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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes index 6833f05..d7b82bc 100644 --- a/.gitattributes +++ b/.gitattributes @@ -1,3 +1,4 @@ -* text=auto -*.txt text -*.md text +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/6821-0.txt b/6821-0.txt new file mode 100644 index 0000000..4015360 --- /dev/null +++ b/6821-0.txt @@ -0,0 +1,4566 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 6821 *** + + + + +Der Hofmeister odor Vortheile der Privaterziehung + +Jakob Michael Reinhold Lenz + +Eine Komödie. + + +Namen. + +Herr von Berg. Geheimer Rath. +Der Major. Sein Bruder. +Die Majorin. +Gustchen. Ihre Tochter. +Fritz von Berg. +Graf Wermuth. +Läuffer. Ein Hofmeister. +Pätus und Bollwerk. Studenten. +Herr von Seiffenblase. +Sein Hofmeister. +Frau Hamster. Räthin. +Jungfer Hamster. +Jungfer Knicks. +Frau Blitzer. +Wenzeslaus. Ein Schulmeister. +Marthe. Alte Frau. +Lise. +Der alte Pätus. +Der alte Läuffer. Stadtprediger. +Leopold. Junker des Majors. Ein Kind. +Herr Rehhaar. Lautenist. +Jungfer Rehhaar. Seine Tochter. + + + +Erster Akt. + + +Erste Scene. + +Zu Insterburg in Preussen. + + +Läuffer. +Mein Vater sagt: ich sey nicht tauglich zum Adjunkt. Ich +glaube, der Fehler liegt in seinem Beutel; er will keinen +bezahlen. Zum Pfaffen bin ich auch zu jung, zu gut +gewachsen, habe zu viel Welt gesehn und bey der +Stadtschule hat mich der geheime Rath nicht annehmen +wollen. Mag's! er ist ein Pedant und dem ist freylich +der Teufel selber nicht gelehrt genug. Im halben Jahr +hätt' ich doch wieder eingeholt, was ich von der Schule +mitgebracht, und dann wär' ich für einen Klassenpräceptor +noch immer viel zu gelehrt gewesen, aber der Herr geheime +Rath muß das Ding besser verstehen. Er nennt mich immer +nur Monsieur Läuffer, und wenn wir von Leipzig sprechen, +fragt er nach Händels Kuchengarten und Richters Kaffehaus, +ich weiß nicht: soll das Satyre seyn, oder--Ich hab' +ihn doch mit unserm Konrektor bisweilen tiefsinnig genug +diskuriren hören; er sieht mich vermuthlich nicht für +voll an.--Da kommt er eben mit dem Major; ich weiß nicht, +ich scheu ihn ärger als den Teufel. Der Kerl hat etwas +in seinem Gesicht, das mir unerträglich ist. (geht dem +geheimen Rath und dem Major mit viel freundlichen +Scharrfüssen vorbey.) + + +Zweyte Scene. + +Geheimer Rath. Major. + + +Major. +Was willst du denn? Ist das nicht ein ganz artiges Männichen? + +Geh. Rath. +Artig genug, nur zu artig. Aber was soll er Deinen Sohn +lehren? + +Major. +Ich weiß nicht, Berg, Du thust immer solche wunderliche +Fragen. + +Geh. Rath. +Nein aufrichtig! Du must doch eine Absicht haben, wenn Du +einen Hofmeister nimmst und den Beutel mit einemmahl so +weit aufthust, daß dreihundert Dukaten herausfallen. Sag +mir, was meinst Du mit dem Geld auszurichten; was foderst +Du dafür von Deinem Hofmeister? + +Major. +Daß er--was ich--daß er meinen Sohn in allen +Wissenschaften und Artigkeiten und Weltmanieren--Ich weiß +auch nicht, was Du immer mit Deinen Fragen willst; das +wird sich schon finden; das werd ich ihm alles schon zu +seiner Zeit sagen. + +Geh. Rath. +Das heißt: Du willst Hofmeister Deines Hofmeisters seyn; +bedenkst Du aber auch, was Du da auf Dich nimmst--Was +soll Dein Sohn werden, sag mir einmahl? + +Major. +Was er... Soldat soll er werden; ein Kerl, wie ich gewesen +bin. + +Geh. Rath. +Das letzte laß nur weg, lieber Bruder; unsere Kinder +sollen und müssen das nicht werden, was wir waren: die +Zeiten ändern sich, Sitten, Umstände, alles, und wenn Du +nichts mehr und nichts weniger geworden wärst, als das +leibhafte Kontrefey Deines Eltervaters-- + +Major. +Potz hundert! wenn er Major wird, und ein braver Kerl +wie ich, und dem König so redlich dient als ich! + +Geh. Rath. +Ganz gut, aber nach funfzig Jahren haben wir vielleicht +einen andern König und eine andre Art ihm zu dienen. Aber +ich seh schon, ich kann mich mit Dir in die Sachen nicht +einlassen, ich müste zu weit ausholen und würde doch +nichts ausrichten. Du siehst immer nur der graden Linie +nach, die Deine Frau Dir mit Kreide über den Schnabel +zieht. + +Major. +Was willst Du damit sagen, Berg? Ich bitt Dich, misch +Dich nicht in meine Hausangelegenheiten, so wie ich mich +nicht in die Deinigen.--Aber sieh doch! da läuft ja +eben Dein gnädiger Junker mit zwey Hollunken aus der +Schule heraus.--Vortrefliche Erziehung, Herr Philosophus! +Das wird einmal was rechts geben! Wer sollt' es in aller +Welt glauben, daß der Gassenbengel der einzige Sohn Sr. +Excellenz des königlichen geheimen Raths-- + +Geh. Rath. +Laß ihn nur.--Seine lustigen Spielgesellen werden ihn +minder verderben als ein galonirter Müßiggänger, +unterstützt von einer eiteln Patronin. + +Major. +Du nimmst Dir Freyheiten heraus.--Adieu. + +Geh. Rath. +Ich bedaure Dich. + + +Dritte Scene. + +Der Majorin Zimmer. +Frau Majorin. (auf einem Kanapee) +Läuffer. (in sehr demüthiger Stellung neben ihr sitzend) +Leopold. (steht) + + +Majorin. +Ich habe mit Ihrem Herrn Vater gesprochen und von den +dreihundert Dukaten stehenden Gehalts sind wir bis auf +hundert und funfzig einig worden. Dafür verlang' ich +aber auch Herr--Wie heissen Sie?--Herr Läuffer, daß +Sie Sich in Kleidern sauber halten, und unserm Hause +keine Schande machen. Ich weiß, daß Sie Geschmack haben; +ich habe schon von Ihnen gehört, als Sie noch in Leipzig +waren. Sie wissen, daß man heut zu Tage auf nichts in +der Welt so sehr sieht, als ob ein Mensch sich zu führen +wisse. + +Läuffer. +Ich hoff', Euer Gnaden werden mit mir zufrieden seyn. +Wenigstens hab' ich in Leipzig keinen Ball ausgelassen, +und wohl über die funfzehn Tanzmeister in meinem Leben +gehabt. + +Majorin. +So? lassen Sie doch sehen. (Läuffer steht auf) Nicht +furchtsam, Herr...Läuffer! nicht furchtsam! Mein Sohn +ist buschscheu genug; wenn der einen blöden Hofmeister +bekommt, so ists aus mit ihm. Versuchen Sie doch einmal, +mir ein Kompliment aus der Menuet zu machen; zur Probe +nur, damit ich doch sehe.--Nun, nun, das geht schon an! +Mein Sohn braucht vor der Hand keinen Tanzmeister! Auch +einen Pas, wenn's Ihnen beliebt.--Es wird schon gehen; +das wird sich alles geben, wenn Sie einmal einer unsrer +Assembleen werden beigewohnt haben. Sind Sie musikalisch? + +Läuffer. +Ich spiele die Geige, und das Klavier zur Noth. + +Majorin. +Desto besser: wenn wir aufs Land gehn und Fräulein +Milchzahn besuchen uns einmal; ich habe bisher ihnen +immer was vorsingen müssen, wenn die guten Kinder Lust +bekamen zu tanzen: aber besser ist besser. + +Läuffer. +Euer Gnaden setzen mich ausser mich: wo wär ein Virtuos +auf der Welt, der auf seinem Instrument Euer Gnaden +Stimme zu erreichen hoffen dürfte. + +Majorin. +Ha ha ha! Sie haben mich ja noch nicht gehört. ... Warten +Sie; ist Ihnen die Menuet bekannt? (singt) + +Läuffer. +O... o... verzeihen Sie dem Entzücken, dem Enthusiasmus, +der mich hinreißt. (küßt ihr die Hand.) + +Majorin. +Und ich bin doch enrhumirt dazu; ich muß heut krähen wie +ein Rabe. Vous parlez françois, sans doute? + +Läuffer. +Un peu, Madame + +Majorin. +Avez Vous deja fait Vôtre tour de France? + +Läuffer. +Non Madame. ... Oui Madame. + +Majorin. +Vous devez donc savoir, qu'en France, on ne baise pas +les mains, mon cher. ... + +Bedienter. (tritt herein) +Der Graf Wermuth ... + +Graf Wermuth. (tritt herein) + +Graf. (nach einigen stummen Komplimenten setzt sich zur +Majorin aufs Kanapee. Läuffer bleibt verlegen stehen) +Haben Euer Gnaden den neuen Tanzmeister schon gesehn, +der aus Dresden angekommen? Er ist ein Marchese aus +Florenz, und heißt ... Aufrichtig: ich habe nur zwey +auf meinen Reisen angetroffen, die ihm vorzuziehen waren. + +Majorin. +Das gesteh' ich, nur zwey! In der That, Sie machen mich +neugierig; ich weiß, welchen verzärtelten Geschmack der +Graf Wermuth hat. + +Läuffer. +Pintinello ... nicht wahr? ich hab' ihn in Leipzig auf +dem Theater tanzen sehen; er tanzt nicht sonderlich ... + +Graf. +Er tanzt--on ne peut pas mieux.--Wie ich Ihnen sage, +gnädige Frau, in Petersburg hab' ich einen Beluzzi +gesehn, der ihm vorzuziehen war: aber dieser hat eine +Leichtigkeit in seinen Füssen, so etwas freyes, +göttlichnachläßiges in seiner Stellung, in seinen Armen, +in seinen Wendungen-- + +Läuffer. +Auf dem Kochischen Theater ward er ausgepfiffen, als er +sich das letztemal sehen ließ. + +Majorin. +Merk Er sich, mein Freund! daß Domestiken in +Gesellschaften von Standespersonen nicht mitreden. Geh +Er auf Sein Zimmer. Wer hat Ihn gefragt? (Läuffer tritt +einige Schritte zurück) + +Graf. +Vermuthlich der Hofmeister, den Sie dem jungen Herrn +bestimmt? ... + +Majorin. +Er kommt ganz frisch von der hohen Schule.--Geh' Er +nur! Er hört ja, daß man von Ihm spricht; desto weniger +schickt es sich, stehen zu bleiben. (Läuffer geht mit +einem steifen Kompliment ab) Es ist was unerträgliches, +daß man für sein Geld keinen rechtschaffenen Menschen +mehr antreffen kann. Mein Mann hat wohl dreymahl an einen +dasigen Professor geschrieben und dies soll doch noch +der galanteste Mensch auf der ganzen Akademie gewesen +seyn. Sie sehens auch wohl an seinem links bordirten +Kleide. Stellen Sie sich vor, von Leipzig bis Insterburg +zweihundert Dukaten Reisegeld und jährliches Gehalt +fünfhundert Dukaten, ist das nicht erschröcklich? + +Graf. +Ich glaube, sein Vater ist der Prediger hier aus dem Ort ... + +Majorin. +Ich weiß nicht--es kann seyn--ich habe nicht darnach +gefragt, ja doch, ich glaub' es fast: er heißt ja auch +Läuffer; nun denn ist er freylich noch artig genug. Denn +das ist ein rechter Bär, wenigstens hat er mich ein für +allemal aus der Kirche gebrüllt. + +Graf. +Ists ein Katholik? + +Majorin. +Nein doch, Sie wissen ja, daß in Insterburg keine +katholische Kirche ist: er ist Lutherisch, oder +Protestantisch wollt' ich sagen; er ist protestantisch. + +Graf. +Pintinello tanzt ... Es ist wahr, ich habe mir mein +Tanzen einige dreißig tausend Gulden kosten lassen, aber +noch einmal so viel gäb' ich drum, wenn ... + + +Vierte Scene. + +Läuffers Zimmer. +Läuffer. Leopold. Der Major. +(Erstere sitzen an einem Tisch, ein Buch in der Hand, +indem sie der letztere überfällt.) + + +Major. +So recht; so lieb' ichs; hübsch fleißig--und wenn die +Kanaille nicht behalten will, Herr Läuffer, so schlagen +Sie ihm das Buch an den Kopf, daß ers Aufstehen vergißt, +oder wollt' ich sagen, so dürfen Sie mirs nur klagen. +Ich will Dir den Kopf zurecht setzen, Heyduk Du! Seht +da zieht er das Maul schon wieder. Bist empfindlich, +wenn Dir Dein Vater was sagt? Wer soll Dirs denn sagen? +Du sollst mir anders werden, oder ich will Dich peitschen, +daß Dir die Eingeweide krachen sollen, Tuckmäuser! Und +Sie, Herr, seyn Sie fleißig mit ihm, das bitt' ich mir +aus, und kein Feriiren und Pausiren und Rekreiren, das +leid ich nicht. Zum Plunder, vom Arbeiten wird kein +Mensch das Malum hydropisiacum kriegen. Das sind nur +Ausreden von euch Herren Gelehrten.--Wie stehts, kann +er seinen Cornelio? Lippel! ich bitt Dich um tausend +Gottes willen, den Kopf grad. Den Kopf in die Höhe, +Junge! (richtet ihn) Tausend Sakkerment den Kopf aus den +Schultern! oder ich zerbrech Dir Dein Rückenbein in +tausendmillionen Stücken. + +Läuffer. +Der Herr Major verzeihen: er kann kaum lateinisch lesen. + +Major. +Was? So hat der Rakker vergessen.--Der vorige Hofmeister +hat mir doch gesagt, er sey perfekt im Lateinischen, +perfekt. ... Hat ers ausgeschwitzt--aber ich will Dir-- +Ich will es nicht einmal vor Gottes Gericht zu +verantworten haben, daß ich Dir keinen Daumen aufs Auge +gesetzt habe, und daß ein Galgendieb aus Dir geworden +ist, wie der junge Hufeise oder wie Deines Onkels +Friedrich, eh Du mir so ein Gassenläufferischer +Taugenichts--Ich will dich zu Tode hauen--(giebt ihm +eine Ohrfeige) Schon wieder wie ein Fragzeichen? Er +läßt sich nicht sagen.--Fort mir aus den Augen.--Fort! +Soll ich Dir Beine machen? Fort, sag' ich. (stampft mit +dem Fuß. Leopold geht ab. Major setzt sich auf seinen +Stuhl. Zu Läuffern.) Bleiben Sie sitzen, Herr Läuffer; +ich wollte mit ihnen ein paar Worte allein sprechen, +darum schickt' ich den jungen Herrn fort. Sie können +immer sitzen bleiben; ganz, ganz. Zum Henker Sie +brechen mir ja den Stuhl entzwey, wenn Sie immer so +auf einer Ecke ... Dafür steht ja der Stuhl da, daß +man drauf sitzen soll. Sind Sie so weit gereist und +wissen das noch nicht?--Hören Sie nur: ich seh' Sie +für einen hübschen artigen Mann an, der Gott fürchtet +und folgsam ist, sonst würd' ich das nimmer thun, was +ich für Sie thue. Hundert und vierzig Dukaten jährlich +hab' ich Ihnen versprochen: das machen drey--Warte-- +Dreymal hundert und vierzig: wieviel machen das? + +Läuffer. +Vier hundert und zwanzig. + +Major. +Ists gewiß? Macht das soviel? Nun damit wir gerade Zahl +haben, vierhundert Thaler preußisch Courant hab' ich zu +Ihrem Salarii bestimmt. Sehen Sie, das ist mehr als das +ganze Land giebt. + +Läuffer. +Aber mit Eurer Gnaden gnädigen Erlaubniß, die Frau +Majorin haben mir von hundert funfzig Dukaten gesagt; +das machte gerade vierhundert funfzig Thaler und auf +diese Bedingungen hab' ich mich eingelassen. + +Major. +Ey was wissen die Weiber!--Vierhundert Thaler, +Monsieur; mehr kann Er mit gutem Gewissen nicht fodern. +Der vorige hat zweihundert funfzig gehabt und ist +zufrieden gewesen wie ein Gott. Er war doch, mein Seel! +ein gelehrter Mann; auch und ein Hofmann zugleich: die +ganze Welt gab' ihm das Zeugniß, und Herr, Er muß noch +ganz anders werden, eh' Er so wird. Ich thu' es nur aus +Freundschaft für Seinen Herrn Vater, was ich an Ihm +thue und um Seinetwillen auch, wenn Er hübsch folgsam +ist, und werd' auch schon einmal für Sein Glück zu +sorgen wissen; das kann Er versichert seyn.--Hör Er +doch einmal: ich hab' eine Tochter, das mein Ebenbild +ist und die ganze Welt giebt ihr das Zeugniß, daß ihres +gleichen an Schönheit im ganzen Preussenlande nichts +anzutreffen. Das Mädchen hat ein ganz anders Gemüth als +mein Sohn, der Buschklepper. Mit dem muß ganz anders +umgegangen werden! Es weiß sein Christenthum aus dem +Grunde und in dem Grunde, aber es ist denn nun doch, +weil sie bald zum Nachtmahl gehen soll und ich weiß wie +die Pfaffen sind, so soll er auch alle Morgen etwas aus +dem Christenthum mit ihr nehmen. Alle Tage Morgens eine +Stunde und da geht Er auf ihr Zimmer; angezogen, das +versteht sich: denn Gott behüte, daß Er so ein Schweinigel +seyn sollte wie ich einen gehabt habe, der durchaus im +Schlafrock an Tisch kommen wollte.--Kann Er auch +zeichnen? + +Läuffer. +Etwas, gnädiger Herr.--Ich kann Ihnen einige Proben weisen. + +Major. (besieht sie) +Das ist ja scharmant!--Recht schön; gut das: Er soll +meine Tochter auch zeichnen lehren.--Aber hören Sie, +werther Herr Läuffer, um Gottes Willen ihr nicht scharf +begegnet; das Mädchen hat ein ganz ander Gemüth als der +Junge. Weiß Gott! es ist als ob sie nicht Bruder und +Schwester wären. Sie liegt Tag und Nacht über den +Büchern und über den Trauerspielen da, und sobald man +ihr nur ein Wort sagt, besonders ich, von mir kann sie +nichts vertragen, gleich stehn ihr die Backen in Feuer +und die Thränen lauffen ihr wie Perlen drüber herab. Ich +wills Ihm nur sagen: das Mädchen ist meines Herzens +einziger Trost. Meine Frau macht mir bittre Tage genug: +sie will alleweil herrschen und weil sie mehr List und +Verstand hat, als ich. Und der Sohn, das ist ihr +Liebling; den will sie nach ihrer Methode erziehen; +fein säuberlich mit dem Knaben Absalom, und da wird +denn einmal so ein Galgenstrick draus, der nicht Gott, +nicht Menschen was Nutz ist.--Das will ich nicht +haben.--Sobald er was thut, oder was versieht, oder +hat seinen Lex nicht gelernt, sag' Ers mir nur und der +lebendige Teuffel soll drein fahren.--Aber mit der +Tochter nehm' Er sich in Acht; die Frau wird Ihm schon +zureden, daß Er ihr scharf begegnen soll. Sie kann sie +nicht leiden, das weiß ich; aber wo ich das geringste +merke. Ich bin Herr vom Hause, muß Er wissen, und wer +meiner Tochter zu nahe kommt--Es ist mein einziges +Kleinod, und wenn der König mir sein Königreich für +sie geben wollt': ich schicke ihn fort. Alle Tage ist +sie in meinem Abendgebet und Morgengebet und in meinem +Tischgebet, und alles in allem, und wenn Gott mir die +Gnade thun wollte, daß ich sie noch vor meinem Ende +mit einem General oder Staatsminister vom ersten Range +versorgt sähe,--denn keinen andern soll sie sein +Lebtage bekommen,--so wollt' ich gern ein zehn Jahr +eher sterben.--Merk' Er sich das--und wer meiner +Tochter zu nahe kommt oder ihr worinn zu Leid lebt-- +die erste beste Kugel durch den Kopf. Merk' Er Sich +das.--(geht ab.) + + +Fünfte Scene. +Fritz von Berg. Augustchen. + + +Fritz. +Sie werden nicht Wort halten Gustchen: Sie werden mir +nicht schreiben, wenn Sie in Heidelbrun sind, und dann +werd' ich mich zu Tode grämen. + +Gustchen. +Glaubst Du denn, daß Deine Juliette so unbeständig seyn +kann? O nein; ich bin ein Frauenzimmer; die Mannspersonen +allein sind unbeständig. + +Fritz. +Nein, Gustchen, die Frauenzimmer allein sinds. Ja wenn +alle Julietten wären!--Wissen Sie was? Wenn Sie an mich +schreiben, nennen Sie mich Ihren Romeo; thun Sie mir +den Gefallen: ich versichere Sie, ich werd' in allen +Stücken Romeo seyn, und wenn ich erst einen Degen trage. +O ich kann mich auch erstechen, wenn's dazu kommt. + +Gustchen. +Gehn Sie doch! Ja Sie werden's machen, wie im Gellert +steht: er besah die Spitz' und Schneide und steckt' ihn +langsam wieder ein. + +Fritz. +Sie sollen schon sehen. (faßt sie an die Hand.) Gustchen-- +Gustchen! wenn ich Sie verlieren sollte oder der Onkel +wollte Sie einem andern geben.--Der gottlose Graf +Wermuth! Ich kann Ihnen den Gedanken nicht sagen +Gustchen, aber Sie könnten ihn schon in meinen Augen +lesen--Er wird ein Graf Paris für uns seyn. + +Gustchen. +Fritzchen--so mach' ichs wie Juliette. + +Fritz. +Was denn?--Wie denn?--Das ist ja nur eine Erdichtung; +es giebt keine solche Art Schlaftrunk. + +Gustchen. +Ja, aber es giebt Schlaftrünke zum ewigen Schlaf. + +Fritz. (fällt ihr um den Hals) +Grausame! + +Gustchen. +Ich hör' meinen Vater auf dem Gange.--Laß uns in den +Garten lauffen.--Nein; er ist fort.--Gleich nach dem +Caffee Fritzchen reisen wir und so wie der Wagen Dir +aus den Augen verschwindt, werd' ich Dir auch schon aus +dem Gedächtniß seyn. + +Fritz. +So mag Gott sich meiner nie mehr erinnern, wenn ich +Dich vergesse. Aber nimm Dich für den Grafen in Acht, +er gilt soviel bey deiner Mutter und Du weißt, sie +möchte Dich gern aus den Augen haben, und eh' ich meine +Schulen gemacht habe und drey Jahr auf der Universität, +das ist gar lange. + +Gustchen. +Wie denn Fritzchen! Ich bin ja noch ein Kind: ich bin +noch nicht zum Abendmahl gewesen, aber sag mir.--O wer +weiß, ob ich Dich sobald wieder spreche!--Wart, komm in +den Garten. + +Fritz. +Nein, nein, der Papa ist vorbey gegangen.--Siehst Du, +der Henker! er ist im Garten.--Was wolltest Du mir sagen? + +Gustchen. +Nichts... + +Fritz. +Liebes Gustchen... + +Gustchen. +Du solltest mir--Nein, ich darf das nicht von Dir +verlangen. + +Fritz. +Verlange mein Leben, meinen letzten Tropfen Bluts. + +Gustchen. +Wir wollten uns beyde einen Eid schwören. + +Fritz. +O komm! Vortreflich! Hier laß uns niederknien; am +Canapee, und heb' Du so Deinen Finger in die Höh' +und ich so meinen.--Nun sag, was soll ich schwören? + +Gustchen. +Daß Du in drey Jahren von der Universität zurückkommen +willst und Dein Gustchen zu Deiner Frau machen; Dein +Vater mag dazu sagen, was er will. + +Fritz. +Und was willst Du mir dafür wieder schwören, mein +englisches... (küßt sie) + +Gustchen. +Ich will schwören, daß ich in meinem Leben keines +andern Menschen Frau werden will, als Deine und wenn +der Kaiser von Rußland selber käme. + +Fritz. +Ich schwör Dir hunderttausend Eide--(Der geheime Rath +tritt herein: beyde springen mit lautem Geschrey auf.) + + +Sechste Scene. + + +Geh. Rath. +Was habt Ihr närrische Kinder? Was zittert Ihr?--Gleich, +gesteht mir alles. Was habt Ihr hier gemacht? Ihr seyd +beyde auf den Knien gelegen.--Junker Fritz, ich bitte +mir eine Antwort aus; unverzüglich:--Was habt Ihr +vorgehabt? + +Fritz. +Ich, gnädigster Papa? + +Geh. Rath. +Ich? und das mit einem so verwundrungsvollen Ton? Siehst +Du: ich merk' alles. Du möchtest mir itzt gern eine Lüge +sagen, aber entweder bist Du zu dumm dazu, oder zu feig, +und willst Dich mit Deinem Ich? heraushelfen. ... Und +Sie Mühmchen?--Ich weiß. Gustchen verheelt mir nichts. + +Gustchen. (fällt ihm um die Füße) +Ach, mein Vater-- + +Geh. Rath. (hebt sie auf und küßt sie.) +Wünschst Du mich zu Deinem Vater? Zu früh, mein Kind, zu +früh Gustchen, mein Kind. Du hast noch nicht communicirt. +--Denn warum soll ich euch verheelen, daß ich euch +zugehört habe.--Das war ein sehr einfältig Stückchen +von Euch beyden; besonders von Dir, großer vernünftiger +Junker Fritz, der bald einen Bart haben wird wie ich, +und eine Perücke aufsetzen und einen Degen anstecken. +Pfuy, ich glaubt' einen vernünftigern Sohn zu haben. +Das macht Dich gleich ein Jahr jünger, und macht, daß +Du länger auf der Schule bleiben mußt. Und Sie, Gustchen, +auch Ihnen muß ich sagen, daß es sich für Ihr Alter gar +nicht mehr schickt, so kindisch zu thun. Was sind das +für Romane, die Sie da spielen? Was für Eide, die Sie +sich da schwören, und die Ihr doch alle beyde so gewiß +brechen werdet als ich itzt mit Euch rede. Meynt Ihr, +Ihr seyd in den Jahren, Eide zu thun, oder meynt Ihr, +ein Eid sey ein Kinderspiel, wie es das Versteckspiel +oder die blinde Kuh ist? Lernt erst einsehen, was ein +Eid ist: lernt erst zittern dafür und alsdenn wagt's, +ihn zu schwören. Wißt, daß ein Meineidiger die +schändlichste und unglücklichste Creatur ist, die von +der Sonne angeschienen wird. Ein solcher darf weder den +Himmel ansehen, den er verleugnet hat, noch andere +Menschen, die sich unaufhörlich vor ihm scheuen, und +seiner Gesellschaft mit mehr Sorgfalt ausweichen, als +einer Schlange oder einem tückischen Hunde. + +Fritz. +Aber ich denke meinen Eid zu halten. + +Geh. Rath. +In der That Romeo? Ha! Du kannst Dich auch erstechen, +wenn's dazu kommt. Du hast geschworen, daß mir die Haare +zu Berg standen. Also gedenkst Du Deinen Eid zu halten? + +Fritz. +Ja Papa, bey Gott! ich denk' ihn zu halten. + +Geh. Rath. +Schwur mit Schwur bekräftigt!--Ich werd' es Deinem +Rektor beibringen. Er soll Euch auf vierzehn Tage nach +Sekunda herunter transportiren, Junker: inskünftige +lernt behutsamer schwören. Und worauf? Steht das in +Deiner Gewalt, was Du da versicherst? Du willst Gustchen +heyrathen! Denk doch! weißt Du auch schon, was für ein +Ding das ist, Heyrathen? Geh doch, heyrathe sie: nimm +sie mit auf die Akademie. Nicht? Ich habe nichts dawider, +daß ihr Euch gern seht, daß Ihr Euch lieb habt, daß Ihrs +Euch sagt, wie lieb Ihr Euch habt; aber Narrheiten müßt +Ihr nicht machen; keine Affen von uns Alten seyn, eh' +Ihr so reif seyd als wir; keine Romane spielen wollen, +die nur in der ausschweifenden Einbildungskraft eines +hungrigen Poeten ausgeheckt sind und von denen Ihr in +der heutigen Welt keinen Schatten der Wirklichkeit +antrefft. Geht! ich werde keinem Menschen was davon +sagen, damit ihr nicht nöthig habt roth zu werden, wenn +Ihr mich seht.--Aber von nun an sollt ihr einander nie +mehr ohne Zeugen sehen. Versteht Ihr mich? Und Euch nie +andere Briefe schreiben als offene und das auch alle +Monathe, oder höchstens alle drey Wochen einmal, und +sobald ein heimliches Briefchen an Junker Fritz oder +Fräulein Gustchen entdeckt wird--so steckt man den +Junker unter die Soldaten und das Fräulein ins Kloster, +bis sie vernünftiger werden. Versteht ihr mich?--Jetzt-- +nehmt Abschied, hier in meiner Gegenwart.--Die Kutsche +ist angespannt, der Major treibt fort; die Schwägerin +hat schon Caffee getrunken.--Nehmt Abschied: Ihr +braucht Euch vor mir nicht zu scheuen. Geschwind, +umarmt Euch. (Fritz und Gustchen umarmen sich zitternd) +Und nun mein Tochter Gustchen, weil Du doch das Wort so +gern hörst, (hebt sie auf und küßt sie) Leb tausendmal +wohl, und begegne Deiner Mutter mit Ehrfurcht; sie mag +Dir sagen was sie will.--Jetzt geh, mach!--(Gustchen +geht einige Schritte, sieht sich um; Fritz fliegt ihr +weinend an den Hals.) Die beyden Narren brechen mir das +Herz! Wenn doch der Major vernünftiger werden wollte, +oder seine Frau weniger herrschsüchtig!-- + + + +Zweyter Akt. + + +Erste Scene. + +Pastor Läuffer. Der geheime Rath. + + +Geh. Rath. +Ich bedaure ihn--und Sie noch Vielmehr, Herr Pastor, +daß Sie solchen Sohn haben. + +Pastor. +Verzeihen Euer Gnaden, ich kann mich über meinen Sohn +nicht beschweren; er ist ein sittsamer und geschickter +Mensch, die ganze Welt und Dero Herr Bruder und Frau +Schwägerin selbst werden ihm das eingestehen müssen. + +Geh. Rath. +Ich sprech' ihm das all nicht ab, aber er ist ein Thor, +und hat alle sein Mißvergnügen sich selber zu danken. +Er sollte den Sternen danken, daß meinem Bruder das Geld, +das er für den Hofmeister zahlt, einmal anfängt zu lieb +zu werden. + +Pastor. +Aber bedenken Sie doch: nichts mehr als hundert Dukaten; +hundert arme Dukätchen; und dreihundert hatt' er ihm doch +im ersten Jahr versprochen: aber beym Schluß desselben +nur hundert und vierzig ausgezahlt, jetzt beym Beschluß +des zweyten, da doch die Arbeit meines Sohnes immer +zunimmt, zahlt' er ihm hundert, und nun beym Anfang des +dritten wird ihm auch das zu viel.--Das ist wider alle +Billigkeit! Verzeihn Sie mir. + +Geh. Rath. +Laß es doch.--Das hätt' ich Euch Leuten voraussagen +wollen, und doch solle Ihr Sohn Gott danken, wenn ihn +nur der Major beym Kopf nähm' und aus dem Hause würfe. +Was soll er da, sagen Sie mir Herr? Wollen Sie ein Vater +für ihr Kind seyn und schliessen so Augen, Mund und +Ohren für seine ganze Glückseligkeit zu? Tagdieben, und +sich Geld dafür bezahlen lassen? Die edelsten Stunden +des Tages bey einem jungen Herrn versitzen, der nichts +lernen mag und mit dem er's doch nicht verderben darf, +und die übrigen Stunden, die der Erhaltung seines Lebens, +den Speisen und dem Schlaf geheiligt sind, an einer +Sklavenkette verseufzen; an den Winken der gnädigen +Frau hängen, und sich in die Falten des gnädigen Herrn +hineinstudiren; essen wenn er satt ist und fasten, +wenn er hungrig ist, Punsch trinken, wenn er pssn +möchte, und Karten spielen, wenn er das Lauffen hat. +Ohne Freyheit geht das Leben bergab rückwärts, Freyheit +ist das Element des Menschen wie das Wasser des Fisches, +und ein Mensch der sich der Freyheit begiebt, vergiftet +die edelsten Geister seines Bluts, erstickt seine +süssesten Freuden des Lebens in der Blüthe und ermordet +sich selbst. + +Pastor. +Aber--Oh! erlauben Sie mir; das muß sich ja jeder +Hofmeister gefallen lassen; man kann nicht immer +seinen Willen haben, und das läßt sich mein Sohn auch +gern gefallen, nur-- + +Geh. Rath. +Desto schlimmer, wenn er sichs gefallen läßt, desto +schlimmer; er hat den Vorrechten eines Menschen entsagt, +der nach seinen Grundsätzen muß leben können, sonst +bleibt er kein Mensch. Mögen die Elenden, die ihre +Ideen nicht zu höherer Glückseligkeit zu erheben +wissen, als zu essen und zu trinken, mögen die sich +im Keficht zu Tode füttern lassen, aber ein Gelehrter, +ein Mensch, der den Adel seiner Seele fühlt, der den +Tod nicht so scheuen sollt' als eine Handlung, die +wider seine Grundsätze läuft... + +Pastor. +Aber was ist zu machen in der Welt? Was wollte mein +Sohn anfangen, wenn Dero Herr Bruder ihm die Condition +aufsagten? + +Geh. Rath. +Laßt den Burschen was lernen, daß er dem Staat nützen +kann. Potz hundert Herr Pastor, Sie haben ihn doch +nicht zum Bedienten aufgezogen, und was ist er anders +als Bedienter, wenn er seine Freyheit einer Privatperson +für einige Handvoll Dukaten verkauft? Sklav' ist er, +über den die Herrschaft unumschränkte Gewalt hat, nur +daß er so viel auf der Akademie gelernt haben muß, +ihren unbesonnenen Anmuthungen von weitem zuvorzukommen +und so einen Firniß über seine Dienstbarkeit zu +streichen: daß heißt denn ein feiner artiger Mensch, +ein unvergleichlicher Mensch; ein unvergleichlicher +Schurke, der, statt seine Kräfte und seinen Verstand +dem allgemeinen Besten aufzuopfern, damit die Rasereyen +einer dampfigten Dame und eines abgedämpften Officiers +unterstützt, die denn täglich weiter um sich fressen +wie ein Krebsschaden und zuletzt unheilbar werden. Und +was ist der ganze Gewinnst am Ende? Alle Mittag Braten +und alle Abend Punsch, und eine grosse Portion Galle, +die ihm Tags über ins Maul gestiegen, Abends, wenn er +zu Bett liegt, hinabgeschluckt, wie Pillen; das macht +gesundes Blut, auf meine Ehr'! und muß auch ein +vortrefliches Herz auf die Länge geben. Ihr beklagt +Euch so viel übern Adel und über seinen Stolz, die +Leute sähn Hofmeister wie Domestiken an, Narren! was +sind sie denn anders? Stehn sie nicht in Lohn und Brod +bey ihnen wie jene? Aber wer heißt Euch ihren Stolz +nähren? Wer heißt euch Domestiken werden, wenn Ihr was +gelernt habt, und einem starrköpfischen Edelmann zinsbar +werden, der sein Tage von seinen Hausgenossen nichts +anders gewohnt war als sklavische Unterwürfigkeit? + +Pastor. +Aber Herr Geheimer Rath--Gütiger Gott! es ist in der +Welt nicht anders: man muß eine Warte haben, von der +man sich nach einem öffentlichen Amt umsehen kann, wenn +man von Universitäten kommt; wir müssen den göttlichen +Ruf erst abwarten und ein Patron ist sehr oft das Mittel +zu unserer Beförderung: wenigstens ist es mir so gegangen. + +Geh. Rath. +Schweigen Sie, Herr Pastor, ich bitt Sie, schweigen Sie. +Das gereicht Ihnen nicht zur Ehr. Man weiß ja doch, daß +Ihre seelige Frau Ihr göttlicher Ruf war, sonst säßen +Sie noch itzt beym Herrn von Tiesen und düngten ihm +seinen Acker. Jemine! daß Ihr Herrn uns doch immer +einen so ehrwürdigen schwarzen Dunst vor Augen machen +wollt. Noch nie hat ein Edelmann einen Hofmeister +angenommen, wo er ihm nicht hinter eine Allee von acht +neun Sklavenjahren ein schön Gemählde von Beförderung +gestellt hat und wenn Ihr acht Jahr gegangen waret, so +macht' ers wie Laban und rückte das Bild um noch einmal +so weit vorwärts. Possen! lernt etwas und seyd brave +Leut. Der Staat wird Euch nicht lang am Markt stehen +lassen. Brave Leut sind allenthalben zu brauchen, aber +Schurken, die den Namen vom Gelehrten nur auf den Zettel +tragen und im Kopf ist leer Papier ... + +Pastor. +Das ist sehr allgemein gesprochen, Herr Rath!--Es +müssen doch, bey Gott! auch Hauslehrer in der Welt +seyn; nicht jedermann kann gleich geheimer Rath werden +und wenn er gleich ein Hugo Grotius wär. Es gehören +heutiges Tags andere Sachen dazu als Gelehrsamkeit.-- + +Geh. Rath. +Sie werden warm, Herr Pastor!--Lieber, werther Herr +Pastor, lassen Sie uns den Faden unsers Streits nicht +verlieren. Ich behaupte: es müssen keine Hauslehrer +in der Welt seyn! das Geschmeis taucht den Teufel zu +nichts. + +Pastor. +Ich bin nicht hergekommen mir Grobheiten sagen zu +lassen: ich bin auch Hauslehrer gewesen. Ich habe die +Ehre-- + +Geh. Rath. +Warten Sie; bleiben Sie, lieber Herr Pastor! Behüte +mich der Himmel! Ich habe Sie nicht beleidigen wollen +und wenn's wider meinen Willen geschehen ist, so bitt' +ich Sie tausendmahl um Verzeihung. Es ist einmal meine +üble Gewohnheit, daß ich gleich in Feuer gerathe, wenn +mir ein Gespräch interessant wird: alles übrige +verschwinde mir denn aus dem Gesicht und ich sehe nur +den Gegenstand, von dem ich spreche. + +Pastor. +Sie schütten,--Verzeihen Sie mir, ich bin auch ein +Cholerikus, und rede gern von der Lunge ab.--Sie +schütten das Kind mit dem Bade aus. Hauslehrer taugen +zu nichts.--Wie können Sie mir das beweisen? Wer soll +Euch jungen Herrn denn Verstand und gute Sitten +beibringen Was wär aus Ihnen geworden, mein werther +Herr geheimer Rath, wenn Sie keinen Hauslehrer gehabt +hätten? + +Geh. Rath. +Ich bin von meinem Vater zur öffentlichen Schul +gehalten worden, und seegne seine Asche dafür, und +so hoff' ich, wird mein Sohn Fritz auch dereinst thun. + +Pastor. +Ja,--da ist aber noch viel drüber zu sagen Herr! +Ich meiner Seits bin Ihrer Meynung nicht; ja wenn die +öffentlichen Schulen das wären, was sie seyn sollten.-- +Aber die nüchternen Subjecta, so oft den Classen +vorstehen; die pedantischen Methoden, die sie brauchen, +die unter der Jugend eingerissenen verderbten Sitten-- + +Geh. Rath. +Wes ist die Schuld? Wer ist schuld dran, als ihr +Schurken von Hauslehrern? Würde der Edelmann nicht +von Euch in der Grille gestärkt, einen kleinen Hof +anzulegen, wo er als Monarch oben auf dem Thron sitzt, +und ihm Hofmeister und Mamsell und ein ganzer Wisch von +Tagdieben huldigen, so würd' er seine Jungen in die +öffentliche Schule thun müssen; er würde das Geld, +von dem er jetzt seinen Sohn zum hochadlichen Dummkopf +aufzieht, zum Fond der Schule schlagen: davon könnten +denn gescheidte Leute salarirt werden und alles würde +seinen guten Gang gehn; das Studentchen müste was +lernen, um bey einer solchen Anstalt brauchbar zu +werden, und das junge Herrchen, anstatt seine +Faullenzerey vor den Augen des Papas und der Tanten, +die alle keine Argusse sind, künstlich und manierlich +zu verstecken, würde seinen Kopf anstrengen müssen, +um es den bürgerlichen Jungen zuvorzuthun, wenn es +sich doch von ihnen unterscheiden will.--Was die +Sitten anbetrift, das findt sich wahrhaftig.--Wenn +er gleich nicht, wie seine hochadliche Vettern, die +Nase von Kindesbeinen an höher tragen lernt als andere, +und in einem nachläßigen Ton, von oben herab, Unsinn +sagen, und Leuten ins Gesicht sehen, wenn sie den Hut +vor ihm abziehen, um ihnen dadurch anzudeuten, daß +sie auf kein Gegencompliment warten sollen. Die feinen +Sitten hol der Teufel! Man kann dem Jungen Tanzmeister +auf der Stube halten, und ihn in artige Gesellschaften +führen, aber er muß durchaus nicht aus der Sphäre +seiner Schulkamraden herausgehoben, und in der Meinung +gestärkt werden, er sey eine bessere Kreatur als andere. + +Pastor. +Ich habe nicht Zeit, (zieht die Uhr heraus) mich in +den Disput weiter mit Ihnen einzulassen, gnädiger Herr; +aber so viel weiß ich, daß der Adel überall nicht ihrer +Meinung seyn wird. + +Geh. Rath. +So sollten die Bürger meiner Meynung seyn.--Die Noth +würde den Adel schon auf andere Gedanken bringen, und +wir könnten uns bessere Zeiten versprechen. Sapperment, +was kann aus unserm Adel werden, wenn ein einziger +Mensch das Faktotum bey dem Kinde seyn soll, ich setz' +auch den unmöglichen Fall, daß er ein Polyhistor wäre, +wo will der eine Mann Feuer und Muth und Thätigkeit +hernehmen, wenn er alle seine Kräfte auf einen +Schaafskopf concentriren soll, besonders wenn Vater +und Mutter sich kreutz und die quer immer mit in die +Erziehung mengen, und dem Faß, in welches er füllt, +den Boden immer wieder ausschlagen? + +Pastor. +Ich bin um zehn Uhr zu einem Kranken bestellt. Sie +werden mir verzeihen.--(Im Abgehen wendt er sich um) +Aber wär's nicht möglich, gnädiger Herr, daß Sie +Ihren zweyten Sohn nur auf ein halb Jährchen zum +Herrn Major in die Kost thäten? Mein Sohn will gern +mit achtzig Dukaten zufrieden seyn, aber mit sechzigen, +die ihm der Herr Bruder geben wollen, da kann er nicht +von subsistiren. + +Geh. Rath. +Laß ihn quittiren.--Ich thu es nicht, Herr Pastor! +Davon bin ich nicht abzubringen. Ich will Ihrem Herrn +Sohn die dreyßig Dukaten lieber schenken; aber meinem +Sohn geb ich zu keinem Hofmeister. (Der Pastor hält +ihm einen Brief hin) Was soll ich damit? Es ist alles +umsonst, sag ich Ihnen. + +Pastor. +Lesen Sie--Lesen Sie nur.-- + +Geh. Rath. +Je nun, ihm ist nicht--(liest)--wenden Sie doch +alles an, den Herrn geheimen Rath dahin zu vermögen, +--Sie können Sich nicht vorstellen, wie elend es +mir hier geht; nichts wird mir gehalten, was mir ist +versprochen worden. Ich speise nur mit der Herrschaft, +wenn keine Fremde da sind,--das ärgste ist, daß ich +gar nicht von hier komme und in einem ganzen Jahr +meinen Fuß nicht aus Heidelbrunn habe setzen--man +hatte mir ein Pferd versprochen, alle Vierteljahr +einmal nach Königsberg zu reisen, als ich es foderte, +fragte mich die gnädige Frau, ob ich nicht lieber zum +Carneval nach Venedig wollte.--(wirft den Brief an +die Erde.) Je nun, laß ihn quittiren; warum ist er +ein Narr und bleibt da? + +Pastor. +Ja das ist eben die Sache. (hebt den Brief auf) +Belieben Sie doch nur auszulesen. + +Geh. Rath. +Was ist da zu lesen?--(liest) Dem ohngeachtet kann +ich dies Haus nicht verlassen, und sollt' es mich +Leben und Gesundheit kosten. So viel darf ich Ihnen +sagen, daß die Aussichten in eine selige Zukunft mir +alle die Mühseligkeiten meines gegenwärtigen Standes-- +Ja, das sind vielleicht Aussichten in die selige +Ewigkeit, sonst weiß ich keine Aussichten, die mein +Bruder ihm eröfnen könnte. Er betrügt sich, glauben +Sie mirs; schreiben Sie ihm zurück, daß er ein Thor +ist. Dreyßig Dukaten will ich ihm dies Jahr aus meinem +Beutel Zulage geben, aber ihn auch zugleich gebeten +haben, mich mit allen fernern Anwerbungen um meinen +Karl zu verschonen: denn ihm zu Gefallen werd' ich mein +Kind nicht verwahrlosen. + + +Zweyte Scene. + +In Heidelbrunn. +Gustchen. Läuffer. + + +Gustchen. +Was fehlt ihnen dann? + +Läuffer. +Wie stehts mit meinem Porträt? Nicht wahr, Sie haben +nicht dran gedacht? Wenn ich auch so saumselig gewesen +wäre--Häte ich das gewußt: ich hätt Ihren Brief so +lang zurückgehalten, aber ich war ein Narr. + +Gustchen. +Ha ha ha. Lieber Herr Hofmeister! Ich habe wahrhaftig +noch nicht Zeit gehabt. + +Läuffer. +Grausame! + +Gustchen. +Aber was fehlt Ihnen denn? Sagen Sie mir doch! So +tiefsinnig sind Sie ja noch nie gewesen. Die Augen +stehn Ihnen ja immer voll Wasser: ich habe gemerkt, +Sie essen nichts. + +Läuffer. +Haben Sie? In der That? Sie sind ein rechtes Muster +des Mitleidens. + +Gustchen. +O Herr Hofmeister-- + +Läuffer. +Wollen Sie heut Nachmittag Zeichenstunde halten? + +Gustchen. (faßt ihn an die Hand) +Liebster Herr Hofmeister! verzeihen Sie, daß ich sie +gestern aussetzte. Es war mir wahrhaftig unmöglich zu +zeichnen; ich hatte den Schnuppen auf eine erstaunende +Art. + +Läuffer. +So werden Sie ihn wohl heute noch haben. Ich denke, +wir hören ganz auf zu zeichnen. Es macht Ihnen kein +Vergnügen länger. + +Gustchen. (halbweinend) +Wie können Sie das sagen, Herr Läuffer? Es ist das +einzige, was ich mit Lust thue. + +Läuffer. +Oder Sie versparen es bis auf den Winter in die Stadt +und nehmen einen Zeichenmeister. Ueberhaupt werd ich +Ihren Herrn Vater bitten, den Gegenstand Ihres +Abscheues, Ihres Hasses, Ihrer ganzen Grausamkeit von +Ihnen zu entfernen. Ich sehe doch, daß es Ihnen auf +die Länge unausstehlich wird, von mir Unterricht +anzunehmen. + +Gustchen. +Herr Läuffer-- + +Läuffer. +Lassen Sie mich--Ich muß sehen, wie ich das elende +Leben zu Ende bringe, weil mir doch der Tod verboten +ist-- + +Gustchen. +Herr Läuffer-- + +Läuffer. +Sie foltern mich.--(reißt sich loß und geht ab.) + +Gustchen. +Wie dauert er mich! + + +Dritte Scene. + +Zu Halle in Sachsen. +Pätus Zimmer. +Fritz von Berg. +Pätus (im Schlafrock an einem Tisch sitzend.) + + +Pätus. +Ey was Berg! Du bist ja kein Kind mehr, daß du nach +Papa und Mama--Pfuy Teufel! ich hab Dich allezeit +für einen braven Kerl gehalten, wenn Du nicht mein +Schulkamerad wärst: ich würde mich schämen mit Dir +umzugehen. + +Fritz. +Pätus, auf meine Ehr, es ist nicht Heimweh, Du machst +mich bis über die Ohren roth mit dem dummen Verdacht. +Ich möchte gern Nachricht von Hause haben, das gesteh' +ich, aber das hat seine Ursachen-- + +Pätus. +Gustchen--Nicht wahr? Denk doch, Du arme Seele! +Hundertachtzig Stunden von ihr entfernt--Was für +Wälder und Ströme liegen nicht zwischen Euch? Aber +warte, wir haben hier auch Mädchen; wenn ich nur +besser besponnen wäre, ich wollte Dich heut in eine +Gesellschaft führen--Ich weiß nicht, wie Du auch +bist; ein Jahr in Halle und noch mit keinem Mädchen +gesprochen: das muß melancholisch machen; es kann +nicht anders seyn. Warte, Du must mir hier einziehen, +daß Du lustig wirst. Was machst Du da bey dem Pfarrer? +Das ist keine Stube für Dich-- + +Fritz. +Was zahlst Du hier? + +Pätus. +Ich zahle--Wahrhaftig, Bruder, ich weiß es nicht. +Es ist ein guter ehrlicher Philister, bey dem ich +wohne: seine Frau ist freylich bisweilen ein bischen +wunderlich, aber mags. Was gehts mich an? Wir zanken +uns einmal herum und denn laß ich sie laufen: und die +schreiben mir alles auf. Hausmiethe, Kaffee, Tabak; +alles was ich verlange, und denn zahl' ich die Rechnung +alle Jahre, wenn mein Wechsel kommt. + +Fritz. +Bist du jetzt viel schuldig? + +Pätus. +Ich habe die vorige Woche bezahlt. Das ist wahr, +diesmal haben Sie mirs arg gemacht: mein ganzer +Wechsel hat herhalten müssen bis auf den letzten +Pfennig, und mein Rock, den ich Tags vorher versetzt +hatte, weil ich in der äussersten Noth war, steht +noch zu Gevattern. Weiß der Himmel, wenn ich ihn +wieder einlösen kann. + +Fritz. +Und wie machst Dus denn itzt? + +Pätus. +Ich?--Ich bin krank. Heut morgen hat mich die Frau +Räthin Hamster invitiren lassen, gleich kroch ich ins +Bett ... + +Fritz. +Aber bey dem schönen Wetter immer zu Hause zu sitzen. + +Pätus. +Was macht das? des Abends geh ich im Schlafrock +spatzieren, es ist ohnedem in den Hundstagen am Tage +nicht auszuhalten--Aber Potz Mordio! Wo bleibt denn +mein Kaffee? (pocht mit dem Fuß) Frau Blitzer!--Nun +sollst Du sehn, wie ich meinen Leuten umspringe--Frau +Blitzer! in aller Welt Frau Blitzer. (klingelt und +pocht)--Ich habe sie kürzlich bezahlt: nun kann ich +schon breiter thun--Frau ... + +Frau Blitzer. (tritt herein mit einer Portion Kaffee.) + +Pätus. +In aller Welt, Mutter! wo bleibst Du denn? Das Wetter +soll Dich regieren. Ich warte hier schon über eine +Stunde-- + +Frau Blitzer. +Was? Du nichtsnutziger Kerl, was lärmst Du? Bist Du +schon wieder nichts nutz, abgeschabte Laus? Den +Augenblick trag ich meinen Kaffee wieder herunter-- + +Pätus. (gießt sich ein) +Nun, nun, nicht so böse Mutter! aber Zwieback--Wo +ist denn Zwieback? + +Frau Blitzer. +Ja, kleine Steine Dir! Es ist kein Zwieback im Hause. +Denk doch, ob so ein kahler lausichter Kerl nun alle +Nachmittag Zwieback frißt oder nicht-- + +Pätus. +Was tausend alle Welt! (stampft mit dem Fuß) Sie +weiß, daß ich keinen Kaffee ohne Zwieback ins Maul +nehme--Wofür gebe ich denn mein Geld aus-- + +Frau Blitzer. (langt ihm Zwieback aus der Schürze, +wobey sie ihn an den Haaren zupft.) +Da siehst Du, da ist Zwieback, Posaunenkerl! Er hat +eine Stimme wie ein ganzes Regiment Soldaten. Nu, ist +der Kaffee gut? Ist er nicht? Gleich sag mirs, oder +ich reiß Ihm das letzte Haar aus Seinem kahlen Kopf +heraus. + +Pätus. (trinkt) +Unvergleichlich--Aye!--Ich hab in meinem Leben +keinen bessern getrunken. + +Frau Blitzer. +Siehst Du Hundejunge! Wenn Du die Mutter nicht hättest, +die sich Deiner annähme und Dir zu essen und zu trinken +gäbe, Du müstest an der Strasse verhungern. Sehen Sie +ihn einmal an, Herr von Berg, wie er daher geht, keinen +Rock auf dem Leibe und sein Schlafrock ist auch, als +ob er darin wär aufgehenkt worden und wieder vom Galgen +gefallen. Sie sind doch ein hübscher Herr, ich weiß +nicht wie Sie mit dem Menschen umgehen können, nun +freylich unter Landsleuten da ist immer so eine kleine +Blutsverwandschaft, drum sag ich immer, wenn doch der +Herr von Berg zu uns einlogiren thäte. Ich weiß, daß +Sie viel Gewalt über ihn haben: da könnte doch noch +was ordentliches aus ihm werden, aber sonst wahrhaftig-- +(geht ab) + +Pätus. +Siehst Du, ist das nicht ein gut fidel Weib. Ich seh' +ihr all etwas durch die Finger, aber potz, wenn ich +auch einmal ernsthaft werde, kusch ist sie wie die +Wand--Willst Du nicht eine Tasse mit trinken? (gießt +ihm ein) Siehst Du, ich bin hier wohl bedient; ich +zahle was rechts, das ist wahr, aber dafür hab' auch +ich was ... + +Fritz. (trinkt.) +Der Kaffee schmeckt nach Gerste. + +Pätus. +Was sagst Du?--(schmeckt gleichfalls) Ja wahrhaftig, +mit dem Zwieback hab' ichs nicht so--(sieht in die +Kanne) Nun so hol Dich! (wirft das Kaffeezeug zum +Fenster hinaus) Gerstenkaffee und fünfhundert Gulden +jährlich!-- + +Frau Blitzer. (stürzt herein) +Wie? Was zum Teufel, was ist das? Herr, ist Er rasend +oder plagt Ihn gar der Teufel?-- + +Pätus. +Still Mutter! + +Frau Blitzer. (mit gräßlichem Geschrey) +Aber wo ist mein Kaffeezeug? Ey! zum Henker! aus dem +Fenster--Ich kratz' Ihm die Augen aus dem Kopf heraus. + +Pätus. +Es war eine Spinne darin und ich warf's in der Angst-- +Was kann ich dafür, daß das Fenster offen stand? + +Frau Blitzer. +Daß Du verreckt wärst an der Spinne, wenn ich Dich mit +Haut und Haar verkaufe, so kannst Du mir mein +Kaffeezeug nicht bezahlen, nichtswürdiger Hund! +Nichts als Schaden und Unglück kann Er machen. Ich +will Dich verklagen; ich will Dich in Karcer werfen +lassen. (läuft heraus) + +Pätus. (lachend) +Was ist zu machen, Bruder! man muß sie schon ausrasen +lassen. + +Fritz. +Aber für Dein Geld? + +Pätus. +Ey was!--Wenn ich bis Weyhnachten warten muß, wer +wird mir sogleich bis dahin kreditiren? Und denn ists +ja nur ein Weib und ein närrisch Weib dazu, dem's +nicht immer so von Herzen geht- wenn mirs der Mann +gesagt hätte, das wär was anders, dem schlüg' ich das +Leder voll--Siehst Du wohl! + +Fritz. +Hast Du Feder und Tinte? + +Pätus. +Dort auf dem Fenster-- + +Fritz. +Ich weiß nicht, das Herz ist mir so schwer--Ich habe +nie was auf Ahndungen gehalten. + +Pätus. +Ja mir auch--Die Döbblinsche Gesellschaft ist +angekommen. Ich möchte gern in die Komödie gehn und +habe keinen Rock anzuziehen. Der Schurke mein Wirth +leyht mir keinen und ich bin eine so große dicke +Bestie, daß mir keiner von all Euren Röcken passen +würde. + +Fritz. +Ich muß gleich nach Hause schreiben. (setzt sich an +ein Fenster nieder und schreibt) + +Pätus. (setzt sich einem Wolfspelz gegenüber, der an +der Wand hängt) +Hm! nichts als den Pelz gerettet, von allen meinen +Kleidern, die ich habe, und die ich mir noch wollte +machen lassen. Grade den Pelz, den ich im Sommer +nicht tragen kann, und den mir nicht einmal der Jude +zum Versatz annimmt, weil sich der Wurm leicht +hineinsetzt. Hanke, Hanke! das ist doch unverantwortlich, +daß Du mir keinen Rock auf Pump machen willst. (steht +auf und geht herum) Was hab' ich Dir gethan, Hanke, +daß Du just mir keinen Rock machen willst? Just mir, +der ich ihn am nöthigsten brauche, weil ich jetzo +keinen habe, just mir!--Der Teufel muß Dich besitzen, +er macht Hunz und Kunz auf Kredit und just mir nicht! +(faßt sich an den Kopf und stampft mit dem Fuß) Just +mir nicht, just mir nicht!-- + +Bollwerk. (der sich mittlerweile hineingeschlichen und +ihm zugehört, faßt ihn an: er kehrt sich um und bleibt +stumm vor Bollwerk stehen) Ha ha ha ... Nun du armer +Pätus--ha ha ha! Nicht wahr, es ist doch ein gottloser +Hanke, daß er just Dir nicht--Aber, wo ist das rothe +Kleid mit Gold, das Du bey ihm bestellt hast, und das +blauseidne mit der silberstücknen Weste, und das +rothsammetne mit schwarz Sammet gefüttert, das wär +vortreflich bey dieser Jahrszeit. Sage mir! antworte +mir! Der verfluchte Hanke! Wollen wir gehn und ihm die +Haut vollschlagen? Wo bleibt er so lang mit Deiner +Arbeit? Wollen wir? + +Pätus. (wirft sich auf einen Stuhl) +Laß mich zufrieden. + +Bollwerk. +Aber hör Pätus, Pätus, Pä Pä Pä Pätus (setzt sich zu +ihm) Döbblin ist angekommen. Hör Pä Pä Pä Pä Pätus, +wie wollen wir das machen? Ich denke, Du ziehst Deinen +Wolfspelz an und gehst heut Abend in die Komödie. Was +schadt's, Du bist doch fremd hier--und die ganze Welt +weiß, daß Du vier Paar Kleider bey Hanke bestellt hast. +Ob er sie Dir machen wird, ist gleich viel!--Der +verfluchte Kerl! Wollen ihm die Fenster einschlagen, +wenn er sie Dir nicht macht! + +Pätus. (heftig) +Laß mich zufrieden, sag ich Dir. + +Bollwerk. +Aber hör...aber...aber...hör hör hör' Pätus; nimm +Dich in Acht Pätus! daß Du mir des Nachts nicht mehr +im Schlafrock auf der Gasse läufst. Ich weiß, daß Du +bange bist vor Hunden; es ist eben ausgetrummelt +worden, daß zehn wütige Hunde in der Stadt herumlaufen +sollen; sie haben schon einige Kinder gebissen: zwey +sind noch davon kommen, aber vier sind auf der Stelle +gestorben. Das machen die Hundstage? Nicht wahr Pätus? +Es ist gut, daß Du jetzt nicht ausgehen kannst. Nicht +wahr? Du gehst itzt mit allem Fleiß nicht aus? Nicht +wahr Pä Pä Pätus? + +Pätus. +Laß mich zufrieden ... oder wir verzürnen uns. + +Bollwerk. +Du wirst doch kein Kind seyn--Berg, kommen Sie mit +in die Komödie? + +Fritz. (zerstreut) +Was?--Was für Komödie? + +Bollwerk. +Es ist eine Gesellschaft angekommen--Legen Sie die +Schmieralien weg. Sie können ja auf den Abend schreiben. +Man giebt heut Minna von Barnhelm. + +Fritz. +O die muß ich sehen.--(steckt seine Briefe zu sich) +Armer Pätus, daß Du keinen Rock hast.-- + +Bollwerk. +Ich lieh' ihm gern einen, aber es ist hol mich der +Teufel mein einziger, den ich auf dem Leibe habe-- +(gehn ab) + +Pätus. (allein) +Geht zum Teufel mit Eurem Mitleiden! Das ärgert mich +mehr als wenn man mir ins Gesicht schlüge--Ey was +mach ich mir draus. (zieht seinen Schlafrock aus) Laß +die Leute mich für wahnwitzig halten! Minna von +Barnhelm muß ich sehen und wenn ich nackend hingehen +sollte! (zieht den Wolfspelz an) Hanke, Hanke! es +soll Dir zu Hause kommen! (stampft mit dem Fuß) Es +soll dir zu Hause kommen! (geht) + + +Vierte Scene. + +Frau Hamster. Jungfer Hamster. Jungfer Knicks. + + +Jungfer Knicks. +Ich kanns Ihnen vor Lachen nicht erzehlen, Frau +Räthin, ich muß krank vor Lachen werden. Stellen +Sie Sich vor: wir gehen mit Jungfer Hamster im +Gäßchen hier nah bey, so läuft uns ein Mensch im +Wolfspelz vorbey, als ob er durch Spießruthen gejagt +würde; drey große Hunde hinter ihm drein. Jungfer +Hamster bekam einen Schubb, daß sie mit dem Kopf an +die Mauer schlug und überlaut schreyen muste. + +Frau Hamster. +Wer war es denn? + +Jungfer Knicks. +Stellen Sie Sich vor, als wir ihm nachsahen, war's +Herr Pätus--Er muß rasend worden seyn. + +Frau Hamster. +Mit einem Wolfspelz in dieser Hitze! + +Jungfer Hamster. (hält sich den Kopf) +Ich glaube noch immer, er ist aus dem hitzigen Fieber +aufgesprungen. Er ließ uns heut Morgen sagen, er sey +krank. + +Jungfer Knicks. +Und die drey Hunde hinter ihm drein, das war das +lustigste. Ich hatte mir vorgenommen heut in die +Komödie zu gehen, aber nun mag ich nicht, ich würde +doch da nicht soviel zu lachen kriegen. Das vergeß +ich mein Lebtage nicht. Seine Haare flogen ihm nach +wie der Schweif an einem Kometen, und je eyfriger er +lief, desto eyfriger schlugen die Hunde an und er +hatte das Herz nicht, sich einmal umzusehen... Das +war unvergleichlich! + +Frau Hamster. +Schrie er nicht? Er wird gemeynt haben, die Hunde seyn +wütig. + +Jungfer Knicks. +Ich glaub, er hatte keine Zeit zum Schreyen, aber roth +war er wie ein Krebs und hielt das Maul offen, wie die +Hunde hinter ihm drein--O das war nicht mit Geld zu +bezahlen! ich gäbe nicht meine Schnur ächter Perlen +darum, daß ich das nicht gesehen. + + +Fünfte Scene. + +In Heidelbrunn. +Augustchens Zimmer. +Gustchen. (liegt auf dem Bette) +Läuffer. (sitzt am Bette) + + +Läuffer. +Stell Dir vor Gustchen, der geheime Rath will nicht. +Du siehst, daß Dein Vater mir das Leben immer saurer +macht: nun will er mir gar aufs folgende Jahr nur +vierzig Dukaten geben. Wie kann ich das aushalten? +Ich muß quittiren. + +Gustchen. +Grausamer, und was werd ich denn anfangen? (nachdem +beyde eine zeitlang sich schweigend angesehen) Du +siehst: ich bin schwach, und krank; hier in der +Einsamkeit unter einer barbarischen Mutter--Niemand +fragt nach mir, niemand bekümmert sich um mich: +meine ganze Familie kann mich nicht mehr leiden; +mein Vater selber nicht mehr: ich weiß nicht warum. + +Läuffer. +Mach, daß Du zu meinem Vater in die Lehre kommst; +nach Insterburg. + +Gustchen. +Da kriegen wir uns nie zu sehen. Mein Onkel leidt es +nimmer, daß mein Vater mich zu Deinem Vater ins Haus +giebt. + +Läuffer. +Mit dem verfluchten Adelstolz! + +Gustchen. (nimmt seine Hand) +Wenn Du auch böse wirst, Herrmannchen! (küßt sie) O +od! Tod! warum erbarmst Du Dich nicht! + +Läuffer. +Rathe mir selber--Dein Bruder ist der ungezogenste +Junge den ich kenne: neulich hat er mir eine Ohrfeige +gegeben und ich durft ihm nichts dafür thun, durft +nicht einmal drüber klagen. Dein Vater hätt ihm gleich +Arm und Bein gebrochen und die gnädige Mama alle Schuld +zuletzt auf mich geschoben. + +Gustchen. +Aber um meinetwillen--Ich dachte, Du liebtest mich. + +Läuffer. (stützt sich mit der andern Hand auf ihrem +Bett, indem sie fortfährt seine eine Hand von Zeit zu +Zeit an die Lippen zu bringen.) +Laß mich denken...(bleibt nachsinnend sitzen) + +Gustchen. (in der beschriebenen Pantomime) +O Romeo! Wenn dies Deine Hand wäre.--Aber so verlässest +Du mich, unedler Romeo! Siehst nicht, daß Deine Julie +für Dich stirbt--von der ganzen Welt, von ihrer +ganzen Familie gehaßt, verachtet, ausgespyen. (drückt +seine Hand an ihre Augen) O unmenschlicher Romeo! + +Läuffer. (sieht auf) +Was schwärmst Du wieder? + +Gustchen. +Es ist ein Monolog aus einem Trauerspiel, den ich +gern recitire, wenn ich Sorgen habe. (Läuffer fällt +wieder in Gedanken, nach einer Pause fängt sie wieder +an) Vielleicht bist Du nicht ganz strafbar. Deines +Vaters Verbot, Briefe mit mir zu wechseln, aber die +Liebe setzt über Meere und Ströme, über Verbot und +Todesgefahr selbst--Du hast mich vergessen... +Vielleicht besorgtest Du für mich--ja,--ja, Dein +zärtliches Herz sah, was mir drohte, für schröcklicher +an, als das was ich leide. (küßt Läuffers Hand inbrünstig) +O göttlicher Romeo! + +Läuffer. (küßt ihre Hand lange wieder und sieht sie +eine Weile stumm an) +Es könnte mir gehen wie Abälard-- + +Gustchen. (richtet sich auf) +Du irrst Dich--Meine Krankheit liegt im Gemüth-- +Niemand wird Dich muthmaßen--(fällt wieder hin) Hast +Du die neue Heloise gelesen? + +Läuffer. +Ich höre was auf dem Gang nach der Schulstube.-- + +Gustchen. +Meines Vaters--Um Gotteswillen!--Du bist drey +Viertelstund zu lang hiergeblieben. + +(Läuffer läuft fort) + + +Sechste Scene. + +Die Majorin. Graf Wermuth. + + +Graf. +Aber gnädige Frau! kriegt man denn Fräulein Gustchen +gar nicht mehr zu sehen? Wie befindt sie sich auf die +vorgestrige Jagd? + +Majorin. +Zu Ihrem Befehl; sie hat die Nacht Zahnschmerzen +gehabt, darum darf sie sich heut nicht sehen lassen. +Was macht Ihr Magen, Graf! auf die Austern? + +Graf. +O das bin ich gewohnt. Ich habe neulich mit meinem +Bruder ganz allein auf unsre Hand sechshundert Stück +aufgegessen und zwanzig Bouteillen Champagner dabey +ausgetrunken. + +Majorin. +Rheinwein wollten Sie sagen. + +Graf. +Champagner--Es war eine Idee, und ist uns beyden +recht gut bekommen. Denselben Abend war Ball in +Königsberg, mein Bruder hat bis an den andern Mittag +getanzt und ich Geld verloren. + +Majorin. +Wollen wir ein Piquet machen? + +Graf. +Wenn Fräulein Gustchen käme, macht' ich ein Paar +Touren im Garten mit ihr. Ihnen, gnädige Frau, darf +ichs nicht zumuthen; mit Ihrer Fontenelle am Fuß. + +Majorin. +Ich weiß auch nicht, wo der Major immer steckt. Er +ist in seinem Leben so rasend nicht auf die Oekonomie +gewesen; den ganzen ausgeschlagenen Tag auf dem Felde +und wenn er nach Hause kommt, sitzt er stumm wie ein +Stock. Glauben Sie, daß ich anfange mir Gedanken drüber +zu machen. + +Graf. +Er scheint melancholisch. + +Majorin. +Weiß es der Himmel--Neulich hatt' er wieder einmal +den Einfall bey mir zu schlafen, und da ist er mitten +in der Nacht aus dem Bett' aufgesprungen und hat sich-- +He he, ich soll es Ihnen nicht erzehlen, aber Sie +kennen ja die lächerliche Seite von meinem Mann schon. + +Graf. +Und hat sich ... + +Majorin. +Auf die Knie niedergeworfen und an die Brust geschlagen +und geschluchzt und geheult, daß mir zu grauen anfieng. +Ich hab ihn aber nicht fragen mögen, was gehen mich +seine Narrheiten an? Mag er Pietist oder Quacker +werden. Meinethalben! Er wird dadurch weder häßlicher +noch liebenswürdiger in meinen Augen werden, als er +ist. (sieht den Grafen schalkhaft an) + +Graf. (faßt sie ans Kinn) +Boßhafte Frau!--Aber wo ist Gustchen? Ich möchte gar +zu gern mit ihr spatzieren gehn. + +Majorin. +Still da kommt ja der Major ... Sie können mit ihm +gehen, Graf. + +Graf. +Denk doch--Ich will nun aber mit Ihrer Tochter gehn. + +Majorin. +Sie wird noch nicht angezogen seyn: es ist was +unausstehliches, wie faul das Mädchen ist-- + +(Major von Berg kommt im Nachtwämmschen, einen +Strohhut auf.) + +Majorin. +Nun wie stehts, Mann? Wo treiben Sie Sich denn wieder +herum? Man kriegt Sie ja den ganzen Tag nicht zu sehen. +Sehn Sie ihn nur an Herr Graf; sieht er doch wie der +Heavtontimorumenos in meiner großen Madame Dacier +abgemahlt--Ich glaube, Du hast gepflügt, Herr Major? +Wir sind itzt in den Hundstagen. + +Graf. +In der That, Herr Major, Sie haben noch nie so übel +ausgesehen, blaß, hager, Sie müssen etwas haben, das +Ihnen auf dem Gemüth liegt, was bedeuten die Thränen +in Ihren Augen, sobald man Sie aufmerksam ansieht? +Ich kenne Sie doch zehn Jahr schon und habe Sie nie +so gesehen, selbst da nicht, als Ihr Bruder starb. + +Majorin. +Geitz, nichts als der leidige Geitz, er meynt, wir +werden verhungern, wenn er nicht täglich wie ein +Maulwurf auf dem Felde wühlt. Bald gräbt er, bald +pflügt er, bald eggt er. Du willst doch nicht Bauer +werden? Du mußt mir vorher einen andern Mann geben, +der die Aufsicht über Dich führt. + +Major. +Ich muß wohl schaffen und scharren, meiner Tochter +einen Platz im Hospital auszumachen. + +Majorin. +Was sind das nun wieder für Phantasien!--Ich muß +wahrhaftig den Doktor Würz noch aus Königsberg holen +lassen. + +Major. +Du siehst nimmer nichts, vornehme Frau! daß Dein Kind +von Tag zu Tag abfällt, daß sie Schönheit, Gesundheit +und den ganzen Plunder verliert und dahergeht, als ob +sie, hol mich der Teufel--Gott verzeyh mir meine +schwere Sünde,--als ob der arme Lazarus sie gemacht +hätte--Es frißt mir die Leber ab-- + +Majorin. +Hören Sie ihn nur! Wie er mich anfährt! Bin ich schuld +daran? Bist du denn wahnwitzig? + +Major. +Ja freylich bist Du schuld daran, oder was ist sonst +schuld daran? Ich kann's, zerschlag mich der Donner! +nicht begreifen. Ich dacht immer, ihr eine der ersten +Parthien im Reich auszumachen; denn sie hat auf der +ganzen Welt an Schönheit nicht ihres gleichen gehabt +und nun sieht sie aus wie eine Kühmagd--Ja freilich +bist Du schuld daran mit Deiner Strenge und Deinen +Grausamkeiten und Deinem Neid, das hat sie sich zu +Gemüth gezogen und das ist ihr nun zum Gesicht +herausgeschlagen, aber das ist Deine Freude, gnädige +Frau, denn Du bist lang schalu über sie gewesen. Das +kannst Du doch nicht leugnen? Solltst Dich in Dein +Herz schämen, wahrhaftig! (geht ab) + +Majorin. +Aber ... aber was sagen Sie dazu, Herr Graf! Haben +Sie in Ihrem Leben eine ärgere Kollektion von Sottisen +gesehen? + +Graf. +Kommen Sie; wir wollen Piquet spielen, bis Fräulein +Gustchen angezogen ist.. + + +Siebente Scene. + +In Halle. +Fritz von Berg. (im Gefängniß) Bollwerk. +von Seiffenblase und sein Hofmeister. (stehn um ihn) + + +Bollwerk. +Wenn ich doch den Jungen hier hätte, daß Fell zög' +ich ihm über die Ohren. Es ist mit alledem doch +infam gehandelt, einen ehrlichen Jungen, wie Berg, +ins Karcer zu bringen; da sich keiner sein hat +annehmen wollen. Denn das ist ja wahr, kein einziger +Landsmann hat den Fuß vor die Thür seinethalben +gesetzt. Wenn Berg nicht gut für ihn gesagt hätte, +wär' er im Gefängniß verfault. Und in vierzehn Tagen +soll das Geld hier seyn und wo er den Berg in +Verlegenheit läßt, soll man ihn für einen ausgemachten +Schurken halten. O du verdammter Pä Pä Pä Pä Pätus! +Wart Du verhenkerter Pätus, wart einmal!-- + +Hofmeister. +Ich kann Ihnen nicht genug beschreiben, lieber Herr +von Berg, wie leyd es mir besonders um Ihres Herrn +Vaters und der Familie willen thut, Sie in einem +solchen Zustande zu sehen und noch dazu ohne Ihre +Schuld, aus blosser jugendlicher Unbesonnenheit. +Es hat schon einer von den sieben Weisen +Griechenlandes gesagt, für Bürgschaften sollst du +dich in Acht nehmen und in der That es ist nichts +unverschämter, als daß ein junger Durchbringer, der +sich durch seine lüderliche Wirthschaft ins Elend +gestürzt hat, auch andere mit hineinziehen will, +denn vermuthlich hat er das gleich anfangs im Sinne +gehabt, als er auf der Akademie Ihre Freundschaft +suchte. + +Herr von Seiffenblase. +Jaja, lieber Bruder Berg! nimm mir nicht übel, da +hast Du einen großen Bock gemacht. Du bist selbst +schuld daran; dem Kerl hättst Du's doch gleich +ansehen können, daß er Dich betrügen würde. Er ist +bey mir auch gewesen und hat mich angesprochen: er +wär' aufs äusserste getrieben, seine Kreditores +wollten ihn wegstecken lassen, wo ihn nicht Sonn +noch Mond beschiene. Laß sie dich, dachte ich, es +schadt dir nichts. Das ist dafür, daß Du uns sonst +kaum über die Achsel ansahst, aber wenn ihr in Noth +seyd, da sind die Adelichen zu Kaventen gut genug. +Er erzehlte mir Langes und Breites; er hätte seine +Pistolen schon geladen, im Fall die Kreditores ihn +angriffen--Und nun läßt der lüderliche Hund Dich an +seiner Stelle prostituiren. Das ist wahr, wenn mir +das geschehen wäre: ich könnte so ruhig nicht dabey +seyn: zwischen vier Mauren der Herr von Berg und das +um eines lüderlichen Studenten willen. + +Fritz. +Er war mein Schulkamerad--Laßt ihn zufrieden. Wenn +ich mich nicht über ihn beklage, was geht's Euch an? +Ich kenn' ihn länger als Ihr; ich weiß, daß er mich +nicht mit seinem guten Willen hier sitzen läßt. + +Hofmeister. +Aber, Herr von Berg, wir müssen in der Welt mit +Vernunft handeln. Sein Schade ist es gewiß nicht, +daß Sie hier für ihn sitzen und seinethalben können +Sie noch ein Sekulum so sitzen bleiben-- + +Fritz. +Ich hab' ihn von Jugend auf gekannt: wir haben uns +noch niemals was abgeschlagen. Er hat mich wie seinen +Bruder geliebt, ich ihn wie meinen. Als er nach Halle +reißte, weint' er zum erstenmal in seinem Leben, weil +er nicht mit mir reisen konnte. Ein ganzes Jahr früher +hätt' er schon auf die Akademie gehn können, aber um +mit mir zusammen zu reisen, stellt' er sich gegen +die Präceptores dummer als er war, und doch wollt es +das Schicksal und unsre Väter so, daß wir nicht +zusammen reißten und das war sein Unglück. Er hat nie +gewußt mit Geld umzugehen und gab jedem was er +verlangte. Hätt' ihm ein Bettler das letzte Hemd vom +Leibe gezogen und dabey gesagt: mit Ihrer Erlaubnis, +lieber Herr Pätus, er hätt's ihm gelassen. Seine +Kreditores giengen mit ihm um wie Strasenräuber und +sein Vater verdiente nie, einen verlornen Sohn zu +haben, der bey all seinem Elend ein so gutes Herz +nach Hause brachte. + +Hofmeister. +O verzeyhn Sie mir, Sie sind jung und sehen alles noch +aus dem vortheilhaftesten Gesichtspunkt an: man muß +erst eine Weile unter den Menschen gelebt haben um +Charaktere beurtheilen zu können. Der Herr Pätus, oder +wie er da heißt, hat sich Ihnen bisher immer nur unter +der Maske gezeigt; jetzt kommt sein wahres Gesicht +erst ans Tageslicht: er muß einer der feinsten und +abgefeimtesten Betrüger gewesen seyn, denn die +treuherzigen Spitzbuben... + +Pätus. (in Reisekleidern fällt Berg um den Hals) +Bruder Berg-- + +Fritz v. Berg. +Bruder Pätus-- + +Pätus. +Nein--laß--zu Deinen Füßen muß ich liegen--Dich +hier--um meinetwillen. (rauft sich das Haar mit +beyden Händen und stampft mit den Füßen) O Schicksal! +Schicksal! Schicksal! + +Fritz. +Nun wie ists? Hast Du Geld mitgebracht? Ist Dein +Vater versöhnt? Was bedeutet Dein Zurückkommen? + +Pätus. +Nichts, nichts--Er hat mich nicht vor sich gelassen-- +Hundert Meilen umsonst gereißt!