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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse -http://gutenberg2000.de erreichbar. - - - - -Der Hofmeister odor Vortheile der Privaterziehung - -Jakob Michael Reinhold Lenz - -Eine Komödie. - - -Namen. - -Herr von Berg. Geheimer Rath. -Der Major. Sein Bruder. -Die Majorin. -Gustchen. Ihre Tochter. -Fritz von Berg. -Graf Wermuth. -Läuffer. Ein Hofmeister. -Pätus und Bollwerk. Studenten. -Herr von Seiffenblase. -Sein Hofmeister. -Frau Hamster. Räthin. -Jungfer Hamster. -Jungfer Knicks. -Frau Blitzer. -Wenzeslaus. Ein Schulmeister. -Marthe. Alte Frau. -Lise. -Der alte Pätus. -Der alte Läuffer. Stadtprediger. -Leopold. Junker des Majors. Ein Kind. -Herr Rehhaar. Lautenist. -Jungfer Rehhaar. Seine Tochter. - - - -Erster Akt. - - -Erste Scene. - -Zu Insterburg in Preussen. - - -Läuffer. -Mein Vater sagt: ich sey nicht tauglich zum Adjunkt. Ich -glaube, der Fehler liegt in seinem Beutel; er will keinen -bezahlen. Zum Pfaffen bin ich auch zu jung, zu gut -gewachsen, habe zu viel Welt gesehn und bey der -Stadtschule hat mich der geheime Rath nicht annehmen -wollen. Mag's! er ist ein Pedant und dem ist freylich -der Teufel selber nicht gelehrt genug. Im halben Jahr -hätt' ich doch wieder eingeholt, was ich von der Schule -mitgebracht, und dann wär' ich für einen Klassenpräceptor -noch immer viel zu gelehrt gewesen, aber der Herr geheime -Rath muß das Ding besser verstehen. Er nennt mich immer -nur Monsieur Läuffer, und wenn wir von Leipzig sprechen, -fragt er nach Händels Kuchengarten und Richters Kaffehaus, -ich weiß nicht: soll das Satyre seyn, oder--Ich hab' -ihn doch mit unserm Konrektor bisweilen tiefsinnig genug -diskuriren hören; er sieht mich vermuthlich nicht für -voll an.--Da kommt er eben mit dem Major; ich weiß nicht, -ich scheu ihn ärger als den Teufel. Der Kerl hat etwas -in seinem Gesicht, das mir unerträglich ist. (geht dem -geheimen Rath und dem Major mit viel freundlichen -Scharrfüssen vorbey.) - - -Zweyte Scene. - -Geheimer Rath. Major. - - -Major. -Was willst du denn? Ist das nicht ein ganz artiges Männichen? - -Geh. Rath. -Artig genug, nur zu artig. Aber was soll er Deinen Sohn -lehren? - -Major. -Ich weiß nicht, Berg, Du thust immer solche wunderliche -Fragen. - -Geh. Rath. -Nein aufrichtig! Du must doch eine Absicht haben, wenn Du -einen Hofmeister nimmst und den Beutel mit einemmahl so -weit aufthust, daß dreihundert Dukaten herausfallen. Sag -mir, was meinst Du mit dem Geld auszurichten; was foderst -Du dafür von Deinem Hofmeister? - -Major. -Daß er--was ich--daß er meinen Sohn in allen -Wissenschaften und Artigkeiten und Weltmanieren--Ich weiß -auch nicht, was Du immer mit Deinen Fragen willst; das -wird sich schon finden; das werd ich ihm alles schon zu -seiner Zeit sagen. - -Geh. Rath. -Das heißt: Du willst Hofmeister Deines Hofmeisters seyn; -bedenkst Du aber auch, was Du da auf Dich nimmst--Was -soll Dein Sohn werden, sag mir einmahl? - -Major. -Was er... Soldat soll er werden; ein Kerl, wie ich gewesen -bin. - -Geh. Rath. -Das letzte laß nur weg, lieber Bruder; unsere Kinder -sollen und müssen das nicht werden, was wir waren: die -Zeiten ändern sich, Sitten, Umstände, alles, und wenn Du -nichts mehr und nichts weniger geworden wärst, als das -leibhafte Kontrefey Deines Eltervaters-- - -Major. -Potz hundert! wenn er Major wird, und ein braver Kerl -wie ich, und dem König so redlich dient als ich! - -Geh. Rath. -Ganz gut, aber nach funfzig Jahren haben wir vielleicht -einen andern König und eine andre Art ihm zu dienen. Aber -ich seh schon, ich kann mich mit Dir in die Sachen nicht -einlassen, ich müste zu weit ausholen und würde doch -nichts ausrichten. Du siehst immer nur der graden Linie -nach, die Deine Frau Dir mit Kreide über den Schnabel -zieht. - -Major. -Was willst Du damit sagen, Berg? Ich bitt Dich, misch -Dich nicht in meine Hausangelegenheiten, so wie ich mich -nicht in die Deinigen.--Aber sieh doch! da läuft ja -eben Dein gnädiger Junker mit zwey Hollunken aus der -Schule heraus.--Vortrefliche Erziehung, Herr Philosophus! -Das wird einmal was rechts geben! Wer sollt' es in aller -Welt glauben, daß der Gassenbengel der einzige Sohn Sr. -Excellenz des königlichen geheimen Raths-- - -Geh. Rath. -Laß ihn nur.--Seine lustigen Spielgesellen werden ihn -minder verderben als ein galonirter Müßiggänger, -unterstützt von einer eiteln Patronin. - -Major. -Du nimmst Dir Freyheiten heraus.--Adieu. - -Geh. Rath. -Ich bedaure Dich. - - -Dritte Scene. - -Der Majorin Zimmer. -Frau Majorin. (auf einem Kanapee) -Läuffer. (in sehr demüthiger Stellung neben ihr sitzend) -Leopold. (steht) - - -Majorin. -Ich habe mit Ihrem Herrn Vater gesprochen und von den -dreihundert Dukaten stehenden Gehalts sind wir bis auf -hundert und funfzig einig worden. Dafür verlang' ich -aber auch Herr--Wie heissen Sie?--Herr Läuffer, daß -Sie Sich in Kleidern sauber halten, und unserm Hause -keine Schande machen. Ich weiß, daß Sie Geschmack haben; -ich habe schon von Ihnen gehört, als Sie noch in Leipzig -waren. Sie wissen, daß man heut zu Tage auf nichts in -der Welt so sehr sieht, als ob ein Mensch sich zu führen -wisse. - -Läuffer. -Ich hoff', Euer Gnaden werden mit mir zufrieden seyn. -Wenigstens hab' ich in Leipzig keinen Ball ausgelassen, -und wohl über die funfzehn Tanzmeister in meinem Leben -gehabt. - -Majorin. -So? lassen Sie doch sehen. (Läuffer steht auf) Nicht -furchtsam, Herr...Läuffer! nicht furchtsam! Mein Sohn -ist buschscheu genug; wenn der einen blöden Hofmeister -bekommt, so ists aus mit ihm. Versuchen Sie doch einmal, -mir ein Kompliment aus der Menuet zu machen; zur Probe -nur, damit ich doch sehe.--Nun, nun, das geht schon an! -Mein Sohn braucht vor der Hand keinen Tanzmeister! Auch -einen Pas, wenn's Ihnen beliebt.--Es wird schon gehen; -das wird sich alles geben, wenn Sie einmal einer unsrer -Assembleen werden beigewohnt haben. Sind Sie musikalisch? - -Läuffer. -Ich spiele die Geige, und das Klavier zur Noth. - -Majorin. -Desto besser: wenn wir aufs Land gehn und Fräulein -Milchzahn besuchen uns einmal; ich habe bisher ihnen -immer was vorsingen müssen, wenn die guten Kinder Lust -bekamen zu tanzen: aber besser ist besser. - -Läuffer. -Euer Gnaden setzen mich ausser mich: wo wär ein Virtuos -auf der Welt, der auf seinem Instrument Euer Gnaden -Stimme zu erreichen hoffen dürfte. - -Majorin. -Ha ha ha! Sie haben mich ja noch nicht gehört. ... Warten -Sie; ist Ihnen die Menuet bekannt? (singt) - -Läuffer. -O... o... verzeihen Sie dem Entzücken, dem Enthusiasmus, -der mich hinreißt. (küßt ihr die Hand.) - -Majorin. -Und ich bin doch enrhumirt dazu; ich muß heut krähen wie -ein Rabe. Vous parlez françois, sans doute? - -Läuffer. -Un peu, Madame - -Majorin. -Avez Vous deja fait Vôtre tour de France? - -Läuffer. -Non Madame. ... Oui Madame. - -Majorin. -Vous devez donc savoir, qu'en France, on ne baise pas -les mains, mon cher. ... - -Bedienter. (tritt herein) -Der Graf Wermuth ... - -Graf Wermuth. (tritt herein) - -Graf. (nach einigen stummen Komplimenten setzt sich zur -Majorin aufs Kanapee. Läuffer bleibt verlegen stehen) -Haben Euer Gnaden den neuen Tanzmeister schon gesehn, -der aus Dresden angekommen? Er ist ein Marchese aus -Florenz, und heißt ... Aufrichtig: ich habe nur zwey -auf meinen Reisen angetroffen, die ihm vorzuziehen waren. - -Majorin. -Das gesteh' ich, nur zwey! In der That, Sie machen mich -neugierig; ich weiß, welchen verzärtelten Geschmack der -Graf Wermuth hat. - -Läuffer. -Pintinello ... nicht wahr? ich hab' ihn in Leipzig auf -dem Theater tanzen sehen; er tanzt nicht sonderlich ... - -Graf. -Er tanzt--on ne peut pas mieux.--Wie ich Ihnen sage, -gnädige Frau, in Petersburg hab' ich einen Beluzzi -gesehn, der ihm vorzuziehen war: aber dieser hat eine -Leichtigkeit in seinen Füssen, so etwas freyes, -göttlichnachläßiges in seiner Stellung, in seinen Armen, -in seinen Wendungen-- - -Läuffer. -Auf dem Kochischen Theater ward er ausgepfiffen, als er -sich das letztemal sehen ließ. - -Majorin. -Merk Er sich, mein Freund! daß Domestiken in -Gesellschaften von Standespersonen nicht mitreden. Geh -Er auf Sein Zimmer. Wer hat Ihn gefragt? (Läuffer tritt -einige Schritte zurück) - -Graf. -Vermuthlich der Hofmeister, den Sie dem jungen Herrn -bestimmt? ... - -Majorin. -Er kommt ganz frisch von der hohen Schule.--Geh' Er -nur! Er hört ja, daß man von Ihm spricht; desto weniger -schickt es sich, stehen zu bleiben. (Läuffer geht mit -einem steifen Kompliment ab) Es ist was unerträgliches, -daß man für sein Geld keinen rechtschaffenen Menschen -mehr antreffen kann. Mein Mann hat wohl dreymahl an einen -dasigen Professor geschrieben und dies soll doch noch -der galanteste Mensch auf der ganzen Akademie gewesen -seyn. Sie sehens auch wohl an seinem links bordirten -Kleide. Stellen Sie sich vor, von Leipzig bis Insterburg -zweihundert Dukaten Reisegeld und jährliches Gehalt -fünfhundert Dukaten, ist das nicht erschröcklich? - -Graf. -Ich glaube, sein Vater ist der Prediger hier aus dem Ort ... - -Majorin. -Ich weiß nicht--es kann seyn--ich habe nicht darnach -gefragt, ja doch, ich glaub' es fast: er heißt ja auch -Läuffer; nun denn ist er freylich noch artig genug. Denn -das ist ein rechter Bär, wenigstens hat er mich ein für -allemal aus der Kirche gebrüllt. - -Graf. -Ists ein Katholik? - -Majorin. -Nein doch, Sie wissen ja, daß in Insterburg keine -katholische Kirche ist: er ist Lutherisch, oder -Protestantisch wollt' ich sagen; er ist protestantisch. - -Graf. -Pintinello tanzt ... Es ist wahr, ich habe mir mein -Tanzen einige dreißig tausend Gulden kosten lassen, aber -noch einmal so viel gäb' ich drum, wenn ... - - -Vierte Scene. - -Läuffers Zimmer. -Läuffer. Leopold. Der Major. -(Erstere sitzen an einem Tisch, ein Buch in der Hand, -indem sie der letztere überfällt.) - - -Major. -So recht; so lieb' ichs; hübsch fleißig--und wenn die -Kanaille nicht behalten will, Herr Läuffer, so schlagen -Sie ihm das Buch an den Kopf, daß ers Aufstehen vergißt, -oder wollt' ich sagen, so dürfen Sie mirs nur klagen. -Ich will Dir den Kopf zurecht setzen, Heyduk Du! Seht -da zieht er das Maul schon wieder. Bist empfindlich, -wenn Dir Dein Vater was sagt? Wer soll Dirs denn sagen? -Du sollst mir anders werden, oder ich will Dich peitschen, -daß Dir die Eingeweide krachen sollen, Tuckmäuser! Und -Sie, Herr, seyn Sie fleißig mit ihm, das bitt' ich mir -aus, und kein Feriiren und Pausiren und Rekreiren, das -leid ich nicht. Zum Plunder, vom Arbeiten wird kein -Mensch das Malum hydropisiacum kriegen. Das sind nur -Ausreden von euch Herren Gelehrten.--Wie stehts, kann -er seinen Cornelio? Lippel! ich bitt Dich um tausend -Gottes willen, den Kopf grad. Den Kopf in die Höhe, -Junge! (richtet ihn) Tausend Sakkerment den Kopf aus den -Schultern! oder ich zerbrech Dir Dein Rückenbein in -tausendmillionen Stücken. - -Läuffer. -Der Herr Major verzeihen: er kann kaum lateinisch lesen. - -Major. -Was? So hat der Rakker vergessen.--Der vorige Hofmeister -hat mir doch gesagt, er sey perfekt im Lateinischen, -perfekt. ... Hat ers ausgeschwitzt--aber ich will Dir-- -Ich will es nicht einmal vor Gottes Gericht zu -verantworten haben, daß ich Dir keinen Daumen aufs Auge -gesetzt habe, und daß ein Galgendieb aus Dir geworden -ist, wie der junge Hufeise oder wie Deines Onkels -Friedrich, eh Du mir so ein Gassenläufferischer -Taugenichts--Ich will dich zu Tode hauen--(giebt ihm -eine Ohrfeige) Schon wieder wie ein Fragzeichen? Er -läßt sich nicht sagen.--Fort mir aus den Augen.--Fort! -Soll ich Dir Beine machen? Fort, sag' ich. (stampft mit -dem Fuß. Leopold geht ab. Major setzt sich auf seinen -Stuhl. Zu Läuffern.) Bleiben Sie sitzen, Herr Läuffer; -ich wollte mit ihnen ein paar Worte allein sprechen, -darum schickt' ich den jungen Herrn fort. Sie können -immer sitzen bleiben; ganz, ganz. Zum Henker Sie -brechen mir ja den Stuhl entzwey, wenn Sie immer so -auf einer Ecke ... Dafür steht ja der Stuhl da, daß -man drauf sitzen soll. Sind Sie so weit gereist und -wissen das noch nicht?--Hören Sie nur: ich seh' Sie -für einen hübschen artigen Mann an, der Gott fürchtet -und folgsam ist, sonst würd' ich das nimmer thun, was -ich für Sie thue. Hundert und vierzig Dukaten jährlich -hab' ich Ihnen versprochen: das machen drey--Warte-- -Dreymal hundert und vierzig: wieviel machen das? - -Läuffer. -Vier hundert und zwanzig. - -Major. -Ists gewiß? Macht das soviel? Nun damit wir gerade Zahl -haben, vierhundert Thaler preußisch Courant hab' ich zu -Ihrem Salarii bestimmt. Sehen Sie, das ist mehr als das -ganze Land giebt. - -Läuffer. -Aber mit Eurer Gnaden gnädigen Erlaubniß, die Frau -Majorin haben mir von hundert funfzig Dukaten gesagt; -das machte gerade vierhundert funfzig Thaler und auf -diese Bedingungen hab' ich mich eingelassen. - -Major. -Ey was wissen die Weiber!--Vierhundert Thaler, -Monsieur; mehr kann Er mit gutem Gewissen nicht fodern. -Der vorige hat zweihundert funfzig gehabt und ist -zufrieden gewesen wie ein Gott. Er war doch, mein Seel! -ein gelehrter Mann; auch und ein Hofmann zugleich: die -ganze Welt gab' ihm das Zeugniß, und Herr, Er muß noch -ganz anders werden, eh' Er so wird. Ich thu' es nur aus -Freundschaft für Seinen Herrn Vater, was ich an Ihm -thue und um Seinetwillen auch, wenn Er hübsch folgsam -ist, und werd' auch schon einmal für Sein Glück zu -sorgen wissen; das kann Er versichert seyn.--Hör Er -doch einmal: ich hab' eine Tochter, das mein Ebenbild -ist und die ganze Welt giebt ihr das Zeugniß, daß ihres -gleichen an Schönheit im ganzen Preussenlande nichts -anzutreffen. Das Mädchen hat ein ganz anders Gemüth als -mein Sohn, der Buschklepper. Mit dem muß ganz anders -umgegangen werden! Es weiß sein Christenthum aus dem -Grunde und in dem Grunde, aber es ist denn nun doch, -weil sie bald zum Nachtmahl gehen soll und ich weiß wie -die Pfaffen sind, so soll er auch alle Morgen etwas aus -dem Christenthum mit ihr nehmen. Alle Tage Morgens eine -Stunde und da geht Er auf ihr Zimmer; angezogen, das -versteht sich: denn Gott behüte, daß Er so ein Schweinigel -seyn sollte wie ich einen gehabt habe, der durchaus im -Schlafrock an Tisch kommen wollte.--Kann Er auch -zeichnen? - -Läuffer. -Etwas, gnädiger Herr.--Ich kann Ihnen einige Proben weisen. - -Major. (besieht sie) -Das ist ja scharmant!--Recht schön; gut das: Er soll -meine Tochter auch zeichnen lehren.--Aber hören Sie, -werther Herr Läuffer, um Gottes Willen ihr nicht scharf -begegnet; das Mädchen hat ein ganz ander Gemüth als der -Junge. Weiß Gott! es ist als ob sie nicht Bruder und -Schwester wären. Sie liegt Tag und Nacht über den -Büchern und über den Trauerspielen da, und sobald man -ihr nur ein Wort sagt, besonders ich, von mir kann sie -nichts vertragen, gleich stehn ihr die Backen in Feuer -und die Thränen lauffen ihr wie Perlen drüber herab. Ich -wills Ihm nur sagen: das Mädchen ist meines Herzens -einziger Trost. Meine Frau macht mir bittre Tage genug: -sie will alleweil herrschen und weil sie mehr List und -Verstand hat, als ich. Und der Sohn, das ist ihr -Liebling; den will sie nach ihrer Methode erziehen; -fein säuberlich mit dem Knaben Absalom, und da wird -denn einmal so ein Galgenstrick draus, der nicht Gott, -nicht Menschen was Nutz ist.--Das will ich nicht -haben.--Sobald er was thut, oder was versieht, oder -hat seinen Lex nicht gelernt, sag' Ers mir nur und der -lebendige Teuffel soll drein fahren.--Aber mit der -Tochter nehm' Er sich in Acht; die Frau wird Ihm schon -zureden, daß Er ihr scharf begegnen soll. Sie kann sie -nicht leiden, das weiß ich; aber wo ich das geringste -merke. Ich bin Herr vom Hause, muß Er wissen, und wer -meiner Tochter zu nahe kommt--Es ist mein einziges -Kleinod, und wenn der König mir sein Königreich für -sie geben wollt': ich schicke ihn fort. Alle Tage ist -sie in meinem Abendgebet und Morgengebet und in meinem -Tischgebet, und alles in allem, und wenn Gott mir die -Gnade thun wollte, daß ich sie noch vor meinem Ende -mit einem General oder Staatsminister vom ersten Range -versorgt sähe,--denn keinen andern soll sie sein -Lebtage bekommen,--so wollt' ich gern ein zehn Jahr -eher sterben.