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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 6821 ***
+
+
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+
+Der Hofmeister odor Vortheile der Privaterziehung
+
+Jakob Michael Reinhold Lenz
+
+Eine Komödie.
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+Namen.
+
+Herr von Berg. Geheimer Rath.
+Der Major. Sein Bruder.
+Die Majorin.
+Gustchen. Ihre Tochter.
+Fritz von Berg.
+Graf Wermuth.
+Läuffer. Ein Hofmeister.
+Pätus und Bollwerk. Studenten.
+Herr von Seiffenblase.
+Sein Hofmeister.
+Frau Hamster. Räthin.
+Jungfer Hamster.
+Jungfer Knicks.
+Frau Blitzer.
+Wenzeslaus. Ein Schulmeister.
+Marthe. Alte Frau.
+Lise.
+Der alte Pätus.
+Der alte Läuffer. Stadtprediger.
+Leopold. Junker des Majors. Ein Kind.
+Herr Rehhaar. Lautenist.
+Jungfer Rehhaar. Seine Tochter.
+
+
+
+Erster Akt.
+
+
+Erste Scene.
+
+Zu Insterburg in Preussen.
+
+
+Läuffer.
+Mein Vater sagt: ich sey nicht tauglich zum Adjunkt. Ich
+glaube, der Fehler liegt in seinem Beutel; er will keinen
+bezahlen. Zum Pfaffen bin ich auch zu jung, zu gut
+gewachsen, habe zu viel Welt gesehn und bey der
+Stadtschule hat mich der geheime Rath nicht annehmen
+wollen. Mag's! er ist ein Pedant und dem ist freylich
+der Teufel selber nicht gelehrt genug. Im halben Jahr
+hätt' ich doch wieder eingeholt, was ich von der Schule
+mitgebracht, und dann wär' ich für einen Klassenpräceptor
+noch immer viel zu gelehrt gewesen, aber der Herr geheime
+Rath muß das Ding besser verstehen. Er nennt mich immer
+nur Monsieur Läuffer, und wenn wir von Leipzig sprechen,
+fragt er nach Händels Kuchengarten und Richters Kaffehaus,
+ich weiß nicht: soll das Satyre seyn, oder--Ich hab'
+ihn doch mit unserm Konrektor bisweilen tiefsinnig genug
+diskuriren hören; er sieht mich vermuthlich nicht für
+voll an.--Da kommt er eben mit dem Major; ich weiß nicht,
+ich scheu ihn ärger als den Teufel. Der Kerl hat etwas
+in seinem Gesicht, das mir unerträglich ist. (geht dem
+geheimen Rath und dem Major mit viel freundlichen
+Scharrfüssen vorbey.)
+
+
+Zweyte Scene.
+
+Geheimer Rath. Major.
+
+
+Major.
+Was willst du denn? Ist das nicht ein ganz artiges Männichen?
+
+Geh. Rath.
+Artig genug, nur zu artig. Aber was soll er Deinen Sohn
+lehren?
+
+Major.
+Ich weiß nicht, Berg, Du thust immer solche wunderliche
+Fragen.
+
+Geh. Rath.
+Nein aufrichtig! Du must doch eine Absicht haben, wenn Du
+einen Hofmeister nimmst und den Beutel mit einemmahl so
+weit aufthust, daß dreihundert Dukaten herausfallen. Sag
+mir, was meinst Du mit dem Geld auszurichten; was foderst
+Du dafür von Deinem Hofmeister?
+
+Major.
+Daß er--was ich--daß er meinen Sohn in allen
+Wissenschaften und Artigkeiten und Weltmanieren--Ich weiß
+auch nicht, was Du immer mit Deinen Fragen willst; das
+wird sich schon finden; das werd ich ihm alles schon zu
+seiner Zeit sagen.
+
+Geh. Rath.
+Das heißt: Du willst Hofmeister Deines Hofmeisters seyn;
+bedenkst Du aber auch, was Du da auf Dich nimmst--Was
+soll Dein Sohn werden, sag mir einmahl?
+
+Major.
+Was er... Soldat soll er werden; ein Kerl, wie ich gewesen
+bin.
+
+Geh. Rath.
+Das letzte laß nur weg, lieber Bruder; unsere Kinder
+sollen und müssen das nicht werden, was wir waren: die
+Zeiten ändern sich, Sitten, Umstände, alles, und wenn Du
+nichts mehr und nichts weniger geworden wärst, als das
+leibhafte Kontrefey Deines Eltervaters--
+
+Major.
+Potz hundert! wenn er Major wird, und ein braver Kerl
+wie ich, und dem König so redlich dient als ich!
+
+Geh. Rath.
+Ganz gut, aber nach funfzig Jahren haben wir vielleicht
+einen andern König und eine andre Art ihm zu dienen. Aber
+ich seh schon, ich kann mich mit Dir in die Sachen nicht
+einlassen, ich müste zu weit ausholen und würde doch
+nichts ausrichten. Du siehst immer nur der graden Linie
+nach, die Deine Frau Dir mit Kreide über den Schnabel
+zieht.
+
+Major.
+Was willst Du damit sagen, Berg? Ich bitt Dich, misch
+Dich nicht in meine Hausangelegenheiten, so wie ich mich
+nicht in die Deinigen.--Aber sieh doch! da läuft ja
+eben Dein gnädiger Junker mit zwey Hollunken aus der
+Schule heraus.--Vortrefliche Erziehung, Herr Philosophus!
+Das wird einmal was rechts geben! Wer sollt' es in aller
+Welt glauben, daß der Gassenbengel der einzige Sohn Sr.
+Excellenz des königlichen geheimen Raths--
+
+Geh. Rath.
+Laß ihn nur.--Seine lustigen Spielgesellen werden ihn
+minder verderben als ein galonirter Müßiggänger,
+unterstützt von einer eiteln Patronin.
+
+Major.
+Du nimmst Dir Freyheiten heraus.--Adieu.
+
+Geh. Rath.
+Ich bedaure Dich.
+
+
+Dritte Scene.
+
+Der Majorin Zimmer.
+Frau Majorin. (auf einem Kanapee)
+Läuffer. (in sehr demüthiger Stellung neben ihr sitzend)
+Leopold. (steht)
+
+
+Majorin.
+Ich habe mit Ihrem Herrn Vater gesprochen und von den
+dreihundert Dukaten stehenden Gehalts sind wir bis auf
+hundert und funfzig einig worden. Dafür verlang' ich
+aber auch Herr--Wie heissen Sie?--Herr Läuffer, daß
+Sie Sich in Kleidern sauber halten, und unserm Hause
+keine Schande machen. Ich weiß, daß Sie Geschmack haben;
+ich habe schon von Ihnen gehört, als Sie noch in Leipzig
+waren. Sie wissen, daß man heut zu Tage auf nichts in
+der Welt so sehr sieht, als ob ein Mensch sich zu führen
+wisse.
+
+Läuffer.
+Ich hoff', Euer Gnaden werden mit mir zufrieden seyn.
+Wenigstens hab' ich in Leipzig keinen Ball ausgelassen,
+und wohl über die funfzehn Tanzmeister in meinem Leben
+gehabt.
+
+Majorin.
+So? lassen Sie doch sehen. (Läuffer steht auf) Nicht
+furchtsam, Herr...Läuffer! nicht furchtsam! Mein Sohn
+ist buschscheu genug; wenn der einen blöden Hofmeister
+bekommt, so ists aus mit ihm. Versuchen Sie doch einmal,
+mir ein Kompliment aus der Menuet zu machen; zur Probe
+nur, damit ich doch sehe.--Nun, nun, das geht schon an!
+Mein Sohn braucht vor der Hand keinen Tanzmeister! Auch
+einen Pas, wenn's Ihnen beliebt.--Es wird schon gehen;
+das wird sich alles geben, wenn Sie einmal einer unsrer
+Assembleen werden beigewohnt haben. Sind Sie musikalisch?
+
+Läuffer.
+Ich spiele die Geige, und das Klavier zur Noth.
+
+Majorin.
+Desto besser: wenn wir aufs Land gehn und Fräulein
+Milchzahn besuchen uns einmal; ich habe bisher ihnen
+immer was vorsingen müssen, wenn die guten Kinder Lust
+bekamen zu tanzen: aber besser ist besser.
+
+Läuffer.
+Euer Gnaden setzen mich ausser mich: wo wär ein Virtuos
+auf der Welt, der auf seinem Instrument Euer Gnaden
+Stimme zu erreichen hoffen dürfte.
+
+Majorin.
+Ha ha ha! Sie haben mich ja noch nicht gehört. ... Warten
+Sie; ist Ihnen die Menuet bekannt? (singt)
+
+Läuffer.
+O... o... verzeihen Sie dem Entzücken, dem Enthusiasmus,
+der mich hinreißt. (küßt ihr die Hand.)
+
+Majorin.
+Und ich bin doch enrhumirt dazu; ich muß heut krähen wie
+ein Rabe. Vous parlez françois, sans doute?
+
+Läuffer.
+Un peu, Madame
+
+Majorin.
+Avez Vous deja fait Vôtre tour de France?
+
+Läuffer.
+Non Madame. ... Oui Madame.
+
+Majorin.
+Vous devez donc savoir, qu'en France, on ne baise pas
+les mains, mon cher. ...
+
+Bedienter. (tritt herein)
+Der Graf Wermuth ...
+
+Graf Wermuth. (tritt herein)
+
+Graf. (nach einigen stummen Komplimenten setzt sich zur
+Majorin aufs Kanapee. Läuffer bleibt verlegen stehen)
+Haben Euer Gnaden den neuen Tanzmeister schon gesehn,
+der aus Dresden angekommen? Er ist ein Marchese aus
+Florenz, und heißt ... Aufrichtig: ich habe nur zwey
+auf meinen Reisen angetroffen, die ihm vorzuziehen waren.
+
+Majorin.
+Das gesteh' ich, nur zwey! In der That, Sie machen mich
+neugierig; ich weiß, welchen verzärtelten Geschmack der
+Graf Wermuth hat.
+
+Läuffer.
+Pintinello ... nicht wahr? ich hab' ihn in Leipzig auf
+dem Theater tanzen sehen; er tanzt nicht sonderlich ...
+
+Graf.
+Er tanzt--on ne peut pas mieux.--Wie ich Ihnen sage,
+gnädige Frau, in Petersburg hab' ich einen Beluzzi
+gesehn, der ihm vorzuziehen war: aber dieser hat eine
+Leichtigkeit in seinen Füssen, so etwas freyes,
+göttlichnachläßiges in seiner Stellung, in seinen Armen,
+in seinen Wendungen--
+
+Läuffer.
+Auf dem Kochischen Theater ward er ausgepfiffen, als er
+sich das letztemal sehen ließ.
+
+Majorin.
+Merk Er sich, mein Freund! daß Domestiken in
+Gesellschaften von Standespersonen nicht mitreden. Geh
+Er auf Sein Zimmer. Wer hat Ihn gefragt? (Läuffer tritt
+einige Schritte zurück)
+
+Graf.
+Vermuthlich der Hofmeister, den Sie dem jungen Herrn
+bestimmt? ...
+
+Majorin.
+Er kommt ganz frisch von der hohen Schule.--Geh' Er
+nur! Er hört ja, daß man von Ihm spricht; desto weniger
+schickt es sich, stehen zu bleiben. (Läuffer geht mit
+einem steifen Kompliment ab) Es ist was unerträgliches,
+daß man für sein Geld keinen rechtschaffenen Menschen
+mehr antreffen kann. Mein Mann hat wohl dreymahl an einen
+dasigen Professor geschrieben und dies soll doch noch
+der galanteste Mensch auf der ganzen Akademie gewesen
+seyn. Sie sehens auch wohl an seinem links bordirten
+Kleide. Stellen Sie sich vor, von Leipzig bis Insterburg
+zweihundert Dukaten Reisegeld und jährliches Gehalt
+fünfhundert Dukaten, ist das nicht erschröcklich?
+
+Graf.
+Ich glaube, sein Vater ist der Prediger hier aus dem Ort ...
+
+Majorin.
+Ich weiß nicht--es kann seyn--ich habe nicht darnach
+gefragt, ja doch, ich glaub' es fast: er heißt ja auch
+Läuffer; nun denn ist er freylich noch artig genug. Denn
+das ist ein rechter Bär, wenigstens hat er mich ein für
+allemal aus der Kirche gebrüllt.
+
+Graf.
+Ists ein Katholik?
+
+Majorin.
+Nein doch, Sie wissen ja, daß in Insterburg keine
+katholische Kirche ist: er ist Lutherisch, oder
+Protestantisch wollt' ich sagen; er ist protestantisch.
+
+Graf.
+Pintinello tanzt ... Es ist wahr, ich habe mir mein
+Tanzen einige dreißig tausend Gulden kosten lassen, aber
+noch einmal so viel gäb' ich drum, wenn ...
+
+
+Vierte Scene.
+
+Läuffers Zimmer.
+Läuffer. Leopold. Der Major.
+(Erstere sitzen an einem Tisch, ein Buch in der Hand,
+indem sie der letztere überfällt.)
+
+
+Major.
+So recht; so lieb' ichs; hübsch fleißig--und wenn die
+Kanaille nicht behalten will, Herr Läuffer, so schlagen
+Sie ihm das Buch an den Kopf, daß ers Aufstehen vergißt,
+oder wollt' ich sagen, so dürfen Sie mirs nur klagen.
+Ich will Dir den Kopf zurecht setzen, Heyduk Du! Seht
+da zieht er das Maul schon wieder. Bist empfindlich,
+wenn Dir Dein Vater was sagt? Wer soll Dirs denn sagen?
+Du sollst mir anders werden, oder ich will Dich peitschen,
+daß Dir die Eingeweide krachen sollen, Tuckmäuser! Und
+Sie, Herr, seyn Sie fleißig mit ihm, das bitt' ich mir
+aus, und kein Feriiren und Pausiren und Rekreiren, das
+leid ich nicht. Zum Plunder, vom Arbeiten wird kein
+Mensch das Malum hydropisiacum kriegen. Das sind nur
+Ausreden von euch Herren Gelehrten.--Wie stehts, kann
+er seinen Cornelio? Lippel! ich bitt Dich um tausend
+Gottes willen, den Kopf grad. Den Kopf in die Höhe,
+Junge! (richtet ihn) Tausend Sakkerment den Kopf aus den
+Schultern! oder ich zerbrech Dir Dein Rückenbein in
+tausendmillionen Stücken.
+
+Läuffer.
+Der Herr Major verzeihen: er kann kaum lateinisch lesen.
+
+Major.
+Was? So hat der Rakker vergessen.--Der vorige Hofmeister
+hat mir doch gesagt, er sey perfekt im Lateinischen,
+perfekt. ... Hat ers ausgeschwitzt--aber ich will Dir--
+Ich will es nicht einmal vor Gottes Gericht zu
+verantworten haben, daß ich Dir keinen Daumen aufs Auge
+gesetzt habe, und daß ein Galgendieb aus Dir geworden
+ist, wie der junge Hufeise oder wie Deines Onkels
+Friedrich, eh Du mir so ein Gassenläufferischer
+Taugenichts--Ich will dich zu Tode hauen--(giebt ihm
+eine Ohrfeige) Schon wieder wie ein Fragzeichen? Er
+läßt sich nicht sagen.--Fort mir aus den Augen.--Fort!
+Soll ich Dir Beine machen? Fort, sag' ich. (stampft mit
+dem Fuß. Leopold geht ab. Major setzt sich auf seinen
+Stuhl. Zu Läuffern.) Bleiben Sie sitzen, Herr Läuffer;
+ich wollte mit ihnen ein paar Worte allein sprechen,
+darum schickt' ich den jungen Herrn fort. Sie können
+immer sitzen bleiben; ganz, ganz. Zum Henker Sie
+brechen mir ja den Stuhl entzwey, wenn Sie immer so
+auf einer Ecke ... Dafür steht ja der Stuhl da, daß
+man drauf sitzen soll. Sind Sie so weit gereist und
+wissen das noch nicht?--Hören Sie nur: ich seh' Sie
+für einen hübschen artigen Mann an, der Gott fürchtet
+und folgsam ist, sonst würd' ich das nimmer thun, was
+ich für Sie thue. Hundert und vierzig Dukaten jährlich
+hab' ich Ihnen versprochen: das machen drey--Warte--
+Dreymal hundert und vierzig: wieviel machen das?
+
+Läuffer.
+Vier hundert und zwanzig.
+
+Major.
+Ists gewiß? Macht das soviel? Nun damit wir gerade Zahl
+haben, vierhundert Thaler preußisch Courant hab' ich zu
+Ihrem Salarii bestimmt. Sehen Sie, das ist mehr als das
+ganze Land giebt.
+
+Läuffer.
+Aber mit Eurer Gnaden gnädigen Erlaubniß, die Frau
+Majorin haben mir von hundert funfzig Dukaten gesagt;
+das machte gerade vierhundert funfzig Thaler und auf
+diese Bedingungen hab' ich mich eingelassen.
+
+Major.
+Ey was wissen die Weiber!--Vierhundert Thaler,
+Monsieur; mehr kann Er mit gutem Gewissen nicht fodern.
+Der vorige hat zweihundert funfzig gehabt und ist
+zufrieden gewesen wie ein Gott. Er war doch, mein Seel!
+ein gelehrter Mann; auch und ein Hofmann zugleich: die
+ganze Welt gab' ihm das Zeugniß, und Herr, Er muß noch
+ganz anders werden, eh' Er so wird. Ich thu' es nur aus
+Freundschaft für Seinen Herrn Vater, was ich an Ihm
+thue und um Seinetwillen auch, wenn Er hübsch folgsam
+ist, und werd' auch schon einmal für Sein Glück zu
+sorgen wissen; das kann Er versichert seyn.--Hör Er
+doch einmal: ich hab' eine Tochter, das mein Ebenbild
+ist und die ganze Welt giebt ihr das Zeugniß, daß ihres
+gleichen an Schönheit im ganzen Preussenlande nichts
+anzutreffen. Das Mädchen hat ein ganz anders Gemüth als
+mein Sohn, der Buschklepper. Mit dem muß ganz anders
+umgegangen werden! Es weiß sein Christenthum aus dem
+Grunde und in dem Grunde, aber es ist denn nun doch,
+weil sie bald zum Nachtmahl gehen soll und ich weiß wie
+die Pfaffen sind, so soll er auch alle Morgen etwas aus
+dem Christenthum mit ihr nehmen. Alle Tage Morgens eine
+Stunde und da geht Er auf ihr Zimmer; angezogen, das
+versteht sich: denn Gott behüte, daß Er so ein Schweinigel
+seyn sollte wie ich einen gehabt habe, der durchaus im
+Schlafrock an Tisch kommen wollte.--Kann Er auch
+zeichnen?
+
+Läuffer.
+Etwas, gnädiger Herr.--Ich kann Ihnen einige Proben weisen.
+
+Major. (besieht sie)
+Das ist ja scharmant!--Recht schön; gut das: Er soll
+meine Tochter auch zeichnen lehren.--Aber hören Sie,
+werther Herr Läuffer, um Gottes Willen ihr nicht scharf
+begegnet; das Mädchen hat ein ganz ander Gemüth als der
+Junge. Weiß Gott! es ist als ob sie nicht Bruder und
+Schwester wären. Sie liegt Tag und Nacht über den
+Büchern und über den Trauerspielen da, und sobald man
+ihr nur ein Wort sagt, besonders ich, von mir kann sie
+nichts vertragen, gleich stehn ihr die Backen in Feuer
+und die Thränen lauffen ihr wie Perlen drüber herab. Ich
+wills Ihm nur sagen: das Mädchen ist meines Herzens
+einziger Trost. Meine Frau macht mir bittre Tage genug:
+sie will alleweil herrschen und weil sie mehr List und
+Verstand hat, als ich. Und der Sohn, das ist ihr
+Liebling; den will sie nach ihrer Methode erziehen;
+fein säuberlich mit dem Knaben Absalom, und da wird
+denn einmal so ein Galgenstrick draus, der nicht Gott,
+nicht Menschen was Nutz ist.--Das will ich nicht
+haben.--Sobald er was thut, oder was versieht, oder
+hat seinen Lex nicht gelernt, sag' Ers mir nur und der
+lebendige Teuffel soll drein fahren.--Aber mit der
+Tochter nehm' Er sich in Acht; die Frau wird Ihm schon
+zureden, daß Er ihr scharf begegnen soll. Sie kann sie
+nicht leiden, das weiß ich; aber wo ich das geringste
+merke. Ich bin Herr vom Hause, muß Er wissen, und wer
+meiner Tochter zu nahe kommt--Es ist mein einziges
+Kleinod, und wenn der König mir sein Königreich für
+sie geben wollt': ich schicke ihn fort. Alle Tage ist
+sie in meinem Abendgebet und Morgengebet und in meinem
+Tischgebet, und alles in allem, und wenn Gott mir die
+Gnade thun wollte, daß ich sie noch vor meinem Ende
+mit einem General oder Staatsminister vom ersten Range
+versorgt sähe,--denn keinen andern soll sie sein
+Lebtage bekommen,--so wollt' ich gern ein zehn Jahr
+eher sterben.--Merk' Er sich das--und wer meiner
+Tochter zu nahe kommt oder ihr worinn zu Leid lebt--
+die erste beste Kugel durch den Kopf. Merk' Er Sich
+das.--(geht ab.)
+
+
+Fünfte Scene.
+Fritz von Berg. Augustchen.
+
+
+Fritz.
+Sie werden nicht Wort halten Gustchen: Sie werden mir
+nicht schreiben, wenn Sie in Heidelbrun sind, und dann
+werd' ich mich zu Tode grämen.
+
+Gustchen.
+Glaubst Du denn, daß Deine Juliette so unbeständig seyn
+kann? O nein; ich bin ein Frauenzimmer; die Mannspersonen
+allein sind unbeständig.
+
+Fritz.
+Nein, Gustchen, die Frauenzimmer allein sinds. Ja wenn
+alle Julietten wären!--Wissen Sie was? Wenn Sie an mich
+schreiben, nennen Sie mich Ihren Romeo; thun Sie mir
+den Gefallen: ich versichere Sie, ich werd' in allen
+Stücken Romeo seyn, und wenn ich erst einen Degen trage.
+O ich kann mich auch erstechen, wenn's dazu kommt.
+
+Gustchen.
+Gehn Sie doch! Ja Sie werden's machen, wie im Gellert
+steht: er besah die Spitz' und Schneide und steckt' ihn
+langsam wieder ein.
+
+Fritz.
+Sie sollen schon sehen. (faßt sie an die Hand.) Gustchen--
+Gustchen! wenn ich Sie verlieren sollte oder der Onkel
+wollte Sie einem andern geben.--Der gottlose Graf
+Wermuth! Ich kann Ihnen den Gedanken nicht sagen
+Gustchen, aber Sie könnten ihn schon in meinen Augen
+lesen--Er wird ein Graf Paris für uns seyn.
+
+Gustchen.
+Fritzchen--so mach' ichs wie Juliette.
+
+Fritz.
+Was denn?--Wie denn?--Das ist ja nur eine Erdichtung;
+es giebt keine solche Art Schlaftrunk.
+
+Gustchen.
+Ja, aber es giebt Schlaftrünke zum ewigen Schlaf.
+
+Fritz. (fällt ihr um den Hals)
+Grausame!
+
+Gustchen.
+Ich hör' meinen Vater auf dem Gange.--Laß uns in den
+Garten lauffen.--Nein; er ist fort.--Gleich nach dem
+Caffee Fritzchen reisen wir und so wie der Wagen Dir
+aus den Augen verschwindt, werd' ich Dir auch schon aus
+dem Gedächtniß seyn.
+
+Fritz.
+So mag Gott sich meiner nie mehr erinnern, wenn ich
+Dich vergesse. Aber nimm Dich für den Grafen in Acht,
+er gilt soviel bey deiner Mutter und Du weißt, sie
+möchte Dich gern aus den Augen haben, und eh' ich meine
+Schulen gemacht habe und drey Jahr auf der Universität,
+das ist gar lange.
+
+Gustchen.
+Wie denn Fritzchen! Ich bin ja noch ein Kind: ich bin
+noch nicht zum Abendmahl gewesen, aber sag mir.--O wer
+weiß, ob ich Dich sobald wieder spreche!--Wart, komm in
+den Garten.
+
+Fritz.
+Nein, nein, der Papa ist vorbey gegangen.--Siehst Du,
+der Henker! er ist im Garten.--Was wolltest Du mir sagen?
+
+Gustchen.
+Nichts...
+
+Fritz.
+Liebes Gustchen...
+
+Gustchen.
+Du solltest mir--Nein, ich darf das nicht von Dir
+verlangen.
+
+Fritz.
+Verlange mein Leben, meinen letzten Tropfen Bluts.
+
+Gustchen.
+Wir wollten uns beyde einen Eid schwören.
+
+Fritz.
+O komm! Vortreflich! Hier laß uns niederknien; am
+Canapee, und heb' Du so Deinen Finger in die Höh'
+und ich so meinen.--Nun sag, was soll ich schwören?
+
+Gustchen.
+Daß Du in drey Jahren von der Universität zurückkommen
+willst und Dein Gustchen zu Deiner Frau machen; Dein
+Vater mag dazu sagen, was er will.
+
+Fritz.
+Und was willst Du mir dafür wieder schwören, mein
+englisches... (küßt sie)
+
+Gustchen.
+Ich will schwören, daß ich in meinem Leben keines
+andern Menschen Frau werden will, als Deine und wenn
+der Kaiser von Rußland selber käme.
+
+Fritz.
+Ich schwör Dir hunderttausend Eide--(Der geheime Rath
+tritt herein: beyde springen mit lautem Geschrey auf.)
+
+
+Sechste Scene.
+
+
+Geh. Rath.
+Was habt Ihr närrische Kinder? Was zittert Ihr?--Gleich,
+gesteht mir alles. Was habt Ihr hier gemacht? Ihr seyd
+beyde auf den Knien gelegen.--Junker Fritz, ich bitte
+mir eine Antwort aus; unverzüglich:--Was habt Ihr
+vorgehabt?
+
+Fritz.
+Ich, gnädigster Papa?
+
+Geh. Rath.
+Ich? und das mit einem so verwundrungsvollen Ton? Siehst
+Du: ich merk' alles. Du möchtest mir itzt gern eine Lüge
+sagen, aber entweder bist Du zu dumm dazu, oder zu feig,
+und willst Dich mit Deinem Ich? heraushelfen. ... Und
+Sie Mühmchen?--Ich weiß. Gustchen verheelt mir nichts.
+
+Gustchen. (fällt ihm um die Füße)
+Ach, mein Vater--
+
+Geh. Rath. (hebt sie auf und küßt sie.)
+Wünschst Du mich zu Deinem Vater? Zu früh, mein Kind, zu
+früh Gustchen, mein Kind. Du hast noch nicht communicirt.
+--Denn warum soll ich euch verheelen, daß ich euch
+zugehört habe.--Das war ein sehr einfältig Stückchen
+von Euch beyden; besonders von Dir, großer vernünftiger
+Junker Fritz, der bald einen Bart haben wird wie ich,
+und eine Perücke aufsetzen und einen Degen anstecken.
+Pfuy, ich glaubt' einen vernünftigern Sohn zu haben.
+Das macht Dich gleich ein Jahr jünger, und macht, daß
+Du länger auf der Schule bleiben mußt. Und Sie, Gustchen,
+auch Ihnen muß ich sagen, daß es sich für Ihr Alter gar
+nicht mehr schickt, so kindisch zu thun. Was sind das
+für Romane, die Sie da spielen? Was für Eide, die Sie
+sich da schwören, und die Ihr doch alle beyde so gewiß
+brechen werdet als ich itzt mit Euch rede. Meynt Ihr,
+Ihr seyd in den Jahren, Eide zu thun, oder meynt Ihr,
+ein Eid sey ein Kinderspiel, wie es das Versteckspiel
+oder die blinde Kuh ist? Lernt erst einsehen, was ein
+Eid ist: lernt erst zittern dafür und alsdenn wagt's,
+ihn zu schwören. Wißt, daß ein Meineidiger die
+schändlichste und unglücklichste Creatur ist, die von
+der Sonne angeschienen wird. Ein solcher darf weder den
+Himmel ansehen, den er verleugnet hat, noch andere
+Menschen, die sich unaufhörlich vor ihm scheuen, und
+seiner Gesellschaft mit mehr Sorgfalt ausweichen, als
+einer Schlange oder einem tückischen Hunde.
+
+Fritz.
+Aber ich denke meinen Eid zu halten.
+
+Geh. Rath.
+In der That Romeo? Ha! Du kannst Dich auch erstechen,
+wenn's dazu kommt. Du hast geschworen, daß mir die Haare
+zu Berg standen. Also gedenkst Du Deinen Eid zu halten?
+
+Fritz.
+Ja Papa, bey Gott! ich denk' ihn zu halten.
+
+Geh. Rath.
+Schwur mit Schwur bekräftigt!--Ich werd' es Deinem
+Rektor beibringen. Er soll Euch auf vierzehn Tage nach
+Sekunda herunter transportiren, Junker: inskünftige
+lernt behutsamer schwören. Und worauf? Steht das in
+Deiner Gewalt, was Du da versicherst? Du willst Gustchen
+heyrathen! Denk doch! weißt Du auch schon, was für ein
+Ding das ist, Heyrathen? Geh doch, heyrathe sie: nimm
+sie mit auf die Akademie. Nicht? Ich habe nichts dawider,
+daß ihr Euch gern seht, daß Ihr Euch lieb habt, daß Ihrs
+Euch sagt, wie lieb Ihr Euch habt; aber Narrheiten müßt
+Ihr nicht machen; keine Affen von uns Alten seyn, eh'
+Ihr so reif seyd als wir; keine Romane spielen wollen,
+die nur in der ausschweifenden Einbildungskraft eines
+hungrigen Poeten ausgeheckt sind und von denen Ihr in
+der heutigen Welt keinen Schatten der Wirklichkeit
+antrefft. Geht! ich werde keinem Menschen was davon
+sagen, damit ihr nicht nöthig habt roth zu werden, wenn
+Ihr mich seht.--Aber von nun an sollt ihr einander nie
+mehr ohne Zeugen sehen. Versteht Ihr mich? Und Euch nie
+andere Briefe schreiben als offene und das auch alle
+Monathe, oder höchstens alle drey Wochen einmal, und
+sobald ein heimliches Briefchen an Junker Fritz oder
+Fräulein Gustchen entdeckt wird--so steckt man den
+Junker unter die Soldaten und das Fräulein ins Kloster,
+bis sie vernünftiger werden. Versteht ihr mich?--Jetzt--
+nehmt Abschied, hier in meiner Gegenwart.--Die Kutsche
+ist angespannt, der Major treibt fort; die Schwägerin
+hat schon Caffee getrunken.--Nehmt Abschied: Ihr
+braucht Euch vor mir nicht zu scheuen. Geschwind,
+umarmt Euch. (Fritz und Gustchen umarmen sich zitternd)
+Und nun mein Tochter Gustchen, weil Du doch das Wort so
+gern hörst, (hebt sie auf und küßt sie) Leb tausendmal
+wohl, und begegne Deiner Mutter mit Ehrfurcht; sie mag
+Dir sagen was sie will.--Jetzt geh, mach!--(Gustchen
+geht einige Schritte, sieht sich um; Fritz fliegt ihr
+weinend an den Hals.) Die beyden Narren brechen mir das
+Herz! Wenn doch der Major vernünftiger werden wollte,
+oder seine Frau weniger herrschsüchtig!--
+
+
+
+Zweyter Akt.
+
+
+Erste Scene.
+
+Pastor Läuffer. Der geheime Rath.
+
+
+Geh. Rath.
+Ich bedaure ihn--und Sie noch Vielmehr, Herr Pastor,
+daß Sie solchen Sohn haben.
+
+Pastor.
+Verzeihen Euer Gnaden, ich kann mich über meinen Sohn
+nicht beschweren; er ist ein sittsamer und geschickter
+Mensch, die ganze Welt und Dero Herr Bruder und Frau
+Schwägerin selbst werden ihm das eingestehen müssen.
+
+Geh. Rath.
+Ich sprech' ihm das all nicht ab, aber er ist ein Thor,
+und hat alle sein Mißvergnügen sich selber zu danken.
+Er sollte den Sternen danken, daß meinem Bruder das Geld,
+das er für den Hofmeister zahlt, einmal anfängt zu lieb
+zu werden.
+
+Pastor.
+Aber bedenken Sie doch: nichts mehr als hundert Dukaten;
+hundert arme Dukätchen; und dreihundert hatt' er ihm doch
+im ersten Jahr versprochen: aber beym Schluß desselben
+nur hundert und vierzig ausgezahlt, jetzt beym Beschluß
+des zweyten, da doch die Arbeit meines Sohnes immer
+zunimmt, zahlt' er ihm hundert, und nun beym Anfang des
+dritten wird ihm auch das zu viel.--Das ist wider alle
+Billigkeit! Verzeihn Sie mir.
+
+Geh. Rath.
+Laß es doch.--Das hätt' ich Euch Leuten voraussagen
+wollen, und doch solle Ihr Sohn Gott danken, wenn ihn
+nur der Major beym Kopf nähm' und aus dem Hause würfe.
+Was soll er da, sagen Sie mir Herr? Wollen Sie ein Vater
+für ihr Kind seyn und schliessen so Augen, Mund und
+Ohren für seine ganze Glückseligkeit zu? Tagdieben, und
+sich Geld dafür bezahlen lassen? Die edelsten Stunden
+des Tages bey einem jungen Herrn versitzen, der nichts
+lernen mag und mit dem er's doch nicht verderben darf,
+und die übrigen Stunden, die der Erhaltung seines Lebens,
+den Speisen und dem Schlaf geheiligt sind, an einer
+Sklavenkette verseufzen; an den Winken der gnädigen
+Frau hängen, und sich in die Falten des gnädigen Herrn
+hineinstudiren; essen wenn er satt ist und fasten,
+wenn er hungrig ist, Punsch trinken, wenn er p–ss–n
+möchte, und Karten spielen, wenn er das Lauffen hat.
+Ohne Freyheit geht das Leben bergab rückwärts, Freyheit
+ist das Element des Menschen wie das Wasser des Fisches,
+und ein Mensch der sich der Freyheit begiebt, vergiftet
+die edelsten Geister seines Bluts, erstickt seine
+süssesten Freuden des Lebens in der Blüthe und ermordet
+sich selbst.
+
+Pastor.
+Aber--Oh! erlauben Sie mir; das muß sich ja jeder
+Hofmeister gefallen lassen; man kann nicht immer
+seinen Willen haben, und das läßt sich mein Sohn auch
+gern gefallen, nur--
+
+Geh. Rath.
+Desto schlimmer, wenn er sichs gefallen läßt, desto
+schlimmer; er hat den Vorrechten eines Menschen entsagt,
+der nach seinen Grundsätzen muß leben können, sonst
+bleibt er kein Mensch. Mögen die Elenden, die ihre
+Ideen nicht zu höherer Glückseligkeit zu erheben
+wissen, als zu essen und zu trinken, mögen die sich
+im Keficht zu Tode füttern lassen, aber ein Gelehrter,
+ein Mensch, der den Adel seiner Seele fühlt, der den
+Tod nicht so scheuen sollt' als eine Handlung, die
+wider seine Grundsätze läuft...
+
+Pastor.
+Aber was ist zu machen in der Welt? Was wollte mein
+Sohn anfangen, wenn Dero Herr Bruder ihm die Condition
+aufsagten?
+
+Geh. Rath.
+Laßt den Burschen was lernen, daß er dem Staat nützen
+kann. Potz hundert Herr Pastor, Sie haben ihn doch
+nicht zum Bedienten aufgezogen, und was ist er anders
+als Bedienter, wenn er seine Freyheit einer Privatperson
+für einige Handvoll Dukaten verkauft? Sklav' ist er,
+über den die Herrschaft unumschränkte Gewalt hat, nur
+daß er so viel auf der Akademie gelernt haben muß,
+ihren unbesonnenen Anmuthungen von weitem zuvorzukommen
+und so einen Firniß über seine Dienstbarkeit zu
+streichen: daß heißt denn ein feiner artiger Mensch,
+ein unvergleichlicher Mensch; ein unvergleichlicher
+Schurke, der, statt seine Kräfte und seinen Verstand
+dem allgemeinen Besten aufzuopfern, damit die Rasereyen
+einer dampfigten Dame und eines abgedämpften Officiers
+unterstützt, die denn täglich weiter um sich fressen
+wie ein Krebsschaden und zuletzt unheilbar werden. Und
+was ist der ganze Gewinnst am Ende? Alle Mittag Braten
+und alle Abend Punsch, und eine grosse Portion Galle,
+die ihm Tags über ins Maul gestiegen, Abends, wenn er
+zu Bett liegt, hinabgeschluckt, wie Pillen; das macht
+gesundes Blut, auf meine Ehr'! und muß auch ein
+vortrefliches Herz auf die Länge geben. Ihr beklagt
+Euch so viel übern Adel und über seinen Stolz, die
+Leute sähn Hofmeister wie Domestiken an, Narren! was
+sind sie denn anders? Stehn sie nicht in Lohn und Brod
+bey ihnen wie jene? Aber wer heißt Euch ihren Stolz
+nähren? Wer heißt euch Domestiken werden, wenn Ihr was
+gelernt habt, und einem starrköpfischen Edelmann zinsbar
+werden, der sein Tage von seinen Hausgenossen nichts
+anders gewohnt war als sklavische Unterwürfigkeit?
+
+Pastor.
+Aber Herr Geheimer Rath--Gütiger Gott! es ist in der
+Welt nicht anders: man muß eine Warte haben, von der
+man sich nach einem öffentlichen Amt umsehen kann, wenn
+man von Universitäten kommt; wir müssen den göttlichen
+Ruf erst abwarten und ein Patron ist sehr oft das Mittel
+zu unserer Beförderung: wenigstens ist es mir so gegangen.
+
+Geh. Rath.
+Schweigen Sie, Herr Pastor, ich bitt Sie, schweigen Sie.
+Das gereicht Ihnen nicht zur Ehr. Man weiß ja doch, daß
+Ihre seelige Frau Ihr göttlicher Ruf war, sonst säßen
+Sie noch itzt beym Herrn von Tiesen und düngten ihm
+seinen Acker. Jemine! daß Ihr Herrn uns doch immer
+einen so ehrwürdigen schwarzen Dunst vor Augen machen
+wollt. Noch nie hat ein Edelmann einen Hofmeister
+angenommen, wo er ihm nicht hinter eine Allee von acht
+neun Sklavenjahren ein schön Gemählde von Beförderung
+gestellt hat und wenn Ihr acht Jahr gegangen waret, so
+macht' ers wie Laban und rückte das Bild um noch einmal
+so weit vorwärts. Possen! lernt etwas und seyd brave
+Leut. Der Staat wird Euch nicht lang am Markt stehen
+lassen. Brave Leut sind allenthalben zu brauchen, aber
+Schurken, die den Namen vom Gelehrten nur auf den Zettel
+tragen und im Kopf ist leer Papier ...
+
+Pastor.
+Das ist sehr allgemein gesprochen, Herr Rath!--Es
+müssen doch, bey Gott! auch Hauslehrer in der Welt
+seyn; nicht jedermann kann gleich geheimer Rath werden
+und wenn er gleich ein Hugo Grotius wär. Es gehören
+heutiges Tags andere Sachen dazu als Gelehrsamkeit.--
+
+Geh. Rath.
+Sie werden warm, Herr Pastor!--Lieber, werther Herr
+Pastor, lassen Sie uns den Faden unsers Streits nicht
+verlieren. Ich behaupte: es müssen keine Hauslehrer
+in der Welt seyn! das Geschmeis taucht den Teufel zu
+nichts.
+
+Pastor.
+Ich bin nicht hergekommen mir Grobheiten sagen zu
+lassen: ich bin auch Hauslehrer gewesen. Ich habe die
+Ehre--
+
+Geh. Rath.
+Warten Sie; bleiben Sie, lieber Herr Pastor! Behüte
+mich der Himmel! Ich habe Sie nicht beleidigen wollen
+und wenn's wider meinen Willen geschehen ist, so bitt'
+ich Sie tausendmahl um Verzeihung. Es ist einmal meine
+üble Gewohnheit, daß ich gleich in Feuer gerathe, wenn
+mir ein Gespräch interessant wird: alles übrige
+verschwinde mir denn aus dem Gesicht und ich sehe nur
+den Gegenstand, von dem ich spreche.
+
+Pastor.
+Sie schütten,--Verzeihen Sie mir, ich bin auch ein
+Cholerikus, und rede gern von der Lunge ab.--Sie
+schütten das Kind mit dem Bade aus. Hauslehrer taugen
+zu nichts.--Wie können Sie mir das beweisen? Wer soll
+Euch jungen Herrn denn Verstand und gute Sitten
+beibringen Was wär aus Ihnen geworden, mein werther
+Herr geheimer Rath, wenn Sie keinen Hauslehrer gehabt
+hätten?
+
+Geh. Rath.
+Ich bin von meinem Vater zur öffentlichen Schul
+gehalten worden, und seegne seine Asche dafür, und
+so hoff' ich, wird mein Sohn Fritz auch dereinst thun.
+
+Pastor.
+Ja,--da ist aber noch viel drüber zu sagen Herr!
+Ich meiner Seits bin Ihrer Meynung nicht; ja wenn die
+öffentlichen Schulen das wären, was sie seyn sollten.--
+Aber die nüchternen Subjecta, so oft den Classen
+vorstehen; die pedantischen Methoden, die sie brauchen,
+die unter der Jugend eingerissenen verderbten Sitten--
+
+Geh. Rath.
+Wes ist die Schuld? Wer ist schuld dran, als ihr
+Schurken von Hauslehrern? Würde der Edelmann nicht
+von Euch in der Grille gestärkt, einen kleinen Hof
+anzulegen, wo er als Monarch oben auf dem Thron sitzt,
+und ihm Hofmeister und Mamsell und ein ganzer Wisch von
+Tagdieben huldigen, so würd' er seine Jungen in die
+öffentliche Schule thun müssen; er würde das Geld,
+von dem er jetzt seinen Sohn zum hochadlichen Dummkopf
+aufzieht, zum Fond der Schule schlagen: davon könnten
+denn gescheidte Leute salarirt werden und alles würde
+seinen guten Gang gehn; das Studentchen müste was
+lernen, um bey einer solchen Anstalt brauchbar zu
+werden, und das junge Herrchen, anstatt seine
+Faullenzerey vor den Augen des Papas und der Tanten,
+die alle keine Argusse sind, künstlich und manierlich
+zu verstecken, würde seinen Kopf anstrengen müssen,
+um es den bürgerlichen Jungen zuvorzuthun, wenn es
+sich doch von ihnen unterscheiden will.--Was die
+Sitten anbetrift, das findt sich wahrhaftig.--Wenn
+er gleich nicht, wie seine hochadliche Vettern, die
+Nase von Kindesbeinen an höher tragen lernt als andere,
+und in einem nachläßigen Ton, von oben herab, Unsinn
+sagen, und Leuten ins Gesicht sehen, wenn sie den Hut
+vor ihm abziehen, um ihnen dadurch anzudeuten, daß
+sie auf kein Gegencompliment warten sollen. Die feinen
+Sitten hol der Teufel! Man kann dem Jungen Tanzmeister
+auf der Stube halten, und ihn in artige Gesellschaften
+führen, aber er muß durchaus nicht aus der Sphäre
+seiner Schulkamraden herausgehoben, und in der Meinung
+gestärkt werden, er sey eine bessere Kreatur als andere.
+
+Pastor.
+Ich habe nicht Zeit, (zieht die Uhr heraus) mich in
+den Disput weiter mit Ihnen einzulassen, gnädiger Herr;
+aber so viel weiß ich, daß der Adel überall nicht ihrer
+Meinung seyn wird.
+
+Geh. Rath.
+So sollten die Bürger meiner Meynung seyn.--Die Noth
+würde den Adel schon auf andere Gedanken bringen, und
+wir könnten uns bessere Zeiten versprechen. Sapperment,
+was kann aus unserm Adel werden, wenn ein einziger
+Mensch das Faktotum bey dem Kinde seyn soll, ich setz'
+auch den unmöglichen Fall, daß er ein Polyhistor wäre,
+wo will der eine Mann Feuer und Muth und Thätigkeit
+hernehmen, wenn er alle seine Kräfte auf einen
+Schaafskopf concentriren soll, besonders wenn Vater
+und Mutter sich kreutz und die quer immer mit in die
+Erziehung mengen, und dem Faß, in welches er füllt,
+den Boden immer wieder ausschlagen?
+
+Pastor.
+Ich bin um zehn Uhr zu einem Kranken bestellt. Sie
+werden mir verzeihen.--(Im Abgehen wendt er sich um)
+Aber wär's nicht möglich, gnädiger Herr, daß Sie
+Ihren zweyten Sohn nur auf ein halb Jährchen zum
+Herrn Major in die Kost thäten? Mein Sohn will gern
+mit achtzig Dukaten zufrieden seyn, aber mit sechzigen,
+die ihm der Herr Bruder geben wollen, da kann er nicht
+von subsistiren.
+
+Geh. Rath.
+Laß ihn quittiren.--Ich thu es nicht, Herr Pastor!
+Davon bin ich nicht abzubringen. Ich will Ihrem Herrn
+Sohn die dreyßig Dukaten lieber schenken; aber meinem
+Sohn geb ich zu keinem Hofmeister. (Der Pastor hält
+ihm einen Brief hin) Was soll ich damit? Es ist alles
+umsonst, sag ich Ihnen.
+
+Pastor.
+Lesen Sie--Lesen Sie nur.--
+
+Geh. Rath.
+Je nun, ihm ist nicht--(liest)--wenden Sie doch
+alles an, den Herrn geheimen Rath dahin zu vermögen,
+--Sie können Sich nicht vorstellen, wie elend es
+mir hier geht; nichts wird mir gehalten, was mir ist
+versprochen worden. Ich speise nur mit der Herrschaft,
+wenn keine Fremde da sind,--das ärgste ist, daß ich
+gar nicht von hier komme und in einem ganzen Jahr
+meinen Fuß nicht aus Heidelbrunn habe setzen--man
+hatte mir ein Pferd versprochen, alle Vierteljahr
+einmal nach Königsberg zu reisen, als ich es foderte,
+fragte mich die gnädige Frau, ob ich nicht lieber zum
+Carneval nach Venedig wollte.--(wirft den Brief an
+die Erde.) Je nun, laß ihn quittiren; warum ist er
+ein Narr und bleibt da?
+
+Pastor.
+Ja das ist eben die Sache. (hebt den Brief auf)
+Belieben Sie doch nur auszulesen.
+
+Geh. Rath.
+Was ist da zu lesen?--(liest) Dem ohngeachtet kann
+ich dies Haus nicht verlassen, und sollt' es mich
+Leben und Gesundheit kosten. So viel darf ich Ihnen
+sagen, daß die Aussichten in eine selige Zukunft mir
+alle die Mühseligkeiten meines gegenwärtigen Standes--
+Ja, das sind vielleicht Aussichten in die selige
+Ewigkeit, sonst weiß ich keine Aussichten, die mein
+Bruder ihm eröfnen könnte. Er betrügt sich, glauben
+Sie mirs; schreiben Sie ihm zurück, daß er ein Thor
+ist. Dreyßig Dukaten will ich ihm dies Jahr aus meinem
+Beutel Zulage geben, aber ihn auch zugleich gebeten
+haben, mich mit allen fernern Anwerbungen um meinen
+Karl zu verschonen: denn ihm zu Gefallen werd' ich mein
+Kind nicht verwahrlosen.
+
+
+Zweyte Scene.
+
+In Heidelbrunn.
+Gustchen. Läuffer.
+
+
+Gustchen.
+Was fehlt ihnen dann?
+
+Läuffer.
+Wie stehts mit meinem Porträt? Nicht wahr, Sie haben
+nicht dran gedacht? Wenn ich auch so saumselig gewesen
+wäre--Häte ich das gewußt: ich hätt Ihren Brief so
+lang zurückgehalten, aber ich war ein Narr.
+
+Gustchen.
+Ha ha ha. Lieber Herr Hofmeister! Ich habe wahrhaftig
+noch nicht Zeit gehabt.
+
+Läuffer.
+Grausame!
+
+Gustchen.
+Aber was fehlt Ihnen denn? Sagen Sie mir doch! So
+tiefsinnig sind Sie ja noch nie gewesen. Die Augen
+stehn Ihnen ja immer voll Wasser: ich habe gemerkt,
+Sie essen nichts.
+
+Läuffer.
+Haben Sie? In der That? Sie sind ein rechtes Muster
+des Mitleidens.
+
+Gustchen.
+O Herr Hofmeister--
+
+Läuffer.
+Wollen Sie heut Nachmittag Zeichenstunde halten?
+
+Gustchen. (faßt ihn an die Hand)
+Liebster Herr Hofmeister! verzeihen Sie, daß ich sie
+gestern aussetzte. Es war mir wahrhaftig unmöglich zu
+zeichnen; ich hatte den Schnuppen auf eine erstaunende
+Art.
+
+Läuffer.
+So werden Sie ihn wohl heute noch haben. Ich denke,
+wir hören ganz auf zu zeichnen. Es macht Ihnen kein
+Vergnügen länger.
+
+Gustchen. (halbweinend)
+Wie können Sie das sagen, Herr Läuffer? Es ist das
+einzige, was ich mit Lust thue.
+
+Läuffer.
+Oder Sie versparen es bis auf den Winter in die Stadt
+und nehmen einen Zeichenmeister. Ueberhaupt werd ich
+Ihren Herrn Vater bitten, den Gegenstand Ihres
+Abscheues, Ihres Hasses, Ihrer ganzen Grausamkeit von
+Ihnen zu entfernen. Ich sehe doch, daß es Ihnen auf
+die Länge unausstehlich wird, von mir Unterricht
+anzunehmen.
+
+Gustchen.
+Herr Läuffer--
+
+Läuffer.
+Lassen Sie mich--Ich muß sehen, wie ich das elende
+Leben zu Ende bringe, weil mir doch der Tod verboten
+ist--
+
+Gustchen.
+Herr Läuffer--
+
+Läuffer.
+Sie foltern mich.--(reißt sich loß und geht ab.)
+
+Gustchen.
+Wie dauert er mich!
+
+
+Dritte Scene.
+
+Zu Halle in Sachsen.
+Pätus Zimmer.
+Fritz von Berg.
+Pätus (im Schlafrock an einem Tisch sitzend.)
+
+
+Pätus.
+Ey was Berg! Du bist ja kein Kind mehr, daß du nach
+Papa und Mama--Pfuy Teufel! ich hab Dich allezeit
+für einen braven Kerl gehalten, wenn Du nicht mein
+Schulkamerad wärst: ich würde mich schämen mit Dir
+umzugehen.
+
+Fritz.
+Pätus, auf meine Ehr, es ist nicht Heimweh, Du machst
+mich bis über die Ohren roth mit dem dummen Verdacht.
+Ich möchte gern Nachricht von Hause haben, das gesteh'
+ich, aber das hat seine Ursachen--
+
+Pätus.
+Gustchen--Nicht wahr? Denk doch, Du arme Seele!
+Hundertachtzig Stunden von ihr entfernt--Was für
+Wälder und Ströme liegen nicht zwischen Euch? Aber
+warte, wir haben hier auch Mädchen; wenn ich nur
+besser besponnen wäre, ich wollte Dich heut in eine
+Gesellschaft führen--Ich weiß nicht, wie Du auch
+bist; ein Jahr in Halle und noch mit keinem Mädchen
+gesprochen: das muß melancholisch machen; es kann
+nicht anders seyn. Warte, Du must mir hier einziehen,
+daß Du lustig wirst. Was machst Du da bey dem Pfarrer?
+Das ist keine Stube für Dich--
+
+Fritz.
+Was zahlst Du hier?
+
+Pätus.
+Ich zahle--Wahrhaftig, Bruder, ich weiß es nicht.
+Es ist ein guter ehrlicher Philister, bey dem ich
+wohne: seine Frau ist freylich bisweilen ein bischen
+wunderlich, aber mags. Was gehts mich an? Wir zanken
+uns einmal herum und denn laß ich sie laufen: und die
+schreiben mir alles auf. Hausmiethe, Kaffee, Tabak;
+alles was ich verlange, und denn zahl' ich die Rechnung
+alle Jahre, wenn mein Wechsel kommt.
+
+Fritz.
+Bist du jetzt viel schuldig?
+
+Pätus.
+Ich habe die vorige Woche bezahlt. Das ist wahr,
+diesmal haben Sie mirs arg gemacht: mein ganzer
+Wechsel hat herhalten müssen bis auf den letzten
+Pfennig, und mein Rock, den ich Tags vorher versetzt
+hatte, weil ich in der äussersten Noth war, steht
+noch zu Gevattern. Weiß der Himmel, wenn ich ihn
+wieder einlösen kann.
+
+Fritz.
+Und wie machst Dus denn itzt?
+
+Pätus.
+Ich?--Ich bin krank. Heut morgen hat mich die Frau
+Räthin Hamster invitiren lassen, gleich kroch ich ins
+Bett ...
+
+Fritz.
+Aber bey dem schönen Wetter immer zu Hause zu sitzen.
+
+Pätus.
+Was macht das? des Abends geh ich im Schlafrock
+spatzieren, es ist ohnedem in den Hundstagen am Tage
+nicht auszuhalten--Aber Potz Mordio! Wo bleibt denn
+mein Kaffee? (pocht mit dem Fuß) Frau Blitzer!--Nun
+sollst Du sehn, wie ich meinen Leuten umspringe--Frau
+Blitzer! in aller Welt Frau Blitzer. (klingelt und
+pocht)--Ich habe sie kürzlich bezahlt: nun kann ich
+schon breiter thun--Frau ...
+
+Frau Blitzer. (tritt herein mit einer Portion Kaffee.)
+
+Pätus.
+In aller Welt, Mutter! wo bleibst Du denn? Das Wetter
+soll Dich regieren. Ich warte hier schon über eine
+Stunde--
+
+Frau Blitzer.
+Was? Du nichtsnutziger Kerl, was lärmst Du? Bist Du
+schon wieder nichts nutz, abgeschabte Laus? Den
+Augenblick trag ich meinen Kaffee wieder herunter--
+
+Pätus. (gießt sich ein)
+Nun, nun, nicht so böse Mutter! aber Zwieback--Wo
+ist denn Zwieback?
+
+Frau Blitzer.
+Ja, kleine Steine Dir! Es ist kein Zwieback im Hause.
+Denk doch, ob so ein kahler lausichter Kerl nun alle
+Nachmittag Zwieback frißt oder nicht--
+
+Pätus.
+Was tausend alle Welt! (stampft mit dem Fuß) Sie
+weiß, daß ich keinen Kaffee ohne Zwieback ins Maul
+nehme--Wofür gebe ich denn mein Geld aus--
+
+Frau Blitzer. (langt ihm Zwieback aus der Schürze,
+wobey sie ihn an den Haaren zupft.)
+Da siehst Du, da ist Zwieback, Posaunenkerl! Er hat
+eine Stimme wie ein ganzes Regiment Soldaten. Nu, ist
+der Kaffee gut? Ist er nicht? Gleich sag mirs, oder
+ich reiß Ihm das letzte Haar aus Seinem kahlen Kopf
+heraus.
+
+Pätus. (trinkt)
+Unvergleichlich--Aye!--Ich hab in meinem Leben
+keinen bessern getrunken.
+
+Frau Blitzer.
+Siehst Du Hundejunge! Wenn Du die Mutter nicht hättest,
+die sich Deiner annähme und Dir zu essen und zu trinken
+gäbe, Du müstest an der Strasse verhungern. Sehen Sie
+ihn einmal an, Herr von Berg, wie er daher geht, keinen
+Rock auf dem Leibe und sein Schlafrock ist auch, als
+ob er darin wär aufgehenkt worden und wieder vom Galgen
+gefallen. Sie sind doch ein hübscher Herr, ich weiß
+nicht wie Sie mit dem Menschen umgehen können, nun
+freylich unter Landsleuten da ist immer so eine kleine
+Blutsverwandschaft, drum sag ich immer, wenn doch der
+Herr von Berg zu uns einlogiren thäte. Ich weiß, daß
+Sie viel Gewalt über ihn haben: da könnte doch noch
+was ordentliches aus ihm werden, aber sonst wahrhaftig--
+(geht ab)
+
+Pätus.
+Siehst Du, ist das nicht ein gut fidel Weib. Ich seh'
+ihr all etwas durch die Finger, aber potz, wenn ich
+auch einmal ernsthaft werde, kusch ist sie wie die
+Wand--Willst Du nicht eine Tasse mit trinken? (gießt
+ihm ein) Siehst Du, ich bin hier wohl bedient; ich
+zahle was rechts, das ist wahr, aber dafür hab' auch
+ich was ...
+
+Fritz. (trinkt.)
+Der Kaffee schmeckt nach Gerste.
+
+Pätus.
+Was sagst Du?--(schmeckt gleichfalls) Ja wahrhaftig,
+mit dem Zwieback hab' ichs nicht so--(sieht in die
+Kanne) Nun so hol Dich! (wirft das Kaffeezeug zum
+Fenster hinaus) Gerstenkaffee und fünfhundert Gulden
+jährlich!--
+
+Frau Blitzer. (stürzt herein)
+Wie? Was zum Teufel, was ist das? Herr, ist Er rasend
+oder plagt Ihn gar der Teufel?--
+
+Pätus.
+Still Mutter!
+
+Frau Blitzer. (mit gräßlichem Geschrey)
+Aber wo ist mein Kaffeezeug? Ey! zum Henker! aus dem
+Fenster--Ich kratz' Ihm die Augen aus dem Kopf heraus.
+
+Pätus.
+Es war eine Spinne darin und ich warf's in der Angst--
+Was kann ich dafür, daß das Fenster offen stand?
+
+Frau Blitzer.
+Daß Du verreckt wärst an der Spinne, wenn ich Dich mit
+Haut und Haar verkaufe, so kannst Du mir mein
+Kaffeezeug nicht bezahlen, nichtswürdiger Hund!
+Nichts als Schaden und Unglück kann Er machen. Ich
+will Dich verklagen; ich will Dich in Karcer werfen
+lassen. (läuft heraus)
+
+Pätus. (lachend)
+Was ist zu machen, Bruder! man muß sie schon ausrasen
+lassen.
+
+Fritz.
+Aber für Dein Geld?
+
+Pätus.
+Ey was!--Wenn ich bis Weyhnachten warten muß, wer
+wird mir sogleich bis dahin kreditiren? Und denn ists
+ja nur ein Weib und ein närrisch Weib dazu, dem's
+nicht immer so von Herzen geht- wenn mirs der Mann
+gesagt hätte, das wär was anders, dem schlüg' ich das
+Leder voll--Siehst Du wohl!
+
+Fritz.
+Hast Du Feder und Tinte?
+
+Pätus.
+Dort auf dem Fenster--
+
+Fritz.
+Ich weiß nicht, das Herz ist mir so schwer--Ich habe
+nie was auf Ahndungen gehalten.
+
+Pätus.
+Ja mir auch--Die Döbblinsche Gesellschaft ist
+angekommen. Ich möchte gern in die Komödie gehn und
+habe keinen Rock anzuziehen. Der Schurke mein Wirth
+leyht mir keinen und ich bin eine so große dicke
+Bestie, daß mir keiner von all Euren Röcken passen
+würde.
+
+Fritz.
+Ich muß gleich nach Hause schreiben. (setzt sich an
+ein Fenster nieder und schreibt)
+
+Pätus. (setzt sich einem Wolfspelz gegenüber, der an
+der Wand hängt)
+Hm! nichts als den Pelz gerettet, von allen meinen
+Kleidern, die ich habe, und die ich mir noch wollte
+machen lassen. Grade den Pelz, den ich im Sommer
+nicht tragen kann, und den mir nicht einmal der Jude
+zum Versatz annimmt, weil sich der Wurm leicht
+hineinsetzt. Hanke, Hanke! das ist doch unverantwortlich,
+daß Du mir keinen Rock auf Pump machen willst. (steht
+auf und geht herum) Was hab' ich Dir gethan, Hanke,
+daß Du just mir keinen Rock machen willst? Just mir,
+der ich ihn am nöthigsten brauche, weil ich jetzo
+keinen habe, just mir!--Der Teufel muß Dich besitzen,
+er macht Hunz und Kunz auf Kredit und just mir nicht!
+(faßt sich an den Kopf und stampft mit dem Fuß) Just
+mir nicht, just mir nicht!--
+
+Bollwerk. (der sich mittlerweile hineingeschlichen und
+ihm zugehört, faßt ihn an: er kehrt sich um und bleibt
+stumm vor Bollwerk stehen) Ha ha ha ... Nun du armer
+Pätus--ha ha ha! Nicht wahr, es ist doch ein gottloser
+Hanke, daß er just Dir nicht--Aber, wo ist das rothe
+Kleid mit Gold, das Du bey ihm bestellt hast, und das
+blauseidne mit der silberstücknen Weste, und das
+rothsammetne mit schwarz Sammet gefüttert, das wär
+vortreflich bey dieser Jahrszeit. Sage mir! antworte
+mir! Der verfluchte Hanke! Wollen wir gehn und ihm die
+Haut vollschlagen? Wo bleibt er so lang mit Deiner
+Arbeit? Wollen wir?
+
+Pätus. (wirft sich auf einen Stuhl)
+Laß mich zufrieden.
+
+Bollwerk.
+Aber hör Pätus, Pätus, Pä Pä Pä Pätus (setzt sich zu
+ihm) Döbblin ist angekommen. Hör Pä Pä Pä Pä Pätus,
+wie wollen wir das machen? Ich denke, Du ziehst Deinen
+Wolfspelz an und gehst heut Abend in die Komödie. Was
+schadt's, Du bist doch fremd hier--und die ganze Welt
+weiß, daß Du vier Paar Kleider bey Hanke bestellt hast.
+Ob er sie Dir machen wird, ist gleich viel!--Der
+verfluchte Kerl! Wollen ihm die Fenster einschlagen,
+wenn er sie Dir nicht macht!
+
+Pätus. (heftig)
+Laß mich zufrieden, sag ich Dir.
+
+Bollwerk.
+Aber hör...aber...aber...hör hör hör' Pätus; nimm
+Dich in Acht Pätus! daß Du mir des Nachts nicht mehr
+im Schlafrock auf der Gasse läufst. Ich weiß, daß Du
+bange bist vor Hunden; es ist eben ausgetrummelt
+worden, daß zehn wütige Hunde in der Stadt herumlaufen
+sollen; sie haben schon einige Kinder gebissen: zwey
+sind noch davon kommen, aber vier sind auf der Stelle
+gestorben. Das machen die Hundstage? Nicht wahr Pätus?
+Es ist gut, daß Du jetzt nicht ausgehen kannst. Nicht
+wahr? Du gehst itzt mit allem Fleiß nicht aus? Nicht
+wahr Pä Pä Pätus?
+
+Pätus.
+Laß mich zufrieden ... oder wir verzürnen uns.
+
+Bollwerk.
+Du wirst doch kein Kind seyn--Berg, kommen Sie mit
+in die Komödie?
+
+Fritz. (zerstreut)
+Was?--Was für Komödie?
+
+Bollwerk.
+Es ist eine Gesellschaft angekommen--Legen Sie die
+Schmieralien weg. Sie können ja auf den Abend schreiben.
+Man giebt heut Minna von Barnhelm.
+
+Fritz.
+O die muß ich sehen.--(steckt seine Briefe zu sich)
+Armer Pätus, daß Du keinen Rock hast.--
+
+Bollwerk.
+Ich lieh' ihm gern einen, aber es ist hol mich der
+Teufel mein einziger, den ich auf dem Leibe habe--
+(gehn ab)
+
+Pätus. (allein)
+Geht zum Teufel mit Eurem Mitleiden! Das ärgert mich
+mehr als wenn man mir ins Gesicht schlüge--Ey was
+mach ich mir draus. (zieht seinen Schlafrock aus) Laß
+die Leute mich für wahnwitzig halten! Minna von
+Barnhelm muß ich sehen und wenn ich nackend hingehen
+sollte! (zieht den Wolfspelz an) Hanke, Hanke! es
+soll Dir zu Hause kommen! (stampft mit dem Fuß) Es
+soll dir zu Hause kommen! (geht)
+
+
+Vierte Scene.
+
+Frau Hamster. Jungfer Hamster. Jungfer Knicks.
+
+
+Jungfer Knicks.
+Ich kanns Ihnen vor Lachen nicht erzehlen, Frau
+Räthin, ich muß krank vor Lachen werden. Stellen
+Sie Sich vor: wir gehen mit Jungfer Hamster im
+Gäßchen hier nah bey, so läuft uns ein Mensch im
+Wolfspelz vorbey, als ob er durch Spießruthen gejagt
+würde; drey große Hunde hinter ihm drein. Jungfer
+Hamster bekam einen Schubb, daß sie mit dem Kopf an
+die Mauer schlug und überlaut schreyen muste.
+
+Frau Hamster.
+Wer war es denn?
+
+Jungfer Knicks.
+Stellen Sie Sich vor, als wir ihm nachsahen, war's
+Herr Pätus--Er muß rasend worden seyn.
+
+Frau Hamster.
+Mit einem Wolfspelz in dieser Hitze!
+
+Jungfer Hamster. (hält sich den Kopf)
+Ich glaube noch immer, er ist aus dem hitzigen Fieber
+aufgesprungen. Er ließ uns heut Morgen sagen, er sey
+krank.
+
+Jungfer Knicks.
+Und die drey Hunde hinter ihm drein, das war das
+lustigste. Ich hatte mir vorgenommen heut in die
+Komödie zu gehen, aber nun mag ich nicht, ich würde
+doch da nicht soviel zu lachen kriegen. Das vergeß
+ich mein Lebtage nicht. Seine Haare flogen ihm nach
+wie der Schweif an einem Kometen, und je eyfriger er
+lief, desto eyfriger schlugen die Hunde an und er
+hatte das Herz nicht, sich einmal umzusehen... Das
+war unvergleichlich!
+
+Frau Hamster.
+Schrie er nicht? Er wird gemeynt haben, die Hunde seyn
+wütig.
+
+Jungfer Knicks.
+Ich glaub, er hatte keine Zeit zum Schreyen, aber roth
+war er wie ein Krebs und hielt das Maul offen, wie die
+Hunde hinter ihm drein--O das war nicht mit Geld zu
+bezahlen! ich gäbe nicht meine Schnur ächter Perlen
+darum, daß ich das nicht gesehen.
+
+
+Fünfte Scene.
+
+In Heidelbrunn.
+Augustchens Zimmer.
+Gustchen. (liegt auf dem Bette)
+Läuffer. (sitzt am Bette)
+
+
+Läuffer.
+Stell Dir vor Gustchen, der geheime Rath will nicht.
+Du siehst, daß Dein Vater mir das Leben immer saurer
+macht: nun will er mir gar aufs folgende Jahr nur
+vierzig Dukaten geben. Wie kann ich das aushalten?
+Ich muß quittiren.
+
+Gustchen.
+Grausamer, und was werd ich denn anfangen? (nachdem
+beyde eine zeitlang sich schweigend angesehen) Du
+siehst: ich bin schwach, und krank; hier in der
+Einsamkeit unter einer barbarischen Mutter--Niemand
+fragt nach mir, niemand bekümmert sich um mich:
+meine ganze Familie kann mich nicht mehr leiden;
+mein Vater selber nicht mehr: ich weiß nicht warum.
+
+Läuffer.
+Mach, daß Du zu meinem Vater in die Lehre kommst;
+nach Insterburg.
+
+Gustchen.
+Da kriegen wir uns nie zu sehen. Mein Onkel leidt es
+nimmer, daß mein Vater mich zu Deinem Vater ins Haus
+giebt.
+
+Läuffer.
+Mit dem verfluchten Adelstolz!
+
+Gustchen. (nimmt seine Hand)
+Wenn Du auch böse wirst, Herrmannchen! (küßt sie) O
+od! Tod! warum erbarmst Du Dich nicht!
+
+Läuffer.
+Rathe mir selber--Dein Bruder ist der ungezogenste
+Junge den ich kenne: neulich hat er mir eine Ohrfeige
+gegeben und ich durft ihm nichts dafür thun, durft
+nicht einmal drüber klagen. Dein Vater hätt ihm gleich
+Arm und Bein gebrochen und die gnädige Mama alle Schuld
+zuletzt auf mich geschoben.
+
+Gustchen.
+Aber um meinetwillen--Ich dachte, Du liebtest mich.
+
+Läuffer. (stützt sich mit der andern Hand auf ihrem
+Bett, indem sie fortfährt seine eine Hand von Zeit zu
+Zeit an die Lippen zu bringen.)
+Laß mich denken...(bleibt nachsinnend sitzen)
+
+Gustchen. (in der beschriebenen Pantomime)
+O Romeo! Wenn dies Deine Hand wäre.--Aber so verlässest
+Du mich, unedler Romeo! Siehst nicht, daß Deine Julie
+für Dich stirbt--von der ganzen Welt, von ihrer
+ganzen Familie gehaßt, verachtet, ausgespyen. (drückt
+seine Hand an ihre Augen) O unmenschlicher Romeo!
+
+Läuffer. (sieht auf)
+Was schwärmst Du wieder?
+
+Gustchen.
+Es ist ein Monolog aus einem Trauerspiel, den ich
+gern recitire, wenn ich Sorgen habe. (Läuffer fällt
+wieder in Gedanken, nach einer Pause fängt sie wieder
+an) Vielleicht bist Du nicht ganz strafbar. Deines
+Vaters Verbot, Briefe mit mir zu wechseln, aber die
+Liebe setzt über Meere und Ströme, über Verbot und
+Todesgefahr selbst--Du hast mich vergessen...
+Vielleicht besorgtest Du für mich--ja,--ja, Dein
+zärtliches Herz sah, was mir drohte, für schröcklicher
+an, als das was ich leide. (küßt Läuffers Hand inbrünstig)
+O göttlicher Romeo!
+
+Läuffer. (küßt ihre Hand lange wieder und sieht sie
+eine Weile stumm an)
+Es könnte mir gehen wie Abälard--
+
+Gustchen. (richtet sich auf)
+Du irrst Dich--Meine Krankheit liegt im Gemüth--
+Niemand wird Dich muthmaßen--(fällt wieder hin) Hast
+Du die neue Heloise gelesen?
+
+Läuffer.
+Ich höre was auf dem Gang nach der Schulstube.--
+
+Gustchen.
+Meines Vaters--Um Gotteswillen!--Du bist drey
+Viertelstund zu lang hiergeblieben.
+
+(Läuffer läuft fort)
+
+
+Sechste Scene.
+
+Die Majorin. Graf Wermuth.
+
+
+Graf.
+Aber gnädige Frau! kriegt man denn Fräulein Gustchen
+gar nicht mehr zu sehen? Wie befindt sie sich auf die
+vorgestrige Jagd?
+
+Majorin.
+Zu Ihrem Befehl; sie hat die Nacht Zahnschmerzen
+gehabt, darum darf sie sich heut nicht sehen lassen.
+Was macht Ihr Magen, Graf! auf die Austern?
+
+Graf.
+O das bin ich gewohnt. Ich habe neulich mit meinem
+Bruder ganz allein auf unsre Hand sechshundert Stück
+aufgegessen und zwanzig Bouteillen Champagner dabey
+ausgetrunken.
+
+Majorin.
+Rheinwein wollten Sie sagen.
+
+Graf.
+Champagner--Es war eine Idee, und ist uns beyden
+recht gut bekommen. Denselben Abend war Ball in
+Königsberg, mein Bruder hat bis an den andern Mittag
+getanzt und ich Geld verloren.
+
+Majorin.
+Wollen wir ein Piquet machen?
+
+Graf.
+Wenn Fräulein Gustchen käme, macht' ich ein Paar
+Touren im Garten mit ihr. Ihnen, gnädige Frau, darf
+ichs nicht zumuthen; mit Ihrer Fontenelle am Fuß.
+
+Majorin.
+Ich weiß auch nicht, wo der Major immer steckt. Er
+ist in seinem Leben so rasend nicht auf die Oekonomie
+gewesen; den ganzen ausgeschlagenen Tag auf dem Felde
+und wenn er nach Hause kommt, sitzt er stumm wie ein
+Stock. Glauben Sie, daß ich anfange mir Gedanken drüber
+zu machen.
+
+Graf.
+Er scheint melancholisch.
+
+Majorin.
+Weiß es der Himmel--Neulich hatt' er wieder einmal
+den Einfall bey mir zu schlafen, und da ist er mitten
+in der Nacht aus dem Bett' aufgesprungen und hat sich--
+He he, ich soll es Ihnen nicht erzehlen, aber Sie
+kennen ja die lächerliche Seite von meinem Mann schon.
+
+Graf.
+Und hat sich ...
+
+Majorin.
+Auf die Knie niedergeworfen und an die Brust geschlagen
+und geschluchzt und geheult, daß mir zu grauen anfieng.
+Ich hab ihn aber nicht fragen mögen, was gehen mich
+seine Narrheiten an? Mag er Pietist oder Quacker
+werden. Meinethalben! Er wird dadurch weder häßlicher
+noch liebenswürdiger in meinen Augen werden, als er
+ist. (sieht den Grafen schalkhaft an)
+
+Graf. (faßt sie ans Kinn)
+Boßhafte Frau!--Aber wo ist Gustchen? Ich möchte gar
+zu gern mit ihr spatzieren gehn.
+
+Majorin.
+Still da kommt ja der Major ... Sie können mit ihm
+gehen, Graf.
+
+Graf.
+Denk doch--Ich will nun aber mit Ihrer Tochter gehn.
+
+Majorin.
+Sie wird noch nicht angezogen seyn: es ist was
+unausstehliches, wie faul das Mädchen ist--
+
+(Major von Berg kommt im Nachtwämmschen, einen
+Strohhut auf.)
+
+Majorin.
+Nun wie stehts, Mann? Wo treiben Sie Sich denn wieder
+herum? Man kriegt Sie ja den ganzen Tag nicht zu sehen.
+Sehn Sie ihn nur an Herr Graf; sieht er doch wie der
+Heavtontimorumenos in meiner großen Madame Dacier
+abgemahlt--Ich glaube, Du hast gepflügt, Herr Major?
+Wir sind itzt in den Hundstagen.
+
+Graf.
+In der That, Herr Major, Sie haben noch nie so übel
+ausgesehen, blaß, hager, Sie müssen etwas haben, das
+Ihnen auf dem Gemüth liegt, was bedeuten die Thränen
+in Ihren Augen, sobald man Sie aufmerksam ansieht?
+Ich kenne Sie doch zehn Jahr schon und habe Sie nie
+so gesehen, selbst da nicht, als Ihr Bruder starb.
+
+Majorin.
+Geitz, nichts als der leidige Geitz, er meynt, wir
+werden verhungern, wenn er nicht täglich wie ein
+Maulwurf auf dem Felde wühlt. Bald gräbt er, bald
+pflügt er, bald eggt er. Du willst doch nicht Bauer
+werden? Du mußt mir vorher einen andern Mann geben,
+der die Aufsicht über Dich führt.
+
+Major.
+Ich muß wohl schaffen und scharren, meiner Tochter
+einen Platz im Hospital auszumachen.
+
+Majorin.
+Was sind das nun wieder für Phantasien!--Ich muß
+wahrhaftig den Doktor Würz noch aus Königsberg holen
+lassen.
+
+Major.
+Du siehst nimmer nichts, vornehme Frau! daß Dein Kind
+von Tag zu Tag abfällt, daß sie Schönheit, Gesundheit
+und den ganzen Plunder verliert und dahergeht, als ob
+sie, hol mich der Teufel--Gott verzeyh mir meine
+schwere Sünde,--als ob der arme Lazarus sie gemacht
+hätte--Es frißt mir die Leber ab--
+
+Majorin.
+Hören Sie ihn nur! Wie er mich anfährt! Bin ich schuld
+daran? Bist du denn wahnwitzig?
+
+Major.
+Ja freylich bist Du schuld daran, oder was ist sonst
+schuld daran? Ich kann's, zerschlag mich der Donner!
+nicht begreifen. Ich dacht immer, ihr eine der ersten
+Parthien im Reich auszumachen; denn sie hat auf der
+ganzen Welt an Schönheit nicht ihres gleichen gehabt
+und nun sieht sie aus wie eine Kühmagd--Ja freilich
+bist Du schuld daran mit Deiner Strenge und Deinen
+Grausamkeiten und Deinem Neid, das hat sie sich zu
+Gemüth gezogen und das ist ihr nun zum Gesicht
+herausgeschlagen, aber das ist Deine Freude, gnädige
+Frau, denn Du bist lang schalu über sie gewesen. Das
+kannst Du doch nicht leugnen? Solltst Dich in Dein
+Herz schämen, wahrhaftig! (geht ab)
+
+Majorin.
+Aber ... aber was sagen Sie dazu, Herr Graf! Haben
+Sie in Ihrem Leben eine ärgere Kollektion von Sottisen
+gesehen?
+
+Graf.
+Kommen Sie; wir wollen Piquet spielen, bis Fräulein
+Gustchen angezogen ist..
+
+
+Siebente Scene.
+
+In Halle.
+Fritz von Berg. (im Gefängniß) Bollwerk.
+von Seiffenblase und sein Hofmeister. (stehn um ihn)
+
+
+Bollwerk.
+Wenn ich doch den Jungen hier hätte, daß Fell zög'
+ich ihm über die Ohren. Es ist mit alledem doch
+infam gehandelt, einen ehrlichen Jungen, wie Berg,
+ins Karcer zu bringen; da sich keiner sein hat
+annehmen wollen. Denn das ist ja wahr, kein einziger
+Landsmann hat den Fuß vor die Thür seinethalben
+gesetzt. Wenn Berg nicht gut für ihn gesagt hätte,
+wär' er im Gefängniß verfault. Und in vierzehn Tagen
+soll das Geld hier seyn und wo er den Berg in
+Verlegenheit läßt, soll man ihn für einen ausgemachten
+Schurken halten. O du verdammter Pä Pä Pä Pä Pätus!
+Wart Du verhenkerter Pätus, wart einmal!--
+
+Hofmeister.
+Ich kann Ihnen nicht genug beschreiben, lieber Herr
+von Berg, wie leyd es mir besonders um Ihres Herrn
+Vaters und der Familie willen thut, Sie in einem
+solchen Zustande zu sehen und noch dazu ohne Ihre
+Schuld, aus blosser jugendlicher Unbesonnenheit.
+Es hat schon einer von den sieben Weisen
+Griechenlandes gesagt, für Bürgschaften sollst du
+dich in Acht nehmen und in der That es ist nichts
+unverschämter, als daß ein junger Durchbringer, der
+sich durch seine lüderliche Wirthschaft ins Elend
+gestürzt hat, auch andere mit hineinziehen will,
+denn vermuthlich hat er das gleich anfangs im Sinne
+gehabt, als er auf der Akademie Ihre Freundschaft
+suchte.