--Ihr Diener, Ihr +Herren. Bollwerk wein' nicht, Du erniedrigst mich zu +tief, wenn Du gut für mich denkst--O Himmel, Himmel! + +Fritz. +So bist Du der ärgste Narr, der auf dem Erdboden +wandelt. Warum kommst Du zurück? Bist Du wahnwitzig? +Haben alle Deine Sinne Dich verlassen? Willst Du, daß +die Kreditores Dich gewahr werden--Fort! Bollwerk, +führ ihn fort; sieh daß Du ihn sicher aus der Stadt +bringst--Ich höre den Pedell--Pätus, ewig mein Feind, +wo Du nicht im Augenblick-- + +Pätus. (wirft sich ihm zu Füßen) + +Fritz. +Ich möchte rasend werden.-- + +Bollwerk. +So sey doch nun kein Narr, da Berg so großmüthig ist +und für Dich sitzen bleiben will; sein Vater wird ihn +schon auslösen: aber wenn Du einmal sitzest, so ist +keine Hofnung mehr für Dich; Du must im Gefängniß +verfaulen. + +Pätus. +Gebt mir einen Degen her ... + +Fritz. +Fort!-- + +Bollwerk. +Fort!-- + +Pätus. +Ihr thut mir eine Barmherzigkeit, wenn ihr mir einen +Degen-- + +Seiffenblase. +Da haben Sie meinen... + +Bollwerk. (greift ihn in den Arm) +Herr--Schurke! Lassen Sie--Stecken Sie nicht ein! +Sie sollen nicht umsonst gezogen haben. Erst will ich +meinen Freund in Sicherheit und dann erwarten Sie mich +hier--Draußen, wohl zu verstehen; also vor der Hand +zur Thür hinaus! (wirft ihn zur Thür hinaus) + +Hofmeister. +Mein Herr Bollwerk-- + +Bollwerk. +Kein Wort, Sie--gehen Sie Ihrem Jungen nach und lehren +Sie ihn, kein schlechter Kerl seyn--Sie können mich +haben wo und wie Sie wollen. (der Hofmeister geht ab) + +Pätus. +Bollwerk! ich will Dein Sekundant seyn. + +Bollwerk. +Narr auch! Du thust als--Willst Du mir den Handschuh +vielleicht halten, wenn ich vorher eins übern Daumen +pisse?--Was brauchts da Sekundanten. Komm nur fort +und sekundire Dich zur Stadt hinaus, Hasenfuß. + +Pätus. +Aber ihrer sind zwey. + +Bollwerk. +Ich wünschte, daß ihrer zehn wären und keine +Seiffenblasen drunter--So komm doch, und mach Dich +nicht selbst unglücklich, närrischer Kerl. + +Pätus. +Berg!--(Bollwerk reißt ihn mit sich fort) + + + +Dritter Akt. + + +Erste Scene. + +In Heidelbrunn. + +Der Major. (im Nachtwämmschen) Der geheime Rath. + + +Major. +Bruder, ich bin der alte nicht mehr. Mein Herz sieht +zehnmal toller aus als mein Gesicht--Es ist sehr gut, +daß Du mich besuchst; wer weiß, ob wir uns so lang mehr +sehen. + +Geh. Rath. +Du bist immer ausschweifend, in allen Stücken--Dir +ein Nichts so zu Herzen gehen zu lassen!--Wenn Deiner +Tochter die Schönheit abgeht, so bleibt sie doch immer +noch das gute Mädchen, das sie war; so kann sie hundert +andre liebenswürdige Eigenschaften besitzen. + +Major. +Ihre Schönheit--Hol mich der Teufel, es ist nicht +das allein, was ihr abgeht; ich weiß nicht, ich werde +noch den Verstand verlieren, wenn ich das Mädchen +lang unter Augen behalte. Ihre Gesundheit ist hin, +ihre Munterkeit, ihre Lieblichkeit, weiß der Teufel, +wie man das Dings all nennen soll; aber obschon ichs +nicht nennen kann, so kann ichs doch sehen, so kann +ichs doch fühlen und begreifen, und Du weist, daß ich +aus dem Mädchen meinen Abgott gemacht habe. Und daß +ich sie so sehn muß unter meinen Händen hinsterben, +verwesen.--(weint) Bruder geheimer Rath, Du hast keine +Tochter; Du weißt nicht, wie einem Vater zu Muth seyn +muß, der eine Tochter hat. Ich hab dreyzehn Bataillen +beygewohnt und achtzehn Blessuren bekommen, und hab +den Tod vor Augen gesehen und bin--O laß mich +zufrieden; pack Dich zu meinem Haus hinaus; laß die +ganze Welt sich fortpacken. Ich will es anstecken +und die Schaufel in die Hand nehmen und Bauer werden. + +Geh. Rath. +Und Frau und Kinder-- + +Major. +Du beliebst zu scherzen: ich weiß von keiner Frau und +Kindern, ich bin Major Berg gottseligen Andenkens und +will den Pflug in die Hand nehmen und will Vater Berg +werden, und wer mir zu nahe kommt, dem geb ich mit +meiner Hack' über die Ohren. + +Geh. Rath. +So schwermerisch-schwermüthig hab ich ihn doch nie +gesehen. + +(Die Majorin stützt herein.) + +Majorin. +Zu Hülfe Mann--Wir sind verloren--Unsere Familie! +unsere Familie! + +Geh. Rath. +Gott behüt Frau Schwester! Was stehen Sie an: Wollen +Sie Ihren Mann rasend machen? + +Majorin. +Er soll rasend werden--Unsere Familie--Infamie!-- +O ich kann nicht mehr--(fällt auf einen Stuhl) + +Major. (geht auf sie zu) +Willst Du mit der Sprach' heraus?--Oder ich dreh Dir +den Hals um. + +Majorin. +Deine Dochter--Der Hofmeister.--Lauf! (fällt in Ohnmacht) + +Major. +Hat er sie zur Hure gemacht? (schüttelt sie) Was fällst +Du da hin; jetzt ists nicht Zeit zum hinfallen. Heraus +mit, oder das Wetter soll Dich zerschlagen. Zur Hure +gemacht? Ists das?--Nun so werd' denn die ganze Welt +zur Hure und Du Berg nimm die Mistgabel in die Hand-- +(will gehen) + +Geh. Rath. (hält ihn zurück) +Bruder, wenn Du Dein Leben lieb hast, so bleib hier-- +Ich will alles untersuchen--Deine Wut macht Dich +unmündig. (geht ab und schließt die Thür zu) + +Major. (arbeitet vergebens sie aufzumachen) +Ich werd Dich beunmündig--(zu seiner Frau) Komm, komm, +Hure, Du auch! sieh zu. (reißt die Thür auf) Ich will +ein Exempel statuiren--Gott hat mich bis hieher +erhalten, damit ich an Weib und Kindern Exempel +statuiren kann--Verbrannt, verbrannt, verbrannt! +(schleppt seine Frau ohnmächtig vom Theater) + + +Zweyte Scene. + +Eine Schule im Dorf +Es ist finstrer Abend. +Wenzeslaus. Läuffer. + + +Wenzeslaus. (sitzt an einem Tisch, die Brill auf der +Nase und lineirt) +Wer da? Was giebts? + +Läuffer. +Schutz! Schutz! werther Herr Schulmeister! Man steht +mir nach dem Leben. + +Wenzeslaus. +Wer ist Er denn? + +Läuffer. +Ich bin Hofmeister im benachbarten Schloß. Der Major +Berg ist mit all seinen Bedienten hinter mir und wollen +mich erschießen. + +Wenzeslaus. +Behüte--Setz' Er Sich hier nieder zu mir--Hier hat +Er meine Hand: Er soll sicher bey mir seyn--Und nun +erzehl Er mir, derweil ich diese Vorschrift hier +schreibe. + +Läuffer. +Lassen Sie mich erst zu mir selber kommen. + +Wenzeslaus. +Gut, verschnauf' Er Sich und hernach will ich Ihm ein +Glas Wein geben lassen und wollen eins zusammen trinken. +Unterdessen, sag er mich doch--Hofmeister--(legt das +Lineal weg, nimmt die Brille ab und sieht ihn eine +Weile an) Nun ja, nach dem Rock zu urtheilen.--Nun +nun, ich glaubs Ihm, daß Er der Hofmeister ist. Er +sieht ja so roth und weiß drein. Nun sag Er mir aber +doch, mein lieber Freund, (setzt die Brille wieder auf) +wie ist Er denn zu dem Unstern gekommen, daß Sein Herr +Patron so entrüstet auf Ihn ist? Ich kann mirs doch +nimmermehr einbilden, daß ein Mann, wie der Herr Major +von Berg--Ich kenne ihn wohl; ich habe genug von ihm +reden hören; er soll freilich von einem hastigen +Temperament seyn; viel Cholera, viel Cholera--Sehen +Sie, da muß ich meinen Buben selber die Linien ziehen, +denn nichts lernen die Bursche so schwer als das +Gradeschreiben, das Gleichschreiben--Nicht zierlich +geschrieben; nicht geschwind geschrieben; sag' ich +immer, aber nur grad geschrieben, denn das hat seinen +Einfluß in alles, auf die Sitten, auf die Wissenschaften, +in alles, lieber Herr Hofmeister. Ein Mensch, der nicht +grad schreiben kann, sag' ich immer, der kann auch nicht +grad handeln--Wo waren wir? + +Läuffer. +Dürft' ich mir ein Glas Wasser ausbitten? + +Wenzeslaus. +Wasser?--Sie sollen haben. Aber--ja wovon redten wir? +Vom Gradschreiben; nein vom Major--he he he--Aber +wissen Sie auch Herr--Wie ist Ihr Name? + +Läuffer. +Mein--Ich heiße--Mandel. + +Wenzeslaus. +Herr Mandel--Und darauf mußten Sie Sich noch besinnen? +Nun ja, man hat bisweilen Abwesenheiten des Geistes; +besonders die jungen Herren weiß und roth--Sie heißen +unrecht Mandel; Sie sollten Mandelblüthe heißen, denn +Sie sind ja weiß und roth wie Mandelblüthe--Nun ja +freilich, der Hofmeisterstand ist einer von denen, +unus ex his, die alleweile mit Rosen und Lilien +überstreut sind, und wo einen die Dornen des Lebens +nur gar selten stechen. Denn was hat man zu thun? Man +ißt, trinkt, schläft, hat für nichts zu sorgen; sein +gut Glas Wein gewiß, seinen Braten täglich, alle +Morgen seinen Kaffee, Thee, Schokolade, oder was man +trinkt und das geht denn immer so fort--Nun ja, ich +wollt Ihnen sagen: wissen Sie auch, Herr Mandel, daß +ein Glas Wasser der Gesundheit eben so schädlich auf +eine heftige Gemüthsbewegung als auf eine heftige +Leibesbewegung; aber freylich, was fragt Ihr jungen +Herren Hofmeister nach der Gesundheit--Denn sagt mir +doch, (legt Brille und Lineal weg und steht auf) wo +in aller Welt kann das der Gesundheit gut thun, wenn +alle Nerven und Adern gespannt sind und das Blut ist +in der heftigsten Cirkulation und die Lebensgeister +sind alle in einer--Hitze, in einer-- + +Läuffer. +Um Gotteswillen der Graf Wermuth--(springt in eine +Kammer) + +(Graf Wermuth mit ein Paar Bedienten, die Pistolen +tragen) + +Graf. +Ist hier ein gewisser Läuffer--Ein Student im blauen +Rock mit Tressen? + +Wenzeslaus. +Herr, in unserm Dorf ists die Mode, daß man den Hut +abzieht, wenn man in die Stube tritt und mit dem Herrn +vom Hause spricht. + +Graf. +Die Sache pressirt--Sagt mir, ist er hier oder nicht? + +Wenzeslaus. +Und was soll er denn verbrochen haben, daß Ihr ihn so +mit gewafneter Hand sucht?(Graf will in die Kammer, er +stellt sich vor die Thür) Halt Herr! Die Kammer ist +mein, und wo Ihr nicht augenblicklich Euch aus meinem +Hause packt, so zieh ich nur an meiner Schelle und +ein halb Dutzend handfester Bauerkerle schlägt Euch +zu morsch Pulver-Granatenstücken. Seyd Ihr Strassenräuber, +so muß man Euch als Strassenräubern begegnen. Und damit +Ihr Euch nicht verirrt und den Weg zum Haus' hinaus so +gut findt als Ihr ihn hinein gefunden habt--(faßt ihn +an die Hand und führt ihn zur Thür hinaus: die Bedienten +folgen ihm) + +Läuffer. (springt aus der Kammer hervor) +Glücklicher Mann! Beneidenswerther Mann! + +Wenzeslaus. (in der obigen Attitude) +In--Die Lebensgeister sagt' ich, sind in einer-- +Begeisterung, alle Passionen sind gleichsam in einer +Empörung, in einem Aufruhr--Nun wenn Ihr da Wasser +trinkt, so gehts, wie wenn man in eine mächtige Flamme +Wasser schüttet. Die starke Bewegung der Luft und der +Krieg zwischen den beyden entgegengesetzten Elementen +macht eine Effervescenz, eine Gährung, eine Unruhe, +ein tumultuarisches Wesen.-- + +Läuffer. +Ich bewundere Sie... + +Wenzeslaus. +Gottlieb!--Jetzt können Sie schon allgemach trinken-- +Allgemach--und denn werden Sie auf den Abend mit einem +Sallat und Knackwurst vorlieb nehmen--Was war das für +ein ungeschliffener Kerl, der nach Ihnen suchte? + +Läuffer. +Es ist der Graf Wermuth, der künftige Schwiegersohn des +Majors; er ist eifersüchtig auf mich, weil das Fräulein +ihn nicht leiden kann-- + +Wenzeslaus. +Aber was soll denn das auch? Was will das Mädchen denn +auch mit ihm Monsieur Jungfernknecht? Sich ihr Glück zu +verderben, um eines solchen jungen Siegfrieds willen, +der nirgends Haus oder Heerd hat? Das laß Er sich aus +dem Kopf und folg' Er mir nach in die Küche. Ich seh, +mein Bube ist fortgangen, mir Bratwürste zu holen. Ich +will ihm selber Wasser schöpfen, denn Magd hab' ich +nicht und an eine Frau hab' ich mich noch nicht +unterstanden zu denken, weil ich weiß, daß ich keine +ernähren kann--geschweige denn eine drauf angesehen, +wie Ihr junge Herren Weiß und Roth--Aber man sagt wohl +mit Recht, die Welt verändert sich. + + +Dritte Scene. + +In Heidelbrunn. +Der Geheime Rath. Herr von Seiffenblase, und sein +Hofmeister. + + +Hofmeister. +Wir haben uns in Halle nur ein Jahr aufgehalten und +als wir von Göttingen kamen, nahmen wir unsere Rückreise +über alle berühmte Universitäten in Deutschland. Wir +konnten also in Halle das zweytemal nicht lange +verweilen; zudem saß Ihr Herr Sohn grade zu der Zeit +in dem unglücklichen Arrest, wo ich ihn nur einigemal +zu sprechen die Ehre haben konnte: also könnt ich Ihnen +aufrichtig von der Führung Dero Herrn Sohns draussen +keine umständliche Nachricht geben. + +Geh. Rath. +Der Himmel verhängt Strafen über unsre ganze Familie. +Mein Bruder--Ich wills Ihnen nur nicht verheelen, +denn leider ist Stadt und Land voll davon--hat das +Unglück gehabt, daß seine Tochter ihm verschwunden ist, +ohne daß eine Spur von ihr anzutreffen--Ich höre itzt +von meinem Sohn--Wenn er sich gut geführt hätte, wie +wärs möglich gewesen, ihn ins Gefängniß zu bringen? +Ich hab ihm ausser seinem starken Wechsel noch alle +halbe Jahr außerordentliche geschickt; auf allen Fall-- + +Hofmeister. +Die bösen Gesellschaften; die erstaunenden Verführungen +auf Akademien. + +Seiffenblase. +Das seltsamste dabey ist, daß er für einen andern sitzt; +ein Ausbund aller Lüderlichkeit, ein Mensch, für den +ich keinen Groschen ausgäbe und er auf meinem Misthaufen +Hungers krepirte. Er ist hier gewesen, Sie werden von +ihm gehört haben; er suchte Geld bey seinem Vater, +unter dem Vorwand, Ihren Herrn Sohn auszulösen; +vermuthlich wär' er damit auf eine andere Akademie +gegangen und hätte von frischem angefangen zu +wirthschaften. Ich weiß schon, wie's die lüderlichen +Studenten machen, aber sein Vater hat den Braten gerochen +und hat ihn nicht vor sich kommen lassen. + +Geh. Rath. +Doch wohl nicht der junge Pätus, des Rathsherrn Sohn? + +Seiffenblase. +Ich glaub', es ist derselbe. + +Geh. Rath. +Jedermann hat dem Vater die Härte verdacht. + +Hofmeister. +Ja was ist da zu verdenken, mein gnädiger Herr geheimer +Rath; wenn ein Sohn die Güte des Vaters zu sehr +misbraucht, so muß sich das Vaterherz wohl ab von ihm +wenden. Der Hohepriester Eli war nicht hart und brach +den Hals. + +Geh. Rath. +Gegen die Ausschweifungen seiner Kinder kann man nie +zu hart seyn, aber wol gegen ihr Elend. Der junge Mensch +soll hier haben betteln müssen. Und mein Sohn sitzt um +seinetwillen? + +Seiffenblase. +Was anders? Er war sein vertrautester Freund und fand +niemand würdiger, mit ihm die Komödie von DAMON und +PYTHIAS zu spielen. Noch mehr, Herr Pätus kam zurück +und wollte seinen Platz wieder einnehmen, aber Ihr +Sohn bestund drauf, er wollte sitzen bleiben: Sie +würden ihn schon auslösen, und Pätus mit einem andern +Erzrenomisten und Spieler wollten die Flucht nehmen +und sich zu helfen suchen, so gut sie könnten. +Vielleicht überfallen sie wieder so irgend einen +armen Studenten mit Masken vor den Gesichtern auf der +Stube und nehmen ihm die Uhr und Goldbörse, mit der +Pistol auf der Brust, weg, wie sie's in Halle schon +einem gemacht haben. + +Geh. Rath. +Und mein Sohn ist der dritte aus diesem Kleeblatt? + +Seiffenblase. +Ich weiß nicht, Herr geheimer Rath. + +Geh. Rath. +Kommen Sie zum Essen, meine Herren! Ich weiß schon +zuviel. Es ist ein Gericht Gottes über gewisse Familien; +bey einigen sind gewisse Krankheiten erblich, bey +andern arten die Kinder aus, die Väter mögen thun was +sie wollen. Essen Sie: ich will fasten und bethen, +vielleicht hab' ich diesen Abend durch die +Ausschweifungen meiner Jugend verdient. + + +Vierte Scene. + +Die Schule. +Wenzeslaus und Läuffer. +(an einem ungedeckten Tisch speisend) + + +Wenzeslaus. +Schmeckts? Nicht wahr, es ist ein Abstand von meinem +Tisch und des Majors? Aber wenn der Schulmeister +Wenzeslaus seine Wurst ißt, so hilft ihm das gute +Gewissen verdauen, und wenn der Herr Mandel +Kapaunenbraten mit der Schampignonsauce aß, so stieß +ihm sein Gewissen jeden Bissen, den er hinabschluckte, +mit der Moral wieder in Hals zurück: Du bist ein-- +Denn sagt mir einmal, lieber Herr Mandel; nehmt mir +nicht übel, daß ich Euch die Wahrheit sage; das würzt +das Gespräch wie Pfeffer den Gurkensallat; sagt mir +einmal, ist das nicht hundsvöttisch, wenn ich davon +überzeugt bin, daß ich ein Ignorant bin, und meine +Untergebenen nichts lehren kann, und also müßig bey +ihnen gehe und sie müßig gehen lasse, und dem lieben +Gott ihren Tag stehlen und doch hundert Dukaten-- +Wars nicht soviel? Gott verzeyh mir, ich hab in meinem +Leben nicht so viel Geld auf einem Haufen beisammen +gesehen! Hundert funfzig Dukaten, sag' ich, in Sack +stecke, für nichts und wieder nichts! + +Läuffer. +O! und Sie haben noch nicht alles gesagt, Sie kennen +Ihren Vorzug nicht ganz, oder fühlen ihn, ohn' ihn zu +kennen. Haben Sie nie einen Sklaven im betreßten Rock +gesehen? O Freyheit, güldene Freyheit! + +Wenzeslaus. +Ey was Freyheit! Ich bin auch so frey nicht; ich bin +an meine Schule gebunden, und muß Gott und meinem +Gewissen Rechenschaft von geben. + +Läuffer. +Eben das--Aber wie, wenn Sie den Grillen eines +wunderlichen Kopfs davon Rechenschaft ablegen müsten, +der mit Ihnen umgienge hundertmal ärger als Sie mit +Ihren Schulknaben? + +Wenzeslaus. +Ja nun--dann müst' er aber auch an Verstand so weit +über mich erhaben seyn, wie ich über meine Schulknaben, +und das trift man selten, glaub ich wol; besonders +bey unsern Edelleuten; da mögt Ihr wohl recht haben: +wenigstens der Flegel da, der mir vorhin in meine +Kammer wollte, ohne mich vorher um Erlaubniß zu bitten. +Wenn ich zum Herrn Grafen käme und wollt ihm, mir +nichts, dir nichts, die Zimmer visitiren--Aber potz +Millius, so eßt doch; Ihr macht ja ein Gesicht, als +ob Ihr zu Taxieren einnähmt. Nicht wahr, Ihr hättet +gern ein Glas Wein dazu? Ich hab Euch zwar vorhin eins +versprochen, aber ich habe keinen im Hause. Morgen +werd' ich wieder bekommen, und da trinken wir Sonntags +und Donnerstags, und wenn der Organist Franz zu uns +kommt, extra. Wasser, Wasser, mein Freund, ariston men +to udwr, das hab ich noch von der Schule mitgebracht, +und da eine Pfeife dazu geraucht nach dem Essen im +Mondenschein und einen Gang ums Feld gemacht; da läßt +sich drauf schlafen, vergnügter als der große Mogul-- +Ihr raucht doch eins mit heut? + +Läuffer. +Ich wills versuchen; ich hab' in meinem Leben nicht +geraucht. + +Wenzeslaus. +Ja freylich, Ihr Herren Weiß und Roth, das verderbt +Euch die Zähne. Nicht wahr? und verderbt Euch die +Farbe; nicht wahr? Ich habe geraucht, als ich kaum +von meiner Mutter Brust entwöhnt war; die Warze mit +dem Pfeifenmundstück verwechselt. He he he! Das ist +gut wider die böse Luft und wider die bösen Begierden +ebenfalls. Das ist so meine Diät: des Morgens kalt +Wasser und eine Pfeife, dann Schul gehalten bis Eilfe, +dann wieder eine Pfeife bis die Suppe fertig ist: die +kocht mir mein Gottlieb so gut als Eure französische +Köche, und da ein Stück Gebratenes und Zugemüse und +dann wieder eine Pfeife, dann wieder Schul gehalten, +dann Vorschriften geschrieben bis zum Abendessen; da +eß' ich denn gemeiniglich kalt etwas, eine Wurst mit +Sallat, ein Stück Käs oder was der liebe Gott gegeben +hat und dann wieder eine Pfeife vor Schlafengehen. + +Läuffer. +Gott behüte, ich bin in eine Tabagie gekommen-- + +Wenzeslaus. +Und da werd' ich dick und fett bey und lebe vergnügt +und denke noch ans Sterben nicht. + +Läuffer. +Es ist aber doch unverantwortlich, daß die Obrigkeit +nicht dafür sorgt, Ihnen das Leben angenehmer zu machen. + +Wenzeslaus. +Ey was, es ist nun einmal so; und damit muß man zufrieden +seyn: bin ich doch auch mein eignet Herr und hat kein +Mensch mich zu schikanieren, da ich alle Tage weiß, +daß ich mehr thu' als ich soll. Ich soll meinen Buben +lesen und schreiben lehren; ich lehre sie rechnen dazu +und lateinisch dazu und mit Vernunft lesen dazu und +gute Sachen schreiben dazu. + +Läuffer. +Und was für Lohn haben Sie dafür? + +Wenzeslaus. +Was für Lohn?--Will Er denn das kleine Stückchen Wurst +da nicht aufessen? Er kriegt nichts bessers; wart' Er +auf nichts bessers, oder Er muß das erstemal Seines +Lebens hungrig zu Bette gehn--Was für Lohn? Das war +dumm gefragt, Herr Mandel. Verzeyh Er mir; was für +Lohn? Gottes Lohn hab ich dafür, ein gutes Gewissen +und wenn ich da vielen Lohn von der Obrigkeit begehren +wollte, so hätt' ich ja meinen Lohn dahin. Will Er +denn den Gurkensallat durchaus verderben lassen? So +eß Er doch; so sey Er doch nicht blöde: bey einer +schmalen Mahlzeit muß man zum Kuckuck nicht blöde seyn. +Wart Er, ich will Ihm noch ein Stück Brod abschneiden. + +Läuffer. +Ich bin satt überhörig. + +Wenzeslaus. +Nun so laß Ers stehen; aber es ist seine eigne Schuld +wenn's nicht wahr ist. Und wenn es wahr ist, so hat Er +unrecht, daß Er Sich überhörig satt ißt, denn das macht +böse Begierden und schläfert den Geist ein. Ihr Herren +Weiß und Roth mögts glauben oder nicht. Man sagt zwar +auch vom Toback, daß er ein narkotisches, +schläfrigmachendes, dummmachendes Oel habe und ich +hab's bisweilen auch wol so wahrgefunden und bin +versucht worden, Pfeife und allen Henker ins Kamin +zu werfen, aber unsere Nebel hier herum beständig und +die feuchte Winter- und Herbstluft alleweile und denn +die vortrefliche Wirkung, die ich davon verspüre, daß +es zugleich die bösen Begierden mit einschläfert-- +Holla, wo seyd Ihr denn, lieber Mann? Eben da ich vom +Einschläfern rede, nickt Ihr schon; so gehts, wenn +der Kopf leer ist und faul dabey und niemals ist +angestrengt worden. Allons! frisch, eine Pfeife mit +mir geraucht! (stopft sich und ihm) Laßt uns noch +eins mit einander plaudern. (raucht) Ich hab Euch +schon vorhin in der Küche sagen wollen: ich sehe, +daß Ihr schwach in der Latinität seyd, aber da Ihr +doch eine gute Hand schreibt, wie Ihr sagt, so könntet +Ihr mir doch so Abends an die Hand gehen, weil ich +meiner Augen muß anfangen zu schonen, und meinen +Buben die Vorschriften schreiben. Ich will Euch +dabey Corderii Colloquia geben und Gürtleri Lexicon; +wenn Ihr fleißig seyn wollt. Ihr habt ja den ganzen +Tag für Euch, so könnt Ihr Euch in der lateinischen +Sprache was umthun, und wer weiß wenn es Gott gefällt +mich heute oder morgen von der Welt zu nehmen--Aber +Ihr müßt fleißig seyn, das sag' ich Euch, denn so +seyd Ihr ja noch kaum zum Kollaborator tüchtig, +geschweige denn--(trinkt) + +Läuffer. (legt die Pfeife weg) +Welche Demüthigung! + +Wenzeslaus. +Aber ... aber ... aber (reißt ihm den Zahnstocher aus +dem Munde) was ist denn das da? Habt Ihr denn noch nicht +einmal so viel gelernt, großer Mensch, daß Ihr für Euren +eignen Körper Sorge tragen könnt. Das Zähnestochern ist +ein Selbstmord; ja ein Selbstmord, eine muthwillige +Zerstöhrung Jerusalems, die man mit seinen Zähnen +vornimmt. Da, wenn Euch was im Zahn sitzen bleibt: +(nimmt Wasser und schwängt den Mund aus) So müßt Ihrs +machen, wenn Ihr gesunde Zähne behalten wollt, Gott +und eurem Nebenmenschen zu Ehren, und nicht einmal im +Alter herumlaufen, wie ein alter Kettenhund, dem die +Zähne in der Jugend ausgebrochen worden, und der die +Kinnbacken nicht zusammenhalten kann. Das wird einen +schönen Schulmeister abgeben, wills Gott, wenn ihm +aufs Alter die Worte ungebohren zum Munde herausfallen +und er zwischen Nase und Oberlippen da was +herausschnarcht, das kein Hund oder Hahn versteht. + +Läuffer. +Der wird mich noch zu Tode meistern--Das unerträglichste +ist, daß er Recht hat-- + +Wenzeslaus. +Nun wie gehts? Schmeckt Euch der Toback nicht? Ich +wette, nur ein paar Tage noch mit dem alten Wenzeslaus +zusammen, so werdt Ihr rauchen wie ein Bootsknecht. +Ich will Euch nach meiner Hand ziehen, daß Ihr Euch +selber nicht mehr wieder kennen sollt. + + + +Vierter Akt. + + +Erste Scene. + +Zu Insterburg. + +Geheimer Rath. Major. + + +Major. +Hier Bruder--Ich schweife wie Kain herum, unstät und +flüchtig--Weißt Du was? Die Russen sollen Krieg mit +den Türken haben; ich will nach Königsberg gehn, um +nähere Nachrichten einzuziehen: ich will mein Weib +verlassen und in der Türkey sterben. + +Geh. Rath. +Deine Ausschweifungen schlagen mich vollends zu Boden.-- +O Himmel, muß es denn von allen Seiten stürmen?--Da liß +den Brief vom Professor Mr. + +Major. +Ich kann nicht mehr lesen; ich hab meine Augen fast +blind geweint. + +Geh. Rath. +So will ich dir vorlesen, damit Du siehst, daß Du nicht +der einzige Vater seyst, der sich zu beklagen hat: "Ihr +Sohn ist vor einiger Zeit wegen Bürgschaft gefänglich +eingezogen worden: er hat, wie er mir vorgestern mit +Thränen gestanden, nach fünf vergeblich geschriebenen +Briefen keine Hofnung mehr, von Eurer Excellenz +Verzeihung zu erhalten. Ich redte ihm zu, sich zu +beruhigen, bis ich gleichfalls in dieser Sache mich +vermittelt hätte: er versprach es mir, ist aber +ungeachtet dieses Versprechens noch in derselben Nacht +heimlich aus dem Gefängniß entwischt. Die Schuldner +haben ihm Steckbriefe nachsenden und seinen Namen in +allen Zeitungen bekannt machen wollen; ich habe sie +aber dran verhindert und für die Summe gutgesagt, weil +ich viel zu sehr überzeugt bin, daß Eure Excellenz +diesen Schimpf nicht werden auf Dero Familie kommen +lassen. Uebrigens habe die Ehre, in Erwartung Dero +Entschlusses mich mit vollkommenster" ... + +Major. +Schreib ihm zurück: sie sollen ihn hängen. + +Geh. Rath. +Und die Familie-- + +Major. +Lächerlich! Es giebt keine Familie; wir haben keine +Familie. Narrenspossen! Die Russen sind meine Familie: +ich will Griechisch werden. + +Geh. Rath. +Und noch keine Spur von Deiner Tochter? + +Major. +Was sagst Du? + +Geh. Rath. +Hast nicht die geringste Nachricht von Deiner Tochter? + +Major. +Laß mich zufrieden. + +Geh. Rath. +Es ist doch Dein Ernst nicht, nach Königsberg zu reisen? + +Major. +Wenn mag doch die Post abgehn von Königsberg nach Warschau? + +Geh. Rath. +Ich werde Dich nicht fortlassen; es ist nur umsonst. +Meynst Du, vernünftige Leute werden sich von Deinen +Phantasien übertölpeln lassen? Ich kündige Dir hiermit +Hausarrest an. Gegen Leute, wie Du bist, muß man Ernst +gebrauchen, sonst verwandelt sich ihr Gram in Narrheit. + +Major. (weint) +Ein ganzes Jahr--Bruder geheimer Rath--Ein ganzes +Jahr--und niemand weiß, wohin sie gestoben oder geflogen +ist? + +Geh. Rath. +Vielleicht todt-- + +Major. +Vielleicht?--Gewiß todt--und wenn ich nur den Trost +haben könnte, sie noch zu begraben--aber sie muß sich +selbst umgebracht haben, weil mir niemand Anzeige von +ihr geben kann.--Eine Kugel durch den Kopf, Berg, oder +einen Türkenpallasch; das wär eine Victorie. + +Geh. Rath. +Es ist ja eben so wohl möglich, daß sie den Läuffer +irgendwo angetroffen und mit dem aus dem Lande gegangen. +Gestern hat mich Graf Wermuth besucht und hat mir gesagt, +er sey denselben Abend noch in eine Schule gekommen, wo +ihn der Schulmeister nicht hab' in die Kammer lassen +wollen: er vermuthet immer noch, der Hofmeister habe +drinn gesteckt, vielleicht Deine Tochter bey ihm. + +Major. +Wo ist der Schulmeister? Wo ist das Dorf? Und der +Schurke von Grafen ist nicht mit Gewalt in die Kammer +eingedrungen? Komm: wo ist der Graf? + +Geh. Rath. +Er wird wohl wieder im Hecht abgestiegen seyn, wie +gewöhnlich. + +Major. +O wenn ich sie auffände--Wenn ich nur hoffen könnte, +sie noch einmal wieder zu sehen--Hol mich der Kuckuk, +so alt wie ich bin und abgegrämt und wahnwitzig; ja hol +mich der Teufel, dann wollt' ich doch noch in meinem +Leben wieder einmal lachen, das letztemal laut lachen +und meinen Kopf in ihren entehrten Schooß legen und +denn wieder einmal heulen und denn--Adieu Berg! Das +wäre mir gestorben, das hieß mir sanft und selig im +Herrn entschlafen.--Komm Bruder, Dein Junge ist nur +ein Spitzbube geworden: das ist nur Kleinigkeit; an +allen Höfen giebts Spitzbuben; aber meine Tochter ist +eine Gassenhure, das heiß' ich einem Vater Freud machen: +vielleicht hat sie schon drey Lilien auf dem Rücken.-- +Vivat die Hofmeister und daß der Teufel sie holt! Amen. + +(gehn ab) + + +Zweite Scene. + +Eine Bettlerhütte im Walde. +Augustchen. (im groben Kittel.) +Marthe. (ein alt blindes Weib) + + +Gustchen. +Liebe Marthe, bleibt zu Hause und seht wohl nach dem +Kinde: es ist das erstemal, daß ich Euch allein lasse +in einem ganzen Jahr; also könnt Ihr mich nun wohl +auch einmal einen Gang für mich thun lassen. Ihr habt +Proviant für heut und Morgen; Ihr braucht also heute +nicht auf der Landstraß auszustehn. + +Marthe. +Aber wo wollt Ihr denn hin, Grethe; das Gott erbarm! +da Ihr noch so krank und so schwach seyd; laßt Euch +doch sagen: ich hab auch Kinder bekommen und ohne viele +Schmerzen, so wie Ihr, Gott sey Dank! aber einmal hab +ichs versucht, den zweyten Tag nach der Niederkunft +auszugehen und nimmermehr wieder; ich hatte schon meinen +Geist aufgegeben, wahrlich ich könne Euch sagen, wie +einem Todten zu Muthe ist--Laßt Euch doch lehren; wenn +Ihr was im nächsten Dorf zu bestellen habt, obschon ich +blind bin, ich will schon hinfinden; bleibt nur zu Hause +und macht daß Ihr zu Kräften kommt: ich will alles für +Euch ausrichten, was es auch sey. + +Gustchen. +Laßt mich nur, Mutter; ich hab Kräfte wie eine junge +Bärin--und seht nach meinem Kinde. + +Marthe. +Aber wie soll ich denn darnach sehen, Heilige Mutter +Gottes! da ich blind bin? Wenn es wird saugen wollen, +soll ichs an meine schwarze verwelkte Zitzen legen? +und es mit zu nehmen, habt Ihr keine Kräfte, bleibt zu +Hause, liebes Grethel, bleibt zu Hause. + +Gustchen. +Ich darf nicht, liebe Mutter, mein Gewissen treibt mich +fort von hier. Ich hab' einen Vater, der mich mehr +liebt als sein Leben und seine Seele. Ich habe die +vorige Nacht im Traum gesehen, daß er sich die weissen +Haare ausriß und Blut in den Augen hatte: er wird +meynen, ich sey todt. Ich muß ins Dorf und jemand +bitten, daß er ihm Nachricht von mir giebt. + +Marthe. +Aber hilf lieber Gott, wer treibt Euch denn? Wenn Ihr +nun unterwegens liegen bleibt? Ihr könnt nicht fort... + +Gustchen. +Ich muß--Mein Vater stand wankend; auf einmal warf +er sich auf die Erde und blieb todt liegen--Er bringt +sich um, wenn er keine Nachricht von mir bekommt. + +Marthe. +Wißt Ihr denn nicht, daß Träume grade das Gegentheil +bedeuten? + +Gustchen. +Bey mir nicht--Laßt mich--Gott wird mit mir seyn. +(geht ab) + + +Dritte Scene. + +Die Schule. +Wenzeslaus. Läuffer. (an einem Tisch sitzend) Der Major. +Der Geheime Rath und Graf Wermuth. +(treten herein mit Bedienten) + + +Wenzeslaus. (läßt die Brille fallen) +Wer da? + +Major. (mit gezogenem Pistol) +Daß Dich das Wetter! da sitzt der Haas im Kohl. (schießt +und trift Läuffern in Arm, der vom Stuhl fällt) + +Geh. Rath. (der vergeblich versucht hat ihn zurückzuhalten) +Bruder--(stößt ihn unwillig) So hab's denn darnach, +Tollhäusler! + +Major. +Was? ist er todt? (schlägt sich vors Gesicht) Was hab +ich gethan? Kann Er mir keine Nachricht mehr von meiner +Tochter geben? + +Wenzeslaus. +Ihr Herren! Ist das jüngste Gericht nahe, oder sonst +etwas? Was ist das? (zieht an seiner Schelle) Ich will +Euch lehren, einen ehrlichen Mann in seinem Hause +überfallen. + +Läuffer. +Ich beschwör' Euch: schellt nicht!--Es ist der Major; +ich hab's an seiner Tochter verdient. + +Geh. Rath. +Ist kein Chirurgus im Dorf, ehrlicher Schulmeister! Er +ist nur am Arm verwundet, ich will ihn kuriren lassen. + +Wenzeslaus. +Ey was kuriren lassen! Straßenräuber! schießt man Leute +übern Haufen, weil man so viel hat, daß man sie kuriren +lassen kann? Er ist mein Kollaborator; er ist eben ein +Jahr in meinem Hause: ein stiller, friedfertiger, +fleißiger Mensch, und sein Tage hat man nichts von ihm +gehört, und Ihr kommt und erschießt mir meinen Kollaborator +in meinem eignen Hause!--Das soll gerochen werden, oder +ich will nicht selig sterben. Seht Ihr das! + +Geh. Rath. (bemüht Läuffern zu verbinden) +Wozu das Geschwätz, lieber Mann? Es thut uns leyd genug-- +Aber die Wunde könnte sich verbluten, schaft uns nur +einen Chirurgus. + +Wenzeslaus. +Ey was! Wenn Ihr Wunden macht, so mögt Ihr sie auch +heilen, Strassenräuber! Ich muß doch nur zum Gevatter +Schöpsen gehen. (geht ab) + +Major. (zu Läuffern) +Wo ist meine Tochter? + +Läuffer. +Ich weiß es nicht. + +Major. +Du weißt nicht? (zieht noch eine Pistol hervor) + +Geh. Rath. (entreißt sie ihm und schießt sie aus dem +Fenster ab) +Sollen wir Dich mit Ketten binden lassen, Du-- + +Läuffer. +Ich habe sie nicht gesehen, seit ich aus Ihrem Hause +geflüchtet bin; das bezeug' ich vor Gott, vor dessen +Gericht ich vielleicht bald erscheinen werde. + +Major. +Also ist sie nicht mit Dir gelaufen? + +Läuffer. +Nein. + +Major. +Nun denn; so wieder eine Ladung Pulver umsonst verschossen! +Ich wollt, sie wäre Dir durch den Kopf gefahren, da Du +kein gescheutes Wort zu reden weißt, Lumpenhund! Laßt +ihn liegen und kommt bis ans Ende der Welt. Ich muß +meine Tochter wieder haben, und wenn nicht in diesem +Leben, doch in jener Welt, und da soll mein hochweiser +Bruder und mein hochweiseres Weib mich wahrhaftig nicht +von abhalten (läuft fort.) + +Geh. Rath. +Ich darf ihn nicht aus den Augen lassen. (wirft Läuffern +einen Beutel zu) Lassen Sie Sich davon kuriren, und +bedenken Sie, daß Sie meinen Bruder weit gefährlicher +verwundet haben, als er Sie. Es ist ein Bankozettel +drin, geben Sie Acht drauf und machen ihn sich zu Nutz +so gut Sie können. (gehn alle ab) + +(Wenzeslaus kömmt mit dem Barbier Schöpsen und einigen +Bauerkerlen) + +Wenzeslaus. +Wo ist das Otterngezüchte? Redet! + +Läuffer. +Ich bitt Euch, seyd ruhig. Ich habe weit weniger bekommen, +als meine Thaten werth waren. Meister Schöpsen, ist +meine Wunde gefährlich? + +(Schöpsen besieht sie) + +Wenzeslaus. +Was denn? Wo sind sie? Das leid ich nicht; nein, das +leid ich nicht und sollt es mich Schul und Amt und Haar +und Bart kosten. Ich will sie zu Morsch schlagen, die +Hunde--Stellen Sie Sich vor, Herr Gevatter; wo ist das +in aller Welt in iure naturae, und in iure civili, und +im iure canonico, und im iure gentium, und wo Sie +wollen, wo ist das erhört, daß man einem ehrlichen Mann +in sein Haus fällt und in eine Schule dazu; an heiliger +Stätte--Gefährlich; nicht wahr? Haben Sie sondirt? Ists? + +Schöpsen. +Es ließe sich viel drüber sagen--nun doch wir wollen +sehen--am Ende wollen wir schon sehen. + +Wenzeslaus. +Ja Herr, he he, in fine videbitur cuius toni; das heißt, +wenn er wird todt seyn, oder wenn er völlig gesund seyn +wird, da wollen Sie uns erst sagen, ob die Wunde +gefährlich war oder nicht: das ist aber nicht medicinisch +gesprochen; verzeyh Er mir. Ein tüchtiger Arzt muß das +Dings vorher wissen, sonst sag' ich ihm ins Gesicht: er +hat seine Pathologie oder Chirurgie nur so halbwege +studirt und ist mehr in die Bordells gangen, als in +die Kollegia; denn in amore omnia insunt vitia, und +wenn ich einen Ignoranten sehe, er mag seyn aus was +für einer Fakultät er wolle, so sag' ich immer: er ist +ein Jungfernknecht gewesen; ein Hurenhengst; das laß' +ich mir nicht ausreden. + +Schöpsen. (nachdem er die Wunde noch einmal besichtigt) +Ja die Wunde ist, nachdem man sie nimmt--Wir wollen +sehen, wir wollen sehen. + +Läuffer. +Hier, Herr Schulmeister! hat mir des Majors Bruder einen +Beutel gelassen, der ganz schwer von Dukaten ist und +obenein ist ein Bankozettel drinn--Da sind wir auf viel +Jahre geholfen. + +Wenzeslaus. (hebt den Beutel) +Nun das ist etwas--Aber Hausgewalt bleibt doch +Hausgewalt und Kirchenraub, Kirchenraub--Ich will +ihm einen Brief schreiben, dem Herrn Major. den er +nicht ins Fenster stecken soll. + +Schöpsen. (der sich die Weil' über vergessen und eifrig +nach dem Beutel gesehen, fällt wieder über die Wunde her) +Sie wird sich endlich schon kuriren lassen, aber sehr +schwer, hoff' ich, sehr schwer-- + +Wenzeslaus. +Das hoff' ich nicht, Herr Gevatter Schöpsen; das fürcht' +ich, das fürcht' ich--aber ich will Ihm nur zum voraus +sagen, daß wenn Er die Wunde langsam kurirt, so kriegt +Er auch langsame Bezahlung; wenn Er ihn aber in zwey +Tagen wieder auf frischen Fuß stellt, so soll Er auch +frisch bezahlt werden; darnach kann Er sich richten. + +Schöpsen. +Wir wollen sehen. + + +Vierte Scene. + + +Gustchen. (liegend, an einem Teich mit Gesträuch umgeben) +Soll ich denn hier sterben?--Mein Vater! Mein Vater! +gieb mir die Schuld nicht, daß Du nicht Nachricht von +mir bekömmst. Ich hab meine letzten Kräfte angewandt-- +sie sind erschöpft--Sein Bild, o sein Bild steht mir +immer vor den Augen! Er ist todt, ja todt--und für Gram +um mich--Sein Geist ist mir diese Nacht erschienen, +mir Nachricht davon zu geben--mich zur Rechenschaft +dafür zu fodern--Ich komme, ja ich komme. (raft sich +auf und wirft sich in Teich.) + +Major. (von weitem) +Geh. Rath und Graf Wermuth. (folgen ihm) + +Major. +Hey! hoh! da giengs in Teich--Ein Weibsbild wars und +wenn gleich nicht meine Tochter, doch auch ein +unglücklich Weibsbild--Nach, Berg! Das ist der Weg +zu Gustchen oder zur Hölle! (springt ihr nach) + +Geh. Rath. (kommt) +Gott im Himmel! was sollen wir anfangen? + +Graf Wermuth. +Ich kann nicht schwimmen. + +Geh. Rath. +Auf die andere Seite!--Mich deucht, er haschte das +Mädchen ... Dort--dort hinten im Gebüsch.--Sehen Sie +nicht? Nun treibt er den Teich mit ihr hinunter--Nach! + + +Fünfte Scene. + +(Eine andere Seite des Teichs, Hinter der Scene Geschrey.) +"Hülfe! 's meine Tochter! Sakkerment und all das Wetter! +Graf! reicht mir doch die Stange: +daß Euch die schwere Noth." + +Major Berg. (trägt Gustchen aufs Theater) +Geheimer Rath und Graf. (folgen) + +Major. +Da!--(setzt sie nieder. Geheimer Rath und Graf suchen +sie zu ermuntern) Verfluchtes Kind! habe ich das an Dir +erziehen müssen! (kniet nieder bey ihr) Gustel! was +fehlt Dir? Hast Wasser eingeschluckt? Bist noch mein +Gustel?--Gottlose Kanaille! Hättst Du mir nur ein +Wort vorher davon gesagt; ich hätte dem Lausejungen +einen Adelbrief gekauft, da hättet ihr können zusammen +kriechen.--Gott behüt! so helft ihr doch; sie ist ja +ohnmächtig. (springt auf, ringt die Hände; umhergehend) +Wenn ich nur wüst', wo der maledeyte Chirurgus vom Dorf +anzutreffen wäre.--Ist sie noch nicht wach? + +Gustchen. (mit schwacher Stimme) +Mein Vater! + +Major. +Was verlangst Du? + +Gustchen. +Verzeihung. + +Major. (geht auf sie zu) +Ja verzeih Dirs der Teufel, ungerathenes Kind.--Nein, +(kniet wieder bey ihr) fall nur nicht hin, mein Gustel-- +mein Gustel! Ich verzeih Dir; ist alles vergeben und +vergessen--Gott weiß es: ich verzeih Dir--Verzeih Du +mir nur! Ja aber nun ists nicht mehr zu ändern. Ich hab +dem Hundsvott eine Kugel durch den Kopf geknallt. + +Geh. Rath. +Ich denke, wir tragen sie fort. + +Major. +Laßt stehen! Was geht sie euch an? Ist sie doch Eure +Tochter nicht. Bekümmert Euch um Euer Fleisch und Bein +daheime. (Er nimmt sie auf die Arme) Da Mädchen--Ich +sollte wohl wieder nach dem Teich mit Dir--(schwenkt +sie gegen den Teich zu) aber wir wollen nicht eher +schwimmen als bis wir's Schwimmen gelernt haben, meyn' +ich.--(drückt sie an sein Herz) O du mein einzig +theurester Schatz! Daß ich dich wieder in meinen Armen +tragen kann, gottlose Kanaille! (trägt sie fort) + + +Sechste Scene. + +In Leipzig. +Fritz von Berg. Pätus. + + +Fritz. +Das einzige, was ich an Dir auszusetzen habe, Pätus. +Ich habe Dirs schon lang sagen wollen: untersuche Dich +nur selbst; was ist die Ursach zu all Deinem Unglück +gewesen? Ich tadle es nicht, wenn man sich verliebt. Wir +sind in den Jahren; wir sind auf der See, der Wind treibt +uns, aber die Vernunft muß immer am Steuerruder bleiben, +sonst jagen wir auf die erste beste Klippe und scheitern. +Die Hamstern war eine Kokette, die aus Dir machte, was +sie wollte; sie hat Dich um Deinen letzten Rock, um +Deinen guten Namen und um den guten Namen Deiner Freunde +dazu gebracht: ich dächte, da hättest Du klug werden +können. Die Rehaarin ist ein unverführtes unschuldiges +jugendliches Lamm: wenn man gegen ein Herz, das sich +nicht vertheidigen will, noch vertheidigen kann, alle +mögliche Batterien spielen läßt, um es--was soll ich +sagen? zu zerstören, einzuäschern, das ist unrecht, +Bruder Pätus, das ist unrecht. Nimm mirs nicht übel, +wir können so nicht gute Freunde zusammen bleiben. Ein +Mann, der gegen ein Frauenzimmer es so weit treibt, +als er nur immer kann, ist entweder ein Theekessel oder +ein Bösewicht; ein Theekessel, wenn er sich selbst nicht +beherrschen kann, die Ehrfurcht, die er der Unschuld +und Tugend schuldig ist, aus den Augen zu setzen: oder +ein Bösewicht, wenn er sich selbst nicht beherrschen +will und wie der Teufel im Paradiese sein einzig Glück +darin setzt, ein Weib ins Verderben zu stürzen. + +Pätus. +Predige nur nicht, Bruder! Du hast Recht; es reuet mich, +aber ich schwöre Dir, ich kann drauf fluchen, daß ich +das Mädchen nicht angerührt habe. + +Fritz. +So bist Du doch zum Fenster hineingestiegen und die +Nachbarn habens gesehen, meynst Du, ihre Zunge wird so +verschämt seyn, wie Deine Hand vielleicht gewesen ist? +Ich kenne Dich, ich weiß, so dreust Du scheinst, bist +Du doch blöde gegen's Frauenzimmer und darum lieb ich +Dich: aber wenns auch nichts mehr wäre, als daß das +Mädchen ihren guten Namen verliert, und eine +Musikantentochter dazu, ein Mädchen, das alles von +der Natur empfieng: vom Glück nichts, der ihre einzige +Aussteuer, ihren guten Namen, zu rauben--Du hast +sie unglücklich gemacht, Pätus.-- + +(Herr Rehaar kommt, eine Laute unterm Arm.) + +Rehaar. +Ergebener Diener von Ihnen; ergebener Diener, Herr von +Berg, wünsche schönen guten Morgen. Wie haben Sie +geschlafen und wie stehts Konzertchen? (setzt sich +und stimmt) Haben Sie's durchgespielt? (stimmt) Ich +habe die Nacht einen heßlichen Schrecken gehabt, aber +ich wills dem eingedenk seyn.--Sie kennen ihn wohl, +es ist einer von ihren Landsleuten. Twing, twing. Das +ist eine verdammte Quinte! Will sie doch mein Tage +nicht recht tönen; ich will Ihnen Nachmittag eine andere +bringen. + +Fritz. (setzt sich mit seiner Laute) +Ich hab das Koncert noch nicht angesehen. + +Rehaar. +Ey Ey, faules Herr von Bergchen, noch nicht angesehen? +Twing! Nachmittag bring ich Ihnen eine andre. (legt die +Laute weg und nimmt eine Prise) Man sagt: die Türken +sind über die Donau gegangen und haben die Russen brav +zurückgepeitscht, bis--Wie heißt doch nun der Ort? +Bis Otschakof, glaub' ich; was weiß ich? so viel sag +ich Ihnen, wenn Rehaar unter ihnen gewesen wäre, was +meynen Sie? Er wäre noch weiter gelaufen. Ha ha ha! +(nimmt die Laute wieder) Ich sag Ihnen, Herr von Berg, +ich hab keine größere Freude, als wenn ich wieder einmal +in der Zeitung lese, daß eine Armee gelaufen ist. Die +Russen sind brave Leute, daß sie gelaufen sind; Rehaar +wär auch gelaufen und alle gescheute Leute, denn wozu +nützt das Stehen und sich todtschlagen lassen, ha ha ha. + +Fritz. +Nicht wahr, das ist der erste Grif? + +Rehaar. +Ganz recht; den zweiten Finger etwas mehr übergelegt und +mit dem kleinen abgerissen, so--Rund, rund den Triller, +rund Herr von Bergchen--Mein seliger Vater pflegt' immer +zu sagen, ein Musikus muß keine Kourage haben, und ein +Musikus der Herz hat, ist ein Hundsfut. Wenn er sein +Konzertchen spielen kann und seinen Marsch gut bläst-- +Das hab' ich auch dem Herzog von Kurland gesagt, als +ich nach Petersburg gieng, das erstemal in der Suite +vom Prinzen Czartorinsky, und vor ihm spielen mußte. +Ich muß noch lachen; als ich in den Saal kam und wollt' +ihm mein tief tief Kompliment machen, sah' ich nicht, +daß der Fußboden von Spiegel war und die Wände auch von +Spiegel, und fiel herunter wie ein Stück Holz und schlug +mir ein gewaltig Loch in Kopf: da kamen die Hofkavaliere +und wollten mich drüber necken. Leidt das nicht, Rehaar, +sagte der Herzog, Ihr habt ja einen Degen an der Seite; +leidt das nicht. Ja, sage ich, Ew. Herzoglichen Majestät, +mein Degen ist seit Anno Dreißig nicht aus der Scheide +gekommen, und ein Musikus braucht den Degen nicht zu +ziehen, denn ein Musikus, der Herz hat und den Degen +zieht, ist ein Hundsfut und kann sein Tag auf keinem +Instrument was vor sich bringen--Nein, nein, das dritte +Chor wars, k, k, so--Rein, rein, den Triller rund und +den Daumen unten nicht bewegt, so-- + +Pätus. (der sich die Zeit über seitwärts gehalten, +tritt hervor und bietet Rehaar die Hand) +Ihr Diener, Herr Rehaar; wie gehts? + +Rehaar. (hebt sich mit der Laute) +Ergebener Die--Wie solls gehen, Herr Pätus? Toujours +content, jamais d'argent: das ist des alten Rehaars +Sprichwort, wissen Sie, und die Herren Studenten wissens +alle; aber darum geben sie mir doch nichts--Der Herr +Pätus ist mir auch noch schuldig, von der letzten +Serenade, aber er denkt nicht dran... + +Pätus. +Sie sollen haben, liebster Rehaar; in acht Tagen erwart' +ich unfehlbar meinen Wechsel. + +Rehaar. +Ja, Sie haben schon lang gewartet, Herr Pätus, und +Wechselchen ist doch nicht kommen. Was ist zu thun, +man muß Geduld haben, ich sag immer, ich begegne +keinem Menschen mit so viel Ehrfurcht als einem +Studenten: denn ein Student ist nichts, das ist wahr, +aber es kann doch alles aus ihm werden. (er legt die +Laute auf den Tisch und nimmt eine Prise) Aber was +haben Sie mir denn gemacht, Herr Pätus? Ist das recht; +ist das auch honett gehandelt? Sind mir gestern zum +Fenster hineingestiegen, in meiner Tochter Schlafkammer. + +Pätus. +Was denn, Vaterchen? ich? ... + +Rehaar. (läßt die Dose fallen) +Ja ich will Dich bevaterchen und ich werd' es gehörigen +Orts zu melden wissen, Herr, daß seyn Sie versichert. +Meiner Tochter Ehr' ist mir lieb und es ist ein honettes +Mädchen, hol's der Henker! und wenn ichs nur gestern +gemerkt hätte oder wär' aufgewacht, ich hätt Euch zum +Fenster hinausgehenselt, daß Ihr das Unterste zu Oberst-- +Ist das honett, ist das ehrlich? Pfuy Teufel, wenn ich +Student bin, muß ich mich auch als Student aufführen, +nicht als ein Schlingel--Da haben mirs die Nachbarn +heut gesagt: ich dacht ich sollte den Schlag drüber +kriegen, Augenblicks hat mir das Mädchen auf den +Postwagen müssen und das nach Kurland zu ihrer Tante; +ja nach Kurland, Herr, denn hier ist ihre Ehr' hin und +wer zahlt mir nun die Reisekosten? Ich habe warhaftig +den ganzen Tag keine Laut' anrühren können und über +die funfzehn Quinten sind mir heut gesprungen. Ja Herr, +ich zittere noch am ganzen Leibe und Herr Pätus, ich +will ein Hühnchen mit Ihnen pflücken. Es soll nicht +so bleiben; ich will Euch Schlingeln lehren ehrlicher +Leute Kinder verführen. + +Pätus. +Herr, schimpf Er nicht, oder-- + +Rehaar. +Sehen Sie nur an, Herr von Berg! sehn Sie einmal an-- +wenn ich nun Herz hätte, ich fodert' ihn augenblicklich +vor die Klinge--Sehen Sie, da steht er und lacht mir +noch in die Zähne obenein. Sind wir denn unter Türken +und Heiden, daß ein Vater nicht mehr mit seiner Tochter +sicher ist? Herr Pätus, Sie sollen mirs nicht umsonst +gethan haben, ich sags Ihnen und sollts bis an den +Kuhrfürsten selber kommen. Unter die Soldaten mit +solchen lüderlichen Hunden! Dem Kalbsfell folgen, +das ist gescheidter! Schlingel seyd ihr und keine +Studenten! + +Pätus. (giebt ihm eine Ohrfeige) +Schimpf Er nicht; ich habs Ihm fünfmal gesagt!. + +Rehaar. (springt auf, das Schnupftuch vorm Gesicht) +So? Wart--Wenn ich doch nur den rothen Fleck +behalten könnte, bis ich vorn Magnifikus komme-- +Wenn ich ihn doch nur acht Tage behalten könnte, +daß ich nach Dresden reise und ihn dem Kuhrfürsten +zeige--Wart, es soll Dir zu Hause kommen, wart, +wart--Ist das erlaubt? (weint) Einen Lautenisten +zu schlagen? weil er Dir seine Tochter nicht geben +will, daß Du Lautchen auf ihr spielen kannst?--Wart, +ich wills seiner Kuhrfürstlichen Majestät sagen, daß +Du mich ins Gesicht geschlagen hast. Die Hand soll +Dir abgehauen werden--Schlingel! (läuft ab, Pätus +will ihm nach; Fritz hält ihn zurück) + +Fritz. +Pätus! Du hast schlecht gehandelt. Er war beleidigter +Vater, Du hättest ihn schonen sollen. + +Pätus. +Was schimpfte der Schurke? + +Fritz. +Schimpfliche Handlungen verdienen Schimpf. Er konnte +die Ehre seiner Tochter auf keine andere Weise rächen, +aber es möchten sich Leute finden-- + +Pätus. +Was? Was für Leute? + +Fritz. +Du hast sie entehrt, Du hast ihren Vater entehrt. Ein +schlechter Kerl, der sich an Weiber und Musikanten wagt, +die noch weniger als Weiber sind. + +Pätus. +Ein schlechter Kerl? + +Fritz. +Du sollst ihm öffentlich abbitten. + +Pätus. +Mit meinem Stock. + +Fritz. +So werd ich Dir in seinem Namen antworten. + +Pätus. (schreyt) +Was willst Du von mir? + +Fritz. +Genugthuung für Rehaarn. + +Pätus. +Du wirst mich doch nicht zwingen wollen; einfältiger +Mensch-- + +Fritz. +Ja, ich will Dich zwingen, kein Schurke zu seyn. + +Pätus. +Du bist einer--Du mußt Dich mit mir schlagen. + +Fritz. +Herzlich gern--wenn Du Rehaarn nicht Satisfaktion giebst. + +Pätus. +Nimmermehr. + +Fritz. +Es wird sich zeigen. + + + +Fünfter Akt. + + +Erste Scene. + +Die Schule. +Läuffer. Marthe. (ein Kind auf dem Arm) + + +Marthe. +Um Gotteswillen! helft einer armen blinden Frau und +einem unschuldigen Kinde, das seine Mutter verloren hat. + +Läuffer. (giebt ihr was) +Wie seyd Ihr denn hergekommen, da Ihr nicht sehen könnt? + +Marthe. +Mühselig genug. Die Mutter dieses Kindes war meine +Leiterin; sie gieng eines Tags aus dem Hause, zwey Tage +nach ihrer Niederkunft, Mittags gieng sie fort und wollt' +auf den Abend wiederkommen, sie soll noch wiederkommen. +Gott schenk ihr die ewige Freud und Herrlichkeit! + +Läuffer. +Warum thut Ihr den Wunsch? + +Marthe. +Weil sie todt ist, das gute Weib; sonst hätte sie ihr +Wort nicht gebrochen. Ein Arbeitsmann vom Hügel ist mir +begegnet, der hat sie sich in Teich stürzen sehen. Ein +alter Mann ist hinter ihr drein gewesen und hat sich +nachgestürzt; das muß wohl ihr Vater gewest seyn. + +Läuffer. +O Himmel! Welch ein Zittern--Ist das ihr Kind? + +Marthe. +Das ist es; sehen Sie nur, wie rund es ist, von lauter +Kohl und Rüben aufgefüttert. Was sollt' ich Arme machen; +ich konnt' es nicht stillen, und da mein Vorrath auf +war, macht' ichs wie Hagar, nahm das Kind auf die +Schulter und gieng auf Gottes Barmherzigkeit. + +Läuffer. +Gebt es mir auf den Arm--O mein Herz!--Daß ichs an +mein Herz drücken kann--Du gehst mir auf, furchtbares +Rätzel! (nimmt das Kind auf den Arm und tritt damit vor +den Spiegel) Wie? dies wären nicht meine Züge? (fällt +in Ohnmacht; das Kind fängt an zu schreyen) + +Marthe. +Fallt Ihr hin? (hebt das Kind vom Boden auf) Sußchen, +mein liebes Sußchen! (das Kind beruhigt sich) Hört! was +habt Ihr gemacht? Er antwortet nicht: ich muß doch um +Hülfe rufen; ich glaube, ihm ist weh worden. (geht hinaus) + + +Zweyte Scene. + +Ein Wäldchen vor Leipzig. +Fritz von Berg und Pätus. (stehn mit gezogenem Degen) +Rehaar. + + +Fritz. +Wird es bald? + +Pätus. +Willst Du anfangen? + +Fritz. +Stoß Du zuerst. + +Pätus. (wirft den Degen weg) +Ich kann mich mit Dir nicht schlagen. + +Fritz. +Warum nicht? Nimm ihn auf. Hab ich Dich beleidigt, so +muß ich Dir Genugthuung geben. + +Pätus. +Du magst mich beleidigen wie Du willst, ich brauch +keine Genugthuung von Dir. + +Fritz. +Du beleidigst mich. + +Pätus. (rennt auf ihn zu und umarmt ihn) +Liebster Berg! Nimm es für keine Beleidigung, wenn +ich Dir sage, Du bist nicht im Stande mich zu beleidigen. +Ich kenne Dein Gemüth--und ein Gedanke daran macht mich +zur feigsten Memme auf dem Erdboden. Laß uns gute +Freunde bleiben, ich will mich gegen den Teufel selber +schlagen, aber nicht gegen Dich. + +Fritz. +So gieb Rehaarn Satisfaktion, eh zieh' ich nicht ab +von hier. + +Pätus. +Das will ich herzlich gern, wenn er's verlangt. + +Fritz. +Er ist immatrikulirt, wie Du; Du hast ihn ins Gesicht +geschlagen--Frisch Rehaar, zieht! + +Rehaar. (zieht) +Ja, aber er muß seinen Degen da nicht aufheben. + +Fritz. +Sie sind nicht gescheidt. Wollen Sie gegen einen +Menschen ziehen, der sich nicht wehren kann? + +Rehaar. +Ey laß die gegen bewehrte Leute ziehen, die Kourage +haben. Ein Musikus muß keine Kourage haben, und Herr +Pätus, Er soll mir Satisfaktion geben--(stößt auf +ihn zu. Pätus weicht zurück) Satisfaktion geben. +(stößt Pätus in den Arm. Fritz legirt ihm den Degen) + +Fritz. +Jetzt seh' ich, daß Sie Ohrfeigen verdienen, Rehaar. +Pfuy! + +Rehaar. +Ja was soll ich denn machen, wenn ich kein Herz habe? + +Fritz. +Ohrfeigen einstecken und das Maul halten. + +Pätus. +Still Berg! ich bin nur geschrammt. Herr Rehaar, ich +bitt Sie um Verzeyhung. Ich hätte Sie nicht schlagen +sollen, da ich wußte, daß Sie nicht im Stande waren, +Genugthuung zu fodern; vielweniger hätt' ich Ihnen +Ursache geben sollen, mich zu schimpfen. Ich gesteh's, +diese Rache ist noch viel zu gering für die +Beleidigungen, die ich Ihrem Hause angethan: ich will +sehen, sie auf eine bessere Weise gut zu machen, wenn +das Schicksal meinen guten Vorsätzen beysteht. Ich +will Ihrer Tochter nachreisen; ich will sie heyrathen. +In meinem Vaterlande wird sich schon eine Stelle für +mich finden, und wenn auch mein Vater bey seinen +Lebzeiten sich nicht besänftigen ließe, so ist mir +doch eine Erbschaft von funfzehntausend Gulden gewiß. +(umarmt ihn). Wollen Sie mir Ihre Tochter bewilligen? + +Rehaar. +Ey was! ich hab nichts dawider, wenn Ihr ordentlich +und ehrlich um sie anhaltet, und im Stand seyd, sie zu +versorgen--Ha ha ha! hab' ichs doch mein Tag gesagt: +mit den Studenten ist gut auskommen. Die haben doch +noch Honnettetät im Leibe, aber mit den Officiers-- +Die machen einem Mädchen ein Kind und kräht nicht Hund +oder Hahn nach: das macht, weil sie alle kuraschöse +Leute seyn, und sich müssen todtschlagen lassen. Denn +wer Kourage hat, der ist zu allen Lastern fähig. + +Fritz. +Sie sind ja auch Student. Kommen Sie; wir haben lange +keinen Punsch zusammen gemacht; wir wollen auf die +Gesundheit Ihrer Tochter trinken. + +Rehaar. +Ja und Ihr Lautenkonzertchen dazu, Herr von Bergchen. +Ich hab Ihnen jetzt drey Stund nach einander geschwänzt, +und weil ich auch honett denke, so will ich heute dafür +drey Stunden nach einander auf Ihrem Zimmerchen bleiben +und wollen Lautchen spielen, bis dunkel wird. + +Pätus. +Und ich will die Violin dazu streichen. + + +Dritte Scene. + +Die Schule. +Läuffer. (liegt zu Bette.) +Wenzeslaus. + + +Wenzeslaus. +Das Gott! was giebts schon wieder, daß Ihr mich von +der Arbeit abrufen laßt? Seyd Ihr schon wieder schwach? +Ich glaube, das alte Weib war eine Hexe.--Seit der +Zeit habt Ihr keine gesunde Stunde mehr. + +Läuffer. +Ich werd' es wohl nicht lange mehr machen. + +Wenzeslaus. +Soll ich Gevatter Schöpsen rufen lassen? + +Läuffer. +Nein. + +Wenzeslaus. +Liegt Euch was auf dem Gewissen? Sagt mirs, entdeckt +mirs, unverholen.--Ihr blickt so scheu umher, daß es +einem ein Grauen einjagt; frigidus per ossa--Sagt mir, +was ists?--Als ob er jemand todt geschlagen hätte-- +Was verzerrt Ihr denn die Lineamenten so--Behüt Gott, +ich muß doch nur zu Schöpsen-- + +Läuffer. +Bleibt--Ich weiß nicht, ob ich recht gethan--Ich +habe mich kastrirt... + +Wenzeslaus. +Wa--Kastrir--Da mach ich Euch meinen herzlichen +Glückwunsch drüber, vortreflich, junger Mann, zweiter +Origenes! Laß Dich umarmen, theures, auserwähltes +Rüstzeug! Ich kann's Euch nicht verheelen, fast--fast +kann ich dem Heldenvorsatz nicht widerstehen, Euch +nachzuahmen. So recht, werther Freund! Das ist die +Bahn, auf der Ihr eine Leuchte der Kirche, ein Stern +erster Größe, ein Kirchenvater selber werden könnt. +Ich glückwünsche euch, ich ruf Euch ein Jubilate und +Evoë zu, mein geistlicher Sohn--Wär' ich nicht über +die Jahre hinaus, wo der Teufel unsern ersten und +besten Kräften sein arglistiges Netz ausstellt, gewiß +ich würde mich keinen Augenblick bedenken.-- + +Läuffer. +Bey alle dem, Herr Schulmeister, gereut es mich. + +Wenzeslaus. +Wie, es gereut Ihn? Das sey ferne, werther Herr Mitbruder! +Er wird eine so edle That doch nicht mit thörichter Reue +verdunkeln und mit sündlichen Thränen besudeln? Ich seh +schon welche über Sein Augenlied hervorquellen. Schluck' +Er sie wieder hinunter und sing' Er mit Freudigkeit: +ich bin der Nichtigkeit entbunden, nun Flügel, Flügel, +Flügel her. Er wird es doch nicht machen wie Lots Weib +und sich wieder nach Sodom umsehen, nachdem Er einmal +das friedfertige stille Zoar erreicht hat? Nein, Herr +Kollega; ich muß Ihm auch nur sagen, daß Er nicht der +einzige ist, der den Gedanken gehabt hat. Schon unter +den blinden Juden war eine Sekte, zu der ich mich gern +öffentlich bekannt hätte, wenn ich nicht befürchtet, +meine Nachbarn und meine armen Lämmer in der Schule +damit zu ärgern: auch hatten sie freilich einige +Schlacken und Thorheiten dabey, die ich nun eben nicht +mitmachen möchte. Zum Exempel, daß sie des Sonntags +nicht einmal ihre Nothdurft verrichteten, welches doch +wider alle Regeln einer vernünftigen Diät ist, und halt' +ichs da lieber mit unserm seligen Doktor Luther: was +hinaufsteigt, das ist für meinen lieben Gott, aber was +hinunter geht, Teufel, das ist für Dich--Ja wo war ich? + +Läuffer. +Ich fürchte, meine Bewegungsgründe waren von andrer Art ... +Reue, Verzweiflung-- + +Wenzeslaus. +Ja, nun hab ichs--Die Essäer, sag' ich, haben auch +nie Weiber genommen; es war eins von ihren Grundgesetzen +und dabey sind sie zu hohem Alter kommen, wie solches +im Josephus zu lesen. Wie die es nun angefangen, ihr +Fleisch so zu bezähmen; ob sie es gemacht, wie ich, +nüchtern und mässig gelebt und brav Toback geraucht, +oder ob sie Euren Weg eingeschlagen--So viel ist +gewiß, in amore, in amore omnia insunt vitia und ein +Jüngling, der diese Klippe vorbeyschifft, Heil, Heil +ihm, ich will ihm Lorbeern zuwerfen; lauro tempora +cingam et sublimi fronte sidera pulsabit. + +Läuffer. +Ich fürcht', ich werd' an dem Schnitt sterben müssen. + +Wenzeslaus. +Mit nichten, da sey Gott für. Ich will gleich zu +Gevatter Schöpsen. Der Fall wird ihm freylich noch +nie vorgekommen seyn, aber hat er Euch euren Arm kurirt, +welches doch eine Wunde war, die nicht zu eurer +Wohlfarth diente, so wird ja Gott auch ihm Gnade zu +einer Kur geben, die Euer ewiges Seelenheil befördern +wird. (geht ab) + +Läuffer. +Sein Frohlocken verwundet mich mehr als mein Messer. +O Unschuld, welch' eine Perle bist du! Seit ich dich +verloren, that ich Schritt auf Schritt in der Leidenschaft +und endigte mit Verzweiflung. Möchte dieser Letzte mich +nicht zum Tode führen, vielleicht könnt' ich itzt wieder +anfangen zu leben und zum Wenzeslaus wiedergeboren werden. + + +Vierte Scene. + +In Leipzig. + +Fritz von Berg und Rehaar. +(begegnen sich auf der Straße) + + +Rehaar. +Herr von Bergchen, ein Briefchen, unter meinem Kuvert +gekommen. Herr von Seiffenblase hat an mich geschrieben; +hat auch Lautchen bey mir gelernt vormals. Er bittet +mich, ich soll doch diesen Brief einem gewissen Herrn +von Berg in Leipzig abgeben, wenn er anders noch da +wäre--O wie bin ich gesprungen! + +Fritz. +Wo hält er sich denn itzt auf, Seiffenblase? + +Rehaar. +Soll es dem Herrn von Berg abgeben, schreibt er, wenn +Sie anders diesen würdigen Mann kennen. O wie bin ich +gesprungen--Er ist in Königsberg, der Herr von +Seiffenblase. Was meynen Sie, und meine Tochter ist +auch da, und logirt ihm grad gegenüber. Sie schreibt +mir, die Kathrinchen, daß sie nicht genug rühmen kann, +was er ihr für Höflichkeit erzeigt, alles um +meinetwillen; hat sieben Monath bey mir gelernt. + +Fritz. (zieht die Uhr aus) +Liebster Rehaar, ich muß ins Kollegium--Sagen Sie +Pätus nichts davon, ich bitte Sie--(geht ab) + +Rehaar. (ruft ihm nach) +Auf den Nachmittag--Konzertchen!-- + + +Fünfte Scene. + +Zu Königsberg in Preußen. +Geh. Rath. Gustchen. Major. +(stehn in ihrem Hause am Fenster) + + +Geh. Rath. +Ist ers? + +Gustchen. +Ja, er ist's. + +Geh. Rath. +Ich sehe doch, die Tante muß ein lüderliches Mensch +seyn, oder sie hat einen Haß auf ihre Nichte geworfen +und will sie mit Fleiß ins Verderben stürzen. + +Gustchen. +Aber Onkel, sie kann ihm doch das Haus nicht verbieten. + +Geh. Rath. +Auf das, was ich ihr gesagt?--Wer will's ihr übel +nehmen, wenn sie zu ihm sagte: Herr von Seiffenblase, +Sie haben sich auf einem Kaffeehause verlauten lassen, +Sie wollten meine Nichte zu Ihrer Mätresse machen, +suchen Sie sich andre Bekanntschaften in der Stadt; +bey mir kommen Sie unrecht: meine Nichte ist eine +Ausländerin, die meiner Aufsicht anvertraut ist; die +sonst keine Stütze hat; wenn sie verführt würde, fiel' +alle Rechenschaft auf mich. Gott und Menschen müßten +mich verdammen. + +Major. +Still Bruder! Er kommt heraus und läßt die Nase +erbärmlich hängen. Ho, ho, ho, daß Du die Krepanz! +Wie blaß er ist. + +Geh. Rath. +Ich will doch gleich hinüber, und sehn was es gegeben hat. + + +Sechste Scene. + +In Leipzig. +Pätus. (an einem Tisch und schreibt) +Berg. (tritt herein einen Brief in der Hand) + + +Pätus. (sieht auf und schreibt fort) + +Fritz. +Pätus!--Hast zu thun? + +Pätus. +Gleich--(Fritz spaziert auf und ab) Jetzt--(legt das +Schreibzeug weg) + +Fritz. +Pätus! ich hab' einen Brief bekommen--und hab nicht +das Herz, ihn aufzumachen. + +Pätus. +Von wo kommt er? Ists Deines Vaters Hand? + +Fritz. +Nein, von Seiffenblase--aber die Hand zittert mir, so +bald ich erbrechen will. Brich doch auf. Bruder, und +ließ mir vor. (wirft sich auf einen Lehnstuhl) + +Pätus. (liest) +"Die Erinnerung so mancher angenehmen Stunden, deren +ich mich noch mit Ihnen genossen zu haben erinnere, +verpflichtet mich, Ihnen zu schreiben und Sie an diese +angenehme Stunden zu erinnern"--Was der Junge für eine +rasende Orthographie hat. + +Fritz. +Lies doch nur-- + +Pätus. +"Und weil ich mich verpflichtet hielt, Ihnen Nachrichten +von meiner Ankunft und den Neuigkeiten, die allhier +vorgefallen, als melde Ihnen von Dero werthesten Familie, +welche leider sehr viele Unglücksfälle in diesem Jahre +erlebt hat, und wegen der Freundschaft, welche ich in +Dero Eltern ihrem Hause genossen, sehe mich verpflichtet, +weil ich weiß, daß Sie mit Ihrem Herrn Vater in +Misverstäniß und er Ihnen lange wohl nicht wird +geschrieben haben, so werden Sie auch wohl den +Unglücksfall nicht wissen mit dem Hofmeister, welcher +aus Ihres gnädigen Onkels Hause ist gejagt worden, +weil er Ihre Kusine genothzüchtigt, worüber sie sich +so zu Gemüth gezogen, daß sie in einen Teich gesprungen, +durch welchen Trauerfall Ihre ganze Familie in den +höchsten Schröcken"--Berg! was ist Dir--(begießt ihn +mit Lavendel) Wie nun Berg? Rede, wird Dir weh--Hätt +ich Dir doch den verdammten Brief nicht--Ganz gewiß +ists eine Erdichtung--Berg! Berg! + +Fritz. +Laß mich--Es wird schon übergehn. + +Pätus. +Soll ich jemand holen, der Dir die Ader schlägt. + +Fritz. +O pfuy doch--thu doch so französisch nicht--Ließ mirs +noch einmal vor. + +Pätus. +Ja, ich werde Dir--Ich will den hunsvöttischen +malitiösen Brief den Augenblick--(zerreißt ihn) + +Fritz. +Genothzüchtigt--ersäuft. (schlägt sich an die Stirn) +Meine Schuld! (steht auf) meine Schuld einzig und allein-- + +Pätus. +Du bist wohl nicht klug--Willst Dir die Schuld geben, +daß sie sich vom Hofmeister verführen läßt-- + +Fritz. +Pätus, ich schwur ihr, zurückzukommen, ich schwur ihr-- +Die drey Jahr sind verflossen, ich bin nicht gekommen, +ich bin aus Halle fortgangen, mein Vater hat keine +Nachrichten von mir gehabt. Mein Vater hat mich +aufgeben, sie hat es erfahren, Gram--Du kennst ihren +Hang zur Melancholey--die Strenge ihrer Mutter obenein, +Einsamkeit, auf dem Lande, betrogne Liebe--Siehst Du +das nicht ein, Pätus; siehst Du das nicht ein? Ich +bin ein Bösewicht: ich bin schuld an ihrem Tode. (wirft +sich wieder in den Stuhl und verhüllt sein Gesicht) + +Pätus. +Einbildungen!--Es ist nicht wahr, es ist so nicht +gegangen. (stampft mit dem Fuß) Tausend Sapperment, +daß Du so dumm bist, und alles glaubst, der Spitzbube, +der Hundsfut, der Bärenhäuter, der Seiffenblase, will +Dir einen Streich spielen--Laß mich ihn einmal zu +sehen kriegen.