--Merk' Er sich das--und wer meiner -Tochter zu nahe kommt oder ihr worinn zu Leid lebt-- -die erste beste Kugel durch den Kopf. Merk' Er Sich -das.--(geht ab.) - - -Fünfte Scene. -Fritz von Berg. Augustchen. - - -Fritz. -Sie werden nicht Wort halten Gustchen: Sie werden mir -nicht schreiben, wenn Sie in Heidelbrun sind, und dann -werd' ich mich zu Tode grämen. - -Gustchen. -Glaubst Du denn, daß Deine Juliette so unbeständig seyn -kann? O nein; ich bin ein Frauenzimmer; die Mannspersonen -allein sind unbeständig. - -Fritz. -Nein, Gustchen, die Frauenzimmer allein sinds. Ja wenn -alle Julietten wären!--Wissen Sie was? Wenn Sie an mich -schreiben, nennen Sie mich Ihren Romeo; thun Sie mir -den Gefallen: ich versichere Sie, ich werd' in allen -Stücken Romeo seyn, und wenn ich erst einen Degen trage. -O ich kann mich auch erstechen, wenn's dazu kommt. - -Gustchen. -Gehn Sie doch! Ja Sie werden's machen, wie im Gellert -steht: er besah die Spitz' und Schneide und steckt' ihn -langsam wieder ein. - -Fritz. -Sie sollen schon sehen. (faßt sie an die Hand.) Gustchen-- -Gustchen! wenn ich Sie verlieren sollte oder der Onkel -wollte Sie einem andern geben.--Der gottlose Graf -Wermuth! Ich kann Ihnen den Gedanken nicht sagen -Gustchen, aber Sie könnten ihn schon in meinen Augen -lesen--Er wird ein Graf Paris für uns seyn. - -Gustchen. -Fritzchen--so mach' ichs wie Juliette. - -Fritz. -Was denn?--Wie denn?--Das ist ja nur eine Erdichtung; -es giebt keine solche Art Schlaftrunk. - -Gustchen. -Ja, aber es giebt Schlaftrünke zum ewigen Schlaf. - -Fritz. (fällt ihr um den Hals) -Grausame! - -Gustchen. -Ich hör' meinen Vater auf dem Gange.--Laß uns in den -Garten lauffen.--Nein; er ist fort.--Gleich nach dem -Caffee Fritzchen reisen wir und so wie der Wagen Dir -aus den Augen verschwindt, werd' ich Dir auch schon aus -dem Gedächtniß seyn. - -Fritz. -So mag Gott sich meiner nie mehr erinnern, wenn ich -Dich vergesse. Aber nimm Dich für den Grafen in Acht, -er gilt soviel bey deiner Mutter und Du weißt, sie -möchte Dich gern aus den Augen haben, und eh' ich meine -Schulen gemacht habe und drey Jahr auf der Universität, -das ist gar lange. - -Gustchen. -Wie denn Fritzchen! Ich bin ja noch ein Kind: ich bin -noch nicht zum Abendmahl gewesen, aber sag mir.--O wer -weiß, ob ich Dich sobald wieder spreche!--Wart, komm in -den Garten. - -Fritz. -Nein, nein, der Papa ist vorbey gegangen.--Siehst Du, -der Henker! er ist im Garten.--Was wolltest Du mir sagen? - -Gustchen. -Nichts... - -Fritz. -Liebes Gustchen... - -Gustchen. -Du solltest mir--Nein, ich darf das nicht von Dir -verlangen. - -Fritz. -Verlange mein Leben, meinen letzten Tropfen Bluts. - -Gustchen. -Wir wollten uns beyde einen Eid schwören. - -Fritz. -O komm! Vortreflich! Hier laß uns niederknien; am -Canapee, und heb' Du so Deinen Finger in die Höh' -und ich so meinen.--Nun sag, was soll ich schwören? - -Gustchen. -Daß Du in drey Jahren von der Universität zurückkommen -willst und Dein Gustchen zu Deiner Frau machen; Dein -Vater mag dazu sagen, was er will. - -Fritz. -Und was willst Du mir dafür wieder schwören, mein -englisches... (küßt sie) - -Gustchen. -Ich will schwören, daß ich in meinem Leben keines -andern Menschen Frau werden will, als Deine und wenn -der Kaiser von Rußland selber käme. - -Fritz. -Ich schwör Dir hunderttausend Eide--(Der geheime Rath -tritt herein: beyde springen mit lautem Geschrey auf.) - - -Sechste Scene. - - -Geh. Rath. -Was habt Ihr närrische Kinder? Was zittert Ihr?--Gleich, -gesteht mir alles. Was habt Ihr hier gemacht? Ihr seyd -beyde auf den Knien gelegen.--Junker Fritz, ich bitte -mir eine Antwort aus; unverzüglich:--Was habt Ihr -vorgehabt? - -Fritz. -Ich, gnädigster Papa? - -Geh. Rath. -Ich? und das mit einem so verwundrungsvollen Ton? Siehst -Du: ich merk' alles. Du möchtest mir itzt gern eine Lüge -sagen, aber entweder bist Du zu dumm dazu, oder zu feig, -und willst Dich mit Deinem Ich? heraushelfen. ... Und -Sie Mühmchen?--Ich weiß. Gustchen verheelt mir nichts. - -Gustchen. (fällt ihm um die Füße) -Ach, mein Vater-- - -Geh. Rath. (hebt sie auf und küßt sie.) -Wünschst Du mich zu Deinem Vater? Zu früh, mein Kind, zu -früh Gustchen, mein Kind. Du hast noch nicht communicirt. ---Denn warum soll ich euch verheelen, daß ich euch -zugehört habe.--Das war ein sehr einfältig Stückchen -von Euch beyden; besonders von Dir, großer vernünftiger -Junker Fritz, der bald einen Bart haben wird wie ich, -und eine Perücke aufsetzen und einen Degen anstecken. -Pfuy, ich glaubt' einen vernünftigern Sohn zu haben. -Das macht Dich gleich ein Jahr jünger, und macht, daß -Du länger auf der Schule bleiben mußt. Und Sie, Gustchen, -auch Ihnen muß ich sagen, daß es sich für Ihr Alter gar -nicht mehr schickt, so kindisch zu thun. Was sind das -für Romane, die Sie da spielen? Was für Eide, die Sie -sich da schwören, und die Ihr doch alle beyde so gewiß -brechen werdet als ich itzt mit Euch rede. Meynt Ihr, -Ihr seyd in den Jahren, Eide zu thun, oder meynt Ihr, -ein Eid sey ein Kinderspiel, wie es das Versteckspiel -oder die blinde Kuh ist? Lernt erst einsehen, was ein -Eid ist: lernt erst zittern dafür und alsdenn wagt's, -ihn zu schwören. Wißt, daß ein Meineidiger die -schändlichste und unglücklichste Creatur ist, die von -der Sonne angeschienen wird. Ein solcher darf weder den -Himmel ansehen, den er verleugnet hat, noch andere -Menschen, die sich unaufhörlich vor ihm scheuen, und -seiner Gesellschaft mit mehr Sorgfalt ausweichen, als -einer Schlange oder einem tückischen Hunde. - -Fritz. -Aber ich denke meinen Eid zu halten. - -Geh. Rath. -In der That Romeo? Ha! Du kannst Dich auch erstechen, -wenn's dazu kommt. Du hast geschworen, daß mir die Haare -zu Berg standen. Also gedenkst Du Deinen Eid zu halten? - -Fritz. -Ja Papa, bey Gott! ich denk' ihn zu halten. - -Geh. Rath. -Schwur mit Schwur bekräftigt!--Ich werd' es Deinem -Rektor beibringen. Er soll Euch auf vierzehn Tage nach -Sekunda herunter transportiren, Junker: inskünftige -lernt behutsamer schwören. Und worauf? Steht das in -Deiner Gewalt, was Du da versicherst? Du willst Gustchen -heyrathen! Denk doch! weißt Du auch schon, was für ein -Ding das ist, Heyrathen? Geh doch, heyrathe sie: nimm -sie mit auf die Akademie. Nicht? Ich habe nichts dawider, -daß ihr Euch gern seht, daß Ihr Euch lieb habt, daß Ihrs -Euch sagt, wie lieb Ihr Euch habt; aber Narrheiten müßt -Ihr nicht machen; keine Affen von uns Alten seyn, eh' -Ihr so reif seyd als wir; keine Romane spielen wollen, -die nur in der ausschweifenden Einbildungskraft eines -hungrigen Poeten ausgeheckt sind und von denen Ihr in -der heutigen Welt keinen Schatten der Wirklichkeit -antrefft. Geht! ich werde keinem Menschen was davon -sagen, damit ihr nicht nöthig habt roth zu werden, wenn -Ihr mich seht.--Aber von nun an sollt ihr einander nie -mehr ohne Zeugen sehen. Versteht Ihr mich? Und Euch nie -andere Briefe schreiben als offene und das auch alle -Monathe, oder höchstens alle drey Wochen einmal, und -sobald ein heimliches Briefchen an Junker Fritz oder -Fräulein Gustchen entdeckt wird--so steckt man den -Junker unter die Soldaten und das Fräulein ins Kloster, -bis sie vernünftiger werden. Versteht ihr mich?--Jetzt-- -nehmt Abschied, hier in meiner Gegenwart.--Die Kutsche -ist angespannt, der Major treibt fort; die Schwägerin -hat schon Caffee getrunken.--Nehmt Abschied: Ihr -braucht Euch vor mir nicht zu scheuen. Geschwind, -umarmt Euch. (Fritz und Gustchen umarmen sich zitternd) -Und nun mein Tochter Gustchen, weil Du doch das Wort so -gern hörst, (hebt sie auf und küßt sie) Leb tausendmal -wohl, und begegne Deiner Mutter mit Ehrfurcht; sie mag -Dir sagen was sie will.--Jetzt geh, mach!--(Gustchen -geht einige Schritte, sieht sich um; Fritz fliegt ihr -weinend an den Hals.) Die beyden Narren brechen mir das -Herz! Wenn doch der Major vernünftiger werden wollte, -oder seine Frau weniger herrschsüchtig!-- - - - -Zweyter Akt. - - -Erste Scene. - -Pastor Läuffer. Der geheime Rath. - - -Geh. Rath. -Ich bedaure ihn--und Sie noch Vielmehr, Herr Pastor, -daß Sie solchen Sohn haben. - -Pastor. -Verzeihen Euer Gnaden, ich kann mich über meinen Sohn -nicht beschweren; er ist ein sittsamer und geschickter -Mensch, die ganze Welt und Dero Herr Bruder und Frau -Schwägerin selbst werden ihm das eingestehen müssen. - -Geh. Rath. -Ich sprech' ihm das all nicht ab, aber er ist ein Thor, -und hat alle sein Mißvergnügen sich selber zu danken. -Er sollte den Sternen danken, daß meinem Bruder das Geld, -das er für den Hofmeister zahlt, einmal anfängt zu lieb -zu werden. - -Pastor. -Aber bedenken Sie doch: nichts mehr als hundert Dukaten; -hundert arme Dukätchen; und dreihundert hatt' er ihm doch -im ersten Jahr versprochen: aber beym Schluß desselben -nur hundert und vierzig ausgezahlt, jetzt beym Beschluß -des zweyten, da doch die Arbeit meines Sohnes immer -zunimmt, zahlt' er ihm hundert, und nun beym Anfang des -dritten wird ihm auch das zu viel.--Das ist wider alle -Billigkeit! Verzeihn Sie mir. - -Geh. Rath. -Laß es doch.--Das hätt' ich Euch Leuten voraussagen -wollen, und doch solle Ihr Sohn Gott danken, wenn ihn -nur der Major beym Kopf nähm' und aus dem Hause würfe. -Was soll er da, sagen Sie mir Herr? Wollen Sie ein Vater -für ihr Kind seyn und schliessen so Augen, Mund und -Ohren für seine ganze Glückseligkeit zu? Tagdieben, und -sich Geld dafür bezahlen lassen? Die edelsten Stunden -des Tages bey einem jungen Herrn versitzen, der nichts -lernen mag und mit dem er's doch nicht verderben darf, -und die übrigen Stunden, die der Erhaltung seines Lebens, -den Speisen und dem Schlaf geheiligt sind, an einer -Sklavenkette verseufzen; an den Winken der gnädigen -Frau hängen, und sich in die Falten des gnädigen Herrn -hineinstudiren; essen wenn er satt ist und fasten, -wenn er hungrig ist, Punsch trinken, wenn er p–ss–n -möchte, und Karten spielen, wenn er das Lauffen hat. -Ohne Freyheit geht das Leben bergab rückwärts, Freyheit -ist das Element des Menschen wie das Wasser des Fisches, -und ein Mensch der sich der Freyheit begiebt, vergiftet -die edelsten Geister seines Bluts, erstickt seine -süssesten Freuden des Lebens in der Blüthe und ermordet -sich selbst. - -Pastor. -Aber--Oh! erlauben Sie mir; das muß sich ja jeder -Hofmeister gefallen lassen; man kann nicht immer -seinen Willen haben, und das läßt sich mein Sohn auch -gern gefallen, nur-- - -Geh. Rath. -Desto schlimmer, wenn er sichs gefallen läßt, desto -schlimmer; er hat den Vorrechten eines Menschen entsagt, -der nach seinen Grundsätzen muß leben können, sonst -bleibt er kein Mensch. Mögen die Elenden, die ihre -Ideen nicht zu höherer Glückseligkeit zu erheben -wissen, als zu essen und zu trinken, mögen die sich -im Keficht zu Tode füttern lassen, aber ein Gelehrter, -ein Mensch, der den Adel seiner Seele fühlt, der den -Tod nicht so scheuen sollt' als eine Handlung, die -wider seine Grundsätze läuft... - -Pastor. -Aber was ist zu machen in der Welt? Was wollte mein -Sohn anfangen, wenn Dero Herr Bruder ihm die Condition -aufsagten? - -Geh. Rath. -Laßt den Burschen was lernen, daß er dem Staat nützen -kann. Potz hundert Herr Pastor, Sie haben ihn doch -nicht zum Bedienten aufgezogen, und was ist er anders -als Bedienter, wenn er seine Freyheit einer Privatperson -für einige Handvoll Dukaten verkauft? Sklav' ist er, -über den die Herrschaft unumschränkte Gewalt hat, nur -daß er so viel auf der Akademie gelernt haben muß, -ihren unbesonnenen Anmuthungen von weitem zuvorzukommen -und so einen Firniß über seine Dienstbarkeit zu -streichen: daß heißt denn ein feiner artiger Mensch, -ein unvergleichlicher Mensch; ein unvergleichlicher -Schurke, der, statt seine Kräfte und seinen Verstand -dem allgemeinen Besten aufzuopfern, damit die Rasereyen -einer dampfigten Dame und eines abgedämpften Officiers -unterstützt, die denn täglich weiter um sich fressen -wie ein Krebsschaden und zuletzt unheilbar werden. Und -was ist der ganze Gewinnst am Ende? Alle Mittag Braten -und alle Abend Punsch, und eine grosse Portion Galle, -die ihm Tags über ins Maul gestiegen, Abends, wenn er -zu Bett liegt, hinabgeschluckt, wie Pillen; das macht -gesundes Blut, auf meine Ehr'! und muß auch ein -vortrefliches Herz auf die Länge geben. Ihr beklagt -Euch so viel übern Adel und über seinen Stolz, die -Leute sähn Hofmeister wie Domestiken an, Narren! was -sind sie denn anders? Stehn sie nicht in Lohn und Brod -bey ihnen wie jene? Aber wer heißt Euch ihren Stolz -nähren? Wer heißt euch Domestiken werden, wenn Ihr was -gelernt habt, und einem starrköpfischen Edelmann zinsbar -werden, der sein Tage von seinen Hausgenossen nichts -anders gewohnt war als sklavische Unterwürfigkeit? - -Pastor. -Aber Herr Geheimer Rath--Gütiger Gott! es ist in der -Welt nicht anders: man muß eine Warte haben, von der -man sich nach einem öffentlichen Amt umsehen kann, wenn -man von Universitäten kommt; wir müssen den göttlichen -Ruf erst abwarten und ein Patron ist sehr oft das Mittel -zu unserer Beförderung: wenigstens ist es mir so gegangen. - -Geh. Rath. -Schweigen Sie, Herr Pastor, ich bitt Sie, schweigen Sie. -Das gereicht Ihnen nicht zur Ehr. Man weiß ja doch, daß -Ihre seelige Frau Ihr göttlicher Ruf war, sonst säßen -Sie noch itzt beym Herrn von Tiesen und düngten ihm -seinen Acker. Jemine! daß Ihr Herrn uns doch immer -einen so ehrwürdigen schwarzen Dunst vor Augen machen -wollt. Noch nie hat ein Edelmann einen Hofmeister -angenommen, wo er ihm nicht hinter eine Allee von acht -neun Sklavenjahren ein schön Gemählde von Beförderung -gestellt hat und wenn Ihr acht Jahr gegangen waret, so -macht' ers wie Laban und rückte das Bild um noch einmal -so weit vorwärts. Possen! lernt etwas und seyd brave -Leut. Der Staat wird Euch nicht lang am Markt stehen -lassen. Brave Leut sind allenthalben zu brauchen, aber -Schurken, die den Namen vom Gelehrten nur auf den Zettel -tragen und im Kopf ist leer Papier ... - -Pastor. -Das ist sehr allgemein gesprochen, Herr Rath!--Es -müssen doch, bey Gott! auch Hauslehrer in der Welt -seyn; nicht jedermann kann gleich geheimer Rath werden -und wenn er gleich ein Hugo Grotius wär. Es gehören -heutiges Tags andere Sachen dazu als Gelehrsamkeit.-- - -Geh. Rath. -Sie werden warm, Herr Pastor!--Lieber, werther Herr -Pastor, lassen Sie uns den Faden unsers Streits nicht -verlieren. Ich behaupte: es müssen keine Hauslehrer -in der Welt seyn! das Geschmeis taucht den Teufel zu -nichts. - -Pastor. -Ich bin nicht hergekommen mir Grobheiten sagen zu -lassen: ich bin auch Hauslehrer gewesen. Ich habe die -Ehre-- - -Geh. Rath. -Warten Sie; bleiben Sie, lieber Herr Pastor! Behüte -mich der Himmel! Ich habe Sie nicht beleidigen wollen -und wenn's wider meinen Willen geschehen ist, so bitt' -ich Sie tausendmahl um Verzeihung. Es ist einmal meine -üble Gewohnheit, daß ich gleich in Feuer gerathe, wenn -mir ein Gespräch interessant wird: alles übrige -verschwinde mir denn aus dem Gesicht und ich sehe nur -den Gegenstand, von dem ich spreche. - -Pastor. -Sie schütten,--Verzeihen Sie mir, ich bin auch ein -Cholerikus, und rede gern von der Lunge ab.--Sie -schütten das Kind mit dem Bade aus. Hauslehrer taugen -zu nichts.--Wie können Sie mir das beweisen? Wer soll -Euch jungen Herrn denn Verstand und gute Sitten -beibringen Was wär aus Ihnen geworden, mein werther -Herr geheimer Rath, wenn Sie keinen Hauslehrer gehabt -hätten? - -Geh. Rath. -Ich bin von meinem Vater zur öffentlichen Schul -gehalten worden, und seegne seine Asche dafür, und -so hoff' ich, wird mein Sohn Fritz auch dereinst thun. - -Pastor. -Ja,--da ist aber noch viel drüber zu sagen Herr! -Ich meiner Seits bin Ihrer Meynung nicht; ja wenn die -öffentlichen Schulen das wären, was sie seyn sollten.