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-The Project Gutenberg eBook of Wanderschuhe, by Anna Schieber
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Wanderschuhe
- und andere Erzählungen
-
-Author: Anna Schieber
-
-Release Date: December 18, 2022 [eBook #69575]
-
-Language: German
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WANDERSCHUHE ***
-
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- Anmerkungen zur Transkription
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-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter
- Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original fetter Text ist =so
- dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
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-[Illustration: Signet]
-
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-
- Wanderschuhe
-
- und andere Erzählungen
-
- Von
-
- Anna Schieber
-
- Elftes bis fünfzehntes Tausend.
-
- Verlegt bei Eugen Salzer in Heilbronn
- 1914
-
-
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-
-Druck: Christliches Verlagshaus, Stuttgart
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Seite
-
- Wanderschuhe 1
-
- Ein Sommer 59
-
- Aus Kindertagen 109
-
- Ellen 133
-
- Ein Vater 187
-
- Sein Geburtstag 223
-
-
-
-
-Wanderschuhe
-
-[Illustration]
-
-
-Novembernebel lag dicht und schwer auf der Erde; droben auf der rauhen
-Alb war es. Kaum daß man zwei, drei Schritte vor sich sah. »’s könnt’
-Schnee kommen, Herr Pfarrer,« sagte der Ulmer Bote, der neben seinem
-schwergeladenen Wagen herging und prüfend in die Luft guckte. »Aber
-freilich, nichts Gewisses weiß man nicht.«
-
-Der Pfarrer hatte einen Gast abgeholt, einen jüngeren Freund und
-Bundesbruder. Er selber war alt geworden im Amt, er war schon viele
-Jahre hier und mochte auch nicht mehr ans Wandern denken; er war
-verwachsen mit dem rauhen Stück Erde da oben und mit den Menschen, die
-auf ihm emporwuchsen.
-
-»Ich hätte dir gern die Gegend in sonnigerem Lichte gezeigt,« sagte er
-zu dem Jüngeren. »Gestern noch wäre es schön gewesen, da hatten wir
-blauen Himmel und Sonne, die Wälder sind noch vielfarbig bunt, nun
-müssen wir uns im Hause einspinnen.« Dann saßen sie einander gegenüber
-in der großen Wohnstube. Ein gutes Feuer brannte in dem mächtigen
-eisernen Ofen, der von der Küche aus geheizt wurde. Draußen hantierte
-die alte Magd, die Pfarrfrau war verreist. »Großmutterpflichten,«
-sagte der Pfarrer lächelnd, »es ist das sechste Enkelkind, drunten im
-Unterland, wir werden immer reicher.«
-
-Drüben auf dem Turm fing eine Glocke an zu läuten. Ernst und schwer
-drangen die Töne durch den Nebel; oder schien es dem Gast nur so? »Ich
-muß dich nachher eine halbe Stunde lang allein lassen, du magst dich so
-lang an meinen Bücherschränken umsehen, die sind dir doch schon längst
-im Sinne. Es ist eine Beerdigung – und sonderbar genug ist der Fall,
-ich erzähle dir nachher davon, da du doch auf Geschichten erpicht bist.
-Nein, nein, laß nur, das wissen wir noch von früher her. Und im Grunde,
-was ist uns auch näher, als der andern Menschen Geschichte, Lust und
-Leid, Arbeit, Liebe und Tod?«
-
-Der Gast nickte. So war der Pfarrer immer gewesen; unter allen
-Interessen waren ihm die, die des Menschen Schicksale betrafen, am
-nächsten gestanden. So war er warmen Herzens ein Vater seiner Gemeinde
-geworden, ihn konnte man wohl so nennen, es war keine Phrase.
-
-Nun läuteten die Glocken zusammen. Draußen der Nebel war dicht und
-dichter geworden. Der Gast stand am Fenster, das auf den Kirchhof ging
-und sah, wie sich die Schulkinder mit dem Lehrer um einen aufgeworfenen
-Hügel versammelten, und wie ein kleiner Leichenzug zu dem unteren Tor
-herein kam, wie sich der Pfarrer zu ihm gesellte und wie der Sarg, auf
-dem ein einziger Kranz lag, niedergestellt wurde. Ein Mann mit einem
-kleinen Bübchen auf dem Arm stand zunächst des Sarges; das mußte der
-Hauptleidtragende sein. Das alles sah der Gast nur in schattenhaften
-Umrissen, es war alles dicht eingehüllt in den Nebel, und aus dem
-Nebel heraus drangen auch dünn und wie verschwommen die Stimmen der
-singenden Kinder, dann die tiefe Stimme des Pfarrers. In der Stube war
-es heimelich warm und die Bücherschränke übten ihre Anziehungskraft
-aus; bald saß der Gast mit einer seltenen Ausgabe der Aeneide im Sofa,
-aus deren altertümlichen Kupfern er erst den Blick wieder erhob, als
-der alte Pfarrer vor ihm stand.
-
-Der kurze Novembertag ging schon stark zur Neige, und, als müßte es
-so sein, fielen nun weich und lautlos die Schneeflocken vom Himmel
-und legten sich auf das neue Grab da draußen, in dem ein unruhiges
-Menschenherz war zur Ruhe gelegt worden.
-
-»Nein, kein Licht, Ursel,« sagte der Pfarrer, als die alte Magd mit
-der Lampe erschien, »wir wollen im Dämmer sitzen und uns Geschichten
-erzählen.« Dann, als die Pfeifen brannten, fing er an: »Es war so
-ein Tag wie heut, das ist nun drei Jahre her. Ich weiß es wohl noch.
-Wir hatten die beiden ältesten Enkelkinder da, die spielten um den
-Tisch herum und jauchzten laut, daß es meiner Frau und mir zumute war,
-als kämen die alten Zeiten noch einmal herauf, wo unsere Eigenen so
-herumtollten.
-
-Über dem ging die Tür auf; wir hatten ein leises Klopfen überhört, und
-in dem Rahmen stand ein junges Zigeunerweib. Ursel war an den Brunnen
-gegangen und hatte die Haustür solange offen gelassen, so war die
-Fremde unberufen bis in die Wohnstube gekommen. Die Kinder verstummten
-in ihrem Jubel und hingen sich meiner Frau an das Kleid. Ich habe schon
-viele aus diesem fahrenden Volke gesehen, Siegfried, es hat immer mein
-Herz bewegt, daß sie sind wie die Wanderschwalben, immer mit dem Trieb
-in die Ferne, und doch mit der Sehnsucht nach einer Heimat. Aber die
-hier stand und bittend die Hand ausreckte, die war so das Urbild eines
-Mädchens aus der Fremde, ein blütenjunges Weib, dem in dem bräunlichen
-Gesicht Lippen und Wangen in einem matten Rot leuchteten und dem aus
-dem bläulichen Weiß die Augensterne in einem feuchten, goldenen Braun
-hervorglänzten, die noch schlanke, junge Gestalt in ärmliche, doch
-etwas phantastische Gewänder gehüllt. Ich weiß das noch so genau, denn
-dieses junge Weib ist hernachmals noch oft in meinen Weg getreten und
-immer sah ich an ihr das Fremdartige, das sich in die Ferne sehnte und
-doch aus der Ferne wieder zurückstrebte, das Rätsel der Menschenseele,
-die ein Zuhause sucht durch alle Welt hindurch.
-
-Für jetzt bat sie nur in fremdartig klingender Sprache um etwas alte
-Leinwand und Bettzeug, da in dem Wagen draußen vor dem Dorf, da,
-wo es hart an den Wald anstößt, ein Kind zur Welt geboren sei, und
-nichts vorhanden, es einzuwickeln. Meine Frau ging, unter mütterlichem
-Schelten über den Leichtsinn, solch ein junges Wesen in die Tür zu
-dieser Welt treten zu lassen, eh’ ihm ein Bett bereitet sei, um
-einiges, was ihr das Herz eingab, zusammenzusuchen. Da, während
-ich diese und jene Frage an die Wandernde stellte, beugte sie sich
-plötzlich, wie von einem unwiderstehlichen Trieb geheißen, zu dem
-kleinen Mädchen nieder, das sie mit großen Augen ansah, und strich
-ihm mit einer sachten, weichen Bewegung über das Blondhaar, irgend
-etwas Zärtliches in fremder Sprache murmelnd. Und sonderbar, das
-Kind, das sonst scheu sich vor Unbekannten zurückzieht, faßte von dem
-Augenblick an eine Zuneigung, eine fast leidenschaftliche Liebe zu der
-Fremden. Das ist nachher – doch ich greife voraus – noch andern so
-gegangen. Es war ein paar Tage später. Da brachte unsere Ursel eine
-fast unbegreifliche Kunde mit ins Haus, die im Dorf die Zungen und
-die Gemüter stark in Bewegung brachte und die auch uns, ich muß es
-gestehen, nicht ohne einige Aufregung ließ.
-
-Draußen, am südlichen Ende des Dorfes – du hast vielleicht beim
-Hereinfahren das stattliche Giebelhaus mit dem gebräunten Balkenwerk
-gesehen – wohnte damals ein Junggeselle, von dem man allmählich die
-Meinung gewonnen hatte, daß er es bleiben würde, ein begüterter Bauer,
-der sich den Vierzigern näherte, und, seit ihm seine alte Mutter
-gestorben war, allein mit einer halbtauben Magd in seinem großen
-Anwesen hauste. Der sollte, so ging nun die Sage, mit der schönen
-Zigeunerin versprochen sein und sie zur Bäurin machen wollen. Ich
-konnte es nicht glauben, aus allerlei Gründen nicht. Aber am selben
-Abend noch, als ich schon in meiner Studierstube bei der Lampe saß,
-klopfte es an meiner Tür und der Bauer erschien, den weichen Filz etwas
-verlegen in den Händen drehend, und doch die sonst etwas trockenen Züge
-des hartgeschnittenen Gesichts von einem inwendigen Licht überglänzt.
-Ich habe dieses Licht schon je zuweilen auf Menschengesichtern leuchten
-sehen, und wenn ich es sah, ist es mir immer schwer gefallen, etwas
-dagegen zu sagen und es hat auch nie viel geholfen. Denn was ist die
-menschliche Vernunft gegen die geheimnisvolle Macht, die über alles
-hinüber die Menschen zueinander zieht? Nun, es war richtig so, wie die
-Ursel es ins Haus getragen hatte. Der Bauer saß mir gegenüber, und als
-er dann Worte gefunden hatte, da kam die Geschichte zutage. Du weißt,
-wir stehen gut miteinander, meine Pfarrkinder und ich, sie sind nicht
-scheu gegen mich.
-
-Er hat es vielleicht nicht mit den gleichen Worten gesagt, aber so
-ungefähr war es doch: als er an jenem düsteren Nebelabend hinausging,
-die schweren Holzläden an den Wohnstubenfenstern vorzulegen, da stand,
-wie aus der Erde gewachsen, die Fremde vor ihm. Sie bat um etwas Milch
-für die Wöchnerin; man konnte von dort aus das flackernde Feuer, über
-dem der Kessel hing, vor dem Wagen der fahrenden Leute, durch den Nebel
-sehen. Der Bauer, er heißt Markus Lohrmann, hieß sie ins Haus kommen
-und führte sie unter das Licht der hängenden Ampel in der großen Stube,
-wo in einer Ecke die alte Burge saß und spann. Er war von jeher so
-ein wenig anders, als die meisten Leute im Ort, er gab sich auch mit
-Bücherlesen ab und hat schon manchen Band von mir geliehen, hat auch
-eine stattliche Bücherreihe auf dem Brett über dem Sofa stehen. Die
-alte Burge sah wohl etwas unwillig drein: die Zigeunerin hätt’ auch
-draußen warten können, was wollte sie hier in der Stube? Aber sie stand
-doch auf und ging in die Milchkammer, die hinter der Küche lag, um
-nach einer Weile mit dem gefüllten Gefäß des Mädchens wiederzukommen.
-Was derweil drinnen in der Stube geschehen war, wußte wohl keines
-von allen dreien zu sagen; aber es war doch so, daß aus den jungen,
-seltsam-schönen Augen der Fremden und aus ihrem ganzen Gesicht und
-Wesen der rätselhafte, zündende Funke auf den Mann übergesprungen war,
-der seither von den Mädchen im Dorf für einen hagebüchenen Einspänner
-hatte gehalten werden müssen. Burge mußte sich fast zu Tode wundern,
-daß nach dem Abendessen der Bauer, der sonst um diese Zeit sich über
-eines seiner nachdenklichen Bücher zu beugen pflegte, noch einmal seine
-Kappe aufsetzte und in den dicken Nebel hinausging. Sie blieb, als sie
-mit den Abendgeschäften fertig war, hinter dem Spinnrad sitzen und mag
-da wohl über dem Warten eingenickt sein, denn sie fuhr erschrocken
-empor, als ihr mit einemmal der Bauer die Hand auf die Achsel legte:
-»Warum gehst du nicht ins Bett, Burge? Es hat elf Uhr geschlagen, du
-solltest längst drinnen sein.«
-
-Ihm selber hingen im Haar und in dem dunkelblonden, dünnen Schnurrbart
-die feuchten Nebel, die sich zu kleinen Tropfen sammelten. Er war
-stundenlang umher gelaufen, um eine Unruhe los zu werden, die er selber
-nicht an sich kannte, aber sie war nur größer geworden. Freilich, er
-hatte sie auch im Umkreis des flackernden Feuers herumgetragen, anstatt
-weit hinaus zu laufen über die Felder hin oder ins Dorf hinein. Aus
-dem Wagen war Zitherklang gekommen und Gesang einer Frauenstimme; eine
-fremdartig-sehnsüchtige Melodie kam zu ihm herüber, die Worte konnte
-er nicht verstehen. Dann, als eine Weile alles still war, glaubte er
-das Weinen eines Kindes, ein dünnes, hohes Stimmlein zu hören. Aber
-es wurde durch Männerstimmen und dann wieder durch ein Hundegekläff
-abgelöst. Am andern Morgen erschien das Mädchen wieder mit dem
-Milchgefäß, gerade zu der Zeit, als Burge im Stall auf dem Melkstuhl
-saß und der Bauer die beiden Taglöhner, die bei ihm schafften, anwies,
-ihm nur voraus auf den Rübenacker zu gehen.
-
-Und da geschah das Merkwürdige, daß der große schottische Schäferhund
-des Bauern, der in der Stube auf einer alten Strohdecke lag, winselnd
-zu der Zigeunerin herrutschte und ihr seine eiternde Vorderpfote
-zeigte, wie ein Kind, das fragt: Kannst du mir nicht helfen? Sie aber
-beugte sich, wie sie es bei unserem Enkelkind getan hatte, nun zu dem
-Tier herunter, das sie mit großen, ausdrucksvollen Augen ansah, strich
-ihm sachte und lind über das Fell mehrere Male und fing dann an, die
-kranke Pfote zu bestreichen. Das alles tat sie nur mit einigen leisen,
-halbsingenden Tönen, – su su – sie schien den Bauer dabei vergessen zu
-haben. Und, nun magst du darüber sagen, was du willst, aber der Hund,
-der schon seit Wochen auf dem Stroh gelegen, der stand doch, als das
-Mädchen gegangen war, auf, und kratzte bellend an der Tür; er wollte
-ihr nach, und seinem Herrn erging es nicht anders. Die Pfote soll auch
-noch denselbigen Tag geheilt sein. – Der Pfarrer blies nachdenklich
-einige leichte Wölkchen aus seiner Pfeife, als wollte er in den krausen
-Gebilden, die sich im Dämmerschein ergaben, eine Lösung suchen für das
-Rätselhafte, das mitunter in unser Leben tritt in allerlei Gestalten.
-– Dann fuhr er fort: früher hat man Hexen verbrannt, heute nennt man
-es Sympathie. Aber wir wollen nicht zu den Alleswissern gehören,
-Siegfried. Es ist so viel Wunderbares rings um uns herum, was hilft
-es uns, daß wir ein Wort dafür suchen? Es liegt doch hinter unserem
-Horizont, wenigstens jetzt noch. –
-
-Aber ich habe ja nur zu berichten, nicht zu erklären, sagte er
-lächelnd. Markus Lohrmann war es, als habe dieselbe leichte Hand, die
-vor seinen Augen den Hund gestreichelt hatte, auch ihm selber Stirn
-und Augen berührt und dort allerlei weggetan, was ihm bisher das
-Leben verhüllt hatte: er sah, daß die alte Burge doch bei all’ ihrer
-grämlichen Treue nicht das für ihn sei, was er zum Leben brauche;
-daß seine Stube öd sei und sein Tagwerken niemand nütze. Und er fing
-an, sich zu wundern, daß nie eine von den Dorfmädchen so in seinen
-Augenkreis getreten sei, daß er sich, wie bei der Wandernden, immerfort
-herzklopfend nach ihr hatte hinwenden müssen. Wie oft hatte man ihm
-früher das Heiraten vergeblich vorgestellt; aber dies hier war doch ein
-anderes Ding.
-
-Und daß ich’s kurz mache; nachdem er sich den einen und andern Tag
-umsonst damit herumgequält hatte, die schöne Fremde aus seinem Denken
-und Fühlen auszuschließen, ging er ihr nach, als sie dort am Waldrand
-dürres Holz aufzusammeln beschäftigt war und fragte in stockenden
-Worten, ob sie denn nicht bei ihm bleiben könne, nun die andern, die im
-Wagen dort, weiterzögen. »Als deine Magd?« fragte sie und richtete sich
-auf. Es sei ein seltsames Glänzen dabei in ihren Augen gelegen, – doch
-das lag ja eigentlich allezeit darin – so als wenn die Königstöchter in
-den Märchen für eine Zeitlang in Lumpen gehen müssen, weil ihnen ein
-Zauberer das angetan hat, und nun doch ein Eckchen des goldenen Kleides
-darunter hervorguckt.
-
-Da faßte sich der Bauer ein Herz; er mag wohl in den wenigen Sekunden,
-die es dauerte, seine ehrsame Verwandtschaft im Dorf überflogen haben
-und die Gesichter, die sie machen würden, wenn er ihnen die Zigeunerin
-zuführte, und das Gesicht der Burge, wenn sie die neue Bäuerin sähe.
-Aber das konnte alles nichts helfen, denn wenn er dachte, daß Mirza
-wieder aus seinem Leben entschwinden würde und er sie nie mehr sähe,
-dann tat ihm etwas im Innersten weh, wie noch nichts in seinem Leben.
-
-Also atmete er tief auf und sagte: »nein, als mein Weib, denn –« da
-wußte er nicht mehr weiter und sah sie nur hilflos an; aber als sie wie
-in ausbrechender Freude das gesammelte Holz aus der Schürze fallen ließ
-und die Arme hoch in die Luft hob, da wagte ers und legte zaghaft den
-einen Arm und dann auch den andern um sie.
-
-Sie hatte sich immer, wenn sie durch die Städte und Dörfer kamen, nach
-einer Heimat gesehnt, nach einem Dach, unter dem man wohnen und bleiben
-konnte; ob auch nach einem Herzen, das ihr allein gehöre, das weiß ich
-nicht.
-
-»Der Jarno ist gestorben,« sagte sie; »er hat mich gewollt und ich
-hätte ihn auch nehmen müssen. Aber er war so wild und ich kann das
-nicht leiden.« Sie sah ihn aufmerksam an, als müsse ihr aus dem
-minutenlangen Sehen ein Wissen um des Freiers ganzes Wesen erwachsen.
-»Du bist gut,« sagte sie dann kopfnickend, »ich habe es gleich gesehen,
-daß du gut bist. Nun kommt der Winter und es wird kalt; ja, ich will
-bei dir bleiben.« Das alles sagte sie wie aus Träumen heraus; sie ließ
-es aber geschehen, daß er sie fester an sich zog. Mehr hat er mir nicht
-davon erzählen wollen; ich mußte es aus seinem freudig aufgewachten
-Wesen lesen, daß für ihn mit Mirza, – denn wir nannten sie bald alle so
-– wirklich die Zeit angebrochen war, da man aus dem Alleinsein für sich
-in das Alleinsein zu Zweien übergegangen ist.«
-
-»Aber,« der Gast rückte etwas unruhig in seiner Sofaecke hin und her, –
-»du als Pfarrer, ich meine, es hätte da doch« –
-
-Sein freundlicher Wirt unterbrach ihn. »Kommt schon, Siegfried,
-ich weiß, du meinst, ich hätte da nachsehen müssen, wie es mit dem
-Katechismus und mit der Moral und dem Vorleben bestellt gewesen sei.
-Das haben andere mich auch gefragt; ich weiß, ich bin dazu bestellt,
-daß alles ordentlich und recht zugehe in meiner Herde.
-
-Aber siehst du, manche Menschen haben es auf dem Gesicht geschrieben,
-was sie sind. Da haben Gott oder die Natur oder wie du es nennen
-willst, etwas gemacht, das für sich selber redet. – Wir hatten in
-meinem väterlichen Garten ganz hinten in der Ecke einen Schutthaufen,
-auf den alles Abgängige geworfen wurde. Es wuchsen Nesseln darauf,
-auch manchmal ein Stechapfel oder eine Distel. Aber eines Tages
-standen weiße Lilien darauf. Weiße Lilien, hoch und schlank und
-mit den goldenen Staubfäden in dem Grunde der weißen Kelche. Und
-wir versammelten uns alle darum und staunten, und mein Vetter, der
-Apotheker, sagte, daß das eigentlich gar keine richtigen Lilien sein
-könnten, denn die wüchsen nur, wenn man sie pflanze und pflege. Aber da
-lachten Alle, denn es waren unzweifelhaft weiße Lilien und man wußte
-nur nicht, wie der Samen, oder eine Zwiebel davon unter die Komposterde
-gekommen sei; sonst war da keine Frage. – Nun,« er unterbrach sich,
-»ich wollte nicht sagen, daß Mirza eine weiße Lilie gewesen sei. Nur,
-etwas Besonderes unter ihresgleichen, das war sie schon. Und das andere
-fand sich auch noch. Markus Lohrmann hatte sie zu einer Base gebracht
-drüben im Filialdorf. Das war die einzige aus seiner Verwandtschaft,
-die er um solche Güte ansprechen konnte, wie es die war, eine
-Zigeunerin ins Haus zu nehmen. Sie war arm, und es war so mancher Sack
-mit Kartoffeln und mancher Brotlaib schon in ihr Häuslein gewandert im
-Lauf der Jahre.
-
-Er hatte ihr Geld gegeben, daß sie die Fremde in landesübliche Gewänder
-kleide und sie hatte das auch getan. »Aber,« flüsterte sie dem Vetter
-zu, als er darauf kam, die Braut zu besuchen, »sie sieht trotzdem nicht
-aus, wie eine Bäurin, da magst du machen, was du willst.«
-
-Nein, so sah sie ja freilich nicht aus. Als er in die niedrige
-Stube trat, erhob sich von der Bank, wo sie nähend gesessen hatte,
-eine Gestalt, die ihm vertraut und doch fremd war, in dem weiten,
-gefältelten Rock, der die Füße in blauen Strümpfen und niederen
-Lederschuhen freiließ, der breiten Bundschürze und dem Leibchen aus rot
-und blau gewürfeltem Zeug, aus dem die weißen Hemdärmel hervorkamen.
-Drüben auf dem Bett, dessen Vorhänge zurückgeschoben waren, lagen
-noch die weiteren Stücke der Ausrüstung, der tuchene Spenser und das
-breitbebänderte Spitzhäubchen der Älblerinnen. Also das war seine
-Bäurin, seine. Sie sah nicht aus wie die andern, sie war auch jetzt
-nur in einer Vermummung, wie sie es zuvor in den zusammengeschenkten
-Bettlerkleidern gewesen war. Aber sie sah ihn lächelnd an, mit
-freudigen Blicken, sie hatte sich das dunkle, weiche Haar gescheitelt
-und in zwei Zöpfe geflochten. Draußen sauste der Wind vorbei, die
-Fenster des Stübchens klirrten. Da erschauerte sie leise und barg sich
-bei ihm. »Ich habe nun Heimat und Haus und dich,« sagte sie, »wo aber
-mögen die andern sein?« Ihm aber war es recht, daß sie nichts von »den
-andern« wußte, er wollte nur sie allein und bei aller Liebe, mit der
-er sie umfaßte, die übrige Gesellschaft wußte er doch am liebsten in
-möglichst weiter Ferne. Sie hatte auch keine nahen Verwandten unter
-ihnen, ihre eigenen Leute waren gestorben.
-
-Bald darauf kamen sie einmal miteinander zu mir; es war in der
-Abenddämmerung. Markus Lohrmann wollte so schnell als möglich Hochzeit
-machen und, da es doch einmal sein sollte, war es auch besser so, schon
-damit das Geschrei und Gezeter im Dorf aufhöre; denn das hatte er nicht
-mit Unrecht vorausgesehen, es war ihm nichts davon geschenkt worden.
-
-Nun hatte ich mit ihnen zu reden, wie sie es mit dem Hausstand und
-mit der Trauung halten wollten. Denn er war evangelisch; Mirza aber
-gehörte, wenn man davon überhaupt reden konnte, der katholischen Kirche
-an. Freilich, sie wußte nicht viel von deren Lehren, nur einige stark
-abergläubisch vermischte Formeln, wie sie unter den fahrenden Leuten
-von Mund zu Mund gingen.
-
-Ich hatte einiges gefragt und es war still in der Stube. Da sah sie mit
-hingebenden Augen ihren Verlobten an: »Du bist gut und ich will bei dir
-daheim sein – ja, ich will sein, wie du bist.«
-
-Das war vielleicht ein mangelhafter Grund, auf dem die neue
-Gotteserkenntnis aufgebaut werden sollte. Aber ist nicht beim Besten in
-uns immer wieder das Verlangen nach einer Gemeinschaft, ist nicht die
-Liebe immer wieder die treibende Kraft gewesen?
-
-Nun kamen manche Tage, da das fremde Mädchen, freilich jetzt in
-Bauerntracht und mit hängenden Zöpfen, mir gegenüber saß. Es war bald
-nicht mehr der Wunsch allein, so zu sein wie Markus Lohrmann, es war,
-als sprängen in dieser jungen Seele lauter Quellen auf, die bisher
-geschlafen hatten. Mitunter öffnete sie die Lippen, wie durstig, einen
-frischen Trunk einzuschlürfen, wenn ich sie an der Hand nahm, um sie
-aus dem dämmernden Halbdunkel, in dem Dämonen, Amulette, Alräunchen und
-allenfalls die fernen Heiligen regierten, unter den freien Himmelsdom
-zu führen, in dessen tiefem Blau eine Sonne über allen schien, und, wie
-wir in Ehrfurcht und Herzensmüssen glauben, ein Herz für alle war.
-
-Ich habe nicht von mir zu reden. Sonst, Siegfried, es ist auch nicht
-nichts für unsereinen; wenn man Sonntag für Sonntag seine Bauern vor
-sich sitzen hat – nun, ich habe die meinigen gern – aber man weiß nicht
-sicher, denken sie nun an Korn und Haber und Viehhandel, oder an ihre
-Krauthäfen daheim die Weiber, oder hören sie, was du sagst.
-
-Es ist auch nicht nichts, wenn so ein paar durstige braune Augen so
-dringlich fragen: »Hast du sonst noch etwas? gib mir alles, was du
-hast.«
-
-In diesen Stunden stahl sich wohl mein Enkeltöchterchen leise zu uns
-herein und schlüpfte, die Augen auf mich gerichtet, ob ich es nicht
-verjagen werde, zur Mirza hin. Die faßte die kleine, warme Kinderhand,
-ohne sich im übrigen zu rühren, und das Kind saß glücklich dabei, wie
-ein Vögelein unter Flügeln sitzt.
-
-Auch das nahm sein Ende. Eines Tags im Dezember standen die beiden,
-Markus Lohrmann und Mirza, vor dem Altar. Draußen wehte es stark, ein
-scharfer Nordostwind fegte durch die Gassen und über unsere Hochfläche
-hin, und ich, als mir bei den wenigen Schritten vom Hause bis zur
-Sakristei der Kirchenrock flatternd um die Beine schlug, mußte es
-nachsprechen, was ein anderer vor mir gesagt hat: »weh’ dem, der keine
-Heimat hat.«
-
-Nun, die beiden, die sich in dieser Stunde die Hände gaben, die hatten
-ja nicht nur ein Dach über sich, sondern, was erst recht die Heimat
-macht, ein Herz, um darin daheim zu sein, ein jedes im andern. Zwar
-daß bei ihm die Leidenschaft stärker und tiefer war, als bei ihr,
-das hatte ich schon gesehen. Aber sie hatte sich doch hingebend und
-nicht ohne eine stille Innigkeit in ihn gefunden und wollte ihm allein
-gehören; das mußte genug sein. Seltsam, daß so die Rollen vertauscht
-waren: unsere Albbauern haben es sonst nicht so stark mit den Gefühlen,
-sie sind mehr aufs Nüchterne, Praktische gerichtet, und das fremde,
-dunkeläugige Volk der Zigeuner, das gilt bei uns eher für heißblütig
-und leicht hingerissen. Das war aber nun, wie es war.
-
-Mir kamen die beiden nun für eine Zeitlang mehr aus den Augen; es war
-Winter und es gab allerlei Kranke am Ort, die ich zu besuchen hatte.
-Doch hörten wir ab und zu, daß dort draußen in dem Hause mit den
-braunen Balken alles gut gehe, den Schwarzsehern und Unglücksraben,
-die alles Böse hatten prophezeien wollen, zum Trotz. Selbst die alte
-Burge, die anfangs gemeint hatte, daß nun der Himmel einstürzen müsse,
-ließ sich, als gegen den Frühling hin eine böse Grippe ins Dorf kam,
-gern von den leichten und geschickten Händen des jungen Weibes pflegen,
-und mir war, als ich sie besuchte, als ob ihre grämlichen, harten Züge
-einen sanfteren Ausdruck gewonnen hätten.
-
-Da kam ich einmal, als die Märzstürme mit aller Macht bliesen und
-auf den höhergelegenen Flächen den Schnee wegfegten, gegen Abend
-vom Nachbarort her. Es war eine frische, reine Luft, es lag etwas
-frühlinghaftes trotz der Schärfe darin und ich blieb stehen, um – den
-Hut hatte ich abgenommen – ein paar tiefe Züge davon einzuatmen und
-mir auch den alten Kopf ein wenig durchwehen zu lassen. – »Du weißt,
-ich bin hart gewöhnt worden da oben,« unterbrach sich der Erzähler
-lächelnd, »ihr Jungen hättet euch vielleicht dabei einen Schnupfen
-geholt.«
-
-Da sah ich auf dem kleinen Hügel, den eine einzelne alte Eiche
-bekrönt, eine Frauengestalt unbeweglich stehen. Sie wandte mir den
-Rücken, sie sah in den sinkenden Abend hinein. Dort, im Westen, hingen
-einige leuchtende Wolken, denen die schon entschwundene Sonne schmale
-Purpursäume gewoben hatte. Ich sah es nun auch, sie veränderten ihre
-Form in rascher Folge, ballten sich zusammen und flossen auseinander,
-eine reichere Phantasie als die meinige hätte wohl allerlei Wesenheiten
-aus ihnen geschaffen. Mir will so etwas nie gelingen. Das aber sah
-ich, daß die Frau da oben wie in einer starken Bewegung die Arme
-ausbreitete und so eine kleine Weile regungslos verharrte. Dann, als
-rasch nacheinander die Purpurfarben am Horizont verlöschten und es
-dort grau und trübe wurde, wandte sie sich langsam um und ging mit
-zögernden Schritten den schmalen Weg, der zu der Landstraße führt,
-herunter. Und ich sah, daß es Mirza sei. Wäre es eine Fremde gewesen,
-ich wäre weitergegangen. So blieb ich noch eine Weile stehen, um sie
-herankommen zu lassen. Sie sah mich erst, als sie fast vor mir stand.
-Ich aber sah, daß ihr Gesicht tiefernst war, und daß ihre Augen immer
-noch in die Ferne gingen, wie in einer großen Sehnsucht. Als sie mich
-gewahr wurde, schrak sie zusammen, wie jemand, der in Träumen gegangen
-ist und den man angerufen hat. Dann färbte sich ihr Gesicht langsam mit
-einer dunklen Röte, aber sie faßte sich schnell und streckte mir die
-bräunliche Hand hin: »Guten Abend, Herr Pfarrer.« Ich wollte sie nicht
-fragen, was sie da draußen zu suchen gehabt habe bei sinkendem Tag; ich
-fragte nach ihrem Haus und ihrem Mann, nach Burge, die wieder gesund
-war und sagte scherzweis: »Und im Pfarrhaus, da lässest du dich gar
-nicht mehr sehen, seit du die Lohrmannsbäurin geworden bist, – oder ist
-es, seit das Agathlein nicht mehr da ist?« Das Agathlein, du weißt es,
-ist das Enkelkind, das sich so schnell in die Fremde verguckt hatte.
-
-Sie gab mir auf alles Red’ und Antwort, aber doch wie eine, die nur mit
-Mühe dabei ist und neben dem, was es aussprach, schien ihr Mund immer
-noch etwas zu hüten, was er verschweigen mußte. So kamen wir selbzweit
-bis an das Haus, unter dessen Tür der Ehemann stand und nach seinem
-Weibe Ausschau hielt. Er sah heiter aus und bot mir die Hand. »Ja,
-nicht wahr, Herr Pfarrer,« sagte er, »mein Weib, das fürchtet sich
-nicht vor Wind und Wetter.« Und, als er sah, daß Mirza zusammenzuckte,
-sagte er mit einem guten Lächeln: »Ich weiß es wohl, sie ist das
-Stubensitzen nicht gewohnt, sie muß sich hie und da verlüften. Aber
-wart nur, sei’s um kurze Zeit, so fängt draußen das Ackern an, da
-kannst du frische Luft haben, und Bewegung, grad genug. Und man hat
-einen weiten Umblick bei uns da oben.« Er lachte ein frohes Lachen:
-»Das ist dann doch anders, so im Eigenen, mit der Sonne hinaus und mit
-der Sonne heim.« Das Weib stand still daneben. Dann, als zwinge sie
-etwas hinunter, atmete sie auf. »Du bist gut,« sagte sie und drängte
-sich an ihn. Immer wieder: »Du bist gut.« Da gingen sie miteinander ins
-Haus und ich dachte: »Um die zwei brauchst du keine Sorge zu haben,
-die wachsen schon zusammen,« aber ich konnte es doch nicht ändern, daß
-mir hie und da wieder das sehnliche Gesicht vor die Seele trat, das
-ich da außen gesehen hatte. Da, es war schon gegen Ende April – auch
-bei uns, zu denen der Frühling erst spät kommt, knospeten die Hecken
-und standen die Veilchen im Grase – kam die Bötin aus dem Nachbarort
-bei uns vorbei; sie hatte meiner Frau etwas aus der Stadt mitgebracht.
-»Ja, ja,« sagte sie, als sie in der Küche saß und eine große Schüssel
-mit heißem Kaffee vor sich auf dem Tisch stehen hatte, »ja, ja, so
-geht’s, wenn man etwas anderes will, als Seinesgleichen. Die Marie vom
-Adlerwirt, die wär ihm nicht davongelaufen, und ist auch eine saubere,
-postierte Person; es hätt’ nicht gerad eine schwarze Zigeunerin sein
-müssen; aber wer nicht hören will.« Ich kam gerade an der Küche vorbei
-und hörte ihr Reden. »Was sagt sie da, Bötin?« fragte ich. »O nichts,
-als daß der Lohrmann ja jetzt das Nachsehen hat, er hat sie ja nun den
-Winter über durchgefüttert.«
-
-Ich wollte nichts mehr hören, es durchfuhr mich doch in jähem Schreck.
-Und, obgleich es Samstag war und meine Predigt noch nicht fertig, nahm
-ich Stock und Hut und ging ans Ende des Dorfes, um zu sehen, was es mit
-der Sache auf sich habe.
-
-Der Bauer war in der Scheuer, er machte sich allerlei zu tun, aber
-ich sah doch auf den ersten Blick, daß seine Gedanken nicht beim
-Futterschneiden seien. Als er mich gewahrte, sah er mit einem eigenen,
-stillen Blick auf, darin nichts von der Frohheit der letzten Zeit lag,
-aber etwas anderes doch, das mir für ihn wohl tat, etwas Unentwegtes.
-Er führte mich wortlos in die Stube; dann erst, als er die Tür hinter
-sich geschlossen und mir einen Stuhl angeboten hatte, sagte er: »Ich
-weiß wohl, warum Sie kommen, Herr Pfarrer; ich dank’s Ihnen. Aber
-wenn’s nach mir gegangen wäre, ich hätt’s keinem Menschen gesagt. Sie
-können’s nur immer nicht schnell genug ausschnüffeln, die Leut’, wenn
-irgendwo etwas nicht im Gleis ist. Die Burge hätt’ nichts gesagt, die
-auch nicht. Aber der Fuhrknecht vom Lammwirt, der hat sie gestern
-in der grauen Morgenfrühe gesehen, wie sie mit einem ganz kleinen
-Bündelein in der Hand Blaubeuren zugegangen ist. Und, Herr Pfarrer,
-sie hat das rote Tuch um Kopf und Schultern gehabt, in dem sie einst
-hierher gekommen ist. Im Lamm hat er’s erzählt, sie sei gegangen, wie
-auf Federn, so leicht, und leis vor sich hingesungen habe sie. Jetzt
-wissen sie’s im ganzen Dorf und das ist mir leid um sie. Denn sie kommt
-wieder, o Herr Pfarrer, sie kommt wieder, sie kann es gar nicht anders.
-Es ist nur das Frühjahr, ich seh’s gut, ich seh’ in sie hinein wie in
-einen Spiegel.«
-
-Und damit stieg ihm wieder etwas von der Freude in die Augen, als ob er
-sein Weib schon vor sich sähe, wie sie zur Tür herein käme: da hast du
-mich wieder.
-
-»Und dann, wenn sie kommt?« ich fragte es eigentlich ohne Not; denn ich
-sah es ja, wie er sie aufnehmen würde.
-
-Da brach es aus seinen blauen Augen wie ein heller Strahl. »Dann?«
-Er ballte gewaltsam die Hände zu Fäusten und preßte die Lippen
-aufeinander, daß sie es nicht hinausschrieen, was dann sei; die Augen
-mußten es ganz allein sagen mit ihrem Leuchten. Und ich sagte und
-wandte mich wieder zum Gehen, denn der hier wurde allein fertig: »ja,
-ja, Markus, die Liebe muß immer das letzte Wort behalten. Gott geb’s,
-daß sie es auch bei euch tue.«
-
-»Es ist mir nur um sie. Sie hat so wie so keine Freunde im Dorf; sie
-werden arg über sie herfallen. Aber was tut’s am Ende? Daheim ist sie
-doch nur bei mir.« Damit gab mir Markus Lohrmann das Geleite bis vor
-die Tür und schon als ich ein kleines Stück weit vom Hause entfernt
-war, hörte ich wieder das Klappern der Futterschneidemaschine.
-
-Am andern Tag, als wir unseren Sonntagsspaziergang machten in den
-Frühlingswald hinaus, meine Frau und ich, kommen wir an Lohrmanns Haus
-vorbei: da saß im Sonnenscheine die alte Burge am offenen Fenster.
-Sie hatte die Brille auf der Nase und das Gesangbuch auf dem Schoß,
-aber ihre Augen gingen ins Weite, und als sie uns herbeikommen sah,
-winkte sie mächtig mit dem Kopf: »ich bin allein im Haus, der Bauer ist
-mit seinem Weib hinaus, sie wollen ein bißchen nach der Saat sehen.«
-Und, als wir beide uns in freudigem Schrecken nach ihr hinwandten;
-fuhr sie fort: »ja, ja, das Böse kommt immer schneller herum, als das
-Gute, aber heut in aller Gottesfrühe, es waren noch die übernächtigen
-Sterne am Himmel, da höre ich doch trotz meiner dicken Ohren, daß etwas
-draußen am Laden herumtastet. Und da schlägt auch schon der Hund an
-und reißt an der Kette, wie toll, aber eh’ ich meine Röcke überwerfen
-kann, geht schon die Haustür und der Bauer tritt über die Schwelle.
-Geschlafen hat er nicht die zwei Nächte, das weiß ich wohl. »Ich muß
-bei der Hand sein, wenn sie kommt,« hat er gesagt. Und als ich meinen
-Laden aufstoße, da steht sie richtig draußen und guckt ihn so an, als
-ob sie heulen und lachen möchte an einem Stück, und er nimmt sie nur
-so an beiden Händen und sagt: »komm, komm;« es hat ihm ganz die Stimme
-verschlagen. Und er zieht sie so an den Händen ins Haus herein und läßt
-die Türe wieder ins Schloß fallen. Da müssen sie lang gestanden sein,
-denn erst nach einer Viertelstunde hab ich ihre Kammertür gehen hören.
-Ich bin wieder ins Bett gestiegen, ich bin ein alter Mensch und die
-Nächte sind kalt. Und es war mir auch, ein drittes sei zu viel dabei:
-Aber wie ich dann hinauskomme ein paar Stunden später, da hantierte
-die Frau schon in der Küche, und der Bauer steht dabei und guckt ihr
-zu, wie sie die Milch seiht, und der Hund, Gott verzeih’ mir’s, wenn’s
-eine Sünd’ ist, aber der steht daneben und frißt sie fast mit den
-Augen, ganz gleich wie der Bauer. Und wie ich sag: »so, so, auch wieder
-da?« und daß wir in der Angst gewesen sind, – da hat sie die Augen voll
-Tränen und lacht dazu und sagt: »Burge, Burge, ihr hättet mich sollen
-nicht ins Haus nehmen, so einen Wandervogel. Ich hab hinaus müssen,
-ich wär gestorben sonst. Aber, – und dann guckt sie den Bauern an, daß
-es mir altem Weib ganz siedheiß wird unter dem Kittel – haben müßt ihr
-mich jetzt doch, denn ich muß hier daheim sein, das kann man nicht
-mehr ändern. Es ist eine Not.« Und dann schlüpft sie an ihn hin, wie
-ein Kind, wenn es Angst hat, und, Herr Pfarrer, ich mag’s kaum sagen,
-aber der Bauer trägt sie ja richtig auf seinen Armen in die Stube und
-sagt: »mit einem siebenfachen Seil bind’ ich dich an, daß du mir nicht
-entlaufen kannst«, und sie sagt immer nur: ja, ja, bind mich an, aber
-mir ist angst, ich komme dir doch noch hinaus.«
-
-Die alte Burge schüttelte den Kopf.
-
-»Was soll ein alter Mensch, wie ich bin, dazu sagen? Ich habe in meinem
-ganzen Leben noch nichts solches gesehen, es ist nicht der Brauch bei
-uns. Aber so eigentlich bös sein, das kann man ihnen beiden nicht.« Und
-damit nahm das runzelige, trockene Gesicht einen Ausdruck an, den es
-noch nie gehabt hatte vorher; sie liebte Mirza, wider ihren Willen.
-
-»Sagen, Burge? wir wollen gar nichts sagen.« Meine Frau war in
-mütterlicher Wallung für die beiden Menschen. »Gott behüt uns alle, wir
-haben’s alle nötig.«
-
-Und damit setzten wir unseren Weg fort, und als wir von Weitem ein
-Menschenpaar Hand in Hand durch die hellgrünen Saatfelder gehen sahen,
-bogen wir auf ein Seitenweglein ab. Denn wir hatten nichts dabei zu tun.
-
-Wir haben es später erfahren, daß Mirza auf den Blaubeurer Felsen
-herumgestiegen sei und auch, unter einen überhangenden Stein geduckt,
-frierend dort genächtigt habe. Und daß sie, hin- und hergerissen
-von ausbrechender Wandersehnsucht und von dankbarer Liebe zu dem
-Mann, der sich selbst und sein Haus zu ihrer Heimat gemacht hatte,
-umhergewandert sei, bis sie im Talgrund unten einen Wagen mit Leuten
-ihres Volkes gesehen habe. Da sei es ihr in heißem Schreck ins Herz
-gefahren, daß sie zu ihnen nicht gehöre, und sie sei atemlos gelaufen
-bis vor die Schwelle »seines« Hauses. Und sie hat ja nicht vergeblich
-dort geklopft, da die Liebe wach war und auf sie wartete.« – Der alte
-Pfarrer stand auf und ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. Der
-Gast wußte, daß er nun eine innere Bewegung und vielleicht auch die
-Versuchung, eine Nutzanwendung zu dem Gesagten zu machen, in sich
-unterdrückte; so saß er schweigend und wartete. Der Feuerschein aus
-dem Ofen fiel durch das geöffnete Türchen auf den weißen Stubenboden;
-draußen war es dunkel. Ursel steckte den Kopf zur Tür herein.
-
-»Bring ein Krüglein Wein, Ursel. Nein, nicht vom Neuen, von dem kleinen
-Fäßchen im Eck, alten roten. Und dann auch die Lampe.«
-
-Nun kam der Hausherr wieder in Zug.
-
-»Es ist nicht bei dem einenmal geblieben,« fuhr er fort. »Sie ist noch
-hie und da, dem dunklen Trieb in die Ferne gehorchend, auf einen oder
-zwei Tage aus ihres Mannes Haus verschwunden und immer wieder beim
-Sternenschein oder beim ersten Hahnenschrei zurückgekehrt. Er hat sie
-jedesmal mit der steten Treue seines Wesens aufgenommen, und sie barg
-sich dann, wie in wachsender Angst vor sich selber, in seinen Armen.
-Ich sah aber doch hie und da, daß ein Zug von stiller Schwermut auf
-dem Gesicht des Mannes lag, bis er eines Tags wie übersonnt vor Freude
-in mein Haus trat. »Er ist da,« sagte er, »der Bub, wir haben einen
-Buben.« Ich mußte mich mit ihm freuen. »Das ist ja gut,« sagte ich und
-gab ihm die Hand, »nun wird ja auch die Mutter noch fester bei euch
-einwurzeln, als sie es bisher getan hat, nun, da sie die Wiege neben
-dem Bett hat.« »Das wird sie, so Gott will,« sagte der Bauer und wieder
-brach ein freudiger Strahl aus seinen Augen, »wir zwei, wir binden sie
-an auf immer, der Bub und ich.«
-
-Meine Frau konnte dem Drang ihres mütterlichen Herzens nicht lange
-widerstehen. Sie wußte es wohl, das fremde junge Weib hatte keine
-Freundinnen unter den Dorfweibern. Und wenn auch die alte Burge da
-draußen herumhantierte, – kurz, sie mußte hin und nach dem Rechten
-sehen.
-
-Es war ein sonniger Märztag, als sie den Gang machte. Und als sie an
-den niedrigen Fenstern vorbeiging, die halbgeöffnet waren, da drang
-ein leiser, lieblicher Gesang an ihr Ohr. Das war Mirza, die ihrem
-Kindlein ein Wiegenlied sang, eine fremdartig süße Weise, wie deren
-die wandernden Leute so viele haben. Drinnen soll es lieblich genug
-ausgesehen haben. Die junge Mutter hatte das Büblein an der Brust und
-der Vater stand, ein Schnitzmesser in der Hand, unter der Tür, die nach
-dem Stadel hinausführte und konnte sich nicht ersättigen am Anblick der
-beiden dunkelhaarigen Köpfe, die da so traut beieinander auf den Kissen
-lagen. Denn das Kindlein hatte einen Wald von schwarzem Kraushaar und
-die großen, glänzenden Augen der Mutter mit in die Welt hereingebracht.
-
-»So ist er jetzt immer,« sagte Burge, »hundertmal läuft er von allem
-Geschäft weg und guckt die zwei an, als ob sie ihm könnten gestohlen
-werden.«
-
-Aber sie selber machte es nicht viel anders, das konnte man deutlich
-sehen. Sie versorgte Mirza und wickelte das Kind und besorgte den
-Hausstand. Es war, als ob sie Räder an ihre alten Füße bekommen hätte
-und ein junges Gesicht dazu. Das machte alles die Freude.
-
-»Viel zu gut habe ich’s,« sagte Mirza. »Die Frauen meines Volkes – wenn
-ich denke, wie sie hinter einer Hecke oder auf einem Heuhaufen –,« sie
-brach ab, als der Mann mit einer hastigen Bewegung auf sie zukam: »Dein
-Volk ist jetzt hier, Mirza, bei uns, bei mir, sonst nirgends mehr.«
-Und sie preßte das Köpflein des Kindes an sich und sagte: »ja, ja,
-das ist es. Aber ich kann’s nicht ändern, ich muß auch an die andern
-denken.« Und leiser, das rote Fäustchen und das sattgetrunkene Mäulchen
-küssend, fuhr sie fort: »er hat’s gut, mein Kleiner. Er ist da geboren,
-wo er hingehört. Ihn wird es nicht in der Welt herumwerfen – und nicht
-hinausziehen mit aller Gewalt.«
-
-»Ja, und du bleibst nun auch da, Mirza, nun bleiben wir alle
-beieinander,« sagte der Mann, und es sei eine leise Angst und eine
-rührende Bitte in seinem Ton gelegen, sagte meine Frau.
-
-Nun ging ein Jahr hin, – mehr als ein Jahr – ein Sommer und ein Winter
-und wieder ein Sommer, das war für Markus Lohrmann eine gute Zeit.
-Ich weiß noch einen Sommertag vom vorigen Jahr; es war im Heuet;
-draußen an der großen Wiesenbreite gegen die Elchinger Markung hin
-gingen wir beide, das Agathlein, das zum Besuch gekommen war, und
-ich, selbander spazieren. Das heißt, das Agathlein hüpfte mir voraus,
-immer drei Schritte vor und einen zurück, und machte einen Strauß aus
-Heckenrosen und gelbem Ginster und solchem Blumengezeug an den Rainen,
-das nicht unter der Sense gefallen war. Und dazwischen hinein sah es
-sich um, ob der Großvater auch nicht verloren gehe. Aber auf einmal, an
-einer Wegbiegung, – es stand eine Gruppe von Schlehdorngebüsch davor,
-tat das Kind einen Schrei aus seinem freudigen Herzlein heraus und
-rannte gradeaus über die Wiese hin, bis wo unter einem Vogelbeerbaum
-ein Häuflein Menschen saß, offenbar beim Vesper. Ich stieg langsamer
-hintendrein, bei unsereinem pressiert’s nicht mehr so stark; da fand
-ich das Agathlein schon neben seiner Freundin Mirza auf dem moosigen
-Mäuerlein sitzen, das dort die Wiese abschließt, und es hatte auch
-wie die andern ein Stück Käsbrot in der Hand, von dem es fröhlich
-herunterbiß.
-
-Das schwarzhaarige Büblein, das für seine viereinhalb Monate schon
-prächtig herangediehen war, das lag mit weitoffenen Guckaugen auf
-seiner Mutter Schoß und krabbelte mit den Händlein an ihrer Brust
-herum, als ob es wisse, daß es jetzt dann an die Reihe komme mit
-der Mahlzeit. Mirza war, wie Burge und wie der Mann und die beiden
-Taglöhner, in Hemdsärmeln. Sie unterschied sich durch nichts als durch
-ihre fremdartige, dunkle Schönheit von einer echten Albbäurin. Aber das
-Sehnsüchtige, Rätselhafte in ihren Augen und um ihren Mund, das war
-jetzt ausgelöscht oder doch zugedeckt durch eine weiche, mütterliche
-Freude an dem jungen Leben, das sie in ihrem Schoße hielt, und als sie
-aufsah und mir die Hand hinstreckte, tat sie es mit einem Lächeln, wie
-es nur ein Mensch hat, dem es im Herzen wohl ist. Ich bin damals eine
-gute Vesperviertelstunde lang mit unter dem Eschenbaum gesessen und auf
-dem Heimweg war mir’s warm, nicht von der Sonne allein, auch nicht von
-dem Glas Bratbirnenmost, das ich nicht hatte ausschlagen wollen; so
-ein Stück reifen, guten Sommerglückes, das man Menschen, die man gern
-hat, genießen sieht, das wärmt einen im Innersten. Das Agathlein, –
-das muß ich noch sagen – blieb auf der Wiese zurück. »Ich muß den Marx
-hüten, die Mirza muß wieder schaffen,« rief sie mir nach. Und als ich
-mich einmal umwandte, da sah ich Markus Lohrmanns Weib, wie sie rüstig
-neben ihm mit dem Rechen hantierte; er aber konnte es nicht lassen,
-zwischenhinein seine Augen nach ihr hinzuschicken. Ja, da hatte er gute
-Zeit.
-
-Wenn man sie gegen ein langes Leben hinhält, war sie kurz.
-
-Aber wie viele gehen über die Erde hin, die nie ein ganzes, volles
-Leuchten in sich gehabt haben, so eins, das durch dunkle Tage und Jahre
-hinscheint wie ein Licht: damals bin ich glücklich gewesen. Zu denen
-gehört Markus Lohrmann nicht. Wenn er nun mit seinem Büblein in seinem
-Haus da draußen sitzt und es kommt ihm so leer vor, und das Kind wächst
-daher und sollte eine Mutter haben, – ich weiß, dann nimmt er es auf
-den Schoß und erzählt ihm, noch eh’ es den Verstand dazu hat, daß einen
-Sommer und einen Winter und wieder einen Sommer lang sich dunkle Augen
-in den seinigen gespiegelt haben. Daß eine zärtliche Stimme schöne,
-seltsame Weisen über seinen ersten Kinderschlaf hingesungen hat, daß
-sein schwarzes, lockiges Köpfchen im Schoß einer lieben Frau geruht
-hat, die seine Mutter war.
-
-Und wenn er dann auch in vergeblicher Sehnsucht die Arme nach dem
-fernen Bild ausstrecken wird, es ist doch sein eigen gewesen. Und
-er wird sein Büblein an der Hand nehmen und« – »Du wirst ja ganz
-poetisch,« sagte der Gast dazwischen, und dann räusperte er sich und
-nahm einen Schluck Wein.
-
-Der Pfarrer nahm auch einen. »Na ja,« sagte er, »das ist sonst meine
-Art nicht. Aber es ist mich so angekommen.
-
-Im vergangenen Sommer, – der kleine Marx zog schon sein hölzernes
-Gäulchen an einer Schnur hinter sich her und wackelte auf seinen
-anderthalbjährigen Füßen ums Haus herum – sah ich Mirza eines Tags
-gegen ihre sonstige Gewohnheit an einem sonnenheißen Tag unter der
-großen Linde, die nahe bei ihrem Haus steht, auf der Steinbank sitzen.
-Sie hatte ein altes, rotes Tuch um die Schultern gelegt und zog es an
-sich, als ob sie friere. Und ihre Augen sahen müd und traurig aus.
-
-»Was ist dir, Mirza?« fragte ich und setzte mich neben sie. »Du siehst
-nicht gut aus. Bist du krank?«
-
-Nein, das sei sie nicht, sagte sie, nur müde, es sei unbegreiflich,
-und doch auch wieder nicht. Es kam und ging eine dunkle Röte auf ihrem
-Gesicht. Sie kämpfte augenscheinlich damit, mir etwas zu sagen, tat
-aber dann ein paar lange Atemzüge und strich sich mit der Hand übers
-Gesicht, wie um dort etwas wegzuwischen. »Wenn dich etwas drückt,
-Mirza, und du möchtest’s mir gern sagen, – das weißt du wohl, daß
-ichs gern hören will,« sagte ich. »Aber freilich, wenn man so einen
-guten Mann hat, wie du, dann hat man den Beichtvater bei sich im Haus
-und braucht den Pfarrer nicht dazu.« Ich versuchte zu scherzen, aber
-eigentlich war es mir nicht recht um Spaß zu tun. Denn die Augen des
-Weibes neben mir sahen wie in eine dunkle Tiefe oder in eine große,
-weite Ferne.
-
-»Es gibt Sachen, Herr Pfarrer,« sagte sie tiefernst, »mit denen muß der
-Mensch ganz allein ins reine kommen, da hilft das Reden nichts,« und
-ich spürte, daß es bei ihr so sei.
-
-So machte ich mir nur noch ein wenig mit dem Bübchen zu schaffen und
-freute mich, daß, als ich weiterging, der kleine Bursch vor seiner
-Mutter auf dem Boden saß und sein eifriges Gesichtlein zu ihr erhob,
-die seine stammelnde Sprache allein bis jetzt verstand.
-
-Einige Tage später hörten wir von der alten Burge, die in letzter
-Zeit wegen zunehmender Kurzatmigkeit einer jungen Magd Platz gemacht
-hatte, aber gleichwohl noch dort draußen aus- und einging, wie ein
-Eigenes, daß dem kleinen Marx ein Geschwisterlein sollte geboren
-werden, vielleicht so gegen den Wintersanfang hin. »Die Mirza ist
-nicht recht zuweg,« sagte sie, »auch vergnügt ist sie nicht. Es nimmt
-mich wunder; sie können ja gut mehr Kinder verhalten, darum braucht
-sie sich keine Sorgen zu machen. Aber freilich, ich kenn mich nicht
-aus bei ihr, es ist wohl nicht ums tägliche Brot, daß sie so unter dem
-Druck herumläuft. Sie hustet auch so viel, ich mein’ immer, der Mann
-solle den Doktor holen. Nur, wenn ich das sage, dann schüttelt die
-Mirza stumm mit dem Kopf und guckt ihn so flehentlich an mit ihren
-großen Augen, als ob sie sagen wollte: das, was mich krank macht, das
-ist nichts für den Doktor. Und er – er tut ja, was sie will, da kann
-unsereins nichts machen.« Meine Frau tröstete an der treuen Seele herum.
-
-Das sei oft so in diesen Zeiten bei den Frauen, da müsse man nur warten
-und Geduld haben, mit dem neuen, jungen Leben werde auch der neue
-Lebensmut geboren und was man so zu sagen pflegt. Aber es war doch auch
-uns beiden nicht recht wohl ums Herz, als wir in einer der nächsten
-Wochen bei einem Abendspaziergang das junge Weib dort draußen auf dem
-kleinen Hügel trafen, auf dem ich sie schon einmal hatte stehen sehen,
-damals im Vorfrühling. Heute sah sie krank aus, mit übergroßen, dunklen
-Augen, die wie in einer sehnlichen Glut brannten; das schöne Gesicht
-war hager geworden und um die Mundwinkel lag ein fremdes, trauriges
-Lächeln. Sie wollte sich zwingen, heiter zu sein, als sie, sich dichter
-in das alte, rote Zigeunertuch hüllend, sagte: »die Schwalben sammeln
-sich schon wieder zum Fortgehen. Ich hab ihnen zugesehen, man sieht
-so weit hinaus da oben.« Aber es war, als ob eine gefangene Seele die
-beschnittenen Flügel höbe: warum kann nicht auch ich hinausziehen in
-die große, uferlose Weite? Ich wollte nun doch auch einmal mit Markus
-Lohrmann reden, das nahm ich mir vor; denn ich wußte wohl, daß er in
-Sorge und Liebe jetzt seine Tage hinbringe, und es war mir auch, als
-ständen wir alle vor einem tiefen Rätsel, zu dessen Lösung wir uns die
-Hände reichen müßten.
-
-Aber eh’ ich noch, durch allerlei Amtsgeschäfte abgehalten, dazu kam,
-ihn aufzusuchen, geschah, was geschehen mußte, so wie das Leben nun
-einmal ist.
-
-Es war ein Tag im Herbstanfang, so, wie es bei uns da oben viele gibt,
-blau, sonnig und von einer durchsichtigen Klarheit. Das Agathlein war
-wieder einmal bei uns. Es stand, als ich von einem Krankenbesuch im
-Filial heimkam, am Gartenzaun und streckte sein Näschen zwischen den
-Latten durch. »Großvater,« sagte es, als ich herankam, »sei einmal
-ganz still, ich höre Musik, feine, schöne.« Und ich stellte mich
-neben das Kind, das den Finger vor den Mund gelegt hatte und sich
-horchend vornüberneigte und horchte mit ihm in die blaue Luft hinein.
-Da hörte ich es denn auch, es kam näher und näher: Klarinetten und
-eine Geige, und dazwischen die klagenden Töne des Dudelsacks. Es war
-eine Zigeunermusik; die halbe Dorfjugend und, so viele ihrer sich
-ein Gewerbe auf der Straße machen konnten, auch von den Alten, zogen
-hinter einigen schwarzhaarigen, bräunlichen Gesellen in malerischen,
-aber vertragenen Gewändern drein. Und bald ging es von Mund zu Mund:
-heute Abend sollte große Tanzmusik droben im Ochsen sein. Draußen vor
-dem Dorf, in der gleichen Bodensenkung stand nun auch der Wagen der
-fahrenden Leute wie einst der, der Mirza gebracht hatte. Ein paar
-Weiber gingen vor die Türen, allerhand heischend, was es so bei den
-Bauern gibt; mir war Angst im Herzen um Mirza, an die ich heut immer
-denken mußte, als ob ihr Schlimmes bevorstände. Aber, wie so oft schon,
-ich beruhigte mich bei dem Gedanken, daß sie ja in einer treuen Liebe
-geborgen sei; die würde auch heute um sie wachen. Als ich jedoch am
-späten Abend von einer Krankenkommunion heimkehrend an Markus Lohrmanns
-Haus vorüberging, sah ich nur die dunklen Fenster ringsherum und bei
-näherer Betrachtung den alten Knecht auf dem Bänklein vor dem Hause,
-wie er mißmutig in seiner Pfeife herumstocherte. Der Bauer sei für drei
-Tage ins Unterland gegangen, er wollte Vieh kaufen und Wein. Und die
-Frau? Die sei seit einer Stunde fort, wohin, das wisse kein Mensch, und
-ganz richtig sei es nicht mit ihr und es gehe auch nicht gut, das sage
-er.
-
-Wo nun der kleine Marx sei? fragte ich. Da erhellten sich die Züge
-des Knechts. Ei, der liege in seinem Bettlein und schlafe. Die Frau
-habe ihn hineingetan und habe bei ihm gesungen, als er schon lang
-geschlafen habe; es sei gewesen, wie geweint, ihm, dem Zuhörer da
-außen, habe sich alles um und um gedreht im Innern. Er verstehe nichts
-von so Sachen, aber es sei wahrhaftig gewesen, wie wenn eine arme Seele
-ums Lösgeld bitte. Und dann sei sie zur hinteren Haustür hinausgegangen
-und in ihrem alten, roten Tuch übers Feld hinauf in den sinkenden
-Abend hineingelaufen. »Sie ist halt anders, als alle dazuland,« schloß
-der Knecht, »aber unrecht, das ist sie nicht, bloß anders.« Mir kam
-die Angst aufs neue, die ich bei Tag verscheucht hatte. Denn dieses
-Menschenkind, das hast du schon gesehen, lag mir am Herzen.
-
-Ob wohl ihre fahrenden Stammesgenossen bei ihr gewesen waren? Ob sie
-die Musik der dunklen Gesellen gehört hatte? Und der Mann war nicht
-da, bei dem sich Mirza sonst wohl in der Not, auch vor sich selbst,
-geborgen hatte.
-
-Es hatte sich ein starker Wind aufgemacht, einer von den Herbststürmen,
-wie sie bei uns da oben so manche Nacht ihr wildes Lied singen.
-Nach dem schönen, sonnigen Tage war es verwunderlich; das Wetter
-mußte rasch umgesprungen sein. Nun trieben schwere Wolken in großen
-Heerhaufen am Himmel dahin. Wenn sie den Mond, der hinter ihnen stand,
-auf Augenblicke freigaben, so warf der sein blasses Gesicht auf ihre
-zerrissenen, zerklüfteten Gestalten, die seltsam rasch über ihn
-dahinflogen. Der Wind rauschte in den Bäumen, es war eine andere Musik,
-als die sie da oben machten im Ochsen. Die klang mir nun auch in die
-Ohren, je mehr ich mich meinem Hause näherte, um so stärker. Ich gönne
-meinen Burschen und Mädchen wohl ein Vergnügen; ich habe selber auch
-schon zugesehen, wenn sie sich im Reigen drehten, und ich wußte, so,
-wie heute, bekamen sie nicht oft aufgespielt. Du kennst das kleine
-Liedchen, wir haben es schon miteinander gelesen:
-
- »Eine braune Geige schluchzt,
- Und daneben juchajuchzt
- Eine tolle Flöte.«
-
-Das fiel mir ein, als ich eine Weile horchend stehen blieb; denn,
-anstatt in mein Haus zu gehen, ließ ich mich von den Tönen noch ein
-Stück näher gegen den Ochsen hinziehen. Es war mir, als müsse ich sie
-diesmal still sein heißen; als müsse ich sagen, es sei ein Krankes
-um den Weg, das Stille brauche. Als ob die schluchzende Geige, der
-klagende Dudelsack Mirzas Seele seien, die sich zur Ruhe singen wolle
-und nicht könne. Aber die Instrumente sangen weiter, ein jedes seinen
-Ton, und nun hörte ich auch das Stampfen der Stiefel auf dem Saalboden
-des Ochsenwirts und sah an den hellerleuchteten Fenstern des Oberstocks
-die Gestalten der Tanzenden vorübergleiten.
-
-Ich wollte wieder umkehren, ich hatte ja eigentlich nichts da oben zu
-suchen; und dennoch, fast von selber, gingen meine Augen durch die
-Dunkelheit in allen Winkeln umher; sie suchten dennoch etwas. Da, als
-ich mich schon zum Gehen wandte, riß eben der Wind, der da oben noch
-ganz anders hausen mochte, die Wolkendecke wieder einmal auseinander.
-Und in dem unsteten Licht, das sich aus dem Wolkenspalt heraus ergoß,
-sah ich, hart an die Wand des gegenüberliegenden Hauses gedrückt, eine
-Frauengestalt in einem roten Tuch, und ein blasses Gesicht, aus dem die
-Augen, groß nach dem hellen Lichtschein aus dem Tanzsaal gerichtet,
-fast herausspringen wollten wie in Hunger und vergeblicher Sehnsucht.
-
-Ich trat zu ihr hin und fühlte, als ich ihr die Hand bot, wie sie
-heftig zusammenschrak. »Guten Abend, Mirza,« sagte ich, aber es wollte
-mir jetzt kein heiterer Ton gelingen. Mir war nur, als müsse ich
-mich still neben das arme Weib hinstellen, das die Zähne zusammenbiß
-und zitterte, wie in körperlichem Schmerz. Wir schwiegen eine Weile
-miteinander, dann sagte ich: »Komm, Mirza, ich begleite dich an dein
-Haus, heim, du mußt nicht so im Sturm draußen sein, ich meine, du seist
-nicht wohl die Zeit daher. – Ums Zusehen beim Tanzen wird dir’s ja
-nicht sein,« versuchte ich nun doch zu scherzen. Sie schüttelte nur
-stumm den Kopf, es war nicht der Mühe wert, darauf zu antworten, es lag
-so weit ab. Ich wußte es auch wohl, es war nur die Musik, die von der
-weiten Ferne redete, von dem Lied, das der Herbstwind in den Bäumen
-spielt, von allem Glück und Elend, das im Wandern liegt, – ach, mehr
-als das, von allem Hinausdrängen und Heimbegehren der Menschenseele.
-Ich sah es wohl, sie trank das alles in sich hinein, – und verging fast
-daran.
-
-Ein wenig zögerte sie noch, dann ging sie still neben mir her. Ihre
-Schritte waren schwer, das mochte wohl ihr körperlicher Zustand machen,
-aber nicht er allein. Sie ging wie eine, die eine Last trägt und weiß:
-ich kann sie nicht ablegen, eh’ ich mich selbst ablege.
-
-Vor ihrer Haustür bot sie mir mit einer seltsam heftigen Gebärde die
-Hand. »Nicht bös sein, Herr Pfarrer, gut an mich denken,« sagte sie und
-ich sah trotz der Dunkelheit ihre Augen flehentlich auf mich gerichtet.
-
-»Gut an dich denken? Das tu’ ich immer, Mirza,« sagte ich. »Komm doch
-in diesen Tagen, so lang dein Mann fort ist, einmal auf ein Stündlein
-zu meiner Frau hinauf. Du weißt, sie freut sich darüber. Das Agathlein
-ist auch da, du mußt dein Bübchen mitbringen.«
-
-Sie sagte nichts darauf, sondern machte sich mit dem Hausschlüssel
-zu schaffen, und ich dachte, der Friede ihres Hauses werde über sie
-kommen, wenn sie drinnen in der Kammer das Atmen ihres Kindes höre und
-ließ sie allein und sagte zuversichtlich beim Gehen: »Gott behüt dich,
-Mirza. Wir müssen alle durch schwere Zeiten hindurch, aber sie vergehen
-wieder und es wird wieder hell.«
-
-So ist es mit uns Menschen. Wir ahnen einer des andern Not und gehen
-ein Stück neben ihm her und glauben ihn zu kennen. Aber sie brennt uns
-nicht auf der Seele, wie ihn, und wenn er lautlos neben uns stöhnt in
-Qual, dann sagen wir zuversichtlich: es wird schon besser werden – und
-meinen wunder, was wir Gutes wissen. Ach ja, wir Menschenhüter! Es
-ist uns doch immer wieder ein großes Müssen, an eine Hand zu glauben,
-die in alle Tiefen reicht und in die hinein sich die Verirrten und
-Verwirrten bergen können.
-
-Am andern Tag, das heißt, als es schon in die tiefe Dämmerung
-überging, kam Markus Lohrmann zu mir in den Garten, wo ich nach meiner
-Gewohnheit noch ein wenig zwischen den Beeten auf und ab ging. Er hatte
-den kleinen Marx auf dem Arm und sah fahl und verstört aus. »Schon
-zurück, Markus?« fragte ich noch, da brach ein Ton so schmerzlichen
-Jammers aus seiner Brust hervor, daß ich im tiefsten Grund erschrak.
-»Was ist – mit Mirza?« fragte ich. Da bot er mir ein Blatt, das mit
-den etwas mühsamen, ungelenken Schriftzügen, die ich während des
-Religionsunterrichts bei Mirza kennen gelernt hatte, bedeckt war.
-
-»Ich muß gehen,« stand darauf. »Ich weiß nicht, wohin, daß Gott erbarm.
-Markus, du bist gut, ich wäre auch gern gewesen, wie du bist. Aber ich
-bin doch anders. Es treibt mich hinaus unter die Bäume und unter den
-freien Himmel, ich meine, ich müsse ersticken schon lange Zeit. Und ich
-meine, ich müsse weit, weit fort. Die Musik heut abend; ich hätte nicht
-zuhören sollen; ich kann nicht mehr ins Haus hinein.
-
-Ich weiß mir nicht mehr zu helfen, – daß Gott erbarm –« da brachen
-die Schriftzüge ab. Das Blatt war unter der Haustür gelegen, als der
-Knecht in der Morgenfrühe öffnete. Er hatte es grimmig auf den Tisch in
-der Wohnstube gelegt. Von dort hatten es wohl die Spatzen vertragen;
-denn im Dorf ging es wieder einmal von Mund zu Mund: sie ist mit den
-Musikern fort. Art läßt nicht von Art – und dergleichen mehr, was die
-Leute so sagen.
-
-»Ach, Markus, sie kommt wieder,« sagte ich, als ich das Blatt gelesen
-hatte. Aber ich glaubte es selbst nicht recht, ich fühlte wohl, das
-Glück kam nicht mehr für die beiden.
-
-Er schüttelte auch den Kopf und drückte das Kind an sich. »Jetzt hab’
-ich nur noch dich,« sagte er zu dem Bübchen. »Jetzt sind wir zwei
-allein miteinander,« und wieder kam das kurze Stöhnen.
-
-Dann faßte er sich äußerlich zusammen. »Ich bin erst seit einer Stunde
-da,« erzählte er. »Ich bin schon heut gekommen, anstatt morgen, weil es
-mir keine rechte Ruhe mehr ließ. Das Weib ist so sonderbar gewesen die
-Zeit daher. Sie hat auch im Schlaf geredet, da hab’ ich gemerkt, daß
-sie krank ist nach der Ferne. Sie ist gewesen wie ein Vogel im Käfig,
-und doch hat sie mich lieb gehabt – und das Kind auch.« Er schüttelte
-den Kopf. »Es ist ein Jammer. Ich weiß nicht, was tun. Ich habe
-gedacht, ich wolle Ihnen das Kind aufzuheben bringen, Herr Pfarrer, und
-fortgehen, sie zu suchen. Aber ich glaube, ich muß sie lassen, wie sie
-muß und will. Ich darf sie nicht zu mir zwingen.«
-
-Er wußte nicht, wie vornehm und wie lauterer Güte voll er mir
-erscheinen mußte; er redete und tat alles aus seinem einfachen,
-liebenden Herzen heraus. Ich wußte, er verging nach ihr; er hätte sie
-auch gefunden, wenn er sie ernstlich gesucht hätte. Aber er wollte sie
-nicht im Käfig halten. »Ach, Markus,« sagte ich, »Gott helf’ uns allen.«
-
-Er nickte nur, ernst und schwer; er wußte auch keinen andern Trost.
-Dann ging er wieder; er drückte das Kinderköpflein an seine Wange
-und ich hörte ihn zärtliche Worte sagen, als er den Gartenweg
-hinunterschritt.
-
-In den paar Wochen, die nun folgten, bin ich oft eine Dämmerstunde
-lang oder auch beim Licht der Ampel draußen in Markus Lohrmanns Stube
-gesessen. Ich wußte, er sei so allein und er habe niemand, der so recht
-mit ihm fühle. Da saßen wir einander gegenüber, oft mit einer Pfeife
-Tabak, oft auch ohne das. – Was? Du meinst, ich sei verbauert da oben?
-Anderswo wäre das unmöglich? Ja, ja, das kann schon sein. Aber weißt
-du, so eine gemeinsame Pfeife, – und dann, – viel reden, das ist nicht
-meine Sache, – da spürt so ein Mensch doch, daß jemand da ist. Ach was
-– nun will ich weiter erzählen.
-
-Da kam eines Tages ein Brief an mich. Er war von einem Amtsbruder im
-Schwarzwald. Warte, du kannst ihn lesen, ich habe ihn da bei der Hand.«
-
-Der Pfarrer kramte unter seinen Papieren, dann brachte er ein Blatt zum
-Vorschein.
-
-Der Gast las es. »Geehrter Herr Amtsbruder! Es liegt in einer Kammer
-des hiesigen Armenhauses ein Weib, offenbar eine geborene Zigeunerin,
-die aber in älblerischen Bauernkleidern hierher kam und behauptet, in
-Ihre Gemeinde zu gehören. Besagtes Weib ist in einer Waldhüterhütte
-eines toten Siebenmonatkindleins genesen, und, da sie dort aufgefunden
-wurde, als eine Schwerkranke zu uns heruntergeschafft worden, bis
-sie ihr wanderndes Leben wieder fortsetzen könne. Ich glaube aber,
-sie wird nicht viel irdische Fahrt mehr vor sich haben, denn ihre
-Kraft schwindet hin, wie ein Licht verbrennt. Es ist eine wunderliche
-Geschichte, die mir, da ich als Seelsorger nach der neuen Insassin
-sehen wollte, das Weib erzählt hat. Und kaum zu glauben wäre sie mir,
-sowohl um des einen willen, daß ein seßhafter Bauer sollte eine aus
-dem fahrenden Volke zu seiner Ehefrau gemacht haben, als auch um des
-andern, daß solche dann wieder aus aller bürgerlichen Ordnung und
-reichlicher Versorgung weg ins Elend hinaus gelaufen wäre, wenn nicht
-das Menschenherz zuweilen wunderliche Wege ginge, daß auch ein alter
-Praktikant den Kopf schütteln und sich des Verständnisses begeben
-muß. Es ist nämlich, wie ich sagen muß, Gesicht und Sprache, auch das
-ganze Gehaben des Weibes nicht das einer Verdorbenen oder Lügnerin,
-sondern nur einer Verirrten, die sich nun im Angesicht des Todes wieder
-dahin zurücksehnt, von wo sie ausgegangen ist. Freilich sagt sie –
-und ich habe ihr solches auch reichlich bestätigt, – daß sie wie eine
-Undankbare gehandelt habe, die so großer Liebe ihres Mannes nicht wert
-gewesen sei, da sie ihn und auch ihr unmündiges Kind verlassen habe.
-Aber ob auch ihre Augen ernst und traurig dreinsehen und beim Reden
-bittere Tränen daraus hervorgeflossen sind, so sagt sie dennoch: Gott
-weiß, ich habe nicht anders können, er ist stärker gewesen als ich.
-
-Da ich sie nun gestern ermahnt habe, Gottes Verzeihung zu suchen, so
-schüttelte sie den Kopf und sagte: »mir tut not, daß mir mein Mann
-verzeiht, Gott wird es wohl tun.«
-
-Damit nun diese Seele sich vom Irdischen ab- und dem Ewigen zuwenden
-könne, so ersuche ich Sie, Herr Amtsbruder, um Ihre Vermittlung,
-daß der Mann, der Markus Lohrmann heißen soll, nicht achtend seiner
-erlittenen Kränkung, der Sterbenden, denn das wird sie bald sein, ein
-Wort der Verzeihung schicke, wie wir denn vergeben sollen, damit auch
-uns vergeben werde.«
-
-Darauf folgte die Unterschrift.
-
-»Und?« Der Gast fragte es mit einem Lächeln, das schon vieles zu wissen
-schien.
-
-Da tat der Pfarrer einen tiefen Atemzug und bekam leuchtende Augen
-hinter seiner Brille.
-
-»Jetzt horch, Siegfried, denn jetzt bekommst du etwas zu hören, das ist
-wie ein Fest, ist lauter Hochzeit, Sieg, Liebe und Leben, obgleich es
-aussieht wie Elend, Not und Tod.
-
-Es war am späten Abend, als ich Markus Lohrmann den Brief brachte. Er
-tat gerade sein Bübchen ins Bett und entschuldigte sich, daß es spät
-geschehe: »Es wird so bald dunkel und die Abende sind schon so lang. Da
-hab ich das Kind so gern bei mir. Ich weiß, es gehört ins Bett. Aber,
-Herr Pfarrer, draußen stürmt’s und die Nächt’ sind schon so kalt, und
-ich muß dann immer hinausdenken, ob sie herumirrt und kein Haus hat.
-Und oft ist mir’s, sie rufe nach mir.«
-
-»Sie ruft auch, Markus,« sagte ich und gab ihm den Brief.
-
-Er las ihn und blieb ganz still. Nur daran, daß das Blatt in seiner
-Hand zitterte und daß sich seine Brust stark hob und senkte, so als
-ob er sein Leben mühsam in sich berge, sah ich, was ich schon vorher
-wußte, daß sein ganzes Wesen erschüttert sei. Ein paarmal lächelte
-er beim Lesen und ich verstand warum; es schnitt mir ins Herz und
-machte mich auch stolz auf ihn. Nach einer Weile fing er an zu reden.
-Es geschah zu dem Kind. »So, so, Marxle,« sagte er, »jetzt mußt du
-hinliegen und schlafen. Der Vater muß fort, der muß zu deiner Mutter,
-die wartet und kann sonst nicht einschlafen.« Dann versagte ihm
-die Stimme und er machte sich an dem Bettchen zu schaffen. Als er
-ringsherum das Deckbett um den kleinen Kerl fest gemacht hatte, hob er
-das Gesicht zu mir. »Ja also, Herr Pfarrer, wie ist da die Reise?«
-fragte er. »Ich muß mich noch ein wenig anziehen, dann kann ich gleich
-gehen. Ich hol’ sie, ich bring’ sie noch heim. Da ist keine Red’ davon,
-daß sie in dem Armenhaus dort stirbt, das hat sie nicht nötig. Kann
-sein, sie wird wieder gesund, sie haben scheint’s dort keinen Doktor.«
-
-Wir machten den Reiseplan miteinander. Er mußte sich noch gedulden
-bis gegen Morgen. Dann, es war noch tiefdunkel, schritt er durch die
-nächtlichen Gassen. Ich hörte seinen festen Schritt und hörte ihn mit
-dem Stock aufstoßen. Denn sein Weg führte nah am Pfarrhaus vorbei.
-
-Ich lag wach und sah den Morgenstern hoch am Himmel stehen und hätte
-dem Wanderer gern ein gutes Wort nachgerufen; aber ich besann mich
-anders. Der hat in sich, was er braucht, dachte ich, der bedarf eines
-Wortes nicht. Er war mir lieb so.
-
-Das war der Morgen des ersten Novembers.
-
-Am Abend des dritten kamen die beiden miteinander heim.
-
-Wir wußten es von der alten Burge, die es sich nicht hatte nehmen
-lassen, den kleinen Marx zu versorgen, und die Weisung erhalten hatte,
-das Wägelein mit dem Braunen an die Bahn zu schicken.
-
-Im Dorf war viel Gerede und viel Schelten. »Er hätte sollen froh sein,
-daß er sie los hat. Auch noch nachlaufen, einer solchen, – aber er
-ist rein nicht gescheit. Jetzt, wo unser Herrgott ein Einsehen gehabt
-hat; sie hätt’ dort hinten im Schwarzwald sterben können, dann hätt’
-er seine Ruh’ gehabt.« Aber die zwei, die auf dem Wägelein saßen, das
-spät am Abend in sachtem Tritt durch die Gassen fuhr, die horchten
-nicht nach dem Gerede hin. Sie hatten, das sah ich, als ich sie am
-übernächsten Tag besuchte, auch die Meinung, daß unser Herrgott ein
-Einsehen gehabt habe, es war aber doch anders, als die Dorfgenossen es
-meinten.
-
-Sie wußten es wohl, daß sie nicht beisammen bleiben konnten, ich
-brauchte da nichts einzureden. Aber sie hatten noch ein paar Sommertage
-vor sich, eh’ es Nacht wurde, das war ihre hohe Zeit. Mirza atmete
-mühsam und schwer, denn ihr Herz war schwach und das Fieber brannte
-in ihr mit hoher Glut. Aber sie hatte leuchtende Augen, die waren bis
-zum Rande gefüllt mit Liebe und mit Heimatgefühl und nichts mehr von
-vergeblichen Kämpfen und von ausbrechender Sehnsucht stand in ihren
-Zügen. Und Markus Lohrmann, der eben den Doktor hinausbegleitet hatte
-und von ihm wußte, wie es stehe, der stützte sie, daß sie leichter
-atmen konnte, und streichelte ihre heiße Hand, und sie waren eins im
-andern daheim, wie ich es noch nie gesehen hatte.
-
-Das machte, daß ihnen die Angst vor sich selber, vor allem Bitteren
-und Bösen, das sie einander hätten antun können, und vor aller Qual
-der vergeblichen Wanderwege nun abgenommen war, wie man Kindern ein
-gefährliches Spielzeug sacht aus den Händen nimmt und sagt: so, nun
-laßt das, nun kommet her zu mir, ich will euch etwas Schönes erzählen.
-
-Und darauf horchten sie nun und sagten eins dem andern, was es im
-Herzen erhorchte.
-
-»Ich hab’ dich anbinden wollen,« sagte der Mann, »weißt du noch? mit
-einem siebenfachen Seil, daß du mir nicht hinauskommest. Aber das
-Anbinden, das hilft nichts; hätt’ ich’s nicht tun sollen, Mirza?«
-
-»Doch, du hast müssen, Markus,« sagte sie. »Und ich hab’ auch so tun
-müssen, wie ich getan habe. Wir können nicht anders, wir sind arme
-Leut, wir Menschen. Ich hab’ oft gedacht, wie ich so herumirrte und
-doch nicht heimkonnte: wenn ich der Gott wär’, ich hätt’ so ein großes
-Mitleiden mit allen, daß ich vom Himmel herunterlangen müßte um zu
-helfen.« –
-
-Ich war lang still dagesessen, mehr im Hintergrund. Sie taten sich vor
-mir keinen Zwang an, ich war ihnen nie ein Fremder gewesen. Der Abend
-brach stark herein und wir schwiegen alle eine Weile. Dann mußte ich
-aber doch sagen: »Das tut er ja auch, Mirza. Dir ist die Welt und dein
-Ich zu eng gewesen; jetzt gehst du wohl in eine Weite, da wirst du
-nicht anstoßen und auch nicht fremd sein.«
-
-Dann schwiegen wir wieder. Es ging so vieles durch mich durch. Es ist
-ein so großes Heimbegehren in uns Menschen allen. Der alte Claudius
-fiel mir ein: »Es muß irgendwo ein Ozean für uns sein.« Das und noch
-vieles. Aber ich konnte jetzt nicht davon reden. Wenn Markus Lohrmann
-diesen Winter mir hie und da gegenüber sitzen wird, – und das wird er,
-ich weiß es – dann werden wir wohl von diesen Dingen reden. Damals –
-ich habe selber mit horchen müssen und mit nach der Hand greifen, die
-Mirza wollte vom Himmel herunterlangen sehen, um uns allen zu helfen.«
-
-»Und dann?« fragte der Gast, als der Pfarrer eine Zeitlang schwieg.
-»Und dann ist auch diese Zeit zu Ende gegangen, wie alle unsere Zeiten,
-die hohen und die tiefen. Ich denke, es sei so recht geworden, daß wir
-das, was des Wanderns müde war, begruben, und daß das, was nach der
-uferlosen Weite begehrte, ›laut jubelnd wieder in die Flut gegangen
-ist.‹«
-
-Drunten am Haus schellte es.
-
-Ursel machte auf und man hörte sie reden. »Und der Marxle ist noch auf
-und noch draußen?« sagte sie. »Arm’s Büble, du g’hörst ins Bett jetzt,
-so Männer haben doch keinen Verstand für die Kinder.« Dann ging die Tür
-auf und der Mann, von dem sie so viel gesprochen hatten, kam herein. Er
-trug sein Bübchen auf dem Arm, das war in ein großes Tuch gewickelt und
-hatte warme, rote Bäckchen und legte sein schwarzhaariges Köpflein an
-das blasse, ernste Gesicht des Vaters.
-
-Der sah den Gast nicht, der im Schatten saß.
-
-»Drum hab’ ich nur noch wollen einen Dank sagen,« hob er an. »Ich –
-ich wär’ sonst am Grab so allein gewesen, – aber was der Herr Pfarrer
-gesagt hat, das –«.
-
-»Red’ nicht so daher, Markus,« sagte der Pfarrer, »du hast noch ein
-»gut’ Nacht« holen wollen, das ist recht. Morgen komm’ ich und seh’
-nach dir. Was danken. Ich hab’ sie auch lieb gehabt, da dankt man
-nicht.« Der Mann setzte noch ein paarmal an, aber dann schien es ihm
-auch, als ob sonst nichts zu sagen sei. Ja, ja, liebhaben, da ist
-nichts zu bedanken, das geschieht umsonst. Da ging er wieder.
-
-Der Gast saß still in seiner Sofaecke. Der Pfarrer sah ihn in seiner
-Brieftasche blättern, und dann ein gelbes, zerlesenes Blättchen
-herausholen.
-
-»Lies,« sagte der Gast und hielt es seinem Freunde hin. »Ich meine, es
-werde nicht viel anders sein.«
-
-Der Pfarrer las halblaut:
-
- Es kam eine arme Seele im Himmelreich an:
- Tut mir auf, tut mir auf, daß ich eingehen kann!
- Und als sie nun stand am himmlischen Tor,
- da kamen die Englein mit Haufen hervor:
- »Arme Seele, was hast du zerrissene Schuh!«
- Bin immer gewandert, fand nirgendwo Ruh.
- »Verblichen, zerrissen dein altes Gewand!«
- Das trug ich in Regen und Sonnenbrand.
- »Arme Seele, was gehst du so krumm und gebückt?«
- Mich haben die Lasten des Lebens gedrückt.
- »Arme Seele, was suchst du im himmlischen Haus?«
- Gott Vater, den sucht’ ich weltein und weltaus.
- Dem leg ich zu Füßen die Kleider und Schuh,
- die Last und mein sehnendes Herze dazu.
- Da traten die Englein zusammen in Reihn
- und führten die arme Seele hinein.
- Da ward sie beschienen vom himmlischen Glast,
- da war sie genesen der sehnenden Last.
- – Die seligen Engel im ewigen Licht,
- _so_ selig waren die Engel nicht. –
-
-Er reichte ihm das Blatt still wieder hin.
-
-»Ja, ja,« sagte er. »Es wird gut werden, irgendwie gut, ganz gut. Wir
-wollen still sein und warten.«
-
-Sie sahen eine Weile schweigend ins Lampenlicht. Dann redeten sie von
-andern Dingen.
-
-
-
-
-Ein Sommer
-
-[Illustration]
-
-
-Ob die Himmelreichsgasse ihren Namen mit Recht oder mit Unrecht trage,
-darüber gingen die Ansichten auseinander.
-
-Die da meinten, er soll besagen, es sei ein himmlisches Leben und
-Aufenthalt daselbst, die schüttelten ärgerlich und enttäuscht den Kopf,
-wenn sie die niedrigen, rauchigen Häuser sahen, die rechts und links
-von dem ausgetretenen Pflaster standen und die Last ihrer spitzen
-Giebel trugen.
-
-Wer aber die steil ansteigende Gasse als einen Weg ins Himmelreich
-betrachten wollte, räumlich angesehen, der gab wenigstens zu, daß das
-obere Ende demselben ein gut Stück näher sei als das untere. Und das
-ist in dieser unhimmlischen Welt auch nicht nichts.
-
-Die letzten, obersten Häuser, zu denen noch eine Flucht von Staffeln
-emporführte, stießen dicht an den Wald an.
-
-Von dessen Rand aus konnte man einen weiten Blick, ein ordentliches
-Auge voll tun über Erd’ und Himmel hin. Unten lag der alte
-Marktflecken, von einem kleinen Fluß durchzogen, von steil ansteigenden
-Höhen sorglich umschirmt. Hier oben war es still, friedlich und weit.
-
-Es war doch nicht ganz ohne mit der Himmelreichsgasse.
-
-Die stieg an einem schönen Junitage ein junges Fräulein empor. Es trug
-in der einen Hand einen zusammengeklappten Feldsessel, zwischen dessen
-Tragbändern ein hellgrauer Schirm stak, in der anderen einen schwarzen
-Kasten mit blitzendem Metallgriff, über dessen Zweck und Inhalt sich
-die Bewohner der Himmelreichsgasse vergeblich den Kopf zerbrachen.
-Mit aufmerksamen Augen studierte das Fräulein im Hinansteigen
-die Inschriften der Hausschilder, die Auslagen der Metzger- und
-Bäckerläden, die Blumenbretter vor den Fenstern und die Schwalbennester
-an den Balkenvorsprüngen.
-
-Die Hausnummern sah sie auch prüfend an. Aber da sie dabei rüstig
-weiterschritt, so wagte sie niemand anzureden mit der Frage, die auf
-jedem Gesicht stand, wohin sie wolle, und etwa noch, warum?
-
-Es war gegen Abend. Auf dem Pflaster spielte die Jugend, vor den
-Häusern standen Mütter mit den kleinsten Kindern auf dem Arme, vor der
-Schmiede stand ein Fuhrmann mit seinem Gaul, und der Schmied trat mit
-dem glühenden Eisen an der Zange unter die Tür. Es war ein belebtes
-Bild, das Fräulein sah mit lebendigen Augen um sich.
-
-Vor der Tür des letzten Hauses ganz oben links, blieb sie stehen,
-besah sich die Nummer, nickte zustimmend, klinkte an dem schwarzen
-eisernen Griff der Haustüre, sah, als diese verschlossen war, zu den
-niederliegenden Fenstern des Erdgeschosses hinein und schüttelte
-den Kopf, als auch da kein lebendes Wesen zu entdecken war. Da sah
-sie hinter dem Bänklein unter dem Ahorn, der das niedrige Haus
-beschattete, ein Kindergesicht hervorlugen und blitzschnell wieder
-verschwinden. Nur ein blonder, borstiger Haarschopf guckte noch hervor.
-Dem ging sie nach. Mit einem leichten, geschickten Griff zog sie den
-widerstrebenden, kleinen Buben aus seinem Schlupfwinkel, stellte ihn
-vor sich hin und sagte: »Nun sag mir einmal, du Bürschchen, gehörst du
-in das Haus da?« Der Kleine nickte nur und steckte alsdann den Daumen
-in den Mund. Nur die Augen sprachen weiter; sie sagten: »Ich weiß gut,
-wer du bist. Du bist das Fräulein, das die obere Stube gemietet hat und
-unser Sommergast werden will.« Aber diese Augensprache war dem Fräulein
-nicht genug. »Warum ist das Haus geschlossen? Wo sind deine Eltern?«
-fragte sie. »Du gehörst doch dem Schuhmacher Notacker?« Das war ein
-bißchen viel auf einmal gefragt. Es brauchte schon eine Weile, bis die
-ganze Antwort herauskam. »Das Haus schließt man, wenn man aufs Feld
-geht. Aber der Schlüssel liegt hinter dem Schuhabkratzer. Der Vater
-trägt geflickte Stiefel fort, und die Mutter ist auf dem Rübenacker.
-Die drei Kleinen hat sie mit.« »Die drei Kleinen? Ja, wie alt bist du
-denn?« Das wußte der Bub nicht so genau anzugeben, wohl aber, daß er
-Gottfried heiße und in zwei Jahren in die Schule komme. Ferner, daß
-er ein Sonntagsgewand im Schrank hängen habe und auf den Winter eine
-Pelzkappe mit Ohrlappen besitze. Als Gottfried mit diesen Berichten
-fertig war, kam von unten her ein Mann, der zum Zeichen, daß er etwas
-sehr Merkwürdiges sehe, fortwährend mit der linken Hand seine Mütze hin
-und her rückte und nun auch anfing, seine Schritte zu beschleunigen.