--Es ist nicht wahr, daß sie todt ist, +und wenn sie todt ist, so hat sie sich nicht selbst +umgebracht... + +Fritz. +Er kann doch das nicht aus der Luft saugen--Selbst +umgebracht--(springt auf) O das ist entsetzlich! + +Pätus. (stampft abermal mit dem Fuß) +Nein, sie hat sich selbst nicht umgebracht. +Seiffenblase lügt; wir müssen mehr Bestätigung haben. +Du weißt, daß Du ihm einmal im Rausch erzehlt hast, +daß Du in Deine Kusine verliebt wärst; siehst Du, das +hat die malitiöse Kanaille aufgefangen--aber weißt +Du was; weißt Du, was Du thust? Hust ihm was; pfeif +ihm was; pfuy ihm was, schreib ihm, Ew. Edlen danke +dienstfreundlichst für Dero Neuigkeiten, und bitte, +Sie wollen mich im--Das ist der beste Rath, schreib +ihm zurück: Ihr seyd ein Hundsfut. Das ist das +vernünftigste, was Du bey der Sache thun kannst. + +Fritz. +Ich will nach Hause reisen. + +Pätus. +So reis' ich mit Dir--Berg, ich laß Dich keinen +Augenblick allein. + +Fritz. +Aber wovon? Reisen ist bald ausgesprochen--Wenn ich +keine abschlägige Antwort befürchtete, so wolle ich +es bey Leichtfuß et Compagnie versuchen, aber ich bin +ihnen schon hundertfunfzig Dukaten schuldig-- + +Pätus. +Wir wollen beyde zusammen hingehn--Wart, wir müssen die +Lotterie vorbey. Heut ist die Post aus Hamburg angekommen, +ich will doch unterwegs nachfragen; zum Spaß nur-- + + +Siebente Scene. + +In Königsberg. +Geh. Rath (führt) Jungfer Rehaar (an der Hand) +Augustchen. Major. + + +Geh. Rath. +Hier, Gustchen, bring ich Dir eine Gespielin. Ihr seyd +in einem Alter, einem Verhältnisse--Gebt Euch die +Hand, und seyd Freundinnen. + +Gustchen. +Das bin ich lange gewesen, liebe Mamsell! Ich weiß +nicht, was es war, das in meinem Busen auf- und abstieg, +wenn ich Sie aus dem Fenster sah; aber Sie waren in so +viel Zerstreuungen verwickelt, so mit Kutschenbesuchen +und Serenaden belästigt, daß ich mit meinem Besuch zu +unrechter Zeit zu kommen fürchtete. + +Jungfer Rehaar. +Ich wäre Ihnen zuvorgekommen, gnädiges Fräulein, wenn +ich das Herz gehabt. Allein in ein so vornehmes Haus +mich einzudrängen, hielt' ich für unbesonnen, und mußte +dem Zug meines Herzens, das mich schon oft bis vor +Ihre Thür geführt hat, allemal mit Gewalt widerstehen. + +Geh. Rath. +Stell Dir vor, Major; der Seiffenblase hat auf die +Warnung, die ich der Frau Dutzend that, und die sie +ihm wieder erzehlt hat und zwar, wie ichs verlangt, +unter meinem Namen, geantwortet: er werde sich schon +an mir zu rächen wissen. Er hat alles das so gut von +sich abzulehnen gewußt, und ist gleich Tags drauf mit +dem Minister Deichsel hingefahren kommen, daß die arme +Frau das Herz nicht gehabt, sich seine Besuche zu +verbitten. Gestern Nacht hat er zwey Wagen in diese +Straße bestellt und einen am Brandenburger Thor, das +wegen des Feuerwerks offen blieb, das erfährt die Madam +gestern Vormittag schon. Den Nachmittag will er für +Henkers Gewalt die Mamsell überreden, mit ihm zum +Minister auf die Assemblee zu fahren, aber Madam +Dutzend traute dem Frieden nicht, und hat's ihm rund +abgeschlagen. Zweymal ist er vor die Thür gefahren, +aber hat wieder umkehren müssen; da seine Karte also +verzettelt war, wollt' ers heut probiren. Madam Dutzend +hat ihm nicht allein das Haus verbothen, sondern +zugleich angedeutet: sie sehe sich genöthigt, sich +vom Gouverneur Wache vor ihrem Hause auszubitten. +Da hat er Flammen gespyen, hat mit dem Minister gedroht-- +Um die Madam völlig zu beruhigen, hab' ich ihr +angetragen: die Mamsell in unser Haus zu nehmen. Wir +wollen sie auf ein halb Jahr nach Insterburg mitnehmen, +bis Seiffenblase sie vergessen hat, oder so lang als +es ihr selber nur da gefallen kann-- + +Major. +Ich hab schon anspannen lassen. Wenn wir nach +Heidelbrunn fahren, Mamsell, so laß ich Sie nicht +los. Sie müssen mit, oder meine Tochter bleibt mit +Ihnen in Insterburg. + +Geh. Rath. +Das wär wohl am besten. Ohnehin taugt das Land für +Gustchen nicht und Mamsel Rehaar laß ich nicht von mir. + +Major. +Gut, daß Deine Frau Dich nicht hört--oder hast Du +Absichten auf Deinen Sohn? + +Geh. Rath. +Mach das gute Kind nicht roth. Sie werden ihn in +Leipzig oft genug müssen gesehen haben, den bösen +Buben. Gustchen, Du wirst zur Gesellschaft mit roth? +Er verdient's nicht. + +Gustchen. +Da mein Vater mir vergeben hat, sollte Ihr Sohn ein +minder gütiger Herz bey Ihnen finden? + +Geh. Rath. +Er ist auch noch in keinen Teich gesprungen. + +Major. +Wenn wir nur das blinde Weib mit dem Kinde ausfündig +gemacht hätten, von dem mir der Schulmeister schreibt; +eh kann ich nicht ruhig werden--Kommt! ich muß noch +heut auf mein Gut. + +Geh. Rath. +Daraus wird nichts. Du mußt die Nacht in Insterburg +schlafen. + + +Achte Scene. + +Leipzig. +Bergs Zimmer. +Fritz v. Berg. (sitzt, die Hand untern Kopf gestützt) +Pätus. (stürzt herein) + + +Pätus. +Triumpf Berg! Was kalmeuserst Du?--Gott! Gott! +(greift sich an den Kopf und fällt auf die Knie) +Schicksal! Schicksal!--Nicht wahr, Leichtfuß hat +Dir nicht vorschießen wollen? Laß ihn Dich--Ich +hab Geld, ich hab' alles--Dreyhundert achtzig +Friedrichd'or gewonnen auf einem Zug! (springt auf +und schreyt) Heydideldum, nach Insterburg! Pack ein! + +Fritz. +Bist Du närrisch worden? + +Pätus. (zieht einen Beutel mit Gold hervor und wirft +alles auf die Erde) +Da ist meine Narrheit. Du bist ein Narr mit Deinem +Unglauben--Nun hilf auflesen; buck Dich etwas-- +und heut noch nach Insterburg, juchhe! (lesen auf) +Ich will meinem Vater die achtzig Friedrichsd'or +schenken, so viel betrug grad mein letzter Wechsel, +und zu ihm sagen: nun Herr Papa, wie gefall' ich +Ihnen itzt? All Deine Schulden können wir bezahlen, +und meine obenein, und denn reisen wir wie die Prinzen. +Juchhei + + +Neunte Scene. + +Die Schule. +Wenzeslaus. Läuffer. (beyde in schwarzen Kleidern) + + +Wenzeslaus. +Wie hat ihm die Predigt gefallen, Kollege! Wie hat +Er sich erbaut? + +Läuffer. +Gut, recht gut. (seufzt) + +Wenzeslaus. (nimmt seine Perücke ab und setzt eine +Nachtmütze auf) +Damit ist's nicht ausgemacht. Er soll mir sagen, +welche Stelle aus der Predigt vorzüglich gesegnet +an seinem Herzen gewesen. Hör' Er--setz' Er sich. +Ich muß Ihm was sagen; ich hab' eine Anmerkung in +der Kirche gemacht, die mich gebeugt hat. Er hat mir +da so wetterwendisch gesessen, daß ich mich Seiner, +die Warheit zu sagen, vor der ganzen Gemeine geschämt +habe und dadurch oft fast aus meinem Koncept kommen +bin. Wie, dacht' ich, dieser junge Kämpfer, der so +ritterlich durchgebrochen und den schwersten Strauß +schon gewissermaßen überwunden hat--ich muß es Ihm +bekennen: Er hat mich geärgert, σκανδαλον ἐδωκας, +ἔταξας! Ich habs wohl gemerkt, wohin es gieng, ich +habs wohl gemerkt; immer nach der mittlern Thür zu +da nach der Orgel hinunter. + +Läuffer. +Ich muß bekennen, es hieng ein Gemälde dort, das +mich ganz zerstreut hat. Der Evangelist Markus mit +einem Gesicht, das um kein Haar menschlicher aussah, +als der Löwe, der bey ihm saß, und der Engel beym +Evangelisten Matthäus eher einer geflügelten Schlange +ähnlich. + +Wenzeslaus. +Es war nicht das, mein Freund! Bild' Er mir's nicht +ein; es war nicht das. Sag' Er mir doch, ein Bild +sieht man an und sieht wieder weg, und dann ist's +alles. Hat Er denn gehört, was ich gesagt habe? +Weiß Er mir Ein Wort aus meiner Predigt wieder +anzuführen? Und sie war doch ganz für Ihn gehalten; +ganz kasuistisch--O! o! o! + +Läuffer. +Der Gedanke gefiel mir vorzüglich, daß zwischen +unsrer Seele und ihrer Wiedergeburt und zwischen +dem Flachs- und Hanfbau eine große Aehnlichkeit +herrsche, und so wie der Hanf im Schneidebrett durch +heftige Stöße und Klopfen von seiner alten Hülse +befreyt werden müsse, so müsse unser Geist auch durch +allerley Kreutz und Leiden und Ertödtung der +Sinnlichkeit für den Himmel zubereitet werden. + +Wenzeslaus. +Er war kasuistisch, mein Freund-- + +Läuffer. +Doch kann ich Ihnen auch nicht bergen, daß Ihre Liste +von Teufeln, die aus dem Himmel gejagt worden, und +die Geschichte der ganzen Revolution da, daß Lucifer +sich für den schönsten gehalten--Die heutige Welt +ist über den Aberglauben längst hinweg; warum will +man ihn wieder aufwärmen. In der ganzen heutigen +vernünftigen Welt wird kein Teufel mehr statuirt-- + +Wenzeslaus. +Darum wird auch die ganze heutige vernünftige Welt +zum Teufel fahren. Ich mag nicht verdammen, lieber +Herr Mandel; aber das ist wahr, wir leben in +seelenverderblichen Zeiten: es ist die letzte böse +Zeit. Ich mag mich drüber weiter nicht auslassen: +ich seh wohl, Er ist ein Zweifler auch, und auch +solche Leute muß man tragen. Es wird schon kommen; +Er ist noch jung--aber gesetzt auch, posito auch, +aber nicht zugestanden, unsere Glaubenslehren wären +all Aberglauben, über Geister, über Höll, über Teufel, +da--Was thut's Euch, was beißts Euch, daß Ihr Euch +so mit Händen und Füßen dagegen wehrt? Thut nichts +Böses, thut recht und denn so braucht Ihr die Teufel +nicht zu scheuen, und wenn ihrer mehr wären wie +Ziegel auf dem Dach, wie der selige Lutherus sagt. +Und Aberglauben--O schweigt still, schweigt still, +lieben Leut'. Erwägt erst mit reifem Nachdenken, was +der Aberglaube bisher für Nutzen gestiftet hat, und +denn habt mir noch das Herz, mit Euren nüchternen +Spötteleyen gegen mich anzuziehen. Reutet mir den +Aberglauben aus; ja warhaftig der rechte Glaub wird +mit drauf gehn, und ein nacktes Feld da bleiben. +Aber ich weiß jemand, der gesagt hat, man soll beydes +wachsen lassen, es wird schon die Zeit kommen, da +Kraut sich von dem Unkraut scheiden wird. Aberglauben-- +Nehmt dem Pöbel seinen Aberglauben, er wird +freygeistern, wie Ihr und Euch vor den Kopf schlagen. +Nehmt dem Bauer seinen Teufel, und er wird ein Teufel +gegen seine Herrschaft werden und ihr beweisen, daß es +welche giebt. Aber wir wollen das bey Seite setzen-- +Wovon rede ich doch?--Recht, sag' Er mir, wen hat Er +angesehen in der ganzen Predigt? Verheel' Er mir +nichts. Ich war es nicht, denn sonst müst' Er schielen, +daß es eine Schande wäre. + +Läuffer. +Das Bild. + +Wenzeslaus. +Es war nicht das Bild--Dort unten, wo die Mädchen +sitzen, die bey ihm in die Kinderlehre gehen--Lieber +Freund! es wird doch nichts vom alten Sauerteig in +seinem Herzen geblieben seyn--Ey, ey! wer einmal +geschmeckt hat die Kräfte der zukünftigen Welt--Ich +bitt Ihn, mir stehn die Haare zu Berge--Nicht wahr, +die eine da mit dem gelben Haar so nachläßig unter das +rothe Häubchen gesteckt und mit den lichtbraunen Augen, +die allemal unter den schwarzen Augbraunen so schalkhaft +hervorblinzen, wie die Sterne hinter Regenwolken--Es +ist wahr, das Mädchen ist gefährlich; ich hab's nur +einmal von der Kanzel angesehn, und muste hernach +allemal die Augen platt zudrücken, wenn sie auf sie +fielen, sonst wär' mirs gegangen, wie den weisen +Männern im Areopagus, die Recht und Gerechtigkeit +vergaßen um einer schnöden Phryne willen.--Aber sag' +Er mir doch, wo will Er hin, daß Er Sich noch bösen +Begierden überläßt, daß Ihm sogar an Mitteln fehlt, +sie zu befriedigen? Will Er Sich dem Teufel ohne Sold +dahingeben? Ist das das Gelübd, das er dem Herrn +gethan--Ich rede als Sein geistlicher Vater mit Ihm-- +Er, der itzt mit so wenig Mühe über alle Sinnlichkeit +triumphiren, über die Erde sich hinausschwingen und +bessern Revieren zufliegen könnte. (Umarmt ihn) Ach +mein lieber Sohn, bey diesen Thränen, die ich aus +wahrer herzlicher Sorgfalt für Ihn vergieße; kehr' +Er nicht zu den Fleischtöpfen Egyptens zurück, da Er +Kanaan so nahe war! Eile, eile! rette Deine +unsterbliche Seele! Du hast auf der Welt nichts, das +Dich mehr zurückhalten könnte. Die Welt hat nichts +mehr für Dich, womit sie Deine Untreu Dir einmal +belohnen könnte; nicht einmal eine sinnliche Freude, +geschweige denn Ruhe der Seelen--Ich geh und überlasse +Dich Deinen Entschließungen. (geht ab) + +(Läuffer bleibt in tiefen Gedanken sitzen) + + +Zehnte Scene. + +Lise. (tritt herein, ein Gesangbuch in der Hand, ohne +daß er sie gewahr wird. Sie sieht ihm lang +stillschweigend zu. Er springt auf, will knien; wird +sie gewahr und sieht sie eine Weile verwirrt an) + + +Läuffer. (nähert sich ihr) +Du hast eine Seele dem Himmel gestolen. (faßt sie an +die Hand) Was führt Dich hieher, Lise? + +Lise. +Ich komme, Herr Mandel--Ich komme, weil Sie gesagt +haben, es würd' morgen keine Kinderlehr--weil Sie-- +so komm' ich--gesagt haben--ich komme, zu fragen, +ob morgen Kinderlehre seyn wird. + +Läuffer. +Ach!--Seht diese Wangen, ihr Engel! Wie sie in +unschuldigem Feuer brennen und denn verdammt mich, +wenn ihr könnt--Lise, warum zittert Deine Hand? +Warum sind Dir die Lippen so bleich und die Wangen +so roth? Was willst Du? + +Lise. +Ob morgen Kinderlehr seyn wird? + +Läuffer. +Setz Dich zu mir nieder--Leg Dein Gesangbuch weg-- +Wer steckt Dir das Haar auf, wenn Du nach der Kirche +gehst? (setzt sie auf einen Stuhl neben seinem) + +Lise. (will aufstehn) +Verzeyh' Er mir; die Haube wird wohl nicht recht +gesteckt seyn; es mache einen so erschrecklichen Wind, +als ich zur Kirche kam. + +Läuffer. (nimmt ihre beyden Hände in seine Hand) +O Du bist--Wie alt bist Du, Lise?--Hast Du niemals-- +Was wollt' ich doch fragen--Hast Du nie Freyer gehabt? + +Lise. (Munter) +O ja einen, noch die vorige Woche; und des Schaafwirths +Grethe war so neidisch auf mich und hat immer gesagt: +ich weiß nicht was er sich um das einfältige Mädchen +so viel Mühe macht, und denn hab' ich auch noch einen +Officier gehabt; es ist noch kein Vierteljahr. + +Läuffer. +Einen Officier? + +Lise. +Ja doch, und einer von den recht Vornehmen. Ich sag' +ihnen, er hat drey Tressen auf dem Arm gehabt: aber +ich war noch zu jung und mein Vater wollt mich ihm +nicht geben, wegen des soldatischen Wesens und Ziehens. + +Läuffer. +Würdest Du--O ich weiß nicht, was ich rede--Würdest +Du wohl--Ich Elender! + +Lise. +O ja, von ganzem Herzen. + +Läuffer. +Bezaubernde!--(will ihr die Hand küssen) Du weißt ja +noch nicht, was ich fragen wollte. + +Lise. (zieht sie weg) +O lassen Sie, meine Hand ist ja so schwarz--O pfuy +doch! Was machen Sie? Sehen Sie, einen geistlichen +Herrn hätt' ich allewege gern: von meiner ersten +Jugend an hab ich die studierte Herren immer gern +gehabt; sie sind alleweil so artig, so manierlich, +nicht so puf paf, wie die Soldaten, obschon ich +einewege die auch gern habe, das leugn' ich nicht, +wegen ihrer bunten Röcke; ganz gewiß, wenn die +geistlichen Herren in so bunten Röcken giengen, wie +die Soldaten, das wäre zum Sterben. + +Läuffer. +Laß' mich Deinen muthwilligen Mund mit meinen Lippen +zuschließen. (küßt sie) O Lise! Wenn Du wüstest, wie +unglücklich ich bin. + +Lise. +O pfuy, Herr, was machen Sie? + +Läuffer. +Noch einmal und denn ewig nicht wieder! (küßt sie. +Wenzeslaus tritt herein) + +Wenzeslaus. +Was ist das? Proh deum atque hominum fidem! Wie nun, +falscher, falscher, falscher Prophet! Reißender Wolf +in Schaafskleidern! Ist das die Sorgfalt, die Du Deiner +Heerde schuldig bist? Die Unschuld selber verführen, die +Du vor Verführung bewahren sollst? Es muß ja Aergerniß +kommen, doch wehe dem Menschen, durch welchen Aergerniß +kommt! + +Läuffer. +Herr Wenzeslaus! + +Wenzeslaus. +Nichts mehr! Kein Wort mehr! Ihr habt Euch in Eurer +wahren Gestalt gezeigt. Aus meinem Hause, Verführer! + +Lise. (kniet vor Wenzeslaus) +Lieber Herr Schulmeister, er hat mir nichts böses gethan. + +Wenzeslaus. +Er hat Dir mehr böses gethan, als Dir Dein ärgster +Feind thun könnte. Er hat Dein unschuldiges Herz +verführt. + +Läuffer. +Ich bekenne mich schuldig--Aber kann man so vielen +Reitzungen widerstehen? Wenn man mir dies Herz aus dem +Leibe risse und mich Glied vor Glied verstümmelte und +ich behielt nur eine Ader von Blut noch übrig, so würde +diese verräthrische Ader doch für Lisen schlagen. + +Lise. +Er hat mir nichts Leides gethan. + +Wenzeslaus. +Dir nichts Leides gethan--Himmlischer Vater! + +Läuffer. +Ich hab ihr gesagt, daß sie die liebenswürdigste +Kreatur sey, die jemals die Schöpfung beglückt hat; +ich hab' ihr das auf ihre Lippen gedrückt; ich hab +diesen unschuldigen Mund mit meinen Küssen versiegelt, +welcher mich sonst durch seine Zaubersprache zu noch +weit größeren Verbrechen würde hingerissen haben. + +Wenzeslaus. +Ist das kein Verbrechen? Was nennt Ihr jungen Herrn +heut zu Tage Verbrechen? O tempora, o mores! Habt Ihr +den Valerius Maximus gelesen? Habt Ihr den Artikel +gelesen de pudicitia? Da führt er einen Mänius an, +der seinen Freygelassenen todtgeschlagen hat, weil er +seine Tochter einmal küßte und die Raison: ut etiam +oscula ad maritum sincera perferret. Riecht Ihr das? +Schmeckt Ihr das? Etiam oscula, non solum virginitatem, +etiam oscula. Und Mänius war doch nur ein Heyde: was +soll ein Christ thun, der weiß, daß der Ehstand von +Gott eingesetzt ist und daß die Glückseligkeit eines +solchen Standes an der Wurzel vergiften, einem +künftigen Gatten in seiner Gattin seine Freud und +Trost verderben; seinen Himmel profaniren--Fort, +aus meinen Augen, Ihr Bösewicht! Ich mag mit Euch +nichts zu thun haben! Geht zu einem Sultan und laßt +Euch zum Aufseher über ein Serail dingen, aber nicht +zum Hirten meiner Schaafe. Ihr Miethling. Ihr reissender +Wolf in Schaafskleidern! + +Läuffer. +Ich will Lisen heyrathen. + +Wenzeslaus. +Heyrathen--Ey ja doch--als ob sie mit einem Eunuch +zufrieden? + +Lise. +O ja, ich bins herzlich wohl zufrieden, Herr Schulmeister. + +Läuffer. +Ich unglücklicher! + +Lise. +Glauben Sie mir, lieber Herr Schulmeister, ich laß +einmal nicht von ihm ab. Nehmen Sie mir das Leben; +ich lasse nicht ab von ihm. Ich hab ihn gern und mein +Herz sagt mir, daß ich niemand auf der Welt so gern +haben kann als ihn. + +Wenzeslaus. +So--daß doch--Lise, Du verstehst das Ding nicht-- +Lise, es läßt sich Dir so nicht sagen, aber Du kannst +ihn nicht heyrathen; es ist unmöglich. + +Lise. +Warum soll es denn unmöglich seyn, Herr Schulmeister? +Wie kann's unmöglich seyn, wenn ich will und wenn er +will, und mein Vater auch es will? Denn mein Vater hat +mir immer gesagt, wenn ich einmal einen geistlichen +Herrn bekommen könnte-- + +Wenzeslaus. +Aber daß dich der Kuckuk, er kann ja nichts--Gott +verzeih mir meine Sünde, so laß Dir doch sagen. + +Läuffer. +Vielleicht fodert sie das nicht--Lise, ich kann bey +Dir nicht schlafen. + +Lise. +So kann Er doch wachen bey mir, wenn wir nur den Tag +über beisammen sind und uns so anlachen und uns +einsweilen die Hände küssen--Denn bey Gott! ich hab' +ihn gern. Gott weiß es, ich hab' Ihn gern. + +Läuffer. +Sehn Sie, Herr Wenzeslaus! Sie verlangt nur Liebe von +mir. Und ist's denn nothwendig zum Glück der Ehe, daß +man thierische Triebe stillt? + +Wenzeslaus. +Ey was--Connubium sine prole, est quasi dies sine +sole ... Seyd fruchtbar und mehret euch, steht in +Gottes Wort. Wo Eh' ist, müssen auch Kinder seyn. + +Lise. +Nein Herr Schulmeister, ich schwör's Ihm, in meinem +Leben möcht' ich keine Kinder haben. Ey ja doch, +Kinder! Was Sie nicht meynen! Damit wär mir auch wol +groß gedient, wenn ich noch Kinder dazu bekäme. Mein +Vater hat Enten und Hüner genug, die ich alle Tage +füttern muß, wenn ich noch Kinder ebenen füttern müste. + +Läuffer. (küßt sie) +Göttliche Lise! + +Wenzeslaus. (reißt sie von einander) +Ey was denn! Was denn! Vor meinen Augen?--So kriecht +denn zusammen; meinetwegen; weil doch Heyrathen besser +ist als Brunst leiden--Aber mit uns, Herr Mandel, ist +es aus: alle grosse Hofnungen, die ich mir von Ihm +gemacht, alle grosse Erwartungen, die mir Sein +Heldenmuth einflößte.--Gütiger Himmel! wie weit ist +doch noch die Kluft, die zwischen einem Kirchenvater +und zwischen einem Kapaun befestigt ist. Ich dacht', +er sollte Origenes der zweyte--O homuncio, homuncio! +Das müßt' ein ganz andrer Mann seyn, der aus Absicht +und Grundsätzen den Weg einschlüge, um ein Pfeiler +unsrer sinkenden Kirche zu werden. Ein ganz anderer +Mann! Wer weiß, was noch einmal geschieht! (geht ab) + +Läuffer. +Komm zu Deinem Vater, Lise, Seine Einwilligung noch +und ich bin der glücklichste Mensch auf dem Erdboden! + + +Eilfte Scene. + +Zu Insterburg. + +Geheimer Rath. Fritz von Berg. Pätus. Gustchen. Jungfer +Rehaar. +(Gustchen und Jungfer Rehaar verstecken sich bey der +Ankunft der erstern in die Kammer.) +(Geheimer Rath und Fritz laufen sich entgegen.) + + +Fritz. (fällt vor ihm auf die Knie) +Mein Vater! + +Geh. Rath. (hebt ihn auf und umarmt ihn) +Mein Sohn! + +Fritz. +Haben Sie mir vergeben? + +Geh. Rath. +Mein Sohn! + +Fritz. +Ich bin nicht werth, daß ich Ihr Sohn heiße. + +Geh. Rath. +Setz Dich; denk mir nicht mehr dran. Aber, wie hast +Du Dich in Leipzig erhalten? Wieder Schulden auf meine +Rechnung gemacht? Nicht? und wie bist Du fortkommen? + +Fritz. +Dieser großmüthige Junge hat alles für mich bezahlt. + +Geh. Rath. +Wie denn? + +Pätus. +Dieser noch großmüthigere--O ich kann nicht reden. + +Geh. Rath. +Setzt euch Kinder; sprecht deutlicher. Hat Ihr Vater +sich mit Ihnen ausgesöhnt, Herr Pätus? + +Pätus. +Keine Zeile von ihm gesehen. + +Geh. Rath. +Und wie habt Ihrs denn beyde gemacht? + +Pätus. +In der Lotterie gewonnen, eine Kleinigkeit--aber es +kam uns zu statten, da wir herreisen wollten. + +Geh. Rath. +Ich seh, Ihr wilde Bursche denkt besser als Eure Väter. +Was hast Du wohl von mir gedacht, Fritz? Aber man hat +Dich auch bey mir verleumdet. + +Pätus. +Seiffenblase gewiß? + +Geh. Rath. +Ich mag ihn nicht nennen; das gäbe Katzbalgereyen, die +hier am unrechten Ort wären. + +Pätus. +Seiffenblase! Ich laß mich hängen. + +Geh. Rath. +Aber was führt Dich denn nach Hause zurück, eben +jetzt da?-- + +Fritz. +Fahren Sie fort--O das eben jetzt, mein Vater! das +eben jetzt ists, was ich wissen wollte. + +Geh. Rath. +Was denn? was denn? + +Fritz. +Ist Gustchen todt? + +Geh. Rath. +Holla! der Liebhaber!--Was veranlaßt Dich, so zu fragen? + +Fritz. +Ein Brief von Seiffenblase. + +Geh. Rath. +Er hat Dir geschrieben: sie wäre todt? + +Fritz. +Und entehrt dazu. + +Pätus. +Es ist ein verleumderischer Schurke! + +Geh. Rath. +Kennst Du eine Jungfer Rehaar in Leipzig? + +Fritz. +O ja, ihr Vater war mein Lautenmeister. + +Geh. Rath. +Die hat er entehren wollen; ich hab sie von seinen +Nachstellungen errettet: das hat ihn uns feind gemacht. + +Pätus. (steht auf) +Jungfer Rehaar--Der Teufel soll ihn holen. + +Geh. Rath. +Wo wollen Sie hin? + +Pätus. +Ist er in Insterburg? + +Geh. Rath. +Nein doch--Nehmen Sie sich der Prinzessinnen nicht zu +eifrig an, Herr Ritter von der runden Tafel! Oder haben +Sie Jungfer Rehaar auch gekannt? + +Pätus. +Ich? Nein, ich habe sie nicht gekannt--Ja, ich habe +sie gekannt. + +Geh. Rath. +Ich merke--Wollen Sie nicht auf einen Augenblick +in die Kammer spatzieren? (führt ihn an die Thür) + +Pätus. (macht auf und fährt zurück, sich mit beyden +Händen an den Kopf greiffend) +Jungfer Rehaar--Zu Ihren Füssen--(hinter der Scene) +Bin ich so glücklich? oder ist's nur ein Traum? Ein +Rausch?--Eine Bezauberung?-- + +Geh. Rath. +Lassen wir ihn!--(kehrt zu Fritz) Und Du denkst +noch an Gustchen? + +Fritz. +Sie haben mir das furchtbare Rätzel noch nicht +aufgelöst. Hat Seiffenblase gelogen? + +Geh. Rath. +Ich denke, wir reden hernach davon: wir wollen uns +die Freud' itzt nicht verderben. + +Fritz. (kniend) +O mein Vater, wenn Sie noch Zärtlichkeit für mich +haben, lassen Sie mich nicht zwischen Himmel und +Erde, zwischen Hofnung und Verzweiflung schweben. +Darum bin ich gereist; ich konnte die quaalvolle +Ungewißheit nicht länger aushalten. Lebt Gustchen? +Ists wahr, daß sie entehrt ist? + +Geh. Rath. +Es ist leider nur eine zu traurige Wahrheit. + +Fritz. +Und hat sich in einen Teich gestürzt? + +Geh. Rath. +Und ihr Vater hat sich ihr nachgestürzt. + +Fritz. +So falle denn Henkers Beil--Ich bin der +Unglücklichste unter den Menschen! + +Geh. Rath. +Steh' auf! Du bist unschuldig dran-- + +Fritz. +Nie will ich aufstehn. (schlägt sich an die Brust) +Schuldig war ich; einzig und allein schuldig. +Gustchen, seliger Geist, verzeihe mir! + +Geh. Rath. +Und was hast Du Dir vorzuwerfen? + +Fritz. +Ich habe geschworen, falsch geschworen--Gustchen! +wär' es erlaubt, Dir nachzuspringen! (steht hastig +auf) Wo ist der Teich? + +Geh. Rath. +Hier! (führt ihn in die Kammer) + +Fritz. (hinter der Scene mit lautem Geschrey) +Gustchen!--Seh' ich ein Schattenbild?--Himmel! +Himmel welche Freude!--Laß mich sterben! laß mich +an Deinem Halse sterben. + +Geh. Rath. (wischt sich die Augen) +Eine zärtliche Gruppe!--Wenn doch der Major hier +wäre! (geht hinein.) + + +Letzte Scene. + +Der Major (ein Kind auf dem Arm) Der alte Pätus. + + +Major. +Kommen Sie, Herr Pätus. Sie haben mir das Leben +wiedergegeben. Das war der einzige Wurm, der mir +noch dran nagte. Ich muß Sie meinem Bruder präsentiren, +und Ihre alte blinde Großmutter will ich in Gold +einfassen lassen. + +Der alte Pätus. +O meine Mutter hat mich durch ihren unvermutheten +Besuch weit glücklicher gemacht, als Sie. Sie haben +nur einen Enkel wiedererhalten, der Sie an traurige +Geschichten erinnert; ich aber eine Mutter, die mich +an die angenehmsten Scenen meines Lebens erinnert, +und deren mütterliche Zärtlichkeit ich leider noch +durch nichts habe erwiedern können, als Haß und +Undankbarkeit. Ich habe sie aus dem Hause gestoßen, +nachdem sie mir den ganzen Nachlaß meines Vaters +und ihr Vermögen mit übergeben hatte; ich habe ärger +gegen sie gehandelt als ein Tyger--Welche Gnade +von Gott ist es, daß sie noch lebt, daß sie mir noch +verzeihen kann, die großmüthige Heilige! daß es noch +in meine Gewalt gestellt ist, meine verfluchte +Verbrechen wieder gut zu machen. + +Major. +Bruder Berg! wo bist Du? He! (Geh. Rath kömmt) Hier +ist mein Kind, mein Großsohn. Wo ist Gustchen? Mein +allerliebstes Großsöhnchen! (schmeichelt ihm) meine +allerliebste närrische Puppe! + +Geh. Rath. +Das ist vortreflich!--und Sie, Herr Pätus? + +Major. +Sie Herr Pätus hat's mir verschaft--Seine Mutter +war das alte blinde Weib, die Bettlerin, von der uns +Gustchen so viel erzählt hat. + +Der alte Pätus. +Und durch mich Bettlerin--O die Schaam bindt mir +die Zunge. Aber ich wills der ganzen Welt erzehlen, +was ich für ein Ungeheuer war-- + +Geh. Rath. +Weißt Du was neues, Major? Es finden sich Freyer für +Deine Tochter--aber dring nicht in mich, Dir den +Namen zu sagen. + +Major. +Freyer für meine Tochter!--(wirft das Kind ins +Kanapee) Wo ist sie? + +Geh. Rath. +Sacht! ihr Freyer ist bey ihr--Willst Du Deine +Einwilligung geben? + +Major. +Ists ein Mensch von gutem Hause? Ist er von Adel? + +Geh. Rath. +Ich zweifle. + +Major. +Doch keiner zu weit unter ihrem Stande? O sie sollte +die erste Parthie im Königreich werden. Das ist ein +vermaledeyter Gedanke! wenn ich doch den erst fort +hätte; er wird mich noch ins Irrhaus bringen. + +Geh. Rath. (öfnet die Kammer; auf seinen Wink tritt +Fritz mit Gustchen heraus) + +Major. (fällt ihm um den Hals) +Fritz! (zum geh. Rath) Ists Dein Fritz? Willst Du +meine Tochter heyrathen?--Gott segne Dich. Weißt +Du noch nichts, oder weißt Du alles? Siehst Du, wie +mein Haar grau geworden ist vor der Zeit! (führt ihn +ans Kanapee) Siehst Du, dort ist das Kind. Bist ein +Philosoph? Kannst alles vergessen? Ist Gustchen Dir +noch schön genug? O sie hat bereut. Jung, ich schwöre +Dir, sie hat bereut, wie keine Nonne und kein Heiliger. +Aber was ist zu machen? Sind doch die Engel aus dem +Himmel gefallen--Aber Gustchen ist wieder aufgestanden. + +Fritz. +Lassen Sie mich zum Wort kommen. + +Major. (drückt ihn immer an die Brust) +Nein Junge--Ich möchte Dich todt drücken--Daß Du +so großmüthig bist, daß Du so edel denkst--das Du-- +mein Junge bist-- + +Fritz. +In Gustchens Armen beneid' ich keinen König. + +Major. +So recht; das ist recht.--Sie wird Dir schon gestanden +haben; sie wird Dir alles erzählt haben-- + +Fritz. +Dieser Fehltritt macht sie mir nur noch theurer-- +macht ihr Herz nur noch englischer.--Sie darf nur +in den Spiegel sehn, um überzeugt zu seyn, daß sie +mein ganzes Glück machen werde und doch zittert sie +immer vor dem, wie sie sagt, ihr unerträglichen +Gedanken: sie werde mich unglücklich machen. O was +hab ich von einer solchen Frau anders zu gewarten, +als einen Himmel? + +Major. +Ja wohl einen Himmel; wenn's wahr ist, daß die +Gerechten nicht allein hineinkommen, sondern auch +die Sünder, die Busse thun. Meine Tochter hat Busse +gethan und ich hab für meine Thorheiten und daß ich +einem Bruder nicht folgen wollte, der das Ding besser +verstund, auch Busse gethan; ihr zur Gesellschaft: +und darum macht mich der liebe Gott auch ihr zur +Gesellschaft mit glücklich. + +Geh. Rath. (ruft zur Kammer hinein) +Herr Pätus, kommen Sie doch hervor. Ihr Vater ist hier. + +Der alte Pätus. +Was hör' ich--Mein Sohn? + +Pätus. (fällt ihm um den Hals) +Ihr unglücklicher verstossener Sohn. Aber Gott hat sich +meiner als eines armen Wäysen angenommen. Hier, Papa, +ist das Geld, das Sie zu meiner Erziehung in der Fremde +angewandt; hier ist's zurück und mein Dank dazu; es hat +doppelte Zinsen getragen, das Kapital hat sich vermehrt +und Ihr Sohn ist ein rechtschaffener Kerl worden. + +Der alte Pätus. +Muß denn alles heute wetteifern, mich durch Großmuth zu +beschämen. Mein Sohn, erkenne Deinen Vater wieder, der +eine Weile seine menschliche Natur ausgezogen und in +ein wildes Thier ausgeartet war. Es gieng Deiner +Großmutter wie Dir: sie ist auch wiedergekommen und hat +mir verziehen und hat mich wieder zum Sohn gemacht, so +wie Du mich wieder zum Vater machst. Nimm mein ganzes +Vermögen, Gustav! schalte damit nach Deinem Gefallen, +nur laß mich die Undankbarkeit nicht entgelten, die +ich bey einem ähnlichen Geschenk gegen Deine Großmutter +äußerte. + +Pätus. +Erlauben Sie mir, das tugendhafteste süsseste Mädchen +glücklich damit zu machen-- + +Der alte Pätus. +Was denn? Du auch verliebt? Mit Freuden erlaub' ich Dir +alles. Ich bin alt und möchte vor meinem Tode gern Enkel +sehen, denen ich die Treue beweisen könnte, die Eure +Großmutter für Euch bewiesen hat. + +Fritz. (Umarmt das Kind auf dem Kanapee, küßt's und +trägts zu Gustchen) +Dies Kind ist jetzt auch das meinige; ein trauriges +Pfand der Schwachheit Deines Geschlechts und der +Thorheiten des unsrigen: am meisten aber der +vortheilhaften Erziehung junger Frauenzimmer durch +Hofmeister. + +Major. +Ja mein lieber Sohn, wie sollen sie denn erzogen werden? + +Geh. Rath. +Giebts für sie keine Anstalten, keine Nähschulen, keine +Klöster, keine Erziehungshäuser?--Doch davon wollen +wir ein andermal sprechen. + +Fritz. (küßt's abermal) +Und dennoch mir unendlich schätzbar, weil's das Bild +seiner Mutter trägt. Wenigstens, mein süsses Kind! +werd' ich Dich nie durch Hofmeister erziehen lassen. + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 6821 *** diff --git a/6821-8.txt b/6821-8.txt deleted file mode 100644 index b3b791b..0000000 --- a/6821-8.txt +++ /dev/null @@ -1,4951 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Der Hofmeister, by Jacob Michael Reinhold Lenz - -Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the -copyright laws for your country before downloading or redistributing -this or any other Project Gutenberg eBook. - -This header should be the first thing seen when viewing this Project -Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the -header without written permission. - -Please read the "legal small print," and other information about the -eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is -important information about your specific rights and restrictions in -how the file may be used. 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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse -http://gutenberg2000.de erreichbar. - - - - -Der Hofmeister odor Vortheile der Privaterziehung - -Jakob Michael Reinhold Lenz - -Eine Komdie. - - -Namen. - -Herr von Berg. Geheimer Rath. -Der Major. Sein Bruder. -Die Majorin. -Gustchen. Ihre Tochter. -Fritz von Berg. -Graf Wermuth. -Luffer. Ein Hofmeister. -Ptus und Bollwerk. Studenten. -Herr von Seiffenblase. -Sein Hofmeister. -Frau Hamster. Rthin. -Jungfer Hamster. -Jungfer Knicks. -Frau Blitzer. -Wenzeslaus. Ein Schulmeister. -Marthe. Alte Frau. -Lise. -Der alte Ptus. -Der alte Luffer. Stadtprediger. -Leopold. Junker des Majors. Ein Kind. -Herr Rehhaar. Lautenist. -Jungfer Rehhaar. Seine Tochter. - - - -Erster Akt. - - -Erste Scene. - -Zu Insterburg in Preussen. - - -Luffer. -Mein Vater sagt: ich sey nicht tauglich zum Adjunkt. Ich -glaube, der Fehler liegt in seinem Beutel; er will keinen -bezahlen. Zum Pfaffen bin ich auch zu jung, zu gut -gewachsen, habe zu viel Welt gesehn und bey der -Stadtschule hat mich der geheime Rath nicht annehmen -wollen. Mag's! er ist ein Pedant und dem ist freylich -der Teufel selber nicht gelehrt genug. Im halben Jahr -htt' ich doch wieder eingeholt, was ich von der Schule -mitgebracht, und dann wr' ich fr einen Klassenprceptor -noch immer viel zu gelehrt gewesen, aber der Herr geheime -Rath mu das Ding besser verstehen. Er nennt mich immer -nur Monsieur Luffer, und wenn wir von Leipzig sprechen, -fragt er nach Hndels Kuchengarten und Richters Kaffehaus, -ich wei nicht: soll das Satyre seyn, oder--Ich hab' -ihn doch mit unserm Konrektor bisweilen tiefsinnig genug -diskuriren hren; er sieht mich vermuthlich nicht fr -voll an.--Da kommt er eben mit dem Major; ich wei nicht, -ich scheu ihn rger als den Teufel. Der Kerl hat etwas -in seinem Gesicht, das mir unertrglich ist. (geht dem -geheimen Rath und dem Major mit viel freundlichen -Scharrfssen vorbey.) - - -Zweyte Scene. - -Geheimer Rath. Major. - - -Major. -Was willst du denn? Ist das nicht ein ganz artiges Mnnichen? - -Geh. Rath. -Artig genug, nur zu artig. Aber was soll er Deinen Sohn -lehren? - -Major. -Ich wei nicht, Berg, Du thust immer solche wunderliche -Fragen. - -Geh. Rath. -Nein aufrichtig! Du must doch eine Absicht haben, wenn Du -einen Hofmeister nimmst und den Beutel mit einemmahl so -weit aufthust, da dreihundert Dukaten herausfallen. Sag -mir, was meinst Du mit dem Geld auszurichten; was foderst -Du dafr von Deinem Hofmeister? - -Major. -Da er--was ich--da er meinen Sohn in allen -Wissenschaften und Artigkeiten und Weltmanieren--Ich wei -auch nicht, was Du immer mit Deinen Fragen willst; das -wird sich schon finden; das werd ich ihm alles schon zu -seiner Zeit sagen. - -Geh. Rath. -Das heit: Du willst Hofmeister Deines Hofmeisters seyn; -bedenkst Du aber auch, was Du da auf Dich nimmst--Was -soll Dein Sohn werden, sag mir einmahl? - -Major. -Was er... Soldat soll er werden; ein Kerl, wie ich gewesen -bin. - -Geh. Rath. -Das letzte la nur weg, lieber Bruder; unsere Kinder -sollen und mssen das nicht werden, was wir waren: die -Zeiten ndern sich, Sitten, Umstnde, alles, und wenn Du -nichts mehr und nichts weniger geworden wrst, als das -leibhafte Kontrefey Deines Eltervaters-- - -Major. -Potz hundert! wenn er Major wird, und ein braver Kerl -wie ich, und dem Knig so redlich dient als ich! - -Geh. Rath. -Ganz gut, aber nach funfzig Jahren haben wir vielleicht -einen andern Knig und eine andre Art ihm zu dienen. Aber -ich seh schon, ich kann mich mit Dir in die Sachen nicht -einlassen, ich mste zu weit ausholen und wrde doch -nichts ausrichten. Du siehst immer nur der graden Linie -nach, die Deine Frau Dir mit Kreide ber den Schnabel -zieht. - -Major. -Was willst Du damit sagen, Berg? Ich bitt Dich, misch -Dich nicht in meine Hausangelegenheiten, so wie ich mich -nicht in die Deinigen.--Aber sieh doch! da luft ja -eben Dein gndiger Junker mit zwey Hollunken aus der -Schule heraus.--Vortrefliche Erziehung, Herr Philosophus! -Das wird einmal was rechts geben! Wer sollt' es in aller -Welt glauben, da der Gassenbengel der einzige Sohn Sr. -Excellenz des kniglichen geheimen Raths-- - -Geh. Rath. -La ihn nur.--Seine lustigen Spielgesellen werden ihn -minder verderben als ein galonirter Miggnger, -untersttzt von einer eiteln Patronin. - -Major. -Du nimmst Dir Freyheiten heraus.--Adieu. - -Geh. Rath. -Ich bedaure Dich. - - -Dritte Scene. - -Der Majorin Zimmer. -Frau Majorin. (auf einem Kanapee) -Luffer. (in sehr demthiger Stellung neben ihr sitzend) -Leopold. (steht) - - -Majorin. -Ich habe mit Ihrem Herrn Vater gesprochen und von den -dreihundert Dukaten stehenden Gehalts sind wir bis auf -hundert und funfzig einig worden. Dafr verlang' ich -aber auch Herr--Wie heissen Sie?--Herr Luffer, da -Sie Sich in Kleidern sauber halten, und unserm Hause -keine Schande machen. Ich wei, da Sie Geschmack haben; -ich habe schon von Ihnen gehrt, als Sie noch in Leipzig -waren. Sie wissen, da man heut zu Tage auf nichts in -der Welt so sehr sieht, als ob ein Mensch sich zu fhren -wisse. - -Luffer. -Ich hoff', Euer Gnaden werden mit mir zufrieden seyn. -Wenigstens hab' ich in Leipzig keinen Ball ausgelassen, -und wohl ber die funfzehn Tanzmeister in meinem Leben -gehabt. - -Majorin. -So? lassen Sie doch sehen. (Luffer steht auf) Nicht -furchtsam, Herr...Luffer! nicht furchtsam! Mein Sohn -ist buschscheu genug; wenn der einen blden Hofmeister -bekommt, so ists aus mit ihm. Versuchen Sie doch einmal, -mir ein Kompliment aus der Menuet zu machen; zur Probe -nur, damit ich doch sehe.--Nun, nun, das geht schon an! -Mein Sohn braucht vor der Hand keinen Tanzmeister! Auch -einen Pas, wenn's Ihnen beliebt.--Es wird schon gehen; -das wird sich alles geben, wenn Sie einmal einer unsrer -Assembleen werden beigewohnt haben. Sind Sie musikalisch? - -Luffer. -Ich spiele die Geige, und das Klavier zur Noth. - -Majorin. -Desto besser: wenn wir aufs Land gehn und Frulein -Milchzahn besuchen uns einmal; ich habe bisher ihnen -immer was vorsingen mssen, wenn die guten Kinder Lust -bekamen zu tanzen: aber besser ist besser. - -Luffer. -Euer Gnaden setzen mich ausser mich: wo wr ein Virtuos -auf der Welt, der auf seinem Instrument Euer Gnaden -Stimme zu erreichen hoffen drfte. - -Majorin. -Ha ha ha! Sie haben mich ja noch nicht gehrt. ... Warten -Sie; ist Ihnen die Menuet bekannt? (singt) - -Luffer. -O... o... verzeihen Sie dem Entzcken, dem Enthusiasmus, -der mich hinreit. (kt ihr die Hand.) - -Majorin. -Und ich bin doch enrhumirt dazu; ich mu heut krhen wie -ein Rabe. Vous parlez franois, sans doute? - -Luffer. -Un peu, Madame - -Majorin. -Avez Vous deja fait Vtre tour de France? - -Luffer. -Non Madame. ... Oui Madame. - -Majorin. -Vous devez donc savoir, qu'en France, on ne baise pas -les mains, mon cher. ... - -Bedienter. (tritt herein) -Der Graf Wermuth ... - -Graf Wermuth. (tritt herein) - -Graf. (nach einigen stummen Komplimenten setzt sich zur -Majorin aufs Kanapee. Luffer bleibt verlegen stehen) -Haben Euer Gnaden den neuen Tanzmeister schon gesehn, -der aus Dresden angekommen? Er ist ein Marchese aus -Florenz, und heit ... Aufrichtig: ich habe nur zwey -auf meinen Reisen angetroffen, die ihm vorzuziehen waren. - -Majorin. -Das gesteh' ich, nur zwey! In der That, Sie machen mich -neugierig; ich wei, welchen verzrtelten Geschmack der -Graf Wermuth hat. - -Luffer. -Pintinello ... nicht wahr? ich hab' ihn in Leipzig auf -dem Theater tanzen sehen; er tanzt nicht sonderlich ... - -Graf. -Er tanzt--on ne peut pas mieux.--Wie ich Ihnen sage, -gndige Frau, in Petersburg hab' ich einen Beluzzi -gesehn, der ihm vorzuziehen war: aber dieser hat eine -Leichtigkeit in seinen Fssen, so etwas freyes, -gttlichnachliges in seiner Stellung, in seinen Armen, -in seinen Wendungen-- - -Luffer. -Auf dem Kochischen Theater ward er ausgepfiffen, als er -sich das letztemal sehen lie. - -Majorin. -Merk Er sich, mein Freund! da Domestiken in -Gesellschaften von Standespersonen nicht mitreden. Geh -Er auf Sein Zimmer. Wer hat Ihn gefragt? (Luffer tritt -einige Schritte zurck) - -Graf. -Vermuthlich der Hofmeister, den Sie dem jungen Herrn -bestimmt? ... - -Majorin. -Er kommt ganz frisch von der hohen Schule.--Geh' Er -nur! Er hrt ja, da man von Ihm spricht; desto weniger -schickt es sich, stehen zu bleiben. (Luffer geht mit -einem steifen Kompliment ab) Es ist was unertrgliches, -da man fr sein Geld keinen rechtschaffenen Menschen -mehr antreffen kann. Mein Mann hat wohl dreymahl an einen -dasigen Professor geschrieben und dies soll doch noch -der galanteste Mensch auf der ganzen Akademie gewesen -seyn. Sie sehens auch wohl an seinem links bordirten -Kleide. Stellen Sie sich vor, von Leipzig bis Insterburg -zweihundert Dukaten Reisegeld und jhrliches Gehalt -fnfhundert Dukaten, ist das nicht erschrcklich? - -Graf. -Ich glaube, sein Vater ist der Prediger hier aus dem Ort ... - -Majorin. -Ich wei nicht--es kann seyn--ich habe nicht darnach -gefragt, ja doch, ich glaub' es fast: er heit ja auch -Luffer; nun denn ist er freylich noch artig genug. Denn -das ist ein rechter Br, wenigstens hat er mich ein fr -allemal aus der Kirche gebrllt. - -Graf. -Ists ein Katholik? - -Majorin. -Nein doch, Sie wissen ja, da in Insterburg keine -katholische Kirche ist: er ist Lutherisch, oder -Protestantisch wollt' ich sagen; er ist protestantisch. - -Graf. -Pintinello tanzt ... Es ist wahr, ich habe mir mein -Tanzen einige dreiig tausend Gulden kosten lassen, aber -noch einmal so viel gb' ich drum, wenn ... - - -Vierte Scene. - -Luffers Zimmer. -Luffer. Leopold. Der Major. -(Erstere sitzen an einem Tisch, ein Buch in der Hand, -indem sie der letztere berfllt.) - - -Major. -So recht; so lieb' ichs; hbsch fleiig--und wenn die -Kanaille nicht behalten will, Herr Luffer, so schlagen -Sie ihm das Buch an den Kopf, da ers Aufstehen vergit, -oder wollt' ich sagen, so drfen Sie mirs nur klagen. -Ich will Dir den Kopf zurecht setzen, Heyduk Du! Seht -da zieht er das Maul schon wieder. Bist empfindlich, -wenn Dir Dein Vater was sagt? Wer soll Dirs denn sagen? -Du sollst mir anders werden, oder ich will Dich peitschen, -da Dir die Eingeweide krachen sollen, Tuckmuser! Und -Sie, Herr, seyn Sie fleiig mit ihm, das bitt' ich mir -aus, und kein Feriiren und Pausiren und Rekreiren, das -leid ich nicht. Zum Plunder, vom Arbeiten wird kein -Mensch das Malum hydropisiacum kriegen. Das sind nur -Ausreden von euch Herren Gelehrten.--Wie stehts, kann -er seinen Cornelio? Lippel! ich bitt Dich um tausend -Gottes willen, den Kopf grad. Den Kopf in die Hhe, -Junge! (richtet ihn) Tausend Sakkerment den Kopf aus den -Schultern! oder ich zerbrech Dir Dein Rckenbein in -tausendmillionen Stcken. - -Luffer. -Der Herr Major verzeihen: er kann kaum lateinisch lesen. - -Major. -Was? So hat der Rakker vergessen.--Der vorige Hofmeister -hat mir doch gesagt, er sey perfekt im Lateinischen, -perfekt. ... Hat ers ausgeschwitzt--aber ich will Dir-- -Ich will es nicht einmal vor Gottes Gericht zu -verantworten haben, da ich Dir keinen Daumen aufs Auge -gesetzt habe, und da ein Galgendieb aus Dir geworden -ist, wie der junge Hufeise oder wie Deines Onkels -Friedrich, eh Du mir so ein Gassenlufferischer -Taugenichts--Ich will dich zu Tode hauen--(giebt ihm -eine Ohrfeige) Schon wieder wie ein Fragzeichen? Er -lt sich nicht sagen.--Fort mir aus den Augen.--Fort! -Soll ich Dir Beine machen? Fort, sag' ich. (stampft mit -dem Fu. Leopold geht ab. Major setzt sich auf seinen -Stuhl. Zu Luffern.) Bleiben Sie sitzen, Herr Luffer; -ich wollte mit ihnen ein paar Worte allein sprechen, -darum schickt' ich den jungen Herrn fort. Sie knnen -immer sitzen bleiben; ganz, ganz. Zum Henker Sie -brechen mir ja den Stuhl entzwey, wenn Sie immer so -auf einer Ecke ... Dafr steht ja der Stuhl da, da -man drauf sitzen soll. Sind Sie so weit gereist und -wissen das noch nicht?--Hren Sie nur: ich seh' Sie -fr einen hbschen artigen Mann an, der Gott frchtet -und folgsam ist, sonst wrd' ich das nimmer thun, was -ich fr Sie thue. Hundert und vierzig Dukaten jhrlich -hab' ich Ihnen versprochen: das machen drey--Warte-- -Dreymal hundert und vierzig: wieviel machen das? - -Luffer. -Vier hundert und zwanzig. - -Major. -Ists gewi? Macht das soviel? Nun damit wir gerade Zahl -haben, vierhundert Thaler preuisch Courant hab' ich zu -Ihrem Salarii bestimmt. Sehen Sie, das ist mehr als das -ganze Land giebt. - -Luffer. -Aber mit Eurer Gnaden gndigen Erlaubni, die Frau -Majorin haben mir von hundert funfzig Dukaten gesagt; -das machte gerade vierhundert funfzig Thaler und auf -diese Bedingungen hab' ich mich eingelassen. - -Major. -Ey was wissen die Weiber!--Vierhundert Thaler, -Monsieur; mehr kann Er mit gutem Gewissen nicht fodern. -Der vorige hat zweihundert funfzig gehabt und ist -zufrieden gewesen wie ein Gott. Er war doch, mein Seel! -ein gelehrter Mann; auch und ein Hofmann zugleich: die -ganze Welt gab' ihm das Zeugni, und Herr, Er mu noch -ganz anders werden, eh' Er so wird. Ich thu' es nur aus -Freundschaft fr Seinen Herrn Vater, was ich an Ihm -thue und um Seinetwillen auch, wenn Er hbsch folgsam -ist, und werd' auch schon einmal fr Sein Glck zu -sorgen wissen; das kann Er versichert seyn.--Hr Er -doch einmal: ich hab' eine Tochter, das mein Ebenbild -ist und die ganze Welt giebt ihr das Zeugni, da ihres -gleichen an Schnheit im ganzen Preussenlande nichts -anzutreffen. Das Mdchen hat ein ganz anders Gemth als -mein Sohn, der Buschklepper. Mit dem mu ganz anders -umgegangen werden! Es wei sein Christenthum aus dem -Grunde und in dem Grunde, aber es ist denn nun doch, -weil sie bald zum Nachtmahl gehen soll und ich wei wie -die Pfaffen sind, so soll er auch alle Morgen etwas aus -dem Christenthum mit ihr nehmen. Alle Tage Morgens eine -Stunde und da geht Er auf ihr Zimmer; angezogen, das -versteht sich: denn Gott behte, da Er so ein Schweinigel -seyn sollte wie ich einen gehabt habe, der durchaus im -Schlafrock an Tisch kommen wollte.--Kann Er auch -zeichnen? - -Luffer. -Etwas, gndiger Herr.--Ich kann Ihnen einige Proben weisen. - -Major. (besieht sie) -Das ist ja scharmant!--Recht schn; gut das: Er soll -meine Tochter auch zeichnen lehren.--Aber hren Sie, -werther Herr Luffer, um Gottes Willen ihr nicht scharf -begegnet; das Mdchen hat ein ganz ander Gemth als der -Junge. Wei Gott! es ist als ob sie nicht Bruder und -Schwester wren. Sie liegt Tag und Nacht ber den -Bchern und ber den Trauerspielen da, und sobald man -ihr nur ein Wort sagt, besonders ich, von mir kann sie -nichts vertragen, gleich stehn ihr die Backen in Feuer -und die Thrnen lauffen ihr wie Perlen drber herab. Ich -wills Ihm nur sagen: das Mdchen ist meines Herzens -einziger Trost. Meine Frau macht mir bittre Tage genug: -sie will alleweil herrschen und weil sie mehr List und -Verstand hat, als ich. Und der Sohn, das ist ihr -Liebling; den will sie nach ihrer Methode erziehen; -fein suberlich mit dem Knaben Absalom, und da wird -denn einmal so ein Galgenstrick draus, der nicht Gott, -nicht Menschen was Nutz ist.--Das will ich nicht -haben.--Sobald er was thut, oder was versieht, oder -hat seinen Lex nicht gelernt, sag' Ers mir nur und der -lebendige Teuffel soll drein fahren.--Aber mit der -Tochter nehm' Er sich in Acht; die Frau wird Ihm schon -zureden, da Er ihr scharf begegnen soll. Sie kann sie -nicht leiden, das wei ich; aber wo ich das geringste -merke. Ich bin Herr vom Hause, mu Er wissen, und wer -meiner Tochter zu nahe kommt--Es ist mein einziges -Kleinod, und wenn der Knig mir sein Knigreich fr -sie geben wollt': ich schicke ihn fort. Alle Tage ist -sie in meinem Abendgebet und Morgengebet und in meinem -Tischgebet, und alles in allem, und wenn Gott mir die -Gnade thun wollte, da ich sie noch vor meinem Ende -mit einem General oder Staatsminister vom ersten Range -versorgt she,--denn keinen andern soll sie sein -Lebtage bekommen,--so wollt' ich gern ein zehn Jahr -eher sterben.--Merk' Er sich das--und wer meiner -Tochter zu nahe kommt oder ihr worinn zu Leid lebt-- -die erste beste Kugel durch den Kopf. Merk' Er Sich -das.--(geht ab.) - - -Fnfte Scene. -Fritz von Berg. Augustchen. - - -Fritz. -Sie werden nicht Wort halten Gustchen: Sie werden mir -nicht schreiben, wenn Sie in Heidelbrun sind, und dann -werd' ich mich zu Tode grmen. - -Gustchen. -Glaubst Du denn, da Deine Juliette so unbestndig seyn -kann? O nein; ich bin ein Frauenzimmer; die Mannspersonen -allein sind unbestndig. - -Fritz. -Nein, Gustchen, die Frauenzimmer allein sinds. Ja wenn -alle Julietten wren!--Wissen Sie was? Wenn Sie an mich -schreiben, nennen Sie mich Ihren Romeo; thun Sie mir -den Gefallen: ich versichere Sie, ich werd' in allen -Stcken Romeo seyn, und wenn ich erst einen Degen trage. -O ich kann mich auch erstechen, wenn's dazu kommt. - -Gustchen. -Gehn Sie doch! Ja Sie werden's machen, wie im Gellert -steht: er besah die Spitz' und Schneide und steckt' ihn -langsam wieder ein. - -Fritz. -Sie sollen schon sehen. (fat sie an die Hand.) Gustchen-- -Gustchen! wenn ich Sie verlieren sollte oder der Onkel -wollte Sie einem andern geben.--Der gottlose Graf -Wermuth! Ich kann Ihnen den Gedanken nicht sagen -Gustchen, aber Sie knnten ihn schon in meinen Augen -lesen--Er wird ein Graf Paris fr uns seyn. - -Gustchen. -Fritzchen--so mach' ichs wie Juliette. - -Fritz. -Was denn?--Wie denn?--Das ist ja nur eine Erdichtung; -es giebt keine solche Art Schlaftrunk. - -Gustchen. -Ja, aber es giebt Schlaftrnke zum ewigen Schlaf. - -Fritz. (fllt ihr um den Hals) -Grausame! - -Gustchen. -Ich hr' meinen Vater auf dem Gange.--La uns in den -Garten lauffen.--Nein; er ist fort.--Gleich nach dem -Caffee Fritzchen reisen wir und so wie der Wagen Dir -aus den Augen verschwindt, werd' ich Dir auch schon aus -dem Gedchtni seyn. - -Fritz. -So mag Gott sich meiner nie mehr erinnern, wenn ich -Dich vergesse. Aber nimm Dich fr den Grafen in Acht, -er gilt soviel bey deiner Mutter und Du weit, sie -mchte Dich gern aus den Augen haben, und eh' ich meine -Schulen gemacht habe und drey Jahr auf der Universitt, -das ist gar lange. - -Gustchen. -Wie denn Fritzchen! Ich bin ja noch ein Kind: ich bin -noch nicht zum Abendmahl gewesen, aber sag mir.--O wer -wei, ob ich Dich sobald wieder spreche!--Wart, komm in -den Garten. - -Fritz. -Nein, nein, der Papa ist vorbey gegangen.--Siehst Du, -der Henker! er ist im Garten.--Was wolltest Du mir sagen? - -Gustchen. -Nichts... - -Fritz. -Liebes Gustchen... - -Gustchen. -Du solltest mir--Nein, ich darf das nicht von Dir -verlangen. - -Fritz. -Verlange mein Leben, meinen letzten Tropfen Bluts. - -Gustchen. -Wir wollten uns beyde einen Eid schwren. - -Fritz. -O komm! Vortreflich! Hier la uns niederknien; am -Canapee, und heb' Du so Deinen Finger in die Hh' -und ich so meinen.--Nun sag, was soll ich schwren? - -Gustchen. -Da Du in drey Jahren von der Universitt zurckkommen -willst und Dein Gustchen zu Deiner Frau machen; Dein -Vater mag dazu sagen, was er will. - -Fritz. -Und was willst Du mir dafr wieder schwren, mein -englisches... (kt sie) - -Gustchen. -Ich will schwren, da ich in meinem Leben keines -andern Menschen Frau werden will, als Deine und wenn -der Kaiser von Ruland selber kme. - -Fritz. -Ich schwr Dir hunderttausend Eide--(Der geheime Rath -tritt herein: beyde springen mit lautem Geschrey auf.) - - -Sechste Scene. - - -Geh. Rath. -Was habt Ihr nrrische Kinder? Was zittert Ihr?--Gleich, -gesteht mir alles. Was habt Ihr hier gemacht? Ihr seyd -beyde auf den Knien gelegen.--Junker Fritz, ich bitte -mir eine Antwort aus; unverzglich:--Was habt Ihr -vorgehabt? - -Fritz. -Ich, gndigster Papa? - -Geh. Rath. -Ich? und das mit einem so verwundrungsvollen Ton? Siehst -Du: ich merk' alles. Du mchtest mir itzt gern eine Lge -sagen, aber entweder bist Du zu dumm dazu, oder zu feig, -und willst Dich mit Deinem Ich? heraushelfen. ... Und -Sie Mhmchen?--Ich wei. Gustchen verheelt mir nichts. - -Gustchen. (fllt ihm um die Fe) -Ach, mein Vater-- - -Geh. Rath. (hebt sie auf und kt sie.) -Wnschst Du mich zu Deinem Vater? Zu frh, mein Kind, zu -frh Gustchen, mein Kind. Du hast noch nicht communicirt. ---Denn warum soll ich euch verheelen, da ich euch -zugehrt habe.--Das war ein sehr einfltig Stckchen -von Euch beyden; besonders von Dir, groer vernnftiger -Junker Fritz, der bald einen Bart haben wird wie ich, -und eine Percke aufsetzen und einen Degen anstecken. -Pfuy, ich glaubt' einen vernnftigern Sohn zu haben. -Das macht Dich gleich ein Jahr jnger, und macht, da -Du lnger auf der Schule bleiben mut. Und Sie, Gustchen, -auch Ihnen mu ich sagen, da es sich fr Ihr Alter gar -nicht mehr schickt, so kindisch zu thun. Was sind das -fr Romane, die Sie da spielen? Was fr Eide, die Sie -sich da schwren, und die Ihr doch alle beyde so gewi -brechen werdet als ich itzt mit Euch rede. Meynt Ihr, -Ihr seyd in den Jahren, Eide zu thun, oder meynt Ihr, -ein Eid sey ein Kinderspiel, wie es das Versteckspiel -oder die blinde Kuh ist? Lernt erst einsehen, was ein -Eid ist: lernt erst zittern dafr und alsdenn wagt's, -ihn zu schwren. Wit, da ein Meineidiger die -schndlichste und unglcklichste Creatur ist, die von -der Sonne angeschienen wird. Ein solcher darf weder den -Himmel ansehen, den er verleugnet hat, noch andere -Menschen, die sich unaufhrlich vor ihm scheuen, und -seiner Gesellschaft mit mehr Sorgfalt ausweichen, als -einer Schlange oder einem tckischen Hunde. - -Fritz. -Aber ich denke meinen Eid zu halten. - -Geh. Rath. -In der That Romeo? Ha! Du kannst Dich auch erstechen, -wenn's dazu kommt. Du hast geschworen, da mir die Haare -zu Berg standen. Also gedenkst Du Deinen Eid zu halten? - -Fritz. -Ja Papa, bey Gott! ich denk' ihn zu halten. - -Geh. Rath. -Schwur mit Schwur bekrftigt!--Ich werd' es Deinem -Rektor beibringen. Er soll Euch auf vierzehn Tage nach -Sekunda herunter transportiren, Junker: insknftige -lernt behutsamer schwren. Und worauf? Steht das in -Deiner Gewalt, was Du da versicherst? Du willst Gustchen -heyrathen! Denk doch! weit Du auch schon, was fr ein -Ding das ist, Heyrathen? Geh doch, heyrathe sie: nimm -sie mit auf die Akademie. Nicht? Ich habe nichts dawider, -da ihr Euch gern seht, da Ihr Euch lieb habt, da Ihrs -Euch sagt, wie lieb Ihr Euch habt; aber Narrheiten mt -Ihr nicht machen; keine Affen von uns Alten seyn, eh' -Ihr so reif seyd als wir; keine Romane spielen wollen, -die nur in der ausschweifenden Einbildungskraft eines -hungrigen Poeten ausgeheckt sind und von denen Ihr in -der heutigen Welt keinen Schatten der Wirklichkeit -antrefft. Geht! ich werde keinem Menschen was davon -sagen, damit ihr nicht nthig habt roth zu werden, wenn -Ihr mich seht.--Aber von nun an sollt ihr einander nie -mehr ohne Zeugen sehen. Versteht Ihr mich? Und Euch nie -andere Briefe schreiben als offene und das auch alle -Monathe, oder hchstens alle drey Wochen einmal, und -sobald ein heimliches Briefchen an Junker Fritz oder -Frulein Gustchen entdeckt wird--so steckt man den -Junker unter die Soldaten und das Frulein ins Kloster, -bis sie vernnftiger werden. Versteht ihr mich?--Jetzt-- -nehmt Abschied, hier in meiner Gegenwart.--Die Kutsche -ist angespannt, der Major treibt fort; die Schwgerin -hat schon Caffee getrunken.--Nehmt Abschied: Ihr -braucht Euch vor mir nicht zu scheuen. Geschwind, -umarmt Euch. (Fritz und Gustchen umarmen sich zitternd) -Und nun mein Tochter Gustchen, weil Du doch das Wort so -gern hrst, (hebt sie auf und kt sie) Leb tausendmal -wohl, und begegne Deiner Mutter mit Ehrfurcht; sie mag -Dir sagen was sie will.--Jetzt geh, mach!--(Gustchen -geht einige Schritte, sieht sich um; Fritz fliegt ihr -weinend an den Hals.) Die beyden Narren brechen mir das -Herz! Wenn doch der Major vernnftiger werden wollte, -oder seine Frau weniger herrschschtig!-- - - - -Zweyter Akt. - - -Erste Scene. - -Pastor Luffer. Der geheime Rath. - - -Geh. Rath. -Ich bedaure ihn--und Sie noch Vielmehr, Herr Pastor, -da Sie solchen Sohn haben. - -Pastor. -Verzeihen Euer Gnaden, ich kann mich ber meinen Sohn -nicht beschweren; er ist ein sittsamer und geschickter -Mensch, die ganze Welt und Dero Herr Bruder und Frau -Schwgerin selbst werden ihm das eingestehen mssen. - -Geh. Rath. -Ich sprech' ihm das all nicht ab, aber er ist ein Thor, -und hat alle sein Mivergngen sich selber zu danken. -Er sollte den Sternen danken, da meinem Bruder das Geld, -das er fr den Hofmeister zahlt, einmal anfngt zu lieb -zu werden. - -Pastor. -Aber bedenken Sie doch: nichts mehr als hundert Dukaten; -hundert arme Duktchen; und dreihundert hatt' er ihm doch -im ersten Jahr versprochen: aber beym Schlu desselben -nur hundert und vierzig ausgezahlt, jetzt beym Beschlu -des zweyten, da doch die Arbeit meines Sohnes immer -zunimmt, zahlt' er ihm hundert, und nun beym Anfang des -dritten wird ihm auch das zu viel.--Das ist wider alle -Billigkeit! Verzeihn Sie mir. - -Geh. Rath. -La es doch.--Das htt' ich Euch Leuten voraussagen -wollen, und doch solle Ihr Sohn Gott danken, wenn ihn -nur der Major beym Kopf nhm' und aus dem Hause wrfe. -Was soll er da, sagen Sie mir Herr? Wollen Sie ein Vater -fr ihr Kind seyn und schliessen so Augen, Mund und -Ohren fr seine ganze Glckseligkeit zu? Tagdieben, und -sich Geld dafr bezahlen lassen? Die edelsten Stunden -des Tages bey einem jungen Herrn versitzen, der nichts -lernen mag und mit dem er's doch nicht verderben darf, -und die brigen Stunden, die der Erhaltung seines Lebens, -den Speisen und dem Schlaf geheiligt sind, an einer -Sklavenkette verseufzen; an den Winken der gndigen -Frau hngen, und sich in die Falten des gndigen Herrn -hineinstudiren; essen wenn er satt ist und fasten, -wenn er hungrig ist, Punsch trinken, wenn er pssn -mchte, und Karten spielen, wenn er das Lauffen hat. -Ohne Freyheit geht das Leben bergab rckwrts, Freyheit -ist das Element des Menschen wie das Wasser des Fisches, -und ein Mensch der sich der Freyheit begiebt, vergiftet -die edelsten Geister seines Bluts, erstickt seine -sssesten Freuden des Lebens in der Blthe und ermordet -sich selbst. - -Pastor. -Aber--Oh! erlauben Sie mir; das mu sich ja jeder -Hofmeister gefallen lassen; man kann nicht immer -seinen Willen haben, und das lt sich mein Sohn auch -gern gefallen, nur-- - -Geh. Rath. -Desto schlimmer, wenn er sichs gefallen lt, desto -schlimmer; er hat den Vorrechten eines Menschen entsagt, -der nach seinen Grundstzen mu leben knnen, sonst -bleibt er kein Mensch. Mgen die Elenden, die ihre -Ideen nicht zu hherer Glckseligkeit zu erheben -wissen, als zu essen und zu trinken, mgen die sich -im Keficht zu Tode fttern lassen, aber ein Gelehrter, -ein Mensch, der den Adel seiner Seele fhlt, der den -Tod nicht so scheuen sollt' als eine Handlung, die -wider seine Grundstze luft... - -Pastor. -Aber was ist zu machen in der Welt? Was wollte mein -Sohn anfangen, wenn Dero Herr Bruder ihm die Condition -aufsagten? - -Geh. Rath. -Lat den Burschen was lernen, da er dem Staat ntzen -kann. Potz hundert Herr Pastor, Sie haben ihn doch -nicht zum Bedienten aufgezogen, und was ist er anders -als Bedienter, wenn er seine Freyheit einer Privatperson -fr einige Handvoll Dukaten verkauft? Sklav' ist er, -ber den die Herrschaft unumschrnkte Gewalt hat, nur -da er so viel auf der Akademie gelernt haben mu, -ihren unbesonnenen Anmuthungen von weitem zuvorzukommen -und so einen Firni ber seine Dienstbarkeit zu -streichen: da heit denn ein feiner artiger Mensch, -ein unvergleichlicher Mensch; ein unvergleichlicher -Schurke, der, statt seine Krfte und seinen Verstand -dem allgemeinen Besten aufzuopfern, damit die Rasereyen -einer dampfigten Dame und eines abgedmpften Officiers -untersttzt, die denn tglich weiter um sich fressen -wie ein Krebsschaden und zuletzt unheilbar werden. Und -was ist der ganze Gewinnst am Ende? Alle Mittag Braten -und alle Abend Punsch, und eine grosse Portion Galle, -die ihm Tags ber ins Maul gestiegen, Abends, wenn er -zu Bett liegt, hinabgeschluckt, wie Pillen; das macht -gesundes Blut, auf meine Ehr'! und mu auch ein -vortrefliches Herz auf die Lnge geben. Ihr beklagt -Euch so viel bern Adel und ber seinen Stolz, die -Leute shn Hofmeister wie Domestiken an, Narren! was -sind sie denn anders? Stehn sie nicht in Lohn und Brod -bey ihnen wie jene? Aber wer heit Euch ihren Stolz -nhren? Wer heit euch Domestiken werden, wenn Ihr was -gelernt habt, und einem starrkpfischen Edelmann zinsbar -werden, der sein Tage von seinen Hausgenossen nichts -anders gewohnt war als sklavische Unterwrfigkeit? - -Pastor. -Aber Herr Geheimer Rath--Gtiger Gott! es ist in der -Welt nicht anders: man mu eine Warte haben, von der -man sich nach einem ffentlichen Amt umsehen kann, wenn -man von Universitten kommt; wir mssen den gttlichen -Ruf erst abwarten und ein Patron ist sehr oft das Mittel -zu unserer Befrderung: wenigstens ist es mir so gegangen. - -Geh. Rath. -Schweigen Sie, Herr Pastor, ich bitt Sie, schweigen Sie. -Das gereicht Ihnen nicht zur Ehr. Man wei ja doch, da -Ihre seelige Frau Ihr gttlicher Ruf war, sonst sen -Sie noch itzt beym Herrn von Tiesen und dngten ihm -seinen Acker. Jemine! da Ihr Herrn uns doch immer -einen so ehrwrdigen schwarzen Dunst vor Augen machen -wollt. Noch nie hat ein Edelmann einen Hofmeister -angenommen, wo er ihm nicht hinter eine Allee von acht -neun Sklavenjahren ein schn Gemhlde von Befrderung -gestellt hat und wenn Ihr acht Jahr gegangen waret, so -macht' ers wie Laban und rckte das Bild um noch einmal -so weit vorwrts. Possen! lernt etwas und seyd brave -Leut. Der Staat wird Euch nicht lang am Markt stehen -lassen. Brave Leut sind allenthalben zu brauchen, aber -Schurken, die den Namen vom Gelehrten nur auf den Zettel -tragen und im Kopf ist leer Papier ... - -Pastor. -Das ist sehr allgemein gesprochen, Herr Rath!--Es -mssen doch, bey Gott! auch Hauslehrer in der Welt -seyn; nicht jedermann kann gleich geheimer Rath werden -und wenn er gleich ein Hugo Grotius wr. Es gehren -heutiges Tags andere Sachen dazu als Gelehrsamkeit.-- - -Geh. Rath. -Sie werden warm, Herr Pastor!--Lieber, werther Herr -Pastor, lassen Sie uns den Faden unsers Streits nicht -verlieren. Ich behaupte: es mssen keine Hauslehrer -in der Welt seyn! das Geschmeis taucht den Teufel zu -nichts. - -Pastor. -Ich bin nicht hergekommen mir Grobheiten sagen zu -lassen: ich bin auch Hauslehrer gewesen. Ich habe die -Ehre-- - -Geh. Rath. -Warten Sie; bleiben Sie, lieber Herr Pastor! Behte -mich der Himmel! Ich habe Sie nicht beleidigen wollen -und wenn's wider meinen Willen geschehen ist, so bitt' -ich Sie tausendmahl um Verzeihung. Es ist einmal meine -ble Gewohnheit, da ich gleich in Feuer gerathe, wenn -mir ein Gesprch interessant wird: alles brige -verschwinde mir denn aus dem Gesicht und ich sehe nur -den Gegenstand, von dem ich spreche. - -Pastor. -Sie schtten,--Verzeihen Sie mir, ich bin auch ein -Cholerikus, und rede gern von der Lunge ab.--Sie -schtten das Kind mit dem Bade aus. Hauslehrer taugen -zu nichts.--Wie knnen Sie mir das beweisen? Wer soll -Euch jungen Herrn denn Verstand und gute Sitten -beibringen Was wr aus Ihnen geworden, mein werther -Herr geheimer Rath, wenn Sie keinen Hauslehrer gehabt -htten? - -Geh. Rath. -Ich bin von meinem Vater zur ffentlichen Schul -gehalten worden, und seegne seine Asche dafr, und -so hoff' ich, wird mein Sohn Fritz auch dereinst thun. - -Pastor. -Ja,--da ist aber noch viel drber zu sagen Herr! -Ich meiner Seits bin Ihrer Meynung nicht; ja wenn die -ffentlichen Schulen das wren, was sie seyn sollten.-- -Aber die nchternen Subjecta, so oft den Classen -vorstehen; die pedantischen Methoden, die sie brauchen, -die unter der Jugend eingerissenen verderbten Sitten-- - -Geh. Rath. -Wes ist die Schuld? Wer ist schuld dran, als ihr -Schurken von Hauslehrern? Wrde der Edelmann nicht -von Euch in der Grille gestrkt, einen kleinen Hof -anzulegen, wo er als Monarch oben auf dem Thron sitzt, -und ihm Hofmeister und Mamsell und ein ganzer Wisch von -Tagdieben huldigen, so wrd' er seine Jungen in die -ffentliche Schule thun mssen; er wrde das Geld, -von dem er jetzt seinen Sohn zum hochadlichen Dummkopf -aufzieht, zum Fond der Schule schlagen: davon knnten -denn gescheidte Leute salarirt werden und alles wrde -seinen guten Gang gehn; das Studentchen mste was -lernen, um bey einer solchen Anstalt brauchbar zu -werden, und das junge Herrchen, anstatt seine -Faullenzerey vor den Augen des Papas und der Tanten, -die alle keine Argusse sind, knstlich und manierlich -zu verstecken, wrde seinen Kopf anstrengen mssen, -um es den brgerlichen Jungen zuvorzuthun, wenn es -sich doch von ihnen unterscheiden will.--Was die -Sitten anbetrift, das findt sich wahrhaftig.--Wenn -er gleich nicht, wie seine hochadliche Vettern, die -Nase von Kindesbeinen an hher tragen lernt als andere, -und in einem nachligen Ton, von oben herab, Unsinn -sagen, und Leuten ins Gesicht sehen, wenn sie den Hut -vor ihm abziehen, um ihnen dadurch anzudeuten, da -sie auf kein Gegencompliment warten sollen. Die feinen -Sitten hol der Teufel! Man kann dem Jungen Tanzmeister -auf der Stube halten, und ihn in artige Gesellschaften -fhren, aber er mu durchaus nicht aus der Sphre -seiner Schulkamraden herausgehoben, und in der Meinung -gestrkt werden, er sey eine bessere Kreatur als andere. - -Pastor. -Ich habe nicht Zeit, (zieht die Uhr heraus) mich in -den Disput weiter mit Ihnen einzulassen, gndiger Herr; -aber so viel wei ich, da der Adel berall nicht ihrer -Meinung seyn wird. - -Geh. Rath. -So sollten die Brger meiner Meynung seyn.