-- -Aber die nüchternen Subjecta, so oft den Classen -vorstehen; die pedantischen Methoden, die sie brauchen, -die unter der Jugend eingerissenen verderbten Sitten-- - -Geh. Rath. -Wes ist die Schuld? Wer ist schuld dran, als ihr -Schurken von Hauslehrern? Würde der Edelmann nicht -von Euch in der Grille gestärkt, einen kleinen Hof -anzulegen, wo er als Monarch oben auf dem Thron sitzt, -und ihm Hofmeister und Mamsell und ein ganzer Wisch von -Tagdieben huldigen, so würd' er seine Jungen in die -öffentliche Schule thun müssen; er würde das Geld, -von dem er jetzt seinen Sohn zum hochadlichen Dummkopf -aufzieht, zum Fond der Schule schlagen: davon könnten -denn gescheidte Leute salarirt werden und alles würde -seinen guten Gang gehn; das Studentchen müste was -lernen, um bey einer solchen Anstalt brauchbar zu -werden, und das junge Herrchen, anstatt seine -Faullenzerey vor den Augen des Papas und der Tanten, -die alle keine Argusse sind, künstlich und manierlich -zu verstecken, würde seinen Kopf anstrengen müssen, -um es den bürgerlichen Jungen zuvorzuthun, wenn es -sich doch von ihnen unterscheiden will.--Was die -Sitten anbetrift, das findt sich wahrhaftig.--Wenn -er gleich nicht, wie seine hochadliche Vettern, die -Nase von Kindesbeinen an höher tragen lernt als andere, -und in einem nachläßigen Ton, von oben herab, Unsinn -sagen, und Leuten ins Gesicht sehen, wenn sie den Hut -vor ihm abziehen, um ihnen dadurch anzudeuten, daß -sie auf kein Gegencompliment warten sollen. Die feinen -Sitten hol der Teufel! Man kann dem Jungen Tanzmeister -auf der Stube halten, und ihn in artige Gesellschaften -führen, aber er muß durchaus nicht aus der Sphäre -seiner Schulkamraden herausgehoben, und in der Meinung -gestärkt werden, er sey eine bessere Kreatur als andere. - -Pastor. -Ich habe nicht Zeit, (zieht die Uhr heraus) mich in -den Disput weiter mit Ihnen einzulassen, gnädiger Herr; -aber so viel weiß ich, daß der Adel überall nicht ihrer -Meinung seyn wird. - -Geh. Rath. -So sollten die Bürger meiner Meynung seyn.--Die Noth -würde den Adel schon auf andere Gedanken bringen, und -wir könnten uns bessere Zeiten versprechen. Sapperment, -was kann aus unserm Adel werden, wenn ein einziger -Mensch das Faktotum bey dem Kinde seyn soll, ich setz' -auch den unmöglichen Fall, daß er ein Polyhistor wäre, -wo will der eine Mann Feuer und Muth und Thätigkeit -hernehmen, wenn er alle seine Kräfte auf einen -Schaafskopf concentriren soll, besonders wenn Vater -und Mutter sich kreutz und die quer immer mit in die -Erziehung mengen, und dem Faß, in welches er füllt, -den Boden immer wieder ausschlagen? - -Pastor. -Ich bin um zehn Uhr zu einem Kranken bestellt. Sie -werden mir verzeihen.--(Im Abgehen wendt er sich um) -Aber wär's nicht möglich, gnädiger Herr, daß Sie -Ihren zweyten Sohn nur auf ein halb Jährchen zum -Herrn Major in die Kost thäten? Mein Sohn will gern -mit achtzig Dukaten zufrieden seyn, aber mit sechzigen, -die ihm der Herr Bruder geben wollen, da kann er nicht -von subsistiren. - -Geh. Rath. -Laß ihn quittiren.--Ich thu es nicht, Herr Pastor! -Davon bin ich nicht abzubringen. Ich will Ihrem Herrn -Sohn die dreyßig Dukaten lieber schenken; aber meinem -Sohn geb ich zu keinem Hofmeister. (Der Pastor hält -ihm einen Brief hin) Was soll ich damit? Es ist alles -umsonst, sag ich Ihnen. - -Pastor. -Lesen Sie--Lesen Sie nur.-- - -Geh. Rath. -Je nun, ihm ist nicht--(liest)--wenden Sie doch -alles an, den Herrn geheimen Rath dahin zu vermögen, ---Sie können Sich nicht vorstellen, wie elend es -mir hier geht; nichts wird mir gehalten, was mir ist -versprochen worden. Ich speise nur mit der Herrschaft, -wenn keine Fremde da sind,--das ärgste ist, daß ich -gar nicht von hier komme und in einem ganzen Jahr -meinen Fuß nicht aus Heidelbrunn habe setzen--man -hatte mir ein Pferd versprochen, alle Vierteljahr -einmal nach Königsberg zu reisen, als ich es foderte, -fragte mich die gnädige Frau, ob ich nicht lieber zum -Carneval nach Venedig wollte.--(wirft den Brief an -die Erde.) Je nun, laß ihn quittiren; warum ist er -ein Narr und bleibt da? - -Pastor. -Ja das ist eben die Sache. (hebt den Brief auf) -Belieben Sie doch nur auszulesen. - -Geh. Rath. -Was ist da zu lesen?--(liest) Dem ohngeachtet kann -ich dies Haus nicht verlassen, und sollt' es mich -Leben und Gesundheit kosten. So viel darf ich Ihnen -sagen, daß die Aussichten in eine selige Zukunft mir -alle die Mühseligkeiten meines gegenwärtigen Standes-- -Ja, das sind vielleicht Aussichten in die selige -Ewigkeit, sonst weiß ich keine Aussichten, die mein -Bruder ihm eröfnen könnte. Er betrügt sich, glauben -Sie mirs; schreiben Sie ihm zurück, daß er ein Thor -ist. Dreyßig Dukaten will ich ihm dies Jahr aus meinem -Beutel Zulage geben, aber ihn auch zugleich gebeten -haben, mich mit allen fernern Anwerbungen um meinen -Karl zu verschonen: denn ihm zu Gefallen werd' ich mein -Kind nicht verwahrlosen. - - -Zweyte Scene. - -In Heidelbrunn. -Gustchen. Läuffer. - - -Gustchen. -Was fehlt ihnen dann? - -Läuffer. -Wie stehts mit meinem Porträt? Nicht wahr, Sie haben -nicht dran gedacht? Wenn ich auch so saumselig gewesen -wäre--Häte ich das gewußt: ich hätt Ihren Brief so -lang zurückgehalten, aber ich war ein Narr. - -Gustchen. -Ha ha ha. Lieber Herr Hofmeister! Ich habe wahrhaftig -noch nicht Zeit gehabt. - -Läuffer. -Grausame! - -Gustchen. -Aber was fehlt Ihnen denn? Sagen Sie mir doch! So -tiefsinnig sind Sie ja noch nie gewesen. Die Augen -stehn Ihnen ja immer voll Wasser: ich habe gemerkt, -Sie essen nichts. - -Läuffer. -Haben Sie? In der That? Sie sind ein rechtes Muster -des Mitleidens. - -Gustchen. -O Herr Hofmeister-- - -Läuffer. -Wollen Sie heut Nachmittag Zeichenstunde halten? - -Gustchen. (faßt ihn an die Hand) -Liebster Herr Hofmeister! verzeihen Sie, daß ich sie -gestern aussetzte. Es war mir wahrhaftig unmöglich zu -zeichnen; ich hatte den Schnuppen auf eine erstaunende -Art. - -Läuffer. -So werden Sie ihn wohl heute noch haben. Ich denke, -wir hören ganz auf zu zeichnen. Es macht Ihnen kein -Vergnügen länger. - -Gustchen. (halbweinend) -Wie können Sie das sagen, Herr Läuffer? Es ist das -einzige, was ich mit Lust thue. - -Läuffer. -Oder Sie versparen es bis auf den Winter in die Stadt -und nehmen einen Zeichenmeister. Ueberhaupt werd ich -Ihren Herrn Vater bitten, den Gegenstand Ihres -Abscheues, Ihres Hasses, Ihrer ganzen Grausamkeit von -Ihnen zu entfernen. Ich sehe doch, daß es Ihnen auf -die Länge unausstehlich wird, von mir Unterricht -anzunehmen. - -Gustchen. -Herr Läuffer-- - -Läuffer. -Lassen Sie mich--Ich muß sehen, wie ich das elende -Leben zu Ende bringe, weil mir doch der Tod verboten -ist-- - -Gustchen. -Herr Läuffer-- - -Läuffer. -Sie foltern mich.--(reißt sich loß und geht ab.) - -Gustchen. -Wie dauert er mich! - - -Dritte Scene. - -Zu Halle in Sachsen. -Pätus Zimmer. -Fritz von Berg. -Pätus (im Schlafrock an einem Tisch sitzend.) - - -Pätus. -Ey was Berg! Du bist ja kein Kind mehr, daß du nach -Papa und Mama--Pfuy Teufel! ich hab Dich allezeit -für einen braven Kerl gehalten, wenn Du nicht mein -Schulkamerad wärst: ich würde mich schämen mit Dir -umzugehen. - -Fritz. -Pätus, auf meine Ehr, es ist nicht Heimweh, Du machst -mich bis über die Ohren roth mit dem dummen Verdacht. -Ich möchte gern Nachricht von Hause haben, das gesteh' -ich, aber das hat seine Ursachen-- - -Pätus. -Gustchen--Nicht wahr? Denk doch, Du arme Seele! -Hundertachtzig Stunden von ihr entfernt--Was für -Wälder und Ströme liegen nicht zwischen Euch? Aber -warte, wir haben hier auch Mädchen; wenn ich nur -besser besponnen wäre, ich wollte Dich heut in eine -Gesellschaft führen--Ich weiß nicht, wie Du auch -bist; ein Jahr in Halle und noch mit keinem Mädchen -gesprochen: das muß melancholisch machen; es kann -nicht anders seyn. Warte, Du must mir hier einziehen, -daß Du lustig wirst. Was machst Du da bey dem Pfarrer? -Das ist keine Stube für Dich-- - -Fritz. -Was zahlst Du hier? - -Pätus. -Ich zahle--Wahrhaftig, Bruder, ich weiß es nicht. -Es ist ein guter ehrlicher Philister, bey dem ich -wohne: seine Frau ist freylich bisweilen ein bischen -wunderlich, aber mags. Was gehts mich an? Wir zanken -uns einmal herum und denn laß ich sie laufen: und die -schreiben mir alles auf. Hausmiethe, Kaffee, Tabak; -alles was ich verlange, und denn zahl' ich die Rechnung -alle Jahre, wenn mein Wechsel kommt. - -Fritz. -Bist du jetzt viel schuldig? - -Pätus. -Ich habe die vorige Woche bezahlt. Das ist wahr, -diesmal haben Sie mirs arg gemacht: mein ganzer -Wechsel hat herhalten müssen bis auf den letzten -Pfennig, und mein Rock, den ich Tags vorher versetzt -hatte, weil ich in der äussersten Noth war, steht -noch zu Gevattern. Weiß der Himmel, wenn ich ihn -wieder einlösen kann. - -Fritz. -Und wie machst Dus denn itzt? - -Pätus. -Ich?--Ich bin krank. Heut morgen hat mich die Frau -Räthin Hamster invitiren lassen, gleich kroch ich ins -Bett ... - -Fritz. -Aber bey dem schönen Wetter immer zu Hause zu sitzen. - -Pätus. -Was macht das? des Abends geh ich im Schlafrock -spatzieren, es ist ohnedem in den Hundstagen am Tage -nicht auszuhalten--Aber Potz Mordio! Wo bleibt denn -mein Kaffee? (pocht mit dem Fuß) Frau Blitzer!--Nun -sollst Du sehn, wie ich meinen Leuten umspringe--Frau -Blitzer! in aller Welt Frau Blitzer. (klingelt und -pocht)--Ich habe sie kürzlich bezahlt: nun kann ich -schon breiter thun--Frau ... - -Frau Blitzer. (tritt herein mit einer Portion Kaffee.) - -Pätus. -In aller Welt, Mutter! wo bleibst Du denn? Das Wetter -soll Dich regieren. Ich warte hier schon über eine -Stunde-- - -Frau Blitzer. -Was? Du nichtsnutziger Kerl, was lärmst Du? Bist Du -schon wieder nichts nutz, abgeschabte Laus? Den -Augenblick trag ich meinen Kaffee wieder herunter-- - -Pätus. (gießt sich ein) -Nun, nun, nicht so böse Mutter! aber Zwieback--Wo -ist denn Zwieback? - -Frau Blitzer. -Ja, kleine Steine Dir! Es ist kein Zwieback im Hause. -Denk doch, ob so ein kahler lausichter Kerl nun alle -Nachmittag Zwieback frißt oder nicht-- - -Pätus. -Was tausend alle Welt! (stampft mit dem Fuß) Sie -weiß, daß ich keinen Kaffee ohne Zwieback ins Maul -nehme--Wofür gebe ich denn mein Geld aus-- - -Frau Blitzer. (langt ihm Zwieback aus der Schürze, -wobey sie ihn an den Haaren zupft.) -Da siehst Du, da ist Zwieback, Posaunenkerl! Er hat -eine Stimme wie ein ganzes Regiment Soldaten. Nu, ist -der Kaffee gut? Ist er nicht? Gleich sag mirs, oder -ich reiß Ihm das letzte Haar aus Seinem kahlen Kopf -heraus. - -Pätus. (trinkt) -Unvergleichlich--Aye!--Ich hab in meinem Leben -keinen bessern getrunken. - -Frau Blitzer. -Siehst Du Hundejunge! Wenn Du die Mutter nicht hättest, -die sich Deiner annähme und Dir zu essen und zu trinken -gäbe, Du müstest an der Strasse verhungern. Sehen Sie -ihn einmal an, Herr von Berg, wie er daher geht, keinen -Rock auf dem Leibe und sein Schlafrock ist auch, als -ob er darin wär aufgehenkt worden und wieder vom Galgen -gefallen. Sie sind doch ein hübscher Herr, ich weiß -nicht wie Sie mit dem Menschen umgehen können, nun -freylich unter Landsleuten da ist immer so eine kleine -Blutsverwandschaft, drum sag ich immer, wenn doch der -Herr von Berg zu uns einlogiren thäte. Ich weiß, daß -Sie viel Gewalt über ihn haben: da könnte doch noch -was ordentliches aus ihm werden, aber sonst wahrhaftig-- -(geht ab) - -Pätus. -Siehst Du, ist das nicht ein gut fidel Weib. Ich seh' -ihr all etwas durch die Finger, aber potz, wenn ich -auch einmal ernsthaft werde, kusch ist sie wie die -Wand--Willst Du nicht eine Tasse mit trinken? (gießt -ihm ein) Siehst Du, ich bin hier wohl bedient; ich -zahle was rechts, das ist wahr, aber dafür hab' auch -ich was ... - -Fritz. (trinkt.) -Der Kaffee schmeckt nach Gerste. - -Pätus. -Was sagst Du?--(schmeckt gleichfalls) Ja wahrhaftig, -mit dem Zwieback hab' ichs nicht so--(sieht in die -Kanne) Nun so hol Dich! (wirft das Kaffeezeug zum -Fenster hinaus) Gerstenkaffee und fünfhundert Gulden -jährlich!-- - -Frau Blitzer. (stürzt herein) -Wie? Was zum Teufel, was ist das? Herr, ist Er rasend -oder plagt Ihn gar der Teufel?-- - -Pätus. -Still Mutter! - -Frau Blitzer. (mit gräßlichem Geschrey) -Aber wo ist mein Kaffeezeug? Ey! zum Henker! aus dem -Fenster--Ich kratz' Ihm die Augen aus dem Kopf heraus. - -Pätus. -Es war eine Spinne darin und ich warf's in der Angst-- -Was kann ich dafür, daß das Fenster offen stand? - -Frau Blitzer. -Daß Du verreckt wärst an der Spinne, wenn ich Dich mit -Haut und Haar verkaufe, so kannst Du mir mein -Kaffeezeug nicht bezahlen, nichtswürdiger Hund! -Nichts als Schaden und Unglück kann Er machen. Ich -will Dich verklagen; ich will Dich in Karcer werfen -lassen. (läuft heraus) - -Pätus. (lachend) -Was ist zu machen, Bruder! man muß sie schon ausrasen -lassen. - -Fritz. -Aber für Dein Geld? - -Pätus. -Ey was!--Wenn ich bis Weyhnachten warten muß, wer -wird mir sogleich bis dahin kreditiren? Und denn ists -ja nur ein Weib und ein närrisch Weib dazu, dem's -nicht immer so von Herzen geht- wenn mirs der Mann -gesagt hätte, das wär was anders, dem schlüg' ich das -Leder voll--Siehst Du wohl! - -Fritz. -Hast Du Feder und Tinte? - -Pätus. -Dort auf dem Fenster-- - -Fritz. -Ich weiß nicht, das Herz ist mir so schwer--Ich habe -nie was auf Ahndungen gehalten. - -Pätus. -Ja mir auch--Die Döbblinsche Gesellschaft ist -angekommen. Ich möchte gern in die Komödie gehn und -habe keinen Rock anzuziehen. Der Schurke mein Wirth -leyht mir keinen und ich bin eine so große dicke -Bestie, daß mir keiner von all Euren Röcken passen -würde. - -Fritz. -Ich muß gleich nach Hause schreiben. (setzt sich an -ein Fenster nieder und schreibt) - -Pätus. (setzt sich einem Wolfspelz gegenüber, der an -der Wand hängt) -Hm! nichts als den Pelz gerettet, von allen meinen -Kleidern, die ich habe, und die ich mir noch wollte -machen lassen. Grade den Pelz, den ich im Sommer -nicht tragen kann, und den mir nicht einmal der Jude -zum Versatz annimmt, weil sich der Wurm leicht -hineinsetzt. Hanke, Hanke! das ist doch unverantwortlich, -daß Du mir keinen Rock auf Pump machen willst. (steht -auf und geht herum) Was hab' ich Dir gethan, Hanke, -daß Du just mir keinen Rock machen willst? Just mir, -der ich ihn am nöthigsten brauche, weil ich jetzo -keinen habe, just mir!--Der Teufel muß Dich besitzen, -er macht Hunz und Kunz auf Kredit und just mir nicht! -(faßt sich an den Kopf und stampft mit dem Fuß) Just -mir nicht, just mir nicht!-- - -Bollwerk. (der sich mittlerweile hineingeschlichen und -ihm zugehört, faßt ihn an: er kehrt sich um und bleibt -stumm vor Bollwerk stehen) Ha ha ha ... Nun du armer -Pätus--ha ha ha! Nicht wahr, es ist doch ein gottloser -Hanke, daß er just Dir nicht--Aber, wo ist das rothe -Kleid mit Gold, das Du bey ihm bestellt hast, und das -blauseidne mit der silberstücknen Weste, und das -rothsammetne mit schwarz Sammet gefüttert, das wär -vortreflich bey dieser Jahrszeit. Sage mir! antworte -mir! Der verfluchte Hanke! Wollen wir gehn und ihm die -Haut vollschlagen? Wo bleibt er so lang mit Deiner -Arbeit? Wollen wir? - -Pätus. (wirft sich auf einen Stuhl) -Laß mich zufrieden. - -Bollwerk. -Aber hör Pätus, Pätus, Pä Pä Pä Pätus (setzt sich zu -ihm) Döbblin ist angekommen. Hör Pä Pä Pä Pä Pätus, -wie wollen wir das machen? Ich denke, Du ziehst Deinen -Wolfspelz an und gehst heut Abend in die Komödie. Was -schadt's, Du bist doch fremd hier--und die ganze Welt -weiß, daß Du vier Paar Kleider bey Hanke bestellt hast. -Ob er sie Dir machen wird, ist gleich viel!--Der -verfluchte Kerl! Wollen ihm die Fenster einschlagen, -wenn er sie Dir nicht macht! - -Pätus. (heftig) -Laß mich zufrieden, sag ich Dir. - -Bollwerk. -Aber hör...aber...aber...hör hör hör' Pätus; nimm -Dich in Acht Pätus! daß Du mir des Nachts nicht mehr -im Schlafrock auf der Gasse läufst. Ich weiß, daß Du -bange bist vor Hunden; es ist eben ausgetrummelt -worden, daß zehn wütige Hunde in der Stadt herumlaufen -sollen; sie haben schon einige Kinder gebissen: zwey -sind noch davon kommen, aber vier sind auf der Stelle -gestorben. Das machen die Hundstage? Nicht wahr Pätus? -Es ist gut, daß Du jetzt nicht ausgehen kannst. Nicht -wahr? Du gehst itzt mit allem Fleiß nicht aus? Nicht -wahr Pä Pä Pätus? - -Pätus. -Laß mich zufrieden ... oder wir verzürnen uns. - -Bollwerk. -Du wirst doch kein Kind seyn--Berg, kommen Sie mit -in die Komödie? - -Fritz. (zerstreut) -Was?