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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Wanderschuhe - und andere Erzählungen - -Author: Anna Schieber - -Release Date: December 18, 2022 [eBook #69575] - -Language: German - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WANDERSCHUHE *** - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter - Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original fetter Text ist =so - dargestellt=. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - -[Illustration: Signet] - - - - - Wanderschuhe - - und andere Erzählungen - - Von - - Anna Schieber - - Elftes bis fünfzehntes Tausend. - - Verlegt bei Eugen Salzer in Heilbronn - 1914 - - - - -Druck: Christliches Verlagshaus, Stuttgart - - - - -Inhalt - - - Seite - - Wanderschuhe 1 - - Ein Sommer 59 - - Aus Kindertagen 109 - - Ellen 133 - - Ein Vater 187 - - Sein Geburtstag 223 - - - - -Wanderschuhe - -[Illustration] - - -Novembernebel lag dicht und schwer auf der Erde; droben auf der rauhen -Alb war es. Kaum daß man zwei, drei Schritte vor sich sah. »’s könnt’ -Schnee kommen, Herr Pfarrer,« sagte der Ulmer Bote, der neben seinem -schwergeladenen Wagen herging und prüfend in die Luft guckte. »Aber -freilich, nichts Gewisses weiß man nicht.« - -Der Pfarrer hatte einen Gast abgeholt, einen jüngeren Freund und -Bundesbruder. Er selber war alt geworden im Amt, er war schon viele -Jahre hier und mochte auch nicht mehr ans Wandern denken; er war -verwachsen mit dem rauhen Stück Erde da oben und mit den Menschen, die -auf ihm emporwuchsen. - -»Ich hätte dir gern die Gegend in sonnigerem Lichte gezeigt,« sagte er -zu dem Jüngeren. »Gestern noch wäre es schön gewesen, da hatten wir -blauen Himmel und Sonne, die Wälder sind noch vielfarbig bunt, nun -müssen wir uns im Hause einspinnen.« Dann saßen sie einander gegenüber -in der großen Wohnstube. Ein gutes Feuer brannte in dem mächtigen -eisernen Ofen, der von der Küche aus geheizt wurde. Draußen hantierte -die alte Magd, die Pfarrfrau war verreist. »Großmutterpflichten,« -sagte der Pfarrer lächelnd, »es ist das sechste Enkelkind, drunten im -Unterland, wir werden immer reicher.« - -Drüben auf dem Turm fing eine Glocke an zu läuten. Ernst und schwer -drangen die Töne durch den Nebel; oder schien es dem Gast nur so? »Ich -muß dich nachher eine halbe Stunde lang allein lassen, du magst dich so -lang an meinen Bücherschränken umsehen, die sind dir doch schon längst -im Sinne. Es ist eine Beerdigung – und sonderbar genug ist der Fall, -ich erzähle dir nachher davon, da du doch auf Geschichten erpicht bist. -Nein, nein, laß nur, das wissen wir noch von früher her. Und im Grunde, -was ist uns auch näher, als der andern Menschen Geschichte, Lust und -Leid, Arbeit, Liebe und Tod?« - -Der Gast nickte. So war der Pfarrer immer gewesen; unter allen -Interessen waren ihm die, die des Menschen Schicksale betrafen, am -nächsten gestanden. So war er warmen Herzens ein Vater seiner Gemeinde -geworden, ihn konnte man wohl so nennen, es war keine Phrase. - -Nun läuteten die Glocken zusammen. Draußen der Nebel war dicht und -dichter geworden. Der Gast stand am Fenster, das auf den Kirchhof ging -und sah, wie sich die Schulkinder mit dem Lehrer um einen aufgeworfenen -Hügel versammelten, und wie ein kleiner Leichenzug zu dem unteren Tor -herein kam, wie sich der Pfarrer zu ihm gesellte und wie der Sarg, auf -dem ein einziger Kranz lag, niedergestellt wurde. Ein Mann mit einem -kleinen Bübchen auf dem Arm stand zunächst des Sarges; das mußte der -Hauptleidtragende sein. Das alles sah der Gast nur in schattenhaften -Umrissen, es war alles dicht eingehüllt in den Nebel, und aus dem -Nebel heraus drangen auch dünn und wie verschwommen die Stimmen der -singenden Kinder, dann die tiefe Stimme des Pfarrers. In der Stube war -es heimelich warm und die Bücherschränke übten ihre Anziehungskraft -aus; bald saß der Gast mit einer seltenen Ausgabe der Aeneide im Sofa, -aus deren altertümlichen Kupfern er erst den Blick wieder erhob, als -der alte Pfarrer vor ihm stand. - -Der kurze Novembertag ging schon stark zur Neige, und, als müßte es -so sein, fielen nun weich und lautlos die Schneeflocken vom Himmel -und legten sich auf das neue Grab da draußen, in dem ein unruhiges -Menschenherz war zur Ruhe gelegt worden. - -»Nein, kein Licht, Ursel,« sagte der Pfarrer, als die alte Magd mit -der Lampe erschien, »wir wollen im Dämmer sitzen und uns Geschichten -erzählen.« Dann, als die Pfeifen brannten, fing er an: »Es war so -ein Tag wie heut, das ist nun drei Jahre her. Ich weiß es wohl noch. -Wir hatten die beiden ältesten Enkelkinder da, die spielten um den -Tisch herum und jauchzten laut, daß es meiner Frau und mir zumute war, -als kämen die alten Zeiten noch einmal herauf, wo unsere Eigenen so -herumtollten. - -Über dem ging die Tür auf; wir hatten ein leises Klopfen überhört, und -in dem Rahmen stand ein junges Zigeunerweib. Ursel war an den Brunnen -gegangen und hatte die Haustür solange offen gelassen, so war die -Fremde unberufen bis in die Wohnstube gekommen. Die Kinder verstummten -in ihrem Jubel und hingen sich meiner Frau an das Kleid. Ich habe schon -viele aus diesem fahrenden Volke gesehen, Siegfried, es hat immer mein -Herz bewegt, daß sie sind wie die Wanderschwalben, immer mit dem Trieb -in die Ferne, und doch mit der Sehnsucht nach einer Heimat. Aber die -hier stand und bittend die Hand ausreckte, die war so das Urbild eines -Mädchens aus der Fremde, ein blütenjunges Weib, dem in dem bräunlichen -Gesicht Lippen und Wangen in einem matten Rot leuchteten und dem aus -dem bläulichen Weiß die Augensterne in einem feuchten, goldenen Braun -hervorglänzten, die noch schlanke, junge Gestalt in ärmliche, doch -etwas phantastische Gewänder gehüllt. Ich weiß das noch so genau, denn -dieses junge Weib ist hernachmals noch oft in meinen Weg getreten und -immer sah ich an ihr das Fremdartige, das sich in die Ferne sehnte und -doch aus der Ferne wieder zurückstrebte, das Rätsel der Menschenseele, -die ein Zuhause sucht durch alle Welt hindurch. - -Für jetzt bat sie nur in fremdartig klingender Sprache um etwas alte -Leinwand und Bettzeug, da in dem Wagen draußen vor dem Dorf, da, -wo es hart an den Wald anstößt, ein Kind zur Welt geboren sei, und -nichts vorhanden, es einzuwickeln. Meine Frau ging, unter mütterlichem -Schelten über den Leichtsinn, solch ein junges Wesen in die Tür zu -dieser Welt treten zu lassen, eh’ ihm ein Bett bereitet sei, um -einiges, was ihr das Herz eingab, zusammenzusuchen. Da, während -ich diese und jene Frage an die Wandernde stellte, beugte sie sich -plötzlich, wie von einem unwiderstehlichen Trieb geheißen, zu dem -kleinen Mädchen nieder, das sie mit großen Augen ansah, und strich -ihm mit einer sachten, weichen Bewegung über das Blondhaar, irgend -etwas Zärtliches in fremder Sprache murmelnd. Und sonderbar, das -Kind, das sonst scheu sich vor Unbekannten zurückzieht, faßte von dem -Augenblick an eine Zuneigung, eine fast leidenschaftliche Liebe zu der -Fremden. Das ist nachher – doch ich greife voraus – noch andern so -gegangen. Es war ein paar Tage später. Da brachte unsere Ursel eine -fast unbegreifliche Kunde mit ins Haus, die im Dorf die Zungen und -die Gemüter stark in Bewegung brachte und die auch uns, ich muß es -gestehen, nicht ohne einige Aufregung ließ. - -Draußen, am südlichen Ende des Dorfes – du hast vielleicht beim -Hereinfahren das stattliche Giebelhaus mit dem gebräunten Balkenwerk -gesehen – wohnte damals ein Junggeselle, von dem man allmählich die -Meinung gewonnen hatte, daß er es bleiben würde, ein begüterter Bauer, -der sich den Vierzigern näherte, und, seit ihm seine alte Mutter -gestorben war, allein mit einer halbtauben Magd in seinem großen -Anwesen hauste. Der sollte, so ging nun die Sage, mit der schönen -Zigeunerin versprochen sein und sie zur Bäurin machen wollen. Ich -konnte es nicht glauben, aus allerlei Gründen nicht. Aber am selben -Abend noch, als ich schon in meiner Studierstube bei der Lampe saß, -klopfte es an meiner Tür und der Bauer erschien, den weichen Filz etwas -verlegen in den Händen drehend, und doch die sonst etwas trockenen Züge -des hartgeschnittenen Gesichts von einem inwendigen Licht überglänzt. -Ich habe dieses Licht schon je zuweilen auf Menschengesichtern leuchten -sehen, und wenn ich es sah, ist es mir immer schwer gefallen, etwas -dagegen zu sagen und es hat auch nie viel geholfen. Denn was ist die -menschliche Vernunft gegen die geheimnisvolle Macht, die über alles -hinüber die Menschen zueinander zieht? Nun, es war richtig so, wie die -Ursel es ins Haus getragen hatte. Der Bauer saß mir gegenüber, und als -er dann Worte gefunden hatte, da kam die Geschichte zutage. Du weißt, -wir stehen gut miteinander, meine Pfarrkinder und ich, sie sind nicht -scheu gegen mich. - -Er hat es vielleicht nicht mit den gleichen Worten gesagt, aber so -ungefähr war es doch: als er an jenem düsteren Nebelabend hinausging, -die schweren Holzläden an den Wohnstubenfenstern vorzulegen, da stand, -wie aus der Erde gewachsen, die Fremde vor ihm. Sie bat um etwas Milch -für die Wöchnerin; man konnte von dort aus das flackernde Feuer, über -dem der Kessel hing, vor dem Wagen der fahrenden Leute, durch den Nebel -sehen. Der Bauer, er heißt Markus Lohrmann, hieß sie ins Haus kommen -und führte sie unter das Licht der hängenden Ampel in der großen Stube, -wo in einer Ecke die alte Burge saß und spann. Er war von jeher so -ein wenig anders, als die meisten Leute im Ort, er gab sich auch mit -Bücherlesen ab und hat schon manchen Band von mir geliehen, hat auch -eine stattliche Bücherreihe auf dem Brett über dem Sofa stehen. Die -alte Burge sah wohl etwas unwillig drein: die Zigeunerin hätt’ auch -draußen warten können, was wollte sie hier in der Stube? Aber sie stand -doch auf und ging in die Milchkammer, die hinter der Küche lag, um -nach einer Weile mit dem gefüllten Gefäß des Mädchens wiederzukommen. -Was derweil drinnen in der Stube geschehen war, wußte wohl keines -von allen dreien zu sagen; aber es war doch so, daß aus den jungen, -seltsam-schönen Augen der Fremden und aus ihrem ganzen Gesicht und -Wesen der rätselhafte, zündende Funke auf den Mann übergesprungen war, -der seither von den Mädchen im Dorf für einen hagebüchenen Einspänner -hatte gehalten werden müssen. Burge mußte sich fast zu Tode wundern, -daß nach dem Abendessen der Bauer, der sonst um diese Zeit sich über -eines seiner nachdenklichen Bücher zu beugen pflegte, noch einmal seine -Kappe aufsetzte und in den dicken Nebel hinausging. Sie blieb, als sie -mit den Abendgeschäften fertig war, hinter dem Spinnrad sitzen und mag -da wohl über dem Warten eingenickt sein, denn sie fuhr erschrocken -empor, als ihr mit einemmal der Bauer die Hand auf die Achsel legte: -»Warum gehst du nicht ins Bett, Burge? Es hat elf Uhr geschlagen, du -solltest längst drinnen sein.« - -Ihm selber hingen im Haar und in dem dunkelblonden, dünnen Schnurrbart -die feuchten Nebel, die sich zu kleinen Tropfen sammelten. Er war -stundenlang umher gelaufen, um eine Unruhe los zu werden, die er selber -nicht an sich kannte, aber sie war nur größer geworden. Freilich, er -hatte sie auch im Umkreis des flackernden Feuers herumgetragen, anstatt -weit hinaus zu laufen über die Felder hin oder ins Dorf hinein. Aus -dem Wagen war Zitherklang gekommen und Gesang einer Frauenstimme; eine -fremdartig-sehnsüchtige Melodie kam zu ihm herüber, die Worte konnte -er nicht verstehen. Dann, als eine Weile alles still war, glaubte er -das Weinen eines Kindes, ein dünnes, hohes Stimmlein zu hören. Aber -es wurde durch Männerstimmen und dann wieder durch ein Hundegekläff -abgelöst. Am andern Morgen erschien das Mädchen wieder mit dem -Milchgefäß, gerade zu der Zeit, als Burge im Stall auf dem Melkstuhl -saß und der Bauer die beiden Taglöhner, die bei ihm schafften, anwies, -ihm nur voraus auf den Rübenacker zu gehen. - -Und da geschah das Merkwürdige, daß der große schottische Schäferhund -des Bauern, der in der Stube auf einer alten Strohdecke lag, winselnd -zu der Zigeunerin herrutschte und ihr seine eiternde Vorderpfote -zeigte, wie ein Kind, das fragt: Kannst du mir nicht helfen? Sie aber -beugte sich, wie sie es bei unserem Enkelkind getan hatte, nun zu dem -Tier herunter, das sie mit großen, ausdrucksvollen Augen ansah, strich -ihm sachte und lind über das Fell mehrere Male und fing dann an, die -kranke Pfote zu bestreichen. Das alles tat sie nur mit einigen leisen, -halbsingenden Tönen, – su su – sie schien den Bauer dabei vergessen zu -haben. Und, nun magst du darüber sagen, was du willst, aber der Hund, -der schon seit Wochen auf dem Stroh gelegen, der stand doch, als das -Mädchen gegangen war, auf, und kratzte bellend an der Tür; er wollte -ihr nach, und seinem Herrn erging es nicht anders. Die Pfote soll auch -noch denselbigen Tag geheilt sein. – Der Pfarrer blies nachdenklich -einige leichte Wölkchen aus seiner Pfeife, als wollte er in den krausen -Gebilden, die sich im Dämmerschein ergaben, eine Lösung suchen für das -Rätselhafte, das mitunter in unser Leben tritt in allerlei Gestalten. -– Dann fuhr er fort: früher hat man Hexen verbrannt, heute nennt man -es Sympathie. Aber wir wollen nicht zu den Alleswissern gehören, -Siegfried. Es ist so viel Wunderbares rings um uns herum, was hilft -es uns, daß wir ein Wort dafür suchen? Es liegt doch hinter unserem -Horizont, wenigstens jetzt noch. – - -Aber ich habe ja nur zu berichten, nicht zu erklären, sagte er -lächelnd. Markus Lohrmann war es, als habe dieselbe leichte Hand, die -vor seinen Augen den Hund gestreichelt hatte, auch ihm selber Stirn -und Augen berührt und dort allerlei weggetan, was ihm bisher das -Leben verhüllt hatte: er sah, daß die alte Burge doch bei all’ ihrer -grämlichen Treue nicht das für ihn sei, was er zum Leben brauche; -daß seine Stube öd sei und sein Tagwerken niemand nütze. Und er fing -an, sich zu wundern, daß nie eine von den Dorfmädchen so in seinen -Augenkreis getreten sei, daß er sich, wie bei der Wandernden, immerfort -herzklopfend nach ihr hatte hinwenden müssen. Wie oft hatte man ihm -früher das Heiraten vergeblich vorgestellt; aber dies hier war doch ein -anderes Ding. - -Und daß ich’s kurz mache; nachdem er sich den einen und andern Tag -umsonst damit herumgequält hatte, die schöne Fremde aus seinem Denken -und Fühlen auszuschließen, ging er ihr nach, als sie dort am Waldrand -dürres Holz aufzusammeln beschäftigt war und fragte in stockenden -Worten, ob sie denn nicht bei ihm bleiben könne, nun die andern, die im -Wagen dort, weiterzögen. »Als deine Magd?« fragte sie und richtete sich -auf. Es sei ein seltsames Glänzen dabei in ihren Augen gelegen, – doch -das lag ja eigentlich allezeit darin – so als wenn die Königstöchter in -den Märchen für eine Zeitlang in Lumpen gehen müssen, weil ihnen ein -Zauberer das angetan hat, und nun doch ein Eckchen des goldenen Kleides -darunter hervorguckt. - -Da faßte sich der Bauer ein Herz; er mag wohl in den wenigen Sekunden, -die es dauerte, seine ehrsame Verwandtschaft im Dorf überflogen haben -und die Gesichter, die sie machen würden, wenn er ihnen die Zigeunerin -zuführte, und das Gesicht der Burge, wenn sie die neue Bäuerin sähe. -Aber das konnte alles nichts helfen, denn wenn er dachte, daß Mirza -wieder aus seinem Leben entschwinden würde und er sie nie mehr sähe, -dann tat ihm etwas im Innersten weh, wie noch nichts in seinem Leben. - -Also atmete er tief auf und sagte: »nein, als mein Weib, denn –« da -wußte er nicht mehr weiter und sah sie nur hilflos an; aber als sie wie -in ausbrechender Freude das gesammelte Holz aus der Schürze fallen ließ -und die Arme hoch in die Luft hob, da wagte ers und legte zaghaft den -einen Arm und dann auch den andern um sie. - -Sie hatte sich immer, wenn sie durch die Städte und Dörfer kamen, nach -einer Heimat gesehnt, nach einem Dach, unter dem man wohnen und bleiben -konnte; ob auch nach einem Herzen, das ihr allein gehöre, das weiß ich -nicht. - -»Der Jarno ist gestorben,« sagte sie; »er hat mich gewollt und ich -hätte ihn auch nehmen müssen. Aber er war so wild und ich kann das -nicht leiden.« Sie sah ihn aufmerksam an, als müsse ihr aus dem -minutenlangen Sehen ein Wissen um des Freiers ganzes Wesen erwachsen. -»Du bist gut,« sagte sie dann kopfnickend, »ich habe es gleich gesehen, -daß du gut bist. Nun kommt der Winter und es wird kalt; ja, ich will -bei dir bleiben.« Das alles sagte sie wie aus Träumen heraus; sie ließ -es aber geschehen, daß er sie fester an sich zog. Mehr hat er mir nicht -davon erzählen wollen; ich mußte es aus seinem freudig aufgewachten -Wesen lesen, daß für ihn mit Mirza, – denn wir nannten sie bald alle so -– wirklich die Zeit angebrochen war, da man aus dem Alleinsein für sich -in das Alleinsein zu Zweien übergegangen ist.« - -»Aber,« der Gast rückte etwas unruhig in seiner Sofaecke hin und her, – -»du als Pfarrer, ich meine, es hätte da doch« – - -Sein freundlicher Wirt unterbrach ihn. »Kommt schon, Siegfried, -ich weiß, du meinst, ich hätte da nachsehen müssen, wie es mit dem -Katechismus und mit der Moral und dem Vorleben bestellt gewesen sei. -Das haben andere mich auch gefragt; ich weiß, ich bin dazu bestellt, -daß alles ordentlich und recht zugehe in meiner Herde. - -Aber siehst du, manche Menschen haben es auf dem Gesicht geschrieben, -was sie sind. Da haben Gott oder die Natur oder wie du es nennen -willst, etwas gemacht, das für sich selber redet. – Wir hatten in -meinem väterlichen Garten ganz hinten in der Ecke einen Schutthaufen, -auf den alles Abgängige geworfen wurde. Es wuchsen Nesseln darauf, -auch manchmal ein Stechapfel oder eine Distel. Aber eines Tages -standen weiße Lilien darauf. Weiße Lilien, hoch und schlank und -mit den goldenen Staubfäden in dem Grunde der weißen Kelche. Und -wir versammelten uns alle darum und staunten, und mein Vetter, der -Apotheker, sagte, daß das eigentlich gar keine richtigen Lilien sein -könnten, denn die wüchsen nur, wenn man sie pflanze und pflege. Aber da -lachten Alle, denn es waren unzweifelhaft weiße Lilien und man wußte -nur nicht, wie der Samen, oder eine Zwiebel davon unter die Komposterde -gekommen sei; sonst war da keine Frage. – Nun,« er unterbrach sich, -»ich wollte nicht sagen, daß Mirza eine weiße Lilie gewesen sei. Nur, -etwas Besonderes unter ihresgleichen, das war sie schon. Und das andere -fand sich auch noch. Markus Lohrmann hatte sie zu einer Base gebracht -drüben im Filialdorf. Das war die einzige aus seiner Verwandtschaft, -die er um solche Güte ansprechen konnte, wie es die war, eine -Zigeunerin ins Haus zu nehmen. Sie war arm, und es war so mancher Sack -mit Kartoffeln und mancher Brotlaib schon in ihr Häuslein gewandert im -Lauf der Jahre. - -Er hatte ihr Geld gegeben, daß sie die Fremde in landesübliche Gewänder -kleide und sie hatte das auch getan. »Aber,« flüsterte sie dem Vetter -zu, als er darauf kam, die Braut zu besuchen, »sie sieht trotzdem nicht -aus, wie eine Bäurin, da magst du machen, was du willst.« - -Nein, so sah sie ja freilich nicht aus. Als er in die niedrige -Stube trat, erhob sich von der Bank, wo sie nähend gesessen hatte, -eine Gestalt, die ihm vertraut und doch fremd war, in dem weiten, -gefältelten Rock, der die Füße in blauen Strümpfen und niederen -Lederschuhen freiließ, der breiten Bundschürze und dem Leibchen aus rot -und blau gewürfeltem Zeug, aus dem die weißen Hemdärmel hervorkamen. -Drüben auf dem Bett, dessen Vorhänge zurückgeschoben waren, lagen -noch die weiteren Stücke der Ausrüstung, der tuchene Spenser und das -breitbebänderte Spitzhäubchen der Älblerinnen. Also das war seine -Bäurin, seine. Sie sah nicht aus wie die andern, sie war auch jetzt -nur in einer Vermummung, wie sie es zuvor in den zusammengeschenkten -Bettlerkleidern gewesen war. Aber sie sah ihn lächelnd an, mit -freudigen Blicken, sie hatte sich das dunkle, weiche Haar gescheitelt -und in zwei Zöpfe geflochten. Draußen sauste der Wind vorbei, die -Fenster des Stübchens klirrten. Da erschauerte sie leise und barg sich -bei ihm. »Ich habe nun Heimat und Haus und dich,« sagte sie, »wo aber -mögen die andern sein?« Ihm aber war es recht, daß sie nichts von »den -andern« wußte, er wollte nur sie allein und bei aller Liebe, mit der -er sie umfaßte, die übrige Gesellschaft wußte er doch am liebsten in -möglichst weiter Ferne. Sie hatte auch keine nahen Verwandten unter -ihnen, ihre eigenen Leute waren gestorben. - -Bald darauf kamen sie einmal miteinander zu mir; es war in der -Abenddämmerung. Markus Lohrmann wollte so schnell als möglich Hochzeit -machen und, da es doch einmal sein sollte, war es auch besser so, schon -damit das Geschrei und Gezeter im Dorf aufhöre; denn das hatte er nicht -mit Unrecht vorausgesehen, es war ihm nichts davon geschenkt worden. - -Nun hatte ich mit ihnen zu reden, wie sie es mit dem Hausstand und -mit der Trauung halten wollten. Denn er war evangelisch; Mirza aber -gehörte, wenn man davon überhaupt reden konnte, der katholischen Kirche -an. Freilich, sie wußte nicht viel von deren Lehren, nur einige stark -abergläubisch vermischte Formeln, wie sie unter den fahrenden Leuten -von Mund zu Mund gingen. - -Ich hatte einiges gefragt und es war still in der Stube. Da sah sie mit -hingebenden Augen ihren Verlobten an: »Du bist gut und ich will bei dir -daheim sein – ja, ich will sein, wie du bist.« - -Das war vielleicht ein mangelhafter Grund, auf dem die neue -Gotteserkenntnis aufgebaut werden sollte. Aber ist nicht beim Besten in -uns immer wieder das Verlangen nach einer Gemeinschaft, ist nicht die -Liebe immer wieder die treibende Kraft gewesen? - -Nun kamen manche Tage, da das fremde Mädchen, freilich jetzt in -Bauerntracht und mit hängenden Zöpfen, mir gegenüber saß. Es war bald -nicht mehr der Wunsch allein, so zu sein wie Markus Lohrmann, es war, -als sprängen in dieser jungen Seele lauter Quellen auf, die bisher -geschlafen hatten. Mitunter öffnete sie die Lippen, wie durstig, einen -frischen Trunk einzuschlürfen, wenn ich sie an der Hand nahm, um sie -aus dem dämmernden Halbdunkel, in dem Dämonen, Amulette, Alräunchen und -allenfalls die fernen Heiligen regierten, unter den freien Himmelsdom -zu führen, in dessen tiefem Blau eine Sonne über allen schien, und, wie -wir in Ehrfurcht und Herzensmüssen glauben, ein Herz für alle war. - -Ich habe nicht von mir zu reden. Sonst, Siegfried, es ist auch nicht -nichts für unsereinen; wenn man Sonntag für Sonntag seine Bauern vor -sich sitzen hat – nun, ich habe die meinigen gern – aber man weiß nicht -sicher, denken sie nun an Korn und Haber und Viehhandel, oder an ihre -Krauthäfen daheim die Weiber, oder hören sie, was du sagst. - -Es ist auch nicht nichts, wenn so ein paar durstige braune Augen so -dringlich fragen: »Hast du sonst noch etwas? gib mir alles, was du -hast.« - -In diesen Stunden stahl sich wohl mein Enkeltöchterchen leise zu uns -herein und schlüpfte, die Augen auf mich gerichtet, ob ich es nicht -verjagen werde, zur Mirza hin. Die faßte die kleine, warme Kinderhand, -ohne sich im übrigen zu rühren, und das Kind saß glücklich dabei, wie -ein Vögelein unter Flügeln sitzt. - -Auch das nahm sein Ende. Eines Tags im Dezember standen die beiden, -Markus Lohrmann und Mirza, vor dem Altar. Draußen wehte es stark, ein -scharfer Nordostwind fegte durch die Gassen und über unsere Hochfläche -hin, und ich, als mir bei den wenigen Schritten vom Hause bis zur -Sakristei der Kirchenrock flatternd um die Beine schlug, mußte es -nachsprechen, was ein anderer vor mir gesagt hat: »weh’ dem, der keine -Heimat hat.« - -Nun, die beiden, die sich in dieser Stunde die Hände gaben, die hatten -ja nicht nur ein Dach über sich, sondern, was erst recht die Heimat -macht, ein Herz, um darin daheim zu sein, ein jedes im andern. Zwar -daß bei ihm die Leidenschaft stärker und tiefer war, als bei ihr, -das hatte ich schon gesehen. Aber sie hatte sich doch hingebend und -nicht ohne eine stille Innigkeit in ihn gefunden und wollte ihm allein -gehören; das mußte genug sein. Seltsam, daß so die Rollen vertauscht -waren: unsere Albbauern haben es sonst nicht so stark mit den Gefühlen, -sie sind mehr aufs Nüchterne, Praktische gerichtet, und das fremde, -dunkeläugige Volk der Zigeuner, das gilt bei uns eher für heißblütig -und leicht hingerissen. Das war aber nun, wie es war. - -Mir kamen die beiden nun für eine Zeitlang mehr aus den Augen; es war -Winter und es gab allerlei Kranke am Ort, die ich zu besuchen hatte. -Doch hörten wir ab und zu, daß dort draußen in dem Hause mit den -braunen Balken alles gut gehe, den Schwarzsehern und Unglücksraben, -die alles Böse hatten prophezeien wollen, zum Trotz. Selbst die alte -Burge, die anfangs gemeint hatte, daß nun der Himmel einstürzen müsse, -ließ sich, als gegen den Frühling hin eine böse Grippe ins Dorf kam, -gern von den leichten und geschickten Händen des jungen Weibes pflegen, -und mir war, als ich sie besuchte, als ob ihre grämlichen, harten Züge -einen sanfteren Ausdruck gewonnen hätten. - -Da kam ich einmal, als die Märzstürme mit aller Macht bliesen und -auf den höhergelegenen Flächen den Schnee wegfegten, gegen Abend -vom Nachbarort her. Es war eine frische, reine Luft, es lag etwas -frühlinghaftes trotz der Schärfe darin und ich blieb stehen, um – den -Hut hatte ich abgenommen – ein paar tiefe Züge davon einzuatmen und -mir auch den alten Kopf ein wenig durchwehen zu lassen. – »Du weißt, -ich bin hart gewöhnt worden da oben,« unterbrach sich der Erzähler -lächelnd, »ihr Jungen hättet euch vielleicht dabei einen Schnupfen -geholt.« - -Da sah ich auf dem kleinen Hügel, den eine einzelne alte Eiche -bekrönt, eine Frauengestalt unbeweglich stehen. Sie wandte mir den -Rücken, sie sah in den sinkenden Abend hinein. Dort, im Westen, hingen -einige leuchtende Wolken, denen die schon entschwundene Sonne schmale -Purpursäume gewoben hatte. Ich sah es nun auch, sie veränderten ihre -Form in rascher Folge, ballten sich zusammen und flossen auseinander, -eine reichere Phantasie als die meinige hätte wohl allerlei Wesenheiten -aus ihnen geschaffen. Mir will so etwas nie gelingen. Das aber sah -ich, daß die Frau da oben wie in einer starken Bewegung die Arme -ausbreitete und so eine kleine Weile regungslos verharrte. Dann, als -rasch nacheinander die Purpurfarben am Horizont verlöschten und es -dort grau und trübe wurde, wandte sie sich langsam um und ging mit -zögernden Schritten den schmalen Weg, der zu der Landstraße führt, -herunter. Und ich sah, daß es Mirza sei. Wäre es eine Fremde gewesen, -ich wäre weitergegangen. So blieb ich noch eine Weile stehen, um sie -herankommen zu lassen. Sie sah mich erst, als sie fast vor mir stand. -Ich aber sah, daß ihr Gesicht tiefernst war, und daß ihre Augen immer -noch in die Ferne gingen, wie in einer großen Sehnsucht. Als sie mich -gewahr wurde, schrak sie zusammen, wie jemand, der in Träumen gegangen -ist und den man angerufen hat. Dann färbte sich ihr Gesicht langsam mit -einer dunklen Röte, aber sie faßte sich schnell und streckte mir die -bräunliche Hand hin: »Guten Abend, Herr Pfarrer.« Ich wollte sie nicht -fragen, was sie da draußen zu suchen gehabt habe bei sinkendem Tag; ich -fragte nach ihrem Haus und ihrem Mann, nach Burge, die wieder gesund -war und sagte scherzweis: »Und im Pfarrhaus, da lässest du dich gar -nicht mehr sehen, seit du die Lohrmannsbäurin geworden bist, – oder ist -es, seit das Agathlein nicht mehr da ist?« Das Agathlein, du weißt es, -ist das Enkelkind, das sich so schnell in die Fremde verguckt hatte. - -Sie gab mir auf alles Red’ und Antwort, aber doch wie eine, die nur mit -Mühe dabei ist und neben dem, was es aussprach, schien ihr Mund immer -noch etwas zu hüten, was er verschweigen mußte. So kamen wir selbzweit -bis an das Haus, unter dessen Tür der Ehemann stand und nach seinem -Weibe Ausschau hielt. Er sah heiter aus und bot mir die Hand. »Ja, -nicht wahr, Herr Pfarrer,« sagte er, »mein Weib, das fürchtet sich -nicht vor Wind und Wetter.« Und, als er sah, daß Mirza zusammenzuckte, -sagte er mit einem guten Lächeln: »Ich weiß es wohl, sie ist das -Stubensitzen nicht gewohnt, sie muß sich hie und da verlüften. Aber -wart nur, sei’s um kurze Zeit, so fängt draußen das Ackern an, da -kannst du frische Luft haben, und Bewegung, grad genug. Und man hat -einen weiten Umblick bei uns da oben.« Er lachte ein frohes Lachen: -»Das ist dann doch anders, so im Eigenen, mit der Sonne hinaus und mit -der Sonne heim.« Das Weib stand still daneben. Dann, als zwinge sie -etwas hinunter, atmete sie auf. »Du bist gut,« sagte sie und drängte -sich an ihn. Immer wieder: »Du bist gut.« Da gingen sie miteinander ins -Haus und ich dachte: »Um die zwei brauchst du keine Sorge zu haben, -die wachsen schon zusammen,« aber ich konnte es doch nicht ändern, daß -mir hie und da wieder das sehnliche Gesicht vor die Seele trat, das -ich da außen gesehen hatte. Da, es war schon gegen Ende April – auch -bei uns, zu denen der Frühling erst spät kommt, knospeten die Hecken -und standen die Veilchen im Grase – kam die Bötin aus dem Nachbarort -bei uns vorbei; sie hatte meiner Frau etwas aus der Stadt mitgebracht. -»Ja, ja,« sagte sie, als sie in der Küche saß und eine große Schüssel -mit heißem Kaffee vor sich auf dem Tisch stehen hatte, »ja, ja, so -geht’s, wenn man etwas anderes will, als Seinesgleichen. Die Marie vom -Adlerwirt, die wär ihm nicht davongelaufen, und ist auch eine saubere, -postierte Person; es hätt’ nicht gerad eine schwarze Zigeunerin sein -müssen; aber wer nicht hören will.« Ich kam gerade an der Küche vorbei -und hörte ihr Reden. »Was sagt sie da, Bötin?« fragte ich. »O nichts, -als daß der Lohrmann ja jetzt das Nachsehen hat, er hat sie ja nun den -Winter über durchgefüttert.« - -Ich wollte nichts mehr hören, es durchfuhr mich doch in jähem Schreck. -Und, obgleich es Samstag war und meine Predigt noch nicht fertig, nahm -ich Stock und Hut und ging ans Ende des Dorfes, um zu sehen, was es mit -der Sache auf sich habe. - -Der Bauer war in der Scheuer, er machte sich allerlei zu tun, aber -ich sah doch auf den ersten Blick, daß seine Gedanken nicht beim -Futterschneiden seien. Als er mich gewahrte, sah er mit einem eigenen, -stillen Blick auf, darin nichts von der Frohheit der letzten Zeit lag, -aber etwas anderes doch, das mir für ihn wohl tat, etwas Unentwegtes. -Er führte mich wortlos in die Stube; dann erst, als er die Tür hinter -sich geschlossen und mir einen Stuhl angeboten hatte, sagte er: »Ich -weiß wohl, warum Sie kommen, Herr Pfarrer; ich dank’s Ihnen. Aber -wenn’s nach mir gegangen wäre, ich hätt’s keinem Menschen gesagt. Sie -können’s nur immer nicht schnell genug ausschnüffeln, die Leut’, wenn -irgendwo etwas nicht im Gleis ist. Die Burge hätt’ nichts gesagt, die -auch nicht. Aber der Fuhrknecht vom Lammwirt, der hat sie gestern -in der grauen Morgenfrühe gesehen, wie sie mit einem ganz kleinen -Bündelein in der Hand Blaubeuren zugegangen ist. Und, Herr Pfarrer, -sie hat das rote Tuch um Kopf und Schultern gehabt, in dem sie einst -hierher gekommen ist. Im Lamm hat er’s erzählt, sie sei gegangen, wie -auf Federn, so leicht, und leis vor sich hingesungen habe sie. Jetzt -wissen sie’s im ganzen Dorf und das ist mir leid um sie. Denn sie kommt -wieder, o Herr Pfarrer, sie kommt wieder, sie kann es gar nicht anders. -Es ist nur das Frühjahr, ich seh’s gut, ich seh’ in sie hinein wie in -einen Spiegel.« - -Und damit stieg ihm wieder etwas von der Freude in die Augen, als ob er -sein Weib schon vor sich sähe, wie sie zur Tür herein käme: da hast du -mich wieder. - -»Und dann, wenn sie kommt?« ich fragte es eigentlich ohne Not; denn ich -sah es ja, wie er sie aufnehmen würde. - -Da brach es aus seinen blauen Augen wie ein heller Strahl. »Dann?« -Er ballte gewaltsam die Hände zu Fäusten und preßte die Lippen -aufeinander, daß sie es nicht hinausschrieen, was dann sei; die Augen -mußten es ganz allein sagen mit ihrem Leuchten. Und ich sagte und -wandte mich wieder zum Gehen, denn der hier wurde allein fertig: »ja, -ja, Markus, die Liebe muß immer das letzte Wort behalten. Gott geb’s, -daß sie es auch bei euch tue.« - -»Es ist mir nur um sie. Sie hat so wie so keine Freunde im Dorf; sie -werden arg über sie herfallen. Aber was tut’s am Ende? Daheim ist sie -doch nur bei mir.« Damit gab mir Markus Lohrmann das Geleite bis vor -die Tür und schon als ich ein kleines Stück weit vom Hause entfernt -war, hörte ich wieder das Klappern der Futterschneidemaschine. - -Am andern Tag, als wir unseren Sonntagsspaziergang machten in den -Frühlingswald hinaus, meine Frau und ich, kommen wir an Lohrmanns Haus -vorbei: da saß im Sonnenscheine die alte Burge am offenen Fenster. -Sie hatte die Brille auf der Nase und das Gesangbuch auf dem Schoß, -aber ihre Augen gingen ins Weite, und als sie uns herbeikommen sah, -winkte sie mächtig mit dem Kopf: »ich bin allein im Haus, der Bauer ist -mit seinem Weib hinaus, sie wollen ein bißchen nach der Saat sehen.« -Und, als wir beide uns in freudigem Schrecken nach ihr hinwandten; -fuhr sie fort: »ja, ja, das Böse kommt immer schneller herum, als das -Gute, aber heut in aller Gottesfrühe, es waren noch die übernächtigen -Sterne am Himmel, da höre ich doch trotz meiner dicken Ohren, daß etwas -draußen am Laden herumtastet. Und da schlägt auch schon der Hund an -und reißt an der Kette, wie toll, aber eh’ ich meine Röcke überwerfen -kann, geht schon die Haustür und der Bauer tritt über die Schwelle. -Geschlafen hat er nicht die zwei Nächte, das weiß ich wohl. »Ich muß -bei der Hand sein, wenn sie kommt,« hat er gesagt. Und als ich meinen -Laden aufstoße, da steht sie richtig draußen und guckt ihn so an, als -ob sie heulen und lachen möchte an einem Stück, und er nimmt sie nur -so an beiden Händen und sagt: »komm, komm;« es hat ihm ganz die Stimme -verschlagen. Und er zieht sie so an den Händen ins Haus herein und läßt -die Türe wieder ins Schloß fallen. Da müssen sie lang gestanden sein, -denn erst nach einer Viertelstunde hab ich ihre Kammertür gehen hören. -Ich bin wieder ins Bett gestiegen, ich bin ein alter Mensch und die -Nächte sind kalt. Und es war mir auch, ein drittes sei zu viel dabei: -Aber wie ich dann hinauskomme ein paar Stunden später, da hantierte -die Frau schon in der Küche, und der Bauer steht dabei und guckt ihr -zu, wie sie die Milch seiht, und der Hund, Gott verzeih’ mir’s, wenn’s -eine Sünd’ ist, aber der steht daneben und frißt sie fast mit den -Augen, ganz gleich wie der Bauer. Und wie ich sag: »so, so, auch wieder -da?« und daß wir in der Angst gewesen sind, – da hat sie die Augen voll -Tränen und lacht dazu und sagt: »Burge, Burge, ihr hättet mich sollen -nicht ins Haus nehmen, so einen Wandervogel. Ich hab hinaus müssen, -ich wär gestorben sonst. Aber, – und dann guckt sie den Bauern an, daß -es mir altem Weib ganz siedheiß wird unter dem Kittel – haben müßt ihr -mich jetzt doch, denn ich muß hier daheim sein, das kann man nicht -mehr ändern. Es ist eine Not.« Und dann schlüpft sie an ihn hin, wie -ein Kind, wenn es Angst hat, und, Herr Pfarrer, ich mag’s kaum sagen, -aber der Bauer trägt sie ja richtig auf seinen Armen in die Stube und -sagt: »mit einem siebenfachen Seil bind’ ich dich an, daß du mir nicht -entlaufen kannst«, und sie sagt immer nur: ja, ja, bind mich an, aber -mir ist angst, ich komme dir doch noch hinaus.« - -Die alte Burge schüttelte den Kopf. - -»Was soll ein alter Mensch, wie ich bin, dazu sagen? Ich habe in meinem -ganzen Leben noch nichts solches gesehen, es ist nicht der Brauch bei -uns. Aber so eigentlich bös sein, das kann man ihnen beiden nicht.« Und -damit nahm das runzelige, trockene Gesicht einen Ausdruck an, den es -noch nie gehabt hatte vorher; sie liebte Mirza, wider ihren Willen. - -»Sagen, Burge? wir wollen gar nichts sagen.« Meine Frau war in -mütterlicher Wallung für die beiden Menschen. »Gott behüt uns alle, wir -haben’s alle nötig.« - -Und damit setzten wir unseren Weg fort, und als wir von Weitem ein -Menschenpaar Hand in Hand durch die hellgrünen Saatfelder gehen sahen, -bogen wir auf ein Seitenweglein ab. Denn wir hatten nichts dabei zu tun. - -Wir haben es später erfahren, daß Mirza auf den Blaubeurer Felsen -herumgestiegen sei und auch, unter einen überhangenden Stein geduckt, -frierend dort genächtigt habe. Und daß sie, hin- und hergerissen -von ausbrechender Wandersehnsucht und von dankbarer Liebe zu dem -Mann, der sich selbst und sein Haus zu ihrer Heimat gemacht hatte, -umhergewandert sei, bis sie im Talgrund unten einen Wagen mit Leuten -ihres Volkes gesehen habe. Da sei es ihr in heißem Schreck ins Herz -gefahren, daß sie zu ihnen nicht gehöre, und sie sei atemlos gelaufen -bis vor die Schwelle »seines« Hauses. Und sie hat ja nicht vergeblich -dort geklopft, da die Liebe wach war und auf sie wartete.