-»Da ist das Fräulein,« sagte er, als er da war. »Da ist sie nun, und
-das Haus geschlossen, und kein Mensch zum Empfang da. Das ist eine
-schöne Geschichte, das hätte nicht sein sollen.« Man brauchte es einem
-nicht zu sagen, daß der Mann ein Schuhmacher sei. Er trug eine grüne
-Schürze mit einer gelben Metallkette als Schloß, trug die Hemdärmel
-aufgekrempelt und hatte an Händen und Armen deutliche Pechüberreste.
-Er roch auch stark nach Leder. Er habe ein gutes, ernsthaftes, etwas
-gedrücktes Gesicht, dachte das Fräulein. »Das tut ja nichts,« sagte
-sie. »Wenn man nicht genau angibt, wenn man kommt, so kann man auch
-nicht erwarten, daß man empfangen wird. Zudem hat mich der Gottfried
-schon ganz gut unterhalten.« Der Bub lachte so ein wenig bei diesem
-Bericht und der Vater sagte: »Da muß es das Fräulein gut mit den
-Kindern können, wenn er das getan hat. Denn er ist sonst scheu und ganz
-stumm vor Fremden, so gut sein Mundwerk läuft, wenn er daheim und unter
-uns Eigenen ist.« Er schloß die Haustür auf und geleitete das Fräulein
-die steile, halbdunkle und ausgetretene Treppe hinauf in den Oberstock,
-wo unter dem spitzen Dachgiebel ein einziges Stüblein eingeklemmt
-lag. Das Fremdenzimmer. Es war mit Liebe und Stolz eingerichtet, das
-sah man sofort. Mit allem guten Willen, das Möglichste an Eleganz
-aufzubringen. Das sagte sich das Fräulein, als ihm jeglicher Mangel
-an gutem Geschmack empfindlich auf die Nerven ging. Sie beschloß, das
-Angenehme daran herauszufinden. Das fiel ihr auch nicht schwer, als sie
-zum offenen Fenster hinaus die Aussicht sah. »Wie schön,« sagte sie,
-»o wie schön!« Der Schuhmacher nahm das Lob auch gleich für die Stube.
-»Man tut halt sein Möglichstes,« sagte er. »Wenn’s dem Fräulein nur
-bei uns gefallen wird. Es wär uns eine Freude.« »Das wird es, das wird
-es schon.« Das Fräulein streckte dem Mann plötzlich die Hand hin. »Auf
-gute Hausgenossenschaft.« Er nahm sie, behutsam, sie war so weiß und
-fein gegen seine schwielige Schustershand. Es ging ein warmer Strahl
-über sein bärtiges, ernsthaftes Gesicht. »Jetzt kommt die Mutter,«
-rief Gottfried, der bisher stumm zugesehen hatte. Drunten knarrte ein
-Wägelchen, Kinderstimmen wurden laut. Gottfried polterte eilfertig
-die Treppe hinunter. »Mutter, das Fräulein ist da,« rief er schon von
-weitem. »Sie hat gesagt, es sei schön bei uns. Sie ist schon droben in
-ihrer Stube.« »Ich will Ihnen meine Frau schicken,« sagte der Mann,
-»und wenn Sie einen Wunsch haben, und es ist zu machen, so tut man’s.«
-Dann ging er auch.
-
-Sie sah sich in ihrer neuen Klause um, als sie allein war. Grelle,
-blaue Tapeten, buntfarbige Öldrucke darauf, weiße gehäkelte Deckchen
-auf Tisch und Kommode, ein Stückchen geblumten Teppichs auf dem
-Fußboden. »Es ist schrecklich, aber es ist gut gemeint; es ist gewiß
-ihr Stolz. Ich will mir’s nach und nach ein wenig menschlich machen.
-Was ist das für ein rührend ernsthafter, sorgenvoller Mann. Ich bin
-begierig, wie die Frau ist.« Das Fräulein fing an, seinen Koffer
-auszupacken, der schon vorher angekommen war. Und dazwischen hinein
-ging sie ans Fenster, immer wieder, und sog den Anblick in sich hinein.
-In langen Zügen tranken ihre Augen die friedliche, liebliche Schönheit
-des Sommerabends. Das Fenster bot so recht eine Mischung von dem, was
-sie liebte. Nach rechts hinunter den Blick in die Himmelreichsgasse, wo
-die Kinder spielten und die Alten vors Haus kamen am Feierabend. Das
-war ein Stück Menschenleben, einfach, eng begrenzt, aber anheimelnd. Es
-zog sie an, es war ihr, als müsse sie hier etwas erleben. Gerade mit
-den Menschen da vor ihren Augen, etwas Gemeinsames, Verbindendes. Aber
-was? Das würde sich ja zeigen. Das brauchte man gar nicht zu suchen.
-Gegenüber war kein Haus mehr, da ging der Blick ohne Hindernisse ins
-Weite. Wie abendstill nun das Tal dalag. Wie dunkel und schweigend
-die grüne Wand des Tannenwaldes in den dämmerigen, nachtenden Himmel
-hineinragte! »Kaum zwei Minuten ist’s dahin, wo der Wald anfängt. Da
-muß ich noch hin, das muß ich alles grüßen und in Besitz nehmen,« sagte
-das Fräulein zu sich selbst. »Das Auspacken mag warten.« Es ging ein so
-heimatliches Grüßen aus ihr heraus und um ihre Umgebung herum. Sie war
-einer von den Menschen, die überall daheim sein können, weil sie es in
-sich selber sind.
-
-An der Tür wurde geklopft. Die Schustersfrau kam herein. Sie blieb hart
-an der Tür stehen. »Ich will nicht stören,« sagte sie, »ich hab’ nur
-dem Fräulein Grüß Gott sagen wollen.« Sie war eine kleine, schmächtige
-Frau mit zerarbeiteten Zügen und geraden, stillen Augen. »Ja, aber das
-ist ja natürlich, daß wir uns begrüßen müssen,« sagte das Fräulein
-lebhaft und trat zu ihr. »Wenn man einen Sommer lang Hausgenossenschaft
-halten will. Wir wissen ja noch gar nichts von einander, persönliches,
-mein’ ich. Da war Ihre Anzeige in der Zeitung und meine Anfrage, und
-Ihre Zusage. Sonst nichts. Sie werden kaum noch meinen Namen wissen?
-Doch? Solger, Adelheid Solger. Ich will hier kein müßiger Kurgast sein.
-Ich will zeichnen und malen, und hoffentlich nütze ich meine Zeit gut
-aus. Es ist gefährlich, wenn es so schön ist um einen herum. Da sitzt
-man so leicht und macht beide Augen auf, daß alle die Schönheit hinein
-kann, und vergißt, daß man daran lernen wollte. So wiedergeben Strich
-um Strich, das ist dann ernsthafte Arbeit. Aber ich hoffe, daß ich den
-Sommer ausnütze.« Sie unterbrach sich. »Das rede ich Ihnen nun alles
-vor. Es hat mir oben gesessen, seit ich da zum Fenster hinaussehe: Wenn
-du nur auch ans Zeug gehst, so in der Freiheit, nun dir niemand den
-Stundenplan macht.«
-
-»Davon weiß unsereins freilich nichts,« sagte die Frau. »Es ist immer
-etwas da, das zuerst getan sein muß. Man weiß oft nicht, wo anfangen.
-Da braucht man sich nicht extra zu besinnen, ob man jetzt will oder
-nicht.«
-
-Ihr Gesicht blieb ganz ruhig, während sie sprach; ihre Stimme hatte
-einen tiefen, etwas bedeckten Ton.
-
-»Soll ich jetzt eine Lampe bringen?« fragte sie noch, schon die
-Türklinke in der Hand. »Das Nachtessen ist auch bald fertig, soll ich
-das dem Fräulein dann heraufbringen?« »Ja,« sagte das Fräulein, »bis es
-fertig ist, bin ich wieder hier. Ich gehe noch die paar Schritte bis an
-den Wald hin, eh’ es ganz dunkel wird. Damit kann ich nicht warten bis
-morgen.«
-
-Unter der Haustür auf der Schwelle saßen zwei Kinder, verkleinerte
-Abbilder des Gottfried. Sie waren barfüßig, trotzdem sie
-Schusterskinder waren, hatten vielfach geflickte Röckchen von
-Druckkattun an und guckten mit runden, blauen Augen vor sich hin. Aus
-der offenen Stubentür kam kräftiges Geschrei eines noch kleineren
-Notackerleins, das von Gottfried im Wagen hin und hergeschoben wurde,
-und dazwischen hörte man das klopf klopf des Schusterhammers. Das
-Küchenfeuer warf einen flackernden Schein auf den kleinen Vorplatz. Das
-Fräulein trat jetzt, von der Treppe herkommend, in seinen Lichtkreis.
-»Ah,« sagte sie fröhlich, und sog den kräftigen Duft ein, der einer
-Bratpfanne entstieg, »da gibt’s etwas Gutes. Da freu’ ich mich aufs
-Wiederkommen.« Die beiden kleinen Buben auf der Schwelle zogen auch
-die Näschen hoch. Das war ein Duft, den sie kaum kannten. Es war für
-sie mit dem Fräulein verwoben, nicht mit Unrecht. Was da protzelte,
-war nicht für die Schelme. Sie sahen sich verlegen an, als der
-Sommergast an ihnen vorbeischlüpfte. »Bleibet nur sitzen, ihr zwei,«
-hatte das Fräulein gesagt, »an zwei so kleinen Mäusen komme ich schon
-noch vorbei.« Da ging sie hin den Waldweg hinauf. Sie kam ihnen sehr
-groß und sehr schön und sehr vornehm vor. Sie war etwas Neues, etwas
-Niedagewesenes für das ganze Haus. Und sie gehörte ihnen, aber nur zum
-Anstaunen. Sie war »unser Fräulein«.
-
- * * * * *
-
-»Also das gibt’s noch,« sagte Adelheid Solger und streckte sich wohlig.
-»Das gibt’s noch. Das hab’ ich gar nicht mehr gewußt. Seit ich ein Kind
-war, bin ich nicht mehr im Heu gelegen. Das ist schon lang her. Und nun
-so. Sehen Sie, Meister Notacker, wie schön es ringsum ist? Sehen Sie’s
-recht?«
-
-Sie lag lang ausgestreckt auf der abgemähten Wiese, die sich ziemlich
-steil talwärts zog. Die Hände hatte sie als Kopfkissen in den Nacken
-geschoben, die Augen gingen mit einem sonnigen Behagen hin und her,
-blieben in der Weite hängen, kamen wieder in die Nähe zurück und
-fragten dann eindringlich in den Mann hinein, der auf seinen Rechen
-gestützt dastand und an einer Antwort arbeitete. Es liege ein Leuchten
-darin, dachte der. Sie war erst vorhin aus dem Wald gekommen, angeregt
-von ihrer Arbeit frisch und vergnügt.
-
-»Nun hab’ ich ein Recht, eine Weile zu feiern,« hatte sie gesagt. »Ich
-war ausbündig fleißig diesen Morgen. Ich muß mich selber ein wenig
-loben, es ist sonst niemand, der es tut. Und es ist mir nötig, ich
-brauch’s. Was ist das für eine Welt! Im Wald war’s so dämmerig und hier
-ist alles voll Sonne.«
-
-Und dann hatte sie die Frage an ihn gestellt. »Sehen Sie, wie schön es
-um und um ist?« Was sollte er nur darauf sagen?
-
-Sie konnte ja nicht wissen, wie es in ihm aussah, und das war ihr wohl
-auch nicht wichtig. Aber in ihm lebte ein starker Drang nach allem
-Schönen hin, der regte sich neu, seit sie da war. Er war weder im
-Aussprechen noch im Sehen geübt. Und sie war das beides.
-
-Die Sonne lag mit vollem Glanz auf der Landschaft, der Fluß blitzte
-darin in tausendfältigem Geflimmer, die nachbarlichen Höhen hatten
-einen dunkelblauen Ton. In der Nähe lagen hellgrüne Kornbreiten, blaue
-Kornblumen und roter Mohn leuchteten in starken, sicheren Farben daraus
-hervor. »Ja,« sagte er langsam, »es ist schön – aber,« er stockte.
-Er hatte noch sagen wollen: »Aber so, wie Sie, seh’ ich’s nicht.« Er
-sah an ihren Augen, daß es so sei. Aber er verschwieg es. Vielleicht
-fürchtete er, zu viel zu sagen. Denn das, was sich mit Macht in ihm
-regte, durfte sie nicht erfahren. Das war ein Neid gegen sie und alle,
-die so ungehindert, so selbstverständlich in einer Welt lebten, die
-ihm verschlossen war. Er war ein Schuster gegen seinen Willen. Er wäre
-gern etwas anderes geworden in seiner Jugend. Irgend etwas, bei dem
-der Geist die Flügel regen konnte, er wußte es selbst nicht so genau.
-Lernen hatte er wollen, viel und vielerlei, Bücher lesen, Musik machen,
-alles, was es nur gab. Aber da war nichts zu machen gewesen.
-
-Er war kein Genie, das sich einen Weg erzwingt, er hatte nur eine
-durstige Seele, die sich in einem engen Käfig duckte und draußen eine
-weite Welt ahnte, an der sie nicht teilhaben durfte. So lernte er sein
-Handwerk, aber verdrossen und unfroh, wie einer, der nicht an seinem
-Platz ist. Er brachte es nicht weit darin. Das wunderte ihn auch gar
-nicht. »Warum hab’ ich nichts anderes werden dürfen?« sagte er sich
-vertrutzt, wenn er sah, wie andere seines Handwerks weiter vorwärts
-kamen als er. »Ich passe einmal nicht dazu.«
-
-Er hatte es ein wenig vergessen gehabt, daß er so verkürzt sei. Aber
-nun kam es stärker herauf als je zuvor.
-
-Davon wußte ja das Fräulein nichts. Die war so frisch und
-lebensfreudig, erzählte so harmlos drauf los von ihrer Welt, die nicht
-die seine war und nahm die Schönheit der Welt und des Lebens in Besitz,
-als ob das gar nicht anders sein könne.
-
-»Jetzt habe ich aber lange und geduldig gewartet,« sagte Fräulein
-Solger und richtete sich auf. »Es kommt wohl keine Fortsetzung mehr auf
-das Aber. Da erscheint nun der Gottfried und ruft uns zum Essen. Ich
-hätte so gern wissen wollen, ob’s nur mir allein so schön vorkommt, mir
-mit meinen Stadtaugen, denen es so golden wohl ist in der Freiheit nach
-der Enge des Zeichensaales?«
-
-Da gab der Mann dem Rechen und sich selbst einen Ruck. Den Rechen
-rammte er fest in die Erde, da stand er aufrecht und frei. Aus sich
-selber heraus sagte er, langsam, als müsse er jedes Wort von unten
-heraufholen: »Es wird wohl so sein, wie Sie meinen, so schön. Es gibt
-Leut’, die sehen’s immer. Denen liegt’s in den Augen, die sind dazu
-gemacht. Die anderen sehen das andere, es ist viel auch nicht schön
-in der Welt. – Aber heut’ seh’ ich’s auch.« Es war eine Anstrengung
-gewesen, das alles zu sagen. Der Mann atmete tief auf. Fräulein Solger
-sah ihn von der Seite an, aufmerksam und nachdenklich. Was mochte
-hinter dieser Stirn mit den tiefen Querfurchen vorgehen? Gottfried
-war vollends herangekommen. »Die Mutter wartet schon lang,« sagte er.
-»Sie sagt, du habest gewiß wieder nicht Zwölfe läuten hören. Und
-das Fräulein hätt’ ich auch suchen sollen.« »So,« sagte das Fräulein
-heiter, »im Wald hättest du mich aber lang suchen können. Ich bin
-im dicksten Dickicht gesessen und habe Baumwurzeln gezeichnet.« Sie
-klappte ihr Skizzenbuch auf und hielt es dem kleinen Buben vors
-Gesicht. »Da sieh her. Gefällt dir’s, du?« Gottfried sah ernsthaft auf
-das Blatt und machte ein kurioses Gesicht. So ein knorriges Zeug? So
-ein Gewirre? »Nein,« sagt er, ganz kurz und bestimmt. »O du Staatskerl
-du. Versprichst du mir, daß du deiner Lebtag’ so deutlich sagen willst,
-was dir gefällt und was nicht?« Fräulein Solger hatte nicht übel Lust,
-dem Kritiker einen Kuß in sein ernsthaftes Kennergesicht hinein zu
-geben; aber er sah aus, als ob er ihn wieder wegwischen könnte; sie
-ließ es. »Wenn ich nach Haus komme, muß ich’s meinem Professor zeigen.
-Vielleicht gefällt’s dem besser als dir. Aber du darfst zur Belohnung
-meinen Feldsessel tragen, und heut’ nachmittag darfst du in meine Stube
-kommen, dann zeig’ ich dir, was dir besser gefällt. Ich habe schon noch
-Schöneres. Und jetzt marsch marsch. Auf meiner Magenuhr ist’s schon
-lang Zwölfe vorbei.« Gottfried trabte stolz mit dem Feldsessel voraus.
-Die zwei anderen folgten. Der Mann hatte auch mit in das Skizzenbuch
-gesehen, gesagt hatte er nichts. »Wenn Sie dem Buben Bilder zeigen,«
-hob er nach einer Weile, als sie so nebeneinander hergingen, zögernd
-an, »am End’ dürft’ ich’s auch sehen. Man sieht auch gern einmal etwas
-anderes. Und ich, – ich hab’ immer eine Freud’ an so etwas gehabt.«
-Es kam fast entschuldigend heraus. Die Lust war größer gewesen als
-der Vorsatz, zu schweigen. Das Fräulein sah aus, als ob ihr eine
-große Freude widerfahren wäre. Das war auch so. Sie hatte eine so
-ehrliche, gesunde Freude an ihrem Studium, die wollte sie so gern mit
-den Menschen, die um sie her waren, teilen. Und wenn sie einen Sinn
-dafür fand, wo sie ihn nicht vermutet hätte, da begrüßte sie ihn mit
-der ganzen geraden Herzlichkeit ihres Wesens. »Das ist ja fein,« sagte
-sie, »das freut mich ja von Herzen, Meister. Wollen wir das heute abend
-tun? Gleich heut?« Sie nannte ihn immer Meister. Das Wort gefiel ihr so
-für den einfachen, biederen Mann. Sie hatte bis jetzt immer geglaubt,
-er gehe in seinem Handwerk auf, und er war so gar kein Herr. Am Ende
-kannte sie ihn aber doch noch nicht.
-
-Die Frau stand unter der Tür und wartete. Sie schützte die Augen mit
-der vorgehaltenen Hand vor der Sonne. Ihr Gesicht war so eben und
-unbeweglich wie immer und mit dem gewohnten ruhigen Ton grüßte sie die
-Ankommenden. »Das Essen steht schon droben, Fräulein,« sagte sie. »Es
-ist hoffentlich noch gut. Ich hab’s auf zwölf Uhr gerichtet.«
-
-»Geschieht mir ganz recht, wann ich’s kalt bekomme; ich bin so gar kein
-pünktlicher Mensch. Erziehen Sie mich nur ein bißchen.« Adelheid Solger
-hatte immer das Gefühl, als wenn sie diese Frau ein wenig aufheitern,
-ein wenig froh machen sollte. Aber wie? Sie war wohl auch gar nicht
-traurig, nur so tonlos, so gleichmäßig still ging sie ihres Weges. Und
-man wußte nie, was in ihr vorging. »Aber das ist ja vielleicht das
-allerbeste,« dachte das Fräulein, als es die Treppe hinanstieg und sein
-Zimmer betrat. »Es ist gar nicht immer gut, wenn man einen so durch
-und durch sehen kann, wie zum Beispiel mich, die ich keinen Gedanken
-verbergen kann. Ich will sie nur ruhig ihres Weges gehen lassen. Wenn
-ich’s nur könnte. Ich kann es ja doch nicht. Einen Tag lang, ja, aber
-dann muß ich wieder in ihrem Gesicht herumstudieren, und in seinem.
-Warum bin ich nur so, so menschenhungrig? Warum muß ich an allem teil
-haben, was um mich herum vorgeht?«
-
-Ihr Tisch war sauber gedeckt. Mit billigem Geschirr und dünnem
-Tischzeug, wie man es in Warenhäusern um ein Geringes bekommt. Aber
-alles neu und ganz. »Das ist für mich angeschafft,« dachte sie. »Da
-sitz’ ich nun allein dabei und ess’ das Beste, was im Haus ist. Es
-ist mir zuwider. Ich bezahl’s ja, sie verdienen noch ein bißchen
-dabei. Aber es ist mir doch zuwider. Soll ich ausgehen und im
-Wirtshaus essen? Dann kränkt’s die Frau, sie tut, was sie kann. Jetzt
-würde ich wieder ausgelacht, wenn mich meine Freunde sähen. ›Immer
-rücksichtsvoll,‹ würde Heinz sagen, und spöttisch den Hut ziehen.
-Ich weiß, was ich möchte. Ich möchte unten mit am Tisch sitzen und
-mitessen. Ich habe ganz gewöhnlichen Menschenhunger.« Damit beendete
-sie ihr Selbstgespräch und fing an zu essen. Sie war jung und gesund,
-es schmeckte ihr trotz allem.
-
-Ein gutes Stückchen hob sie für Gottfried auf, der eilig
-daherstolperte, kaum daß er den Löffel weggelegt hatte. Er blieb
-staunend stehen. Das Zimmer war anders, als da das Fräulein einzog.
-Auf der Kommode stand in einer breiten tiefen Schale ein Waldstrauß,
-ein duftiges Gewirre von grünen und rötlichen Ranken, langstieligen
-Glocken und Waldlilien. Die Öldrucke waren von den Wänden verschwunden;
-ein paar Kreide- und Kohlezeichnungen waren mit Reißnägeln da und
-dort lose angeheftet, über dem Bett hing an einer roten Schnur ein
-farbenfreudiges Aquarell. Ein hohes, graues Steinhaus mit einem
-mächtigen Portal, vergitterten Fenstern im Erdgeschoß und einer
-heiteren Fensterreihe oben, zwei der Fenster mit Brettern voll
-brennendroter Geranien davor.
-
-Vor diesem Bild pflanzte sich der kleine Bub auf und guckte es mit
-großen Augen an. »Siehst du, da bin ich daheim,« sagte das Fräulein und
-wies auf die Blumenfenster. »Da geh’ ich wieder hin, wenn ich im Herbst
-fortgehe. Es war einmal ein Schloß und hat einem Grafen gehört. Der ist
-aber schon lang tot.« »Gehört’s jetzt dir?« fragte Gottfried. »Nein,
-Bub, so reich bin ich nicht.« Sie lachte. »Da wohn’ ich nur, und außer
-mir noch viele Leute; fast in jeder Stube jemand anderes. Und in der
-Mitte ist ein ganz mächtig großer Hausflur, so groß, daß man euer Haus
-hineinstellen könnte. Da tanzen bei der Nacht die Mäuse.« Gottfried
-sah unbefriedigt aus. Es paßte ihm nicht, daß dem Fräulein das Haus
-nicht gehöre und daß bei Nacht die Mäuse darin tanzten. Er hatte mit
-den Kindern der Himmelreichsgasse schon viel von »unserem Fräulein«
-gesprochen. Kein Mensch außer ihnen hatte einen Sommergast. Er hätte
-den anderen gern das Haus gezeigt; die hätten Augen gemacht. Aber
-wenn’s ihr gar nicht gehörte. Dann konnte man nur gleich still sein.
-»Ist dein Vater und deine Mutter auch drin?« fragte er. Da machte sie
-ein sehr ernsthaftes Gesicht. »Ich habe keinen Vater und keine Mutter
-mehr,« sagte sie. »Schon als ich so groß war wie du, nicht mehr.«
-Gottfried war immer enttäuschter. »Ja, hast du denn gar niemand?«
-fragte er. Da überkam das Fräulein wieder »dieser ganz gewöhnliche
-Menschenhunger«. Sie konnte doch dem kleinen Buben nicht sagen, daß sie
-zu niemand gehöre, zu gar niemanden. Sie hatte doch so viele Freunde,
-so einen frohen, belebten, anregenden Kreis. Aber jemand eigenes?
-»Doch,« sagte sie nach einer kleinen Weile. »Ich habe schon jemand. Es
-ist fast, wie wenn ich eine Mutter hätte. Oben, ganz da oben, man sieht
-das Fenster nicht auf dem Bild, es ist auf der anderen Seite, da wohnt
-sie. Sie kann nicht gehen, sie ist krank. Aber sie ist immer da, wenn
-ich zu ihr komme. Die hat mich lieb, sie gehört mir.«
-
-Gottfried verstand den Bericht nicht so ganz. Das konnte er ja auch
-nicht. Das Fräulein hatte ja gar nicht gesagt, wer da oben wohne
-und fast wie ihre Mutter sei. Sie kam ihm ein klein bißchen weniger
-erstaunenswert vor, als er wieder die Treppe hinunterging. Sein
-Vater saß am Schustertisch und flickte einen klaffenden Riß in einen
-Bauernschuh. Dem konnte er alles erzählen. Er horchte auch hoch auf.
-»Daß sie am End’ gar nicht zu beneiden wär?« dachte er. »Daß sie auch
-ihren Schatten hat in ihrem Leben?« Er zog den Pechdraht eifriger durch
-die Löcher, die die Ahle machte. »Aber sie hat’s doch schön; Herr!
-wenn man selber so ist, so gescheit und geschickt, und tun kann, wie
-man will!«
-
-Derweil saß das Fräulein oben und schrieb einen langen Brief an die,
-die »fast wie ihre Mutter« war. Mit dem Herzen und Gedanken kehrte
-sie ein in der stillen Stube der alten Freundin, die fast nichts mehr
-tun konnte und doch so viel war. So ein aufgeschlossener, warmer,
-lebendiger Zufluchtsort für die, die sich draußen herum müde und
-unruhig gemacht hatten. Sie wurde wieder froh während des Schreibens,
-ihres Reichtums bewußt. Es ging ein starkes Grüßen dem Brief voraus,
-direkt durch die Luftlinie. »Wenn ihr jetzt nur die Ohren klingen
-möchten,« dachte das Fräulein, als es die Himmelreichsgasse hinunter
-wandelte und den Brief in den gelben Schalter steckte, ganz unten an
-der Ecke.
-
-Denn sie wußte wohl, daß die Freundin manchmal saß und nicht wußte,
-wozu ihr tatenloses Leben noch tauge. Wie das einem Gemüt gehen kann,
-das nichts von seinem segnenden Reichtum weiß. Das nicht weiß, daß es
-eine stille Heimat ist für die, die es lieb hat. – – – –
-
-Das war ein Sommerleben, ein rechtes, echtes! Früh heraus, fast mit der
-Sonne, und den ganzen Tag sich des Daseins gefreut. »Ich werde braun,
-wie eine Bäuerin,« dachte Adelheid Solger vergnügt und studierte ihr
-sonnverbranntes Spiegelbild. Die Himmelreichsgasse hatte das schon
-von ihr gemerkt. Sie war so ein bißchen Gemeingut geworden, da mußten
-die Leute schon darauf achten. Wenn sie die Gasse hinabging, hatte sie
-viele Händedrücke von sauberen und schmutzigen Händlein in Empfang zu
-nehmen und viele Grüße zu erwidern. Sie tat es gern, es war ihr so
-selig patronatsmäßig und landpomeranzig zugleich zumute. Der Schmied
-war ihr guter Freund und die dicke Bäckersfrau ihre Freundin. Und
-der Sternenwirt unten an der Ecke zog, wenn er sie kommen sah, seine
-Spieluhr auf. »Freut euch des Lebens,« konnte sie spielen und den
-Hohenfriedberger Marsch. Denn das Fräulein blieb dann regelmäßig stehen
-und horchte; sie wippte so einverstanden mit dem Kopf zu der Musik. Das
-freute den Sternenwirt.
-
-Sie ging aber viel öfter gleich vom Haus aus in den Wald. Nicht nur
-so in die nächste Nähe. Sie machte große Streifereien und brachte
-reiche Beute im Skizzenbuch heim. Wie die Bienen sammelte sie ein in
-der schönen Welt. »Das war ein Prachtsgedanke von Heinz,« dachte sie.
-Dieser Heinz war ein Freund und Studiengenosse von ihr, der sich gern
-zu ihrem väterlichen Berater aufwarf und er hatte sie hierhergeschickt.
-»Sie müssen so recht in die Natur kommen,« hatte er gesagt, »das ist
-für Ihr Studium und für Ihren Menschen nötig. Sie werden neuerdings
-so zivilisiert.« – »Ich wollte, er könnte mich jetzt sehen.« Sie
-lachte, als ihr der Wunsch kam. Denn jetzt lebte sie so natürlich,
-als nur möglich. Es war eine Lust, zu leben. Sie hätte so gern ihre
-ganze Umgebung mit ihrer inneren Frohheit angesteckt. Das gelang
-teilweise, teilweise auch nicht. Meister Notacker, der lebte auf; er
-sang sogar manchmal. Er hatte eine schöne, tiefe Stimme und er kannte
-alte, wunderbare Volkslieder. Es war lang her, seit er sie gesungen
-hatte, die Kinder horchten hoch auf, und die Frau warf einen langen,
-merkwürdigen Blick auf ihn, als er’s das erste Mal tat. Er sah den
-Blick nicht, nur Adelheid Solger sah ihn. »Ist’s ihr am End’ nicht
-recht, daß er singt?« dachte diese. »Sie sollte doch froh sein, wenn
-er ein wenig Leben zeigt. Wenn ich einen Mann hätte mit solch einer
-Stimme, er müßte mir alle Tage singen.« Aber die Frau hatte schon
-wieder den Kopf über die Näharbeit gebeugt und zog mit unbewegtem
-Gesicht den Faden aus und ein. »Ich habe mich wohl getäuscht,« dachte
-die Beobachterin. Sie hieß jetzt nicht mehr Fräulein schlechtweg, sie
-war zum Fräulein Adelheid geworden. Sie hatte sich’s nicht ausgebeten,
-das war nach und nach so gekommen, ganz von selbst. So war’s ihr recht.
-Sie saß auf einem dreibeinigen Schemel am offenen Fenster. Draußen
-war’s Nacht, eine warme, düftereiche Sommernacht. Um die aufgehängte
-Ampel über dem Schustertisch surrten aufgeregte Schnaken mit langen
-Füßen und glasigen Flügeln. Der Meister saß mit einem halbgeflickten
-Rohrstiefel auf dem Schoß, ließ die Hände ruhen und sang aus gehobener
-Brust. »Es waren einmal drei Reiter gefangen, gefangen waren sie.« Und
-dann noch viele andere. Die Kinder spitzten die Ohren und horchten
-wie die Mäuse, und die Frau wendete das zerrissene Röcklein hin und
-her, bis alle Löcher zu waren. Dann stand sie auf: »So jetzt ins Bett,
-Kinder, ’s ist schon viel zu spät für euch.« Adelheid konnte es schon
-lang wieder nicht lassen, an ihrem undurchdringlichen Gesicht und
-Wesen herumzustudieren. »Warum sie nur so ist? So stumm und ernst. So
-sorglich und fleißig, und brav und still. Aber gar nichts Warmes. Ich
-möchte sie wohl fragen, ob sie nicht glücklich ist. Aber das wag’ ich
-ja gar nicht. Sonst bin ich so keck und vor ihr scheu’ ich mich. Wie
-das nur ist? Am End’ hat sie schwere Nahrungssorgen. Der Mann ist nicht
-so übereifrig. Aber sie haben doch auch die Wiese und eine Kuh. Da bin
-ich nun schon wieder beim Grübeln.« Adelheid gab sich einen innerlichen
-Rippenstoß und kehrte in die Gegenwart zurück.
-
-Der Meister hatte aufgehört zu singen. »Sie haben gar nicht mehr
-gehorcht,« sagte er. »Meine Gedanken sind mir durchgegangen,« gab sie
-reumütig zu. »Ich hab’ aber danebenher doch noch zugehört. Sie haben
-eine gute Stimme, warum singen Sie nie? Das sollten Sie viel öfter
-tun.« – »Ich will’s tun, wenn Sie’s freut. Es ist mir selten singerig
-zumute. Das muß einem von innen heraus kommen, sonst ist’s nichts.«
-
-Adelheid mußte wieder einmal sein Gesicht betrachten. Es hatte in
-letzter Zeit so etwas Lebendiges, Aufgehelltes bekommen. Sie wußte
-nicht, daß er in diesem Augenblick in seinen Gedanken zu ihr sagte:
-»Ja, wenn du immer da wärest, dann sänge ich wohl. Wie hast du mir das
-Leben aufgetan, du Sommergast.«
-
-Es war gut, daß sie es nicht wußte. Sie holte ihr Skizzenbuch herbei
-und zeigte ihm Altes und Neues daraus. Er tat so verständige, tüchtige
-Bemerkungen dazu, sie waren beide so plaudersam angeregt, als die Frau
-zurückkam und wieder ein Paar Strümpfe zum Stopfen vornahm. »Ich habe
-fast ein böses Gewissen,« sagte Adelheid, »Sie sind noch so fleißig
-und ich habe so frühen Feierabend gemacht. Lassen Sie mich ein bißchen
-mithelfen, ich kann auch Strümpfe stopfen, Sie werden’s schon sehen.«
-Die Frau warf einen Blick in ihr bittendes Gesicht. »Ich glaube, Sie
-meinen’s gut,« sagte sie. »Aber helfen können Sie mir nicht. Ich habe
-auch nur noch das eine Paar vor.«
-
-»Wie sie das nun wieder so tief und schwer sagt,« dachte Adelheid. »Das
-ist doch so eine harmlose Sache. Ich glaube, Heinz hat recht. Es gibt
-Leichtblüter und Schwerblüter. Die Frau gehört zu den Schwerblütern.
-Die müssen alles schwer nehmen.« – »Ich glaube, daß Sie’s gut meinen.«
-»Will’s glauben, daß ich’s gut meine. Oder eigentlich, ich meine es
-weiter gar nicht. Ich bin nur so ein vergnügter Mensch und hätte die
-andern gern auch so. Das ist eigentlich lauter Egoismus.«
-
-Damit erstieg sie ihre Treppe und begab sich zur Ruhe. »Ihre Lieder
-müssen Sie mich noch lehren, Meister,« rief sie noch von der Treppe
-her. »Die nehm’ ich im Herbst mit nach Hause und sing’ sie meinen
-Freunden vor. Da krieg’ ich einen Preis; so schöne können die nicht.
-Aber wir müssen bald daran, die Zeit vergeht so schnell.«
-
-Das Letztere war so wahr. Die Zeit verging so schnell: es war
-fast nicht zu glauben. Die Ernte war vorbei, der Wind ging
-übers Stoppelfeld. Heute hatte Adelheid den ersten silbernen
-Altweibersommerfaden an einer Hecke gefunden. Den besah sie sinnend.
-Sie freute sich auch wieder auf ihren alten Kreis in der Stadt. Aber
-es war ein so schöner, reicher Sommer gewesen, es tat ihr leid, daß er
-scheiden wollte. Die Menschen hier waren ihr auch wert geworden, so,
-wie einem die wert werden, an deren Sein und Tun man teilgenommen hat;
-wie das ein rechter, echter Mensch an denen tut, die um ihn her sind.
-Gottfried hatte ihr schon lang verziehen, daß das große Haus in der
-Stadt nicht ihr gehöre. Sie hatte so viele andere Vorzüge, er war ihr
-guter Freund geworden. Auch die anderen Notackerlein krabbelten die
-dunkle Treppe herauf und pumperten mit den Fäustlein an die Tür, und
-nach und nach taten das noch andere Kinder aus der Himmelreichsgasse.
-Auf einem Eckbrett stand eine glänzende Büchse, darin waren Himbeeren,
-wie man sie nicht im Wald findet, groß und glänzend, von süßem Zucker.
-Die banden die kleinen Herzlein an das große. Es waren nicht nur die
-Himbeeren, es war sonst noch viel Liebes und Schönes. Adelheid malte
-einen Zweig fliegender Herzen und in jedes rote Herzchen hinein einen
-der Kinderköpfe. »Lauter Originale,« sagte sie mit Stolz und trug
-das Bildchen im Haus herum, um es bewundern zu lassen. Sie traf die
-Schuhmachersfrau am Waschzuber. »Da sehen Sie her,« sagte sie, »das
-nehme ich mit nach Haus. Ich muß doch meinen Freunden zeigen können,
-was ich diesen Sommer gewonnen habe. So viele Herzen, und lauter frohe,
-harmlose, und keins betrübt und zerbrochen.« Wie froh sah sie aus, als
-sie das sagte, und so frisch und herzenswarm. Sie mußte wahrlich die
-Herzen gewinnen. Die ernsten Augen der Frau lagen auf ihrem Gesicht,
-und plötzlich brach ein warmer Strahl, der sich nicht zurückhalten
-ließ, aus ihnen. »Das ist ein herziges Bildchen,« sagte die Frau. Und
-dann, ganz unvermittelt: »Sie meinen es gut, es muß Ihnen gut gehen auf
-der Welt. Wenn Sie nur auch so froh bleiben, wie Sie jetzt sind, es
-tut einem so gut, auch noch frohe Menschen zu sehen, die sind selten.«
-Adelheid war seltsam befangen. Es kam plötzlich solch eine Wärme aus
-dieser verschlossenen Frau heraus und sie wollte sich dessen freuen,
-aber sie konnte nicht recht.
-
-»Ach,« sagte Adelheid, »ich habe auch schon mein Teil Trauer gehabt im
-Leben. Wenn man ohne Eltern heranwächst und niemand ganz Eigenes hat.
-Es ist aber wahr, ich weiß nicht, wie’s kommt, ich muß mich an vielem
-freuen. Das Leben ist doch so schön, ich wollte, alle Menschen freuten
-sich dessen. Und,« sagte sie auf einmal mit hervorquellendem Mut:
-»ich wollte, ich hätte Ihnen etwas zu geben, das Sie froh machte. Sie
-sind’s nicht. Oder mein ich das nur?« Die Frau wusch eifrig weiter. Sie
-hatte das Gesicht über ihre Arbeit gebeugt und nichts mehr regte sich.
-»Es geht mir nicht schlecht,« sagte sie nach einer kurzen Weile. »Es
-kommt jedem etwas, das er tragen muß. Mancher ladet sich’s selber auf
-und muß es dann schleppen. Was man sich selber aufladet, ist auf die
-Dauer schwerer als das, was Gott schickt. Aber es muß dann auch gehen.«
-Sie stand so unscheinbar an ihrem Waschzuber. Sie war weder jung noch
-schön, noch lieblichen Wesens, auch nicht besonders klug und hatte
-keinerlei Interessen, die über ihren täglichen Kreis hinausgingen.
-Und doch hatte sie etwas ganz Besonderes an sich. War es, daß sie im
-stillen eine Last trug, die sie niemanden klagte? Was mochte sie sich
-aufgeladen haben? Denn sie hatte doch vorhin von sich selbst gesprochen.
-
-Adelheid stand noch in stillen Gedanken ihr gegenüber, da sagte die
-Frau, wie aus einem langen Gedankengang heraus: »Ich bin gar nicht
-in die Welt hinausgekommen. Ich war immer hier, in diesem Haus. Es
-ist meines Vaters Haus. Man kann aber daheim auch genug erleben, das
-ist überall eins.« Dann brach sie wieder ab. Sie hatte noch viel auf
-dem Herzen. Aber sie drückte es wieder hinunter, sie hatte die Macht
-dazu, es für sich zu behalten, und Adelheid wollte nicht fragen. Sie
-ging in die Stube, um dem Meister ihr Blatt zu zeigen. Der sah es
-an, er wollte es nicht loben. Er atmete aus tiefer Brust und zog die
-Augenbrauen zusammen. »Was ist, wo fehlt’s?« fragte Adelheid. Da nahm
-er einen Anlauf zum Reden. »Es ist gut gelungen,« sagte er. Sonst
-nichts. Es lag ihm etwas anderes obendrauf, etwas, das er nicht sagte,
-das konnte man gut merken. »Wenn’s Ihnen nicht gefällt, so sagen Sie’s
-nur ganz ehrlich.« Adelheid war ein wenig ärgerlich. »Sonst muß ich
-mir den Gottfried holen, der sagt seine Meinung frei heraus.« »Ja,«
-brach er nun los, »ich wollte, ich dürfte das auch. Aber das habe
-ich mein Lebenlang noch nicht gedurft. Als ich so ein Bub’ war, wie
-der Gottfried jetzt, starb meine Mutter. Meinen Vater hab’ ich nie
-gekannt. Da kam ich hierher ins Haus meines Pflegers. Der war ein
-Schuhmacher. Ein geschickterer, als ich geworden bin. Ich mußte auch
-einer werden, als ich aus der Schule kam. Das war so natürlich, daß
-man mich gar nicht fragte. O ich hab’ auch einmal aufgemuckt. Ich hab’
-auch einmal gesagt, was ich wollte. Ich wollte Musik machen lernen,
-es nahm mir fast den Atem, wenn ich ein Instrument hörte. Ich hätt’
-auch etwas anderes gelernt, ich hätte die Musik dran gegeben, wenn
-ich hätte in Büchern lernen dürfen. Aber da kam ich schön an. Wissen
-Sie, wie man mir die Gelüste ausgetrieben hat? Hinausgehauen hat man
-sie! Ausgeprügelt.« Der Mann war in einer Erregung, Adelheid hatte ihn
-noch nie so gesehen. Als sei an einem vollen Dampfkessel das Ventil
-geöffnet, und lasse die zusammengepreßte Gewalt ausströmen, so flutete
-es aus ihm heraus.
-
-Er nahm sich gewaltsam zusammen. »Aber das ist nichts für Sie,« sagte
-er. »Was wissen Sie von so etwas?«
-
-»Doch, das ist etwas für mich.« Adelheid saß ihm gegenüber auf dem
-niedrigen Fenstersims. Sie lehnte den Kopf an den Rahmen und sah ihn
-herzlich an. Ihr kleiner Ärger war längst verflogen.
-
-»Erzählen Sie mir das alles, warum soll ich von so etwas nichts wissen?
-Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt und weiß, daß man im Leben kämpfen
-muß.« Sie füllte die Fensteröffnung fast ganz mit ihrer hellen Gestalt;
-er sah an ihr hinauf und sprach weiter, gesänftigter, als ob es ihm
-eine Wohltat sei, sein Leben vor ihre Augen zu legen.
-
-Von den Lehrlingsjahren sprach er und von seinem Ungeschick zum
-Handwerk. Von seiner Unlust dazu, die ihn drückte und würgte, und
-von der Furcht vor den Schlägen des Lehrmeisters. Von der ganzen
-zusammengepreßten Jugendlust am Streben und Leben.
-
-Dann von der Gesellenzeit und den Militärjahren, wo er von ferne die
-bunten Bilder des Lebens hatte an sich vorbeiziehen sehen. »Da hab’ ich
-meine Lieder singen gelernt,« sagte er. »Das war schön, wenn wir sie
-sangen zum Marschieren am frühen Morgen beim Ausrücken. Und wenn dann
-die Regimentsmusik spielte. Die Brust wollt’s einem zersprengen vor
-Hochgefühl.
-
-Da hab’ ich mich auch manchmal vor die Schaufenster gestellt, wo
-Bücher und Bilder ausstanden, und hab’ alles um mich herum vergessen
-vor Staunen. Daß man so viel Bücher schreiben kann. Was da alles darin
-stehen mag? Und die Bilder; wie man so etwas machen kann? Das ist ja
-ein Wunder. Grad so viel hab’ ich gesehen, daß ich’s weiß, das gibt’s
-alles; mehr nicht.«
-
-Er hämmerte eine Weile drauf los, schweigend, und wie von einem inneren
-Drang beseelt, sich frei zu schaffen. Dann sagte er: »Grad an dem Tag,
-als ich vom Militär frei kam, schrieb mir Regine – das ist meine Frau.
-Das wissen Sie noch nicht, daß sie meines Pflegers Tochter ist? Wir
-sind immer zusammen gewesen. Sie ist aber älter als ich. Jaso. Ja, sie
-schrieb mir, daß ihr Vater krank sei, vom Schlag gelähmt. Ich solle
-kommen, das Geschäft fortführen. Was sollte ich anders? Ich konnte mich
-nicht besinnen, ob ich wollte oder nicht. Das hab’ ich nie gekonnt in
-meinem Leben, es stand immer alles vor mir, ein Zaun hüben und drüben
-am Weg. Und das, was ich gern gewollt hätte, war hinter dem Zaun.«
-
-Adelheid sah so teilnehmend in ihn hinein. Sie konnte hier nichts
-geben, als ihr lebendiges, stilles Zuhören. Was für ein Strom
-verborgenen, zurückgedämmten Lebens ging da an ihrer Seele vorüber.
-Sie sagte auch in den Pausen nichts; sie war ganz still. »Dann
-ging vollends alles seinen Weg,« fuhr der Mann fort. »Nach einem
-Jahr starb der Meister. Er konnte nicht mehr sprechen, aber zeigte
-mir mit Gebärden, daß ich das Geschäft fortführen solle. Und dann –
-dann tat ich’s. Die Tochter hat dazu gehört. Ich hab’s nicht gleich
-begriffen, ich hatte nicht daran gedacht. Sie war mir lieb und wert.
-Aber ich hatte mir das anders vorgestellt, das mit dem Liebhaben und
-Zusammengehören. Ganz anders. Man machte mir das deutlich. Es sei ein
-Glück für mich, hieß es. Ein Haus und ein Geschäft zu haben, und eine
-rechte Frau dazu. Solch ein armer Mensch wie ich. Sie wollte mich gern,
-das konnte ich deutlich sehen. Am Ende hatte ich mir das andere nur
-eingebildet, das mit dem Glück und dem Zusammenstimmen. Da hab’ ich sie
-gefragt. Und seither hausen wir zusammen.«
-
-Der Sommergast hatte sich langsam von seinem erhöhten Sitz
-herabgelassen. Das war so etwas Wehtuendes. Das schnitt so scharf in
-ihre liebewarme Seele hinein. Sie waren alle beide nicht glücklich, der
-Mann und die Frau. Und dabei war wohl nichts zu helfen.
-
-Adelheid wendete das Gesicht den Fenstern zu. Draußen kam vom Tal
-herauf ein Herbstnebel und hüllte nach und nach die ganze Gegend ein.
-Sie sah dem Gewoge zu.
-
-Da sprach er weiter, hinter ihr. Sie sah nicht, wie seine Augen an
-ihrer Gestalt hingen, wie er aufstand und die Hände auf dem Rücken
-verschränkte in ohnmächtigem Verlangen. Sie hörte nur, daß seine Stimme
-zitterte.
-
-»Es geht mir immer so,« sagte er. »Jetzt, heut’, mit Ihnen. Ich sehe
-und höre von allem, was das Leben reich macht, so viel, daß ich weiß:
-das gibt’s. Daß ich sehe: das könnte ein Leben sein, wenn du das
-hättest. Und dann muß ich’s wieder lassen. Nur grad soviel, daß ich
-Hunger darnach bekomme. Nur grad vor mir sehen und nicht fassen dürfen.«
-
-Sie wagte nicht umzusehen, es wurde ihr so unbegreiflich schwül zumute.
-Das war ein Ausbruch! Daran hatte sie nicht gedacht.
-
-»Und da soll ich noch Ihr Bildchen loben und mich dran freuen? Das sind
-die Herzen, die Sie diesen Sommer gewonnen haben? Und Sie nehmen sie
-mit nach Hause und zeigen sie Ihren Freunden und sagen: ›Seht her, was
-ich mitgebracht habe!‹ Bin ich nicht auch ein Mensch? Und ich bleibe
-hier zurück, und wie? Sie aber gehen, denn der Sommer ist dahin.«
-
-Sie war ein rechtes, tüchtiges Menschenkind. Es war eine junge, starke
-Kraft des aufrichtigen Empfindens und Wollens in ihr. Darum wandte
-sie sich nun nicht in heiligem Unwillen von ihm, flüchtete nicht
-erschrocken vor den Wellen seiner armen, heißen Lebensleidenschaft. Sie
-fing auch nicht an, mit grüblerischem Forschen in sich herumzuquälen:
-»Hätte ich etwas anders machen sollen? War es am Ende Sünde, daß ich
-ihn an allem teilnehmen ließ, was ich lebte und genoß?«
-
-Die Schwüle war vergangen. Das, was sie sah, war klar, und sie verstand
-sich selbst und ihn.
-
-Der Schuster hatte damals auf der Heuwiese zu ihr gesagt: »Es gibt
-scheint’s Augen, die immer sehen, was schön ist, die sind dazu
-gemacht.« Da hatte er noch nicht gewußt, daß solche Augen auch
-Innerliches sehen können, und daß sie das Schöne herausfinden, mit dem
-tiefen, sicheren Blick des Quellenfinders, auch da, wo es sich nicht
-klar und lauter zeigt, wo es getrübt und vermischt mit Unreinem ist.
-
-Sie hatte ihm etwas, das ihn freute, in sein Leben hereingebracht. Und
-nun sie es wieder mitnahm, litt er darunter. Das war so natürlich.
-Dafür konnten sie beide nichts. Das mußte getragen sein. Er war ein
-armer Mensch, er hatte keinen Trost in sich selbst. Es verlangte sie,
-ihm einen zu geben. Aber welchen? Daß sie in Freundschaft seiner
-gedenken werde? Das war nichts. Das konnte ihm nichts helfen.
-
-Sie hatte auch eigentlich nur eine offene, herzliche Teilnahme für
-ihn. Die war echt. Aber sie konnte dem Mann nichts helfen. Die konnte
-sie ihm nicht geben. Wenn er doch nur gesehen hätte, wie viel Gutes
-er habe, Eigenes, bei sich im Haus, das ihm blieb. Und wenn’s nur die
-Kinder waren. Aber das konnte sie ihm alles nicht sagen. Ratlos wandte
-sie sich um. Sie wollte ihm die Hand geben und nach einem Wort suchen,
-das vom Herzen komme.
-
-Da sah sie unter der offenen Tür auf der Schwelle die Frau stehen.
-Und als sie ihr ins Gesicht sah, wußte sie, daß hier eine verborgene
-Kraft der Seele ins tätige Leben getreten sei, und daß die Kraft
-Gutes bedeute, irgend etwas Gutes, für den Mann, der so arm war in
-seiner innerlichen Unkraft. Daß sie nicht zu helfen brauche mit ihrer
-armseligen Teilnahme, sondern daß da Liebe sei, echte, rechte, die sich
-ans Tageslicht dränge wie ein Quell. Zu dieser Stunde und nicht früher,
-obgleich sie früher wohl dagewesen sein mochte. Adelheid ging zur Tür.
-Sie wußte nichts zu sagen. Es war ihr auch nicht mehr not.
-
-Aber im Hinausgehen gab sie der Frau die Hand.
-
-Die tat einen Schritt vorwärts. Sie trocknete sich die Hände und
-streifte die Ärmel herunter. In ihrem tieferblaßten Gesicht sprachen
-nur die Augen, und sie holte Atem, tief und schwer von unten herauf.
-Der Mann konnte noch nicht lesen, was in ihren Augen stand. Er ließ die
-geballte Faust schwer auf den Schustertisch fallen und streifte mit
-den Augen die Frau; scheu und trotzig und unsäglich elend sah er aus.
-»Sag nichts,« sagte er mit tonloser Stimme, »sag nichts! Du hast alles
-gehört, ich seh’s. Na ja. Ich bin auch ein Mensch. Das will einmal
-heraus. Jetzt weißt du’s. Laß mich mit Fried’, jetzt.« Es kam stoß-
-und ruckweise heraus. »Oder, ’s ist mir auch einerlei, kannst auch
-schelten. Aber nichts über das Fräulein. Kein Wort. Die ist gut, die
-kann nichts dafür, daß ich –, das ist alles aus _mir_ heraus.«
-
-Seine Stimme verging. Es schüttelte ihn von innen heraus. Er legte die
-Hand auf die Augen.
-
-Da trat sein Weib zu ihm. Wie eine Mutter und auch wie ein liebendes
-Weib trat sie zu ihm. So voll des Rechtes, zu trösten. Er war
-unglücklich, und sie hatte ihn lieb. Er war nie recht glücklich gewesen
-und sie hatte ihn immer lieb gehabt. Aber sie hatte es ihm nicht zeigen
-dürfen. Sie hatte eine Schuld auf sich gehabt, all die Jahre her, die
-hatte sie stumm gemacht und scheu. Und ihre Schuld war gewesen, daß sie
-sein Leben an das ihre gekettet hatte, trotzdem sie wußte, daß er sie
-nicht liebte mit einer großen, starken Männerliebe. Sie hatte auf das
-Kommen dieser Liebe gehofft und gewartet, und als die Hoffnung abnehmen
-mußte, als sie ihn hungrig sah, gedrückt und flügellahm an ihrer Seite,
-da wollte sie wenigstens eins tun, ein Großes, ihm zu Lieb. Sie wollte
-ihre Liebe in sich hineinschließen. Er sollte sie nicht sehen, sie
-mußte ihn ja quälen. Sie sorgte für ihn und für die Kinder. Mehr durfte
-sie nicht. Aber jetzt, heute.
-
-»Andres,« sagte sie, »Andres, mußt nicht so verzagt sein.« Sie legte
-ihm die Hand auf die Schulter, leicht, leise.
-
-Es war ein Glücksgefühl in ihr, ein ganz eigenes. Eines, das nur die
-Menschen kennen, die schon ganz arm gewesen sind. Teil haben an seiner
-Last, die man so gut kennt, so gut. In seiner Armut zu ihm stehen, nun
-das andere geht, das Sonnige, Helle, das sein Leben gestreift hat. Ihm
-zeigen: Du bist nicht allein, die Treue bleibt dir, du Armer.
-
-Das ist auch schon ein Glück für solch ein Herz. Aus dem vollen
-Reichtum heraus wäre das ein Elend. Aus der Armut heraus, aus dem
-stummen, zugeschlossenen Nebenhergehen – ihr war es ein Reichtum. Sie
-hatte diese Stunde kommen sehen, all die Zeit daher.
-
-An seinem aufgehellten Wesen, an seinem Gesang, an tausend kleinen
-Zügen. Und sie hatte gewußt, daß ihm die andere nichts zu geben habe.
-Daß sie gehe und sein aufgewachtes, hungriges Herz zurücklasse. Das
-hatte so kommen müssen. Daran war gar nichts aufzuhalten und zu ändern
-gewesen. Das hatte der Sommer zur Reife gebracht. Und nun war er dahin.
-
-– Er zuckte zusammen unter ihrer linden Berührung. Als ihn ihre Stimme
-traf, mit so einem eigenen, zitternden, warmen Klang, sah er auf. Er
-hatte etwas anderes erwartet. Er hätte auffahren, lospoltern mögen,
-sich verteidigen, ihr ins Gesicht schleudern: Laß mich, du! Was
-verstehst du vom Leben, vom Liebhaben, vom Feuer, das in mir brennt?
-
-Das konnte er nun nicht. Das konnte er ihr nicht sagen.
-
-Diese Frau, deren Augen so voll und tief und fest auf ihm lagen,
-verstand _wohl_ etwas von dem allen. Das sprach aus ihr heraus. Und ihn
-streifte eine Ahnung von dem, was in ihr war. Er ließ den Kopf wieder
-sinken.
-
-Da wagte sie es, sein Haar zu streicheln. Der kleine Bub’ hatte sich am
-Morgen gestoßen, er hatte eine Beule an die Stirn bekommen; den hatte
-sie auch so gestreichelt und dazu liebe Worte gesagt: »So, so, nun
-wein’ nicht mehr. Das geht vorüber. Das tut nur eine Weile weh.«
-
-Das gleiche konnt sie zu ihm nicht sagen, der da saß und wund vom Leben
-war. Aber ihre Liebe redete doch.
-
-»Ich versteh’ dich so gut. Ich weiß, wie das ist. Sehen, vor Augen
-haben und doch nicht besitzen. Lieb haben und sich hungrig sehnen. Und
-vorbei lassen müssen. Wenn man’s nicht wüßte, wär’s leichter. Aber
-glaube, meine Last war schwerer als die deine. Denn ich trug sie lang
-und still, und ich mußte dich leiden sehen. Durch mich.«
-
-Das sagte sie ihm nicht alles so nacheinander. Aber er verstand sie
-doch. Er saß und rührte sich nicht. Er war so wunderlich aufgerührt
-in seinem Innern. Da war noch ein Leid neben dem seinigen. Da war ein
-Mensch, ein lebendiger, dessen ganzes Herz ihm gehörte. Der begehrte
-nichts, als zu ihm zu stehen, ihn zu trösten, etwas Gutes zu sein in
-sein Leben herein.
-
-Wie ein Riß im schwülen, dunklen Gewölk war das, durch den der klare,
-blaue Himmel hereinsieht.
-
-Wie ein Acker, der vom Hagel verwüstet und ganz zertreten schien, und
-auf dem sich doch noch Halme mit Ähren aufrichten, still und stark, und
-eine Ernte verheißen, wenn auch keine üppige, lachende. Sie begehrte
-jetzt kein Wort von ihm. Er ließ sie ja bei sich. Er wies sie nicht ab
-mit ihrer stillen Tröstung. Das war jetzt genug.
-
-Das Kleine in seinem Wagen erwachte und ließ seine Stimme hören. Da
-ging sie hin zu ihm und hob es heraus. Und ein Lebens- und Freuden-
-und Kraftgefühl war in ihr, daß sie das Kind hoch in die Höh’ hob. »Du
-Schatz,« sagte sie, »du Schatz.«
-
-Sie war ja jetzt reicher als vor sechs Jahren als Braut. Damals hatte
-sie nach Liebe gehungert und ihrer begehrt. Jetzt liebte sie. Sieghaft
-brach die Liebe aus ihr heraus. Hier in diesem Haus war Liebe nötig,
-echte starke. Und niemand sollte fürderhin daran Mangel leiden.
-
-Das wuchs, das drängte. Sie hatte selbst nicht gewußt, wie lebensreif
-das alles in ihr gelegen hatte.
-
-»Mann,« sagte sie zu dem zusammengesunken Dasitzenden, »du, Mann, da
-guck den Kleinen an. Ist er nicht ein Schatz?«
-
-Sie hätte jetzt noch viel sagen können. Liebes, Warmes, Aufmunterndes.
-Aber er war so wund, da durfte man nicht derb zugreifen. Da konnte sie
-nicht sagen: »Ich bin nun einmal dein Weib, und die Kinder sind deine
-Kinder. Und wir wollen suchen, einander mehr zu sein, als seither.«
-Das nicht und sonst viel Schönes nicht. Das sagte nur ihr Wesen, ihr
-stilles, liebes Tun, das auf einmal so anders, so selbstverständlich um
-ihn her war.
-
-Er hatte seine Mutter kaum gekannt. Nun schien ihm sein Weib beides
-zu sein, Weib und Mutter. So hatte er sie noch nie angesehen, so
-warm hatte es ihn nie zu ihr gezogen, wie jetzt, da sie das, was ihn
-als Schuld drücken wollte, nur als Lebensleid ansah, und sich zu ihm
-stellte, es tragen zu helfen.
-
-Es war am Abend. Die Mutter saß in der dunklen Kammer an den
-Kinderbetten und sang leise ein Lied. Das tat sie selten. Heute mußte
-sie es tun, es war so viel Aufgewühltes, Unruhiges, Frohes und
-Schweres durcheinander in ihr. Das mußte zur Ruhe kommen. Die Kinder
-schliefen drüber ein. Draußen in der Stube saß der Mann, allein, die
-Ellbogen schwer auf den Tisch gelegt, den Kopf auf der Brust. Sie
-hätte ihn so gern auch in den Schlaf gesungen, mit Liebe zugedeckt.
-Aber sie wagte sich doch nicht so nah an ihn heran. Die aufflackernde
-Freudigkeit des Nachmittags war nicht mehr in ihr. Er liebte sie ja
-doch nicht. Er trauerte ja, daß die andere ging. Und er sehnte sich
-nach einem Leben, das sie ihm nicht geben konnte.
-
- »Sei du Schloß und Riegel,
- Unter deine Flügel
- Nimm dein Küchlein ein,«
-
-sang sie leise. Mit einem Herzen, das gern stark sein wollte und doch
-unruhig und zitternd schlug, sang sie es.
-
-Da kamen schwere, unsichere Tritte von der Stube her durch die dunkle
-Kammer. Wie einer, der eine schwere Last auf den Schultern hat, kam
-der Mann gegangen. Er tastete sich zwischen den Kinderbetten durch.
-Und dann sank er vor ihr nieder und legte den Kopf in ihren Schoß.
-»Kathrin,« sagte er, und seine Stimme brach mitten in dem Aufschrei:
-»Kathrin, ich weiß mir nicht zu helfen. Hilf mir!« – – – –
-
-Die Freunde in der Stadt waren nicht so recht zufrieden mit der
-heimgekehrten Adelheid. Zwar sie war braun, frisch und gesund, hatte
-reiche Beute im Skizzenbuch und in den Mappen mitgebracht und zeigte
-auch ihr Kinderbildchen mit Freude und Stolz. Aber sie war nicht so
-mitteilsam, als Heinz und die andern gewünscht hätten. Sie waren
-begierig auf Adelheids Erlebnisse gewesen, denn sie waren samt und
-sonders stolz auf sie, und überzeugt, daß sie überall die Menschen,
-und nicht nur die Kinder gewinnen müsse. Das hätten sie nun gern
-mitgenossen. Aber Adelheid sagte nur: »Sie waren alle gut gegen mich.
-Viel zu gut. Erzählen? Ja, das kommt schon noch, nach und nach. So
-Besonderes war nicht dabei.« Und dann fing sie an, sich auf die Arbeit
-zu werfen, als stünde der Hunger hinter ihr.
-
-Nein, da mußte etwas nicht in Ordnung sein.
-
-Die alte Freundin, oben unterm Dach, die mit dick verbundenen Füßen im
-Lehnstuhl saß und ihre Gichtschmerzen aushielt, die wußte nun wieder
-einmal, wozu sie auf der Welt sei.
-
-Draußen riß der Wind die Pappelkronen hin und her, daß sie ächzten.
-Drinnen saß Adelheid im Dämmer auf einem Schemel und sah in die
-Ofenglut. So liebte sie’s. Zu dieser Zeit pflegte sie zu kommen und,
-wie sie’s nannte, »ihren Tag hier auszubreiten.«
-
-Heute war sie lange still geblieben.
-
-Es geht etwas in ihr um, dachte das alte Fräulein.
-
-Das braucht seine Zeit, bis es spruchreif ist. Sie konnte warten. Sie
-wußte schon, daß es komme.
-
-Adelheid nahm die Feuerzange und stieß in die Ofenglut. Mit einer
-so heftigen Bewegung tat sie es, als ob sie damit irgend einem
-unsichtbaren Feind einen Treff versetzen wollte. »O, ich wollte,
-ich brauchte gar nicht mehr von hier hinaus,« sagte sie plötzlich,
-unvermittelt: »Wenn man nie weiß, was man den Leuten antut mit sich
-selbst. Wenn man einfach in den Tag hineingeht und sich des Lebens
-freut und der Menschen. Und dann ist’s doch nicht gut getan. Und ich
-kann nicht anders sein, als ich bin.«
-
-Da kam nun die Sommergeschichte an den Tag.
-
-Sie hatte sich doch mehr damit gequält, als sie am Anfang gedacht
-hatte. Nicht mit Selbstvorwürfen. Aber mit Fragen: warum ist das so?
-Warum haben nicht alle Menschen die Macht, sich aneinander und am
-Leben zu freuen? Warum müssen sie durcheinander leiden und sind doch
-ohne Schuld daran? Da war die Mutige, Frohe eine Furcht vor dem Leben
-angekommen.
-
-Es ist nicht leicht in Worten wiederzugeben, was aus dem abgeklärten
-Gemüt der Alten in das junge, aufgestörte Wesen hinüberfloß. Daß die
-Menschen einander brauchen, zum Aufwachen, zum Werden, durch Freuden
-und Schmerzen hindurch. Daß ein heiliger Wille auch über dem lebe und
-walte, was uns unklar und verworren scheine. Und daß nur Einer sehe,
-was der Sommer des Lebens für Frucht zeitigen solle. Und daß die
-Menschen nur reines Herzens vor ihm leben sollen, und das andere ihm
-anheimstellen.
-
-Man kann das nicht so sagen. Man muß solche Dämmerstunden kennen,
-um zu wissen, welch still- und frohmachenden Schatz man von ihnen
-hinaustragen kann ins laute Leben des Tages.
-
- * * * * *
-
-Es war ein heller, heißer, staubiger Sommertag im nächsten Jahr. Kurz
-vor den großen Ferien.
-
-Niemand hatte mehr rechte Lust, Vorträge anzuhören oder Studien im
-Zeichensaal zu machen.
-
-In der viertelstündigen Pause zwischen den Vormittags-Übungsstunden
-der Kunstschule war es. Sie standen so in zwanglosen Gruppen herum,
-die jungen Träger der Kunst der Zukunft. Auf der Steintreppe, unter
-den Arkaden, in der kühlen Eingangshalle. Wohin man ausfliegen wolle,
-beriet man, und ob man den Semesterschluß ganz abwarte – bei dieser
-geisttötenden Hitze.
-
-»Eine Schande ist’s, jetzt in den Stuben zu hocken,« sagte Heinz,
-den wir bereits kennen und dessen anderer Name hier nichts zur Sache
-tut. »Fenster auf und hinaus. Einmal ich. – Hallo, was gibt’s da?«
-unterbrach er sich. Er trat aus seiner Gruppe und sah zu, wie Adelheid
-Solger, aus der Halle kommend, die breite Treppenflucht hinunterflog,
-auf einen Mann von bäuerlichem Ansehen und einen kleinen Buben zu,
-sah, wie sie den Beiden die Hände schüttelte, und wie das bärtige
-Männergesicht aufleuchtete in frohem Grüßen.
-
-Und dann ging er, als der Nächste dazu, ein paar Schritte entgegen, als
-sie die Gäste heraufführte.
-
-»Das sind meine Freunde aus Steinkirchen,« sagte Adelheid, sobald sie
-bei ihm angelangt waren. »Dies hier ist Gottfried, wissen Sie, mein
-Kritiker. Und das ist sein Vater.«
-
-Der Schuhmacher sah froh und verlegen zugleich drein. Er hatte etwas
-auf dem Herzen. Aber er brachte es nicht so leicht vor, hier, in dieser
-Umgebung, wo ihm das Fräulein fremder, ferngerückter schien, als da sie
-bei ihm in der Himmelreichsgasse wohnte. Es war nur gut, daß er den
-Gottfried mit hatte. Der tat nicht lang fremd.
-
-»Jetzt mußt du wieder kommen,« sagte er mit seiner hellen Bubenstimme.
-»Wir haben ein Kleines, und die Mutter hat gesagt, das müsse so heißen,
-wie du. Damit man wieder eine Adelheid habe, und du mußt zu Gevatter
-stehen, hat sie auch noch gesagt.«
-
-Heinz lachte laut auf.
-
-»Du bringst deine Sache gut vor, Junge,« sagte er. »So ist’s gut, nur
-nicht lang gefackelt.«
-
-Diesmal besann sich Adelheid nicht lange, ob sie nicht abgewiesen
-werde. Sie beugte sich zu dem kleinen Buben herunter und küßte ihn in
-sein rundes, ernsthaftes Gesicht hinein. »So, muß ich?« sagte sie und
-lachte. Es war ein so fröhliches, befreites Lachen. Und sie streifte
-dabei mit fragenden Augen den Mann. »Ist das wahr? Könnt ihr mich
-brauchen?«
-
-»Der Bub’ sagt’s ungeschickt,« sagte der Mann entschuldigend. »Aber Sie
-nehmen’s ja nicht für ungut, das weiß ich wohl. Das nicht und nichts
-sonst. Von ›müssen‹ kann ja keine Rede sein. Aber wenn wir halt recht
-schön bitten dürfen. Weil alles so gut steht bei uns; und weil wir halt
-immer sagen, das Weib und ich: daß das Fräulein gekommen ist, damals,
-das ist ein Gottessegen.«
-
-Er streifte mit einem verlegenen Blick den fremden Herrn, der dabei
-stand und der gar nicht gesonnen schien, sich von der Gruppe zu
-trennen. Er hätte gern noch mehr gesagt. Aber das ging nun nicht an.
-Das mußte er noch aufsparen.
-
-»Ja, Meister, das ist mir ja eine Freude, eine große, rechte,« sagte
-Adelheid in überquellendem Empfinden. Ihr war so froh zumute, so reich.
-Da war etwas Gutes gewachsen, das konnte man ja sehen. Das bedurfte
-gar nicht vieler Worte. Und sie sollte daran teil haben. Wie schön das
-Leben war. Wie schön. Ihre Augen leuchteten.
-
-»Ist das nicht herrlich?« fragte sie zu Heinz hinüber. »Aber nun
-kommen Sie, nun wird heut’ Feiertag gemacht. Sie gehen mit, ganz
-freundschaftlich. Wir müssen den Beiden alles Schöne zeigen, das sie
-nur in sich hineinkriegen. Ist es nicht ein Fest?«
-
-»Daß irgend etwas wunderschön ist, seh’ ich an Ihren Augen. Und ich seh
-auch, daß Sie uns heuchlerisch verschwiegen haben, was unter Freunden
-geteilt gehört. Aber ich räche mich,« sagte Heinz.
-
-»Komm, mein Junge, du gehst mit mir.« Und darauf rächte er sich,
-indem er seiner Freundin den Freund und Verehrer Gottfried gänzlich
-abspannte, und bald voraus, bald hintendrein, des kleinen Burschen Herz
-im Sturm eroberte. Es nahm’s ihm niemand übel.
-
-Die beiden gingen allein, Adelheid und Meister Notacker. »Jetzt hab’
-ich die Stadt nicht mehr gesehen, seit ich vom Militär wegkam,« sagte
-der Meister. »Mich dünkt, sie ist seither noch viel schöner geworden.«
-
-Er sah so aufgehellt aus. In seinen Augen und auf seinem Gesicht lag
-so einfache, biedere Kraft. Wie einer, der das Leben erkannt und
-aufgenommen hat, sah er aus.
-
-»Ich hab’ nicht hierher gewollt,« sagte er. »Ich hab’ schreiben wollen.
-Aber ich hab’ keinen rechten Brief zustand’ gebracht. Es ist mir so
-viel im Kopf herumgegangen. Da hat meine Kathrin’ gesagt: »Geh doch
-selber. Männer müssen auch hier und da etwas sehen, wie’s draußen
-zugeht.« Da bin ich gegangen.« Er wurde ganz warm. »Sie versteht’s, was
-man braucht.«
-
-»Ich weiß nicht, wo ich meine Augen gehabt habe,« hob er nach einer
-Weile wieder an. »So ein Weib, wie mein’s. Was einem das sein kann.
-Und geht neben einem her, und man merkt’s nicht. Und wartet, bis man’s
-braucht. Dann ist es da, und hilft einem, und hat keine unschöne Rede,
-nicht eine. Das hat uns zusammengebracht. Das wär’ sonst nie so weit
-gekommen. Und jetzt ist’s gut, gottlob!«
-
-Es war in der Gemäldegalerie. Sie standen vor einem goldenen Kornfeld,
-dessen reife Ähren sich schwer niedersenkten in der Last ihrer Körner.
-Voll warmen Sonnenglanzes war die Luft; und im Hintergrund führte ein
-schmaler Weg zu einer Menschenhütte. Sie sahen lang darauf hin. Ihre
-Gedanken waren beim vorigen Sommer. Und dann gaben sie sich die Hand
-darauf, daß das Leben doch reich sei, fruchtbar und schön. Ohne Worte,
-nur aus einem inneren Verstehen heraus, das den Sommer des Lebens
-ansah, wie den Sommer des Feldes.
-
-
-
-
-Aus Kindertagen
-
-[Illustration]
-
-
-Ich bin wieder einmal die alten Wege gegangen. Den Landolinsberg
-hinauf gegen die Burg hin und den grünen Weg entlang. Mich dünkt, er
-sei nicht mehr so grün, wie einst. Ich kann mir noch Zeiten denken,
-da schlugen die Büsche und Bäume hoch über einem zusammen und man war
-ganz ins Grüne hineingetaucht. Bis sich dann auf einmal die Wölbung
-auftat und das Neckartal vor einem lag und alles in Licht und Sonne
-und Farbe und Duft schwamm, die Stadt, die liebe, alte Stadt mit ihren
-Türmen und Giebeln und Gassen und der Neckar und die jenseitigen
-Höhen. Wenn dann eine Uhr zu schlagen anhub und eine nach der andern
-folgte, die auf dem neuen Rathaus, und die auf dem alten Rathaus, auf
-der beim Zwölfuhrschlag der Adler mit den Flügeln schlug, und auf der
-Stadtkirche und dem Schelztor und dem Pliensautor, und die hellen und
-dunkleren Töne da oben in der Luft verzitterten. Und wenn dann noch die
-Vesperglöckchen nacheinander läuteten, das helle, flinke auf der Burg
-drüben zuerst und man wußte: in fünf Minuten kannst du drunten sein,
-da, wo der Giebel des Vaterhauses hart an die alte Stadtmauer anstößt.
-
-Ich kann doch nicht verlangen, daß alles noch gleich sei, wie damals.
-Das alte Schützenhäuschen kann ich nicht mehr finden, das dem
-Weinbergschützen zum Unterstand diente. Und in die Weinberge hinein,
-die sonst dort hinanstiegen, haben sie eine Villenstraße gebaut. Sie
-haben recht, es ist da schön zu wohnen. Und der grüne Weg ist viel
-breiter, als früher und hat schöne Anlagen mit Sitzbänken. Ich kann es
-nicht anders verlangen, aber ich bin doch lieber weitergegangen. Es
-wohnt jeder einmal im Paradiese, und es muß jeder einmal hinaus und den
-Acker bauen, der Dornen und Disteln trägt. So lang man drin ist, weiß
-man’s nicht, und wenn man davon weiß, dann ist man – drin gewesen. Und
-man sucht den Ort, aber er ist nicht mehr. Dann muß man still sein und
-sich in sich selbst bergen, denn da allein ist er noch zu finden. Da
-grünen noch die alten Bäume und reifen die Früchte, die später nirgends
-mehr so frisch und süß zu finden sind, da wandeln die Gestalten, die
-längst dahin sind, da ist alles unverloren aufgehoben und es liegt noch
-ein Goldglanz darüber, das ist der Edelrost, den die Jahre dazu tun.
-
-Der Weinberg, in dem der Mattheiß einst seine Reben beschnitt, ist
-auch nicht mehr. Zwar, als ich vorüberging, wehte der süße Duft der
-Rebenblüte fein und stark aus dem Garten, der an seiner Stelle liegt,
-zu mir herüber. Aber es ist nur ein Wandelgang, mit Wein bewachsen, der
-den Garten oben abschließt, und zwischen den Lücken schimmern dunkle
-Blumenbeete und die weißen Wände eines neuen Hauses gegen die Straße
-herauf.
-
-So muß ich versuchen, die Erinnerung, die mit dem Duft der blühenden
-Reben und dem grünen Weg und dem Mattheiß zusammenhängt, aus mir
-herauszuholen und sie noch einmal ans Tageslicht zu bringen, ehe sie
-der Vergessenheit anheimfällt, wie alles, was seine Zeit auf Erden
-gehabt hat.
-
-Zwar der Anfang liegt mir nicht offen; es ist ein lichter Nebel darüber
-gebreitet, wie über einen Maimorgen. Man sieht nur die Umrisse, die
-nach und nach schärfer und bestimmter werden, während der Nebel
-sich lichtet, bis auf einmal Häuser und Bäume dastehen und ein Fluß
-aufglitzert und Gestalten, die man kennt, dazwischen hingehen.
-
-Ein Morgen dämmert mir zuerst herauf, wenn ich an den Mattheiß denke.
-Er war im Weinberg, draußen vor der Stadt. Wie ich aber dahin gekommen
-bin, weiß ich nicht mehr zu sagen. Es war sonnig und doch kühl dabei
-und ich weiß noch, daß in dem leuchtenden Blau des Himmels große,
-zusammengeballte, weiße Wolken hingen, die langsam fortsegelten und daß
-ich zu dem Mattheiß sagte, ich möchte auf so einer Wolke in den Himmel
-hineinschwimmen. Der Mattheiß sah mich an und schüttelte mit dem Kopf,
-denn er konnte nicht begreifen, daß man sich so etwas wünschen mochte.
-Er war groß, grobknochig und hager und kam, wie der Volksmund sagt,
-»oben herein«, das heißt, er trug den Kopf und die Schultern stark
-vornübergebeugt. Das kam wohl davon, daß er viele Jahre seines Lebens
-die schweren Butten voll Erde den steilen Weinbergshang hinaufgetragen
-hat. Aus seinem schwarzbebarteten Gesicht heraus aber sahen ein paar
-gute, blaue Augen in die Welt hinein und auf mich nieder, als er sagte:
-»Auf was für Gedanken kommst du aber auch. Auf einer Wolke! tätest ja
-herunterfallen. In den Himmel kommst du auch so noch, heißt das, wenn
-du brav bist.«
-
-Aber so tief wollte ich die Sache nicht genommen wissen. Mir war
-nur beim Anblick der leuchtenden Segler da oben die Sehnsucht
-aufgestiegen, die auch schon in einem Kinderherzen Platz hat, und die
-die Arme breiten möchte in lichte, unbekannte Fernen voll Glanz und
-Herrlichkeit. Nun kam ich wieder auf die Erde herunter.
-
-Der Mattheiß hantierte schon wieder mit seiner Schere an den Reben
-herum. Ich war seither auf einem Weinbergsmäuerchen gesessen, jetzt kam
-ich heran und sah ihm zu. Die Schere klappte eintönig weiter, und wo
-sie zugriff, da fielen saftstrotzende Triebe auf die Erde und hingen
-schwere, klare Tropfen an den Wunden der Reben. Die lösten einander ab
-und klatschten auf dem Boden auf und der Boden trank sie in sich hinein.
-
-»Mattheiß, warum tust du so?« wollte ich wissen. »Warum läuft das
-Wasser da heraus und warum schneidest du alles das Holz weg?« Und
-der Mattheiß gab mir Auskunft wie ein Schulmeister und auch wie ein
-Philosoph und ich meine, damals habe mein Kinderherz zum erstenmal
-gespürt, wenn auch unklar, daß es auf der Welt Wunden und Schmerzen und
-Tränen gebe, die sein müssen und die man einem nicht ersparen könne.
-Ich hielt mein Halstüchlein an eine solche tropfende Wunde, denn der
-Mattheiß hatte mir gesagt, daß das geweint sei, was die Reben jetzt
-tun, und ich meinte, ich müsse den funkelnden Regen aufhalten. Aber das
-Wasser drang hindurch und ich mußte mein Tüchlein in die Sonne breiten
-zum Trocknen und so lang es trocknete, ersah ich mir eine Freude, die
-das flüchtige Leid schnell vergessen ließ. Am unteren Ende des steilen
-Hanges stand ein Syringenbaum in voller Blüte, und ich brach von dem
-niedrigsten Ast ein paar prächtige lila Blütendolden und begann eines
-jener zerbrechlichen Kränzlein zu flechten, die man hie und da mit
-Rührung und Staunen noch nach Jahren in seinen alten Schulbüchern
-getrocknet findet, die aber an der Sonne so schnell vergehen, wie die
-Stunde, in der sie geschaffen wurden.
-
- * * * * *
-
-Mattheiß war ein alter Metzgerknecht, der neben dem Beruf her seines
-Herrn Weinberg bearbeitete. Den Herrn sah ich auch ein paarmal. Er war
-klein und dick und kurzatmig und hatte rote, entzündete Äuglein, die
-wie zwei schmale Schlitze in dem runden, rötlichen Gesicht standen.
-Als ich eines Tags bei meinem Freund auf der Weinbergsmauer saß und
-mit ihm sein Vesper teilte, Blutwurst und Schwarzbrot, und wir im
-allervergnüglichsten Gespräch waren, da kam der Herr an einem Stock mit
-kurzen, eiligen Schrittlein dahergesteckelt und schnaubte gefährlich,
-als es aufwärts ging, und sah mich mit seinen kleinen Äuglein
-verwundert an. Er war gar kein böser Mann, nicht im mindesten, aber es
-war mir unbehaglich, daß er nun so umhersuchte und die Traubenstöcke
-besah, die schön angesetzt hatten und daß er meinen Freund Mattheiß
-dies und jenes zu tun anwies, und daß er mich schließlich in einen
-meiner bloßen Arme kniff und – he – he – he hervorhustete, indem er
-mit Wetzstahl und Messer, die er unter der Schürze hängen hatte, eine
-üble Musik vollbrachte: »die sind gut fett, die.«
-
-Das alles schien mir eine Einmischung in unser stilles, schönes
-Weinbergsleben zu sein und besonders in meines Freundes Königreich.
-Denn ich hatte ihm den Weinberg schon lange zugeteilt als seinen Ort,
-an dem er regiere und walte und daheim sei, und an den ich zu ihm
-kommen konnte als in sein Eigentum.
-
-»Ja, was denkst du auch,« sagte der Mattheiß, als ich ihm meine
-Entrüstung und meine ganze Anschauung vortrug. »Was denkst du auch. Ich
-– und einen eigenen Wengert. Das wär noch schöner. Ich bin ein armer
-Dienstbot. Das bin ich meiner Lebtag gewesen.« Es tat mir etwas weh,
-als er das so ruhig hinsagte. Ich hätte ihm etwas schenken mögen, ein
-Stück Land oder ein Haus oder Rosse und Wagen. Aber ich hatte nichts,
-das ich verschenken konnte. Da sagte er, und deutete mit dem Hauenstiel
-hinüber, wo die weißen Kreuze und Grabsteine des Friedhofs in der Sonne
-schimmerten und die dunklen Cypressen wie ernste Wächter standen:
-»guck, Kind, da kriegt einmal ein jeder sein Plätzle. So groß er’s
-braucht und nicht größer, auch nicht kleiner. Der Wengert, so lang ich
-drin schaffe, gehört mir jeder Traubenstock, und mitnehmen kann ihn der
-Herr nicht und der Knecht auch nicht.«
-
-Er war ein Philosoph, mein Freund Mattheiß, ein Lebenskünstler. Das
-verstand ich damals nicht. Aber irgend etwas in mir, eine Unruhe, ein
-Drang kam zur Ruhe. Es war nicht unrecht, wie es war, es war recht. Dem
-Mattheiß war es recht. Da war es mir auch recht.
-
-Was das weiche Wachs eines Kindergehirns alles aufbewahrt! Hie und da
-sind Lücken. Ich weiß nicht mehr, wo unsere Freundschaft anfing und es
-ist niemand, der es mir sagen könnte. Aber sie war. Ich wurde damit
-geneckt, vom Vater und von den Brüdern, und ich ließ es mir gefallen.
-Wenn er mir, was ein paarmal vorkam, mit dem Metzgerkarren begegnete,
-auf dem ein geschlachtetes, zerhauenes Stück Vieh lag, dann ging er
-mich nichts an. Dann sah ich ihn, der eine blutige Schürze trug und der
-in großen, groben Schuhen mit schlürfenden Schritten hinter dem Karren
-herging, von der Seite an wie einen Fremden. So muß ich denken, daß er
-mir draußen im Weinberg etwas von sich gab, das er nur dort zu geben
-hatte, ein Stück Leben, eine Weisheit und Güte, die sich dort draußen
-auftat, wo die Natur um ihn und um mich herum war mit Sonne und Winden,
-mit Himmelblau und mit ziehenden Wolken, mit tropfenden, blühenden,
-früchtetragenden Reben.
-
-Einmal schickte er mir einen Gruß in die Ferne. Das war, als ich zur
-Herbstzeit in der Vakanz verreist war. Da trat viel Neues in mein
-Leben, Menschen, Gärten, Wälder und Berge, Eichhörnchen und junge
-Raben, eine Schaukel zwischen zwei Bäumen, auf der man hoch in die
-Lüfte fliegen konnte, Buben und Mädchen und ein Luftkegelspiel. Ich
-lebte ganz in der Gegenwart und ich glaube nicht, daß irgend ein
-Gedanke in diesen Tagen den Mattheiß auch nur gestreift hat.
-
-Da kam eines Morgens eine große Holzschachtel aus der Heimat an mich
-mit der Post, und als ich die Schnüre löste und den Deckel aufhob, da
-lachten mich aus grünen und purpurnen Blättern heraus die schönsten
-Trauben an. Blauschwarze, großbeerige Portugieser, und hellgrüne,
-durchsichtige Gutedel, und die gelblichen, süßen Muskateller, die die
-würzigsten von allen sind.
-
-Da war ich mit einem Schlag eine reiche, wichtige Persönlichkeit
-geworden, die Gaben auszuteilen hatte und es ging an ein großes
-Schmausen und Sichfreuen. Es war aber ein Blatt auf den Boden gefallen,
-liniertes Papier aus einem alten Schreibheft, das hob eine Magd auf
-und gab es mir, denn es war ein Brief an mich, in großen, ungelenken,
-groben Schriftzügen von meinem alten Freund geschrieben. Er dachte an
-mich, und weil die Trauben reif waren und ich nicht da, schickte er mir
-diesen Gruß, »ehrlich bezahlt an den Herrn,« wie er deutlich schrieb.
-Ich hatte den Brief lange Zeit aufgehoben, nun ist er nicht mehr
-vorhanden, ich weiß auch nur noch den Schluß ganz wörtlich. Er lautete:
-»Ewig dein getreuer Matthias Holzapfel, Knecht bei Metzger Hammer in
-der Apothekergasse.«
-
-Das kam mir damals sehr schön und sehr rührend vor, und vielleicht war
-es mir einen Augenblick, als müsse ich jetzt gleich geschwind zu meinem
-Freund hinlaufen und mich zu ihm auf die niedrige Mauer setzen.
-
-Aber als ich heimkam und mich meine Mutter fragte, ob ich ihm auch
-gedankt habe, da hatte ich’s nicht getan. Es ist so eine Sache ums
-danken bei Kindern. Sie haben das Herzlein voll, wenn ihnen jemand
-etwas Liebes tut, und wenn man ihnen dann ins Gesicht sieht, so kann
-man’s aus den Augen herauslesen, daß da etwas lebt und überfließt.
-Aber zum sagen kommt’s nicht so leicht, und wenn man’s von ihnen
-verlangt, daß sie’s sagen, dann ist der Herzensdank gewöhnlich vorbei,
-ausgelöscht.
-
-Aber das tat meine liebe Mutter nicht. Sie sagte nur: »Er hat ein
-paarmal nach dir gefragt. Er ist ein Guter.«
-
-Da kam es mich an, daß ich ihn sehen wollte und ich suchte unter
-meinen Besitztümern nach etwas, das ich ihm schenken könnte und fand
-ein Bildchen aus einem durchsichtigen Stoff, den wir Menschenhaut
-nannten. Das war purpurrot und es war ein goldenes Blumenkörbchen
-darauf gedruckt und ein schöner Vers stand darunter. Das wollte ich ihm
-bringen. Ich ging zum Haus und zur Stadt hinaus; das war nicht weit,
-und ich lief und lief, und es war ein starker Wind um mich her. Die
-ganze Gegend war grau und es war herbstlich kühl und droben am Himmel
-riß ein Sturm die Wolken dahin, daß sie flogen. Es waren große, schwere
-Gebilde und sie veränderten sich fortwährend, aber als ich im Laufen
-zu ihnen hinaufsah, trieb mir der Wind Staub in die Augen und zugleich
-fühlte ich, daß einzelne Tropfen fielen. Da lief ich noch schneller,
-denn nun war ich ganz nahe an dem Weinberg, und ich dachte nicht
-anders, als daß der Mattheiß da sein müsse, wenn ich ihn suche.
-
-Aber ich fand ihn nicht. Im Weinberg sah es trostlos aus. Er war
-abgeherbstet und der Wind riß dürre Ranken und raschelnde, welke
-Blätter umher, die Pfähle aber standen noch immer im Boden und hatten
-nichts mehr zu halten. Da rief ich, so laut ich konnte: »Mattheiß,
-Mattheiß.« Aber nirgends wurde sein schlürfender Schritt hörbar,
-nirgends trat er hervor in seinem zerschundenen Lederjanker und mit
-seinem guten Gesicht. Da stieg ich die vielen Staffeln empor bis zur
-Höhe des grünen Wegs, denn vielleicht konnte er auch dort droben sein.
-Ich kam mir auf einmal so allein vor in dem kühlen, starken Wehen.
-Als ich oben ankam, fing es an stark zu regnen, der Mattheiß aber war
-nirgends zu finden. Da trat ich in das offenstehende Schützenhäuschen
-und setzte mich, da kein anderer Sitz vorhanden war, auf den Sims
-der scheibenlosen Fensteröffnung, um im Trockenen zu warten, bis es
-ausgeregnet habe. Es goß in Strömen; das Tal war von breiten, wallenden
-Wolkennebeln fast ganz verhüllt und ich sah nur in undeutlichen
-Umrissen Türme und Häuser daliegen und hörte Uhren schlagen wie aus
-weiter Ferne und mich kam ein Grausen an, das war schön und schrecklich
-zugleich, vor dem Vergehen des Jahres und der Sonne und vor allem
-Fern- und Alleinsein. Das kann ein Kind so stark empfinden, als ein
-Erwachsenes, es weiß es nur nicht zu sagen, nicht einmal sich selbst.
-Da, in dem Augenblick, als ich mich besann, ob ich nicht mein Röckchen
-über den Kopf tun und heimlaufen wolle, riß der Wind mein schönes
-Bildchen, das neben mir auf dem Sims lag, in den Regen hinaus, und ich
-sah es davonwirbeln und dann schwer und naß niedersinken und wußte, daß
-es jetzt vergehe. Da schlurfte etwas daher, das man noch nicht sehen
-konnte, aber ich wußte, daß es der Mattheiß sei, noch eh’ ich ihn sah,
-und war von aller Einsamkeit erlöst. Er tropfte vor Nässe und als er
-hereinkam, flossen Bäche von ihm, aber wir waren vergnügt und froh und
-er erzählte mir im Warten eine Geschichte von einem Weingärtner aus der
-Zeit, als die Franzosen im Land waren um den Anfang des Jahrhunderts.
-Der konnte bannen, das war eine schauerliche Kunst und er hatte sie von
-seinem Großvater ererbt. Und als er eines Tags in seinem Weinberg in
-der Neckarhalde schaffte, da kam ein Franzos’ das Tal heraufgeritten,
-der war ein Quartiermacher und wollte in die Stadt. Und der Weingärtner
-war ein großer, baumstarker Mann und konnte, sagte der Mattheiß, so
-mit den Augen funkeln, wenn er einen Zorn hatte, daß man Angst kriegen
-konnte. Als er den Reiter sah, zog er, ohne ein Wort zu sagen, seinen
-Lederjanker aus und legte ihn vor sich hin und begann mit dem Stiel
-seiner Weinbergshaue so stark drauf loszudreschen, als ob er ihn, sagte
-der Mattheiß, in Grundserdsboden hineinhauen wollte.
-
-Da fing unten auf der Landstraße der Gaul des Franzosen an, gewaltige
-Sprünge zu machen, und der Franzos hüpfte auf dem Sattel herum und
-schrie um Hilfe und die Leute meinten, er sei toll geworden und ließen
-ihn schreien. Je ärger aber der Weingärtner auf den Janker losdrosch,
-desto jämmerlicher schrie der Franzos und als er in die Stadt
-hineinritt, da mußte ihn der Wirt zum wilden Mann vom Gaul heben und
-ins Bett spedieren, so zerschlagen war er und voll blauer Flecken und
-Beulen.
-
-»Und,« schloß der Mattheiß, »als er wieder reiten konnte, da kehrte
-er seinen Gaul um und ritt das Neckartal hinunter; und von der Stadt
-wollte er nichts mehr wissen.«
-
-Derweil hatte der Regen aufgehört; in der grauen Wolkenwand war ein
-Riß entstanden, daraus sah das Himmelsblau hervor und drunten in der
-Stadt fingen die Dächer an zu glänzen, weil ein blasser Sonnenstrahl
-über ihre nassen Giebel hinging. Das ist das letztemal, von dem ich mir
-denken kann, daß ich mit dem Mattheiß dort draußen zusammen war. Und
-es ist auch möglich, daß es überhaupt das letztemal war. Es kam der
-Winter, da sahen wir uns nie. Und es kam der Frühling, da war ich ein
-blasses Pflänzlein und lange krank. Ich weiß nicht mehr recht, was es
-war, ich weiß nur noch, daß ich in einem Gitterbett lag und allerhand
-Gesichter und Figuren aus den Tapetenmustern herausstudierte, und daß
-ich mich viele Tage und Stunden lang an den Bildern in »Arndts wahrem
-Christentum« vergnügte.
-
-Und einmal kam ein Tag, da sonnte ich mich draußen in dem kleinen
-Mauergärtchen hinter dem Hause. Es war alles wieder neu und schön.
-Der Schnittlauch und der junge Salat waren so grün und die Blumen in
-der Rabatte so freudig. Im Nachbarhof watschelten junge Entlein um
-eine Entenmutter herum und patschten in einen Wassertümpel hinein. Die
-Geschwister spielten im Hof und mein großer Bruder saß im Kastanienbaum
-und las. Der Vater kam und strich mir mit seiner großen, guten Hand
-übers Haar, und ich duckte mich in sie hinein wie ein Vögelein ins
-Nest, und auf einmal spürte ich den feinen, starken Duft der Rebenblüte
-von der Kammerz her, die das Stück Stadtmauer bedeckte, das unsern
-Garten abschloß. Da fiel mir vieles ein, das ich den Winter über
-vergessen hatte, und auch der Mattheiß fiel mir ein und ich dachte, er
-werde nun auch im Weinberg sein und ich wolle ihn bald einmal besuchen.