--Was für Komödie? - -Bollwerk. -Es ist eine Gesellschaft angekommen--Legen Sie die -Schmieralien weg. Sie können ja auf den Abend schreiben. -Man giebt heut Minna von Barnhelm. - -Fritz. -O die muß ich sehen.--(steckt seine Briefe zu sich) -Armer Pätus, daß Du keinen Rock hast.-- - -Bollwerk. -Ich lieh' ihm gern einen, aber es ist hol mich der -Teufel mein einziger, den ich auf dem Leibe habe-- -(gehn ab) - -Pätus. (allein) -Geht zum Teufel mit Eurem Mitleiden! Das ärgert mich -mehr als wenn man mir ins Gesicht schlüge--Ey was -mach ich mir draus. (zieht seinen Schlafrock aus) Laß -die Leute mich für wahnwitzig halten! Minna von -Barnhelm muß ich sehen und wenn ich nackend hingehen -sollte! (zieht den Wolfspelz an) Hanke, Hanke! es -soll Dir zu Hause kommen! (stampft mit dem Fuß) Es -soll dir zu Hause kommen! (geht) - - -Vierte Scene. - -Frau Hamster. Jungfer Hamster. Jungfer Knicks. - - -Jungfer Knicks. -Ich kanns Ihnen vor Lachen nicht erzehlen, Frau -Räthin, ich muß krank vor Lachen werden. Stellen -Sie Sich vor: wir gehen mit Jungfer Hamster im -Gäßchen hier nah bey, so läuft uns ein Mensch im -Wolfspelz vorbey, als ob er durch Spießruthen gejagt -würde; drey große Hunde hinter ihm drein. Jungfer -Hamster bekam einen Schubb, daß sie mit dem Kopf an -die Mauer schlug und überlaut schreyen muste. - -Frau Hamster. -Wer war es denn? - -Jungfer Knicks. -Stellen Sie Sich vor, als wir ihm nachsahen, war's -Herr Pätus--Er muß rasend worden seyn. - -Frau Hamster. -Mit einem Wolfspelz in dieser Hitze! - -Jungfer Hamster. (hält sich den Kopf) -Ich glaube noch immer, er ist aus dem hitzigen Fieber -aufgesprungen. Er ließ uns heut Morgen sagen, er sey -krank. - -Jungfer Knicks. -Und die drey Hunde hinter ihm drein, das war das -lustigste. Ich hatte mir vorgenommen heut in die -Komödie zu gehen, aber nun mag ich nicht, ich würde -doch da nicht soviel zu lachen kriegen. Das vergeß -ich mein Lebtage nicht. Seine Haare flogen ihm nach -wie der Schweif an einem Kometen, und je eyfriger er -lief, desto eyfriger schlugen die Hunde an und er -hatte das Herz nicht, sich einmal umzusehen... Das -war unvergleichlich! - -Frau Hamster. -Schrie er nicht? Er wird gemeynt haben, die Hunde seyn -wütig. - -Jungfer Knicks. -Ich glaub, er hatte keine Zeit zum Schreyen, aber roth -war er wie ein Krebs und hielt das Maul offen, wie die -Hunde hinter ihm drein--O das war nicht mit Geld zu -bezahlen! ich gäbe nicht meine Schnur ächter Perlen -darum, daß ich das nicht gesehen. - - -Fünfte Scene. - -In Heidelbrunn. -Augustchens Zimmer. -Gustchen. (liegt auf dem Bette) -Läuffer. (sitzt am Bette) - - -Läuffer. -Stell Dir vor Gustchen, der geheime Rath will nicht. -Du siehst, daß Dein Vater mir das Leben immer saurer -macht: nun will er mir gar aufs folgende Jahr nur -vierzig Dukaten geben. Wie kann ich das aushalten? -Ich muß quittiren. - -Gustchen. -Grausamer, und was werd ich denn anfangen? (nachdem -beyde eine zeitlang sich schweigend angesehen) Du -siehst: ich bin schwach, und krank; hier in der -Einsamkeit unter einer barbarischen Mutter--Niemand -fragt nach mir, niemand bekümmert sich um mich: -meine ganze Familie kann mich nicht mehr leiden; -mein Vater selber nicht mehr: ich weiß nicht warum. - -Läuffer. -Mach, daß Du zu meinem Vater in die Lehre kommst; -nach Insterburg. - -Gustchen. -Da kriegen wir uns nie zu sehen. Mein Onkel leidt es -nimmer, daß mein Vater mich zu Deinem Vater ins Haus -giebt. - -Läuffer. -Mit dem verfluchten Adelstolz! - -Gustchen. (nimmt seine Hand) -Wenn Du auch böse wirst, Herrmannchen! (küßt sie) O -od! Tod! warum erbarmst Du Dich nicht! - -Läuffer. -Rathe mir selber--Dein Bruder ist der ungezogenste -Junge den ich kenne: neulich hat er mir eine Ohrfeige -gegeben und ich durft ihm nichts dafür thun, durft -nicht einmal drüber klagen. Dein Vater hätt ihm gleich -Arm und Bein gebrochen und die gnädige Mama alle Schuld -zuletzt auf mich geschoben. - -Gustchen. -Aber um meinetwillen--Ich dachte, Du liebtest mich. - -Läuffer. (stützt sich mit der andern Hand auf ihrem -Bett, indem sie fortfährt seine eine Hand von Zeit zu -Zeit an die Lippen zu bringen.) -Laß mich denken...(bleibt nachsinnend sitzen) - -Gustchen. (in der beschriebenen Pantomime) -O Romeo! Wenn dies Deine Hand wäre.--Aber so verlässest -Du mich, unedler Romeo! Siehst nicht, daß Deine Julie -für Dich stirbt--von der ganzen Welt, von ihrer -ganzen Familie gehaßt, verachtet, ausgespyen. (drückt -seine Hand an ihre Augen) O unmenschlicher Romeo! - -Läuffer. (sieht auf) -Was schwärmst Du wieder? - -Gustchen. -Es ist ein Monolog aus einem Trauerspiel, den ich -gern recitire, wenn ich Sorgen habe. (Läuffer fällt -wieder in Gedanken, nach einer Pause fängt sie wieder -an) Vielleicht bist Du nicht ganz strafbar. Deines -Vaters Verbot, Briefe mit mir zu wechseln, aber die -Liebe setzt über Meere und Ströme, über Verbot und -Todesgefahr selbst--Du hast mich vergessen... -Vielleicht besorgtest Du für mich--ja,--ja, Dein -zärtliches Herz sah, was mir drohte, für schröcklicher -an, als das was ich leide. (küßt Läuffers Hand inbrünstig) -O göttlicher Romeo! - -Läuffer. (küßt ihre Hand lange wieder und sieht sie -eine Weile stumm an) -Es könnte mir gehen wie Abälard-- - -Gustchen. (richtet sich auf) -Du irrst Dich--Meine Krankheit liegt im Gemüth-- -Niemand wird Dich muthmaßen--(fällt wieder hin) Hast -Du die neue Heloise gelesen? - -Läuffer. -Ich höre was auf dem Gang nach der Schulstube.-- - -Gustchen. -Meines Vaters--Um Gotteswillen!--Du bist drey -Viertelstund zu lang hiergeblieben. - -(Läuffer läuft fort) - - -Sechste Scene. - -Die Majorin. Graf Wermuth. - - -Graf. -Aber gnädige Frau! kriegt man denn Fräulein Gustchen -gar nicht mehr zu sehen? Wie befindt sie sich auf die -vorgestrige Jagd? - -Majorin. -Zu Ihrem Befehl; sie hat die Nacht Zahnschmerzen -gehabt, darum darf sie sich heut nicht sehen lassen. -Was macht Ihr Magen, Graf! auf die Austern? - -Graf. -O das bin ich gewohnt. Ich habe neulich mit meinem -Bruder ganz allein auf unsre Hand sechshundert Stück -aufgegessen und zwanzig Bouteillen Champagner dabey -ausgetrunken. - -Majorin. -Rheinwein wollten Sie sagen. - -Graf. -Champagner--Es war eine Idee, und ist uns beyden -recht gut bekommen. Denselben Abend war Ball in -Königsberg, mein Bruder hat bis an den andern Mittag -getanzt und ich Geld verloren. - -Majorin. -Wollen wir ein Piquet machen? - -Graf. -Wenn Fräulein Gustchen käme, macht' ich ein Paar -Touren im Garten mit ihr. Ihnen, gnädige Frau, darf -ichs nicht zumuthen; mit Ihrer Fontenelle am Fuß. - -Majorin. -Ich weiß auch nicht, wo der Major immer steckt. Er -ist in seinem Leben so rasend nicht auf die Oekonomie -gewesen; den ganzen ausgeschlagenen Tag auf dem Felde -und wenn er nach Hause kommt, sitzt er stumm wie ein -Stock. Glauben Sie, daß ich anfange mir Gedanken drüber -zu machen. - -Graf. -Er scheint melancholisch. - -Majorin. -Weiß es der Himmel--Neulich hatt' er wieder einmal -den Einfall bey mir zu schlafen, und da ist er mitten -in der Nacht aus dem Bett' aufgesprungen und hat sich-- -He he, ich soll es Ihnen nicht erzehlen, aber Sie -kennen ja die lächerliche Seite von meinem Mann schon. - -Graf. -Und hat sich ... - -Majorin. -Auf die Knie niedergeworfen und an die Brust geschlagen -und geschluchzt und geheult, daß mir zu grauen anfieng. -Ich hab ihn aber nicht fragen mögen, was gehen mich -seine Narrheiten an? Mag er Pietist oder Quacker -werden. Meinethalben! Er wird dadurch weder häßlicher -noch liebenswürdiger in meinen Augen werden, als er -ist. (sieht den Grafen schalkhaft an) - -Graf. (faßt sie ans Kinn) -Boßhafte Frau!--Aber wo ist Gustchen? Ich möchte gar -zu gern mit ihr spatzieren gehn. - -Majorin. -Still da kommt ja der Major ... Sie können mit ihm -gehen, Graf. - -Graf. -Denk doch--Ich will nun aber mit Ihrer Tochter gehn. - -Majorin. -Sie wird noch nicht angezogen seyn: es ist was -unausstehliches, wie faul das Mädchen ist-- - -(Major von Berg kommt im Nachtwämmschen, einen -Strohhut auf.) - -Majorin. -Nun wie stehts, Mann? Wo treiben Sie Sich denn wieder -herum? Man kriegt Sie ja den ganzen Tag nicht zu sehen. -Sehn Sie ihn nur an Herr Graf; sieht er doch wie der -Heavtontimorumenos in meiner großen Madame Dacier -abgemahlt--Ich glaube, Du hast gepflügt, Herr Major? -Wir sind itzt in den Hundstagen. - -Graf. -In der That, Herr Major, Sie haben noch nie so übel -ausgesehen, blaß, hager, Sie müssen etwas haben, das -Ihnen auf dem Gemüth liegt, was bedeuten die Thränen -in Ihren Augen, sobald man Sie aufmerksam ansieht? -Ich kenne Sie doch zehn Jahr schon und habe Sie nie -so gesehen, selbst da nicht, als Ihr Bruder starb. - -Majorin. -Geitz, nichts als der leidige Geitz, er meynt, wir -werden verhungern, wenn er nicht täglich wie ein -Maulwurf auf dem Felde wühlt. Bald gräbt er, bald -pflügt er, bald eggt er. Du willst doch nicht Bauer -werden? Du mußt mir vorher einen andern Mann geben, -der die Aufsicht über Dich führt. - -Major. -Ich muß wohl schaffen und scharren, meiner Tochter -einen Platz im Hospital auszumachen. - -Majorin. -Was sind das nun wieder für Phantasien!--Ich muß -wahrhaftig den Doktor Würz noch aus Königsberg holen -lassen. - -Major. -Du siehst nimmer nichts, vornehme Frau! daß Dein Kind -von Tag zu Tag abfällt, daß sie Schönheit, Gesundheit -und den ganzen Plunder verliert und dahergeht, als ob -sie, hol mich der Teufel--Gott verzeyh mir meine -schwere Sünde,--als ob der arme Lazarus sie gemacht -hätte--Es frißt mir die Leber ab-- - -Majorin. -Hören Sie ihn nur! Wie er mich anfährt! Bin ich schuld -daran? Bist du denn wahnwitzig? - -Major. -Ja freylich bist Du schuld daran, oder was ist sonst -schuld daran? Ich kann's, zerschlag mich der Donner! -nicht begreifen. Ich dacht immer, ihr eine der ersten -Parthien im Reich auszumachen; denn sie hat auf der -ganzen Welt an Schönheit nicht ihres gleichen gehabt -und nun sieht sie aus wie eine Kühmagd--Ja freilich -bist Du schuld daran mit Deiner Strenge und Deinen -Grausamkeiten und Deinem Neid, das hat sie sich zu -Gemüth gezogen und das ist ihr nun zum Gesicht -herausgeschlagen, aber das ist Deine Freude, gnädige -Frau, denn Du bist lang schalu über sie gewesen. Das -kannst Du doch nicht leugnen? Solltst Dich in Dein -Herz schämen, wahrhaftig! (geht ab) - -Majorin. -Aber ... aber was sagen Sie dazu, Herr Graf! Haben -Sie in Ihrem Leben eine ärgere Kollektion von Sottisen -gesehen? - -Graf. -Kommen Sie; wir wollen Piquet spielen, bis Fräulein -Gustchen angezogen ist.. - - -Siebente Scene. - -In Halle. -Fritz von Berg. (im Gefängniß) Bollwerk. -von Seiffenblase und sein Hofmeister. (stehn um ihn) - - -Bollwerk. -Wenn ich doch den Jungen hier hätte, daß Fell zög' -ich ihm über die Ohren. Es ist mit alledem doch -infam gehandelt, einen ehrlichen Jungen, wie Berg, -ins Karcer zu bringen; da sich keiner sein hat -annehmen wollen. Denn das ist ja wahr, kein einziger -Landsmann hat den Fuß vor die Thür seinethalben -gesetzt. Wenn Berg nicht gut für ihn gesagt hätte, -wär' er im Gefängniß verfault. Und in vierzehn Tagen -soll das Geld hier seyn und wo er den Berg in -Verlegenheit läßt, soll man ihn für einen ausgemachten -Schurken halten. O du verdammter Pä Pä Pä Pä Pätus! -Wart Du verhenkerter Pätus, wart einmal!-- - -Hofmeister. -Ich kann Ihnen nicht genug beschreiben, lieber Herr -von Berg, wie leyd es mir besonders um Ihres Herrn -Vaters und der Familie willen thut, Sie in einem -solchen Zustande zu sehen und noch dazu ohne Ihre -Schuld, aus blosser jugendlicher Unbesonnenheit. -Es hat schon einer von den sieben Weisen -Griechenlandes gesagt, für Bürgschaften sollst du -dich in Acht nehmen und in der That es ist nichts -unverschämter, als daß ein junger Durchbringer, der -sich durch seine lüderliche Wirthschaft ins Elend -gestürzt hat, auch andere mit hineinziehen will, -denn vermuthlich hat er das gleich anfangs im Sinne -gehabt, als er auf der Akademie Ihre Freundschaft -suchte. - -Herr von Seiffenblase. -Jaja, lieber Bruder Berg! nimm mir nicht übel, da -hast Du einen großen Bock gemacht. Du bist selbst -schuld daran; dem Kerl hättst Du's doch gleich -ansehen können, daß er Dich betrügen würde. Er ist -bey mir auch gewesen und hat mich angesprochen: er -wär' aufs äusserste getrieben, seine Kreditores -wollten ihn wegstecken lassen, wo ihn nicht Sonn -noch Mond beschiene. Laß sie dich, dachte ich, es -schadt dir nichts. Das ist dafür, daß Du uns sonst -kaum über die Achsel ansahst, aber wenn ihr in Noth -seyd, da sind die Adelichen zu Kaventen gut genug. -Er erzehlte mir Langes und Breites; er hätte seine -Pistolen schon geladen, im Fall die Kreditores ihn -angriffen--Und nun läßt der lüderliche Hund Dich an -seiner Stelle prostituiren. Das ist wahr, wenn mir -das geschehen wäre: ich könnte so ruhig nicht dabey -seyn: zwischen vier Mauren der Herr von Berg und das -um eines lüderlichen Studenten willen. - -Fritz. -Er war mein Schulkamerad--Laßt ihn zufrieden. Wenn -ich mich nicht über ihn beklage, was geht's Euch an? -Ich kenn' ihn länger als Ihr; ich weiß, daß er mich -nicht mit seinem guten Willen hier sitzen läßt. - -Hofmeister. -Aber, Herr von Berg, wir müssen in der Welt mit -Vernunft handeln. Sein Schade ist es gewiß nicht, -daß Sie hier für ihn sitzen und seinethalben können -Sie noch ein Sekulum so sitzen bleiben-- - -Fritz. -Ich hab' ihn von Jugend auf gekannt: wir haben uns -noch niemals was abgeschlagen. Er hat mich wie seinen -Bruder geliebt, ich ihn wie meinen. Als er nach Halle -reißte, weint' er zum erstenmal in seinem Leben, weil -er nicht mit mir reisen konnte. Ein ganzes Jahr früher -hätt' er schon auf die Akademie gehn können, aber um -mit mir zusammen zu reisen, stellt' er sich gegen -die Präceptores dummer als er war, und doch wollt es -das Schicksal und unsre Väter so, daß wir nicht -zusammen reißten und das war sein Unglück. Er hat nie -gewußt mit Geld umzugehen und gab jedem was er -verlangte. Hätt' ihm ein Bettler das letzte Hemd vom -Leibe gezogen und dabey gesagt: mit Ihrer Erlaubnis, -lieber Herr Pätus, er hätt's ihm gelassen. Seine -Kreditores giengen mit ihm um wie Strasenräuber und -sein Vater verdiente nie, einen verlornen Sohn zu -haben, der bey all seinem Elend ein so gutes Herz -nach Hause brachte. - -Hofmeister. -O verzeyhn Sie mir, Sie sind jung und sehen alles noch -aus dem vortheilhaftesten Gesichtspunkt an: man muß -erst eine Weile unter den Menschen gelebt haben um -Charaktere beurtheilen zu können. Der Herr Pätus, oder -wie er da heißt, hat sich Ihnen bisher immer nur unter -der Maske gezeigt; jetzt kommt sein wahres Gesicht -erst ans Tageslicht: er muß einer der feinsten und -abgefeimtesten Betrüger gewesen seyn, denn die -treuherzigen Spitzbuben... - -Pätus. (in Reisekleidern fällt Berg um den Hals) -Bruder Berg-- - -Fritz v. Berg. -Bruder Pätus-- - -Pätus. -Nein--laß--zu Deinen Füßen muß ich liegen--Dich -hier--um meinetwillen. (rauft sich das Haar mit -beyden Händen und stampft mit den Füßen) O Schicksal! -Schicksal! Schicksal! - -Fritz. -Nun wie ists? Hast Du Geld mitgebracht? Ist Dein -Vater versöhnt? Was bedeutet Dein Zurückkommen? - -Pätus. -Nichts, nichts--Er hat mich nicht vor sich gelassen-- -Hundert Meilen umsonst gereißt!--Ihr Diener, Ihr -Herren. Bollwerk wein' nicht, Du erniedrigst mich zu -tief, wenn Du gut für mich denkst--O Himmel, Himmel! - -Fritz. -So bist Du der ärgste Narr, der auf dem Erdboden -wandelt. Warum kommst Du zurück? Bist Du wahnwitzig? -Haben alle Deine Sinne Dich verlassen? Willst Du, daß -die Kreditores Dich gewahr werden--Fort! Bollwerk, -führ ihn fort; sieh daß Du ihn sicher aus der Stadt -bringst--Ich höre den Pedell--Pätus, ewig mein Feind, -wo Du nicht im Augenblick-- - -Pätus. (wirft sich ihm zu Füßen) - -Fritz. -Ich möchte rasend werden.