« – Der alte -Pfarrer stand auf und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. Der -Gast wußte, daß er nun eine innere Bewegung und vielleicht auch die -Versuchung, eine Nutzanwendung zu dem Gesagten zu machen, in sich -unterdrückte; so saß er schweigend und wartete. Der Feuerschein aus -dem Ofen fiel durch das geöffnete Türchen auf den weißen Stubenboden; -draußen war es dunkel. Ursel steckte den Kopf zur Tür herein. - -»Bring ein Krüglein Wein, Ursel. Nein, nicht vom Neuen, von dem kleinen -Fäßchen im Eck, alten roten. Und dann auch die Lampe.« - -Nun kam der Hausherr wieder in Zug. - -»Es ist nicht bei dem einenmal geblieben,« fuhr er fort. »Sie ist noch -hie und da, dem dunklen Trieb in die Ferne gehorchend, auf einen oder -zwei Tage aus ihres Mannes Haus verschwunden und immer wieder beim -Sternenschein oder beim ersten Hahnenschrei zurückgekehrt. Er hat sie -jedesmal mit der steten Treue seines Wesens aufgenommen, und sie barg -sich dann, wie in wachsender Angst vor sich selber, in seinen Armen. -Ich sah aber doch hie und da, daß ein Zug von stiller Schwermut auf -dem Gesicht des Mannes lag, bis er eines Tags wie übersonnt vor Freude -in mein Haus trat. »Er ist da,« sagte er, »der Bub, wir haben einen -Buben.« Ich mußte mich mit ihm freuen. »Das ist ja gut,« sagte ich und -gab ihm die Hand, »nun wird ja auch die Mutter noch fester bei euch -einwurzeln, als sie es bisher getan hat, nun, da sie die Wiege neben -dem Bett hat.« »Das wird sie, so Gott will,« sagte der Bauer und wieder -brach ein freudiger Strahl aus seinen Augen, »wir zwei, wir binden sie -an auf immer, der Bub und ich.« - -Meine Frau konnte dem Drang ihres mütterlichen Herzens nicht lange -widerstehen. Sie wußte es wohl, das fremde junge Weib hatte keine -Freundinnen unter den Dorfweibern. Und wenn auch die alte Burge da -draußen herumhantierte, – kurz, sie mußte hin und nach dem Rechten -sehen. - -Es war ein sonniger Märztag, als sie den Gang machte. Und als sie an -den niedrigen Fenstern vorbeiging, die halbgeöffnet waren, da drang -ein leiser, lieblicher Gesang an ihr Ohr. Das war Mirza, die ihrem -Kindlein ein Wiegenlied sang, eine fremdartig süße Weise, wie deren -die wandernden Leute so viele haben. Drinnen soll es lieblich genug -ausgesehen haben. Die junge Mutter hatte das Büblein an der Brust und -der Vater stand, ein Schnitzmesser in der Hand, unter der Tür, die nach -dem Stadel hinausführte und konnte sich nicht ersättigen am Anblick der -beiden dunkelhaarigen Köpfe, die da so traut beieinander auf den Kissen -lagen. Denn das Kindlein hatte einen Wald von schwarzem Kraushaar und -die großen, glänzenden Augen der Mutter mit in die Welt hereingebracht. - -»So ist er jetzt immer,« sagte Burge, »hundertmal läuft er von allem -Geschäft weg und guckt die zwei an, als ob sie ihm könnten gestohlen -werden.« - -Aber sie selber machte es nicht viel anders, das konnte man deutlich -sehen. Sie versorgte Mirza und wickelte das Kind und besorgte den -Hausstand. Es war, als ob sie Räder an ihre alten Füße bekommen hätte -und ein junges Gesicht dazu. Das machte alles die Freude. - -»Viel zu gut habe ich’s,« sagte Mirza. »Die Frauen meines Volkes – wenn -ich denke, wie sie hinter einer Hecke oder auf einem Heuhaufen –,« sie -brach ab, als der Mann mit einer hastigen Bewegung auf sie zukam: »Dein -Volk ist jetzt hier, Mirza, bei uns, bei mir, sonst nirgends mehr.« -Und sie preßte das Köpflein des Kindes an sich und sagte: »ja, ja, -das ist es. Aber ich kann’s nicht ändern, ich muß auch an die andern -denken.« Und leiser, das rote Fäustchen und das sattgetrunkene Mäulchen -küssend, fuhr sie fort: »er hat’s gut, mein Kleiner. Er ist da geboren, -wo er hingehört. Ihn wird es nicht in der Welt herumwerfen – und nicht -hinausziehen mit aller Gewalt.« - -»Ja, und du bleibst nun auch da, Mirza, nun bleiben wir alle -beieinander,« sagte der Mann, und es sei eine leise Angst und eine -rührende Bitte in seinem Ton gelegen, sagte meine Frau. - -Nun ging ein Jahr hin, – mehr als ein Jahr – ein Sommer und ein Winter -und wieder ein Sommer, das war für Markus Lohrmann eine gute Zeit. -Ich weiß noch einen Sommertag vom vorigen Jahr; es war im Heuet; -draußen an der großen Wiesenbreite gegen die Elchinger Markung hin -gingen wir beide, das Agathlein, das zum Besuch gekommen war, und -ich, selbander spazieren. Das heißt, das Agathlein hüpfte mir voraus, -immer drei Schritte vor und einen zurück, und machte einen Strauß aus -Heckenrosen und gelbem Ginster und solchem Blumengezeug an den Rainen, -das nicht unter der Sense gefallen war. Und dazwischen hinein sah es -sich um, ob der Großvater auch nicht verloren gehe. Aber auf einmal, an -einer Wegbiegung, – es stand eine Gruppe von Schlehdorngebüsch davor, -tat das Kind einen Schrei aus seinem freudigen Herzlein heraus und -rannte gradeaus über die Wiese hin, bis wo unter einem Vogelbeerbaum -ein Häuflein Menschen saß, offenbar beim Vesper. Ich stieg langsamer -hintendrein, bei unsereinem pressiert’s nicht mehr so stark; da fand -ich das Agathlein schon neben seiner Freundin Mirza auf dem moosigen -Mäuerlein sitzen, das dort die Wiese abschließt, und es hatte auch -wie die andern ein Stück Käsbrot in der Hand, von dem es fröhlich -herunterbiß. - -Das schwarzhaarige Büblein, das für seine viereinhalb Monate schon -prächtig herangediehen war, das lag mit weitoffenen Guckaugen auf -seiner Mutter Schoß und krabbelte mit den Händlein an ihrer Brust -herum, als ob es wisse, daß es jetzt dann an die Reihe komme mit -der Mahlzeit. Mirza war, wie Burge und wie der Mann und die beiden -Taglöhner, in Hemdsärmeln. Sie unterschied sich durch nichts als durch -ihre fremdartige, dunkle Schönheit von einer echten Albbäurin. Aber das -Sehnsüchtige, Rätselhafte in ihren Augen und um ihren Mund, das war -jetzt ausgelöscht oder doch zugedeckt durch eine weiche, mütterliche -Freude an dem jungen Leben, das sie in ihrem Schoße hielt, und als sie -aufsah und mir die Hand hinstreckte, tat sie es mit einem Lächeln, wie -es nur ein Mensch hat, dem es im Herzen wohl ist. Ich bin damals eine -gute Vesperviertelstunde lang mit unter dem Eschenbaum gesessen und auf -dem Heimweg war mir’s warm, nicht von der Sonne allein, auch nicht von -dem Glas Bratbirnenmost, das ich nicht hatte ausschlagen wollen; so -ein Stück reifen, guten Sommerglückes, das man Menschen, die man gern -hat, genießen sieht, das wärmt einen im Innersten. Das Agathlein, – -das muß ich noch sagen – blieb auf der Wiese zurück. »Ich muß den Marx -hüten, die Mirza muß wieder schaffen,« rief sie mir nach. Und als ich -mich einmal umwandte, da sah ich Markus Lohrmanns Weib, wie sie rüstig -neben ihm mit dem Rechen hantierte; er aber konnte es nicht lassen, -zwischenhinein seine Augen nach ihr hinzuschicken. Ja, da hatte er gute -Zeit. - -Wenn man sie gegen ein langes Leben hinhält, war sie kurz. - -Aber wie viele gehen über die Erde hin, die nie ein ganzes, volles -Leuchten in sich gehabt haben, so eins, das durch dunkle Tage und Jahre -hinscheint wie ein Licht: damals bin ich glücklich gewesen. Zu denen -gehört Markus Lohrmann nicht. Wenn er nun mit seinem Büblein in seinem -Haus da draußen sitzt und es kommt ihm so leer vor, und das Kind wächst -daher und sollte eine Mutter haben, – ich weiß, dann nimmt er es auf -den Schoß und erzählt ihm, noch eh’ es den Verstand dazu hat, daß einen -Sommer und einen Winter und wieder einen Sommer lang sich dunkle Augen -in den seinigen gespiegelt haben. Daß eine zärtliche Stimme schöne, -seltsame Weisen über seinen ersten Kinderschlaf hingesungen hat, daß -sein schwarzes, lockiges Köpfchen im Schoß einer lieben Frau geruht -hat, die seine Mutter war. - -Und wenn er dann auch in vergeblicher Sehnsucht die Arme nach dem -fernen Bild ausstrecken wird, es ist doch sein eigen gewesen. Und -er wird sein Büblein an der Hand nehmen und« – »Du wirst ja ganz -poetisch,« sagte der Gast dazwischen, und dann räusperte er sich und -nahm einen Schluck Wein. - -Der Pfarrer nahm auch einen. »Na ja,« sagte er, »das ist sonst meine -Art nicht. Aber es ist mich so angekommen. - -Im vergangenen Sommer, – der kleine Marx zog schon sein hölzernes -Gäulchen an einer Schnur hinter sich her und wackelte auf seinen -anderthalbjährigen Füßen ums Haus herum – sah ich Mirza eines Tags -gegen ihre sonstige Gewohnheit an einem sonnenheißen Tag unter der -großen Linde, die nahe bei ihrem Haus steht, auf der Steinbank sitzen. -Sie hatte ein altes, rotes Tuch um die Schultern gelegt und zog es an -sich, als ob sie friere. Und ihre Augen sahen müd und traurig aus. - -»Was ist dir, Mirza?« fragte ich und setzte mich neben sie. »Du siehst -nicht gut aus. Bist du krank?« - -Nein, das sei sie nicht, sagte sie, nur müde, es sei unbegreiflich, -und doch auch wieder nicht. Es kam und ging eine dunkle Röte auf ihrem -Gesicht. Sie kämpfte augenscheinlich damit, mir etwas zu sagen, tat -aber dann ein paar lange Atemzüge und strich sich mit der Hand übers -Gesicht, wie um dort etwas wegzuwischen. »Wenn dich etwas drückt, -Mirza, und du möchtest’s mir gern sagen, – das weißt du wohl, daß -ichs gern hören will,« sagte ich. »Aber freilich, wenn man so einen -guten Mann hat, wie du, dann hat man den Beichtvater bei sich im Haus -und braucht den Pfarrer nicht dazu.« Ich versuchte zu scherzen, aber -eigentlich war es mir nicht recht um Spaß zu tun. Denn die Augen des -Weibes neben mir sahen wie in eine dunkle Tiefe oder in eine große, -weite Ferne. - -»Es gibt Sachen, Herr Pfarrer,« sagte sie tiefernst, »mit denen muß der -Mensch ganz allein ins reine kommen, da hilft das Reden nichts,« und -ich spürte, daß es bei ihr so sei. - -So machte ich mir nur noch ein wenig mit dem Bübchen zu schaffen und -freute mich, daß, als ich weiterging, der kleine Bursch vor seiner -Mutter auf dem Boden saß und sein eifriges Gesichtlein zu ihr erhob, -die seine stammelnde Sprache allein bis jetzt verstand. - -Einige Tage später hörten wir von der alten Burge, die in letzter -Zeit wegen zunehmender Kurzatmigkeit einer jungen Magd Platz gemacht -hatte, aber gleichwohl noch dort draußen aus- und einging, wie ein -Eigenes, daß dem kleinen Marx ein Geschwisterlein sollte geboren -werden, vielleicht so gegen den Wintersanfang hin. »Die Mirza ist -nicht recht zuweg,« sagte sie, »auch vergnügt ist sie nicht. Es nimmt -mich wunder; sie können ja gut mehr Kinder verhalten, darum braucht -sie sich keine Sorgen zu machen. Aber freilich, ich kenn mich nicht -aus bei ihr, es ist wohl nicht ums tägliche Brot, daß sie so unter dem -Druck herumläuft. Sie hustet auch so viel, ich mein’ immer, der Mann -solle den Doktor holen. Nur, wenn ich das sage, dann schüttelt die -Mirza stumm mit dem Kopf und guckt ihn so flehentlich an mit ihren -großen Augen, als ob sie sagen wollte: das, was mich krank macht, das -ist nichts für den Doktor. Und er – er tut ja, was sie will, da kann -unsereins nichts machen.« Meine Frau tröstete an der treuen Seele herum. - -Das sei oft so in diesen Zeiten bei den Frauen, da müsse man nur warten -und Geduld haben, mit dem neuen, jungen Leben werde auch der neue -Lebensmut geboren und was man so zu sagen pflegt. Aber es war doch auch -uns beiden nicht recht wohl ums Herz, als wir in einer der nächsten -Wochen bei einem Abendspaziergang das junge Weib dort draußen auf dem -kleinen Hügel trafen, auf dem ich sie schon einmal hatte stehen sehen, -damals im Vorfrühling. Heute sah sie krank aus, mit übergroßen, dunklen -Augen, die wie in einer sehnlichen Glut brannten; das schöne Gesicht -war hager geworden und um die Mundwinkel lag ein fremdes, trauriges -Lächeln. Sie wollte sich zwingen, heiter zu sein, als sie, sich dichter -in das alte, rote Zigeunertuch hüllend, sagte: »die Schwalben sammeln -sich schon wieder zum Fortgehen. Ich hab ihnen zugesehen, man sieht -so weit hinaus da oben.« Aber es war, als ob eine gefangene Seele die -beschnittenen Flügel höbe: warum kann nicht auch ich hinausziehen in -die große, uferlose Weite? Ich wollte nun doch auch einmal mit Markus -Lohrmann reden, das nahm ich mir vor; denn ich wußte wohl, daß er in -Sorge und Liebe jetzt seine Tage hinbringe, und es war mir auch, als -ständen wir alle vor einem tiefen Rätsel, zu dessen Lösung wir uns die -Hände reichen müßten. - -Aber eh’ ich noch, durch allerlei Amtsgeschäfte abgehalten, dazu kam, -ihn aufzusuchen, geschah, was geschehen mußte, so wie das Leben nun -einmal ist. - -Es war ein Tag im Herbstanfang, so, wie es bei uns da oben viele gibt, -blau, sonnig und von einer durchsichtigen Klarheit. Das Agathlein war -wieder einmal bei uns. Es stand, als ich von einem Krankenbesuch im -Filial heimkam, am Gartenzaun und streckte sein Näschen zwischen den -Latten durch. »Großvater,« sagte es, als ich herankam, »sei einmal -ganz still, ich höre Musik, feine, schöne.« Und ich stellte mich -neben das Kind, das den Finger vor den Mund gelegt hatte und sich -horchend vornüberneigte und horchte mit ihm in die blaue Luft hinein. -Da hörte ich es denn auch, es kam näher und näher: Klarinetten und -eine Geige, und dazwischen die klagenden Töne des Dudelsacks. Es war -eine Zigeunermusik; die halbe Dorfjugend und, so viele ihrer sich -ein Gewerbe auf der Straße machen konnten, auch von den Alten, zogen -hinter einigen schwarzhaarigen, bräunlichen Gesellen in malerischen, -aber vertragenen Gewändern drein. Und bald ging es von Mund zu Mund: -heute Abend sollte große Tanzmusik droben im Ochsen sein. Draußen vor -dem Dorf, in der gleichen Bodensenkung stand nun auch der Wagen der -fahrenden Leute wie einst der, der Mirza gebracht hatte. Ein paar -Weiber gingen vor die Türen, allerhand heischend, was es so bei den -Bauern gibt; mir war Angst im Herzen um Mirza, an die ich heut immer -denken mußte, als ob ihr Schlimmes bevorstände. Aber, wie so oft schon, -ich beruhigte mich bei dem Gedanken, daß sie ja in einer treuen Liebe -geborgen sei; die würde auch heute um sie wachen. Als ich jedoch am -späten Abend von einer Krankenkommunion heimkehrend an Markus Lohrmanns -Haus vorüberging, sah ich nur die dunklen Fenster ringsherum und bei -näherer Betrachtung den alten Knecht auf dem Bänklein vor dem Hause, -wie er mißmutig in seiner Pfeife herumstocherte. Der Bauer sei für drei -Tage ins Unterland gegangen, er wollte Vieh kaufen und Wein. Und die -Frau? Die sei seit einer Stunde fort, wohin, das wisse kein Mensch, und -ganz richtig sei es nicht mit ihr und es gehe auch nicht gut, das sage -er. - -Wo nun der kleine Marx sei? fragte ich. Da erhellten sich die Züge -des Knechts. Ei, der liege in seinem Bettlein und schlafe. Die Frau -habe ihn hineingetan und habe bei ihm gesungen, als er schon lang -geschlafen habe; es sei gewesen, wie geweint, ihm, dem Zuhörer da -außen, habe sich alles um und um gedreht im Innern. Er verstehe nichts -von so Sachen, aber es sei wahrhaftig gewesen, wie wenn eine arme Seele -ums Lösgeld bitte. Und dann sei sie zur hinteren Haustür hinausgegangen -und in ihrem alten, roten Tuch übers Feld hinauf in den sinkenden -Abend hineingelaufen. »Sie ist halt anders, als alle dazuland,« schloß -der Knecht, »aber unrecht, das ist sie nicht, bloß anders.« Mir kam -die Angst aufs neue, die ich bei Tag verscheucht hatte. Denn dieses -Menschenkind, das hast du schon gesehen, lag mir am Herzen. - -Ob wohl ihre fahrenden Stammesgenossen bei ihr gewesen waren? Ob sie -die Musik der dunklen Gesellen gehört hatte? Und der Mann war nicht -da, bei dem sich Mirza sonst wohl in der Not, auch vor sich selbst, -geborgen hatte. - -Es hatte sich ein starker Wind aufgemacht, einer von den Herbststürmen, -wie sie bei uns da oben so manche Nacht ihr wildes Lied singen. -Nach dem schönen, sonnigen Tage war es verwunderlich; das Wetter -mußte rasch umgesprungen sein. Nun trieben schwere Wolken in großen -Heerhaufen am Himmel dahin. Wenn sie den Mond, der hinter ihnen stand, -auf Augenblicke freigaben, so warf der sein blasses Gesicht auf ihre -zerrissenen, zerklüfteten Gestalten, die seltsam rasch über ihn -dahinflogen. Der Wind rauschte in den Bäumen, es war eine andere Musik, -als die sie da oben machten im Ochsen. Die klang mir nun auch in die -Ohren, je mehr ich mich meinem Hause näherte, um so stärker. Ich gönne -meinen Burschen und Mädchen wohl ein Vergnügen; ich habe selber auch -schon zugesehen, wenn sie sich im Reigen drehten, und ich wußte, so, -wie heute, bekamen sie nicht oft aufgespielt. Du kennst das kleine -Liedchen, wir haben es schon miteinander gelesen: - - »Eine braune Geige schluchzt, - Und daneben juchajuchzt - Eine tolle Flöte.« - -Das fiel mir ein, als ich eine Weile horchend stehen blieb; denn, -anstatt in mein Haus zu gehen, ließ ich mich von den Tönen noch ein -Stück näher gegen den Ochsen hinziehen. Es war mir, als müsse ich sie -diesmal still sein heißen; als müsse ich sagen, es sei ein Krankes -um den Weg, das Stille brauche. Als ob die schluchzende Geige, der -klagende Dudelsack Mirzas Seele seien, die sich zur Ruhe singen wolle -und nicht könne. Aber die Instrumente sangen weiter, ein jedes seinen -Ton, und nun hörte ich auch das Stampfen der Stiefel auf dem Saalboden -des Ochsenwirts und sah an den hellerleuchteten Fenstern des Oberstocks -die Gestalten der Tanzenden vorübergleiten. - -Ich wollte wieder umkehren, ich hatte ja eigentlich nichts da oben zu -suchen; und dennoch, fast von selber, gingen meine Augen durch die -Dunkelheit in allen Winkeln umher; sie suchten dennoch etwas. Da, als -ich mich schon zum Gehen wandte, riß eben der Wind, der da oben noch -ganz anders hausen mochte, die Wolkendecke wieder einmal auseinander. -Und in dem unsteten Licht, das sich aus dem Wolkenspalt heraus ergoß, -sah ich, hart an die Wand des gegenüberliegenden Hauses gedrückt, eine -Frauengestalt in einem roten Tuch, und ein blasses Gesicht, aus dem die -Augen, groß nach dem hellen Lichtschein aus dem Tanzsaal gerichtet, -fast herausspringen wollten wie in Hunger und vergeblicher Sehnsucht. - -Ich trat zu ihr hin und fühlte, als ich ihr die Hand bot, wie sie -heftig zusammenschrak. »Guten Abend, Mirza,« sagte ich, aber es wollte -mir jetzt kein heiterer Ton gelingen. Mir war nur, als müsse ich -mich still neben das arme Weib hinstellen, das die Zähne zusammenbiß -und zitterte, wie in körperlichem Schmerz. Wir schwiegen eine Weile -miteinander, dann sagte ich: »Komm, Mirza, ich begleite dich an dein -Haus, heim, du mußt nicht so im Sturm draußen sein, ich meine, du seist -nicht wohl die Zeit daher. – Ums Zusehen beim Tanzen wird dir’s ja -nicht sein,« versuchte ich nun doch zu scherzen. Sie schüttelte nur -stumm den Kopf, es war nicht der Mühe wert, darauf zu antworten, es lag -so weit ab. Ich wußte es auch wohl, es war nur die Musik, die von der -weiten Ferne redete, von dem Lied, das der Herbstwind in den Bäumen -spielt, von allem Glück und Elend, das im Wandern liegt, – ach, mehr -als das, von allem Hinausdrängen und Heimbegehren der Menschenseele. -Ich sah es wohl, sie trank das alles in sich hinein, – und verging fast -daran. - -Ein wenig zögerte sie noch, dann ging sie still neben mir her. Ihre -Schritte waren schwer, das mochte wohl ihr körperlicher Zustand machen, -aber nicht er allein. Sie ging wie eine, die eine Last trägt und weiß: -ich kann sie nicht ablegen, eh’ ich mich selbst ablege. - -Vor ihrer Haustür bot sie mir mit einer seltsam heftigen Gebärde die -Hand. »Nicht bös sein, Herr Pfarrer, gut an mich denken,« sagte sie und -ich sah trotz der Dunkelheit ihre Augen flehentlich auf mich gerichtet. - -»Gut an dich denken? Das tu’ ich immer, Mirza,« sagte ich. »Komm doch -in diesen Tagen, so lang dein Mann fort ist, einmal auf ein Stündlein -zu meiner Frau hinauf. Du weißt, sie freut sich darüber. Das Agathlein -ist auch da, du mußt dein Bübchen mitbringen.« - -Sie sagte nichts darauf, sondern machte sich mit dem Hausschlüssel -zu schaffen, und ich dachte, der Friede ihres Hauses werde über sie -kommen, wenn sie drinnen in der Kammer das Atmen ihres Kindes höre und -ließ sie allein und sagte zuversichtlich beim Gehen: »Gott behüt dich, -Mirza. Wir müssen alle durch schwere Zeiten hindurch, aber sie vergehen -wieder und es wird wieder hell.« - -So ist es mit uns Menschen. Wir ahnen einer des andern Not und gehen -ein Stück neben ihm her und glauben ihn zu kennen. Aber sie brennt uns -nicht auf der Seele, wie ihn, und wenn er lautlos neben uns stöhnt in -Qual, dann sagen wir zuversichtlich: es wird schon besser werden – und -meinen wunder, was wir Gutes wissen. Ach ja, wir Menschenhüter! Es -ist uns doch immer wieder ein großes Müssen, an eine Hand zu glauben, -die in alle Tiefen reicht und in die hinein sich die Verirrten und -Verwirrten bergen können. - -Am andern Tag, das heißt, als es schon in die tiefe Dämmerung -überging, kam Markus Lohrmann zu mir in den Garten, wo ich nach meiner -Gewohnheit noch ein wenig zwischen den Beeten auf und ab ging. Er hatte -den kleinen Marx auf dem Arm und sah fahl und verstört aus. »Schon -zurück, Markus?« fragte ich noch, da brach ein Ton so schmerzlichen -Jammers aus seiner Brust hervor, daß ich im tiefsten Grund erschrak. -»Was ist – mit Mirza?« fragte ich. Da bot er mir ein Blatt, das mit -den etwas mühsamen, ungelenken Schriftzügen, die ich während des -Religionsunterrichts bei Mirza kennen gelernt hatte, bedeckt war. - -»Ich muß gehen,« stand darauf. »Ich weiß nicht, wohin, daß Gott erbarm. -Markus, du bist gut, ich wäre auch gern gewesen, wie du bist. Aber ich -bin doch anders. Es treibt mich hinaus unter die Bäume und unter den -freien Himmel, ich meine, ich müsse ersticken schon lange Zeit. Und ich -meine, ich müsse weit, weit fort. Die Musik heut abend; ich hätte nicht -zuhören sollen; ich kann nicht mehr ins Haus hinein. - -Ich weiß mir nicht mehr zu helfen, – daß Gott erbarm –« da brachen -die Schriftzüge ab. Das Blatt war unter der Haustür gelegen, als der -Knecht in der Morgenfrühe öffnete. Er hatte es grimmig auf den Tisch in -der Wohnstube gelegt. Von dort hatten es wohl die Spatzen vertragen; -denn im Dorf ging es wieder einmal von Mund zu Mund: sie ist mit den -Musikern fort. Art läßt nicht von Art – und dergleichen mehr, was die -Leute so sagen. - -»Ach, Markus, sie kommt wieder,« sagte ich, als ich das Blatt gelesen -hatte. Aber ich glaubte es selbst nicht recht, ich fühlte wohl, das -Glück kam nicht mehr für die beiden. - -Er schüttelte auch den Kopf und drückte das Kind an sich. »Jetzt hab’ -ich nur noch dich,« sagte er zu dem Bübchen. »Jetzt sind wir zwei -allein miteinander,« und wieder kam das kurze Stöhnen. - -Dann faßte er sich äußerlich zusammen. »Ich bin erst seit einer Stunde -da,« erzählte er. »Ich bin schon heut gekommen, anstatt morgen, weil es -mir keine rechte Ruhe mehr ließ. Das Weib ist so sonderbar gewesen die -Zeit daher. Sie hat auch im Schlaf geredet, da hab’ ich gemerkt, daß -sie krank ist nach der Ferne. Sie ist gewesen wie ein Vogel im Käfig, -und doch hat sie mich lieb gehabt – und das Kind auch.« Er schüttelte -den Kopf. »Es ist ein Jammer. Ich weiß nicht, was tun. Ich habe -gedacht, ich wolle Ihnen das Kind aufzuheben bringen, Herr Pfarrer, und -fortgehen, sie zu suchen. Aber ich glaube, ich muß sie lassen, wie sie -muß und will. Ich darf sie nicht zu mir zwingen.« - -Er wußte nicht, wie vornehm und wie lauterer Güte voll er mir -erscheinen mußte; er redete und tat alles aus seinem einfachen, -liebenden Herzen heraus. Ich wußte, er verging nach ihr; er hätte sie -auch gefunden, wenn er sie ernstlich gesucht hätte. Aber er wollte sie -nicht im Käfig halten. »Ach, Markus,« sagte ich, »Gott helf’ uns allen.« - -Er nickte nur, ernst und schwer; er wußte auch keinen andern Trost. -Dann ging er wieder; er drückte das Kinderköpflein an seine Wange -und ich hörte ihn zärtliche Worte sagen, als er den Gartenweg -hinunterschritt. - -In den paar Wochen, die nun folgten, bin ich oft eine Dämmerstunde -lang oder auch beim Licht der Ampel draußen in Markus Lohrmanns Stube -gesessen. Ich wußte, er sei so allein und er habe niemand, der so recht -mit ihm fühle. Da saßen wir einander gegenüber, oft mit einer Pfeife -Tabak, oft auch ohne das. – Was? Du meinst, ich sei verbauert da oben? -Anderswo wäre das unmöglich? Ja, ja, das kann schon sein. Aber weißt -du, so eine gemeinsame Pfeife, – und dann, – viel reden, das ist nicht -meine Sache, – da spürt so ein Mensch doch, daß jemand da ist. Ach was -– nun will ich weiter erzählen. - -Da kam eines Tages ein Brief an mich. Er war von einem Amtsbruder im -Schwarzwald. Warte, du kannst ihn lesen, ich habe ihn da bei der Hand.« - -Der Pfarrer kramte unter seinen Papieren, dann brachte er ein Blatt zum -Vorschein. - -Der Gast las es. »Geehrter Herr Amtsbruder! Es liegt in einer Kammer -des hiesigen Armenhauses ein Weib, offenbar eine geborene Zigeunerin, -die aber in älblerischen Bauernkleidern hierher kam und behauptet, in -Ihre Gemeinde zu gehören. Besagtes Weib ist in einer Waldhüterhütte -eines toten Siebenmonatkindleins genesen, und, da sie dort aufgefunden -wurde, als eine Schwerkranke zu uns heruntergeschafft worden, bis -sie ihr wanderndes Leben wieder fortsetzen könne. Ich glaube aber, -sie wird nicht viel irdische Fahrt mehr vor sich haben, denn ihre -Kraft schwindet hin, wie ein Licht verbrennt. Es ist eine wunderliche -Geschichte, die mir, da ich als Seelsorger nach der neuen Insassin -sehen wollte, das Weib erzählt hat. Und kaum zu glauben wäre sie mir, -sowohl um des einen willen, daß ein seßhafter Bauer sollte eine aus -dem fahrenden Volke zu seiner Ehefrau gemacht haben, als auch um des -andern, daß solche dann wieder aus aller bürgerlichen Ordnung und -reichlicher Versorgung weg ins Elend hinaus gelaufen wäre, wenn nicht -das Menschenherz zuweilen wunderliche Wege ginge, daß auch ein alter -Praktikant den Kopf schütteln und sich des Verständnisses begeben -muß. Es ist nämlich, wie ich sagen muß, Gesicht und Sprache, auch das -ganze Gehaben des Weibes nicht das einer Verdorbenen oder Lügnerin, -sondern nur einer Verirrten, die sich nun im Angesicht des Todes wieder -dahin zurücksehnt, von wo sie ausgegangen ist. Freilich sagt sie – -und ich habe ihr solches auch reichlich bestätigt, – daß sie wie eine -Undankbare gehandelt habe, die so großer Liebe ihres Mannes nicht wert -gewesen sei, da sie ihn und auch ihr unmündiges Kind verlassen habe. -Aber ob auch ihre Augen ernst und traurig dreinsehen und beim Reden -bittere Tränen daraus hervorgeflossen sind, so sagt sie dennoch: Gott -weiß, ich habe nicht anders können, er ist stärker gewesen als ich. - -Da ich sie nun gestern ermahnt habe, Gottes Verzeihung zu suchen, so -schüttelte sie den Kopf und sagte: »mir tut not, daß mir mein Mann -verzeiht, Gott wird es wohl tun.« - -Damit nun diese Seele sich vom Irdischen ab- und dem Ewigen zuwenden -könne, so ersuche ich Sie, Herr Amtsbruder, um Ihre Vermittlung, -daß der Mann, der Markus Lohrmann heißen soll, nicht achtend seiner -erlittenen Kränkung, der Sterbenden, denn das wird sie bald sein, ein -Wort der Verzeihung schicke, wie wir denn vergeben sollen, damit auch -uns vergeben werde.« - -Darauf folgte die Unterschrift. - -»Und?« Der Gast fragte es mit einem Lächeln, das schon vieles zu wissen -schien. - -Da tat der Pfarrer einen tiefen Atemzug und bekam leuchtende Augen -hinter seiner Brille. - -»Jetzt horch, Siegfried, denn jetzt bekommst du etwas zu hören, das ist -wie ein Fest, ist lauter Hochzeit, Sieg, Liebe und Leben, obgleich es -aussieht wie Elend, Not und Tod. - -Es war am späten Abend, als ich Markus Lohrmann den Brief brachte. Er -tat gerade sein Bübchen ins Bett und entschuldigte sich, daß es spät -geschehe: »Es wird so bald dunkel und die Abende sind schon so lang. Da -hab ich das Kind so gern bei mir. Ich weiß, es gehört ins Bett. Aber, -Herr Pfarrer, draußen stürmt’s und die Nächt’ sind schon so kalt, und -ich muß dann immer hinausdenken, ob sie herumirrt und kein Haus hat. -Und oft ist mir’s, sie rufe nach mir.« - -»Sie ruft auch, Markus,« sagte ich und gab ihm den Brief. - -Er las ihn und blieb ganz still. Nur daran, daß das Blatt in seiner -Hand zitterte und daß sich seine Brust stark hob und senkte, so als -ob er sein Leben mühsam in sich berge, sah ich, was ich schon vorher -wußte, daß sein ganzes Wesen erschüttert sei. Ein paarmal lächelte -er beim Lesen und ich verstand warum; es schnitt mir ins Herz und -machte mich auch stolz auf ihn. Nach einer Weile fing er an zu reden. -Es geschah zu dem Kind. »So, so, Marxle,« sagte er, »jetzt mußt du -hinliegen und schlafen. Der Vater muß fort, der muß zu deiner Mutter, -die wartet und kann sonst nicht einschlafen.« Dann versagte ihm -die Stimme und er machte sich an dem Bettchen zu schaffen. Als er -ringsherum das Deckbett um den kleinen Kerl fest gemacht hatte, hob er -das Gesicht zu mir. »Ja also, Herr Pfarrer, wie ist da die Reise?« -fragte er. »Ich muß mich noch ein wenig anziehen, dann kann ich gleich -gehen. Ich hol’ sie, ich bring’ sie noch heim. Da ist keine Red’ davon, -daß sie in dem Armenhaus dort stirbt, das hat sie nicht nötig. Kann -sein, sie wird wieder gesund, sie haben scheint’s dort keinen Doktor.« - -Wir machten den Reiseplan miteinander. Er mußte sich noch gedulden -bis gegen Morgen. Dann, es war noch tiefdunkel, schritt er durch die -nächtlichen Gassen. Ich hörte seinen festen Schritt und hörte ihn mit -dem Stock aufstoßen. Denn sein Weg führte nah am Pfarrhaus vorbei. - -Ich lag wach und sah den Morgenstern hoch am Himmel stehen und hätte -dem Wanderer gern ein gutes Wort nachgerufen; aber ich besann mich -anders. Der hat in sich, was er braucht, dachte ich, der bedarf eines -Wortes nicht. Er war mir lieb so. - -Das war der Morgen des ersten Novembers. - -Am Abend des dritten kamen die beiden miteinander heim. - -Wir wußten es von der alten Burge, die es sich nicht hatte nehmen -lassen, den kleinen Marx zu versorgen, und die Weisung erhalten hatte, -das Wägelein mit dem Braunen an die Bahn zu schicken. - -Im Dorf war viel Gerede und viel Schelten. »Er hätte sollen froh sein, -daß er sie los hat. Auch noch nachlaufen, einer solchen, – aber er -ist rein nicht gescheit. Jetzt, wo unser Herrgott ein Einsehen gehabt -hat; sie hätt’ dort hinten im Schwarzwald sterben können, dann hätt’ -er seine Ruh’ gehabt.« Aber die zwei, die auf dem Wägelein saßen, das -spät am Abend in sachtem Tritt durch die Gassen fuhr, die horchten -nicht nach dem Gerede hin. Sie hatten, das sah ich, als ich sie am -übernächsten Tag besuchte, auch die Meinung, daß unser Herrgott ein -Einsehen gehabt habe, es war aber doch anders, als die Dorfgenossen es -meinten. - -Sie wußten es wohl, daß sie nicht beisammen bleiben konnten, ich -brauchte da nichts einzureden. Aber sie hatten noch ein paar Sommertage -vor sich, eh’ es Nacht wurde, das war ihre hohe Zeit. Mirza atmete -mühsam und schwer, denn ihr Herz war schwach und das Fieber brannte -in ihr mit hoher Glut. Aber sie hatte leuchtende Augen, die waren bis -zum Rande gefüllt mit Liebe und mit Heimatgefühl und nichts mehr von -vergeblichen Kämpfen und von ausbrechender Sehnsucht stand in ihren -Zügen. Und Markus Lohrmann, der eben den Doktor hinausbegleitet hatte -und von ihm wußte, wie es stehe, der stützte sie, daß sie leichter -atmen konnte, und streichelte ihre heiße Hand, und sie waren eins im -andern daheim, wie ich es noch nie gesehen hatte. - -Das machte, daß ihnen die Angst vor sich selber, vor allem Bitteren -und Bösen, das sie einander hätten antun können, und vor aller Qual -der vergeblichen Wanderwege nun abgenommen war, wie man Kindern ein -gefährliches Spielzeug sacht aus den Händen nimmt und sagt: so, nun -laßt das, nun kommet her zu mir, ich will euch etwas Schönes erzählen. - -Und darauf horchten sie nun und sagten eins dem andern, was es im -Herzen erhorchte. - -»Ich hab’ dich anbinden wollen,« sagte der Mann, »weißt du noch? mit -einem siebenfachen Seil, daß du mir nicht hinauskommest. Aber das -Anbinden, das hilft nichts; hätt’ ich’s nicht tun sollen, Mirza?« - -»Doch, du hast müssen, Markus,« sagte sie. »Und ich hab’ auch so tun -müssen, wie ich getan habe. Wir können nicht anders, wir sind arme -Leut, wir Menschen. Ich hab’ oft gedacht, wie ich so herumirrte und -doch nicht heimkonnte: wenn ich der Gott wär’, ich hätt’ so ein großes -Mitleiden mit allen, daß ich vom Himmel herunterlangen müßte um zu -helfen.« – - -Ich war lang still dagesessen, mehr im Hintergrund. Sie taten sich vor -mir keinen Zwang an, ich war ihnen nie ein Fremder gewesen. Der Abend -brach stark herein und wir schwiegen alle eine Weile. Dann mußte ich -aber doch sagen: »Das tut er ja auch, Mirza. Dir ist die Welt und dein -Ich zu eng gewesen; jetzt gehst du wohl in eine Weite, da wirst du -nicht anstoßen und auch nicht fremd sein.« - -Dann schwiegen wir wieder. Es ging so vieles durch mich durch. Es ist -ein so großes Heimbegehren in uns Menschen allen. Der alte Claudius -fiel mir ein: »Es muß irgendwo ein Ozean für uns sein.« Das und noch -vieles. Aber ich konnte jetzt nicht davon reden. Wenn Markus Lohrmann -diesen Winter mir hie und da gegenüber sitzen wird, – und das wird er, -ich weiß es – dann werden wir wohl von diesen Dingen reden. Damals – -ich habe selber mit horchen müssen und mit nach der Hand greifen, die -Mirza wollte vom Himmel herunterlangen sehen, um uns allen zu helfen.« - -»Und dann?« fragte der Gast, als der Pfarrer eine Zeitlang schwieg. -»Und dann ist auch diese Zeit zu Ende gegangen, wie alle unsere Zeiten, -die hohen und die tiefen. Ich denke, es sei so recht geworden, daß wir -das, was des Wanderns müde war, begruben, und daß das, was nach der -uferlosen Weite begehrte, ›laut jubelnd wieder in die Flut gegangen -ist.‹« - -Drunten am Haus schellte es. - -Ursel machte auf und man hörte sie reden. »Und der Marxle ist noch auf -und noch draußen?« sagte sie. »Arm’s Büble, du g’hörst ins Bett jetzt, -so Männer haben doch keinen Verstand für die Kinder.« Dann ging die Tür -auf und der Mann, von dem sie so viel gesprochen hatten, kam herein. Er -trug sein Bübchen auf dem Arm, das war in ein großes Tuch gewickelt und -hatte warme, rote Bäckchen und legte sein schwarzhaariges Köpflein an -das blasse, ernste Gesicht des Vaters. - -Der sah den Gast nicht, der im Schatten saß. - -»Drum hab’ ich nur noch wollen einen Dank sagen,« hob er an. »Ich – -ich wär’ sonst am Grab so allein gewesen, – aber was der Herr Pfarrer -gesagt hat, das –«. - -»Red’ nicht so daher, Markus,« sagte der Pfarrer, »du hast noch ein -»gut’ Nacht« holen wollen, das ist recht. Morgen komm’ ich und seh’ -nach dir. Was danken. Ich hab’ sie auch lieb gehabt, da dankt man -nicht.« Der Mann setzte noch ein paarmal an, aber dann schien es ihm -auch, als ob sonst nichts zu sagen sei. Ja, ja, liebhaben, da ist -nichts zu bedanken, das geschieht umsonst. Da ging er wieder. - -Der Gast saß still in seiner Sofaecke. Der Pfarrer sah ihn in seiner -Brieftasche blättern, und dann ein gelbes, zerlesenes Blättchen -herausholen. - -»Lies,« sagte der Gast und hielt es seinem Freunde hin. »Ich meine, es -werde nicht viel anders sein.« - -Der Pfarrer las halblaut: - - Es kam eine arme Seele im Himmelreich an: - Tut mir auf, tut mir auf, daß ich eingehen kann! - Und als sie nun stand am himmlischen Tor, - da kamen die Englein mit Haufen hervor: - »Arme Seele, was hast du zerrissene Schuh!« - Bin immer gewandert, fand nirgendwo Ruh. - »Verblichen, zerrissen dein altes Gewand!« - Das trug ich in Regen und Sonnenbrand. - »Arme Seele, was gehst du so krumm und gebückt?« - Mich haben die Lasten des Lebens gedrückt. - »Arme Seele, was suchst du im himmlischen Haus?« - Gott Vater, den sucht’ ich weltein und weltaus. - Dem leg ich zu Füßen die Kleider und Schuh, - die Last und mein sehnendes Herze dazu. - Da traten die Englein zusammen in Reihn - und führten die arme Seele hinein. - Da ward sie beschienen vom himmlischen Glast, - da war sie genesen der sehnenden Last. - – Die seligen Engel im ewigen Licht, - _so_ selig waren die Engel nicht. – - -Er reichte ihm das Blatt still wieder hin. - -»Ja, ja,« sagte er. »Es wird gut werden, irgendwie gut, ganz gut. Wir -wollen still sein und warten.