacht haben. Ich -hab’s kaum glauben wollen, wie mir der Postsepp das große -Paket gebracht hat, der hat aber gesagt: »Schau’, Resi, da -steht ganz wirklich und wahrhaftig dein Nam’ d’rauf und du -darfst’s getrost aufmachen.« Nein, aber die Freud’, wie ich’s -dann wirklich gewagt hab’ und alle die herrlichen Sachen gefunden -hab’! ich bin mir vorgekommen wie die Prinzessin aus dem -Märchen, von dem die Großmutter mir immer so schön erzählt, -und ich bin gleich in das schöne Hemdlein und rote Röckle und -Mieder und die Schuhe und Strümpfe geschlüpft und alles hat -mir ganz herrlich gepaßt und hab’ ausgeschaut wie eine leibhaftige -Fee. So hat die Großmutter selbst gesagt und die weiß -doch alles. Ach, die Großmutter! war das ein Glück und eine -Seligkeit, wie sie den teuren Kaffee und Zucker und Zichorie -gesehen hat; ihre Hände haben ganz gezittert und sie hat gesagt: -»Schau, Resi, seit meiner Hochzeit hab’ ich nicht so viel<span class="pagenum" id="Seite_70">[70]</span> -Kaffee und Brezeln mehr beisammen gesehen, wo dies doch meine -größte Freude ist, und ich hätt nie gedacht, daß mir’s im Leben -noch einmal so gut werden thät. Jetzt schür’ aber gleich ein -großes Feuer, denn ich will einen Kaffee kochen so dick, daß der -Löffel darin stehen bleibt und so gut wie der Kaiser selbst noch -keinen getrunken hat.« Und sie hat auch wirklich so einen gekocht -und dann hab’ ich auch ein Schälchen und eine Brezel bekommen -und unsere Kätzchen mit den schönen Halsbändchen sind um uns -herumgesprungen, auch die Geiß hat mit ihrem neuen Glöckle -zur Thür hereingeguckt und vor eitler Freude gemeckert. Dann -bin ich mit ihr den Berg hinaufgestiegen und hab’ dem Einsiedel -das schöne Gebetbuch und den Krug und Eure Briefe gebracht; -dem sind die hellen Thränen vor Freude herunter gerollt und -er hat gar nicht gewußt, über was er sich am meisten freuen -sollt’. Aus dem schönen Krug haben wir gleich zusammen getrunken, -und da hat’s noch tausendmal besser geschmeckt als aus -dem alten; dann hat der Einsiedel das neue Buch mit dem schönen -Einband genommen und mir Gebete daraus vorgelesen, daß mir’s -ganz andächtig geworden ist, und dann haben wir zusammen -ausgemacht, daß ich euch einen Brief schreiben sollte, und hier -ist er. Nehmt nur die Kleckse nicht übel, daran ist nur die Tinte -schuld, auf die Schiefertafel mach’ ich keine. Also adieu, liebe -Stadtfräuleins, habt nochmals tausend Dank. Der Einsiedel grüßt -und Großmutter grüßt und ich grüße.</p> - -<p class="mright"> -Eure <em class="gesperrt">Resi</em>. -</p> - -<p>Nachschrift. Der Herr Lehrer hat mir auch einen Gruß -aufgetragen und sogar der Herr Pfarrer – das ist eine hohe -Ehr’, die euch widerfährt, und ich wag’s kaum niederzuschreiben.</p> - -<hr class="tb"> - -<p>Einen Strohhut haben wir auch gefunden, aber er ist ganz -zerdrückt, und ich hielt ihn für eine Düte.« – – –</p> -</div> - -<hr class="tb"> - -<p>So lautete der Brief der kleinen Resi, welchen Alma und -Aennchen mit großer Freude immer wieder lasen, und der Schulspaziergang<span class="pagenum" id="Seite_71">[71]</span> -mit all seinen Abenteuern bildete noch lange Zeit -ihr liebstes Gesprächsthema, denn alles, was sie da erlebt hatten, -entschwand ihrem Gedächtnis nicht wieder und noch gar oft -weilten sie im Geiste bei dem lieben alten Einsiedel und der -braunen Resi in der kleinen Hütte.</p> - -<figure class="figcenter illowp20" id="illu-079"> - <img class="w100" src="images/illu-079.jpg" alt=""> -</figure> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[72]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="chap_08"><span class="smaller">Achtes Kapitel.</span><br> -Schlimme Freundschaft.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.jpg" alt=""></div> -<p class="drop">Die Schulstunde war zu Ende und alle Mädchen machten -sich fröhlich daran, nach Hause zu gehen; auch Aennchen -hatte bereits ihren Hut vom Nagel genommen und -nach der Büchertasche gegriffen, da nahm Alma sie beiseite und -flüsterte ihr ins Ohr:</p> - -<p>»Du mußt mir einen Gefallen thun und Sarah Elich noch -einige Augenblicke im Zimmer zurückhalten, ohne daß sie es -merkt.«</p> - -<p>Aennchen sah die Freundin erstaunt an – was mochte diese -mit Sarah Elich vorhaben, mit welcher sie doch seit jener Scene -im Garten in beständiger Feindschaft gelebt hatte? Aber bereitwillig -wie immer, wenn es galt, einen Wunsch Almas zu erfüllen, -ging sie auf Sarah zu, welche sich soeben zum Fortgehen anschickte, -und bat sie um die Gefälligkeit, ihr ein Rechenexempel, -welches der Lehrer heute aufgegeben, noch einmal zu erklären. -Damit war Sarah an ihrer schwachen Seite gepackt, denn nichts -schmeichelte dem ehrgeizigen Mädchen mehr, als wenn sie die -Belehrende in der Klasse spielen durfte. So nahm ihr für gewöhnlich -unfreundliches Gesicht einen milderen Ausdruck an, -während sie Aennchen aufs Umständlichste die Aufgabe begreiflich -zu machen versuchte. Die andern Mädchen verließen unterdessen -alle nach einander die Schule; nur Alma stand, von Sarah unbemerkt, -hinter ihr und machte sich hinter deren Rücken zu schaffen. -Endlich war Sarah mit ihrer Erklärung zu Ende, wandte sich -und ging zur Thüre hinaus. Auch Aennchen war im Begriff,<span class="pagenum" id="Seite_73">[73]</span> -ihr zu folgen, hätte aber beinahe laut aufgeschrieen, als Alma -ihr rasch die Hand auf den Mund legte und Schweigen gebot. -Aennchen aber starrte aufs höchste verblüfft bald die Freundin -an, bald der verschwindenden Sarah nach.</p> - -<p>Wie unendlich komisch, wie furchtbar lächerlich sah die gravitätisch -und ahnungslos dahinschreitende Sarah aus! Alma hatte -ihr verstohlener Weise auf den Hut eine Haube aus rotem Seidenpapier -befestigt, von welcher zwei Bockshörner in die Höhe ragten, -und auf dem Deckel ihres Bücherranzens prangte ein rotes Papier, -welches mit einem großen Eselskopf bemalt war.</p> - -<p>»Aber Alma!« rief Aennchen, als sie wieder Atem bekam. -»Du kannst doch unmöglich wollen, daß Sarah so durch die -Stadt läuft!«</p> - -<p>»Natürlich will ich das,« versetzte Alma ernsthaft, »ich gönne -ihr eine solche Demütigung von Herzen.«</p> - -<p>»Nun, dann will ich wenigstens nichts von deinem Streiche -wissen!« rief Aennchen ernstlich böse, indem sie sich rasch von -Alma abwandte, »es thut mir wirklich leid, daß ich dir durch -meine Gefälligkeit noch die Sache erleichtert habe.«</p> - -<p>»Wenn du mich verklatschen willst, du feige Liese,« rief -Alma verächtlich und zornglühend aus, »dann thue es doch! -Aber dann erhältst du auch niemals mehr einen freundlichen -Blick von mir!«</p> - -<p>Diese letzte Drohung hätte wohl Aennchen im Augenblick -wenig erschreckt, da sie wirklich aufgebracht über Alma war, aber -die Anschuldigung, feige klatschen zu wollen, erschien ihr wie die -größte Beleidigung. So rief sie dann erregt:</p> - -<p>»Verklatschen werde ich dich niemals, denn das ist verächtlich -und du weißt recht wohl, daß ich verschwiegen sein kann.«</p> - -<p>»Gut, dann versprich mir auch in die Hand, daß du, wenn -du gefragt wirst, meinen Namen nicht nennen willst,« sprach Alma -rasch versöhnt, und Aennchen mußte ihr die Hand darauf geben.</p> - -<p>Es war ihr nicht wohl bei der Sache und mit ziemlich -bösem Gewissen ging sie heute nach Hause, mußte auch den ganzen -Mittag über an die Geschichte denken und beneidete Bruder Fritz,<span class="pagenum" id="Seite_74">[74]</span> -welcher eine ausgezeichnete Zensur mit nach Hause gebracht hatte -und nun so stolz und vergnügt von seinen Schulerlebnissen -erzählen konnte.</p> - -<p>Als Aennchen nachmittags spät in die Schule kam, herrschte in -der ganzen Klasse große Aufregung. Herr Müller stand mit einer -lebhaft erregten Dame in einer Ecke des Zimmers und nicht weit von -den beiden stand Sarah Elich mit ganz dick verweinten Augen, die -sie böse im Zimmer umherschweifen ließ. Die Mädchen flüsterten -und kicherten alle zusammen, bis Herr Müller, nachdem die Dame -das Zimmer verlassen hatte, ein Zeichen gab und sprach:</p> - -<p>»Ich habe heute eine sehr traurige Erfahrung gemacht, die -mich bitter kränkte. Eine eurer Mitschülerinnen, Sarah Elich -hier wurde durch einen so abscheulichen Streich gefoppt, wie er -nicht einmal in der Knabenschule vorkommen darf. Es wurden -ihr heimlich entstellende Bilder am Hut und Ranzen befestigt und -als Sarah dann ahnungslos durch die Straßen nach Hause ging, -folgte ihr die Gassenjugend mit Spottgeschrei und Hohngelächter, -so daß sich das erschreckte Mädchen ganz atemlos in ein Haus -flüchten mußte, wo sie die Ursache jenes Aufsehens erst entdeckte. -Wer hat der Armen nun diesen schlechten niederträchtigen Streich -gespielt? Ich fordere jede von Euch auf, zu gestehen oder anzugeben, -was sie darüber weiß!«</p> - -<p>Herr Müller machte eine Pause und ließ seine Blicke forschend -über alle Schülerinnen hinschweifen; als er Aennchens Augen traf, -mußte diese schwer die Lider senken und fühlte dabei, wie sie über -und über flammend rot wurde.</p> - -<p>»Aennchen,« sprach Herr Müller ernst und ließ seinen durchdringenden -Blick noch immer auf ihr ruhen, »du warst diejenige, -mit welcher Sarah, nach ihrer Aussage, zuletzt noch im Gespräch -verweilte. So mußt du unbedingt am ersten Bescheid wissen -und ich frage dich ernstlich und dringend: Was weißt du von -dem ganzen Streiche? Hast du ihn am Ende selbst verübt?«</p> - -<p>»Nein, o nein, gewiß nicht!« rief Aennchen angstvoll, indem -sie die Hand abwehrend ausstreckte, und ihre Augen zeigten solch<span class="pagenum" id="Seite_75">[75]</span> -aufrichtiges Entsetzen, daß Herr Müller ihr glaubte und freundlicher -fortfuhr:</p> - -<p>»Es freut mich, daß du nicht die Schuldige warst; aber -vielleicht weißt du doch, wer es gethan hat; du und Alma von -Stolzau, welche heute nicht in der Klasse erschienen ist, ihr beide -waret zuletzt um Sarah beschäftigt. Weißt du vielleicht, ob -Alma den Streich begangen hat?«</p> - -<p>Es wurde Aennchen bei dieser Frage schwindelnd vor den -Augen – wie gerne, o wie gerne hätte sie ihr schweres Herz -erleichtert und gerufen: »Ja, Alma hat es gethan!« aber das -durfte sie ja nicht, sie hatte Alma versprochen, sie nicht zu verraten; -so stürzten Thränen aus ihren Augen, sie zitterte am -ganzen Körper und rief angstvoll:</p> - -<p>»Lieber, guter Herr Müller, fragen Sie nicht, fragen Sie, -bitte, nicht – ich kann es nicht sagen!«</p> - -<p>»Wenn ich es aber von dir fordere, so <em class="gesperrt">mußt</em> du es gestehen!« -rief Herr Müller, ernstlich böse und entschieden aus.</p> - -<p>Aennchen jedoch gab keine Antwort, so sehr der Lehrer in sie -drang; sie weinte nur immer heftiger und erklärte, nichts zu -wissen. So unglücklich wie in diesem Augenblick hatte sie sich -doch im Leben noch nicht gefühlt und dies alles durch die Schuld -der bösen Freundin, welche sie noch dazu in der Stunde der Not -im Stich gelassen hatte und einfach gar nicht erschienen war. -Herrn Müller standen die Zornesadern auf der Stirn, als er -seine Schülerin so verstockt fand, und mit bebender Stimme erklärte -er, sie zur Strafe so lang jeden Tag nach dem Unterricht -eine Stunde nachsitzen zu lassen, bis sie ein offenes Geständnis -abgelegt habe.</p> - -<p>Hierauf brach der Lehrer von der Sache ab und der Unterricht -begann, von welchem Aennchen in ihrer trostlosen Stimmung -freilich herzlich wenig vernahm.</p> - -<p>Als die Uhr vier schlug, durften alle Schülerinnen den -Weg nach Hause antreten. Herr Müller kam noch einmal auf -Aennchen zu und sprach freundlich ernst:</p> - -<p>»Bedenke dich wohl, Aennchen! Wenn du mir den gewissen<span class="pagenum" id="Seite_76">[76]</span> -Bescheid giebst, kann ich dir die Strafe erlassen und werde dir -sogar meine Verzeihung angedeihen lassen.«</p> - -<p>Aennchen schaute den gütigen Lehrer mit trostlosen leeren -Blicken an, schüttelte den Kopf und – schwieg – da schritt er -traurig und ernst hinaus. Auch die Mädchen hatten sich verzogen, -eine nach der anderen, still war es im Zimmer, stille im -ganzen Hause und alle die leichten Mädchenfüße, welche tänzelnd -die Treppen hinuntergeglitten waren, verhallten nach und nach in -der Ferne. Nun mochten auch die letzten das Haus verlassen -haben, denn die alte Hausmeisterin stieg schwerfällig die Treppe -herauf und schloß mit einem großen klappernden Schlüsselbund -die Klassen eine nach der anderen ab. Auch zu derjenigen, in -welcher Aennchen weilte, kam sie auf ihren großen Filzschuhen -hergeschlürft und streckte den grauen Kopf zur Thüre herein, -brummte dann aber, als sie die kleine zusammengekauerte Gestalt -in der Ecke sah:</p> - -<p>»Aha, noch ein kleines gefangenes Vögelchen; da darf der -Käfig noch nicht ganz geschlossen werden!«</p> - -<p>Aennchen hätte gar zu gern auf die Alte zustürzen und sie -anflehen mögen, bei ihr zu bleiben in dem großen stillen Zimmer; -allein sie hegte große Scheu vor der strengen Frau, welche schon -oftmals gescholten hatte, wenn sie mit von der Straße beschmutzten -Füßen über die frischgereinigten Treppen hinaufstürmen wollte, -ohne sich vorher gehörig abzustreifen. So lauschte sie angstvoll, -bis die Tritte der Alten langsam wieder verhallten, und nun kam -das Gefühl der Einsamkeit erst recht beängstigend über sie. Sie -wagte kaum zu atmen und sich in dem Gemach umzusehen, das -ihr in seiner Verlassenheit so ganz verändert erschien, und doch -mußte sie mit starren Blicken immer auf die lange Reihe der -leeren Bänke vor sich hinschauen und auf die große bunte Landkarte -an der Wand.</p> - -<p>Und dann mußte sie wieder an zu Hause denken, welche -Angst wohl ihre liebe Mama empfinden würde, wenn das Töchterlein -nicht zu gewohnter Stunde nach Hause käme, und welch<span class="pagenum" id="Seite_77">[77]</span> -einen Schmerz würde es ihr bereiten, wenn sie erfuhr, warum -Aennchen nicht nach Hause kam?</p> - -<p>So waren wohl drei Viertelstunden verstrichen, welche Aennchen -wie eine Ewigkeit dünkten, da kam abermals ein Schritt die -Treppe herauf, aber es war nicht der schwere schlürfende Schritt -der Hausmeisterin, sondern er klang leicht und elastisch. Und -plötzlich stand eine kleine unscheinbare Gestalt unter der Thüre -und eine sanfte Stimme sprach:</p> - -<p>»Aennchen, ist es dir recht, wenn ich dir etwas Gesellschaft -leiste?«</p> - -<p>Aufs höchste überrascht fuhr Aennchen empor und starrte die -Eingetretene an:</p> - -<p>»Du bist es, Martha Traugott, was willst du hier?«</p> - -<p>Martha trat näher zu Aennchen und sprach beinahe schüchtern:</p> - -<p>»Ich habe so sehr Mitleid mit dir gehabt, als du so allein -bleiben mußtest. Da bin ich vorhin zu Herrn Müller gelaufen -und habe ihn gebeten, ob er mir nicht erlaube, die letzte Viertelstunde -noch mit dir nachzusitzen, und er hat es endlich gestattet, -wenn auch nur widerstrebend. Nun wird es dir doch hoffentlich -recht sein, wenn ich bei dir bleibe?«</p> - -<p>Die sanften treuherzigen Augen der armen verwachsenen -Martha blickten Aennchen so herzlich an, daß diese aufs tiefste -gerührt in Thränen ausbrach, die Arme um das kleine verachtete -Mädchen schlang, über welches sie immer so hochmütig -hinweggesehen hatte, und schluchzend rief:</p> - -<p>»O Martha, liebe Martha, wie soll ich dir diesen Liebesdienst -vergelten und wie habe ich es um dich verdient?«</p> - -<p>Martha aber streichelte liebkosend mit ihren dünnen Fingerchen -Aennchens nasse Wangen und flüsterte dabei:</p> - -<p>»Sei nur gut Aennchen, ich habe dich ja immer lieb gehabt, -wenn du mich auch nicht beachtet hast. Nun darfst du -bald zu deinem Mütterchen nach Hause und der erzählst du dann -ganz aufrichtig, wie alles gekommen ist, und verschweigst ihr nicht -das Geringste – gelt? Dann wird alles wieder gut.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_78">[78]</span></p> - -<p>»Gewiß glaubt der Lehrer und alle Mädchen, daß ich der -Sarah den Streich gespielt habe?« schluchzte Aennchen.</p> - -<p>»Nein,« sprach Martha, »das glauben nur die wenigsten -von uns. Die meisten haben Verdacht auf Alma, welche es gewiß -auch gethan hat; du wolltest sie nur nicht verklatschen.«</p> - -<p>»Martha, woher weißt du es so genau?« rief Aennchen, -indem ihr die Thränen stille standen. »Du mußt wirklich sehr -klug sein; aber nun sage selbst: hätte ich Alma verklatschen dürfen, -nachdem ich doch versprochen hatte, es nicht zu thun?«</p> - -<p>»Ich glaube, du hättest es eben gar nicht versprechen dürfen,« -meinte Martha nachdenklich. »Nun muß jedenfalls Alma bewogen -werden, auch selbst ihr Geständnis abzulegen, und es war -sehr schlimm von dir, daß du gegen Herrn Müller so verstockt -warst. Nun wollen wir aber nicht mehr von der Geschichte -sprechen, die Stunde deiner Befreiung schlägt soeben und ich -führe dich nach Hause, wenn es dir recht ist.«</p> - -<p>»Du bist das liebste beste Geschöpf auf Erden!« rief Aennchen -tief gerührt und umarmte die kleine Gefährtin dankbar. -»O bitte, stehe mir noch bei, wenn ich nach Hause komme und -Mama die Geschichte erzählen muß!«</p> - -<figure class="figcenter illowp30" id="illu-086"> - <img class="w100" src="images/illu-086.jpg" alt=""> -</figure> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[79]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="chap_09"><span class="smaller">Neuntes Kapitel.</span><br> -Martha.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-a.jpg" alt=""></div> -<p class="drop">Aennchen war krank. Sie war damals an jenem unglücklichen -Nachmittag mit Kopfschmerzen nach Hause -gekommen, und während die kleine Martha, wie sie -gebeten worden war, Aennchens Mutter den ganzen Hergang -berichtete, hatte das zerknirschte Mädchen so viel geweint und geschluchzt, -daß es ganz elend geworden war.</p> - -<p>So wurde sie denn rasch zu Bett gebracht und hier begann -sie zu fiebern. Der Herr Doktor wurde geholt und erklärte, -daß der Scharlach bei dem Kind im Anzug wäre. Aennchens -Eltern erschraken sehr und ließen ihr krankes Kind aus dem -Kinderzimmer in ein abgelegenes Gemach bringen, damit die -Brüder nicht von ihm angesteckt würden. Die Mama widmete -sich Tag und Nacht der Pflege der Kleinen und nur, wenn sie -zu sehr davon erschöpft war, erlaubte sie der alten Kinderfrau, -sie abzulösen. Aennchen lag längere Zeit in heftigem Fieber und -wußte nichts von sich; da phantasierte sie beständig von der -Schule und Alma – am meisten aber beschäftigte sie sich doch -mit Martha und kaum begann sie wieder klaren Sinnes zu -werden, da verlangte sie dringend, das kleine verwachsene Mädchen -zu sehen. Es konnte ihr freilich nicht gestattet werden; die -Gefahr der Ansteckung war noch nicht beseitigt, aber die Mama -versprach ihr sobald sie wieder vollständig genesen sei, würde -sie das kleine Mädchen zu ihr herüberbitten.</p> - -<p>Und so war denn endlich einmal ein Tag gekommen, an<span class="pagenum" id="Seite_80">[80]</span> -welchem Aennchen vollständig fieberfrei und genesen in ihrem -Bettchen saß; der Herr Doktor war soeben fortgegangen, nachdem -er erklärt hatte, seine liebe Patientin sei von nun an als vollständig -gesund zu betrachten und er habe ihr keinen Rat mehr -zu erteilen, als sich das Essen recht schmecken zu lassen. Die -Mama hatte Freudenthränen in den Augen, als sie ihr liebes -Kind mit Dank gegen Gott in die Arme schloß, und die Brüderchen -durften alle an ihr Bett kommen und sie begrüßen. Dann -wurden sie wieder davongeführt und es war still im Zimmerchen; -da öffnete sich auf einmal die Thüre und an der Hand von -Aennchens Mutter trat die kleine Martha schüchtern in das Gemach, -in den Händen einen großen Blumenstrauß haltend.</p> - -<p>»Hier hast du denn endlich deine kleine Freundin, welche ein -Stündchen bei dir bleiben darf,« sprach Aennchens Mama lächelnd. -»Ihr dürft aber nicht gar zu lang sprechen und euch gegenseitig -nicht aufregen. Aennchen besonders soll sich ganz ruhig verhalten -und sich lieber von Marthchen erzählen lassen.«</p> - -<p>Damit ließ die gute Mutter die beiden Mädchen allein, -welche sich innig umschlungen hielten. Die kleine Martha setzte -sich an Aennchens Bett und erzählte ihr mit ihrer leisen sanften -Stimme alles, was sich während der langen Wochen, welche -Aennchen krank gelegen, zugetragen hatte. Und Aennchen hörte -voll Staunen, daß bereits so lange vergangen sei seit jenem -letzten Schultag; daß unterdessen der Herbst ins Land gezogen -sei und was sich inzwischen in der Schule alles verändert habe.</p> - -<p>Alma von Stolzau sei gar nicht mehr in die Schule gekommen, -weil ihre Mutter eine Reise mit ihr angetreten habe. -Der Lehrer habe ihre Eltern von dem bösen Streich noch in -Kenntnis gesetzt, welchen sie am letzten Tag einer Schülerin gespielt -habe, und Herr von Stolzau habe geantwortet, er würde -seine Tochter noch gebührend bestrafen.</p> - -<p>»Die arme Alma!« sagte Aennchen bedauernd; »das wird -wohl schlimm ausgefallen sein, denn ihr Vater ist sehr streng. -Aber hat sie mir denn kein einziges Wörtlein Lebewohl sagen -lassen?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[81]</span></p> - -<p>»O ja, sie sandte in deiner Krankheit wohl Grüße und -Blumen an dich, aber du warst zu krank, davon zu erfahren. -Armes Aennchen, nun hast du deine Freundin verloren!« Martha -blickte Aennchen mitleidig an, diese schlang den Arm um ihren -Hals und bat leise:</p> - -<p>»Willst du meine Freundin sein, wenn ich dir nicht zu -böse bin?«</p> - -<p>Damit war der Freundschaftsbund geschlossen und nun kamen -Stunden schönsten Genusses für die beiden kleinen Mädchen. -Jeden Tag, welchen Aennchen noch im Zimmer zu verbleiben -hatte, brachte Martha einige Stunden bei Aennchen zu, machte -ihre Schulaufgaben bei ihr und war Aennchen behilflich, das, -was sie während der Krankheitszeit versäumt hatte, unter ihrer -Leitung nachzuholen. Und sie verstand es so gut, die geduldige, -gewissenhafte Lehrerin zu spielen, daß Aennchen wirklich Fortschritte -machte und sich bestrebte, dem guten Beispiel, das ihr -geboten war, nachzufolgen.