+
+Herr von Seiffenblase.
+Jaja, lieber Bruder Berg! nimm mir nicht übel, da
+hast Du einen großen Bock gemacht. Du bist selbst
+schuld daran; dem Kerl hättst Du's doch gleich
+ansehen können, daß er Dich betrügen würde. Er ist
+bey mir auch gewesen und hat mich angesprochen: er
+wär' aufs äusserste getrieben, seine Kreditores
+wollten ihn wegstecken lassen, wo ihn nicht Sonn
+noch Mond beschiene. Laß sie dich, dachte ich, es
+schadt dir nichts. Das ist dafür, daß Du uns sonst
+kaum über die Achsel ansahst, aber wenn ihr in Noth
+seyd, da sind die Adelichen zu Kaventen gut genug.
+Er erzehlte mir Langes und Breites; er hätte seine
+Pistolen schon geladen, im Fall die Kreditores ihn
+angriffen--Und nun läßt der lüderliche Hund Dich an
+seiner Stelle prostituiren. Das ist wahr, wenn mir
+das geschehen wäre: ich könnte so ruhig nicht dabey
+seyn: zwischen vier Mauren der Herr von Berg und das
+um eines lüderlichen Studenten willen.
+
+Fritz.
+Er war mein Schulkamerad--Laßt ihn zufrieden. Wenn
+ich mich nicht über ihn beklage, was geht's Euch an?
+Ich kenn' ihn länger als Ihr; ich weiß, daß er mich
+nicht mit seinem guten Willen hier sitzen läßt.
+
+Hofmeister.
+Aber, Herr von Berg, wir müssen in der Welt mit
+Vernunft handeln. Sein Schade ist es gewiß nicht,
+daß Sie hier für ihn sitzen und seinethalben können
+Sie noch ein Sekulum so sitzen bleiben--
+
+Fritz.
+Ich hab' ihn von Jugend auf gekannt: wir haben uns
+noch niemals was abgeschlagen. Er hat mich wie seinen
+Bruder geliebt, ich ihn wie meinen. Als er nach Halle
+reißte, weint' er zum erstenmal in seinem Leben, weil
+er nicht mit mir reisen konnte. Ein ganzes Jahr früher
+hätt' er schon auf die Akademie gehn können, aber um
+mit mir zusammen zu reisen, stellt' er sich gegen
+die Präceptores dummer als er war, und doch wollt es
+das Schicksal und unsre Väter so, daß wir nicht
+zusammen reißten und das war sein Unglück. Er hat nie
+gewußt mit Geld umzugehen und gab jedem was er
+verlangte. Hätt' ihm ein Bettler das letzte Hemd vom
+Leibe gezogen und dabey gesagt: mit Ihrer Erlaubnis,
+lieber Herr Pätus, er hätt's ihm gelassen. Seine
+Kreditores giengen mit ihm um wie Strasenräuber und
+sein Vater verdiente nie, einen verlornen Sohn zu
+haben, der bey all seinem Elend ein so gutes Herz
+nach Hause brachte.
+
+Hofmeister.
+O verzeyhn Sie mir, Sie sind jung und sehen alles noch
+aus dem vortheilhaftesten Gesichtspunkt an: man muß
+erst eine Weile unter den Menschen gelebt haben um
+Charaktere beurtheilen zu können. Der Herr Pätus, oder
+wie er da heißt, hat sich Ihnen bisher immer nur unter
+der Maske gezeigt; jetzt kommt sein wahres Gesicht
+erst ans Tageslicht: er muß einer der feinsten und
+abgefeimtesten Betrüger gewesen seyn, denn die
+treuherzigen Spitzbuben...
+
+Pätus. (in Reisekleidern fällt Berg um den Hals)
+Bruder Berg--
+
+Fritz v. Berg.
+Bruder Pätus--
+
+Pätus.
+Nein--laß--zu Deinen Füßen muß ich liegen--Dich
+hier--um meinetwillen. (rauft sich das Haar mit
+beyden Händen und stampft mit den Füßen) O Schicksal!
+Schicksal! Schicksal!
+
+Fritz.
+Nun wie ists? Hast Du Geld mitgebracht? Ist Dein
+Vater versöhnt? Was bedeutet Dein Zurückkommen?
+
+Pätus.
+Nichts, nichts--Er hat mich nicht vor sich gelassen--
+Hundert Meilen umsonst gereißt!--Ihr Diener, Ihr
+Herren. Bollwerk wein' nicht, Du erniedrigst mich zu
+tief, wenn Du gut für mich denkst--O Himmel, Himmel!
+
+Fritz.
+So bist Du der ärgste Narr, der auf dem Erdboden
+wandelt. Warum kommst Du zurück? Bist Du wahnwitzig?
+Haben alle Deine Sinne Dich verlassen? Willst Du, daß
+die Kreditores Dich gewahr werden--Fort! Bollwerk,
+führ ihn fort; sieh daß Du ihn sicher aus der Stadt
+bringst--Ich höre den Pedell--Pätus, ewig mein Feind,
+wo Du nicht im Augenblick--
+
+Pätus. (wirft sich ihm zu Füßen)
+
+Fritz.
+Ich möchte rasend werden.--
+
+Bollwerk.
+So sey doch nun kein Narr, da Berg so großmüthig ist
+und für Dich sitzen bleiben will; sein Vater wird ihn
+schon auslösen: aber wenn Du einmal sitzest, so ist
+keine Hofnung mehr für Dich; Du must im Gefängniß
+verfaulen.
+
+Pätus.
+Gebt mir einen Degen her ...
+
+Fritz.
+Fort!--
+
+Bollwerk.
+Fort!--
+
+Pätus.
+Ihr thut mir eine Barmherzigkeit, wenn ihr mir einen
+Degen--
+
+Seiffenblase.
+Da haben Sie meinen...
+
+Bollwerk. (greift ihn in den Arm)
+Herr--Schurke! Lassen Sie--Stecken Sie nicht ein!
+Sie sollen nicht umsonst gezogen haben. Erst will ich
+meinen Freund in Sicherheit und dann erwarten Sie mich
+hier--Draußen, wohl zu verstehen; also vor der Hand
+zur Thür hinaus! (wirft ihn zur Thür hinaus)
+
+Hofmeister.
+Mein Herr Bollwerk--
+
+Bollwerk.
+Kein Wort, Sie--gehen Sie Ihrem Jungen nach und lehren
+Sie ihn, kein schlechter Kerl seyn--Sie können mich
+haben wo und wie Sie wollen. (der Hofmeister geht ab)
+
+Pätus.
+Bollwerk! ich will Dein Sekundant seyn.
+
+Bollwerk.
+Narr auch! Du thust als--Willst Du mir den Handschuh
+vielleicht halten, wenn ich vorher eins übern Daumen
+pisse?--Was brauchts da Sekundanten. Komm nur fort
+und sekundire Dich zur Stadt hinaus, Hasenfuß.
+
+Pätus.
+Aber ihrer sind zwey.
+
+Bollwerk.
+Ich wünschte, daß ihrer zehn wären und keine
+Seiffenblasen drunter--So komm doch, und mach Dich
+nicht selbst unglücklich, närrischer Kerl.
+
+Pätus.
+Berg!--(Bollwerk reißt ihn mit sich fort)
+
+
+
+Dritter Akt.
+
+
+Erste Scene.
+
+In Heidelbrunn.
+
+Der Major. (im Nachtwämmschen) Der geheime Rath.
+
+
+Major.
+Bruder, ich bin der alte nicht mehr. Mein Herz sieht
+zehnmal toller aus als mein Gesicht--Es ist sehr gut,
+daß Du mich besuchst; wer weiß, ob wir uns so lang mehr
+sehen.
+
+Geh. Rath.
+Du bist immer ausschweifend, in allen Stücken--Dir
+ein Nichts so zu Herzen gehen zu lassen!--Wenn Deiner
+Tochter die Schönheit abgeht, so bleibt sie doch immer
+noch das gute Mädchen, das sie war; so kann sie hundert
+andre liebenswürdige Eigenschaften besitzen.
+
+Major.
+Ihre Schönheit--Hol mich der Teufel, es ist nicht
+das allein, was ihr abgeht; ich weiß nicht, ich werde
+noch den Verstand verlieren, wenn ich das Mädchen
+lang unter Augen behalte. Ihre Gesundheit ist hin,
+ihre Munterkeit, ihre Lieblichkeit, weiß der Teufel,
+wie man das Dings all nennen soll; aber obschon ichs
+nicht nennen kann, so kann ichs doch sehen, so kann
+ichs doch fühlen und begreifen, und Du weist, daß ich
+aus dem Mädchen meinen Abgott gemacht habe. Und daß
+ich sie so sehn muß unter meinen Händen hinsterben,
+verwesen.--(weint) Bruder geheimer Rath, Du hast keine
+Tochter; Du weißt nicht, wie einem Vater zu Muth seyn
+muß, der eine Tochter hat. Ich hab dreyzehn Bataillen
+beygewohnt und achtzehn Blessuren bekommen, und hab
+den Tod vor Augen gesehen und bin--O laß mich
+zufrieden; pack Dich zu meinem Haus hinaus; laß die
+ganze Welt sich fortpacken. Ich will es anstecken
+und die Schaufel in die Hand nehmen und Bauer werden.
+
+Geh. Rath.
+Und Frau und Kinder--
+
+Major.
+Du beliebst zu scherzen: ich weiß von keiner Frau und
+Kindern, ich bin Major Berg gottseligen Andenkens und
+will den Pflug in die Hand nehmen und will Vater Berg
+werden, und wer mir zu nahe kommt, dem geb ich mit
+meiner Hack' über die Ohren.
+
+Geh. Rath.
+So schwermerisch-schwermüthig hab ich ihn doch nie
+gesehen.
+
+(Die Majorin stützt herein.)
+
+Majorin.
+Zu Hülfe Mann--Wir sind verloren--Unsere Familie!
+unsere Familie!
+
+Geh. Rath.
+Gott behüt Frau Schwester! Was stehen Sie an: Wollen
+Sie Ihren Mann rasend machen?
+
+Majorin.
+Er soll rasend werden--Unsere Familie--Infamie!--
+O ich kann nicht mehr--(fällt auf einen Stuhl)
+
+Major. (geht auf sie zu)
+Willst Du mit der Sprach' heraus?--Oder ich dreh Dir
+den Hals um.
+
+Majorin.
+Deine Dochter--Der Hofmeister.--Lauf! (fällt in Ohnmacht)
+
+Major.
+Hat er sie zur Hure gemacht? (schüttelt sie) Was fällst
+Du da hin; jetzt ists nicht Zeit zum hinfallen. Heraus
+mit, oder das Wetter soll Dich zerschlagen. Zur Hure
+gemacht? Ists das?--Nun so werd' denn die ganze Welt
+zur Hure und Du Berg nimm die Mistgabel in die Hand--
+(will gehen)
+
+Geh. Rath. (hält ihn zurück)
+Bruder, wenn Du Dein Leben lieb hast, so bleib hier--
+Ich will alles untersuchen--Deine Wut macht Dich
+unmündig. (geht ab und schließt die Thür zu)
+
+Major. (arbeitet vergebens sie aufzumachen)
+Ich werd Dich beunmündig--(zu seiner Frau) Komm, komm,
+Hure, Du auch! sieh zu. (reißt die Thür auf) Ich will
+ein Exempel statuiren--Gott hat mich bis hieher
+erhalten, damit ich an Weib und Kindern Exempel
+statuiren kann--Verbrannt, verbrannt, verbrannt!
+(schleppt seine Frau ohnmächtig vom Theater)
+
+
+Zweyte Scene.
+
+Eine Schule im Dorf
+Es ist finstrer Abend.
+Wenzeslaus. Läuffer.
+
+
+Wenzeslaus. (sitzt an einem Tisch, die Brill auf der
+Nase und lineirt)
+Wer da? Was giebts?
+
+Läuffer.
+Schutz! Schutz! werther Herr Schulmeister! Man steht
+mir nach dem Leben.
+
+Wenzeslaus.
+Wer ist Er denn?
+
+Läuffer.
+Ich bin Hofmeister im benachbarten Schloß. Der Major
+Berg ist mit all seinen Bedienten hinter mir und wollen
+mich erschießen.
+
+Wenzeslaus.
+Behüte--Setz' Er Sich hier nieder zu mir--Hier hat
+Er meine Hand: Er soll sicher bey mir seyn--Und nun
+erzehl Er mir, derweil ich diese Vorschrift hier
+schreibe.
+
+Läuffer.
+Lassen Sie mich erst zu mir selber kommen.
+
+Wenzeslaus.
+Gut, verschnauf' Er Sich und hernach will ich Ihm ein
+Glas Wein geben lassen und wollen eins zusammen trinken.
+Unterdessen, sag er mich doch--Hofmeister--(legt das
+Lineal weg, nimmt die Brille ab und sieht ihn eine
+Weile an) Nun ja, nach dem Rock zu urtheilen.--Nun
+nun, ich glaubs Ihm, daß Er der Hofmeister ist. Er
+sieht ja so roth und weiß drein. Nun sag Er mir aber
+doch, mein lieber Freund, (setzt die Brille wieder auf)
+wie ist Er denn zu dem Unstern gekommen, daß Sein Herr
+Patron so entrüstet auf Ihn ist? Ich kann mirs doch
+nimmermehr einbilden, daß ein Mann, wie der Herr Major
+von Berg--Ich kenne ihn wohl; ich habe genug von ihm
+reden hören; er soll freilich von einem hastigen
+Temperament seyn; viel Cholera, viel Cholera--Sehen
+Sie, da muß ich meinen Buben selber die Linien ziehen,
+denn nichts lernen die Bursche so schwer als das
+Gradeschreiben, das Gleichschreiben--Nicht zierlich
+geschrieben; nicht geschwind geschrieben; sag' ich
+immer, aber nur grad geschrieben, denn das hat seinen
+Einfluß in alles, auf die Sitten, auf die Wissenschaften,
+in alles, lieber Herr Hofmeister. Ein Mensch, der nicht
+grad schreiben kann, sag' ich immer, der kann auch nicht
+grad handeln--Wo waren wir?
+
+Läuffer.
+Dürft' ich mir ein Glas Wasser ausbitten?
+
+Wenzeslaus.
+Wasser?--Sie sollen haben. Aber--ja wovon redten wir?
+Vom Gradschreiben; nein vom Major--he he he--Aber
+wissen Sie auch Herr--Wie ist Ihr Name?
+
+Läuffer.
+Mein--Ich heiße--Mandel.
+
+Wenzeslaus.
+Herr Mandel--Und darauf mußten Sie Sich noch besinnen?
+Nun ja, man hat bisweilen Abwesenheiten des Geistes;
+besonders die jungen Herren weiß und roth--Sie heißen
+unrecht Mandel; Sie sollten Mandelblüthe heißen, denn
+Sie sind ja weiß und roth wie Mandelblüthe--Nun ja
+freilich, der Hofmeisterstand ist einer von denen,
+unus ex his, die alleweile mit Rosen und Lilien
+überstreut sind, und wo einen die Dornen des Lebens
+nur gar selten stechen. Denn was hat man zu thun? Man
+ißt, trinkt, schläft, hat für nichts zu sorgen; sein
+gut Glas Wein gewiß, seinen Braten täglich, alle
+Morgen seinen Kaffee, Thee, Schokolade, oder was man
+trinkt und das geht denn immer so fort--Nun ja, ich
+wollt Ihnen sagen: wissen Sie auch, Herr Mandel, daß
+ein Glas Wasser der Gesundheit eben so schädlich auf
+eine heftige Gemüthsbewegung als auf eine heftige
+Leibesbewegung; aber freylich, was fragt Ihr jungen
+Herren Hofmeister nach der Gesundheit--Denn sagt mir
+doch, (legt Brille und Lineal weg und steht auf) wo
+in aller Welt kann das der Gesundheit gut thun, wenn
+alle Nerven und Adern gespannt sind und das Blut ist
+in der heftigsten Cirkulation und die Lebensgeister
+sind alle in einer--Hitze, in einer--
+
+Läuffer.
+Um Gotteswillen der Graf Wermuth--(springt in eine
+Kammer)
+
+(Graf Wermuth mit ein Paar Bedienten, die Pistolen
+tragen)
+
+Graf.
+Ist hier ein gewisser Läuffer--Ein Student im blauen
+Rock mit Tressen?
+
+Wenzeslaus.
+Herr, in unserm Dorf ists die Mode, daß man den Hut
+abzieht, wenn man in die Stube tritt und mit dem Herrn
+vom Hause spricht.
+
+Graf.
+Die Sache pressirt--Sagt mir, ist er hier oder nicht?
+
+Wenzeslaus.
+Und was soll er denn verbrochen haben, daß Ihr ihn so
+mit gewafneter Hand sucht?(Graf will in die Kammer, er
+stellt sich vor die Thür) Halt Herr! Die Kammer ist
+mein, und wo Ihr nicht augenblicklich Euch aus meinem
+Hause packt, so zieh ich nur an meiner Schelle und
+ein halb Dutzend handfester Bauerkerle schlägt Euch
+zu morsch Pulver-Granatenstücken. Seyd Ihr Strassenräuber,
+so muß man Euch als Strassenräubern begegnen. Und damit
+Ihr Euch nicht verirrt und den Weg zum Haus' hinaus so
+gut findt als Ihr ihn hinein gefunden habt--(faßt ihn
+an die Hand und führt ihn zur Thür hinaus: die Bedienten
+folgen ihm)
+
+Läuffer. (springt aus der Kammer hervor)
+Glücklicher Mann! Beneidenswerther Mann!
+
+Wenzeslaus. (in der obigen Attitude)
+In--Die Lebensgeister sagt' ich, sind in einer--
+Begeisterung, alle Passionen sind gleichsam in einer
+Empörung, in einem Aufruhr--Nun wenn Ihr da Wasser
+trinkt, so gehts, wie wenn man in eine mächtige Flamme
+Wasser schüttet. Die starke Bewegung der Luft und der
+Krieg zwischen den beyden entgegengesetzten Elementen
+macht eine Effervescenz, eine Gährung, eine Unruhe,
+ein tumultuarisches Wesen.--
+
+Läuffer.
+Ich bewundere Sie...
+
+Wenzeslaus.
+Gottlieb!--Jetzt können Sie schon allgemach trinken--
+Allgemach--und denn werden Sie auf den Abend mit einem
+Sallat und Knackwurst vorlieb nehmen--Was war das für
+ein ungeschliffener Kerl, der nach Ihnen suchte?
+
+Läuffer.
+Es ist der Graf Wermuth, der künftige Schwiegersohn des
+Majors; er ist eifersüchtig auf mich, weil das Fräulein
+ihn nicht leiden kann--
+
+Wenzeslaus.
+Aber was soll denn das auch? Was will das Mädchen denn
+auch mit ihm Monsieur Jungfernknecht? Sich ihr Glück zu
+verderben, um eines solchen jungen Siegfrieds willen,
+der nirgends Haus oder Heerd hat? Das laß Er sich aus
+dem Kopf und folg' Er mir nach in die Küche. Ich seh,
+mein Bube ist fortgangen, mir Bratwürste zu holen. Ich
+will ihm selber Wasser schöpfen, denn Magd hab' ich
+nicht und an eine Frau hab' ich mich noch nicht
+unterstanden zu denken, weil ich weiß, daß ich keine
+ernähren kann--geschweige denn eine drauf angesehen,
+wie Ihr junge Herren Weiß und Roth--Aber man sagt wohl
+mit Recht, die Welt verändert sich.
+
+
+Dritte Scene.
+
+In Heidelbrunn.
+Der Geheime Rath. Herr von Seiffenblase, und sein
+Hofmeister.
+
+
+Hofmeister.
+Wir haben uns in Halle nur ein Jahr aufgehalten und
+als wir von Göttingen kamen, nahmen wir unsere Rückreise
+über alle berühmte Universitäten in Deutschland. Wir
+konnten also in Halle das zweytemal nicht lange
+verweilen; zudem saß Ihr Herr Sohn grade zu der Zeit
+in dem unglücklichen Arrest, wo ich ihn nur einigemal
+zu sprechen die Ehre haben konnte: also könnt ich Ihnen
+aufrichtig von der Führung Dero Herrn Sohns draussen
+keine umständliche Nachricht geben.
+
+Geh. Rath.
+Der Himmel verhängt Strafen über unsre ganze Familie.
+Mein Bruder--Ich wills Ihnen nur nicht verheelen,
+denn leider ist Stadt und Land voll davon--hat das
+Unglück gehabt, daß seine Tochter ihm verschwunden ist,
+ohne daß eine Spur von ihr anzutreffen--Ich höre itzt
+von meinem Sohn--Wenn er sich gut geführt hätte, wie
+wärs möglich gewesen, ihn ins Gefängniß zu bringen?
+Ich hab ihm ausser seinem starken Wechsel noch alle
+halbe Jahr außerordentliche geschickt; auf allen Fall--
+
+Hofmeister.
+Die bösen Gesellschaften; die erstaunenden Verführungen
+auf Akademien.
+
+Seiffenblase.
+Das seltsamste dabey ist, daß er für einen andern sitzt;
+ein Ausbund aller Lüderlichkeit, ein Mensch, für den
+ich keinen Groschen ausgäbe und er auf meinem Misthaufen
+Hungers krepirte. Er ist hier gewesen, Sie werden von
+ihm gehört haben; er suchte Geld bey seinem Vater,
+unter dem Vorwand, Ihren Herrn Sohn auszulösen;
+vermuthlich wär' er damit auf eine andere Akademie
+gegangen und hätte von frischem angefangen zu
+wirthschaften. Ich weiß schon, wie's die lüderlichen
+Studenten machen, aber sein Vater hat den Braten gerochen
+und hat ihn nicht vor sich kommen lassen.
+
+Geh. Rath.
+Doch wohl nicht der junge Pätus, des Rathsherrn Sohn?
+
+Seiffenblase.
+Ich glaub', es ist derselbe.
+
+Geh. Rath.
+Jedermann hat dem Vater die Härte verdacht.
+
+Hofmeister.
+Ja was ist da zu verdenken, mein gnädiger Herr geheimer
+Rath; wenn ein Sohn die Güte des Vaters zu sehr
+misbraucht, so muß sich das Vaterherz wohl ab von ihm
+wenden. Der Hohepriester Eli war nicht hart und brach
+den Hals.
+
+Geh. Rath.
+Gegen die Ausschweifungen seiner Kinder kann man nie
+zu hart seyn, aber wol gegen ihr Elend. Der junge Mensch
+soll hier haben betteln müssen. Und mein Sohn sitzt um
+seinetwillen?
+
+Seiffenblase.
+Was anders? Er war sein vertrautester Freund und fand
+niemand würdiger, mit ihm die Komödie von DAMON und
+PYTHIAS zu spielen. Noch mehr, Herr Pätus kam zurück
+und wollte seinen Platz wieder einnehmen, aber Ihr
+Sohn bestund drauf, er wollte sitzen bleiben: Sie
+würden ihn schon auslösen, und Pätus mit einem andern
+Erzrenomisten und Spieler wollten die Flucht nehmen
+und sich zu helfen suchen, so gut sie könnten.
+Vielleicht überfallen sie wieder so irgend einen
+armen Studenten mit Masken vor den Gesichtern auf der
+Stube und nehmen ihm die Uhr und Goldbörse, mit der
+Pistol auf der Brust, weg, wie sie's in Halle schon
+einem gemacht haben.
+
+Geh. Rath.
+Und mein Sohn ist der dritte aus diesem Kleeblatt?
+
+Seiffenblase.
+Ich weiß nicht, Herr geheimer Rath.
+
+Geh. Rath.
+Kommen Sie zum Essen, meine Herren! Ich weiß schon
+zuviel. Es ist ein Gericht Gottes über gewisse Familien;
+bey einigen sind gewisse Krankheiten erblich, bey
+andern arten die Kinder aus, die Väter mögen thun was
+sie wollen. Essen Sie: ich will fasten und bethen,
+vielleicht hab' ich diesen Abend durch die
+Ausschweifungen meiner Jugend verdient.
+
+
+Vierte Scene.
+
+Die Schule.
+Wenzeslaus und Läuffer.
+(an einem ungedeckten Tisch speisend)
+
+
+Wenzeslaus.
+Schmeckts? Nicht wahr, es ist ein Abstand von meinem
+Tisch und des Majors? Aber wenn der Schulmeister
+Wenzeslaus seine Wurst ißt, so hilft ihm das gute
+Gewissen verdauen, und wenn der Herr Mandel
+Kapaunenbraten mit der Schampignonsauce aß, so stieß
+ihm sein Gewissen jeden Bissen, den er hinabschluckte,
+mit der Moral wieder in Hals zurück: Du bist ein--
+Denn sagt mir einmal, lieber Herr Mandel; nehmt mir
+nicht übel, daß ich Euch die Wahrheit sage; das würzt
+das Gespräch wie Pfeffer den Gurkensallat; sagt mir
+einmal, ist das nicht hundsvöttisch, wenn ich davon
+überzeugt bin, daß ich ein Ignorant bin, und meine
+Untergebenen nichts lehren kann, und also müßig bey
+ihnen gehe und sie müßig gehen lasse, und dem lieben
+Gott ihren Tag stehlen und doch hundert Dukaten--
+Wars nicht soviel? Gott verzeyh mir, ich hab in meinem
+Leben nicht so viel Geld auf einem Haufen beisammen
+gesehen! Hundert funfzig Dukaten, sag' ich, in Sack
+stecke, für nichts und wieder nichts!
+
+Läuffer.
+O! und Sie haben noch nicht alles gesagt, Sie kennen
+Ihren Vorzug nicht ganz, oder fühlen ihn, ohn' ihn zu
+kennen. Haben Sie nie einen Sklaven im betreßten Rock
+gesehen? O Freyheit, güldene Freyheit!
+
+Wenzeslaus.
+Ey was Freyheit! Ich bin auch so frey nicht; ich bin
+an meine Schule gebunden, und muß Gott und meinem
+Gewissen Rechenschaft von geben.
+
+Läuffer.
+Eben das--Aber wie, wenn Sie den Grillen eines
+wunderlichen Kopfs davon Rechenschaft ablegen müsten,
+der mit Ihnen umgienge hundertmal ärger als Sie mit
+Ihren Schulknaben?
+
+Wenzeslaus.
+Ja nun--dann müst' er aber auch an Verstand so weit
+über mich erhaben seyn, wie ich über meine Schulknaben,
+und das trift man selten, glaub ich wol; besonders
+bey unsern Edelleuten; da mögt Ihr wohl recht haben:
+wenigstens der Flegel da, der mir vorhin in meine
+Kammer wollte, ohne mich vorher um Erlaubniß zu bitten.
+Wenn ich zum Herrn Grafen käme und wollt ihm, mir
+nichts, dir nichts, die Zimmer visitiren--Aber potz
+Millius, so eßt doch; Ihr macht ja ein Gesicht, als
+ob Ihr zu Taxieren einnähmt. Nicht wahr, Ihr hättet
+gern ein Glas Wein dazu? Ich hab Euch zwar vorhin eins
+versprochen, aber ich habe keinen im Hause. Morgen
+werd' ich wieder bekommen, und da trinken wir Sonntags
+und Donnerstags, und wenn der Organist Franz zu uns
+kommt, extra. Wasser, Wasser, mein Freund, ariston men
+to udwr, das hab ich noch von der Schule mitgebracht,
+und da eine Pfeife dazu geraucht nach dem Essen im
+Mondenschein und einen Gang ums Feld gemacht; da läßt
+sich drauf schlafen, vergnügter als der große Mogul--
+Ihr raucht doch eins mit heut?
+
+Läuffer.
+Ich wills versuchen; ich hab' in meinem Leben nicht
+geraucht.
+
+Wenzeslaus.
+Ja freylich, Ihr Herren Weiß und Roth, das verderbt
+Euch die Zähne. Nicht wahr? und verderbt Euch die
+Farbe; nicht wahr? Ich habe geraucht, als ich kaum
+von meiner Mutter Brust entwöhnt war; die Warze mit
+dem Pfeifenmundstück verwechselt. He he he! Das ist
+gut wider die böse Luft und wider die bösen Begierden
+ebenfalls. Das ist so meine Diät: des Morgens kalt
+Wasser und eine Pfeife, dann Schul gehalten bis Eilfe,
+dann wieder eine Pfeife bis die Suppe fertig ist: die
+kocht mir mein Gottlieb so gut als Eure französische
+Köche, und da ein Stück Gebratenes und Zugemüse und
+dann wieder eine Pfeife, dann wieder Schul gehalten,
+dann Vorschriften geschrieben bis zum Abendessen; da
+eß' ich denn gemeiniglich kalt etwas, eine Wurst mit
+Sallat, ein Stück Käs oder was der liebe Gott gegeben
+hat und dann wieder eine Pfeife vor Schlafengehen.
+
+Läuffer.
+Gott behüte, ich bin in eine Tabagie gekommen--
+
+Wenzeslaus.
+Und da werd' ich dick und fett bey und lebe vergnügt
+und denke noch ans Sterben nicht.
+
+Läuffer.
+Es ist aber doch unverantwortlich, daß die Obrigkeit
+nicht dafür sorgt, Ihnen das Leben angenehmer zu machen.
+
+Wenzeslaus.
+Ey was, es ist nun einmal so; und damit muß man zufrieden
+seyn: bin ich doch auch mein eignet Herr und hat kein
+Mensch mich zu schikanieren, da ich alle Tage weiß,
+daß ich mehr thu' als ich soll. Ich soll meinen Buben
+lesen und schreiben lehren; ich lehre sie rechnen dazu
+und lateinisch dazu und mit Vernunft lesen dazu und
+gute Sachen schreiben dazu.
+
+Läuffer.
+Und was für Lohn haben Sie dafür?
+
+Wenzeslaus.
+Was für Lohn?--Will Er denn das kleine Stückchen Wurst
+da nicht aufessen? Er kriegt nichts bessers; wart' Er
+auf nichts bessers, oder Er muß das erstemal Seines
+Lebens hungrig zu Bette gehn--Was für Lohn? Das war
+dumm gefragt, Herr Mandel. Verzeyh Er mir; was für
+Lohn? Gottes Lohn hab ich dafür, ein gutes Gewissen
+und wenn ich da vielen Lohn von der Obrigkeit begehren
+wollte, so hätt' ich ja meinen Lohn dahin. Will Er
+denn den Gurkensallat durchaus verderben lassen? So
+eß Er doch; so sey Er doch nicht blöde: bey einer
+schmalen Mahlzeit muß man zum Kuckuck nicht blöde seyn.
+Wart Er, ich will Ihm noch ein Stück Brod abschneiden.
+
+Läuffer.
+Ich bin satt überhörig.
+
+Wenzeslaus.
+Nun so laß Ers stehen; aber es ist seine eigne Schuld
+wenn's nicht wahr ist. Und wenn es wahr ist, so hat Er
+unrecht, daß Er Sich überhörig satt ißt, denn das macht
+böse Begierden und schläfert den Geist ein. Ihr Herren
+Weiß und Roth mögts glauben oder nicht. Man sagt zwar
+auch vom Toback, daß er ein narkotisches,
+schläfrigmachendes, dummmachendes Oel habe und ich
+hab's bisweilen auch wol so wahrgefunden und bin
+versucht worden, Pfeife und allen Henker ins Kamin
+zu werfen, aber unsere Nebel hier herum beständig und
+die feuchte Winter- und Herbstluft alleweile und denn
+die vortrefliche Wirkung, die ich davon verspüre, daß
+es zugleich die bösen Begierden mit einschläfert--
+Holla, wo seyd Ihr denn, lieber Mann? Eben da ich vom
+Einschläfern rede, nickt Ihr schon; so gehts, wenn
+der Kopf leer ist und faul dabey und niemals ist
+angestrengt worden. Allons! frisch, eine Pfeife mit
+mir geraucht! (stopft sich und ihm) Laßt uns noch
+eins mit einander plaudern. (raucht) Ich hab Euch
+schon vorhin in der Küche sagen wollen: ich sehe,
+daß Ihr schwach in der Latinität seyd, aber da Ihr
+doch eine gute Hand schreibt, wie Ihr sagt, so könntet
+Ihr mir doch so Abends an die Hand gehen, weil ich
+meiner Augen muß anfangen zu schonen, und meinen
+Buben die Vorschriften schreiben. Ich will Euch
+dabey Corderii Colloquia geben und Gürtleri Lexicon;
+wenn Ihr fleißig seyn wollt. Ihr habt ja den ganzen
+Tag für Euch, so könnt Ihr Euch in der lateinischen
+Sprache was umthun, und wer weiß wenn es Gott gefällt
+mich heute oder morgen von der Welt zu nehmen--Aber
+Ihr müßt fleißig seyn, das sag' ich Euch, denn so
+seyd Ihr ja noch kaum zum Kollaborator tüchtig,
+geschweige denn--(trinkt)
+
+Läuffer. (legt die Pfeife weg)
+Welche Demüthigung!
+
+Wenzeslaus.
+Aber ... aber ... aber (reißt ihm den Zahnstocher aus
+dem Munde) was ist denn das da? Habt Ihr denn noch nicht
+einmal so viel gelernt, großer Mensch, daß Ihr für Euren
+eignen Körper Sorge tragen könnt. Das Zähnestochern ist
+ein Selbstmord; ja ein Selbstmord, eine muthwillige
+Zerstöhrung Jerusalems, die man mit seinen Zähnen
+vornimmt. Da, wenn Euch was im Zahn sitzen bleibt:
+(nimmt Wasser und schwängt den Mund aus) So müßt Ihrs
+machen, wenn Ihr gesunde Zähne behalten wollt, Gott
+und eurem Nebenmenschen zu Ehren, und nicht einmal im
+Alter herumlaufen, wie ein alter Kettenhund, dem die
+Zähne in der Jugend ausgebrochen worden, und der die
+Kinnbacken nicht zusammenhalten kann. Das wird einen
+schönen Schulmeister abgeben, wills Gott, wenn ihm
+aufs Alter die Worte ungebohren zum Munde herausfallen
+und er zwischen Nase und Oberlippen da was
+herausschnarcht, das kein Hund oder Hahn versteht.
+
+Läuffer.
+Der wird mich noch zu Tode meistern--Das unerträglichste
+ist, daß er Recht hat--
+
+Wenzeslaus.
+Nun wie gehts? Schmeckt Euch der Toback nicht? Ich
+wette, nur ein paar Tage noch mit dem alten Wenzeslaus
+zusammen, so werdt Ihr rauchen wie ein Bootsknecht.
+Ich will Euch nach meiner Hand ziehen, daß Ihr Euch
+selber nicht mehr wieder kennen sollt.
+
+
+
+Vierter Akt.
+
+
+Erste Scene.
+
+Zu Insterburg.
+
+Geheimer Rath. Major.
+
+
+Major.
+Hier Bruder--Ich schweife wie Kain herum, unstät und
+flüchtig--Weißt Du was? Die Russen sollen Krieg mit
+den Türken haben; ich will nach Königsberg gehn, um
+nähere Nachrichten einzuziehen: ich will mein Weib
+verlassen und in der Türkey sterben.
+
+Geh. Rath.
+Deine Ausschweifungen schlagen mich vollends zu Boden.--
+O Himmel, muß es denn von allen Seiten stürmen?--Da liß
+den Brief vom Professor M–r.
+
+Major.
+Ich kann nicht mehr lesen; ich hab meine Augen fast
+blind geweint.
+
+Geh. Rath.
+So will ich dir vorlesen, damit Du siehst, daß Du nicht
+der einzige Vater seyst, der sich zu beklagen hat: "Ihr
+Sohn ist vor einiger Zeit wegen Bürgschaft gefänglich
+eingezogen worden: er hat, wie er mir vorgestern mit
+Thränen gestanden, nach fünf vergeblich geschriebenen
+Briefen keine Hofnung mehr, von Eurer Excellenz
+Verzeihung zu erhalten. Ich redte ihm zu, sich zu
+beruhigen, bis ich gleichfalls in dieser Sache mich
+vermittelt hätte: er versprach es mir, ist aber
+ungeachtet dieses Versprechens noch in derselben Nacht
+heimlich aus dem Gefängniß entwischt. Die Schuldner
+haben ihm Steckbriefe nachsenden und seinen Namen in
+allen Zeitungen bekannt machen wollen; ich habe sie
+aber dran verhindert und für die Summe gutgesagt, weil
+ich viel zu sehr überzeugt bin, daß Eure Excellenz
+diesen Schimpf nicht werden auf Dero Familie kommen
+lassen. Uebrigens habe die Ehre, in Erwartung Dero
+Entschlusses mich mit vollkommenster" ...
+
+Major.
+Schreib ihm zurück: sie sollen ihn hängen.
+
+Geh. Rath.
+Und die Familie--
+
+Major.
+Lächerlich! Es giebt keine Familie; wir haben keine
+Familie. Narrenspossen! Die Russen sind meine Familie:
+ich will Griechisch werden.
+
+Geh. Rath.
+Und noch keine Spur von Deiner Tochter?
+
+Major.
+Was sagst Du?
+
+Geh. Rath.
+Hast nicht die geringste Nachricht von Deiner Tochter?
+
+Major.
+Laß mich zufrieden.
+
+Geh. Rath.
+Es ist doch Dein Ernst nicht, nach Königsberg zu reisen?
+
+Major.
+Wenn mag doch die Post abgehn von Königsberg nach Warschau?
+
+Geh. Rath.
+Ich werde Dich nicht fortlassen; es ist nur umsonst.
+Meynst Du, vernünftige Leute werden sich von Deinen
+Phantasien übertölpeln lassen? Ich kündige Dir hiermit
+Hausarrest an. Gegen Leute, wie Du bist, muß man Ernst
+gebrauchen, sonst verwandelt sich ihr Gram in Narrheit.
+
+Major. (weint)
+Ein ganzes Jahr--Bruder geheimer Rath--Ein ganzes
+Jahr--und niemand weiß, wohin sie gestoben oder geflogen
+ist?
+
+Geh. Rath.
+Vielleicht todt--
+
+Major.
+Vielleicht?--Gewiß todt--und wenn ich nur den Trost
+haben könnte, sie noch zu begraben--aber sie muß sich
+selbst umgebracht haben, weil mir niemand Anzeige von
+ihr geben kann.--Eine Kugel durch den Kopf, Berg, oder
+einen Türkenpallasch; das wär eine Victorie.
+
+Geh. Rath.
+Es ist ja eben so wohl möglich, daß sie den Läuffer
+irgendwo angetroffen und mit dem aus dem Lande gegangen.
+Gestern hat mich Graf Wermuth besucht und hat mir gesagt,
+er sey denselben Abend noch in eine Schule gekommen, wo
+ihn der Schulmeister nicht hab' in die Kammer lassen
+wollen: er vermuthet immer noch, der Hofmeister habe
+drinn gesteckt, vielleicht Deine Tochter bey ihm.
+
+Major.
+Wo ist der Schulmeister? Wo ist das Dorf? Und der
+Schurke von Grafen ist nicht mit Gewalt in die Kammer
+eingedrungen? Komm: wo ist der Graf?
+
+Geh. Rath.
+Er wird wohl wieder im Hecht abgestiegen seyn, wie
+gewöhnlich.
+
+Major.
+O wenn ich sie auffände--Wenn ich nur hoffen könnte,
+sie noch einmal wieder zu sehen--Hol mich der Kuckuk,
+so alt wie ich bin und abgegrämt und wahnwitzig; ja hol
+mich der Teufel, dann wollt' ich doch noch in meinem
+Leben wieder einmal lachen, das letztemal laut lachen
+und meinen Kopf in ihren entehrten Schooß legen und
+denn wieder einmal heulen und denn--Adieu Berg! Das
+wäre mir gestorben, das hieß mir sanft und selig im
+Herrn entschlafen.--Komm Bruder, Dein Junge ist nur
+ein Spitzbube geworden: das ist nur Kleinigkeit; an
+allen Höfen giebts Spitzbuben; aber meine Tochter ist
+eine Gassenhure, das heiß' ich einem Vater Freud machen:
+vielleicht hat sie schon drey Lilien auf dem Rücken.--
+Vivat die Hofmeister und daß der Teufel sie holt! Amen.
+
+(gehn ab)
+
+
+Zweite Scene.
+
+Eine Bettlerhütte im Walde.
+Augustchen. (im groben Kittel.)
+Marthe. (ein alt blindes Weib)
+
+
+Gustchen.
+Liebe Marthe, bleibt zu Hause und seht wohl nach dem
+Kinde: es ist das erstemal, daß ich Euch allein lasse
+in einem ganzen Jahr; also könnt Ihr mich nun wohl
+auch einmal einen Gang für mich thun lassen. Ihr habt
+Proviant für heut und Morgen; Ihr braucht also heute
+nicht auf der Landstraß auszustehn.
+
+Marthe.
+Aber wo wollt Ihr denn hin, Grethe; das Gott erbarm!
+da Ihr noch so krank und so schwach seyd; laßt Euch
+doch sagen: ich hab auch Kinder bekommen und ohne viele
+Schmerzen, so wie Ihr, Gott sey Dank! aber einmal hab
+ichs versucht, den zweyten Tag nach der Niederkunft
+auszugehen und nimmermehr wieder; ich hatte schon meinen
+Geist aufgegeben, wahrlich ich könne Euch sagen, wie
+einem Todten zu Muthe ist--Laßt Euch doch lehren; wenn
+Ihr was im nächsten Dorf zu bestellen habt, obschon ich
+blind bin, ich will schon hinfinden; bleibt nur zu Hause
+und macht daß Ihr zu Kräften kommt: ich will alles für
+Euch ausrichten, was es auch sey.
+
+Gustchen.
+Laßt mich nur, Mutter; ich hab Kräfte wie eine junge
+Bärin--und seht nach meinem Kinde.
+
+Marthe.
+Aber wie soll ich denn darnach sehen, Heilige Mutter
+Gottes! da ich blind bin? Wenn es wird saugen wollen,
+soll ichs an meine schwarze verwelkte Zitzen legen?
+und es mit zu nehmen, habt Ihr keine Kräfte, bleibt zu
+Hause, liebes Grethel, bleibt zu Hause.
+
+Gustchen.
+Ich darf nicht, liebe Mutter, mein Gewissen treibt mich
+fort von hier. Ich hab' einen Vater, der mich mehr
+liebt als sein Leben und seine Seele. Ich habe die
+vorige Nacht im Traum gesehen, daß er sich die weissen
+Haare ausriß und Blut in den Augen hatte: er wird
+meynen, ich sey todt. Ich muß ins Dorf und jemand
+bitten, daß er ihm Nachricht von mir giebt.
+
+Marthe.
+Aber hilf lieber Gott, wer treibt Euch denn? Wenn Ihr
+nun unterwegens liegen bleibt? Ihr könnt nicht fort...
+
+Gustchen.
+Ich muß--Mein Vater stand wankend; auf einmal warf
+er sich auf die Erde und blieb todt liegen--Er bringt
+sich um, wenn er keine Nachricht von mir bekommt.
+
+Marthe.
+Wißt Ihr denn nicht, daß Träume grade das Gegentheil
+bedeuten?
+
+Gustchen.
+Bey mir nicht--Laßt mich--Gott wird mit mir seyn.
+(geht ab)
+
+
+Dritte Scene.
+
+Die Schule.
+Wenzeslaus. Läuffer. (an einem Tisch sitzend) Der Major.
+Der Geheime Rath und Graf Wermuth.
+(treten herein mit Bedienten)
+
+
+Wenzeslaus. (läßt die Brille fallen)
+Wer da?
+
+Major. (mit gezogenem Pistol)
+Daß Dich das Wetter! da sitzt der Haas im Kohl. (schießt
+und trift Läuffern in Arm, der vom Stuhl fällt)
+
+Geh. Rath. (der vergeblich versucht hat ihn zurückzuhalten)
+Bruder--(stößt ihn unwillig) So hab's denn darnach,
+Tollhäusler!
+
+Major.
+Was? ist er todt? (schlägt sich vors Gesicht) Was hab
+ich gethan? Kann Er mir keine Nachricht mehr von meiner
+Tochter geben?
+
+Wenzeslaus.
+Ihr Herren! Ist das jüngste Gericht nahe, oder sonst
+etwas? Was ist das? (zieht an seiner Schelle) Ich will
+Euch lehren, einen ehrlichen Mann in seinem Hause
+überfallen.
+
+Läuffer.
+Ich beschwör' Euch: schellt nicht!--Es ist der Major;
+ich hab's an seiner Tochter verdient.
+
+Geh. Rath.
+Ist kein Chirurgus im Dorf, ehrlicher Schulmeister! Er
+ist nur am Arm verwundet, ich will ihn kuriren lassen.
+
+Wenzeslaus.
+Ey was kuriren lassen! Straßenräuber! schießt man Leute
+übern Haufen, weil man so viel hat, daß man sie kuriren
+lassen kann? Er ist mein Kollaborator; er ist eben ein
+Jahr in meinem Hause: ein stiller, friedfertiger,
+fleißiger Mensch, und sein Tage hat man nichts von ihm
+gehört, und Ihr kommt und erschießt mir meinen Kollaborator
+in meinem eignen Hause!--Das soll gerochen werden, oder
+ich will nicht selig sterben. Seht Ihr das!
+
+Geh. Rath. (bemüht Läuffern zu verbinden)
+Wozu das Geschwätz, lieber Mann? Es thut uns leyd genug--
+Aber die Wunde könnte sich verbluten, schaft uns nur
+einen Chirurgus.
+
+Wenzeslaus.
+Ey was! Wenn Ihr Wunden macht, so mögt Ihr sie auch
+heilen, Strassenräuber! Ich muß doch nur zum Gevatter
+Schöpsen gehen. (geht ab)
+
+Major. (zu Läuffern)
+Wo ist meine Tochter?
+
+Läuffer.
+Ich weiß es nicht.
+
+Major.
+Du weißt nicht? (zieht noch eine Pistol hervor)
+
+Geh. Rath. (entreißt sie ihm und schießt sie aus dem
+Fenster ab)
+Sollen wir Dich mit Ketten binden lassen, Du--
+
+Läuffer.
+Ich habe sie nicht gesehen, seit ich aus Ihrem Hause
+geflüchtet bin; das bezeug' ich vor Gott, vor dessen
+Gericht ich vielleicht bald erscheinen werde.
+
+Major.
+Also ist sie nicht mit Dir gelaufen?
+
+Läuffer.
+Nein.
+
+Major.
+Nun denn; so wieder eine Ladung Pulver umsonst verschossen!
+Ich wollt, sie wäre Dir durch den Kopf gefahren, da Du
+kein gescheutes Wort zu reden weißt, Lumpenhund! Laßt
+ihn liegen und kommt bis ans Ende der Welt. Ich muß
+meine Tochter wieder haben, und wenn nicht in diesem
+Leben, doch in jener Welt, und da soll mein hochweiser
+Bruder und mein hochweiseres Weib mich wahrhaftig nicht
+von abhalten (läuft fort.)
+
+Geh. Rath.
+Ich darf ihn nicht aus den Augen lassen. (wirft Läuffern
+einen Beutel zu) Lassen Sie Sich davon kuriren, und
+bedenken Sie, daß Sie meinen Bruder weit gefährlicher
+verwundet haben, als er Sie. Es ist ein Bankozettel
+drin, geben Sie Acht drauf und machen ihn sich zu Nutz
+so gut Sie können. (gehn alle ab)
+
+(Wenzeslaus kömmt mit dem Barbier Schöpsen und einigen
+Bauerkerlen)
+
+Wenzeslaus.
+Wo ist das Otterngezüchte? Redet!
+
+Läuffer.
+Ich bitt Euch, seyd ruhig. Ich habe weit weniger bekommen,
+als meine Thaten werth waren. Meister Schöpsen, ist
+meine Wunde gefährlich?
+
+(Schöpsen besieht sie)
+
+Wenzeslaus.
+Was denn? Wo sind sie? Das leid ich nicht; nein, das
+leid ich nicht und sollt es mich Schul und Amt und Haar
+und Bart kosten. Ich will sie zu Morsch schlagen, die
+Hunde--Stellen Sie Sich vor, Herr Gevatter; wo ist das
+in aller Welt in iure naturae, und in iure civili, und
+im iure canonico, und im iure gentium, und wo Sie
+wollen, wo ist das erhört, daß man einem ehrlichen Mann
+in sein Haus fällt und in eine Schule dazu; an heiliger
+Stätte--Gefährlich; nicht wahr? Haben Sie sondirt? Ists?
+
+Schöpsen.
+Es ließe sich viel drüber sagen--nun doch wir wollen
+sehen--am Ende wollen wir schon sehen.
+
+Wenzeslaus.
+Ja Herr, he he, in fine videbitur cuius toni; das heißt,
+wenn er wird todt seyn, oder wenn er völlig gesund seyn
+wird, da wollen Sie uns erst sagen, ob die Wunde
+gefährlich war oder nicht: das ist aber nicht medicinisch
+gesprochen; verzeyh Er mir. Ein tüchtiger Arzt muß das
+Dings vorher wissen, sonst sag' ich ihm ins Gesicht: er
+hat seine Pathologie oder Chirurgie nur so halbwege
+studirt und ist mehr in die Bordells gangen, als in
+die Kollegia; denn in amore omnia insunt vitia, und
+wenn ich einen Ignoranten sehe, er mag seyn aus was
+für einer Fakultät er wolle, so sag' ich immer: er ist
+ein Jungfernknecht gewesen; ein Hurenhengst; das laß'
+ich mir nicht ausreden.
+
+Schöpsen. (nachdem er die Wunde noch einmal besichtigt)
+Ja die Wunde ist, nachdem man sie nimmt--Wir wollen
+sehen, wir wollen sehen.
+
+Läuffer.
+Hier, Herr Schulmeister! hat mir des Majors Bruder einen
+Beutel gelassen, der ganz schwer von Dukaten ist und
+obenein ist ein Bankozettel drinn--Da sind wir auf viel
+Jahre geholfen.
+
+Wenzeslaus. (hebt den Beutel)
+Nun das ist etwas--Aber Hausgewalt bleibt doch
+Hausgewalt und Kirchenraub, Kirchenraub--Ich will
+ihm einen Brief schreiben, dem Herrn Major. den er
+nicht ins Fenster stecken soll.
+
+Schöpsen. (der sich die Weil' über vergessen und eifrig
+nach dem Beutel gesehen, fällt wieder über die Wunde her)
+Sie wird sich endlich schon kuriren lassen, aber sehr
+schwer, hoff' ich, sehr schwer--
+
+Wenzeslaus.
+Das hoff' ich nicht, Herr Gevatter Schöpsen; das fürcht'
+ich, das fürcht' ich--aber ich will Ihm nur zum voraus
+sagen, daß wenn Er die Wunde langsam kurirt, so kriegt
+Er auch langsame Bezahlung; wenn Er ihn aber in zwey
+Tagen wieder auf frischen Fuß stellt, so soll Er auch
+frisch bezahlt werden; darnach kann Er sich richten.
+
+Schöpsen.
+Wir wollen sehen.
+
+
+Vierte Scene.
+
+
+Gustchen. (liegend, an einem Teich mit Gesträuch umgeben)
+Soll ich denn hier sterben?--Mein Vater! Mein Vater!
+gieb mir die Schuld nicht, daß Du nicht Nachricht von
+mir bekömmst. Ich hab meine letzten Kräfte angewandt--
+sie sind erschöpft--Sein Bild, o sein Bild steht mir
+immer vor den Augen! Er ist todt, ja todt--und für Gram
+um mich--Sein Geist ist mir diese Nacht erschienen,
+mir Nachricht davon zu geben--mich zur Rechenschaft
+dafür zu fodern--Ich komme, ja ich komme. (raft sich
+auf und wirft sich in Teich.)
+
+Major. (von weitem)
+Geh. Rath und Graf Wermuth. (folgen ihm)
+
+Major.
+Hey! hoh! da giengs in Teich--Ein Weibsbild wars und
+wenn gleich nicht meine Tochter, doch auch ein
+unglücklich Weibsbild--Nach, Berg! Das ist der Weg
+zu Gustchen oder zur Hölle! (springt ihr nach)
+
+Geh. Rath. (kommt)
+Gott im Himmel! was sollen wir anfangen?
+
+Graf Wermuth.
+Ich kann nicht schwimmen.
+
+Geh. Rath.
+Auf die andere Seite!--Mich deucht, er haschte das
+Mädchen ... Dort--dort hinten im Gebüsch.--Sehen Sie
+nicht? Nun treibt er den Teich mit ihr hinunter--Nach!
+
+
+Fünfte Scene.
+
+(Eine andere Seite des Teichs, Hinter der Scene Geschrey.)
+"Hülfe! 's meine Tochter! Sakkerment und all das Wetter!
+Graf! reicht mir doch die Stange:
+daß Euch die schwere Noth."
+
+Major Berg. (trägt Gustchen aufs Theater)
+Geheimer Rath und Graf. (folgen)
+
+Major.
+Da!--(setzt sie nieder. Geheimer Rath und Graf suchen
+sie zu ermuntern) Verfluchtes Kind! habe ich das an Dir
+erziehen müssen! (kniet nieder bey ihr) Gustel! was
+fehlt Dir? Hast Wasser eingeschluckt? Bist noch mein
+Gustel?--Gottlose Kanaille! Hättst Du mir nur ein
+Wort vorher davon gesagt; ich hätte dem Lausejungen
+einen Adelbrief gekauft, da hättet ihr können zusammen
+kriechen.--Gott behüt! so helft ihr doch; sie ist ja
+ohnmächtig. (springt auf, ringt die Hände; umhergehend)
+Wenn ich nur wüst', wo der maledeyte Chirurgus vom Dorf
+anzutreffen wäre.--Ist sie noch nicht wach?
+
+Gustchen. (mit schwacher Stimme)
+Mein Vater!
+
+Major.
+Was verlangst Du?
+
+Gustchen.
+Verzeihung.
+
+Major. (geht auf sie zu)
+Ja verzeih Dirs der Teufel, ungerathenes Kind.--Nein,
+(kniet wieder bey ihr) fall nur nicht hin, mein Gustel--
+mein Gustel! Ich verzeih Dir; ist alles vergeben und
+vergessen--Gott weiß es: ich verzeih Dir--Verzeih Du
+mir nur! Ja aber nun ists nicht mehr zu ändern. Ich hab
+dem Hundsvott eine Kugel durch den Kopf geknallt.
+
+Geh. Rath.
+Ich denke, wir tragen sie fort.
+
+Major.
+Laßt stehen! Was geht sie euch an? Ist sie doch Eure
+Tochter nicht. Bekümmert Euch um Euer Fleisch und Bein
+daheime. (Er nimmt sie auf die Arme) Da Mädchen--Ich
+sollte wohl wieder nach dem Teich mit Dir--(schwenkt
+sie gegen den Teich zu) aber wir wollen nicht eher
+schwimmen als bis wir's Schwimmen gelernt haben, meyn'
+ich.--(drückt sie an sein Herz) O du mein einzig
+theurester Schatz! Daß ich dich wieder in meinen Armen
+tragen kann, gottlose Kanaille! (trägt sie fort)
+
+
+Sechste Scene.
+
+In Leipzig.
+Fritz von Berg. Pätus.
+
+
+Fritz.
+Das einzige, was ich an Dir auszusetzen habe, Pätus.
+Ich habe Dirs schon lang sagen wollen: untersuche Dich
+nur selbst; was ist die Ursach zu all Deinem Unglück
+gewesen? Ich tadle es nicht, wenn man sich verliebt. Wir
+sind in den Jahren; wir sind auf der See, der Wind treibt
+uns, aber die Vernunft muß immer am Steuerruder bleiben,
+sonst jagen wir auf die erste beste Klippe und scheitern.
+Die Hamstern war eine Kokette, die aus Dir machte, was
+sie wollte; sie hat Dich um Deinen letzten Rock, um
+Deinen guten Namen und um den guten Namen Deiner Freunde
+dazu gebracht: ich dächte, da hättest Du klug werden
+können. Die Rehaarin ist ein unverführtes unschuldiges
+jugendliches Lamm: wenn man gegen ein Herz, das sich
+nicht vertheidigen will, noch vertheidigen kann, alle
+mögliche Batterien spielen läßt, um es--was soll ich
+sagen? zu zerstören, einzuäschern, das ist unrecht,
+Bruder Pätus, das ist unrecht. Nimm mirs nicht übel,
+wir können so nicht gute Freunde zusammen bleiben. Ein
+Mann, der gegen ein Frauenzimmer es so weit treibt,
+als er nur immer kann, ist entweder ein Theekessel oder
+ein Bösewicht; ein Theekessel, wenn er sich selbst nicht
+beherrschen kann, die Ehrfurcht, die er der Unschuld
+und Tugend schuldig ist, aus den Augen zu setzen: oder
+ein Bösewicht, wenn er sich selbst nicht beherrschen
+will und wie der Teufel im Paradiese sein einzig Glück
+darin setzt, ein Weib ins Verderben zu stürzen.
+
+Pätus.
+Predige nur nicht, Bruder! Du hast Recht; es reuet mich,
+aber ich schwöre Dir, ich kann drauf fluchen, daß ich
+das Mädchen nicht angerührt habe.
+
+Fritz.
+So bist Du doch zum Fenster hineingestiegen und die
+Nachbarn habens gesehen, meynst Du, ihre Zunge wird so
+verschämt seyn, wie Deine Hand vielleicht gewesen ist?
+Ich kenne Dich, ich weiß, so dreust Du scheinst, bist
+Du doch blöde gegen's Frauenzimmer und darum lieb ich
+Dich: aber wenns auch nichts mehr wäre, als daß das
+Mädchen ihren guten Namen verliert, und eine
+Musikantentochter dazu, ein Mädchen, das alles von
+der Natur empfieng: vom Glück nichts, der ihre einzige
+Aussteuer, ihren guten Namen, zu rauben--Du hast
+sie unglücklich gemacht, Pätus.--
+
+(Herr Rehaar kommt, eine Laute unterm Arm.)
+
+Rehaar.
+Ergebener Diener von Ihnen; ergebener Diener, Herr von
+Berg, wünsche schönen guten Morgen. Wie haben Sie
+geschlafen und wie stehts Konzertchen? (setzt sich
+und stimmt) Haben Sie's durchgespielt? (stimmt) Ich
+habe die Nacht einen heßlichen Schrecken gehabt, aber
+ich wills dem eingedenk seyn.--Sie kennen ihn wohl,
+es ist einer von ihren Landsleuten. Twing, twing. Das
+ist eine verdammte Quinte! Will sie doch mein Tage
+nicht recht tönen; ich will Ihnen Nachmittag eine andere
+bringen.
+
+Fritz. (setzt sich mit seiner Laute)
+Ich hab das Koncert noch nicht angesehen.
+
+Rehaar.
+Ey Ey, faules Herr von Bergchen, noch nicht angesehen?
+Twing! Nachmittag bring ich Ihnen eine andre. (legt die
+Laute weg und nimmt eine Prise) Man sagt: die Türken
+sind über die Donau gegangen und haben die Russen brav
+zurückgepeitscht, bis--Wie heißt doch nun der Ort?
+Bis Otschakof, glaub' ich; was weiß ich? so viel sag
+ich Ihnen, wenn Rehaar unter ihnen gewesen wäre, was
+meynen Sie? Er wäre noch weiter gelaufen. Ha ha ha!
+(nimmt die Laute wieder) Ich sag Ihnen, Herr von Berg,
+ich hab keine größere Freude, als wenn ich wieder einmal
+in der Zeitung lese, daß eine Armee gelaufen ist. Die
+Russen sind brave Leute, daß sie gelaufen sind; Rehaar
+wär auch gelaufen und alle gescheute Leute, denn wozu
+nützt das Stehen und sich todtschlagen lassen, ha ha ha.
+
+Fritz.
+Nicht wahr, das ist der erste Grif?
+
+Rehaar.
+Ganz recht; den zweiten Finger etwas mehr übergelegt und
+mit dem kleinen abgerissen, so--Rund, rund den Triller,
+rund Herr von Bergchen--Mein seliger Vater pflegt' immer
+zu sagen, ein Musikus muß keine Kourage haben, und ein
+Musikus der Herz hat, ist ein Hundsfut. Wenn er sein
+Konzertchen spielen kann und seinen Marsch gut bläst--
+Das hab' ich auch dem Herzog von Kurland gesagt, als
+ich nach Petersburg gieng, das erstemal in der Suite
+vom Prinzen Czartorinsky, und vor ihm spielen mußte.
+Ich muß noch lachen; als ich in den Saal kam und wollt'
+ihm mein tief tief Kompliment machen, sah' ich nicht,
+daß der Fußboden von Spiegel war und die Wände auch von
+Spiegel, und fiel herunter wie ein Stück Holz und schlug
+mir ein gewaltig Loch in Kopf: da kamen die Hofkavaliere
+und wollten mich drüber necken. Leidt das nicht, Rehaar,
+sagte der Herzog, Ihr habt ja einen Degen an der Seite;
+leidt das nicht. Ja, sage ich, Ew. Herzoglichen Majestät,
+mein Degen ist seit Anno Dreißig nicht aus der Scheide
+gekommen, und ein Musikus braucht den Degen nicht zu
+ziehen, denn ein Musikus, der Herz hat und den Degen
+zieht, ist ein Hundsfut und kann sein Tag auf keinem
+Instrument was vor sich bringen--Nein, nein, das dritte
+Chor wars, k, k, so--Rein, rein, den Triller rund und
+den Daumen unten nicht bewegt, so--
+
+Pätus. (der sich die Zeit über seitwärts gehalten,
+tritt hervor und bietet Rehaar die Hand)
+Ihr Diener, Herr Rehaar; wie gehts?
+
+Rehaar. (hebt sich mit der Laute)
+Ergebener Die--Wie solls gehen, Herr Pätus? Toujours
+content, jamais d'argent: das ist des alten Rehaars
+Sprichwort, wissen Sie, und die Herren Studenten wissens
+alle; aber darum geben sie mir doch nichts--Der Herr
+Pätus ist mir auch noch schuldig, von der letzten
+Serenade, aber er denkt nicht dran...
+
+Pätus.
+Sie sollen haben, liebster Rehaar; in acht Tagen erwart'
+ich unfehlbar meinen Wechsel.
+
+Rehaar.
+Ja, Sie haben schon lang gewartet, Herr Pätus, und
+Wechselchen ist doch nicht kommen. Was ist zu thun,
+man muß Geduld haben, ich sag immer, ich begegne
+keinem Menschen mit so viel Ehrfurcht als einem
+Studenten: denn ein Student ist nichts, das ist wahr,
+aber es kann doch alles aus ihm werden. (er legt die
+Laute auf den Tisch und nimmt eine Prise) Aber was
+haben Sie mir denn gemacht, Herr Pätus? Ist das recht;
+ist das auch honett gehandelt? Sind mir gestern zum
+Fenster hineingestiegen, in meiner Tochter Schlafkammer.
+
+Pätus.
+Was denn, Vaterchen? ich? ...
+
+Rehaar. (läßt die Dose fallen)
+Ja ich will Dich bevaterchen und ich werd' es gehörigen
+Orts zu melden wissen, Herr, daß seyn Sie versichert.
+Meiner Tochter Ehr' ist mir lieb und es ist ein honettes
+Mädchen, hol's der Henker! und wenn ichs nur gestern
+gemerkt hätte oder wär' aufgewacht, ich hätt Euch zum
+Fenster hinausgehenselt, daß Ihr das Unterste zu Oberst--
+Ist das honett, ist das ehrlich? Pfuy Teufel, wenn ich
+Student bin, muß ich mich auch als Student aufführen,
+nicht als ein Schlingel--Da haben mirs die Nachbarn
+heut gesagt: ich dacht ich sollte den Schlag drüber
+kriegen, Augenblicks hat mir das Mädchen auf den
+Postwagen müssen und das nach Kurland zu ihrer Tante;
+ja nach Kurland, Herr, denn hier ist ihre Ehr' hin und
+wer zahlt mir nun die Reisekosten? Ich habe warhaftig
+den ganzen Tag keine Laut' anrühren können und über
+die funfzehn Quinten sind mir heut gesprungen. Ja Herr,
+ich zittere noch am ganzen Leibe und Herr Pätus, ich
+will ein Hühnchen mit Ihnen pflücken. Es soll nicht
+so bleiben; ich will Euch Schlingeln lehren ehrlicher
+Leute Kinder verführen.
+
+Pätus.
+Herr, schimpf Er nicht, oder--
+
+Rehaar.
+Sehen Sie nur an, Herr von Berg! sehn Sie einmal an--
+wenn ich nun Herz hätte, ich fodert' ihn augenblicklich
+vor die Klinge--Sehen Sie, da steht er und lacht mir
+noch in die Zähne obenein. Sind wir denn unter Türken
+und Heiden, daß ein Vater nicht mehr mit seiner Tochter
+sicher ist? Herr Pätus, Sie sollen mirs nicht umsonst
+gethan haben, ich sags Ihnen und sollts bis an den
+Kuhrfürsten selber kommen. Unter die Soldaten mit
+solchen lüderlichen Hunden! Dem Kalbsfell folgen,
+das ist gescheidter! Schlingel seyd ihr und keine
+Studenten!
+
+Pätus. (giebt ihm eine Ohrfeige)
+Schimpf Er nicht; ich habs Ihm fünfmal gesagt!.
+
+Rehaar. (springt auf, das Schnupftuch vorm Gesicht)
+So? Wart--Wenn ich doch nur den rothen Fleck
+behalten könnte, bis ich vorn Magnifikus komme--
+Wenn ich ihn doch nur acht Tage behalten könnte,
+daß ich nach Dresden reise und ihn dem Kuhrfürsten
+zeige--Wart, es soll Dir zu Hause kommen, wart,
+wart--Ist das erlaubt? (weint) Einen Lautenisten
+zu schlagen? weil er Dir seine Tochter nicht geben
+will, daß Du Lautchen auf ihr spielen kannst?--Wart,
+ich wills seiner Kuhrfürstlichen Majestät sagen, daß
+Du mich ins Gesicht geschlagen hast. Die Hand soll
+Dir abgehauen werden--Schlingel! (läuft ab, Pätus
+will ihm nach; Fritz hält ihn zurück)
+
+Fritz.
+Pätus! Du hast schlecht gehandelt. Er war beleidigter
+Vater, Du hättest ihn schonen sollen.
+
+Pätus.
+Was schimpfte der Schurke?
+
+Fritz.
+Schimpfliche Handlungen verdienen Schimpf. Er konnte
+die Ehre seiner Tochter auf keine andere Weise rächen,
+aber es möchten sich Leute finden--
+
+Pätus.
+Was? Was für Leute?
+
+Fritz.
+Du hast sie entehrt, Du hast ihren Vater entehrt. Ein
+schlechter Kerl, der sich an Weiber und Musikanten wagt,
+die noch weniger als Weiber sind.
+
+Pätus.
+Ein schlechter Kerl?
+
+Fritz.
+Du sollst ihm öffentlich abbitten.
+
+Pätus.
+Mit meinem Stock.
+
+Fritz.
+So werd ich Dir in seinem Namen antworten.
+
+Pätus. (schreyt)
+Was willst Du von mir?
+
+Fritz.
+Genugthuung für Rehaarn.
+
+Pätus.
+Du wirst mich doch nicht zwingen wollen; einfältiger
+Mensch--
+
+Fritz.
+Ja, ich will Dich zwingen, kein Schurke zu seyn.
+
+Pätus.
+Du bist einer--Du mußt Dich mit mir schlagen.
+
+Fritz.
+Herzlich gern--wenn Du Rehaarn nicht Satisfaktion giebst.
+
+Pätus.
+Nimmermehr.
+
+Fritz.
+Es wird sich zeigen.
+
+
+
+Fünfter Akt.
+
+
+Erste Scene.
+
+Die Schule.
+Läuffer. Marthe. (ein Kind auf dem Arm)
+
+
+Marthe.
+Um Gotteswillen! helft einer armen blinden Frau und
+einem unschuldigen Kinde, das seine Mutter verloren hat.
+
+Läuffer. (giebt ihr was)
+Wie seyd Ihr denn hergekommen, da Ihr nicht sehen könnt?
+
+Marthe.
+Mühselig genug. Die Mutter dieses Kindes war meine
+Leiterin; sie gieng eines Tags aus dem Hause, zwey Tage
+nach ihrer Niederkunft, Mittags gieng sie fort und wollt'
+auf den Abend wiederkommen, sie soll noch wiederkommen.
+Gott schenk ihr die ewige Freud und Herrlichkeit!
+
+Läuffer.
+Warum thut Ihr den Wunsch?
+
+Marthe.
+Weil sie todt ist, das gute Weib; sonst hätte sie ihr
+Wort nicht gebrochen. Ein Arbeitsmann vom Hügel ist mir
+begegnet, der hat sie sich in Teich stürzen sehen. Ein
+alter Mann ist hinter ihr drein gewesen und hat sich
+nachgestürzt; das muß wohl ihr Vater gewest seyn.
+
+Läuffer.
+O Himmel! Welch ein Zittern--Ist das ihr Kind?
+
+Marthe.
+Das ist es; sehen Sie nur, wie rund es ist, von lauter
+Kohl und Rüben aufgefüttert. Was sollt' ich Arme machen;
+ich konnt' es nicht stillen, und da mein Vorrath auf
+war, macht' ichs wie Hagar, nahm das Kind auf die
+Schulter und gieng auf Gottes Barmherzigkeit.
+
+Läuffer.
+Gebt es mir auf den Arm--O mein Herz!--Daß ichs an
+mein Herz drücken kann--Du gehst mir auf, furchtbares
+Rätzel! (nimmt das Kind auf den Arm und tritt damit vor
+den Spiegel) Wie? dies wären nicht meine Züge? (fällt
+in Ohnmacht; das Kind fängt an zu schreyen)
+
+Marthe.
+Fallt Ihr hin? (hebt das Kind vom Boden auf) Sußchen,
+mein liebes Sußchen! (das Kind beruhigt sich) Hört! was
+habt Ihr gemacht? Er antwortet nicht: ich muß doch um
+Hülfe rufen; ich glaube, ihm ist weh worden. (geht hinaus)
+
+
+Zweyte Scene.
+
+Ein Wäldchen vor Leipzig.
+Fritz von Berg und Pätus. (stehn mit gezogenem Degen)
+Rehaar.
+
+
+Fritz.
+Wird es bald?
+
+Pätus.
+Willst Du anfangen?
+
+Fritz.
+Stoß Du zuerst.
+
+Pätus. (wirft den Degen weg)
+Ich kann mich mit Dir nicht schlagen.
+
+Fritz.
+Warum nicht? Nimm ihn auf. Hab ich Dich beleidigt, so
+muß ich Dir Genugthuung geben.
+
+Pätus.
+Du magst mich beleidigen wie Du willst, ich brauch
+keine Genugthuung von Dir.
+
+Fritz.
+Du beleidigst mich.
+
+Pätus. (rennt auf ihn zu und umarmt ihn)
+Liebster Berg! Nimm es für keine Beleidigung, wenn
+ich Dir sage, Du bist nicht im Stande mich zu beleidigen.
+Ich kenne Dein Gemüth--und ein Gedanke daran macht mich
+zur feigsten Memme auf dem Erdboden. Laß uns gute
+Freunde bleiben, ich will mich gegen den Teufel selber
+schlagen, aber nicht gegen Dich.
+
+Fritz.
+So gieb Rehaarn Satisfaktion, eh zieh' ich nicht ab
+von hier.
+
+Pätus.
+Das will ich herzlich gern, wenn er's verlangt.
+
+Fritz.
+Er ist immatrikulirt, wie Du; Du hast ihn ins Gesicht
+geschlagen--Frisch Rehaar, zieht!
+
+Rehaar. (zieht)
+Ja, aber er muß seinen Degen da nicht aufheben.
+
+Fritz.
+Sie sind nicht gescheidt. Wollen Sie gegen einen
+Menschen ziehen, der sich nicht wehren kann?
+
+Rehaar.
+Ey laß die gegen bewehrte Leute ziehen, die Kourage
+haben. Ein Musikus muß keine Kourage haben, und Herr
+Pätus, Er soll mir Satisfaktion geben--(stößt auf
+ihn zu. Pätus weicht zurück) Satisfaktion geben.
+(stößt Pätus in den Arm. Fritz legirt ihm den Degen)
+
+Fritz.
+Jetzt seh' ich, daß Sie Ohrfeigen verdienen, Rehaar.
+Pfuy!
+
+Rehaar.
+Ja was soll ich denn machen, wenn ich kein Herz habe?
+
+Fritz.
+Ohrfeigen einstecken und das Maul halten.
+
+Pätus.
+Still Berg! ich bin nur geschrammt. Herr Rehaar, ich
+bitt Sie um Verzeyhung. Ich hätte Sie nicht schlagen
+sollen, da ich wußte, daß Sie nicht im Stande waren,
+Genugthuung zu fodern; vielweniger hätt' ich Ihnen
+Ursache geben sollen, mich zu schimpfen. Ich gesteh's,
+diese Rache ist noch viel zu gering für die
+Beleidigungen, die ich Ihrem Hause angethan: ich will
+sehen, sie auf eine bessere Weise gut zu machen, wenn
+das Schicksal meinen guten Vorsätzen beysteht. Ich
+will Ihrer Tochter nachreisen; ich will sie heyrathen.
+In meinem Vaterlande wird sich schon eine Stelle für
+mich finden, und wenn auch mein Vater bey seinen
+Lebzeiten sich nicht besänftigen ließe, so ist mir
+doch eine Erbschaft von funfzehntausend Gulden gewiß.
+(umarmt ihn). Wollen Sie mir Ihre Tochter bewilligen?
+
+Rehaar.
+Ey was! ich hab nichts dawider, wenn Ihr ordentlich
+und ehrlich um sie anhaltet, und im Stand seyd, sie zu
+versorgen--Ha ha ha! hab' ichs doch mein Tag gesagt:
+mit den Studenten ist gut auskommen. Die haben doch
+noch Honnettetät im Leibe, aber mit den Officiers--
+Die machen einem Mädchen ein Kind und kräht nicht Hund
+oder Hahn nach: das macht, weil sie alle kuraschöse
+Leute seyn, und sich müssen todtschlagen lassen. Denn
+wer Kourage hat, der ist zu allen Lastern fähig.
+
+Fritz.
+Sie sind ja auch Student. Kommen Sie; wir haben lange
+keinen Punsch zusammen gemacht; wir wollen auf die
+Gesundheit Ihrer Tochter trinken.
+
+Rehaar.
+Ja und Ihr Lautenkonzertchen dazu, Herr von Bergchen.
+Ich hab Ihnen jetzt drey Stund nach einander geschwänzt,
+und weil ich auch honett denke, so will ich heute dafür
+drey Stunden nach einander auf Ihrem Zimmerchen bleiben
+und wollen Lautchen spielen, bis dunkel wird.
+
+Pätus.
+Und ich will die Violin dazu streichen.
+
+
+Dritte Scene.
+
+Die Schule.
+Läuffer. (liegt zu Bette.)
+Wenzeslaus.
+
+
+Wenzeslaus.
+Das Gott! was giebts schon wieder, daß Ihr mich von
+der Arbeit abrufen laßt? Seyd Ihr schon wieder schwach?
+Ich glaube, das alte Weib war eine Hexe.--Seit der
+Zeit habt Ihr keine gesunde Stunde mehr.
+
+Läuffer.
+Ich werd' es wohl nicht lange mehr machen.
+
+Wenzeslaus.
+Soll ich Gevatter Schöpsen rufen lassen?
+
+Läuffer.
+Nein.
+
+Wenzeslaus.
+Liegt Euch was auf dem Gewissen? Sagt mirs, entdeckt
+mirs, unverholen.--Ihr blickt so scheu umher, daß es
+einem ein Grauen einjagt; frigidus per ossa--Sagt mir,
+was ists?--Als ob er jemand todt geschlagen hätte--
+Was verzerrt Ihr denn die Lineamenten so--Behüt Gott,
+ich muß doch nur zu Schöpsen--
+
+Läuffer.
+Bleibt--Ich weiß nicht, ob ich recht gethan--Ich
+habe mich kastrirt...
+
+Wenzeslaus.
+Wa--Kastrir--Da mach ich Euch meinen herzlichen
+Glückwunsch drüber, vortreflich, junger Mann, zweiter
+Origenes! Laß Dich umarmen, theures, auserwähltes
+Rüstzeug! Ich kann's Euch nicht verheelen, fast--fast
+kann ich dem Heldenvorsatz nicht widerstehen, Euch
+nachzuahmen. So recht, werther Freund! Das ist die
+Bahn, auf der Ihr eine Leuchte der Kirche, ein Stern
+erster Größe, ein Kirchenvater selber werden könnt.
+Ich glückwünsche euch, ich ruf Euch ein Jubilate und
+Evoë zu, mein geistlicher Sohn--Wär' ich nicht über
+die Jahre hinaus, wo der Teufel unsern ersten und
+besten Kräften sein arglistiges Netz ausstellt, gewiß
+ich würde mich keinen Augenblick bedenken.--
+
+Läuffer.
+Bey alle dem, Herr Schulmeister, gereut es mich.
+
+Wenzeslaus.
+Wie, es gereut Ihn? Das sey ferne, werther Herr Mitbruder!
+Er wird eine so edle That doch nicht mit thörichter Reue
+verdunkeln und mit sündlichen Thränen besudeln? Ich seh
+schon welche über Sein Augenlied hervorquellen. Schluck'
+Er sie wieder hinunter und sing' Er mit Freudigkeit:
+ich bin der Nichtigkeit entbunden, nun Flügel, Flügel,
+Flügel her. Er wird es doch nicht machen wie Lots Weib
+und sich wieder nach Sodom umsehen, nachdem Er einmal
+das friedfertige stille Zoar erreicht hat? Nein, Herr
+Kollega; ich muß Ihm auch nur sagen, daß Er nicht der
+einzige ist, der den Gedanken gehabt hat. Schon unter
+den blinden Juden war eine Sekte, zu der ich mich gern
+öffentlich bekannt hätte, wenn ich nicht befürchtet,
+meine Nachbarn und meine armen Lämmer in der Schule
+damit zu ärgern: auch hatten sie freilich einige
+Schlacken und Thorheiten dabey, die ich nun eben nicht
+mitmachen möchte. Zum Exempel, daß sie des Sonntags
+nicht einmal ihre Nothdurft verrichteten, welches doch
+wider alle Regeln einer vernünftigen Diät ist, und halt'
+ichs da lieber mit unserm seligen Doktor Luther: was
+hinaufsteigt, das ist für meinen lieben Gott, aber was
+hinunter geht, Teufel, das ist für Dich--Ja wo war ich?
+
+Läuffer.
+Ich fürchte, meine Bewegungsgründe waren von andrer Art ...
+Reue, Verzweiflung--
+
+Wenzeslaus.