-- - -Bollwerk. -So sey doch nun kein Narr, da Berg so großmüthig ist -und für Dich sitzen bleiben will; sein Vater wird ihn -schon auslösen: aber wenn Du einmal sitzest, so ist -keine Hofnung mehr für Dich; Du must im Gefängniß -verfaulen. - -Pätus. -Gebt mir einen Degen her ... - -Fritz. -Fort!-- - -Bollwerk. -Fort!-- - -Pätus. -Ihr thut mir eine Barmherzigkeit, wenn ihr mir einen -Degen-- - -Seiffenblase. -Da haben Sie meinen... - -Bollwerk. (greift ihn in den Arm) -Herr--Schurke! Lassen Sie--Stecken Sie nicht ein! -Sie sollen nicht umsonst gezogen haben. Erst will ich -meinen Freund in Sicherheit und dann erwarten Sie mich -hier--Draußen, wohl zu verstehen; also vor der Hand -zur Thür hinaus! (wirft ihn zur Thür hinaus) - -Hofmeister. -Mein Herr Bollwerk-- - -Bollwerk. -Kein Wort, Sie--gehen Sie Ihrem Jungen nach und lehren -Sie ihn, kein schlechter Kerl seyn--Sie können mich -haben wo und wie Sie wollen. (der Hofmeister geht ab) - -Pätus. -Bollwerk! ich will Dein Sekundant seyn. - -Bollwerk. -Narr auch! Du thust als--Willst Du mir den Handschuh -vielleicht halten, wenn ich vorher eins übern Daumen -pisse?--Was brauchts da Sekundanten. Komm nur fort -und sekundire Dich zur Stadt hinaus, Hasenfuß. - -Pätus. -Aber ihrer sind zwey. - -Bollwerk. -Ich wünschte, daß ihrer zehn wären und keine -Seiffenblasen drunter--So komm doch, und mach Dich -nicht selbst unglücklich, närrischer Kerl. - -Pätus. -Berg!--(Bollwerk reißt ihn mit sich fort) - - - -Dritter Akt. - - -Erste Scene. - -In Heidelbrunn. - -Der Major. (im Nachtwämmschen) Der geheime Rath. - - -Major. -Bruder, ich bin der alte nicht mehr. Mein Herz sieht -zehnmal toller aus als mein Gesicht--Es ist sehr gut, -daß Du mich besuchst; wer weiß, ob wir uns so lang mehr -sehen. - -Geh. Rath. -Du bist immer ausschweifend, in allen Stücken--Dir -ein Nichts so zu Herzen gehen zu lassen!--Wenn Deiner -Tochter die Schönheit abgeht, so bleibt sie doch immer -noch das gute Mädchen, das sie war; so kann sie hundert -andre liebenswürdige Eigenschaften besitzen. - -Major. -Ihre Schönheit--Hol mich der Teufel, es ist nicht -das allein, was ihr abgeht; ich weiß nicht, ich werde -noch den Verstand verlieren, wenn ich das Mädchen -lang unter Augen behalte. Ihre Gesundheit ist hin, -ihre Munterkeit, ihre Lieblichkeit, weiß der Teufel, -wie man das Dings all nennen soll; aber obschon ichs -nicht nennen kann, so kann ichs doch sehen, so kann -ichs doch fühlen und begreifen, und Du weist, daß ich -aus dem Mädchen meinen Abgott gemacht habe. Und daß -ich sie so sehn muß unter meinen Händen hinsterben, -verwesen.--(weint) Bruder geheimer Rath, Du hast keine -Tochter; Du weißt nicht, wie einem Vater zu Muth seyn -muß, der eine Tochter hat. Ich hab dreyzehn Bataillen -beygewohnt und achtzehn Blessuren bekommen, und hab -den Tod vor Augen gesehen und bin--O laß mich -zufrieden; pack Dich zu meinem Haus hinaus; laß die -ganze Welt sich fortpacken. Ich will es anstecken -und die Schaufel in die Hand nehmen und Bauer werden. - -Geh. Rath. -Und Frau und Kinder-- - -Major. -Du beliebst zu scherzen: ich weiß von keiner Frau und -Kindern, ich bin Major Berg gottseligen Andenkens und -will den Pflug in die Hand nehmen und will Vater Berg -werden, und wer mir zu nahe kommt, dem geb ich mit -meiner Hack' über die Ohren. - -Geh. Rath. -So schwermerisch-schwermüthig hab ich ihn doch nie -gesehen. - -(Die Majorin stützt herein.) - -Majorin. -Zu Hülfe Mann--Wir sind verloren--Unsere Familie! -unsere Familie! - -Geh. Rath. -Gott behüt Frau Schwester! Was stehen Sie an: Wollen -Sie Ihren Mann rasend machen? - -Majorin. -Er soll rasend werden--Unsere Familie--Infamie!-- -O ich kann nicht mehr--(fällt auf einen Stuhl) - -Major. (geht auf sie zu) -Willst Du mit der Sprach' heraus?--Oder ich dreh Dir -den Hals um. - -Majorin. -Deine Dochter--Der Hofmeister.--Lauf! (fällt in Ohnmacht) - -Major. -Hat er sie zur Hure gemacht? (schüttelt sie) Was fällst -Du da hin; jetzt ists nicht Zeit zum hinfallen. Heraus -mit, oder das Wetter soll Dich zerschlagen. Zur Hure -gemacht? Ists das?--Nun so werd' denn die ganze Welt -zur Hure und Du Berg nimm die Mistgabel in die Hand-- -(will gehen) - -Geh. Rath. (hält ihn zurück) -Bruder, wenn Du Dein Leben lieb hast, so bleib hier-- -Ich will alles untersuchen--Deine Wut macht Dich -unmündig. (geht ab und schließt die Thür zu) - -Major. (arbeitet vergebens sie aufzumachen) -Ich werd Dich beunmündig--(zu seiner Frau) Komm, komm, -Hure, Du auch! sieh zu. (reißt die Thür auf) Ich will -ein Exempel statuiren--Gott hat mich bis hieher -erhalten, damit ich an Weib und Kindern Exempel -statuiren kann--Verbrannt, verbrannt, verbrannt! -(schleppt seine Frau ohnmächtig vom Theater) - - -Zweyte Scene. - -Eine Schule im Dorf -Es ist finstrer Abend. -Wenzeslaus. Läuffer. - - -Wenzeslaus. (sitzt an einem Tisch, die Brill auf der -Nase und lineirt) -Wer da? Was giebts? - -Läuffer. -Schutz! Schutz! werther Herr Schulmeister! Man steht -mir nach dem Leben. - -Wenzeslaus. -Wer ist Er denn? - -Läuffer. -Ich bin Hofmeister im benachbarten Schloß. Der Major -Berg ist mit all seinen Bedienten hinter mir und wollen -mich erschießen. - -Wenzeslaus. -Behüte--Setz' Er Sich hier nieder zu mir--Hier hat -Er meine Hand: Er soll sicher bey mir seyn--Und nun -erzehl Er mir, derweil ich diese Vorschrift hier -schreibe. - -Läuffer. -Lassen Sie mich erst zu mir selber kommen. - -Wenzeslaus. -Gut, verschnauf' Er Sich und hernach will ich Ihm ein -Glas Wein geben lassen und wollen eins zusammen trinken. -Unterdessen, sag er mich doch--Hofmeister--(legt das -Lineal weg, nimmt die Brille ab und sieht ihn eine -Weile an) Nun ja, nach dem Rock zu urtheilen.--Nun -nun, ich glaubs Ihm, daß Er der Hofmeister ist. Er -sieht ja so roth und weiß drein. Nun sag Er mir aber -doch, mein lieber Freund, (setzt die Brille wieder auf) -wie ist Er denn zu dem Unstern gekommen, daß Sein Herr -Patron so entrüstet auf Ihn ist? Ich kann mirs doch -nimmermehr einbilden, daß ein Mann, wie der Herr Major -von Berg--Ich kenne ihn wohl; ich habe genug von ihm -reden hören; er soll freilich von einem hastigen -Temperament seyn; viel Cholera, viel Cholera--Sehen -Sie, da muß ich meinen Buben selber die Linien ziehen, -denn nichts lernen die Bursche so schwer als das -Gradeschreiben, das Gleichschreiben--Nicht zierlich -geschrieben; nicht geschwind geschrieben; sag' ich -immer, aber nur grad geschrieben, denn das hat seinen -Einfluß in alles, auf die Sitten, auf die Wissenschaften, -in alles, lieber Herr Hofmeister. Ein Mensch, der nicht -grad schreiben kann, sag' ich immer, der kann auch nicht -grad handeln--Wo waren wir? - -Läuffer. -Dürft' ich mir ein Glas Wasser ausbitten? - -Wenzeslaus. -Wasser?--Sie sollen haben. Aber--ja wovon redten wir? -Vom Gradschreiben; nein vom Major--he he he--Aber -wissen Sie auch Herr--Wie ist Ihr Name? - -Läuffer. -Mein--Ich heiße--Mandel. - -Wenzeslaus. -Herr Mandel--Und darauf mußten Sie Sich noch besinnen? -Nun ja, man hat bisweilen Abwesenheiten des Geistes; -besonders die jungen Herren weiß und roth--Sie heißen -unrecht Mandel; Sie sollten Mandelblüthe heißen, denn -Sie sind ja weiß und roth wie Mandelblüthe--Nun ja -freilich, der Hofmeisterstand ist einer von denen, -unus ex his, die alleweile mit Rosen und Lilien -überstreut sind, und wo einen die Dornen des Lebens -nur gar selten stechen. Denn was hat man zu thun? Man -ißt, trinkt, schläft, hat für nichts zu sorgen; sein -gut Glas Wein gewiß, seinen Braten täglich, alle -Morgen seinen Kaffee, Thee, Schokolade, oder was man -trinkt und das geht denn immer so fort--Nun ja, ich -wollt Ihnen sagen: wissen Sie auch, Herr Mandel, daß -ein Glas Wasser der Gesundheit eben so schädlich auf -eine heftige Gemüthsbewegung als auf eine heftige -Leibesbewegung; aber freylich, was fragt Ihr jungen -Herren Hofmeister nach der Gesundheit--Denn sagt mir -doch, (legt Brille und Lineal weg und steht auf) wo -in aller Welt kann das der Gesundheit gut thun, wenn -alle Nerven und Adern gespannt sind und das Blut ist -in der heftigsten Cirkulation und die Lebensgeister -sind alle in einer--Hitze, in einer-- - -Läuffer. -Um Gotteswillen der Graf Wermuth--(springt in eine -Kammer) - -(Graf Wermuth mit ein Paar Bedienten, die Pistolen -tragen) - -Graf. -Ist hier ein gewisser Läuffer--Ein Student im blauen -Rock mit Tressen? - -Wenzeslaus. -Herr, in unserm Dorf ists die Mode, daß man den Hut -abzieht, wenn man in die Stube tritt und mit dem Herrn -vom Hause spricht. - -Graf. -Die Sache pressirt--Sagt mir, ist er hier oder nicht? - -Wenzeslaus. -Und was soll er denn verbrochen haben, daß Ihr ihn so -mit gewafneter Hand sucht?(Graf will in die Kammer, er -stellt sich vor die Thür) Halt Herr! Die Kammer ist -mein, und wo Ihr nicht augenblicklich Euch aus meinem -Hause packt, so zieh ich nur an meiner Schelle und -ein halb Dutzend handfester Bauerkerle schlägt Euch -zu morsch Pulver-Granatenstücken. Seyd Ihr Strassenräuber, -so muß man Euch als Strassenräubern begegnen. Und damit -Ihr Euch nicht verirrt und den Weg zum Haus' hinaus so -gut findt als Ihr ihn hinein gefunden habt--(faßt ihn -an die Hand und führt ihn zur Thür hinaus: die Bedienten -folgen ihm) - -Läuffer. (springt aus der Kammer hervor) -Glücklicher Mann! Beneidenswerther Mann! - -Wenzeslaus. (in der obigen Attitude) -In--Die Lebensgeister sagt' ich, sind in einer-- -Begeisterung, alle Passionen sind gleichsam in einer -Empörung, in einem Aufruhr--Nun wenn Ihr da Wasser -trinkt, so gehts, wie wenn man in eine mächtige Flamme -Wasser schüttet. Die starke Bewegung der Luft und der -Krieg zwischen den beyden entgegengesetzten Elementen -macht eine Effervescenz, eine Gährung, eine Unruhe, -ein tumultuarisches Wesen.-- - -Läuffer. -Ich bewundere Sie... - -Wenzeslaus. -Gottlieb!--Jetzt können Sie schon allgemach trinken-- -Allgemach--und denn werden Sie auf den Abend mit einem -Sallat und Knackwurst vorlieb nehmen--Was war das für -ein ungeschliffener Kerl, der nach Ihnen suchte? - -Läuffer. -Es ist der Graf Wermuth, der künftige Schwiegersohn des -Majors; er ist eifersüchtig auf mich, weil das Fräulein -ihn nicht leiden kann-- - -Wenzeslaus. -Aber was soll denn das auch? Was will das Mädchen denn -auch mit ihm Monsieur Jungfernknecht? Sich ihr Glück zu -verderben, um eines solchen jungen Siegfrieds willen, -der nirgends Haus oder Heerd hat? Das laß Er sich aus -dem Kopf und folg' Er mir nach in die Küche. Ich seh, -mein Bube ist fortgangen, mir Bratwürste zu holen. Ich -will ihm selber Wasser schöpfen, denn Magd hab' ich -nicht und an eine Frau hab' ich mich noch nicht -unterstanden zu denken, weil ich weiß, daß ich keine -ernähren kann--geschweige denn eine drauf angesehen, -wie Ihr junge Herren Weiß und Roth--Aber man sagt wohl -mit Recht, die Welt verändert sich. - - -Dritte Scene. - -In Heidelbrunn. -Der Geheime Rath. Herr von Seiffenblase, und sein -Hofmeister. - - -Hofmeister. -Wir haben uns in Halle nur ein Jahr aufgehalten und -als wir von Göttingen kamen, nahmen wir unsere Rückreise -über alle berühmte Universitäten in Deutschland. Wir -konnten also in Halle das zweytemal nicht lange -verweilen; zudem saß Ihr Herr Sohn grade zu der Zeit -in dem unglücklichen Arrest, wo ich ihn nur einigemal -zu sprechen die Ehre haben konnte: also könnt ich Ihnen -aufrichtig von der Führung Dero Herrn Sohns draussen -keine umständliche Nachricht geben. - -Geh. Rath. -Der Himmel verhängt Strafen über unsre ganze Familie. -Mein Bruder--Ich wills Ihnen nur nicht verheelen, -denn leider ist Stadt und Land voll davon--hat das -Unglück gehabt, daß seine Tochter ihm verschwunden ist, -ohne daß eine Spur von ihr anzutreffen--Ich höre itzt -von meinem Sohn--Wenn er sich gut geführt hätte, wie -wärs möglich gewesen, ihn ins Gefängniß zu bringen? -Ich hab ihm ausser seinem starken Wechsel noch alle -halbe Jahr außerordentliche geschickt; auf allen Fall-- - -Hofmeister. -Die bösen Gesellschaften; die erstaunenden Verführungen -auf Akademien. - -Seiffenblase. -Das seltsamste dabey ist, daß er für einen andern sitzt; -ein Ausbund aller Lüderlichkeit, ein Mensch, für den -ich keinen Groschen ausgäbe und er auf meinem Misthaufen -Hungers krepirte. Er ist hier gewesen, Sie werden von -ihm gehört haben; er suchte Geld bey seinem Vater, -unter dem Vorwand, Ihren Herrn Sohn auszulösen; -vermuthlich wär' er damit auf eine andere Akademie -gegangen und hätte von frischem angefangen zu -wirthschaften. Ich weiß schon, wie's die lüderlichen -Studenten machen, aber sein Vater hat den Braten gerochen -und hat ihn nicht vor sich kommen lassen. - -Geh. Rath. -Doch wohl nicht der junge Pätus, des Rathsherrn Sohn? - -Seiffenblase. -Ich glaub', es ist derselbe. - -Geh. Rath. -Jedermann hat dem Vater die Härte verdacht. - -Hofmeister. -Ja was ist da zu verdenken, mein gnädiger Herr geheimer -Rath; wenn ein Sohn die Güte des Vaters zu sehr -misbraucht, so muß sich das Vaterherz wohl ab von ihm -wenden. Der Hohepriester Eli war nicht hart und brach -den Hals. - -Geh. Rath. -Gegen die Ausschweifungen seiner Kinder kann man nie -zu hart seyn, aber wol gegen ihr Elend. Der junge Mensch -soll hier haben betteln müssen. Und mein Sohn sitzt um -seinetwillen? - -Seiffenblase. -Was anders? Er war sein vertrautester Freund und fand -niemand würdiger, mit ihm die Komödie von DAMON und -PYTHIAS zu spielen. Noch mehr, Herr Pätus kam zurück -und wollte seinen Platz wieder einnehmen, aber Ihr -Sohn bestund drauf, er wollte sitzen bleiben: Sie -würden ihn schon auslösen, und Pätus mit einem andern -Erzrenomisten und Spieler wollten die Flucht nehmen -und sich zu helfen suchen, so gut sie könnten. -Vielleicht überfallen sie wieder so irgend einen -armen Studenten mit Masken vor den Gesichtern auf der -Stube und nehmen ihm die Uhr und Goldbörse, mit der -Pistol auf der Brust, weg, wie sie's in Halle schon -einem gemacht haben. - -Geh. Rath. -Und mein Sohn ist der dritte aus diesem Kleeblatt? - -Seiffenblase. -Ich weiß nicht, Herr geheimer Rath. - -Geh. Rath. -Kommen Sie zum Essen, meine Herren! Ich weiß schon -zuviel. Es ist ein Gericht Gottes über gewisse Familien; -bey einigen sind gewisse Krankheiten erblich, bey -andern arten die Kinder aus, die Väter mögen thun was -sie wollen. Essen Sie: ich will fasten und bethen, -vielleicht hab' ich diesen Abend durch die -Ausschweifungen meiner Jugend verdient. - - -Vierte Scene. - -Die Schule. -Wenzeslaus und Läuffer. -(an einem ungedeckten Tisch speisend) - - -Wenzeslaus. -Schmeckts? Nicht wahr, es ist ein Abstand von meinem -Tisch und des Majors? Aber wenn der Schulmeister -Wenzeslaus seine Wurst ißt, so hilft ihm das gute -Gewissen verdauen, und wenn der Herr Mandel -Kapaunenbraten mit der Schampignonsauce aß, so stieß -ihm sein Gewissen jeden Bissen, den er hinabschluckte, -mit der Moral wieder in Hals zurück: Du bist ein-- -Denn sagt mir einmal, lieber Herr Mandel; nehmt mir -nicht übel, daß ich Euch die Wahrheit sage; das würzt -das Gespräch wie Pfeffer den Gurkensallat; sagt mir -einmal, ist das nicht hundsvöttisch, wenn ich davon -überzeugt bin, daß ich ein Ignorant bin, und meine -Untergebenen nichts lehren kann, und also müßig bey -ihnen gehe und sie müßig gehen lasse, und dem lieben -Gott ihren Tag stehlen und doch hundert Dukaten-- -Wars nicht soviel? Gott verzeyh mir, ich hab in meinem -Leben nicht so viel Geld auf einem Haufen beisammen -gesehen! Hundert funfzig Dukaten, sag' ich, in Sack -stecke, für nichts und wieder nichts! - -Läuffer. -O! und Sie haben noch nicht alles gesagt, Sie kennen -Ihren Vorzug nicht ganz, oder fühlen ihn, ohn' ihn zu -kennen. Haben Sie nie einen Sklaven im betreßten Rock -gesehen? O Freyheit, güldene Freyheit! - -Wenzeslaus. -Ey was Freyheit! Ich bin auch so frey nicht; ich bin -an meine Schule gebunden, und muß Gott und meinem -Gewissen Rechenschaft von geben. - -Läuffer. -Eben das--Aber wie, wenn Sie den Grillen eines -wunderlichen Kopfs davon Rechenschaft ablegen müsten, -der mit Ihnen umgienge hundertmal ärger als Sie mit -Ihren Schulknaben? - -Wenzeslaus. -Ja nun--dann müst' er aber auch an Verstand so weit -über mich erhaben seyn, wie ich über meine Schulknaben, -und das trift man selten, glaub ich wol; besonders -bey