</p> - -<p>Als sie wieder ausgehen konnte, durfte ihr erster Gang zu -Martha sein, um dieser für alles, was sie ihr während der -langen Krankheitszeit erwiesen hatte, zu danken. Mit klopfendem -Herzen stieg sie die enge, dunkle Treppe empor und klingelte -an der kleinen Thür des Hausganges. Trippelnde Schritte -näherten sich von innen und Martha selbst öffnete ihr. Sie sah -wie ein kleines Hausmütterchen aus, war in eine große leinene -Schürze gekleidet, welche die ganze schmächtige Gestalt einhüllte, -und ihre schwachen Aermchen schleppten an einem Bündel Holz -und Reisern, welche sie fest an sich gedrückt trug. Bei Aennchens -Anblick flog ein verlegenes Erröten über ihr Gesichtchen: »Du -findest mich sehr beschäftigt,« sagte sie, »ich war eben darüber, -ein kleines Feuerchen in meiner Schwester Zimmer zu machen.«</p> - -<p>»Ist es möglich?« staunte Aennchen. »Du kannst es doch -unmöglich verstehen?«</p> - -<p>»O doch,« versicherte Martha eifrig, »wir haben kein -Mädchen und da wir deswegen alle Geschäfte selbst verrichten -müssen, so habe ich Mütterchen vieles abgelernt, um sie etwas<span class="pagenum" id="Seite_82">[82]</span> -bei der Arbeit unterstützen zu können. – Aber so komm doch nur -herein, damit du die Meinen begrüßen kannst!«</p> - -<p>Damit führte sie Aennchen in ein kleines, niedriges Zimmer, -das freilich sehr einfach in seiner Einrichtung war, aber doch -höchst behaglich wirkte durch die Sauberkeit und Ordnung, welche -überall herrschte. Die Kommoden und Tische waren mit weißen -gehäkelten Deckchen geziert, blendend weiße Gardinen verhüllten -die kleinen Fenster, an welchen einige Blumenstöcke standen, und -in einem Messingbauer zwitscherte ein gelber Kanarienvogel ein -vergnügtes Liedchen. In einer Ecke des Gemaches stand ein -Bett und auf den weißen Kissen lag ein blasses zartes, junges -Mädchen mit großen glänzenden Augen und sanftem, lieblichem -Gesicht. Den Lehnstuhl neben ihrem Bette hatte eine würdige -alte Dame inne, welche sich bei Aennchens Eintritt freundlich erhob -und ihr grüßend entgegenkam.</p> - -<p>»Gott segne dich, mein liebes Kind, und erhalte dich fortan -gesund,« sprach sie, indem sie Aennchen küßte; »wie glücklich wird -deine Mama sein, daß du wieder genesen bist! Könnte doch meine -arme Klara auch wieder gesund werden!«</p> - -<p>Ein trauriger Blick der guten Frau flog zu dem kranken -Mädchen im Bett hinüber; dieses streckte mit einem süßen Lächeln -dem schüchternen Aennchen die abgezehrte Hand entgegen und -sprach mit unendlich sanfter Stimme:</p> - -<p>»Komm doch näher, liebes Aennchen! Du bist mir schon -längst aus den Erzählungen meines Schwesterchens bekannt und -vertraut, und ich habe mich schon so darauf gefreut, dich kennen -zu lernen. Nun mußt du dich auch zu mir setzen und mir recht -viel erzählen.«</p> - -<p>Und sie zog Aennchen zärtlich zu sich heran, welches bald alle -Scheu verlor und sich außerordentlich angeheimelt und wohl in -dem niedrigen kleinen Stübchen zu fühlen begann. Das Feuer, -welches Martha im Ofen entzündet hatte, knisterte so behaglich, -Martha ging ab und zu, setzte einen Topf mit Wasser auf und -begann draußen in der kleinen Küche Kaffee zu mahlen, während -die Frau Pfarrerin ruhig an ihrer Arbeit, einer großen Filetdecke,<span class="pagenum" id="Seite_83">[83]</span> -fortfuhr. Aennchen sah mit hellem Staunen diesem fleißigen -Walten in der Stube zu; sie hätte niemals gedacht, daß ein kleines -Mädchen der Mutter schon so an die Hand zu gehen vermöchte, -denn während diese den Kaffee aufgoß, begann Martha den Tisch -aufzudecken, Tassen und den Brotkorb und die Zuckerdose darauf -zu stellen, und als alles fertig war, nahm sie die große Schürze -ab und lud alle freundlich zum Kaffee ein.</p> - -<p>»Du staunst wohl, liebes Kind, was mein fleißiges Hausmütterchen -Martha alles zu arbeiten versteht?« sprach die Frau -Pfarrerin zu dem verblüfften Gast während sie ihm Kaffee einschenkte. -»Aber mit gutem Willen und einiger Geschicklichkeit -vermag ein Mädchen selbst in Kinderjahren schon Tüchtiges zu -leisten. Ich könnte ohne meine liebe kleine Martha gar nicht -zurechtkommen; sie ist unser Sonnenstrahl in trüben Tagen.« -Damit küßte sie ihr vor Freude errötendes Kind auf die Stirn -und blickte ihr tief in die großen blauen Augen, fragte aber dann -besorgt:</p> - -<p>»Hast du heimlich geweint mein Kind, weil du einen solch -trüben, umränderten Blick hast?«</p> - -<p>Martha neigte das Köpfchen tief auf die schmale Brust, -konnte aber doch nicht verbergen, daß zwei große Thränen langsam -aus ihren Augen über die Wangen herabrollten. Leise und -betrübt murmelte sie:</p> - -<p>»Als ich vorhin über die Straße ging, kreuzten wilde Gassenbuben -meinen Weg und wie ich ihnen ängstlich auswich, riefen -sie mir spottend nach: ›Dort läuft die bucklige Martha!‹«</p> - -<p>Das arme verwachsene Kind brach in Thränen aus und -auch Aennchen standen die hellen Thränen in den Augen. Sie -umschlang die Freundin zärtlich mit den Armen und rief:</p> - -<p>»Laß dich doch durch solche rohe Buben nicht kränken! Ich -werde dir ein Märchen erzählen, das mir erst gestern Mama -aus einem schönen Buche vorgelesen hat und das dich am besten -trösten mag. – Da war einmal ein armes, kleines buckliges -Mädchen, das traute sich nie bei Tag über die Straße zu gehen, -weil es einen so großen Höcker gleich einem dicken Kasten auf<span class="pagenum" id="Seite_84">[84]</span> -dem Rücken trug, daß alle bösen Kinder, die es sahen, seinen -Spott mit ihm trieben und es verhöhnten. Weil das arme Kind -aber nie an die Luft kam und seine Eltern zu arme Leute waren, -die ihm keine kräftige Nahrung bieten konnten, wurde es immer -blässer und schmächtiger und eines Tages war es so schwach, daß -es sich nicht mehr aus seinem elenden Bettchen erheben konnte. -Es betete zum lieben Gott um Erlösung, da sandte er einen -lichten Engel, welcher zu dem buckligen Mädchen niederflog und -es emporholte in das himmlische Reich. Der Engel flog mit -dem staunenden Kind durch das ganze weite Himmelszelt: vor -der Pforte zum Eingang in die Ewigkeit setzte er es nieder und -Petrus öffnete die Thür und lud es zum Eintreten ein. Aber -das kleine Mädchen zauderte und Thränen rannen ihm die blassen -Wänglein herab. ›Ach,‹ schluchzte es, ›ich bin doch nicht wert, -zu all den herrlichen himmlischen Englein eintreten zu dürfen, -ich habe ja einen so großen Buckel.‹ Petrus stand gerührt und -des Engels Antlitz erglänzte voll himmlischer Milde. Sanft berührte -er mit seinem goldenen Stab den häßlichen großen Kasten, -welchen das arme Kind Zeit seines Lebens auf dem Rücken getragen -hatte, und siehe – er sprang auf und zwei wunderbar -lichte Engelsflügel schwangen sich daraus hervor. ›Weißt du -nun, was du so lange auf dem Rücken getragen hast?‹ fragte der -goldene Engel und er küßte den neuen kleinen Engel, welcher -ganz berauscht von Glück mit ihm in die himmlischen Gefilde -flog. – Dies ist die Geschichte von dem armen, buckligen Mädchen.« -schloß Aennchen ihre Erzählung.</p> - -<p>Eine feierliche Stille herrschte im Zimmer, dann zog Marthas -Mutter die kleine Erzählerin an sich und küßte sie mit -bebenden Lippen.</p> - -<p>»Hab Dank für diese liebe Mär,« flüsterte sie und blickte -dann ihre Martha an, welche ganz gehoben dasaß und deren -demütiges Gesichtchen einen beinahe feierlichen Ausdruck zeigte. -»Deine kleine Geschichte wird ihr künftig bei allen weiteren -Demütigungen ein Trost sein, den sie auf ihrem Lebensweg -gar wohl gebrauchen kann. Willst du aber nun auch erfahren<span class="pagenum" id="Seite_85">[85]</span> -durch welchen unglückseligen Fall mein armes Kind zu diesem -Gebrechen kam? Er hängt mit der Krankheit meiner Tochter -Klara eng zusammen.«</p> - -<p>Aennchen nickte aufs höchste gespannt und die Frau Pfarrerin -erzählte:</p> - -<p>»Als mein guter Mann noch lebte, da wohnten wir in -einem freundlichen Pfarrhause auf dem Land. Es war ein -reizendes Häuschen, das ein blühender Garten dicht umschloß, -aber freilich lag es ziemlich einsam und abgelegen von allem -Verkehr. Uns störte das in unserem Glücke nicht und unsere -Kinder noch weniger; sie waren damals noch klein: meine Tochter -Klara acht Jahre alt, Martchen kaum ein einziges Jahr, und -die köstliche Landluft, in welcher sie aufwuchsen, ließ die beiden -gleich Röslein erblühen. Eines Tages hatten mein Mann und -ich einen weiten Weg in die Stadt zu machen; wir übergaben -daher die beiden Kinder der Wärterin, welche allerdings keine -sehr gewissenhafte Person war. Als wir halbwegs gegangen -waren, begegnete uns eine Schar von Zigeunern und besorgt -sprach ich gegen meinen Mann die Befürchtung aus, dieselben -könnten möglicherweise ihren Weg über das Pfarrhaus nehmen. -Beinahe wäre ich umgekehrt, doch schalt ich mich thörichterweise -aus wegen meiner Angst – hätte ich doch meinen Entschluß ausgeführt, -ich würde viel Unglück verhütet haben! – Denn ach, -es geschah, wie ich gefürchtet hatte: die Zigeuner gerieten in die -Nähe unseres Pfarrhauses und ein Weib wurde von der Bande -zum Betteln ausgeschickt. Sie fand keinen einzigen, erwachsenen -Menschen im ganzen Hause; die treulose Wärterin war zum -Plaudern ins Dorf gegangen; Klara spielte hinten im Gärtchen -und alles war totenstill. So machte sich die Alte mit gieriger -Hand daran, in dem offenen Wohnzimmer zu stehlen, soviel sie -konnte; da fiel ihr Blick auf eine kleine Wiege, in welcher ein -unschuldiges Kindlein in süßem Schlummer lag. Rasch wie der -Blitz hatte sie es ergriffen und an sich gedrückt, da fühlte sie sich -von hinten umfaßt und eine bebende Kinderstimme rief: »Laß -mir mein Schwesterchen, o nimm mein Schwesterchen nicht davon.«<span class="pagenum" id="Seite_86">[86]</span> -Die Alte suchte das sie umklammernde Kind von sich abzuschütteln -– allein dasselbe hatte sich mit beinahe übermenschlicher Gewalt -an sie gehangen und rief in lauten gellenden Tönen um Hilfe. -Lange dauerte der Kampf zwischen der Frau und der Kleinen, -die mit dem Mut der Löwin um das zarte Schwesterchen kämpfte -obwohl die Alte ihr einige entsetzliche Stöße versetzt hatte: endlich -riß der Zigeunerin die Geduld, als sie von fernher Schritte -nahen hörte; sie warf den kleinen Säugling mitten in die Stube, -schleuderte das Mädchen von sich ab und rannte ins Freie. – -Als wir Eltern nach Hause kamen, fanden wir unsere unglücklichen -Kinder zwar gottlob noch vor, aber beide schwer verletzt -von dem furchtbaren Ueberfall. Es zittert mir das Herz, mehr -davon berichten zu sollen; genug, meine arme Klara trug durch -den Schrecken ein langes Siechtum davon und meiner armen -kleinen Martha ward von dem jähen Fall das zarte Rückgrat -gekrümmt. – Nicht wahr, das ist eine traurige Geschichte, mein -Kind?« schloß die Frau Pfarrerin, ihre Augen trocknend, zu -Aennchen, »aber unser Trost ist, daß jedes Leid von Gott kommt, -und daß es uns nur so viel schickt, als unsere Schultern tragen -können. Auch uns ist aus dem Leid hohe Tröstung erwachsen; -die Herzen meiner Kinder haben sich zu Gott gekehrt und sie -nehmen dankbar entgegen, was er in seinem Ratschluß für sie -beschlossen hat.«</p> - -<p>Es war Aennchen zu Mut, als wäre sie in einer Kirche, und -sie vermochte kein Wort zu erwidern. Aber die Frau Pfarrerin, -welche fürchten mochte, sie zu sehr aufgeregt zu haben, brachte -das Gespräch auf andere Dinge und forderte Martha auf, Aennchen -ihre Spielsachen zu zeigen – »denn,« sagte sie, »meine Martha -soll auch ihre kindlichen Freuden haben gleich andern Kindern.«</p> - -<p>»Hast du auch ein Spielzimmer, wie wir?« frug Aennchen -neugierig.</p> - -<p>»O nein, wie kannst du denken,« lächelte Martha, »wir -haben ja nur zwei Stuben im ganzen, aber dennoch besitze ich -eine so schöne Spielecke mit Puppenstube, daß ich sie mit keiner -prächtigeren vertauschen möchte. Komm nur, ich will sie dir zeigen.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_87">[87]</span></p> - -<p>Damit führte Martha Aennchen mit geheimnisvoller Miene -nach einem Plätzchen hinter dem Ofen und voll Staunen stand -diese davor. Eine solche Spielecke hatte sie noch nie gesehen! -Der große Kachelofen bildete eine tiefe Nische zwischen der Wand -und einem vorstehenden Tisch, welcher gerade für eine schmale -Kindergestalt noch Raum zum Durchschlüpfen ließ. Und so war -die kleine Ecke denn ein höchst gemütliches lauschiges Winkelchen, -welches sich Martha mit unendlicher Sorgfalt und Mühe und -viel Geschicklichkeit zu einem niedlichen Puppenzimmer umgeschaffen -hatte, in dem sie selbst auf einem niedern Schemelchen auch Platz -finden konnte. Ein kleines einfaches Puppenbettchen, mit weißen -Wollvorhängen umzogen, stand in der Ecke, daneben eine alte -Puppenkommode, auf der ein gehäkeltes Deckchen und allerlei -niedliche Kleinigkeiten lagen; dann ein Schränkchen und ein -Puppentisch und Puppenstühlchen, auf dem eine Puppe saß vor -einem aufgeschlagenen Puppenschreibheft und mehreren Büchelchen. -Alles war sehr einfach aber außerordentlich sauber gehalten, dann -hatte noch ein Nähkästchen und ein Korb mit Flickresten seinen -Platz dabei.</p> - -<p>Aennchen war ganz entzückt von allem; so gut hatten ihr -selbst Almas Spielsachen nicht gefallen.</p> - -<p>»Hat deine Mama dir alles so gemütlich eingerichtet?« frug -sie lebhaft.</p> - -<p>»Bewahre, Aennchen, das habe ich mir alles selbst gemacht,« -erwiderte Martha. »Sieh, meine Mama ist viel zu arm, mir -kostbares Spielzeug zu kaufen, aber sie besaß selbst von ihrer -Kinderzeit her noch diese Puppe und die kleinen Möbel, welche -auch meine Schwester Klara zum Spielen hatte. Als es auf mich -übertragen wurde, war alles schon recht alt und morsch, doch hat -ein guter Tischler, den ich darum bat, mir alles wieder zusammengeleimt -und angestrichen. Dann bat ich Mama um etwas Mull -zu einem Bettvorhang und Stoff zu Ueberzügen. Das nähte ich -dann alles selbst und es ist doch sehr hübsch geworden, nicht -wahr? Alle vierzehn Tage halte ich Puppenwäsche, da wird -alles gut durchgewaschen, damit es ordentlich und sauber aussieht.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_88">[88]</span></p> - -<p>Aennchen glaubte ihren Ohren nicht trauen zu dürfen. »Das -hast du wirklich alles selbst genäht?« fragte sie erstaunt. »Aber -doch sicher nicht die niedlichen Puppenkleider, die hier in dem -Schränkchen hängen?«</p> - -<p>»Alle hab ich selbst gemacht,« versicherte Martha stolz. -»Meine Schwester Klara hat sie mir zugeschnitten und ich nähte -sie dann in meinen freien Stunden, selbst das Mäntelchen und -die Kapuze. Wenn ich nur mehr hübsche Fleckreste bekommen -könnte; ich hätte dann auch gern ein paar Staatskleidchen -gemacht.«</p> - -<p>Aennchen war beinahe stumm vor Beschämung. Sie erinnerte -sich jener schönen Puppe zu Hause, welche sie unbekleidet -zum Geburtstag bekommen hatte, damit sie aus den hübschen -Zeugresten ihr selbst Kleidungsstücke herstellen sollte; das hatte -sie aber nicht gethan, sondern die arme Puppe lieber die ganze -lange Zeit im dünnen Hemdchen im Kasten liegen lassen, als -daß sie selbst die faulen Fingerchen ihretwegen gerührt hätte. -Und dies kleine Mädchen hier, welches schon ohnedies so viel -Anderes zu thun hatte und in der Schule eine Musterschülerin -war, hatte trotzdem Zeit gefunden, seinen Puppenhaushalt in -solch musterhafter Ordnung zu erhalten!</p> - -<p>»Ich habe auch eine schöne Puppe daheim, welche der -Kleidchen bedarf,« sagte Aennchen jetzt beinahe schüchtern, »würdest -du so freundlich sein, mir zu zeigen, wie man dieselben anfertigt? -Meine Mama hat mir die reizendsten Stoffe zu Kleidchen gegeben.«</p> - -<p>»O, das ist ja herrlich,« rief Martha freudig aus. »Da -wollen wir tüchtig zusammen schneidern; du wirst sehen, welch -großes Vergnügen es gewährt, etwas Hübsches zu stande zu -bringen, und ich bin immer ganz stolz, wenn mein Kind neu und -schön gekleidet ist. Bringe deine Puppe nur recht bald zu mir -herüber; wenn ich eine freie Stunde habe, dann wollen wir recht -fleißig zusammen sein. Nun mußt du aber auch noch die Schulbücher -meiner Lilly sehen.«</p> - -<p>Damit öffnete sie ein kleines Schubfach, in welchem eine -Anzahl der niedlichsten Heftchen lagen, alle selbst zugeschnitten<span class="pagenum" id="Seite_89">[89]</span> -und genäht, liniert und mit sauberer, sorgfältiger Schrift beschrieben, -selbst ein kleines Zeichenheft, zur Hälfte mit Zeichnungen -bedeckt, war dabei und eine kleine Schiefertafel mit -Schwämmchen. So etwas Niedliches hatte Aennchen wirklich noch -nicht gesehen und begierig ließ sie sich von Martha berichten, in -welcher Art sie mit der Puppe immer die Lehrstunde halte und -wie diese alles, was Martha selbst in der Schule gelernt, dann -auch in ihre kleinen Hefte eintragen müsse. Bei dieser Gelegenheit -prägte sich Martha dann spielend alles doppelt leicht ein. -Welche Freude hatte Aennchen, als die kleine Lehrmeisterin sie -aufforderte, sich auch künftig an dem Spiel zu beteiligen, und -als sie dann endlich nach Hause zurückkehrte, da war ihr kleines -Herz so voll von allen neuen Eindrücken, daß sie es gar nicht -erwarten konnte, ihrer Mama alles zu berichten. Diese lauschte -erfreut den Erzählungen ihres Töchterleins und sagte dann:</p> - -<p>»Ich bin sehr zufrieden, liebes Kind, wenn du dir ein so -vortreffliches Mädchen, wie die arme kleine Martha es ist, zur -Freundin auswählst. Du kannst dir an ihrem Fleiß, ihrem Gehorsam -und ihrer Pflichttreue nur ein gutes Beispiel nehmen und -dies wird von unendlichem Nutzen für dich sein. ›Sage mir, -mit wem du umgehst und ich will dir sagen, wer du bist,‹ -ist ein nur zu wahres Sprichwort. Ein guter Freund vermag -den ganzen Charakter des andern zu veredeln und seinen Anschauungen -eine bessere Richtung zu geben. Dir mein kleines -flatterhaftes Aennchen, wäre dies von ganz besonderem Nutzen, -denn durch die Freundschaft, welche du so lange mit Alma von -Stolzau gepflegt hast, hatten deine Neigungen zum Leichtsinn -und Uebermut sich sehr verschlimmert; so danke ich Gott, wenn -du nun auf andere Wege geführt wirst, und werde glücklich sein, -aus meinem Töchterlein ein recht braves artiges Mädchen werden -zu sehen.«</p> - -<p>Und wirklich, die Freundschaft Aennchens zu der armen -Martha trug bald so überraschende Früchte, daß Eltern und -Lehrer voller Staunen die Umwandlung mit ansahen, welche mit -dem früher so flatterhaften Mädchen vorging. Aennchen bemühte<span class="pagenum" id="Seite_90">[90]</span> -sich, in der Schule eine ebenso fleißige und aufmerksame Schülerin -zu sein, wie ihre Freundin; sie gab in den Unterrichtsstunden genau -auf die Worte des Lehrers acht, vermied es, mit ihren Nachbarinnen -heimlich zu flüstern oder unter dem Tisch sich mit -Spielereien zu beschäftigen, wie sie es, zu ihrer Schande müssen -wir es gestehen, leider früher nicht selten versucht hatte. Ihre -Bücher und Hefte hielt sie von nun an sauberer als vorher, denn -das war wirklich höchst notwendig, wollte sie die Geduld ihrer -Lehrer nicht aufs äußerste erschöpfen. Hatte sie doch einmal ein -ganzes Rechenbuch derartig mit Kritzeleien und kleinen Bildern -vollgezeichnet, daß es völlig unbrauchbar geworden war und sie -dafür tüchtig bestraft werden mußte. Ihre Hausaufgaben fertigte -Aennchen nur immer mit Martha zugleich.</p> - -<p>Aennchens Eltern hatten aus dem kleinen Stübchen, welches -früher das »Trutzstübchen« gewesen, seitdem die Kinder größer -und artiger geworden waren, ein gemütliches Arbeitszimmerchen -geschaffen, in welchem ein großer Schreibtisch und ein Büchergestell -mit mehreren Stühlen alles boten, was man zum Arbeiten -nötig hatte, ohne die Aufmerksamkeit durch andere Dinge abzuziehen. -Hier saßen nun täglich nach der Schule Martha und -Aennchen zusammen, nachdem sie ihr Vesperbrot verzehrt hatten, -und arbeiteten mit Fleiß und Sorgfalt die Arbeiten aus, welche -die Lehrer ihnen aufgegeben. Bereits bestanden diese nicht mehr -allein aus Schreibübungen, Lesen und Rechnen, sondern sie hatten -schon französische Grammatik zu treiben, für den Religionsunterricht -nachzuholen, Naturgeschichte und Geographie zu studieren -und noch verschiedenes andere. Sogar schon deutsche Aufsätze -wurden geübt, das war den Mädchen die liebste Beschäftigung -und sie arbeiteten dieselben leicht und zufriedenstellend, so daß -sie meist gute Noten davontrugen.</p> - -<p>Wenn die Schularbeiten fertig waren, dann mußte Martha -nach Hause zu ihrer Mutter, um dieser an die Hand zu gehen; -hatte dieselbe aber keine besondere Arbeit für ihr fleißiges Töchterchen -vor und bedurfte die kranke Schwester Agnes ihrer Gesellschaft -nicht, dann wurde ihr erlaubt, mit Aennchens Puppe zu spielen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_91">[91]</span></p> - -<p>Und das war nun erst recht der wahre Genuß! Lange schon -hatte Aennchen mit geschickten Fingern ihrer Freundin das Kleidermachen -für Puppen abgelernt und bereits besaß ihre früher so -vernachlässigte Puppe eine vollständige Garderobe, welche vom -hübschesten Sonntagskleidchen bis zum einfachsten Hausanzug -äußerst niedlich von ihr selbst gefertigt war. Wenn die Weihnachtszeit -aber herankam, dann begnügten sich die fleißigen Mädchen, -nicht, ihre eignen Puppen zu versorgen – dann kaufte -Aennchens Mama eine Anzahl hübscher Puppen und diese wurden -dann abends bei Lampenlicht von den lieben kleinen Mädchenhänden -reizend gekleidet und geziert, damit sie dann am Weihnachtsabend -eine Anzahl armer Kinder erfreuen konnten.</p> - -<p>So hatte die Freundschaft der kleinen verwachsenen Martha -für Aennchen wirklich die köstlichsten Früchte getragen.