+Ja, nun hab ichs--Die Essäer, sag' ich, haben auch
+nie Weiber genommen; es war eins von ihren Grundgesetzen
+und dabey sind sie zu hohem Alter kommen, wie solches
+im Josephus zu lesen. Wie die es nun angefangen, ihr
+Fleisch so zu bezähmen; ob sie es gemacht, wie ich,
+nüchtern und mässig gelebt und brav Toback geraucht,
+oder ob sie Euren Weg eingeschlagen--So viel ist
+gewiß, in amore, in amore omnia insunt vitia und ein
+Jüngling, der diese Klippe vorbeyschifft, Heil, Heil
+ihm, ich will ihm Lorbeern zuwerfen; lauro tempora
+cingam et sublimi fronte sidera pulsabit.
+
+Läuffer.
+Ich fürcht', ich werd' an dem Schnitt sterben müssen.
+
+Wenzeslaus.
+Mit nichten, da sey Gott für. Ich will gleich zu
+Gevatter Schöpsen. Der Fall wird ihm freylich noch
+nie vorgekommen seyn, aber hat er Euch euren Arm kurirt,
+welches doch eine Wunde war, die nicht zu eurer
+Wohlfarth diente, so wird ja Gott auch ihm Gnade zu
+einer Kur geben, die Euer ewiges Seelenheil befördern
+wird. (geht ab)
+
+Läuffer.
+Sein Frohlocken verwundet mich mehr als mein Messer.
+O Unschuld, welch' eine Perle bist du! Seit ich dich
+verloren, that ich Schritt auf Schritt in der Leidenschaft
+und endigte mit Verzweiflung. Möchte dieser Letzte mich
+nicht zum Tode führen, vielleicht könnt' ich itzt wieder
+anfangen zu leben und zum Wenzeslaus wiedergeboren werden.
+
+
+Vierte Scene.
+
+In Leipzig.
+
+Fritz von Berg und Rehaar.
+(begegnen sich auf der Straße)
+
+
+Rehaar.
+Herr von Bergchen, ein Briefchen, unter meinem Kuvert
+gekommen. Herr von Seiffenblase hat an mich geschrieben;
+hat auch Lautchen bey mir gelernt vormals. Er bittet
+mich, ich soll doch diesen Brief einem gewissen Herrn
+von Berg in Leipzig abgeben, wenn er anders noch da
+wäre--O wie bin ich gesprungen!
+
+Fritz.
+Wo hält er sich denn itzt auf, Seiffenblase?
+
+Rehaar.
+Soll es dem Herrn von Berg abgeben, schreibt er, wenn
+Sie anders diesen würdigen Mann kennen. O wie bin ich
+gesprungen--Er ist in Königsberg, der Herr von
+Seiffenblase. Was meynen Sie, und meine Tochter ist
+auch da, und logirt ihm grad gegenüber. Sie schreibt
+mir, die Kathrinchen, daß sie nicht genug rühmen kann,
+was er ihr für Höflichkeit erzeigt, alles um
+meinetwillen; hat sieben Monath bey mir gelernt.
+
+Fritz. (zieht die Uhr aus)
+Liebster Rehaar, ich muß ins Kollegium--Sagen Sie
+Pätus nichts davon, ich bitte Sie--(geht ab)
+
+Rehaar. (ruft ihm nach)
+Auf den Nachmittag--Konzertchen!--
+
+
+Fünfte Scene.
+
+Zu Königsberg in Preußen.
+Geh. Rath. Gustchen. Major.
+(stehn in ihrem Hause am Fenster)
+
+
+Geh. Rath.
+Ist ers?
+
+Gustchen.
+Ja, er ist's.
+
+Geh. Rath.
+Ich sehe doch, die Tante muß ein lüderliches Mensch
+seyn, oder sie hat einen Haß auf ihre Nichte geworfen
+und will sie mit Fleiß ins Verderben stürzen.
+
+Gustchen.
+Aber Onkel, sie kann ihm doch das Haus nicht verbieten.
+
+Geh. Rath.
+Auf das, was ich ihr gesagt?--Wer will's ihr übel
+nehmen, wenn sie zu ihm sagte: Herr von Seiffenblase,
+Sie haben sich auf einem Kaffeehause verlauten lassen,
+Sie wollten meine Nichte zu Ihrer Mätresse machen,
+suchen Sie sich andre Bekanntschaften in der Stadt;
+bey mir kommen Sie unrecht: meine Nichte ist eine
+Ausländerin, die meiner Aufsicht anvertraut ist; die
+sonst keine Stütze hat; wenn sie verführt würde, fiel'
+alle Rechenschaft auf mich. Gott und Menschen müßten
+mich verdammen.
+
+Major.
+Still Bruder! Er kommt heraus und läßt die Nase
+erbärmlich hängen. Ho, ho, ho, daß Du die Krepanz!
+Wie blaß er ist.
+
+Geh. Rath.
+Ich will doch gleich hinüber, und sehn was es gegeben hat.
+
+
+Sechste Scene.
+
+In Leipzig.
+Pätus. (an einem Tisch und schreibt)
+Berg. (tritt herein einen Brief in der Hand)
+
+
+Pätus. (sieht auf und schreibt fort)
+
+Fritz.
+Pätus!--Hast zu thun?
+
+Pätus.
+Gleich--(Fritz spaziert auf und ab) Jetzt--(legt das
+Schreibzeug weg)
+
+Fritz.
+Pätus! ich hab' einen Brief bekommen--und hab nicht
+das Herz, ihn aufzumachen.
+
+Pätus.
+Von wo kommt er? Ists Deines Vaters Hand?
+
+Fritz.
+Nein, von Seiffenblase--aber die Hand zittert mir, so
+bald ich erbrechen will. Brich doch auf. Bruder, und
+ließ mir vor. (wirft sich auf einen Lehnstuhl)
+
+Pätus. (liest)
+"Die Erinnerung so mancher angenehmen Stunden, deren
+ich mich noch mit Ihnen genossen zu haben erinnere,
+verpflichtet mich, Ihnen zu schreiben und Sie an diese
+angenehme Stunden zu erinnern"--Was der Junge für eine
+rasende Orthographie hat.
+
+Fritz.
+Lies doch nur--
+
+Pätus.
+"Und weil ich mich verpflichtet hielt, Ihnen Nachrichten
+von meiner Ankunft und den Neuigkeiten, die allhier
+vorgefallen, als melde Ihnen von Dero werthesten Familie,
+welche leider sehr viele Unglücksfälle in diesem Jahre
+erlebt hat, und wegen der Freundschaft, welche ich in
+Dero Eltern ihrem Hause genossen, sehe mich verpflichtet,
+weil ich weiß, daß Sie mit Ihrem Herrn Vater in
+Misverstäniß und er Ihnen lange wohl nicht wird
+geschrieben haben, so werden Sie auch wohl den
+Unglücksfall nicht wissen mit dem Hofmeister, welcher
+aus Ihres gnädigen Onkels Hause ist gejagt worden,
+weil er Ihre Kusine genothzüchtigt, worüber sie sich
+so zu Gemüth gezogen, daß sie in einen Teich gesprungen,
+durch welchen Trauerfall Ihre ganze Familie in den
+höchsten Schröcken"--Berg! was ist Dir--(begießt ihn
+mit Lavendel) Wie nun Berg? Rede, wird Dir weh--Hätt
+ich Dir doch den verdammten Brief nicht--Ganz gewiß
+ists eine Erdichtung--Berg! Berg!
+
+Fritz.
+Laß mich--Es wird schon übergehn.
+
+Pätus.
+Soll ich jemand holen, der Dir die Ader schlägt.
+
+Fritz.
+O pfuy doch--thu doch so französisch nicht--Ließ mirs
+noch einmal vor.
+
+Pätus.
+Ja, ich werde Dir--Ich will den hunsvöttischen
+malitiösen Brief den Augenblick--(zerreißt ihn)
+
+Fritz.
+Genothzüchtigt--ersäuft. (schlägt sich an die Stirn)
+Meine Schuld! (steht auf) meine Schuld einzig und allein--
+
+Pätus.
+Du bist wohl nicht klug--Willst Dir die Schuld geben,
+daß sie sich vom Hofmeister verführen läßt--
+
+Fritz.
+Pätus, ich schwur ihr, zurückzukommen, ich schwur ihr--
+Die drey Jahr sind verflossen, ich bin nicht gekommen,
+ich bin aus Halle fortgangen, mein Vater hat keine
+Nachrichten von mir gehabt. Mein Vater hat mich
+aufgeben, sie hat es erfahren, Gram--Du kennst ihren
+Hang zur Melancholey--die Strenge ihrer Mutter obenein,
+Einsamkeit, auf dem Lande, betrogne Liebe--Siehst Du
+das nicht ein, Pätus; siehst Du das nicht ein? Ich
+bin ein Bösewicht: ich bin schuld an ihrem Tode. (wirft
+sich wieder in den Stuhl und verhüllt sein Gesicht)
+
+Pätus.
+Einbildungen!--Es ist nicht wahr, es ist so nicht
+gegangen. (stampft mit dem Fuß) Tausend Sapperment,
+daß Du so dumm bist, und alles glaubst, der Spitzbube,
+der Hundsfut, der Bärenhäuter, der Seiffenblase, will
+Dir einen Streich spielen--Laß mich ihn einmal zu
+sehen kriegen.--Es ist nicht wahr, daß sie todt ist,
+und wenn sie todt ist, so hat sie sich nicht selbst
+umgebracht...
+
+Fritz.
+Er kann doch das nicht aus der Luft saugen--Selbst
+umgebracht--(springt auf) O das ist entsetzlich!
+
+Pätus. (stampft abermal mit dem Fuß)
+Nein, sie hat sich selbst nicht umgebracht.
+Seiffenblase lügt; wir müssen mehr Bestätigung haben.
+Du weißt, daß Du ihm einmal im Rausch erzehlt hast,
+daß Du in Deine Kusine verliebt wärst; siehst Du, das
+hat die malitiöse Kanaille aufgefangen--aber weißt
+Du was; weißt Du, was Du thust? Hust ihm was; pfeif
+ihm was; pfuy ihm was, schreib ihm, Ew. Edlen danke
+dienstfreundlichst für Dero Neuigkeiten, und bitte,
+Sie wollen mich im--Das ist der beste Rath, schreib
+ihm zurück: Ihr seyd ein Hundsfut. Das ist das
+vernünftigste, was Du bey der Sache thun kannst.
+
+Fritz.
+Ich will nach Hause reisen.
+
+Pätus.
+So reis' ich mit Dir--Berg, ich laß Dich keinen
+Augenblick allein.
+
+Fritz.
+Aber wovon? Reisen ist bald ausgesprochen--Wenn ich
+keine abschlägige Antwort befürchtete, so wolle ich
+es bey Leichtfuß et Compagnie versuchen, aber ich bin
+ihnen schon hundertfunfzig Dukaten schuldig--
+
+Pätus.
+Wir wollen beyde zusammen hingehn--Wart, wir müssen die
+Lotterie vorbey. Heut ist die Post aus Hamburg angekommen,
+ich will doch unterwegs nachfragen; zum Spaß nur--
+
+
+Siebente Scene.
+
+In Königsberg.
+Geh. Rath (führt) Jungfer Rehaar (an der Hand)
+Augustchen. Major.
+
+
+Geh. Rath.
+Hier, Gustchen, bring ich Dir eine Gespielin. Ihr seyd
+in einem Alter, einem Verhältnisse--Gebt Euch die
+Hand, und seyd Freundinnen.
+
+Gustchen.
+Das bin ich lange gewesen, liebe Mamsell! Ich weiß
+nicht, was es war, das in meinem Busen auf- und abstieg,
+wenn ich Sie aus dem Fenster sah; aber Sie waren in so
+viel Zerstreuungen verwickelt, so mit Kutschenbesuchen
+und Serenaden belästigt, daß ich mit meinem Besuch zu
+unrechter Zeit zu kommen fürchtete.
+
+Jungfer Rehaar.
+Ich wäre Ihnen zuvorgekommen, gnädiges Fräulein, wenn
+ich das Herz gehabt. Allein in ein so vornehmes Haus
+mich einzudrängen, hielt' ich für unbesonnen, und mußte
+dem Zug meines Herzens, das mich schon oft bis vor
+Ihre Thür geführt hat, allemal mit Gewalt widerstehen.
+
+Geh. Rath.
+Stell Dir vor, Major; der Seiffenblase hat auf die
+Warnung, die ich der Frau Dutzend that, und die sie
+ihm wieder erzehlt hat und zwar, wie ichs verlangt,
+unter meinem Namen, geantwortet: er werde sich schon
+an mir zu rächen wissen. Er hat alles das so gut von
+sich abzulehnen gewußt, und ist gleich Tags drauf mit
+dem Minister Deichsel hingefahren kommen, daß die arme
+Frau das Herz nicht gehabt, sich seine Besuche zu
+verbitten. Gestern Nacht hat er zwey Wagen in diese
+Straße bestellt und einen am Brandenburger Thor, das
+wegen des Feuerwerks offen blieb, das erfährt die Madam
+gestern Vormittag schon. Den Nachmittag will er für
+Henkers Gewalt die Mamsell überreden, mit ihm zum
+Minister auf die Assemblee zu fahren, aber Madam
+Dutzend traute dem Frieden nicht, und hat's ihm rund
+abgeschlagen. Zweymal ist er vor die Thür gefahren,
+aber hat wieder umkehren müssen; da seine Karte also
+verzettelt war, wollt' ers heut probiren. Madam Dutzend
+hat ihm nicht allein das Haus verbothen, sondern
+zugleich angedeutet: sie sehe sich genöthigt, sich
+vom Gouverneur Wache vor ihrem Hause auszubitten.
+Da hat er Flammen gespyen, hat mit dem Minister gedroht--
+Um die Madam völlig zu beruhigen, hab' ich ihr
+angetragen: die Mamsell in unser Haus zu nehmen. Wir
+wollen sie auf ein halb Jahr nach Insterburg mitnehmen,
+bis Seiffenblase sie vergessen hat, oder so lang als
+es ihr selber nur da gefallen kann--
+
+Major.
+Ich hab schon anspannen lassen. Wenn wir nach
+Heidelbrunn fahren, Mamsell, so laß ich Sie nicht
+los. Sie müssen mit, oder meine Tochter bleibt mit
+Ihnen in Insterburg.
+
+Geh. Rath.
+Das wär wohl am besten. Ohnehin taugt das Land für
+Gustchen nicht und Mamsel Rehaar laß ich nicht von mir.
+
+Major.
+Gut, daß Deine Frau Dich nicht hört--oder hast Du
+Absichten auf Deinen Sohn?
+
+Geh. Rath.
+Mach das gute Kind nicht roth. Sie werden ihn in
+Leipzig oft genug müssen gesehen haben, den bösen
+Buben. Gustchen, Du wirst zur Gesellschaft mit roth?
+Er verdient's nicht.
+
+Gustchen.
+Da mein Vater mir vergeben hat, sollte Ihr Sohn ein
+minder gütiger Herz bey Ihnen finden?
+
+Geh. Rath.
+Er ist auch noch in keinen Teich gesprungen.
+
+Major.
+Wenn wir nur das blinde Weib mit dem Kinde ausfündig
+gemacht hätten, von dem mir der Schulmeister schreibt;
+eh kann ich nicht ruhig werden--Kommt! ich muß noch
+heut auf mein Gut.
+
+Geh. Rath.
+Daraus wird nichts. Du mußt die Nacht in Insterburg
+schlafen.
+
+
+Achte Scene.
+
+Leipzig.
+Bergs Zimmer.
+Fritz v. Berg. (sitzt, die Hand untern Kopf gestützt)
+Pätus. (stürzt herein)
+
+
+Pätus.
+Triumpf Berg! Was kalmeuserst Du?--Gott! Gott!
+(greift sich an den Kopf und fällt auf die Knie)
+Schicksal! Schicksal!--Nicht wahr, Leichtfuß hat
+Dir nicht vorschießen wollen? Laß ihn Dich--Ich
+hab Geld, ich hab' alles--Dreyhundert achtzig
+Friedrichd'or gewonnen auf einem Zug! (springt auf
+und schreyt) Heydideldum, nach Insterburg! Pack ein!
+
+Fritz.
+Bist Du närrisch worden?
+
+Pätus. (zieht einen Beutel mit Gold hervor und wirft
+alles auf die Erde)
+Da ist meine Narrheit. Du bist ein Narr mit Deinem
+Unglauben--Nun hilf auflesen; buck Dich etwas--
+und heut noch nach Insterburg, juchhe! (lesen auf)
+Ich will meinem Vater die achtzig Friedrichsd'or
+schenken, so viel betrug grad mein letzter Wechsel,
+und zu ihm sagen: nun Herr Papa, wie gefall' ich
+Ihnen itzt? All Deine Schulden können wir bezahlen,
+und meine obenein, und denn reisen wir wie die Prinzen.
+Juchhei
+
+
+Neunte Scene.
+
+Die Schule.
+Wenzeslaus. Läuffer. (beyde in schwarzen Kleidern)
+
+
+Wenzeslaus.
+Wie hat ihm die Predigt gefallen, Kollege! Wie hat
+Er sich erbaut?
+
+Läuffer.
+Gut, recht gut. (seufzt)
+
+Wenzeslaus. (nimmt seine Perücke ab und setzt eine
+Nachtmütze auf)
+Damit ist's nicht ausgemacht. Er soll mir sagen,
+welche Stelle aus der Predigt vorzüglich gesegnet
+an seinem Herzen gewesen. Hör' Er--setz' Er sich.
+Ich muß Ihm was sagen; ich hab' eine Anmerkung in
+der Kirche gemacht, die mich gebeugt hat. Er hat mir
+da so wetterwendisch gesessen, daß ich mich Seiner,
+die Warheit zu sagen, vor der ganzen Gemeine geschämt
+habe und dadurch oft fast aus meinem Koncept kommen
+bin. Wie, dacht' ich, dieser junge Kämpfer, der so
+ritterlich durchgebrochen und den schwersten Strauß
+schon gewissermaßen überwunden hat--ich muß es Ihm
+bekennen: Er hat mich geärgert, σκανδαλον ἐδωκας,
+ἔταξας! Ich habs wohl gemerkt, wohin es gieng, ich
+habs wohl gemerkt; immer nach der mittlern Thür zu
+da nach der Orgel hinunter.
+
+Läuffer.
+Ich muß bekennen, es hieng ein Gemälde dort, das
+mich ganz zerstreut hat. Der Evangelist Markus mit
+einem Gesicht, das um kein Haar menschlicher aussah,
+als der Löwe, der bey ihm saß, und der Engel beym
+Evangelisten Matthäus eher einer geflügelten Schlange
+ähnlich.
+
+Wenzeslaus.
+Es war nicht das, mein Freund! Bild' Er mir's nicht
+ein; es war nicht das. Sag' Er mir doch, ein Bild
+sieht man an und sieht wieder weg, und dann ist's
+alles. Hat Er denn gehört, was ich gesagt habe?
+Weiß Er mir Ein Wort aus meiner Predigt wieder
+anzuführen? Und sie war doch ganz für Ihn gehalten;
+ganz kasuistisch--O! o! o!
+
+Läuffer.
+Der Gedanke gefiel mir vorzüglich, daß zwischen
+unsrer Seele und ihrer Wiedergeburt und zwischen
+dem Flachs- und Hanfbau eine große Aehnlichkeit
+herrsche, und so wie der Hanf im Schneidebrett durch
+heftige Stöße und Klopfen von seiner alten Hülse
+befreyt werden müsse, so müsse unser Geist auch durch
+allerley Kreutz und Leiden und Ertödtung der
+Sinnlichkeit für den Himmel zubereitet werden.
+
+Wenzeslaus.
+Er war kasuistisch, mein Freund--
+
+Läuffer.
+Doch kann ich Ihnen auch nicht bergen, daß Ihre Liste
+von Teufeln, die aus dem Himmel gejagt worden, und
+die Geschichte der ganzen Revolution da, daß Lucifer
+sich für den schönsten gehalten--Die heutige Welt
+ist über den Aberglauben längst hinweg; warum will
+man ihn wieder aufwärmen. In der ganzen heutigen
+vernünftigen Welt wird kein Teufel mehr statuirt--
+
+Wenzeslaus.
+Darum wird auch die ganze heutige vernünftige Welt
+zum Teufel fahren. Ich mag nicht verdammen, lieber
+Herr Mandel; aber das ist wahr, wir leben in
+seelenverderblichen Zeiten: es ist die letzte böse
+Zeit. Ich mag mich drüber weiter nicht auslassen:
+ich seh wohl, Er ist ein Zweifler auch, und auch
+solche Leute muß man tragen. Es wird schon kommen;
+Er ist noch jung--aber gesetzt auch, posito auch,
+aber nicht zugestanden, unsere Glaubenslehren wären
+all Aberglauben, über Geister, über Höll, über Teufel,
+da--Was thut's Euch, was beißts Euch, daß Ihr Euch
+so mit Händen und Füßen dagegen wehrt? Thut nichts
+Böses, thut recht und denn so braucht Ihr die Teufel
+nicht zu scheuen, und wenn ihrer mehr wären wie
+Ziegel auf dem Dach, wie der selige Lutherus sagt.
+Und Aberglauben--O schweigt still, schweigt still,
+lieben Leut'. Erwägt erst mit reifem Nachdenken, was
+der Aberglaube bisher für Nutzen gestiftet hat, und
+denn habt mir noch das Herz, mit Euren nüchternen
+Spötteleyen gegen mich anzuziehen. Reutet mir den
+Aberglauben aus; ja warhaftig der rechte Glaub wird
+mit drauf gehn, und ein nacktes Feld da bleiben.
+Aber ich weiß jemand, der gesagt hat, man soll beydes
+wachsen lassen, es wird schon die Zeit kommen, da
+Kraut sich von dem Unkraut scheiden wird. Aberglauben--
+Nehmt dem Pöbel seinen Aberglauben, er wird
+freygeistern, wie Ihr und Euch vor den Kopf schlagen.
+Nehmt dem Bauer seinen Teufel, und er wird ein Teufel
+gegen seine Herrschaft werden und ihr beweisen, daß es
+welche giebt. Aber wir wollen das bey Seite setzen--
+Wovon rede ich doch?--Recht, sag' Er mir, wen hat Er
+angesehen in der ganzen Predigt? Verheel' Er mir
+nichts. Ich war es nicht, denn sonst müst' Er schielen,
+daß es eine Schande wäre.
+
+Läuffer.
+Das Bild.
+
+Wenzeslaus.
+Es war nicht das Bild--Dort unten, wo die Mädchen
+sitzen, die bey ihm in die Kinderlehre gehen--Lieber
+Freund! es wird doch nichts vom alten Sauerteig in
+seinem Herzen geblieben seyn--Ey, ey! wer einmal
+geschmeckt hat die Kräfte der zukünftigen Welt--Ich
+bitt Ihn, mir stehn die Haare zu Berge--Nicht wahr,
+die eine da mit dem gelben Haar so nachläßig unter das
+rothe Häubchen gesteckt und mit den lichtbraunen Augen,
+die allemal unter den schwarzen Augbraunen so schalkhaft
+hervorblinzen, wie die Sterne hinter Regenwolken--Es
+ist wahr, das Mädchen ist gefährlich; ich hab's nur
+einmal von der Kanzel angesehn, und muste hernach
+allemal die Augen platt zudrücken, wenn sie auf sie
+fielen, sonst wär' mirs gegangen, wie den weisen
+Männern im Areopagus, die Recht und Gerechtigkeit
+vergaßen um einer schnöden Phryne willen.--Aber sag'
+Er mir doch, wo will Er hin, daß Er Sich noch bösen
+Begierden überläßt, daß Ihm sogar an Mitteln fehlt,
+sie zu befriedigen? Will Er Sich dem Teufel ohne Sold
+dahingeben? Ist das das Gelübd, das er dem Herrn
+gethan--Ich rede als Sein geistlicher Vater mit Ihm--
+Er, der itzt mit so wenig Mühe über alle Sinnlichkeit
+triumphiren, über die Erde sich hinausschwingen und
+bessern Revieren zufliegen könnte. (Umarmt ihn) Ach
+mein lieber Sohn, bey diesen Thränen, die ich aus
+wahrer herzlicher Sorgfalt für Ihn vergieße; kehr'
+Er nicht zu den Fleischtöpfen Egyptens zurück, da Er
+Kanaan so nahe war! Eile, eile! rette Deine
+unsterbliche Seele! Du hast auf der Welt nichts, das
+Dich mehr zurückhalten könnte. Die Welt hat nichts
+mehr für Dich, womit sie Deine Untreu Dir einmal
+belohnen könnte; nicht einmal eine sinnliche Freude,
+geschweige denn Ruhe der Seelen--Ich geh und überlasse
+Dich Deinen Entschließungen. (geht ab)
+
+(Läuffer bleibt in tiefen Gedanken sitzen)
+
+
+Zehnte Scene.
+
+Lise. (tritt herein, ein Gesangbuch in der Hand, ohne
+daß er sie gewahr wird. Sie sieht ihm lang
+stillschweigend zu. Er springt auf, will knien; wird
+sie gewahr und sieht sie eine Weile verwirrt an)
+
+
+Läuffer. (nähert sich ihr)
+Du hast eine Seele dem Himmel gestolen. (faßt sie an
+die Hand) Was führt Dich hieher, Lise?
+
+Lise.
+Ich komme, Herr Mandel--Ich komme, weil Sie gesagt
+haben, es würd' morgen keine Kinderlehr--weil Sie--
+so komm' ich--gesagt haben--ich komme, zu fragen,
+ob morgen Kinderlehre seyn wird.
+
+Läuffer.
+Ach!--Seht diese Wangen, ihr Engel! Wie sie in
+unschuldigem Feuer brennen und denn verdammt mich,
+wenn ihr könnt--Lise, warum zittert Deine Hand?
+Warum sind Dir die Lippen so bleich und die Wangen
+so roth? Was willst Du?
+
+Lise.
+Ob morgen Kinderlehr seyn wird?
+
+Läuffer.
+Setz Dich zu mir nieder--Leg Dein Gesangbuch weg--
+Wer steckt Dir das Haar auf, wenn Du nach der Kirche
+gehst? (setzt sie auf einen Stuhl neben seinem)
+
+Lise. (will aufstehn)
+Verzeyh' Er mir; die Haube wird wohl nicht recht
+gesteckt seyn; es mache einen so erschrecklichen Wind,
+als ich zur Kirche kam.
+
+Läuffer. (nimmt ihre beyden Hände in seine Hand)
+O Du bist--Wie alt bist Du, Lise?--Hast Du niemals--
+Was wollt' ich doch fragen--Hast Du nie Freyer gehabt?
+
+Lise. (Munter)
+O ja einen, noch die vorige Woche; und des Schaafwirths
+Grethe war so neidisch auf mich und hat immer gesagt:
+ich weiß nicht was er sich um das einfältige Mädchen
+so viel Mühe macht, und denn hab' ich auch noch einen
+Officier gehabt; es ist noch kein Vierteljahr.
+
+Läuffer.
+Einen Officier?
+
+Lise.
+Ja doch, und einer von den recht Vornehmen. Ich sag'
+ihnen, er hat drey Tressen auf dem Arm gehabt: aber
+ich war noch zu jung und mein Vater wollt mich ihm
+nicht geben, wegen des soldatischen Wesens und Ziehens.
+
+Läuffer.
+Würdest Du--O ich weiß nicht, was ich rede--Würdest
+Du wohl--Ich Elender!
+
+Lise.
+O ja, von ganzem Herzen.
+
+Läuffer.
+Bezaubernde!--(will ihr die Hand küssen) Du weißt ja
+noch nicht, was ich fragen wollte.
+
+Lise. (zieht sie weg)
+O lassen Sie, meine Hand ist ja so schwarz--O pfuy
+doch! Was machen Sie? Sehen Sie, einen geistlichen
+Herrn hätt' ich allewege gern: von meiner ersten
+Jugend an hab ich die studierte Herren immer gern
+gehabt; sie sind alleweil so artig, so manierlich,
+nicht so puf paf, wie die Soldaten, obschon ich
+einewege die auch gern habe, das leugn' ich nicht,
+wegen ihrer bunten Röcke; ganz gewiß, wenn die
+geistlichen Herren in so bunten Röcken giengen, wie
+die Soldaten, das wäre zum Sterben.
+
+Läuffer.
+Laß' mich Deinen muthwilligen Mund mit meinen Lippen
+zuschließen. (küßt sie) O Lise! Wenn Du wüstest, wie
+unglücklich ich bin.
+
+Lise.
+O pfuy, Herr, was machen Sie?
+
+Läuffer.
+Noch einmal und denn ewig nicht wieder! (küßt sie.
+Wenzeslaus tritt herein)
+
+Wenzeslaus.
+Was ist das? Proh deum atque hominum fidem! Wie nun,
+falscher, falscher, falscher Prophet! Reißender Wolf
+in Schaafskleidern! Ist das die Sorgfalt, die Du Deiner
+Heerde schuldig bist? Die Unschuld selber verführen, die
+Du vor Verführung bewahren sollst? Es muß ja Aergerniß
+kommen, doch wehe dem Menschen, durch welchen Aergerniß
+kommt!
+
+Läuffer.
+Herr Wenzeslaus!
+
+Wenzeslaus.
+Nichts mehr! Kein Wort mehr! Ihr habt Euch in Eurer
+wahren Gestalt gezeigt. Aus meinem Hause, Verführer!
+
+Lise. (kniet vor Wenzeslaus)
+Lieber Herr Schulmeister, er hat mir nichts böses gethan.
+
+Wenzeslaus.
+Er hat Dir mehr böses gethan, als Dir Dein ärgster
+Feind thun könnte. Er hat Dein unschuldiges Herz
+verführt.
+
+Läuffer.
+Ich bekenne mich schuldig--Aber kann man so vielen
+Reitzungen widerstehen? Wenn man mir dies Herz aus dem
+Leibe risse und mich Glied vor Glied verstümmelte und
+ich behielt nur eine Ader von Blut noch übrig, so würde
+diese verräthrische Ader doch für Lisen schlagen.
+
+Lise.
+Er hat mir nichts Leides gethan.
+
+Wenzeslaus.
+Dir nichts Leides gethan--Himmlischer Vater!
+
+Läuffer.
+Ich hab ihr gesagt, daß sie die liebenswürdigste
+Kreatur sey, die jemals die Schöpfung beglückt hat;
+ich hab' ihr das auf ihre Lippen gedrückt; ich hab
+diesen unschuldigen Mund mit meinen Küssen versiegelt,
+welcher mich sonst durch seine Zaubersprache zu noch
+weit größeren Verbrechen würde hingerissen haben.
+
+Wenzeslaus.
+Ist das kein Verbrechen? Was nennt Ihr jungen Herrn
+heut zu Tage Verbrechen? O tempora, o mores! Habt Ihr
+den Valerius Maximus gelesen? Habt Ihr den Artikel
+gelesen de pudicitia? Da führt er einen Mänius an,
+der seinen Freygelassenen todtgeschlagen hat, weil er
+seine Tochter einmal küßte und die Raison: ut etiam
+oscula ad maritum sincera perferret. Riecht Ihr das?
+Schmeckt Ihr das? Etiam oscula, non solum virginitatem,
+etiam oscula. Und Mänius war doch nur ein Heyde: was
+soll ein Christ thun, der weiß, daß der Ehstand von
+Gott eingesetzt ist und daß die Glückseligkeit eines
+solchen Standes an der Wurzel vergiften, einem
+künftigen Gatten in seiner Gattin seine Freud und
+Trost verderben; seinen Himmel profaniren--Fort,
+aus meinen Augen, Ihr Bösewicht! Ich mag mit Euch
+nichts zu thun haben! Geht zu einem Sultan und laßt
+Euch zum Aufseher über ein Serail dingen, aber nicht
+zum Hirten meiner Schaafe. Ihr Miethling. Ihr reissender
+Wolf in Schaafskleidern!
+
+Läuffer.
+Ich will Lisen heyrathen.
+
+Wenzeslaus.
+Heyrathen--Ey ja doch--als ob sie mit einem Eunuch
+zufrieden?
+
+Lise.
+O ja, ich bins herzlich wohl zufrieden, Herr Schulmeister.
+
+Läuffer.
+Ich unglücklicher!
+
+Lise.
+Glauben Sie mir, lieber Herr Schulmeister, ich laß
+einmal nicht von ihm ab. Nehmen Sie mir das Leben;
+ich lasse nicht ab von ihm. Ich hab ihn gern und mein
+Herz sagt mir, daß ich niemand auf der Welt so gern
+haben kann als ihn.
+
+Wenzeslaus.
+So--daß doch--Lise, Du verstehst das Ding nicht--
+Lise, es läßt sich Dir so nicht sagen, aber Du kannst
+ihn nicht heyrathen; es ist unmöglich.
+
+Lise.
+Warum soll es denn unmöglich seyn, Herr Schulmeister?
+Wie kann's unmöglich seyn, wenn ich will und wenn er
+will, und mein Vater auch es will? Denn mein Vater hat
+mir immer gesagt, wenn ich einmal einen geistlichen
+Herrn bekommen könnte--
+
+Wenzeslaus.
+Aber daß dich der Kuckuk, er kann ja nichts--Gott
+verzeih mir meine Sünde, so laß Dir doch sagen.
+
+Läuffer.
+Vielleicht fodert sie das nicht--Lise, ich kann bey
+Dir nicht schlafen.
+
+Lise.
+So kann Er doch wachen bey mir, wenn wir nur den Tag
+über beisammen sind und uns so anlachen und uns
+einsweilen die Hände küssen--Denn bey Gott! ich hab'
+ihn gern. Gott weiß es, ich hab' Ihn gern.
+
+Läuffer.
+Sehn Sie, Herr Wenzeslaus! Sie verlangt nur Liebe von
+mir. Und ist's denn nothwendig zum Glück der Ehe, daß
+man thierische Triebe stillt?
+
+Wenzeslaus.
+Ey was--Connubium sine prole, est quasi dies sine
+sole ... Seyd fruchtbar und mehret euch, steht in
+Gottes Wort. Wo Eh' ist, müssen auch Kinder seyn.
+
+Lise.
+Nein Herr Schulmeister, ich schwör's Ihm, in meinem
+Leben möcht' ich keine Kinder haben. Ey ja doch,
+Kinder! Was Sie nicht meynen! Damit wär mir auch wol
+groß gedient, wenn ich noch Kinder dazu bekäme. Mein
+Vater hat Enten und Hüner genug, die ich alle Tage
+füttern muß, wenn ich noch Kinder ebenen füttern müste.
+
+Läuffer. (küßt sie)
+Göttliche Lise!
+
+Wenzeslaus. (reißt sie von einander)
+Ey was denn! Was denn! Vor meinen Augen?--So kriecht
+denn zusammen; meinetwegen; weil doch Heyrathen besser
+ist als Brunst leiden--Aber mit uns, Herr Mandel, ist
+es aus: alle grosse Hofnungen, die ich mir von Ihm
+gemacht, alle grosse Erwartungen, die mir Sein
+Heldenmuth einflößte.--Gütiger Himmel! wie weit ist
+doch noch die Kluft, die zwischen einem Kirchenvater
+und zwischen einem Kapaun befestigt ist. Ich dacht',
+er sollte Origenes der zweyte--O homuncio, homuncio!
+Das müßt' ein ganz andrer Mann seyn, der aus Absicht
+und Grundsätzen den Weg einschlüge, um ein Pfeiler
+unsrer sinkenden Kirche zu werden. Ein ganz anderer
+Mann! Wer weiß, was noch einmal geschieht! (geht ab)
+
+Läuffer.
+Komm zu Deinem Vater, Lise, Seine Einwilligung noch
+und ich bin der glücklichste Mensch auf dem Erdboden!
+
+
+Eilfte Scene.
+
+Zu Insterburg.
+
+Geheimer Rath. Fritz von Berg. Pätus. Gustchen. Jungfer
+Rehaar.
+(Gustchen und Jungfer Rehaar verstecken sich bey der
+Ankunft der erstern in die Kammer.)
+(Geheimer Rath und Fritz laufen sich entgegen.)
+
+
+Fritz. (fällt vor ihm auf die Knie)
+Mein Vater!
+
+Geh. Rath. (hebt ihn auf und umarmt ihn)
+Mein Sohn!
+
+Fritz.
+Haben Sie mir vergeben?
+
+Geh. Rath.
+Mein Sohn!
+
+Fritz.
+Ich bin nicht werth, daß ich Ihr Sohn heiße.
+
+Geh. Rath.
+Setz Dich; denk mir nicht mehr dran. Aber, wie hast
+Du Dich in Leipzig erhalten? Wieder Schulden auf meine
+Rechnung gemacht? Nicht? und wie bist Du fortkommen?
+
+Fritz.
+Dieser großmüthige Junge hat alles für mich bezahlt.
+
+Geh. Rath.
+Wie denn?
+
+Pätus.
+Dieser noch großmüthigere--O ich kann nicht reden.
+
+Geh. Rath.
+Setzt euch Kinder; sprecht deutlicher. Hat Ihr Vater
+sich mit Ihnen ausgesöhnt, Herr Pätus?
+
+Pätus.
+Keine Zeile von ihm gesehen.
+
+Geh. Rath.
+Und wie habt Ihrs denn beyde gemacht?
+
+Pätus.
+In der Lotterie gewonnen, eine Kleinigkeit--aber es
+kam uns zu statten, da wir herreisen wollten.
+
+Geh. Rath.
+Ich seh, Ihr wilde Bursche denkt besser als Eure Väter.
+Was hast Du wohl von mir gedacht, Fritz? Aber man hat
+Dich auch bey mir verleumdet.
+
+Pätus.
+Seiffenblase gewiß?
+
+Geh. Rath.
+Ich mag ihn nicht nennen; das gäbe Katzbalgereyen, die
+hier am unrechten Ort wären.
+
+Pätus.
+Seiffenblase! Ich laß mich hängen.
+
+Geh. Rath.
+Aber was führt Dich denn nach Hause zurück, eben
+jetzt da?--
+
+Fritz.
+Fahren Sie fort--O das eben jetzt, mein Vater! das
+eben jetzt ists, was ich wissen wollte.
+
+Geh. Rath.
+Was denn? was denn?
+
+Fritz.
+Ist Gustchen todt?
+
+Geh. Rath.
+Holla! der Liebhaber!--Was veranlaßt Dich, so zu fragen?
+
+Fritz.
+Ein Brief von Seiffenblase.
+
+Geh. Rath.
+Er hat Dir geschrieben: sie wäre todt?
+
+Fritz.
+Und entehrt dazu.
+
+Pätus.
+Es ist ein verleumderischer Schurke!
+
+Geh. Rath.
+Kennst Du eine Jungfer Rehaar in Leipzig?
+
+Fritz.
+O ja, ihr Vater war mein Lautenmeister.
+
+Geh. Rath.
+Die hat er entehren wollen; ich hab sie von seinen
+Nachstellungen errettet: das hat ihn uns feind gemacht.
+
+Pätus. (steht auf)
+Jungfer Rehaar--Der Teufel soll ihn holen.
+
+Geh. Rath.
+Wo wollen Sie hin?
+
+Pätus.
+Ist er in Insterburg?
+
+Geh. Rath.
+Nein doch--Nehmen Sie sich der Prinzessinnen nicht zu
+eifrig an, Herr Ritter von der runden Tafel! Oder haben
+Sie Jungfer Rehaar auch gekannt?
+
+Pätus.
+Ich? Nein, ich habe sie nicht gekannt--Ja, ich habe
+sie gekannt.
+
+Geh. Rath.
+Ich merke--Wollen Sie nicht auf einen Augenblick
+in die Kammer spatzieren? (führt ihn an die Thür)
+
+Pätus. (macht auf und fährt zurück, sich mit beyden
+Händen an den Kopf greiffend)
+Jungfer Rehaar--Zu Ihren Füssen--(hinter der Scene)
+Bin ich so glücklich? oder ist's nur ein Traum? Ein
+Rausch?--Eine Bezauberung?--
+
+Geh. Rath.
+Lassen wir ihn!--(kehrt zu Fritz) Und Du denkst
+noch an Gustchen?
+
+Fritz.
+Sie haben mir das furchtbare Rätzel noch nicht
+aufgelöst. Hat Seiffenblase gelogen?
+
+Geh. Rath.
+Ich denke, wir reden hernach davon: wir wollen uns
+die Freud' itzt nicht verderben.
+
+Fritz. (kniend)
+O mein Vater, wenn Sie noch Zärtlichkeit für mich
+haben, lassen Sie mich nicht zwischen Himmel und
+Erde, zwischen Hofnung und Verzweiflung schweben.
+Darum bin ich gereist; ich konnte die quaalvolle
+Ungewißheit nicht länger aushalten. Lebt Gustchen?
+Ists wahr, daß sie entehrt ist?
+
+Geh. Rath.
+Es ist leider nur eine zu traurige Wahrheit.
+
+Fritz.
+Und hat sich in einen Teich gestürzt?
+
+Geh. Rath.
+Und ihr Vater hat sich ihr nachgestürzt.
+
+Fritz.
+So falle denn Henkers Beil--Ich bin der
+Unglücklichste unter den Menschen!
+
+Geh. Rath.
+Steh' auf! Du bist unschuldig dran--
+
+Fritz.
+Nie will ich aufstehn. (schlägt sich an die Brust)
+Schuldig war ich; einzig und allein schuldig.
+Gustchen, seliger Geist, verzeihe mir!
+
+Geh. Rath.
+Und was hast Du Dir vorzuwerfen?
+
+Fritz.
+Ich habe geschworen, falsch geschworen--Gustchen!
+wär' es erlaubt, Dir nachzuspringen! (steht hastig
+auf) Wo ist der Teich?
+
+Geh. Rath.
+Hier! (führt ihn in die Kammer)
+
+Fritz. (hinter der Scene mit lautem Geschrey)
+Gustchen!--Seh' ich ein Schattenbild?--Himmel!
+Himmel welche Freude!--Laß mich sterben! laß mich
+an Deinem Halse sterben.
+
+Geh. Rath. (wischt sich die Augen)
+Eine zärtliche Gruppe!--Wenn doch der Major hier
+wäre! (geht hinein.)
+
+
+Letzte Scene.
+
+Der Major (ein Kind auf dem Arm) Der alte Pätus.
+
+
+Major.
+Kommen Sie, Herr Pätus. Sie haben mir das Leben
+wiedergegeben. Das war der einzige Wurm, der mir
+noch dran nagte. Ich muß Sie meinem Bruder präsentiren,
+und Ihre alte blinde Großmutter will ich in Gold
+einfassen lassen.
+
+Der alte Pätus.
+O meine Mutter hat mich durch ihren unvermutheten
+Besuch weit glücklicher gemacht, als Sie. Sie haben
+nur einen Enkel wiedererhalten, der Sie an traurige
+Geschichten erinnert; ich aber eine Mutter, die mich
+an die angenehmsten Scenen meines Lebens erinnert,
+und deren mütterliche Zärtlichkeit ich leider noch
+durch nichts habe erwiedern können, als Haß und
+Undankbarkeit. Ich habe sie aus dem Hause gestoßen,
+nachdem sie mir den ganzen Nachlaß meines Vaters
+und ihr Vermögen mit übergeben hatte; ich habe ärger
+gegen sie gehandelt als ein Tyger--Welche Gnade
+von Gott ist es, daß sie noch lebt, daß sie mir noch
+verzeihen kann, die großmüthige Heilige! daß es noch
+in meine Gewalt gestellt ist, meine verfluchte
+Verbrechen wieder gut zu machen.
+
+Major.
+Bruder Berg! wo bist Du? He! (Geh. Rath kömmt) Hier
+ist mein Kind, mein Großsohn. Wo ist Gustchen? Mein
+allerliebstes Großsöhnchen! (schmeichelt ihm) meine
+allerliebste närrische Puppe!
+
+Geh. Rath.
+Das ist vortreflich!--und Sie, Herr Pätus?
+
+Major.
+Sie Herr Pätus hat's mir verschaft--Seine Mutter
+war das alte blinde Weib, die Bettlerin, von der uns
+Gustchen so viel erzählt hat.
+
+Der alte Pätus.
+Und durch mich Bettlerin--O die Schaam bindt mir
+die Zunge. Aber ich wills der ganzen Welt erzehlen,
+was ich für ein Ungeheuer war--
+
+Geh. Rath.
+Weißt Du was neues, Major? Es finden sich Freyer für
+Deine Tochter--aber dring nicht in mich, Dir den
+Namen zu sagen.
+
+Major.
+Freyer für meine Tochter!--(wirft das Kind ins
+Kanapee) Wo ist sie?
+
+Geh. Rath.
+Sacht! ihr Freyer ist bey ihr--Willst Du Deine
+Einwilligung geben?
+
+Major.
+Ists ein Mensch von gutem Hause? Ist er von Adel?
+
+Geh. Rath.
+Ich zweifle.
+
+Major.
+Doch keiner zu weit unter ihrem Stande? O sie sollte
+die erste Parthie im Königreich werden. Das ist ein
+vermaledeyter Gedanke! wenn ich doch den erst fort
+hätte; er wird mich noch ins Irrhaus bringen.
+
+Geh. Rath. (öfnet die Kammer; auf seinen Wink tritt
+Fritz mit Gustchen heraus)
+
+Major. (fällt ihm um den Hals)
+Fritz! (zum geh. Rath) Ists Dein Fritz? Willst Du
+meine Tochter heyrathen?--Gott segne Dich. Weißt
+Du noch nichts, oder weißt Du alles? Siehst Du, wie
+mein Haar grau geworden ist vor der Zeit! (führt ihn
+ans Kanapee) Siehst Du, dort ist das Kind. Bist ein
+Philosoph? Kannst alles vergessen? Ist Gustchen Dir
+noch schön genug? O sie hat bereut. Jung, ich schwöre
+Dir, sie hat bereut, wie keine Nonne und kein Heiliger.
+Aber was ist zu machen? Sind doch die Engel aus dem
+Himmel gefallen--Aber Gustchen ist wieder aufgestanden.
+
+Fritz.
+Lassen Sie mich zum Wort kommen.
+
+Major. (drückt ihn immer an die Brust)
+Nein Junge--Ich möchte Dich todt drücken--Daß Du
+so großmüthig bist, daß Du so edel denkst--das Du--
+mein Junge bist--
+
+Fritz.
+In Gustchens Armen beneid' ich keinen König.
+
+Major.
+So recht; das ist recht.--Sie wird Dir schon gestanden
+haben; sie wird Dir alles erzählt haben--
+
+Fritz.
+Dieser Fehltritt macht sie mir nur noch theurer--
+macht ihr Herz nur noch englischer.--Sie darf nur
+in den Spiegel sehn, um überzeugt zu seyn, daß sie
+mein ganzes Glück machen werde und doch zittert sie
+immer vor dem, wie sie sagt, ihr unerträglichen
+Gedanken: sie werde mich unglücklich machen. O was
+hab ich von einer solchen Frau anders zu gewarten,
+als einen Himmel?
+
+Major.
+Ja wohl einen Himmel; wenn's wahr ist, daß die
+Gerechten nicht allein hineinkommen, sondern auch
+die Sünder, die Busse thun. Meine Tochter hat Busse
+gethan und ich hab für meine Thorheiten und daß ich
+einem Bruder nicht folgen wollte, der das Ding besser
+verstund, auch Busse gethan; ihr zur Gesellschaft:
+und darum macht mich der liebe Gott auch ihr zur
+Gesellschaft mit glücklich.
+
+Geh. Rath. (ruft zur Kammer hinein)
+Herr Pätus, kommen Sie doch hervor. Ihr Vater ist hier.
+
+Der alte Pätus.
+Was hör' ich--Mein Sohn?
+
+Pätus. (fällt ihm um den Hals)
+Ihr unglücklicher verstossener Sohn. Aber Gott hat sich
+meiner als eines armen Wäysen angenommen. Hier, Papa,
+ist das Geld, das Sie zu meiner Erziehung in der Fremde
+angewandt; hier ist's zurück und mein Dank dazu; es hat
+doppelte Zinsen getragen, das Kapital hat sich vermehrt
+und Ihr Sohn ist ein rechtschaffener Kerl worden.
+
+Der alte Pätus.
+Muß denn alles heute wetteifern, mich durch Großmuth zu
+beschämen. Mein Sohn, erkenne Deinen Vater wieder, der
+eine Weile seine menschliche Natur ausgezogen und in
+ein wildes Thier ausgeartet war. Es gieng Deiner
+Großmutter wie Dir: sie ist auch wiedergekommen und hat
+mir verziehen und hat mich wieder zum Sohn gemacht, so
+wie Du mich wieder zum Vater machst. Nimm mein ganzes
+Vermögen, Gustav! schalte damit nach Deinem Gefallen,
+nur laß mich die Undankbarkeit nicht entgelten, die
+ich bey einem ähnlichen Geschenk gegen Deine Großmutter
+äußerte.
+
+Pätus.
+Erlauben Sie mir, das tugendhafteste süsseste Mädchen
+glücklich damit zu machen--
+
+Der alte Pätus.
+Was denn? Du auch verliebt? Mit Freuden erlaub' ich Dir
+alles. Ich bin alt und möchte vor meinem Tode gern Enkel
+sehen, denen ich die Treue beweisen könnte, die Eure
+Großmutter für Euch bewiesen hat.
+
+Fritz. (Umarmt das Kind auf dem Kanapee, küßt's und
+trägts zu Gustchen)
+Dies Kind ist jetzt auch das meinige; ein trauriges
+Pfand der Schwachheit Deines Geschlechts und der
+Thorheiten des unsrigen: am meisten aber der
+vortheilhaften Erziehung junger Frauenzimmer durch
+Hofmeister.
+
+Major.
+Ja mein lieber Sohn, wie sollen sie denn erzogen werden?
+
+Geh. Rath.
+Giebts für sie keine Anstalten, keine Nähschulen, keine
+Klöster, keine Erziehungshäuser?--Doch davon wollen
+wir ein andermal sprechen.
+
+Fritz. (küßt's abermal)
+Und dennoch mir unendlich schätzbar, weil's das Bild
+seiner Mutter trägt. Wenigstens, mein süsses Kind!
+werd' ich Dich nie durch Hofmeister erziehen lassen.
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 6821 ***
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-
-Title: Der Hofmeister
-
-Author: Jacob Michael Reinhold Lenz
-
-Release Date: November, 2004 [EBook #6821]
-[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
-[This file was first posted on January 27, 2003]
-
-Edition: 10
-
-Language: German
-
-Character set encoding: iso-latin-1
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER HOFMEISTER ***
-
-
-
-
-Thanks are given to Delphine Lettau for finding a huge collection of ancient
-German books in London.
-
-
-
-This Etext is in German.
-
-We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
-known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
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-This is the 8-bit version.
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-This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
-That project is reachable at the web site http://gutenberg2000.de.
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-Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
-zur Verfgung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
-http://gutenberg2000.de erreichbar.
-
-
-
-
-Der Hofmeister odor Vortheile der Privaterziehung
-
-Jakob Michael Reinhold Lenz
-
-Eine Komdie.
-
-
-Namen.
-
-Herr von Berg. Geheimer Rath.
-Der Major. Sein Bruder.
-Die Majorin.
-Gustchen. Ihre Tochter.
-Fritz von Berg.
-Graf Wermuth.
-Luffer. Ein Hofmeister.
-Ptus und Bollwerk. Studenten.
-Herr von Seiffenblase.
-Sein Hofmeister.
-Frau Hamster. Rthin.
-Jungfer Hamster.
-Jungfer Knicks.
-Frau Blitzer.
-Wenzeslaus. Ein Schulmeister.
-Marthe. Alte Frau.
-Lise.
-Der alte Ptus.
-Der alte Luffer. Stadtprediger.
-Leopold. Junker des Majors. Ein Kind.
-Herr Rehhaar. Lautenist.
-Jungfer Rehhaar. Seine Tochter.
-
-
-
-Erster Akt.
-
-
-Erste Scene.
-
-Zu Insterburg in Preussen.
-
-
-Luffer.
-Mein Vater sagt: ich sey nicht tauglich zum Adjunkt. Ich
-glaube, der Fehler liegt in seinem Beutel; er will keinen
-bezahlen. Zum Pfaffen bin ich auch zu jung, zu gut
-gewachsen, habe zu viel Welt gesehn und bey der
-Stadtschule hat mich der geheime Rath nicht annehmen
-wollen. Mag's! er ist ein Pedant und dem ist freylich
-der Teufel selber nicht gelehrt genug. Im halben Jahr
-htt' ich doch wieder eingeholt, was ich von der Schule
-mitgebracht, und dann wr' ich fr einen Klassenprceptor
-noch immer viel zu gelehrt gewesen, aber der Herr geheime
-Rath mu das Ding besser verstehen. Er nennt mich immer
-nur Monsieur Luffer, und wenn wir von Leipzig sprechen,
-fragt er nach Hndels Kuchengarten und Richters Kaffehaus,
-ich wei nicht: soll das Satyre seyn, oder--Ich hab'
-ihn doch mit unserm Konrektor bisweilen tiefsinnig genug
-diskuriren hren; er sieht mich vermuthlich nicht fr
-voll an.--Da kommt er eben mit dem Major; ich wei nicht,
-ich scheu ihn rger als den Teufel. Der Kerl hat etwas
-in seinem Gesicht, das mir unertrglich ist. (geht dem
-geheimen Rath und dem Major mit viel freundlichen
-Scharrfssen vorbey.)
-
-
-Zweyte Scene.
-
-Geheimer Rath. Major.
-
-
-Major.
-Was willst du denn? Ist das nicht ein ganz artiges Mnnichen?
-
-Geh. Rath.
-Artig genug, nur zu artig. Aber was soll er Deinen Sohn
-lehren?
-
-Major.
-Ich wei nicht, Berg, Du thust immer solche wunderliche
-Fragen.
-
-Geh. Rath.
-Nein aufrichtig! Du must doch eine Absicht haben, wenn Du
-einen Hofmeister nimmst und den Beutel mit einemmahl so
-weit aufthust, da dreihundert Dukaten herausfallen. Sag
-mir, was meinst Du mit dem Geld auszurichten; was foderst
-Du dafr von Deinem Hofmeister?
-
-Major.
-Da er--was ich--da er meinen Sohn in allen
-Wissenschaften und Artigkeiten und Weltmanieren--Ich wei
-auch nicht, was Du immer mit Deinen Fragen willst; das
-wird sich schon finden; das werd ich ihm alles schon zu
-seiner Zeit sagen.
-
-Geh. Rath.
-Das heit: Du willst Hofmeister Deines Hofmeisters seyn;
-bedenkst Du aber auch, was Du da auf Dich nimmst--Was
-soll Dein Sohn werden, sag mir einmahl?
-
-Major.
-Was er... Soldat soll er werden; ein Kerl, wie ich gewesen
-bin.
-
-Geh. Rath.
-Das letzte la nur weg, lieber Bruder; unsere Kinder
-sollen und mssen das nicht werden, was wir waren: die
-Zeiten ndern sich, Sitten, Umstnde, alles, und wenn Du
-nichts mehr und nichts weniger geworden wrst, als das
-leibhafte Kontrefey Deines Eltervaters--
-
-Major.
-Potz hundert! wenn er Major wird, und ein braver Kerl
-wie ich, und dem Knig so redlich dient als ich!
-
-Geh. Rath.
-Ganz gut, aber nach funfzig Jahren haben wir vielleicht
-einen andern Knig und eine andre Art ihm zu dienen. Aber
-ich seh schon, ich kann mich mit Dir in die Sachen nicht
-einlassen, ich mste zu weit ausholen und wrde doch
-nichts ausrichten. Du siehst immer nur der graden Linie
-nach, die Deine Frau Dir mit Kreide ber den Schnabel
-zieht.
-
-Major.
-Was willst Du damit sagen, Berg? Ich bitt Dich, misch
-Dich nicht in meine Hausangelegenheiten, so wie ich mich
-nicht in die Deinigen.--Aber sieh doch! da luft ja
-eben Dein gndiger Junker mit zwey Hollunken aus der
-Schule heraus.--Vortrefliche Erziehung, Herr Philosophus!
-Das wird einmal was rechts geben! Wer sollt' es in aller
-Welt glauben, da der Gassenbengel der einzige Sohn Sr.
-Excellenz des kniglichen geheimen Raths--
-
-Geh. Rath.
-La ihn nur.--Seine lustigen Spielgesellen werden ihn
-minder verderben als ein galonirter Miggnger,
-untersttzt von einer eiteln Patronin.
-
-Major.
-Du nimmst Dir Freyheiten heraus.--Adieu.
-
-Geh. Rath.
-Ich bedaure Dich.
-
-
-Dritte Scene.
-
-Der Majorin Zimmer.
-Frau Majorin. (auf einem Kanapee)
-Luffer. (in sehr demthiger Stellung neben ihr sitzend)
-Leopold. (steht)
-
-
-Majorin.
-Ich habe mit Ihrem Herrn Vater gesprochen und von den
-dreihundert Dukaten stehenden Gehalts sind wir bis auf
-hundert und funfzig einig worden. Dafr verlang' ich
-aber auch Herr--Wie heissen Sie?--Herr Luffer, da
-Sie Sich in Kleidern sauber halten, und unserm Hause
-keine Schande machen. Ich wei, da Sie Geschmack haben;
-ich habe schon von Ihnen gehrt, als Sie noch in Leipzig
-waren. Sie wissen, da man heut zu Tage auf nichts in
-der Welt so sehr sieht, als ob ein Mensch sich zu fhren
-wisse.
-
-Luffer.
-Ich hoff', Euer Gnaden werden mit mir zufrieden seyn.
-Wenigstens hab' ich in Leipzig keinen Ball ausgelassen,
-und wohl ber die funfzehn Tanzmeister in meinem Leben
-gehabt.
-
-Majorin.
-So? lassen Sie doch sehen. (Luffer steht auf) Nicht
-furchtsam, Herr...Luffer! nicht furchtsam! Mein Sohn
-ist buschscheu genug; wenn der einen blden Hofmeister
-bekommt, so ists aus mit ihm. Versuchen Sie doch einmal,
-mir ein Kompliment aus der Menuet zu machen; zur Probe
-nur, damit ich doch sehe.--Nun, nun, das geht schon an!
-Mein Sohn braucht vor der Hand keinen Tanzmeister! Auch
-einen Pas, wenn's Ihnen beliebt.--Es wird schon gehen;
-das wird sich alles geben, wenn Sie einmal einer unsrer
-Assembleen werden beigewohnt haben. Sind Sie musikalisch?
-
-Luffer.
-Ich spiele die Geige, und das Klavier zur Noth.
-
-Majorin.
-Desto besser: wenn wir aufs Land gehn und Frulein
-Milchzahn besuchen uns einmal; ich habe bisher ihnen
-immer was vorsingen mssen, wenn die guten Kinder Lust
-bekamen zu tanzen: aber besser ist besser.
-
-Luffer.
-Euer Gnaden setzen mich ausser mich: wo wr ein Virtuos
-auf der Welt, der auf seinem Instrument Euer Gnaden
-Stimme zu erreichen hoffen drfte.
-
-Majorin.
-Ha ha ha! Sie haben mich ja noch nicht gehrt. ... Warten
-Sie; ist Ihnen die Menuet bekannt? (singt)
-
-Luffer.
-O... o... verzeihen Sie dem Entzcken, dem Enthusiasmus,
-der mich hinreit. (kt ihr die Hand.)
-
-Majorin.
-Und ich bin doch enrhumirt dazu; ich mu heut krhen wie
-ein Rabe. Vous parlez franois, sans doute?
-
-Luffer.
-Un peu, Madame
-
-Majorin.
-Avez Vous deja fait Vtre tour de France?
-
-Luffer.
-Non Madame. ... Oui Madame.
-
-Majorin.
-Vous devez donc savoir, qu'en France, on ne baise pas
-les mains, mon cher. ...
-
-Bedienter. (tritt herein)
-Der Graf Wermuth ...
-
-Graf Wermuth. (tritt herein)
-
-Graf. (nach einigen stummen Komplimenten setzt sich zur
-Majorin aufs Kanapee. Luffer bleibt verlegen stehen)
-Haben Euer Gnaden den neuen Tanzmeister schon gesehn,
-der aus Dresden angekommen? Er ist ein Marchese aus
-Florenz, und heit ... Aufrichtig: ich habe nur zwey
-auf meinen Reisen angetroffen, die ihm vorzuziehen waren.
-
-Majorin.
-Das gesteh' ich, nur zwey! In der That, Sie machen mich
-neugierig; ich wei, welchen verzrtelten Geschmack der
-Graf Wermuth hat.
-
-Luffer.
-Pintinello ... nicht wahr? ich hab' ihn in Leipzig auf
-dem Theater tanzen sehen; er tanzt nicht sonderlich ...
-
-Graf.
-Er tanzt--on ne peut pas mieux.--Wie ich Ihnen sage,
-gndige Frau, in Petersburg hab' ich einen Beluzzi
-gesehn, der ihm vorzuziehen war: aber dieser hat eine
-Leichtigkeit in seinen Fssen, so etwas freyes,
-gttlichnachliges in seiner Stellung, in seinen Armen,
-in seinen Wendungen--
-
-Luffer.
-Auf dem Kochischen Theater ward er ausgepfiffen, als er
-sich das letztemal sehen lie.
-
-Majorin.
-Merk Er sich, mein Freund! da Domestiken in
-Gesellschaften von Standespersonen nicht mitreden. Geh
-Er auf Sein Zimmer. Wer hat Ihn gefragt? (Luffer tritt
-einige Schritte zurck)
-
-Graf.
-Vermuthlich der Hofmeister, den Sie dem jungen Herrn
-bestimmt? ...
-
-Majorin.
-Er kommt ganz frisch von der hohen Schule.--Geh' Er
-nur! Er hrt ja, da man von Ihm spricht; desto weniger
-schickt es sich, stehen zu bleiben. (Luffer geht mit
-einem steifen Kompliment ab) Es ist was unertrgliches,
-da man fr sein Geld keinen rechtschaffenen Menschen
-mehr antreffen kann. Mein Mann hat wohl dreymahl an einen
-dasigen Professor geschrieben und dies soll doch noch
-der galanteste Mensch auf der ganzen Akademie gewesen
-seyn. Sie sehens auch wohl an seinem links bordirten
-Kleide. Stellen Sie sich vor, von Leipzig bis Insterburg
-zweihundert Dukaten Reisegeld und jhrliches Gehalt
-fnfhundert Dukaten, ist das nicht erschrcklich?
-
-Graf.
-Ich glaube, sein Vater ist der Prediger hier aus dem Ort ...
-
-Majorin.
-Ich wei nicht--es kann seyn--ich habe nicht darnach
-gefragt, ja doch, ich glaub' es fast: er heit ja auch
-Luffer; nun denn ist er freylich noch artig genug. Denn
-das ist ein rechter Br, wenigstens hat er mich ein fr
-allemal aus der Kirche gebrllt.
-
-Graf.
-Ists ein Katholik?
-
-Majorin.
-Nein doch, Sie wissen ja, da in Insterburg keine
-katholische Kirche ist: er ist Lutherisch, oder
-Protestantisch wollt' ich sagen; er ist protestantisch.
-
-Graf.
-Pintinello tanzt ... Es ist wahr, ich habe mir mein
-Tanzen einige dreiig tausend Gulden kosten lassen, aber
-noch einmal so viel gb' ich drum, wenn ...
-
-
-Vierte Scene.
-
-Luffers Zimmer.
-Luffer. Leopold. Der Major.
-(Erstere sitzen an einem Tisch, ein Buch in der Hand,
-indem sie der letztere berfllt.)
-
-
-Major.
-So recht; so lieb' ichs; hbsch fleiig--und wenn die
-Kanaille nicht behalten will, Herr Luffer, so schlagen
-Sie ihm das Buch an den Kopf, da ers Aufstehen vergit,
-oder wollt' ich sagen, so drfen Sie mirs nur klagen.
-Ich will Dir den Kopf zurecht setzen, Heyduk Du! Seht
-da zieht er das Maul schon wieder. Bist empfindlich,
-wenn Dir Dein Vater was sagt? Wer soll Dirs denn sagen?
-Du sollst mir anders werden, oder ich will Dich peitschen,
-da Dir die Eingeweide krachen sollen, Tuckmuser! Und
-Sie, Herr, seyn Sie fleiig mit ihm, das bitt' ich mir
-aus, und kein Feriiren und Pausiren und Rekreiren, das
-leid ich nicht. Zum Plunder, vom Arbeiten wird kein
-Mensch das Malum hydropisiacum kriegen. Das sind nur
-Ausreden von euch Herren Gelehrten.--Wie stehts, kann
-er seinen Cornelio? Lippel! ich bitt Dich um tausend
-Gottes willen, den Kopf grad. Den Kopf in die Hhe,
-Junge! (richtet ihn) Tausend Sakkerment den Kopf aus den
-Schultern! oder ich zerbrech Dir Dein Rckenbein in
-tausendmillionen Stcken.
-
-Luffer.
-Der Herr Major verzeihen: er kann kaum lateinisch lesen.
-
-Major.
-Was? So hat der Rakker vergessen.--Der vorige Hofmeister
-hat mir doch gesagt, er sey perfekt im Lateinischen,
-perfekt. ... Hat ers ausgeschwitzt--aber ich will Dir--
-Ich will es nicht einmal vor Gottes Gericht zu
-verantworten haben, da ich Dir keinen Daumen aufs Auge
-gesetzt habe, und da ein Galgendieb aus Dir geworden
-ist, wie der junge Hufeise oder wie Deines Onkels
-Friedrich, eh Du mir so ein Gassenlufferischer
-Taugenichts--Ich will dich zu Tode hauen--(giebt ihm
-eine Ohrfeige) Schon wieder wie ein Fragzeichen? Er
-lt sich nicht sagen.--Fort mir aus den Augen.--Fort!
-Soll ich Dir Beine machen? Fort, sag' ich. (stampft mit
-dem Fu. Leopold geht ab. Major setzt sich auf seinen
-Stuhl. Zu Luffern.) Bleiben Sie sitzen, Herr Luffer;
-ich wollte mit ihnen ein paar Worte allein sprechen,
-darum schickt' ich den jungen Herrn fort. Sie knnen
-immer sitzen bleiben; ganz, ganz. Zum Henker Sie
-brechen mir ja den Stuhl entzwey, wenn Sie immer so
-auf einer Ecke ... Dafr steht ja der Stuhl da, da
-man drauf sitzen soll. Sind Sie so weit gereist und
-wissen das noch nicht?--Hren Sie nur: ich seh' Sie
-fr einen hbschen artigen Mann an, der Gott frchtet
-und folgsam ist, sonst wrd' ich das nimmer thun, was
-ich fr Sie thue. Hundert und vierzig Dukaten jhrlich
-hab' ich Ihnen versprochen: das machen drey--Warte--
-Dreymal hundert und vierzig: wieviel machen das?
-
-Luffer.
-Vier hundert und zwanzig.
-
-Major.
-Ists gewi? Macht das soviel? Nun damit wir gerade Zahl
-haben, vierhundert Thaler preuisch Courant hab' ich zu
-Ihrem Salarii bestimmt. Sehen Sie, das ist mehr als das
-ganze Land giebt.
-
-Luffer.
-Aber mit Eurer Gnaden gndigen Erlaubni, die Frau
-Majorin haben mir von hundert funfzig Dukaten gesagt;
-das machte gerade vierhundert funfzig Thaler und auf
-diese Bedingungen hab' ich mich eingelassen.
-
-Major.
-Ey was wissen die Weiber!--Vierhundert Thaler,
-Monsieur; mehr kann Er mit gutem Gewissen nicht fodern.
-Der vorige hat zweihundert funfzig gehabt und ist
-zufrieden gewesen wie ein Gott. Er war doch, mein Seel!
-ein gelehrter Mann; auch und ein Hofmann zugleich: die
-ganze Welt gab' ihm das Zeugni, und Herr, Er mu noch
-ganz anders werden, eh' Er so wird. Ich thu' es nur aus
-Freundschaft fr Seinen Herrn Vater, was ich an Ihm
-thue und um Seinetwillen auch, wenn Er hbsch folgsam
-ist, und werd' auch schon einmal fr Sein Glck zu
-sorgen wissen; das kann Er versichert seyn.--Hr Er
-doch einmal: ich hab' eine Tochter, das mein Ebenbild
-ist und die ganze Welt giebt ihr das Zeugni, da ihres
-gleichen an Schnheit im ganzen Preussenlande nichts
-anzutreffen. Das Mdchen hat ein ganz anders Gemth als
-mein Sohn, der Buschklepper. Mit dem mu ganz anders
-umgegangen werden! Es wei sein Christenthum aus dem
-Grunde und in dem Grunde, aber es ist denn nun doch,
-weil sie bald zum Nachtmahl gehen soll und ich wei wie
-die Pfaffen sind, so soll er auch alle Morgen etwas aus
-dem Christenthum mit ihr nehmen. Alle Tage Morgens eine
-Stunde und da geht Er auf ihr Zimmer; angezogen, das
-versteht sich: denn Gott behte, da Er so ein Schweinigel
-seyn sollte wie ich einen gehabt habe, der durchaus im
-Schlafrock an Tisch kommen wollte.--Kann Er auch
-zeichnen?
-
-Luffer.
-Etwas, gndiger Herr.--Ich kann Ihnen einige Proben weisen.
-
-Major. (besieht sie)
-Das ist ja scharmant!--Recht schn; gut das: Er soll
-meine Tochter auch zeichnen lehren.--Aber hren Sie,
-werther Herr Luffer, um Gottes Willen ihr nicht scharf
-begegnet; das Mdchen hat ein ganz ander Gemth als der
-Junge. Wei Gott! es ist als ob sie nicht Bruder und
-Schwester wren. Sie liegt Tag und Nacht ber den
-Bchern und ber den Trauerspielen da, und sobald man
-ihr nur ein Wort sagt, besonders ich, von mir kann sie
-nichts vertragen, gleich stehn ihr die Backen in Feuer
-und die Thrnen lauffen ihr wie Perlen drber herab. Ich
-wills Ihm nur sagen: das Mdchen ist meines Herzens
-einziger Trost. Meine Frau macht mir bittre Tage genug:
-sie will alleweil herrschen und weil sie mehr List und
-Verstand hat, als ich. Und der Sohn, das ist ihr
-Liebling; den will sie nach ihrer Methode erziehen;
-fein suberlich mit dem Knaben Absalom, und da wird
-denn einmal so ein Galgenstrick draus, der nicht Gott,
-nicht Menschen was Nutz ist.--Das will ich nicht
-haben.--Sobald er was thut, oder was versieht, oder
-hat seinen Lex nicht gelernt, sag' Ers mir nur und der
-lebendige Teuffel soll drein fahren.--Aber mit der
-Tochter nehm' Er sich in Acht; die Frau wird Ihm schon
-zureden, da Er ihr scharf begegnen soll. Sie kann sie
-nicht leiden, das wei ich; aber wo ich das geringste
-merke. Ich bin Herr vom Hause, mu Er wissen, und wer
-meiner Tochter zu nahe kommt--Es ist mein einziges
-Kleinod, und wenn der Knig mir sein Knigreich fr
-sie geben wollt': ich schicke ihn fort. Alle Tage ist
-sie in meinem Abendgebet und Morgengebet und in meinem
-Tischgebet, und alles in allem, und wenn Gott mir die
-Gnade thun wollte, da ich sie noch vor meinem Ende
-mit einem General oder Staatsminister vom ersten Range
-versorgt she,--denn keinen andern soll sie sein
-Lebtage bekommen,--so wollt' ich gern ein zehn Jahr
-eher sterben.--Merk' Er sich das--und wer meiner
-Tochter zu nahe kommt oder ihr worinn zu Leid lebt--
-die erste beste Kugel durch den Kopf. Merk' Er Sich
-das.--(geht ab.)
-
-
-Fnfte Scene.
-Fritz von Berg. Augustchen.
-
-
-Fritz.
-Sie werden nicht Wort halten Gustchen: Sie werden mir
-nicht schreiben, wenn Sie in Heidelbrun sind, und dann
-werd' ich mich zu Tode grmen.
-
-Gustchen.
-Glaubst Du denn, da Deine Juliette so unbestndig seyn
-kann? O nein; ich bin ein Frauenzimmer; die Mannspersonen
-allein sind unbestndig.
-
-Fritz.
-Nein, Gustchen, die Frauenzimmer allein sinds. Ja wenn
-alle Julietten wren!--Wissen Sie was? Wenn Sie an mich
-schreiben, nennen Sie mich Ihren Romeo; thun Sie mir
-den Gefallen: ich versichere Sie, ich werd' in allen
-Stcken Romeo seyn, und wenn ich erst einen Degen trage.
-O ich kann mich auch erstechen, wenn's dazu kommt.
-
-Gustchen.
-Gehn Sie doch! Ja Sie werden's machen, wie im Gellert
-steht: er besah die Spitz' und Schneide und steckt' ihn
-langsam wieder ein.
-
-Fritz.
-Sie sollen schon sehen. (fat sie an die Hand.) Gustchen--
-Gustchen! wenn ich Sie verlieren sollte oder der Onkel
-wollte Sie einem andern geben.--Der gottlose Graf
-Wermuth! Ich kann Ihnen den Gedanken nicht sagen
-Gustchen, aber Sie knnten ihn schon in meinen Augen
-lesen--Er wird ein Graf Paris fr uns seyn.
-
-Gustchen.
-Fritzchen--so mach' ichs wie Juliette.
-
-Fritz.
-Was denn?--Wie denn?--Das ist ja nur eine Erdichtung;
-es giebt keine solche Art Schlaftrunk.
-
-Gustchen.
-Ja, aber es giebt Schlaftrnke zum ewigen Schlaf.
-
-Fritz. (fllt ihr um den Hals)
-Grausame!
-
-Gustchen.
-Ich hr' meinen Vater auf dem Gange.--La uns in den
-Garten lauffen.--Nein; er ist fort.--Gleich nach dem
-Caffee Fritzchen reisen wir und so wie der Wagen Dir
-aus den Augen verschwindt, werd' ich Dir auch schon aus
-dem Gedchtni seyn.
-
-Fritz.
-So mag Gott sich meiner nie mehr erinnern, wenn ich
-Dich vergesse. Aber nimm Dich fr den Grafen in Acht,
-er gilt soviel bey deiner Mutter und Du weit, sie
-mchte Dich gern aus den Augen haben, und eh' ich meine
-Schulen gemacht habe und drey Jahr auf der Universitt,
-das ist gar lange.
-
-Gustchen.
-Wie denn Fritzchen! Ich bin ja noch ein Kind: ich bin
-noch nicht zum Abendmahl gewesen, aber sag mir.--O wer
-wei, ob ich Dich sobald wieder spreche!--Wart, komm in
-den Garten.
-
-Fritz.
-Nein, nein, der Papa ist vorbey gegangen.--Siehst Du,
-der Henker! er ist im Garten.--Was wolltest Du mir sagen?
-
-Gustchen.
-Nichts...
-
-Fritz.
-Liebes Gustchen...
-
-Gustchen.
-Du solltest mir--Nein, ich darf das nicht von Dir
-verlangen.
-
-Fritz.
-Verlange mein Leben, meinen letzten Tropfen Bluts.
-
-Gustchen.
-Wir wollten uns beyde einen Eid schwren.
-
-Fritz.
-O komm! Vortreflich! Hier la uns niederknien; am
-Canapee, und heb' Du so Deinen Finger in die Hh'
-und ich so meinen.--Nun sag, was soll ich schwren?
-
-Gustchen.
-Da Du in drey Jahren von der Universitt zurckkommen
-willst und Dein Gustchen zu Deiner Frau machen; Dein
-Vater mag dazu sagen, was er will.
-
-Fritz.
-Und was willst Du mir dafr wieder schwren, mein
-englisches... (kt sie)
-
-Gustchen.
-Ich will schwren, da ich in meinem Leben keines
-andern Menschen Frau werden will, als Deine und wenn
-der Kaiser von Ruland selber kme.
-
-Fritz.
-Ich schwr Dir hunderttausend Eide--(Der geheime Rath
-tritt herein: beyde springen mit lautem Geschrey auf.)
-
-
-Sechste Scene.
-
-
-Geh. Rath.
-Was habt Ihr nrrische Kinder? Was zittert Ihr?--Gleich,
-gesteht mir alles. Was habt Ihr hier gemacht? Ihr seyd
-beyde auf den Knien gelegen.--Junker Fritz, ich bitte
-mir eine Antwort aus; unverzglich:--Was habt Ihr
-vorgehabt?
-
-Fritz.
-Ich, gndigster Papa?
-
-Geh. Rath.
-Ich? und das mit einem so verwundrungsvollen Ton? Siehst
-Du: ich merk' alles. Du mchtest mir itzt gern eine Lge
-sagen, aber entweder bist Du zu dumm dazu, oder zu feig,
-und willst Dich mit Deinem Ich? heraushelfen. ... Und
-Sie Mhmchen?--Ich wei. Gustchen verheelt mir nichts.
-
-Gustchen. (fllt ihm um die Fe)
-Ach, mein Vater--
-
-Geh. Rath. (hebt sie auf und kt sie.)
-Wnschst Du mich zu Deinem Vater? Zu frh, mein Kind, zu
-frh Gustchen, mein Kind. Du hast noch nicht communicirt.
---Denn warum soll ich euch verheelen, da ich euch
-zugehrt habe.--Das war ein sehr einfltig Stckchen
-von Euch beyden; besonders von Dir, groer vernnftiger
-Junker Fritz, der bald einen Bart haben wird wie ich,
-und eine Percke aufsetzen und einen Degen anstecken.
-Pfuy, ich glaubt' einen vernnftigern Sohn zu haben.
-Das macht Dich gleich ein Jahr jnger, und macht, da
-Du lnger auf der Schule bleiben mut. Und Sie, Gustchen,
-auch Ihnen mu ich sagen, da es sich fr Ihr Alter gar
-nicht mehr schickt, so kindisch zu thun. Was sind das
-fr Romane, die Sie da spielen? Was fr Eide, die Sie
-sich da schwren, und die Ihr doch alle beyde so gewi
-brechen werdet als ich itzt mit Euch rede. Meynt Ihr,
-Ihr seyd in den Jahren, Eide zu thun, oder meynt Ihr,
-ein Eid sey ein Kinderspiel, wie es das Versteckspiel
-oder die blinde Kuh ist? Lernt erst einsehen, was ein
-Eid ist: lernt erst zittern dafr und alsdenn wagt's,
-ihn zu schwren. Wit, da ein Meineidiger die
-schndlichste und unglcklichste Creatur ist, die von
-der Sonne angeschienen wird. Ein solcher darf weder den
-Himmel ansehen, den er verleugnet hat, noch andere
-Menschen, die sich unaufhrlich vor ihm scheuen, und
-seiner Gesellschaft mit mehr Sorgfalt ausweichen, als
-einer Schlange oder einem tckischen Hunde.
-
-Fritz.
-Aber ich denke meinen Eid zu halten.
-
-Geh. Rath.
-In der That Romeo? Ha! Du kannst Dich auch erstechen,
-wenn's dazu kommt. Du hast geschworen, da mir die Haare
-zu Berg standen. Also gedenkst Du Deinen Eid zu halten?
