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-The Project Gutenberg EBook of Der Hofmeister, by Jacob Michael Reinhold Lenz
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-Title: Der Hofmeister
-
-Author: Jacob Michael Reinhold Lenz
-
-Release Date: November, 2004 [EBook #6821]
-[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
-[This file was first posted on January 27, 2003]
-
-Edition: 10
-
-Language: German
-
-Character set encoding: iso-latin-1
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER HOFMEISTER ***
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-
-
-Thanks are given to Delphine Lettau for finding a huge collection of ancient
-German books in London.
-
-
-
-This Etext is in German.
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-This is the 8-bit version.
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-This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
-That project is reachable at the web site http://gutenberg2000.de.
-
-Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
-zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
-http://gutenberg2000.de erreichbar.
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-Der Hofmeister odor Vortheile der Privaterziehung
-
-Jakob Michael Reinhold Lenz
-
-Eine Komödie.
-
-
-Namen.
-
-Herr von Berg. Geheimer Rath.
-Der Major. Sein Bruder.
-Die Majorin.
-Gustchen. Ihre Tochter.
-Fritz von Berg.
-Graf Wermuth.
-Läuffer. Ein Hofmeister.
-Pätus und Bollwerk. Studenten.
-Herr von Seiffenblase.
-Sein Hofmeister.
-Frau Hamster. Räthin.
-Jungfer Hamster.
-Jungfer Knicks.
-Frau Blitzer.
-Wenzeslaus. Ein Schulmeister.
-Marthe. Alte Frau.
-Lise.
-Der alte Pätus.
-Der alte Läuffer. Stadtprediger.
-Leopold. Junker des Majors. Ein Kind.
-Herr Rehhaar. Lautenist.
-Jungfer Rehhaar. Seine Tochter.
-
-
-
-Erster Akt.
-
-
-Erste Scene.
-
-Zu Insterburg in Preussen.
-
-
-Läuffer.
-Mein Vater sagt: ich sey nicht tauglich zum Adjunkt. Ich
-glaube, der Fehler liegt in seinem Beutel; er will keinen
-bezahlen. Zum Pfaffen bin ich auch zu jung, zu gut
-gewachsen, habe zu viel Welt gesehn und bey der
-Stadtschule hat mich der geheime Rath nicht annehmen
-wollen. Mag's! er ist ein Pedant und dem ist freylich
-der Teufel selber nicht gelehrt genug. Im halben Jahr
-hätt' ich doch wieder eingeholt, was ich von der Schule
-mitgebracht, und dann wär' ich für einen Klassenpräceptor
-noch immer viel zu gelehrt gewesen, aber der Herr geheime
-Rath muß das Ding besser verstehen. Er nennt mich immer
-nur Monsieur Läuffer, und wenn wir von Leipzig sprechen,
-fragt er nach Händels Kuchengarten und Richters Kaffehaus,
-ich weiß nicht: soll das Satyre seyn, oder--Ich hab'
-ihn doch mit unserm Konrektor bisweilen tiefsinnig genug
-diskuriren hören; er sieht mich vermuthlich nicht für
-voll an.--Da kommt er eben mit dem Major; ich weiß nicht,
-ich scheu ihn ärger als den Teufel. Der Kerl hat etwas
-in seinem Gesicht, das mir unerträglich ist. (geht dem
-geheimen Rath und dem Major mit viel freundlichen
-Scharrfüssen vorbey.)
-
-
-Zweyte Scene.
-
-Geheimer Rath. Major.
-
-
-Major.
-Was willst du denn? Ist das nicht ein ganz artiges Männichen?
-
-Geh. Rath.
-Artig genug, nur zu artig. Aber was soll er Deinen Sohn
-lehren?
-
-Major.
-Ich weiß nicht, Berg, Du thust immer solche wunderliche
-Fragen.
-
-Geh. Rath.
-Nein aufrichtig! Du must doch eine Absicht haben, wenn Du
-einen Hofmeister nimmst und den Beutel mit einemmahl so
-weit aufthust, daß dreihundert Dukaten herausfallen. Sag
-mir, was meinst Du mit dem Geld auszurichten; was foderst
-Du dafür von Deinem Hofmeister?
-
-Major.
-Daß er--was ich--daß er meinen Sohn in allen
-Wissenschaften und Artigkeiten und Weltmanieren--Ich weiß
-auch nicht, was Du immer mit Deinen Fragen willst; das
-wird sich schon finden; das werd ich ihm alles schon zu
-seiner Zeit sagen.
-
-Geh. Rath.
-Das heißt: Du willst Hofmeister Deines Hofmeisters seyn;
-bedenkst Du aber auch, was Du da auf Dich nimmst--Was
-soll Dein Sohn werden, sag mir einmahl?
-
-Major.
-Was er... Soldat soll er werden; ein Kerl, wie ich gewesen
-bin.
-
-Geh. Rath.
-Das letzte laß nur weg, lieber Bruder; unsere Kinder
-sollen und müssen das nicht werden, was wir waren: die
-Zeiten ändern sich, Sitten, Umstände, alles, und wenn Du
-nichts mehr und nichts weniger geworden wärst, als das
-leibhafte Kontrefey Deines Eltervaters--
-
-Major.
-Potz hundert! wenn er Major wird, und ein braver Kerl
-wie ich, und dem König so redlich dient als ich!
-
-Geh. Rath.
-Ganz gut, aber nach funfzig Jahren haben wir vielleicht
-einen andern König und eine andre Art ihm zu dienen. Aber
-ich seh schon, ich kann mich mit Dir in die Sachen nicht
-einlassen, ich müste zu weit ausholen und würde doch
-nichts ausrichten. Du siehst immer nur der graden Linie
-nach, die Deine Frau Dir mit Kreide über den Schnabel
-zieht.
-
-Major.
-Was willst Du damit sagen, Berg? Ich bitt Dich, misch
-Dich nicht in meine Hausangelegenheiten, so wie ich mich
-nicht in die Deinigen.--Aber sieh doch! da läuft ja
-eben Dein gnädiger Junker mit zwey Hollunken aus der
-Schule heraus.--Vortrefliche Erziehung, Herr Philosophus!
-Das wird einmal was rechts geben! Wer sollt' es in aller
-Welt glauben, daß der Gassenbengel der einzige Sohn Sr.
-Excellenz des königlichen geheimen Raths--
-
-Geh. Rath.
-Laß ihn nur.--Seine lustigen Spielgesellen werden ihn
-minder verderben als ein galonirter Müßiggänger,
-unterstützt von einer eiteln Patronin.
-
-Major.
-Du nimmst Dir Freyheiten heraus.--Adieu.
-
-Geh. Rath.
-Ich bedaure Dich.
-
-
-Dritte Scene.
-
-Der Majorin Zimmer.
-Frau Majorin. (auf einem Kanapee)
-Läuffer. (in sehr demüthiger Stellung neben ihr sitzend)
-Leopold. (steht)
-
-
-Majorin.
-Ich habe mit Ihrem Herrn Vater gesprochen und von den
-dreihundert Dukaten stehenden Gehalts sind wir bis auf
-hundert und funfzig einig worden. Dafür verlang' ich
-aber auch Herr--Wie heissen Sie?--Herr Läuffer, daß
-Sie Sich in Kleidern sauber halten, und unserm Hause
-keine Schande machen. Ich weiß, daß Sie Geschmack haben;
-ich habe schon von Ihnen gehört, als Sie noch in Leipzig
-waren. Sie wissen, daß man heut zu Tage auf nichts in
-der Welt so sehr sieht, als ob ein Mensch sich zu führen
-wisse.
-
-Läuffer.
-Ich hoff', Euer Gnaden werden mit mir zufrieden seyn.
-Wenigstens hab' ich in Leipzig keinen Ball ausgelassen,
-und wohl über die funfzehn Tanzmeister in meinem Leben
-gehabt.
-
-Majorin.
-So? lassen Sie doch sehen. (Läuffer steht auf) Nicht
-furchtsam, Herr...Läuffer! nicht furchtsam! Mein Sohn
-ist buschscheu genug; wenn der einen blöden Hofmeister
-bekommt, so ists aus mit ihm. Versuchen Sie doch einmal,
-mir ein Kompliment aus der Menuet zu machen; zur Probe
-nur, damit ich doch sehe.--Nun, nun, das geht schon an!
-Mein Sohn braucht vor der Hand keinen Tanzmeister! Auch
-einen Pas, wenn's Ihnen beliebt.--Es wird schon gehen;
-das wird sich alles geben, wenn Sie einmal einer unsrer
-Assembleen werden beigewohnt haben. Sind Sie musikalisch?
-
-Läuffer.
-Ich spiele die Geige, und das Klavier zur Noth.
-
-Majorin.
-Desto besser: wenn wir aufs Land gehn und Fräulein
-Milchzahn besuchen uns einmal; ich habe bisher ihnen
-immer was vorsingen müssen, wenn die guten Kinder Lust
-bekamen zu tanzen: aber besser ist besser.
-
-Läuffer.
-Euer Gnaden setzen mich ausser mich: wo wär ein Virtuos
-auf der Welt, der auf seinem Instrument Euer Gnaden
-Stimme zu erreichen hoffen dürfte.
-
-Majorin.
-Ha ha ha! Sie haben mich ja noch nicht gehört. ... Warten
-Sie; ist Ihnen die Menuet bekannt? (singt)
-
-Läuffer.
-O... o... verzeihen Sie dem Entzücken, dem Enthusiasmus,
-der mich hinreißt. (küßt ihr die Hand.)
-
-Majorin.
-Und ich bin doch enrhumirt dazu; ich muß heut krähen wie
-ein Rabe. Vous parlez françois, sans doute?
-
-Läuffer.
-Un peu, Madame
-
-Majorin.
-Avez Vous deja fait Vôtre tour de France?
-
-Läuffer.
-Non Madame. ... Oui Madame.
-
-Majorin.
-Vous devez donc savoir, qu'en France, on ne baise pas
-les mains, mon cher. ...
-
-Bedienter. (tritt herein)
-Der Graf Wermuth ...
-
-Graf Wermuth. (tritt herein)
-
-Graf. (nach einigen stummen Komplimenten setzt sich zur
-Majorin aufs Kanapee. Läuffer bleibt verlegen stehen)
-Haben Euer Gnaden den neuen Tanzmeister schon gesehn,
-der aus Dresden angekommen? Er ist ein Marchese aus
-Florenz, und heißt ... Aufrichtig: ich habe nur zwey
-auf meinen Reisen angetroffen, die ihm vorzuziehen waren.
-
-Majorin.
-Das gesteh' ich, nur zwey! In der That, Sie machen mich
-neugierig; ich weiß, welchen verzärtelten Geschmack der
-Graf Wermuth hat.
-
-Läuffer.
-Pintinello ... nicht wahr? ich hab' ihn in Leipzig auf
-dem Theater tanzen sehen; er tanzt nicht sonderlich ...
-
-Graf.
-Er tanzt--on ne peut pas mieux.--Wie ich Ihnen sage,
-gnädige Frau, in Petersburg hab' ich einen Beluzzi
-gesehn, der ihm vorzuziehen war: aber dieser hat eine
-Leichtigkeit in seinen Füssen, so etwas freyes,
-göttlichnachläßiges in seiner Stellung, in seinen Armen,
-in seinen Wendungen--
-
-Läuffer.
-Auf dem Kochischen Theater ward er ausgepfiffen, als er
-sich das letztemal sehen ließ.
-
-Majorin.
-Merk Er sich, mein Freund! daß Domestiken in
-Gesellschaften von Standespersonen nicht mitreden. Geh
-Er auf Sein Zimmer. Wer hat Ihn gefragt? (Läuffer tritt
-einige Schritte zurück)
-
-Graf.
-Vermuthlich der Hofmeister, den Sie dem jungen Herrn
-bestimmt? ...
-
-Majorin.
-Er kommt ganz frisch von der hohen Schule.--Geh' Er
-nur! Er hört ja, daß man von Ihm spricht; desto weniger
-schickt es sich, stehen zu bleiben. (Läuffer geht mit
-einem steifen Kompliment ab) Es ist was unerträgliches,
-daß man für sein Geld keinen rechtschaffenen Menschen
-mehr antreffen kann. Mein Mann hat wohl dreymahl an einen
-dasigen Professor geschrieben und dies soll doch noch
-der galanteste Mensch auf der ganzen Akademie gewesen
-seyn. Sie sehens auch wohl an seinem links bordirten
-Kleide. Stellen Sie sich vor, von Leipzig bis Insterburg
-zweihundert Dukaten Reisegeld und jährliches Gehalt
-fünfhundert Dukaten, ist das nicht erschröcklich?
-
-Graf.
-Ich glaube, sein Vater ist der Prediger hier aus dem Ort ...
-
-Majorin.
-Ich weiß nicht--es kann seyn--ich habe nicht darnach
-gefragt, ja doch, ich glaub' es fast: er heißt ja auch
-Läuffer; nun denn ist er freylich noch artig genug. Denn
-das ist ein rechter Bär, wenigstens hat er mich ein für
-allemal aus der Kirche gebrüllt.
-
-Graf.
-Ists ein Katholik?
-
-Majorin.
-Nein doch, Sie wissen ja, daß in Insterburg keine
-katholische Kirche ist: er ist Lutherisch, oder
-Protestantisch wollt' ich sagen; er ist protestantisch.
-
-Graf.
-Pintinello tanzt ... Es ist wahr, ich habe mir mein
-Tanzen einige dreißig tausend Gulden kosten lassen, aber
-noch einmal so viel gäb' ich drum, wenn ...
-
-
-Vierte Scene.
-
-Läuffers Zimmer.
-Läuffer. Leopold. Der Major.
-(Erstere sitzen an einem Tisch, ein Buch in der Hand,
-indem sie der letztere überfällt.)
-
-
-Major.
-So recht; so lieb' ichs; hübsch fleißig--und wenn die
-Kanaille nicht behalten will, Herr Läuffer, so schlagen
-Sie ihm das Buch an den Kopf, daß ers Aufstehen vergißt,
-oder wollt' ich sagen, so dürfen Sie mirs nur klagen.
-Ich will Dir den Kopf zurecht setzen, Heyduk Du! Seht
-da zieht er das Maul schon wieder. Bist empfindlich,
-wenn Dir Dein Vater was sagt? Wer soll Dirs denn sagen?
-Du sollst mir anders werden, oder ich will Dich peitschen,
-daß Dir die Eingeweide krachen sollen, Tuckmäuser! Und
-Sie, Herr, seyn Sie fleißig mit ihm, das bitt' ich mir
-aus, und kein Feriiren und Pausiren und Rekreiren, das
-leid ich nicht. Zum Plunder, vom Arbeiten wird kein
-Mensch das Malum hydropisiacum kriegen. Das sind nur
-Ausreden von euch Herren Gelehrten.--Wie stehts, kann
-er seinen Cornelio? Lippel! ich bitt Dich um tausend
-Gottes willen, den Kopf grad. Den Kopf in die Höhe,
-Junge! (richtet ihn) Tausend Sakkerment den Kopf aus den
-Schultern! oder ich zerbrech Dir Dein Rückenbein in
-tausendmillionen Stücken.
-
-Läuffer.
-Der Herr Major verzeihen: er kann kaum lateinisch lesen.
-
-Major.
-Was? So hat der Rakker vergessen.--Der vorige Hofmeister
-hat mir doch gesagt, er sey perfekt im Lateinischen,
-perfekt. ... Hat ers ausgeschwitzt--aber ich will Dir--
-Ich will es nicht einmal vor Gottes Gericht zu
-verantworten haben, daß ich Dir keinen Daumen aufs Auge
-gesetzt habe, und daß ein Galgendieb aus Dir geworden
-ist, wie der junge Hufeise oder wie Deines Onkels
-Friedrich, eh Du mir so ein Gassenläufferischer
-Taugenichts--Ich will dich zu Tode hauen--(giebt ihm
-eine Ohrfeige) Schon wieder wie ein Fragzeichen? Er
-läßt sich nicht sagen.--Fort mir aus den Augen.--Fort!
-Soll ich Dir Beine machen? Fort, sag' ich. (stampft mit
-dem Fuß. Leopold geht ab. Major setzt sich auf seinen
-Stuhl. Zu Läuffern.) Bleiben Sie sitzen, Herr Läuffer;
-ich wollte mit ihnen ein paar Worte allein sprechen,
-darum schickt' ich den jungen Herrn fort. Sie können
-immer sitzen bleiben; ganz, ganz. Zum Henker Sie
-brechen mir ja den Stuhl entzwey, wenn Sie immer so
-auf einer Ecke ... Dafür steht ja der Stuhl da, daß
-man drauf sitzen soll. Sind Sie so weit gereist und
-wissen das noch nicht?--Hören Sie nur: ich seh' Sie
-für einen hübschen artigen Mann an, der Gott fürchtet
-und folgsam ist, sonst würd' ich das nimmer thun, was
-ich für Sie thue. Hundert und vierzig Dukaten jährlich
-hab' ich Ihnen versprochen: das machen drey--Warte--
-Dreymal hundert und vierzig: wieviel machen das?
-
-Läuffer.
-Vier hundert und zwanzig.
-
-Major.
-Ists gewiß? Macht das soviel? Nun damit wir gerade Zahl
-haben, vierhundert Thaler preußisch Courant hab' ich zu
-Ihrem Salarii bestimmt. Sehen Sie, das ist mehr als das
-ganze Land giebt.
-
-Läuffer.
-Aber mit Eurer Gnaden gnädigen Erlaubniß, die Frau
-Majorin haben mir von hundert funfzig Dukaten gesagt;
-das machte gerade vierhundert funfzig Thaler und auf
-diese Bedingungen hab' ich mich eingelassen.
-
-Major.
-Ey was wissen die Weiber!--Vierhundert Thaler,
-Monsieur; mehr kann Er mit gutem Gewissen nicht fodern.
-Der vorige hat zweihundert funfzig gehabt und ist
-zufrieden gewesen wie ein Gott. Er war doch, mein Seel!
-ein gelehrter Mann; auch und ein Hofmann zugleich: die
-ganze Welt gab' ihm das Zeugniß, und Herr, Er muß noch
-ganz anders werden, eh' Er so wird. Ich thu' es nur aus
-Freundschaft für Seinen Herrn Vater, was ich an Ihm
-thue und um Seinetwillen auch, wenn Er hübsch folgsam
-ist, und werd' auch schon einmal für Sein Glück zu
-sorgen wissen; das kann Er versichert seyn.--Hör Er
-doch einmal: ich hab' eine Tochter, das mein Ebenbild
-ist und die ganze Welt giebt ihr das Zeugniß, daß ihres
-gleichen an Schönheit im ganzen Preussenlande nichts
-anzutreffen. Das Mädchen hat ein ganz anders Gemüth als
-mein Sohn, der Buschklepper. Mit dem muß ganz anders
-umgegangen werden! Es weiß sein Christenthum aus dem
-Grunde und in dem Grunde, aber es ist denn nun doch,
-weil sie bald zum Nachtmahl gehen soll und ich weiß wie
-die Pfaffen sind, so soll er auch alle Morgen etwas aus
-dem Christenthum mit ihr nehmen. Alle Tage Morgens eine
-Stunde und da geht Er auf ihr Zimmer; angezogen, das
-versteht sich: denn Gott behüte, daß Er so ein Schweinigel
-seyn sollte wie ich einen gehabt habe, der durchaus im
-Schlafrock an Tisch kommen wollte.--Kann Er auch
-zeichnen?
-
-Läuffer.
-Etwas, gnädiger Herr.--Ich kann Ihnen einige Proben weisen.
-
-Major. (besieht sie)
-Das ist ja scharmant!--Recht schön; gut das: Er soll
-meine Tochter auch zeichnen lehren.--Aber hören Sie,
-werther Herr Läuffer, um Gottes Willen ihr nicht scharf
-begegnet; das Mädchen hat ein ganz ander Gemüth als der
-Junge. Weiß Gott! es ist als ob sie nicht Bruder und
-Schwester wären. Sie liegt Tag und Nacht über den
-Büchern und über den Trauerspielen da, und sobald man
-ihr nur ein Wort sagt, besonders ich, von mir kann sie
-nichts vertragen, gleich stehn ihr die Backen in Feuer
-und die Thränen lauffen ihr wie Perlen drüber herab. Ich
-wills Ihm nur sagen: das Mädchen ist meines Herzens
-einziger Trost. Meine Frau macht mir bittre Tage genug:
-sie will alleweil herrschen und weil sie mehr List und
-Verstand hat, als ich. Und der Sohn, das ist ihr
-Liebling; den will sie nach ihrer Methode erziehen;
-fein säuberlich mit dem Knaben Absalom, und da wird
-denn einmal so ein Galgenstrick draus, der nicht Gott,
-nicht Menschen was Nutz ist.--Das will ich nicht
-haben.--Sobald er was thut, oder was versieht, oder
-hat seinen Lex nicht gelernt, sag' Ers mir nur und der
-lebendige Teuffel soll drein fahren.--Aber mit der
-Tochter nehm' Er sich in Acht; die Frau wird Ihm schon
-zureden, daß Er ihr scharf begegnen soll. Sie kann sie
-nicht leiden, das weiß ich; aber wo ich das geringste
-merke. Ich bin Herr vom Hause, muß Er wissen, und wer
-meiner Tochter zu nahe kommt--Es ist mein einziges
-Kleinod, und wenn der König mir sein Königreich für
-sie geben wollt': ich schicke ihn fort. Alle Tage ist
-sie in meinem Abendgebet und Morgengebet und in meinem
-Tischgebet, und alles in allem, und wenn Gott mir die
-Gnade thun wollte, daß ich sie noch vor meinem Ende
-mit einem General oder Staatsminister vom ersten Range
-versorgt sähe,--denn keinen andern soll sie sein
-Lebtage bekommen,--so wollt' ich gern ein zehn Jahr
-eher sterben.--Merk' Er sich das--und wer meiner
-Tochter zu nahe kommt oder ihr worinn zu Leid lebt--
-die erste beste Kugel durch den Kopf. Merk' Er Sich
-das.--(geht ab.)
-
-
-Fünfte Scene.
-Fritz von Berg. Augustchen.
-
-
-Fritz.
-Sie werden nicht Wort halten Gustchen: Sie werden mir
-nicht schreiben, wenn Sie in Heidelbrun sind, und dann
-werd' ich mich zu Tode grämen.
-
-Gustchen.
-Glaubst Du denn, daß Deine Juliette so unbeständig seyn
-kann? O nein; ich bin ein Frauenzimmer; die Mannspersonen
-allein sind unbeständig.
-
-Fritz.
-Nein, Gustchen, die Frauenzimmer allein sinds. Ja wenn
-alle Julietten wären!--Wissen Sie was? Wenn Sie an mich
-schreiben, nennen Sie mich Ihren Romeo; thun Sie mir
-den Gefallen: ich versichere Sie, ich werd' in allen
-Stücken Romeo seyn, und wenn ich erst einen Degen trage.
-O ich kann mich auch erstechen, wenn's dazu kommt.
-
-Gustchen.
-Gehn Sie doch! Ja Sie werden's machen, wie im Gellert
-steht: er besah die Spitz' und Schneide und steckt' ihn
-langsam wieder ein.
-
-Fritz.
-Sie sollen schon sehen. (faßt sie an die Hand.) Gustchen--
-Gustchen! wenn ich Sie verlieren sollte oder der Onkel
-wollte Sie einem andern geben.--Der gottlose Graf
-Wermuth! Ich kann Ihnen den Gedanken nicht sagen
-Gustchen, aber Sie könnten ihn schon in meinen Augen
-lesen--Er wird ein Graf Paris für uns seyn.
-
-Gustchen.
-Fritzchen--so mach' ichs wie Juliette.
-
-Fritz.
-Was denn?--Wie denn?--Das ist ja nur eine Erdichtung;
-es giebt keine solche Art Schlaftrunk.
-
-Gustchen.
-Ja, aber es giebt Schlaftrünke zum ewigen Schlaf.
-
-Fritz. (fällt ihr um den Hals)
-Grausame!
-
-Gustchen.
-Ich hör' meinen Vater auf dem Gange.--Laß uns in den
-Garten lauffen.--Nein; er ist fort.--Gleich nach dem
-Caffee Fritzchen reisen wir und so wie der Wagen Dir
-aus den Augen verschwindt, werd' ich Dir auch schon aus
-dem Gedächtniß seyn.
-
-Fritz.
-So mag Gott sich meiner nie mehr erinnern, wenn ich
-Dich vergesse. Aber nimm Dich für den Grafen in Acht,
-er gilt soviel bey deiner Mutter und Du weißt, sie
-möchte Dich gern aus den Augen haben, und eh' ich meine
-Schulen gemacht habe und drey Jahr auf der Universität,
-das ist gar lange.
-
-Gustchen.
-Wie denn Fritzchen! Ich bin ja noch ein Kind: ich bin
-noch nicht zum Abendmahl gewesen, aber sag mir.--O wer
-weiß, ob ich Dich sobald wieder spreche!--Wart, komm in
-den Garten.
-
-Fritz.
-Nein, nein, der Papa ist vorbey gegangen.--Siehst Du,
-der Henker! er ist im Garten.--Was wolltest Du mir sagen?
-
-Gustchen.
-Nichts...
-
-Fritz.
-Liebes Gustchen...
-
-Gustchen.
-Du solltest mir--Nein, ich darf das nicht von Dir
-verlangen.
-
-Fritz.
-Verlange mein Leben, meinen letzten Tropfen Bluts.
-
-Gustchen.
-Wir wollten uns beyde einen Eid schwören.
-
-Fritz.
-O komm! Vortreflich! Hier laß uns niederknien; am
-Canapee, und heb' Du so Deinen Finger in die Höh'
-und ich so meinen.--Nun sag, was soll ich schwören?
-
-Gustchen.
-Daß Du in drey Jahren von der Universität zurückkommen
-willst und Dein Gustchen zu Deiner Frau machen; Dein
-Vater mag dazu sagen, was er will.
-
-Fritz.
-Und was willst Du mir dafür wieder schwören, mein
-englisches... (küßt sie)
-
-Gustchen.
-Ich will schwören, daß ich in meinem Leben keines
-andern Menschen Frau werden will, als Deine und wenn
-der Kaiser von Rußland selber käme.
-
-Fritz.