« - -Sie sahen eine Weile schweigend ins Lampenlicht. Dann redeten sie von -andern Dingen. - - - - -Ein Sommer - -[Illustration] - - -Ob die Himmelreichsgasse ihren Namen mit Recht oder mit Unrecht trage, -darüber gingen die Ansichten auseinander. - -Die da meinten, er soll besagen, es sei ein himmlisches Leben und -Aufenthalt daselbst, die schüttelten ärgerlich und enttäuscht den Kopf, -wenn sie die niedrigen, rauchigen Häuser sahen, die rechts und links -von dem ausgetretenen Pflaster standen und die Last ihrer spitzen -Giebel trugen. - -Wer aber die steil ansteigende Gasse als einen Weg ins Himmelreich -betrachten wollte, räumlich angesehen, der gab wenigstens zu, daß das -obere Ende demselben ein gut Stück näher sei als das untere. Und das -ist in dieser unhimmlischen Welt auch nicht nichts. - -Die letzten, obersten Häuser, zu denen noch eine Flucht von Staffeln -emporführte, stießen dicht an den Wald an. - -Von dessen Rand aus konnte man einen weiten Blick, ein ordentliches -Auge voll tun über Erd’ und Himmel hin. Unten lag der alte -Marktflecken, von einem kleinen Fluß durchzogen, von steil ansteigenden -Höhen sorglich umschirmt. Hier oben war es still, friedlich und weit. - -Es war doch nicht ganz ohne mit der Himmelreichsgasse. - -Die stieg an einem schönen Junitage ein junges Fräulein empor. Es trug -in der einen Hand einen zusammengeklappten Feldsessel, zwischen dessen -Tragbändern ein hellgrauer Schirm stak, in der anderen einen schwarzen -Kasten mit blitzendem Metallgriff, über dessen Zweck und Inhalt sich -die Bewohner der Himmelreichsgasse vergeblich den Kopf zerbrachen. -Mit aufmerksamen Augen studierte das Fräulein im Hinansteigen -die Inschriften der Hausschilder, die Auslagen der Metzger- und -Bäckerläden, die Blumenbretter vor den Fenstern und die Schwalbennester -an den Balkenvorsprüngen. - -Die Hausnummern sah sie auch prüfend an. Aber da sie dabei rüstig -weiterschritt, so wagte sie niemand anzureden mit der Frage, die auf -jedem Gesicht stand, wohin sie wolle, und etwa noch, warum? - -Es war gegen Abend. Auf dem Pflaster spielte die Jugend, vor den -Häusern standen Mütter mit den kleinsten Kindern auf dem Arme, vor der -Schmiede stand ein Fuhrmann mit seinem Gaul, und der Schmied trat mit -dem glühenden Eisen an der Zange unter die Tür. Es war ein belebtes -Bild, das Fräulein sah mit lebendigen Augen um sich. - -Vor der Tür des letzten Hauses ganz oben links, blieb sie stehen, -besah sich die Nummer, nickte zustimmend, klinkte an dem schwarzen -eisernen Griff der Haustüre, sah, als diese verschlossen war, zu den -niederliegenden Fenstern des Erdgeschosses hinein und schüttelte -den Kopf, als auch da kein lebendes Wesen zu entdecken war. Da sah -sie hinter dem Bänklein unter dem Ahorn, der das niedrige Haus -beschattete, ein Kindergesicht hervorlugen und blitzschnell wieder -verschwinden. Nur ein blonder, borstiger Haarschopf guckte noch hervor. -Dem ging sie nach. Mit einem leichten, geschickten Griff zog sie den -widerstrebenden, kleinen Buben aus seinem Schlupfwinkel, stellte ihn -vor sich hin und sagte: »Nun sag mir einmal, du Bürschchen, gehörst du -in das Haus da?« Der Kleine nickte nur und steckte alsdann den Daumen -in den Mund. Nur die Augen sprachen weiter; sie sagten: »Ich weiß gut, -wer du bist. Du bist das Fräulein, das die obere Stube gemietet hat und -unser Sommergast werden will.« Aber diese Augensprache war dem Fräulein -nicht genug. »Warum ist das Haus geschlossen? Wo sind deine Eltern?« -fragte sie. »Du gehörst doch dem Schuhmacher Notacker?« Das war ein -bißchen viel auf einmal gefragt. Es brauchte schon eine Weile, bis die -ganze Antwort herauskam. »Das Haus schließt man, wenn man aufs Feld -geht. Aber der Schlüssel liegt hinter dem Schuhabkratzer. Der Vater -trägt geflickte Stiefel fort, und die Mutter ist auf dem Rübenacker. -Die drei Kleinen hat sie mit.« »Die drei Kleinen? Ja, wie alt bist du -denn?« Das wußte der Bub nicht so genau anzugeben, wohl aber, daß er -Gottfried heiße und in zwei Jahren in die Schule komme. Ferner, daß -er ein Sonntagsgewand im Schrank hängen habe und auf den Winter eine -Pelzkappe mit Ohrlappen besitze. Als Gottfried mit diesen Berichten -fertig war, kam von unten her ein Mann, der zum Zeichen, daß er etwas -sehr Merkwürdiges sehe, fortwährend mit der linken Hand seine Mütze hin -und her rückte und nun auch anfing, seine Schritte zu beschleunigen. -»Da ist das Fräulein,« sagte er, als er da war. »Da ist sie nun, und -das Haus geschlossen, und kein Mensch zum Empfang da. Das ist eine -schöne Geschichte, das hätte nicht sein sollen.« Man brauchte es einem -nicht zu sagen, daß der Mann ein Schuhmacher sei. Er trug eine grüne -Schürze mit einer gelben Metallkette als Schloß, trug die Hemdärmel -aufgekrempelt und hatte an Händen und Armen deutliche Pechüberreste. -Er roch auch stark nach Leder. Er habe ein gutes, ernsthaftes, etwas -gedrücktes Gesicht, dachte das Fräulein. »Das tut ja nichts,« sagte -sie. »Wenn man nicht genau angibt, wenn man kommt, so kann man auch -nicht erwarten, daß man empfangen wird. Zudem hat mich der Gottfried -schon ganz gut unterhalten.« Der Bub lachte so ein wenig bei diesem -Bericht und der Vater sagte: »Da muß es das Fräulein gut mit den -Kindern können, wenn er das getan hat. Denn er ist sonst scheu und ganz -stumm vor Fremden, so gut sein Mundwerk läuft, wenn er daheim und unter -uns Eigenen ist.« Er schloß die Haustür auf und geleitete das Fräulein -die steile, halbdunkle und ausgetretene Treppe hinauf in den Oberstock, -wo unter dem spitzen Dachgiebel ein einziges Stüblein eingeklemmt -lag. Das Fremdenzimmer. Es war mit Liebe und Stolz eingerichtet, das -sah man sofort. Mit allem guten Willen, das Möglichste an Eleganz -aufzubringen. Das sagte sich das Fräulein, als ihm jeglicher Mangel -an gutem Geschmack empfindlich auf die Nerven ging. Sie beschloß, das -Angenehme daran herauszufinden. Das fiel ihr auch nicht schwer, als sie -zum offenen Fenster hinaus die Aussicht sah. »Wie schön,« sagte sie, -»o wie schön!« Der Schuhmacher nahm das Lob auch gleich für die Stube. -»Man tut halt sein Möglichstes,« sagte er. »Wenn’s dem Fräulein nur -bei uns gefallen wird. Es wär uns eine Freude.« »Das wird es, das wird -es schon.« Das Fräulein streckte dem Mann plötzlich die Hand hin. »Auf -gute Hausgenossenschaft.« Er nahm sie, behutsam, sie war so weiß und -fein gegen seine schwielige Schustershand. Es ging ein warmer Strahl -über sein bärtiges, ernsthaftes Gesicht. »Jetzt kommt die Mutter,« -rief Gottfried, der bisher stumm zugesehen hatte. Drunten knarrte ein -Wägelchen, Kinderstimmen wurden laut. Gottfried polterte eilfertig -die Treppe hinunter. »Mutter, das Fräulein ist da,« rief er schon von -weitem. »Sie hat gesagt, es sei schön bei uns. Sie ist schon droben in -ihrer Stube.« »Ich will Ihnen meine Frau schicken,« sagte der Mann, -»und wenn Sie einen Wunsch haben, und es ist zu machen, so tut man’s.« -Dann ging er auch. - -Sie sah sich in ihrer neuen Klause um, als sie allein war. Grelle, -blaue Tapeten, buntfarbige Öldrucke darauf, weiße gehäkelte Deckchen -auf Tisch und Kommode, ein Stückchen geblumten Teppichs auf dem -Fußboden. »Es ist schrecklich, aber es ist gut gemeint; es ist gewiß -ihr Stolz. Ich will mir’s nach und nach ein wenig menschlich machen. -Was ist das für ein rührend ernsthafter, sorgenvoller Mann. Ich bin -begierig, wie die Frau ist.« Das Fräulein fing an, seinen Koffer -auszupacken, der schon vorher angekommen war. Und dazwischen hinein -ging sie ans Fenster, immer wieder, und sog den Anblick in sich hinein. -In langen Zügen tranken ihre Augen die friedliche, liebliche Schönheit -des Sommerabends. Das Fenster bot so recht eine Mischung von dem, was -sie liebte. Nach rechts hinunter den Blick in die Himmelreichsgasse, wo -die Kinder spielten und die Alten vors Haus kamen am Feierabend. Das -war ein Stück Menschenleben, einfach, eng begrenzt, aber anheimelnd. Es -zog sie an, es war ihr, als müsse sie hier etwas erleben. Gerade mit -den Menschen da vor ihren Augen, etwas Gemeinsames, Verbindendes. Aber -was? Das würde sich ja zeigen. Das brauchte man gar nicht zu suchen. -Gegenüber war kein Haus mehr, da ging der Blick ohne Hindernisse ins -Weite. Wie abendstill nun das Tal dalag. Wie dunkel und schweigend -die grüne Wand des Tannenwaldes in den dämmerigen, nachtenden Himmel -hineinragte! »Kaum zwei Minuten ist’s dahin, wo der Wald anfängt. Da -muß ich noch hin, das muß ich alles grüßen und in Besitz nehmen,« sagte -das Fräulein zu sich selbst. »Das Auspacken mag warten.« Es ging ein so -heimatliches Grüßen aus ihr heraus und um ihre Umgebung herum. Sie war -einer von den Menschen, die überall daheim sein können, weil sie es in -sich selber sind. - -An der Tür wurde geklopft. Die Schustersfrau kam herein. Sie blieb hart -an der Tür stehen. »Ich will nicht stören,« sagte sie, »ich hab’ nur -dem Fräulein Grüß Gott sagen wollen.« Sie war eine kleine, schmächtige -Frau mit zerarbeiteten Zügen und geraden, stillen Augen. »Ja, aber das -ist ja natürlich, daß wir uns begrüßen müssen,« sagte das Fräulein -lebhaft und trat zu ihr. »Wenn man einen Sommer lang Hausgenossenschaft -halten will. Wir wissen ja noch gar nichts von einander, persönliches, -mein’ ich. Da war Ihre Anzeige in der Zeitung und meine Anfrage, und -Ihre Zusage. Sonst nichts. Sie werden kaum noch meinen Namen wissen? -Doch? Solger, Adelheid Solger. Ich will hier kein müßiger Kurgast sein. -Ich will zeichnen und malen, und hoffentlich nütze ich meine Zeit gut -aus. Es ist gefährlich, wenn es so schön ist um einen herum. Da sitzt -man so leicht und macht beide Augen auf, daß alle die Schönheit hinein -kann, und vergißt, daß man daran lernen wollte. So wiedergeben Strich -um Strich, das ist dann ernsthafte Arbeit. Aber ich hoffe, daß ich den -Sommer ausnütze.« Sie unterbrach sich. »Das rede ich Ihnen nun alles -vor. Es hat mir oben gesessen, seit ich da zum Fenster hinaussehe: Wenn -du nur auch ans Zeug gehst, so in der Freiheit, nun dir niemand den -Stundenplan macht.« - -»Davon weiß unsereins freilich nichts,« sagte die Frau. »Es ist immer -etwas da, das zuerst getan sein muß. Man weiß oft nicht, wo anfangen. -Da braucht man sich nicht extra zu besinnen, ob man jetzt will oder -nicht.« - -Ihr Gesicht blieb ganz ruhig, während sie sprach; ihre Stimme hatte -einen tiefen, etwas bedeckten Ton. - -»Soll ich jetzt eine Lampe bringen?« fragte sie noch, schon die -Türklinke in der Hand. »Das Nachtessen ist auch bald fertig, soll ich -das dem Fräulein dann heraufbringen?« »Ja,« sagte das Fräulein, »bis es -fertig ist, bin ich wieder hier. Ich gehe noch die paar Schritte bis an -den Wald hin, eh’ es ganz dunkel wird. Damit kann ich nicht warten bis -morgen.« - -Unter der Haustür auf der Schwelle saßen zwei Kinder, verkleinerte -Abbilder des Gottfried. Sie waren barfüßig, trotzdem sie -Schusterskinder waren, hatten vielfach geflickte Röckchen von -Druckkattun an und guckten mit runden, blauen Augen vor sich hin. Aus -der offenen Stubentür kam kräftiges Geschrei eines noch kleineren -Notackerleins, das von Gottfried im Wagen hin und hergeschoben wurde, -und dazwischen hörte man das klopf klopf des Schusterhammers. Das -Küchenfeuer warf einen flackernden Schein auf den kleinen Vorplatz. Das -Fräulein trat jetzt, von der Treppe herkommend, in seinen Lichtkreis. -»Ah,« sagte sie fröhlich, und sog den kräftigen Duft ein, der einer -Bratpfanne entstieg, »da gibt’s etwas Gutes. Da freu’ ich mich aufs -Wiederkommen.« Die beiden kleinen Buben auf der Schwelle zogen auch -die Näschen hoch. Das war ein Duft, den sie kaum kannten. Es war für -sie mit dem Fräulein verwoben, nicht mit Unrecht. Was da protzelte, -war nicht für die Schelme. Sie sahen sich verlegen an, als der -Sommergast an ihnen vorbeischlüpfte. »Bleibet nur sitzen, ihr zwei,« -hatte das Fräulein gesagt, »an zwei so kleinen Mäusen komme ich schon -noch vorbei.« Da ging sie hin den Waldweg hinauf. Sie kam ihnen sehr -groß und sehr schön und sehr vornehm vor. Sie war etwas Neues, etwas -Niedagewesenes für das ganze Haus. Und sie gehörte ihnen, aber nur zum -Anstaunen. Sie war »unser Fräulein«. - - * * * * * - -»Also das gibt’s noch,« sagte Adelheid Solger und streckte sich wohlig. -»Das gibt’s noch. Das hab’ ich gar nicht mehr gewußt. Seit ich ein Kind -war, bin ich nicht mehr im Heu gelegen. Das ist schon lang her. Und nun -so. Sehen Sie, Meister Notacker, wie schön es ringsum ist? Sehen Sie’s -recht?« - -Sie lag lang ausgestreckt auf der abgemähten Wiese, die sich ziemlich -steil talwärts zog. Die Hände hatte sie als Kopfkissen in den Nacken -geschoben, die Augen gingen mit einem sonnigen Behagen hin und her, -blieben in der Weite hängen, kamen wieder in die Nähe zurück und -fragten dann eindringlich in den Mann hinein, der auf seinen Rechen -gestützt dastand und an einer Antwort arbeitete. Es liege ein Leuchten -darin, dachte der. Sie war erst vorhin aus dem Wald gekommen, angeregt -von ihrer Arbeit frisch und vergnügt. - -»Nun hab’ ich ein Recht, eine Weile zu feiern,« hatte sie gesagt. »Ich -war ausbündig fleißig diesen Morgen. Ich muß mich selber ein wenig -loben, es ist sonst niemand, der es tut. Und es ist mir nötig, ich -brauch’s. Was ist das für eine Welt! Im Wald war’s so dämmerig und hier -ist alles voll Sonne.« - -Und dann hatte sie die Frage an ihn gestellt. »Sehen Sie, wie schön es -um und um ist?« Was sollte er nur darauf sagen? - -Sie konnte ja nicht wissen, wie es in ihm aussah, und das war ihr wohl -auch nicht wichtig. Aber in ihm lebte ein starker Drang nach allem -Schönen hin, der regte sich neu, seit sie da war. Er war weder im -Aussprechen noch im Sehen geübt. Und sie war das beides. - -Die Sonne lag mit vollem Glanz auf der Landschaft, der Fluß blitzte -darin in tausendfältigem Geflimmer, die nachbarlichen Höhen hatten -einen dunkelblauen Ton. In der Nähe lagen hellgrüne Kornbreiten, blaue -Kornblumen und roter Mohn leuchteten in starken, sicheren Farben daraus -hervor. »Ja,« sagte er langsam, »es ist schön – aber,« er stockte. -Er hatte noch sagen wollen: »Aber so, wie Sie, seh’ ich’s nicht.« Er -sah an ihren Augen, daß es so sei. Aber er verschwieg es. Vielleicht -fürchtete er, zu viel zu sagen. Denn das, was sich mit Macht in ihm -regte, durfte sie nicht erfahren. Das war ein Neid gegen sie und alle, -die so ungehindert, so selbstverständlich in einer Welt lebten, die -ihm verschlossen war. Er war ein Schuster gegen seinen Willen. Er wäre -gern etwas anderes geworden in seiner Jugend. Irgend etwas, bei dem -der Geist die Flügel regen konnte, er wußte es selbst nicht so genau. -Lernen hatte er wollen, viel und vielerlei, Bücher lesen, Musik machen, -alles, was es nur gab. Aber da war nichts zu machen gewesen. - -Er war kein Genie, das sich einen Weg erzwingt, er hatte nur eine -durstige Seele, die sich in einem engen Käfig duckte und draußen eine -weite Welt ahnte, an der sie nicht teilhaben durfte. So lernte er sein -Handwerk, aber verdrossen und unfroh, wie einer, der nicht an seinem -Platz ist. Er brachte es nicht weit darin. Das wunderte ihn auch gar -nicht. »Warum hab’ ich nichts anderes werden dürfen?« sagte er sich -vertrutzt, wenn er sah, wie andere seines Handwerks weiter vorwärts -kamen als er. »Ich passe einmal nicht dazu.« - -Er hatte es ein wenig vergessen gehabt, daß er so verkürzt sei. Aber -nun kam es stärker herauf als je zuvor. - -Davon wußte ja das Fräulein nichts. Die war so frisch und -lebensfreudig, erzählte so harmlos drauf los von ihrer Welt, die nicht -die seine war und nahm die Schönheit der Welt und des Lebens in Besitz, -als ob das gar nicht anders sein könne. - -»Jetzt habe ich aber lange und geduldig gewartet,« sagte Fräulein -Solger und richtete sich auf. »Es kommt wohl keine Fortsetzung mehr auf -das Aber. Da erscheint nun der Gottfried und ruft uns zum Essen. Ich -hätte so gern wissen wollen, ob’s nur mir allein so schön vorkommt, mir -mit meinen Stadtaugen, denen es so golden wohl ist in der Freiheit nach -der Enge des Zeichensaales?« - -Da gab der Mann dem Rechen und sich selbst einen Ruck. Den Rechen -rammte er fest in die Erde, da stand er aufrecht und frei. Aus sich -selber heraus sagte er, langsam, als müsse er jedes Wort von unten -heraufholen: »Es wird wohl so sein, wie Sie meinen, so schön. Es gibt -Leut’, die sehen’s immer. Denen liegt’s in den Augen, die sind dazu -gemacht. Die anderen sehen das andere, es ist viel auch nicht schön -in der Welt. – Aber heut’ seh’ ich’s auch.« Es war eine Anstrengung -gewesen, das alles zu sagen. Der Mann atmete tief auf. Fräulein Solger -sah ihn von der Seite an, aufmerksam und nachdenklich. Was mochte -hinter dieser Stirn mit den tiefen Querfurchen vorgehen? Gottfried -war vollends herangekommen. »Die Mutter wartet schon lang,« sagte er. -»Sie sagt, du habest gewiß wieder nicht Zwölfe läuten hören. Und -das Fräulein hätt’ ich auch suchen sollen.« »So,« sagte das Fräulein -heiter, »im Wald hättest du mich aber lang suchen können. Ich bin -im dicksten Dickicht gesessen und habe Baumwurzeln gezeichnet.« Sie -klappte ihr Skizzenbuch auf und hielt es dem kleinen Buben vors -Gesicht. »Da sieh her. Gefällt dir’s, du?« Gottfried sah ernsthaft auf -das Blatt und machte ein kurioses Gesicht. So ein knorriges Zeug? So -ein Gewirre? »Nein,« sagt er, ganz kurz und bestimmt. »O du Staatskerl -du. Versprichst du mir, daß du deiner Lebtag’ so deutlich sagen willst, -was dir gefällt und was nicht?« Fräulein Solger hatte nicht übel Lust, -dem Kritiker einen Kuß in sein ernsthaftes Kennergesicht hinein zu -geben; aber er sah aus, als ob er ihn wieder wegwischen könnte; sie -ließ es. »Wenn ich nach Haus komme, muß ich’s meinem Professor zeigen. -Vielleicht gefällt’s dem besser als dir. Aber du darfst zur Belohnung -meinen Feldsessel tragen, und heut’ nachmittag darfst du in meine Stube -kommen, dann zeig’ ich dir, was dir besser gefällt. Ich habe schon noch -Schöneres. Und jetzt marsch marsch. Auf meiner Magenuhr ist’s schon -lang Zwölfe vorbei.« Gottfried trabte stolz mit dem Feldsessel voraus. -Die zwei anderen folgten. Der Mann hatte auch mit in das Skizzenbuch -gesehen, gesagt hatte er nichts. »Wenn Sie dem Buben Bilder zeigen,« -hob er nach einer Weile, als sie so nebeneinander hergingen, zögernd -an, »am End’ dürft’ ich’s auch sehen. Man sieht auch gern einmal etwas -anderes. Und ich, – ich hab’ immer eine Freud’ an so etwas gehabt.« -Es kam fast entschuldigend heraus. Die Lust war größer gewesen als -der Vorsatz, zu schweigen. Das Fräulein sah aus, als ob ihr eine -große Freude widerfahren wäre. Das war auch so. Sie hatte eine so -ehrliche, gesunde Freude an ihrem Studium, die wollte sie so gern mit -den Menschen, die um sie her waren, teilen. Und wenn sie einen Sinn -dafür fand, wo sie ihn nicht vermutet hätte, da begrüßte sie ihn mit -der ganzen geraden Herzlichkeit ihres Wesens. »Das ist ja fein,« sagte -sie, »das freut mich ja von Herzen, Meister. Wollen wir das heute abend -tun? Gleich heut?« Sie nannte ihn immer Meister. Das Wort gefiel ihr so -für den einfachen, biederen Mann. Sie hatte bis jetzt immer geglaubt, -er gehe in seinem Handwerk auf, und er war so gar kein Herr. Am Ende -kannte sie ihn aber doch noch nicht. - -Die Frau stand unter der Tür und wartete. Sie schützte die Augen mit -der vorgehaltenen Hand vor der Sonne. Ihr Gesicht war so eben und -unbeweglich wie immer und mit dem gewohnten ruhigen Ton grüßte sie die -Ankommenden. »Das Essen steht schon droben, Fräulein,« sagte sie. »Es -ist hoffentlich noch gut. Ich hab’s auf zwölf Uhr gerichtet.« - -»Geschieht mir ganz recht, wann ich’s kalt bekomme; ich bin so gar kein -pünktlicher Mensch. Erziehen Sie mich nur ein bißchen.« Adelheid Solger -hatte immer das Gefühl, als wenn sie diese Frau ein wenig aufheitern, -ein wenig froh machen sollte. Aber wie? Sie war wohl auch gar nicht -traurig, nur so tonlos, so gleichmäßig still ging sie ihres Weges. Und -man wußte nie, was in ihr vorging. »Aber das ist ja vielleicht das -allerbeste,« dachte das Fräulein, als es die Treppe hinanstieg und sein -Zimmer betrat. »Es ist gar nicht immer gut, wenn man einen so durch -und durch sehen kann, wie zum Beispiel mich, die ich keinen Gedanken -verbergen kann. Ich will sie nur ruhig ihres Weges gehen lassen. Wenn -ich’s nur könnte. Ich kann es ja doch nicht. Einen Tag lang, ja, aber -dann muß ich wieder in ihrem Gesicht herumstudieren, und in seinem. -Warum bin ich nur so, so menschenhungrig? Warum muß ich an allem teil -haben, was um mich herum vorgeht?« - -Ihr Tisch war sauber gedeckt. Mit billigem Geschirr und dünnem -Tischzeug, wie man es in Warenhäusern um ein Geringes bekommt. Aber -alles neu und ganz. »Das ist für mich angeschafft,« dachte sie. »Da -sitz’ ich nun allein dabei und ess’ das Beste, was im Haus ist. Es -ist mir zuwider. Ich bezahl’s ja, sie verdienen noch ein bißchen -dabei. Aber es ist mir doch zuwider. Soll ich ausgehen und im -Wirtshaus essen? Dann kränkt’s die Frau, sie tut, was sie kann. Jetzt -würde ich wieder ausgelacht, wenn mich meine Freunde sähen. ›Immer -rücksichtsvoll,‹ würde Heinz sagen, und spöttisch den Hut ziehen. -Ich weiß, was ich möchte. Ich möchte unten mit am Tisch sitzen und -mitessen. Ich habe ganz gewöhnlichen Menschenhunger.« Damit beendete -sie ihr Selbstgespräch und fing an zu essen. Sie war jung und gesund, -es schmeckte ihr trotz allem. - -Ein gutes Stückchen hob sie für Gottfried auf, der eilig -daherstolperte, kaum daß er den Löffel weggelegt hatte. Er blieb -staunend stehen. Das Zimmer war anders, als da das Fräulein einzog. -Auf der Kommode stand in einer breiten tiefen Schale ein Waldstrauß, -ein duftiges Gewirre von grünen und rötlichen Ranken, langstieligen -Glocken und Waldlilien. Die Öldrucke waren von den Wänden verschwunden; -ein paar Kreide- und Kohlezeichnungen waren mit Reißnägeln da und -dort lose angeheftet, über dem Bett hing an einer roten Schnur ein -farbenfreudiges Aquarell. Ein hohes, graues Steinhaus mit einem -mächtigen Portal, vergitterten Fenstern im Erdgeschoß und einer -heiteren Fensterreihe oben, zwei der Fenster mit Brettern voll -brennendroter Geranien davor. - -Vor diesem Bild pflanzte sich der kleine Bub auf und guckte es mit -großen Augen an. »Siehst du, da bin ich daheim,« sagte das Fräulein und -wies auf die Blumenfenster. »Da geh’ ich wieder hin, wenn ich im Herbst -fortgehe. Es war einmal ein Schloß und hat einem Grafen gehört. Der ist -aber schon lang tot.« »Gehört’s jetzt dir?« fragte Gottfried. »Nein, -Bub, so reich bin ich nicht.« Sie lachte. »Da wohn’ ich nur, und außer -mir noch viele Leute; fast in jeder Stube jemand anderes. Und in der -Mitte ist ein ganz mächtig großer Hausflur, so groß, daß man euer Haus -hineinstellen könnte. Da tanzen bei der Nacht die Mäuse.« Gottfried -sah unbefriedigt aus. Es paßte ihm nicht, daß dem Fräulein das Haus -nicht gehöre und daß bei Nacht die Mäuse darin tanzten. Er hatte mit -den Kindern der Himmelreichsgasse schon viel von »unserem Fräulein« -gesprochen. Kein Mensch außer ihnen hatte einen Sommergast. Er hätte -den anderen gern das Haus gezeigt; die hätten Augen gemacht. Aber -wenn’s ihr gar nicht gehörte. Dann konnte man nur gleich still sein. -»Ist dein Vater und deine Mutter auch drin?« fragte er. Da machte sie -ein sehr ernsthaftes Gesicht. »Ich habe keinen Vater und keine Mutter -mehr,« sagte sie. »Schon als ich so groß war wie du, nicht mehr.« -Gottfried war immer enttäuschter. »Ja, hast du denn gar niemand?« -fragte er. Da überkam das Fräulein wieder »dieser ganz gewöhnliche -Menschenhunger«. Sie konnte doch dem kleinen Buben nicht sagen, daß sie -zu niemand gehöre, zu gar niemanden. Sie hatte doch so viele Freunde, -so einen frohen, belebten, anregenden Kreis. Aber jemand eigenes? -»Doch,« sagte sie nach einer kleinen Weile. »Ich habe schon jemand. Es -ist fast, wie wenn ich eine Mutter hätte. Oben, ganz da oben, man sieht -das Fenster nicht auf dem Bild, es ist auf der anderen Seite, da wohnt -sie. Sie kann nicht gehen, sie ist krank. Aber sie ist immer da, wenn -ich zu ihr komme. Die hat mich lieb, sie gehört mir.« - -Gottfried verstand den Bericht nicht so ganz. Das konnte er ja auch -nicht. Das Fräulein hatte ja gar nicht gesagt, wer da oben wohne -und fast wie ihre Mutter sei. Sie kam ihm ein klein bißchen weniger -erstaunenswert vor, als er wieder die Treppe hinunterging. Sein -Vater saß am Schustertisch und flickte einen klaffenden Riß in einen -Bauernschuh. Dem konnte er alles erzählen. Er horchte auch hoch auf. -»Daß sie am End’ gar nicht zu beneiden wär?« dachte er. »Daß sie auch -ihren Schatten hat in ihrem Leben?« Er zog den Pechdraht eifriger durch -die Löcher, die die Ahle machte. »Aber sie hat’s doch schön; Herr! -wenn man selber so ist, so gescheit und geschickt, und tun kann, wie -man will!« - -Derweil saß das Fräulein oben und schrieb einen langen Brief an die, -die »fast wie ihre Mutter« war. Mit dem Herzen und Gedanken kehrte -sie ein in der stillen Stube der alten Freundin, die fast nichts mehr -tun konnte und doch so viel war. So ein aufgeschlossener, warmer, -lebendiger Zufluchtsort für die, die sich draußen herum müde und -unruhig gemacht hatten. Sie wurde wieder froh während des Schreibens, -ihres Reichtums bewußt. Es ging ein starkes Grüßen dem Brief voraus, -direkt durch die Luftlinie. »Wenn ihr jetzt nur die Ohren klingen -möchten,« dachte das Fräulein, als es die Himmelreichsgasse hinunter -wandelte und den Brief in den gelben Schalter steckte, ganz unten an -der Ecke. - -Denn sie wußte wohl, daß die Freundin manchmal saß und nicht wußte, -wozu ihr tatenloses Leben noch tauge. Wie das einem Gemüt gehen kann, -das nichts von seinem segnenden Reichtum weiß. Das nicht weiß, daß es -eine stille Heimat ist für die, die es lieb hat. – – – – - -Das war ein Sommerleben, ein rechtes, echtes! Früh heraus, fast mit der -Sonne, und den ganzen Tag sich des Daseins gefreut. »Ich werde braun, -wie eine Bäuerin,« dachte Adelheid Solger vergnügt und studierte ihr -sonnverbranntes Spiegelbild. Die Himmelreichsgasse hatte das schon -von ihr gemerkt. Sie war so ein bißchen Gemeingut geworden, da mußten -die Leute schon darauf achten. Wenn sie die Gasse hinabging, hatte sie -viele Händedrücke von sauberen und schmutzigen Händlein in Empfang zu -nehmen und viele Grüße zu erwidern. Sie tat es gern, es war ihr so -selig patronatsmäßig und landpomeranzig zugleich zumute. Der Schmied -war ihr guter Freund und die dicke Bäckersfrau ihre Freundin. Und -der Sternenwirt unten an der Ecke zog, wenn er sie kommen sah, seine -Spieluhr auf. »Freut euch des Lebens,« konnte sie spielen und den -Hohenfriedberger Marsch. Denn das Fräulein blieb dann regelmäßig stehen -und horchte; sie wippte so einverstanden mit dem Kopf zu der Musik. Das -freute den Sternenwirt. - -Sie ging aber viel öfter gleich vom Haus aus in den Wald. Nicht nur -so in die nächste Nähe. Sie machte große Streifereien und brachte -reiche Beute im Skizzenbuch heim. Wie die Bienen sammelte sie ein in -der schönen Welt. »Das war ein Prachtsgedanke von Heinz,« dachte sie. -Dieser Heinz war ein Freund und Studiengenosse von ihr, der sich gern -zu ihrem väterlichen Berater aufwarf und er hatte sie hierhergeschickt. -»Sie müssen so recht in die Natur kommen,« hatte er gesagt, »das ist -für Ihr Studium und für Ihren Menschen nötig. Sie werden neuerdings -so zivilisiert.« – »Ich wollte, er könnte mich jetzt sehen.« Sie -lachte, als ihr der Wunsch kam. Denn jetzt lebte sie so natürlich, -als nur möglich. Es war eine Lust, zu leben. Sie hätte so gern ihre -ganze Umgebung mit ihrer inneren Frohheit angesteckt. Das gelang -teilweise, teilweise auch nicht. Meister Notacker, der lebte auf; er -sang sogar manchmal. Er hatte eine schöne, tiefe Stimme und er kannte -alte, wunderbare Volkslieder. Es war lang her, seit er sie gesungen -hatte, die Kinder horchten hoch auf, und die Frau warf einen langen, -merkwürdigen Blick auf ihn, als er’s das erste Mal tat. Er sah den -Blick nicht, nur Adelheid Solger sah ihn. »Ist’s ihr am End’ nicht -recht, daß er singt?« dachte diese. »Sie sollte doch froh sein, wenn -er ein wenig Leben zeigt. Wenn ich einen Mann hätte mit solch einer -Stimme, er müßte mir alle Tage singen.« Aber die Frau hatte schon -wieder den Kopf über die Näharbeit gebeugt und zog mit unbewegtem -Gesicht den Faden aus und ein. »Ich habe mich wohl getäuscht,« dachte -die Beobachterin. Sie hieß jetzt nicht mehr Fräulein schlechtweg, sie -war zum Fräulein Adelheid geworden. Sie hatte sich’s nicht ausgebeten, -das war nach und nach so gekommen, ganz von selbst. So war’s ihr recht. -Sie saß auf einem dreibeinigen Schemel am offenen Fenster. Draußen -war’s Nacht, eine warme, düftereiche Sommernacht. Um die aufgehängte -Ampel über dem Schustertisch surrten aufgeregte Schnaken mit langen -Füßen und glasigen Flügeln. Der Meister saß mit einem halbgeflickten -Rohrstiefel auf dem Schoß, ließ die Hände ruhen und sang aus gehobener -Brust. »Es waren einmal drei Reiter gefangen, gefangen waren sie.« Und -dann noch viele andere. Die Kinder spitzten die Ohren und horchten -wie die Mäuse, und die Frau wendete das zerrissene Röcklein hin und -her, bis alle Löcher zu waren. Dann stand sie auf: »So jetzt ins Bett, -Kinder, ’s ist schon viel zu spät für euch.« Adelheid konnte es schon -lang wieder nicht lassen, an ihrem undurchdringlichen Gesicht und -Wesen herumzustudieren. »Warum sie nur so ist? So stumm und ernst. So -sorglich und fleißig, und brav und still. Aber gar nichts Warmes. Ich -möchte sie wohl fragen, ob sie nicht glücklich ist. Aber das wag’ ich -ja gar nicht. Sonst bin ich so keck und vor ihr scheu’ ich mich. Wie -das nur ist? Am End’ hat sie schwere Nahrungssorgen. Der Mann ist nicht -so übereifrig. Aber sie haben doch auch die Wiese und eine Kuh. Da bin -ich nun schon wieder beim Grübeln.« Adelheid gab sich einen innerlichen -Rippenstoß und kehrte in die Gegenwart zurück. - -Der Meister hatte aufgehört zu singen. »Sie haben gar nicht mehr -gehorcht,« sagte er. »Meine Gedanken sind mir durchgegangen,« gab sie -reumütig zu. »Ich hab’ aber danebenher doch noch zugehört. Sie haben -eine gute Stimme, warum singen Sie nie? Das sollten Sie viel öfter -tun.« – »Ich will’s tun, wenn Sie’s freut. Es ist mir selten singerig -zumute. Das muß einem von innen heraus kommen, sonst ist’s nichts.« - -Adelheid mußte wieder einmal sein Gesicht betrachten. Es hatte in -letzter Zeit so etwas Lebendiges, Aufgehelltes bekommen. Sie wußte -nicht, daß er in diesem Augenblick in seinen Gedanken zu ihr sagte: -»Ja, wenn du immer da wärest, dann sänge ich wohl. Wie hast du mir das -Leben aufgetan, du Sommergast.« - -Es war gut, daß sie es nicht wußte. Sie holte ihr Skizzenbuch herbei -und zeigte ihm Altes und Neues daraus. Er tat so verständige, tüchtige -Bemerkungen dazu, sie waren beide so plaudersam angeregt, als die Frau -zurückkam und wieder ein Paar Strümpfe zum Stopfen vornahm. »Ich habe -fast ein böses Gewissen,« sagte Adelheid, »Sie sind noch so fleißig -und ich habe so frühen Feierabend gemacht. Lassen Sie mich ein bißchen -mithelfen, ich kann auch Strümpfe stopfen, Sie werden’s schon sehen.« -Die Frau warf einen Blick in ihr bittendes Gesicht. »Ich glaube, Sie -meinen’s gut,« sagte sie. »Aber helfen können Sie mir nicht. Ich habe -auch nur noch das eine Paar vor.« - -»Wie sie das nun wieder so tief und schwer sagt,« dachte Adelheid. »Das -ist doch so eine harmlose Sache. Ich glaube, Heinz hat recht. Es gibt -Leichtblüter und Schwerblüter. Die Frau gehört zu den Schwerblütern. -Die müssen alles schwer nehmen.« – »Ich glaube, daß Sie’s gut meinen.« -»Will’s glauben, daß ich’s gut meine. Oder eigentlich, ich meine es -weiter gar nicht. Ich bin nur so ein vergnügter Mensch und hätte die -andern gern auch so. Das ist eigentlich lauter Egoismus.« - -Damit erstieg sie ihre Treppe und begab sich zur Ruhe. »Ihre Lieder -müssen Sie mich noch lehren, Meister,« rief sie noch von der Treppe -her. »Die nehm’ ich im Herbst mit nach Hause und sing’ sie meinen -Freunden vor. Da krieg’ ich einen Preis; so schöne können die nicht. -Aber wir müssen bald daran, die Zeit vergeht so schnell.« - -Das Letztere war so wahr. Die Zeit verging so schnell: es war -fast nicht zu glauben. Die Ernte war vorbei, der Wind ging -übers Stoppelfeld. Heute hatte Adelheid den ersten silbernen -Altweibersommerfaden an einer Hecke gefunden. Den besah sie sinnend. -Sie freute sich auch wieder auf ihren alten Kreis in der Stadt. Aber -es war ein so schöner, reicher Sommer gewesen, es tat ihr leid, daß er -scheiden wollte. Die Menschen hier waren ihr auch wert geworden, so, -wie einem die wert werden, an deren Sein und Tun man teilgenommen hat; -wie das ein rechter, echter Mensch an denen tut, die um ihn her sind. -Gottfried hatte ihr schon lang verziehen, daß das große Haus in der -Stadt nicht ihr gehöre. Sie hatte so viele andere Vorzüge, er war ihr -guter Freund geworden. Auch die anderen Notackerlein krabbelten die -dunkle Treppe herauf und pumperten mit den Fäustlein an die Tür, und -nach und nach taten das noch andere Kinder aus der Himmelreichsgasse. -Auf einem Eckbrett stand eine glänzende Büchse, darin waren Himbeeren, -wie man sie nicht im Wald findet, groß und glänzend, von süßem Zucker. -Die banden die kleinen Herzlein an das große. Es waren nicht nur die -Himbeeren, es war sonst noch viel Liebes und Schönes. Adelheid malte -einen Zweig fliegender Herzen und in jedes rote Herzchen hinein einen -der Kinderköpfe. »Lauter Originale,« sagte sie mit Stolz und trug -das Bildchen im Haus herum, um es bewundern zu lassen. Sie traf die -Schuhmachersfrau am Waschzuber. »Da sehen Sie her,« sagte sie, »das -nehme ich mit nach Haus. Ich muß doch meinen Freunden zeigen können, -was ich diesen Sommer gewonnen habe. So viele Herzen, und lauter frohe, -harmlose, und keins betrübt und zerbrochen.« Wie froh sah sie aus, als -sie das sagte, und so frisch und herzenswarm. Sie mußte wahrlich die -Herzen gewinnen. Die ernsten Augen der Frau lagen auf ihrem Gesicht, -und plötzlich brach ein warmer Strahl, der sich nicht zurückhalten -ließ, aus ihnen. »Das ist ein herziges Bildchen,« sagte die Frau. Und -dann, ganz unvermittelt: »Sie meinen es gut, es muß Ihnen gut gehen auf -der Welt. Wenn Sie nur auch so froh bleiben, wie Sie jetzt sind, es -tut einem so gut, auch noch frohe Menschen zu sehen, die sind selten.« -Adelheid war seltsam befangen. Es kam plötzlich solch eine Wärme aus -dieser verschlossenen Frau heraus und sie wollte sich dessen freuen, -aber sie konnte nicht recht. - -»Ach,« sagte Adelheid, »ich habe auch schon mein Teil Trauer gehabt im -Leben. Wenn man ohne Eltern heranwächst und niemand ganz Eigenes hat. -Es ist aber wahr, ich weiß nicht, wie’s kommt, ich muß mich an vielem -freuen. Das Leben ist doch so schön, ich wollte, alle Menschen freuten -sich dessen. Und,« sagte sie auf einmal mit hervorquellendem Mut: -»ich wollte, ich hätte Ihnen etwas zu geben, das Sie froh machte. Sie -sind’s nicht. Oder mein ich das nur?« Die Frau wusch eifrig weiter. Sie -hatte das Gesicht über ihre Arbeit gebeugt und nichts mehr regte sich. -»Es geht mir nicht schlecht,« sagte sie nach einer kurzen Weile. »Es -kommt jedem etwas, das er tragen muß. Mancher ladet sich’s selber auf -und muß es dann schleppen. Was man sich selber aufladet, ist auf die -Dauer schwerer als das, was Gott schickt. Aber es muß dann auch gehen.« -Sie stand so unscheinbar an ihrem Waschzuber. Sie war weder jung noch -schön, noch lieblichen Wesens, auch nicht besonders klug und hatte -keinerlei Interessen, die über ihren täglichen Kreis hinausgingen. -Und doch hatte sie etwas ganz Besonderes an sich. War es, daß sie im -stillen eine Last trug, die sie niemanden klagte? Was mochte sie sich -aufgeladen haben? Denn sie hatte doch vorhin von sich selbst gesprochen. - -Adelheid stand noch in stillen Gedanken ihr gegenüber, da sagte die -Frau, wie aus einem langen Gedankengang heraus: »Ich bin gar nicht -in die Welt hinausgekommen. Ich war immer hier, in diesem Haus. Es -ist meines Vaters Haus. Man kann aber daheim auch genug erleben, das -ist überall eins.« Dann brach sie wieder ab. Sie hatte noch viel auf -dem Herzen. Aber sie drückte es wieder hinunter, sie hatte die Macht -dazu, es für sich zu behalten, und Adelheid wollte nicht fragen. Sie -ging in die Stube, um dem Meister ihr Blatt zu zeigen. Der sah es -an, er wollte es nicht loben. Er atmete aus tiefer Brust und zog die -Augenbrauen zusammen. »Was ist, wo fehlt’s?« fragte Adelheid. Da nahm -er einen Anlauf zum Reden. »Es ist gut gelungen,« sagte er. Sonst -nichts. Es lag ihm etwas anderes obendrauf, etwas, das er nicht sagte, -das konnte man gut merken. »Wenn’s Ihnen nicht gefällt, so sagen Sie’s -nur ganz ehrlich.« Adelheid war ein wenig ärgerlich. »Sonst muß ich -mir den Gottfried holen, der sagt seine Meinung frei heraus.« »Ja,« -brach er nun los, »ich wollte, ich dürfte das auch. Aber das habe -ich mein Lebenlang noch nicht gedurft. Als ich so ein Bub’ war, wie -der Gottfried jetzt, starb meine Mutter. Meinen Vater hab’ ich nie -gekannt. Da kam ich hierher ins Haus meines Pflegers. Der war ein -Schuhmacher. Ein geschickterer, als ich geworden bin. Ich mußte auch -einer werden, als ich aus der Schule kam. Das war so natürlich, daß -man mich gar nicht fragte. O ich hab’ auch einmal aufgemuckt. Ich hab’ -auch einmal gesagt, was ich wollte. Ich wollte Musik machen lernen, -es nahm mir fast den Atem, wenn ich ein Instrument hörte. Ich hätt’ -auch etwas anderes gelernt, ich hätte die Musik dran gegeben, wenn -ich hätte in Büchern lernen dürfen. Aber da kam ich schön an. Wissen -Sie, wie man mir die Gelüste ausgetrieben hat? Hinausgehauen hat man -sie! Ausgeprügelt.