</p> - -<figure class="figcenter illowp30" id="illu-099"> - <img class="w100" src="images/illu-099.jpg" alt=""> -</figure> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[92]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="chap_10"><span class="smaller">Zehntes Kapitel.</span><br> -Ein Brief Almas an Aennchen.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-b.jpg" alt=""></div> -<p class="drop">Beinahe zwei Jahre waren schon darüber hingegangen, -seitdem Aennchen ihre Freundin Alma nicht mehr gesehen -und nichts mehr von ihr gehört hatte. Nur -einmal brachte am Anfang Aennchens Vater die Nachricht nach -Hause, Herr von Stolzau sei nun auch ganz auf Reisen gegangen -und habe sein Gut einem Verwalter übergeben, seit Frau von -Stolzau ganz plötzlich in Italien gestorben sei. Aennchen hörte -voll Mitleid, welche Trauer die arme Alma betroffen habe, sie -hätte ihr gerne ihre Grüße gesandt, doch wußte sie ihre Adresse -nicht und glaubte sich von ihr längst vergessen.</p> - -<p>Da, wer beschreibt ihr Erstaunen, brachte eines Tages der -Briefträger einen verschlossenen Korb an ihre Adresse; Aennchen -konnte kaum glauben, daß sie selbst damit gemeint sei, und als -sie dennoch mit hastigen Händen öffnete, da stieg ihr ein köstlicher -süß betäubender Duft entgegen! Zwischen Myrten und Orangenblüten -lagen die herrlichsten Apfelsinen, Trauben und Datteln -vor ihren entzückenden Blicken, zu oberst des Korbes aber, in Seidenpapier -gewickelt, ein viereckiges Couvert mit einem dicken engbeschriebenen -langen Briefe. Ein Brief von Alma! War es -wirklich möglich?! Hatte die Freundin wirklich sie noch nicht -ganz vergessen?! Aennchen war ganz außer sich vor Stolz, und -als sie sich etwas gefaßt hatte, setzte sie sich hin und las den -langen Brief der folgendermaßen lautete und mit einer hübschen -gleichmäßigen Kinderschrift geschrieben war:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[93]</span></p> - -<div class="letter"> -<p class="mright"> -Venedig. -</p> - -<p class="center"> -<em class="gesperrt">Mein liebes Aennchen!</em> -</p> - -<p>Du hast ganz sicherlich gedacht, daß ich dich vergessen habe, -weil ich so ewig lange Zeit nichts von mir hören ließ und bei -meiner schnellen Abreise nicht einmal Abschied von dir nahm. -Aber du warst krank damals, da durfte ich nicht zu dir und -hätte auch keine Zeit dazu gehabt, weil meine liebe Mama sich -so schnell zu einer Reise nach Italien entschließen mußte. Sie -war leidend geworden und sollte keinen Augenblick zögern, in -ein wärmeres Klima zu kommen; der Herr Doktor hoffte dann -sichere Genesung für sie. Aber ach, meine arme liebe Mama hat -die Genesung leider nicht gefunden! sie wurde im Gegenteil -immer kränker und schwächer, wenn ich dies selbst freilich kaum -bemerkte; aber einmal, da kam ein schrecklicher Tag, an den ich -nur mit Entsetzen zurückdenken kann, man sagte mir, als ich zu -meinem Mütterchen wollte, es sei gestorben und ich hätte nun -keine Mama mehr auf der Welt. Wie schrecklich mir da zu -Mute war, liebes Aennchen, davon kann ich noch immer nicht -sprechen; sie war ja die Einzige, welche mich, wie ich glaubte, -wirklich lieb gehabt hat auf der Welt, mein Vater stand mir -fern und ich fürchtete ihn und so wollte ich denn schier in meinem -Schmerz verzweifeln. O, ich war so böse damals; ich wollte -niemand, niemand mehr sehen; mein Fräulein, das mich nur -immer strafen und ermahnen konnte, stieß ich mit Widerwillen -von mir, und als mein Vater nach Mamas Tode kam und mich -begrüßen wollte, da floh ich in Angst vor ihm und konnte auch -später nur voll Scheu mit ihm verkehren, obgleich er gütig und -nachsichtig war.</p> - -<p>Nicht wahr, lieb Aennchen, du kannst es kaum glauben, daß -dies deine lustige Freundin Alma war? aber ich war völlig -anders geworden und von all dem Kummer wurde ich blaß und -krank und mußte viel zu Bette liegen. Wir wohnten in einem -großen Palaste; mein Fräulein und ich hatten große prächtige -Zimmer, aber sie waren so kalt und hoch, daß mich immer darin -fröstelte. Mein Vater wohnte in einem andern Flügel des Hauses<span class="pagenum" id="Seite_94">[94]</span> -und machte viel Ausflüge, wo er nach Altertümern unter der -Erde forschte. So war ich mit Mademoiselle doch immer wieder -allein, welche sich gar wenig um mich kümmerte sondern meist -in französischen Romanen las.</p> - -<p>Eines Tages lag ich recht matt auf dem Sofa und war -etwas eingeschlummert; Fräulein hatte im Zimmer nebenan gesessen, -da hörte ich sie plötzlich: »Feuer! um Gottes willen, -Feuer!« rufen, sie warf ihr Buch auf den Boden, stürzte zur -Thüre hinaus und schlug diese hinter sich zu. Erschrocken sah ich -um mich, ich roch Brandgeruch und ein Knistern und Knattern -tönte zu meinen Ohren. Und wie ich noch beinahe betäubt von -dem Schreck war, da schlug plötzlich eine blendende Lohe zum -Zimmer herein und gelbe und rote Flammen zingelten um mich -auf. Ich wollte nun, meinem Fräulein nach, mich durch die -Thüre retten; als ich sie aber geöffnet hatte, schlugen mir schon -von unten Flammen entgegen, so daß ich die Treppe nicht mehr -passieren konnte.</p> - -<p>Ich stürzte zum Fenster und blickte hinaus; schwarze Rauchwolken -hüllten mich ein und man vermochte mich von unten wohl -kaum zu sehen. So schrie ich laut und entsetzt um Hilfe, bis -mein Hals heiser wurde und die Stimme mir versagte. In dieser -entsetzlichen Not, Aennchen, da war ich ganz sicher, daß ich sterben -würde und daß mir niemand nahe sei, als der liebe Gott; ich -warf mich auf die Kniee und betete zu ihm und es fiel mir in -dem gräßlichen Augenblick schwer aufs Herz, welch ein leichtsinniges -verwöhntes Kind ich gewesen sei, wie böse ich mich dagegen -aufgelehnt, als der liebe Gott meine kranke Mama zu sich -genommen hatte und wie unrecht es von mir gewesen war, meinen -Vater durch meine Kälte so zu betrüben. Wie gerne wäre ich -anders geworden, aber jetzt war es zu spät, ich hatte nur noch -Zeit, den lieben Gott um Verzeihung anzuflehen.</p> - -<p>Die Flammen leckten schon an meinen Kleidern und die Besinnung -hatte mich beinahe verlassen, da sah ich plötzlich wie im -Traum, wie eine schwarze jugendliche Gestalt sich über den Balkon -zu mir hereinschwang, mich ergriff und dann zum Fenster emporhob.<span class="pagenum" id="Seite_95">[95]</span> -Dann hörte und sah ich nichts mehr, denn eine tiefe lange -Ohnmacht kam über mich. –</p> - -<p>Als ich nach langer langer Zeit endlich wieder die Augen -öffnete, da wußte ich mich kaum zurechtzufinden, wo ich war. Ich -lag in einem fremden Bette und neben mir saß mein Vater mit -einem gütigen kummervollen Gesicht, er hielt meine beiden Hände -in den seinen und als ich ihn nun erwachend anblickte, da flog -ein freudiger Strahl über sein Gesicht und er rief:</p> - -<p>»Lebst du wirklich, mein Kind? O, Gott sei gelobt!« Er -umarmte mich, während Freudenthränen über seine Wangen -rollten; ich wagte kaum an das Glück zu glauben, so geliebt zu -sein und leise stammelte ich:</p> - -<p>»Hast du mich denn wirklich lieb, Väterchen?« Da gab -sein inniger Blick mir die Antwort und als ich ihn um Verzeihung -gebeten hatte für mein Benehmen, da sagte er mir, wie -bitter weh es ihm gethan habe, daß sein kleines Mädchen kein -Herz für ihn gezeigt habe, als er sich doch ohnedies so vereinsamt -gefühlt habe in seiner Trauer. Und dann erzählte er mir, -wie lange ich krank gelegen habe seit dem Brand und wie sehr -er um mein Leben gebangt habe. Er hätte damals gar nicht -im Hause geweilt, als der schreckliche Brand ausgebrochen sei, -und wäre erst gerade in dem Moment zurückgekommen, als ein -mutiger Knabe sein Kind aus den Flammen rettete.</p> - -<p>»Wo ist Mademoiselle?« frug ich.</p> - -<p>»Sie ist nicht mehr bei dir,« antwortete mein Vater stirnrunzelnd. -»Als sie dich in der Gefahr so treulos verlassen -konnte, sah ich ein, daß mein armes Vögelchen keine liebende Gefährtin -an ihr besessen hatte. Aber deinen Lebensretter willst -du doch sicher kennen lernen, nicht wahr, mein Kind?«</p> - -<p>Mein Vater stand auf und holte aus dem nächsten Zimmer -einen Knaben herein, der, um einige Jahre älter als ich, mich mit -seinen großen schwarzen Augen freundlich anlachte. Seine Gestalt -schien mir von jener entsetzlichen Stunde her bekannt, das Gesicht -hatte ich nicht deutlich erblicken können. Heute erschien es mir -über die Maßen anziehend: schwarze feurige Augen, dunkle<span class="pagenum" id="Seite_96">[96]</span> -Gesichtsfarbe und dichtes braunes Lockenhaar. Ich reichte ihm -dankbar die schwache Hand, die er halb schüchtern ergriff. Mein -Vater sagte zu mir:</p> - -<p>»Du wirst hier in Peppino einen Gefährten erhalten für die -Zukunft. Der junge Mann hat dich mir aus den Flammen -gerettet, darum kann ich ihm nie genug dankbar sein. Er ist ein -armer, elternloser Savoyardenknabe, der im größten Elend aufgewachsen -ist; ich habe ihn zu deinem Bruder gemacht und werde -ihn nun mit dir erziehen und ihn alles lernen lassen um dereinst -einen tüchtigen Mann aus ihm zu machen. So hoffe ich -auch von dir, Alma, daß du ihm eine brave liebende Schwester -sein wirst.«</p> - -<p>Ich versprach es mit tausend Freuden und siehst du, liebes -Aennchen, auf diese Weise bin ich zu einem gar lieben Bruder -und Gefährten gekommen. Peppino ist ein prächtiger braver -Junge und macht meinem Vater und seinen Lehren durch seinen -Fleiß und seine Strebsamkeit viel Freude und wir beide haben -uns so lieb, als ob wir wirkliche Geschwister wären. Mein Vater -hat eine liebe gütige Dame als Erzieherin für mich gewonnen, -welche so sanft und liebreich gegen mich ist wie eine Mutter, und -ich lerne bei ihr so gern, daß mir die Lehrstunden immer ein -wahrer Genuß sind. Ich habe auch schon sehr gute Fortschritte -gemacht, sagt mein Fräulein. Viele Unterrichtsstunden teile ich -mit Peppino, welcher einen Hofmeister hat, der immer ganz überrascht -ist, wie leicht und rasch sein Schüler lernt.</p> - -<p>Nun muß ich dir aber, mein liebes Aennchen, auch ein wenig -von dem herrlichen Land erzählen, in welchem ich nun schon so -lange verweile. Ich wollte nur, du könntest all das Wunderbare -mit mir schauen, welches uns hier in der Natur stets umgiebt. -– Die Orangen- und Myrtenhaine, die köstliche Blumenpracht, -die Palmen- und Myrtenbäume! Ich habe Rom gesehen -mit all den Römerdenkmalen aus alter Zeit, dem Kapitol und -dem Kolosseum, und mein Vater hat mir alles erklärt, so daß -ich beinahe begriffen habe, warum die Ueberreste so wunderbar -interessant für uns sind.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_97">[97]</span></p> - -<p>Wir haben den Vesuv bestiegen; das ist ein hoher Berg, -welcher einen offenen Krater besitzt; aus demselben steigen bei -Tag und Nacht glühende Dämpfe hervor, denn das furchtbare -Feuer, welches in seinem Innern brennt, ist fortwährend bestrebt, -sich nach außen hin Luft zu machen. Deshalb findet von Zeit -zu Zeit ein so heftiger Ausbruch statt, daß lodernde Feuerflammen -hoch zum Himmel schlagen und glühendes Gestein und Lava hervorbricht -und bergabwärts stürzt in rasendem Lauf. Dabei fällt -ein glühender Aschenregen gleich einem wirklichen Regen im ganzen -Umkreis nieder und wo er hinfällt, da verwüstet und zerstört er, -was zu zerstören ist. Auf diese Weise wurden vor vielen tausend -Jahren zwei blühende, herrliche Städte vollständig vom Erdboden -vertilgt. Der Aschenregen fiel auf sie und bedeckte sie so vollständig, -daß es keine Rettung mehr gab, alles Lebende wurde -zerstört und ein großer Teil durch die glühende Lava verbrannt. -Die beiden unglücklichen Städte hieß Pompeji und Herkulanum -und jetzt, nach Jahrtausenden, hat man die erkaltete Lava und -Asche weggegraben und die Städte wieder aufgedeckt.</p> - -<p>Nicht wahr, das ist interessant? Ich habe Vieles davon sehen -dürfen und zum Vesuv bin ich mit meinem Vater auf einem Maulesel -geritten und habe in den feurigen Krater voll Grauen hinabgeschaut.</p> - -<p>Jetzt wohnen wir in Venedig; das ist auch eine ganz merkwürdige -Stadt. Sie besteht aus lauter großen, alten Palästen, -welche wundervoll von Stein aufgeführt sind. Aber die Paläste -sind nicht wie in andern Städten durch Straßen miteinander -verbunden, sondern sie stehen mitten im Wasser und wenn man -über die Straße will, so sind große schwarze Gondeln da, in -denen man fahren muß. Das ist dann so still und feierlich, daß -es Einem ganz eigen zu Mut wird auf dem dunkelblauen Wasser -zwischen den hohen Steinpalästen. Ein einziger Platz ist in der -Stadt, der heißt der Markusplatz, wo die große Markuskirche -steht, und dort gehe ich mit Peppino am liebsten hin. Denn eine -unzählige Schar weißer Tauben wird dort täglich gefüttert und -sie sind so zutraulich, daß sie zu jedem Menschen heranfliegen -und ihm die Körner aus der Hand picken. Ist das nicht reizend?</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[98]</span></p> - -<p>Jetzt habe ich dir aber so viel vorgeschwätzt, liebes Aennchen, -daß du einen halben Tag daran zu lesen haben wirst; ich habe -auch eine Woche daran geschrieben; jeden Tag eine Stunde und -mein Fräulein hat mir die orthographischen Fehler korrigiert, -sonst würde wohl manches Fehlerhafte darinnen sein. Ich sende -dir hier als Gruß aus Italien einige Früchte und Blumen, -damit du dir doch einen Begriff machen kannst, und auf dem -Grund des Körbchens wirst du in einem Karton eine Photographie -finden, welche mich und meinen Bruder Peppino darstellt. -Ich habe diesem auch viel von dir erzählt und er läßt dich recht -herzlich grüßen. Vater hat versprochen, uns im nächsten Jahr -wieder einmal nach Deutschland zu führen, dann können wir uns -wiedersehen. Vielleicht schreibst du mir auch einmal. Adieu, -liebes Aennchen; ich umarme und küsse dich von Herzen als deine -treue Freundin</p> - -<p class="mright"> -<em class="gesperrt">Alma von Stolzau</em>. -</p> -</div> - -<p>Aennchen hatte voll Interesse und Staunen Almas Brief zu -Ende gelesen und begann nun eifrig nach der besprochenen Photographie -zu suchen. Richtig, da lag sie auf dem Boden des -Körbchens und als Aennchen sie erblickte, stieß sie einen Schrei -des Entzückens aus. Ja, das war ihre Alma, aber noch viel, -viel schöner als damals; wohl waren es dieselben großen Augen, -dasselbe zarte, wunderhübsche Gesichtchen, und die goldenen -Haare fielen wie ein lange Schleier über die Schultern; aber -sie zeigte einen so lieblichen, sinnigen Ausdruck, wie sie ihn früher -nicht besessen, und ein stiller sanfter Zug spielte um den kindlichen -Mund. An ihrer Seite lehnte ein braungelockter Knabe -mit offenen, schönen Zügen, er sah das Schwesterchen so freundlich -zärtlich an, daß das Bild einen wahrhaft rührenden Anblick bot -und Aennchen voll Stolz und Glück sich nicht satt daran zu sehen -vermochte und eiligst zu Martha hinüberlief, dieser ihren Schatz -zu zeigen.</p> - -<p>Aennchen zögerte auch nicht lange, den Brief ihrer Freundin -zu beantworten, wenn sie auch freilich weniger Interessantes zu -berichten hatte, und so entstand gar bald ein Briefwechsel, welcher<span class="pagenum" id="Seite_99">[99]</span> -nicht nur sehr anregend und amüsant für die jungen Mädchen -war, sondern wirklich auch sehr bildend und lehrreich, sowohl -was Stil und Orthographie anbelangt, als auch weil er die -Schreiberinnen veranlaßte, sich von ihren Gedanken genaue -Rechenschaft zu geben, dieselben klar und anschaulich zu Papier -zu bringen und überhaupt genau zu beobachten, was um sie -her vorging und was das Leben ihnen Liebes und Trauriges -brachte.</p> - -<figure class="figcenter illowp20" id="illu-107"> - <img class="w100" src="images/illu-107.jpg" alt=""> -</figure> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_100">[100]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="chap_11"><span class="smaller">Elftes Kapitel.</span><br> -Tagebuchblätter.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-a.jpg" alt=""></div> -<p class="drop">Auf des Herrn Lehrers Rat hatten die Mädchen sogar -neuerdings angefangen, kleine Tagebücher zu führen, -seitdem es ihnen ein Leichtes war, die Feder zu führen -und sich von ihren Erlebnissen Rechenschaft zu geben. Bald -war es Aennchens und Marthas liebstes Vergnügen, alles, was -sich in ihrem Leben Bemerkenswertes zutrug, in ihren Tagebüchern -festzuhalten, und wir wollen unseren Leserinnen hier -einen kleinen Einblick in einige dieser Blätter gestatten.</p> - -<h3>Aus Aennchens Tagebuch.</h3> - -<p>Wir haben gestern einen sehr schönen Sonntag erlebt, an -welchen ich die Erinnerung für mein Leben festhalten möchte.</p> - -<p>Es war der Hochzeitstag meiner lieben Eltern, welchen wir -jedes Jahr in festlicher Weise zu begehen pflegen. Dieses Jahr -überraschte uns am Morgen, als wir alle aufgestanden waren, -mein Vater mit der Nachricht, er hätte heute eine Partie mit -uns vor, wohin, das sage er nicht, auch Mama dürfe es noch -nicht wissen! Natürlich jubelten wir laut vor Freude und erschöpften -uns in Vermutungen, wohin der Weg uns wohl führen -möge? Mein Bruder Fritz riet wohl zwanzig verschiedene Orte, -die kleinen Brüder riefen eifrig: »Zur Milchfrau, zur Milchfrau!« -(denn das wünschen sie sich schon lange, weil sie uns eingeladen -hat) und ich selbst wußte gar nicht, was ich denken sollte, -auch Mama nicht. Nun, wir machten uns aber natürlich alle -sehr rasch bereit; Papa befahl, eine Menge Dinge mitzunehmen,<span class="pagenum" id="Seite_101">[101]</span> -die uns in Erstaunen setzten. Die Kinderwagen, in welchem -Hermännchen und Willy durchaus sich nicht mehr fahren lassen -wollen, wurde mit allerlei Eßwaren, einem kalten Braten und -zwei Flaschen Wein und Limonade und einem frischgebackenen -Kaffeekuchen und Obst, ferner mit Tellern und Gläsern und Bestecken -vollgepropft! Er war schließlich so schwer, daß ihn unsere -Lisette nicht allein mehr ziehen konnte, sondern Bruder Fritz -mithelfen mußte. Dieser hatte sich selbst auch tüchtig beladen, -obwohl er nicht wußte, wohin der Weg ging. Seine Botanisierbüchse -trug er über der Schulter, darin ein Gartenmesser und -eine Menge anderer Sachen lagen; dann hatte er seine neue -Armbrust bei sich und seine Büchse. Die kleinen Brüder nahmen -ihre Schmetterlingsnetze mit und ein Reifspiel, Hermännchen, der -ein Gärtner werden will, seine kleine Schaufel. Ich selbst nahm -meine Puppe Lilly auf den Arm, welcher ich zum Glück gerade -vor einigen Tagen ein neues Sommerkleid gefertigt hatte, so daß -sie sehr niedlich in dem rosa Röckchen und dem gelben Strohhut -aussah.</p> - -<p>So brachen wir auf. Die Eltern gingen voran; Papa -führte Mama am Arm, welche beinahe nicht weniger neugierig -war als ihre Kinder und immer lächelnd fragte: »Wohin werden -wir wohl heute noch kommen?« Es war ein ganz wundervoller -Maimorgen; die liebe Sonne schien schon am frühen Morgen -so warm, die Bäume und Hecken standen schon im frischen -Grün und auf den Wiesen guckten unzählige Frühlingsblümchen -neugierig zu uns auf, die wir am liebsten alle gleich -gesammelt hätten, wenn Papa nicht davon abgeraten und gemeint -hätte, wir sollten unsere Kräfte noch für den ganzen langen Tag -aufsparen.</p> - -<p>Unser Weg führte erst an der Stadtmauer entlang, dann -durch den schönen Stadtwald über Felder und Wiesen, bis wir -ein kleines, freundliches Dörfchen vor uns liegen sahen. Es war -uns wohl bekannt und wir jubelten vor Freude; Mama war -schon einmal mit uns daheraus gekommen und hatte dann gegen -Papa geäußert: sie wisse sich eigentlich kein lieberes und hübscheres<span class="pagenum" id="Seite_102">[102]</span> -Fleckchen Erde als dieses. Denn das Dörfchen liegt in einem -kleinen Thal, das ganz von romantischen bewaldeten Bergen eingeschlossen -ist, ein silbernes Flüßchen schlängelt sich dazwischen -hin. So schritten wir denn voll froher Erwartung dem Dörflein -entgegen und Mama sagte fröhlich zu Papa: »Das hast du -hübsch angefangen, lieber Mann, daß du uns gerade hierher -geführt hast.« Papa aber lächelte und meinte: »Geduld, Geduld, -es kommt schon noch schöner.«</p> - -<p>Wir bogen in die Dorfgasse ein, wo die Leute gerade sonntäglich -geputzt aus der Kirche kamen und uns alle gar freundlich -grüßten. Lisette freute sich so darüber, daß sie ihren alten Kopf -vor lauter Nicken gar nicht zur Ruhe bringen konnte. Schon -hatten wir das ganze Dörflein passiert und Papa war auch an -dem Wirtshaus vorübergegangen, zu dem wir sehnsüchtig hineinschauten, -denn es hätte uns gar zu wohl gefallen, in dem kühlen -Wirtsgarten verweilen zu dürfen, und etwas enttäuscht folgten -wir dem nun immer rascher voranschreitenden Vater, der nun -sogar in den Waldweg, welcher zur Anhöhe führt, einbog. Schon -verzogen Hermännchen und Willy kläglich die Gesichter und -jammerten, sie wären müde, da stand Papa auf einmal still und -deutete mit dem Finger aufwärts. Wir riefen alle miteinander -»Ah!« und Mama sprach überrascht: »Welch’ entzückendes, kleines -Häuschen steht denn da oben?«</p> - -<p>Es war auch wirklich ein entzückendes Häuschen, das ganz -so erbaut war wie das Schweizerhäuschen, welches wir zu Haus -auf der Etagere stehen haben. Es mußte ganz nagelneu sein: -die Wände glänzten von dem hellen Holz und waren mit vielen -Geweihen geziert. Zwei große Veranden liefen rings um das -Häuschen herum, an den Fenstern waren hellgrüne Läden, das -schwarze Dach sprang weit vor und auf der Spitze des Daches -wehte eine Fahne lustig im Wind.</p> - -<p>»Wem gehört denn das köstliche, kleine Anwesen?« frug Mamachen -ganz entzückt, als sie an Papas Arm rasch darauf zuschritt.</p> - -<p>»Du wirst schon sehen!« erwiderte Papa geheimnisvoll. -»Wir sind ja bald oben.« Und wirklich standen wir nun alle<span class="pagenum" id="Seite_103">[103]</span> -vor dem Häuschen, dessen Thüre gastlich geöffnet war, aber -niemand zeigte sich, uns zu begrüßen.