-Ich schwör Dir hunderttausend Eide--(Der geheime Rath
-tritt herein: beyde springen mit lautem Geschrey auf.)
-
-
-Sechste Scene.
-
-
-Geh. Rath.
-Was habt Ihr närrische Kinder? Was zittert Ihr?--Gleich,
-gesteht mir alles. Was habt Ihr hier gemacht? Ihr seyd
-beyde auf den Knien gelegen.--Junker Fritz, ich bitte
-mir eine Antwort aus; unverzüglich:--Was habt Ihr
-vorgehabt?
-
-Fritz.
-Ich, gnädigster Papa?
-
-Geh. Rath.
-Ich? und das mit einem so verwundrungsvollen Ton? Siehst
-Du: ich merk' alles. Du möchtest mir itzt gern eine Lüge
-sagen, aber entweder bist Du zu dumm dazu, oder zu feig,
-und willst Dich mit Deinem Ich? heraushelfen. ... Und
-Sie Mühmchen?--Ich weiß. Gustchen verheelt mir nichts.
-
-Gustchen. (fällt ihm um die Füße)
-Ach, mein Vater--
-
-Geh. Rath. (hebt sie auf und küßt sie.)
-Wünschst Du mich zu Deinem Vater? Zu früh, mein Kind, zu
-früh Gustchen, mein Kind. Du hast noch nicht communicirt.
---Denn warum soll ich euch verheelen, daß ich euch
-zugehört habe.--Das war ein sehr einfältig Stückchen
-von Euch beyden; besonders von Dir, großer vernünftiger
-Junker Fritz, der bald einen Bart haben wird wie ich,
-und eine Perücke aufsetzen und einen Degen anstecken.
-Pfuy, ich glaubt' einen vernünftigern Sohn zu haben.
-Das macht Dich gleich ein Jahr jünger, und macht, daß
-Du länger auf der Schule bleiben mußt. Und Sie, Gustchen,
-auch Ihnen muß ich sagen, daß es sich für Ihr Alter gar
-nicht mehr schickt, so kindisch zu thun. Was sind das
-für Romane, die Sie da spielen? Was für Eide, die Sie
-sich da schwören, und die Ihr doch alle beyde so gewiß
-brechen werdet als ich itzt mit Euch rede. Meynt Ihr,
-Ihr seyd in den Jahren, Eide zu thun, oder meynt Ihr,
-ein Eid sey ein Kinderspiel, wie es das Versteckspiel
-oder die blinde Kuh ist? Lernt erst einsehen, was ein
-Eid ist: lernt erst zittern dafür und alsdenn wagt's,
-ihn zu schwören. Wißt, daß ein Meineidiger die
-schändlichste und unglücklichste Creatur ist, die von
-der Sonne angeschienen wird. Ein solcher darf weder den
-Himmel ansehen, den er verleugnet hat, noch andere
-Menschen, die sich unaufhörlich vor ihm scheuen, und
-seiner Gesellschaft mit mehr Sorgfalt ausweichen, als
-einer Schlange oder einem tückischen Hunde.
-
-Fritz.
-Aber ich denke meinen Eid zu halten.
-
-Geh. Rath.
-In der That Romeo? Ha! Du kannst Dich auch erstechen,
-wenn's dazu kommt. Du hast geschworen, daß mir die Haare
-zu Berg standen. Also gedenkst Du Deinen Eid zu halten?
-
-Fritz.
-Ja Papa, bey Gott! ich denk' ihn zu halten.
-
-Geh. Rath.
-Schwur mit Schwur bekräftigt!--Ich werd' es Deinem
-Rektor beibringen. Er soll Euch auf vierzehn Tage nach
-Sekunda herunter transportiren, Junker: inskünftige
-lernt behutsamer schwören. Und worauf? Steht das in
-Deiner Gewalt, was Du da versicherst? Du willst Gustchen
-heyrathen! Denk doch! weißt Du auch schon, was für ein
-Ding das ist, Heyrathen? Geh doch, heyrathe sie: nimm
-sie mit auf die Akademie. Nicht? Ich habe nichts dawider,
-daß ihr Euch gern seht, daß Ihr Euch lieb habt, daß Ihrs
-Euch sagt, wie lieb Ihr Euch habt; aber Narrheiten müßt
-Ihr nicht machen; keine Affen von uns Alten seyn, eh'
-Ihr so reif seyd als wir; keine Romane spielen wollen,
-die nur in der ausschweifenden Einbildungskraft eines
-hungrigen Poeten ausgeheckt sind und von denen Ihr in
-der heutigen Welt keinen Schatten der Wirklichkeit
-antrefft. Geht! ich werde keinem Menschen was davon
-sagen, damit ihr nicht nöthig habt roth zu werden, wenn
-Ihr mich seht.--Aber von nun an sollt ihr einander nie
-mehr ohne Zeugen sehen. Versteht Ihr mich? Und Euch nie
-andere Briefe schreiben als offene und das auch alle
-Monathe, oder höchstens alle drey Wochen einmal, und
-sobald ein heimliches Briefchen an Junker Fritz oder
-Fräulein Gustchen entdeckt wird--so steckt man den
-Junker unter die Soldaten und das Fräulein ins Kloster,
-bis sie vernünftiger werden. Versteht ihr mich?--Jetzt--
-nehmt Abschied, hier in meiner Gegenwart.--Die Kutsche
-ist angespannt, der Major treibt fort; die Schwägerin
-hat schon Caffee getrunken.--Nehmt Abschied: Ihr
-braucht Euch vor mir nicht zu scheuen. Geschwind,
-umarmt Euch. (Fritz und Gustchen umarmen sich zitternd)
-Und nun mein Tochter Gustchen, weil Du doch das Wort so
-gern hörst, (hebt sie auf und küßt sie) Leb tausendmal
-wohl, und begegne Deiner Mutter mit Ehrfurcht; sie mag
-Dir sagen was sie will.--Jetzt geh, mach!--(Gustchen
-geht einige Schritte, sieht sich um; Fritz fliegt ihr
-weinend an den Hals.) Die beyden Narren brechen mir das
-Herz! Wenn doch der Major vernünftiger werden wollte,
-oder seine Frau weniger herrschsüchtig!--
-
-
-
-Zweyter Akt.
-
-
-Erste Scene.
-
-Pastor Läuffer. Der geheime Rath.
-
-
-Geh. Rath.
-Ich bedaure ihn--und Sie noch Vielmehr, Herr Pastor,
-daß Sie solchen Sohn haben.
-
-Pastor.
-Verzeihen Euer Gnaden, ich kann mich über meinen Sohn
-nicht beschweren; er ist ein sittsamer und geschickter
-Mensch, die ganze Welt und Dero Herr Bruder und Frau
-Schwägerin selbst werden ihm das eingestehen müssen.
-
-Geh. Rath.
-Ich sprech' ihm das all nicht ab, aber er ist ein Thor,
-und hat alle sein Mißvergnügen sich selber zu danken.
-Er sollte den Sternen danken, daß meinem Bruder das Geld,
-das er für den Hofmeister zahlt, einmal anfängt zu lieb
-zu werden.
-
-Pastor.
-Aber bedenken Sie doch: nichts mehr als hundert Dukaten;
-hundert arme Dukätchen; und dreihundert hatt' er ihm doch
-im ersten Jahr versprochen: aber beym Schluß desselben
-nur hundert und vierzig ausgezahlt, jetzt beym Beschluß
-des zweyten, da doch die Arbeit meines Sohnes immer
-zunimmt, zahlt' er ihm hundert, und nun beym Anfang des
-dritten wird ihm auch das zu viel.--Das ist wider alle
-Billigkeit! Verzeihn Sie mir.
-
-Geh. Rath.
-Laß es doch.--Das hätt' ich Euch Leuten voraussagen
-wollen, und doch solle Ihr Sohn Gott danken, wenn ihn
-nur der Major beym Kopf nähm' und aus dem Hause würfe.
-Was soll er da, sagen Sie mir Herr? Wollen Sie ein Vater
-für ihr Kind seyn und schliessen so Augen, Mund und
-Ohren für seine ganze Glückseligkeit zu? Tagdieben, und
-sich Geld dafür bezahlen lassen? Die edelsten Stunden
-des Tages bey einem jungen Herrn versitzen, der nichts
-lernen mag und mit dem er's doch nicht verderben darf,
-und die übrigen Stunden, die der Erhaltung seines Lebens,
-den Speisen und dem Schlaf geheiligt sind, an einer
-Sklavenkette verseufzen; an den Winken der gnädigen
-Frau hängen, und sich in die Falten des gnädigen Herrn
-hineinstudiren; essen wenn er satt ist und fasten,
-wenn er hungrig ist, Punsch trinken, wenn er p–ss–n
-möchte, und Karten spielen, wenn er das Lauffen hat.
-Ohne Freyheit geht das Leben bergab rückwärts, Freyheit
-ist das Element des Menschen wie das Wasser des Fisches,
-und ein Mensch der sich der Freyheit begiebt, vergiftet
-die edelsten Geister seines Bluts, erstickt seine
-süssesten Freuden des Lebens in der Blüthe und ermordet
-sich selbst.
-
-Pastor.
-Aber--Oh! erlauben Sie mir; das muß sich ja jeder
-Hofmeister gefallen lassen; man kann nicht immer
-seinen Willen haben, und das läßt sich mein Sohn auch
-gern gefallen, nur--
-
-Geh. Rath.
-Desto schlimmer, wenn er sichs gefallen läßt, desto
-schlimmer; er hat den Vorrechten eines Menschen entsagt,
-der nach seinen Grundsätzen muß leben können, sonst
-bleibt er kein Mensch. Mögen die Elenden, die ihre
-Ideen nicht zu höherer Glückseligkeit zu erheben
-wissen, als zu essen und zu trinken, mögen die sich
-im Keficht zu Tode füttern lassen, aber ein Gelehrter,
-ein Mensch, der den Adel seiner Seele fühlt, der den
-Tod nicht so scheuen sollt' als eine Handlung, die
-wider seine Grundsätze läuft...
-
-Pastor.
-Aber was ist zu machen in der Welt? Was wollte mein
-Sohn anfangen, wenn Dero Herr Bruder ihm die Condition
-aufsagten?
-
-Geh. Rath.
-Laßt den Burschen was lernen, daß er dem Staat nützen
-kann. Potz hundert Herr Pastor, Sie haben ihn doch
-nicht zum Bedienten aufgezogen, und was ist er anders
-als Bedienter, wenn er seine Freyheit einer Privatperson
-für einige Handvoll Dukaten verkauft? Sklav' ist er,
-über den die Herrschaft unumschränkte Gewalt hat, nur
-daß er so viel auf der Akademie gelernt haben muß,
-ihren unbesonnenen Anmuthungen von weitem zuvorzukommen
-und so einen Firniß über seine Dienstbarkeit zu
-streichen: daß heißt denn ein feiner artiger Mensch,
-ein unvergleichlicher Mensch; ein unvergleichlicher
-Schurke, der, statt seine Kräfte und seinen Verstand
-dem allgemeinen Besten aufzuopfern, damit die Rasereyen
-einer dampfigten Dame und eines abgedämpften Officiers
-unterstützt, die denn täglich weiter um sich fressen
-wie ein Krebsschaden und zuletzt unheilbar werden. Und
-was ist der ganze Gewinnst am Ende? Alle Mittag Braten
-und alle Abend Punsch, und eine grosse Portion Galle,
-die ihm Tags über ins Maul gestiegen, Abends, wenn er
-zu Bett liegt, hinabgeschluckt, wie Pillen; das macht
-gesundes Blut, auf meine Ehr'! und muß auch ein
-vortrefliches Herz auf die Länge geben. Ihr beklagt
-Euch so viel übern Adel und über seinen Stolz, die
-Leute sähn Hofmeister wie Domestiken an, Narren! was
-sind sie denn anders? Stehn sie nicht in Lohn und Brod
-bey ihnen wie jene? Aber wer heißt Euch ihren Stolz
-nähren? Wer heißt euch Domestiken werden, wenn Ihr was
-gelernt habt, und einem starrköpfischen Edelmann zinsbar
-werden, der sein Tage von seinen Hausgenossen nichts
-anders gewohnt war als sklavische Unterwürfigkeit?
-
-Pastor.
-Aber Herr Geheimer Rath--Gütiger Gott! es ist in der
-Welt nicht anders: man muß eine Warte haben, von der
-man sich nach einem öffentlichen Amt umsehen kann, wenn
-man von Universitäten kommt; wir müssen den göttlichen
-Ruf erst abwarten und ein Patron ist sehr oft das Mittel
-zu unserer Beförderung: wenigstens ist es mir so gegangen.
-
-Geh. Rath.
-Schweigen Sie, Herr Pastor, ich bitt Sie, schweigen Sie.
-Das gereicht Ihnen nicht zur Ehr. Man weiß ja doch, daß
-Ihre seelige Frau Ihr göttlicher Ruf war, sonst säßen
-Sie noch itzt beym Herrn von Tiesen und düngten ihm
-seinen Acker. Jemine! daß Ihr Herrn uns doch immer
-einen so ehrwürdigen schwarzen Dunst vor Augen machen
-wollt. Noch nie hat ein Edelmann einen Hofmeister
-angenommen, wo er ihm nicht hinter eine Allee von acht
-neun Sklavenjahren ein schön Gemählde von Beförderung
-gestellt hat und wenn Ihr acht Jahr gegangen waret, so
-macht' ers wie Laban und rückte das Bild um noch einmal
-so weit vorwärts. Possen! lernt etwas und seyd brave
-Leut. Der Staat wird Euch nicht lang am Markt stehen
-lassen. Brave Leut sind allenthalben zu brauchen, aber
-Schurken, die den Namen vom Gelehrten nur auf den Zettel
-tragen und im Kopf ist leer Papier ...
-
-Pastor.
-Das ist sehr allgemein gesprochen, Herr Rath!--Es
-müssen doch, bey Gott! auch Hauslehrer in der Welt
-seyn; nicht jedermann kann gleich geheimer Rath werden
-und wenn er gleich ein Hugo Grotius wär. Es gehören
-heutiges Tags andere Sachen dazu als Gelehrsamkeit.--
-
-Geh. Rath.
-Sie werden warm, Herr Pastor!--Lieber, werther Herr
-Pastor, lassen Sie uns den Faden unsers Streits nicht
-verlieren. Ich behaupte: es müssen keine Hauslehrer
-in der Welt seyn! das Geschmeis taucht den Teufel zu
-nichts.
-
-Pastor.
-Ich bin nicht hergekommen mir Grobheiten sagen zu
-lassen: ich bin auch Hauslehrer gewesen. Ich habe die
-Ehre--
-
-Geh. Rath.
-Warten Sie; bleiben Sie, lieber Herr Pastor! Behüte
-mich der Himmel! Ich habe Sie nicht beleidigen wollen
-und wenn's wider meinen Willen geschehen ist, so bitt'
-ich Sie tausendmahl um Verzeihung. Es ist einmal meine
-üble Gewohnheit, daß ich gleich in Feuer gerathe, wenn
-mir ein Gespräch interessant wird: alles übrige
-verschwinde mir denn aus dem Gesicht und ich sehe nur
-den Gegenstand, von dem ich spreche.
-
-Pastor.
-Sie schütten,--Verzeihen Sie mir, ich bin auch ein
-Cholerikus, und rede gern von der Lunge ab.--Sie
-schütten das Kind mit dem Bade aus. Hauslehrer taugen
-zu nichts.--Wie können Sie mir das beweisen? Wer soll
-Euch jungen Herrn denn Verstand und gute Sitten
-beibringen Was wär aus Ihnen geworden, mein werther
-Herr geheimer Rath, wenn Sie keinen Hauslehrer gehabt
-hätten?
-
-Geh. Rath.
-Ich bin von meinem Vater zur öffentlichen Schul
-gehalten worden, und seegne seine Asche dafür, und
-so hoff' ich, wird mein Sohn Fritz auch dereinst thun.
-
-Pastor.
-Ja,--da ist aber noch viel drüber zu sagen Herr!
-Ich meiner Seits bin Ihrer Meynung nicht; ja wenn die
-öffentlichen Schulen das wären, was sie seyn sollten.--
-Aber die nüchternen Subjecta, so oft den Classen
-vorstehen; die pedantischen Methoden, die sie brauchen,
-die unter der Jugend eingerissenen verderbten Sitten--
-
-Geh. Rath.
-Wes ist die Schuld? Wer ist schuld dran, als ihr
-Schurken von Hauslehrern? Würde der Edelmann nicht
-von Euch in der Grille gestärkt, einen kleinen Hof
-anzulegen, wo er als Monarch oben auf dem Thron sitzt,
-und ihm Hofmeister und Mamsell und ein ganzer Wisch von
-Tagdieben huldigen, so würd' er seine Jungen in die
-öffentliche Schule thun müssen; er würde das Geld,
-von dem er jetzt seinen Sohn zum hochadlichen Dummkopf
-aufzieht, zum Fond der Schule schlagen: davon könnten
-denn gescheidte Leute salarirt werden und alles würde
-seinen guten Gang gehn; das Studentchen müste was
-lernen, um bey einer solchen Anstalt brauchbar zu
-werden, und das junge Herrchen, anstatt seine
-Faullenzerey vor den Augen des Papas und der Tanten,
-die alle keine Argusse sind, künstlich und manierlich
-zu verstecken, würde seinen Kopf anstrengen müssen,
-um es den bürgerlichen Jungen zuvorzuthun, wenn es
-sich doch von ihnen unterscheiden will.--Was die
-Sitten anbetrift, das findt sich wahrhaftig.--Wenn
-er gleich nicht, wie seine hochadliche Vettern, die
-Nase von Kindesbeinen an höher tragen lernt als andere,
-und in einem nachläßigen Ton, von oben herab, Unsinn
-sagen, und Leuten ins Gesicht sehen, wenn sie den Hut
-vor ihm abziehen, um ihnen dadurch anzudeuten, daß
-sie auf kein Gegencompliment warten sollen. Die feinen
-Sitten hol der Teufel! Man kann dem Jungen Tanzmeister
-auf der Stube halten, und ihn in artige Gesellschaften
-führen, aber er muß durchaus nicht aus der Sphäre
-seiner Schulkamraden herausgehoben, und in der Meinung
-gestärkt werden, er sey eine bessere Kreatur als andere.
-
-Pastor.
-Ich habe nicht Zeit, (zieht die Uhr heraus) mich in
-den Disput weiter mit Ihnen einzulassen, gnädiger Herr;
-aber so viel weiß ich, daß der Adel überall nicht ihrer
-Meinung seyn wird.
-
-Geh. Rath.
-So sollten die Bürger meiner Meynung seyn.--Die Noth
-würde den Adel schon auf andere Gedanken bringen, und
-wir könnten uns bessere Zeiten versprechen. Sapperment,
-was kann aus unserm Adel werden, wenn ein einziger
-Mensch das Faktotum bey dem Kinde seyn soll, ich setz'
-auch den unmöglichen Fall, daß er ein Polyhistor wäre,
-wo will der eine Mann Feuer und Muth und Thätigkeit
-hernehmen, wenn er alle seine Kräfte auf einen
-Schaafskopf concentriren soll, besonders wenn Vater
-und Mutter sich kreutz und die quer immer mit in die
-Erziehung mengen, und dem Faß, in welches er füllt,
-den Boden immer wieder ausschlagen?
-
-Pastor.
-Ich bin um zehn Uhr zu einem Kranken bestellt. Sie
-werden mir verzeihen.--(Im Abgehen wendt er sich um)
-Aber wär's nicht möglich, gnädiger Herr, daß Sie
-Ihren zweyten Sohn nur auf ein halb Jährchen zum
-Herrn Major in die Kost thäten? Mein Sohn will gern
-mit achtzig Dukaten zufrieden seyn, aber mit sechzigen,
-die ihm der Herr Bruder geben wollen, da kann er nicht
-von subsistiren.
-
-Geh. Rath.
-Laß ihn quittiren.--Ich thu es nicht, Herr Pastor!
-Davon bin ich nicht abzubringen. Ich will Ihrem Herrn
-Sohn die dreyßig Dukaten lieber schenken; aber meinem
-Sohn geb ich zu keinem Hofmeister. (Der Pastor hält
-ihm einen Brief hin) Was soll ich damit? Es ist alles
-umsonst, sag ich Ihnen.
-
-Pastor.
-Lesen Sie--Lesen Sie nur.--
-
-Geh. Rath.
-Je nun, ihm ist nicht--(liest)--wenden Sie doch
-alles an, den Herrn geheimen Rath dahin zu vermögen,
---Sie können Sich nicht vorstellen, wie elend es
-mir hier geht; nichts wird mir gehalten, was mir ist
-versprochen worden. Ich speise nur mit der Herrschaft,
-wenn keine Fremde da sind,--das ärgste ist, daß ich
-gar nicht von hier komme und in einem ganzen Jahr
-meinen Fuß nicht aus Heidelbrunn habe setzen--man
-hatte mir ein Pferd versprochen, alle Vierteljahr
-einmal nach Königsberg zu reisen, als ich es foderte,
-fragte mich die gnädige Frau, ob ich nicht lieber zum
-Carneval nach Venedig wollte.--(wirft den Brief an
-die Erde.) Je nun, laß ihn quittiren; warum ist er
-ein Narr und bleibt da?
-
-Pastor.
-Ja das ist eben die Sache. (hebt den Brief auf)
-Belieben Sie doch nur auszulesen.
-
-Geh. Rath.
-Was ist da zu lesen?--(liest) Dem ohngeachtet kann
-ich dies Haus nicht verlassen, und sollt' es mich
-Leben und Gesundheit kosten. So viel darf ich Ihnen
-sagen, daß die Aussichten in eine selige Zukunft mir
-alle die Mühseligkeiten meines gegenwärtigen Standes--
-Ja, das sind vielleicht Aussichten in die selige
-Ewigkeit, sonst weiß ich keine Aussichten, die mein
-Bruder ihm eröfnen könnte. Er betrügt sich, glauben
-Sie mirs; schreiben Sie ihm zurück, daß er ein Thor
-ist. Dreyßig Dukaten will ich ihm dies Jahr aus meinem
-Beutel Zulage geben, aber ihn auch zugleich gebeten
-haben, mich mit allen fernern Anwerbungen um meinen
-Karl zu verschonen: denn ihm zu Gefallen werd' ich mein
-Kind nicht verwahrlosen.
-
-
-Zweyte Scene.
-
-In Heidelbrunn.
-Gustchen. Läuffer.
-
-
-Gustchen.
-Was fehlt ihnen dann?
-
-Läuffer.
-Wie stehts mit meinem Porträt? Nicht wahr, Sie haben
-nicht dran gedacht? Wenn ich auch so saumselig gewesen
-wäre--Häte ich das gewußt: ich hätt Ihren Brief so
-lang zurückgehalten, aber ich war ein Narr.
-
-Gustchen.
-Ha ha ha. Lieber Herr Hofmeister! Ich habe wahrhaftig
-noch nicht Zeit gehabt.
-
-Läuffer.
-Grausame!
-
-Gustchen.
-Aber was fehlt Ihnen denn? Sagen Sie mir doch! So
-tiefsinnig sind Sie ja noch nie gewesen. Die Augen
-stehn Ihnen ja immer voll Wasser: ich habe gemerkt,
-Sie essen nichts.
-
-Läuffer.
-Haben Sie? In der That? Sie sind ein rechtes Muster
-des Mitleidens.
-
-Gustchen.
-O Herr Hofmeister--
-
-Läuffer.
-Wollen Sie heut Nachmittag Zeichenstunde halten?
-
-Gustchen. (faßt ihn an die Hand)
-Liebster Herr Hofmeister! verzeihen Sie, daß ich sie
-gestern aussetzte. Es war mir wahrhaftig unmöglich zu
-zeichnen; ich hatte den Schnuppen auf eine erstaunende
-Art.
-
-Läuffer.
-So werden Sie ihn wohl heute noch haben. Ich denke,
-wir hören ganz auf zu zeichnen. Es macht Ihnen kein
-Vergnügen länger.
-
-Gustchen. (halbweinend)
-Wie können Sie das sagen, Herr Läuffer? Es ist das
-einzige, was ich mit Lust thue.
-
-Läuffer.
-Oder Sie versparen es bis auf den Winter in die Stadt
-und nehmen einen Zeichenmeister. Ueberhaupt werd ich
-Ihren Herrn Vater bitten, den Gegenstand Ihres
-Abscheues, Ihres Hasses, Ihrer ganzen Grausamkeit von
-Ihnen zu entfernen. Ich sehe doch, daß es Ihnen auf
-die Länge unausstehlich wird, von mir Unterricht
-anzunehmen.
-
-Gustchen.
-Herr Läuffer--
-
-Läuffer.
-Lassen Sie mich--Ich muß sehen, wie ich das elende
-Leben zu Ende bringe, weil mir doch der Tod verboten
-ist--
-
-Gustchen.
-Herr Läuffer--
-
-Läuffer.
-Sie foltern mich.--(reißt sich loß und geht ab.)
-
-Gustchen.
-Wie dauert er mich!
-
-
-Dritte Scene.
-
-Zu Halle in Sachsen.
-Pätus Zimmer.
-Fritz von Berg.
-Pätus (im Schlafrock an einem Tisch sitzend.)
-
-
-Pätus.
-Ey was Berg! Du bist ja kein Kind mehr, daß du nach
-Papa und Mama--Pfuy Teufel! ich hab Dich allezeit
-für einen braven Kerl gehalten, wenn Du nicht mein
-Schulkamerad wärst: ich würde mich schämen mit Dir
-umzugehen.
-
-Fritz.
-Pätus, auf meine Ehr, es ist nicht Heimweh, Du machst
-mich bis über die Ohren roth mit dem dummen Verdacht.
-Ich möchte gern Nachricht von Hause haben, das gesteh'
-ich, aber das hat seine Ursachen--
-
-Pätus.
-Gustchen--Nicht wahr? Denk doch, Du arme Seele!
-Hundertachtzig Stunden von ihr entfernt--Was für
-Wälder und Ströme liegen nicht zwischen Euch? Aber
-warte, wir haben hier auch Mädchen; wenn ich nur
-besser besponnen wäre, ich wollte Dich heut in eine
-Gesellschaft führen--Ich weiß nicht, wie Du auch
-bist; ein Jahr in Halle und noch mit keinem Mädchen
-gesprochen: das muß melancholisch machen; es kann
-nicht anders seyn. Warte, Du must mir hier einziehen,
-daß Du lustig wirst. Was machst Du da bey dem Pfarrer?