« Der Mann war in einer Erregung, Adelheid hatte ihn -noch nie so gesehen. Als sei an einem vollen Dampfkessel das Ventil -geöffnet, und lasse die zusammengepreßte Gewalt ausströmen, so flutete -es aus ihm heraus. - -Er nahm sich gewaltsam zusammen. »Aber das ist nichts für Sie,« sagte -er. »Was wissen Sie von so etwas?« - -»Doch, das ist etwas für mich.« Adelheid saß ihm gegenüber auf dem -niedrigen Fenstersims. Sie lehnte den Kopf an den Rahmen und sah ihn -herzlich an. Ihr kleiner Ärger war längst verflogen. - -»Erzählen Sie mir das alles, warum soll ich von so etwas nichts wissen? -Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt und weiß, daß man im Leben kämpfen -muß.« Sie füllte die Fensteröffnung fast ganz mit ihrer hellen Gestalt; -er sah an ihr hinauf und sprach weiter, gesänftigter, als ob es ihm -eine Wohltat sei, sein Leben vor ihre Augen zu legen. - -Von den Lehrlingsjahren sprach er und von seinem Ungeschick zum -Handwerk. Von seiner Unlust dazu, die ihn drückte und würgte, und -von der Furcht vor den Schlägen des Lehrmeisters. Von der ganzen -zusammengepreßten Jugendlust am Streben und Leben. - -Dann von der Gesellenzeit und den Militärjahren, wo er von ferne die -bunten Bilder des Lebens hatte an sich vorbeiziehen sehen. »Da hab’ ich -meine Lieder singen gelernt,« sagte er. »Das war schön, wenn wir sie -sangen zum Marschieren am frühen Morgen beim Ausrücken. Und wenn dann -die Regimentsmusik spielte. Die Brust wollt’s einem zersprengen vor -Hochgefühl. - -Da hab’ ich mich auch manchmal vor die Schaufenster gestellt, wo -Bücher und Bilder ausstanden, und hab’ alles um mich herum vergessen -vor Staunen. Daß man so viel Bücher schreiben kann. Was da alles darin -stehen mag? Und die Bilder; wie man so etwas machen kann? Das ist ja -ein Wunder. Grad so viel hab’ ich gesehen, daß ich’s weiß, das gibt’s -alles; mehr nicht.« - -Er hämmerte eine Weile drauf los, schweigend, und wie von einem inneren -Drang beseelt, sich frei zu schaffen. Dann sagte er: »Grad an dem Tag, -als ich vom Militär frei kam, schrieb mir Regine – das ist meine Frau. -Das wissen Sie noch nicht, daß sie meines Pflegers Tochter ist? Wir -sind immer zusammen gewesen. Sie ist aber älter als ich. Jaso. Ja, sie -schrieb mir, daß ihr Vater krank sei, vom Schlag gelähmt. Ich solle -kommen, das Geschäft fortführen. Was sollte ich anders? Ich konnte mich -nicht besinnen, ob ich wollte oder nicht. Das hab’ ich nie gekonnt in -meinem Leben, es stand immer alles vor mir, ein Zaun hüben und drüben -am Weg. Und das, was ich gern gewollt hätte, war hinter dem Zaun.« - -Adelheid sah so teilnehmend in ihn hinein. Sie konnte hier nichts -geben, als ihr lebendiges, stilles Zuhören. Was für ein Strom -verborgenen, zurückgedämmten Lebens ging da an ihrer Seele vorüber. -Sie sagte auch in den Pausen nichts; sie war ganz still. »Dann -ging vollends alles seinen Weg,« fuhr der Mann fort. »Nach einem -Jahr starb der Meister. Er konnte nicht mehr sprechen, aber zeigte -mir mit Gebärden, daß ich das Geschäft fortführen solle. Und dann – -dann tat ich’s. Die Tochter hat dazu gehört. Ich hab’s nicht gleich -begriffen, ich hatte nicht daran gedacht. Sie war mir lieb und wert. -Aber ich hatte mir das anders vorgestellt, das mit dem Liebhaben und -Zusammengehören. Ganz anders. Man machte mir das deutlich. Es sei ein -Glück für mich, hieß es. Ein Haus und ein Geschäft zu haben, und eine -rechte Frau dazu. Solch ein armer Mensch wie ich. Sie wollte mich gern, -das konnte ich deutlich sehen. Am Ende hatte ich mir das andere nur -eingebildet, das mit dem Glück und dem Zusammenstimmen. Da hab’ ich sie -gefragt. Und seither hausen wir zusammen.« - -Der Sommergast hatte sich langsam von seinem erhöhten Sitz -herabgelassen. Das war so etwas Wehtuendes. Das schnitt so scharf in -ihre liebewarme Seele hinein. Sie waren alle beide nicht glücklich, der -Mann und die Frau. Und dabei war wohl nichts zu helfen. - -Adelheid wendete das Gesicht den Fenstern zu. Draußen kam vom Tal -herauf ein Herbstnebel und hüllte nach und nach die ganze Gegend ein. -Sie sah dem Gewoge zu. - -Da sprach er weiter, hinter ihr. Sie sah nicht, wie seine Augen an -ihrer Gestalt hingen, wie er aufstand und die Hände auf dem Rücken -verschränkte in ohnmächtigem Verlangen. Sie hörte nur, daß seine Stimme -zitterte. - -»Es geht mir immer so,« sagte er. »Jetzt, heut’, mit Ihnen. Ich sehe -und höre von allem, was das Leben reich macht, so viel, daß ich weiß: -das gibt’s. Daß ich sehe: das könnte ein Leben sein, wenn du das -hättest. Und dann muß ich’s wieder lassen. Nur grad soviel, daß ich -Hunger darnach bekomme. Nur grad vor mir sehen und nicht fassen dürfen.« - -Sie wagte nicht umzusehen, es wurde ihr so unbegreiflich schwül zumute. -Das war ein Ausbruch! Daran hatte sie nicht gedacht. - -»Und da soll ich noch Ihr Bildchen loben und mich dran freuen? Das sind -die Herzen, die Sie diesen Sommer gewonnen haben? Und Sie nehmen sie -mit nach Hause und zeigen sie Ihren Freunden und sagen: ›Seht her, was -ich mitgebracht habe!‹ Bin ich nicht auch ein Mensch? Und ich bleibe -hier zurück, und wie? Sie aber gehen, denn der Sommer ist dahin.« - -Sie war ein rechtes, tüchtiges Menschenkind. Es war eine junge, starke -Kraft des aufrichtigen Empfindens und Wollens in ihr. Darum wandte -sie sich nun nicht in heiligem Unwillen von ihm, flüchtete nicht -erschrocken vor den Wellen seiner armen, heißen Lebensleidenschaft. Sie -fing auch nicht an, mit grüblerischem Forschen in sich herumzuquälen: -»Hätte ich etwas anders machen sollen? War es am Ende Sünde, daß ich -ihn an allem teilnehmen ließ, was ich lebte und genoß?« - -Die Schwüle war vergangen. Das, was sie sah, war klar, und sie verstand -sich selbst und ihn. - -Der Schuster hatte damals auf der Heuwiese zu ihr gesagt: »Es gibt -scheint’s Augen, die immer sehen, was schön ist, die sind dazu -gemacht.« Da hatte er noch nicht gewußt, daß solche Augen auch -Innerliches sehen können, und daß sie das Schöne herausfinden, mit dem -tiefen, sicheren Blick des Quellenfinders, auch da, wo es sich nicht -klar und lauter zeigt, wo es getrübt und vermischt mit Unreinem ist. - -Sie hatte ihm etwas, das ihn freute, in sein Leben hereingebracht. Und -nun sie es wieder mitnahm, litt er darunter. Das war so natürlich. -Dafür konnten sie beide nichts. Das mußte getragen sein. Er war ein -armer Mensch, er hatte keinen Trost in sich selbst. Es verlangte sie, -ihm einen zu geben. Aber welchen? Daß sie in Freundschaft seiner -gedenken werde? Das war nichts. Das konnte ihm nichts helfen. - -Sie hatte auch eigentlich nur eine offene, herzliche Teilnahme für -ihn. Die war echt. Aber sie konnte dem Mann nichts helfen. Die konnte -sie ihm nicht geben. Wenn er doch nur gesehen hätte, wie viel Gutes -er habe, Eigenes, bei sich im Haus, das ihm blieb. Und wenn’s nur die -Kinder waren. Aber das konnte sie ihm alles nicht sagen. Ratlos wandte -sie sich um. Sie wollte ihm die Hand geben und nach einem Wort suchen, -das vom Herzen komme. - -Da sah sie unter der offenen Tür auf der Schwelle die Frau stehen. -Und als sie ihr ins Gesicht sah, wußte sie, daß hier eine verborgene -Kraft der Seele ins tätige Leben getreten sei, und daß die Kraft -Gutes bedeute, irgend etwas Gutes, für den Mann, der so arm war in -seiner innerlichen Unkraft. Daß sie nicht zu helfen brauche mit ihrer -armseligen Teilnahme, sondern daß da Liebe sei, echte, rechte, die sich -ans Tageslicht dränge wie ein Quell. Zu dieser Stunde und nicht früher, -obgleich sie früher wohl dagewesen sein mochte. Adelheid ging zur Tür. -Sie wußte nichts zu sagen. Es war ihr auch nicht mehr not. - -Aber im Hinausgehen gab sie der Frau die Hand. - -Die tat einen Schritt vorwärts. Sie trocknete sich die Hände und -streifte die Ärmel herunter. In ihrem tieferblaßten Gesicht sprachen -nur die Augen, und sie holte Atem, tief und schwer von unten herauf. -Der Mann konnte noch nicht lesen, was in ihren Augen stand. Er ließ die -geballte Faust schwer auf den Schustertisch fallen und streifte mit -den Augen die Frau; scheu und trotzig und unsäglich elend sah er aus. -»Sag nichts,« sagte er mit tonloser Stimme, »sag nichts! Du hast alles -gehört, ich seh’s. Na ja. Ich bin auch ein Mensch. Das will einmal -heraus. Jetzt weißt du’s. Laß mich mit Fried’, jetzt.« Es kam stoß- -und ruckweise heraus. »Oder, ’s ist mir auch einerlei, kannst auch -schelten. Aber nichts über das Fräulein. Kein Wort. Die ist gut, die -kann nichts dafür, daß ich –, das ist alles aus _mir_ heraus.« - -Seine Stimme verging. Es schüttelte ihn von innen heraus. Er legte die -Hand auf die Augen. - -Da trat sein Weib zu ihm. Wie eine Mutter und auch wie ein liebendes -Weib trat sie zu ihm. So voll des Rechtes, zu trösten. Er war -unglücklich, und sie hatte ihn lieb. Er war nie recht glücklich gewesen -und sie hatte ihn immer lieb gehabt. Aber sie hatte es ihm nicht zeigen -dürfen. Sie hatte eine Schuld auf sich gehabt, all die Jahre her, die -hatte sie stumm gemacht und scheu. Und ihre Schuld war gewesen, daß sie -sein Leben an das ihre gekettet hatte, trotzdem sie wußte, daß er sie -nicht liebte mit einer großen, starken Männerliebe. Sie hatte auf das -Kommen dieser Liebe gehofft und gewartet, und als die Hoffnung abnehmen -mußte, als sie ihn hungrig sah, gedrückt und flügellahm an ihrer Seite, -da wollte sie wenigstens eins tun, ein Großes, ihm zu Lieb. Sie wollte -ihre Liebe in sich hineinschließen. Er sollte sie nicht sehen, sie -mußte ihn ja quälen. Sie sorgte für ihn und für die Kinder. Mehr durfte -sie nicht. Aber jetzt, heute. - -»Andres,« sagte sie, »Andres, mußt nicht so verzagt sein.« Sie legte -ihm die Hand auf die Schulter, leicht, leise. - -Es war ein Glücksgefühl in ihr, ein ganz eigenes. Eines, das nur die -Menschen kennen, die schon ganz arm gewesen sind. Teil haben an seiner -Last, die man so gut kennt, so gut. In seiner Armut zu ihm stehen, nun -das andere geht, das Sonnige, Helle, das sein Leben gestreift hat. Ihm -zeigen: Du bist nicht allein, die Treue bleibt dir, du Armer. - -Das ist auch schon ein Glück für solch ein Herz. Aus dem vollen -Reichtum heraus wäre das ein Elend. Aus der Armut heraus, aus dem -stummen, zugeschlossenen Nebenhergehen – ihr war es ein Reichtum. Sie -hatte diese Stunde kommen sehen, all die Zeit daher. - -An seinem aufgehellten Wesen, an seinem Gesang, an tausend kleinen -Zügen. Und sie hatte gewußt, daß ihm die andere nichts zu geben habe. -Daß sie gehe und sein aufgewachtes, hungriges Herz zurücklasse. Das -hatte so kommen müssen. Daran war gar nichts aufzuhalten und zu ändern -gewesen. Das hatte der Sommer zur Reife gebracht. Und nun war er dahin. - -– Er zuckte zusammen unter ihrer linden Berührung. Als ihn ihre Stimme -traf, mit so einem eigenen, zitternden, warmen Klang, sah er auf. Er -hatte etwas anderes erwartet. Er hätte auffahren, lospoltern mögen, -sich verteidigen, ihr ins Gesicht schleudern: Laß mich, du! Was -verstehst du vom Leben, vom Liebhaben, vom Feuer, das in mir brennt? - -Das konnte er nun nicht. Das konnte er ihr nicht sagen. - -Diese Frau, deren Augen so voll und tief und fest auf ihm lagen, -verstand _wohl_ etwas von dem allen. Das sprach aus ihr heraus. Und ihn -streifte eine Ahnung von dem, was in ihr war. Er ließ den Kopf wieder -sinken. - -Da wagte sie es, sein Haar zu streicheln. Der kleine Bub’ hatte sich am -Morgen gestoßen, er hatte eine Beule an die Stirn bekommen; den hatte -sie auch so gestreichelt und dazu liebe Worte gesagt: »So, so, nun -wein’ nicht mehr. Das geht vorüber. Das tut nur eine Weile weh.« - -Das gleiche konnt sie zu ihm nicht sagen, der da saß und wund vom Leben -war. Aber ihre Liebe redete doch. - -»Ich versteh’ dich so gut. Ich weiß, wie das ist. Sehen, vor Augen -haben und doch nicht besitzen. Lieb haben und sich hungrig sehnen. Und -vorbei lassen müssen. Wenn man’s nicht wüßte, wär’s leichter. Aber -glaube, meine Last war schwerer als die deine. Denn ich trug sie lang -und still, und ich mußte dich leiden sehen. Durch mich.« - -Das sagte sie ihm nicht alles so nacheinander. Aber er verstand sie -doch. Er saß und rührte sich nicht. Er war so wunderlich aufgerührt -in seinem Innern. Da war noch ein Leid neben dem seinigen. Da war ein -Mensch, ein lebendiger, dessen ganzes Herz ihm gehörte. Der begehrte -nichts, als zu ihm zu stehen, ihn zu trösten, etwas Gutes zu sein in -sein Leben herein. - -Wie ein Riß im schwülen, dunklen Gewölk war das, durch den der klare, -blaue Himmel hereinsieht. - -Wie ein Acker, der vom Hagel verwüstet und ganz zertreten schien, und -auf dem sich doch noch Halme mit Ähren aufrichten, still und stark, und -eine Ernte verheißen, wenn auch keine üppige, lachende. Sie begehrte -jetzt kein Wort von ihm. Er ließ sie ja bei sich. Er wies sie nicht ab -mit ihrer stillen Tröstung. Das war jetzt genug. - -Das Kleine in seinem Wagen erwachte und ließ seine Stimme hören. Da -ging sie hin zu ihm und hob es heraus. Und ein Lebens- und Freuden- -und Kraftgefühl war in ihr, daß sie das Kind hoch in die Höh’ hob. »Du -Schatz,« sagte sie, »du Schatz.« - -Sie war ja jetzt reicher als vor sechs Jahren als Braut. Damals hatte -sie nach Liebe gehungert und ihrer begehrt. Jetzt liebte sie. Sieghaft -brach die Liebe aus ihr heraus. Hier in diesem Haus war Liebe nötig, -echte starke. Und niemand sollte fürderhin daran Mangel leiden. - -Das wuchs, das drängte. Sie hatte selbst nicht gewußt, wie lebensreif -das alles in ihr gelegen hatte. - -»Mann,« sagte sie zu dem zusammengesunken Dasitzenden, »du, Mann, da -guck den Kleinen an. Ist er nicht ein Schatz?« - -Sie hätte jetzt noch viel sagen können. Liebes, Warmes, Aufmunterndes. -Aber er war so wund, da durfte man nicht derb zugreifen. Da konnte sie -nicht sagen: »Ich bin nun einmal dein Weib, und die Kinder sind deine -Kinder. Und wir wollen suchen, einander mehr zu sein, als seither.« -Das nicht und sonst viel Schönes nicht. Das sagte nur ihr Wesen, ihr -stilles, liebes Tun, das auf einmal so anders, so selbstverständlich um -ihn her war. - -Er hatte seine Mutter kaum gekannt. Nun schien ihm sein Weib beides -zu sein, Weib und Mutter. So hatte er sie noch nie angesehen, so -warm hatte es ihn nie zu ihr gezogen, wie jetzt, da sie das, was ihn -als Schuld drücken wollte, nur als Lebensleid ansah, und sich zu ihm -stellte, es tragen zu helfen. - -Es war am Abend. Die Mutter saß in der dunklen Kammer an den -Kinderbetten und sang leise ein Lied. Das tat sie selten. Heute mußte -sie es tun, es war so viel Aufgewühltes, Unruhiges, Frohes und -Schweres durcheinander in ihr. Das mußte zur Ruhe kommen. Die Kinder -schliefen drüber ein. Draußen in der Stube saß der Mann, allein, die -Ellbogen schwer auf den Tisch gelegt, den Kopf auf der Brust. Sie -hätte ihn so gern auch in den Schlaf gesungen, mit Liebe zugedeckt. -Aber sie wagte sich doch nicht so nah an ihn heran. Die aufflackernde -Freudigkeit des Nachmittags war nicht mehr in ihr. Er liebte sie ja -doch nicht. Er trauerte ja, daß die andere ging. Und er sehnte sich -nach einem Leben, das sie ihm nicht geben konnte. - - »Sei du Schloß und Riegel, - Unter deine Flügel - Nimm dein Küchlein ein,« - -sang sie leise. Mit einem Herzen, das gern stark sein wollte und doch -unruhig und zitternd schlug, sang sie es. - -Da kamen schwere, unsichere Tritte von der Stube her durch die dunkle -Kammer. Wie einer, der eine schwere Last auf den Schultern hat, kam -der Mann gegangen. Er tastete sich zwischen den Kinderbetten durch. -Und dann sank er vor ihr nieder und legte den Kopf in ihren Schoß. -»Kathrin,« sagte er, und seine Stimme brach mitten in dem Aufschrei: -»Kathrin, ich weiß mir nicht zu helfen. Hilf mir!« – – – – - -Die Freunde in der Stadt waren nicht so recht zufrieden mit der -heimgekehrten Adelheid. Zwar sie war braun, frisch und gesund, hatte -reiche Beute im Skizzenbuch und in den Mappen mitgebracht und zeigte -auch ihr Kinderbildchen mit Freude und Stolz. Aber sie war nicht so -mitteilsam, als Heinz und die andern gewünscht hätten. Sie waren -begierig auf Adelheids Erlebnisse gewesen, denn sie waren samt und -sonders stolz auf sie, und überzeugt, daß sie überall die Menschen, -und nicht nur die Kinder gewinnen müsse. Das hätten sie nun gern -mitgenossen. Aber Adelheid sagte nur: »Sie waren alle gut gegen mich. -Viel zu gut. Erzählen? Ja, das kommt schon noch, nach und nach. So -Besonderes war nicht dabei.« Und dann fing sie an, sich auf die Arbeit -zu werfen, als stünde der Hunger hinter ihr. - -Nein, da mußte etwas nicht in Ordnung sein. - -Die alte Freundin, oben unterm Dach, die mit dick verbundenen Füßen im -Lehnstuhl saß und ihre Gichtschmerzen aushielt, die wußte nun wieder -einmal, wozu sie auf der Welt sei. - -Draußen riß der Wind die Pappelkronen hin und her, daß sie ächzten. -Drinnen saß Adelheid im Dämmer auf einem Schemel und sah in die -Ofenglut. So liebte sie’s. Zu dieser Zeit pflegte sie zu kommen und, -wie sie’s nannte, »ihren Tag hier auszubreiten.« - -Heute war sie lange still geblieben. - -Es geht etwas in ihr um, dachte das alte Fräulein. - -Das braucht seine Zeit, bis es spruchreif ist. Sie konnte warten. Sie -wußte schon, daß es komme. - -Adelheid nahm die Feuerzange und stieß in die Ofenglut. Mit einer -so heftigen Bewegung tat sie es, als ob sie damit irgend einem -unsichtbaren Feind einen Treff versetzen wollte. »O, ich wollte, -ich brauchte gar nicht mehr von hier hinaus,« sagte sie plötzlich, -unvermittelt: »Wenn man nie weiß, was man den Leuten antut mit sich -selbst. Wenn man einfach in den Tag hineingeht und sich des Lebens -freut und der Menschen. Und dann ist’s doch nicht gut getan. Und ich -kann nicht anders sein, als ich bin.« - -Da kam nun die Sommergeschichte an den Tag. - -Sie hatte sich doch mehr damit gequält, als sie am Anfang gedacht -hatte. Nicht mit Selbstvorwürfen. Aber mit Fragen: warum ist das so? -Warum haben nicht alle Menschen die Macht, sich aneinander und am -Leben zu freuen? Warum müssen sie durcheinander leiden und sind doch -ohne Schuld daran? Da war die Mutige, Frohe eine Furcht vor dem Leben -angekommen. - -Es ist nicht leicht in Worten wiederzugeben, was aus dem abgeklärten -Gemüt der Alten in das junge, aufgestörte Wesen hinüberfloß. Daß die -Menschen einander brauchen, zum Aufwachen, zum Werden, durch Freuden -und Schmerzen hindurch. Daß ein heiliger Wille auch über dem lebe und -walte, was uns unklar und verworren scheine. Und daß nur Einer sehe, -was der Sommer des Lebens für Frucht zeitigen solle. Und daß die -Menschen nur reines Herzens vor ihm leben sollen, und das andere ihm -anheimstellen. - -Man kann das nicht so sagen. Man muß solche Dämmerstunden kennen, -um zu wissen, welch still- und frohmachenden Schatz man von ihnen -hinaustragen kann ins laute Leben des Tages. - - * * * * * - -Es war ein heller, heißer, staubiger Sommertag im nächsten Jahr. Kurz -vor den großen Ferien. - -Niemand hatte mehr rechte Lust, Vorträge anzuhören oder Studien im -Zeichensaal zu machen. - -In der viertelstündigen Pause zwischen den Vormittags-Übungsstunden -der Kunstschule war es. Sie standen so in zwanglosen Gruppen herum, -die jungen Träger der Kunst der Zukunft. Auf der Steintreppe, unter -den Arkaden, in der kühlen Eingangshalle. Wohin man ausfliegen wolle, -beriet man, und ob man den Semesterschluß ganz abwarte – bei dieser -geisttötenden Hitze. - -»Eine Schande ist’s, jetzt in den Stuben zu hocken,« sagte Heinz, -den wir bereits kennen und dessen anderer Name hier nichts zur Sache -tut. »Fenster auf und hinaus. Einmal ich. – Hallo, was gibt’s da?« -unterbrach er sich. Er trat aus seiner Gruppe und sah zu, wie Adelheid -Solger, aus der Halle kommend, die breite Treppenflucht hinunterflog, -auf einen Mann von bäuerlichem Ansehen und einen kleinen Buben zu, -sah, wie sie den Beiden die Hände schüttelte, und wie das bärtige -Männergesicht aufleuchtete in frohem Grüßen. - -Und dann ging er, als der Nächste dazu, ein paar Schritte entgegen, als -sie die Gäste heraufführte. - -»Das sind meine Freunde aus Steinkirchen,« sagte Adelheid, sobald sie -bei ihm angelangt waren. »Dies hier ist Gottfried, wissen Sie, mein -Kritiker. Und das ist sein Vater.« - -Der Schuhmacher sah froh und verlegen zugleich drein. Er hatte etwas -auf dem Herzen. Aber er brachte es nicht so leicht vor, hier, in dieser -Umgebung, wo ihm das Fräulein fremder, ferngerückter schien, als da sie -bei ihm in der Himmelreichsgasse wohnte. Es war nur gut, daß er den -Gottfried mit hatte. Der tat nicht lang fremd. - -»Jetzt mußt du wieder kommen,« sagte er mit seiner hellen Bubenstimme. -»Wir haben ein Kleines, und die Mutter hat gesagt, das müsse so heißen, -wie du. Damit man wieder eine Adelheid habe, und du mußt zu Gevatter -stehen, hat sie auch noch gesagt.« - -Heinz lachte laut auf. - -»Du bringst deine Sache gut vor, Junge,« sagte er. »So ist’s gut, nur -nicht lang gefackelt.« - -Diesmal besann sich Adelheid nicht lange, ob sie nicht abgewiesen -werde. Sie beugte sich zu dem kleinen Buben herunter und küßte ihn in -sein rundes, ernsthaftes Gesicht hinein. »So, muß ich?« sagte sie und -lachte. Es war ein so fröhliches, befreites Lachen. Und sie streifte -dabei mit fragenden Augen den Mann. »Ist das wahr? Könnt ihr mich -brauchen?« - -»Der Bub’ sagt’s ungeschickt,« sagte der Mann entschuldigend. »Aber Sie -nehmen’s ja nicht für ungut, das weiß ich wohl. Das nicht und nichts -sonst. Von ›müssen‹ kann ja keine Rede sein. Aber wenn wir halt recht -schön bitten dürfen. Weil alles so gut steht bei uns; und weil wir halt -immer sagen, das Weib und ich: daß das Fräulein gekommen ist, damals, -das ist ein Gottessegen.« - -Er streifte mit einem verlegenen Blick den fremden Herrn, der dabei -stand und der gar nicht gesonnen schien, sich von der Gruppe zu -trennen. Er hätte gern noch mehr gesagt. Aber das ging nun nicht an. -Das mußte er noch aufsparen. - -»Ja, Meister, das ist mir ja eine Freude, eine große, rechte,« sagte -Adelheid in überquellendem Empfinden. Ihr war so froh zumute, so reich. -Da war etwas Gutes gewachsen, das konnte man ja sehen. Das bedurfte -gar nicht vieler Worte. Und sie sollte daran teil haben. Wie schön das -Leben war. Wie schön. Ihre Augen leuchteten. - -»Ist das nicht herrlich?« fragte sie zu Heinz hinüber. »Aber nun -kommen Sie, nun wird heut’ Feiertag gemacht. Sie gehen mit, ganz -freundschaftlich. Wir müssen den Beiden alles Schöne zeigen, das sie -nur in sich hineinkriegen. Ist es nicht ein Fest?« - -»Daß irgend etwas wunderschön ist, seh’ ich an Ihren Augen. Und ich seh -auch, daß Sie uns heuchlerisch verschwiegen haben, was unter Freunden -geteilt gehört. Aber ich räche mich,« sagte Heinz. - -»Komm, mein Junge, du gehst mit mir.« Und darauf rächte er sich, -indem er seiner Freundin den Freund und Verehrer Gottfried gänzlich -abspannte, und bald voraus, bald hintendrein, des kleinen Burschen Herz -im Sturm eroberte. Es nahm’s ihm niemand übel. - -Die beiden gingen allein, Adelheid und Meister Notacker. »Jetzt hab’ -ich die Stadt nicht mehr gesehen, seit ich vom Militär wegkam,« sagte -der Meister. »Mich dünkt, sie ist seither noch viel schöner geworden.« - -Er sah so aufgehellt aus. In seinen Augen und auf seinem Gesicht lag -so einfache, biedere Kraft. Wie einer, der das Leben erkannt und -aufgenommen hat, sah er aus. - -»Ich hab’ nicht hierher gewollt,« sagte er. »Ich hab’ schreiben wollen. -Aber ich hab’ keinen rechten Brief zustand’ gebracht. Es ist mir so -viel im Kopf herumgegangen. Da hat meine Kathrin’ gesagt: »Geh doch -selber. Männer müssen auch hier und da etwas sehen, wie’s draußen -zugeht.« Da bin ich gegangen.« Er wurde ganz warm. »Sie versteht’s, was -man braucht.« - -»Ich weiß nicht, wo ich meine Augen gehabt habe,« hob er nach einer -Weile wieder an. »So ein Weib, wie mein’s. Was einem das sein kann. -Und geht neben einem her, und man merkt’s nicht. Und wartet, bis man’s -braucht. Dann ist es da, und hilft einem, und hat keine unschöne Rede, -nicht eine. Das hat uns zusammengebracht. Das wär’ sonst nie so weit -gekommen. Und jetzt ist’s gut, gottlob!« - -Es war in der Gemäldegalerie. Sie standen vor einem goldenen Kornfeld, -dessen reife Ähren sich schwer niedersenkten in der Last ihrer Körner. -Voll warmen Sonnenglanzes war die Luft; und im Hintergrund führte ein -schmaler Weg zu einer Menschenhütte. Sie sahen lang darauf hin. Ihre -Gedanken waren beim vorigen Sommer. Und dann gaben sie sich die Hand -darauf, daß das Leben doch reich sei, fruchtbar und schön. Ohne Worte, -nur aus einem inneren Verstehen heraus, das den Sommer des Lebens -ansah, wie den Sommer des Feldes. - - - - -Aus Kindertagen - -[Illustration] - - -Ich bin wieder einmal die alten Wege gegangen. Den Landolinsberg -hinauf gegen die Burg hin und den grünen Weg entlang. Mich dünkt, er -sei nicht mehr so grün, wie einst. Ich kann mir noch Zeiten denken, -da schlugen die Büsche und Bäume hoch über einem zusammen und man war -ganz ins Grüne hineingetaucht. Bis sich dann auf einmal die Wölbung -auftat und das Neckartal vor einem lag und alles in Licht und Sonne -und Farbe und Duft schwamm, die Stadt, die liebe, alte Stadt mit ihren -Türmen und Giebeln und Gassen und der Neckar und die jenseitigen -Höhen. Wenn dann eine Uhr zu schlagen anhub und eine nach der andern -folgte, die auf dem neuen Rathaus, und die auf dem alten Rathaus, auf -der beim Zwölfuhrschlag der Adler mit den Flügeln schlug, und auf der -Stadtkirche und dem Schelztor und dem Pliensautor, und die hellen und -dunkleren Töne da oben in der Luft verzitterten. Und wenn dann noch die -Vesperglöckchen nacheinander läuteten, das helle, flinke auf der Burg -drüben zuerst und man wußte: in fünf Minuten kannst du drunten sein, -da, wo der Giebel des Vaterhauses hart an die alte Stadtmauer anstößt. - -Ich kann doch nicht verlangen, daß alles noch gleich sei, wie damals. -Das alte Schützenhäuschen kann ich nicht mehr finden, das dem -Weinbergschützen zum Unterstand diente. Und in die Weinberge hinein, -die sonst dort hinanstiegen, haben sie eine Villenstraße gebaut. Sie -haben recht, es ist da schön zu wohnen. Und der grüne Weg ist viel -breiter, als früher und hat schöne Anlagen mit Sitzbänken. Ich kann es -nicht anders verlangen, aber ich bin doch lieber weitergegangen. Es -wohnt jeder einmal im Paradiese, und es muß jeder einmal hinaus und den -Acker bauen, der Dornen und Disteln trägt. So lang man drin ist, weiß -man’s nicht, und wenn man davon weiß, dann ist man – drin gewesen. Und -man sucht den Ort, aber er ist nicht mehr. Dann muß man still sein und -sich in sich selbst bergen, denn da allein ist er noch zu finden. Da -grünen noch die alten Bäume und reifen die Früchte, die später nirgends -mehr so frisch und süß zu finden sind, da wandeln die Gestalten, die -längst dahin sind, da ist alles unverloren aufgehoben und es liegt noch -ein Goldglanz darüber, das ist der Edelrost, den die Jahre dazu tun. - -Der Weinberg, in dem der Mattheiß einst seine Reben beschnitt, ist -auch nicht mehr. Zwar, als ich vorüberging, wehte der süße Duft der -Rebenblüte fein und stark aus dem Garten, der an seiner Stelle liegt, -zu mir herüber. Aber es ist nur ein Wandelgang, mit Wein bewachsen, der -den Garten oben abschließt, und zwischen den Lücken schimmern dunkle -Blumenbeete und die weißen Wände eines neuen Hauses gegen die Straße -herauf. - -So muß ich versuchen, die Erinnerung, die mit dem Duft der blühenden -Reben und dem grünen Weg und dem Mattheiß zusammenhängt, aus mir -herauszuholen und sie noch einmal ans Tageslicht zu bringen, ehe sie -der Vergessenheit anheimfällt, wie alles, was seine Zeit auf Erden -gehabt hat. - -Zwar der Anfang liegt mir nicht offen; es ist ein lichter Nebel darüber -gebreitet, wie über einen Maimorgen. Man sieht nur die Umrisse, die -nach und nach schärfer und bestimmter werden, während der Nebel -sich lichtet, bis auf einmal Häuser und Bäume dastehen und ein Fluß -aufglitzert und Gestalten, die man kennt, dazwischen hingehen. - -Ein Morgen dämmert mir zuerst herauf, wenn ich an den Mattheiß denke. -Er war im Weinberg, draußen vor der Stadt. Wie ich aber dahin gekommen -bin, weiß ich nicht mehr zu sagen. Es war sonnig und doch kühl dabei -und ich weiß noch, daß in dem leuchtenden Blau des Himmels große, -zusammengeballte, weiße Wolken hingen, die langsam fortsegelten und daß -ich zu dem Mattheiß sagte, ich möchte auf so einer Wolke in den Himmel -hineinschwimmen. Der Mattheiß sah mich an und schüttelte mit dem Kopf, -denn er konnte nicht begreifen, daß man sich so etwas wünschen mochte. -Er war groß, grobknochig und hager und kam, wie der Volksmund sagt, -»oben herein«, das heißt, er trug den Kopf und die Schultern stark -vornübergebeugt. Das kam wohl davon, daß er viele Jahre seines Lebens -die schweren Butten voll Erde den steilen Weinbergshang hinaufgetragen -hat. Aus seinem schwarzbebarteten Gesicht heraus aber sahen ein paar -gute, blaue Augen in die Welt hinein und auf mich nieder, als er sagte: -»Auf was für Gedanken kommst du aber auch. Auf einer Wolke! tätest ja -herunterfallen. In den Himmel kommst du auch so noch, heißt das, wenn -du brav bist.« - -Aber so tief wollte ich die Sache nicht genommen wissen. Mir war -nur beim Anblick der leuchtenden Segler da oben die Sehnsucht -aufgestiegen, die auch schon in einem Kinderherzen Platz hat, und die -die Arme breiten möchte in lichte, unbekannte Fernen voll Glanz und -Herrlichkeit. Nun kam ich wieder auf die Erde herunter. - -Der Mattheiß hantierte schon wieder mit seiner Schere an den Reben -herum. Ich war seither auf einem Weinbergsmäuerchen gesessen, jetzt kam -ich heran und sah ihm zu. Die Schere klappte eintönig weiter, und wo -sie zugriff, da fielen saftstrotzende Triebe auf die Erde und hingen -schwere, klare Tropfen an den Wunden der Reben. Die lösten einander ab -und klatschten auf dem Boden auf und der Boden trank sie in sich hinein. - -»Mattheiß, warum tust du so?« wollte ich wissen. »Warum läuft das -Wasser da heraus und warum schneidest du alles das Holz weg?« Und -der Mattheiß gab mir Auskunft wie ein Schulmeister und auch wie ein -Philosoph und ich meine, damals habe mein Kinderherz zum erstenmal -gespürt, wenn auch unklar, daß es auf der Welt Wunden und Schmerzen und -Tränen gebe, die sein müssen und die man einem nicht ersparen könne. -Ich hielt mein Halstüchlein an eine solche tropfende Wunde, denn der -Mattheiß hatte mir gesagt, daß das geweint sei, was die Reben jetzt -tun, und ich meinte, ich müsse den funkelnden Regen aufhalten. Aber das -Wasser drang hindurch und ich mußte mein Tüchlein in die Sonne breiten -zum Trocknen und so lang es trocknete, ersah ich mir eine Freude, die -das flüchtige Leid schnell vergessen ließ. Am unteren Ende des steilen -Hanges stand ein Syringenbaum in voller Blüte, und ich brach von dem -niedrigsten Ast ein paar prächtige lila Blütendolden und begann eines -jener zerbrechlichen Kränzlein zu flechten, die man hie und da mit -Rührung und Staunen noch nach Jahren in seinen alten Schulbüchern -getrocknet findet, die aber an der Sonne so schnell vergehen, wie die -Stunde, in der sie geschaffen wurden. - - * * * * * - -Mattheiß war ein alter Metzgerknecht, der neben dem Beruf her seines -Herrn Weinberg bearbeitete. Den Herrn sah ich auch ein paarmal. Er war -klein und dick und kurzatmig und hatte rote, entzündete Äuglein, die -wie zwei schmale Schlitze in dem runden, rötlichen Gesicht standen. -Als ich eines Tags bei meinem Freund auf der Weinbergsmauer saß und -mit ihm sein Vesper teilte, Blutwurst und Schwarzbrot, und wir im -allervergnüglichsten Gespräch waren, da kam der Herr an einem Stock mit -kurzen, eiligen Schrittlein dahergesteckelt und schnaubte gefährlich, -als es aufwärts ging, und sah mich mit seinen kleinen Äuglein -verwundert an. Er war gar kein böser Mann, nicht im mindesten, aber es -war mir unbehaglich, daß er nun so umhersuchte und die Traubenstöcke -besah, die schön angesetzt hatten und daß er meinen Freund Mattheiß -dies und jenes zu tun anwies, und daß er mich schließlich in einen -meiner bloßen Arme kniff und – he – he – he hervorhustete, indem er -mit Wetzstahl und Messer, die er unter der Schürze hängen hatte, eine -üble Musik vollbrachte: »die sind gut fett, die.« - -Das alles schien mir eine Einmischung in unser stilles, schönes -Weinbergsleben zu sein und besonders in meines Freundes Königreich. -Denn ich hatte ihm den Weinberg schon lange zugeteilt als seinen Ort, -an dem er regiere und walte und daheim sei, und an den ich zu ihm -kommen konnte als in sein Eigentum. - -»Ja, was denkst du auch,« sagte der Mattheiß, als ich ihm meine -Entrüstung und meine ganze Anschauung vortrug. »Was denkst du auch. Ich -– und einen eigenen Wengert. Das wär noch schöner. Ich bin ein armer -Dienstbot. Das bin ich meiner Lebtag gewesen.« Es tat mir etwas weh, -als er das so ruhig hinsagte. Ich hätte ihm etwas schenken mögen, ein -Stück Land oder ein Haus oder Rosse und Wagen. Aber ich hatte nichts, -das ich verschenken konnte. Da sagte er, und deutete mit dem Hauenstiel -hinüber, wo die weißen Kreuze und Grabsteine des Friedhofs in der Sonne -schimmerten und die dunklen Cypressen wie ernste Wächter standen: -»guck, Kind, da kriegt einmal ein jeder sein Plätzle. So groß er’s -braucht und nicht größer, auch nicht kleiner. Der Wengert, so lang ich -drin schaffe, gehört mir jeder Traubenstock, und mitnehmen kann ihn der -Herr nicht und der Knecht auch nicht.« - -Er war ein Philosoph, mein Freund Mattheiß, ein Lebenskünstler. Das -verstand ich damals nicht. Aber irgend etwas in mir, eine Unruhe, ein -Drang kam zur Ruhe. Es war nicht unrecht, wie es war, es war recht. Dem -Mattheiß war es recht. Da war es mir auch recht. - -Was das weiche Wachs eines Kindergehirns alles aufbewahrt! Hie und da -sind Lücken. Ich weiß nicht mehr, wo unsere Freundschaft anfing und es -ist niemand, der es mir sagen könnte. Aber sie war. Ich wurde damit -geneckt, vom Vater und von den Brüdern, und ich ließ es mir gefallen. -Wenn er mir, was ein paarmal vorkam, mit dem Metzgerkarren begegnete, -auf dem ein geschlachtetes, zerhauenes Stück Vieh lag, dann ging er -mich nichts an. Dann sah ich ihn, der eine blutige Schürze trug und der -in großen, groben Schuhen mit schlürfenden Schritten hinter dem Karren -herging, von der Seite an wie einen Fremden. So muß ich denken, daß er -mir draußen im Weinberg etwas von sich gab, das er nur dort zu geben -hatte, ein Stück Leben, eine Weisheit und Güte, die sich dort draußen -auftat, wo die Natur um ihn und um mich herum war mit Sonne und Winden, -mit Himmelblau und mit ziehenden Wolken, mit tropfenden, blühenden, -früchtetragenden Reben. - -Einmal schickte er mir einen Gruß in die Ferne. Das war, als ich zur -Herbstzeit in der Vakanz verreist war. Da trat viel Neues in mein -Leben, Menschen, Gärten, Wälder und Berge, Eichhörnchen und junge -Raben, eine Schaukel zwischen zwei Bäumen, auf der man hoch in die -Lüfte fliegen konnte, Buben und Mädchen und ein Luftkegelspiel. Ich -lebte ganz in der Gegenwart und ich glaube nicht, daß irgend ein -Gedanke in diesen Tagen den Mattheiß auch nur gestreift hat. - -Da kam eines Morgens eine große Holzschachtel aus der Heimat an mich -mit der Post, und als ich die Schnüre löste und den Deckel aufhob, da -lachten mich aus grünen und purpurnen Blättern heraus die schönsten -Trauben an. Blauschwarze, großbeerige Portugieser, und hellgrüne, -durchsichtige Gutedel, und die gelblichen, süßen Muskateller, die die -würzigsten von allen sind. - -Da war ich mit einem Schlag eine reiche, wichtige Persönlichkeit -geworden, die Gaben auszuteilen hatte und es ging an ein großes -Schmausen und Sichfreuen. Es war aber ein Blatt auf den Boden gefallen, -liniertes Papier aus einem alten Schreibheft, das hob eine Magd auf -und gab es mir, denn es war ein Brief an mich, in großen, ungelenken, -groben Schriftzügen von meinem alten Freund geschrieben. Er dachte an -mich, und weil die Trauben reif waren und ich nicht da, schickte er mir -diesen Gruß, »ehrlich bezahlt an den Herrn,« wie er deutlich schrieb. -Ich hatte den Brief lange Zeit aufgehoben, nun ist er nicht mehr -vorhanden, ich weiß auch nur noch den Schluß ganz wörtlich. Er lautete: -»Ewig dein getreuer Matthias Holzapfel, Knecht bei Metzger Hammer in -der Apothekergasse.