-
-Fritz.
-Ja Papa, bey Gott! ich denk' ihn zu halten.
-
-Geh. Rath.
-Schwur mit Schwur bekrftigt!--Ich werd' es Deinem
-Rektor beibringen. Er soll Euch auf vierzehn Tage nach
-Sekunda herunter transportiren, Junker: insknftige
-lernt behutsamer schwren. Und worauf? Steht das in
-Deiner Gewalt, was Du da versicherst? Du willst Gustchen
-heyrathen! Denk doch! weit Du auch schon, was fr ein
-Ding das ist, Heyrathen? Geh doch, heyrathe sie: nimm
-sie mit auf die Akademie. Nicht? Ich habe nichts dawider,
-da ihr Euch gern seht, da Ihr Euch lieb habt, da Ihrs
-Euch sagt, wie lieb Ihr Euch habt; aber Narrheiten mt
-Ihr nicht machen; keine Affen von uns Alten seyn, eh'
-Ihr so reif seyd als wir; keine Romane spielen wollen,
-die nur in der ausschweifenden Einbildungskraft eines
-hungrigen Poeten ausgeheckt sind und von denen Ihr in
-der heutigen Welt keinen Schatten der Wirklichkeit
-antrefft. Geht! ich werde keinem Menschen was davon
-sagen, damit ihr nicht nthig habt roth zu werden, wenn
-Ihr mich seht.--Aber von nun an sollt ihr einander nie
-mehr ohne Zeugen sehen. Versteht Ihr mich? Und Euch nie
-andere Briefe schreiben als offene und das auch alle
-Monathe, oder hchstens alle drey Wochen einmal, und
-sobald ein heimliches Briefchen an Junker Fritz oder
-Frulein Gustchen entdeckt wird--so steckt man den
-Junker unter die Soldaten und das Frulein ins Kloster,
-bis sie vernnftiger werden. Versteht ihr mich?--Jetzt--
-nehmt Abschied, hier in meiner Gegenwart.--Die Kutsche
-ist angespannt, der Major treibt fort; die Schwgerin
-hat schon Caffee getrunken.--Nehmt Abschied: Ihr
-braucht Euch vor mir nicht zu scheuen. Geschwind,
-umarmt Euch. (Fritz und Gustchen umarmen sich zitternd)
-Und nun mein Tochter Gustchen, weil Du doch das Wort so
-gern hrst, (hebt sie auf und kt sie) Leb tausendmal
-wohl, und begegne Deiner Mutter mit Ehrfurcht; sie mag
-Dir sagen was sie will.--Jetzt geh, mach!--(Gustchen
-geht einige Schritte, sieht sich um; Fritz fliegt ihr
-weinend an den Hals.) Die beyden Narren brechen mir das
-Herz! Wenn doch der Major vernnftiger werden wollte,
-oder seine Frau weniger herrschschtig!--
-
-
-
-Zweyter Akt.
-
-
-Erste Scene.
-
-Pastor Luffer. Der geheime Rath.
-
-
-Geh. Rath.
-Ich bedaure ihn--und Sie noch Vielmehr, Herr Pastor,
-da Sie solchen Sohn haben.
-
-Pastor.
-Verzeihen Euer Gnaden, ich kann mich ber meinen Sohn
-nicht beschweren; er ist ein sittsamer und geschickter
-Mensch, die ganze Welt und Dero Herr Bruder und Frau
-Schwgerin selbst werden ihm das eingestehen mssen.
-
-Geh. Rath.
-Ich sprech' ihm das all nicht ab, aber er ist ein Thor,
-und hat alle sein Mivergngen sich selber zu danken.
-Er sollte den Sternen danken, da meinem Bruder das Geld,
-das er fr den Hofmeister zahlt, einmal anfngt zu lieb
-zu werden.
-
-Pastor.
-Aber bedenken Sie doch: nichts mehr als hundert Dukaten;
-hundert arme Duktchen; und dreihundert hatt' er ihm doch
-im ersten Jahr versprochen: aber beym Schlu desselben
-nur hundert und vierzig ausgezahlt, jetzt beym Beschlu
-des zweyten, da doch die Arbeit meines Sohnes immer
-zunimmt, zahlt' er ihm hundert, und nun beym Anfang des
-dritten wird ihm auch das zu viel.--Das ist wider alle
-Billigkeit! Verzeihn Sie mir.
-
-Geh. Rath.
-La es doch.--Das htt' ich Euch Leuten voraussagen
-wollen, und doch solle Ihr Sohn Gott danken, wenn ihn
-nur der Major beym Kopf nhm' und aus dem Hause wrfe.
-Was soll er da, sagen Sie mir Herr? Wollen Sie ein Vater
-fr ihr Kind seyn und schliessen so Augen, Mund und
-Ohren fr seine ganze Glckseligkeit zu? Tagdieben, und
-sich Geld dafr bezahlen lassen? Die edelsten Stunden
-des Tages bey einem jungen Herrn versitzen, der nichts
-lernen mag und mit dem er's doch nicht verderben darf,
-und die brigen Stunden, die der Erhaltung seines Lebens,
-den Speisen und dem Schlaf geheiligt sind, an einer
-Sklavenkette verseufzen; an den Winken der gndigen
-Frau hngen, und sich in die Falten des gndigen Herrn
-hineinstudiren; essen wenn er satt ist und fasten,
-wenn er hungrig ist, Punsch trinken, wenn er pssn
-mchte, und Karten spielen, wenn er das Lauffen hat.
-Ohne Freyheit geht das Leben bergab rckwrts, Freyheit
-ist das Element des Menschen wie das Wasser des Fisches,
-und ein Mensch der sich der Freyheit begiebt, vergiftet
-die edelsten Geister seines Bluts, erstickt seine
-sssesten Freuden des Lebens in der Blthe und ermordet
-sich selbst.
-
-Pastor.
-Aber--Oh! erlauben Sie mir; das mu sich ja jeder
-Hofmeister gefallen lassen; man kann nicht immer
-seinen Willen haben, und das lt sich mein Sohn auch
-gern gefallen, nur--
-
-Geh. Rath.
-Desto schlimmer, wenn er sichs gefallen lt, desto
-schlimmer; er hat den Vorrechten eines Menschen entsagt,
-der nach seinen Grundstzen mu leben knnen, sonst
-bleibt er kein Mensch. Mgen die Elenden, die ihre
-Ideen nicht zu hherer Glckseligkeit zu erheben
-wissen, als zu essen und zu trinken, mgen die sich
-im Keficht zu Tode fttern lassen, aber ein Gelehrter,
-ein Mensch, der den Adel seiner Seele fhlt, der den
-Tod nicht so scheuen sollt' als eine Handlung, die
-wider seine Grundstze luft...
-
-Pastor.
-Aber was ist zu machen in der Welt? Was wollte mein
-Sohn anfangen, wenn Dero Herr Bruder ihm die Condition
-aufsagten?
-
-Geh. Rath.
-Lat den Burschen was lernen, da er dem Staat ntzen
-kann. Potz hundert Herr Pastor, Sie haben ihn doch
-nicht zum Bedienten aufgezogen, und was ist er anders
-als Bedienter, wenn er seine Freyheit einer Privatperson
-fr einige Handvoll Dukaten verkauft? Sklav' ist er,
-ber den die Herrschaft unumschrnkte Gewalt hat, nur
-da er so viel auf der Akademie gelernt haben mu,
-ihren unbesonnenen Anmuthungen von weitem zuvorzukommen
-und so einen Firni ber seine Dienstbarkeit zu
-streichen: da heit denn ein feiner artiger Mensch,
-ein unvergleichlicher Mensch; ein unvergleichlicher
-Schurke, der, statt seine Krfte und seinen Verstand
-dem allgemeinen Besten aufzuopfern, damit die Rasereyen
-einer dampfigten Dame und eines abgedmpften Officiers
-untersttzt, die denn tglich weiter um sich fressen
-wie ein Krebsschaden und zuletzt unheilbar werden. Und
-was ist der ganze Gewinnst am Ende? Alle Mittag Braten
-und alle Abend Punsch, und eine grosse Portion Galle,
-die ihm Tags ber ins Maul gestiegen, Abends, wenn er
-zu Bett liegt, hinabgeschluckt, wie Pillen; das macht
-gesundes Blut, auf meine Ehr'! und mu auch ein
-vortrefliches Herz auf die Lnge geben. Ihr beklagt
-Euch so viel bern Adel und ber seinen Stolz, die
-Leute shn Hofmeister wie Domestiken an, Narren! was
-sind sie denn anders? Stehn sie nicht in Lohn und Brod
-bey ihnen wie jene? Aber wer heit Euch ihren Stolz
-nhren? Wer heit euch Domestiken werden, wenn Ihr was
-gelernt habt, und einem starrkpfischen Edelmann zinsbar
-werden, der sein Tage von seinen Hausgenossen nichts
-anders gewohnt war als sklavische Unterwrfigkeit?
-
-Pastor.
-Aber Herr Geheimer Rath--Gtiger Gott! es ist in der
-Welt nicht anders: man mu eine Warte haben, von der
-man sich nach einem ffentlichen Amt umsehen kann, wenn
-man von Universitten kommt; wir mssen den gttlichen
-Ruf erst abwarten und ein Patron ist sehr oft das Mittel
-zu unserer Befrderung: wenigstens ist es mir so gegangen.
-
-Geh. Rath.
-Schweigen Sie, Herr Pastor, ich bitt Sie, schweigen Sie.
-Das gereicht Ihnen nicht zur Ehr. Man wei ja doch, da
-Ihre seelige Frau Ihr gttlicher Ruf war, sonst sen
-Sie noch itzt beym Herrn von Tiesen und dngten ihm
-seinen Acker. Jemine! da Ihr Herrn uns doch immer
-einen so ehrwrdigen schwarzen Dunst vor Augen machen
-wollt. Noch nie hat ein Edelmann einen Hofmeister
-angenommen, wo er ihm nicht hinter eine Allee von acht
-neun Sklavenjahren ein schn Gemhlde von Befrderung
-gestellt hat und wenn Ihr acht Jahr gegangen waret, so
-macht' ers wie Laban und rckte das Bild um noch einmal
-so weit vorwrts. Possen! lernt etwas und seyd brave
-Leut. Der Staat wird Euch nicht lang am Markt stehen
-lassen. Brave Leut sind allenthalben zu brauchen, aber
-Schurken, die den Namen vom Gelehrten nur auf den Zettel
-tragen und im Kopf ist leer Papier ...
-
-Pastor.
-Das ist sehr allgemein gesprochen, Herr Rath!--Es
-mssen doch, bey Gott! auch Hauslehrer in der Welt
-seyn; nicht jedermann kann gleich geheimer Rath werden
-und wenn er gleich ein Hugo Grotius wr. Es gehren
-heutiges Tags andere Sachen dazu als Gelehrsamkeit.--
-
-Geh. Rath.
-Sie werden warm, Herr Pastor!--Lieber, werther Herr
-Pastor, lassen Sie uns den Faden unsers Streits nicht
-verlieren. Ich behaupte: es mssen keine Hauslehrer
-in der Welt seyn! das Geschmeis taucht den Teufel zu
-nichts.
-
-Pastor.
-Ich bin nicht hergekommen mir Grobheiten sagen zu
-lassen: ich bin auch Hauslehrer gewesen. Ich habe die
-Ehre--
-
-Geh. Rath.
-Warten Sie; bleiben Sie, lieber Herr Pastor! Behte
-mich der Himmel! Ich habe Sie nicht beleidigen wollen
-und wenn's wider meinen Willen geschehen ist, so bitt'
-ich Sie tausendmahl um Verzeihung. Es ist einmal meine
-ble Gewohnheit, da ich gleich in Feuer gerathe, wenn
-mir ein Gesprch interessant wird: alles brige
-verschwinde mir denn aus dem Gesicht und ich sehe nur
-den Gegenstand, von dem ich spreche.
-
-Pastor.
-Sie schtten,--Verzeihen Sie mir, ich bin auch ein
-Cholerikus, und rede gern von der Lunge ab.--Sie
-schtten das Kind mit dem Bade aus. Hauslehrer taugen
-zu nichts.--Wie knnen Sie mir das beweisen? Wer soll
-Euch jungen Herrn denn Verstand und gute Sitten
-beibringen Was wr aus Ihnen geworden, mein werther
-Herr geheimer Rath, wenn Sie keinen Hauslehrer gehabt
-htten?
-
-Geh. Rath.
-Ich bin von meinem Vater zur ffentlichen Schul
-gehalten worden, und seegne seine Asche dafr, und
-so hoff' ich, wird mein Sohn Fritz auch dereinst thun.
-
-Pastor.
-Ja,--da ist aber noch viel drber zu sagen Herr!
-Ich meiner Seits bin Ihrer Meynung nicht; ja wenn die
-ffentlichen Schulen das wren, was sie seyn sollten.--
-Aber die nchternen Subjecta, so oft den Classen
-vorstehen; die pedantischen Methoden, die sie brauchen,
-die unter der Jugend eingerissenen verderbten Sitten--
-
-Geh. Rath.
-Wes ist die Schuld? Wer ist schuld dran, als ihr
-Schurken von Hauslehrern? Wrde der Edelmann nicht
-von Euch in der Grille gestrkt, einen kleinen Hof
-anzulegen, wo er als Monarch oben auf dem Thron sitzt,
-und ihm Hofmeister und Mamsell und ein ganzer Wisch von
-Tagdieben huldigen, so wrd' er seine Jungen in die
-ffentliche Schule thun mssen; er wrde das Geld,
-von dem er jetzt seinen Sohn zum hochadlichen Dummkopf
-aufzieht, zum Fond der Schule schlagen: davon knnten
-denn gescheidte Leute salarirt werden und alles wrde
-seinen guten Gang gehn; das Studentchen mste was
-lernen, um bey einer solchen Anstalt brauchbar zu
-werden, und das junge Herrchen, anstatt seine
-Faullenzerey vor den Augen des Papas und der Tanten,
-die alle keine Argusse sind, knstlich und manierlich
-zu verstecken, wrde seinen Kopf anstrengen mssen,
-um es den brgerlichen Jungen zuvorzuthun, wenn es
-sich doch von ihnen unterscheiden will.--Was die
-Sitten anbetrift, das findt sich wahrhaftig.--Wenn
-er gleich nicht, wie seine hochadliche Vettern, die
-Nase von Kindesbeinen an hher tragen lernt als andere,
-und in einem nachligen Ton, von oben herab, Unsinn
-sagen, und Leuten ins Gesicht sehen, wenn sie den Hut
-vor ihm abziehen, um ihnen dadurch anzudeuten, da
-sie auf kein Gegencompliment warten sollen. Die feinen
-Sitten hol der Teufel! Man kann dem Jungen Tanzmeister
-auf der Stube halten, und ihn in artige Gesellschaften
-fhren, aber er mu durchaus nicht aus der Sphre
-seiner Schulkamraden herausgehoben, und in der Meinung
-gestrkt werden, er sey eine bessere Kreatur als andere.
-
-Pastor.
-Ich habe nicht Zeit, (zieht die Uhr heraus) mich in
-den Disput weiter mit Ihnen einzulassen, gndiger Herr;
-aber so viel wei ich, da der Adel berall nicht ihrer
-Meinung seyn wird.
-
-Geh. Rath.
-So sollten die Brger meiner Meynung seyn.--Die Noth
-wrde den Adel schon auf andere Gedanken bringen, und
-wir knnten uns bessere Zeiten versprechen. Sapperment,
-was kann aus unserm Adel werden, wenn ein einziger
-Mensch das Faktotum bey dem Kinde seyn soll, ich setz'
-auch den unmglichen Fall, da er ein Polyhistor wre,
-wo will der eine Mann Feuer und Muth und Thtigkeit
-hernehmen, wenn er alle seine Krfte auf einen
-Schaafskopf concentriren soll, besonders wenn Vater
-und Mutter sich kreutz und die quer immer mit in die
-Erziehung mengen, und dem Fa, in welches er fllt,
-den Boden immer wieder ausschlagen?
-
-Pastor.
-Ich bin um zehn Uhr zu einem Kranken bestellt. Sie
-werden mir verzeihen.--(Im Abgehen wendt er sich um)
-Aber wr's nicht mglich, gndiger Herr, da Sie
-Ihren zweyten Sohn nur auf ein halb Jhrchen zum
-Herrn Major in die Kost thten? Mein Sohn will gern
-mit achtzig Dukaten zufrieden seyn, aber mit sechzigen,
-die ihm der Herr Bruder geben wollen, da kann er nicht
-von subsistiren.
-
-Geh. Rath.
-La ihn quittiren.--Ich thu es nicht, Herr Pastor!
-Davon bin ich nicht abzubringen. Ich will Ihrem Herrn
-Sohn die dreyig Dukaten lieber schenken; aber meinem
-Sohn geb ich zu keinem Hofmeister. (Der Pastor hlt
-ihm einen Brief hin) Was soll ich damit? Es ist alles
-umsonst, sag ich Ihnen.
-
-Pastor.
-Lesen Sie--Lesen Sie nur.--
-
-Geh. Rath.
-Je nun, ihm ist nicht--(liest)--wenden Sie doch
-alles an, den Herrn geheimen Rath dahin zu vermgen,
---Sie knnen Sich nicht vorstellen, wie elend es
-mir hier geht; nichts wird mir gehalten, was mir ist
-versprochen worden. Ich speise nur mit der Herrschaft,
-wenn keine Fremde da sind,--das rgste ist, da ich
-gar nicht von hier komme und in einem ganzen Jahr
-meinen Fu nicht aus Heidelbrunn habe setzen--man
-hatte mir ein Pferd versprochen, alle Vierteljahr
-einmal nach Knigsberg zu reisen, als ich es foderte,
-fragte mich die gndige Frau, ob ich nicht lieber zum
-Carneval nach Venedig wollte.--(wirft den Brief an
-die Erde.) Je nun, la ihn quittiren; warum ist er
-ein Narr und bleibt da?
-
-Pastor.
-Ja das ist eben die Sache. (hebt den Brief auf)
-Belieben Sie doch nur auszulesen.
-
-Geh. Rath.
-Was ist da zu lesen?--(liest) Dem ohngeachtet kann
-ich dies Haus nicht verlassen, und sollt' es mich
-Leben und Gesundheit kosten. So viel darf ich Ihnen
-sagen, da die Aussichten in eine selige Zukunft mir
-alle die Mhseligkeiten meines gegenwrtigen Standes--
-Ja, das sind vielleicht Aussichten in die selige
-Ewigkeit, sonst wei ich keine Aussichten, die mein
-Bruder ihm erfnen knnte. Er betrgt sich, glauben
-Sie mirs; schreiben Sie ihm zurck, da er ein Thor
-ist. Dreyig Dukaten will ich ihm dies Jahr aus meinem
-Beutel Zulage geben, aber ihn auch zugleich gebeten
-haben, mich mit allen fernern Anwerbungen um meinen
-Karl zu verschonen: denn ihm zu Gefallen werd' ich mein
-Kind nicht verwahrlosen.
-
-
-Zweyte Scene.
-
-In Heidelbrunn.
-Gustchen. Luffer.
-
-
-Gustchen.
-Was fehlt ihnen dann?
-
-Luffer.
-Wie stehts mit meinem Portrt? Nicht wahr, Sie haben
-nicht dran gedacht? Wenn ich auch so saumselig gewesen
-wre--Hte ich das gewut: ich htt Ihren Brief so
-lang zurckgehalten, aber ich war ein Narr.
-
-Gustchen.
-Ha ha ha. Lieber Herr Hofmeister! Ich habe wahrhaftig
-noch nicht Zeit gehabt.
-
-Luffer.
-Grausame!
-
-Gustchen.
-Aber was fehlt Ihnen denn? Sagen Sie mir doch! So
-tiefsinnig sind Sie ja noch nie gewesen. Die Augen
-stehn Ihnen ja immer voll Wasser: ich habe gemerkt,
-Sie essen nichts.
-
-Luffer.
-Haben Sie? In der That? Sie sind ein rechtes Muster
-des Mitleidens.
-
-Gustchen.
-O Herr Hofmeister--
-
-Luffer.
-Wollen Sie heut Nachmittag Zeichenstunde halten?
-
-Gustchen. (fat ihn an die Hand)
-Liebster Herr Hofmeister! verzeihen Sie, da ich sie
-gestern aussetzte. Es war mir wahrhaftig unmglich zu
-zeichnen; ich hatte den Schnuppen auf eine erstaunende
-Art.
-
-Luffer.
-So werden Sie ihn wohl heute noch haben. Ich denke,
-wir hren ganz auf zu zeichnen. Es macht Ihnen kein
-Vergngen lnger.
-
-Gustchen. (halbweinend)
-Wie knnen Sie das sagen, Herr Luffer? Es ist das
-einzige, was ich mit Lust thue.
-
-Luffer.
-Oder Sie versparen es bis auf den Winter in die Stadt
-und nehmen einen Zeichenmeister. Ueberhaupt werd ich
-Ihren Herrn Vater bitten, den Gegenstand Ihres
-Abscheues, Ihres Hasses, Ihrer ganzen Grausamkeit von
-Ihnen zu entfernen. Ich sehe doch, da es Ihnen auf
-die Lnge unausstehlich wird, von mir Unterricht
-anzunehmen.
-
-Gustchen.
-Herr Luffer--
-
-Luffer.
-Lassen Sie mich--Ich mu sehen, wie ich das elende
-Leben zu Ende bringe, weil mir doch der Tod verboten
-ist--
-
-Gustchen.
-Herr Luffer--
-
-Luffer.
-Sie foltern mich.--(reit sich lo und geht ab.)
-
-Gustchen.
-Wie dauert er mich!
-
-
-Dritte Scene.
-
-Zu Halle in Sachsen.
-Ptus Zimmer.
-Fritz von Berg.
-Ptus (im Schlafrock an einem Tisch sitzend.)
-
-
-Ptus.
-Ey was Berg! Du bist ja kein Kind mehr, da du nach
-Papa und Mama--Pfuy Teufel! ich hab Dich allezeit
-fr einen braven Kerl gehalten, wenn Du nicht mein
-Schulkamerad wrst: ich wrde mich schmen mit Dir
-umzugehen.
-
-Fritz.
-Ptus, auf meine Ehr, es ist nicht Heimweh, Du machst
-mich bis ber die Ohren roth mit dem dummen Verdacht.
-Ich mchte gern Nachricht von Hause haben, das gesteh'
-ich, aber das hat seine Ursachen--
-
-Ptus.
-Gustchen--Nicht wahr? Denk doch, Du arme Seele!
-Hundertachtzig Stunden von ihr entfernt--Was fr
-Wlder und Strme liegen nicht zwischen Euch? Aber
-warte, wir haben hier auch Mdchen; wenn ich nur
-besser besponnen wre, ich wollte Dich heut in eine
-Gesellschaft fhren--Ich wei nicht, wie Du auch
-bist; ein Jahr in Halle und noch mit keinem Mdchen
-gesprochen: das mu melancholisch machen; es kann
-nicht anders seyn. Warte, Du must mir hier einziehen,
-da Du lustig wirst. Was machst Du da bey dem Pfarrer?
-Das ist keine Stube fr Dich--
-
-Fritz.
-Was zahlst Du hier?
-
-Ptus.
-Ich zahle--Wahrhaftig, Bruder, ich wei es nicht.
-Es ist ein guter ehrlicher Philister, bey dem ich
-wohne: seine Frau ist freylich bisweilen ein bischen
-wunderlich, aber mags. Was gehts mich an? Wir zanken
-uns einmal herum und denn la ich sie laufen: und die
-schreiben mir alles auf. Hausmiethe, Kaffee, Tabak;
-alles was ich verlange, und denn zahl' ich die Rechnung
-alle Jahre, wenn mein Wechsel kommt.
-
-Fritz.
-Bist du jetzt viel schuldig?
-
-Ptus.
-Ich habe die vorige Woche bezahlt. Das ist wahr,
-diesmal haben Sie mirs arg gemacht: mein ganzer
-Wechsel hat herhalten mssen bis auf den letzten
-Pfennig, und mein Rock, den ich Tags vorher versetzt
-hatte, weil ich in der ussersten Noth war, steht
-noch zu Gevattern. Wei der Himmel, wenn ich ihn
-wieder einlsen kann.
-
-Fritz.
-Und wie machst Dus denn itzt?
-
-Ptus.
-Ich?--Ich bin krank. Heut morgen hat mich die Frau
-Rthin Hamster invitiren lassen, gleich kroch ich ins
-Bett ...
-
-Fritz.
-Aber bey dem schnen Wetter immer zu Hause zu sitzen.
-
-Ptus.
-Was macht das? des Abends geh ich im Schlafrock
-spatzieren, es ist ohnedem in den Hundstagen am Tage
-nicht auszuhalten--Aber Potz Mordio! Wo bleibt denn
-mein Kaffee? (pocht mit dem Fu) Frau Blitzer!--Nun
-sollst Du sehn, wie ich meinen Leuten umspringe--Frau
-Blitzer! in aller Welt Frau Blitzer. (klingelt und
-pocht)--Ich habe sie krzlich bezahlt: nun kann ich
-schon breiter thun--Frau ...
-
-Frau Blitzer. (tritt herein mit einer Portion Kaffee.)
-
-Ptus.
-In aller Welt, Mutter! wo bleibst Du denn? Das Wetter
-soll Dich regieren. Ich warte hier schon ber eine
-Stunde--
-
-Frau Blitzer.
-Was? Du nichtsnutziger Kerl, was lrmst Du? Bist Du
-schon wieder nichts nutz, abgeschabte Laus? Den
-Augenblick trag ich meinen Kaffee wieder herunter--
-
-Ptus. (giet sich ein)
-Nun, nun, nicht so bse Mutter! aber Zwieback--Wo
-ist denn Zwieback?
-
-Frau Blitzer.
-Ja, kleine Steine Dir! Es ist kein Zwieback im Hause.
-Denk doch, ob so ein kahler lausichter Kerl nun alle
-Nachmittag Zwieback frit oder nicht--
-
-Ptus.
-Was tausend alle Welt! (stampft mit dem Fu) Sie
-wei, da ich keinen Kaffee ohne Zwieback ins Maul
-nehme--Wofr gebe ich denn mein Geld aus--
-
-Frau Blitzer. (langt ihm Zwieback aus der Schrze,
-wobey sie ihn an den Haaren zupft.)
-Da siehst Du, da ist Zwieback, Posaunenkerl! Er hat
-eine Stimme wie ein ganzes Regiment Soldaten. Nu, ist
-der Kaffee gut? Ist er nicht? Gleich sag mirs, oder
-ich rei Ihm das letzte Haar aus Seinem kahlen Kopf
-heraus.
-
-Ptus. (trinkt)
-Unvergleichlich--Aye!--Ich hab in meinem Leben
-keinen bessern getrunken.
-
-Frau Blitzer.
-Siehst Du Hundejunge! Wenn Du die Mutter nicht httest,
-die sich Deiner annhme und Dir zu essen und zu trinken
-gbe, Du mstest an der Strasse verhungern. Sehen Sie
-ihn einmal an, Herr von Berg, wie er daher geht, keinen
-Rock auf dem Leibe und sein Schlafrock ist auch, als
-ob er darin wr aufgehenkt worden und wieder vom Galgen
-gefallen. Sie sind doch ein hbscher Herr, ich wei
-nicht wie Sie mit dem Menschen umgehen knnen, nun
-freylich unter Landsleuten da ist immer so eine kleine
-Blutsverwandschaft, drum sag ich immer, wenn doch der
-Herr von Berg zu uns einlogiren thte. Ich wei, da
-Sie viel Gewalt ber ihn haben: da knnte doch noch
-was ordentliches aus ihm werden, aber sonst wahrhaftig--
-(geht ab)
-
-Ptus.
-Siehst Du, ist das nicht ein gut fidel Weib. Ich seh'
-ihr all etwas durch die Finger, aber potz, wenn ich
-auch einmal ernsthaft werde, kusch ist sie wie die
-Wand--Willst Du nicht eine Tasse mit trinken? (giet
-ihm ein) Siehst Du, ich bin hier wohl bedient; ich
-zahle was rechts, das ist wahr, aber dafr hab' auch
-ich was ...
-
-Fritz. (trinkt.)
-Der Kaffee schmeckt nach Gerste.
-
-Ptus.
-Was sagst Du?--(schmeckt gleichfalls) Ja wahrhaftig,
-mit dem Zwieback hab' ichs nicht so--(sieht in die
-Kanne) Nun so hol Dich! (wirft das Kaffeezeug zum
-Fenster hinaus) Gerstenkaffee und fnfhundert Gulden
-jhrlich!--
-
-Frau Blitzer. (strzt herein)
-Wie? Was zum Teufel, was ist das? Herr, ist Er rasend
-oder plagt Ihn gar der Teufel?--
-
-Ptus.
-Still Mutter!
-
-Frau Blitzer. (mit grlichem Geschrey)
-Aber wo ist mein Kaffeezeug? Ey! zum Henker! aus dem
-Fenster--Ich kratz' Ihm die Augen aus dem Kopf heraus.
-
-Ptus.
-Es war eine Spinne darin und ich warf's in der Angst--
-Was kann ich dafr, da das Fenster offen stand?
-
-Frau Blitzer.
-Da Du verreckt wrst an der Spinne, wenn ich Dich mit
-Haut und Haar verkaufe, so kannst Du mir mein
-Kaffeezeug nicht bezahlen, nichtswrdiger Hund!
-Nichts als Schaden und Unglck kann Er machen. Ich
-will Dich verklagen; ich will Dich in Karcer werfen
-lassen. (luft heraus)
-
-Ptus. (lachend)
-Was ist zu machen, Bruder! man mu sie schon ausrasen
-lassen.
-
-Fritz.
-Aber fr Dein Geld?
-
-Ptus.
-Ey was!--Wenn ich bis Weyhnachten warten mu, wer
-wird mir sogleich bis dahin kreditiren? Und denn ists
-ja nur ein Weib und ein nrrisch Weib dazu, dem's
-nicht immer so von Herzen geht- wenn mirs der Mann
-gesagt htte, das wr was anders, dem schlg' ich das
-Leder voll--Siehst Du wohl!
-
-Fritz.
-Hast Du Feder und Tinte?
-
-Ptus.
-Dort auf dem Fenster--
-
-Fritz.
-Ich wei nicht, das Herz ist mir so schwer--Ich habe
-nie was auf Ahndungen gehalten.
-
-Ptus.
-Ja mir auch--Die Dbblinsche Gesellschaft ist
-angekommen. Ich mchte gern in die Komdie gehn und
-habe keinen Rock anzuziehen. Der Schurke mein Wirth
-leyht mir keinen und ich bin eine so groe dicke
-Bestie, da mir keiner von all Euren Rcken passen
-wrde.
-
-Fritz.
-Ich mu gleich nach Hause schreiben. (setzt sich an
-ein Fenster nieder und schreibt)
-
-Ptus. (setzt sich einem Wolfspelz gegenber, der an
-der Wand hngt)
-Hm! nichts als den Pelz gerettet, von allen meinen
-Kleidern, die ich habe, und die ich mir noch wollte
-machen lassen. Grade den Pelz, den ich im Sommer
-nicht tragen kann, und den mir nicht einmal der Jude
-zum Versatz annimmt, weil sich der Wurm leicht
-hineinsetzt. Hanke, Hanke! das ist doch unverantwortlich,
-da Du mir keinen Rock auf Pump machen willst. (steht
-auf und geht herum) Was hab' ich Dir gethan, Hanke,
-da Du just mir keinen Rock machen willst? Just mir,
-der ich ihn am nthigsten brauche, weil ich jetzo
-keinen habe, just mir!--Der Teufel mu Dich besitzen,
-er macht Hunz und Kunz auf Kredit und just mir nicht!
-(fat sich an den Kopf und stampft mit dem Fu) Just
-mir nicht, just mir nicht!--
-
-Bollwerk. (der sich mittlerweile hineingeschlichen und
-ihm zugehrt, fat ihn an: er kehrt sich um und bleibt
-stumm vor Bollwerk stehen) Ha ha ha ... Nun du armer
-Ptus--ha ha ha! Nicht wahr, es ist doch ein gottloser
-Hanke, da er just Dir nicht--Aber, wo ist das rothe
-Kleid mit Gold, das Du bey ihm bestellt hast, und das
-blauseidne mit der silberstcknen Weste, und das
-rothsammetne mit schwarz Sammet gefttert, das wr
-vortreflich bey dieser Jahrszeit. Sage mir! antworte
-mir! Der verfluchte Hanke! Wollen wir gehn und ihm die
-Haut vollschlagen? Wo bleibt er so lang mit Deiner
-Arbeit? Wollen wir?
-
-Ptus. (wirft sich auf einen Stuhl)
-La mich zufrieden.
-
-Bollwerk.
-Aber hr Ptus, Ptus, P P P Ptus (setzt sich zu
-ihm) Dbblin ist angekommen. Hr P P P P Ptus,
-wie wollen wir das machen? Ich denke, Du ziehst Deinen
-Wolfspelz an und gehst heut Abend in die Komdie. Was
-schadt's, Du bist doch fremd hier--und die ganze Welt
-wei, da Du vier Paar Kleider bey Hanke bestellt hast.
-Ob er sie Dir machen wird, ist gleich viel!--Der
-verfluchte Kerl! Wollen ihm die Fenster einschlagen,
-wenn er sie Dir nicht macht!
-
-Ptus. (heftig)
-La mich zufrieden, sag ich Dir.
-
-Bollwerk.
-Aber hr...aber...aber...hr hr hr' Ptus; nimm
-Dich in Acht Ptus! da Du mir des Nachts nicht mehr
-im Schlafrock auf der Gasse lufst. Ich wei, da Du
-bange bist vor Hunden; es ist eben ausgetrummelt
-worden, da zehn wtige Hunde in der Stadt herumlaufen
-sollen; sie haben schon einige Kinder gebissen: zwey
-sind noch davon kommen, aber vier sind auf der Stelle
-gestorben. Das machen die Hundstage? Nicht wahr Ptus?
-Es ist gut, da Du jetzt nicht ausgehen kannst. Nicht
-wahr? Du gehst itzt mit allem Flei nicht aus? Nicht
-wahr P P Ptus?
-
-Ptus.
-La mich zufrieden ... oder wir verzrnen uns.
-
-Bollwerk.
-Du wirst doch kein Kind seyn--Berg, kommen Sie mit
-in die Komdie?
-
-Fritz. (zerstreut)
-Was?--Was fr Komdie?
-
-Bollwerk.
-Es ist eine Gesellschaft angekommen--Legen Sie die
-Schmieralien weg. Sie knnen ja auf den Abend schreiben.
-Man giebt heut Minna von Barnhelm.
-
-Fritz.
-O die mu ich sehen.--(steckt seine Briefe zu sich)
-Armer Ptus, da Du keinen Rock hast.--
-
-Bollwerk.
-Ich lieh' ihm gern einen, aber es ist hol mich der
-Teufel mein einziger, den ich auf dem Leibe habe--
-(gehn ab)
-
-Ptus. (allein)
-Geht zum Teufel mit Eurem Mitleiden! Das rgert mich
-mehr als wenn man mir ins Gesicht schlge--Ey was
-mach ich mir draus. (zieht seinen Schlafrock aus) La
-die Leute mich fr wahnwitzig halten! Minna von
-Barnhelm mu ich sehen und wenn ich nackend hingehen
-sollte! (zieht den Wolfspelz an) Hanke, Hanke! es
-soll Dir zu Hause kommen! (stampft mit dem Fu) Es
-soll dir zu Hause kommen! (geht)
-
-
-Vierte Scene.
-
-Frau Hamster. Jungfer Hamster. Jungfer Knicks.
-
-
-Jungfer Knicks.
-Ich kanns Ihnen vor Lachen nicht erzehlen, Frau
-Rthin, ich mu krank vor Lachen werden. Stellen
-Sie Sich vor: wir gehen mit Jungfer Hamster im
-Gchen hier nah bey, so luft uns ein Mensch im
-Wolfspelz vorbey, als ob er durch Spieruthen gejagt
-wrde; drey groe Hunde hinter ihm drein. Jungfer
-Hamster bekam einen Schubb, da sie mit dem Kopf an
-die Mauer schlug und berlaut schreyen muste.
-
-Frau Hamster.
-Wer war es denn?
-
-Jungfer Knicks.
-Stellen Sie Sich vor, als wir ihm nachsahen, war's
-Herr Ptus--Er mu rasend worden seyn.
-
-Frau Hamster.
-Mit einem Wolfspelz in dieser Hitze!
-
-Jungfer Hamster. (hlt sich den Kopf)
-Ich glaube noch immer, er ist aus dem hitzigen Fieber
-aufgesprungen. Er lie uns heut Morgen sagen, er sey
-krank.
-
-Jungfer Knicks.
-Und die drey Hunde hinter ihm drein, das war das
-lustigste. Ich hatte mir vorgenommen heut in die
-Komdie zu gehen, aber nun mag ich nicht, ich wrde
-doch da nicht soviel zu lachen kriegen. Das verge
-ich mein Lebtage nicht. Seine Haare flogen ihm nach
-wie der Schweif an einem Kometen, und je eyfriger er
-lief, desto eyfriger schlugen die Hunde an und er
-hatte das Herz nicht, sich einmal umzusehen... Das
-war unvergleichlich!
-
-Frau Hamster.
-Schrie er nicht? Er wird gemeynt haben, die Hunde seyn
-wtig.
-
-Jungfer Knicks.
-Ich glaub, er hatte keine Zeit zum Schreyen, aber roth
-war er wie ein Krebs und hielt das Maul offen, wie die
-Hunde hinter ihm drein--O das war nicht mit Geld zu
-bezahlen! ich gbe nicht meine Schnur chter Perlen
-darum, da ich das nicht gesehen.
-
-
-Fnfte Scene.
-
-In Heidelbrunn.
-Augustchens Zimmer.
-Gustchen. (liegt auf dem Bette)
-Luffer. (sitzt am Bette)
-
-
-Luffer.
-Stell Dir vor Gustchen, der geheime Rath will nicht.
-Du siehst, da Dein Vater mir das Leben immer saurer
-macht: nun will er mir gar aufs folgende Jahr nur
-vierzig Dukaten geben. Wie kann ich das aushalten?
-Ich mu quittiren.
-
-Gustchen.
-Grausamer, und was werd ich denn anfangen? (nachdem
-beyde eine zeitlang sich schweigend angesehen) Du
-siehst: ich bin schwach, und krank; hier in der
-Einsamkeit unter einer barbarischen Mutter--Niemand
-fragt nach mir, niemand bekmmert sich um mich:
-meine ganze Familie kann mich nicht mehr leiden;
-mein Vater selber nicht mehr: ich wei nicht warum.
-
-Luffer.
-Mach, da Du zu meinem Vater in die Lehre kommst;
-nach Insterburg.
-
-Gustchen.
-Da kriegen wir uns nie zu sehen. Mein Onkel leidt es
-nimmer, da mein Vater mich zu Deinem Vater ins Haus
-giebt.
-
-Luffer.
-Mit dem verfluchten Adelstolz!
-
-Gustchen. (nimmt seine Hand)
-Wenn Du auch bse wirst, Herrmannchen! (kt sie) O
-od! Tod! warum erbarmst Du Dich nicht!
-
-Luffer.
-Rathe mir selber--Dein Bruder ist der ungezogenste
-Junge den ich kenne: neulich hat er mir eine Ohrfeige
-gegeben und ich durft ihm nichts dafr thun, durft
-nicht einmal drber klagen. Dein Vater htt ihm gleich
-Arm und Bein gebrochen und die gndige Mama alle Schuld
-zuletzt auf mich geschoben.
-
-Gustchen.
-Aber um meinetwillen--Ich dachte, Du liebtest mich.
-
-Luffer. (sttzt sich mit der andern Hand auf ihrem
-Bett, indem sie fortfhrt seine eine Hand von Zeit zu
-Zeit an die Lippen zu bringen.)
-La mich denken...(bleibt nachsinnend sitzen)
-
-Gustchen. (in der beschriebenen Pantomime)
-O Romeo! Wenn dies Deine Hand wre.--Aber so verlssest
-Du mich, unedler Romeo! Siehst nicht, da Deine Julie
-fr Dich stirbt--von der ganzen Welt, von ihrer
-ganzen Familie gehat, verachtet, ausgespyen. (drckt
-seine Hand an ihre Augen) O unmenschlicher Romeo!
-
-Luffer. (sieht auf)
-Was schwrmst Du wieder?
-
-Gustchen.
-Es ist ein Monolog aus einem Trauerspiel, den ich
-gern recitire, wenn ich Sorgen habe. (Luffer fllt
-wieder in Gedanken, nach einer Pause fngt sie wieder
-an) Vielleicht bist Du nicht ganz strafbar. Deines
-Vaters Verbot, Briefe mit mir zu wechseln, aber die
-Liebe setzt ber Meere und Strme, ber Verbot und
-Todesgefahr selbst--Du hast mich vergessen...
-Vielleicht besorgtest Du fr mich--ja,--ja, Dein
-zrtliches Herz sah, was mir drohte, fr schrcklicher
-an, als das was ich leide. (kt Luffers Hand inbrnstig)
-O gttlicher Romeo!
-
-Luffer. (kt ihre Hand lange wieder und sieht sie
-eine Weile stumm an)
-Es knnte mir gehen wie Ablard--
-
-Gustchen. (richtet sich auf)
-Du irrst Dich--Meine Krankheit liegt im Gemth--
-Niemand wird Dich muthmaen--(fllt wieder hin) Hast
-Du die neue Heloise gelesen?
-
-Luffer.
-Ich hre was auf dem Gang nach der Schulstube.--
-
-Gustchen.
-Meines Vaters--Um Gotteswillen!--Du bist drey
-Viertelstund zu lang hiergeblieben.
-
-(Luffer luft fort)
-
-
-Sechste Scene.
-
-Die Majorin. Graf Wermuth.
-
-
-Graf.
-Aber gndige Frau! kriegt man denn Frulein Gustchen
-gar nicht mehr zu sehen? Wie befindt sie sich auf die
-vorgestrige Jagd?
-
-Majorin.
-Zu Ihrem Befehl; sie hat die Nacht Zahnschmerzen
-gehabt, darum darf sie sich heut nicht sehen lassen.
-Was macht Ihr Magen, Graf! auf die Austern?
-
-Graf.
-O das bin ich gewohnt. Ich habe neulich mit meinem
-Bruder ganz allein auf unsre Hand sechshundert Stck
-aufgegessen und zwanzig Bouteillen Champagner dabey
-ausgetrunken.
-
-Majorin.
-Rheinwein wollten Sie sagen.
-
-Graf.
-Champagner--Es war eine Idee, und ist uns beyden
-recht gut bekommen. Denselben Abend war Ball in
-Knigsberg, mein Bruder hat bis an den andern Mittag
-getanzt und ich Geld verloren.
-
-Majorin.
-Wollen wir ein Piquet machen?
-
-Graf.
-Wenn Frulein Gustchen kme, macht' ich ein Paar
-Touren im Garten mit ihr. Ihnen, gndige Frau, darf
-ichs nicht zumuthen; mit Ihrer Fontenelle am Fu.
-
-Majorin.
-Ich wei auch nicht, wo der Major immer steckt. Er
-ist in seinem Leben so rasend nicht auf die Oekonomie
-gewesen; den ganzen ausgeschlagenen Tag auf dem Felde
-und wenn er nach Hause kommt, sitzt er stumm wie ein
-Stock. Glauben Sie, da ich anfange mir Gedanken drber
-zu machen.
-
-Graf.
-Er scheint melancholisch.
-
-Majorin.
-Wei es der Himmel--Neulich hatt' er wieder einmal
-den Einfall bey mir zu schlafen, und da ist er mitten
-in der Nacht aus dem Bett' aufgesprungen und hat sich--
-He he, ich soll es Ihnen nicht erzehlen, aber Sie
-kennen ja die lcherliche Seite von meinem Mann schon.
-
-Graf.
-Und hat sich ...
-
-Majorin.
-Auf die Knie niedergeworfen und an die Brust geschlagen
-und geschluchzt und geheult, da mir zu grauen anfieng.
-Ich hab ihn aber nicht fragen mgen, was gehen mich
-seine Narrheiten an? Mag er Pietist oder Quacker
-werden. Meinethalben! Er wird dadurch weder hlicher
-noch liebenswrdiger in meinen Augen werden, als er
-ist. (sieht den Grafen schalkhaft an)
-
-Graf. (fat sie ans Kinn)
-Bohafte Frau!--Aber wo ist Gustchen? Ich mchte gar
-zu gern mit ihr spatzieren gehn.
-
-Majorin.
-Still da kommt ja der Major ... Sie knnen mit ihm
-gehen, Graf.
-
-Graf.
-Denk doch--Ich will nun aber mit Ihrer Tochter gehn.
-
-Majorin.
-Sie wird noch nicht angezogen seyn: es ist was
-unausstehliches, wie faul das Mdchen ist--
-
-(Major von Berg kommt im Nachtwmmschen, einen
-Strohhut auf.)
-
-Majorin.
-Nun wie stehts, Mann? Wo treiben Sie Sich denn wieder
-herum? Man kriegt Sie ja den ganzen Tag nicht zu sehen.
-Sehn Sie ihn nur an Herr Graf; sieht er doch wie der
-Heavtontimorumenos in meiner groen Madame Dacier
-abgemahlt--Ich glaube, Du hast gepflgt, Herr Major?
-Wir sind itzt in den Hundstagen.
-
-Graf.
-In der That, Herr Major, Sie haben noch nie so bel
-ausgesehen, bla, hager, Sie mssen etwas haben, das
-Ihnen auf dem Gemth liegt, was bedeuten die Thrnen
-in Ihren Augen, sobald man Sie aufmerksam ansieht?
-Ich kenne Sie doch zehn Jahr schon und habe Sie nie
-so gesehen, selbst da nicht, als Ihr Bruder starb.
-
-Majorin.
-Geitz, nichts als der leidige Geitz, er meynt, wir
-werden verhungern, wenn er nicht tglich wie ein
-Maulwurf auf dem Felde whlt. Bald grbt er, bald
-pflgt er, bald eggt er. Du willst doch nicht Bauer
-werden? Du mut mir vorher einen andern Mann geben,
-der die Aufsicht ber Dich fhrt.
-
-Major.
-Ich mu wohl schaffen und scharren, meiner Tochter
-einen Platz im Hospital auszumachen.
-
-Majorin.
-Was sind das nun wieder fr Phantasien!--Ich mu
-wahrhaftig den Doktor Wrz noch aus Knigsberg holen
-lassen.
-
-Major.
-Du siehst nimmer nichts, vornehme Frau! da Dein Kind
-von Tag zu Tag abfllt, da sie Schnheit, Gesundheit
-und den ganzen Plunder verliert und dahergeht, als ob
-sie, hol mich der Teufel--Gott verzeyh mir meine
-schwere Snde,--als ob der arme Lazarus sie gemacht
-htte--Es frit mir die Leber ab--
-
-Majorin.
-Hren Sie ihn nur! Wie er mich anfhrt! Bin ich schuld
-daran? Bist du denn wahnwitzig?
-
-Major.
-Ja freylich bist Du schuld daran, oder was ist sonst
-schuld daran? Ich kann's, zerschlag mich der Donner!
-nicht begreifen. Ich dacht immer, ihr eine der ersten
-Parthien im Reich auszumachen; denn sie hat auf der
-ganzen Welt an Schnheit nicht ihres gleichen gehabt
-und nun sieht sie aus wie eine Khmagd--Ja freilich
-bist Du schuld daran mit Deiner Strenge und Deinen
-Grausamkeiten und Deinem Neid, das hat sie sich zu
-Gemth gezogen und das ist ihr nun zum Gesicht
-herausgeschlagen, aber das ist Deine Freude, gndige
-Frau, denn Du bist lang schalu ber sie gewesen. Das
-kannst Du doch nicht leugnen? Solltst Dich in Dein
-Herz schmen, wahrhaftig! (geht ab)
-
-Majorin.
-Aber ... aber was sagen Sie dazu, Herr Graf! Haben
-Sie in Ihrem Leben eine rgere Kollektion von Sottisen
-gesehen?
-
-Graf.
-Kommen Sie; wir wollen Piquet spielen, bis Frulein
-Gustchen angezogen ist..
-
-
-Siebente Scene.
-
-In Halle.
-Fritz von Berg. (im Gefngni) Bollwerk.
-von Seiffenblase und sein Hofmeister. (stehn um ihn)
-
-
-Bollwerk.
-Wenn ich doch den Jungen hier htte, da Fell zg'
-ich ihm ber die Ohren. Es ist mit alledem doch
-infam gehandelt, einen ehrlichen Jungen, wie Berg,
-ins Karcer zu bringen; da sich keiner sein hat
-annehmen wollen. Denn das ist ja wahr, kein einziger
-Landsmann hat den Fu vor die Thr seinethalben
-gesetzt. Wenn Berg nicht gut fr ihn gesagt htte,
-wr' er im Gefngni verfault. Und in vierzehn Tagen
-soll das Geld hier seyn und wo er den Berg in
-Verlegenheit lt, soll man ihn fr einen ausgemachten
-Schurken halten. O du verdammter P P P P Ptus!
-Wart Du verhenkerter Ptus, wart einmal!--
-
-Hofmeister.
-Ich kann Ihnen nicht genug beschreiben, lieber Herr
-von Berg, wie leyd es mir besonders um Ihres Herrn
-Vaters und der Familie willen thut, Sie in einem
-solchen Zustande zu sehen und noch dazu ohne Ihre
-Schuld, aus blosser jugendlicher Unbesonnenheit.
-Es hat schon einer von den sieben Weisen
-Griechenlandes gesagt, fr Brgschaften sollst du
-dich in Acht nehmen und in der That es ist nichts
-unverschmter, als da ein junger Durchbringer, der
-sich durch seine lderliche Wirthschaft ins Elend
-gestrzt hat, auch andere mit hineinziehen will,
-denn vermuthlich hat er das gleich anfangs im Sinne
-gehabt, als er auf der Akademie Ihre Freundschaft
-suchte.
-
-Herr von Seiffenblase.
-Jaja, lieber Bruder Berg! nimm mir nicht bel, da
-hast Du einen groen Bock gemacht. Du bist selbst
-schuld daran; dem Kerl httst Du's doch gleich
-ansehen knnen, da er Dich betrgen wrde. Er ist
-bey mir auch gewesen und hat mich angesprochen: er
-wr' aufs usserste getrieben, seine Kreditores
-wollten ihn wegstecken lassen, wo ihn nicht Sonn
-noch Mond beschiene. La sie dich, dachte ich, es
-schadt dir nichts. Das ist dafr, da Du uns sonst
-kaum ber die Achsel ansahst, aber wenn ihr in Noth
-seyd, da sind die Adelichen zu Kaventen gut genug.
-Er erzehlte mir Langes und Breites; er htte seine
-Pistolen schon geladen, im Fall die Kreditores ihn
-angriffen--Und nun lt der lderliche Hund Dich an
-seiner Stelle prostituiren. Das ist wahr, wenn mir
-das geschehen wre: ich knnte so ruhig nicht dabey
-seyn: zwischen vier Mauren der Herr von Berg und das
-um eines lderlichen Studenten willen.
-
-Fritz.
-Er war mein Schulkamerad--Lat ihn zufrieden. Wenn
-ich mich nicht ber ihn beklage, was geht's Euch an?
-Ich kenn' ihn lnger als Ihr; ich wei, da er mich
-nicht mit seinem guten Willen hier sitzen lt.
-
-Hofmeister.
-Aber, Herr von Berg, wir mssen in der Welt mit
-Vernunft handeln. Sein Schade ist es gewi nicht,
-da Sie hier fr ihn sitzen und seinethalben knnen
-Sie noch ein Sekulum so sitzen bleiben--
-
-Fritz.
-Ich hab' ihn von Jugend auf gekannt: wir haben uns
-noch niemals was abgeschlagen. Er hat mich wie seinen
-Bruder geliebt, ich ihn wie meinen. Als er nach Halle
-reite, weint' er zum erstenmal in seinem Leben, weil
-er nicht mit mir reisen konnte. Ein ganzes Jahr frher
-htt' er schon auf die Akademie gehn knnen, aber um
-mit mir zusammen zu reisen, stellt' er sich gegen
-die Prceptores dummer als er war, und doch wollt es
-das Schicksal und unsre Vter so, da wir nicht
-zusammen reiten und das war sein Unglck. Er hat nie
-gewut mit Geld umzugehen und gab jedem was er
-verlangte. Htt' ihm ein Bettler das letzte Hemd vom
-Leibe gezogen und dabey gesagt: mit Ihrer Erlaubnis,
-lieber Herr Ptus, er htt's ihm gelassen. Seine
-Kreditores giengen mit ihm um wie Strasenruber und
-sein Vater verdiente nie, einen verlornen Sohn zu
-haben, der bey all seinem Elend ein so gutes Herz
-nach Hause brachte.
-
-Hofmeister.
-O verzeyhn Sie mir, Sie sind jung und sehen alles noch
-aus dem vortheilhaftesten Gesichtspunkt an: man mu
-erst eine Weile unter den Menschen gelebt haben um
-Charaktere beurtheilen zu knnen. Der Herr Ptus, oder
-wie er da heit, hat sich Ihnen bisher immer nur unter
-der Maske gezeigt; jetzt kommt sein wahres Gesicht
-erst ans Tageslicht: er mu einer der feinsten und
-abgefeimtesten Betrger gewesen seyn, denn die
-treuherzigen Spitzbuben...
-
-Ptus. (in Reisekleidern fllt Berg um den Hals)
-Bruder Berg--
-
-Fritz v. Berg.
-Bruder Ptus--
-
-Ptus.
-Nein--la--zu Deinen Fen mu ich liegen--Dich
-hier--um meinetwillen. (rauft sich das Haar mit
-beyden Hnden und stampft mit den Fen) O Schicksal!
-Schicksal! Schicksal!
-
-Fritz.
-Nun wie ists? Hast Du Geld mitgebracht? Ist Dein
-Vater vershnt? Was bedeutet Dein Zurckkommen?
-
-Ptus.
-Nichts, nichts--Er hat mich nicht vor sich gelassen--
-Hundert Meilen umsonst gereit!--Ihr Diener, Ihr
-Herren. Bollwerk wein' nicht, Du erniedrigst mich zu
-tief, wenn Du gut fr mich denkst--O Himmel, Himmel!
-
-Fritz.
-So bist Du der rgste Narr, der auf dem Erdboden
-wandelt. Warum kommst Du zurck? Bist Du wahnwitzig?
-Haben alle Deine Sinne Dich verlassen? Willst Du, da
-die Kreditores Dich gewahr werden--Fort! Bollwerk,
-fhr ihn fort; sieh da Du ihn sicher aus der Stadt
-bringst--Ich hre den Pedell--Ptus, ewig mein Feind,
-wo Du nicht im Augenblick--
-
-Ptus. (wirft sich ihm zu Fen)
-
-Fritz.
-Ich mchte rasend werden.--
-
-Bollwerk.
-So sey doch nun kein Narr, da Berg so gromthig ist
-und fr Dich sitzen bleiben will; sein Vater wird ihn
-schon auslsen: aber wenn Du einmal sitzest, so ist
-keine Hofnung mehr fr Dich; Du must im Gefngni
-verfaulen.
-
-Ptus.
-Gebt mir einen Degen her ...
-
-Fritz.
-Fort!--
-
-Bollwerk.
-Fort!--
-
-Ptus.
-Ihr thut mir eine Barmherzigkeit, wenn ihr mir einen
-Degen--
-
-Seiffenblase.
-Da haben Sie meinen...
-
-Bollwerk. (greift ihn in den Arm)
-Herr--Schurke! Lassen Sie--Stecken Sie nicht ein!
-Sie sollen nicht umsonst gezogen haben. Erst will ich
-meinen Freund in Sicherheit und dann erwarten Sie mich
-hier--Drauen, wohl zu verstehen; also vor der Hand
-zur Thr hinaus! (wirft ihn zur Thr hinaus)
-
-Hofmeister.
-Mein Herr Bollwerk--
-
-Bollwerk.
-Kein Wort, Sie--gehen Sie Ihrem Jungen nach und lehren
-Sie ihn, kein schlechter Kerl seyn--Sie knnen mich
-haben wo und wie Sie wollen. (der Hofmeister geht ab)
-
-Ptus.
-Bollwerk! ich will Dein Sekundant seyn.
-
-Bollwerk.
-Narr auch! Du thust als--Willst Du mir den Handschuh
-vielleicht halten, wenn ich vorher eins bern Daumen
-pisse?--Was brauchts da Sekundanten. Komm nur fort
-und sekundire Dich zur Stadt hinaus, Hasenfu.
-
-Ptus.
-Aber ihrer sind zwey.
-
-Bollwerk.
-Ich wnschte, da ihrer zehn wren und keine
-Seiffenblasen drunter--So komm doch, und mach Dich
-nicht selbst unglcklich, nrrischer Kerl.
-
-Ptus.
-Berg!--(Bollwerk reit ihn mit sich fort)
-
-
-
-Dritter Akt.
-
-
-Erste Scene.
-
-In Heidelbrunn.
-
-Der Major. (im Nachtwmmschen) Der geheime Rath.
-
-
-Major.
-Bruder, ich bin der alte nicht mehr. Mein Herz sieht
-zehnmal toller aus als mein Gesicht--Es ist sehr gut,
-da Du mich besuchst; wer wei, ob wir uns so lang mehr
-sehen.
-
-Geh. Rath.
-Du bist immer ausschweifend, in allen Stcken--Dir
-ein Nichts so zu Herzen gehen zu lassen!--Wenn Deiner
-Tochter die Schnheit abgeht, so bleibt sie doch immer
-noch das gute Mdchen, das sie war; so kann sie hundert
-andre liebenswrdige Eigenschaften besitzen.
-
-Major.
-Ihre Schnheit--Hol mich der Teufel, es ist nicht
-das allein, was ihr abgeht; ich wei nicht, ich werde
-noch den Verstand verlieren, wenn ich das Mdchen
-lang unter Augen behalte. Ihre Gesundheit ist hin,
-ihre Munterkeit, ihre Lieblichkeit, wei der Teufel,
-wie man das Dings all nennen soll; aber obschon ichs
-nicht nennen kann, so kann ichs doch sehen, so kann
-ichs doch fhlen und begreifen, und Du weist, da ich
-aus dem Mdchen meinen Abgott gemacht habe. Und da
-ich sie so sehn mu unter meinen Hnden hinsterben,
-verwesen.--(weint) Bruder geheimer Rath, Du hast keine
-Tochter; Du weit nicht, wie einem Vater zu Muth seyn
-mu, der eine Tochter hat. Ich hab dreyzehn Bataillen
-beygewohnt und achtzehn Blessuren bekommen, und hab
-den Tod vor Augen gesehen und bin--O la mich
-zufrieden; pack Dich zu meinem Haus hinaus; la die
-ganze Welt sich fortpacken. Ich will es anstecken
-und die Schaufel in die Hand nehmen und Bauer werden.
-
-Geh. Rath.
-Und Frau und Kinder--
-
-Major.
-Du beliebst zu scherzen: ich wei von keiner Frau und
-Kindern, ich bin Major Berg gottseligen Andenkens und
-will den Pflug in die Hand nehmen und will Vater Berg
-werden, und wer mir zu nahe kommt, dem geb ich mit
-meiner Hack' ber die Ohren.
-
-Geh. Rath.
-So schwermerisch-schwermthig hab ich ihn doch nie
-gesehen.
-
-(Die Majorin sttzt herein.)
-
-Majorin.
-Zu Hlfe Mann--Wir sind verloren--Unsere Familie!
-unsere Familie!
-
-Geh. Rath.
-Gott beht Frau Schwester! Was stehen Sie an: Wollen
-Sie Ihren Mann rasend machen?
-
-Majorin.
-Er soll rasend werden--Unsere Familie--Infamie!--
-O ich kann nicht mehr--(fllt auf einen Stuhl)
-
-Major. (geht auf sie zu)
-Willst Du mit der Sprach' heraus?--Oder ich dreh Dir
-den Hals um.
-
-Majorin.
-Deine Dochter--Der Hofmeister.--Lauf! (fllt in Ohnmacht)
-
-Major.
-Hat er sie zur Hure gemacht? (schttelt sie) Was fllst
-Du da hin; jetzt ists nicht Zeit zum hinfallen. Heraus
-mit, oder das Wetter soll Dich zerschlagen. Zur Hure
-gemacht? Ists das?--Nun so werd' denn die ganze Welt
-zur Hure und Du Berg nimm die Mistgabel in die Hand--
-(will gehen)
-
-Geh. Rath. (hlt ihn zurck)
-Bruder, wenn Du Dein Leben lieb hast, so bleib hier--
-Ich will alles untersuchen--Deine Wut macht Dich
-unmndig. (geht ab und schliet die Thr zu)
-
-Major. (arbeitet vergebens sie aufzumachen)
-Ich werd Dich beunmndig--(zu seiner Frau) Komm, komm,
-Hure, Du auch! sieh zu. (reit die Thr auf) Ich will
-ein Exempel statuiren--Gott hat mich bis hieher
-erhalten, damit ich an Weib und Kindern Exempel
-statuiren kann--Verbrannt, verbrannt, verbrannt!
-(schleppt seine Frau ohnmchtig vom Theater)
-
-
-Zweyte Scene.
-
-Eine Schule im Dorf
-Es ist finstrer Abend.
-Wenzeslaus. Luffer.
-
-
-Wenzeslaus. (sitzt an einem Tisch, die Brill auf der
-Nase und lineirt)
-Wer da? Was giebts?
-
-Luffer.
-Schutz! Schutz! werther Herr Schulmeister! Man steht
-mir nach dem Leben.
-
-Wenzeslaus.
-Wer ist Er denn?
-
-Luffer.
-Ich bin Hofmeister im benachbarten Schlo. Der Major
-Berg ist mit all seinen Bedienten hinter mir und wollen
-mich erschieen.
-
-Wenzeslaus.
-Behte--Setz' Er Sich hier nieder zu mir--Hier hat
-Er meine Hand: Er soll sicher bey mir seyn--Und nun
-erzehl Er mir, derweil ich diese Vorschrift hier
-schreibe.
-
-Luffer.
-Lassen Sie mich erst zu mir selber kommen.
-
-Wenzeslaus.
-Gut, verschnauf' Er Sich und hernach will ich Ihm ein
-Glas Wein geben lassen und wollen eins zusammen trinken.
-Unterdessen, sag er mich doch--Hofmeister--(legt das
-Lineal weg, nimmt die Brille ab und sieht ihn eine
-Weile an) Nun ja, nach dem Rock zu urtheilen.--Nun
-nun, ich glaubs Ihm, da Er der Hofmeister ist. Er
-sieht ja so roth und wei drein. Nun sag Er mir aber
-doch, mein lieber Freund, (setzt die Brille wieder auf)
-wie ist Er denn zu dem Unstern gekommen, da Sein Herr
-Patron so entrstet auf Ihn ist? Ich kann mirs doch
-nimmermehr einbilden, da ein Mann, wie der Herr Major
-von Berg--Ich kenne ihn wohl; ich habe genug von ihm
-reden hren; er soll freilich von einem hastigen
-Temperament seyn; viel Cholera, viel Cholera--Sehen
-Sie, da mu ich meinen Buben selber die Linien ziehen,
-denn nichts lernen die Bursche so schwer als das
-Gradeschreiben, das Gleichschreiben--Nicht zierlich
-geschrieben; nicht geschwind geschrieben; sag' ich
-immer, aber nur grad geschrieben, denn das hat seinen
-Einflu in alles, auf die Sitten, auf die Wissenschaften,
-in alles, lieber Herr Hofmeister. Ein Mensch, der nicht
-grad schreiben kann, sag' ich immer, der kann auch nicht
-grad handeln--Wo waren wir?
-
-Luffer.
-Drft' ich mir ein Glas Wasser ausbitten?
-
-Wenzeslaus.
-Wasser?--Sie sollen haben. Aber--ja wovon redten wir?
-Vom Gradschreiben; nein vom Major--he he he--Aber
-wissen Sie auch Herr--Wie ist Ihr Name?
-
-Luffer.
-Mein--Ich heie--Mandel.
-
-Wenzeslaus.
-Herr Mandel--Und darauf muten Sie Sich noch besinnen?
-Nun ja, man hat bisweilen Abwesenheiten des Geistes;
-besonders die jungen Herren wei und roth--Sie heien
-unrecht Mandel; Sie sollten Mandelblthe heien, denn
-Sie sind ja wei und roth wie Mandelblthe--Nun ja
-freilich, der Hofmeisterstand ist einer von denen,
-unus ex his, die alleweile mit Rosen und Lilien
-berstreut sind, und wo einen die Dornen des Lebens
-nur gar selten stechen. Denn was hat man zu thun? Man
-it, trinkt, schlft, hat fr nichts zu sorgen; sein
-gut Glas Wein gewi, seinen Braten tglich, alle
-Morgen seinen Kaffee, Thee, Schokolade, oder was man
-trinkt und das geht denn immer so fort--Nun ja, ich
-wollt Ihnen sagen: wissen Sie auch, Herr Mandel, da
-ein Glas Wasser der Gesundheit eben so schdlich auf
-eine heftige Gemthsbewegung als auf eine heftige
-Leibesbewegung; aber freylich, was fragt Ihr jungen
-Herren Hofmeister nach der Gesundheit--Denn sagt mir
-doch, (legt Brille und Lineal weg und steht auf) wo
-in aller Welt kann das der Gesundheit gut thun, wenn
-alle Nerven und Adern gespannt sind und das Blut ist
-in der heftigsten Cirkulation und die Lebensgeister
-sind alle in einer--Hitze, in einer--
-
-Luffer.
-Um Gotteswillen der Graf Wermuth--(springt in eine
-Kammer)
-
-(Graf Wermuth mit ein Paar Bedienten, die Pistolen
-tragen)
-
-Graf.
-Ist hier ein gewisser Luffer--Ein Student im blauen
-Rock mit Tressen?
-
-Wenzeslaus.
-Herr, in unserm Dorf ists die Mode, da man den Hut
-abzieht, wenn man in die Stube tritt und mit dem Herrn
-vom Hause spricht.
-
-Graf.
-Die Sache pressirt--Sagt mir, ist er hier oder nicht?
-
-Wenzeslaus.
-Und was soll er denn verbrochen haben, da Ihr ihn so
-mit gewafneter Hand sucht?(Graf will in die Kammer, er
-stellt sich vor die Thr) Halt Herr! Die Kammer ist
-mein, und wo Ihr nicht augenblicklich Euch aus meinem
-Hause packt, so zieh ich nur an meiner Schelle und
-ein halb Dutzend handfester Bauerkerle schlgt Euch
-zu morsch Pulver-Granatenstcken. Seyd Ihr Strassenruber,
-so mu man Euch als Strassenrubern begegnen. Und damit
-Ihr Euch nicht verirrt und den Weg zum Haus' hinaus so
-gut findt als Ihr ihn hinein gefunden habt--(fat ihn
-an die Hand und fhrt ihn zur Thr hinaus: die Bedienten
-folgen ihm)
-
-Luffer. (springt aus der Kammer hervor)
-Glcklicher Mann! Beneidenswerther Mann!
-
-Wenzeslaus. (in der obigen Attitude)
-In--Die Lebensgeister sagt' ich, sind in einer--
-Begeisterung, alle Passionen sind gleichsam in einer
-Emprung, in einem Aufruhr--Nun wenn Ihr da Wasser
-trinkt, so gehts, wie wenn man in eine mchtige Flamme
-Wasser schttet. Die starke Bewegung der Luft und der
-Krieg zwischen den beyden entgegengesetzten Elementen
-macht eine Effervescenz, eine Ghrung, eine Unruhe,
-ein tumultuarisches Wesen.--
-
-Luffer.
-Ich bewundere Sie...
-
-Wenzeslaus.
-Gottlieb!--Jetzt knnen Sie schon allgemach trinken--
-Allgemach--und denn werden Sie auf den Abend mit einem
-Sallat und Knackwurst vorlieb nehmen--Was war das fr
-ein ungeschliffener Kerl, der nach Ihnen suchte?
-
-Luffer.
-Es ist der Graf Wermuth, der knftige Schwiegersohn des
-Majors; er ist eiferschtig auf mich, weil das Frulein
-ihn nicht leiden kann--
-
-Wenzeslaus.
-Aber was soll denn das auch? Was will das Mdchen denn
-auch mit ihm Monsieur Jungfernknecht? Sich ihr Glck zu
-verderben, um eines solchen jungen Siegfrieds willen,
-der nirgends Haus oder Heerd hat? Das la Er sich aus
-dem Kopf und folg' Er mir nach in die Kche. Ich seh,
-mein Bube ist fortgangen, mir Bratwrste zu holen. Ich
-will ihm selber Wasser schpfen, denn Magd hab' ich
-nicht und an eine Frau hab' ich mich noch nicht
-unterstanden zu denken, weil ich wei, da ich keine
-ernhren kann--geschweige denn eine drauf angesehen,
-wie Ihr junge Herren Wei und Roth--Aber man sagt wohl
-mit Recht, die Welt verndert sich.
-
-
-Dritte Scene.
-
-In Heidelbrunn.
-Der Geheime Rath. Herr von Seiffenblase, und sein
-Hofmeister.
-
-
-Hofmeister.
-Wir haben uns in Halle nur ein Jahr aufgehalten und
-als wir von Gttingen kamen, nahmen wir unsere Rckreise
-ber alle berhmte Universitten in Deutschland. Wir
-konnten also in Halle das zweytemal nicht lange
-verweilen; zudem sa Ihr Herr Sohn grade zu der Zeit
-in dem unglcklichen Arrest, wo ich ihn nur einigemal
-zu sprechen die Ehre haben konnte: also knnt ich Ihnen
-aufrichtig von der Fhrung Dero Herrn Sohns draussen
-keine umstndliche Nachricht geben.
-
-Geh. Rath.
-Der Himmel verhngt Strafen ber unsre ganze Familie.
-Mein Bruder--Ich wills Ihnen nur nicht verheelen,
-denn leider ist Stadt und Land voll davon--hat das
-Unglck gehabt, da seine Tochter ihm verschwunden ist,
-ohne da eine Spur von ihr anzutreffen--Ich hre itzt
-von meinem Sohn--Wenn er sich gut gefhrt htte, wie
-wrs mglich gewesen, ihn ins Gefngni zu bringen?
-Ich hab ihm ausser seinem starken Wechsel noch alle
-halbe Jahr auerordentliche geschickt; auf allen Fall--
-
-Hofmeister.
-Die bsen Gesellschaften; die erstaunenden Verfhrungen
-auf Akademien.
-
-Seiffenblase.
-Das seltsamste dabey ist, da er fr einen andern sitzt;
-ein Ausbund aller Lderlichkeit, ein Mensch, fr den
-ich keinen Groschen ausgbe und er auf meinem Misthaufen
-Hungers krepirte. Er ist hier gewesen, Sie werden von
-ihm gehrt haben; er suchte Geld bey seinem Vater,
-unter dem Vorwand, Ihren Herrn Sohn auszulsen;
-vermuthlich wr' er damit auf eine andere Akademie
-gegangen und htte von frischem angefangen zu
-wirthschaften. Ich wei schon, wie's die lderlichen
-Studenten machen, aber sein Vater hat den Braten gerochen
-und hat ihn nicht vor sich kommen lassen.
-
-Geh. Rath.
-Doch wohl nicht der junge Ptus, des Rathsherrn Sohn?
-
-Seiffenblase.
-Ich glaub', es ist derselbe.
-
-Geh. Rath.
-Jedermann hat dem Vater die Hrte verdacht.
-
-Hofmeister.
-Ja was ist da zu verdenken, mein gndiger Herr geheimer
-Rath; wenn ein Sohn die Gte des Vaters zu sehr
-misbraucht, so mu sich das Vaterherz wohl ab von ihm
-wenden. Der Hohepriester Eli war nicht hart und brach
-den Hals.
-
-Geh. Rath.
-Gegen die Ausschweifungen seiner Kinder kann man nie
-zu hart seyn, aber wol gegen ihr Elend. Der junge Mensch
-soll hier haben betteln mssen. Und mein Sohn sitzt um
-seinetwillen?
-
-Seiffenblase.
-Was anders? Er war sein vertrautester Freund und fand
-niemand wrdiger, mit ihm die Komdie von DAMON und
-PYTHIAS zu spielen. Noch mehr, Herr Ptus kam zurck
-und wollte seinen Platz wieder einnehmen, aber Ihr
-Sohn bestund drauf, er wollte sitzen bleiben: Sie
-wrden ihn schon auslsen, und Ptus mit einem andern
-Erzrenomisten und Spieler wollten die Flucht nehmen
-und sich zu helfen suchen, so gut sie knnten.
-Vielleicht berfallen sie wieder so irgend einen
-armen Studenten mit Masken vor den Gesichtern auf der
-Stube und nehmen ihm die Uhr und Goldbrse, mit der
-Pistol auf der Brust, weg, wie sie's in Halle schon
-einem gemacht haben.
-
-Geh. Rath.
-Und mein Sohn ist der dritte aus diesem Kleeblatt?
-
-Seiffenblase.
-Ich wei nicht, Herr geheimer Rath.
-
-Geh. Rath.
-Kommen Sie zum Essen, meine Herren! Ich wei schon
-zuviel. Es ist ein Gericht Gottes ber gewisse Familien;
-bey einigen sind gewisse Krankheiten erblich, bey
-andern arten die Kinder aus, die Vter mgen thun was
-sie wollen. Essen Sie: ich will fasten und bethen,
-vielleicht hab' ich diesen Abend durch die
-Ausschweifungen meiner Jugend verdient.
-
-
-Vierte Scene.
-
-Die Schule.
-Wenzeslaus und Luffer.
-(an einem ungedeckten Tisch speisend)
-
-
-Wenzeslaus.
-Schmeckts? Nicht wahr, es ist ein Abstand von meinem
-Tisch und des Majors? Aber wenn der Schulmeister
-Wenzeslaus seine Wurst it, so hilft ihm das gute
-Gewissen verdauen, und wenn der Herr Mandel
-Kapaunenbraten mit der Schampignonsauce a, so stie
-ihm sein Gewissen jeden Bissen, den er hinabschluckte,
-mit der Moral wieder in Hals zurck: Du bist ein--
-Denn sagt mir einmal, lieber Herr Mandel; nehmt mir
-nicht bel, da ich Euch die Wahrheit sage; das wrzt
-das Gesprch wie Pfeffer den Gurkensallat; sagt mir
-einmal, ist das nicht hundsvttisch, wenn ich davon
-berzeugt bin, da ich ein Ignorant bin, und meine
-Untergebenen nichts lehren kann, und also mig bey
-ihnen gehe und sie mig gehen lasse, und dem lieben
-Gott ihren Tag stehlen und doch hundert Dukaten--
-Wars nicht soviel? Gott verzeyh mir, ich hab in meinem
-Leben nicht so viel Geld auf einem Haufen beisammen
-gesehen! Hundert funfzig Dukaten, sag' ich, in Sack
-stecke, fr nichts und wieder nichts!
-
-Luffer.
-O! und Sie haben noch nicht alles gesagt, Sie kennen
-Ihren Vorzug nicht ganz, oder fhlen ihn, ohn' ihn zu
-kennen. Haben Sie nie einen Sklaven im betreten Rock
-gesehen? O Freyheit, gldene Freyheit!
-
-Wenzeslaus.
-Ey was Freyheit! Ich bin auch so frey nicht; ich bin
-an meine Schule gebunden, und mu Gott und meinem
-Gewissen Rechenschaft von geben.
-
-Luffer.
-Eben das--Aber wie, wenn Sie den Grillen eines
-wunderlichen Kopfs davon Rechenschaft ablegen msten,
-der mit Ihnen umgienge hundertmal rger als Sie mit
-Ihren Schulknaben?
-
-Wenzeslaus.
-Ja nun--dann mst' er aber auch an Verstand so weit
-ber mich erhaben seyn, wie ich ber meine Schulknaben,
-und das trift man selten, glaub ich wol; besonders
-bey unsern Edelleuten; da mgt Ihr wohl recht haben:
-wenigstens der Flegel da, der mir vorhin in meine
-Kammer wollte, ohne mich vorher um Erlaubni zu bitten.
-Wenn ich zum Herrn Grafen kme und wollt ihm, mir
-nichts, dir nichts, die Zimmer visitiren--Aber potz
-Millius, so et doch; Ihr macht ja ein Gesicht, als
-ob Ihr zu Taxieren einnhmt. Nicht wahr, Ihr httet
-gern ein Glas Wein dazu? Ich hab Euch zwar vorhin eins
-versprochen, aber ich habe keinen im Hause. Morgen
-werd' ich wieder bekommen, und da trinken wir Sonntags
-und Donnerstags, und wenn der Organist Franz zu uns
-kommt, extra. Wasser, Wasser, mein Freund, ariston men
-to udwr, das hab ich noch von der Schule mitgebracht,
-und da eine Pfeife dazu geraucht nach dem Essen im
-Mondenschein und einen Gang ums Feld gemacht; da lt
-sich drauf schlafen, vergngter als der groe Mogul--
-Ihr raucht doch eins mit heut?
-
-Luffer.
-Ich wills versuchen; ich hab' in meinem Leben nicht
-geraucht.
-
-Wenzeslaus.
-Ja freylich, Ihr Herren Wei und Roth, das verderbt
-Euch die Zhne. Nicht wahr? und verderbt Euch die
-Farbe; nicht wahr? Ich habe geraucht, als ich kaum
-von meiner Mutter Brust entwhnt war; die Warze mit
-dem Pfeifenmundstck verwechselt. He he he! Das ist
-gut wider die bse Luft und wider die bsen Begierden
-ebenfalls. Das ist so meine Dit: des Morgens kalt
-Wasser und eine Pfeife, dann Schul gehalten bis Eilfe,
-dann wieder eine Pfeife bis die Suppe fertig ist: die
-kocht mir mein Gottlieb so gut als Eure franzsische
-Kche, und da ein Stck Gebratenes und Zugemse und
-dann wieder eine Pfeife, dann wieder Schul gehalten,
-dann Vorschriften geschrieben bis zum Abendessen; da
-e' ich denn gemeiniglich kalt etwas, eine Wurst mit
-Sallat, ein Stck Ks oder was der liebe Gott gegeben
-hat und dann wieder eine Pfeife vor Schlafengehen.
-
-Luffer.
-Gott behte, ich bin in eine Tabagie gekommen--
-
-Wenzeslaus.
-Und da werd' ich dick und fett bey und lebe vergngt
-und denke noch ans Sterben nicht.
-
-Luffer.
-Es ist aber doch unverantwortlich, da die Obrigkeit
-nicht dafr sorgt, Ihnen das Leben angenehmer zu machen.
-
-Wenzeslaus.