-Das ist keine Stube für Dich--
-
-Fritz.
-Was zahlst Du hier?
-
-Pätus.
-Ich zahle--Wahrhaftig, Bruder, ich weiß es nicht.
-Es ist ein guter ehrlicher Philister, bey dem ich
-wohne: seine Frau ist freylich bisweilen ein bischen
-wunderlich, aber mags. Was gehts mich an? Wir zanken
-uns einmal herum und denn laß ich sie laufen: und die
-schreiben mir alles auf. Hausmiethe, Kaffee, Tabak;
-alles was ich verlange, und denn zahl' ich die Rechnung
-alle Jahre, wenn mein Wechsel kommt.
-
-Fritz.
-Bist du jetzt viel schuldig?
-
-Pätus.
-Ich habe die vorige Woche bezahlt. Das ist wahr,
-diesmal haben Sie mirs arg gemacht: mein ganzer
-Wechsel hat herhalten müssen bis auf den letzten
-Pfennig, und mein Rock, den ich Tags vorher versetzt
-hatte, weil ich in der äussersten Noth war, steht
-noch zu Gevattern. Weiß der Himmel, wenn ich ihn
-wieder einlösen kann.
-
-Fritz.
-Und wie machst Dus denn itzt?
-
-Pätus.
-Ich?--Ich bin krank. Heut morgen hat mich die Frau
-Räthin Hamster invitiren lassen, gleich kroch ich ins
-Bett ...
-
-Fritz.
-Aber bey dem schönen Wetter immer zu Hause zu sitzen.
-
-Pätus.
-Was macht das? des Abends geh ich im Schlafrock
-spatzieren, es ist ohnedem in den Hundstagen am Tage
-nicht auszuhalten--Aber Potz Mordio! Wo bleibt denn
-mein Kaffee? (pocht mit dem Fuß) Frau Blitzer!--Nun
-sollst Du sehn, wie ich meinen Leuten umspringe--Frau
-Blitzer! in aller Welt Frau Blitzer. (klingelt und
-pocht)--Ich habe sie kürzlich bezahlt: nun kann ich
-schon breiter thun--Frau ...
-
-Frau Blitzer. (tritt herein mit einer Portion Kaffee.)
-
-Pätus.
-In aller Welt, Mutter! wo bleibst Du denn? Das Wetter
-soll Dich regieren. Ich warte hier schon über eine
-Stunde--
-
-Frau Blitzer.
-Was? Du nichtsnutziger Kerl, was lärmst Du? Bist Du
-schon wieder nichts nutz, abgeschabte Laus? Den
-Augenblick trag ich meinen Kaffee wieder herunter--
-
-Pätus. (gießt sich ein)
-Nun, nun, nicht so böse Mutter! aber Zwieback--Wo
-ist denn Zwieback?
-
-Frau Blitzer.
-Ja, kleine Steine Dir! Es ist kein Zwieback im Hause.
-Denk doch, ob so ein kahler lausichter Kerl nun alle
-Nachmittag Zwieback frißt oder nicht--
-
-Pätus.
-Was tausend alle Welt! (stampft mit dem Fuß) Sie
-weiß, daß ich keinen Kaffee ohne Zwieback ins Maul
-nehme--Wofür gebe ich denn mein Geld aus--
-
-Frau Blitzer. (langt ihm Zwieback aus der Schürze,
-wobey sie ihn an den Haaren zupft.)
-Da siehst Du, da ist Zwieback, Posaunenkerl! Er hat
-eine Stimme wie ein ganzes Regiment Soldaten. Nu, ist
-der Kaffee gut? Ist er nicht? Gleich sag mirs, oder
-ich reiß Ihm das letzte Haar aus Seinem kahlen Kopf
-heraus.
-
-Pätus. (trinkt)
-Unvergleichlich--Aye!--Ich hab in meinem Leben
-keinen bessern getrunken.
-
-Frau Blitzer.
-Siehst Du Hundejunge! Wenn Du die Mutter nicht hättest,
-die sich Deiner annähme und Dir zu essen und zu trinken
-gäbe, Du müstest an der Strasse verhungern. Sehen Sie
-ihn einmal an, Herr von Berg, wie er daher geht, keinen
-Rock auf dem Leibe und sein Schlafrock ist auch, als
-ob er darin wär aufgehenkt worden und wieder vom Galgen
-gefallen. Sie sind doch ein hübscher Herr, ich weiß
-nicht wie Sie mit dem Menschen umgehen können, nun
-freylich unter Landsleuten da ist immer so eine kleine
-Blutsverwandschaft, drum sag ich immer, wenn doch der
-Herr von Berg zu uns einlogiren thäte. Ich weiß, daß
-Sie viel Gewalt über ihn haben: da könnte doch noch
-was ordentliches aus ihm werden, aber sonst wahrhaftig--
-(geht ab)
-
-Pätus.
-Siehst Du, ist das nicht ein gut fidel Weib. Ich seh'
-ihr all etwas durch die Finger, aber potz, wenn ich
-auch einmal ernsthaft werde, kusch ist sie wie die
-Wand--Willst Du nicht eine Tasse mit trinken? (gießt
-ihm ein) Siehst Du, ich bin hier wohl bedient; ich
-zahle was rechts, das ist wahr, aber dafür hab' auch
-ich was ...
-
-Fritz. (trinkt.)
-Der Kaffee schmeckt nach Gerste.
-
-Pätus.
-Was sagst Du?--(schmeckt gleichfalls) Ja wahrhaftig,
-mit dem Zwieback hab' ichs nicht so--(sieht in die
-Kanne) Nun so hol Dich! (wirft das Kaffeezeug zum
-Fenster hinaus) Gerstenkaffee und fünfhundert Gulden
-jährlich!--
-
-Frau Blitzer. (stürzt herein)
-Wie? Was zum Teufel, was ist das? Herr, ist Er rasend
-oder plagt Ihn gar der Teufel?--
-
-Pätus.
-Still Mutter!
-
-Frau Blitzer. (mit gräßlichem Geschrey)
-Aber wo ist mein Kaffeezeug? Ey! zum Henker! aus dem
-Fenster--Ich kratz' Ihm die Augen aus dem Kopf heraus.
-
-Pätus.
-Es war eine Spinne darin und ich warf's in der Angst--
-Was kann ich dafür, daß das Fenster offen stand?
-
-Frau Blitzer.
-Daß Du verreckt wärst an der Spinne, wenn ich Dich mit
-Haut und Haar verkaufe, so kannst Du mir mein
-Kaffeezeug nicht bezahlen, nichtswürdiger Hund!
-Nichts als Schaden und Unglück kann Er machen. Ich
-will Dich verklagen; ich will Dich in Karcer werfen
-lassen. (läuft heraus)
-
-Pätus. (lachend)
-Was ist zu machen, Bruder! man muß sie schon ausrasen
-lassen.
-
-Fritz.
-Aber für Dein Geld?
-
-Pätus.
-Ey was!--Wenn ich bis Weyhnachten warten muß, wer
-wird mir sogleich bis dahin kreditiren? Und denn ists
-ja nur ein Weib und ein närrisch Weib dazu, dem's
-nicht immer so von Herzen geht- wenn mirs der Mann
-gesagt hätte, das wär was anders, dem schlüg' ich das
-Leder voll--Siehst Du wohl!
-
-Fritz.
-Hast Du Feder und Tinte?
-
-Pätus.
-Dort auf dem Fenster--
-
-Fritz.
-Ich weiß nicht, das Herz ist mir so schwer--Ich habe
-nie was auf Ahndungen gehalten.
-
-Pätus.
-Ja mir auch--Die Döbblinsche Gesellschaft ist
-angekommen. Ich möchte gern in die Komödie gehn und
-habe keinen Rock anzuziehen. Der Schurke mein Wirth
-leyht mir keinen und ich bin eine so große dicke
-Bestie, daß mir keiner von all Euren Röcken passen
-würde.
-
-Fritz.
-Ich muß gleich nach Hause schreiben. (setzt sich an
-ein Fenster nieder und schreibt)
-
-Pätus. (setzt sich einem Wolfspelz gegenüber, der an
-der Wand hängt)
-Hm! nichts als den Pelz gerettet, von allen meinen
-Kleidern, die ich habe, und die ich mir noch wollte
-machen lassen. Grade den Pelz, den ich im Sommer
-nicht tragen kann, und den mir nicht einmal der Jude
-zum Versatz annimmt, weil sich der Wurm leicht
-hineinsetzt. Hanke, Hanke! das ist doch unverantwortlich,
-daß Du mir keinen Rock auf Pump machen willst. (steht
-auf und geht herum) Was hab' ich Dir gethan, Hanke,
-daß Du just mir keinen Rock machen willst? Just mir,
-der ich ihn am nöthigsten brauche, weil ich jetzo
-keinen habe, just mir!--Der Teufel muß Dich besitzen,
-er macht Hunz und Kunz auf Kredit und just mir nicht!
-(faßt sich an den Kopf und stampft mit dem Fuß) Just
-mir nicht, just mir nicht!--
-
-Bollwerk. (der sich mittlerweile hineingeschlichen und
-ihm zugehört, faßt ihn an: er kehrt sich um und bleibt
-stumm vor Bollwerk stehen) Ha ha ha ... Nun du armer
-Pätus--ha ha ha! Nicht wahr, es ist doch ein gottloser
-Hanke, daß er just Dir nicht--Aber, wo ist das rothe
-Kleid mit Gold, das Du bey ihm bestellt hast, und das
-blauseidne mit der silberstücknen Weste, und das
-rothsammetne mit schwarz Sammet gefüttert, das wär
-vortreflich bey dieser Jahrszeit. Sage mir! antworte
-mir! Der verfluchte Hanke! Wollen wir gehn und ihm die
-Haut vollschlagen? Wo bleibt er so lang mit Deiner
-Arbeit? Wollen wir?
-
-Pätus. (wirft sich auf einen Stuhl)
-Laß mich zufrieden.
-
-Bollwerk.
-Aber hör Pätus, Pätus, Pä Pä Pä Pätus (setzt sich zu
-ihm) Döbblin ist angekommen. Hör Pä Pä Pä Pä Pätus,
-wie wollen wir das machen? Ich denke, Du ziehst Deinen
-Wolfspelz an und gehst heut Abend in die Komödie. Was
-schadt's, Du bist doch fremd hier--und die ganze Welt
-weiß, daß Du vier Paar Kleider bey Hanke bestellt hast.
-Ob er sie Dir machen wird, ist gleich viel!--Der
-verfluchte Kerl! Wollen ihm die Fenster einschlagen,
-wenn er sie Dir nicht macht!
-
-Pätus. (heftig)
-Laß mich zufrieden, sag ich Dir.
-
-Bollwerk.
-Aber hör...aber...aber...hör hör hör' Pätus; nimm
-Dich in Acht Pätus! daß Du mir des Nachts nicht mehr
-im Schlafrock auf der Gasse läufst. Ich weiß, daß Du
-bange bist vor Hunden; es ist eben ausgetrummelt
-worden, daß zehn wütige Hunde in der Stadt herumlaufen
-sollen; sie haben schon einige Kinder gebissen: zwey
-sind noch davon kommen, aber vier sind auf der Stelle
-gestorben. Das machen die Hundstage? Nicht wahr Pätus?
-Es ist gut, daß Du jetzt nicht ausgehen kannst. Nicht
-wahr? Du gehst itzt mit allem Fleiß nicht aus? Nicht
-wahr Pä Pä Pätus?
-
-Pätus.
-Laß mich zufrieden ... oder wir verzürnen uns.
-
-Bollwerk.
-Du wirst doch kein Kind seyn--Berg, kommen Sie mit
-in die Komödie?
-
-Fritz. (zerstreut)
-Was?--Was für Komödie?
-
-Bollwerk.
-Es ist eine Gesellschaft angekommen--Legen Sie die
-Schmieralien weg. Sie können ja auf den Abend schreiben.
-Man giebt heut Minna von Barnhelm.
-
-Fritz.
-O die muß ich sehen.--(steckt seine Briefe zu sich)
-Armer Pätus, daß Du keinen Rock hast.--
-
-Bollwerk.
-Ich lieh' ihm gern einen, aber es ist hol mich der
-Teufel mein einziger, den ich auf dem Leibe habe--
-(gehn ab)
-
-Pätus. (allein)
-Geht zum Teufel mit Eurem Mitleiden! Das ärgert mich
-mehr als wenn man mir ins Gesicht schlüge--Ey was
-mach ich mir draus. (zieht seinen Schlafrock aus) Laß
-die Leute mich für wahnwitzig halten! Minna von
-Barnhelm muß ich sehen und wenn ich nackend hingehen
-sollte! (zieht den Wolfspelz an) Hanke, Hanke! es
-soll Dir zu Hause kommen! (stampft mit dem Fuß) Es
-soll dir zu Hause kommen! (geht)
-
-
-Vierte Scene.
-
-Frau Hamster. Jungfer Hamster. Jungfer Knicks.
-
-
-Jungfer Knicks.
-Ich kanns Ihnen vor Lachen nicht erzehlen, Frau
-Räthin, ich muß krank vor Lachen werden. Stellen
-Sie Sich vor: wir gehen mit Jungfer Hamster im
-Gäßchen hier nah bey, so läuft uns ein Mensch im
-Wolfspelz vorbey, als ob er durch Spießruthen gejagt
-würde; drey große Hunde hinter ihm drein. Jungfer
-Hamster bekam einen Schubb, daß sie mit dem Kopf an
-die Mauer schlug und überlaut schreyen muste.
-
-Frau Hamster.
-Wer war es denn?
-
-Jungfer Knicks.
-Stellen Sie Sich vor, als wir ihm nachsahen, war's
-Herr Pätus--Er muß rasend worden seyn.
-
-Frau Hamster.
-Mit einem Wolfspelz in dieser Hitze!
-
-Jungfer Hamster. (hält sich den Kopf)
-Ich glaube noch immer, er ist aus dem hitzigen Fieber
-aufgesprungen. Er ließ uns heut Morgen sagen, er sey
-krank.
-
-Jungfer Knicks.
-Und die drey Hunde hinter ihm drein, das war das
-lustigste. Ich hatte mir vorgenommen heut in die
-Komödie zu gehen, aber nun mag ich nicht, ich würde
-doch da nicht soviel zu lachen kriegen. Das vergeß
-ich mein Lebtage nicht. Seine Haare flogen ihm nach
-wie der Schweif an einem Kometen, und je eyfriger er
-lief, desto eyfriger schlugen die Hunde an und er
-hatte das Herz nicht, sich einmal umzusehen... Das
-war unvergleichlich!
-
-Frau Hamster.
-Schrie er nicht? Er wird gemeynt haben, die Hunde seyn
-wütig.
-
-Jungfer Knicks.
-Ich glaub, er hatte keine Zeit zum Schreyen, aber roth
-war er wie ein Krebs und hielt das Maul offen, wie die
-Hunde hinter ihm drein--O das war nicht mit Geld zu
-bezahlen! ich gäbe nicht meine Schnur ächter Perlen
-darum, daß ich das nicht gesehen.
-
-
-Fünfte Scene.
-
-In Heidelbrunn.
-Augustchens Zimmer.
-Gustchen. (liegt auf dem Bette)
-Läuffer. (sitzt am Bette)
-
-
-Läuffer.
-Stell Dir vor Gustchen, der geheime Rath will nicht.
-Du siehst, daß Dein Vater mir das Leben immer saurer
-macht: nun will er mir gar aufs folgende Jahr nur
-vierzig Dukaten geben. Wie kann ich das aushalten?
-Ich muß quittiren.
-
-Gustchen.
-Grausamer, und was werd ich denn anfangen? (nachdem
-beyde eine zeitlang sich schweigend angesehen) Du
-siehst: ich bin schwach, und krank; hier in der
-Einsamkeit unter einer barbarischen Mutter--Niemand
-fragt nach mir, niemand bekümmert sich um mich:
-meine ganze Familie kann mich nicht mehr leiden;
-mein Vater selber nicht mehr: ich weiß nicht warum.
-
-Läuffer.
-Mach, daß Du zu meinem Vater in die Lehre kommst;
-nach Insterburg.
-
-Gustchen.
-Da kriegen wir uns nie zu sehen. Mein Onkel leidt es
-nimmer, daß mein Vater mich zu Deinem Vater ins Haus
-giebt.
-
-Läuffer.
-Mit dem verfluchten Adelstolz!
-
-Gustchen. (nimmt seine Hand)
-Wenn Du auch böse wirst, Herrmannchen! (küßt sie) O
-od! Tod! warum erbarmst Du Dich nicht!
-
-Läuffer.
-Rathe mir selber--Dein Bruder ist der ungezogenste
-Junge den ich kenne: neulich hat er mir eine Ohrfeige
-gegeben und ich durft ihm nichts dafür thun, durft
-nicht einmal drüber klagen. Dein Vater hätt ihm gleich
-Arm und Bein gebrochen und die gnädige Mama alle Schuld
-zuletzt auf mich geschoben.
-
-Gustchen.
-Aber um meinetwillen--Ich dachte, Du liebtest mich.
-
-Läuffer. (stützt sich mit der andern Hand auf ihrem
-Bett, indem sie fortfährt seine eine Hand von Zeit zu
-Zeit an die Lippen zu bringen.)
-Laß mich denken...(bleibt nachsinnend sitzen)
-
-Gustchen. (in der beschriebenen Pantomime)
-O Romeo! Wenn dies Deine Hand wäre.--Aber so verlässest
-Du mich, unedler Romeo! Siehst nicht, daß Deine Julie
-für Dich stirbt--von der ganzen Welt, von ihrer
-ganzen Familie gehaßt, verachtet, ausgespyen. (drückt
-seine Hand an ihre Augen) O unmenschlicher Romeo!
-
-Läuffer. (sieht auf)
-Was schwärmst Du wieder?
-
-Gustchen.
-Es ist ein Monolog aus einem Trauerspiel, den ich
-gern recitire, wenn ich Sorgen habe. (Läuffer fällt
-wieder in Gedanken, nach einer Pause fängt sie wieder
-an) Vielleicht bist Du nicht ganz strafbar. Deines
-Vaters Verbot, Briefe mit mir zu wechseln, aber die
-Liebe setzt über Meere und Ströme, über Verbot und
-Todesgefahr selbst--Du hast mich vergessen...
-Vielleicht besorgtest Du für mich--ja,--ja, Dein
-zärtliches Herz sah, was mir drohte, für schröcklicher
-an, als das was ich leide. (küßt Läuffers Hand inbrünstig)
-O göttlicher Romeo!
-
-Läuffer. (küßt ihre Hand lange wieder und sieht sie
-eine Weile stumm an)
-Es könnte mir gehen wie Abälard--
-
-Gustchen. (richtet sich auf)
-Du irrst Dich--Meine Krankheit liegt im Gemüth--
-Niemand wird Dich muthmaßen--(fällt wieder hin) Hast
-Du die neue Heloise gelesen?
-
-Läuffer.
-Ich höre was auf dem Gang nach der Schulstube.--
-
-Gustchen.
-Meines Vaters--Um Gotteswillen!--Du bist drey
-Viertelstund zu lang hiergeblieben.
-
-(Läuffer läuft fort)
-
-
-Sechste Scene.
-
-Die Majorin. Graf Wermuth.
-
-
-Graf.
-Aber gnädige Frau! kriegt man denn Fräulein Gustchen
-gar nicht mehr zu sehen? Wie befindt sie sich auf die
-vorgestrige Jagd?
-
-Majorin.
-Zu Ihrem Befehl; sie hat die Nacht Zahnschmerzen
-gehabt, darum darf sie sich heut nicht sehen lassen.
-Was macht Ihr Magen, Graf! auf die Austern?
-
-Graf.
-O das bin ich gewohnt. Ich habe neulich mit meinem
-Bruder ganz allein auf unsre Hand sechshundert Stück
-aufgegessen und zwanzig Bouteillen Champagner dabey
-ausgetrunken.
-
-Majorin.
-Rheinwein wollten Sie sagen.
-
-Graf.
-Champagner--Es war eine Idee, und ist uns beyden
-recht gut bekommen. Denselben Abend war Ball in
-Königsberg, mein Bruder hat bis an den andern Mittag
-getanzt und ich Geld verloren.
-
-Majorin.
-Wollen wir ein Piquet machen?
-
-Graf.
-Wenn Fräulein Gustchen käme, macht' ich ein Paar
-Touren im Garten mit ihr. Ihnen, gnädige Frau, darf
-ichs nicht zumuthen; mit Ihrer Fontenelle am Fuß.
-
-Majorin.
-Ich weiß auch nicht, wo der Major immer steckt. Er
-ist in seinem Leben so rasend nicht auf die Oekonomie
-gewesen; den ganzen ausgeschlagenen Tag auf dem Felde
-und wenn er nach Hause kommt, sitzt er stumm wie ein
-Stock. Glauben Sie, daß ich anfange mir Gedanken drüber
-zu machen.
-
-Graf.
-Er scheint melancholisch.
-
-Majorin.
-Weiß es der Himmel--Neulich hatt' er wieder einmal
-den Einfall bey mir zu schlafen, und da ist er mitten
-in der Nacht aus dem Bett' aufgesprungen und hat sich--
-He he, ich soll es Ihnen nicht erzehlen, aber Sie
-kennen ja die lächerliche Seite von meinem Mann schon.
-
-Graf.
-Und hat sich ...
-
-Majorin.
-Auf die Knie niedergeworfen und an die Brust geschlagen
-und geschluchzt und geheult, daß mir zu grauen anfieng.
-Ich hab ihn aber nicht fragen mögen, was gehen mich
-seine Narrheiten an? Mag er Pietist oder Quacker
-werden. Meinethalben! Er wird dadurch weder häßlicher
-noch liebenswürdiger in meinen Augen werden, als er
-ist. (sieht den Grafen schalkhaft an)
-
-Graf. (faßt sie ans Kinn)
-Boßhafte Frau!--Aber wo ist Gustchen? Ich möchte gar
-zu gern mit ihr spatzieren gehn.
-
-Majorin.
-Still da kommt ja der Major ... Sie können mit ihm
-gehen, Graf.
-
-Graf.
-Denk doch--Ich will nun aber mit Ihrer Tochter gehn.
-
-Majorin.
-Sie wird noch nicht angezogen seyn: es ist was
-unausstehliches, wie faul das Mädchen ist--
-
-(Major von Berg kommt im Nachtwämmschen, einen
-Strohhut auf.)
-
-Majorin.
-Nun wie stehts, Mann? Wo treiben Sie Sich denn wieder
-herum? Man kriegt Sie ja den ganzen Tag nicht zu sehen.
-Sehn Sie ihn nur an Herr Graf; sieht er doch wie der
-Heavtontimorumenos in meiner großen Madame Dacier
-abgemahlt--Ich glaube, Du hast gepflügt, Herr Major?
-Wir sind itzt in den Hundstagen.
-
-Graf.
-In der That, Herr Major, Sie haben noch nie so übel
-ausgesehen, blaß, hager, Sie müssen etwas haben, das
-Ihnen auf dem Gemüth liegt, was bedeuten die Thränen
-in Ihren Augen, sobald man Sie aufmerksam ansieht?
-Ich kenne Sie doch zehn Jahr schon und habe Sie nie
-so gesehen, selbst da nicht, als Ihr Bruder starb.
-
-Majorin.
-Geitz, nichts als der leidige Geitz, er meynt, wir
-werden verhungern, wenn er nicht täglich wie ein
-Maulwurf auf dem Felde wühlt. Bald gräbt er, bald
-pflügt er, bald eggt er. Du willst doch nicht Bauer
-werden? Du mußt mir vorher einen andern Mann geben,
-der die Aufsicht über Dich führt.
-
-Major.
-Ich muß wohl schaffen und scharren, meiner Tochter
-einen Platz im Hospital auszumachen.
-
-Majorin.
-Was sind das nun wieder für Phantasien!--Ich muß
-wahrhaftig den Doktor Würz noch aus Königsberg holen
-lassen.
-
-Major.
-Du siehst nimmer nichts, vornehme Frau! daß Dein Kind
-von Tag zu Tag abfällt, daß sie Schönheit, Gesundheit
-und den ganzen Plunder verliert und dahergeht, als ob
-sie, hol mich der Teufel--Gott verzeyh mir meine
-schwere Sünde,--als ob der arme Lazarus sie gemacht
-hätte--Es frißt mir die Leber ab--
-
-Majorin.
-Hören Sie ihn nur! Wie er mich anfährt! Bin ich schuld
-daran? Bist du denn wahnwitzig?
-
-Major.
-Ja freylich bist Du schuld daran, oder was ist sonst
-schuld daran? Ich kann's, zerschlag mich der Donner!
-nicht begreifen. Ich dacht immer, ihr eine der ersten
-Parthien im Reich auszumachen; denn sie hat auf der
-ganzen Welt an Schönheit nicht ihres gleichen gehabt
-und nun sieht sie aus wie eine Kühmagd--Ja freilich
-bist Du schuld daran mit Deiner Strenge und Deinen
-Grausamkeiten und Deinem Neid, das hat sie sich zu
-Gemüth gezogen und das ist ihr nun zum Gesicht
-herausgeschlagen, aber das ist Deine Freude, gnädige
-Frau, denn Du bist lang schalu über sie gewesen. Das
-kannst Du doch nicht leugnen? Solltst Dich in Dein
-Herz schämen, wahrhaftig! (geht ab)
-
-Majorin.
-Aber ... aber was sagen Sie dazu, Herr Graf! Haben
-Sie in Ihrem Leben eine ärgere Kollektion von Sottisen
-gesehen?
-
-Graf.
-Kommen Sie; wir wollen Piquet spielen, bis Fräulein
-Gustchen angezogen ist..
-
-
-Siebente Scene.
-
-In Halle.
-Fritz von Berg. (im Gefängniß) Bollwerk.
-von Seiffenblase und sein Hofmeister. (stehn um ihn)
-
-
-Bollwerk.