</p> - -<p>»Springt nun hinein, Kinder, und sucht die Hausfrau! Ihr -dürft es ohne Scheu!« gebot Papa, und schüchtern folgten wir -dem Befehl. Anfangs getrauten wir uns kaum, in den nagelneuen -Stuben aufzutreten, da die Dielen so schneeweiß waren. -Ein Zimmerchen war freundlicher und niedlicher als das andere, -Tische und Stühle, alles war nagelneu, die Wände reizend verziert, -die Sonne lachte durch bunte Scheiben herein, es war wie -in einem verzauberten Häuschen. Denn nirgends war jemand -zu erblicken, das ganze Haus war leer und mir klopfte beinahe -das Herz, während die kleinen Brüder fröhlich vor mir hertrabten -und erst zaghaft, dann immer lauter und herzhafter -riefen: »Hausfrau, wo ist denn die Hausfrau?«</p> - -<p>Endlich waren wir oben am Speicher angelangt und mußten -wieder umkehren; wir liefen zu den Eltern zurück, die uns Hand -in Hand vor der Thür erwarteten, und riefen:</p> - -<p>»Wir haben niemand finden können, die Hausfrau ist -nicht da!«</p> - -<p>»Hier ist die Hausfrau!« sprach Papa lächelnd, indem er -den Arm um unser Mütterlein legte, »ich habe eurer Mama -heute zum Hochzeitstag dies Häuschen als Gabe beschert und -ihr dürft auch als kleine Herren darin mit uns schalten und -walten. Jeden Sonntag in der schönen Jahreszeit und jede -Ferienzeit werden wir nun in dem neuen Landhäuschen zubringen, -das euch hoffentlich allen gut gefällt.«</p> - -<p>Ach, wie sollte es uns nicht gefallen? Es war alles geradezu -himmlisch schön. Vergessen war alle Müdigkeit in einem Nu, -wir wußten uns vor Freude kaum zu fassen und wurden nicht -müde, jeden Winkel des Hauses zu durchstöbern und alles zu -bewundern. Als wir in die niedliche, nagelneue Küche traten, -stand schon unsere Lisette voll Stolz darin; sie hatte auf dem -blitzenden Herd das erste Feuerchen angemacht und faltete nun -betend die Hände, daß es Segen bringen möge, indem ihr die -Thränen über die runzligen Backen herunterliefen. Dann packte<span class="pagenum" id="Seite_104">[104]</span> -sie aus dem Korb die Eßwaren und das Geschirr und begann -im Eßzimmer den Tisch für das Mahl herzurichten.</p> - -<p>Wir aber sprangen ins Freie, in den Garten hinaus. -Da wartete unser neue Ueberraschung. Ein großer, viereckiger, -noch unbepflanzter Platz war in vier gleiche Teile geteilt, an -jedem stand ein Stecken in die Höhe, welcher eine Tafel mit -Namen trug Fritz, Aennchen, Hermann und Willy! Papa hatte -jedem von uns ein eigenes Gärtchen zum Bebauen zuteilen lassen; -der gute, liebe Vater! In einem Stallschuppen standen eine -Menge Gartengerätschaften für uns Kinder, nebenan aus dem -Stalle hörten wir meckern.</p> - -<p>»Eine Ziege, eine lebendige Ziege!« riefen die kleinen Brüder, -welche zu Hause einen ausgestopften Ziegenbock haben, aber -sonst noch keinen sahen. Sie sprangen auf ihn zu und wollten -ihn bei den Hörnern fassen, Ziegenböckchen aber ließ nicht mit -sich spaßen, und ehe Hermännchen sich’s versah, lag es umgeworfen -in der weichen Streu auf dem Boden.</p> - -<p>»Mein Sonntagskleidchen! Der böse, böse Bock!« jammerte -der kleine Mann, welcher heute Morgen voll Stolz sich das -weiße Kleidchen hatte anziehen lassen. Währenddem hatte aber -Fritz eine neue Entdeckung gemacht – einen zweiten Stall, in -welchem eine glänzende, braune Kuh sich befand, daneben ein -Milchkämmerchen. Darin war ein langer Holztisch, auf welchem -eine Anzahl von Schüsseln, alle mit köstlicher Milch gefüllt, -standen, ferner ein Butterfaß und ein Wasserbottich, in dem -schwamm ein Ballen wundervoll goldgelber Butter herum. Ein -junges Bauernmädchen in rotem Rock, schwarzem Mieder und -weißer Schürze trat herein und erklärte knixend, sie sei als Stallmagd -hier gedungen, und ob wir die Butter verkosten wollten, -die sie heute morgen ausgebuttert habe.</p> - -<p>»Wie, die kannst du doch unmöglich selbst gemacht haben?« -frug ich erstaunt, und Hermännchen rief altklug: »Die Butter -wächst ja!« Wir mußten tüchtig lachen, er aber stampfte mit -dem Fuße und rief weinerlich: »Freilich, die Butter wächst und -die Eier – der Fritz hat’s gesagt.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_105">[105]</span></p> - -<p>»Fritz hat dir etwas weisgemacht,« belehre ich ihn; dieser -wurde ganz verlegen, das Bauernmädchen aber, welches Bärbele -hieß, zeigte uns, wie die Butter aus der Milch hergestellt wird -und wie lang die Milch im Butterfaß gedreht werden muß, bis -sie endlich zu schöner, goldklarer Butter geworden ist. Das war -wirklich höchst erstaunlich – wir konnten uns nicht genug verwundern.</p> - -<p>»Wollt ihr auch sehen, wo die Eier zu finden sind?« frug -Bärbele und führte uns in einen schönen, geräumigen Hühnerstall, -der in einen umgitterten Hof hinausführte. Was war hier -für ein Gegluck und Gegacker! weiße Hennen, schwarze Hennen, -bunte Hennen, große Hähne, kleine Hähne, niedliche Puttchen, -Perlhühner und, o Wunder, sogar ein großer, prächtiger Pfau -spazierten in dem Hofe hin und her, flatterten auf und duckten -sich nieder, es war ein Lärm, daß man sein eigenes Wort nicht -verstand. Bärbele gab uns einen Korb mit Körnern, die durften -wir austeilen; da flogen sie uns auf die Arme und Hände, sogar -auf die Schultern und Köpfe, und wir jauchzten vor Vergnügen. -Nur Willy hatte anfangs beinahe Angst und meinte: -»sie wollen mich fressen!«</p> - -<p>Nun ließ uns Bärbele Eier in den Verstecken suchen. War -das ein Vergnügen, als wir eine Menge zusammenfanden! sogar -Hermännchen entdeckte zwei Eier; als er sie uns aber voll Eifer -bringen wollte, stolperte er und brach sie entzwei, so daß seine -Händchen ganz gelb und klebrig wurden, und als er sich -weinend damit ins Gesicht fuhr, da wurde auch dieses voll gelber -Flecken.</p> - -<p>Es war nun auch Zeit, nach oben zu kommen. Lisette rief -zu Tisch. Und nun hielten wir das fröhlichste Mahl, noch nie -in unserem Leben hatte es uns so gut gemundet! Papa und -Mama sahen ganz glückselig aus und waren so gütig und liebreich -mit uns Kindern, daß wir ganz stolz waren. Zuletzt bekam -jedes in einem Gläschen sogar etwas Wein, Lisette wurde -hereingerufen und erhielt auch ein Glas in die Hand und Papa -sagte, sie dürfe die erste Rede halten, dann müsse jedes der<span class="pagenum" id="Seite_106">[106]</span> -Kinder jemand leben lassen. Lisette wischte sich erst mit der -Schürze über den Mund und sah ganz kirschrot vor Verlegenheit -aus, dann räusperte sie sich und sagte:</p> - -<p>»Oh, die Ehr’, die Ehr’, mir wirbelt der alte Kopf! Gnädiger -Herr, gnädige Frau, ich weiß wohl, was ich sagen möcht’, -aber ich bin ein armer Dienstbot’ und kann’s nicht ausdrücken. -An die Kinderlein muß ich halt denken, wie die in dem schönen -Hause aufblühen werden, und ich wünsch’, es soll halt jedes von -ihnen so gut und so brav und so lieb und treu werden wie ihr -Papa und ihre Mama.«</p> - -<p>»Brav gemacht, gute Alte!« rief Papa und reichte Lisette -die Hand, und auch Mama schien ganz gerührt.</p> - -<p>Nun mußte Fritz sprechen – er stand rasch vom Stuhl -auf, stieß an das Glas und rief:</p> - -<p>»Meine Herren und Damen! (So hatte er es schon gehört -und war stolz darauf.) Wir sind so fröhlich hier beisammen, -daß niemand weiß, wer von uns der Fröhlichste ist. Aber ich -weiß, wer heute der Allerbeste ist, und das ist der liebe, gute, -goldige Papa, der uns ein so wundervolles Vergnügen gemacht -hat, und darum wollen wir ihn alle mit unserem köstlichen Wein -hochleben lassen und rufen: Hoch, hoch, hoch!«</p> - -<p>Wie wir alle durcheinander schrieen – es war eine Lust! -Nun aber sollte ich sprechen und das machte mich so verlegen, -daß meine Stimme ganz zitterte, als ich stotternd begann:</p> - -<p>»Es ist heute – nein, so wollte ich ja nicht sagen – -liebe Mama, lieber Papa, ich gratuliere, ach, das gehört ja zu -einem Geburtstag, lieber Papa, liebe Mama, wir sind hier versammelt –« -ich wußte gar nicht mehr weiter, d’rum schwenkte -ich rasch mein Glas und rief: »Die liebe, süße, goldige Mama -lebe hoch!«</p> - -<p>Dann aber setzte ich mich recht beschämt nieder; ich hatte -meine Sache sehr schlecht gemacht, da konnten’s ja die kleinen -Brüder noch besser, denn Willy rief ganz keck:</p> - -<p>»Hoch! das Häuschen hoch!« und Hermännchen schrie dazwischen:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_107">[107]</span></p> - -<p>»Das Bärbele hoch und die Hühner und die Kuh, nur der -Ziegenbock nicht; der hat mich in meinem Sonntagskleidchen umgeworfen!«</p> - -<p>Nun wurden wir aber den Eltern allzu übermütig, deshalb -brachen sie rasch ab und wir wurden alle hinauf in die Schlafzimmer -gebracht; wir behaupteten zwar, nicht müde zu sein, -aber kaum lagen wir auf den weichen Betten, so sanken wir alle -in tiefen Schlaf. Leider verschliefen wir eine lange Zeit des -schönen Nachmittags, dann aber konnten wir doppelt erfrischt in -den Garten springen und uns dem Vergnügen hingeben, bis -am Abend zu unserem großen Bedauern der Heimweg wieder -angetreten werden mußte.</p> - -<p>Diesmal verschmähten Hermännchen und Willy den Kinderwagen -nicht, sie hatten sich so müde gelaufen, daß sie wie die -Säcke hineinfielen und darin schliefen bis zur Heimkehr; ich kam -auch sehr müde zu Hause an und hatte nur noch Zeit zu beten:</p> - -<p>»Lieber Gott, ich danke dir tausendmal für den schönen, -schönen Tag.« – Da fielen mir auch schon die Augen zu. – –</p> - -<figure class="figcenter illowp30" id="illu-115"> - <img class="w100" src="images/illu-115.jpg" alt=""> -</figure> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[108]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="chap_12"><span class="smaller">Zwölftes Kapitel.</span><br> -Aus Marthas Tagebuch.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.jpg" alt=""></div> -<p class="drop-i">Ich habe gewöhnlich nicht viel des Interessanten zu -erleben, am verflossenen Sonntag aber fiel doch -etwas vor, was mir noch lange im Gedächtnis -bleiben wird.</p> - -<p>Ich erhob mich, wie ich es immer an Sonntagen zu thun -pflege, eher als an den anderen Tagen von meinem Lager. Am -Sonntag habe ich immer gern, wenn mein Mütterchen, welches -sich die ganze Woche über gar so viel plagen muß, länger als -sonst der Ruhe pflegt, und da ich mich nicht für die Schule zu -richten habe, so bleibt mir an diesen Tagen immer gut Zeit, -die Hausarbeit an ihrer statt zu übernehmen. So hatte ich -denn auch heute bereits mein Bett gemacht, die Stube gekehrt, -Feuer im Ofen geschürt und den Kaffeetisch gerichtet, als meine -liebe Mutter aufstand und sich freute, alles schon besorgt zu -sehen. Meine kranke Schwester Klara hatte gottlob auch eine -bessere Nacht gehabt und freute sich jetzt der Sonnenstrahlen, -welche durch das Fenster gerade schräg auf ihr weißes Bett -hereinzitterten. Sie sprach so hoffnungsvoll:</p> - -<p>»O Mutter, ich glaube, der Frühling läßt mich ganz besonders -grüßen!« daß es uns allen ganz warm mit ihr zugleich -ums Herz ward. Mutter setzte sich dann zu ihr, um mit ihr -aus dem Gebetbuch zu lesen, während ich mich nach dem Gang -zur Kirche vorbereitete. Wir wechseln jeden Sonntag regelmäßig -ab und heute war an mir die Reihe.</p> - -<p>Als ich dann in der Kirche saß, war mir ganz besonders -festtäglich zu Mute, denn das Sonnenlicht vergoldete den Altar<span class="pagenum" id="Seite_109">[109]</span> -und die Bilder so wunderbar, daß alles wie in einer Glorie erschien. -Und der Herr Pfarrer sprach heute so besonders schöne, -herzbewegende Worte über den Text: »Kommet her zu mir alle, -die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.«</p> - -<p>Ach, das war so gerade wie für mich gesprochen, und ich -prägte mir alle die herrlichen Worte tief ins Herz, um sie zu -Hause meinem Mütterchen wieder erzählen zu können. Wie oft -hatte ich schon im stillen geseufzt und war mir recht unglücklich -vorgekommen im Gegensatz zu anderen glücklicheren Mädchen, -welche nicht, wie ich, mit einem Gebrechen behaftet sind, denen -nicht zu Hause Sorge, Krankheit und Not beständig vor Augen -stehen wie mir. Der Herr Pfarrer aber zeigte darauf hin, wie -unrecht es sei, über solches Kreuz zu murren und zu seufzen, -denn »wen Gott lieb hat, den züchtigt er. Er hat für jedes -Leid den rechten Trost bereit, und eines Tages wird er denen, -welche die Last ihrer Sorgen hier auf Erden ohne Murren ertragen -haben, die Krone des ewigen Lebens geben.«</p> - -<p>Ich war so tief in diese Gedanken versunken, daß ich gar -nicht vernahm, wie der Pfarrer seine Predigt schloß; als er dann -vorm Altare stand und den Segen sprach, da flatterte plötzlich -ein weißer Schmetterling zum Kirchenfenster herein und um das -Christusbild am Altar. Der erste weiße Schmetterling! es sah -aus, als wolle auch er an dem Gottesdienst teilnehmen.</p> - -<p>Gehobenen Herzens schritt ich nach Hause, machte aber noch -einen kleinen Umweg an einer Wiese vorbei, auf welcher ich -neulich Veilchen aufkeimen sah. Heute mußten sie aufgeblüht -sein, dann wollte ich meiner kranken Schwester einige zum Gruß -ans Bett bringen. Und wirklich eine ganze Schar der lieben -blauen Blümchen lachte mir entgegen, so daß ich sie nur zu -pflücken brauchte, dann eilte ich rasch, um die versäumte Zeit -einzuholen, nach Hause.</p> - -<p>Als ich unsere Treppe hinaufstieg, hörte ich voll Erstaunen -mehrere laute Stimmen aus dem Zimmer schallen und beinahe -erschreckt öffnete ich die Thür. Da saß neben Mütterchen ein -fremder, dunkelgebräunter Herr auf dem Sopha und an dem<span class="pagenum" id="Seite_110">[110]</span> -Tisch stand ein fremdartig gekleidetes kleines Mädchen mit braunem -Lockenkopf und gelblichen Wangen. Ich war vor Erstaunen ganz -stumm und hielt noch immer die Thürklinke in der Hand; da -rief Mutter:</p> - -<p>»Komm nur näher, Martha, und begrüße deinen Onkel aus -Amerika, welchen ich zu meiner großen, großen Freude heute -wiedersehen durfte. Seit seinen Kinderjahren war er verschollen -und wir glaubten ihn nicht mehr am Leben. Doch der liebe -Gott hat ihn zu uns zurückgeführt.«</p> - -<p>»Also dies ist deine Jüngste?« fragte der fremde Onkel, -mir die Hand entgegenstreckend; er blickte sehr erstaunt meine -kleine Gestalt an und auch das fremde Mädchen maß mich mit -überraschten Blicken, so daß ich mich am liebsten in den Boden -verkrochen hätte. Aber Mutter machte mich auch mit dem -Mädchen als meiner Cousine bekannt und ich hätte gern mit ihr -gesprochen; doch sie verstand unsere deutsche Sprache nicht und -schüttelte immer nur mit dem Kopf. Mutter gab mir einen -Wink, draußen nach der Küche zu sehen; zum Glück war unsere -Aufwärterin noch da und hantierte am Herde; sie stand mir mit -Rat und That bei, unser Mittagsmahl zu vergrößern, das für -uns aus einem Kalbsbraten bestanden hätte, und während ich -den Tisch aufdeckte, holte sie noch einiges Nötige herbei.</p> - -<p>So war denn nach meiner Meinung alles ganz hübsch und -festlich gerichtet, als wir uns zu Tisch setzten; meinem Onkel -mochte es freilich recht bescheiden erscheinen; er fragte uns, ob -wir immer so spät »frühstückten,« und als Mutter ganz erstaunt -sagte, dies sei unser Mittagessen, da teilte er es seinem Töchterchen -auf englisch mit und dieses lachte laut auf. Das gefiel mir -nicht, auch daß die fremde Cousine ihr Mißfallen an unseren -einfachen Speisen gar so auffallend kundgab und den Teller so -rasch zurückschob, als es ihr nicht schmeckte, was uns doch als -Leckermahl erschien. Aber es war unrecht von mir, so vorschnell -zu urteilen, und als meine Mutter mir später erklärte, das arme -Mädchen habe eben ganz ohne Mutter aufwachsen müssen, die -ihr alles gesagt hätte, was recht und unrecht sei, da that sie mir<span class="pagenum" id="Seite_111">[111]</span> -unendlich leid. Ich bemühte mich sehr, das fremde keine Mädchen -zutraulich zu machen; endlich gelang es mir und es schmiegte sich -an mich und sprach einige wenige deutsche Worte, die es gelernt -hatte: »Vater, Mutter, Vaterland, Deutschland.«</p> - -<p>»Als ich in der fernen Welt zuweilen Heimweh nach zu -Hause hatte, da habe ich meiner Kleinen die Worte gelehrt,« -sprach mein Onkel. »Jetzt bin ich hier in der alten Heimat, -aber sie erscheint mir nach der langen Abwesenheit beinahe wie -die Fremde und es zieht mich nach den fernen Ländern zurück.« -Dann erzählte er von seinen Erlebnissen drüben in Südamerika, -wie alles, alles so ganz anders sei als hier. Er sei Besitzer -einer großen Ansiedelung, die er ganz aus eigenen Kräften geschaffen -habe; von Jahr zu Jahr vergrößere sich dieselbe, die -Reis- und Zuckerfelder bekämen immer größere Ausdehnung und -er sei bereits dadurch ein reicher Mann geworden.</p> - -<p>»Hast du auch schon Indianer gesehen, Onkel!« frug ich -ganz atemlos.</p> - -<p>»Zu Hunderten,« war seine Antwort. »Ich bin schon oft -genug mit den Wilden im Kampfe gewesen, ja, ich war sogar -schon einmal von ihnen gefangen und zum Tode verurteilt, da -gelang es mir noch, zu entwischen. Seht her, hier ist noch die -Narbe von der Wunde, die mir eine erbitterte Rothaut schlug.«</p> - -<p>Damit schob Onkel das Haar über der Stirn etwas beiseite -und zeigte uns eine entsetzliche dunkelrote Narbe, welche sich um -den halben Kopf zog. Mutter schauderte und rief ängstlich:</p> - -<p>»Und doch willst du wieder in dies unheimliche Land zurück, -in Kampf und Gefahr, anstatt deine letzten Lebensjahre in Ruhe -in der alten Heimat zu verleben?«</p> - -<p>»Ich muß, ich muß!« drängte der Onkel, »es läßt mir keine -Ruhe hier. Aber weißt du,« wandte er sich plötzlich an Mutter, -indem er mich aufmerksam ansah, »gieb mir deine jüngste Tochter -hier als Gefährtin für meine Ellen mit. Ich verspreche dir, -sie so gut zu halten, als wäre sie mein eigenes Kind; sie scheint -schwächlich und zart, du bist nicht in der Lage, ihr ein sorgenfreies -Leben zu schaffen – ich werde sie mit allem umgeben,<span class="pagenum" id="Seite_112">[112]</span> -was Reichtum zu bieten vermag, und selbst ihre Zukunft sicher -stellen, indem ich sie im Verein mit meiner Tochter zur Erbin -einsetze. Meine Ellen bedarf einer Gefährtin, am liebsten hätte -ich ein deutsches Kind aus der Heimat für sie, also gib mir -deine Martha.«</p> - -<p>Onkel war schließlich ganz lebhaft geworden in seiner Rede; -ich aber saß da, wie versteinert vor Schreck, und das Herz stand -mir beinahe still. Was würde Mutter antworten? Würde sie -ihr Kind von sich geben? O nein, Mütterchen sprach tieferblaßt -und mit zitternder Stimme:</p> - -<p>»Von meiner Martha werde ich mich nie trennen und -wenn ich das letzte Stückchen Brot mit ihr teilen müßte. Nicht -wahr, mein Kind, du ziehst auch unser bischen Armut dem -Reichtum in der Ferne vor?« Da stürzte ich mich weinend an -ihre Brust. Onkel war sehr kühl geworden; er sah auf die Uhr -und meinte:</p> - -<p>»Ich kann euch nicht helfen, wenn ihr euer Glück so von -euch stoßt. Ich dachte, dir eine Wohlthat zu thun, indem ich -die Last einer Tochter von dir nehmen wollte, nachdem dir schon -die Kranke so viel Sorgen bereitet – nun lasse ich euch noch -einen halben Tag Bedenkzeit, bevor ich abreise.«</p> - -<p>»Es bedarf keiner Bedenkzeit, Onkel; ich verlasse mein -Mütterchen nicht,« rief ich rasch; ich wußte nicht, woher ich den -Mut dazu nahm. »Ich will mich lieber bemühen Tag und Nacht -und arbeiten, so viel ich kann, um ihr keine Last zu sein, als -daß ich mich von ihr zu trennen vermöchte.«</p> - -<p>»Gut, dann habe ich nichts mehr zu sagen,« unterbrach -mich mein Onkel kühl; er wandte sich zu seinem Töchterchen und -sprach einige englische Worte zu ihr, da griff sie nach ihrem -Hut und Mäntelchen. Meine Mutter hatte ganz rote Flecken -vor Aufregung auf ihren Wangen, angstvoll suchte sie meinen -Onkel zu begütigen, bis dieser sie zuletzt doch noch ganz freundlich -an sich zog und ihr zum Abschied herzlich die Hand drückte; -auch mir reichte er freundlich die Hand und sprach:</p> - -<figure class="figcenter illowp60" id="illu-121"> - <img class="w100" src="images/illu-121.jpg" alt=""> -</figure> - -<p>»Wenn ihr einmal meiner bedürfen solltet, so denkt an mich.<span class="pagenum" id="Seite_113">[113]</span> -Lebt wohl, ich habe Eile!« Damit ging er mit Ellen an der -Hand, welche mir noch herzlich zuwinkte, davon und wir sahen -den beiden so lange nach, bis sie um die Ecke verschwunden -waren. Das ganze Erlebnis war wirklich wie ein Traum gewesen -und laut fragte ich mich selbst wiederholt: »Hat man mich -wirklich meinem Mütterlein entreißen wollen?«</p> - -<p>»Nicht wahr, du bleibst doch lieber bei deiner alten Mutter -und deiner armen kranken Schwester?« frug Mütterchen, indem -sie mich an sich zog, dann eilten wir hinüber nach dem -Lager meines armen Schwesterchens und kamen uns vor, als -seien wir drei uns wiedergeschenkt. Und als am Abend das -Lampenlicht so traulich auf unserem kleinen Tischlein brannte -und wir so eng zusammensaßen, da fühlten wir so recht erst, -wie wir zusammengehörten, und beteten zum lieben Gott, er -möge uns dies Glück auch ferner erhalten, dann wollen wir ja -für alles, was er uns oft Schweres auferlegt, gern dankbar sein.</p> - -<figure class="figcenter illowp30" id="illu-123"> - <img class="w100" src="images/illu-123.jpg" alt=""> -</figure> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_114">[114]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="chap_13"><span class="smaller">Dreizehntes Kapitel.</span><br> -Marthas Hausgarten. Der arme Hansi.