--Die Noth -wrde den Adel schon auf andere Gedanken bringen, und -wir knnten uns bessere Zeiten versprechen. Sapperment, -was kann aus unserm Adel werden, wenn ein einziger -Mensch das Faktotum bey dem Kinde seyn soll, ich setz' -auch den unmglichen Fall, da er ein Polyhistor wre, -wo will der eine Mann Feuer und Muth und Thtigkeit -hernehmen, wenn er alle seine Krfte auf einen -Schaafskopf concentriren soll, besonders wenn Vater -und Mutter sich kreutz und die quer immer mit in die -Erziehung mengen, und dem Fa, in welches er fllt, -den Boden immer wieder ausschlagen? - -Pastor. -Ich bin um zehn Uhr zu einem Kranken bestellt. Sie -werden mir verzeihen.--(Im Abgehen wendt er sich um) -Aber wr's nicht mglich, gndiger Herr, da Sie -Ihren zweyten Sohn nur auf ein halb Jhrchen zum -Herrn Major in die Kost thten? Mein Sohn will gern -mit achtzig Dukaten zufrieden seyn, aber mit sechzigen, -die ihm der Herr Bruder geben wollen, da kann er nicht -von subsistiren. - -Geh. Rath. -La ihn quittiren.--Ich thu es nicht, Herr Pastor! -Davon bin ich nicht abzubringen. Ich will Ihrem Herrn -Sohn die dreyig Dukaten lieber schenken; aber meinem -Sohn geb ich zu keinem Hofmeister. (Der Pastor hlt -ihm einen Brief hin) Was soll ich damit? Es ist alles -umsonst, sag ich Ihnen. - -Pastor. -Lesen Sie--Lesen Sie nur.-- - -Geh. Rath. -Je nun, ihm ist nicht--(liest)--wenden Sie doch -alles an, den Herrn geheimen Rath dahin zu vermgen, ---Sie knnen Sich nicht vorstellen, wie elend es -mir hier geht; nichts wird mir gehalten, was mir ist -versprochen worden. Ich speise nur mit der Herrschaft, -wenn keine Fremde da sind,--das rgste ist, da ich -gar nicht von hier komme und in einem ganzen Jahr -meinen Fu nicht aus Heidelbrunn habe setzen--man -hatte mir ein Pferd versprochen, alle Vierteljahr -einmal nach Knigsberg zu reisen, als ich es foderte, -fragte mich die gndige Frau, ob ich nicht lieber zum -Carneval nach Venedig wollte.--(wirft den Brief an -die Erde.) Je nun, la ihn quittiren; warum ist er -ein Narr und bleibt da? - -Pastor. -Ja das ist eben die Sache. (hebt den Brief auf) -Belieben Sie doch nur auszulesen. - -Geh. Rath. -Was ist da zu lesen?--(liest) Dem ohngeachtet kann -ich dies Haus nicht verlassen, und sollt' es mich -Leben und Gesundheit kosten. So viel darf ich Ihnen -sagen, da die Aussichten in eine selige Zukunft mir -alle die Mhseligkeiten meines gegenwrtigen Standes-- -Ja, das sind vielleicht Aussichten in die selige -Ewigkeit, sonst wei ich keine Aussichten, die mein -Bruder ihm erfnen knnte. Er betrgt sich, glauben -Sie mirs; schreiben Sie ihm zurck, da er ein Thor -ist. Dreyig Dukaten will ich ihm dies Jahr aus meinem -Beutel Zulage geben, aber ihn auch zugleich gebeten -haben, mich mit allen fernern Anwerbungen um meinen -Karl zu verschonen: denn ihm zu Gefallen werd' ich mein -Kind nicht verwahrlosen. - - -Zweyte Scene. - -In Heidelbrunn. -Gustchen. Luffer. - - -Gustchen. -Was fehlt ihnen dann? - -Luffer. -Wie stehts mit meinem Portrt? Nicht wahr, Sie haben -nicht dran gedacht? Wenn ich auch so saumselig gewesen -wre--Hte ich das gewut: ich htt Ihren Brief so -lang zurckgehalten, aber ich war ein Narr. - -Gustchen. -Ha ha ha. Lieber Herr Hofmeister! Ich habe wahrhaftig -noch nicht Zeit gehabt. - -Luffer. -Grausame! - -Gustchen. -Aber was fehlt Ihnen denn? Sagen Sie mir doch! So -tiefsinnig sind Sie ja noch nie gewesen. Die Augen -stehn Ihnen ja immer voll Wasser: ich habe gemerkt, -Sie essen nichts. - -Luffer. -Haben Sie? In der That? Sie sind ein rechtes Muster -des Mitleidens. - -Gustchen. -O Herr Hofmeister-- - -Luffer. -Wollen Sie heut Nachmittag Zeichenstunde halten? - -Gustchen. (fat ihn an die Hand) -Liebster Herr Hofmeister! verzeihen Sie, da ich sie -gestern aussetzte. Es war mir wahrhaftig unmglich zu -zeichnen; ich hatte den Schnuppen auf eine erstaunende -Art. - -Luffer. -So werden Sie ihn wohl heute noch haben. Ich denke, -wir hren ganz auf zu zeichnen. Es macht Ihnen kein -Vergngen lnger. - -Gustchen. (halbweinend) -Wie knnen Sie das sagen, Herr Luffer? Es ist das -einzige, was ich mit Lust thue. - -Luffer. -Oder Sie versparen es bis auf den Winter in die Stadt -und nehmen einen Zeichenmeister. Ueberhaupt werd ich -Ihren Herrn Vater bitten, den Gegenstand Ihres -Abscheues, Ihres Hasses, Ihrer ganzen Grausamkeit von -Ihnen zu entfernen. Ich sehe doch, da es Ihnen auf -die Lnge unausstehlich wird, von mir Unterricht -anzunehmen. - -Gustchen. -Herr Luffer-- - -Luffer. -Lassen Sie mich--Ich mu sehen, wie ich das elende -Leben zu Ende bringe, weil mir doch der Tod verboten -ist-- - -Gustchen. -Herr Luffer-- - -Luffer. -Sie foltern mich.--(reit sich lo und geht ab.) - -Gustchen. -Wie dauert er mich! - - -Dritte Scene. - -Zu Halle in Sachsen. -Ptus Zimmer. -Fritz von Berg. -Ptus (im Schlafrock an einem Tisch sitzend.) - - -Ptus. -Ey was Berg! Du bist ja kein Kind mehr, da du nach -Papa und Mama--Pfuy Teufel! ich hab Dich allezeit -fr einen braven Kerl gehalten, wenn Du nicht mein -Schulkamerad wrst: ich wrde mich schmen mit Dir -umzugehen. - -Fritz. -Ptus, auf meine Ehr, es ist nicht Heimweh, Du machst -mich bis ber die Ohren roth mit dem dummen Verdacht. -Ich mchte gern Nachricht von Hause haben, das gesteh' -ich, aber das hat seine Ursachen-- - -Ptus. -Gustchen--Nicht wahr? Denk doch, Du arme Seele! -Hundertachtzig Stunden von ihr entfernt--Was fr -Wlder und Strme liegen nicht zwischen Euch? Aber -warte, wir haben hier auch Mdchen; wenn ich nur -besser besponnen wre, ich wollte Dich heut in eine -Gesellschaft fhren--Ich wei nicht, wie Du auch -bist; ein Jahr in Halle und noch mit keinem Mdchen -gesprochen: das mu melancholisch machen; es kann -nicht anders seyn. Warte, Du must mir hier einziehen, -da Du lustig wirst. Was machst Du da bey dem Pfarrer? -Das ist keine Stube fr Dich-- - -Fritz. -Was zahlst Du hier? - -Ptus. -Ich zahle--Wahrhaftig, Bruder, ich wei es nicht. -Es ist ein guter ehrlicher Philister, bey dem ich -wohne: seine Frau ist freylich bisweilen ein bischen -wunderlich, aber mags. Was gehts mich an? Wir zanken -uns einmal herum und denn la ich sie laufen: und die -schreiben mir alles auf. Hausmiethe, Kaffee, Tabak; -alles was ich verlange, und denn zahl' ich die Rechnung -alle Jahre, wenn mein Wechsel kommt. - -Fritz. -Bist du jetzt viel schuldig? - -Ptus. -Ich habe die vorige Woche bezahlt. Das ist wahr, -diesmal haben Sie mirs arg gemacht: mein ganzer -Wechsel hat herhalten mssen bis auf den letzten -Pfennig, und mein Rock, den ich Tags vorher versetzt -hatte, weil ich in der ussersten Noth war, steht -noch zu Gevattern. Wei der Himmel, wenn ich ihn -wieder einlsen kann. - -Fritz. -Und wie machst Dus denn itzt? - -Ptus. -Ich?--Ich bin krank. Heut morgen hat mich die Frau -Rthin Hamster invitiren lassen, gleich kroch ich ins -Bett ... - -Fritz. -Aber bey dem schnen Wetter immer zu Hause zu sitzen. - -Ptus. -Was macht das? des Abends geh ich im Schlafrock -spatzieren, es ist ohnedem in den Hundstagen am Tage -nicht auszuhalten--Aber Potz Mordio! Wo bleibt denn -mein Kaffee? (pocht mit dem Fu) Frau Blitzer!--Nun -sollst Du sehn, wie ich meinen Leuten umspringe--Frau -Blitzer! in aller Welt Frau Blitzer. (klingelt und -pocht)--Ich habe sie krzlich bezahlt: nun kann ich -schon breiter thun--Frau ... - -Frau Blitzer. (tritt herein mit einer Portion Kaffee.) - -Ptus. -In aller Welt, Mutter! wo bleibst Du denn? Das Wetter -soll Dich regieren. Ich warte hier schon ber eine -Stunde-- - -Frau Blitzer. -Was? Du nichtsnutziger Kerl, was lrmst Du? Bist Du -schon wieder nichts nutz, abgeschabte Laus? Den -Augenblick trag ich meinen Kaffee wieder herunter-- - -Ptus. (giet sich ein) -Nun, nun, nicht so bse Mutter! aber Zwieback--Wo -ist denn Zwieback? - -Frau Blitzer. -Ja, kleine Steine Dir! Es ist kein Zwieback im Hause. -Denk doch, ob so ein kahler lausichter Kerl nun alle -Nachmittag Zwieback frit oder nicht-- - -Ptus. -Was tausend alle Welt! (stampft mit dem Fu) Sie -wei, da ich keinen Kaffee ohne Zwieback ins Maul -nehme--Wofr gebe ich denn mein Geld aus-- - -Frau Blitzer. (langt ihm Zwieback aus der Schrze, -wobey sie ihn an den Haaren zupft.) -Da siehst Du, da ist Zwieback, Posaunenkerl! Er hat -eine Stimme wie ein ganzes Regiment Soldaten. Nu, ist -der Kaffee gut? Ist er nicht? Gleich sag mirs, oder -ich rei Ihm das letzte Haar aus Seinem kahlen Kopf -heraus. - -Ptus. (trinkt) -Unvergleichlich--Aye!--Ich hab in meinem Leben -keinen bessern getrunken. - -Frau Blitzer. -Siehst Du Hundejunge! Wenn Du die Mutter nicht httest, -die sich Deiner annhme und Dir zu essen und zu trinken -gbe, Du mstest an der Strasse verhungern. Sehen Sie -ihn einmal an, Herr von Berg, wie er daher geht, keinen -Rock auf dem Leibe und sein Schlafrock ist auch, als -ob er darin wr aufgehenkt worden und wieder vom Galgen -gefallen. Sie sind doch ein hbscher Herr, ich wei -nicht wie Sie mit dem Menschen umgehen knnen, nun -freylich unter Landsleuten da ist immer so eine kleine -Blutsverwandschaft, drum sag ich immer, wenn doch der -Herr von Berg zu uns einlogiren thte. Ich wei, da -Sie viel Gewalt ber ihn haben: da knnte doch noch -was ordentliches aus ihm werden, aber sonst wahrhaftig-- -(geht ab) - -Ptus. -Siehst Du, ist das nicht ein gut fidel Weib. Ich seh' -ihr all etwas durch die Finger, aber potz, wenn ich -auch einmal ernsthaft werde, kusch ist sie wie die -Wand--Willst Du nicht eine Tasse mit trinken? (giet -ihm ein) Siehst Du, ich bin hier wohl bedient; ich -zahle was rechts, das ist wahr, aber dafr hab' auch -ich was ... - -Fritz. (trinkt.) -Der Kaffee schmeckt nach Gerste. - -Ptus. -Was sagst Du?--(schmeckt gleichfalls) Ja wahrhaftig, -mit dem Zwieback hab' ichs nicht so--(sieht in die -Kanne) Nun so hol Dich! (wirft das Kaffeezeug zum -Fenster hinaus) Gerstenkaffee und fnfhundert Gulden -jhrlich!-- - -Frau Blitzer. (strzt herein) -Wie? Was zum Teufel, was ist das? Herr, ist Er rasend -oder plagt Ihn gar der Teufel?-- - -Ptus. -Still Mutter! - -Frau Blitzer. (mit grlichem Geschrey) -Aber wo ist mein Kaffeezeug? Ey! zum Henker! aus dem -Fenster--Ich kratz' Ihm die Augen aus dem Kopf heraus. - -Ptus. -Es war eine Spinne darin und ich warf's in der Angst-- -Was kann ich dafr, da das Fenster offen stand? - -Frau Blitzer. -Da Du verreckt wrst an der Spinne, wenn ich Dich mit -Haut und Haar verkaufe, so kannst Du mir mein -Kaffeezeug nicht bezahlen, nichtswrdiger Hund! -Nichts als Schaden und Unglck kann Er machen. Ich -will Dich verklagen; ich will Dich in Karcer werfen -lassen. (luft heraus) - -Ptus. (lachend) -Was ist zu machen, Bruder! man mu sie schon ausrasen -lassen. - -Fritz. -Aber fr Dein Geld? - -Ptus. -Ey was!--Wenn ich bis Weyhnachten warten mu, wer -wird mir sogleich bis dahin kreditiren? Und denn ists -ja nur ein Weib und ein nrrisch Weib dazu, dem's -nicht immer so von Herzen geht- wenn mirs der Mann -gesagt htte, das wr was anders, dem schlg' ich das -Leder voll--Siehst Du wohl! - -Fritz. -Hast Du Feder und Tinte? - -Ptus. -Dort auf dem Fenster-- - -Fritz. -Ich wei nicht, das Herz ist mir so schwer--Ich habe -nie was auf Ahndungen gehalten. - -Ptus. -Ja mir auch--Die Dbblinsche Gesellschaft ist -angekommen. Ich mchte gern in die Komdie gehn und -habe keinen Rock anzuziehen. Der Schurke mein Wirth -leyht mir keinen und ich bin eine so groe dicke -Bestie, da mir keiner von all Euren Rcken passen -wrde. - -Fritz. -Ich mu gleich nach Hause schreiben. (setzt sich an -ein Fenster nieder und schreibt) - -Ptus. (setzt sich einem Wolfspelz gegenber, der an -der Wand hngt) -Hm! nichts als den Pelz gerettet, von allen meinen -Kleidern, die ich habe, und die ich mir noch wollte -machen lassen. Grade den Pelz, den ich im Sommer -nicht tragen kann, und den mir nicht einmal der Jude -zum Versatz annimmt, weil sich der Wurm leicht -hineinsetzt. Hanke, Hanke! das ist doch unverantwortlich, -da Du mir keinen Rock auf Pump machen willst. (steht -auf und geht herum) Was hab' ich Dir gethan, Hanke, -da Du just mir keinen Rock machen willst? Just mir, -der ich ihn am nthigsten brauche, weil ich jetzo -keinen habe, just mir!--Der Teufel mu Dich besitzen, -er macht Hunz und Kunz auf Kredit und just mir nicht! -(fat sich an den Kopf und stampft mit dem Fu) Just -mir nicht, just mir nicht!-- - -Bollwerk. (der sich mittlerweile hineingeschlichen und -ihm zugehrt, fat ihn an: er kehrt sich um und bleibt -stumm vor Bollwerk stehen) Ha ha ha ... Nun du armer -Ptus--ha ha ha! Nicht wahr, es ist doch ein gottloser -Hanke, da er just Dir nicht--Aber, wo ist das rothe -Kleid mit Gold, das Du bey ihm bestellt hast, und das -blauseidne mit der silberstcknen Weste, und das -rothsammetne mit schwarz Sammet gefttert, das wr -vortreflich bey dieser Jahrszeit. Sage mir! antworte -mir! Der verfluchte Hanke! Wollen wir gehn und ihm die -Haut vollschlagen? Wo bleibt er so lang mit Deiner -Arbeit? Wollen wir? - -Ptus. (wirft sich auf einen Stuhl) -La mich zufrieden. - -Bollwerk. -Aber hr Ptus, Ptus, P P P Ptus (setzt sich zu -ihm) Dbblin ist angekommen. Hr P P P P Ptus, -wie wollen wir das machen? Ich denke, Du ziehst Deinen -Wolfspelz an und gehst heut Abend in die Komdie. Was -schadt's, Du bist doch fremd hier--und die ganze Welt -wei, da Du vier Paar Kleider bey Hanke bestellt hast. -Ob er sie Dir machen wird, ist gleich viel!--Der -verfluchte Kerl! Wollen ihm die Fenster einschlagen, -wenn er sie Dir nicht macht! - -Ptus. (heftig) -La mich zufrieden, sag ich Dir. - -Bollwerk. -Aber hr...aber...aber...hr hr hr' Ptus; nimm -Dich in Acht Ptus! da Du mir des Nachts nicht mehr -im Schlafrock auf der Gasse lufst. Ich wei, da Du -bange bist vor Hunden; es ist eben ausgetrummelt -worden, da zehn wtige Hunde in der Stadt herumlaufen -sollen; sie haben schon einige Kinder gebissen: zwey -sind noch davon kommen, aber vier sind auf der Stelle -gestorben. Das machen die Hundstage? Nicht wahr Ptus? -Es ist gut, da Du jetzt nicht ausgehen kannst. Nicht -wahr? Du gehst itzt mit allem Flei nicht aus? Nicht -wahr P P Ptus? - -Ptus. -La mich zufrieden ... oder wir verzrnen uns. - -Bollwerk. -Du wirst doch kein Kind seyn--Berg, kommen Sie mit -in die Komdie? - -Fritz. (zerstreut) -Was?--Was fr Komdie? - -Bollwerk. -Es ist eine Gesellschaft angekommen--Legen Sie die -Schmieralien weg. Sie knnen ja auf den Abend schreiben. -Man giebt heut Minna von Barnhelm. - -Fritz. -O die mu ich sehen.--(steckt seine Briefe zu sich) -Armer Ptus, da Du keinen Rock hast.-- - -Bollwerk. -Ich lieh' ihm gern einen, aber es ist hol mich der -Teufel mein einziger, den ich auf dem Leibe habe-- -(gehn ab) - -Ptus. (allein) -Geht zum Teufel mit Eurem Mitleiden! Das rgert mich -mehr als wenn man mir ins Gesicht schlge--Ey was -mach ich mir draus. (zieht seinen Schlafrock aus) La -die Leute mich fr wahnwitzig halten! Minna von -Barnhelm mu ich sehen und wenn ich nackend hingehen -sollte! (zieht den Wolfspelz an) Hanke, Hanke! es -soll Dir zu Hause kommen! (stampft mit dem Fu) Es -soll dir zu Hause kommen! (geht) - - -Vierte Scene. - -Frau Hamster. Jungfer Hamster. Jungfer Knicks. - - -Jungfer Knicks. -Ich kanns Ihnen vor Lachen nicht erzehlen, Frau -Rthin, ich mu krank vor Lachen werden. Stellen -Sie Sich vor: wir gehen mit Jungfer Hamster im -Gchen hier nah bey, so luft uns ein Mensch im -Wolfspelz vorbey, als ob er durch Spieruthen gejagt -wrde; drey groe Hunde hinter ihm drein. Jungfer -Hamster bekam einen Schubb, da sie mit dem Kopf an -die Mauer schlug und berlaut schreyen muste. - -Frau Hamster. -Wer war es denn? - -Jungfer Knicks. -Stellen Sie Sich vor, als wir ihm nachsahen, war's -Herr Ptus--Er mu rasend worden seyn. - -Frau Hamster. -Mit einem Wolfspelz in dieser Hitze! - -Jungfer Hamster. (hlt sich den Kopf) -Ich glaube noch immer, er ist aus dem hitzigen Fieber -aufgesprungen. Er lie uns heut Morgen sagen, er sey -krank. - -Jungfer Knicks. -Und die drey Hunde hinter ihm drein, das war das -lustigste. Ich hatte mir vorgenommen heut in die -Komdie zu gehen, aber nun mag ich nicht, ich wrde -doch da nicht soviel zu lachen kriegen. Das verge -ich mein Lebtage nicht. Seine Haare flogen ihm nach -wie der Schweif an einem Kometen, und je eyfriger er -lief, desto eyfriger schlugen die Hunde an und er -hatte das Herz nicht, sich einmal umzusehen... Das -war unvergleichlich! - -Frau Hamster. -Schrie er nicht? Er wird gemeynt haben, die Hunde seyn -wtig. - -Jungfer Knicks. -Ich glaub, er hatte keine Zeit zum Schreyen, aber roth -war er wie ein Krebs und hielt das Maul offen, wie die -Hunde hinter ihm drein--O das war nicht mit Geld zu -bezahlen! ich gbe nicht meine Schnur chter Perlen -darum, da ich das nicht gesehen. - - -Fnfte Scene. - -In Heidelbrunn. -Augustchens Zimmer. -Gustchen. (liegt auf dem Bette) -Luffer. (sitzt am Bette) - - -Luffer. -Stell Dir vor Gustchen, der geheime Rath will nicht. -Du siehst, da Dein Vater mir das Leben immer saurer -macht: nun will er mir gar aufs folgende Jahr nur -vierzig Dukaten geben. Wie kann ich das aushalten? -Ich mu quittiren. - -Gustchen. -Grausamer, und was werd ich denn anfangen? (nachdem -beyde eine zeitlang sich schweigend angesehen) Du -siehst: ich bin schwach, und krank; hier in der -Einsamkeit unter einer barbarischen Mutter--Niemand -fragt nach mir, niemand bekmmert sich um mich: -meine ganze Familie kann mich nicht mehr leiden; -mein Vater selber nicht mehr: ich wei nicht warum. - -Luffer. -Mach, da Du zu meinem Vater in die Lehre kommst; -nach Insterburg. - -Gustchen. -Da kriegen wir uns nie zu sehen. Mein Onkel leidt es -nimmer, da mein Vater mich zu Deinem Vater ins Haus -giebt. - -Luffer. -Mit dem verfluchten Adelstolz! - -Gustchen. (nimmt seine Hand) -Wenn Du auch bse wirst, Herrmannchen! (kt sie) O -od! Tod! warum erbarmst Du Dich nicht! - -Luffer. -Rathe mir selber--Dein Bruder ist der ungezogenste -Junge den ich kenne: neulich hat er mir eine Ohrfeige -gegeben und ich durft ihm nichts dafr thun, durft -nicht einmal drber klagen. Dein Vater htt ihm gleich -Arm und Bein gebrochen und die gndige Mama alle Schuld -zuletzt auf mich geschoben. - -Gustchen. -Aber um meinetwillen--Ich dachte, Du liebtest mich. - -Luffer. (sttzt sich mit der andern Hand auf ihrem -Bett, indem sie fortfhrt seine eine Hand von Zeit zu -Zeit an die Lippen zu bringen.) -La mich denken...(bleibt nachsinnend sitzen) - -Gustchen. (in der beschriebenen Pantomime) -O Romeo! Wenn dies Deine Hand wre.--Aber so verlssest -Du mich, unedler Romeo! Siehst nicht, da Deine Julie -fr Dich stirbt--von der ganzen Welt, von ihrer -ganzen Familie gehat, verachtet, ausgespyen. (drckt -seine Hand an ihre Augen) O unmenschlicher Romeo! - -Luffer. (sieht auf) -Was schwrmst Du wieder? - -Gustchen. -Es ist ein Monolog aus einem Trauerspiel, den ich -gern recitire, wenn ich Sorgen habe. (Luffer fllt -wieder in Gedanken, nach einer Pause fngt sie wieder -an) Vielleicht bist Du nicht ganz strafbar. Deines -Vaters Verbot, Briefe mit mir zu wechseln, aber die -Liebe setzt ber Meere und Strme, ber Verbot und -Todesgefahr selbst--Du hast mich vergessen... -Vielleicht besorgtest Du fr mich--ja,--ja, Dein -zrtliches Herz sah, was mir drohte, fr schrcklicher -an, als das was ich leide. (kt Luffers Hand inbrnstig) -O gttlicher Romeo! - -Luffer. (kt ihre Hand lange wieder und sieht sie -eine Weile stumm an) -Es knnte mir gehen wie Ablard-- - -Gustchen. (richtet sich auf) -Du irrst Dich--Meine Krankheit liegt im Gemth-- -Niemand wird Dich muthmaen--(fllt wieder hin) Hast -Du die neue Heloise gelesen? - -Luffer. -Ich hre was auf dem Gang nach der Schulstube.-- - -Gustchen. -Meines Vaters--Um Gotteswillen!--Du bist drey -Viertelstund zu lang hiergeblieben. - -(Luffer luft fort) - - -Sechste Scene. - -Die Majorin. Graf Wermuth. - - -Graf. -Aber gndige Frau! kriegt man denn Frulein Gustchen -gar nicht mehr zu sehen? Wie befindt sie sich auf die -vorgestrige Jagd? - -Majorin. -Zu Ihrem Befehl; sie hat die Nacht Zahnschmerzen -gehabt, darum darf sie sich heut nicht sehen lassen. -Was macht Ihr Magen, Graf! auf die Austern? - -Graf. -O das bin ich gewohnt. Ich habe neulich mit meinem -Bruder ganz allein auf unsre Hand sechshundert Stck -aufgegessen und zwanzig Bouteillen Champagner dabey -ausgetrunken. - -Majorin. -Rheinwein wollten Sie sagen. - -Graf. -Champagner--Es war eine Idee, und ist uns beyden -recht gut bekommen. Denselben Abend war Ball in -Knigsberg, mein Bruder hat bis an den andern Mittag -getanzt und ich Geld verloren. - -Majorin. -Wollen wir ein Piquet machen? - -Graf. -Wenn Frulein Gustchen kme, macht' ich ein Paar -Touren im Garten mit ihr. Ihnen, gndige Frau, darf -ichs nicht zumuthen; mit Ihrer Fontenelle am Fu. - -Majorin. -Ich wei auch nicht, wo der Major immer steckt. Er -ist in seinem Leben so rasend nicht auf die Oekonomie -gewesen; den ganzen ausgeschlagenen Tag auf dem Felde -und wenn er nach Hause kommt, sitzt er stumm wie ein -Stock. Glauben Sie, da ich anfange mir Gedanken drber -zu machen. - -Graf. -Er scheint melancholisch. - -Majorin. -Wei es der Himmel--Neulich hatt' er wieder einmal -den Einfall bey mir zu schlafen, und da ist er mitten -in der Nacht aus dem Bett' aufgesprungen und hat sich-- -He he, ich soll es Ihnen nicht erzehlen, aber Sie -kennen ja die lcherliche Seite von meinem Mann schon. - -Graf. -Und hat sich ... - -Majorin. -Auf die Knie niedergeworfen und an die Brust geschlagen -und geschluchzt und geheult, da mir zu grauen anfieng. -Ich hab ihn aber nicht fragen mgen, was gehen mich -seine Narrheiten an? Mag er Pietist oder Quacker -werden. Meinethalben! Er wird dadurch weder hlicher -noch liebenswrdiger in meinen Augen werden, als er -ist. (sieht den Grafen schalkhaft an) - -Graf. (fat sie ans Kinn) -Bohafte Frau!--Aber wo ist Gustchen? Ich mchte gar -zu gern mit ihr spatzieren gehn. - -Majorin. -Still da kommt ja der Major ... Sie knnen mit ihm -gehen, Graf. - -Graf. -Denk doch--Ich will nun aber mit Ihrer Tochter gehn. - -Majorin. -Sie wird noch nicht angezogen seyn: es ist was -unausstehliches, wie faul das Mdchen ist-- - -(Major von Berg kommt im Nachtwmmschen, einen -Strohhut auf.) - -Majorin. -Nun wie stehts, Mann? Wo treiben Sie Sich denn wieder -herum? Man kriegt Sie ja den ganzen Tag nicht zu sehen. -Sehn Sie ihn nur an Herr Graf; sieht er doch wie der -Heavtontimorumenos in meiner groen Madame Dacier -abgemahlt--Ich glaube, Du hast gepflgt, Herr Major? -Wir sind itzt in den Hundstagen. - -Graf. -In der That, Herr Major, Sie haben noch nie so bel -ausgesehen, bla, hager, Sie mssen etwas haben, das -Ihnen auf dem Gemth liegt, was bedeuten die Thrnen -in Ihren Augen, sobald man Sie aufmerksam ansieht? -Ich kenne Sie doch zehn Jahr schon und habe Sie nie -so gesehen, selbst da nicht, als Ihr Bruder starb. - -Majorin. -Geitz, nichts als der leidige Geitz, er meynt, wir -werden verhungern, wenn er nicht tglich wie ein -Maulwurf auf dem Felde whlt. Bald grbt er, bald -pflgt er, bald eggt er. Du willst doch nicht Bauer -werden? Du mut mir vorher einen andern Mann geben, -der die Aufsicht ber Dich fhrt. - -Major. -Ich mu wohl schaffen und scharren, meiner Tochter -einen Platz im Hospital auszumachen. - -Majorin. -Was sind das nun wieder fr Phantasien!--Ich mu -wahrhaftig den Doktor Wrz noch aus Knigsberg holen -lassen. - -Major. -Du siehst nimmer nichts, vornehme Frau! da Dein Kind -von Tag zu Tag abfllt, da sie Schnheit, Gesundheit -und den ganzen Plunder verliert und dahergeht, als ob -sie, hol mich der Teufel--Gott verzeyh mir meine -schwere Snde,--als ob der arme Lazarus sie gemacht -htte--Es frit mir die Leber ab-- - -Majorin. -Hren Sie ihn nur! Wie er mich anfhrt! Bin ich schuld -daran? Bist du denn wahnwitzig? - -Major. -Ja freylich bist Du schuld daran, oder was ist sonst -schuld daran? Ich kann's, zerschlag mich der Donner! -nicht begreifen. Ich dacht immer, ihr eine der ersten -Parthien im Reich auszumachen; denn sie hat auf der -ganzen Welt an Schnheit nicht ihres gleichen gehabt -und nun sieht sie aus wie eine Khmagd--Ja freilich -bist Du schuld daran mit Deiner Strenge und Deinen -Grausamkeiten und Deinem Neid, das hat sie sich zu -Gemth gezogen und das ist ihr nun zum Gesicht -herausgeschlagen, aber das ist Deine Freude, gndige -Frau, denn Du bist lang schalu ber sie gewesen. Das -kannst Du doch nicht leugnen? Solltst Dich in Dein -Herz schmen, wahrhaftig! (geht ab) - -Majorin. -Aber ... aber was sagen Sie dazu, Herr Graf! Haben -Sie in Ihrem Leben eine rgere Kollektion von Sottisen -gesehen? - -Graf. -Kommen Sie; wir wollen Piquet spielen, bis Frulein -Gustchen angezogen ist.. - - -Siebente Scene. - -In Halle. -Fritz von Berg. (im Gefngni) Bollwerk. -von Seiffenblase und sein Hofmeister. (stehn um ihn) - - -Bollwerk. -Wenn ich doch den Jungen hier htte, da Fell zg' -ich ihm ber die Ohren. Es ist mit alledem doch -infam gehandelt, einen ehrlichen Jungen, wie Berg, -ins Karcer zu bringen; da sich keiner sein hat -annehmen wollen. Denn das ist ja wahr, kein einziger -Landsmann hat den Fu vor die Thr seinethalben -gesetzt. Wenn Berg nicht gut fr ihn gesagt htte, -wr' er im Gefngni verfault. Und in vierzehn Tagen -soll das Geld hier seyn und wo er den Berg in -Verlegenheit lt, soll man ihn fr einen ausgemachten -Schurken halten. O du verdammter P P P P Ptus! -Wart Du verhenkerter Ptus, wart einmal!-- - -Hofmeister. -Ich kann Ihnen nicht genug beschreiben, lieber Herr -von Berg, wie leyd es mir besonders um Ihres Herrn -Vaters und der Familie willen thut, Sie in einem -solchen Zustande zu sehen und noch dazu ohne Ihre -Schuld, aus blosser jugendlicher Unbesonnenheit. -Es hat schon einer von den sieben Weisen -Griechenlandes gesagt, fr Brgschaften sollst du -dich in Acht nehmen und in der That es ist nichts -unverschmter, als da ein junger Durchbringer, der -sich durch seine lderliche Wirthschaft ins Elend -gestrzt hat, auch andere mit hineinziehen will, -denn vermuthlich hat er das gleich anfangs im Sinne -gehabt, als er auf der Akademie Ihre Freundschaft -suchte. - -Herr von Seiffenblase. -Jaja, lieber Bruder Berg! nimm mir nicht bel, da -hast Du einen groen Bock gemacht. Du bist selbst -schuld daran; dem Kerl httst Du's doch gleich -ansehen knnen, da er Dich betrgen wrde. Er ist -bey mir auch gewesen und hat mich angesprochen: er -wr' aufs usserste getrieben, seine Kreditores -wollten ihn wegstecken lassen, wo ihn nicht Sonn -noch Mond beschiene. La sie dich, dachte ich, es -schadt dir nichts. Das ist dafr, da Du uns sonst -kaum ber die Achsel ansahst, aber wenn ihr in Noth -seyd, da sind die Adelichen zu Kaventen gut genug. -Er erzehlte mir Langes und Breites; er htte seine -Pistolen schon geladen, im Fall die Kreditores ihn -angriffen--Und nun lt der lderliche Hund Dich an -seiner Stelle prostituiren. Das ist wahr, wenn mir -das geschehen wre: ich knnte so ruhig nicht dabey -seyn: zwischen vier Mauren der Herr von Berg und das -um eines lderlichen Studenten willen. - -Fritz. -Er war mein Schulkamerad--Lat ihn zufrieden. Wenn -ich mich nicht ber ihn beklage, was geht's Euch an? -Ich kenn' ihn lnger als Ihr; ich wei, da er mich -nicht mit seinem guten Willen hier sitzen lt. - -Hofmeister. -Aber, Herr von Berg, wir mssen in der Welt mit -Vernunft handeln. Sein Schade ist es gewi nicht, -da Sie hier fr ihn sitzen und seinethalben knnen -Sie noch ein Sekulum so sitzen bleiben-- - -Fritz. -Ich hab' ihn von Jugend auf gekannt: wir haben uns -noch niemals was abgeschlagen. Er hat mich wie seinen -Bruder geliebt, ich ihn wie meinen. Als er nach Halle -reite, weint' er zum erstenmal in seinem Leben, weil -er nicht mit mir reisen konnte. Ein ganzes Jahr frher -htt' er schon auf die Akademie gehn knnen, aber um -mit mir zusammen zu reisen, stellt' er sich gegen -die Prceptores dummer als er war, und doch wollt es -das Schicksal und unsre Vter so, da wir nicht -zusammen reiten und das war sein Unglck. Er hat nie -gewut mit Geld umzugehen und gab jedem was er -verlangte. Htt' ihm ein Bettler das letzte Hemd vom -Leibe gezogen und dabey gesagt: mit Ihrer Erlaubnis, -lieber Herr Ptus, er htt's ihm gelassen. Seine -Kreditores giengen mit ihm um wie Strasenruber und -sein Vater verdiente nie, einen verlornen Sohn zu -haben, der bey all seinem Elend ein so gutes Herz -nach Hause brachte. - -Hofmeister. -O verzeyhn Sie mir, Sie sind jung und sehen alles noch -aus dem vortheilhaftesten Gesichtspunkt an: man mu -erst eine Weile unter den Menschen gelebt haben um -Charaktere beurtheilen zu knnen. Der Herr Ptus, oder -wie er da heit, hat sich Ihnen bisher immer nur unter -der Maske gezeigt; jetzt kommt sein wahres Gesicht -erst ans Tageslicht: er mu einer der feinsten und -abgefeimtesten Betrger gewesen seyn, denn die -treuherzigen Spitzbuben... - -Ptus. (in Reisekleidern fllt Berg um den Hals) -Bruder Berg-- - -Fritz v. Berg. -Bruder Ptus-- - -Ptus. -Nein--la--zu Deinen Fen mu ich liegen--Dich -hier--um meinetwillen. (rauft sich das Haar mit -beyden Hnden und stampft mit den Fen) O Schicksal! -Schicksal! Schicksal! - -Fritz. -Nun wie ists? Hast Du Geld mitgebracht? Ist Dein -Vater vershnt? Was bedeutet Dein Zurckkommen? - -Ptus. -Nichts, nichts--Er hat mich nicht vor sich gelassen-- -Hundert Meilen umsonst gereit!--Ihr Diener, Ihr -Herren. Bollwerk wein' nicht, Du erniedrigst mich zu -tief, wenn Du gut fr mich denkst--O Himmel, Himmel! - -Fritz. -So bist Du der rgste Narr, der auf dem Erdboden -wandelt. Warum kommst Du zurck? Bist Du wahnwitzig? -Haben alle Deine Sinne Dich verlassen? Willst Du, da -die Kreditores Dich gewahr werden--Fort! Bollwerk, -fhr ihn fort; sieh da Du ihn sicher aus der Stadt -bringst--Ich hre den Pedell--Ptus, ewig mein Feind, -wo Du nicht im Augenblick-- - -Ptus. (wirft sich ihm zu Fen) - -Fritz. -Ich mchte rasend werden.-- - -Bollwerk. -So sey doch nun kein Narr, da Berg so gromthig ist -und fr Dich sitzen bleiben will; sein Vater wird ihn -schon auslsen: aber wenn Du einmal sitzest, so ist -keine Hofnung mehr fr Dich; Du must im Gefngni -verfaulen. - -Ptus. -Gebt mir einen Degen her ... - -Fritz. -Fort!-- - -Bollwerk. -Fort!-- - -Ptus. -Ihr thut mir eine Barmherzigkeit, wenn ihr mir einen -Degen-- - -Seiffenblase. -Da haben Sie meinen... - -Bollwerk. (greift ihn in den Arm) -Herr--Schurke! Lassen Sie--Stecken Sie nicht ein! -Sie sollen nicht umsonst gezogen haben. Erst will ich -meinen Freund in Sicherheit und dann erwarten Sie mich -hier--Drauen, wohl zu verstehen; also vor der Hand -zur Thr hinaus! (wirft ihn zur Thr hinaus) - -Hofmeister. -Mein Herr Bollwerk-- - -Bollwerk. -Kein Wort, Sie--gehen Sie Ihrem Jungen nach und lehren -Sie ihn, kein schlechter Kerl seyn--Sie knnen mich -haben wo und wie Sie wollen. (der Hofmeister geht ab) - -Ptus. -Bollwerk! ich will Dein Sekundant seyn. - -Bollwerk. -Narr auch! Du thust als--Willst Du mir den Handschuh -vielleicht halten, wenn ich vorher eins bern Daumen -pisse?--Was brauchts da Sekundanten. Komm nur fort -und sekundire Dich zur Stadt hinaus, Hasenfu. - -Ptus. -Aber ihrer sind zwey. - -Bollwerk. -Ich wnschte, da ihrer zehn wren und keine -Seiffenblasen drunter--So komm doch, und mach Dich -nicht selbst unglcklich, nrrischer Kerl. - -Ptus. -Berg!--(Bollwerk reit ihn mit sich fort) - - - -Dritter Akt. - - -Erste Scene. - -In Heidelbrunn. - -Der Major. (im Nachtwmmschen) Der geheime Rath. - - -Major. -Bruder, ich bin der alte nicht mehr. Mein Herz sieht -zehnmal toller aus als mein Gesicht--Es ist sehr gut, -da Du mich besuchst; wer wei, ob wir uns so lang mehr -sehen. - -Geh. Rath. -Du bist immer ausschweifend, in allen Stcken--Dir -ein Nichts so zu Herzen gehen zu lassen!--Wenn Deiner -Tochter die Schnheit abgeht, so bleibt sie doch immer -noch das gute Mdchen, das sie war; so kann sie hundert -andre liebenswrdige Eigenschaften besitzen. - -Major. -Ihre Schnheit--Hol mich der Teufel, es ist nicht -das allein, was ihr abgeht; ich wei nicht, ich werde -noch den Verstand verlieren, wenn ich das Mdchen -lang unter Augen behalte. Ihre Gesundheit ist hin, -ihre Munterkeit, ihre Lieblichkeit, wei der Teufel, -wie man das Dings all nennen soll; aber obschon ichs -nicht nennen kann, so kann ichs doch sehen, so kann -ichs doch fhlen und begreifen, und Du weist, da ich -aus dem Mdchen meinen Abgott gemacht habe. Und da -ich sie so sehn mu unter meinen Hnden hinsterben, -verwesen.--(weint) Bruder geheimer Rath, Du hast keine -Tochter; Du weit nicht, wie einem Vater zu Muth seyn -mu, der eine Tochter hat. Ich hab dreyzehn Bataillen -beygewohnt und achtzehn Blessuren bekommen, und hab -den Tod vor Augen gesehen und bin--O la mich -zufrieden; pack Dich zu meinem Haus hinaus; la die -ganze Welt sich fortpacken. Ich will es anstecken -und die Schaufel in die Hand nehmen und Bauer werden. - -Geh. Rath. -Und Frau und Kinder-- - -Major. -Du beliebst zu scherzen: ich wei von keiner Frau und -Kindern, ich bin Major Berg gottseligen Andenkens und -will den Pflug in die Hand nehmen und will Vater Berg -werden, und wer mir zu nahe kommt, dem geb ich mit -meiner Hack' ber die Ohren. - -Geh. Rath. -So schwermerisch-schwermthig hab ich ihn doch nie -gesehen. - -(Die Majorin sttzt herein.) - -Majorin. -Zu Hlfe Mann--Wir sind verloren--Unsere Familie! -unsere Familie! - -Geh. Rath. -Gott beht Frau Schwester! Was stehen Sie an: Wollen -Sie Ihren Mann rasend machen? - -Majorin. -Er soll rasend werden--Unsere Familie--Infamie!-- -O ich kann nicht mehr--(fllt auf einen Stuhl) - -Major. (geht auf sie zu) -Willst Du mit der Sprach' heraus?--Oder ich dreh Dir -den Hals um. - -Majorin. -Deine Dochter--Der Hofmeister.--Lauf! (fllt in Ohnmacht) - -Major. -Hat er sie zur Hure gemacht? (schttelt sie) Was fllst -Du da hin; jetzt ists nicht Zeit zum hinfallen. Heraus -mit, oder das Wetter soll Dich zerschlagen. Zur Hure -gemacht? Ists das?--Nun so werd' denn die ganze Welt -zur Hure und Du Berg nimm die Mistgabel in die Hand-- -(will gehen) - -Geh. Rath. (hlt ihn zurck) -Bruder, wenn Du Dein Leben lieb hast, so bleib hier-- -Ich will alles untersuchen--Deine Wut macht Dich -unmndig. (geht ab und schliet die Thr zu) - -Major. (arbeitet vergebens sie aufzumachen) -Ich werd Dich beunmndig--(zu seiner Frau) Komm, komm, -Hure, Du auch! sieh zu. (reit die Thr auf) Ich will -ein Exempel statuiren--Gott hat mich bis hieher -erhalten, damit ich an Weib und Kindern Exempel -statuiren kann--Verbrannt, verbrannt, verbrannt! -(schleppt seine Frau ohnmchtig vom Theater) - - -Zweyte Scene. - -Eine Schule im Dorf -Es ist finstrer Abend. -Wenzeslaus. Luffer. - - -Wenzeslaus. (sitzt an einem Tisch, die Brill auf der -Nase und lineirt) -Wer da? Was giebts? - -Luffer. -Schutz! Schutz! werther Herr Schulmeister! Man steht -mir nach dem Leben. - -Wenzeslaus. -Wer ist Er denn? - -Luffer. -Ich bin Hofmeister im benachbarten Schlo. Der Major -Berg ist mit all seinen Bedienten hinter mir und wollen -mich erschieen. - -Wenzeslaus. -Behte--Setz' Er Sich hier nieder zu mir--Hier hat -Er meine Hand: Er soll sicher bey mir seyn--Und nun -erzehl Er mir, derweil ich diese Vorschrift hier -schreibe. - -Luffer. -Lassen Sie mich erst zu mir selber kommen. - -Wenzeslaus. -Gut, verschnauf' Er Sich und hernach will ich Ihm ein -Glas Wein geben lassen und wollen eins zusammen trinken. -Unterdessen, sag er mich doch--Hofmeister--(legt das -Lineal weg, nimmt die Brille ab und sieht ihn eine -Weile an) Nun ja, nach dem Rock zu urtheilen.--Nun -nun, ich glaubs Ihm, da Er der Hofmeister ist. Er -sieht ja so roth und wei drein. Nun sag Er mir aber -doch, mein lieber Freund, (setzt die Brille wieder auf) -wie ist Er denn zu dem Unstern gekommen, da Sein Herr -Patron so entrstet auf Ihn ist? Ich kann mirs doch -nimmermehr einbilden, da ein Mann, wie der Herr Major -von Berg--Ich kenne ihn wohl; ich habe genug von ihm -reden hren; er soll freilich von einem hastigen -Temperament seyn; viel Cholera, viel Cholera--Sehen -Sie, da mu ich meinen Buben selber die Linien ziehen, -denn nichts lernen die Bursche so schwer als das -Gradeschreiben, das Gleichschreiben--Nicht zierlich -geschrieben; nicht geschwind geschrieben; sag' ich -immer, aber nur grad geschrieben, denn das hat seinen -Einflu in alles, auf die Sitten, auf die Wissenschaften, -in alles, lieber Herr Hofmeister. Ein Mensch, der nicht -grad schreiben kann, sag' ich immer, der kann auch nicht -grad handeln--Wo waren wir? - -Luffer. -Drft' ich mir ein Glas Wasser ausbitten? - -Wenzeslaus. -Wasser?--Sie sollen haben. Aber--ja wovon redten wir? -Vom Gradschreiben; nein vom Major--he he he--Aber -wissen Sie auch Herr--Wie ist Ihr Name? - -Luffer. -Mein--Ich heie--Mandel. - -Wenzeslaus. -Herr Mandel--Und darauf muten Sie Sich noch besinnen? -Nun ja, man hat bisweilen Abwesenheiten des Geistes; -besonders die jungen Herren wei und roth--Sie heien -unrecht Mandel; Sie sollten Mandelblthe heien, denn -Sie sind ja wei und roth wie Mandelblthe--Nun ja -freilich, der Hofmeisterstand ist einer von denen, -unus ex his, die alleweile mit Rosen und Lilien -berstreut sind, und wo einen die Dornen des Lebens -nur gar selten stechen. Denn was hat man zu thun? Man -it, trinkt, schlft, hat fr nichts zu sorgen; sein -gut Glas Wein gewi, seinen Braten tglich, alle -Morgen seinen Kaffee, Thee, Schokolade, oder was man -trinkt und das geht denn immer so fort--Nun ja, ich -wollt Ihnen sagen: wissen Sie auch, Herr Mandel, da -ein Glas Wasser der Gesundheit eben so schdlich auf -eine heftige Gemthsbewegung als auf eine heftige -Leibesbewegung; aber freylich, was fragt Ihr jungen -Herren Hofmeister nach der Gesundheit--Denn sagt mir -doch, (legt Brille und Lineal weg und steht auf) wo -in aller Welt kann das der Gesundheit gut thun, wenn -alle Nerven und Adern gespannt sind und das Blut ist -in der heftigsten Cirkulation und die Lebensgeister -sind alle in einer--Hitze, in einer-- - -Luffer. -Um Gotteswillen der Graf Wermuth--(springt in eine -Kammer) - -(Graf Wermuth mit ein Paar Bedienten, die Pistolen -tragen) - -Graf. -Ist hier ein gewisser Luffer--Ein Student im blauen -Rock mit Tressen? - -Wenzeslaus. -Herr, in unserm Dorf ists die Mode, da man den Hut -abzieht, wenn man in die Stube tritt und mit dem Herrn -vom Hause spricht. - -Graf. -Die Sache pressirt--Sagt mir, ist er hier oder nicht? - -Wenzeslaus. -Und was soll er denn verbrochen haben, da Ihr ihn so -mit gewafneter Hand sucht?(Graf will in die Kammer, er -stellt sich vor die Thr) Halt Herr! Die Kammer ist -mein, und wo Ihr nicht augenblicklich Euch aus meinem -Hause packt, so zieh ich nur an meiner Schelle und -ein halb Dutzend handfester Bauerkerle schlgt Euch -zu morsch Pulver-Granatenstcken. Seyd Ihr Strassenruber, -so mu man Euch als Strassenrubern begegnen. Und damit -Ihr Euch nicht verirrt und den Weg zum Haus' hinaus so -gut findt als Ihr ihn hinein gefunden habt--(fat ihn -an die Hand und fhrt ihn zur Thr hinaus: die Bedienten -folgen ihm) - -Luffer. (springt aus der Kammer hervor) -Glcklicher Mann! Beneidenswerther Mann! - -Wenzeslaus. (in der obigen Attitude) -In--Die Lebensgeister sagt' ich, sind in einer-- -Begeisterung, alle Passionen sind gleichsam in einer -Emprung, in einem Aufruhr--Nun wenn Ihr da Wasser -trinkt, so gehts, wie wenn man in eine mchtige Flamme -Wasser schttet. Die starke Bewegung der Luft und der -Krieg zwischen den beyden entgegengesetzten Elementen -macht eine Effervescenz, eine Ghrung, eine Unruhe, -ein tumultuarisches Wesen.-- - -Luffer. -Ich bewundere Sie... - -Wenzeslaus. -Gottlieb!--Jetzt knnen Sie schon allgemach trinken-- -Allgemach--und denn werden Sie auf den Abend mit einem -Sallat und Knackwurst vorlieb nehmen--Was war das fr -ein ungeschliffener Kerl, der nach Ihnen suchte? - -Luffer. -Es ist der Graf Wermuth, der knftige Schwiegersohn des -Majors; er ist eiferschtig auf mich, weil das Frulein -ihn nicht leiden kann-- - -Wenzeslaus. -Aber was soll denn das auch? Was will das Mdchen denn -auch mit ihm Monsieur Jungfernknecht? Sich ihr Glck zu -verderben, um eines solchen jungen Siegfrieds willen, -der nirgends Haus oder Heerd hat? Das la Er sich aus -dem Kopf und folg' Er mir nach in die Kche. Ich seh, -mein Bube ist fortgangen, mir Bratwrste zu holen. Ich -will ihm selber Wasser schpfen, denn Magd hab' ich -nicht und an eine Frau hab' ich mich noch nicht -unterstanden zu denken, weil ich wei, da ich keine -ernhren kann--geschweige denn eine drauf angesehen, -wie Ihr junge Herren Wei und Roth--Aber man sagt wohl -mit Recht, die Welt verndert sich. - - -Dritte Scene. - -In Heidelbrunn. -Der Geheime Rath. Herr von Seiffenblase, und sein -Hofmeister. - - -Hofmeister. -Wir haben uns in Halle nur ein Jahr aufgehalten und -als wir von Gttingen kamen, nahmen wir unsere Rckreise -ber alle berhmte Universitten in Deutschland. Wir -konnten also in Halle das zweytemal nicht lange -verweilen; zudem sa Ihr Herr Sohn grade zu der Zeit -in dem unglcklichen Arrest, wo ich ihn nur einigemal -zu sprechen die Ehre haben konnte: also knnt ich Ihnen -aufrichtig von der Fhrung Dero Herrn Sohns draussen -keine umstndliche Nachricht geben. - -Geh. Rath. -Der Himmel verhngt Strafen ber unsre ganze Familie. -Mein Bruder--Ich wills Ihnen nur nicht verheelen, -denn leider ist Stadt und Land voll davon--hat das -Unglck gehabt, da seine Tochter ihm verschwunden ist, -ohne da eine Spur von ihr anzutreffen--Ich hre itzt -von meinem Sohn--Wenn er sich gut gefhrt htte, wie -wrs mglich gewesen, ihn ins Gefngni zu bringen? -Ich hab ihm ausser seinem starken Wechsel noch alle -halbe Jahr auerordentliche geschickt; auf allen Fall-- - -Hofmeister. -Die bsen Gesellschaften; die erstaunenden Verfhrungen -auf Akademien. - -Seiffenblase. -Das seltsamste dabey ist, da er fr einen andern sitzt; -ein Ausbund aller Lderlichkeit, ein Mensch, fr den -ich keinen Groschen ausgbe und er auf meinem Misthaufen -Hungers krepirte. Er ist hier gewesen, Sie werden von -ihm gehrt haben; er suchte Geld bey seinem Vater, -unter dem Vorwand, Ihren Herrn Sohn auszulsen; -vermuthlich wr' er damit auf eine andere Akademie -gegangen und htte von frischem angefangen zu -wirthschaften. Ich wei schon, wie's die lderlichen -Studenten machen, aber sein Vater hat den Braten gerochen -und hat ihn nicht vor sich kommen lassen. - -Geh. Rath. -Doch wohl nicht der junge Ptus, des Rathsherrn Sohn? - -Seiffenblase. -Ich glaub', es ist derselbe. - -Geh. Rath. -Jedermann hat dem Vater die Hrte verdacht. - -Hofmeister. -Ja was ist da zu verdenken, mein gndiger Herr geheimer -Rath; wenn ein Sohn die Gte des Vaters zu sehr -misbraucht, so mu sich das Vaterherz wohl ab von ihm -wenden. Der Hohepriester Eli war nicht hart und brach -den Hals. - -Geh. Rath. -Gegen die Ausschweifungen seiner Kinder kann man nie -zu hart seyn, aber wol gegen ihr Elend. Der junge Mensch -soll hier haben betteln mssen. Und mein Sohn sitzt um -seinetwillen? - -Seiffenblase. -Was anders? Er war sein vertrautester Freund und fand -niemand wrdiger, mit ihm die Komdie von DAMON und -PYTHIAS zu spielen. Noch mehr, Herr Ptus kam zurck -und wollte seinen Platz wieder einnehmen, aber Ihr -Sohn bestund drauf, er wollte sitzen bleiben: Sie -wrden ihn schon auslsen, und Ptus mit einem andern -Erzrenomisten und Spieler wollten die Flucht nehmen -und sich zu helfen suchen, so gut sie knnten. -Vielleicht berfallen sie wieder so irgend einen -armen Studenten mit Masken vor den Gesichtern auf der -Stube und nehmen ihm die Uhr und Goldbrse, mit der -Pistol auf der Brust, weg, wie sie's in Halle schon -einem gemacht haben. - -Geh. Rath. -Und mein Sohn ist der dritte aus diesem Kleeblatt? - -Seiffenblase. -Ich wei nicht, Herr geheimer Rath. - -Geh. Rath. -Kommen Sie zum Essen, meine Herren! Ich wei schon -zuviel. Es ist ein Gericht Gottes ber gewisse Familien; -bey einigen sind gewisse Krankheiten erblich, bey -andern arten die Kinder aus, die Vter mgen thun was -sie wollen. Essen Sie: ich will fasten und bethen, -vielleicht hab' ich diesen Abend durch die -Ausschweifungen meiner Jugend verdient. - - -Vierte Scene. - -Die Schule. -Wenzeslaus und Luffer. -(an einem ungedeckten Tisch speisend) - - -Wenzeslaus. -Schmeckts? Nicht wahr, es ist ein Abstand von meinem -Tisch und des Majors? Aber wenn der Schulmeister -Wenzeslaus seine Wurst it, so hilft ihm das gute -Gewissen verdauen, und wenn der Herr Mandel -Kapaunenbraten mit der Schampignonsauce a, so stie -ihm sein Gewissen jeden Bissen, den er hinabschluckte, -mit der Moral wieder in Hals zurck: Du bist ein-- -Denn sagt mir einmal, lieber Herr Mandel; nehmt mir -nicht bel, da ich Euch die Wahrheit sage; das wrzt -das Gesprch wie Pfeffer den Gurkensallat; sagt mir -einmal, ist das nicht hundsvttisch, wenn ich davon -berzeugt bin, da ich ein Ignorant bin, und meine -Untergebenen nichts lehren kann, und also mig bey -ihnen gehe und sie mig gehen lasse, und dem lieben -Gott ihren Tag stehlen und doch hundert Dukaten-- -Wars nicht soviel? Gott verzeyh mir, ich hab in meinem -Leben nicht so viel Geld auf einem Haufen beisammen -gesehen! Hundert funfzig Dukaten, sag' ich, in Sack -stecke, fr nichts und wieder nichts! - -Luffer. -O! und Sie haben noch nicht alles gesagt, Sie kennen -Ihren Vorzug nicht ganz, oder fhlen ihn, ohn' ihn zu -kennen. Haben Sie nie einen Sklaven im betreten Rock -gesehen? O Freyheit, gldene Freyheit! - -Wenzeslaus. -Ey was Freyheit! Ich bin auch so frey nicht; ich bin -an meine Schule gebunden, und mu Gott und meinem -Gewissen Rechenschaft von geben. - -Luffer. -Eben das--Aber wie, wenn Sie den Grillen eines -wunderlichen Kopfs davon Rechenschaft ablegen msten, -der mit Ihnen umgienge hundertmal rger als Sie mit -Ihren Schulknaben? - -Wenzeslaus. -Ja nun--dann mst' er aber auch an Verstand so weit -ber mich erhaben seyn, wie ich ber meine Schulknaben, -und das trift man selten, glaub ich wol; besonders -bey unsern Edelleuten; da mgt Ihr wohl recht haben: -wenigstens der Flegel da, der mir vorhin in meine -Kammer wollte, ohne mich vorher um Erlaubni zu bitten. -Wenn ich zum Herrn Grafen kme und wollt ihm, mir -nichts, dir nichts, die Zimmer visitiren--Aber potz -Millius, so et doch; Ihr macht ja ein Gesicht, als -ob Ihr zu Taxieren einnhmt. Nicht wahr, Ihr httet -gern ein Glas Wein dazu? Ich hab Euch zwar vorhin eins -versprochen, aber ich habe keinen im Hause. Morgen -werd' ich wieder bekommen, und da trinken wir Sonntags -und Donnerstags, und wenn der Organist Franz zu uns -kommt, extra. Wasser, Wasser, mein Freund, ariston men -to udwr, das hab ich noch von der Schule mitgebracht, -und da eine Pfeife dazu geraucht nach dem Essen im -Mondenschein und einen Gang ums Feld gemacht; da lt -sich drauf schlafen, vergngter als der groe Mogul-- -Ihr raucht doch eins mit heut? - -Luffer. -Ich wills versuchen; ich hab' in meinem Leben nicht -geraucht. - -Wenzeslaus. -Ja freylich, Ihr Herren Wei und Roth, das verderbt -Euch die Zhne. Nicht wahr? und verderbt Euch die -Farbe; nicht wahr? Ich habe geraucht, als ich kaum -von meiner Mutter Brust entwhnt war; die Warze mit -dem Pfeifenmundstck verwechselt. He he he! Das ist -gut wider die bse Luft und wider die bsen Begierden -ebenfalls. Das ist so meine Dit: des Morgens kalt -Wasser und eine Pfeife, dann Schul gehalten bis Eilfe, -dann wieder eine Pfeife bis die Suppe fertig ist: die -kocht mir mein Gottlieb so gut als Eure franzsische -Kche, und da ein Stck Gebratenes und Zugemse und -dann wieder eine Pfeife, dann wieder Schul gehalten, -dann Vorschriften geschrieben bis zum Abendessen; da -e' ich denn gemeiniglich kalt etwas, eine Wurst mit -Sallat, ein Stck Ks oder was der liebe Gott gegeben -hat und dann wieder eine Pfeife vor Schlafengehen. - -Luffer. -Gott behte, ich bin in eine Tabagie gekommen-- - -Wenzeslaus. -Und da werd' ich dick und fett bey und lebe vergngt -und denke noch ans Sterben nicht. - -Luffer. -Es ist aber doch unverantwortlich, da die Obrigkeit -nicht dafr sorgt, Ihnen das Leben angenehmer zu machen. - -Wenzeslaus. -Ey was, es ist nun einmal so; und damit mu man zufrieden -seyn: bin ich doch auch mein eignet Herr und hat kein -Mensch mich zu schikanieren, da ich alle Tage wei, -da ich mehr thu' als ich soll. Ich soll meinen Buben -lesen und schreiben lehren; ich lehre sie rechnen dazu -und lateinisch dazu und mit Vernunft lesen dazu und -gute Sachen schreiben dazu. - -Luffer. -Und was fr Lohn haben Sie dafr? - -Wenzeslaus. -Was fr Lohn?--Will Er denn das kleine Stckchen Wurst -da nicht aufessen? Er kriegt nichts bessers; wart' Er -auf nichts bessers, oder Er mu das erstemal Seines -Lebens hungrig zu Bette gehn--Was fr Lohn? Das war -dumm gefragt, Herr Mandel. Verzeyh Er mir; was fr -Lohn? Gottes Lohn hab ich dafr, ein gutes Gewissen -und wenn ich da vielen Lohn von der Obrigkeit begehren -wollte, so htt' ich ja meinen Lohn dahin. Will Er -denn den Gurkensallat durchaus verderben lassen? So -e Er doch; so sey Er doch nicht blde: bey einer -schmalen Mahlzeit mu man zum Kuckuck nicht blde seyn. -Wart Er, ich will Ihm noch ein Stck Brod abschneiden. - -Luffer. -Ich bin satt berhrig. - -Wenzeslaus. -Nun so la Ers stehen; aber es ist seine eigne Schuld -wenn's nicht wahr ist. Und wenn es wahr ist, so hat Er -unrecht, da Er Sich berhrig satt it, denn das macht -bse Begierden und schlfert den Geist ein. Ihr Herren -Wei und Roth mgts glauben oder nicht. Man sagt zwar -auch vom Toback, da er ein narkotisches, -schlfrigmachendes, dummmachendes Oel habe und ich -hab's bisweilen auch wol so wahrgefunden und bin -versucht worden, Pfeife und allen Henker ins Kamin -zu werfen, aber unsere Nebel hier herum bestndig und -die feuchte Winter- und Herbstluft alleweile und denn -die vortrefliche Wirkung, die ich davon verspre, da -es zugleich die bsen Begierden mit einschlfert-- -Holla, wo seyd Ihr denn, lieber Mann? Eben da ich vom -Einschlfern rede, nickt Ihr schon; so gehts, wenn -der Kopf leer ist und faul dabey und niemals ist -angestrengt worden. Allons! frisch, eine Pfeife mit -mir geraucht! (stopft sich und ihm) Lat uns noch -eins mit einander plaudern. (raucht) Ich hab Euch -schon vorhin in der Kche sagen wollen: ich sehe, -da Ihr schwach in der Latinitt seyd, aber da Ihr -doch eine gute Hand schreibt, wie Ihr sagt, so knntet -Ihr mir doch so Abends an die Hand gehen, weil ich -meiner Augen mu anfangen zu schonen, und meinen -Buben die Vorschriften schreiben. Ich will Euch -dabey Corderii Colloquia geben und Grtleri Lexicon; -wenn Ihr fleiig seyn wollt. Ihr habt ja den ganzen -Tag fr Euch, so knnt Ihr Euch in der lateinischen -Sprache was umthun, und wer wei wenn es Gott gefllt -mich heute oder morgen von der Welt zu nehmen--Aber -Ihr mt fleiig seyn, das sag' ich Euch, denn so -seyd Ihr ja noch kaum zum Kollaborator tchtig, -geschweige denn--(trinkt) - -Luffer. (legt die Pfeife weg) -Welche Demthigung! - -Wenzeslaus. -Aber ... aber ... aber (reit ihm den Zahnstocher aus -dem Munde) was ist denn das da? Habt Ihr denn noch nicht -einmal so viel gelernt, groer Mensch, da Ihr fr Euren -eignen Krper Sorge tragen knnt. Das Zhnestochern ist -ein Selbstmord; ja ein Selbstmord, eine muthwillige -Zersthrung Jerusalems, die man mit seinen Zhnen -vornimmt. Da, wenn Euch was im Zahn sitzen bleibt: -(nimmt Wasser und schwngt den Mund aus) So mt Ihrs -machen, wenn Ihr gesunde Zhne behalten wollt, Gott -und eurem Nebenmenschen zu Ehren, und nicht einmal im -Alter herumlaufen, wie ein alter Kettenhund, dem die -Zhne in der Jugend ausgebrochen worden, und der die -Kinnbacken nicht zusammenhalten kann. Das wird einen -schnen Schulmeister abgeben, wills Gott, wenn ihm -aufs Alter die Worte ungebohren zum Munde herausfallen -und er zwischen Nase und Oberlippen da was -herausschnarcht, das kein Hund oder Hahn versteht. - -Luffer. -Der wird mich noch zu Tode meistern--Das unertrglichste -ist, da er Recht hat-- - -Wenzeslaus. -Nun wie gehts? Schmeckt Euch der Toback nicht? Ich -wette, nur ein paar Tage noch mit dem alten Wenzeslaus -zusammen, so werdt Ihr rauchen wie ein Bootsknecht. -Ich will Euch nach meiner Hand ziehen, da Ihr Euch -selber nicht mehr wieder kennen sollt. - - - -Vierter Akt. - - -Erste Scene. - -Zu Insterburg. - -Geheimer Rath. Major. - - -Major. -Hier Bruder--Ich schweife wie Kain herum, unstt und -flchtig--Weit Du was? Die Russen sollen Krieg mit -den Trken haben; ich will nach Knigsberg gehn, um -nhere Nachrichten einzuziehen: ich will mein Weib -verlassen und in der Trkey sterben. - -Geh. Rath. -Deine Ausschweifungen schlagen mich vollends zu Boden.-- -O Himmel, mu es denn von allen Seiten strmen?--Da li -den Brief vom Professor Mr. - -Major. -Ich kann nicht mehr lesen; ich hab meine Augen fast -blind geweint. - -Geh. Rath. -So will ich dir vorlesen, damit Du siehst, da Du nicht -der einzige Vater seyst, der sich zu beklagen hat: "Ihr -Sohn ist vor einiger Zeit wegen Brgschaft gefnglich -eingezogen worden: er hat, wie er mir vorgestern mit -Thrnen gestanden, nach fnf vergeblich geschriebenen -Briefen keine Hofnung mehr, von Eurer Excellenz -Verzeihung zu erhalten. Ich redte ihm zu, sich zu -beruhigen, bis ich gleichfalls in dieser Sache mich -vermittelt htte: er versprach es mir, ist aber -ungeachtet dieses Versprechens noch in derselben Nacht -heimlich aus dem Gefngni entwischt. Die Schuldner -haben ihm Steckbriefe nachsenden und seinen Namen in -allen Zeitungen bekannt machen wollen; ich habe sie -aber dran verhindert und fr die Summe gutgesagt, weil -ich viel zu sehr berzeugt bin, da Eure Excellenz -diesen Schimpf nicht werden auf Dero Familie kommen -lassen. Uebrigens habe die Ehre, in Erwartung Dero -Entschlusses mich mit vollkommenster" ... - -Major. -Schreib ihm zurck: sie sollen ihn hngen. - -Geh. Rath. -Und die Familie-- - -Major. -Lcherlich! Es giebt keine Familie; wir haben keine -Familie. Narrenspossen! Die Russen sind meine Familie: -ich will Griechisch werden. - -Geh. Rath. -Und noch keine Spur von Deiner Tochter? - -Major. -Was sagst Du? - -Geh. Rath. -Hast nicht die geringste Nachricht von Deiner Tochter? - -Major. -La mich zufrieden. - -Geh. Rath. -Es ist doch Dein Ernst nicht, nach Knigsberg zu reisen? - -Major. -Wenn mag doch die Post abgehn von Knigsberg nach Warschau? - -Geh. Rath. -Ich werde Dich nicht fortlassen; es ist nur umsonst. -Meynst Du, vernnftige Leute werden sich von Deinen -Phantasien bertlpeln lassen? Ich kndige Dir hiermit -Hausarrest an. Gegen Leute, wie Du bist, mu man Ernst -gebrauchen, sonst verwandelt sich ihr Gram in Narrheit. - -Major. (weint) -Ein ganzes Jahr--Bruder geheimer Rath--Ein ganzes -Jahr--und niemand wei, wohin sie gestoben oder geflogen -ist? - -Geh. Rath. -Vielleicht todt-- - -Major. -Vielleicht?--Gewi todt--und wenn ich nur den Trost -haben knnte, sie noch zu begraben--aber sie mu sich -selbst umgebracht haben, weil mir niemand Anzeige von -ihr geben kann.--Eine Kugel durch den Kopf, Berg, oder -einen Trkenpallasch; das wr eine Victorie. - -Geh. Rath. -Es ist ja eben so wohl mglich, da sie den Luffer -irgendwo angetroffen und mit dem aus dem Lande gegangen. -Gestern hat mich Graf Wermuth besucht und hat mir gesagt, -er sey denselben Abend noch in eine Schule gekommen, wo -ihn der Schulmeister nicht hab' in die Kammer lassen -wollen: er vermuthet immer noch, der Hofmeister habe -drinn gesteckt, vielleicht Deine Tochter bey ihm. - -Major. -Wo ist der Schulmeister? Wo ist das Dorf? Und der -Schurke von Grafen ist nicht mit Gewalt in die Kammer -eingedrungen? Komm: wo ist der Graf? - -Geh. Rath. -Er wird wohl wieder im Hecht abgestiegen seyn, wie -gewhnlich. - -Major. -O wenn ich sie auffnde--Wenn ich nur hoffen knnte, -sie noch einmal wieder zu sehen--Hol mich der Kuckuk, -so alt wie ich bin und abgegrmt und wahnwitzig; ja hol -mich der Teufel, dann wollt' ich doch noch in meinem -Leben wieder einmal lachen, das letztemal laut lachen -und meinen Kopf in ihren entehrten Schoo legen und -denn wieder einmal heulen und denn--Adieu Berg! Das -wre mir gestorben, das hie mir sanft und selig im -Herrn entschlafen.--Komm Bruder, Dein Junge ist nur -ein Spitzbube geworden: das ist nur Kleinigkeit; an -allen Hfen giebts Spitzbuben; aber meine Tochter ist -eine Gassenhure, das hei' ich einem Vater Freud machen: -vielleicht hat sie schon drey Lilien auf dem Rcken.-- -Vivat die Hofmeister und da der Teufel sie holt! Amen. - -(gehn ab) - - -Zweite Scene. - -Eine Bettlerhtte im Walde. -Augustchen. (im groben Kittel.) -Marthe. (ein alt blindes Weib) - - -Gustchen. -Liebe Marthe, bleibt zu Hause und seht wohl nach dem -Kinde: es ist das erstemal, da ich Euch allein lasse -in einem ganzen Jahr; also knnt Ihr mich nun wohl -auch einmal einen Gang fr mich thun lassen. Ihr habt -Proviant fr heut und Morgen; Ihr braucht also heute -nicht auf der Landstra auszustehn. - -Marthe. -Aber wo wollt Ihr denn hin, Grethe; das Gott erbarm! -da Ihr noch so krank und so schwach seyd; lat Euch -doch sagen: ich hab auch Kinder bekommen und ohne viele -Schmerzen, so wie Ihr, Gott sey Dank! aber einmal hab -ichs versucht, den zweyten Tag nach der Niederkunft -auszugehen und nimmermehr wieder; ich hatte schon meinen -Geist aufgegeben, wahrlich ich knne Euch sagen, wie -einem Todten zu Muthe ist--Lat Euch doch lehren; wenn -Ihr was im nchsten Dorf zu bestellen habt, obschon ich -blind bin, ich will schon hinfinden; bleibt nur zu Hause -und macht da Ihr zu Krften kommt: ich will alles fr -Euch ausrichten, was es auch sey. - -Gustchen. -Lat mich nur, Mutter; ich hab Krfte wie eine junge -Brin--und seht nach meinem Kinde. - -Marthe. -Aber wie soll ich denn darnach sehen, Heilige Mutter -Gottes! da ich blind bin? Wenn es wird saugen wollen, -soll ichs an meine schwarze verwelkte Zitzen legen? -und es mit zu nehmen, habt Ihr keine Krfte, bleibt zu -Hause, liebes Grethel, bleibt zu Hause. - -Gustchen. -Ich darf nicht, liebe Mutter, mein Gewissen treibt mich -fort von hier. Ich hab' einen Vater, der mich mehr -liebt als sein Leben und seine Seele. Ich habe die -vorige Nacht im Traum gesehen, da er sich die weissen -Haare ausri und Blut in den Augen hatte: er wird -meynen, ich sey todt. Ich mu ins Dorf und jemand -bitten, da er ihm Nachricht von mir giebt. - -Marthe. -Aber hilf lieber Gott, wer treibt Euch denn? Wenn Ihr -nun unterwegens liegen bleibt? Ihr knnt nicht fort... - -Gustchen. -Ich mu--Mein Vater stand wankend; auf einmal warf -er sich auf die Erde und blieb todt liegen--Er bringt -sich um, wenn er keine Nachricht von mir bekommt. - -Marthe. -Wit Ihr denn nicht, da Trume grade das Gegentheil -bedeuten? - -Gustchen. -Bey mir nicht--Lat mich--Gott wird mit mir seyn. -(geht ab) - - -Dritte Scene. - -Die Schule. -Wenzeslaus. Luffer. (an einem Tisch sitzend) Der Major. -Der Geheime Rath und Graf Wermuth. -(treten herein mit Bedienten) - - -Wenzeslaus. (lt die Brille fallen) -Wer da? - -Major. (mit gezogenem Pistol) -Da Dich das Wetter! da sitzt der Haas im Kohl. (schiet -und trift Luffern in Arm, der vom Stuhl fllt) - -Geh. Rath. (der vergeblich versucht hat ihn zurckzuhalten) -Bruder--(stt ihn unwillig) So hab's denn darnach, -Tollhusler! - -Major. -Was? ist er todt? (schlgt sich vors Gesicht) Was hab -ich gethan? Kann Er mir keine Nachricht mehr von meiner -Tochter geben? - -Wenzeslaus. -Ihr Herren! Ist das jngste Gericht nahe, oder sonst -etwas? Was ist das? (zieht an seiner Schelle) Ich will -Euch lehren, einen ehrlichen Mann in seinem Hause -berfallen. - -Luffer. -Ich beschwr' Euch: schellt nicht!--Es ist der Major; -ich hab's an seiner Tochter verdient. - -Geh. Rath. -Ist kein Chirurgus im Dorf, ehrlicher Schulmeister! Er -ist nur am Arm verwundet, ich will ihn kuriren lassen. - -Wenzeslaus. -Ey was kuriren lassen! Straenruber! schiet man Leute -bern Haufen, weil man so viel hat, da man sie kuriren -lassen kann? Er ist mein Kollaborator; er ist eben ein -Jahr in meinem Hause: ein stiller, friedfertiger, -fleiiger Mensch, und sein Tage hat man nichts von ihm -gehrt, und Ihr kommt und erschiet mir meinen Kollaborator -in meinem eignen Hause!--Das soll gerochen werden, oder -ich will nicht selig sterben. Seht Ihr das! - -Geh. Rath. (bemht Luffern zu verbinden) -Wozu das Geschwtz, lieber Mann? Es thut uns leyd genug-- -Aber die Wunde knnte sich verbluten, schaft uns nur -einen Chirurgus. - -Wenzeslaus. -Ey was! Wenn Ihr Wunden macht, so mgt Ihr sie auch -heilen, Strassenruber! Ich mu doch nur zum Gevatter -Schpsen gehen. (geht ab) - -Major. (zu Luffern) -Wo ist meine Tochter? - -Luffer. -Ich wei es nicht. - -Major. -Du weit nicht? (zieht noch eine Pistol hervor) - -Geh. Rath. (entreit sie ihm und schiet sie aus dem -Fenster ab) -Sollen wir Dich mit Ketten binden lassen, Du-- - -Luffer. -Ich habe sie nicht gesehen, seit ich aus Ihrem Hause -geflchtet bin; das bezeug' ich vor Gott, vor dessen -Gericht ich vielleicht bald erscheinen werde. - -Major. -Also ist sie nicht mit Dir gelaufen? - -Luffer. -Nein. - -Major. -Nun denn; so wieder eine Ladung Pulver umsonst verschossen! -Ich wollt, sie wre Dir durch den Kopf gefahren, da Du -kein gescheutes Wort zu reden weit, Lumpenhund! Lat -ihn liegen und kommt bis ans Ende der Welt. Ich mu -meine Tochter wieder haben, und wenn nicht in diesem -Leben, doch in jener Welt, und da soll mein hochweiser -Bruder und mein hochweiseres Weib mich wahrhaftig nicht -von abhalten (luft fort.) - -Geh. Rath. -Ich darf ihn nicht aus den Augen lassen. (wirft Luffern -einen Beutel zu) Lassen Sie Sich davon kuriren, und -bedenken Sie, da Sie meinen Bruder weit gefhrlicher -verwundet haben, als er Sie. Es ist ein Bankozettel -drin, geben Sie Acht drauf und machen ihn sich zu Nutz -so gut Sie knnen. (gehn alle ab) - -(Wenzeslaus kmmt mit dem Barbier Schpsen und einigen -Bauerkerlen) - -Wenzeslaus. -Wo ist das Otterngezchte? Redet! - -Luffer. -Ich bitt Euch, seyd ruhig. Ich habe weit weniger bekommen, -als meine Thaten werth waren. Meister Schpsen, ist -meine Wunde gefhrlich? - -(Schpsen besieht sie) - -Wenzeslaus. -Was denn? Wo sind sie? Das leid ich nicht; nein, das -leid ich nicht und sollt es mich Schul und Amt und Haar -und Bart kosten. Ich will sie zu Morsch schlagen, die -Hunde--Stellen Sie Sich vor, Herr Gevatter; wo ist das -in aller Welt in iure naturae, und in iure civili, und -im iure canonico, und im iure gentium, und wo Sie -wollen, wo ist das erhrt, da man einem ehrlichen Mann -in sein Haus fllt und in eine Schule dazu; an heiliger -Sttte--Gefhrlich; nicht wahr? Haben Sie sondirt? Ists? - -Schpsen. -Es liee sich viel drber sagen--nun doch wir wollen -sehen--am Ende wollen wir schon sehen. - -Wenzeslaus. -Ja Herr, he he, in fine videbitur cuius toni; das heit, -wenn er wird todt seyn, oder wenn er vllig gesund seyn -wird, da wollen Sie uns erst sagen, ob die Wunde -gefhrlich war oder nicht: das ist aber nicht medicinisch -gesprochen; verzeyh Er mir. Ein tchtiger Arzt mu das -Dings vorher wissen, sonst sag' ich ihm ins Gesicht: er -hat seine Pathologie oder Chirurgie nur so halbwege -studirt und ist mehr in die Bordells gangen, als in -die Kollegia; denn in amore omnia insunt vitia, und -wenn ich einen Ignoranten sehe, er mag seyn aus was -fr einer Fakultt er wolle, so sag' ich immer: er ist -ein Jungfernknecht gewesen; ein Hurenhengst; das la' -ich mir nicht ausreden. - -Schpsen. (nachdem er die Wunde noch einmal besichtigt) -Ja die Wunde ist, nachdem man sie nimmt--Wir wollen -sehen, wir wollen sehen. - -Luffer. -Hier, Herr Schulmeister! hat mir des Majors Bruder einen -Beutel gelassen, der ganz schwer von Dukaten ist und -obenein ist ein Bankozettel drinn--Da sind wir auf viel -Jahre geholfen. - -Wenzeslaus. (hebt den Beutel) -Nun das ist etwas--Aber Hausgewalt bleibt doch -Hausgewalt und Kirchenraub, Kirchenraub--Ich will -ihm einen Brief schreiben, dem Herrn Major. den er -nicht ins Fenster stecken soll. - -Schpsen. (der sich die Weil' ber vergessen und eifrig -nach dem Beutel gesehen, fllt wieder ber die Wunde her) -Sie wird sich endlich schon kuriren lassen, aber sehr -schwer, hoff' ich, sehr schwer-- - -Wenzeslaus. -Das hoff' ich nicht, Herr Gevatter Schpsen; das frcht' -ich, das frcht' ich--aber ich will Ihm nur zum voraus -sagen, da wenn Er die Wunde langsam kurirt, so kriegt -Er auch langsame Bezahlung; wenn Er ihn aber in zwey -Tagen wieder auf frischen Fu stellt, so soll Er auch -frisch bezahlt werden; darnach kann Er sich richten. - -Schpsen. -Wir wollen sehen. - - -Vierte Scene. - - -Gustchen. (liegend, an einem Teich mit Gestruch umgeben) -Soll ich denn hier sterben?