-Ey was, es ist nun einmal so; und damit mu man zufrieden
-seyn: bin ich doch auch mein eignet Herr und hat kein
-Mensch mich zu schikanieren, da ich alle Tage wei,
-da ich mehr thu' als ich soll. Ich soll meinen Buben
-lesen und schreiben lehren; ich lehre sie rechnen dazu
-und lateinisch dazu und mit Vernunft lesen dazu und
-gute Sachen schreiben dazu.
-
-Luffer.
-Und was fr Lohn haben Sie dafr?
-
-Wenzeslaus.
-Was fr Lohn?--Will Er denn das kleine Stckchen Wurst
-da nicht aufessen? Er kriegt nichts bessers; wart' Er
-auf nichts bessers, oder Er mu das erstemal Seines
-Lebens hungrig zu Bette gehn--Was fr Lohn? Das war
-dumm gefragt, Herr Mandel. Verzeyh Er mir; was fr
-Lohn? Gottes Lohn hab ich dafr, ein gutes Gewissen
-und wenn ich da vielen Lohn von der Obrigkeit begehren
-wollte, so htt' ich ja meinen Lohn dahin. Will Er
-denn den Gurkensallat durchaus verderben lassen? So
-e Er doch; so sey Er doch nicht blde: bey einer
-schmalen Mahlzeit mu man zum Kuckuck nicht blde seyn.
-Wart Er, ich will Ihm noch ein Stck Brod abschneiden.
-
-Luffer.
-Ich bin satt berhrig.
-
-Wenzeslaus.
-Nun so la Ers stehen; aber es ist seine eigne Schuld
-wenn's nicht wahr ist. Und wenn es wahr ist, so hat Er
-unrecht, da Er Sich berhrig satt it, denn das macht
-bse Begierden und schlfert den Geist ein. Ihr Herren
-Wei und Roth mgts glauben oder nicht. Man sagt zwar
-auch vom Toback, da er ein narkotisches,
-schlfrigmachendes, dummmachendes Oel habe und ich
-hab's bisweilen auch wol so wahrgefunden und bin
-versucht worden, Pfeife und allen Henker ins Kamin
-zu werfen, aber unsere Nebel hier herum bestndig und
-die feuchte Winter- und Herbstluft alleweile und denn
-die vortrefliche Wirkung, die ich davon verspre, da
-es zugleich die bsen Begierden mit einschlfert--
-Holla, wo seyd Ihr denn, lieber Mann? Eben da ich vom
-Einschlfern rede, nickt Ihr schon; so gehts, wenn
-der Kopf leer ist und faul dabey und niemals ist
-angestrengt worden. Allons! frisch, eine Pfeife mit
-mir geraucht! (stopft sich und ihm) Lat uns noch
-eins mit einander plaudern. (raucht) Ich hab Euch
-schon vorhin in der Kche sagen wollen: ich sehe,
-da Ihr schwach in der Latinitt seyd, aber da Ihr
-doch eine gute Hand schreibt, wie Ihr sagt, so knntet
-Ihr mir doch so Abends an die Hand gehen, weil ich
-meiner Augen mu anfangen zu schonen, und meinen
-Buben die Vorschriften schreiben. Ich will Euch
-dabey Corderii Colloquia geben und Grtleri Lexicon;
-wenn Ihr fleiig seyn wollt. Ihr habt ja den ganzen
-Tag fr Euch, so knnt Ihr Euch in der lateinischen
-Sprache was umthun, und wer wei wenn es Gott gefllt
-mich heute oder morgen von der Welt zu nehmen--Aber
-Ihr mt fleiig seyn, das sag' ich Euch, denn so
-seyd Ihr ja noch kaum zum Kollaborator tchtig,
-geschweige denn--(trinkt)
-
-Luffer. (legt die Pfeife weg)
-Welche Demthigung!
-
-Wenzeslaus.
-Aber ... aber ... aber (reit ihm den Zahnstocher aus
-dem Munde) was ist denn das da? Habt Ihr denn noch nicht
-einmal so viel gelernt, groer Mensch, da Ihr fr Euren
-eignen Krper Sorge tragen knnt. Das Zhnestochern ist
-ein Selbstmord; ja ein Selbstmord, eine muthwillige
-Zersthrung Jerusalems, die man mit seinen Zhnen
-vornimmt. Da, wenn Euch was im Zahn sitzen bleibt:
-(nimmt Wasser und schwngt den Mund aus) So mt Ihrs
-machen, wenn Ihr gesunde Zhne behalten wollt, Gott
-und eurem Nebenmenschen zu Ehren, und nicht einmal im
-Alter herumlaufen, wie ein alter Kettenhund, dem die
-Zhne in der Jugend ausgebrochen worden, und der die
-Kinnbacken nicht zusammenhalten kann. Das wird einen
-schnen Schulmeister abgeben, wills Gott, wenn ihm
-aufs Alter die Worte ungebohren zum Munde herausfallen
-und er zwischen Nase und Oberlippen da was
-herausschnarcht, das kein Hund oder Hahn versteht.
-
-Luffer.
-Der wird mich noch zu Tode meistern--Das unertrglichste
-ist, da er Recht hat--
-
-Wenzeslaus.
-Nun wie gehts? Schmeckt Euch der Toback nicht? Ich
-wette, nur ein paar Tage noch mit dem alten Wenzeslaus
-zusammen, so werdt Ihr rauchen wie ein Bootsknecht.
-Ich will Euch nach meiner Hand ziehen, da Ihr Euch
-selber nicht mehr wieder kennen sollt.
-
-
-
-Vierter Akt.
-
-
-Erste Scene.
-
-Zu Insterburg.
-
-Geheimer Rath. Major.
-
-
-Major.
-Hier Bruder--Ich schweife wie Kain herum, unstt und
-flchtig--Weit Du was? Die Russen sollen Krieg mit
-den Trken haben; ich will nach Knigsberg gehn, um
-nhere Nachrichten einzuziehen: ich will mein Weib
-verlassen und in der Trkey sterben.
-
-Geh. Rath.
-Deine Ausschweifungen schlagen mich vollends zu Boden.--
-O Himmel, mu es denn von allen Seiten strmen?--Da li
-den Brief vom Professor Mr.
-
-Major.
-Ich kann nicht mehr lesen; ich hab meine Augen fast
-blind geweint.
-
-Geh. Rath.
-So will ich dir vorlesen, damit Du siehst, da Du nicht
-der einzige Vater seyst, der sich zu beklagen hat: "Ihr
-Sohn ist vor einiger Zeit wegen Brgschaft gefnglich
-eingezogen worden: er hat, wie er mir vorgestern mit
-Thrnen gestanden, nach fnf vergeblich geschriebenen
-Briefen keine Hofnung mehr, von Eurer Excellenz
-Verzeihung zu erhalten. Ich redte ihm zu, sich zu
-beruhigen, bis ich gleichfalls in dieser Sache mich
-vermittelt htte: er versprach es mir, ist aber
-ungeachtet dieses Versprechens noch in derselben Nacht
-heimlich aus dem Gefngni entwischt. Die Schuldner
-haben ihm Steckbriefe nachsenden und seinen Namen in
-allen Zeitungen bekannt machen wollen; ich habe sie
-aber dran verhindert und fr die Summe gutgesagt, weil
-ich viel zu sehr berzeugt bin, da Eure Excellenz
-diesen Schimpf nicht werden auf Dero Familie kommen
-lassen. Uebrigens habe die Ehre, in Erwartung Dero
-Entschlusses mich mit vollkommenster" ...
-
-Major.
-Schreib ihm zurck: sie sollen ihn hngen.
-
-Geh. Rath.
-Und die Familie--
-
-Major.
-Lcherlich! Es giebt keine Familie; wir haben keine
-Familie. Narrenspossen! Die Russen sind meine Familie:
-ich will Griechisch werden.
-
-Geh. Rath.
-Und noch keine Spur von Deiner Tochter?
-
-Major.
-Was sagst Du?
-
-Geh. Rath.
-Hast nicht die geringste Nachricht von Deiner Tochter?
-
-Major.
-La mich zufrieden.
-
-Geh. Rath.
-Es ist doch Dein Ernst nicht, nach Knigsberg zu reisen?
-
-Major.
-Wenn mag doch die Post abgehn von Knigsberg nach Warschau?
-
-Geh. Rath.
-Ich werde Dich nicht fortlassen; es ist nur umsonst.
-Meynst Du, vernnftige Leute werden sich von Deinen
-Phantasien bertlpeln lassen? Ich kndige Dir hiermit
-Hausarrest an. Gegen Leute, wie Du bist, mu man Ernst
-gebrauchen, sonst verwandelt sich ihr Gram in Narrheit.
-
-Major. (weint)
-Ein ganzes Jahr--Bruder geheimer Rath--Ein ganzes
-Jahr--und niemand wei, wohin sie gestoben oder geflogen
-ist?
-
-Geh. Rath.
-Vielleicht todt--
-
-Major.
-Vielleicht?--Gewi todt--und wenn ich nur den Trost
-haben knnte, sie noch zu begraben--aber sie mu sich
-selbst umgebracht haben, weil mir niemand Anzeige von
-ihr geben kann.--Eine Kugel durch den Kopf, Berg, oder
-einen Trkenpallasch; das wr eine Victorie.
-
-Geh. Rath.
-Es ist ja eben so wohl mglich, da sie den Luffer
-irgendwo angetroffen und mit dem aus dem Lande gegangen.
-Gestern hat mich Graf Wermuth besucht und hat mir gesagt,
-er sey denselben Abend noch in eine Schule gekommen, wo
-ihn der Schulmeister nicht hab' in die Kammer lassen
-wollen: er vermuthet immer noch, der Hofmeister habe
-drinn gesteckt, vielleicht Deine Tochter bey ihm.
-
-Major.
-Wo ist der Schulmeister? Wo ist das Dorf? Und der
-Schurke von Grafen ist nicht mit Gewalt in die Kammer
-eingedrungen? Komm: wo ist der Graf?
-
-Geh. Rath.
-Er wird wohl wieder im Hecht abgestiegen seyn, wie
-gewhnlich.
-
-Major.
-O wenn ich sie auffnde--Wenn ich nur hoffen knnte,
-sie noch einmal wieder zu sehen--Hol mich der Kuckuk,
-so alt wie ich bin und abgegrmt und wahnwitzig; ja hol
-mich der Teufel, dann wollt' ich doch noch in meinem
-Leben wieder einmal lachen, das letztemal laut lachen
-und meinen Kopf in ihren entehrten Schoo legen und
-denn wieder einmal heulen und denn--Adieu Berg! Das
-wre mir gestorben, das hie mir sanft und selig im
-Herrn entschlafen.--Komm Bruder, Dein Junge ist nur
-ein Spitzbube geworden: das ist nur Kleinigkeit; an
-allen Hfen giebts Spitzbuben; aber meine Tochter ist
-eine Gassenhure, das hei' ich einem Vater Freud machen:
-vielleicht hat sie schon drey Lilien auf dem Rcken.--
-Vivat die Hofmeister und da der Teufel sie holt! Amen.
-
-(gehn ab)
-
-
-Zweite Scene.
-
-Eine Bettlerhtte im Walde.
-Augustchen. (im groben Kittel.)
-Marthe. (ein alt blindes Weib)
-
-
-Gustchen.
-Liebe Marthe, bleibt zu Hause und seht wohl nach dem
-Kinde: es ist das erstemal, da ich Euch allein lasse
-in einem ganzen Jahr; also knnt Ihr mich nun wohl
-auch einmal einen Gang fr mich thun lassen. Ihr habt
-Proviant fr heut und Morgen; Ihr braucht also heute
-nicht auf der Landstra auszustehn.
-
-Marthe.
-Aber wo wollt Ihr denn hin, Grethe; das Gott erbarm!
-da Ihr noch so krank und so schwach seyd; lat Euch
-doch sagen: ich hab auch Kinder bekommen und ohne viele
-Schmerzen, so wie Ihr, Gott sey Dank! aber einmal hab
-ichs versucht, den zweyten Tag nach der Niederkunft
-auszugehen und nimmermehr wieder; ich hatte schon meinen
-Geist aufgegeben, wahrlich ich knne Euch sagen, wie
-einem Todten zu Muthe ist--Lat Euch doch lehren; wenn
-Ihr was im nchsten Dorf zu bestellen habt, obschon ich
-blind bin, ich will schon hinfinden; bleibt nur zu Hause
-und macht da Ihr zu Krften kommt: ich will alles fr
-Euch ausrichten, was es auch sey.
-
-Gustchen.
-Lat mich nur, Mutter; ich hab Krfte wie eine junge
-Brin--und seht nach meinem Kinde.
-
-Marthe.
-Aber wie soll ich denn darnach sehen, Heilige Mutter
-Gottes! da ich blind bin? Wenn es wird saugen wollen,
-soll ichs an meine schwarze verwelkte Zitzen legen?
-und es mit zu nehmen, habt Ihr keine Krfte, bleibt zu
-Hause, liebes Grethel, bleibt zu Hause.
-
-Gustchen.
-Ich darf nicht, liebe Mutter, mein Gewissen treibt mich
-fort von hier. Ich hab' einen Vater, der mich mehr
-liebt als sein Leben und seine Seele. Ich habe die
-vorige Nacht im Traum gesehen, da er sich die weissen
-Haare ausri und Blut in den Augen hatte: er wird
-meynen, ich sey todt. Ich mu ins Dorf und jemand
-bitten, da er ihm Nachricht von mir giebt.
-
-Marthe.
-Aber hilf lieber Gott, wer treibt Euch denn? Wenn Ihr
-nun unterwegens liegen bleibt? Ihr knnt nicht fort...
-
-Gustchen.
-Ich mu--Mein Vater stand wankend; auf einmal warf
-er sich auf die Erde und blieb todt liegen--Er bringt
-sich um, wenn er keine Nachricht von mir bekommt.
-
-Marthe.
-Wit Ihr denn nicht, da Trume grade das Gegentheil
-bedeuten?
-
-Gustchen.
-Bey mir nicht--Lat mich--Gott wird mit mir seyn.
-(geht ab)
-
-
-Dritte Scene.
-
-Die Schule.
-Wenzeslaus. Luffer. (an einem Tisch sitzend) Der Major.
-Der Geheime Rath und Graf Wermuth.
-(treten herein mit Bedienten)
-
-
-Wenzeslaus. (lt die Brille fallen)
-Wer da?
-
-Major. (mit gezogenem Pistol)
-Da Dich das Wetter! da sitzt der Haas im Kohl. (schiet
-und trift Luffern in Arm, der vom Stuhl fllt)
-
-Geh. Rath. (der vergeblich versucht hat ihn zurckzuhalten)
-Bruder--(stt ihn unwillig) So hab's denn darnach,
-Tollhusler!
-
-Major.
-Was? ist er todt? (schlgt sich vors Gesicht) Was hab
-ich gethan? Kann Er mir keine Nachricht mehr von meiner
-Tochter geben?
-
-Wenzeslaus.
-Ihr Herren! Ist das jngste Gericht nahe, oder sonst
-etwas? Was ist das? (zieht an seiner Schelle) Ich will
-Euch lehren, einen ehrlichen Mann in seinem Hause
-berfallen.
-
-Luffer.
-Ich beschwr' Euch: schellt nicht!--Es ist der Major;
-ich hab's an seiner Tochter verdient.
-
-Geh. Rath.
-Ist kein Chirurgus im Dorf, ehrlicher Schulmeister! Er
-ist nur am Arm verwundet, ich will ihn kuriren lassen.
-
-Wenzeslaus.
-Ey was kuriren lassen! Straenruber! schiet man Leute
-bern Haufen, weil man so viel hat, da man sie kuriren
-lassen kann? Er ist mein Kollaborator; er ist eben ein
-Jahr in meinem Hause: ein stiller, friedfertiger,
-fleiiger Mensch, und sein Tage hat man nichts von ihm
-gehrt, und Ihr kommt und erschiet mir meinen Kollaborator
-in meinem eignen Hause!--Das soll gerochen werden, oder
-ich will nicht selig sterben. Seht Ihr das!
-
-Geh. Rath. (bemht Luffern zu verbinden)
-Wozu das Geschwtz, lieber Mann? Es thut uns leyd genug--
-Aber die Wunde knnte sich verbluten, schaft uns nur
-einen Chirurgus.
-
-Wenzeslaus.
-Ey was! Wenn Ihr Wunden macht, so mgt Ihr sie auch
-heilen, Strassenruber! Ich mu doch nur zum Gevatter
-Schpsen gehen. (geht ab)
-
-Major. (zu Luffern)
-Wo ist meine Tochter?
-
-Luffer.
-Ich wei es nicht.
-
-Major.
-Du weit nicht? (zieht noch eine Pistol hervor)
-
-Geh. Rath. (entreit sie ihm und schiet sie aus dem
-Fenster ab)
-Sollen wir Dich mit Ketten binden lassen, Du--
-
-Luffer.
-Ich habe sie nicht gesehen, seit ich aus Ihrem Hause
-geflchtet bin; das bezeug' ich vor Gott, vor dessen
-Gericht ich vielleicht bald erscheinen werde.
-
-Major.
-Also ist sie nicht mit Dir gelaufen?
-
-Luffer.
-Nein.
-
-Major.
-Nun denn; so wieder eine Ladung Pulver umsonst verschossen!
-Ich wollt, sie wre Dir durch den Kopf gefahren, da Du
-kein gescheutes Wort zu reden weit, Lumpenhund! Lat
-ihn liegen und kommt bis ans Ende der Welt. Ich mu
-meine Tochter wieder haben, und wenn nicht in diesem
-Leben, doch in jener Welt, und da soll mein hochweiser
-Bruder und mein hochweiseres Weib mich wahrhaftig nicht
-von abhalten (luft fort.)
-
-Geh. Rath.
-Ich darf ihn nicht aus den Augen lassen. (wirft Luffern
-einen Beutel zu) Lassen Sie Sich davon kuriren, und
-bedenken Sie, da Sie meinen Bruder weit gefhrlicher
-verwundet haben, als er Sie. Es ist ein Bankozettel
-drin, geben Sie Acht drauf und machen ihn sich zu Nutz
-so gut Sie knnen. (gehn alle ab)
-
-(Wenzeslaus kmmt mit dem Barbier Schpsen und einigen
-Bauerkerlen)
-
-Wenzeslaus.
-Wo ist das Otterngezchte? Redet!
-
-Luffer.
-Ich bitt Euch, seyd ruhig. Ich habe weit weniger bekommen,
-als meine Thaten werth waren. Meister Schpsen, ist
-meine Wunde gefhrlich?
-
-(Schpsen besieht sie)
-
-Wenzeslaus.
-Was denn? Wo sind sie? Das leid ich nicht; nein, das
-leid ich nicht und sollt es mich Schul und Amt und Haar
-und Bart kosten. Ich will sie zu Morsch schlagen, die
-Hunde--Stellen Sie Sich vor, Herr Gevatter; wo ist das
-in aller Welt in iure naturae, und in iure civili, und
-im iure canonico, und im iure gentium, und wo Sie
-wollen, wo ist das erhrt, da man einem ehrlichen Mann
-in sein Haus fllt und in eine Schule dazu; an heiliger
-Sttte--Gefhrlich; nicht wahr? Haben Sie sondirt? Ists?
-
-Schpsen.
-Es liee sich viel drber sagen--nun doch wir wollen
-sehen--am Ende wollen wir schon sehen.
-
-Wenzeslaus.
-Ja Herr, he he, in fine videbitur cuius toni; das heit,
-wenn er wird todt seyn, oder wenn er vllig gesund seyn
-wird, da wollen Sie uns erst sagen, ob die Wunde
-gefhrlich war oder nicht: das ist aber nicht medicinisch
-gesprochen; verzeyh Er mir. Ein tchtiger Arzt mu das
-Dings vorher wissen, sonst sag' ich ihm ins Gesicht: er
-hat seine Pathologie oder Chirurgie nur so halbwege
-studirt und ist mehr in die Bordells gangen, als in
-die Kollegia; denn in amore omnia insunt vitia, und
-wenn ich einen Ignoranten sehe, er mag seyn aus was
-fr einer Fakultt er wolle, so sag' ich immer: er ist
-ein Jungfernknecht gewesen; ein Hurenhengst; das la'
-ich mir nicht ausreden.
-
-Schpsen. (nachdem er die Wunde noch einmal besichtigt)
-Ja die Wunde ist, nachdem man sie nimmt--Wir wollen
-sehen, wir wollen sehen.
-
-Luffer.
-Hier, Herr Schulmeister! hat mir des Majors Bruder einen
-Beutel gelassen, der ganz schwer von Dukaten ist und
-obenein ist ein Bankozettel drinn--Da sind wir auf viel
-Jahre geholfen.
-
-Wenzeslaus. (hebt den Beutel)
-Nun das ist etwas--Aber Hausgewalt bleibt doch
-Hausgewalt und Kirchenraub, Kirchenraub--Ich will
-ihm einen Brief schreiben, dem Herrn Major. den er
-nicht ins Fenster stecken soll.
-
-Schpsen. (der sich die Weil' ber vergessen und eifrig
-nach dem Beutel gesehen, fllt wieder ber die Wunde her)
-Sie wird sich endlich schon kuriren lassen, aber sehr
-schwer, hoff' ich, sehr schwer--
-
-Wenzeslaus.
-Das hoff' ich nicht, Herr Gevatter Schpsen; das frcht'
-ich, das frcht' ich--aber ich will Ihm nur zum voraus
-sagen, da wenn Er die Wunde langsam kurirt, so kriegt
-Er auch langsame Bezahlung; wenn Er ihn aber in zwey
-Tagen wieder auf frischen Fu stellt, so soll Er auch
-frisch bezahlt werden; darnach kann Er sich richten.
-
-Schpsen.
-Wir wollen sehen.
-
-
-Vierte Scene.
-
-
-Gustchen. (liegend, an einem Teich mit Gestruch umgeben)
-Soll ich denn hier sterben?--Mein Vater! Mein Vater!
-gieb mir die Schuld nicht, da Du nicht Nachricht von
-mir bekmmst. Ich hab meine letzten Krfte angewandt--
-sie sind erschpft--Sein Bild, o sein Bild steht mir
-immer vor den Augen! Er ist todt, ja todt--und fr Gram
-um mich--Sein Geist ist mir diese Nacht erschienen,
-mir Nachricht davon zu geben--mich zur Rechenschaft
-dafr zu fodern--Ich komme, ja ich komme. (raft sich
-auf und wirft sich in Teich.)
-
-Major. (von weitem)
-Geh. Rath und Graf Wermuth. (folgen ihm)
-
-Major.
-Hey! hoh! da giengs in Teich--Ein Weibsbild wars und
-wenn gleich nicht meine Tochter, doch auch ein
-unglcklich Weibsbild--Nach, Berg! Das ist der Weg
-zu Gustchen oder zur Hlle! (springt ihr nach)
-
-Geh. Rath. (kommt)
-Gott im Himmel! was sollen wir anfangen?
-
-Graf Wermuth.
-Ich kann nicht schwimmen.
-
-Geh. Rath.
-Auf die andere Seite!--Mich deucht, er haschte das
-Mdchen ... Dort--dort hinten im Gebsch.--Sehen Sie
-nicht? Nun treibt er den Teich mit ihr hinunter--Nach!
-
-
-Fnfte Scene.
-
-(Eine andere Seite des Teichs, Hinter der Scene Geschrey.)
-"Hlfe! 's meine Tochter! Sakkerment und all das Wetter!
-Graf! reicht mir doch die Stange:
-da Euch die schwere Noth."
-
-Major Berg. (trgt Gustchen aufs Theater)
-Geheimer Rath und Graf. (folgen)
-
-Major.
-Da!--(setzt sie nieder. Geheimer Rath und Graf suchen
-sie zu ermuntern) Verfluchtes Kind! habe ich das an Dir
-erziehen mssen! (kniet nieder bey ihr) Gustel! was
-fehlt Dir? Hast Wasser eingeschluckt? Bist noch mein
-Gustel?--Gottlose Kanaille! Httst Du mir nur ein
-Wort vorher davon gesagt; ich htte dem Lausejungen
-einen Adelbrief gekauft, da httet ihr knnen zusammen
-kriechen.--Gott beht! so helft ihr doch; sie ist ja
-ohnmchtig. (springt auf, ringt die Hnde; umhergehend)
-Wenn ich nur wst', wo der maledeyte Chirurgus vom Dorf
-anzutreffen wre.--Ist sie noch nicht wach?
-
-Gustchen. (mit schwacher Stimme)
-Mein Vater!
-
-Major.
-Was verlangst Du?
-
-Gustchen.
-Verzeihung.
-
-Major. (geht auf sie zu)
-Ja verzeih Dirs der Teufel, ungerathenes Kind.--Nein,
-(kniet wieder bey ihr) fall nur nicht hin, mein Gustel--
-mein Gustel! Ich verzeih Dir; ist alles vergeben und
-vergessen--Gott wei es: ich verzeih Dir--Verzeih Du
-mir nur! Ja aber nun ists nicht mehr zu ndern. Ich hab
-dem Hundsvott eine Kugel durch den Kopf geknallt.
-
-Geh. Rath.
-Ich denke, wir tragen sie fort.
-
-Major.
-Lat stehen! Was geht sie euch an? Ist sie doch Eure
-Tochter nicht. Bekmmert Euch um Euer Fleisch und Bein
-daheime. (Er nimmt sie auf die Arme) Da Mdchen--Ich
-sollte wohl wieder nach dem Teich mit Dir--(schwenkt
-sie gegen den Teich zu) aber wir wollen nicht eher
-schwimmen als bis wir's Schwimmen gelernt haben, meyn'
-ich.--(drckt sie an sein Herz) O du mein einzig
-theurester Schatz! Da ich dich wieder in meinen Armen
-tragen kann, gottlose Kanaille! (trgt sie fort)
-
-
-Sechste Scene.
-
-In Leipzig.
-Fritz von Berg. Ptus.
-
-
-Fritz.
-Das einzige, was ich an Dir auszusetzen habe, Ptus.
-Ich habe Dirs schon lang sagen wollen: untersuche Dich
-nur selbst; was ist die Ursach zu all Deinem Unglck
-gewesen? Ich tadle es nicht, wenn man sich verliebt. Wir
-sind in den Jahren; wir sind auf der See, der Wind treibt
-uns, aber die Vernunft mu immer am Steuerruder bleiben,
-sonst jagen wir auf die erste beste Klippe und scheitern.
-Die Hamstern war eine Kokette, die aus Dir machte, was
-sie wollte; sie hat Dich um Deinen letzten Rock, um
-Deinen guten Namen und um den guten Namen Deiner Freunde
-dazu gebracht: ich dchte, da httest Du klug werden
-knnen. Die Rehaarin ist ein unverfhrtes unschuldiges
-jugendliches Lamm: wenn man gegen ein Herz, das sich
-nicht vertheidigen will, noch vertheidigen kann, alle
-mgliche Batterien spielen lt, um es--was soll ich
-sagen? zu zerstren, einzuschern, das ist unrecht,
-Bruder Ptus, das ist unrecht. Nimm mirs nicht bel,
-wir knnen so nicht gute Freunde zusammen bleiben. Ein
-Mann, der gegen ein Frauenzimmer es so weit treibt,
-als er nur immer kann, ist entweder ein Theekessel oder
-ein Bsewicht; ein Theekessel, wenn er sich selbst nicht
-beherrschen kann, die Ehrfurcht, die er der Unschuld
-und Tugend schuldig ist, aus den Augen zu setzen: oder
-ein Bsewicht, wenn er sich selbst nicht beherrschen
-will und wie der Teufel im Paradiese sein einzig Glck
-darin setzt, ein Weib ins Verderben zu strzen.
-
-Ptus.
-Predige nur nicht, Bruder! Du hast Recht; es reuet mich,
-aber ich schwre Dir, ich kann drauf fluchen, da ich
-das Mdchen nicht angerhrt habe.
-
-Fritz.
-So bist Du doch zum Fenster hineingestiegen und die
-Nachbarn habens gesehen, meynst Du, ihre Zunge wird so
-verschmt seyn, wie Deine Hand vielleicht gewesen ist?
-Ich kenne Dich, ich wei, so dreust Du scheinst, bist
-Du doch blde gegen's Frauenzimmer und darum lieb ich
-Dich: aber wenns auch nichts mehr wre, als da das
-Mdchen ihren guten Namen verliert, und eine
-Musikantentochter dazu, ein Mdchen, das alles von
-der Natur empfieng: vom Glck nichts, der ihre einzige
-Aussteuer, ihren guten Namen, zu rauben--Du hast
-sie unglcklich gemacht, Ptus.--
-
-(Herr Rehaar kommt, eine Laute unterm Arm.)
-
-Rehaar.
-Ergebener Diener von Ihnen; ergebener Diener, Herr von
-Berg, wnsche schnen guten Morgen. Wie haben Sie
-geschlafen und wie stehts Konzertchen? (setzt sich
-und stimmt) Haben Sie's durchgespielt? (stimmt) Ich
-habe die Nacht einen helichen Schrecken gehabt, aber
-ich wills dem eingedenk seyn.--Sie kennen ihn wohl,
-es ist einer von ihren Landsleuten. Twing, twing. Das
-ist eine verdammte Quinte! Will sie doch mein Tage
-nicht recht tnen; ich will Ihnen Nachmittag eine andere
-bringen.
-
-Fritz. (setzt sich mit seiner Laute)
-Ich hab das Koncert noch nicht angesehen.
-
-Rehaar.
-Ey Ey, faules Herr von Bergchen, noch nicht angesehen?
-Twing! Nachmittag bring ich Ihnen eine andre. (legt die
-Laute weg und nimmt eine Prise) Man sagt: die Trken
-sind ber die Donau gegangen und haben die Russen brav
-zurckgepeitscht, bis--Wie heit doch nun der Ort?
-Bis Otschakof, glaub' ich; was wei ich? so viel sag
-ich Ihnen, wenn Rehaar unter ihnen gewesen wre, was
-meynen Sie? Er wre noch weiter gelaufen. Ha ha ha!
-(nimmt die Laute wieder) Ich sag Ihnen, Herr von Berg,
-ich hab keine grere Freude, als wenn ich wieder einmal
-in der Zeitung lese, da eine Armee gelaufen ist. Die
-Russen sind brave Leute, da sie gelaufen sind; Rehaar
-wr auch gelaufen und alle gescheute Leute, denn wozu
-ntzt das Stehen und sich todtschlagen lassen, ha ha ha.
-
-Fritz.
-Nicht wahr, das ist der erste Grif?
-
-Rehaar.
-Ganz recht; den zweiten Finger etwas mehr bergelegt und
-mit dem kleinen abgerissen, so--Rund, rund den Triller,
-rund Herr von Bergchen--Mein seliger Vater pflegt' immer
-zu sagen, ein Musikus mu keine Kourage haben, und ein
-Musikus der Herz hat, ist ein Hundsfut. Wenn er sein
-Konzertchen spielen kann und seinen Marsch gut blst--
-Das hab' ich auch dem Herzog von Kurland gesagt, als
-ich nach Petersburg gieng, das erstemal in der Suite
-vom Prinzen Czartorinsky, und vor ihm spielen mute.
-Ich mu noch lachen; als ich in den Saal kam und wollt'
-ihm mein tief tief Kompliment machen, sah' ich nicht,
-da der Fuboden von Spiegel war und die Wnde auch von
-Spiegel, und fiel herunter wie ein Stck Holz und schlug
-mir ein gewaltig Loch in Kopf: da kamen die Hofkavaliere
-und wollten mich drber necken. Leidt das nicht, Rehaar,
-sagte der Herzog, Ihr habt ja einen Degen an der Seite;
-leidt das nicht. Ja, sage ich, Ew. Herzoglichen Majestt,
-mein Degen ist seit Anno Dreiig nicht aus der Scheide
-gekommen, und ein Musikus braucht den Degen nicht zu
-ziehen, denn ein Musikus, der Herz hat und den Degen
-zieht, ist ein Hundsfut und kann sein Tag auf keinem
-Instrument was vor sich bringen--Nein, nein, das dritte
-Chor wars, k, k, so--Rein, rein, den Triller rund und
-den Daumen unten nicht bewegt, so--
-
-Ptus. (der sich die Zeit ber seitwrts gehalten,
-tritt hervor und bietet Rehaar die Hand)
-Ihr Diener, Herr Rehaar; wie gehts?
-
-Rehaar. (hebt sich mit der Laute)
-Ergebener Die--Wie solls gehen, Herr Ptus? Toujours
-content, jamais d'argent: das ist des alten Rehaars
-Sprichwort, wissen Sie, und die Herren Studenten wissens
-alle; aber darum geben sie mir doch nichts--Der Herr
-Ptus ist mir auch noch schuldig, von der letzten
-Serenade, aber er denkt nicht dran...
-
-Ptus.
-Sie sollen haben, liebster Rehaar; in acht Tagen erwart'
-ich unfehlbar meinen Wechsel.
-
-Rehaar.
-Ja, Sie haben schon lang gewartet, Herr Ptus, und
-Wechselchen ist doch nicht kommen. Was ist zu thun,
-man mu Geduld haben, ich sag immer, ich begegne
-keinem Menschen mit so viel Ehrfurcht als einem
-Studenten: denn ein Student ist nichts, das ist wahr,
-aber es kann doch alles aus ihm werden. (er legt die
-Laute auf den Tisch und nimmt eine Prise) Aber was
-haben Sie mir denn gemacht, Herr Ptus? Ist das recht;
-ist das auch honett gehandelt? Sind mir gestern zum
-Fenster hineingestiegen, in meiner Tochter Schlafkammer.
-
-Ptus.
-Was denn, Vaterchen? ich? ...
-
-Rehaar. (lt die Dose fallen)
-Ja ich will Dich bevaterchen und ich werd' es gehrigen
-Orts zu melden wissen, Herr, da seyn Sie versichert.
-Meiner Tochter Ehr' ist mir lieb und es ist ein honettes
-Mdchen, hol's der Henker! und wenn ichs nur gestern
-gemerkt htte oder wr' aufgewacht, ich htt Euch zum
-Fenster hinausgehenselt, da Ihr das Unterste zu Oberst--
-Ist das honett, ist das ehrlich? Pfuy Teufel, wenn ich
-Student bin, mu ich mich auch als Student auffhren,
-nicht als ein Schlingel--Da haben mirs die Nachbarn
-heut gesagt: ich dacht ich sollte den Schlag drber
-kriegen, Augenblicks hat mir das Mdchen auf den
-Postwagen mssen und das nach Kurland zu ihrer Tante;
-ja nach Kurland, Herr, denn hier ist ihre Ehr' hin und
-wer zahlt mir nun die Reisekosten? Ich habe warhaftig
-den ganzen Tag keine Laut' anrhren knnen und ber
-die funfzehn Quinten sind mir heut gesprungen. Ja Herr,
-ich zittere noch am ganzen Leibe und Herr Ptus, ich
-will ein Hhnchen mit Ihnen pflcken. Es soll nicht
-so bleiben; ich will Euch Schlingeln lehren ehrlicher
-Leute Kinder verfhren.
-
-Ptus.
-Herr, schimpf Er nicht, oder--
-
-Rehaar.
-Sehen Sie nur an, Herr von Berg! sehn Sie einmal an--
-wenn ich nun Herz htte, ich fodert' ihn augenblicklich
-vor die Klinge--Sehen Sie, da steht er und lacht mir
-noch in die Zhne obenein. Sind wir denn unter Trken
-und Heiden, da ein Vater nicht mehr mit seiner Tochter
-sicher ist? Herr Ptus, Sie sollen mirs nicht umsonst
-gethan haben, ich sags Ihnen und sollts bis an den
-Kuhrfrsten selber kommen. Unter die Soldaten mit
-solchen lderlichen Hunden! Dem Kalbsfell folgen,
-das ist gescheidter! Schlingel seyd ihr und keine
-Studenten!
-
-Ptus. (giebt ihm eine Ohrfeige)
-Schimpf Er nicht; ich habs Ihm fnfmal gesagt!.
-
-Rehaar. (springt auf, das Schnupftuch vorm Gesicht)
-So? Wart--Wenn ich doch nur den rothen Fleck
-behalten knnte, bis ich vorn Magnifikus komme--
-Wenn ich ihn doch nur acht Tage behalten knnte,
-da ich nach Dresden reise und ihn dem Kuhrfrsten
-zeige--Wart, es soll Dir zu Hause kommen, wart,
-wart--Ist das erlaubt? (weint) Einen Lautenisten
-zu schlagen? weil er Dir seine Tochter nicht geben
-will, da Du Lautchen auf ihr spielen kannst?--Wart,
-ich wills seiner Kuhrfrstlichen Majestt sagen, da
-Du mich ins Gesicht geschlagen hast. Die Hand soll
-Dir abgehauen werden--Schlingel! (luft ab, Ptus
-will ihm nach; Fritz hlt ihn zurck)
-
-Fritz.
-Ptus! Du hast schlecht gehandelt. Er war beleidigter
-Vater, Du httest ihn schonen sollen.
-
-Ptus.
-Was schimpfte der Schurke?
-
-Fritz.
-Schimpfliche Handlungen verdienen Schimpf. Er konnte
-die Ehre seiner Tochter auf keine andere Weise rchen,
-aber es mchten sich Leute finden--
-
-Ptus.
-Was? Was fr Leute?
-
-Fritz.
-Du hast sie entehrt, Du hast ihren Vater entehrt. Ein
-schlechter Kerl, der sich an Weiber und Musikanten wagt,
-die noch weniger als Weiber sind.
-
-Ptus.
-Ein schlechter Kerl?
-
-Fritz.
-Du sollst ihm ffentlich abbitten.
-
-Ptus.
-Mit meinem Stock.
-
-Fritz.
-So werd ich Dir in seinem Namen antworten.
-
-Ptus. (schreyt)
-Was willst Du von mir?
-
-Fritz.
-Genugthuung fr Rehaarn.
-
-Ptus.
-Du wirst mich doch nicht zwingen wollen; einfltiger
-Mensch--
-
-Fritz.
-Ja, ich will Dich zwingen, kein Schurke zu seyn.
-
-Ptus.
-Du bist einer--Du mut Dich mit mir schlagen.
-
-Fritz.
-Herzlich gern--wenn Du Rehaarn nicht Satisfaktion giebst.
-
-Ptus.
-Nimmermehr.
-
-Fritz.
-Es wird sich zeigen.
-
-
-
-Fnfter Akt.
-
-
-Erste Scene.
-
-Die Schule.
-Luffer. Marthe. (ein Kind auf dem Arm)
-
-
-Marthe.
-Um Gotteswillen! helft einer armen blinden Frau und
-einem unschuldigen Kinde, das seine Mutter verloren hat.
-
-Luffer. (giebt ihr was)
-Wie seyd Ihr denn hergekommen, da Ihr nicht sehen knnt?
-
-Marthe.
-Mhselig genug. Die Mutter dieses Kindes war meine
-Leiterin; sie gieng eines Tags aus dem Hause, zwey Tage
-nach ihrer Niederkunft, Mittags gieng sie fort und wollt'
-auf den Abend wiederkommen, sie soll noch wiederkommen.
-Gott schenk ihr die ewige Freud und Herrlichkeit!
-
-Luffer.
-Warum thut Ihr den Wunsch?
-
-Marthe.
-Weil sie todt ist, das gute Weib; sonst htte sie ihr
-Wort nicht gebrochen. Ein Arbeitsmann vom Hgel ist mir
-begegnet, der hat sie sich in Teich strzen sehen. Ein
-alter Mann ist hinter ihr drein gewesen und hat sich
-nachgestrzt; das mu wohl ihr Vater gewest seyn.
-
-Luffer.
-O Himmel! Welch ein Zittern--Ist das ihr Kind?
-
-Marthe.
-Das ist es; sehen Sie nur, wie rund es ist, von lauter
-Kohl und Rben aufgefttert. Was sollt' ich Arme machen;
-ich konnt' es nicht stillen, und da mein Vorrath auf
-war, macht' ichs wie Hagar, nahm das Kind auf die
-Schulter und gieng auf Gottes Barmherzigkeit.
-
-Luffer.
-Gebt es mir auf den Arm--O mein Herz!--Da ichs an
-mein Herz drcken kann--Du gehst mir auf, furchtbares
-Rtzel! (nimmt das Kind auf den Arm und tritt damit vor
-den Spiegel) Wie? dies wren nicht meine Zge? (fllt
-in Ohnmacht; das Kind fngt an zu schreyen)
-
-Marthe.
-Fallt Ihr hin? (hebt das Kind vom Boden auf) Suchen,
-mein liebes Suchen! (das Kind beruhigt sich) Hrt! was
-habt Ihr gemacht? Er antwortet nicht: ich mu doch um
-Hlfe rufen; ich glaube, ihm ist weh worden. (geht hinaus)
-
-
-Zweyte Scene.
-
-Ein Wldchen vor Leipzig.
-Fritz von Berg und Ptus. (stehn mit gezogenem Degen)
-Rehaar.
-
-
-Fritz.
-Wird es bald?
-
-Ptus.
-Willst Du anfangen?
-
-Fritz.
-Sto Du zuerst.
-
-Ptus. (wirft den Degen weg)
-Ich kann mich mit Dir nicht schlagen.
-
-Fritz.
-Warum nicht? Nimm ihn auf. Hab ich Dich beleidigt, so
-mu ich Dir Genugthuung geben.
-
-Ptus.
-Du magst mich beleidigen wie Du willst, ich brauch
-keine Genugthuung von Dir.
-
-Fritz.
-Du beleidigst mich.
-
-Ptus. (rennt auf ihn zu und umarmt ihn)
-Liebster Berg! Nimm es fr keine Beleidigung, wenn
-ich Dir sage, Du bist nicht im Stande mich zu beleidigen.
-Ich kenne Dein Gemth--und ein Gedanke daran macht mich
-zur feigsten Memme auf dem Erdboden. La uns gute
-Freunde bleiben, ich will mich gegen den Teufel selber
-schlagen, aber nicht gegen Dich.
-
-Fritz.
-So gieb Rehaarn Satisfaktion, eh zieh' ich nicht ab
-von hier.
-
-Ptus.
-Das will ich herzlich gern, wenn er's verlangt.
-
-Fritz.
-Er ist immatrikulirt, wie Du; Du hast ihn ins Gesicht
-geschlagen--Frisch Rehaar, zieht!
-
-Rehaar. (zieht)
-Ja, aber er mu seinen Degen da nicht aufheben.
-
-Fritz.
-Sie sind nicht gescheidt. Wollen Sie gegen einen
-Menschen ziehen, der sich nicht wehren kann?
-
-Rehaar.
-Ey la die gegen bewehrte Leute ziehen, die Kourage
-haben. Ein Musikus mu keine Kourage haben, und Herr
-Ptus, Er soll mir Satisfaktion geben--(stt auf
-ihn zu. Ptus weicht zurck) Satisfaktion geben.
-(stt Ptus in den Arm. Fritz legirt ihm den Degen)
-
-Fritz.
-Jetzt seh' ich, da Sie Ohrfeigen verdienen, Rehaar.
-Pfuy!
-
-Rehaar.
-Ja was soll ich denn machen, wenn ich kein Herz habe?
-
-Fritz.
-Ohrfeigen einstecken und das Maul halten.
-
-Ptus.
-Still Berg! ich bin nur geschrammt. Herr Rehaar, ich
-bitt Sie um Verzeyhung. Ich htte Sie nicht schlagen
-sollen, da ich wute, da Sie nicht im Stande waren,
-Genugthuung zu fodern; vielweniger htt' ich Ihnen
-Ursache geben sollen, mich zu schimpfen. Ich gesteh's,
-diese Rache ist noch viel zu gering fr die
-Beleidigungen, die ich Ihrem Hause angethan: ich will
-sehen, sie auf eine bessere Weise gut zu machen, wenn
-das Schicksal meinen guten Vorstzen beysteht. Ich
-will Ihrer Tochter nachreisen; ich will sie heyrathen.
-In meinem Vaterlande wird sich schon eine Stelle fr
-mich finden, und wenn auch mein Vater bey seinen
-Lebzeiten sich nicht besnftigen liee, so ist mir
-doch eine Erbschaft von funfzehntausend Gulden gewi.
-(umarmt ihn). Wollen Sie mir Ihre Tochter bewilligen?
-
-Rehaar.
-Ey was! ich hab nichts dawider, wenn Ihr ordentlich
-und ehrlich um sie anhaltet, und im Stand seyd, sie zu
-versorgen--Ha ha ha! hab' ichs doch mein Tag gesagt:
-mit den Studenten ist gut auskommen. Die haben doch
-noch Honnettett im Leibe, aber mit den Officiers--
-Die machen einem Mdchen ein Kind und krht nicht Hund
-oder Hahn nach: das macht, weil sie alle kuraschse
-Leute seyn, und sich mssen todtschlagen lassen. Denn
-wer Kourage hat, der ist zu allen Lastern fhig.
-
-Fritz.
-Sie sind ja auch Student. Kommen Sie; wir haben lange
-keinen Punsch zusammen gemacht; wir wollen auf die
-Gesundheit Ihrer Tochter trinken.
-
-Rehaar.
-Ja und Ihr Lautenkonzertchen dazu, Herr von Bergchen.
-Ich hab Ihnen jetzt drey Stund nach einander geschwnzt,
-und weil ich auch honett denke, so will ich heute dafr
-drey Stunden nach einander auf Ihrem Zimmerchen bleiben
-und wollen Lautchen spielen, bis dunkel wird.
-
-Ptus.
-Und ich will die Violin dazu streichen.
-
-
-Dritte Scene.
-
-Die Schule.
-Luffer. (liegt zu Bette.)
-Wenzeslaus.
-
-
-Wenzeslaus.
-Das Gott! was giebts schon wieder, da Ihr mich von
-der Arbeit abrufen lat? Seyd Ihr schon wieder schwach?
-Ich glaube, das alte Weib war eine Hexe.--Seit der
-Zeit habt Ihr keine gesunde Stunde mehr.
-
-Luffer.
-Ich werd' es wohl nicht lange mehr machen.
-
-Wenzeslaus.
-Soll ich Gevatter Schpsen rufen lassen?
-
-Luffer.
-Nein.
-
-Wenzeslaus.
-Liegt Euch was auf dem Gewissen? Sagt mirs, entdeckt
-mirs, unverholen.--Ihr blickt so scheu umher, da es
-einem ein Grauen einjagt; frigidus per ossa--Sagt mir,
-was ists?--Als ob er jemand todt geschlagen htte--
-Was verzerrt Ihr denn die Lineamenten so--Beht Gott,
-ich mu doch nur zu Schpsen--
-
-Luffer.
-Bleibt--Ich wei nicht, ob ich recht gethan--Ich
-habe mich kastrirt...
-
-Wenzeslaus.
-Wa--Kastrir--Da mach ich Euch meinen herzlichen
-Glckwunsch drber, vortreflich, junger Mann, zweiter
-Origenes! La Dich umarmen, theures, auserwhltes
-Rstzeug! Ich kann's Euch nicht verheelen, fast--fast
-kann ich dem Heldenvorsatz nicht widerstehen, Euch
-nachzuahmen. So recht, werther Freund! Das ist die
-Bahn, auf der Ihr eine Leuchte der Kirche, ein Stern
-erster Gre, ein Kirchenvater selber werden knnt.
-Ich glckwnsche euch, ich ruf Euch ein Jubilate und
-Evo zu, mein geistlicher Sohn--Wr' ich nicht ber
-die Jahre hinaus, wo der Teufel unsern ersten und
-besten Krften sein arglistiges Netz ausstellt, gewi
-ich wrde mich keinen Augenblick bedenken.--
-
-Luffer.
-Bey alle dem, Herr Schulmeister, gereut es mich.
-
-Wenzeslaus.
-Wie, es gereut Ihn? Das sey ferne, werther Herr Mitbruder!
-Er wird eine so edle That doch nicht mit thrichter Reue
-verdunkeln und mit sndlichen Thrnen besudeln? Ich seh
-schon welche ber Sein Augenlied hervorquellen. Schluck'
-Er sie wieder hinunter und sing' Er mit Freudigkeit:
-ich bin der Nichtigkeit entbunden, nun Flgel, Flgel,
-Flgel her. Er wird es doch nicht machen wie Lots Weib
-und sich wieder nach Sodom umsehen, nachdem Er einmal
-das friedfertige stille Zoar erreicht hat? Nein, Herr
-Kollega; ich mu Ihm auch nur sagen, da Er nicht der
-einzige ist, der den Gedanken gehabt hat. Schon unter
-den blinden Juden war eine Sekte, zu der ich mich gern
-ffentlich bekannt htte, wenn ich nicht befrchtet,
-meine Nachbarn und meine armen Lmmer in der Schule
-damit zu rgern: auch hatten sie freilich einige
-Schlacken und Thorheiten dabey, die ich nun eben nicht
-mitmachen mchte. Zum Exempel, da sie des Sonntags
-nicht einmal ihre Nothdurft verrichteten, welches doch
-wider alle Regeln einer vernnftigen Dit ist, und halt'
-ichs da lieber mit unserm seligen Doktor Luther: was
-hinaufsteigt, das ist fr meinen lieben Gott, aber was
-hinunter geht, Teufel, das ist fr Dich--Ja wo war ich?
-
-Luffer.
-Ich frchte, meine Bewegungsgrnde waren von andrer Art ...
-Reue, Verzweiflung--
-
-Wenzeslaus.
-Ja, nun hab ichs--Die Esser, sag' ich, haben auch
-nie Weiber genommen; es war eins von ihren Grundgesetzen
-und dabey sind sie zu hohem Alter kommen, wie solches
-im Josephus zu lesen. Wie die es nun angefangen, ihr
-Fleisch so zu bezhmen; ob sie es gemacht, wie ich,
-nchtern und mssig gelebt und brav Toback geraucht,
-oder ob sie Euren Weg eingeschlagen--So viel ist
-gewi, in amore, in amore omnia insunt vitia und ein
-Jngling, der diese Klippe vorbeyschifft, Heil, Heil
-ihm, ich will ihm Lorbeern zuwerfen; lauro tempora
-cingam et sublimi fronte sidera pulsabit.
-
-Luffer.
-Ich frcht', ich werd' an dem Schnitt sterben mssen.
-
-Wenzeslaus.
-Mit nichten, da sey Gott fr. Ich will gleich zu
-Gevatter Schpsen. Der Fall wird ihm freylich noch
-nie vorgekommen seyn, aber hat er Euch euren Arm kurirt,
-welches doch eine Wunde war, die nicht zu eurer
-Wohlfarth diente, so wird ja Gott auch ihm Gnade zu
-einer Kur geben, die Euer ewiges Seelenheil befrdern
-wird. (geht ab)
-
-Luffer.
-Sein Frohlocken verwundet mich mehr als mein Messer.
-O Unschuld, welch' eine Perle bist du! Seit ich dich
-verloren, that ich Schritt auf Schritt in der Leidenschaft
-und endigte mit Verzweiflung. Mchte dieser Letzte mich
-nicht zum Tode fhren, vielleicht knnt' ich itzt wieder
-anfangen zu leben und zum Wenzeslaus wiedergeboren werden.
-
-
-Vierte Scene.
-
-In Leipzig.
-
-Fritz von Berg und Rehaar.
-(begegnen sich auf der Strae)
-
-
-Rehaar.
-Herr von Bergchen, ein Briefchen, unter meinem Kuvert
-gekommen. Herr von Seiffenblase hat an mich geschrieben;
-hat auch Lautchen bey mir gelernt vormals. Er bittet
-mich, ich soll doch diesen Brief einem gewissen Herrn
-von Berg in Leipzig abgeben, wenn er anders noch da
-wre--O wie bin ich gesprungen!
-
-Fritz.
-Wo hlt er sich denn itzt auf, Seiffenblase?
-
-Rehaar.
-Soll es dem Herrn von Berg abgeben, schreibt er, wenn
-Sie anders diesen wrdigen Mann kennen. O wie bin ich
-gesprungen--Er ist in Knigsberg, der Herr von
-Seiffenblase. Was meynen Sie, und meine Tochter ist
-auch da, und logirt ihm grad gegenber. Sie schreibt
-mir, die Kathrinchen, da sie nicht genug rhmen kann,
-was er ihr fr Hflichkeit erzeigt, alles um
-meinetwillen; hat sieben Monath bey mir gelernt.
-
-Fritz. (zieht die Uhr aus)
-Liebster Rehaar, ich mu ins Kollegium--Sagen Sie
-Ptus nichts davon, ich bitte Sie--(geht ab)
-
-Rehaar. (ruft ihm nach)
-Auf den Nachmittag--Konzertchen!--
-
-
-Fnfte Scene.
-
-Zu Knigsberg in Preuen.
-Geh. Rath. Gustchen. Major.
-(stehn in ihrem Hause am Fenster)
-
-
-Geh. Rath.
-Ist ers?
-
-Gustchen.
-Ja, er ist's.
-
-Geh. Rath.
-Ich sehe doch, die Tante mu ein lderliches Mensch
-seyn, oder sie hat einen Ha auf ihre Nichte geworfen
-und will sie mit Flei ins Verderben strzen.
-
-Gustchen.
-Aber Onkel, sie kann ihm doch das Haus nicht verbieten.
-
-Geh. Rath.
-Auf das, was ich ihr gesagt?--Wer will's ihr bel
-nehmen, wenn sie zu ihm sagte: Herr von Seiffenblase,
-Sie haben sich auf einem Kaffeehause verlauten lassen,
-Sie wollten meine Nichte zu Ihrer Mtresse machen,
-suchen Sie sich andre Bekanntschaften in der Stadt;
-bey mir kommen Sie unrecht: meine Nichte ist eine
-Auslnderin, die meiner Aufsicht anvertraut ist; die
-sonst keine Sttze hat; wenn sie verfhrt wrde, fiel'
-alle Rechenschaft auf mich. Gott und Menschen mten
-mich verdammen.
-
-Major.
-Still Bruder! Er kommt heraus und lt die Nase
-erbrmlich hngen. Ho, ho, ho, da Du die Krepanz!
-Wie bla er ist.
-
-Geh. Rath.
-Ich will doch gleich hinber, und sehn was es gegeben hat.
-
-
-Sechste Scene.
-
-In Leipzig.
-Ptus. (an einem Tisch und schreibt)
-Berg. (tritt herein einen Brief in der Hand)
-
-
-Ptus. (sieht auf und schreibt fort)
-
-Fritz.
-Ptus!--Hast zu thun?
-
-Ptus.
-Gleich--(Fritz spaziert auf und ab) Jetzt--(legt das
-Schreibzeug weg)
-
-Fritz.
-Ptus! ich hab' einen Brief bekommen--und hab nicht
-das Herz, ihn aufzumachen.
-
-Ptus.
-Von wo kommt er? Ists Deines Vaters Hand?
-
-Fritz.
-Nein, von Seiffenblase--aber die Hand zittert mir, so
-bald ich erbrechen will. Brich doch auf. Bruder, und
-lie mir vor. (wirft sich auf einen Lehnstuhl)
-
-Ptus. (liest)
-"Die Erinnerung so mancher angenehmen Stunden, deren
-ich mich noch mit Ihnen genossen zu haben erinnere,
-verpflichtet mich, Ihnen zu schreiben und Sie an diese
-angenehme Stunden zu erinnern"--Was der Junge fr eine
-rasende Orthographie hat.
-
-Fritz.
-Lies doch nur--
-
-Ptus.
-"Und weil ich mich verpflichtet hielt, Ihnen Nachrichten
-von meiner Ankunft und den Neuigkeiten, die allhier
-vorgefallen, als melde Ihnen von Dero werthesten Familie,
-welche leider sehr viele Unglcksflle in diesem Jahre
-erlebt hat, und wegen der Freundschaft, welche ich in
-Dero Eltern ihrem Hause genossen, sehe mich verpflichtet,
-weil ich wei, da Sie mit Ihrem Herrn Vater in
-Misverstni und er Ihnen lange wohl nicht wird
-geschrieben haben, so werden Sie auch wohl den
-Unglcksfall nicht wissen mit dem Hofmeister, welcher
-aus Ihres gndigen Onkels Hause ist gejagt worden,
-weil er Ihre Kusine genothzchtigt, worber sie sich
-so zu Gemth gezogen, da sie in einen Teich gesprungen,
-durch welchen Trauerfall Ihre ganze Familie in den
-hchsten Schrcken"--Berg! was ist Dir--(begiet ihn
-mit Lavendel) Wie nun Berg? Rede, wird Dir weh--Htt
-ich Dir doch den verdammten Brief nicht--Ganz gewi
-ists eine Erdichtung--Berg! Berg!
-
-Fritz.
-La mich--Es wird schon bergehn.
-
-Ptus.
-Soll ich jemand holen, der Dir die Ader schlgt.
-
-Fritz.
-O pfuy doch--thu doch so franzsisch nicht--Lie mirs
-noch einmal vor.
-
-Ptus.
-Ja, ich werde Dir--Ich will den hunsvttischen
-malitisen Brief den Augenblick--(zerreit ihn)
-
-Fritz.
-Genothzchtigt--ersuft. (schlgt sich an die Stirn)
-Meine Schuld! (steht auf) meine Schuld einzig und allein--
-
-Ptus.
-Du bist wohl nicht klug--Willst Dir die Schuld geben,
-da sie sich vom Hofmeister verfhren lt--
-
-Fritz.
-Ptus, ich schwur ihr, zurckzukommen, ich schwur ihr--
-Die drey Jahr sind verflossen, ich bin nicht gekommen,
-ich bin aus Halle fortgangen, mein Vater hat keine
-Nachrichten von mir gehabt. Mein Vater hat mich
-aufgeben, sie hat es erfahren, Gram--Du kennst ihren
-Hang zur Melancholey--die Strenge ihrer Mutter obenein,
-Einsamkeit, auf dem Lande, betrogne Liebe--Siehst Du
-das nicht ein, Ptus; siehst Du das nicht ein? Ich
-bin ein Bsewicht: ich bin schuld an ihrem Tode. (wirft
-sich wieder in den Stuhl und verhllt sein Gesicht)
-
-Ptus.
-Einbildungen!--Es ist nicht wahr, es ist so nicht
-gegangen. (stampft mit dem Fu) Tausend Sapperment,
-da Du so dumm bist, und alles glaubst, der Spitzbube,
-der Hundsfut, der Brenhuter, der Seiffenblase, will
-Dir einen Streich spielen--La mich ihn einmal zu
-sehen kriegen.--Es ist nicht wahr, da sie todt ist,
-und wenn sie todt ist, so hat sie sich nicht selbst
-umgebracht...
-
-Fritz.
-Er kann doch das nicht aus der Luft saugen--Selbst
-umgebracht--(springt auf) O das ist entsetzlich!
-
-Ptus. (stampft abermal mit dem Fu)
-Nein, sie hat sich selbst nicht umgebracht.
-Seiffenblase lgt; wir mssen mehr Besttigung haben.
-Du weit, da Du ihm einmal im Rausch erzehlt hast,
-da Du in Deine Kusine verliebt wrst; siehst Du, das
-hat die malitise Kanaille aufgefangen--aber weit
-Du was; weit Du, was Du thust? Hust ihm was; pfeif
-ihm was; pfuy ihm was, schreib ihm, Ew. Edlen danke
-dienstfreundlichst fr Dero Neuigkeiten, und bitte,
-Sie wollen mich im--Das ist der beste Rath, schreib
-ihm zurck: Ihr seyd ein Hundsfut. Das ist das
-vernnftigste, was Du bey der Sache thun kannst.
-
-Fritz.
-Ich will nach Hause reisen.
-
-Ptus.
-So reis' ich mit Dir--Berg, ich la Dich keinen
-Augenblick allein.
-
-Fritz.
-Aber wovon? Reisen ist bald ausgesprochen--Wenn ich
-keine abschlgige Antwort befrchtete, so wolle ich
-es bey Leichtfu et Compagnie versuchen, aber ich bin
-ihnen schon hundertfunfzig Dukaten schuldig--
-
-Ptus.
-Wir wollen beyde zusammen hingehn--Wart, wir mssen die
-Lotterie vorbey. Heut ist die Post aus Hamburg angekommen,
-ich will doch unterwegs nachfragen; zum Spa nur--
-
-
-Siebente Scene.
-
-In Knigsberg.
-Geh. Rath (fhrt) Jungfer Rehaar (an der Hand)
-Augustchen. Major.
-
-
-Geh. Rath.
-Hier, Gustchen, bring ich Dir eine Gespielin. Ihr seyd
-in einem Alter, einem Verhltnisse--Gebt Euch die
-Hand, und seyd Freundinnen.
-
-Gustchen.
-Das bin ich lange gewesen, liebe Mamsell! Ich wei
-nicht, was es war, das in meinem Busen auf- und abstieg,
-wenn ich Sie aus dem Fenster sah; aber Sie waren in so
-viel Zerstreuungen verwickelt, so mit Kutschenbesuchen
-und Serenaden belstigt, da ich mit meinem Besuch zu
-unrechter Zeit zu kommen frchtete.
-
-Jungfer Rehaar.
-Ich wre Ihnen zuvorgekommen, gndiges Frulein, wenn
-ich das Herz gehabt. Allein in ein so vornehmes Haus
-mich einzudrngen, hielt' ich fr unbesonnen, und mute
-dem Zug meines Herzens, das mich schon oft bis vor
-Ihre Thr gefhrt hat, allemal mit Gewalt widerstehen.
-
-Geh. Rath.
-Stell Dir vor, Major; der Seiffenblase hat auf die
-Warnung, die ich der Frau Dutzend that, und die sie
-ihm wieder erzehlt hat und zwar, wie ichs verlangt,
-unter meinem Namen, geantwortet: er werde sich schon
-an mir zu rchen wissen. Er hat alles das so gut von
-sich abzulehnen gewut, und ist gleich Tags drauf mit
-dem Minister Deichsel hingefahren kommen, da die arme
-Frau das Herz nicht gehabt, sich seine Besuche zu
-verbitten. Gestern Nacht hat er zwey Wagen in diese
-Strae bestellt und einen am Brandenburger Thor, das
-wegen des Feuerwerks offen blieb, das erfhrt die Madam
-gestern Vormittag schon. Den Nachmittag will er fr
-Henkers Gewalt die Mamsell berreden, mit ihm zum
-Minister auf die Assemblee zu fahren, aber Madam
-Dutzend traute dem Frieden nicht, und hat's ihm rund
-abgeschlagen. Zweymal ist er vor die Thr gefahren,
-aber hat wieder umkehren mssen; da seine Karte also
-verzettelt war, wollt' ers heut probiren. Madam Dutzend
-hat ihm nicht allein das Haus verbothen, sondern
-zugleich angedeutet: sie sehe sich genthigt, sich
-vom Gouverneur Wache vor ihrem Hause auszubitten.
-Da hat er Flammen gespyen, hat mit dem Minister gedroht--
-Um die Madam vllig zu beruhigen, hab' ich ihr
-angetragen: die Mamsell in unser Haus zu nehmen. Wir
-wollen sie auf ein halb Jahr nach Insterburg mitnehmen,
-bis Seiffenblase sie vergessen hat, oder so lang als
-es ihr selber nur da gefallen kann--
-
-Major.
-Ich hab schon anspannen lassen. Wenn wir nach
-Heidelbrunn fahren, Mamsell, so la ich Sie nicht
-los. Sie mssen mit, oder meine Tochter bleibt mit
-Ihnen in Insterburg.
-
-Geh. Rath.
-Das wr wohl am besten. Ohnehin taugt das Land fr
-Gustchen nicht und Mamsel Rehaar la ich nicht von mir.
-
-Major.
-Gut, da Deine Frau Dich nicht hrt--oder hast Du
-Absichten auf Deinen Sohn?
-
-Geh. Rath.
-Mach das gute Kind nicht roth. Sie werden ihn in
-Leipzig oft genug mssen gesehen haben, den bsen
-Buben. Gustchen, Du wirst zur Gesellschaft mit roth?
-Er verdient's nicht.
-
-Gustchen.
-Da mein Vater mir vergeben hat, sollte Ihr Sohn ein
-minder gtiger Herz bey Ihnen finden?
-
-Geh. Rath.
-Er ist auch noch in keinen Teich gesprungen.
-
-Major.
-Wenn wir nur das blinde Weib mit dem Kinde ausfndig
-gemacht htten, von dem mir der Schulmeister schreibt;
-eh kann ich nicht ruhig werden--Kommt! ich mu noch
-heut auf mein Gut.
-
-Geh. Rath.
-Daraus wird nichts. Du mut die Nacht in Insterburg
-schlafen.
-
-
-Achte Scene.
-
-Leipzig.
-Bergs Zimmer.
-Fritz v. Berg. (sitzt, die Hand untern Kopf gesttzt)
-Ptus. (strzt herein)
-
-
-Ptus.
-Triumpf Berg! Was kalmeuserst Du?--Gott! Gott!
-(greift sich an den Kopf und fllt auf die Knie)
-Schicksal! Schicksal!--Nicht wahr, Leichtfu hat
-Dir nicht vorschieen wollen? La ihn Dich--Ich
-hab Geld, ich hab' alles--Dreyhundert achtzig
-Friedrichd'or gewonnen auf einem Zug! (springt auf
-und schreyt) Heydideldum, nach Insterburg! Pack ein!
-
-Fritz.
-Bist Du nrrisch worden?
-
-Ptus. (zieht einen Beutel mit Gold hervor und wirft
-alles auf die Erde)
-Da ist meine Narrheit. Du bist ein Narr mit Deinem
-Unglauben--Nun hilf auflesen; buck Dich etwas--
-und heut noch nach Insterburg, juchhe! (lesen auf)
-Ich will meinem Vater die achtzig Friedrichsd'or
-schenken, so viel betrug grad mein letzter Wechsel,
-und zu ihm sagen: nun Herr Papa, wie gefall' ich
-Ihnen itzt? All Deine Schulden knnen wir bezahlen,
-und meine obenein, und denn reisen wir wie die Prinzen.
-Juchhei
-
-
-Neunte Scene.
-
-Die Schule.
-Wenzeslaus. Luffer. (beyde in schwarzen Kleidern)
-
-
-Wenzeslaus.
-Wie hat ihm die Predigt gefallen, Kollege! Wie hat
-Er sich erbaut?
-
-Luffer.
-Gut, recht gut. (seufzt)
-
-Wenzeslaus. (nimmt seine Percke ab und setzt eine
-Nachtmtze auf)
-Damit ist's nicht ausgemacht. Er soll mir sagen,
-welche Stelle aus der Predigt vorzglich gesegnet
-an seinem Herzen gewesen. Hr' Er--setz' Er sich.
-Ich mu Ihm was sagen; ich hab' eine Anmerkung in
-der Kirche gemacht, die mich gebeugt hat. Er hat mir
-da so wetterwendisch gesessen, da ich mich Seiner,
-die Warheit zu sagen, vor der ganzen Gemeine geschmt
-habe und dadurch oft fast aus meinem Koncept kommen
-bin. Wie, dacht' ich, dieser junge Kmpfer, der so
-ritterlich durchgebrochen und den schwersten Strau
-schon gewissermaen berwunden hat--ich mu es Ihm
-bekennen: Er hat mich gergert, skandalon edidouV,
-etaire! Ich habs wohl gemerkt, wohin es gieng, ich
-habs wohl gemerkt; immer nach der mittlern Thr zu
-da nach der Orgel hinunter.
-
-Luffer.
-Ich mu bekennen, es hieng ein Gemlde dort, das
-mich ganz zerstreut hat. Der Evangelist Markus mit
-einem Gesicht, das um kein Haar menschlicher aussah,
-als der Lwe, der bey ihm sa, und der Engel beym
-Evangelisten Matthus eher einer geflgelten Schlange
-hnlich.
-
-Wenzeslaus.
-Es war nicht das, mein Freund! Bild' Er mir's nicht
-ein; es war nicht das. Sag' Er mir doch, ein Bild
-sieht man an und sieht wieder weg, und dann ist's
-alles. Hat Er denn gehrt, was ich gesagt habe?
-Wei Er mir Ein Wort aus meiner Predigt wieder
-anzufhren? Und sie war doch ganz fr Ihn gehalten;
-ganz kasuistisch--O! o! o!
-
-Luffer.
-Der Gedanke gefiel mir vorzglich, da zwischen
-unsrer Seele und ihrer Wiedergeburt und zwischen
-dem Flachs- und Hanfbau eine groe Aehnlichkeit
-herrsche, und so wie der Hanf im Schneidebrett durch
-heftige Ste und Klopfen von seiner alten Hlse
-befreyt werden msse, so msse unser Geist auch durch
-allerley Kreutz und Leiden und Ertdtung der
-Sinnlichkeit fr den Himmel zubereitet werden.
-
-Wenzeslaus.
-Er war kasuistisch, mein Freund--
-
-Luffer.
-Doch kann ich Ihnen auch nicht bergen, da Ihre Liste
-von Teufeln, die aus dem Himmel gejagt worden, und
-die Geschichte der ganzen Revolution da, da Lucifer
-sich fr den schnsten gehalten--Die heutige Welt
-ist ber den Aberglauben lngst hinweg; warum will
-man ihn wieder aufwrmen. In der ganzen heutigen
-vernnftigen Welt wird kein Teufel mehr statuirt--
-
-Wenzeslaus.
-Darum wird auch die ganze heutige vernnftige Welt
-zum Teufel fahren. Ich mag nicht verdammen, lieber
-Herr Mandel; aber das ist wahr, wir leben in
-seelenverderblichen Zeiten: es ist die letzte bse
-Zeit. Ich mag mich drber weiter nicht auslassen:
-ich seh wohl, Er ist ein Zweifler auch, und auch
-solche Leute mu man tragen. Es wird schon kommen;
-Er ist noch jung--aber gesetzt auch, posito auch,
-aber nicht zugestanden, unsere Glaubenslehren wren
-all Aberglauben, ber Geister, ber Hll, ber Teufel,
-da--Was thut's Euch, was beits Euch, da Ihr Euch
-so mit Hnden und Fen dagegen wehrt? Thut nichts
-Bses, thut recht und denn so braucht Ihr die Teufel
-nicht zu scheuen, und wenn ihrer mehr wren wie
-Ziegel auf dem Dach, wie der selige Lutherus sagt.
-Und Aberglauben--O schweigt still, schweigt still,
-lieben Leut'. Erwgt erst mit reifem Nachdenken, was
-der Aberglaube bisher fr Nutzen gestiftet hat, und
-denn habt mir noch das Herz, mit Euren nchternen
-Sptteleyen gegen mich anzuziehen. Reutet mir den
-Aberglauben aus; ja warhaftig der rechte Glaub wird
-mit drauf gehn, und ein nacktes Feld da bleiben.
-Aber ich wei jemand, der gesagt hat, man soll beydes
-wachsen lassen, es wird schon die Zeit kommen, da
-Kraut sich von dem Unkraut scheiden wird. Aberglauben--
-Nehmt dem Pbel seinen Aberglauben, er wird
-freygeistern, wie Ihr und Euch vor den Kopf schlagen.
-Nehmt dem Bauer seinen Teufel, und er wird ein Teufel
-gegen seine Herrschaft werden und ihr beweisen, da es
-welche giebt. Aber wir wollen das bey Seite setzen--
-Wovon rede ich doch?--Recht, sag' Er mir, wen hat Er
-angesehen in der ganzen Predigt? Verheel' Er mir
-nichts. Ich war es nicht, denn sonst mst' Er schielen,
-da es eine Schande wre.
-
-Luffer.
-Das Bild.
-
-Wenzeslaus.
-Es war nicht das Bild--Dort unten, wo die Mdchen
-sitzen, die bey ihm in die Kinderlehre gehen--Lieber
-Freund! es wird doch nichts vom alten Sauerteig in
-seinem Herzen geblieben seyn--Ey, ey! wer einmal
-geschmeckt hat die Krfte der zuknftigen Welt--Ich
-bitt Ihn, mir stehn die Haare zu Berge--Nicht wahr,
-die eine da mit dem gelben Haar so nachlig unter das
-rothe Hubchen gesteckt und mit den lichtbraunen Augen,
-die allemal unter den schwarzen Augbraunen so schalkhaft
-hervorblinzen, wie die Sterne hinter Regenwolken--Es
-ist wahr, das Mdchen ist gefhrlich; ich hab's nur
-einmal von der Kanzel angesehn, und muste hernach
-allemal die Augen platt zudrcken, wenn sie auf sie
-fielen, sonst wr' mirs gegangen, wie den weisen
-Mnnern im Areopagus, die Recht und Gerechtigkeit
-vergaen um einer schnden Phryne willen.--Aber sag'
-Er mir doch, wo will Er hin, da Er Sich noch bsen
-Begierden berlt, da Ihm sogar an Mitteln fehlt,
-sie zu befriedigen? Will Er Sich dem Teufel ohne Sold
-dahingeben? Ist das das Gelbd, das er dem Herrn
-gethan--Ich rede als Sein geistlicher Vater mit Ihm--
-Er, der itzt mit so wenig Mhe ber alle Sinnlichkeit
-triumphiren, ber die Erde sich hinausschwingen und
-bessern Revieren zufliegen knnte. (Umarmt ihn) Ach
-mein lieber Sohn, bey diesen Thrnen, die ich aus
-wahrer herzlicher Sorgfalt fr Ihn vergiee; kehr'
-Er nicht zu den Fleischtpfen Egyptens zurck, da Er
-Kanaan so nahe war! Eile, eile! rette Deine
-unsterbliche Seele! Du hast auf der Welt nichts, das
-Dich mehr zurckhalten knnte. Die Welt hat nichts
-mehr fr Dich, womit sie Deine Untreu Dir einmal
-belohnen knnte; nicht einmal eine sinnliche Freude,
-geschweige denn Ruhe der Seelen--Ich geh und berlasse
-Dich Deinen Entschlieungen. (geht ab)
-
-(Luffer bleibt in tiefen Gedanken sitzen)
-
-
-Zehnte Scene.
-
-Lise. (tritt herein, ein Gesangbuch in der Hand, ohne
-da er sie gewahr wird. Sie sieht ihm lang
-stillschweigend zu. Er springt auf, will knien; wird
-sie gewahr und sieht sie eine Weile verwirrt an)
-
-
-Luffer. (nhert sich ihr)
-Du hast eine Seele dem Himmel gestolen. (fat sie an
-die Hand) Was fhrt Dich hieher, Lise?
-
-Lise.
-Ich komme, Herr Mandel--Ich komme, weil Sie gesagt
-haben, es wrd' morgen keine Kinderlehr--weil Sie--
-so komm' ich--gesagt haben--ich komme, zu fragen,
-ob morgen Kinderlehre seyn wird.
-
-Luffer.
-Ach!--Seht diese Wangen, ihr Engel! Wie sie in
-unschuldigem Feuer brennen und denn verdammt mich,
-wenn ihr knnt--Lise, warum zittert Deine Hand?
-Warum sind Dir die Lippen so bleich und die Wangen
-so roth? Was willst Du?
-
-Lise.
-Ob morgen Kinderlehr seyn wird?
-
-Luffer.
-Setz Dich zu mir nieder--Leg Dein Gesangbuch weg--
-Wer steckt Dir das Haar auf, wenn Du nach der Kirche
-gehst? (setzt sie auf einen Stuhl neben seinem)
-
-Lise. (will aufstehn)
-Verzeyh' Er mir; die Haube wird wohl nicht recht
-gesteckt seyn; es mache einen so erschrecklichen Wind,
-als ich zur Kirche kam.
-
-Luffer. (nimmt ihre beyden Hnde in seine Hand)
-O Du bist--Wie alt bist Du, Lise?--Hast Du niemals--
-Was wollt' ich doch fragen--Hast Du nie Freyer gehabt?
-
-Lise. (Munter)
-O ja einen, noch die vorige Woche; und des Schaafwirths
-Grethe war so neidisch auf mich und hat immer gesagt:
-ich wei nicht was er sich um das einfltige Mdchen
-so viel Mhe macht, und denn hab' ich auch noch einen
-Officier gehabt; es ist noch kein Vierteljahr.
-
-Luffer.
-Einen Officier?
-
-Lise.
-Ja doch, und einer von den recht Vornehmen. Ich sag'
-ihnen, er hat drey Tressen auf dem Arm gehabt: aber
-ich war noch zu jung und mein Vater wollt mich ihm
-nicht geben, wegen des soldatischen Wesens und Ziehens.
-
-Luffer.
-Wrdest Du--O ich wei nicht, was ich rede--Wrdest
-Du wohl--Ich Elender!
-
-Lise.
-O ja, von ganzem Herzen.
-
-Luffer.
-Bezaubernde!--(will ihr die Hand kssen) Du weit ja
-noch nicht, was ich fragen wollte.
-
-Lise. (zieht sie weg)
-O lassen Sie, meine Hand ist ja so schwarz--O pfuy
-doch! Was machen Sie? Sehen Sie, einen geistlichen
-Herrn htt' ich allewege gern: von meiner ersten
-Jugend an hab ich die studierte Herren immer gern
-gehabt; sie sind alleweil so artig, so manierlich,
-nicht so puf paf, wie die Soldaten, obschon ich
-einewege die auch gern habe, das leugn' ich nicht,
-wegen ihrer bunten Rcke; ganz gewi, wenn die
-geistlichen Herren in so bunten Rcken giengen, wie
-die Soldaten, das wre zum Sterben.
-
-Luffer.
-La' mich Deinen muthwilligen Mund mit meinen Lippen
-zuschlieen. (kt sie) O Lise! Wenn Du wstest, wie
-unglcklich ich bin.
-
-Lise.
-O pfuy, Herr, was machen Sie?
-
-Luffer.
-Noch einmal und denn ewig nicht wieder! (kt sie.
-Wenzeslaus tritt herein)
-
-Wenzeslaus.
-Was ist das? Proh deum atque hominum fidem! Wie nun,
-falscher, falscher, falscher Prophet! Reiender Wolf
-in Schaafskleidern! Ist das die Sorgfalt, die Du Deiner
-Heerde schuldig bist? Die Unschuld selber verfhren, die
-Du vor Verfhrung bewahren sollst? Es mu ja Aergerni
-kommen, doch wehe dem Menschen, durch welchen Aergerni
-kommt!
-
-Luffer.
-Herr Wenzeslaus!
-
-Wenzeslaus.
-Nichts mehr! Kein Wort mehr! Ihr habt Euch in Eurer
-wahren Gestalt gezeigt. Aus meinem Hause, Verfhrer!
-
-Lise. (kniet vor Wenzeslaus)
-Lieber Herr Schulmeister, er hat mir nichts bses gethan.
-
-Wenzeslaus.
-Er hat Dir mehr bses gethan, als Dir Dein rgster
-Feind thun knnte. Er hat Dein unschuldiges Herz
-verfhrt.
-
-Luffer.
-Ich bekenne mich schuldig--Aber kann man so vielen
-Reitzungen widerstehen? Wenn man mir dies Herz aus dem
-Leibe risse und mich Glied vor Glied verstmmelte und
-ich behielt nur eine Ader von Blut noch brig, so wrde
-diese verrthrische Ader doch fr Lisen schlagen.
-
-Lise.
-Er hat mir nichts Leides gethan.
-
-Wenzeslaus.