-
-Aber ehe ich dazu kam, hörte ich eines Nachmittags vom Fenster aus ein
-Gespräch an, das zwei Männer auf der Straße miteinander führten.
-
-»Nein, nein, es hat ihm niemand etwas getan,« sagte der eine. »Es ist
-ein Herzschlag oder so etwas gewesen. Er ist der ganzen Länge nach in
-den Reben gelegen, mit dem Gesicht auf dem Boden.«
-
-Und der andere sagte: »Es ist ihm gut gegangen, wär’ ein mancher froh,
-er käme so leicht weg von der Welt. Wenn ich denke, wie sich der alte
-Hammer plagen muß schon seit Jahren, er kriegt schier keine Luft mehr.«
-
-»Ja, aber im Bett sterben wär doch besser,« sagte der erste. »Wenn
-ich denke, so auf dem Weinbergsboden,« – dann verhallten ihre Worte
-und ihre Schritte, und ich war in großer Not. Es war ja zwar nicht
-auszudenken, aber es konnte doch sein, daß sie den Mattheiß meinten,
-und dann war ein scharfer Riß in der sonnigen Frühlingswelt, von der
-ich eben erst wieder Besitz genommen hatte. Denn wie konnte das sein,
-daß ein Mensch auf einmal nicht mehr lebte, sondern mit dem Gesicht
-auf dem Weinbergsboden lag und nicht mehr aufstand? ein Mensch, den
-man kannte und der in den Reben schaffen mußte und dorthin gehörte
-und sonst nirgends? Das konnte nicht sein, sonst zerriß etwas. Und
-ich wollte schnell zur Mutter gehen, daß sie das Dunkle aus der Welt
-schaffe mit einem guten Wort. Aber ich fand sie nicht, sie machte einen
-Ausgang, das sagte die Magd Mine, die ich in der Küche antraf, und sie
-sagte auch noch, gleichgültig, unters Rübenputzen hinein: »Jetzt kannst
-du auch deinem alten Metzgerknecht zur Leich’ gehen. Den haben sie im
-Wengert gefunden, da ist er schon ganz steif gewesen.«
-
-Ich wäre am liebsten aus der Küche geflohen, irgendwo hin, wo mich das
-alles, das Dunkle, nicht erreichen konnte. Aber ich mußte vorher noch
-etwas wissen und ich fragte ängstlich: »Ist er noch draußen? liegt er
-immer noch so da und hat das Gesicht auf dem Boden?«
-
-Da lachte die Mine und sagte: »Du bist ein Dummes. Er liegt daheim in
-seiner Kammer, da haben sie ihn hingetragen. Das wär noch schöner,
-wenn man einen grad liegen ließe. Geh’ weg, ich muß dahin, an den
-Spülstein.« Und weil sie sah, daß ich ganz aus dem Gleis war, wollte
-sie mich noch ein wenig aufrichten und sagte: »Mach kein so Gesicht,
-fort müssen wir alle.«
-
-Sie sah selber so breit und rot und gesund aus, und wenn sie lachte,
-zeigte sie zwei Reihen starker, gesunder Zähne. Das mit dem Fortmüssen,
-das war wohl nicht so bitter ernst bei ihr.
-
-Da schlich ich mich die Treppe hinunter und zum Haus hinaus. Wenn mir
-jetzt die Mutter begegnet wäre.
-
-Aber sie kam nicht. Mich zog etwas vorwärts, das wußte ich nicht zu
-benennen. Ich ging durch die Webergasse und über den Markt. Ich sah
-Fuhrwerke fahren und hörte einen Fuhrmann auf einem Rosenblatt eine
-lustige Melodie blasen; ein Spitzer stand hinten auf dem Wagen und
-bellte in die blaue Luft hinein. Kinder spielten im Kreise: »Mariechen
-saß auf einem Stein« und sie riefen mich an, ich sollte mittun. Aber
-wie konnte ich mittun? Die Obstliese saß da, breit und mächtig, wie
-sie immer war und hielt Kirschen feil, die waren noch selten und teuer,
-und strickte daneben an einem mächtigen Strumpf. Ein Ausrufer schellte
-etwas aus, da standen die Leute hin und horchten. Und ich stand vor der
-trübseligen Apothekergasse und wußte, daß ich da hineinmüsse und es
-graute mir doch davor.
-
-Die Apotheke stand im hellen Sonnenlicht am Markt. Über ihrer Tür
-fraßen zwei Schlangen aus einer Schüssel, und die Schüssel glänzte und
-die Scheiben der Fenster glänzten, und es waren blühende Blumenstöcke
-an den Fenstern, und dort hinten in dem engen Gäßchen war der Tod.
-
-Es war alles ganz still und leer dort drinnen. Die Häuser standen so
-hoch und standen eng beisammen und neigten sich nah zueinander. Das
-mußte alles so sein, es konnte nicht anders sein. Der Metzgerladen
-hatte ein vergittertes Fenster nach der Straße heraus und es hingen
-Würste dahinter und ein zerteiltes Schaf. Eine rostige Schelle war
-neben der Haustür angebracht, ich wußte, wie sie tat, schwach und
-heiser; aber es war natürlich, daß jetzt niemand daran zog und daß es
-ganz still war ringsherum. Die Haustür stand offen; man sah in einen
-langen, schmalen Öhrn hinein und ich trat ein und meine Kindertritte
-hallten in der Stille und ich mußte an allen Türen vorbei, ohne zu
-wissen, was dahinter liege, bis an die letzte linker Hand. Da stand
-ich still und mein Herz schlug laut und ich horchte, ob niemand komme,
-denn es war so einsam. Aber ich wußte, daß es so sein müsse. Es war ein
-breiter, eiserner Riegel vor der Tür; er war nur ein wenig vorgeschoben
-mit seiner Spitze. Ich zog ihn zurück und trat hinein. Es war eine enge
-Kammer, lang und schmal. Ein Fenster hatte sie, das ging nach dem Hof
-hinaus, es war mit einem alten, rissigen Vorhang verhüllt. Hinten in
-der Ecke stand das Bett. Das war auch verhüllt, das heißt, es lag etwas
-darauf, das war mit einem Leintuch zugedeckt.
-
-Wenn jetzt die Mutter dagewesen wäre.
-
-Aber sie war nicht und niemand war da.
-
-Mir schlug das Herz noch lauter, als vorher.
-
-Aber dann schlug ich doch das Leintuch zurück, ich mußte, es mochte
-sein, wie es wollte. Und da lag etwas, das war einmal der Mattheiß
-gewesen.
-
-Eine lang ausgestreckte Gestalt, unglaublich lang und gerade, die
-Hände, die großen, breiten Hände lagen auf der Brust und waren gefaltet
-und sahen so seltsam blaß aus und so wuchtig schwer. Und das Gesicht,
-das war, als hätte ich es vor langer Zeit gut gekannt und es hätte
-damals mit mir geredet, aber nun sei es so fremd und fern geworden,
-daß es nicht zum Aussagen war. Die Augen waren geschlossen, aber
-der Mund war ein wenig geöffnet, und es war eigentlich, als ob er
-lächeln wolle, aber über etwas ganz feierliches, merkwürdiges. Nur
-über die Stirn lief ein bläulich gefärbter Riß, da war er wohl auf dem
-Weinbergsboden aufgeschlagen. Es war mir, als ob ich mich nicht rühren
-könne, jetzt nicht und nie mehr. Als ob ich immer dastehen und den
-fremden Mann ansehen müsse und irgendwo draußen, ganz fern, ging das
-Leben weiter, hier drinnen aber war es so atemlos still.
-
-Da wagte ich es nach einer Weile und tippte mit dem Finger seine Hand
-an. Und es ging ein seltsam schauerlicher Strom von Eiseskälte durch
-mich hindurch, bis ganz innen hinein.
-
-Da ergriff mich plötzlich und mit Gewalt das Grauen des Lebens vor dem
-Tode und ich entrann der Kammer und dem Haus und der düsteren Gasse und
-lief über den Marktplatz, auf dem das Gold der sinkenden Sonne lag, und
-weiter, und heim.
-
-Von weitem sah ich den Vater unter der Haustür stehen. Er hatte die
-Hand schützend vor die Augen gelegt und sah nach irgend etwas aus, und
-ich drängte mich an ihn und barg mich in seiner lieben, lebendigen Nähe
-vor allem Grausen.
-
-Aber es war nicht so schnell zu verscheuchen. Ich weiß noch, daß es
-Nacht war und daß ich im Bett lag und die Augen schloß, aber es drängte
-sich überall hinein.
-
-Da hörte ich Tritte und meine Mutter kam mit einem Lämpchen herein,
-denn sie hatte gehört, wie ich mich umherwarf.
-
-Und sie küßte mich und sagte, der Mattheiß sei beim lieben Gott, und da
-kämen wir alle hin, wenn wir sterben.
-
-Aber das konnte ich nicht begreifen, denn er lag ja in seiner Kammer
-und war so kalt.
-
-Sie sagte aber, ich solle mich nicht darüber besinnen, das werde schon
-alles ganz richtig besorgt und das in der Kammer sei gar nicht mehr der
-rechte Mattheiß, das habe ich doch selber gesehen, den rechten habe der
-liebe Gott in seine Hand genommen und er habe uns alle darin.
-
-Aber ich mußte mich doch noch besinnen. Da setzte sie sich an mein Bett
-und sang mir mit halber Stimme ein Lied, das hüllte mich ganz warm und
-weich ein. Ich blinzelte noch hie und da zwischen den Lidern hervor,
-um sie da sitzen zu sehen, und während sie sang, kam eine große Hand
-über mich hin, die wurde größer und größer und nahm mich ganz in sich
-hinein. Ich wußte, wem sie gehöre, aber ich konnte mich nicht auf den
-Namen besinnen und es machte mir auch keine Mühe, denn es war überaus
-gut darin zu sein.
-
-Als ich erwachte, war ein Sonnentag.
-
-Es schien zu den Fenstern herein und hatte tausend arbeitsame,
-lebendige Geräusche und breitete ein Bilderbuch vor meine Augen, und
-alles, was lebte, regte sich und war fröhlich.
-
-
-
-
-Ellen
-
-[Illustration]
-
-
-Er stand am Meer und sah darüber hinaus, so weit er konnte. Es war ihm
-so unbegreiflich zumute. Das hatte er sich jahrelang gewünscht, einmal
-ans Meer zu kommen, es gab kaum eine Zeit, da er es nicht gewünscht
-hätte.
-
-Einmal, in einer schweren Krankheit, hatte er einen Traum davon gehabt,
-daß er mitten in einer großen, leuchtenden Flut schwimme, mit starken,
-vorwärtstreibenden Stößen auf ein unendlich strahlendes, leuchtendes
-Ziel zu. Das Ziel hatte er nicht erreicht und auch nicht deutlich
-gesehen, aber er hatte immer, durch die Jahre hindurch, so oft ihm
-der Traum einfiel, das atemraubend starke Gefühl wieder bekommen, das
-ihn damals erfüllt hatte: Unendlichkeit! Unendlichkeit! Er hätte es
-hundertmal vor sich hinsagen können, das eine Wort, und immer wieder
-hätte es ihn getragen wie damals, auf großen, leuchtenden Wogen in eine
-unnennbar große Weite.
-
-Damals hatte er das Meer noch nicht gesehen, aber natürlich wurde von
-jetzt an der Trieb nur noch viel stärker, es zu sehen, denn sonst war
-ja nichts in seiner Umgebung, das auch nur von ferne an jenes uferlos
-Große herangereicht hätte. Nun war sein Wunsch erfüllt. Aber er war ja
-freilich anders erfüllt, als er sich gedacht hatte. Das geht meistens
-so. Er hatte auch jetzt gerade etwas anderes gewollt: in ein Amt
-eintreten, arbeiten, weiter studieren daneben, es gab noch so vieles,
-das man nicht wußte und doch wissen sollte. Er war Theologe und hatte
-das erste Examen hinter sich.
-
-Da kam ein Halsleiden und da mußte er nach dem Süden. Das mußte er,
-denn sonst konnte seine Stimme ganz verloren gehen, und dann?
-
-Und so stand er denn jetzt am Meer und sah darüber hinaus.
-
-Aber es war doch ganz anders, als er es sich gedacht hatte.
-
-Es lag vor ihm, wie etwas Riesiges, Unfaßbares, es war grau und groß
-und schwer. Unendlich, ja, das war es _auch_, es floß hinten mit dem
-Horizont zusammen, der war auch grau und groß. Unten Wellen und oben
-Wellen; aber es war eine andere Art von Unendlichkeit. Von weit, weit
-draußen herein kamen die Wellen, in langen Reihen, immer eine Reihe
-hinter der andern.
-
-So kamen sie rastlos daher, unablässig, unablässig drängten sie ans
-Ufer, warfen sich mit ausgebreiteten Armen an die Felsen und rauschten
-laut auf. Es war, als ob sie erzählten, daß sie da draußen das nicht
-gefunden hätten, was sie suchten, und das konnte er begreifen, denn es
-ging ihm hier am Ufer ebenso. Aber dann mußten sie doch wieder hinaus
-und noch einmal suchen, und das verstand er wohl auch, denn auch er
-suchte fortwährend etwas, das er sich vom Meer versprochen hatte.
-
-Es kam jemand die Stufen herunter, die in den Felsen gehauen waren, und
-stellte sich neben ihn auf die lange, schmale Klippe, die sich ins Meer
-hineinstreckte.
-
-»So einsam?« fragte eine Stimme. Da sah er sich um.
-
-Es war eine große, schlanke, vornehme Frau, die zu ihm gekommen war.
-Sie hatte ein gütiges, helles Gesicht mit etwas Leuchtendem darin und
-sie trug die Tracht der Johanniterinnen. Er hatte sie noch nie gesehen,
-denn er war erst gestern abend angekommen; aber er wußte, wer sie sei:
-Schwester Clementine, die Besitzerin der weißen Villa, in der er wohnte.
-
-Die Villa lag oben gegen Sant Ilario hin. Sie lag in einem großen
-Garten und der Garten erstreckte sich bis ans Meer. Man war
-gewissermaßen noch im Garten, wenn man hier auf dieser Klippe stand.
-Denn man kam durch ein Mauerpförtchen auf den Felsen und auf die
-Klippen heraus, niemand konnte sonst daheraus kommen, als die Gäste
-der Villa. So war es begreiflich, daß Schwester Clementine sich hier
-als Gastgeberin fühlte, auch in bezug auf das Meer, das man von ihren
-Klippen aus sah.
-
-»Nicht wahr?« fragte sie und wies über das Meer hin und hatte ein
-ermutigendes Lächeln und Zunicken für ihn.
-
-Da verstand er, daß er nun etwas Bewunderndes sagen sollte. Aber das
-konnte er nicht. Er fühlte sich bedrückt und klein, sonst nichts.
-Das da draußen, das war ihm so fremd und so groß. Und er sagte etwas
-kleinlaut, daß er den Eindruck noch nicht recht bewältigt habe, er
-könne noch nichts darüber sagen.
-
-Da meinte sie, und sagte ihm das auch mit einem immer noch gütigen
-Lächeln, daß er wohl stark in den Nerven herunter sei, denn sonst hätte
-er doch wohl Augen für die Schönheit des Meeres. Aber das werde ja noch
-kommen.
-
-»Das hoffe ich auch, Frau Gräfin.«
-
-Und sie sagte, daß er sie nur Schwester Clementine nennen solle, denn
-das sei sie hier, und für die Patienten vor allem, und sie habe nun zu
-tun und müsse ins Haus zurückkehren, sie habe ihn nur begrüßen wollen
-und sie wünsche, daß er sich hier gut erhole.
-
-»Ja, das hoffe ich auch, Frau – Schwester Clementine.«
-
-Da ging sie mit einem anmutigen Neigen des Kopfes davon. Er sah sie
-noch die Stufen hinansteigen, fein und schlank und vornehm. Sie war
-eine deutsche Gräfin, aber das wollte sie ja hier nicht sein. Sie war
-es aber dennoch, das ließ sich nicht ändern, und es zeigte sich auch in
-dem gütigen Lächeln und in allen ihren Bewegungen.
-
-Da wandte er sich wieder dem Meere zu. Daran hatte sich inzwischen
-nichts geändert, es rauschte noch ebenso grau, groß und schwer ans Ufer
-heran, wie zuvor. Er wurde nicht eher damit fertig, als bis er das, was
-ihm so gewaltig auflag, in Worte faßte, die freilich nur ein Stammeln
-von etwas ganz Großem waren. Aber das schadete ja nichts, er fühlte
-sich dennoch befreit durch diese Verse:
-
- »Da ist es nun. Und ich, ich steh daran,
- stumm, regungslos, allein. Am Meer allein.
- Und meine Seele hebt zu suchen an
- und geht dann wieder still in sich hinein.
-
- Das bist du, Meer, das meine Sehnsucht war,
- das ich von ferne durstig lang gegrüßt?
- Bin ich so herzensarm, so geistesbar,
- daß mir sich deine Schönheit nicht erschließt?
-
- In breiten Wogen flutest du daher
- so urgewaltig und so grenzenlos.
- Grau hängt der Himmel drüber, wolkenschwer.
- Ich kann nichts fassen, kann verstummen bloß.
-
- Ich bin zu klein, du großer Ozean,
- dem Riesenpulsschlag, der dich senkt und hebt.
- Rühr, daß ich sehe, meine Augen an,
- du Geist, der ob den Wassern waltend webt.«
-
- * * * * *
-
-»Ich wünsche dir, daß du guten Anschluß findest«, hatte seine Schwester
-gesagt, als sie ihn an die Bahn begleitet hatte.
-
-Sie stand so frisch und einfach da und hatte so viel Liebe für ihn in
-den braunen Augen, und es war ihm, als ob er sie am liebsten selbst
-mitnähme, dann hätte er den erwünschten Anschluß gleich bei sich. Aber
-das ging nicht an. Sie mußte zu Hause bleiben und die alte Mutter
-versorgen, deren Jüngste, Einziggebliebene sie war. Und, ja, das Geld
-hätte auch nicht für zwei gereicht, um es ganz deutlich zu sagen.
-
-Da war er nun darauf angewiesen, sich seinen Anschluß selber zu suchen.
-Es ging nicht so überaus schnell damit. Er war wohl etwas schwerfällig,
-das war er in den meisten Dingen.
-
-Schwabe und Tübinger Stiftler und Theologe. Das konnte allein schon zur
-Erklärung dieses Umstands genügen, aber er war ja freilich doch wohl
-besonders wenig rasch beweglich in geistigen oder seelischen Dingen,
-also auch im Anschluß an die Menschen.
-
-Die andern, die hier umher gingen, die waren so unbegreiflich gewandt.
-Sie kamen an und stellten sich einander vor und da fanden sie sogleich,
-daß sie da und da auch schon gewesen waren, also am selben Orte mit den
-andern und da konnte die Unterhaltung sogleich losgehen. »Ach, was Sie
-sagen! München? da waren wir letzten Winter auch. Sagen Sie, haben Sie
-die Ausstellung der Sezession gesehen? Mein Mann war drin, ich nicht.
-Ich halte mich in München immer an die Schackgalerie, da habe ich nun
-so meine Freunde.«
-
-Dieses und ähnliches sagten sie zueinander und wurden rasch bekannt.
-
-Und sie sprachen vom Wetter, das konnte sehr gut und sehr ausgiebig
-als Einleitung dienen, und von ihren Krankheiten. Denn sie waren alle
-mehr oder weniger krank oder begleiteten ein Krankes oder hatten eine
-Krankheit hinter sich, davon konnte man im Notfall stundenlang reden.
-
-Er hatte es auch einmal versucht, zum Donnerwetter, er war doch auch
-nicht stumm geboren.
-
-Da war eine sehr nette Dame, eine Rheinländerin, die heiteren Gemütes
-war, groß und blond und ein wenig üppig, sie war angenehm anzusehen.
-
-Sie setzte sich beim Frühstück neben ihn und sagte, indem sie sich Tee
-einschenkte: »Sie sind eben erst angekommen, Herr Kandidat?« Ja, das
-hatte sie doch sehen können, wo sollte er denn sonst seither gesteckt
-sein? »Ja, gestern,« sagte er und wartete auf eine neue Anrede. Die kam
-auch.
-
-»Sie sind Ihrer Gesundheit wegen hier?«
-
-»Ja«, sagte er, der Wahrheit gemäß.
-
-Das war ein vielversprechender Anfang, es gefiel ihm ganz gut, hier zu
-sitzen und sich mit der netten Dame zu unterhalten. Sie fragte denn
-auch nach einer Weile, ob es gestattet sei, das Fenster ein wenig zu
-öffnen, es sei doch so warm draußen, – ha ha, – im Dezember. Wenn man
-bedenke, wie es um diese Zeit zu Hause sei. Sie habe einen Brief:
-das reinste Sudelwetter sei am Rhein. Da hätte er nun vom Rhein mit
-ihr reden können, der war seine große Liebe, seit er einmal sonnige
-Sommertage an seinen Ufern verwandert hatte. Darüber hätte er viel
-sagen können. Das hätte er auch getan, wenn sie ihm Zeit gelassen
-hätte, einen Anfang zu finden. Aber sie stand nach kurzem Warten auf
-und öffnete das Fenster selber, das hätte ja eigentlich er tun sollen.
-Aber nun war es schon zu spät. Sie sah ein wenig spöttisch aus dabei.
-Das meinte er vielleicht nur, aber es hatte doch die Wirkung auf ihn,
-daß er die Unterhaltung abbrach und sein Frühstück stumm verzehrte.
-
-Dann sprach er ein paar Tage lang nur wenig. Schließlich eilte er ja
-nicht so sehr mit dem Bekanntwerden, man konnte das ja alles an sich
-herankommen lassen.
-
-Allerdings, die andern sahen doch recht vergnügt aus und hatten
-fortwährend etwas zu reden und zu lachen und manche auch zu jammern.
-
-Aber es konnten nicht alle gleich sein.
-
-Da geschah es, am fünften Tag seiner Anwesenheit, daß richtig sein
-Anschluß an ihn herankam.
-
-Er hatte in der Nacht vorher, gerade vor dem Einschlafen, als ihm das
-Meer mit gedämpftem Rauschen sein Schlaflied sang, Pferdegetrappel
-und Räderrollen und dazu Menschenstimmen vor der Villa gehört, und
-hatte noch gedacht: da kommen Neue. Und es hatte gerade noch zu einem
-dankbaren Umdrehen im Bett gereicht: daß er es nicht war, der da neu
-ankam. Denn neu ankommen, das war das Unangenehmste, das hatte er eben
-erst überstanden. Dann schlief er schon.
-
-Als er am Morgen zum Frühstück kam, saß ein kleines Mädchen an dem
-Tisch, an dem er gewöhnlich zu sitzen pflegte, ungefähr gegenüber von
-seinem Platz. Es sah ihn wohlgefällig an, als er sich in seiner Nähe
-niederließ und betrachtete ihn eine Zeitlang aufmerksam, indem es die
-Augen über den Tassenrand hin zu ihm hinüber schweifen ließ. Er hörte
-ein regelmäßiges, behagliches Schlucken und ein kleines Schnaufen
-dazwischen und dann war die Tasse leer und stand auf dem Tisch.
-
-»Du siehst aus, wie mein Papa. Nicht ganz, bloß ein bißchen,« sagte das
-Kind.
-
-»So?« sagte er.
-
-»Ja, aber mein Papa hat einen ganzen Bart und du hast bloß einen
-halben. Unten am Mund hat er auch einen, nicht bloß oben.«
-
-Ja, da könne er nichts dafür, da sei ihm noch keiner gewachsen.
-
-»O, das tut nichts,« tröstete sie. »Aber an den Augen, da siehst du so
-aus, wie mein Papa. Da hast du auch eine Brille. Das wäre doch schön,
-wenn er auch da wäre, nicht?«
-
-Aber er war zu gewissenhaft, um das ohne weiteres zuzugeben, er sagte,
-er kenne ja ihren Papa nicht, da könne er es nicht wissen.
-
-Das mußte sie zugeben, dafür fing sie aber an, von ihm zu erzählen,
-weil er ihr so leid tat, daß er ihren Papa nicht kannte.
-
-Es sei ein Doktor und mache die kranken Leute gesund, und er sei jetzt
-so allein, bloß die Margret sei bei ihm und der Andres.
-
-Der Andres, der versorge die Freya und den Wotan. Das seien doch
-natürlich die Pferde.
-
-Denn er hatte gefragt, wer denn das sei, die Freya und der Wotan.
-
-Und den Barry versorge der Andres auch.
-
-»Das ist ein großer, schwarzer Hund,« setzte sie rasch hinzu, denn sie
-hatte gesehen, daß ihr Zuhörer belehrungsbedürftig sei.
-
-Die Margret versorge bloß den Papa, sie sei die Köchin.
-
-Er interessierte sich sehr für alles, er war ganz ernsthaft bei der
-Sache.
-
-Das gefiel ihr gut, es schien, der Papa war auch so.
-
-Ob er auch ein Papa sei, fragte sie. Aber das mußte er verneinen.
-
-Sie war vier Jahre alt. Er hätte sie für fünf gehalten, aber sie wußte
-es genau, daß sie fünf werde, wenn es im Bühringer Wald Maiblumen gebe.
-Die suche sie mit dem Papa und dann bekomme sie einen Kranz davon
-aufgesetzt. Da einigten sie sich also auf viereinhalb, denn jetzt war
-Dezember. Sie hatte große, runde, braune Augen und kurzgeschnittene
-braune Haare und war nicht ohne weiteres das, was man ein anmutiges
-Kind nennt.
-
-Obgleich, ja, sie erschien ihm dennoch als das netteste Kind, das er je
-gesehen habe. Da konnte er sie jetzt wohl auch nach ihrem Namen fragen.
-
-Sie heiße Ellen, sagte sie. Aber der Papa sage immer Schnirks oder Buzi
-oder Schneck oder sonst so was zu ihr.
-
-»So, ja wer nennt dich denn dann Ellen?«
-
-»O, meine Mammi.«
-
-Da kam es denn zutage, daß sie auch noch eine Mutter habe, die sie
-Mammi hieß. Der Bericht war aber kurz und ohne sonderliche Wärme
-gegeben.
-
-»Die Mammi ist noch oben und schläft.«
-
-Also war sie mit der Mutter gekommen, ja natürlich, das hatte er ja
-doch nicht denken können, daß dieses Kind etwa allein hier sei.
-
-Es war ihm einen Augenblick lang ein unangenehmes Gefühl, daß noch
-jemand zu ihr gehöre. Es war so nett gewesen, sich allein mit ihr zu
-unterhalten. Aber schließlich konnte er nicht verlangen, daß das immer
-so sei.
-
-»Hast du auch eine Mammi?« fragte sie.
-
-Ja, das hatte er, aber er nannte die seinige nicht Mammi, er sagte
-Mutter zu ihr.
-
-»Wie sagt sie denn zu dir?«
-
-Da mußte er bekennen, daß sie meistens Holder zu ihm sage, obgleich er
-Reinhold getauft sei. Er war ihr einziger Sohn bei fünf Töchtern und da
-äußerte sich die Liebe nun eben so, daß sie Holder sagte.
-
-»Dann will ich auch Holder zu dir sagen,« entschied sich Ellen.
-
-Das war ihm zwar ein wenig peinlich, wenn er an die Gesellschaft
-dachte. Drei Damen und ein Herr waren nach und nach schon zum
-Frühstück gekommen und sahen mit einigem Staunen, wie angeregt sich der
-stille Schwabe mit dem neuangekommenen Kinde unterhielt.
-
-Nicht daß sie ihn für irgend beschränkt gehalten hätten; sie sahen ihn
-im Gegenteil mit seinem vierkantigen Kopf und dem bedeutungsvollen
-Schweigen für einen heimlichen Denker und Weisen an, aber darum konnten
-sie nun doch staunen, daß er so aufgetaut war.
-
-Er gab sich aber schnell einen innerlichen Ruck und beschloß in der
-angenehmen Wärme, in der er sich eben befand, nichts danach zu fragen,
-was »die ganze Bande« dazu sage, wie das Kind ihn nenne.
-
-Es war vielleicht nicht schön von ihm, daß er die völlig harmlose und
-ehrenwerte Gesellschaft in der Villa eine Bande hieß.
-
-Aber man muß doch auch bedenken, daß er bis vor ganz kurzem noch
-Student gewesen war, und daß ihn die viel größere Redegewandtheit der –
-andern Stämme die Tage daher nicht wenig bedrückt hatte.
-
-Im Grunde meinte er es mit allen Menschen gut, er konnte es nur nicht
-immer so von sich geben.
-
-Indem kam eine Frau herein, von der niemand hätte denken sollen, daß
-sie Ellens Mutter sei. Sie war es aber dennoch und sie kam sofort auf
-Ellen zu, da entstand eine kleine Morgenbegrüßung, die aber schnell
-erledigt war.
-
-»Hoffentlich hast du den Herrn nicht gestört!«
-
-Nein, das habe sie nicht, gar nicht, und der Herr heiße Holder und er
-sehe doch ein bißchen aus wie der Papa, nicht?
-
-Diese Erwähnung war ihr nicht so besonders angenehm, das konnte man
-gleich sehen, indessen faßte sie sich schnell und sagte: »Entschuldigen
-Sie, mein Herr, das Kind ist so furchtbar lebhaft, es kommt auf Dinge,
-die kein Mensch denken sollte. Übrigens –« sie sah ihn erwartungsvoll
-an, da sagte er, sich halb erhebend: »Döttling« und setzte sich wieder.
-
-»Frau Hermelink,« sagte sie und sah ein wenig erstaunt aus.
-
-Dies war das einzige Wort gewesen, das er gesprochen hatte, sie war das
-nicht gewöhnt. Indessen nahm sie mit einer ganz leichten Neigung des
-Kopfes, die vielleicht »Sie gestatten« oder so etwas heißen sollte,
-Platz neben Ellen und begann ihr Frühstück.
-
-Da konnte er sie nun betrachten. Er tat das hinter der Zeitung hervor,
-die soeben angekommen war.
-
-Sie war groß, schmal gebaut und halbblond. Vielleicht war sie hübsch,
-das konnte er nicht so schnell feststellen, jedenfalls ungewöhnlich
-konnte man sie ohne weiteres heißen.
-
-Sie hatte ein schmales, längliches Gesicht, »rassig«, dachte er, es
-waren so ganz bestimmte, festgeprägte Züge, die sie wohl gerade in
-dieser Form ererbt hatte. Die Augen, die schienen persönlicher Besitz
-zu sein, nicht in ihrem harten Blau, das gehörte mit zum guten Erbteil,
-sondern in dem seltsamen Feuer, das in ihnen lag. Es war kein helles,
-stilles Brennen, es war ein unruhiges Flackern und Umhersuchen.
-
-Sie hatte ein großes, nordisches Schmuckstück vorn an dem Ausschnitt
-ihres Kleides stecken. Norwegerin? dachte er.
-
- * * * * *
-
-Er war nun längst eingelebt und hatte es alles gründlich in Besitz
-genommen, Haus, Garten, Land und Meer.
-
-Das mit dem Meer ging nun aus einer andern Melodie:
-
- »Augen, o ihr Augen mein,
- seid ihr neu geboren?
- stromgleich zieht die Schönheit ein
- zu euch beiden Toren.
-
- Bin bis oben angefüllt
- von dem goldnen Blinken,
- und ihr wollt noch ungestillt
- trinken, trinken, trinken?«
-
-Er konnte es nicht lassen, noch mehr Verse darüber zu machen, in denen
-er nun diese seine Augen aufforderte, es genug sein zu lassen, da er ja
-unmöglich alle die Pracht in sich fassen könne, –
-
- »all’ den Duft und Glast und Schein,
- der mir heut begegnet,«
-
-und endete mit dem Ausruf, der seine Freunde nicht an ihm verwundert
-hätte:
-
- »Augen, o ihr Augen mein,
- seid ihr so gesegnet?«
-
-Denn wenn er einmal warm wurde, so wurde er es gleich recht, »wie ein
-buchenes Scheit, wenn es ins Glühen kommt,« hatte nicht unrichtig ein
-Bundesbruder einmal gesagt.
-
-Nicht, daß er seinen Meertraum erfüllt gesehen hätte. Der lag tief
-verborgen in seinem Innern, er wußte jetzt gerade selber nichts von
-ihm, oder doch höchstens das, daß es ein ganz, ganz anderes Meer sei,
-das er damals gesehen hatte, eines, das vielleicht einmal in ganz hoher
-oder tiefer Stunde sich wieder vor ihm ausbreiten würde, aber nicht
-hier, nicht jetzt.
-
-Er lag ausgestreckt auf einer der Uferklippen und las Ellen seine Verse
-vor. Ellen saß neben ihm und hatte das Schürzchen voller Kieselsteine.
-Die Kieselsteine waren rund und glatt gespült vom Wasser, die Verse
-verstand sie natürlich nicht.
-
-»Ist das nicht schön, Ellen?« fragte er.
-
-»Doch,« sagte sie überzeugt, denn er machte ein so frohes Gesicht dazu,
-und das gefiel ihr gut.
-
-Sie verstanden sich vorzüglich miteinander und sie brauchten eigentlich
-sonst niemand zum Vergnügtsein.
-
-Zwar hatte er längst seine Scheu vor den Hausgenossen abgelegt und
-manchmal unterhielt er sich ganz nett mit diesem und jenem, aber im
-Grunde war er doch am liebsten mit Ellen zusammen und sie hatte es mit
-ihm gerade so.
-
-Mammi brachte keine Störung in ihren Verkehr.
-
-Sie seufzte viel, daß es so furchtbar langweilig sei, aber das hatte
-sie in Bühringen auch getan. Dann war Ellen immer zum Papa gegangen und
-hatte sich in seiner Studierstube ein eigenes Haus aus Büchern erbaut,
-in dem er sie dann besuchte, oder sie war bei Margret in der Küche oder
-bei Andres und Wotan und Freya im Stall.
-
-Und hier war sie bei Holder, das war der ganze Unterschied.
-
-Sie ging mit ihm an die Klippen hinunter, da sahen sie die Fischerboote
-weit draußen liegen und sahen die Segel in der Sonne glänzen. Oder sie
-sahen einen Dampfer von Genua herkommen und ruhig seine große Bahn
-ziehen und wieder verschwinden. Dann mußte Holder erzählen, wohin er
-fahre und wie es dort sei, wo er hinkomme. Von braunen Kindern erzählte
-er da, und von Palmenwäldern und Affen.
-
-Palmen gab es zwar auch hier; sie gingen dahin, wo sie am schönsten
-und höchsten standen, in einen wunderbaren Garten, der einem Marchese
-gehörte. Der Marchese war fort, das war er meistens, er lebte lieber
-in großen Städten als hier.
-
-Da gingen sie unter den Palmen herum und in den Orangen- und
-Zitronengärten, und zwischen Rosenhecken, die ganz voller Blüten
-standen, und sahen das weiße Haus, das so still dazwischen lag, und
-taten, als ob es ihnen gehöre.
-
-»Grüß Gott, Fräulein Ellen, ich möchte gern in unser Haus hinein.«
-
-»Grüß Gott, Herr Holder, ich habe keinen Schlüssel.«
-
-»Dann müssen wir warten, bis unsere Magd kommt. Wo ist sie denn?«
-
-»Sie ist auf dem Markt und holt etwas zu essen.«
-
-»Was holt sie denn?«
-
-»Orangen und Schokolade.«
-
-Da sagte er, er möchte auch noch einen Rettich dazu, und sie rief in
-das Olivenwäldchen hinein: »Minna, bringen Sie auch noch einen Rettich
-mit.«
-
-Ganz wie zu Hause waren sie da, und das geschah dem Marchese ganz
-recht, daß sie in seinem Garten wie zu Hause waren, warum zog er auch
-immer in der Welt herum?
-
-Sie setzten sich auf eine weiße Bank, die stand ganz im Grünen, aber
-gerade davor waren die Hecken so ausgeschnitten, daß man ein großes
-Stück blauen Meeres vor sich sah. Denn seit die Sonne schien und der
-Himmel blau war, sah das Meer auch blau aus. Ganz blau und still, nur
-am Rande hatte es kleine, weiße Wellchen, die plätscherten leise, es
-war, wie gelacht. Er sagte es zu Ellen, da hörte sie es auch, und
-natürlich lachten sie dann alle beide zur Gesellschaft mit.
-
-Manchmal ging er auch allein fort, etwa mit einem Buch in der Tasche
-oder unter dem Arm. Dann setzte er sich irgendwohin und wollte lesen.
-Aber gewöhnlich war es viel zu schön ringsumher, als daß er seine
-Gedanken beisammen behalten hätte, oder es kamen Leute vorbei, die ihn
-fragten, warum er hier so allein sitze und was er denn studiere. »Was,
-Kirchenrecht? hier am Meer?« Da verstummten die Leute meistens, halb
-aus Respekt und halb aus Bedauern mit ihm, daß er hier sitze und den
-Kopf über schwere Bücher hinneige.
-
-Er hatte sich vorgenommen, die Zeit gut auszunützen, es waren da
-so viele Lücken in seinen Kenntnissen. Aber es war doch nicht viel
-anzufangen. Vielleicht konnte er sie auch anderweitig ausnützen. Und
-schließlich, ja, da kam etwas wie Leichtsinn über ihn: mußte denn immer
-alles nützlich sein?
-
-Da ging er mit langen Schritten ins Haus zurück und in seine Stube,
-dort waren noch viele Bücher, auch Goethe und Mörike und Konrad
-Ferdinand Meyer. Er hatte sie alle mitgeschleppt, denn er konnte
-nicht ohne Bücher sein. Aber jetzt sagte er mit einer Verbeugung:
-»Unterhalten Sie sich gut, meine Herrschaften,« und ging wieder ins
-Freie.
-
-Er wollte auf die Strandpromenade gehen, da waren viele Menschen, die
-gingen hin und her, und hörten auf die Musik, die in einem Pavillon
-spielte, und unterhielten sich dabei.
-
-Das konnte er doch auch einmal tun.
-
-Aber als er durch den Garten ging, sah er Ellen allein unter einer
-kleinen Lorbeerhecke sitzen und ganz gerade vor sich hinsehen. Sie
-hatte ein so ernstes Gesicht, daß es gar nicht auszuhalten war an einem
-viereinhalbjährigen Kind, und dann seufzte sie tief auf.
-
-Das letztere durfte aber auf gar keinen Fall sein, das hatte sie
-vielleicht von ihrer Mutter angenommen?
-
-»Was ist mit dir, Ellen, warum sitzt du so da und seufzest?«
-
-»Ich seufze nicht, ich denke an meinen Papa.«
-
-»So, und warum muß man denn dabei so betrübt aussehen?«
-
-»Ich sehe nicht betrübt aus, ich möchte nur, daß er da wäre.
-
-Er ist ganz allein, und ich bin auch ganz allein.«
-
-Da ging es ihm durchs Herz. Das durfte ja doch nicht sein.
-
-Aber er machte noch einen Versuch zum Hinauskommen, denn sein Sinn
-stand jetzt gerade nach der Strandpromenade.
-
-»Du bist doch nicht allein, Ellen, du hast doch deine Mammi!«
-
-Da wurde das liebe Kindergesicht irgendwie hart oder herb.
-
-»Meine Mammi hat gesagt, ich sei ein unnützes Kind, weil ich sie immer
-etwas gefragt habe. Hat deine Mammi auch so zu dir gesagt, als du noch
-klein warest?«
-
-Nein, das hatte sie freilich nicht getan, das Herz schmolz ihm hin; er
-war doch kein Unmensch gegen so ein Kind.
-
-»Wo ist sie denn?« fragte er, und machte im Geist eine Faust nach ihr
-hin.
-
-»O, droben, sie hat gesagt: ich kann dich jetzt nicht brauchen.«
-
-Er wußte schon, wie es da war.
-
-Er hatte einmal droben angeklopft, weil sie ihn ausdrücklich dazu
-ermuntert hatte. Sie wollte ihm etwas zeigen, er wußte jetzt nicht
-mehr, was es gewesen war.
-
-»Sie sind immer so nett gegen meine Tochter, da müssen wir doch auch
-ein wenig bekannt werden, nicht?«
-
-Ja, also, da hatte er angeklopft.
-
-»Herein.«
-
-Da lag sie auf dem Sofa und rauchte Zigaretten. Ein feiner, bläulicher
-Rauch erfüllte das ganze Zimmer.
-
-Sie winkte ihm anmutig zu mit ihrer schönen, weißen Hand.
-
-»Ach, wie hübsch, daß Sie kommen. Bitte, machen Sie sich’s behaglich.«
-
-So ganz behaglich wurde es ihm aber dennoch nicht.
-
-»Sie bedienen sich selbst, nicht wahr? hier ist Kognak und Chartreuse,
-und hier sind die Zigaretten. – Was, Sie rauchen nicht? wegen Ihres
-Halsleidens? ist das so schlimm? wissen Sie, man kann auch zu
-gewissenhaft sein.
-
-Sehen Sie, mir ist zum Beispiel beides verboten, Rauchen und der Kognak.
-
-Mein Mann ist selbst Arzt und er sagt, es schade meinen Nerven.
-
-Aber er ist ein Hüne, ha, ha, Sie sollten ihn sehen, groß und breit,
-eigentlich ein stattlicher Mann, er gefiel mir gleich so gut, weil er
-so stattlich war. Aber was weiß er davon, wie es ist, wenn man sich
-abgespannt fühlt? Gerade wenn ich abgespannt bin, dann habe ich solche
-Sehnsucht nach der Auffrischung, die in dem beidem liegt.
-
-Und gleich wird mir wohler, wenn ich es habe.
-
-Ich finde, man muß sich selbst zu behandeln verstehen. Nicht?«
-
-Aber ihm ging es nicht so. Er hatte so manche gute Pfeife mit seinen
-Freunden verraucht, er wollte aber jetzt gesund werden und sonst gar
-nichts, also ließ er es. Fertig.
-
-Das sagte er ihr auch. Sie sah ihn belustigt an.
-
-»Ich finde das amüsant,« sagte sie.
-
-»Ha ha, mein Mann würde entzückt von Ihren Ansichten sein. Wie doch die
-Menschen verschieden sind.«
-
-Dann gähnte sie ein weniges hinter der Hand, die mit vielen Ringen
-geschmückt war.
-
-»Ich finde es so schrecklich langweilig hier,« sagte sie klagend.
-
-»Diese Hausordnung mit den frühen Mahlzeiten und der frühen
-Schlußstunde am Abend. Und dann, es ist ja nichts los, aber auch gar
-nichts. Ich wollte an einen größeren Platz gehen, aber mein Mann wollte
-es nicht. Er ist solch ein Tyrann. Und dabei bin ich nicht eigentlich
-krank, es sind nur die Nerven. Ich war immer so entsetzlich verstimmt
-in letzter Zeit. Er sagt, ich müsse Ruhe haben und nicht zu vielerlei
-Eindrücke. Und dabei ist es gerade die Ruhe, die mich tötet.«
-
-Das konnte er nicht so recht verstehen. Sie schickte doch Ellen immer
-von sich fort, weil sie Ruhe brauchte. Aber es war wohl eine andere Art
-von Unruhe, die sie suchte.
-
-Er kam sich plötzlich ein wenig beichtväterlich vor. Er hatte ja gerade
-ins Vikariat treten wollen, als die Krankheit kam. Freilich, er hätte
-zu Bauern gesollt, auf ein Albdorf, er kannte den Pfarrer schon, zu dem
-er sollte. Dies hier war anders.
-
-»Haben Sie etwas Gutes zu lesen?« fragte er. »Das ist manchmal auch ein
-gutes Hilfsmittel fürs Gemüt.«
-
-Er dachte, er wolle ihr Bücher leihen, er überschlug schnell seinen
-Vorrat.
-
-»Ach ja, ich lese eigentlich ziemlich viel,« sagte sie.
-
-»Aber schließlich, was hat man denn?
-
-Die Franzosen, ja, und dann die Russen, Turgenjeff und Gorki und
-Dostojewski.
-
-Wissen Sie sonst noch etwas?«
-
-Da sagte er, ob sie denn Wilhelm Raabe nicht kenne und Gottfried
-Keller, und Mörike und –, er besann sich einen Augenblick, weil ihm
-so viele auf einmal einfielen, die er ihr sagen wollte, er sah wie in
-einen Garten hinein und wußte nicht, was zuerst brechen, – da lachte
-sie ihm hell dazwischen hinein.
-
-Sie legte die Hände an die Ohren, aber so, daß man die kleinen
-Diamanten noch sah, die in den hübschen Ohrläppchen steckten.
-
-»Ach, hören Sie auf,« rief sie, »das können Sie einem doch nicht im
-Ernst zumuten, daß man das liest. Überhaupt, die Deutschen, was haben
-sie denn? Sie sind so langweilig, zahm und langweilig, das sind sie.«
-
-Da fühlte er, daß er grob werden müsse und brach die Sitzung ziemlich
-kurz ab. Vielleicht war er es auch geworden, das kann man bei ihm nicht
-sicher wissen. Jedenfalls ließ er die hübsche Frau, denn das war sie
-trotz alledem, in einigem Staunen zurück.
-
-Ja, also so lag sie jetzt jedenfalls auch da oben, es war ihm, als ob
-er durch die Wände sähe.
-
-»Komm, Ellen,« sagte er. »Wir gehen spazieren, wir brauchen sonst
-niemand dazu.«
-
-Da gingen sie zuerst durch die lange, schmale Hauptstraße von Nervi
-hin, an den vielen Läden vorbei und beredeten, was sie alles kaufen
-wollten, wenn sie Geld hätten, und machten aus, wenn einmal das
-Geldschiff komme, dann sollten alle, die sie zu Haus gelassen hätten,
-etwas ganz Schönes kriegen und außerdem Ellen noch ein Eselsfuhrwerk.
-
-»Kommt es denn einmal?« fragte Ellen, und er sagte, daß man so etwas
-nie ganz gewiß wissen könne, daß sie aber nun zuerst die Frau Eidechse
-besuchen wollten.
-
-Die Frau Eidechse wohnte in einer Mauerritze, ganz weit draußen an der
-Strandmauer, da, wo der rote stachelige Kaktus blühte hoch über dem
-Meer.
-
-Sie mußten durch ein schmales Gäßchen hinunter, das war links und
-rechts aus hohen, steinernen Gartenmauern gebildet. Oben sahen die
-dunkelgrünen Zypressen und Pinien und die silberigen Olivenbäume
-herüber, was aber sonst noch dahinter war, das konnte kein Mensch
-wissen. Das war das Allergeheimnisvollste, was es geben konnte, so ein
-Garten hinter einer steinernen Mauer.
-
-Sie gingen aber schnell durch das Gäßchen hindurch, sie wollten es gar
-nicht wissen, was dahinter sei, denn von unten her glänzte schon das
-Meer herauf.
-
-Da lag es in der Sonne und da lag auch die Strandmauer.
-
-»Guten Tag, Frau Eidechse, Sie werden höflich zu einem Konzert
-eingeladen,« sagte er.
-
-Sie war aber nirgends sichtbar.
-
-»Sie hat noch im Haus zu tun bei den Kindern. Ist auch gut, so fangen
-wir einmal an.«
-
-Da fing er an zu pfeifen. Denn pfeifen, das konnte er trotz des
-Halsleidens, das schadete nichts. Er hatte sich darin zu einer gewissen
-Virtuosität ausgebildet. »Was soll ich pfeifen, Ellen?«
-
-Sie kannte sein Repertoire gut. »O du lieber Augustin,« sagte sie
-unverweilt.
-
-Da pfiff er: »O du lieber Augustin.«
-
-Ellen bekam glänzende Augen.
-
-Nicht wegen des Pfeifens, sondern weil nach kurzem Zögern die Frau
-Eidechse richtig aus ihrem Mauerloch herausschwänzelte.
-
-Sie hatte ein grünes Kleid an und Goldbörtchen über den Rücken
-herunter, und ihre schwarzen Äuglein funkelten lebhaft.
-
-»Grüß Gott, Frau Eidechse, ist das nicht schön? Wo haben Sie denn Ihren
-Herrn Eidechserich?«
-
-»Ach, der wird bald kommen, er ist auf den Berg gegangen zum
-Mückenfang.«
-
-Ellen sagte nachher, diese Antwort habe Holder gegeben, aber er sagte,
-die Eidechse habe es selber getan auf eidechsisch, da konnte sie nicht
-streiten.
-
-Das Publikum wurde unruhig, drehte den Kopf hin und her und wackelte
-mit dem Schwanz, so mußte er weiter pfeifen.
-
-Als das Lied aus war, zog sich die Frau Eidechse zurück.
-
-Da pfiff er auf Ellens Wunsch: »Weißt du, wie viel Sternlein stehen?«
-alle drei Verse. Aber die Eidechse kam nicht mehr.
-
-Er versuchte es nochmals mit dem »lieben Augustin«, und siehe, da war
-sie gleich wieder zur Stelle. Da stellten sie es nun fest, daß »O du
-lieber Augustin« ihr Leiblied sei. Und das bekam sie nun immer zu
-hören, so oft sie zum Besuch da heraus kamen.
-
- * * * * *
-
-Es war merkwürdig: neuerdings bekam Mammi manchmal Anfälle von großer
-Zärtlichkeit für Ellen.
-
-Dann konnte sie sich plötzlich im Garten auf dem Gras niederlassen und
-beide Arme nach ihr ausbreiten. Aber Ellen war das nicht gewohnt und
-kam darum nicht so schnell dahineingeflogen, wie Mammi wohl erwartet
-hatte. Dann sagte sie klagend: »Ellen, hast du denn deine arme Mammi
-gar nicht lieb?« und küßte sie viele Male, auf den Mund, in die Augen,
-auf die Stirn, und drückte sie fest in die Arme.
-
-Und Ellen mußte sagen, daß sie die Mammi lieb habe. Das tat sie auch,
-sie tat es aber ein wenig zögernd, ernst und still.
-
-Und Mammi sagte, das Kind müsse mehr unter Menschen kommen, und putzte
-sich selbst und Ellen schön heraus, so daß sie beide sehr wohl in den
-nächsten Umkreis des Musikpavillons paßten, und ging mit ihr dort
-spazieren.
-
-Das tat sie einige Male. Da wurde sie eines Tags von einem Herrn, der
-gleichfalls dort spazieren ging, gefragt, ob gnädige Frau vielleicht
-Norwegerin sei, sie trage so wundervollen nordischen Schmuck, und sie
-sagte: ja, wenigstens von Geburt und Erziehung.
-
-Und es fand sich, daß der Herr auch schon »da oben« gewesen war und
-auch sonst schon an allerlei Orten, die sie kannte, es gab wundervoll
-viel zu reden darüber und über noch vieles andere, an diesem Tag, und
-am folgenden noch mehr, und so immer fort.
-
-Mammi erholte sich zusehends, wurde auch im Hause lebhaft und
-gesprächig und fand, daß ihr Mann doch damit recht gehabt habe, daß er
-ihr viel frische Luft und Bewegung verordnet habe.
-
-Besonders auch Segelpartieen bekamen ihr gut, aber natürlich konnte sie
-dabei das Kind nicht mitnehmen, es war wohl überhaupt besser, wenn es
-regelmäßig lebte, es war oft nicht so ganz wohl in letzter Zeit.
-
-Das fand Holder auch. Er sah, daß es an Heimweh litt. Es war merkwürdig
-an so einem Kinde, aber es sehnte sich wahrhaftig immer nach seinem
-Vater. Und es wußte, der Vater sehne sich auch nach ihm. Er hatte oft
-an einem inneren Grimm zu würgen.
-
-Da ging sie nun wieder im gelben Leinenkleid mit dem silbernen Gürtel,
-strich dem Kind übers Haar: »Adieu, Kleines, geh artig zu Bett, hörst
-du? Mammi hat Schokolade für dich.« Weg war sie.
-
-Als ob es dem Kind um Schokolade gegangen wäre.
-
-Sah sie denn nicht, daß es Hunger litt nach Liebe, nach Daheimsein?
-Nein, das sah sie nicht.
-
-Er aber sah es. Heute früh hatte er ein Lied gefunden; es stand in
-einer Zeitschrift und hieß: Das frierende Seelchen.
-
-Das ging ihm heute den ganzen Tag durch den Sinn. Es schien so sehr für
-Ellen zu passen.
-
- Wenn ich nur wüßt’, wo der Heimweg wär!
- Was bin ich nicht geblieben?
- Suchen muß ich, hin und her
- bläst ein Wind, und mich schauert sehr,
- irgendwer hat mich vertrieben.
-
- Irgendwo, weiß ich, bin ich zu Haus,
- aber wo, wer kann’s sagen?
- Flüglein hab ich, und breit’ sie aus,
- fänd’ ich nur aus der Welt hinaus,
- wollt’ ich nimmer klagen.
-
- Bin ein armes, verirrtes Kind,
- such in dem Lärm der Gassen,
- horche hinein in den wehenden Wind,
- ob ich nirgends die Töne find’,
- die ich zu Haus verlassen.
-
- Hie und da nur ein leises Getön,
- ein Wort, ein Streifchen Sonne,
- ein lieber Blick, ein feines Verstehn,
- dann muß ich wieder suchen gehn
- nach meiner Heimatwonne.
-
-»Komm, Ellen.« Er nahm sie mit sich ans Meer hinunter. Artig zu Bett
-gehen, das konnte sie noch lang. Jetzt lag die Sonne noch über dem
-Wasser, es war ein wundervoller Abend. Weithin lagen die Berge am Ufer
-rotgolden beschienen, die weißen Villen glänzten und Fenster leuchteten
-in der Abendsonne. Fischer fuhren hinaus und sangen in ihrem Boot, und
-irgendwoher kamen fröhliche Stimmen, Gelächter und Jubel. Und so ein
-Kind sollte nicht froh sein?
-
-Auch hatte das Gedicht nämlich noch einen zweiten Teil gehabt, der
-ihn heut besonders rührte. Vielleicht wäre ihm Ellens bekümmertes
-Gesichtchen sonst nicht so besonders aufgefallen.
-
-Er verhöhnte sich selbst damit, daß sie ihm nur als Objekt für seine
-lyrische Stimmung diene, aber das mochte sein, wie es wollte, darum
-freute es ihn doch, daß sie nun da unten neben ihm saß und ihr kleines
-Händchen in seine große Hand schob. Da sagte er es richtig noch einmal
-in Gedanken vor sich hin:
-
-
-II.
-
- Schlug das Seelchen seine Flügelein,
- barg sein trauerndes Gesicht hinein,
- weinte leis und bang und bitterschwer:
- Wenn ich doch zu Haus, zu Hause wär!
-
- Kam die Lieb’ des Wegs und rührt es sacht:
- Grüß dich Gott, ich habe dein gedacht!
- Hob das Seelchen sein verweint Gesicht,
- weil sie sprach, wie man zu Hause spricht.
-
- Nahm die Lieb’ das Seelchen in den Arm,
- hüllt’ es in des Mantels Falten warm,
- sprach: Wir sind vom Himmel, du und ich,
- armes Seelchen, komm, ich trage dich!
-
- Spannt’ das Seelchen seine Schwingen aus:
- Liebe du, du bist mir Heim und Haus!
- Liebe, bleib mir Trost und Weggeleit!
- Sprach die Liebe: bis in Ewigkeit!
-
-Wenn man es genau untersucht hätte, so hätte er vielleicht auch ein
-wenig Heimweh gehabt, oder vielleicht nennt man es bei Männern anders.
-Es war aber doch, da es schon ein wenig gegen das Frühjahr hin ging,
-und es mit dem Hals nicht so vorwärts wollte, wie er gedacht hatte, so
-etwas.
-
-»Du, Holder,« sagte Ellen, »ich habe dich furchtbar lieb. Ich habe dich
-so lieb – bis wo der Himmel anfängt.«
-
-»So,« sagte er, »das ist aber hoch hinauf.«
-
-Da war es ihr auf einmal nicht genug.
-
-»Nein, noch höher hinauf,« sagte sie. »So hoch wie der liebe Gott ist.«
-
-Davon mußte er nun notwendig ein bißchen abzwicken. »So hoch hinauf
-kann man nicht,« bemerkte er.
-
-»Aber bis wo dem lieben Gott sein Kopf anfängt,« sagte sie. Mehr wollte
-sie nicht abgeben. Da ließ er’s; später, dachte er, werde es sich schon
-ausgleichen.
-
-Die Sonne sank tiefer und tiefer.
-
-Schon nahte sie sich dem Wasserspiegel. Er sah still in ihr goldenes
-Licht und über die beschienenen Fluten hin.
-
-Da fühlte er, wie sich das Händchen da in seiner Hand so krampfhaft
-festhielt und als er in Ellens Gesicht sah, da war es angstvoll und die
-Augen sahen ihn hilfeflehend an.
-
-Er sah, es ging ihr um die Sonne. Sie hatte sie noch nie ins Wasser
-tauchen gesehen.
-
-Aber er wollte ihr nichts sagen; er war ein Pädagog; sie sollte es nur
-erleben. Er hielt aber doch das Händchen ein wenig fester als zuvor,
-zum Zeichen, daß er im Notfall auch noch da sei. Und sie sank und sank;
-da war sie nun am Wasser, und leise, leise glitt sie hinab.
-
-Da brach Ellen das zitternde Schweigen.
-
-»O, sie fällt ins Wasser, sie fällt ins Wasser,« rief sie in so
-jammervollem Tone, daß ein Stein hätte trösten müssen.
-
-Er war aber härter als ein Stein und schwieg.
-
-Da wurde es dunkler und dunkler; nur noch ein goldenes Auge sah über
-die Fluten hin, dann erlosch auch dieses, da eilten die purpurnen
-Wellen so verlassen und klagend zum Ufer hin. »O, jetzt haben wir keine
-Sonne mehr,« klagte sie.
-
-»O, jetzt ist sie hinuntergefallen, jetzt haben wir keine Sonne mehr,«
-jammerte Ellen.
-
-Da trat ihr Freund in den Riß, denn jetzt war es Zeit dazu.
-
-Und er sagte, daß sie nicht hinuntergefallen sei und daß sie morgen
-wieder komme. Denn dort hinten, ganz weit hinten, sagte er, die braunen
-Kinder, zu denen die Schiffe hinfahren, die müßten doch auch Sonne
-haben, nicht?
-
-Da wurde das Gesichtlein wieder froh, aber erst, als er ganz sicher
-versprochen hatte, daß sie wieder komme und daß sie, Ellen, in aller
-Frühe zu ihm kommen dürfe und mit ihm sehen, wie die Sonne aufstehe.
-
-Das tat sie denn auch. Ein Fingerlein pochte an seine Tür, als die Luft
-draußen noch grau war und er noch im Bett. Dann, als das Fingerlein
-keine Antwort bekam, wurde eine kleine Faust zum Klopfen geschickt.
-
-»Ja?«
-
-»Ich will sehen, wie die Sonne aufsteht.«
-
-»Sie ist noch weit, sie ist erst in Chiavari, sie muß noch hinter dem
-Berg heraufsteigen.«
-
-»Du, Holder.«
-
-»Ja?«
-
-»Laß mich herein. Ich geh’ derweil auf deine Terrasse hinaus, dann sag’
-ich dir, wenn sie kommt.«
-
-Da mußte er sie doch hereinlassen.
-
-»Wer hat dich denn geweckt, Ellen?«
-
-»Niemand, ich bin selber aufgewacht.«
-
-»Wer hat dich denn angezogen?«
-
-»Selber.«
-
-Es war vielleicht darnach, aber das war den zwei Freunden einerlei, die
-gleich hernach miteinander draußen standen und ihre Augen ausschickten,
-ob sie die Sonne kommen sehen.
-
-Das Meer war auch noch nicht recht aufgewacht. Es warf sich plätschernd
-herum und wollte zu sich kommen.
-
-»Du, Holder, was sagt es?«
-
-»Es sagt: Mutter gib mir einen Kuß, sonst friert’s mich.«
-
-»Wer ist die Mutter?«
-
-»Die Frau Sonne.«
-
-Da schoß auf einmal ein goldener Strahl wie aus einem Hinterhalt hinter
-dem Berg hervor, dann noch einer, dann viele.
-
-Dort drunten am Meer macht die Sonne keine langen Vorbereitungen. Sie
-kommt auf einmal und dann ist sie da.
-
-Da nahm sie sie alle in die Arme wie eine rechte Mutter, alle ihre
-Kinder: den Mann und das Kind, und die Gärten und das Meer. Da
-breiteten sie sich alle ihr entgegen und glänzten auf, so froh waren
-sie. Vielleicht war das Kind am frohesten, weil es gestern abend am
-meisten getrauert hatte. Die andern, das Meer und die Bäume, die hatten
-sie schon öfter gehen und kommen gesehen, sie wußten schon, wie sie
-es mit ihnen halte und daß immer wieder ein Aufgang komme nach dem
-Niedergang.
-
- * * * * *
-
-Holder ging allein in der Welt herum. Er kam von einem weiten
-Spaziergang zurück und hatte einen großen Blumenstrauß in der Hand.
-Den wollte er nach Hause schicken, er sollte seine Schwester an ihrem
-Geburtstag grüßen. Langsam bog er in den Garten ein.
-
-Es ging vielerlei in ihm um.
-
-Die Wintergäste fingen an, abzureisen, vorgestern waren einige
-gegangen, und gestern wieder. Heute, das wußte er, reiste ein Ehepaar,
-an das er sich einigermaßen angeschlossen hatte. Es tat ihm nun doch
-auch leid. Er brauchte lange, bis er sich den Menschen auftat, aber
-wenn es dann geschah, so war es auch nicht nur so obendrauf. Er hatte
-so gar keine Eintagsfliegennatur. Nun hatte er nach und nach an diesen
-allen teilgenommen, die da um ihn her lebten, litten und sich freuten.
-
-Er hatte gesehen, daß sie alle ihre Schicksale in und mit sich trugen,
-daß das Verschiedene an ihnen doch viel mehr zufällig und äußerlich
-war, und daß sie alle Menschenherzen hatten, die nach Leben, Liebe
-und Gemeinschaft verlangten, daß sie oft Wunden zudeckten, wo sie
-lachten und feine, herzliche Züge an sich trugen, wo er zuvor nur
-Oberflächlichkeit und leichten Sinn gesehen hatte.
-
-Einer von ihnen war gestorben, der lag nun draußen auf dem kleinen
-Friedhof am Berge, den Pinien und Zypressen beschatteten und zu dem das
-Meer, das sich an den Felsen brach, sein ewiges, großes Schlummerlied
-heraufsang.
-
-Und zwei junge Menschen hatten sich gefunden, um immer miteinander zu
-gehen. Sie waren krank angekommen, und gesund geworden, und nun lag
-das Leben vor ihnen in leuchtender Fülle und sie wollten es fassen und
-halten und eines in des andern Augen das Meer, das große Meer mitnehmen.
-
-Das war so schön, frohe Menschen froh zu sehen. So ganz von tief unten
-herauf froh, wie diese es waren.
-
-Das war das Schönste, was man sehen konnte, schöner als Rosen- und
-Nelkengärten, schöner als Sonne, Meer und Land.
-
-Ueberhaupt, das mit dem schönen Land.
-
-Er hatte es genossen, das mußte man sagen. Er hatte es mit allen Sinnen
-in sich hineingenommen. Aber nun hatte er plötzlich genug davon. Es war
-doch schließlich immer dasselbe. So ein farbenfrohes Leuchten, Glänzen,
-Blühen war schön, wenn es vorher trüb, dunkel und kalt, wenn es Winter
-gewesen war. Er hatte es wieder mit dem Dichten. Unterwegs, auf dem
-Gang ins Nervital, hatte er sich bei dem schönen Land erkundigt, ob es
-denn sonst nichts habe
-
- als üppige Glut und Füll’?
- kein zartes Knospen und Werden.
- kein Fragen, ob’s auf Erden
- wieder lenzen will
-
- nach langem Winterharm?
- und nirgends Bäume im Garten
- die ihres Frühlings warten
- mit ausgestrecktem Arm?
-
-Er sah es so deutlich vor sich, wie es nun zu Hause war: linder,
-goldener Sonnenschein auf wintermüden Gassen, da und dort noch ein
-Fleckchen Schnee, und an geschützten Stellen schon die Veilchen, und
-Amselgesang auf kahlem Geäst, dem im währenden Singen ein lichter
-grüner Schleier sich wob.
-
-»Du, Ellen, ich muß dir etwas sagen.«
-
-Denn sie war soeben durchs Mauerpförtchen herein von der
-Strandpromenade her auf ihn zugerannt.
-
-»Ja, was?«
-
-Aber er mußte sie vorher betrachten. Sie hatte ein hellblaues
-Seidenkleidchen an und eine weißseidene Schärpe, und hatte einen
-großen, weißen Spitzenhut auf.
-
-»Geputzt wie ein Affe,« dachte er plötzlich grimmig, obgleich sie
-freilich hübsch genug aussah.
-
-»Da sieh, Holder,« und sie zeigte ihm mit Wichtigkeit ein Schmuckstück,
-das sie um das runde, weiche Ärmchen trug.
-
-Es war eine kleine Eidechse aus grünem Email mit zwei winzigen roten
-Rubinäuglein.
-
-»Fein, gelt? Ich habe es von dem Onkel, der immer mit Mammi geht. Und
-er schenkt mir morgen eine Dose, die kann man aufziehen, dann macht sie
-Musik. Und heut mittag darf ich mit dem Onkel und mit Mammi ausfahren
-in einem Wagen, der hat rote Samtpolster. Das ist fein, nicht? Ich bin
-so froh, bist du auch so froh, Holder?«
-
-Ja, sie war so froh über ein bißchen Freundlichkeit und
-Mitgenommenwerden, und er hätte ihr am liebsten das Armband genommen
-und ins Meer geworfen, so zornig war er.
-
-Er sagte gar nichts.
-
-Aber sie merkte es heute nicht gleich, daß er verstimmt sei. Sie war zu
-froh dazu.
-
-»Meine Mammi ist schön, gelt?« sagte sie. »Dort unten kommt sie. Sie
-hat ein schönes Kleid an und lacht, und sie hat zu mir gesagt: ›Du bist
-ein süßer, kleiner Schneck.‹ Gelt, das freut dich auch, wenn deine
-Mammi so zu dir sagt?«
-
-Aber er wollte jetzt nicht sehen, wie schön Mammi sei. Er wollte jetzt
-nichts von Mammi wissen.
-
-»Komm, wir gehen da hinüber,« sagte er. »Wir setzen uns ins
-Rosenrondell, dann sag’ ich dir etwas.«
-
-Ja, das wollte sie gern, sie machte ihre großen Augen; was er wohl
-sagen wollte?
-
-»Denk einmal, als ich heute morgen aufwachte, da ist vor meinem Fenster
-alles dick voll mit Schwalben gesessen. Auf der Terrasse, auf der
-Dachrinne, auf den Telegraphendrähten. Sie sind übers Meer her gekommen
-und jetzt gehen sie heim. Sie sind schon wieder fortgeflogen, sie haben
-nur hier ein wenig ausgeruht.«
-
-»Heim, wo ist das?« Sie riß die Augen mächtig auf.
-
-»Heim ist in Deutschland, am Neckar und am Rhein und im Schwarzwald,
-und auch in Bühringen.«
-
-Denn Bühringen lag im Schwarzwald.
-
-»Da haben sie ihre Nester an den Häusern unter den Dächern.«
-
-»Ja, du, Holder, bei uns auch, am Stall und an der Waschküche. Der
-Andres hat gesagt – mhm, man dürfe sie nicht fortjagen und die Katze
-dürfe sie nicht fressen, weil es Schwalben sind.«
-
-»Und als sie mich gesehen haben, da haben sie angefangen zu schwatzen,
-alle durcheinander.«
-
-»Was haben sie denn gesagt?«
-
-»Sie haben gesagt: ›Wir sind so froh, daß wir heimkommen. Daheim, da
-fangen jetzt die Bäume an zu blühen, und der Schnee ist fort, und es
-gibt Veilchen, und viele tausend Mücklein fliegen in der Sonne herum,
-die fangen wir alle.‹ Da habe ich gesagt: ›Nehmet auch einen Gruß mit
-an Ellens Papa, weil er so allein ist, und sie komme bald nach, sie
-wolle dann mit ihm Maiblumen holen im Bühringer Wald, die seien jetzt
-bald offen.‹«
-
-Sie nickte ernsthaft mit dem Kopf und ihr glückliches Gesichtlein
-beschattete sich.
-
-Er kam sich schändlich vor. Mußte er denn mit Gewalt das Heimweh
-heraufrufen, das ein wenig geschlafen hatte? Er meinte freilich, dieses
-Heimweh gehöre gar nicht anders kuriert als durchs Heimkommen.
-
-Der »Onkel, der immer mit Mammi ging«, der kurierte es mit Armbändern
-und Spieldosen.
-
-Da kam nun Mammi den schmalen Gartenweg herab. Sie suchte ihre Tochter
-und sah ja freilich schön aus. Was man so schön heißt.
-
-Sie kam so groß und schlank und blond daher in ihrem leichten, hellen
-Seidenkleid und unter dem großen, federngeschmückten Hut.
-
-Ja, und sie lachte, ganz wie Ellen gesagt hatte. Aber ihm gefiel das
-Lachen nicht, es war, als ob sie etwas damit verscheuche oder zudecke,
-das sie jetzt nicht hören und nicht sehen wolle.
-
-»Ah, siehe da, der Herr Kandidat,« sagte sie fröhlich. »Sie haben mir
-meine Tochter entführt. Ha ha. Sagen Sie, haben wir nicht herrliches
-Wetter jetzt und ist es nicht schön hier?«
-
-»Mammi,« rief Ellen, »er hat die Schwalben gesehen. Sie sind
-heimgeflogen und er hat einen Gruß an Papa gesagt. Mammi, wann gehen
-wir heim?«
-
-Aber davon wollte Mammi jetzt nicht reden.
-
-Sie zog die Augenbrauen zusammen und gab keine Antwort.
-
-»Das hat mir gerade gefehlt,« sagte sie und brach eine voll erblühte
-gelbe Rose vom Strauch, »sie paßt so gut hierher an meinen Gürtel.
-Haben Sie vielleicht eine Stecknadel, Herr Kandidat?«
-
-Das hatte er, fast wider seinen Willen.
-
-»Ach,« sagte sie, plötzlich seufzend, und ließ sich ihm gegenüber auf
-der runden Steinbank nieder, »es ist nicht immer leicht, gut zu sein.«
-
-Was war das nun wieder?
-
-»Ihnen fällt es wohl immer leicht? Sie sind so ernsthaft und
-pflichtgetreu und gehen so geradeaus Ihren Weg. Man könnte Sie
-beneiden.«
-
-»So, woher wissen Sie denn das?« Er fragte es fast grob.
-
-»Ach, das sieht man doch. So – so unverdorben und so geordnet.«
-
-Es ärgerte ihn, denn gar zu tugendsam wollte er doch auch nicht
-erscheinen, obgleich nichts gegen ihre Worte zu sagen war.
-
-»Das bin ich nun leider nicht,« seufzte sie.
-
-»Aber ich kann auch nicht anders sein, als ich bin.«
-
-So? er hatte schon lang einiges gegen sie in sich angesammelt. Es
-konnte eine schöne Rede geben, wenn er sie losließ. Das wäre ja recht
-bequem, einfach: ich kann auch nicht anders sein – er fing an, sich
-zu besinnen, wie er anfangen wollte, da sagte sie, als habe sie seine
-Gedanken gelesen:
-
-»Nein, nein, Sie müssen nichts sagen, Sie kennen mich nicht genug dazu.
-Sehen Sie, das Kind hat recht, Sie haben wirklich etwas von meinem
-Mann. Nun machen Sie dasselbe Gesicht wie er, wenn er unzufrieden mit
-mir ist. Dann liebe ich ihn gar nicht.«
-
-Sie sah plötzlich sehr ernsthaft aus. »Ich möchte nicht, daß die guten
-Menschen schlecht von mir denken. Das tut mir leid, aber sie wissen
-vielleicht nicht, wie es ist, wenn man in ganz anderer Luft geboren und
-erzogen ist.«
-
-Er sagte nichts, es war ihm so sonderbar, daß sie ihn nun so plötzlich
-zum Beichtvater machte, und doch war es ihm, als rufe etwas aus ihr
-heraus, das nach Verstehen und Verzeihen verlange, und er wollte sie
-hören.
-
-Er saß ganz still da und war auch ein wenig verlegen, und sie war
-dankbar, daß er nicht redete und sagte, als müsse sie es aus sich
-herausschaffen: »Haben Sie eine Heimat gehabt, in der Sie immer
-wohnten und gut und sicher aufgehoben waren? Nun, ich ging auf Reisen,
-als ich drei Jahre alt war, weil mein Vater den Ort nicht mehr sehen
-wollte, an dem meine Mutter starb. Immer in Pensionen, bald im Norden,
-bald im Süden. Kennen Sie das? O, wir waren sehr vergnügt, mein Vater
-und ich.
-
-Alle Leute kannten mich immer als sehr vergnügt. Einmal war ich des
-Lachens überdrüssig, da weinte ich eines Abends für mich allein. Es
-war auf einer Veranda am Vierwaldstättersee. Vielleicht war es, weil
-mein Vater kurz vorher gestorben war. Oder ich weiß nicht warum. Das
-sah einer, für den es eigentlich nicht bestimmt war, und er meinte,
-er sehe nun etwas von meinem eigentlichen Ich, und das Lachen sei
-nur obendrauf. Vielleicht meinte ich es damals auch, und kurzum, ich
-heiratete ihn und wir waren sehr verliebt ineinander, wie mir scheint.
-Es kam mir hübsch vor, so auf dem Lande zu leben in einem grünumrankten
-Hause, und einen solch ernsthaften, biederen Mann zu haben. Aber wissen
-Sie, wie es allmählich wurde?
-
-Wie ein Käfig, in dem ein lustiger, farbiger Vogel sitzt und den ein
-Bär bewacht. Der Bär ist gut und der Käfig ist gut und der Vogel ist in
-seiner Art auch nicht schlimm, sie passen nur nicht zusammen. Das ist
-das Ganze.«
-
-Sie hatte, während sie sprach, drei oder vier Rosen zerpflückt, es lag
-eine Menge gelber, schimmernder Blätter auf dem Rasen. »O sehen Sie,
-das Kind,« unterbrach sie sich plötzlich, »was es für Augen macht. Ganz
-große. Ellen, mach andere Augen. Sie hat natürlich alles gehört.«
-
-»Das Kind haben Sie vorhin nicht mit aufgezählt«, sagte er trocken.
-
-»Welchen Platz geben Sie dem? gehört es zum Vogel oder zum Bären?«
-
-Da beugte sie sich rasch herunter und küßte es heftig, drei- oder
-viermal, aber eine Antwort gab sie nicht.
-
-»Das Kind gehört heim.« Nun war es ihm, als ob er seine ganze Rede
-gehalten hätte, denn sonst wußte er eigentlich nichts zu sagen und
-darum stand er auf und schickte sich zum Gehen an. Er hatte immer noch
-seine Blumen in der Hand, die wollte er nun einpacken.
-
-»Ja, ja,« sagte sie und sah aus, als suche sie etwas in weiter Ferne.
-»Er hängt furchtbar an Ellen und auch an mir. Es ist nicht leicht, das
-läßt sich aber nicht ändern. Man kann nicht aus seiner Haut heraus,
-er nicht und ich nicht. Das ist überall so. Glauben Sie, Sie kennen
-die Welt noch nicht. Es ist nicht immer alles so glatt im Leben.« Sie
-schüttelte sich, wie um aus Träumen zu kommen und sagte leichthin: »Es
-ist nur gut, Kinder fühlen das noch nicht so, sie sind überall zu
-Hause.
-
-Komm, Ellen, gib deiner armen Mammi einen Kuß.«
-
-So besonders hochachtungsvoll war der Blick nicht, mit dem er sie
-betrachtete, als er nun den Hut zog und ging.
-
-»Sie versteht so viel von ihrem Kind, als eine Kuh von einem
-Eichhörnchen«, brummte er vor sich hin und zertrat mit breitem
-Stiefelabsatz eine kleine Kröte, die über den Weg hüpfte. Das hatte er
-nicht gewollt. Er blieb bedauernd stehen, aber es war nun schon so. So
-etwas kleines ist schnell zertreten.
-
- * * * * *
-
-Am andern Tag machte er eine Wanderung ins Land hinein. Er ging den
-ganzen Tag, kehrte in kleinen, verräucherten Wirtshäusern ein, half
-einer dunkeläugigen Magd Fische in Öl backen, trank tiefroten Chianti
-aus dem strohumflochtenen Fiasko dazu, redete mit Fischern und Bauern,
-so gut es sein schlechtes Italienisch hergab, ließ sich von der Sonne
-durchscheinen und fing im Wandern an, zu singen und zu jodeln. Als sich
-das der Hals gutwillig gefallen ließ, war es ihm, als müsse er nun
-schleunigst umwenden und nach Hause fahren, denn nun war er ja gesund.
-Er blieb aber doch in einem Wirtshaus, das einsam in einem engen,
-schmalen Taleinschnitt unter alten Olivenbäumen stand, übernacht, fand
-dort eine Hochzeit, hörte bis spät in die Nacht hinein eine Musik von
-Dudelsack und Flöten und sah sich die Paare auf dem Steinboden vor dem
-Hause im Tanze drehen. Dann schlief er tief in den Vormittag hinein und
-als er erwachte, fielen ihm eine Menge Dinge ein, die er vorgestern
-hatte der Frau Hermelink sagen wollen. Lange, überzeugende Sätze, die
-alle darauf hinausliefen, daß es nicht so sehr darauf ankomme, ob das
-Leben angenehm sei oder nicht, wenn man nur seine Pflicht tue. Und daß
-man mit einigem guten Willen viel machen könne. Und noch mehreres. Er
-dachte, sie habe ja doch auch ihre guten Seiten und sie habe ihn ein
-paarmal fast gerührt. Und sie scheine einen guten Mann zu haben, mit
-dem sich doch leben lassen müsse. Das sagte er ihr alles in Gedanken,
-denn in Gedanken war er manchmal recht beredt und verstand sich gut
-auszudrücken.
-
-Aber als er da lag und ihm die Sonne ins Bett schien, da waren die
-beiden, die Mammi und das Kind, schon unterwegs. Sie fuhren auf einem
-Dampfer nach dem Süden und die Spieldose stand auf der Bank neben Ellen
-und spielte: »o du lieber Augustin« und Ellen sagte zu dem Onkel, der
-sie ihr geschenkt hatte: »das ist der Frau Eidechse ihr Lieblingslied«.
-Da lachte er und Mammi lachte auch, und weil sie beide so fröhlich
-waren, lachte Ellen auch mit. Sie wußte nicht, daß Mammi sich verlaufen
-hatte und den Heimweg nach Bühringen nicht mehr suchen wollte und daß
-sie selber als ein heimatloses Kind mit auf Reisen ging. Sie sah nur
-das Heut, das war voll Sonne.
-
- * * * * *
-
-Er nahm Abschied von Haus und Garten und Meer und zuletzt auch von
-Schwester Clementine.
-
-Er hatte sie immer ein wenig im Verdacht gehabt, daß ihr gütiges
-Lächeln Herablassung sei und hatte sich stolz und mannhaft dagegen
-betragen. Aber schließlich hatte er doch nicht mehr ganz dagegen
-angehen können, daß sie immer so blieb: liebenswürdig und fein und
-vornehm; – allerdings schien sie zu wissen, daß sie das alles sei, aber
-dafür konnte sie wohl nichts und er hatte es ihr verziehen und gedacht,
-schließlich habe sie sich auch nicht selbst zur Gräfin gemacht und es
-können nicht alle Menschen gleich sein.
-
-Zwar die schlanke weiße Hand, die sie ihm zum Abschied reichte, küßte
-er nicht, obgleich er gestern den französischen Rechtsanwalt so hatte
-tun sehen. Aber er drückte sie mit seiner ganzen neuerrungenen Kraft
-und sah mit ehrlichem Dank in das schöne Gesicht. Es habe schmerzlich
-darin gezuckt, dachte er nachher und wunderte sich, daß es ihr leid
-zu tun schien, daß er gehe. »Sieh’ da, echtes menschliches Gefühl,«
-dachte er und wußte ja freilich nicht, daß sie ihre Hand besah, als sie
-ins Haus zurückging. Sie hatte einen breiten roten Streifen.
-
- * * * * *
-
-Nun war er zu Hause. Er hatte es alles so gefunden, wie er erwartet
-hatte: blühende Wiesen, neubestellte Gärten und Äcker, Lerchen, die
-sich in die Luft schwangen und freilich auch viele, viele Spatzen,
-die sich lärmend umhertrieben und vor ausgelassener Daseinsfreude
-schrieen. Er ging durch die Dorfgasse, die nach dem Filial führte, in
-dem er Unterricht zu geben hatte und mußte sich zugeben, daß sie sehr
-aufgeweicht sei und ein Bauer sagte ihm, daß das im Frühjahr so die
-ersten paar Wochen nach dem Schneegang immer so sei. Und es fielen ihm
-die leuchtend weißen, glatten Straßen ein, die er dort unten gegangen
-war. Kinder sprangen herbei und gaben ihm die Hände und er mußte an ein
-anderes kleines Händchen denken, das nicht so klebrig, aber mindestens
-ebenso vertrauensvoll gewesen war. Wo mochte es sein? was wurde aus
-ihm? wer nahm es in seine Hand?
-
-Es war ihm nicht leicht zumute, als er daran dachte.
-
-Er meinte, er hätte es vielleicht festhalten sollen, beschützen,
-entführen – er wußte selbst nicht, was.
-
-Vielleicht hätte er der Mutter mehr sagen sollen; sie hatte ja
-sonderbarerweise eine Art von Vertrauen zu ihm.
-
-Denn, hilf Himmel, was machte sie wohl aus dem Kinde?
-
-Sie führte es in der Welt herum, weil sie selber rastlos war, sie
-lehrte es, zu lachen, wenn sein Herzlein weinte und lehrte es, die
-Heimat zu vergessen über der Fremde, die Armbänder hatte und Spieldosen
-und Schmeicheleien statt Liebe.
-
-Er dachte an den einsamen Mann dort in Bühringen und meinte, er hätte
-ihnen allen helfen sollen. Aber er wußte ja freilich nicht, wie, und
-sie waren ihm nun auch aus der Hand gegangen, er konnte sie nicht mehr
-finden. Da brannte etwas in ihm, daß man Menschenkinder müsse ins Leben
-hineingehen lassen, das sie verderben wolle. Er wußte plötzlich, daß
-ihrer viele seien, die in Gefahr und in der Fremde seien. Und er wußte,
-daß eine Liebe in ihm sei, die ihnen helfen wollte und die doch in
-sich selbst arm und machtlos dazu sei. Er sah die Menschen vor sich,
-die Großen und die Kleinen, die auf ihn warteten, daß er ihnen etwas
-bringe, das ihnen zum Leben und zum Werden helfe.
-
-Sie hatten alle auf einmal Ellens Gesicht und Augen und sagten, – die
-Kleinen: wir wollen Menschen werden, denke daran – die Großen: wir
-sind einmal Kinder gewesen. Vergiß es nicht! – Unterdem war er an
-den letzten Häusern vorbei und ins Freie gekommen, da, wo sich von
-der Landstraße aus der Blick ins Tal auftat. Rechts hatte er hellen
-Buchenwald und links ging es in die Tiefe hinunter. Das Tal war noch
-voll von wallenden Morgennebeln, es war wie ein Meer, und darüber
-segelten im blassen Blau des Himmels ein paar lichte Wolken. Da dachte
-er an das Meer, das er im Süden gesehen hatte und wußte, daß alle die
-Wasser, die in den Nebeln und in den Wolken waren, in die große Flut
-heimkehren würden, wenn sie ihren Kreislauf hinter sich hatten.
-
-Und er dachte auch an das Meer, das er im Traum gesehen hatte, und
-dachte, wenn einer sei, aus dessen Willen heraus alles geflossen sei,
-was da webe, so müsse es ihn ja nicht ruhen lassen, bis auch die letzte
-Welle seines Wesens, die er in ein Menschenkind hinein geschaffen habe,
-nach allem Irren in ihren Ozean zurückgefunden habe.
-
-Und es ward ihm im Ausschreiten groß und froh zumute.
-
-
-
-
-Ein Vater
-
-[Illustration]
-
-
-1.
-
-Es war kühl und dämmerig in dem hohen, weiten Kirchenschiff. Und
-still war es da. Nur fernher, gedämpft, gebrochen durch die massiven
-Steinwände des riesigen Baues, drangen die Laute der großen Stadt in
-die Stille herein. Durch die bunten Scheiben der Chorfenster fiel
-das Sonnenlicht auf den blumengeschmückten Altar und auf die grüne
-Wand der Blattgewächse, die hinter demselben aufgerichtet stand.
-Der Kirchendiener ging geräuschlosen Trittes auf den ausgebreiteten
-Teppichen hin und her, rückte an den Stühlen, die im Halbkreis um den
-Altar standen, und ordnete noch dieses und jenes zum letzten Male. Auf
-den Emporen knarrte es hie und da von behutsamen Tritten. Da fanden
-sich nach und nach teilnehmende Freunde und neugierige Zuschauer ein,
-die der Hochzeitsfeier des reichen, jungen Fabrikanten Bruckmann
-zusehen und zuhören wollten.
-
-Unten im Schiff, ganz allein in den langen Bankreihen saß ein alter
-Mann. Er war durch die schmale Seitenpforte hereingekommen und mit
-schweren, stapfigen Tritten durch den weiten Raum gegangen. Nun
-trocknete er sich mit dem roten Taschentuch das verwitterte Gesicht,
-nahm die Mütze ab und sah dann still vor sich hin. Es war noch zu früh
-zum Anfang. Einzelne Orgeltöne schwebten durch den Raum, der Organist
-setzte sich in Positur; draußen hörte man Wagen vor- und dann wieder
-abfahren.
-
-Die Gedanken des alten Mannes gingen in ferne Zeiten zurück. Er gehörte
-heute näher zu dem Fest, als all die vornehmen Gäste. Näher, als
-ein Mensch wußte. Er strich sich über die furchendurchzogene Stirn,
-wie einer, der seine fliegenden Gedanken zusammenhalten und ordnen
-möchte. Das ging nicht leicht. Da war so vieles, was sich ihm wieder
-aufdrängte, als wäre es gestern geschehen. Weißt du noch? Weißt du
-noch? Ja, er wußte noch.
-
-Eine Dorfgasse sah er, still lag sie da im mitternächtigen Schein des
-Mondes. Der Tod ging hindurch. Zuerst kehrte er in der Villa ein,
-die auf dem Lindenhügel am Eingang des Dorfes stand. Zwischen Ärzten
-und Pflegerinnen ging er hindurch, still und unerbittlich, und nahm
-der jungen Mutter das Kind aus den Armen. Es war ihr einziges. Sie
-hatte vor einem halben Jahr seine Geburt fast mit dem Leben bezahlt,
-es war keine Aussicht, daß sie je wieder ein liebes Kind ihr eigen
-nennen dürfe. Der Gatte hielt sie umschlungen. So, miteinander, mußten
-sie zusehen, wie der Tod das Kind aus ihrem Haus nahm. Er hatte den
-Auftrag, daran war nicht zu rütteln.
-
-Dann ging der Tod die stille Gasse hinunter, an den dunklen Häusern
-vorbei, bis zu einem kleinen, alten, aus dessen Fenstern ein
-Lichtschein fiel. Hier wartete man auf ihn, man wußte, daß er komme.
-Aber es war doch so schwer, ihn einzulassen. Denn er wollte das Herz
-aus dem Haus holen. Und das tat er nun auch. Die Kinder schliefen, es
-waren sieben, und das jüngste lag in einem Korb neben dem Bett der
-Mutter und wußte noch nichts vom Leben. Und alle miteinander wußten
-noch nichts vom Sterben und daß die Mutter einmal nicht mehr da sein
-könnte.
-
-Der Mann wußte es; es war eine Qual. Er wollte gern jetzt nicht mehr
-so stark daran denken, wie er so dasaß in der Kirche und auf die
-Hochzeitsgesellschaft wartete. Aber er mußte es doch tun. Er sah sich,
-wie er ihr die Augen zugedrückt hatte. Sie war sein Weib gewesen
-und die Mutter der Kinder. Und die Welt- und Lebensangst war in
-hohen Wellen über ihn hereingeflutet, als er in den grauenden Morgen
-hineinsah und nicht wußte, wie sich für ihn und die Schläfer neben ihm
-das Leben nun gestalten sollte. Das ganz Kleine rührte sich. Er nahm
-es heraus. »O du,« sagte er, und das Schluchzen schüttelte ihn, »o du
-Würmlein. Geh’ mit, geh’ auch zu ihr.«
-
-Aber es war nicht gegangen, so nicht, wie er es im ersten Schmerz
-gemeint hatte. So nicht. Aber doch auch von ihm fort, weiter fast,
-dünkte es ihn, als wenn es bei der Mutter im Himmel wäre. »Dann hätte
-sie es im Arm,« dachte er. »Dann wären sie miteinander fröhlich da
-droben.«
-
-Er war ein einfältiger, schlichter Mann. Er konnte es sich nicht anders
-vorstellen, als daß die Mutter das Kind auf dem Arm trüge, wenn es bei
-ihr im Himmel wäre.
-
-Und das konnte nun nie sein.
-
-Denn das Kind gehörte nicht mehr zu ihnen allen. Er hatte es
-hergegeben, verschenkt hatte er es, und ihm war, als sei es nun mit
-Leib und Seele denen eigen, die es aufgezogen, zum Leben geweckt und es
-ins Leben eingeführt hatten. Es war ihm fremd und weh zumute, wenn er
-heute daran dachte. Er hatte lange nicht daran gedacht; das Leben war
-voll Arbeit, eintöniger, mühseliger Arbeit in der Fabrik gewesen, und
-voll Sorge. Es stieg ihm nur in letzter Zeit wieder auf, und heute am
-meisten. Es lagen zwanzig Jahre dazwischen. Zwischen damals und heute.
-
-Er entsann sich jenes Abends noch so gut. Er wußte noch, daß er in
-schweren Sorgen seinen täglichen Weg von der Fabrik in der Stadt nach
-dem Dorf hinaus gemacht hatte.
-
-Es stieg kein Rauch aus dem Schornstein seines Häuschens, und er wußte,
-daß er jetzt seine Kinder streitend und sich balgend finden würde, oder
-auch still und freudlos, je nachdem es ihnen gerad am Tag gegangen war.
-Das Herz war ihm schwer, und er war müd und herabgestimmt.
-
-Da kamen ihm seine zwei kleinen Buben entgegengesprungen. »Vater, es
-ist Besuch da. Der Herr und die Frau von der Villa droben. Sie warten
-auf dich. Und Vater, sie haben gesagt, ob wir die Gretel hergeben; sie
-möchten sie gern. Geben wir sie her, Vater?« Das war sein Jüngstes, die
-Gretel.
-
-Er war damals froh gewesen. Es war doch ein Aufatmen. Und das Kind
-brauchte doch nicht zu verkümmern, so ohne Pflege, ohne Mutterhände. Er
-hatte es willig und gern den reichen Leuten gegeben, die so arm waren,
-daß sie kein einziges Kind besaßen. Für ganz und immer hatte er das
-zarte, feine Kindlein hergegeben. Sie zogen mit ihm aus der Gegend weg
-und kamen nicht wieder in das Dorf. Sie gaben ihm ihren Namen, lehrten
-es Vater und Mutter sagen und gaben ihm Liebe und Zärtlichkeit und
-allen Reichtum des Lebens, soviel Menschen von dem Reichtum des Lebens
-zu verschenken haben.
-
-Aber das war nun zwanzig Jahre her. Die Geschwister waren aufgewachsen
-in Mühsal und Armut. Wenn wieder eins aus der Schule war, kam es in
-eine Fabrik und hatte von nun an sein Brot selber zu verdienen. Das
-verstand sich fast von selbst. Und dann wurden sie reife Menschen
-und gründeten sich selber ihren Hausstand, so gut sie’s konnten. Sie
-kannten nichts anderes vom Leben als Arbeit ums Brot, staubigen Werktag
-an irgend einer Maschine und den kurzen Lichtblick des Sonntags. Es
-hatte sie niemand so recht gelehrt, ein Licht in die Woche hinein zu
-nehmen. Da mußte es auch so gehen. Der Vater hatte es einmal anders
-gekannt, als er mit seinem jungen Weib auf dem Dorfe gewohnt hatte.
-Seine Kinder wohnten alle in der Stadt, die Frauen gingen auch ins
-Geschäft, die Kinder brachte man unter, so gut es gehen wollte. Es
-war ein Leben mit wenig Sonne; aber sie waren den Schatten gewöhnt.
-Es ging auch so. Sie lebten doch ein Menschenleben; es gab Glück und
-Leid darin. Daß sie einmal eine Schwester gehabt hatten, ein kleines
-Kindlein, das noch irgendwo leben mußte in Pracht und Herrlichkeit, das
-kam ihnen nur noch wie ein fernes Märlein in den Sinn. Der Tag machte
-so viele Ansprüche, sie hatten keine Zeit zum Träumen. Sie wäre ihnen
-nicht ferner gewesen, wenn sie damals gestorben wäre.