-Wenn ich doch den Jungen hier hätte, daß Fell zög'
-ich ihm über die Ohren. Es ist mit alledem doch
-infam gehandelt, einen ehrlichen Jungen, wie Berg,
-ins Karcer zu bringen; da sich keiner sein hat
-annehmen wollen. Denn das ist ja wahr, kein einziger
-Landsmann hat den Fuß vor die Thür seinethalben
-gesetzt. Wenn Berg nicht gut für ihn gesagt hätte,
-wär' er im Gefängniß verfault. Und in vierzehn Tagen
-soll das Geld hier seyn und wo er den Berg in
-Verlegenheit läßt, soll man ihn für einen ausgemachten
-Schurken halten. O du verdammter Pä Pä Pä Pä Pätus!
-Wart Du verhenkerter Pätus, wart einmal!--
-
-Hofmeister.
-Ich kann Ihnen nicht genug beschreiben, lieber Herr
-von Berg, wie leyd es mir besonders um Ihres Herrn
-Vaters und der Familie willen thut, Sie in einem
-solchen Zustande zu sehen und noch dazu ohne Ihre
-Schuld, aus blosser jugendlicher Unbesonnenheit.
-Es hat schon einer von den sieben Weisen
-Griechenlandes gesagt, für Bürgschaften sollst du
-dich in Acht nehmen und in der That es ist nichts
-unverschämter, als daß ein junger Durchbringer, der
-sich durch seine lüderliche Wirthschaft ins Elend
-gestürzt hat, auch andere mit hineinziehen will,
-denn vermuthlich hat er das gleich anfangs im Sinne
-gehabt, als er auf der Akademie Ihre Freundschaft
-suchte.
-
-Herr von Seiffenblase.
-Jaja, lieber Bruder Berg! nimm mir nicht übel, da
-hast Du einen großen Bock gemacht. Du bist selbst
-schuld daran; dem Kerl hättst Du's doch gleich
-ansehen können, daß er Dich betrügen würde. Er ist
-bey mir auch gewesen und hat mich angesprochen: er
-wär' aufs äusserste getrieben, seine Kreditores
-wollten ihn wegstecken lassen, wo ihn nicht Sonn
-noch Mond beschiene. Laß sie dich, dachte ich, es
-schadt dir nichts. Das ist dafür, daß Du uns sonst
-kaum über die Achsel ansahst, aber wenn ihr in Noth
-seyd, da sind die Adelichen zu Kaventen gut genug.
-Er erzehlte mir Langes und Breites; er hätte seine
-Pistolen schon geladen, im Fall die Kreditores ihn
-angriffen--Und nun läßt der lüderliche Hund Dich an
-seiner Stelle prostituiren. Das ist wahr, wenn mir
-das geschehen wäre: ich könnte so ruhig nicht dabey
-seyn: zwischen vier Mauren der Herr von Berg und das
-um eines lüderlichen Studenten willen.
-
-Fritz.
-Er war mein Schulkamerad--Laßt ihn zufrieden. Wenn
-ich mich nicht über ihn beklage, was geht's Euch an?
-Ich kenn' ihn länger als Ihr; ich weiß, daß er mich
-nicht mit seinem guten Willen hier sitzen läßt.
-
-Hofmeister.
-Aber, Herr von Berg, wir müssen in der Welt mit
-Vernunft handeln. Sein Schade ist es gewiß nicht,
-daß Sie hier für ihn sitzen und seinethalben können
-Sie noch ein Sekulum so sitzen bleiben--
-
-Fritz.
-Ich hab' ihn von Jugend auf gekannt: wir haben uns
-noch niemals was abgeschlagen. Er hat mich wie seinen
-Bruder geliebt, ich ihn wie meinen. Als er nach Halle
-reißte, weint' er zum erstenmal in seinem Leben, weil
-er nicht mit mir reisen konnte. Ein ganzes Jahr früher
-hätt' er schon auf die Akademie gehn können, aber um
-mit mir zusammen zu reisen, stellt' er sich gegen
-die Präceptores dummer als er war, und doch wollt es
-das Schicksal und unsre Väter so, daß wir nicht
-zusammen reißten und das war sein Unglück. Er hat nie
-gewußt mit Geld umzugehen und gab jedem was er
-verlangte. Hätt' ihm ein Bettler das letzte Hemd vom
-Leibe gezogen und dabey gesagt: mit Ihrer Erlaubnis,
-lieber Herr Pätus, er hätt's ihm gelassen. Seine
-Kreditores giengen mit ihm um wie Strasenräuber und
-sein Vater verdiente nie, einen verlornen Sohn zu
-haben, der bey all seinem Elend ein so gutes Herz
-nach Hause brachte.
-
-Hofmeister.
-O verzeyhn Sie mir, Sie sind jung und sehen alles noch
-aus dem vortheilhaftesten Gesichtspunkt an: man muß
-erst eine Weile unter den Menschen gelebt haben um
-Charaktere beurtheilen zu können. Der Herr Pätus, oder
-wie er da heißt, hat sich Ihnen bisher immer nur unter
-der Maske gezeigt; jetzt kommt sein wahres Gesicht
-erst ans Tageslicht: er muß einer der feinsten und
-abgefeimtesten Betrüger gewesen seyn, denn die
-treuherzigen Spitzbuben...
-
-Pätus. (in Reisekleidern fällt Berg um den Hals)
-Bruder Berg--
-
-Fritz v. Berg.
-Bruder Pätus--
-
-Pätus.
-Nein--laß--zu Deinen Füßen muß ich liegen--Dich
-hier--um meinetwillen. (rauft sich das Haar mit
-beyden Händen und stampft mit den Füßen) O Schicksal!
-Schicksal! Schicksal!
-
-Fritz.
-Nun wie ists? Hast Du Geld mitgebracht? Ist Dein
-Vater versöhnt? Was bedeutet Dein Zurückkommen?
-
-Pätus.
-Nichts, nichts--Er hat mich nicht vor sich gelassen--
-Hundert Meilen umsonst gereißt!--Ihr Diener, Ihr
-Herren. Bollwerk wein' nicht, Du erniedrigst mich zu
-tief, wenn Du gut für mich denkst--O Himmel, Himmel!
-
-Fritz.
-So bist Du der ärgste Narr, der auf dem Erdboden
-wandelt. Warum kommst Du zurück? Bist Du wahnwitzig?
-Haben alle Deine Sinne Dich verlassen? Willst Du, daß
-die Kreditores Dich gewahr werden--Fort! Bollwerk,
-führ ihn fort; sieh daß Du ihn sicher aus der Stadt
-bringst--Ich höre den Pedell--Pätus, ewig mein Feind,
-wo Du nicht im Augenblick--
-
-Pätus. (wirft sich ihm zu Füßen)
-
-Fritz.
-Ich möchte rasend werden.--
-
-Bollwerk.
-So sey doch nun kein Narr, da Berg so großmüthig ist
-und für Dich sitzen bleiben will; sein Vater wird ihn
-schon auslösen: aber wenn Du einmal sitzest, so ist
-keine Hofnung mehr für Dich; Du must im Gefängniß
-verfaulen.
-
-Pätus.
-Gebt mir einen Degen her ...
-
-Fritz.
-Fort!--
-
-Bollwerk.
-Fort!--
-
-Pätus.
-Ihr thut mir eine Barmherzigkeit, wenn ihr mir einen
-Degen--
-
-Seiffenblase.
-Da haben Sie meinen...
-
-Bollwerk. (greift ihn in den Arm)
-Herr--Schurke! Lassen Sie--Stecken Sie nicht ein!
-Sie sollen nicht umsonst gezogen haben. Erst will ich
-meinen Freund in Sicherheit und dann erwarten Sie mich
-hier--Draußen, wohl zu verstehen; also vor der Hand
-zur Thür hinaus! (wirft ihn zur Thür hinaus)
-
-Hofmeister.
-Mein Herr Bollwerk--
-
-Bollwerk.
-Kein Wort, Sie--gehen Sie Ihrem Jungen nach und lehren
-Sie ihn, kein schlechter Kerl seyn--Sie können mich
-haben wo und wie Sie wollen. (der Hofmeister geht ab)
-
-Pätus.
-Bollwerk! ich will Dein Sekundant seyn.
-
-Bollwerk.
-Narr auch! Du thust als--Willst Du mir den Handschuh
-vielleicht halten, wenn ich vorher eins übern Daumen
-pisse?--Was brauchts da Sekundanten. Komm nur fort
-und sekundire Dich zur Stadt hinaus, Hasenfuß.
-
-Pätus.
-Aber ihrer sind zwey.
-
-Bollwerk.
-Ich wünschte, daß ihrer zehn wären und keine
-Seiffenblasen drunter--So komm doch, und mach Dich
-nicht selbst unglücklich, närrischer Kerl.
-
-Pätus.
-Berg!--(Bollwerk reißt ihn mit sich fort)
-
-
-
-Dritter Akt.
-
-
-Erste Scene.
-
-In Heidelbrunn.
-
-Der Major. (im Nachtwämmschen) Der geheime Rath.
-
-
-Major.
-Bruder, ich bin der alte nicht mehr. Mein Herz sieht
-zehnmal toller aus als mein Gesicht--Es ist sehr gut,
-daß Du mich besuchst; wer weiß, ob wir uns so lang mehr
-sehen.
-
-Geh. Rath.
-Du bist immer ausschweifend, in allen Stücken--Dir
-ein Nichts so zu Herzen gehen zu lassen!--Wenn Deiner
-Tochter die Schönheit abgeht, so bleibt sie doch immer
-noch das gute Mädchen, das sie war; so kann sie hundert
-andre liebenswürdige Eigenschaften besitzen.
-
-Major.
-Ihre Schönheit--Hol mich der Teufel, es ist nicht
-das allein, was ihr abgeht; ich weiß nicht, ich werde
-noch den Verstand verlieren, wenn ich das Mädchen
-lang unter Augen behalte. Ihre Gesundheit ist hin,
-ihre Munterkeit, ihre Lieblichkeit, weiß der Teufel,
-wie man das Dings all nennen soll; aber obschon ichs
-nicht nennen kann, so kann ichs doch sehen, so kann
-ichs doch fühlen und begreifen, und Du weist, daß ich
-aus dem Mädchen meinen Abgott gemacht habe. Und daß
-ich sie so sehn muß unter meinen Händen hinsterben,
-verwesen.--(weint) Bruder geheimer Rath, Du hast keine
-Tochter; Du weißt nicht, wie einem Vater zu Muth seyn
-muß, der eine Tochter hat. Ich hab dreyzehn Bataillen
-beygewohnt und achtzehn Blessuren bekommen, und hab
-den Tod vor Augen gesehen und bin--O laß mich
-zufrieden; pack Dich zu meinem Haus hinaus; laß die
-ganze Welt sich fortpacken. Ich will es anstecken
-und die Schaufel in die Hand nehmen und Bauer werden.
-
-Geh. Rath.
-Und Frau und Kinder--
-
-Major.
-Du beliebst zu scherzen: ich weiß von keiner Frau und
-Kindern, ich bin Major Berg gottseligen Andenkens und
-will den Pflug in die Hand nehmen und will Vater Berg
-werden, und wer mir zu nahe kommt, dem geb ich mit
-meiner Hack' über die Ohren.
-
-Geh. Rath.
-So schwermerisch-schwermüthig hab ich ihn doch nie
-gesehen.
-
-(Die Majorin stützt herein.)
-
-Majorin.
-Zu Hülfe Mann--Wir sind verloren--Unsere Familie!
-unsere Familie!
-
-Geh. Rath.
-Gott behüt Frau Schwester! Was stehen Sie an: Wollen
-Sie Ihren Mann rasend machen?
-
-Majorin.
-Er soll rasend werden--Unsere Familie--Infamie!--
-O ich kann nicht mehr--(fällt auf einen Stuhl)
-
-Major. (geht auf sie zu)
-Willst Du mit der Sprach' heraus?--Oder ich dreh Dir
-den Hals um.
-
-Majorin.
-Deine Dochter--Der Hofmeister.--Lauf! (fällt in Ohnmacht)
-
-Major.
-Hat er sie zur Hure gemacht? (schüttelt sie) Was fällst
-Du da hin; jetzt ists nicht Zeit zum hinfallen. Heraus
-mit, oder das Wetter soll Dich zerschlagen. Zur Hure
-gemacht? Ists das?--Nun so werd' denn die ganze Welt
-zur Hure und Du Berg nimm die Mistgabel in die Hand--
-(will gehen)
-
-Geh. Rath. (hält ihn zurück)
-Bruder, wenn Du Dein Leben lieb hast, so bleib hier--
-Ich will alles untersuchen--Deine Wut macht Dich
-unmündig. (geht ab und schließt die Thür zu)
-
-Major. (arbeitet vergebens sie aufzumachen)
-Ich werd Dich beunmündig--(zu seiner Frau) Komm, komm,
-Hure, Du auch! sieh zu. (reißt die Thür auf) Ich will
-ein Exempel statuiren--Gott hat mich bis hieher
-erhalten, damit ich an Weib und Kindern Exempel
-statuiren kann--Verbrannt, verbrannt, verbrannt!
-(schleppt seine Frau ohnmächtig vom Theater)
-
-
-Zweyte Scene.
-
-Eine Schule im Dorf
-Es ist finstrer Abend.
-Wenzeslaus. Läuffer.
-
-
-Wenzeslaus. (sitzt an einem Tisch, die Brill auf der
-Nase und lineirt)
-Wer da? Was giebts?
-
-Läuffer.
-Schutz! Schutz! werther Herr Schulmeister! Man steht
-mir nach dem Leben.
-
-Wenzeslaus.
-Wer ist Er denn?
-
-Läuffer.
-Ich bin Hofmeister im benachbarten Schloß. Der Major
-Berg ist mit all seinen Bedienten hinter mir und wollen
-mich erschießen.
-
-Wenzeslaus.
-Behüte--Setz' Er Sich hier nieder zu mir--Hier hat
-Er meine Hand: Er soll sicher bey mir seyn--Und nun
-erzehl Er mir, derweil ich diese Vorschrift hier
-schreibe.
-
-Läuffer.
-Lassen Sie mich erst zu mir selber kommen.
-
-Wenzeslaus.
-Gut, verschnauf' Er Sich und hernach will ich Ihm ein
-Glas Wein geben lassen und wollen eins zusammen trinken.
-Unterdessen, sag er mich doch--Hofmeister--(legt das
-Lineal weg, nimmt die Brille ab und sieht ihn eine
-Weile an) Nun ja, nach dem Rock zu urtheilen.--Nun
-nun, ich glaubs Ihm, daß Er der Hofmeister ist. Er
-sieht ja so roth und weiß drein. Nun sag Er mir aber
-doch, mein lieber Freund, (setzt die Brille wieder auf)
-wie ist Er denn zu dem Unstern gekommen, daß Sein Herr
-Patron so entrüstet auf Ihn ist? Ich kann mirs doch
-nimmermehr einbilden, daß ein Mann, wie der Herr Major
-von Berg--Ich kenne ihn wohl; ich habe genug von ihm
-reden hören; er soll freilich von einem hastigen
-Temperament seyn; viel Cholera, viel Cholera--Sehen
-Sie, da muß ich meinen Buben selber die Linien ziehen,
-denn nichts lernen die Bursche so schwer als das
-Gradeschreiben, das Gleichschreiben--Nicht zierlich
-geschrieben; nicht geschwind geschrieben; sag' ich
-immer, aber nur grad geschrieben, denn das hat seinen
-Einfluß in alles, auf die Sitten, auf die Wissenschaften,
-in alles, lieber Herr Hofmeister. Ein Mensch, der nicht
-grad schreiben kann, sag' ich immer, der kann auch nicht
-grad handeln--Wo waren wir?
-
-Läuffer.
-Dürft' ich mir ein Glas Wasser ausbitten?
-
-Wenzeslaus.
-Wasser?--Sie sollen haben. Aber--ja wovon redten wir?
-Vom Gradschreiben; nein vom Major--he he he--Aber
-wissen Sie auch Herr--Wie ist Ihr Name?
-
-Läuffer.
-Mein--Ich heiße--Mandel.
-
-Wenzeslaus.
-Herr Mandel--Und darauf mußten Sie Sich noch besinnen?
-Nun ja, man hat bisweilen Abwesenheiten des Geistes;
-besonders die jungen Herren weiß und roth--Sie heißen
-unrecht Mandel; Sie sollten Mandelblüthe heißen, denn
-Sie sind ja weiß und roth wie Mandelblüthe--Nun ja
-freilich, der Hofmeisterstand ist einer von denen,
-unus ex his, die alleweile mit Rosen und Lilien
-überstreut sind, und wo einen die Dornen des Lebens
-nur gar selten stechen. Denn was hat man zu thun? Man
-ißt, trinkt, schläft, hat für nichts zu sorgen; sein
-gut Glas Wein gewiß, seinen Braten täglich, alle
-Morgen seinen Kaffee, Thee, Schokolade, oder was man
-trinkt und das geht denn immer so fort--Nun ja, ich
-wollt Ihnen sagen: wissen Sie auch, Herr Mandel, daß
-ein Glas Wasser der Gesundheit eben so schädlich auf
-eine heftige Gemüthsbewegung als auf eine heftige
-Leibesbewegung; aber freylich, was fragt Ihr jungen
-Herren Hofmeister nach der Gesundheit--Denn sagt mir
-doch, (legt Brille und Lineal weg und steht auf) wo
-in aller Welt kann das der Gesundheit gut thun, wenn
-alle Nerven und Adern gespannt sind und das Blut ist
-in der heftigsten Cirkulation und die Lebensgeister
-sind alle in einer--Hitze, in einer--
-
-Läuffer.
-Um Gotteswillen der Graf Wermuth--(springt in eine
-Kammer)
-
-(Graf Wermuth mit ein Paar Bedienten, die Pistolen
-tragen)
-
-Graf.
-Ist hier ein gewisser Läuffer--Ein Student im blauen
-Rock mit Tressen?
-
-Wenzeslaus.
-Herr, in unserm Dorf ists die Mode, daß man den Hut
-abzieht, wenn man in die Stube tritt und mit dem Herrn
-vom Hause spricht.
-
-Graf.
-Die Sache pressirt--Sagt mir, ist er hier oder nicht?
-
-Wenzeslaus.
-Und was soll er denn verbrochen haben, daß Ihr ihn so
-mit gewafneter Hand sucht?(Graf will in die Kammer, er
-stellt sich vor die Thür) Halt Herr! Die Kammer ist
-mein, und wo Ihr nicht augenblicklich Euch aus meinem
-Hause packt, so zieh ich nur an meiner Schelle und
-ein halb Dutzend handfester Bauerkerle schlägt Euch
-zu morsch Pulver-Granatenstücken. Seyd Ihr Strassenräuber,
-so muß man Euch als Strassenräubern begegnen. Und damit
-Ihr Euch nicht verirrt und den Weg zum Haus' hinaus so
-gut findt als Ihr ihn hinein gefunden habt--(faßt ihn
-an die Hand und führt ihn zur Thür hinaus: die Bedienten
-folgen ihm)
-
-Läuffer. (springt aus der Kammer hervor)
-Glücklicher Mann! Beneidenswerther Mann!
-
-Wenzeslaus. (in der obigen Attitude)
-In--Die Lebensgeister sagt' ich, sind in einer--
-Begeisterung, alle Passionen sind gleichsam in einer
-Empörung, in einem Aufruhr--Nun wenn Ihr da Wasser
-trinkt, so gehts, wie wenn man in eine mächtige Flamme
-Wasser schüttet. Die starke Bewegung der Luft und der
-Krieg zwischen den beyden entgegengesetzten Elementen
-macht eine Effervescenz, eine Gährung, eine Unruhe,
-ein tumultuarisches Wesen.--
-
-Läuffer.
-Ich bewundere Sie...
-
-Wenzeslaus.
-Gottlieb!--Jetzt können Sie schon allgemach trinken--
-Allgemach--und denn werden Sie auf den Abend mit einem
-Sallat und Knackwurst vorlieb nehmen--Was war das für
-ein ungeschliffener Kerl, der nach Ihnen suchte?
-
-Läuffer.
-Es ist der Graf Wermuth, der künftige Schwiegersohn des
-Majors; er ist eifersüchtig auf mich, weil das Fräulein
-ihn nicht leiden kann--
-
-Wenzeslaus.
-Aber was soll denn das auch? Was will das Mädchen denn
-auch mit ihm Monsieur Jungfernknecht? Sich ihr Glück zu
-verderben, um eines solchen jungen Siegfrieds willen,
-der nirgends Haus oder Heerd hat? Das laß Er sich aus
-dem Kopf und folg' Er mir nach in die Küche. Ich seh,
-mein Bube ist fortgangen, mir Bratwürste zu holen. Ich
-will ihm selber Wasser schöpfen, denn Magd hab' ich
-nicht und an eine Frau hab' ich mich noch nicht
-unterstanden zu denken, weil ich weiß, daß ich keine
-ernähren kann--geschweige denn eine drauf angesehen,
-wie Ihr junge Herren Weiß und Roth--Aber man sagt wohl
-mit Recht, die Welt verändert sich.
-
-
-Dritte Scene.
-
-In Heidelbrunn.
-Der Geheime Rath. Herr von Seiffenblase, und sein
-Hofmeister.
-
-
-Hofmeister.
-Wir haben uns in Halle nur ein Jahr aufgehalten und
-als wir von Göttingen kamen, nahmen wir unsere Rückreise
-über alle berühmte Universitäten in Deutschland. Wir
-konnten also in Halle das zweytemal nicht lange
-verweilen; zudem saß Ihr Herr Sohn grade zu der Zeit
-in dem unglücklichen Arrest, wo ich ihn nur einigemal
-zu sprechen die Ehre haben konnte: also könnt ich Ihnen
-aufrichtig von der Führung Dero Herrn Sohns draussen
-keine umständliche Nachricht geben.
-
-Geh. Rath.
-Der Himmel verhängt Strafen über unsre ganze Familie.
-Mein Bruder--Ich wills Ihnen nur nicht verheelen,
-denn leider ist Stadt und Land voll davon--hat das
-Unglück gehabt, daß seine Tochter ihm verschwunden ist,
-ohne daß eine Spur von ihr anzutreffen--Ich höre itzt
-von meinem Sohn--Wenn er sich gut geführt hätte, wie
-wärs möglich gewesen, ihn ins Gefängniß zu bringen?
-Ich hab ihm ausser seinem starken Wechsel noch alle
-halbe Jahr außerordentliche geschickt; auf allen Fall--
-
-Hofmeister.
-Die bösen Gesellschaften; die erstaunenden Verführungen
-auf Akademien.
-
-Seiffenblase.
-Das seltsamste dabey ist, daß er für einen andern sitzt;
-ein Ausbund aller Lüderlichkeit, ein Mensch, für den
-ich keinen Groschen ausgäbe und er auf meinem Misthaufen
-Hungers krepirte. Er ist hier gewesen, Sie werden von
-ihm gehört haben; er suchte Geld bey seinem Vater,
-unter dem Vorwand, Ihren Herrn Sohn auszulösen;
-vermuthlich wär' er damit auf eine andere Akademie
-gegangen und hätte von frischem angefangen zu
-wirthschaften. Ich weiß schon, wie's die lüderlichen
-Studenten machen, aber sein Vater hat den Braten gerochen
-und hat ihn nicht vor sich kommen lassen.
-
-Geh. Rath.
-Doch wohl nicht der junge Pätus, des Rathsherrn Sohn?
-
-Seiffenblase.
-Ich glaub', es ist derselbe.
-
-Geh. Rath.
-Jedermann hat dem Vater die Härte verdacht.
-
-Hofmeister.
-Ja was ist da zu verdenken, mein gnädiger Herr geheimer
-Rath; wenn ein Sohn die Güte des Vaters zu sehr
-misbraucht, so muß sich das Vaterherz wohl ab von ihm
-wenden. Der Hohepriester Eli war nicht hart und brach
-den Hals.
-
-Geh. Rath.
-Gegen die Ausschweifungen seiner Kinder kann man nie
-zu hart seyn, aber wol gegen ihr Elend. Der junge Mensch
-soll hier haben betteln müssen. Und mein Sohn sitzt um
-seinetwillen?
-
-Seiffenblase.
-Was anders? Er war sein vertrautester Freund und fand
-niemand würdiger, mit ihm die Komödie von DAMON und
-PYTHIAS zu spielen. Noch mehr, Herr Pätus kam zurück
-und wollte seinen Platz wieder einnehmen, aber Ihr
-Sohn bestund drauf, er wollte sitzen bleiben: Sie
-würden ihn schon auslösen, und Pätus mit einem andern
-Erzrenomisten und Spieler wollten die Flucht nehmen
-und sich zu helfen suchen, so gut sie könnten.
-Vielleicht überfallen sie wieder so irgend einen
-armen Studenten mit Masken vor den Gesichtern auf der
-Stube und nehmen ihm die Uhr und Goldbörse, mit der
-Pistol auf der Brust, weg, wie sie's in Halle schon
-einem gemacht haben.
-
-Geh. Rath.
-Und mein Sohn ist der dritte aus diesem Kleeblatt?
-
-Seiffenblase.
-Ich weiß nicht, Herr geheimer Rath.
-
-Geh. Rath.
-Kommen Sie zum Essen, meine Herren! Ich weiß schon
-zuviel. Es ist ein Gericht Gottes über gewisse Familien;
-bey einigen sind gewisse Krankheiten erblich, bey
-andern arten die Kinder aus, die Väter mögen thun was
-sie wollen. Essen Sie: ich will fasten und bethen,
-vielleicht hab' ich diesen Abend durch die
-Ausschweifungen meiner Jugend verdient.
-
-
-Vierte Scene.
-
-Die Schule.
-Wenzeslaus und Läuffer.
-(an einem ungedeckten Tisch speisend)
-
-
-Wenzeslaus.