« - -Das kam mir damals sehr schön und sehr rührend vor, und vielleicht war -es mir einen Augenblick, als müsse ich jetzt gleich geschwind zu meinem -Freund hinlaufen und mich zu ihm auf die niedrige Mauer setzen. - -Aber als ich heimkam und mich meine Mutter fragte, ob ich ihm auch -gedankt habe, da hatte ich’s nicht getan. Es ist so eine Sache ums -danken bei Kindern. Sie haben das Herzlein voll, wenn ihnen jemand -etwas Liebes tut, und wenn man ihnen dann ins Gesicht sieht, so kann -man’s aus den Augen herauslesen, daß da etwas lebt und überfließt. -Aber zum sagen kommt’s nicht so leicht, und wenn man’s von ihnen -verlangt, daß sie’s sagen, dann ist der Herzensdank gewöhnlich vorbei, -ausgelöscht. - -Aber das tat meine liebe Mutter nicht. Sie sagte nur: »Er hat ein -paarmal nach dir gefragt. Er ist ein Guter.« - -Da kam es mich an, daß ich ihn sehen wollte und ich suchte unter -meinen Besitztümern nach etwas, das ich ihm schenken könnte und fand -ein Bildchen aus einem durchsichtigen Stoff, den wir Menschenhaut -nannten. Das war purpurrot und es war ein goldenes Blumenkörbchen -darauf gedruckt und ein schöner Vers stand darunter. Das wollte ich ihm -bringen. Ich ging zum Haus und zur Stadt hinaus; das war nicht weit, -und ich lief und lief, und es war ein starker Wind um mich her. Die -ganze Gegend war grau und es war herbstlich kühl und droben am Himmel -riß ein Sturm die Wolken dahin, daß sie flogen. Es waren große, schwere -Gebilde und sie veränderten sich fortwährend, aber als ich im Laufen -zu ihnen hinaufsah, trieb mir der Wind Staub in die Augen und zugleich -fühlte ich, daß einzelne Tropfen fielen. Da lief ich noch schneller, -denn nun war ich ganz nahe an dem Weinberg, und ich dachte nicht -anders, als daß der Mattheiß da sein müsse, wenn ich ihn suche. - -Aber ich fand ihn nicht. Im Weinberg sah es trostlos aus. Er war -abgeherbstet und der Wind riß dürre Ranken und raschelnde, welke -Blätter umher, die Pfähle aber standen noch immer im Boden und hatten -nichts mehr zu halten. Da rief ich, so laut ich konnte: »Mattheiß, -Mattheiß.« Aber nirgends wurde sein schlürfender Schritt hörbar, -nirgends trat er hervor in seinem zerschundenen Lederjanker und mit -seinem guten Gesicht. Da stieg ich die vielen Staffeln empor bis zur -Höhe des grünen Wegs, denn vielleicht konnte er auch dort droben sein. -Ich kam mir auf einmal so allein vor in dem kühlen, starken Wehen. -Als ich oben ankam, fing es an stark zu regnen, der Mattheiß aber war -nirgends zu finden. Da trat ich in das offenstehende Schützenhäuschen -und setzte mich, da kein anderer Sitz vorhanden war, auf den Sims -der scheibenlosen Fensteröffnung, um im Trockenen zu warten, bis es -ausgeregnet habe. Es goß in Strömen; das Tal war von breiten, wallenden -Wolkennebeln fast ganz verhüllt und ich sah nur in undeutlichen -Umrissen Türme und Häuser daliegen und hörte Uhren schlagen wie aus -weiter Ferne und mich kam ein Grausen an, das war schön und schrecklich -zugleich, vor dem Vergehen des Jahres und der Sonne und vor allem -Fern- und Alleinsein. Das kann ein Kind so stark empfinden, als ein -Erwachsenes, es weiß es nur nicht zu sagen, nicht einmal sich selbst. -Da, in dem Augenblick, als ich mich besann, ob ich nicht mein Röckchen -über den Kopf tun und heimlaufen wolle, riß der Wind mein schönes -Bildchen, das neben mir auf dem Sims lag, in den Regen hinaus, und ich -sah es davonwirbeln und dann schwer und naß niedersinken und wußte, daß -es jetzt vergehe. Da schlurfte etwas daher, das man noch nicht sehen -konnte, aber ich wußte, daß es der Mattheiß sei, noch eh’ ich ihn sah, -und war von aller Einsamkeit erlöst. Er tropfte vor Nässe und als er -hereinkam, flossen Bäche von ihm, aber wir waren vergnügt und froh und -er erzählte mir im Warten eine Geschichte von einem Weingärtner aus der -Zeit, als die Franzosen im Land waren um den Anfang des Jahrhunderts. -Der konnte bannen, das war eine schauerliche Kunst und er hatte sie von -seinem Großvater ererbt. Und als er eines Tags in seinem Weinberg in -der Neckarhalde schaffte, da kam ein Franzos’ das Tal heraufgeritten, -der war ein Quartiermacher und wollte in die Stadt. Und der Weingärtner -war ein großer, baumstarker Mann und konnte, sagte der Mattheiß, so -mit den Augen funkeln, wenn er einen Zorn hatte, daß man Angst kriegen -konnte. Als er den Reiter sah, zog er, ohne ein Wort zu sagen, seinen -Lederjanker aus und legte ihn vor sich hin und begann mit dem Stiel -seiner Weinbergshaue so stark drauf loszudreschen, als ob er ihn, sagte -der Mattheiß, in Grundserdsboden hineinhauen wollte. - -Da fing unten auf der Landstraße der Gaul des Franzosen an, gewaltige -Sprünge zu machen, und der Franzos hüpfte auf dem Sattel herum und -schrie um Hilfe und die Leute meinten, er sei toll geworden und ließen -ihn schreien. Je ärger aber der Weingärtner auf den Janker losdrosch, -desto jämmerlicher schrie der Franzos und als er in die Stadt -hineinritt, da mußte ihn der Wirt zum wilden Mann vom Gaul heben und -ins Bett spedieren, so zerschlagen war er und voll blauer Flecken und -Beulen. - -»Und,« schloß der Mattheiß, »als er wieder reiten konnte, da kehrte -er seinen Gaul um und ritt das Neckartal hinunter; und von der Stadt -wollte er nichts mehr wissen.« - -Derweil hatte der Regen aufgehört; in der grauen Wolkenwand war ein -Riß entstanden, daraus sah das Himmelsblau hervor und drunten in der -Stadt fingen die Dächer an zu glänzen, weil ein blasser Sonnenstrahl -über ihre nassen Giebel hinging. Das ist das letztemal, von dem ich mir -denken kann, daß ich mit dem Mattheiß dort draußen zusammen war. Und -es ist auch möglich, daß es überhaupt das letztemal war. Es kam der -Winter, da sahen wir uns nie. Und es kam der Frühling, da war ich ein -blasses Pflänzlein und lange krank. Ich weiß nicht mehr recht, was es -war, ich weiß nur noch, daß ich in einem Gitterbett lag und allerhand -Gesichter und Figuren aus den Tapetenmustern herausstudierte, und daß -ich mich viele Tage und Stunden lang an den Bildern in »Arndts wahrem -Christentum« vergnügte. - -Und einmal kam ein Tag, da sonnte ich mich draußen in dem kleinen -Mauergärtchen hinter dem Hause. Es war alles wieder neu und schön. -Der Schnittlauch und der junge Salat waren so grün und die Blumen in -der Rabatte so freudig. Im Nachbarhof watschelten junge Entlein um -eine Entenmutter herum und patschten in einen Wassertümpel hinein. Die -Geschwister spielten im Hof und mein großer Bruder saß im Kastanienbaum -und las. Der Vater kam und strich mir mit seiner großen, guten Hand -übers Haar, und ich duckte mich in sie hinein wie ein Vögelein ins -Nest, und auf einmal spürte ich den feinen, starken Duft der Rebenblüte -von der Kammerz her, die das Stück Stadtmauer bedeckte, das unsern -Garten abschloß. Da fiel mir vieles ein, das ich den Winter über -vergessen hatte, und auch der Mattheiß fiel mir ein und ich dachte, er -werde nun auch im Weinberg sein und ich wolle ihn bald einmal besuchen. - -Aber ehe ich dazu kam, hörte ich eines Nachmittags vom Fenster aus ein -Gespräch an, das zwei Männer auf der Straße miteinander führten. - -»Nein, nein, es hat ihm niemand etwas getan,« sagte der eine. »Es ist -ein Herzschlag oder so etwas gewesen. Er ist der ganzen Länge nach in -den Reben gelegen, mit dem Gesicht auf dem Boden.« - -Und der andere sagte: »Es ist ihm gut gegangen, wär’ ein mancher froh, -er käme so leicht weg von der Welt. Wenn ich denke, wie sich der alte -Hammer plagen muß schon seit Jahren, er kriegt schier keine Luft mehr.« - -»Ja, aber im Bett sterben wär doch besser,« sagte der erste. »Wenn -ich denke, so auf dem Weinbergsboden,« – dann verhallten ihre Worte -und ihre Schritte, und ich war in großer Not. Es war ja zwar nicht -auszudenken, aber es konnte doch sein, daß sie den Mattheiß meinten, -und dann war ein scharfer Riß in der sonnigen Frühlingswelt, von der -ich eben erst wieder Besitz genommen hatte. Denn wie konnte das sein, -daß ein Mensch auf einmal nicht mehr lebte, sondern mit dem Gesicht -auf dem Weinbergsboden lag und nicht mehr aufstand? ein Mensch, den -man kannte und der in den Reben schaffen mußte und dorthin gehörte -und sonst nirgends? Das konnte nicht sein, sonst zerriß etwas. Und -ich wollte schnell zur Mutter gehen, daß sie das Dunkle aus der Welt -schaffe mit einem guten Wort. Aber ich fand sie nicht, sie machte einen -Ausgang, das sagte die Magd Mine, die ich in der Küche antraf, und sie -sagte auch noch, gleichgültig, unters Rübenputzen hinein: »Jetzt kannst -du auch deinem alten Metzgerknecht zur Leich’ gehen. Den haben sie im -Wengert gefunden, da ist er schon ganz steif gewesen.« - -Ich wäre am liebsten aus der Küche geflohen, irgendwo hin, wo mich das -alles, das Dunkle, nicht erreichen konnte. Aber ich mußte vorher noch -etwas wissen und ich fragte ängstlich: »Ist er noch draußen? liegt er -immer noch so da und hat das Gesicht auf dem Boden?« - -Da lachte die Mine und sagte: »Du bist ein Dummes. Er liegt daheim in -seiner Kammer, da haben sie ihn hingetragen. Das wär noch schöner, -wenn man einen grad liegen ließe. Geh’ weg, ich muß dahin, an den -Spülstein.« Und weil sie sah, daß ich ganz aus dem Gleis war, wollte -sie mich noch ein wenig aufrichten und sagte: »Mach kein so Gesicht, -fort müssen wir alle.« - -Sie sah selber so breit und rot und gesund aus, und wenn sie lachte, -zeigte sie zwei Reihen starker, gesunder Zähne. Das mit dem Fortmüssen, -das war wohl nicht so bitter ernst bei ihr. - -Da schlich ich mich die Treppe hinunter und zum Haus hinaus. Wenn mir -jetzt die Mutter begegnet wäre. - -Aber sie kam nicht. Mich zog etwas vorwärts, das wußte ich nicht zu -benennen. Ich ging durch die Webergasse und über den Markt. Ich sah -Fuhrwerke fahren und hörte einen Fuhrmann auf einem Rosenblatt eine -lustige Melodie blasen; ein Spitzer stand hinten auf dem Wagen und -bellte in die blaue Luft hinein. Kinder spielten im Kreise: »Mariechen -saß auf einem Stein« und sie riefen mich an, ich sollte mittun. Aber -wie konnte ich mittun? Die Obstliese saß da, breit und mächtig, wie -sie immer war und hielt Kirschen feil, die waren noch selten und teuer, -und strickte daneben an einem mächtigen Strumpf. Ein Ausrufer schellte -etwas aus, da standen die Leute hin und horchten. Und ich stand vor der -trübseligen Apothekergasse und wußte, daß ich da hineinmüsse und es -graute mir doch davor. - -Die Apotheke stand im hellen Sonnenlicht am Markt. Über ihrer Tür -fraßen zwei Schlangen aus einer Schüssel, und die Schüssel glänzte und -die Scheiben der Fenster glänzten, und es waren blühende Blumenstöcke -an den Fenstern, und dort hinten in dem engen Gäßchen war der Tod. - -Es war alles ganz still und leer dort drinnen. Die Häuser standen so -hoch und standen eng beisammen und neigten sich nah zueinander. Das -mußte alles so sein, es konnte nicht anders sein. Der Metzgerladen -hatte ein vergittertes Fenster nach der Straße heraus und es hingen -Würste dahinter und ein zerteiltes Schaf. Eine rostige Schelle war -neben der Haustür angebracht, ich wußte, wie sie tat, schwach und -heiser; aber es war natürlich, daß jetzt niemand daran zog und daß es -ganz still war ringsherum. Die Haustür stand offen; man sah in einen -langen, schmalen Öhrn hinein und ich trat ein und meine Kindertritte -hallten in der Stille und ich mußte an allen Türen vorbei, ohne zu -wissen, was dahinter liege, bis an die letzte linker Hand. Da stand -ich still und mein Herz schlug laut und ich horchte, ob niemand komme, -denn es war so einsam. Aber ich wußte, daß es so sein müsse. Es war ein -breiter, eiserner Riegel vor der Tür; er war nur ein wenig vorgeschoben -mit seiner Spitze. Ich zog ihn zurück und trat hinein. Es war eine enge -Kammer, lang und schmal. Ein Fenster hatte sie, das ging nach dem Hof -hinaus, es war mit einem alten, rissigen Vorhang verhüllt. Hinten in -der Ecke stand das Bett. Das war auch verhüllt, das heißt, es lag etwas -darauf, das war mit einem Leintuch zugedeckt. - -Wenn jetzt die Mutter dagewesen wäre. - -Aber sie war nicht und niemand war da. - -Mir schlug das Herz noch lauter, als vorher. - -Aber dann schlug ich doch das Leintuch zurück, ich mußte, es mochte -sein, wie es wollte. Und da lag etwas, das war einmal der Mattheiß -gewesen. - -Eine lang ausgestreckte Gestalt, unglaublich lang und gerade, die -Hände, die großen, breiten Hände lagen auf der Brust und waren gefaltet -und sahen so seltsam blaß aus und so wuchtig schwer. Und das Gesicht, -das war, als hätte ich es vor langer Zeit gut gekannt und es hätte -damals mit mir geredet, aber nun sei es so fremd und fern geworden, -daß es nicht zum Aussagen war. Die Augen waren geschlossen, aber -der Mund war ein wenig geöffnet, und es war eigentlich, als ob er -lächeln wolle, aber über etwas ganz feierliches, merkwürdiges. Nur -über die Stirn lief ein bläulich gefärbter Riß, da war er wohl auf dem -Weinbergsboden aufgeschlagen. Es war mir, als ob ich mich nicht rühren -könne, jetzt nicht und nie mehr. Als ob ich immer dastehen und den -fremden Mann ansehen müsse und irgendwo draußen, ganz fern, ging das -Leben weiter, hier drinnen aber war es so atemlos still. - -Da wagte ich es nach einer Weile und tippte mit dem Finger seine Hand -an. Und es ging ein seltsam schauerlicher Strom von Eiseskälte durch -mich hindurch, bis ganz innen hinein. - -Da ergriff mich plötzlich und mit Gewalt das Grauen des Lebens vor dem -Tode und ich entrann der Kammer und dem Haus und der düsteren Gasse und -lief über den Marktplatz, auf dem das Gold der sinkenden Sonne lag, und -weiter, und heim. - -Von weitem sah ich den Vater unter der Haustür stehen. Er hatte die -Hand schützend vor die Augen gelegt und sah nach irgend etwas aus, und -ich drängte mich an ihn und barg mich in seiner lieben, lebendigen Nähe -vor allem Grausen. - -Aber es war nicht so schnell zu verscheuchen. Ich weiß noch, daß es -Nacht war und daß ich im Bett lag und die Augen schloß, aber es drängte -sich überall hinein. - -Da hörte ich Tritte und meine Mutter kam mit einem Lämpchen herein, -denn sie hatte gehört, wie ich mich umherwarf. - -Und sie küßte mich und sagte, der Mattheiß sei beim lieben Gott, und da -kämen wir alle hin, wenn wir sterben. - -Aber das konnte ich nicht begreifen, denn er lag ja in seiner Kammer -und war so kalt. - -Sie sagte aber, ich solle mich nicht darüber besinnen, das werde schon -alles ganz richtig besorgt und das in der Kammer sei gar nicht mehr der -rechte Mattheiß, das habe ich doch selber gesehen, den rechten habe der -liebe Gott in seine Hand genommen und er habe uns alle darin. - -Aber ich mußte mich doch noch besinnen. Da setzte sie sich an mein Bett -und sang mir mit halber Stimme ein Lied, das hüllte mich ganz warm und -weich ein. Ich blinzelte noch hie und da zwischen den Lidern hervor, -um sie da sitzen zu sehen, und während sie sang, kam eine große Hand -über mich hin, die wurde größer und größer und nahm mich ganz in sich -hinein. Ich wußte, wem sie gehöre, aber ich konnte mich nicht auf den -Namen besinnen und es machte mir auch keine Mühe, denn es war überaus -gut darin zu sein. - -Als ich erwachte, war ein Sonnentag. - -Es schien zu den Fenstern herein und hatte tausend arbeitsame, -lebendige Geräusche und breitete ein Bilderbuch vor meine Augen, und -alles, was lebte, regte sich und war fröhlich. - - - - -Ellen - -[Illustration] - - -Er stand am Meer und sah darüber hinaus, so weit er konnte. Es war ihm -so unbegreiflich zumute. Das hatte er sich jahrelang gewünscht, einmal -ans Meer zu kommen, es gab kaum eine Zeit, da er es nicht gewünscht -hätte. - -Einmal, in einer schweren Krankheit, hatte er einen Traum davon gehabt, -daß er mitten in einer großen, leuchtenden Flut schwimme, mit starken, -vorwärtstreibenden Stößen auf ein unendlich strahlendes, leuchtendes -Ziel zu. Das Ziel hatte er nicht erreicht und auch nicht deutlich -gesehen, aber er hatte immer, durch die Jahre hindurch, so oft ihm -der Traum einfiel, das atemraubend starke Gefühl wieder bekommen, das -ihn damals erfüllt hatte: Unendlichkeit! Unendlichkeit! Er hätte es -hundertmal vor sich hinsagen können, das eine Wort, und immer wieder -hätte es ihn getragen wie damals, auf großen, leuchtenden Wogen in eine -unnennbar große Weite. - -Damals hatte er das Meer noch nicht gesehen, aber natürlich wurde von -jetzt an der Trieb nur noch viel stärker, es zu sehen, denn sonst war -ja nichts in seiner Umgebung, das auch nur von ferne an jenes uferlos -Große herangereicht hätte. Nun war sein Wunsch erfüllt. Aber er war ja -freilich anders erfüllt, als er sich gedacht hatte. Das geht meistens -so. Er hatte auch jetzt gerade etwas anderes gewollt: in ein Amt -eintreten, arbeiten, weiter studieren daneben, es gab noch so vieles, -das man nicht wußte und doch wissen sollte. Er war Theologe und hatte -das erste Examen hinter sich. - -Da kam ein Halsleiden und da mußte er nach dem Süden. Das mußte er, -denn sonst konnte seine Stimme ganz verloren gehen, und dann? - -Und so stand er denn jetzt am Meer und sah darüber hinaus. - -Aber es war doch ganz anders, als er es sich gedacht hatte. - -Es lag vor ihm, wie etwas Riesiges, Unfaßbares, es war grau und groß -und schwer. Unendlich, ja, das war es _auch_, es floß hinten mit dem -Horizont zusammen, der war auch grau und groß. Unten Wellen und oben -Wellen; aber es war eine andere Art von Unendlichkeit. Von weit, weit -draußen herein kamen die Wellen, in langen Reihen, immer eine Reihe -hinter der andern. - -So kamen sie rastlos daher, unablässig, unablässig drängten sie ans -Ufer, warfen sich mit ausgebreiteten Armen an die Felsen und rauschten -laut auf. Es war, als ob sie erzählten, daß sie da draußen das nicht -gefunden hätten, was sie suchten, und das konnte er begreifen, denn es -ging ihm hier am Ufer ebenso. Aber dann mußten sie doch wieder hinaus -und noch einmal suchen, und das verstand er wohl auch, denn auch er -suchte fortwährend etwas, das er sich vom Meer versprochen hatte. - -Es kam jemand die Stufen herunter, die in den Felsen gehauen waren, und -stellte sich neben ihn auf die lange, schmale Klippe, die sich ins Meer -hineinstreckte. - -»So einsam?« fragte eine Stimme. Da sah er sich um. - -Es war eine große, schlanke, vornehme Frau, die zu ihm gekommen war. -Sie hatte ein gütiges, helles Gesicht mit etwas Leuchtendem darin und -sie trug die Tracht der Johanniterinnen. Er hatte sie noch nie gesehen, -denn er war erst gestern abend angekommen; aber er wußte, wer sie sei: -Schwester Clementine, die Besitzerin der weißen Villa, in der er wohnte. - -Die Villa lag oben gegen Sant Ilario hin. Sie lag in einem großen -Garten und der Garten erstreckte sich bis ans Meer. Man war -gewissermaßen noch im Garten, wenn man hier auf dieser Klippe stand. -Denn man kam durch ein Mauerpförtchen auf den Felsen und auf die -Klippen heraus, niemand konnte sonst daheraus kommen, als die Gäste -der Villa. So war es begreiflich, daß Schwester Clementine sich hier -als Gastgeberin fühlte, auch in bezug auf das Meer, das man von ihren -Klippen aus sah. - -»Nicht wahr?« fragte sie und wies über das Meer hin und hatte ein -ermutigendes Lächeln und Zunicken für ihn. - -Da verstand er, daß er nun etwas Bewunderndes sagen sollte. Aber das -konnte er nicht. Er fühlte sich bedrückt und klein, sonst nichts. -Das da draußen, das war ihm so fremd und so groß. Und er sagte etwas -kleinlaut, daß er den Eindruck noch nicht recht bewältigt habe, er -könne noch nichts darüber sagen. - -Da meinte sie, und sagte ihm das auch mit einem immer noch gütigen -Lächeln, daß er wohl stark in den Nerven herunter sei, denn sonst hätte -er doch wohl Augen für die Schönheit des Meeres. Aber das werde ja noch -kommen. - -»Das hoffe ich auch, Frau Gräfin.« - -Und sie sagte, daß er sie nur Schwester Clementine nennen solle, denn -das sei sie hier, und für die Patienten vor allem, und sie habe nun zu -tun und müsse ins Haus zurückkehren, sie habe ihn nur begrüßen wollen -und sie wünsche, daß er sich hier gut erhole. - -»Ja, das hoffe ich auch, Frau – Schwester Clementine.« - -Da ging sie mit einem anmutigen Neigen des Kopfes davon. Er sah sie -noch die Stufen hinansteigen, fein und schlank und vornehm. Sie war -eine deutsche Gräfin, aber das wollte sie ja hier nicht sein. Sie war -es aber dennoch, das ließ sich nicht ändern, und es zeigte sich auch in -dem gütigen Lächeln und in allen ihren Bewegungen. - -Da wandte er sich wieder dem Meere zu. Daran hatte sich inzwischen -nichts geändert, es rauschte noch ebenso grau, groß und schwer ans Ufer -heran, wie zuvor. Er wurde nicht eher damit fertig, als bis er das, was -ihm so gewaltig auflag, in Worte faßte, die freilich nur ein Stammeln -von etwas ganz Großem waren. Aber das schadete ja nichts, er fühlte -sich dennoch befreit durch diese Verse: - - »Da ist es nun. Und ich, ich steh daran, - stumm, regungslos, allein. Am Meer allein. - Und meine Seele hebt zu suchen an - und geht dann wieder still in sich hinein. - - Das bist du, Meer, das meine Sehnsucht war, - das ich von ferne durstig lang gegrüßt? - Bin ich so herzensarm, so geistesbar, - daß mir sich deine Schönheit nicht erschließt? - - In breiten Wogen flutest du daher - so urgewaltig und so grenzenlos. - Grau hängt der Himmel drüber, wolkenschwer. - Ich kann nichts fassen, kann verstummen bloß. - - Ich bin zu klein, du großer Ozean, - dem Riesenpulsschlag, der dich senkt und hebt. - Rühr, daß ich sehe, meine Augen an, - du Geist, der ob den Wassern waltend webt.« - - * * * * * - -»Ich wünsche dir, daß du guten Anschluß findest«, hatte seine Schwester -gesagt, als sie ihn an die Bahn begleitet hatte. - -Sie stand so frisch und einfach da und hatte so viel Liebe für ihn in -den braunen Augen, und es war ihm, als ob er sie am liebsten selbst -mitnähme, dann hätte er den erwünschten Anschluß gleich bei sich. Aber -das ging nicht an. Sie mußte zu Hause bleiben und die alte Mutter -versorgen, deren Jüngste, Einziggebliebene sie war. Und, ja, das Geld -hätte auch nicht für zwei gereicht, um es ganz deutlich zu sagen. - -Da war er nun darauf angewiesen, sich seinen Anschluß selber zu suchen. -Es ging nicht so überaus schnell damit. Er war wohl etwas schwerfällig, -das war er in den meisten Dingen. - -Schwabe und Tübinger Stiftler und Theologe. Das konnte allein schon zur -Erklärung dieses Umstands genügen, aber er war ja freilich doch wohl -besonders wenig rasch beweglich in geistigen oder seelischen Dingen, -also auch im Anschluß an die Menschen. - -Die andern, die hier umher gingen, die waren so unbegreiflich gewandt. -Sie kamen an und stellten sich einander vor und da fanden sie sogleich, -daß sie da und da auch schon gewesen waren, also am selben Orte mit den -andern und da konnte die Unterhaltung sogleich losgehen. »Ach, was Sie -sagen! München? da waren wir letzten Winter auch. Sagen Sie, haben Sie -die Ausstellung der Sezession gesehen? Mein Mann war drin, ich nicht. -Ich halte mich in München immer an die Schackgalerie, da habe ich nun -so meine Freunde.« - -Dieses und ähnliches sagten sie zueinander und wurden rasch bekannt. - -Und sie sprachen vom Wetter, das konnte sehr gut und sehr ausgiebig -als Einleitung dienen, und von ihren Krankheiten. Denn sie waren alle -mehr oder weniger krank oder begleiteten ein Krankes oder hatten eine -Krankheit hinter sich, davon konnte man im Notfall stundenlang reden. - -Er hatte es auch einmal versucht, zum Donnerwetter, er war doch auch -nicht stumm geboren. - -Da war eine sehr nette Dame, eine Rheinländerin, die heiteren Gemütes -war, groß und blond und ein wenig üppig, sie war angenehm anzusehen. - -Sie setzte sich beim Frühstück neben ihn und sagte, indem sie sich Tee -einschenkte: »Sie sind eben erst angekommen, Herr Kandidat?« Ja, das -hatte sie doch sehen können, wo sollte er denn sonst seither gesteckt -sein? »Ja, gestern,« sagte er und wartete auf eine neue Anrede. Die kam -auch. - -»Sie sind Ihrer Gesundheit wegen hier?« - -»Ja«, sagte er, der Wahrheit gemäß. - -Das war ein vielversprechender Anfang, es gefiel ihm ganz gut, hier zu -sitzen und sich mit der netten Dame zu unterhalten. Sie fragte denn -auch nach einer Weile, ob es gestattet sei, das Fenster ein wenig zu -öffnen, es sei doch so warm draußen, – ha ha, – im Dezember. Wenn man -bedenke, wie es um diese Zeit zu Hause sei. Sie habe einen Brief: -das reinste Sudelwetter sei am Rhein. Da hätte er nun vom Rhein mit -ihr reden können, der war seine große Liebe, seit er einmal sonnige -Sommertage an seinen Ufern verwandert hatte. Darüber hätte er viel -sagen können. Das hätte er auch getan, wenn sie ihm Zeit gelassen -hätte, einen Anfang zu finden. Aber sie stand nach kurzem Warten auf -und öffnete das Fenster selber, das hätte ja eigentlich er tun sollen. -Aber nun war es schon zu spät. Sie sah ein wenig spöttisch aus dabei. -Das meinte er vielleicht nur, aber es hatte doch die Wirkung auf ihn, -daß er die Unterhaltung abbrach und sein Frühstück stumm verzehrte. - -Dann sprach er ein paar Tage lang nur wenig. Schließlich eilte er ja -nicht so sehr mit dem Bekanntwerden, man konnte das ja alles an sich -herankommen lassen. - -Allerdings, die andern sahen doch recht vergnügt aus und hatten -fortwährend etwas zu reden und zu lachen und manche auch zu jammern. - -Aber es konnten nicht alle gleich sein. - -Da geschah es, am fünften Tag seiner Anwesenheit, daß richtig sein -Anschluß an ihn herankam. - -Er hatte in der Nacht vorher, gerade vor dem Einschlafen, als ihm das -Meer mit gedämpftem Rauschen sein Schlaflied sang, Pferdegetrappel -und Räderrollen und dazu Menschenstimmen vor der Villa gehört, und -hatte noch gedacht: da kommen Neue. Und es hatte gerade noch zu einem -dankbaren Umdrehen im Bett gereicht: daß er es nicht war, der da neu -ankam. Denn neu ankommen, das war das Unangenehmste, das hatte er eben -erst überstanden. Dann schlief er schon. - -Als er am Morgen zum Frühstück kam, saß ein kleines Mädchen an dem -Tisch, an dem er gewöhnlich zu sitzen pflegte, ungefähr gegenüber von -seinem Platz. Es sah ihn wohlgefällig an, als er sich in seiner Nähe -niederließ und betrachtete ihn eine Zeitlang aufmerksam, indem es die -Augen über den Tassenrand hin zu ihm hinüber schweifen ließ. Er hörte -ein regelmäßiges, behagliches Schlucken und ein kleines Schnaufen -dazwischen und dann war die Tasse leer und stand auf dem Tisch. - -»Du siehst aus, wie mein Papa. Nicht ganz, bloß ein bißchen,« sagte das -Kind. - -»So?« sagte er. - -»Ja, aber mein Papa hat einen ganzen Bart und du hast bloß einen -halben. Unten am Mund hat er auch einen, nicht bloß oben.« - -Ja, da könne er nichts dafür, da sei ihm noch keiner gewachsen. - -»O, das tut nichts,« tröstete sie. »Aber an den Augen, da siehst du so -aus, wie mein Papa. Da hast du auch eine Brille. Das wäre doch schön, -wenn er auch da wäre, nicht?« - -Aber er war zu gewissenhaft, um das ohne weiteres zuzugeben, er sagte, -er kenne ja ihren Papa nicht, da könne er es nicht wissen. - -Das mußte sie zugeben, dafür fing sie aber an, von ihm zu erzählen, -weil er ihr so leid tat, daß er ihren Papa nicht kannte. - -Es sei ein Doktor und mache die kranken Leute gesund, und er sei jetzt -so allein, bloß die Margret sei bei ihm und der Andres. - -Der Andres, der versorge die Freya und den Wotan. Das seien doch -natürlich die Pferde. - -Denn er hatte gefragt, wer denn das sei, die Freya und der Wotan. - -Und den Barry versorge der Andres auch. - -»Das ist ein großer, schwarzer Hund,« setzte sie rasch hinzu, denn sie -hatte gesehen, daß ihr Zuhörer belehrungsbedürftig sei. - -Die Margret versorge bloß den Papa, sie sei die Köchin. - -Er interessierte sich sehr für alles, er war ganz ernsthaft bei der -Sache. - -Das gefiel ihr gut, es schien, der Papa war auch so. - -Ob er auch ein Papa sei, fragte sie. Aber das mußte er verneinen. - -Sie war vier Jahre alt. Er hätte sie für fünf gehalten, aber sie wußte -es genau, daß sie fünf werde, wenn es im Bühringer Wald Maiblumen gebe. -Die suche sie mit dem Papa und dann bekomme sie einen Kranz davon -aufgesetzt. Da einigten sie sich also auf viereinhalb, denn jetzt war -Dezember. Sie hatte große, runde, braune Augen und kurzgeschnittene -braune Haare und war nicht ohne weiteres das, was man ein anmutiges -Kind nennt. - -Obgleich, ja, sie erschien ihm dennoch als das netteste Kind, das er je -gesehen habe. Da konnte er sie jetzt wohl auch nach ihrem Namen fragen. - -Sie heiße Ellen, sagte sie. Aber der Papa sage immer Schnirks oder Buzi -oder Schneck oder sonst so was zu ihr. - -»So, ja wer nennt dich denn dann Ellen?« - -»O, meine Mammi.« - -Da kam es denn zutage, daß sie auch noch eine Mutter habe, die sie -Mammi hieß. Der Bericht war aber kurz und ohne sonderliche Wärme -gegeben. - -»Die Mammi ist noch oben und schläft.« - -Also war sie mit der Mutter gekommen, ja natürlich, das hatte er ja -doch nicht denken können, daß dieses Kind etwa allein hier sei. - -Es war ihm einen Augenblick lang ein unangenehmes Gefühl, daß noch -jemand zu ihr gehöre. Es war so nett gewesen, sich allein mit ihr zu -unterhalten. Aber schließlich konnte er nicht verlangen, daß das immer -so sei. - -»Hast du auch eine Mammi?« fragte sie. - -Ja, das hatte er, aber er nannte die seinige nicht Mammi, er sagte -Mutter zu ihr. - -»Wie sagt sie denn zu dir?« - -Da mußte er bekennen, daß sie meistens Holder zu ihm sage, obgleich er -Reinhold getauft sei. Er war ihr einziger Sohn bei fünf Töchtern und da -äußerte sich die Liebe nun eben so, daß sie Holder sagte. - -»Dann will ich auch Holder zu dir sagen,« entschied sich Ellen. - -Das war ihm zwar ein wenig peinlich, wenn er an die Gesellschaft -dachte. Drei Damen und ein Herr waren nach und nach schon zum -Frühstück gekommen und sahen mit einigem Staunen, wie angeregt sich der -stille Schwabe mit dem neuangekommenen Kinde unterhielt. - -Nicht daß sie ihn für irgend beschränkt gehalten hätten; sie sahen ihn -im Gegenteil mit seinem vierkantigen Kopf und dem bedeutungsvollen -Schweigen für einen heimlichen Denker und Weisen an, aber darum konnten -sie nun doch staunen, daß er so aufgetaut war. - -Er gab sich aber schnell einen innerlichen Ruck und beschloß in der -angenehmen Wärme, in der er sich eben befand, nichts danach zu fragen, -was »die ganze Bande« dazu sage, wie das Kind ihn nenne. - -Es war vielleicht nicht schön von ihm, daß er die völlig harmlose und -ehrenwerte Gesellschaft in der Villa eine Bande hieß. - -Aber man muß doch auch bedenken, daß er bis vor ganz kurzem noch -Student gewesen war, und daß ihn die viel größere Redegewandtheit der – -andern Stämme die Tage daher nicht wenig bedrückt hatte. - -Im Grunde meinte er es mit allen Menschen gut, er konnte es nur nicht -immer so von sich geben. - -Indem kam eine Frau herein, von der niemand hätte denken sollen, daß -sie Ellens Mutter sei. Sie war es aber dennoch und sie kam sofort auf -Ellen zu, da entstand eine kleine Morgenbegrüßung, die aber schnell -erledigt war. - -»Hoffentlich hast du den Herrn nicht gestört!« - -Nein, das habe sie nicht, gar nicht, und der Herr heiße Holder und er -sehe doch ein bißchen aus wie der Papa, nicht? - -Diese Erwähnung war ihr nicht so besonders angenehm, das konnte man -gleich sehen, indessen faßte sie sich schnell und sagte: »Entschuldigen -Sie, mein Herr, das Kind ist so furchtbar lebhaft, es kommt auf Dinge, -die kein Mensch denken sollte. Übrigens –« sie sah ihn erwartungsvoll -an, da sagte er, sich halb erhebend: »Döttling« und setzte sich wieder. - -»Frau Hermelink,« sagte sie und sah ein wenig erstaunt aus. - -Dies war das einzige Wort gewesen, das er gesprochen hatte, sie war das -nicht gewöhnt. Indessen nahm sie mit einer ganz leichten Neigung des -Kopfes, die vielleicht »Sie gestatten« oder so etwas heißen sollte, -Platz neben Ellen und begann ihr Frühstück. - -Da konnte er sie nun betrachten. Er tat das hinter der Zeitung hervor, -die soeben angekommen war. - -Sie war groß, schmal gebaut und halbblond. Vielleicht war sie hübsch, -das konnte er nicht so schnell feststellen, jedenfalls ungewöhnlich -konnte man sie ohne weiteres heißen. - -Sie hatte ein schmales, längliches Gesicht, »rassig«, dachte er, es -waren so ganz bestimmte, festgeprägte Züge, die sie wohl gerade in -dieser Form ererbt hatte. Die Augen, die schienen persönlicher Besitz -zu sein, nicht in ihrem harten Blau, das gehörte mit zum guten Erbteil, -sondern in dem seltsamen Feuer, das in ihnen lag. Es war kein helles, -stilles Brennen, es war ein unruhiges Flackern und Umhersuchen. - -Sie hatte ein großes, nordisches Schmuckstück vorn an dem Ausschnitt -ihres Kleides stecken. Norwegerin? dachte er. - - * * * * * - -Er war nun längst eingelebt und hatte es alles gründlich in Besitz -genommen, Haus, Garten, Land und Meer. - -Das mit dem Meer ging nun aus einer andern Melodie: - - »Augen, o ihr Augen mein, - seid ihr neu geboren? - stromgleich zieht die Schönheit ein - zu euch beiden Toren. - - Bin bis oben angefüllt - von dem goldnen Blinken, - und ihr wollt noch ungestillt - trinken, trinken, trinken?« - -Er konnte es nicht lassen, noch mehr Verse darüber zu machen, in denen -er nun diese seine Augen aufforderte, es genug sein zu lassen, da er ja -unmöglich alle die Pracht in sich fassen könne, – - - »all’ den Duft und Glast und Schein, - der mir heut begegnet,« - -und endete mit dem Ausruf, der seine Freunde nicht an ihm verwundert -hätte: - - »Augen, o ihr Augen mein, - seid ihr so gesegnet?« - -Denn wenn er einmal warm wurde, so wurde er es gleich recht, »wie ein -buchenes Scheit, wenn es ins Glühen kommt,« hatte nicht unrichtig ein -Bundesbruder einmal gesagt. - -Nicht, daß er seinen Meertraum erfüllt gesehen hätte. Der lag tief -verborgen in seinem Innern, er wußte jetzt gerade selber nichts von -ihm, oder doch höchstens das, daß es ein ganz, ganz anderes Meer sei, -das er damals gesehen hatte, eines, das vielleicht einmal in ganz hoher -oder tiefer Stunde sich wieder vor ihm ausbreiten würde, aber nicht -hier, nicht jetzt. - -Er lag ausgestreckt auf einer der Uferklippen und las Ellen seine Verse -vor. Ellen saß neben ihm und hatte das Schürzchen voller Kieselsteine. -Die Kieselsteine waren rund und glatt gespült vom Wasser, die Verse -verstand sie natürlich nicht. - -»Ist das nicht schön, Ellen?« fragte er. - -»Doch,« sagte sie überzeugt, denn er machte ein so frohes Gesicht dazu, -und das gefiel ihr gut. - -Sie verstanden sich vorzüglich miteinander und sie brauchten eigentlich -sonst niemand zum Vergnügtsein. - -Zwar hatte er längst seine Scheu vor den Hausgenossen abgelegt und -manchmal unterhielt er sich ganz nett mit diesem und jenem, aber im -Grunde war er doch am liebsten mit Ellen zusammen und sie hatte es mit -ihm gerade so. - -Mammi brachte keine Störung in ihren Verkehr. - -Sie seufzte viel, daß es so furchtbar langweilig sei, aber das hatte -sie in Bühringen auch getan. Dann war Ellen immer zum Papa gegangen und -hatte sich in seiner Studierstube ein eigenes Haus aus Büchern erbaut, -in dem er sie dann besuchte, oder sie war bei Margret in der Küche oder -bei Andres und Wotan und Freya im Stall. - -Und hier war sie bei Holder, das war der ganze Unterschied. - -Sie ging mit ihm an die Klippen hinunter, da sahen sie die Fischerboote -weit draußen liegen und sahen die Segel in der Sonne glänzen. Oder sie -sahen einen Dampfer von Genua herkommen und ruhig seine große Bahn -ziehen und wieder verschwinden. Dann mußte Holder erzählen, wohin er -fahre und wie es dort sei, wo er hinkomme. Von braunen Kindern erzählte -er da, und von Palmenwäldern und Affen. - -Palmen gab es zwar auch hier; sie gingen dahin, wo sie am schönsten -und höchsten standen, in einen wunderbaren Garten, der einem Marchese -gehörte. Der Marchese war fort, das war er meistens, er lebte lieber -in großen Städten als hier. - -Da gingen sie unter den Palmen herum und in den Orangen- und -Zitronengärten, und zwischen Rosenhecken, die ganz voller Blüten -standen, und sahen das weiße Haus, das so still dazwischen lag, und -taten, als ob es ihnen gehöre. - -»Grüß Gott, Fräulein Ellen, ich möchte gern in unser Haus hinein.« - -»Grüß Gott, Herr Holder, ich habe keinen Schlüssel.« - -»Dann müssen wir warten, bis unsere Magd kommt. Wo ist sie denn?« - -»Sie ist auf dem Markt und holt etwas zu essen.« - -»Was holt sie denn?« - -»Orangen und Schokolade.« - -Da sagte er, er möchte auch noch einen Rettich dazu, und sie rief in -das Olivenwäldchen hinein: »Minna, bringen Sie auch noch einen Rettich -mit.« - -Ganz wie zu Hause waren sie da, und das geschah dem Marchese ganz -recht, daß sie in seinem Garten wie zu Hause waren, warum zog er auch -immer in der Welt herum? - -Sie setzten sich auf eine weiße Bank, die stand ganz im Grünen, aber -gerade davor waren die Hecken so ausgeschnitten, daß man ein großes -Stück blauen Meeres vor sich sah. Denn seit die Sonne schien und der -Himmel blau war, sah das Meer auch blau aus. Ganz blau und still, nur -am Rande hatte es kleine, weiße Wellchen, die plätscherten leise, es -war, wie gelacht. Er sagte es zu Ellen, da hörte sie es auch, und -natürlich lachten sie dann alle beide zur Gesellschaft mit. - -Manchmal ging er auch allein fort, etwa mit einem Buch in der Tasche -oder unter dem Arm. Dann setzte er sich irgendwohin und wollte lesen. -Aber gewöhnlich war es viel zu schön ringsumher, als daß er seine -Gedanken beisammen behalten hätte, oder es kamen Leute vorbei, die ihn -fragten, warum er hier so allein sitze und was er denn studiere. »Was, -Kirchenrecht? hier am Meer?