-
-Der Alte lebte allein jetzt. _Auch_ in der Stadt, in einer stillen
-Vorstadtstraße. Es war ihm allmählich zu weit geworden, den täglichen,
-weiten Weg nach dem Dorf zu machen; und die Töchter konnten auch so
-eher einmal nach ihm sehen.
-
-Er lebte still für sich hin, ein eintöniges Leben. Tagsüber in der
-Fabrik, es war eine Gießerei, abends an irgend einem Wirtstisch, dann
-allein in seiner Kammer. Er konnte es nicht anders verlangen, Hunderte
-hatten es nicht anders. Manchmal gingen seine Gedanken in frühere
-Zeiten zurück; nicht oft, sie waren allmählich etwas stumpf und müde
-geworden. Da hatte sich vor einigen Wochen etwas ereignet, daran war
-eine Seite seines Wesens wach und jung geworden.
-
-Der Chef, es war der Sohn des alten Herrn, unter dem er dreißig Jahre
-gedient hatte, war jung verlobt. Und eines Tages durchschritt er mit
-seiner Braut die Geschäftsräume. Er wollte ihr gern alles zeigen,
-was sein war. Es kam nicht oft vor, daß solch eine lichte, feine,
-junge Gestalt die hohe und etwas düstere Maschinenhalle betrat. Es
-war, als ob sie ein Stück Sonnenlicht mit hereingebracht hätte, ein
-Stück Frühling. Das _war_ sie auch, beides. Sie grüßte so unbefangen
-freundlich nach allen Seiten, tat so tüchtige Fragen, nicht nur so,
-um doch etwas zu reden. Sie wollte das und jenes wirklich wissen. Und
-sie fragte auch die Arbeiter selbst, den und jenen. Ihr Bräutigam sah
-sie erstaunt an, erstaunt und vergnügt. Das gab eine Kapitalfrau. Sie
-wollte teilhaben an seinen Interessen.
-
-Die Arbeiter stießen sich an und lachten beiseite. Halb verlegen und
-halb erfreut. »Das ist die Neuheit,« sagte einer. »Die frägt bald nicht
-mehr. Damit will sie ihm gefallen.« – »Ach du, aber nett ist sie doch;
-sie hält unsereins auch für einen Menschen. Nein, was wahr ist, sie
-tut nicht hochmütig. Und sie soll schwer reich sein, da sind sie sonst
-anders; man weiß ja, wie.«
-
-Das Brautpaar schritt weiter. Als sie an Grau vorbeikamen, sah er
-auf. Er hatte bisher nichts gehört und gesehen, er putzte eben einen
-Messingcylinder blank. Da fiel ihm der Lappen, mit dem er fegte, aus
-der Hand. Ganz starr sah er die junge Braut an. Er strich sich mit der
-Hand über die Stirn. Das war ja seine Anne. So hatte ja sein junges
-Weib ausgesehen, im Gesicht und von Gestalt. Vielleicht nicht ganz so
-fein und zart. Aber so hell aus den Augen, und den gleichen Zug um den
-Mund, und das gleiche Haar. So trug sie den Kopf, so frei und gerade,
-und so legte sie ihn ein wenig auf die Seite beim Sprechen. Es war wie
-eine Geistererscheinung. Keines der anderen Kinder war ihr entfernt so
-ähnlich.
-
-»Na, was ist denn, Grau?« fragte der Bräutigam. Er war in
-Festtagsstimmung, und nun dachte er, den Alten blende so viel Schönheit
-und freundliche Anmut, weil sie ihn selber blendete. Aber der
-antwortete nicht. Er hob seinen Lappen auf, und als das Paar vorüber
-war, lehnte er sich schweratmend an den Werktisch. Der Werkführer kam
-heran und sah nach seiner Arbeit, und, gesprächig gestimmt durch ein
-paar freundliche Worte von der schönen Braut, sagte er: »Er hat’s
-hingedreht, der Herr. Die ist alles, was man Gutes will, die Braut.
-Lieb und gescheit und schön und reich. Der kann lachen. Eltern hat sie
-nicht mehr, er braucht auf kein Erbe zu warten. Sie hat alles schon in
-Händen. Der Kommerzienrat Falkner war ihr Vater; er hat sie sich aus
-München geholt, der Herr, mein’ ich.«
-
-»Falkner?« Grau hielt sich am Werktisch, mit zitternden Händen. »Ja,
-was ist da Besonderes? Was haben Sie, Mann?« – »Ach, nichts, so’n
-bißchen Schwindel.« Er drückte die aufsteigende Erregung nieder.
-Und dann fegte er weiter, mechanisch. Wie ihm die Gedanken im Kreis
-gingen, im Wirbel. Das war seine Tochter, seine. Sie wurde nun seine
-Brotherrin. Wenn er nun aufstünde und zu ihr hinginge und sagte: »Ich
-bin dein Vater!« Und ihr alles erzählte von dem kleinen Häuschen und
-von dem Korb, in dem sie als Wickelkindchen gelegen hatte, von ihrer
-toten Mutter, der sie so ähnlich sah wie keine ihrer Schwestern. Ja,
-und von ihren Schwestern und Brüdern. Zwei Schwestern arbeiteten in
-einer Spinnerei und eine war Falzerin in einer Buchbinderei. Und die
-Brüder? Ja, einer von ihnen war gleichfalls hier im Geschäft, war
-auch »ihr« Angestellter. Aber das ging ja nicht. Es war ja solch eine
-große Kluft befestigt zwischen ihnen allen und ihr. Er hatte sie ja
-hergegeben. Sie hatte von ihm nichts empfangen, als das Leben. Er
-hatte kein Recht an sie. Und doch wallte es so warm und weich auf in
-dem alten Herzen. Als wäre das Teil der Zärtlichkeit, das diesem Kinde
-gebührt hätte, seither in der Ecke dieses Herzens gelegen und erhebe
-sich nun und walle der Tochter entgegen. Er hatte nie besonders viel
-Zärtlichkeit auf seine Kinder verwenden können. Was man so Zärtlichkeit
-heißt. Die hatte sich bei den andern immer in die Sorge ums Brot
-und die Kleidung und dann, so gut sich das tun ließ, ums Fortkommen
-umsetzen müssen. Es war auch Liebe gewesen, rechte, echte, wenn man sie
-gleich nicht beredete und kaum bedachte.
-
-Sie, die nun so plötzlich wieder in seinen Lebenskreis getreten war,
-bedurfte dieser Art von Liebe nicht, und wohl auch des stillen und
-hellen Flämmleins nicht, das der Alte so warm in seinem Herzen brennen
-fühlte. Er mußte es für sich behalten, das ging nicht anders. Es war
-ein Glück und ein Leiden in dem alten Mann, und niemand wußte es.
-
-Und heute war Hochzeit. Oben auf der Empore stießen ein paar junge
-Arbeiter, die der Fürwitz hergeführt hatte, einander an. »Guck, der
-alte Grau. Da sitzt er, ganz breit und preislich, unten. Der ist wohl
-eingeladen? Der will sich wohl zeigen?« Und dann lachten sie und nahmen
-sich vor, ihn heut nachmittag damit zu necken.
-
-Die Orgeltöne brausten durch den mächtigen Raum, wie auf gewaltigen
-Flügeln. Der Alte vergaß, daß er nicht dazu gehöre. Er war von seiner
-Gedankenwanderung zurückgekehrt, und nun war seine ganze Seele
-dabei. Dort vorne, um den Altar her, hatte sich die bunte, festliche
-Gesellschaft versammelt, und nun schritt das junge Paar herein.
-
-»Hebe deine Augen auf zu den Bergen, von welchen dir Hilfe kommt.«
-Irgend ein unsichtbarer Chor sang es. Es klang wie linde, tröstliche,
-ermunternde Mutterworte. Der Alte verstand den Text nicht so ganz. Er
-hatte auch nicht viel Übung darin, die Augen aufzuheben, aber seine
-Seele, die viel im Staub und in den Niederungen des Lebens wohnte,
-versuchte doch, sich ein wenig in die Höhe zu heben. Es ging schwer.
-Er tat seine harten, schwieligen Hände ineinander und stand auf,
-als die Hochzeitsgesellschaft sich zum Gebet erhob, und versuchte
-mitzubeten. Aber er hatte seine eigene Sprache dabei. »Lieber Gott,«
-sagte seine Seele, »die Anne wird mir bös sein, daß ich das Kleine
-hergegeben hab. Und ’s ist auch hart, daß ich muß so fremd sein und
-doch in der Nähe. Ich möcht mir’s gern recht sein lassen, wenn’s ihr
-nur gut geht. Sie hat so ein liebes Gesicht. Mach nur, daß ich still
-bin, und niemand nichts sag’ und sie nicht störe. Und ich bin auch
-gar allein jetzt, seit die Kinder groß sind. Aber darein muß man sich
-halt schicken.« Er hätte vielleicht noch viel zu sagen gehabt, aber
-es liefen ihm jetzt ein paar ungewohnte Tränen über die Backen, er
-mußte sie wegwischen, und dann konnte er nicht mehr für sich allein
-weiterreden, denn nun stand das Brautpaar vor dem Altar. Da ging alles
-Denken unter in einem großen, feierlichem Gefühl.
-
-Und dann war es vorüber. Die Wagen rollten davon, die Schaulustigen
-zerstreuten sich, und der alte Mann ging seinen stillen Weg nach dem
-Geschäft. Er hatte heute das Mittagessen versäumt, um hier sein zu
-können. Nun stand immer ein liebliches, junges Gesicht vor ihm, das
-aus weißen Schleierwolken blickte und vor Glück und Liebe leuchtete.
-Er war daneben gestanden, als das junge Paar in den Wagen gestiegen
-war. So nah und doch so weit weg. Der Pfarrer hatte in der Traurede
-davon gesagt, daß die Braut heute die Eltern zu vermissen habe, und der
-Bräutigam den Vater, und daß das die Freude des Tages beeinträchtige.
-Die alte Frau Bruckmann, die Bräutigamsmutter, hatte dabei geweint, und
-ihm, dem alten Grau, war es durch und durch gegangen: »Sollst hingehen
-und sagen, daß du da bist. Nun die anderen davongegangen sind, denen du
-sie gegeben hast.« Aber dann rief er sich zur Ordnung. Was waren das
-für närrische Gedanken. Sie lebte in einer ganz anderen Welt als er. Da
-gab es kein Herüber und Hinüber. So war er still, und das mußte er ja
-wohl immer bleiben.
-
-Wie sie ihn neckten in der Fabrik. »Was, nicht beim Hochzeitsessen?
-Und bist so schön in der Nähe gesessen. Hättest einen Frack entlehnen
-sollen, Grau, dann hättest Brautführer werden können.« Er lächelte
-so eigen vor sich hin bei all dem. Da machten sie aus, daß er in die
-junge Frau verliebt sei und hechelten ihn weidlich durch mit gröblichen
-Scherzen. Die gingen wie ein Lauffeuer durch die Fabrik. Der Sohn hörte
-sie, und der Schwiegersohn. Die beiden waren in einer anderen Halle
-beschäftigt. Aber am Feierabend kamen sie herüber und sagten, lachend
-und ein wenig ärgerlich: »Was machst du auch für Geschichten, Vater?
-Machst dich ja zum Gespött.«
-
-Es sah dem Alten gar nicht ähnlich; sie konnten nicht recht klug aus
-ihm werden. Der trocknete sich die gewaschenen Hände und schlüpfte
-in den abgetragenen Rock, gleichmütig und still, und hatte so einen
-merkwürdig aufgehellten Zug um Mund und Augen. Aber zu erklären hatte
-er nichts. »Hm,« sagte er, »was tu’ ich denn? Laß sie doch reden. Allen
-Leuten recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.« Das war schon
-eine lange Rede von ihm. Er war noch wortkarger und schwerfälliger
-geworden die letzten Jahre, die er nun allein lebte.
-
-Da ließen sie ihn und gingen nach Hause. Und auch er ging seines Weges
-und straffte die nach vorn gebeugten Schultern ein wenig, ohne daß er’s
-wußte. Das war, weil ihn so etwas Schönes, Junges gestreift hatte, so
-ein Stück von seiner eigenen Jugend, das unberührt geblieben war von
-der Mühsal der Arbeit und Sorge.
-
-Das ging nun so neben ihm her. Das setzte sich ihm in seiner Kammer
-gegenüber auf einen der Bretterstühle und fing an, mit ihm zu reden. Er
-war in seinem Leben nicht viel mit Poesie und Idealen und dergleichen
-in Berührung gekommen; er kannte sie kaum dem Namen nach. Aber das
-tat nichts. Darum kamen die freundlichen Geister nun doch zu ihm zu
-Gaste, und ihm war, als habe er lange auf sie gewartet. Dazu hatte ihn
-das Alleinsein empfänglich gemacht. Es ist nicht zu glauben, wozu das
-Alleinsein die Leute bereitet.
-
-
-2.
-
-Nun gingen wieder ein paar Jahre hin. In gleichem Schritt und Tritt
-wie die früheren gingen sie dahin, und der alte Grau ging mit ihnen im
-alten Trott. Werktags in die Fabrik, Sonntags manchmal zu einer der
-Töchter oder zu den Söhnen. Es war nur ein wenig weit dahin, wo sie
-wohnten, und es waren enge Wohnungen in menschengefüllten Häusern, wo
-eine Familie dicht an der anderen wohnte bis unters Dach hinauf. Wo
-sie einander in die Töpfe sahen und in die Familienangelegenheiten
-einredeten. Das war nicht recht seine Sache.
-
-»Wenn ich jung wäre,« sagte er, »ich zöge aufs Land. Da kann man für
-sich sein, und der Weg tut den Männern nichts, im Gegenteil.« Er hatte
-so die Meinung, die Frauen könnten dann daheim bleiben, die Kinder und
-das Hauswesen versorgen und noch ein Stück Land dazu anpflanzen. Und
-dabei stand ihm seine Anne vor Augen, die das so gemacht hatte. Es
-war doch eine schöne Zeit gewesen mit ihr. Aber so wollten die Kinder
-nicht. Sie wollten lieber Stadtleute sein, und das Rechenexempel
-des Alten stimmte ihnen nicht. Wenn zwei verdienen, gibt’s doch mehr
-aus, als wenn nur eins verdient. Und für die Kinder gibt’s allerlei
-Unterkunft, Krippen und Kinderschulen und nachher die Volksschule. Und
-die Gasse ist auch da. Es war ein mühseliges Leben, das sie führten,
-noch viel mühseliger, als es die Anne einst gehabt hatte. Aber sie
-konnten Kleider tragen wie die Vornehmen, am Sonntag wenigstens, und
-so hie und da zu einem Vergnügen reichte es auch. Nein, sie verstanden
-einander nicht so recht, die jüngere Generation und der Alte. So
-kamen sie nicht so oft zusammen, es war einfacher so. Mit den Enkeln
-probierte er’s hie und da; er hatte ein anschlußbedürftiges Herz, und
-es gab warme Stellen darin. Er brachte ihnen Brezeln mit oder Äpfel,
-und am Ostertag Zuckerhasen. Dafür waren sie auch sehr empfänglich.
-Nur mit der Unterhaltung wollte es nicht so recht fort. Sie rissen
-sich los und rannten mit ihren Schätzen auf die Gasse, sobald sie
-konnten. So war er sehr allein, innerlich und äußerlich. Aber es war
-etwas mit ihm gegangen, all die Zeit daher. Er behielt es ganz allein
-für sich. Die anderen hätten ihn einen Narren gescholten, wenn sie es
-gewußt hätten, oder, was noch schlimmer wäre, sie hätten ihn gezwungen,
-Kapital daraus zu schlagen. So blieb es sein Geheimnis. Er hatte
-nicht besonders viele Fertigkeiten erworben in seinem Leben, aber zu
-schweigen hatte er wohl gelernt. So viele Jahre in dem betäubenden Lärm
-der Maschinenhalle, und auf den einsamen Gängen hin und her, und in
-der stillen Kammer am Abend, da wird einer in sich hinein geschlossen.
-Und nun trieb und lebte da innen etwas ganz Neues. Etwas, das ihn
-manchmal vor sich hinlächeln machte. Das sah merkwürdig genug aus auf
-seinem zerarbeiteten Gesicht. Wie wenn ein Sonnenstrahl auf einem alten
-Weidenstumpf liegt; man weiß nicht, was auf einmal so besonders Schönes
-an dem verwitterten Strunk ist. Die anderen Arbeiter sahen es und
-lachten. »Er kommt in die zweite Kindheit,« sagten sie. Das war auch
-wahr, sie wußten nur nicht wie.
-
-Der Alte hatte seinen Nachhauseweg etwas geändert. Der neue Weg war
-ein wenig weiter, aber das tat nichts. Er führte ein Stück weit über
-leere Bauplätze, zwischen Schutthaufen und wuchernden Brennesseln.
-Das war so am Rand der Stadt, die einen Ring um den andern um sich
-herum schloß. Links unten lag in einer Senkung die Vorstadt, und
-dahin führte ein schmales Weglein zwischen hohen, dunklen Hecken an
-alten, wohlgepflegten Gärten vorbei. Einer dieser Gärten war’s, um
-den er den Umweg machte. Es stand ein Haus darin, wie in beinah’
-allen, man sah aber hier nur die Rückseite und auch die durch die
-Bäume halb verhüllt. Eine Veranda, ein paar grüne Fensterläden, ein
-Stück weiße Wand und ein Schieferdach. Es war nichts Besonderes daran.
-Nur, seine Tochter wohnte darin. Der Vater war am Anfang nicht oft
-diesen Weg gegangen, nur so hie und da, von seinen suchenden Gedanken
-unwillkürlich hingezogen. Der Garten lag meist leer und still; einmal
-war an einem Sonntagnachmittag allerlei fröhliche Gesellschaft unter
-den Bäumen zu sehen gewesen, Lachen und Plaudern und lichte Kleider,
-Hängematten zwischen den Bäumen; er ging leise weiter. Das war nichts
-für ihn. Er hatte auch seine Frau Prinzipalin nicht entdecken können.
-An einem warmen Sommerabend hatte er sie gesehen. Das Licht brannte
-in der Veranda, es warf einen milden Schein in den Garten hinaus. Und
-zwei Menschen standen in seiner Helle, eng aneinander geschmiegt. Die
-Frau trug ein helles, fließendes Gewand, sie sah mit Lächeln zu ihrem
-Gatten auf; er redete irgend etwas zu ihr, das konnte man aber nicht
-verstehen. Dann setzten sie sich an den Tisch unter der Lampe. Der Alte
-drängte sein Gesicht an die Zweige der Hecke und lugte durch den Spalt;
-das war wohl ein liebliches Bild, das er sah. Aber es gab noch ein viel
-lieblicheres, das brachte der nächste Frühling, und damals erst fing er
-an, solch eine dauernde Vorliebe für den stillen, grünen Weg zwischen
-den Hecken zu fassen. Im Mai war es; die Luft war voll Vogelgesang und
-die Bäume voll Blüten. Den alten Grau kam es wieder einmal an, durch
-die Hecke zu sehen. Er war lange nicht dagewesen, es war ja nichts zu
-holen für ihn, es war nur so hie und da ein Blick in eine fremde Welt,
-an der nur sein Herz teilhatte.
-
-Es war dem Hause seines Brotherrn ein Sohn geboren, er wußte es wohl,
-es war schon längere Wochen her. Aber er konnte nicht denken, etwas von
-ihm zu sehen, und eigentlich, danach verlangte den Alten auch nicht.
-Nur, wie es ihr ginge, der jungen Mutter, das hätte er gern gewußt. Er
-mochte niemanden im Geschäft fragen, denn die Neckereien hätten sonst
-von vorn angefangen. Daran dachte er, als er durch die grünen Zweige
-sah, den weißen Kiesweg hinauf, der nach dem Hause führte. Da kam sie
-selber hinter einer Gruppe von blühenden Syringenbüschen hervor aus
-einem Seitenweg; sie trug ihr Kindlein auf dem Arm und wiegte es sachte
-und summte ein leises Liedchen dazu. Sie war voller und stattlicher
-geworden, seit er sie als Braut gesehen hatte, und hatte so weiche,
-mütterliche Züge, und aus den Augen leuchtete es. Der alte Grau hatte
-noch nie so etwas Schönes gesehen, oder ja, schon lange, lange. Das war
-ihm damals auch schön vorgekommen, damals, als die Anne seinen Georg
-auf dem Arm gehalten hatte. Er ließ den Zweig fahren, an dem er sich
-hielt, und rutschte, seinen Standpunkt verlierend, in den Graben. Das
-gab ein knackendes, stolperndes Geräusch, und die Hecke schütterte
-etwas. Die junge Frau sah danach hin und dann kam sie vollends näher.
-
-Da rappelte sich der alte Mann auf. Er sah nicht gefährlich aus, es
-war nichts zu erschrecken an ihm, wenngleich es etwas verwunderlich
-war, daß er sich so an der Hecke zu schaffen machte. Sie erschrak auch
-nicht, er hatte so ein gutes, wunderliches Gesicht; und jetzt holte er
-seinen alten Filz aus dem Graben und wollte ganz verlegen weitergehen.
-»Suchten Sie hier etwas?« fragte sie freundlich. – »Ich? Nein, ich, ich
-wollte nur, ich habe da nur so ein bißchen hereingesehen.« Er brachte
-es stolpernd heraus. Das Herz schlug ihm bis an den Hals herauf. Und
-dann kam eine Kühnheit über ihn. »Das Kind,« sagte er, »wenn ich das
-ein bißchen ansehen dürfte.« Seine Stimme zitterte, er war doch ein
-schwacher, alter Mann.
-
-Da war die junge Frau stolz und froh wie eine Königin. Das war ja doch
-natürlich, daß er ihr Kind sehen wollte, das war ja wohl wert, daß man
-durch die dichtesten Hecken sah. Das war ja auch ein Prinz, den man
-sehen lassen konnte. Sie lüftete das Schleiertuch und ließ den Alten in
-all’ die Pracht des zarten, rosigen Kindergesichtchens schauen und sah
-selbst andächtig mit hinein. »Sie haben gewiß auch Enkelkinder?« fragte
-sie, als sie den Schleier wieder zuzog. Ja, das habe er, ja, und er
-danke auch schön, sagte er, und dann stapfte er davon.
-
-Damit hatte es angefangen, das Geheimnis, von dem vorher die Rede war,
-das, was den Alten so vor sich hinlächeln ließ, so oft es ihm einfiel.
-Denn nun hatte er wahrhaftig noch auf seine alten Tage eine stille
-Liebe, eine ganz langsam wachsende, verschwiegene, um die »niemand
-nichts wußte«, ganz wie es im Volkslied heißt, daß eine heimliche
-Liebe sein müsse. Die ging nun mit ihm und stellte mit ihm an, was
-sie wollte, und zimmerte sich irgendwo in seinem Herzen einen ganz
-luftigen, hellen, warmen Raum, und da hauste sie.
-
-Der Gegenstand seiner Liebe wußte lange nichts von ihr, wie das so
-hie und da zu gehen pflegt. Er lag im Kinderwagen und spielte mit
-seinen Händchen, und dann wuchs er nach und nach heraus und machte
-im nächsten Frühling seine ersten Schritte auf strammen, rundlichen
-Beinchen, und hatte um diese Zeit einen steil aufstrebenden, braunen
-Haarschopf über der Stirn. Ein Wunderkind war er nicht, er brauchte
-zu allem seine gehörige Zeit, wie das rechtens war. Eines Tags, als
-er mit zwei Jahren schon selbständig durch den Garten marschierte,
-fiel er über sein Schuhband auf den Kiesweg, rollte wie eine Kugel ein
-paar Schritte weiter und blieb mit mörderischem Geschrei nicht weit
-von der Hecke liegen, hinter der gerade der alte Grau stand und seinen
-Augenschmaus nach dem Mittagessen hielt. Dem zitterte sein altes Herz,
-und wenn er nur gewußt hätte, wie das zu machen sei, so wäre er über
-die Hecke gestiegen trotz der Dornen, die sie trug, oder durch eine
-Ritze gekrochen. Aber das war weder möglich noch nötig. Eine helle
-Stimme rief von der Bank her, die in dem Syringengebüsch stand: »Aber
-so steh doch auf, mein Bub. Komm zur Mutter. Mutter kann nicht kommen,
-und Willy kann selber aufstehen.« Dort drinnen saß die junge Frau und
-hatte die kleine Schwester auf dem Schoß, die so winzig in den Kissen
-lag, wie der Alte den Buben an jenem ersten Tag gesehen hatte.
-
-Da stand der kleine Kegel auf, wischte sich mit den Fäusten die Augen
-und trollte zur Mutter. Er wußte immer noch nichts von seinem alten
-Liebhaber da draußen. Das dauerte noch eine gute Weile. Aber einmal,
-er trug schon die ersten Höschen, da rollte ihm sein neuer, feuerroter
-Ball durch die Hecke und fiel in den Graben, der jenseits von ihr sich
-hinzog, und er wollte gerade anfangen, sich seinem Schmerz hinzugeben.
-Da tauchte ein altes, runzeliges Männergesicht über der Hecke auf.
-»Nun wein’ nur nicht, Büblein,« sagte der Mann. »Ich hol’ ihn dir
-schon;« er bückte sich. »Siehst du, da ist er schon, da hast du ihn.«
-Der Kleine griff begierig nach dem Ball; der Alte keuchte ein wenig
-von dem starken Bücken. »Was tust du da, Mann?« fragte Willy und legte
-die Hände samt dem Ball auf den Rücken. »Ich? O, nichts, ich geh’ ins
-Geschäft,« sagte der Alte. »Mein Vater geht auch ins Geschäft,« sagte
-Willy sachverständig. Er war ein strammer, kleiner Kerl geworden.
-Niemand war weit und breit um den Weg, da dachte der alte Grau nicht
-an seine Schüchternheit. Das Herz ging ihm über. »So, nun gibst du mir
-noch eine Hand,« sagte er, eh’ er ging. »Ich hab dir auch deinen Ball
-geholt.« Durch eine schmale Ritze in der Hecke kam ein vertrauensvolles
-Kinderhändchen und legte sich weich und warm in die harte Hand des
-Alten. Und dann schieden die Freunde, jeder in seiner Art beglückt. Nun
-waren sie miteinander bekannt geworden, man konnte gar nicht wissen,
-was alles noch im ferneren Verlauf ihrer Freundschaft liegen würde; das
-würde wohl alles von selbst kommen.
-
-
-3.
-
-Der alte Grau konnte wohl solch ein freundliches Lichtlein auf seinem
-Weg brauchen. Er war sonst nicht eben freundlich, sein Weg, noch
-weniger als früher. Über den Gewerben hing eine Stockung, da und dort
-wurden Leute entlassen, Streiks schwebten in der Luft; wohin man kam,
-war die Stimmung sorgenvoll, mürrisch und düster. Durch die Fabriksäle
-wisperte es, auch in der Bruckmannschen Gießerei: »Im Herbst sollen
-mindestens fünfzig Mann entlassen werden; es sind keine Aufträge da.«
-Die jungen, kräftigen Leute ging das nicht so in erster Linie an; aber
-die alten, verbrauchteren Kräfte, die man in besseren Zeiten leicht
-ersetzen konnte. Unter ihnen würde man zuerst aufräumen. Der Chef
-ging mit wuchtigen, sicheren Schritten einher, wenn man ihn einmal zu
-Gesicht bekam. Wie einer, der sein Schiff schon zu steuern weiß, sah er
-aus.
-
-»Natürlich,« sagten die Arbeiter, »sein Geld und seiner Frau ihres,
-das läßt ihn schon sicher auftreten. Aber unsereiner.« Es ging manches
-sorgenvolle Gesicht aus dem Fabrikhof. Der alte Grau war auch in trüben
-Gedanken. Er konnte sich nicht recht vorstellen, was aus ihm würde,
-wenn er entlassen werden sollte. Wie auf die Straße gesetzt würde er
-dann sein. Nicht nur des täglichen Brotes wegen erschien ihm das so.
-Wo sollte er denn sein, als in der Fabrik? Da war er sein Lebenlang
-gewesen. Er hatte schon einen Notpfennig. Aber wo war er denn daheim?
-Sollte er in seiner Kammer sitzen? Oder im Wirtshaus? Oder den Kindern
-zur Last fallen? Das lag alles auf ihm. Er war auch so müde, die Füße
-zitterten ihm so sehr. Aber er dachte nicht, daß es ihm gut und nötig
-wäre, auszuruhen, er fürchtete sich nur vor allem Neuen. Den alten
-Trott zu gehen, bis – ja bis es ganz zu Ende wäre, das begehrte er,
-sonst nichts. Oder doch, ja, sonst noch etwas. Jeden Tag das frische
-Kindergesicht zu sehen, das sich so unbegreiflich tief in sein altes
-Herz eingeschlichen hatte. Es war, als sei der Junge die Gabe seiner
-Tochter an ihn. Als dürfe er _ihr_ nicht nahe stehen, ihr nicht, aber
-dem Kind. Er konnte sich das nicht so klar machen, er hatte mehr
-Instinkte, als Gedanken.
-
-So kam der Herbst heran. Die Akazien im Fabrikhof wurden kahl, der Wind
-fegte die gelben Blättchen auf Haufen zusammen. Manch ein Familienvater
-sah mit verlangenden Augen nach den Kohlenvorräten, die der Schuppen
-neben dem Kesselhaus barg; wie nach einem Schatz, durch den man Wärme
-und Behagen ins Haus bannen konnte den ganzen, kalten Winter lang, sah
-er danach hin.
-
-Und dann kam es. Zwanzig zuerst wurden entlassen. Darunter war Grau
-noch nicht. Dann wieder zwanzig. Da traf es ihn auch. Ganz betäubt
-steckte er seine letzte Löhnung in die Tasche und wickelte seine
-öligen, zerrissenen Arbeitskleider in ein grobes Stück Papier. Nun
-mußte er gehen. Nun war er vierzig Jahre hier im Haus gewesen.
-
-»Na, Grau,« sagte der Werkführer. »Für Sie ist’s nicht so schlimm.
-Altersrente bekommen Sie ja anstandslos, und etwas hinter sich haben
-Sie ja sicherlich.« Er klopfte dem Alten auf die Schulter. Er konnte
-ja nichts dafür. »Es sind halt schwere Zeiten; andere sind, die
-trifft’s härter.« – »Ja, ja,« der Alte nickte. »Ja, ja. Das ist denn
-nicht anders.« Er fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen und
-sah in den Hof hinaus. Dort, durch das Eingangstor, kam eben Frau
-Bruckmann herein. Was wußte sie von der Not des Alten? Sie sah frisch
-aus, taghell und fröhlich. Und vornehm sah sie aus in dem dunkelroten
-Tuchkostüm. Den Alten durchzuckte es: »Nun geh hin zu ihr. Nun sag ihr
-alles, ihr allein. Sie läßt dich dann nicht fortschicken.« Und wieder
-vermischte sich ihr Bild mit dem seiner Anne. Er wußte ja nicht mehr
-recht, was er tat, und was er wollte. Er tat ein paar Schritte nach ihr
-hin, die eben dem Comptoir ihres Gatten zuging. Da blieb sie stehen.
-Der Alte kam ihr bekannt vor, vielleicht kam ihr jener Frühlingsmorgen
-in den Sinn, wo sie ihm das Kind gezeigt hatte. »Wünschen Sie etwas?«
-sagte sie freundlich. »Ja, das heißt, ich, ich bin heut entlassen.
-Ich wollte gern – ich muß –« er stockte und verwirrte sich gänzlich.
-Die hellen Tropfen standen ihm auf der Stirn. Da tat er die Hand
-vors Gesicht in Scham und Not. »Grau, sind Sie denn rein unklug?«
-sagte der Werkführer, der eben vorbeiging und glaubte, der Alte wolle
-die Prinzipalin anbetteln oder sich bei ihr über seine Entlassung
-beschweren. »Nein, lassen Sie ihn,« sagte Frau Bruckmann. »Er hat
-irgend einen Wunsch, ich kann ihm vielleicht helfen.« Aber Grau ging
-stumm in die Halle zurück, und nach einer Weile kam er mit seinem
-Bündel heraus. Da war die junge Frau nicht mehr da. Sie hatte sich
-inzwischen belehren lassen, daß hier kein Notfall vorliege und daß der
-alte Mann jetzt schon zuweilen ein wenig kindisch sei.
-
-Der ging seinen Weg mit zitternden Knieen. »Ach, lieber Gott,« sagte
-er, als er durch den Heckenweg schritt, »leicht ist’s nicht, ich weiß
-nicht, wie das werden soll. Aber ich hab’s nicht sagen können, ich
-kann’s ihr auch nicht antun. Und ’s ist doch mein Fleisch und Blut.«
-
-An dem Heckenzaun des Bruckmannschen Anwesens hantierte ein Gärtner mit
-der Schere. Ein schmales Pförtchen nach dem Weg hin stand offen. Der
-Gärtner kannte den Alten, er wohnte in seiner Nähe. »Tag,« sagte er,
-»’s ist windig heut, nicht?« Grau nickte nur, es war ihm einerlei, ob
-es windig sei. Dort in der Schaukel saß sein Augentrost und ließ die
-Beine in die Luft fliegen. Aber nun sah er ihn. »Wart’, ich komme,«
-rief er mit seinem hellen Stimmchen, und dann hielt er die Schaukel so
-schnell als möglich an und rannte den Kiesweg herab. Die beiden waren
-sehr gute Freunde geworden den Sommer über. Sie hatten sich über die
-Hecke hinüber verschiedentlich unterhalten, und noch vorgestern hatte
-ihm Willy einen großen, dunkelroten Apfel geschenkt. Der stand nun
-zu Haus auf der Kommode und war des Alten Stolz. Heut sah ihm Willy
-erwartungsvoll auf die Hände. »Was hast du in dem Paket?« fragte er
-zögernd. Denn sein alter Freund hatte ihm etwas versprochen. »Ich
-bring dir aber auch etwas mit,« hatte er gesagt, als er den Apfel
-annahm. »Wart mal, was kann ich denn?« Und dann war ihm aus vergangenen
-Tagen ein ganz herrliches Spielzeug eingefallen. »Ich bring’ dir eine
-Windfuchtel mit,« hatte er gesagt. Nun stand dem Willy die Windfuchtel
-als das größte Kleinod vor der Seele. Ob sie wohl in dem Paket
-verborgen war? »Ach nein.« Der Alte war beschämt. Er hatte nicht mehr
-an das versprochene Spielzeug gedacht vor lauter Herzensschwere. »Ich
-mach’ dir’s, mein Bub. Zu Haus in meiner Kammer, da mach’ ich dir’s,«
-sagte er. Willy war ein wenig enttäuscht; warten war nicht seine starke
-Seite. »Wo ist das, wo ist deine Kammer?« fragte er. »Machst du’s heut
-noch? Bringst du mir’s?« Das war ein bißchen viel auf einmal gefragt,
-der Alte konnte nicht so schnell nachkommen. »Dort, den Weg hinunter,«
-sagte er, und zeigte mit der Hand hin. »Wo die Häuser anfangen, dann in
-ein Gäßle hinein, und dann linker Hand das Haus mit dem Dachreiter, das
-ist’s.« Ein Haus mit einem Dachreiter. Das gab neuen Stoff zu Fragen
-und zu schwerfälligen Antworten. Der Gärtner schüttelte den Kopf.
-»Jetzt nimmt mich’s doch auch Wunder, was die zwei aneinander haben.«
-Dann ging der alte Grau davon, und Willy hüpfte wieder nach seiner
-Schaukel zurück.
-
-Es kamen ein paar Regentage, an denen der Sturm im Garten hauste
-und dürre Zweige von den Bäumen riß. Klein-Willy war bei Mutter und
-Schwester in der Stube und sah nicht den alten Mann, der geduldig
-und sehnsüchtig harrte, ob kein kleiner Bub’ an das Heckenpförtchen
-komme, und endlich naß und durchblasen wieder fortging. Er kam einige
-Tage hintereinander, dann nicht mehr. Es hätte seinem hungrigen
-Herzen wohlgetan, wenn er gehört hätte, wie oft im Zimmer droben ein
-ungeduldiger, kleiner Bub’ von seinem Spielzeug weglief: »Mutter, nun
-laß mich nur ein einziges bißchen hinaus. Nun hat er die Windfuchtel
-und ich muß sie holen.« Aber er konnte es nicht hören. Er trug das
-Spielzeug, das er mit vieler Mühe selbst verfertigt hatte, sorglich
-unter dem Rock nach Haus, damit es ja nicht Schaden leide, und blies
-zu Haus mit aller Kraft seiner alten Lungen auf die Rädchen von
-Glanzpapier, daß sie lustig schnurrten, und gedachte morgen wieder
-hinzugehen und zu warten. Was sollte er auch sonst tun? Aber es kam
-wieder ein Morgen, da lag er im Bett und in seiner alten Lunge pfiff
-und schnurrte es auch so, als ob sie zum Abmarsch zu blasen gedenke.
-Und das schien ja auch so zu sein. Der Doktor kam, die Hausfrau holte
-ihn, und schrieb ein Rezept und schüttelte den Kopf, als er mit der
-Hausfrau draußen war. »Da ist nichts zu wollen. Gänzlich verbrauchte
-Kräfte, es gibt eine Lungenlähmung. Hat er wohl Verwandte?« Ja, das
-hatte er. Eine der Töchter kam, sie versäumte zwei Taglöhne um den
-Vater und pflegte ihn, so gut sie es verstand. Er war auch so mild
-und weich. »Aber recht bei sich ist er nicht,« sagte die Tochter, als
-am Abend die anderen kamen. »Immer redet er vor sich hin. Von einem
-kleinen Buben, ich weiß nicht, von welchem. Man muß ihm dieser Tage
-einmal die Kinder bringen, das wird’s sein.« Es war ihnen allen auch
-ernst zumute, sie konnten es nur nicht so zeigen. »Laß ihm nichts
-abgehen,« sagten sie. »Champagner, wenn’s sein muß. Wiewohl, helfen
-wird’s nichts.« Dann gingen sie wieder.
-
- * * * * *
-
-»Was ist das denn für ein Spielzeug, nach dem der Junge immer verlangt?
-Und für ein ›braver Mann‹? Kauf ihm doch etwas Anderes, Margarete, daß
-er zufrieden ist,« sagte Herr Bruckmann, ehe er ins Geschäft ging. Der
-Regen hatte aufgehört und die Luft war windstill. »Hörst du, Willy,
-ich bringe dir etwas mit. Möchtest du eine Lokomotive haben? Oder
-magnetische Entchen, die du auf einer Waschschüssel schwimmen lassen
-kannst?« fragte der Vater beim Gehen. Aber Willy fragte nichts nach
-dem allen. Eine Windfuchtel hatte ihm sein alter Freund versprochen,
-und eine Windfuchtel war das Allerbegehrenswerteste, das es nur geben
-konnte. Aber der alte Grau kam nicht an die Hecke, so oft auch sein
-Liebling an diesem Tag nach ihm aussah. »Mutter, ich weiß, wo der brave
-Mann wohnt,« sagte Willy am Nachmittag. »Es ist ein Reiter auf seinem
-Haus, er hat mir’s gesagt.« – »Wenn er den alten Grau meint,« sagte
-der Gärtner, der gerade in der Nähe war, »der kommt nicht mehr. Der
-ist schwer krank. Er ist dieser Tage ein paarmal dagewesen. Weiß kein
-Mensch, warum er so an dem Willy hängt. Aber jetzt ist er krank und
-kommt nicht mehr davon. Das hat ihm vollends den Treff gegeben, daß er
-entlassen worden ist. So wie der an unserem Haus hängt, ’s ist nicht zu
-glauben.«
-
-Da stand vor der jungen Frau wieder das verstörte, bittende
-Greisengesicht von neulich und rührte ihr weiches Herz noch einmal.
-»Mutter, laß mich hinlaufen, bitte. Mutter, ich finde gut den Weg, ich
-komme gleich wieder,« bettelte Willy, immer wieder. Da faßte sie einen
-raschen Entschluß. Er war nicht so ungeheuerlich, wie er ihr selbst
-vorkam, sie war so etwas nur gar nicht gewöhnt. Aber nun tat sie es
-doch. »Wir gehen zusammen hin, Willy, und besuchen deinen braven Mann,«
-sagte sie. Und dann schritten sie selbander den Heckenweg hinunter, den
-der alte Grau so oft mit verlangendem Herzen gegangen war und suchten
-in der Vorstadtstraße das Haus mit dem Dachreiter und traten in die
-Kammer des Alten ein. Der saß, von Kissen gestützt, im Bett, und atmete
-schwer. Ein Lächeln ging über sein Gesicht, als er die beiden sah. Nun
-kamen sie zu ihm, nun sollte er doch noch teil an ihnen haben. Es war
-ihm, als habe er lange auf diese Stunde gewartet. Es war auch hohe
-Zeit, daß sie kamen, denn nun ging er davon und war fürder nicht mehr
-alt und einsam. Das Fenster war ein wenig geöffnet, und in dem leichten
-Luftzug, der dadurch entstand, drehten sich die roten und blauen
-Rädchen des Kinderspielzeugs, des letzten Werks, das seine alten Hände
-vollbracht hatten.
-
-»Mutter, das ist sie. Das ist die Windfuchtel,« rief Willy und
-streckte verlangend die Hände danach aus. Es war eine junge Frau in der
-Stube, die kam etwas verlegen und mit Staunen den Besuchern entgegen.
-»Das ist eine Ehr’, daß sie selber kommen,« sagte sie. Da standen die
-beiden Schwestern, die nichts voneinander wußten, einen Augenblick
-nebeneinander. Sie waren einander nicht ähnlich, ihr Lebensweg war zu
-verschieden gewesen. Aber dem Alten war es doch, als könne er nun der
-Anne sagen, daß sie alle einmal zusammenkommen. Es vermischte sich
-alles wunderlich in seinem schwachen Kopf, und nun streckte er die
-Hand aus und strich der feinen, jungen Frau übers Gesicht. »Du Kind,«
-sagte er, »jetzt bist du doch noch gekommen. Wir gehören doch zusammen.
-Ich sag’s auch der Mutter. Ich bin immer still gewesen, aber jetzt
-muß ich’s sagen.« Es lag ein froher Ausdruck auf seinem Gesicht. »Das
-Kind,« sagte er noch einmal, »das Kleinste.« Frau Bruckmann war einen
-Augenblick erschreckt zusammengezuckt unter der liebkosenden Berührung
-des Alten. Sie kam ihr so unerwartet. Aber dann faßte sie sich; sie war
-tapfer und liebevollen Herzens und sah freundlich in das alte Gesicht.
-»Ach, entschuldigen Sie nur,« sagte die junge Arbeiterfrau in großer
-Verlegenheit, »der Vater redet irre, er weiß nicht mehr recht, was er
-tut und sagt. Nehmen Sie’s nur nicht übel.« Nein, das tat sie nicht.
-Es war ihr so wunderbar zumute, so ernst und feierlich, und so warm
-dabei. »Komm her, Willy,« sagte sie, »gib deinem braven Mann die Hand.
-Er geht weit fort, er kommt nun nicht mehr zu dir.« Der Kleine hatte
-nur eine Hand frei, in der anderen trug er das Spielzeug; wie eine
-Fahne trug er es. Aber die eine Hand, die streckte er seinem alten
-Freund willig hin; das hatte er vordem oft getan. »Warum gehst du
-fort?« fragte er. »Wo gehst du hin?« Aber der alte Mann redete nicht
-mehr mit ihm. Er lag müde in den Kissen und lächelte und atmete mit
-einem Male so leis’ und still. »Komm, Willy, er will schlafen,« sagte
-die Mutter, »nun laß uns wieder nach Hause gehen.«
-
-Und dann gingen sie nach Hause, und der alte Grau ging auch nach Hause.
-Mehr ist nicht von ihm zu sagen. Vielleicht hat jetzt seine schweigsame
-Seele reden gelernt. Vielleicht hat er der Anne alles erzählt, und sie
-warten nun gemeinsam, bis die andern nachkommen, alle, auch das Kind.
-
-
-
-
-Sein Geburtstag
-
-[Illustration]
-
-
-Die Lichtleskirch nannten sie es im Städtlein, das, was jetzt eben
-unter Orgelton zu Ende ging, und was eine Stunde lang alles, was Kinder
-hieß in Hohenstadt, glücklich und strahlend um zwei hohe Bäume und um
-viel brennende Lichtlein versammelt hatte.
-
-So lange sie drin waren in der hohen, alten Kirche, hatten die Englein
-geschafft, daß es Christtag werden konnte. Den Schnee hatten sie schon
-zuvor hergerichtet droben am Himmel, da war eine schwere, grauweiße
-Wolke gehangen, und als sie drinnen anfingen zu singen: »Fröhlich
-soll mein Herze springen,« ließen sie draußen anfangen zu schneien.
-Es wurde ganz, wie es sein mußte; ein weicher weißer Teppich auf dem
-alten, holperigen Pflaster, eine dicke, flockige Haube auf jedem der
-hohen, spitzigen Giebeldächer, und geschwind in der Schnelligkeit noch
-eine Verzierung auf allen vorspringenden Fenstersimsen, Läden, Altanen
-und Staffeln. Der verwitterte Brunnenmann, der Neptun mit seinem
-abgebrochenen Dreizack in der Hand, lachte unter einer Pudelmütze
-hervor, und als das die Englein sahen, da fingen sie auch an zu lachen,
-denn sie waren ohnedies schon nahe daran gewesen.
-
-Als die Kirchtüren aufgingen und es herausquoll von jungem Leben,
-von lauter Menschenkindern und von ihren Müttern, die zu dieser
-Stunde gerade so jung waren wie die Kinder auch, da huschten die
-Englein schnell in das dunkle Eck, unten im Glockenturm, wo die Seile
-zum Läuten hingen, und horchten nur von dort hinten vor auf die
-leuchtenden, freudigen Stimmlein der Kinder. »Mutter, guck, der viele
-Schnee!« »Halt, Mutter, mir ist mein Lebkuchen hinuntergefallen, jetzt
-ist er ganz verzuckert.« »Mutter, das Luisle hat sein Verslein nicht
-mehr recht gewußt.« Mutter hier und Mutter da. So muß es auch sein am
-heiligen Abend; da müssen lauter Mütter und Kinder beisammen sein. Und
-solche, die Kinder geblieben oder wieder geworden sind, und solche, die
-es heut abend gern sein möchten, und solche, die die Menschen liebend
-anschauen, wie Mütter ihre Kinder.
-
-Der junge Pfarrverweser kam aus der Sakristei heraus und ging durch
-die niedrige Tür ins Freie. Er hatte sonst auch ein Kindergesicht,
-wenigstens sagten das die Frauen im Städtlein, die ihm aus Fenstern
-und Türen mütterlich nachsahen. Aber jetzt gerade hatte er keins. Er
-trug den Hut in der Hand und ließ sich die Schneeflocken, die jetzt
-seltener fielen, auf das dunkle Haar sitzen. Die Stirn hatte er ein
-wenig zusammengezogen, es gab drei steile, gerade Falten, die zeugten
-davon, daß es noch nicht recht Christtag bei ihm geworden war, obgleich
-er aus der Lichtleskirch kam. Das brauchte aber niemand zu sehen, darum
-ging er nicht über den Marktplatz und nicht durch die Gassen, sondern
-stieg den steilen Hang hinauf, der gleich hinter der Kirche beginnt
-und in den Wald führt. Dort oben am Waldrand stand eine mächtige Eiche
-mit weitausgereckten Armen. Eine Steinbank stand darunter und beide,
-die Eiche und die Bank, trugen viele eingeschnittene Namen derer, die
-hier oben schon Schatten, Stille und einen weiten Ausblick ins Land
-hinein gefunden hatten. Dorthin ging der Pfarrverweser jetzt auch. Er
-war schon oft auf der Bank gesessen. Im Herbst war er nach Hohenstadt
-gekommen, da hatte er den Wald sich färben sehen und hatte gesehen, wie
-die Leute ihre Gärten und Krautäcker da unten am Hang einherbsteten.
-Dann war er im Blätterwirbel, im Novembersturm gegangen und rings um
-ihn her war das rote, braune und gelbe Laub auf die Erde gesunken;
-er hatte sich ein kindliches Vergnügen daraus gemacht, über den
-farbenprächtigen, raschelnden Teppich hinzuschreiten. Nun war der Weg
-und die Bank verschneit und alles Lebendige war zugedeckt, wenn auch
-nur mit einem leichten, weißen Tuch.
-
-Als er oben war, hatte das Schneien aufgehört. Über der jenseitigen
-Höhe stand schon, von einem breiten Riß in der Wolkenscheibe
-freigegeben, ein blasser Stern, und nun kam auch die Mondsichel heraus.
-Unten im Städtlein erglänzte da und dort eine Fensterscheibe, eine
-Straßenlaterne. Es wollte Abend werden, heiliger Abend.
-
-Aber hier oben war es nicht heiliger Abend, noch nicht. In ihm selber
-nicht. Er hatte noch keine Predigt für morgen; oder ja, er hatte eine,
-ein trockenes, seelenloses Gemächte, er konnte sie nicht halten. Als
-es ihm in all den letzten Tagen nicht glücken wollte, da hatte er
-zuerst die für den zweiten Feiertag gemacht, dann die nächste. Die
-lagen geschrieben in seinem Pult. Aber eine Christfestpredigt, die
-fehlte ihm noch. Es war so schwer, sie zu machen, und so schwer, sie
-zu halten. Ja, mit den Kindern vorhin, da hatte er leicht und fröhlich
-reden können. Sie waren mit freudeglänzenden Augen rings um den Altar
-her gesessen und hatten ihre Lieder gesungen, daß es schallte, und als
-er nachher mit ihnen die Weihnachtsgeschichte durchsprach, da war immer
-ein helles Stimmlein eifriger als das andere.
-
-»Hat’s denn die Hirten auf dem Feld draußen nicht gefroren?« »Nein.«
-»Warum denn nicht?« »Weil sie so eine große Freude gehabt haben.«
-»Warum haben sie denn so eine große Freude gehabt?« »Weil der Christtag
-gewesen ist.« »Ja, woher haben sie denn das gewußt?« »Der große Engel
-hat’s zu ihnen gesagt.« »Was hat er denn gesagt?« »Er hat gesagt, das
-Christkindle liegt schon im Stall drin.« »So? und wer ist denn das
-Christkindle?« »Der liebe Heiland.« »Kann mir denn eins sagen, wie der
-Engel gesagt hat?« Das konnte nicht eins, das konnten dreißig und mehr.
-
-Ach, wie herzerfreulich war doch das. Die Mütter, das sah man ihnen an,
-sagten es im stillen mit, und er selber sagte es im stillen mit; es war
-lauter Freude.
-
-»Waren denn noch mehr Engel da?« »Ja, eine ganze Schar.« »Hat man sie
-denn gesehen?« »Gesehen und gehört.« »So, wie denn?« »Sie haben so
-arg schön gesungen.« »Könnet ihr denn auch so schön singen?« Freilich
-konnten sie das. »Ja, dann singet’s einmal.« Da wurden die alten
-Kirchenmauern auch vergoldet wie damals die nächtlichen Felder durch
-die klingenden Stimmlein, die lobeten Gott und sprachen: »Ehre sei Gott
-in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!«
-
-Und sie geleiteten die Hirten hinein in das schlafende Städtlein, und
-er wehrte den Kindern nicht, daß sie ihnen ein Lämmlein, ein weißes,
-wolliges, mitgaben für das Kindlein, und sie standen vor dem Stall,
-über dem der goldene Stern mit dem langen Strahlenschweif glänzte, und
-gingen hinein, da lag das Kindlein, und seine Mutter war da und der
-alte Vater Joseph und das Öchslein und das Eselein. Das alles hatten
-die Kinder schon hundertmal gesehen; es war auf den Bildchen so, die
-sie heut geschenkt bekamen, und stand in Holz und in Wachs nachgebildet
-daheim unter dem Christbaum. »Woran haben sie denn das Kindlein gekannt
-und seine Mutter?« »Sie haben einen goldigen Schein um den Kopf herum
-gehabt.« »So, so, und dann auch an dem Kripplein, gelt und an den
-Windeln?«
-
-Er hatte ihnen nichts gewehrt von all dem Glast und Schein; er hatte
-selber das Denken vergessen vor lauter herziger, weihenächtlicher
-Freude an der Freude der Kinder.
-
-Aber es war gewesen wie in einem schönen, schönen Märlein, und nun
-strich der kalte Hauch aus der Welt der Erwachsenen über ihn hin. Was
-sollte er den Großen sagen? denen konnte er das nicht erzählen. Er
-hatte nichts für sie, und wenn er sich recht besann, dann hatte er auch
-nichts für sich.
-
-Wenn das Denken nicht wäre! Aber das ist eben, und eigentlich möchte
-man es ja auch nicht anders haben. Nur daß der goldige Glanz davor
-erbleicht, der einen als Kind so gefreut hat, der ganze Zauber, der
-um den Christtag herum ist. Aber so geht’s: zuerst erfährt man’s, daß
-alles das Schöne, vom Christbaum an, nicht direkt vom Christkindlein
-kommt, sondern von den Eltern; dann, nach und nach, geht’s ans
-Christkindlein selber, dann löscht ein Lichtlein ums andere aus. Was
-soll man dann so Besonderes predigen?
-
-Da fiel ihm ein Brief ein, den ihm voriges Jahr um diese Zeit seine
-Schwester geschrieben hatte. Sie war eine fröhliche Kindermutter, und
-sie hatte ihn immer besonders gut verstanden.
-
-»Er ist der Schönste und Liebste,« schrieb sie, »und es gehört sich,
-daß man sich an seinem Geburtstag freut. Darum machen die Mütter den
-Kindern ein Fest, und Alle, die einander lieb haben, machen einander
-ein Fest, weil er geboren worden ist und weil es gut für uns ist, daß
-er gekommen ist.«
-
-»Ja, ja, Maria,« dachte er für sich hin, als es ihm einfiel, »du
-hast gut freuen, wenn dich deine sechs Kinderaugen ansehen, – nein,
-acht sind es jetzt, seit dir das Kleinste in der Krippe, will sagen
-in der Wiege liegt. Ich möcht’ auch dabei sitzen und mich nicht
-besinnen müssen, was wahr ist und was dazu erfunden. Die Mutter wäre
-dann auch da. (Denn die Mutter wohnte bei der Schwester; sie war ein
-wenig kränklich, und dann brauchte man sie auch als Großmutter ganz
-notwendig.) Ich aber, ich soll etwas Freudiges geben und habe doch
-nichts. Ich bin nicht froh, Maria.« Aber leis wiederholte sich doch das
-Wort in ihm: Es ist gut für uns, daß er gekommen ist. – »Ja, ja, aber
-man sollte still sein dürfen, bis einem die Freude darüber das Herz
-füllt und überläuft, daß man es dann sagen _müßte_. Dann könnte man den
-goldigen Schein und das Engelsingen gut vermissen, es täte dann nichts.
-Man sollte froh sein, wenn man eine Christtagspredigt macht, tief innen
-drin froh.«
-
-Drunten im Städtlein glänzten nun immer mehr helle Fensterscheiben auf.
-Die Kirche, die lag jetzt schwarz und schwer im Dunkeln, daneben war
-das Pfarrhaus, man sah es nur von hinten hier oben. Es hätte ja auch
-keine hellen Fenster gehabt, wenn man es gesehen hätte. Es war niemand
-drin. Frau Beseler, das Pfarrhausfaktotum, die ihm die nötigen Dienste
-tat, die war nun bei ihren Enkelein am anderen Ende des Städtleins. Er
-wußte schon, wie es war, wenn er hinunter kam. Die Studierstube war
-warm, die Lampe stand zum Anzünden bereit, auf dem Tisch stand der
-Spirituskocher zum Teemachen und irgend etwas Kaltes zum Essen lag
-dabei: das war immer so und es genügte ihm auch sonst; aber es war
-nicht christtäglich. »Daran will ich jetzt nicht denken; wenn mir nur
-etwas Frohes einfiele, etwas Wahres für die Großen. Etwas, das nicht
-nur so geredet ist, etwas, das ich ihnen schenken kann, weil ich’s auch
-geschenkt gekriegt habe.«
-
-Droben am Himmel brannten jetzt die Sterne, da ein Häuflein und dort
-eins, zwischen Wolken heraus. Der ganze Wald stand schweigend da, als
-ob er auch den Atem anhielte und wartete, ob der junge Pfarrverweser
-etwas geschenkt kriege. Der sinnierte weiter. »Einen Brief werde ich
-antreffen, wenn ich hinunterkomme, von der Mutter einen, und vielleicht
-auch von Maria. Und, wer weiß, ein Paket. Es sind selber gestrickte
-Strümpfe drin, und Springerlein und Lebkuchen, und vielleicht eine
-Pelzkappe; die habe ich mir gewünscht. Und sie schreiben mir, daß sie
-mich vermissen am Christtag, und daß man nun eben von Weitem in Liebe
-aneinander denken müsse, und so weiter. Nun will ich hinunter gehen und
-den Brief lesen, den Lukas einst geschrieben hat und der aus so ferner
-Zeit zu uns herüberredet, und – und will vor mich hinsagen: Es ist gut
-für uns, daß er gekommen ist; man muß sich freuen, weil sein Geburtstag
-ist.«
-
-Aber er stieg nicht schnell und nicht mit der leichten Schwingung, die
-die Freude gibt, hinunter. Nun war er an der Kirche. »O du Haus, du
-Sorgenhaus!« Er sagte es aber nicht ohne Liebe; er hatte einen Zug zu
-dem Haus, nur freilich, Sorgen machte es ihm ja dennoch. Nun um die
-Ecke und –
-
-Das war aber doch sonderbar, da waren die drei Fenster seiner
-Studierstube hell, viel heller, als sie sonst schienen, wenn die
-Stehlampe brannte. Sollte Frau Beseler da sein? sie hatte sich aber
-doch ausdrücklich verabschiedet für den Abend. Da stieg er die dunkle
-Treppe hinauf und durchschritt den mächtigen Oehren, in dem ein kleines
-Lämpchen brannte, und machte die Stubentür auf, – da saß in dem großen
-Lehnstuhl, den er von seinem Großvater ererbt hatte, ein kleines, altes
-Fraulein, das er so gut kannte, so gut. »Mutter, du.« Da lag auch schon
-der Hut auf dem Tisch, und der starke junge Mann hatte die alte Frau
-auf dem Arm und drückte sie an sich, wie eine Liebste, und trug sie in
-der großen Stube umher, bis sie, da alles Zappeln und Schelten nichts
-half, ihn tüchtig ins Ohrläppchen kniff, daß er sie niederlassen mußte.
-Unterwegs hatte sie die großen weichen Schuhe verloren, die ihr viel zu
-weit und zu lang waren. »Hast du meine Hausschuhe gefunden, Mutter?«
-»Ja, unter dem Bett den einen und unter dem Waschtisch den anderen.
-Du hast sie hinten hinuntergetreten, sie sehen bös aus. Ich habe in
-der Lichtleskirch kalte Füße bekommen.« »In der Lichtleskirch, Du?«
-»Ja, ich, – ich bin gleich vom Zug aus hineingegangen, ihr habt grad
-gesungen: O du fröhliche.«
-
-»Daß Du gekommen bist, daß Du gekommen bist!« Er saß jetzt auf dem
-Boden vor ihrem Stuhl und hatte sein allerhellstes Knabengesicht.
-»Ja, gelt, da staunst du. Aber ich habe müssen, es hat mir keine Ruh’
-gelassen. Immer hab’ ich gedacht: wir sind da so schön beisammen und
-freuen uns, und der Paul ist ganz allein.« »O Du, Du Mutter.« »Und die
-Maria hat auch noch geschoben. So leid mir’s tut, hat sie gesagt, wenn
-du nicht da bist am Christtag, so mußt du doch gehen. Ich spür’s, er
-ist nicht vergnügt, hat sie gesagt. Bist du’s?« Sie schob ihn ein wenig
-von sich und sah ihm in die Augen. »Wenn du da bist, Mutter.« »Nein,
-sag.« »Jetzt sag’ ich gar nichts sonst, als daß ich den Christtag
-spüre, seit ich dich da sitzen sah in dem Stuhl. Es ist mir wie ein
-Wunder.«
-
-Da gingen seine Augen in der großen Stube umher. Sie war freilich
-heller als sonst, das hatte er von unten herauf richtig gesehen. Zwei
-große, dicke Wachslichter brannten auf dem Schreibtisch und zwei auf
-dem Eßtisch und in der Ecke an der Wand steckte ein Weißtannenzweig
-mit vier weißen Lichtlein. Sie brannten still und hell und das
-Wachs und die Tannennadeln rochen nach Weihnachten. »Nachher mußt
-du ein wenig hinausgehen, wie ein kleines Kind, ich muß dir deine
-Bescherung richten,« sagte die Mutter, »ich habe einen schweren
-Reisesack mitgebracht. Sieh, da steht er.« Es war alles so unsäglich
-heimelich. Der Reisesack war von dunkelgrünem Plüsch und hatte schon
-so viel erlebt, daß man ganze Bücher über ihn hätte schreiben können.
-Der Sohn nahm ihn in den Arm. »O, ich spürs, da unten im Eck ist ein
-Schnitzlaib, und da rollt etwas umher, das sind Nüsse und Äpfel. Laß
-mich einmal hineinriechen, Mutter.« »Du Kindskopf, du hast immer noch
-nicht warten gelernt, du willst immer gleich alles sehen und haben.«
-»Ja, das muß ich. Du, Mutter!« »Was?« »Du mußt mir nachher helfen meine
-Predigt machen.« »Welche Predigt?« »Auf morgen früh.« »Ja, Kind, das
-ist doch dein Ernst nicht, daß du die noch nicht hast?« fragte die alte
-Frau erschrocken. »Doch, Mutter.« »Aber Bub, du unbegreiflicher Bub,
-und da läufst du noch im Wald herum bei Nacht und Nebel und mußt dafür
-in die heilige Nacht hinein studieren.« »Ich hab’ sie da oben holen
-wollen und hab’ sie nicht gefunden, ich glaube aber, du hast mir eine
-mitgebracht.« Die Mutter schüttelte den Kopf. »Das versteh’ ich nicht,
-Paul. Ich glaub’, die Maria hat rechtgehabt, daß etwas bei dir nicht im
-Blei ist. Ich kann dir nichts helfen beim Studieren, ich bin eine alte,
-einfache Frau. Ich hab’ gemeint, da setze man sich hin und schaffe
-drauf los, bis man’s beisammen habe.« »Sei nur zufrieden, Mutter, das
-tu’ ich sonst auch. Du sollst nur dahinein sitzen in den Lehnstuhl,
-daß ich dich sehen kann, wenn ich mich umdrehe.« »Ja, dann müssen
-wir zuerst zu Nacht essen. Deine Frau Beseler hat mir die Schlüssel
-gegeben, da hab’ ich derweil, bis du gekommen bist, alles gerichtet.
-Hörst du nichts im Ofen protzeln?« »Doch, jetzt, seit du’s sagst.«
-»Riech’ einmal, was es ist.« »Es riecht alles zusammen nach Christtag,
-sonst fällt mir nichts ein.« Da war es ein junges Häslein; es war schon
-gebraten mitgekommen; es mußte nur wieder warm werden.
-
-»Eine Flasche Wein hab’ ich auch mitgebracht, aber wenn du noch
-studieren mußt, wird’s nichts damit sein?« »Doch, Mutter, ein einziges
-Glas, wir müssen doch anstoßen. Du, Mutter!« »Was?« »Sag’ mir’s, warum
-bist du zu mir gekommen?« »Du fragst aber auch Sachen.« Sie sah ihn an
-mit ihren guten Augen, die es ganz von selber sagten. »Das weißt du
-doch. Weil ich dich lieb habe, du dummes Kind.« Sie sagte heut immer
-Kind zu ihrem langen Sohn. Der schluckte zu seinem Essen hin jedes gute
-Wort in sich hinein und trank mit jedem Tropfen des roten Weines einen
-Blick aus den mütterlichen Augen, die aus tausend Fältchen heraus so
-voll warmen Lichtes blickten, als seien sie Fenster an einem guten
-Haus, und in dem Haus sei Weihnachten.
-
-Dann setzte sich der junge Pfarrer an seinen Schreibtisch. Die Lampe
-durfte jetzt nicht brennen, er wollte im Schein der Wachskerzen
-studieren; sie waren dick, sie konnten noch stundenlang brennen. Hinter
-ihm saß im Lehnstuhl die alte Frau. Sie hatte wieder die großen Schuhe
-an und hatte ein warmes Tuch um Hals und Schultern. Den Kopf lehnte
-sie an das weiche Polster und die Füße stellte sie auf den Reisesack.
-»So ists gut, jetzt schaff nur und denk nicht an mich; ich hab meine
-Unterhaltung in mir drin.« »Was ists für eine?« fragte der Sohn. »Ach,
-Kind, wenn man’s schon so oft hat Weihnachten werden sehen; da muß
-man lang, lang zurückdenken; Eins ums Andere fällt einem ein. Es ist
-nicht immer alles schön gewesen, aber so beim Drandenken, da wirds
-immer schöner.« Dann machte sie die Augen zu, um in sich drin die
-alten Zeiten zu Gaste zu laden, und nach einer Weile hörte der Sohn
-sie tiefer atmen. Und auf ihn senkte sich, da er nun die liebe Frau
-schlafend sah, eine köstliche Ruhe, wie er sie lange vergebens begehrt
-hatte, und lichte, stille Gedanken kehrten bei ihm ein, es war kein
-einziger gequälter mehr dabei.
-
-»Sie ist zu mir gekommen, weil sie mich lieb hat.«
-
-Dann ging er im Zimmer auf und ab. »Sie hat mich nicht so allein lassen
-wollen. Sie hat’s schön gehabt daheim bei den andern. Aber das hat
-alles nichts geholfen, wenn sie gewußt hat, daß ich nicht froh bin.« Er
-hätte ihr die Hände küssen mögen, die so müd in ihrem Schoß lagen; aber
-eine solche Zärtlichkeit war nicht bräuchlich zwischen ihnen, und er
-wollte sie auch nicht wecken. Und doch gab sie ihm seinen Predigttext:
-»Es ist gut für uns, daß er gekommen ist. Denn er hat uns Menschen lieb
-gehabt und wir können es brauchen, daß man uns lieb hat.« Da setzte er
-sich wieder nieder und schrieb und schrieb, und sah sich hie und da
-wieder um nach dem lieben Frauenbild.
-
-Hinter ihm regte sich etwas. »Mutter?« »Ja, Kind, bist du fertig? es
-muß ja spät sein, bist du arg müd?« »Nein, nein, ich bin ganz frisch
-und ganz froh.« »Das ist doch sonderbar, jetzt hat mir geträumt, du
-seiest ein ganz kleines Kindlein und ich habe dich auf dem Schoß und
-ziehe dich ganz fein und schön an. Und der Vater ist dazu gekommen und
-hat gesagt: Was machst du auch für einen Staat mit dem Buben, wenn
-er größer wär, du tätst ihn eitel machen. Und ich habe mich gewehrt
-und gesagt: Mann, was man so lieb hat, das schmückt man, so gut man
-kann; es kann einem gar nicht schön genug sein.« Die alte Frau mußte
-den Kopf schütteln über den Traum, den ihr liebreiches Mutterherz
-ihr eingegeben hatte, aber noch mehr über ihren großen Sohn, der
-nun neben ihr auf der Armlehne des Stuhls sich niederließ und ganz
-dringlich sagte: »Ja, ja, Mutter, gelt, und man schmückt es mit
-Sternen und Himmelsglanz und mit Engelgesang und schafft aus lauter
-Liebe wunderbare Mären, die alle von Herzen wahr sind, weil sie die
-Liebe geschaffen hat.« Das war so sonderbar, halb gemahnte es an die
-Weihnachtsgeschichte, aber das konnte ja doch nicht sein. Mären! Sie
-richtete sich vollends auf und sagte: »Du träumst auch, Kind, im Wachen
-träumst du. Es wird’s doch der Wein nicht machen?« »Nein, Mutter, die
-Christnacht machts.« Und er hatte sein echtes, rechtes Kindergesicht
-dabei. Wenn ihn so die Maria sähe! dachte die Mutter voll glücklichen
-Stolzes. Laut sagte sie: »Hast du deine Predigt fertig?« »Meine?
-Deine, Mutter.« »Ach, du redst Sachen; sag’s im Ernst.« »Du wirst’s
-morgen schon hören in der Kirche.« Da wurde sie ärgerlich. »Ich setze
-keinen Fuß hinein, wenn du ein einziges Wort von mir sagst.« »Sei nur
-zufrieden, Mutter, es merkt’s niemand, als Du und ich.« Und da küßte er
-nun auf einmal doch die alten, abgeschafften Hände. Sie entzog sie ihm,
-aber nur, um mit ihnen den dunklen Kopf auf ihre Knie herabzuziehen;
-da lag er, still und fest, wie er einst als kleines Kindlein darauf
-gelegen war. Und es war, wie es am heiligen Abend sein muß, wo Mütter
-und Kinder beisammen sein sollen.
-
-»Du Paul.« »Ja?« »Willst du jetzt noch deine Bescherung bekommen?« »Ich
-hab sie schon, Mutter!« »Aber, Kind, der Reisesack ist doch noch zu und
-noch voll, das ist dir sonst nicht so einerlei gewesen.« »Ja, Mutter,
-dann pack nur aus. Man kann gar nicht genug geschenkt kriegen, gib nur
-her, so viel du hast.«
-
-Und dann stand er draußen am Gangfenster und sah in die sternhelle
-Nacht hinaus. Drinnen hantierte die Mutter auf weichen Filzschuhen im
-Zimmer herum; er durfte nicht zusehen, das war noch nie der Brauch
-gewesen bei ihren Kindern. Es raschelte etwas, eine Nuß fiel auf den
-Boden, es klirrte etwas, wie Glas. Und dann ein Tönen, hoch her kam es;
-er glaubte einen Augenblick, eh das Denken kommen konnte, die Engel
-singen zu hören. Es waren aber nur die Schulkinder, die auf dem Turm
-sangen, da eben die Mitternachtsstunde schlug:
-
- Wir wollen ihm die Krippe schmücken,
- und bei ihm bleiben die ganze Nacht,
- die Händ ihm küssen und verdrücken,
- dieweil er uns so Guts gebracht.
-
-Aber wer weiß, vielleicht haben sie doch auch mitgesungen. Es gibt so
-wunderbare Nächte, da Nichts unmöglich ist.
-
-
-
-
-Im gleichen Verlag sind von =Anna Schieber= erschienen:
-
-
- =Alle guten Geister ...=
-
-Roman
-
-41.–45. Aufl. Broschiert Mk. 4.--, geb. Mk. 5.--.
-
-=Velhagen & Klasings Monatshefte=: »Mit heller Freude und daneben
-mit einem verwunderten Kopfschütteln muß ich heute von einem Buche
-erzählen, das anders ist als andere Bücher, das wie eine schöne Predigt
-ist und doch mehr als eine Predigt, das Menschen vor uns hinstellt, die
-wir zu Vätern, Brüdern, Schwestern, Freunden haben möchten, das alles
-Gute in uns anspannt, das uns fröhlich und getrost macht, und das nach
-diesem Leben, in dem die Geigen oft so unrein klingen, uns ein anderes
-ahnen läßt, wo sie rein tönen. Wie ein Märchen aus einer schönen,
-verlorenen Heimat ist das Buch, aber vielleicht wie jedes gute Märchen
-voll der höchsten Wahrheit, und hinter ihm steht eine so tröstliche
-Zuversicht, eine so tapfere Gewißheit, eine so klare Menschlichkeit,
-daß unser Herz längst Ja und Amen zu dem Buche sagt, wenn der kritische
-Verstand mit leisem Vorbehalt noch bei dem »Ja – aber« ist!
-
-»... All denen, die sich an Raabe erquicken, die aus dem Jörn Uhl einst
-»Mut des reinen Lebens« tranken, sei dieses Buch empfohlen, das gewiß
-einen Abstand von den genannten Meisterwerken hält, aber verwandter Art
-und einen Teil ihrer Kraft in sich hat.«
-
- Dr. C. Busse.
-
-
- =... und hätte der Liebe nicht.= Weihnächtliche Geschichten.
- 21.–30. Tausend.
-
-In Lwd. geb. M. 1.--, in Leder geb. M. 2.50.
-
-=Dr. C. Busse in Velhagen und Klasings Monatshefte=, Febr. 1913: »Es
-sind kleine Erzählungen, rührend, herzstärkend, gütig; sie predigen
-von der Liebe, die das Höchste ist, in der wir brennen und verbrennen
-sollen, die sich selbst gibt. Reinstes Christentum, vor dem wir alle
-uns beugen, weil es ja nichts anderes ist als reinstes Menschentum,
-strahlt hier durch erzählerische Verkleidung, und wer auch _nach_
-Weihnachten noch weihnachtlich gestimmt ist, soll das Büchlein
-mitnehmen.«
-
-=Neues Tagblatt, Stuttgart=: Gar viel Liebe ist in dieses Büchlein
-eingeschlossen, ein warmer Born von Menschenliebe. In dem einzelnen
-Menschen die ganze Menschheit zu umarmen, ist eine Seligkeit, die
-der Verfasserin beschert zu sein scheint. Die Liebe, die aus diesem
-Büchlein strahlt, wird dem Leser zum Mittler zwischen ihm und dem
-Himmel, und die rauhen Regenströme des Lebens gleiten ab an dem
-schützenden Dache dieser Menschenliebe, so daß es sich sicher in diesem
-Häuslein wohnt.«
-
- _Paul Wittko._
-
-
-
-
-Verlag von =Eugen Salzer= in =Heilbronn=.
-
-
- =Anna Schieber, Amaryllis= und andere Geschichten. 1.–20.
- Tausend. In Lwd. geb. M. 1.--, in Leder geb. M. 2.50.
-
-Anna Schieber erzählt in diesem Büchlein wieder sonnige Geschichten
-von Menschen, die die andern etwas »von Heimat und von Hilfe spüren
-lassen«, die trotz allem Erdenleid die Fröhlichkeit wieder finden,
-deren Liebe zu den Menschen brennend rot wie die Blüte der Amaryllis
-leuchtet. Es ist ein Büchlein, das Freude machen und das Frieden
-bringen kann.
-
-
- =Anna Schieber, Sum, sum, sum!= Ein Liederbüchlein für die
- Mütter und ihre Kinder. Mit farbigen Bildern von =Else
- Rehm-Vietor=. 3. Tausend. Geb. M. 2.20.
-
-=Blätter f. d. Schulpraxis=: »Es sind Verse, die sich wohlklingend
-und leichtflüssig, kindertümlichen Inhalts und humorvoll, sowohl zum
-Vorlesen für Mütter als zur Eigenlektüre für Kinder bestens eignen.
-Die Bilder, gelungen in der Zeichnung, – stimmungsfein ist das
-Landschaftliche, – vornehm in der Farbe, bilden einen erfreulichen
-Schmuck dieser Lieder.«
-
-=Die Christl. Kleinkinderpflege=: »Anna Schieber kennt die Kinder und
-ihre Art. Darum sprechen ihre Lieder, deren Stoff sie aus dem Leben
-des Kindes nimmt, Kinder sehr an. Die kleinen und großen bunten Bilder
-sind aus den Liedern herausgeboren und wirken durch die eigenartige
-Farbenzusammenstellung eindringlich. Darum kann ich raten: Kauft’s.«
-
-=Freie Bayerische Schulzeitung=: »Bei unserer Ausschau nach neuen
-Bilderbüchern begegnen wir zunächst einem lieblichen Bändchen, das
-gar nicht groß tut. In feinbuntem modischem Format kann es sich als
-Bilderbuch wohl mit den besseren Sachen von Mauder und Caspari messen.
-Neben kräftig Landschaftlichem fällt die Milderung der Buntheit durch
-Verwendung origineller Halbtöne und die drollige Naivität angenehm auf.
-Und erst die Texte! =Hier erleben wir etwas ganz selten gewordenes: Die
-Verse heben die Bilder noch. Ja, es sind wirklich wieder einmal echte
-Dichtungen darunter, die das Thema von Kind-, Vögelein und Blümlein
-in einer neuen Tonart geben, und Mutter wie Kind zu wohlig warmer
-Herzenszwiesprache anzuregen vermögen.=«
-
-=Die deutsche Frau=: »Die deutsche Kinderstube spiegelt sich in den
-Liedern.«
-
-=Die Frau=: »Ein besonders sonniges Kinderbuch ist hier aus gemeinsamer
-Arbeit entstanden, =das weit über der Höhe des gewöhnlichen Bilderbuchs
-steht=, ohne sich doch vom kindlichen Verständnis zu entfernen.«
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler und fehlerhafte Markierungen wörtlicher
- Rede wurden stillschweigend korrigiert. Lange Folgen von
- Gedankenstrichen am Absatzende wurden auf einheitliche
- Länge gekürzt. Ansonsten wurde die Originalschreibweise und
- Interpunktion beibehalten
-
- Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Buches
- verschoben.
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-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WANDERSCHUHE ***
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Binary files differ
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Binary files differ
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@@ -1,7922 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html>
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- Wanderschuhe, by Anna Schieber—A Project Gutenberg eBook
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-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Wanderschuhe</span>, by Anna Schieber</p>
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
-at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
-are not located in the United States, you will have to check the laws of the
-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Wanderschuhe</span></p>
-<p style='display:block; margin-left:2em; text-indent:0; margin-top:0; margin-bottom:1em;'><span lang='de' xml:lang='de'>und andere Erzählungen</span></p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Anna Schieber</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: December 18, 2022 [eBook #69575]</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p>
- <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</p>
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>WANDERSCHUHE</span> ***</div>
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<div class="figcenter illowp20r" id="illu-001">
- <img class="w100" src="images/illu-001.jpg" alt="" />
-</div>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>Wanderschuhe<br />
-<span class="smaller">und andere Erzählungen</span></h1>
-
-<p class="center">Von</p>
-
-<p class="h2">Anna Schieber</p>
-
-<p class="center smaller">Elftes bis fünfzehntes Tausend.</p>
-
-<p class="center p2">Verlegt bei Eugen Salzer in Heilbronn<br />
-1914
-</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center smaller">Druck: Christliches Verlagshaus, Stuttgart</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt</h2>
-</div>
-
-<table>
-<tr>
-<td></td><td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Wanderschuhe</td>
- <td class="tdr"><a href="#Wanderschuhe">1</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Ein Sommer</td>
- <td class="tdr"><a href="#Ein_Sommer">59</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Aus Kindertagen</td>
- <td class="tdr"><a href="#Aus_Kindertagen">109</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Ellen</td>
- <td class="tdr"><a href="#Ellen">133</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Ein Vater</td>
- <td class="tdr"><a href="#Ein_Vater">187</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Sein Geburtstag</td>
- <td class="tdr"><a href="#Sein_Geburtstag">223</a></td>
-</tr>
-</table>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_1">[1]</span></p>
-<h2 class="nobreak hidden" id="Wanderschuhe">Wanderschuhe</h2>
-</div>
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-005">
- <img class="w100" src="images/illu-005.jpg" alt="Wanderschuhe" />
-</div>
-
-<span class="pagenum" id="Seite_3">[3]</span>
-
-<p class="drop">Novembernebel lag dicht und schwer auf der
-Erde; droben auf der rauhen Alb war es.
-Kaum daß man zwei, drei Schritte vor sich sah.
-»’s könnt’ Schnee kommen, Herr Pfarrer,« sagte
-der Ulmer Bote, der neben seinem schwergeladenen
-Wagen herging und prüfend in die Luft guckte.
-»Aber freilich, nichts Gewisses weiß man nicht.«</p>
-
-<p>Der Pfarrer hatte einen Gast abgeholt, einen
-jüngeren Freund und Bundesbruder. Er selber war
-alt geworden im Amt, er war schon viele Jahre hier
-und mochte auch nicht mehr ans Wandern denken; er
-war verwachsen mit dem rauhen Stück Erde da oben
-und mit den Menschen, die auf ihm emporwuchsen.</p>
-
-<p>»Ich hätte dir gern die Gegend in sonnigerem
-Lichte gezeigt,« sagte er zu dem Jüngeren. »Gestern
-noch wäre es schön gewesen, da hatten wir blauen
-Himmel und Sonne, die Wälder sind noch vielfarbig
-bunt, nun müssen wir uns im Hause einspinnen.«<span class="pagenum" id="Seite_4">[4]</span>
-Dann saßen sie einander gegenüber in der großen
-Wohnstube. Ein gutes Feuer brannte in dem mächtigen
-eisernen Ofen, der von der Küche aus geheizt
-wurde. Draußen hantierte die alte Magd, die Pfarrfrau
-war verreist. »Großmutterpflichten,« sagte der
-Pfarrer lächelnd, »es ist das sechste Enkelkind, drunten
-im Unterland, wir werden immer reicher.«</p>
-
-<p>Drüben auf dem Turm fing eine Glocke an zu
-läuten. Ernst und schwer drangen die Töne durch
-den Nebel; oder schien es dem Gast nur so? »Ich
-muß dich nachher eine halbe Stunde lang allein lassen,
-du magst dich so lang an meinen Bücherschränken
-umsehen, die sind dir doch schon längst im Sinne.
-Es ist eine Beerdigung – und sonderbar genug ist
-der Fall, ich erzähle dir nachher davon, da du doch
-auf Geschichten erpicht bist. Nein, nein, laß nur,
-das wissen wir noch von früher her. Und im Grunde,
-was ist uns auch näher, als der andern Menschen
-Geschichte, Lust und Leid, Arbeit, Liebe und Tod?«</p>
-
-<p>Der Gast nickte. So war der Pfarrer immer
-gewesen; unter allen Interessen waren ihm die, die
-des Menschen Schicksale betrafen, am nächsten gestanden.
-So war er warmen Herzens ein Vater
-seiner Gemeinde geworden, ihn konnte man wohl so
-nennen, es war keine Phrase.</p>
-
-<p>Nun läuteten die Glocken zusammen. Draußen
-der Nebel war dicht und dichter geworden. Der<span class="pagenum" id="Seite_5">[5]</span>
-Gast stand am Fenster, das auf den Kirchhof ging
-und sah, wie sich die Schulkinder mit dem Lehrer
-um einen aufgeworfenen Hügel versammelten, und
-wie ein kleiner Leichenzug zu dem unteren Tor herein
-kam, wie sich der Pfarrer zu ihm gesellte und wie
-der Sarg, auf dem ein einziger Kranz lag, niedergestellt
-wurde. Ein Mann mit einem kleinen Bübchen
-auf dem Arm stand zunächst des Sarges; das
-mußte der Hauptleidtragende sein. Das alles sah
-der Gast nur in schattenhaften Umrissen, es war
-alles dicht eingehüllt in den Nebel, und aus dem
-Nebel heraus drangen auch dünn und wie verschwommen
-die Stimmen der singenden Kinder, dann
-die tiefe Stimme des Pfarrers. In der Stube war
-es heimelich warm und die Bücherschränke übten ihre
-Anziehungskraft aus; bald saß der Gast mit einer
-seltenen Ausgabe der Aeneide im Sofa, aus deren
-altertümlichen Kupfern er erst den Blick wieder erhob,
-als der alte Pfarrer vor ihm stand.</p>
-
-<p>Der kurze Novembertag ging schon stark zur
-Neige, und, als müßte es so sein, fielen nun weich
-und lautlos die Schneeflocken vom Himmel und legten
-sich auf das neue Grab da draußen, in dem ein
-unruhiges Menschenherz war zur Ruhe gelegt worden.</p>
-
-<p>»Nein, kein Licht, Ursel,« sagte der Pfarrer,
-als die alte Magd mit der Lampe erschien, »wir
-wollen im Dämmer sitzen und uns Geschichten erzählen.«<span class="pagenum" id="Seite_6">[6]</span>
-Dann, als die Pfeifen brannten, fing er
-an: »Es war so ein Tag wie heut, das ist nun drei
-Jahre her. Ich weiß es wohl noch. Wir hatten
-die beiden ältesten Enkelkinder da, die spielten um
-den Tisch herum und jauchzten laut, daß es meiner
-Frau und mir zumute war, als kämen die alten
-Zeiten noch einmal herauf, wo unsere Eigenen so
-herumtollten.</p>
-
-<p>Über dem ging die Tür auf; wir hatten ein
-leises Klopfen überhört, und in dem Rahmen stand
-ein junges Zigeunerweib. Ursel war an den Brunnen
-gegangen und hatte die Haustür solange offen
-gelassen, so war die Fremde unberufen bis in die
-Wohnstube gekommen. Die Kinder verstummten in
-ihrem Jubel und hingen sich meiner Frau an das
-Kleid. Ich habe schon viele aus diesem fahrenden
-Volke gesehen, Siegfried, es hat immer mein Herz
-bewegt, daß sie sind wie die Wanderschwalben, immer
-mit dem Trieb in die Ferne, und doch mit der
-Sehnsucht nach einer Heimat. Aber die hier stand
-und bittend die Hand ausreckte, die war so das Urbild
-eines Mädchens aus der Fremde, ein blütenjunges
-Weib, dem in dem bräunlichen Gesicht Lippen
-und Wangen in einem matten Rot leuchteten
-und dem aus dem bläulichen Weiß die Augensterne
-in einem feuchten, goldenen Braun hervorglänzten,
-die noch schlanke, junge Gestalt in ärmliche, doch<span class="pagenum" id="Seite_7">[7]</span>
-etwas phantastische Gewänder gehüllt. Ich weiß
-das noch so genau, denn dieses junge Weib ist hernachmals
-noch oft in meinen Weg getreten und
-immer sah ich an ihr das Fremdartige, das sich in
-die Ferne sehnte und doch aus der Ferne wieder
-zurückstrebte, das Rätsel der Menschenseele, die ein
-Zuhause sucht durch alle Welt hindurch.</p>
-
-<p>Für jetzt bat sie nur in fremdartig klingender
-Sprache um etwas alte Leinwand und Bettzeug, da
-in dem Wagen draußen vor dem Dorf, da, wo es
-hart an den Wald anstößt, ein Kind zur Welt geboren
-sei, und nichts vorhanden, es einzuwickeln.
-Meine Frau ging, unter mütterlichem Schelten über
-den Leichtsinn, solch ein junges Wesen in die Tür
-zu dieser Welt treten zu lassen, eh’ ihm ein Bett
-bereitet sei, um einiges, was ihr das Herz eingab,
-zusammenzusuchen. Da, während ich diese und jene
-Frage an die Wandernde stellte, beugte sie sich
-plötzlich, wie von einem unwiderstehlichen Trieb geheißen,
-zu dem kleinen Mädchen nieder, das sie mit
-großen Augen ansah, und strich ihm mit einer sachten,
-weichen Bewegung über das Blondhaar, irgend
-etwas Zärtliches in fremder Sprache murmelnd.
-Und sonderbar, das Kind, das sonst scheu sich vor
-Unbekannten zurückzieht, faßte von dem Augenblick
-an eine Zuneigung, eine fast leidenschaftliche Liebe
-zu der Fremden. Das ist nachher – doch ich greife<span class="pagenum" id="Seite_8">[8]</span>
-voraus – noch andern so gegangen. Es war ein
-paar Tage später. Da brachte unsere Ursel eine
-fast unbegreifliche Kunde mit ins Haus, die im
-Dorf die Zungen und die Gemüter stark in Bewegung
-brachte und die auch uns, ich muß es gestehen,
-nicht ohne einige Aufregung ließ.</p>
-
-<p>Draußen, am südlichen Ende des Dorfes – du
-hast vielleicht beim Hereinfahren das stattliche Giebelhaus
-mit dem gebräunten Balkenwerk gesehen –
-wohnte damals ein Junggeselle, von dem man allmählich
-die Meinung gewonnen hatte, daß er es
-bleiben würde, ein begüterter Bauer, der sich den
-Vierzigern näherte, und, seit ihm seine alte Mutter
-gestorben war, allein mit einer halbtauben Magd in
-seinem großen Anwesen hauste. Der sollte, so ging
-nun die Sage, mit der schönen Zigeunerin versprochen
-sein und sie zur Bäurin machen wollen. Ich konnte
-es nicht glauben, aus allerlei Gründen nicht. Aber
-am selben Abend noch, als ich schon in meiner
-Studierstube bei der Lampe saß, klopfte es an meiner
-Tür und der Bauer erschien, den weichen Filz etwas
-verlegen in den Händen drehend, und doch die sonst
-etwas trockenen Züge des hartgeschnittenen Gesichts
-von einem inwendigen Licht überglänzt. Ich habe
-dieses Licht schon je zuweilen auf Menschengesichtern
-leuchten sehen, und wenn ich es sah, ist es mir
-immer schwer gefallen, etwas dagegen zu sagen und<span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span>
-es hat auch nie viel geholfen. Denn was ist die
-menschliche Vernunft gegen die geheimnisvolle Macht,
-die über alles hinüber die Menschen zueinander
-zieht? Nun, es war richtig so, wie die Ursel es
-ins Haus getragen hatte. Der Bauer saß mir
-gegenüber, und als er dann Worte gefunden hatte,
-da kam die Geschichte zutage. Du weißt, wir stehen
-gut miteinander, meine Pfarrkinder und ich, sie sind
-nicht scheu gegen mich.</p>
-
-<p>Er hat es vielleicht nicht mit den gleichen Worten
-gesagt, aber so ungefähr war es doch: als er an
-jenem düsteren Nebelabend hinausging, die schweren
-Holzläden an den Wohnstubenfenstern vorzulegen,
-da stand, wie aus der Erde gewachsen, die Fremde
-vor ihm. Sie bat um etwas Milch für die Wöchnerin;
-man konnte von dort aus das flackernde Feuer,
-über dem der Kessel hing, vor dem Wagen der
-fahrenden Leute, durch den Nebel sehen. Der
-Bauer, er heißt Markus Lohrmann, hieß sie ins
-Haus kommen und führte sie unter das Licht der
-hängenden Ampel in der großen Stube, wo in
-einer Ecke die alte Burge saß und spann. Er war
-von jeher so ein wenig anders, als die meisten Leute
-im Ort, er gab sich auch mit Bücherlesen ab und
-hat schon manchen Band von mir geliehen, hat
-auch eine stattliche Bücherreihe auf dem Brett über
-dem Sofa stehen. Die alte Burge sah wohl etwas<span class="pagenum" id="Seite_10">[10]</span>
-unwillig drein: die Zigeunerin hätt’ auch draußen
-warten können, was wollte sie hier in der Stube?
-Aber sie stand doch auf und ging in die Milchkammer,
-die hinter der Küche lag, um nach einer
-Weile mit dem gefüllten Gefäß des Mädchens
-wiederzukommen. Was derweil drinnen in der
-Stube geschehen war, wußte wohl keines von allen
-dreien zu sagen; aber es war doch so, daß aus den
-jungen, seltsam-schönen Augen der Fremden und
-aus ihrem ganzen Gesicht und Wesen der rätselhafte,
-zündende Funke auf den Mann übergesprungen
-war, der seither von den Mädchen im Dorf für
-einen hagebüchenen Einspänner hatte gehalten werden
-müssen. Burge mußte sich fast zu Tode wundern,
-daß nach dem Abendessen der Bauer, der sonst um
-diese Zeit sich über eines seiner nachdenklichen Bücher
-zu beugen pflegte, noch einmal seine Kappe aufsetzte
-und in den dicken Nebel hinausging. Sie blieb,
-als sie mit den Abendgeschäften fertig war, hinter
-dem Spinnrad sitzen und mag da wohl über dem
-Warten eingenickt sein, denn sie fuhr erschrocken
-empor, als ihr mit einemmal der Bauer die Hand
-auf die Achsel legte: »Warum gehst du nicht ins
-Bett, Burge? Es hat elf Uhr geschlagen, du
-solltest längst drinnen sein.«</p>
-
-<p>Ihm selber hingen im Haar und in dem dunkelblonden,
-dünnen Schnurrbart die feuchten Nebel, die<span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span>
-sich zu kleinen Tropfen sammelten. Er war stundenlang
-umher gelaufen, um eine Unruhe los zu werden,
-die er selber nicht an sich kannte, aber sie war nur
-größer geworden. Freilich, er hatte sie auch im Umkreis
-des flackernden Feuers herumgetragen, anstatt
-weit hinaus zu laufen über die Felder hin oder ins
-Dorf hinein. Aus dem Wagen war Zitherklang
-gekommen und Gesang einer Frauenstimme; eine
-fremdartig-sehnsüchtige Melodie kam zu ihm herüber,
-die Worte konnte er nicht verstehen. Dann, als eine
-Weile alles still war, glaubte er das Weinen eines
-Kindes, ein dünnes, hohes Stimmlein zu hören.
-Aber es wurde durch Männerstimmen und dann
-wieder durch ein Hundegekläff abgelöst. Am andern
-Morgen erschien das Mädchen wieder mit dem Milchgefäß,
-gerade zu der Zeit, als Burge im Stall auf
-dem Melkstuhl saß und der Bauer die beiden Taglöhner,
-die bei ihm schafften, anwies, ihm nur voraus
-auf den Rübenacker zu gehen.</p>
-
-<p>Und da geschah das Merkwürdige, daß der
-große schottische Schäferhund des Bauern, der in
-der Stube auf einer alten Strohdecke lag, winselnd
-zu der Zigeunerin herrutschte und ihr seine eiternde
-Vorderpfote zeigte, wie ein Kind, das fragt: Kannst
-du mir nicht helfen? Sie aber beugte sich, wie sie
-es bei unserem Enkelkind getan hatte, nun zu dem
-Tier herunter, das sie mit großen, ausdrucksvollen<span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span>
-Augen ansah, strich ihm sachte und lind über das
-Fell mehrere Male und fing dann an, die kranke
-Pfote zu bestreichen. Das alles tat sie nur mit
-einigen leisen, halbsingenden Tönen, – su su –
-sie schien den Bauer dabei vergessen zu haben.