unsern Edelleuten; da mögt Ihr wohl recht haben: -wenigstens der Flegel da, der mir vorhin in meine -Kammer wollte, ohne mich vorher um Erlaubniß zu bitten. -Wenn ich zum Herrn Grafen käme und wollt ihm, mir -nichts, dir nichts, die Zimmer visitiren--Aber potz -Millius, so eßt doch; Ihr macht ja ein Gesicht, als -ob Ihr zu Taxieren einnähmt. Nicht wahr, Ihr hättet -gern ein Glas Wein dazu? Ich hab Euch zwar vorhin eins -versprochen, aber ich habe keinen im Hause. Morgen -werd' ich wieder bekommen, und da trinken wir Sonntags -und Donnerstags, und wenn der Organist Franz zu uns -kommt, extra. Wasser, Wasser, mein Freund, ariston men -to udwr, das hab ich noch von der Schule mitgebracht, -und da eine Pfeife dazu geraucht nach dem Essen im -Mondenschein und einen Gang ums Feld gemacht; da läßt -sich drauf schlafen, vergnügter als der große Mogul-- -Ihr raucht doch eins mit heut? - -Läuffer. -Ich wills versuchen; ich hab' in meinem Leben nicht -geraucht. - -Wenzeslaus. -Ja freylich, Ihr Herren Weiß und Roth, das verderbt -Euch die Zähne. Nicht wahr? und verderbt Euch die -Farbe; nicht wahr? Ich habe geraucht, als ich kaum -von meiner Mutter Brust entwöhnt war; die Warze mit -dem Pfeifenmundstück verwechselt. He he he! Das ist -gut wider die böse Luft und wider die bösen Begierden -ebenfalls. Das ist so meine Diät: des Morgens kalt -Wasser und eine Pfeife, dann Schul gehalten bis Eilfe, -dann wieder eine Pfeife bis die Suppe fertig ist: die -kocht mir mein Gottlieb so gut als Eure französische -Köche, und da ein Stück Gebratenes und Zugemüse und -dann wieder eine Pfeife, dann wieder Schul gehalten, -dann Vorschriften geschrieben bis zum Abendessen; da -eß' ich denn gemeiniglich kalt etwas, eine Wurst mit -Sallat, ein Stück Käs oder was der liebe Gott gegeben -hat und dann wieder eine Pfeife vor Schlafengehen. - -Läuffer. -Gott behüte, ich bin in eine Tabagie gekommen-- - -Wenzeslaus. -Und da werd' ich dick und fett bey und lebe vergnügt -und denke noch ans Sterben nicht. - -Läuffer. -Es ist aber doch unverantwortlich, daß die Obrigkeit -nicht dafür sorgt, Ihnen das Leben angenehmer zu machen. - -Wenzeslaus. -Ey was, es ist nun einmal so; und damit muß man zufrieden -seyn: bin ich doch auch mein eignet Herr und hat kein -Mensch mich zu schikanieren, da ich alle Tage weiß, -daß ich mehr thu' als ich soll. Ich soll meinen Buben -lesen und schreiben lehren; ich lehre sie rechnen dazu -und lateinisch dazu und mit Vernunft lesen dazu und -gute Sachen schreiben dazu. - -Läuffer. -Und was für Lohn haben Sie dafür? - -Wenzeslaus. -Was für Lohn?--Will Er denn das kleine Stückchen Wurst -da nicht aufessen? Er kriegt nichts bessers; wart' Er -auf nichts bessers, oder Er muß das erstemal Seines -Lebens hungrig zu Bette gehn--Was für Lohn? Das war -dumm gefragt, Herr Mandel. Verzeyh Er mir; was für -Lohn? Gottes Lohn hab ich dafür, ein gutes Gewissen -und wenn ich da vielen Lohn von der Obrigkeit begehren -wollte, so hätt' ich ja meinen Lohn dahin. Will Er -denn den Gurkensallat durchaus verderben lassen? So -eß Er doch; so sey Er doch nicht blöde: bey einer -schmalen Mahlzeit muß man zum Kuckuck nicht blöde seyn. -Wart Er, ich will Ihm noch ein Stück Brod abschneiden. - -Läuffer. -Ich bin satt überhörig. - -Wenzeslaus. -Nun so laß Ers stehen; aber es ist seine eigne Schuld -wenn's nicht wahr ist. Und wenn es wahr ist, so hat Er -unrecht, daß Er Sich überhörig satt ißt, denn das macht -böse Begierden und schläfert den Geist ein. Ihr Herren -Weiß und Roth mögts glauben oder nicht. Man sagt zwar -auch vom Toback, daß er ein narkotisches, -schläfrigmachendes, dummmachendes Oel habe und ich -hab's bisweilen auch wol so wahrgefunden und bin -versucht worden, Pfeife und allen Henker ins Kamin -zu werfen, aber unsere Nebel hier herum beständig und -die feuchte Winter- und Herbstluft alleweile und denn -die vortrefliche Wirkung, die ich davon verspüre, daß -es zugleich die bösen Begierden mit einschläfert-- -Holla, wo seyd Ihr denn, lieber Mann? Eben da ich vom -Einschläfern rede, nickt Ihr schon; so gehts, wenn -der Kopf leer ist und faul dabey und niemals ist -angestrengt worden. Allons! frisch, eine Pfeife mit -mir geraucht! (stopft sich und ihm) Laßt uns noch -eins mit einander plaudern. (raucht) Ich hab Euch -schon vorhin in der Küche sagen wollen: ich sehe, -daß Ihr schwach in der Latinität seyd, aber da Ihr -doch eine gute Hand schreibt, wie Ihr sagt, so könntet -Ihr mir doch so Abends an die Hand gehen, weil ich -meiner Augen muß anfangen zu schonen, und meinen -Buben die Vorschriften schreiben. Ich will Euch -dabey Corderii Colloquia geben und Gürtleri Lexicon; -wenn Ihr fleißig seyn wollt. Ihr habt ja den ganzen -Tag für Euch, so könnt Ihr Euch in der lateinischen -Sprache was umthun, und wer weiß wenn es Gott gefällt -mich heute oder morgen von der Welt zu nehmen--Aber -Ihr müßt fleißig seyn, das sag' ich Euch, denn so -seyd Ihr ja noch kaum zum Kollaborator tüchtig, -geschweige denn--(trinkt) - -Läuffer. (legt die Pfeife weg) -Welche Demüthigung! - -Wenzeslaus. -Aber ... aber ... aber (reißt ihm den Zahnstocher aus -dem Munde) was ist denn das da? Habt Ihr denn noch nicht -einmal so viel gelernt, großer Mensch, daß Ihr für Euren -eignen Körper Sorge tragen könnt. Das Zähnestochern ist -ein Selbstmord; ja ein Selbstmord, eine muthwillige -Zerstöhrung Jerusalems, die man mit seinen Zähnen -vornimmt. Da, wenn Euch was im Zahn sitzen bleibt: -(nimmt Wasser und schwängt den Mund aus) So müßt Ihrs -machen, wenn Ihr gesunde Zähne behalten wollt, Gott -und eurem Nebenmenschen zu Ehren, und nicht einmal im -Alter herumlaufen, wie ein alter Kettenhund, dem die -Zähne in der Jugend ausgebrochen worden, und der die -Kinnbacken nicht zusammenhalten kann. Das wird einen -schönen Schulmeister abgeben, wills Gott, wenn ihm -aufs Alter die Worte ungebohren zum Munde herausfallen -und er zwischen Nase und Oberlippen da was -herausschnarcht, das kein Hund oder Hahn versteht. - -Läuffer. -Der wird mich noch zu Tode meistern--Das unerträglichste -ist, daß er Recht hat-- - -Wenzeslaus. -Nun wie gehts? Schmeckt Euch der Toback nicht? Ich -wette, nur ein paar Tage noch mit dem alten Wenzeslaus -zusammen, so werdt Ihr rauchen wie ein Bootsknecht. -Ich will Euch nach meiner Hand ziehen, daß Ihr Euch -selber nicht mehr wieder kennen sollt. - - - -Vierter Akt. - - -Erste Scene. - -Zu Insterburg. - -Geheimer Rath. Major. - - -Major. -Hier Bruder--Ich schweife wie Kain herum, unstät und -flüchtig--Weißt Du was? Die Russen sollen Krieg mit -den Türken haben; ich will nach Königsberg gehn, um -nähere Nachrichten einzuziehen: ich will mein Weib -verlassen und in der Türkey sterben. - -Geh. Rath. -Deine Ausschweifungen schlagen mich vollends zu Boden.-- -O Himmel, muß es denn von allen Seiten stürmen?--Da liß -den Brief vom Professor M–r. - -Major. -Ich kann nicht mehr lesen; ich hab meine Augen fast -blind geweint. - -Geh. Rath. -So will ich dir vorlesen, damit Du siehst, daß Du nicht -der einzige Vater seyst, der sich zu beklagen hat: "Ihr -Sohn ist vor einiger Zeit wegen Bürgschaft gefänglich -eingezogen worden: er hat, wie er mir vorgestern mit -Thränen gestanden, nach fünf vergeblich geschriebenen -Briefen keine Hofnung mehr, von Eurer Excellenz -Verzeihung zu erhalten. Ich redte ihm zu, sich zu -beruhigen, bis ich gleichfalls in dieser Sache mich -vermittelt hätte: er versprach es mir, ist aber -ungeachtet dieses Versprechens noch in derselben Nacht -heimlich aus dem Gefängniß entwischt. Die Schuldner -haben ihm Steckbriefe nachsenden und seinen Namen in -allen Zeitungen bekannt machen wollen; ich habe sie -aber dran verhindert und für die Summe gutgesagt, weil -ich viel zu sehr überzeugt bin, daß Eure Excellenz -diesen Schimpf nicht werden auf Dero Familie kommen -lassen. Uebrigens habe die Ehre, in Erwartung Dero -Entschlusses mich mit vollkommenster" ... - -Major. -Schreib ihm zurück: sie sollen ihn hängen. - -Geh. Rath. -Und die Familie-- - -Major. -Lächerlich! Es giebt keine Familie; wir haben keine -Familie. Narrenspossen! Die Russen sind meine Familie: -ich will Griechisch werden. - -Geh. Rath. -Und noch keine Spur von Deiner Tochter? - -Major. -Was sagst Du? - -Geh. Rath. -Hast nicht die geringste Nachricht von Deiner Tochter? - -Major. -Laß mich zufrieden. - -Geh. Rath. -Es ist doch Dein Ernst nicht, nach Königsberg zu reisen? - -Major. -Wenn mag doch die Post abgehn von Königsberg nach Warschau? - -Geh. Rath. -Ich werde Dich nicht fortlassen; es ist nur umsonst. -Meynst Du, vernünftige Leute werden sich von Deinen -Phantasien übertölpeln lassen? Ich kündige Dir hiermit -Hausarrest an. Gegen Leute, wie Du bist, muß man Ernst -gebrauchen, sonst verwandelt sich ihr Gram in Narrheit. - -Major. (weint) -Ein ganzes Jahr--Bruder geheimer Rath--Ein ganzes -Jahr--und niemand weiß, wohin sie gestoben oder geflogen -ist? - -Geh. Rath. -Vielleicht todt-- - -Major. -Vielleicht?--Gewiß todt--und wenn ich nur den Trost -haben könnte, sie noch zu begraben--aber sie muß sich -selbst umgebracht haben, weil mir niemand Anzeige von -ihr geben kann.--Eine Kugel durch den Kopf, Berg, oder -einen Türkenpallasch; das wär eine Victorie. - -Geh. Rath. -Es ist ja eben so wohl möglich, daß sie den Läuffer -irgendwo angetroffen und mit dem aus dem Lande gegangen. -Gestern hat mich Graf Wermuth besucht und hat mir gesagt, -er sey denselben Abend noch in eine Schule gekommen, wo -ihn der Schulmeister nicht hab' in die Kammer lassen -wollen: er vermuthet immer noch, der Hofmeister habe -drinn gesteckt, vielleicht Deine Tochter bey ihm. - -Major. -Wo ist der Schulmeister? Wo ist das Dorf? Und der -Schurke von Grafen ist nicht mit Gewalt in die Kammer -eingedrungen? Komm: wo ist der Graf? - -Geh. Rath. -Er wird wohl wieder im Hecht abgestiegen seyn, wie -gewöhnlich. - -Major. -O wenn ich sie auffände--Wenn ich nur hoffen könnte, -sie noch einmal wieder zu sehen--Hol mich der Kuckuk, -so alt wie ich bin und abgegrämt und wahnwitzig; ja hol -mich der Teufel, dann wollt' ich doch noch in meinem -Leben wieder einmal lachen, das letztemal laut lachen -und meinen Kopf in ihren entehrten Schooß legen und -denn wieder einmal heulen und denn--Adieu Berg! Das -wäre mir gestorben, das hieß mir sanft und selig im -Herrn entschlafen.--Komm Bruder, Dein Junge ist nur -ein Spitzbube geworden: das ist nur Kleinigkeit; an -allen Höfen giebts Spitzbuben; aber meine Tochter ist -eine Gassenhure, das heiß' ich einem Vater Freud machen: -vielleicht hat sie schon drey Lilien auf dem Rücken.-- -Vivat die Hofmeister und daß der Teufel sie holt! Amen. - -(gehn ab) - - -Zweite Scene. - -Eine Bettlerhütte im Walde. -Augustchen. (im groben Kittel.) -Marthe. (ein alt blindes Weib) - - -Gustchen. -Liebe Marthe, bleibt zu Hause und seht wohl nach dem -Kinde: es ist das erstemal, daß ich Euch allein lasse -in einem ganzen Jahr; also könnt Ihr mich nun wohl -auch einmal einen Gang für mich thun lassen. Ihr habt -Proviant für heut und Morgen; Ihr braucht also heute -nicht auf der Landstraß auszustehn. - -Marthe. -Aber wo wollt Ihr denn hin, Grethe; das Gott erbarm! -da Ihr noch so krank und so schwach seyd; laßt Euch -doch sagen: ich hab auch Kinder bekommen und ohne viele -Schmerzen, so wie Ihr, Gott sey Dank! aber einmal hab -ichs versucht, den zweyten Tag nach der Niederkunft -auszugehen und nimmermehr wieder; ich hatte schon meinen -Geist aufgegeben, wahrlich ich könne Euch sagen, wie -einem Todten zu Muthe ist--Laßt Euch doch lehren; wenn -Ihr was im nächsten Dorf zu bestellen habt, obschon ich -blind bin, ich will schon hinfinden; bleibt nur zu Hause -und macht daß Ihr zu Kräften kommt: ich will alles für -Euch ausrichten, was es auch sey. - -Gustchen. -Laßt mich nur, Mutter; ich hab Kräfte wie eine junge -Bärin--und seht nach meinem Kinde. - -Marthe. -Aber wie soll ich denn darnach sehen, Heilige Mutter -Gottes! da ich blind bin? Wenn es wird saugen wollen, -soll ichs an meine schwarze verwelkte Zitzen legen? -und es mit zu nehmen, habt Ihr keine Kräfte, bleibt zu -Hause, liebes Grethel, bleibt zu Hause. - -Gustchen. -Ich darf nicht, liebe Mutter, mein Gewissen treibt mich -fort von hier. Ich hab' einen Vater, der mich mehr -liebt als sein Leben und seine Seele. Ich habe die -vorige Nacht im Traum gesehen, daß er sich die weissen -Haare ausriß und Blut in den Augen hatte: er wird -meynen, ich sey todt. Ich muß ins Dorf und jemand -bitten, daß er ihm Nachricht von mir giebt. - -Marthe. -Aber hilf lieber Gott, wer treibt Euch denn? Wenn Ihr -nun unterwegens liegen bleibt? Ihr könnt nicht fort... - -Gustchen. -Ich muß--Mein Vater stand wankend; auf einmal warf -er sich auf die Erde und blieb todt liegen--Er bringt -sich um, wenn er keine Nachricht von mir bekommt. - -Marthe. -Wißt Ihr denn nicht, daß Träume grade das Gegentheil -bedeuten? - -Gustchen. -Bey mir nicht--Laßt mich--Gott wird mit mir seyn. -(geht ab) - - -Dritte Scene. - -Die Schule. -Wenzeslaus. Läuffer. (an einem Tisch sitzend) Der Major. -Der Geheime Rath und Graf Wermuth. -(treten herein mit Bedienten) - - -Wenzeslaus. (läßt die Brille fallen) -Wer da? - -Major. (mit gezogenem Pistol) -Daß Dich das Wetter! da sitzt der Haas im Kohl. (schießt -und trift Läuffern in Arm, der vom Stuhl fällt) - -Geh. Rath. (der vergeblich versucht hat ihn zurückzuhalten) -Bruder--(stößt ihn unwillig) So hab's denn darnach, -Tollhäusler! - -Major. -Was? ist er todt? (schlägt sich vors Gesicht) Was hab -ich gethan? Kann Er mir keine Nachricht mehr von meiner -Tochter geben? - -Wenzeslaus. -Ihr Herren! Ist das jüngste Gericht nahe, oder sonst -etwas? Was ist das? (zieht an seiner Schelle) Ich will -Euch lehren, einen ehrlichen Mann in seinem Hause -überfallen. - -Läuffer. -Ich beschwör' Euch: schellt nicht!--Es ist der Major; -ich hab's an seiner Tochter verdient. - -Geh. Rath. -Ist kein Chirurgus im Dorf, ehrlicher Schulmeister! Er -ist nur am Arm verwundet, ich will ihn kuriren lassen. - -Wenzeslaus. -Ey was kuriren lassen! Straßenräuber! schießt man Leute -übern Haufen, weil man so viel hat, daß man sie kuriren -lassen kann? Er ist mein Kollaborator; er ist eben ein -Jahr in meinem Hause: ein stiller, friedfertiger, -fleißiger Mensch, und sein Tage hat man nichts von ihm -gehört, und Ihr kommt und erschießt mir meinen Kollaborator -in meinem eignen Hause!