--Mein Vater! Mein Vater! -gieb mir die Schuld nicht, da Du nicht Nachricht von -mir bekmmst. Ich hab meine letzten Krfte angewandt-- -sie sind erschpft--Sein Bild, o sein Bild steht mir -immer vor den Augen! Er ist todt, ja todt--und fr Gram -um mich--Sein Geist ist mir diese Nacht erschienen, -mir Nachricht davon zu geben--mich zur Rechenschaft -dafr zu fodern--Ich komme, ja ich komme. (raft sich -auf und wirft sich in Teich.) - -Major. (von weitem) -Geh. Rath und Graf Wermuth. (folgen ihm) - -Major. -Hey! hoh! da giengs in Teich--Ein Weibsbild wars und -wenn gleich nicht meine Tochter, doch auch ein -unglcklich Weibsbild--Nach, Berg! Das ist der Weg -zu Gustchen oder zur Hlle! (springt ihr nach) - -Geh. Rath. (kommt) -Gott im Himmel! was sollen wir anfangen? - -Graf Wermuth. -Ich kann nicht schwimmen. - -Geh. Rath. -Auf die andere Seite!--Mich deucht, er haschte das -Mdchen ... Dort--dort hinten im Gebsch.--Sehen Sie -nicht? Nun treibt er den Teich mit ihr hinunter--Nach! - - -Fnfte Scene. - -(Eine andere Seite des Teichs, Hinter der Scene Geschrey.) -"Hlfe! 's meine Tochter! Sakkerment und all das Wetter! -Graf! reicht mir doch die Stange: -da Euch die schwere Noth." - -Major Berg. (trgt Gustchen aufs Theater) -Geheimer Rath und Graf. (folgen) - -Major. -Da!--(setzt sie nieder. Geheimer Rath und Graf suchen -sie zu ermuntern) Verfluchtes Kind! habe ich das an Dir -erziehen mssen! (kniet nieder bey ihr) Gustel! was -fehlt Dir? Hast Wasser eingeschluckt? Bist noch mein -Gustel?--Gottlose Kanaille! Httst Du mir nur ein -Wort vorher davon gesagt; ich htte dem Lausejungen -einen Adelbrief gekauft, da httet ihr knnen zusammen -kriechen.--Gott beht! so helft ihr doch; sie ist ja -ohnmchtig. (springt auf, ringt die Hnde; umhergehend) -Wenn ich nur wst', wo der maledeyte Chirurgus vom Dorf -anzutreffen wre.--Ist sie noch nicht wach? - -Gustchen. (mit schwacher Stimme) -Mein Vater! - -Major. -Was verlangst Du? - -Gustchen. -Verzeihung. - -Major. (geht auf sie zu) -Ja verzeih Dirs der Teufel, ungerathenes Kind.--Nein, -(kniet wieder bey ihr) fall nur nicht hin, mein Gustel-- -mein Gustel! Ich verzeih Dir; ist alles vergeben und -vergessen--Gott wei es: ich verzeih Dir--Verzeih Du -mir nur! Ja aber nun ists nicht mehr zu ndern. Ich hab -dem Hundsvott eine Kugel durch den Kopf geknallt. - -Geh. Rath. -Ich denke, wir tragen sie fort. - -Major. -Lat stehen! Was geht sie euch an? Ist sie doch Eure -Tochter nicht. Bekmmert Euch um Euer Fleisch und Bein -daheime. (Er nimmt sie auf die Arme) Da Mdchen--Ich -sollte wohl wieder nach dem Teich mit Dir--(schwenkt -sie gegen den Teich zu) aber wir wollen nicht eher -schwimmen als bis wir's Schwimmen gelernt haben, meyn' -ich.--(drckt sie an sein Herz) O du mein einzig -theurester Schatz! Da ich dich wieder in meinen Armen -tragen kann, gottlose Kanaille! (trgt sie fort) - - -Sechste Scene. - -In Leipzig. -Fritz von Berg. Ptus. - - -Fritz. -Das einzige, was ich an Dir auszusetzen habe, Ptus. -Ich habe Dirs schon lang sagen wollen: untersuche Dich -nur selbst; was ist die Ursach zu all Deinem Unglck -gewesen? Ich tadle es nicht, wenn man sich verliebt. Wir -sind in den Jahren; wir sind auf der See, der Wind treibt -uns, aber die Vernunft mu immer am Steuerruder bleiben, -sonst jagen wir auf die erste beste Klippe und scheitern. -Die Hamstern war eine Kokette, die aus Dir machte, was -sie wollte; sie hat Dich um Deinen letzten Rock, um -Deinen guten Namen und um den guten Namen Deiner Freunde -dazu gebracht: ich dchte, da httest Du klug werden -knnen. Die Rehaarin ist ein unverfhrtes unschuldiges -jugendliches Lamm: wenn man gegen ein Herz, das sich -nicht vertheidigen will, noch vertheidigen kann, alle -mgliche Batterien spielen lt, um es--was soll ich -sagen? zu zerstren, einzuschern, das ist unrecht, -Bruder Ptus, das ist unrecht. Nimm mirs nicht bel, -wir knnen so nicht gute Freunde zusammen bleiben. Ein -Mann, der gegen ein Frauenzimmer es so weit treibt, -als er nur immer kann, ist entweder ein Theekessel oder -ein Bsewicht; ein Theekessel, wenn er sich selbst nicht -beherrschen kann, die Ehrfurcht, die er der Unschuld -und Tugend schuldig ist, aus den Augen zu setzen: oder -ein Bsewicht, wenn er sich selbst nicht beherrschen -will und wie der Teufel im Paradiese sein einzig Glck -darin setzt, ein Weib ins Verderben zu strzen. - -Ptus. -Predige nur nicht, Bruder! Du hast Recht; es reuet mich, -aber ich schwre Dir, ich kann drauf fluchen, da ich -das Mdchen nicht angerhrt habe. - -Fritz. -So bist Du doch zum Fenster hineingestiegen und die -Nachbarn habens gesehen, meynst Du, ihre Zunge wird so -verschmt seyn, wie Deine Hand vielleicht gewesen ist? -Ich kenne Dich, ich wei, so dreust Du scheinst, bist -Du doch blde gegen's Frauenzimmer und darum lieb ich -Dich: aber wenns auch nichts mehr wre, als da das -Mdchen ihren guten Namen verliert, und eine -Musikantentochter dazu, ein Mdchen, das alles von -der Natur empfieng: vom Glck nichts, der ihre einzige -Aussteuer, ihren guten Namen, zu rauben--Du hast -sie unglcklich gemacht, Ptus.-- - -(Herr Rehaar kommt, eine Laute unterm Arm.) - -Rehaar. -Ergebener Diener von Ihnen; ergebener Diener, Herr von -Berg, wnsche schnen guten Morgen. Wie haben Sie -geschlafen und wie stehts Konzertchen? (setzt sich -und stimmt) Haben Sie's durchgespielt? (stimmt) Ich -habe die Nacht einen helichen Schrecken gehabt, aber -ich wills dem eingedenk seyn.--Sie kennen ihn wohl, -es ist einer von ihren Landsleuten. Twing, twing. Das -ist eine verdammte Quinte! Will sie doch mein Tage -nicht recht tnen; ich will Ihnen Nachmittag eine andere -bringen. - -Fritz. (setzt sich mit seiner Laute) -Ich hab das Koncert noch nicht angesehen. - -Rehaar. -Ey Ey, faules Herr von Bergchen, noch nicht angesehen? -Twing! Nachmittag bring ich Ihnen eine andre. (legt die -Laute weg und nimmt eine Prise) Man sagt: die Trken -sind ber die Donau gegangen und haben die Russen brav -zurckgepeitscht, bis--Wie heit doch nun der Ort? -Bis Otschakof, glaub' ich; was wei ich? so viel sag -ich Ihnen, wenn Rehaar unter ihnen gewesen wre, was -meynen Sie? Er wre noch weiter gelaufen. Ha ha ha! -(nimmt die Laute wieder) Ich sag Ihnen, Herr von Berg, -ich hab keine grere Freude, als wenn ich wieder einmal -in der Zeitung lese, da eine Armee gelaufen ist. Die -Russen sind brave Leute, da sie gelaufen sind; Rehaar -wr auch gelaufen und alle gescheute Leute, denn wozu -ntzt das Stehen und sich todtschlagen lassen, ha ha ha. - -Fritz. -Nicht wahr, das ist der erste Grif? - -Rehaar. -Ganz recht; den zweiten Finger etwas mehr bergelegt und -mit dem kleinen abgerissen, so--Rund, rund den Triller, -rund Herr von Bergchen--Mein seliger Vater pflegt' immer -zu sagen, ein Musikus mu keine Kourage haben, und ein -Musikus der Herz hat, ist ein Hundsfut. Wenn er sein -Konzertchen spielen kann und seinen Marsch gut blst-- -Das hab' ich auch dem Herzog von Kurland gesagt, als -ich nach Petersburg gieng, das erstemal in der Suite -vom Prinzen Czartorinsky, und vor ihm spielen mute. -Ich mu noch lachen; als ich in den Saal kam und wollt' -ihm mein tief tief Kompliment machen, sah' ich nicht, -da der Fuboden von Spiegel war und die Wnde auch von -Spiegel, und fiel herunter wie ein Stck Holz und schlug -mir ein gewaltig Loch in Kopf: da kamen die Hofkavaliere -und wollten mich drber necken. Leidt das nicht, Rehaar, -sagte der Herzog, Ihr habt ja einen Degen an der Seite; -leidt das nicht. Ja, sage ich, Ew. Herzoglichen Majestt, -mein Degen ist seit Anno Dreiig nicht aus der Scheide -gekommen, und ein Musikus braucht den Degen nicht zu -ziehen, denn ein Musikus, der Herz hat und den Degen -zieht, ist ein Hundsfut und kann sein Tag auf keinem -Instrument was vor sich bringen--Nein, nein, das dritte -Chor wars, k, k, so--Rein, rein, den Triller rund und -den Daumen unten nicht bewegt, so-- - -Ptus. (der sich die Zeit ber seitwrts gehalten, -tritt hervor und bietet Rehaar die Hand) -Ihr Diener, Herr Rehaar; wie gehts? - -Rehaar. (hebt sich mit der Laute) -Ergebener Die--Wie solls gehen, Herr Ptus? Toujours -content, jamais d'argent: das ist des alten Rehaars -Sprichwort, wissen Sie, und die Herren Studenten wissens -alle; aber darum geben sie mir doch nichts--Der Herr -Ptus ist mir auch noch schuldig, von der letzten -Serenade, aber er denkt nicht dran... - -Ptus. -Sie sollen haben, liebster Rehaar; in acht Tagen erwart' -ich unfehlbar meinen Wechsel. - -Rehaar. -Ja, Sie haben schon lang gewartet, Herr Ptus, und -Wechselchen ist doch nicht kommen. Was ist zu thun, -man mu Geduld haben, ich sag immer, ich begegne -keinem Menschen mit so viel Ehrfurcht als einem -Studenten: denn ein Student ist nichts, das ist wahr, -aber es kann doch alles aus ihm werden. (er legt die -Laute auf den Tisch und nimmt eine Prise) Aber was -haben Sie mir denn gemacht, Herr Ptus? Ist das recht; -ist das auch honett gehandelt? Sind mir gestern zum -Fenster hineingestiegen, in meiner Tochter Schlafkammer. - -Ptus. -Was denn, Vaterchen? ich? ... - -Rehaar. (lt die Dose fallen) -Ja ich will Dich bevaterchen und ich werd' es gehrigen -Orts zu melden wissen, Herr, da seyn Sie versichert. -Meiner Tochter Ehr' ist mir lieb und es ist ein honettes -Mdchen, hol's der Henker! und wenn ichs nur gestern -gemerkt htte oder wr' aufgewacht, ich htt Euch zum -Fenster hinausgehenselt, da Ihr das Unterste zu Oberst-- -Ist das honett, ist das ehrlich? Pfuy Teufel, wenn ich -Student bin, mu ich mich auch als Student auffhren, -nicht als ein Schlingel--Da haben mirs die Nachbarn -heut gesagt: ich dacht ich sollte den Schlag drber -kriegen, Augenblicks hat mir das Mdchen auf den -Postwagen mssen und das nach Kurland zu ihrer Tante; -ja nach Kurland, Herr, denn hier ist ihre Ehr' hin und -wer zahlt mir nun die Reisekosten? Ich habe warhaftig -den ganzen Tag keine Laut' anrhren knnen und ber -die funfzehn Quinten sind mir heut gesprungen. Ja Herr, -ich zittere noch am ganzen Leibe und Herr Ptus, ich -will ein Hhnchen mit Ihnen pflcken. Es soll nicht -so bleiben; ich will Euch Schlingeln lehren ehrlicher -Leute Kinder verfhren. - -Ptus. -Herr, schimpf Er nicht, oder-- - -Rehaar. -Sehen Sie nur an, Herr von Berg! sehn Sie einmal an-- -wenn ich nun Herz htte, ich fodert' ihn augenblicklich -vor die Klinge--Sehen Sie, da steht er und lacht mir -noch in die Zhne obenein. Sind wir denn unter Trken -und Heiden, da ein Vater nicht mehr mit seiner Tochter -sicher ist? Herr Ptus, Sie sollen mirs nicht umsonst -gethan haben, ich sags Ihnen und sollts bis an den -Kuhrfrsten selber kommen. Unter die Soldaten mit -solchen lderlichen Hunden! Dem Kalbsfell folgen, -das ist gescheidter! Schlingel seyd ihr und keine -Studenten! - -Ptus. (giebt ihm eine Ohrfeige) -Schimpf Er nicht; ich habs Ihm fnfmal gesagt!. - -Rehaar. (springt auf, das Schnupftuch vorm Gesicht) -So? Wart--Wenn ich doch nur den rothen Fleck -behalten knnte, bis ich vorn Magnifikus komme-- -Wenn ich ihn doch nur acht Tage behalten knnte, -da ich nach Dresden reise und ihn dem Kuhrfrsten -zeige--Wart, es soll Dir zu Hause kommen, wart, -wart--Ist das erlaubt? (weint) Einen Lautenisten -zu schlagen? weil er Dir seine Tochter nicht geben -will, da Du Lautchen auf ihr spielen kannst?--Wart, -ich wills seiner Kuhrfrstlichen Majestt sagen, da -Du mich ins Gesicht geschlagen hast. Die Hand soll -Dir abgehauen werden--Schlingel! (luft ab, Ptus -will ihm nach; Fritz hlt ihn zurck) - -Fritz. -Ptus! Du hast schlecht gehandelt. Er war beleidigter -Vater, Du httest ihn schonen sollen. - -Ptus. -Was schimpfte der Schurke? - -Fritz. -Schimpfliche Handlungen verdienen Schimpf. Er konnte -die Ehre seiner Tochter auf keine andere Weise rchen, -aber es mchten sich Leute finden-- - -Ptus. -Was? Was fr Leute? - -Fritz. -Du hast sie entehrt, Du hast ihren Vater entehrt. Ein -schlechter Kerl, der sich an Weiber und Musikanten wagt, -die noch weniger als Weiber sind. - -Ptus. -Ein schlechter Kerl? - -Fritz. -Du sollst ihm ffentlich abbitten. - -Ptus. -Mit meinem Stock. - -Fritz. -So werd ich Dir in seinem Namen antworten. - -Ptus. (schreyt) -Was willst Du von mir? - -Fritz. -Genugthuung fr Rehaarn. - -Ptus. -Du wirst mich doch nicht zwingen wollen; einfltiger -Mensch-- - -Fritz. -Ja, ich will Dich zwingen, kein Schurke zu seyn. - -Ptus. -Du bist einer--Du mut Dich mit mir schlagen. - -Fritz. -Herzlich gern--wenn Du Rehaarn nicht Satisfaktion giebst. - -Ptus. -Nimmermehr. - -Fritz. -Es wird sich zeigen. - - - -Fnfter Akt. - - -Erste Scene. - -Die Schule. -Luffer. Marthe. (ein Kind auf dem Arm) - - -Marthe. -Um Gotteswillen! helft einer armen blinden Frau und -einem unschuldigen Kinde, das seine Mutter verloren hat. - -Luffer. (giebt ihr was) -Wie seyd Ihr denn hergekommen, da Ihr nicht sehen knnt? - -Marthe. -Mhselig genug. Die Mutter dieses Kindes war meine -Leiterin; sie gieng eines Tags aus dem Hause, zwey Tage -nach ihrer Niederkunft, Mittags gieng sie fort und wollt' -auf den Abend wiederkommen, sie soll noch wiederkommen. -Gott schenk ihr die ewige Freud und Herrlichkeit! - -Luffer. -Warum thut Ihr den Wunsch? - -Marthe. -Weil sie todt ist, das gute Weib; sonst htte sie ihr -Wort nicht gebrochen. Ein Arbeitsmann vom Hgel ist mir -begegnet, der hat sie sich in Teich strzen sehen. Ein -alter Mann ist hinter ihr drein gewesen und hat sich -nachgestrzt; das mu wohl ihr Vater gewest seyn. - -Luffer. -O Himmel! Welch ein Zittern--Ist das ihr Kind? - -Marthe. -Das ist es; sehen Sie nur, wie rund es ist, von lauter -Kohl und Rben aufgefttert. Was sollt' ich Arme machen; -ich konnt' es nicht stillen, und da mein Vorrath auf -war, macht' ichs wie Hagar, nahm das Kind auf die -Schulter und gieng auf Gottes Barmherzigkeit. - -Luffer. -Gebt es mir auf den Arm--O mein Herz!--Da ichs an -mein Herz drcken kann--Du gehst mir auf, furchtbares -Rtzel! (nimmt das Kind auf den Arm und tritt damit vor -den Spiegel) Wie? dies wren nicht meine Zge? (fllt -in Ohnmacht; das Kind fngt an zu schreyen) - -Marthe. -Fallt Ihr hin? (hebt das Kind vom Boden auf) Suchen, -mein liebes Suchen! (das Kind beruhigt sich) Hrt! was -habt Ihr gemacht? Er antwortet nicht: ich mu doch um -Hlfe rufen; ich glaube, ihm ist weh worden. (geht hinaus) - - -Zweyte Scene. - -Ein Wldchen vor Leipzig. -Fritz von Berg und Ptus. (stehn mit gezogenem Degen) -Rehaar. - - -Fritz. -Wird es bald? - -Ptus. -Willst Du anfangen? - -Fritz. -Sto Du zuerst. - -Ptus. (wirft den Degen weg) -Ich kann mich mit Dir nicht schlagen. - -Fritz. -Warum nicht? Nimm ihn auf. Hab ich Dich beleidigt, so -mu ich Dir Genugthuung geben. - -Ptus. -Du magst mich beleidigen wie Du willst, ich brauch -keine Genugthuung von Dir. - -Fritz. -Du beleidigst mich. - -Ptus. (rennt auf ihn zu und umarmt ihn) -Liebster Berg! Nimm es fr keine Beleidigung, wenn -ich Dir sage, Du bist nicht im Stande mich zu beleidigen. -Ich kenne Dein Gemth--und ein Gedanke daran macht mich -zur feigsten Memme auf dem Erdboden. La uns gute -Freunde bleiben, ich will mich gegen den Teufel selber -schlagen, aber nicht gegen Dich. - -Fritz. -So gieb Rehaarn Satisfaktion, eh zieh' ich nicht ab -von hier. - -Ptus. -Das will ich herzlich gern, wenn er's verlangt. - -Fritz. -Er ist immatrikulirt, wie Du; Du hast ihn ins Gesicht -geschlagen--Frisch Rehaar, zieht! - -Rehaar. (zieht) -Ja, aber er mu seinen Degen da nicht aufheben. - -Fritz. -Sie sind nicht gescheidt. Wollen Sie gegen einen -Menschen ziehen, der sich nicht wehren kann? - -Rehaar. -Ey la die gegen bewehrte Leute ziehen, die Kourage -haben. Ein Musikus mu keine Kourage haben, und Herr -Ptus, Er soll mir Satisfaktion geben--(stt auf -ihn zu. Ptus weicht zurck) Satisfaktion geben. -(stt Ptus in den Arm. Fritz legirt ihm den Degen) - -Fritz. -Jetzt seh' ich, da Sie Ohrfeigen verdienen, Rehaar. -Pfuy! - -Rehaar. -Ja was soll ich denn machen, wenn ich kein Herz habe? - -Fritz. -Ohrfeigen einstecken und das Maul halten. - -Ptus. -Still Berg! ich bin nur geschrammt. Herr Rehaar, ich -bitt Sie um Verzeyhung. Ich htte Sie nicht schlagen -sollen, da ich wute, da Sie nicht im Stande waren, -Genugthuung zu fodern; vielweniger htt' ich Ihnen -Ursache geben sollen, mich zu schimpfen. Ich gesteh's, -diese Rache ist noch viel zu gering fr die -Beleidigungen, die ich Ihrem Hause angethan: ich will -sehen, sie auf eine bessere Weise gut zu machen, wenn -das Schicksal meinen guten Vorstzen beysteht. Ich -will Ihrer Tochter nachreisen; ich will sie heyrathen. -In meinem Vaterlande wird sich schon eine Stelle fr -mich finden, und wenn auch mein Vater bey seinen -Lebzeiten sich nicht besnftigen liee, so ist mir -doch eine Erbschaft von funfzehntausend Gulden gewi. -(umarmt ihn). Wollen Sie mir Ihre Tochter bewilligen? - -Rehaar. -Ey was! ich hab nichts dawider, wenn Ihr ordentlich -und ehrlich um sie anhaltet, und im Stand seyd, sie zu -versorgen--Ha ha ha! hab' ichs doch mein Tag gesagt: -mit den Studenten ist gut auskommen. Die haben doch -noch Honnettett im Leibe, aber mit den Officiers-- -Die machen einem Mdchen ein Kind und krht nicht Hund -oder Hahn nach: das macht, weil sie alle kuraschse -Leute seyn, und sich mssen todtschlagen lassen. Denn -wer Kourage hat, der ist zu allen Lastern fhig. - -Fritz. -Sie sind ja auch Student. Kommen Sie; wir haben lange -keinen Punsch zusammen gemacht; wir wollen auf die -Gesundheit Ihrer Tochter trinken. - -Rehaar. -Ja und Ihr Lautenkonzertchen dazu, Herr von Bergchen. -Ich hab Ihnen jetzt drey Stund nach einander geschwnzt, -und weil ich auch honett denke, so will ich heute dafr -drey Stunden nach einander auf Ihrem Zimmerchen bleiben -und wollen Lautchen spielen, bis dunkel wird. - -Ptus. -Und ich will die Violin dazu streichen. - - -Dritte Scene. - -Die Schule. -Luffer. (liegt zu Bette.) -Wenzeslaus. - - -Wenzeslaus. -Das Gott! was giebts schon wieder, da Ihr mich von -der Arbeit abrufen lat? Seyd Ihr schon wieder schwach? -Ich glaube, das alte Weib war eine Hexe.--Seit der -Zeit habt Ihr keine gesunde Stunde mehr. - -Luffer. -Ich werd' es wohl nicht lange mehr machen. - -Wenzeslaus. -Soll ich Gevatter Schpsen rufen lassen? - -Luffer. -Nein. - -Wenzeslaus. -Liegt Euch was auf dem Gewissen? Sagt mirs, entdeckt -mirs, unverholen.--Ihr blickt so scheu umher, da es -einem ein Grauen einjagt; frigidus per ossa--Sagt mir, -was ists?--Als ob er jemand todt geschlagen htte-- -Was verzerrt Ihr denn die Lineamenten so--Beht Gott, -ich mu doch nur zu Schpsen-- - -Luffer. -Bleibt--Ich wei nicht, ob ich recht gethan--Ich -habe mich kastrirt... - -Wenzeslaus. -Wa--Kastrir--Da mach ich Euch meinen herzlichen -Glckwunsch drber, vortreflich, junger Mann, zweiter -Origenes! La Dich umarmen, theures, auserwhltes -Rstzeug! Ich kann's Euch nicht verheelen, fast--fast -kann ich dem Heldenvorsatz nicht widerstehen, Euch -nachzuahmen. So recht, werther Freund! Das ist die -Bahn, auf der Ihr eine Leuchte der Kirche, ein Stern -erster Gre, ein Kirchenvater selber werden knnt. -Ich glckwnsche euch, ich ruf Euch ein Jubilate und -Evo zu, mein geistlicher Sohn--Wr' ich nicht ber -die Jahre hinaus, wo der Teufel unsern ersten und -besten Krften sein arglistiges Netz ausstellt, gewi -ich wrde mich keinen Augenblick bedenken.-- - -Luffer. -Bey alle dem, Herr Schulmeister, gereut es mich. - -Wenzeslaus. -Wie, es gereut Ihn? Das sey ferne, werther Herr Mitbruder! -Er wird eine so edle That doch nicht mit thrichter Reue -verdunkeln und mit sndlichen Thrnen besudeln? Ich seh -schon welche ber Sein Augenlied hervorquellen. Schluck' -Er sie wieder hinunter und sing' Er mit Freudigkeit: -ich bin der Nichtigkeit entbunden, nun Flgel, Flgel, -Flgel her. Er wird es doch nicht machen wie Lots Weib -und sich wieder nach Sodom umsehen, nachdem Er einmal -das friedfertige stille Zoar erreicht hat? Nein, Herr -Kollega; ich mu Ihm auch nur sagen, da Er nicht der -einzige ist, der den Gedanken gehabt hat. Schon unter -den blinden Juden war eine Sekte, zu der ich mich gern -ffentlich bekannt htte, wenn ich nicht befrchtet, -meine Nachbarn und meine armen Lmmer in der Schule -damit zu rgern: auch hatten sie freilich einige -Schlacken und Thorheiten dabey, die ich nun eben nicht -mitmachen mchte. Zum Exempel, da sie des Sonntags -nicht einmal ihre Nothdurft verrichteten, welches doch -wider alle Regeln einer vernnftigen Dit ist, und halt' -ichs da lieber mit unserm seligen Doktor Luther: was -hinaufsteigt, das ist fr meinen lieben Gott, aber was -hinunter geht, Teufel, das ist fr Dich--Ja wo war ich? - -Luffer. -Ich frchte, meine Bewegungsgrnde waren von andrer Art ... -Reue, Verzweiflung-- - -Wenzeslaus. -Ja, nun hab ichs--Die Esser, sag' ich, haben auch -nie Weiber genommen; es war eins von ihren Grundgesetzen -und dabey sind sie zu hohem Alter kommen, wie solches -im Josephus zu lesen. Wie die es nun angefangen, ihr -Fleisch so zu bezhmen; ob sie es gemacht, wie ich, -nchtern und mssig gelebt und brav Toback geraucht, -oder ob sie Euren Weg eingeschlagen--So viel ist -gewi, in amore, in amore omnia insunt vitia und ein -Jngling, der diese Klippe vorbeyschifft, Heil, Heil -ihm, ich will ihm Lorbeern zuwerfen; lauro tempora -cingam et sublimi fronte sidera pulsabit. - -Luffer. -Ich frcht', ich werd' an dem Schnitt sterben mssen. - -Wenzeslaus. -Mit nichten, da sey Gott fr. Ich will gleich zu -Gevatter Schpsen. Der Fall wird ihm freylich noch -nie vorgekommen seyn, aber hat er Euch euren Arm kurirt, -welches doch eine Wunde war, die nicht zu eurer -Wohlfarth diente, so wird ja Gott auch ihm Gnade zu -einer Kur geben, die Euer ewiges Seelenheil befrdern -wird. (geht ab) - -Luffer. -Sein Frohlocken verwundet mich mehr als mein Messer. -O Unschuld, welch' eine Perle bist du! Seit ich dich -verloren, that ich Schritt auf Schritt in der Leidenschaft -und endigte mit Verzweiflung. Mchte dieser Letzte mich -nicht zum Tode fhren, vielleicht knnt' ich itzt wieder -anfangen zu leben und zum Wenzeslaus wiedergeboren werden. - - -Vierte Scene. - -In Leipzig. - -Fritz von Berg und Rehaar. -(begegnen sich auf der Strae) - - -Rehaar. -Herr von Bergchen, ein Briefchen, unter meinem Kuvert -gekommen. Herr von Seiffenblase hat an mich geschrieben; -hat auch Lautchen bey mir gelernt vormals. Er bittet -mich, ich soll doch diesen Brief einem gewissen Herrn -von Berg in Leipzig abgeben, wenn er anders noch da -wre--O wie bin ich gesprungen! - -Fritz. -Wo hlt er sich denn itzt auf, Seiffenblase? - -Rehaar. -Soll es dem Herrn von Berg abgeben, schreibt er, wenn -Sie anders diesen wrdigen Mann kennen. O wie bin ich -gesprungen--Er ist in Knigsberg, der Herr von -Seiffenblase. Was meynen Sie, und meine Tochter ist -auch da, und logirt ihm grad gegenber. Sie schreibt -mir, die Kathrinchen, da sie nicht genug rhmen kann, -was er ihr fr Hflichkeit erzeigt, alles um -meinetwillen; hat sieben Monath bey mir gelernt. - -Fritz. (zieht die Uhr aus) -Liebster Rehaar, ich mu ins Kollegium--Sagen Sie -Ptus nichts davon, ich bitte Sie--(geht ab) - -Rehaar. (ruft ihm nach) -Auf den Nachmittag--Konzertchen!-- - - -Fnfte Scene. - -Zu Knigsberg in Preuen. -Geh. Rath. Gustchen. Major. -(stehn in ihrem Hause am Fenster) - - -Geh. Rath. -Ist ers? - -Gustchen. -Ja, er ist's. - -Geh. Rath. -Ich sehe doch, die Tante mu ein lderliches Mensch -seyn, oder sie hat einen Ha auf ihre Nichte geworfen -und will sie mit Flei ins Verderben strzen. - -Gustchen. -Aber Onkel, sie kann ihm doch das Haus nicht verbieten. - -Geh. Rath. -Auf das, was ich ihr gesagt?--Wer will's ihr bel -nehmen, wenn sie zu ihm sagte: Herr von Seiffenblase, -Sie haben sich auf einem Kaffeehause verlauten lassen, -Sie wollten meine Nichte zu Ihrer Mtresse machen, -suchen Sie sich andre Bekanntschaften in der Stadt; -bey mir kommen Sie unrecht: meine Nichte ist eine -Auslnderin, die meiner Aufsicht anvertraut ist; die -sonst keine Sttze hat; wenn sie verfhrt wrde, fiel' -alle Rechenschaft auf mich. Gott und Menschen mten -mich verdammen. - -Major. -Still Bruder! Er kommt heraus und lt die Nase -erbrmlich hngen. Ho, ho, ho, da Du die Krepanz! -Wie bla er ist. - -Geh. Rath. -Ich will doch gleich hinber, und sehn was es gegeben hat. - - -Sechste Scene. - -In Leipzig. -Ptus. (an einem Tisch und schreibt) -Berg. (tritt herein einen Brief in der Hand) - - -Ptus. (sieht auf und schreibt fort) - -Fritz. -Ptus!--Hast zu thun? - -Ptus. -Gleich--(Fritz spaziert auf und ab) Jetzt--(legt das -Schreibzeug weg) - -Fritz. -Ptus! ich hab' einen Brief bekommen--und hab nicht -das Herz, ihn aufzumachen. - -Ptus. -Von wo kommt er? Ists Deines Vaters Hand? - -Fritz. -Nein, von Seiffenblase--aber die Hand zittert mir, so -bald ich erbrechen will. Brich doch auf. Bruder, und -lie mir vor. (wirft sich auf einen Lehnstuhl) - -Ptus. (liest) -"Die Erinnerung so mancher angenehmen Stunden, deren -ich mich noch mit Ihnen genossen zu haben erinnere, -verpflichtet mich, Ihnen zu schreiben und Sie an diese -angenehme Stunden zu erinnern"--Was der Junge fr eine -rasende Orthographie hat. - -Fritz. -Lies doch nur-- - -Ptus. -"Und weil ich mich verpflichtet hielt, Ihnen Nachrichten -von meiner Ankunft und den Neuigkeiten, die allhier -vorgefallen, als melde Ihnen von Dero werthesten Familie, -welche leider sehr viele Unglcksflle in diesem Jahre -erlebt hat, und wegen der Freundschaft, welche ich in -Dero Eltern ihrem Hause genossen, sehe mich verpflichtet, -weil ich wei, da Sie mit Ihrem Herrn Vater in -Misverstni und er Ihnen lange wohl nicht wird -geschrieben haben, so werden Sie auch wohl den -Unglcksfall nicht wissen mit dem Hofmeister, welcher -aus Ihres gndigen Onkels Hause ist gejagt worden, -weil er Ihre Kusine genothzchtigt, worber sie sich -so zu Gemth gezogen, da sie in einen Teich gesprungen, -durch welchen Trauerfall Ihre ganze Familie in den -hchsten Schrcken"--Berg! was ist Dir--(begiet ihn -mit Lavendel) Wie nun Berg? Rede, wird Dir weh--Htt -ich Dir doch den verdammten Brief nicht--Ganz gewi -ists eine Erdichtung--Berg! Berg! - -Fritz. -La mich--Es wird schon bergehn. - -Ptus. -Soll ich jemand holen, der Dir die Ader schlgt. - -Fritz. -O pfuy doch--thu doch so franzsisch nicht--Lie mirs -noch einmal vor. - -Ptus. -Ja, ich werde Dir--Ich will den hunsvttischen -malitisen Brief den Augenblick--(zerreit ihn) - -Fritz. -Genothzchtigt--ersuft. (schlgt sich an die Stirn) -Meine Schuld! (steht auf) meine Schuld einzig und allein-- - -Ptus. -Du bist wohl nicht klug--Willst Dir die Schuld geben, -da sie sich vom Hofmeister verfhren lt-- - -Fritz. -Ptus, ich schwur ihr, zurckzukommen, ich schwur ihr-- -Die drey Jahr sind verflossen, ich bin nicht gekommen, -ich bin aus Halle fortgangen, mein Vater hat keine -Nachrichten von mir gehabt. Mein Vater hat mich -aufgeben, sie hat es erfahren, Gram--Du kennst ihren -Hang zur Melancholey--die Strenge ihrer Mutter obenein, -Einsamkeit, auf dem Lande, betrogne Liebe--Siehst Du -das nicht ein, Ptus; siehst Du das nicht ein? Ich -bin ein Bsewicht: ich bin schuld an ihrem Tode. (wirft -sich wieder in den Stuhl und verhllt sein Gesicht) - -Ptus. -Einbildungen!--Es ist nicht wahr, es ist so nicht -gegangen. (stampft mit dem Fu) Tausend Sapperment, -da Du so dumm bist, und alles glaubst, der Spitzbube, -der Hundsfut, der Brenhuter, der Seiffenblase, will -Dir einen Streich spielen--La mich ihn einmal zu -sehen kriegen.--Es ist nicht wahr, da sie todt ist, -und wenn sie todt ist, so hat sie sich nicht selbst -umgebracht... - -Fritz. -Er kann doch das nicht aus der Luft saugen--Selbst -umgebracht--(springt auf) O das ist entsetzlich! - -Ptus. (stampft abermal mit dem Fu) -Nein, sie hat sich selbst nicht umgebracht. -Seiffenblase lgt; wir mssen mehr Besttigung haben. -Du weit, da Du ihm einmal im Rausch erzehlt hast, -da Du in Deine Kusine verliebt wrst; siehst Du, das -hat die malitise Kanaille aufgefangen--aber weit -Du was; weit Du, was Du thust? Hust ihm was; pfeif -ihm was; pfuy ihm was, schreib ihm, Ew. Edlen danke -dienstfreundlichst fr Dero Neuigkeiten, und bitte, -Sie wollen mich im--Das ist der beste Rath, schreib -ihm zurck: Ihr seyd ein Hundsfut. Das ist das -vernnftigste, was Du bey der Sache thun kannst. - -Fritz. -Ich will nach Hause reisen. - -Ptus. -So reis' ich mit Dir--Berg, ich la Dich keinen -Augenblick allein. - -Fritz. -Aber wovon? Reisen ist bald ausgesprochen--Wenn ich -keine abschlgige Antwort befrchtete, so wolle ich -es bey Leichtfu et Compagnie versuchen, aber ich bin -ihnen schon hundertfunfzig Dukaten schuldig-- - -Ptus. -Wir wollen beyde zusammen hingehn--Wart, wir mssen die -Lotterie vorbey. Heut ist die Post aus Hamburg angekommen, -ich will doch unterwegs nachfragen; zum Spa nur-- - - -Siebente Scene. - -In Knigsberg. -Geh. Rath (fhrt) Jungfer Rehaar (an der Hand) -Augustchen. Major. - - -Geh. Rath. -Hier, Gustchen, bring ich Dir eine Gespielin. Ihr seyd -in einem Alter, einem Verhltnisse--Gebt Euch die -Hand, und seyd Freundinnen. - -Gustchen. -Das bin ich lange gewesen, liebe Mamsell! Ich wei -nicht, was es war, das in meinem Busen auf- und abstieg, -wenn ich Sie aus dem Fenster sah; aber Sie waren in so -viel Zerstreuungen verwickelt, so mit Kutschenbesuchen -und Serenaden belstigt, da ich mit meinem Besuch zu -unrechter Zeit zu kommen frchtete. - -Jungfer Rehaar. -Ich wre Ihnen zuvorgekommen, gndiges Frulein, wenn -ich das Herz gehabt. Allein in ein so vornehmes Haus -mich einzudrngen, hielt' ich fr unbesonnen, und mute -dem Zug meines Herzens, das mich schon oft bis vor -Ihre Thr gefhrt hat, allemal mit Gewalt widerstehen. - -Geh. Rath. -Stell Dir vor, Major; der Seiffenblase hat auf die -Warnung, die ich der Frau Dutzend that, und die sie -ihm wieder erzehlt hat und zwar, wie ichs verlangt, -unter meinem Namen, geantwortet: er werde sich schon -an mir zu rchen wissen. Er hat alles das so gut von -sich abzulehnen gewut, und ist gleich Tags drauf mit -dem Minister Deichsel hingefahren kommen, da die arme -Frau das Herz nicht gehabt, sich seine Besuche zu -verbitten. Gestern Nacht hat er zwey Wagen in diese -Strae bestellt und einen am Brandenburger Thor, das -wegen des Feuerwerks offen blieb, das erfhrt die Madam -gestern Vormittag schon. Den Nachmittag will er fr -Henkers Gewalt die Mamsell berreden, mit ihm zum -Minister auf die Assemblee zu fahren, aber Madam -Dutzend traute dem Frieden nicht, und hat's ihm rund -abgeschlagen. Zweymal ist er vor die Thr gefahren, -aber hat wieder umkehren mssen; da seine Karte also -verzettelt war, wollt' ers heut probiren. Madam Dutzend -hat ihm nicht allein das Haus verbothen, sondern -zugleich angedeutet: sie sehe sich genthigt, sich -vom Gouverneur Wache vor ihrem Hause auszubitten. -Da hat er Flammen gespyen, hat mit dem Minister gedroht-- -Um die Madam vllig zu beruhigen, hab' ich ihr -angetragen: die Mamsell in unser Haus zu nehmen. Wir -wollen sie auf ein halb Jahr nach Insterburg mitnehmen, -bis Seiffenblase sie vergessen hat, oder so lang als -es ihr selber nur da gefallen kann-- - -Major. -Ich hab schon anspannen lassen. Wenn wir nach -Heidelbrunn fahren, Mamsell, so la ich Sie nicht -los. Sie mssen mit, oder meine Tochter bleibt mit -Ihnen in Insterburg. - -Geh. Rath. -Das wr wohl am besten. Ohnehin taugt das Land fr -Gustchen nicht und Mamsel Rehaar la ich nicht von mir. - -Major. -Gut, da Deine Frau Dich nicht hrt--oder hast Du -Absichten auf Deinen Sohn? - -Geh. Rath. -Mach das gute Kind nicht roth. Sie werden ihn in -Leipzig oft genug mssen gesehen haben, den bsen -Buben. Gustchen, Du wirst zur Gesellschaft mit roth? -Er verdient's nicht. - -Gustchen. -Da mein Vater mir vergeben hat, sollte Ihr Sohn ein -minder gtiger Herz bey Ihnen finden? - -Geh. Rath. -Er ist auch noch in keinen Teich gesprungen. - -Major. -Wenn wir nur das blinde Weib mit dem Kinde ausfndig -gemacht htten, von dem mir der Schulmeister schreibt; -eh kann ich nicht ruhig werden--Kommt! ich mu noch -heut auf mein Gut. - -Geh. Rath. -Daraus wird nichts. Du mut die Nacht in Insterburg -schlafen. - - -Achte Scene. - -Leipzig. -Bergs Zimmer. -Fritz v. Berg. (sitzt, die Hand untern Kopf gesttzt) -Ptus. (strzt herein) - - -Ptus. -Triumpf Berg! Was kalmeuserst Du?--Gott! Gott! -(greift sich an den Kopf und fllt auf die Knie) -Schicksal! Schicksal!--Nicht wahr, Leichtfu hat -Dir nicht vorschieen wollen? La ihn Dich--Ich -hab Geld, ich hab' alles--Dreyhundert achtzig -Friedrichd'or gewonnen auf einem Zug! (springt auf -und schreyt) Heydideldum, nach Insterburg! Pack ein! - -Fritz. -Bist Du nrrisch worden? - -Ptus. (zieht einen Beutel mit Gold hervor und wirft -alles auf die Erde) -Da ist meine Narrheit. Du bist ein Narr mit Deinem -Unglauben--Nun hilf auflesen; buck Dich etwas-- -und heut noch nach Insterburg, juchhe! (lesen auf) -Ich will meinem Vater die achtzig Friedrichsd'or -schenken, so viel betrug grad mein letzter Wechsel, -und zu ihm sagen: nun Herr Papa, wie gefall' ich -Ihnen itzt? All Deine Schulden knnen wir bezahlen, -und meine obenein, und denn reisen wir wie die Prinzen. -Juchhei - - -Neunte Scene. - -Die Schule. -Wenzeslaus. Luffer. (beyde in schwarzen Kleidern) - - -Wenzeslaus. -Wie hat ihm die Predigt gefallen, Kollege! Wie hat -Er sich erbaut? - -Luffer. -Gut, recht gut. (seufzt) - -Wenzeslaus. (nimmt seine Percke ab und setzt eine -Nachtmtze auf) -Damit ist's nicht ausgemacht. Er soll mir sagen, -welche Stelle aus der Predigt vorzglich gesegnet -an seinem Herzen gewesen. Hr' Er--setz' Er sich. -Ich mu Ihm was sagen; ich hab' eine Anmerkung in -der Kirche gemacht, die mich gebeugt hat. Er hat mir -da so wetterwendisch gesessen, da ich mich Seiner, -die Warheit zu sagen, vor der ganzen Gemeine geschmt -habe und dadurch oft fast aus meinem Koncept kommen -bin. Wie, dacht' ich, dieser junge Kmpfer, der so -ritterlich durchgebrochen und den schwersten Strau -schon gewissermaen berwunden hat--ich mu es Ihm -bekennen: Er hat mich gergert, skandalon edidouV, -etaire! Ich habs wohl gemerkt, wohin es gieng, ich -habs wohl gemerkt; immer nach der mittlern Thr zu -da nach der Orgel hinunter. - -Luffer. -Ich mu bekennen, es hieng ein Gemlde dort, das -mich ganz zerstreut hat. Der Evangelist Markus mit -einem Gesicht, das um kein Haar menschlicher aussah, -als der Lwe, der bey ihm sa, und der Engel beym -Evangelisten Matthus eher einer geflgelten Schlange -hnlich. - -Wenzeslaus. -Es war nicht das, mein Freund! Bild' Er mir's nicht -ein; es war nicht das. Sag' Er mir doch, ein Bild -sieht man an und sieht wieder weg, und dann ist's -alles. Hat Er denn gehrt, was ich gesagt habe? -Wei Er mir Ein Wort aus meiner Predigt wieder -anzufhren? Und sie war doch ganz fr Ihn gehalten; -ganz kasuistisch--O! o! o! - -Luffer. -Der Gedanke gefiel mir vorzglich, da zwischen -unsrer Seele und ihrer Wiedergeburt und zwischen -dem Flachs- und Hanfbau eine groe Aehnlichkeit -herrsche, und so wie der Hanf im Schneidebrett durch -heftige Ste und Klopfen von seiner alten Hlse -befreyt werden msse, so msse unser Geist auch durch -allerley Kreutz und Leiden und Ertdtung der -Sinnlichkeit fr den Himmel zubereitet werden. - -Wenzeslaus. -Er war kasuistisch, mein Freund-- - -Luffer. -Doch kann ich Ihnen auch nicht bergen, da Ihre Liste -von Teufeln, die aus dem Himmel gejagt worden, und -die Geschichte der ganzen Revolution da, da Lucifer -sich fr den schnsten gehalten--Die heutige Welt -ist ber den Aberglauben lngst hinweg; warum will -man ihn wieder aufwrmen. In der ganzen heutigen -vernnftigen Welt wird kein Teufel mehr statuirt-- - -Wenzeslaus. -Darum wird auch die ganze heutige vernnftige Welt -zum Teufel fahren. Ich mag nicht verdammen, lieber -Herr Mandel; aber das ist wahr, wir leben in -seelenverderblichen Zeiten: es ist die letzte bse -Zeit. Ich mag mich drber weiter nicht auslassen: -ich seh wohl, Er ist ein Zweifler auch, und auch -solche Leute mu man tragen. Es wird schon kommen; -Er ist noch jung--aber gesetzt auch, posito auch, -aber nicht zugestanden, unsere Glaubenslehren wren -all Aberglauben, ber Geister, ber Hll, ber Teufel, -da--Was thut's Euch, was beits Euch, da Ihr Euch -so mit Hnden und Fen dagegen wehrt? Thut nichts -Bses, thut recht und denn so braucht Ihr die Teufel -nicht zu scheuen, und wenn ihrer mehr wren wie -Ziegel auf dem Dach, wie der selige Lutherus sagt. -Und Aberglauben--O schweigt still, schweigt still, -lieben Leut'. Erwgt erst mit reifem Nachdenken, was -der Aberglaube bisher fr Nutzen gestiftet hat, und -denn habt mir noch das Herz, mit Euren nchternen -Sptteleyen gegen mich anzuziehen. Reutet mir den -Aberglauben aus; ja warhaftig der rechte Glaub wird -mit drauf gehn, und ein nacktes Feld da bleiben. -Aber ich wei jemand, der gesagt hat, man soll beydes -wachsen lassen, es wird schon die Zeit kommen, da -Kraut sich von dem Unkraut scheiden wird. Aberglauben-- -Nehmt dem Pbel seinen Aberglauben, er wird -freygeistern, wie Ihr und Euch vor den Kopf schlagen. -Nehmt dem Bauer seinen Teufel, und er wird ein Teufel -gegen seine Herrschaft werden und ihr beweisen, da es -welche giebt. Aber wir wollen das bey Seite setzen-- -Wovon rede ich doch?--Recht, sag' Er mir, wen hat Er -angesehen in der ganzen Predigt? Verheel' Er mir -nichts. Ich war es nicht, denn sonst mst' Er schielen, -da es eine Schande wre. - -Luffer. -Das Bild. - -Wenzeslaus. -Es war nicht das Bild--Dort unten, wo die Mdchen -sitzen, die bey ihm in die Kinderlehre gehen--Lieber -Freund! es wird doch nichts vom alten Sauerteig in -seinem Herzen geblieben seyn--Ey, ey! wer einmal -geschmeckt hat die Krfte der zuknftigen Welt--Ich -bitt Ihn, mir stehn die Haare zu Berge--Nicht wahr, -die eine da mit dem gelben Haar so nachlig unter das -rothe Hubchen gesteckt und mit den lichtbraunen Augen, -die allemal unter den schwarzen Augbraunen so schalkhaft -hervorblinzen, wie die Sterne hinter Regenwolken--Es -ist wahr, das Mdchen ist gefhrlich; ich hab's nur -einmal von der Kanzel angesehn, und muste hernach -allemal die Augen platt zudrcken, wenn sie auf sie -fielen, sonst wr' mirs gegangen, wie den weisen -Mnnern im Areopagus, die Recht und Gerechtigkeit -vergaen um einer schnden Phryne willen.--Aber sag' -Er mir doch, wo will Er hin, da Er Sich noch bsen -Begierden berlt, da Ihm sogar an Mitteln fehlt, -sie zu befriedigen? Will Er Sich dem Teufel ohne Sold -dahingeben? Ist das das Gelbd, das er dem Herrn -gethan--Ich rede als Sein geistlicher Vater mit Ihm-- -Er, der itzt mit so wenig Mhe ber alle Sinnlichkeit -triumphiren, ber die Erde sich hinausschwingen und -bessern Revieren zufliegen knnte. (Umarmt ihn) Ach -mein lieber Sohn, bey diesen Thrnen, die ich aus -wahrer herzlicher Sorgfalt fr Ihn vergiee; kehr' -Er nicht zu den Fleischtpfen Egyptens zurck, da Er -Kanaan so nahe war! Eile, eile! rette Deine -unsterbliche Seele! Du hast auf der Welt nichts, das -Dich mehr zurckhalten knnte. Die Welt hat nichts -mehr fr Dich, womit sie Deine Untreu Dir einmal -belohnen knnte; nicht einmal eine sinnliche Freude, -geschweige denn Ruhe der Seelen--Ich geh und berlasse -Dich Deinen Entschlieungen. (geht ab) - -(Luffer bleibt in tiefen Gedanken sitzen) - - -Zehnte Scene. - -Lise. (tritt herein, ein Gesangbuch in der Hand, ohne -da er sie gewahr wird. Sie sieht ihm lang -stillschweigend zu. Er springt auf, will knien; wird -sie gewahr und sieht sie eine Weile verwirrt an) - - -Luffer. (nhert sich ihr) -Du hast eine Seele dem Himmel gestolen. (fat sie an -die Hand) Was fhrt Dich hieher, Lise? - -Lise. -Ich komme, Herr Mandel--Ich komme, weil Sie gesagt -haben, es wrd' morgen keine Kinderlehr--weil Sie-- -so komm' ich--gesagt haben--ich komme, zu fragen, -ob morgen Kinderlehre seyn wird. - -Luffer. -Ach!--Seht diese Wangen, ihr Engel! Wie sie in -unschuldigem Feuer brennen und denn verdammt mich, -wenn ihr knnt--Lise, warum zittert Deine Hand? -Warum sind Dir die Lippen so bleich und die Wangen -so roth? Was willst Du? - -Lise. -Ob morgen Kinderlehr seyn wird? - -Luffer. -Setz Dich zu mir nieder--Leg Dein Gesangbuch weg-- -Wer steckt Dir das Haar auf, wenn Du nach der Kirche -gehst? (setzt sie auf einen Stuhl neben seinem) - -Lise. (will aufstehn) -Verzeyh' Er mir; die Haube wird wohl nicht recht -gesteckt seyn; es mache einen so erschrecklichen Wind, -als ich zur Kirche kam. - -Luffer. (nimmt ihre beyden Hnde in seine Hand) -O Du bist--Wie alt bist Du, Lise?--Hast Du niemals-- -Was wollt' ich doch fragen--Hast Du nie Freyer gehabt? - -Lise. (Munter) -O ja einen, noch die vorige Woche; und des Schaafwirths -Grethe war so neidisch auf mich und hat immer gesagt: -ich wei nicht was er sich um das einfltige Mdchen -so viel Mhe macht, und denn hab' ich auch noch einen -Officier gehabt; es ist noch kein Vierteljahr. - -Luffer. -Einen Officier? - -Lise. -Ja doch, und einer von den recht Vornehmen. Ich sag' -ihnen, er hat drey Tressen auf dem Arm gehabt: aber -ich war noch zu jung und mein Vater wollt mich ihm -nicht geben, wegen des soldatischen Wesens und Ziehens. - -Luffer. -Wrdest Du--O ich wei nicht, was ich rede--Wrdest -Du wohl--Ich Elender! - -Lise. -O ja, von ganzem Herzen. - -Luffer. -Bezaubernde!--(will ihr die Hand kssen) Du weit ja -noch nicht, was ich fragen wollte. - -Lise. (zieht sie weg) -O lassen Sie, meine Hand ist ja so schwarz--O pfuy -doch! Was machen Sie? Sehen Sie, einen geistlichen -Herrn htt' ich allewege gern: von meiner ersten -Jugend an hab ich die studierte Herren immer gern -gehabt; sie sind alleweil so artig, so manierlich, -nicht so puf paf, wie die Soldaten, obschon ich -einewege die auch gern habe, das leugn' ich nicht, -wegen ihrer bunten Rcke; ganz gewi, wenn die -geistlichen Herren in so bunten Rcken giengen, wie -die Soldaten, das wre zum Sterben. - -Luffer. -La' mich Deinen muthwilligen Mund mit meinen Lippen -zuschlieen. (kt sie) O Lise! Wenn Du wstest, wie -unglcklich ich bin. - -Lise. -O pfuy, Herr, was machen Sie? - -Luffer. -Noch einmal und denn ewig nicht wieder! (kt sie. -Wenzeslaus tritt herein) - -Wenzeslaus. -Was ist das? Proh deum atque hominum fidem! Wie nun, -falscher, falscher, falscher Prophet! Reiender Wolf -in Schaafskleidern! Ist das die Sorgfalt, die Du Deiner -Heerde schuldig bist? Die Unschuld selber verfhren, die -Du vor Verfhrung bewahren sollst? Es mu ja Aergerni -kommen, doch wehe dem Menschen, durch welchen Aergerni -kommt! - -Luffer. -Herr Wenzeslaus! - -Wenzeslaus. -Nichts mehr! Kein Wort mehr! Ihr habt Euch in Eurer -wahren Gestalt gezeigt. Aus meinem Hause, Verfhrer! - -Lise. (kniet vor Wenzeslaus) -Lieber Herr Schulmeister, er hat mir nichts bses gethan. - -Wenzeslaus. -Er hat Dir mehr bses gethan, als Dir Dein rgster -Feind thun knnte. Er hat Dein unschuldiges Herz -verfhrt. - -Luffer. -Ich bekenne mich schuldig--Aber kann man so vielen -Reitzungen widerstehen? Wenn man mir dies Herz aus dem -Leibe risse und mich Glied vor Glied verstmmelte und -ich behielt nur eine Ader von Blut noch brig, so wrde -diese verrthrische Ader doch fr Lisen schlagen. - -Lise. -Er hat mir nichts Leides gethan. - -Wenzeslaus. -Dir nichts Leides gethan--Himmlischer Vater! - -Luffer. -Ich hab ihr gesagt, da sie die liebenswrdigste -Kreatur sey, die jemals die Schpfung beglckt hat; -ich hab' ihr das auf ihre Lippen gedrckt; ich hab -diesen unschuldigen Mund mit meinen Kssen versiegelt, -welcher mich sonst durch seine Zaubersprache zu noch -weit greren Verbrechen wrde hingerissen haben. - -Wenzeslaus. -Ist das kein Verbrechen? Was nennt Ihr jungen Herrn -heut zu Tage Verbrechen? O tempora, o mores! Habt Ihr -den Valerius Maximus gelesen? Habt Ihr den Artikel -gelesen de pudicitia? Da fhrt er einen Mnius an, -der seinen Freygelassenen todtgeschlagen hat, weil er -seine Tochter einmal kte und die Raison: ut etiam -oscula ad maritum sincera perferret. Riecht Ihr das? -Schmeckt Ihr das? Etiam oscula, non solum virginitatem, -etiam oscula. Und Mnius war doch nur ein Heyde: was -soll ein Christ thun, der wei, da der Ehstand von -Gott eingesetzt ist und da die Glckseligkeit eines -solchen Standes an der Wurzel vergiften, einem -knftigen Gatten in seiner Gattin seine Freud und -Trost verderben; seinen Himmel profaniren--Fort, -aus meinen Augen, Ihr Bsewicht! Ich mag mit Euch -nichts zu thun haben! Geht zu einem Sultan und lat -Euch zum Aufseher ber ein Serail dingen, aber nicht -zum Hirten meiner Schaafe. Ihr Miethling. Ihr reissender -Wolf in Schaafskleidern! - -Luffer. -Ich will Lisen heyrathen. - -Wenzeslaus. -Heyrathen--Ey ja doch--als ob sie mit einem Eunuch -zufrieden? - -Lise. -O ja, ich bins herzlich wohl zufrieden, Herr Schulmeister. - -Luffer. -Ich unglcklicher! - -Lise. -Glauben Sie mir, lieber Herr Schulmeister, ich la -einmal nicht von ihm ab. Nehmen Sie mir das Leben; -ich lasse nicht ab von ihm. Ich hab ihn gern und mein -Herz sagt mir, da ich niemand auf der Welt so gern -haben kann als ihn. - -Wenzeslaus. -So--da doch--Lise, Du verstehst das Ding nicht-- -Lise, es lt sich Dir so nicht sagen, aber Du kannst -ihn nicht heyrathen; es ist unmglich. - -Lise. -Warum soll es denn unmglich seyn, Herr Schulmeister? -Wie kann's unmglich seyn, wenn ich will und wenn er -will, und mein Vater auch es will? Denn mein Vater hat -mir immer gesagt, wenn ich einmal einen geistlichen -Herrn bekommen knnte-- - -Wenzeslaus. -Aber da dich der Kuckuk, er kann ja nichts--Gott -verzeih mir meine Snde, so la Dir doch sagen. - -Luffer. -Vielleicht fodert sie das nicht--Lise, ich kann bey -Dir nicht schlafen. - -Lise. -So kann Er doch wachen bey mir, wenn wir nur den Tag -ber beisammen sind und uns so anlachen und uns -einsweilen die Hnde kssen--Denn bey Gott! ich hab' -ihn gern. Gott wei es, ich hab' Ihn gern. - -Luffer. -Sehn Sie, Herr Wenzeslaus! Sie verlangt nur Liebe von -mir. Und ist's denn nothwendig zum Glck der Ehe, da -man thierische Triebe stillt? - -Wenzeslaus. -Ey was--Connubium sine prole, est quasi dies sine -sole ... Seyd fruchtbar und mehret euch, steht in -Gottes Wort. Wo Eh' ist, mssen auch Kinder seyn. - -Lise. -Nein Herr Schulmeister, ich schwr's Ihm, in meinem -Leben mcht' ich keine Kinder haben. Ey ja doch, -Kinder! Was Sie nicht meynen! Damit wr mir auch wol -gro gedient, wenn ich noch Kinder dazu bekme. Mein -Vater hat Enten und Hner genug, die ich alle Tage -fttern mu, wenn ich noch Kinder ebenen fttern mste. - -Luffer. (kt sie) -Gttliche Lise! - -Wenzeslaus. (reit sie von einander) -Ey was denn! Was denn! Vor meinen Augen?--So kriecht -denn zusammen; meinetwegen; weil doch Heyrathen besser -ist als Brunst leiden--Aber mit uns, Herr Mandel, ist -es aus: alle grosse Hofnungen, die ich mir von Ihm -gemacht, alle grosse Erwartungen, die mir Sein -Heldenmuth einflte.--Gtiger Himmel! wie weit ist -doch noch die Kluft, die zwischen einem Kirchenvater -und zwischen einem Kapaun befestigt ist. Ich dacht', -er sollte Origenes der zweyte--O homuncio, homuncio! -Das mt' ein ganz andrer Mann seyn, der aus Absicht -und Grundstzen den Weg einschlge, um ein Pfeiler -unsrer sinkenden Kirche zu werden. Ein ganz anderer -Mann! Wer wei, was noch einmal geschieht! (geht ab) - -Luffer. -Komm zu Deinem Vater, Lise, Seine Einwilligung noch -und ich bin der glcklichste Mensch auf dem Erdboden! - - -Eilfte Scene. - -Zu Insterburg. - -Geheimer Rath. Fritz von Berg. Ptus. Gustchen. Jungfer -Rehaar. -(Gustchen und Jungfer Rehaar verstecken sich bey der -Ankunft der erstern in die Kammer.) -(Geheimer Rath und Fritz laufen sich entgegen.) - - -Fritz. (fllt vor ihm auf die Knie) -Mein Vater! - -Geh. Rath. (hebt ihn auf und umarmt ihn) -Mein Sohn! - -Fritz. -Haben Sie mir vergeben? - -Geh. Rath. -Mein Sohn! - -Fritz. -Ich bin nicht werth, da ich Ihr Sohn heie. - -Geh. Rath. -Setz Dich; denk mir nicht mehr dran. Aber, wie hast -Du Dich in Leipzig erhalten? Wieder Schulden auf meine -Rechnung gemacht? Nicht? und wie bist Du fortkommen? - -Fritz. -Dieser gromthige Junge hat alles fr mich bezahlt. - -Geh. Rath. -Wie denn? - -Ptus. -Dieser noch gromthigere--O ich kann nicht reden. - -Geh. Rath. -Setzt euch Kinder; sprecht deutlicher. Hat Ihr Vater -sich mit Ihnen ausgeshnt, Herr Ptus? - -Ptus. -Keine Zeile von ihm gesehen. - -Geh. Rath. -Und wie habt Ihrs denn beyde gemacht? - -Ptus. -In der Lotterie gewonnen, eine Kleinigkeit--aber es -kam uns zu statten, da wir herreisen wollten. - -Geh. Rath. -Ich seh, Ihr wilde Bursche denkt besser als Eure Vter. -Was hast Du wohl von mir gedacht, Fritz? Aber man hat -Dich auch bey mir verleumdet. - -Ptus. -Seiffenblase gewi? - -Geh. Rath. -Ich mag ihn nicht nennen; das gbe Katzbalgereyen, die -hier am unrechten Ort wren. - -Ptus. -Seiffenblase! Ich la mich hngen. - -Geh. Rath. -Aber was fhrt Dich denn nach Hause zurck, eben -jetzt da?-- - -Fritz. -Fahren Sie fort--O das eben jetzt, mein Vater! das -eben jetzt ists, was ich wissen wollte. - -Geh. Rath. -Was denn? was denn? - -Fritz. -Ist Gustchen todt? - -Geh. Rath. -Holla! der Liebhaber!--Was veranlat Dich, so zu fragen? - -Fritz. -Ein Brief von Seiffenblase. - -Geh. Rath. -Er hat Dir geschrieben: sie wre todt? - -Fritz. -Und entehrt dazu. - -Ptus. -Es ist ein verleumderischer Schurke! - -Geh. Rath. -Kennst Du eine Jungfer Rehaar in Leipzig? - -Fritz. -O ja, ihr Vater war mein Lautenmeister. - -Geh. Rath. -Die hat er entehren wollen; ich hab sie von seinen -Nachstellungen errettet: das hat ihn uns feind gemacht. - -Ptus. (steht auf) -Jungfer Rehaar--Der Teufel soll ihn holen. - -Geh. Rath. -Wo wollen Sie hin? - -Ptus. -Ist er in Insterburg? - -Geh. Rath. -Nein doch--Nehmen Sie sich der Prinzessinnen nicht zu -eifrig an, Herr Ritter von der runden Tafel! Oder haben -Sie Jungfer Rehaar auch gekannt? - -Ptus. -Ich? Nein, ich habe sie nicht gekannt--Ja, ich habe -sie gekannt. - -Geh. Rath. -Ich merke--Wollen Sie nicht auf einen Augenblick -in die Kammer spatzieren? (fhrt ihn an die Thr) - -Ptus. (macht auf und fhrt zurck, sich mit beyden -Hnden an den Kopf greiffend) -Jungfer Rehaar--Zu Ihren Fssen--(hinter der Scene) -Bin ich so glcklich? oder ist's nur ein Traum? Ein -Rausch?--Eine Bezauberung?-- - -Geh. Rath. -Lassen wir ihn!--(kehrt zu Fritz) Und Du denkst -noch an Gustchen? - -Fritz. -Sie haben mir das furchtbare Rtzel noch nicht -aufgelst. Hat Seiffenblase gelogen? - -Geh. Rath. -Ich denke, wir reden hernach davon: wir wollen uns -die Freud' itzt nicht verderben. - -Fritz. (kniend) -O mein Vater, wenn Sie noch Zrtlichkeit fr mich -haben, lassen Sie mich nicht zwischen Himmel und -Erde, zwischen Hofnung und Verzweiflung schweben. -Darum bin ich gereist; ich konnte die quaalvolle -Ungewiheit nicht lnger aushalten. Lebt Gustchen? -Ists wahr, da sie entehrt ist? - -Geh. Rath. -Es ist leider nur eine zu traurige Wahrheit. - -Fritz. -Und hat sich in einen Teich gestrzt? - -Geh. Rath. -Und ihr Vater hat sich ihr nachgestrzt. - -Fritz. -So falle denn Henkers Beil--Ich bin der -Unglcklichste unter den Menschen! - -Geh. Rath. -Steh' auf! Du bist unschuldig dran-- - -Fritz. -Nie will ich aufstehn. (schlgt sich an die Brust) -Schuldig war ich; einzig und allein schuldig. -Gustchen, seliger Geist, verzeihe mir! - -Geh. Rath. -Und was hast Du Dir vorzuwerfen? - -Fritz. -Ich habe geschworen, falsch geschworen--Gustchen! -wr' es erlaubt, Dir nachzuspringen! (steht hastig -auf) Wo ist der Teich? - -Geh. Rath. -Hier! (fhrt ihn in die Kammer) - -Fritz. (hinter der Scene mit lautem Geschrey) -Gustchen!--Seh' ich ein Schattenbild?--Himmel! -Himmel welche Freude!--La mich sterben! la mich -an Deinem Halse sterben. - -Geh. Rath. (wischt sich die Augen) -Eine zrtliche Gruppe!--Wenn doch der Major hier -wre! (geht hinein.) - - -Letzte Scene. - -Der Major (ein Kind auf dem Arm) Der alte Ptus. - - -Major. -Kommen Sie, Herr Ptus. Sie haben mir das Leben -wiedergegeben. Das war der einzige Wurm, der mir -noch dran nagte. Ich mu Sie meinem Bruder prsentiren, -und Ihre alte blinde Gromutter will ich in Gold -einfassen lassen. - -Der alte Ptus. -O meine Mutter hat mich durch ihren unvermutheten -Besuch weit glcklicher gemacht, als Sie. Sie haben -nur einen Enkel wiedererhalten, der Sie an traurige -Geschichten erinnert; ich aber eine Mutter, die mich -an die angenehmsten Scenen meines Lebens erinnert, -und deren mtterliche Zrtlichkeit ich leider noch -durch nichts habe erwiedern knnen, als Ha und -Undankbarkeit. Ich habe sie aus dem Hause gestoen, -nachdem sie mir den ganzen Nachla meines Vaters -und ihr Vermgen mit bergeben hatte; ich habe rger -gegen sie gehandelt als ein Tyger--Welche Gnade -von Gott ist es, da sie noch lebt, da sie mir noch -verzeihen kann, die gromthige Heilige! da es noch -in meine Gewalt gestellt ist, meine verfluchte -Verbrechen wieder gut zu machen. - -Major. -Bruder Berg! wo bist Du? He! (Geh. Rath kmmt) Hier -ist mein Kind, mein Grosohn. Wo ist Gustchen? Mein -allerliebstes Groshnchen! (schmeichelt ihm) meine -allerliebste nrrische Puppe! - -Geh. Rath. -Das ist vortreflich!--und Sie, Herr Ptus? - -Major. -Sie Herr Ptus hat's mir verschaft--Seine Mutter -war das alte blinde Weib, die Bettlerin, von der uns -Gustchen so viel erzhlt hat. - -Der alte Ptus. -Und durch mich Bettlerin--O die Schaam bindt mir -die Zunge. Aber ich wills der ganzen Welt erzehlen, -was ich fr ein Ungeheuer war-- - -Geh. Rath. -Weit Du was neues, Major? Es finden sich Freyer fr -Deine Tochter--aber dring nicht in mich, Dir den -Namen zu sagen. - -Major. -Freyer fr meine Tochter!--(wirft das Kind ins -Kanapee) Wo ist sie? - -Geh. Rath. -Sacht! ihr Freyer ist bey ihr--Willst Du Deine -Einwilligung geben? - -Major. -Ists ein Mensch von gutem Hause? Ist er von Adel? - -Geh. Rath. -Ich zweifle. - -Major. -Doch keiner zu weit unter ihrem Stande? O sie sollte -die erste Parthie im Knigreich werden. Das ist ein -vermaledeyter Gedanke! wenn ich doch den erst fort -htte; er wird mich noch ins Irrhaus bringen. - -Geh. Rath. (fnet die Kammer; auf seinen Wink tritt -Fritz mit Gustchen heraus) - -Major. (fllt ihm um den Hals) -Fritz! (zum geh. Rath) Ists Dein Fritz? Willst Du -meine Tochter heyrathen?--Gott segne Dich. Weit -Du noch nichts, oder weit Du alles? Siehst Du, wie -mein Haar grau geworden ist vor der Zeit! (fhrt ihn -ans Kanapee) Siehst Du, dort ist das Kind. Bist ein -Philosoph? Kannst alles vergessen? Ist Gustchen Dir -noch schn genug? O sie hat bereut. Jung, ich schwre -Dir, sie hat bereut, wie keine Nonne und kein Heiliger. -Aber was ist zu machen? Sind doch die Engel aus dem -Himmel gefallen--Aber Gustchen ist wieder aufgestanden. - -Fritz. -Lassen Sie mich zum Wort kommen. - -Major. (drckt ihn immer an die Brust) -Nein Junge--Ich mchte Dich todt drcken--Da Du -so gromthig bist, da Du so edel denkst--das Du-- -mein Junge bist-- - -Fritz. -In Gustchens Armen beneid' ich keinen Knig. - -Major. -So recht; das ist recht.--Sie wird Dir schon gestanden -haben; sie wird Dir alles erzhlt haben-- - -Fritz. -Dieser Fehltritt macht sie mir nur noch theurer-- -macht ihr Herz nur noch englischer.--Sie darf nur -in den Spiegel sehn, um berzeugt zu seyn, da sie -mein ganzes Glck machen werde und doch zittert sie -immer vor dem, wie sie sagt, ihr unertrglichen -Gedanken: sie werde mich unglcklich machen. O was -hab ich von einer solchen Frau anders zu gewarten, -als einen Himmel? - -Major. -Ja wohl einen Himmel; wenn's wahr ist, da die -Gerechten nicht allein hineinkommen, sondern auch -die Snder, die Busse thun. Meine Tochter hat Busse -gethan und ich hab fr meine Thorheiten und da ich -einem Bruder nicht folgen wollte, der das Ding besser -verstund, auch Busse gethan; ihr zur Gesellschaft: -und darum macht mich der liebe Gott auch ihr zur -Gesellschaft mit glcklich. - -Geh. Rath. (ruft zur Kammer hinein) -Herr Ptus, kommen Sie doch hervor. Ihr Vater ist hier. - -Der alte Ptus. -Was hr' ich--Mein Sohn? - -Ptus. (fllt ihm um den Hals) -Ihr unglcklicher verstossener Sohn. Aber Gott hat sich -meiner als eines armen Wysen angenommen. Hier, Papa, -ist das Geld, das Sie zu meiner Erziehung in der Fremde -angewandt; hier ist's zurck und mein Dank dazu; es hat -doppelte Zinsen getragen, das Kapital hat sich vermehrt -und Ihr Sohn ist ein rechtschaffener Kerl worden. - -Der alte Ptus. -Mu denn alles heute wetteifern, mich durch Gromuth zu -beschmen. Mein Sohn, erkenne Deinen Vater wieder, der -eine Weile seine menschliche Natur ausgezogen und in -ein wildes Thier ausgeartet war. Es gieng Deiner -Gromutter wie Dir: sie ist auch wiedergekommen und hat -mir verziehen und hat mich wieder zum Sohn gemacht, so -wie Du mich wieder zum Vater machst. Nimm mein ganzes -Vermgen, Gustav! schalte damit nach Deinem Gefallen, -nur la mich die Undankbarkeit nicht entgelten, die -ich bey einem hnlichen Geschenk gegen Deine Gromutter -uerte. - -Ptus. -Erlauben Sie mir, das tugendhafteste ssseste Mdchen -glcklich damit zu machen-- - -Der alte Ptus. -Was denn? Du auch verliebt? Mit Freuden erlaub' ich Dir -alles. Ich bin alt und mchte vor meinem Tode gern Enkel -sehen, denen ich die Treue beweisen knnte, die Eure -Gromutter fr Euch bewiesen hat. - -Fritz. (Umarmt das Kind auf dem Kanapee, kt's und -trgts zu Gustchen) -Dies Kind ist jetzt auch das meinige; ein trauriges -Pfand der Schwachheit Deines Geschlechts und der -Thorheiten des unsrigen: am meisten aber der -vortheilhaften Erziehung junger Frauenzimmer durch -Hofmeister. - -Major. -Ja mein lieber Sohn, wie sollen sie denn erzogen werden? - -Geh. Rath. -Giebts fr sie keine Anstalten, keine Nhschulen, keine -Klster, keine Erziehungshuser?--Doch davon wollen -wir ein andermal sprechen. - -Fritz. (kt's abermal) -Und dennoch mir unendlich schtzbar, weil's das Bild -seiner Mutter trgt. Wenigstens, mein ssses Kind! -werd' ich Dich nie durch Hofmeister erziehen lassen. - - -Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Hofmeister odor -Vortheile der Privaterziehung, von Jakob Michael Reinhold -Lenz. - - - - - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER HOFMEISTER *** - -This file should be named 6821-8.txt or 6821-8.zip - -Project Gutenberg eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US -unless a copyright notice is included. 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FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END* - diff --git a/6821-8.zip b/6821-8.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 514bb17..0000000 --- a/6821-8.zip +++ /dev/null diff --git a/6821-h/6821-h.htm b/6821-h/6821-h.htm new file mode 100644 index 0000000..c26d507 --- /dev/null +++ b/6821-h/6821-h.htm @@ -0,0 +1,4150 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> +<meta charset="UTF-8"> +<title> + Der Hofmeister odor Vortheile der Privaterziehung | Project Gutenberg +</title> +<link rel="icon" href="images/i_cover.jpg" type="image/x-cover"> +<style> +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + +h1,h2,h3,h4,h5,h6 { + text-align: center; + clear: both; +} + +h2 { + font-style: normal; + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em; +} + +.s1 {font-size: 1em;} +.s2 {font-size: 0.75em;} +.s3 {font-size: 0.6em;} +.s4 {font-size: 0.5em;} + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; +} + +.p2 {margin-top: 2em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both; +} + +hr.chap { + width: 65%; + margin-left: 17.5%; + margin-right: 17.5%; +} + +@media print { + hr.chap {display: none; + visibility: hidden;} +} + +div.chapter {page-break-before: always;} + +ul.nobullets { + list-style-type: none; + display: inline-block; + text-align: left; + margin: 0; + padding: 0; +} + +table { + margin-left: auto; + margin-right: auto; +} + +td {padding: 0.25em 0.25em;} + +.tdr {text-align: right;} + +.container { + display: inline-block; + text-align: center; + margin: 0 auto; +} + +.no-break {page-break-inside: avoid;} + +.pagenum { + position: absolute; + left: 92%; + font-size: small; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0; +} + +.szene { + text-align: center; + font-weight: bold; + font-size: 0.9em; + padding: 0.25em 1em; +} + +.personen { + text-align: center; + font-weight: bold; + padding: 0.25em 1em; +} + +.sprecher { + text-align: center; + font-weight: bold; + padding-top: 0.5em; +} + +.normal {font-weight: normal;} + +.center {text-align: center;} + +.gesperrt { + font-style: normal; + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em; +} + +.cover img { + max-width: 15em; + height: auto; + display: block; + margin: 2em auto; +} +</style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 6821 ***</div> + +<!-- B U C H U M S C H L A G --> +<div class="cover"> + <img src="images/i_cover.jpg" alt="Buchumschlag"> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<!-- T I T E L S E I T E --> +<div class="chapter"> + <h1 class="no-break"> + <span class="s3">Der</span><br> + <span class="gesperrt">Hofmeister</span><br> + <span class="s4">odor</span><br> + <span class="s2">Vortheile der Privaterziehung</span> + </h1> + <p class="center p2">Eine Komödie.</p> + <hr> + <p class="center s1 p2">Jakob Michael Reinhold Lenz</p> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<!-- I N H A L T --> +<div class="chapter"> +<h2 class="gesperrt">INHALT</h2> +<table> + <tr> + <td>Erster Akt.</td> + <td class="tdr"><a href="#Erster_Akt">5</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Zweyter Akt.</td> + <td class="tdr"><a href="#Zweyter_Akt">30</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Dritter Akt.</td> + <td class="tdr"><a href="#Dritter_Akt">72</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Vierter Akt.</td> + <td class="tdr"><a href="#Vierter_Akt">93</a></td> + </tr> + <tr> + <td>Fünfter Akt.</td> + <td class="tdr"><a href="#Fuenfter_Akt">119</a></td> + </tr> +</table> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<!-- N A M E N --> +<div class="chapter center"> + <span class="pagenum">3-4</span> +<div class="container"> +<h2 class="no-break"> Namen. </h2> +<ul class="nobullets"> + <li>Herr von Berg. Geheimer Rath.</li> + <li>Der Major. Sein Bruder.</li> + <li>Die Majorin.</li> + <li>Gustchen. Ihre Tochter.</li> + <li>Fritz von Berg.</li> + <li>Graf Wermuth.</li> + <li>Läuffer. Ein Hofmeister.</li> + <li>Pätus und Bollwerk. Studenten.</li> + <li>Herr von Seiffenblase.</li> + <li>Sein Hofmeister.</li> + <li>Frau Hamster. Räthin.</li> + <li>Jungfer Hamster.</li> + <li>Jungfer Knicks.</li> + <li>Frau Blitzer.</li> + <li>Wenzeslaus. Ein Schulmeister.</li> + <li>Marthe. Alte Frau.</li> + <li>Lise.</li> + <li>Der alte Pätus.</li> + <li>Der alte Läuffer. Stadtprediger.</li> + <li>Leopold. Junker des Majors. Ein Kind.</li> + <li>Herr Rehhaar. Lautenist.</li> + <li>Jungfer Rehhaar. Seine Tochter.</li> +</ul> +</div> +</div> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<!-- E R S T E R A K T --> +<div class="chapter"> + <span class="pagenum">5</span> + <h2 id="Erster_Akt"> Erster Akt. </h2> +</div> + +<h3>Erste Scene.</h3> + +<p class="szene">Zu Insterburg in Preussen.</p> + +<p class="p2"><span class="sprecher">Läuffer.</span> Mein Vater +sagt: ich sey nicht tauglich zum Adjunkt. Ich glaube, der Fehler +liegt in seinem Beutel; er will keinen bezahlen. Zum Pfaffen bin ich +auch zu jung, zu gut gewachsen, habe zu viel Welt gesehn und bey der +Stadtschule hat mich der geheime Rath nicht annehmen wollen. Mag’s! er +ist ein Pedant und dem ist freylich der Teufel selber nicht gelehrt +<span class="pagenum">6</span> genug. Im halben Jahr hätt’ ich doch +wieder eingeholt, was ich von der Schule mitgebracht, und dann wär’ ich +für einen Klassenpräceptor noch immer viel zu gelehrt gewesen, aber der +Herr geheime Rath muß das Ding besser verstehen. Er nennt mich immer +nur Monsieur Läuffer, und wenn wir von Leipzig sprechen, fragt er nach +Händels Kuchengarten und Richters Kaffehaus, ich weiß nicht: soll das +Satyre seyn, oder – Ich hab’ ihn doch mit unserm Konrektor +bisweilen tiefsinnig genug diskuriren hören; er sieht mich vermuthlich +nicht für voll an. – Da kommt er eben mit dem Major; ich +weiß nicht, ich scheu ihn ärger als den Teufel. Der Kerl hat etwas in +seinem Gesicht, das mir unerträglich ist. (geht dem geheimen Rath und +dem Major mit viel freundlichen Scharrfüssen vorbey.)</p> + +<h3>Zweyte Scene.</h3> + +<p class="personen">Geheimer Rath. Major.</p> + +<p class="p2"><span class="sprecher">Major.