-Und, nun magst du darüber sagen, was du willst,
-aber der Hund, der schon seit Wochen auf dem
-Stroh gelegen, der stand doch, als das Mädchen
-gegangen war, auf, und kratzte bellend an der Tür;
-er wollte ihr nach, und seinem Herrn erging es
-nicht anders. Die Pfote soll auch noch denselbigen
-Tag geheilt sein. – Der Pfarrer blies nachdenklich
-einige leichte Wölkchen aus seiner Pfeife, als wollte
-er in den krausen Gebilden, die sich im Dämmerschein
-ergaben, eine Lösung suchen für das Rätselhafte,
-das mitunter in unser Leben tritt in allerlei
-Gestalten. – Dann fuhr er fort: früher hat man
-Hexen verbrannt, heute nennt man es Sympathie.
-Aber wir wollen nicht zu den Alleswissern gehören,
-Siegfried. Es ist so viel Wunderbares rings um
-uns herum, was hilft es uns, daß wir ein Wort
-dafür suchen? Es liegt doch hinter unserem Horizont,
-wenigstens jetzt noch. –</p>
-
-<p>Aber ich habe ja nur zu berichten, nicht zu
-erklären, sagte er lächelnd. Markus Lohrmann war
-es, als habe dieselbe leichte Hand, die vor seinen
-Augen den Hund gestreichelt hatte, auch ihm selber<span class="pagenum" id="Seite_13">[13]</span>
-Stirn und Augen berührt und dort allerlei weggetan,
-was ihm bisher das Leben verhüllt hatte:
-er sah, daß die alte Burge doch bei all’ ihrer
-grämlichen Treue nicht das für ihn sei, was er
-zum Leben brauche; daß seine Stube öd sei und
-sein Tagwerken niemand nütze. Und er fing an,
-sich zu wundern, daß nie eine von den Dorfmädchen
-so in seinen Augenkreis getreten sei, daß er sich,
-wie bei der Wandernden, immerfort herzklopfend
-nach ihr hatte hinwenden müssen. Wie oft hatte
-man ihm früher das Heiraten vergeblich vorgestellt;
-aber dies hier war doch ein anderes Ding.</p>
-
-<p>Und daß ich’s kurz mache; nachdem er sich den
-einen und andern Tag umsonst damit herumgequält
-hatte, die schöne Fremde aus seinem Denken und
-Fühlen auszuschließen, ging er ihr nach, als sie dort
-am Waldrand dürres Holz aufzusammeln beschäftigt
-war und fragte in stockenden Worten, ob sie denn
-nicht bei ihm bleiben könne, nun die andern, die im
-Wagen dort, weiterzögen. »Als deine Magd?«
-fragte sie und richtete sich auf. Es sei ein seltsames
-Glänzen dabei in ihren Augen gelegen, – doch das
-lag ja eigentlich allezeit darin – so als wenn die
-Königstöchter in den Märchen für eine Zeitlang
-in Lumpen gehen müssen, weil ihnen ein Zauberer
-das angetan hat, und nun doch ein Eckchen des
-goldenen Kleides darunter hervorguckt.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[14]</span></p>
-
-<p>Da faßte sich der Bauer ein Herz; er mag
-wohl in den wenigen Sekunden, die es dauerte, seine
-ehrsame Verwandtschaft im Dorf überflogen haben
-und die Gesichter, die sie machen würden, wenn er
-ihnen die Zigeunerin zuführte, und das Gesicht der
-Burge, wenn sie die neue Bäuerin sähe. Aber das
-konnte alles nichts helfen, denn wenn er dachte, daß
-Mirza wieder aus seinem Leben entschwinden würde
-und er sie nie mehr sähe, dann tat ihm etwas im
-Innersten weh, wie noch nichts in seinem Leben.</p>
-
-<p>Also atmete er tief auf und sagte: »nein, als
-mein Weib, denn –« da wußte er nicht mehr weiter
-und sah sie nur hilflos an; aber als sie wie in ausbrechender
-Freude das gesammelte Holz aus der
-Schürze fallen ließ und die Arme hoch in die Luft
-hob, da wagte ers und legte zaghaft den einen Arm
-und dann auch den andern um sie.</p>
-
-<p>Sie hatte sich immer, wenn sie durch die
-Städte und Dörfer kamen, nach einer Heimat gesehnt,
-nach einem Dach, unter dem man wohnen und
-bleiben konnte; ob auch nach einem Herzen, das ihr
-allein gehöre, das weiß ich nicht.</p>
-
-<p>»Der Jarno ist gestorben,« sagte sie; »er hat
-mich gewollt und ich hätte ihn auch nehmen müssen.
-Aber er war so wild und ich kann das nicht leiden.«
-Sie sah ihn aufmerksam an, als müsse ihr aus dem
-minutenlangen Sehen ein Wissen um des Freiers<span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span>
-ganzes Wesen erwachsen. »Du bist gut,« sagte sie
-dann kopfnickend, »ich habe es gleich gesehen, daß
-du gut bist. Nun kommt der Winter und es wird
-kalt; ja, ich will bei dir bleiben.« Das alles sagte
-sie wie aus Träumen heraus; sie ließ es aber geschehen,
-daß er sie fester an sich zog. Mehr hat er
-mir nicht davon erzählen wollen; ich mußte es aus
-seinem freudig aufgewachten Wesen lesen, daß für
-ihn mit Mirza, – denn wir nannten sie bald alle
-so – wirklich die Zeit angebrochen war, da man
-aus dem Alleinsein für sich in das Alleinsein zu
-Zweien übergegangen ist.«</p>
-
-<p>»Aber,« der Gast rückte etwas unruhig in seiner
-Sofaecke hin und her, – »du als Pfarrer, ich
-meine, es hätte da doch« –</p>
-
-<p>Sein freundlicher Wirt unterbrach ihn. »Kommt
-schon, Siegfried, ich weiß, du meinst, ich hätte da
-nachsehen müssen, wie es mit dem Katechismus und
-mit der Moral und dem Vorleben bestellt gewesen
-sei. Das haben andere mich auch gefragt; ich weiß,
-ich bin dazu bestellt, daß alles ordentlich und recht
-zugehe in meiner Herde.</p>
-
-<p>Aber siehst du, manche Menschen haben es auf
-dem Gesicht geschrieben, was sie sind. Da haben
-Gott oder die Natur oder wie du es nennen willst,
-etwas gemacht, das für sich selber redet. – Wir
-hatten in meinem väterlichen Garten ganz hinten in<span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span>
-der Ecke einen Schutthaufen, auf den alles Abgängige
-geworfen wurde. Es wuchsen Nesseln
-darauf, auch manchmal ein Stechapfel oder eine
-Distel. Aber eines Tages standen weiße Lilien
-darauf. Weiße Lilien, hoch und schlank und mit
-den goldenen Staubfäden in dem Grunde der weißen
-Kelche. Und wir versammelten uns alle darum
-und staunten, und mein Vetter, der Apotheker, sagte,
-daß das eigentlich gar keine richtigen Lilien sein
-könnten, denn die wüchsen nur, wenn man sie pflanze
-und pflege. Aber da lachten Alle, denn es waren
-unzweifelhaft weiße Lilien und man wußte nur
-nicht, wie der Samen, oder eine Zwiebel davon unter
-die Komposterde gekommen sei; sonst war da keine
-Frage. – Nun,« er unterbrach sich, »ich wollte
-nicht sagen, daß Mirza eine weiße Lilie gewesen sei.
-Nur, etwas Besonderes unter ihresgleichen, das
-war sie schon. Und das andere fand sich auch noch.
-Markus Lohrmann hatte sie zu einer Base gebracht
-drüben im Filialdorf. Das war die einzige aus
-seiner Verwandtschaft, die er um solche Güte ansprechen
-konnte, wie es die war, eine Zigeunerin ins
-Haus zu nehmen. Sie war arm, und es war so
-mancher Sack mit Kartoffeln und mancher Brotlaib
-schon in ihr Häuslein gewandert im Lauf der Jahre.</p>
-
-<p>Er hatte ihr Geld gegeben, daß sie die Fremde
-in landesübliche Gewänder kleide und sie hatte das<span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span>
-auch getan. »Aber,« flüsterte sie dem Vetter zu,
-als er darauf kam, die Braut zu besuchen, »sie sieht
-trotzdem nicht aus, wie eine Bäurin, da magst du
-machen, was du willst.«</p>
-
-<p>Nein, so sah sie ja freilich nicht aus. Als er
-in die niedrige Stube trat, erhob sich von der Bank,
-wo sie nähend gesessen hatte, eine Gestalt, die ihm
-vertraut und doch fremd war, in dem weiten, gefältelten
-Rock, der die Füße in blauen Strümpfen
-und niederen Lederschuhen freiließ, der breiten Bundschürze
-und dem Leibchen aus rot und blau gewürfeltem
-Zeug, aus dem die weißen Hemdärmel
-hervorkamen. Drüben auf dem Bett, dessen Vorhänge
-zurückgeschoben waren, lagen noch die weiteren
-Stücke der Ausrüstung, der tuchene Spenser und
-das breitbebänderte Spitzhäubchen der Älblerinnen.
-Also das war seine Bäurin, seine. Sie sah nicht
-aus wie die andern, sie war auch jetzt nur in einer
-Vermummung, wie sie es zuvor in den zusammengeschenkten
-Bettlerkleidern gewesen war. Aber sie
-sah ihn lächelnd an, mit freudigen Blicken, sie hatte
-sich das dunkle, weiche Haar gescheitelt und in zwei
-Zöpfe geflochten. Draußen sauste der Wind vorbei,
-die Fenster des Stübchens klirrten. Da erschauerte
-sie leise und barg sich bei ihm. »Ich habe
-nun Heimat und Haus und dich,« sagte sie, »wo aber
-mögen die andern sein?« Ihm aber war es recht,<span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span>
-daß sie nichts von »den andern« wußte, er wollte
-nur sie allein und bei aller Liebe, mit der er sie
-umfaßte, die übrige Gesellschaft wußte er doch am
-liebsten in möglichst weiter Ferne. Sie hatte auch
-keine nahen Verwandten unter ihnen, ihre eigenen
-Leute waren gestorben.</p>
-
-<p>Bald darauf kamen sie einmal miteinander zu
-mir; es war in der Abenddämmerung. Markus
-Lohrmann wollte so schnell als möglich Hochzeit
-machen und, da es doch einmal sein sollte, war es
-auch besser so, schon damit das Geschrei und Gezeter
-im Dorf aufhöre; denn das hatte er nicht mit Unrecht
-vorausgesehen, es war ihm nichts davon geschenkt
-worden.</p>
-
-<p>Nun hatte ich mit ihnen zu reden, wie sie es
-mit dem Hausstand und mit der Trauung halten
-wollten. Denn er war evangelisch; Mirza aber gehörte,
-wenn man davon überhaupt reden konnte, der
-katholischen Kirche an. Freilich, sie wußte nicht viel
-von deren Lehren, nur einige stark abergläubisch vermischte
-Formeln, wie sie unter den fahrenden Leuten
-von Mund zu Mund gingen.</p>
-
-<p>Ich hatte einiges gefragt und es war still in
-der Stube. Da sah sie mit hingebenden Augen ihren
-Verlobten an: »Du bist gut und ich will bei dir
-daheim sein – ja, ich will sein, wie du bist.«</p>
-
-<p>Das war vielleicht ein mangelhafter Grund, auf<span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span>
-dem die neue Gotteserkenntnis aufgebaut werden
-sollte. Aber ist nicht beim Besten in uns immer
-wieder das Verlangen nach einer Gemeinschaft, ist
-nicht die Liebe immer wieder die treibende Kraft
-gewesen?</p>
-
-<p>Nun kamen manche Tage, da das fremde Mädchen,
-freilich jetzt in Bauerntracht und mit hängenden
-Zöpfen, mir gegenüber saß. Es war bald nicht mehr
-der Wunsch allein, so zu sein wie Markus Lohrmann,
-es war, als sprängen in dieser jungen Seele lauter
-Quellen auf, die bisher geschlafen hatten. Mitunter
-öffnete sie die Lippen, wie durstig, einen frischen
-Trunk einzuschlürfen, wenn ich sie an der Hand
-nahm, um sie aus dem dämmernden Halbdunkel, in
-dem Dämonen, Amulette, Alräunchen und allenfalls
-die fernen Heiligen regierten, unter den freien Himmelsdom
-zu führen, in dessen tiefem Blau eine Sonne
-über allen schien, und, wie wir in Ehrfurcht und
-Herzensmüssen glauben, ein Herz für alle war.</p>
-
-<p>Ich habe nicht von mir zu reden. Sonst, Siegfried,
-es ist auch nicht nichts für unsereinen; wenn
-man Sonntag für Sonntag seine Bauern vor sich
-sitzen hat – nun, ich habe die meinigen gern – aber
-man weiß nicht sicher, denken sie nun an Korn und
-Haber und Viehhandel, oder an ihre Krauthäfen
-daheim die Weiber, oder hören sie, was du sagst.</p>
-
-<p>Es ist auch nicht nichts, wenn so ein paar durstige<span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span>
-braune Augen so dringlich fragen: »Hast du sonst
-noch etwas? gib mir alles, was du hast.«</p>
-
-<p>In diesen Stunden stahl sich wohl mein Enkeltöchterchen
-leise zu uns herein und schlüpfte, die
-Augen auf mich gerichtet, ob ich es nicht verjagen
-werde, zur Mirza hin. Die faßte die kleine, warme
-Kinderhand, ohne sich im übrigen zu rühren, und
-das Kind saß glücklich dabei, wie ein Vögelein unter
-Flügeln sitzt.</p>
-
-<p>Auch das nahm sein Ende. Eines Tags im
-Dezember standen die beiden, Markus Lohrmann
-und Mirza, vor dem Altar. Draußen wehte es
-stark, ein scharfer Nordostwind fegte durch die Gassen
-und über unsere Hochfläche hin, und ich, als mir bei
-den wenigen Schritten vom Hause bis zur Sakristei
-der Kirchenrock flatternd um die Beine schlug, mußte
-es nachsprechen, was ein anderer vor mir gesagt hat:
-»weh’ dem, der keine Heimat hat.«</p>
-
-<p>Nun, die beiden, die sich in dieser Stunde die
-Hände gaben, die hatten ja nicht nur ein Dach über
-sich, sondern, was erst recht die Heimat macht, ein
-Herz, um darin daheim zu sein, ein jedes im andern.
-Zwar daß bei ihm die Leidenschaft stärker und tiefer
-war, als bei ihr, das hatte ich schon gesehen. Aber
-sie hatte sich doch hingebend und nicht ohne eine stille
-Innigkeit in ihn gefunden und wollte ihm allein gehören;
-das mußte genug sein. Seltsam, daß so die<span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span>
-Rollen vertauscht waren: unsere Albbauern haben
-es sonst nicht so stark mit den Gefühlen, sie sind
-mehr aufs Nüchterne, Praktische gerichtet, und das
-fremde, dunkeläugige Volk der Zigeuner, das gilt bei
-uns eher für heißblütig und leicht hingerissen. Das
-war aber nun, wie es war.</p>
-
-<p>Mir kamen die beiden nun für eine Zeitlang
-mehr aus den Augen; es war Winter und es gab
-allerlei Kranke am Ort, die ich zu besuchen hatte.
-Doch hörten wir ab und zu, daß dort draußen in
-dem Hause mit den braunen Balken alles gut gehe,
-den Schwarzsehern und Unglücksraben, die alles Böse
-hatten prophezeien wollen, zum Trotz. Selbst die
-alte Burge, die anfangs gemeint hatte, daß nun der
-Himmel einstürzen müsse, ließ sich, als gegen den
-Frühling hin eine böse Grippe ins Dorf kam, gern
-von den leichten und geschickten Händen des jungen
-Weibes pflegen, und mir war, als ich sie besuchte,
-als ob ihre grämlichen, harten Züge einen sanfteren
-Ausdruck gewonnen hätten.</p>
-
-<p>Da kam ich einmal, als die Märzstürme mit
-aller Macht bliesen und auf den höhergelegenen
-Flächen den Schnee wegfegten, gegen Abend vom
-Nachbarort her. Es war eine frische, reine Luft,
-es lag etwas frühlinghaftes trotz der Schärfe darin
-und ich blieb stehen, um – den Hut hatte ich abgenommen
-– ein paar tiefe Züge davon einzuatmen<span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span>
-und mir auch den alten Kopf ein wenig durchwehen
-zu lassen. – »Du weißt, ich bin hart gewöhnt worden
-da oben,« unterbrach sich der Erzähler lächelnd, »ihr
-Jungen hättet euch vielleicht dabei einen Schnupfen
-geholt.«</p>
-
-<p>Da sah ich auf dem kleinen Hügel, den eine
-einzelne alte Eiche bekrönt, eine Frauengestalt unbeweglich
-stehen. Sie wandte mir den Rücken, sie
-sah in den sinkenden Abend hinein. Dort, im
-Westen, hingen einige leuchtende Wolken, denen die
-schon entschwundene Sonne schmale Purpursäume
-gewoben hatte. Ich sah es nun auch, sie veränderten
-ihre Form in rascher Folge, ballten sich zusammen
-und flossen auseinander, eine reichere Phantasie als
-die meinige hätte wohl allerlei Wesenheiten aus
-ihnen geschaffen. Mir will so etwas nie gelingen.
-Das aber sah ich, daß die Frau da oben wie in
-einer starken Bewegung die Arme ausbreitete und
-so eine kleine Weile regungslos verharrte. Dann,
-als rasch nacheinander die Purpurfarben am Horizont
-verlöschten und es dort grau und trübe wurde,
-wandte sie sich langsam um und ging mit zögernden
-Schritten den schmalen Weg, der zu der Landstraße
-führt, herunter. Und ich sah, daß es Mirza sei.
-Wäre es eine Fremde gewesen, ich wäre weitergegangen.
-So blieb ich noch eine Weile stehen,
-um sie herankommen zu lassen. Sie sah mich erst,<span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span>
-als sie fast vor mir stand. Ich aber sah, daß ihr
-Gesicht tiefernst war, und daß ihre Augen immer
-noch in die Ferne gingen, wie in einer großen
-Sehnsucht. Als sie mich gewahr wurde, schrak sie
-zusammen, wie jemand, der in Träumen gegangen
-ist und den man angerufen hat. Dann färbte sich
-ihr Gesicht langsam mit einer dunklen Röte, aber
-sie faßte sich schnell und streckte mir die bräunliche
-Hand hin: »Guten Abend, Herr Pfarrer.« Ich
-wollte sie nicht fragen, was sie da draußen zu suchen
-gehabt habe bei sinkendem Tag; ich fragte nach ihrem
-Haus und ihrem Mann, nach Burge, die wieder
-gesund war und sagte scherzweis: »Und im Pfarrhaus,
-da lässest du dich gar nicht mehr sehen, seit
-du die Lohrmannsbäurin geworden bist, – oder ist
-es, seit das Agathlein nicht mehr da ist?« Das
-Agathlein, du weißt es, ist das Enkelkind, das sich
-so schnell in die Fremde verguckt hatte.</p>
-
-<p>Sie gab mir auf alles Red’ und Antwort,
-aber doch wie eine, die nur mit Mühe dabei ist
-und neben dem, was es aussprach, schien ihr Mund
-immer noch etwas zu hüten, was er verschweigen
-mußte. So kamen wir selbzweit bis an das Haus,
-unter dessen Tür der Ehemann stand und nach
-seinem Weibe Ausschau hielt. Er sah heiter aus
-und bot mir die Hand. »Ja, nicht wahr, Herr
-Pfarrer,« sagte er, »mein Weib, das fürchtet sich<span class="pagenum" id="Seite_24">[24]</span>
-nicht vor Wind und Wetter.« Und, als er sah,
-daß Mirza zusammenzuckte, sagte er mit einem
-guten Lächeln: »Ich weiß es wohl, sie ist das
-Stubensitzen nicht gewohnt, sie muß sich hie und
-da verlüften. Aber wart nur, sei’s um kurze Zeit,
-so fängt draußen das Ackern an, da kannst du
-frische Luft haben, und Bewegung, grad genug.
-Und man hat einen weiten Umblick bei uns da oben.«
-Er lachte ein frohes Lachen: »Das ist dann doch
-anders, so im Eigenen, mit der Sonne hinaus und
-mit der Sonne heim.« Das Weib stand still daneben.
-Dann, als zwinge sie etwas hinunter, atmete
-sie auf. »Du bist gut,« sagte sie und drängte sich
-an ihn. Immer wieder: »Du bist gut.« Da gingen
-sie miteinander ins Haus und ich dachte: »Um die
-zwei brauchst du keine Sorge zu haben, die wachsen
-schon zusammen,« aber ich konnte es doch nicht
-ändern, daß mir hie und da wieder das sehnliche
-Gesicht vor die Seele trat, das ich da außen gesehen
-hatte. Da, es war schon gegen Ende April
-– auch bei uns, zu denen der Frühling erst spät
-kommt, knospeten die Hecken und standen die Veilchen
-im Grase – kam die Bötin aus dem Nachbarort
-bei uns vorbei; sie hatte meiner Frau etwas aus
-der Stadt mitgebracht. »Ja, ja,« sagte sie, als sie
-in der Küche saß und eine große Schüssel mit
-heißem Kaffee vor sich auf dem Tisch stehen hatte,<span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span>
-»ja, ja, so geht’s, wenn man etwas anderes will,
-als Seinesgleichen. Die Marie vom Adlerwirt,
-die wär ihm nicht davongelaufen, und ist auch eine
-saubere, postierte Person; es hätt’ nicht gerad eine
-schwarze Zigeunerin sein müssen; aber wer nicht
-hören will.« Ich kam gerade an der Küche vorbei
-und hörte ihr Reden. »Was sagt sie da, Bötin?«
-fragte ich. »O nichts, als daß der Lohrmann ja
-jetzt das Nachsehen hat, er hat sie ja nun den
-Winter über durchgefüttert.«</p>
-
-<p>Ich wollte nichts mehr hören, es durchfuhr
-mich doch in jähem Schreck. Und, obgleich es
-Samstag war und meine Predigt noch nicht fertig,
-nahm ich Stock und Hut und ging ans Ende des
-Dorfes, um zu sehen, was es mit der Sache auf
-sich habe.</p>
-
-<p>Der Bauer war in der Scheuer, er machte sich
-allerlei zu tun, aber ich sah doch auf den ersten
-Blick, daß seine Gedanken nicht beim Futterschneiden
-seien. Als er mich gewahrte, sah er mit einem
-eigenen, stillen Blick auf, darin nichts von der
-Frohheit der letzten Zeit lag, aber etwas anderes
-doch, das mir für ihn wohl tat, etwas Unentwegtes.
-Er führte mich wortlos in die Stube; dann erst,
-als er die Tür hinter sich geschlossen und mir einen
-Stuhl angeboten hatte, sagte er: »Ich weiß wohl,
-warum Sie kommen, Herr Pfarrer; ich dank’s<span class="pagenum" id="Seite_26">[26]</span>
-Ihnen. Aber wenn’s nach mir gegangen wäre, ich
-hätt’s keinem Menschen gesagt. Sie können’s nur
-immer nicht schnell genug ausschnüffeln, die Leut’,
-wenn irgendwo etwas nicht im Gleis ist. Die
-Burge hätt’ nichts gesagt, die auch nicht. Aber der
-Fuhrknecht vom Lammwirt, der hat sie gestern in
-der grauen Morgenfrühe gesehen, wie sie mit einem
-ganz kleinen Bündelein in der Hand Blaubeuren
-zugegangen ist. Und, Herr Pfarrer, sie hat das
-rote Tuch um Kopf und Schultern gehabt, in dem
-sie einst hierher gekommen ist. Im Lamm hat er’s
-erzählt, sie sei gegangen, wie auf Federn, so leicht,
-und leis vor sich hingesungen habe sie. Jetzt wissen
-sie’s im ganzen Dorf und das ist mir leid um sie.
-Denn sie kommt wieder, o Herr Pfarrer, sie kommt
-wieder, sie kann es gar nicht anders. Es ist nur
-das Frühjahr, ich seh’s gut, ich seh’ in sie hinein
-wie in einen Spiegel.«</p>
-
-<p>Und damit stieg ihm wieder etwas von der
-Freude in die Augen, als ob er sein Weib schon
-vor sich sähe, wie sie zur Tür herein käme: da hast
-du mich wieder.</p>
-
-<p>»Und dann, wenn sie kommt?« ich fragte es
-eigentlich ohne Not; denn ich sah es ja, wie er sie
-aufnehmen würde.</p>
-
-<p>Da brach es aus seinen blauen Augen wie ein
-heller Strahl. »Dann?« Er ballte gewaltsam die<span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span>
-Hände zu Fäusten und preßte die Lippen aufeinander,
-daß sie es nicht hinausschrieen, was dann
-sei; die Augen mußten es ganz allein sagen mit
-ihrem Leuchten. Und ich sagte und wandte mich
-wieder zum Gehen, denn der hier wurde allein
-fertig: »ja, ja, Markus, die Liebe muß immer das
-letzte Wort behalten. Gott geb’s, daß sie es auch
-bei euch tue.«</p>
-
-<p>»Es ist mir nur um sie. Sie hat so wie so
-keine Freunde im Dorf; sie werden arg über sie
-herfallen. Aber was tut’s am Ende? Daheim ist
-sie doch nur bei mir.« Damit gab mir Markus
-Lohrmann das Geleite bis vor die Tür und schon
-als ich ein kleines Stück weit vom Hause entfernt
-war, hörte ich wieder das Klappern der Futterschneidemaschine.</p>
-
-<p>Am andern Tag, als wir unseren Sonntagsspaziergang
-machten in den Frühlingswald hinaus,
-meine Frau und ich, kommen wir an Lohrmanns
-Haus vorbei: da saß im Sonnenscheine die alte
-Burge am offenen Fenster. Sie hatte die Brille
-auf der Nase und das Gesangbuch auf dem Schoß,
-aber ihre Augen gingen ins Weite, und als sie uns
-herbeikommen sah, winkte sie mächtig mit dem Kopf:
-»ich bin allein im Haus, der Bauer ist mit seinem
-Weib hinaus, sie wollen ein bißchen nach der Saat
-sehen.« Und, als wir beide uns in freudigem Schrecken<span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span>
-nach ihr hinwandten; fuhr sie fort: »ja, ja, das Böse
-kommt immer schneller herum, als das Gute, aber
-heut in aller Gottesfrühe, es waren noch die übernächtigen
-Sterne am Himmel, da höre ich doch trotz
-meiner dicken Ohren, daß etwas draußen am Laden
-herumtastet. Und da schlägt auch schon der Hund
-an und reißt an der Kette, wie toll, aber eh’ ich
-meine Röcke überwerfen kann, geht schon die Haustür
-und der Bauer tritt über die Schwelle. Geschlafen
-hat er nicht die zwei Nächte, das weiß ich wohl.
-»Ich muß bei der Hand sein, wenn sie kommt,« hat
-er gesagt. Und als ich meinen Laden aufstoße, da
-steht sie richtig draußen und guckt ihn so an, als ob
-sie heulen und lachen möchte an einem Stück, und
-er nimmt sie nur so an beiden Händen und sagt:
-»komm, komm;« es hat ihm ganz die Stimme verschlagen.
-Und er zieht sie so an den Händen ins
-Haus herein und läßt die Türe wieder ins Schloß
-fallen. Da müssen sie lang gestanden sein, denn erst
-nach einer Viertelstunde hab ich ihre Kammertür
-gehen hören. Ich bin wieder ins Bett gestiegen, ich
-bin ein alter Mensch und die Nächte sind kalt. Und
-es war mir auch, ein drittes sei zu viel dabei: Aber
-wie ich dann hinauskomme ein paar Stunden später,
-da hantierte die Frau schon in der Küche, und der
-Bauer steht dabei und guckt ihr zu, wie sie die Milch
-seiht, und der Hund, Gott verzeih’ mir’s, wenn’s eine<span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span>
-Sünd’ ist, aber der steht daneben und frißt sie fast
-mit den Augen, ganz gleich wie der Bauer. Und
-wie ich sag: »so, so, auch wieder da?« und daß wir
-in der Angst gewesen sind, – da hat sie die Augen
-voll Tränen und lacht dazu und sagt: »Burge,
-Burge, ihr hättet mich sollen nicht ins Haus nehmen,
-so einen Wandervogel. Ich hab hinaus müssen, ich
-wär gestorben sonst. Aber, – und dann guckt sie
-den Bauern an, daß es mir altem Weib ganz siedheiß
-wird unter dem Kittel – haben müßt ihr mich
-jetzt doch, denn ich muß hier daheim sein, das kann
-man nicht mehr ändern. Es ist eine Not.« Und
-dann schlüpft sie an ihn hin, wie ein Kind, wenn es
-Angst hat, und, Herr Pfarrer, ich mag’s kaum sagen,
-aber der Bauer trägt sie ja richtig auf seinen Armen
-in die Stube und sagt: »mit einem siebenfachen Seil
-bind’ ich dich an, daß du mir nicht entlaufen kannst«,
-und sie sagt immer nur: ja, ja, bind mich an, aber
-mir ist angst, ich komme dir doch noch hinaus.«</p>
-
-<p>Die alte Burge schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>»Was soll ein alter Mensch, wie ich bin, dazu
-sagen? Ich habe in meinem ganzen Leben noch nichts
-solches gesehen, es ist nicht der Brauch bei uns.
-Aber so eigentlich bös sein, das kann man ihnen
-beiden nicht.« Und damit nahm das runzelige, trockene
-Gesicht einen Ausdruck an, den es noch nie gehabt
-hatte vorher; sie liebte Mirza, wider ihren Willen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span></p>
-
-<p>»Sagen, Burge? wir wollen gar nichts sagen.«
-Meine Frau war in mütterlicher Wallung für die
-beiden Menschen. »Gott behüt uns alle, wir haben’s
-alle nötig.«</p>
-
-<p>Und damit setzten wir unseren Weg fort, und
-als wir von Weitem ein Menschenpaar Hand in
-Hand durch die hellgrünen Saatfelder gehen sahen,
-bogen wir auf ein Seitenweglein ab. Denn wir
-hatten nichts dabei zu tun.</p>
-
-<p>Wir haben es später erfahren, daß Mirza auf
-den Blaubeurer Felsen herumgestiegen sei und auch,
-unter einen überhangenden Stein geduckt, frierend
-dort genächtigt habe. Und daß sie, hin- und hergerissen
-von ausbrechender Wandersehnsucht und von dankbarer
-Liebe zu dem Mann, der sich selbst und sein
-Haus zu ihrer Heimat gemacht hatte, umhergewandert
-sei, bis sie im Talgrund unten einen Wagen mit
-Leuten ihres Volkes gesehen habe. Da sei es ihr in
-heißem Schreck ins Herz gefahren, daß sie zu ihnen
-nicht gehöre, und sie sei atemlos gelaufen bis vor
-die Schwelle »seines« Hauses. Und sie hat ja nicht
-vergeblich dort geklopft, da die Liebe wach war und
-auf sie wartete.« – Der alte Pfarrer stand auf und
-ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. Der Gast
-wußte, daß er nun eine innere Bewegung und vielleicht
-auch die Versuchung, eine Nutzanwendung zu
-dem Gesagten zu machen, in sich unterdrückte; so saß<span class="pagenum" id="Seite_31">[31]</span>
-er schweigend und wartete. Der Feuerschein aus dem
-Ofen fiel durch das geöffnete Türchen auf den weißen
-Stubenboden; draußen war es dunkel. Ursel steckte
-den Kopf zur Tür herein.</p>
-
-<p>»Bring ein Krüglein Wein, Ursel. Nein, nicht
-vom Neuen, von dem kleinen Fäßchen im Eck, alten
-roten. Und dann auch die Lampe.«</p>
-
-<p>Nun kam der Hausherr wieder in Zug.</p>
-
-<p>»Es ist nicht bei dem einenmal geblieben,« fuhr
-er fort. »Sie ist noch hie und da, dem dunklen
-Trieb in die Ferne gehorchend, auf einen oder zwei
-Tage aus ihres Mannes Haus verschwunden und
-immer wieder beim Sternenschein oder beim ersten
-Hahnenschrei zurückgekehrt. Er hat sie jedesmal mit
-der steten Treue seines Wesens aufgenommen, und
-sie barg sich dann, wie in wachsender Angst vor sich
-selber, in seinen Armen. Ich sah aber doch hie
-und da, daß ein Zug von stiller Schwermut auf
-dem Gesicht des Mannes lag, bis er eines Tags
-wie übersonnt vor Freude in mein Haus trat. »Er
-ist da,« sagte er, »der Bub, wir haben einen Buben.«
-Ich mußte mich mit ihm freuen. »Das ist ja gut,«
-sagte ich und gab ihm die Hand, »nun wird ja auch
-die Mutter noch fester bei euch einwurzeln, als sie
-es bisher getan hat, nun, da sie die Wiege neben
-dem Bett hat.« »Das wird sie, so Gott will,« sagte
-der Bauer und wieder brach ein freudiger Strahl<span class="pagenum" id="Seite_32">[32]</span>
-aus seinen Augen, »wir zwei, wir binden sie an auf
-immer, der Bub und ich.«</p>
-
-<p>Meine Frau konnte dem Drang ihres mütterlichen
-Herzens nicht lange widerstehen. Sie wußte
-es wohl, das fremde junge Weib hatte keine Freundinnen
-unter den Dorfweibern. Und wenn auch die
-alte Burge da draußen herumhantierte, – kurz, sie
-mußte hin und nach dem Rechten sehen.</p>
-
-<p>Es war ein sonniger Märztag, als sie den
-Gang machte. Und als sie an den niedrigen Fenstern
-vorbeiging, die halbgeöffnet waren, da drang ein
-leiser, lieblicher Gesang an ihr Ohr. Das war Mirza,
-die ihrem Kindlein ein Wiegenlied sang, eine fremdartig
-süße Weise, wie deren die wandernden Leute
-so viele haben. Drinnen soll es lieblich genug ausgesehen
-haben. Die junge Mutter hatte das Büblein
-an der Brust und der Vater stand, ein Schnitzmesser
-in der Hand, unter der Tür, die nach dem Stadel
-hinausführte und konnte sich nicht ersättigen am Anblick
-der beiden dunkelhaarigen Köpfe, die da so traut
-beieinander auf den Kissen lagen. Denn das Kindlein
-hatte einen Wald von schwarzem Kraushaar
-und die großen, glänzenden Augen der Mutter mit
-in die Welt hereingebracht.</p>
-
-<p>»So ist er jetzt immer,« sagte Burge, »hundertmal
-läuft er von allem Geschäft weg und guckt die
-zwei an, als ob sie ihm könnten gestohlen werden.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_33">[33]</span></p>
-
-<p>Aber sie selber machte es nicht viel anders, das
-konnte man deutlich sehen. Sie versorgte Mirza und
-wickelte das Kind und besorgte den Hausstand. Es
-war, als ob sie Räder an ihre alten Füße bekommen
-hätte und ein junges Gesicht dazu. Das machte
-alles die Freude.</p>
-
-<p>»Viel zu gut habe ich’s,« sagte Mirza. »Die
-Frauen meines Volkes – wenn ich denke, wie sie
-hinter einer Hecke oder auf einem Heuhaufen –,«
-sie brach ab, als der Mann mit einer hastigen Bewegung
-auf sie zukam: »Dein Volk ist jetzt hier,
-Mirza, bei uns, bei mir, sonst nirgends mehr.« Und
-sie preßte das Köpflein des Kindes an sich und
-sagte: »ja, ja, das ist es. Aber ich kann’s nicht
-ändern, ich muß auch an die andern denken.« Und
-leiser, das rote Fäustchen und das sattgetrunkene
-Mäulchen küssend, fuhr sie fort: »er hat’s gut, mein
-Kleiner. Er ist da geboren, wo er hingehört. Ihn
-wird es nicht in der Welt herumwerfen – und
-nicht hinausziehen mit aller Gewalt.«</p>
-
-<p>»Ja, und du bleibst nun auch da, Mirza, nun
-bleiben wir alle beieinander,« sagte der Mann, und
-es sei eine leise Angst und eine rührende Bitte in
-seinem Ton gelegen, sagte meine Frau.</p>
-
-<p>Nun ging ein Jahr hin, – mehr als ein Jahr –
-ein Sommer und ein Winter und wieder ein Sommer,
-das war für Markus Lohrmann eine gute Zeit.<span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span>
-Ich weiß noch einen Sommertag vom vorigen Jahr;
-es war im Heuet; draußen an der großen Wiesenbreite
-gegen die Elchinger Markung hin gingen wir
-beide, das Agathlein, das zum Besuch gekommen
-war, und ich, selbander spazieren. Das heißt, das
-Agathlein hüpfte mir voraus, immer drei Schritte
-vor und einen zurück, und machte einen Strauß aus
-Heckenrosen und gelbem Ginster und solchem Blumengezeug
-an den Rainen, das nicht unter der Sense
-gefallen war. Und dazwischen hinein sah es sich um,
-ob der Großvater auch nicht verloren gehe. Aber
-auf einmal, an einer Wegbiegung, – es stand eine
-Gruppe von Schlehdorngebüsch davor, tat das Kind
-einen Schrei aus seinem freudigen Herzlein heraus
-und rannte gradeaus über die Wiese hin, bis wo
-unter einem Vogelbeerbaum ein Häuflein Menschen
-saß, offenbar beim Vesper. Ich stieg langsamer
-hintendrein, bei unsereinem pressiert’s nicht mehr so
-stark; da fand ich das Agathlein schon neben seiner
-Freundin Mirza auf dem moosigen Mäuerlein sitzen,
-das dort die Wiese abschließt, und es hatte auch
-wie die andern ein Stück Käsbrot in der Hand, von
-dem es fröhlich herunterbiß.</p>
-
-<p>Das schwarzhaarige Büblein, das für seine
-viereinhalb Monate schon prächtig herangediehen war,
-das lag mit weitoffenen Guckaugen auf seiner Mutter
-Schoß und krabbelte mit den Händlein an ihrer Brust<span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span>
-herum, als ob es wisse, daß es jetzt dann an die
-Reihe komme mit der Mahlzeit. Mirza war, wie
-Burge und wie der Mann und die beiden Taglöhner,
-in Hemdsärmeln. Sie unterschied sich durch
-nichts als durch ihre fremdartige, dunkle Schönheit
-von einer echten Albbäurin. Aber das Sehnsüchtige,
-Rätselhafte in ihren Augen und um ihren Mund,
-das war jetzt ausgelöscht oder doch zugedeckt durch
-eine weiche, mütterliche Freude an dem jungen Leben,
-das sie in ihrem Schoße hielt, und als sie aufsah
-und mir die Hand hinstreckte, tat sie es mit einem
-Lächeln, wie es nur ein Mensch hat, dem es im
-Herzen wohl ist. Ich bin damals eine gute Vesperviertelstunde
-lang mit unter dem Eschenbaum gesessen
-und auf dem Heimweg war mir’s warm, nicht von
-der Sonne allein, auch nicht von dem Glas Bratbirnenmost,
-das ich nicht hatte ausschlagen wollen;
-so ein Stück reifen, guten Sommerglückes, das man
-Menschen, die man gern hat, genießen sieht, das
-wärmt einen im Innersten. Das Agathlein, – das
-muß ich noch sagen – blieb auf der Wiese zurück.
-»Ich muß den Marx hüten, die Mirza muß wieder
-schaffen,« rief sie mir nach. Und als ich mich einmal
-umwandte, da sah ich Markus Lohrmanns Weib,
-wie sie rüstig neben ihm mit dem Rechen hantierte; er
-aber konnte es nicht lassen, zwischenhinein seine Augen
-nach ihr hinzuschicken. Ja, da hatte er gute Zeit.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span></p>
-
-<p>Wenn man sie gegen ein langes Leben hinhält,
-war sie kurz.</p>
-
-<p>Aber wie viele gehen über die Erde hin, die
-nie ein ganzes, volles Leuchten in sich gehabt haben,
-so eins, das durch dunkle Tage und Jahre hinscheint
-wie ein Licht: damals bin ich glücklich gewesen. Zu
-denen gehört Markus Lohrmann nicht. Wenn er
-nun mit seinem Büblein in seinem Haus da draußen
-sitzt und es kommt ihm so leer vor, und das Kind
-wächst daher und sollte eine Mutter haben, – ich
-weiß, dann nimmt er es auf den Schoß und erzählt
-ihm, noch eh’ es den Verstand dazu hat, daß einen
-Sommer und einen Winter und wieder einen Sommer
-lang sich dunkle Augen in den seinigen gespiegelt
-haben. Daß eine zärtliche Stimme schöne, seltsame
-Weisen über seinen ersten Kinderschlaf hingesungen
-hat, daß sein schwarzes, lockiges Köpfchen im Schoß
-einer lieben Frau geruht hat, die seine Mutter war.</p>
-
-<p>Und wenn er dann auch in vergeblicher Sehnsucht
-die Arme nach dem fernen Bild ausstrecken
-wird, es ist doch sein eigen gewesen. Und er wird
-sein Büblein an der Hand nehmen und« – »Du wirst
-ja ganz poetisch,« sagte der Gast dazwischen, und
-dann räusperte er sich und nahm einen Schluck Wein.</p>
-
-<p>Der Pfarrer nahm auch einen. »Na ja,« sagte
-er, »das ist sonst meine Art nicht. Aber es ist mich
-so angekommen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span></p>
-
-<p>Im vergangenen Sommer, – der kleine Marx
-zog schon sein hölzernes Gäulchen an einer Schnur
-hinter sich her und wackelte auf seinen anderthalbjährigen
-Füßen ums Haus herum – sah ich Mirza
-eines Tags gegen ihre sonstige Gewohnheit an einem
-sonnenheißen Tag unter der großen Linde, die nahe
-bei ihrem Haus steht, auf der Steinbank sitzen. Sie
-hatte ein altes, rotes Tuch um die Schultern gelegt
-und zog es an sich, als ob sie friere. Und ihre
-Augen sahen müd und traurig aus.</p>
-
-<p>»Was ist dir, Mirza?« fragte ich und setzte
-mich neben sie. »Du siehst nicht gut aus. Bist
-du krank?«</p>
-
-<p>Nein, das sei sie nicht, sagte sie, nur müde, es
-sei unbegreiflich, und doch auch wieder nicht. Es kam
-und ging eine dunkle Röte auf ihrem Gesicht. Sie
-kämpfte augenscheinlich damit, mir etwas zu sagen,
-tat aber dann ein paar lange Atemzüge und strich
-sich mit der Hand übers Gesicht, wie um dort etwas
-wegzuwischen. »Wenn dich etwas drückt, Mirza,
-und du möchtest’s mir gern sagen, – das weißt du
-wohl, daß ichs gern hören will,« sagte ich. »Aber
-freilich, wenn man so einen guten Mann hat, wie
-du, dann hat man den Beichtvater bei sich im Haus
-und braucht den Pfarrer nicht dazu.« Ich versuchte
-zu scherzen, aber eigentlich war es mir nicht recht um
-Spaß zu tun. Denn die Augen des Weibes neben<span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span>
-mir sahen wie in eine dunkle Tiefe oder in eine
-große, weite Ferne.</p>
-
-<p>»Es gibt Sachen, Herr Pfarrer,« sagte sie tiefernst,
-»mit denen muß der Mensch ganz allein ins
-reine kommen, da hilft das Reden nichts,« und ich
-spürte, daß es bei ihr so sei.</p>
-
-<p>So machte ich mir nur noch ein wenig mit dem
-Bübchen zu schaffen und freute mich, daß, als ich
-weiterging, der kleine Bursch vor seiner Mutter auf
-dem Boden saß und sein eifriges Gesichtlein zu ihr
-erhob, die seine stammelnde Sprache allein bis jetzt
-verstand.</p>
-
-<p>Einige Tage später hörten wir von der alten
-Burge, die in letzter Zeit wegen zunehmender Kurzatmigkeit
-einer jungen Magd Platz gemacht hatte,
-aber gleichwohl noch dort draußen aus- und einging,
-wie ein Eigenes, daß dem kleinen Marx ein Geschwisterlein
-sollte geboren werden, vielleicht so gegen
-den Wintersanfang hin. »Die Mirza ist nicht recht
-zuweg,« sagte sie, »auch vergnügt ist sie nicht. Es
-nimmt mich wunder; sie können ja gut mehr Kinder
-verhalten, darum braucht sie sich keine Sorgen zu
-machen. Aber freilich, ich kenn mich nicht aus bei
-ihr, es ist wohl nicht ums tägliche Brot, daß sie so
-unter dem Druck herumläuft. Sie hustet auch so
-viel, ich mein’ immer, der Mann solle den Doktor
-holen. Nur, wenn ich das sage, dann schüttelt die<span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span>
-Mirza stumm mit dem Kopf und guckt ihn so
-flehentlich an mit ihren großen Augen, als ob sie
-sagen wollte: das, was mich krank macht, das ist nichts
-für den Doktor. Und er – er tut ja, was sie will,
-da kann unsereins nichts machen.« Meine Frau
-tröstete an der treuen Seele herum.</p>
-
-<p>Das sei oft so in diesen Zeiten bei den Frauen,
-da müsse man nur warten und Geduld haben, mit
-dem neuen, jungen Leben werde auch der neue Lebensmut
-geboren und was man so zu sagen pflegt. Aber
-es war doch auch uns beiden nicht recht wohl ums
-Herz, als wir in einer der nächsten Wochen bei einem
-Abendspaziergang das junge Weib dort draußen auf
-dem kleinen Hügel trafen, auf dem ich sie schon einmal
-hatte stehen sehen, damals im Vorfrühling.
-Heute sah sie krank aus, mit übergroßen, dunklen
-Augen, die wie in einer sehnlichen Glut brannten;
-das schöne Gesicht war hager geworden und um die
-Mundwinkel lag ein fremdes, trauriges Lächeln. Sie
-wollte sich zwingen, heiter zu sein, als sie, sich dichter
-in das alte, rote Zigeunertuch hüllend, sagte: »die
-Schwalben sammeln sich schon wieder zum Fortgehen.
-Ich hab ihnen zugesehen, man sieht so weit hinaus
-da oben.« Aber es war, als ob eine gefangene Seele
-die beschnittenen Flügel höbe: warum kann nicht auch
-ich hinausziehen in die große, uferlose Weite? Ich
-wollte nun doch auch einmal mit Markus Lohrmann<span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span>
-reden, das nahm ich mir vor; denn ich wußte wohl,
-daß er in Sorge und Liebe jetzt seine Tage hinbringe,
-und es war mir auch, als ständen wir alle vor einem
-tiefen Rätsel, zu dessen Lösung wir uns die Hände
-reichen müßten.</p>
-
-<p>Aber eh’ ich noch, durch allerlei Amtsgeschäfte
-abgehalten, dazu kam, ihn aufzusuchen, geschah, was
-geschehen mußte, so wie das Leben nun einmal ist.</p>
-
-<p>Es war ein Tag im Herbstanfang, so, wie es
-bei uns da oben viele gibt, blau, sonnig und von
-einer durchsichtigen Klarheit. Das Agathlein war
-wieder einmal bei uns. Es stand, als ich von einem
-Krankenbesuch im Filial heimkam, am Gartenzaun
-und streckte sein Näschen zwischen den Latten durch.
-»Großvater,« sagte es, als ich herankam, »sei einmal
-ganz still, ich höre Musik, feine, schöne.« Und ich
-stellte mich neben das Kind, das den Finger vor
-den Mund gelegt hatte und sich horchend vornüberneigte
-und horchte mit ihm in die blaue Luft hinein.
-Da hörte ich es denn auch, es kam näher und
-näher: Klarinetten und eine Geige, und dazwischen
-die klagenden Töne des Dudelsacks. Es war eine
-Zigeunermusik; die halbe Dorfjugend und, so viele
-ihrer sich ein Gewerbe auf der Straße machen konnten,
-auch von den Alten, zogen hinter einigen schwarzhaarigen,
-bräunlichen Gesellen in malerischen, aber
-vertragenen Gewändern drein. Und bald ging es<span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span>
-von Mund zu Mund: heute Abend sollte große
-Tanzmusik droben im Ochsen sein. Draußen vor
-dem Dorf, in der gleichen Bodensenkung stand nun
-auch der Wagen der fahrenden Leute wie einst der,
-der Mirza gebracht hatte. Ein paar Weiber
-gingen vor die Türen, allerhand heischend, was es
-so bei den Bauern gibt; mir war Angst im Herzen
-um Mirza, an die ich heut immer denken mußte,
-als ob ihr Schlimmes bevorstände. Aber, wie so
-oft schon, ich beruhigte mich bei dem Gedanken, daß
-sie ja in einer treuen Liebe geborgen sei; die würde
-auch heute um sie wachen. Als ich jedoch am späten
-Abend von einer Krankenkommunion heimkehrend an
-Markus Lohrmanns Haus vorüberging, sah ich nur
-die dunklen Fenster ringsherum und bei näherer
-Betrachtung den alten Knecht auf dem Bänklein
-vor dem Hause, wie er mißmutig in seiner Pfeife
-herumstocherte. Der Bauer sei für drei Tage ins
-Unterland gegangen, er wollte Vieh kaufen und
-Wein. Und die Frau? Die sei seit einer Stunde
-fort, wohin, das wisse kein Mensch, und ganz richtig
-sei es nicht mit ihr und es gehe auch nicht gut, das
-sage er.</p>
-
-<p>Wo nun der kleine Marx sei? fragte ich. Da
-erhellten sich die Züge des Knechts. Ei, der liege
-in seinem Bettlein und schlafe. Die Frau habe
-ihn hineingetan und habe bei ihm gesungen, als er<span class="pagenum" id="Seite_42">[42]</span>
-schon lang geschlafen habe; es sei gewesen, wie
-geweint, ihm, dem Zuhörer da außen, habe sich
-alles um und um gedreht im Innern. Er verstehe
-nichts von so Sachen, aber es sei wahrhaftig gewesen,
-wie wenn eine arme Seele ums Lösgeld
-bitte. Und dann sei sie zur hinteren Haustür hinausgegangen
-und in ihrem alten, roten Tuch übers
-Feld hinauf in den sinkenden Abend hineingelaufen.
-»Sie ist halt anders, als alle dazuland,« schloß der
-Knecht, »aber unrecht, das ist sie nicht, bloß anders.«
-Mir kam die Angst aufs neue, die ich bei Tag verscheucht
-hatte. Denn dieses Menschenkind, das hast
-du schon gesehen, lag mir am Herzen.</p>
-
-<p>Ob wohl ihre fahrenden Stammesgenossen bei
-ihr gewesen waren? Ob sie die Musik der dunklen
-Gesellen gehört hatte? Und der Mann war nicht
-da, bei dem sich Mirza sonst wohl in der Not,
-auch vor sich selbst, geborgen hatte.</p>
-
-<p>Es hatte sich ein starker Wind aufgemacht,
-einer von den Herbststürmen, wie sie bei uns da
-oben so manche Nacht ihr wildes Lied singen. Nach
-dem schönen, sonnigen Tage war es verwunderlich;
-das Wetter mußte rasch umgesprungen sein. Nun
-trieben schwere Wolken in großen Heerhaufen am
-Himmel dahin. Wenn sie den Mond, der hinter
-ihnen stand, auf Augenblicke freigaben, so warf der
-sein blasses Gesicht auf ihre zerrissenen, zerklüfteten<span class="pagenum" id="Seite_43">[43]</span>
-Gestalten, die seltsam rasch über ihn dahinflogen.
-Der Wind rauschte in den Bäumen, es war eine
-andere Musik, als die sie da oben machten im Ochsen.
-Die klang mir nun auch in die Ohren, je mehr ich
-mich meinem Hause näherte, um so stärker. Ich
-gönne meinen Burschen und Mädchen wohl ein
-Vergnügen; ich habe selber auch schon zugesehen,
-wenn sie sich im Reigen drehten, und ich wußte,
-so, wie heute, bekamen sie nicht oft aufgespielt. Du
-kennst das kleine Liedchen, wir haben es schon miteinander
-gelesen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Eine braune Geige schluchzt,</div>
- <div class="verse indent0">Und daneben juchajuchzt</div>
- <div class="verse indent0">Eine tolle Flöte.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">Das fiel mir ein, als ich eine Weile horchend stehen
-blieb; denn, anstatt in mein Haus zu gehen, ließ ich
-mich von den Tönen noch ein Stück näher gegen
-den Ochsen hinziehen. Es war mir, als müsse ich
-sie diesmal still sein heißen; als müsse ich sagen, es
-sei ein Krankes um den Weg, das Stille brauche.
-Als ob die schluchzende Geige, der klagende Dudelsack
-Mirzas Seele seien, die sich zur Ruhe singen wolle
-und nicht könne. Aber die Instrumente sangen weiter,
-ein jedes seinen Ton, und nun hörte ich auch das
-Stampfen der Stiefel auf dem Saalboden des Ochsenwirts
-und sah an den hellerleuchteten Fenstern des
-Oberstocks die Gestalten der Tanzenden vorübergleiten.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span></p>
-
-<p>Ich wollte wieder umkehren, ich hatte ja eigentlich
-nichts da oben zu suchen; und dennoch, fast von
-selber, gingen meine Augen durch die Dunkelheit in
-allen Winkeln umher; sie suchten dennoch etwas.
-Da, als ich mich schon zum Gehen wandte, riß eben
-der Wind, der da oben noch ganz anders hausen
-mochte, die Wolkendecke wieder einmal auseinander.
-Und in dem unsteten Licht, das sich aus dem Wolkenspalt
-heraus ergoß, sah ich, hart an die Wand
-des gegenüberliegenden Hauses gedrückt, eine Frauengestalt
-in einem roten Tuch, und ein blasses Gesicht,
-aus dem die Augen, groß nach dem hellen
-Lichtschein aus dem Tanzsaal gerichtet, fast herausspringen
-wollten wie in Hunger und vergeblicher
-Sehnsucht.</p>
-
-<p>Ich trat zu ihr hin und fühlte, als ich ihr die
-Hand bot, wie sie heftig zusammenschrak. »Guten
-Abend, Mirza,« sagte ich, aber es wollte mir jetzt
-kein heiterer Ton gelingen. Mir war nur, als müsse
-ich mich still neben das arme Weib hinstellen, das
-die Zähne zusammenbiß und zitterte, wie in körperlichem
-Schmerz. Wir schwiegen eine Weile miteinander,
-dann sagte ich: »Komm, Mirza, ich begleite
-dich an dein Haus, heim, du mußt nicht so im
-Sturm draußen sein, ich meine, du seist nicht wohl
-die Zeit daher. – Ums Zusehen beim Tanzen wird
-dir’s ja nicht sein,« versuchte ich nun doch zu scherzen.<span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span>
-Sie schüttelte nur stumm den Kopf, es war nicht
-der Mühe wert, darauf zu antworten, es lag so
-weit ab. Ich wußte es auch wohl, es war nur die
-Musik, die von der weiten Ferne redete, von dem
-Lied, das der Herbstwind in den Bäumen spielt, von
-allem Glück und Elend, das im Wandern liegt, –
-ach, mehr als das, von allem Hinausdrängen und
-Heimbegehren der Menschenseele. Ich sah es wohl,
-sie trank das alles in sich hinein, – und verging
-fast daran.</p>
-
-<p>Ein wenig zögerte sie noch, dann ging sie still
-neben mir her. Ihre Schritte waren schwer, das
-mochte wohl ihr körperlicher Zustand machen, aber
-nicht er allein. Sie ging wie eine, die eine Last
-trägt und weiß: ich kann sie nicht ablegen, eh’ ich
-mich selbst ablege.</p>
-
-<p>Vor ihrer Haustür bot sie mir mit einer seltsam
-heftigen Gebärde die Hand. »Nicht bös sein, Herr
-Pfarrer, gut an mich denken,« sagte sie und ich sah
-trotz der Dunkelheit ihre Augen flehentlich auf mich
-gerichtet.</p>
-
-<p>»Gut an dich denken? Das tu’ ich immer,
-Mirza,« sagte ich. »Komm doch in diesen Tagen,
-so lang dein Mann fort ist, einmal auf ein Stündlein
-zu meiner Frau hinauf. Du weißt, sie freut
-sich darüber. Das Agathlein ist auch da, du mußt
-dein Bübchen mitbringen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span></p>
-
-<p>Sie sagte nichts darauf, sondern machte sich mit
-dem Hausschlüssel zu schaffen, und ich dachte, der
-Friede ihres Hauses werde über sie kommen, wenn
-sie drinnen in der Kammer das Atmen ihres Kindes
-höre und ließ sie allein und sagte zuversichtlich beim
-Gehen: »Gott behüt dich, Mirza. Wir müssen alle
-durch schwere Zeiten hindurch, aber sie vergehen
-wieder und es wird wieder hell.«</p>
-
-<p>So ist es mit uns Menschen. Wir ahnen
-einer des andern Not und gehen ein Stück neben
-ihm her und glauben ihn zu kennen. Aber sie brennt
-uns nicht auf der Seele, wie ihn, und wenn er lautlos
-neben uns stöhnt in Qual, dann sagen wir zuversichtlich:
-es wird schon besser werden – und
-meinen wunder, was wir Gutes wissen. Ach ja,
-wir Menschenhüter! Es ist uns doch immer wieder
-ein großes Müssen, an eine Hand zu glauben, die
-in alle Tiefen reicht und in die hinein sich die Verirrten
-und Verwirrten bergen können.</p>
-
-<p>Am andern Tag, das heißt, als es schon in die
-tiefe Dämmerung überging, kam Markus Lohrmann
-zu mir in den Garten, wo ich nach meiner Gewohnheit
-noch ein wenig zwischen den Beeten auf und
-ab ging. Er hatte den kleinen Marx auf dem Arm
-und sah fahl und verstört aus. »Schon zurück,
-Markus?« fragte ich noch, da brach ein Ton so
-schmerzlichen Jammers aus seiner Brust hervor, daß<span class="pagenum" id="Seite_47">[47]</span>
-ich im tiefsten Grund erschrak. »Was ist – mit
-Mirza?« fragte ich. Da bot er mir ein Blatt, das
-mit den etwas mühsamen, ungelenken Schriftzügen,
-die ich während des Religionsunterrichts bei Mirza
-kennen gelernt hatte, bedeckt war.</p>
-
-<p>»Ich muß gehen,« stand darauf. »Ich weiß
-nicht, wohin, daß Gott erbarm. Markus, du bist
-gut, ich wäre auch gern gewesen, wie du bist. Aber
-ich bin doch anders. Es treibt mich hinaus unter
-die Bäume und unter den freien Himmel, ich meine,
-ich müsse ersticken schon lange Zeit. Und ich meine,
-ich müsse weit, weit fort. Die Musik heut abend;
-ich hätte nicht zuhören sollen; ich kann nicht mehr
-ins Haus hinein.</p>
-
-<p>Ich weiß mir nicht mehr zu helfen, – daß
-Gott erbarm –« da brachen die Schriftzüge ab.
-Das Blatt war unter der Haustür gelegen, als der
-Knecht in der Morgenfrühe öffnete. Er hatte es
-grimmig auf den Tisch in der Wohnstube gelegt.
-Von dort hatten es wohl die Spatzen vertragen; denn
-im Dorf ging es wieder einmal von Mund zu Mund:
-sie ist mit den Musikern fort. Art läßt nicht von Art
-– und dergleichen mehr, was die Leute so sagen.</p>
-
-<p>»Ach, Markus, sie kommt wieder,« sagte ich,
-als ich das Blatt gelesen hatte. Aber ich glaubte
-es selbst nicht recht, ich fühlte wohl, das Glück kam
-nicht mehr für die beiden.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span></p>
-
-<p>Er schüttelte auch den Kopf und drückte das
-Kind an sich. »Jetzt hab’ ich nur noch dich,« sagte
-er zu dem Bübchen. »Jetzt sind wir zwei allein
-miteinander,« und wieder kam das kurze Stöhnen.</p>
-
-<p>Dann faßte er sich äußerlich zusammen. »Ich
-bin erst seit einer Stunde da,« erzählte er. »Ich
-bin schon heut gekommen, anstatt morgen, weil es
-mir keine rechte Ruhe mehr ließ. Das Weib ist so
-sonderbar gewesen die Zeit daher. Sie hat auch im
-Schlaf geredet, da hab’ ich gemerkt, daß sie krank
-ist nach der Ferne. Sie ist gewesen wie ein Vogel
-im Käfig, und doch hat sie mich lieb gehabt – und
-das Kind auch.« Er schüttelte den Kopf. »Es ist
-ein Jammer. Ich weiß nicht, was tun. Ich habe
-gedacht, ich wolle Ihnen das Kind aufzuheben
-bringen, Herr Pfarrer, und fortgehen, sie zu suchen.
-Aber ich glaube, ich muß sie lassen, wie sie muß und
-will. Ich darf sie nicht zu mir zwingen.«</p>
-
-<p>Er wußte nicht, wie vornehm und wie lauterer
-Güte voll er mir erscheinen mußte; er redete und
-tat alles aus seinem einfachen, liebenden Herzen
-heraus. Ich wußte, er verging nach ihr; er hätte
-sie auch gefunden, wenn er sie ernstlich gesucht hätte.
-Aber er wollte sie nicht im Käfig halten. »Ach,
-Markus,« sagte ich, »Gott helf’ uns allen.«</p>
-
-<p>Er nickte nur, ernst und schwer; er wußte auch
-keinen andern Trost. Dann ging er wieder; er<span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span>
-drückte das Kinderköpflein an seine Wange und ich
-hörte ihn zärtliche Worte sagen, als er den Gartenweg
-hinunterschritt.</p>
-
-<p>In den paar Wochen, die nun folgten, bin ich
-oft eine Dämmerstunde lang oder auch beim Licht
-der Ampel draußen in Markus Lohrmanns Stube
-gesessen. Ich wußte, er sei so allein und er habe
-niemand, der so recht mit ihm fühle. Da saßen wir
-einander gegenüber, oft mit einer Pfeife Tabak, oft
-auch ohne das. – Was? Du meinst, ich sei verbauert
-da oben? Anderswo wäre das unmöglich?
-Ja, ja, das kann schon sein. Aber weißt du, so
-eine gemeinsame Pfeife, – und dann, – viel reden,
-das ist nicht meine Sache, – da spürt so ein Mensch
-doch, daß jemand da ist. Ach was – nun will ich
-weiter erzählen.</p>
-
-<p>Da kam eines Tages ein Brief an mich. Er
-war von einem Amtsbruder im Schwarzwald. Warte,
-du kannst ihn lesen, ich habe ihn da bei der Hand.«</p>
-
-<p>Der Pfarrer kramte unter seinen Papieren,
-dann brachte er ein Blatt zum Vorschein.</p>
-
-<p>Der Gast las es. »Geehrter Herr Amtsbruder!
-Es liegt in einer Kammer des hiesigen Armenhauses
-ein Weib, offenbar eine geborene Zigeunerin, die
-aber in älblerischen Bauernkleidern hierher kam und
-behauptet, in Ihre Gemeinde zu gehören. Besagtes
-Weib ist in einer Waldhüterhütte eines toten Siebenmonatkindleins<span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span>
-genesen, und, da sie dort aufgefunden
-wurde, als eine Schwerkranke zu uns heruntergeschafft
-worden, bis sie ihr wanderndes Leben wieder fortsetzen
-könne. Ich glaube aber, sie wird nicht viel
-irdische Fahrt mehr vor sich haben, denn ihre Kraft
-schwindet hin, wie ein Licht verbrennt. Es ist eine
-wunderliche Geschichte, die mir, da ich als Seelsorger
-nach der neuen Insassin sehen wollte, das Weib erzählt
-hat. Und kaum zu glauben wäre sie mir, sowohl
-um des einen willen, daß ein seßhafter Bauer
-sollte eine aus dem fahrenden Volke zu seiner Ehefrau
-gemacht haben, als auch um des andern, daß
-solche dann wieder aus aller bürgerlichen Ordnung
-und reichlicher Versorgung weg ins Elend hinaus
-gelaufen wäre, wenn nicht das Menschenherz zuweilen
-wunderliche Wege ginge, daß auch ein alter
-Praktikant den Kopf schütteln und sich des Verständnisses
-begeben muß. Es ist nämlich, wie ich
-sagen muß, Gesicht und Sprache, auch das ganze
-Gehaben des Weibes nicht das einer Verdorbenen
-oder Lügnerin, sondern nur einer Verirrten, die sich
-nun im Angesicht des Todes wieder dahin zurücksehnt,
-von wo sie ausgegangen ist. Freilich sagt sie –
-und ich habe ihr solches auch reichlich bestätigt, –
-daß sie wie eine Undankbare gehandelt habe, die so
-großer Liebe ihres Mannes nicht wert gewesen sei,
-da sie ihn und auch ihr unmündiges Kind verlassen<span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span>
-habe. Aber ob auch ihre Augen ernst und traurig
-dreinsehen und beim Reden bittere Tränen daraus
-hervorgeflossen sind, so sagt sie dennoch: Gott weiß,
-ich habe nicht anders können, er ist stärker gewesen
-als ich.</p>
-
-<p>Da ich sie nun gestern ermahnt habe, Gottes
-Verzeihung zu suchen, so schüttelte sie den Kopf und
-sagte: »mir tut not, daß mir mein Mann verzeiht,
-Gott wird es wohl tun.«</p>
-
-<p>Damit nun diese Seele sich vom Irdischen ab-
-und dem Ewigen zuwenden könne, so ersuche ich Sie,
-Herr Amtsbruder, um Ihre Vermittlung, daß der
-Mann, der Markus Lohrmann heißen soll, nicht
-achtend seiner erlittenen Kränkung, der Sterbenden,
-denn das wird sie bald sein, ein Wort der Verzeihung
-schicke, wie wir denn vergeben sollen, damit
-auch uns vergeben werde.«</p>
-
-<p>Darauf folgte die Unterschrift.</p>
-
-<p>»Und?« Der Gast fragte es mit einem Lächeln,
-das schon vieles zu wissen schien.</p>
-
-<p>Da tat der Pfarrer einen tiefen Atemzug und
-bekam leuchtende Augen hinter seiner Brille.</p>
-
-<p>»Jetzt horch, Siegfried, denn jetzt bekommst du
-etwas zu hören, das ist wie ein Fest, ist lauter
-Hochzeit, Sieg, Liebe und Leben, obgleich es aussieht
-wie Elend, Not und Tod.</p>
-
-<p>Es war am späten Abend, als ich Markus<span class="pagenum" id="Seite_52">[52]</span>
-Lohrmann den Brief brachte. Er tat gerade sein
-Bübchen ins Bett und entschuldigte sich, daß es
-spät geschehe: »Es wird so bald dunkel und die
-Abende sind schon so lang. Da hab ich das Kind
-so gern bei mir. Ich weiß, es gehört ins Bett.
-Aber, Herr Pfarrer, draußen stürmt’s und die Nächt’
-sind schon so kalt, und ich muß dann immer hinausdenken,
-ob sie herumirrt und kein Haus hat. Und
-oft ist mir’s, sie rufe nach mir.«</p>
-
-<p>»Sie ruft auch, Markus,« sagte ich und gab
-ihm den Brief.</p>
-
-<p>Er las ihn und blieb ganz still. Nur daran,
-daß das Blatt in seiner Hand zitterte und daß sich
-seine Brust stark hob und senkte, so als ob er sein
-Leben mühsam in sich berge, sah ich, was ich schon
-vorher wußte, daß sein ganzes Wesen erschüttert
-sei. Ein paarmal lächelte er beim Lesen und ich
-verstand warum; es schnitt mir ins Herz und machte
-mich auch stolz auf ihn. Nach einer Weile fing er
-an zu reden. Es geschah zu dem Kind. »So, so,
-Marxle,« sagte er, »jetzt mußt du hinliegen und
-schlafen. Der Vater muß fort, der muß zu deiner
-Mutter, die wartet und kann sonst nicht einschlafen.«
-Dann versagte ihm die Stimme und er machte sich
-an dem Bettchen zu schaffen. Als er ringsherum
-das Deckbett um den kleinen Kerl fest gemacht hatte,
-hob er das Gesicht zu mir. »Ja also, Herr Pfarrer,<span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span>
-wie ist da die Reise?« fragte er. »Ich muß
-mich noch ein wenig anziehen, dann kann ich gleich
-gehen. Ich hol’ sie, ich bring’ sie noch heim. Da
-ist keine Red’ davon, daß sie in dem Armenhaus
-dort stirbt, das hat sie nicht nötig. Kann sein, sie
-wird wieder gesund, sie haben scheint’s dort keinen
-Doktor.«</p>
-
-<p>Wir machten den Reiseplan miteinander. Er
-mußte sich noch gedulden bis gegen Morgen. Dann,
-es war noch tiefdunkel, schritt er durch die nächtlichen
-Gassen. Ich hörte seinen festen Schritt und
-hörte ihn mit dem Stock aufstoßen. Denn sein Weg
-führte nah am Pfarrhaus vorbei.</p>
-
-<p>Ich lag wach und sah den Morgenstern hoch
-am Himmel stehen und hätte dem Wanderer gern
-ein gutes Wort nachgerufen; aber ich besann mich
-anders. Der hat in sich, was er braucht, dachte ich,
-der bedarf eines Wortes nicht. Er war mir lieb so.</p>
-
-<p>Das war der Morgen des ersten Novembers.</p>
-
-<p>Am Abend des dritten kamen die beiden miteinander
-heim.</p>
-
-<p>Wir wußten es von der alten Burge, die es
-sich nicht hatte nehmen lassen, den kleinen Marx zu
-versorgen, und die Weisung erhalten hatte, das
-Wägelein mit dem Braunen an die Bahn zu
-schicken.</p>
-
-<p>Im Dorf war viel Gerede und viel Schelten.<span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span>
-»Er hätte sollen froh sein, daß er sie los hat. Auch
-noch nachlaufen, einer solchen, – aber er ist rein
-nicht gescheit. Jetzt, wo unser Herrgott ein Einsehen
-gehabt hat; sie hätt’ dort hinten im Schwarzwald
-sterben können, dann hätt’ er seine Ruh’ gehabt.«
-Aber die zwei, die auf dem Wägelein saßen, das
-spät am Abend in sachtem Tritt durch die Gassen
-fuhr, die horchten nicht nach dem Gerede hin. Sie
-hatten, das sah ich, als ich sie am übernächsten Tag
-besuchte, auch die Meinung, daß unser Herrgott ein
-Einsehen gehabt habe, es war aber doch anders, als
-die Dorfgenossen es meinten.</p>
-
-<p>Sie wußten es wohl, daß sie nicht beisammen
-bleiben konnten, ich brauchte da nichts einzureden.
-Aber sie hatten noch ein paar Sommertage vor sich,
-eh’ es Nacht wurde, das war ihre hohe Zeit. Mirza
-atmete mühsam und schwer, denn ihr Herz war schwach
-und das Fieber brannte in ihr mit hoher Glut. Aber
-sie hatte leuchtende Augen, die waren bis zum Rande
-gefüllt mit Liebe und mit Heimatgefühl und nichts
-mehr von vergeblichen Kämpfen und von ausbrechender
-Sehnsucht stand in ihren Zügen. Und Markus
-Lohrmann, der eben den Doktor hinausbegleitet hatte
-und von ihm wußte, wie es stehe, der stützte sie, daß
-sie leichter atmen konnte, und streichelte ihre heiße
-Hand, und sie waren eins im andern daheim, wie
-ich es noch nie gesehen hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span></p>
-
-<p>Das machte, daß ihnen die Angst vor sich selber,
-vor allem Bitteren und Bösen, das sie einander
-hätten antun können, und vor aller Qual der vergeblichen
-Wanderwege nun abgenommen war, wie
-man Kindern ein gefährliches Spielzeug sacht aus
-den Händen nimmt und sagt: so, nun laßt das, nun
-kommet her zu mir, ich will euch etwas Schönes
-erzählen.</p>
-
-<p>Und darauf horchten sie nun und sagten eins
-dem andern, was es im Herzen erhorchte.</p>
-
-<p>»Ich hab’ dich anbinden wollen,« sagte der
-Mann, »weißt du noch? mit einem siebenfachen Seil,
-daß du mir nicht hinauskommest. Aber das Anbinden,
-das hilft nichts; hätt’ ich’s nicht tun sollen,
-Mirza?«</p>
-
-<p>»Doch, du hast müssen, Markus,« sagte sie.
-»Und ich hab’ auch so tun müssen, wie ich getan
-habe. Wir können nicht anders, wir sind arme Leut,
-wir Menschen. Ich hab’ oft gedacht, wie ich so
-herumirrte und doch nicht heimkonnte: wenn ich der
-Gott wär’, ich hätt’ so ein großes Mitleiden mit
-allen, daß ich vom Himmel herunterlangen müßte
-um zu helfen.« –</p>
-
-<p>Ich war lang still dagesessen, mehr im Hintergrund.
-Sie taten sich vor mir keinen Zwang an,
-ich war ihnen nie ein Fremder gewesen. Der Abend
-brach stark herein und wir schwiegen alle eine Weile.<span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span>
-Dann mußte ich aber doch sagen: »Das tut er ja
-auch, Mirza. Dir ist die Welt und dein Ich zu
-eng gewesen; jetzt gehst du wohl in eine Weite, da
-wirst du nicht anstoßen und auch nicht fremd sein.«</p>
-
-<p>Dann schwiegen wir wieder. Es ging so vieles
-durch mich durch. Es ist ein so großes Heimbegehren
-in uns Menschen allen. Der alte Claudius fiel mir
-ein: »Es muß irgendwo ein Ozean für uns sein.«
-Das und noch vieles. Aber ich konnte jetzt nicht
-davon reden. Wenn Markus Lohrmann diesen
-Winter mir hie und da gegenüber sitzen wird, –
-und das wird er, ich weiß es – dann werden wir
-wohl von diesen Dingen reden. Damals – ich habe
-selber mit horchen müssen und mit nach der Hand
-greifen, die Mirza wollte vom Himmel herunterlangen
-sehen, um uns allen zu helfen.«</p>
-
-<p>»Und dann?« fragte der Gast, als der Pfarrer
-eine Zeitlang schwieg. »Und dann ist auch diese
-Zeit zu Ende gegangen, wie alle unsere Zeiten, die
-hohen und die tiefen. Ich denke, es sei so recht
-geworden, daß wir das, was des Wanderns müde
-war, begruben, und daß das, was nach der uferlosen
-Weite begehrte, ›laut jubelnd wieder in die Flut
-gegangen ist.‹«</p>
-
-<p>Drunten am Haus schellte es.</p>
-
-<p>Ursel machte auf und man hörte sie reden.
-»Und der Marxle ist noch auf und noch draußen?«<span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span>
-sagte sie. »Arm’s Büble, du g’hörst ins Bett jetzt,
-so Männer haben doch keinen Verstand für die
-Kinder.« Dann ging die Tür auf und der Mann,
-von dem sie so viel gesprochen hatten, kam herein.
-Er trug sein Bübchen auf dem Arm, das war in
-ein großes Tuch gewickelt und hatte warme, rote
-Bäckchen und legte sein schwarzhaariges Köpflein an
-das blasse, ernste Gesicht des Vaters.</p>
-
-<p>Der sah den Gast nicht, der im Schatten saß.</p>
-
-<p>»Drum hab’ ich nur noch wollen einen Dank
-sagen,« hob er an. »Ich – ich wär’ sonst am
-Grab so allein gewesen, – aber was der Herr
-Pfarrer gesagt hat, das –«.</p>
-
-<p>»Red’ nicht so daher, Markus,« sagte der
-Pfarrer, »du hast noch ein »gut’ Nacht« holen
-wollen, das ist recht. Morgen komm’ ich und seh’
-nach dir. Was danken. Ich hab’ sie auch lieb
-gehabt, da dankt man nicht.« Der Mann setzte noch
-ein paarmal an, aber dann schien es ihm auch, als
-ob sonst nichts zu sagen sei. Ja, ja, liebhaben, da
-ist nichts zu bedanken, das geschieht umsonst. Da
-ging er wieder.</p>
-
-<p>Der Gast saß still in seiner Sofaecke. Der
-Pfarrer sah ihn in seiner Brieftasche blättern, und
-dann ein gelbes, zerlesenes Blättchen herausholen.</p>
-
-<p>»Lies,« sagte der Gast und hielt es seinem Freunde
-hin. »Ich meine, es werde nicht viel anders sein.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span></p>
-
-<p>Der Pfarrer las halblaut:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Es kam eine arme Seele im Himmelreich an:</div>
- <div class="verse indent0">Tut mir auf, tut mir auf, daß ich eingehen kann!</div>
- <div class="verse indent0">Und als sie nun stand am himmlischen Tor,</div>
- <div class="verse indent0">da kamen die Englein mit Haufen hervor:</div>
- <div class="verse indent0">»Arme Seele, was hast du zerrissene Schuh!«</div>
- <div class="verse indent0">Bin immer gewandert, fand nirgendwo Ruh.</div>
- <div class="verse indent0">»Verblichen, zerrissen dein altes Gewand!«</div>
- <div class="verse indent0">Das trug ich in Regen und Sonnenbrand.</div>
- <div class="verse indent0">»Arme Seele, was gehst du so krumm und gebückt?«</div>
- <div class="verse indent0">Mich haben die Lasten des Lebens gedrückt.</div>
- <div class="verse indent0">»Arme Seele, was suchst du im himmlischen Haus?«</div>
- <div class="verse indent0">Gott Vater, den sucht’ ich weltein und weltaus.</div>
- <div class="verse indent0">Dem leg ich zu Füßen die Kleider und Schuh,</div>
- <div class="verse indent0">die Last und mein sehnendes Herze dazu.</div>
- <div class="verse indent0">Da traten die Englein zusammen in Reihn</div>
- <div class="verse indent0">und führten die arme Seele hinein.</div>
- <div class="verse indent0">Da ward sie beschienen vom himmlischen Glast,</div>
- <div class="verse indent0">da war sie genesen der sehnenden Last.</div>
- <div class="verse indent0">– Die seligen Engel im ewigen Licht,</div>
- <div class="verse indent0"><em class="gesperrt">so</em> selig waren die Engel nicht. –</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Er reichte ihm das Blatt still wieder hin.</p>
-
-<p>»Ja, ja,« sagte er. »Es wird gut werden, irgendwie
-gut, ganz gut. Wir wollen still sein und warten.«</p>
-
-<p>Sie sahen eine Weile schweigend ins Lampenlicht.
-Dann redeten sie von andern Dingen.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak hidden" id="Ein_Sommer">Ein Sommer</h2>
-</div>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-063">
- <img class="w100" src="images/illu-063.jpg" alt="Ein Sommer" />
-</div>
-<p><span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span></p>
-
-<p class="drop">Ob die Himmelreichsgasse ihren Namen mit
-Recht oder mit Unrecht trage, darüber gingen
-die Ansichten auseinander.</p>
-
-<p>Die da meinten, er soll besagen, es sei ein
-himmlisches Leben und Aufenthalt daselbst, die
-schüttelten ärgerlich und enttäuscht den Kopf, wenn
-sie die niedrigen, rauchigen Häuser sahen, die rechts
-und links von dem ausgetretenen Pflaster standen
-und die Last ihrer spitzen Giebel trugen.</p>
-
-<p>Wer aber die steil ansteigende Gasse als einen
-Weg ins Himmelreich betrachten wollte, räumlich
-angesehen, der gab wenigstens zu, daß das obere
-Ende demselben ein gut Stück näher sei als das
-untere. Und das ist in dieser unhimmlischen Welt
-auch nicht nichts.</p>
-
-<p>Die letzten, obersten Häuser, zu denen noch eine
-Flucht von Staffeln emporführte, stießen dicht an
-den Wald an.</p>
-
-<p>Von dessen Rand aus konnte man einen weiten
-Blick, ein ordentliches Auge voll tun über Erd’ und<span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span>
-Himmel hin. Unten lag der alte Marktflecken, von
-einem kleinen Fluß durchzogen, von steil ansteigenden
-Höhen sorglich umschirmt. Hier oben war es still,
-friedlich und weit.</p>
-
-<p>Es war doch nicht ganz ohne mit der Himmelreichsgasse.</p>
-
-<p>Die stieg an einem schönen Junitage ein junges
-Fräulein empor. Es trug in der einen Hand einen
-zusammengeklappten Feldsessel, zwischen dessen Tragbändern
-ein hellgrauer Schirm stak, in der anderen
-einen schwarzen Kasten mit blitzendem Metallgriff,
-über dessen Zweck und Inhalt sich die Bewohner der
-Himmelreichsgasse vergeblich den Kopf zerbrachen.
-Mit aufmerksamen Augen studierte das Fräulein im
-Hinansteigen die Inschriften der Hausschilder, die
-Auslagen der Metzger- und Bäckerläden, die Blumenbretter
-vor den Fenstern und die Schwalbennester
-an den Balkenvorsprüngen.</p>
-
-<p>Die Hausnummern sah sie auch prüfend an.
-Aber da sie dabei rüstig weiterschritt, so wagte sie
-niemand anzureden mit der Frage, die auf jedem
-Gesicht stand, wohin sie wolle, und etwa noch, warum?</p>
-
-<p>Es war gegen Abend. Auf dem Pflaster spielte
-die Jugend, vor den Häusern standen Mütter mit den
-kleinsten Kindern auf dem Arme, vor der Schmiede
-stand ein Fuhrmann mit seinem Gaul, und der
-Schmied trat mit dem glühenden Eisen an der Zange<span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span>
-unter die Tür. Es war ein belebtes Bild, das
-Fräulein sah mit lebendigen Augen um sich.</p>
-
-<p>Vor der Tür des letzten Hauses ganz oben links,
-blieb sie stehen, besah sich die Nummer, nickte zustimmend,
-klinkte an dem schwarzen eisernen Griff
-der Haustüre, sah, als diese verschlossen war, zu den
-niederliegenden Fenstern des Erdgeschosses hinein und
-schüttelte den Kopf, als auch da kein lebendes Wesen
-zu entdecken war. Da sah sie hinter dem Bänklein
-unter dem Ahorn, der das niedrige Haus beschattete,
-ein Kindergesicht hervorlugen und blitzschnell wieder
-verschwinden. Nur ein blonder, borstiger Haarschopf
-guckte noch hervor. Dem ging sie nach. Mit einem
-leichten, geschickten Griff zog sie den widerstrebenden,
-kleinen Buben aus seinem Schlupfwinkel, stellte ihn
-vor sich hin und sagte: »Nun sag mir einmal, du
-Bürschchen, gehörst du in das Haus da?« Der
-Kleine nickte nur und steckte alsdann den Daumen
-in den Mund. Nur die Augen sprachen weiter; sie
-sagten: »Ich weiß gut, wer du bist. Du bist das
-Fräulein, das die obere Stube gemietet hat und
-unser Sommergast werden will.« Aber diese Augensprache
-war dem Fräulein nicht genug. »Warum
-ist das Haus geschlossen? Wo sind deine Eltern?«
-fragte sie. »Du gehörst doch dem Schuhmacher
-Notacker?« Das war ein bißchen viel auf einmal
-gefragt. Es brauchte schon eine Weile, bis die ganze<span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span>
-Antwort herauskam. »Das Haus schließt man, wenn
-man aufs Feld geht. Aber der Schlüssel liegt hinter
-dem Schuhabkratzer. Der Vater trägt geflickte Stiefel
-fort, und die Mutter ist auf dem Rübenacker. Die
-drei Kleinen hat sie mit.« »Die drei Kleinen? Ja,
-wie alt bist du denn?« Das wußte der Bub nicht
-so genau anzugeben, wohl aber, daß er Gottfried
-heiße und in zwei Jahren in die Schule komme.
-Ferner, daß er ein Sonntagsgewand im Schrank
-hängen habe und auf den Winter eine Pelzkappe
-mit Ohrlappen besitze. Als Gottfried mit diesen Berichten
-fertig war, kam von unten her ein Mann,
-der zum Zeichen, daß er etwas sehr Merkwürdiges
-sehe, fortwährend mit der linken Hand seine Mütze
-hin und her rückte und nun auch anfing, seine Schritte
-zu beschleunigen. »Da ist das Fräulein,« sagte er,
-als er da war. »Da ist sie nun, und das Haus
-geschlossen, und kein Mensch zum Empfang da. Das
-ist eine schöne Geschichte, das hätte nicht sein sollen.«
-Man brauchte es einem nicht zu sagen, daß der
-Mann ein Schuhmacher sei. Er trug eine grüne
-Schürze mit einer gelben Metallkette als Schloß, trug
-die Hemdärmel aufgekrempelt und hatte an Händen
-und Armen deutliche Pechüberreste. Er roch auch
-stark nach Leder. Er habe ein gutes, ernsthaftes,
-etwas gedrücktes Gesicht, dachte das Fräulein. »Das
-tut ja nichts,« sagte sie. »Wenn man nicht genau<span class="pagenum" id="Seite_65">[65]</span>
-angibt, wenn man kommt, so kann man auch nicht
-erwarten, daß man empfangen wird. Zudem hat
-mich der Gottfried schon ganz gut unterhalten.« Der
-Bub lachte so ein wenig bei diesem Bericht und der
-Vater sagte: »Da muß es das Fräulein gut mit
-den Kindern können, wenn er das getan hat. Denn
-er ist sonst scheu und ganz stumm vor Fremden, so
-gut sein Mundwerk läuft, wenn er daheim und unter
-uns Eigenen ist.« Er schloß die Haustür auf und
-geleitete das Fräulein die steile, halbdunkle und ausgetretene
-Treppe hinauf in den Oberstock, wo unter
-dem spitzen Dachgiebel ein einziges Stüblein eingeklemmt
-lag. Das Fremdenzimmer. Es war mit
-Liebe und Stolz eingerichtet, das sah man sofort.
-Mit allem guten Willen, das Möglichste an Eleganz
-aufzubringen. Das sagte sich das Fräulein, als ihm
-jeglicher Mangel an gutem Geschmack empfindlich
-auf die Nerven ging. Sie beschloß, das Angenehme
-daran herauszufinden. Das fiel ihr auch nicht schwer,
-als sie zum offenen Fenster hinaus die Aussicht sah.
-»Wie schön,« sagte sie, »o wie schön!« Der Schuhmacher
-nahm das Lob auch gleich für die Stube.
-»Man tut halt sein Möglichstes,« sagte er. »Wenn’s
-dem Fräulein nur bei uns gefallen wird. Es wär
-uns eine Freude.« »Das wird es, das wird es schon.«
-Das Fräulein streckte dem Mann plötzlich die Hand
-hin. »Auf gute Hausgenossenschaft.« Er nahm sie,<span class="pagenum" id="Seite_66">[66]</span>
-behutsam, sie war so weiß und fein gegen seine
-schwielige Schustershand. Es ging ein warmer Strahl
-über sein bärtiges, ernsthaftes Gesicht. »Jetzt kommt
-die Mutter,« rief Gottfried, der bisher stumm zugesehen
-hatte. Drunten knarrte ein Wägelchen, Kinderstimmen
-wurden laut. Gottfried polterte eilfertig die
-Treppe hinunter. »Mutter, das Fräulein ist da,« rief
-er schon von weitem. »Sie hat gesagt, es sei schön
-bei uns. Sie ist schon droben in ihrer Stube.« »Ich
-will Ihnen meine Frau schicken,« sagte der Mann,
-»und wenn Sie einen Wunsch haben, und es ist zu
-machen, so tut man’s.« Dann ging er auch.</p>
-
-<p>Sie sah sich in ihrer neuen Klause um, als sie
-allein war. Grelle, blaue Tapeten, buntfarbige Öldrucke
-darauf, weiße gehäkelte Deckchen auf Tisch und
-Kommode, ein Stückchen geblumten Teppichs auf
-dem Fußboden. »Es ist schrecklich, aber es ist gut
-gemeint; es ist gewiß ihr Stolz. Ich will mir’s nach
-und nach ein wenig menschlich machen. Was ist das
-für ein rührend ernsthafter, sorgenvoller Mann. Ich
-bin begierig, wie die Frau ist.« Das Fräulein fing
-an, seinen Koffer auszupacken, der schon vorher angekommen
-war. Und dazwischen hinein ging sie ans
-Fenster, immer wieder, und sog den Anblick in sich
-hinein. In langen Zügen tranken ihre Augen die
-friedliche, liebliche Schönheit des Sommerabends.
-Das Fenster bot so recht eine Mischung von dem,<span class="pagenum" id="Seite_67">[67]</span>
-was sie liebte. Nach rechts hinunter den Blick in
-die Himmelreichsgasse, wo die Kinder spielten und
-die Alten vors Haus kamen am Feierabend. Das
-war ein Stück Menschenleben, einfach, eng begrenzt,
-aber anheimelnd. Es zog sie an, es war ihr, als
-müsse sie hier etwas erleben. Gerade mit den Menschen
-da vor ihren Augen, etwas Gemeinsames, Verbindendes.
-Aber was? Das würde sich ja zeigen.
-Das brauchte man gar nicht zu suchen. Gegenüber
-war kein Haus mehr, da ging der Blick ohne Hindernisse
-ins Weite. Wie abendstill nun das Tal dalag.
-Wie dunkel und schweigend die grüne Wand des
-Tannenwaldes in den dämmerigen, nachtenden Himmel
-hineinragte! »Kaum zwei Minuten ist’s dahin, wo
-der Wald anfängt. Da muß ich noch hin, das
-muß ich alles grüßen und in Besitz nehmen,« sagte
-das Fräulein zu sich selbst. »Das Auspacken mag
-warten.« Es ging ein so heimatliches Grüßen aus
-ihr heraus und um ihre Umgebung herum. Sie war
-einer von den Menschen, die überall daheim sein
-können, weil sie es in sich selber sind.</p>
-
-<p>An der Tür wurde geklopft. Die Schustersfrau
-kam herein. Sie blieb hart an der Tür stehen. »Ich
-will nicht stören,« sagte sie, »ich hab’ nur dem Fräulein
-Grüß Gott sagen wollen.« Sie war eine kleine,
-schmächtige Frau mit zerarbeiteten Zügen und geraden,
-stillen Augen. »Ja, aber das ist ja natürlich, daß<span class="pagenum" id="Seite_68">[68]</span>
-wir uns begrüßen müssen,« sagte das Fräulein lebhaft
-und trat zu ihr. »Wenn man einen Sommer
-lang Hausgenossenschaft halten will. Wir wissen ja
-noch gar nichts von einander, persönliches, mein’ ich.
-Da war Ihre Anzeige in der Zeitung und meine
-Anfrage, und Ihre Zusage. Sonst nichts. Sie werden
-kaum noch meinen Namen wissen? Doch? Solger,
-Adelheid Solger. Ich will hier kein müßiger Kurgast
-sein. Ich will zeichnen und malen, und hoffentlich
-nütze ich meine Zeit gut aus. Es ist gefährlich,
-wenn es so schön ist um einen herum. Da sitzt man
-so leicht und macht beide Augen auf, daß alle die
-Schönheit hinein kann, und vergißt, daß man daran
-lernen wollte. So wiedergeben Strich um Strich,
-das ist dann ernsthafte Arbeit. Aber ich hoffe, daß
-ich den Sommer ausnütze.« Sie unterbrach sich.
-»Das rede ich Ihnen nun alles vor. Es hat mir
-oben gesessen, seit ich da zum Fenster hinaussehe:
-Wenn du nur auch ans Zeug gehst, so in der Freiheit,
-nun dir niemand den Stundenplan macht.«</p>
-
-<p>»Davon weiß unsereins freilich nichts,« sagte
-die Frau. »Es ist immer etwas da, das zuerst getan
-sein muß. Man weiß oft nicht, wo anfangen. Da
-braucht man sich nicht extra zu besinnen, ob man
-jetzt will oder nicht.«</p>
-
-<p>Ihr Gesicht blieb ganz ruhig, während sie sprach;
-ihre Stimme hatte einen tiefen, etwas bedeckten Ton.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[69]</span></p>
-
-<p>»Soll ich jetzt eine Lampe bringen?« fragte sie
-noch, schon die Türklinke in der Hand. »Das Nachtessen
-ist auch bald fertig, soll ich das dem Fräulein
-dann heraufbringen?« »Ja,« sagte das Fräulein,
-»bis es fertig ist, bin ich wieder hier. Ich gehe noch
-die paar Schritte bis an den Wald hin, eh’ es ganz
-dunkel wird. Damit kann ich nicht warten bis morgen.«</p>
-
-<p>Unter der Haustür auf der Schwelle saßen zwei
-Kinder, verkleinerte Abbilder des Gottfried. Sie
-waren barfüßig, trotzdem sie Schusterskinder waren,
-hatten vielfach geflickte Röckchen von Druckkattun
-an und guckten mit runden, blauen Augen vor sich
-hin. Aus der offenen Stubentür kam kräftiges Geschrei
-eines noch kleineren Notackerleins, das von Gottfried
-im Wagen hin und hergeschoben wurde, und dazwischen
-hörte man das klopf klopf des Schusterhammers.
-Das Küchenfeuer warf einen flackernden
-Schein auf den kleinen Vorplatz. Das Fräulein trat
-jetzt, von der Treppe herkommend, in seinen Lichtkreis.