-Schmeckts? Nicht wahr, es ist ein Abstand von meinem
-Tisch und des Majors? Aber wenn der Schulmeister
-Wenzeslaus seine Wurst ißt, so hilft ihm das gute
-Gewissen verdauen, und wenn der Herr Mandel
-Kapaunenbraten mit der Schampignonsauce aß, so stieß
-ihm sein Gewissen jeden Bissen, den er hinabschluckte,
-mit der Moral wieder in Hals zurück: Du bist ein--
-Denn sagt mir einmal, lieber Herr Mandel; nehmt mir
-nicht übel, daß ich Euch die Wahrheit sage; das würzt
-das Gespräch wie Pfeffer den Gurkensallat; sagt mir
-einmal, ist das nicht hundsvöttisch, wenn ich davon
-überzeugt bin, daß ich ein Ignorant bin, und meine
-Untergebenen nichts lehren kann, und also müßig bey
-ihnen gehe und sie müßig gehen lasse, und dem lieben
-Gott ihren Tag stehlen und doch hundert Dukaten--
-Wars nicht soviel? Gott verzeyh mir, ich hab in meinem
-Leben nicht so viel Geld auf einem Haufen beisammen
-gesehen! Hundert funfzig Dukaten, sag' ich, in Sack
-stecke, für nichts und wieder nichts!
-
-Läuffer.
-O! und Sie haben noch nicht alles gesagt, Sie kennen
-Ihren Vorzug nicht ganz, oder fühlen ihn, ohn' ihn zu
-kennen. Haben Sie nie einen Sklaven im betreßten Rock
-gesehen? O Freyheit, güldene Freyheit!
-
-Wenzeslaus.
-Ey was Freyheit! Ich bin auch so frey nicht; ich bin
-an meine Schule gebunden, und muß Gott und meinem
-Gewissen Rechenschaft von geben.
-
-Läuffer.
-Eben das--Aber wie, wenn Sie den Grillen eines
-wunderlichen Kopfs davon Rechenschaft ablegen müsten,
-der mit Ihnen umgienge hundertmal ärger als Sie mit
-Ihren Schulknaben?
-
-Wenzeslaus.
-Ja nun--dann müst' er aber auch an Verstand so weit
-über mich erhaben seyn, wie ich über meine Schulknaben,
-und das trift man selten, glaub ich wol; besonders
-bey unsern Edelleuten; da mögt Ihr wohl recht haben:
-wenigstens der Flegel da, der mir vorhin in meine
-Kammer wollte, ohne mich vorher um Erlaubniß zu bitten.
-Wenn ich zum Herrn Grafen käme und wollt ihm, mir
-nichts, dir nichts, die Zimmer visitiren--Aber potz
-Millius, so eßt doch; Ihr macht ja ein Gesicht, als
-ob Ihr zu Taxieren einnähmt. Nicht wahr, Ihr hättet
-gern ein Glas Wein dazu? Ich hab Euch zwar vorhin eins
-versprochen, aber ich habe keinen im Hause. Morgen
-werd' ich wieder bekommen, und da trinken wir Sonntags
-und Donnerstags, und wenn der Organist Franz zu uns
-kommt, extra. Wasser, Wasser, mein Freund, ariston men
-to udwr, das hab ich noch von der Schule mitgebracht,
-und da eine Pfeife dazu geraucht nach dem Essen im
-Mondenschein und einen Gang ums Feld gemacht; da läßt
-sich drauf schlafen, vergnügter als der große Mogul--
-Ihr raucht doch eins mit heut?
-
-Läuffer.
-Ich wills versuchen; ich hab' in meinem Leben nicht
-geraucht.
-
-Wenzeslaus.
-Ja freylich, Ihr Herren Weiß und Roth, das verderbt
-Euch die Zähne. Nicht wahr? und verderbt Euch die
-Farbe; nicht wahr? Ich habe geraucht, als ich kaum
-von meiner Mutter Brust entwöhnt war; die Warze mit
-dem Pfeifenmundstück verwechselt. He he he! Das ist
-gut wider die böse Luft und wider die bösen Begierden
-ebenfalls. Das ist so meine Diät: des Morgens kalt
-Wasser und eine Pfeife, dann Schul gehalten bis Eilfe,
-dann wieder eine Pfeife bis die Suppe fertig ist: die
-kocht mir mein Gottlieb so gut als Eure französische
-Köche, und da ein Stück Gebratenes und Zugemüse und
-dann wieder eine Pfeife, dann wieder Schul gehalten,
-dann Vorschriften geschrieben bis zum Abendessen; da
-eß' ich denn gemeiniglich kalt etwas, eine Wurst mit
-Sallat, ein Stück Käs oder was der liebe Gott gegeben
-hat und dann wieder eine Pfeife vor Schlafengehen.
-
-Läuffer.
-Gott behüte, ich bin in eine Tabagie gekommen--
-
-Wenzeslaus.
-Und da werd' ich dick und fett bey und lebe vergnügt
-und denke noch ans Sterben nicht.
-
-Läuffer.
-Es ist aber doch unverantwortlich, daß die Obrigkeit
-nicht dafür sorgt, Ihnen das Leben angenehmer zu machen.
-
-Wenzeslaus.
-Ey was, es ist nun einmal so; und damit muß man zufrieden
-seyn: bin ich doch auch mein eignet Herr und hat kein
-Mensch mich zu schikanieren, da ich alle Tage weiß,
-daß ich mehr thu' als ich soll. Ich soll meinen Buben
-lesen und schreiben lehren; ich lehre sie rechnen dazu
-und lateinisch dazu und mit Vernunft lesen dazu und
-gute Sachen schreiben dazu.
-
-Läuffer.
-Und was für Lohn haben Sie dafür?
-
-Wenzeslaus.
-Was für Lohn?--Will Er denn das kleine Stückchen Wurst
-da nicht aufessen? Er kriegt nichts bessers; wart' Er
-auf nichts bessers, oder Er muß das erstemal Seines
-Lebens hungrig zu Bette gehn--Was für Lohn? Das war
-dumm gefragt, Herr Mandel. Verzeyh Er mir; was für
-Lohn? Gottes Lohn hab ich dafür, ein gutes Gewissen
-und wenn ich da vielen Lohn von der Obrigkeit begehren
-wollte, so hätt' ich ja meinen Lohn dahin. Will Er
-denn den Gurkensallat durchaus verderben lassen? So
-eß Er doch; so sey Er doch nicht blöde: bey einer
-schmalen Mahlzeit muß man zum Kuckuck nicht blöde seyn.
-Wart Er, ich will Ihm noch ein Stück Brod abschneiden.
-
-Läuffer.
-Ich bin satt überhörig.
-
-Wenzeslaus.
-Nun so laß Ers stehen; aber es ist seine eigne Schuld
-wenn's nicht wahr ist. Und wenn es wahr ist, so hat Er
-unrecht, daß Er Sich überhörig satt ißt, denn das macht
-böse Begierden und schläfert den Geist ein. Ihr Herren
-Weiß und Roth mögts glauben oder nicht. Man sagt zwar
-auch vom Toback, daß er ein narkotisches,
-schläfrigmachendes, dummmachendes Oel habe und ich
-hab's bisweilen auch wol so wahrgefunden und bin
-versucht worden, Pfeife und allen Henker ins Kamin
-zu werfen, aber unsere Nebel hier herum beständig und
-die feuchte Winter- und Herbstluft alleweile und denn
-die vortrefliche Wirkung, die ich davon verspüre, daß
-es zugleich die bösen Begierden mit einschläfert--
-Holla, wo seyd Ihr denn, lieber Mann? Eben da ich vom
-Einschläfern rede, nickt Ihr schon; so gehts, wenn
-der Kopf leer ist und faul dabey und niemals ist
-angestrengt worden. Allons! frisch, eine Pfeife mit
-mir geraucht! (stopft sich und ihm) Laßt uns noch
-eins mit einander plaudern. (raucht) Ich hab Euch
-schon vorhin in der Küche sagen wollen: ich sehe,
-daß Ihr schwach in der Latinität seyd, aber da Ihr
-doch eine gute Hand schreibt, wie Ihr sagt, so könntet
-Ihr mir doch so Abends an die Hand gehen, weil ich
-meiner Augen muß anfangen zu schonen, und meinen
-Buben die Vorschriften schreiben. Ich will Euch
-dabey Corderii Colloquia geben und Gürtleri Lexicon;
-wenn Ihr fleißig seyn wollt. Ihr habt ja den ganzen
-Tag für Euch, so könnt Ihr Euch in der lateinischen
-Sprache was umthun, und wer weiß wenn es Gott gefällt
-mich heute oder morgen von der Welt zu nehmen--Aber
-Ihr müßt fleißig seyn, das sag' ich Euch, denn so
-seyd Ihr ja noch kaum zum Kollaborator tüchtig,
-geschweige denn--(trinkt)
-
-Läuffer. (legt die Pfeife weg)
-Welche Demüthigung!
-
-Wenzeslaus.
-Aber ... aber ... aber (reißt ihm den Zahnstocher aus
-dem Munde) was ist denn das da? Habt Ihr denn noch nicht
-einmal so viel gelernt, großer Mensch, daß Ihr für Euren
-eignen Körper Sorge tragen könnt. Das Zähnestochern ist
-ein Selbstmord; ja ein Selbstmord, eine muthwillige
-Zerstöhrung Jerusalems, die man mit seinen Zähnen
-vornimmt. Da, wenn Euch was im Zahn sitzen bleibt:
-(nimmt Wasser und schwängt den Mund aus) So müßt Ihrs
-machen, wenn Ihr gesunde Zähne behalten wollt, Gott
-und eurem Nebenmenschen zu Ehren, und nicht einmal im
-Alter herumlaufen, wie ein alter Kettenhund, dem die
-Zähne in der Jugend ausgebrochen worden, und der die
-Kinnbacken nicht zusammenhalten kann. Das wird einen
-schönen Schulmeister abgeben, wills Gott, wenn ihm
-aufs Alter die Worte ungebohren zum Munde herausfallen
-und er zwischen Nase und Oberlippen da was
-herausschnarcht, das kein Hund oder Hahn versteht.
-
-Läuffer.
-Der wird mich noch zu Tode meistern--Das unerträglichste
-ist, daß er Recht hat--
-
-Wenzeslaus.
-Nun wie gehts? Schmeckt Euch der Toback nicht? Ich
-wette, nur ein paar Tage noch mit dem alten Wenzeslaus
-zusammen, so werdt Ihr rauchen wie ein Bootsknecht.
-Ich will Euch nach meiner Hand ziehen, daß Ihr Euch
-selber nicht mehr wieder kennen sollt.
-
-
-
-Vierter Akt.
-
-
-Erste Scene.
-
-Zu Insterburg.
-
-Geheimer Rath. Major.
-
-
-Major.
-Hier Bruder--Ich schweife wie Kain herum, unstät und
-flüchtig--Weißt Du was? Die Russen sollen Krieg mit
-den Türken haben; ich will nach Königsberg gehn, um
-nähere Nachrichten einzuziehen: ich will mein Weib
-verlassen und in der Türkey sterben.
-
-Geh. Rath.
-Deine Ausschweifungen schlagen mich vollends zu Boden.--
-O Himmel, muß es denn von allen Seiten stürmen?--Da liß
-den Brief vom Professor M–r.
-
-Major.
-Ich kann nicht mehr lesen; ich hab meine Augen fast
-blind geweint.
-
-Geh. Rath.
-So will ich dir vorlesen, damit Du siehst, daß Du nicht
-der einzige Vater seyst, der sich zu beklagen hat: "Ihr
-Sohn ist vor einiger Zeit wegen Bürgschaft gefänglich
-eingezogen worden: er hat, wie er mir vorgestern mit
-Thränen gestanden, nach fünf vergeblich geschriebenen
-Briefen keine Hofnung mehr, von Eurer Excellenz
-Verzeihung zu erhalten. Ich redte ihm zu, sich zu
-beruhigen, bis ich gleichfalls in dieser Sache mich
-vermittelt hätte: er versprach es mir, ist aber
-ungeachtet dieses Versprechens noch in derselben Nacht
-heimlich aus dem Gefängniß entwischt. Die Schuldner
-haben ihm Steckbriefe nachsenden und seinen Namen in
-allen Zeitungen bekannt machen wollen; ich habe sie
-aber dran verhindert und für die Summe gutgesagt, weil
-ich viel zu sehr überzeugt bin, daß Eure Excellenz
-diesen Schimpf nicht werden auf Dero Familie kommen
-lassen. Uebrigens habe die Ehre, in Erwartung Dero
-Entschlusses mich mit vollkommenster" ...
-
-Major.
-Schreib ihm zurück: sie sollen ihn hängen.
-
-Geh. Rath.
-Und die Familie--
-
-Major.
-Lächerlich! Es giebt keine Familie; wir haben keine
-Familie. Narrenspossen! Die Russen sind meine Familie:
-ich will Griechisch werden.
-
-Geh. Rath.
-Und noch keine Spur von Deiner Tochter?
-
-Major.
-Was sagst Du?
-
-Geh. Rath.
-Hast nicht die geringste Nachricht von Deiner Tochter?
-
-Major.
-Laß mich zufrieden.
-
-Geh. Rath.
-Es ist doch Dein Ernst nicht, nach Königsberg zu reisen?
-
-Major.
-Wenn mag doch die Post abgehn von Königsberg nach Warschau?
-
-Geh. Rath.
-Ich werde Dich nicht fortlassen; es ist nur umsonst.
-Meynst Du, vernünftige Leute werden sich von Deinen
-Phantasien übertölpeln lassen? Ich kündige Dir hiermit
-Hausarrest an. Gegen Leute, wie Du bist, muß man Ernst
-gebrauchen, sonst verwandelt sich ihr Gram in Narrheit.
-
-Major. (weint)
-Ein ganzes Jahr--Bruder geheimer Rath--Ein ganzes
-Jahr--und niemand weiß, wohin sie gestoben oder geflogen
-ist?
-
-Geh. Rath.
-Vielleicht todt--
-
-Major.
-Vielleicht?--Gewiß todt--und wenn ich nur den Trost
-haben könnte, sie noch zu begraben--aber sie muß sich
-selbst umgebracht haben, weil mir niemand Anzeige von
-ihr geben kann.--Eine Kugel durch den Kopf, Berg, oder
-einen Türkenpallasch; das wär eine Victorie.
-
-Geh. Rath.
-Es ist ja eben so wohl möglich, daß sie den Läuffer
-irgendwo angetroffen und mit dem aus dem Lande gegangen.
-Gestern hat mich Graf Wermuth besucht und hat mir gesagt,
-er sey denselben Abend noch in eine Schule gekommen, wo
-ihn der Schulmeister nicht hab' in die Kammer lassen
-wollen: er vermuthet immer noch, der Hofmeister habe
-drinn gesteckt, vielleicht Deine Tochter bey ihm.
-
-Major.
-Wo ist der Schulmeister? Wo ist das Dorf? Und der
-Schurke von Grafen ist nicht mit Gewalt in die Kammer
-eingedrungen? Komm: wo ist der Graf?
-
-Geh. Rath.
-Er wird wohl wieder im Hecht abgestiegen seyn, wie
-gewöhnlich.
-
-Major.
-O wenn ich sie auffände--Wenn ich nur hoffen könnte,
-sie noch einmal wieder zu sehen--Hol mich der Kuckuk,
-so alt wie ich bin und abgegrämt und wahnwitzig; ja hol
-mich der Teufel, dann wollt' ich doch noch in meinem
-Leben wieder einmal lachen, das letztemal laut lachen
-und meinen Kopf in ihren entehrten Schooß legen und
-denn wieder einmal heulen und denn--Adieu Berg! Das
-wäre mir gestorben, das hieß mir sanft und selig im
-Herrn entschlafen.--Komm Bruder, Dein Junge ist nur
-ein Spitzbube geworden: das ist nur Kleinigkeit; an
-allen Höfen giebts Spitzbuben; aber meine Tochter ist
-eine Gassenhure, das heiß' ich einem Vater Freud machen:
-vielleicht hat sie schon drey Lilien auf dem Rücken.--
-Vivat die Hofmeister und daß der Teufel sie holt! Amen.
-
-(gehn ab)
-
-
-Zweite Scene.
-
-Eine Bettlerhütte im Walde.
-Augustchen. (im groben Kittel.)
-Marthe. (ein alt blindes Weib)
-
-
-Gustchen.
-Liebe Marthe, bleibt zu Hause und seht wohl nach dem
-Kinde: es ist das erstemal, daß ich Euch allein lasse
-in einem ganzen Jahr; also könnt Ihr mich nun wohl
-auch einmal einen Gang für mich thun lassen. Ihr habt
-Proviant für heut und Morgen; Ihr braucht also heute
-nicht auf der Landstraß auszustehn.
-
-Marthe.
-Aber wo wollt Ihr denn hin, Grethe; das Gott erbarm!
-da Ihr noch so krank und so schwach seyd; laßt Euch
-doch sagen: ich hab auch Kinder bekommen und ohne viele
-Schmerzen, so wie Ihr, Gott sey Dank! aber einmal hab
-ichs versucht, den zweyten Tag nach der Niederkunft
-auszugehen und nimmermehr wieder; ich hatte schon meinen
-Geist aufgegeben, wahrlich ich könne Euch sagen, wie
-einem Todten zu Muthe ist--Laßt Euch doch lehren; wenn
-Ihr was im nächsten Dorf zu bestellen habt, obschon ich
-blind bin, ich will schon hinfinden; bleibt nur zu Hause
-und macht daß Ihr zu Kräften kommt: ich will alles für
-Euch ausrichten, was es auch sey.
-
-Gustchen.
-Laßt mich nur, Mutter; ich hab Kräfte wie eine junge
-Bärin--und seht nach meinem Kinde.
-
-Marthe.
-Aber wie soll ich denn darnach sehen, Heilige Mutter
-Gottes! da ich blind bin? Wenn es wird saugen wollen,
-soll ichs an meine schwarze verwelkte Zitzen legen?
-und es mit zu nehmen, habt Ihr keine Kräfte, bleibt zu
-Hause, liebes Grethel, bleibt zu Hause.
-
-Gustchen.
-Ich darf nicht, liebe Mutter, mein Gewissen treibt mich
-fort von hier. Ich hab' einen Vater, der mich mehr
-liebt als sein Leben und seine Seele. Ich habe die
-vorige Nacht im Traum gesehen, daß er sich die weissen
-Haare ausriß und Blut in den Augen hatte: er wird
-meynen, ich sey todt. Ich muß ins Dorf und jemand
-bitten, daß er ihm Nachricht von mir giebt.
-
-Marthe.
-Aber hilf lieber Gott, wer treibt Euch denn? Wenn Ihr
-nun unterwegens liegen bleibt? Ihr könnt nicht fort...
-
-Gustchen.
-Ich muß--Mein Vater stand wankend; auf einmal warf
-er sich auf die Erde und blieb todt liegen--Er bringt
-sich um, wenn er keine Nachricht von mir bekommt.
-
-Marthe.
-Wißt Ihr denn nicht, daß Träume grade das Gegentheil
-bedeuten?
-
-Gustchen.
-Bey mir nicht--Laßt mich--Gott wird mit mir seyn.
-(geht ab)
-
-
-Dritte Scene.
-
-Die Schule.
-Wenzeslaus. Läuffer. (an einem Tisch sitzend) Der Major.
-Der Geheime Rath und Graf Wermuth.
-(treten herein mit Bedienten)
-
-
-Wenzeslaus. (läßt die Brille fallen)
-Wer da?
-
-Major. (mit gezogenem Pistol)
-Daß Dich das Wetter! da sitzt der Haas im Kohl. (schießt
-und trift Läuffern in Arm, der vom Stuhl fällt)
-
-Geh. Rath. (der vergeblich versucht hat ihn zurückzuhalten)
-Bruder--(stößt ihn unwillig) So hab's denn darnach,
-Tollhäusler!
-
-Major.
-Was? ist er todt? (schlägt sich vors Gesicht) Was hab
-ich gethan? Kann Er mir keine Nachricht mehr von meiner
-Tochter geben?
-
-Wenzeslaus.
-Ihr Herren! Ist das jüngste Gericht nahe, oder sonst
-etwas? Was ist das? (zieht an seiner Schelle) Ich will
-Euch lehren, einen ehrlichen Mann in seinem Hause
-überfallen.
-
-Läuffer.
-Ich beschwör' Euch: schellt nicht!--Es ist der Major;
-ich hab's an seiner Tochter verdient.
-
-Geh. Rath.
-Ist kein Chirurgus im Dorf, ehrlicher Schulmeister! Er
-ist nur am Arm verwundet, ich will ihn kuriren lassen.
-
-Wenzeslaus.
-Ey was kuriren lassen! Straßenräuber! schießt man Leute
-übern Haufen, weil man so viel hat, daß man sie kuriren
-lassen kann? Er ist mein Kollaborator; er ist eben ein
-Jahr in meinem Hause: ein stiller, friedfertiger,
-fleißiger Mensch, und sein Tage hat man nichts von ihm
-gehört, und Ihr kommt und erschießt mir meinen Kollaborator
-in meinem eignen Hause!--Das soll gerochen werden, oder
-ich will nicht selig sterben. Seht Ihr das!
-
-Geh. Rath. (bemüht Läuffern zu verbinden)
-Wozu das Geschwätz, lieber Mann? Es thut uns leyd genug--
-Aber die Wunde könnte sich verbluten, schaft uns nur
-einen Chirurgus.
-
-Wenzeslaus.
-Ey was! Wenn Ihr Wunden macht, so mögt Ihr sie auch
-heilen, Strassenräuber! Ich muß doch nur zum Gevatter
-Schöpsen gehen. (geht ab)
-
-Major. (zu Läuffern)
-Wo ist meine Tochter?
-
-Läuffer.
-Ich weiß es nicht.
-
-Major.
-Du weißt nicht? (zieht noch eine Pistol hervor)
-
-Geh. Rath. (entreißt sie ihm und schießt sie aus dem
-Fenster ab)
-Sollen wir Dich mit Ketten binden lassen, Du--
-
-Läuffer.
-Ich habe sie nicht gesehen, seit ich aus Ihrem Hause
-geflüchtet bin; das bezeug' ich vor Gott, vor dessen
-Gericht ich vielleicht bald erscheinen werde.
-
-Major.
-Also ist sie nicht mit Dir gelaufen?
-
-Läuffer.
-Nein.
-
-Major.
-Nun denn; so wieder eine Ladung Pulver umsonst verschossen!
-Ich wollt, sie wäre Dir durch den Kopf gefahren, da Du
-kein gescheutes Wort zu reden weißt, Lumpenhund! Laßt
-ihn liegen und kommt bis ans Ende der Welt. Ich muß
-meine Tochter wieder haben, und wenn nicht in diesem
-Leben, doch in jener Welt, und da soll mein hochweiser
-Bruder und mein hochweiseres Weib mich wahrhaftig nicht
-von abhalten (läuft fort.)
-
-Geh. Rath.
-Ich darf ihn nicht aus den Augen lassen. (wirft Läuffern
-einen Beutel zu) Lassen Sie Sich davon kuriren, und
-bedenken Sie, daß Sie meinen Bruder weit gefährlicher
-verwundet haben, als er Sie. Es ist ein Bankozettel
-drin, geben Sie Acht drauf und machen ihn sich zu Nutz
-so gut Sie können. (gehn alle ab)
-
-(Wenzeslaus kömmt mit dem Barbier Schöpsen und einigen
-Bauerkerlen)
-
-Wenzeslaus.
-Wo ist das Otterngezüchte? Redet!
-
-Läuffer.
-Ich bitt Euch, seyd ruhig. Ich habe weit weniger bekommen,
-als meine Thaten werth waren. Meister Schöpsen, ist
-meine Wunde gefährlich?
-
-(Schöpsen besieht sie)
-
-Wenzeslaus.
-Was denn? Wo sind sie? Das leid ich nicht; nein, das
-leid ich nicht und sollt es mich Schul und Amt und Haar
-und Bart kosten. Ich will sie zu Morsch schlagen, die
-Hunde--Stellen Sie Sich vor, Herr Gevatter; wo ist das
-in aller Welt in iure naturae, und in iure civili, und
-im iure canonico, und im iure gentium, und wo Sie
-wollen, wo ist das erhört, daß man einem ehrlichen Mann
-in sein Haus fällt und in eine Schule dazu; an heiliger
-Stätte--Gefährlich; nicht wahr? Haben Sie sondirt? Ists?
-
-Schöpsen.
-Es ließe sich viel drüber sagen--nun doch wir wollen
-sehen--am Ende wollen wir schon sehen.
-
-Wenzeslaus.
-Ja Herr, he he, in fine videbitur cuius toni; das heißt,
-wenn er wird todt seyn, oder wenn er völlig gesund seyn
-wird, da wollen Sie uns erst sagen, ob die Wunde
-gefährlich war oder nicht: das ist aber nicht medicinisch
-gesprochen; verzeyh Er mir. Ein tüchtiger Arzt muß das
-Dings vorher wissen, sonst sag' ich ihm ins Gesicht: er
-hat seine Pathologie oder Chirurgie nur so halbwege
-studirt und ist mehr in die Bordells gangen, als in
-die Kollegia; denn in amore omnia insunt vitia, und
-wenn ich einen Ignoranten sehe, er mag seyn aus was
-für einer Fakultät er wolle, so sag' ich immer: er ist
-ein Jungfernknecht gewesen; ein Hurenhengst; das laß'
-ich mir nicht ausreden.
-
-Schöpsen. (nachdem er die Wunde noch einmal besichtigt)
-Ja die Wunde ist, nachdem man sie nimmt--Wir wollen
-sehen, wir wollen sehen.
-
-Läuffer.
-Hier, Herr Schulmeister! hat mir des Majors Bruder einen
-Beutel gelassen, der ganz schwer von Dukaten ist und
-obenein ist ein Bankozettel drinn--Da sind wir auf viel
-Jahre geholfen.
-
-Wenzeslaus. (hebt den Beutel)
-Nun das ist etwas--Aber Hausgewalt bleibt doch
-Hausgewalt und Kirchenraub, Kirchenraub--Ich will
-ihm einen Brief schreiben, dem Herrn Major. den er
-nicht ins Fenster stecken soll.
-
-Schöpsen. (der sich die Weil' über vergessen und eifrig
-nach dem Beutel gesehen, fällt wieder über die Wunde her)
-Sie wird sich endlich schon kuriren lassen, aber sehr
-schwer, hoff' ich, sehr schwer--
-
-Wenzeslaus.
-Das hoff' ich nicht, Herr Gevatter Schöpsen; das fürcht'
-ich, das fürcht' ich--aber ich will Ihm nur zum voraus
-sagen, daß wenn Er die Wunde langsam kurirt, so kriegt
-Er auch langsame Bezahlung; wenn Er ihn aber in zwey
-Tagen wieder auf frischen Fuß stellt, so soll Er auch
-frisch bezahlt werden; darnach kann Er sich richten.