</span> Was willst du denn? +Ist das nicht ein ganz artiges Männichen?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Artig genug, nur zu artig. +Aber was soll er Deinen Sohn lehren?</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span><span class="pagenum">7</span> +Ich weiß nicht, Berg, Du thust immer solche wunderliche Fragen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Nein aufrichtig! Du must +doch eine Absicht haben, wenn Du einen Hofmeister nimmst und den Beutel +mit einemmahl so weit aufthust, daß dreihundert Dukaten herausfallen. +Sag mir, was meinst Du mit dem Geld auszurichten; was foderst Du dafür +von Deinem Hofmeister?</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Daß er – was +ich – daß er meinen Sohn in allen Wissenschaften und +Artigkeiten und Weltmanieren – Ich weiß auch nicht, was Du immer mit +Deinen Fragen willst; das wird sich schon finden; das werd ich ihm +alles schon zu seiner Zeit sagen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Das heißt: Du willst +Hofmeister Deines Hofmeisters seyn; bedenkst Du aber auch, was Du +da auf Dich nimmst – Was soll Dein Sohn werden, sag mir +einmahl?</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Was er... Soldat soll er +werden; ein Kerl, wie ich gewesen bin.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Das letzte laß nur +weg, lieber Bruder; unsere Kinder sollen und müssen <span +class="pagenum">8</span> das nicht werden, was wir waren: die Zeiten +ändern sich, Sitten, Umstände, alles, und wenn Du nichts mehr und +nichts weniger geworden wärst, als das leibhafte Kontrefey Deines +Eltervaters – </p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Potz hundert! wenn er Major +wird, und ein braver Kerl wie ich, und dem König so redlich dient als +ich!</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ganz gut, aber nach funfzig +Jahren haben wir vielleicht einen andern König und eine andre Art ihm +zu dienen. Aber ich seh schon, ich kann mich mit Dir in die Sachen +nicht einlassen, ich müste zu weit ausholen und würde doch nichts +ausrichten. Du siehst immer nur der graden Linie nach, die Deine Frau +Dir mit Kreide über den Schnabel zieht.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Was willst Du damit sagen, +Berg? Ich bitt Dich, misch Dich nicht in meine Hausangelegenheiten, so +wie ich mich nicht in die Deinigen. – Aber sieh doch! da +läuft ja eben Dein gnädiger Junker mit zwey Hollunken aus der Schule +heraus. – Vortrefliche Erziehung, Herr Philosophus! Das wird +einmal was rechts geben! Wer <span class="pagenum">9</span> sollt’ +es in aller Welt glauben, daß der Gassenbengel der einzige Sohn Sr. +Excellenz des königlichen geheimen Raths – </p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Laß ihn nur. – +Seine lustigen Spielgesellen werden ihn minder verderben als ein +galonirter Müßiggänger, unterstützt von einer eiteln Patronin.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Du nimmst Dir Freyheiten +heraus. – Adieu.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich bedaure Dich.</p> + +<h3>Dritte Scene.</h3> + +<p class="szene">Der Majorin Zimmer.</p> + +<p class="personen">Frau Majorin. <span class="normal">(auf +einem Kanapee)</span> Läuffer. <span class="normal">(in sehr +demüthiger Stellung neben ihr sitzend)</span> Leopold. <span +class="normal">(steht)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Ich habe mit Ihrem Herrn +Vater gesprochen und von den dreihundert Dukaten stehenden Gehalts +sind wir bis auf hundert und funfzig einig worden. Dafür verlang’ +ich aber auch Herr – Wie heissen Sie? – Herr +Läuffer, daß Sie Sich in Kleidern sauber halten, und unserm Hause +<span class="pagenum">10</span> keine Schande machen. Ich weiß, daß +Sie Geschmack haben; ich habe schon von Ihnen gehört, als Sie noch in +Leipzig waren. Sie wissen, daß man heut zu Tage auf nichts in der Welt +so sehr sieht, als ob ein Mensch sich zu führen wisse.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich hoff’, Euer Gnaden werden +mit mir zufrieden seyn. Wenigstens hab’ ich in Leipzig keinen Ball +ausgelassen, und wohl über die funfzehn Tanzmeister in meinem Leben +gehabt.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> So? lassen Sie doch +sehen. (Läuffer steht auf) Nicht furchtsam, Herr...Läuffer! nicht +furchtsam! Mein Sohn ist buschscheu genug; wenn der einen blöden +Hofmeister bekommt, so ists aus mit ihm. Versuchen Sie doch einmal, +mir ein Kompliment aus der Menuet zu machen; zur Probe nur, damit +ich doch sehe. – Nun, nun, das geht schon an! Mein Sohn +braucht vor der Hand keinen Tanzmeister! Auch einen Pas, wenn’s Ihnen +beliebt. – Es wird schon gehen; das wird sich alles geben, +wenn Sie einmal einer unsrer Assembleen werden beigewohnt haben. Sind +Sie musikalisch?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span><span +class="pagenum">11</span> Ich spiele die Geige, und das Klavier zur +Noth.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Desto besser: wenn wir aufs +Land gehn und Fräulein Milchzahn besuchen uns einmal; ich habe bisher +ihnen immer was vorsingen müssen, wenn die guten Kinder Lust bekamen zu +tanzen: aber besser ist besser.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Euer Gnaden setzen mich +ausser mich: wo wär ein Virtuos auf der Welt, der auf seinem Instrument +Euer Gnaden Stimme zu erreichen hoffen dürfte.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Ha ha ha! Sie haben mich +ja noch nicht gehört. ... Warten Sie; ist Ihnen die Menuet bekannt? +(singt)</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> O... o... verzeihen Sie dem +Entzücken, dem Enthusiasmus, der mich hinreißt. (küßt ihr die Hand.)</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Und ich bin doch enrhumirt +dazu; ich muß heut krähen wie ein Rabe. Vous parlez françois, sans +doute?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Un peu, Madame</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Avez Vous deja fait Vôtre +tour de France?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span><span +class="pagenum">12</span> Non Madame. ... Oui Madame.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Vous devez donc savoir, qu’en +France, on ne baise pas les mains, mon cher. ...</p> + +<p><span class="sprecher">Bedienter.</span> (tritt herein) Der Graf +Wermuth ...</p> + +<p class="center">Graf Wermuth. (tritt herein)</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> (nach einigen stummen +Komplimenten setzt sich zur Majorin aufs Kanapee. Läuffer bleibt +verlegen stehen) Haben Euer Gnaden den neuen Tanzmeister schon gesehn, +der aus Dresden angekommen? Er ist ein Marchese aus Florenz, und heißt +... Aufrichtig: ich habe nur zwey auf meinen Reisen angetroffen, die +ihm vorzuziehen waren.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Das gesteh’ ich, nur zwey! +In der That, Sie machen mich neugierig; ich weiß, welchen verzärtelten +Geschmack der Graf Wermuth hat.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Pintinello ... nicht wahr? +ich hab’ ihn in Leipzig auf dem Theater tanzen sehen; er tanzt nicht +sonderlich ...</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span><span class="pagenum">13</span> +Er tanzt – on ne peut pas mieux. – Wie ich Ihnen +sage, gnädige Frau, in Petersburg hab’ ich einen Beluzzi gesehn, der +ihm vorzuziehen war: aber dieser hat eine Leichtigkeit in seinen +Füssen, so etwas freyes, göttlichnachläßiges in seiner Stellung, in +seinen Armen, in seinen Wendungen – </p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Auf dem Kochischen Theater +ward er ausgepfiffen, als er sich das letztemal sehen ließ.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Merk Er sich, mein Freund! +daß Domestiken in Gesellschaften von Standespersonen nicht mitreden. +Geh Er auf Sein Zimmer. Wer hat Ihn gefragt? (Läuffer tritt einige +Schritte zurück)</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Vermuthlich der Hofmeister, den +Sie dem jungen Herrn bestimmt? ...</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Er kommt ganz frisch von der +hohen Schule. – Geh’ Er nur! Er hört ja, daß man von Ihm +spricht; desto weniger schickt es sich, stehen zu bleiben. (Läuffer +geht mit einem steifen Kompliment ab) Es ist was unerträgliches, daß +man für sein Geld keinen rechtschaffenen Menschen mehr antreffen kann. +<span class="pagenum">14</span> Mein Mann hat wohl dreymahl an einen +dasigen Professor geschrieben und dies soll doch noch der galanteste +Mensch auf der ganzen Akademie gewesen seyn. Sie sehens auch wohl +an seinem links bordirten Kleide. Stellen Sie sich vor, von Leipzig +bis Insterburg zweihundert Dukaten Reisegeld und jährliches Gehalt +fünfhundert Dukaten, ist das nicht erschröcklich?</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Ich glaube, sein Vater ist der +Prediger hier aus dem Ort ...</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Ich weiß nicht – +es kann seyn – ich habe nicht darnach gefragt, ja doch, ich glaub’ es +fast: er heißt ja auch Läuffer; nun denn ist er freylich noch artig +genug. Denn das ist ein rechter Bär, wenigstens hat er mich ein für +allemal aus der Kirche gebrüllt.</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Ists ein Katholik?</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Nein doch, Sie wissen ja, daß +in Insterburg keine katholische Kirche ist: er ist Lutherisch, oder +Protestantisch wollt’ ich sagen; er ist protestantisch.</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span><span class="pagenum">15</span> +Pintinello tanzt ... Es ist wahr, ich habe mir mein Tanzen einige +dreißig tausend Gulden kosten lassen, aber noch einmal so viel gäb’ ich +drum, wenn ...</p> + +<h3>Vierte Scene.</h3> + +<p class="szene">Läuffers Zimmer.</p> + +<p class="personen"> Läuffer. Leopold. Der Major. <span class="normal"> +(Erstere sitzen an einem Tisch, ein Buch in der Hand, indem sie der +letztere überfällt.)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> So recht; so lieb’ ichs; hübsch +fleißig – und wenn die Kanaille nicht behalten will, Herr +Läuffer, so schlagen Sie ihm das Buch an den Kopf, daß ers Aufstehen +vergißt, oder wollt’ ich sagen, so dürfen Sie mirs nur klagen. Ich +will Dir den Kopf zurecht setzen, Heyduk Du! Seht da zieht er das +Maul schon wieder. Bist empfindlich, wenn Dir Dein Vater was sagt? +Wer soll Dirs denn sagen? Du sollst mir anders werden, oder ich will +Dich peitschen, daß Dir die Eingeweide krachen sollen, Tuckmäuser! Und +Sie, Herr, seyn Sie fleißig mit ihm, das bitt’ ich mir aus, und kein +Feriiren und Pausiren <span class="pagenum">16</span> und Rekreiren, +das leid ich nicht. Zum Plunder, vom Arbeiten wird kein Mensch das +Malum hydropisiacum kriegen. Das sind nur Ausreden von euch Herren +Gelehrten. – Wie stehts, kann er seinen Cornelio? Lippel! +ich bitt Dich um tausend Gottes willen, den Kopf grad. Den Kopf in +die Höhe, Junge! (richtet ihn) Tausend Sakkerment den Kopf aus den +Schultern! oder ich zerbrech Dir Dein Rückenbein in tausendmillionen +Stücken.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Der Herr Major verzeihen: er +kann kaum lateinisch lesen.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Was? So hat der Rakker +vergessen. – Der vorige Hofmeister hat mir doch +gesagt, er sey perfekt im Lateinischen, perfekt. ... Hat ers +ausgeschwitzt – aber ich will Dir – Ich will es +nicht einmal vor Gottes Gericht zu verantworten haben, daß ich Dir +keinen Daumen aufs Auge gesetzt habe, und daß ein Galgendieb aus Dir +geworden ist, wie der junge Hufeise oder wie Deines Onkels Friedrich, +eh Du mir so ein Gassenläufferischer Taugenichts – Ich +will dich zu Tode hauen – (giebt ihm eine Ohrfeige) Schon +wieder wie ein Fragzeichen? Er läßt sich nicht sagen. – +<span class="pagenum">17</span> Fort mir aus den Augen. – +Fort! Soll ich Dir Beine machen? Fort, sag’ ich. (stampft mit dem Fuß. +Leopold geht ab. Major setzt sich auf seinen Stuhl. Zu Läuffern.) +Bleiben Sie sitzen, Herr Läuffer; ich wollte mit ihnen ein paar Worte +allein sprechen, darum schickt’ ich den jungen Herrn fort. Sie können +immer sitzen bleiben; ganz, ganz. Zum Henker Sie brechen mir ja den +Stuhl entzwey, wenn Sie immer so auf einer Ecke ... Dafür steht ja +der Stuhl da, daß man drauf sitzen soll. Sind Sie so weit gereist +und wissen das noch nicht? – Hören Sie nur: ich seh’ Sie +für einen hübschen artigen Mann an, der Gott fürchtet und folgsam +ist, sonst würd’ ich das nimmer thun, was ich für Sie thue. Hundert +und vierzig Dukaten jährlich hab’ ich Ihnen versprochen: das machen +drey – Warte – Dreymal hundert und vierzig: +wieviel machen das?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Vier hundert und zwanzig.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Ists gewiß? Macht das soviel? +Nun damit wir gerade Zahl haben, vierhundert Thaler preußisch Courant +hab’ ich zu Ihrem Salarii bestimmt. Sehen Sie, das ist mehr als das +ganze Land giebt.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span><span +class="pagenum">18</span> Aber mit Eurer Gnaden gnädigen Erlaubniß, die +Frau Majorin haben mir von hundert funfzig Dukaten gesagt; das machte +gerade vierhundert funfzig Thaler und auf diese Bedingungen hab’ ich +mich eingelassen.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Ey was wissen die +Weiber! – Vierhundert Thaler, Monsieur; mehr kann Er mit +gutem Gewissen nicht fodern. Der vorige hat zweihundert funfzig gehabt +und ist zufrieden gewesen wie ein Gott. Er war doch, mein Seel! ein +gelehrter Mann; auch und ein Hofmann zugleich: die ganze Welt gab’ +ihm das Zeugniß, und Herr, Er muß noch ganz anders werden, eh’ Er +so wird. Ich thu’ es nur aus Freundschaft für Seinen Herrn Vater, +was ich an Ihm thue und um Seinetwillen auch, wenn Er hübsch folgsam +ist, und werd’ auch schon einmal für Sein Glück zu sorgen wissen; das +kann Er versichert seyn. – Hör Er doch einmal: ich hab’ +eine Tochter, das mein Ebenbild ist und die ganze Welt giebt ihr das +Zeugniß, daß ihres gleichen an Schönheit im ganzen Preussenlande nichts +anzutreffen. Das Mädchen hat ein ganz anders Gemüth als mein Sohn, +<span class="pagenum">19</span> der Buschklepper. Mit dem muß ganz +anders umgegangen werden! Es weiß sein Christenthum aus dem Grunde und +in dem Grunde, aber es ist denn nun doch, weil sie bald zum Nachtmahl +gehen soll und ich weiß wie die Pfaffen sind, so soll er auch alle +Morgen etwas aus dem Christenthum mit ihr nehmen. Alle Tage Morgens +eine Stunde und da geht Er auf ihr Zimmer; angezogen, das versteht +sich: denn Gott behüte, daß Er so ein Schweinigel seyn sollte wie +ich einen gehabt habe, der durchaus im Schlafrock an Tisch kommen +wollte. – Kann Er auch zeichnen?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Etwas, gnädiger +Herr. – Ich kann Ihnen einige Proben weisen.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> (besieht sie) Das ist ja +scharmant! – Recht schön; gut das: Er soll meine Tochter +auch zeichnen lehren. – Aber hören Sie, werther Herr +Läuffer, um Gottes Willen ihr nicht scharf begegnet; das Mädchen hat +ein ganz ander Gemüth als der Junge. Weiß Gott! es ist als ob sie +nicht Bruder und Schwester wären. Sie liegt Tag und Nacht über den +Büchern und über den Trauerspielen da, und sobald man ihr nur ein Wort +<span class="pagenum">20</span> sagt, besonders ich, von mir kann +sie nichts vertragen, gleich stehn ihr die Backen in Feuer und die +Thränen lauffen ihr wie Perlen drüber herab. Ich wills Ihm nur sagen: +das Mädchen ist meines Herzens einziger Trost. Meine Frau macht mir +bittre Tage genug: sie will alleweil herrschen und weil sie mehr List +und Verstand hat, als ich. Und der Sohn, das ist ihr Liebling; den +will sie nach ihrer Methode erziehen; fein säuberlich mit dem Knaben +Absalom, und da wird denn einmal so ein Galgenstrick draus, der nicht +Gott, nicht Menschen was Nutz ist. – Das will ich nicht +haben. – Sobald er was thut, oder was versieht, oder hat +seinen Lex nicht gelernt, sag’ Ers mir nur und der lebendige Teuffel +soll drein fahren. – Aber mit der Tochter nehm’ Er sich in +Acht; die Frau wird Ihm schon zureden, daß Er ihr scharf begegnen soll. +Sie kann sie nicht leiden, das weiß ich; aber wo ich das geringste +merke. Ich bin Herr vom Hause, muß Er wissen, und wer meiner Tochter +zu nahe kommt – Es ist mein einziges Kleinod, und wenn +der König mir sein Königreich für sie geben wollt’: ich schicke ihn +fort. Alle Tage ist sie in meinem <span class="pagenum">21</span> +Abendgebet und Morgengebet und in meinem Tischgebet, und alles in +allem, und wenn Gott mir die Gnade thun wollte, daß ich sie noch +vor meinem Ende mit einem General oder Staatsminister vom ersten +Range versorgt sähe, – denn keinen andern soll sie sein +Lebtage bekommen, – so wollt’ ich gern ein zehn Jahr eher +sterben. – Merk’ Er sich das – und wer meiner +Tochter zu nahe kommt oder ihr worinn zu Leid lebt – die +erste beste Kugel durch den Kopf. Merk’ Er Sich das. – (geht +ab.)</p> + +<h3>Fünfte Scene.</h3> + +<p class="personen">Fritz von Berg. Augustchen.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Sie werden nicht Wort halten +Gustchen: Sie werden mir nicht schreiben, wenn Sie in Heidelbrun sind, +und dann werd’ ich mich zu Tode grämen.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Glaubst Du denn, daß Deine +Juliette so unbeständig seyn kann? O nein; ich bin ein Frauenzimmer; +die Mannspersonen allein sind unbeständig.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Nein, Gustchen, die +Frauenzimmer <span class="pagenum">22</span> allein sinds. Ja wenn +alle Julietten wären! – Wissen Sie was? Wenn Sie an mich +schreiben, nennen Sie mich Ihren Romeo; thun Sie mir den Gefallen: ich +versichere Sie, ich werd’ in allen Stücken Romeo seyn, und wenn ich +erst einen Degen trage. O ich kann mich auch erstechen, wenn’s dazu +kommt.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Gehn Sie doch! Ja Sie +werden’s machen, wie im Gellert steht: er besah die Spitz’ und Schneide +und steckt’ ihn langsam wieder ein.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Sie sollen schon sehen. +(faßt sie an die Hand.) Gustchen – Gustchen! wenn +ich Sie verlieren sollte oder der Onkel wollte Sie einem andern +geben. – Der gottlose Graf Wermuth! Ich kann Ihnen den +Gedanken nicht sagen Gustchen, aber Sie könnten ihn schon in meinen +Augen lesen – Er wird ein Graf Paris für uns seyn.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Fritzchen – so +mach’ ichs wie Juliette.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Was denn? – Wie +denn? – Das ist ja nur eine Erdichtung; es giebt keine +solche Art Schlaftrunk.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span><span +class="pagenum">23</span> Ja, aber es giebt Schlaftrünke zum ewigen +Schlaf.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (fällt ihr um den Hals) +Grausame!</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Ich hör’ meinen Vater auf +dem Gange. – Laß uns in den Garten lauffen. – +Nein; er ist fort. – Gleich nach dem Caffee Fritzchen reisen +wir und so wie der Wagen Dir aus den Augen verschwindt, werd’ ich Dir +auch schon aus dem Gedächtniß seyn.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> So mag Gott sich meiner nie +mehr erinnern, wenn ich Dich vergesse. Aber nimm Dich für den Grafen in +Acht, er gilt soviel bey deiner Mutter und Du weißt, sie möchte Dich +gern aus den Augen haben, und eh’ ich meine Schulen gemacht habe und +drey Jahr auf der Universität, das ist gar lange.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Wie denn Fritzchen! Ich +bin ja noch ein Kind: ich bin noch nicht zum Abendmahl gewesen, +aber sag mir. – O wer weiß, ob ich Dich sobald wieder +spreche! – Wart, komm in den Garten.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Nein, nein, der Papa ist +vorbey gegangen. – Siehst Du, der Henker! er <span +class="pagenum">24</span> ist im Garten. – Was wolltest Du +mir sagen?</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Nichts...</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Liebes Gustchen...</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Du solltest mir – +Nein, ich darf das nicht von Dir verlangen.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Verlange mein Leben, meinen +letzten Tropfen Bluts.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Wir wollten uns beyde einen +Eid schwören.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> O komm! Vortreflich! Hier laß +uns niederknien; am Canapee, und heb’ Du so Deinen Finger in die Höh’ +und ich so meinen. – Nun sag, was soll ich schwören?</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Daß Du in drey Jahren von +der Universität zurückkommen willst und Dein Gustchen zu Deiner Frau +machen; Dein Vater mag dazu sagen, was er will.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Und was willst Du mir dafür +wieder schwören, mein englisches... (küßt sie)</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Ich will schwören, +daß ich in meinem Leben keines andern Menschen Frau <span +class="pagenum">25</span> werden will, als Deine und wenn der Kaiser +von Rußland selber käme.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich schwör Dir hunderttausend +Eide – (Der geheime Rath tritt herein: beyde springen mit +lautem Geschrey auf.)</p> + +<h3>Sechste Scene.</h3> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Was habt Ihr närrische +Kinder? Was zittert Ihr? – Gleich, gesteht mir +alles. Was habt Ihr hier gemacht? Ihr seyd beyde auf den Knien +gelegen. – Junker Fritz, ich bitte mir eine Antwort aus; +unverzüglich: – Was habt Ihr vorgehabt?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich, gnädigster Papa?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich? und das mit einem so +verwundrungsvollen Ton? Siehst Du: ich merk’ alles. Du möchtest mir +itzt gern eine Lüge sagen, aber entweder bist Du zu dumm dazu, oder +zu feig, und willst Dich mit Deinem Ich? heraushelfen. ... Und Sie +Mühmchen? – Ich weiß. Gustchen verheelt mir nichts.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (fällt ihm um die Füße) Ach, +mein Vater – </p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span><span +class="pagenum">26</span> (hebt sie auf und küßt sie.) Wünschst Du +mich zu Deinem Vater? Zu früh, mein Kind, zu früh Gustchen, mein Kind. +Du hast noch nicht communicirt. – Denn warum soll ich +euch verheelen, daß ich euch zugehört habe. – Das war ein +sehr einfältig Stückchen von Euch beyden; besonders von Dir, großer +vernünftiger Junker Fritz, der bald einen Bart haben wird wie ich, und +eine Perücke aufsetzen und einen Degen anstecken. Pfuy, ich glaubt’ +einen vernünftigern Sohn zu haben. Das macht Dich gleich ein Jahr +jünger, und macht, daß Du länger auf der Schule bleiben mußt. Und Sie, +Gustchen, auch Ihnen muß ich sagen, daß es sich für Ihr Alter gar nicht +mehr schickt, so kindisch zu thun. Was sind das für Romane, die Sie da +spielen? Was für Eide, die Sie sich da schwören, und die Ihr doch alle +beyde so gewiß brechen werdet als ich itzt mit Euch rede. Meynt Ihr, +Ihr seyd in den Jahren, Eide zu thun, oder meynt Ihr, ein Eid sey ein +Kinderspiel, wie es das Versteckspiel oder die blinde Kuh ist? Lernt +erst einsehen, was ein Eid ist: lernt erst zittern dafür und alsdenn +wagt’s, ihn zu schwören. <span class="pagenum">27</span> Wißt, daß ein +Meineidiger die schändlichste und unglücklichste Creatur ist, die von +der Sonne angeschienen wird. Ein solcher darf weder den Himmel ansehen, +den er verleugnet hat, noch andere Menschen, die sich unaufhörlich vor +ihm scheuen, und seiner Gesellschaft mit mehr Sorgfalt ausweichen, als +einer Schlange oder einem tückischen Hunde.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Aber ich denke meinen Eid zu +halten.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> In der That Romeo? Ha! Du +kannst Dich auch erstechen, wenn’s dazu kommt. Du hast geschworen, +daß mir die Haare zu Berg standen. Also gedenkst Du Deinen Eid zu +halten?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ja Papa, bey Gott! ich denk’ +ihn zu halten.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Schwur mit Schwur +bekräftigt! – Ich werd’ es Deinem Rektor beibringen. Er +soll Euch auf vierzehn Tage nach Sekunda herunter transportiren, +Junker: inskünftige lernt behutsamer schwören. Und worauf? Steht das +in Deiner Gewalt, was Du da versicherst? Du willst Gustchen <span +class="pagenum">28</span> heyrathen! Denk doch! weißt Du auch schon, +was für ein Ding das ist, Heyrathen? Geh doch, heyrathe sie: nimm sie +mit auf die Akademie. Nicht? Ich habe nichts dawider, daß ihr Euch +gern seht, daß Ihr Euch lieb habt, daß Ihrs Euch sagt, wie lieb Ihr +Euch habt; aber Narrheiten müßt Ihr nicht machen; keine Affen von uns +Alten seyn, eh’ Ihr so reif seyd als wir; keine Romane spielen wollen, +die nur in der ausschweifenden Einbildungskraft eines hungrigen Poeten +ausgeheckt sind und von denen Ihr in der heutigen Welt keinen Schatten +der Wirklichkeit antrefft. Geht! ich werde keinem Menschen was davon +sagen, damit ihr nicht nöthig habt roth zu werden, wenn Ihr mich +seht. – Aber von nun an sollt ihr einander nie mehr ohne +Zeugen sehen. Versteht Ihr mich? Und Euch nie andere Briefe schreiben +als offene und das auch alle Monathe, oder höchstens alle drey Wochen +einmal, und sobald ein heimliches Briefchen an Junker Fritz oder +Fräulein Gustchen entdeckt wird – so steckt man den Junker +unter die Soldaten und das Fräulein ins Kloster, bis sie vernünftiger +werden. Versteht ihr mich? – Jetzt – nehmt +Abschied, <span class="pagenum">29</span> hier in meiner Gegenwart. – +Die Kutsche ist angespannt, der Major treibt fort; die Schwägerin hat +schon Caffee getrunken. – Nehmt Abschied: Ihr braucht Euch +vor mir nicht zu scheuen. Geschwind, umarmt Euch. (Fritz und Gustchen +umarmen sich zitternd) Und nun mein Tochter Gustchen, weil Du doch das +Wort so gern hörst, (hebt sie auf und küßt sie) Leb tausendmal wohl, +und begegne Deiner Mutter mit Ehrfurcht; sie mag Dir sagen was sie +will. – Jetzt geh, mach! – (Gustchen geht einige +Schritte, sieht sich um; Fritz fliegt ihr weinend an den Hals.) Die +beyden Narren brechen mir das Herz! Wenn doch der Major vernünftiger +werden wollte, oder seine Frau weniger herrschsüchtig! – </p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<!-- Z W E Y T E R A K T --> +<div class="chapter"> + <span class="pagenum">30</span> + <h2 id="Zweyter_Akt">Zweyter Akt.</h2> +</div> + +<h3>Erste Scene.</h3> + +<p class="personen">Pastor Läuffer. Der geheime Rath.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich bedaure +ihn – und Sie noch Vielmehr, Herr Pastor, daß Sie solchen +Sohn haben.</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Verzeihen Euer Gnaden, ich +kann mich über meinen Sohn nicht beschweren; er ist ein sittsamer +und geschickter Mensch, die ganze Welt und Dero Herr Bruder und Frau +Schwägerin selbst werden ihm das eingestehen müssen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich sprech’ ihm das all +nicht ab, aber er ist ein Thor, und hat alle sein Mißvergnügen sich +selber zu danken. Er sollte den Sternen danken, daß meinem Bruder +das Geld, das er für den Hofmeister zahlt, einmal anfängt zu lieb zu +werden.</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Aber bedenken Sie doch: nichts +mehr als hundert Dukaten; hundert arme <span class="pagenum">31</span> +Dukätchen; und dreihundert hatt’ er ihm doch im ersten Jahr +versprochen: aber beym Schluß desselben nur hundert und vierzig +ausgezahlt, jetzt beym Beschluß des zweyten, da doch die Arbeit meines +Sohnes immer zunimmt, zahlt’ er ihm hundert, und nun beym Anfang des +dritten wird ihm auch das zu viel. – Das ist wider alle +Billigkeit! Verzeihn Sie mir.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Laß es doch. – +Das hätt’ ich Euch Leuten voraussagen wollen, und doch solle Ihr Sohn +Gott danken, wenn ihn nur der Major beym Kopf nähm’ und aus dem Hause +würfe. Was soll er da, sagen Sie mir Herr? Wollen Sie ein Vater für +ihr Kind seyn und schliessen so Augen, Mund und Ohren für seine ganze +Glückseligkeit zu? Tagdieben, und sich Geld dafür bezahlen lassen? +Die edelsten Stunden des Tages bey einem jungen Herrn versitzen, der +nichts lernen mag und mit dem er’s doch nicht verderben darf, und die +übrigen Stunden, die der Erhaltung seines Lebens, den Speisen und +dem Schlaf geheiligt sind, an einer Sklavenkette verseufzen; an den +Winken der gnädigen Frau hängen, und sich in die Falten des gnädigen +Herrn hineinstudiren; essen wenn er satt ist und fasten, <span +class="pagenum">32</span> wenn er hungrig ist, Punsch trinken, wenn +er p-ss-n möchte, und Karten spielen, wenn er das Lauffen hat. Ohne +Freyheit geht das Leben bergab rückwärts, Freyheit ist das Element +des Menschen wie das Wasser des Fisches, und ein Mensch der sich der +Freyheit begiebt, vergiftet die edelsten Geister seines Bluts, erstickt +seine süssesten Freuden des Lebens in der Blüthe und ermordet sich +selbst.</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Aber – Oh! erlauben +Sie mir; das muß sich ja jeder Hofmeister gefallen lassen; man kann +nicht immer seinen Willen haben, und das läßt sich mein Sohn auch gern +gefallen, nur – </p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Desto schlimmer, wenn er +sichs gefallen läßt, desto schlimmer; er hat den Vorrechten eines +Menschen entsagt, der nach seinen Grundsätzen muß leben können, +sonst bleibt er kein Mensch. Mögen die Elenden, die ihre Ideen nicht +zu höherer Glückseligkeit zu erheben wissen, als zu essen und zu +trinken, mögen die sich im Keficht zu Tode füttern lassen, aber ein +Gelehrter, ein Mensch, der den Adel seiner Seele fühlt, der den Tod +nicht so scheuen sollt’ als eine Handlung, die wider seine Grundsätze +läuft...</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span><span class="pagenum">33</span> +Aber was ist zu machen in der Welt? Was wollte mein Sohn anfangen, wenn +Dero Herr Bruder ihm die Condition aufsagten?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Laßt den Burschen was +lernen, daß er dem Staat nützen kann. Potz hundert Herr Pastor, Sie +haben ihn doch nicht zum Bedienten aufgezogen, und was ist er anders +als Bedienter, wenn er seine Freyheit einer Privatperson für einige +Handvoll Dukaten verkauft? Sklav’ ist er, über den die Herrschaft +unumschränkte Gewalt hat, nur daß er so viel auf der Akademie gelernt +haben muß, ihren unbesonnenen Anmuthungen von weitem zuvorzukommen +und so einen Firniß über seine Dienstbarkeit zu streichen: daß +heißt denn ein feiner artiger Mensch, ein unvergleichlicher Mensch; +ein unvergleichlicher Schurke, der, statt seine Kräfte und seinen +Verstand dem allgemeinen Besten aufzuopfern, damit die Rasereyen +einer dampfigten Dame und eines abgedämpften Officiers unterstützt, +die denn täglich weiter um sich fressen wie ein Krebsschaden und +zuletzt unheilbar werden. Und was ist der ganze Gewinnst am Ende? +Alle Mittag Braten und alle Abend Punsch, und eine grosse <span +class="pagenum">34</span> Portion Galle, die ihm Tags über ins Maul +gestiegen, Abends, wenn er zu Bett liegt, hinabgeschluckt, wie Pillen; +das macht gesundes Blut, auf meine Ehr’! und muß auch ein vortrefliches +Herz auf die Länge geben. Ihr beklagt Euch so viel übern Adel und über +seinen Stolz, die Leute sähn Hofmeister wie Domestiken an, Narren! was +sind sie denn anders? Stehn sie nicht in Lohn und Brod bey ihnen wie +jene? Aber wer heißt Euch ihren Stolz nähren? Wer heißt euch Domestiken +werden, wenn Ihr was gelernt habt, und einem starrköpfischen Edelmann +zinsbar werden, der sein Tage von seinen Hausgenossen nichts anders +gewohnt war als sklavische Unterwürfigkeit?</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Aber Herr Geheimer +Rath – Gütiger Gott! es ist in der Welt nicht anders: +man muß eine Warte haben, von der man sich nach einem öffentlichen +Amt umsehen kann, wenn man von Universitäten kommt; wir müssen den +göttlichen Ruf erst abwarten und ein Patron ist sehr oft das Mittel zu +unserer Beförderung: wenigstens ist es mir so gegangen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Schweigen Sie, +Herr Pastor, ich bitt Sie, schweigen Sie. Das gereicht <span +class="pagenum">35</span> Ihnen nicht zur Ehr. Man weiß ja doch, daß +Ihre seelige Frau Ihr göttlicher Ruf war, sonst säßen Sie noch itzt +beym Herrn von Tiesen und düngten ihm seinen Acker. Jemine! daß Ihr +Herrn uns doch immer einen so ehrwürdigen schwarzen Dunst vor Augen +machen wollt. Noch nie hat ein Edelmann einen Hofmeister angenommen, wo +er ihm nicht hinter eine Allee von acht neun Sklavenjahren ein schön +Gemählde von Beförderung gestellt hat und wenn Ihr acht Jahr gegangen +waret, so macht’ ers wie Laban und rückte das Bild um noch einmal so +weit vorwärts. Possen! lernt etwas und seyd brave Leut. Der Staat wird +Euch nicht lang am Markt stehen lassen. Brave Leut sind allenthalben zu +brauchen, aber Schurken, die den Namen vom Gelehrten nur auf den Zettel +tragen und im Kopf ist leer Papier ...</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Das ist sehr allgemein +gesprochen, Herr Rath! – Es müssen doch, bey Gott! auch +Hauslehrer in der Welt seyn; nicht jedermann kann gleich geheimer Rath +werden und wenn er gleich ein Hugo Grotius wär. Es gehören heutiges +Tags andere Sachen dazu als Gelehrsamkeit. – </p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span><span +class="pagenum">36</span> Sie werden warm, Herr Pastor! – +Lieber, werther Herr Pastor, lassen Sie uns den Faden unsers Streits +nicht verlieren. Ich behaupte: es müssen keine Hauslehrer in der Welt +seyn! das Geschmeis taucht den Teufel zu nichts.</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Ich bin nicht hergekommen mir +Grobheiten sagen zu lassen: ich bin auch Hauslehrer gewesen. Ich habe +die Ehre – </p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Warten Sie; bleiben +Sie, lieber Herr Pastor! Behüte mich der Himmel! Ich habe Sie nicht +beleidigen wollen und wenn’s wider meinen Willen geschehen ist, so +bitt’ ich Sie tausendmahl um Verzeihung. Es ist einmal meine üble +Gewohnheit, daß ich gleich in Feuer gerathe, wenn mir ein Gespräch +interessant wird: alles übrige verschwinde mir denn aus dem Gesicht und +ich sehe nur den Gegenstand, von dem ich spreche.</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Sie schütten, – +Verzeihen Sie mir, ich bin auch ein Cholerikus, und rede gern von +der Lunge ab. – Sie schütten das Kind mit dem Bade aus. +Hauslehrer taugen zu nichts. – Wie können Sie mir das beweisen? Wer +soll Euch jungen Herrn <span class="pagenum">37</span> denn Verstand +und gute Sitten beibringen Was wär aus Ihnen geworden, mein werther +Herr geheimer Rath, wenn Sie keinen Hauslehrer gehabt hätten?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich bin von meinem Vater +zur öffentlichen Schul gehalten worden, und seegne seine Asche dafür, +und so hoff’ ich, wird mein Sohn Fritz auch dereinst thun.</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Ja, – da ist aber +noch viel drüber zu sagen Herr! Ich meiner Seits bin Ihrer Meynung +nicht; ja wenn die öffentlichen Schulen das wären, was sie seyn +sollten. – Aber die nüchternen Subjecta, so oft den Classen +vorstehen; die pedantischen Methoden, die sie brauchen, die unter der +Jugend eingerissenen verderbten Sitten – </p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Wes ist die Schuld? Wer +ist schuld dran, als ihr Schurken von Hauslehrern? Würde der Edelmann +nicht von Euch in der Grille gestärkt, einen kleinen Hof anzulegen, wo +er als Monarch oben auf dem Thron sitzt, und ihm Hofmeister und Mamsell +und ein ganzer Wisch von Tagdieben huldigen, so würd’ er seine Jungen +in die öffentliche Schule thun müssen; er würde das Geld, von dem er +jetzt seinen Sohn <span class="pagenum">38</span> zum hochadlichen +Dummkopf aufzieht, zum Fond der Schule schlagen: davon könnten denn +gescheidte Leute salarirt werden und alles würde seinen guten Gang +gehn; das Studentchen müste was lernen, um bey einer solchen Anstalt +brauchbar zu werden, und das junge Herrchen, anstatt seine Faullenzerey +vor den Augen des Papas und der Tanten, die alle keine Argusse sind, +künstlich und manierlich zu verstecken, würde seinen Kopf anstrengen +müssen, um es den bürgerlichen Jungen zuvorzuthun, wenn es sich doch +von ihnen unterscheiden will. – Was die Sitten anbetrift, +das findt sich wahrhaftig. – Wenn er gleich nicht, wie +seine hochadliche Vettern, die Nase von Kindesbeinen an höher tragen +lernt als andere, und in einem nachläßigen Ton, von oben herab, +Unsinn sagen, und Leuten ins Gesicht sehen, wenn sie den Hut vor ihm +abziehen, um ihnen dadurch anzudeuten, daß sie auf kein Gegencompliment +warten sollen. Die feinen Sitten hol der Teufel! Man kann dem Jungen +Tanzmeister auf der Stube halten, und ihn in artige Gesellschaften +führen, aber er muß durchaus nicht aus der Sphäre seiner Schulkamraden +herausgehoben, <span class="pagenum">39</span> und in der Meinung +gestärkt werden, er sey eine bessere Kreatur als andere.</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Ich habe nicht Zeit, (zieht +die Uhr heraus) mich in den Disput weiter mit Ihnen einzulassen, +gnädiger Herr; aber so viel weiß ich, daß der Adel überall nicht ihrer +Meinung seyn wird.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> So sollten die Bürger +meiner Meynung seyn. – Die Noth würde den Adel schon +auf andere Gedanken bringen, und wir könnten uns bessere Zeiten +versprechen. Sapperment, was kann aus unserm Adel werden, wenn ein +einziger Mensch das Faktotum bey dem Kinde seyn soll, ich setz’ auch +den unmöglichen Fall, daß er ein Polyhistor wäre, wo will der eine Mann +Feuer und Muth und Thätigkeit hernehmen, wenn er alle seine Kräfte auf +einen Schaafskopf concentriren soll, besonders wenn Vater und Mutter +sich kreutz und die quer immer mit in die Erziehung mengen, und dem +Faß, in welches er füllt, den Boden immer wieder ausschlagen?</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Ich bin um zehn Uhr zu einem +Kranken bestellt. Sie werden mir verzeihen. – (Im Abgehen +wendt er sich um) Aber <span class="pagenum">40</span> wär’s nicht +möglich, gnädiger Herr, daß Sie Ihren zweyten Sohn nur auf ein halb +Jährchen zum Herrn Major in die Kost thäten? Mein Sohn will gern mit +achtzig Dukaten zufrieden seyn, aber mit sechzigen, die ihm der Herr +Bruder geben wollen, da kann er nicht von subsistiren.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Laß ihn +quittiren. – Ich thu es nicht, Herr Pastor! Davon bin ich +nicht abzubringen. Ich will Ihrem Herrn Sohn die dreyßig Dukaten lieber +schenken; aber meinem Sohn geb ich zu keinem Hofmeister. (Der Pastor +hält ihm einen Brief hin) Was soll ich damit? Es ist alles umsonst, sag +ich Ihnen.</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Lesen Sie – Lesen +Sie nur. – </p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Je nun, ihm ist +nicht – (liest) – wenden Sie doch alles an, den +Herrn geheimen Rath dahin zu vermögen, – Sie können Sich +nicht vorstellen, wie elend es mir hier geht; nichts wird mir gehalten, +was mir ist versprochen worden. Ich speise nur mit der Herrschaft, +wenn keine Fremde da sind, – das ärgste ist, daß ich gar +nicht von hier komme und in einem ganzen Jahr meinen Fuß nicht aus +Heidelbrunn habe setzen <span class="pagenum">41</span> – man hatte +mir ein Pferd versprochen, alle Vierteljahr einmal nach Königsberg zu +reisen, als ich es foderte, fragte mich die gnädige Frau, ob ich nicht +lieber zum Carneval nach Venedig wollte. – (wirft den Brief +an die Erde.) Je nun, laß ihn quittiren; warum ist er ein Narr und +bleibt da?</p> + +<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Ja das ist eben die Sache. +(hebt den Brief auf) Belieben Sie doch nur auszulesen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Was ist da zu +lesen? – (liest) Dem ohngeachtet kann ich dies Haus nicht +verlassen, und sollt’ es mich Leben und Gesundheit kosten. So viel +darf ich Ihnen sagen, daß die Aussichten in eine selige Zukunft mir +alle die Mühseligkeiten meines gegenwärtigen Standes – +Ja, das sind vielleicht Aussichten in die selige Ewigkeit, sonst +weiß ich keine Aussichten, die mein Bruder ihm eröfnen könnte. Er +betrügt sich, glauben Sie mirs; schreiben Sie ihm zurück, daß er ein +Thor ist. Dreyßig Dukaten will ich ihm dies Jahr aus meinem Beutel +Zulage geben, aber ihn auch zugleich gebeten haben, mich mit allen +fernern Anwerbungen um meinen Karl zu <span class="pagenum">42</span> +verschonen: denn ihm zu Gefallen werd’ ich mein Kind nicht +verwahrlosen.</p> + +<h3>Zweyte Scene.</h3> + +<p class="szene">In Heidelbrunn.</p> + +<p class="personen">Gustchen. Läuffer.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Was fehlt ihnen dann?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Wie stehts mit meinem +Porträt? Nicht wahr, Sie haben nicht dran gedacht? Wenn ich auch so +saumselig gewesen wäre – Häte ich das gewußt: ich hätt Ihren +Brief so lang zurückgehalten, aber ich war ein Narr.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Ha ha ha. Lieber Herr +Hofmeister! Ich habe wahrhaftig noch nicht Zeit gehabt.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Grausame!</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Aber was fehlt Ihnen denn? +Sagen Sie mir doch! So tiefsinnig sind Sie ja noch nie gewesen. Die +Augen stehn Ihnen ja immer voll Wasser: ich habe gemerkt, Sie essen +nichts.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Haben Sie? In der That? Sie +sind ein rechtes Muster des Mitleidens.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span><span +class="pagenum">43</span> O Herr Hofmeister – </p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Wollen Sie heut Nachmittag +Zeichenstunde halten?</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (faßt ihn an die Hand) +Liebster Herr Hofmeister! verzeihen Sie, daß ich sie gestern aussetzte. +Es war mir wahrhaftig unmöglich zu zeichnen; ich hatte den Schnuppen +auf eine erstaunende Art.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> So werden Sie ihn wohl heute +noch haben. Ich denke, wir hören ganz auf zu zeichnen. Es macht Ihnen +kein Vergnügen länger.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (halbweinend) Wie können Sie +das sagen, Herr Läuffer? Es ist das einzige, was ich mit Lust thue.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Oder Sie versparen es bis auf +den Winter in die Stadt und nehmen einen Zeichenmeister. Ueberhaupt +werd ich Ihren Herrn Vater bitten, den Gegenstand Ihres Abscheues, +Ihres Hasses, Ihrer ganzen Grausamkeit von Ihnen zu entfernen. Ich sehe +doch, daß es Ihnen auf die Länge unausstehlich wird, von mir Unterricht +anzunehmen.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Herr Läuffer – +</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span><span +class="pagenum">44</span> Lassen Sie mich – Ich muß sehen, +wie ich das elende Leben zu Ende bringe, weil mir doch der Tod verboten +ist – </p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Herr Läuffer – +</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Sie foltern +mich. – (reißt sich loß und geht ab.)</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Wie dauert er mich!</p> + +<h3>Dritte Scene.</h3> + +<p class="szene">Zu Halle in Sachsen.<br>Pätus Zimmer.</p> + +<p class="center"><span class="sprecher">Fritz von Berg. Pätus</span> +(im Schlafrock an einem Tisch sitzend.)</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ey was Berg! Du bist ja kein +Kind mehr, daß du nach Papa und Mama – Pfuy Teufel! ich +hab Dich allezeit für einen braven Kerl gehalten, wenn Du nicht mein +Schulkamerad wärst: ich würde mich schämen mit Dir umzugehen.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Pätus, auf meine Ehr, es +ist nicht Heimweh, Du machst mich bis über die Ohren roth mit dem +dummen Verdacht. Ich <span class="pagenum">45</span> möchte gern +Nachricht von Hause haben, das gesteh’ ich, aber das hat seine +Ursachen – </p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Gustchen – +Nicht wahr? Denk doch, Du arme Seele! Hundertachtzig Stunden von +ihr entfernt – Was für Wälder und Ströme liegen nicht +zwischen Euch? Aber warte, wir haben hier auch Mädchen; wenn ich nur +besser besponnen wäre, ich wollte Dich heut in eine Gesellschaft +führen – Ich weiß nicht, wie Du auch bist; ein Jahr in Halle +und noch mit keinem Mädchen gesprochen: das muß melancholisch machen; +es kann nicht anders seyn. Warte, Du must mir hier einziehen, daß Du +lustig wirst. Was machst Du da bey dem Pfarrer? Das ist keine Stube für +Dich – </p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Was zahlst Du hier?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ich zahle – +Wahrhaftig, Bruder, ich weiß es nicht. Es ist ein guter ehrlicher +Philister, bey dem ich wohne: seine Frau ist freylich bisweilen ein +bischen wunderlich, aber mags. Was gehts mich an? Wir zanken uns einmal +herum und denn laß ich sie laufen: und die schreiben mir alles auf. +Hausmiethe, Kaffee, Tabak; alles was ich verlange, und denn zahl’ +<span class="pagenum">46</span> ich die Rechnung alle Jahre, wenn mein +Wechsel kommt.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Bist du jetzt viel schuldig?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ich habe die vorige Woche +bezahlt. Das ist wahr, diesmal haben Sie mirs arg gemacht: mein ganzer +Wechsel hat herhalten müssen bis auf den letzten Pfennig, und mein +Rock, den ich Tags vorher versetzt hatte, weil ich in der äussersten +Noth war, steht noch zu Gevattern. Weiß der Himmel, wenn ich ihn wieder +einlösen kann.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Und wie machst Dus denn +itzt?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ich? – Ich bin +krank. Heut morgen hat mich die Frau Räthin Hamster invitiren lassen, +gleich kroch ich ins Bett ...</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Aber bey dem schönen Wetter +immer zu Hause zu sitzen.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Was macht das? des Abends geh +ich im Schlafrock spatzieren, es ist ohnedem in den Hundstagen am Tage +nicht auszuhalten – Aber Potz Mordio! Wo bleibt denn mein +Kaffee? (pocht mit dem Fuß) Frau Blitzer! – Nun sollst Du +sehn, wie ich meinen Leuten umspringe – Frau Blitzer! in +aller <span class="pagenum">47</span> Welt Frau Blitzer. (klingelt und +pocht) – Ich habe sie kürzlich bezahlt: nun kann ich schon +breiter thun – Frau ...</p> + +<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span> (tritt herein mit einer +Portion Kaffee.)</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> In aller Welt, Mutter! wo +bleibst Du denn? Das Wetter soll Dich regieren. Ich warte hier schon +über eine Stunde – </p> + +<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span> Was? Du +nichtsnutziger Kerl, was lärmst Du? Bist Du schon wieder nichts +nutz, abgeschabte Laus? Den Augenblick trag ich meinen Kaffee wieder +herunter – </p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (gießt sich ein) Nun, +nun, nicht so böse Mutter! aber Zwieback – Wo ist denn +Zwieback?</p> + +<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span> Ja, kleine Steine Dir! +Es ist kein Zwieback im Hause. Denk doch, ob so ein kahler lausichter +Kerl nun alle Nachmittag Zwieback frißt oder nicht – </p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Was tausend alle Welt! (stampft +mit dem Fuß) Sie weiß, daß ich keinen Kaffee ohne Zwieback ins Maul +nehme – Wofür gebe ich denn mein Geld aus – </p> + +<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span><span +class="pagenum">48</span> (langt ihm Zwieback aus der Schürze, +wobey sie ihn an den Haaren zupft.) Da siehst Du, da ist Zwieback, +Posaunenkerl! Er hat eine Stimme wie ein ganzes Regiment Soldaten. Nu, +ist der Kaffee gut? Ist er nicht? Gleich sag mirs, oder ich reiß Ihm +das letzte Haar aus Seinem kahlen Kopf heraus.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (trinkt) +Unvergleichlich – Aye! – Ich hab in meinem Leben keinen +bessern getrunken.</p> + +<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span> Siehst Du Hundejunge! +Wenn Du die Mutter nicht hättest, die sich Deiner annähme und Dir zu +essen und zu trinken gäbe, Du müstest an der Strasse verhungern. Sehen +Sie ihn einmal an, Herr von Berg, wie er daher geht, keinen Rock auf +dem Leibe und sein Schlafrock ist auch, als ob er darin wär aufgehenkt +worden und wieder vom Galgen gefallen. Sie sind doch ein hübscher Herr, +ich weiß nicht wie Sie mit dem Menschen umgehen können, nun freylich +unter Landsleuten da ist immer so eine kleine Blutsverwandschaft, +drum sag ich immer, wenn doch der Herr von Berg zu uns einlogiren +thäte. Ich weiß, daß Sie viel Gewalt über ihn haben: da <span +class="pagenum">49</span> könnte doch noch was ordentliches aus ihm +werden, aber sonst wahrhaftig – (geht ab)</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Siehst Du, ist das nicht +ein gut fidel Weib. Ich seh’ ihr all etwas durch die Finger, aber +potz, wenn ich auch einmal ernsthaft werde, kusch ist sie wie die +Wand – Willst Du nicht eine Tasse mit trinken? (gießt ihm +ein) Siehst Du, ich bin hier wohl bedient; ich zahle was rechts, das +ist wahr, aber dafür hab’ auch ich was ...</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (trinkt.) Der Kaffee schmeckt +nach Gerste.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Was sagst Du? – +(schmeckt gleichfalls) Ja wahrhaftig, mit dem Zwieback hab’ ichs nicht +so – (sieht in die Kanne) Nun so hol Dich! (wirft das +Kaffeezeug zum Fenster hinaus) Gerstenkaffee und fünfhundert Gulden +jährlich! – </p> + +<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span> (stürzt herein) Wie? Was +zum Teufel, was ist das? Herr, ist Er rasend oder plagt Ihn gar der +Teufel? – </p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Still Mutter!</p> + +<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span> (mit gräßlichem +Geschrey) Aber wo ist mein Kaffeezeug? Ey! zum Henker! <span +class="pagenum">50</span> aus dem Fenster – Ich kratz’ Ihm +die Augen aus dem Kopf heraus.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Es war eine Spinne darin und +ich warf’s in der Angst – Was kann ich dafür, daß das +Fenster offen stand?</p> + +<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span> Daß Du verreckt wärst an +der Spinne, wenn ich Dich mit Haut und Haar verkaufe, so kannst Du mir +mein Kaffeezeug nicht bezahlen, nichtswürdiger Hund! Nichts als Schaden +und Unglück kann Er machen. Ich will Dich verklagen; ich will Dich in +Karcer werfen lassen. (läuft heraus)</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (lachend) Was ist zu machen, +Bruder! man muß sie schon ausrasen lassen.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Aber für Dein Geld?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ey was! – Wenn ich +bis Weyhnachten warten muß, wer wird mir sogleich bis dahin kreditiren? +Und denn ists ja nur ein Weib und ein närrisch Weib dazu, dem’s nicht +immer so von Herzen geht- wenn mirs der Mann gesagt hätte, das wär was +anders, dem schlüg’ ich das Leder voll – Siehst Du wohl!</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Hast Du Feder und Tinte?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span><span class="pagenum">51</span> +Dort auf dem Fenster – </p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich weiß nicht, das Herz ist +mir so schwer – Ich habe nie was auf Ahndungen gehalten.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ja mir auch – Die +Döbblinsche Gesellschaft ist angekommen. Ich möchte gern in die Komödie +gehn und habe keinen Rock anzuziehen. Der Schurke mein Wirth leyht mir +keinen und ich bin eine so große dicke Bestie, daß mir keiner von all +Euren Röcken passen würde.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich muß gleich nach Hause +schreiben. (setzt sich an ein Fenster nieder und schreibt)</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (setzt sich einem Wolfspelz +gegenüber, der an der Wand hängt) Hm! nichts als den Pelz gerettet, +von allen meinen Kleidern, die ich habe, und die ich mir noch wollte +machen lassen. Grade den Pelz, den ich im Sommer nicht tragen kann, und +den mir nicht einmal der Jude zum Versatz annimmt, weil sich der Wurm +leicht hineinsetzt. Hanke, Hanke! das ist doch unverantwortlich, daß Du +mir keinen Rock auf Pump machen willst. (steht auf und geht herum) Was +hab’ ich Dir gethan, Hanke, daß Du just mir keinen Rock machen <span +class="pagenum">52</span> willst? Just mir, der ich ihn am nöthigsten +brauche, weil ich jetzo keinen habe, just mir! – Der Teufel +muß Dich besitzen, er macht Hunz und Kunz auf Kredit und just mir +nicht! (faßt sich an den Kopf und stampft mit dem Fuß) Just mir nicht, +just mir nicht! – </p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> (der sich mittlerweile +hineingeschlichen und ihm zugehört, faßt ihn an: er kehrt sich um +und bleibt stumm vor Bollwerk stehen) Ha ha ha ... Nun du armer +Pätus – ha ha ha! Nicht wahr, es ist doch ein gottloser +Hanke, daß er just Dir nicht – Aber, wo ist das rothe +Kleid mit Gold, das Du bey ihm bestellt hast, und das blauseidne mit +der silberstücknen Weste, und das rothsammetne mit schwarz Sammet +gefüttert, das wär vortreflich bey dieser Jahrszeit. Sage mir! +antworte mir! Der verfluchte Hanke! Wollen wir gehn und ihm die Haut +vollschlagen? Wo bleibt er so lang mit Deiner Arbeit? Wollen wir?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (wirft sich auf einen Stuhl) +Laß mich zufrieden.</p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Aber hör Pätus, Pätus, +Pä Pä Pä Pätus (setzt sich zu ihm) Döbblin ist angekommen. <span +class="pagenum">53</span> Hör Pä Pä Pä Pä Pätus, wie wollen wir das +machen? Ich denke, Du ziehst Deinen Wolfspelz an und gehst heut Abend +in die Komödie. Was schadt’s, Du bist doch fremd hier – und +die ganze Welt weiß, daß Du vier Paar Kleider bey Hanke bestellt hast. +Ob er sie Dir machen wird, ist gleich viel! – Der verfluchte +Kerl! Wollen ihm die Fenster einschlagen, wenn er sie Dir nicht +macht!</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (heftig) Laß mich zufrieden, +sag ich Dir.</p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Aber hör...aber...aber...hör +hör hör’ Pätus; nimm Dich in Acht Pätus! daß Du mir des Nachts nicht +mehr im Schlafrock auf der Gasse läufst. Ich weiß, daß Du bange bist +vor Hunden; es ist eben ausgetrummelt worden, daß zehn wütige Hunde in +der Stadt herumlaufen sollen; sie haben schon einige Kinder gebissen: +zwey sind noch davon kommen, aber vier sind auf der Stelle gestorben. +Das machen die Hundstage? Nicht wahr Pätus? Es ist gut, daß Du jetzt +nicht ausgehen kannst. Nicht wahr? Du gehst itzt mit allem Fleiß nicht +aus? Nicht wahr Pä Pä Pätus?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span><span class="pagenum">54</span> +Laß mich zufrieden ... oder wir verzürnen uns.</p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Du wirst doch kein Kind seyn +– Berg, kommen Sie mit in die Komödie?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (zerstreut) Was? – +Was für Komödie?</p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Es ist eine Gesellschaft +angekommen – Legen Sie die Schmieralien weg. Sie können ja +auf den Abend schreiben. Man giebt heut Minna von Barnhelm.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> O die muß ich +sehen. – (steckt seine Briefe zu sich) Armer Pätus, daß Du +keinen Rock hast. – </p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Ich lieh’ ihm gern einen, +aber es ist hol mich der Teufel mein einziger, den ich auf dem Leibe +habe – (gehn ab)</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (allein) Geht zum Teufel mit +Eurem Mitleiden! Das ärgert mich mehr als wenn man mir ins Gesicht +schlüge – Ey was mach ich mir draus. (zieht seinen +Schlafrock aus) Laß die Leute mich für wahnwitzig halten! Minna +von Barnhelm muß ich sehen und wenn ich nackend hingehen sollte! +(zieht den Wolfspelz an) Hanke, Hanke! es soll Dir zu Hause <span +class="pagenum">55</span> kommen! (stampft mit dem Fuß) Es soll dir zu +Hause kommen! (geht)</p> + +<h3>Vierte Scene.</h3> + +<p class="personen">Frau Hamster. Jungfer Hamster. Jungfer Knicks.</p> + +<p><span class="sprecher">Jungfer Knicks.</span> Ich kanns Ihnen vor +Lachen nicht erzehlen, Frau Räthin, ich muß krank vor Lachen werden. +Stellen Sie Sich vor: wir gehen mit Jungfer Hamster im Gäßchen hier +nah bey, so läuft uns ein Mensch im Wolfspelz vorbey, als ob er durch +Spießruthen gejagt würde; drey große Hunde hinter ihm drein. Jungfer +Hamster bekam einen Schubb, daß sie mit dem Kopf an die Mauer schlug +und überlaut schreyen muste.</p> + +<p><span class="sprecher">Frau Hamster.</span> Wer war es denn?</p> + +<p><span class="sprecher">Jungfer Knicks.</span> Stellen Sie Sich vor, +als wir ihm nachsahen, war’s Herr Pätus – Er muß rasend +worden seyn.</p> + +<p><span class="sprecher">Frau Hamster.</span> Mit einem Wolfspelz in +dieser Hitze!</p> + +<p><span class="sprecher">Jungfer Hamster.</span> (hält sich +den Kopf) Ich glaube noch immer, er ist aus dem hitzigen <span +class="pagenum">56</span> Fieber aufgesprungen. Er ließ uns heut Morgen +sagen, er sey krank.</p> + +<p><span class="sprecher">Jungfer Knicks.</span> Und die drey Hunde +hinter ihm drein, das war das lustigste. Ich hatte mir vorgenommen +heut in die Komödie zu gehen, aber nun mag ich nicht, ich würde doch +da nicht soviel zu lachen kriegen. Das vergeß ich mein Lebtage nicht. +Seine Haare flogen ihm nach wie der Schweif an einem Kometen, und je +eyfriger er lief, desto eyfriger schlugen die Hunde an und er hatte das +Herz nicht, sich einmal umzusehen... Das war unvergleichlich!</p> + +<p><span class="sprecher">Frau Hamster.</span> Schrie er nicht? Er wird +gemeynt haben, die Hunde seyn wütig.</p> + +<p><span class="sprecher">Jungfer Knicks.</span> Ich glaub, er hatte +keine Zeit zum Schreyen, aber roth war er wie ein Krebs und hielt das +Maul offen, wie die Hunde hinter ihm drein – O das war nicht +mit Geld zu bezahlen! ich gäbe nicht meine Schnur ächter Perlen darum, +daß ich das nicht gesehen.</p> + +<h3>Fünfte Scene.</h3> + +<p class="szene"><span class="pagenum">57</span>In +Heidelbrunn.<br>Augustchens Zimmer.</p> + +<p class="personen">Gustchen. <span class="normal">(liegt auf dem +Bette)</span> Läuffer. <span class="normal">(sitzt am Bette)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Stell Dir vor Gustchen, +der geheime Rath will nicht. Du siehst, daß Dein Vater mir das Leben +immer saurer macht: nun will er mir gar aufs folgende Jahr nur vierzig +Dukaten geben. Wie kann ich das aushalten? Ich muß quittiren.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Grausamer, und was werd ich +denn anfangen? (nachdem beyde eine zeitlang sich schweigend angesehen) +Du siehst: ich bin schwach, und krank; hier in der Einsamkeit unter +einer barbarischen Mutter – Niemand fragt nach mir, niemand +bekümmert sich um mich: meine ganze Familie kann mich nicht mehr +leiden; mein Vater selber nicht mehr: ich weiß nicht warum.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Mach, daß Du zu meinem Vater +in die Lehre kommst; nach Insterburg.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Da kriegen wir uns nie zu +sehen. <span class="pagenum">58</span> Mein Onkel leidt es nimmer, daß +mein Vater mich zu Deinem Vater ins Haus giebt.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Mit dem verfluchten +Adelstolz!</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (nimmt seine Hand) Wenn Du +auch böse wirst, Herrmannchen! (küßt sie) O od! Tod! warum erbarmst Du +Dich nicht!</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Rathe mir selber – +Dein Bruder ist der ungezogenste Junge den ich kenne: neulich hat +er mir eine Ohrfeige gegeben und ich durft ihm nichts dafür thun, +durft nicht einmal drüber klagen. Dein Vater hätt ihm gleich Arm und +Bein gebrochen und die gnädige Mama alle Schuld zuletzt auf mich +geschoben.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Aber um +meinetwillen – Ich dachte, Du liebtest mich.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (stützt sich mit der andern +Hand auf ihrem Bett, indem sie fortfährt seine eine Hand von Zeit zu +Zeit an die Lippen zu bringen.) Laß mich denken...(bleibt nachsinnend +sitzen)</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (in der beschriebenen +Pantomime) O Romeo! Wenn dies Deine Hand wäre. – Aber so +verlässest Du mich, unedler Romeo! Siehst nicht, daß Deine Julie für +Dich stirbt – <span class="pagenum">59</span> von der +ganzen Welt, von ihrer ganzen Familie gehaßt, verachtet, ausgespyen. +(drückt seine Hand an ihre Augen) O unmenschlicher Romeo!</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (sieht auf) Was schwärmst Du +wieder?</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Es ist ein Monolog aus einem +Trauerspiel, den ich gern recitire, wenn ich Sorgen habe. (Läuffer +fällt wieder in Gedanken, nach einer Pause fängt sie wieder an) +Vielleicht bist Du nicht ganz strafbar. Deines Vaters Verbot, Briefe +mit mir zu wechseln, aber die Liebe setzt über Meere und Ströme, über +Verbot und Todesgefahr selbst – Du hast mich vergessen... +Vielleicht besorgtest Du für mich – ja, – ja, +Dein zärtliches Herz sah, was mir drohte, für schröcklicher an, als das +was ich leide. (küßt Läuffers Hand inbrünstig) O göttlicher Romeo!</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (küßt ihre Hand lange +wieder und sieht sie eine Weile stumm an) Es könnte mir gehen wie +Abälard – </p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (richtet sich auf) Du irrst +Dich – Meine Krankheit liegt im Gemüth – Niemand +<span class="pagenum">60</span> wird Dich muthmaßen – +(fällt wieder hin) Hast Du die neue Heloise gelesen?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich höre was auf dem Gang +nach der Schulstube.– </p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Meines Vaters – +Um Gotteswillen! – Du bist drey Viertelstund zu lang +hiergeblieben. (Läuffer läuft fort)</p> + +<h3>Sechste Scene.</h3> + +<p class="personen">Die Majorin. Graf Wermuth.</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Aber gnädige Frau! kriegt man +denn Fräulein Gustchen gar nicht mehr zu sehen? Wie befindt sie sich +auf die vorgestrige Jagd?</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Zu Ihrem Befehl; sie hat +die Nacht Zahnschmerzen gehabt, darum darf sie sich heut nicht sehen +lassen. Was macht Ihr Magen, Graf! auf die Austern?</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> O das bin ich gewohnt. Ich habe +neulich mit meinem Bruder ganz allein auf unsre Hand sechshundert Stück +aufgegessen und zwanzig Bouteillen Champagner dabey ausgetrunken.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span><span +class="pagenum">61</span> Rheinwein wollten Sie sagen.</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Champagner – Es war +eine Idee, und ist uns beyden recht gut bekommen. Denselben Abend war +Ball in Königsberg, mein Bruder hat bis an den andern Mittag getanzt +und ich Geld verloren.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Wollen wir ein Piquet +machen?</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Wenn Fräulein Gustchen käme, +macht’ ich ein Paar Touren im Garten mit ihr. Ihnen, gnädige Frau, darf +ichs nicht zumuthen; mit Ihrer Fontenelle am Fuß.