-»Ah,« sagte sie fröhlich, und sog den kräftigen
-Duft ein, der einer Bratpfanne entstieg, »da gibt’s
-etwas Gutes. Da freu’ ich mich aufs Wiederkommen.«
-Die beiden kleinen Buben auf der Schwelle zogen
-auch die Näschen hoch. Das war ein Duft, den sie
-kaum kannten. Es war für sie mit dem Fräulein
-verwoben, nicht mit Unrecht. Was da protzelte, war
-nicht für die Schelme. Sie sahen sich verlegen an,<span class="pagenum" id="Seite_70">[70]</span>
-als der Sommergast an ihnen vorbeischlüpfte. »Bleibet
-nur sitzen, ihr zwei,« hatte das Fräulein gesagt, »an
-zwei so kleinen Mäusen komme ich schon noch vorbei.«
-Da ging sie hin den Waldweg hinauf. Sie
-kam ihnen sehr groß und sehr schön und sehr vornehm
-vor. Sie war etwas Neues, etwas Niedagewesenes
-für das ganze Haus. Und sie gehörte
-ihnen, aber nur zum Anstaunen. Sie war »unser
-Fräulein«.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>»Also das gibt’s noch,« sagte Adelheid Solger
-und streckte sich wohlig. »Das gibt’s noch. Das
-hab’ ich gar nicht mehr gewußt. Seit ich ein Kind
-war, bin ich nicht mehr im Heu gelegen. Das ist
-schon lang her. Und nun so. Sehen Sie, Meister
-Notacker, wie schön es ringsum ist? Sehen Sie’s
-recht?«</p>
-
-<p>Sie lag lang ausgestreckt auf der abgemähten
-Wiese, die sich ziemlich steil talwärts zog. Die Hände
-hatte sie als Kopfkissen in den Nacken geschoben, die
-Augen gingen mit einem sonnigen Behagen hin und
-her, blieben in der Weite hängen, kamen wieder in
-die Nähe zurück und fragten dann eindringlich in
-den Mann hinein, der auf seinen Rechen gestützt
-dastand und an einer Antwort arbeitete. Es liege
-ein Leuchten darin, dachte der. Sie war erst vorhin<span class="pagenum" id="Seite_71">[71]</span>
-aus dem Wald gekommen, angeregt von ihrer Arbeit
-frisch und vergnügt.</p>
-
-<p>»Nun hab’ ich ein Recht, eine Weile zu feiern,«
-hatte sie gesagt. »Ich war ausbündig fleißig diesen
-Morgen. Ich muß mich selber ein wenig loben, es
-ist sonst niemand, der es tut. Und es ist mir nötig,
-ich brauch’s. Was ist das für eine Welt! Im Wald
-war’s so dämmerig und hier ist alles voll Sonne.«</p>
-
-<p>Und dann hatte sie die Frage an ihn gestellt.
-»Sehen Sie, wie schön es um und um ist?« Was
-sollte er nur darauf sagen?</p>
-
-<p>Sie konnte ja nicht wissen, wie es in ihm aussah,
-und das war ihr wohl auch nicht wichtig. Aber
-in ihm lebte ein starker Drang nach allem Schönen
-hin, der regte sich neu, seit sie da war. Er war
-weder im Aussprechen noch im Sehen geübt. Und
-sie war das beides.</p>
-
-<p>Die Sonne lag mit vollem Glanz auf der Landschaft,
-der Fluß blitzte darin in tausendfältigem
-Geflimmer, die nachbarlichen Höhen hatten einen
-dunkelblauen Ton. In der Nähe lagen hellgrüne
-Kornbreiten, blaue Kornblumen und roter Mohn
-leuchteten in starken, sicheren Farben daraus hervor.
-»Ja,« sagte er langsam, »es ist schön – aber,« er
-stockte. Er hatte noch sagen wollen: »Aber so, wie
-Sie, seh’ ich’s nicht.« Er sah an ihren Augen, daß
-es so sei. Aber er verschwieg es. Vielleicht fürchtete<span class="pagenum" id="Seite_72">[72]</span>
-er, zu viel zu sagen. Denn das, was sich mit Macht
-in ihm regte, durfte sie nicht erfahren. Das war
-ein Neid gegen sie und alle, die so ungehindert, so
-selbstverständlich in einer Welt lebten, die ihm verschlossen
-war. Er war ein Schuster gegen seinen
-Willen. Er wäre gern etwas anderes geworden in
-seiner Jugend. Irgend etwas, bei dem der Geist
-die Flügel regen konnte, er wußte es selbst nicht so
-genau. Lernen hatte er wollen, viel und vielerlei,
-Bücher lesen, Musik machen, alles, was es nur gab.
-Aber da war nichts zu machen gewesen.</p>
-
-<p>Er war kein Genie, das sich einen Weg erzwingt,
-er hatte nur eine durstige Seele, die sich in einem
-engen Käfig duckte und draußen eine weite Welt
-ahnte, an der sie nicht teilhaben durfte. So lernte
-er sein Handwerk, aber verdrossen und unfroh, wie
-einer, der nicht an seinem Platz ist. Er brachte es
-nicht weit darin. Das wunderte ihn auch gar nicht.
-»Warum hab’ ich nichts anderes werden dürfen?«
-sagte er sich vertrutzt, wenn er sah, wie andere seines
-Handwerks weiter vorwärts kamen als er. »Ich
-passe einmal nicht dazu.«</p>
-
-<p>Er hatte es ein wenig vergessen gehabt, daß er
-so verkürzt sei. Aber nun kam es stärker herauf
-als je zuvor.</p>
-
-<p>Davon wußte ja das Fräulein nichts. Die
-war so frisch und lebensfreudig, erzählte so harmlos<span class="pagenum" id="Seite_73">[73]</span>
-drauf los von ihrer Welt, die nicht die seine war
-und nahm die Schönheit der Welt und des Lebens
-in Besitz, als ob das gar nicht anders sein könne.</p>
-
-<p>»Jetzt habe ich aber lange und geduldig gewartet,«
-sagte Fräulein Solger und richtete sich auf.
-»Es kommt wohl keine Fortsetzung mehr auf das
-Aber. Da erscheint nun der Gottfried und ruft
-uns zum Essen. Ich hätte so gern wissen wollen,
-ob’s nur mir allein so schön vorkommt, mir mit
-meinen Stadtaugen, denen es so golden wohl ist in
-der Freiheit nach der Enge des Zeichensaales?«</p>
-
-<p>Da gab der Mann dem Rechen und sich selbst
-einen Ruck. Den Rechen rammte er fest in die
-Erde, da stand er aufrecht und frei. Aus sich selber
-heraus sagte er, langsam, als müsse er jedes Wort
-von unten heraufholen: »Es wird wohl so sein, wie
-Sie meinen, so schön. Es gibt Leut’, die sehen’s
-immer. Denen liegt’s in den Augen, die sind dazu
-gemacht. Die anderen sehen das andere, es ist viel
-auch nicht schön in der Welt. – Aber heut’ seh’
-ich’s auch.« Es war eine Anstrengung gewesen,
-das alles zu sagen. Der Mann atmete tief auf.
-Fräulein Solger sah ihn von der Seite an, aufmerksam
-und nachdenklich. Was mochte hinter dieser
-Stirn mit den tiefen Querfurchen vorgehen? Gottfried
-war vollends herangekommen. »Die Mutter
-wartet schon lang,« sagte er. »Sie sagt, du habest<span class="pagenum" id="Seite_74">[74]</span>
-gewiß wieder nicht Zwölfe läuten hören. Und das
-Fräulein hätt’ ich auch suchen sollen.« »So,« sagte
-das Fräulein heiter, »im Wald hättest du mich aber
-lang suchen können. Ich bin im dicksten Dickicht
-gesessen und habe Baumwurzeln gezeichnet.« Sie
-klappte ihr Skizzenbuch auf und hielt es dem kleinen
-Buben vors Gesicht. »Da sieh her. Gefällt dir’s,
-du?« Gottfried sah ernsthaft auf das Blatt und
-machte ein kurioses Gesicht. So ein knorriges Zeug?
-So ein Gewirre? »Nein,« sagt er, ganz kurz und
-bestimmt. »O du Staatskerl du. Versprichst du
-mir, daß du deiner Lebtag’ so deutlich sagen willst,
-was dir gefällt und was nicht?« Fräulein Solger
-hatte nicht übel Lust, dem Kritiker einen Kuß in
-sein ernsthaftes Kennergesicht hinein zu geben; aber
-er sah aus, als ob er ihn wieder wegwischen könnte;
-sie ließ es. »Wenn ich nach Haus komme, muß
-ich’s meinem Professor zeigen. Vielleicht gefällt’s
-dem besser als dir. Aber du darfst zur Belohnung
-meinen Feldsessel tragen, und heut’ nachmittag darfst
-du in meine Stube kommen, dann zeig’ ich dir, was
-dir besser gefällt. Ich habe schon noch Schöneres.
-Und jetzt marsch marsch. Auf meiner Magenuhr
-ist’s schon lang Zwölfe vorbei.« Gottfried trabte
-stolz mit dem Feldsessel voraus. Die zwei anderen
-folgten. Der Mann hatte auch mit in das Skizzenbuch
-gesehen, gesagt hatte er nichts. »Wenn Sie<span class="pagenum" id="Seite_75">[75]</span>
-dem Buben Bilder zeigen,« hob er nach einer Weile,
-als sie so nebeneinander hergingen, zögernd an, »am
-End’ dürft’ ich’s auch sehen. Man sieht auch gern
-einmal etwas anderes. Und ich, – ich hab’ immer
-eine Freud’ an so etwas gehabt.« Es kam fast
-entschuldigend heraus. Die Lust war größer gewesen
-als der Vorsatz, zu schweigen. Das Fräulein
-sah aus, als ob ihr eine große Freude widerfahren
-wäre. Das war auch so. Sie hatte eine so ehrliche,
-gesunde Freude an ihrem Studium, die wollte sie
-so gern mit den Menschen, die um sie her waren,
-teilen. Und wenn sie einen Sinn dafür fand, wo
-sie ihn nicht vermutet hätte, da begrüßte sie ihn mit
-der ganzen geraden Herzlichkeit ihres Wesens. »Das
-ist ja fein,« sagte sie, »das freut mich ja von Herzen,
-Meister. Wollen wir das heute abend tun? Gleich
-heut?« Sie nannte ihn immer Meister. Das Wort
-gefiel ihr so für den einfachen, biederen Mann. Sie
-hatte bis jetzt immer geglaubt, er gehe in seinem
-Handwerk auf, und er war so gar kein Herr. Am
-Ende kannte sie ihn aber doch noch nicht.</p>
-
-<p>Die Frau stand unter der Tür und wartete.
-Sie schützte die Augen mit der vorgehaltenen Hand
-vor der Sonne. Ihr Gesicht war so eben und unbeweglich
-wie immer und mit dem gewohnten ruhigen
-Ton grüßte sie die Ankommenden. »Das Essen
-steht schon droben, Fräulein,« sagte sie. »Es ist<span class="pagenum" id="Seite_76">[76]</span>
-hoffentlich noch gut. Ich hab’s auf zwölf Uhr gerichtet.«</p>
-
-<p>»Geschieht mir ganz recht, wann ich’s kalt bekomme;
-ich bin so gar kein pünktlicher Mensch.
-Erziehen Sie mich nur ein bißchen.« Adelheid
-Solger hatte immer das Gefühl, als wenn sie diese
-Frau ein wenig aufheitern, ein wenig froh machen
-sollte. Aber wie? Sie war wohl auch gar nicht
-traurig, nur so tonlos, so gleichmäßig still ging sie
-ihres Weges. Und man wußte nie, was in ihr
-vorging. »Aber das ist ja vielleicht das allerbeste,«
-dachte das Fräulein, als es die Treppe hinanstieg
-und sein Zimmer betrat. »Es ist gar nicht immer
-gut, wenn man einen so durch und durch sehen kann,
-wie zum Beispiel mich, die ich keinen Gedanken verbergen
-kann. Ich will sie nur ruhig ihres Weges
-gehen lassen. Wenn ich’s nur könnte. Ich kann
-es ja doch nicht. Einen Tag lang, ja, aber dann
-muß ich wieder in ihrem Gesicht herumstudieren,
-und in seinem. Warum bin ich nur so, so menschenhungrig?
-Warum muß ich an allem teil haben,
-was um mich herum vorgeht?«</p>
-
-<p>Ihr Tisch war sauber gedeckt. Mit billigem
-Geschirr und dünnem Tischzeug, wie man es in
-Warenhäusern um ein Geringes bekommt. Aber
-alles neu und ganz. »Das ist für mich angeschafft,«
-dachte sie. »Da sitz’ ich nun allein dabei und ess’<span class="pagenum" id="Seite_77">[77]</span>
-das Beste, was im Haus ist. Es ist mir zuwider.
-Ich bezahl’s ja, sie verdienen noch ein bißchen dabei.
-Aber es ist mir doch zuwider. Soll ich ausgehen
-und im Wirtshaus essen? Dann kränkt’s die Frau,
-sie tut, was sie kann. Jetzt würde ich wieder ausgelacht,
-wenn mich meine Freunde sähen. ›Immer
-rücksichtsvoll,‹ würde Heinz sagen, und spöttisch den
-Hut ziehen. Ich weiß, was ich möchte. Ich möchte
-unten mit am Tisch sitzen und mitessen. Ich habe
-ganz gewöhnlichen Menschenhunger.« Damit beendete
-sie ihr Selbstgespräch und fing an zu essen.
-Sie war jung und gesund, es schmeckte ihr trotz
-allem.</p>
-
-<p>Ein gutes Stückchen hob sie für Gottfried auf,
-der eilig daherstolperte, kaum daß er den Löffel
-weggelegt hatte. Er blieb staunend stehen. Das
-Zimmer war anders, als da das Fräulein einzog.
-Auf der Kommode stand in einer breiten tiefen
-Schale ein Waldstrauß, ein duftiges Gewirre von
-grünen und rötlichen Ranken, langstieligen Glocken
-und Waldlilien. Die Öldrucke waren von den
-Wänden verschwunden; ein paar Kreide- und Kohlezeichnungen
-waren mit Reißnägeln da und dort lose
-angeheftet, über dem Bett hing an einer roten
-Schnur ein farbenfreudiges Aquarell. Ein hohes,
-graues Steinhaus mit einem mächtigen Portal, vergitterten
-Fenstern im Erdgeschoß und einer heiteren<span class="pagenum" id="Seite_78">[78]</span>
-Fensterreihe oben, zwei der Fenster mit Brettern
-voll brennendroter Geranien davor.</p>
-
-<p>Vor diesem Bild pflanzte sich der kleine Bub
-auf und guckte es mit großen Augen an. »Siehst
-du, da bin ich daheim,« sagte das Fräulein und
-wies auf die Blumenfenster. »Da geh’ ich wieder
-hin, wenn ich im Herbst fortgehe. Es war einmal
-ein Schloß und hat einem Grafen gehört. Der ist
-aber schon lang tot.« »Gehört’s jetzt dir?« fragte
-Gottfried. »Nein, Bub, so reich bin ich nicht.«
-Sie lachte. »Da wohn’ ich nur, und außer mir
-noch viele Leute; fast in jeder Stube jemand anderes.
-Und in der Mitte ist ein ganz mächtig großer Hausflur,
-so groß, daß man euer Haus hineinstellen
-könnte. Da tanzen bei der Nacht die Mäuse.«
-Gottfried sah unbefriedigt aus. Es paßte ihm nicht,
-daß dem Fräulein das Haus nicht gehöre und daß
-bei Nacht die Mäuse darin tanzten. Er hatte mit
-den Kindern der Himmelreichsgasse schon viel von
-»unserem Fräulein« gesprochen. Kein Mensch außer
-ihnen hatte einen Sommergast. Er hätte den anderen
-gern das Haus gezeigt; die hätten Augen gemacht.
-Aber wenn’s ihr gar nicht gehörte. Dann konnte
-man nur gleich still sein. »Ist dein Vater und deine
-Mutter auch drin?« fragte er. Da machte sie ein
-sehr ernsthaftes Gesicht. »Ich habe keinen Vater
-und keine Mutter mehr,« sagte sie. »Schon als ich<span class="pagenum" id="Seite_79">[79]</span>
-so groß war wie du, nicht mehr.« Gottfried war
-immer enttäuschter. »Ja, hast du denn gar niemand?«
-fragte er. Da überkam das Fräulein wieder »dieser
-ganz gewöhnliche Menschenhunger«. Sie konnte doch
-dem kleinen Buben nicht sagen, daß sie zu niemand
-gehöre, zu gar niemanden. Sie hatte doch so viele
-Freunde, so einen frohen, belebten, anregenden Kreis.
-Aber jemand eigenes? »Doch,« sagte sie nach einer
-kleinen Weile. »Ich habe schon jemand. Es ist
-fast, wie wenn ich eine Mutter hätte. Oben, ganz
-da oben, man sieht das Fenster nicht auf dem Bild,
-es ist auf der anderen Seite, da wohnt sie. Sie
-kann nicht gehen, sie ist krank. Aber sie ist immer
-da, wenn ich zu ihr komme. Die hat mich lieb, sie
-gehört mir.«</p>
-
-<p>Gottfried verstand den Bericht nicht so ganz.
-Das konnte er ja auch nicht. Das Fräulein hatte
-ja gar nicht gesagt, wer da oben wohne und fast wie
-ihre Mutter sei. Sie kam ihm ein klein bißchen
-weniger erstaunenswert vor, als er wieder die Treppe
-hinunterging. Sein Vater saß am Schustertisch und
-flickte einen klaffenden Riß in einen Bauernschuh.
-Dem konnte er alles erzählen. Er horchte auch hoch
-auf. »Daß sie am End’ gar nicht zu beneiden wär?«
-dachte er. »Daß sie auch ihren Schatten hat in ihrem
-Leben?« Er zog den Pechdraht eifriger durch die
-Löcher, die die Ahle machte. »Aber sie hat’s doch<span class="pagenum" id="Seite_80">[80]</span>
-schön; Herr! wenn man selber so ist, so gescheit und
-geschickt, und tun kann, wie man will!«</p>
-
-<p>Derweil saß das Fräulein oben und schrieb einen
-langen Brief an die, die »fast wie ihre Mutter«
-war. Mit dem Herzen und Gedanken kehrte sie ein
-in der stillen Stube der alten Freundin, die fast
-nichts mehr tun konnte und doch so viel war. So
-ein aufgeschlossener, warmer, lebendiger Zufluchtsort
-für die, die sich draußen herum müde und unruhig
-gemacht hatten. Sie wurde wieder froh während
-des Schreibens, ihres Reichtums bewußt. Es ging
-ein starkes Grüßen dem Brief voraus, direkt durch
-die Luftlinie. »Wenn ihr jetzt nur die Ohren klingen
-möchten,« dachte das Fräulein, als es die Himmelreichsgasse
-hinunter wandelte und den Brief in den
-gelben Schalter steckte, ganz unten an der Ecke.</p>
-
-<p>Denn sie wußte wohl, daß die Freundin manchmal
-saß und nicht wußte, wozu ihr tatenloses Leben
-noch tauge. Wie das einem Gemüt gehen kann, das
-nichts von seinem segnenden Reichtum weiß. Das
-nicht weiß, daß es eine stille Heimat ist für die, die
-es lieb hat. – – – –</p>
-
-<p>Das war ein Sommerleben, ein rechtes, echtes!
-Früh heraus, fast mit der Sonne, und den ganzen
-Tag sich des Daseins gefreut. »Ich werde braun,
-wie eine Bäuerin,« dachte Adelheid Solger vergnügt
-und studierte ihr sonnverbranntes Spiegelbild. Die<span class="pagenum" id="Seite_81">[81]</span>
-Himmelreichsgasse hatte das schon von ihr gemerkt.
-Sie war so ein bißchen Gemeingut geworden, da
-mußten die Leute schon darauf achten. Wenn sie
-die Gasse hinabging, hatte sie viele Händedrücke von
-sauberen und schmutzigen Händlein in Empfang zu
-nehmen und viele Grüße zu erwidern. Sie tat es
-gern, es war ihr so selig patronatsmäßig und landpomeranzig
-zugleich zumute. Der Schmied war
-ihr guter Freund und die dicke Bäckersfrau ihre
-Freundin. Und der Sternenwirt unten an der Ecke
-zog, wenn er sie kommen sah, seine Spieluhr auf.
-»Freut euch des Lebens,« konnte sie spielen und den
-Hohenfriedberger Marsch. Denn das Fräulein blieb
-dann regelmäßig stehen und horchte; sie wippte so
-einverstanden mit dem Kopf zu der Musik. Das
-freute den Sternenwirt.</p>
-
-<p>Sie ging aber viel öfter gleich vom Haus aus
-in den Wald. Nicht nur so in die nächste Nähe.
-Sie machte große Streifereien und brachte reiche
-Beute im Skizzenbuch heim. Wie die Bienen sammelte
-sie ein in der schönen Welt. »Das war ein
-Prachtsgedanke von Heinz,« dachte sie. Dieser Heinz
-war ein Freund und Studiengenosse von ihr, der
-sich gern zu ihrem väterlichen Berater aufwarf und
-er hatte sie hierhergeschickt. »Sie müssen so recht in
-die Natur kommen,« hatte er gesagt, »das ist für
-Ihr Studium und für Ihren Menschen nötig. Sie<span class="pagenum" id="Seite_82">[82]</span>
-werden neuerdings so zivilisiert.« – »Ich wollte, er
-könnte mich jetzt sehen.« Sie lachte, als ihr der
-Wunsch kam. Denn jetzt lebte sie so natürlich, als
-nur möglich. Es war eine Lust, zu leben. Sie
-hätte so gern ihre ganze Umgebung mit ihrer inneren
-Frohheit angesteckt. Das gelang teilweise, teilweise
-auch nicht. Meister Notacker, der lebte auf; er
-sang sogar manchmal. Er hatte eine schöne, tiefe
-Stimme und er kannte alte, wunderbare Volkslieder.
-Es war lang her, seit er sie gesungen hatte, die
-Kinder horchten hoch auf, und die Frau warf einen
-langen, merkwürdigen Blick auf ihn, als er’s das
-erste Mal tat. Er sah den Blick nicht, nur Adelheid
-Solger sah ihn. »Ist’s ihr am End’ nicht
-recht, daß er singt?« dachte diese. »Sie sollte doch
-froh sein, wenn er ein wenig Leben zeigt. Wenn
-ich einen Mann hätte mit solch einer Stimme, er
-müßte mir alle Tage singen.« Aber die Frau hatte
-schon wieder den Kopf über die Näharbeit gebeugt
-und zog mit unbewegtem Gesicht den Faden aus
-und ein. »Ich habe mich wohl getäuscht,« dachte
-die Beobachterin. Sie hieß jetzt nicht mehr Fräulein
-schlechtweg, sie war zum Fräulein Adelheid geworden.
-Sie hatte sich’s nicht ausgebeten, das war nach und
-nach so gekommen, ganz von selbst. So war’s ihr
-recht. Sie saß auf einem dreibeinigen Schemel am
-offenen Fenster. Draußen war’s Nacht, eine warme,<span class="pagenum" id="Seite_83">[83]</span>
-düftereiche Sommernacht. Um die aufgehängte Ampel
-über dem Schustertisch surrten aufgeregte Schnaken
-mit langen Füßen und glasigen Flügeln. Der
-Meister saß mit einem halbgeflickten Rohrstiefel auf
-dem Schoß, ließ die Hände ruhen und sang aus
-gehobener Brust. »Es waren einmal drei Reiter
-gefangen, gefangen waren sie.« Und dann noch
-viele andere. Die Kinder spitzten die Ohren und
-horchten wie die Mäuse, und die Frau wendete das
-zerrissene Röcklein hin und her, bis alle Löcher zu
-waren. Dann stand sie auf: »So jetzt ins Bett,
-Kinder, ’s ist schon viel zu spät für euch.« Adelheid
-konnte es schon lang wieder nicht lassen, an
-ihrem undurchdringlichen Gesicht und Wesen herumzustudieren.
-»Warum sie nur so ist? So stumm
-und ernst. So sorglich und fleißig, und brav und
-still. Aber gar nichts Warmes. Ich möchte sie
-wohl fragen, ob sie nicht glücklich ist. Aber das
-wag’ ich ja gar nicht. Sonst bin ich so keck und
-vor ihr scheu’ ich mich. Wie das nur ist? Am
-End’ hat sie schwere Nahrungssorgen. Der Mann
-ist nicht so übereifrig. Aber sie haben doch auch die
-Wiese und eine Kuh. Da bin ich nun schon wieder
-beim Grübeln.« Adelheid gab sich einen innerlichen
-Rippenstoß und kehrte in die Gegenwart zurück.</p>
-
-<p>Der Meister hatte aufgehört zu singen. »Sie
-haben gar nicht mehr gehorcht,« sagte er. »Meine<span class="pagenum" id="Seite_84">[84]</span>
-Gedanken sind mir durchgegangen,« gab sie reumütig
-zu. »Ich hab’ aber danebenher doch noch zugehört.
-Sie haben eine gute Stimme, warum singen Sie nie?
-Das sollten Sie viel öfter tun.« – »Ich will’s tun, wenn
-Sie’s freut. Es ist mir selten singerig zumute. Das
-muß einem von innen heraus kommen, sonst ist’s nichts.«</p>
-
-<p>Adelheid mußte wieder einmal sein Gesicht betrachten.
-Es hatte in letzter Zeit so etwas Lebendiges,
-Aufgehelltes bekommen. Sie wußte nicht,
-daß er in diesem Augenblick in seinen Gedanken zu
-ihr sagte: »Ja, wenn du immer da wärest, dann
-sänge ich wohl. Wie hast du mir das Leben aufgetan,
-du Sommergast.«</p>
-
-<p>Es war gut, daß sie es nicht wußte. Sie holte
-ihr Skizzenbuch herbei und zeigte ihm Altes und
-Neues daraus. Er tat so verständige, tüchtige Bemerkungen
-dazu, sie waren beide so plaudersam angeregt,
-als die Frau zurückkam und wieder ein Paar
-Strümpfe zum Stopfen vornahm. »Ich habe fast
-ein böses Gewissen,« sagte Adelheid, »Sie sind noch
-so fleißig und ich habe so frühen Feierabend gemacht.
-Lassen Sie mich ein bißchen mithelfen, ich
-kann auch Strümpfe stopfen, Sie werden’s schon
-sehen.« Die Frau warf einen Blick in ihr bittendes
-Gesicht. »Ich glaube, Sie meinen’s gut,« sagte sie.
-»Aber helfen können Sie mir nicht. Ich habe auch
-nur noch das eine Paar vor.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_85">[85]</span></p>
-
-<p>»Wie sie das nun wieder so tief und schwer
-sagt,« dachte Adelheid. »Das ist doch so eine harmlose
-Sache. Ich glaube, Heinz hat recht. Es gibt
-Leichtblüter und Schwerblüter. Die Frau gehört
-zu den Schwerblütern. Die müssen alles schwer
-nehmen.« – »Ich glaube, daß Sie’s gut meinen.«
-»Will’s glauben, daß ich’s gut meine. Oder eigentlich,
-ich meine es weiter gar nicht. Ich bin nur so
-ein vergnügter Mensch und hätte die andern gern
-auch so. Das ist eigentlich lauter Egoismus.«</p>
-
-<p>Damit erstieg sie ihre Treppe und begab sich
-zur Ruhe. »Ihre Lieder müssen Sie mich noch
-lehren, Meister,« rief sie noch von der Treppe her.
-»Die nehm’ ich im Herbst mit nach Hause und sing’
-sie meinen Freunden vor. Da krieg’ ich einen Preis;
-so schöne können die nicht. Aber wir müssen bald
-daran, die Zeit vergeht so schnell.«</p>
-
-<p>Das Letztere war so wahr. Die Zeit verging
-so schnell: es war fast nicht zu glauben. Die Ernte
-war vorbei, der Wind ging übers Stoppelfeld.
-Heute hatte Adelheid den ersten silbernen Altweibersommerfaden
-an einer Hecke gefunden. Den besah
-sie sinnend. Sie freute sich auch wieder auf ihren
-alten Kreis in der Stadt. Aber es war ein so
-schöner, reicher Sommer gewesen, es tat ihr leid,
-daß er scheiden wollte. Die Menschen hier waren
-ihr auch wert geworden, so, wie einem die wert<span class="pagenum" id="Seite_86">[86]</span>
-werden, an deren Sein und Tun man teilgenommen
-hat; wie das ein rechter, echter Mensch an denen
-tut, die um ihn her sind. Gottfried hatte ihr schon
-lang verziehen, daß das große Haus in der Stadt
-nicht ihr gehöre. Sie hatte so viele andere Vorzüge,
-er war ihr guter Freund geworden. Auch die anderen
-Notackerlein krabbelten die dunkle Treppe
-herauf und pumperten mit den Fäustlein an die
-Tür, und nach und nach taten das noch andere
-Kinder aus der Himmelreichsgasse. Auf einem Eckbrett
-stand eine glänzende Büchse, darin waren Himbeeren,
-wie man sie nicht im Wald findet, groß und
-glänzend, von süßem Zucker. Die banden die kleinen
-Herzlein an das große. Es waren nicht nur die
-Himbeeren, es war sonst noch viel Liebes und Schönes.
-Adelheid malte einen Zweig fliegender Herzen
-und in jedes rote Herzchen hinein einen der Kinderköpfe.
-»Lauter Originale,« sagte sie mit Stolz und
-trug das Bildchen im Haus herum, um es bewundern
-zu lassen. Sie traf die Schuhmachersfrau am
-Waschzuber. »Da sehen Sie her,« sagte sie, »das
-nehme ich mit nach Haus. Ich muß doch meinen
-Freunden zeigen können, was ich diesen Sommer
-gewonnen habe. So viele Herzen, und lauter frohe,
-harmlose, und keins betrübt und zerbrochen.« Wie
-froh sah sie aus, als sie das sagte, und so frisch
-und herzenswarm. Sie mußte wahrlich die Herzen<span class="pagenum" id="Seite_87">[87]</span>
-gewinnen. Die ernsten Augen der Frau lagen auf
-ihrem Gesicht, und plötzlich brach ein warmer Strahl,
-der sich nicht zurückhalten ließ, aus ihnen. »Das
-ist ein herziges Bildchen,« sagte die Frau. Und
-dann, ganz unvermittelt: »Sie meinen es gut, es
-muß Ihnen gut gehen auf der Welt. Wenn Sie
-nur auch so froh bleiben, wie Sie jetzt sind, es tut
-einem so gut, auch noch frohe Menschen zu sehen,
-die sind selten.« Adelheid war seltsam befangen.
-Es kam plötzlich solch eine Wärme aus dieser verschlossenen
-Frau heraus und sie wollte sich dessen
-freuen, aber sie konnte nicht recht.</p>
-
-<p>»Ach,« sagte Adelheid, »ich habe auch schon
-mein Teil Trauer gehabt im Leben. Wenn man
-ohne Eltern heranwächst und niemand ganz Eigenes
-hat. Es ist aber wahr, ich weiß nicht, wie’s kommt,
-ich muß mich an vielem freuen. Das Leben ist
-doch so schön, ich wollte, alle Menschen freuten sich
-dessen. Und,« sagte sie auf einmal mit hervorquellendem
-Mut: »ich wollte, ich hätte Ihnen etwas
-zu geben, das Sie froh machte. Sie sind’s nicht.
-Oder mein ich das nur?« Die Frau wusch eifrig
-weiter. Sie hatte das Gesicht über ihre Arbeit
-gebeugt und nichts mehr regte sich. »Es geht mir
-nicht schlecht,« sagte sie nach einer kurzen Weile.
-»Es kommt jedem etwas, das er tragen muß. Mancher
-ladet sich’s selber auf und muß es dann schleppen.<span class="pagenum" id="Seite_88">[88]</span>
-Was man sich selber aufladet, ist auf die Dauer
-schwerer als das, was Gott schickt. Aber es muß
-dann auch gehen.« Sie stand so unscheinbar an
-ihrem Waschzuber. Sie war weder jung noch schön,
-noch lieblichen Wesens, auch nicht besonders klug
-und hatte keinerlei Interessen, die über ihren täglichen
-Kreis hinausgingen. Und doch hatte sie etwas ganz
-Besonderes an sich. War es, daß sie im stillen
-eine Last trug, die sie niemanden klagte? Was
-mochte sie sich aufgeladen haben? Denn sie hatte
-doch vorhin von sich selbst gesprochen.</p>
-
-<p>Adelheid stand noch in stillen Gedanken ihr
-gegenüber, da sagte die Frau, wie aus einem langen
-Gedankengang heraus: »Ich bin gar nicht in die
-Welt hinausgekommen. Ich war immer hier, in
-diesem Haus. Es ist meines Vaters Haus. Man
-kann aber daheim auch genug erleben, das ist überall
-eins.« Dann brach sie wieder ab. Sie hatte noch
-viel auf dem Herzen. Aber sie drückte es wieder
-hinunter, sie hatte die Macht dazu, es für sich zu
-behalten, und Adelheid wollte nicht fragen. Sie
-ging in die Stube, um dem Meister ihr Blatt zu
-zeigen. Der sah es an, er wollte es nicht loben.
-Er atmete aus tiefer Brust und zog die Augenbrauen
-zusammen. »Was ist, wo fehlt’s?« fragte
-Adelheid. Da nahm er einen Anlauf zum Reden.
-»Es ist gut gelungen,« sagte er. Sonst nichts. Es<span class="pagenum" id="Seite_89">[89]</span>
-lag ihm etwas anderes obendrauf, etwas, das er
-nicht sagte, das konnte man gut merken. »Wenn’s
-Ihnen nicht gefällt, so sagen Sie’s nur ganz ehrlich.«
-Adelheid war ein wenig ärgerlich. »Sonst muß ich
-mir den Gottfried holen, der sagt seine Meinung
-frei heraus.« »Ja,« brach er nun los, »ich wollte,
-ich dürfte das auch. Aber das habe ich mein Lebenlang
-noch nicht gedurft. Als ich so ein Bub’ war,
-wie der Gottfried jetzt, starb meine Mutter. Meinen
-Vater hab’ ich nie gekannt. Da kam ich hierher
-ins Haus meines Pflegers. Der war ein Schuhmacher.
-Ein geschickterer, als ich geworden bin.
-Ich mußte auch einer werden, als ich aus der Schule
-kam. Das war so natürlich, daß man mich gar
-nicht fragte. O ich hab’ auch einmal aufgemuckt.
-Ich hab’ auch einmal gesagt, was ich wollte. Ich
-wollte Musik machen lernen, es nahm mir fast den
-Atem, wenn ich ein Instrument hörte. Ich hätt’
-auch etwas anderes gelernt, ich hätte die Musik dran
-gegeben, wenn ich hätte in Büchern lernen dürfen.
-Aber da kam ich schön an. Wissen Sie, wie man
-mir die Gelüste ausgetrieben hat? Hinausgehauen
-hat man sie! Ausgeprügelt.« Der Mann war in
-einer Erregung, Adelheid hatte ihn noch nie so gesehen.
-Als sei an einem vollen Dampfkessel das
-Ventil geöffnet, und lasse die zusammengepreßte
-Gewalt ausströmen, so flutete es aus ihm heraus.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_90">[90]</span></p>
-
-<p>Er nahm sich gewaltsam zusammen. »Aber das
-ist nichts für Sie,« sagte er. »Was wissen Sie von
-so etwas?«</p>
-
-<p>»Doch, das ist etwas für mich.« Adelheid saß
-ihm gegenüber auf dem niedrigen Fenstersims. Sie
-lehnte den Kopf an den Rahmen und sah ihn
-herzlich an. Ihr kleiner Ärger war längst verflogen.</p>
-
-<p>»Erzählen Sie mir das alles, warum soll ich
-von so etwas nichts wissen? Ich bin dreiundzwanzig
-Jahre alt und weiß, daß man im Leben kämpfen
-muß.« Sie füllte die Fensteröffnung fast ganz mit
-ihrer hellen Gestalt; er sah an ihr hinauf und sprach
-weiter, gesänftigter, als ob es ihm eine Wohltat sei,
-sein Leben vor ihre Augen zu legen.</p>
-
-<p>Von den Lehrlingsjahren sprach er und von
-seinem Ungeschick zum Handwerk. Von seiner Unlust
-dazu, die ihn drückte und würgte, und von der Furcht
-vor den Schlägen des Lehrmeisters. Von der ganzen
-zusammengepreßten Jugendlust am Streben und Leben.</p>
-
-<p>Dann von der Gesellenzeit und den Militärjahren,
-wo er von ferne die bunten Bilder des
-Lebens hatte an sich vorbeiziehen sehen. »Da hab’
-ich meine Lieder singen gelernt,« sagte er. »Das
-war schön, wenn wir sie sangen zum Marschieren
-am frühen Morgen beim Ausrücken. Und wenn
-dann die Regimentsmusik spielte. Die Brust wollt’s
-einem zersprengen vor Hochgefühl.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_91">[91]</span></p>
-
-<p>Da hab’ ich mich auch manchmal vor die Schaufenster
-gestellt, wo Bücher und Bilder ausstanden,
-und hab’ alles um mich herum vergessen vor Staunen.
-Daß man so viel Bücher schreiben kann. Was da
-alles darin stehen mag? Und die Bilder; wie man
-so etwas machen kann? Das ist ja ein Wunder.
-Grad so viel hab’ ich gesehen, daß ich’s weiß, das
-gibt’s alles; mehr nicht.«</p>
-
-<p>Er hämmerte eine Weile drauf los, schweigend,
-und wie von einem inneren Drang beseelt, sich frei
-zu schaffen. Dann sagte er: »Grad an dem Tag,
-als ich vom Militär frei kam, schrieb mir Regine –
-das ist meine Frau. Das wissen Sie noch nicht,
-daß sie meines Pflegers Tochter ist? Wir sind
-immer zusammen gewesen. Sie ist aber älter als
-ich. Jaso. Ja, sie schrieb mir, daß ihr Vater krank
-sei, vom Schlag gelähmt. Ich solle kommen, das Geschäft
-fortführen. Was sollte ich anders? Ich konnte
-mich nicht besinnen, ob ich wollte oder nicht. Das hab’
-ich nie gekonnt in meinem Leben, es stand immer alles
-vor mir, ein Zaun hüben und drüben am Weg. Und
-das, was ich gern gewollt hätte, war hinter dem Zaun.«</p>
-
-<p>Adelheid sah so teilnehmend in ihn hinein. Sie
-konnte hier nichts geben, als ihr lebendiges, stilles
-Zuhören. Was für ein Strom verborgenen, zurückgedämmten
-Lebens ging da an ihrer Seele vorüber.
-Sie sagte auch in den Pausen nichts; sie war ganz<span class="pagenum" id="Seite_92">[92]</span>
-still. »Dann ging vollends alles seinen Weg,«
-fuhr der Mann fort. »Nach einem Jahr starb der
-Meister. Er konnte nicht mehr sprechen, aber zeigte
-mir mit Gebärden, daß ich das Geschäft fortführen
-solle. Und dann – dann tat ich’s. Die Tochter
-hat dazu gehört. Ich hab’s nicht gleich begriffen,
-ich hatte nicht daran gedacht. Sie war mir lieb
-und wert. Aber ich hatte mir das anders vorgestellt,
-das mit dem Liebhaben und Zusammengehören. Ganz
-anders. Man machte mir das deutlich. Es sei ein
-Glück für mich, hieß es. Ein Haus und ein Geschäft
-zu haben, und eine rechte Frau dazu. Solch ein
-armer Mensch wie ich. Sie wollte mich gern, das
-konnte ich deutlich sehen. Am Ende hatte ich mir
-das andere nur eingebildet, das mit dem Glück und
-dem Zusammenstimmen. Da hab’ ich sie gefragt.
-Und seither hausen wir zusammen.«</p>
-
-<p>Der Sommergast hatte sich langsam von seinem
-erhöhten Sitz herabgelassen. Das war so etwas
-Wehtuendes. Das schnitt so scharf in ihre liebewarme
-Seele hinein. Sie waren alle beide nicht
-glücklich, der Mann und die Frau. Und dabei war
-wohl nichts zu helfen.</p>
-
-<p>Adelheid wendete das Gesicht den Fenstern zu.
-Draußen kam vom Tal herauf ein Herbstnebel und
-hüllte nach und nach die ganze Gegend ein. Sie
-sah dem Gewoge zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[93]</span></p>
-
-<p>Da sprach er weiter, hinter ihr. Sie sah nicht,
-wie seine Augen an ihrer Gestalt hingen, wie er
-aufstand und die Hände auf dem Rücken verschränkte
-in ohnmächtigem Verlangen. Sie hörte nur, daß
-seine Stimme zitterte.</p>
-
-<p>»Es geht mir immer so,« sagte er. »Jetzt, heut’,
-mit Ihnen. Ich sehe und höre von allem, was das
-Leben reich macht, so viel, daß ich weiß: das gibt’s.
-Daß ich sehe: das könnte ein Leben sein, wenn du
-das hättest. Und dann muß ich’s wieder lassen.
-Nur grad soviel, daß ich Hunger darnach bekomme.
-Nur grad vor mir sehen und nicht fassen dürfen.«</p>
-
-<p>Sie wagte nicht umzusehen, es wurde ihr so
-unbegreiflich schwül zumute. Das war ein Ausbruch!
-Daran hatte sie nicht gedacht.</p>
-
-<p>»Und da soll ich noch Ihr Bildchen loben und
-mich dran freuen? Das sind die Herzen, die Sie
-diesen Sommer gewonnen haben? Und Sie nehmen
-sie mit nach Hause und zeigen sie Ihren Freunden
-und sagen: ›Seht her, was ich mitgebracht habe!‹
-Bin ich nicht auch ein Mensch? Und ich bleibe hier
-zurück, und wie? Sie aber gehen, denn der Sommer
-ist dahin.«</p>
-
-<p>Sie war ein rechtes, tüchtiges Menschenkind.
-Es war eine junge, starke Kraft des aufrichtigen
-Empfindens und Wollens in ihr. Darum wandte
-sie sich nun nicht in heiligem Unwillen von ihm,<span class="pagenum" id="Seite_94">[94]</span>
-flüchtete nicht erschrocken vor den Wellen seiner armen,
-heißen Lebensleidenschaft. Sie fing auch nicht an,
-mit grüblerischem Forschen in sich herumzuquälen:
-»Hätte ich etwas anders machen sollen? War es
-am Ende Sünde, daß ich ihn an allem teilnehmen
-ließ, was ich lebte und genoß?«</p>
-
-<p>Die Schwüle war vergangen. Das, was sie
-sah, war klar, und sie verstand sich selbst und ihn.</p>
-
-<p>Der Schuster hatte damals auf der Heuwiese
-zu ihr gesagt: »Es gibt scheint’s Augen, die immer
-sehen, was schön ist, die sind dazu gemacht.« Da
-hatte er noch nicht gewußt, daß solche Augen auch
-Innerliches sehen können, und daß sie das Schöne
-herausfinden, mit dem tiefen, sicheren Blick des
-Quellenfinders, auch da, wo es sich nicht klar und lauter
-zeigt, wo es getrübt und vermischt mit Unreinem ist.</p>
-
-<p>Sie hatte ihm etwas, das ihn freute, in sein
-Leben hereingebracht. Und nun sie es wieder mitnahm,
-litt er darunter. Das war so natürlich. Dafür
-konnten sie beide nichts. Das mußte getragen sein.
-Er war ein armer Mensch, er hatte keinen Trost in
-sich selbst. Es verlangte sie, ihm einen zu geben.
-Aber welchen? Daß sie in Freundschaft seiner gedenken
-werde? Das war nichts. Das konnte ihm
-nichts helfen.</p>
-
-<p>Sie hatte auch eigentlich nur eine offene, herzliche
-Teilnahme für ihn. Die war echt. Aber sie<span class="pagenum" id="Seite_95">[95]</span>
-konnte dem Mann nichts helfen. Die konnte sie ihm
-nicht geben. Wenn er doch nur gesehen hätte, wie
-viel Gutes er habe, Eigenes, bei sich im Haus, das
-ihm blieb. Und wenn’s nur die Kinder waren. Aber
-das konnte sie ihm alles nicht sagen. Ratlos wandte
-sie sich um. Sie wollte ihm die Hand geben und
-nach einem Wort suchen, das vom Herzen komme.</p>
-
-<p>Da sah sie unter der offenen Tür auf der
-Schwelle die Frau stehen. Und als sie ihr ins Gesicht
-sah, wußte sie, daß hier eine verborgene Kraft der
-Seele ins tätige Leben getreten sei, und daß die Kraft
-Gutes bedeute, irgend etwas Gutes, für den Mann,
-der so arm war in seiner innerlichen Unkraft. Daß
-sie nicht zu helfen brauche mit ihrer armseligen Teilnahme,
-sondern daß da Liebe sei, echte, rechte, die
-sich ans Tageslicht dränge wie ein Quell. Zu dieser
-Stunde und nicht früher, obgleich sie früher wohl
-dagewesen sein mochte. Adelheid ging zur Tür.
-Sie wußte nichts zu sagen. Es war ihr auch nicht
-mehr not.</p>
-
-<p>Aber im Hinausgehen gab sie der Frau die Hand.</p>
-
-<p>Die tat einen Schritt vorwärts. Sie trocknete
-sich die Hände und streifte die Ärmel herunter. In
-ihrem tieferblaßten Gesicht sprachen nur die Augen,
-und sie holte Atem, tief und schwer von unten herauf.
-Der Mann konnte noch nicht lesen, was in ihren
-Augen stand. Er ließ die geballte Faust schwer auf<span class="pagenum" id="Seite_96">[96]</span>
-den Schustertisch fallen und streifte mit den Augen
-die Frau; scheu und trotzig und unsäglich elend sah
-er aus. »Sag nichts,« sagte er mit tonloser Stimme,
-»sag nichts! Du hast alles gehört, ich seh’s. Na ja.
-Ich bin auch ein Mensch. Das will einmal heraus.
-Jetzt weißt du’s. Laß mich mit Fried’, jetzt.« Es
-kam stoß- und ruckweise heraus. »Oder, ’s ist mir
-auch einerlei, kannst auch schelten. Aber nichts über
-das Fräulein. Kein Wort. Die ist gut, die kann
-nichts dafür, daß ich –, das ist alles aus <em class="gesperrt">mir</em> heraus.«</p>
-
-<p>Seine Stimme verging. Es schüttelte ihn von
-innen heraus. Er legte die Hand auf die Augen.</p>
-
-<p>Da trat sein Weib zu ihm. Wie eine Mutter
-und auch wie ein liebendes Weib trat sie zu ihm.
-So voll des Rechtes, zu trösten. Er war unglücklich,
-und sie hatte ihn lieb. Er war nie recht glücklich
-gewesen und sie hatte ihn immer lieb gehabt. Aber
-sie hatte es ihm nicht zeigen dürfen. Sie hatte eine
-Schuld auf sich gehabt, all die Jahre her, die hatte
-sie stumm gemacht und scheu. Und ihre Schuld war
-gewesen, daß sie sein Leben an das ihre gekettet
-hatte, trotzdem sie wußte, daß er sie nicht liebte mit
-einer großen, starken Männerliebe. Sie hatte auf
-das Kommen dieser Liebe gehofft und gewartet, und
-als die Hoffnung abnehmen mußte, als sie ihn hungrig
-sah, gedrückt und flügellahm an ihrer Seite, da wollte
-sie wenigstens eins tun, ein Großes, ihm zu Lieb.<span class="pagenum" id="Seite_97">[97]</span>
-Sie wollte ihre Liebe in sich hineinschließen. Er sollte
-sie nicht sehen, sie mußte ihn ja quälen. Sie sorgte
-für ihn und für die Kinder. Mehr durfte sie nicht.
-Aber jetzt, heute.</p>
-
-<p>»Andres,« sagte sie, »Andres, mußt nicht so
-verzagt sein.« Sie legte ihm die Hand auf die
-Schulter, leicht, leise.</p>
-
-<p>Es war ein Glücksgefühl in ihr, ein ganz eigenes.
-Eines, das nur die Menschen kennen, die schon ganz
-arm gewesen sind. Teil haben an seiner Last, die
-man so gut kennt, so gut. In seiner Armut zu ihm
-stehen, nun das andere geht, das Sonnige, Helle,
-das sein Leben gestreift hat. Ihm zeigen: Du bist
-nicht allein, die Treue bleibt dir, du Armer.</p>
-
-<p>Das ist auch schon ein Glück für solch ein Herz.
-Aus dem vollen Reichtum heraus wäre das ein
-Elend. Aus der Armut heraus, aus dem stummen,
-zugeschlossenen Nebenhergehen – ihr war es ein
-Reichtum. Sie hatte diese Stunde kommen sehen,
-all die Zeit daher.</p>
-
-<p>An seinem aufgehellten Wesen, an seinem Gesang,
-an tausend kleinen Zügen. Und sie hatte gewußt, daß
-ihm die andere nichts zu geben habe. Daß sie gehe
-und sein aufgewachtes, hungriges Herz zurücklasse.
-Das hatte so kommen müssen. Daran war gar nichts
-aufzuhalten und zu ändern gewesen. Das hatte der
-Sommer zur Reife gebracht. Und nun war er dahin.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_98">[98]</span></p>
-
-<p>– Er zuckte zusammen unter ihrer linden Berührung.
-Als ihn ihre Stimme traf, mit so einem
-eigenen, zitternden, warmen Klang, sah er auf. Er
-hatte etwas anderes erwartet. Er hätte auffahren,
-lospoltern mögen, sich verteidigen, ihr ins Gesicht
-schleudern: Laß mich, du! Was verstehst du vom
-Leben, vom Liebhaben, vom Feuer, das in mir brennt?</p>
-
-<p>Das konnte er nun nicht. Das konnte er ihr
-nicht sagen.</p>
-
-<p>Diese Frau, deren Augen so voll und tief und
-fest auf ihm lagen, verstand <em class="gesperrt">wohl</em> etwas von dem
-allen. Das sprach aus ihr heraus. Und ihn streifte
-eine Ahnung von dem, was in ihr war. Er ließ
-den Kopf wieder sinken.</p>
-
-<p>Da wagte sie es, sein Haar zu streicheln. Der
-kleine Bub’ hatte sich am Morgen gestoßen, er hatte
-eine Beule an die Stirn bekommen; den hatte sie
-auch so gestreichelt und dazu liebe Worte gesagt:
-»So, so, nun wein’ nicht mehr. Das geht vorüber.
-Das tut nur eine Weile weh.«</p>
-
-<p>Das gleiche konnt sie zu ihm nicht sagen, der
-da saß und wund vom Leben war. Aber ihre Liebe
-redete doch.</p>
-
-<p>»Ich versteh’ dich so gut. Ich weiß, wie das
-ist. Sehen, vor Augen haben und doch nicht besitzen.
-Lieb haben und sich hungrig sehnen. Und vorbei
-lassen müssen. Wenn man’s nicht wüßte, wär’s<span class="pagenum" id="Seite_99">[99]</span>
-leichter. Aber glaube, meine Last war schwerer als
-die deine. Denn ich trug sie lang und still, und
-ich mußte dich leiden sehen. Durch mich.«</p>
-
-<p>Das sagte sie ihm nicht alles so nacheinander.
-Aber er verstand sie doch. Er saß und rührte sich
-nicht. Er war so wunderlich aufgerührt in seinem
-Innern. Da war noch ein Leid neben dem seinigen.
-Da war ein Mensch, ein lebendiger, dessen ganzes
-Herz ihm gehörte. Der begehrte nichts, als zu ihm
-zu stehen, ihn zu trösten, etwas Gutes zu sein in
-sein Leben herein.</p>
-
-<p>Wie ein Riß im schwülen, dunklen Gewölk war
-das, durch den der klare, blaue Himmel hereinsieht.</p>
-
-<p>Wie ein Acker, der vom Hagel verwüstet und
-ganz zertreten schien, und auf dem sich doch noch
-Halme mit Ähren aufrichten, still und stark, und eine
-Ernte verheißen, wenn auch keine üppige, lachende.
-Sie begehrte jetzt kein Wort von ihm. Er ließ sie
-ja bei sich. Er wies sie nicht ab mit ihrer stillen
-Tröstung. Das war jetzt genug.</p>
-
-<p>Das Kleine in seinem Wagen erwachte und ließ
-seine Stimme hören. Da ging sie hin zu ihm und
-hob es heraus. Und ein Lebens- und Freuden- und
-Kraftgefühl war in ihr, daß sie das Kind hoch in
-die Höh’ hob. »Du Schatz,« sagte sie, »du Schatz.«</p>
-
-<p>Sie war ja jetzt reicher als vor sechs Jahren
-als Braut. Damals hatte sie nach Liebe gehungert<span class="pagenum" id="Seite_100">[100]</span>
-und ihrer begehrt. Jetzt liebte sie. Sieghaft brach
-die Liebe aus ihr heraus. Hier in diesem Haus war
-Liebe nötig, echte starke. Und niemand sollte fürderhin
-daran Mangel leiden.</p>
-
-<p>Das wuchs, das drängte. Sie hatte selbst nicht
-gewußt, wie lebensreif das alles in ihr gelegen hatte.</p>
-
-<p>»Mann,« sagte sie zu dem zusammengesunken
-Dasitzenden, »du, Mann, da guck den Kleinen an.
-Ist er nicht ein Schatz?«</p>
-
-<p>Sie hätte jetzt noch viel sagen können. Liebes,
-Warmes, Aufmunterndes. Aber er war so wund,
-da durfte man nicht derb zugreifen. Da konnte sie
-nicht sagen: »Ich bin nun einmal dein Weib, und
-die Kinder sind deine Kinder. Und wir wollen suchen,
-einander mehr zu sein, als seither.« Das nicht und
-sonst viel Schönes nicht. Das sagte nur ihr Wesen,
-ihr stilles, liebes Tun, das auf einmal so anders, so
-selbstverständlich um ihn her war.</p>
-
-<p>Er hatte seine Mutter kaum gekannt. Nun
-schien ihm sein Weib beides zu sein, Weib und
-Mutter. So hatte er sie noch nie angesehen, so warm
-hatte es ihn nie zu ihr gezogen, wie jetzt, da sie das,
-was ihn als Schuld drücken wollte, nur als Lebensleid
-ansah, und sich zu ihm stellte, es tragen zu helfen.</p>
-
-<p>Es war am Abend. Die Mutter saß in der
-dunklen Kammer an den Kinderbetten und sang leise
-ein Lied. Das tat sie selten. Heute mußte sie es<span class="pagenum" id="Seite_101">[101]</span>
-tun, es war so viel Aufgewühltes, Unruhiges, Frohes
-und Schweres durcheinander in ihr. Das mußte zur
-Ruhe kommen. Die Kinder schliefen drüber ein.
-Draußen in der Stube saß der Mann, allein, die
-Ellbogen schwer auf den Tisch gelegt, den Kopf auf
-der Brust. Sie hätte ihn so gern auch in den Schlaf
-gesungen, mit Liebe zugedeckt. Aber sie wagte sich
-doch nicht so nah an ihn heran. Die aufflackernde
-Freudigkeit des Nachmittags war nicht mehr in ihr.
-Er liebte sie ja doch nicht. Er trauerte ja, daß die
-andere ging. Und er sehnte sich nach einem Leben,
-das sie ihm nicht geben konnte.</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Sei du Schloß und Riegel,</div>
- <div class="verse indent0">Unter deine Flügel</div>
- <div class="verse indent0">Nimm dein Küchlein ein,«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">sang sie leise. Mit einem Herzen, das gern stark
-sein wollte und doch unruhig und zitternd schlug,
-sang sie es.</p>
-
-<p>Da kamen schwere, unsichere Tritte von der
-Stube her durch die dunkle Kammer. Wie einer,
-der eine schwere Last auf den Schultern hat, kam
-der Mann gegangen. Er tastete sich zwischen den
-Kinderbetten durch. Und dann sank er vor ihr nieder
-und legte den Kopf in ihren Schoß. »Kathrin,«
-sagte er, und seine Stimme brach mitten in dem
-Aufschrei: »Kathrin, ich weiß mir nicht zu helfen.
-Hilf mir!« – – – –</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_102">[102]</span></p>
-
-<p>Die Freunde in der Stadt waren nicht so recht
-zufrieden mit der heimgekehrten Adelheid. Zwar sie
-war braun, frisch und gesund, hatte reiche Beute im
-Skizzenbuch und in den Mappen mitgebracht und
-zeigte auch ihr Kinderbildchen mit Freude und Stolz.
-Aber sie war nicht so mitteilsam, als Heinz und die
-andern gewünscht hätten. Sie waren begierig auf
-Adelheids Erlebnisse gewesen, denn sie waren samt
-und sonders stolz auf sie, und überzeugt, daß sie
-überall die Menschen, und nicht nur die Kinder gewinnen
-müsse. Das hätten sie nun gern mitgenossen.
-Aber Adelheid sagte nur: »Sie waren alle gut gegen
-mich. Viel zu gut. Erzählen? Ja, das kommt schon
-noch, nach und nach. So Besonderes war nicht dabei.«
-Und dann fing sie an, sich auf die Arbeit zu
-werfen, als stünde der Hunger hinter ihr.</p>
-
-<p>Nein, da mußte etwas nicht in Ordnung sein.</p>
-
-<p>Die alte Freundin, oben unterm Dach, die mit
-dick verbundenen Füßen im Lehnstuhl saß und ihre
-Gichtschmerzen aushielt, die wußte nun wieder einmal,
-wozu sie auf der Welt sei.</p>
-
-<p>Draußen riß der Wind die Pappelkronen hin
-und her, daß sie ächzten. Drinnen saß Adelheid im
-Dämmer auf einem Schemel und sah in die Ofenglut.
-So liebte sie’s. Zu dieser Zeit pflegte sie zu
-kommen und, wie sie’s nannte, »ihren Tag hier auszubreiten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_103">[103]</span></p>
-
-<p>Heute war sie lange still geblieben.</p>
-
-<p>Es geht etwas in ihr um, dachte das alte
-Fräulein.</p>
-
-<p>Das braucht seine Zeit, bis es spruchreif ist.
-Sie konnte warten. Sie wußte schon, daß es komme.</p>
-
-<p>Adelheid nahm die Feuerzange und stieß in die
-Ofenglut. Mit einer so heftigen Bewegung tat sie
-es, als ob sie damit irgend einem unsichtbaren Feind
-einen Treff versetzen wollte. »O, ich wollte, ich
-brauchte gar nicht mehr von hier hinaus,« sagte sie
-plötzlich, unvermittelt: »Wenn man nie weiß, was
-man den Leuten antut mit sich selbst. Wenn man
-einfach in den Tag hineingeht und sich des Lebens
-freut und der Menschen. Und dann ist’s doch nicht
-gut getan. Und ich kann nicht anders sein, als ich bin.«</p>
-
-<p>Da kam nun die Sommergeschichte an den Tag.</p>
-
-<p>Sie hatte sich doch mehr damit gequält, als sie
-am Anfang gedacht hatte. Nicht mit Selbstvorwürfen.
-Aber mit Fragen: warum ist das so?
-Warum haben nicht alle Menschen die Macht, sich
-aneinander und am Leben zu freuen? Warum
-müssen sie durcheinander leiden und sind doch ohne
-Schuld daran? Da war die Mutige, Frohe eine
-Furcht vor dem Leben angekommen.</p>
-
-<p>Es ist nicht leicht in Worten wiederzugeben,
-was aus dem abgeklärten Gemüt der Alten in das
-junge, aufgestörte Wesen hinüberfloß. Daß die<span class="pagenum" id="Seite_104">[104]</span>
-Menschen einander brauchen, zum Aufwachen, zum
-Werden, durch Freuden und Schmerzen hindurch. Daß
-ein heiliger Wille auch über dem lebe und walte, was
-uns unklar und verworren scheine. Und daß nur Einer
-sehe, was der Sommer des Lebens für Frucht zeitigen
-solle. Und daß die Menschen nur reines Herzens vor
-ihm leben sollen, und das andere ihm anheimstellen.</p>
-
-<p>Man kann das nicht so sagen. Man muß solche
-Dämmerstunden kennen, um zu wissen, welch still-
-und frohmachenden Schatz man von ihnen hinaustragen
-kann ins laute Leben des Tages.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Es war ein heller, heißer, staubiger Sommertag
-im nächsten Jahr. Kurz vor den großen Ferien.</p>
-
-<p>Niemand hatte mehr rechte Lust, Vorträge anzuhören
-oder Studien im Zeichensaal zu machen.</p>
-
-<p>In der viertelstündigen Pause zwischen den
-Vormittags-Übungsstunden der Kunstschule war es.
-Sie standen so in zwanglosen Gruppen herum, die
-jungen Träger der Kunst der Zukunft. Auf der
-Steintreppe, unter den Arkaden, in der kühlen Eingangshalle.
-Wohin man ausfliegen wolle, beriet
-man, und ob man den Semesterschluß ganz abwarte
-– bei dieser geisttötenden Hitze.</p>
-
-<p>»Eine Schande ist’s, jetzt in den Stuben zu
-hocken,« sagte Heinz, den wir bereits kennen und
-dessen anderer Name hier nichts zur Sache tut.<span class="pagenum" id="Seite_105">[105]</span>
-»Fenster auf und hinaus. Einmal ich. – Hallo,
-was gibt’s da?« unterbrach er sich. Er trat aus
-seiner Gruppe und sah zu, wie Adelheid Solger,
-aus der Halle kommend, die breite Treppenflucht
-hinunterflog, auf einen Mann von bäuerlichem Ansehen
-und einen kleinen Buben zu, sah, wie sie den
-Beiden die Hände schüttelte, und wie das bärtige
-Männergesicht aufleuchtete in frohem Grüßen.</p>
-
-<p>Und dann ging er, als der Nächste dazu, ein
-paar Schritte entgegen, als sie die Gäste heraufführte.</p>
-
-<p>»Das sind meine Freunde aus Steinkirchen,«
-sagte Adelheid, sobald sie bei ihm angelangt waren.
-»Dies hier ist Gottfried, wissen Sie, mein Kritiker.
-Und das ist sein Vater.«</p>
-
-<p>Der Schuhmacher sah froh und verlegen zugleich
-drein. Er hatte etwas auf dem Herzen. Aber er
-brachte es nicht so leicht vor, hier, in dieser Umgebung,
-wo ihm das Fräulein fremder, ferngerückter
-schien, als da sie bei ihm in der Himmelreichsgasse
-wohnte. Es war nur gut, daß er den Gottfried mit
-hatte. Der tat nicht lang fremd.</p>
-
-<p>»Jetzt mußt du wieder kommen,« sagte er mit
-seiner hellen Bubenstimme. »Wir haben ein Kleines,
-und die Mutter hat gesagt, das müsse so heißen,
-wie du. Damit man wieder eine Adelheid habe, und
-du mußt zu Gevatter stehen, hat sie auch noch gesagt.«</p>
-
-<p>Heinz lachte laut auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[106]</span></p>
-
-<p>»Du bringst deine Sache gut vor, Junge,« sagte
-er. »So ist’s gut, nur nicht lang gefackelt.«</p>
-
-<p>Diesmal besann sich Adelheid nicht lange, ob
-sie nicht abgewiesen werde. Sie beugte sich zu dem
-kleinen Buben herunter und küßte ihn in sein rundes,
-ernsthaftes Gesicht hinein. »So, muß ich?«
-sagte sie und lachte. Es war ein so fröhliches, befreites
-Lachen. Und sie streifte dabei mit fragenden
-Augen den Mann. »Ist das wahr? Könnt ihr
-mich brauchen?«</p>
-
-<p>»Der Bub’ sagt’s ungeschickt,« sagte der Mann
-entschuldigend. »Aber Sie nehmen’s ja nicht für
-ungut, das weiß ich wohl. Das nicht und nichts
-sonst. Von ›müssen‹ kann ja keine Rede sein. Aber
-wenn wir halt recht schön bitten dürfen. Weil alles
-so gut steht bei uns; und weil wir halt immer sagen,
-das Weib und ich: daß das Fräulein gekommen ist,
-damals, das ist ein Gottessegen.«</p>
-
-<p>Er streifte mit einem verlegenen Blick den
-fremden Herrn, der dabei stand und der gar nicht
-gesonnen schien, sich von der Gruppe zu trennen.
-Er hätte gern noch mehr gesagt. Aber das ging nun
-nicht an. Das mußte er noch aufsparen.</p>
-
-<p>»Ja, Meister, das ist mir ja eine Freude, eine
-große, rechte,« sagte Adelheid in überquellendem
-Empfinden. Ihr war so froh zumute, so reich.
-Da war etwas Gutes gewachsen, das konnte man<span class="pagenum" id="Seite_107">[107]</span>
-ja sehen. Das bedurfte gar nicht vieler Worte.
-Und sie sollte daran teil haben. Wie schön das
-Leben war. Wie schön. Ihre Augen leuchteten.</p>
-
-<p>»Ist das nicht herrlich?« fragte sie zu Heinz
-hinüber. »Aber nun kommen Sie, nun wird heut’
-Feiertag gemacht. Sie gehen mit, ganz freundschaftlich.
-Wir müssen den Beiden alles Schöne zeigen, das
-sie nur in sich hineinkriegen. Ist es nicht ein Fest?«</p>
-
-<p>»Daß irgend etwas wunderschön ist, seh’ ich an
-Ihren Augen. Und ich seh auch, daß Sie uns
-heuchlerisch verschwiegen haben, was unter Freunden
-geteilt gehört. Aber ich räche mich,« sagte Heinz.</p>
-
-<p>»Komm, mein Junge, du gehst mit mir.« Und
-darauf rächte er sich, indem er seiner Freundin den
-Freund und Verehrer Gottfried gänzlich abspannte,
-und bald voraus, bald hintendrein, des kleinen Burschen
-Herz im Sturm eroberte. Es nahm’s ihm
-niemand übel.</p>
-
-<p>Die beiden gingen allein, Adelheid und Meister
-Notacker. »Jetzt hab’ ich die Stadt nicht mehr
-gesehen, seit ich vom Militär wegkam,« sagte der
-Meister. »Mich dünkt, sie ist seither noch viel
-schöner geworden.«</p>
-
-<p>Er sah so aufgehellt aus. In seinen Augen
-und auf seinem Gesicht lag so einfache, biedere Kraft.
-Wie einer, der das Leben erkannt und aufgenommen
-hat, sah er aus.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_108">[108]</span></p>
-
-<p>»Ich hab’ nicht hierher gewollt,« sagte er. »Ich
-hab’ schreiben wollen. Aber ich hab’ keinen rechten
-Brief zustand’ gebracht. Es ist mir so viel im Kopf
-herumgegangen. Da hat meine Kathrin’ gesagt:
-»Geh doch selber. Männer müssen auch hier und
-da etwas sehen, wie’s draußen zugeht.« Da bin ich
-gegangen.« Er wurde ganz warm. »Sie versteht’s,
-was man braucht.«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, wo ich meine Augen gehabt
-habe,« hob er nach einer Weile wieder an. »So
-ein Weib, wie mein’s. Was einem das sein kann.
-Und geht neben einem her, und man merkt’s nicht.
-Und wartet, bis man’s braucht. Dann ist es da,
-und hilft einem, und hat keine unschöne Rede, nicht
-eine. Das hat uns zusammengebracht. Das wär’ sonst
-nie so weit gekommen. Und jetzt ist’s gut, gottlob!«</p>
-
-<p>Es war in der Gemäldegalerie. Sie standen
-vor einem goldenen Kornfeld, dessen reife Ähren sich
-schwer niedersenkten in der Last ihrer Körner. Voll
-warmen Sonnenglanzes war die Luft; und im Hintergrund
-führte ein schmaler Weg zu einer Menschenhütte.
-Sie sahen lang darauf hin. Ihre Gedanken
-waren beim vorigen Sommer. Und dann
-gaben sie sich die Hand darauf, daß das Leben doch
-reich sei, fruchtbar und schön. Ohne Worte, nur
-aus einem inneren Verstehen heraus, das den Sommer
-des Lebens ansah, wie den Sommer des Feldes.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[109]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak hidden" id="Aus_Kindertagen">Aus Kindertagen</h2>
-</div>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-113">
- <img class="w100" src="images/illu-113.jpg" alt="Aus Kindertagen" />
-</div>
-<p><span class="pagenum" id="Seite_111">[111]</span></p>
-
-<p class="drop">Ich bin wieder einmal die alten Wege gegangen.
-Den Landolinsberg hinauf gegen die
-Burg hin und den grünen Weg entlang. Mich
-dünkt, er sei nicht mehr so grün, wie einst. Ich
-kann mir noch Zeiten denken, da schlugen die Büsche
-und Bäume hoch über einem zusammen und man
-war ganz ins Grüne hineingetaucht. Bis sich dann
-auf einmal die Wölbung auftat und das Neckartal
-vor einem lag und alles in Licht und Sonne und
-Farbe und Duft schwamm, die Stadt, die liebe,
-alte Stadt mit ihren Türmen und Giebeln und
-Gassen und der Neckar und die jenseitigen Höhen.
-Wenn dann eine Uhr zu schlagen anhub und eine
-nach der andern folgte, die auf dem neuen Rathaus,
-und die auf dem alten Rathaus, auf der
-beim Zwölfuhrschlag der Adler mit den Flügeln
-schlug, und auf der Stadtkirche und dem Schelztor
-und dem Pliensautor, und die hellen und dunkleren
-Töne da oben in der Luft verzitterten. Und wenn
-dann noch die Vesperglöckchen nacheinander läuteten,<span class="pagenum" id="Seite_112">[112]</span>
-das helle, flinke auf der Burg drüben zuerst und man
-wußte: in fünf Minuten kannst du drunten sein,
-da, wo der Giebel des Vaterhauses hart an die
-alte Stadtmauer anstößt.</p>
-
-<p>Ich kann doch nicht verlangen, daß alles noch
-gleich sei, wie damals. Das alte Schützenhäuschen
-kann ich nicht mehr finden, das dem Weinbergschützen
-zum Unterstand diente. Und in die Weinberge hinein,
-die sonst dort hinanstiegen, haben sie eine Villenstraße
-gebaut. Sie haben recht, es ist da schön zu
-wohnen. Und der grüne Weg ist viel breiter, als
-früher und hat schöne Anlagen mit Sitzbänken. Ich
-kann es nicht anders verlangen, aber ich bin doch
-lieber weitergegangen. Es wohnt jeder einmal im
-Paradiese, und es muß jeder einmal hinaus und den
-Acker bauen, der Dornen und Disteln trägt. So lang
-man drin ist, weiß man’s nicht, und wenn man davon
-weiß, dann ist man – drin gewesen. Und man
-sucht den Ort, aber er ist nicht mehr. Dann muß
-man still sein und sich in sich selbst bergen, denn da
-allein ist er noch zu finden. Da grünen noch die
-alten Bäume und reifen die Früchte, die später
-nirgends mehr so frisch und süß zu finden sind, da
-wandeln die Gestalten, die längst dahin sind, da ist
-alles unverloren aufgehoben und es liegt noch ein
-Goldglanz darüber, das ist der Edelrost, den die
-Jahre dazu tun.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_113">[113]</span></p>
-
-<p>Der Weinberg, in dem der Mattheiß einst seine
-Reben beschnitt, ist auch nicht mehr. Zwar, als ich
-vorüberging, wehte der süße Duft der Rebenblüte
-fein und stark aus dem Garten, der an seiner Stelle
-liegt, zu mir herüber. Aber es ist nur ein Wandelgang,
-mit Wein bewachsen, der den Garten oben
-abschließt, und zwischen den Lücken schimmern dunkle
-Blumenbeete und die weißen Wände eines neuen
-Hauses gegen die Straße herauf.</p>
-
-<p>So muß ich versuchen, die Erinnerung, die mit
-dem Duft der blühenden Reben und dem grünen
-Weg und dem Mattheiß zusammenhängt, aus mir
-herauszuholen und sie noch einmal ans Tageslicht
-zu bringen, ehe sie der Vergessenheit anheimfällt, wie
-alles, was seine Zeit auf Erden gehabt hat.</p>
-
-<p>Zwar der Anfang liegt mir nicht offen; es ist
-ein lichter Nebel darüber gebreitet, wie über einen
-Maimorgen. Man sieht nur die Umrisse, die nach
-und nach schärfer und bestimmter werden, während
-der Nebel sich lichtet, bis auf einmal Häuser und
-Bäume dastehen und ein Fluß aufglitzert und Gestalten,
-die man kennt, dazwischen hingehen.</p>
-
-<p>Ein Morgen dämmert mir zuerst herauf, wenn
-ich an den Mattheiß denke. Er war im Weinberg,
-draußen vor der Stadt. Wie ich aber dahin gekommen
-bin, weiß ich nicht mehr zu sagen. Es war
-sonnig und doch kühl dabei und ich weiß noch, daß<span class="pagenum" id="Seite_114">[114]</span>
-in dem leuchtenden Blau des Himmels große, zusammengeballte,
-weiße Wolken hingen, die langsam
-fortsegelten und daß ich zu dem Mattheiß sagte, ich
-möchte auf so einer Wolke in den Himmel hineinschwimmen.
-Der Mattheiß sah mich an und schüttelte
-mit dem Kopf, denn er konnte nicht begreifen, daß
-man sich so etwas wünschen mochte. Er war groß,
-grobknochig und hager und kam, wie der Volksmund
-sagt, »oben herein«, das heißt, er trug den Kopf
-und die Schultern stark vornübergebeugt. Das kam
-wohl davon, daß er viele Jahre seines Lebens die
-schweren Butten voll Erde den steilen Weinbergshang
-hinaufgetragen hat. Aus seinem schwarzbebarteten
-Gesicht heraus aber sahen ein paar gute, blaue
-Augen in die Welt hinein und auf mich nieder, als
-er sagte: »Auf was für Gedanken kommst du aber
-auch. Auf einer Wolke! tätest ja herunterfallen. In
-den Himmel kommst du auch so noch, heißt das,
-wenn du brav bist.«</p>
-
-<p>Aber so tief wollte ich die Sache nicht genommen
-wissen. Mir war nur beim Anblick der leuchtenden
-Segler da oben die Sehnsucht aufgestiegen, die auch
-schon in einem Kinderherzen Platz hat, und die die
-Arme breiten möchte in lichte, unbekannte Fernen
-voll Glanz und Herrlichkeit. Nun kam ich wieder
-auf die Erde herunter.</p>
-
-<p>Der Mattheiß hantierte schon wieder mit seiner<span class="pagenum" id="Seite_115">[115]</span>
-Schere an den Reben herum. Ich war seither auf
-einem Weinbergsmäuerchen gesessen, jetzt kam ich
-heran und sah ihm zu. Die Schere klappte eintönig
-weiter, und wo sie zugriff, da fielen saftstrotzende
-Triebe auf die Erde und hingen schwere, klare Tropfen
-an den Wunden der Reben. Die lösten einander
-ab und klatschten auf dem Boden auf und der Boden
-trank sie in sich hinein.</p>
-
-<p>»Mattheiß, warum tust du so?« wollte ich
-wissen. »Warum läuft das Wasser da heraus und
-warum schneidest du alles das Holz weg?« Und
-der Mattheiß gab mir Auskunft wie ein Schulmeister
-und auch wie ein Philosoph und ich meine,
-damals habe mein Kinderherz zum erstenmal gespürt,
-wenn auch unklar, daß es auf der Welt Wunden
-und Schmerzen und Tränen gebe, die sein müssen
-und die man einem nicht ersparen könne. Ich hielt
-mein Halstüchlein an eine solche tropfende Wunde,
-denn der Mattheiß hatte mir gesagt, daß das geweint
-sei, was die Reben jetzt tun, und ich meinte, ich
-müsse den funkelnden Regen aufhalten. Aber das
-Wasser drang hindurch und ich mußte mein Tüchlein
-in die Sonne breiten zum Trocknen und so lang es
-trocknete, ersah ich mir eine Freude, die das flüchtige
-Leid schnell vergessen ließ. Am unteren Ende des
-steilen Hanges stand ein Syringenbaum in voller
-Blüte, und ich brach von dem niedrigsten Ast ein<span class="pagenum" id="Seite_116">[116]</span>
-paar prächtige lila Blütendolden und begann eines
-jener zerbrechlichen Kränzlein zu flechten, die man
-hie und da mit Rührung und Staunen noch nach
-Jahren in seinen alten Schulbüchern getrocknet findet,
-die aber an der Sonne so schnell vergehen, wie die
-Stunde, in der sie geschaffen wurden.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Mattheiß war ein alter Metzgerknecht, der neben
-dem Beruf her seines Herrn Weinberg bearbeitete.
-Den Herrn sah ich auch ein paarmal. Er war
-klein und dick und kurzatmig und hatte rote, entzündete
-Äuglein, die wie zwei schmale Schlitze in
-dem runden, rötlichen Gesicht standen. Als ich eines
-Tags bei meinem Freund auf der Weinbergsmauer
-saß und mit ihm sein Vesper teilte, Blutwurst und
-Schwarzbrot, und wir im allervergnüglichsten Gespräch
-waren, da kam der Herr an einem Stock mit kurzen,
-eiligen Schrittlein dahergesteckelt und schnaubte gefährlich,
-als es aufwärts ging, und sah mich mit
-seinen kleinen Äuglein verwundert an. Er war gar
-kein böser Mann, nicht im mindesten, aber es war
-mir unbehaglich, daß er nun so umhersuchte und
-die Traubenstöcke besah, die schön angesetzt hatten
-und daß er meinen Freund Mattheiß dies und jenes
-zu tun anwies, und daß er mich schließlich in einen
-meiner bloßen Arme kniff und – he – he – he<span class="pagenum" id="Seite_117">[117]</span>
-hervorhustete, indem er mit Wetzstahl und Messer,
-die er unter der Schürze hängen hatte, eine üble
-Musik vollbrachte: »die sind gut fett, die.«</p>
-
-<p>Das alles schien mir eine Einmischung in unser
-stilles, schönes Weinbergsleben zu sein und besonders
-in meines Freundes Königreich. Denn ich hatte ihm
-den Weinberg schon lange zugeteilt als seinen Ort,
-an dem er regiere und walte und daheim sei, und an
-den ich zu ihm kommen konnte als in sein Eigentum.</p>
-
-<p>»Ja, was denkst du auch,« sagte der Mattheiß,
-als ich ihm meine Entrüstung und meine ganze
-Anschauung vortrug. »Was denkst du auch. Ich –
-und einen eigenen Wengert. Das wär noch schöner.
-Ich bin ein armer Dienstbot. Das bin ich meiner
-Lebtag gewesen.« Es tat mir etwas weh, als er
-das so ruhig hinsagte. Ich hätte ihm etwas schenken
-mögen, ein Stück Land oder ein Haus oder Rosse
-und Wagen. Aber ich hatte nichts, das ich verschenken
-konnte. Da sagte er, und deutete mit dem
-Hauenstiel hinüber, wo die weißen Kreuze und Grabsteine
-des Friedhofs in der Sonne schimmerten und
-die dunklen Cypressen wie ernste Wächter standen:
-»guck, Kind, da kriegt einmal ein jeder sein Plätzle.
-So groß er’s braucht und nicht größer, auch nicht
-kleiner. Der Wengert, so lang ich drin schaffe,
-gehört mir jeder Traubenstock, und mitnehmen kann
-ihn der Herr nicht und der Knecht auch nicht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_118">[118]</span></p>
-
-<p>Er war ein Philosoph, mein Freund Mattheiß,
-ein Lebenskünstler. Das verstand ich damals nicht.
-Aber irgend etwas in mir, eine Unruhe, ein Drang
-kam zur Ruhe. Es war nicht unrecht, wie es war,
-es war recht. Dem Mattheiß war es recht. Da
-war es mir auch recht.</p>
-
-<p>Was das weiche Wachs eines Kindergehirns
-alles aufbewahrt! Hie und da sind Lücken. Ich
-weiß nicht mehr, wo unsere Freundschaft anfing und
-es ist niemand, der es mir sagen könnte. Aber sie
-war. Ich wurde damit geneckt, vom Vater und von
-den Brüdern, und ich ließ es mir gefallen. Wenn
-er mir, was ein paarmal vorkam, mit dem Metzgerkarren
-begegnete, auf dem ein geschlachtetes, zerhauenes
-Stück Vieh lag, dann ging er mich nichts
-an. Dann sah ich ihn, der eine blutige Schürze trug
-und der in großen, groben Schuhen mit schlürfenden
-Schritten hinter dem Karren herging, von der Seite
-an wie einen Fremden. So muß ich denken, daß
-er mir draußen im Weinberg etwas von sich gab,
-das er nur dort zu geben hatte, ein Stück Leben,
-eine Weisheit und Güte, die sich dort draußen auftat,
-wo die Natur um ihn und um mich herum war
-mit Sonne und Winden, mit Himmelblau und mit
-ziehenden Wolken, mit tropfenden, blühenden, früchtetragenden
-Reben.</p>
-
-<p>Einmal schickte er mir einen Gruß in die Ferne.<span class="pagenum" id="Seite_119">[119]</span>
-Das war, als ich zur Herbstzeit in der Vakanz verreist
-war. Da trat viel Neues in mein Leben,
-Menschen, Gärten, Wälder und Berge, Eichhörnchen
-und junge Raben, eine Schaukel zwischen zwei
-Bäumen, auf der man hoch in die Lüfte fliegen
-konnte, Buben und Mädchen und ein Luftkegelspiel.
-Ich lebte ganz in der Gegenwart und ich glaube
-nicht, daß irgend ein Gedanke in diesen Tagen den
-Mattheiß auch nur gestreift hat.</p>
-
-<p>Da kam eines Morgens eine große Holzschachtel
-aus der Heimat an mich mit der Post, und als ich
-die Schnüre löste und den Deckel aufhob, da lachten
-mich aus grünen und purpurnen Blättern heraus die
-schönsten Trauben an. Blauschwarze, großbeerige
-Portugieser, und hellgrüne, durchsichtige Gutedel, und
-die gelblichen, süßen Muskateller, die die würzigsten
-von allen sind.</p>
-
-<p>Da war ich mit einem Schlag eine reiche, wichtige
-Persönlichkeit geworden, die Gaben auszuteilen hatte
-und es ging an ein großes Schmausen und Sichfreuen.
-Es war aber ein Blatt auf den Boden gefallen,
-liniertes Papier aus einem alten Schreibheft, das
-hob eine Magd auf und gab es mir, denn es war
-ein Brief an mich, in großen, ungelenken, groben
-Schriftzügen von meinem alten Freund geschrieben.
-Er dachte an mich, und weil die Trauben reif waren
-und ich nicht da, schickte er mir diesen Gruß, »ehrlich<span class="pagenum" id="Seite_120">[120]</span>
-bezahlt an den Herrn,« wie er deutlich schrieb. Ich
-hatte den Brief lange Zeit aufgehoben, nun ist er
-nicht mehr vorhanden, ich weiß auch nur noch den
-Schluß ganz wörtlich. Er lautete: »Ewig dein getreuer
-Matthias Holzapfel, Knecht bei Metzger
-Hammer in der Apothekergasse.«</p>
-
-<p>Das kam mir damals sehr schön und sehr rührend
-vor, und vielleicht war es mir einen Augenblick, als
-müsse ich jetzt gleich geschwind zu meinem Freund hinlaufen
-und mich zu ihm auf die niedrige Mauer setzen.</p>
-
-<p>Aber als ich heimkam und mich meine Mutter
-fragte, ob ich ihm auch gedankt habe, da hatte ich’s
-nicht getan. Es ist so eine Sache ums danken bei
-Kindern. Sie haben das Herzlein voll, wenn ihnen
-jemand etwas Liebes tut, und wenn man ihnen dann
-ins Gesicht sieht, so kann man’s aus den Augen
-herauslesen, daß da etwas lebt und überfließt. Aber
-zum sagen kommt’s nicht so leicht, und wenn man’s
-von ihnen verlangt, daß sie’s sagen, dann ist der
-Herzensdank gewöhnlich vorbei, ausgelöscht.</p>
-
-<p>Aber das tat meine liebe Mutter nicht. Sie
-sagte nur: »Er hat ein paarmal nach dir gefragt.
-Er ist ein Guter.«</p>
-
-<p>Da kam es mich an, daß ich ihn sehen wollte
-und ich suchte unter meinen Besitztümern nach etwas,
-das ich ihm schenken könnte und fand ein Bildchen
-aus einem durchsichtigen Stoff, den wir Menschenhaut<span class="pagenum" id="Seite_121">[121]</span>
-nannten. Das war purpurrot und es war ein
-goldenes Blumenkörbchen darauf gedruckt und ein
-schöner Vers stand darunter. Das wollte ich ihm
-bringen. Ich ging zum Haus und zur Stadt hinaus;
-das war nicht weit, und ich lief und lief, und es
-war ein starker Wind um mich her. Die ganze
-Gegend war grau und es war herbstlich kühl und
-droben am Himmel riß ein Sturm die Wolken dahin,
-daß sie flogen. Es waren große, schwere Gebilde
-und sie veränderten sich fortwährend, aber als ich
-im Laufen zu ihnen hinaufsah, trieb mir der Wind
-Staub in die Augen und zugleich fühlte ich, daß
-einzelne Tropfen fielen. Da lief ich noch schneller,
-denn nun war ich ganz nahe an dem Weinberg,
-und ich dachte nicht anders, als daß der Mattheiß
-da sein müsse, wenn ich ihn suche.</p>
-
-<p>Aber ich fand ihn nicht. Im Weinberg sah es
-trostlos aus. Er war abgeherbstet und der Wind
-riß dürre Ranken und raschelnde, welke Blätter
-umher, die Pfähle aber standen noch immer im
-Boden und hatten nichts mehr zu halten. Da rief
-ich, so laut ich konnte: »Mattheiß, Mattheiß.« Aber
-nirgends wurde sein schlürfender Schritt hörbar,
-nirgends trat er hervor in seinem zerschundenen
-Lederjanker und mit seinem guten Gesicht. Da stieg
-ich die vielen Staffeln empor bis zur Höhe des
-grünen Wegs, denn vielleicht konnte er auch dort<span class="pagenum" id="Seite_122">[122]</span>
-droben sein. Ich kam mir auf einmal so allein vor
-in dem kühlen, starken Wehen. Als ich oben ankam,
-fing es an stark zu regnen, der Mattheiß aber war
-nirgends zu finden. Da trat ich in das offenstehende
-Schützenhäuschen und setzte mich, da kein anderer
-Sitz vorhanden war, auf den Sims der scheibenlosen
-Fensteröffnung, um im Trockenen zu warten, bis es
-ausgeregnet habe. Es goß in Strömen; das Tal
-war von breiten, wallenden Wolkennebeln fast ganz
-verhüllt und ich sah nur in undeutlichen Umrissen
-Türme und Häuser daliegen und hörte Uhren schlagen
-wie aus weiter Ferne und mich kam ein Grausen an,
-das war schön und schrecklich zugleich, vor dem Vergehen
-des Jahres und der Sonne und vor allem
-Fern- und Alleinsein. Das kann ein Kind so stark
-empfinden, als ein Erwachsenes, es weiß es nur
-nicht zu sagen, nicht einmal sich selbst. Da, in dem
-Augenblick, als ich mich besann, ob ich nicht mein
-Röckchen über den Kopf tun und heimlaufen wolle,
-riß der Wind mein schönes Bildchen, das neben
-mir auf dem Sims lag, in den Regen hinaus, und
-ich sah es davonwirbeln und dann schwer und naß
-niedersinken und wußte, daß es jetzt vergehe. Da
-schlurfte etwas daher, das man noch nicht sehen
-konnte, aber ich wußte, daß es der Mattheiß sei,
-noch eh’ ich ihn sah, und war von aller Einsamkeit
-erlöst. Er tropfte vor Nässe und als er hereinkam,<span class="pagenum" id="Seite_123">[123]</span>
-flossen Bäche von ihm, aber wir waren vergnügt
-und froh und er erzählte mir im Warten eine Geschichte
-von einem Weingärtner aus der Zeit, als
-die Franzosen im Land waren um den Anfang des
-Jahrhunderts. Der konnte bannen, das war eine
-schauerliche Kunst und er hatte sie von seinem Großvater
-ererbt. Und als er eines Tags in seinem
-Weinberg in der Neckarhalde schaffte, da kam ein
-Franzos’ das Tal heraufgeritten, der war ein Quartiermacher
-und wollte in die Stadt. Und der Weingärtner
-war ein großer, baumstarker Mann und
-konnte, sagte der Mattheiß, so mit den Augen funkeln,
-wenn er einen Zorn hatte, daß man Angst kriegen
-konnte. Als er den Reiter sah, zog er, ohne ein
-Wort zu sagen, seinen Lederjanker aus und legte
-ihn vor sich hin und begann mit dem Stiel seiner
-Weinbergshaue so stark drauf loszudreschen, als ob
-er ihn, sagte der Mattheiß, in Grundserdsboden
-hineinhauen wollte.</p>
-
-<p>Da fing unten auf der Landstraße der Gaul
-des Franzosen an, gewaltige Sprünge zu machen,
-und der Franzos hüpfte auf dem Sattel herum und
-schrie um Hilfe und die Leute meinten, er sei toll
-geworden und ließen ihn schreien. Je ärger aber der
-Weingärtner auf den Janker losdrosch, desto jämmerlicher
-schrie der Franzos und als er in die Stadt
-hineinritt, da mußte ihn der Wirt zum wilden Mann<span class="pagenum" id="Seite_124">[124]</span>
-vom Gaul heben und ins Bett spedieren, so zerschlagen
-war er und voll blauer Flecken und Beulen.</p>
-
-<p>»Und,« schloß der Mattheiß, »als er wieder
-reiten konnte, da kehrte er seinen Gaul um und ritt
-das Neckartal hinunter; und von der Stadt wollte
-er nichts mehr wissen.«</p>
-
-<p>Derweil hatte der Regen aufgehört; in der
-grauen Wolkenwand war ein Riß entstanden, daraus
-sah das Himmelsblau hervor und drunten in der
-Stadt fingen die Dächer an zu glänzen, weil ein
-blasser Sonnenstrahl über ihre nassen Giebel hinging.
-Das ist das letztemal, von dem ich mir denken kann,
-daß ich mit dem Mattheiß dort draußen zusammen
-war. Und es ist auch möglich, daß es überhaupt
-das letztemal war. Es kam der Winter, da sahen
-wir uns nie. Und es kam der Frühling, da war ich
-ein blasses Pflänzlein und lange krank. Ich weiß
-nicht mehr recht, was es war, ich weiß nur noch,
-daß ich in einem Gitterbett lag und allerhand Gesichter
-und Figuren aus den Tapetenmustern herausstudierte,
-und daß ich mich viele Tage und Stunden
-lang an den Bildern in »Arndts wahrem Christentum«
-vergnügte.</p>
-
-<p>Und einmal kam ein Tag, da sonnte ich mich
-draußen in dem kleinen Mauergärtchen hinter dem
-Hause. Es war alles wieder neu und schön. Der
-Schnittlauch und der junge Salat waren so grün<span class="pagenum" id="Seite_125">[125]</span>
-und die Blumen in der Rabatte so freudig. Im
-Nachbarhof watschelten junge Entlein um eine Entenmutter
-herum und patschten in einen Wassertümpel
-hinein. Die Geschwister spielten im Hof und mein
-großer Bruder saß im Kastanienbaum und las. Der
-Vater kam und strich mir mit seiner großen, guten
-Hand übers Haar, und ich duckte mich in sie hinein
-wie ein Vögelein ins Nest, und auf einmal spürte
-ich den feinen, starken Duft der Rebenblüte von der
-Kammerz her, die das Stück Stadtmauer bedeckte,
-das unsern Garten abschloß. Da fiel mir vieles ein,
-das ich den Winter über vergessen hatte, und auch
-der Mattheiß fiel mir ein und ich dachte, er werde
-nun auch im Weinberg sein und ich wolle ihn bald
-einmal besuchen.</p>
-
-<p>Aber ehe ich dazu kam, hörte ich eines Nachmittags
-vom Fenster aus ein Gespräch an, das zwei
-Männer auf der Straße miteinander führten.</p>
-
-<p>»Nein, nein, es hat ihm niemand etwas getan,«
-sagte der eine. »Es ist ein Herzschlag oder so etwas
-gewesen. Er ist der ganzen Länge nach in den
-Reben gelegen, mit dem Gesicht auf dem Boden.«</p>
-
-<p>Und der andere sagte: »Es ist ihm gut gegangen,
-wär’ ein mancher froh, er käme so leicht weg von
-der Welt. Wenn ich denke, wie sich der alte Hammer
-plagen muß schon seit Jahren, er kriegt schier keine
-Luft mehr.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_126">[126]</span></p>
-
-<p>»Ja, aber im Bett sterben wär doch besser,«
-sagte der erste. »Wenn ich denke, so auf dem Weinbergsboden,«
-– dann verhallten ihre Worte und
-ihre Schritte, und ich war in großer Not. Es war
-ja zwar nicht auszudenken, aber es konnte doch sein,
-daß sie den Mattheiß meinten, und dann war ein
-scharfer Riß in der sonnigen Frühlingswelt, von der
-ich eben erst wieder Besitz genommen hatte. Denn
-wie konnte das sein, daß ein Mensch auf einmal
-nicht mehr lebte, sondern mit dem Gesicht auf dem
-Weinbergsboden lag und nicht mehr aufstand? ein
-Mensch, den man kannte und der in den Reben
-schaffen mußte und dorthin gehörte und sonst nirgends?