-Dir nichts Leides gethan--Himmlischer Vater!
-
-Luffer.
-Ich hab ihr gesagt, da sie die liebenswrdigste
-Kreatur sey, die jemals die Schpfung beglckt hat;
-ich hab' ihr das auf ihre Lippen gedrckt; ich hab
-diesen unschuldigen Mund mit meinen Kssen versiegelt,
-welcher mich sonst durch seine Zaubersprache zu noch
-weit greren Verbrechen wrde hingerissen haben.
-
-Wenzeslaus.
-Ist das kein Verbrechen? Was nennt Ihr jungen Herrn
-heut zu Tage Verbrechen? O tempora, o mores! Habt Ihr
-den Valerius Maximus gelesen? Habt Ihr den Artikel
-gelesen de pudicitia? Da fhrt er einen Mnius an,
-der seinen Freygelassenen todtgeschlagen hat, weil er
-seine Tochter einmal kte und die Raison: ut etiam
-oscula ad maritum sincera perferret. Riecht Ihr das?
-Schmeckt Ihr das? Etiam oscula, non solum virginitatem,
-etiam oscula. Und Mnius war doch nur ein Heyde: was
-soll ein Christ thun, der wei, da der Ehstand von
-Gott eingesetzt ist und da die Glckseligkeit eines
-solchen Standes an der Wurzel vergiften, einem
-knftigen Gatten in seiner Gattin seine Freud und
-Trost verderben; seinen Himmel profaniren--Fort,
-aus meinen Augen, Ihr Bsewicht! Ich mag mit Euch
-nichts zu thun haben! Geht zu einem Sultan und lat
-Euch zum Aufseher ber ein Serail dingen, aber nicht
-zum Hirten meiner Schaafe. Ihr Miethling. Ihr reissender
-Wolf in Schaafskleidern!
-
-Luffer.
-Ich will Lisen heyrathen.
-
-Wenzeslaus.
-Heyrathen--Ey ja doch--als ob sie mit einem Eunuch
-zufrieden?
-
-Lise.
-O ja, ich bins herzlich wohl zufrieden, Herr Schulmeister.
-
-Luffer.
-Ich unglcklicher!
-
-Lise.
-Glauben Sie mir, lieber Herr Schulmeister, ich la
-einmal nicht von ihm ab. Nehmen Sie mir das Leben;
-ich lasse nicht ab von ihm. Ich hab ihn gern und mein
-Herz sagt mir, da ich niemand auf der Welt so gern
-haben kann als ihn.
-
-Wenzeslaus.
-So--da doch--Lise, Du verstehst das Ding nicht--
-Lise, es lt sich Dir so nicht sagen, aber Du kannst
-ihn nicht heyrathen; es ist unmglich.
-
-Lise.
-Warum soll es denn unmglich seyn, Herr Schulmeister?
-Wie kann's unmglich seyn, wenn ich will und wenn er
-will, und mein Vater auch es will? Denn mein Vater hat
-mir immer gesagt, wenn ich einmal einen geistlichen
-Herrn bekommen knnte--
-
-Wenzeslaus.
-Aber da dich der Kuckuk, er kann ja nichts--Gott
-verzeih mir meine Snde, so la Dir doch sagen.
-
-Luffer.
-Vielleicht fodert sie das nicht--Lise, ich kann bey
-Dir nicht schlafen.
-
-Lise.
-So kann Er doch wachen bey mir, wenn wir nur den Tag
-ber beisammen sind und uns so anlachen und uns
-einsweilen die Hnde kssen--Denn bey Gott! ich hab'
-ihn gern. Gott wei es, ich hab' Ihn gern.
-
-Luffer.
-Sehn Sie, Herr Wenzeslaus! Sie verlangt nur Liebe von
-mir. Und ist's denn nothwendig zum Glck der Ehe, da
-man thierische Triebe stillt?
-
-Wenzeslaus.
-Ey was--Connubium sine prole, est quasi dies sine
-sole ... Seyd fruchtbar und mehret euch, steht in
-Gottes Wort. Wo Eh' ist, mssen auch Kinder seyn.
-
-Lise.
-Nein Herr Schulmeister, ich schwr's Ihm, in meinem
-Leben mcht' ich keine Kinder haben. Ey ja doch,
-Kinder! Was Sie nicht meynen! Damit wr mir auch wol
-gro gedient, wenn ich noch Kinder dazu bekme. Mein
-Vater hat Enten und Hner genug, die ich alle Tage
-fttern mu, wenn ich noch Kinder ebenen fttern mste.
-
-Luffer. (kt sie)
-Gttliche Lise!
-
-Wenzeslaus. (reit sie von einander)
-Ey was denn! Was denn! Vor meinen Augen?--So kriecht
-denn zusammen; meinetwegen; weil doch Heyrathen besser
-ist als Brunst leiden--Aber mit uns, Herr Mandel, ist
-es aus: alle grosse Hofnungen, die ich mir von Ihm
-gemacht, alle grosse Erwartungen, die mir Sein
-Heldenmuth einflte.--Gtiger Himmel! wie weit ist
-doch noch die Kluft, die zwischen einem Kirchenvater
-und zwischen einem Kapaun befestigt ist. Ich dacht',
-er sollte Origenes der zweyte--O homuncio, homuncio!
-Das mt' ein ganz andrer Mann seyn, der aus Absicht
-und Grundstzen den Weg einschlge, um ein Pfeiler
-unsrer sinkenden Kirche zu werden. Ein ganz anderer
-Mann! Wer wei, was noch einmal geschieht! (geht ab)
-
-Luffer.
-Komm zu Deinem Vater, Lise, Seine Einwilligung noch
-und ich bin der glcklichste Mensch auf dem Erdboden!
-
-
-Eilfte Scene.
-
-Zu Insterburg.
-
-Geheimer Rath. Fritz von Berg. Ptus. Gustchen. Jungfer
-Rehaar.
-(Gustchen und Jungfer Rehaar verstecken sich bey der
-Ankunft der erstern in die Kammer.)
-(Geheimer Rath und Fritz laufen sich entgegen.)
-
-
-Fritz. (fllt vor ihm auf die Knie)
-Mein Vater!
-
-Geh. Rath. (hebt ihn auf und umarmt ihn)
-Mein Sohn!
-
-Fritz.
-Haben Sie mir vergeben?
-
-Geh. Rath.
-Mein Sohn!
-
-Fritz.
-Ich bin nicht werth, da ich Ihr Sohn heie.
-
-Geh. Rath.
-Setz Dich; denk mir nicht mehr dran. Aber, wie hast
-Du Dich in Leipzig erhalten? Wieder Schulden auf meine
-Rechnung gemacht? Nicht? und wie bist Du fortkommen?
-
-Fritz.
-Dieser gromthige Junge hat alles fr mich bezahlt.
-
-Geh. Rath.
-Wie denn?
-
-Ptus.
-Dieser noch gromthigere--O ich kann nicht reden.
-
-Geh. Rath.
-Setzt euch Kinder; sprecht deutlicher. Hat Ihr Vater
-sich mit Ihnen ausgeshnt, Herr Ptus?
-
-Ptus.
-Keine Zeile von ihm gesehen.
-
-Geh. Rath.
-Und wie habt Ihrs denn beyde gemacht?
-
-Ptus.
-In der Lotterie gewonnen, eine Kleinigkeit--aber es
-kam uns zu statten, da wir herreisen wollten.
-
-Geh. Rath.
-Ich seh, Ihr wilde Bursche denkt besser als Eure Vter.
-Was hast Du wohl von mir gedacht, Fritz? Aber man hat
-Dich auch bey mir verleumdet.
-
-Ptus.
-Seiffenblase gewi?
-
-Geh. Rath.
-Ich mag ihn nicht nennen; das gbe Katzbalgereyen, die
-hier am unrechten Ort wren.
-
-Ptus.
-Seiffenblase! Ich la mich hngen.
-
-Geh. Rath.
-Aber was fhrt Dich denn nach Hause zurck, eben
-jetzt da?--
-
-Fritz.
-Fahren Sie fort--O das eben jetzt, mein Vater! das
-eben jetzt ists, was ich wissen wollte.
-
-Geh. Rath.
-Was denn? was denn?
-
-Fritz.
-Ist Gustchen todt?
-
-Geh. Rath.
-Holla! der Liebhaber!--Was veranlat Dich, so zu fragen?
-
-Fritz.
-Ein Brief von Seiffenblase.
-
-Geh. Rath.
-Er hat Dir geschrieben: sie wre todt?
-
-Fritz.
-Und entehrt dazu.
-
-Ptus.
-Es ist ein verleumderischer Schurke!
-
-Geh. Rath.
-Kennst Du eine Jungfer Rehaar in Leipzig?
-
-Fritz.
-O ja, ihr Vater war mein Lautenmeister.
-
-Geh. Rath.
-Die hat er entehren wollen; ich hab sie von seinen
-Nachstellungen errettet: das hat ihn uns feind gemacht.
-
-Ptus. (steht auf)
-Jungfer Rehaar--Der Teufel soll ihn holen.
-
-Geh. Rath.
-Wo wollen Sie hin?
-
-Ptus.
-Ist er in Insterburg?
-
-Geh. Rath.
-Nein doch--Nehmen Sie sich der Prinzessinnen nicht zu
-eifrig an, Herr Ritter von der runden Tafel! Oder haben
-Sie Jungfer Rehaar auch gekannt?
-
-Ptus.
-Ich? Nein, ich habe sie nicht gekannt--Ja, ich habe
-sie gekannt.
-
-Geh. Rath.
-Ich merke--Wollen Sie nicht auf einen Augenblick
-in die Kammer spatzieren? (fhrt ihn an die Thr)
-
-Ptus. (macht auf und fhrt zurck, sich mit beyden
-Hnden an den Kopf greiffend)
-Jungfer Rehaar--Zu Ihren Fssen--(hinter der Scene)
-Bin ich so glcklich? oder ist's nur ein Traum? Ein
-Rausch?--Eine Bezauberung?--
-
-Geh. Rath.
-Lassen wir ihn!--(kehrt zu Fritz) Und Du denkst
-noch an Gustchen?
-
-Fritz.
-Sie haben mir das furchtbare Rtzel noch nicht
-aufgelst. Hat Seiffenblase gelogen?
-
-Geh. Rath.
-Ich denke, wir reden hernach davon: wir wollen uns
-die Freud' itzt nicht verderben.
-
-Fritz. (kniend)
-O mein Vater, wenn Sie noch Zrtlichkeit fr mich
-haben, lassen Sie mich nicht zwischen Himmel und
-Erde, zwischen Hofnung und Verzweiflung schweben.
-Darum bin ich gereist; ich konnte die quaalvolle
-Ungewiheit nicht lnger aushalten. Lebt Gustchen?
-Ists wahr, da sie entehrt ist?
-
-Geh. Rath.
-Es ist leider nur eine zu traurige Wahrheit.
-
-Fritz.
-Und hat sich in einen Teich gestrzt?
-
-Geh. Rath.
-Und ihr Vater hat sich ihr nachgestrzt.
-
-Fritz.
-So falle denn Henkers Beil--Ich bin der
-Unglcklichste unter den Menschen!
-
-Geh. Rath.
-Steh' auf! Du bist unschuldig dran--
-
-Fritz.
-Nie will ich aufstehn. (schlgt sich an die Brust)
-Schuldig war ich; einzig und allein schuldig.
-Gustchen, seliger Geist, verzeihe mir!
-
-Geh. Rath.
-Und was hast Du Dir vorzuwerfen?
-
-Fritz.
-Ich habe geschworen, falsch geschworen--Gustchen!
-wr' es erlaubt, Dir nachzuspringen! (steht hastig
-auf) Wo ist der Teich?
-
-Geh. Rath.
-Hier! (fhrt ihn in die Kammer)
-
-Fritz. (hinter der Scene mit lautem Geschrey)
-Gustchen!--Seh' ich ein Schattenbild?--Himmel!
-Himmel welche Freude!--La mich sterben! la mich
-an Deinem Halse sterben.
-
-Geh. Rath. (wischt sich die Augen)
-Eine zrtliche Gruppe!--Wenn doch der Major hier
-wre! (geht hinein.)
-
-
-Letzte Scene.
-
-Der Major (ein Kind auf dem Arm) Der alte Ptus.
-
-
-Major.
-Kommen Sie, Herr Ptus. Sie haben mir das Leben
-wiedergegeben. Das war der einzige Wurm, der mir
-noch dran nagte. Ich mu Sie meinem Bruder prsentiren,
-und Ihre alte blinde Gromutter will ich in Gold
-einfassen lassen.
-
-Der alte Ptus.
-O meine Mutter hat mich durch ihren unvermutheten
-Besuch weit glcklicher gemacht, als Sie. Sie haben
-nur einen Enkel wiedererhalten, der Sie an traurige
-Geschichten erinnert; ich aber eine Mutter, die mich
-an die angenehmsten Scenen meines Lebens erinnert,
-und deren mtterliche Zrtlichkeit ich leider noch
-durch nichts habe erwiedern knnen, als Ha und
-Undankbarkeit. Ich habe sie aus dem Hause gestoen,
-nachdem sie mir den ganzen Nachla meines Vaters
-und ihr Vermgen mit bergeben hatte; ich habe rger
-gegen sie gehandelt als ein Tyger--Welche Gnade
-von Gott ist es, da sie noch lebt, da sie mir noch
-verzeihen kann, die gromthige Heilige! da es noch
-in meine Gewalt gestellt ist, meine verfluchte
-Verbrechen wieder gut zu machen.
-
-Major.
-Bruder Berg! wo bist Du? He! (Geh. Rath kmmt) Hier
-ist mein Kind, mein Grosohn. Wo ist Gustchen? Mein
-allerliebstes Groshnchen! (schmeichelt ihm) meine
-allerliebste nrrische Puppe!
-
-Geh. Rath.
-Das ist vortreflich!--und Sie, Herr Ptus?
-
-Major.
-Sie Herr Ptus hat's mir verschaft--Seine Mutter
-war das alte blinde Weib, die Bettlerin, von der uns
-Gustchen so viel erzhlt hat.
-
-Der alte Ptus.
-Und durch mich Bettlerin--O die Schaam bindt mir
-die Zunge. Aber ich wills der ganzen Welt erzehlen,
-was ich fr ein Ungeheuer war--
-
-Geh. Rath.
-Weit Du was neues, Major? Es finden sich Freyer fr
-Deine Tochter--aber dring nicht in mich, Dir den
-Namen zu sagen.
-
-Major.
-Freyer fr meine Tochter!--(wirft das Kind ins
-Kanapee) Wo ist sie?
-
-Geh. Rath.
-Sacht! ihr Freyer ist bey ihr--Willst Du Deine
-Einwilligung geben?
-
-Major.
-Ists ein Mensch von gutem Hause? Ist er von Adel?
-
-Geh. Rath.
-Ich zweifle.
-
-Major.
-Doch keiner zu weit unter ihrem Stande? O sie sollte
-die erste Parthie im Knigreich werden. Das ist ein
-vermaledeyter Gedanke! wenn ich doch den erst fort
-htte; er wird mich noch ins Irrhaus bringen.
-
-Geh. Rath. (fnet die Kammer; auf seinen Wink tritt
-Fritz mit Gustchen heraus)
-
-Major. (fllt ihm um den Hals)
-Fritz! (zum geh. Rath) Ists Dein Fritz? Willst Du
-meine Tochter heyrathen?--Gott segne Dich. Weit
-Du noch nichts, oder weit Du alles? Siehst Du, wie
-mein Haar grau geworden ist vor der Zeit! (fhrt ihn
-ans Kanapee) Siehst Du, dort ist das Kind. Bist ein
-Philosoph? Kannst alles vergessen? Ist Gustchen Dir
-noch schn genug? O sie hat bereut. Jung, ich schwre
-Dir, sie hat bereut, wie keine Nonne und kein Heiliger.
-Aber was ist zu machen? Sind doch die Engel aus dem
-Himmel gefallen--Aber Gustchen ist wieder aufgestanden.
-
-Fritz.
-Lassen Sie mich zum Wort kommen.
-
-Major. (drckt ihn immer an die Brust)
-Nein Junge--Ich mchte Dich todt drcken--Da Du
-so gromthig bist, da Du so edel denkst--das Du--
-mein Junge bist--
-
-Fritz.
-In Gustchens Armen beneid' ich keinen Knig.
-
-Major.
-So recht; das ist recht.--Sie wird Dir schon gestanden
-haben; sie wird Dir alles erzhlt haben--
-
-Fritz.
-Dieser Fehltritt macht sie mir nur noch theurer--
-macht ihr Herz nur noch englischer.--Sie darf nur
-in den Spiegel sehn, um berzeugt zu seyn, da sie
-mein ganzes Glck machen werde und doch zittert sie
-immer vor dem, wie sie sagt, ihr unertrglichen
-Gedanken: sie werde mich unglcklich machen. O was
-hab ich von einer solchen Frau anders zu gewarten,
-als einen Himmel?
-
-Major.
-Ja wohl einen Himmel; wenn's wahr ist, da die
-Gerechten nicht allein hineinkommen, sondern auch
-die Snder, die Busse thun. Meine Tochter hat Busse
-gethan und ich hab fr meine Thorheiten und da ich
-einem Bruder nicht folgen wollte, der das Ding besser
-verstund, auch Busse gethan; ihr zur Gesellschaft:
-und darum macht mich der liebe Gott auch ihr zur
-Gesellschaft mit glcklich.
-
-Geh. Rath. (ruft zur Kammer hinein)
-Herr Ptus, kommen Sie doch hervor. Ihr Vater ist hier.
-
-Der alte Ptus.
-Was hr' ich--Mein Sohn?
-
-Ptus. (fllt ihm um den Hals)
-Ihr unglcklicher verstossener Sohn. Aber Gott hat sich
-meiner als eines armen Wysen angenommen. Hier, Papa,
-ist das Geld, das Sie zu meiner Erziehung in der Fremde
-angewandt; hier ist's zurck und mein Dank dazu; es hat
-doppelte Zinsen getragen, das Kapital hat sich vermehrt
-und Ihr Sohn ist ein rechtschaffener Kerl worden.
-
-Der alte Ptus.
-Mu denn alles heute wetteifern, mich durch Gromuth zu
-beschmen. Mein Sohn, erkenne Deinen Vater wieder, der
-eine Weile seine menschliche Natur ausgezogen und in
-ein wildes Thier ausgeartet war. Es gieng Deiner
-Gromutter wie Dir: sie ist auch wiedergekommen und hat
-mir verziehen und hat mich wieder zum Sohn gemacht, so
-wie Du mich wieder zum Vater machst. Nimm mein ganzes
-Vermgen, Gustav! schalte damit nach Deinem Gefallen,
-nur la mich die Undankbarkeit nicht entgelten, die
-ich bey einem hnlichen Geschenk gegen Deine Gromutter
-uerte.
-
-Ptus.
-Erlauben Sie mir, das tugendhafteste ssseste Mdchen
-glcklich damit zu machen--
-
-Der alte Ptus.
-Was denn? Du auch verliebt? Mit Freuden erlaub' ich Dir
-alles. Ich bin alt und mchte vor meinem Tode gern Enkel
-sehen, denen ich die Treue beweisen knnte, die Eure
-Gromutter fr Euch bewiesen hat.
-
-Fritz. (Umarmt das Kind auf dem Kanapee, kt's und
-trgts zu Gustchen)
-Dies Kind ist jetzt auch das meinige; ein trauriges
-Pfand der Schwachheit Deines Geschlechts und der
-Thorheiten des unsrigen: am meisten aber der
-vortheilhaften Erziehung junger Frauenzimmer durch
-Hofmeister.
-
-Major.
-Ja mein lieber Sohn, wie sollen sie denn erzogen werden?
-
-Geh. Rath.
-Giebts fr sie keine Anstalten, keine Nhschulen, keine
-Klster, keine Erziehungshuser?--Doch davon wollen
-wir ein andermal sprechen.
-
-Fritz. (kt's abermal)
-Und dennoch mir unendlich schtzbar, weil's das Bild
-seiner Mutter trgt. Wenigstens, mein ssses Kind!
-werd' ich Dich nie durch Hofmeister erziehen lassen.
-
-
-Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Hofmeister odor
-Vortheile der Privaterziehung, von Jakob Michael Reinhold
-Lenz.
-
-
-
-
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER HOFMEISTER ***
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-
-*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
-
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Binary files differ
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+++ b/6821-h/6821-h.htm
@@ -0,0 +1,4150 @@
+<!DOCTYPE html>
+<html lang="de">
+<head>
+<meta charset="UTF-8">
+<title>
+ Der Hofmeister odor Vortheile der Privaterziehung | Project Gutenberg
+</title>
+<link rel="icon" href="images/i_cover.jpg" type="image/x-cover">
+<style>
+body {
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+
+h1,h2,h3,h4,h5,h6 {
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+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 6821 ***</div>
+
+<!-- B U C H U M S C H L A G -->
+<div class="cover">
+ <img src="images/i_cover.jpg" alt="Buchumschlag">
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<!-- T I T E L S E I T E -->
+<div class="chapter">
+ <h1 class="no-break">
+ <span class="s3">Der</span><br>
+ <span class="gesperrt">Hofmeister</span><br>
+ <span class="s4">odor</span><br>
+ <span class="s2">Vortheile der Privaterziehung</span>
+ </h1>
+ <p class="center p2">Eine Komödie.</p>
+ <hr>
+ <p class="center s1 p2">Jakob Michael Reinhold Lenz</p>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<!-- I N H A L T -->
+<div class="chapter">
+<h2 class="gesperrt">INHALT</h2>
+<table>
+ <tr>
+ <td>Erster Akt.</td>
+ <td class="tdr"><a href="#Erster_Akt">5</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Zweyter Akt.</td>
+ <td class="tdr"><a href="#Zweyter_Akt">30</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Dritter Akt.</td>
+ <td class="tdr"><a href="#Dritter_Akt">72</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Vierter Akt.</td>
+ <td class="tdr"><a href="#Vierter_Akt">93</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>Fünfter Akt.</td>
+ <td class="tdr"><a href="#Fuenfter_Akt">119</a></td>
+ </tr>
+</table>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<!-- N A M E N -->
+<div class="chapter center">
+ <span class="pagenum">3-4</span>
+<div class="container">
+<h2 class="no-break"> Namen. </h2>
+<ul class="nobullets">
+ <li>Herr von Berg. Geheimer Rath.</li>
+ <li>Der Major. Sein Bruder.</li>
+ <li>Die Majorin.</li>
+ <li>Gustchen. Ihre Tochter.</li>
+ <li>Fritz von Berg.</li>
+ <li>Graf Wermuth.</li>
+ <li>Läuffer. Ein Hofmeister.</li>
+ <li>Pätus und Bollwerk. Studenten.</li>
+ <li>Herr von Seiffenblase.</li>
+ <li>Sein Hofmeister.</li>
+ <li>Frau Hamster. Räthin.</li>
+ <li>Jungfer Hamster.</li>
+ <li>Jungfer Knicks.</li>
+ <li>Frau Blitzer.</li>
+ <li>Wenzeslaus. Ein Schulmeister.</li>
+ <li>Marthe. Alte Frau.</li>
+ <li>Lise.</li>
+ <li>Der alte Pätus.</li>
+ <li>Der alte Läuffer. Stadtprediger.</li>
+ <li>Leopold. Junker des Majors. Ein Kind.</li>
+ <li>Herr Rehhaar. Lautenist.</li>
+ <li>Jungfer Rehhaar. Seine Tochter.</li>
+</ul>
+</div>
+</div>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<!-- E R S T E R A K T -->
+<div class="chapter">
+ <span class="pagenum">5</span>
+ <h2 id="Erster_Akt"> Erster Akt. </h2>
+</div>
+
+<h3>Erste Scene.</h3>
+
+<p class="szene">Zu Insterburg in Preussen.</p>
+
+<p class="p2"><span class="sprecher">Läuffer.</span> Mein Vater
+sagt: ich sey nicht tauglich zum Adjunkt. Ich glaube, der Fehler
+liegt in seinem Beutel; er will keinen bezahlen. Zum Pfaffen bin ich
+auch zu jung, zu gut gewachsen, habe zu viel Welt gesehn und bey der
+Stadtschule hat mich der geheime Rath nicht annehmen wollen. Mag’s! er
+ist ein Pedant und dem ist freylich der Teufel selber nicht gelehrt
+<span class="pagenum">6</span> genug. Im halben Jahr hätt’ ich doch
+wieder eingeholt, was ich von der Schule mitgebracht, und dann wär’ ich
+für einen Klassenpräceptor noch immer viel zu gelehrt gewesen, aber der
+Herr geheime Rath muß das Ding besser verstehen. Er nennt mich immer
+nur Monsieur Läuffer, und wenn wir von Leipzig sprechen, fragt er nach
+Händels Kuchengarten und Richters Kaffehaus, ich weiß nicht: soll das
+Satyre seyn, oder&nbsp;&ndash; Ich hab’ ihn doch mit unserm Konrektor
+bisweilen tiefsinnig genug diskuriren hören; er sieht mich vermuthlich
+nicht für voll an.&nbsp;&ndash; Da kommt er eben mit dem Major; ich
+weiß nicht, ich scheu ihn ärger als den Teufel. Der Kerl hat etwas in
+seinem Gesicht, das mir unerträglich ist. (geht dem geheimen Rath und
+dem Major mit viel freundlichen Scharrfüssen vorbey.)</p>
+
+<h3>Zweyte Scene.</h3>
+
+<p class="personen">Geheimer Rath. Major.</p>
+
+<p class="p2"><span class="sprecher">Major.</span> Was willst du denn?
+Ist das nicht ein ganz artiges Männichen?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Artig genug, nur zu artig.
+Aber was soll er Deinen Sohn lehren?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span><span class="pagenum">7</span>
+Ich weiß nicht, Berg, Du thust immer solche wunderliche Fragen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Nein aufrichtig! Du must
+doch eine Absicht haben, wenn Du einen Hofmeister nimmst und den Beutel
+mit einemmahl so weit aufthust, daß dreihundert Dukaten herausfallen.
+Sag mir, was meinst Du mit dem Geld auszurichten; was foderst Du dafür
+von Deinem Hofmeister?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Daß er&nbsp;&ndash; was
+ich&nbsp;&ndash; daß er meinen Sohn in allen Wissenschaften und
+Artigkeiten und Weltmanieren – Ich weiß auch nicht, was Du immer mit
+Deinen Fragen willst; das wird sich schon finden; das werd ich ihm
+alles schon zu seiner Zeit sagen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Das heißt: Du willst
+Hofmeister Deines Hofmeisters seyn; bedenkst Du aber auch, was Du
+da auf Dich nimmst&nbsp;&ndash; Was soll Dein Sohn werden, sag mir
+einmahl?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Was er... Soldat soll er
+werden; ein Kerl, wie ich gewesen bin.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Das letzte laß nur
+weg, lieber Bruder; unsere Kinder sollen und müssen <span
+class="pagenum">8</span> das nicht werden, was wir waren: die Zeiten
+ändern sich, Sitten, Umstände, alles, und wenn Du nichts mehr und
+nichts weniger geworden wärst, als das leibhafte Kontrefey Deines
+Eltervaters&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Potz hundert! wenn er Major
+wird, und ein braver Kerl wie ich, und dem König so redlich dient als
+ich!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ganz gut, aber nach funfzig
+Jahren haben wir vielleicht einen andern König und eine andre Art ihm
+zu dienen. Aber ich seh schon, ich kann mich mit Dir in die Sachen
+nicht einlassen, ich müste zu weit ausholen und würde doch nichts
+ausrichten. Du siehst immer nur der graden Linie nach, die Deine Frau
+Dir mit Kreide über den Schnabel zieht.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Was willst Du damit sagen,
+Berg? Ich bitt Dich, misch Dich nicht in meine Hausangelegenheiten, so
+wie ich mich nicht in die Deinigen.&nbsp;&ndash; Aber sieh doch! da
+läuft ja eben Dein gnädiger Junker mit zwey Hollunken aus der Schule
+heraus.&nbsp;&ndash; Vortrefliche Erziehung, Herr Philosophus! Das wird
+einmal was rechts geben! Wer <span class="pagenum">9</span> sollt’
+es in aller Welt glauben, daß der Gassenbengel der einzige Sohn Sr.
+Excellenz des königlichen geheimen Raths&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Laß ihn nur.&nbsp;&ndash;
+Seine lustigen Spielgesellen werden ihn minder verderben als ein
+galonirter Müßiggänger, unterstützt von einer eiteln Patronin.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Du nimmst Dir Freyheiten
+heraus.&nbsp;&ndash; Adieu.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich bedaure Dich.</p>
+
+<h3>Dritte Scene.</h3>
+
+<p class="szene">Der Majorin Zimmer.</p>
+
+<p class="personen">Frau Majorin. <span class="normal">(auf
+einem Kanapee)</span> Läuffer. <span class="normal">(in sehr
+demüthiger Stellung neben ihr sitzend)</span> Leopold. <span
+class="normal">(steht)</span></p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Ich habe mit Ihrem Herrn
+Vater gesprochen und von den dreihundert Dukaten stehenden Gehalts
+sind wir bis auf hundert und funfzig einig worden. Dafür verlang’
+ich aber auch Herr&nbsp;&ndash; Wie heissen Sie?&nbsp;&ndash; Herr
+Läuffer, daß Sie Sich in Kleidern sauber halten, und unserm Hause
+<span class="pagenum">10</span> keine Schande machen. Ich weiß, daß
+Sie Geschmack haben; ich habe schon von Ihnen gehört, als Sie noch in
+Leipzig waren. Sie wissen, daß man heut zu Tage auf nichts in der Welt
+so sehr sieht, als ob ein Mensch sich zu führen wisse.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich hoff’, Euer Gnaden werden
+mit mir zufrieden seyn. Wenigstens hab’ ich in Leipzig keinen Ball
+ausgelassen, und wohl über die funfzehn Tanzmeister in meinem Leben
+gehabt.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> So? lassen Sie doch
+sehen. (Läuffer steht auf) Nicht furchtsam, Herr...Läuffer! nicht
+furchtsam! Mein Sohn ist buschscheu genug; wenn der einen blöden
+Hofmeister bekommt, so ists aus mit ihm. Versuchen Sie doch einmal,
+mir ein Kompliment aus der Menuet zu machen; zur Probe nur, damit
+ich doch sehe.&nbsp;&ndash; Nun, nun, das geht schon an! Mein Sohn
+braucht vor der Hand keinen Tanzmeister! Auch einen Pas, wenn’s Ihnen
+beliebt.&nbsp;&ndash; Es wird schon gehen; das wird sich alles geben,
+wenn Sie einmal einer unsrer Assembleen werden beigewohnt haben. Sind
+Sie musikalisch?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span><span
+class="pagenum">11</span> Ich spiele die Geige, und das Klavier zur
+Noth.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Desto besser: wenn wir aufs
+Land gehn und Fräulein Milchzahn besuchen uns einmal; ich habe bisher
+ihnen immer was vorsingen müssen, wenn die guten Kinder Lust bekamen zu
+tanzen: aber besser ist besser.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Euer Gnaden setzen mich
+ausser mich: wo wär ein Virtuos auf der Welt, der auf seinem Instrument
+Euer Gnaden Stimme zu erreichen hoffen dürfte.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Ha ha ha! Sie haben mich
+ja noch nicht gehört. ... Warten Sie; ist Ihnen die Menuet bekannt?
+(singt)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> O... o... verzeihen Sie dem
+Entzücken, dem Enthusiasmus, der mich hinreißt. (küßt ihr die Hand.)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Und ich bin doch enrhumirt
+dazu; ich muß heut krähen wie ein Rabe. Vous parlez françois, sans
+doute?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Un peu, Madame</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Avez Vous deja fait Vôtre
+tour de France?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span><span
+class="pagenum">12</span> Non Madame. ... Oui Madame.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Vous devez donc savoir, qu’en
+France, on ne baise pas les mains, mon cher. ...</p>
+
+<p><span class="sprecher">Bedienter.</span> (tritt herein) Der Graf
+Wermuth ...</p>
+
+<p class="center">Graf Wermuth. (tritt herein)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Graf.</span> (nach einigen stummen
+Komplimenten setzt sich zur Majorin aufs Kanapee. Läuffer bleibt
+verlegen stehen) Haben Euer Gnaden den neuen Tanzmeister schon gesehn,
+der aus Dresden angekommen? Er ist ein Marchese aus Florenz, und heißt
+... Aufrichtig: ich habe nur zwey auf meinen Reisen angetroffen, die
+ihm vorzuziehen waren.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Das gesteh’ ich, nur zwey!
+In der That, Sie machen mich neugierig; ich weiß, welchen verzärtelten
+Geschmack der Graf Wermuth hat.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Pintinello ... nicht wahr?
+ich hab’ ihn in Leipzig auf dem Theater tanzen sehen; er tanzt nicht
+sonderlich ...</p>
+
+<p><span class="sprecher">Graf.</span><span class="pagenum">13</span>
+Er tanzt&nbsp;&ndash; on ne peut pas mieux.&nbsp;&ndash; Wie ich Ihnen
+sage, gnädige Frau, in Petersburg hab’ ich einen Beluzzi gesehn, der
+ihm vorzuziehen war: aber dieser hat eine Leichtigkeit in seinen
+Füssen, so etwas freyes, göttlichnachläßiges in seiner Stellung, in
+seinen Armen, in seinen Wendungen&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Auf dem Kochischen Theater
+ward er ausgepfiffen, als er sich das letztemal sehen ließ.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Merk Er sich, mein Freund!
+daß Domestiken in Gesellschaften von Standespersonen nicht mitreden.
+Geh Er auf Sein Zimmer. Wer hat Ihn gefragt? (Läuffer tritt einige
+Schritte zurück)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Graf.</span> Vermuthlich der Hofmeister, den
+Sie dem jungen Herrn bestimmt? ...</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Er kommt ganz frisch von der
+hohen Schule.&nbsp;&ndash; Geh’ Er nur! Er hört ja, daß man von Ihm
+spricht; desto weniger schickt es sich, stehen zu bleiben. (Läuffer
+geht mit einem steifen Kompliment ab) Es ist was unerträgliches, daß
+man für sein Geld keinen rechtschaffenen Menschen mehr antreffen kann.
+<span class="pagenum">14</span> Mein Mann hat wohl dreymahl an einen
+dasigen Professor geschrieben und dies soll doch noch der galanteste
+Mensch auf der ganzen Akademie gewesen seyn. Sie sehens auch wohl
+an seinem links bordirten Kleide. Stellen Sie sich vor, von Leipzig
+bis Insterburg zweihundert Dukaten Reisegeld und jährliches Gehalt
+fünfhundert Dukaten, ist das nicht erschröcklich?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Graf.</span> Ich glaube, sein Vater ist der
+Prediger hier aus dem Ort ...</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Ich weiß nicht&nbsp;&ndash;
+es kann seyn – ich habe nicht darnach gefragt, ja doch, ich glaub’ es
+fast: er heißt ja auch Läuffer; nun denn ist er freylich noch artig
+genug. Denn das ist ein rechter Bär, wenigstens hat er mich ein für
+allemal aus der Kirche gebrüllt.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Graf.</span> Ists ein Katholik?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Nein doch, Sie wissen ja, daß
+in Insterburg keine katholische Kirche ist: er ist Lutherisch, oder
+Protestantisch wollt’ ich sagen; er ist protestantisch.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Graf.</span><span class="pagenum">15</span>
+Pintinello tanzt ... Es ist wahr, ich habe mir mein Tanzen einige
+dreißig tausend Gulden kosten lassen, aber noch einmal so viel gäb’ ich
+drum, wenn ...</p>
+
+<h3>Vierte Scene.</h3>
+
+<p class="szene">Läuffers Zimmer.</p>
+
+<p class="personen"> Läuffer. Leopold. Der Major. <span class="normal">
+(Erstere sitzen an einem Tisch, ein Buch in der Hand, indem sie der
+letztere überfällt.)</span></p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> So recht; so lieb’ ichs; hübsch
+fleißig&nbsp;&ndash; und wenn die Kanaille nicht behalten will, Herr
+Läuffer, so schlagen Sie ihm das Buch an den Kopf, daß ers Aufstehen
+vergißt, oder wollt’ ich sagen, so dürfen Sie mirs nur klagen. Ich
+will Dir den Kopf zurecht setzen, Heyduk Du! Seht da zieht er das
+Maul schon wieder. Bist empfindlich, wenn Dir Dein Vater was sagt?
+Wer soll Dirs denn sagen? Du sollst mir anders werden, oder ich will
+Dich peitschen, daß Dir die Eingeweide krachen sollen, Tuckmäuser! Und
+Sie, Herr, seyn Sie fleißig mit ihm, das bitt’ ich mir aus, und kein
+Feriiren und Pausiren <span class="pagenum">16</span> und Rekreiren,
+das leid ich nicht. Zum Plunder, vom Arbeiten wird kein Mensch das
+Malum hydropisiacum kriegen. Das sind nur Ausreden von euch Herren
+Gelehrten.&nbsp;&ndash; Wie stehts, kann er seinen Cornelio? Lippel!
+ich bitt Dich um tausend Gottes willen, den Kopf grad. Den Kopf in
+die Höhe, Junge! (richtet ihn) Tausend Sakkerment den Kopf aus den
+Schultern! oder ich zerbrech Dir Dein Rückenbein in tausendmillionen
+Stücken.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Der Herr Major verzeihen: er
+kann kaum lateinisch lesen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Was? So hat der Rakker
+vergessen.&nbsp;&ndash; Der vorige Hofmeister hat mir doch
+gesagt, er sey perfekt im Lateinischen, perfekt. ... Hat ers
+ausgeschwitzt&nbsp;&ndash; aber ich will Dir&nbsp;&ndash; Ich will es
+nicht einmal vor Gottes Gericht zu verantworten haben, daß ich Dir
+keinen Daumen aufs Auge gesetzt habe, und daß ein Galgendieb aus Dir
+geworden ist, wie der junge Hufeise oder wie Deines Onkels Friedrich,
+eh Du mir so ein Gassenläufferischer Taugenichts&nbsp;&ndash; Ich
+will dich zu Tode hauen&nbsp;&ndash; (giebt ihm eine Ohrfeige) Schon
+wieder wie ein Fragzeichen? Er läßt sich nicht sagen.&nbsp;&ndash;
+<span class="pagenum">17</span> Fort mir aus den Augen.&nbsp;&ndash;
+Fort! Soll ich Dir Beine machen? Fort, sag’ ich. (stampft mit dem Fuß.
+Leopold geht ab. Major setzt sich auf seinen Stuhl. Zu Läuffern.)
+Bleiben Sie sitzen, Herr Läuffer; ich wollte mit ihnen ein paar Worte
+allein sprechen, darum schickt’ ich den jungen Herrn fort. Sie können
+immer sitzen bleiben; ganz, ganz. Zum Henker Sie brechen mir ja den
+Stuhl entzwey, wenn Sie immer so auf einer Ecke ... Dafür steht ja
+der Stuhl da, daß man drauf sitzen soll. Sind Sie so weit gereist
+und wissen das noch nicht?&nbsp;&ndash; Hören Sie nur: ich seh’ Sie
+für einen hübschen artigen Mann an, der Gott fürchtet und folgsam
+ist, sonst würd’ ich das nimmer thun, was ich für Sie thue. Hundert
+und vierzig Dukaten jährlich hab’ ich Ihnen versprochen: das machen
+drey&nbsp;&ndash; Warte&nbsp;&ndash; Dreymal hundert und vierzig:
+wieviel machen das?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Vier hundert und zwanzig.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Ists gewiß? Macht das soviel?
+Nun damit wir gerade Zahl haben, vierhundert Thaler preußisch Courant
+hab’ ich zu Ihrem Salarii bestimmt. Sehen Sie, das ist mehr als das
+ganze Land giebt.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span><span
+class="pagenum">18</span> Aber mit Eurer Gnaden gnädigen Erlaubniß, die
+Frau Majorin haben mir von hundert funfzig Dukaten gesagt; das machte
+gerade vierhundert funfzig Thaler und auf diese Bedingungen hab’ ich
+mich eingelassen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Ey was wissen die
+Weiber!&nbsp;&ndash; Vierhundert Thaler, Monsieur; mehr kann Er mit
+gutem Gewissen nicht fodern. Der vorige hat zweihundert funfzig gehabt
+und ist zufrieden gewesen wie ein Gott. Er war doch, mein Seel! ein
+gelehrter Mann; auch und ein Hofmann zugleich: die ganze Welt gab’
+ihm das Zeugniß, und Herr, Er muß noch ganz anders werden, eh’ Er
+so wird. Ich thu’ es nur aus Freundschaft für Seinen Herrn Vater,
+was ich an Ihm thue und um Seinetwillen auch, wenn Er hübsch folgsam
+ist, und werd’ auch schon einmal für Sein Glück zu sorgen wissen; das
+kann Er versichert seyn.&nbsp;&ndash; Hör Er doch einmal: ich hab’
+eine Tochter, das mein Ebenbild ist und die ganze Welt giebt ihr das
+Zeugniß, daß ihres gleichen an Schönheit im ganzen Preussenlande nichts
+anzutreffen. Das Mädchen hat ein ganz anders Gemüth als mein Sohn,
+<span class="pagenum">19</span> der Buschklepper. Mit dem muß ganz
+anders umgegangen werden! Es weiß sein Christenthum aus dem Grunde und
+in dem Grunde, aber es ist denn nun doch, weil sie bald zum Nachtmahl
+gehen soll und ich weiß wie die Pfaffen sind, so soll er auch alle
+Morgen etwas aus dem Christenthum mit ihr nehmen. Alle Tage Morgens
+eine Stunde und da geht Er auf ihr Zimmer; angezogen, das versteht
+sich: denn Gott behüte, daß Er so ein Schweinigel seyn sollte wie
+ich einen gehabt habe, der durchaus im Schlafrock an Tisch kommen
+wollte.&nbsp;&ndash; Kann Er auch zeichnen?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Etwas, gnädiger
+Herr.&nbsp;&ndash; Ich kann Ihnen einige Proben weisen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> (besieht sie) Das ist ja
+scharmant!&nbsp;&ndash; Recht schön; gut das: Er soll meine Tochter
+auch zeichnen lehren.&nbsp;&ndash; Aber hören Sie, werther Herr
+Läuffer, um Gottes Willen ihr nicht scharf begegnet; das Mädchen hat
+ein ganz ander Gemüth als der Junge. Weiß Gott! es ist als ob sie
+nicht Bruder und Schwester wären. Sie liegt Tag und Nacht über den
+Büchern und über den Trauerspielen da, und sobald man ihr nur ein Wort
+<span class="pagenum">20</span> sagt, besonders ich, von mir kann
+sie nichts vertragen, gleich stehn ihr die Backen in Feuer und die
+Thränen lauffen ihr wie Perlen drüber herab. Ich wills Ihm nur sagen:
+das Mädchen ist meines Herzens einziger Trost. Meine Frau macht mir
+bittre Tage genug: sie will alleweil herrschen und weil sie mehr List
+und Verstand hat, als ich. Und der Sohn, das ist ihr Liebling; den
+will sie nach ihrer Methode erziehen; fein säuberlich mit dem Knaben
+Absalom, und da wird denn einmal so ein Galgenstrick draus, der nicht
+Gott, nicht Menschen was Nutz ist.&nbsp;&ndash; Das will ich nicht
+haben.&nbsp;&ndash; Sobald er was thut, oder was versieht, oder hat
+seinen Lex nicht gelernt, sag’ Ers mir nur und der lebendige Teuffel
+soll drein fahren.&nbsp;&ndash; Aber mit der Tochter nehm’ Er sich in
+Acht; die Frau wird Ihm schon zureden, daß Er ihr scharf begegnen soll.
+Sie kann sie nicht leiden, das weiß ich; aber wo ich das geringste
+merke. Ich bin Herr vom Hause, muß Er wissen, und wer meiner Tochter
+zu nahe kommt&nbsp;&ndash; Es ist mein einziges Kleinod, und wenn
+der König mir sein Königreich für sie geben wollt’: ich schicke ihn
+fort. Alle Tage ist sie in meinem <span class="pagenum">21</span>
+Abendgebet und Morgengebet und in meinem Tischgebet, und alles in
+allem, und wenn Gott mir die Gnade thun wollte, daß ich sie noch
+vor meinem Ende mit einem General oder Staatsminister vom ersten
+Range versorgt sähe,&nbsp;&ndash; denn keinen andern soll sie sein
+Lebtage bekommen,&nbsp;&ndash; so wollt’ ich gern ein zehn Jahr eher
+sterben.&nbsp;&ndash; Merk’ Er sich das&nbsp;&ndash; und wer meiner
+Tochter zu nahe kommt oder ihr worinn zu Leid lebt&nbsp;&ndash; die
+erste beste Kugel durch den Kopf. Merk’ Er Sich das.&nbsp;&ndash; (geht
+ab.)</p>
+
+<h3>Fünfte Scene.</h3>
+
+<p class="personen">Fritz von Berg. Augustchen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Sie werden nicht Wort halten
+Gustchen: Sie werden mir nicht schreiben, wenn Sie in Heidelbrun sind,
+und dann werd’ ich mich zu Tode grämen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Glaubst Du denn, daß Deine
+Juliette so unbeständig seyn kann? O nein; ich bin ein Frauenzimmer;
+die Mannspersonen allein sind unbeständig.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Nein, Gustchen, die
+Frauenzimmer <span class="pagenum">22</span> allein sinds. Ja wenn
+alle Julietten wären!&nbsp;&ndash; Wissen Sie was? Wenn Sie an mich
+schreiben, nennen Sie mich Ihren Romeo; thun Sie mir den Gefallen: ich
+versichere Sie, ich werd’ in allen Stücken Romeo seyn, und wenn ich
+erst einen Degen trage. O ich kann mich auch erstechen, wenn’s dazu
+kommt.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Gehn Sie doch! Ja Sie
+werden’s machen, wie im Gellert steht: er besah die Spitz’ und Schneide
+und steckt’ ihn langsam wieder ein.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Sie sollen schon sehen.
+(faßt sie an die Hand.) Gustchen&nbsp;&ndash; Gustchen! wenn
+ich Sie verlieren sollte oder der Onkel wollte Sie einem andern
+geben.&nbsp;&ndash; Der gottlose Graf Wermuth! Ich kann Ihnen den
+Gedanken nicht sagen Gustchen, aber Sie könnten ihn schon in meinen
+Augen lesen&nbsp;&ndash; Er wird ein Graf Paris für uns seyn.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Fritzchen&nbsp;&ndash; so
+mach’ ichs wie Juliette.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Was denn?&nbsp;&ndash; Wie
+denn?&nbsp;&ndash; Das ist ja nur eine Erdichtung; es giebt keine
+solche Art Schlaftrunk.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span><span
+class="pagenum">23</span> Ja, aber es giebt Schlaftrünke zum ewigen
+Schlaf.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (fällt ihr um den Hals)
+Grausame!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Ich hör’ meinen Vater auf
+dem Gange.&nbsp;&ndash; Laß uns in den Garten lauffen.&nbsp;&ndash;
+Nein; er ist fort.&nbsp;&ndash; Gleich nach dem Caffee Fritzchen reisen
+wir und so wie der Wagen Dir aus den Augen verschwindt, werd’ ich Dir
+auch schon aus dem Gedächtniß seyn.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> So mag Gott sich meiner nie
+mehr erinnern, wenn ich Dich vergesse. Aber nimm Dich für den Grafen in
+Acht, er gilt soviel bey deiner Mutter und Du weißt, sie möchte Dich
+gern aus den Augen haben, und eh’ ich meine Schulen gemacht habe und
+drey Jahr auf der Universität, das ist gar lange.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Wie denn Fritzchen! Ich
+bin ja noch ein Kind: ich bin noch nicht zum Abendmahl gewesen,
+aber sag mir.&nbsp;&ndash; O wer weiß, ob ich Dich sobald wieder
+spreche!&nbsp;&ndash; Wart, komm in den Garten.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Nein, nein, der Papa ist
+vorbey gegangen.&nbsp;&ndash; Siehst Du, der Henker! er <span
+class="pagenum">24</span> ist im Garten.&nbsp;&ndash; Was wolltest Du
+mir sagen?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Nichts...</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Liebes Gustchen...</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Du solltest mir&nbsp;&ndash;
+Nein, ich darf das nicht von Dir verlangen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Verlange mein Leben, meinen
+letzten Tropfen Bluts.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Wir wollten uns beyde einen
+Eid schwören.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> O komm! Vortreflich! Hier laß
+uns niederknien; am Canapee, und heb’ Du so Deinen Finger in die Höh’
+und ich so meinen.&nbsp;&ndash; Nun sag, was soll ich schwören?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Daß Du in drey Jahren von
+der Universität zurückkommen willst und Dein Gustchen zu Deiner Frau
+machen; Dein Vater mag dazu sagen, was er will.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Und was willst Du mir dafür
+wieder schwören, mein englisches... (küßt sie)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Ich will schwören,
+daß ich in meinem Leben keines andern Menschen Frau <span
+class="pagenum">25</span> werden will, als Deine und wenn der Kaiser
+von Rußland selber käme.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich schwör Dir hunderttausend
+Eide&nbsp;&ndash; (Der geheime Rath tritt herein: beyde springen mit
+lautem Geschrey auf.)</p>
+
+<h3>Sechste Scene.</h3>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Was habt Ihr närrische
+Kinder? Was zittert Ihr?&nbsp;&ndash; Gleich, gesteht mir
+alles. Was habt Ihr hier gemacht? Ihr seyd beyde auf den Knien
+gelegen.&nbsp;&ndash; Junker Fritz, ich bitte mir eine Antwort aus;
+unverzüglich:&nbsp;&ndash; Was habt Ihr vorgehabt?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich, gnädigster Papa?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich? und das mit einem so
+verwundrungsvollen Ton? Siehst Du: ich merk’ alles. Du möchtest mir
+itzt gern eine Lüge sagen, aber entweder bist Du zu dumm dazu, oder
+zu feig, und willst Dich mit Deinem Ich? heraushelfen. ... Und Sie
+Mühmchen?&nbsp;&ndash; Ich weiß. Gustchen verheelt mir nichts.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (fällt ihm um die Füße) Ach,
+mein Vater&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span><span
+class="pagenum">26</span> (hebt sie auf und küßt sie.) Wünschst Du
+mich zu Deinem Vater? Zu früh, mein Kind, zu früh Gustchen, mein Kind.
+Du hast noch nicht communicirt.&nbsp;&ndash; Denn warum soll ich
+euch verheelen, daß ich euch zugehört habe.&nbsp;&ndash; Das war ein
+sehr einfältig Stückchen von Euch beyden; besonders von Dir, großer
+vernünftiger Junker Fritz, der bald einen Bart haben wird wie ich, und
+eine Perücke aufsetzen und einen Degen anstecken. Pfuy, ich glaubt’
+einen vernünftigern Sohn zu haben. Das macht Dich gleich ein Jahr
+jünger, und macht, daß Du länger auf der Schule bleiben mußt. Und Sie,
+Gustchen, auch Ihnen muß ich sagen, daß es sich für Ihr Alter gar nicht
+mehr schickt, so kindisch zu thun. Was sind das für Romane, die Sie da
+spielen? Was für Eide, die Sie sich da schwören, und die Ihr doch alle
+beyde so gewiß brechen werdet als ich itzt mit Euch rede. Meynt Ihr,
+Ihr seyd in den Jahren, Eide zu thun, oder meynt Ihr, ein Eid sey ein
+Kinderspiel, wie es das Versteckspiel oder die blinde Kuh ist? Lernt
+erst einsehen, was ein Eid ist: lernt erst zittern dafür und alsdenn
+wagt’s, ihn zu schwören. <span class="pagenum">27</span> Wißt, daß ein
+Meineidiger die schändlichste und unglücklichste Creatur ist, die von
+der Sonne angeschienen wird. Ein solcher darf weder den Himmel ansehen,
+den er verleugnet hat, noch andere Menschen, die sich unaufhörlich vor
+ihm scheuen, und seiner Gesellschaft mit mehr Sorgfalt ausweichen, als
+einer Schlange oder einem tückischen Hunde.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Aber ich denke meinen Eid zu
+halten.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> In der That Romeo? Ha! Du
+kannst Dich auch erstechen, wenn’s dazu kommt. Du hast geschworen,
+daß mir die Haare zu Berg standen. Also gedenkst Du Deinen Eid zu
+halten?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ja Papa, bey Gott! ich denk’
+ihn zu halten.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Schwur mit Schwur
+bekräftigt!&nbsp;&ndash; Ich werd’ es Deinem Rektor beibringen. Er
+soll Euch auf vierzehn Tage nach Sekunda herunter transportiren,
+Junker: inskünftige lernt behutsamer schwören. Und worauf? Steht das
+in Deiner Gewalt, was Du da versicherst? Du willst Gustchen <span
+class="pagenum">28</span> heyrathen! Denk doch! weißt Du auch schon,
+was für ein Ding das ist, Heyrathen? Geh doch, heyrathe sie: nimm sie
+mit auf die Akademie. Nicht? Ich habe nichts dawider, daß ihr Euch
+gern seht, daß Ihr Euch lieb habt, daß Ihrs Euch sagt, wie lieb Ihr
+Euch habt; aber Narrheiten müßt Ihr nicht machen; keine Affen von uns
+Alten seyn, eh’ Ihr so reif seyd als wir; keine Romane spielen wollen,
+die nur in der ausschweifenden Einbildungskraft eines hungrigen Poeten
+ausgeheckt sind und von denen Ihr in der heutigen Welt keinen Schatten
+der Wirklichkeit antrefft. Geht! ich werde keinem Menschen was davon
+sagen, damit ihr nicht nöthig habt roth zu werden, wenn Ihr mich
+seht.&nbsp;&ndash; Aber von nun an sollt ihr einander nie mehr ohne
+Zeugen sehen. Versteht Ihr mich? Und Euch nie andere Briefe schreiben
+als offene und das auch alle Monathe, oder höchstens alle drey Wochen
+einmal, und sobald ein heimliches Briefchen an Junker Fritz oder
+Fräulein Gustchen entdeckt wird&nbsp;&ndash; so steckt man den Junker
+unter die Soldaten und das Fräulein ins Kloster, bis sie vernünftiger
+werden. Versteht ihr mich?&nbsp;&ndash; Jetzt&nbsp;&ndash; nehmt
+Abschied, <span class="pagenum">29</span> hier in meiner Gegenwart. –
+Die Kutsche ist angespannt, der Major treibt fort; die Schwägerin hat
+schon Caffee getrunken.&nbsp;&ndash; Nehmt Abschied: Ihr braucht Euch
+vor mir nicht zu scheuen. Geschwind, umarmt Euch. (Fritz und Gustchen
+umarmen sich zitternd) Und nun mein Tochter Gustchen, weil Du doch das
+Wort so gern hörst, (hebt sie auf und küßt sie) Leb tausendmal wohl,
+und begegne Deiner Mutter mit Ehrfurcht; sie mag Dir sagen was sie
+will.&nbsp;&ndash; Jetzt geh, mach!&nbsp;&ndash; (Gustchen geht einige
+Schritte, sieht sich um; Fritz fliegt ihr weinend an den Hals.) Die
+beyden Narren brechen mir das Herz! Wenn doch der Major vernünftiger
+werden wollte, oder seine Frau weniger herrschsüchtig!&nbsp;&ndash; </p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<!-- Z W E Y T E R A K T -->
+<div class="chapter">
+ <span class="pagenum">30</span>
+ <h2 id="Zweyter_Akt">Zweyter Akt.</h2>
+</div>
+
+<h3>Erste Scene.</h3>
+
+<p class="personen">Pastor Läuffer. Der geheime Rath.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich bedaure
+ihn&nbsp;&ndash; und Sie noch Vielmehr, Herr Pastor, daß Sie solchen
+Sohn haben.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Verzeihen Euer Gnaden, ich
+kann mich über meinen Sohn nicht beschweren; er ist ein sittsamer
+und geschickter Mensch, die ganze Welt und Dero Herr Bruder und Frau
+Schwägerin selbst werden ihm das eingestehen müssen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich sprech’ ihm das all
+nicht ab, aber er ist ein Thor, und hat alle sein Mißvergnügen sich
+selber zu danken. Er sollte den Sternen danken, daß meinem Bruder
+das Geld, das er für den Hofmeister zahlt, einmal anfängt zu lieb zu
+werden.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Aber bedenken Sie doch: nichts
+mehr als hundert Dukaten; hundert arme <span class="pagenum">31</span>
+Dukätchen; und dreihundert hatt’ er ihm doch im ersten Jahr
+versprochen: aber beym Schluß desselben nur hundert und vierzig
+ausgezahlt, jetzt beym Beschluß des zweyten, da doch die Arbeit meines
+Sohnes immer zunimmt, zahlt’ er ihm hundert, und nun beym Anfang des
+dritten wird ihm auch das zu viel.&nbsp;&ndash; Das ist wider alle
+Billigkeit! Verzeihn Sie mir.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Laß es doch.&nbsp;&ndash;
+Das hätt’ ich Euch Leuten voraussagen wollen, und doch solle Ihr Sohn
+Gott danken, wenn ihn nur der Major beym Kopf nähm’ und aus dem Hause
+würfe. Was soll er da, sagen Sie mir Herr? Wollen Sie ein Vater für
+ihr Kind seyn und schliessen so Augen, Mund und Ohren für seine ganze
+Glückseligkeit zu? Tagdieben, und sich Geld dafür bezahlen lassen?
+Die edelsten Stunden des Tages bey einem jungen Herrn versitzen, der
+nichts lernen mag und mit dem er’s doch nicht verderben darf, und die
+übrigen Stunden, die der Erhaltung seines Lebens, den Speisen und
+dem Schlaf geheiligt sind, an einer Sklavenkette verseufzen; an den
+Winken der gnädigen Frau hängen, und sich in die Falten des gnädigen
+Herrn hineinstudiren; essen wenn er satt ist und fasten, <span
+class="pagenum">32</span> wenn er hungrig ist, Punsch trinken, wenn
+er p-ss-n möchte, und Karten spielen, wenn er das Lauffen hat. Ohne
+Freyheit geht das Leben bergab rückwärts, Freyheit ist das Element
+des Menschen wie das Wasser des Fisches, und ein Mensch der sich der
+Freyheit begiebt, vergiftet die edelsten Geister seines Bluts, erstickt
+seine süssesten Freuden des Lebens in der Blüthe und ermordet sich
+selbst.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Aber&nbsp;&ndash; Oh! erlauben
+Sie mir; das muß sich ja jeder Hofmeister gefallen lassen; man kann
+nicht immer seinen Willen haben, und das läßt sich mein Sohn auch gern
+gefallen, nur&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Desto schlimmer, wenn er
+sichs gefallen läßt, desto schlimmer; er hat den Vorrechten eines
+Menschen entsagt, der nach seinen Grundsätzen muß leben können,
+sonst bleibt er kein Mensch. Mögen die Elenden, die ihre Ideen nicht
+zu höherer Glückseligkeit zu erheben wissen, als zu essen und zu
+trinken, mögen die sich im Keficht zu Tode füttern lassen, aber ein
+Gelehrter, ein Mensch, der den Adel seiner Seele fühlt, der den Tod
+nicht so scheuen sollt’ als eine Handlung, die wider seine Grundsätze
+läuft...</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pastor.</span><span class="pagenum">33</span>
+Aber was ist zu machen in der Welt? Was wollte mein Sohn anfangen, wenn
+Dero Herr Bruder ihm die Condition aufsagten?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Laßt den Burschen was
+lernen, daß er dem Staat nützen kann. Potz hundert Herr Pastor, Sie
+haben ihn doch nicht zum Bedienten aufgezogen, und was ist er anders
+als Bedienter, wenn er seine Freyheit einer Privatperson für einige
+Handvoll Dukaten verkauft? Sklav’ ist er, über den die Herrschaft
+unumschränkte Gewalt hat, nur daß er so viel auf der Akademie gelernt
+haben muß, ihren unbesonnenen Anmuthungen von weitem zuvorzukommen
+und so einen Firniß über seine Dienstbarkeit zu streichen: daß
+heißt denn ein feiner artiger Mensch, ein unvergleichlicher Mensch;
+ein unvergleichlicher Schurke, der, statt seine Kräfte und seinen
+Verstand dem allgemeinen Besten aufzuopfern, damit die Rasereyen
+einer dampfigten Dame und eines abgedämpften Officiers unterstützt,
+die denn täglich weiter um sich fressen wie ein Krebsschaden und
+zuletzt unheilbar werden. Und was ist der ganze Gewinnst am Ende?
+Alle Mittag Braten und alle Abend Punsch, und eine grosse <span
+class="pagenum">34</span> Portion Galle, die ihm Tags über ins Maul
+gestiegen, Abends, wenn er zu Bett liegt, hinabgeschluckt, wie Pillen;
+das macht gesundes Blut, auf meine Ehr’! und muß auch ein vortrefliches
+Herz auf die Länge geben. Ihr beklagt Euch so viel übern Adel und über
+seinen Stolz, die Leute sähn Hofmeister wie Domestiken an, Narren! was
+sind sie denn anders? Stehn sie nicht in Lohn und Brod bey ihnen wie
+jene? Aber wer heißt Euch ihren Stolz nähren? Wer heißt euch Domestiken
+werden, wenn Ihr was gelernt habt, und einem starrköpfischen Edelmann
+zinsbar werden, der sein Tage von seinen Hausgenossen nichts anders
+gewohnt war als sklavische Unterwürfigkeit?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Aber Herr Geheimer
+Rath&nbsp;&ndash; Gütiger Gott! es ist in der Welt nicht anders:
+man muß eine Warte haben, von der man sich nach einem öffentlichen
+Amt umsehen kann, wenn man von Universitäten kommt; wir müssen den
+göttlichen Ruf erst abwarten und ein Patron ist sehr oft das Mittel zu
+unserer Beförderung: wenigstens ist es mir so gegangen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Schweigen Sie,
+Herr Pastor, ich bitt Sie, schweigen Sie. Das gereicht <span
+class="pagenum">35</span> Ihnen nicht zur Ehr. Man weiß ja doch, daß
+Ihre seelige Frau Ihr göttlicher Ruf war, sonst säßen Sie noch itzt
+beym Herrn von Tiesen und düngten ihm seinen Acker. Jemine! daß Ihr
+Herrn uns doch immer einen so ehrwürdigen schwarzen Dunst vor Augen
+machen wollt. Noch nie hat ein Edelmann einen Hofmeister angenommen, wo
+er ihm nicht hinter eine Allee von acht neun Sklavenjahren ein schön
+Gemählde von Beförderung gestellt hat und wenn Ihr acht Jahr gegangen
+waret, so macht’ ers wie Laban und rückte das Bild um noch einmal so
+weit vorwärts. Possen! lernt etwas und seyd brave Leut. Der Staat wird
+Euch nicht lang am Markt stehen lassen. Brave Leut sind allenthalben zu
+brauchen, aber Schurken, die den Namen vom Gelehrten nur auf den Zettel
+tragen und im Kopf ist leer Papier ...</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Das ist sehr allgemein
+gesprochen, Herr Rath!&nbsp;&ndash; Es müssen doch, bey Gott! auch
+Hauslehrer in der Welt seyn; nicht jedermann kann gleich geheimer Rath
+werden und wenn er gleich ein Hugo Grotius wär. Es gehören heutiges
+Tags andere Sachen dazu als Gelehrsamkeit.&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span><span
+class="pagenum">36</span> Sie werden warm, Herr Pastor!&nbsp;&ndash;
+Lieber, werther Herr Pastor, lassen Sie uns den Faden unsers Streits
+nicht verlieren. Ich behaupte: es müssen keine Hauslehrer in der Welt
+seyn! das Geschmeis taucht den Teufel zu nichts.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Ich bin nicht hergekommen mir
+Grobheiten sagen zu lassen: ich bin auch Hauslehrer gewesen. Ich habe
+die Ehre&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Warten Sie; bleiben
+Sie, lieber Herr Pastor! Behüte mich der Himmel! Ich habe Sie nicht
+beleidigen wollen und wenn’s wider meinen Willen geschehen ist, so
+bitt’ ich Sie tausendmahl um Verzeihung. Es ist einmal meine üble
+Gewohnheit, daß ich gleich in Feuer gerathe, wenn mir ein Gespräch
+interessant wird: alles übrige verschwinde mir denn aus dem Gesicht und
+ich sehe nur den Gegenstand, von dem ich spreche.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Sie schütten,&nbsp;&ndash;
+Verzeihen Sie mir, ich bin auch ein Cholerikus, und rede gern von
+der Lunge ab.&nbsp;&ndash; Sie schütten das Kind mit dem Bade aus.
+Hauslehrer taugen zu nichts. – Wie können Sie mir das beweisen? Wer
+soll Euch jungen Herrn <span class="pagenum">37</span> denn Verstand
+und gute Sitten beibringen Was wär aus Ihnen geworden, mein werther
+Herr geheimer Rath, wenn Sie keinen Hauslehrer gehabt hätten?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich bin von meinem Vater
+zur öffentlichen Schul gehalten worden, und seegne seine Asche dafür,
+und so hoff’ ich, wird mein Sohn Fritz auch dereinst thun.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Ja,&nbsp;&ndash; da ist aber
+noch viel drüber zu sagen Herr! Ich meiner Seits bin Ihrer Meynung
+nicht; ja wenn die öffentlichen Schulen das wären, was sie seyn
+sollten.&nbsp;&ndash; Aber die nüchternen Subjecta, so oft den Classen
+vorstehen; die pedantischen Methoden, die sie brauchen, die unter der
+Jugend eingerissenen verderbten Sitten&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Wes ist die Schuld? Wer
+ist schuld dran, als ihr Schurken von Hauslehrern? Würde der Edelmann
+nicht von Euch in der Grille gestärkt, einen kleinen Hof anzulegen, wo
+er als Monarch oben auf dem Thron sitzt, und ihm Hofmeister und Mamsell
+und ein ganzer Wisch von Tagdieben huldigen, so würd’ er seine Jungen
+in die öffentliche Schule thun müssen; er würde das Geld, von dem er
+jetzt seinen Sohn <span class="pagenum">38</span> zum hochadlichen
+Dummkopf aufzieht, zum Fond der Schule schlagen: davon könnten denn
+gescheidte Leute salarirt werden und alles würde seinen guten Gang
+gehn; das Studentchen müste was lernen, um bey einer solchen Anstalt
+brauchbar zu werden, und das junge Herrchen, anstatt seine Faullenzerey
+vor den Augen des Papas und der Tanten, die alle keine Argusse sind,
+künstlich und manierlich zu verstecken, würde seinen Kopf anstrengen
+müssen, um es den bürgerlichen Jungen zuvorzuthun, wenn es sich doch
+von ihnen unterscheiden will.&nbsp;&ndash; Was die Sitten anbetrift,
+das findt sich wahrhaftig.&nbsp;&ndash; Wenn er gleich nicht, wie
+seine hochadliche Vettern, die Nase von Kindesbeinen an höher tragen
+lernt als andere, und in einem nachläßigen Ton, von oben herab,
+Unsinn sagen, und Leuten ins Gesicht sehen, wenn sie den Hut vor ihm
+abziehen, um ihnen dadurch anzudeuten, daß sie auf kein Gegencompliment
+warten sollen. Die feinen Sitten hol der Teufel! Man kann dem Jungen
+Tanzmeister auf der Stube halten, und ihn in artige Gesellschaften
+führen, aber er muß durchaus nicht aus der Sphäre seiner Schulkamraden
+herausgehoben, <span class="pagenum">39</span> und in der Meinung
+gestärkt werden, er sey eine bessere Kreatur als andere.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Ich habe nicht Zeit, (zieht
+die Uhr heraus) mich in den Disput weiter mit Ihnen einzulassen,
+gnädiger Herr; aber so viel weiß ich, daß der Adel überall nicht ihrer
+Meinung seyn wird.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> So sollten die Bürger
+meiner Meynung seyn.&nbsp;&ndash; Die Noth würde den Adel schon
+auf andere Gedanken bringen, und wir könnten uns bessere Zeiten
+versprechen. Sapperment, was kann aus unserm Adel werden, wenn ein
+einziger Mensch das Faktotum bey dem Kinde seyn soll, ich setz’ auch
+den unmöglichen Fall, daß er ein Polyhistor wäre, wo will der eine Mann
+Feuer und Muth und Thätigkeit hernehmen, wenn er alle seine Kräfte auf
+einen Schaafskopf concentriren soll, besonders wenn Vater und Mutter
+sich kreutz und die quer immer mit in die Erziehung mengen, und dem
+Faß, in welches er füllt, den Boden immer wieder ausschlagen?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Ich bin um zehn Uhr zu einem
+Kranken bestellt. Sie werden mir verzeihen.&nbsp;&ndash; (Im Abgehen
+wendt er sich um) Aber <span class="pagenum">40</span> wär’s nicht
+möglich, gnädiger Herr, daß Sie Ihren zweyten Sohn nur auf ein halb
+Jährchen zum Herrn Major in die Kost thäten? Mein Sohn will gern mit
+achtzig Dukaten zufrieden seyn, aber mit sechzigen, die ihm der Herr
+Bruder geben wollen, da kann er nicht von subsistiren.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Laß ihn
+quittiren.&nbsp;&ndash; Ich thu es nicht, Herr Pastor! Davon bin ich
+nicht abzubringen. Ich will Ihrem Herrn Sohn die dreyßig Dukaten lieber
+schenken; aber meinem Sohn geb ich zu keinem Hofmeister. (Der Pastor
+hält ihm einen Brief hin) Was soll ich damit? Es ist alles umsonst, sag
+ich Ihnen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Lesen Sie&nbsp;&ndash; Lesen
+Sie nur.&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Je nun, ihm ist
+nicht&nbsp;&ndash; (liest)&nbsp;&ndash; wenden Sie doch alles an, den
+Herrn geheimen Rath dahin zu vermögen,&nbsp;&ndash; Sie können Sich
+nicht vorstellen, wie elend es mir hier geht; nichts wird mir gehalten,
+was mir ist versprochen worden. Ich speise nur mit der Herrschaft,
+wenn keine Fremde da sind,&nbsp;&ndash; das ärgste ist, daß ich gar
+nicht von hier komme und in einem ganzen Jahr meinen Fuß nicht aus
+Heidelbrunn habe setzen <span class="pagenum">41</span> – man hatte
+mir ein Pferd versprochen, alle Vierteljahr einmal nach Königsberg zu
+reisen, als ich es foderte, fragte mich die gnädige Frau, ob ich nicht
+lieber zum Carneval nach Venedig wollte.&nbsp;&ndash; (wirft den Brief
+an die Erde.) Je nun, laß ihn quittiren; warum ist er ein Narr und
+bleibt da?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pastor.</span> Ja das ist eben die Sache.
+(hebt den Brief auf) Belieben Sie doch nur auszulesen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Was ist da zu
+lesen?&nbsp;&ndash; (liest) Dem ohngeachtet kann ich dies Haus nicht
+verlassen, und sollt’ es mich Leben und Gesundheit kosten. So viel
+darf ich Ihnen sagen, daß die Aussichten in eine selige Zukunft mir
+alle die Mühseligkeiten meines gegenwärtigen Standes&nbsp;&ndash;
+Ja, das sind vielleicht Aussichten in die selige Ewigkeit, sonst
+weiß ich keine Aussichten, die mein Bruder ihm eröfnen könnte. Er
+betrügt sich, glauben Sie mirs; schreiben Sie ihm zurück, daß er ein
+Thor ist. Dreyßig Dukaten will ich ihm dies Jahr aus meinem Beutel
+Zulage geben, aber ihn auch zugleich gebeten haben, mich mit allen
+fernern Anwerbungen um meinen Karl zu <span class="pagenum">42</span>
+verschonen: denn ihm zu Gefallen werd’ ich mein Kind nicht
+verwahrlosen.</p>
+
+<h3>Zweyte Scene.</h3>
+
+<p class="szene">In Heidelbrunn.</p>
+
+<p class="personen">Gustchen. Läuffer.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Was fehlt ihnen dann?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Wie stehts mit meinem
+Porträt? Nicht wahr, Sie haben nicht dran gedacht? Wenn ich auch so
+saumselig gewesen wäre&nbsp;&ndash; Häte ich das gewußt: ich hätt Ihren
+Brief so lang zurückgehalten, aber ich war ein Narr.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Ha ha ha. Lieber Herr
+Hofmeister! Ich habe wahrhaftig noch nicht Zeit gehabt.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Grausame!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Aber was fehlt Ihnen denn?
+Sagen Sie mir doch! So tiefsinnig sind Sie ja noch nie gewesen. Die
+Augen stehn Ihnen ja immer voll Wasser: ich habe gemerkt, Sie essen
+nichts.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Haben Sie? In der That? Sie
+sind ein rechtes Muster des Mitleidens.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span><span
+class="pagenum">43</span> O Herr Hofmeister&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Wollen Sie heut Nachmittag
+Zeichenstunde halten?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (faßt ihn an die Hand)
+Liebster Herr Hofmeister! verzeihen Sie, daß ich sie gestern aussetzte.
+Es war mir wahrhaftig unmöglich zu zeichnen; ich hatte den Schnuppen
+auf eine erstaunende Art.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> So werden Sie ihn wohl heute
+noch haben. Ich denke, wir hören ganz auf zu zeichnen. Es macht Ihnen
+kein Vergnügen länger.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (halbweinend) Wie können Sie
+das sagen, Herr Läuffer? Es ist das einzige, was ich mit Lust thue.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Oder Sie versparen es bis auf
+den Winter in die Stadt und nehmen einen Zeichenmeister. Ueberhaupt
+werd ich Ihren Herrn Vater bitten, den Gegenstand Ihres Abscheues,
+Ihres Hasses, Ihrer ganzen Grausamkeit von Ihnen zu entfernen. Ich sehe
+doch, daß es Ihnen auf die Länge unausstehlich wird, von mir Unterricht
+anzunehmen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Herr Läuffer&nbsp;&ndash;
+</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span><span
+class="pagenum">44</span> Lassen Sie mich&nbsp;&ndash; Ich muß sehen,
+wie ich das elende Leben zu Ende bringe, weil mir doch der Tod verboten
+ist&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Herr Läuffer&nbsp;&ndash;
+</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Sie foltern
+mich.&nbsp;&ndash; (reißt sich loß und geht ab.)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Wie dauert er mich!</p>
+
+<h3>Dritte Scene.</h3>
+
+<p class="szene">Zu Halle in Sachsen.<br>Pätus Zimmer.</p>
+
+<p class="center"><span class="sprecher">Fritz von Berg. Pätus</span>
+(im Schlafrock an einem Tisch sitzend.)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ey was Berg! Du bist ja kein
+Kind mehr, daß du nach Papa und Mama&nbsp;&ndash; Pfuy Teufel! ich
+hab Dich allezeit für einen braven Kerl gehalten, wenn Du nicht mein
+Schulkamerad wärst: ich würde mich schämen mit Dir umzugehen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Pätus, auf meine Ehr, es
+ist nicht Heimweh, Du machst mich bis über die Ohren roth mit dem
+dummen Verdacht. Ich <span class="pagenum">45</span> möchte gern
+Nachricht von Hause haben, das gesteh’ ich, aber das hat seine
+Ursachen&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Gustchen&nbsp;&ndash;
+Nicht wahr? Denk doch, Du arme Seele! Hundertachtzig Stunden von
+ihr entfernt&nbsp;&ndash; Was für Wälder und Ströme liegen nicht
+zwischen Euch? Aber warte, wir haben hier auch Mädchen; wenn ich nur
+besser besponnen wäre, ich wollte Dich heut in eine Gesellschaft
+führen&nbsp;&ndash; Ich weiß nicht, wie Du auch bist; ein Jahr in Halle
+und noch mit keinem Mädchen gesprochen: das muß melancholisch machen;
+es kann nicht anders seyn. Warte, Du must mir hier einziehen, daß Du
+lustig wirst. Was machst Du da bey dem Pfarrer? Das ist keine Stube für
+Dich&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Was zahlst Du hier?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ich zahle&nbsp;&ndash;
+Wahrhaftig, Bruder, ich weiß es nicht. Es ist ein guter ehrlicher
+Philister, bey dem ich wohne: seine Frau ist freylich bisweilen ein
+bischen wunderlich, aber mags. Was gehts mich an? Wir zanken uns einmal
+herum und denn laß ich sie laufen: und die schreiben mir alles auf.
+Hausmiethe, Kaffee, Tabak; alles was ich verlange, und denn zahl’
+<span class="pagenum">46</span> ich die Rechnung alle Jahre, wenn mein
+Wechsel kommt.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Bist du jetzt viel schuldig?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ich habe die vorige Woche
+bezahlt. Das ist wahr, diesmal haben Sie mirs arg gemacht: mein ganzer
+Wechsel hat herhalten müssen bis auf den letzten Pfennig, und mein
+Rock, den ich Tags vorher versetzt hatte, weil ich in der äussersten
+Noth war, steht noch zu Gevattern. Weiß der Himmel, wenn ich ihn wieder
+einlösen kann.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Und wie machst Dus denn
+itzt?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ich?&nbsp;&ndash; Ich bin
+krank. Heut morgen hat mich die Frau Räthin Hamster invitiren lassen,
+gleich kroch ich ins Bett ...</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Aber bey dem schönen Wetter
+immer zu Hause zu sitzen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Was macht das? des Abends geh
+ich im Schlafrock spatzieren, es ist ohnedem in den Hundstagen am Tage
+nicht auszuhalten&nbsp;&ndash; Aber Potz Mordio! Wo bleibt denn mein
+Kaffee? (pocht mit dem Fuß) Frau Blitzer!&nbsp;&ndash; Nun sollst Du
+sehn, wie ich meinen Leuten umspringe&nbsp;&ndash; Frau Blitzer! in
+aller <span class="pagenum">47</span> Welt Frau Blitzer. (klingelt und
+pocht)&nbsp;&ndash; Ich habe sie kürzlich bezahlt: nun kann ich schon
+breiter thun&nbsp;&ndash; Frau ...</p>
+
+<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span> (tritt herein mit einer
+Portion Kaffee.)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> In aller Welt, Mutter! wo
+bleibst Du denn? Das Wetter soll Dich regieren. Ich warte hier schon
+über eine Stunde&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span> Was? Du
+nichtsnutziger Kerl, was lärmst Du? Bist Du schon wieder nichts
+nutz, abgeschabte Laus? Den Augenblick trag ich meinen Kaffee wieder
+herunter&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (gießt sich ein) Nun,
+nun, nicht so böse Mutter! aber Zwieback&nbsp;&ndash; Wo ist denn
+Zwieback?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span> Ja, kleine Steine Dir!