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Ich weiß auch nicht, wo der +Major immer steckt. Er ist in seinem Leben so rasend nicht auf die +Oekonomie gewesen; den ganzen ausgeschlagenen Tag auf dem Felde und +wenn er nach Hause kommt, sitzt er stumm wie ein Stock. Glauben Sie, +daß ich anfange mir Gedanken drüber zu machen.</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Er scheint melancholisch.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Weiß es der +Himmel – Neulich hatt’ er wieder einmal den Einfall bey +mir zu schlafen, und da ist er mitten in der Nacht aus dem Bett’ +aufgesprungen und hat sich – He he, ich soll es Ihnen nicht +erzehlen, aber <span class="pagenum">62</span> Sie kennen ja die +lächerliche Seite von meinem Mann schon.</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Und hat sich ...</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Auf die Knie niedergeworfen +und an die Brust geschlagen und geschluchzt und geheult, daß mir zu +grauen anfieng. Ich hab ihn aber nicht fragen mögen, was gehen mich +seine Narrheiten an? Mag er Pietist oder Quacker werden. Meinethalben! +Er wird dadurch weder häßlicher noch liebenswürdiger in meinen Augen +werden, als er ist. (sieht den Grafen schalkhaft an)</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> (faßt sie ans Kinn) Boßhafte +Frau! – Aber wo ist Gustchen? Ich möchte gar zu gern mit ihr +spatzieren gehn.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Still da kommt ja der Major +... Sie können mit ihm gehen, Graf.</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Denk doch – Ich will +nun aber mit Ihrer Tochter gehn.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Sie wird noch nicht angezogen +seyn: es ist was unausstehliches, wie faul das Mädchen ist – +</p> + +<p class="center">(Major von Berg kommt im Nachtwämmschen, einen +Strohhut auf.)</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span><span +class="pagenum">63</span> Nun wie stehts, Mann? Wo treiben Sie Sich +denn wieder herum? Man kriegt Sie ja den ganzen Tag nicht zu sehen. +Sehn Sie ihn nur an Herr Graf; sieht er doch wie der Heavtontimorumenos +in meiner großen Madame Dacier abgemahlt – Ich glaube, Du +hast gepflügt, Herr Major? Wir sind itzt in den Hundstagen.</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> In der That, Herr Major, Sie +haben noch nie so übel ausgesehen, blaß, hager, Sie müssen etwas haben, +das Ihnen auf dem Gemüth liegt, was bedeuten die Thränen in Ihren +Augen, sobald man Sie aufmerksam ansieht? Ich kenne Sie doch zehn Jahr +schon und habe Sie nie so gesehen, selbst da nicht, als Ihr Bruder +starb.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Geitz, nichts als der leidige +Geitz, er meynt, wir werden verhungern, wenn er nicht täglich wie ein +Maulwurf auf dem Felde wühlt. Bald gräbt er, bald pflügt er, bald eggt +er. Du willst doch nicht Bauer werden? Du mußt mir vorher einen andern +Mann geben, der die Aufsicht über Dich führt.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Ich muß wohl schaffen und +scharren, meiner Tochter einen Platz im Hospital auszumachen.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span><span +class="pagenum">64</span> Was sind das nun wieder für +Phantasien! – Ich muß wahrhaftig den Doktor Würz noch aus +Königsberg holen lassen.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Du siehst nimmer nichts, +vornehme Frau! daß Dein Kind von Tag zu Tag abfällt, daß sie +Schönheit, Gesundheit und den ganzen Plunder verliert und dahergeht, +als ob sie, hol mich der Teufel – Gott verzeyh mir meine +schwere Sünde, – als ob der arme Lazarus sie gemacht +hätte – Es frißt mir die Leber ab – </p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Hören Sie ihn nur! Wie er +mich anfährt! Bin ich schuld daran? Bist du denn wahnwitzig?</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Ja freylich bist Du schuld +daran, oder was ist sonst schuld daran? Ich kann’s, zerschlag mich der +Donner! nicht begreifen. Ich dacht immer, ihr eine der ersten Parthien +im Reich auszumachen; denn sie hat auf der ganzen Welt an Schönheit +nicht ihres gleichen gehabt und nun sieht sie aus wie eine Kühmagd +– Ja freilich bist Du schuld daran mit Deiner Strenge und Deinen +Grausamkeiten und Deinem Neid, das hat sie sich zu Gemüth gezogen +und das ist ihr nun zum Gesicht <span class="pagenum">65</span> +herausgeschlagen, aber das ist Deine Freude, gnädige Frau, denn Du bist +lang schalu über sie gewesen. Das kannst Du doch nicht leugnen? Solltst +Dich in Dein Herz schämen, wahrhaftig! (geht ab)</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Aber ... aber was sagen Sie +dazu, Herr Graf! Haben Sie in Ihrem Leben eine ärgere Kollektion von +Sottisen gesehen?</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Kommen Sie; wir wollen Piquet +spielen, bis Fräulein Gustchen angezogen ist..</p> + +<h3>Siebente Scene.</h3> + +<p class="szene">In Halle.</p> + +<p class="personen">Fritz von Berg. <span class="normal">(im +Gefängniß)</span> Bollwerk. von Seiffenblase und sein Hofmeister. <span +class="normal">(stehn um ihn)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Wenn ich doch den Jungen +hier hätte, daß Fell zög’ ich ihm über die Ohren. Es ist mit alledem +doch infam gehandelt, einen ehrlichen Jungen, wie Berg, ins Karcer +zu bringen; da sich keiner sein hat annehmen wollen. Denn das ist +ja wahr, kein einziger Landsmann hat den Fuß vor die Thür <span +class="pagenum">66</span> seinethalben gesetzt. Wenn Berg nicht gut für +ihn gesagt hätte, wär’ er im Gefängniß verfault. Und in vierzehn Tagen +soll das Geld hier seyn und wo er den Berg in Verlegenheit läßt, soll +man ihn für einen ausgemachten Schurken halten. O du verdammter Pä Pä +Pä Pä Pätus! Wart Du verhenkerter Pätus, wart einmal! – </p> + +<p><span class="sprecher">Hofmeister.</span> Ich kann Ihnen nicht genug +beschreiben, lieber Herr von Berg, wie leyd es mir besonders um Ihres +Herrn Vaters und der Familie willen thut, Sie in einem solchen Zustande +zu sehen und noch dazu ohne Ihre Schuld, aus blosser jugendlicher +Unbesonnenheit. Es hat schon einer von den sieben Weisen Griechenlandes +gesagt, für Bürgschaften sollst du dich in Acht nehmen und in der That +es ist nichts unverschämter, als daß ein junger Durchbringer, der sich +durch seine lüderliche Wirthschaft ins Elend gestürzt hat, auch andere +mit hineinziehen will, denn vermuthlich hat er das gleich anfangs im +Sinne gehabt, als er auf der Akademie Ihre Freundschaft suchte.</p> + +<p><span class="sprecher">Herr von Seiffenblase.</span> Jaja, lieber +Bruder <span class="pagenum">67</span> Berg! nimm mir nicht übel, +da hast Du einen großen Bock gemacht. Du bist selbst schuld daran; +dem Kerl hättst Du’s doch gleich ansehen können, daß er Dich betrügen +würde. Er ist bey mir auch gewesen und hat mich angesprochen: er wär’ +aufs äusserste getrieben, seine Kreditores wollten ihn wegstecken +lassen, wo ihn nicht Sonn noch Mond beschiene. Laß sie dich, dachte +ich, es schadt dir nichts. Das ist dafür, daß Du uns sonst kaum +über die Achsel ansahst, aber wenn ihr in Noth seyd, da sind die +Adelichen zu Kaventen gut genug. Er erzehlte mir Langes und Breites; +er hätte seine Pistolen schon geladen, im Fall die Kreditores ihn +angriffen – Und nun läßt der lüderliche Hund Dich an seiner +Stelle prostituiren. Das ist wahr, wenn mir das geschehen wäre: ich +könnte so ruhig nicht dabey seyn: zwischen vier Mauren der Herr von +Berg und das um eines lüderlichen Studenten willen.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Er war mein +Schulkamerad – Laßt ihn zufrieden. Wenn ich mich nicht über +ihn beklage, was geht’s Euch an? Ich kenn’ ihn länger als Ihr; ich +weiß, daß er mich nicht mit seinem guten Willen hier sitzen läßt.</p> + +<p><span class="sprecher">Hofmeister.</span><span +class="pagenum">68</span> Aber, Herr von Berg, wir müssen in der Welt +mit Vernunft handeln. Sein Schade ist es gewiß nicht, daß Sie hier +für ihn sitzen und seinethalben können Sie noch ein Sekulum so sitzen +bleiben – </p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich hab’ ihn von Jugend auf +gekannt: wir haben uns noch niemals was abgeschlagen. Er hat mich wie +seinen Bruder geliebt, ich ihn wie meinen. Als er nach Halle reißte, +weint’ er zum erstenmal in seinem Leben, weil er nicht mit mir reisen +konnte. Ein ganzes Jahr früher hätt’ er schon auf die Akademie gehn +können, aber um mit mir zusammen zu reisen, stellt’ er sich gegen +die Präceptores dummer als er war, und doch wollt es das Schicksal +und unsre Väter so, daß wir nicht zusammen reißten und das war sein +Unglück. Er hat nie gewußt mit Geld umzugehen und gab jedem was er +verlangte. Hätt’ ihm ein Bettler das letzte Hemd vom Leibe gezogen und +dabey gesagt: mit Ihrer Erlaubnis, lieber Herr Pätus, er hätt’s ihm +gelassen. Seine Kreditores giengen mit ihm um wie Strasenräuber und +sein Vater verdiente nie, einen verlornen Sohn zu haben, der bey all +seinem Elend ein so gutes Herz nach Hause brachte.</p> + +<p><span class="sprecher">Hofmeister.</span><span +class="pagenum">69</span> O verzeyhn Sie mir, Sie sind jung und sehen +alles noch aus dem vortheilhaftesten Gesichtspunkt an: man muß erst +eine Weile unter den Menschen gelebt haben um Charaktere beurtheilen +zu können. Der Herr Pätus, oder wie er da heißt, hat sich Ihnen bisher +immer nur unter der Maske gezeigt; jetzt kommt sein wahres Gesicht erst +ans Tageslicht: er muß einer der feinsten und abgefeimtesten Betrüger +gewesen seyn, denn die treuherzigen Spitzbuben...</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (in Reisekleidern fällt Berg um +den Hals) Bruder Berg – </p> + +<p><span class="sprecher">Fritz v. Berg.</span> Bruder +Pätus – –</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Nein – +laß – zu Deinen Füßen muß ich liegen – Dich +hier – um meinetwillen. (rauft sich das Haar mit beyden +Händen und stampft mit den Füßen) O Schicksal! Schicksal! Schicksal!</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Nun wie ists? Hast Du +Geld mitgebracht? Ist Dein Vater versöhnt? Was bedeutet Dein +Zurückkommen?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Nichts, nichts – Er +hat mich nicht vor sich gelassen – Hundert Meilen <span +class="pagenum">70</span> umsonst gereißt! – Ihr Diener, Ihr +Herren. Bollwerk wein’ nicht, Du erniedrigst mich zu tief, wenn Du gut +für mich denkst – O Himmel, Himmel!</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> So bist Du der ärgste Narr, +der auf dem Erdboden wandelt. Warum kommst Du zurück? Bist Du +wahnwitzig? Haben alle Deine Sinne Dich verlassen? Willst Du, daß die +Kreditores Dich gewahr werden – Fort! Bollwerk, führ ihn +fort; sieh daß Du ihn sicher aus der Stadt bringst – Ich +höre den Pedell – Pätus, ewig mein Feind, wo Du nicht im +Augenblick – </p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (wirft sich ihm zu Füßen)</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich möchte rasend +werden. – </p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> So sey doch nun kein Narr, +da Berg so großmüthig ist und für Dich sitzen bleiben will; sein Vater +wird ihn schon auslösen: aber wenn Du einmal sitzest, so ist keine +Hofnung mehr für Dich; Du must im Gefängniß verfaulen.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Gebt mir einen Degen her ...</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Fort! – </p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Fort! – </p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span><span class="pagenum">71</span> +Ihr thut mir eine Barmherzigkeit, wenn ihr mir einen Degen – +</p> + +<p><span class="sprecher">Seiffenblase.</span> Da haben Sie +meinen...</p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> (greift ihn in den Arm) +Herr – Schurke! Lassen Sie – Stecken Sie nicht ein! Sie +sollen nicht umsonst gezogen haben. Erst will ich meinen Freund in +Sicherheit und dann erwarten Sie mich hier – Draußen, wohl +zu verstehen; also vor der Hand zur Thür hinaus! (wirft ihn zur Thür +hinaus)</p> + +<p><span class="sprecher">Hofmeister.</span> Mein Herr +Bollwerk – </p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Kein Wort, Sie – +gehen Sie Ihrem Jungen nach und lehren Sie ihn, kein schlechter Kerl +seyn – Sie können mich haben wo und wie Sie wollen. (der +Hofmeister geht ab)</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Bollwerk! ich will Dein +Sekundant seyn.</p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Narr auch! Du thust +als – Willst Du mir den Handschuh vielleicht halten, +wenn ich vorher eins übern Daumen pisse? – Was brauchts +da Sekundanten. Komm nur fort und sekundire Dich zur Stadt hinaus, +Hasenfuß.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span><span class="pagenum">72</span> +Aber ihrer sind zwey.</p> + +<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Ich wünschte, daß ihrer zehn +wären und keine Seiffenblasen drunter – So komm doch, und +mach Dich nicht selbst unglücklich, närrischer Kerl.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Berg! – (Bollwerk +reißt ihn mit sich fort)</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<!-- D R I T T E R A K T --> +<div class="chapter"> + <h2 id="Dritter_Akt">Dritter Akt.</h2> +</div> + +<h3>Erste Scene.</h3> + +<p class="szene">In Heidelbrunn.</p> + +<p class="personen">Der Major. <span class="normal">(im +Nachtwämmschen)</span> Der geheime Rath.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Bruder, ich bin der alte nicht +mehr. Mein Herz sieht zehnmal toller aus als mein Gesicht – +Es ist sehr gut, daß Du mich besuchst; wer weiß, ob wir uns so lang +mehr sehen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Du bist immer +ausschweifend, in allen Stücken – Dir ein Nichts +so zu Herzen gehen zu lassen! – Wenn Deiner <span +class="pagenum">73</span> Tochter die Schönheit abgeht, so bleibt sie +doch immer noch das gute Mädchen, das sie war; so kann sie hundert +andre liebenswürdige Eigenschaften besitzen.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Ihre Schönheit – +Hol mich der Teufel, es ist nicht das allein, was ihr abgeht; ich weiß +nicht, ich werde noch den Verstand verlieren, wenn ich das Mädchen +lang unter Augen behalte. Ihre Gesundheit ist hin, ihre Munterkeit, +ihre Lieblichkeit, weiß der Teufel, wie man das Dings all nennen soll; +aber obschon ichs nicht nennen kann, so kann ichs doch sehen, so kann +ichs doch fühlen und begreifen, und Du weist, daß ich aus dem Mädchen +meinen Abgott gemacht habe. Und daß ich sie so sehn muß unter meinen +Händen hinsterben, verwesen. – (weint) Bruder geheimer Rath, +Du hast keine Tochter; Du weißt nicht, wie einem Vater zu Muth seyn +muß, der eine Tochter hat. Ich hab dreyzehn Bataillen beygewohnt und +achtzehn Blessuren bekommen, und hab den Tod vor Augen gesehen und +bin – O laß mich zufrieden; pack Dich zu meinem Haus hinaus; +laß die ganze Welt sich fortpacken. Ich will es anstecken <span +class="pagenum">74</span> und die Schaufel in die Hand nehmen und Bauer +werden.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Und Frau und +Kinder – </p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Du beliebst zu scherzen: ich +weiß von keiner Frau und Kindern, ich bin Major Berg gottseligen +Andenkens und will den Pflug in die Hand nehmen und will Vater Berg +werden, und wer mir zu nahe kommt, dem geb ich mit meiner Hack’ über +die Ohren.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> So +schwermerisch-schwermüthig hab ich ihn doch nie gesehen.</p> + +<p class="center">(Die Majorin stützt herein.)</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Zu Hülfe Mann – +Wir sind verloren – Unsere Familie! unsere Familie!</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Gott behüt Frau Schwester! +Was stehen Sie an: Wollen Sie Ihren Mann rasend machen?</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Er soll rasend +werden – Unsere Familie – Infamie! – O +ich kann nicht mehr – (fällt auf einen Stuhl)</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> (geht auf sie zu) Willst Du mit +der Sprach’ heraus? – Oder ich dreh Dir den Hals um.</p> + +<p><span class="sprecher">Majorin.</span><span +class="pagenum">75</span> Deine Dochter – Der +Hofmeister. – Lauf! (fällt in Ohnmacht)</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Hat er sie zur Hure gemacht? +(schüttelt sie) Was fällst Du da hin; jetzt ists nicht Zeit zum +hinfallen. Heraus mit, oder das Wetter soll Dich zerschlagen. Zur Hure +gemacht? Ists das? – Nun so werd’ denn die ganze Welt zur +Hure und Du Berg nimm die Mistgabel in die Hand – (will +gehen)</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (hält ihn zurück) Bruder, +wenn Du Dein Leben lieb hast, so bleib hier – Ich will alles +untersuchen – Deine Wut macht Dich unmündig. (geht ab und +schließt die Thür zu)</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> (arbeitet vergebens sie +aufzumachen) Ich werd Dich beunmündig – (zu seiner Frau) +Komm, komm, Hure, Du auch! sieh zu. (reißt die Thür auf) Ich will ein +Exempel statuiren – Gott hat mich bis hieher erhalten, damit +ich an Weib und Kindern Exempel statuiren kann – Verbrannt, +verbrannt, verbrannt! (schleppt seine Frau ohnmächtig vom Theater)</p> + +<h3>Zweyte Scene.</h3> + +<p class="szene"><span class="pagenum">76</span>Eine Schule im +Dorf<br>Es ist finstrer Abend.</p> + +<p class="personen">Wenzeslaus. Läuffer.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> (sitzt an einem Tisch, die +Brill auf der Nase und lineirt) Wer da? Was giebts?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Schutz! Schutz! werther Herr +Schulmeister! Man steht mir nach dem Leben.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Wer ist Er denn?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich bin Hofmeister im +benachbarten Schloß. Der Major Berg ist mit all seinen Bedienten hinter +mir und wollen mich erschießen.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Behüte – Setz’ +Er Sich hier nieder zu mir – Hier hat Er meine Hand: Er soll +sicher bey mir seyn – Und nun erzehl Er mir, derweil ich +diese Vorschrift hier schreibe.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Lassen Sie mich erst zu mir +selber kommen.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Gut, verschnauf’ +Er Sich und hernach will ich Ihm ein Glas Wein geben <span +class="pagenum">77</span> lassen und wollen eins zusammen trinken. +Unterdessen, sag er mich doch – Hofmeister – +(legt das Lineal weg, nimmt die Brille ab und sieht ihn eine Weile an) +Nun ja, nach dem Rock zu urtheilen. – Nun nun, ich glaubs +Ihm, daß Er der Hofmeister ist. Er sieht ja so roth und weiß drein. +Nun sag Er mir aber doch, mein lieber Freund, (setzt die Brille wieder +auf) wie ist Er denn zu dem Unstern gekommen, daß Sein Herr Patron +so entrüstet auf Ihn ist? Ich kann mirs doch nimmermehr einbilden, +daß ein Mann, wie der Herr Major von Berg – Ich kenne ihn +wohl; ich habe genug von ihm reden hören; er soll freilich von einem +hastigen Temperament seyn; viel Cholera, viel Cholera – +Sehen Sie, da muß ich meinen Buben selber die Linien ziehen, denn +nichts lernen die Bursche so schwer als das Gradeschreiben, das +Gleichschreiben – Nicht zierlich geschrieben; nicht +geschwind geschrieben; sag’ ich immer, aber nur grad geschrieben, +denn das hat seinen Einfluß in alles, auf die Sitten, auf die +Wissenschaften, in alles, lieber Herr Hofmeister. Ein Mensch, der +nicht grad schreiben kann, sag’ ich immer, der kann auch nicht grad +handeln – Wo waren wir?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span><span +class="pagenum">78</span> Dürft’ ich mir ein Glas Wasser ausbitten?</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Wasser? – Sie +sollen haben. Aber – ja wovon redten wir? Vom Gradschreiben; +nein vom Major – he he he – Aber wissen Sie auch +Herr – Wie ist Ihr Name?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Mein – Ich +heiße – Mandel.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Herr Mandel – +Und darauf mußten Sie Sich noch besinnen? Nun ja, man hat bisweilen +Abwesenheiten des Geistes; besonders die jungen Herren weiß und +roth – Sie heißen unrecht Mandel; Sie sollten Mandelblüthe +heißen, denn Sie sind ja weiß und roth wie Mandelblüthe – +Nun ja freilich, der Hofmeisterstand ist einer von denen, unus ex +his, die alleweile mit Rosen und Lilien überstreut sind, und wo einen +die Dornen des Lebens nur gar selten stechen. Denn was hat man zu +thun? Man ißt, trinkt, schläft, hat für nichts zu sorgen; sein gut +Glas Wein gewiß, seinen Braten täglich, alle Morgen seinen Kaffee, +Thee, Schokolade, oder was man trinkt und das geht denn immer so +fort – Nun ja, ich wollt Ihnen sagen: wissen Sie <span +class="pagenum">79</span> auch, Herr Mandel, daß ein Glas Wasser der +Gesundheit eben so schädlich auf eine heftige Gemüthsbewegung als auf +eine heftige Leibesbewegung; aber freylich, was fragt Ihr jungen Herren +Hofmeister nach der Gesundheit – Denn sagt mir doch, (legt +Brille und Lineal weg und steht auf) wo in aller Welt kann das der +Gesundheit gut thun, wenn alle Nerven und Adern gespannt sind und das +Blut ist in der heftigsten Cirkulation und die Lebensgeister sind alle +in einer – Hitze, in einer – </p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Um Gotteswillen der Graf +Wermuth – (springt in eine Kammer)</p> + +<p class="center">(Graf Wermuth mit ein Paar Bedienten, die Pistolen +tragen)</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Ist hier ein gewisser +Läuffer – Ein Student im blauen Rock mit Tressen?</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Herr, in unserm Dorf ists +die Mode, daß man den Hut abzieht, wenn man in die Stube tritt und mit +dem Herrn vom Hause spricht.</p> + +<p><span class="sprecher">Graf.</span> Die Sache pressirt – +Sagt mir, ist er hier oder nicht?</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Und was soll er +denn verbrochen haben, daß Ihr ihn so mit gewafneter <span +class="pagenum">80</span> Hand sucht?(Graf will in die Kammer, er +stellt sich vor die Thür) Halt Herr! Die Kammer ist mein, und wo Ihr +nicht augenblicklich Euch aus meinem Hause packt, so zieh ich nur an +meiner Schelle und ein halb Dutzend handfester Bauerkerle schlägt Euch +zu morsch Pulver-Granatenstücken. Seyd Ihr Strassenräuber, so muß man +Euch als Strassenräubern begegnen. Und damit Ihr Euch nicht verirrt und +den Weg zum Haus’ hinaus so gut findt als Ihr ihn hinein gefunden habt +– (faßt ihn an die Hand und führt ihn zur Thür hinaus: die Bedienten +folgen ihm)</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (springt aus der Kammer +hervor) Glücklicher Mann! Beneidenswerther Mann!</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> (in der obigen Attitude) +In – Die Lebensgeister sagt’ ich, sind in einer – +Begeisterung, alle Passionen sind gleichsam in einer Empörung, in einem +Aufruhr – Nun wenn Ihr da Wasser trinkt, so gehts, wie wenn +man in eine mächtige Flamme Wasser schüttet. Die starke Bewegung der +Luft und der Krieg zwischen den beyden entgegengesetzten Elementen +macht eine Effervescenz, eine Gährung, eine Unruhe, ein tumultuarisches +Wesen. – </p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span><span +class="pagenum">81</span> Ich bewundere Sie...</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Gottlieb! – +Jetzt können Sie schon allgemach trinken – +Allgemach – und denn werden Sie auf den Abend mit einem +Sallat und Knackwurst vorlieb nehmen – Was war das für ein +ungeschliffener Kerl, der nach Ihnen suchte?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Es ist der Graf Wermuth, der +künftige Schwiegersohn des Majors; er ist eifersüchtig auf mich, weil +das Fräulein ihn nicht leiden kann – </p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Aber was soll denn das +auch? Was will das Mädchen denn auch mit ihm Monsieur Jungfernknecht? +Sich ihr Glück zu verderben, um eines solchen jungen Siegfrieds willen, +der nirgends Haus oder Heerd hat? Das laß Er sich aus dem Kopf und +folg’ Er mir nach in die Küche. Ich seh, mein Bube ist fortgangen, mir +Bratwürste zu holen. Ich will ihm selber Wasser schöpfen, denn Magd +hab’ ich nicht und an eine Frau hab’ ich mich noch nicht unterstanden +zu denken, weil ich weiß, daß ich keine ernähren kann – +geschweige denn eine drauf angesehen, wie Ihr junge Herren Weiß und +Roth – Aber man <span class="pagenum">82</span> sagt wohl +mit Recht, die Welt verändert sich.</p> + +<h3>Dritte Scene.</h3> + +<p class="szene">In Heidelbrunn.</p> + +<p class="personen">Der Geheime Rath. Herr von Seiffenblase, und sein +Hofmeister.</p> + +<p><span class="sprecher">Hofmeister.</span> Wir haben uns in Halle +nur ein Jahr aufgehalten und als wir von Göttingen kamen, nahmen wir +unsere Rückreise über alle berühmte Universitäten in Deutschland. Wir +konnten also in Halle das zweytemal nicht lange verweilen; zudem saß +Ihr Herr Sohn grade zu der Zeit in dem unglücklichen Arrest, wo ich ihn +nur einigemal zu sprechen die Ehre haben konnte: also könnt ich Ihnen +aufrichtig von der Führung Dero Herrn Sohns draussen keine umständliche +Nachricht geben.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Der Himmel verhängt Strafen +über unsre ganze Familie. Mein Bruder – Ich wills Ihnen nur +nicht verheelen, denn leider ist Stadt und Land voll davon – +hat das Unglück gehabt, daß seine Tochter ihm verschwunden ist, +ohne daß eine <span class="pagenum">83</span> Spur von ihr +anzutreffen – Ich höre itzt von meinem Sohn – +Wenn er sich gut geführt hätte, wie wärs möglich gewesen, ihn ins +Gefängniß zu bringen? Ich hab ihm ausser seinem starken Wechsel noch +alle halbe Jahr außerordentliche geschickt; auf allen Fall – +</p> + +<p><span class="sprecher">Hofmeister.</span> Die bösen Gesellschaften; +die erstaunenden Verführungen auf Akademien.</p> + +<p><span class="sprecher">Seiffenblase.</span> Das seltsamste dabey +ist, daß er für einen andern sitzt; ein Ausbund aller Lüderlichkeit, +ein Mensch, für den ich keinen Groschen ausgäbe und er auf meinem +Misthaufen Hungers krepirte. Er ist hier gewesen, Sie werden von ihm +gehört haben; er suchte Geld bey seinem Vater, unter dem Vorwand, +Ihren Herrn Sohn auszulösen; vermuthlich wär’ er damit auf eine andere +Akademie gegangen und hätte von frischem angefangen zu wirthschaften. +Ich weiß schon, wie’s die lüderlichen Studenten machen, aber sein Vater +hat den Braten gerochen und hat ihn nicht vor sich kommen lassen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Doch wohl nicht der junge +Pätus, des Rathsherrn Sohn?</p> + +<p><span class="sprecher">Seiffenblase.</span> Ich glaub’, es ist +derselbe.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span><span +class="pagenum">84</span> Jedermann hat dem Vater die Härte +verdacht.</p> + +<p><span class="sprecher">Hofmeister.</span> Ja was ist da zu +verdenken, mein gnädiger Herr geheimer Rath; wenn ein Sohn die Güte des +Vaters zu sehr misbraucht, so muß sich das Vaterherz wohl ab von ihm +wenden. Der Hohepriester Eli war nicht hart und brach den Hals.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Gegen die Ausschweifungen +seiner Kinder kann man nie zu hart seyn, aber wol gegen ihr Elend. Der +junge Mensch soll hier haben betteln müssen. Und mein Sohn sitzt um +seinetwillen?</p> + +<p><span class="sprecher">Seiffenblase.</span> Was anders? Er war sein +vertrautester Freund und fand niemand würdiger, mit ihm die Komödie von +<b>Damon</b> und <b>Pythias</b> zu spielen. Noch mehr, Herr Pätus kam +zurück und wollte seinen Platz wieder einnehmen, aber Ihr Sohn bestund +drauf, er wollte sitzen bleiben: Sie würden ihn schon auslösen, und +Pätus mit einem andern Erzrenomisten und Spieler wollten die Flucht +nehmen und sich zu helfen suchen, so gut sie könnten. Vielleicht +überfallen sie wieder so irgend einen armen Studenten mit Masken vor +den <span class="pagenum">85</span> Gesichtern auf der Stube und +nehmen ihm die Uhr und Goldbörse, mit der Pistol auf der Brust, weg, +wie sie’s in Halle schon einem gemacht haben.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Und mein Sohn ist der +dritte aus diesem Kleeblatt?</p> + +<p><span class="sprecher">Seiffenblase.</span> Ich weiß nicht, Herr +geheimer Rath.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Kommen Sie zum Essen, meine +Herren! Ich weiß schon zuviel. Es ist ein Gericht Gottes über gewisse +Familien; bey einigen sind gewisse Krankheiten erblich, bey andern +arten die Kinder aus, die Väter mögen thun was sie wollen. Essen Sie: +ich will fasten und bethen, vielleicht hab’ ich diesen Abend durch die +Ausschweifungen meiner Jugend verdient.</p> + +<h3>Vierte Scene.</h3> + +<p class="szene">Die Schule.</p> + +<p class="personen">Wenzeslaus und Läuffer. <span class="normal">(an +einem ungedeckten Tisch speisend)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Schmeckts? Nicht +wahr, es ist ein Abstand von meinem Tisch und des <span +class="pagenum">86</span> Majors? Aber wenn der Schulmeister Wenzeslaus +seine Wurst ißt, so hilft ihm das gute Gewissen verdauen, und wenn der +Herr Mandel Kapaunenbraten mit der Schampignonsauce aß, so stieß ihm +sein Gewissen jeden Bissen, den er hinabschluckte, mit der Moral wieder +in Hals zurück: Du bist ein – Denn sagt mir einmal, lieber +Herr Mandel; nehmt mir nicht übel, daß ich Euch die Wahrheit sage; das +würzt das Gespräch wie Pfeffer den Gurkensallat; sagt mir einmal, ist +das nicht hundsvöttisch, wenn ich davon überzeugt bin, daß ich ein +Ignorant bin, und meine Untergebenen nichts lehren kann, und also müßig +bey ihnen gehe und sie müßig gehen lasse, und dem lieben Gott ihren +Tag stehlen und doch hundert Dukaten – Wars nicht soviel? +Gott verzeyh mir, ich hab in meinem Leben nicht so viel Geld auf einem +Haufen beisammen gesehen! Hundert funfzig Dukaten, sag’ ich, in Sack +stecke, für nichts und wieder nichts!</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> O! und Sie haben noch +nicht alles gesagt, Sie kennen Ihren Vorzug nicht ganz, oder fühlen +ihn, ohn’ ihn zu kennen. Haben Sie nie einen Sklaven im betreßten +<span class="pagenum">87</span> Rock gesehen? O Freyheit, güldene +Freyheit!</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ey was Freyheit! Ich bin +auch so frey nicht; ich bin an meine Schule gebunden, und muß Gott und +meinem Gewissen Rechenschaft von geben.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Eben das – Aber +wie, wenn Sie den Grillen eines wunderlichen Kopfs davon Rechenschaft +ablegen müsten, der mit Ihnen umgienge hundertmal ärger als Sie mit +Ihren Schulknaben?</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ja nun – +dann müst’ er aber auch an Verstand so weit über mich erhaben seyn, +wie ich über meine Schulknaben, und das trift man selten, glaub ich +wol; besonders bey unsern Edelleuten; da mögt Ihr wohl recht haben: +wenigstens der Flegel da, der mir vorhin in meine Kammer wollte, ohne +mich vorher um Erlaubniß zu bitten. Wenn ich zum Herrn Grafen käme und +wollt ihm, mir nichts, dir nichts, die Zimmer visitiren – +Aber potz Millius, so eßt doch; Ihr macht ja ein Gesicht, als ob Ihr zu +Taxieren einnähmt. Nicht wahr, Ihr hättet gern ein Glas Wein dazu? Ich +hab Euch zwar vorhin eins versprochen, <span class="pagenum">88</span> +aber ich habe keinen im Hause. Morgen werd’ ich wieder bekommen, +und da trinken wir Sonntags und Donnerstags, und wenn der Organist +Franz zu uns kommt, extra. Wasser, Wasser, mein Freund, ariston men +to udwr, das hab ich noch von der Schule mitgebracht, und da eine +Pfeife dazu geraucht nach dem Essen im Mondenschein und einen Gang ums +Feld gemacht; da läßt sich drauf schlafen, vergnügter als der große +Mogul – Ihr raucht doch eins mit heut?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich wills versuchen; ich hab’ +in meinem Leben nicht geraucht.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ja freylich, Ihr Herren +Weiß und Roth, das verderbt Euch die Zähne. Nicht wahr? und verderbt +Euch die Farbe; nicht wahr? Ich habe geraucht, als ich kaum von +meiner Mutter Brust entwöhnt war; die Warze mit dem Pfeifenmundstück +verwechselt. He he he! Das ist gut wider die böse Luft und wider die +bösen Begierden ebenfalls. Das ist so meine Diät: des Morgens kalt +Wasser und eine Pfeife, dann Schul gehalten bis Eilfe, dann wieder +eine Pfeife bis die Suppe fertig ist: die kocht mir mein Gottlieb so +gut <span class="pagenum">89</span> als Eure französische Köche, und +da ein Stück Gebratenes und Zugemüse und dann wieder eine Pfeife, +dann wieder Schul gehalten, dann Vorschriften geschrieben bis zum +Abendessen; da eß’ ich denn gemeiniglich kalt etwas, eine Wurst mit +Sallat, ein Stück Käs oder was der liebe Gott gegeben hat und dann +wieder eine Pfeife vor Schlafengehen.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Gott behüte, ich bin in eine +Tabagie gekommen – </p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Und da werd’ ich dick und +fett bey und lebe vergnügt und denke noch ans Sterben nicht.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Es ist aber doch +unverantwortlich, daß die Obrigkeit nicht dafür sorgt, Ihnen das Leben +angenehmer zu machen.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ey was, es ist nun einmal +so; und damit muß man zufrieden seyn: bin ich doch auch mein eignet +Herr und hat kein Mensch mich zu schikanieren, da ich alle Tage weiß, +daß ich mehr thu’ als ich soll. Ich soll meinen Buben lesen und +schreiben lehren; ich lehre sie rechnen dazu und lateinisch dazu und +mit Vernunft lesen dazu und gute Sachen schreiben dazu.</p><p><span +class="sprecher">Läuffer.</span> Und was für Lohn haben Sie dafür?</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span><span +class="pagenum">90</span> Was für Lohn? – Will Er denn das +kleine Stückchen Wurst da nicht aufessen? Er kriegt nichts bessers; +wart’ Er auf nichts bessers, oder Er muß das erstemal Seines Lebens +hungrig zu Bette gehn – Was für Lohn? Das war dumm gefragt, +Herr Mandel. Verzeyh Er mir; was für Lohn? Gottes Lohn hab ich dafür, +ein gutes Gewissen und wenn ich da vielen Lohn von der Obrigkeit +begehren wollte, so hätt’ ich ja meinen Lohn dahin. Will Er denn den +Gurkensallat durchaus verderben lassen? So eß Er doch; so sey Er doch +nicht blöde: bey einer schmalen Mahlzeit muß man zum Kuckuck nicht +blöde seyn. Wart Er, ich will Ihm noch ein Stück Brod abschneiden.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich bin satt überhörig.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Nun so laß Ers stehen; +aber es ist seine eigne Schuld wenn’s nicht wahr ist. Und wenn es +wahr ist, so hat Er unrecht, daß Er Sich überhörig satt ißt, denn +das macht böse Begierden und schläfert den Geist ein. Ihr Herren +Weiß und Roth mögts <span class="pagenum">91</span> glauben oder +nicht. Man sagt zwar auch vom Toback, daß er ein narkotisches, +schläfrigmachendes, dummmachendes Oel habe und ich hab’s bisweilen auch +wol so wahrgefunden und bin versucht worden, Pfeife und allen Henker +ins Kamin zu werfen, aber unsere Nebel hier herum beständig und die +feuchte Winter- und Herbstluft alleweile und denn die vortrefliche +Wirkung, die ich davon verspüre, daß es zugleich die bösen Begierden +mit einschläfert – Holla, wo seyd Ihr denn, lieber Mann? +Eben da ich vom Einschläfern rede, nickt Ihr schon; so gehts, wenn +der Kopf leer ist und faul dabey und niemals ist angestrengt worden. +Allons! frisch, eine Pfeife mit mir geraucht! (stopft sich und ihm) +Laßt uns noch eins mit einander plaudern. (raucht) Ich hab Euch +schon vorhin in der Küche sagen wollen: ich sehe, daß Ihr schwach +in der Latinität seyd, aber da Ihr doch eine gute Hand schreibt, +wie Ihr sagt, so könntet Ihr mir doch so Abends an die Hand gehen, +weil ich meiner Augen muß anfangen zu schonen, und meinen Buben die +Vorschriften schreiben. Ich will Euch dabey <i>Corderii Colloquia</i> +geben und <i>Gürtleri Lexicon</i>; wenn Ihr fleißig seyn wollt. <span +class="pagenum">92</span> Ihr habt ja den ganzen Tag für Euch, so könnt +Ihr Euch in der lateinischen Sprache was umthun, und wer weiß wenn es +Gott gefällt mich heute oder morgen von der Welt zu nehmen – Aber Ihr +müßt fleißig seyn, das sag’ ich Euch, denn so seyd Ihr ja noch kaum zum +Kollaborator tüchtig, geschweige denn – (trinkt)</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (legt die Pfeife weg) Welche +Demüthigung!</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Aber ... aber ... aber +(reißt ihm den Zahnstocher aus dem Munde) was ist denn das da? Habt +Ihr denn noch nicht einmal so viel gelernt, großer Mensch, daß Ihr +für Euren eignen Körper Sorge tragen könnt. Das Zähnestochern ist ein +Selbstmord; ja ein Selbstmord, eine muthwillige Zerstöhrung Jerusalems, +die man mit seinen Zähnen vornimmt. Da, wenn Euch was im Zahn sitzen +bleibt: (nimmt Wasser und schwängt den Mund aus) So müßt Ihrs machen, +wenn Ihr gesunde Zähne behalten wollt, Gott und eurem Nebenmenschen zu +Ehren, und nicht einmal im Alter herumlaufen, wie ein alter Kettenhund, +dem die Zähne in der Jugend ausgebrochen worden, und der die Kinnbacken +<span class="pagenum">93</span> nicht zusammenhalten kann. Das wird +einen schönen Schulmeister abgeben, wills Gott, wenn ihm aufs Alter +die Worte ungebohren zum Munde herausfallen und er zwischen Nase und +Oberlippen da was herausschnarcht, das kein Hund oder Hahn versteht.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Der wird mich noch zu +Tode meistern – Das unerträglichste ist, daß er Recht +hat – </p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Nun wie gehts? Schmeckt +Euch der Toback nicht? Ich wette, nur ein paar Tage noch mit dem alten +Wenzeslaus zusammen, so werdt Ihr rauchen wie ein Bootsknecht. Ich will +Euch nach meiner Hand ziehen, daß Ihr Euch selber nicht mehr wieder +kennen sollt.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<!-- V I E R T E R A K T --> +<div class="chapter"> + <h2 id="Vierter_Akt">Vierter Akt.</h2> +</div> + +<h3>Erste Scene.</h3> + +<p class="szene">Zu Insterburg.</p> + +<p class="personen">Geheimer Rath. Major.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Hier Bruder – Ich +schweife wie Kain herum, unstät und flüchtig – Weißt <span +class="pagenum">94</span> Du was? Die Russen sollen Krieg mit den +Türken haben; ich will nach Königsberg gehn, um nähere Nachrichten +einzuziehen: ich will mein Weib verlassen und in der Türkey sterben.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Deine Ausschweifungen +schlagen mich vollends zu Boden. – O Himmel, muß es denn +von allen Seiten stürmen? – Da liß den Brief vom Professor +Mr.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Ich kann nicht mehr lesen; ich +hab meine Augen fast blind geweint.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> So will ich dir vorlesen, +damit Du siehst, daß Du nicht der einzige Vater seyst, der sich +zu beklagen hat: "Ihr Sohn ist vor einiger Zeit wegen Bürgschaft +gefänglich eingezogen worden: er hat, wie er mir vorgestern mit +Thränen gestanden, nach fünf vergeblich geschriebenen Briefen keine +Hofnung mehr, von Eurer Excellenz Verzeihung zu erhalten. Ich redte +ihm zu, sich zu beruhigen, bis ich gleichfalls in dieser Sache mich +vermittelt hätte: er versprach es mir, ist aber ungeachtet dieses +Versprechens noch in derselben Nacht heimlich aus dem Gefängniß +entwischt. Die Schuldner haben ihm Steckbriefe nachsenden <span +class="pagenum">95</span> und seinen Namen in allen Zeitungen bekannt +machen wollen; ich habe sie aber dran verhindert und für die Summe +gutgesagt, weil ich viel zu sehr überzeugt bin, daß Eure Excellenz +diesen Schimpf nicht werden auf Dero Familie kommen lassen. Uebrigens +habe die Ehre, in Erwartung Dero Entschlusses mich mit vollkommenster" +...</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Schreib ihm zurück: sie sollen +ihn hängen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Und die +Familie – </p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Lächerlich! Es giebt keine +Familie; wir haben keine Familie. Narrenspossen! Die Russen sind meine +Familie: ich will Griechisch werden.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Und noch keine Spur von +Deiner Tochter?</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Was sagst Du?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Hast nicht die geringste +Nachricht von Deiner Tochter?</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Laß mich zufrieden.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Es ist doch Dein Ernst +nicht, nach Königsberg zu reisen?</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span><span class="pagenum">96</span> +Wenn mag doch die Post abgehn von Königsberg nach Warschau?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich werde Dich nicht +fortlassen; es ist nur umsonst. Meynst Du, vernünftige Leute werden +sich von Deinen Phantasien übertölpeln lassen? Ich kündige Dir hiermit +Hausarrest an. Gegen Leute, wie Du bist, muß man Ernst gebrauchen, +sonst verwandelt sich ihr Gram in Narrheit.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> (weint) Ein ganzes +Jahr – Bruder geheimer Rath – Ein ganzes +Jahr – und niemand weiß, wohin sie gestoben oder geflogen +ist?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Vielleicht +todt – </p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Vielleicht? – +Gewiß todt – und wenn ich nur den Trost haben könnte, sie noch zu +begraben – aber sie muß sich selbst umgebracht haben, weil +mir niemand Anzeige von ihr geben kann. – Eine Kugel durch +den Kopf, Berg, oder einen Türkenpallasch; das wär eine Victorie.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Es ist ja eben so wohl +möglich, daß sie den Läuffer irgendwo angetroffen und mit dem aus dem +Lande gegangen. Gestern <span class="pagenum">97</span> hat mich Graf +Wermuth besucht und hat mir gesagt, er sey denselben Abend noch in +eine Schule gekommen, wo ihn der Schulmeister nicht hab’ in die Kammer +lassen wollen: er vermuthet immer noch, der Hofmeister habe drinn +gesteckt, vielleicht Deine Tochter bey ihm.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Wo ist der Schulmeister? Wo ist +das Dorf? Und der Schurke von Grafen ist nicht mit Gewalt in die Kammer +eingedrungen? Komm: wo ist der Graf?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Er wird wohl wieder im +Hecht abgestiegen seyn, wie gewöhnlich.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> O wenn ich sie +auffände – Wenn ich nur hoffen könnte, sie noch einmal +wieder zu sehen – Hol mich der Kuckuk, so alt wie ich +bin und abgegrämt und wahnwitzig; ja hol mich der Teufel, dann +wollt’ ich doch noch in meinem Leben wieder einmal lachen, das +letztemal laut lachen und meinen Kopf in ihren entehrten Schooß +legen und denn wieder einmal heulen und denn – Adieu +Berg! Das wäre mir gestorben, das hieß mir sanft und selig im Herrn +entschlafen. – Komm Bruder, Dein Junge ist nur ein Spitzbube +<span class="pagenum">98</span> geworden: das ist nur Kleinigkeit; an +allen Höfen giebts Spitzbuben; aber meine Tochter ist eine Gassenhure, +das heiß’ ich einem Vater Freud machen: vielleicht hat sie schon drey +Lilien auf dem Rücken. – Vivat die Hofmeister und daß der +Teufel sie holt! Amen. (gehn ab)</p> + +<h3>Zweite Scene.</h3> + +<p class="szene">Eine Bettlerhütte im Walde.</p> + +<p class="personen">Augustchen. <span class="normal">(im +groben Kittel.)</span> Marthe. <span class="normal">(ein alt blindes +Weib)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Liebe Marthe, bleibt zu +Hause und seht wohl nach dem Kinde: es ist das erstemal, daß ich Euch +allein lasse in einem ganzen Jahr; also könnt Ihr mich nun wohl auch +einmal einen Gang für mich thun lassen. Ihr habt Proviant für heut und +Morgen; Ihr braucht also heute nicht auf der Landstraß auszustehn.</p> + +<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Aber wo wollt Ihr denn hin, +Grethe; das Gott erbarm! da Ihr noch so krank und so schwach seyd; +laßt Euch doch sagen: ich hab auch Kinder bekommen und ohne <span +class="pagenum">99</span> viele Schmerzen, so wie Ihr, Gott sey Dank! +aber einmal hab ichs versucht, den zweyten Tag nach der Niederkunft +auszugehen und nimmermehr wieder; ich hatte schon meinen Geist +aufgegeben, wahrlich ich könne Euch sagen, wie einem Todten zu Muthe +ist – Laßt Euch doch lehren; wenn Ihr was im nächsten Dorf +zu bestellen habt, obschon ich blind bin, ich will schon hinfinden; +bleibt nur zu Hause und macht daß Ihr zu Kräften kommt: ich will alles +für Euch ausrichten, was es auch sey.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Laßt mich nur, Mutter; ich +hab Kräfte wie eine junge Bärin – und seht nach meinem +Kinde.</p> + +<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Aber wie soll ich denn darnach +sehen, Heilige Mutter Gottes! da ich blind bin? Wenn es wird saugen +wollen, soll ichs an meine schwarze verwelkte Zitzen legen? und es mit +zu nehmen, habt Ihr keine Kräfte, bleibt zu Hause, liebes Grethel, +bleibt zu Hause.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Ich darf nicht, liebe +Mutter, mein Gewissen treibt mich fort von hier. Ich hab’ einen Vater, +der mich mehr liebt als sein Leben und seine Seele. Ich habe die vorige +<span class="pagenum">100</span> Nacht im Traum gesehen, daß er sich +die weissen Haare ausriß und Blut in den Augen hatte: er wird meynen, +ich sey todt. Ich muß ins Dorf und jemand bitten, daß er ihm Nachricht +von mir giebt.</p> + +<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Aber hilf lieber Gott, wer +treibt Euch denn? Wenn Ihr nun unterwegens liegen bleibt? Ihr könnt +nicht fort...</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Ich muß – Mein +Vater stand wankend; auf einmal warf er sich auf die Erde und blieb +todt liegen – Er bringt sich um, wenn er keine Nachricht von +mir bekommt.</p> + +<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Wißt Ihr denn nicht, daß +Träume grade das Gegentheil bedeuten?</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Bey mir nicht – +Laßt mich – Gott wird mit mir seyn. (geht ab)</p> + +<h3>Dritte Scene.</h3> + +<p class="szene">Die Schule.</p> + +<p class="personen">Wenzeslaus. Läuffer. <span class="normal">(an einem +Tisch sitzend)</span> Der Major. Der Geheime Rath und Graf Wermuth. +<span class="normal">(treten herein mit Bedienten)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> (läßt die Brille fallen) +Wer da?</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span><span class="pagenum">101</span> +(mit gezogenem Pistol) Daß Dich das Wetter! da sitzt der Haas im Kohl. +(schießt und trift Läuffern in Arm, der vom Stuhl fällt)</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (der vergeblich versucht +hat ihn zurückzuhalten) Bruder – (stößt ihn unwillig) So +hab’s denn darnach, Tollhäusler!</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Was? ist er todt? (schlägt sich +vors Gesicht) Was hab ich gethan? Kann Er mir keine Nachricht mehr von +meiner Tochter geben?</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ihr Herren! Ist das +jüngste Gericht nahe, oder sonst etwas? Was ist das? (zieht an seiner +Schelle) Ich will Euch lehren, einen ehrlichen Mann in seinem Hause +überfallen.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich beschwör’ Euch: schellt +nicht! – Es ist der Major; ich hab’s an seiner Tochter +verdient.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ist kein Chirurgus im Dorf, +ehrlicher Schulmeister! Er ist nur am Arm verwundet, ich will ihn +kuriren lassen.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ey was kuriren lassen! +Straßenräuber! schießt man Leute übern Haufen, weil man so viel hat, +daß man sie kuriren <span class="pagenum">102</span> lassen kann? +Er ist mein Kollaborator; er ist eben ein Jahr in meinem Hause: ein +stiller, friedfertiger, fleißiger Mensch, und sein Tage hat man nichts +von ihm gehört, und Ihr kommt und erschießt mir meinen Kollaborator in +meinem eignen Hause! – Das soll gerochen werden, oder ich +will nicht selig sterben. Seht Ihr das!</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (bemüht Läuffern zu +verbinden) Wozu das Geschwätz, lieber Mann? Es thut uns leyd genug +– Aber die Wunde könnte sich verbluten, schaft uns nur einen +Chirurgus.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ey was! Wenn Ihr Wunden +macht, so mögt Ihr sie auch heilen, Strassenräuber! Ich muß doch nur +zum Gevatter Schöpsen gehen. (geht ab)</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> (zu Läuffern) Wo ist meine +Tochter?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich weiß es nicht.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Du weißt nicht? (zieht noch +eine Pistol hervor)</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (entreißt sie ihm und +schießt sie aus dem Fenster ab) Sollen wir Dich mit Ketten binden +lassen, Du – </p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich habe sie nicht gesehen, +seit <span class="pagenum">103</span> ich aus Ihrem Hause geflüchtet +bin; das bezeug’ ich vor Gott, vor dessen Gericht ich vielleicht bald +erscheinen werde.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Also ist sie nicht mit Dir +gelaufen?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Nein.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Nun denn; so wieder eine +Ladung Pulver umsonst verschossen! Ich wollt, sie wäre Dir durch den +Kopf gefahren, da Du kein gescheutes Wort zu reden weißt, Lumpenhund! +Laßt ihn liegen und kommt bis ans Ende der Welt. Ich muß meine Tochter +wieder haben, und wenn nicht in diesem Leben, doch in jener Welt, +und da soll mein hochweiser Bruder und mein hochweiseres Weib mich +wahrhaftig nicht von abhalten (läuft fort.)</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich darf ihn nicht aus den +Augen lassen. (wirft Läuffern einen Beutel zu) Lassen Sie Sich davon +kuriren, und bedenken Sie, daß Sie meinen Bruder weit gefährlicher +verwundet haben, als er Sie. Es ist ein Bankozettel drin, geben Sie +Acht drauf und machen ihn sich zu Nutz so gut Sie können. (gehn alle +ab)</p> + +<p class="center">(Wenzeslaus kömmt mit dem Barbier Schöpsen und +einigen Bauerkerlen)</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span><span +class="pagenum">104</span> Wo ist das Otterngezüchte? Redet!</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich bitt Euch, seyd ruhig. +Ich habe weit weniger bekommen, als meine Thaten werth waren. Meister +Schöpsen, ist meine Wunde gefährlich?</p> + +<p class="center">(Schöpsen besieht sie)</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Was denn? Wo sind sie? +Das leid ich nicht; nein, das leid ich nicht und sollt es mich Schul +und Amt und Haar und Bart kosten. Ich will sie zu Morsch schlagen, die +Hunde – Stellen Sie Sich vor, Herr Gevatter; wo ist das in +aller Welt in iure naturae, und in iure civili, und im iure canonico, +und im iure gentium, und wo Sie wollen, wo ist das erhört, daß man +einem ehrlichen Mann in sein Haus fällt und in eine Schule dazu; an +heiliger Stätte – Gefährlich; nicht wahr? Haben Sie sondirt? +Ists?</p> + +<p><span class="sprecher">Schöpsen.</span> Es ließe sich viel drüber +sagen – nun doch wir wollen sehen – am Ende +wollen wir schon sehen.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ja Herr, he he, <i>in +fine videbitur cuius toni</i>; das heißt, wenn er wird <span +class="pagenum">105</span> todt seyn, oder wenn er völlig gesund seyn +wird, da wollen Sie uns erst sagen, ob die Wunde gefährlich war oder +nicht: das ist aber nicht medicinisch gesprochen; verzeyh Er mir. Ein +tüchtiger Arzt muß das Dings vorher wissen, sonst sag’ ich ihm ins +Gesicht: er hat seine Pathologie oder Chirurgie nur so halbwege studirt +und ist mehr in die Bordells gangen, als in die Kollegia; denn in +amore omnia insunt vitia, und wenn ich einen Ignoranten sehe, er mag +seyn aus was für einer Fakultät er wolle, so sag’ ich immer: er ist +ein Jungfernknecht gewesen; ein Hurenhengst; das laß’ ich mir nicht +ausreden.</p> + +<p><span class="sprecher">Schöpsen.</span> (nachdem er die Wunde noch +einmal besichtigt) Ja die Wunde ist, nachdem man sie nimmt – +Wir wollen sehen, wir wollen sehen.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Hier, Herr Schulmeister! +hat mir des Majors Bruder einen Beutel gelassen, der ganz schwer von +Dukaten ist und obenein ist ein Bankozettel drinn – Da sind +wir auf viel Jahre geholfen.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> (hebt den Beutel) +Nun das ist etwas – Aber Hausgewalt bleibt doch +<span class="pagenum">106</span> Hausgewalt und Kirchenraub, +Kirchenraub – Ich will ihm einen Brief schreiben, dem Herrn +Major. den er nicht ins Fenster stecken soll.</p> + +<p><span class="sprecher">Schöpsen.</span> (der sich die Weil’ über +vergessen und eifrig nach dem Beutel gesehen, fällt wieder über die +Wunde her) Sie wird sich endlich schon kuriren lassen, aber sehr +schwer, hoff’ ich, sehr schwer – </p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Das hoff’ ich nicht, +Herr Gevatter Schöpsen; das fürcht’ ich, das fürcht’ ich – +aber ich will Ihm nur zum voraus sagen, daß wenn Er die Wunde langsam +kurirt, so kriegt Er auch langsame Bezahlung; wenn Er ihn aber in zwey +Tagen wieder auf frischen Fuß stellt, so soll Er auch frisch bezahlt +werden; darnach kann Er sich richten.</p> + +<p><span class="sprecher">Schöpsen.</span> Wir wollen sehen.</p> + +<h3>Vierte Scene.</h3> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (liegend, an einem Teich +mit Gesträuch umgeben) Soll ich denn hier sterben? – Mein +Vater! Mein Vater! gieb mir die Schuld nicht, daß Du nicht Nachricht +von mir bekömmst. Ich hab meine letzten Kräfte angewandt <span +class="pagenum">107</span> – sie sind erschöpft – +Sein Bild, o sein Bild steht mir immer vor den Augen! Er ist todt, ja +todt – und für Gram um mich – Sein Geist ist mir +diese Nacht erschienen, mir Nachricht davon zu geben – mich +zur Rechenschaft dafür zu fodern – Ich komme, ja ich komme. +(raft sich auf und wirft sich in Teich.)</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> (von weitem) Geh. Rath und Graf +Wermuth. (folgen ihm)</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Hey! hoh! da giengs in +Teich – Ein Weibsbild wars und wenn gleich nicht meine +Tochter, doch auch ein unglücklich Weibsbild – Nach, Berg! +Das ist der Weg zu Gustchen oder zur Hölle! (springt ihr nach)</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (kommt) Gott im Himmel! was +sollen wir anfangen?</p> + +<p><span class="sprecher">Graf Wermuth.</span> Ich kann nicht +schwimmen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Auf die andere +Seite! – Mich deucht, er haschte das Mädchen ... +Dort – dort hinten im Gebüsch. – Sehen Sie nicht? Nun treibt +er den Teich mit ihr hinunter – Nach!</p> + +<h3>Fünfte Scene.</h3> + +<p class="szene">(Eine andere Seite des Teichs, Hinter der Scene +Geschrey.) <span class="pagenum">108</span> »Hülfe! ’s meine Tochter! +Sakkerment und all das Wetter! Graf! reicht mir doch die Stange: daß +Euch die schwere Noth.«</p> + +<p class="personen">Major Berg. <span class="normal">(trägt +Gustchen aufs Theater)</span> Geheimer Rath und Graf. <span +class="normal">(folgen)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Da! – (setzt sie +nieder. Geheimer Rath und Graf suchen sie zu ermuntern) Verfluchtes +Kind! habe ich das an Dir erziehen müssen! (kniet nieder bey ihr) +Gustel! was fehlt Dir? Hast Wasser eingeschluckt? Bist noch mein +Gustel? – Gottlose Kanaille! Hättst Du mir nur ein Wort +vorher davon gesagt; ich hätte dem Lausejungen einen Adelbrief gekauft, +da hättet ihr können zusammen kriechen. – Gott behüt! so +helft ihr doch; sie ist ja ohnmächtig. (springt auf, ringt die Hände; +umhergehend) Wenn ich nur wüst’, wo der maledeyte Chirurgus vom Dorf +anzutreffen wäre. – Ist sie noch nicht wach?</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (mit schwacher Stimme) Mein +Vater!</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span><span class="pagenum">109</span> +Was verlangst Du?</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Verzeihung.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> (geht auf sie zu) Ja verzeih +Dirs der Teufel, ungerathenes Kind. – Nein, (kniet wieder +bey ihr) fall nur nicht hin, mein Gustel – mein Gustel! Ich +verzeih Dir; ist alles vergeben und vergessen – Gott weiß +es: ich verzeih Dir – Verzeih Du mir nur! Ja aber nun ists +nicht mehr zu ändern. Ich hab dem Hundsvott eine Kugel durch den Kopf +geknallt.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich denke, wir tragen sie +fort.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Laßt stehen! Was geht sie euch +an? Ist sie doch Eure Tochter nicht. Bekümmert Euch um Euer Fleisch und +Bein daheime. (Er nimmt sie auf die Arme) Da Mädchen – Ich +sollte wohl wieder nach dem Teich mit Dir – (schwenkt sie +gegen den Teich zu) aber wir wollen nicht eher schwimmen als bis wir’s +Schwimmen gelernt haben, meyn’ ich. – (drückt sie an sein +Herz) O du mein einzig theurester Schatz! Daß ich dich wieder in meinen +Armen tragen kann, gottlose Kanaille! (trägt sie fort)</p> + + +<h3>Sechste Scene.</h3> + +<p class="szene">In Leipzig.<span class="pagenum">110</span></p> + +<p class="personen">Fritz von Berg. Pätus.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Das einzige, was ich an Dir +auszusetzen habe, Pätus. Ich habe Dirs schon lang sagen wollen: +untersuche Dich nur selbst; was ist die Ursach zu all Deinem Unglück +gewesen? Ich tadle es nicht, wenn man sich verliebt. Wir sind in den +Jahren; wir sind auf der See, der Wind treibt uns, aber die Vernunft +muß immer am Steuerruder bleiben, sonst jagen wir auf die erste +beste Klippe und scheitern. Die Hamstern war eine Kokette, die aus +Dir machte, was sie wollte; sie hat Dich um Deinen letzten Rock, +um Deinen guten Namen und um den guten Namen Deiner Freunde dazu +gebracht: ich dächte, da hättest Du klug werden können. Die Rehaarin +ist ein unverführtes unschuldiges jugendliches Lamm: wenn man gegen +ein Herz, das sich nicht vertheidigen will, noch vertheidigen kann, +alle mögliche Batterien spielen läßt, um es – was soll ich +sagen? zu zerstören, einzuäschern, das ist unrecht, Bruder Pätus, das +ist unrecht. <span class="pagenum">111</span> Nimm mirs nicht übel, +wir können so nicht gute Freunde zusammen bleiben. Ein Mann, der gegen +ein Frauenzimmer es so weit treibt, als er nur immer kann, ist entweder +ein Theekessel oder ein Bösewicht; ein Theekessel, wenn er sich selbst +nicht beherrschen kann, die Ehrfurcht, die er der Unschuld und Tugend +schuldig ist, aus den Augen zu setzen: oder ein Bösewicht, wenn er sich +selbst nicht beherrschen will und wie der Teufel im Paradiese sein +einzig Glück darin setzt, ein Weib ins Verderben zu stürzen.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Predige nur nicht, Bruder! +Du hast Recht; es reuet mich, aber ich schwöre Dir, ich kann drauf +fluchen, daß ich das Mädchen nicht angerührt habe.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> So bist Du doch zum Fenster +hineingestiegen und die Nachbarn habens gesehen, meynst Du, ihre +Zunge wird so verschämt seyn, wie Deine Hand vielleicht gewesen ist? +Ich kenne Dich, ich weiß, so dreust Du scheinst, bist Du doch blöde +gegen’s Frauenzimmer und darum lieb ich Dich: aber wenns auch nichts +mehr wäre, als daß das Mädchen ihren guten Namen verliert, und eine +Musikantentochter <span class="pagenum">112</span> dazu, ein Mädchen, +das alles von der Natur empfieng: vom Glück nichts, der ihre einzige +Aussteuer, ihren guten Namen, zu rauben – Du hast sie +unglücklich gemacht, Pätus. – </p> + +<p class="center">(Herr Rehaar kommt, eine Laute unterm Arm.)</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ergebener Diener von Ihnen; +ergebener Diener, Herr von Berg, wünsche schönen guten Morgen. Wie +haben Sie geschlafen und wie stehts Konzertchen? (setzt sich und +stimmt) Haben Sie’s durchgespielt? (stimmt) Ich habe die Nacht +einen heßlichen Schrecken gehabt, aber ich wills dem eingedenk +seyn. – Sie kennen ihn wohl, es ist einer von ihren +Landsleuten. Twing, twing. Das ist eine verdammte Quinte! Will sie doch +mein Tage nicht recht tönen; ich will Ihnen Nachmittag eine andere +bringen.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (setzt sich mit seiner Laute) +Ich hab das Koncert noch nicht angesehen.</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ey Ey, faules Herr von +Bergchen, noch nicht angesehen? Twing! Nachmittag bring ich +Ihnen eine andre. (legt die Laute weg und nimmt eine Prise) Man +sagt: die Türken sind über die Donau gegangen und haben die +<span class="pagenum">113</span> Russen brav zurückgepeitscht, +bis – Wie heißt doch nun der Ort? Bis Otschakof, glaub’ ich; +was weiß ich? so viel sag ich Ihnen, wenn Rehaar unter ihnen gewesen +wäre, was meynen Sie? Er wäre noch weiter gelaufen. Ha ha ha! (nimmt +die Laute wieder) Ich sag Ihnen, Herr von Berg, ich hab keine größere +Freude, als wenn ich wieder einmal in der Zeitung lese, daß eine Armee +gelaufen ist. Die Russen sind brave Leute, daß sie gelaufen sind; +Rehaar wär auch gelaufen und alle gescheute Leute, denn wozu nützt das +Stehen und sich todtschlagen lassen, ha ha ha.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Nicht wahr, das ist der erste +Grif?</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ganz recht; den zweiten Finger +etwas mehr übergelegt und mit dem kleinen abgerissen, so – +Rund, rund den Triller, rund Herr von Bergchen – Mein +seliger Vater pflegt’ immer zu sagen, ein Musikus muß keine Kourage +haben, und ein Musikus der Herz hat, ist ein Hundsfut. Wenn er sein +Konzertchen spielen kann und seinen Marsch gut bläst – Das +hab’ ich auch dem Herzog von Kurland gesagt, als ich nach Petersburg +gieng, das erstemal in der Suite vom Prinzen Czartorinsky, und +vor ihm spielen mußte. <span class="pagenum">114</span> Ich muß +noch lachen; als ich in den Saal kam und wollt’ ihm mein tief tief +Kompliment machen, sah’ ich nicht, daß der Fußboden von Spiegel war +und die Wände auch von Spiegel, und fiel herunter wie ein Stück Holz +und schlug mir ein gewaltig Loch in Kopf: da kamen die Hofkavaliere +und wollten mich drüber necken. Leidt das nicht, Rehaar, sagte der +Herzog, Ihr habt ja einen Degen an der Seite; leidt das nicht. Ja, +sage ich, Ew. Herzoglichen Majestät, mein Degen ist seit Anno Dreißig +nicht aus der Scheide gekommen, und ein Musikus braucht den Degen +nicht zu ziehen, denn ein Musikus, der Herz hat und den Degen zieht, +ist ein Hundsfut und kann sein Tag auf keinem Instrument was vor +sich bringen – Nein, nein, das dritte Chor wars, k, k, +so – Rein, rein, den Triller rund und den Daumen unten nicht +bewegt, so – </p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (der sich die Zeit über +seitwärts gehalten, tritt hervor und bietet Rehaar die Hand) Ihr +Diener, Herr Rehaar; wie gehts?</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> (hebt sich mit der Laute) +Ergebener Die – Wie solls gehen, Herr Pätus? Toujours +content, jamais d’argent: das ist des alten Rehaars Sprichwort, wissen +Sie, <span class="pagenum">115</span> und die Herren Studenten wissens +alle; aber darum geben sie mir doch nichts – Der Herr Pätus +ist mir auch noch schuldig, von der letzten Serenade, aber er denkt +nicht dran...</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Sie sollen haben, liebster +Rehaar; in acht Tagen erwart’ ich unfehlbar meinen Wechsel.