-Das konnte nicht sein, sonst zerriß etwas. Und ich
-wollte schnell zur Mutter gehen, daß sie das Dunkle
-aus der Welt schaffe mit einem guten Wort. Aber
-ich fand sie nicht, sie machte einen Ausgang, das
-sagte die Magd Mine, die ich in der Küche antraf,
-und sie sagte auch noch, gleichgültig, unters Rübenputzen
-hinein: »Jetzt kannst du auch deinem alten
-Metzgerknecht zur Leich’ gehen. Den haben sie im
-Wengert gefunden, da ist er schon ganz steif gewesen.«</p>
-
-<p>Ich wäre am liebsten aus der Küche geflohen,
-irgendwo hin, wo mich das alles, das Dunkle, nicht
-erreichen konnte. Aber ich mußte vorher noch etwas
-wissen und ich fragte ängstlich: »Ist er noch draußen?<span class="pagenum" id="Seite_127">[127]</span>
-liegt er immer noch so da und hat das Gesicht auf
-dem Boden?«</p>
-
-<p>Da lachte die Mine und sagte: »Du bist ein
-Dummes. Er liegt daheim in seiner Kammer, da
-haben sie ihn hingetragen. Das wär noch schöner,
-wenn man einen grad liegen ließe. Geh’ weg, ich
-muß dahin, an den Spülstein.« Und weil sie sah,
-daß ich ganz aus dem Gleis war, wollte sie mich
-noch ein wenig aufrichten und sagte: »Mach kein so
-Gesicht, fort müssen wir alle.«</p>
-
-<p>Sie sah selber so breit und rot und gesund aus,
-und wenn sie lachte, zeigte sie zwei Reihen starker,
-gesunder Zähne. Das mit dem Fortmüssen, das
-war wohl nicht so bitter ernst bei ihr.</p>
-
-<p>Da schlich ich mich die Treppe hinunter und
-zum Haus hinaus. Wenn mir jetzt die Mutter begegnet
-wäre.</p>
-
-<p>Aber sie kam nicht. Mich zog etwas vorwärts,
-das wußte ich nicht zu benennen. Ich ging durch
-die Webergasse und über den Markt. Ich sah
-Fuhrwerke fahren und hörte einen Fuhrmann auf
-einem Rosenblatt eine lustige Melodie blasen; ein
-Spitzer stand hinten auf dem Wagen und bellte in
-die blaue Luft hinein. Kinder spielten im Kreise:
-»Mariechen saß auf einem Stein« und sie riefen
-mich an, ich sollte mittun. Aber wie konnte ich
-mittun? Die Obstliese saß da, breit und mächtig,<span class="pagenum" id="Seite_128">[128]</span>
-wie sie immer war und hielt Kirschen feil, die waren
-noch selten und teuer, und strickte daneben an einem
-mächtigen Strumpf. Ein Ausrufer schellte etwas
-aus, da standen die Leute hin und horchten. Und
-ich stand vor der trübseligen Apothekergasse und
-wußte, daß ich da hineinmüsse und es graute mir
-doch davor.</p>
-
-<p>Die Apotheke stand im hellen Sonnenlicht am
-Markt. Über ihrer Tür fraßen zwei Schlangen aus
-einer Schüssel, und die Schüssel glänzte und die
-Scheiben der Fenster glänzten, und es waren blühende
-Blumenstöcke an den Fenstern, und dort hinten in
-dem engen Gäßchen war der Tod.</p>
-
-<p>Es war alles ganz still und leer dort drinnen.
-Die Häuser standen so hoch und standen eng beisammen
-und neigten sich nah zueinander. Das mußte
-alles so sein, es konnte nicht anders sein. Der
-Metzgerladen hatte ein vergittertes Fenster nach der
-Straße heraus und es hingen Würste dahinter und
-ein zerteiltes Schaf. Eine rostige Schelle war neben
-der Haustür angebracht, ich wußte, wie sie tat,
-schwach und heiser; aber es war natürlich, daß jetzt
-niemand daran zog und daß es ganz still war ringsherum.
-Die Haustür stand offen; man sah in einen
-langen, schmalen Öhrn hinein und ich trat ein und
-meine Kindertritte hallten in der Stille und ich mußte
-an allen Türen vorbei, ohne zu wissen, was dahinter<span class="pagenum" id="Seite_129">[129]</span>
-liege, bis an die letzte linker Hand. Da stand ich
-still und mein Herz schlug laut und ich horchte, ob
-niemand komme, denn es war so einsam. Aber ich
-wußte, daß es so sein müsse. Es war ein breiter,
-eiserner Riegel vor der Tür; er war nur ein wenig
-vorgeschoben mit seiner Spitze. Ich zog ihn zurück
-und trat hinein. Es war eine enge Kammer, lang
-und schmal. Ein Fenster hatte sie, das ging nach
-dem Hof hinaus, es war mit einem alten, rissigen
-Vorhang verhüllt. Hinten in der Ecke stand das
-Bett. Das war auch verhüllt, das heißt, es lag
-etwas darauf, das war mit einem Leintuch zugedeckt.</p>
-
-<p>Wenn jetzt die Mutter dagewesen wäre.</p>
-
-<p>Aber sie war nicht und niemand war da.</p>
-
-<p>Mir schlug das Herz noch lauter, als vorher.</p>
-
-<p>Aber dann schlug ich doch das Leintuch zurück,
-ich mußte, es mochte sein, wie es wollte. Und da
-lag etwas, das war einmal der Mattheiß gewesen.</p>
-
-<p>Eine lang ausgestreckte Gestalt, unglaublich lang
-und gerade, die Hände, die großen, breiten Hände
-lagen auf der Brust und waren gefaltet und sahen
-so seltsam blaß aus und so wuchtig schwer. Und
-das Gesicht, das war, als hätte ich es vor langer
-Zeit gut gekannt und es hätte damals mit mir geredet,
-aber nun sei es so fremd und fern geworden,
-daß es nicht zum Aussagen war. Die Augen waren
-geschlossen, aber der Mund war ein wenig geöffnet,<span class="pagenum" id="Seite_130">[130]</span>
-und es war eigentlich, als ob er lächeln wolle, aber
-über etwas ganz feierliches, merkwürdiges. Nur
-über die Stirn lief ein bläulich gefärbter Riß, da
-war er wohl auf dem Weinbergsboden aufgeschlagen.
-Es war mir, als ob ich mich nicht rühren könne,
-jetzt nicht und nie mehr. Als ob ich immer dastehen
-und den fremden Mann ansehen müsse und irgendwo
-draußen, ganz fern, ging das Leben weiter, hier
-drinnen aber war es so atemlos still.</p>
-
-<p>Da wagte ich es nach einer Weile und tippte
-mit dem Finger seine Hand an. Und es ging ein
-seltsam schauerlicher Strom von Eiseskälte durch mich
-hindurch, bis ganz innen hinein.</p>
-
-<p>Da ergriff mich plötzlich und mit Gewalt das
-Grauen des Lebens vor dem Tode und ich entrann
-der Kammer und dem Haus und der düsteren Gasse
-und lief über den Marktplatz, auf dem das Gold
-der sinkenden Sonne lag, und weiter, und heim.</p>
-
-<p>Von weitem sah ich den Vater unter der Haustür
-stehen. Er hatte die Hand schützend vor die
-Augen gelegt und sah nach irgend etwas aus, und
-ich drängte mich an ihn und barg mich in seiner
-lieben, lebendigen Nähe vor allem Grausen.</p>
-
-<p>Aber es war nicht so schnell zu verscheuchen.
-Ich weiß noch, daß es Nacht war und daß ich im
-Bett lag und die Augen schloß, aber es drängte
-sich überall hinein.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[131]</span></p>
-
-<p>Da hörte ich Tritte und meine Mutter kam
-mit einem Lämpchen herein, denn sie hatte gehört,
-wie ich mich umherwarf.</p>
-
-<p>Und sie küßte mich und sagte, der Mattheiß sei
-beim lieben Gott, und da kämen wir alle hin, wenn
-wir sterben.</p>
-
-<p>Aber das konnte ich nicht begreifen, denn er
-lag ja in seiner Kammer und war so kalt.</p>
-
-<p>Sie sagte aber, ich solle mich nicht darüber besinnen,
-das werde schon alles ganz richtig besorgt
-und das in der Kammer sei gar nicht mehr der
-rechte Mattheiß, das habe ich doch selber gesehen,
-den rechten habe der liebe Gott in seine Hand genommen
-und er habe uns alle darin.</p>
-
-<p>Aber ich mußte mich doch noch besinnen. Da
-setzte sie sich an mein Bett und sang mir mit halber
-Stimme ein Lied, das hüllte mich ganz warm und
-weich ein. Ich blinzelte noch hie und da zwischen
-den Lidern hervor, um sie da sitzen zu sehen, und
-während sie sang, kam eine große Hand über mich
-hin, die wurde größer und größer und nahm mich
-ganz in sich hinein. Ich wußte, wem sie gehöre,
-aber ich konnte mich nicht auf den Namen besinnen
-und es machte mir auch keine Mühe, denn es war
-überaus gut darin zu sein.</p>
-
-<p>Als ich erwachte, war ein Sonnentag.</p>
-
-<p>Es schien zu den Fenstern herein und hatte<span class="pagenum" id="Seite_132">[132]</span>
-tausend arbeitsame, lebendige Geräusche und breitete
-ein Bilderbuch vor meine Augen, und alles, was
-lebte, regte sich und war fröhlich.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[133]</span></p>
-<h2 class="nobreak hidden" id="Ellen">Ellen</h2>
-</div>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-137">
- <img class="w100" src="images/illu-137.jpg" alt="Ellen" />
-</div>
-<p><span class="pagenum" id="Seite_135">[135]</span></p>
-
-<p class="drop">Er stand am Meer und sah darüber hinaus, so
-weit er konnte. Es war ihm so unbegreiflich
-zumute. Das hatte er sich jahrelang gewünscht, einmal
-ans Meer zu kommen, es gab kaum eine Zeit,
-da er es nicht gewünscht hätte.</p>
-
-<p>Einmal, in einer schweren Krankheit, hatte er
-einen Traum davon gehabt, daß er mitten in einer
-großen, leuchtenden Flut schwimme, mit starken, vorwärtstreibenden
-Stößen auf ein unendlich strahlendes,
-leuchtendes Ziel zu. Das Ziel hatte er nicht erreicht
-und auch nicht deutlich gesehen, aber er hatte immer,
-durch die Jahre hindurch, so oft ihm der Traum
-einfiel, das atemraubend starke Gefühl wieder bekommen,
-das ihn damals erfüllt hatte: Unendlichkeit!
-Unendlichkeit! Er hätte es hundertmal vor sich hinsagen
-können, das eine Wort, und immer wieder
-hätte es ihn getragen wie damals, auf großen, leuchtenden
-Wogen in eine unnennbar große Weite.</p>
-
-<p>Damals hatte er das Meer noch nicht gesehen,
-aber natürlich wurde von jetzt an der Trieb nur noch<span class="pagenum" id="Seite_136">[136]</span>
-viel stärker, es zu sehen, denn sonst war ja nichts
-in seiner Umgebung, das auch nur von ferne an jenes
-uferlos Große herangereicht hätte. Nun war sein
-Wunsch erfüllt. Aber er war ja freilich anders erfüllt,
-als er sich gedacht hatte. Das geht meistens
-so. Er hatte auch jetzt gerade etwas anderes gewollt:
-in ein Amt eintreten, arbeiten, weiter studieren
-daneben, es gab noch so vieles, das man nicht wußte
-und doch wissen sollte. Er war Theologe und hatte
-das erste Examen hinter sich.</p>
-
-<p>Da kam ein Halsleiden und da mußte er nach
-dem Süden. Das mußte er, denn sonst konnte seine
-Stimme ganz verloren gehen, und dann?</p>
-
-<p>Und so stand er denn jetzt am Meer und sah
-darüber hinaus.</p>
-
-<p>Aber es war doch ganz anders, als er es sich
-gedacht hatte.</p>
-
-<p>Es lag vor ihm, wie etwas Riesiges, Unfaßbares,
-es war grau und groß und schwer. Unendlich,
-ja, das war es <em class="gesperrt">auch</em>, es floß hinten mit dem
-Horizont zusammen, der war auch grau und groß.
-Unten Wellen und oben Wellen; aber es war eine
-andere Art von Unendlichkeit. Von weit, weit draußen
-herein kamen die Wellen, in langen Reihen, immer
-eine Reihe hinter der andern.</p>
-
-<p>So kamen sie rastlos daher, unablässig, unablässig
-drängten sie ans Ufer, warfen sich mit ausgebreiteten<span class="pagenum" id="Seite_137">[137]</span>
-Armen an die Felsen und rauschten laut
-auf. Es war, als ob sie erzählten, daß sie da draußen
-das nicht gefunden hätten, was sie suchten, und das
-konnte er begreifen, denn es ging ihm hier am Ufer
-ebenso. Aber dann mußten sie doch wieder hinaus
-und noch einmal suchen, und das verstand er wohl
-auch, denn auch er suchte fortwährend etwas, das
-er sich vom Meer versprochen hatte.</p>
-
-<p>Es kam jemand die Stufen herunter, die in den
-Felsen gehauen waren, und stellte sich neben ihn auf
-die lange, schmale Klippe, die sich ins Meer hineinstreckte.</p>
-
-<p>»So einsam?« fragte eine Stimme. Da sah er
-sich um.</p>
-
-<p>Es war eine große, schlanke, vornehme Frau,
-die zu ihm gekommen war. Sie hatte ein gütiges,
-helles Gesicht mit etwas Leuchtendem darin und sie
-trug die Tracht der Johanniterinnen. Er hatte sie
-noch nie gesehen, denn er war erst gestern abend
-angekommen; aber er wußte, wer sie sei: Schwester
-Clementine, die Besitzerin der weißen Villa, in der
-er wohnte.</p>
-
-<p>Die Villa lag oben gegen Sant Ilario hin.
-Sie lag in einem großen Garten und der Garten
-erstreckte sich bis ans Meer. Man war gewissermaßen
-noch im Garten, wenn man hier auf dieser
-Klippe stand. Denn man kam durch ein Mauerpförtchen<span class="pagenum" id="Seite_138">[138]</span>
-auf den Felsen und auf die Klippen heraus,
-niemand konnte sonst daheraus kommen, als die Gäste
-der Villa. So war es begreiflich, daß Schwester
-Clementine sich hier als Gastgeberin fühlte, auch in
-bezug auf das Meer, das man von ihren Klippen
-aus sah.</p>
-
-<p>»Nicht wahr?« fragte sie und wies über das
-Meer hin und hatte ein ermutigendes Lächeln und
-Zunicken für ihn.</p>
-
-<p>Da verstand er, daß er nun etwas Bewunderndes
-sagen sollte. Aber das konnte er nicht. Er
-fühlte sich bedrückt und klein, sonst nichts. Das
-da draußen, das war ihm so fremd und so groß.
-Und er sagte etwas kleinlaut, daß er den Eindruck
-noch nicht recht bewältigt habe, er könne noch nichts
-darüber sagen.</p>
-
-<p>Da meinte sie, und sagte ihm das auch mit einem
-immer noch gütigen Lächeln, daß er wohl stark in
-den Nerven herunter sei, denn sonst hätte er doch
-wohl Augen für die Schönheit des Meeres. Aber
-das werde ja noch kommen.</p>
-
-<p>»Das hoffe ich auch, Frau Gräfin.«</p>
-
-<p>Und sie sagte, daß er sie nur Schwester Clementine
-nennen solle, denn das sei sie hier, und für die
-Patienten vor allem, und sie habe nun zu tun und
-müsse ins Haus zurückkehren, sie habe ihn nur begrüßen
-wollen und sie wünsche, daß er sich hier gut erhole.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_139">[139]</span></p>
-
-<p>»Ja, das hoffe ich auch, Frau – Schwester
-Clementine.«</p>
-
-<p>Da ging sie mit einem anmutigen Neigen des
-Kopfes davon. Er sah sie noch die Stufen hinansteigen,
-fein und schlank und vornehm. Sie war eine
-deutsche Gräfin, aber das wollte sie ja hier nicht sein.
-Sie war es aber dennoch, das ließ sich nicht ändern,
-und es zeigte sich auch in dem gütigen Lächeln und
-in allen ihren Bewegungen.</p>
-
-<p>Da wandte er sich wieder dem Meere zu. Daran
-hatte sich inzwischen nichts geändert, es rauschte noch
-ebenso grau, groß und schwer ans Ufer heran, wie
-zuvor. Er wurde nicht eher damit fertig, als bis er
-das, was ihm so gewaltig auflag, in Worte faßte,
-die freilich nur ein Stammeln von etwas ganz Großem
-waren. Aber das schadete ja nichts, er fühlte sich
-dennoch befreit durch diese Verse:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Da ist es nun. Und ich, ich steh daran,</div>
- <div class="verse indent0">stumm, regungslos, allein. Am Meer allein.</div>
- <div class="verse indent0">Und meine Seele hebt zu suchen an</div>
- <div class="verse indent0">und geht dann wieder still in sich hinein.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Das bist du, Meer, das meine Sehnsucht war,</div>
- <div class="verse indent0">das ich von ferne durstig lang gegrüßt?</div>
- <div class="verse indent0">Bin ich so herzensarm, so geistesbar,</div>
- <div class="verse indent0">daß mir sich deine Schönheit nicht erschließt?</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">In breiten Wogen flutest du daher</div>
- <div class="verse indent0">so urgewaltig und so grenzenlos.</div>
- <div class="verse indent0">Grau hängt der Himmel drüber, wolkenschwer.</div>
- <div class="verse indent0">Ich kann nichts fassen, kann verstummen bloß.</div><span class="pagenum" id="Seite_140">[140]</span>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Ich bin zu klein, du großer Ozean,</div>
- <div class="verse indent0">dem Riesenpulsschlag, der dich senkt und hebt.</div>
- <div class="verse indent0">Rühr, daß ich sehe, meine Augen an,</div>
- <div class="verse indent0">du Geist, der ob den Wassern waltend webt.«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>»Ich wünsche dir, daß du guten Anschluß findest«,
-hatte seine Schwester gesagt, als sie ihn an die Bahn
-begleitet hatte.</p>
-
-<p>Sie stand so frisch und einfach da und hatte
-so viel Liebe für ihn in den braunen Augen, und es
-war ihm, als ob er sie am liebsten selbst mitnähme,
-dann hätte er den erwünschten Anschluß gleich bei
-sich. Aber das ging nicht an. Sie mußte zu Hause
-bleiben und die alte Mutter versorgen, deren Jüngste,
-Einziggebliebene sie war. Und, ja, das Geld hätte
-auch nicht für zwei gereicht, um es ganz deutlich
-zu sagen.</p>
-
-<p>Da war er nun darauf angewiesen, sich seinen
-Anschluß selber zu suchen. Es ging nicht so überaus
-schnell damit. Er war wohl etwas schwerfällig,
-das war er in den meisten Dingen.</p>
-
-<p>Schwabe und Tübinger Stiftler und Theologe.
-Das konnte allein schon zur Erklärung dieses Umstands
-genügen, aber er war ja freilich doch wohl
-besonders wenig rasch beweglich in geistigen oder
-seelischen Dingen, also auch im Anschluß an die
-Menschen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_141">[141]</span></p>
-
-<p>Die andern, die hier umher gingen, die waren
-so unbegreiflich gewandt. Sie kamen an und stellten
-sich einander vor und da fanden sie sogleich, daß
-sie da und da auch schon gewesen waren, also am
-selben Orte mit den andern und da konnte die Unterhaltung
-sogleich losgehen. »Ach, was Sie sagen!
-München? da waren wir letzten Winter auch. Sagen
-Sie, haben Sie die Ausstellung der Sezession gesehen?
-Mein Mann war drin, ich nicht. Ich halte
-mich in München immer an die Schackgalerie, da
-habe ich nun so meine Freunde.«</p>
-
-<p>Dieses und ähnliches sagten sie zueinander und
-wurden rasch bekannt.</p>
-
-<p>Und sie sprachen vom Wetter, das konnte sehr
-gut und sehr ausgiebig als Einleitung dienen, und
-von ihren Krankheiten. Denn sie waren alle mehr
-oder weniger krank oder begleiteten ein Krankes oder
-hatten eine Krankheit hinter sich, davon konnte man
-im Notfall stundenlang reden.</p>
-
-<p>Er hatte es auch einmal versucht, zum Donnerwetter,
-er war doch auch nicht stumm geboren.</p>
-
-<p>Da war eine sehr nette Dame, eine Rheinländerin,
-die heiteren Gemütes war, groß und blond
-und ein wenig üppig, sie war angenehm anzusehen.</p>
-
-<p>Sie setzte sich beim Frühstück neben ihn und
-sagte, indem sie sich Tee einschenkte: »Sie sind eben
-erst angekommen, Herr Kandidat?« Ja, das hatte<span class="pagenum" id="Seite_142">[142]</span>
-sie doch sehen können, wo sollte er denn sonst seither
-gesteckt sein? »Ja, gestern,« sagte er und wartete
-auf eine neue Anrede. Die kam auch.</p>
-
-<p>»Sie sind Ihrer Gesundheit wegen hier?«</p>
-
-<p>»Ja«, sagte er, der Wahrheit gemäß.</p>
-
-<p>Das war ein vielversprechender Anfang, es gefiel
-ihm ganz gut, hier zu sitzen und sich mit der
-netten Dame zu unterhalten. Sie fragte denn auch
-nach einer Weile, ob es gestattet sei, das Fenster
-ein wenig zu öffnen, es sei doch so warm draußen, –
-ha ha, – im Dezember. Wenn man bedenke, wie es
-um diese Zeit zu Hause sei. Sie habe einen Brief:
-das reinste Sudelwetter sei am Rhein. Da hätte
-er nun vom Rhein mit ihr reden können, der war
-seine große Liebe, seit er einmal sonnige Sommertage
-an seinen Ufern verwandert hatte. Darüber
-hätte er viel sagen können. Das hätte er auch getan,
-wenn sie ihm Zeit gelassen hätte, einen Anfang
-zu finden. Aber sie stand nach kurzem Warten auf
-und öffnete das Fenster selber, das hätte ja eigentlich
-er tun sollen. Aber nun war es schon zu spät.
-Sie sah ein wenig spöttisch aus dabei. Das meinte
-er vielleicht nur, aber es hatte doch die Wirkung auf
-ihn, daß er die Unterhaltung abbrach und sein Frühstück
-stumm verzehrte.</p>
-
-<p>Dann sprach er ein paar Tage lang nur wenig.
-Schließlich eilte er ja nicht so sehr mit dem Bekanntwerden,<span class="pagenum" id="Seite_143">[143]</span>
-man konnte das ja alles an sich herankommen
-lassen.</p>
-
-<p>Allerdings, die andern sahen doch recht vergnügt
-aus und hatten fortwährend etwas zu reden
-und zu lachen und manche auch zu jammern.</p>
-
-<p>Aber es konnten nicht alle gleich sein.</p>
-
-<p>Da geschah es, am fünften Tag seiner Anwesenheit,
-daß richtig sein Anschluß an ihn herankam.</p>
-
-<p>Er hatte in der Nacht vorher, gerade vor dem
-Einschlafen, als ihm das Meer mit gedämpftem
-Rauschen sein Schlaflied sang, Pferdegetrappel und
-Räderrollen und dazu Menschenstimmen vor der
-Villa gehört, und hatte noch gedacht: da kommen
-Neue. Und es hatte gerade noch zu einem dankbaren
-Umdrehen im Bett gereicht: daß er es nicht
-war, der da neu ankam. Denn neu ankommen, das
-war das Unangenehmste, das hatte er eben erst überstanden.
-Dann schlief er schon.</p>
-
-<p>Als er am Morgen zum Frühstück kam, saß
-ein kleines Mädchen an dem Tisch, an dem er gewöhnlich
-zu sitzen pflegte, ungefähr gegenüber von
-seinem Platz. Es sah ihn wohlgefällig an, als er
-sich in seiner Nähe niederließ und betrachtete ihn
-eine Zeitlang aufmerksam, indem es die Augen über
-den Tassenrand hin zu ihm hinüber schweifen ließ.
-Er hörte ein regelmäßiges, behagliches Schlucken und<span class="pagenum" id="Seite_144">[144]</span>
-ein kleines Schnaufen dazwischen und dann war die
-Tasse leer und stand auf dem Tisch.</p>
-
-<p>»Du siehst aus, wie mein Papa. Nicht ganz,
-bloß ein bißchen,« sagte das Kind.</p>
-
-<p>»So?« sagte er.</p>
-
-<p>»Ja, aber mein Papa hat einen ganzen Bart
-und du hast bloß einen halben. Unten am Mund
-hat er auch einen, nicht bloß oben.«</p>
-
-<p>Ja, da könne er nichts dafür, da sei ihm noch
-keiner gewachsen.</p>
-
-<p>»O, das tut nichts,« tröstete sie. »Aber an
-den Augen, da siehst du so aus, wie mein Papa.
-Da hast du auch eine Brille. Das wäre doch schön,
-wenn er auch da wäre, nicht?«</p>
-
-<p>Aber er war zu gewissenhaft, um das ohne
-weiteres zuzugeben, er sagte, er kenne ja ihren Papa
-nicht, da könne er es nicht wissen.</p>
-
-<p>Das mußte sie zugeben, dafür fing sie aber an,
-von ihm zu erzählen, weil er ihr so leid tat, daß
-er ihren Papa nicht kannte.</p>
-
-<p>Es sei ein Doktor und mache die kranken Leute
-gesund, und er sei jetzt so allein, bloß die Margret
-sei bei ihm und der Andres.</p>
-
-<p>Der Andres, der versorge die Freya und den
-Wotan. Das seien doch natürlich die Pferde.</p>
-
-<p>Denn er hatte gefragt, wer denn das sei, die
-Freya und der Wotan.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[145]</span></p>
-
-<p>Und den Barry versorge der Andres auch.</p>
-
-<p>»Das ist ein großer, schwarzer Hund,« setzte sie
-rasch hinzu, denn sie hatte gesehen, daß ihr Zuhörer
-belehrungsbedürftig sei.</p>
-
-<p>Die Margret versorge bloß den Papa, sie sei
-die Köchin.</p>
-
-<p>Er interessierte sich sehr für alles, er war ganz
-ernsthaft bei der Sache.</p>
-
-<p>Das gefiel ihr gut, es schien, der Papa war
-auch so.</p>
-
-<p>Ob er auch ein Papa sei, fragte sie. Aber
-das mußte er verneinen.</p>
-
-<p>Sie war vier Jahre alt. Er hätte sie für fünf
-gehalten, aber sie wußte es genau, daß sie fünf
-werde, wenn es im Bühringer Wald Maiblumen
-gebe. Die suche sie mit dem Papa und dann bekomme
-sie einen Kranz davon aufgesetzt. Da einigten
-sie sich also auf viereinhalb, denn jetzt war Dezember.
-Sie hatte große, runde, braune Augen und kurzgeschnittene
-braune Haare und war nicht ohne
-weiteres das, was man ein anmutiges Kind nennt.</p>
-
-<p>Obgleich, ja, sie erschien ihm dennoch als das
-netteste Kind, das er je gesehen habe. Da konnte
-er sie jetzt wohl auch nach ihrem Namen fragen.</p>
-
-<p>Sie heiße Ellen, sagte sie. Aber der Papa
-sage immer Schnirks oder Buzi oder Schneck oder
-sonst so was zu ihr.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_146">[146]</span></p>
-
-<p>»So, ja wer nennt dich denn dann Ellen?«</p>
-
-<p>»O, meine Mammi.«</p>
-
-<p>Da kam es denn zutage, daß sie auch noch
-eine Mutter habe, die sie Mammi hieß. Der Bericht
-war aber kurz und ohne sonderliche Wärme
-gegeben.</p>
-
-<p>»Die Mammi ist noch oben und schläft.«</p>
-
-<p>Also war sie mit der Mutter gekommen, ja
-natürlich, das hatte er ja doch nicht denken können,
-daß dieses Kind etwa allein hier sei.</p>
-
-<p>Es war ihm einen Augenblick lang ein unangenehmes
-Gefühl, daß noch jemand zu ihr gehöre.
-Es war so nett gewesen, sich allein mit ihr zu unterhalten.
-Aber schließlich konnte er nicht verlangen,
-daß das immer so sei.</p>
-
-<p>»Hast du auch eine Mammi?« fragte sie.</p>
-
-<p>Ja, das hatte er, aber er nannte die seinige
-nicht Mammi, er sagte Mutter zu ihr.</p>
-
-<p>»Wie sagt sie denn zu dir?«</p>
-
-<p>Da mußte er bekennen, daß sie meistens Holder
-zu ihm sage, obgleich er Reinhold getauft sei. Er war
-ihr einziger Sohn bei fünf Töchtern und da äußerte
-sich die Liebe nun eben so, daß sie Holder sagte.</p>
-
-<p>»Dann will ich auch Holder zu dir sagen,« entschied
-sich Ellen.</p>
-
-<p>Das war ihm zwar ein wenig peinlich, wenn
-er an die Gesellschaft dachte. Drei Damen und ein<span class="pagenum" id="Seite_147">[147]</span>
-Herr waren nach und nach schon zum Frühstück gekommen
-und sahen mit einigem Staunen, wie angeregt
-sich der stille Schwabe mit dem neuangekommenen
-Kinde unterhielt.</p>
-
-<p>Nicht daß sie ihn für irgend beschränkt gehalten
-hätten; sie sahen ihn im Gegenteil mit seinem vierkantigen
-Kopf und dem bedeutungsvollen Schweigen
-für einen heimlichen Denker und Weisen an, aber
-darum konnten sie nun doch staunen, daß er so aufgetaut
-war.</p>
-
-<p>Er gab sich aber schnell einen innerlichen Ruck
-und beschloß in der angenehmen Wärme, in der er
-sich eben befand, nichts danach zu fragen, was »die
-ganze Bande« dazu sage, wie das Kind ihn nenne.</p>
-
-<p>Es war vielleicht nicht schön von ihm, daß er
-die völlig harmlose und ehrenwerte Gesellschaft in
-der Villa eine Bande hieß.</p>
-
-<p>Aber man muß doch auch bedenken, daß er bis
-vor ganz kurzem noch Student gewesen war, und
-daß ihn die viel größere Redegewandtheit der –
-andern Stämme die Tage daher nicht wenig bedrückt
-hatte.</p>
-
-<p>Im Grunde meinte er es mit allen Menschen
-gut, er konnte es nur nicht immer so von sich geben.</p>
-
-<p>Indem kam eine Frau herein, von der niemand
-hätte denken sollen, daß sie Ellens Mutter sei. Sie
-war es aber dennoch und sie kam sofort auf Ellen<span class="pagenum" id="Seite_148">[148]</span>
-zu, da entstand eine kleine Morgenbegrüßung, die
-aber schnell erledigt war.</p>
-
-<p>»Hoffentlich hast du den Herrn nicht gestört!«</p>
-
-<p>Nein, das habe sie nicht, gar nicht, und der
-Herr heiße Holder und er sehe doch ein bißchen aus
-wie der Papa, nicht?</p>
-
-<p>Diese Erwähnung war ihr nicht so besonders
-angenehm, das konnte man gleich sehen, indessen faßte
-sie sich schnell und sagte: »Entschuldigen Sie, mein
-Herr, das Kind ist so furchtbar lebhaft, es kommt
-auf Dinge, die kein Mensch denken sollte. Übrigens –«
-sie sah ihn erwartungsvoll an, da sagte er,
-sich halb erhebend: »Döttling« und setzte sich wieder.</p>
-
-<p>»Frau Hermelink,« sagte sie und sah ein wenig
-erstaunt aus.</p>
-
-<p>Dies war das einzige Wort gewesen, das er
-gesprochen hatte, sie war das nicht gewöhnt. Indessen
-nahm sie mit einer ganz leichten Neigung des Kopfes,
-die vielleicht »Sie gestatten« oder so etwas heißen
-sollte, Platz neben Ellen und begann ihr Frühstück.</p>
-
-<p>Da konnte er sie nun betrachten. Er tat das
-hinter der Zeitung hervor, die soeben angekommen war.</p>
-
-<p>Sie war groß, schmal gebaut und halbblond.
-Vielleicht war sie hübsch, das konnte er nicht so
-schnell feststellen, jedenfalls ungewöhnlich konnte man
-sie ohne weiteres heißen.</p>
-
-<p>Sie hatte ein schmales, längliches Gesicht, »rassig«,<span class="pagenum" id="Seite_149">[149]</span>
-dachte er, es waren so ganz bestimmte, festgeprägte
-Züge, die sie wohl gerade in dieser Form ererbt hatte.
-Die Augen, die schienen persönlicher Besitz zu sein,
-nicht in ihrem harten Blau, das gehörte mit zum
-guten Erbteil, sondern in dem seltsamen Feuer, das
-in ihnen lag. Es war kein helles, stilles Brennen,
-es war ein unruhiges Flackern und Umhersuchen.</p>
-
-<p>Sie hatte ein großes, nordisches Schmuckstück
-vorn an dem Ausschnitt ihres Kleides stecken. Norwegerin?
-dachte er.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Er war nun längst eingelebt und hatte es alles
-gründlich in Besitz genommen, Haus, Garten, Land
-und Meer.</p>
-
-<p>Das mit dem Meer ging nun aus einer andern
-Melodie:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Augen, o ihr Augen mein,</div>
- <div class="verse indent0">seid ihr neu geboren?</div>
- <div class="verse indent0">stromgleich zieht die Schönheit ein</div>
- <div class="verse indent0">zu euch beiden Toren.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Bin bis oben angefüllt</div>
- <div class="verse indent0">von dem goldnen Blinken,</div>
- <div class="verse indent0">und ihr wollt noch ungestillt</div>
- <div class="verse indent0">trinken, trinken, trinken?«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Er konnte es nicht lassen, noch mehr Verse darüber
-zu machen, in denen er nun diese seine Augen
-aufforderte, es genug sein zu lassen, da er ja unmöglich
-alle die Pracht in sich fassen könne, –</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[150]</span></p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»all’ den Duft und Glast und Schein,</div>
- <div class="verse indent0">der mir heut begegnet,«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">und endete mit dem Ausruf, der seine Freunde nicht
-an ihm verwundert hätte:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Augen, o ihr Augen mein,</div>
- <div class="verse indent0">seid ihr so gesegnet?«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">Denn wenn er einmal warm wurde, so wurde er es
-gleich recht, »wie ein buchenes Scheit, wenn es ins
-Glühen kommt,« hatte nicht unrichtig ein Bundesbruder
-einmal gesagt.</p>
-
-<p>Nicht, daß er seinen Meertraum erfüllt gesehen
-hätte. Der lag tief verborgen in seinem Innern, er
-wußte jetzt gerade selber nichts von ihm, oder doch
-höchstens das, daß es ein ganz, ganz anderes Meer
-sei, das er damals gesehen hatte, eines, das vielleicht
-einmal in ganz hoher oder tiefer Stunde sich wieder
-vor ihm ausbreiten würde, aber nicht hier, nicht jetzt.</p>
-
-<p>Er lag ausgestreckt auf einer der Uferklippen
-und las Ellen seine Verse vor. Ellen saß neben
-ihm und hatte das Schürzchen voller Kieselsteine.
-Die Kieselsteine waren rund und glatt gespült vom
-Wasser, die Verse verstand sie natürlich nicht.</p>
-
-<p>»Ist das nicht schön, Ellen?« fragte er.</p>
-
-<p>»Doch,« sagte sie überzeugt, denn er machte ein
-so frohes Gesicht dazu, und das gefiel ihr gut.</p>
-
-<p>Sie verstanden sich vorzüglich miteinander und sie
-brauchten eigentlich sonst niemand zum Vergnügtsein.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_151">[151]</span></p>
-
-<p>Zwar hatte er längst seine Scheu vor den Hausgenossen
-abgelegt und manchmal unterhielt er sich
-ganz nett mit diesem und jenem, aber im Grunde
-war er doch am liebsten mit Ellen zusammen und
-sie hatte es mit ihm gerade so.</p>
-
-<p>Mammi brachte keine Störung in ihren Verkehr.</p>
-
-<p>Sie seufzte viel, daß es so furchtbar langweilig
-sei, aber das hatte sie in Bühringen auch getan.
-Dann war Ellen immer zum Papa gegangen und
-hatte sich in seiner Studierstube ein eigenes Haus
-aus Büchern erbaut, in dem er sie dann besuchte,
-oder sie war bei Margret in der Küche oder bei
-Andres und Wotan und Freya im Stall.</p>
-
-<p>Und hier war sie bei Holder, das war der ganze
-Unterschied.</p>
-
-<p>Sie ging mit ihm an die Klippen hinunter, da
-sahen sie die Fischerboote weit draußen liegen und
-sahen die Segel in der Sonne glänzen. Oder sie
-sahen einen Dampfer von Genua herkommen und
-ruhig seine große Bahn ziehen und wieder verschwinden.
-Dann mußte Holder erzählen, wohin er fahre
-und wie es dort sei, wo er hinkomme. Von braunen
-Kindern erzählte er da, und von Palmenwäldern
-und Affen.</p>
-
-<p>Palmen gab es zwar auch hier; sie gingen dahin,
-wo sie am schönsten und höchsten standen, in
-einen wunderbaren Garten, der einem Marchese gehörte.<span class="pagenum" id="Seite_152">[152]</span>
-Der Marchese war fort, das war er meistens,
-er lebte lieber in großen Städten als hier.</p>
-
-<p>Da gingen sie unter den Palmen herum und
-in den Orangen- und Zitronengärten, und zwischen
-Rosenhecken, die ganz voller Blüten standen, und
-sahen das weiße Haus, das so still dazwischen lag,
-und taten, als ob es ihnen gehöre.</p>
-
-<p>»Grüß Gott, Fräulein Ellen, ich möchte gern
-in unser Haus hinein.«</p>
-
-<p>»Grüß Gott, Herr Holder, ich habe keinen
-Schlüssel.«</p>
-
-<p>»Dann müssen wir warten, bis unsere Magd
-kommt. Wo ist sie denn?«</p>
-
-<p>»Sie ist auf dem Markt und holt etwas zu
-essen.«</p>
-
-<p>»Was holt sie denn?«</p>
-
-<p>»Orangen und Schokolade.«</p>
-
-<p>Da sagte er, er möchte auch noch einen Rettich
-dazu, und sie rief in das Olivenwäldchen hinein:
-»Minna, bringen Sie auch noch einen Rettich mit.«</p>
-
-<p>Ganz wie zu Hause waren sie da, und das geschah
-dem Marchese ganz recht, daß sie in seinem
-Garten wie zu Hause waren, warum zog er auch
-immer in der Welt herum?</p>
-
-<p>Sie setzten sich auf eine weiße Bank, die stand
-ganz im Grünen, aber gerade davor waren die
-Hecken so ausgeschnitten, daß man ein großes Stück<span class="pagenum" id="Seite_153">[153]</span>
-blauen Meeres vor sich sah. Denn seit die Sonne
-schien und der Himmel blau war, sah das Meer
-auch blau aus. Ganz blau und still, nur am Rande
-hatte es kleine, weiße Wellchen, die plätscherten leise,
-es war, wie gelacht. Er sagte es zu Ellen, da
-hörte sie es auch, und natürlich lachten sie dann alle
-beide zur Gesellschaft mit.</p>
-
-<p>Manchmal ging er auch allein fort, etwa mit
-einem Buch in der Tasche oder unter dem Arm.
-Dann setzte er sich irgendwohin und wollte lesen.
-Aber gewöhnlich war es viel zu schön ringsumher,
-als daß er seine Gedanken beisammen behalten hätte,
-oder es kamen Leute vorbei, die ihn fragten, warum
-er hier so allein sitze und was er denn studiere.
-»Was, Kirchenrecht? hier am Meer?« Da verstummten
-die Leute meistens, halb aus Respekt und
-halb aus Bedauern mit ihm, daß er hier sitze und
-den Kopf über schwere Bücher hinneige.</p>
-
-<p>Er hatte sich vorgenommen, die Zeit gut auszunützen,
-es waren da so viele Lücken in seinen
-Kenntnissen. Aber es war doch nicht viel anzufangen.
-Vielleicht konnte er sie auch anderweitig
-ausnützen. Und schließlich, ja, da kam etwas wie
-Leichtsinn über ihn: mußte denn immer alles nützlich
-sein?</p>
-
-<p>Da ging er mit langen Schritten ins Haus
-zurück und in seine Stube, dort waren noch viele<span class="pagenum" id="Seite_154">[154]</span>
-Bücher, auch Goethe und Mörike und Konrad
-Ferdinand Meyer. Er hatte sie alle mitgeschleppt,
-denn er konnte nicht ohne Bücher sein. Aber jetzt
-sagte er mit einer Verbeugung: »Unterhalten Sie
-sich gut, meine Herrschaften,« und ging wieder ins
-Freie.</p>
-
-<p>Er wollte auf die Strandpromenade gehen, da
-waren viele Menschen, die gingen hin und her, und
-hörten auf die Musik, die in einem Pavillon spielte,
-und unterhielten sich dabei.</p>
-
-<p>Das konnte er doch auch einmal tun.</p>
-
-<p>Aber als er durch den Garten ging, sah er
-Ellen allein unter einer kleinen Lorbeerhecke sitzen
-und ganz gerade vor sich hinsehen. Sie hatte ein
-so ernstes Gesicht, daß es gar nicht auszuhalten war
-an einem viereinhalbjährigen Kind, und dann seufzte
-sie tief auf.</p>
-
-<p>Das letztere durfte aber auf gar keinen Fall
-sein, das hatte sie vielleicht von ihrer Mutter angenommen?</p>
-
-<p>»Was ist mit dir, Ellen, warum sitzt du so da
-und seufzest?«</p>
-
-<p>»Ich seufze nicht, ich denke an meinen Papa.«</p>
-
-<p>»So, und warum muß man denn dabei so betrübt
-aussehen?«</p>
-
-<p>»Ich sehe nicht betrübt aus, ich möchte nur,
-daß er da wäre.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[155]</span></p>
-
-<p>Er ist ganz allein, und ich bin auch ganz allein.«</p>
-
-<p>Da ging es ihm durchs Herz. Das durfte ja
-doch nicht sein.</p>
-
-<p>Aber er machte noch einen Versuch zum Hinauskommen,
-denn sein Sinn stand jetzt gerade nach der
-Strandpromenade.</p>
-
-<p>»Du bist doch nicht allein, Ellen, du hast doch
-deine Mammi!«</p>
-
-<p>Da wurde das liebe Kindergesicht irgendwie
-hart oder herb.</p>
-
-<p>»Meine Mammi hat gesagt, ich sei ein unnützes
-Kind, weil ich sie immer etwas gefragt habe.
-Hat deine Mammi auch so zu dir gesagt, als du
-noch klein warest?«</p>
-
-<p>Nein, das hatte sie freilich nicht getan, das
-Herz schmolz ihm hin; er war doch kein Unmensch
-gegen so ein Kind.</p>
-
-<p>»Wo ist sie denn?« fragte er, und machte im
-Geist eine Faust nach ihr hin.</p>
-
-<p>»O, droben, sie hat gesagt: ich kann dich jetzt
-nicht brauchen.«</p>
-
-<p>Er wußte schon, wie es da war.</p>
-
-<p>Er hatte einmal droben angeklopft, weil sie ihn
-ausdrücklich dazu ermuntert hatte. Sie wollte ihm
-etwas zeigen, er wußte jetzt nicht mehr, was es gewesen
-war.</p>
-
-<p>»Sie sind immer so nett gegen meine Tochter,<span class="pagenum" id="Seite_156">[156]</span>
-da müssen wir doch auch ein wenig bekannt werden,
-nicht?«</p>
-
-<p>Ja, also, da hatte er angeklopft.</p>
-
-<p>»Herein.«</p>
-
-<p>Da lag sie auf dem Sofa und rauchte Zigaretten.
-Ein feiner, bläulicher Rauch erfüllte das
-ganze Zimmer.</p>
-
-<p>Sie winkte ihm anmutig zu mit ihrer schönen,
-weißen Hand.</p>
-
-<p>»Ach, wie hübsch, daß Sie kommen. Bitte,
-machen Sie sich’s behaglich.«</p>
-
-<p>So ganz behaglich wurde es ihm aber dennoch
-nicht.</p>
-
-<p>»Sie bedienen sich selbst, nicht wahr? hier ist
-Kognak und Chartreuse, und hier sind die Zigaretten.
-– Was, Sie rauchen nicht? wegen Ihres Halsleidens?
-ist das so schlimm? wissen Sie, man kann
-auch zu gewissenhaft sein.</p>
-
-<p>Sehen Sie, mir ist zum Beispiel beides verboten,
-Rauchen und der Kognak.</p>
-
-<p>Mein Mann ist selbst Arzt und er sagt, es
-schade meinen Nerven.</p>
-
-<p>Aber er ist ein Hüne, ha, ha, Sie sollten ihn
-sehen, groß und breit, eigentlich ein stattlicher Mann,
-er gefiel mir gleich so gut, weil er so stattlich war.
-Aber was weiß er davon, wie es ist, wenn man sich
-abgespannt fühlt? Gerade wenn ich abgespannt bin,<span class="pagenum" id="Seite_157">[157]</span>
-dann habe ich solche Sehnsucht nach der Auffrischung,
-die in dem beidem liegt.</p>
-
-<p>Und gleich wird mir wohler, wenn ich es habe.</p>
-
-<p>Ich finde, man muß sich selbst zu behandeln
-verstehen. Nicht?«</p>
-
-<p>Aber ihm ging es nicht so. Er hatte so manche
-gute Pfeife mit seinen Freunden verraucht, er wollte
-aber jetzt gesund werden und sonst gar nichts, also
-ließ er es. Fertig.</p>
-
-<p>Das sagte er ihr auch. Sie sah ihn belustigt an.</p>
-
-<p>»Ich finde das amüsant,« sagte sie.</p>
-
-<p>»Ha ha, mein Mann würde entzückt von Ihren Ansichten
-sein. Wie doch die Menschen verschieden sind.«</p>
-
-<p>Dann gähnte sie ein weniges hinter der Hand,
-die mit vielen Ringen geschmückt war.</p>
-
-<p>»Ich finde es so schrecklich langweilig hier,«
-sagte sie klagend.</p>
-
-<p>»Diese Hausordnung mit den frühen Mahlzeiten
-und der frühen Schlußstunde am Abend. Und
-dann, es ist ja nichts los, aber auch gar nichts.
-Ich wollte an einen größeren Platz gehen, aber
-mein Mann wollte es nicht. Er ist solch ein Tyrann.
-Und dabei bin ich nicht eigentlich krank, es sind nur
-die Nerven. Ich war immer so entsetzlich verstimmt
-in letzter Zeit. Er sagt, ich müsse Ruhe haben und
-nicht zu vielerlei Eindrücke. Und dabei ist es gerade
-die Ruhe, die mich tötet.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_158">[158]</span></p>
-
-<p>Das konnte er nicht so recht verstehen. Sie
-schickte doch Ellen immer von sich fort, weil sie Ruhe
-brauchte. Aber es war wohl eine andere Art von
-Unruhe, die sie suchte.</p>
-
-<p>Er kam sich plötzlich ein wenig beichtväterlich
-vor. Er hatte ja gerade ins Vikariat treten wollen,
-als die Krankheit kam. Freilich, er hätte zu Bauern
-gesollt, auf ein Albdorf, er kannte den Pfarrer
-schon, zu dem er sollte. Dies hier war anders.</p>
-
-<p>»Haben Sie etwas Gutes zu lesen?« fragte er.
-»Das ist manchmal auch ein gutes Hilfsmittel fürs
-Gemüt.«</p>
-
-<p>Er dachte, er wolle ihr Bücher leihen, er überschlug
-schnell seinen Vorrat.</p>
-
-<p>»Ach ja, ich lese eigentlich ziemlich viel,« sagte sie.</p>
-
-<p>»Aber schließlich, was hat man denn?</p>
-
-<p>Die Franzosen, ja, und dann die Russen,
-Turgenjeff und Gorki und Dostojewski.</p>
-
-<p>Wissen Sie sonst noch etwas?«</p>
-
-<p>Da sagte er, ob sie denn Wilhelm Raabe nicht
-kenne und Gottfried Keller, und Mörike und –,
-er besann sich einen Augenblick, weil ihm so viele
-auf einmal einfielen, die er ihr sagen wollte, er sah
-wie in einen Garten hinein und wußte nicht, was
-zuerst brechen, – da lachte sie ihm hell dazwischen
-hinein.</p>
-
-<p>Sie legte die Hände an die Ohren, aber so, daß<span class="pagenum" id="Seite_159">[159]</span>
-man die kleinen Diamanten noch sah, die in den
-hübschen Ohrläppchen steckten.</p>
-
-<p>»Ach, hören Sie auf,« rief sie, »das können Sie
-einem doch nicht im Ernst zumuten, daß man das
-liest. Überhaupt, die Deutschen, was haben sie denn?
-Sie sind so langweilig, zahm und langweilig, das
-sind sie.«</p>
-
-<p>Da fühlte er, daß er grob werden müsse und
-brach die Sitzung ziemlich kurz ab. Vielleicht war
-er es auch geworden, das kann man bei ihm nicht
-sicher wissen. Jedenfalls ließ er die hübsche Frau, denn
-das war sie trotz alledem, in einigem Staunen zurück.</p>
-
-<p>Ja, also so lag sie jetzt jedenfalls auch da oben,
-es war ihm, als ob er durch die Wände sähe.</p>
-
-<p>»Komm, Ellen,« sagte er. »Wir gehen spazieren,
-wir brauchen sonst niemand dazu.«</p>
-
-<p>Da gingen sie zuerst durch die lange, schmale
-Hauptstraße von Nervi hin, an den vielen Läden
-vorbei und beredeten, was sie alles kaufen wollten,
-wenn sie Geld hätten, und machten aus, wenn einmal
-das Geldschiff komme, dann sollten alle, die sie
-zu Haus gelassen hätten, etwas ganz Schönes kriegen
-und außerdem Ellen noch ein Eselsfuhrwerk.</p>
-
-<p>»Kommt es denn einmal?« fragte Ellen, und
-er sagte, daß man so etwas nie ganz gewiß wissen
-könne, daß sie aber nun zuerst die Frau Eidechse
-besuchen wollten.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_160">[160]</span></p>
-
-<p>Die Frau Eidechse wohnte in einer Mauerritze,
-ganz weit draußen an der Strandmauer, da, wo der
-rote stachelige Kaktus blühte hoch über dem Meer.</p>
-
-<p>Sie mußten durch ein schmales Gäßchen hinunter,
-das war links und rechts aus hohen, steinernen Gartenmauern
-gebildet. Oben sahen die dunkelgrünen Zypressen
-und Pinien und die silberigen Olivenbäume
-herüber, was aber sonst noch dahinter war, das konnte
-kein Mensch wissen. Das war das Allergeheimnisvollste,
-was es geben konnte, so ein Garten hinter
-einer steinernen Mauer.</p>
-
-<p>Sie gingen aber schnell durch das Gäßchen hindurch,
-sie wollten es gar nicht wissen, was dahinter sei,
-denn von unten her glänzte schon das Meer herauf.</p>
-
-<p>Da lag es in der Sonne und da lag auch die
-Strandmauer.</p>
-
-<p>»Guten Tag, Frau Eidechse, Sie werden höflich
-zu einem Konzert eingeladen,« sagte er.</p>
-
-<p>Sie war aber nirgends sichtbar.</p>
-
-<p>»Sie hat noch im Haus zu tun bei den Kindern.
-Ist auch gut, so fangen wir einmal an.«</p>
-
-<p>Da fing er an zu pfeifen. Denn pfeifen, das
-konnte er trotz des Halsleidens, das schadete nichts.
-Er hatte sich darin zu einer gewissen Virtuosität
-ausgebildet. »Was soll ich pfeifen, Ellen?«</p>
-
-<p>Sie kannte sein Repertoire gut. »O du lieber
-Augustin,« sagte sie unverweilt.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_161">[161]</span></p>
-
-<p>Da pfiff er: »O du lieber Augustin.«</p>
-
-<p>Ellen bekam glänzende Augen.</p>
-
-<p>Nicht wegen des Pfeifens, sondern weil nach
-kurzem Zögern die Frau Eidechse richtig aus ihrem
-Mauerloch herausschwänzelte.</p>
-
-<p>Sie hatte ein grünes Kleid an und Goldbörtchen
-über den Rücken herunter, und ihre schwarzen Äuglein
-funkelten lebhaft.</p>
-
-<p>»Grüß Gott, Frau Eidechse, ist das nicht schön?
-Wo haben Sie denn Ihren Herrn Eidechserich?«</p>
-
-<p>»Ach, der wird bald kommen, er ist auf den
-Berg gegangen zum Mückenfang.«</p>
-
-<p>Ellen sagte nachher, diese Antwort habe Holder
-gegeben, aber er sagte, die Eidechse habe es selber
-getan auf eidechsisch, da konnte sie nicht streiten.</p>
-
-<p>Das Publikum wurde unruhig, drehte den Kopf
-hin und her und wackelte mit dem Schwanz, so mußte
-er weiter pfeifen.</p>
-
-<p>Als das Lied aus war, zog sich die Frau Eidechse
-zurück.</p>
-
-<p>Da pfiff er auf Ellens Wunsch: »Weißt du,
-wie viel Sternlein stehen?« alle drei Verse. Aber
-die Eidechse kam nicht mehr.</p>
-
-<p>Er versuchte es nochmals mit dem »lieben Augustin«,
-und siehe, da war sie gleich wieder zur Stelle.
-Da stellten sie es nun fest, daß »O du lieber Augustin«
-ihr Leiblied sei. Und das bekam sie nun<span class="pagenum" id="Seite_162">[162]</span>
-immer zu hören, so oft sie zum Besuch da heraus
-kamen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Es war merkwürdig: neuerdings bekam Mammi
-manchmal Anfälle von großer Zärtlichkeit für Ellen.</p>
-
-<p>Dann konnte sie sich plötzlich im Garten auf
-dem Gras niederlassen und beide Arme nach ihr ausbreiten.
-Aber Ellen war das nicht gewohnt und
-kam darum nicht so schnell dahineingeflogen, wie
-Mammi wohl erwartet hatte. Dann sagte sie klagend:
-»Ellen, hast du denn deine arme Mammi gar
-nicht lieb?« und küßte sie viele Male, auf den Mund,
-in die Augen, auf die Stirn, und drückte sie fest in
-die Arme.</p>
-
-<p>Und Ellen mußte sagen, daß sie die Mammi
-lieb habe. Das tat sie auch, sie tat es aber ein wenig
-zögernd, ernst und still.</p>
-
-<p>Und Mammi sagte, das Kind müsse mehr unter
-Menschen kommen, und putzte sich selbst und Ellen
-schön heraus, so daß sie beide sehr wohl in den
-nächsten Umkreis des Musikpavillons paßten, und
-ging mit ihr dort spazieren.</p>
-
-<p>Das tat sie einige Male. Da wurde sie eines
-Tags von einem Herrn, der gleichfalls dort spazieren
-ging, gefragt, ob gnädige Frau vielleicht Norwegerin
-sei, sie trage so wundervollen nordischen Schmuck, und
-sie sagte: ja, wenigstens von Geburt und Erziehung.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_163">[163]</span></p>
-
-<p>Und es fand sich, daß der Herr auch schon »da
-oben« gewesen war und auch sonst schon an allerlei
-Orten, die sie kannte, es gab wundervoll viel zu reden
-darüber und über noch vieles andere, an diesem Tag,
-und am folgenden noch mehr, und so immer fort.</p>
-
-<p>Mammi erholte sich zusehends, wurde auch im
-Hause lebhaft und gesprächig und fand, daß ihr
-Mann doch damit recht gehabt habe, daß er ihr viel
-frische Luft und Bewegung verordnet habe.</p>
-
-<p>Besonders auch Segelpartieen bekamen ihr gut,
-aber natürlich konnte sie dabei das Kind nicht mitnehmen,
-es war wohl überhaupt besser, wenn es
-regelmäßig lebte, es war oft nicht so ganz wohl in
-letzter Zeit.</p>
-
-<p>Das fand Holder auch. Er sah, daß es an
-Heimweh litt. Es war merkwürdig an so einem
-Kinde, aber es sehnte sich wahrhaftig immer nach
-seinem Vater. Und es wußte, der Vater sehne sich
-auch nach ihm. Er hatte oft an einem inneren Grimm
-zu würgen.</p>
-
-<p>Da ging sie nun wieder im gelben Leinenkleid
-mit dem silbernen Gürtel, strich dem Kind übers
-Haar: »Adieu, Kleines, geh artig zu Bett, hörst du?
-Mammi hat Schokolade für dich.« Weg war sie.</p>
-
-<p>Als ob es dem Kind um Schokolade gegangen wäre.</p>
-
-<p>Sah sie denn nicht, daß es Hunger litt nach
-Liebe, nach Daheimsein? Nein, das sah sie nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_164">[164]</span></p>
-
-<p>Er aber sah es. Heute früh hatte er ein Lied
-gefunden; es stand in einer Zeitschrift und hieß:
-Das frierende Seelchen.</p>
-
-<p>Das ging ihm heute den ganzen Tag durch den
-Sinn. Es schien so sehr für Ellen zu passen.</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Wenn ich nur wüßt’, wo der Heimweg wär!</div>
- <div class="verse indent0">Was bin ich nicht geblieben?</div>
- <div class="verse indent0">Suchen muß ich, hin und her</div>
- <div class="verse indent0">bläst ein Wind, und mich schauert sehr,</div>
- <div class="verse indent0">irgendwer hat mich vertrieben.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Irgendwo, weiß ich, bin ich zu Haus,</div>
- <div class="verse indent0">aber wo, wer kann’s sagen?</div>
- <div class="verse indent0">Flüglein hab ich, und breit’ sie aus,</div>
- <div class="verse indent0">fänd’ ich nur aus der Welt hinaus,</div>
- <div class="verse indent0">wollt’ ich nimmer klagen.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Bin ein armes, verirrtes Kind,</div>
- <div class="verse indent0">such in dem Lärm der Gassen,</div>
- <div class="verse indent0">horche hinein in den wehenden Wind,</div>
- <div class="verse indent0">ob ich nirgends die Töne find’,</div>
- <div class="verse indent0">die ich zu Haus verlassen.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Hie und da nur ein leises Getön,</div>
- <div class="verse indent0">ein Wort, ein Streifchen Sonne,</div>
- <div class="verse indent0">ein lieber Blick, ein feines Verstehn,</div>
- <div class="verse indent0">dann muß ich wieder suchen gehn</div>
- <div class="verse indent0">nach meiner Heimatwonne.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>»Komm, Ellen.« Er nahm sie mit sich ans
-Meer hinunter. Artig zu Bett gehen, das konnte
-sie noch lang. Jetzt lag die Sonne noch über dem
-Wasser, es war ein wundervoller Abend. Weithin<span class="pagenum" id="Seite_165">[165]</span>
-lagen die Berge am Ufer rotgolden beschienen, die
-weißen Villen glänzten und Fenster leuchteten in der
-Abendsonne. Fischer fuhren hinaus und sangen in
-ihrem Boot, und irgendwoher kamen fröhliche Stimmen,
-Gelächter und Jubel. Und so ein Kind sollte nicht
-froh sein?</p>
-
-<p>Auch hatte das Gedicht nämlich noch einen zweiten
-Teil gehabt, der ihn heut besonders rührte. Vielleicht
-wäre ihm Ellens bekümmertes Gesichtchen sonst nicht
-so besonders aufgefallen.</p>
-
-<p>Er verhöhnte sich selbst damit, daß sie ihm nur
-als Objekt für seine lyrische Stimmung diene, aber
-das mochte sein, wie es wollte, darum freute es ihn
-doch, daß sie nun da unten neben ihm saß und ihr
-kleines Händchen in seine große Hand schob. Da
-sagte er es richtig noch einmal in Gedanken vor sich hin:</p>
-
-<h3>II.</h3>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Schlug das Seelchen seine Flügelein,</div>
- <div class="verse indent0">barg sein trauerndes Gesicht hinein,</div>
- <div class="verse indent0">weinte leis und bang und bitterschwer:</div>
- <div class="verse indent0">Wenn ich doch zu Haus, zu Hause wär!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Kam die Lieb’ des Wegs und rührt es sacht:</div>
- <div class="verse indent0">Grüß dich Gott, ich habe dein gedacht!</div>
- <div class="verse indent0">Hob das Seelchen sein verweint Gesicht,</div>
- <div class="verse indent0">weil sie sprach, wie man zu Hause spricht.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Nahm die Lieb’ das Seelchen in den Arm,</div>
- <div class="verse indent0">hüllt’ es in des Mantels Falten warm,</div>
- <div class="verse indent0">sprach: Wir sind vom Himmel, du und ich,</div>
- <div class="verse indent0">armes Seelchen, komm, ich trage dich!</div><span class="pagenum" id="Seite_166">[166]</span>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Spannt’ das Seelchen seine Schwingen aus:</div>
- <div class="verse indent0">Liebe du, du bist mir Heim und Haus!</div>
- <div class="verse indent0">Liebe, bleib mir Trost und Weggeleit!</div>
- <div class="verse indent0">Sprach die Liebe: bis in Ewigkeit!</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Wenn man es genau untersucht hätte, so hätte
-er vielleicht auch ein wenig Heimweh gehabt, oder
-vielleicht nennt man es bei Männern anders. Es
-war aber doch, da es schon ein wenig gegen das
-Frühjahr hin ging, und es mit dem Hals nicht so
-vorwärts wollte, wie er gedacht hatte, so etwas.</p>
-
-<p>»Du, Holder,« sagte Ellen, »ich habe dich furchtbar
-lieb. Ich habe dich so lieb – bis wo der Himmel
-anfängt.«</p>
-
-<p>»So,« sagte er, »das ist aber hoch hinauf.«</p>
-
-<p>Da war es ihr auf einmal nicht genug.</p>
-
-<p>»Nein, noch höher hinauf,« sagte sie. »So hoch
-wie der liebe Gott ist.«</p>
-
-<p>Davon mußte er nun notwendig ein bißchen abzwicken.
-»So hoch hinauf kann man nicht,« bemerkte er.</p>
-
-<p>»Aber bis wo dem lieben Gott sein Kopf anfängt,«
-sagte sie. Mehr wollte sie nicht abgeben.
-Da ließ er’s; später, dachte er, werde es sich schon
-ausgleichen.</p>
-
-<p>Die Sonne sank tiefer und tiefer.</p>
-
-<p>Schon nahte sie sich dem Wasserspiegel. Er
-sah still in ihr goldenes Licht und über die beschienenen
-Fluten hin.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_167">[167]</span></p>
-
-<p>Da fühlte er, wie sich das Händchen da in
-seiner Hand so krampfhaft festhielt und als er in
-Ellens Gesicht sah, da war es angstvoll und die
-Augen sahen ihn hilfeflehend an.</p>
-
-<p>Er sah, es ging ihr um die Sonne. Sie hatte
-sie noch nie ins Wasser tauchen gesehen.</p>
-
-<p>Aber er wollte ihr nichts sagen; er war ein
-Pädagog; sie sollte es nur erleben. Er hielt aber
-doch das Händchen ein wenig fester als zuvor, zum
-Zeichen, daß er im Notfall auch noch da sei. Und
-sie sank und sank; da war sie nun am Wasser, und
-leise, leise glitt sie hinab.</p>
-
-<p>Da brach Ellen das zitternde Schweigen.</p>
-
-<p>»O, sie fällt ins Wasser, sie fällt ins Wasser,«
-rief sie in so jammervollem Tone, daß ein Stein
-hätte trösten müssen.</p>
-
-<p>Er war aber härter als ein Stein und schwieg.</p>
-
-<p>Da wurde es dunkler und dunkler; nur noch
-ein goldenes Auge sah über die Fluten hin, dann
-erlosch auch dieses, da eilten die purpurnen Wellen
-so verlassen und klagend zum Ufer hin. »O, jetzt
-haben wir keine Sonne mehr,« klagte sie.</p>
-
-<p>»O, jetzt ist sie hinuntergefallen, jetzt haben wir
-keine Sonne mehr,« jammerte Ellen.</p>
-
-<p>Da trat ihr Freund in den Riß, denn jetzt
-war es Zeit dazu.</p>
-
-<p>Und er sagte, daß sie nicht hinuntergefallen sei<span class="pagenum" id="Seite_168">[168]</span>
-und daß sie morgen wieder komme. Denn dort
-hinten, ganz weit hinten, sagte er, die braunen
-Kinder, zu denen die Schiffe hinfahren, die müßten
-doch auch Sonne haben, nicht?</p>
-
-<p>Da wurde das Gesichtlein wieder froh, aber
-erst, als er ganz sicher versprochen hatte, daß sie
-wieder komme und daß sie, Ellen, in aller Frühe zu
-ihm kommen dürfe und mit ihm sehen, wie die
-Sonne aufstehe.</p>
-
-<p>Das tat sie denn auch. Ein Fingerlein pochte
-an seine Tür, als die Luft draußen noch grau war
-und er noch im Bett. Dann, als das Fingerlein
-keine Antwort bekam, wurde eine kleine Faust zum
-Klopfen geschickt.</p>
-
-<p>»Ja?«</p>
-
-<p>»Ich will sehen, wie die Sonne aufsteht.«</p>
-
-<p>»Sie ist noch weit, sie ist erst in Chiavari, sie
-muß noch hinter dem Berg heraufsteigen.«</p>
-
-<p>»Du, Holder.«</p>
-
-<p>»Ja?«</p>
-
-<p>»Laß mich herein. Ich geh’ derweil auf deine
-Terrasse hinaus, dann sag’ ich dir, wenn sie kommt.«</p>
-
-<p>Da mußte er sie doch hereinlassen.</p>
-
-<p>»Wer hat dich denn geweckt, Ellen?«</p>
-
-<p>»Niemand, ich bin selber aufgewacht.«</p>
-
-<p>»Wer hat dich denn angezogen?«</p>
-
-<p>»Selber.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_169">[169]</span></p>
-
-<p>Es war vielleicht darnach, aber das war den
-zwei Freunden einerlei, die gleich hernach miteinander
-draußen standen und ihre Augen ausschickten, ob sie
-die Sonne kommen sehen.</p>
-
-<p>Das Meer war auch noch nicht recht aufgewacht.
-Es warf sich plätschernd herum und wollte
-zu sich kommen.</p>
-
-<p>»Du, Holder, was sagt es?«</p>
-
-<p>»Es sagt: Mutter gib mir einen Kuß, sonst
-friert’s mich.«</p>
-
-<p>»Wer ist die Mutter?«</p>
-
-<p>»Die Frau Sonne.«</p>
-
-<p>Da schoß auf einmal ein goldener Strahl wie
-aus einem Hinterhalt hinter dem Berg hervor, dann
-noch einer, dann viele.</p>
-
-<p>Dort drunten am Meer macht die Sonne keine
-langen Vorbereitungen. Sie kommt auf einmal und
-dann ist sie da.</p>
-
-<p>Da nahm sie sie alle in die Arme wie eine
-rechte Mutter, alle ihre Kinder: den Mann und
-das Kind, und die Gärten und das Meer. Da
-breiteten sie sich alle ihr entgegen und glänzten auf,
-so froh waren sie. Vielleicht war das Kind am
-frohesten, weil es gestern abend am meisten getrauert
-hatte. Die andern, das Meer und die
-Bäume, die hatten sie schon öfter gehen und kommen
-gesehen, sie wußten schon, wie sie es mit ihnen halte<span class="pagenum" id="Seite_170">[170]</span>
-und daß immer wieder ein Aufgang komme nach
-dem Niedergang.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Holder ging allein in der Welt herum. Er
-kam von einem weiten Spaziergang zurück und hatte
-einen großen Blumenstrauß in der Hand. Den
-wollte er nach Hause schicken, er sollte seine Schwester
-an ihrem Geburtstag grüßen. Langsam bog er in
-den Garten ein.</p>
-
-<p>Es ging vielerlei in ihm um.</p>
-
-<p>Die Wintergäste fingen an, abzureisen, vorgestern
-waren einige gegangen, und gestern wieder.
-Heute, das wußte er, reiste ein Ehepaar, an das er
-sich einigermaßen angeschlossen hatte. Es tat ihm
-nun doch auch leid. Er brauchte lange, bis er sich
-den Menschen auftat, aber wenn es dann geschah,
-so war es auch nicht nur so obendrauf. Er hatte
-so gar keine Eintagsfliegennatur. Nun hatte er
-nach und nach an diesen allen teilgenommen, die da
-um ihn her lebten, litten und sich freuten.</p>
-
-<p>Er hatte gesehen, daß sie alle ihre Schicksale in
-und mit sich trugen, daß das Verschiedene an ihnen
-doch viel mehr zufällig und äußerlich war, und daß
-sie alle Menschenherzen hatten, die nach Leben, Liebe
-und Gemeinschaft verlangten, daß sie oft Wunden
-zudeckten, wo sie lachten und feine, herzliche Züge<span class="pagenum" id="Seite_171">[171]</span>
-an sich trugen, wo er zuvor nur Oberflächlichkeit und
-leichten Sinn gesehen hatte.</p>
-
-<p>Einer von ihnen war gestorben, der lag nun
-draußen auf dem kleinen Friedhof am Berge, den
-Pinien und Zypressen beschatteten und zu dem das
-Meer, das sich an den Felsen brach, sein ewiges,
-großes Schlummerlied heraufsang.</p>
-
-<p>Und zwei junge Menschen hatten sich gefunden,
-um immer miteinander zu gehen. Sie waren krank
-angekommen, und gesund geworden, und nun lag
-das Leben vor ihnen in leuchtender Fülle und sie
-wollten es fassen und halten und eines in des andern
-Augen das Meer, das große Meer mitnehmen.</p>
-
-<p>Das war so schön, frohe Menschen froh zu
-sehen. So ganz von tief unten herauf froh, wie
-diese es waren.</p>
-
-<p>Das war das Schönste, was man sehen konnte,
-schöner als Rosen- und Nelkengärten, schöner als
-Sonne, Meer und Land.</p>
-
-<p>Ueberhaupt, das mit dem schönen Land.</p>
-
-<p>Er hatte es genossen, das mußte man sagen.
-Er hatte es mit allen Sinnen in sich hineingenommen.
-Aber nun hatte er plötzlich genug davon. Es war
-doch schließlich immer dasselbe. So ein farbenfrohes
-Leuchten, Glänzen, Blühen war schön, wenn
-es vorher trüb, dunkel und kalt, wenn es Winter
-gewesen war. Er hatte es wieder mit dem Dichten.<span class="pagenum" id="Seite_172">[172]</span>
-Unterwegs, auf dem Gang ins Nervital, hatte er
-sich bei dem schönen Land erkundigt, ob es denn
-sonst nichts habe</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">als üppige Glut und Füll’?</div>
- <div class="verse indent0">kein zartes Knospen und Werden.</div>
- <div class="verse indent0">kein Fragen, ob’s auf Erden</div>
- <div class="verse indent0">wieder lenzen will</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">nach langem Winterharm?</div>
- <div class="verse indent0">und nirgends Bäume im Garten</div>
- <div class="verse indent0">die ihres Frühlings warten</div>
- <div class="verse indent0">mit ausgestrecktem Arm?</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Er sah es so deutlich vor sich, wie es nun zu
-Hause war: linder, goldener Sonnenschein auf wintermüden
-Gassen, da und dort noch ein Fleckchen
-Schnee, und an geschützten Stellen schon die Veilchen,
-und Amselgesang auf kahlem Geäst, dem im
-währenden Singen ein lichter grüner Schleier sich wob.</p>
-
-<p>»Du, Ellen, ich muß dir etwas sagen.«</p>
-
-<p>Denn sie war soeben durchs Mauerpförtchen
-herein von der Strandpromenade her auf ihn zugerannt.</p>
-
-<p>»Ja, was?«</p>
-
-<p>Aber er mußte sie vorher betrachten. Sie hatte
-ein hellblaues Seidenkleidchen an und eine weißseidene
-Schärpe, und hatte einen großen, weißen Spitzenhut
-auf.</p>
-
-<p>»Geputzt wie ein Affe,« dachte er plötzlich grimmig,
-obgleich sie freilich hübsch genug aussah.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_173">[173]</span></p>
-
-<p>»Da sieh, Holder,« und sie zeigte ihm mit
-Wichtigkeit ein Schmuckstück, das sie um das runde,
-weiche Ärmchen trug.</p>
-
-<p>Es war eine kleine Eidechse aus grünem Email
-mit zwei winzigen roten Rubinäuglein.</p>
-
-<p>»Fein, gelt? Ich habe es von dem Onkel, der
-immer mit Mammi geht. Und er schenkt mir morgen
-eine Dose, die kann man aufziehen, dann macht sie
-Musik. Und heut mittag darf ich mit dem Onkel
-und mit Mammi ausfahren in einem Wagen, der
-hat rote Samtpolster. Das ist fein, nicht? Ich bin
-so froh, bist du auch so froh, Holder?«</p>
-
-<p>Ja, sie war so froh über ein bißchen Freundlichkeit
-und Mitgenommenwerden, und er hätte ihr
-am liebsten das Armband genommen und ins Meer
-geworfen, so zornig war er.</p>
-
-<p>Er sagte gar nichts.</p>
-
-<p>Aber sie merkte es heute nicht gleich, daß er
-verstimmt sei. Sie war zu froh dazu.</p>
-
-<p>»Meine Mammi ist schön, gelt?« sagte sie.
-»Dort unten kommt sie. Sie hat ein schönes Kleid
-an und lacht, und sie hat zu mir gesagt: ›Du bist
-ein süßer, kleiner Schneck.‹ Gelt, das freut dich auch,
-wenn deine Mammi so zu dir sagt?«</p>
-
-<p>Aber er wollte jetzt nicht sehen, wie schön
-Mammi sei. Er wollte jetzt nichts von Mammi
-wissen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_174">[174]</span></p>
-
-<p>»Komm, wir gehen da hinüber,« sagte er. »Wir
-setzen uns ins Rosenrondell, dann sag’ ich dir etwas.«</p>
-
-<p>Ja, das wollte sie gern, sie machte ihre großen
-Augen; was er wohl sagen wollte?</p>
-
-<p>»Denk einmal, als ich heute morgen aufwachte,
-da ist vor meinem Fenster alles dick voll mit Schwalben
-gesessen. Auf der Terrasse, auf der Dachrinne,
-auf den Telegraphendrähten. Sie sind übers Meer
-her gekommen und jetzt gehen sie heim. Sie sind
-schon wieder fortgeflogen, sie haben nur hier ein
-wenig ausgeruht.«</p>
-
-<p>»Heim, wo ist das?« Sie riß die Augen
-mächtig auf.</p>
-
-<p>»Heim ist in Deutschland, am Neckar und am
-Rhein und im Schwarzwald, und auch in Bühringen.«</p>
-
-<p>Denn Bühringen lag im Schwarzwald.</p>
-
-<p>»Da haben sie ihre Nester an den Häusern
-unter den Dächern.«</p>
-
-<p>»Ja, du, Holder, bei uns auch, am Stall und
-an der Waschküche. Der Andres hat gesagt – mhm,
-man dürfe sie nicht fortjagen und die Katze dürfe
-sie nicht fressen, weil es Schwalben sind.«</p>
-
-<p>»Und als sie mich gesehen haben, da haben sie
-angefangen zu schwatzen, alle durcheinander.«</p>
-
-<p>»Was haben sie denn gesagt?«</p>
-
-<p>»Sie haben gesagt: ›Wir sind so froh, daß wir
-heimkommen. Daheim, da fangen jetzt die Bäume<span class="pagenum" id="Seite_175">[175]</span>
-an zu blühen, und der Schnee ist fort, und es gibt
-Veilchen, und viele tausend Mücklein fliegen in der
-Sonne herum, die fangen wir alle.‹ Da habe ich
-gesagt: ›Nehmet auch einen Gruß mit an Ellens
-Papa, weil er so allein ist, und sie komme bald nach,
-sie wolle dann mit ihm Maiblumen holen im Bühringer
-Wald, die seien jetzt bald offen.‹«</p>
-
-<p>Sie nickte ernsthaft mit dem Kopf und ihr glückliches
-Gesichtlein beschattete sich.</p>
-
-<p>Er kam sich schändlich vor. Mußte er denn
-mit Gewalt das Heimweh heraufrufen, das ein wenig
-geschlafen hatte? Er meinte freilich, dieses Heimweh
-gehöre gar nicht anders kuriert als durchs Heimkommen.</p>
-
-<p>Der »Onkel, der immer mit Mammi ging«, der
-kurierte es mit Armbändern und Spieldosen.</p>
-
-<p>Da kam nun Mammi den schmalen Gartenweg
-herab. Sie suchte ihre Tochter und sah ja freilich
-schön aus. Was man so schön heißt.</p>
-
-<p>Sie kam so groß und schlank und blond daher
-in ihrem leichten, hellen Seidenkleid und unter dem
-großen, federngeschmückten Hut.</p>
-
-<p>Ja, und sie lachte, ganz wie Ellen gesagt hatte.
-Aber ihm gefiel das Lachen nicht, es war, als ob
-sie etwas damit verscheuche oder zudecke, das sie jetzt
-nicht hören und nicht sehen wolle.</p>
-
-<p>»Ah, siehe da, der Herr Kandidat,« sagte sie
-fröhlich. »Sie haben mir meine Tochter entführt.<span class="pagenum" id="Seite_176">[176]</span>
-Ha ha. Sagen Sie, haben wir nicht herrliches Wetter
-jetzt und ist es nicht schön hier?«</p>
-
-<p>»Mammi,« rief Ellen, »er hat die Schwalben gesehen.
-Sie sind heimgeflogen und er hat einen Gruß
-an Papa gesagt. Mammi, wann gehen wir heim?«</p>
-
-<p>Aber davon wollte Mammi jetzt nicht reden.</p>
-
-<p>Sie zog die Augenbrauen zusammen und gab
-keine Antwort.</p>
-
-<p>»Das hat mir gerade gefehlt,« sagte sie und
-brach eine voll erblühte gelbe Rose vom Strauch,
-»sie paßt so gut hierher an meinen Gürtel. Haben
-Sie vielleicht eine Stecknadel, Herr Kandidat?«</p>
-
-<p>Das hatte er, fast wider seinen Willen.</p>
-
-<p>»Ach,« sagte sie, plötzlich seufzend, und ließ sich
-ihm gegenüber auf der runden Steinbank nieder, »es
-ist nicht immer leicht, gut zu sein.«</p>
-
-<p>Was war das nun wieder?</p>
-
-<p>»Ihnen fällt es wohl immer leicht? Sie sind
-so ernsthaft und pflichtgetreu und gehen so geradeaus
-Ihren Weg. Man könnte Sie beneiden.«</p>
-
-<p>»So, woher wissen Sie denn das?« Er fragte
-es fast grob.</p>
-
-<p>»Ach, das sieht man doch. So – so unverdorben
-und so geordnet.«</p>
-
-<p>Es ärgerte ihn, denn gar zu tugendsam wollte
-er doch auch nicht erscheinen, obgleich nichts gegen
-ihre Worte zu sagen war.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[177]</span></p>
-
-<p>»Das bin ich nun leider nicht,« seufzte sie.</p>
-
-<p>»Aber ich kann auch nicht anders sein, als ich bin.«</p>
-
-<p>So? er hatte schon lang einiges gegen sie in
-sich angesammelt. Es konnte eine schöne Rede geben,
-wenn er sie losließ. Das wäre ja recht bequem,
-einfach: ich kann auch nicht anders sein – er fing
-an, sich zu besinnen, wie er anfangen wollte, da sagte
-sie, als habe sie seine Gedanken gelesen:</p>
-
-<p>»Nein, nein, Sie müssen nichts sagen, Sie kennen
-mich nicht genug dazu. Sehen Sie, das Kind hat
-recht, Sie haben wirklich etwas von meinem Mann.
-Nun machen Sie dasselbe Gesicht wie er, wenn er
-unzufrieden mit mir ist. Dann liebe ich ihn gar nicht.«</p>
-
-<p>Sie sah plötzlich sehr ernsthaft aus. »Ich möchte
-nicht, daß die guten Menschen schlecht von mir denken.
-Das tut mir leid, aber sie wissen vielleicht nicht, wie
-es ist, wenn man in ganz anderer Luft geboren und
-erzogen ist.«</p>
-
-<p>Er sagte nichts, es war ihm so sonderbar, daß
-sie ihn nun so plötzlich zum Beichtvater machte, und
-doch war es ihm, als rufe etwas aus ihr heraus,
-das nach Verstehen und Verzeihen verlange, und er
-wollte sie hören.</p>
-
-<p>Er saß ganz still da und war auch ein wenig
-verlegen, und sie war dankbar, daß er nicht redete
-und sagte, als müsse sie es aus sich herausschaffen:
-»Haben Sie eine Heimat gehabt, in der Sie immer<span class="pagenum" id="Seite_178">[178]</span>
-wohnten und gut und sicher aufgehoben waren? Nun,
-ich ging auf Reisen, als ich drei Jahre alt war, weil
-mein Vater den Ort nicht mehr sehen wollte, an dem
-meine Mutter starb. Immer in Pensionen, bald im
-Norden, bald im Süden. Kennen Sie das? O, wir
-waren sehr vergnügt, mein Vater und ich.</p>
-
-<p>Alle Leute kannten mich immer als sehr vergnügt.
-Einmal war ich des Lachens überdrüssig, da
-weinte ich eines Abends für mich allein. Es war
-auf einer Veranda am Vierwaldstättersee. Vielleicht
-war es, weil mein Vater kurz vorher gestorben war.
-Oder ich weiß nicht warum. Das sah einer, für
-den es eigentlich nicht bestimmt war, und er meinte,
-er sehe nun etwas von meinem eigentlichen Ich, und
-das Lachen sei nur obendrauf. Vielleicht meinte ich
-es damals auch, und kurzum, ich heiratete ihn und
-wir waren sehr verliebt ineinander, wie mir scheint.
-Es kam mir hübsch vor, so auf dem Lande zu leben
-in einem grünumrankten Hause, und einen solch ernsthaften,
-biederen Mann zu haben. Aber wissen Sie,
-wie es allmählich wurde?</p>
-
-<p>Wie ein Käfig, in dem ein lustiger, farbiger
-Vogel sitzt und den ein Bär bewacht. Der Bär
-ist gut und der Käfig ist gut und der Vogel ist in
-seiner Art auch nicht schlimm, sie passen nur nicht
-zusammen. Das ist das Ganze.«</p>
-
-<p>Sie hatte, während sie sprach, drei oder vier<span class="pagenum" id="Seite_179">[179]</span>
-Rosen zerpflückt, es lag eine Menge gelber, schimmernder
-Blätter auf dem Rasen. »O sehen Sie,
-das Kind,« unterbrach sie sich plötzlich, »was es für
-Augen macht. Ganz große. Ellen, mach andere
-Augen. Sie hat natürlich alles gehört.«</p>
-
-<p>»Das Kind haben Sie vorhin nicht mit aufgezählt«,
-sagte er trocken.</p>
-
-<p>»Welchen Platz geben Sie dem? gehört es zum
-Vogel oder zum Bären?«</p>
-
-<p>Da beugte sie sich rasch herunter und küßte es
-heftig, drei- oder viermal, aber eine Antwort gab
-sie nicht.</p>
-
-<p>»Das Kind gehört heim.« Nun war es ihm,
-als ob er seine ganze Rede gehalten hätte, denn
-sonst wußte er eigentlich nichts zu sagen und darum
-stand er auf und schickte sich zum Gehen an. Er
-hatte immer noch seine Blumen in der Hand, die
-wollte er nun einpacken.</p>
-
-<p>»Ja, ja,« sagte sie und sah aus, als suche sie
-etwas in weiter Ferne. »Er hängt furchtbar an
-Ellen und auch an mir. Es ist nicht leicht, das
-läßt sich aber nicht ändern. Man kann nicht aus
-seiner Haut heraus, er nicht und ich nicht. Das
-ist überall so. Glauben Sie, Sie kennen die Welt
-noch nicht. Es ist nicht immer alles so glatt im
-Leben.« Sie schüttelte sich, wie um aus Träumen
-zu kommen und sagte leichthin: »Es ist nur gut,<span class="pagenum" id="Seite_180">[180]</span>
-Kinder fühlen das noch nicht so, sie sind überall zu
-Hause.</p>
-
-<p>Komm, Ellen, gib deiner armen Mammi einen
-Kuß.«</p>
-
-<p>So besonders hochachtungsvoll war der Blick
-nicht, mit dem er sie betrachtete, als er nun den
-Hut zog und ging.</p>
-
-<p>»Sie versteht so viel von ihrem Kind, als eine
-Kuh von einem Eichhörnchen«, brummte er vor sich
-hin und zertrat mit breitem Stiefelabsatz eine kleine
-Kröte, die über den Weg hüpfte. Das hatte er nicht
-gewollt. Er blieb bedauernd stehen, aber es war
-nun schon so. So etwas kleines ist schnell zertreten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am andern Tag machte er eine Wanderung
-ins Land hinein. Er ging den ganzen Tag, kehrte
-in kleinen, verräucherten Wirtshäusern ein, half
-einer dunkeläugigen Magd Fische in Öl backen, trank
-tiefroten Chianti aus dem strohumflochtenen Fiasko
-dazu, redete mit Fischern und Bauern, so gut es
-sein schlechtes Italienisch hergab, ließ sich von der
-Sonne durchscheinen und fing im Wandern an, zu
-singen und zu jodeln. Als sich das der Hals gutwillig
-gefallen ließ, war es ihm, als müsse er nun
-schleunigst umwenden und nach Hause fahren,
-denn nun war er ja gesund. Er blieb aber doch in
-einem Wirtshaus, das einsam in einem engen,<span class="pagenum" id="Seite_181">[181]</span>
-schmalen Taleinschnitt unter alten Olivenbäumen
-stand, übernacht, fand dort eine Hochzeit, hörte bis
-spät in die Nacht hinein eine Musik von Dudelsack
-und Flöten und sah sich die Paare auf dem Steinboden
-vor dem Hause im Tanze drehen. Dann
-schlief er tief in den Vormittag hinein und als er
-erwachte, fielen ihm eine Menge Dinge ein, die er
-vorgestern hatte der Frau Hermelink sagen wollen.
-Lange, überzeugende Sätze, die alle darauf hinausliefen,
-daß es nicht so sehr darauf ankomme, ob das
-Leben angenehm sei oder nicht, wenn man nur seine
-Pflicht tue. Und daß man mit einigem guten Willen
-viel machen könne. Und noch mehreres. Er dachte,
-sie habe ja doch auch ihre guten Seiten und sie habe
-ihn ein paarmal fast gerührt. Und sie scheine einen
-guten Mann zu haben, mit dem sich doch leben lassen
-müsse. Das sagte er ihr alles in Gedanken, denn
-in Gedanken war er manchmal recht beredt und verstand
-sich gut auszudrücken.</p>
-
-<p>Aber als er da lag und ihm die Sonne ins
-Bett schien, da waren die beiden, die Mammi und
-das Kind, schon unterwegs. Sie fuhren auf einem
-Dampfer nach dem Süden und die Spieldose stand
-auf der Bank neben Ellen und spielte: »o du lieber
-Augustin« und Ellen sagte zu dem Onkel, der sie
-ihr geschenkt hatte: »das ist der Frau Eidechse ihr
-Lieblingslied«. Da lachte er und Mammi lachte<span class="pagenum" id="Seite_182">[182]</span>
-auch, und weil sie beide so fröhlich waren, lachte
-Ellen auch mit. Sie wußte nicht, daß Mammi sich
-verlaufen hatte und den Heimweg nach Bühringen
-nicht mehr suchen wollte und daß sie selber als ein
-heimatloses Kind mit auf Reisen ging. Sie sah
-nur das Heut, das war voll Sonne.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Er nahm Abschied von Haus und Garten und
-Meer und zuletzt auch von Schwester Clementine.</p>
-
-<p>Er hatte sie immer ein wenig im Verdacht
-gehabt, daß ihr gütiges Lächeln Herablassung sei
-und hatte sich stolz und mannhaft dagegen betragen.
-Aber schließlich hatte er doch nicht mehr ganz dagegen
-angehen können, daß sie immer so blieb:
-liebenswürdig und fein und vornehm; – allerdings
-schien sie zu wissen, daß sie das alles sei, aber dafür
-konnte sie wohl nichts und er hatte es ihr verziehen
-und gedacht, schließlich habe sie sich auch nicht
-selbst zur Gräfin gemacht und es können nicht alle
-Menschen gleich sein.</p>
-
-<p>Zwar die schlanke weiße Hand, die sie ihm zum
-Abschied reichte, küßte er nicht, obgleich er gestern
-den französischen Rechtsanwalt so hatte tun sehen.
-Aber er drückte sie mit seiner ganzen neuerrungenen
-Kraft und sah mit ehrlichem Dank in das schöne
-Gesicht. Es habe schmerzlich darin gezuckt, dachte
-er nachher und wunderte sich, daß es ihr leid zu tun<span class="pagenum" id="Seite_183">[183]</span>
-schien, daß er gehe. »Sieh’ da, echtes menschliches
-Gefühl,« dachte er und wußte ja freilich nicht, daß
-sie ihre Hand besah, als sie ins Haus zurückging.
-Sie hatte einen breiten roten Streifen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Nun war er zu Hause. Er hatte es alles so
-gefunden, wie er erwartet hatte: blühende Wiesen,
-neubestellte Gärten und Äcker, Lerchen, die sich in
-die Luft schwangen und freilich auch viele, viele
-Spatzen, die sich lärmend umhertrieben und vor ausgelassener
-Daseinsfreude schrieen. Er ging durch
-die Dorfgasse, die nach dem Filial führte, in dem
-er Unterricht zu geben hatte und mußte sich zugeben,
-daß sie sehr aufgeweicht sei und ein Bauer sagte
-ihm, daß das im Frühjahr so die ersten paar Wochen
-nach dem Schneegang immer so sei. Und es fielen
-ihm die leuchtend weißen, glatten Straßen ein, die
-er dort unten gegangen war. Kinder sprangen herbei
-und gaben ihm die Hände und er mußte an ein
-anderes kleines Händchen denken, das nicht so klebrig,
-aber mindestens ebenso vertrauensvoll gewesen war.
-Wo mochte es sein? was wurde aus ihm? wer
-nahm es in seine Hand?</p>
-
-<p>Es war ihm nicht leicht zumute, als er daran
-dachte.</p>
-
-<p>Er meinte, er hätte es vielleicht festhalten sollen,
-beschützen, entführen – er wußte selbst nicht, was.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_184">[184]</span></p>
-
-<p>Vielleicht hätte er der Mutter mehr sagen
-sollen; sie hatte ja sonderbarerweise eine Art von
-Vertrauen zu ihm.</p>
-
-<p>Denn, hilf Himmel, was machte sie wohl aus
-dem Kinde?</p>
-
-<p>Sie führte es in der Welt herum, weil sie
-selber rastlos war, sie lehrte es, zu lachen, wenn sein
-Herzlein weinte und lehrte es, die Heimat zu vergessen
-über der Fremde, die Armbänder hatte und
-Spieldosen und Schmeicheleien statt Liebe.</p>
-
-<p>Er dachte an den einsamen Mann dort in
-Bühringen und meinte, er hätte ihnen allen helfen
-sollen. Aber er wußte ja freilich nicht, wie, und sie
-waren ihm nun auch aus der Hand gegangen, er
-konnte sie nicht mehr finden. Da brannte etwas in
-ihm, daß man Menschenkinder müsse ins Leben
-hineingehen lassen, das sie verderben wolle. Er
-wußte plötzlich, daß ihrer viele seien, die in Gefahr
-und in der Fremde seien. Und er wußte, daß eine
-Liebe in ihm sei, die ihnen helfen wollte und die
-doch in sich selbst arm und machtlos dazu sei. Er
-sah die Menschen vor sich, die Großen und die
-Kleinen, die auf ihn warteten, daß er ihnen etwas
-bringe, das ihnen zum Leben und zum Werden helfe.</p>
-
-<p>Sie hatten alle auf einmal Ellens Gesicht und
-Augen und sagten, – die Kleinen: wir wollen
-Menschen werden, denke daran – die Großen: wir<span class="pagenum" id="Seite_185">[185]</span>
-sind einmal Kinder gewesen. Vergiß es nicht! –
-Unterdem war er an den letzten Häusern vorbei und
-ins Freie gekommen, da, wo sich von der Landstraße
-aus der Blick ins Tal auftat. Rechts hatte er
-hellen Buchenwald und links ging es in die Tiefe
-hinunter. Das Tal war noch voll von wallenden
-Morgennebeln, es war wie ein Meer, und darüber
-segelten im blassen Blau des Himmels ein paar lichte
-Wolken. Da dachte er an das Meer, das er im Süden
-gesehen hatte und wußte, daß alle die Wasser, die in
-den Nebeln und in den Wolken waren, in die große
-Flut heimkehren würden, wenn sie ihren Kreislauf
-hinter sich hatten.</p>
-
-<p>Und er dachte auch an das Meer, das er im
-Traum gesehen hatte, und dachte, wenn einer sei,
-aus dessen Willen heraus alles geflossen sei, was
-da webe, so müsse es ihn ja nicht ruhen lassen, bis
-auch die letzte Welle seines Wesens, die er in ein
-Menschenkind hinein geschaffen habe, nach allem
-Irren in ihren Ozean zurückgefunden habe.</p>
-
-<p>Und es ward ihm im Ausschreiten groß und
-froh zumute.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[187]</span></p>
-<h2 class="nobreak hidden" id="Ein_Vater">Ein Vater</h2>
-</div>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-191">
- <img class="w100" src="images/illu-191.jpg" alt="Ein Vater" />
-</div>
-<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[189]</span></p>
-
-<h3>1.</h3>
-
-<p class="drop">Es war kühl und dämmerig in dem hohen, weiten
-Kirchenschiff. Und still war es da. Nur fernher,
-gedämpft, gebrochen durch die massiven Steinwände
-des riesigen Baues, drangen die Laute der
-großen Stadt in die Stille herein. Durch die bunten
-Scheiben der Chorfenster fiel das Sonnenlicht auf
-den blumengeschmückten Altar und auf die grüne
-Wand der Blattgewächse, die hinter demselben aufgerichtet
-stand. Der Kirchendiener ging geräuschlosen
-Trittes auf den ausgebreiteten Teppichen hin und
-her, rückte an den Stühlen, die im Halbkreis um
-den Altar standen, und ordnete noch dieses und jenes
-zum letzten Male. Auf den Emporen knarrte es
-hie und da von behutsamen Tritten. Da fanden
-sich nach und nach teilnehmende Freunde und neugierige
-Zuschauer ein, die der Hochzeitsfeier des
-reichen, jungen Fabrikanten Bruckmann zusehen und
-zuhören wollten.</p>
-
-<p>Unten im Schiff, ganz allein in den langen
-Bankreihen saß ein alter Mann. Er war durch die<span class="pagenum" id="Seite_190">[190]</span>
-schmale Seitenpforte hereingekommen und mit schweren,
-stapfigen Tritten durch den weiten Raum gegangen.