« Da verstummten die Leute meistens, halb -aus Respekt und halb aus Bedauern mit ihm, daß er hier sitze und den -Kopf über schwere Bücher hinneige. - -Er hatte sich vorgenommen, die Zeit gut auszunützen, es waren da -so viele Lücken in seinen Kenntnissen. Aber es war doch nicht viel -anzufangen. Vielleicht konnte er sie auch anderweitig ausnützen. Und -schließlich, ja, da kam etwas wie Leichtsinn über ihn: mußte denn immer -alles nützlich sein? - -Da ging er mit langen Schritten ins Haus zurück und in seine Stube, -dort waren noch viele Bücher, auch Goethe und Mörike und Konrad -Ferdinand Meyer. Er hatte sie alle mitgeschleppt, denn er konnte -nicht ohne Bücher sein. Aber jetzt sagte er mit einer Verbeugung: -»Unterhalten Sie sich gut, meine Herrschaften,« und ging wieder ins -Freie. - -Er wollte auf die Strandpromenade gehen, da waren viele Menschen, die -gingen hin und her, und hörten auf die Musik, die in einem Pavillon -spielte, und unterhielten sich dabei. - -Das konnte er doch auch einmal tun. - -Aber als er durch den Garten ging, sah er Ellen allein unter einer -kleinen Lorbeerhecke sitzen und ganz gerade vor sich hinsehen. Sie -hatte ein so ernstes Gesicht, daß es gar nicht auszuhalten war an einem -viereinhalbjährigen Kind, und dann seufzte sie tief auf. - -Das letztere durfte aber auf gar keinen Fall sein, das hatte sie -vielleicht von ihrer Mutter angenommen? - -»Was ist mit dir, Ellen, warum sitzt du so da und seufzest?« - -»Ich seufze nicht, ich denke an meinen Papa.« - -»So, und warum muß man denn dabei so betrübt aussehen?« - -»Ich sehe nicht betrübt aus, ich möchte nur, daß er da wäre. - -Er ist ganz allein, und ich bin auch ganz allein.« - -Da ging es ihm durchs Herz. Das durfte ja doch nicht sein. - -Aber er machte noch einen Versuch zum Hinauskommen, denn sein Sinn -stand jetzt gerade nach der Strandpromenade. - -»Du bist doch nicht allein, Ellen, du hast doch deine Mammi!« - -Da wurde das liebe Kindergesicht irgendwie hart oder herb. - -»Meine Mammi hat gesagt, ich sei ein unnützes Kind, weil ich sie immer -etwas gefragt habe. Hat deine Mammi auch so zu dir gesagt, als du noch -klein warest?« - -Nein, das hatte sie freilich nicht getan, das Herz schmolz ihm hin; er -war doch kein Unmensch gegen so ein Kind. - -»Wo ist sie denn?« fragte er, und machte im Geist eine Faust nach ihr -hin. - -»O, droben, sie hat gesagt: ich kann dich jetzt nicht brauchen.« - -Er wußte schon, wie es da war. - -Er hatte einmal droben angeklopft, weil sie ihn ausdrücklich dazu -ermuntert hatte. Sie wollte ihm etwas zeigen, er wußte jetzt nicht -mehr, was es gewesen war. - -»Sie sind immer so nett gegen meine Tochter, da müssen wir doch auch -ein wenig bekannt werden, nicht?« - -Ja, also, da hatte er angeklopft. - -»Herein.« - -Da lag sie auf dem Sofa und rauchte Zigaretten. Ein feiner, bläulicher -Rauch erfüllte das ganze Zimmer. - -Sie winkte ihm anmutig zu mit ihrer schönen, weißen Hand. - -»Ach, wie hübsch, daß Sie kommen. Bitte, machen Sie sich’s behaglich.« - -So ganz behaglich wurde es ihm aber dennoch nicht. - -»Sie bedienen sich selbst, nicht wahr? hier ist Kognak und Chartreuse, -und hier sind die Zigaretten. – Was, Sie rauchen nicht? wegen Ihres -Halsleidens? ist das so schlimm? wissen Sie, man kann auch zu -gewissenhaft sein. - -Sehen Sie, mir ist zum Beispiel beides verboten, Rauchen und der Kognak. - -Mein Mann ist selbst Arzt und er sagt, es schade meinen Nerven. - -Aber er ist ein Hüne, ha, ha, Sie sollten ihn sehen, groß und breit, -eigentlich ein stattlicher Mann, er gefiel mir gleich so gut, weil er -so stattlich war. Aber was weiß er davon, wie es ist, wenn man sich -abgespannt fühlt? Gerade wenn ich abgespannt bin, dann habe ich solche -Sehnsucht nach der Auffrischung, die in dem beidem liegt. - -Und gleich wird mir wohler, wenn ich es habe. - -Ich finde, man muß sich selbst zu behandeln verstehen. Nicht?« - -Aber ihm ging es nicht so. Er hatte so manche gute Pfeife mit seinen -Freunden verraucht, er wollte aber jetzt gesund werden und sonst gar -nichts, also ließ er es. Fertig. - -Das sagte er ihr auch. Sie sah ihn belustigt an. - -»Ich finde das amüsant,« sagte sie. - -»Ha ha, mein Mann würde entzückt von Ihren Ansichten sein. Wie doch die -Menschen verschieden sind.« - -Dann gähnte sie ein weniges hinter der Hand, die mit vielen Ringen -geschmückt war. - -»Ich finde es so schrecklich langweilig hier,« sagte sie klagend. - -»Diese Hausordnung mit den frühen Mahlzeiten und der frühen -Schlußstunde am Abend. Und dann, es ist ja nichts los, aber auch gar -nichts. Ich wollte an einen größeren Platz gehen, aber mein Mann wollte -es nicht. Er ist solch ein Tyrann. Und dabei bin ich nicht eigentlich -krank, es sind nur die Nerven. Ich war immer so entsetzlich verstimmt -in letzter Zeit. Er sagt, ich müsse Ruhe haben und nicht zu vielerlei -Eindrücke. Und dabei ist es gerade die Ruhe, die mich tötet.« - -Das konnte er nicht so recht verstehen. Sie schickte doch Ellen immer -von sich fort, weil sie Ruhe brauchte. Aber es war wohl eine andere Art -von Unruhe, die sie suchte. - -Er kam sich plötzlich ein wenig beichtväterlich vor. Er hatte ja gerade -ins Vikariat treten wollen, als die Krankheit kam. Freilich, er hätte -zu Bauern gesollt, auf ein Albdorf, er kannte den Pfarrer schon, zu dem -er sollte. Dies hier war anders. - -»Haben Sie etwas Gutes zu lesen?« fragte er. »Das ist manchmal auch ein -gutes Hilfsmittel fürs Gemüt.« - -Er dachte, er wolle ihr Bücher leihen, er überschlug schnell seinen -Vorrat. - -»Ach ja, ich lese eigentlich ziemlich viel,« sagte sie. - -»Aber schließlich, was hat man denn? - -Die Franzosen, ja, und dann die Russen, Turgenjeff und Gorki und -Dostojewski. - -Wissen Sie sonst noch etwas?« - -Da sagte er, ob sie denn Wilhelm Raabe nicht kenne und Gottfried -Keller, und Mörike und –, er besann sich einen Augenblick, weil ihm -so viele auf einmal einfielen, die er ihr sagen wollte, er sah wie in -einen Garten hinein und wußte nicht, was zuerst brechen, – da lachte -sie ihm hell dazwischen hinein. - -Sie legte die Hände an die Ohren, aber so, daß man die kleinen -Diamanten noch sah, die in den hübschen Ohrläppchen steckten. - -»Ach, hören Sie auf,« rief sie, »das können Sie einem doch nicht im -Ernst zumuten, daß man das liest. Überhaupt, die Deutschen, was haben -sie denn? Sie sind so langweilig, zahm und langweilig, das sind sie.« - -Da fühlte er, daß er grob werden müsse und brach die Sitzung ziemlich -kurz ab. Vielleicht war er es auch geworden, das kann man bei ihm nicht -sicher wissen. Jedenfalls ließ er die hübsche Frau, denn das war sie -trotz alledem, in einigem Staunen zurück. - -Ja, also so lag sie jetzt jedenfalls auch da oben, es war ihm, als ob -er durch die Wände sähe. - -»Komm, Ellen,« sagte er. »Wir gehen spazieren, wir brauchen sonst -niemand dazu.« - -Da gingen sie zuerst durch die lange, schmale Hauptstraße von Nervi -hin, an den vielen Läden vorbei und beredeten, was sie alles kaufen -wollten, wenn sie Geld hätten, und machten aus, wenn einmal das -Geldschiff komme, dann sollten alle, die sie zu Haus gelassen hätten, -etwas ganz Schönes kriegen und außerdem Ellen noch ein Eselsfuhrwerk. - -»Kommt es denn einmal?« fragte Ellen, und er sagte, daß man so etwas -nie ganz gewiß wissen könne, daß sie aber nun zuerst die Frau Eidechse -besuchen wollten. - -Die Frau Eidechse wohnte in einer Mauerritze, ganz weit draußen an der -Strandmauer, da, wo der rote stachelige Kaktus blühte hoch über dem -Meer. - -Sie mußten durch ein schmales Gäßchen hinunter, das war links und -rechts aus hohen, steinernen Gartenmauern gebildet. Oben sahen die -dunkelgrünen Zypressen und Pinien und die silberigen Olivenbäume -herüber, was aber sonst noch dahinter war, das konnte kein Mensch -wissen. Das war das Allergeheimnisvollste, was es geben konnte, so ein -Garten hinter einer steinernen Mauer. - -Sie gingen aber schnell durch das Gäßchen hindurch, sie wollten es gar -nicht wissen, was dahinter sei, denn von unten her glänzte schon das -Meer herauf. - -Da lag es in der Sonne und da lag auch die Strandmauer. - -»Guten Tag, Frau Eidechse, Sie werden höflich zu einem Konzert -eingeladen,« sagte er. - -Sie war aber nirgends sichtbar. - -»Sie hat noch im Haus zu tun bei den Kindern. Ist auch gut, so fangen -wir einmal an.« - -Da fing er an zu pfeifen. Denn pfeifen, das konnte er trotz des -Halsleidens, das schadete nichts. Er hatte sich darin zu einer gewissen -Virtuosität ausgebildet. »Was soll ich pfeifen, Ellen?« - -Sie kannte sein Repertoire gut. »O du lieber Augustin,« sagte sie -unverweilt. - -Da pfiff er: »O du lieber Augustin.« - -Ellen bekam glänzende Augen. - -Nicht wegen des Pfeifens, sondern weil nach kurzem Zögern die Frau -Eidechse richtig aus ihrem Mauerloch herausschwänzelte. - -Sie hatte ein grünes Kleid an und Goldbörtchen über den Rücken -herunter, und ihre schwarzen Äuglein funkelten lebhaft. - -»Grüß Gott, Frau Eidechse, ist das nicht schön? Wo haben Sie denn Ihren -Herrn Eidechserich?« - -»Ach, der wird bald kommen, er ist auf den Berg gegangen zum -Mückenfang.« - -Ellen sagte nachher, diese Antwort habe Holder gegeben, aber er sagte, -die Eidechse habe es selber getan auf eidechsisch, da konnte sie nicht -streiten. - -Das Publikum wurde unruhig, drehte den Kopf hin und her und wackelte -mit dem Schwanz, so mußte er weiter pfeifen. - -Als das Lied aus war, zog sich die Frau Eidechse zurück. - -Da pfiff er auf Ellens Wunsch: »Weißt du, wie viel Sternlein stehen?« -alle drei Verse. Aber die Eidechse kam nicht mehr. - -Er versuchte es nochmals mit dem »lieben Augustin«, und siehe, da war -sie gleich wieder zur Stelle. Da stellten sie es nun fest, daß »O du -lieber Augustin« ihr Leiblied sei. Und das bekam sie nun immer zu -hören, so oft sie zum Besuch da heraus kamen. - - * * * * * - -Es war merkwürdig: neuerdings bekam Mammi manchmal Anfälle von großer -Zärtlichkeit für Ellen. - -Dann konnte sie sich plötzlich im Garten auf dem Gras niederlassen und -beide Arme nach ihr ausbreiten. Aber Ellen war das nicht gewohnt und -kam darum nicht so schnell dahineingeflogen, wie Mammi wohl erwartet -hatte. Dann sagte sie klagend: »Ellen, hast du denn deine arme Mammi -gar nicht lieb?« und küßte sie viele Male, auf den Mund, in die Augen, -auf die Stirn, und drückte sie fest in die Arme. - -Und Ellen mußte sagen, daß sie die Mammi lieb habe. Das tat sie auch, -sie tat es aber ein wenig zögernd, ernst und still. - -Und Mammi sagte, das Kind müsse mehr unter Menschen kommen, und putzte -sich selbst und Ellen schön heraus, so daß sie beide sehr wohl in den -nächsten Umkreis des Musikpavillons paßten, und ging mit ihr dort -spazieren. - -Das tat sie einige Male. Da wurde sie eines Tags von einem Herrn, der -gleichfalls dort spazieren ging, gefragt, ob gnädige Frau vielleicht -Norwegerin sei, sie trage so wundervollen nordischen Schmuck, und sie -sagte: ja, wenigstens von Geburt und Erziehung. - -Und es fand sich, daß der Herr auch schon »da oben« gewesen war und -auch sonst schon an allerlei Orten, die sie kannte, es gab wundervoll -viel zu reden darüber und über noch vieles andere, an diesem Tag, und -am folgenden noch mehr, und so immer fort. - -Mammi erholte sich zusehends, wurde auch im Hause lebhaft und -gesprächig und fand, daß ihr Mann doch damit recht gehabt habe, daß er -ihr viel frische Luft und Bewegung verordnet habe. - -Besonders auch Segelpartieen bekamen ihr gut, aber natürlich konnte sie -dabei das Kind nicht mitnehmen, es war wohl überhaupt besser, wenn es -regelmäßig lebte, es war oft nicht so ganz wohl in letzter Zeit. - -Das fand Holder auch. Er sah, daß es an Heimweh litt. Es war merkwürdig -an so einem Kinde, aber es sehnte sich wahrhaftig immer nach seinem -Vater. Und es wußte, der Vater sehne sich auch nach ihm. Er hatte oft -an einem inneren Grimm zu würgen. - -Da ging sie nun wieder im gelben Leinenkleid mit dem silbernen Gürtel, -strich dem Kind übers Haar: »Adieu, Kleines, geh artig zu Bett, hörst -du? Mammi hat Schokolade für dich.« Weg war sie. - -Als ob es dem Kind um Schokolade gegangen wäre. - -Sah sie denn nicht, daß es Hunger litt nach Liebe, nach Daheimsein? -Nein, das sah sie nicht. - -Er aber sah es. Heute früh hatte er ein Lied gefunden; es stand in -einer Zeitschrift und hieß: Das frierende Seelchen. - -Das ging ihm heute den ganzen Tag durch den Sinn. Es schien so sehr für -Ellen zu passen. - - Wenn ich nur wüßt’, wo der Heimweg wär! - Was bin ich nicht geblieben? - Suchen muß ich, hin und her - bläst ein Wind, und mich schauert sehr, - irgendwer hat mich vertrieben. - - Irgendwo, weiß ich, bin ich zu Haus, - aber wo, wer kann’s sagen? - Flüglein hab ich, und breit’ sie aus, - fänd’ ich nur aus der Welt hinaus, - wollt’ ich nimmer klagen. - - Bin ein armes, verirrtes Kind, - such in dem Lärm der Gassen, - horche hinein in den wehenden Wind, - ob ich nirgends die Töne find’, - die ich zu Haus verlassen. - - Hie und da nur ein leises Getön, - ein Wort, ein Streifchen Sonne, - ein lieber Blick, ein feines Verstehn, - dann muß ich wieder suchen gehn - nach meiner Heimatwonne. - -»Komm, Ellen.« Er nahm sie mit sich ans Meer hinunter. Artig zu Bett -gehen, das konnte sie noch lang. Jetzt lag die Sonne noch über dem -Wasser, es war ein wundervoller Abend. Weithin lagen die Berge am Ufer -rotgolden beschienen, die weißen Villen glänzten und Fenster leuchteten -in der Abendsonne. Fischer fuhren hinaus und sangen in ihrem Boot, und -irgendwoher kamen fröhliche Stimmen, Gelächter und Jubel. Und so ein -Kind sollte nicht froh sein? - -Auch hatte das Gedicht nämlich noch einen zweiten Teil gehabt, der -ihn heut besonders rührte. Vielleicht wäre ihm Ellens bekümmertes -Gesichtchen sonst nicht so besonders aufgefallen. - -Er verhöhnte sich selbst damit, daß sie ihm nur als Objekt für seine -lyrische Stimmung diene, aber das mochte sein, wie es wollte, darum -freute es ihn doch, daß sie nun da unten neben ihm saß und ihr kleines -Händchen in seine große Hand schob. Da sagte er es richtig noch einmal -in Gedanken vor sich hin: - - -II. - - Schlug das Seelchen seine Flügelein, - barg sein trauerndes Gesicht hinein, - weinte leis und bang und bitterschwer: - Wenn ich doch zu Haus, zu Hause wär! - - Kam die Lieb’ des Wegs und rührt es sacht: - Grüß dich Gott, ich habe dein gedacht! - Hob das Seelchen sein verweint Gesicht, - weil sie sprach, wie man zu Hause spricht. - - Nahm die Lieb’ das Seelchen in den Arm, - hüllt’ es in des Mantels Falten warm, - sprach: Wir sind vom Himmel, du und ich, - armes Seelchen, komm, ich trage dich! - - Spannt’ das Seelchen seine Schwingen aus: - Liebe du, du bist mir Heim und Haus! - Liebe, bleib mir Trost und Weggeleit! - Sprach die Liebe: bis in Ewigkeit! - -Wenn man es genau untersucht hätte, so hätte er vielleicht auch ein -wenig Heimweh gehabt, oder vielleicht nennt man es bei Männern anders. -Es war aber doch, da es schon ein wenig gegen das Frühjahr hin ging, -und es mit dem Hals nicht so vorwärts wollte, wie er gedacht hatte, so -etwas. - -»Du, Holder,« sagte Ellen, »ich habe dich furchtbar lieb. Ich habe dich -so lieb – bis wo der Himmel anfängt.« - -»So,« sagte er, »das ist aber hoch hinauf.« - -Da war es ihr auf einmal nicht genug. - -»Nein, noch höher hinauf,« sagte sie. »So hoch wie der liebe Gott ist.« - -Davon mußte er nun notwendig ein bißchen abzwicken. »So hoch hinauf -kann man nicht,« bemerkte er. - -»Aber bis wo dem lieben Gott sein Kopf anfängt,« sagte sie. Mehr wollte -sie nicht abgeben. Da ließ er’s; später, dachte er, werde es sich schon -ausgleichen. - -Die Sonne sank tiefer und tiefer. - -Schon nahte sie sich dem Wasserspiegel. Er sah still in ihr goldenes -Licht und über die beschienenen Fluten hin. - -Da fühlte er, wie sich das Händchen da in seiner Hand so krampfhaft -festhielt und als er in Ellens Gesicht sah, da war es angstvoll und die -Augen sahen ihn hilfeflehend an. - -Er sah, es ging ihr um die Sonne. Sie hatte sie noch nie ins Wasser -tauchen gesehen. - -Aber er wollte ihr nichts sagen; er war ein Pädagog; sie sollte es nur -erleben. Er hielt aber doch das Händchen ein wenig fester als zuvor, -zum Zeichen, daß er im Notfall auch noch da sei. Und sie sank und sank; -da war sie nun am Wasser, und leise, leise glitt sie hinab. - -Da brach Ellen das zitternde Schweigen. - -»O, sie fällt ins Wasser, sie fällt ins Wasser,« rief sie in so -jammervollem Tone, daß ein Stein hätte trösten müssen. - -Er war aber härter als ein Stein und schwieg. - -Da wurde es dunkler und dunkler; nur noch ein goldenes Auge sah über -die Fluten hin, dann erlosch auch dieses, da eilten die purpurnen -Wellen so verlassen und klagend zum Ufer hin. »O, jetzt haben wir keine -Sonne mehr,« klagte sie. - -»O, jetzt ist sie hinuntergefallen, jetzt haben wir keine Sonne mehr,« -jammerte Ellen. - -Da trat ihr Freund in den Riß, denn jetzt war es Zeit dazu. - -Und er sagte, daß sie nicht hinuntergefallen sei und daß sie morgen -wieder komme. Denn dort hinten, ganz weit hinten, sagte er, die braunen -Kinder, zu denen die Schiffe hinfahren, die müßten doch auch Sonne -haben, nicht? - -Da wurde das Gesichtlein wieder froh, aber erst, als er ganz sicher -versprochen hatte, daß sie wieder komme und daß sie, Ellen, in aller -Frühe zu ihm kommen dürfe und mit ihm sehen, wie die Sonne aufstehe. - -Das tat sie denn auch. Ein Fingerlein pochte an seine Tür, als die Luft -draußen noch grau war und er noch im Bett. Dann, als das Fingerlein -keine Antwort bekam, wurde eine kleine Faust zum Klopfen geschickt. - -»Ja?« - -»Ich will sehen, wie die Sonne aufsteht.« - -»Sie ist noch weit, sie ist erst in Chiavari, sie muß noch hinter dem -Berg heraufsteigen.« - -»Du, Holder.« - -»Ja?« - -»Laß mich herein. Ich geh’ derweil auf deine Terrasse hinaus, dann sag’ -ich dir, wenn sie kommt.« - -Da mußte er sie doch hereinlassen. - -»Wer hat dich denn geweckt, Ellen?« - -»Niemand, ich bin selber aufgewacht.« - -»Wer hat dich denn angezogen?« - -»Selber.« - -Es war vielleicht darnach, aber das war den zwei Freunden einerlei, die -gleich hernach miteinander draußen standen und ihre Augen ausschickten, -ob sie die Sonne kommen sehen. - -Das Meer war auch noch nicht recht aufgewacht. Es warf sich plätschernd -herum und wollte zu sich kommen. - -»Du, Holder, was sagt es?« - -»Es sagt: Mutter gib mir einen Kuß, sonst friert’s mich.« - -»Wer ist die Mutter?« - -»Die Frau Sonne.« - -Da schoß auf einmal ein goldener Strahl wie aus einem Hinterhalt hinter -dem Berg hervor, dann noch einer, dann viele. - -Dort drunten am Meer macht die Sonne keine langen Vorbereitungen. Sie -kommt auf einmal und dann ist sie da. - -Da nahm sie sie alle in die Arme wie eine rechte Mutter, alle ihre -Kinder: den Mann und das Kind, und die Gärten und das Meer. Da -breiteten sie sich alle ihr entgegen und glänzten auf, so froh waren -sie. Vielleicht war das Kind am frohesten, weil es gestern abend am -meisten getrauert hatte. Die andern, das Meer und die Bäume, die hatten -sie schon öfter gehen und kommen gesehen, sie wußten schon, wie sie -es mit ihnen halte und daß immer wieder ein Aufgang komme nach dem -Niedergang. - - * * * * * - -Holder ging allein in der Welt herum. Er kam von einem weiten -Spaziergang zurück und hatte einen großen Blumenstrauß in der Hand. -Den wollte er nach Hause schicken, er sollte seine Schwester an ihrem -Geburtstag grüßen. Langsam bog er in den Garten ein. - -Es ging vielerlei in ihm um. - -Die Wintergäste fingen an, abzureisen, vorgestern waren einige -gegangen, und gestern wieder. Heute, das wußte er, reiste ein Ehepaar, -an das er sich einigermaßen angeschlossen hatte. Es tat ihm nun doch -auch leid. Er brauchte lange, bis er sich den Menschen auftat, aber -wenn es dann geschah, so war es auch nicht nur so obendrauf. Er hatte -so gar keine Eintagsfliegennatur. Nun hatte er nach und nach an diesen -allen teilgenommen, die da um ihn her lebten, litten und sich freuten. - -Er hatte gesehen, daß sie alle ihre Schicksale in und mit sich trugen, -daß das Verschiedene an ihnen doch viel mehr zufällig und äußerlich -war, und daß sie alle Menschenherzen hatten, die nach Leben, Liebe -und Gemeinschaft verlangten, daß sie oft Wunden zudeckten, wo sie -lachten und feine, herzliche Züge an sich trugen, wo er zuvor nur -Oberflächlichkeit und leichten Sinn gesehen hatte. - -Einer von ihnen war gestorben, der lag nun draußen auf dem kleinen -Friedhof am Berge, den Pinien und Zypressen beschatteten und zu dem das -Meer, das sich an den Felsen brach, sein ewiges, großes Schlummerlied -heraufsang. - -Und zwei junge Menschen hatten sich gefunden, um immer miteinander zu -gehen. Sie waren krank angekommen, und gesund geworden, und nun lag -das Leben vor ihnen in leuchtender Fülle und sie wollten es fassen und -halten und eines in des andern Augen das Meer, das große Meer mitnehmen. - -Das war so schön, frohe Menschen froh zu sehen. So ganz von tief unten -herauf froh, wie diese es waren. - -Das war das Schönste, was man sehen konnte, schöner als Rosen- und -Nelkengärten, schöner als Sonne, Meer und Land. - -Ueberhaupt, das mit dem schönen Land. - -Er hatte es genossen, das mußte man sagen. Er hatte es mit allen Sinnen -in sich hineingenommen. Aber nun hatte er plötzlich genug davon. Es war -doch schließlich immer dasselbe. So ein farbenfrohes Leuchten, Glänzen, -Blühen war schön, wenn es vorher trüb, dunkel und kalt, wenn es Winter -gewesen war. Er hatte es wieder mit dem Dichten. Unterwegs, auf dem -Gang ins Nervital, hatte er sich bei dem schönen Land erkundigt, ob es -denn sonst nichts habe - - als üppige Glut und Füll’? - kein zartes Knospen und Werden. - kein Fragen, ob’s auf Erden - wieder lenzen will - - nach langem Winterharm? - und nirgends Bäume im Garten - die ihres Frühlings warten - mit ausgestrecktem Arm? - -Er sah es so deutlich vor sich, wie es nun zu Hause war: linder, -goldener Sonnenschein auf wintermüden Gassen, da und dort noch ein -Fleckchen Schnee, und an geschützten Stellen schon die Veilchen, und -Amselgesang auf kahlem Geäst, dem im währenden Singen ein lichter -grüner Schleier sich wob. - -»Du, Ellen, ich muß dir etwas sagen.« - -Denn sie war soeben durchs Mauerpförtchen herein von der -Strandpromenade her auf ihn zugerannt. - -»Ja, was?« - -Aber er mußte sie vorher betrachten. Sie hatte ein hellblaues -Seidenkleidchen an und eine weißseidene Schärpe, und hatte einen -großen, weißen Spitzenhut auf. - -»Geputzt wie ein Affe,« dachte er plötzlich grimmig, obgleich sie -freilich hübsch genug aussah. - -»Da sieh, Holder,« und sie zeigte ihm mit Wichtigkeit ein Schmuckstück, -das sie um das runde, weiche Ärmchen trug. - -Es war eine kleine Eidechse aus grünem Email mit zwei winzigen roten -Rubinäuglein. - -»Fein, gelt? Ich habe es von dem Onkel, der immer mit Mammi geht. Und -er schenkt mir morgen eine Dose, die kann man aufziehen, dann macht sie -Musik. Und heut mittag darf ich mit dem Onkel und mit Mammi ausfahren -in einem Wagen, der hat rote Samtpolster. Das ist fein, nicht? Ich bin -so froh, bist du auch so froh, Holder?« - -Ja, sie war so froh über ein bißchen Freundlichkeit und -Mitgenommenwerden, und er hätte ihr am liebsten das Armband genommen -und ins Meer geworfen, so zornig war er. - -Er sagte gar nichts. - -Aber sie merkte es heute nicht gleich, daß er verstimmt sei. Sie war zu -froh dazu. - -»Meine Mammi ist schön, gelt?« sagte sie. »Dort unten kommt sie. Sie -hat ein schönes Kleid an und lacht, und sie hat zu mir gesagt: ›Du bist -ein süßer, kleiner Schneck.‹ Gelt, das freut dich auch, wenn deine -Mammi so zu dir sagt?« - -Aber er wollte jetzt nicht sehen, wie schön Mammi sei. Er wollte jetzt -nichts von Mammi wissen. - -»Komm, wir gehen da hinüber,« sagte er. »Wir setzen uns ins -Rosenrondell, dann sag’ ich dir etwas.« - -Ja, das wollte sie gern, sie machte ihre großen Augen; was er wohl -sagen wollte? - -»Denk einmal, als ich heute morgen aufwachte, da ist vor meinem Fenster -alles dick voll mit Schwalben gesessen. Auf der Terrasse, auf der -Dachrinne, auf den Telegraphendrähten. Sie sind übers Meer her gekommen -und jetzt gehen sie heim. Sie sind schon wieder fortgeflogen, sie haben -nur hier ein wenig ausgeruht.« - -»Heim, wo ist das?« Sie riß die Augen mächtig auf. - -»Heim ist in Deutschland, am Neckar und am Rhein und im Schwarzwald, -und auch in Bühringen.« - -Denn Bühringen lag im Schwarzwald. - -»Da haben sie ihre Nester an den Häusern unter den Dächern.« - -»Ja, du, Holder, bei uns auch, am Stall und an der Waschküche. Der -Andres hat gesagt – mhm, man dürfe sie nicht fortjagen und die Katze -dürfe sie nicht fressen, weil es Schwalben sind.« - -»Und als sie mich gesehen haben, da haben sie angefangen zu schwatzen, -alle durcheinander.« - -»Was haben sie denn gesagt?« - -»Sie haben gesagt: ›Wir sind so froh, daß wir heimkommen. Daheim, da -fangen jetzt die Bäume an zu blühen, und der Schnee ist fort, und es -gibt Veilchen, und viele tausend Mücklein fliegen in der Sonne herum, -die fangen wir alle.‹ Da habe ich gesagt: ›Nehmet auch einen Gruß mit -an Ellens Papa, weil er so allein ist, und sie komme bald nach, sie -wolle dann mit ihm Maiblumen holen im Bühringer Wald, die seien jetzt -bald offen.‹« - -Sie nickte ernsthaft mit dem Kopf und ihr glückliches Gesichtlein -beschattete sich. - -Er kam sich schändlich vor. Mußte er denn mit Gewalt das Heimweh -heraufrufen, das ein wenig geschlafen hatte? Er meinte freilich, dieses -Heimweh gehöre gar nicht anders kuriert als durchs Heimkommen. - -Der »Onkel, der immer mit Mammi ging«, der kurierte es mit Armbändern -und Spieldosen. - -Da kam nun Mammi den schmalen Gartenweg herab. Sie suchte ihre Tochter -und sah ja freilich schön aus. Was man so schön heißt. - -Sie kam so groß und schlank und blond daher in ihrem leichten, hellen -Seidenkleid und unter dem großen, federngeschmückten Hut. - -Ja, und sie lachte, ganz wie Ellen gesagt hatte. Aber ihm gefiel das -Lachen nicht, es war, als ob sie etwas damit verscheuche oder zudecke, -das sie jetzt nicht hören und nicht sehen wolle. - -»Ah, siehe da, der Herr Kandidat,« sagte sie fröhlich. »Sie haben mir -meine Tochter entführt. Ha ha. Sagen Sie, haben wir nicht herrliches -Wetter jetzt und ist es nicht schön hier?« - -»Mammi,« rief Ellen, »er hat die Schwalben gesehen. Sie sind -heimgeflogen und er hat einen Gruß an Papa gesagt. Mammi, wann gehen -wir heim?« - -Aber davon wollte Mammi jetzt nicht reden. - -Sie zog die Augenbrauen zusammen und gab keine Antwort. - -»Das hat mir gerade gefehlt,« sagte sie und brach eine voll erblühte -gelbe Rose vom Strauch, »sie paßt so gut hierher an meinen Gürtel. -Haben Sie vielleicht eine Stecknadel, Herr Kandidat?« - -Das hatte er, fast wider seinen Willen. - -»Ach,« sagte sie, plötzlich seufzend, und ließ sich ihm gegenüber auf -der runden Steinbank nieder, »es ist nicht immer leicht, gut zu sein.« - -Was war das nun wieder? - -»Ihnen fällt es wohl immer leicht? Sie sind so ernsthaft und -pflichtgetreu und gehen so geradeaus Ihren Weg. Man könnte Sie -beneiden.« - -»So, woher wissen Sie denn das?« Er fragte es fast grob. - -»Ach, das sieht man doch. So – so unverdorben und so geordnet.« - -Es ärgerte ihn, denn gar zu tugendsam wollte er doch auch nicht -erscheinen, obgleich nichts gegen ihre Worte zu sagen war. - -»Das bin ich nun leider nicht,« seufzte sie. - -»Aber ich kann auch nicht anders sein, als ich bin.« - -So? er hatte schon lang einiges gegen sie in sich angesammelt. Es -konnte eine schöne Rede geben, wenn er sie losließ. Das wäre ja recht -bequem, einfach: ich kann auch nicht anders sein – er fing an, sich -zu besinnen, wie er anfangen wollte, da sagte sie, als habe sie seine -Gedanken gelesen: - -»Nein, nein, Sie müssen nichts sagen, Sie kennen mich nicht genug dazu. -Sehen Sie, das Kind hat recht, Sie haben wirklich etwas von meinem -Mann. Nun machen Sie dasselbe Gesicht wie er, wenn er unzufrieden mit -mir ist. Dann liebe ich ihn gar nicht.« - -Sie sah plötzlich sehr ernsthaft aus. »Ich möchte nicht, daß die guten -Menschen schlecht von mir denken. Das tut mir leid, aber sie wissen -vielleicht nicht, wie es ist, wenn man in ganz anderer Luft geboren und -erzogen ist.« - -Er sagte nichts, es war ihm so sonderbar, daß sie ihn nun so plötzlich -zum Beichtvater machte, und doch war es ihm, als rufe etwas aus ihr -heraus, das nach Verstehen und Verzeihen verlange, und er wollte sie -hören. - -Er saß ganz still da und war auch ein wenig verlegen, und sie war -dankbar, daß er nicht redete und sagte, als müsse sie es aus sich -herausschaffen: »Haben Sie eine Heimat gehabt, in der Sie immer -wohnten und gut und sicher aufgehoben waren? Nun, ich ging auf Reisen, -als ich drei Jahre alt war, weil mein Vater den Ort nicht mehr sehen -wollte, an dem meine Mutter starb. Immer in Pensionen, bald im Norden, -bald im Süden. Kennen Sie das? O, wir waren sehr vergnügt, mein Vater -und ich. - -Alle Leute kannten mich immer als sehr vergnügt. Einmal war ich des -Lachens überdrüssig, da weinte ich eines Abends für mich allein. Es -war auf einer Veranda am Vierwaldstättersee. Vielleicht war es, weil -mein Vater kurz vorher gestorben war. Oder ich weiß nicht warum. Das -sah einer, für den es eigentlich nicht bestimmt war, und er meinte, -er sehe nun etwas von meinem eigentlichen Ich, und das Lachen sei -nur obendrauf. Vielleicht meinte ich es damals auch, und kurzum, ich -heiratete ihn und wir waren sehr verliebt ineinander, wie mir scheint. -Es kam mir hübsch vor, so auf dem Lande zu leben in einem grünumrankten -Hause, und einen solch ernsthaften, biederen Mann zu haben. Aber wissen -Sie, wie es allmählich wurde? - -Wie ein Käfig, in dem ein lustiger, farbiger Vogel sitzt und den ein -Bär bewacht. Der Bär ist gut und der Käfig ist gut und der Vogel ist in -seiner Art auch nicht schlimm, sie passen nur nicht zusammen. Das ist -das Ganze.« - -Sie hatte, während sie sprach, drei oder vier Rosen zerpflückt, es lag -eine Menge gelber, schimmernder Blätter auf dem Rasen. »O sehen Sie, -das Kind,« unterbrach sie sich plötzlich, »was es für Augen macht. Ganz -große. Ellen, mach andere Augen. Sie hat natürlich alles gehört.« - -»Das Kind haben Sie vorhin nicht mit aufgezählt«, sagte er trocken. - -»Welchen Platz geben Sie dem? gehört es zum Vogel oder zum Bären?« - -Da beugte sie sich rasch herunter und küßte es heftig, drei- oder -viermal, aber eine Antwort gab sie nicht. - -»Das Kind gehört heim.« Nun war es ihm, als ob er seine ganze Rede -gehalten hätte, denn sonst wußte er eigentlich nichts zu sagen und -darum stand er auf und schickte sich zum Gehen an. Er hatte immer noch -seine Blumen in der Hand, die wollte er nun einpacken. - -»Ja, ja,« sagte sie und sah aus, als suche sie etwas in weiter Ferne. -»Er hängt furchtbar an Ellen und auch an mir. Es ist nicht leicht, das -läßt sich aber nicht ändern. Man kann nicht aus seiner Haut heraus, -er nicht und ich nicht. Das ist überall so. Glauben Sie, Sie kennen -die Welt noch nicht. Es ist nicht immer alles so glatt im Leben.« Sie -schüttelte sich, wie um aus Träumen zu kommen und sagte leichthin: »Es -ist nur gut, Kinder fühlen das noch nicht so, sie sind überall zu -Hause. - -Komm, Ellen, gib deiner armen Mammi einen Kuß.