</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ja, Sie haben schon lang +gewartet, Herr Pätus, und Wechselchen ist doch nicht kommen. Was ist zu +thun, man muß Geduld haben, ich sag immer, ich begegne keinem Menschen +mit so viel Ehrfurcht als einem Studenten: denn ein Student ist nichts, +das ist wahr, aber es kann doch alles aus ihm werden. (er legt die +Laute auf den Tisch und nimmt eine Prise) Aber was haben Sie mir denn +gemacht, Herr Pätus? Ist das recht; ist das auch honett gehandelt? +Sind mir gestern zum Fenster hineingestiegen, in meiner Tochter +Schlafkammer.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Was denn, Vaterchen? ich? +...</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> (läßt die Dose fallen) Ja ich +will Dich bevaterchen und ich werd’ es gehörigen Orts zu melden wissen, +Herr, daß seyn Sie versichert. Meiner Tochter Ehr’ ist mir lieb und es +ist ein honettes Mädchen, hol’s der <span class="pagenum">116</span> +Henker! und wenn ichs nur gestern gemerkt hätte oder wär’ aufgewacht, +ich hätt Euch zum Fenster hinausgehenselt, daß Ihr das Unterste zu +Oberst – Ist das honett, ist das ehrlich? Pfuy Teufel, wenn +ich Student bin, muß ich mich auch als Student aufführen, nicht als +ein Schlingel – Da haben mirs die Nachbarn heut gesagt: ich +dacht ich sollte den Schlag drüber kriegen, Augenblicks hat mir das +Mädchen auf den Postwagen müssen und das nach Kurland zu ihrer Tante; +ja nach Kurland, Herr, denn hier ist ihre Ehr’ hin und wer zahlt mir +nun die Reisekosten? Ich habe warhaftig den ganzen Tag keine Laut’ +anrühren können und über die funfzehn Quinten sind mir heut gesprungen. +Ja Herr, ich zittere noch am ganzen Leibe und Herr Pätus, ich will ein +Hühnchen mit Ihnen pflücken. Es soll nicht so bleiben; ich will Euch +Schlingeln lehren ehrlicher Leute Kinder verführen.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Herr, schimpf Er nicht, +oder – </p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Sehen Sie nur an, Herr von +Berg! sehn Sie einmal an – wenn ich nun Herz hätte, ich +fodert’ ihn augenblicklich vor die Klinge – Sehen Sie, +da steht er und lacht mir noch in die Zähne obenein. Sind <span +class="pagenum">117</span> wir denn unter Türken und Heiden, daß ein +Vater nicht mehr mit seiner Tochter sicher ist? Herr Pätus, Sie sollen +mirs nicht umsonst gethan haben, ich sags Ihnen und sollts bis an den +Kuhrfürsten selber kommen. Unter die Soldaten mit solchen lüderlichen +Hunden! Dem Kalbsfell folgen, das ist gescheidter! Schlingel seyd ihr +und keine Studenten!</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (giebt ihm eine Ohrfeige) +Schimpf Er nicht; ich habs Ihm fünfmal gesagt!</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> (springt auf, das Schnupftuch +vorm Gesicht) So? Wart – Wenn ich doch nur den rothen +Fleck behalten könnte, bis ich vorn Magnifikus komme – +Wenn ich ihn doch nur acht Tage behalten könnte, daß ich nach Dresden +reise und ihn dem Kuhrfürsten zeige – Wart, es soll Dir +zu Hause kommen, wart, wart – Ist das erlaubt? (weint) +Einen Lautenisten zu schlagen? weil er Dir seine Tochter nicht geben +will, daß Du Lautchen auf ihr spielen kannst? – Wart, ich +wills seiner Kuhrfürstlichen Majestät sagen, daß Du mich ins Gesicht +geschlagen hast. Die Hand soll Dir abgehauen werden – +Schlingel! (läuft ab, Pätus will ihm nach; Fritz hält ihn zurück)</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Pätus! Du hast schlecht +gehandelt. <span class="pagenum">118</span> Er war beleidigter Vater, +Du hättest ihn schonen sollen.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Was schimpfte der Schurke?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Schimpfliche Handlungen +verdienen Schimpf. Er konnte die Ehre seiner Tochter auf keine andere +Weise rächen, aber es möchten sich Leute finden – </p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Was? Was für Leute?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Du hast sie entehrt, Du hast +ihren Vater entehrt. Ein schlechter Kerl, der sich an Weiber und +Musikanten wagt, die noch weniger als Weiber sind.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ein schlechter Kerl?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Du sollst ihm öffentlich +abbitten.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Mit meinem Stock.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> So werd ich Dir in seinem Namen +antworten.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (schreyt) Was willst Du von +mir?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Genugthuung für Rehaarn.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Du wirst mich doch nicht +zwingen wollen; einfältiger Mensch – </p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ja, ich will Dich zwingen, kein +Schurke zu seyn.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Du bist einer – Du +mußt Dich mit mir schlagen.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span><span class="pagenum">119</span> +Herzlich gern – wenn Du Rehaarn nicht Satisfaktion +giebst.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Nimmermehr.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Es wird sich zeigen.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<!-- F Ü N F T E R A K T --> +<div class="chapter"> + <h2 id="Fuenfter_Akt">Fünfter Akt.</h2> +</div> + +<h3>Erste Scene.</h3> + +<p class="szene">Die Schule.</p> + +<p class="personen">Läuffer. Marthe. <span class="normal">(ein Kind auf +dem Arm)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Um Gotteswillen! helft einer +armen blinden Frau und einem unschuldigen Kinde, das seine Mutter +verloren hat.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (giebt ihr was) Wie seyd Ihr +denn hergekommen, da Ihr nicht sehen könnt?</p> + +<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Mühselig genug. Die Mutter +dieses Kindes war meine Leiterin; sie gieng eines Tags aus dem Hause, +zwey Tage nach ihrer Niederkunft, Mittags gieng sie fort und wollt’ auf +den Abend wiederkommen, sie soll noch wiederkommen. Gott schenk ihr die +ewige Freud und Herrlichkeit!</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span><span +class="pagenum">120</span> Warum thut Ihr den Wunsch?</p> + +<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Weil sie todt ist, das gute +Weib; sonst hätte sie ihr Wort nicht gebrochen. Ein Arbeitsmann vom +Hügel ist mir begegnet, der hat sie sich in Teich stürzen sehen. Ein +alter Mann ist hinter ihr drein gewesen und hat sich nachgestürzt; das +muß wohl ihr Vater gewest seyn.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> O Himmel! Welch ein +Zittern – Ist das ihr Kind?</p> + +<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Das ist es; sehen Sie nur, wie +rund es ist, von lauter Kohl und Rüben aufgefüttert. Was sollt’ ich +Arme machen; ich konnt’ es nicht stillen, und da mein Vorrath auf war, +macht’ ichs wie Hagar, nahm das Kind auf die Schulter und gieng auf +Gottes Barmherzigkeit.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Gebt es mir auf den +Arm – O mein Herz! – Daß ichs an mein Herz +drücken kann – Du gehst mir auf, furchtbares Rätzel! (nimmt +das Kind auf den Arm und tritt damit vor den Spiegel) Wie? dies wären +nicht meine Züge? (fällt in Ohnmacht; das Kind fängt an zu schreyen)</p> + +<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Fallt Ihr hin? (hebt das +Kind vom Boden auf) Sußchen, mein liebes Sußchen! (das Kind beruhigt +sich) Hört! was <span class="pagenum">121</span> habt Ihr gemacht? Er +antwortet nicht: ich muß doch um Hülfe rufen; ich glaube, ihm ist weh +worden. (geht hinaus)</p> + +<h3>Zweyte Scene.</h3> + +<p class="szene">Ein Wäldchen vor Leipzig.</p> + +<p class="personen">Fritz von Berg und Pätus. <span +class="normal">(stehn mit gezogenem Degen)</span> Rehaar.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Wird es bald?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Willst Du anfangen?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Stoß Du zuerst.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (wirft den Degen weg) Ich kann +mich mit Dir nicht schlagen.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Warum nicht? Nimm ihn auf. Hab +ich Dich beleidigt, so muß ich Dir Genugthuung geben.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Du magst mich beleidigen wie Du +willst, ich brauch keine Genugthuung von Dir.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Du beleidigst mich.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (rennt auf ihn zu und umarmt +ihn) Liebster Berg! Nimm es für keine Beleidigung, wenn ich Dir +sage, Du bist nicht im Stande mich zu beleidigen. Ich kenne Dein +Gemüth – und ein Gedanke daran macht mich zur feigsten +Memme auf dem Erdboden. Laß <span class="pagenum">122</span> uns gute +Freunde bleiben, ich will mich gegen den Teufel selber schlagen, aber +nicht gegen Dich.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> So gieb Rehaarn Satisfaktion, +eh zieh’ ich nicht ab von hier.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Das will ich herzlich gern, +wenn er’s verlangt.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Er ist immatrikulirt, wie +Du; Du hast ihn ins Gesicht geschlagen – Frisch Rehaar, +zieht!</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> (zieht) Ja, aber er muß seinen +Degen da nicht aufheben.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Sie sind nicht gescheidt. +Wollen Sie gegen einen Menschen ziehen, der sich nicht wehren kann?</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ey laß die gegen bewehrte +Leute ziehen, die Kourage haben. Ein Musikus muß keine Kourage haben, +und Herr Pätus, Er soll mir Satisfaktion geben – (stößt auf +ihn zu. Pätus weicht zurück) Satisfaktion geben. (stößt Pätus in den +Arm. Fritz legirt ihm den Degen)</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Jetzt seh’ ich, daß Sie +Ohrfeigen verdienen, Rehaar. Pfuy!</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ja was soll ich denn machen, +wenn ich kein Herz habe?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span><span class="pagenum">123</span> +Ohrfeigen einstecken und das Maul halten.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Still Berg! ich bin nur +geschrammt. Herr Rehaar, ich bitt Sie um Verzeyhung. Ich hätte Sie +nicht schlagen sollen, da ich wußte, daß Sie nicht im Stande waren, +Genugthuung zu fodern; vielweniger hätt’ ich Ihnen Ursache geben +sollen, mich zu schimpfen. Ich gesteh’s, diese Rache ist noch viel zu +gering für die Beleidigungen, die ich Ihrem Hause angethan: ich will +sehen, sie auf eine bessere Weise gut zu machen, wenn das Schicksal +meinen guten Vorsätzen beysteht. Ich will Ihrer Tochter nachreisen; +ich will sie heyrathen. In meinem Vaterlande wird sich schon eine +Stelle für mich finden, und wenn auch mein Vater bey seinen Lebzeiten +sich nicht besänftigen ließe, so ist mir doch eine Erbschaft von +funfzehntausend Gulden gewiß. (umarmt ihn). Wollen Sie mir Ihre Tochter +bewilligen?</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ey was! ich hab nichts +dawider, wenn Ihr ordentlich und ehrlich um sie anhaltet, und im +Stand seyd, sie zu versorgen – Ha ha ha! hab’ ichs +doch mein Tag gesagt: mit den Studenten ist gut auskommen. <span +class="pagenum">124</span> Die haben doch noch Honnettetät im Leibe, +aber mit den Officiers – Die machen einem Mädchen ein +Kind und kräht nicht Hund oder Hahn nach: das macht, weil sie alle +kuraschöse Leute seyn, und sich müssen todtschlagen lassen. Denn wer +Kourage hat, der ist zu allen Lastern fähig.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Sie sind ja auch Student. +Kommen Sie; wir haben lange keinen Punsch zusammen gemacht; wir wollen +auf die Gesundheit Ihrer Tochter trinken.</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ja und Ihr Lautenkonzertchen +dazu, Herr von Bergchen. Ich hab Ihnen jetzt drey Stund nach einander +geschwänzt, und weil ich auch honett denke, so will ich heute dafür +drey Stunden nach einander auf Ihrem Zimmerchen bleiben und wollen +Lautchen spielen, bis dunkel wird.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Und ich will die Violin dazu +streichen.</p> + +<h3>Dritte Scene.</h3> + +<p class="szene">Die Schule.</p> + +<p class="personen">Läuffer. <span class="normal">(liegt zu +Bette.)</span> Wenzeslaus.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Das Gott! was giebts schon +<span class="pagenum">125</span> wieder, daß Ihr mich von der Arbeit +abrufen laßt? Seyd Ihr schon wieder schwach? Ich glaube, das alte Weib +war eine Hexe. – Seit der Zeit habt Ihr keine gesunde Stunde +mehr.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich werd’ es wohl nicht lange +mehr machen.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Soll ich Gevatter Schöpsen +rufen lassen?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Nein.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Liegt Euch was auf dem +Gewissen? Sagt mirs, entdeckt mirs, unverholen. – Ihr +blickt so scheu umher, daß es einem ein Grauen einjagt; frigidus +per ossa – Sagt mir, was ists? – Als ob er +jemand todt geschlagen hätte – Was verzerrt Ihr denn +die Lineamenten so – Behüt Gott, ich muß doch nur zu +Schöpsen – </p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Bleibt – Ich weiß +nicht, ob ich recht gethan – Ich habe mich kastrirt...</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Wa – +Kastrir – Da mach ich Euch meinen herzlichen Glückwunsch +drüber, vortreflich, junger Mann, zweiter Origenes! Laß Dich +umarmen, theures, auserwähltes Rüstzeug! Ich kann’s Euch nicht +verheelen, fast – fast kann ich dem Heldenvorsatz <span +class="pagenum">126</span> nicht widerstehen, Euch nachzuahmen. So +recht, werther Freund! Das ist die Bahn, auf der Ihr eine Leuchte +der Kirche, ein Stern erster Größe, ein Kirchenvater selber werden +könnt. Ich glückwünsche euch, ich ruf Euch ein Jubilate und Evoë +zu, mein geistlicher Sohn – Wär’ ich nicht über die +Jahre hinaus, wo der Teufel unsern ersten und besten Kräften sein +arglistiges Netz ausstellt, gewiß ich würde mich keinen Augenblick +bedenken. – </p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Bey alle dem, Herr +Schulmeister, gereut es mich.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Wie, es gereut Ihn? Das +sey ferne, werther Herr Mitbruder! Er wird eine so edle That doch nicht +mit thörichter Reue verdunkeln und mit sündlichen Thränen besudeln? Ich +seh schon welche über Sein Augenlied hervorquellen. Schluck’ Er sie +wieder hinunter und sing’ Er mit Freudigkeit: ich bin der Nichtigkeit +entbunden, nun Flügel, Flügel, Flügel her. Er wird es doch nicht machen +wie Lots Weib und sich wieder nach Sodom umsehen, nachdem Er einmal +das friedfertige stille Zoar erreicht hat? Nein, Herr Kollega; ich muß +Ihm auch nur sagen, daß <span class="pagenum">127</span> Er nicht +der einzige ist, der den Gedanken gehabt hat. Schon unter den blinden +Juden war eine Sekte, zu der ich mich gern öffentlich bekannt hätte, +wenn ich nicht befürchtet, meine Nachbarn und meine armen Lämmer in der +Schule damit zu ärgern: auch hatten sie freilich einige Schlacken und +Thorheiten dabey, die ich nun eben nicht mitmachen möchte. Zum Exempel, +daß sie des Sonntags nicht einmal ihre Nothdurft verrichteten, welches +doch wider alle Regeln einer vernünftigen Diät ist, und halt’ ichs da +lieber mit unserm seligen Doktor Luther: was hinaufsteigt, das ist +für meinen lieben Gott, aber was hinunter geht, Teufel, das ist für +Dich – Ja wo war ich?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich fürchte, +meine Bewegungsgründe waren von andrer Art ... Reue, +Verzweiflung – </p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ja, nun hab +ichs – Die Essäer, sag’ ich, haben auch nie Weiber +genommen; es war eins von ihren Grundgesetzen und dabey sind sie zu +hohem Alter kommen, wie solches im Josephus zu lesen. Wie die es nun +angefangen, ihr Fleisch so zu bezähmen; ob sie es gemacht, wie ich, +nüchtern und mässig gelebt und brav Toback geraucht, oder ob <span +class="pagenum">128</span> sie Euren Weg eingeschlagen – So +viel ist gewiß, in amore, in amore omnia insunt vitia und ein Jüngling, +der diese Klippe vorbeyschifft, Heil, Heil ihm, ich will ihm Lorbeern +zuwerfen; lauro tempora cingam et sublimi fronte sidera pulsabit.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich fürcht’, ich werd’ an dem +Schnitt sterben müssen.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Mit nichten, da sey Gott +für. Ich will gleich zu Gevatter Schöpsen. Der Fall wird ihm freylich +noch nie vorgekommen seyn, aber hat er Euch euren Arm kurirt, welches +doch eine Wunde war, die nicht zu eurer Wohlfarth diente, so wird ja +Gott auch ihm Gnade zu einer Kur geben, die Euer ewiges Seelenheil +befördern wird. (geht ab)</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Sein Frohlocken verwundet +mich mehr als mein Messer. O Unschuld, welch’ eine Perle bist du! Seit +ich dich verloren, that ich Schritt auf Schritt in der Leidenschaft +und endigte mit Verzweiflung. Möchte dieser Letzte mich nicht zum Tode +führen, vielleicht könnt’ ich itzt wieder anfangen zu leben und zum +Wenzeslaus wiedergeboren werden.</p> + +<h3>Vierte Scene.</h3> + +<p class="szene">In Leipzig. <span class="pagenum">129</span></p> + +<p class="personen">Fritz von Berg und Rehaar. <span +class="normal">(begegnen sich auf der Straße)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Herr von Bergchen, ein +Briefchen, unter meinem Kuvert gekommen. Herr von Seiffenblase hat an +mich geschrieben; hat auch Lautchen bey mir gelernt vormals. Er bittet +mich, ich soll doch diesen Brief einem gewissen Herrn von Berg in +Leipzig abgeben, wenn er anders noch da wäre – O wie bin ich +gesprungen!</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Wo hält er sich denn itzt auf, +Seiffenblase?</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Soll es dem Herrn von Berg +abgeben, schreibt er, wenn Sie anders diesen würdigen Mann kennen. O +wie bin ich gesprungen – Er ist in Königsberg, der Herr +von Seiffenblase. Was meynen Sie, und meine Tochter ist auch da, und +logirt ihm grad gegenüber. Sie schreibt mir, die Kathrinchen, daß +sie nicht genug rühmen kann, was er ihr für Höflichkeit erzeigt, +alles um meinetwillen; hat sieben Monath bey mir gelernt.</p><span +class="pagenum">130</span> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (zieht die Uhr aus) Liebster +Rehaar, ich muß ins Kollegium – Sagen Sie Pätus nichts +davon, ich bitte Sie – (geht ab)</p> + +<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> (ruft ihm nach) Auf den +Nachmittag – Konzertchen! – </p> + +<h3>Fünfte Scene.</h3> + +<p class="szene">Zu Königsberg in Preußen.</p> + +<p class="personen">Geh. Rath. Gustchen. Major. <span +class="normal">(stehn in ihrem Hause am Fenster)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ist ers?</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Ja, er ist’s.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich sehe doch, die Tante +muß ein lüderliches Mensch seyn, oder sie hat einen Haß auf ihre Nichte +geworfen und will sie mit Fleiß ins Verderben stürzen.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Aber Onkel, sie kann ihm +doch das Haus nicht verbieten.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Auf das, was ich ihr +gesagt? – Wer will’s ihr übel nehmen, wenn sie zu ihm sagte: +Herr von Seiffenblase, Sie haben sich auf einem Kaffeehause verlauten +lassen, Sie wollten meine Nichte zu Ihrer Mätresse machen, suchen Sie +sich andre Bekanntschaften <span class="pagenum">131</span> in der +Stadt; bey mir kommen Sie unrecht: meine Nichte ist eine Ausländerin, +die meiner Aufsicht anvertraut ist; die sonst keine Stütze hat; wenn +sie verführt würde, fiel’ alle Rechenschaft auf mich. Gott und Menschen +müßten mich verdammen.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Still Bruder! Er kommt heraus +und läßt die Nase erbärmlich hängen. Ho, ho, ho, daß Du die Krepanz! +Wie blaß er ist.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich will doch gleich +hinüber, und sehn was es gegeben hat.</p> + +<h3>Sechste Scene.</h3> + +<p class="szene">In Leipzig.</p> + +<p class="personen">Pätus. <span class="normal">(an einem Tisch und +schreibt)</span> Berg.<span class="normal">(tritt herein einen Brief in +der Hand)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (sieht auf und schreibt +fort)</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Pätus! – Hast zu +thun?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Gleich – (Fritz +spaziert auf und ab) Jetzt – (legt das Schreibzeug weg)</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Pätus! ich hab’ einen Brief +bekommen – und hab nicht das Herz, ihn aufzumachen.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Von wo kommt er? Ists Deines +Vaters Hand?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span><span class="pagenum">132</span> +Nein, von Seiffenblase – aber die Hand zittert mir, so bald +ich erbrechen will. Brich doch auf. Bruder, und ließ mir vor. (wirft +sich auf einen Lehnstuhl)</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (liest) "Die Erinnerung so +mancher angenehmen Stunden, deren ich mich noch mit Ihnen genossen zu +haben erinnere, verpflichtet mich, Ihnen zu schreiben und Sie an diese +angenehme Stunden zu erinnern" – Was der Junge für eine +rasende Orthographie hat.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Lies doch nur – </p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> "Und weil ich mich verpflichtet +hielt, Ihnen Nachrichten von meiner Ankunft und den Neuigkeiten, die +allhier vorgefallen, als melde Ihnen von Dero werthesten Familie, +welche leider sehr viele Unglücksfälle in diesem Jahre erlebt hat, und +wegen der Freundschaft, welche ich in Dero Eltern ihrem Hause genossen, +sehe mich verpflichtet, weil ich weiß, daß Sie mit Ihrem Herrn Vater +in Misverstäniß und er Ihnen lange wohl nicht wird geschrieben +haben, so werden Sie auch wohl den Unglücksfall nicht wissen mit dem +Hofmeister, welcher aus Ihres gnädigen Onkels Hause ist gejagt worden, +<span class="pagenum">133</span> weil er Ihre Kusine genothzüchtigt, +worüber sie sich so zu Gemüth gezogen, daß sie in einen Teich +gesprungen, durch welchen Trauerfall Ihre ganze Familie in den höchsten +Schröcken" – Berg! was ist Dir – (begießt ihn +mit Lavendel) Wie nun Berg? Rede, wird Dir weh – Hätt ich +Dir doch den verdammten Brief nicht – Ganz gewiß ists eine +Erdichtung – Berg! Berg!</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Laß mich – Es wird +schon übergehn.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Soll ich jemand holen, der Dir +die Ader schlägt.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> O pfuy doch – thu +doch so französisch nicht – Ließ mirs noch einmal vor.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ja, ich werde +Dir – Ich will den hunsvöttischen malitiösen Brief den +Augenblick – (zerreißt ihn)</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Genothzüchtigt – +ersäuft. (schlägt sich an die Stirn) Meine Schuld! (steht auf) meine +Schuld einzig und allein – </p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Du bist wohl nicht +klug – Willst Dir die Schuld geben, daß sie sich vom +Hofmeister verführen läßt – </p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Pätus, ich schwur ihr, +zurückzukommen, ich schwur ihr – Die drey Jahr <span +class="pagenum">134</span> sind verflossen, ich bin nicht gekommen, +ich bin aus Halle fortgangen, mein Vater hat keine Nachrichten von +mir gehabt. Mein Vater hat mich aufgeben, sie hat es erfahren, +Gram – Du kennst ihren Hang zur Melancholey – +die Strenge ihrer Mutter obenein, Einsamkeit, auf dem Lande, betrogne +Liebe – Siehst Du das nicht ein, Pätus; siehst Du das nicht +ein? Ich bin ein Bösewicht: ich bin schuld an ihrem Tode. (wirft sich +wieder in den Stuhl und verhüllt sein Gesicht)</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Einbildungen! – Es +ist nicht wahr, es ist so nicht gegangen. (stampft mit dem Fuß) Tausend +Sapperment, daß Du so dumm bist, und alles glaubst, der Spitzbube, der +Hundsfut, der Bärenhäuter, der Seiffenblase, will Dir einen Streich +spielen – Laß mich ihn einmal zu sehen kriegen. – +Es ist nicht wahr, daß sie todt ist, und wenn sie todt ist, so hat sie +sich nicht selbst umgebracht...</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Er kann doch das nicht aus der +Luft saugen – Selbst umgebracht – (springt auf) O +das ist entsetzlich!</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (stampft abermal mit dem +Fuß) Nein, sie hat sich selbst nicht umgebracht. Seiffenblase lügt; +wir müssen mehr Bestätigung haben. <span class="pagenum">135</span> +Du weißt, daß Du ihm einmal im Rausch erzehlt hast, daß Du in Deine +Kusine verliebt wärst; siehst Du, das hat die malitiöse Kanaille +aufgefangen – aber weißt Du was; weißt Du, was Du thust? +Hust ihm was; pfeif ihm was; pfuy ihm was, schreib ihm, Ew. Edlen danke +dienstfreundlichst für Dero Neuigkeiten, und bitte, Sie wollen mich +im – Das ist der beste Rath, schreib ihm zurück: Ihr seyd +ein Hundsfut. Das ist das vernünftigste, was Du bey der Sache thun +kannst.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich will nach Hause reisen.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> So reis’ ich mit +Dir – Berg, ich laß Dich keinen Augenblick allein.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Aber wovon? Reisen ist +bald ausgesprochen – Wenn ich keine abschlägige Antwort +befürchtete, so wolle ich es bey Leichtfuß et Compagnie versuchen, aber +ich bin ihnen schon hundertfunfzig Dukaten schuldig – </p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Wir wollen beyde zusammen +hingehn – Wart, wir müssen die Lotterie vorbey. Heut ist die +Post aus Hamburg angekommen, ich will doch unterwegs nachfragen; zum +Spaß nur – </p> + +<h3>Siebente Scene.</h3> + +<p class="szene">In Königsberg.<span class="pagenum">136</span></p> + +<p class="personen">Geh. Rath <span class="normal">(führt)</span> +Jungfer Rehaar <span class="normal">(an der Hand)</span> Augustchen. +Major.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Hier, Gustchen, +bring ich Dir eine Gespielin. Ihr seyd in einem Alter, einem +Verhältnisse – Gebt Euch die Hand, und seyd Freundinnen.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Das bin ich lange gewesen, +liebe Mamsell! Ich weiß nicht, was es war, das in meinem Busen auf- +und abstieg, wenn ich Sie aus dem Fenster sah; aber Sie waren in so +viel Zerstreuungen verwickelt, so mit Kutschenbesuchen und Serenaden +belästigt, daß ich mit meinem Besuch zu unrechter Zeit zu kommen +fürchtete.</p> + +<p><span class="sprecher">Jungfer Rehaar.</span> Ich wäre Ihnen +zuvorgekommen, gnädiges Fräulein, wenn ich das Herz gehabt. Allein in +ein so vornehmes Haus mich einzudrängen, hielt’ ich für unbesonnen, +und mußte dem Zug meines Herzens, das mich schon oft bis vor Ihre Thür +geführt hat, allemal mit Gewalt widerstehen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Stell Dir vor, Major; der +<span class="pagenum">137</span> Seiffenblase hat auf die Warnung, die +ich der Frau Dutzend that, und die sie ihm wieder erzehlt hat und zwar, +wie ichs verlangt, unter meinem Namen, geantwortet: er werde sich schon +an mir zu rächen wissen. Er hat alles das so gut von sich abzulehnen +gewußt, und ist gleich Tags drauf mit dem Minister Deichsel hingefahren +kommen, daß die arme Frau das Herz nicht gehabt, sich seine Besuche zu +verbitten. Gestern Nacht hat er zwey Wagen in diese Straße bestellt +und einen am Brandenburger Thor, das wegen des Feuerwerks offen blieb, +das erfährt die Madam gestern Vormittag schon. Den Nachmittag will er +für Henkers Gewalt die Mamsell überreden, mit ihm zum Minister auf die +Assemblee zu fahren, aber Madam Dutzend traute dem Frieden nicht, und +hat’s ihm rund abgeschlagen. Zweymal ist er vor die Thür gefahren, +aber hat wieder umkehren müssen; da seine Karte also verzettelt war, +wollt’ ers heut probiren. Madam Dutzend hat ihm nicht allein das Haus +verbothen, sondern zugleich angedeutet: sie sehe sich genöthigt, sich +vom Gouverneur Wache vor ihrem Hause auszubitten. Da hat er Flammen +gespyen, hat mit dem <span class="pagenum">138</span> Minister gedroht +– Um die Madam völlig zu beruhigen, hab’ ich ihr angetragen: die +Mamsell in unser Haus zu nehmen. Wir wollen sie auf ein halb Jahr nach +Insterburg mitnehmen, bis Seiffenblase sie vergessen hat, oder so lang +als es ihr selber nur da gefallen kann – </p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Ich hab schon anspannen lassen. +Wenn wir nach Heidelbrunn fahren, Mamsell, so laß ich Sie nicht los. +Sie müssen mit, oder meine Tochter bleibt mit Ihnen in Insterburg.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Das wär wohl am besten. +Ohnehin taugt das Land für Gustchen nicht und Mamsel Rehaar laß ich +nicht von mir.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Gut, daß Deine Frau Dich nicht +hört – oder hast Du Absichten auf Deinen Sohn?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Mach das gute Kind nicht +roth. Sie werden ihn in Leipzig oft genug müssen gesehen haben, +den bösen Buben. Gustchen, Du wirst zur Gesellschaft mit roth? Er +verdient’s nicht.</p> + +<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Da mein Vater mir vergeben +hat, sollte Ihr Sohn ein minder gütiger Herz bey Ihnen finden?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span><span +class="pagenum">139</span> Er ist auch noch in keinen Teich +gesprungen.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Wenn wir nur das blinde Weib +mit dem Kinde ausfündig gemacht hätten, von dem mir der Schulmeister +schreibt; eh kann ich nicht ruhig werden – Kommt! ich muß +noch heut auf mein Gut.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Daraus wird nichts. Du mußt +die Nacht in Insterburg schlafen.</p> + +<h3>Achte Scene.</h3> + +<p class="szene">Leipzig.<br>Bergs Zimmer.</p> + +<p class="personen">Fritz v. Berg. <span class="normal">(sitzt, die +Hand untern Kopf gestützt)</span> Pätus. <span class="normal">(stürzt +herein)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Triumpf Berg! Was kalmeuserst +Du? – Gott! Gott! (greift sich an den Kopf und fällt auf die +Knie) Schicksal! Schicksal! – Nicht wahr, Leichtfuß hat Dir +nicht vorschießen wollen? Laß ihn Dich – Ich hab Geld, ich +hab’ alles – Dreyhundert achtzig Friedrichd’or gewonnen auf +einem Zug! (springt auf und schreyt) Heydideldum, nach Insterburg! Pack +ein!</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span><span class="pagenum">140</span> +Bist Du närrisch worden?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (zieht einen Beutel mit Gold +hervor und wirft alles auf die Erde) Da ist meine Narrheit. Du bist ein +Narr mit Deinem Unglauben – Nun hilf auflesen; buck Dich +etwas – und heut noch nach Insterburg, juchhe! (lesen auf) +Ich will meinem Vater die achtzig Friedrichsd’or schenken, so viel +betrug grad mein letzter Wechsel, und zu ihm sagen: nun Herr Papa, wie +gefall’ ich Ihnen itzt? All Deine Schulden können wir bezahlen, und +meine obenein, und denn reisen wir wie die Prinzen. Juchhei</p> + +<h3>Neunte Scene.</h3> + +<p class="szene">Die Schule.</p> + +<p class="personen">Wenzeslaus. Läuffer. <span class="normal">(beyde in +schwarzen Kleidern)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Wie hat ihm die Predigt +gefallen, Kollege! Wie hat Er sich erbaut?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Gut, recht gut. (seufzt)</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> (nimmt seine Perücke ab +und setzt eine Nachtmütze auf) Damit ist’s nicht ausgemacht. Er soll +mir sagen, welche Stelle aus der Predigt vorzüglich gesegnet an seinem +<span class="pagenum">141</span> Herzen gewesen. Hör’ Er – +setz’ Er sich. Ich muß Ihm was sagen; ich hab’ eine Anmerkung in der +Kirche gemacht, die mich gebeugt hat. Er hat mir da so wetterwendisch +gesessen, daß ich mich Seiner, die Warheit zu sagen, vor der ganzen +Gemeine geschämt habe und dadurch oft fast aus meinem Koncept kommen +bin. Wie, dacht’ ich, dieser junge Kämpfer, der so ritterlich +durchgebrochen und den schwersten Strauß schon gewissermaßen überwunden +hat – ich muß es Ihm bekennen: Er hat mich geärgert, +σκανδαλον ἐδωκας, ἔταξας! Ich habs wohl gemerkt, wohin es gieng, ich +habs wohl gemerkt; immer nach der mittlern Thür zu da nach der Orgel +hinunter.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich muß bekennen, es hieng +ein Gemälde dort, das mich ganz zerstreut hat. Der Evangelist Markus +mit einem Gesicht, das um kein Haar menschlicher aussah, als der Löwe, +der bey ihm saß, und der Engel beym Evangelisten Matthäus eher einer +geflügelten Schlange ähnlich.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Es war nicht das, mein +Freund! Bild’ Er mir’s nicht ein; es war nicht das. Sag’ Er mir doch, +ein Bild sieht man an und sieht wieder weg, und dann ist’s <span +class="pagenum">142</span> alles. Hat Er denn gehört, was ich gesagt +habe? Weiß Er mir Ein Wort aus meiner Predigt wieder anzuführen? Und +sie war doch ganz für Ihn gehalten; ganz kasuistisch – O! o! +o!</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Der Gedanke gefiel mir +vorzüglich, daß zwischen unsrer Seele und ihrer Wiedergeburt und +zwischen dem Flachs- und Hanfbau eine große Aehnlichkeit herrsche, und +so wie der Hanf im Schneidebrett durch heftige Stöße und Klopfen von +seiner alten Hülse befreyt werden müsse, so müsse unser Geist auch +durch allerley Kreutz und Leiden und Ertödtung der Sinnlichkeit für den +Himmel zubereitet werden.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Er war kasuistisch, mein +Freund – </p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Doch kann ich Ihnen auch +nicht bergen, daß Ihre Liste von Teufeln, die aus dem Himmel gejagt +worden, und die Geschichte der ganzen Revolution da, daß Lucifer sich +für den schönsten gehalten – Die heutige Welt ist über +den Aberglauben längst hinweg; warum will man ihn wieder aufwärmen. +In der ganzen heutigen vernünftigen Welt wird kein Teufel mehr +statuirt – </p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span><span +class="pagenum">143</span> Darum wird auch die ganze heutige +vernünftige Welt zum Teufel fahren. Ich mag nicht verdammen, lieber +Herr Mandel; aber das ist wahr, wir leben in seelenverderblichen +Zeiten: es ist die letzte böse Zeit. Ich mag mich drüber weiter +nicht auslassen: ich seh wohl, Er ist ein Zweifler auch, und auch +solche Leute muß man tragen. Es wird schon kommen; Er ist noch jung +– aber gesetzt auch, posito auch, aber nicht zugestanden, unsere +Glaubenslehren wären all Aberglauben, über Geister, über Höll, über +Teufel, da – Was thut’s Euch, was beißts Euch, daß Ihr Euch +so mit Händen und Füßen dagegen wehrt? Thut nichts Böses, thut recht +und denn so braucht Ihr die Teufel nicht zu scheuen, und wenn ihrer +mehr wären wie Ziegel auf dem Dach, wie der selige Lutherus sagt. Und +Aberglauben – O schweigt still, schweigt still, lieben Leut’. Erwägt +erst mit reifem Nachdenken, was der Aberglaube bisher für Nutzen +gestiftet hat, und denn habt mir noch das Herz, mit Euren nüchternen +Spötteleyen gegen mich anzuziehen. Reutet mir den Aberglauben aus; +ja warhaftig der rechte Glaub wird mit drauf gehn, und ein nacktes +Feld da bleiben. Aber ich weiß <span class="pagenum">144</span> +jemand, der gesagt hat, man soll beydes wachsen lassen, es wird +schon die Zeit kommen, da Kraut sich von dem Unkraut scheiden wird. +Aberglauben – Nehmt dem Pöbel seinen Aberglauben, er wird +freygeistern, wie Ihr und Euch vor den Kopf schlagen. Nehmt dem Bauer +seinen Teufel, und er wird ein Teufel gegen seine Herrschaft werden +und ihr beweisen, daß es welche giebt. Aber wir wollen das bey Seite +setzen – Wovon rede ich doch? – Recht, sag’ +Er mir, wen hat Er angesehen in der ganzen Predigt? Verheel’ Er mir +nichts. Ich war es nicht, denn sonst müst’ Er schielen, daß es eine +Schande wäre.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Das Bild.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Es war nicht das +Bild – Dort unten, wo die Mädchen sitzen, die bey ihm in +die Kinderlehre gehen – Lieber Freund! es wird doch nichts vom alten +Sauerteig in seinem Herzen geblieben seyn – Ey, ey! wer +einmal geschmeckt hat die Kräfte der zukünftigen Welt – +Ich bitt Ihn, mir stehn die Haare zu Berge – Nicht wahr, +die eine da mit dem gelben Haar so nachläßig unter das rothe Häubchen +gesteckt und mit den lichtbraunen Augen, die allemal unter den +<span class="pagenum">145</span> schwarzen Augbraunen so schalkhaft +hervorblinzen, wie die Sterne hinter Regenwolken – Es ist +wahr, das Mädchen ist gefährlich; ich hab’s nur einmal von der Kanzel +angesehn, und muste hernach allemal die Augen platt zudrücken, wenn +sie auf sie fielen, sonst wär’ mirs gegangen, wie den weisen Männern +im Areopagus, die Recht und Gerechtigkeit vergaßen um einer schnöden +Phryne willen. – Aber sag’ Er mir doch, wo will Er hin, daß +Er Sich noch bösen Begierden überläßt, daß Ihm sogar an Mitteln fehlt, +sie zu befriedigen? Will Er Sich dem Teufel ohne Sold dahingeben? Ist +das das Gelübd, das er dem Herrn gethan – Ich rede als Sein +geistlicher Vater mit Ihm – Er, der itzt mit so wenig Mühe +über alle Sinnlichkeit triumphiren, über die Erde sich hinausschwingen +und bessern Revieren zufliegen könnte. (Umarmt ihn) Ach mein lieber +Sohn, bey diesen Thränen, die ich aus wahrer herzlicher Sorgfalt für +Ihn vergieße; kehr’ Er nicht zu den Fleischtöpfen Egyptens zurück, da +Er Kanaan so nahe war! Eile, eile! rette Deine unsterbliche Seele! Du +hast auf der Welt nichts, das Dich mehr zurückhalten könnte. Die Welt +<span class="pagenum">146</span> hat nichts mehr für Dich, womit sie +Deine Untreu Dir einmal belohnen könnte; nicht einmal eine sinnliche +Freude, geschweige denn Ruhe der Seelen – Ich geh und +überlasse Dich Deinen Entschließungen. (geht ab)</p> + +<p class="center">(Läuffer bleibt in tiefen Gedanken sitzen)</p> + +<h3>Zehnte Scene.</h3> + +<p class="personen">Lise. <span class="normal">(tritt herein, ein +Gesangbuch in der Hand, ohne daß er sie gewahr wird. Sie sieht ihm lang +stillschweigend zu. Er springt auf, will knien; wird sie gewahr und +sieht sie eine Weile verwirrt an)</span></p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (nähert sich ihr) Du hast +eine Seele dem Himmel gestolen. (faßt sie an die Hand) Was führt Dich +hieher, Lise?</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> Ich komme, Herr +Mandel – Ich komme, weil Sie gesagt haben, es würd’ +morgen keine Kinderlehr – weil Sie – so komm’ +ich – gesagt haben – ich komme, zu fragen, ob +morgen Kinderlehre seyn wird.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ach! – Seht diese +Wangen, ihr Engel! Wie sie in unschuldigem Feuer brennen und denn +verdammt mich, wenn ihr könnt – Lise, warum zittert Deine +<span class="pagenum">147</span> Hand? Warum sind Dir die Lippen so +bleich und die Wangen so roth? Was willst Du?</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> Ob morgen Kinderlehr seyn +wird?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Setz Dich zu mir +nieder – Leg Dein Gesangbuch weg – Wer steckt Dir +das Haar auf, wenn Du nach der Kirche gehst? (setzt sie auf einen Stuhl +neben seinem)</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> (will aufstehn) Verzeyh’ Er +mir; die Haube wird wohl nicht recht gesteckt seyn; es mache einen so +erschrecklichen Wind, als ich zur Kirche kam.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (nimmt ihre beyden Hände in +seine Hand) O Du bist – Wie alt bist Du, Lise? – +Hast Du niemals – Was wollt’ ich doch fragen – +Hast Du nie Freyer gehabt?</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> (Munter) O ja einen, noch die +vorige Woche; und des Schaafwirths Grethe war so neidisch auf mich und +hat immer gesagt: ich weiß nicht was er sich um das einfältige Mädchen +so viel Mühe macht, und denn hab’ ich auch noch einen Officier gehabt; +es ist noch kein Vierteljahr.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Einen Officier?</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> Ja doch, und einer von den recht +Vornehmen. Ich sag’ ihnen, er hat drey Tressen auf dem Arm gehabt: +aber ich war <span class="pagenum">148</span> noch zu jung und mein +Vater wollt mich ihm nicht geben, wegen des soldatischen Wesens und +Ziehens.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Würdest Du – O ich +weiß nicht, was ich rede – Würdest Du wohl – Ich +Elender!</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> O ja, von ganzem Herzen.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Bezaubernde! – +(will ihr die Hand küssen) Du weißt ja noch nicht, was ich fragen +wollte.</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> (zieht sie weg) O lassen Sie, +meine Hand ist ja so schwarz – O pfuy doch! Was machen +Sie? Sehen Sie, einen geistlichen Herrn hätt’ ich allewege gern: +von meiner ersten Jugend an hab ich die studierte Herren immer gern +gehabt; sie sind alleweil so artig, so manierlich, nicht so puf paf, +wie die Soldaten, obschon ich einewege die auch gern habe, das leugn’ +ich nicht, wegen ihrer bunten Röcke; ganz gewiß, wenn die geistlichen +Herren in so bunten Röcken giengen, wie die Soldaten, das wäre zum +Sterben.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Laß’ mich Deinen muthwilligen +Mund mit meinen Lippen zuschließen. (küßt sie) O Lise! Wenn Du wüstest, +wie unglücklich ich bin.</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span><span class="pagenum">149</span> +O pfuy, Herr, was machen Sie?</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Noch einmal und denn ewig +nicht wieder! (küßt sie. Wenzeslaus tritt herein)</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Was ist das? Proh deum +atque hominum fidem! Wie nun, falscher, falscher, falscher Prophet! +Reißender Wolf in Schaafskleidern! Ist das die Sorgfalt, die Du Deiner +Heerde schuldig bist? Die Unschuld selber verführen, die Du vor +Verführung bewahren sollst? Es muß ja Aergerniß kommen, doch wehe dem +Menschen, durch welchen Aergerniß kommt!</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Herr Wenzeslaus!</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Nichts mehr! Kein Wort +mehr! Ihr habt Euch in Eurer wahren Gestalt gezeigt. Aus meinem Hause, +Verführer!</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> (kniet vor Wenzeslaus) Lieber +Herr Schulmeister, er hat mir nichts böses gethan.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Er hat Dir mehr +böses gethan, als Dir Dein ärgster Feind thun könnte. Er hat Dein +unschuldiges Herz verführt.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich bekenne mich schuldig +– Aber kann man so vielen Reitzungen widerstehen? Wenn man mir dies +Herz aus dem Leibe risse und mich Glied vor Glied verstümmelte und ich +behielt nur eine Ader von Blut <span class="pagenum">150</span> noch +übrig, so würde diese verräthrische Ader doch für Lisen schlagen.</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> Er hat mir nichts Leides +gethan.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Dir nichts Leides +gethan – Himmlischer Vater!</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich hab ihr gesagt, daß sie +die liebenswürdigste Kreatur sey, die jemals die Schöpfung beglückt +hat; ich hab’ ihr das auf ihre Lippen gedrückt; ich hab diesen +unschuldigen Mund mit meinen Küssen versiegelt, welcher mich sonst +durch seine Zaubersprache zu noch weit größeren Verbrechen würde +hingerissen haben.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ist das kein Verbrechen? +Was nennt Ihr jungen Herrn heut zu Tage Verbrechen? O tempora, o mores! +Habt Ihr den Valerius Maximus gelesen? Habt Ihr den Artikel gelesen +de pudicitia? Da führt er einen Mänius an, der seinen Freygelassenen +todtgeschlagen hat, weil er seine Tochter einmal küßte und die Raison: +ut etiam oscula ad maritum sincera perferret. Riecht Ihr das? Schmeckt +Ihr das? Etiam oscula, non solum virginitatem, etiam oscula. Und +Mänius war doch nur ein Heyde: was soll ein Christ thun, der weiß, +daß der Ehstand <span class="pagenum">151</span> von Gott eingesetzt +ist und daß die Glückseligkeit eines solchen Standes an der Wurzel +vergiften, einem künftigen Gatten in seiner Gattin seine Freud und +Trost verderben; seinen Himmel profaniren – Fort, aus meinen +Augen, Ihr Bösewicht! Ich mag mit Euch nichts zu thun haben! Geht zu +einem Sultan und laßt Euch zum Aufseher über ein Serail dingen, aber +nicht zum Hirten meiner Schaafe. Ihr Miethling. Ihr reissender Wolf in +Schaafskleidern!</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich will Lisen heyrathen.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Heyrathen – Ey +ja doch – als ob sie mit einem Eunuch zufrieden?</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> O ja, ich bins herzlich wohl +zufrieden, Herr Schulmeister.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich unglücklicher!</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> Glauben Sie mir, lieber Herr +Schulmeister, ich laß einmal nicht von ihm ab. Nehmen Sie mir das +Leben; ich lasse nicht ab von ihm. Ich hab ihn gern und mein Herz sagt +mir, daß ich niemand auf der Welt so gern haben kann als ihn.</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> So – daß doch +– Lise, Du verstehst das Ding nicht – Lise, es läßt <span +class="pagenum">152</span> sich Dir so nicht sagen, aber Du kannst ihn +nicht heyrathen; es ist unmöglich.</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> Warum soll es denn unmöglich +seyn, Herr Schulmeister? Wie kann’s unmöglich seyn, wenn ich will +und wenn er will, und mein Vater auch es will? Denn mein Vater hat +mir immer gesagt, wenn ich einmal einen geistlichen Herrn bekommen +könnte – </p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Aber daß dich der Kuckuk, +er kann ja nichts – Gott verzeih mir meine Sünde, so laß Dir +doch sagen.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Vielleicht fodert sie das +nicht – Lise, ich kann bey Dir nicht schlafen.</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span> So kann Er doch wachen bey mir, +wenn wir nur den Tag über beisammen sind und uns so anlachen und uns +einsweilen die Hände küssen – Denn bey Gott! ich hab’ ihn +gern. Gott weiß es, ich hab’ Ihn gern.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Sehn Sie, Herr Wenzeslaus! +Sie verlangt nur Liebe von mir. Und ist’s denn nothwendig zum Glück der +Ehe, daß man thierische Triebe stillt?</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ey was – +<i>Connubium sine prole, est quasi dies sine sole</i> ... Seyd +fruchtbar und mehret euch, steht in Gottes Wort. Wo Eh’ ist, müssen +auch Kinder seyn.</p> + +<p><span class="sprecher">Lise.</span><span class="pagenum">153</span> +Nein Herr Schulmeister, ich schwör’s Ihm, in meinem Leben möcht’ ich +keine Kinder haben. Ey ja doch, Kinder! Was Sie nicht meynen! Damit wär +mir auch wol groß gedient, wenn ich noch Kinder dazu bekäme. Mein Vater +hat Enten und Hüner genug, die ich alle Tage füttern muß, wenn ich noch +Kinder ebenen füttern müste.</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (küßt sie) Göttliche Lise!</p> + +<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> (reißt sie von einander) +Ey was denn! Was denn! Vor meinen Augen? – So kriecht denn +zusammen; meinetwegen; weil doch Heyrathen besser ist als Brunst +leiden – Aber mit uns, Herr Mandel, ist es aus: alle grosse +Hofnungen, die ich mir von Ihm gemacht, alle grosse Erwartungen, +die mir Sein Heldenmuth einflößte. – Gütiger Himmel! wie +weit ist doch noch die Kluft, die zwischen einem Kirchenvater und +zwischen einem Kapaun befestigt ist. Ich dacht’, er sollte Origenes der +zweyte – O homuncio, homuncio! Das müßt’ ein ganz andrer +Mann seyn, der aus Absicht und Grundsätzen den Weg einschlüge, um ein +Pfeiler unsrer sinkenden Kirche zu werden. Ein ganz anderer <span +class="pagenum">154</span> Mann! Wer weiß, was noch einmal geschieht! +(geht ab)</p> + +<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Komm zu Deinem Vater, Lise, +Seine Einwilligung noch und ich bin der glücklichste Mensch auf dem +Erdboden!</p> + +<h3>Eilfte Scene.</h3> + +<p class="szene">Zu Insterburg.</p> + +<p class="personen">Geheimer Rath. Fritz von Berg. Pätus. Gustchen. +Jungfer Rehaar. <span class="normal">(Gustchen und Jungfer Rehaar +verstecken sich bey der Ankunft der erstern in die Kammer.)</span></p> + +<p class="center">(Geheimer Rath und Fritz laufen sich entgegen.)</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (fällt vor ihm auf die Knie) +Mein Vater!</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (hebt ihn auf und umarmt +ihn) Mein Sohn!</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Haben Sie mir vergeben?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Mein Sohn!</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich bin nicht werth, daß ich +Ihr Sohn heiße.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Setz Dich; denk mir nicht +mehr dran. Aber, wie hast Du Dich in Leipzig erhalten? Wieder Schulden +auf meine Rechnung gemacht? Nicht? und wie bist Du fortkommen?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span><span class="pagenum">155</span> +Dieser großmüthige Junge hat alles für mich bezahlt.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Wie denn?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Dieser noch +großmüthigere – O ich kann nicht reden.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Setzt euch Kinder; sprecht +deutlicher. Hat Ihr Vater sich mit Ihnen ausgesöhnt, Herr Pätus?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Keine Zeile von ihm gesehen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Und wie habt Ihrs denn +beyde gemacht?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> In der Lotterie gewonnen, eine +Kleinigkeit – aber es kam uns zu statten, da wir herreisen +wollten.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich seh, Ihr wilde Bursche +denkt besser als Eure Väter. Was hast Du wohl von mir gedacht, Fritz? +Aber man hat Dich auch bey mir verleumdet.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Seiffenblase gewiß?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich mag ihn nicht nennen; +das gäbe Katzbalgereyen, die hier am unrechten Ort wären.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Seiffenblase! Ich laß mich +hängen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Aber was führt Dich denn +nach Hause zurück, eben jetzt da? – </p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span><span class="pagenum">156</span> +Fahren Sie fort – O das eben jetzt, mein Vater! das eben +jetzt ists, was ich wissen wollte.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Was denn? was denn?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ist Gustchen todt?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Holla! der +Liebhaber! – Was veranlaßt Dich, so zu fragen?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ein Brief von Seiffenblase.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Er hat Dir geschrieben: sie +wäre todt?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Und entehrt dazu.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Es ist ein verleumderischer +Schurke!</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Kennst Du eine Jungfer +Rehaar in Leipzig?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> O ja, ihr Vater war mein +Lautenmeister.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Die hat er entehren wollen; +ich hab sie von seinen Nachstellungen errettet: das hat ihn uns feind +gemacht.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (steht auf) Jungfer +Rehaar – Der Teufel soll ihn holen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Wo wollen Sie hin?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ist er in Insterburg?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Nein doch – +Nehmen Sie sich der Prinzessinnen nicht zu eifrig an, <span +class="pagenum">157</span> Herr Ritter von der runden Tafel! Oder haben +Sie Jungfer Rehaar auch gekannt?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ich? Nein, ich habe sie nicht +gekannt – Ja, ich habe sie gekannt.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich merke – +Wollen Sie nicht auf einen Augenblick in die Kammer spatzieren? (führt +ihn an die Thür)</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (macht auf und fährt +zurück, sich mit beyden Händen an den Kopf greiffend) Jungfer +Rehaar – Zu Ihren Füssen – (hinter der Scene) Bin +ich so glücklich? oder ist’s nur ein Traum? Ein Rausch? – +Eine Bezauberung? – </p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Lassen wir +ihn! – (kehrt zu Fritz) Und Du denkst noch an Gustchen?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Sie haben mir das furchtbare +Rätzel noch nicht aufgelöst. Hat Seiffenblase gelogen?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich denke, wir reden +hernach davon: wir wollen uns die Freud’ itzt nicht verderben.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (kniend) O mein Vater, wenn Sie +noch Zärtlichkeit für mich haben, lassen Sie mich nicht zwischen Himmel +und Erde, zwischen Hofnung und Verzweiflung schweben. Darum bin ich +gereist; ich konnte die quaalvolle Ungewißheit nicht länger aushalten. +Lebt Gustchen? Ists wahr, daß sie entehrt ist?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span><span +class="pagenum">158</span> Es ist leider nur eine zu traurige +Wahrheit.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Und hat sich in einen Teich +gestürzt?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Und ihr Vater hat sich ihr +nachgestürzt.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> So falle denn Henkers +Beil – Ich bin der Unglücklichste unter den Menschen!</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Steh’ auf! Du bist +unschuldig dran – </p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Nie will ich aufstehn. (schlägt +sich an die Brust) Schuldig war ich; einzig und allein schuldig. +Gustchen, seliger Geist, verzeihe mir!</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Und was hast Du Dir +vorzuwerfen?</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich habe geschworen, falsch +geschworen – Gustchen! wär’ es erlaubt, Dir nachzuspringen! +(steht hastig auf) Wo ist der Teich?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Hier! (führt ihn in die +Kammer)</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (hinter der Scene +mit lautem Geschrey) Gustchen! – Seh’ ich ein +Schattenbild? – Himmel! Himmel welche Freude! – +Laß mich sterben! laß mich an Deinem Halse sterben.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (wischt sich die Augen) +Eine zärtliche Gruppe! – Wenn doch der Major hier wäre! +(geht hinein.)</p> + +<h3>Letzte Scene.</h3> + +<p class="personen">Der Major <span class="normal">(ein Kind auf dem +Arm)</span> Der alte Pätus.<span class="pagenum">159</span></p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Kommen Sie, Herr Pätus. Sie +haben mir das Leben wiedergegeben. Das war der einzige Wurm, der mir +noch dran nagte. Ich muß Sie meinem Bruder präsentiren, und Ihre alte +blinde Großmutter will ich in Gold einfassen lassen.</p> + +<p><span class="sprecher">Der alte Pätus.</span> O meine Mutter hat +mich durch ihren unvermutheten Besuch weit glücklicher gemacht, +als Sie. Sie haben nur einen Enkel wiedererhalten, der Sie an +traurige Geschichten erinnert; ich aber eine Mutter, die mich an die +angenehmsten Scenen meines Lebens erinnert, und deren mütterliche +Zärtlichkeit ich leider noch durch nichts habe erwiedern können, als +Haß und Undankbarkeit. Ich habe sie aus dem Hause gestoßen, nachdem sie +mir den ganzen Nachlaß meines Vaters und ihr Vermögen mit übergeben +hatte; ich habe ärger gegen sie gehandelt als ein Tyger – +Welche Gnade von Gott ist es, daß sie noch lebt, daß sie mir noch +verzeihen kann, die großmüthige Heilige! daß es noch in meine <span +class="pagenum">160</span> Gewalt gestellt ist, meine verfluchte +Verbrechen wieder gut zu machen.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Bruder Berg! wo bist Du? He! +(Geh. Rath kömmt) Hier ist mein Kind, mein Großsohn. Wo ist Gustchen? +Mein allerliebstes Großsöhnchen! (schmeichelt ihm) meine allerliebste +närrische Puppe!</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Das ist +vortreflich! – und Sie, Herr Pätus?</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Sie Herr Pätus hat’s mir +verschaft – Seine Mutter war das alte blinde Weib, die +Bettlerin, von der uns Gustchen so viel erzählt hat.</p> + +<p><span class="sprecher">Der alte Pätus.</span> Und durch mich +Bettlerin – O die Schaam bindt mir die Zunge. Aber ich wills +der ganzen Welt erzehlen, was ich für ein Ungeheuer war – +</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Weißt Du was neues, Major? +Es finden sich Freyer für Deine Tochter – aber dring nicht +in mich, Dir den Namen zu sagen.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Freyer für meine +Tochter! – (wirft das Kind ins Kanapee) Wo ist sie?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Sacht! ihr Freyer ist bey +ihr – Willst Du Deine Einwilligung geben?</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Ists ein Mensch von gutem +Hause? Ist er von Adel?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span><span +class="pagenum">161</span> Ich zweifle.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Doch keiner zu weit unter ihrem +Stande? O sie sollte die erste Parthie im Königreich werden. Das ist +ein vermaledeyter Gedanke! wenn ich doch den erst fort hätte; er wird +mich noch ins Irrhaus bringen.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (öfnet die Kammer; auf +seinen Wink tritt Fritz mit Gustchen heraus)</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> (fällt ihm um den Hals) Fritz! +(zum geh. Rath) Ists Dein Fritz? Willst Du meine Tochter heyrathen? +– Gott segne Dich. Weißt Du noch nichts, oder weißt Du alles? Siehst +Du, wie mein Haar grau geworden ist vor der Zeit! (führt ihn ans +Kanapee) Siehst Du, dort ist das Kind. Bist ein Philosoph? Kannst +alles vergessen? Ist Gustchen Dir noch schön genug? O sie hat bereut. +Jung, ich schwöre Dir, sie hat bereut, wie keine Nonne und kein +Heiliger. Aber was ist zu machen? Sind doch die Engel aus dem Himmel +gefallen – Aber Gustchen ist wieder aufgestanden.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Lassen Sie mich zum Wort +kommen.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> (drückt ihn immer an die Brust) +Nein Junge – Ich möchte Dich todt drücken – +Daß Du so großmüthig bist, daß Du so edel denkst – das +Du – mein Junge bist – </p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span><span class="pagenum">162</span> +In Gustchens Armen beneid’ ich keinen König.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> So recht; das ist +recht. – Sie wird Dir schon gestanden haben; sie wird Dir +alles erzählt haben – </p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Dieser Fehltritt macht +sie mir nur noch theurer – macht ihr Herz nur noch +englischer. – Sie darf nur in den Spiegel sehn, um überzeugt +zu seyn, daß sie mein ganzes Glück machen werde und doch zittert sie +immer vor dem, wie sie sagt, ihr unerträglichen Gedanken: sie werde +mich unglücklich machen. O was hab ich von einer solchen Frau anders zu +gewarten, als einen Himmel?</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Ja wohl einen Himmel; wenn’s +wahr ist, daß die Gerechten nicht allein hineinkommen, sondern auch +die Sünder, die Busse thun. Meine Tochter hat Busse gethan und ich hab +für meine Thorheiten und daß ich einem Bruder nicht folgen wollte, der +das Ding besser verstund, auch Busse gethan; ihr zur Gesellschaft: +und darum macht mich der liebe Gott auch ihr zur Gesellschaft mit +glücklich.</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (ruft zur Kammer hinein) +Herr Pätus, kommen Sie doch hervor. Ihr Vater ist hier.</p> + +<p><span class="sprecher">Der alte Pätus.</span><span +class="pagenum">163</span> Was hör’ ich – Mein Sohn?</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (fällt ihm um den Hals) Ihr +unglücklicher verstossener Sohn. Aber Gott hat sich meiner als eines +armen Wäysen angenommen. Hier, Papa, ist das Geld, das Sie zu meiner +Erziehung in der Fremde angewandt; hier ist’s zurück und mein Dank +dazu; es hat doppelte Zinsen getragen, das Kapital hat sich vermehrt +und Ihr Sohn ist ein rechtschaffener Kerl worden.</p> + +<p><span class="sprecher">Der alte Pätus.</span> Muß denn alles heute +wetteifern, mich durch Großmuth zu beschämen. Mein Sohn, erkenne Deinen +Vater wieder, der eine Weile seine menschliche Natur ausgezogen und in +ein wildes Thier ausgeartet war. Es gieng Deiner Großmutter wie Dir: +sie ist auch wiedergekommen und hat mir verziehen und hat mich wieder +zum Sohn gemacht, so wie Du mich wieder zum Vater machst. Nimm mein +ganzes Vermögen, Gustav! schalte damit nach Deinem Gefallen, nur laß +mich die Undankbarkeit nicht entgelten, die ich bey einem ähnlichen +Geschenk gegen Deine Großmutter äußerte.</p> + +<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Erlauben Sie mir, das +tugendhafteste süsseste Mädchen glücklich damit zu machen – +</p> + +<p><span class="sprecher">Der alte Pätus.</span><span +class="pagenum">164</span> Was denn? Du auch verliebt? Mit Freuden +erlaub’ ich Dir alles. Ich bin alt und möchte vor meinem Tode gern +Enkel sehen, denen ich die Treue beweisen könnte, die Eure Großmutter +für Euch bewiesen hat.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (Umarmt das Kind auf dem +Kanapee, küßt’s und trägts zu Gustchen) Dies Kind ist jetzt auch das +meinige; ein trauriges Pfand der Schwachheit Deines Geschlechts und der +Thorheiten des unsrigen: am meisten aber der vortheilhaften Erziehung +junger Frauenzimmer durch Hofmeister.</p> + +<p><span class="sprecher">Major.</span> Ja mein lieber Sohn, wie sollen +sie denn erzogen werden?</p> + +<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Giebts für sie +keine Anstalten, keine Nähschulen, keine Klöster, keine +Erziehungshäuser? – Doch davon wollen wir ein andermal +sprechen.</p> + +<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (küßt’s abermal) Und dennoch +mir unendlich schätzbar, weil’s das Bild seiner Mutter trägt. +Wenigstens, mein süsses Kind! werd’ ich Dich nie durch Hofmeister +erziehen lassen.</p> + +<div style="margin-top: 5%; background-color: #E6E6FA; border: 1px solid;"> + <div style="font-size: large; text-align: center;"><b>Transcriber’s Note</b></div> + <ul> + <li>New original cover art included with this eBook is granted to the public domain.</li> + </ul> +</div> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 6821 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/6821-h/images/i_cover.jpg b/6821-h/images/i_cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..90c767c --- /dev/null +++ b/6821-h/images/i_cover.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt index 6312041..b5dba15 100644 --- a/LICENSE.txt +++ b/LICENSE.txt @@ -1,4 +1,4 @@ -This eBook, including all associated images, markup, improvements, +This book, including all associated images, markup, improvements, metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. @@ -7,5 +7,5 @@ the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. 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