-
-Schöpsen.
-Wir wollen sehen.
-
-
-Vierte Scene.
-
-
-Gustchen. (liegend, an einem Teich mit Gesträuch umgeben)
-Soll ich denn hier sterben?--Mein Vater! Mein Vater!
-gieb mir die Schuld nicht, daß Du nicht Nachricht von
-mir bekömmst. Ich hab meine letzten Kräfte angewandt--
-sie sind erschöpft--Sein Bild, o sein Bild steht mir
-immer vor den Augen! Er ist todt, ja todt--und für Gram
-um mich--Sein Geist ist mir diese Nacht erschienen,
-mir Nachricht davon zu geben--mich zur Rechenschaft
-dafür zu fodern--Ich komme, ja ich komme. (raft sich
-auf und wirft sich in Teich.)
-
-Major. (von weitem)
-Geh. Rath und Graf Wermuth. (folgen ihm)
-
-Major.
-Hey! hoh! da giengs in Teich--Ein Weibsbild wars und
-wenn gleich nicht meine Tochter, doch auch ein
-unglücklich Weibsbild--Nach, Berg! Das ist der Weg
-zu Gustchen oder zur Hölle! (springt ihr nach)
-
-Geh. Rath. (kommt)
-Gott im Himmel! was sollen wir anfangen?
-
-Graf Wermuth.
-Ich kann nicht schwimmen.
-
-Geh. Rath.
-Auf die andere Seite!--Mich deucht, er haschte das
-Mädchen ... Dort--dort hinten im Gebüsch.--Sehen Sie
-nicht? Nun treibt er den Teich mit ihr hinunter--Nach!
-
-
-Fünfte Scene.
-
-(Eine andere Seite des Teichs, Hinter der Scene Geschrey.)
-"Hülfe! 's meine Tochter! Sakkerment und all das Wetter!
-Graf! reicht mir doch die Stange:
-daß Euch die schwere Noth."
-
-Major Berg. (trägt Gustchen aufs Theater)
-Geheimer Rath und Graf. (folgen)
-
-Major.
-Da!--(setzt sie nieder. Geheimer Rath und Graf suchen
-sie zu ermuntern) Verfluchtes Kind! habe ich das an Dir
-erziehen müssen! (kniet nieder bey ihr) Gustel! was
-fehlt Dir? Hast Wasser eingeschluckt? Bist noch mein
-Gustel?--Gottlose Kanaille! Hättst Du mir nur ein
-Wort vorher davon gesagt; ich hätte dem Lausejungen
-einen Adelbrief gekauft, da hättet ihr können zusammen
-kriechen.--Gott behüt! so helft ihr doch; sie ist ja
-ohnmächtig. (springt auf, ringt die Hände; umhergehend)
-Wenn ich nur wüst', wo der maledeyte Chirurgus vom Dorf
-anzutreffen wäre.--Ist sie noch nicht wach?
-
-Gustchen. (mit schwacher Stimme)
-Mein Vater!
-
-Major.
-Was verlangst Du?
-
-Gustchen.
-Verzeihung.
-
-Major. (geht auf sie zu)
-Ja verzeih Dirs der Teufel, ungerathenes Kind.--Nein,
-(kniet wieder bey ihr) fall nur nicht hin, mein Gustel--
-mein Gustel! Ich verzeih Dir; ist alles vergeben und
-vergessen--Gott weiß es: ich verzeih Dir--Verzeih Du
-mir nur! Ja aber nun ists nicht mehr zu ändern. Ich hab
-dem Hundsvott eine Kugel durch den Kopf geknallt.
-
-Geh. Rath.
-Ich denke, wir tragen sie fort.
-
-Major.
-Laßt stehen! Was geht sie euch an? Ist sie doch Eure
-Tochter nicht. Bekümmert Euch um Euer Fleisch und Bein
-daheime. (Er nimmt sie auf die Arme) Da Mädchen--Ich
-sollte wohl wieder nach dem Teich mit Dir--(schwenkt
-sie gegen den Teich zu) aber wir wollen nicht eher
-schwimmen als bis wir's Schwimmen gelernt haben, meyn'
-ich.--(drückt sie an sein Herz) O du mein einzig
-theurester Schatz! Daß ich dich wieder in meinen Armen
-tragen kann, gottlose Kanaille! (trägt sie fort)
-
-
-Sechste Scene.
-
-In Leipzig.
-Fritz von Berg. Pätus.
-
-
-Fritz.
-Das einzige, was ich an Dir auszusetzen habe, Pätus.
-Ich habe Dirs schon lang sagen wollen: untersuche Dich
-nur selbst; was ist die Ursach zu all Deinem Unglück
-gewesen? Ich tadle es nicht, wenn man sich verliebt. Wir
-sind in den Jahren; wir sind auf der See, der Wind treibt
-uns, aber die Vernunft muß immer am Steuerruder bleiben,
-sonst jagen wir auf die erste beste Klippe und scheitern.
-Die Hamstern war eine Kokette, die aus Dir machte, was
-sie wollte; sie hat Dich um Deinen letzten Rock, um
-Deinen guten Namen und um den guten Namen Deiner Freunde
-dazu gebracht: ich dächte, da hättest Du klug werden
-können. Die Rehaarin ist ein unverführtes unschuldiges
-jugendliches Lamm: wenn man gegen ein Herz, das sich
-nicht vertheidigen will, noch vertheidigen kann, alle
-mögliche Batterien spielen läßt, um es--was soll ich
-sagen? zu zerstören, einzuäschern, das ist unrecht,
-Bruder Pätus, das ist unrecht. Nimm mirs nicht übel,
-wir können so nicht gute Freunde zusammen bleiben. Ein
-Mann, der gegen ein Frauenzimmer es so weit treibt,
-als er nur immer kann, ist entweder ein Theekessel oder
-ein Bösewicht; ein Theekessel, wenn er sich selbst nicht
-beherrschen kann, die Ehrfurcht, die er der Unschuld
-und Tugend schuldig ist, aus den Augen zu setzen: oder
-ein Bösewicht, wenn er sich selbst nicht beherrschen
-will und wie der Teufel im Paradiese sein einzig Glück
-darin setzt, ein Weib ins Verderben zu stürzen.
-
-Pätus.
-Predige nur nicht, Bruder! Du hast Recht; es reuet mich,
-aber ich schwöre Dir, ich kann drauf fluchen, daß ich
-das Mädchen nicht angerührt habe.
-
-Fritz.
-So bist Du doch zum Fenster hineingestiegen und die
-Nachbarn habens gesehen, meynst Du, ihre Zunge wird so
-verschämt seyn, wie Deine Hand vielleicht gewesen ist?
-Ich kenne Dich, ich weiß, so dreust Du scheinst, bist
-Du doch blöde gegen's Frauenzimmer und darum lieb ich
-Dich: aber wenns auch nichts mehr wäre, als daß das
-Mädchen ihren guten Namen verliert, und eine
-Musikantentochter dazu, ein Mädchen, das alles von
-der Natur empfieng: vom Glück nichts, der ihre einzige
-Aussteuer, ihren guten Namen, zu rauben--Du hast
-sie unglücklich gemacht, Pätus.--
-
-(Herr Rehaar kommt, eine Laute unterm Arm.)
-
-Rehaar.
-Ergebener Diener von Ihnen; ergebener Diener, Herr von
-Berg, wünsche schönen guten Morgen. Wie haben Sie
-geschlafen und wie stehts Konzertchen? (setzt sich
-und stimmt) Haben Sie's durchgespielt? (stimmt) Ich
-habe die Nacht einen heßlichen Schrecken gehabt, aber
-ich wills dem eingedenk seyn.--Sie kennen ihn wohl,
-es ist einer von ihren Landsleuten. Twing, twing. Das
-ist eine verdammte Quinte! Will sie doch mein Tage
-nicht recht tönen; ich will Ihnen Nachmittag eine andere
-bringen.
-
-Fritz. (setzt sich mit seiner Laute)
-Ich hab das Koncert noch nicht angesehen.
-
-Rehaar.
-Ey Ey, faules Herr von Bergchen, noch nicht angesehen?
-Twing! Nachmittag bring ich Ihnen eine andre. (legt die
-Laute weg und nimmt eine Prise) Man sagt: die Türken
-sind über die Donau gegangen und haben die Russen brav
-zurückgepeitscht, bis--Wie heißt doch nun der Ort?
-Bis Otschakof, glaub' ich; was weiß ich? so viel sag
-ich Ihnen, wenn Rehaar unter ihnen gewesen wäre, was
-meynen Sie? Er wäre noch weiter gelaufen. Ha ha ha!
-(nimmt die Laute wieder) Ich sag Ihnen, Herr von Berg,
-ich hab keine größere Freude, als wenn ich wieder einmal
-in der Zeitung lese, daß eine Armee gelaufen ist. Die
-Russen sind brave Leute, daß sie gelaufen sind; Rehaar
-wär auch gelaufen und alle gescheute Leute, denn wozu
-nützt das Stehen und sich todtschlagen lassen, ha ha ha.
-
-Fritz.
-Nicht wahr, das ist der erste Grif?
-
-Rehaar.
-Ganz recht; den zweiten Finger etwas mehr übergelegt und
-mit dem kleinen abgerissen, so--Rund, rund den Triller,
-rund Herr von Bergchen--Mein seliger Vater pflegt' immer
-zu sagen, ein Musikus muß keine Kourage haben, und ein
-Musikus der Herz hat, ist ein Hundsfut. Wenn er sein
-Konzertchen spielen kann und seinen Marsch gut bläst--
-Das hab' ich auch dem Herzog von Kurland gesagt, als
-ich nach Petersburg gieng, das erstemal in der Suite
-vom Prinzen Czartorinsky, und vor ihm spielen mußte.
-Ich muß noch lachen; als ich in den Saal kam und wollt'
-ihm mein tief tief Kompliment machen, sah' ich nicht,
-daß der Fußboden von Spiegel war und die Wände auch von
-Spiegel, und fiel herunter wie ein Stück Holz und schlug
-mir ein gewaltig Loch in Kopf: da kamen die Hofkavaliere
-und wollten mich drüber necken. Leidt das nicht, Rehaar,
-sagte der Herzog, Ihr habt ja einen Degen an der Seite;
-leidt das nicht. Ja, sage ich, Ew. Herzoglichen Majestät,
-mein Degen ist seit Anno Dreißig nicht aus der Scheide
-gekommen, und ein Musikus braucht den Degen nicht zu
-ziehen, denn ein Musikus, der Herz hat und den Degen
-zieht, ist ein Hundsfut und kann sein Tag auf keinem
-Instrument was vor sich bringen--Nein, nein, das dritte
-Chor wars, k, k, so--Rein, rein, den Triller rund und
-den Daumen unten nicht bewegt, so--
-
-Pätus. (der sich die Zeit über seitwärts gehalten,
-tritt hervor und bietet Rehaar die Hand)
-Ihr Diener, Herr Rehaar; wie gehts?
-
-Rehaar. (hebt sich mit der Laute)
-Ergebener Die--Wie solls gehen, Herr Pätus? Toujours
-content, jamais d'argent: das ist des alten Rehaars
-Sprichwort, wissen Sie, und die Herren Studenten wissens
-alle; aber darum geben sie mir doch nichts--Der Herr
-Pätus ist mir auch noch schuldig, von der letzten
-Serenade, aber er denkt nicht dran...
-
-Pätus.
-Sie sollen haben, liebster Rehaar; in acht Tagen erwart'
-ich unfehlbar meinen Wechsel.
-
-Rehaar.
-Ja, Sie haben schon lang gewartet, Herr Pätus, und
-Wechselchen ist doch nicht kommen. Was ist zu thun,
-man muß Geduld haben, ich sag immer, ich begegne
-keinem Menschen mit so viel Ehrfurcht als einem
-Studenten: denn ein Student ist nichts, das ist wahr,
-aber es kann doch alles aus ihm werden. (er legt die
-Laute auf den Tisch und nimmt eine Prise) Aber was
-haben Sie mir denn gemacht, Herr Pätus? Ist das recht;
-ist das auch honett gehandelt? Sind mir gestern zum
-Fenster hineingestiegen, in meiner Tochter Schlafkammer.
-
-Pätus.
-Was denn, Vaterchen? ich? ...
-
-Rehaar. (läßt die Dose fallen)
-Ja ich will Dich bevaterchen und ich werd' es gehörigen
-Orts zu melden wissen, Herr, daß seyn Sie versichert.
-Meiner Tochter Ehr' ist mir lieb und es ist ein honettes
-Mädchen, hol's der Henker! und wenn ichs nur gestern
-gemerkt hätte oder wär' aufgewacht, ich hätt Euch zum
-Fenster hinausgehenselt, daß Ihr das Unterste zu Oberst--
-Ist das honett, ist das ehrlich? Pfuy Teufel, wenn ich
-Student bin, muß ich mich auch als Student aufführen,
-nicht als ein Schlingel--Da haben mirs die Nachbarn
-heut gesagt: ich dacht ich sollte den Schlag drüber
-kriegen, Augenblicks hat mir das Mädchen auf den
-Postwagen müssen und das nach Kurland zu ihrer Tante;
-ja nach Kurland, Herr, denn hier ist ihre Ehr' hin und
-wer zahlt mir nun die Reisekosten? Ich habe warhaftig
-den ganzen Tag keine Laut' anrühren können und über
-die funfzehn Quinten sind mir heut gesprungen. Ja Herr,
-ich zittere noch am ganzen Leibe und Herr Pätus, ich
-will ein Hühnchen mit Ihnen pflücken. Es soll nicht
-so bleiben; ich will Euch Schlingeln lehren ehrlicher
-Leute Kinder verführen.
-
-Pätus.
-Herr, schimpf Er nicht, oder--
-
-Rehaar.
-Sehen Sie nur an, Herr von Berg! sehn Sie einmal an--
-wenn ich nun Herz hätte, ich fodert' ihn augenblicklich
-vor die Klinge--Sehen Sie, da steht er und lacht mir
-noch in die Zähne obenein. Sind wir denn unter Türken
-und Heiden, daß ein Vater nicht mehr mit seiner Tochter
-sicher ist? Herr Pätus, Sie sollen mirs nicht umsonst
-gethan haben, ich sags Ihnen und sollts bis an den
-Kuhrfürsten selber kommen. Unter die Soldaten mit
-solchen lüderlichen Hunden! Dem Kalbsfell folgen,
-das ist gescheidter! Schlingel seyd ihr und keine
-Studenten!
-
-Pätus. (giebt ihm eine Ohrfeige)
-Schimpf Er nicht; ich habs Ihm fünfmal gesagt!.
-
-Rehaar. (springt auf, das Schnupftuch vorm Gesicht)
-So? Wart--Wenn ich doch nur den rothen Fleck
-behalten könnte, bis ich vorn Magnifikus komme--
-Wenn ich ihn doch nur acht Tage behalten könnte,
-daß ich nach Dresden reise und ihn dem Kuhrfürsten
-zeige--Wart, es soll Dir zu Hause kommen, wart,
-wart--Ist das erlaubt? (weint) Einen Lautenisten
-zu schlagen? weil er Dir seine Tochter nicht geben
-will, daß Du Lautchen auf ihr spielen kannst?--Wart,
-ich wills seiner Kuhrfürstlichen Majestät sagen, daß
-Du mich ins Gesicht geschlagen hast. Die Hand soll
-Dir abgehauen werden--Schlingel! (läuft ab, Pätus
-will ihm nach; Fritz hält ihn zurück)
-
-Fritz.
-Pätus! Du hast schlecht gehandelt. Er war beleidigter
-Vater, Du hättest ihn schonen sollen.
-
-Pätus.
-Was schimpfte der Schurke?
-
-Fritz.
-Schimpfliche Handlungen verdienen Schimpf. Er konnte
-die Ehre seiner Tochter auf keine andere Weise rächen,
-aber es möchten sich Leute finden--
-
-Pätus.
-Was? Was für Leute?
-
-Fritz.
-Du hast sie entehrt, Du hast ihren Vater entehrt. Ein
-schlechter Kerl, der sich an Weiber und Musikanten wagt,
-die noch weniger als Weiber sind.
-
-Pätus.
-Ein schlechter Kerl?
-
-Fritz.
-Du sollst ihm öffentlich abbitten.
-
-Pätus.
-Mit meinem Stock.
-
-Fritz.
-So werd ich Dir in seinem Namen antworten.
-
-Pätus. (schreyt)
-Was willst Du von mir?
-
-Fritz.
-Genugthuung für Rehaarn.
-
-Pätus.
-Du wirst mich doch nicht zwingen wollen; einfältiger
-Mensch--
-
-Fritz.
-Ja, ich will Dich zwingen, kein Schurke zu seyn.
-
-Pätus.
-Du bist einer--Du mußt Dich mit mir schlagen.
-
-Fritz.
-Herzlich gern--wenn Du Rehaarn nicht Satisfaktion giebst.
-
-Pätus.
-Nimmermehr.
-
-Fritz.
-Es wird sich zeigen.
-
-
-
-Fünfter Akt.
-
-
-Erste Scene.
-
-Die Schule.
-Läuffer. Marthe. (ein Kind auf dem Arm)
-
-
-Marthe.
-Um Gotteswillen! helft einer armen blinden Frau und
-einem unschuldigen Kinde, das seine Mutter verloren hat.
-
-Läuffer. (giebt ihr was)
-Wie seyd Ihr denn hergekommen, da Ihr nicht sehen könnt?
-
-Marthe.
-Mühselig genug. Die Mutter dieses Kindes war meine
-Leiterin; sie gieng eines Tags aus dem Hause, zwey Tage
-nach ihrer Niederkunft, Mittags gieng sie fort und wollt'
-auf den Abend wiederkommen, sie soll noch wiederkommen.
-Gott schenk ihr die ewige Freud und Herrlichkeit!
-
-Läuffer.
-Warum thut Ihr den Wunsch?
-
-Marthe.
-Weil sie todt ist, das gute Weib; sonst hätte sie ihr
-Wort nicht gebrochen. Ein Arbeitsmann vom Hügel ist mir
-begegnet, der hat sie sich in Teich stürzen sehen. Ein
-alter Mann ist hinter ihr drein gewesen und hat sich
-nachgestürzt; das muß wohl ihr Vater gewest seyn.
-
-Läuffer.
-O Himmel! Welch ein Zittern--Ist das ihr Kind?
-
-Marthe.
-Das ist es; sehen Sie nur, wie rund es ist, von lauter
-Kohl und Rüben aufgefüttert. Was sollt' ich Arme machen;
-ich konnt' es nicht stillen, und da mein Vorrath auf
-war, macht' ichs wie Hagar, nahm das Kind auf die
-Schulter und gieng auf Gottes Barmherzigkeit.
-
-Läuffer.
-Gebt es mir auf den Arm--O mein Herz!--Daß ichs an
-mein Herz drücken kann--Du gehst mir auf, furchtbares
-Rätzel! (nimmt das Kind auf den Arm und tritt damit vor
-den Spiegel) Wie? dies wären nicht meine Züge? (fällt
-in Ohnmacht; das Kind fängt an zu schreyen)
-
-Marthe.
-Fallt Ihr hin? (hebt das Kind vom Boden auf) Sußchen,
-mein liebes Sußchen! (das Kind beruhigt sich) Hört! was
-habt Ihr gemacht? Er antwortet nicht: ich muß doch um
-Hülfe rufen; ich glaube, ihm ist weh worden. (geht hinaus)
-
-
-Zweyte Scene.
-
-Ein Wäldchen vor Leipzig.
-Fritz von Berg und Pätus. (stehn mit gezogenem Degen)
-Rehaar.
-
-
-Fritz.
-Wird es bald?
-
-Pätus.
-Willst Du anfangen?
-
-Fritz.
-Stoß Du zuerst.
-
-Pätus. (wirft den Degen weg)
-Ich kann mich mit Dir nicht schlagen.
-
-Fritz.
-Warum nicht? Nimm ihn auf. Hab ich Dich beleidigt, so
-muß ich Dir Genugthuung geben.
-
-Pätus.
-Du magst mich beleidigen wie Du willst, ich brauch
-keine Genugthuung von Dir.
-
-Fritz.
-Du beleidigst mich.
-
-Pätus. (rennt auf ihn zu und umarmt ihn)
-Liebster Berg! Nimm es für keine Beleidigung, wenn
-ich Dir sage, Du bist nicht im Stande mich zu beleidigen.
-Ich kenne Dein Gemüth--und ein Gedanke daran macht mich
-zur feigsten Memme auf dem Erdboden. Laß uns gute
-Freunde bleiben, ich will mich gegen den Teufel selber
-schlagen, aber nicht gegen Dich.
-
-Fritz.
-So gieb Rehaarn Satisfaktion, eh zieh' ich nicht ab
-von hier.
-
-Pätus.
-Das will ich herzlich gern, wenn er's verlangt.
-
-Fritz.
-Er ist immatrikulirt, wie Du; Du hast ihn ins Gesicht
-geschlagen--Frisch Rehaar, zieht!
-
-Rehaar. (zieht)
-Ja, aber er muß seinen Degen da nicht aufheben.
-
-Fritz.
-Sie sind nicht gescheidt. Wollen Sie gegen einen
-Menschen ziehen, der sich nicht wehren kann?
-
-Rehaar.
-Ey laß die gegen bewehrte Leute ziehen, die Kourage
-haben. Ein Musikus muß keine Kourage haben, und Herr
-Pätus, Er soll mir Satisfaktion geben--(stößt auf
-ihn zu. Pätus weicht zurück) Satisfaktion geben.
-(stößt Pätus in den Arm. Fritz legirt ihm den Degen)
-
-Fritz.
-Jetzt seh' ich, daß Sie Ohrfeigen verdienen, Rehaar.
-Pfuy!
-
-Rehaar.
-Ja was soll ich denn machen, wenn ich kein Herz habe?
-
-Fritz.
-Ohrfeigen einstecken und das Maul halten.
-
-Pätus.
-Still Berg! ich bin nur geschrammt. Herr Rehaar, ich
-bitt Sie um Verzeyhung. Ich hätte Sie nicht schlagen
-sollen, da ich wußte, daß Sie nicht im Stande waren,
-Genugthuung zu fodern; vielweniger hätt' ich Ihnen
-Ursache geben sollen, mich zu schimpfen. Ich gesteh's,
-diese Rache ist noch viel zu gering für die
-Beleidigungen, die ich Ihrem Hause angethan: ich will
-sehen, sie auf eine bessere Weise gut zu machen, wenn
-das Schicksal meinen guten Vorsätzen beysteht. Ich
-will Ihrer Tochter nachreisen; ich will sie heyrathen.
-In meinem Vaterlande wird sich schon eine Stelle für
-mich finden, und wenn auch mein Vater bey seinen
-Lebzeiten sich nicht besänftigen ließe, so ist mir
-doch eine Erbschaft von funfzehntausend Gulden gewiß.
-(umarmt ihn). Wollen Sie mir Ihre Tochter bewilligen?
-
-Rehaar.
-Ey was! ich hab nichts dawider, wenn Ihr ordentlich
-und ehrlich um sie anhaltet, und im Stand seyd, sie zu
-versorgen--Ha ha ha! hab' ichs doch mein Tag gesagt:
-mit den Studenten ist gut auskommen. Die haben doch
-noch Honnettetät im Leibe, aber mit den Officiers--
-Die machen einem Mädchen ein Kind und kräht nicht Hund
-oder Hahn nach: das macht, weil sie alle kuraschöse
-Leute seyn, und sich müssen todtschlagen lassen. Denn
-wer Kourage hat, der ist zu allen Lastern fähig.
-
-Fritz.
-Sie sind ja auch Student. Kommen Sie; wir haben lange
-keinen Punsch zusammen gemacht; wir wollen auf die
-Gesundheit Ihrer Tochter trinken.
-
-Rehaar.
-Ja und Ihr Lautenkonzertchen dazu, Herr von Bergchen.
-Ich hab Ihnen jetzt drey Stund nach einander geschwänzt,
-und weil ich auch honett denke, so will ich heute dafür
-drey Stunden nach einander auf Ihrem Zimmerchen bleiben
-und wollen Lautchen spielen, bis dunkel wird.
-
-Pätus.
-Und ich will die Violin dazu streichen.
-
-
-Dritte Scene.
-
-Die Schule.
-Läuffer. (liegt zu Bette.)
-Wenzeslaus.
-
-
-Wenzeslaus.
-Das Gott! was giebts schon wieder, daß Ihr mich von
-der Arbeit abrufen laßt? Seyd Ihr schon wieder schwach?
-Ich glaube, das alte Weib war eine Hexe.--Seit der
-Zeit habt Ihr keine gesunde Stunde mehr.
-
-Läuffer.
-Ich werd' es wohl nicht lange mehr machen.
-
-Wenzeslaus.
-Soll ich Gevatter Schöpsen rufen lassen?
-
-Läuffer.
-Nein.
-
-Wenzeslaus.
-Liegt Euch was auf dem Gewissen? Sagt mirs, entdeckt
-mirs, unverholen.--Ihr blickt so scheu umher, daß es
-einem ein Grauen einjagt; frigidus per ossa--Sagt mir,
-was ists?--Als ob er jemand todt geschlagen hätte--
-Was verzerrt Ihr denn die Lineamenten so--Behüt Gott,
-ich muß doch nur zu Schöpsen--
-
-Läuffer.
-Bleibt--Ich weiß nicht, ob ich recht gethan--Ich
-habe mich kastrirt...
-
-Wenzeslaus.
-Wa--Kastrir--Da mach ich Euch meinen herzlichen
-Glückwunsch drüber, vortreflich, junger Mann, zweiter
-Origenes! Laß Dich umarmen, theures, auserwähltes
-Rüstzeug! Ich kann's Euch nicht verheelen, fast--fast
-kann ich dem Heldenvorsatz nicht widerstehen, Euch
-nachzuahmen. So recht, werther Freund! Das ist die
-Bahn, auf der Ihr eine Leuchte der Kirche, ein Stern
-erster Größe, ein Kirchenvater selber werden könnt.
-Ich glückwünsche euch, ich ruf Euch ein Jubilate und
-Evoë zu, mein geistlicher Sohn--Wär' ich nicht über
-die Jahre hinaus, wo der Teufel unsern ersten und
-besten Kräften sein arglistiges Netz ausstellt, gewiß
-ich würde mich keinen Augenblick bedenken.--
-
-Läuffer.