+Es ist kein Zwieback im Hause. Denk doch, ob so ein kahler lausichter
+Kerl nun alle Nachmittag Zwieback frißt oder nicht&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Was tausend alle Welt! (stampft
+mit dem Fuß) Sie weiß, daß ich keinen Kaffee ohne Zwieback ins Maul
+nehme&nbsp;&ndash; Wofür gebe ich denn mein Geld aus&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span><span
+class="pagenum">48</span> (langt ihm Zwieback aus der Schürze,
+wobey sie ihn an den Haaren zupft.) Da siehst Du, da ist Zwieback,
+Posaunenkerl! Er hat eine Stimme wie ein ganzes Regiment Soldaten. Nu,
+ist der Kaffee gut? Ist er nicht? Gleich sag mirs, oder ich reiß Ihm
+das letzte Haar aus Seinem kahlen Kopf heraus.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (trinkt)
+Unvergleichlich&nbsp;&ndash; Aye! – Ich hab in meinem Leben keinen
+bessern getrunken.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span> Siehst Du Hundejunge!
+Wenn Du die Mutter nicht hättest, die sich Deiner annähme und Dir zu
+essen und zu trinken gäbe, Du müstest an der Strasse verhungern. Sehen
+Sie ihn einmal an, Herr von Berg, wie er daher geht, keinen Rock auf
+dem Leibe und sein Schlafrock ist auch, als ob er darin wär aufgehenkt
+worden und wieder vom Galgen gefallen. Sie sind doch ein hübscher Herr,
+ich weiß nicht wie Sie mit dem Menschen umgehen können, nun freylich
+unter Landsleuten da ist immer so eine kleine Blutsverwandschaft,
+drum sag ich immer, wenn doch der Herr von Berg zu uns einlogiren
+thäte. Ich weiß, daß Sie viel Gewalt über ihn haben: da <span
+class="pagenum">49</span> könnte doch noch was ordentliches aus ihm
+werden, aber sonst wahrhaftig&nbsp;&ndash; (geht ab)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Siehst Du, ist das nicht
+ein gut fidel Weib. Ich seh’ ihr all etwas durch die Finger, aber
+potz, wenn ich auch einmal ernsthaft werde, kusch ist sie wie die
+Wand&nbsp;&ndash; Willst Du nicht eine Tasse mit trinken? (gießt ihm
+ein) Siehst Du, ich bin hier wohl bedient; ich zahle was rechts, das
+ist wahr, aber dafür hab’ auch ich was ...</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (trinkt.) Der Kaffee schmeckt
+nach Gerste.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Was sagst Du?&nbsp;&ndash;
+(schmeckt gleichfalls) Ja wahrhaftig, mit dem Zwieback hab’ ichs nicht
+so&nbsp;&ndash; (sieht in die Kanne) Nun so hol Dich! (wirft das
+Kaffeezeug zum Fenster hinaus) Gerstenkaffee und fünfhundert Gulden
+jährlich!&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span> (stürzt herein) Wie? Was
+zum Teufel, was ist das? Herr, ist Er rasend oder plagt Ihn gar der
+Teufel?&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Still Mutter!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span> (mit gräßlichem
+Geschrey) Aber wo ist mein Kaffeezeug? Ey! zum Henker! <span
+class="pagenum">50</span> aus dem Fenster&nbsp;&ndash; Ich kratz’ Ihm
+die Augen aus dem Kopf heraus.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Es war eine Spinne darin und
+ich warf’s in der Angst&nbsp;&ndash; Was kann ich dafür, daß das
+Fenster offen stand?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Frau Blitzer.</span> Daß Du verreckt wärst an
+der Spinne, wenn ich Dich mit Haut und Haar verkaufe, so kannst Du mir
+mein Kaffeezeug nicht bezahlen, nichtswürdiger Hund! Nichts als Schaden
+und Unglück kann Er machen. Ich will Dich verklagen; ich will Dich in
+Karcer werfen lassen. (läuft heraus)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (lachend) Was ist zu machen,
+Bruder! man muß sie schon ausrasen lassen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Aber für Dein Geld?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ey was!&nbsp;&ndash; Wenn ich
+bis Weyhnachten warten muß, wer wird mir sogleich bis dahin kreditiren?
+Und denn ists ja nur ein Weib und ein närrisch Weib dazu, dem’s nicht
+immer so von Herzen geht- wenn mirs der Mann gesagt hätte, das wär was
+anders, dem schlüg’ ich das Leder voll&nbsp;&ndash; Siehst Du wohl!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Hast Du Feder und Tinte?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span><span class="pagenum">51</span>
+Dort auf dem Fenster&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich weiß nicht, das Herz ist
+mir so schwer&nbsp;&ndash; Ich habe nie was auf Ahndungen gehalten.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ja mir auch&nbsp;&ndash; Die
+Döbblinsche Gesellschaft ist angekommen. Ich möchte gern in die Komödie
+gehn und habe keinen Rock anzuziehen. Der Schurke mein Wirth leyht mir
+keinen und ich bin eine so große dicke Bestie, daß mir keiner von all
+Euren Röcken passen würde.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich muß gleich nach Hause
+schreiben. (setzt sich an ein Fenster nieder und schreibt)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (setzt sich einem Wolfspelz
+gegenüber, der an der Wand hängt) Hm! nichts als den Pelz gerettet,
+von allen meinen Kleidern, die ich habe, und die ich mir noch wollte
+machen lassen. Grade den Pelz, den ich im Sommer nicht tragen kann, und
+den mir nicht einmal der Jude zum Versatz annimmt, weil sich der Wurm
+leicht hineinsetzt. Hanke, Hanke! das ist doch unverantwortlich, daß Du
+mir keinen Rock auf Pump machen willst. (steht auf und geht herum) Was
+hab’ ich Dir gethan, Hanke, daß Du just mir keinen Rock machen <span
+class="pagenum">52</span> willst? Just mir, der ich ihn am nöthigsten
+brauche, weil ich jetzo keinen habe, just mir!&nbsp;&ndash; Der Teufel
+muß Dich besitzen, er macht Hunz und Kunz auf Kredit und just mir
+nicht! (faßt sich an den Kopf und stampft mit dem Fuß) Just mir nicht,
+just mir nicht!&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> (der sich mittlerweile
+hineingeschlichen und ihm zugehört, faßt ihn an: er kehrt sich um
+und bleibt stumm vor Bollwerk stehen) Ha ha ha ... Nun du armer
+Pätus&nbsp;&ndash; ha ha ha! Nicht wahr, es ist doch ein gottloser
+Hanke, daß er just Dir nicht&nbsp;&ndash; Aber, wo ist das rothe
+Kleid mit Gold, das Du bey ihm bestellt hast, und das blauseidne mit
+der silberstücknen Weste, und das rothsammetne mit schwarz Sammet
+gefüttert, das wär vortreflich bey dieser Jahrszeit. Sage mir!
+antworte mir! Der verfluchte Hanke! Wollen wir gehn und ihm die Haut
+vollschlagen? Wo bleibt er so lang mit Deiner Arbeit? Wollen wir?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (wirft sich auf einen Stuhl)
+Laß mich zufrieden.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Aber hör Pätus, Pätus,
+Pä Pä Pä Pätus (setzt sich zu ihm) Döbblin ist angekommen. <span
+class="pagenum">53</span> Hör Pä Pä Pä Pä Pätus, wie wollen wir das
+machen? Ich denke, Du ziehst Deinen Wolfspelz an und gehst heut Abend
+in die Komödie. Was schadt’s, Du bist doch fremd hier&nbsp;&ndash; und
+die ganze Welt weiß, daß Du vier Paar Kleider bey Hanke bestellt hast.
+Ob er sie Dir machen wird, ist gleich viel!&nbsp;&ndash; Der verfluchte
+Kerl! Wollen ihm die Fenster einschlagen, wenn er sie Dir nicht
+macht!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (heftig) Laß mich zufrieden,
+sag ich Dir.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Aber hör...aber...aber...hör
+hör hör’ Pätus; nimm Dich in Acht Pätus! daß Du mir des Nachts nicht
+mehr im Schlafrock auf der Gasse läufst. Ich weiß, daß Du bange bist
+vor Hunden; es ist eben ausgetrummelt worden, daß zehn wütige Hunde in
+der Stadt herumlaufen sollen; sie haben schon einige Kinder gebissen:
+zwey sind noch davon kommen, aber vier sind auf der Stelle gestorben.
+Das machen die Hundstage? Nicht wahr Pätus? Es ist gut, daß Du jetzt
+nicht ausgehen kannst. Nicht wahr? Du gehst itzt mit allem Fleiß nicht
+aus? Nicht wahr Pä Pä Pätus?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span><span class="pagenum">54</span>
+Laß mich zufrieden ... oder wir verzürnen uns.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Du wirst doch kein Kind seyn
+– Berg, kommen Sie mit in die Komödie?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (zerstreut) Was?&nbsp;&ndash;
+Was für Komödie?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Es ist eine Gesellschaft
+angekommen&nbsp;&ndash; Legen Sie die Schmieralien weg. Sie können ja
+auf den Abend schreiben. Man giebt heut Minna von Barnhelm.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> O die muß ich
+sehen.&nbsp;&ndash; (steckt seine Briefe zu sich) Armer Pätus, daß Du
+keinen Rock hast.&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Ich lieh’ ihm gern einen,
+aber es ist hol mich der Teufel mein einziger, den ich auf dem Leibe
+habe&nbsp;&ndash; (gehn ab)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (allein) Geht zum Teufel mit
+Eurem Mitleiden! Das ärgert mich mehr als wenn man mir ins Gesicht
+schlüge&nbsp;&ndash; Ey was mach ich mir draus. (zieht seinen
+Schlafrock aus) Laß die Leute mich für wahnwitzig halten! Minna
+von Barnhelm muß ich sehen und wenn ich nackend hingehen sollte!
+(zieht den Wolfspelz an) Hanke, Hanke! es soll Dir zu Hause <span
+class="pagenum">55</span> kommen! (stampft mit dem Fuß) Es soll dir zu
+Hause kommen! (geht)</p>
+
+<h3>Vierte Scene.</h3>
+
+<p class="personen">Frau Hamster. Jungfer Hamster. Jungfer Knicks.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Jungfer Knicks.</span> Ich kanns Ihnen vor
+Lachen nicht erzehlen, Frau Räthin, ich muß krank vor Lachen werden.
+Stellen Sie Sich vor: wir gehen mit Jungfer Hamster im Gäßchen hier
+nah bey, so läuft uns ein Mensch im Wolfspelz vorbey, als ob er durch
+Spießruthen gejagt würde; drey große Hunde hinter ihm drein. Jungfer
+Hamster bekam einen Schubb, daß sie mit dem Kopf an die Mauer schlug
+und überlaut schreyen muste.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Frau Hamster.</span> Wer war es denn?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Jungfer Knicks.</span> Stellen Sie Sich vor,
+als wir ihm nachsahen, war’s Herr Pätus&nbsp;&ndash; Er muß rasend
+worden seyn.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Frau Hamster.</span> Mit einem Wolfspelz in
+dieser Hitze!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Jungfer Hamster.</span> (hält sich
+den Kopf) Ich glaube noch immer, er ist aus dem hitzigen <span
+class="pagenum">56</span> Fieber aufgesprungen. Er ließ uns heut Morgen
+sagen, er sey krank.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Jungfer Knicks.</span> Und die drey Hunde
+hinter ihm drein, das war das lustigste. Ich hatte mir vorgenommen
+heut in die Komödie zu gehen, aber nun mag ich nicht, ich würde doch
+da nicht soviel zu lachen kriegen. Das vergeß ich mein Lebtage nicht.
+Seine Haare flogen ihm nach wie der Schweif an einem Kometen, und je
+eyfriger er lief, desto eyfriger schlugen die Hunde an und er hatte das
+Herz nicht, sich einmal umzusehen... Das war unvergleichlich!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Frau Hamster.</span> Schrie er nicht? Er wird
+gemeynt haben, die Hunde seyn wütig.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Jungfer Knicks.</span> Ich glaub, er hatte
+keine Zeit zum Schreyen, aber roth war er wie ein Krebs und hielt das
+Maul offen, wie die Hunde hinter ihm drein&nbsp;&ndash; O das war nicht
+mit Geld zu bezahlen! ich gäbe nicht meine Schnur ächter Perlen darum,
+daß ich das nicht gesehen.</p>
+
+<h3>Fünfte Scene.</h3>
+
+<p class="szene"><span class="pagenum">57</span>In
+Heidelbrunn.<br>Augustchens Zimmer.</p>
+
+<p class="personen">Gustchen. <span class="normal">(liegt auf dem
+Bette)</span> Läuffer. <span class="normal">(sitzt am Bette)</span></p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Stell Dir vor Gustchen,
+der geheime Rath will nicht. Du siehst, daß Dein Vater mir das Leben
+immer saurer macht: nun will er mir gar aufs folgende Jahr nur vierzig
+Dukaten geben. Wie kann ich das aushalten? Ich muß quittiren.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Grausamer, und was werd ich
+denn anfangen? (nachdem beyde eine zeitlang sich schweigend angesehen)
+Du siehst: ich bin schwach, und krank; hier in der Einsamkeit unter
+einer barbarischen Mutter&nbsp;&ndash; Niemand fragt nach mir, niemand
+bekümmert sich um mich: meine ganze Familie kann mich nicht mehr
+leiden; mein Vater selber nicht mehr: ich weiß nicht warum.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Mach, daß Du zu meinem Vater
+in die Lehre kommst; nach Insterburg.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Da kriegen wir uns nie zu
+sehen. <span class="pagenum">58</span> Mein Onkel leidt es nimmer, daß
+mein Vater mich zu Deinem Vater ins Haus giebt.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Mit dem verfluchten
+Adelstolz!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (nimmt seine Hand) Wenn Du
+auch böse wirst, Herrmannchen! (küßt sie) O od! Tod! warum erbarmst Du
+Dich nicht!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Rathe mir selber&nbsp;&ndash;
+Dein Bruder ist der ungezogenste Junge den ich kenne: neulich hat
+er mir eine Ohrfeige gegeben und ich durft ihm nichts dafür thun,
+durft nicht einmal drüber klagen. Dein Vater hätt ihm gleich Arm und
+Bein gebrochen und die gnädige Mama alle Schuld zuletzt auf mich
+geschoben.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Aber um
+meinetwillen&nbsp;&ndash; Ich dachte, Du liebtest mich.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (stützt sich mit der andern
+Hand auf ihrem Bett, indem sie fortfährt seine eine Hand von Zeit zu
+Zeit an die Lippen zu bringen.) Laß mich denken...(bleibt nachsinnend
+sitzen)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (in der beschriebenen
+Pantomime) O Romeo! Wenn dies Deine Hand wäre.&nbsp;&ndash; Aber so
+verlässest Du mich, unedler Romeo! Siehst nicht, daß Deine Julie für
+Dich stirbt&nbsp;&ndash; <span class="pagenum">59</span> von der
+ganzen Welt, von ihrer ganzen Familie gehaßt, verachtet, ausgespyen.
+(drückt seine Hand an ihre Augen) O unmenschlicher Romeo!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (sieht auf) Was schwärmst Du
+wieder?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Es ist ein Monolog aus einem
+Trauerspiel, den ich gern recitire, wenn ich Sorgen habe. (Läuffer
+fällt wieder in Gedanken, nach einer Pause fängt sie wieder an)
+Vielleicht bist Du nicht ganz strafbar. Deines Vaters Verbot, Briefe
+mit mir zu wechseln, aber die Liebe setzt über Meere und Ströme, über
+Verbot und Todesgefahr selbst&nbsp;&ndash; Du hast mich vergessen...
+Vielleicht besorgtest Du für mich&nbsp;&ndash; ja,&nbsp;&ndash; ja,
+Dein zärtliches Herz sah, was mir drohte, für schröcklicher an, als das
+was ich leide. (küßt Läuffers Hand inbrünstig) O göttlicher Romeo!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (küßt ihre Hand lange
+wieder und sieht sie eine Weile stumm an) Es könnte mir gehen wie
+Abälard&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (richtet sich auf) Du irrst
+Dich&nbsp;&ndash; Meine Krankheit liegt im Gemüth&nbsp;&ndash; Niemand
+<span class="pagenum">60</span> wird Dich muthmaßen&nbsp;&ndash;
+(fällt wieder hin) Hast Du die neue Heloise gelesen?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich höre was auf dem Gang
+nach der Schulstube.– </p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Meines Vaters&nbsp;&ndash;
+Um Gotteswillen!&nbsp;&ndash; Du bist drey Viertelstund zu lang
+hiergeblieben. (Läuffer läuft fort)</p>
+
+<h3>Sechste Scene.</h3>
+
+<p class="personen">Die Majorin. Graf Wermuth.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Graf.</span> Aber gnädige Frau! kriegt man
+denn Fräulein Gustchen gar nicht mehr zu sehen? Wie befindt sie sich
+auf die vorgestrige Jagd?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Zu Ihrem Befehl; sie hat
+die Nacht Zahnschmerzen gehabt, darum darf sie sich heut nicht sehen
+lassen. Was macht Ihr Magen, Graf! auf die Austern?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Graf.</span> O das bin ich gewohnt. Ich habe
+neulich mit meinem Bruder ganz allein auf unsre Hand sechshundert Stück
+aufgegessen und zwanzig Bouteillen Champagner dabey ausgetrunken.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span><span
+class="pagenum">61</span> Rheinwein wollten Sie sagen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Graf.</span> Champagner&nbsp;&ndash; Es war
+eine Idee, und ist uns beyden recht gut bekommen. Denselben Abend war
+Ball in Königsberg, mein Bruder hat bis an den andern Mittag getanzt
+und ich Geld verloren.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Wollen wir ein Piquet
+machen?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Graf.</span> Wenn Fräulein Gustchen käme,
+macht’ ich ein Paar Touren im Garten mit ihr. Ihnen, gnädige Frau, darf
+ichs nicht zumuthen; mit Ihrer Fontenelle am Fuß.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Ich weiß auch nicht, wo der
+Major immer steckt. Er ist in seinem Leben so rasend nicht auf die
+Oekonomie gewesen; den ganzen ausgeschlagenen Tag auf dem Felde und
+wenn er nach Hause kommt, sitzt er stumm wie ein Stock. Glauben Sie,
+daß ich anfange mir Gedanken drüber zu machen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Graf.</span> Er scheint melancholisch.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Weiß es der
+Himmel&nbsp;&ndash; Neulich hatt’ er wieder einmal den Einfall bey
+mir zu schlafen, und da ist er mitten in der Nacht aus dem Bett’
+aufgesprungen und hat sich&nbsp;&ndash; He he, ich soll es Ihnen nicht
+erzehlen, aber <span class="pagenum">62</span> Sie kennen ja die
+lächerliche Seite von meinem Mann schon.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Graf.</span> Und hat sich ...</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Auf die Knie niedergeworfen
+und an die Brust geschlagen und geschluchzt und geheult, daß mir zu
+grauen anfieng. Ich hab ihn aber nicht fragen mögen, was gehen mich
+seine Narrheiten an? Mag er Pietist oder Quacker werden. Meinethalben!
+Er wird dadurch weder häßlicher noch liebenswürdiger in meinen Augen
+werden, als er ist. (sieht den Grafen schalkhaft an)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Graf.</span> (faßt sie ans Kinn) Boßhafte
+Frau!&nbsp;&ndash; Aber wo ist Gustchen? Ich möchte gar zu gern mit ihr
+spatzieren gehn.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Still da kommt ja der Major
+... Sie können mit ihm gehen, Graf.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Graf.</span> Denk doch&nbsp;&ndash; Ich will
+nun aber mit Ihrer Tochter gehn.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Sie wird noch nicht angezogen
+seyn: es ist was unausstehliches, wie faul das Mädchen ist&nbsp;&ndash;
+</p>
+
+<p class="center">(Major von Berg kommt im Nachtwämmschen, einen
+Strohhut auf.)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span><span
+class="pagenum">63</span> Nun wie stehts, Mann? Wo treiben Sie Sich
+denn wieder herum? Man kriegt Sie ja den ganzen Tag nicht zu sehen.
+Sehn Sie ihn nur an Herr Graf; sieht er doch wie der Heavtontimorumenos
+in meiner großen Madame Dacier abgemahlt&nbsp;&ndash; Ich glaube, Du
+hast gepflügt, Herr Major? Wir sind itzt in den Hundstagen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Graf.</span> In der That, Herr Major, Sie
+haben noch nie so übel ausgesehen, blaß, hager, Sie müssen etwas haben,
+das Ihnen auf dem Gemüth liegt, was bedeuten die Thränen in Ihren
+Augen, sobald man Sie aufmerksam ansieht? Ich kenne Sie doch zehn Jahr
+schon und habe Sie nie so gesehen, selbst da nicht, als Ihr Bruder
+starb.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Geitz, nichts als der leidige
+Geitz, er meynt, wir werden verhungern, wenn er nicht täglich wie ein
+Maulwurf auf dem Felde wühlt. Bald gräbt er, bald pflügt er, bald eggt
+er. Du willst doch nicht Bauer werden? Du mußt mir vorher einen andern
+Mann geben, der die Aufsicht über Dich führt.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Ich muß wohl schaffen und
+scharren, meiner Tochter einen Platz im Hospital auszumachen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span><span
+class="pagenum">64</span> Was sind das nun wieder für
+Phantasien!&nbsp;&ndash; Ich muß wahrhaftig den Doktor Würz noch aus
+Königsberg holen lassen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Du siehst nimmer nichts,
+vornehme Frau! daß Dein Kind von Tag zu Tag abfällt, daß sie
+Schönheit, Gesundheit und den ganzen Plunder verliert und dahergeht,
+als ob sie, hol mich der Teufel&nbsp;&ndash; Gott verzeyh mir meine
+schwere Sünde,&nbsp;&ndash; als ob der arme Lazarus sie gemacht
+hätte&nbsp;&ndash; Es frißt mir die Leber ab&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Hören Sie ihn nur! Wie er
+mich anfährt! Bin ich schuld daran? Bist du denn wahnwitzig?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Ja freylich bist Du schuld
+daran, oder was ist sonst schuld daran? Ich kann’s, zerschlag mich der
+Donner! nicht begreifen. Ich dacht immer, ihr eine der ersten Parthien
+im Reich auszumachen; denn sie hat auf der ganzen Welt an Schönheit
+nicht ihres gleichen gehabt und nun sieht sie aus wie eine Kühmagd
+– Ja freilich bist Du schuld daran mit Deiner Strenge und Deinen
+Grausamkeiten und Deinem Neid, das hat sie sich zu Gemüth gezogen
+und das ist ihr nun zum Gesicht <span class="pagenum">65</span>
+herausgeschlagen, aber das ist Deine Freude, gnädige Frau, denn Du bist
+lang schalu über sie gewesen. Das kannst Du doch nicht leugnen? Solltst
+Dich in Dein Herz schämen, wahrhaftig! (geht ab)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Aber ... aber was sagen Sie
+dazu, Herr Graf! Haben Sie in Ihrem Leben eine ärgere Kollektion von
+Sottisen gesehen?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Graf.</span> Kommen Sie; wir wollen Piquet
+spielen, bis Fräulein Gustchen angezogen ist..</p>
+
+<h3>Siebente Scene.</h3>
+
+<p class="szene">In Halle.</p>
+
+<p class="personen">Fritz von Berg. <span class="normal">(im
+Gefängniß)</span> Bollwerk. von Seiffenblase und sein Hofmeister. <span
+class="normal">(stehn um ihn)</span></p>
+
+<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Wenn ich doch den Jungen
+hier hätte, daß Fell zög’ ich ihm über die Ohren. Es ist mit alledem
+doch infam gehandelt, einen ehrlichen Jungen, wie Berg, ins Karcer
+zu bringen; da sich keiner sein hat annehmen wollen. Denn das ist
+ja wahr, kein einziger Landsmann hat den Fuß vor die Thür <span
+class="pagenum">66</span> seinethalben gesetzt. Wenn Berg nicht gut für
+ihn gesagt hätte, wär’ er im Gefängniß verfault. Und in vierzehn Tagen
+soll das Geld hier seyn und wo er den Berg in Verlegenheit läßt, soll
+man ihn für einen ausgemachten Schurken halten. O du verdammter Pä Pä
+Pä Pä Pätus! Wart Du verhenkerter Pätus, wart einmal!&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Hofmeister.</span> Ich kann Ihnen nicht genug
+beschreiben, lieber Herr von Berg, wie leyd es mir besonders um Ihres
+Herrn Vaters und der Familie willen thut, Sie in einem solchen Zustande
+zu sehen und noch dazu ohne Ihre Schuld, aus blosser jugendlicher
+Unbesonnenheit. Es hat schon einer von den sieben Weisen Griechenlandes
+gesagt, für Bürgschaften sollst du dich in Acht nehmen und in der That
+es ist nichts unverschämter, als daß ein junger Durchbringer, der sich
+durch seine lüderliche Wirthschaft ins Elend gestürzt hat, auch andere
+mit hineinziehen will, denn vermuthlich hat er das gleich anfangs im
+Sinne gehabt, als er auf der Akademie Ihre Freundschaft suchte.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Herr von Seiffenblase.</span> Jaja, lieber
+Bruder <span class="pagenum">67</span> Berg! nimm mir nicht übel,
+da hast Du einen großen Bock gemacht. Du bist selbst schuld daran;
+dem Kerl hättst Du’s doch gleich ansehen können, daß er Dich betrügen
+würde. Er ist bey mir auch gewesen und hat mich angesprochen: er wär’
+aufs äusserste getrieben, seine Kreditores wollten ihn wegstecken
+lassen, wo ihn nicht Sonn noch Mond beschiene. Laß sie dich, dachte
+ich, es schadt dir nichts. Das ist dafür, daß Du uns sonst kaum
+über die Achsel ansahst, aber wenn ihr in Noth seyd, da sind die
+Adelichen zu Kaventen gut genug. Er erzehlte mir Langes und Breites;
+er hätte seine Pistolen schon geladen, im Fall die Kreditores ihn
+angriffen&nbsp;&ndash; Und nun läßt der lüderliche Hund Dich an seiner
+Stelle prostituiren. Das ist wahr, wenn mir das geschehen wäre: ich
+könnte so ruhig nicht dabey seyn: zwischen vier Mauren der Herr von
+Berg und das um eines lüderlichen Studenten willen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Er war mein
+Schulkamerad&nbsp;&ndash; Laßt ihn zufrieden. Wenn ich mich nicht über
+ihn beklage, was geht’s Euch an? Ich kenn’ ihn länger als Ihr; ich
+weiß, daß er mich nicht mit seinem guten Willen hier sitzen läßt.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Hofmeister.</span><span
+class="pagenum">68</span> Aber, Herr von Berg, wir müssen in der Welt
+mit Vernunft handeln. Sein Schade ist es gewiß nicht, daß Sie hier
+für ihn sitzen und seinethalben können Sie noch ein Sekulum so sitzen
+bleiben&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich hab’ ihn von Jugend auf
+gekannt: wir haben uns noch niemals was abgeschlagen. Er hat mich wie
+seinen Bruder geliebt, ich ihn wie meinen. Als er nach Halle reißte,
+weint’ er zum erstenmal in seinem Leben, weil er nicht mit mir reisen
+konnte. Ein ganzes Jahr früher hätt’ er schon auf die Akademie gehn
+können, aber um mit mir zusammen zu reisen, stellt’ er sich gegen
+die Präceptores dummer als er war, und doch wollt es das Schicksal
+und unsre Väter so, daß wir nicht zusammen reißten und das war sein
+Unglück. Er hat nie gewußt mit Geld umzugehen und gab jedem was er
+verlangte. Hätt’ ihm ein Bettler das letzte Hemd vom Leibe gezogen und
+dabey gesagt: mit Ihrer Erlaubnis, lieber Herr Pätus, er hätt’s ihm
+gelassen. Seine Kreditores giengen mit ihm um wie Strasenräuber und
+sein Vater verdiente nie, einen verlornen Sohn zu haben, der bey all
+seinem Elend ein so gutes Herz nach Hause brachte.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Hofmeister.</span><span
+class="pagenum">69</span> O verzeyhn Sie mir, Sie sind jung und sehen
+alles noch aus dem vortheilhaftesten Gesichtspunkt an: man muß erst
+eine Weile unter den Menschen gelebt haben um Charaktere beurtheilen
+zu können. Der Herr Pätus, oder wie er da heißt, hat sich Ihnen bisher
+immer nur unter der Maske gezeigt; jetzt kommt sein wahres Gesicht erst
+ans Tageslicht: er muß einer der feinsten und abgefeimtesten Betrüger
+gewesen seyn, denn die treuherzigen Spitzbuben...</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (in Reisekleidern fällt Berg um
+den Hals) Bruder Berg&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz v. Berg.</span> Bruder
+Pätus&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Nein&nbsp;&ndash;
+laß&nbsp;&ndash; zu Deinen Füßen muß ich liegen&nbsp;&ndash; Dich
+hier&nbsp;&ndash; um meinetwillen. (rauft sich das Haar mit beyden
+Händen und stampft mit den Füßen) O Schicksal! Schicksal! Schicksal!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Nun wie ists? Hast Du
+Geld mitgebracht? Ist Dein Vater versöhnt? Was bedeutet Dein
+Zurückkommen?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Nichts, nichts&nbsp;&ndash; Er
+hat mich nicht vor sich gelassen&nbsp;&ndash; Hundert Meilen <span
+class="pagenum">70</span> umsonst gereißt!&nbsp;&ndash; Ihr Diener, Ihr
+Herren. Bollwerk wein’ nicht, Du erniedrigst mich zu tief, wenn Du gut
+für mich denkst&nbsp;&ndash; O Himmel, Himmel!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> So bist Du der ärgste Narr,
+der auf dem Erdboden wandelt. Warum kommst Du zurück? Bist Du
+wahnwitzig? Haben alle Deine Sinne Dich verlassen? Willst Du, daß die
+Kreditores Dich gewahr werden&nbsp;&ndash; Fort! Bollwerk, führ ihn
+fort; sieh daß Du ihn sicher aus der Stadt bringst&nbsp;&ndash; Ich
+höre den Pedell&nbsp;&ndash; Pätus, ewig mein Feind, wo Du nicht im
+Augenblick&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (wirft sich ihm zu Füßen)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich möchte rasend
+werden.&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> So sey doch nun kein Narr,
+da Berg so großmüthig ist und für Dich sitzen bleiben will; sein Vater
+wird ihn schon auslösen: aber wenn Du einmal sitzest, so ist keine
+Hofnung mehr für Dich; Du must im Gefängniß verfaulen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Gebt mir einen Degen her ...</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Fort!&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Fort!&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span><span class="pagenum">71</span>
+Ihr thut mir eine Barmherzigkeit, wenn ihr mir einen Degen&nbsp;&ndash;
+</p>
+
+<p><span class="sprecher">Seiffenblase.</span> Da haben Sie
+meinen...</p>
+
+<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> (greift ihn in den Arm)
+Herr – Schurke! Lassen Sie&nbsp;&ndash; Stecken Sie nicht ein! Sie
+sollen nicht umsonst gezogen haben. Erst will ich meinen Freund in
+Sicherheit und dann erwarten Sie mich hier&nbsp;&ndash; Draußen, wohl
+zu verstehen; also vor der Hand zur Thür hinaus! (wirft ihn zur Thür
+hinaus)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Hofmeister.</span> Mein Herr
+Bollwerk&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Kein Wort, Sie&nbsp;&ndash;
+gehen Sie Ihrem Jungen nach und lehren Sie ihn, kein schlechter Kerl
+seyn&nbsp;&ndash; Sie können mich haben wo und wie Sie wollen. (der
+Hofmeister geht ab)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Bollwerk! ich will Dein
+Sekundant seyn.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Narr auch! Du thust
+als&nbsp;&ndash; Willst Du mir den Handschuh vielleicht halten,
+wenn ich vorher eins übern Daumen pisse?&nbsp;&ndash; Was brauchts
+da Sekundanten. Komm nur fort und sekundire Dich zur Stadt hinaus,
+Hasenfuß.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span><span class="pagenum">72</span>
+Aber ihrer sind zwey.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Bollwerk.</span> Ich wünschte, daß ihrer zehn
+wären und keine Seiffenblasen drunter&nbsp;&ndash; So komm doch, und
+mach Dich nicht selbst unglücklich, närrischer Kerl.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Berg!&nbsp;&ndash; (Bollwerk
+reißt ihn mit sich fort)</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<!-- D R I T T E R A K T -->
+<div class="chapter">
+ <h2 id="Dritter_Akt">Dritter Akt.</h2>
+</div>
+
+<h3>Erste Scene.</h3>
+
+<p class="szene">In Heidelbrunn.</p>
+
+<p class="personen">Der Major. <span class="normal">(im
+Nachtwämmschen)</span> Der geheime Rath.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Bruder, ich bin der alte nicht
+mehr. Mein Herz sieht zehnmal toller aus als mein Gesicht&nbsp;&ndash;
+Es ist sehr gut, daß Du mich besuchst; wer weiß, ob wir uns so lang
+mehr sehen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Du bist immer
+ausschweifend, in allen Stücken&nbsp;&ndash; Dir ein Nichts
+so zu Herzen gehen zu lassen!&nbsp;&ndash; Wenn Deiner <span
+class="pagenum">73</span> Tochter die Schönheit abgeht, so bleibt sie
+doch immer noch das gute Mädchen, das sie war; so kann sie hundert
+andre liebenswürdige Eigenschaften besitzen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Ihre Schönheit&nbsp;&ndash;
+Hol mich der Teufel, es ist nicht das allein, was ihr abgeht; ich weiß
+nicht, ich werde noch den Verstand verlieren, wenn ich das Mädchen
+lang unter Augen behalte. Ihre Gesundheit ist hin, ihre Munterkeit,
+ihre Lieblichkeit, weiß der Teufel, wie man das Dings all nennen soll;
+aber obschon ichs nicht nennen kann, so kann ichs doch sehen, so kann
+ichs doch fühlen und begreifen, und Du weist, daß ich aus dem Mädchen
+meinen Abgott gemacht habe. Und daß ich sie so sehn muß unter meinen
+Händen hinsterben, verwesen.&nbsp;&ndash; (weint) Bruder geheimer Rath,
+Du hast keine Tochter; Du weißt nicht, wie einem Vater zu Muth seyn
+muß, der eine Tochter hat. Ich hab dreyzehn Bataillen beygewohnt und
+achtzehn Blessuren bekommen, und hab den Tod vor Augen gesehen und
+bin&nbsp;&ndash; O laß mich zufrieden; pack Dich zu meinem Haus hinaus;
+laß die ganze Welt sich fortpacken. Ich will es anstecken <span
+class="pagenum">74</span> und die Schaufel in die Hand nehmen und Bauer
+werden.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Und Frau und
+Kinder&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Du beliebst zu scherzen: ich
+weiß von keiner Frau und Kindern, ich bin Major Berg gottseligen
+Andenkens und will den Pflug in die Hand nehmen und will Vater Berg
+werden, und wer mir zu nahe kommt, dem geb ich mit meiner Hack’ über
+die Ohren.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> So
+schwermerisch-schwermüthig hab ich ihn doch nie gesehen.</p>
+
+<p class="center">(Die Majorin stützt herein.)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Zu Hülfe Mann&nbsp;&ndash;
+Wir sind verloren&nbsp;&ndash; Unsere Familie! unsere Familie!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Gott behüt Frau Schwester!
+Was stehen Sie an: Wollen Sie Ihren Mann rasend machen?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span> Er soll rasend
+werden&nbsp;&ndash; Unsere Familie&nbsp;&ndash; Infamie!&nbsp;&ndash; O
+ich kann nicht mehr&nbsp;&ndash; (fällt auf einen Stuhl)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> (geht auf sie zu) Willst Du mit
+der Sprach’ heraus?&nbsp;&ndash; Oder ich dreh Dir den Hals um.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Majorin.</span><span
+class="pagenum">75</span> Deine Dochter&nbsp;&ndash; Der
+Hofmeister.&nbsp;&ndash; Lauf! (fällt in Ohnmacht)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Hat er sie zur Hure gemacht?
+(schüttelt sie) Was fällst Du da hin; jetzt ists nicht Zeit zum
+hinfallen. Heraus mit, oder das Wetter soll Dich zerschlagen. Zur Hure
+gemacht? Ists das?&nbsp;&ndash; Nun so werd’ denn die ganze Welt zur
+Hure und Du Berg nimm die Mistgabel in die Hand&nbsp;&ndash; (will
+gehen)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (hält ihn zurück) Bruder,
+wenn Du Dein Leben lieb hast, so bleib hier&nbsp;&ndash; Ich will alles
+untersuchen&nbsp;&ndash; Deine Wut macht Dich unmündig. (geht ab und
+schließt die Thür zu)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> (arbeitet vergebens sie
+aufzumachen) Ich werd Dich beunmündig&nbsp;&ndash; (zu seiner Frau)
+Komm, komm, Hure, Du auch! sieh zu. (reißt die Thür auf) Ich will ein
+Exempel statuiren&nbsp;&ndash; Gott hat mich bis hieher erhalten, damit
+ich an Weib und Kindern Exempel statuiren kann&nbsp;&ndash; Verbrannt,
+verbrannt, verbrannt! (schleppt seine Frau ohnmächtig vom Theater)</p>
+
+<h3>Zweyte Scene.</h3>
+
+<p class="szene"><span class="pagenum">76</span>Eine Schule im
+Dorf<br>Es ist finstrer Abend.</p>
+
+<p class="personen">Wenzeslaus. Läuffer.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> (sitzt an einem Tisch, die
+Brill auf der Nase und lineirt) Wer da? Was giebts?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Schutz! Schutz! werther Herr
+Schulmeister! Man steht mir nach dem Leben.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Wer ist Er denn?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich bin Hofmeister im
+benachbarten Schloß. Der Major Berg ist mit all seinen Bedienten hinter
+mir und wollen mich erschießen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Behüte&nbsp;&ndash; Setz’
+Er Sich hier nieder zu mir&nbsp;&ndash; Hier hat Er meine Hand: Er soll
+sicher bey mir seyn&nbsp;&ndash; Und nun erzehl Er mir, derweil ich
+diese Vorschrift hier schreibe.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Lassen Sie mich erst zu mir
+selber kommen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Gut, verschnauf’
+Er Sich und hernach will ich Ihm ein Glas Wein geben <span
+class="pagenum">77</span> lassen und wollen eins zusammen trinken.
+Unterdessen, sag er mich doch&nbsp;&ndash; Hofmeister&nbsp;&ndash;
+(legt das Lineal weg, nimmt die Brille ab und sieht ihn eine Weile an)
+Nun ja, nach dem Rock zu urtheilen.&nbsp;&ndash; Nun nun, ich glaubs
+Ihm, daß Er der Hofmeister ist. Er sieht ja so roth und weiß drein.
+Nun sag Er mir aber doch, mein lieber Freund, (setzt die Brille wieder
+auf) wie ist Er denn zu dem Unstern gekommen, daß Sein Herr Patron
+so entrüstet auf Ihn ist? Ich kann mirs doch nimmermehr einbilden,
+daß ein Mann, wie der Herr Major von Berg&nbsp;&ndash; Ich kenne ihn
+wohl; ich habe genug von ihm reden hören; er soll freilich von einem
+hastigen Temperament seyn; viel Cholera, viel Cholera&nbsp;&ndash;
+Sehen Sie, da muß ich meinen Buben selber die Linien ziehen, denn
+nichts lernen die Bursche so schwer als das Gradeschreiben, das
+Gleichschreiben&nbsp;&ndash; Nicht zierlich geschrieben; nicht
+geschwind geschrieben; sag’ ich immer, aber nur grad geschrieben,
+denn das hat seinen Einfluß in alles, auf die Sitten, auf die
+Wissenschaften, in alles, lieber Herr Hofmeister. Ein Mensch, der
+nicht grad schreiben kann, sag’ ich immer, der kann auch nicht grad
+handeln&nbsp;&ndash; Wo waren wir?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span><span
+class="pagenum">78</span> Dürft’ ich mir ein Glas Wasser ausbitten?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Wasser?&nbsp;&ndash; Sie
+sollen haben. Aber&nbsp;&ndash; ja wovon redten wir? Vom Gradschreiben;
+nein vom Major&nbsp;&ndash; he he he&nbsp;&ndash; Aber wissen Sie auch
+Herr&nbsp;&ndash; Wie ist Ihr Name?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Mein&nbsp;&ndash; Ich
+heiße&nbsp;&ndash; Mandel.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Herr Mandel&nbsp;&ndash;
+Und darauf mußten Sie Sich noch besinnen? Nun ja, man hat bisweilen
+Abwesenheiten des Geistes; besonders die jungen Herren weiß und
+roth&nbsp;&ndash; Sie heißen unrecht Mandel; Sie sollten Mandelblüthe
+heißen, denn Sie sind ja weiß und roth wie Mandelblüthe&nbsp;&ndash;
+Nun ja freilich, der Hofmeisterstand ist einer von denen, unus ex
+his, die alleweile mit Rosen und Lilien überstreut sind, und wo einen
+die Dornen des Lebens nur gar selten stechen. Denn was hat man zu
+thun? Man ißt, trinkt, schläft, hat für nichts zu sorgen; sein gut
+Glas Wein gewiß, seinen Braten täglich, alle Morgen seinen Kaffee,
+Thee, Schokolade, oder was man trinkt und das geht denn immer so
+fort&nbsp;&ndash; Nun ja, ich wollt Ihnen sagen: wissen Sie <span
+class="pagenum">79</span> auch, Herr Mandel, daß ein Glas Wasser der
+Gesundheit eben so schädlich auf eine heftige Gemüthsbewegung als auf
+eine heftige Leibesbewegung; aber freylich, was fragt Ihr jungen Herren
+Hofmeister nach der Gesundheit&nbsp;&ndash; Denn sagt mir doch, (legt
+Brille und Lineal weg und steht auf) wo in aller Welt kann das der
+Gesundheit gut thun, wenn alle Nerven und Adern gespannt sind und das
+Blut ist in der heftigsten Cirkulation und die Lebensgeister sind alle
+in einer&nbsp;&ndash; Hitze, in einer&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Um Gotteswillen der Graf
+Wermuth&nbsp;&ndash; (springt in eine Kammer)</p>
+
+<p class="center">(Graf Wermuth mit ein Paar Bedienten, die Pistolen
+tragen)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Graf.</span> Ist hier ein gewisser
+Läuffer&nbsp;&ndash; Ein Student im blauen Rock mit Tressen?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Herr, in unserm Dorf ists
+die Mode, daß man den Hut abzieht, wenn man in die Stube tritt und mit
+dem Herrn vom Hause spricht.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Graf.</span> Die Sache pressirt&nbsp;&ndash;
+Sagt mir, ist er hier oder nicht?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Und was soll er
+denn verbrochen haben, daß Ihr ihn so mit gewafneter <span
+class="pagenum">80</span> Hand sucht?(Graf will in die Kammer, er
+stellt sich vor die Thür) Halt Herr! Die Kammer ist mein, und wo Ihr
+nicht augenblicklich Euch aus meinem Hause packt, so zieh ich nur an
+meiner Schelle und ein halb Dutzend handfester Bauerkerle schlägt Euch
+zu morsch Pulver-Granatenstücken. Seyd Ihr Strassenräuber, so muß man
+Euch als Strassenräubern begegnen. Und damit Ihr Euch nicht verirrt und
+den Weg zum Haus’ hinaus so gut findt als Ihr ihn hinein gefunden habt
+– (faßt ihn an die Hand und führt ihn zur Thür hinaus: die Bedienten
+folgen ihm)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (springt aus der Kammer
+hervor) Glücklicher Mann! Beneidenswerther Mann!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> (in der obigen Attitude)
+In&nbsp;&ndash; Die Lebensgeister sagt’ ich, sind in einer&nbsp;&ndash;
+Begeisterung, alle Passionen sind gleichsam in einer Empörung, in einem
+Aufruhr&nbsp;&ndash; Nun wenn Ihr da Wasser trinkt, so gehts, wie wenn
+man in eine mächtige Flamme Wasser schüttet. Die starke Bewegung der
+Luft und der Krieg zwischen den beyden entgegengesetzten Elementen
+macht eine Effervescenz, eine Gährung, eine Unruhe, ein tumultuarisches
+Wesen.&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span><span
+class="pagenum">81</span> Ich bewundere Sie...</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Gottlieb!&nbsp;&ndash;
+Jetzt können Sie schon allgemach trinken&nbsp;&ndash;
+Allgemach&nbsp;&ndash; und denn werden Sie auf den Abend mit einem
+Sallat und Knackwurst vorlieb nehmen&nbsp;&ndash; Was war das für ein
+ungeschliffener Kerl, der nach Ihnen suchte?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Es ist der Graf Wermuth, der
+künftige Schwiegersohn des Majors; er ist eifersüchtig auf mich, weil
+das Fräulein ihn nicht leiden kann&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Aber was soll denn das
+auch? Was will das Mädchen denn auch mit ihm Monsieur Jungfernknecht?
+Sich ihr Glück zu verderben, um eines solchen jungen Siegfrieds willen,
+der nirgends Haus oder Heerd hat? Das laß Er sich aus dem Kopf und
+folg’ Er mir nach in die Küche. Ich seh, mein Bube ist fortgangen, mir
+Bratwürste zu holen. Ich will ihm selber Wasser schöpfen, denn Magd
+hab’ ich nicht und an eine Frau hab’ ich mich noch nicht unterstanden
+zu denken, weil ich weiß, daß ich keine ernähren kann&nbsp;&ndash;
+geschweige denn eine drauf angesehen, wie Ihr junge Herren Weiß und
+Roth&nbsp;&ndash; Aber man <span class="pagenum">82</span> sagt wohl
+mit Recht, die Welt verändert sich.</p>
+
+<h3>Dritte Scene.</h3>
+
+<p class="szene">In Heidelbrunn.</p>
+
+<p class="personen">Der Geheime Rath. Herr von Seiffenblase, und sein
+Hofmeister.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Hofmeister.</span> Wir haben uns in Halle
+nur ein Jahr aufgehalten und als wir von Göttingen kamen, nahmen wir
+unsere Rückreise über alle berühmte Universitäten in Deutschland. Wir
+konnten also in Halle das zweytemal nicht lange verweilen; zudem saß
+Ihr Herr Sohn grade zu der Zeit in dem unglücklichen Arrest, wo ich ihn
+nur einigemal zu sprechen die Ehre haben konnte: also könnt ich Ihnen
+aufrichtig von der Führung Dero Herrn Sohns draussen keine umständliche
+Nachricht geben.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Der Himmel verhängt Strafen
+über unsre ganze Familie. Mein Bruder&nbsp;&ndash; Ich wills Ihnen nur
+nicht verheelen, denn leider ist Stadt und Land voll davon&nbsp;&ndash;
+hat das Unglück gehabt, daß seine Tochter ihm verschwunden ist,
+ohne daß eine <span class="pagenum">83</span> Spur von ihr
+anzutreffen&nbsp;&ndash; Ich höre itzt von meinem Sohn&nbsp;&ndash;
+Wenn er sich gut geführt hätte, wie wärs möglich gewesen, ihn ins
+Gefängniß zu bringen? Ich hab ihm ausser seinem starken Wechsel noch
+alle halbe Jahr außerordentliche geschickt; auf allen Fall&nbsp;&ndash;
+</p>
+
+<p><span class="sprecher">Hofmeister.</span> Die bösen Gesellschaften;
+die erstaunenden Verführungen auf Akademien.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Seiffenblase.</span> Das seltsamste dabey
+ist, daß er für einen andern sitzt; ein Ausbund aller Lüderlichkeit,
+ein Mensch, für den ich keinen Groschen ausgäbe und er auf meinem
+Misthaufen Hungers krepirte. Er ist hier gewesen, Sie werden von ihm
+gehört haben; er suchte Geld bey seinem Vater, unter dem Vorwand,
+Ihren Herrn Sohn auszulösen; vermuthlich wär’ er damit auf eine andere
+Akademie gegangen und hätte von frischem angefangen zu wirthschaften.
+Ich weiß schon, wie’s die lüderlichen Studenten machen, aber sein Vater
+hat den Braten gerochen und hat ihn nicht vor sich kommen lassen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Doch wohl nicht der junge
+Pätus, des Rathsherrn Sohn?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Seiffenblase.</span> Ich glaub’, es ist
+derselbe.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span><span
+class="pagenum">84</span> Jedermann hat dem Vater die Härte
+verdacht.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Hofmeister.</span> Ja was ist da zu
+verdenken, mein gnädiger Herr geheimer Rath; wenn ein Sohn die Güte des
+Vaters zu sehr misbraucht, so muß sich das Vaterherz wohl ab von ihm
+wenden. Der Hohepriester Eli war nicht hart und brach den Hals.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Gegen die Ausschweifungen
+seiner Kinder kann man nie zu hart seyn, aber wol gegen ihr Elend. Der
+junge Mensch soll hier haben betteln müssen. Und mein Sohn sitzt um
+seinetwillen?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Seiffenblase.</span> Was anders? Er war sein
+vertrautester Freund und fand niemand würdiger, mit ihm die Komödie von
+<b>Damon</b> und <b>Pythias</b> zu spielen. Noch mehr, Herr Pätus kam
+zurück und wollte seinen Platz wieder einnehmen, aber Ihr Sohn bestund
+drauf, er wollte sitzen bleiben: Sie würden ihn schon auslösen, und
+Pätus mit einem andern Erzrenomisten und Spieler wollten die Flucht
+nehmen und sich zu helfen suchen, so gut sie könnten. Vielleicht
+überfallen sie wieder so irgend einen armen Studenten mit Masken vor
+den <span class="pagenum">85</span> Gesichtern auf der Stube und
+nehmen ihm die Uhr und Goldbörse, mit der Pistol auf der Brust, weg,
+wie sie’s in Halle schon einem gemacht haben.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Und mein Sohn ist der
+dritte aus diesem Kleeblatt?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Seiffenblase.</span> Ich weiß nicht, Herr
+geheimer Rath.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Kommen Sie zum Essen, meine
+Herren! Ich weiß schon zuviel. Es ist ein Gericht Gottes über gewisse
+Familien; bey einigen sind gewisse Krankheiten erblich, bey andern
+arten die Kinder aus, die Väter mögen thun was sie wollen. Essen Sie:
+ich will fasten und bethen, vielleicht hab’ ich diesen Abend durch die
+Ausschweifungen meiner Jugend verdient.</p>
+
+<h3>Vierte Scene.</h3>
+
+<p class="szene">Die Schule.</p>
+
+<p class="personen">Wenzeslaus und Läuffer. <span class="normal">(an
+einem ungedeckten Tisch speisend)</span></p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Schmeckts? Nicht
+wahr, es ist ein Abstand von meinem Tisch und des <span
+class="pagenum">86</span> Majors? Aber wenn der Schulmeister Wenzeslaus
+seine Wurst ißt, so hilft ihm das gute Gewissen verdauen, und wenn der
+Herr Mandel Kapaunenbraten mit der Schampignonsauce aß, so stieß ihm
+sein Gewissen jeden Bissen, den er hinabschluckte, mit der Moral wieder
+in Hals zurück: Du bist ein&nbsp;&ndash; Denn sagt mir einmal, lieber
+Herr Mandel; nehmt mir nicht übel, daß ich Euch die Wahrheit sage; das
+würzt das Gespräch wie Pfeffer den Gurkensallat; sagt mir einmal, ist
+das nicht hundsvöttisch, wenn ich davon überzeugt bin, daß ich ein
+Ignorant bin, und meine Untergebenen nichts lehren kann, und also müßig
+bey ihnen gehe und sie müßig gehen lasse, und dem lieben Gott ihren
+Tag stehlen und doch hundert Dukaten&nbsp;&ndash; Wars nicht soviel?
+Gott verzeyh mir, ich hab in meinem Leben nicht so viel Geld auf einem
+Haufen beisammen gesehen! Hundert funfzig Dukaten, sag’ ich, in Sack
+stecke, für nichts und wieder nichts!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> O! und Sie haben noch
+nicht alles gesagt, Sie kennen Ihren Vorzug nicht ganz, oder fühlen
+ihn, ohn’ ihn zu kennen. Haben Sie nie einen Sklaven im betreßten
+<span class="pagenum">87</span> Rock gesehen? O Freyheit, güldene
+Freyheit!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ey was Freyheit! Ich bin
+auch so frey nicht; ich bin an meine Schule gebunden, und muß Gott und
+meinem Gewissen Rechenschaft von geben.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Eben das&nbsp;&ndash; Aber
+wie, wenn Sie den Grillen eines wunderlichen Kopfs davon Rechenschaft
+ablegen müsten, der mit Ihnen umgienge hundertmal ärger als Sie mit
+Ihren Schulknaben?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ja nun&nbsp;&ndash;
+dann müst’ er aber auch an Verstand so weit über mich erhaben seyn,
+wie ich über meine Schulknaben, und das trift man selten, glaub ich
+wol; besonders bey unsern Edelleuten; da mögt Ihr wohl recht haben:
+wenigstens der Flegel da, der mir vorhin in meine Kammer wollte, ohne
+mich vorher um Erlaubniß zu bitten. Wenn ich zum Herrn Grafen käme und
+wollt ihm, mir nichts, dir nichts, die Zimmer visitiren&nbsp;&ndash;
+Aber potz Millius, so eßt doch; Ihr macht ja ein Gesicht, als ob Ihr zu
+Taxieren einnähmt. Nicht wahr, Ihr hättet gern ein Glas Wein dazu? Ich
+hab Euch zwar vorhin eins versprochen, <span class="pagenum">88</span>
+aber ich habe keinen im Hause. Morgen werd’ ich wieder bekommen,
+und da trinken wir Sonntags und Donnerstags, und wenn der Organist
+Franz zu uns kommt, extra. Wasser, Wasser, mein Freund, ariston men
+to udwr, das hab ich noch von der Schule mitgebracht, und da eine
+Pfeife dazu geraucht nach dem Essen im Mondenschein und einen Gang ums
+Feld gemacht; da läßt sich drauf schlafen, vergnügter als der große
+Mogul&nbsp;&ndash; Ihr raucht doch eins mit heut?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich wills versuchen; ich hab’
+in meinem Leben nicht geraucht.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ja freylich, Ihr Herren
+Weiß und Roth, das verderbt Euch die Zähne. Nicht wahr? und verderbt
+Euch die Farbe; nicht wahr? Ich habe geraucht, als ich kaum von
+meiner Mutter Brust entwöhnt war; die Warze mit dem Pfeifenmundstück
+verwechselt. He he he! Das ist gut wider die böse Luft und wider die
+bösen Begierden ebenfalls. Das ist so meine Diät: des Morgens kalt
+Wasser und eine Pfeife, dann Schul gehalten bis Eilfe, dann wieder
+eine Pfeife bis die Suppe fertig ist: die kocht mir mein Gottlieb so
+gut <span class="pagenum">89</span> als Eure französische Köche, und
+da ein Stück Gebratenes und Zugemüse und dann wieder eine Pfeife,
+dann wieder Schul gehalten, dann Vorschriften geschrieben bis zum
+Abendessen; da eß’ ich denn gemeiniglich kalt etwas, eine Wurst mit
+Sallat, ein Stück Käs oder was der liebe Gott gegeben hat und dann
+wieder eine Pfeife vor Schlafengehen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Gott behüte, ich bin in eine
+Tabagie gekommen&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Und da werd’ ich dick und
+fett bey und lebe vergnügt und denke noch ans Sterben nicht.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Es ist aber doch
+unverantwortlich, daß die Obrigkeit nicht dafür sorgt, Ihnen das Leben
+angenehmer zu machen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ey was, es ist nun einmal
+so; und damit muß man zufrieden seyn: bin ich doch auch mein eignet
+Herr und hat kein Mensch mich zu schikanieren, da ich alle Tage weiß,
+daß ich mehr thu’ als ich soll. Ich soll meinen Buben lesen und
+schreiben lehren; ich lehre sie rechnen dazu und lateinisch dazu und
+mit Vernunft lesen dazu und gute Sachen schreiben dazu.</p><p><span
+class="sprecher">Läuffer.</span> Und was für Lohn haben Sie dafür?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span><span
+class="pagenum">90</span> Was für Lohn?&nbsp;&ndash; Will Er denn das
+kleine Stückchen Wurst da nicht aufessen? Er kriegt nichts bessers;
+wart’ Er auf nichts bessers, oder Er muß das erstemal Seines Lebens
+hungrig zu Bette gehn&nbsp;&ndash; Was für Lohn? Das war dumm gefragt,
+Herr Mandel. Verzeyh Er mir; was für Lohn? Gottes Lohn hab ich dafür,
+ein gutes Gewissen und wenn ich da vielen Lohn von der Obrigkeit
+begehren wollte, so hätt’ ich ja meinen Lohn dahin. Will Er denn den
+Gurkensallat durchaus verderben lassen? So eß Er doch; so sey Er doch
+nicht blöde: bey einer schmalen Mahlzeit muß man zum Kuckuck nicht
+blöde seyn. Wart Er, ich will Ihm noch ein Stück Brod abschneiden.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich bin satt überhörig.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Nun so laß Ers stehen;
+aber es ist seine eigne Schuld wenn’s nicht wahr ist. Und wenn es
+wahr ist, so hat Er unrecht, daß Er Sich überhörig satt ißt, denn
+das macht böse Begierden und schläfert den Geist ein. Ihr Herren
+Weiß und Roth mögts <span class="pagenum">91</span> glauben oder
+nicht. Man sagt zwar auch vom Toback, daß er ein narkotisches,
+schläfrigmachendes, dummmachendes Oel habe und ich hab’s bisweilen auch
+wol so wahrgefunden und bin versucht worden, Pfeife und allen Henker
+ins Kamin zu werfen, aber unsere Nebel hier herum beständig und die
+feuchte Winter- und Herbstluft alleweile und denn die vortrefliche
+Wirkung, die ich davon verspüre, daß es zugleich die bösen Begierden
+mit einschläfert&nbsp;&ndash; Holla, wo seyd Ihr denn, lieber Mann?
+Eben da ich vom Einschläfern rede, nickt Ihr schon; so gehts, wenn
+der Kopf leer ist und faul dabey und niemals ist angestrengt worden.
+Allons! frisch, eine Pfeife mit mir geraucht! (stopft sich und ihm)
+Laßt uns noch eins mit einander plaudern. (raucht) Ich hab Euch
+schon vorhin in der Küche sagen wollen: ich sehe, daß Ihr schwach
+in der Latinität seyd, aber da Ihr doch eine gute Hand schreibt,
+wie Ihr sagt, so könntet Ihr mir doch so Abends an die Hand gehen,
+weil ich meiner Augen muß anfangen zu schonen, und meinen Buben die
+Vorschriften schreiben. Ich will Euch dabey <i>Corderii Colloquia</i>
+geben und <i>Gürtleri Lexicon</i>; wenn Ihr fleißig seyn wollt. <span
+class="pagenum">92</span> Ihr habt ja den ganzen Tag für Euch, so könnt
+Ihr Euch in der lateinischen Sprache was umthun, und wer weiß wenn es
+Gott gefällt mich heute oder morgen von der Welt zu nehmen – Aber Ihr
+müßt fleißig seyn, das sag’ ich Euch, denn so seyd Ihr ja noch kaum zum
+Kollaborator tüchtig, geschweige denn&nbsp;&ndash; (trinkt)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (legt die Pfeife weg) Welche
+Demüthigung!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Aber ... aber ... aber
+(reißt ihm den Zahnstocher aus dem Munde) was ist denn das da? Habt
+Ihr denn noch nicht einmal so viel gelernt, großer Mensch, daß Ihr
+für Euren eignen Körper Sorge tragen könnt. Das Zähnestochern ist ein
+Selbstmord; ja ein Selbstmord, eine muthwillige Zerstöhrung Jerusalems,
+die man mit seinen Zähnen vornimmt. Da, wenn Euch was im Zahn sitzen
+bleibt: (nimmt Wasser und schwängt den Mund aus) So müßt Ihrs machen,
+wenn Ihr gesunde Zähne behalten wollt, Gott und eurem Nebenmenschen zu
+Ehren, und nicht einmal im Alter herumlaufen, wie ein alter Kettenhund,
+dem die Zähne in der Jugend ausgebrochen worden, und der die Kinnbacken
+<span class="pagenum">93</span> nicht zusammenhalten kann. Das wird
+einen schönen Schulmeister abgeben, wills Gott, wenn ihm aufs Alter
+die Worte ungebohren zum Munde herausfallen und er zwischen Nase und
+Oberlippen da was herausschnarcht, das kein Hund oder Hahn versteht.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Der wird mich noch zu
+Tode meistern&nbsp;&ndash; Das unerträglichste ist, daß er Recht
+hat&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Nun wie gehts? Schmeckt
+Euch der Toback nicht? Ich wette, nur ein paar Tage noch mit dem alten
+Wenzeslaus zusammen, so werdt Ihr rauchen wie ein Bootsknecht. Ich will
+Euch nach meiner Hand ziehen, daß Ihr Euch selber nicht mehr wieder
+kennen sollt.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<!-- V I E R T E R A K T -->
+<div class="chapter">
+ <h2 id="Vierter_Akt">Vierter Akt.</h2>
+</div>
+
+<h3>Erste Scene.</h3>
+
+<p class="szene">Zu Insterburg.</p>
+
+<p class="personen">Geheimer Rath. Major.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Hier Bruder&nbsp;&ndash; Ich
+schweife wie Kain herum, unstät und flüchtig&nbsp;&ndash; Weißt <span
+class="pagenum">94</span> Du was? Die Russen sollen Krieg mit den
+Türken haben; ich will nach Königsberg gehn, um nähere Nachrichten
+einzuziehen: ich will mein Weib verlassen und in der Türkey sterben.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Deine Ausschweifungen
+schlagen mich vollends zu Boden.&nbsp;&ndash; O Himmel, muß es denn
+von allen Seiten stürmen?&nbsp;&ndash; Da liß den Brief vom Professor
+Mr.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Ich kann nicht mehr lesen; ich
+hab meine Augen fast blind geweint.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> So will ich dir vorlesen,
+damit Du siehst, daß Du nicht der einzige Vater seyst, der sich
+zu beklagen hat: "Ihr Sohn ist vor einiger Zeit wegen Bürgschaft
+gefänglich eingezogen worden: er hat, wie er mir vorgestern mit
+Thränen gestanden, nach fünf vergeblich geschriebenen Briefen keine
+Hofnung mehr, von Eurer Excellenz Verzeihung zu erhalten. Ich redte
+ihm zu, sich zu beruhigen, bis ich gleichfalls in dieser Sache mich
+vermittelt hätte: er versprach es mir, ist aber ungeachtet dieses
+Versprechens noch in derselben Nacht heimlich aus dem Gefängniß
+entwischt. Die Schuldner haben ihm Steckbriefe nachsenden <span
+class="pagenum">95</span> und seinen Namen in allen Zeitungen bekannt
+machen wollen; ich habe sie aber dran verhindert und für die Summe
+gutgesagt, weil ich viel zu sehr überzeugt bin, daß Eure Excellenz
+diesen Schimpf nicht werden auf Dero Familie kommen lassen. Uebrigens
+habe die Ehre, in Erwartung Dero Entschlusses mich mit vollkommenster"
+...</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Schreib ihm zurück: sie sollen
+ihn hängen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Und die
+Familie&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Lächerlich! Es giebt keine
+Familie; wir haben keine Familie. Narrenspossen! Die Russen sind meine
+Familie: ich will Griechisch werden.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Und noch keine Spur von
+Deiner Tochter?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Was sagst Du?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Hast nicht die geringste
+Nachricht von Deiner Tochter?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Laß mich zufrieden.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Es ist doch Dein Ernst
+nicht, nach Königsberg zu reisen?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span><span class="pagenum">96</span>
+Wenn mag doch die Post abgehn von Königsberg nach Warschau?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich werde Dich nicht
+fortlassen; es ist nur umsonst. Meynst Du, vernünftige Leute werden
+sich von Deinen Phantasien übertölpeln lassen? Ich kündige Dir hiermit
+Hausarrest an. Gegen Leute, wie Du bist, muß man Ernst gebrauchen,
+sonst verwandelt sich ihr Gram in Narrheit.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> (weint) Ein ganzes
+Jahr&nbsp;&ndash; Bruder geheimer Rath&nbsp;&ndash; Ein ganzes
+Jahr&nbsp;&ndash; und niemand weiß, wohin sie gestoben oder geflogen
+ist?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Vielleicht
+todt&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Vielleicht?&nbsp;&ndash;
+Gewiß todt – und wenn ich nur den Trost haben könnte, sie noch zu
+begraben&nbsp;&ndash; aber sie muß sich selbst umgebracht haben, weil
+mir niemand Anzeige von ihr geben kann.&nbsp;&ndash; Eine Kugel durch
+den Kopf, Berg, oder einen Türkenpallasch; das wär eine Victorie.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Es ist ja eben so wohl
+möglich, daß sie den Läuffer irgendwo angetroffen und mit dem aus dem
+Lande gegangen. Gestern <span class="pagenum">97</span> hat mich Graf
+Wermuth besucht und hat mir gesagt, er sey denselben Abend noch in
+eine Schule gekommen, wo ihn der Schulmeister nicht hab’ in die Kammer
+lassen wollen: er vermuthet immer noch, der Hofmeister habe drinn
+gesteckt, vielleicht Deine Tochter bey ihm.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Wo ist der Schulmeister? Wo ist
+das Dorf? Und der Schurke von Grafen ist nicht mit Gewalt in die Kammer
+eingedrungen? Komm: wo ist der Graf?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Er wird wohl wieder im
+Hecht abgestiegen seyn, wie gewöhnlich.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> O wenn ich sie
+auffände&nbsp;&ndash; Wenn ich nur hoffen könnte, sie noch einmal
+wieder zu sehen&nbsp;&ndash; Hol mich der Kuckuk, so alt wie ich
+bin und abgegrämt und wahnwitzig; ja hol mich der Teufel, dann
+wollt’ ich doch noch in meinem Leben wieder einmal lachen, das
+letztemal laut lachen und meinen Kopf in ihren entehrten Schooß
+legen und denn wieder einmal heulen und denn&nbsp;&ndash; Adieu
+Berg! Das wäre mir gestorben, das hieß mir sanft und selig im Herrn
+entschlafen.&nbsp;&ndash; Komm Bruder, Dein Junge ist nur ein Spitzbube
+<span class="pagenum">98</span> geworden: das ist nur Kleinigkeit; an
+allen Höfen giebts Spitzbuben; aber meine Tochter ist eine Gassenhure,
+das heiß’ ich einem Vater Freud machen: vielleicht hat sie schon drey
+Lilien auf dem Rücken.&nbsp;&ndash; Vivat die Hofmeister und daß der
+Teufel sie holt! Amen. (gehn ab)</p>
+
+<h3>Zweite Scene.</h3>
+
+<p class="szene">Eine Bettlerhütte im Walde.</p>
+
+<p class="personen">Augustchen. <span class="normal">(im
+groben Kittel.)</span> Marthe. <span class="normal">(ein alt blindes
+Weib)</span></p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Liebe Marthe, bleibt zu
+Hause und seht wohl nach dem Kinde: es ist das erstemal, daß ich Euch
+allein lasse in einem ganzen Jahr; also könnt Ihr mich nun wohl auch
+einmal einen Gang für mich thun lassen. Ihr habt Proviant für heut und
+Morgen; Ihr braucht also heute nicht auf der Landstraß auszustehn.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Aber wo wollt Ihr denn hin,
+Grethe; das Gott erbarm! da Ihr noch so krank und so schwach seyd;
+laßt Euch doch sagen: ich hab auch Kinder bekommen und ohne <span
+class="pagenum">99</span> viele Schmerzen, so wie Ihr, Gott sey Dank!
+aber einmal hab ichs versucht, den zweyten Tag nach der Niederkunft
+auszugehen und nimmermehr wieder; ich hatte schon meinen Geist
+aufgegeben, wahrlich ich könne Euch sagen, wie einem Todten zu Muthe
+ist&nbsp;&ndash; Laßt Euch doch lehren; wenn Ihr was im nächsten Dorf
+zu bestellen habt, obschon ich blind bin, ich will schon hinfinden;
+bleibt nur zu Hause und macht daß Ihr zu Kräften kommt: ich will alles
+für Euch ausrichten, was es auch sey.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Laßt mich nur, Mutter; ich
+hab Kräfte wie eine junge Bärin&nbsp;&ndash; und seht nach meinem
+Kinde.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Aber wie soll ich denn darnach
+sehen, Heilige Mutter Gottes! da ich blind bin? Wenn es wird saugen
+wollen, soll ichs an meine schwarze verwelkte Zitzen legen? und es mit
+zu nehmen, habt Ihr keine Kräfte, bleibt zu Hause, liebes Grethel,
+bleibt zu Hause.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Ich darf nicht, liebe
+Mutter, mein Gewissen treibt mich fort von hier. Ich hab’ einen Vater,
+der mich mehr liebt als sein Leben und seine Seele. Ich habe die vorige
+<span class="pagenum">100</span> Nacht im Traum gesehen, daß er sich
+die weissen Haare ausriß und Blut in den Augen hatte: er wird meynen,
+ich sey todt. Ich muß ins Dorf und jemand bitten, daß er ihm Nachricht
+von mir giebt.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Aber hilf lieber Gott, wer
+treibt Euch denn? Wenn Ihr nun unterwegens liegen bleibt? Ihr könnt
+nicht fort...</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Ich muß&nbsp;&ndash; Mein
+Vater stand wankend; auf einmal warf er sich auf die Erde und blieb
+todt liegen&nbsp;&ndash; Er bringt sich um, wenn er keine Nachricht von
+mir bekommt.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Wißt Ihr denn nicht, daß
+Träume grade das Gegentheil bedeuten?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Bey mir nicht&nbsp;&ndash;
+Laßt mich&nbsp;&ndash; Gott wird mit mir seyn. (geht ab)</p>
+
+<h3>Dritte Scene.</h3>
+
+<p class="szene">Die Schule.</p>
+
+<p class="personen">Wenzeslaus. Läuffer. <span class="normal">(an einem
+Tisch sitzend)</span> Der Major. Der Geheime Rath und Graf Wermuth.
+<span class="normal">(treten herein mit Bedienten)</span></p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> (läßt die Brille fallen)
+Wer da?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span><span class="pagenum">101</span>
+(mit gezogenem Pistol) Daß Dich das Wetter! da sitzt der Haas im Kohl.
+(schießt und trift Läuffern in Arm, der vom Stuhl fällt)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (der vergeblich versucht
+hat ihn zurückzuhalten) Bruder&nbsp;&ndash; (stößt ihn unwillig) So
+hab’s denn darnach, Tollhäusler!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Was? ist er todt? (schlägt sich
+vors Gesicht) Was hab ich gethan? Kann Er mir keine Nachricht mehr von
+meiner Tochter geben?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ihr Herren! Ist das
+jüngste Gericht nahe, oder sonst etwas? Was ist das? (zieht an seiner
+Schelle) Ich will Euch lehren, einen ehrlichen Mann in seinem Hause
+überfallen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich beschwör’ Euch: schellt
+nicht!&nbsp;&ndash; Es ist der Major; ich hab’s an seiner Tochter
+verdient.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ist kein Chirurgus im Dorf,
+ehrlicher Schulmeister! Er ist nur am Arm verwundet, ich will ihn
+kuriren lassen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ey was kuriren lassen!
+Straßenräuber! schießt man Leute übern Haufen, weil man so viel hat,
+daß man sie kuriren <span class="pagenum">102</span> lassen kann?
+Er ist mein Kollaborator; er ist eben ein Jahr in meinem Hause: ein
+stiller, friedfertiger, fleißiger Mensch, und sein Tage hat man nichts
+von ihm gehört, und Ihr kommt und erschießt mir meinen Kollaborator in
+meinem eignen Hause!&nbsp;&ndash; Das soll gerochen werden, oder ich
+will nicht selig sterben. Seht Ihr das!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (bemüht Läuffern zu
+verbinden) Wozu das Geschwätz, lieber Mann? Es thut uns leyd genug
+– Aber die Wunde könnte sich verbluten, schaft uns nur einen
+Chirurgus.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ey was! Wenn Ihr Wunden
+macht, so mögt Ihr sie auch heilen, Strassenräuber! Ich muß doch nur
+zum Gevatter Schöpsen gehen. (geht ab)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> (zu Läuffern) Wo ist meine
+Tochter?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich weiß es nicht.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Du weißt nicht? (zieht noch
+eine Pistol hervor)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (entreißt sie ihm und
+schießt sie aus dem Fenster ab) Sollen wir Dich mit Ketten binden
+lassen, Du&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich habe sie nicht gesehen,
+seit <span class="pagenum">103</span> ich aus Ihrem Hause geflüchtet
+bin; das bezeug’ ich vor Gott, vor dessen Gericht ich vielleicht bald
+erscheinen werde.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Also ist sie nicht mit Dir
+gelaufen?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Nein.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Nun denn; so wieder eine
+Ladung Pulver umsonst verschossen! Ich wollt, sie wäre Dir durch den
+Kopf gefahren, da Du kein gescheutes Wort zu reden weißt, Lumpenhund!
+Laßt ihn liegen und kommt bis ans Ende der Welt. Ich muß meine Tochter
+wieder haben, und wenn nicht in diesem Leben, doch in jener Welt,
+und da soll mein hochweiser Bruder und mein hochweiseres Weib mich
+wahrhaftig nicht von abhalten (läuft fort.)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich darf ihn nicht aus den
+Augen lassen. (wirft Läuffern einen Beutel zu) Lassen Sie Sich davon
+kuriren, und bedenken Sie, daß Sie meinen Bruder weit gefährlicher
+verwundet haben, als er Sie. Es ist ein Bankozettel drin, geben Sie
+Acht drauf und machen ihn sich zu Nutz so gut Sie können. (gehn alle
+ab)</p>
+
+<p class="center">(Wenzeslaus kömmt mit dem Barbier Schöpsen und
+einigen Bauerkerlen)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span><span
+class="pagenum">104</span> Wo ist das Otterngezüchte? Redet!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich bitt Euch, seyd ruhig.
+Ich habe weit weniger bekommen, als meine Thaten werth waren. Meister
+Schöpsen, ist meine Wunde gefährlich?</p>
+
+<p class="center">(Schöpsen besieht sie)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Was denn? Wo sind sie?
+Das leid ich nicht; nein, das leid ich nicht und sollt es mich Schul
+und Amt und Haar und Bart kosten. Ich will sie zu Morsch schlagen, die
+Hunde&nbsp;&ndash; Stellen Sie Sich vor, Herr Gevatter; wo ist das in
+aller Welt in iure naturae, und in iure civili, und im iure canonico,
+und im iure gentium, und wo Sie wollen, wo ist das erhört, daß man
+einem ehrlichen Mann in sein Haus fällt und in eine Schule dazu; an
+heiliger Stätte&nbsp;&ndash; Gefährlich; nicht wahr? Haben Sie sondirt?
+Ists?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Schöpsen.</span> Es ließe sich viel drüber
+sagen&nbsp;&ndash; nun doch wir wollen sehen&nbsp;&ndash; am Ende
+wollen wir schon sehen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ja Herr, he he, <i>in
+fine videbitur cuius toni</i>; das heißt, wenn er wird <span
+class="pagenum">105</span> todt seyn, oder wenn er völlig gesund seyn
+wird, da wollen Sie uns erst sagen, ob die Wunde gefährlich war oder
+nicht: das ist aber nicht medicinisch gesprochen; verzeyh Er mir. Ein
+tüchtiger Arzt muß das Dings vorher wissen, sonst sag’ ich ihm ins
+Gesicht: er hat seine Pathologie oder Chirurgie nur so halbwege studirt
+und ist mehr in die Bordells gangen, als in die Kollegia; denn in
+amore omnia insunt vitia, und wenn ich einen Ignoranten sehe, er mag
+seyn aus was für einer Fakultät er wolle, so sag’ ich immer: er ist
+ein Jungfernknecht gewesen; ein Hurenhengst; das laß’ ich mir nicht
+ausreden.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Schöpsen.</span> (nachdem er die Wunde noch
+einmal besichtigt) Ja die Wunde ist, nachdem man sie nimmt&nbsp;&ndash;
+Wir wollen sehen, wir wollen sehen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Hier, Herr Schulmeister!
+hat mir des Majors Bruder einen Beutel gelassen, der ganz schwer von
+Dukaten ist und obenein ist ein Bankozettel drinn&nbsp;&ndash; Da sind
+wir auf viel Jahre geholfen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> (hebt den Beutel)
+Nun das ist etwas&nbsp;&ndash; Aber Hausgewalt bleibt doch
+<span class="pagenum">106</span> Hausgewalt und Kirchenraub,
+Kirchenraub&nbsp;&ndash; Ich will ihm einen Brief schreiben, dem Herrn
+Major. den er nicht ins Fenster stecken soll.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Schöpsen.</span> (der sich die Weil’ über
+vergessen und eifrig nach dem Beutel gesehen, fällt wieder über die
+Wunde her) Sie wird sich endlich schon kuriren lassen, aber sehr
+schwer, hoff’ ich, sehr schwer&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Das hoff’ ich nicht,
+Herr Gevatter Schöpsen; das fürcht’ ich, das fürcht’ ich&nbsp;&ndash;
+aber ich will Ihm nur zum voraus sagen, daß wenn Er die Wunde langsam
+kurirt, so kriegt Er auch langsame Bezahlung; wenn Er ihn aber in zwey
+Tagen wieder auf frischen Fuß stellt, so soll Er auch frisch bezahlt
+werden; darnach kann Er sich richten.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Schöpsen.</span> Wir wollen sehen.</p>
+
+<h3>Vierte Scene.</h3>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (liegend, an einem Teich
+mit Gesträuch umgeben) Soll ich denn hier sterben?&nbsp;&ndash; Mein
+Vater! Mein Vater! gieb mir die Schuld nicht, daß Du nicht Nachricht
+von mir bekömmst. Ich hab meine letzten Kräfte angewandt <span
+class="pagenum">107</span>&nbsp;&ndash; sie sind erschöpft&nbsp;&ndash;
+Sein Bild, o sein Bild steht mir immer vor den Augen! Er ist todt, ja
+todt&nbsp;&ndash; und für Gram um mich&nbsp;&ndash; Sein Geist ist mir
+diese Nacht erschienen, mir Nachricht davon zu geben&nbsp;&ndash; mich
+zur Rechenschaft dafür zu fodern&nbsp;&ndash; Ich komme, ja ich komme.
+(raft sich auf und wirft sich in Teich.)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> (von weitem) Geh. Rath und Graf
+Wermuth. (folgen ihm)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Hey! hoh! da giengs in
+Teich&nbsp;&ndash; Ein Weibsbild wars und wenn gleich nicht meine
+Tochter, doch auch ein unglücklich Weibsbild&nbsp;&ndash; Nach, Berg!
+Das ist der Weg zu Gustchen oder zur Hölle! (springt ihr nach)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (kommt) Gott im Himmel! was
+sollen wir anfangen?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Graf Wermuth.</span> Ich kann nicht
+schwimmen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Auf die andere
+Seite!&nbsp;&ndash; Mich deucht, er haschte das Mädchen ...