--Das soll gerochen werden, oder -ich will nicht selig sterben. Seht Ihr das! - -Geh. Rath. (bemüht Läuffern zu verbinden) -Wozu das Geschwätz, lieber Mann? Es thut uns leyd genug-- -Aber die Wunde könnte sich verbluten, schaft uns nur -einen Chirurgus. - -Wenzeslaus. -Ey was! Wenn Ihr Wunden macht, so mögt Ihr sie auch -heilen, Strassenräuber! Ich muß doch nur zum Gevatter -Schöpsen gehen. (geht ab) - -Major. (zu Läuffern) -Wo ist meine Tochter? - -Läuffer. -Ich weiß es nicht. - -Major. -Du weißt nicht? (zieht noch eine Pistol hervor) - -Geh. Rath. (entreißt sie ihm und schießt sie aus dem -Fenster ab) -Sollen wir Dich mit Ketten binden lassen, Du-- - -Läuffer. -Ich habe sie nicht gesehen, seit ich aus Ihrem Hause -geflüchtet bin; das bezeug' ich vor Gott, vor dessen -Gericht ich vielleicht bald erscheinen werde. - -Major. -Also ist sie nicht mit Dir gelaufen? - -Läuffer. -Nein. - -Major. -Nun denn; so wieder eine Ladung Pulver umsonst verschossen! -Ich wollt, sie wäre Dir durch den Kopf gefahren, da Du -kein gescheutes Wort zu reden weißt, Lumpenhund! Laßt -ihn liegen und kommt bis ans Ende der Welt. Ich muß -meine Tochter wieder haben, und wenn nicht in diesem -Leben, doch in jener Welt, und da soll mein hochweiser -Bruder und mein hochweiseres Weib mich wahrhaftig nicht -von abhalten (läuft fort.) - -Geh. Rath. -Ich darf ihn nicht aus den Augen lassen. (wirft Läuffern -einen Beutel zu) Lassen Sie Sich davon kuriren, und -bedenken Sie, daß Sie meinen Bruder weit gefährlicher -verwundet haben, als er Sie. Es ist ein Bankozettel -drin, geben Sie Acht drauf und machen ihn sich zu Nutz -so gut Sie können. (gehn alle ab) - -(Wenzeslaus kömmt mit dem Barbier Schöpsen und einigen -Bauerkerlen) - -Wenzeslaus. -Wo ist das Otterngezüchte? Redet! - -Läuffer. -Ich bitt Euch, seyd ruhig. Ich habe weit weniger bekommen, -als meine Thaten werth waren. Meister Schöpsen, ist -meine Wunde gefährlich? - -(Schöpsen besieht sie) - -Wenzeslaus. -Was denn? Wo sind sie? Das leid ich nicht; nein, das -leid ich nicht und sollt es mich Schul und Amt und Haar -und Bart kosten. Ich will sie zu Morsch schlagen, die -Hunde--Stellen Sie Sich vor, Herr Gevatter; wo ist das -in aller Welt in iure naturae, und in iure civili, und -im iure canonico, und im iure gentium, und wo Sie -wollen, wo ist das erhört, daß man einem ehrlichen Mann -in sein Haus fällt und in eine Schule dazu; an heiliger -Stätte--Gefährlich; nicht wahr? Haben Sie sondirt? Ists? - -Schöpsen. -Es ließe sich viel drüber sagen--nun doch wir wollen -sehen--am Ende wollen wir schon sehen. - -Wenzeslaus. -Ja Herr, he he, in fine videbitur cuius toni; das heißt, -wenn er wird todt seyn, oder wenn er völlig gesund seyn -wird, da wollen Sie uns erst sagen, ob die Wunde -gefährlich war oder nicht: das ist aber nicht medicinisch -gesprochen; verzeyh Er mir. Ein tüchtiger Arzt muß das -Dings vorher wissen, sonst sag' ich ihm ins Gesicht: er -hat seine Pathologie oder Chirurgie nur so halbwege -studirt und ist mehr in die Bordells gangen, als in -die Kollegia; denn in amore omnia insunt vitia, und -wenn ich einen Ignoranten sehe, er mag seyn aus was -für einer Fakultät er wolle, so sag' ich immer: er ist -ein Jungfernknecht gewesen; ein Hurenhengst; das laß' -ich mir nicht ausreden. - -Schöpsen. (nachdem er die Wunde noch einmal besichtigt) -Ja die Wunde ist, nachdem man sie nimmt--Wir wollen -sehen, wir wollen sehen. - -Läuffer. -Hier, Herr Schulmeister! hat mir des Majors Bruder einen -Beutel gelassen, der ganz schwer von Dukaten ist und -obenein ist ein Bankozettel drinn--Da sind wir auf viel -Jahre geholfen. - -Wenzeslaus. (hebt den Beutel) -Nun das ist etwas--Aber Hausgewalt bleibt doch -Hausgewalt und Kirchenraub, Kirchenraub--Ich will -ihm einen Brief schreiben, dem Herrn Major. den er -nicht ins Fenster stecken soll. - -Schöpsen. (der sich die Weil' über vergessen und eifrig -nach dem Beutel gesehen, fällt wieder über die Wunde her) -Sie wird sich endlich schon kuriren lassen, aber sehr -schwer, hoff' ich, sehr schwer-- - -Wenzeslaus. -Das hoff' ich nicht, Herr Gevatter Schöpsen; das fürcht' -ich, das fürcht' ich--aber ich will Ihm nur zum voraus -sagen, daß wenn Er die Wunde langsam kurirt, so kriegt -Er auch langsame Bezahlung; wenn Er ihn aber in zwey -Tagen wieder auf frischen Fuß stellt, so soll Er auch -frisch bezahlt werden; darnach kann Er sich richten. - -Schöpsen. -Wir wollen sehen. - - -Vierte Scene. - - -Gustchen. (liegend, an einem Teich mit Gesträuch umgeben) -Soll ich denn hier sterben?--Mein Vater! Mein Vater! -gieb mir die Schuld nicht, daß Du nicht Nachricht von -mir bekömmst. Ich hab meine letzten Kräfte angewandt-- -sie sind erschöpft--Sein Bild, o sein Bild steht mir -immer vor den Augen! Er ist todt, ja todt--und für Gram -um mich--Sein Geist ist mir diese Nacht erschienen, -mir Nachricht davon zu geben--mich zur Rechenschaft -dafür zu fodern--Ich komme, ja ich komme. (raft sich -auf und wirft sich in Teich.) - -Major. (von weitem) -Geh. Rath und Graf Wermuth. (folgen ihm) - -Major. -Hey! hoh! da giengs in Teich--Ein Weibsbild wars und -wenn gleich nicht meine Tochter, doch auch ein -unglücklich Weibsbild--Nach, Berg! Das ist der Weg -zu Gustchen oder zur Hölle! (springt ihr nach) - -Geh. Rath. (kommt) -Gott im Himmel! was sollen wir anfangen? - -Graf Wermuth. -Ich kann nicht schwimmen. - -Geh. Rath. -Auf die andere Seite!--Mich deucht, er haschte das -Mädchen ... Dort--dort hinten im Gebüsch.--Sehen Sie -nicht? Nun treibt er den Teich mit ihr hinunter--Nach! - - -Fünfte Scene. - -(Eine andere Seite des Teichs, Hinter der Scene Geschrey.) -"Hülfe! 's meine Tochter! Sakkerment und all das Wetter! -Graf! reicht mir doch die Stange: -daß Euch die schwere Noth." - -Major Berg. (trägt Gustchen aufs Theater) -Geheimer Rath und Graf. (folgen) - -Major. -Da!--(setzt sie nieder. Geheimer Rath und Graf suchen -sie zu ermuntern) Verfluchtes Kind! habe ich das an Dir -erziehen müssen! (kniet nieder bey ihr) Gustel! was -fehlt Dir? Hast Wasser eingeschluckt? Bist noch mein -Gustel?--Gottlose Kanaille! Hättst Du mir nur ein -Wort vorher davon gesagt; ich hätte dem Lausejungen -einen Adelbrief gekauft, da hättet ihr können zusammen -kriechen.--Gott behüt! so helft ihr doch; sie ist ja -ohnmächtig. (springt auf, ringt die Hände; umhergehend) -Wenn ich nur wüst', wo der maledeyte Chirurgus vom Dorf -anzutreffen wäre.--Ist sie noch nicht wach? - -Gustchen. (mit schwacher Stimme) -Mein Vater! - -Major. -Was verlangst Du? - -Gustchen. -Verzeihung. - -Major. (geht auf sie zu) -Ja verzeih Dirs der Teufel, ungerathenes Kind.--Nein, -(kniet wieder bey ihr) fall nur nicht hin, mein Gustel-- -mein Gustel! Ich verzeih Dir; ist alles vergeben und -vergessen--Gott weiß es: ich verzeih Dir--Verzeih Du -mir nur! Ja aber nun ists nicht mehr zu ändern. Ich hab -dem Hundsvott eine Kugel durch den Kopf geknallt. - -Geh. Rath. -Ich denke, wir tragen sie fort. - -Major. -Laßt stehen! Was geht sie euch an? Ist sie doch Eure -Tochter nicht. Bekümmert Euch um Euer Fleisch und Bein -daheime. (Er nimmt sie auf die Arme) Da Mädchen--Ich -sollte wohl wieder nach dem Teich mit Dir--(schwenkt -sie gegen den Teich zu) aber wir wollen nicht eher -schwimmen als bis wir's Schwimmen gelernt haben, meyn' -ich.--(drückt sie an sein Herz) O du mein einzig -theurester Schatz! Daß ich dich wieder in meinen Armen -tragen kann, gottlose Kanaille! (trägt sie fort) - - -Sechste Scene. - -In Leipzig. -Fritz von Berg. Pätus. - - -Fritz. -Das einzige, was ich an Dir auszusetzen habe, Pätus. -Ich habe Dirs schon lang sagen wollen: untersuche Dich -nur selbst; was ist die Ursach zu all Deinem Unglück -gewesen? Ich tadle es nicht, wenn man sich verliebt. Wir -sind in den Jahren; wir sind auf der See, der Wind treibt -uns, aber die Vernunft muß immer am Steuerruder bleiben, -sonst jagen wir auf die erste beste Klippe und scheitern. -Die Hamstern war eine Kokette, die aus Dir machte, was -sie wollte; sie hat Dich um Deinen letzten Rock, um -Deinen guten Namen und um den guten Namen Deiner Freunde -dazu gebracht: ich dächte, da hättest Du klug werden -können. Die Rehaarin ist ein unverführtes unschuldiges -jugendliches Lamm: wenn man gegen ein Herz, das sich -nicht vertheidigen will, noch vertheidigen kann, alle -mögliche Batterien spielen läßt, um es--was soll ich -sagen? zu zerstören, einzuäschern, das ist unrecht, -Bruder Pätus, das ist unrecht. Nimm mirs nicht übel, -wir können so nicht gute Freunde zusammen bleiben. Ein -Mann, der gegen ein Frauenzimmer es so weit treibt, -als er nur immer kann, ist entweder ein Theekessel oder -ein Bösewicht; ein Theekessel, wenn er sich selbst nicht -beherrschen kann, die Ehrfurcht, die er der Unschuld -und Tugend schuldig ist, aus den Augen zu setzen: oder -ein Bösewicht, wenn er sich selbst nicht beherrschen -will und wie der Teufel im Paradiese sein einzig Glück -darin setzt, ein Weib ins Verderben zu stürzen. - -Pätus. -Predige nur nicht, Bruder! Du hast Recht; es reuet mich, -aber ich schwöre Dir, ich kann drauf fluchen, daß ich -das Mädchen nicht angerührt habe. - -Fritz. -So bist Du doch zum Fenster hineingestiegen und die -Nachbarn habens gesehen, meynst Du, ihre Zunge wird so -verschämt seyn, wie Deine Hand vielleicht gewesen ist? -Ich kenne Dich, ich weiß, so dreust Du scheinst, bist -Du doch blöde gegen's Frauenzimmer und darum lieb ich -Dich: aber wenns auch nichts mehr wäre, als daß das -Mädchen ihren guten Namen verliert, und eine -Musikantentochter dazu, ein Mädchen, das alles von -der Natur empfieng: vom Glück nichts, der ihre einzige -Aussteuer, ihren guten Namen, zu rauben--Du hast -sie unglücklich gemacht, Pätus.-- - -(Herr Rehaar kommt, eine Laute unterm Arm.) - -Rehaar. -Ergebener Diener von Ihnen; ergebener Diener, Herr von -Berg, wünsche schönen guten Morgen. Wie haben Sie -geschlafen und wie stehts Konzertchen? (setzt sich -und stimmt) Haben Sie's durchgespielt? (stimmt) Ich -habe die Nacht einen heßlichen Schrecken gehabt, aber -ich wills dem eingedenk seyn.--Sie kennen ihn wohl, -es ist einer von ihren Landsleuten. Twing, twing. Das -ist eine verdammte Quinte! Will sie doch mein Tage -nicht recht tönen; ich will Ihnen Nachmittag eine andere -bringen. - -Fritz. (setzt sich mit seiner Laute) -Ich hab das Koncert noch nicht angesehen. - -Rehaar. -Ey Ey, faules Herr von Bergchen, noch nicht angesehen? -Twing! Nachmittag bring ich Ihnen eine andre. (legt die -Laute weg und nimmt eine Prise) Man sagt: die Türken -sind über die Donau gegangen und haben die Russen brav -zurückgepeitscht, bis--Wie heißt doch nun der Ort? -Bis Otschakof, glaub' ich; was weiß ich? so viel sag -ich Ihnen, wenn Rehaar unter ihnen gewesen wäre, was -meynen Sie? Er wäre noch weiter gelaufen. Ha ha ha! -(nimmt die Laute wieder) Ich sag Ihnen, Herr von Berg, -ich hab keine größere Freude, als wenn ich wieder einmal -in der Zeitung lese, daß eine Armee gelaufen ist. Die -Russen sind brave Leute, daß sie gelaufen sind; Rehaar -wär auch gelaufen und alle gescheute Leute, denn wozu -nützt das Stehen und sich todtschlagen lassen, ha ha ha. - -Fritz. -Nicht wahr, das ist der erste Grif? - -Rehaar. -Ganz recht; den zweiten Finger etwas mehr übergelegt und -mit dem kleinen abgerissen, so--Rund, rund den Triller, -rund Herr von Bergchen--Mein seliger Vater pflegt' immer -zu sagen, ein Musikus muß keine Kourage haben, und ein -Musikus der Herz hat, ist ein Hundsfut. Wenn er sein -Konzertchen spielen kann und seinen Marsch gut bläst-- -Das hab' ich auch dem Herzog von Kurland gesagt, als -ich nach Petersburg gieng, das erstemal in der Suite -vom Prinzen Czartorinsky, und vor ihm spielen mußte. -Ich muß noch lachen; als ich in den Saal kam und wollt' -ihm mein tief tief Kompliment machen, sah' ich nicht, -daß der Fußboden von Spiegel war und die Wände auch von -Spiegel, und fiel herunter wie ein Stück Holz und schlug -mir ein gewaltig Loch in Kopf: da kamen die Hofkavaliere -und wollten mich drüber necken. Leidt das nicht, Rehaar, -sagte der Herzog, Ihr habt ja einen Degen an der Seite; -leidt das nicht. Ja, sage ich, Ew. Herzoglichen Majestät, -mein Degen ist seit Anno Dreißig nicht aus der Scheide -gekommen, und ein Musikus braucht den Degen nicht zu -ziehen, denn ein Musikus, der Herz hat und den Degen -zieht, ist ein Hundsfut und kann sein Tag auf keinem -Instrument was vor sich bringen--Nein, nein, das dritte -Chor wars, k, k, so--Rein, rein, den Triller rund und -den Daumen unten nicht bewegt, so-- - -Pätus. (der sich die Zeit über seitwärts gehalten, -tritt hervor und bietet Rehaar die Hand) -Ihr Diener, Herr Rehaar; wie gehts? - -Rehaar. (hebt sich mit der Laute) -Ergebener Die--Wie solls gehen, Herr Pätus? Toujours -content, jamais d'argent: das ist des alten Rehaars -Sprichwort, wissen Sie, und die Herren Studenten wissens -alle; aber darum geben sie mir doch nichts--Der Herr -Pätus ist mir auch noch schuldig, von der letzten -Serenade, aber er denkt nicht dran... - -Pätus. -Sie sollen haben, liebster Rehaar; in acht Tagen erwart' -ich unfehlbar meinen Wechsel. - -Rehaar. -Ja, Sie haben schon lang gewartet, Herr Pätus, und -Wechselchen ist doch nicht kommen. Was ist zu thun, -man muß Geduld haben, ich sag immer, ich begegne -keinem Menschen mit so viel Ehrfurcht als einem -Studenten: denn ein Student ist nichts, das ist wahr, -aber es kann doch alles aus ihm werden. (er legt die -Laute auf den Tisch und nimmt eine Prise) Aber was -haben Sie mir denn gemacht, Herr Pätus? Ist das recht; -ist das auch honett gehandelt? Sind mir gestern zum -Fenster hineingestiegen, in meiner Tochter Schlafkammer. - -Pätus. -Was denn, Vaterchen? ich? ... - -Rehaar. (läßt die Dose fallen) -Ja ich will Dich bevaterchen und ich werd' es gehörigen -Orts zu melden wissen, Herr, daß seyn Sie versichert. -Meiner Tochter Ehr' ist mir lieb und es ist ein honettes -Mädchen, hol's der Henker! und wenn ichs nur gestern -gemerkt hätte oder wär' aufgewacht, ich hätt Euch zum -Fenster hinausgehenselt, daß Ihr das Unterste zu Oberst-- -Ist das honett, ist das ehrlich? Pfuy Teufel, wenn ich -Student bin, muß ich mich auch als Student aufführen, -nicht als ein Schlingel--Da haben mirs die Nachbarn -heut gesagt: ich dacht ich sollte den Schlag drüber -kriegen, Augenblicks hat mir das Mädchen auf den -Postwagen müssen und das nach Kurland zu ihrer Tante; -ja nach Kurland, Herr, denn hier ist ihre Ehr' hin und -wer zahlt mir nun die Reisekosten? Ich habe warhaftig -den ganzen Tag keine Laut' anrühren können und über -die funfzehn Quinten sind mir heut gesprungen. Ja Herr, -ich zittere noch am ganzen Leibe und Herr Pätus, ich -will ein Hühnchen mit Ihnen pflücken. Es soll nicht -so bleiben; ich will Euch Schlingeln lehren ehrlicher -Leute Kinder verführen. - -Pätus. -Herr, schimpf Er nicht, oder-- - -Rehaar. -Sehen Sie nur an, Herr von Berg! sehn Sie einmal an-- -wenn ich nun Herz hätte, ich fodert' ihn augenblicklich -vor die Klinge--Sehen Sie, da steht er und lacht mir -noch in die Zähne obenein. Sind wir denn unter Türken -und Heiden, daß ein Vater nicht mehr mit seiner Tochter -sicher ist? Herr Pätus, Sie sollen mirs nicht umsonst -gethan haben, ich sags Ihnen und sollts bis an den -Kuhrfürsten selber kommen. Unter die Soldaten mit -solchen lüderlichen Hunden! Dem Kalbsfell folgen, -das ist gescheidter! Schlingel seyd ihr und keine -Studenten! - -Pätus. (giebt ihm eine Ohrfeige) -Schimpf Er nicht; ich habs Ihm fünfmal gesagt!. - -Rehaar. (springt auf, das Schnupftuch vorm Gesicht) -So? Wart--Wenn ich doch nur den rothen Fleck -behalten könnte, bis ich vorn Magnifikus komme-- -Wenn ich ihn doch nur acht Tage behalten könnte, -daß ich nach Dresden reise und ihn dem Kuhrfürsten -zeige--Wart, es soll Dir zu Hause kommen, wart, -wart--Ist das erlaubt? (weint) Einen Lautenisten -zu schlagen? weil er Dir seine Tochter nicht geben -will, daß Du Lautchen auf ihr spielen kannst?--Wart, -ich wills seiner Kuhrfürstlichen Majestät sagen, daß -Du mich ins Gesicht geschlagen hast. Die Hand soll -Dir abgehauen werden--Schlingel! (läuft ab, Pätus -will ihm nach; Fritz hält ihn zurück) - -Fritz. -Pätus! Du hast schlecht gehandelt. Er war beleidigter -Vater, Du hättest ihn schonen sollen. - -Pätus. -Was schimpfte der Schurke? - -Fritz. -Schimpfliche Handlungen verdienen Schimpf. Er konnte -die Ehre seiner Tochter auf keine andere Weise rächen, -aber es möchten sich Leute finden-- - -Pätus. -Was? Was für Leute? - -Fritz. -Du hast sie entehrt, Du hast ihren Vater entehrt. Ein -schlechter Kerl, der sich an Weiber und Musikanten wagt, -die noch weniger als Weiber sind. - -Pätus. -Ein schlechter Kerl? - -Fritz. -Du sollst ihm öffentlich abbitten. - -Pätus. -Mit meinem Stock. - -Fritz. -So werd ich Dir in seinem Namen antworten. - -Pätus. (schreyt) -Was willst Du von mir? - -Fritz. -Genugthuung für Rehaarn. - -Pätus. -Du wirst mich doch nicht zwingen wollen; einfältiger -Mensch-- - -Fritz. -Ja, ich will Dich zwingen, kein Schurke zu seyn. - -Pätus. -Du bist einer--Du mußt Dich mit mir schlagen. - -Fritz. -Herzlich gern--wenn Du Rehaarn nicht Satisfaktion giebst. - -Pätus. -Nimmermehr. - -Fritz. -Es wird sich zeigen. - - - -Fünfter Akt. - - -Erste Scene. - -Die Schule. -Läuffer. Marthe. (ein Kind auf dem Arm) - - -Marthe. -Um Gotteswillen! helft einer armen blinden Frau und -einem unschuldigen Kinde, das seine Mutter verloren hat. - -Läuffer. (giebt ihr was) -Wie seyd Ihr denn hergekommen, da Ihr nicht sehen könnt? - -Marthe. -Mühselig genug. Die Mutter dieses Kindes war meine -Leiterin; sie gieng eines Tags aus dem Hause, zwey Tage -nach ihrer Niederkunft, Mittags gieng sie fort und wollt' -auf den Abend wiederkommen, sie soll noch wiederkommen. -Gott schenk ihr die ewige Freud und Herrlichkeit! - -Läuffer. -Warum thut Ihr den Wunsch? - -Marthe. -Weil sie todt ist, das gute Weib; sonst hätte sie ihr -Wort nicht gebrochen. Ein Arbeitsmann vom Hügel ist mir -begegnet, der hat sie sich in Teich stürzen sehen. Ein -alter Mann ist hinter ihr drein gewesen und hat sich -nachgestürzt; das muß wohl ihr Vater gewest seyn. - -Läuffer. -O Himmel! Welch ein Zittern--Ist das ihr Kind? - -Marthe. -Das ist es; sehen Sie nur, wie rund es ist, von lauter -Kohl und Rüben aufgefüttert. Was sollt' ich Arme machen; -ich konnt' es nicht stillen, und da mein Vorrath auf -war, macht' ichs wie Hagar, nahm das Kind auf die -Schulter und gieng auf Gottes Barmherzigkeit. - -Läuffer. -Gebt es mir auf den Arm--O mein Herz!