-Bey alle dem, Herr Schulmeister, gereut es mich.
-
-Wenzeslaus.
-Wie, es gereut Ihn? Das sey ferne, werther Herr Mitbruder!
-Er wird eine so edle That doch nicht mit thörichter Reue
-verdunkeln und mit sündlichen Thränen besudeln? Ich seh
-schon welche über Sein Augenlied hervorquellen. Schluck'
-Er sie wieder hinunter und sing' Er mit Freudigkeit:
-ich bin der Nichtigkeit entbunden, nun Flügel, Flügel,
-Flügel her. Er wird es doch nicht machen wie Lots Weib
-und sich wieder nach Sodom umsehen, nachdem Er einmal
-das friedfertige stille Zoar erreicht hat? Nein, Herr
-Kollega; ich muß Ihm auch nur sagen, daß Er nicht der
-einzige ist, der den Gedanken gehabt hat. Schon unter
-den blinden Juden war eine Sekte, zu der ich mich gern
-öffentlich bekannt hätte, wenn ich nicht befürchtet,
-meine Nachbarn und meine armen Lämmer in der Schule
-damit zu ärgern: auch hatten sie freilich einige
-Schlacken und Thorheiten dabey, die ich nun eben nicht
-mitmachen möchte. Zum Exempel, daß sie des Sonntags
-nicht einmal ihre Nothdurft verrichteten, welches doch
-wider alle Regeln einer vernünftigen Diät ist, und halt'
-ichs da lieber mit unserm seligen Doktor Luther: was
-hinaufsteigt, das ist für meinen lieben Gott, aber was
-hinunter geht, Teufel, das ist für Dich--Ja wo war ich?
-
-Läuffer.
-Ich fürchte, meine Bewegungsgründe waren von andrer Art ...
-Reue, Verzweiflung--
-
-Wenzeslaus.
-Ja, nun hab ichs--Die Essäer, sag' ich, haben auch
-nie Weiber genommen; es war eins von ihren Grundgesetzen
-und dabey sind sie zu hohem Alter kommen, wie solches
-im Josephus zu lesen. Wie die es nun angefangen, ihr
-Fleisch so zu bezähmen; ob sie es gemacht, wie ich,
-nüchtern und mässig gelebt und brav Toback geraucht,
-oder ob sie Euren Weg eingeschlagen--So viel ist
-gewiß, in amore, in amore omnia insunt vitia und ein
-Jüngling, der diese Klippe vorbeyschifft, Heil, Heil
-ihm, ich will ihm Lorbeern zuwerfen; lauro tempora
-cingam et sublimi fronte sidera pulsabit.
-
-Läuffer.
-Ich fürcht', ich werd' an dem Schnitt sterben müssen.
-
-Wenzeslaus.
-Mit nichten, da sey Gott für. Ich will gleich zu
-Gevatter Schöpsen. Der Fall wird ihm freylich noch
-nie vorgekommen seyn, aber hat er Euch euren Arm kurirt,
-welches doch eine Wunde war, die nicht zu eurer
-Wohlfarth diente, so wird ja Gott auch ihm Gnade zu
-einer Kur geben, die Euer ewiges Seelenheil befördern
-wird. (geht ab)
-
-Läuffer.
-Sein Frohlocken verwundet mich mehr als mein Messer.
-O Unschuld, welch' eine Perle bist du! Seit ich dich
-verloren, that ich Schritt auf Schritt in der Leidenschaft
-und endigte mit Verzweiflung. Möchte dieser Letzte mich
-nicht zum Tode führen, vielleicht könnt' ich itzt wieder
-anfangen zu leben und zum Wenzeslaus wiedergeboren werden.
-
-
-Vierte Scene.
-
-In Leipzig.
-
-Fritz von Berg und Rehaar.
-(begegnen sich auf der Straße)
-
-
-Rehaar.
-Herr von Bergchen, ein Briefchen, unter meinem Kuvert
-gekommen. Herr von Seiffenblase hat an mich geschrieben;
-hat auch Lautchen bey mir gelernt vormals. Er bittet
-mich, ich soll doch diesen Brief einem gewissen Herrn
-von Berg in Leipzig abgeben, wenn er anders noch da
-wäre--O wie bin ich gesprungen!
-
-Fritz.
-Wo hält er sich denn itzt auf, Seiffenblase?
-
-Rehaar.
-Soll es dem Herrn von Berg abgeben, schreibt er, wenn
-Sie anders diesen würdigen Mann kennen. O wie bin ich
-gesprungen--Er ist in Königsberg, der Herr von
-Seiffenblase. Was meynen Sie, und meine Tochter ist
-auch da, und logirt ihm grad gegenüber. Sie schreibt
-mir, die Kathrinchen, daß sie nicht genug rühmen kann,
-was er ihr für Höflichkeit erzeigt, alles um
-meinetwillen; hat sieben Monath bey mir gelernt.
-
-Fritz. (zieht die Uhr aus)
-Liebster Rehaar, ich muß ins Kollegium--Sagen Sie
-Pätus nichts davon, ich bitte Sie--(geht ab)
-
-Rehaar. (ruft ihm nach)
-Auf den Nachmittag--Konzertchen!--
-
-
-Fünfte Scene.
-
-Zu Königsberg in Preußen.
-Geh. Rath. Gustchen. Major.
-(stehn in ihrem Hause am Fenster)
-
-
-Geh. Rath.
-Ist ers?
-
-Gustchen.
-Ja, er ist's.
-
-Geh. Rath.
-Ich sehe doch, die Tante muß ein lüderliches Mensch
-seyn, oder sie hat einen Haß auf ihre Nichte geworfen
-und will sie mit Fleiß ins Verderben stürzen.
-
-Gustchen.
-Aber Onkel, sie kann ihm doch das Haus nicht verbieten.
-
-Geh. Rath.
-Auf das, was ich ihr gesagt?--Wer will's ihr übel
-nehmen, wenn sie zu ihm sagte: Herr von Seiffenblase,
-Sie haben sich auf einem Kaffeehause verlauten lassen,
-Sie wollten meine Nichte zu Ihrer Mätresse machen,
-suchen Sie sich andre Bekanntschaften in der Stadt;
-bey mir kommen Sie unrecht: meine Nichte ist eine
-Ausländerin, die meiner Aufsicht anvertraut ist; die
-sonst keine Stütze hat; wenn sie verführt würde, fiel'
-alle Rechenschaft auf mich. Gott und Menschen müßten
-mich verdammen.
-
-Major.
-Still Bruder! Er kommt heraus und läßt die Nase
-erbärmlich hängen. Ho, ho, ho, daß Du die Krepanz!
-Wie blaß er ist.
-
-Geh. Rath.
-Ich will doch gleich hinüber, und sehn was es gegeben hat.
-
-
-Sechste Scene.
-
-In Leipzig.
-Pätus. (an einem Tisch und schreibt)
-Berg. (tritt herein einen Brief in der Hand)
-
-
-Pätus. (sieht auf und schreibt fort)
-
-Fritz.
-Pätus!--Hast zu thun?
-
-Pätus.
-Gleich--(Fritz spaziert auf und ab) Jetzt--(legt das
-Schreibzeug weg)
-
-Fritz.
-Pätus! ich hab' einen Brief bekommen--und hab nicht
-das Herz, ihn aufzumachen.
-
-Pätus.
-Von wo kommt er? Ists Deines Vaters Hand?
-
-Fritz.
-Nein, von Seiffenblase--aber die Hand zittert mir, so
-bald ich erbrechen will. Brich doch auf. Bruder, und
-ließ mir vor. (wirft sich auf einen Lehnstuhl)
-
-Pätus. (liest)
-"Die Erinnerung so mancher angenehmen Stunden, deren
-ich mich noch mit Ihnen genossen zu haben erinnere,
-verpflichtet mich, Ihnen zu schreiben und Sie an diese
-angenehme Stunden zu erinnern"--Was der Junge für eine
-rasende Orthographie hat.
-
-Fritz.
-Lies doch nur--
-
-Pätus.
-"Und weil ich mich verpflichtet hielt, Ihnen Nachrichten
-von meiner Ankunft und den Neuigkeiten, die allhier
-vorgefallen, als melde Ihnen von Dero werthesten Familie,
-welche leider sehr viele Unglücksfälle in diesem Jahre
-erlebt hat, und wegen der Freundschaft, welche ich in
-Dero Eltern ihrem Hause genossen, sehe mich verpflichtet,
-weil ich weiß, daß Sie mit Ihrem Herrn Vater in
-Misverstäniß und er Ihnen lange wohl nicht wird
-geschrieben haben, so werden Sie auch wohl den
-Unglücksfall nicht wissen mit dem Hofmeister, welcher
-aus Ihres gnädigen Onkels Hause ist gejagt worden,
-weil er Ihre Kusine genothzüchtigt, worüber sie sich
-so zu Gemüth gezogen, daß sie in einen Teich gesprungen,
-durch welchen Trauerfall Ihre ganze Familie in den
-höchsten Schröcken"--Berg! was ist Dir--(begießt ihn
-mit Lavendel) Wie nun Berg? Rede, wird Dir weh--Hätt
-ich Dir doch den verdammten Brief nicht--Ganz gewiß
-ists eine Erdichtung--Berg! Berg!
-
-Fritz.
-Laß mich--Es wird schon übergehn.
-
-Pätus.
-Soll ich jemand holen, der Dir die Ader schlägt.
-
-Fritz.
-O pfuy doch--thu doch so französisch nicht--Ließ mirs
-noch einmal vor.
-
-Pätus.
-Ja, ich werde Dir--Ich will den hunsvöttischen
-malitiösen Brief den Augenblick--(zerreißt ihn)
-
-Fritz.
-Genothzüchtigt--ersäuft. (schlägt sich an die Stirn)
-Meine Schuld! (steht auf) meine Schuld einzig und allein--
-
-Pätus.
-Du bist wohl nicht klug--Willst Dir die Schuld geben,
-daß sie sich vom Hofmeister verführen läßt--
-
-Fritz.
-Pätus, ich schwur ihr, zurückzukommen, ich schwur ihr--
-Die drey Jahr sind verflossen, ich bin nicht gekommen,
-ich bin aus Halle fortgangen, mein Vater hat keine
-Nachrichten von mir gehabt. Mein Vater hat mich
-aufgeben, sie hat es erfahren, Gram--Du kennst ihren
-Hang zur Melancholey--die Strenge ihrer Mutter obenein,
-Einsamkeit, auf dem Lande, betrogne Liebe--Siehst Du
-das nicht ein, Pätus; siehst Du das nicht ein? Ich
-bin ein Bösewicht: ich bin schuld an ihrem Tode. (wirft
-sich wieder in den Stuhl und verhüllt sein Gesicht)
-
-Pätus.
-Einbildungen!--Es ist nicht wahr, es ist so nicht
-gegangen. (stampft mit dem Fuß) Tausend Sapperment,
-daß Du so dumm bist, und alles glaubst, der Spitzbube,
-der Hundsfut, der Bärenhäuter, der Seiffenblase, will
-Dir einen Streich spielen--Laß mich ihn einmal zu
-sehen kriegen.--Es ist nicht wahr, daß sie todt ist,
-und wenn sie todt ist, so hat sie sich nicht selbst
-umgebracht...
-
-Fritz.
-Er kann doch das nicht aus der Luft saugen--Selbst
-umgebracht--(springt auf) O das ist entsetzlich!
-
-Pätus. (stampft abermal mit dem Fuß)
-Nein, sie hat sich selbst nicht umgebracht.
-Seiffenblase lügt; wir müssen mehr Bestätigung haben.
-Du weißt, daß Du ihm einmal im Rausch erzehlt hast,
-daß Du in Deine Kusine verliebt wärst; siehst Du, das
-hat die malitiöse Kanaille aufgefangen--aber weißt
-Du was; weißt Du, was Du thust? Hust ihm was; pfeif
-ihm was; pfuy ihm was, schreib ihm, Ew. Edlen danke
-dienstfreundlichst für Dero Neuigkeiten, und bitte,
-Sie wollen mich im--Das ist der beste Rath, schreib
-ihm zurück: Ihr seyd ein Hundsfut. Das ist das
-vernünftigste, was Du bey der Sache thun kannst.
-
-Fritz.
-Ich will nach Hause reisen.
-
-Pätus.
-So reis' ich mit Dir--Berg, ich laß Dich keinen
-Augenblick allein.
-
-Fritz.
-Aber wovon? Reisen ist bald ausgesprochen--Wenn ich
-keine abschlägige Antwort befürchtete, so wolle ich
-es bey Leichtfuß et Compagnie versuchen, aber ich bin
-ihnen schon hundertfunfzig Dukaten schuldig--
-
-Pätus.
-Wir wollen beyde zusammen hingehn--Wart, wir müssen die
-Lotterie vorbey. Heut ist die Post aus Hamburg angekommen,
-ich will doch unterwegs nachfragen; zum Spaß nur--
-
-
-Siebente Scene.
-
-In Königsberg.
-Geh. Rath (führt) Jungfer Rehaar (an der Hand)
-Augustchen. Major.
-
-
-Geh. Rath.
-Hier, Gustchen, bring ich Dir eine Gespielin. Ihr seyd
-in einem Alter, einem Verhältnisse--Gebt Euch die
-Hand, und seyd Freundinnen.
-
-Gustchen.
-Das bin ich lange gewesen, liebe Mamsell! Ich weiß
-nicht, was es war, das in meinem Busen auf- und abstieg,
-wenn ich Sie aus dem Fenster sah; aber Sie waren in so
-viel Zerstreuungen verwickelt, so mit Kutschenbesuchen
-und Serenaden belästigt, daß ich mit meinem Besuch zu
-unrechter Zeit zu kommen fürchtete.
-
-Jungfer Rehaar.
-Ich wäre Ihnen zuvorgekommen, gnädiges Fräulein, wenn
-ich das Herz gehabt. Allein in ein so vornehmes Haus
-mich einzudrängen, hielt' ich für unbesonnen, und mußte
-dem Zug meines Herzens, das mich schon oft bis vor
-Ihre Thür geführt hat, allemal mit Gewalt widerstehen.
-
-Geh. Rath.
-Stell Dir vor, Major; der Seiffenblase hat auf die
-Warnung, die ich der Frau Dutzend that, und die sie
-ihm wieder erzehlt hat und zwar, wie ichs verlangt,
-unter meinem Namen, geantwortet: er werde sich schon
-an mir zu rächen wissen. Er hat alles das so gut von
-sich abzulehnen gewußt, und ist gleich Tags drauf mit
-dem Minister Deichsel hingefahren kommen, daß die arme
-Frau das Herz nicht gehabt, sich seine Besuche zu
-verbitten. Gestern Nacht hat er zwey Wagen in diese
-Straße bestellt und einen am Brandenburger Thor, das
-wegen des Feuerwerks offen blieb, das erfährt die Madam
-gestern Vormittag schon. Den Nachmittag will er für
-Henkers Gewalt die Mamsell überreden, mit ihm zum
-Minister auf die Assemblee zu fahren, aber Madam
-Dutzend traute dem Frieden nicht, und hat's ihm rund
-abgeschlagen. Zweymal ist er vor die Thür gefahren,
-aber hat wieder umkehren müssen; da seine Karte also
-verzettelt war, wollt' ers heut probiren. Madam Dutzend
-hat ihm nicht allein das Haus verbothen, sondern
-zugleich angedeutet: sie sehe sich genöthigt, sich
-vom Gouverneur Wache vor ihrem Hause auszubitten.
-Da hat er Flammen gespyen, hat mit dem Minister gedroht--
-Um die Madam völlig zu beruhigen, hab' ich ihr
-angetragen: die Mamsell in unser Haus zu nehmen. Wir
-wollen sie auf ein halb Jahr nach Insterburg mitnehmen,
-bis Seiffenblase sie vergessen hat, oder so lang als
-es ihr selber nur da gefallen kann--
-
-Major.
-Ich hab schon anspannen lassen. Wenn wir nach
-Heidelbrunn fahren, Mamsell, so laß ich Sie nicht
-los. Sie müssen mit, oder meine Tochter bleibt mit
-Ihnen in Insterburg.
-
-Geh. Rath.
-Das wär wohl am besten. Ohnehin taugt das Land für
-Gustchen nicht und Mamsel Rehaar laß ich nicht von mir.
-
-Major.
-Gut, daß Deine Frau Dich nicht hört--oder hast Du
-Absichten auf Deinen Sohn?
-
-Geh. Rath.
-Mach das gute Kind nicht roth. Sie werden ihn in
-Leipzig oft genug müssen gesehen haben, den bösen
-Buben. Gustchen, Du wirst zur Gesellschaft mit roth?
-Er verdient's nicht.
-
-Gustchen.
-Da mein Vater mir vergeben hat, sollte Ihr Sohn ein
-minder gütiger Herz bey Ihnen finden?
-
-Geh. Rath.
-Er ist auch noch in keinen Teich gesprungen.
-
-Major.
-Wenn wir nur das blinde Weib mit dem Kinde ausfündig
-gemacht hätten, von dem mir der Schulmeister schreibt;
-eh kann ich nicht ruhig werden--Kommt! ich muß noch
-heut auf mein Gut.
-
-Geh. Rath.
-Daraus wird nichts. Du mußt die Nacht in Insterburg
-schlafen.
-
-
-Achte Scene.
-
-Leipzig.
-Bergs Zimmer.
-Fritz v. Berg. (sitzt, die Hand untern Kopf gestützt)
-Pätus. (stürzt herein)
-
-
-Pätus.
-Triumpf Berg! Was kalmeuserst Du?--Gott! Gott!
-(greift sich an den Kopf und fällt auf die Knie)
-Schicksal! Schicksal!--Nicht wahr, Leichtfuß hat
-Dir nicht vorschießen wollen? Laß ihn Dich--Ich
-hab Geld, ich hab' alles--Dreyhundert achtzig
-Friedrichd'or gewonnen auf einem Zug! (springt auf
-und schreyt) Heydideldum, nach Insterburg! Pack ein!
-
-Fritz.
-Bist Du närrisch worden?
-
-Pätus. (zieht einen Beutel mit Gold hervor und wirft
-alles auf die Erde)
-Da ist meine Narrheit. Du bist ein Narr mit Deinem
-Unglauben--Nun hilf auflesen; buck Dich etwas--
-und heut noch nach Insterburg, juchhe! (lesen auf)
-Ich will meinem Vater die achtzig Friedrichsd'or
-schenken, so viel betrug grad mein letzter Wechsel,
-und zu ihm sagen: nun Herr Papa, wie gefall' ich
-Ihnen itzt? All Deine Schulden können wir bezahlen,
-und meine obenein, und denn reisen wir wie die Prinzen.
-Juchhei
-
-
-Neunte Scene.
-
-Die Schule.
-Wenzeslaus. Läuffer. (beyde in schwarzen Kleidern)
-
-
-Wenzeslaus.
-Wie hat ihm die Predigt gefallen, Kollege! Wie hat
-Er sich erbaut?
-
-Läuffer.
-Gut, recht gut. (seufzt)
-
-Wenzeslaus. (nimmt seine Perücke ab und setzt eine
-Nachtmütze auf)
-Damit ist's nicht ausgemacht. Er soll mir sagen,
-welche Stelle aus der Predigt vorzüglich gesegnet
-an seinem Herzen gewesen. Hör' Er--setz' Er sich.
-Ich muß Ihm was sagen; ich hab' eine Anmerkung in
-der Kirche gemacht, die mich gebeugt hat. Er hat mir
-da so wetterwendisch gesessen, daß ich mich Seiner,
-die Warheit zu sagen, vor der ganzen Gemeine geschämt
-habe und dadurch oft fast aus meinem Koncept kommen
-bin. Wie, dacht' ich, dieser junge Kämpfer, der so
-ritterlich durchgebrochen und den schwersten Strauß
-schon gewissermaßen überwunden hat--ich muß es Ihm
-bekennen: Er hat mich geärgert, skandalon edidouV,
-etaire! Ich habs wohl gemerkt, wohin es gieng, ich
-habs wohl gemerkt; immer nach der mittlern Thür zu
-da nach der Orgel hinunter.
-
-Läuffer.
-Ich muß bekennen, es hieng ein Gemälde dort, das
-mich ganz zerstreut hat. Der Evangelist Markus mit
-einem Gesicht, das um kein Haar menschlicher aussah,
-als der Löwe, der bey ihm saß, und der Engel beym
-Evangelisten Matthäus eher einer geflügelten Schlange
-ähnlich.
-
-Wenzeslaus.
-Es war nicht das, mein Freund! Bild' Er mir's nicht
-ein; es war nicht das. Sag' Er mir doch, ein Bild
-sieht man an und sieht wieder weg, und dann ist's
-alles. Hat Er denn gehört, was ich gesagt habe?
-Weiß Er mir Ein Wort aus meiner Predigt wieder
-anzuführen? Und sie war doch ganz für Ihn gehalten;
-ganz kasuistisch--O! o! o!
-
-Läuffer.
-Der Gedanke gefiel mir vorzüglich, daß zwischen
-unsrer Seele und ihrer Wiedergeburt und zwischen
-dem Flachs- und Hanfbau eine große Aehnlichkeit
-herrsche, und so wie der Hanf im Schneidebrett durch
-heftige Stöße und Klopfen von seiner alten Hülse
-befreyt werden müsse, so müsse unser Geist auch durch
-allerley Kreutz und Leiden und Ertödtung der
-Sinnlichkeit für den Himmel zubereitet werden.
-
-Wenzeslaus.
-Er war kasuistisch, mein Freund--
-
-Läuffer.
-Doch kann ich Ihnen auch nicht bergen, daß Ihre Liste
-von Teufeln, die aus dem Himmel gejagt worden, und
-die Geschichte der ganzen Revolution da, daß Lucifer
-sich für den schönsten gehalten--Die heutige Welt
-ist über den Aberglauben längst hinweg; warum will
-man ihn wieder aufwärmen. In der ganzen heutigen
-vernünftigen Welt wird kein Teufel mehr statuirt--
-
-Wenzeslaus.
-Darum wird auch die ganze heutige vernünftige Welt
-zum Teufel fahren. Ich mag nicht verdammen, lieber
-Herr Mandel; aber das ist wahr, wir leben in
-seelenverderblichen Zeiten: es ist die letzte böse
-Zeit. Ich mag mich drüber weiter nicht auslassen:
-ich seh wohl, Er ist ein Zweifler auch, und auch
-solche Leute muß man tragen. Es wird schon kommen;
-Er ist noch jung--aber gesetzt auch, posito auch,
-aber nicht zugestanden, unsere Glaubenslehren wären
-all Aberglauben, über Geister, über Höll, über Teufel,
-da--Was thut's Euch, was beißts Euch, daß Ihr Euch
-so mit Händen und Füßen dagegen wehrt? Thut nichts
-Böses, thut recht und denn so braucht Ihr die Teufel
-nicht zu scheuen, und wenn ihrer mehr wären wie
-Ziegel auf dem Dach, wie der selige Lutherus sagt.
-Und Aberglauben--O schweigt still, schweigt still,
-lieben Leut'. Erwägt erst mit reifem Nachdenken, was
-der Aberglaube bisher für Nutzen gestiftet hat, und
-denn habt mir noch das Herz, mit Euren nüchternen
-Spötteleyen gegen mich anzuziehen. Reutet mir den
-Aberglauben aus; ja warhaftig der rechte Glaub wird
-mit drauf gehn, und ein nacktes Feld da bleiben.
-Aber ich weiß jemand, der gesagt hat, man soll beydes
-wachsen lassen, es wird schon die Zeit kommen, da
-Kraut sich von dem Unkraut scheiden wird. Aberglauben--
-Nehmt dem Pöbel seinen Aberglauben, er wird
-freygeistern, wie Ihr und Euch vor den Kopf schlagen.
-Nehmt dem Bauer seinen Teufel, und er wird ein Teufel
-gegen seine Herrschaft werden und ihr beweisen, daß es
-welche giebt. Aber wir wollen das bey Seite setzen--
-Wovon rede ich doch?--Recht, sag' Er mir, wen hat Er
-angesehen in der ganzen Predigt? Verheel' Er mir
-nichts. Ich war es nicht, denn sonst müst' Er schielen,
-daß es eine Schande wäre.
-
-Läuffer.
-Das Bild.
-
-Wenzeslaus.
-Es war nicht das Bild--Dort unten, wo die Mädchen
-sitzen, die bey ihm in die Kinderlehre gehen--Lieber
-Freund! es wird doch nichts vom alten Sauerteig in
-seinem Herzen geblieben seyn--Ey, ey! wer einmal
-geschmeckt hat die Kräfte der zukünftigen Welt--Ich
-bitt Ihn, mir stehn die Haare zu Berge--Nicht wahr,
-die eine da mit dem gelben Haar so nachläßig unter das
-rothe Häubchen gesteckt und mit den lichtbraunen Augen,
-die allemal unter den schwarzen Augbraunen so schalkhaft
-hervorblinzen, wie die Sterne hinter Regenwolken--Es
-ist wahr, das Mädchen ist gefährlich; ich hab's nur
-einmal von der Kanzel angesehn, und muste hernach
-allemal die Augen platt zudrücken, wenn sie auf sie
-fielen, sonst wär' mirs gegangen, wie den weisen
-Männern im Areopagus, die Recht und Gerechtigkeit
-vergaßen um einer schnöden Phryne willen.--Aber sag'
-Er mir doch, wo will Er hin, daß Er Sich noch bösen
-Begierden überläßt, daß Ihm sogar an Mitteln fehlt,
-sie zu befriedigen? Will Er Sich dem Teufel ohne Sold
-dahingeben? Ist das das Gelübd, das er dem Herrn
-gethan--Ich rede als Sein geistlicher Vater mit Ihm--
-Er, der itzt mit so wenig Mühe über alle Sinnlichkeit
-triumphiren, über die Erde sich hinausschwingen und
-bessern Revieren zufliegen könnte. (Umarmt ihn) Ach
-mein lieber Sohn, bey diesen Thränen, die ich aus
-wahrer herzlicher Sorgfalt für Ihn vergieße; kehr'
-Er nicht zu den Fleischtöpfen Egyptens zurück, da Er
-Kanaan so nahe war! Eile, eile! rette Deine
-unsterbliche Seele! Du hast auf der Welt nichts, das
-Dich mehr zurückhalten könnte. Die Welt hat nichts
-mehr für Dich, womit sie Deine Untreu Dir einmal
-belohnen könnte; nicht einmal eine sinnliche Freude,
-geschweige denn Ruhe der Seelen--Ich geh und überlasse
-Dich Deinen Entschließungen. (geht ab)
-
-(Läuffer bleibt in tiefen Gedanken sitzen)
-
-
-Zehnte Scene.