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-k.jpg" alt=""></div> -<p class="drop">Klein Aennchens Vater ließ an seinem Hause verschiedene -bauliche Aenderungen vornehmen, auch das Hinterhaus -sollte eine Aufbesserung erhalten, denn Aennchens Vater -hatte einen Plan, welcher Frau Pfarrer Traugott zu Nutzen -dienen sollte. Er hatte sich ausgedacht, daß von deren Wohnung -eine Thüre heraus auf das flache Dach des nebenstehenden Anbaues -gebrochen werden könne, und wenn man dieses Dach dann -etwas herrichten und verschönern, zudem ringsum mit einem -Gitter versehen ließ, so konnte mit wenig Mittel ein kleiner -einfacher Garten auf demselben angelegt werden. Und von welcher -unendlichen Wohlthat mußte ein solch bescheidener Zufluchtsort -gerade für die kleine Familie Traugott werden, welche, durch die -kranke Tochter beständig ans Haus gebunden, sich nicht wie andere -häufig in der freien Natur ergehen konnte.</p> - -<p>Wie Aennchens Vater es sich ausgedacht hatte, so geschah -es – das Dach ließ sich wirklich ganz gut zu einem hübschen -Aufenthaltsort umschaffen und nach wenigen Wochen war schon -alles fix und fertig, so daß die Familie Traugott davon Besitz -nehmen konnte. Wer war glücklicher als diese?! Die bescheidenen -Menschen wähnten im Himmel zu sein und kein Palast dünkte -ihnen jetzt beneidenswerter als ihre wenigen Stübchen mit dem -daranstoßenden Dachsalon. Nun konnte doch die kranke Klara -an besseren Tagen zuweilen ins Freie getragen werden auf ihren -Stuhl, nun konnte sie doch einmal wieder den freien blauen -Himmel und die lieben Vöglein über sich sehen! Und Martha,<span class="pagenum" id="Seite_115">[115]</span> -die glückliche Martha, konnte hier ihrer heimlichen beständigen -Herzenssehnsucht genügen, welche darin bestand, selbst ein wenig -Blumen und grüne Ranken zu ziehen und mit aller Sorgfalt -über deren Gedeihen zu wachen. Von Aennchens Gärtner, der -das sanfte Kind schon lange in sein Herz geschlossen hatte, bekam -sie verschiedene Samen und kleine Schößlinge geschickt; es waren -nur die einfachsten Pflanzen, die sie in alten Kisten aufzog, -Kressen und Kapuziner, Winden und Erbsen und Geranium, -aber unter ihren sanften Händen schienen alle diese bescheidenen -Pflänzlein wie aus Dankbarkeit doppelt so hold aufzublühen -als wo anders. Bald war wirklich Marthas Garten ein kleines -Blütenmeer geworden und wer da oben über all den hohen -Häusern so viel näher dem Himmel diesen seltsamen Garten erblickte, -der mußte voll Staunen das kleine unscheinbare Geschöpfchen -bewundern, welches mit seinen schwachen Händchen dies alles -hervorgebracht hatte.</p> - -<p>Aennchen wußte sich auch nichts Lieberes von nun an, als -bei Martha in deren reizendem Gärtchen zu weilen, und wie -viele Stunden des schönsten Genusses verbrachten die beiden -jungen Mädchen da oben, wenn sie, mit den Schulaufgaben -fertig geworden, hier mit ihren Unterhaltungsbüchern und Handarbeiten -beisammen saßen. Da gab es ja schon ohnedem Unterhaltung -in Fülle; nicht allein, daß man von dem hohen Aussichtsturm -eine weite Fernsicht auf die Stadt und die Straßen -hinunter hatte, daß man mit den Augen all die vielen Menschen, -die so lebhaft durcheinander wimmelten, beobachten konnte – es -war in der Nähe noch viel Interessantes zu schauen, was sowohl -Marthas als Aennchens größtes Entzücken bildete.</p> - -<p>Hoch oben auf dem Dach des Hauses, aber gar nicht weit -entfernt von ihnen, hatte sich nämlich eine Storchenfamilie auf -dem breiten Schlot ihr Nest gebaut und die Kinder vermochten -so gut hineinzusehen, daß sie ganz deutlich beobachten konnten, -was in der Storchenfamilie täglich und stündlich vorging. Und -das war des Bemerkenswerten oft wirklich nicht wenig, vom -ersten Tag an, da dort oben vier junge Störchlein aus dem Ei<span class="pagenum" id="Seite_116">[116]</span> -gekrochen waren, bis zu jenem, als sie ihre ersten Flugversuche -anstellten. Was hatten die braven Storcheltern während der -ganzen Zeit für eine fabelhafte Arbeit gehabt, bis sie all die -hungrigen Schnäbelchen, welche so unaufhörlich nach Nahrung -schrieen, befriedigen konnten; besonders der Herr Storch gönnte -sich den ganzen Tag keine Ruhe, bald flog er mit einem Würmchen -im Schnabel, bald gar mit einem zappelnden Fröschlein -zum Nest hinauf, um den ärgsten Schreiern rasch den Schnabel -zu stopfen – das war dann ein Zanken um den besten Leckerbissen, -als wenn sich eine Schar unartiger Buben um eine Wurst -balgte, und die Frau Störchin mußte mit ihrem Schnabel oft -friedestiftend dazwischen fahren und Streiche nach allen Seiten -hin austeilen. Sie mochte wohl seufzend die Zeit herbeisehnen, -da die unartigen Kinder sich selbst ihre Nahrung draußen suchen -konnten, und heute schien wirklich der große Tag dazu gekommen, -denn Martha beobachtete schon vom frühen Morgen an ein besonderes -festliches Treiben in dem Storchneste auf dem Dache. -Und wirklich, gegen Mittag da vollzog sich das große Ereignis! -Nachdem Vater Storch unruhig, wie zur Aufforderung, oftmals -hin- und hergeflogen war, erhoben sich die Jungen kreischend -und schreiend aus dem Neste, sie setzten sich auf den Rand desselben, -schlugen lebhaft mit den Flügeln und auf einmal hatte -das kühnste sich in die Luft erhoben und wagte mit dem Vater -einen kurzen Flug, die beiden andern folgten flügelschlagend mit -der Mutter nach.</p> - -<p>Nur das vierte und kleinste blieb ängstlich im Neste kauern -und sah den Geschwistern sehnsüchtig nach, es wagte sich wohl -noch nicht heraus, obgleich die Eltern bald zurückkamen und es -durch Stöße mit dem Schnabel zu ermuntern suchten. Endlich -schien Vater Storch recht ungeduldig über das ungeschickte Nesthäkchen -zu werden, und als dasselbe gerade ängstlich auf dem -Rand des Nestes kauerte, da gab er ihm einen Stoß, der es -von demselben schleuderte. Das Nesthäkchen kreischte und flatterte -mit den Flügeln, es versuchte zu fliegen und brachte es -doch nicht zustande, es mochte doch wohl noch zu schwach dazu<span class="pagenum" id="Seite_117">[117]</span> -sein, denn auf einmal verließen es die Kräfte, es durchschoß die -Luft, überpurzelte sich und stürzte plötzlich auf das Gartendach -neben Martha nieder, welche wohl seit einer halben Stunde -unbeweglich dort gestanden und den Störchen voll Interesse -zugeschaut hatte. Nun war sie beinahe ebenso erschrocken als -das kleine Nesthäkchen, dann aber bückte sie sich rasch und -hob das zappelnde Störchlein auf, welches so betäubt von dem -Fall schien, daß es sich ohne Scheu berühren ließ. Der eine -kleine Flügel hing gebrochen herab und Martha rief rasch die -Mutter, mit deren Hilfe sie den kleinen Patienten verband. Dann -suchte sie, so rasch es ging, ein Nestchen für ihn auf dem Dache -zu bereiten aus weichen Gräsern und Stroh, darauf bettete sie -das arme Vögelchen, schob das Nest so weit als möglich auf -dem Dache vor und verbarg sich dann hinter der Thüre, um -abzuwarten, ob nicht die alten Störche nach dem verunglückten -Jungen sehen würden.</p> - -<p>Richtig dauerte es nicht sehr lange, so umkreiste von oben -her die alte Störchin mit lautem Flügelschlagen das Dach, immer -näher kam sie heran, das Kleine schlug ihr wie zum Gruß mit -dem gesunden Flügelein entgegen, da konnte sie es vor Sehnsucht -nicht mehr aushalten, schoß hernieder und stellte sich neben -dem Kranken auf. Das Junge sperrte den Schnabel auf und -schrie vor Hunger, da schoß die Alte wieder davon und kehrte -bald mit einem fetten Leckerbissen im Schnabel zurück, ihr nach -folgte der Vater, welcher auch eine Delikatesse in Bereitschaft -hielt. Und nun fütterten die beiden Eltern ihr unglückliches -Nesthäkchen so sorgsam, als ob es droben im eigenen Nest wäre, -und Martha stand mit vor Freude klopfendem Herzen neben -dem herbeigerufenen Aennchen hinter der Thür und weidete sich -an dem hübschen Schauspiel.</p> - -<p>Als mit lautem Geklapper die anderen Jungen von ihrem -Ausflug zurückkehrten, da streckten sie gar verwundert die Hälse -aus, als sie das Brüderchen statt im Nest drunten auf dem Dach -erblickten, und die Alten hatten es heute doppelt notwendig mit -den beiden Kinderstuben. Sie waren bald so zutraulich, daß sie<span class="pagenum" id="Seite_118">[118]</span> -gar keine Scheu vor Martha und Aennchen empfanden, welche -sich um das kranke Störchlein zu schaffen machten, ja es schien, -als fühlten sie sogar wirkliche Dankbarkeit gegen die Menschen, -welche sich ihres kranken Jungen angenommen hatten.</p> - -<p>Das verunglückte Störchlein erholte sich auch bald von -seinem Fall und spazierte schon nach einigen Tagen aus dem -Nestchen heraus, aber der eine Flügel, den es beim Fall gebrochen -hatte, blieb lahm herunterhängen und so war wohl niemals -Aussicht für das arme Tier vorhanden, daß es gleich -seinen Geschwistern sich in die blaue Luft erheben konnte. Aber -es schien sich dennoch ganz wohl zu fühlen in der Obhut seiner -lieben Pflegerin – es war schon so zutraulich gegen Martha -geworden, daß es ihr gleich entgegenlief, wenn sie sich nur von -ferne zeigte, und ihr wie ein Hündchen auf Tritt und Schritt -nachfolgte, wenn sie sich in ihrem Garten zu thun machte. Das -war doch wirklich gar zu niedlich.</p> - -<p>Martha und Aennchen hatten den jungen Storch Hansi getauft -und Hansi war der Liebling des ganzen Hauses, eine gar -wichtige Respektsperson geworden. Er empfing oft an einem -Tag eine Menge Besuche, denn wer von den Bekannten etwas -über den jungen Storchfindling vernahm, der wollte ihn auch -sehen und kennen, und weil Hansi gar so zutraulich und possierlich -war, gefiel er jedermann.</p> - -<p>Nur ein Junge aus der Nachbarschaft, welcher Moritz hieß -und der von seinem Dachfenster herüber zu Hansi klettern konnte, -machte Martha Sorge, denn er neckte und ängstigte den armen -Vogel oft ganz gewaltig, zog ihn an dem rotseidenen Halsband, -das jener um den Hals trug, und trieb so lang allerlei Schabernack -mit ihm, bis Martha ihm endlich ernstlich den Zutritt zu -dem Dach verbieten mußte, was den bösen Knaben in eine wahre -Wut versetzte. Aber von nun an hatte der arme Hansi doch -wenigstens wieder Ruhe.</p> - -<p>Der Sommer verging und der Herbst rückte heran. Droben -auf dem Dache beim Storchnest richteten sich die Störche zur -Reise nach den fernen warmen Ländern. Jeden Tag blieben sie<span class="pagenum" id="Seite_119">[119]</span> -länger bei ihren Ausflügen aus, denn die Jungen mußten ihre -Kräfte immer mehr erproben.</p> - -<p>Auf einer Wiese in der Nähe der Stadt hatten sie ihren -Exerzierplatz; da fanden sich viel Hunderte von Störchen aus -der ganzen Umgegend ein und mußten hier auf Kommando -einiger alten Störche in Reih und Glied marschieren. Jeden -Tag fanden sich mehr Störche ein, es war ein Geklapper und -Geschrei auf der Wiese, daß es von weitem dem Geräusch eines -großen Jahrmarktes glich; aber hier handelte es sich um durchaus -ernste Dinge, denn die Proben, welche jeder Storch von -seiner Tüchtigkeit zu geben hatte, entschieden bei ihm über Leben -und Tod.</p> - -<p>Der letzte Tag kam heran vor der großen Storchenreise, -die Vorbereitungen schienen alle getroffen und die meisten Störche -hatten die Proben ihrer Leistungsfähigkeit gut bestanden. Nur -ein paar schwächliche Geschöpfe schienen darunter, die hatten sich -die ganze Zeit bemüht, es den andern an Tüchtigkeit gleichzuthun, -aber vergeblich. Als sie jetzt zum letztenmal heute in -Reih und Glied beisammen standen, da senkten sie wie in ängstlicher -Ahnung die Köpfe, denn heute sollte sich ihr Schicksal erfüllen, -nach der grausamen Art, mit welcher diese klugen Tiere -für ihre Schwachen und Kranken zu sorgen pflegen.</p> - -<p>Das Gericht dauerte nur wenige Augenblicke, während -welcher die Störche mit lautem Geschrei über ihre Schwächlinge -herfielen, dann lagen diese tot und zuckend am Boden, die andern -Störche aber erhoben sich laut klappernd in die Luft, welche -ganz verdunkelt wurde durch den dichten Schwarm der großen -Vogelkörper. – –</p> - -<p>Welch ein Glück für unsern armen Hansi, daß er vor dem -Schicksal seiner kranken Leidensgenossen bewahrt blieb und in der -guten Fürsorge und Pflege der kleinen Martha dem kommenden -Winter ruhig entgegensehen konnte.</p> - -<p>Ach, aber es sollte ihm doch nicht beschieden sein, den kommenden -Frühling und mit ihm die Wiederkehr seiner Eltern und<span class="pagenum" id="Seite_120">[120]</span> -Geschwister mehr zu schauen – die Bosheit eines Knaben hatte -es auf sein Leben abgesehen.</p> - -<p>Längst schon hatte der böse Moritz im Nachbarhause einen -Haß auf den armen unschuldigen Vogel geworfen, den er nicht -mehr necken und quälen durfte, und sich einen ganz abscheulichen -Plan ausgedacht, durch den er Martha Schmerz bereiten konnte. -Er wußte nur zu gut, daß der kleine Hansi ein großes Leckermäulchen -war, wenn man einen Vogel so nennen kann, und -darauf baute er seinen bösen Plan.</p> - -<p>Einmal am späten Abend, als alles schon zur Ruhe gegangen -war, stieg er über das Dach hinauf und schlich sich zu -Hansis Nest hin, wo er leise einige Leckerbissen für Hansi niederlegte, -von welchen er wußte, daß sie dieser gern schnabulierte; -dann entfernte er sich ebenso leise, als er gekommen war.</p> - -<p>Am andern Morgen, als Martha, wie sie dies gewöhnlich -zu thun pflegte, ihren ersten Gang zu Hansis Nest richtete und -ihn fröhlich anrief, damit ihr dieser, wie immer mit fröhlichem -Klappern entgegenhüpfen sollte, da rührte sich kein Hansi von -der Stelle, und als sie erschrocken näher trat, da sah sie das -arme Tier ganz tot mit verglasten Augen der Länge nach ausgestreckt -liegen – er mochte wohl schon ein paar Stunden so -gelegen haben.</p> - -<p>Marthas Jammer war grenzenlos – das ganze Haus lief -zusammen den armen unglücklichen Vogel zu sehen, und da kam -es denn heraus, daß der Vogel Gift bekommen hatte, auch wer -der Thäter dieser abscheulichen That war.</p> - -<p>Natürlich entging der böse Moritz der Strafe nicht für seine -Frevelthat, aber was half dies Martha und Aennchen, welche -ihren liebsten Freund und Spielgefährten verloren hatten? Die -beiden weinten heiße Thränen um den entrissenen Liebling, drunten -in Aennchens Garten wurde ihm unter einem Eschenbaume -ein kleines Grab gegraben und die Mädchen bepflanzten es mit -Epheu und Immergrün. Dann ließ Aennchen von ihrem Sparbüchsengeld -einen weißen Stein anfertigen, darauf stand mit -goldenen Buchstaben:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_121">[121]</span></p> - -<p>»Hier ruht unser guter Hansi!« und als im nächsten Frühjahr -die Störche wieder im Nest einkehrten und immer wie -fragend das leere Nest auf der Altane umschwirrten, da zeigten -die Mädchen eifrig nach dem kleinen Gräblein drunten im -Garten, aber die Störche verstanden sie natürlich nicht.</p> - -<figure class="figcenter illowp20" id="illu-131"> - <img class="w100" src="images/illu-131.jpg" alt=""> -</figure> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_122">[122]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="chap_14"><span class="smaller">Vierzehntes Kapitel.</span><br> -Wintervergnügen und Eisabenteuer.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.jpg" alt=""></div> -<p class="drop">Das war ein großer Jubel, als Aennchen einmal im -Winter die ersten Schlittschuhe bekam. Sie war immer -eine große Freundin der Eisvergnügungen gewesen, -und als ihre Eltern es noch nicht erlauben wollten, die Eisbahn -zu besuchen, da hatte sie mit ihren Geschwistern einen -Teil des Gartens überschwemmen dürfen; dort bildete sich nun -sehr rasch dann eine Eisdecke, auf welcher die Kinder nach -Herzenslust herumschlittern durften. Nun aber war Aennchen -groß genug, sogar Schlittschuhe zu bekommen und selbst mit auf -die Eisbahn gehen zu dürfen; ihr Bruder Fritz, welcher schon -ein ganz flotter Schlittschuhläufer war, bekam die Aufgabe zugeteilt, -seinem Schwesterchen das Schlittschuhlaufen zu lehren, -und es dauerte gar nicht lange, da war sie beinahe so geschickt -wie er selbst. Jeden freien Winternachmittag eilten nun die Geschwister -zusammen auf das Eis; Aennchen hatte einen niedlichen -Pelzanzug bekommen, in dem sie recht warm steckte, und so -fuhren die Geschwister Hand in Hand oft stundenlang die -weitesten Strecken des Sees entlang.</p> - -<p>Eines Tages, als die beiden, ihre Schlittschuhe in der Hand, -soeben sich auch zum Fortgehen bereit machen wollten, sagte die -Mutter:</p> - -<p>»Aennchen, heute wird’s wohl mit eurem Eisvergnügen nichts -werden, denn ich habe einen Gang für euch, der sich nicht aufschieben -läßt. Unsere alte Näherin ist krank und ich möchte ihr -eine Flasche Wein schicken, aber keine der Mädchen hat Zeit -dazu. So müßt ihr es denn übernehmen. Ihr Häuschen steht<span class="pagenum" id="Seite_123">[123]</span> -wohl dicht am See, aber es ist eine zu weite Strecke, als daß -ihr dieselbe schlittschuhlaufen könntet, auch wird wohl das Eis -heute schwerlich mehr sicher sein, nachdem es in der Nacht so -getaut hat; darum müßt ihr eben auf euer Vergnügen verzichten -und euch damit trösten, daß erfüllte Pflicht auch ein -Vergnügen ist.«</p> - -<p>Sie händigte damit den beiden Kindern eine Flasche Wein -ein, welche sich mit sehr langen Gesichtern auf den Weg machten. -Als sie aber an den See kamen und die Eisfläche so spiegelglatt -daliegen sahen, da gewann das Verlangen, Schlittschuh zu -laufen, doch die Oberhand und Fritz sagte entschlossen:</p> - -<p>»Das Eis sieht ja noch ganz prächtig aus und hat keine -Gefahr. Nicht wahr, Aennchen, wir machen den Weg lieber -direkt über den See, als am Ufer entlang?«</p> - -<p>Aennchen war dies gleich zufrieden und so schnallten dann -die beiden ihre Schlittschuhe an und machten sich auf den Weg. -Es waren nur wenige Leute anwesend und keiner kümmerte sich -um die beiden Kinder, welche pfeilschnell die sonnenbeschienene -Bahn dahinschossen und sich an dem Krachen des Eises unter -ihren Füßen ergötzten. So gut wie heute hatte es ihnen selten -gefallen. Es dauerte auch kaum dreiviertel Stunden, da waren -sie an dem Ufer des Sees angekommen, wo das Häuschen der -Näherin stand. Nun schnallten sie die Schlittschuhe ab und -gingen ins kleine Haus hinein, die Frau zu besuchen.</p> - -<p>Die alte Kathrin war eine gar treue Person und mit dem -Hause von Aennchens Eltern wie verwachsen. Alle Kinder hatte -sie von deren ersten Tagen an gekannt, jede Woche war sie zwei -Tage vollständig im Hause und da von Morgen bis Abend unermüdlich -beschäftigt, all die kleinen Höschen und Röckchen, die -ihre unruhigen Lieblinge zerrissen hatten, auszubessern und neu -zu richten. Jetzt lag sie krank, nur von einer alten Frau gepflegt, -und sie freute sich unbeschreiblich, als Aennchen und Fritz -nun ins Zimmer traten und ihr den Liebesgruß brachten. Sie -that es nicht anders: ihre Pflegerin mußte einen Kaffee für ihre -kleinen Gäste kochen und währenddem ließ sie sich von diesen<span class="pagenum" id="Seite_124">[124]</span> -erzählen, wie es zu Hause gehe. So waren im Umsehen einige -Stunden vergangen, da stand Fritz rasch auf und rief:</p> - -<p>»Nun müssen wir aber aufbrechen, wenn wir noch bei Tag -zu Hause sein wollen.«</p> - -<p>»Ihr werdet doch nicht über den See laufen wollen?« frug -Kathrin erschrocken, als sie die Kinder nach den Schlittschuhen -greifen sah; diese aber lachten fröhlich:</p> - -<p>»Natürlich laufen wir über den See zurück, wie wir hergekommen -sind.«</p> - -<p>Und in einem Nu waren sie zur Thür geeilt und verschwunden.</p> - -<p>Draußen war es unterdes noch viel milder geworden, als -es vor einigen Stunden gewesen war, ein warmer Südwind -blies mit voller Macht und als sie auf den See kamen, bemerkten -sie, daß derselbe schon bei weitem mehr Wasser auf der -Oberfläche stehen hatte als vorher, aber es war ihnen nicht -bange, doch noch glücklich darüber hinzukommen. So faßten sie -sich denn wieder an den Händen und liefen eiligst vorwärts, aber -je mehr sie weiter hineinkamen, um so heftiger begann es unter -ihnen zu krachen und zu knacken, so daß es ihnen jetzt selbst -recht ängstlich zu Mute wurde und sie nur drängten, vorwärts -zu kommen, zudem der Abend sehr rasch hereinzusinken begann. -Der ganze See war auch merkwürdigerweise völlig menschenleer, -und es wurde ihnen die Ursache erst schrecklich klar, als sie -plötzlich zu ihrem Entsetzen bemerkten, daß das Eis unter ihnen -wirklich ganz unsicher war und die Scholle, auf welcher sie -standen, sich soeben langsam von den anderen abzulösen begann.</p> - -<p>»Um Gotteswillen! Das Eis bricht!« schrie Aennchen entsetzt; -Fritz, selber heftig zitternd, faßte das Schwesterchen um -den Leib und sprang mit ihr über den Spalt vorwärts, dann -wie gejagt im fliegenden Lauf weiter fort. – Gottlob, schon -sahen sie das Ufer ziemlich nahe, da gähnte vor ihnen plötzlich -wieder eine Wassertiefe, welche sie nicht zu überspringen wagten. -Mit zitternden Knieen standen sie da, dann begannen sie laut -um Hilfe zu schreien und mit den Tüchern zu schwenken; da bemerkten<span class="pagenum" id="Seite_125">[125]</span> -sie die Leute am Ufer. Ein Mann sprang vor und -stürzte ihnen entgegen, aber das morsche Eis trug ihn nicht so -weit, daß er die Kinder erreichen konnte; da rief er um einen -Strick und winkte den Kindern, stehen zu bleiben. Einige wenige -schreckensvolle Momente, welche den entsetzten Zuschauern eine -Ewigkeit währten, vergingen – da hatte der tapfere Mann den -Kindern den Strick zugeworfen und denselben bedeutet, ihn um -ihren Leib zu schlingen, – Fritz that es mit bebenden Händen -und als der Strick endlich fest genug saß, da zog der Retter auf -der anderen Seite an und schnellte die Kinder mit einem blitzartigen -Ruck über die gefährliche Stelle und von da an vollends -bis an das sichere Ufer hin. Es waren nur wenige Augenblicke -der furchtbarsten Gefahr gewesen, aber ein Schrei des Entzückens -ging durch die angesammelte Menge der Zuschauer beim Anblick -der geretteten Kinder, welche totenbleich und mit wankenden -Gliedern sich kaum aufrecht zu halten vermochten. Aennchen -konnte vollends keinen Fuß mehr rühren, eine mitleidige Frau -trug sie auf ihren Armen nach Hause und als die ahnungslosen -Eltern hier erfuhren, welcher furchtbaren Gefahr ihre Kinder -preisgegeben waren, da dankten sie Gott aus innigem Herzen, -daß er sie so gnädig vor dem Verderben bewahrt hatte, und der -hochherzige Retter wurde reich beschenkt entlassen. Fritz und -Aennchen konnten lange nicht die ausgestandenen Schrecken vergessen, -und sie gelobten feierlich, nie mehr in ihrem Leben so -unvorsichtig sein zu wollen.