+Dort&nbsp;&ndash; dort hinten im Gebüsch. – Sehen Sie nicht? Nun treibt
+er den Teich mit ihr hinunter&nbsp;&ndash; Nach!</p>
+
+<h3>Fünfte Scene.</h3>
+
+<p class="szene">(Eine andere Seite des Teichs, Hinter der Scene
+Geschrey.) <span class="pagenum">108</span> »Hülfe! ’s meine Tochter!
+Sakkerment und all das Wetter! Graf! reicht mir doch die Stange: daß
+Euch die schwere Noth.«</p>
+
+<p class="personen">Major Berg. <span class="normal">(trägt
+Gustchen aufs Theater)</span> Geheimer Rath und Graf. <span
+class="normal">(folgen)</span></p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Da!&nbsp;&ndash; (setzt sie
+nieder. Geheimer Rath und Graf suchen sie zu ermuntern) Verfluchtes
+Kind! habe ich das an Dir erziehen müssen! (kniet nieder bey ihr)
+Gustel! was fehlt Dir? Hast Wasser eingeschluckt? Bist noch mein
+Gustel?&nbsp;&ndash; Gottlose Kanaille! Hättst Du mir nur ein Wort
+vorher davon gesagt; ich hätte dem Lausejungen einen Adelbrief gekauft,
+da hättet ihr können zusammen kriechen.&nbsp;&ndash; Gott behüt! so
+helft ihr doch; sie ist ja ohnmächtig. (springt auf, ringt die Hände;
+umhergehend) Wenn ich nur wüst’, wo der maledeyte Chirurgus vom Dorf
+anzutreffen wäre.&nbsp;&ndash; Ist sie noch nicht wach?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> (mit schwacher Stimme) Mein
+Vater!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span><span class="pagenum">109</span>
+Was verlangst Du?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Verzeihung.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> (geht auf sie zu) Ja verzeih
+Dirs der Teufel, ungerathenes Kind.&nbsp;&ndash; Nein, (kniet wieder
+bey ihr) fall nur nicht hin, mein Gustel&nbsp;&ndash; mein Gustel! Ich
+verzeih Dir; ist alles vergeben und vergessen&nbsp;&ndash; Gott weiß
+es: ich verzeih Dir&nbsp;&ndash; Verzeih Du mir nur! Ja aber nun ists
+nicht mehr zu ändern. Ich hab dem Hundsvott eine Kugel durch den Kopf
+geknallt.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich denke, wir tragen sie
+fort.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Laßt stehen! Was geht sie euch
+an? Ist sie doch Eure Tochter nicht. Bekümmert Euch um Euer Fleisch und
+Bein daheime. (Er nimmt sie auf die Arme) Da Mädchen&nbsp;&ndash; Ich
+sollte wohl wieder nach dem Teich mit Dir&nbsp;&ndash; (schwenkt sie
+gegen den Teich zu) aber wir wollen nicht eher schwimmen als bis wir’s
+Schwimmen gelernt haben, meyn’ ich.&nbsp;&ndash; (drückt sie an sein
+Herz) O du mein einzig theurester Schatz! Daß ich dich wieder in meinen
+Armen tragen kann, gottlose Kanaille! (trägt sie fort)</p>
+
+
+<h3>Sechste Scene.</h3>
+
+<p class="szene">In Leipzig.<span class="pagenum">110</span></p>
+
+<p class="personen">Fritz von Berg. Pätus.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Das einzige, was ich an Dir
+auszusetzen habe, Pätus. Ich habe Dirs schon lang sagen wollen:
+untersuche Dich nur selbst; was ist die Ursach zu all Deinem Unglück
+gewesen? Ich tadle es nicht, wenn man sich verliebt. Wir sind in den
+Jahren; wir sind auf der See, der Wind treibt uns, aber die Vernunft
+muß immer am Steuerruder bleiben, sonst jagen wir auf die erste
+beste Klippe und scheitern. Die Hamstern war eine Kokette, die aus
+Dir machte, was sie wollte; sie hat Dich um Deinen letzten Rock,
+um Deinen guten Namen und um den guten Namen Deiner Freunde dazu
+gebracht: ich dächte, da hättest Du klug werden können. Die Rehaarin
+ist ein unverführtes unschuldiges jugendliches Lamm: wenn man gegen
+ein Herz, das sich nicht vertheidigen will, noch vertheidigen kann,
+alle mögliche Batterien spielen läßt, um es&nbsp;&ndash; was soll ich
+sagen? zu zerstören, einzuäschern, das ist unrecht, Bruder Pätus, das
+ist unrecht. <span class="pagenum">111</span> Nimm mirs nicht übel,
+wir können so nicht gute Freunde zusammen bleiben. Ein Mann, der gegen
+ein Frauenzimmer es so weit treibt, als er nur immer kann, ist entweder
+ein Theekessel oder ein Bösewicht; ein Theekessel, wenn er sich selbst
+nicht beherrschen kann, die Ehrfurcht, die er der Unschuld und Tugend
+schuldig ist, aus den Augen zu setzen: oder ein Bösewicht, wenn er sich
+selbst nicht beherrschen will und wie der Teufel im Paradiese sein
+einzig Glück darin setzt, ein Weib ins Verderben zu stürzen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Predige nur nicht, Bruder!
+Du hast Recht; es reuet mich, aber ich schwöre Dir, ich kann drauf
+fluchen, daß ich das Mädchen nicht angerührt habe.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> So bist Du doch zum Fenster
+hineingestiegen und die Nachbarn habens gesehen, meynst Du, ihre
+Zunge wird so verschämt seyn, wie Deine Hand vielleicht gewesen ist?
+Ich kenne Dich, ich weiß, so dreust Du scheinst, bist Du doch blöde
+gegen’s Frauenzimmer und darum lieb ich Dich: aber wenns auch nichts
+mehr wäre, als daß das Mädchen ihren guten Namen verliert, und eine
+Musikantentochter <span class="pagenum">112</span> dazu, ein Mädchen,
+das alles von der Natur empfieng: vom Glück nichts, der ihre einzige
+Aussteuer, ihren guten Namen, zu rauben&nbsp;&ndash; Du hast sie
+unglücklich gemacht, Pätus.&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p class="center">(Herr Rehaar kommt, eine Laute unterm Arm.)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ergebener Diener von Ihnen;
+ergebener Diener, Herr von Berg, wünsche schönen guten Morgen. Wie
+haben Sie geschlafen und wie stehts Konzertchen? (setzt sich und
+stimmt) Haben Sie’s durchgespielt? (stimmt) Ich habe die Nacht
+einen heßlichen Schrecken gehabt, aber ich wills dem eingedenk
+seyn.&nbsp;&ndash; Sie kennen ihn wohl, es ist einer von ihren
+Landsleuten. Twing, twing. Das ist eine verdammte Quinte! Will sie doch
+mein Tage nicht recht tönen; ich will Ihnen Nachmittag eine andere
+bringen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (setzt sich mit seiner Laute)
+Ich hab das Koncert noch nicht angesehen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ey Ey, faules Herr von
+Bergchen, noch nicht angesehen? Twing! Nachmittag bring ich
+Ihnen eine andre. (legt die Laute weg und nimmt eine Prise) Man
+sagt: die Türken sind über die Donau gegangen und haben die
+<span class="pagenum">113</span> Russen brav zurückgepeitscht,
+bis&nbsp;&ndash; Wie heißt doch nun der Ort? Bis Otschakof, glaub’ ich;
+was weiß ich? so viel sag ich Ihnen, wenn Rehaar unter ihnen gewesen
+wäre, was meynen Sie? Er wäre noch weiter gelaufen. Ha ha ha! (nimmt
+die Laute wieder) Ich sag Ihnen, Herr von Berg, ich hab keine größere
+Freude, als wenn ich wieder einmal in der Zeitung lese, daß eine Armee
+gelaufen ist. Die Russen sind brave Leute, daß sie gelaufen sind;
+Rehaar wär auch gelaufen und alle gescheute Leute, denn wozu nützt das
+Stehen und sich todtschlagen lassen, ha ha ha.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Nicht wahr, das ist der erste
+Grif?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ganz recht; den zweiten Finger
+etwas mehr übergelegt und mit dem kleinen abgerissen, so&nbsp;&ndash;
+Rund, rund den Triller, rund Herr von Bergchen&nbsp;&ndash; Mein
+seliger Vater pflegt’ immer zu sagen, ein Musikus muß keine Kourage
+haben, und ein Musikus der Herz hat, ist ein Hundsfut. Wenn er sein
+Konzertchen spielen kann und seinen Marsch gut bläst&nbsp;&ndash; Das
+hab’ ich auch dem Herzog von Kurland gesagt, als ich nach Petersburg
+gieng, das erstemal in der Suite vom Prinzen Czartorinsky, und
+vor ihm spielen mußte. <span class="pagenum">114</span> Ich muß
+noch lachen; als ich in den Saal kam und wollt’ ihm mein tief tief
+Kompliment machen, sah’ ich nicht, daß der Fußboden von Spiegel war
+und die Wände auch von Spiegel, und fiel herunter wie ein Stück Holz
+und schlug mir ein gewaltig Loch in Kopf: da kamen die Hofkavaliere
+und wollten mich drüber necken. Leidt das nicht, Rehaar, sagte der
+Herzog, Ihr habt ja einen Degen an der Seite; leidt das nicht. Ja,
+sage ich, Ew. Herzoglichen Majestät, mein Degen ist seit Anno Dreißig
+nicht aus der Scheide gekommen, und ein Musikus braucht den Degen
+nicht zu ziehen, denn ein Musikus, der Herz hat und den Degen zieht,
+ist ein Hundsfut und kann sein Tag auf keinem Instrument was vor
+sich bringen&nbsp;&ndash; Nein, nein, das dritte Chor wars, k, k,
+so&nbsp;&ndash; Rein, rein, den Triller rund und den Daumen unten nicht
+bewegt, so&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (der sich die Zeit über
+seitwärts gehalten, tritt hervor und bietet Rehaar die Hand) Ihr
+Diener, Herr Rehaar; wie gehts?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> (hebt sich mit der Laute)
+Ergebener Die&nbsp;&ndash; Wie solls gehen, Herr Pätus? Toujours
+content, jamais d’argent: das ist des alten Rehaars Sprichwort, wissen
+Sie, <span class="pagenum">115</span> und die Herren Studenten wissens
+alle; aber darum geben sie mir doch nichts&nbsp;&ndash; Der Herr Pätus
+ist mir auch noch schuldig, von der letzten Serenade, aber er denkt
+nicht dran...</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Sie sollen haben, liebster
+Rehaar; in acht Tagen erwart’ ich unfehlbar meinen Wechsel.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ja, Sie haben schon lang
+gewartet, Herr Pätus, und Wechselchen ist doch nicht kommen. Was ist zu
+thun, man muß Geduld haben, ich sag immer, ich begegne keinem Menschen
+mit so viel Ehrfurcht als einem Studenten: denn ein Student ist nichts,
+das ist wahr, aber es kann doch alles aus ihm werden. (er legt die
+Laute auf den Tisch und nimmt eine Prise) Aber was haben Sie mir denn
+gemacht, Herr Pätus? Ist das recht; ist das auch honett gehandelt?
+Sind mir gestern zum Fenster hineingestiegen, in meiner Tochter
+Schlafkammer.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Was denn, Vaterchen? ich?
+...</p>
+
+<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> (läßt die Dose fallen) Ja ich
+will Dich bevaterchen und ich werd’ es gehörigen Orts zu melden wissen,
+Herr, daß seyn Sie versichert. Meiner Tochter Ehr’ ist mir lieb und es
+ist ein honettes Mädchen, hol’s der <span class="pagenum">116</span>
+Henker! und wenn ichs nur gestern gemerkt hätte oder wär’ aufgewacht,
+ich hätt Euch zum Fenster hinausgehenselt, daß Ihr das Unterste zu
+Oberst&nbsp;&ndash; Ist das honett, ist das ehrlich? Pfuy Teufel, wenn
+ich Student bin, muß ich mich auch als Student aufführen, nicht als
+ein Schlingel&nbsp;&ndash; Da haben mirs die Nachbarn heut gesagt: ich
+dacht ich sollte den Schlag drüber kriegen, Augenblicks hat mir das
+Mädchen auf den Postwagen müssen und das nach Kurland zu ihrer Tante;
+ja nach Kurland, Herr, denn hier ist ihre Ehr’ hin und wer zahlt mir
+nun die Reisekosten? Ich habe warhaftig den ganzen Tag keine Laut’
+anrühren können und über die funfzehn Quinten sind mir heut gesprungen.
+Ja Herr, ich zittere noch am ganzen Leibe und Herr Pätus, ich will ein
+Hühnchen mit Ihnen pflücken. Es soll nicht so bleiben; ich will Euch
+Schlingeln lehren ehrlicher Leute Kinder verführen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Herr, schimpf Er nicht,
+oder&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Sehen Sie nur an, Herr von
+Berg! sehn Sie einmal an&nbsp;&ndash; wenn ich nun Herz hätte, ich
+fodert’ ihn augenblicklich vor die Klinge&nbsp;&ndash; Sehen Sie,
+da steht er und lacht mir noch in die Zähne obenein. Sind <span
+class="pagenum">117</span> wir denn unter Türken und Heiden, daß ein
+Vater nicht mehr mit seiner Tochter sicher ist? Herr Pätus, Sie sollen
+mirs nicht umsonst gethan haben, ich sags Ihnen und sollts bis an den
+Kuhrfürsten selber kommen. Unter die Soldaten mit solchen lüderlichen
+Hunden! Dem Kalbsfell folgen, das ist gescheidter! Schlingel seyd ihr
+und keine Studenten!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (giebt ihm eine Ohrfeige)
+Schimpf Er nicht; ich habs Ihm fünfmal gesagt!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> (springt auf, das Schnupftuch
+vorm Gesicht) So? Wart&nbsp;&ndash; Wenn ich doch nur den rothen
+Fleck behalten könnte, bis ich vorn Magnifikus komme&nbsp;&ndash;
+Wenn ich ihn doch nur acht Tage behalten könnte, daß ich nach Dresden
+reise und ihn dem Kuhrfürsten zeige&nbsp;&ndash; Wart, es soll Dir
+zu Hause kommen, wart, wart&nbsp;&ndash; Ist das erlaubt? (weint)
+Einen Lautenisten zu schlagen? weil er Dir seine Tochter nicht geben
+will, daß Du Lautchen auf ihr spielen kannst?&nbsp;&ndash; Wart, ich
+wills seiner Kuhrfürstlichen Majestät sagen, daß Du mich ins Gesicht
+geschlagen hast. Die Hand soll Dir abgehauen werden&nbsp;&ndash;
+Schlingel! (läuft ab, Pätus will ihm nach; Fritz hält ihn zurück)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Pätus! Du hast schlecht
+gehandelt. <span class="pagenum">118</span> Er war beleidigter Vater,
+Du hättest ihn schonen sollen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Was schimpfte der Schurke?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Schimpfliche Handlungen
+verdienen Schimpf. Er konnte die Ehre seiner Tochter auf keine andere
+Weise rächen, aber es möchten sich Leute finden&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Was? Was für Leute?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Du hast sie entehrt, Du hast
+ihren Vater entehrt. Ein schlechter Kerl, der sich an Weiber und
+Musikanten wagt, die noch weniger als Weiber sind.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ein schlechter Kerl?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Du sollst ihm öffentlich
+abbitten.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Mit meinem Stock.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> So werd ich Dir in seinem Namen
+antworten.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (schreyt) Was willst Du von
+mir?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Genugthuung für Rehaarn.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Du wirst mich doch nicht
+zwingen wollen; einfältiger Mensch&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ja, ich will Dich zwingen, kein
+Schurke zu seyn.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Du bist einer&nbsp;&ndash; Du
+mußt Dich mit mir schlagen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span><span class="pagenum">119</span>
+Herzlich gern&nbsp;&ndash; wenn Du Rehaarn nicht Satisfaktion
+giebst.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Nimmermehr.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Es wird sich zeigen.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<!-- F Ü N F T E R A K T -->
+<div class="chapter">
+ <h2 id="Fuenfter_Akt">Fünfter Akt.</h2>
+</div>
+
+<h3>Erste Scene.</h3>
+
+<p class="szene">Die Schule.</p>
+
+<p class="personen">Läuffer. Marthe. <span class="normal">(ein Kind auf
+dem Arm)</span></p>
+
+<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Um Gotteswillen! helft einer
+armen blinden Frau und einem unschuldigen Kinde, das seine Mutter
+verloren hat.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (giebt ihr was) Wie seyd Ihr
+denn hergekommen, da Ihr nicht sehen könnt?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Mühselig genug. Die Mutter
+dieses Kindes war meine Leiterin; sie gieng eines Tags aus dem Hause,
+zwey Tage nach ihrer Niederkunft, Mittags gieng sie fort und wollt’ auf
+den Abend wiederkommen, sie soll noch wiederkommen. Gott schenk ihr die
+ewige Freud und Herrlichkeit!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span><span
+class="pagenum">120</span> Warum thut Ihr den Wunsch?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Weil sie todt ist, das gute
+Weib; sonst hätte sie ihr Wort nicht gebrochen. Ein Arbeitsmann vom
+Hügel ist mir begegnet, der hat sie sich in Teich stürzen sehen. Ein
+alter Mann ist hinter ihr drein gewesen und hat sich nachgestürzt; das
+muß wohl ihr Vater gewest seyn.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> O Himmel! Welch ein
+Zittern&nbsp;&ndash; Ist das ihr Kind?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Das ist es; sehen Sie nur, wie
+rund es ist, von lauter Kohl und Rüben aufgefüttert. Was sollt’ ich
+Arme machen; ich konnt’ es nicht stillen, und da mein Vorrath auf war,
+macht’ ichs wie Hagar, nahm das Kind auf die Schulter und gieng auf
+Gottes Barmherzigkeit.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Gebt es mir auf den
+Arm&nbsp;&ndash; O mein Herz!&nbsp;&ndash; Daß ichs an mein Herz
+drücken kann&nbsp;&ndash; Du gehst mir auf, furchtbares Rätzel! (nimmt
+das Kind auf den Arm und tritt damit vor den Spiegel) Wie? dies wären
+nicht meine Züge? (fällt in Ohnmacht; das Kind fängt an zu schreyen)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Marthe.</span> Fallt Ihr hin? (hebt das
+Kind vom Boden auf) Sußchen, mein liebes Sußchen! (das Kind beruhigt
+sich) Hört! was <span class="pagenum">121</span> habt Ihr gemacht? Er
+antwortet nicht: ich muß doch um Hülfe rufen; ich glaube, ihm ist weh
+worden. (geht hinaus)</p>
+
+<h3>Zweyte Scene.</h3>
+
+<p class="szene">Ein Wäldchen vor Leipzig.</p>
+
+<p class="personen">Fritz von Berg und Pätus. <span
+class="normal">(stehn mit gezogenem Degen)</span> Rehaar.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Wird es bald?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Willst Du anfangen?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Stoß Du zuerst.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (wirft den Degen weg) Ich kann
+mich mit Dir nicht schlagen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Warum nicht? Nimm ihn auf. Hab
+ich Dich beleidigt, so muß ich Dir Genugthuung geben.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Du magst mich beleidigen wie Du
+willst, ich brauch keine Genugthuung von Dir.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Du beleidigst mich.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (rennt auf ihn zu und umarmt
+ihn) Liebster Berg! Nimm es für keine Beleidigung, wenn ich Dir
+sage, Du bist nicht im Stande mich zu beleidigen. Ich kenne Dein
+Gemüth&nbsp;&ndash; und ein Gedanke daran macht mich zur feigsten
+Memme auf dem Erdboden. Laß <span class="pagenum">122</span> uns gute
+Freunde bleiben, ich will mich gegen den Teufel selber schlagen, aber
+nicht gegen Dich.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> So gieb Rehaarn Satisfaktion,
+eh zieh’ ich nicht ab von hier.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Das will ich herzlich gern,
+wenn er’s verlangt.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Er ist immatrikulirt, wie
+Du; Du hast ihn ins Gesicht geschlagen&nbsp;&ndash; Frisch Rehaar,
+zieht!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> (zieht) Ja, aber er muß seinen
+Degen da nicht aufheben.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Sie sind nicht gescheidt.
+Wollen Sie gegen einen Menschen ziehen, der sich nicht wehren kann?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ey laß die gegen bewehrte
+Leute ziehen, die Kourage haben. Ein Musikus muß keine Kourage haben,
+und Herr Pätus, Er soll mir Satisfaktion geben&nbsp;&ndash; (stößt auf
+ihn zu. Pätus weicht zurück) Satisfaktion geben. (stößt Pätus in den
+Arm. Fritz legirt ihm den Degen)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Jetzt seh’ ich, daß Sie
+Ohrfeigen verdienen, Rehaar. Pfuy!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ja was soll ich denn machen,
+wenn ich kein Herz habe?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span><span class="pagenum">123</span>
+Ohrfeigen einstecken und das Maul halten.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Still Berg! ich bin nur
+geschrammt. Herr Rehaar, ich bitt Sie um Verzeyhung. Ich hätte Sie
+nicht schlagen sollen, da ich wußte, daß Sie nicht im Stande waren,
+Genugthuung zu fodern; vielweniger hätt’ ich Ihnen Ursache geben
+sollen, mich zu schimpfen. Ich gesteh’s, diese Rache ist noch viel zu
+gering für die Beleidigungen, die ich Ihrem Hause angethan: ich will
+sehen, sie auf eine bessere Weise gut zu machen, wenn das Schicksal
+meinen guten Vorsätzen beysteht. Ich will Ihrer Tochter nachreisen;
+ich will sie heyrathen. In meinem Vaterlande wird sich schon eine
+Stelle für mich finden, und wenn auch mein Vater bey seinen Lebzeiten
+sich nicht besänftigen ließe, so ist mir doch eine Erbschaft von
+funfzehntausend Gulden gewiß. (umarmt ihn). Wollen Sie mir Ihre Tochter
+bewilligen?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ey was! ich hab nichts
+dawider, wenn Ihr ordentlich und ehrlich um sie anhaltet, und im
+Stand seyd, sie zu versorgen&nbsp;&ndash; Ha ha ha! hab’ ichs
+doch mein Tag gesagt: mit den Studenten ist gut auskommen. <span
+class="pagenum">124</span> Die haben doch noch Honnettetät im Leibe,
+aber mit den Officiers&nbsp;&ndash; Die machen einem Mädchen ein
+Kind und kräht nicht Hund oder Hahn nach: das macht, weil sie alle
+kuraschöse Leute seyn, und sich müssen todtschlagen lassen. Denn wer
+Kourage hat, der ist zu allen Lastern fähig.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Sie sind ja auch Student.
+Kommen Sie; wir haben lange keinen Punsch zusammen gemacht; wir wollen
+auf die Gesundheit Ihrer Tochter trinken.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Ja und Ihr Lautenkonzertchen
+dazu, Herr von Bergchen. Ich hab Ihnen jetzt drey Stund nach einander
+geschwänzt, und weil ich auch honett denke, so will ich heute dafür
+drey Stunden nach einander auf Ihrem Zimmerchen bleiben und wollen
+Lautchen spielen, bis dunkel wird.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Und ich will die Violin dazu
+streichen.</p>
+
+<h3>Dritte Scene.</h3>
+
+<p class="szene">Die Schule.</p>
+
+<p class="personen">Läuffer. <span class="normal">(liegt zu
+Bette.)</span> Wenzeslaus.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Das Gott! was giebts schon
+<span class="pagenum">125</span> wieder, daß Ihr mich von der Arbeit
+abrufen laßt? Seyd Ihr schon wieder schwach? Ich glaube, das alte Weib
+war eine Hexe.&nbsp;&ndash; Seit der Zeit habt Ihr keine gesunde Stunde
+mehr.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich werd’ es wohl nicht lange
+mehr machen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Soll ich Gevatter Schöpsen
+rufen lassen?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Nein.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Liegt Euch was auf dem
+Gewissen? Sagt mirs, entdeckt mirs, unverholen.&nbsp;&ndash; Ihr
+blickt so scheu umher, daß es einem ein Grauen einjagt; frigidus
+per ossa&nbsp;&ndash; Sagt mir, was ists?&nbsp;&ndash; Als ob er
+jemand todt geschlagen hätte&nbsp;&ndash; Was verzerrt Ihr denn
+die Lineamenten so&nbsp;&ndash; Behüt Gott, ich muß doch nur zu
+Schöpsen&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Bleibt&nbsp;&ndash; Ich weiß
+nicht, ob ich recht gethan&nbsp;&ndash; Ich habe mich kastrirt...</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Wa&nbsp;&ndash;
+Kastrir&nbsp;&ndash; Da mach ich Euch meinen herzlichen Glückwunsch
+drüber, vortreflich, junger Mann, zweiter Origenes! Laß Dich
+umarmen, theures, auserwähltes Rüstzeug! Ich kann’s Euch nicht
+verheelen, fast&nbsp;&ndash; fast kann ich dem Heldenvorsatz <span
+class="pagenum">126</span> nicht widerstehen, Euch nachzuahmen. So
+recht, werther Freund! Das ist die Bahn, auf der Ihr eine Leuchte
+der Kirche, ein Stern erster Größe, ein Kirchenvater selber werden
+könnt. Ich glückwünsche euch, ich ruf Euch ein Jubilate und Evoë
+zu, mein geistlicher Sohn&nbsp;&ndash; Wär’ ich nicht über die
+Jahre hinaus, wo der Teufel unsern ersten und besten Kräften sein
+arglistiges Netz ausstellt, gewiß ich würde mich keinen Augenblick
+bedenken.&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Bey alle dem, Herr
+Schulmeister, gereut es mich.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Wie, es gereut Ihn? Das
+sey ferne, werther Herr Mitbruder! Er wird eine so edle That doch nicht
+mit thörichter Reue verdunkeln und mit sündlichen Thränen besudeln? Ich
+seh schon welche über Sein Augenlied hervorquellen. Schluck’ Er sie
+wieder hinunter und sing’ Er mit Freudigkeit: ich bin der Nichtigkeit
+entbunden, nun Flügel, Flügel, Flügel her. Er wird es doch nicht machen
+wie Lots Weib und sich wieder nach Sodom umsehen, nachdem Er einmal
+das friedfertige stille Zoar erreicht hat? Nein, Herr Kollega; ich muß
+Ihm auch nur sagen, daß <span class="pagenum">127</span> Er nicht
+der einzige ist, der den Gedanken gehabt hat. Schon unter den blinden
+Juden war eine Sekte, zu der ich mich gern öffentlich bekannt hätte,
+wenn ich nicht befürchtet, meine Nachbarn und meine armen Lämmer in der
+Schule damit zu ärgern: auch hatten sie freilich einige Schlacken und
+Thorheiten dabey, die ich nun eben nicht mitmachen möchte. Zum Exempel,
+daß sie des Sonntags nicht einmal ihre Nothdurft verrichteten, welches
+doch wider alle Regeln einer vernünftigen Diät ist, und halt’ ichs da
+lieber mit unserm seligen Doktor Luther: was hinaufsteigt, das ist
+für meinen lieben Gott, aber was hinunter geht, Teufel, das ist für
+Dich&nbsp;&ndash; Ja wo war ich?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich fürchte,
+meine Bewegungsgründe waren von andrer Art ... Reue,
+Verzweiflung&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ja, nun hab
+ichs&nbsp;&ndash; Die Essäer, sag’ ich, haben auch nie Weiber
+genommen; es war eins von ihren Grundgesetzen und dabey sind sie zu
+hohem Alter kommen, wie solches im Josephus zu lesen. Wie die es nun
+angefangen, ihr Fleisch so zu bezähmen; ob sie es gemacht, wie ich,
+nüchtern und mässig gelebt und brav Toback geraucht, oder ob <span
+class="pagenum">128</span> sie Euren Weg eingeschlagen&nbsp;&ndash; So
+viel ist gewiß, in amore, in amore omnia insunt vitia und ein Jüngling,
+der diese Klippe vorbeyschifft, Heil, Heil ihm, ich will ihm Lorbeern
+zuwerfen; lauro tempora cingam et sublimi fronte sidera pulsabit.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich fürcht’, ich werd’ an dem
+Schnitt sterben müssen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Mit nichten, da sey Gott
+für. Ich will gleich zu Gevatter Schöpsen. Der Fall wird ihm freylich
+noch nie vorgekommen seyn, aber hat er Euch euren Arm kurirt, welches
+doch eine Wunde war, die nicht zu eurer Wohlfarth diente, so wird ja
+Gott auch ihm Gnade zu einer Kur geben, die Euer ewiges Seelenheil
+befördern wird. (geht ab)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Sein Frohlocken verwundet
+mich mehr als mein Messer. O Unschuld, welch’ eine Perle bist du! Seit
+ich dich verloren, that ich Schritt auf Schritt in der Leidenschaft
+und endigte mit Verzweiflung. Möchte dieser Letzte mich nicht zum Tode
+führen, vielleicht könnt’ ich itzt wieder anfangen zu leben und zum
+Wenzeslaus wiedergeboren werden.</p>
+
+<h3>Vierte Scene.</h3>
+
+<p class="szene">In Leipzig. <span class="pagenum">129</span></p>
+
+<p class="personen">Fritz von Berg und Rehaar. <span
+class="normal">(begegnen sich auf der Straße)</span></p>
+
+<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Herr von Bergchen, ein
+Briefchen, unter meinem Kuvert gekommen. Herr von Seiffenblase hat an
+mich geschrieben; hat auch Lautchen bey mir gelernt vormals. Er bittet
+mich, ich soll doch diesen Brief einem gewissen Herrn von Berg in
+Leipzig abgeben, wenn er anders noch da wäre&nbsp;&ndash; O wie bin ich
+gesprungen!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Wo hält er sich denn itzt auf,
+Seiffenblase?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> Soll es dem Herrn von Berg
+abgeben, schreibt er, wenn Sie anders diesen würdigen Mann kennen. O
+wie bin ich gesprungen&nbsp;&ndash; Er ist in Königsberg, der Herr
+von Seiffenblase. Was meynen Sie, und meine Tochter ist auch da, und
+logirt ihm grad gegenüber. Sie schreibt mir, die Kathrinchen, daß
+sie nicht genug rühmen kann, was er ihr für Höflichkeit erzeigt,
+alles um meinetwillen; hat sieben Monath bey mir gelernt.</p><span
+class="pagenum">130</span>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (zieht die Uhr aus) Liebster
+Rehaar, ich muß ins Kollegium&nbsp;&ndash; Sagen Sie Pätus nichts
+davon, ich bitte Sie&nbsp;&ndash; (geht ab)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Rehaar.</span> (ruft ihm nach) Auf den
+Nachmittag&nbsp;&ndash; Konzertchen!&nbsp;&ndash; </p>
+
+<h3>Fünfte Scene.</h3>
+
+<p class="szene">Zu Königsberg in Preußen.</p>
+
+<p class="personen">Geh. Rath. Gustchen. Major. <span
+class="normal">(stehn in ihrem Hause am Fenster)</span></p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ist ers?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Ja, er ist’s.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich sehe doch, die Tante
+muß ein lüderliches Mensch seyn, oder sie hat einen Haß auf ihre Nichte
+geworfen und will sie mit Fleiß ins Verderben stürzen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Aber Onkel, sie kann ihm
+doch das Haus nicht verbieten.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Auf das, was ich ihr
+gesagt?&nbsp;&ndash; Wer will’s ihr übel nehmen, wenn sie zu ihm sagte:
+Herr von Seiffenblase, Sie haben sich auf einem Kaffeehause verlauten
+lassen, Sie wollten meine Nichte zu Ihrer Mätresse machen, suchen Sie
+sich andre Bekanntschaften <span class="pagenum">131</span> in der
+Stadt; bey mir kommen Sie unrecht: meine Nichte ist eine Ausländerin,
+die meiner Aufsicht anvertraut ist; die sonst keine Stütze hat; wenn
+sie verführt würde, fiel’ alle Rechenschaft auf mich. Gott und Menschen
+müßten mich verdammen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Still Bruder! Er kommt heraus
+und läßt die Nase erbärmlich hängen. Ho, ho, ho, daß Du die Krepanz!
+Wie blaß er ist.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich will doch gleich
+hinüber, und sehn was es gegeben hat.</p>
+
+<h3>Sechste Scene.</h3>
+
+<p class="szene">In Leipzig.</p>
+
+<p class="personen">Pätus. <span class="normal">(an einem Tisch und
+schreibt)</span> Berg.<span class="normal">(tritt herein einen Brief in
+der Hand)</span></p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (sieht auf und schreibt
+fort)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Pätus!&nbsp;&ndash; Hast zu
+thun?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Gleich&nbsp;&ndash; (Fritz
+spaziert auf und ab) Jetzt&nbsp;&ndash; (legt das Schreibzeug weg)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Pätus! ich hab’ einen Brief
+bekommen&nbsp;&ndash; und hab nicht das Herz, ihn aufzumachen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Von wo kommt er? Ists Deines
+Vaters Hand?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span><span class="pagenum">132</span>
+Nein, von Seiffenblase&nbsp;&ndash; aber die Hand zittert mir, so bald
+ich erbrechen will. Brich doch auf. Bruder, und ließ mir vor. (wirft
+sich auf einen Lehnstuhl)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (liest) "Die Erinnerung so
+mancher angenehmen Stunden, deren ich mich noch mit Ihnen genossen zu
+haben erinnere, verpflichtet mich, Ihnen zu schreiben und Sie an diese
+angenehme Stunden zu erinnern"&nbsp;&ndash; Was der Junge für eine
+rasende Orthographie hat.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Lies doch nur&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> "Und weil ich mich verpflichtet
+hielt, Ihnen Nachrichten von meiner Ankunft und den Neuigkeiten, die
+allhier vorgefallen, als melde Ihnen von Dero werthesten Familie,
+welche leider sehr viele Unglücksfälle in diesem Jahre erlebt hat, und
+wegen der Freundschaft, welche ich in Dero Eltern ihrem Hause genossen,
+sehe mich verpflichtet, weil ich weiß, daß Sie mit Ihrem Herrn Vater
+in Misverstäniß und er Ihnen lange wohl nicht wird geschrieben
+haben, so werden Sie auch wohl den Unglücksfall nicht wissen mit dem
+Hofmeister, welcher aus Ihres gnädigen Onkels Hause ist gejagt worden,
+<span class="pagenum">133</span> weil er Ihre Kusine genothzüchtigt,
+worüber sie sich so zu Gemüth gezogen, daß sie in einen Teich
+gesprungen, durch welchen Trauerfall Ihre ganze Familie in den höchsten
+Schröcken"&nbsp;&ndash; Berg! was ist Dir&nbsp;&ndash; (begießt ihn
+mit Lavendel) Wie nun Berg? Rede, wird Dir weh&nbsp;&ndash; Hätt ich
+Dir doch den verdammten Brief nicht&nbsp;&ndash; Ganz gewiß ists eine
+Erdichtung&nbsp;&ndash; Berg! Berg!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Laß mich&nbsp;&ndash; Es wird
+schon übergehn.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Soll ich jemand holen, der Dir
+die Ader schlägt.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> O pfuy doch&nbsp;&ndash; thu
+doch so französisch nicht&nbsp;&ndash; Ließ mirs noch einmal vor.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ja, ich werde
+Dir&nbsp;&ndash; Ich will den hunsvöttischen malitiösen Brief den
+Augenblick&nbsp;&ndash; (zerreißt ihn)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Genothzüchtigt&nbsp;&ndash;
+ersäuft. (schlägt sich an die Stirn) Meine Schuld! (steht auf) meine
+Schuld einzig und allein&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Du bist wohl nicht
+klug&nbsp;&ndash; Willst Dir die Schuld geben, daß sie sich vom
+Hofmeister verführen läßt – </p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Pätus, ich schwur ihr,
+zurückzukommen, ich schwur ihr&nbsp;&ndash; Die drey Jahr <span
+class="pagenum">134</span> sind verflossen, ich bin nicht gekommen,
+ich bin aus Halle fortgangen, mein Vater hat keine Nachrichten von
+mir gehabt. Mein Vater hat mich aufgeben, sie hat es erfahren,
+Gram&nbsp;&ndash; Du kennst ihren Hang zur Melancholey&nbsp;&ndash;
+die Strenge ihrer Mutter obenein, Einsamkeit, auf dem Lande, betrogne
+Liebe&nbsp;&ndash; Siehst Du das nicht ein, Pätus; siehst Du das nicht
+ein? Ich bin ein Bösewicht: ich bin schuld an ihrem Tode. (wirft sich
+wieder in den Stuhl und verhüllt sein Gesicht)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Einbildungen!&nbsp;&ndash; Es
+ist nicht wahr, es ist so nicht gegangen. (stampft mit dem Fuß) Tausend
+Sapperment, daß Du so dumm bist, und alles glaubst, der Spitzbube, der
+Hundsfut, der Bärenhäuter, der Seiffenblase, will Dir einen Streich
+spielen&nbsp;&ndash; Laß mich ihn einmal zu sehen kriegen.&nbsp;&ndash;
+Es ist nicht wahr, daß sie todt ist, und wenn sie todt ist, so hat sie
+sich nicht selbst umgebracht...</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Er kann doch das nicht aus der
+Luft saugen&nbsp;&ndash; Selbst umgebracht&nbsp;&ndash; (springt auf) O
+das ist entsetzlich!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (stampft abermal mit dem
+Fuß) Nein, sie hat sich selbst nicht umgebracht. Seiffenblase lügt;
+wir müssen mehr Bestätigung haben. <span class="pagenum">135</span>
+Du weißt, daß Du ihm einmal im Rausch erzehlt hast, daß Du in Deine
+Kusine verliebt wärst; siehst Du, das hat die malitiöse Kanaille
+aufgefangen&nbsp;&ndash; aber weißt Du was; weißt Du, was Du thust?
+Hust ihm was; pfeif ihm was; pfuy ihm was, schreib ihm, Ew. Edlen danke
+dienstfreundlichst für Dero Neuigkeiten, und bitte, Sie wollen mich
+im&nbsp;&ndash; Das ist der beste Rath, schreib ihm zurück: Ihr seyd
+ein Hundsfut. Das ist das vernünftigste, was Du bey der Sache thun
+kannst.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich will nach Hause reisen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> So reis’ ich mit
+Dir&nbsp;&ndash; Berg, ich laß Dich keinen Augenblick allein.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Aber wovon? Reisen ist
+bald ausgesprochen&nbsp;&ndash; Wenn ich keine abschlägige Antwort
+befürchtete, so wolle ich es bey Leichtfuß et Compagnie versuchen, aber
+ich bin ihnen schon hundertfunfzig Dukaten schuldig&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Wir wollen beyde zusammen
+hingehn&nbsp;&ndash; Wart, wir müssen die Lotterie vorbey. Heut ist die
+Post aus Hamburg angekommen, ich will doch unterwegs nachfragen; zum
+Spaß nur&nbsp;&ndash; </p>
+
+<h3>Siebente Scene.</h3>
+
+<p class="szene">In Königsberg.<span class="pagenum">136</span></p>
+
+<p class="personen">Geh. Rath <span class="normal">(führt)</span>
+Jungfer Rehaar <span class="normal">(an der Hand)</span> Augustchen.
+Major.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Hier, Gustchen,
+bring ich Dir eine Gespielin. Ihr seyd in einem Alter, einem
+Verhältnisse&nbsp;&ndash; Gebt Euch die Hand, und seyd Freundinnen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Das bin ich lange gewesen,
+liebe Mamsell! Ich weiß nicht, was es war, das in meinem Busen auf-
+und abstieg, wenn ich Sie aus dem Fenster sah; aber Sie waren in so
+viel Zerstreuungen verwickelt, so mit Kutschenbesuchen und Serenaden
+belästigt, daß ich mit meinem Besuch zu unrechter Zeit zu kommen
+fürchtete.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Jungfer Rehaar.</span> Ich wäre Ihnen
+zuvorgekommen, gnädiges Fräulein, wenn ich das Herz gehabt. Allein in
+ein so vornehmes Haus mich einzudrängen, hielt’ ich für unbesonnen,
+und mußte dem Zug meines Herzens, das mich schon oft bis vor Ihre Thür
+geführt hat, allemal mit Gewalt widerstehen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Stell Dir vor, Major; der
+<span class="pagenum">137</span> Seiffenblase hat auf die Warnung, die
+ich der Frau Dutzend that, und die sie ihm wieder erzehlt hat und zwar,
+wie ichs verlangt, unter meinem Namen, geantwortet: er werde sich schon
+an mir zu rächen wissen. Er hat alles das so gut von sich abzulehnen
+gewußt, und ist gleich Tags drauf mit dem Minister Deichsel hingefahren
+kommen, daß die arme Frau das Herz nicht gehabt, sich seine Besuche zu
+verbitten. Gestern Nacht hat er zwey Wagen in diese Straße bestellt
+und einen am Brandenburger Thor, das wegen des Feuerwerks offen blieb,
+das erfährt die Madam gestern Vormittag schon. Den Nachmittag will er
+für Henkers Gewalt die Mamsell überreden, mit ihm zum Minister auf die
+Assemblee zu fahren, aber Madam Dutzend traute dem Frieden nicht, und
+hat’s ihm rund abgeschlagen. Zweymal ist er vor die Thür gefahren,
+aber hat wieder umkehren müssen; da seine Karte also verzettelt war,
+wollt’ ers heut probiren. Madam Dutzend hat ihm nicht allein das Haus
+verbothen, sondern zugleich angedeutet: sie sehe sich genöthigt, sich
+vom Gouverneur Wache vor ihrem Hause auszubitten. Da hat er Flammen
+gespyen, hat mit dem <span class="pagenum">138</span> Minister gedroht
+– Um die Madam völlig zu beruhigen, hab’ ich ihr angetragen: die
+Mamsell in unser Haus zu nehmen. Wir wollen sie auf ein halb Jahr nach
+Insterburg mitnehmen, bis Seiffenblase sie vergessen hat, oder so lang
+als es ihr selber nur da gefallen kann&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Ich hab schon anspannen lassen.
+Wenn wir nach Heidelbrunn fahren, Mamsell, so laß ich Sie nicht los.
+Sie müssen mit, oder meine Tochter bleibt mit Ihnen in Insterburg.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Das wär wohl am besten.
+Ohnehin taugt das Land für Gustchen nicht und Mamsel Rehaar laß ich
+nicht von mir.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Gut, daß Deine Frau Dich nicht
+hört&nbsp;&ndash; oder hast Du Absichten auf Deinen Sohn?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Mach das gute Kind nicht
+roth. Sie werden ihn in Leipzig oft genug müssen gesehen haben,
+den bösen Buben. Gustchen, Du wirst zur Gesellschaft mit roth? Er
+verdient’s nicht.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Gustchen.</span> Da mein Vater mir vergeben
+hat, sollte Ihr Sohn ein minder gütiger Herz bey Ihnen finden?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span><span
+class="pagenum">139</span> Er ist auch noch in keinen Teich
+gesprungen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Wenn wir nur das blinde Weib
+mit dem Kinde ausfündig gemacht hätten, von dem mir der Schulmeister
+schreibt; eh kann ich nicht ruhig werden&nbsp;&ndash; Kommt! ich muß
+noch heut auf mein Gut.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Daraus wird nichts. Du mußt
+die Nacht in Insterburg schlafen.</p>
+
+<h3>Achte Scene.</h3>
+
+<p class="szene">Leipzig.<br>Bergs Zimmer.</p>
+
+<p class="personen">Fritz v. Berg. <span class="normal">(sitzt, die
+Hand untern Kopf gestützt)</span> Pätus. <span class="normal">(stürzt
+herein)</span></p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Triumpf Berg! Was kalmeuserst
+Du?&nbsp;&ndash; Gott! Gott! (greift sich an den Kopf und fällt auf die
+Knie) Schicksal! Schicksal!&nbsp;&ndash; Nicht wahr, Leichtfuß hat Dir
+nicht vorschießen wollen? Laß ihn Dich&nbsp;&ndash; Ich hab Geld, ich
+hab’ alles&nbsp;&ndash; Dreyhundert achtzig Friedrichd’or gewonnen auf
+einem Zug! (springt auf und schreyt) Heydideldum, nach Insterburg! Pack
+ein!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span><span class="pagenum">140</span>
+Bist Du närrisch worden?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (zieht einen Beutel mit Gold
+hervor und wirft alles auf die Erde) Da ist meine Narrheit. Du bist ein
+Narr mit Deinem Unglauben&nbsp;&ndash; Nun hilf auflesen; buck Dich
+etwas&nbsp;&ndash; und heut noch nach Insterburg, juchhe! (lesen auf)
+Ich will meinem Vater die achtzig Friedrichsd’or schenken, so viel
+betrug grad mein letzter Wechsel, und zu ihm sagen: nun Herr Papa, wie
+gefall’ ich Ihnen itzt? All Deine Schulden können wir bezahlen, und
+meine obenein, und denn reisen wir wie die Prinzen. Juchhei</p>
+
+<h3>Neunte Scene.</h3>
+
+<p class="szene">Die Schule.</p>
+
+<p class="personen">Wenzeslaus. Läuffer. <span class="normal">(beyde in
+schwarzen Kleidern)</span></p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Wie hat ihm die Predigt
+gefallen, Kollege! Wie hat Er sich erbaut?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Gut, recht gut. (seufzt)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> (nimmt seine Perücke ab
+und setzt eine Nachtmütze auf) Damit ist’s nicht ausgemacht. Er soll
+mir sagen, welche Stelle aus der Predigt vorzüglich gesegnet an seinem
+<span class="pagenum">141</span> Herzen gewesen. Hör’ Er&nbsp;&ndash;
+setz’ Er sich. Ich muß Ihm was sagen; ich hab’ eine Anmerkung in der
+Kirche gemacht, die mich gebeugt hat. Er hat mir da so wetterwendisch
+gesessen, daß ich mich Seiner, die Warheit zu sagen, vor der ganzen
+Gemeine geschämt habe und dadurch oft fast aus meinem Koncept kommen
+bin. Wie, dacht’ ich, dieser junge Kämpfer, der so ritterlich
+durchgebrochen und den schwersten Strauß schon gewissermaßen überwunden
+hat&nbsp;&ndash; ich muß es Ihm bekennen: Er hat mich geärgert,
+σκανδαλον ἐδωκας, ἔταξας! Ich habs wohl gemerkt, wohin es gieng, ich
+habs wohl gemerkt; immer nach der mittlern Thür zu da nach der Orgel
+hinunter.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich muß bekennen, es hieng
+ein Gemälde dort, das mich ganz zerstreut hat. Der Evangelist Markus
+mit einem Gesicht, das um kein Haar menschlicher aussah, als der Löwe,
+der bey ihm saß, und der Engel beym Evangelisten Matthäus eher einer
+geflügelten Schlange ähnlich.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Es war nicht das, mein
+Freund! Bild’ Er mir’s nicht ein; es war nicht das. Sag’ Er mir doch,
+ein Bild sieht man an und sieht wieder weg, und dann ist’s <span
+class="pagenum">142</span> alles. Hat Er denn gehört, was ich gesagt
+habe? Weiß Er mir Ein Wort aus meiner Predigt wieder anzuführen? Und
+sie war doch ganz für Ihn gehalten; ganz kasuistisch&nbsp;&ndash; O! o!
+o!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Der Gedanke gefiel mir
+vorzüglich, daß zwischen unsrer Seele und ihrer Wiedergeburt und
+zwischen dem Flachs- und Hanfbau eine große Aehnlichkeit herrsche, und
+so wie der Hanf im Schneidebrett durch heftige Stöße und Klopfen von
+seiner alten Hülse befreyt werden müsse, so müsse unser Geist auch
+durch allerley Kreutz und Leiden und Ertödtung der Sinnlichkeit für den
+Himmel zubereitet werden.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Er war kasuistisch, mein
+Freund&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Doch kann ich Ihnen auch
+nicht bergen, daß Ihre Liste von Teufeln, die aus dem Himmel gejagt
+worden, und die Geschichte der ganzen Revolution da, daß Lucifer sich
+für den schönsten gehalten&nbsp;&ndash; Die heutige Welt ist über
+den Aberglauben längst hinweg; warum will man ihn wieder aufwärmen.
+In der ganzen heutigen vernünftigen Welt wird kein Teufel mehr
+statuirt&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span><span
+class="pagenum">143</span> Darum wird auch die ganze heutige
+vernünftige Welt zum Teufel fahren. Ich mag nicht verdammen, lieber
+Herr Mandel; aber das ist wahr, wir leben in seelenverderblichen
+Zeiten: es ist die letzte böse Zeit. Ich mag mich drüber weiter
+nicht auslassen: ich seh wohl, Er ist ein Zweifler auch, und auch
+solche Leute muß man tragen. Es wird schon kommen; Er ist noch jung
+– aber gesetzt auch, posito auch, aber nicht zugestanden, unsere
+Glaubenslehren wären all Aberglauben, über Geister, über Höll, über
+Teufel, da&nbsp;&ndash; Was thut’s Euch, was beißts Euch, daß Ihr Euch
+so mit Händen und Füßen dagegen wehrt? Thut nichts Böses, thut recht
+und denn so braucht Ihr die Teufel nicht zu scheuen, und wenn ihrer
+mehr wären wie Ziegel auf dem Dach, wie der selige Lutherus sagt. Und
+Aberglauben – O schweigt still, schweigt still, lieben Leut’. Erwägt
+erst mit reifem Nachdenken, was der Aberglaube bisher für Nutzen
+gestiftet hat, und denn habt mir noch das Herz, mit Euren nüchternen
+Spötteleyen gegen mich anzuziehen. Reutet mir den Aberglauben aus;
+ja warhaftig der rechte Glaub wird mit drauf gehn, und ein nacktes
+Feld da bleiben. Aber ich weiß <span class="pagenum">144</span>
+jemand, der gesagt hat, man soll beydes wachsen lassen, es wird
+schon die Zeit kommen, da Kraut sich von dem Unkraut scheiden wird.
+Aberglauben&nbsp;&ndash; Nehmt dem Pöbel seinen Aberglauben, er wird
+freygeistern, wie Ihr und Euch vor den Kopf schlagen. Nehmt dem Bauer
+seinen Teufel, und er wird ein Teufel gegen seine Herrschaft werden
+und ihr beweisen, daß es welche giebt. Aber wir wollen das bey Seite
+setzen&nbsp;&ndash; Wovon rede ich doch?&nbsp;&ndash; Recht, sag’
+Er mir, wen hat Er angesehen in der ganzen Predigt? Verheel’ Er mir
+nichts. Ich war es nicht, denn sonst müst’ Er schielen, daß es eine
+Schande wäre.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Das Bild.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Es war nicht das
+Bild&nbsp;&ndash; Dort unten, wo die Mädchen sitzen, die bey ihm in
+die Kinderlehre gehen – Lieber Freund! es wird doch nichts vom alten
+Sauerteig in seinem Herzen geblieben seyn&nbsp;&ndash; Ey, ey! wer
+einmal geschmeckt hat die Kräfte der zukünftigen Welt&nbsp;&ndash;
+Ich bitt Ihn, mir stehn die Haare zu Berge&nbsp;&ndash; Nicht wahr,
+die eine da mit dem gelben Haar so nachläßig unter das rothe Häubchen
+gesteckt und mit den lichtbraunen Augen, die allemal unter den
+<span class="pagenum">145</span> schwarzen Augbraunen so schalkhaft
+hervorblinzen, wie die Sterne hinter Regenwolken&nbsp;&ndash; Es ist
+wahr, das Mädchen ist gefährlich; ich hab’s nur einmal von der Kanzel
+angesehn, und muste hernach allemal die Augen platt zudrücken, wenn
+sie auf sie fielen, sonst wär’ mirs gegangen, wie den weisen Männern
+im Areopagus, die Recht und Gerechtigkeit vergaßen um einer schnöden
+Phryne willen.&nbsp;&ndash; Aber sag’ Er mir doch, wo will Er hin, daß
+Er Sich noch bösen Begierden überläßt, daß Ihm sogar an Mitteln fehlt,
+sie zu befriedigen? Will Er Sich dem Teufel ohne Sold dahingeben? Ist
+das das Gelübd, das er dem Herrn gethan&nbsp;&ndash; Ich rede als Sein
+geistlicher Vater mit Ihm&nbsp;&ndash; Er, der itzt mit so wenig Mühe
+über alle Sinnlichkeit triumphiren, über die Erde sich hinausschwingen
+und bessern Revieren zufliegen könnte. (Umarmt ihn) Ach mein lieber
+Sohn, bey diesen Thränen, die ich aus wahrer herzlicher Sorgfalt für
+Ihn vergieße; kehr’ Er nicht zu den Fleischtöpfen Egyptens zurück, da
+Er Kanaan so nahe war! Eile, eile! rette Deine unsterbliche Seele! Du
+hast auf der Welt nichts, das Dich mehr zurückhalten könnte. Die Welt
+<span class="pagenum">146</span> hat nichts mehr für Dich, womit sie
+Deine Untreu Dir einmal belohnen könnte; nicht einmal eine sinnliche
+Freude, geschweige denn Ruhe der Seelen&nbsp;&ndash; Ich geh und
+überlasse Dich Deinen Entschließungen. (geht ab)</p>
+
+<p class="center">(Läuffer bleibt in tiefen Gedanken sitzen)</p>
+
+<h3>Zehnte Scene.</h3>
+
+<p class="personen">Lise. <span class="normal">(tritt herein, ein
+Gesangbuch in der Hand, ohne daß er sie gewahr wird. Sie sieht ihm lang
+stillschweigend zu. Er springt auf, will knien; wird sie gewahr und
+sieht sie eine Weile verwirrt an)</span></p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (nähert sich ihr) Du hast
+eine Seele dem Himmel gestolen. (faßt sie an die Hand) Was führt Dich
+hieher, Lise?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Lise.</span> Ich komme, Herr
+Mandel&nbsp;&ndash; Ich komme, weil Sie gesagt haben, es würd’
+morgen keine Kinderlehr&nbsp;&ndash; weil Sie&nbsp;&ndash; so komm’
+ich&nbsp;&ndash; gesagt haben&nbsp;&ndash; ich komme, zu fragen, ob
+morgen Kinderlehre seyn wird.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ach!&nbsp;&ndash; Seht diese
+Wangen, ihr Engel! Wie sie in unschuldigem Feuer brennen und denn
+verdammt mich, wenn ihr könnt&nbsp;&ndash; Lise, warum zittert Deine
+<span class="pagenum">147</span> Hand? Warum sind Dir die Lippen so
+bleich und die Wangen so roth? Was willst Du?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Lise.</span> Ob morgen Kinderlehr seyn
+wird?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Setz Dich zu mir
+nieder&nbsp;&ndash; Leg Dein Gesangbuch weg&nbsp;&ndash; Wer steckt Dir
+das Haar auf, wenn Du nach der Kirche gehst? (setzt sie auf einen Stuhl
+neben seinem)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Lise.</span> (will aufstehn) Verzeyh’ Er
+mir; die Haube wird wohl nicht recht gesteckt seyn; es mache einen so
+erschrecklichen Wind, als ich zur Kirche kam.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (nimmt ihre beyden Hände in
+seine Hand) O Du bist&nbsp;&ndash; Wie alt bist Du, Lise?&nbsp;&ndash;
+Hast Du niemals&nbsp;&ndash; Was wollt’ ich doch fragen&nbsp;&ndash;
+Hast Du nie Freyer gehabt?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Lise.</span> (Munter) O ja einen, noch die
+vorige Woche; und des Schaafwirths Grethe war so neidisch auf mich und
+hat immer gesagt: ich weiß nicht was er sich um das einfältige Mädchen
+so viel Mühe macht, und denn hab’ ich auch noch einen Officier gehabt;
+es ist noch kein Vierteljahr.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Einen Officier?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Lise.</span> Ja doch, und einer von den recht
+Vornehmen. Ich sag’ ihnen, er hat drey Tressen auf dem Arm gehabt:
+aber ich war <span class="pagenum">148</span> noch zu jung und mein
+Vater wollt mich ihm nicht geben, wegen des soldatischen Wesens und
+Ziehens.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Würdest Du&nbsp;&ndash; O ich
+weiß nicht, was ich rede&nbsp;&ndash; Würdest Du wohl&nbsp;&ndash; Ich
+Elender!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Lise.</span> O ja, von ganzem Herzen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Bezaubernde!&nbsp;&ndash;
+(will ihr die Hand küssen) Du weißt ja noch nicht, was ich fragen
+wollte.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Lise.</span> (zieht sie weg) O lassen Sie,
+meine Hand ist ja so schwarz&nbsp;&ndash; O pfuy doch! Was machen
+Sie? Sehen Sie, einen geistlichen Herrn hätt’ ich allewege gern:
+von meiner ersten Jugend an hab ich die studierte Herren immer gern
+gehabt; sie sind alleweil so artig, so manierlich, nicht so puf paf,
+wie die Soldaten, obschon ich einewege die auch gern habe, das leugn’
+ich nicht, wegen ihrer bunten Röcke; ganz gewiß, wenn die geistlichen
+Herren in so bunten Röcken giengen, wie die Soldaten, das wäre zum
+Sterben.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Laß’ mich Deinen muthwilligen
+Mund mit meinen Lippen zuschließen. (küßt sie) O Lise! Wenn Du wüstest,
+wie unglücklich ich bin.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Lise.</span><span class="pagenum">149</span>
+O pfuy, Herr, was machen Sie?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Noch einmal und denn ewig
+nicht wieder! (küßt sie. Wenzeslaus tritt herein)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Was ist das? Proh deum
+atque hominum fidem! Wie nun, falscher, falscher, falscher Prophet!
+Reißender Wolf in Schaafskleidern! Ist das die Sorgfalt, die Du Deiner
+Heerde schuldig bist? Die Unschuld selber verführen, die Du vor
+Verführung bewahren sollst? Es muß ja Aergerniß kommen, doch wehe dem
+Menschen, durch welchen Aergerniß kommt!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Herr Wenzeslaus!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Nichts mehr! Kein Wort
+mehr! Ihr habt Euch in Eurer wahren Gestalt gezeigt. Aus meinem Hause,
+Verführer!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Lise.</span> (kniet vor Wenzeslaus) Lieber
+Herr Schulmeister, er hat mir nichts böses gethan.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Er hat Dir mehr
+böses gethan, als Dir Dein ärgster Feind thun könnte. Er hat Dein
+unschuldiges Herz verführt.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich bekenne mich schuldig
+– Aber kann man so vielen Reitzungen widerstehen? Wenn man mir dies
+Herz aus dem Leibe risse und mich Glied vor Glied verstümmelte und ich
+behielt nur eine Ader von Blut <span class="pagenum">150</span> noch
+übrig, so würde diese verräthrische Ader doch für Lisen schlagen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Lise.</span> Er hat mir nichts Leides
+gethan.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Dir nichts Leides
+gethan&nbsp;&ndash; Himmlischer Vater!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich hab ihr gesagt, daß sie
+die liebenswürdigste Kreatur sey, die jemals die Schöpfung beglückt
+hat; ich hab’ ihr das auf ihre Lippen gedrückt; ich hab diesen
+unschuldigen Mund mit meinen Küssen versiegelt, welcher mich sonst
+durch seine Zaubersprache zu noch weit größeren Verbrechen würde
+hingerissen haben.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ist das kein Verbrechen?
+Was nennt Ihr jungen Herrn heut zu Tage Verbrechen? O tempora, o mores!
+Habt Ihr den Valerius Maximus gelesen? Habt Ihr den Artikel gelesen
+de pudicitia? Da führt er einen Mänius an, der seinen Freygelassenen
+todtgeschlagen hat, weil er seine Tochter einmal küßte und die Raison:
+ut etiam oscula ad maritum sincera perferret. Riecht Ihr das? Schmeckt
+Ihr das? Etiam oscula, non solum virginitatem, etiam oscula. Und
+Mänius war doch nur ein Heyde: was soll ein Christ thun, der weiß,
+daß der Ehstand <span class="pagenum">151</span> von Gott eingesetzt
+ist und daß die Glückseligkeit eines solchen Standes an der Wurzel
+vergiften, einem künftigen Gatten in seiner Gattin seine Freud und
+Trost verderben; seinen Himmel profaniren&nbsp;&ndash; Fort, aus meinen
+Augen, Ihr Bösewicht! Ich mag mit Euch nichts zu thun haben! Geht zu
+einem Sultan und laßt Euch zum Aufseher über ein Serail dingen, aber
+nicht zum Hirten meiner Schaafe. Ihr Miethling. Ihr reissender Wolf in
+Schaafskleidern!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich will Lisen heyrathen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Heyrathen&nbsp;&ndash; Ey
+ja doch&nbsp;&ndash; als ob sie mit einem Eunuch zufrieden?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Lise.</span> O ja, ich bins herzlich wohl
+zufrieden, Herr Schulmeister.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Ich unglücklicher!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Lise.</span> Glauben Sie mir, lieber Herr
+Schulmeister, ich laß einmal nicht von ihm ab. Nehmen Sie mir das
+Leben; ich lasse nicht ab von ihm. Ich hab ihn gern und mein Herz sagt
+mir, daß ich niemand auf der Welt so gern haben kann als ihn.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> So&nbsp;&ndash; daß doch
+– Lise, Du verstehst das Ding nicht&nbsp;&ndash; Lise, es läßt <span
+class="pagenum">152</span> sich Dir so nicht sagen, aber Du kannst ihn
+nicht heyrathen; es ist unmöglich.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Lise.</span> Warum soll es denn unmöglich
+seyn, Herr Schulmeister? Wie kann’s unmöglich seyn, wenn ich will
+und wenn er will, und mein Vater auch es will? Denn mein Vater hat
+mir immer gesagt, wenn ich einmal einen geistlichen Herrn bekommen
+könnte&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Aber daß dich der Kuckuk,
+er kann ja nichts&nbsp;&ndash; Gott verzeih mir meine Sünde, so laß Dir
+doch sagen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Vielleicht fodert sie das
+nicht&nbsp;&ndash; Lise, ich kann bey Dir nicht schlafen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Lise.</span> So kann Er doch wachen bey mir,
+wenn wir nur den Tag über beisammen sind und uns so anlachen und uns
+einsweilen die Hände küssen&nbsp;&ndash; Denn bey Gott! ich hab’ ihn
+gern. Gott weiß es, ich hab’ Ihn gern.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Sehn Sie, Herr Wenzeslaus!
+Sie verlangt nur Liebe von mir. Und ist’s denn nothwendig zum Glück der
+Ehe, daß man thierische Triebe stillt?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> Ey was&nbsp;&ndash;
+<i>Connubium sine prole, est quasi dies sine sole</i> ... Seyd
+fruchtbar und mehret euch, steht in Gottes Wort. Wo Eh’ ist, müssen
+auch Kinder seyn.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Lise.</span><span class="pagenum">153</span>
+Nein Herr Schulmeister, ich schwör’s Ihm, in meinem Leben möcht’ ich
+keine Kinder haben. Ey ja doch, Kinder! Was Sie nicht meynen! Damit wär
+mir auch wol groß gedient, wenn ich noch Kinder dazu bekäme. Mein Vater
+hat Enten und Hüner genug, die ich alle Tage füttern muß, wenn ich noch
+Kinder ebenen füttern müste.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> (küßt sie) Göttliche Lise!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Wenzeslaus.</span> (reißt sie von einander)
+Ey was denn! Was denn! Vor meinen Augen?&nbsp;&ndash; So kriecht denn
+zusammen; meinetwegen; weil doch Heyrathen besser ist als Brunst
+leiden&nbsp;&ndash; Aber mit uns, Herr Mandel, ist es aus: alle grosse
+Hofnungen, die ich mir von Ihm gemacht, alle grosse Erwartungen,
+die mir Sein Heldenmuth einflößte.&nbsp;&ndash; Gütiger Himmel! wie
+weit ist doch noch die Kluft, die zwischen einem Kirchenvater und
+zwischen einem Kapaun befestigt ist. Ich dacht’, er sollte Origenes der
+zweyte&nbsp;&ndash; O homuncio, homuncio! Das müßt’ ein ganz andrer
+Mann seyn, der aus Absicht und Grundsätzen den Weg einschlüge, um ein
+Pfeiler unsrer sinkenden Kirche zu werden. Ein ganz anderer <span
+class="pagenum">154</span> Mann! Wer weiß, was noch einmal geschieht!
+(geht ab)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Läuffer.</span> Komm zu Deinem Vater, Lise,
+Seine Einwilligung noch und ich bin der glücklichste Mensch auf dem
+Erdboden!</p>
+
+<h3>Eilfte Scene.</h3>
+
+<p class="szene">Zu Insterburg.</p>
+
+<p class="personen">Geheimer Rath. Fritz von Berg. Pätus. Gustchen.
+Jungfer Rehaar. <span class="normal">(Gustchen und Jungfer Rehaar
+verstecken sich bey der Ankunft der erstern in die Kammer.)</span></p>
+
+<p class="center">(Geheimer Rath und Fritz laufen sich entgegen.)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (fällt vor ihm auf die Knie)
+Mein Vater!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (hebt ihn auf und umarmt
+ihn) Mein Sohn!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Haben Sie mir vergeben?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Mein Sohn!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich bin nicht werth, daß ich
+Ihr Sohn heiße.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Setz Dich; denk mir nicht
+mehr dran. Aber, wie hast Du Dich in Leipzig erhalten? Wieder Schulden
+auf meine Rechnung gemacht? Nicht? und wie bist Du fortkommen?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span><span class="pagenum">155</span>
+Dieser großmüthige Junge hat alles für mich bezahlt.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Wie denn?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Dieser noch
+großmüthigere&nbsp;&ndash; O ich kann nicht reden.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Setzt euch Kinder; sprecht
+deutlicher. Hat Ihr Vater sich mit Ihnen ausgesöhnt, Herr Pätus?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Keine Zeile von ihm gesehen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Und wie habt Ihrs denn
+beyde gemacht?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> In der Lotterie gewonnen, eine
+Kleinigkeit&nbsp;&ndash; aber es kam uns zu statten, da wir herreisen
+wollten.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich seh, Ihr wilde Bursche
+denkt besser als Eure Väter. Was hast Du wohl von mir gedacht, Fritz?
+Aber man hat Dich auch bey mir verleumdet.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Seiffenblase gewiß?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich mag ihn nicht nennen;
+das gäbe Katzbalgereyen, die hier am unrechten Ort wären.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Seiffenblase! Ich laß mich
+hängen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Aber was führt Dich denn
+nach Hause zurück, eben jetzt da?&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span><span class="pagenum">156</span>
+Fahren Sie fort&nbsp;&ndash; O das eben jetzt, mein Vater! das eben
+jetzt ists, was ich wissen wollte.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Was denn? was denn?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ist Gustchen todt?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Holla! der
+Liebhaber!&nbsp;&ndash; Was veranlaßt Dich, so zu fragen?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ein Brief von Seiffenblase.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Er hat Dir geschrieben: sie
+wäre todt?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Und entehrt dazu.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Es ist ein verleumderischer
+Schurke!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Kennst Du eine Jungfer
+Rehaar in Leipzig?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> O ja, ihr Vater war mein
+Lautenmeister.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Die hat er entehren wollen;
+ich hab sie von seinen Nachstellungen errettet: das hat ihn uns feind
+gemacht.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (steht auf) Jungfer
+Rehaar&nbsp;&ndash; Der Teufel soll ihn holen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Wo wollen Sie hin?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ist er in Insterburg?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Nein doch&nbsp;&ndash;
+Nehmen Sie sich der Prinzessinnen nicht zu eifrig an, <span
+class="pagenum">157</span> Herr Ritter von der runden Tafel! Oder haben
+Sie Jungfer Rehaar auch gekannt?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Ich? Nein, ich habe sie nicht
+gekannt&nbsp;&ndash; Ja, ich habe sie gekannt.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich merke&nbsp;&ndash;
+Wollen Sie nicht auf einen Augenblick in die Kammer spatzieren? (führt
+ihn an die Thür)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (macht auf und fährt
+zurück, sich mit beyden Händen an den Kopf greiffend) Jungfer
+Rehaar&nbsp;&ndash; Zu Ihren Füssen&nbsp;&ndash; (hinter der Scene) Bin
+ich so glücklich? oder ist’s nur ein Traum? Ein Rausch?&nbsp;&ndash;
+Eine Bezauberung?&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Lassen wir
+ihn!&nbsp;&ndash; (kehrt zu Fritz) Und Du denkst noch an Gustchen?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Sie haben mir das furchtbare
+Rätzel noch nicht aufgelöst. Hat Seiffenblase gelogen?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Ich denke, wir reden
+hernach davon: wir wollen uns die Freud’ itzt nicht verderben.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (kniend) O mein Vater, wenn Sie
+noch Zärtlichkeit für mich haben, lassen Sie mich nicht zwischen Himmel
+und Erde, zwischen Hofnung und Verzweiflung schweben. Darum bin ich
+gereist; ich konnte die quaalvolle Ungewißheit nicht länger aushalten.
+Lebt Gustchen? Ists wahr, daß sie entehrt ist?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span><span
+class="pagenum">158</span> Es ist leider nur eine zu traurige
+Wahrheit.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Und hat sich in einen Teich
+gestürzt?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Und ihr Vater hat sich ihr
+nachgestürzt.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> So falle denn Henkers
+Beil&nbsp;&ndash; Ich bin der Unglücklichste unter den Menschen!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Steh’ auf! Du bist
+unschuldig dran&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Nie will ich aufstehn. (schlägt
+sich an die Brust) Schuldig war ich; einzig und allein schuldig.
+Gustchen, seliger Geist, verzeihe mir!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Und was hast Du Dir
+vorzuwerfen?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Ich habe geschworen, falsch
+geschworen&nbsp;&ndash; Gustchen! wär’ es erlaubt, Dir nachzuspringen!
+(steht hastig auf) Wo ist der Teich?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Hier! (führt ihn in die
+Kammer)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (hinter der Scene
+mit lautem Geschrey) Gustchen!&nbsp;&ndash; Seh’ ich ein
+Schattenbild?&nbsp;&ndash; Himmel! Himmel welche Freude!&nbsp;&ndash;
+Laß mich sterben! laß mich an Deinem Halse sterben.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (wischt sich die Augen)
+Eine zärtliche Gruppe!&nbsp;&ndash; Wenn doch der Major hier wäre!
+(geht hinein.)</p>
+
+<h3>Letzte Scene.</h3>
+
+<p class="personen">Der Major <span class="normal">(ein Kind auf dem
+Arm)</span> Der alte Pätus.<span class="pagenum">159</span></p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Kommen Sie, Herr Pätus. Sie
+haben mir das Leben wiedergegeben. Das war der einzige Wurm, der mir
+noch dran nagte. Ich muß Sie meinem Bruder präsentiren, und Ihre alte
+blinde Großmutter will ich in Gold einfassen lassen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Der alte Pätus.</span> O meine Mutter hat
+mich durch ihren unvermutheten Besuch weit glücklicher gemacht,
+als Sie. Sie haben nur einen Enkel wiedererhalten, der Sie an
+traurige Geschichten erinnert; ich aber eine Mutter, die mich an die
+angenehmsten Scenen meines Lebens erinnert, und deren mütterliche
+Zärtlichkeit ich leider noch durch nichts habe erwiedern können, als
+Haß und Undankbarkeit. Ich habe sie aus dem Hause gestoßen, nachdem sie
+mir den ganzen Nachlaß meines Vaters und ihr Vermögen mit übergeben
+hatte; ich habe ärger gegen sie gehandelt als ein Tyger&nbsp;&ndash;
+Welche Gnade von Gott ist es, daß sie noch lebt, daß sie mir noch
+verzeihen kann, die großmüthige Heilige! daß es noch in meine <span
+class="pagenum">160</span> Gewalt gestellt ist, meine verfluchte
+Verbrechen wieder gut zu machen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Bruder Berg! wo bist Du? He!
+(Geh. Rath kömmt) Hier ist mein Kind, mein Großsohn. Wo ist Gustchen?
+Mein allerliebstes Großsöhnchen! (schmeichelt ihm) meine allerliebste
+närrische Puppe!</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Das ist
+vortreflich!&nbsp;&ndash; und Sie, Herr Pätus?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Sie Herr Pätus hat’s mir
+verschaft&nbsp;&ndash; Seine Mutter war das alte blinde Weib, die
+Bettlerin, von der uns Gustchen so viel erzählt hat.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Der alte Pätus.</span> Und durch mich
+Bettlerin&nbsp;&ndash; O die Schaam bindt mir die Zunge. Aber ich wills
+der ganzen Welt erzehlen, was ich für ein Ungeheuer war&nbsp;&ndash;
+</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Weißt Du was neues, Major?
+Es finden sich Freyer für Deine Tochter&nbsp;&ndash; aber dring nicht
+in mich, Dir den Namen zu sagen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Freyer für meine
+Tochter!&nbsp;&ndash; (wirft das Kind ins Kanapee) Wo ist sie?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Sacht! ihr Freyer ist bey
+ihr&nbsp;&ndash; Willst Du Deine Einwilligung geben?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Ists ein Mensch von gutem
+Hause? Ist er von Adel?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span><span
+class="pagenum">161</span> Ich zweifle.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Doch keiner zu weit unter ihrem
+Stande? O sie sollte die erste Parthie im Königreich werden. Das ist
+ein vermaledeyter Gedanke! wenn ich doch den erst fort hätte; er wird
+mich noch ins Irrhaus bringen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (öfnet die Kammer; auf
+seinen Wink tritt Fritz mit Gustchen heraus)</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> (fällt ihm um den Hals) Fritz!
+(zum geh. Rath) Ists Dein Fritz? Willst Du meine Tochter heyrathen?
+– Gott segne Dich. Weißt Du noch nichts, oder weißt Du alles? Siehst
+Du, wie mein Haar grau geworden ist vor der Zeit! (führt ihn ans
+Kanapee) Siehst Du, dort ist das Kind. Bist ein Philosoph? Kannst
+alles vergessen? Ist Gustchen Dir noch schön genug? O sie hat bereut.
+Jung, ich schwöre Dir, sie hat bereut, wie keine Nonne und kein
+Heiliger. Aber was ist zu machen? Sind doch die Engel aus dem Himmel
+gefallen&nbsp;&ndash; Aber Gustchen ist wieder aufgestanden.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Lassen Sie mich zum Wort
+kommen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> (drückt ihn immer an die Brust)
+Nein Junge&nbsp;&ndash; Ich möchte Dich todt drücken&nbsp;&ndash;
+Daß Du so großmüthig bist, daß Du so edel denkst&nbsp;&ndash; das
+Du&nbsp;&ndash; mein Junge bist&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span><span class="pagenum">162</span>
+In Gustchens Armen beneid’ ich keinen König.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> So recht; das ist
+recht.&nbsp;&ndash; Sie wird Dir schon gestanden haben; sie wird Dir
+alles erzählt haben&nbsp;&ndash; </p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> Dieser Fehltritt macht
+sie mir nur noch theurer&nbsp;&ndash; macht ihr Herz nur noch
+englischer.&nbsp;&ndash; Sie darf nur in den Spiegel sehn, um überzeugt
+zu seyn, daß sie mein ganzes Glück machen werde und doch zittert sie
+immer vor dem, wie sie sagt, ihr unerträglichen Gedanken: sie werde
+mich unglücklich machen. O was hab ich von einer solchen Frau anders zu
+gewarten, als einen Himmel?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Ja wohl einen Himmel; wenn’s
+wahr ist, daß die Gerechten nicht allein hineinkommen, sondern auch
+die Sünder, die Busse thun. Meine Tochter hat Busse gethan und ich hab
+für meine Thorheiten und daß ich einem Bruder nicht folgen wollte, der
+das Ding besser verstund, auch Busse gethan; ihr zur Gesellschaft:
+und darum macht mich der liebe Gott auch ihr zur Gesellschaft mit
+glücklich.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> (ruft zur Kammer hinein)
+Herr Pätus, kommen Sie doch hervor. Ihr Vater ist hier.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Der alte Pätus.</span><span
+class="pagenum">163</span> Was hör’ ich&nbsp;&ndash; Mein Sohn?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> (fällt ihm um den Hals) Ihr
+unglücklicher verstossener Sohn. Aber Gott hat sich meiner als eines
+armen Wäysen angenommen. Hier, Papa, ist das Geld, das Sie zu meiner
+Erziehung in der Fremde angewandt; hier ist’s zurück und mein Dank
+dazu; es hat doppelte Zinsen getragen, das Kapital hat sich vermehrt
+und Ihr Sohn ist ein rechtschaffener Kerl worden.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Der alte Pätus.</span> Muß denn alles heute
+wetteifern, mich durch Großmuth zu beschämen. Mein Sohn, erkenne Deinen
+Vater wieder, der eine Weile seine menschliche Natur ausgezogen und in
+ein wildes Thier ausgeartet war. Es gieng Deiner Großmutter wie Dir:
+sie ist auch wiedergekommen und hat mir verziehen und hat mich wieder
+zum Sohn gemacht, so wie Du mich wieder zum Vater machst. Nimm mein
+ganzes Vermögen, Gustav! schalte damit nach Deinem Gefallen, nur laß
+mich die Undankbarkeit nicht entgelten, die ich bey einem ähnlichen
+Geschenk gegen Deine Großmutter äußerte.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Pätus.</span> Erlauben Sie mir, das
+tugendhafteste süsseste Mädchen glücklich damit zu machen&nbsp;&ndash;
+</p>
+
+<p><span class="sprecher">Der alte Pätus.</span><span
+class="pagenum">164</span> Was denn? Du auch verliebt? Mit Freuden
+erlaub’ ich Dir alles. Ich bin alt und möchte vor meinem Tode gern
+Enkel sehen, denen ich die Treue beweisen könnte, die Eure Großmutter
+für Euch bewiesen hat.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (Umarmt das Kind auf dem
+Kanapee, küßt’s und trägts zu Gustchen) Dies Kind ist jetzt auch das
+meinige; ein trauriges Pfand der Schwachheit Deines Geschlechts und der
+Thorheiten des unsrigen: am meisten aber der vortheilhaften Erziehung
+junger Frauenzimmer durch Hofmeister.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Major.</span> Ja mein lieber Sohn, wie sollen
+sie denn erzogen werden?</p>
+
+<p><span class="sprecher">Geh. Rath.</span> Giebts für sie
+keine Anstalten, keine Nähschulen, keine Klöster, keine
+Erziehungshäuser?&nbsp;&ndash; Doch davon wollen wir ein andermal
+sprechen.</p>
+
+<p><span class="sprecher">Fritz.</span> (küßt’s abermal) Und dennoch
+mir unendlich schätzbar, weil’s das Bild seiner Mutter trägt.
+Wenigstens, mein süsses Kind! werd’ ich Dich nie durch Hofmeister
+erziehen lassen.</p>
+
+<div style="margin-top: 5%; background-color: #E6E6FA; border: 1px solid;">
+ <div style="font-size: large; text-align: center;"><b>Transcriber’s Note</b></div>
+ <ul>
+ <li>New original cover art included with this eBook is granted to the public domain.</li>
+ </ul>
+</div>
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 6821 ***</div>
+</body>
+</html>
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