-
-Lise. (tritt herein, ein Gesangbuch in der Hand, ohne
-daß er sie gewahr wird. Sie sieht ihm lang
-stillschweigend zu. Er springt auf, will knien; wird
-sie gewahr und sieht sie eine Weile verwirrt an)
-
-
-Läuffer. (nähert sich ihr)
-Du hast eine Seele dem Himmel gestolen. (faßt sie an
-die Hand) Was führt Dich hieher, Lise?
-
-Lise.
-Ich komme, Herr Mandel--Ich komme, weil Sie gesagt
-haben, es würd' morgen keine Kinderlehr--weil Sie--
-so komm' ich--gesagt haben--ich komme, zu fragen,
-ob morgen Kinderlehre seyn wird.
-
-Läuffer.
-Ach!--Seht diese Wangen, ihr Engel! Wie sie in
-unschuldigem Feuer brennen und denn verdammt mich,
-wenn ihr könnt--Lise, warum zittert Deine Hand?
-Warum sind Dir die Lippen so bleich und die Wangen
-so roth? Was willst Du?
-
-Lise.
-Ob morgen Kinderlehr seyn wird?
-
-Läuffer.
-Setz Dich zu mir nieder--Leg Dein Gesangbuch weg--
-Wer steckt Dir das Haar auf, wenn Du nach der Kirche
-gehst? (setzt sie auf einen Stuhl neben seinem)
-
-Lise. (will aufstehn)
-Verzeyh' Er mir; die Haube wird wohl nicht recht
-gesteckt seyn; es mache einen so erschrecklichen Wind,
-als ich zur Kirche kam.
-
-Läuffer. (nimmt ihre beyden Hände in seine Hand)
-O Du bist--Wie alt bist Du, Lise?--Hast Du niemals--
-Was wollt' ich doch fragen--Hast Du nie Freyer gehabt?
-
-Lise. (Munter)
-O ja einen, noch die vorige Woche; und des Schaafwirths
-Grethe war so neidisch auf mich und hat immer gesagt:
-ich weiß nicht was er sich um das einfältige Mädchen
-so viel Mühe macht, und denn hab' ich auch noch einen
-Officier gehabt; es ist noch kein Vierteljahr.
-
-Läuffer.
-Einen Officier?
-
-Lise.
-Ja doch, und einer von den recht Vornehmen. Ich sag'
-ihnen, er hat drey Tressen auf dem Arm gehabt: aber
-ich war noch zu jung und mein Vater wollt mich ihm
-nicht geben, wegen des soldatischen Wesens und Ziehens.
-
-Läuffer.
-Würdest Du--O ich weiß nicht, was ich rede--Würdest
-Du wohl--Ich Elender!
-
-Lise.
-O ja, von ganzem Herzen.
-
-Läuffer.
-Bezaubernde!--(will ihr die Hand küssen) Du weißt ja
-noch nicht, was ich fragen wollte.
-
-Lise. (zieht sie weg)
-O lassen Sie, meine Hand ist ja so schwarz--O pfuy
-doch! Was machen Sie? Sehen Sie, einen geistlichen
-Herrn hätt' ich allewege gern: von meiner ersten
-Jugend an hab ich die studierte Herren immer gern
-gehabt; sie sind alleweil so artig, so manierlich,
-nicht so puf paf, wie die Soldaten, obschon ich
-einewege die auch gern habe, das leugn' ich nicht,
-wegen ihrer bunten Röcke; ganz gewiß, wenn die
-geistlichen Herren in so bunten Röcken giengen, wie
-die Soldaten, das wäre zum Sterben.
-
-Läuffer.
-Laß' mich Deinen muthwilligen Mund mit meinen Lippen
-zuschließen. (küßt sie) O Lise! Wenn Du wüstest, wie
-unglücklich ich bin.
-
-Lise.
-O pfuy, Herr, was machen Sie?
-
-Läuffer.
-Noch einmal und denn ewig nicht wieder! (küßt sie.
-Wenzeslaus tritt herein)
-
-Wenzeslaus.
-Was ist das? Proh deum atque hominum fidem! Wie nun,
-falscher, falscher, falscher Prophet! Reißender Wolf
-in Schaafskleidern! Ist das die Sorgfalt, die Du Deiner
-Heerde schuldig bist? Die Unschuld selber verführen, die
-Du vor Verführung bewahren sollst? Es muß ja Aergerniß
-kommen, doch wehe dem Menschen, durch welchen Aergerniß
-kommt!
-
-Läuffer.
-Herr Wenzeslaus!
-
-Wenzeslaus.
-Nichts mehr! Kein Wort mehr! Ihr habt Euch in Eurer
-wahren Gestalt gezeigt. Aus meinem Hause, Verführer!
-
-Lise. (kniet vor Wenzeslaus)
-Lieber Herr Schulmeister, er hat mir nichts böses gethan.
-
-Wenzeslaus.
-Er hat Dir mehr böses gethan, als Dir Dein ärgster
-Feind thun könnte. Er hat Dein unschuldiges Herz
-verführt.
-
-Läuffer.
-Ich bekenne mich schuldig--Aber kann man so vielen
-Reitzungen widerstehen? Wenn man mir dies Herz aus dem
-Leibe risse und mich Glied vor Glied verstümmelte und
-ich behielt nur eine Ader von Blut noch übrig, so würde
-diese verräthrische Ader doch für Lisen schlagen.
-
-Lise.
-Er hat mir nichts Leides gethan.
-
-Wenzeslaus.
-Dir nichts Leides gethan--Himmlischer Vater!
-
-Läuffer.
-Ich hab ihr gesagt, daß sie die liebenswürdigste
-Kreatur sey, die jemals die Schöpfung beglückt hat;
-ich hab' ihr das auf ihre Lippen gedrückt; ich hab
-diesen unschuldigen Mund mit meinen Küssen versiegelt,
-welcher mich sonst durch seine Zaubersprache zu noch
-weit größeren Verbrechen würde hingerissen haben.
-
-Wenzeslaus.
-Ist das kein Verbrechen? Was nennt Ihr jungen Herrn
-heut zu Tage Verbrechen? O tempora, o mores! Habt Ihr
-den Valerius Maximus gelesen? Habt Ihr den Artikel
-gelesen de pudicitia? Da führt er einen Mänius an,
-der seinen Freygelassenen todtgeschlagen hat, weil er
-seine Tochter einmal küßte und die Raison: ut etiam
-oscula ad maritum sincera perferret. Riecht Ihr das?
-Schmeckt Ihr das? Etiam oscula, non solum virginitatem,
-etiam oscula. Und Mänius war doch nur ein Heyde: was
-soll ein Christ thun, der weiß, daß der Ehstand von
-Gott eingesetzt ist und daß die Glückseligkeit eines
-solchen Standes an der Wurzel vergiften, einem
-künftigen Gatten in seiner Gattin seine Freud und
-Trost verderben; seinen Himmel profaniren--Fort,
-aus meinen Augen, Ihr Bösewicht! Ich mag mit Euch
-nichts zu thun haben! Geht zu einem Sultan und laßt
-Euch zum Aufseher über ein Serail dingen, aber nicht
-zum Hirten meiner Schaafe. Ihr Miethling. Ihr reissender
-Wolf in Schaafskleidern!
-
-Läuffer.
-Ich will Lisen heyrathen.
-
-Wenzeslaus.
-Heyrathen--Ey ja doch--als ob sie mit einem Eunuch
-zufrieden?
-
-Lise.
-O ja, ich bins herzlich wohl zufrieden, Herr Schulmeister.
-
-Läuffer.
-Ich unglücklicher!
-
-Lise.
-Glauben Sie mir, lieber Herr Schulmeister, ich laß
-einmal nicht von ihm ab. Nehmen Sie mir das Leben;
-ich lasse nicht ab von ihm. Ich hab ihn gern und mein
-Herz sagt mir, daß ich niemand auf der Welt so gern
-haben kann als ihn.
-
-Wenzeslaus.
-So--daß doch--Lise, Du verstehst das Ding nicht--
-Lise, es läßt sich Dir so nicht sagen, aber Du kannst
-ihn nicht heyrathen; es ist unmöglich.
-
-Lise.
-Warum soll es denn unmöglich seyn, Herr Schulmeister?
-Wie kann's unmöglich seyn, wenn ich will und wenn er
-will, und mein Vater auch es will? Denn mein Vater hat
-mir immer gesagt, wenn ich einmal einen geistlichen
-Herrn bekommen könnte--
-
-Wenzeslaus.
-Aber daß dich der Kuckuk, er kann ja nichts--Gott
-verzeih mir meine Sünde, so laß Dir doch sagen.
-
-Läuffer.
-Vielleicht fodert sie das nicht--Lise, ich kann bey
-Dir nicht schlafen.
-
-Lise.
-So kann Er doch wachen bey mir, wenn wir nur den Tag
-über beisammen sind und uns so anlachen und uns
-einsweilen die Hände küssen--Denn bey Gott! ich hab'
-ihn gern. Gott weiß es, ich hab' Ihn gern.
-
-Läuffer.
-Sehn Sie, Herr Wenzeslaus! Sie verlangt nur Liebe von
-mir. Und ist's denn nothwendig zum Glück der Ehe, daß
-man thierische Triebe stillt?
-
-Wenzeslaus.
-Ey was--Connubium sine prole, est quasi dies sine
-sole ... Seyd fruchtbar und mehret euch, steht in
-Gottes Wort. Wo Eh' ist, müssen auch Kinder seyn.
-
-Lise.
-Nein Herr Schulmeister, ich schwör's Ihm, in meinem
-Leben möcht' ich keine Kinder haben. Ey ja doch,
-Kinder! Was Sie nicht meynen! Damit wär mir auch wol
-groß gedient, wenn ich noch Kinder dazu bekäme. Mein
-Vater hat Enten und Hüner genug, die ich alle Tage
-füttern muß, wenn ich noch Kinder ebenen füttern müste.
-
-Läuffer. (küßt sie)
-Göttliche Lise!
-
-Wenzeslaus. (reißt sie von einander)
-Ey was denn! Was denn! Vor meinen Augen?--So kriecht
-denn zusammen; meinetwegen; weil doch Heyrathen besser
-ist als Brunst leiden--Aber mit uns, Herr Mandel, ist
-es aus: alle grosse Hofnungen, die ich mir von Ihm
-gemacht, alle grosse Erwartungen, die mir Sein
-Heldenmuth einflößte.--Gütiger Himmel! wie weit ist
-doch noch die Kluft, die zwischen einem Kirchenvater
-und zwischen einem Kapaun befestigt ist. Ich dacht',
-er sollte Origenes der zweyte--O homuncio, homuncio!
-Das müßt' ein ganz andrer Mann seyn, der aus Absicht
-und Grundsätzen den Weg einschlüge, um ein Pfeiler
-unsrer sinkenden Kirche zu werden. Ein ganz anderer
-Mann! Wer weiß, was noch einmal geschieht! (geht ab)
-
-Läuffer.
-Komm zu Deinem Vater, Lise, Seine Einwilligung noch
-und ich bin der glücklichste Mensch auf dem Erdboden!
-
-
-Eilfte Scene.
-
-Zu Insterburg.
-
-Geheimer Rath. Fritz von Berg. Pätus. Gustchen. Jungfer
-Rehaar.
-(Gustchen und Jungfer Rehaar verstecken sich bey der
-Ankunft der erstern in die Kammer.)
-(Geheimer Rath und Fritz laufen sich entgegen.)
-
-
-Fritz. (fällt vor ihm auf die Knie)
-Mein Vater!
-
-Geh. Rath. (hebt ihn auf und umarmt ihn)
-Mein Sohn!
-
-Fritz.
-Haben Sie mir vergeben?
-
-Geh. Rath.
-Mein Sohn!
-
-Fritz.
-Ich bin nicht werth, daß ich Ihr Sohn heiße.
-
-Geh. Rath.
-Setz Dich; denk mir nicht mehr dran. Aber, wie hast
-Du Dich in Leipzig erhalten? Wieder Schulden auf meine
-Rechnung gemacht? Nicht? und wie bist Du fortkommen?
-
-Fritz.
-Dieser großmüthige Junge hat alles für mich bezahlt.
-
-Geh. Rath.
-Wie denn?
-
-Pätus.
-Dieser noch großmüthigere--O ich kann nicht reden.
-
-Geh. Rath.
-Setzt euch Kinder; sprecht deutlicher. Hat Ihr Vater
-sich mit Ihnen ausgesöhnt, Herr Pätus?
-
-Pätus.
-Keine Zeile von ihm gesehen.
-
-Geh. Rath.
-Und wie habt Ihrs denn beyde gemacht?
-
-Pätus.
-In der Lotterie gewonnen, eine Kleinigkeit--aber es
-kam uns zu statten, da wir herreisen wollten.
-
-Geh. Rath.
-Ich seh, Ihr wilde Bursche denkt besser als Eure Väter.
-Was hast Du wohl von mir gedacht, Fritz? Aber man hat
-Dich auch bey mir verleumdet.
-
-Pätus.
-Seiffenblase gewiß?
-
-Geh. Rath.
-Ich mag ihn nicht nennen; das gäbe Katzbalgereyen, die
-hier am unrechten Ort wären.
-
-Pätus.
-Seiffenblase! Ich laß mich hängen.
-
-Geh. Rath.
-Aber was führt Dich denn nach Hause zurück, eben
-jetzt da?--
-
-Fritz.
-Fahren Sie fort--O das eben jetzt, mein Vater! das
-eben jetzt ists, was ich wissen wollte.
-
-Geh. Rath.
-Was denn? was denn?
-
-Fritz.
-Ist Gustchen todt?
-
-Geh. Rath.
-Holla! der Liebhaber!--Was veranlaßt Dich, so zu fragen?
-
-Fritz.
-Ein Brief von Seiffenblase.
-
-Geh. Rath.
-Er hat Dir geschrieben: sie wäre todt?
-
-Fritz.
-Und entehrt dazu.
-
-Pätus.
-Es ist ein verleumderischer Schurke!
-
-Geh. Rath.
-Kennst Du eine Jungfer Rehaar in Leipzig?
-
-Fritz.
-O ja, ihr Vater war mein Lautenmeister.
-
-Geh. Rath.
-Die hat er entehren wollen; ich hab sie von seinen
-Nachstellungen errettet: das hat ihn uns feind gemacht.
-
-Pätus. (steht auf)
-Jungfer Rehaar--Der Teufel soll ihn holen.
-
-Geh. Rath.
-Wo wollen Sie hin?
-
-Pätus.
-Ist er in Insterburg?
-
-Geh. Rath.
-Nein doch--Nehmen Sie sich der Prinzessinnen nicht zu
-eifrig an, Herr Ritter von der runden Tafel! Oder haben
-Sie Jungfer Rehaar auch gekannt?
-
-Pätus.
-Ich? Nein, ich habe sie nicht gekannt--Ja, ich habe
-sie gekannt.
-
-Geh. Rath.
-Ich merke--Wollen Sie nicht auf einen Augenblick
-in die Kammer spatzieren? (führt ihn an die Thür)
-
-Pätus. (macht auf und fährt zurück, sich mit beyden
-Händen an den Kopf greiffend)
-Jungfer Rehaar--Zu Ihren Füssen--(hinter der Scene)
-Bin ich so glücklich? oder ist's nur ein Traum? Ein
-Rausch?--Eine Bezauberung?--
-
-Geh. Rath.
-Lassen wir ihn!--(kehrt zu Fritz) Und Du denkst
-noch an Gustchen?
-
-Fritz.
-Sie haben mir das furchtbare Rätzel noch nicht
-aufgelöst. Hat Seiffenblase gelogen?
-
-Geh. Rath.
-Ich denke, wir reden hernach davon: wir wollen uns
-die Freud' itzt nicht verderben.
-
-Fritz. (kniend)
-O mein Vater, wenn Sie noch Zärtlichkeit für mich
-haben, lassen Sie mich nicht zwischen Himmel und
-Erde, zwischen Hofnung und Verzweiflung schweben.
-Darum bin ich gereist; ich konnte die quaalvolle
-Ungewißheit nicht länger aushalten. Lebt Gustchen?
-Ists wahr, daß sie entehrt ist?
-
-Geh. Rath.
-Es ist leider nur eine zu traurige Wahrheit.
-
-Fritz.
-Und hat sich in einen Teich gestürzt?
-
-Geh. Rath.
-Und ihr Vater hat sich ihr nachgestürzt.
-
-Fritz.
-So falle denn Henkers Beil--Ich bin der
-Unglücklichste unter den Menschen!
-
-Geh. Rath.
-Steh' auf! Du bist unschuldig dran--
-
-Fritz.
-Nie will ich aufstehn. (schlägt sich an die Brust)
-Schuldig war ich; einzig und allein schuldig.
-Gustchen, seliger Geist, verzeihe mir!
-
-Geh. Rath.
-Und was hast Du Dir vorzuwerfen?
-
-Fritz.
-Ich habe geschworen, falsch geschworen--Gustchen!
-wär' es erlaubt, Dir nachzuspringen! (steht hastig
-auf) Wo ist der Teich?
-
-Geh. Rath.
-Hier! (führt ihn in die Kammer)
-
-Fritz. (hinter der Scene mit lautem Geschrey)
-Gustchen!--Seh' ich ein Schattenbild?--Himmel!
-Himmel welche Freude!--Laß mich sterben! laß mich
-an Deinem Halse sterben.
-
-Geh. Rath. (wischt sich die Augen)
-Eine zärtliche Gruppe!--Wenn doch der Major hier
-wäre! (geht hinein.)
-
-
-Letzte Scene.
-
-Der Major (ein Kind auf dem Arm) Der alte Pätus.
-
-
-Major.
-Kommen Sie, Herr Pätus. Sie haben mir das Leben
-wiedergegeben. Das war der einzige Wurm, der mir
-noch dran nagte. Ich muß Sie meinem Bruder präsentiren,
-und Ihre alte blinde Großmutter will ich in Gold
-einfassen lassen.
-
-Der alte Pätus.
-O meine Mutter hat mich durch ihren unvermutheten
-Besuch weit glücklicher gemacht, als Sie. Sie haben
-nur einen Enkel wiedererhalten, der Sie an traurige
-Geschichten erinnert; ich aber eine Mutter, die mich
-an die angenehmsten Scenen meines Lebens erinnert,
-und deren mütterliche Zärtlichkeit ich leider noch
-durch nichts habe erwiedern können, als Haß und
-Undankbarkeit. Ich habe sie aus dem Hause gestoßen,
-nachdem sie mir den ganzen Nachlaß meines Vaters
-und ihr Vermögen mit übergeben hatte; ich habe ärger
-gegen sie gehandelt als ein Tyger--Welche Gnade
-von Gott ist es, daß sie noch lebt, daß sie mir noch
-verzeihen kann, die großmüthige Heilige! daß es noch
-in meine Gewalt gestellt ist, meine verfluchte
-Verbrechen wieder gut zu machen.
-
-Major.
-Bruder Berg! wo bist Du? He! (Geh. Rath kömmt) Hier
-ist mein Kind, mein Großsohn. Wo ist Gustchen? Mein
-allerliebstes Großsöhnchen! (schmeichelt ihm) meine
-allerliebste närrische Puppe!
-
-Geh. Rath.
-Das ist vortreflich!--und Sie, Herr Pätus?
-
-Major.
-Sie Herr Pätus hat's mir verschaft--Seine Mutter
-war das alte blinde Weib, die Bettlerin, von der uns
-Gustchen so viel erzählt hat.
-
-Der alte Pätus.
-Und durch mich Bettlerin--O die Schaam bindt mir
-die Zunge. Aber ich wills der ganzen Welt erzehlen,
-was ich für ein Ungeheuer war--
-
-Geh. Rath.
-Weißt Du was neues, Major? Es finden sich Freyer für
-Deine Tochter--aber dring nicht in mich, Dir den
-Namen zu sagen.
-
-Major.
-Freyer für meine Tochter!--(wirft das Kind ins
-Kanapee) Wo ist sie?
-
-Geh. Rath.
-Sacht! ihr Freyer ist bey ihr--Willst Du Deine
-Einwilligung geben?
-
-Major.
-Ists ein Mensch von gutem Hause? Ist er von Adel?
-
-Geh. Rath.
-Ich zweifle.
-
-Major.
-Doch keiner zu weit unter ihrem Stande? O sie sollte
-die erste Parthie im Königreich werden. Das ist ein
-vermaledeyter Gedanke! wenn ich doch den erst fort
-hätte; er wird mich noch ins Irrhaus bringen.
-
-Geh. Rath. (öfnet die Kammer; auf seinen Wink tritt
-Fritz mit Gustchen heraus)
-
-Major. (fällt ihm um den Hals)
-Fritz! (zum geh. Rath) Ists Dein Fritz? Willst Du
-meine Tochter heyrathen?--Gott segne Dich. Weißt
-Du noch nichts, oder weißt Du alles? Siehst Du, wie
-mein Haar grau geworden ist vor der Zeit! (führt ihn
-ans Kanapee) Siehst Du, dort ist das Kind. Bist ein
-Philosoph? Kannst alles vergessen? Ist Gustchen Dir
-noch schön genug? O sie hat bereut. Jung, ich schwöre
-Dir, sie hat bereut, wie keine Nonne und kein Heiliger.
-Aber was ist zu machen? Sind doch die Engel aus dem
-Himmel gefallen--Aber Gustchen ist wieder aufgestanden.
-
-Fritz.
-Lassen Sie mich zum Wort kommen.
-
-Major. (drückt ihn immer an die Brust)
-Nein Junge--Ich möchte Dich todt drücken--Daß Du
-so großmüthig bist, daß Du so edel denkst--das Du--
-mein Junge bist--
-
-Fritz.
-In Gustchens Armen beneid' ich keinen König.
-
-Major.
-So recht; das ist recht.--Sie wird Dir schon gestanden
-haben; sie wird Dir alles erzählt haben--
-
-Fritz.
-Dieser Fehltritt macht sie mir nur noch theurer--
-macht ihr Herz nur noch englischer.--Sie darf nur
-in den Spiegel sehn, um überzeugt zu seyn, daß sie
-mein ganzes Glück machen werde und doch zittert sie
-immer vor dem, wie sie sagt, ihr unerträglichen
-Gedanken: sie werde mich unglücklich machen. O was
-hab ich von einer solchen Frau anders zu gewarten,
-als einen Himmel?
-
-Major.
-Ja wohl einen Himmel; wenn's wahr ist, daß die
-Gerechten nicht allein hineinkommen, sondern auch
-die Sünder, die Busse thun. Meine Tochter hat Busse
-gethan und ich hab für meine Thorheiten und daß ich
-einem Bruder nicht folgen wollte, der das Ding besser
-verstund, auch Busse gethan; ihr zur Gesellschaft:
-und darum macht mich der liebe Gott auch ihr zur
-Gesellschaft mit glücklich.
-
-Geh. Rath. (ruft zur Kammer hinein)
-Herr Pätus, kommen Sie doch hervor. Ihr Vater ist hier.
-
-Der alte Pätus.
-Was hör' ich--Mein Sohn?
-
-Pätus. (fällt ihm um den Hals)
-Ihr unglücklicher verstossener Sohn. Aber Gott hat sich
-meiner als eines armen Wäysen angenommen. Hier, Papa,
-ist das Geld, das Sie zu meiner Erziehung in der Fremde
-angewandt; hier ist's zurück und mein Dank dazu; es hat
-doppelte Zinsen getragen, das Kapital hat sich vermehrt
-und Ihr Sohn ist ein rechtschaffener Kerl worden.
-
-Der alte Pätus.
-Muß denn alles heute wetteifern, mich durch Großmuth zu
-beschämen. Mein Sohn, erkenne Deinen Vater wieder, der
-eine Weile seine menschliche Natur ausgezogen und in
-ein wildes Thier ausgeartet war. Es gieng Deiner
-Großmutter wie Dir: sie ist auch wiedergekommen und hat
-mir verziehen und hat mich wieder zum Sohn gemacht, so
-wie Du mich wieder zum Vater machst. Nimm mein ganzes
-Vermögen, Gustav! schalte damit nach Deinem Gefallen,
-nur laß mich die Undankbarkeit nicht entgelten, die
-ich bey einem ähnlichen Geschenk gegen Deine Großmutter
-äußerte.
-
-Pätus.
-Erlauben Sie mir, das tugendhafteste süsseste Mädchen
-glücklich damit zu machen--
-
-Der alte Pätus.
-Was denn? Du auch verliebt? Mit Freuden erlaub' ich Dir
-alles. Ich bin alt und möchte vor meinem Tode gern Enkel
-sehen, denen ich die Treue beweisen könnte, die Eure
-Großmutter für Euch bewiesen hat.
-
-Fritz. (Umarmt das Kind auf dem Kanapee, küßt's und
-trägts zu Gustchen)
-Dies Kind ist jetzt auch das meinige; ein trauriges
-Pfand der Schwachheit Deines Geschlechts und der
-Thorheiten des unsrigen: am meisten aber der
-vortheilhaften Erziehung junger Frauenzimmer durch
-Hofmeister.
-
-Major.
-Ja mein lieber Sohn, wie sollen sie denn erzogen werden?
-
-Geh. Rath.
-Giebts für sie keine Anstalten, keine Nähschulen, keine
-Klöster, keine Erziehungshäuser?--Doch davon wollen
-wir ein andermal sprechen.
-
-Fritz. (küßt's abermal)
-Und dennoch mir unendlich schätzbar, weil's das Bild
-seiner Mutter trägt. Wenigstens, mein süsses Kind!
-werd' ich Dich nie durch Hofmeister erziehen lassen.
-
-
-Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Hofmeister odor
-Vortheile der Privaterziehung, von Jakob Michael Reinhold
-Lenz.
-
-
-
-
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-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER HOFMEISTER ***
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