</p> - -<figure class="figcenter illowp20" id="illu-135"> - <img class="w100" src="images/illu-135.jpg" alt=""> -</figure> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_126">[126]</span></p> -<h2 class="nobreak" id="chap_15"><span class="smaller">Fünfzehntes Kapitel.</span><br> -Klara.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-h.jpg" alt=""></div> -<p class="drop-quot">»Herr Doktor, wie geht es eigentlich der armen Klara -Traugott?« frug Aennchens Mutter ihren Hausarzt, -welcher jede Woche, selbst wenn niemand von -der Familie krank war, im Hause vorzusprechen pflegte; »ich -habe leider gehört, das arme Mädchen wäre sehr schlimm daran -– ist das wahr?«</p> - -<p>»Leider, leider,« erwiderte der Doktor, indem er sich nachdenklich -über den Bart strich. »Es thut mir leid, nicht helfen -zu können, denn der Kranken wäre leicht geholfen, wenn man -ihr nur einmal einen ganzen Sommer lang vollständigen Aufenthalt -in frischer Luft, eine energische Milchkur und sorgenfreies -Dasein verschaffen könnte. Aber wie ist das anzufangen, wo -alle Mittel dazu fehlen? So muß sie wie eine Blume, welche -nicht genug Sonnenschein und Wasser hat, elend verkümmern; -es ist zu traurig. Nicht einmal zum Spazierengehen kann man -sie bringen, da sie zum Gehen zu schwach ist und einen Fahrstuhl -nicht besitzt – ich würde ihrer Mutter, der Frau Pfarrerin, -gern etwas unter die Arme greifen, aber sie ist zu stolz, etwas -anzunehmen!«</p> - -<p>»Halt, aber mir kommt ein Gedanke!« rief Aennchens Mutter, -welche aufmerksam und betrübt zugehört hatte. »Herr Doktor, -wäre nicht unser neues Landhaus gerade als Erholungsort für -die Kranke wie geschaffen? Sie könnte dort die ganze schöne -Jahreszeit über ländliche Ruhe genießen, wir haben die köstlichste -Milch dort selbst im Hause, ein Fahrstuhl steht noch von meinem<span class="pagenum" id="Seite_127">[127]</span> -seligen Vater her droben auf dem Speicher, den könnten wir -hinausschaffen lassen, wenn die Patientin weitere Wege in den -Wald unternehmen sollte – fügt sich nicht alles herrlich zusammen?«</p> - -<p>»Wenn Sie wirklich der armen Kranken diese Hilfe bieten -wollen, dann stehe ich auch dafür ein, sie gesund zu machen,« -rief der Hausarzt erfreut, der gütigen Dame die Hände schüttelnd, -und der vielbeschäftigte Mann empfahl sich, indem er noch -meinte, jeder Tag sei jetzt Gewinn und er könne nur für rasche -Ausführung des ausgezeichneten Planes stimmen.</p> - -<p>So begab sich denn Aennchens Mama ohne Zögern hinüber -in das kleine Stübchen der Frau Pfarrerin Traugott, mit welcher -sie sich seit der Freundschaft der beiden Kinder auch schon längere -Zeit befreundet hatte, und schlug ihr vor, mit ihrem kranken -Töchterlein hinaus auf das schöne Landhaus zu ziehen, damit -diese in frischer Luft und bei kräftiger ländlicher Kost dort zu -neuem Leben gesunden könne. Die Frau Pfarrerin vermochte -anfangs kaum an das Glück zu glauben, welches sich ihr plötzlich -so unvermutet bot, sie zögerte, eine solche Großmut anzunehmen, -aber die Sorge für ihre immer mehr dahinsiechende Tochter, -deren Leiden zu lindern so wenig in ihrer Macht stand, ließ sie -die dargereichte Rettungshand mit gerührtem Herzen ergreifen -und Gott innig danken, welcher so edle Menschenfreunde auf -ihren Pfad geführt.</p> - -<p>So wurde denn auch kein Tag mehr versäumt, die Uebersiedlung -der Kranken nach dem Landhäuschen, welches »Glückesruh« -getauft worden war, vorzunehmen. Zwei niedliche Fremdenzimmer -wurden dort für sie in Stand gesetzt, die Frau Pfarrerin -zog mit Klara hinaus in das reizende Heim und Martha wurde -während der Abwesenheit der Mutter zu Aennchen als Gast geladen. -Das war nun eine köstliche Zeit für die kleinen Mädchen; -wie zwei Schwestern teilten sie alles zusammen und Aennchens -Eltern gewannen die kleine Martha so lieb, als ob sie ihr eigenes -Kind wäre; auch die Jungen hingen mit knabenhaftem Ungestüm -an der lieben sanften Freundin.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[128]</span></p> - -<p>Jeden Sonntag aber den ganzen Sommer über pilgerte -denn die ganze Familie schon am frühen Morgen hinaus nach -»Glückesruh« und Martha konnte es sehnsüchtig immer kaum -erwarten, ihre Lieben wiederzusehen. Und wie grenzenlos war -jedesmal ihre Freude, wenn sie ihre geliebte Schwester Klara -von Woche zu Woche immer weiter genesen fand. Der Herr -Doktor hatte recht gehabt; die Kranke hatte wirklich einer Blume -geglichen, welcher der Sonnenschein gefehlt; nun aber ihr alles -zuteil werden konnte, was ihrem geschwächten Körper not that, -kehrte die Farbe der Gesundheit auf ihre blassen, lieblichen -Wangen zurück, neue Kraft strömte durch ihre Glieder, so daß -sie nun schon imstande war, kürzere Wegstrecken allein zurückzulegen, -bei weiteren Wegen wurde sie im bequemen Fahrstuhl -gefahren. Das Bärbele fühlte sich sehr wichtig und geschmeichelt, -wenn sie der verehrten Kranken zu wiederholten Stunden des -Tages große Gläser köstlich schäumender Milch bringen durfte, -welche dieser so herrlich mundeten, wie ihr seit Jahren nichts -gemundet hatte. Der Doktor kam alle paar Tage herausgefahren, -nach seiner Patientin zu sehen, und trat stets aufs -höchste befriedigt den Heimweg an, nachdem er ein Stündchen -im Garten mit den beiden Damen verplaudert, und sich von -Herzen gefreut hatte über die zunehmende Frische und Lebenslust -des lieben kranken Mädchens – ja, er weissagte sogar, bis -zum Herbst würde er es mit keiner Patientin mehr, sondern mit -einem völlig gesundeten Fräulein zu thun haben. Wer war -glücklicher, als die ganze Familie Traugott – niemals hätten -sie zu hoffen gewagt, daß sich ihr Lebenslos noch so gnädig -gestalten würde.</p> - -<figure class="figcenter illowp30" id="illu-138"> - <img class="w100" src="images/illu-138.jpg" alt=""> -</figure> - -<figure class="figcenter illowp60" id="illu-139"> - <img class="w100" src="images/illu-139.jpg" alt=""> -</figure> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_129">[129]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="chap_16"><span class="smaller">Sechzehntes Kapitel.</span><br> -Musikstunden.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-l.jpg" alt=""></div> -<p class="drop-quot">»Lieber Mann, meinst du nicht, daß es Zeit wäre, Aennchen -jetzt mit dem Musikunterricht beginnen zu lassen? -Sie hat doch ungewöhnliches musikalisches Talent und -auch offenbar viel Liebe zur Musik. Andere Kinder beginnen oft -schon mit sechs Jahren Klavier zu spielen; so ist unser Töchterchen -verhältnismäßig spät daran, doch wollte ich sie bisher nicht -mit Arbeit überbürden, da ich dafür bin, daß die Kinder nicht -zuviel auf einmal beginnen sollen, weil sonst leicht alles nur -halb gethan wird. Darum ließ ich Aennchen lieber erst über -alle Schwierigkeiten des Anfangsunterrichts in der Schule hinweggehen -und ihr dabei genug Muße zu Spiel und Erholung; -jetzt aber, da ihr Charakter ernster geworden ist und sie verständig -genug ist, einzusehen, welchen Vorteil das Lernen bringt, -wird sie mit Freuden den Musikunterricht beginnen und sich -hoffentlich recht gelehrsam und strebsam zeigen.«</p> - -<p>So sprach eines Tages Aennchens Mutter zu ihrem Mann, -welcher sich vollständig damit einverstanden zeigte; daraufhin wurde -dem jungen Mädchen angekündigt, daß sie von nun an Klavierstunden -bekommen würde, und Aennchen vernahm die Nachricht mit -freudigem Stolz. Hatte sie die Musik ja so lieb, als wäre sie -als Waldvögelein geboren! sie konnte nicht leben, ohne zu zwitschern -und zu singen; den ganzen Tag klangen ihre frohe Liedchen -durchs Haus. Wie schön dachte sie es sich nun, Klavierspielen -und sich selbst begleiten zu können – sie hatte die Freundinnen -schon zuweilen beneidet, welche so stolz von ihrem Klavierunterricht<span class="pagenum" id="Seite_130">[130]</span> -erzählten, und so versprach sie denn gar gern ihren gütigen Eltern, -eine recht fleißige und strebsame Schülerin werden zu wollen.</p> - -<p>Des andern Tages begleitete ihre Mutter sie dann in die -Musikschule, wo Aennchen bereits angemeldet war. Die Vorsteherinnen -derselben waren zwei feingebildete Damen, welche -mit Hilfe mehrerer Lehrerinnen das Institut gegründet hatten, -das sich des besten angesehensten Rufes erfreute und von den -meisten besseren Familien besucht ward.</p> - -<p>Voll Herzklopfen folgte Aennchen ihrer Mutter die Treppe -hinauf in einen großen eleganten Salon, wo die Vorsteherin -Fräulein Tamann sie mit freundlicher Würde empfing. Nach wenigen -Worten mit Aennchens Mutter führte sie dann diese mit dem -Töchterlein hinüber nach einem andern Zimmer, darin standen -drei Klaviere an den Wänden, außerdem noch ein Tisch, einige -Fauteuils, ein Sofa, ein Blumentisch und mehrere Etageren an -den Wänden. Aennchen hatte sich eine Musikschule durchaus nicht -so freundlich vorgestellt und war freudig überrascht, auch in der -Lehrerin eine sehr feine junge Dame in höchst gewählter Kleidung -zu erblicken, welche den Kindern so liebenswürdig entgegenkam, -daß sie gar keine Gelegenheit fanden, sich zu fürchten und Scheu -zu empfinden. Es waren außer Aennchen noch drei Ankömmlinge -im Zimmer, zwei Knaben und ein Mädchen, letzteres auch von -seiner Mutter begleitet. Doch empfahlen sich die Damen, als -der Unterricht begann; nur die Vorsteherin, Frl. Tamann, verweilte -noch eine Zeitlang im Zimmer, um zu beobachten, wie -sich die neuen Schüler beim Unterrichte benehmen würden.</p> - -<p>Dieser begann nun freilich ganz anders, als Aennchen ihn -sich gedacht, denn anstatt, daß sie gleich an das Klavier gesetzt -wurde und dort darauf heraufklimpern durfte, sang ihnen die -Lehrerin, Fräulein Ina, mit klarer hübscher Stimme ein einfaches -Liedchen vor; »Wenn die Sonn’ mit hellem Schein leuchtet in -dein Bett hinein – Büblein, spring geschwind heraus, sticht dir -sonst die Augen aus.« Die Kinder mußten das Liedchen nachsingen, -bis sie es ohne Fehler konnten, natürlich brachte Aennchen -dies mit großer Leichtigkeit zu stande. Dann wurden alle vier<span class="pagenum" id="Seite_131">[131]</span> -an eine große schwarze Tafel geführt, auf welcher Notenlinien -aufgezeichnet waren und große runde Notenköpfe, welche freilich -den Kindern vollständig unbekannte Größen waren. Es war -nun nicht leicht, bis sie alle nach und nach begriffen hatten, daß -diese Noten, in aufsteigender Reihe auf den fünf Linien hingemalt, -die Noten <em class="antiqua">c d e f g a h c</em> darstellten; noch viel schwerer war -es, die Bedeutung der Zeichen und Vorzeichen kennen zu lernen, -den Violinschlüssel nachzumalen und vieles andere mehr, und es -bedurfte dazu vieler Stunden, bis sie dies alles vollständig begriffen -hatten. Heute aber in dieser ersten Stunde kamen sie -doch schon so weit, daß sie einige der Noten kennen lernten. -Dann wurden sie alle an die Klaviere gesetzt, die zwei Mädchen -an das erste, die zwei Knaben zusammen an das zweite, und -Fräulein Ina ging von einem zum andern und zeigte ihnen, wie sie -gerade und aufrecht am Klavier zu sitzen hatten und wie sie -Füße und Arme, Ellbogen und Hände in richtige Haltung bringen -mußten. Dies war besonders bei den Buben keine leichte Mühe, -denn ihre eckigen Gliedmaßen zeigten sich recht ungeschickt für -diese Künste. Nun sollte sich jedes der Kinder die Melodie des -Liedchens auf dem Klavier zusammensuchen. – Aennchen fand -sogleich den ersten Ton richtig und, o Wunder, auch die nächsten -Töne ganz gut bis zum Schluß, während die andern Kinder sich -weit mehr bemühen mußten. Fräulein Ina hatte eine große Freude -an ihrer talentvollen Schülerin; zum Schluß der Stunde bekamen -alle als Hausaufgabe eine Seite Violinschlüssel zu schreiben, -ferner das Liedchen recht oft auswendig zu singen, die Notenzeichen -dazu auswendig ins Buch zu schreiben und die Namen -der Noten darüber zu setzen.</p> - -<p>So war denn die erste Stunde sehr gut abgelaufen und -Aennchen kehrte ganz freudestrahlend nach Hause zurück; voll Eifer -nahm sie von nun an jeden freien Augenblick wahr; sich auf dem -Klavier zu üben; es war erstaunlich, welche Fortschritte sie -schon in den ersten Lehrstunden machte, wie sie auch den schriftlichen -Teil ihrer Aufgabe stets zur Zufriedenheit löste und sogar -anfing, kleine Kompositionen zu versuchen, welche ganz niedlich<span class="pagenum" id="Seite_132">[132]</span> -ausfielen. Ihre Eltern und Lehrer hatten große Freude darüber, -besonders aber war Martha stolz über die musikalischen Fortschritte -ihrer Freundin, und jede Stunde, welche sie am Klavier -zubrachte, setzte sie sich mit ihrer Arbeit in ein Winkelchen daneben -und bildete eine aufmerksame Zuhörerin. Sie selbst konnte ja -nicht daran denken, auch Klavier spielen zu wollen – ihre kleine -verkrümmte Figur war schon viel zu schwächlich dazu und dann -hätte ihre Mutter den kostspieligen Unterricht gar nicht erschwingen -können, aber sie war dennoch frei von jedem Neid und freute -sich aufrichtig des Glückes ihrer Freundin.</p> - -<p>Denn für diese wurde die Musik nun wirklich zu einer -wahren Quelle des Glücks und ihre Eltern mußten sie schließlich -beinahe zurückhalten, daß sie nicht zuviel darin that. Bald war -sie so weit, daß ihr das Notenlesen nicht die geringste Schwierigkeit -mehr verursachte und sie nach dem Gehör die verschiedensten -Akkorde schon auseinanderzukennen vermochte; sie spielte mit richtigem -Anschlag und gutem Ausdruck <span id="corr132">schon</span> eine Anzahl hübscher -kleiner Liedchen, Uebungen und Sonatchen, und als nun in der -Musikschule der erste Musikabend, die sog. »Soiree«, herannahte, -da konnte sie bereits zu denjenigen gezählt werden, welche ein -hübsches Musikstück zum Vortrage bringen durften.</p> - -<p>Diese erste Soiree sollte abends 6 Uhr beginnen; die ganze -Schülerschar der Musikschule freute sich schon lange darauf und -Aennchen hatte von den andern schon so viel erzählen hören, wie -hübsch und unterhaltend es an solchen Abenden immer sei. Da -wurden alle Eltern derjenigen Klassenschüler mit eingeladen, -welche an dem Abend vorspielen durften, es wurde Thee gereicht -und die Kleinen mußten sich da wie in einer richtigen Gesellschaft -benehmen. Welch ein Ehrgeiz wurde da in den Kindern erweckt! -jedes war bestrebt, an diesem Abend sowohl durch sein Spiel -als auch durch sein gutes Betragen nur Ehre einzulegen!</p> - -<p>Aennchen hatte bei Fräulein Tamann um die Erlaubnis ersucht, -ihre Freundin Martha mitbringen zu dürfen; sie wollte ihr gern -auch das Vergnügen gönnen, obschon das schüchterne Mädchen -allerdings nur schwer zu überreden war, sich mit in den Kreis all der<span class="pagenum" id="Seite_133">[133]</span> -andern frohen Kinder zu mischen; sie war im größeren Kreise immer -ängstlich und scheu, da sie stets fürchtete, wegen ihres Gebrechens -verhöhnt zu werden. Aber im Hause Fräulein Tamanns brauchte sie -keine Furcht zu hegen, daß die Kinder in Unart und Uebermut -ausarten könnten; dort waren alle liebenswürdig und jedes darauf -bedacht, sich so fein und gesittet als möglich zu benehmen.</p> - -<p>So gestaltete sich dieser Abend für die beiden Mädchen denn -auch zu einem höchst vergnüglichen. Aennchen erntete viel Lob, -als sie ihr Musikstück hübsch und fehlerfrei vorgetragen hatte. -Nachdem alle Kinder ihre Vorträge beendet hatten, wurden für -Groß und Klein Thee und Süßigkeiten herumgereicht und alle -durften sich nach Gefallen Plätze suchen, schwatzen und lachen. -Das war nun eine Fröhlichkeit in der kleinen Schar; sie saßen -dicht gedrängt auf den niederen Samtsofas die Wände entlang, -hielten ihre Theetassen, wie die großen Damen, in der linken -Hand und dabei schwatzten all die vielen kleinen Mündchen unaufhörlich. -Ein kleiner sechsjähriger Knabe war dabei, er hieß -Fredchen, der glaubte, für die Unterhaltung allein sorgen zu -müssen; in höchst drolliger Weise geberdete er sich wie ein Kavalier, -trug den kleinen Damen die leeren Theetassen fort, erzählte -ihnen lustige Geschichtchen und es war zuletzt ein Gelächter -und Gekicher unter allen, daß Fräulein Ina neugierig herzukam -und fragte, was es denn so Lustiges gebe?</p> - -<p>»O, Fräulein Ina,« sprach Aennchen lächend, »Fredchen hat -gerade erklärt, wenn er groß sei, wolle er uns alle miteinander -heiraten, aber wir müßten ihm dann den ganzen Tag ›Wer will -unter die Soldaten?‹ vorspielen.«</p> - -<p>»Fräulein Ina aber will ich aber zuerst heiraten, denn sie -hat so schöne Kleider an und ist so arg lieb!« rief der komische -kleine Schelm und versuchte an der jungen Lehrerin hinaufzuklettern; -er wäre wohl am Ende noch gar zu übermütig geworden, -wenn die Soiree nicht ihr Ende erreicht hätte und die verschiedenen -Mamas mit ihren Kindern aufgebrochen wären. Aber -noch lange schwärmten alle von dem schönen Abend und Aennchen -konnte schon die nächste Soiree kaum erwarten.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_134">[134]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="chap_17"><span class="smaller">Siebzehntes Kapitel.</span><br> -Aus Aennchens Tagebuch. -Almas Rückkehr.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-w.jpg" alt=""></div> -<p class="drop">Was habe ich doch gestern für eine Freude gehabt! -Wirklich, ich bin jetzt noch ganz aufgeregt, während -ich es niederschreibe.</p> - -<p>Wir waren, wie jeden Sonntag in diesem Jahr, alle mit -einander zu unserem Landhäuschen »Glückesruh« hinausgepilgert. -Freilich sagten wir uns unterwegs mit Bedauern, daß -es nun wohl nicht oft mehr in diesem Jahre geschehen könne, -denn es ist bereits der Spätherbst gekommen und dieser macht -sich zuweilen schon recht fühlbar. Freilich, gestern war noch -ein ganz köstlicher Tag, die Sonne schien so warm und golden, -als dächte sie gar nicht daran, bald Abschied nehmen zu müssen, -und der Weg über die abgemähten Felderstoppeln war so lustig, -daß wir Kinder uns alle an der Hand faßten und im vollen -Galopp über die Furchen jagten. Dann hingen sich uns die -silbernen Marienfäden um die Gesichter, wir waren wie mit -Schleiern umsponnen und spielten »Märchenfee.«</p> - -<p>Und wie freuten wir uns alle, besonders aber meine liebe -Martha, die immer vorauseilen wollte, auf unsere liebe, liebe -Klara! Wir konnten es kaum erwarten, zu ihr zu kommen, da -wir alle miteinander mit so inniger Liebe an ihr hängen. Keine -versteht es, wie sie, uns schöne Märchen und Geschichten zu erzählen, -keine nimmt mit so viel Geduld und Freundlichkeit all -unsere kleinen Anliegen entgegen; bei niemand sind wir so artig -und still, selbst die wilden Brüder sind in Fräulein Klaras Gegenwart<span class="pagenum" id="Seite_135">[135]</span> -immer wie ausgewechselt und man hört kein einziges wildes -oder unbedachtes Wort von ihnen. Und seitdem sie nun so viel -gesünder und kräftiger geworden ist, nimmt sie sogar ganz gern -an unseren Spielen teil, wenn dieselben nicht zu wild sind; wir -vergessen dann immer ganz, daß sie nicht auch ein Kind ist, -wenn sie gar so herzlich lachen und sich mit uns freuen kann.</p> - -<p>So beflügelten sich denn unser aller Schritte, als wir -»Glückesruh« näher kamen – Martha war gar nicht mehr zu -halten; sie sprang die Anhöhe vor uns hinauf, da hörten wir -sie ganz glückselig rufen: »Klara, bist du es denn wirklich?« -und als wir um die Ecke bogen, da trauten auch wir kaum -unsern Augen, denn Fräulein Klara stand ganz gesund und frisch -mitten im Weg und hielt die kleine Schwester umschlungen; sie -hatte den Weg vom Häuschen her, der wirklich gar nicht so kurz -ist, ganz allein zu Fuß zurückgelegt, um uns entgegen zu gehen! -Das war nun ein Glück und eine Ueberraschung! Die Eltern -und wir alle umringten sie jubelnd; Frau Pfarrer Traugott -kam vom Hause auch herbei und vergoß Freudenthränen über -die Genesung ihrer Tochter und dann schritten wir alle dem -Häuschen zu. Ich durfte mit Fritz zugleich Fräulein Klara -voranführen; wie glücklich und stolz fühlten wir uns! Ich -mußte sie nur immer ansehen, so gut gefiel sie mir mit den zartrosa -Wangen und dem feinen sanften Gesicht, um das die hellen -Haare in schönen Wellen fielen. So könnte eine Fee ausgesehen -haben aus den Märchenbüchern! Ach, und so lieb und gut war -sie; wir durften ihr alles erzählen, was wir die Woche über -erlebt hatten, und sie hatte dafür eine Menge Geschichten für -uns bereit, die sie hier außen beobachtet hatte, von Bärbele und -vom Hühnerhof und dem Ziegenbock, und dann hatte sie auch -acht auf unsere verschiedenen Gärtlein gegeben, welche freilich -jetzt leider schon anfingen, recht kahl zu werden. Keine Blume -wollte sich mehr halten, auch die Blätter wurden welk, aber -auf der Wiese sah’s lustig aus, da gab’s Herbstzeitlosen die -Hülle und Fülle.</p> - -<p>So verging uns denn der Vormittag in lauter Lust und<span class="pagenum" id="Seite_136">[136]</span> -Fröhlichkeit und nachmittags waren wir im warmen Sonnenschein -alle zusammen auf dem großen Platz vor dem Hause. -Fräulein Klara war in ihren Fahrstuhl gebettet, da sie hier die -beste Bequemlichkeit hatte, und wir Kinder spielten alle miteinander -Croquet, wenn wir auch freilich nichts Besonderes darin -zu leisten vermochten; zumal die kleinen Brüder haben es noch -zu keiner Geschicklichkeit gebracht und Hermännchen schleudert -seine Kugel immer nach allen Richtungen hin, nur nicht nach -derjenigen, welche sie nehmen soll. Eben hatte er wieder höchst -unbedacht eine ganz falsche Kugel erwischt und wollte mit dieser -seine Kunststücke beginnen, Fritz sprang dazwischen und packte ihn -am Schopf, und es hätte vielleicht eine kleine Keilerei gegeben, -die unter den Buben nicht selten ist, da rief Fräulein Klara -aufhorchend:</p> - -<p>»Ich höre einen Wagen fahren – es wird doch kein Besuch -kommen?