« - -So besonders hochachtungsvoll war der Blick nicht, mit dem er sie -betrachtete, als er nun den Hut zog und ging. - -»Sie versteht so viel von ihrem Kind, als eine Kuh von einem -Eichhörnchen«, brummte er vor sich hin und zertrat mit breitem -Stiefelabsatz eine kleine Kröte, die über den Weg hüpfte. Das hatte er -nicht gewollt. Er blieb bedauernd stehen, aber es war nun schon so. So -etwas kleines ist schnell zertreten. - - * * * * * - -Am andern Tag machte er eine Wanderung ins Land hinein. Er ging den -ganzen Tag, kehrte in kleinen, verräucherten Wirtshäusern ein, half -einer dunkeläugigen Magd Fische in Öl backen, trank tiefroten Chianti -aus dem strohumflochtenen Fiasko dazu, redete mit Fischern und Bauern, -so gut es sein schlechtes Italienisch hergab, ließ sich von der Sonne -durchscheinen und fing im Wandern an, zu singen und zu jodeln. Als sich -das der Hals gutwillig gefallen ließ, war es ihm, als müsse er nun -schleunigst umwenden und nach Hause fahren, denn nun war er ja gesund. -Er blieb aber doch in einem Wirtshaus, das einsam in einem engen, -schmalen Taleinschnitt unter alten Olivenbäumen stand, übernacht, fand -dort eine Hochzeit, hörte bis spät in die Nacht hinein eine Musik von -Dudelsack und Flöten und sah sich die Paare auf dem Steinboden vor dem -Hause im Tanze drehen. Dann schlief er tief in den Vormittag hinein und -als er erwachte, fielen ihm eine Menge Dinge ein, die er vorgestern -hatte der Frau Hermelink sagen wollen. Lange, überzeugende Sätze, die -alle darauf hinausliefen, daß es nicht so sehr darauf ankomme, ob das -Leben angenehm sei oder nicht, wenn man nur seine Pflicht tue. Und daß -man mit einigem guten Willen viel machen könne. Und noch mehreres. Er -dachte, sie habe ja doch auch ihre guten Seiten und sie habe ihn ein -paarmal fast gerührt. Und sie scheine einen guten Mann zu haben, mit -dem sich doch leben lassen müsse. Das sagte er ihr alles in Gedanken, -denn in Gedanken war er manchmal recht beredt und verstand sich gut -auszudrücken. - -Aber als er da lag und ihm die Sonne ins Bett schien, da waren die -beiden, die Mammi und das Kind, schon unterwegs. Sie fuhren auf einem -Dampfer nach dem Süden und die Spieldose stand auf der Bank neben Ellen -und spielte: »o du lieber Augustin« und Ellen sagte zu dem Onkel, der -sie ihr geschenkt hatte: »das ist der Frau Eidechse ihr Lieblingslied«. -Da lachte er und Mammi lachte auch, und weil sie beide so fröhlich -waren, lachte Ellen auch mit. Sie wußte nicht, daß Mammi sich verlaufen -hatte und den Heimweg nach Bühringen nicht mehr suchen wollte und daß -sie selber als ein heimatloses Kind mit auf Reisen ging. Sie sah nur -das Heut, das war voll Sonne. - - * * * * * - -Er nahm Abschied von Haus und Garten und Meer und zuletzt auch von -Schwester Clementine. - -Er hatte sie immer ein wenig im Verdacht gehabt, daß ihr gütiges -Lächeln Herablassung sei und hatte sich stolz und mannhaft dagegen -betragen. Aber schließlich hatte er doch nicht mehr ganz dagegen -angehen können, daß sie immer so blieb: liebenswürdig und fein und -vornehm; – allerdings schien sie zu wissen, daß sie das alles sei, aber -dafür konnte sie wohl nichts und er hatte es ihr verziehen und gedacht, -schließlich habe sie sich auch nicht selbst zur Gräfin gemacht und es -können nicht alle Menschen gleich sein. - -Zwar die schlanke weiße Hand, die sie ihm zum Abschied reichte, küßte -er nicht, obgleich er gestern den französischen Rechtsanwalt so hatte -tun sehen. Aber er drückte sie mit seiner ganzen neuerrungenen Kraft -und sah mit ehrlichem Dank in das schöne Gesicht. Es habe schmerzlich -darin gezuckt, dachte er nachher und wunderte sich, daß es ihr leid -zu tun schien, daß er gehe. »Sieh’ da, echtes menschliches Gefühl,« -dachte er und wußte ja freilich nicht, daß sie ihre Hand besah, als sie -ins Haus zurückging. Sie hatte einen breiten roten Streifen. - - * * * * * - -Nun war er zu Hause. Er hatte es alles so gefunden, wie er erwartet -hatte: blühende Wiesen, neubestellte Gärten und Äcker, Lerchen, die -sich in die Luft schwangen und freilich auch viele, viele Spatzen, -die sich lärmend umhertrieben und vor ausgelassener Daseinsfreude -schrieen. Er ging durch die Dorfgasse, die nach dem Filial führte, in -dem er Unterricht zu geben hatte und mußte sich zugeben, daß sie sehr -aufgeweicht sei und ein Bauer sagte ihm, daß das im Frühjahr so die -ersten paar Wochen nach dem Schneegang immer so sei. Und es fielen ihm -die leuchtend weißen, glatten Straßen ein, die er dort unten gegangen -war. Kinder sprangen herbei und gaben ihm die Hände und er mußte an ein -anderes kleines Händchen denken, das nicht so klebrig, aber mindestens -ebenso vertrauensvoll gewesen war. Wo mochte es sein? was wurde aus -ihm? wer nahm es in seine Hand? - -Es war ihm nicht leicht zumute, als er daran dachte. - -Er meinte, er hätte es vielleicht festhalten sollen, beschützen, -entführen – er wußte selbst nicht, was. - -Vielleicht hätte er der Mutter mehr sagen sollen; sie hatte ja -sonderbarerweise eine Art von Vertrauen zu ihm. - -Denn, hilf Himmel, was machte sie wohl aus dem Kinde? - -Sie führte es in der Welt herum, weil sie selber rastlos war, sie -lehrte es, zu lachen, wenn sein Herzlein weinte und lehrte es, die -Heimat zu vergessen über der Fremde, die Armbänder hatte und Spieldosen -und Schmeicheleien statt Liebe. - -Er dachte an den einsamen Mann dort in Bühringen und meinte, er hätte -ihnen allen helfen sollen. Aber er wußte ja freilich nicht, wie, und -sie waren ihm nun auch aus der Hand gegangen, er konnte sie nicht mehr -finden. Da brannte etwas in ihm, daß man Menschenkinder müsse ins Leben -hineingehen lassen, das sie verderben wolle. Er wußte plötzlich, daß -ihrer viele seien, die in Gefahr und in der Fremde seien. Und er wußte, -daß eine Liebe in ihm sei, die ihnen helfen wollte und die doch in -sich selbst arm und machtlos dazu sei. Er sah die Menschen vor sich, -die Großen und die Kleinen, die auf ihn warteten, daß er ihnen etwas -bringe, das ihnen zum Leben und zum Werden helfe. - -Sie hatten alle auf einmal Ellens Gesicht und Augen und sagten, – die -Kleinen: wir wollen Menschen werden, denke daran – die Großen: wir -sind einmal Kinder gewesen. Vergiß es nicht! – Unterdem war er an -den letzten Häusern vorbei und ins Freie gekommen, da, wo sich von -der Landstraße aus der Blick ins Tal auftat. Rechts hatte er hellen -Buchenwald und links ging es in die Tiefe hinunter. Das Tal war noch -voll von wallenden Morgennebeln, es war wie ein Meer, und darüber -segelten im blassen Blau des Himmels ein paar lichte Wolken. Da dachte -er an das Meer, das er im Süden gesehen hatte und wußte, daß alle die -Wasser, die in den Nebeln und in den Wolken waren, in die große Flut -heimkehren würden, wenn sie ihren Kreislauf hinter sich hatten. - -Und er dachte auch an das Meer, das er im Traum gesehen hatte, und -dachte, wenn einer sei, aus dessen Willen heraus alles geflossen sei, -was da webe, so müsse es ihn ja nicht ruhen lassen, bis auch die letzte -Welle seines Wesens, die er in ein Menschenkind hinein geschaffen habe, -nach allem Irren in ihren Ozean zurückgefunden habe. - -Und es ward ihm im Ausschreiten groß und froh zumute. - - - - -Ein Vater - -[Illustration] - - -1. - -Es war kühl und dämmerig in dem hohen, weiten Kirchenschiff. Und -still war es da. Nur fernher, gedämpft, gebrochen durch die massiven -Steinwände des riesigen Baues, drangen die Laute der großen Stadt in -die Stille herein. Durch die bunten Scheiben der Chorfenster fiel -das Sonnenlicht auf den blumengeschmückten Altar und auf die grüne -Wand der Blattgewächse, die hinter demselben aufgerichtet stand. -Der Kirchendiener ging geräuschlosen Trittes auf den ausgebreiteten -Teppichen hin und her, rückte an den Stühlen, die im Halbkreis um den -Altar standen, und ordnete noch dieses und jenes zum letzten Male. Auf -den Emporen knarrte es hie und da von behutsamen Tritten. Da fanden -sich nach und nach teilnehmende Freunde und neugierige Zuschauer ein, -die der Hochzeitsfeier des reichen, jungen Fabrikanten Bruckmann -zusehen und zuhören wollten. - -Unten im Schiff, ganz allein in den langen Bankreihen saß ein alter -Mann. Er war durch die schmale Seitenpforte hereingekommen und mit -schweren, stapfigen Tritten durch den weiten Raum gegangen. Nun -trocknete er sich mit dem roten Taschentuch das verwitterte Gesicht, -nahm die Mütze ab und sah dann still vor sich hin. Es war noch zu früh -zum Anfang. Einzelne Orgeltöne schwebten durch den Raum, der Organist -setzte sich in Positur; draußen hörte man Wagen vor- und dann wieder -abfahren. - -Die Gedanken des alten Mannes gingen in ferne Zeiten zurück. Er gehörte -heute näher zu dem Fest, als all die vornehmen Gäste. Näher, als -ein Mensch wußte. Er strich sich über die furchendurchzogene Stirn, -wie einer, der seine fliegenden Gedanken zusammenhalten und ordnen -möchte. Das ging nicht leicht. Da war so vieles, was sich ihm wieder -aufdrängte, als wäre es gestern geschehen. Weißt du noch? Weißt du -noch? Ja, er wußte noch. - -Eine Dorfgasse sah er, still lag sie da im mitternächtigen Schein des -Mondes. Der Tod ging hindurch. Zuerst kehrte er in der Villa ein, -die auf dem Lindenhügel am Eingang des Dorfes stand. Zwischen Ärzten -und Pflegerinnen ging er hindurch, still und unerbittlich, und nahm -der jungen Mutter das Kind aus den Armen. Es war ihr einziges. Sie -hatte vor einem halben Jahr seine Geburt fast mit dem Leben bezahlt, -es war keine Aussicht, daß sie je wieder ein liebes Kind ihr eigen -nennen dürfe. Der Gatte hielt sie umschlungen. So, miteinander, mußten -sie zusehen, wie der Tod das Kind aus ihrem Haus nahm. Er hatte den -Auftrag, daran war nicht zu rütteln. - -Dann ging der Tod die stille Gasse hinunter, an den dunklen Häusern -vorbei, bis zu einem kleinen, alten, aus dessen Fenstern ein -Lichtschein fiel. Hier wartete man auf ihn, man wußte, daß er komme. -Aber es war doch so schwer, ihn einzulassen. Denn er wollte das Herz -aus dem Haus holen. Und das tat er nun auch. Die Kinder schliefen, es -waren sieben, und das jüngste lag in einem Korb neben dem Bett der -Mutter und wußte noch nichts vom Leben. Und alle miteinander wußten -noch nichts vom Sterben und daß die Mutter einmal nicht mehr da sein -könnte. - -Der Mann wußte es; es war eine Qual. Er wollte gern jetzt nicht mehr -so stark daran denken, wie er so dasaß in der Kirche und auf die -Hochzeitsgesellschaft wartete. Aber er mußte es doch tun. Er sah sich, -wie er ihr die Augen zugedrückt hatte. Sie war sein Weib gewesen -und die Mutter der Kinder. Und die Welt- und Lebensangst war in -hohen Wellen über ihn hereingeflutet, als er in den grauenden Morgen -hineinsah und nicht wußte, wie sich für ihn und die Schläfer neben ihm -das Leben nun gestalten sollte. Das ganz Kleine rührte sich. Er nahm -es heraus. »O du,« sagte er, und das Schluchzen schüttelte ihn, »o du -Würmlein. Geh’ mit, geh’ auch zu ihr.« - -Aber es war nicht gegangen, so nicht, wie er es im ersten Schmerz -gemeint hatte. So nicht. Aber doch auch von ihm fort, weiter fast, -dünkte es ihn, als wenn es bei der Mutter im Himmel wäre. »Dann hätte -sie es im Arm,« dachte er. »Dann wären sie miteinander fröhlich da -droben.« - -Er war ein einfältiger, schlichter Mann. Er konnte es sich nicht anders -vorstellen, als daß die Mutter das Kind auf dem Arm trüge, wenn es bei -ihr im Himmel wäre. - -Und das konnte nun nie sein. - -Denn das Kind gehörte nicht mehr zu ihnen allen. Er hatte es -hergegeben, verschenkt hatte er es, und ihm war, als sei es nun mit -Leib und Seele denen eigen, die es aufgezogen, zum Leben geweckt und es -ins Leben eingeführt hatten. Es war ihm fremd und weh zumute, wenn er -heute daran dachte. Er hatte lange nicht daran gedacht; das Leben war -voll Arbeit, eintöniger, mühseliger Arbeit in der Fabrik gewesen, und -voll Sorge. Es stieg ihm nur in letzter Zeit wieder auf, und heute am -meisten. Es lagen zwanzig Jahre dazwischen. Zwischen damals und heute. - -Er entsann sich jenes Abends noch so gut. Er wußte noch, daß er in -schweren Sorgen seinen täglichen Weg von der Fabrik in der Stadt nach -dem Dorf hinaus gemacht hatte. - -Es stieg kein Rauch aus dem Schornstein seines Häuschens, und er wußte, -daß er jetzt seine Kinder streitend und sich balgend finden würde, oder -auch still und freudlos, je nachdem es ihnen gerad am Tag gegangen war. -Das Herz war ihm schwer, und er war müd und herabgestimmt. - -Da kamen ihm seine zwei kleinen Buben entgegengesprungen. »Vater, es -ist Besuch da. Der Herr und die Frau von der Villa droben. Sie warten -auf dich. Und Vater, sie haben gesagt, ob wir die Gretel hergeben; sie -möchten sie gern. Geben wir sie her, Vater?« Das war sein Jüngstes, die -Gretel. - -Er war damals froh gewesen. Es war doch ein Aufatmen. Und das Kind -brauchte doch nicht zu verkümmern, so ohne Pflege, ohne Mutterhände. Er -hatte es willig und gern den reichen Leuten gegeben, die so arm waren, -daß sie kein einziges Kind besaßen. Für ganz und immer hatte er das -zarte, feine Kindlein hergegeben. Sie zogen mit ihm aus der Gegend weg -und kamen nicht wieder in das Dorf. Sie gaben ihm ihren Namen, lehrten -es Vater und Mutter sagen und gaben ihm Liebe und Zärtlichkeit und -allen Reichtum des Lebens, soviel Menschen von dem Reichtum des Lebens -zu verschenken haben. - -Aber das war nun zwanzig Jahre her. Die Geschwister waren aufgewachsen -in Mühsal und Armut. Wenn wieder eins aus der Schule war, kam es in -eine Fabrik und hatte von nun an sein Brot selber zu verdienen. Das -verstand sich fast von selbst. Und dann wurden sie reife Menschen -und gründeten sich selber ihren Hausstand, so gut sie’s konnten. Sie -kannten nichts anderes vom Leben als Arbeit ums Brot, staubigen Werktag -an irgend einer Maschine und den kurzen Lichtblick des Sonntags. Es -hatte sie niemand so recht gelehrt, ein Licht in die Woche hinein zu -nehmen. Da mußte es auch so gehen. Der Vater hatte es einmal anders -gekannt, als er mit seinem jungen Weib auf dem Dorfe gewohnt hatte. -Seine Kinder wohnten alle in der Stadt, die Frauen gingen auch ins -Geschäft, die Kinder brachte man unter, so gut es gehen wollte. Es -war ein Leben mit wenig Sonne; aber sie waren den Schatten gewöhnt. -Es ging auch so. Sie lebten doch ein Menschenleben; es gab Glück und -Leid darin. Daß sie einmal eine Schwester gehabt hatten, ein kleines -Kindlein, das noch irgendwo leben mußte in Pracht und Herrlichkeit, das -kam ihnen nur noch wie ein fernes Märlein in den Sinn. Der Tag machte -so viele Ansprüche, sie hatten keine Zeit zum Träumen. Sie wäre ihnen -nicht ferner gewesen, wenn sie damals gestorben wäre. - -Der Alte lebte allein jetzt. _Auch_ in der Stadt, in einer stillen -Vorstadtstraße. Es war ihm allmählich zu weit geworden, den täglichen, -weiten Weg nach dem Dorf zu machen; und die Töchter konnten auch so -eher einmal nach ihm sehen. - -Er lebte still für sich hin, ein eintöniges Leben. Tagsüber in der -Fabrik, es war eine Gießerei, abends an irgend einem Wirtstisch, dann -allein in seiner Kammer. Er konnte es nicht anders verlangen, Hunderte -hatten es nicht anders. Manchmal gingen seine Gedanken in frühere -Zeiten zurück; nicht oft, sie waren allmählich etwas stumpf und müde -geworden. Da hatte sich vor einigen Wochen etwas ereignet, daran war -eine Seite seines Wesens wach und jung geworden. - -Der Chef, es war der Sohn des alten Herrn, unter dem er dreißig Jahre -gedient hatte, war jung verlobt. Und eines Tages durchschritt er mit -seiner Braut die Geschäftsräume. Er wollte ihr gern alles zeigen, -was sein war. Es kam nicht oft vor, daß solch eine lichte, feine, -junge Gestalt die hohe und etwas düstere Maschinenhalle betrat. Es -war, als ob sie ein Stück Sonnenlicht mit hereingebracht hätte, ein -Stück Frühling. Das _war_ sie auch, beides. Sie grüßte so unbefangen -freundlich nach allen Seiten, tat so tüchtige Fragen, nicht nur so, -um doch etwas zu reden. Sie wollte das und jenes wirklich wissen. Und -sie fragte auch die Arbeiter selbst, den und jenen. Ihr Bräutigam sah -sie erstaunt an, erstaunt und vergnügt. Das gab eine Kapitalfrau. Sie -wollte teilhaben an seinen Interessen. - -Die Arbeiter stießen sich an und lachten beiseite. Halb verlegen und -halb erfreut. »Das ist die Neuheit,« sagte einer. »Die frägt bald nicht -mehr. Damit will sie ihm gefallen.« – »Ach du, aber nett ist sie doch; -sie hält unsereins auch für einen Menschen. Nein, was wahr ist, sie -tut nicht hochmütig. Und sie soll schwer reich sein, da sind sie sonst -anders; man weiß ja, wie.« - -Das Brautpaar schritt weiter. Als sie an Grau vorbeikamen, sah er -auf. Er hatte bisher nichts gehört und gesehen, er putzte eben einen -Messingcylinder blank. Da fiel ihm der Lappen, mit dem er fegte, aus -der Hand. Ganz starr sah er die junge Braut an. Er strich sich mit der -Hand über die Stirn. Das war ja seine Anne. So hatte ja sein junges -Weib ausgesehen, im Gesicht und von Gestalt. Vielleicht nicht ganz so -fein und zart. Aber so hell aus den Augen, und den gleichen Zug um den -Mund, und das gleiche Haar. So trug sie den Kopf, so frei und gerade, -und so legte sie ihn ein wenig auf die Seite beim Sprechen. Es war wie -eine Geistererscheinung. Keines der anderen Kinder war ihr entfernt so -ähnlich. - -»Na, was ist denn, Grau?« fragte der Bräutigam. Er war in -Festtagsstimmung, und nun dachte er, den Alten blende so viel Schönheit -und freundliche Anmut, weil sie ihn selber blendete. Aber der -antwortete nicht. Er hob seinen Lappen auf, und als das Paar vorüber -war, lehnte er sich schweratmend an den Werktisch. Der Werkführer kam -heran und sah nach seiner Arbeit, und, gesprächig gestimmt durch ein -paar freundliche Worte von der schönen Braut, sagte er: »Er hat’s -hingedreht, der Herr. Die ist alles, was man Gutes will, die Braut. -Lieb und gescheit und schön und reich. Der kann lachen. Eltern hat sie -nicht mehr, er braucht auf kein Erbe zu warten. Sie hat alles schon in -Händen. Der Kommerzienrat Falkner war ihr Vater; er hat sie sich aus -München geholt, der Herr, mein’ ich.« - -»Falkner?« Grau hielt sich am Werktisch, mit zitternden Händen. »Ja, -was ist da Besonderes? Was haben Sie, Mann?« – »Ach, nichts, so’n -bißchen Schwindel.« Er drückte die aufsteigende Erregung nieder. -Und dann fegte er weiter, mechanisch. Wie ihm die Gedanken im Kreis -gingen, im Wirbel. Das war seine Tochter, seine. Sie wurde nun seine -Brotherrin. Wenn er nun aufstünde und zu ihr hinginge und sagte: »Ich -bin dein Vater!« Und ihr alles erzählte von dem kleinen Häuschen und -von dem Korb, in dem sie als Wickelkindchen gelegen hatte, von ihrer -toten Mutter, der sie so ähnlich sah wie keine ihrer Schwestern. Ja, -und von ihren Schwestern und Brüdern. Zwei Schwestern arbeiteten in -einer Spinnerei und eine war Falzerin in einer Buchbinderei. Und die -Brüder? Ja, einer von ihnen war gleichfalls hier im Geschäft, war -auch »ihr« Angestellter. Aber das ging ja nicht. Es war ja solch eine -große Kluft befestigt zwischen ihnen allen und ihr. Er hatte sie ja -hergegeben. Sie hatte von ihm nichts empfangen, als das Leben. Er -hatte kein Recht an sie. Und doch wallte es so warm und weich auf in -dem alten Herzen. Als wäre das Teil der Zärtlichkeit, das diesem Kinde -gebührt hätte, seither in der Ecke dieses Herzens gelegen und erhebe -sich nun und walle der Tochter entgegen. Er hatte nie besonders viel -Zärtlichkeit auf seine Kinder verwenden können. Was man so Zärtlichkeit -heißt. Die hatte sich bei den andern immer in die Sorge ums Brot -und die Kleidung und dann, so gut sich das tun ließ, ums Fortkommen -umsetzen müssen. Es war auch Liebe gewesen, rechte, echte, wenn man sie -gleich nicht beredete und kaum bedachte. - -Sie, die nun so plötzlich wieder in seinen Lebenskreis getreten war, -bedurfte dieser Art von Liebe nicht, und wohl auch des stillen und -hellen Flämmleins nicht, das der Alte so warm in seinem Herzen brennen -fühlte. Er mußte es für sich behalten, das ging nicht anders. Es war -ein Glück und ein Leiden in dem alten Mann, und niemand wußte es. - -Und heute war Hochzeit. Oben auf der Empore stießen ein paar junge -Arbeiter, die der Fürwitz hergeführt hatte, einander an. »Guck, der -alte Grau. Da sitzt er, ganz breit und preislich, unten. Der ist wohl -eingeladen? Der will sich wohl zeigen?« Und dann lachten sie und nahmen -sich vor, ihn heut nachmittag damit zu necken. - -Die Orgeltöne brausten durch den mächtigen Raum, wie auf gewaltigen -Flügeln. Der Alte vergaß, daß er nicht dazu gehöre. Er war von seiner -Gedankenwanderung zurückgekehrt, und nun war seine ganze Seele -dabei. Dort vorne, um den Altar her, hatte sich die bunte, festliche -Gesellschaft versammelt, und nun schritt das junge Paar herein. - -»Hebe deine Augen auf zu den Bergen, von welchen dir Hilfe kommt.« -Irgend ein unsichtbarer Chor sang es. Es klang wie linde, tröstliche, -ermunternde Mutterworte. Der Alte verstand den Text nicht so ganz. Er -hatte auch nicht viel Übung darin, die Augen aufzuheben, aber seine -Seele, die viel im Staub und in den Niederungen des Lebens wohnte, -versuchte doch, sich ein wenig in die Höhe zu heben. Es ging schwer. -Er tat seine harten, schwieligen Hände ineinander und stand auf, -als die Hochzeitsgesellschaft sich zum Gebet erhob, und versuchte -mitzubeten. Aber er hatte seine eigene Sprache dabei. »Lieber Gott,« -sagte seine Seele, »die Anne wird mir bös sein, daß ich das Kleine -hergegeben hab. Und ’s ist auch hart, daß ich muß so fremd sein und -doch in der Nähe. Ich möcht mir’s gern recht sein lassen, wenn’s ihr -nur gut geht. Sie hat so ein liebes Gesicht. Mach nur, daß ich still -bin, und niemand nichts sag’ und sie nicht störe. Und ich bin auch -gar allein jetzt, seit die Kinder groß sind. Aber darein muß man sich -halt schicken.« Er hätte vielleicht noch viel zu sagen gehabt, aber -es liefen ihm jetzt ein paar ungewohnte Tränen über die Backen, er -mußte sie wegwischen, und dann konnte er nicht mehr für sich allein -weiterreden, denn nun stand das Brautpaar vor dem Altar. Da ging alles -Denken unter in einem großen, feierlichem Gefühl. - -Und dann war es vorüber. Die Wagen rollten davon, die Schaulustigen -zerstreuten sich, und der alte Mann ging seinen stillen Weg nach dem -Geschäft. Er hatte heute das Mittagessen versäumt, um hier sein zu -können. Nun stand immer ein liebliches, junges Gesicht vor ihm, das -aus weißen Schleierwolken blickte und vor Glück und Liebe leuchtete. -Er war daneben gestanden, als das junge Paar in den Wagen gestiegen -war. So nah und doch so weit weg. Der Pfarrer hatte in der Traurede -davon gesagt, daß die Braut heute die Eltern zu vermissen habe, und der -Bräutigam den Vater, und daß das die Freude des Tages beeinträchtige. -Die alte Frau Bruckmann, die Bräutigamsmutter, hatte dabei geweint, und -ihm, dem alten Grau, war es durch und durch gegangen: »Sollst hingehen -und sagen, daß du da bist. Nun die anderen davongegangen sind, denen du -sie gegeben hast.« Aber dann rief er sich zur Ordnung. Was waren das -für närrische Gedanken. Sie lebte in einer ganz anderen Welt als er. Da -gab es kein Herüber und Hinüber. So war er still, und das mußte er ja -wohl immer bleiben. - -Wie sie ihn neckten in der Fabrik. »Was, nicht beim Hochzeitsessen? -Und bist so schön in der Nähe gesessen. Hättest einen Frack entlehnen -sollen, Grau, dann hättest Brautführer werden können.« Er lächelte -so eigen vor sich hin bei all dem. Da machten sie aus, daß er in die -junge Frau verliebt sei und hechelten ihn weidlich durch mit gröblichen -Scherzen. Die gingen wie ein Lauffeuer durch die Fabrik. Der Sohn hörte -sie, und der Schwiegersohn. Die beiden waren in einer anderen Halle -beschäftigt. Aber am Feierabend kamen sie herüber und sagten, lachend -und ein wenig ärgerlich: »Was machst du auch für Geschichten, Vater? -Machst dich ja zum Gespött.« - -Es sah dem Alten gar nicht ähnlich; sie konnten nicht recht klug aus -ihm werden. Der trocknete sich die gewaschenen Hände und schlüpfte -in den abgetragenen Rock, gleichmütig und still, und hatte so einen -merkwürdig aufgehellten Zug um Mund und Augen. Aber zu erklären hatte -er nichts. »Hm,« sagte er, »was tu’ ich denn? Laß sie doch reden. Allen -Leuten recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.« Das war schon -eine lange Rede von ihm. Er war noch wortkarger und schwerfälliger -geworden die letzten Jahre, die er nun allein lebte. - -Da ließen sie ihn und gingen nach Hause. Und auch er ging seines Weges -und straffte die nach vorn gebeugten Schultern ein wenig, ohne daß er’s -wußte. Das war, weil ihn so etwas Schönes, Junges gestreift hatte, so -ein Stück von seiner eigenen Jugend, das unberührt geblieben war von -der Mühsal der Arbeit und Sorge. - -Das ging nun so neben ihm her. Das setzte sich ihm in seiner Kammer -gegenüber auf einen der Bretterstühle und fing an, mit ihm zu reden. Er -war in seinem Leben nicht viel mit Poesie und Idealen und dergleichen -in Berührung gekommen; er kannte sie kaum dem Namen nach. Aber das -tat nichts. Darum kamen die freundlichen Geister nun doch zu ihm zu -Gaste, und ihm war, als habe er lange auf sie gewartet. Dazu hatte ihn -das Alleinsein empfänglich gemacht. Es ist nicht zu glauben, wozu das -Alleinsein die Leute bereitet. - - -2. - -Nun gingen wieder ein paar Jahre hin. In gleichem Schritt und Tritt -wie die früheren gingen sie dahin, und der alte Grau ging mit ihnen im -alten Trott. Werktags in die Fabrik, Sonntags manchmal zu einer der -Töchter oder zu den Söhnen. Es war nur ein wenig weit dahin, wo sie -wohnten, und es waren enge Wohnungen in menschengefüllten Häusern, wo -eine Familie dicht an der anderen wohnte bis unters Dach hinauf. Wo -sie einander in die Töpfe sahen und in die Familienangelegenheiten -einredeten. Das war nicht recht seine Sache. - -»Wenn ich jung wäre,« sagte er, »ich zöge aufs Land. Da kann man für -sich sein, und der Weg tut den Männern nichts, im Gegenteil.« Er hatte -so die Meinung, die Frauen könnten dann daheim bleiben, die Kinder und -das Hauswesen versorgen und noch ein Stück Land dazu anpflanzen. Und -dabei stand ihm seine Anne vor Augen, die das so gemacht hatte. Es -war doch eine schöne Zeit gewesen mit ihr. Aber so wollten die Kinder -nicht. Sie wollten lieber Stadtleute sein, und das Rechenexempel -des Alten stimmte ihnen nicht. Wenn zwei verdienen, gibt’s doch mehr -aus, als wenn nur eins verdient. Und für die Kinder gibt’s allerlei -Unterkunft, Krippen und Kinderschulen und nachher die Volksschule. Und -die Gasse ist auch da. Es war ein mühseliges Leben, das sie führten, -noch viel mühseliger, als es die Anne einst gehabt hatte. Aber sie -konnten Kleider tragen wie die Vornehmen, am Sonntag wenigstens, und -so hie und da zu einem Vergnügen reichte es auch. Nein, sie verstanden -einander nicht so recht, die jüngere Generation und der Alte. So -kamen sie nicht so oft zusammen, es war einfacher so. Mit den Enkeln -probierte er’s hie und da; er hatte ein anschlußbedürftiges Herz, und -es gab warme Stellen darin. Er brachte ihnen Brezeln mit oder Äpfel, -und am Ostertag Zuckerhasen. Dafür waren sie auch sehr empfänglich. -Nur mit der Unterhaltung wollte es nicht so recht fort. Sie rissen -sich los und rannten mit ihren Schätzen auf die Gasse, sobald sie -konnten. So war er sehr allein, innerlich und äußerlich. Aber es war -etwas mit ihm gegangen, all die Zeit daher. Er behielt es ganz allein -für sich. Die anderen hätten ihn einen Narren gescholten, wenn sie es -gewußt hätten, oder, was noch schlimmer wäre, sie hätten ihn gezwungen, -Kapital daraus zu schlagen. So blieb es sein Geheimnis. Er hatte -nicht besonders viele Fertigkeiten erworben in seinem Leben, aber zu -schweigen hatte er wohl gelernt. So viele Jahre in dem betäubenden Lärm -der Maschinenhalle, und auf den einsamen Gängen hin und her, und in -der stillen Kammer am Abend, da wird einer in sich hinein geschlossen. -Und nun trieb und lebte da innen etwas ganz Neues. Etwas, das ihn -manchmal vor sich hinlächeln machte. Das sah merkwürdig genug aus auf -seinem zerarbeiteten Gesicht. Wie wenn ein Sonnenstrahl auf einem alten -Weidenstumpf liegt; man weiß nicht, was auf einmal so besonders Schönes -an dem verwitterten Strunk ist. Die anderen Arbeiter sahen es und -lachten. »Er kommt in die zweite Kindheit,« sagten sie. Das war auch -wahr, sie wußten nur nicht wie. - -Der Alte hatte seinen Nachhauseweg etwas geändert. Der neue Weg war -ein wenig weiter, aber das tat nichts. Er führte ein Stück weit über -leere Bauplätze, zwischen Schutthaufen und wuchernden Brennesseln. -Das war so am Rand der Stadt, die einen Ring um den andern um sich -herum schloß. Links unten lag in einer Senkung die Vorstadt, und -dahin führte ein schmales Weglein zwischen hohen, dunklen Hecken an -alten, wohlgepflegten Gärten vorbei. Einer dieser Gärten war’s, um -den er den Umweg machte. Es stand ein Haus darin, wie in beinah’ -allen, man sah aber hier nur die Rückseite und auch die durch die -Bäume halb verhüllt. Eine Veranda, ein paar grüne Fensterläden, ein -Stück weiße Wand und ein Schieferdach. Es war nichts Besonderes daran. -Nur, seine Tochter wohnte darin. Der Vater war am Anfang nicht oft -diesen Weg gegangen, nur so hie und da, von seinen suchenden Gedanken -unwillkürlich hingezogen. Der Garten lag meist leer und still; einmal -war an einem Sonntagnachmittag allerlei fröhliche Gesellschaft unter -den Bäumen zu sehen gewesen, Lachen und Plaudern und lichte Kleider, -Hängematten zwischen den Bäumen; er ging leise weiter. Das war nichts -für ihn. Er hatte auch seine Frau Prinzipalin nicht entdecken können. -An einem warmen Sommerabend hatte er sie gesehen. Das Licht brannte -in der Veranda, es warf einen milden Schein in den Garten hinaus. Und -zwei Menschen standen in seiner Helle, eng aneinander geschmiegt. Die -Frau trug ein helles, fließendes Gewand, sie sah mit Lächeln zu ihrem -Gatten auf; er redete irgend etwas zu ihr, das konnte man aber nicht -verstehen. Dann setzten sie sich an den Tisch unter der Lampe. Der Alte -drängte sein Gesicht an die Zweige der Hecke und lugte durch den Spalt; -das war wohl ein liebliches Bild, das er sah. Aber es gab noch ein viel -lieblicheres, das brachte der nächste Frühling, und damals erst fing er -an, solch eine dauernde Vorliebe für den stillen, grünen Weg zwischen -den Hecken zu fassen. Im Mai war es; die Luft war voll Vogelgesang und -die Bäume voll Blüten. Den alten Grau kam es wieder einmal an, durch -die Hecke zu sehen. Er war lange nicht dagewesen, es war ja nichts zu -holen für ihn, es war nur so hie und da ein Blick in eine fremde Welt, -an der nur sein Herz teilhatte. - -Es war dem Hause seines Brotherrn ein Sohn geboren, er wußte es wohl, -es war schon längere Wochen her. Aber er konnte nicht denken, etwas von -ihm zu sehen, und eigentlich, danach verlangte den Alten auch nicht. -Nur, wie es ihr ginge, der jungen Mutter, das hätte er gern gewußt. Er -mochte niemanden im Geschäft fragen, denn die Neckereien hätten sonst -von vorn angefangen. Daran dachte er, als er durch die grünen Zweige -sah, den weißen Kiesweg hinauf, der nach dem Hause führte. Da kam sie -selber hinter einer Gruppe von blühenden Syringenbüschen hervor aus -einem Seitenweg; sie trug ihr Kindlein auf dem Arm und wiegte es sachte -und summte ein leises Liedchen dazu. Sie war voller und stattlicher -geworden, seit er sie als Braut gesehen hatte, und hatte so weiche, -mütterliche Züge, und aus den Augen leuchtete es. Der alte Grau hatte -noch nie so etwas Schönes gesehen, oder ja, schon lange, lange. Das war -ihm damals auch schön vorgekommen, damals, als die Anne seinen Georg -auf dem Arm gehalten hatte. Er ließ den Zweig fahren, an dem er sich -hielt, und rutschte, seinen Standpunkt verlierend, in den Graben. Das -gab ein knackendes, stolperndes Geräusch, und die Hecke schütterte -etwas. Die junge Frau sah danach hin und dann kam sie vollends näher. - -Da rappelte sich der alte Mann auf. Er sah nicht gefährlich aus, es -war nichts zu erschrecken an ihm, wenngleich es etwas verwunderlich -war, daß er sich so an der Hecke zu schaffen machte. Sie erschrak auch -nicht, er hatte so ein gutes, wunderliches Gesicht; und jetzt holte er -seinen alten Filz aus dem Graben und wollte ganz verlegen weitergehen. -»Suchten Sie hier etwas?« fragte sie freundlich. – »Ich? Nein, ich, ich -wollte nur, ich habe da nur so ein bißchen hereingesehen.« Er brachte -es stolpernd heraus. Das Herz schlug ihm bis an den Hals herauf. Und -dann kam eine Kühnheit über ihn. »Das Kind,« sagte er, »wenn ich das -ein bißchen ansehen dürfte.« Seine Stimme zitterte, er war doch ein -schwacher, alter Mann. - -Da war die junge Frau stolz und froh wie eine Königin. Das war ja doch -natürlich, daß er ihr Kind sehen wollte, das war ja wohl wert, daß man -durch die dichtesten Hecken sah. Das war ja auch ein Prinz, den man -sehen lassen konnte. Sie lüftete das Schleiertuch und ließ den Alten in -all’ die Pracht des zarten, rosigen Kindergesichtchens schauen und sah -selbst andächtig mit hinein. »Sie haben gewiß auch Enkelkinder?« fragte -sie, als sie den Schleier wieder zuzog. Ja, das habe er, ja, und er -danke auch schön, sagte er, und dann stapfte er davon. - -Damit hatte es angefangen, das Geheimnis, von dem vorher die Rede war, -das, was den Alten so vor sich hinlächeln ließ, so oft es ihm einfiel. -Denn nun hatte er wahrhaftig noch auf seine alten Tage eine stille -Liebe, eine ganz langsam wachsende, verschwiegene, um die »niemand -nichts wußte«, ganz wie es im Volkslied heißt, daß eine heimliche -Liebe sein müsse. Die ging nun mit ihm und stellte mit ihm an, was -sie wollte, und zimmerte sich irgendwo in seinem Herzen einen ganz -luftigen, hellen, warmen Raum, und da hauste sie. - -Der Gegenstand seiner Liebe wußte lange nichts von ihr, wie das so -hie und da zu gehen pflegt. Er lag im Kinderwagen und spielte mit -seinen Händchen, und dann wuchs er nach und nach heraus und machte -im nächsten Frühling seine ersten Schritte auf strammen, rundlichen -Beinchen, und hatte um diese Zeit einen steil aufstrebenden, braunen -Haarschopf über der Stirn. Ein Wunderkind war er nicht, er brauchte -zu allem seine gehörige Zeit, wie das rechtens war. Eines Tags, als -er mit zwei Jahren schon selbständig durch den Garten marschierte, -fiel er über sein Schuhband auf den Kiesweg, rollte wie eine Kugel ein -paar Schritte weiter und blieb mit mörderischem Geschrei nicht weit -von der Hecke liegen, hinter der gerade der alte Grau stand und seinen -Augenschmaus nach dem Mittagessen hielt. Dem zitterte sein altes Herz, -und wenn er nur gewußt hätte, wie das zu machen sei, so wäre er über -die Hecke gestiegen trotz der Dornen, die sie trug, oder durch eine -Ritze gekrochen. Aber das war weder möglich noch nötig. Eine helle -Stimme rief von der Bank her, die in dem Syringengebüsch stand: »Aber -so steh doch auf, mein Bub. Komm zur Mutter. Mutter kann nicht kommen, -und Willy kann selber aufstehen.« Dort drinnen saß die junge Frau und -hatte die kleine Schwester auf dem Schoß, die so winzig in den Kissen -lag, wie der Alte den Buben an jenem ersten Tag gesehen hatte. - -Da stand der kleine Kegel auf, wischte sich mit den Fäusten die Augen -und trollte zur Mutter. Er wußte immer noch nichts von seinem alten -Liebhaber da draußen. Das dauerte noch eine gute Weile. Aber einmal, -er trug schon die ersten Höschen, da rollte ihm sein neuer, feuerroter -Ball durch die Hecke und fiel in den Graben, der jenseits von ihr sich -hinzog, und er wollte gerade anfangen, sich seinem Schmerz hinzugeben. -Da tauchte ein altes, runzeliges Männergesicht über der Hecke auf. -»Nun wein’ nur nicht, Büblein,« sagte der Mann. »Ich hol’ ihn dir -schon;« er bückte sich. »Siehst du, da ist er schon, da hast du ihn.« -Der Kleine griff begierig nach dem Ball; der Alte keuchte ein wenig -von dem starken Bücken. »Was tust du da, Mann?« fragte Willy und legte -die Hände samt dem Ball auf den Rücken. »Ich? O, nichts, ich geh’ ins -Geschäft,« sagte der Alte. »Mein Vater geht auch ins Geschäft,« sagte -Willy sachverständig. Er war ein strammer, kleiner Kerl geworden. -Niemand war weit und breit um den Weg, da dachte der alte Grau nicht -an seine Schüchternheit. Das Herz ging ihm über. »So, nun gibst du mir -noch eine Hand,« sagte er, eh’ er ging. »Ich hab dir auch deinen Ball -geholt.« Durch eine schmale Ritze in der Hecke kam ein vertrauensvolles -Kinderhändchen und legte sich weich und warm in die harte Hand des -Alten. Und dann schieden die Freunde, jeder in seiner Art beglückt. Nun -waren sie miteinander bekannt geworden, man konnte gar nicht wissen, -was alles noch im ferneren Verlauf ihrer Freundschaft liegen würde; das -würde wohl alles von selbst kommen. - - -3. - -Der alte Grau konnte wohl solch ein freundliches Lichtlein auf seinem -Weg brauchen. Er war sonst nicht eben freundlich, sein Weg, noch -weniger als früher. Über den Gewerben hing eine Stockung, da und dort -wurden Leute entlassen, Streiks schwebten in der Luft; wohin man kam, -war die Stimmung sorgenvoll, mürrisch und düster. Durch die Fabriksäle -wisperte es, auch in der Bruckmannschen Gießerei: »Im Herbst sollen -mindestens fünfzig Mann entlassen werden; es sind keine Aufträge da.« -Die jungen, kräftigen Leute ging das nicht so in erster Linie an; aber -die alten, verbrauchteren Kräfte, die man in besseren Zeiten leicht -ersetzen konnte. Unter ihnen würde man zuerst aufräumen. Der Chef -ging mit wuchtigen, sicheren Schritten einher, wenn man ihn einmal zu -Gesicht bekam. Wie einer, der sein Schiff schon zu steuern weiß, sah er -aus. - -»Natürlich,« sagten die Arbeiter, »sein Geld und seiner Frau ihres, -das läßt ihn schon sicher auftreten. Aber unsereiner.« Es ging manches -sorgenvolle Gesicht aus dem Fabrikhof. Der alte Grau war auch in trüben -Gedanken. Er konnte sich nicht recht vorstellen, was aus ihm würde, -wenn er entlassen werden sollte. Wie auf die Straße gesetzt würde er -dann sein. Nicht nur des täglichen Brotes wegen erschien ihm das so. -Wo sollte er denn sein, als in der Fabrik? Da war er sein Lebenlang -gewesen. Er hatte schon einen Notpfennig. Aber wo war er denn daheim? -Sollte er in seiner Kammer sitzen? Oder im Wirtshaus? Oder den Kindern -zur Last fallen? Das lag alles auf ihm. Er war auch so müde, die Füße -zitterten ihm so sehr. Aber er dachte nicht, daß es ihm gut und nötig -wäre, auszuruhen, er fürchtete sich nur vor allem Neuen. Den alten -Trott zu gehen, bis – ja bis es ganz zu Ende wäre, das begehrte er, -sonst nichts. Oder doch, ja, sonst noch etwas. Jeden Tag das frische -Kindergesicht zu sehen, das sich so unbegreiflich tief in sein altes -Herz eingeschlichen hatte. Es war, als sei der Junge die Gabe seiner -Tochter an ihn. Als dürfe er _ihr_ nicht nahe stehen, ihr nicht, aber -dem Kind. Er konnte sich das nicht so klar machen, er hatte mehr -Instinkte, als Gedanken. - -So kam der Herbst heran. Die Akazien im Fabrikhof wurden kahl, der Wind -fegte die gelben Blättchen auf Haufen zusammen. Manch ein Familienvater -sah mit verlangenden Augen nach den Kohlenvorräten, die der Schuppen -neben dem Kesselhaus barg; wie nach einem Schatz, durch den man Wärme -und Behagen ins Haus bannen konnte den ganzen, kalten Winter lang, sah -er danach hin. - -Und dann kam es. Zwanzig zuerst wurden entlassen. Darunter war Grau -noch nicht. Dann wieder zwanzig. Da traf es ihn auch. Ganz betäubt -steckte er seine letzte Löhnung in die Tasche und wickelte seine -öligen, zerrissenen Arbeitskleider in ein grobes Stück Papier. Nun -mußte er gehen. Nun war er vierzig Jahre hier im Haus gewesen. - -»Na, Grau,« sagte der Werkführer. »Für Sie ist’s nicht so schlimm. -Altersrente bekommen Sie ja anstandslos, und etwas hinter sich haben -Sie ja sicherlich.« Er klopfte dem Alten auf die Schulter. Er konnte -ja nichts dafür. »Es sind halt schwere Zeiten; andere sind, die -trifft’s härter.« – »Ja, ja,« der Alte nickte. »Ja, ja. Das ist denn -nicht anders.« Er fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen und -sah in den Hof hinaus. Dort, durch das Eingangstor, kam eben Frau -Bruckmann herein. Was wußte sie von der Not des Alten? Sie sah frisch -aus, taghell und fröhlich. Und vornehm sah sie aus in dem dunkelroten -Tuchkostüm. Den Alten durchzuckte es: »Nun geh hin zu ihr. Nun sag ihr -alles, ihr allein. Sie läßt dich dann nicht fortschicken.« Und wieder -vermischte sich ihr Bild mit dem seiner Anne. Er wußte ja nicht mehr -recht, was er tat, und was er wollte. Er tat ein paar Schritte nach ihr -hin, die eben dem Comptoir ihres Gatten zuging. Da blieb sie stehen. -Der Alte kam ihr bekannt vor, vielleicht kam ihr jener Frühlingsmorgen -in den Sinn, wo sie ihm das Kind gezeigt hatte. »Wünschen Sie etwas?« -sagte sie freundlich. »Ja, das heißt, ich, ich bin heut entlassen. -Ich wollte gern – ich muß –« er stockte und verwirrte sich gänzlich. -Die hellen Tropfen standen ihm auf der Stirn. Da tat er die Hand -vors Gesicht in Scham und Not. »Grau, sind Sie denn rein unklug?« -sagte der Werkführer, der eben vorbeiging und glaubte, der Alte wolle -die Prinzipalin anbetteln oder sich bei ihr über seine Entlassung -beschweren. »Nein, lassen Sie ihn,« sagte Frau Bruckmann. »Er hat -irgend einen Wunsch, ich kann ihm vielleicht helfen.« Aber Grau ging -stumm in die Halle zurück, und nach einer Weile kam er mit seinem -Bündel heraus. Da war die junge Frau nicht mehr da. Sie hatte sich -inzwischen belehren lassen, daß hier kein Notfall vorliege und daß der -alte Mann jetzt schon zuweilen ein wenig kindisch sei. - -Der ging seinen Weg mit zitternden Knieen. »Ach, lieber Gott,« sagte -er, als er durch den Heckenweg schritt, »leicht ist’s nicht, ich weiß -nicht, wie das werden soll. Aber ich hab’s nicht sagen können, ich -kann’s ihr auch nicht antun. Und ’s ist doch mein Fleisch und Blut.