-Nun trocknete er sich mit dem roten Taschentuch
-das verwitterte Gesicht, nahm die Mütze
-ab und sah dann still vor sich hin. Es war noch
-zu früh zum Anfang. Einzelne Orgeltöne schwebten
-durch den Raum, der Organist setzte sich in Positur;
-draußen hörte man Wagen vor- und dann wieder
-abfahren.</p>
-
-<p>Die Gedanken des alten Mannes gingen in
-ferne Zeiten zurück. Er gehörte heute näher zu dem
-Fest, als all die vornehmen Gäste. Näher, als ein
-Mensch wußte. Er strich sich über die furchendurchzogene
-Stirn, wie einer, der seine fliegenden Gedanken
-zusammenhalten und ordnen möchte. Das
-ging nicht leicht. Da war so vieles, was sich ihm
-wieder aufdrängte, als wäre es gestern geschehen.
-Weißt du noch? Weißt du noch? Ja, er wußte noch.</p>
-
-<p>Eine Dorfgasse sah er, still lag sie da im mitternächtigen
-Schein des Mondes. Der Tod ging
-hindurch. Zuerst kehrte er in der Villa ein, die auf
-dem Lindenhügel am Eingang des Dorfes stand.
-Zwischen Ärzten und Pflegerinnen ging er hindurch,
-still und unerbittlich, und nahm der jungen Mutter
-das Kind aus den Armen. Es war ihr einziges.
-Sie hatte vor einem halben Jahr seine Geburt fast
-mit dem Leben bezahlt, es war keine Aussicht, daß<span class="pagenum" id="Seite_191">[191]</span>
-sie je wieder ein liebes Kind ihr eigen nennen dürfe.
-Der Gatte hielt sie umschlungen. So, miteinander,
-mußten sie zusehen, wie der Tod das Kind aus ihrem
-Haus nahm. Er hatte den Auftrag, daran war
-nicht zu rütteln.</p>
-
-<p>Dann ging der Tod die stille Gasse hinunter,
-an den dunklen Häusern vorbei, bis zu einem kleinen,
-alten, aus dessen Fenstern ein Lichtschein fiel. Hier
-wartete man auf ihn, man wußte, daß er komme.
-Aber es war doch so schwer, ihn einzulassen. Denn
-er wollte das Herz aus dem Haus holen. Und das
-tat er nun auch. Die Kinder schliefen, es waren
-sieben, und das jüngste lag in einem Korb neben
-dem Bett der Mutter und wußte noch nichts vom
-Leben. Und alle miteinander wußten noch nichts
-vom Sterben und daß die Mutter einmal nicht mehr
-da sein könnte.</p>
-
-<p>Der Mann wußte es; es war eine Qual. Er
-wollte gern jetzt nicht mehr so stark daran denken,
-wie er so dasaß in der Kirche und auf die Hochzeitsgesellschaft
-wartete. Aber er mußte es doch tun.
-Er sah sich, wie er ihr die Augen zugedrückt hatte.
-Sie war sein Weib gewesen und die Mutter der
-Kinder. Und die Welt- und Lebensangst war in
-hohen Wellen über ihn hereingeflutet, als er in den
-grauenden Morgen hineinsah und nicht wußte, wie
-sich für ihn und die Schläfer neben ihm das Leben<span class="pagenum" id="Seite_192">[192]</span>
-nun gestalten sollte. Das ganz Kleine rührte sich.
-Er nahm es heraus. »O du,« sagte er, und das
-Schluchzen schüttelte ihn, »o du Würmlein. Geh’
-mit, geh’ auch zu ihr.«</p>
-
-<p>Aber es war nicht gegangen, so nicht, wie er
-es im ersten Schmerz gemeint hatte. So nicht. Aber
-doch auch von ihm fort, weiter fast, dünkte es ihn,
-als wenn es bei der Mutter im Himmel wäre.
-»Dann hätte sie es im Arm,« dachte er. »Dann
-wären sie miteinander fröhlich da droben.«</p>
-
-<p>Er war ein einfältiger, schlichter Mann. Er
-konnte es sich nicht anders vorstellen, als daß die
-Mutter das Kind auf dem Arm trüge, wenn es bei
-ihr im Himmel wäre.</p>
-
-<p>Und das konnte nun nie sein.</p>
-
-<p>Denn das Kind gehörte nicht mehr zu ihnen
-allen. Er hatte es hergegeben, verschenkt hatte er
-es, und ihm war, als sei es nun mit Leib und Seele
-denen eigen, die es aufgezogen, zum Leben geweckt
-und es ins Leben eingeführt hatten. Es war ihm
-fremd und weh zumute, wenn er heute daran dachte.
-Er hatte lange nicht daran gedacht; das Leben war
-voll Arbeit, eintöniger, mühseliger Arbeit in der
-Fabrik gewesen, und voll Sorge. Es stieg ihm nur
-in letzter Zeit wieder auf, und heute am meisten.
-Es lagen zwanzig Jahre dazwischen. Zwischen damals
-und heute.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_193">[193]</span></p>
-
-<p>Er entsann sich jenes Abends noch so gut. Er
-wußte noch, daß er in schweren Sorgen seinen täglichen
-Weg von der Fabrik in der Stadt nach dem
-Dorf hinaus gemacht hatte.</p>
-
-<p>Es stieg kein Rauch aus dem Schornstein seines
-Häuschens, und er wußte, daß er jetzt seine Kinder
-streitend und sich balgend finden würde, oder auch
-still und freudlos, je nachdem es ihnen gerad am
-Tag gegangen war. Das Herz war ihm schwer,
-und er war müd und herabgestimmt.</p>
-
-<p>Da kamen ihm seine zwei kleinen Buben entgegengesprungen.
-»Vater, es ist Besuch da. Der
-Herr und die Frau von der Villa droben. Sie
-warten auf dich. Und Vater, sie haben gesagt, ob
-wir die Gretel hergeben; sie möchten sie gern. Geben
-wir sie her, Vater?« Das war sein Jüngstes, die
-Gretel.</p>
-
-<p>Er war damals froh gewesen. Es war doch
-ein Aufatmen. Und das Kind brauchte doch nicht
-zu verkümmern, so ohne Pflege, ohne Mutterhände.
-Er hatte es willig und gern den reichen Leuten gegeben,
-die so arm waren, daß sie kein einziges Kind
-besaßen. Für ganz und immer hatte er das zarte,
-feine Kindlein hergegeben. Sie zogen mit ihm aus
-der Gegend weg und kamen nicht wieder in das
-Dorf. Sie gaben ihm ihren Namen, lehrten es
-Vater und Mutter sagen und gaben ihm Liebe und<span class="pagenum" id="Seite_194">[194]</span>
-Zärtlichkeit und allen Reichtum des Lebens, soviel
-Menschen von dem Reichtum des Lebens zu verschenken
-haben.</p>
-
-<p>Aber das war nun zwanzig Jahre her. Die
-Geschwister waren aufgewachsen in Mühsal und
-Armut. Wenn wieder eins aus der Schule war,
-kam es in eine Fabrik und hatte von nun an sein
-Brot selber zu verdienen. Das verstand sich fast
-von selbst. Und dann wurden sie reife Menschen
-und gründeten sich selber ihren Hausstand, so gut
-sie’s konnten. Sie kannten nichts anderes vom Leben
-als Arbeit ums Brot, staubigen Werktag an irgend
-einer Maschine und den kurzen Lichtblick des Sonntags.
-Es hatte sie niemand so recht gelehrt, ein
-Licht in die Woche hinein zu nehmen. Da mußte
-es auch so gehen. Der Vater hatte es einmal anders
-gekannt, als er mit seinem jungen Weib auf
-dem Dorfe gewohnt hatte. Seine Kinder wohnten
-alle in der Stadt, die Frauen gingen auch ins Geschäft,
-die Kinder brachte man unter, so gut es gehen
-wollte. Es war ein Leben mit wenig Sonne; aber
-sie waren den Schatten gewöhnt. Es ging auch so.
-Sie lebten doch ein Menschenleben; es gab Glück
-und Leid darin. Daß sie einmal eine Schwester gehabt
-hatten, ein kleines Kindlein, das noch irgendwo
-leben mußte in Pracht und Herrlichkeit, das kam
-ihnen nur noch wie ein fernes Märlein in den Sinn.<span class="pagenum" id="Seite_195">[195]</span>
-Der Tag machte so viele Ansprüche, sie hatten keine
-Zeit zum Träumen. Sie wäre ihnen nicht ferner
-gewesen, wenn sie damals gestorben wäre.</p>
-
-<p>Der Alte lebte allein jetzt. <em class="gesperrt">Auch</em> in der Stadt,
-in einer stillen Vorstadtstraße. Es war ihm allmählich
-zu weit geworden, den täglichen, weiten Weg
-nach dem Dorf zu machen; und die Töchter konnten
-auch so eher einmal nach ihm sehen.</p>
-
-<p>Er lebte still für sich hin, ein eintöniges Leben.
-Tagsüber in der Fabrik, es war eine Gießerei,
-abends an irgend einem Wirtstisch, dann allein in
-seiner Kammer. Er konnte es nicht anders verlangen,
-Hunderte hatten es nicht anders. Manchmal
-gingen seine Gedanken in frühere Zeiten zurück;
-nicht oft, sie waren allmählich etwas stumpf und
-müde geworden. Da hatte sich vor einigen Wochen
-etwas ereignet, daran war eine Seite seines Wesens
-wach und jung geworden.</p>
-
-<p>Der Chef, es war der Sohn des alten Herrn,
-unter dem er dreißig Jahre gedient hatte, war jung
-verlobt. Und eines Tages durchschritt er mit seiner
-Braut die Geschäftsräume. Er wollte ihr gern alles
-zeigen, was sein war. Es kam nicht oft vor, daß
-solch eine lichte, feine, junge Gestalt die hohe und
-etwas düstere Maschinenhalle betrat. Es war, als
-ob sie ein Stück Sonnenlicht mit hereingebracht hätte,
-ein Stück Frühling. Das <em class="gesperrt">war</em> sie auch, beides.<span class="pagenum" id="Seite_196">[196]</span>
-Sie grüßte so unbefangen freundlich nach allen
-Seiten, tat so tüchtige Fragen, nicht nur so, um doch
-etwas zu reden. Sie wollte das und jenes wirklich
-wissen. Und sie fragte auch die Arbeiter selbst, den
-und jenen. Ihr Bräutigam sah sie erstaunt an, erstaunt
-und vergnügt. Das gab eine Kapitalfrau.
-Sie wollte teilhaben an seinen Interessen.</p>
-
-<p>Die Arbeiter stießen sich an und lachten beiseite.
-Halb verlegen und halb erfreut. »Das ist die Neuheit,«
-sagte einer. »Die frägt bald nicht mehr.
-Damit will sie ihm gefallen.« – »Ach du, aber
-nett ist sie doch; sie hält unsereins auch für einen
-Menschen. Nein, was wahr ist, sie tut nicht hochmütig.
-Und sie soll schwer reich sein, da sind sie
-sonst anders; man weiß ja, wie.«</p>
-
-<p>Das Brautpaar schritt weiter. Als sie an Grau
-vorbeikamen, sah er auf. Er hatte bisher nichts
-gehört und gesehen, er putzte eben einen Messingcylinder
-blank. Da fiel ihm der Lappen, mit dem
-er fegte, aus der Hand. Ganz starr sah er die junge
-Braut an. Er strich sich mit der Hand über die
-Stirn. Das war ja seine Anne. So hatte ja sein
-junges Weib ausgesehen, im Gesicht und von Gestalt.
-Vielleicht nicht ganz so fein und zart. Aber so hell
-aus den Augen, und den gleichen Zug um den
-Mund, und das gleiche Haar. So trug sie den Kopf,
-so frei und gerade, und so legte sie ihn ein wenig<span class="pagenum" id="Seite_197">[197]</span>
-auf die Seite beim Sprechen. Es war wie eine
-Geistererscheinung. Keines der anderen Kinder war
-ihr entfernt so ähnlich.</p>
-
-<p>»Na, was ist denn, Grau?« fragte der Bräutigam.
-Er war in Festtagsstimmung, und nun dachte
-er, den Alten blende so viel Schönheit und freundliche
-Anmut, weil sie ihn selber blendete. Aber der
-antwortete nicht. Er hob seinen Lappen auf, und
-als das Paar vorüber war, lehnte er sich schweratmend
-an den Werktisch. Der Werkführer kam
-heran und sah nach seiner Arbeit, und, gesprächig
-gestimmt durch ein paar freundliche Worte von der
-schönen Braut, sagte er: »Er hat’s hingedreht, der
-Herr. Die ist alles, was man Gutes will, die Braut.
-Lieb und gescheit und schön und reich. Der kann
-lachen. Eltern hat sie nicht mehr, er braucht auf
-kein Erbe zu warten. Sie hat alles schon in Händen.
-Der Kommerzienrat Falkner war ihr Vater; er hat
-sie sich aus München geholt, der Herr, mein’ ich.«</p>
-
-<p>»Falkner?« Grau hielt sich am Werktisch, mit
-zitternden Händen. »Ja, was ist da Besonderes?
-Was haben Sie, Mann?« – »Ach, nichts, so’n bißchen
-Schwindel.« Er drückte die aufsteigende Erregung
-nieder. Und dann fegte er weiter, mechanisch. Wie
-ihm die Gedanken im Kreis gingen, im Wirbel.
-Das war seine Tochter, seine. Sie wurde nun seine
-Brotherrin. Wenn er nun aufstünde und zu ihr<span class="pagenum" id="Seite_198">[198]</span>
-hinginge und sagte: »Ich bin dein Vater!« Und
-ihr alles erzählte von dem kleinen Häuschen und von
-dem Korb, in dem sie als Wickelkindchen gelegen
-hatte, von ihrer toten Mutter, der sie so ähnlich
-sah wie keine ihrer Schwestern. Ja, und von ihren
-Schwestern und Brüdern. Zwei Schwestern arbeiteten
-in einer Spinnerei und eine war Falzerin in einer
-Buchbinderei. Und die Brüder? Ja, einer von
-ihnen war gleichfalls hier im Geschäft, war auch
-»ihr« Angestellter. Aber das ging ja nicht. Es war
-ja solch eine große Kluft befestigt zwischen ihnen
-allen und ihr. Er hatte sie ja hergegeben. Sie hatte
-von ihm nichts empfangen, als das Leben. Er hatte
-kein Recht an sie. Und doch wallte es so warm
-und weich auf in dem alten Herzen. Als wäre das
-Teil der Zärtlichkeit, das diesem Kinde gebührt hätte,
-seither in der Ecke dieses Herzens gelegen und erhebe
-sich nun und walle der Tochter entgegen. Er hatte
-nie besonders viel Zärtlichkeit auf seine Kinder verwenden
-können. Was man so Zärtlichkeit heißt. Die
-hatte sich bei den andern immer in die Sorge ums
-Brot und die Kleidung und dann, so gut sich das
-tun ließ, ums Fortkommen umsetzen müssen. Es
-war auch Liebe gewesen, rechte, echte, wenn man sie
-gleich nicht beredete und kaum bedachte.</p>
-
-<p>Sie, die nun so plötzlich wieder in seinen Lebenskreis
-getreten war, bedurfte dieser Art von Liebe<span class="pagenum" id="Seite_199">[199]</span>
-nicht, und wohl auch des stillen und hellen Flämmleins
-nicht, das der Alte so warm in seinem Herzen
-brennen fühlte. Er mußte es für sich behalten, das
-ging nicht anders. Es war ein Glück und ein Leiden
-in dem alten Mann, und niemand wußte es.</p>
-
-<p>Und heute war Hochzeit. Oben auf der Empore
-stießen ein paar junge Arbeiter, die der Fürwitz hergeführt
-hatte, einander an. »Guck, der alte Grau.
-Da sitzt er, ganz breit und preislich, unten. Der ist
-wohl eingeladen? Der will sich wohl zeigen?« Und
-dann lachten sie und nahmen sich vor, ihn heut nachmittag
-damit zu necken.</p>
-
-<p>Die Orgeltöne brausten durch den mächtigen
-Raum, wie auf gewaltigen Flügeln. Der Alte vergaß,
-daß er nicht dazu gehöre. Er war von seiner
-Gedankenwanderung zurückgekehrt, und nun war seine
-ganze Seele dabei. Dort vorne, um den Altar her,
-hatte sich die bunte, festliche Gesellschaft versammelt,
-und nun schritt das junge Paar herein.</p>
-
-<p>»Hebe deine Augen auf zu den Bergen, von
-welchen dir Hilfe kommt.« Irgend ein unsichtbarer
-Chor sang es. Es klang wie linde, tröstliche, ermunternde
-Mutterworte. Der Alte verstand den
-Text nicht so ganz. Er hatte auch nicht viel Übung
-darin, die Augen aufzuheben, aber seine Seele, die
-viel im Staub und in den Niederungen des Lebens
-wohnte, versuchte doch, sich ein wenig in die Höhe<span class="pagenum" id="Seite_200">[200]</span>
-zu heben. Es ging schwer. Er tat seine harten,
-schwieligen Hände ineinander und stand auf, als die
-Hochzeitsgesellschaft sich zum Gebet erhob, und versuchte
-mitzubeten. Aber er hatte seine eigene Sprache
-dabei. »Lieber Gott,« sagte seine Seele, »die Anne
-wird mir bös sein, daß ich das Kleine hergegeben
-hab. Und ’s ist auch hart, daß ich muß so fremd
-sein und doch in der Nähe. Ich möcht mir’s gern
-recht sein lassen, wenn’s ihr nur gut geht. Sie hat
-so ein liebes Gesicht. Mach nur, daß ich still bin,
-und niemand nichts sag’ und sie nicht störe. Und
-ich bin auch gar allein jetzt, seit die Kinder groß
-sind. Aber darein muß man sich halt schicken.« Er
-hätte vielleicht noch viel zu sagen gehabt, aber es
-liefen ihm jetzt ein paar ungewohnte Tränen über
-die Backen, er mußte sie wegwischen, und dann
-konnte er nicht mehr für sich allein weiterreden, denn
-nun stand das Brautpaar vor dem Altar. Da ging
-alles Denken unter in einem großen, feierlichem
-Gefühl.</p>
-
-<p>Und dann war es vorüber. Die Wagen rollten
-davon, die Schaulustigen zerstreuten sich, und der alte
-Mann ging seinen stillen Weg nach dem Geschäft.
-Er hatte heute das Mittagessen versäumt, um hier
-sein zu können. Nun stand immer ein liebliches,
-junges Gesicht vor ihm, das aus weißen Schleierwolken
-blickte und vor Glück und Liebe leuchtete.<span class="pagenum" id="Seite_201">[201]</span>
-Er war daneben gestanden, als das junge Paar in
-den Wagen gestiegen war. So nah und doch so
-weit weg. Der Pfarrer hatte in der Traurede davon
-gesagt, daß die Braut heute die Eltern zu vermissen
-habe, und der Bräutigam den Vater, und
-daß das die Freude des Tages beeinträchtige. Die
-alte Frau Bruckmann, die Bräutigamsmutter, hatte
-dabei geweint, und ihm, dem alten Grau, war es
-durch und durch gegangen: »Sollst hingehen und
-sagen, daß du da bist. Nun die anderen davongegangen
-sind, denen du sie gegeben hast.« Aber
-dann rief er sich zur Ordnung. Was waren das
-für närrische Gedanken. Sie lebte in einer ganz
-anderen Welt als er. Da gab es kein Herüber und
-Hinüber. So war er still, und das mußte er ja
-wohl immer bleiben.</p>
-
-<p>Wie sie ihn neckten in der Fabrik. »Was, nicht
-beim Hochzeitsessen? Und bist so schön in der Nähe
-gesessen. Hättest einen Frack entlehnen sollen, Grau,
-dann hättest Brautführer werden können.« Er lächelte
-so eigen vor sich hin bei all dem. Da machten sie
-aus, daß er in die junge Frau verliebt sei und
-hechelten ihn weidlich durch mit gröblichen Scherzen.
-Die gingen wie ein Lauffeuer durch die Fabrik. Der
-Sohn hörte sie, und der Schwiegersohn. Die beiden
-waren in einer anderen Halle beschäftigt. Aber am
-Feierabend kamen sie herüber und sagten, lachend<span class="pagenum" id="Seite_202">[202]</span>
-und ein wenig ärgerlich: »Was machst du auch für
-Geschichten, Vater? Machst dich ja zum Gespött.«</p>
-
-<p>Es sah dem Alten gar nicht ähnlich; sie konnten
-nicht recht klug aus ihm werden. Der trocknete sich
-die gewaschenen Hände und schlüpfte in den abgetragenen
-Rock, gleichmütig und still, und hatte so
-einen merkwürdig aufgehellten Zug um Mund und
-Augen. Aber zu erklären hatte er nichts. »Hm,«
-sagte er, »was tu’ ich denn? Laß sie doch reden.
-Allen Leuten recht getan, ist eine Kunst, die niemand
-kann.« Das war schon eine lange Rede von ihm.
-Er war noch wortkarger und schwerfälliger geworden
-die letzten Jahre, die er nun allein lebte.</p>
-
-<p>Da ließen sie ihn und gingen nach Hause. Und
-auch er ging seines Weges und straffte die nach vorn
-gebeugten Schultern ein wenig, ohne daß er’s wußte.
-Das war, weil ihn so etwas Schönes, Junges gestreift
-hatte, so ein Stück von seiner eigenen Jugend,
-das unberührt geblieben war von der Mühsal der
-Arbeit und Sorge.</p>
-
-<p>Das ging nun so neben ihm her. Das setzte
-sich ihm in seiner Kammer gegenüber auf einen der
-Bretterstühle und fing an, mit ihm zu reden. Er
-war in seinem Leben nicht viel mit Poesie und
-Idealen und dergleichen in Berührung gekommen;
-er kannte sie kaum dem Namen nach. Aber das
-tat nichts. Darum kamen die freundlichen Geister<span class="pagenum" id="Seite_203">[203]</span>
-nun doch zu ihm zu Gaste, und ihm war, als habe
-er lange auf sie gewartet. Dazu hatte ihn das
-Alleinsein empfänglich gemacht. Es ist nicht zu
-glauben, wozu das Alleinsein die Leute bereitet.</p>
-
-<h3>2.</h3>
-
-<p>Nun gingen wieder ein paar Jahre hin. In
-gleichem Schritt und Tritt wie die früheren gingen
-sie dahin, und der alte Grau ging mit ihnen im
-alten Trott. Werktags in die Fabrik, Sonntags
-manchmal zu einer der Töchter oder zu den Söhnen.
-Es war nur ein wenig weit dahin, wo sie wohnten,
-und es waren enge Wohnungen in menschengefüllten
-Häusern, wo eine Familie dicht an der anderen wohnte
-bis unters Dach hinauf. Wo sie einander in die
-Töpfe sahen und in die Familienangelegenheiten einredeten.
-Das war nicht recht seine Sache.</p>
-
-<p>»Wenn ich jung wäre,« sagte er, »ich zöge
-aufs Land. Da kann man für sich sein, und der
-Weg tut den Männern nichts, im Gegenteil.« Er
-hatte so die Meinung, die Frauen könnten dann
-daheim bleiben, die Kinder und das Hauswesen versorgen
-und noch ein Stück Land dazu anpflanzen.
-Und dabei stand ihm seine Anne vor Augen, die
-das so gemacht hatte. Es war doch eine schöne
-Zeit gewesen mit ihr. Aber so wollten die Kinder
-nicht. Sie wollten lieber Stadtleute sein, und das<span class="pagenum" id="Seite_204">[204]</span>
-Rechenexempel des Alten stimmte ihnen nicht. Wenn
-zwei verdienen, gibt’s doch mehr aus, als wenn nur
-eins verdient. Und für die Kinder gibt’s allerlei
-Unterkunft, Krippen und Kinderschulen und nachher
-die Volksschule. Und die Gasse ist auch da. Es
-war ein mühseliges Leben, das sie führten, noch viel
-mühseliger, als es die Anne einst gehabt hatte. Aber
-sie konnten Kleider tragen wie die Vornehmen, am
-Sonntag wenigstens, und so hie und da zu einem
-Vergnügen reichte es auch. Nein, sie verstanden
-einander nicht so recht, die jüngere Generation und
-der Alte. So kamen sie nicht so oft zusammen, es
-war einfacher so. Mit den Enkeln probierte er’s
-hie und da; er hatte ein anschlußbedürftiges Herz,
-und es gab warme Stellen darin. Er brachte ihnen
-Brezeln mit oder Äpfel, und am Ostertag Zuckerhasen.
-Dafür waren sie auch sehr empfänglich. Nur
-mit der Unterhaltung wollte es nicht so recht fort.
-Sie rissen sich los und rannten mit ihren Schätzen
-auf die Gasse, sobald sie konnten. So war er sehr
-allein, innerlich und äußerlich. Aber es war etwas
-mit ihm gegangen, all die Zeit daher. Er behielt
-es ganz allein für sich. Die anderen hätten ihn
-einen Narren gescholten, wenn sie es gewußt hätten,
-oder, was noch schlimmer wäre, sie hätten ihn gezwungen,
-Kapital daraus zu schlagen. So blieb es
-sein Geheimnis. Er hatte nicht besonders viele Fertigkeiten<span class="pagenum" id="Seite_205">[205]</span>
-erworben in seinem Leben, aber zu schweigen
-hatte er wohl gelernt. So viele Jahre in dem betäubenden
-Lärm der Maschinenhalle, und auf den
-einsamen Gängen hin und her, und in der stillen
-Kammer am Abend, da wird einer in sich hinein
-geschlossen. Und nun trieb und lebte da innen etwas
-ganz Neues. Etwas, das ihn manchmal vor sich
-hinlächeln machte. Das sah merkwürdig genug aus
-auf seinem zerarbeiteten Gesicht. Wie wenn ein
-Sonnenstrahl auf einem alten Weidenstumpf liegt;
-man weiß nicht, was auf einmal so besonders Schönes
-an dem verwitterten Strunk ist. Die anderen Arbeiter
-sahen es und lachten. »Er kommt in die
-zweite Kindheit,« sagten sie. Das war auch wahr,
-sie wußten nur nicht wie.</p>
-
-<p>Der Alte hatte seinen Nachhauseweg etwas geändert.
-Der neue Weg war ein wenig weiter, aber
-das tat nichts. Er führte ein Stück weit über leere
-Bauplätze, zwischen Schutthaufen und wuchernden
-Brennesseln. Das war so am Rand der Stadt,
-die einen Ring um den andern um sich herum schloß.
-Links unten lag in einer Senkung die Vorstadt, und
-dahin führte ein schmales Weglein zwischen hohen,
-dunklen Hecken an alten, wohlgepflegten Gärten vorbei.
-Einer dieser Gärten war’s, um den er den Umweg
-machte. Es stand ein Haus darin, wie in beinah’
-allen, man sah aber hier nur die Rückseite und auch<span class="pagenum" id="Seite_206">[206]</span>
-die durch die Bäume halb verhüllt. Eine Veranda,
-ein paar grüne Fensterläden, ein Stück weiße Wand
-und ein Schieferdach. Es war nichts Besonderes
-daran. Nur, seine Tochter wohnte darin. Der
-Vater war am Anfang nicht oft diesen Weg gegangen,
-nur so hie und da, von seinen suchenden
-Gedanken unwillkürlich hingezogen. Der Garten lag
-meist leer und still; einmal war an einem Sonntagnachmittag
-allerlei fröhliche Gesellschaft unter den
-Bäumen zu sehen gewesen, Lachen und Plaudern
-und lichte Kleider, Hängematten zwischen den Bäumen;
-er ging leise weiter. Das war nichts für ihn. Er
-hatte auch seine Frau Prinzipalin nicht entdecken
-können. An einem warmen Sommerabend hatte er
-sie gesehen. Das Licht brannte in der Veranda, es
-warf einen milden Schein in den Garten hinaus.
-Und zwei Menschen standen in seiner Helle, eng
-aneinander geschmiegt. Die Frau trug ein helles,
-fließendes Gewand, sie sah mit Lächeln zu ihrem
-Gatten auf; er redete irgend etwas zu ihr, das konnte
-man aber nicht verstehen. Dann setzten sie sich an
-den Tisch unter der Lampe. Der Alte drängte sein
-Gesicht an die Zweige der Hecke und lugte durch
-den Spalt; das war wohl ein liebliches Bild, das
-er sah. Aber es gab noch ein viel lieblicheres, das
-brachte der nächste Frühling, und damals erst fing
-er an, solch eine dauernde Vorliebe für den stillen,<span class="pagenum" id="Seite_207">[207]</span>
-grünen Weg zwischen den Hecken zu fassen. Im
-Mai war es; die Luft war voll Vogelgesang und
-die Bäume voll Blüten. Den alten Grau kam es
-wieder einmal an, durch die Hecke zu sehen. Er
-war lange nicht dagewesen, es war ja nichts zu
-holen für ihn, es war nur so hie und da ein Blick
-in eine fremde Welt, an der nur sein Herz teilhatte.</p>
-
-<p>Es war dem Hause seines Brotherrn ein Sohn
-geboren, er wußte es wohl, es war schon längere
-Wochen her. Aber er konnte nicht denken, etwas
-von ihm zu sehen, und eigentlich, danach verlangte
-den Alten auch nicht. Nur, wie es ihr ginge, der
-jungen Mutter, das hätte er gern gewußt. Er mochte
-niemanden im Geschäft fragen, denn die Neckereien
-hätten sonst von vorn angefangen. Daran dachte
-er, als er durch die grünen Zweige sah, den weißen
-Kiesweg hinauf, der nach dem Hause führte. Da
-kam sie selber hinter einer Gruppe von blühenden
-Syringenbüschen hervor aus einem Seitenweg; sie
-trug ihr Kindlein auf dem Arm und wiegte es sachte
-und summte ein leises Liedchen dazu. Sie war voller
-und stattlicher geworden, seit er sie als Braut gesehen
-hatte, und hatte so weiche, mütterliche Züge,
-und aus den Augen leuchtete es. Der alte Grau
-hatte noch nie so etwas Schönes gesehen, oder ja,
-schon lange, lange. Das war ihm damals auch schön
-vorgekommen, damals, als die Anne seinen Georg<span class="pagenum" id="Seite_208">[208]</span>
-auf dem Arm gehalten hatte. Er ließ den Zweig
-fahren, an dem er sich hielt, und rutschte, seinen
-Standpunkt verlierend, in den Graben. Das gab
-ein knackendes, stolperndes Geräusch, und die Hecke
-schütterte etwas. Die junge Frau sah danach hin
-und dann kam sie vollends näher.</p>
-
-<p>Da rappelte sich der alte Mann auf. Er sah
-nicht gefährlich aus, es war nichts zu erschrecken an
-ihm, wenngleich es etwas verwunderlich war, daß
-er sich so an der Hecke zu schaffen machte. Sie
-erschrak auch nicht, er hatte so ein gutes, wunderliches
-Gesicht; und jetzt holte er seinen alten Filz
-aus dem Graben und wollte ganz verlegen weitergehen.
-»Suchten Sie hier etwas?« fragte sie freundlich.
-– »Ich? Nein, ich, ich wollte nur, ich habe da nur so
-ein bißchen hereingesehen.« Er brachte es stolpernd
-heraus. Das Herz schlug ihm bis an den Hals
-herauf. Und dann kam eine Kühnheit über ihn.
-»Das Kind,« sagte er, »wenn ich das ein bißchen
-ansehen dürfte.« Seine Stimme zitterte, er war
-doch ein schwacher, alter Mann.</p>
-
-<p>Da war die junge Frau stolz und froh wie
-eine Königin. Das war ja doch natürlich, daß er
-ihr Kind sehen wollte, das war ja wohl wert, daß
-man durch die dichtesten Hecken sah. Das war ja
-auch ein Prinz, den man sehen lassen konnte. Sie
-lüftete das Schleiertuch und ließ den Alten in all’<span class="pagenum" id="Seite_209">[209]</span>
-die Pracht des zarten, rosigen Kindergesichtchens
-schauen und sah selbst andächtig mit hinein. »Sie
-haben gewiß auch Enkelkinder?« fragte sie, als sie
-den Schleier wieder zuzog. Ja, das habe er, ja,
-und er danke auch schön, sagte er, und dann stapfte
-er davon.</p>
-
-<p>Damit hatte es angefangen, das Geheimnis,
-von dem vorher die Rede war, das, was den Alten
-so vor sich hinlächeln ließ, so oft es ihm einfiel.
-Denn nun hatte er wahrhaftig noch auf seine alten
-Tage eine stille Liebe, eine ganz langsam wachsende,
-verschwiegene, um die »niemand nichts wußte«, ganz
-wie es im Volkslied heißt, daß eine heimliche Liebe
-sein müsse. Die ging nun mit ihm und stellte mit
-ihm an, was sie wollte, und zimmerte sich irgendwo
-in seinem Herzen einen ganz luftigen, hellen, warmen
-Raum, und da hauste sie.</p>
-
-<p>Der Gegenstand seiner Liebe wußte lange nichts
-von ihr, wie das so hie und da zu gehen pflegt. Er
-lag im Kinderwagen und spielte mit seinen Händchen,
-und dann wuchs er nach und nach heraus und
-machte im nächsten Frühling seine ersten Schritte
-auf strammen, rundlichen Beinchen, und hatte um
-diese Zeit einen steil aufstrebenden, braunen Haarschopf
-über der Stirn. Ein Wunderkind war er
-nicht, er brauchte zu allem seine gehörige Zeit, wie
-das rechtens war. Eines Tags, als er mit zwei<span class="pagenum" id="Seite_210">[210]</span>
-Jahren schon selbständig durch den Garten marschierte,
-fiel er über sein Schuhband auf den Kiesweg, rollte
-wie eine Kugel ein paar Schritte weiter und blieb
-mit mörderischem Geschrei nicht weit von der Hecke
-liegen, hinter der gerade der alte Grau stand und
-seinen Augenschmaus nach dem Mittagessen hielt.
-Dem zitterte sein altes Herz, und wenn er nur
-gewußt hätte, wie das zu machen sei, so wäre er
-über die Hecke gestiegen trotz der Dornen, die sie
-trug, oder durch eine Ritze gekrochen. Aber das
-war weder möglich noch nötig. Eine helle Stimme
-rief von der Bank her, die in dem Syringengebüsch
-stand: »Aber so steh doch auf, mein Bub. Komm
-zur Mutter. Mutter kann nicht kommen, und Willy
-kann selber aufstehen.« Dort drinnen saß die junge
-Frau und hatte die kleine Schwester auf dem Schoß,
-die so winzig in den Kissen lag, wie der Alte den
-Buben an jenem ersten Tag gesehen hatte.</p>
-
-<p>Da stand der kleine Kegel auf, wischte sich mit
-den Fäusten die Augen und trollte zur Mutter. Er
-wußte immer noch nichts von seinem alten Liebhaber
-da draußen. Das dauerte noch eine gute Weile.
-Aber einmal, er trug schon die ersten Höschen, da
-rollte ihm sein neuer, feuerroter Ball durch die Hecke
-und fiel in den Graben, der jenseits von ihr sich
-hinzog, und er wollte gerade anfangen, sich seinem
-Schmerz hinzugeben. Da tauchte ein altes, runzeliges<span class="pagenum" id="Seite_211">[211]</span>
-Männergesicht über der Hecke auf. »Nun wein’
-nur nicht, Büblein,« sagte der Mann. »Ich hol’
-ihn dir schon;« er bückte sich. »Siehst du, da ist er
-schon, da hast du ihn.« Der Kleine griff begierig
-nach dem Ball; der Alte keuchte ein wenig von dem
-starken Bücken. »Was tust du da, Mann?« fragte
-Willy und legte die Hände samt dem Ball auf den
-Rücken. »Ich? O, nichts, ich geh’ ins Geschäft,«
-sagte der Alte. »Mein Vater geht auch ins Geschäft,«
-sagte Willy sachverständig. Er war ein strammer,
-kleiner Kerl geworden. Niemand war weit und breit
-um den Weg, da dachte der alte Grau nicht an
-seine Schüchternheit. Das Herz ging ihm über.
-»So, nun gibst du mir noch eine Hand,« sagte er,
-eh’ er ging. »Ich hab dir auch deinen Ball geholt.«
-Durch eine schmale Ritze in der Hecke kam ein vertrauensvolles
-Kinderhändchen und legte sich weich
-und warm in die harte Hand des Alten. Und dann
-schieden die Freunde, jeder in seiner Art beglückt.
-Nun waren sie miteinander bekannt geworden, man
-konnte gar nicht wissen, was alles noch im ferneren
-Verlauf ihrer Freundschaft liegen würde; das würde
-wohl alles von selbst kommen.</p>
-
-<h3>3.</h3>
-
-<p>Der alte Grau konnte wohl solch ein freundliches
-Lichtlein auf seinem Weg brauchen. Er war sonst<span class="pagenum" id="Seite_212">[212]</span>
-nicht eben freundlich, sein Weg, noch weniger als
-früher. Über den Gewerben hing eine Stockung,
-da und dort wurden Leute entlassen, Streiks schwebten
-in der Luft; wohin man kam, war die Stimmung
-sorgenvoll, mürrisch und düster. Durch die Fabriksäle
-wisperte es, auch in der Bruckmannschen Gießerei:
-»Im Herbst sollen mindestens fünfzig Mann entlassen
-werden; es sind keine Aufträge da.« Die
-jungen, kräftigen Leute ging das nicht so in erster
-Linie an; aber die alten, verbrauchteren Kräfte, die
-man in besseren Zeiten leicht ersetzen konnte. Unter
-ihnen würde man zuerst aufräumen. Der Chef ging
-mit wuchtigen, sicheren Schritten einher, wenn man
-ihn einmal zu Gesicht bekam. Wie einer, der sein
-Schiff schon zu steuern weiß, sah er aus.</p>
-
-<p>»Natürlich,« sagten die Arbeiter, »sein Geld
-und seiner Frau ihres, das läßt ihn schon sicher
-auftreten. Aber unsereiner.« Es ging manches
-sorgenvolle Gesicht aus dem Fabrikhof. Der alte
-Grau war auch in trüben Gedanken. Er konnte sich
-nicht recht vorstellen, was aus ihm würde, wenn er
-entlassen werden sollte. Wie auf die Straße gesetzt
-würde er dann sein. Nicht nur des täglichen Brotes
-wegen erschien ihm das so. Wo sollte er denn sein,
-als in der Fabrik? Da war er sein Lebenlang gewesen.
-Er hatte schon einen Notpfennig. Aber wo
-war er denn daheim? Sollte er in seiner Kammer<span class="pagenum" id="Seite_213">[213]</span>
-sitzen? Oder im Wirtshaus? Oder den Kindern
-zur Last fallen? Das lag alles auf ihm. Er war
-auch so müde, die Füße zitterten ihm so sehr. Aber
-er dachte nicht, daß es ihm gut und nötig wäre,
-auszuruhen, er fürchtete sich nur vor allem Neuen.
-Den alten Trott zu gehen, bis – ja bis es ganz
-zu Ende wäre, das begehrte er, sonst nichts. Oder
-doch, ja, sonst noch etwas. Jeden Tag das frische
-Kindergesicht zu sehen, das sich so unbegreiflich tief
-in sein altes Herz eingeschlichen hatte. Es war, als
-sei der Junge die Gabe seiner Tochter an ihn. Als
-dürfe er <em class="gesperrt">ihr</em> nicht nahe stehen, ihr nicht, aber dem
-Kind. Er konnte sich das nicht so klar machen, er
-hatte mehr Instinkte, als Gedanken.</p>
-
-<p>So kam der Herbst heran. Die Akazien im
-Fabrikhof wurden kahl, der Wind fegte die gelben
-Blättchen auf Haufen zusammen. Manch ein
-Familienvater sah mit verlangenden Augen nach den
-Kohlenvorräten, die der Schuppen neben dem Kesselhaus
-barg; wie nach einem Schatz, durch den man
-Wärme und Behagen ins Haus bannen konnte den
-ganzen, kalten Winter lang, sah er danach hin.</p>
-
-<p>Und dann kam es. Zwanzig zuerst wurden entlassen.
-Darunter war Grau noch nicht. Dann
-wieder zwanzig. Da traf es ihn auch. Ganz betäubt
-steckte er seine letzte Löhnung in die Tasche und
-wickelte seine öligen, zerrissenen Arbeitskleider in ein<span class="pagenum" id="Seite_214">[214]</span>
-grobes Stück Papier. Nun mußte er gehen. Nun
-war er vierzig Jahre hier im Haus gewesen.</p>
-
-<p>»Na, Grau,« sagte der Werkführer. »Für Sie
-ist’s nicht so schlimm. Altersrente bekommen Sie ja
-anstandslos, und etwas hinter sich haben Sie ja
-sicherlich.« Er klopfte dem Alten auf die Schulter.
-Er konnte ja nichts dafür. »Es sind halt schwere
-Zeiten; andere sind, die trifft’s härter.« – »Ja, ja,«
-der Alte nickte. »Ja, ja. Das ist denn nicht anders.«
-Er fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen
-und sah in den Hof hinaus. Dort, durch das Eingangstor,
-kam eben Frau Bruckmann herein. Was
-wußte sie von der Not des Alten? Sie sah frisch
-aus, taghell und fröhlich. Und vornehm sah sie aus
-in dem dunkelroten Tuchkostüm. Den Alten durchzuckte
-es: »Nun geh hin zu ihr. Nun sag ihr alles,
-ihr allein. Sie läßt dich dann nicht fortschicken.«
-Und wieder vermischte sich ihr Bild mit dem seiner
-Anne. Er wußte ja nicht mehr recht, was er tat,
-und was er wollte. Er tat ein paar Schritte nach
-ihr hin, die eben dem Comptoir ihres Gatten zuging.
-Da blieb sie stehen. Der Alte kam ihr bekannt vor,
-vielleicht kam ihr jener Frühlingsmorgen in den Sinn,
-wo sie ihm das Kind gezeigt hatte. »Wünschen
-Sie etwas?« sagte sie freundlich. »Ja, das heißt,
-ich, ich bin heut entlassen. Ich wollte gern – ich
-muß –« er stockte und verwirrte sich gänzlich. Die<span class="pagenum" id="Seite_215">[215]</span>
-hellen Tropfen standen ihm auf der Stirn. Da tat
-er die Hand vors Gesicht in Scham und Not.
-»Grau, sind Sie denn rein unklug?« sagte der Werkführer,
-der eben vorbeiging und glaubte, der Alte
-wolle die Prinzipalin anbetteln oder sich bei ihr über
-seine Entlassung beschweren. »Nein, lassen Sie ihn,«
-sagte Frau Bruckmann. »Er hat irgend einen
-Wunsch, ich kann ihm vielleicht helfen.« Aber Grau
-ging stumm in die Halle zurück, und nach einer
-Weile kam er mit seinem Bündel heraus. Da war
-die junge Frau nicht mehr da. Sie hatte sich inzwischen
-belehren lassen, daß hier kein Notfall vorliege
-und daß der alte Mann jetzt schon zuweilen
-ein wenig kindisch sei.</p>
-
-<p>Der ging seinen Weg mit zitternden Knieen.
-»Ach, lieber Gott,« sagte er, als er durch den Heckenweg
-schritt, »leicht ist’s nicht, ich weiß nicht, wie
-das werden soll. Aber ich hab’s nicht sagen können,
-ich kann’s ihr auch nicht antun. Und ’s ist doch
-mein Fleisch und Blut.«</p>
-
-<p>An dem Heckenzaun des Bruckmannschen Anwesens
-hantierte ein Gärtner mit der Schere. Ein
-schmales Pförtchen nach dem Weg hin stand offen.
-Der Gärtner kannte den Alten, er wohnte in seiner
-Nähe. »Tag,« sagte er, »’s ist windig heut, nicht?«
-Grau nickte nur, es war ihm einerlei, ob es windig
-sei. Dort in der Schaukel saß sein Augentrost und<span class="pagenum" id="Seite_216">[216]</span>
-ließ die Beine in die Luft fliegen. Aber nun sah
-er ihn. »Wart’, ich komme,« rief er mit seinem
-hellen Stimmchen, und dann hielt er die Schaukel
-so schnell als möglich an und rannte den Kiesweg
-herab. Die beiden waren sehr gute Freunde geworden
-den Sommer über. Sie hatten sich über die
-Hecke hinüber verschiedentlich unterhalten, und noch
-vorgestern hatte ihm Willy einen großen, dunkelroten
-Apfel geschenkt. Der stand nun zu Haus auf der
-Kommode und war des Alten Stolz. Heut sah
-ihm Willy erwartungsvoll auf die Hände. »Was
-hast du in dem Paket?« fragte er zögernd. Denn
-sein alter Freund hatte ihm etwas versprochen. »Ich
-bring dir aber auch etwas mit,« hatte er gesagt, als
-er den Apfel annahm. »Wart mal, was kann ich
-denn?« Und dann war ihm aus vergangenen Tagen
-ein ganz herrliches Spielzeug eingefallen. »Ich
-bring’ dir eine Windfuchtel mit,« hatte er gesagt.
-Nun stand dem Willy die Windfuchtel als das
-größte Kleinod vor der Seele. Ob sie wohl in dem
-Paket verborgen war? »Ach nein.« Der Alte
-war beschämt. Er hatte nicht mehr an das versprochene
-Spielzeug gedacht vor lauter Herzensschwere.
-»Ich mach’ dir’s, mein Bub. Zu Haus in
-meiner Kammer, da mach’ ich dir’s,« sagte er. Willy
-war ein wenig enttäuscht; warten war nicht seine
-starke Seite. »Wo ist das, wo ist deine Kammer?«<span class="pagenum" id="Seite_217">[217]</span>
-fragte er. »Machst du’s heut noch? Bringst du
-mir’s?« Das war ein bißchen viel auf einmal gefragt,
-der Alte konnte nicht so schnell nachkommen.
-»Dort, den Weg hinunter,« sagte er, und zeigte mit
-der Hand hin. »Wo die Häuser anfangen, dann
-in ein Gäßle hinein, und dann linker Hand das
-Haus mit dem Dachreiter, das ist’s.« Ein Haus
-mit einem Dachreiter. Das gab neuen Stoff zu
-Fragen und zu schwerfälligen Antworten. Der
-Gärtner schüttelte den Kopf. »Jetzt nimmt mich’s
-doch auch Wunder, was die zwei aneinander haben.«
-Dann ging der alte Grau davon, und Willy hüpfte
-wieder nach seiner Schaukel zurück.</p>
-
-<p>Es kamen ein paar Regentage, an denen der
-Sturm im Garten hauste und dürre Zweige von
-den Bäumen riß. Klein-Willy war bei Mutter und
-Schwester in der Stube und sah nicht den alten
-Mann, der geduldig und sehnsüchtig harrte, ob kein
-kleiner Bub’ an das Heckenpförtchen komme, und
-endlich naß und durchblasen wieder fortging. Er
-kam einige Tage hintereinander, dann nicht mehr.
-Es hätte seinem hungrigen Herzen wohlgetan, wenn
-er gehört hätte, wie oft im Zimmer droben ein ungeduldiger,
-kleiner Bub’ von seinem Spielzeug weglief:
-»Mutter, nun laß mich nur ein einziges bißchen
-hinaus. Nun hat er die Windfuchtel und ich muß
-sie holen.« Aber er konnte es nicht hören. Er<span class="pagenum" id="Seite_218">[218]</span>
-trug das Spielzeug, das er mit vieler Mühe selbst
-verfertigt hatte, sorglich unter dem Rock nach Haus,
-damit es ja nicht Schaden leide, und blies zu Haus
-mit aller Kraft seiner alten Lungen auf die Rädchen
-von Glanzpapier, daß sie lustig schnurrten, und gedachte
-morgen wieder hinzugehen und zu warten.
-Was sollte er auch sonst tun? Aber es kam wieder
-ein Morgen, da lag er im Bett und in seiner alten
-Lunge pfiff und schnurrte es auch so, als ob sie zum
-Abmarsch zu blasen gedenke. Und das schien ja auch
-so zu sein. Der Doktor kam, die Hausfrau holte
-ihn, und schrieb ein Rezept und schüttelte den Kopf,
-als er mit der Hausfrau draußen war. »Da ist
-nichts zu wollen. Gänzlich verbrauchte Kräfte, es
-gibt eine Lungenlähmung. Hat er wohl Verwandte?«
-Ja, das hatte er. Eine der Töchter kam, sie versäumte
-zwei Taglöhne um den Vater und pflegte
-ihn, so gut sie es verstand. Er war auch so mild
-und weich. »Aber recht bei sich ist er nicht,« sagte
-die Tochter, als am Abend die anderen kamen.
-»Immer redet er vor sich hin. Von einem kleinen
-Buben, ich weiß nicht, von welchem. Man muß ihm
-dieser Tage einmal die Kinder bringen, das wird’s
-sein.« Es war ihnen allen auch ernst zumute, sie konnten
-es nur nicht so zeigen. »Laß ihm nichts abgehen,«
-sagten sie. »Champagner, wenn’s sein muß. Wiewohl,
-helfen wird’s nichts.« Dann gingen sie wieder.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_219">[219]</span></p>
-
-<p>»Was ist das denn für ein Spielzeug, nach dem
-der Junge immer verlangt? Und für ein ›braver
-Mann‹? Kauf ihm doch etwas Anderes, Margarete,
-daß er zufrieden ist,« sagte Herr Bruckmann,
-ehe er ins Geschäft ging. Der Regen hatte aufgehört
-und die Luft war windstill. »Hörst du,
-Willy, ich bringe dir etwas mit. Möchtest du eine
-Lokomotive haben? Oder magnetische Entchen, die
-du auf einer Waschschüssel schwimmen lassen kannst?«
-fragte der Vater beim Gehen. Aber Willy fragte
-nichts nach dem allen. Eine Windfuchtel hatte ihm
-sein alter Freund versprochen, und eine Windfuchtel
-war das Allerbegehrenswerteste, das es nur geben
-konnte. Aber der alte Grau kam nicht an die Hecke,
-so oft auch sein Liebling an diesem Tag nach ihm
-aussah. »Mutter, ich weiß, wo der brave Mann
-wohnt,« sagte Willy am Nachmittag. »Es ist ein
-Reiter auf seinem Haus, er hat mir’s gesagt.« –
-»Wenn er den alten Grau meint,« sagte der Gärtner,
-der gerade in der Nähe war, »der kommt nicht
-mehr. Der ist schwer krank. Er ist dieser Tage
-ein paarmal dagewesen. Weiß kein Mensch, warum
-er so an dem Willy hängt. Aber jetzt ist er krank
-und kommt nicht mehr davon. Das hat ihm vollends
-den Treff gegeben, daß er entlassen worden ist. So
-wie der an unserem Haus hängt, ’s ist nicht zu
-glauben.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_220">[220]</span></p>
-
-<p>Da stand vor der jungen Frau wieder das verstörte,
-bittende Greisengesicht von neulich und rührte
-ihr weiches Herz noch einmal. »Mutter, laß mich
-hinlaufen, bitte. Mutter, ich finde gut den Weg,
-ich komme gleich wieder,« bettelte Willy, immer
-wieder. Da faßte sie einen raschen Entschluß. Er
-war nicht so ungeheuerlich, wie er ihr selbst vorkam,
-sie war so etwas nur gar nicht gewöhnt. Aber nun
-tat sie es doch. »Wir gehen zusammen hin, Willy,
-und besuchen deinen braven Mann,« sagte sie. Und
-dann schritten sie selbander den Heckenweg hinunter,
-den der alte Grau so oft mit verlangendem Herzen
-gegangen war und suchten in der Vorstadtstraße das
-Haus mit dem Dachreiter und traten in die Kammer
-des Alten ein. Der saß, von Kissen gestützt, im
-Bett, und atmete schwer. Ein Lächeln ging über
-sein Gesicht, als er die beiden sah. Nun kamen sie
-zu ihm, nun sollte er doch noch teil an ihnen haben.
-Es war ihm, als habe er lange auf diese Stunde
-gewartet. Es war auch hohe Zeit, daß sie kamen,
-denn nun ging er davon und war fürder nicht mehr
-alt und einsam. Das Fenster war ein wenig geöffnet,
-und in dem leichten Luftzug, der dadurch
-entstand, drehten sich die roten und blauen Rädchen
-des Kinderspielzeugs, des letzten Werks, das seine
-alten Hände vollbracht hatten.</p>
-
-<p>»Mutter, das ist sie. Das ist die Windfuchtel,«<span class="pagenum" id="Seite_221">[221]</span>
-rief Willy und streckte verlangend die Hände danach
-aus. Es war eine junge Frau in der Stube, die
-kam etwas verlegen und mit Staunen den Besuchern
-entgegen. »Das ist eine Ehr’, daß sie selber kommen,«
-sagte sie. Da standen die beiden Schwestern, die
-nichts voneinander wußten, einen Augenblick nebeneinander.
-Sie waren einander nicht ähnlich, ihr
-Lebensweg war zu verschieden gewesen. Aber dem
-Alten war es doch, als könne er nun der Anne
-sagen, daß sie alle einmal zusammenkommen. Es
-vermischte sich alles wunderlich in seinem schwachen
-Kopf, und nun streckte er die Hand aus und strich
-der feinen, jungen Frau übers Gesicht. »Du Kind,«
-sagte er, »jetzt bist du doch noch gekommen. Wir
-gehören doch zusammen. Ich sag’s auch der Mutter.
-Ich bin immer still gewesen, aber jetzt muß ich’s
-sagen.« Es lag ein froher Ausdruck auf seinem
-Gesicht. »Das Kind,« sagte er noch einmal, »das
-Kleinste.« Frau Bruckmann war einen Augenblick
-erschreckt zusammengezuckt unter der liebkosenden Berührung
-des Alten. Sie kam ihr so unerwartet.
-Aber dann faßte sie sich; sie war tapfer und liebevollen
-Herzens und sah freundlich in das alte Gesicht.
-»Ach, entschuldigen Sie nur,« sagte die junge Arbeiterfrau
-in großer Verlegenheit, »der Vater redet
-irre, er weiß nicht mehr recht, was er tut und sagt.
-Nehmen Sie’s nur nicht übel.« Nein, das tat sie<span class="pagenum" id="Seite_222">[222]</span>
-nicht. Es war ihr so wunderbar zumute, so ernst
-und feierlich, und so warm dabei. »Komm her,
-Willy,« sagte sie, »gib deinem braven Mann die
-Hand. Er geht weit fort, er kommt nun nicht mehr
-zu dir.« Der Kleine hatte nur eine Hand frei, in
-der anderen trug er das Spielzeug; wie eine Fahne
-trug er es. Aber die eine Hand, die streckte er
-seinem alten Freund willig hin; das hatte er vordem
-oft getan. »Warum gehst du fort?« fragte er.
-»Wo gehst du hin?« Aber der alte Mann redete
-nicht mehr mit ihm. Er lag müde in den Kissen
-und lächelte und atmete mit einem Male so leis’
-und still. »Komm, Willy, er will schlafen,« sagte
-die Mutter, »nun laß uns wieder nach Hause gehen.«</p>
-
-<p>Und dann gingen sie nach Hause, und der alte
-Grau ging auch nach Hause. Mehr ist nicht von
-ihm zu sagen. Vielleicht hat jetzt seine schweigsame
-Seele reden gelernt. Vielleicht hat er der Anne
-alles erzählt, und sie warten nun gemeinsam, bis
-die andern nachkommen, alle, auch das Kind.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[223]</span></p>
-<h2 class="nobreak hidden" id="Sein_Geburtstag">Sein Geburtstag</h2>
-</div>
-
-<div class="figcenter illowp100" id="illu-227">
- <img class="w100" src="images/illu-227.jpg" alt="Sein Geburtstag" />
-</div>
-<p><span class="pagenum" id="Seite_225">[225]</span></p>
-
-<p class="drop">Die Lichtleskirch nannten sie es im Städtlein, das,
-was jetzt eben unter Orgelton zu Ende ging,
-und was eine Stunde lang alles, was Kinder hieß
-in Hohenstadt, glücklich und strahlend um zwei hohe
-Bäume und um viel brennende Lichtlein versammelt
-hatte.</p>
-
-<p>So lange sie drin waren in der hohen, alten
-Kirche, hatten die Englein geschafft, daß es Christtag
-werden konnte. Den Schnee hatten sie schon zuvor
-hergerichtet droben am Himmel, da war eine schwere,
-grauweiße Wolke gehangen, und als sie drinnen anfingen
-zu singen: »Fröhlich soll mein Herze springen,«
-ließen sie draußen anfangen zu schneien. Es wurde
-ganz, wie es sein mußte; ein weicher weißer Teppich
-auf dem alten, holperigen Pflaster, eine dicke, flockige
-Haube auf jedem der hohen, spitzigen Giebeldächer,
-und geschwind in der Schnelligkeit noch eine Verzierung
-auf allen vorspringenden Fenstersimsen, Läden,
-Altanen und Staffeln. Der verwitterte Brunnenmann,
-der Neptun mit seinem abgebrochenen Dreizack<span class="pagenum" id="Seite_226">[226]</span>
-in der Hand, lachte unter einer Pudelmütze hervor,
-und als das die Englein sahen, da fingen sie auch
-an zu lachen, denn sie waren ohnedies schon nahe
-daran gewesen.</p>
-
-<p>Als die Kirchtüren aufgingen und es herausquoll
-von jungem Leben, von lauter Menschenkindern
-und von ihren Müttern, die zu dieser Stunde gerade
-so jung waren wie die Kinder auch, da huschten die
-Englein schnell in das dunkle Eck, unten im Glockenturm,
-wo die Seile zum Läuten hingen, und horchten
-nur von dort hinten vor auf die leuchtenden, freudigen
-Stimmlein der Kinder. »Mutter, guck, der
-viele Schnee!« »Halt, Mutter, mir ist mein Lebkuchen
-hinuntergefallen, jetzt ist er ganz verzuckert.«
-»Mutter, das Luisle hat sein Verslein nicht mehr
-recht gewußt.« Mutter hier und Mutter da. So
-muß es auch sein am heiligen Abend; da müssen
-lauter Mütter und Kinder beisammen sein. Und
-solche, die Kinder geblieben oder wieder geworden
-sind, und solche, die es heut abend gern sein möchten,
-und solche, die die Menschen liebend anschauen, wie
-Mütter ihre Kinder.</p>
-
-<p>Der junge Pfarrverweser kam aus der Sakristei
-heraus und ging durch die niedrige Tür ins Freie.
-Er hatte sonst auch ein Kindergesicht, wenigstens
-sagten das die Frauen im Städtlein, die ihm aus
-Fenstern und Türen mütterlich nachsahen. Aber jetzt<span class="pagenum" id="Seite_227">[227]</span>
-gerade hatte er keins. Er trug den Hut in der Hand
-und ließ sich die Schneeflocken, die jetzt seltener fielen,
-auf das dunkle Haar sitzen. Die Stirn hatte er ein
-wenig zusammengezogen, es gab drei steile, gerade
-Falten, die zeugten davon, daß es noch nicht recht
-Christtag bei ihm geworden war, obgleich er aus der
-Lichtleskirch kam. Das brauchte aber niemand zu
-sehen, darum ging er nicht über den Marktplatz und
-nicht durch die Gassen, sondern stieg den steilen Hang
-hinauf, der gleich hinter der Kirche beginnt und in
-den Wald führt. Dort oben am Waldrand stand
-eine mächtige Eiche mit weitausgereckten Armen. Eine
-Steinbank stand darunter und beide, die Eiche und
-die Bank, trugen viele eingeschnittene Namen derer,
-die hier oben schon Schatten, Stille und einen weiten
-Ausblick ins Land hinein gefunden hatten. Dorthin
-ging der Pfarrverweser jetzt auch. Er war schon
-oft auf der Bank gesessen. Im Herbst war er nach
-Hohenstadt gekommen, da hatte er den Wald sich
-färben sehen und hatte gesehen, wie die Leute ihre
-Gärten und Krautäcker da unten am Hang einherbsteten.
-Dann war er im Blätterwirbel, im Novembersturm
-gegangen und rings um ihn her war
-das rote, braune und gelbe Laub auf die Erde gesunken;
-er hatte sich ein kindliches Vergnügen daraus
-gemacht, über den farbenprächtigen, raschelnden Teppich
-hinzuschreiten. Nun war der Weg und die<span class="pagenum" id="Seite_228">[228]</span>
-Bank verschneit und alles Lebendige war zugedeckt,
-wenn auch nur mit einem leichten, weißen Tuch.</p>
-
-<p>Als er oben war, hatte das Schneien aufgehört.
-Über der jenseitigen Höhe stand schon, von einem
-breiten Riß in der Wolkenscheibe freigegeben, ein
-blasser Stern, und nun kam auch die Mondsichel
-heraus. Unten im Städtlein erglänzte da und dort
-eine Fensterscheibe, eine Straßenlaterne. Es wollte
-Abend werden, heiliger Abend.</p>
-
-<p>Aber hier oben war es nicht heiliger Abend,
-noch nicht. In ihm selber nicht. Er hatte noch keine
-Predigt für morgen; oder ja, er hatte eine, ein
-trockenes, seelenloses Gemächte, er konnte sie nicht
-halten. Als es ihm in all den letzten Tagen nicht
-glücken wollte, da hatte er zuerst die für den zweiten
-Feiertag gemacht, dann die nächste. Die lagen geschrieben
-in seinem Pult. Aber eine Christfestpredigt,
-die fehlte ihm noch. Es war so schwer, sie zu machen,
-und so schwer, sie zu halten. Ja, mit den Kindern
-vorhin, da hatte er leicht und fröhlich reden können.
-Sie waren mit freudeglänzenden Augen rings um
-den Altar her gesessen und hatten ihre Lieder gesungen,
-daß es schallte, und als er nachher mit ihnen
-die Weihnachtsgeschichte durchsprach, da war immer
-ein helles Stimmlein eifriger als das andere.</p>
-
-<p>»Hat’s denn die Hirten auf dem Feld draußen
-nicht gefroren?« »Nein.« »Warum denn nicht?«<span class="pagenum" id="Seite_229">[229]</span>
-»Weil sie so eine große Freude gehabt haben.«
-»Warum haben sie denn so eine große Freude gehabt?«
-»Weil der Christtag gewesen ist.« »Ja,
-woher haben sie denn das gewußt?« »Der große
-Engel hat’s zu ihnen gesagt.« »Was hat er denn
-gesagt?« »Er hat gesagt, das Christkindle liegt schon
-im Stall drin.« »So? und wer ist denn das Christkindle?«
-»Der liebe Heiland.« »Kann mir denn
-eins sagen, wie der Engel gesagt hat?« Das konnte
-nicht eins, das konnten dreißig und mehr.</p>
-
-<p>Ach, wie herzerfreulich war doch das. Die
-Mütter, das sah man ihnen an, sagten es im stillen
-mit, und er selber sagte es im stillen mit; es war
-lauter Freude.</p>
-
-<p>»Waren denn noch mehr Engel da?« »Ja,
-eine ganze Schar.« »Hat man sie denn gesehen?«
-»Gesehen und gehört.« »So, wie denn?« »Sie
-haben so arg schön gesungen.« »Könnet ihr denn
-auch so schön singen?« Freilich konnten sie das.
-»Ja, dann singet’s einmal.« Da wurden die alten
-Kirchenmauern auch vergoldet wie damals die nächtlichen
-Felder durch die klingenden Stimmlein, die
-lobeten Gott und sprachen: »Ehre sei Gott in der
-Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein
-Wohlgefallen!«</p>
-
-<p>Und sie geleiteten die Hirten hinein in das
-schlafende Städtlein, und er wehrte den Kindern nicht,<span class="pagenum" id="Seite_230">[230]</span>
-daß sie ihnen ein Lämmlein, ein weißes, wolliges,
-mitgaben für das Kindlein, und sie standen vor dem
-Stall, über dem der goldene Stern mit dem langen
-Strahlenschweif glänzte, und gingen hinein, da lag
-das Kindlein, und seine Mutter war da und der
-alte Vater Joseph und das Öchslein und das Eselein.
-Das alles hatten die Kinder schon hundertmal gesehen;
-es war auf den Bildchen so, die sie heut geschenkt
-bekamen, und stand in Holz und in Wachs
-nachgebildet daheim unter dem Christbaum. »Woran
-haben sie denn das Kindlein gekannt und seine Mutter?«
-»Sie haben einen goldigen Schein um den
-Kopf herum gehabt.« »So, so, und dann auch an
-dem Kripplein, gelt und an den Windeln?«</p>
-
-<p>Er hatte ihnen nichts gewehrt von all dem Glast
-und Schein; er hatte selber das Denken vergessen
-vor lauter herziger, weihenächtlicher Freude an der
-Freude der Kinder.</p>
-
-<p>Aber es war gewesen wie in einem schönen,
-schönen Märlein, und nun strich der kalte Hauch aus
-der Welt der Erwachsenen über ihn hin. Was sollte
-er den Großen sagen? denen konnte er das nicht
-erzählen. Er hatte nichts für sie, und wenn er sich
-recht besann, dann hatte er auch nichts für sich.</p>
-
-<p>Wenn das Denken nicht wäre! Aber das ist
-eben, und eigentlich möchte man es ja auch nicht
-anders haben. Nur daß der goldige Glanz davor<span class="pagenum" id="Seite_231">[231]</span>
-erbleicht, der einen als Kind so gefreut hat, der ganze
-Zauber, der um den Christtag herum ist. Aber so
-geht’s: zuerst erfährt man’s, daß alles das Schöne,
-vom Christbaum an, nicht direkt vom Christkindlein
-kommt, sondern von den Eltern; dann, nach und
-nach, geht’s ans Christkindlein selber, dann löscht
-ein Lichtlein ums andere aus. Was soll man dann
-so Besonderes predigen?</p>
-
-<p>Da fiel ihm ein Brief ein, den ihm voriges
-Jahr um diese Zeit seine Schwester geschrieben hatte.
-Sie war eine fröhliche Kindermutter, und sie hatte
-ihn immer besonders gut verstanden.</p>
-
-<p>»Er ist der Schönste und Liebste,« schrieb sie,
-»und es gehört sich, daß man sich an seinem Geburtstag
-freut. Darum machen die Mütter den Kindern
-ein Fest, und Alle, die einander lieb haben, machen
-einander ein Fest, weil er geboren worden ist und
-weil es gut für uns ist, daß er gekommen ist.«</p>
-
-<p>»Ja, ja, Maria,« dachte er für sich hin, als
-es ihm einfiel, »du hast gut freuen, wenn dich deine
-sechs Kinderaugen ansehen, – nein, acht sind es
-jetzt, seit dir das Kleinste in der Krippe, will sagen
-in der Wiege liegt. Ich möcht’ auch dabei sitzen
-und mich nicht besinnen müssen, was wahr ist und
-was dazu erfunden. Die Mutter wäre dann auch
-da. (Denn die Mutter wohnte bei der Schwester;
-sie war ein wenig kränklich, und dann brauchte man<span class="pagenum" id="Seite_232">[232]</span>
-sie auch als Großmutter ganz notwendig.) Ich aber,
-ich soll etwas Freudiges geben und habe doch nichts.
-Ich bin nicht froh, Maria.« Aber leis wiederholte
-sich doch das Wort in ihm: Es ist gut für uns,
-daß er gekommen ist. – »Ja, ja, aber man sollte
-still sein dürfen, bis einem die Freude darüber das
-Herz füllt und überläuft, daß man es dann sagen
-<em class="gesperrt">müßte</em>. Dann könnte man den goldigen Schein
-und das Engelsingen gut vermissen, es täte dann
-nichts. Man sollte froh sein, wenn man eine Christtagspredigt
-macht, tief innen drin froh.«</p>
-
-<p>Drunten im Städtlein glänzten nun immer mehr
-helle Fensterscheiben auf. Die Kirche, die lag jetzt
-schwarz und schwer im Dunkeln, daneben war das
-Pfarrhaus, man sah es nur von hinten hier oben.
-Es hätte ja auch keine hellen Fenster gehabt, wenn
-man es gesehen hätte. Es war niemand drin. Frau
-Beseler, das Pfarrhausfaktotum, die ihm die nötigen
-Dienste tat, die war nun bei ihren Enkelein am
-anderen Ende des Städtleins. Er wußte schon, wie
-es war, wenn er hinunter kam. Die Studierstube
-war warm, die Lampe stand zum Anzünden bereit,
-auf dem Tisch stand der Spirituskocher zum Teemachen
-und irgend etwas Kaltes zum Essen lag
-dabei: das war immer so und es genügte ihm auch
-sonst; aber es war nicht christtäglich. »Daran will
-ich jetzt nicht denken; wenn mir nur etwas Frohes<span class="pagenum" id="Seite_233">[233]</span>
-einfiele, etwas Wahres für die Großen. Etwas,
-das nicht nur so geredet ist, etwas, das ich ihnen
-schenken kann, weil ich’s auch geschenkt gekriegt
-habe.«</p>
-
-<p>Droben am Himmel brannten jetzt die Sterne,
-da ein Häuflein und dort eins, zwischen Wolken
-heraus. Der ganze Wald stand schweigend da, als
-ob er auch den Atem anhielte und wartete, ob der
-junge Pfarrverweser etwas geschenkt kriege. Der
-sinnierte weiter. »Einen Brief werde ich antreffen,
-wenn ich hinunterkomme, von der Mutter einen, und
-vielleicht auch von Maria. Und, wer weiß, ein
-Paket. Es sind selber gestrickte Strümpfe drin, und
-Springerlein und Lebkuchen, und vielleicht eine Pelzkappe;
-die habe ich mir gewünscht. Und sie schreiben
-mir, daß sie mich vermissen am Christtag, und daß
-man nun eben von Weitem in Liebe aneinander
-denken müsse, und so weiter. Nun will ich hinunter
-gehen und den Brief lesen, den Lukas einst geschrieben
-hat und der aus so ferner Zeit zu uns herüberredet,
-und – und will vor mich hinsagen: Es ist gut für
-uns, daß er gekommen ist; man muß sich freuen,
-weil sein Geburtstag ist.«</p>
-
-<p>Aber er stieg nicht schnell und nicht mit der
-leichten Schwingung, die die Freude gibt, hinunter.
-Nun war er an der Kirche. »O du Haus, du
-Sorgenhaus!« Er sagte es aber nicht ohne Liebe; er<span class="pagenum" id="Seite_234">[234]</span>
-hatte einen Zug zu dem Haus, nur freilich, Sorgen
-machte es ihm ja dennoch. Nun um die Ecke
-und –</p>
-
-<p>Das war aber doch sonderbar, da waren die
-drei Fenster seiner Studierstube hell, viel heller, als
-sie sonst schienen, wenn die Stehlampe brannte.
-Sollte Frau Beseler da sein? sie hatte sich aber
-doch ausdrücklich verabschiedet für den Abend. Da
-stieg er die dunkle Treppe hinauf und durchschritt
-den mächtigen Oehren, in dem ein kleines Lämpchen
-brannte, und machte die Stubentür auf, – da saß
-in dem großen Lehnstuhl, den er von seinem Großvater
-ererbt hatte, ein kleines, altes Fraulein, das
-er so gut kannte, so gut. »Mutter, du.« Da lag
-auch schon der Hut auf dem Tisch, und der starke
-junge Mann hatte die alte Frau auf dem Arm und
-drückte sie an sich, wie eine Liebste, und trug sie in
-der großen Stube umher, bis sie, da alles Zappeln
-und Schelten nichts half, ihn tüchtig ins Ohrläppchen
-kniff, daß er sie niederlassen mußte. Unterwegs hatte
-sie die großen weichen Schuhe verloren, die ihr viel
-zu weit und zu lang waren. »Hast du meine Hausschuhe
-gefunden, Mutter?« »Ja, unter dem Bett
-den einen und unter dem Waschtisch den anderen.
-Du hast sie hinten hinuntergetreten, sie sehen bös
-aus. Ich habe in der Lichtleskirch kalte Füße bekommen.«
-»In der Lichtleskirch, Du?« »Ja, ich,<span class="pagenum" id="Seite_235">[235]</span>
-– ich bin gleich vom Zug aus hineingegangen, ihr
-habt grad gesungen: O du fröhliche.«</p>
-
-<p>»Daß Du gekommen bist, daß Du gekommen
-bist!« Er saß jetzt auf dem Boden vor ihrem Stuhl
-und hatte sein allerhellstes Knabengesicht. »Ja, gelt,
-da staunst du. Aber ich habe müssen, es hat mir
-keine Ruh’ gelassen. Immer hab’ ich gedacht: wir
-sind da so schön beisammen und freuen uns, und
-der Paul ist ganz allein.« »O Du, Du Mutter.«
-»Und die Maria hat auch noch geschoben. So leid
-mir’s tut, hat sie gesagt, wenn du nicht da bist am
-Christtag, so mußt du doch gehen. Ich spür’s, er
-ist nicht vergnügt, hat sie gesagt. Bist du’s?« Sie
-schob ihn ein wenig von sich und sah ihm in die
-Augen. »Wenn du da bist, Mutter.« »Nein, sag.«
-»Jetzt sag’ ich gar nichts sonst, als daß ich den
-Christtag spüre, seit ich dich da sitzen sah in dem
-Stuhl. Es ist mir wie ein Wunder.«</p>
-
-<p>Da gingen seine Augen in der großen Stube
-umher. Sie war freilich heller als sonst, das hatte
-er von unten herauf richtig gesehen. Zwei große,
-dicke Wachslichter brannten auf dem Schreibtisch
-und zwei auf dem Eßtisch und in der Ecke an der
-Wand steckte ein Weißtannenzweig mit vier weißen
-Lichtlein. Sie brannten still und hell und das Wachs
-und die Tannennadeln rochen nach Weihnachten.
-»Nachher mußt du ein wenig hinausgehen, wie ein<span class="pagenum" id="Seite_236">[236]</span>
-kleines Kind, ich muß dir deine Bescherung richten,«
-sagte die Mutter, »ich habe einen schweren Reisesack
-mitgebracht. Sieh, da steht er.« Es war alles so
-unsäglich heimelich. Der Reisesack war von dunkelgrünem
-Plüsch und hatte schon so viel erlebt, daß
-man ganze Bücher über ihn hätte schreiben können.
-Der Sohn nahm ihn in den Arm. »O, ich spürs,
-da unten im Eck ist ein Schnitzlaib, und da rollt
-etwas umher, das sind Nüsse und Äpfel. Laß mich
-einmal hineinriechen, Mutter.« »Du Kindskopf, du
-hast immer noch nicht warten gelernt, du willst immer
-gleich alles sehen und haben.« »Ja, das muß ich.
-Du, Mutter!« »Was?« »Du mußt mir nachher
-helfen meine Predigt machen.« »Welche Predigt?«
-»Auf morgen früh.« »Ja, Kind, das ist doch dein
-Ernst nicht, daß du die noch nicht hast?« fragte die
-alte Frau erschrocken. »Doch, Mutter.« »Aber
-Bub, du unbegreiflicher Bub, und da läufst du
-noch im Wald herum bei Nacht und Nebel und
-mußt dafür in die heilige Nacht hinein studieren.«
-»Ich hab’ sie da oben holen wollen und hab’ sie
-nicht gefunden, ich glaube aber, du hast mir eine
-mitgebracht.« Die Mutter schüttelte den Kopf.
-»Das versteh’ ich nicht, Paul. Ich glaub’, die
-Maria hat rechtgehabt, daß etwas bei dir nicht im
-Blei ist. Ich kann dir nichts helfen beim Studieren,
-ich bin eine alte, einfache Frau. Ich hab’ gemeint,<span class="pagenum" id="Seite_237">[237]</span>
-da setze man sich hin und schaffe drauf los, bis man’s
-beisammen habe.« »Sei nur zufrieden, Mutter, das
-tu’ ich sonst auch. Du sollst nur dahinein sitzen in
-den Lehnstuhl, daß ich dich sehen kann, wenn ich
-mich umdrehe.« »Ja, dann müssen wir zuerst zu
-Nacht essen. Deine Frau Beseler hat mir die
-Schlüssel gegeben, da hab’ ich derweil, bis du gekommen
-bist, alles gerichtet. Hörst du nichts im
-Ofen protzeln?« »Doch, jetzt, seit du’s sagst.«
-»Riech’ einmal, was es ist.« »Es riecht alles zusammen
-nach Christtag, sonst fällt mir nichts ein.«
-Da war es ein junges Häslein; es war schon gebraten
-mitgekommen; es mußte nur wieder warm
-werden.</p>
-
-<p>»Eine Flasche Wein hab’ ich auch mitgebracht,
-aber wenn du noch studieren mußt, wird’s nichts
-damit sein?« »Doch, Mutter, ein einziges Glas,
-wir müssen doch anstoßen. Du, Mutter!« »Was?«
-»Sag’ mir’s, warum bist du zu mir gekommen?«
-»Du fragst aber auch Sachen.« Sie sah ihn an mit
-ihren guten Augen, die es ganz von selber sagten.
-»Das weißt du doch. Weil ich dich lieb habe, du
-dummes Kind.« Sie sagte heut immer Kind zu
-ihrem langen Sohn. Der schluckte zu seinem Essen
-hin jedes gute Wort in sich hinein und trank mit
-jedem Tropfen des roten Weines einen Blick aus
-den mütterlichen Augen, die aus tausend Fältchen<span class="pagenum" id="Seite_238">[238]</span>
-heraus so voll warmen Lichtes blickten, als seien sie
-Fenster an einem guten Haus, und in dem Haus
-sei Weihnachten.</p>
-
-<p>Dann setzte sich der junge Pfarrer an seinen
-Schreibtisch. Die Lampe durfte jetzt nicht brennen,
-er wollte im Schein der Wachskerzen studieren; sie
-waren dick, sie konnten noch stundenlang brennen.
-Hinter ihm saß im Lehnstuhl die alte Frau. Sie
-hatte wieder die großen Schuhe an und hatte ein
-warmes Tuch um Hals und Schultern. Den Kopf
-lehnte sie an das weiche Polster und die Füße stellte
-sie auf den Reisesack. »So ists gut, jetzt schaff nur
-und denk nicht an mich; ich hab meine Unterhaltung
-in mir drin.« »Was ists für eine?« fragte der
-Sohn. »Ach, Kind, wenn man’s schon so oft hat
-Weihnachten werden sehen; da muß man lang, lang
-zurückdenken; Eins ums Andere fällt einem ein. Es
-ist nicht immer alles schön gewesen, aber so beim
-Drandenken, da wirds immer schöner.« Dann machte
-sie die Augen zu, um in sich drin die alten Zeiten
-zu Gaste zu laden, und nach einer Weile hörte der
-Sohn sie tiefer atmen. Und auf ihn senkte sich, da
-er nun die liebe Frau schlafend sah, eine köstliche
-Ruhe, wie er sie lange vergebens begehrt hatte, und
-lichte, stille Gedanken kehrten bei ihm ein, es war
-kein einziger gequälter mehr dabei.</p>
-
-<p>»Sie ist zu mir gekommen, weil sie mich lieb hat.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_239">[239]</span></p>
-
-<p>Dann ging er im Zimmer auf und ab. »Sie
-hat mich nicht so allein lassen wollen. Sie hat’s
-schön gehabt daheim bei den andern. Aber das hat
-alles nichts geholfen, wenn sie gewußt hat, daß ich
-nicht froh bin.« Er hätte ihr die Hände küssen
-mögen, die so müd in ihrem Schoß lagen; aber eine
-solche Zärtlichkeit war nicht bräuchlich zwischen ihnen,
-und er wollte sie auch nicht wecken. Und doch gab sie
-ihm seinen Predigttext: »Es ist gut für uns, daß er
-gekommen ist. Denn er hat uns Menschen lieb
-gehabt und wir können es brauchen, daß man uns
-lieb hat.« Da setzte er sich wieder nieder und schrieb
-und schrieb, und sah sich hie und da wieder um nach
-dem lieben Frauenbild.</p>
-
-<p>Hinter ihm regte sich etwas. »Mutter?« »Ja,
-Kind, bist du fertig? es muß ja spät sein, bist du
-arg müd?« »Nein, nein, ich bin ganz frisch und
-ganz froh.« »Das ist doch sonderbar, jetzt hat mir
-geträumt, du seiest ein ganz kleines Kindlein und ich
-habe dich auf dem Schoß und ziehe dich ganz fein
-und schön an. Und der Vater ist dazu gekommen
-und hat gesagt: Was machst du auch für einen
-Staat mit dem Buben, wenn er größer wär, du
-tätst ihn eitel machen. Und ich habe mich gewehrt
-und gesagt: Mann, was man so lieb hat, das schmückt
-man, so gut man kann; es kann einem gar nicht
-schön genug sein.« Die alte Frau mußte den Kopf<span class="pagenum" id="Seite_240">[240]</span>
-schütteln über den Traum, den ihr liebreiches Mutterherz
-ihr eingegeben hatte, aber noch mehr über ihren
-großen Sohn, der nun neben ihr auf der Armlehne
-des Stuhls sich niederließ und ganz dringlich sagte:
-»Ja, ja, Mutter, gelt, und man schmückt es mit
-Sternen und Himmelsglanz und mit Engelgesang
-und schafft aus lauter Liebe wunderbare Mären, die
-alle von Herzen wahr sind, weil sie die Liebe geschaffen
-hat.« Das war so sonderbar, halb gemahnte
-es an die Weihnachtsgeschichte, aber das konnte ja
-doch nicht sein. Mären! Sie richtete sich vollends
-auf und sagte: »Du träumst auch, Kind, im Wachen
-träumst du. Es wird’s doch der Wein nicht machen?«
-»Nein, Mutter, die Christnacht machts.« Und er
-hatte sein echtes, rechtes Kindergesicht dabei. Wenn
-ihn so die Maria sähe! dachte die Mutter voll glücklichen
-Stolzes. Laut sagte sie: »Hast du deine
-Predigt fertig?« »Meine? Deine, Mutter.« »Ach,
-du redst Sachen; sag’s im Ernst.« »Du wirst’s
-morgen schon hören in der Kirche.« Da wurde sie
-ärgerlich. »Ich setze keinen Fuß hinein, wenn du
-ein einziges Wort von mir sagst.« »Sei nur zufrieden,
-Mutter, es merkt’s niemand, als Du und
-ich.« Und da küßte er nun auf einmal doch die
-alten, abgeschafften Hände. Sie entzog sie ihm, aber
-nur, um mit ihnen den dunklen Kopf auf ihre Knie
-herabzuziehen; da lag er, still und fest, wie er einst<span class="pagenum" id="Seite_241">[241]</span>
-als kleines Kindlein darauf gelegen war. Und es
-war, wie es am heiligen Abend sein muß, wo
-Mütter und Kinder beisammen sein sollen.</p>
-
-<p>»Du Paul.« »Ja?« »Willst du jetzt noch deine
-Bescherung bekommen?« »Ich hab sie schon, Mutter!«
-»Aber, Kind, der Reisesack ist doch noch zu und noch
-voll, das ist dir sonst nicht so einerlei gewesen.« »Ja,
-Mutter, dann pack nur aus. Man kann gar nicht
-genug geschenkt kriegen, gib nur her, so viel du hast.«</p>
-
-<p>Und dann stand er draußen am Gangfenster und
-sah in die sternhelle Nacht hinaus. Drinnen hantierte
-die Mutter auf weichen Filzschuhen im Zimmer
-herum; er durfte nicht zusehen, das war noch nie
-der Brauch gewesen bei ihren Kindern. Es raschelte
-etwas, eine Nuß fiel auf den Boden, es klirrte
-etwas, wie Glas. Und dann ein Tönen, hoch her
-kam es; er glaubte einen Augenblick, eh das Denken
-kommen konnte, die Engel singen zu hören. Es
-waren aber nur die Schulkinder, die auf dem Turm
-sangen, da eben die Mitternachtsstunde schlug:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Wir wollen ihm die Krippe schmücken,</div>
- <div class="verse indent0">und bei ihm bleiben die ganze Nacht,</div>
- <div class="verse indent0">die Händ ihm küssen und verdrücken,</div>
- <div class="verse indent0">dieweil er uns so Guts gebracht.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Aber wer weiß, vielleicht haben sie doch auch
-mitgesungen. Es gibt so wunderbare Nächte, da
-Nichts unmöglich ist.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Im gleichen Verlag sind von <b>Anna Schieber</b> erschienen:</p>
-</div>
-
-<p class="center p2"><span class="larger"><b>Alle guten Geister ...</b></span></p>
-
-<p class="center">Roman</p>
-
-<p class="center">41.–45. Aufl. Broschiert Mk. 4.—, geb. Mk. 5.—.</p>
-
-<p class="s90"><b>Velhagen &amp; Klasings Monatshefte</b>: »Mit heller Freude und
-daneben mit einem verwunderten Kopfschütteln muß ich heute von einem
-Buche erzählen, das anders ist als andere Bücher, das wie eine schöne
-Predigt ist und doch mehr als eine Predigt, das Menschen vor uns hinstellt,
-die wir zu Vätern, Brüdern, Schwestern, Freunden haben möchten,
-das alles Gute in uns anspannt, das uns fröhlich und getrost macht, und
-das nach diesem Leben, in dem die Geigen oft so unrein klingen, uns
-ein anderes ahnen läßt, wo sie rein tönen. Wie ein Märchen aus einer
-schönen, verlorenen Heimat ist das Buch, aber vielleicht wie jedes gute
-Märchen voll der höchsten Wahrheit, und hinter ihm steht eine so tröstliche
-Zuversicht, eine so tapfere Gewißheit, eine so klare Menschlichkeit,
-daß unser Herz längst Ja und Amen zu dem Buche sagt, wenn der kritische
-Verstand mit leisem Vorbehalt noch bei dem »Ja – aber« ist!</p>
-
-<p class="s90">»... All denen, die sich an Raabe erquicken, die aus dem Jörn
-Uhl einst »Mut des reinen Lebens« tranken, sei dieses Buch empfohlen,
-das gewiß einen Abstand von den genannten Meisterwerken hält, aber
-verwandter Art und einen Teil ihrer Kraft in sich hat.«</p>
-
-<p class="right s90">
-Dr. C. Busse.
-</p>
-
-<div class="hang p2">
-
-<p><span class="larger"><b>... und hätte der Liebe nicht.</b> Weihnächtliche
-Geschichten.</span> 21.–30. Tausend.</p>
-</div>
-
-<p class="center">In Lwd. geb. M. 1.—, in Leder geb. M. 2.50.</p>
-
-<p class="s90"><b>Dr. C. Busse in Velhagen und Klasings Monatshefte</b>, Febr. 1913:
-»Es sind kleine Erzählungen, rührend, herzstärkend, gütig; sie predigen
-von der Liebe, die das Höchste ist, in der wir brennen und verbrennen
-sollen, die sich selbst gibt. Reinstes Christentum, vor dem wir alle uns
-beugen, weil es ja nichts anderes ist als reinstes Menschentum, strahlt
-hier durch erzählerische Verkleidung, und wer auch <em class="gesperrt">nach</em> Weihnachten
-noch weihnachtlich gestimmt ist, soll das Büchlein mitnehmen.«</p>
-
-<p class="s90"><b>Neues Tagblatt, Stuttgart</b>: Gar viel Liebe ist in dieses Büchlein
-eingeschlossen, ein warmer Born von Menschenliebe. In dem einzelnen
-Menschen die ganze Menschheit zu umarmen, ist eine Seligkeit, die der
-Verfasserin beschert zu sein scheint. Die Liebe, die aus diesem Büchlein
-strahlt, wird dem Leser zum Mittler zwischen ihm und dem Himmel, und
-die rauhen Regenströme des Lebens gleiten ab an dem schützenden Dache
-dieser Menschenliebe, so daß es sich sicher in diesem Häuslein wohnt.«</p>
-
-<p class="right s90">
-<em class="gesperrt">Paul Wittko.</em>
-</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Verlag von <b>Eugen Salzer</b> in <b>Heilbronn</b>.</p>
-</div>
-
-<div class="hang p2">
-
-<p><span class="larger"><b>Anna Schieber, Amaryllis</b> und
-andere Geschichten.</span> 1.–20. Tausend. In
-Lwd. geb. M. 1.—, in Leder geb. M. 2.50.</p>
-</div>
-
-<p class="s90">Anna Schieber erzählt in diesem Büchlein wieder sonnige Geschichten
-von Menschen, die die andern etwas »von Heimat und von Hilfe spüren
-lassen«, die trotz allem Erdenleid die Fröhlichkeit wieder finden, deren
-Liebe zu den Menschen brennend rot wie die Blüte der Amaryllis leuchtet.
-Es ist ein Büchlein, das Freude machen und das Frieden bringen kann.</p>
-
-<div class="hang p2">
-
-<p><span class="larger"><b>Anna Schieber, Sum, sum, sum!</b> Ein
-Liederbüchlein für die Mütter und ihre
-Kinder.</span> Mit farbigen Bildern von <b>Else
-Rehm-Vietor</b>. 3. Tausend. Geb. M. 2.20.</p>
-</div>
-
-<p class="s90"><b>Blätter f. d. Schulpraxis</b>: »Es sind Verse, die sich wohlklingend
-und leichtflüssig, kindertümlichen Inhalts und humorvoll, sowohl zum Vorlesen
-für Mütter als zur Eigenlektüre für Kinder bestens eignen. Die
-Bilder, gelungen in der Zeichnung, – stimmungsfein ist das Landschaftliche,
-– vornehm in der Farbe, bilden einen erfreulichen Schmuck
-dieser Lieder.«</p>
-
-<p class="s90"><b>Die Christl. Kleinkinderpflege</b>: »Anna Schieber kennt die Kinder
-und ihre Art. Darum sprechen ihre Lieder, deren Stoff sie aus dem Leben
-des Kindes nimmt, Kinder sehr an. Die kleinen und großen bunten
-Bilder sind aus den Liedern herausgeboren und wirken durch die eigenartige
-Farbenzusammenstellung eindringlich. Darum kann ich raten: Kauft’s.«</p>
-
-<p class="s90"><b>Freie Bayerische Schulzeitung</b>: »Bei unserer Ausschau nach neuen
-Bilderbüchern begegnen wir zunächst einem lieblichen Bändchen, das gar
-nicht groß tut. In feinbuntem modischem Format kann es sich als Bilderbuch
-wohl mit den besseren Sachen von Mauder und Caspari messen.
-Neben kräftig Landschaftlichem fällt die Milderung der Buntheit durch
-Verwendung origineller Halbtöne und die drollige Naivität angenehm
-auf. Und erst die Texte! <b>Hier erleben wir etwas ganz selten gewordenes:
-Die Verse heben die Bilder noch. Ja, es sind wirklich wieder einmal echte Dichtungen
-darunter, die das Thema von Kind-, Vögelein und Blümlein in einer
-neuen Tonart geben, und Mutter wie Kind zu wohlig warmer Herzenszwiesprache
-anzuregen vermögen.</b>«</p>
-
-<p class="s90"><b>Die deutsche Frau</b>: »Die deutsche Kinderstube spiegelt sich in den
-Liedern.«</p>
-
-<p class="s90"><b>Die Frau</b>: »Ein besonders sonniges Kinderbuch ist hier aus gemeinsamer
-Arbeit entstanden, <b>das weit über der Höhe des gewöhnlichen Bilderbuchs
-steht</b>, ohne sich doch vom kindlichen Verständnis zu entfernen.«</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter transnote" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler und fehlerhafte Markierungen wörtlicher
-Rede wurden stillschweigend korrigiert.
-Lange Folgen von Gedankenstrichen
-am Absatzende wurden auf einheitliche Länge gekürzt.
-Ansonsten wurde die
-Originalschreibweise und Interpunktion beibehalten</p>
-
-<p>Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Buches verschoben.</p>
-</div>
-
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>WANDERSCHUHE</span> ***</div>
-<div style='text-align:left'>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Updated editions will replace the previous one&#8212;the old editions will
-be renamed.
-</div>
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-</div>
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
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-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
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-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
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-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
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-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
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-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
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-
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-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
-
-</div>
-</div>
-</body>
-</html>
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