« Und richtig, soeben fuhr eine wundervolle elegante -Equipage mit Kutscher und Diener in schöner Livree den Hof -herein. Stumm vor Erstaunen, mit offenem Mund stand ich -da und konnte nicht begreifen, wer das wunderfeine junge Mädchen -war, welches mir schon von weitem aus dem Wagen so lebhaft -zuwinkte. Der Wagen hielt und eine helle Stimme rief:</p> - -<p>»Aennchen, kennst du denn deine Freundin Alma nicht -mehr?«</p> - -<p>Beim Himmel, dieses reizende junge Dämchen war Alma! -Sie sah ja beinahe erwachsen aus in dem köstlichen Samtkostüm -und Barett, die langen Haare flossen ihr wie ein Schleier den -Rücken herunter; ich konnte nur stehen und sie anstaunen, während -sie rasch aus dem Wagen sprang und auf mich zueilte. Aber -wie sie mich so herzlich und stürmisch umarmte und an sich -drückte, da erkannte ich doch meine liebe alte Alma wieder, die -Schüchternheit verschwand und voll Jubel drückte ich sie an -meine Brust! Es war mir freilich noch immer wie ein Traum, -daß es wahr sein sollte und wir uns wieder hatten; ich stammelte -ganz betroffen:</p> - -<p>»Wo kommst du denn so überraschend hierher?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_137">[137]</span></p> - -<p>»Direkt aus Italien!« lachte Alma fröhlich. »Papa hatte -plötzlich eine große Sehnsucht nach Deutschland erfaßt; so wurde -rasch alles gepackt und zur Abreise gerichtet. In wenigen Tagen -waren wir hier; mein Fräulein trennte sich unterwegs leider von -uns, da sie nach Hause berufen wurde und nicht mehr bei mir -bleiben kann. Mein Papa hatte mir schon in Italien versprochen, -sobald wir zu Hause wären, dürfte es mein Erstes sein, -dich, liebes Herz, zu besuchen; so fuhren wir heute gleich nach -eurem Hause, doch wurde uns gesagt, daß ihr hier außen zu -finden wäret. Rasch wurde Kehrt gemacht und hierher gefahren -und nun sind wir hier, alle miteinander, Papa, Peppino -und ich. Aber wo ist Peppino, daß du ihn auch kennen lernst?«</p> - -<p>Nun erst bemerkte ich, daß außer Alma noch andere Fremde -im Wagen gekommen waren: ein vornehm aussehender Herr, -welcher sich jetzt lebhaft mit den Eltern unterhielt, und ein junger -Mann von etwas fremdartigem Aussehen, welchen Alma nun -an der Hand ergriff und mir als ihren Bruder Peppino vorstellte. -Ich wurde dunkelrot und verlegen, aber die beiden -sprachen so unbefangen und heiter zusammen und Peppino wußte -schon so viel von mir und meinem Leben, daß ich doch bald auch -ganz vertraulich mit ihm wurde und anfing, tüchtig zu plaudern -und zu lachen. So verging die Zeit wie im Fluge, Mama -hatte für Thee und Kaffee gesorgt, und wir saßen alle zusammen -im Kreise um den großen runden Tisch auf der Veranda, auch -Fräulein Klara verweilte sehr glücklich unter uns und Herr von -Stolzau hatte seinen Platz an ihrer Seite; da bemerkte ich auf -einmal, daß meine Martha fehlte. Ich fragte nach ihr, niemand -wußte etwas, sie war schon lang verschwunden! Unruhig stand -ich auf, sie zu suchen; Alma rief mir nach:</p> - -<p>»Halt, Aennchen, ich gehe mit dir!« und hing sich an meinen -Arm, während ich im ganzen Garten nach Martha rief. Da -fiel mir ein: sie wird wohl an ihrem Lieblingsplätzchen sein; -das war eine lauschige entfernte Ecke, welche ganz zwischen -Bäumen und Sträuchern verborgen war; eine einzige kleine -Bank stand dort und schon längst hatte Martha sich diesen<span class="pagenum" id="Seite_138">[138]</span> -kleinen traulichen Platz als Lieblingsort ausgewählt. Als ich -jetzt die Zweige des Gebüsches teilte, da saß sie richtig dort auf -der Bank; sie hatte das Gesicht abgewandt in ihren Händen verborgen; -als ich sie aber anrief, da sah sie zu mir auf – ihr -ganzes liebes Gesichtchen war von Thränen überflutet.</p> - -<p>»Martha, warum weinst du?« rief ich sie ganz erschrocken -an. Da sprang sie auf und suchte zu entschlüpfen, ich aber umfaßte -sie rasch und bat dringend:</p> - -<p>»Du mußt mir sagen, warum du weinst! Hat dir jemand -etwas gethan?«</p> - -<p>»O nein, nein!« schluchzte sie, »aber – – –«</p> - -<p>»Aber?« frug ich dazwischen.</p> - -<p>»Aber ich bin doch tief unglücklich, weil – – –«</p> - -<p>»Weil – – –?« drängte ich sie.</p> - -<p>»Weil – weil du nun eine andere Freundin hast und mich -nicht mehr lieb haben wirst,« kam es endlich stockend heraus. -Also das war’s! Das böse Mädchen war eifersüchtig! Sie -fürchtete, ich würde sie nun übersehen neben der neuen Freundin! -In ihrer Bescheidenheit dachte sie ja immer, hinter den andern -zurückstehen zu müssen; aber sie sollte sehen, daß ihre Befürchtungen -gänzlich grundlos waren, denn von der einen Seite nahm -Alma, von der andern ich sie unter den Arm, wir umarmten -und küßten sie, schalten sie tüchtig aus und schwuren uns dann -auf derselben Stelle ewige Freundschaft. Es sollte zwischen uns -dreien ein Freundschaftsbund fürs Leben werden; wir waren -ganz begeistert von dem Gedanken und entwarfen sofort den -Plan, von nun an ein Kränzchen stiften zu wollen, welches -»Vergißmeinnicht« benannt werden sollte.</p> - -<p>Dann kehrten wir glücklich vereint zu den andern zurück, -welche uns lächelnd empfingen und durchaus wissen wollten, was -uns so lange zurückgehalten habe. Wir aber verrieten nichts, -so sehr Peppino in uns drang. Derselbe ist gar ein lieber, -lustiger Bursche, er befreundete sich herzlich mit Bruder Fritz, -obgleich derselbe etwas jünger ist, und die kleinen Brüder waren<span class="pagenum" id="Seite_139">[139]</span> -bald so keck, daß sie ganz ungeniert mit ihm spielten und ihre -Possen treiben.</p> - -<p>Herr von Stolzau hatte seine Freude daran. Ich hätte nie -gedacht, daß er so mild und liebenswürdig zu sein vermag; er -unterhielt sich sehr freundlich mit allen, am meisten aber sprach -er doch mit Fräulein Klara, welche mit glänzenden Augen zu -ihm aufschaute und so frisch und wohl aussah, daß wir uns -alle nicht genug darüber freuen konnten.</p> - -<p>Erst spät am Abend ließ Herr von Stolzau seine Equipage -wieder vorfahren, doch versprach er vor der Trennung noch, -Alma recht oft mit uns verkehren zu lassen, wenn er auch nicht -vor hat, sie noch einmal in die Schule zu schicken; vielmehr erkundigte -er sich bei Mama nach einem passenden Pensionat. Diese -sprach lange halblaut mit ihm; ich hörte zuletzt, wie sie sagte:</p> - -<p>»Auch ich werde Aennchen nach der Konfirmation in diese -Pension senden.«</p> - -<p>Das wäre ja dann in gar nicht weiter Ferne, denn meine -Vorbereitungen für die Konfirmation haben schon begonnen und -nächste Ostern wird dieselbe stattfinden. Ich habe mit Martha -zugleich Konfirmationsunterricht bei unserem lieben alten Herrn -Dekan, der so recht versteht, unsere Herzen vorzubereiten zu dem -wichtigen Schritt, der uns bevorsteht. Alma ist katholisch, ich -fragte sie, ob sie schon konfirmiert sei; sie sagte, ihr Vater sei -dafür, daß dies erst mit 18 Jahren geschehe, zu Hause bei ihnen -im Norden sei dies so Brauch – dies wunderte mich sehr.</p> - -<figure class="figcenter illowp30" id="illu-151"> - <img class="w100" src="images/illu-151.jpg" alt=""> -</figure> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_140">[140]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="chap_18"><span class="smaller">Achtzehntes Kapitel.</span><br> -Aus Marthas Tagebuch. Die Konfirmation.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-s.jpg" alt=""></div> -<p class="drop">Sehr lange Zeit kam ich nicht mehr dazu, in mein Tagebuch -zu schreiben; ich hatte gar so viel anderes vor, -diesen ganzen Winter. In der Schule gab es mehr als -je zu lernen, nun das Ende des Schuljahres und die große -Prüfung nahe war; kurze Zeit darauf sollte die Konfirmation -stattfinden, so war denn meine Zeit vollauf mit Lernen und -Vorbereitungen in Anspruch genommen. Als schönste Erholung -dazwischen wurde mir aber dann gestattet, wöchentlich das -Kränzchen mit meinen lieben Freundinnen Aennchen und Alma -abzuhalten, und zwar hatten wir dafür den Sonntagnachmittag -festgesetzt. Welch köstliche Stunden haben wir an diesen Tagen -immer zusammen verlebt! wir freuten uns von Woche zu Woche -darauf und einmal war es schöner und genußreicher als das -andere Mal. Unser Zusammensein war nicht nur dem Vergnügen -gewidmet; wir hatten immer eine Stunde für die Unterhaltung -in französischer Sprache festgesetzt. Natürlich ist Alma -darin unsere Meisterin, denn sie spricht französisch, als wäre es -ihre Muttersprache, während wir andern oft nur recht kläglich -zu stammeln vermögen; aber das giebt dann gerade den größten -Spaß, und Alma hat so lange Geduld, bis sie uns die richtigen -Sätze über das, was wir ausdrücken wollen, eingeprägt hat.</p> - -<p>Die liebe Alma! Wie gütig und freundlich ist es von ihr, -mich als Aennchens Freundin mit in den Kauf zu nehmen und -zu ihrer Freundin zu machen! Ich hätte das nie zu hoffen gewagt! -Sie ist sehr lebhaft und witzig, sehr glänzend und verwöhnt,<span class="pagenum" id="Seite_141">[141]</span> -dabei aber doch von Herzen gut und liebenswürdig. Früher in -der Schule hatte ich immer Scheu vor ihr, da sah sie mit Hochmut -über alle hinweg, welche es ihr nicht gleichthun konnten; -mich selbst hatte sie nie beachtet. Aber sie ist vollständig verändert -von der Reise zurückgekommen, wenn sie auch äußerlich -noch dieselbe ist; nur noch viel reizender als früher, und sie sieht -so erwachsen aus, daß sie immer für eine junge Dame gehalten -wird. Ich rechne es ihr hoch an, daß sie es nicht verschmäht, -aus ihrem glänzenden Schloß, so oft die Reihe des Kränzchens -an mir ist, in unser kleines, enges Stübchen zu kommen, und -wahrhaft merkwürdig ist es, daß sie behauptet, sich immer gerade -da am wohlsten zu fühlen, weshalb mein Herzens-Aennchen schon -einmal beinahe eifersüchtig geworden ist. Sie hängt mit einer -schwärmerischen Liebe an meiner Schwester Klara und erscheint -niemals, ohne ihr etwas Hübsches an Früchten und Blumen von -ihrem Gute mitzubringen. Klara errötet dann immer vor Freude; -anfangs war es ihr beinahe peinlich und sie fragte Alma, ob -es ihr denn gestattet sei, das Treibhaus so zu plündern; doch -Alma erklärte fröhlich, ihr Papa habe mit eigener Hand ihr -immer die Blumen für Fräulein Klara abgepflückt und sie könne -ihn ja selbst darüber befragen. Denn Herr von Stolzau unterläßt -es selten, sein Töchterchen mit dem Wagen aus dem -Kränzchen abzuholen, und es ist vorgekommen, wenn das -Kränzchen in unserem Hause stattfand, daß er sich noch eine -halbe Stunde hinsetzte und mit Klara unterhielt, sie in teilnehmendster -Weise nach ihrer Gesundheit befragte und sich recht -herzlich freute, daß es ihr fortwährend so gut geht. Denn gottlob, -mein liebes, liebes Schwesterchen ist wirklich seit diesem letzten -Sommer ganz gesund und kräftig geworden; sie fühlt keine -Schmerzen mehr, kann täglich ein Stündchen ausgehen, sich zu -Hause beschäftigen und ist darüber natürlich sehr glücklich und -dankbar gegen Gott, der ihr dazu so gnädig verholfen hat. Und -wie viele große Hilfe haben wir den gütigen Eltern meines -lieben Aennchen zu verdanken – meiner armen Mama wäre es -ja nicht möglich gewesen, einen solch langen herrlichen Landaufenthalt<span class="pagenum" id="Seite_142">[142]</span> -für meine leidende Schwester zu erschwingen. Jetzt -ist es, als ob lauter Sonnenschein in unser Häuschen eingezogen -wäre; der ganze lange Winter ging uns wie ein freundlicher -Traum vorüber.</p> - -<p>Auch in der Schule durfte ich viel Freude erleben. Die -Lehrer sind alle so gütig gegen mich und haben mich zur Ersten -der Klasse ernannt. Gleich nach mir kommt Aennchen, die es -eigentlich noch viel mehr verdient hätte. Denn sie ist eine vortreffliche -Schülerin und lernt so rasch und leicht, daß es oft ganz -wunderbar ist, während ich mich oft viel mehr plagen muß. -Bei der Prüfung erregte sie mit ihrem Aufsatz über Kaiser Barbarossa -förmliches Aufsehen und erhielt eine Extrabelobung.</p> - -<p>Zwischen der Schulprüfung und der Konfirmation blieben -uns noch drei Wochen zur Vorbereitung für die Konfirmation. -Aennchen und ich, welche den ganzen Unterricht miteinander genossen, -verlebten auch diese letzte Zeit tagtäglich zusammen. Wir -waren gegenseitig bemüht, uns auf den Ernst dieses wichtigen -Schrittes würdig vorzubereiten, und als dann der heilige Ostertag -herankam, an welchem wir das Gelübde ablegen sollten fürs -Leben, da nahmen wir mit hohem Ernst die Gnade entgegen, -als erwachsene Christen in die Gemeinschaft der andern aufgenommen -zu werden. Der Spruch, welchen ich erhielt, lautete: -»Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des -ewigen Lebens geben!« und Aennchen bekam die Worte auf den -Lebensweg: »Die Augen des Herrn sehen auf die, so ihn lieb -haben!«</p> - -<p>Wir waren beide zusammen vor den Altar geschritten. Mein -schönes Aennchen, das so unbeschreiblich lieblich mit den hängenden -Zöpfen in dem ernsten schwarzen Gewand aussah, hatte es nicht -verschmäht, mit der mißgestalteten kleinen Freundin zu gehen, -welche, ich bemerkte es gar wohl, die Blicke der meisten auf sich -zog. Als ich mich darüber gegen Aennchen äußerte, meinte das -liebe gute Kind: »Vor dem lieben Gott sind wir ja alle gleich -und dein Herz in der unscheinbaren Hülle ist ihm sicher lieber als -das meinige!« Ach, sie weiß doch immer einen Trost für mich!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[143]</span></p> - -<p>Mittags waren wir alle zu Tisch in Aennchens Hause geladen, -Mama, Klara und ich, auch Herr von Stolzau und Alma. -Es war ein schönes erhebendes Festmahl; wir beiden Konfirmandinnen -wurden als erwachsene Christen betrachtet und jedes -sprach schöne gütige Worte mit uns. Aennchens Brüder wagten -sich vor Respekt kaum an uns heran; selbst Alma erklärte, beinahe -etwas Scheu vor unserer Würde zu empfinden.</p> - -<p>Aennchen aber und ich waren den ganzen Tag von einem -Gefühl dankbaren Glückes beseelt, und als ich mich am Abend -niederlegte, da gelobte ich dem lieben Gott noch einmal im -stillen, ihm »getreu zu sein und zu bleiben bis in den Tod.«</p> - -<figure class="figcenter illowp30" id="illu-155"> - <img class="w100" src="images/illu-155.jpg" alt=""> -</figure> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_144">[144]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="chap_19"><span class="smaller">Neunzehntes Kapitel.</span><br> -Das Kränzchen.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-w.jpg" alt=""></div> -<p class="drop">Wieder war es Mai geworden, ein wonniger, köstlicher -Mai voll Blütenpracht und Blumenduft und Vogelsang. -Das reizende Schlößchen Stolzau lag wie -in einem Meer von Blüten gebettet, weiße und blaue Fliederbüsche -guckten mit ihren duftenden Dolden neugierig in die -Fenster eines glänzenden Zimmers, aus welchem ein jugendlicher -Mädchenkopf, von einer goldenen Haarfülle umrahmt, ungeduldig -herauslugte.</p> - -<p>»Sie kommen noch immer nicht, die säumigen Mädchen,« -sprach Alma halblaut, während sie die reizenden, rosigen Lippen -schmollend aufwarf. In demselben Augenblick aber bog drunten -der Wagen um die Ecke, welcher allwöchentlich die Freundinnen -aus der Stadt heraus brachte, und Alma sprang mit einem -frohen Jubelschrei ihnen entgegen. Eine ganze lange Woche -war ja vergangen, seitdem sie sich nicht mehr gesehen hatten – -das dünkte ihnen eine wahre Ewigkeit. Wie viel gab es da zu -plaudern und Neuigkeiten auszutauschen!</p> - -<p>»Heute an dem herrlichen Tag können wir unser Kränzchen -im Garten abhalten!« sprach Alma, während sie ihren jungen -Gästen fröhlich voransprang an ein reizendes Plätzchen unter -einem blühenden Apfelbaum. Dort war ein weißgedeckter Tisch -höchst einladend mit Tassen und Tellern, Früchten und Gebäck -besetzt, ein silberner Theekessel summte über einer Spiritusflamme -und eben brachte der Diener auch die dampfende Schokoladenkanne -herbei.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[145]</span></p> - -<p>»Aber Alma! Das ist wider die Verabredung!« tadelte -Aennchen, »Schokolade ist nur bei ganz besonderen Gelegenheiten -erlaubt und heute weiß ich von keiner.«</p> - -<p>»Nun, es könnte aber doch möglicherweise eine geben,« -sprach Alma geheimnisvoll, »obgleich ich, offen gestanden, selbst -nicht weiß welche. Aber mein Papa kam heute mittag zu mir -und sprach: ›Ich fahre in die Stadt und wenn ich zurückkomme, -erfährst du etwas Köstliches und ich bringe dir etwas mit, was -dich sehr, sehr freuen wird.‹ Natürlich war meine Neugierde -gleich aufs höchste gespannt und ich bestürmte Papa, mir doch -zu sagen, was es sei – er aber verriet nichts, nur gestand er -zuletzt noch zu, daß es etwas Lebendiges wäre und sprechen -könne, und daß er es bringen wollte, so lange ich noch mit -meinen Freundinnen hier beisammen sei. Nun helft mir aber -nur um Gotteswillen raten, in was die Ueberraschung bestehen -könnte? Mir wirbelt schon ganz der Kopf von dem vielen -Denken.«</p> - -<p>»Dann rege dich nur lieber nicht zu sehr auf und lasse die -Ueberraschung an dich herankommen, wie dein Papa es beabsichtigt,« -riet die besonnene Martha, während Aennchen, angesteckt -von der Neugierde der Freundin, in grübelnde Betrachtungen -versank, deren Resultat zuletzt darin bestand, daß sie -meinte:</p> - -<p>»Dein Papa bringt dir vielleicht einen Papagei, weil er -ja verheißen hat, daß der geheimnisvolle Gegenstand auch sprechen -könne.«</p> - -<p>»Richtig, ein Papagei wird’s sein!« rief Alma aufspringend -und in die Hände klatschend; »o, du kluges Aennchen weißt doch -immer das Richtige zu treffen. Dafür muß ich dich aber gleich -mit einem Stück selbstgebackenen Kuchens belohnen.«</p> - -<p>»Wirklich, selbstgebacken?« staunten die Freundinnen. »Alma, -du willst uns bloß foppen. Deine feinen Fingerchen verstehen -doch dergleichen nicht.«</p> - -<p>»Sicher haben diese zehn Finger den Teig selbst geknetet,« -rief Alma beteuernd aus, indem sie ihre niedlichen weißen<span class="pagenum" id="Seite_146">[146]</span> -Händchen emporstreckte. »Glaubt ihr denn, man vermöchte lang -mit solch vortrefflichen Geschöpfen, wie ihr es seid, zu leben, -ohne von dem ausgezeichneten Beispiel angesteckt zu werden? -Ich habe mich tüchtig geschämt, als Martha neulich die süßen -Kaffeeküchlein auf den Tisch brachte, welche sie selbst fabriziert -hatte, denn ich hatte gar keine Ahnung, daß man das nur versuchen -könnte. Da bin ich heute zu unserer Mamsell gelaufen -und habe gebeten: ›Lassen Sie mich heute den Kaffeekuchen -backen.‹ Denkt euch, Kinder, die Gute hat geglaubt, ich spreche -im Fieber, und hat laut aufgeschrieen. Als sie aber dann endlich -überzeugt worden war, daß es mir mit dem Vorhaben heiliger -Ernst sei, da sind ihr vor freudiger Rührung die Thränen über -die Backen gelaufen und sie hat sich alle Mühe gegeben, mir -das Ding begreiflich zu machen. Freilich, es war nicht leicht; -erst zerbrach ich ein halbes Dutzend Eier, dann schüttete ich die -Rosinen ungewaschen in den Teig, dann ergriff ich anstatt des -Zuckers das Salzfaß, und so war der erste Kuchen ›futsch.‹ -Aber der zweite geriet um so besser und ihr seht das prächtige -Resultat hier vor euren eigenen Augen.«</p> - -<p>»Und ganz köstlich schmeckt er,« riefen die Freundinnen, -bewundernd in die duftenden Kuchenstücke beißend. »Welche -Freude wird dein lieber Papa haben, wenn er das erfährt.«</p> - -<p>»Ja, er wird es kaum glauben können,« sprach Alma mit -strahlenden Augen. »Der liebe, gute Papa sieht mich manchmal -so traurig an und spricht: ›Mein armes kleines Mädchen muß -sich so allein ohne Mutter behelfen, da wird es schwer fürs -Leben tauglich werden.‹ Ich bemühe mich ja redlich, ihm ein -sorgendes Hausmütterchen zu sein, aber ich sehe leider nur zu -deutlich, das ihm die rechte Behaglichkeit doch fehlt, wenn er -auch freilich in seiner Güte recht zufrieden mit mir ist und sich -noch nicht von mir zu trennen vermochte, trotzdem er den Hausunterricht, -welchen ich dieses halbe Jahr hier außen empfing, -für ungenügend erklärte. Und so wird’s wohl in einigen Wochen -Ernst werden, ihr Lieben, Papa hat schon an die Pensionsvorsteherin -nach N. geschrieben, in deren Haus ich kommen soll.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_147">[147]</span></p> - -<p>»Alma, weißt du denn schon, daß auch ich zu gleicher Zeit -mit dir in die Pension kommen werde?« rief Aennchen lebhaft. -»Mama hat es mir allen Ernstes nach der Konfirmation eröffnet, -und wenn mir der Gedanke, das Vaterhaus zu verlassen, auch -ein recht schmerzlicher war, so ist es mir doch auf der andern -Seite ein Trost, mit dir, du Liebe, zugleich in ein Institut zu -kommen.«</p> - -<p>»Und ich bleibe ganz allein,« murmelte Martha traurig. -»Wie schmerzlich werde ich euch entbehren!«</p> - -<p>»Armes, liebes Herz!« rief Aennchen, sie lebhaft umarmend. -»Kannst du deine Mutter nicht auch bitten, dich mit uns zu -lassen?«</p> - -<p>»Nein, das würde ich nie,« versetzte Martha rasch und fest. -»Erstens brächte ich es nicht übers Herz, mich von meinem -lieben Mütterchen zu trennen, und dann gestatten unsere Verhältnisse -es auch gar nicht, mich eine solch kostspielige Pension -besuchen zu lassen. Mein Weg, der mir vorgezeichnet ist, wird -ein ganz anderer sein. Nach dem Verlassen der Schule werde -ich zum Lernen in eine Frauenarbeitsschule geschickt, dort kann -ich in vierteljährigen Kursen alles durchmachen, was mich später -zu einer Handarbeitslehrerin befähigt – im ersten Kurs Handnähen, -im zweiten Maschinennähen, dann Kleidermachen, dann -Sticken u. s. w. Habe ich dann alles so gründlich erlernt, daß -ich am Schluß ein vorzügliches Zeugnis davontrage, dann braucht -es mir nicht bange zu sein vor der Zukunft; ich kann dann mit -Gottes Hilfe meinem Mütterchen eine gute Stütze werden.