« - -An dem Heckenzaun des Bruckmannschen Anwesens hantierte ein Gärtner mit -der Schere. Ein schmales Pförtchen nach dem Weg hin stand offen. Der -Gärtner kannte den Alten, er wohnte in seiner Nähe. »Tag,« sagte er, -»’s ist windig heut, nicht?« Grau nickte nur, es war ihm einerlei, ob -es windig sei. Dort in der Schaukel saß sein Augentrost und ließ die -Beine in die Luft fliegen. Aber nun sah er ihn. »Wart’, ich komme,« -rief er mit seinem hellen Stimmchen, und dann hielt er die Schaukel so -schnell als möglich an und rannte den Kiesweg herab. Die beiden waren -sehr gute Freunde geworden den Sommer über. Sie hatten sich über die -Hecke hinüber verschiedentlich unterhalten, und noch vorgestern hatte -ihm Willy einen großen, dunkelroten Apfel geschenkt. Der stand nun -zu Haus auf der Kommode und war des Alten Stolz. Heut sah ihm Willy -erwartungsvoll auf die Hände. »Was hast du in dem Paket?« fragte er -zögernd. Denn sein alter Freund hatte ihm etwas versprochen. »Ich -bring dir aber auch etwas mit,« hatte er gesagt, als er den Apfel -annahm. »Wart mal, was kann ich denn?« Und dann war ihm aus vergangenen -Tagen ein ganz herrliches Spielzeug eingefallen. »Ich bring’ dir eine -Windfuchtel mit,« hatte er gesagt. Nun stand dem Willy die Windfuchtel -als das größte Kleinod vor der Seele. Ob sie wohl in dem Paket -verborgen war? »Ach nein.« Der Alte war beschämt. Er hatte nicht mehr -an das versprochene Spielzeug gedacht vor lauter Herzensschwere. »Ich -mach’ dir’s, mein Bub. Zu Haus in meiner Kammer, da mach’ ich dir’s,« -sagte er. Willy war ein wenig enttäuscht; warten war nicht seine starke -Seite. »Wo ist das, wo ist deine Kammer?« fragte er. »Machst du’s heut -noch? Bringst du mir’s?« Das war ein bißchen viel auf einmal gefragt, -der Alte konnte nicht so schnell nachkommen. »Dort, den Weg hinunter,« -sagte er, und zeigte mit der Hand hin. »Wo die Häuser anfangen, dann in -ein Gäßle hinein, und dann linker Hand das Haus mit dem Dachreiter, das -ist’s.« Ein Haus mit einem Dachreiter. Das gab neuen Stoff zu Fragen -und zu schwerfälligen Antworten. Der Gärtner schüttelte den Kopf. -»Jetzt nimmt mich’s doch auch Wunder, was die zwei aneinander haben.« -Dann ging der alte Grau davon, und Willy hüpfte wieder nach seiner -Schaukel zurück. - -Es kamen ein paar Regentage, an denen der Sturm im Garten hauste -und dürre Zweige von den Bäumen riß. Klein-Willy war bei Mutter und -Schwester in der Stube und sah nicht den alten Mann, der geduldig -und sehnsüchtig harrte, ob kein kleiner Bub’ an das Heckenpförtchen -komme, und endlich naß und durchblasen wieder fortging. Er kam einige -Tage hintereinander, dann nicht mehr. Es hätte seinem hungrigen -Herzen wohlgetan, wenn er gehört hätte, wie oft im Zimmer droben ein -ungeduldiger, kleiner Bub’ von seinem Spielzeug weglief: »Mutter, nun -laß mich nur ein einziges bißchen hinaus. Nun hat er die Windfuchtel -und ich muß sie holen.« Aber er konnte es nicht hören. Er trug das -Spielzeug, das er mit vieler Mühe selbst verfertigt hatte, sorglich -unter dem Rock nach Haus, damit es ja nicht Schaden leide, und blies -zu Haus mit aller Kraft seiner alten Lungen auf die Rädchen von -Glanzpapier, daß sie lustig schnurrten, und gedachte morgen wieder -hinzugehen und zu warten. Was sollte er auch sonst tun? Aber es kam -wieder ein Morgen, da lag er im Bett und in seiner alten Lunge pfiff -und schnurrte es auch so, als ob sie zum Abmarsch zu blasen gedenke. -Und das schien ja auch so zu sein. Der Doktor kam, die Hausfrau holte -ihn, und schrieb ein Rezept und schüttelte den Kopf, als er mit der -Hausfrau draußen war. »Da ist nichts zu wollen. Gänzlich verbrauchte -Kräfte, es gibt eine Lungenlähmung. Hat er wohl Verwandte?« Ja, das -hatte er. Eine der Töchter kam, sie versäumte zwei Taglöhne um den -Vater und pflegte ihn, so gut sie es verstand. Er war auch so mild -und weich. »Aber recht bei sich ist er nicht,« sagte die Tochter, als -am Abend die anderen kamen. »Immer redet er vor sich hin. Von einem -kleinen Buben, ich weiß nicht, von welchem. Man muß ihm dieser Tage -einmal die Kinder bringen, das wird’s sein.« Es war ihnen allen auch -ernst zumute, sie konnten es nur nicht so zeigen. »Laß ihm nichts -abgehen,« sagten sie. »Champagner, wenn’s sein muß. Wiewohl, helfen -wird’s nichts.« Dann gingen sie wieder. - - * * * * * - -»Was ist das denn für ein Spielzeug, nach dem der Junge immer verlangt? -Und für ein ›braver Mann‹? Kauf ihm doch etwas Anderes, Margarete, daß -er zufrieden ist,« sagte Herr Bruckmann, ehe er ins Geschäft ging. Der -Regen hatte aufgehört und die Luft war windstill. »Hörst du, Willy, -ich bringe dir etwas mit. Möchtest du eine Lokomotive haben? Oder -magnetische Entchen, die du auf einer Waschschüssel schwimmen lassen -kannst?« fragte der Vater beim Gehen. Aber Willy fragte nichts nach -dem allen. Eine Windfuchtel hatte ihm sein alter Freund versprochen, -und eine Windfuchtel war das Allerbegehrenswerteste, das es nur geben -konnte. Aber der alte Grau kam nicht an die Hecke, so oft auch sein -Liebling an diesem Tag nach ihm aussah. »Mutter, ich weiß, wo der brave -Mann wohnt,« sagte Willy am Nachmittag. »Es ist ein Reiter auf seinem -Haus, er hat mir’s gesagt.« – »Wenn er den alten Grau meint,« sagte -der Gärtner, der gerade in der Nähe war, »der kommt nicht mehr. Der -ist schwer krank. Er ist dieser Tage ein paarmal dagewesen. Weiß kein -Mensch, warum er so an dem Willy hängt. Aber jetzt ist er krank und -kommt nicht mehr davon. Das hat ihm vollends den Treff gegeben, daß er -entlassen worden ist. So wie der an unserem Haus hängt, ’s ist nicht zu -glauben.« - -Da stand vor der jungen Frau wieder das verstörte, bittende -Greisengesicht von neulich und rührte ihr weiches Herz noch einmal. -»Mutter, laß mich hinlaufen, bitte. Mutter, ich finde gut den Weg, ich -komme gleich wieder,« bettelte Willy, immer wieder. Da faßte sie einen -raschen Entschluß. Er war nicht so ungeheuerlich, wie er ihr selbst -vorkam, sie war so etwas nur gar nicht gewöhnt. Aber nun tat sie es -doch. »Wir gehen zusammen hin, Willy, und besuchen deinen braven Mann,« -sagte sie. Und dann schritten sie selbander den Heckenweg hinunter, den -der alte Grau so oft mit verlangendem Herzen gegangen war und suchten -in der Vorstadtstraße das Haus mit dem Dachreiter und traten in die -Kammer des Alten ein. Der saß, von Kissen gestützt, im Bett, und atmete -schwer. Ein Lächeln ging über sein Gesicht, als er die beiden sah. Nun -kamen sie zu ihm, nun sollte er doch noch teil an ihnen haben. Es war -ihm, als habe er lange auf diese Stunde gewartet. Es war auch hohe -Zeit, daß sie kamen, denn nun ging er davon und war fürder nicht mehr -alt und einsam. Das Fenster war ein wenig geöffnet, und in dem leichten -Luftzug, der dadurch entstand, drehten sich die roten und blauen -Rädchen des Kinderspielzeugs, des letzten Werks, das seine alten Hände -vollbracht hatten. - -»Mutter, das ist sie. Das ist die Windfuchtel,« rief Willy und -streckte verlangend die Hände danach aus. Es war eine junge Frau in der -Stube, die kam etwas verlegen und mit Staunen den Besuchern entgegen. -»Das ist eine Ehr’, daß sie selber kommen,« sagte sie. Da standen die -beiden Schwestern, die nichts voneinander wußten, einen Augenblick -nebeneinander. Sie waren einander nicht ähnlich, ihr Lebensweg war zu -verschieden gewesen. Aber dem Alten war es doch, als könne er nun der -Anne sagen, daß sie alle einmal zusammenkommen. Es vermischte sich -alles wunderlich in seinem schwachen Kopf, und nun streckte er die -Hand aus und strich der feinen, jungen Frau übers Gesicht. »Du Kind,« -sagte er, »jetzt bist du doch noch gekommen. Wir gehören doch zusammen. -Ich sag’s auch der Mutter. Ich bin immer still gewesen, aber jetzt -muß ich’s sagen.« Es lag ein froher Ausdruck auf seinem Gesicht. »Das -Kind,« sagte er noch einmal, »das Kleinste.« Frau Bruckmann war einen -Augenblick erschreckt zusammengezuckt unter der liebkosenden Berührung -des Alten. Sie kam ihr so unerwartet. Aber dann faßte sie sich; sie war -tapfer und liebevollen Herzens und sah freundlich in das alte Gesicht. -»Ach, entschuldigen Sie nur,« sagte die junge Arbeiterfrau in großer -Verlegenheit, »der Vater redet irre, er weiß nicht mehr recht, was er -tut und sagt. Nehmen Sie’s nur nicht übel.« Nein, das tat sie nicht. -Es war ihr so wunderbar zumute, so ernst und feierlich, und so warm -dabei. »Komm her, Willy,« sagte sie, »gib deinem braven Mann die Hand. -Er geht weit fort, er kommt nun nicht mehr zu dir.« Der Kleine hatte -nur eine Hand frei, in der anderen trug er das Spielzeug; wie eine -Fahne trug er es. Aber die eine Hand, die streckte er seinem alten -Freund willig hin; das hatte er vordem oft getan. »Warum gehst du -fort?« fragte er. »Wo gehst du hin?« Aber der alte Mann redete nicht -mehr mit ihm. Er lag müde in den Kissen und lächelte und atmete mit -einem Male so leis’ und still. »Komm, Willy, er will schlafen,« sagte -die Mutter, »nun laß uns wieder nach Hause gehen.« - -Und dann gingen sie nach Hause, und der alte Grau ging auch nach Hause. -Mehr ist nicht von ihm zu sagen. Vielleicht hat jetzt seine schweigsame -Seele reden gelernt. Vielleicht hat er der Anne alles erzählt, und sie -warten nun gemeinsam, bis die andern nachkommen, alle, auch das Kind. - - - - -Sein Geburtstag - -[Illustration] - - -Die Lichtleskirch nannten sie es im Städtlein, das, was jetzt eben -unter Orgelton zu Ende ging, und was eine Stunde lang alles, was Kinder -hieß in Hohenstadt, glücklich und strahlend um zwei hohe Bäume und um -viel brennende Lichtlein versammelt hatte. - -So lange sie drin waren in der hohen, alten Kirche, hatten die Englein -geschafft, daß es Christtag werden konnte. Den Schnee hatten sie schon -zuvor hergerichtet droben am Himmel, da war eine schwere, grauweiße -Wolke gehangen, und als sie drinnen anfingen zu singen: »Fröhlich -soll mein Herze springen,« ließen sie draußen anfangen zu schneien. -Es wurde ganz, wie es sein mußte; ein weicher weißer Teppich auf dem -alten, holperigen Pflaster, eine dicke, flockige Haube auf jedem der -hohen, spitzigen Giebeldächer, und geschwind in der Schnelligkeit noch -eine Verzierung auf allen vorspringenden Fenstersimsen, Läden, Altanen -und Staffeln. Der verwitterte Brunnenmann, der Neptun mit seinem -abgebrochenen Dreizack in der Hand, lachte unter einer Pudelmütze -hervor, und als das die Englein sahen, da fingen sie auch an zu lachen, -denn sie waren ohnedies schon nahe daran gewesen. - -Als die Kirchtüren aufgingen und es herausquoll von jungem Leben, -von lauter Menschenkindern und von ihren Müttern, die zu dieser -Stunde gerade so jung waren wie die Kinder auch, da huschten die -Englein schnell in das dunkle Eck, unten im Glockenturm, wo die Seile -zum Läuten hingen, und horchten nur von dort hinten vor auf die -leuchtenden, freudigen Stimmlein der Kinder. »Mutter, guck, der viele -Schnee!« »Halt, Mutter, mir ist mein Lebkuchen hinuntergefallen, jetzt -ist er ganz verzuckert.« »Mutter, das Luisle hat sein Verslein nicht -mehr recht gewußt.« Mutter hier und Mutter da. So muß es auch sein am -heiligen Abend; da müssen lauter Mütter und Kinder beisammen sein. Und -solche, die Kinder geblieben oder wieder geworden sind, und solche, die -es heut abend gern sein möchten, und solche, die die Menschen liebend -anschauen, wie Mütter ihre Kinder. - -Der junge Pfarrverweser kam aus der Sakristei heraus und ging durch -die niedrige Tür ins Freie. Er hatte sonst auch ein Kindergesicht, -wenigstens sagten das die Frauen im Städtlein, die ihm aus Fenstern -und Türen mütterlich nachsahen. Aber jetzt gerade hatte er keins. Er -trug den Hut in der Hand und ließ sich die Schneeflocken, die jetzt -seltener fielen, auf das dunkle Haar sitzen. Die Stirn hatte er ein -wenig zusammengezogen, es gab drei steile, gerade Falten, die zeugten -davon, daß es noch nicht recht Christtag bei ihm geworden war, obgleich -er aus der Lichtleskirch kam. Das brauchte aber niemand zu sehen, darum -ging er nicht über den Marktplatz und nicht durch die Gassen, sondern -stieg den steilen Hang hinauf, der gleich hinter der Kirche beginnt -und in den Wald führt. Dort oben am Waldrand stand eine mächtige Eiche -mit weitausgereckten Armen. Eine Steinbank stand darunter und beide, -die Eiche und die Bank, trugen viele eingeschnittene Namen derer, die -hier oben schon Schatten, Stille und einen weiten Ausblick ins Land -hinein gefunden hatten. Dorthin ging der Pfarrverweser jetzt auch. Er -war schon oft auf der Bank gesessen. Im Herbst war er nach Hohenstadt -gekommen, da hatte er den Wald sich färben sehen und hatte gesehen, wie -die Leute ihre Gärten und Krautäcker da unten am Hang einherbsteten. -Dann war er im Blätterwirbel, im Novembersturm gegangen und rings um -ihn her war das rote, braune und gelbe Laub auf die Erde gesunken; -er hatte sich ein kindliches Vergnügen daraus gemacht, über den -farbenprächtigen, raschelnden Teppich hinzuschreiten. Nun war der Weg -und die Bank verschneit und alles Lebendige war zugedeckt, wenn auch -nur mit einem leichten, weißen Tuch. - -Als er oben war, hatte das Schneien aufgehört. Über der jenseitigen -Höhe stand schon, von einem breiten Riß in der Wolkenscheibe -freigegeben, ein blasser Stern, und nun kam auch die Mondsichel heraus. -Unten im Städtlein erglänzte da und dort eine Fensterscheibe, eine -Straßenlaterne. Es wollte Abend werden, heiliger Abend. - -Aber hier oben war es nicht heiliger Abend, noch nicht. In ihm selber -nicht. Er hatte noch keine Predigt für morgen; oder ja, er hatte eine, -ein trockenes, seelenloses Gemächte, er konnte sie nicht halten. Als -es ihm in all den letzten Tagen nicht glücken wollte, da hatte er -zuerst die für den zweiten Feiertag gemacht, dann die nächste. Die -lagen geschrieben in seinem Pult. Aber eine Christfestpredigt, die -fehlte ihm noch. Es war so schwer, sie zu machen, und so schwer, sie -zu halten. Ja, mit den Kindern vorhin, da hatte er leicht und fröhlich -reden können. Sie waren mit freudeglänzenden Augen rings um den Altar -her gesessen und hatten ihre Lieder gesungen, daß es schallte, und als -er nachher mit ihnen die Weihnachtsgeschichte durchsprach, da war immer -ein helles Stimmlein eifriger als das andere. - -»Hat’s denn die Hirten auf dem Feld draußen nicht gefroren?« »Nein.« -»Warum denn nicht?« »Weil sie so eine große Freude gehabt haben.« -»Warum haben sie denn so eine große Freude gehabt?« »Weil der Christtag -gewesen ist.« »Ja, woher haben sie denn das gewußt?« »Der große Engel -hat’s zu ihnen gesagt.« »Was hat er denn gesagt?« »Er hat gesagt, das -Christkindle liegt schon im Stall drin.« »So? und wer ist denn das -Christkindle?« »Der liebe Heiland.« »Kann mir denn eins sagen, wie der -Engel gesagt hat?« Das konnte nicht eins, das konnten dreißig und mehr. - -Ach, wie herzerfreulich war doch das. Die Mütter, das sah man ihnen an, -sagten es im stillen mit, und er selber sagte es im stillen mit; es war -lauter Freude. - -»Waren denn noch mehr Engel da?« »Ja, eine ganze Schar.« »Hat man sie -denn gesehen?« »Gesehen und gehört.« »So, wie denn?« »Sie haben so -arg schön gesungen.« »Könnet ihr denn auch so schön singen?« Freilich -konnten sie das. »Ja, dann singet’s einmal.« Da wurden die alten -Kirchenmauern auch vergoldet wie damals die nächtlichen Felder durch -die klingenden Stimmlein, die lobeten Gott und sprachen: »Ehre sei Gott -in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!« - -Und sie geleiteten die Hirten hinein in das schlafende Städtlein, und -er wehrte den Kindern nicht, daß sie ihnen ein Lämmlein, ein weißes, -wolliges, mitgaben für das Kindlein, und sie standen vor dem Stall, -über dem der goldene Stern mit dem langen Strahlenschweif glänzte, und -gingen hinein, da lag das Kindlein, und seine Mutter war da und der -alte Vater Joseph und das Öchslein und das Eselein. Das alles hatten -die Kinder schon hundertmal gesehen; es war auf den Bildchen so, die -sie heut geschenkt bekamen, und stand in Holz und in Wachs nachgebildet -daheim unter dem Christbaum. »Woran haben sie denn das Kindlein gekannt -und seine Mutter?« »Sie haben einen goldigen Schein um den Kopf herum -gehabt.« »So, so, und dann auch an dem Kripplein, gelt und an den -Windeln?« - -Er hatte ihnen nichts gewehrt von all dem Glast und Schein; er hatte -selber das Denken vergessen vor lauter herziger, weihenächtlicher -Freude an der Freude der Kinder. - -Aber es war gewesen wie in einem schönen, schönen Märlein, und nun -strich der kalte Hauch aus der Welt der Erwachsenen über ihn hin. Was -sollte er den Großen sagen? denen konnte er das nicht erzählen. Er -hatte nichts für sie, und wenn er sich recht besann, dann hatte er auch -nichts für sich. - -Wenn das Denken nicht wäre! Aber das ist eben, und eigentlich möchte -man es ja auch nicht anders haben. Nur daß der goldige Glanz davor -erbleicht, der einen als Kind so gefreut hat, der ganze Zauber, der -um den Christtag herum ist. Aber so geht’s: zuerst erfährt man’s, daß -alles das Schöne, vom Christbaum an, nicht direkt vom Christkindlein -kommt, sondern von den Eltern; dann, nach und nach, geht’s ans -Christkindlein selber, dann löscht ein Lichtlein ums andere aus. Was -soll man dann so Besonderes predigen? - -Da fiel ihm ein Brief ein, den ihm voriges Jahr um diese Zeit seine -Schwester geschrieben hatte. Sie war eine fröhliche Kindermutter, und -sie hatte ihn immer besonders gut verstanden. - -»Er ist der Schönste und Liebste,« schrieb sie, »und es gehört sich, -daß man sich an seinem Geburtstag freut. Darum machen die Mütter den -Kindern ein Fest, und Alle, die einander lieb haben, machen einander -ein Fest, weil er geboren worden ist und weil es gut für uns ist, daß -er gekommen ist.« - -»Ja, ja, Maria,« dachte er für sich hin, als es ihm einfiel, »du -hast gut freuen, wenn dich deine sechs Kinderaugen ansehen, – nein, -acht sind es jetzt, seit dir das Kleinste in der Krippe, will sagen -in der Wiege liegt. Ich möcht’ auch dabei sitzen und mich nicht -besinnen müssen, was wahr ist und was dazu erfunden. Die Mutter wäre -dann auch da. (Denn die Mutter wohnte bei der Schwester; sie war ein -wenig kränklich, und dann brauchte man sie auch als Großmutter ganz -notwendig.) Ich aber, ich soll etwas Freudiges geben und habe doch -nichts. Ich bin nicht froh, Maria.« Aber leis wiederholte sich doch das -Wort in ihm: Es ist gut für uns, daß er gekommen ist. – »Ja, ja, aber -man sollte still sein dürfen, bis einem die Freude darüber das Herz -füllt und überläuft, daß man es dann sagen _müßte_. Dann könnte man den -goldigen Schein und das Engelsingen gut vermissen, es täte dann nichts. -Man sollte froh sein, wenn man eine Christtagspredigt macht, tief innen -drin froh.« - -Drunten im Städtlein glänzten nun immer mehr helle Fensterscheiben auf. -Die Kirche, die lag jetzt schwarz und schwer im Dunkeln, daneben war -das Pfarrhaus, man sah es nur von hinten hier oben. Es hätte ja auch -keine hellen Fenster gehabt, wenn man es gesehen hätte. Es war niemand -drin. Frau Beseler, das Pfarrhausfaktotum, die ihm die nötigen Dienste -tat, die war nun bei ihren Enkelein am anderen Ende des Städtleins. Er -wußte schon, wie es war, wenn er hinunter kam. Die Studierstube war -warm, die Lampe stand zum Anzünden bereit, auf dem Tisch stand der -Spirituskocher zum Teemachen und irgend etwas Kaltes zum Essen lag -dabei: das war immer so und es genügte ihm auch sonst; aber es war -nicht christtäglich. »Daran will ich jetzt nicht denken; wenn mir nur -etwas Frohes einfiele, etwas Wahres für die Großen. Etwas, das nicht -nur so geredet ist, etwas, das ich ihnen schenken kann, weil ich’s auch -geschenkt gekriegt habe.« - -Droben am Himmel brannten jetzt die Sterne, da ein Häuflein und dort -eins, zwischen Wolken heraus. Der ganze Wald stand schweigend da, als -ob er auch den Atem anhielte und wartete, ob der junge Pfarrverweser -etwas geschenkt kriege. Der sinnierte weiter. »Einen Brief werde ich -antreffen, wenn ich hinunterkomme, von der Mutter einen, und vielleicht -auch von Maria. Und, wer weiß, ein Paket. Es sind selber gestrickte -Strümpfe drin, und Springerlein und Lebkuchen, und vielleicht eine -Pelzkappe; die habe ich mir gewünscht. Und sie schreiben mir, daß sie -mich vermissen am Christtag, und daß man nun eben von Weitem in Liebe -aneinander denken müsse, und so weiter. Nun will ich hinunter gehen und -den Brief lesen, den Lukas einst geschrieben hat und der aus so ferner -Zeit zu uns herüberredet, und – und will vor mich hinsagen: Es ist gut -für uns, daß er gekommen ist; man muß sich freuen, weil sein Geburtstag -ist.« - -Aber er stieg nicht schnell und nicht mit der leichten Schwingung, die -die Freude gibt, hinunter. Nun war er an der Kirche. »O du Haus, du -Sorgenhaus!« Er sagte es aber nicht ohne Liebe; er hatte einen Zug zu -dem Haus, nur freilich, Sorgen machte es ihm ja dennoch. Nun um die -Ecke und – - -Das war aber doch sonderbar, da waren die drei Fenster seiner -Studierstube hell, viel heller, als sie sonst schienen, wenn die -Stehlampe brannte. Sollte Frau Beseler da sein? sie hatte sich aber -doch ausdrücklich verabschiedet für den Abend. Da stieg er die dunkle -Treppe hinauf und durchschritt den mächtigen Oehren, in dem ein kleines -Lämpchen brannte, und machte die Stubentür auf, – da saß in dem großen -Lehnstuhl, den er von seinem Großvater ererbt hatte, ein kleines, altes -Fraulein, das er so gut kannte, so gut. »Mutter, du.« Da lag auch schon -der Hut auf dem Tisch, und der starke junge Mann hatte die alte Frau -auf dem Arm und drückte sie an sich, wie eine Liebste, und trug sie in -der großen Stube umher, bis sie, da alles Zappeln und Schelten nichts -half, ihn tüchtig ins Ohrläppchen kniff, daß er sie niederlassen mußte. -Unterwegs hatte sie die großen weichen Schuhe verloren, die ihr viel zu -weit und zu lang waren. »Hast du meine Hausschuhe gefunden, Mutter?« -»Ja, unter dem Bett den einen und unter dem Waschtisch den anderen. -Du hast sie hinten hinuntergetreten, sie sehen bös aus. Ich habe in -der Lichtleskirch kalte Füße bekommen.« »In der Lichtleskirch, Du?« -»Ja, ich, – ich bin gleich vom Zug aus hineingegangen, ihr habt grad -gesungen: O du fröhliche.« - -»Daß Du gekommen bist, daß Du gekommen bist!« Er saß jetzt auf dem -Boden vor ihrem Stuhl und hatte sein allerhellstes Knabengesicht. -»Ja, gelt, da staunst du. Aber ich habe müssen, es hat mir keine Ruh’ -gelassen. Immer hab’ ich gedacht: wir sind da so schön beisammen und -freuen uns, und der Paul ist ganz allein.« »O Du, Du Mutter.« »Und die -Maria hat auch noch geschoben. So leid mir’s tut, hat sie gesagt, wenn -du nicht da bist am Christtag, so mußt du doch gehen. Ich spür’s, er -ist nicht vergnügt, hat sie gesagt. Bist du’s?« Sie schob ihn ein wenig -von sich und sah ihm in die Augen. »Wenn du da bist, Mutter.« »Nein, -sag.« »Jetzt sag’ ich gar nichts sonst, als daß ich den Christtag -spüre, seit ich dich da sitzen sah in dem Stuhl. Es ist mir wie ein -Wunder.« - -Da gingen seine Augen in der großen Stube umher. Sie war freilich -heller als sonst, das hatte er von unten herauf richtig gesehen. Zwei -große, dicke Wachslichter brannten auf dem Schreibtisch und zwei auf -dem Eßtisch und in der Ecke an der Wand steckte ein Weißtannenzweig -mit vier weißen Lichtlein. Sie brannten still und hell und das -Wachs und die Tannennadeln rochen nach Weihnachten. »Nachher mußt -du ein wenig hinausgehen, wie ein kleines Kind, ich muß dir deine -Bescherung richten,« sagte die Mutter, »ich habe einen schweren -Reisesack mitgebracht. Sieh, da steht er.« Es war alles so unsäglich -heimelich. Der Reisesack war von dunkelgrünem Plüsch und hatte schon -so viel erlebt, daß man ganze Bücher über ihn hätte schreiben können. -Der Sohn nahm ihn in den Arm. »O, ich spürs, da unten im Eck ist ein -Schnitzlaib, und da rollt etwas umher, das sind Nüsse und Äpfel. Laß -mich einmal hineinriechen, Mutter.« »Du Kindskopf, du hast immer noch -nicht warten gelernt, du willst immer gleich alles sehen und haben.« -»Ja, das muß ich. Du, Mutter!« »Was?« »Du mußt mir nachher helfen meine -Predigt machen.« »Welche Predigt?« »Auf morgen früh.« »Ja, Kind, das -ist doch dein Ernst nicht, daß du die noch nicht hast?« fragte die alte -Frau erschrocken. »Doch, Mutter.« »Aber Bub, du unbegreiflicher Bub, -und da läufst du noch im Wald herum bei Nacht und Nebel und mußt dafür -in die heilige Nacht hinein studieren.« »Ich hab’ sie da oben holen -wollen und hab’ sie nicht gefunden, ich glaube aber, du hast mir eine -mitgebracht.« Die Mutter schüttelte den Kopf. »Das versteh’ ich nicht, -Paul. Ich glaub’, die Maria hat rechtgehabt, daß etwas bei dir nicht im -Blei ist. Ich kann dir nichts helfen beim Studieren, ich bin eine alte, -einfache Frau. Ich hab’ gemeint, da setze man sich hin und schaffe -drauf los, bis man’s beisammen habe.« »Sei nur zufrieden, Mutter, das -tu’ ich sonst auch. Du sollst nur dahinein sitzen in den Lehnstuhl, -daß ich dich sehen kann, wenn ich mich umdrehe.« »Ja, dann müssen -wir zuerst zu Nacht essen. Deine Frau Beseler hat mir die Schlüssel -gegeben, da hab’ ich derweil, bis du gekommen bist, alles gerichtet. -Hörst du nichts im Ofen protzeln?« »Doch, jetzt, seit du’s sagst.« -»Riech’ einmal, was es ist.« »Es riecht alles zusammen nach Christtag, -sonst fällt mir nichts ein.« Da war es ein junges Häslein; es war schon -gebraten mitgekommen; es mußte nur wieder warm werden. - -»Eine Flasche Wein hab’ ich auch mitgebracht, aber wenn du noch -studieren mußt, wird’s nichts damit sein?« »Doch, Mutter, ein einziges -Glas, wir müssen doch anstoßen. Du, Mutter!« »Was?« »Sag’ mir’s, warum -bist du zu mir gekommen?« »Du fragst aber auch Sachen.« Sie sah ihn an -mit ihren guten Augen, die es ganz von selber sagten. »Das weißt du -doch. Weil ich dich lieb habe, du dummes Kind.« Sie sagte heut immer -Kind zu ihrem langen Sohn. Der schluckte zu seinem Essen hin jedes gute -Wort in sich hinein und trank mit jedem Tropfen des roten Weines einen -Blick aus den mütterlichen Augen, die aus tausend Fältchen heraus so -voll warmen Lichtes blickten, als seien sie Fenster an einem guten -Haus, und in dem Haus sei Weihnachten. - -Dann setzte sich der junge Pfarrer an seinen Schreibtisch. Die Lampe -durfte jetzt nicht brennen, er wollte im Schein der Wachskerzen -studieren; sie waren dick, sie konnten noch stundenlang brennen. Hinter -ihm saß im Lehnstuhl die alte Frau. Sie hatte wieder die großen Schuhe -an und hatte ein warmes Tuch um Hals und Schultern. Den Kopf lehnte -sie an das weiche Polster und die Füße stellte sie auf den Reisesack. -»So ists gut, jetzt schaff nur und denk nicht an mich; ich hab meine -Unterhaltung in mir drin.« »Was ists für eine?« fragte der Sohn. »Ach, -Kind, wenn man’s schon so oft hat Weihnachten werden sehen; da muß -man lang, lang zurückdenken; Eins ums Andere fällt einem ein. Es ist -nicht immer alles schön gewesen, aber so beim Drandenken, da wirds -immer schöner.« Dann machte sie die Augen zu, um in sich drin die -alten Zeiten zu Gaste zu laden, und nach einer Weile hörte der Sohn -sie tiefer atmen. Und auf ihn senkte sich, da er nun die liebe Frau -schlafend sah, eine köstliche Ruhe, wie er sie lange vergebens begehrt -hatte, und lichte, stille Gedanken kehrten bei ihm ein, es war kein -einziger gequälter mehr dabei. - -»Sie ist zu mir gekommen, weil sie mich lieb hat.« - -Dann ging er im Zimmer auf und ab. »Sie hat mich nicht so allein lassen -wollen. Sie hat’s schön gehabt daheim bei den andern. Aber das hat -alles nichts geholfen, wenn sie gewußt hat, daß ich nicht froh bin.« Er -hätte ihr die Hände küssen mögen, die so müd in ihrem Schoß lagen; aber -eine solche Zärtlichkeit war nicht bräuchlich zwischen ihnen, und er -wollte sie auch nicht wecken. Und doch gab sie ihm seinen Predigttext: -»Es ist gut für uns, daß er gekommen ist. Denn er hat uns Menschen lieb -gehabt und wir können es brauchen, daß man uns lieb hat.« Da setzte er -sich wieder nieder und schrieb und schrieb, und sah sich hie und da -wieder um nach dem lieben Frauenbild. - -Hinter ihm regte sich etwas. »Mutter?« »Ja, Kind, bist du fertig? es -muß ja spät sein, bist du arg müd?« »Nein, nein, ich bin ganz frisch -und ganz froh.« »Das ist doch sonderbar, jetzt hat mir geträumt, du -seiest ein ganz kleines Kindlein und ich habe dich auf dem Schoß und -ziehe dich ganz fein und schön an. Und der Vater ist dazu gekommen und -hat gesagt: Was machst du auch für einen Staat mit dem Buben, wenn -er größer wär, du tätst ihn eitel machen. Und ich habe mich gewehrt -und gesagt: Mann, was man so lieb hat, das schmückt man, so gut man -kann; es kann einem gar nicht schön genug sein.« Die alte Frau mußte -den Kopf schütteln über den Traum, den ihr liebreiches Mutterherz -ihr eingegeben hatte, aber noch mehr über ihren großen Sohn, der -nun neben ihr auf der Armlehne des Stuhls sich niederließ und ganz -dringlich sagte: »Ja, ja, Mutter, gelt, und man schmückt es mit -Sternen und Himmelsglanz und mit Engelgesang und schafft aus lauter -Liebe wunderbare Mären, die alle von Herzen wahr sind, weil sie die -Liebe geschaffen hat.« Das war so sonderbar, halb gemahnte es an die -Weihnachtsgeschichte, aber das konnte ja doch nicht sein. Mären! Sie -richtete sich vollends auf und sagte: »Du träumst auch, Kind, im Wachen -träumst du. Es wird’s doch der Wein nicht machen?« »Nein, Mutter, die -Christnacht machts.« Und er hatte sein echtes, rechtes Kindergesicht -dabei. Wenn ihn so die Maria sähe! dachte die Mutter voll glücklichen -Stolzes. Laut sagte sie: »Hast du deine Predigt fertig?« »Meine? -Deine, Mutter.« »Ach, du redst Sachen; sag’s im Ernst.« »Du wirst’s -morgen schon hören in der Kirche.« Da wurde sie ärgerlich. »Ich setze -keinen Fuß hinein, wenn du ein einziges Wort von mir sagst.« »Sei nur -zufrieden, Mutter, es merkt’s niemand, als Du und ich.« Und da küßte er -nun auf einmal doch die alten, abgeschafften Hände. Sie entzog sie ihm, -aber nur, um mit ihnen den dunklen Kopf auf ihre Knie herabzuziehen; -da lag er, still und fest, wie er einst als kleines Kindlein darauf -gelegen war. Und es war, wie es am heiligen Abend sein muß, wo Mütter -und Kinder beisammen sein sollen. - -»Du Paul.« »Ja?« »Willst du jetzt noch deine Bescherung bekommen?« »Ich -hab sie schon, Mutter!« »Aber, Kind, der Reisesack ist doch noch zu und -noch voll, das ist dir sonst nicht so einerlei gewesen.« »Ja, Mutter, -dann pack nur aus. Man kann gar nicht genug geschenkt kriegen, gib nur -her, so viel du hast.« - -Und dann stand er draußen am Gangfenster und sah in die sternhelle -Nacht hinaus. Drinnen hantierte die Mutter auf weichen Filzschuhen im -Zimmer herum; er durfte nicht zusehen, das war noch nie der Brauch -gewesen bei ihren Kindern. Es raschelte etwas, eine Nuß fiel auf den -Boden, es klirrte etwas, wie Glas. Und dann ein Tönen, hoch her kam es; -er glaubte einen Augenblick, eh das Denken kommen konnte, die Engel -singen zu hören. Es waren aber nur die Schulkinder, die auf dem Turm -sangen, da eben die Mitternachtsstunde schlug: - - Wir wollen ihm die Krippe schmücken, - und bei ihm bleiben die ganze Nacht, - die Händ ihm küssen und verdrücken, - dieweil er uns so Guts gebracht. - -Aber wer weiß, vielleicht haben sie doch auch mitgesungen. Es gibt so -wunderbare Nächte, da Nichts unmöglich ist. - - - - -Im gleichen Verlag sind von =Anna Schieber= erschienen: - - - =Alle guten Geister ...= - -Roman - -41.–45. Aufl. Broschiert Mk. 4.--, geb. Mk. 5.--. - -=Velhagen & Klasings Monatshefte=: »Mit heller Freude und daneben -mit einem verwunderten Kopfschütteln muß ich heute von einem Buche -erzählen, das anders ist als andere Bücher, das wie eine schöne Predigt -ist und doch mehr als eine Predigt, das Menschen vor uns hinstellt, die -wir zu Vätern, Brüdern, Schwestern, Freunden haben möchten, das alles -Gute in uns anspannt, das uns fröhlich und getrost macht, und das nach -diesem Leben, in dem die Geigen oft so unrein klingen, uns ein anderes -ahnen läßt, wo sie rein tönen. Wie ein Märchen aus einer schönen, -verlorenen Heimat ist das Buch, aber vielleicht wie jedes gute Märchen -voll der höchsten Wahrheit, und hinter ihm steht eine so tröstliche -Zuversicht, eine so tapfere Gewißheit, eine so klare Menschlichkeit, -daß unser Herz längst Ja und Amen zu dem Buche sagt, wenn der kritische -Verstand mit leisem Vorbehalt noch bei dem »Ja – aber« ist! - -»... All denen, die sich an Raabe erquicken, die aus dem Jörn Uhl einst -»Mut des reinen Lebens« tranken, sei dieses Buch empfohlen, das gewiß -einen Abstand von den genannten Meisterwerken hält, aber verwandter Art -und einen Teil ihrer Kraft in sich hat.« - - Dr. C. Busse. - - - =... und hätte der Liebe nicht.= Weihnächtliche Geschichten. - 21.–30. Tausend. - -In Lwd. geb. M. 1.--, in Leder geb. M. 2.50. - -=Dr. C. Busse in Velhagen und Klasings Monatshefte=, Febr. 1913: »Es -sind kleine Erzählungen, rührend, herzstärkend, gütig; sie predigen -von der Liebe, die das Höchste ist, in der wir brennen und verbrennen -sollen, die sich selbst gibt. Reinstes Christentum, vor dem wir alle -uns beugen, weil es ja nichts anderes ist als reinstes Menschentum, -strahlt hier durch erzählerische Verkleidung, und wer auch _nach_ -Weihnachten noch weihnachtlich gestimmt ist, soll das Büchlein -mitnehmen.« - -=Neues Tagblatt, Stuttgart=: Gar viel Liebe ist in dieses Büchlein -eingeschlossen, ein warmer Born von Menschenliebe. In dem einzelnen -Menschen die ganze Menschheit zu umarmen, ist eine Seligkeit, die -der Verfasserin beschert zu sein scheint. Die Liebe, die aus diesem -Büchlein strahlt, wird dem Leser zum Mittler zwischen ihm und dem -Himmel, und die rauhen Regenströme des Lebens gleiten ab an dem -schützenden Dache dieser Menschenliebe, so daß es sich sicher in diesem -Häuslein wohnt.« - - _Paul Wittko._ - - - - -Verlag von =Eugen Salzer= in =Heilbronn=. - - - =Anna Schieber, Amaryllis= und andere Geschichten. 1.–20. - Tausend. In Lwd. geb. M. 1.--, in Leder geb. M. 2.50. - -Anna Schieber erzählt in diesem Büchlein wieder sonnige Geschichten -von Menschen, die die andern etwas »von Heimat und von Hilfe spüren -lassen«, die trotz allem Erdenleid die Fröhlichkeit wieder finden, -deren Liebe zu den Menschen brennend rot wie die Blüte der Amaryllis -leuchtet. Es ist ein Büchlein, das Freude machen und das Frieden -bringen kann. - - - =Anna Schieber, Sum, sum, sum!= Ein Liederbüchlein für die - Mütter und ihre Kinder. Mit farbigen Bildern von =Else - Rehm-Vietor=. 3. Tausend. Geb. M. 2.20. - -=Blätter f. d. Schulpraxis=: »Es sind Verse, die sich wohlklingend -und leichtflüssig, kindertümlichen Inhalts und humorvoll, sowohl zum -Vorlesen für Mütter als zur Eigenlektüre für Kinder bestens eignen. -Die Bilder, gelungen in der Zeichnung, – stimmungsfein ist das -Landschaftliche, – vornehm in der Farbe, bilden einen erfreulichen -Schmuck dieser Lieder.« - -=Die Christl. Kleinkinderpflege=: »Anna Schieber kennt die Kinder und -ihre Art. Darum sprechen ihre Lieder, deren Stoff sie aus dem Leben -des Kindes nimmt, Kinder sehr an. Die kleinen und großen bunten Bilder -sind aus den Liedern herausgeboren und wirken durch die eigenartige -Farbenzusammenstellung eindringlich. Darum kann ich raten: Kauft’s.« - -=Freie Bayerische Schulzeitung=: »Bei unserer Ausschau nach neuen -Bilderbüchern begegnen wir zunächst einem lieblichen Bändchen, das -gar nicht groß tut. In feinbuntem modischem Format kann es sich als -Bilderbuch wohl mit den besseren Sachen von Mauder und Caspari messen. -Neben kräftig Landschaftlichem fällt die Milderung der Buntheit durch -Verwendung origineller Halbtöne und die drollige Naivität angenehm auf. -Und erst die Texte! =Hier erleben wir etwas ganz selten gewordenes: Die -Verse heben die Bilder noch. Ja, es sind wirklich wieder einmal echte -Dichtungen darunter, die das Thema von Kind-, Vögelein und Blümlein -in einer neuen Tonart geben, und Mutter wie Kind zu wohlig warmer -Herzenszwiesprache anzuregen vermögen.=« - -=Die deutsche Frau=: »Die deutsche Kinderstube spiegelt sich in den -Liedern.« - -=Die Frau=: »Ein besonders sonniges Kinderbuch ist hier aus gemeinsamer -Arbeit entstanden, =das weit über der Höhe des gewöhnlichen Bilderbuchs -steht=, ohne sich doch vom kindlichen Verständnis zu entfernen.« - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler und fehlerhafte Markierungen wörtlicher - Rede wurden stillschweigend korrigiert. Lange Folgen von - Gedankenstrichen am Absatzende wurden auf einheitliche - Länge gekürzt. Ansonsten wurde die Originalschreibweise und - Interpunktion beibehalten - - Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Buches - verschoben. - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WANDERSCHUHE *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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