«</p> - -<p>»Du beschämst uns alle, du Gute,« sprachen Aennchen und -Alma, indem sie dem verkrüppelten Mädchen, welches so bescheiden -dasaß und deren ganzes Leben nur aus Pflichterfüllung -bestehen sollte, die Hände reichten; dann fragte Aennchen, auf -ein anderes Thema überspringend:</p> - -<p>»Was schreibt dein Bruder Peppino aus der Stadt, Alma?«</p> - -<p>»Die glücklichsten, zufriedensten Briefe,« war die rasche -Antwort. »Er ist auf dem Münchener Gymnasium und seine -Lehrer rühmen ihn alle als ihren fleißigsten, begabtesten Schüler,<span class="pagenum" id="Seite_148">[148]</span> -welcher rastlos vorwärts strebt. Seine ganze Zeit füllt er mit -Lernen und Zeichnen aus, ihr glaubt nicht, wie weit er es -darin schon gebracht hat. Sein höchster Wunsch ist, Maler zu -werden; Papa ist aber dafür, daß er erst tüchtig die Wissenschaften -studiere, bevor er in die Kunstschule übergeht. Peppino -ist ein gar zu lieber braver Mensch, es vergeht kein Tag, an -welchem er nicht seinem fernen Schwesterlein ein paar Zeilen -schreibt, und meistens legt er auch einige niedliche Handzeichnungen -bei. Erst heute morgen kamen wieder mehrere Skizzen -an – soll ich sie euch zeigen?«</p> - -<p>Alma wollte aufspringen, Martha aber hielt sie zurück, -indem sie sagte:</p> - -<p>»Später, liebes Herz; jetzt haben wir wirklich so viel geplaudert, -daß wir ganz darauf vergessen haben, daß wir nicht -nur zum Vergnügen beieinander sind, sondern auch Französisch -treiben müssen. Und es ist die höchste Zeit für heute, das Versäumte -nachzuholen, darum wollen wir rasch beginnen.«</p> - -<p>Es sollte aber heute doch nicht zum richtigen Ernste mehr -kommen, denn in demselben Moment hörten die Mädchen einen -Wagen in den Hof fahren und Alma rief aufspringend: »Der -Vater kommt! Nun hat er mir sicher die Ueberraschung mitgebracht! -Ich kann es kaum mehr erwarten!«</p> - -<p>Und vor Erwartung beinahe zitternd, schaute sie von ihrem -Platz hinüber nach dem Weg, auf welchem der Erwartete herankommen -mußte; die beiden andern Mädchen, kaum minder neugierig -als sie, thaten desgleichen. Und wenige Augenblicke waren -vergangen, da zeigte sich wirklich Herr von Stolzaus Gestalt -zwischen den Büschen, aber nicht allein, denn er führte eine -schlanke Dame am Arme, welche allen merkwürdig bekannt und -vertraut schien.</p> - -<p>»Klara! wie kommt Klara hierher?« murmelte Martha -überrascht und zweifelnd; Alma aber sprang auf ihren Vater -zu und rief:</p> - -<p>»Papachen, süßes Papachen, was hast du mir Lebendiges -mitgebracht?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_149">[149]</span></p> - -<p>»Du siehst es hier vor dir, mein Kind!« erwiderte Herr -von Stolzau freudig, dessen sonst so ernste Züge einen ganz -glückstrahlenden Ausdruck zeigten. »Rätst du es nun noch immer -nicht, was ich dir mitgebracht habe? Eine liebe, neue Mama!«</p> - -<p>»Eine neue Mama!« Alma wiederholte es fast wie im -Traum; sie konnte das Wunder kaum begreifen; plötzlich aber -jauchzte sie auf: »Eine neue Mama habe ich bekommen und -diese wird meine liebe, liebe Klara sein – o, das ist zu viel, -zu viel des Glücks!«</p> - -<p>Und aufschluchzend vor Freude hing sie bald der neuen -Mutter, bald dem Vater am Hals, während die beiden andern -Mädchen noch ganz fassungslos dabei standen und kaum begriffen, -was um sie her vorging.</p> - -<p>»Nun, Marthchen, was sagst du dazu, wenn ich dich verlasse, -um die Mutter deiner Freundin zu werden?« frug da auf -einmal die süße Stimme Klaras zu Martha gewandt, und sie -streckte ihr beide Arme entgegen. »Bist du es zufrieden, allein -bei Mütterchen zu bleiben und ihr die fehlende Tochter mitzuersetzen, -und freust du dich meines Glückes?«</p> - -<p>»Es ist zu groß das Glück, als daß ich es so schnell zu -fassen vermöchte,« sprach Martha mit bebender Stimme, sich an -die geliebte Schwester schmiegend, und dann flüsterte sie leise:</p> - -<p>»Weiß es denn Mütterchen schon?«</p> - -<p>»Freilich weiß sie es; sie gab uns freudig ihren Segen -und hat uns auch hier heraus begleitet, nur ließ sie uns allein, -bis die Ueberraschung hier bei euch gelungen wäre. Jetzt aber -wollen wir wieder zu ihr eilen.«</p> - -<p>»Und ich muß der künftigen Herrin des Schlosses auch das -Heim zeigen, in welchem sie regieren soll,« sprach Herr von -Stolzau, seiner Braut sorgsam den Arm bietend und sie nach -dem Schlosse hingeleitend, während die drei jungen Mädchen -freudestrahlend folgten.</p> - -<figure class="figcenter illowp50" id="illu-161"> - <img class="w100" src="images/illu-161.jpg" alt=""> -</figure> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[150]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="chap_20"><span class="smaller">Zwanzigstes Kapitel.</span><br> -Ein überraschender Besuch.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-z.jpg" alt=""></div> -<p class="drop">Zum letztenmal vor der Abreise der Freundinnen sollte -das Kränzchen bei Martha stattfinden. Diese hatte -mit gar schwerem Herzen ihren Hausgarten, wie sie -die Terrasse nannte, heute festlich geschmückt, an der Thüre -prangte ein mächtiges, von Blumen umranktes »Willkommen.« -Zum erstenmal in diesem Jahr war das Wetter schön genug, -um diesmal bei Martha im Freien zusammenkommen zu -können, zum erstenmal, aber ja leider auch zum letztenmal! -So legte sie denn unter Seufzen und heimlichen Thränen -das selbstgestickte schöne Gedeck und den weißen Tischläufer -auf, welchen sie mit roter Baumwolle in Stilstich mit allerlei -Arabesken so kunstreich verziert und mit selbstgehäkelten Spitzen -versehen hatte. In die Mitte der Tafel stellte sie eines der -schönen Blumenbouquets, deren ihre Schwester Klara täglich -von Herrn von Stolzau eines gesandt bekam, und als sie -gerade mit allem fertig war und ihr Werk noch einmal prüfend -betrachtete, da flogen auch schon die Freundinnen herein und -es gab eine Begrüßung, als ob man sich seit Jahren nicht mehr -gesehen hätte. Bald saß Alles in fröhlichster Eintracht um den -hübsch gezierten Tisch herum; Alma hatte sich natürlich ihren -Lieblingsplatz neben ihrem »lieben Mütterchen,« wie sie Klara -mit Vorliebe schon jetzt nannte, genommen und beinahe beständig -hielt sie eine von deren weißen, schmalen Händen liebkosend -an sich gedrückt, als ob sie fürchtete, sie ihr entrissen zu -sehen. Auch Klara dachte mit aufrichtigem Schmerz daran, das<span class="pagenum" id="Seite_151">[151]</span> -geliebte Kind so bald verlieren zu müssen, und hielt jede kostbare -Minute fest, in der sie noch mit Alma zusammensein konnte. -Sie besaß eine so merkwürdige Macht über deren Gemüt, wie -es noch niemand vor ihr besessen hatte – in Klaras Gegenwart -war Alma eine vollständig andere Natur, hier schien sie<span class="pagenum" id="Seite_152">[152]</span> -nichts als das sanfte bescheidene Kind, welches zu Füßen der -Mutter Schutz sucht.</p> - -<figure class="figcenter illowp80" id="illu-163"> - <img class="w100" src="images/illu-163.jpg" alt=""> -</figure> - -<p>Natürlich drehte sich heute das Hauptgespräch um die -nächste Zukunft der beiden Institutselevinnen, welche schon mit -allen ihren Gedanken halb in der künftigen Sphäre waren und -deren Phantasie sich lebhaft damit beschäftigte, wie es in dem -Institut wohl aussehen möge, ob es ihnen gelingen werde, die -Vorsteherin zufrieden zu stellen, und welcher Art ihre künftigen -Genossinnen sein würden. So war denn der Gesprächsstoff -darüber noch niemals ausgegangen und auch jetzt war man in -den wichtigsten Debatten; da störte plötzlich ein auf der Straße -entstehendes dumpfes Geräusch die Aufmerksamkeit und neugierig -sprangen Aennchen und Alma sogleich von ihren Sitzen, um -nachzusehen, was es wohl da unten zu schauen gebe.</p> - -<p>Eine größere Menschenmenge, meist aus Kindern bestehend, -war um eine elegante Hotelequipage versammelt, welche unten -vor der Thür des Hauses hielt und die Insassen derselben, welche -sich nach einigen Erkundigungen soeben zum Aussteigen anschickten, -mochten es wohl gewesen sein, welche das Aufsehen hervorgerufen -hatten. An der Hauptperson, einem sehr jungen Mädchen, -war allerdings nichts Auffälliges zu bemerken, als daß ihre -Kleidung einen beinahe männlichen Schnitt besaß, indem diese -aus einem kurzen schwarzen Jacket mit Herrenkragen und Kravatte -und einem glatten schwarzen Rock, ferner einem kleinen Herrenhütchen -bestand.</p> - -<p>Um so seltsamer stach die Begleiterin der jungen Dame von -derselben ab, denn sie war so bunt als möglich gekleidet in kostbare -rote und schottisch-seidene Stoffe. Um den Kopf trug sie -ein fremdartig buntes Tuch gewunden und darunter schaute ein -dunkles Mulattenantlitz hervor mit schwarzen blitzenden Augen -und dunkelroten Lippen, durch welche die weißen Zähne glänzten. -Es war ein seltsam schönes Gesicht, das aber in dieser Umrahmung -noch doppelt überraschend wirkte, zumal die fremdartige -Erscheinung noch aufs reichste mit allerlei Ketten und kostbaren -Perlenschnüren behangen war und außerdem noch ein kleines<span class="pagenum" id="Seite_153">[153]</span> -Aeffchen und einen Papagei neben sich auf dem Sitz hatte, welch -letzterer beständig in englischer Sprache schwatzte und schrie. -Beim Aussteigen jetzt belud sie sich sowohl mit dem Käfig als -mit dem kleinen Affen, unbekümmert um das Gaffen und die -lauten Bemerkungen der übermütigen Gassenjugend – sie schritt -mit fremdartiger Grandezza ihrer Gebieterin nach, welche mit -etwas herrischem Ton sich nach der Wohnung der Frau Pfarrer -Traugott erkundigt hatte und jetzt unten durch die Thür des -Hauses trat.</p> - -<p>»Ist’s möglich?! Die merkwürdigen Gäste wollen zu euch, -Martha – ich habe es ganz deutlich gehört!« rief Aennchen, -förmlich atemlos vor Erstaunen. Doch die Frau Pfarrerin -schüttelte ungläubig den Kopf –:</p> - -<p>»Du wirst dich wohl getäuscht haben, mein Kind,« sagte -sie, »was hätten die Fremdlinge bei uns hier zu suchen?«</p> - -<p>Allein schon nahten sich laute Schritte auf der Treppe von -außen her und nach einem raschen Klopfen öffnete sich die Thür, -unter deren Rahmen richtig die Fremden von der Straße unten -erschienen.</p> - -<p>Aufs höchste verdutzt, starrten die Anwesenden die Eintretenden -an, dann rief die Frau Pfarrerin ungläubig und zögernd aus:</p> - -<p>»Täusche ich mich oder bist du’s wirklich, meine Nichte -Ellen?«</p> - -<p>»Ja, ich bin Ellen Trustgod!« gab die junge Dame in -etwas gebrochenem Deutsch rasch zurück, »und war schon vor -Jahren einmal als Gast hier in deinem Hause zugleich mit -meinem Vater. Jetzt ist mein Vater tot,« ein leises Schluchzen -bewegte ihre Stimme, »und ich komme in seinem Auftrag, dir -seine letzten Grüße zu überbringen.«</p> - -<p>»O du armes, armes Kind!« rief die alte Dame tief erschüttert -aus, ein Thränenstrom brach aus ihren Augen und -schluchzend zog sie die junge Mädchengestalt in ihre Arme. »So -ist mein armer Bruder wirklich in der Fremde gestorben und -du, mein Kind, bist eine alleinstehende Waise!«</p> - -<p>Auch dem jungen Mädchen wurden die Augen feucht, es<span class="pagenum" id="Seite_154">[154]</span> -unterdrückte aber mit einer gewaltsamen Anstrengung die Bewegung, -als schäme es sich, seinen Schmerz zu zeigen – so war -es wirklich ein merkwürdiger Anblick, dies blutjunge Geschöpf -mit den streng geschlossenen Lippen neben der fassungslosen alten -Frau zu sehen. Auch Klara und Martha hatten mit schmerzlicher -Teilnahme von dem traurigen Schicksale des Onkels vernommen -und eilten herzu, die fremde Cousine zu begrüßen und -mit den Freundinnen bekannt zu machen: auch Ellen dachte nun -wieder an ihre im Hintergrund harrende Begleiterin und stellte -diese als ihre Freundin und treue Gefährtin Olivia Ricardo -vor. Dieselbe sei von ihrer frühesten Kindheit an ihre Gefährtin -auf der Farm gewesen und habe sie auch seit dem Tod ihres -Vaters keinen Augenblick verlassen und sich trotz der Furcht, -welche sie vor dem Wasser hege, entschlossen, sie hinüber nach -Deutschland zu begleiten.</p> - -<p>»Unter wessen Schutz habt ihr armen Kinder die weite Reise -über Hamburg bis hierher zurückgelegt?« frug die Tante, als -man sich gesetzt hatte, während Martha eifrig von neuem Kaffee -einschenkte und Kuchen anbot.</p> - -<p>»Wir sind ganz allein gereist – was hätten wir auch des -Schutzes bedurft? Ich bin gewohnt, mir allein zu helfen,« gab -Ellen in beinahe verwundertem Ton und mit solcher Entschiedenheit -zurück, daß alle dies junge merkwürdige Mädchen ganz -verdutzt anstarrten.</p> - -<p>»Jetzt aber wirst du wohl bei uns bleiben und gerne werde -ich an der armen Waise meines Bruders Mutterstelle vertreten,« -sprach die Tante, indem sie der Nichte die Hand entgegenstreckte. -Diese schlug halb zerstreut ein.</p> - -<p>»Verzeih, liebe Tante,« sprach sie entschieden, »wenn ich -von deinem freundlichen Antrag keinen Gebrauch mache, aber -ich habe bereits meinen Lebensplan festgesetzt. Ein Freund -meines Vaters, welcher in der Residenz Verbindungen hat, hat -für mich dort ein hübsche Villa mit Garten gekauft, dort werde -ich mit meiner Olivia leben – wenn ihr mich aber dort besuchen -wollt, werdet ihr mir immer liebe Gäste sein.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[155]</span></p> - -<p>»Aber das ist ja ganz unmöglich, Kind, daß dies dein Ernst -sein sollte,« rief die alte Dame ganz erschrocken aus, »du kannst -doch nicht daran denken, allein leben zu wollen, kaum 14 Jahre -alt und ohne allen Schutz!«</p> - -<p>»Ich habe ja den Schutz meiner Olivia und einer treuen -Dienerschaft,« erwiderte Ellen beinahe etwas gereizt, »wer sollte -mir da etwas anhaben können!«</p> - -<p>»Aber, was würde die Welt dazu sagen!« rief die Tante -lebhaft.</p> - -<p>»Die Welt?« wiederholte Ellen, indem ein hochmütiges -Lächeln ihre Lippen teilte. »Ich bin es nicht gewohnt, nach -dem Urteil der Welt zu fragen und mich deren engherzigen Begriffen -unterzuordnen, welche besonders hier in der alten Welt -von einer beinahe lächerlichen Beschränktheit sein sollen. Ich -habe mich gewöhnt, mir selbst Richter zu sein und einzig meiner -eigenen Person Rechenschaft über mein Thun und Lassen abzulegen. -Wenn ich also in der Zurückgezogenheit meines eigenen -Hauses meinen Studien lebe und mir als einzige Erholung nur -die gewohnten Ritte ins Freie gönne, so ist niemand berechtigt, -mein Thun anzutasten oder Tadel daran zu finden. Bei uns -in Amerika hat die Frau ebenso wie der Mann das Recht, über -ihr Schicksal zu bestimmen.«</p> - -<p>»Aber du bist keine Frau, sondern ein Kind!« rief die Pfarrerin -ganz entsetzt aus, indem sie sich erregt von ihrem Sitz erhob. -»Ich kann doch unmöglich zugeben, daß meine einzige -Nichte sich meinem mütterlichen Schutze ganz entziehen will. Ich -werde keine ruhige Stunde haben, dich so allein zu wissen.«</p> - -<p>»Aber Tante, du wirst doch nicht komisch sein wollen?« -rief das junge Mädchen, von ihrem gehaltenen Ernst jetzt plötzlich -in Lustigkeit umspringend und die alte Dame umfassend. -»Glaube mir, du und die Cousinen, ihr werdet noch staunen, -wie gut ich mich in das neue Leben hineinfinden werde, und ich -lade euch alle zu Besuch in meine Villa ein. Dann können wir -das Wiedersehen recht gründlich erneuern; für heute muß ich -leider gleich wieder Abschied nehmen, da ich eilen muß, nach der<span class="pagenum" id="Seite_156">[156]</span> -Residenz zu kommen, um mit meinem Baumeister und verschiedenen -Handwerkern zu verhandeln.«</p> - -<p>»Also wirklich ist es dein unabänderlicher Entschluß?« frug -die alte Dame ganz bekümmert; sie fühlte sich, wie auch alle die -anderen, durch das überlegene Wesen der jungen Amerikanerin -so gedrückt, daß sie an keinen Widerspruch mehr dachte, und so -sah sie nur mit stummer Verwunderung, mit welcher Sicherheit -Ellen ihre Befehle an ihre Gefährtin erteilte, welche in vollständigem -Schweigen die ganze Zeit über verharrte und sich nur mit -dem Papagei und dem Aeffchen beschäftigt hatte, während ihre -blitzenden Augen von einem der Anwesenden zum andern flogen. -Jetzt bepackte sie sich wieder mit ihren Lieblingstieren, während -Ellen Abschied von ihren Verwandten nahm, auch Alma und -Aennchen freundlich die Hand schüttelte und diese, als sie hörte, -daß die Residenz M. in kurzem deren Aufenthaltsort werden -solle, herzlich einlud, sie in ihrem Hause zu besuchen.</p> - -<p>Gleich darauf verschwand sie mit ihrer Begleiterin durch -die Thür, alle andern in einer leicht begreiflichen Aufregung und -Verblüfftheit zurücklassend. Der Frau Pfarrerin zitterten ganz -die Kniee, so sehr hatte sie das eben Vernommene angegriffen, -und ihre Töchter hatten lange zu thun, die bekümmerte Mutter -über den Gedanken zu beruhigen, daß die Tochter ihres Bruders -ein so emanzipiertes Mädchen geworden sei.</p> - -<p>»Du hast alles versucht, was in deiner Macht stand, -Mütterchen, Ellen von ihrem Vorsatz abzuhalten,« tröstete Klara, -»nun liegt dir auch jede Verantwortung fern und es bleibt -uns nichts übrig, als das verblendete Wesen Gottes Schutz zu -empfehlen.«</p> - -<p>»Ja, das wollen wir,« bestätigte die alte Dame einigermaßen -getröstet, aber es lastete doch seitdem wie ein geheimer -Druck auf ihr und so beeilten sich die Gäste, Alma und Aennchen, -die aufgeregte Familie lieber allein zu lassen. So hatte dies -letzte Beisammensein in Marthas Hause heute einen unerwartet -trüben Abschluß erhalten, der noch lange Zeit nachher die Gemüter -Aller beschäftigte.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[157]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="chap_21"><span class="smaller">Einundzwanzigstes Kapitel.</span><br> -Schluß.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-m.jpg" alt=""></div> -<p class="drop">Mehrere Wochen später war eine große Gesellschaft auf -dem Bahnhof der Stadt um zwei junge Mädchen -in niedlicher Reisekleidung versammelt, welche der -nächste Eilzug in wenigen Minuten entführen sollte. Es -waren Aennchen und Alma, beide von ihren Familien begleitet; -außerdem hatte sich natürlich auch Martha, die unzertrennliche -Freundin der beiden, eingefunden und deren Mutter. Herr -von Stolzau führte die zarte Klara am Arme, welche das -geliebte Stieftöchterchen mit Thränen scheiden sah; sie hätte -so gerne gewünscht, sie hier zu behalten, doch hatte Almas -Vater es für besser gefunden, dieselbe, wie bereits früher beschlossen -gewesen, wirklich in die Pension zu senden – in einem -halben Jahr sollte sie einmal auf einige Tage zurückkehren -dürfen, um der Vermählung des Vaters beizuwohnen. Für -heute aber galt es nun, ernstlich Abschied zu nehmen – der -Zug pfiff, es war höchste Zeit einzusteigen, und kaum waren -sie im Waggon, so läutete die Glocke zum zweitenmale.</p> - -<p>In Thränen aufgelöst, hing Martha an Aennchens Halse.</p> - -<p>»Gelt, Liebling, du vergißt mich nicht?« schluchzte sie immer -und immer wieder.</p> - -<p>»Nein, nie im Leben!« versicherte Aennchen, beinahe ebenso -tief bewegt, »ich werde immer in Gedanken bei dir sein und -dir täglich Briefe in Tagebuchform schreiben. Verlaß dich darauf, -Liebling.«</p> - -<p>»Die Billets, meine Herrschaften!« scholl die Stimme des<span class="pagenum" id="Seite_158">[158]</span> -Schaffners dazwischen, die Freundinnen wurden getrennt, beide -griffen nach ihren Täschchen, der Mann nahm die Billets und -schlug die Thür zu, ein lautes, grelles Pfeifen der Lokomotive, -die Glocke läutete zum drittenmal, Aennchens Brüder schwenkten -die Mützen und riefen: »Hurra, nun geht’s auf die Hochschule!« -Die weißen Tücher flatterten im Winde und im raschen Flug -entführte der Bahnzug die Mädchen dem neuen Lebensziel -entgegen.</p> - -<p>Welches die Schicksale der drei Freundinnen in den weiteren -Jahren waren, das werde ich meinen jungen Leserinnen -ein andermal berichten.</p> - -<figure class="figcenter illowp30" id="illu-170"> - <img class="w100" src="images/illu-170.jpg" alt=""> -</figure> - -<p class="center p2 s90">Druck von Maschning & Kantorowicz, Berlin S., Gneisenaustr. 41.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> - -<div class="chapter transnote p2" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Lange Folgen von Gedankenstrichen wurden auf eine einheitliche Länge -gekürzt.</p> - -<p>Korrekturen:</p> - -<div class="corr"> -<p> -S. 132: son → schon<br> -und gutem Ausdruck <a href="#corr132">schon</a> eine Anzahl</p> -</div> -</div> - -<div lang='en' xml:lang='en'> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>SCHULMÄDELGESCHICHTEN</span> ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin-top:1em; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE</div> -<div style='text-align:center;font-size:0.9em'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE</div> -<div style='text-align:center;font-size:0.9em'>PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. 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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg™ electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg™ -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any -Defect you cause. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state -visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> -</div> -</body> -</html> diff --git a/old/69864-h/images/cover.jpg b/old/69864-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 7da5db5..0000000 --- a/old/69864-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/69864-h/images/drop-a.jpg b/old/69864-h/images/drop-a.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 43e7aab..0000000 --- a/old/69864-h/images/drop-a.jpg 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