--Daß ichs an -mein Herz drücken kann--Du gehst mir auf, furchtbares -Rätzel! (nimmt das Kind auf den Arm und tritt damit vor -den Spiegel) Wie? dies wären nicht meine Züge? (fällt -in Ohnmacht; das Kind fängt an zu schreyen) - -Marthe. -Fallt Ihr hin? (hebt das Kind vom Boden auf) Sußchen, -mein liebes Sußchen! (das Kind beruhigt sich) Hört! was -habt Ihr gemacht? Er antwortet nicht: ich muß doch um -Hülfe rufen; ich glaube, ihm ist weh worden. (geht hinaus) - - -Zweyte Scene. - -Ein Wäldchen vor Leipzig. -Fritz von Berg und Pätus. (stehn mit gezogenem Degen) -Rehaar. - - -Fritz. -Wird es bald? - -Pätus. -Willst Du anfangen? - -Fritz. -Stoß Du zuerst. - -Pätus. (wirft den Degen weg) -Ich kann mich mit Dir nicht schlagen. - -Fritz. -Warum nicht? Nimm ihn auf. Hab ich Dich beleidigt, so -muß ich Dir Genugthuung geben. - -Pätus. -Du magst mich beleidigen wie Du willst, ich brauch -keine Genugthuung von Dir. - -Fritz. -Du beleidigst mich. - -Pätus. (rennt auf ihn zu und umarmt ihn) -Liebster Berg! Nimm es für keine Beleidigung, wenn -ich Dir sage, Du bist nicht im Stande mich zu beleidigen. -Ich kenne Dein Gemüth--und ein Gedanke daran macht mich -zur feigsten Memme auf dem Erdboden. Laß uns gute -Freunde bleiben, ich will mich gegen den Teufel selber -schlagen, aber nicht gegen Dich. - -Fritz. -So gieb Rehaarn Satisfaktion, eh zieh' ich nicht ab -von hier. - -Pätus. -Das will ich herzlich gern, wenn er's verlangt. - -Fritz. -Er ist immatrikulirt, wie Du; Du hast ihn ins Gesicht -geschlagen--Frisch Rehaar, zieht! - -Rehaar. (zieht) -Ja, aber er muß seinen Degen da nicht aufheben. - -Fritz. -Sie sind nicht gescheidt. Wollen Sie gegen einen -Menschen ziehen, der sich nicht wehren kann? - -Rehaar. -Ey laß die gegen bewehrte Leute ziehen, die Kourage -haben. Ein Musikus muß keine Kourage haben, und Herr -Pätus, Er soll mir Satisfaktion geben--(stößt auf -ihn zu. Pätus weicht zurück) Satisfaktion geben. -(stößt Pätus in den Arm. Fritz legirt ihm den Degen) - -Fritz. -Jetzt seh' ich, daß Sie Ohrfeigen verdienen, Rehaar. -Pfuy! - -Rehaar. -Ja was soll ich denn machen, wenn ich kein Herz habe? - -Fritz. -Ohrfeigen einstecken und das Maul halten. - -Pätus. -Still Berg! ich bin nur geschrammt. Herr Rehaar, ich -bitt Sie um Verzeyhung. Ich hätte Sie nicht schlagen -sollen, da ich wußte, daß Sie nicht im Stande waren, -Genugthuung zu fodern; vielweniger hätt' ich Ihnen -Ursache geben sollen, mich zu schimpfen. Ich gesteh's, -diese Rache ist noch viel zu gering für die -Beleidigungen, die ich Ihrem Hause angethan: ich will -sehen, sie auf eine bessere Weise gut zu machen, wenn -das Schicksal meinen guten Vorsätzen beysteht. Ich -will Ihrer Tochter nachreisen; ich will sie heyrathen. -In meinem Vaterlande wird sich schon eine Stelle für -mich finden, und wenn auch mein Vater bey seinen -Lebzeiten sich nicht besänftigen ließe, so ist mir -doch eine Erbschaft von funfzehntausend Gulden gewiß. -(umarmt ihn). Wollen Sie mir Ihre Tochter bewilligen? - -Rehaar. -Ey was! ich hab nichts dawider, wenn Ihr ordentlich -und ehrlich um sie anhaltet, und im Stand seyd, sie zu -versorgen--Ha ha ha! hab' ichs doch mein Tag gesagt: -mit den Studenten ist gut auskommen. Die haben doch -noch Honnettetät im Leibe, aber mit den Officiers-- -Die machen einem Mädchen ein Kind und kräht nicht Hund -oder Hahn nach: das macht, weil sie alle kuraschöse -Leute seyn, und sich müssen todtschlagen lassen. Denn -wer Kourage hat, der ist zu allen Lastern fähig. - -Fritz. -Sie sind ja auch Student. Kommen Sie; wir haben lange -keinen Punsch zusammen gemacht; wir wollen auf die -Gesundheit Ihrer Tochter trinken. - -Rehaar. -Ja und Ihr Lautenkonzertchen dazu, Herr von Bergchen. -Ich hab Ihnen jetzt drey Stund nach einander geschwänzt, -und weil ich auch honett denke, so will ich heute dafür -drey Stunden nach einander auf Ihrem Zimmerchen bleiben -und wollen Lautchen spielen, bis dunkel wird. - -Pätus. -Und ich will die Violin dazu streichen. - - -Dritte Scene. - -Die Schule. -Läuffer. (liegt zu Bette.) -Wenzeslaus. - - -Wenzeslaus. -Das Gott! was giebts schon wieder, daß Ihr mich von -der Arbeit abrufen laßt? Seyd Ihr schon wieder schwach? -Ich glaube, das alte Weib war eine Hexe.--Seit der -Zeit habt Ihr keine gesunde Stunde mehr. - -Läuffer. -Ich werd' es wohl nicht lange mehr machen. - -Wenzeslaus. -Soll ich Gevatter Schöpsen rufen lassen? - -Läuffer. -Nein. - -Wenzeslaus. -Liegt Euch was auf dem Gewissen? Sagt mirs, entdeckt -mirs, unverholen.--Ihr blickt so scheu umher, daß es -einem ein Grauen einjagt; frigidus per ossa--Sagt mir, -was ists?--Als ob er jemand todt geschlagen hätte-- -Was verzerrt Ihr denn die Lineamenten so--Behüt Gott, -ich muß doch nur zu Schöpsen-- - -Läuffer. -Bleibt--Ich weiß nicht, ob ich recht gethan--Ich -habe mich kastrirt... - -Wenzeslaus. -Wa--Kastrir--Da mach ich Euch meinen herzlichen -Glückwunsch drüber, vortreflich, junger Mann, zweiter -Origenes! Laß Dich umarmen, theures, auserwähltes -Rüstzeug! Ich kann's Euch nicht verheelen, fast--fast -kann ich dem Heldenvorsatz nicht widerstehen, Euch -nachzuahmen. So recht, werther Freund! Das ist die -Bahn, auf der Ihr eine Leuchte der Kirche, ein Stern -erster Größe, ein Kirchenvater selber werden könnt. -Ich glückwünsche euch, ich ruf Euch ein Jubilate und -Evoë zu, mein geistlicher Sohn--Wär' ich nicht über -die Jahre hinaus, wo der Teufel unsern ersten und -besten Kräften sein arglistiges Netz ausstellt, gewiß -ich würde mich keinen Augenblick bedenken.-- - -Läuffer. -Bey alle dem, Herr Schulmeister, gereut es mich. - -Wenzeslaus. -Wie, es gereut Ihn? Das sey ferne, werther Herr Mitbruder! -Er wird eine so edle That doch nicht mit thörichter Reue -verdunkeln und mit sündlichen Thränen besudeln? Ich seh -schon welche über Sein Augenlied hervorquellen. Schluck' -Er sie wieder hinunter und sing' Er mit Freudigkeit: -ich bin der Nichtigkeit entbunden, nun Flügel, Flügel, -Flügel her. Er wird es doch nicht machen wie Lots Weib -und sich wieder nach Sodom umsehen, nachdem Er einmal -das friedfertige stille Zoar erreicht hat? Nein, Herr -Kollega; ich muß Ihm auch nur sagen, daß Er nicht der -einzige ist, der den Gedanken gehabt hat. Schon unter -den blinden Juden war eine Sekte, zu der ich mich gern -öffentlich bekannt hätte, wenn ich nicht befürchtet, -meine Nachbarn und meine armen Lämmer in der Schule -damit zu ärgern: auch hatten sie freilich einige -Schlacken und Thorheiten dabey, die ich nun eben nicht -mitmachen möchte. Zum Exempel, daß sie des Sonntags -nicht einmal ihre Nothdurft verrichteten, welches doch -wider alle Regeln einer vernünftigen Diät ist, und halt' -ichs da lieber mit unserm seligen Doktor Luther: was -hinaufsteigt, das ist für meinen lieben Gott, aber was -hinunter geht, Teufel, das ist für Dich--Ja wo war ich? - -Läuffer. -Ich fürchte, meine Bewegungsgründe waren von andrer Art ... -Reue, Verzweiflung-- - -Wenzeslaus. -Ja, nun hab ichs--Die Essäer, sag' ich, haben auch -nie Weiber genommen; es war eins von ihren Grundgesetzen -und dabey sind sie zu hohem Alter kommen, wie solches -im Josephus zu lesen. Wie die es nun angefangen, ihr -Fleisch so zu bezähmen; ob sie es gemacht, wie ich, -nüchtern und mässig gelebt und brav Toback geraucht, -oder ob sie Euren Weg eingeschlagen--So viel ist -gewiß, in amore, in amore omnia insunt vitia und ein -Jüngling, der diese Klippe vorbeyschifft, Heil, Heil -ihm, ich will ihm Lorbeern zuwerfen; lauro tempora -cingam et sublimi fronte sidera pulsabit. - -Läuffer. -Ich fürcht', ich werd' an dem Schnitt sterben müssen. - -Wenzeslaus. -Mit nichten, da sey Gott für. Ich will gleich zu -Gevatter Schöpsen. Der Fall wird ihm freylich noch -nie vorgekommen seyn, aber hat er Euch euren Arm kurirt, -welches doch eine Wunde war, die nicht zu eurer -Wohlfarth diente, so wird ja Gott auch ihm Gnade zu -einer Kur geben, die Euer ewiges Seelenheil befördern -wird. (geht ab) - -Läuffer. -Sein Frohlocken verwundet mich mehr als mein Messer. -O Unschuld, welch' eine Perle bist du! Seit ich dich -verloren, that ich Schritt auf Schritt in der Leidenschaft -und endigte mit Verzweiflung. Möchte dieser Letzte mich -nicht zum Tode führen, vielleicht könnt' ich itzt wieder -anfangen zu leben und zum Wenzeslaus wiedergeboren werden. - - -Vierte Scene. - -In Leipzig. - -Fritz von Berg und Rehaar. -(begegnen sich auf der Straße) - - -Rehaar. -Herr von Bergchen, ein Briefchen, unter meinem Kuvert -gekommen. Herr von Seiffenblase hat an mich geschrieben; -hat auch Lautchen bey mir gelernt vormals. Er bittet -mich, ich soll doch diesen Brief einem gewissen Herrn -von Berg in Leipzig abgeben, wenn er anders noch da -wäre--O wie bin ich gesprungen! - -Fritz. -Wo hält er sich denn itzt auf, Seiffenblase? - -Rehaar. -Soll es dem Herrn von Berg abgeben, schreibt er, wenn -Sie anders diesen würdigen Mann kennen. O wie bin ich -gesprungen--Er ist in Königsberg, der Herr von -Seiffenblase. Was meynen Sie, und meine Tochter ist -auch da, und logirt ihm grad gegenüber. Sie schreibt -mir, die Kathrinchen, daß sie nicht genug rühmen kann, -was er ihr für Höflichkeit erzeigt, alles um -meinetwillen; hat sieben Monath bey mir gelernt. - -Fritz. (zieht die Uhr aus) -Liebster Rehaar, ich muß ins Kollegium--Sagen Sie -Pätus nichts davon, ich bitte Sie--(geht ab) - -Rehaar. (ruft ihm nach) -Auf den Nachmittag--Konzertchen!-- - - -Fünfte Scene. - -Zu Königsberg in Preußen. -Geh. Rath. Gustchen. Major. -(stehn in ihrem Hause am Fenster) - - -Geh. Rath. -Ist ers? - -Gustchen. -Ja, er ist's. - -Geh. Rath. -Ich sehe doch, die Tante muß ein lüderliches Mensch -seyn, oder sie hat einen Haß auf ihre Nichte geworfen -und will sie mit Fleiß ins Verderben stürzen. - -Gustchen. -Aber Onkel, sie kann ihm doch das Haus nicht verbieten. - -Geh. Rath. -Auf das, was ich ihr gesagt?--Wer will's ihr übel -nehmen, wenn sie zu ihm sagte: Herr von Seiffenblase, -Sie haben sich auf einem Kaffeehause verlauten lassen, -Sie wollten meine Nichte zu Ihrer Mätresse machen, -suchen Sie sich andre Bekanntschaften in der Stadt; -bey mir kommen Sie unrecht: meine Nichte ist eine -Ausländerin, die meiner Aufsicht anvertraut ist; die -sonst keine Stütze hat; wenn sie verführt würde, fiel' -alle Rechenschaft auf mich. Gott und Menschen müßten -mich verdammen. - -Major. -Still Bruder! Er kommt heraus und läßt die Nase -erbärmlich hängen. Ho, ho, ho, daß Du die Krepanz! -Wie blaß er ist. - -Geh. Rath. -Ich will doch gleich hinüber, und sehn was es gegeben hat. - - -Sechste Scene. - -In Leipzig. -Pätus. (an einem Tisch und schreibt) -Berg. (tritt herein einen Brief in der Hand) - - -Pätus. (sieht auf und schreibt fort) - -Fritz. -Pätus!--Hast zu thun? - -Pätus. -Gleich--(Fritz spaziert auf und ab) Jetzt--(legt das -Schreibzeug weg) - -Fritz. -Pätus! ich hab' einen Brief bekommen--und hab nicht -das Herz, ihn aufzumachen. - -Pätus. -Von wo kommt er? Ists Deines Vaters Hand? - -Fritz. -Nein, von Seiffenblase--aber die Hand zittert mir, so -bald ich erbrechen will. Brich doch auf. Bruder, und -ließ mir vor. (wirft sich auf einen Lehnstuhl) - -Pätus. (liest) -"Die Erinnerung so mancher angenehmen Stunden, deren -ich mich noch mit Ihnen genossen zu haben erinnere, -verpflichtet mich, Ihnen zu schreiben und Sie an diese -angenehme Stunden zu erinnern"--Was der Junge für eine -rasende Orthographie hat. - -Fritz. -Lies doch nur-- - -Pätus. -"Und weil ich mich verpflichtet hielt, Ihnen Nachrichten -von meiner Ankunft und den Neuigkeiten, die allhier -vorgefallen, als melde Ihnen von Dero werthesten Familie, -welche leider sehr viele Unglücksfälle in diesem Jahre -erlebt hat, und wegen der Freundschaft, welche ich in -Dero Eltern ihrem Hause genossen, sehe mich verpflichtet, -weil ich weiß, daß Sie mit Ihrem Herrn Vater in -Misverstäniß und er Ihnen lange wohl nicht wird -geschrieben haben, so werden Sie auch wohl den -Unglücksfall nicht wissen mit dem Hofmeister, welcher -aus Ihres gnädigen Onkels Hause ist gejagt worden, -weil er Ihre Kusine genothzüchtigt, worüber sie sich -so zu Gemüth gezogen, daß sie in einen Teich gesprungen, -durch welchen Trauerfall Ihre ganze Familie in den -höchsten Schröcken"--Berg! was ist Dir--(begießt ihn -mit Lavendel) Wie nun Berg? Rede, wird Dir weh--Hätt -ich Dir doch den verdammten Brief nicht--Ganz gewiß -ists eine Erdichtung--Berg! Berg! - -Fritz. -Laß mich--Es wird schon übergehn. - -Pätus. -Soll ich jemand holen, der Dir die Ader schlägt. - -Fritz. -O pfuy doch--thu doch so französisch nicht--Ließ mirs -noch einmal vor. - -Pätus. -Ja, ich werde Dir--Ich will den hunsvöttischen -malitiösen Brief den Augenblick--(zerreißt ihn) - -Fritz. -Genothzüchtigt--ersäuft. (schlägt sich an die Stirn) -Meine Schuld! (steht auf) meine Schuld einzig und allein-- - -Pätus. -Du bist wohl nicht klug--Willst Dir die Schuld geben, -daß sie sich vom Hofmeister verführen läßt-- - -Fritz. -Pätus, ich schwur ihr, zurückzukommen, ich schwur ihr-- -Die drey Jahr sind verflossen, ich bin nicht gekommen, -ich bin aus Halle fortgangen, mein Vater hat keine -Nachrichten von mir gehabt. Mein Vater hat mich -aufgeben, sie hat es erfahren, Gram--Du kennst ihren -Hang zur Melancholey--die Strenge ihrer Mutter obenein, -Einsamkeit, auf dem Lande, betrogne Liebe--Siehst Du -das nicht ein, Pätus; siehst Du das nicht ein? Ich -bin ein Bösewicht: ich bin schuld an ihrem Tode. (wirft -sich wieder in den Stuhl und verhüllt sein Gesicht) - -Pätus. -Einbildungen!--Es ist nicht wahr, es ist so nicht -gegangen. (stampft mit dem Fuß) Tausend Sapperment, -daß Du so dumm bist, und alles glaubst, der Spitzbube, -der Hundsfut, der Bärenhäuter, der Seiffenblase, will -Dir einen Streich spielen--Laß mich ihn einmal zu -sehen kriegen.--Es ist nicht wahr, daß sie todt ist, -und wenn sie todt ist, so hat sie sich nicht selbst -umgebracht... - -Fritz. -Er kann doch das nicht aus der Luft saugen--Selbst -umgebracht--(springt auf) O das ist entsetzlich! - -Pätus. (stampft abermal mit dem Fuß) -Nein, sie hat sich selbst nicht umgebracht. -Seiffenblase lügt; wir müssen mehr Bestätigung haben. -Du weißt, daß Du ihm einmal im Rausch erzehlt hast, -daß Du in Deine Kusine verliebt wärst; siehst Du, das -hat die malitiöse Kanaille aufgefangen--aber weißt -Du was; weißt Du, was Du thust? Hust ihm was; pfeif -ihm was; pfuy ihm was, schreib ihm, Ew. Edlen danke -dienstfreundlichst für Dero Neuigkeiten, und bitte, -Sie wollen mich im--Das ist der beste Rath, schreib -ihm zurück: Ihr seyd ein Hundsfut. Das ist das -vernünftigste, was Du bey der Sache thun kannst. - -Fritz. -Ich will nach Hause reisen. - -Pätus. -So reis' ich mit Dir--Berg, ich laß Dich keinen -Augenblick allein. - -Fritz. -Aber wovon? Reisen ist bald ausgesprochen--Wenn ich -keine abschlägige Antwort befürchtete, so wolle ich -es bey Leichtfuß et Compagnie versuchen, aber ich bin -ihnen schon hundertfunfzig Dukaten schuldig-- - -Pätus. -Wir wollen beyde zusammen hingehn--Wart, wir müssen die -Lotterie vorbey. Heut ist die Post aus Hamburg angekommen, -ich will doch unterwegs nachfragen; zum Spaß nur-- - - -Siebente Scene. - -In Königsberg. -Geh. Rath (führt) Jungfer Rehaar (an der Hand) -Augustchen. Major. - - -Geh. Rath. -Hier, Gustchen, bring ich Dir eine Gespielin. Ihr seyd -in einem Alter, einem Verhältnisse--Gebt Euch die -Hand, und seyd Freundinnen. - -Gustchen. -Das bin ich lange gewesen, liebe Mamsell! Ich weiß -nicht, was es war, das in meinem Busen auf- und abstieg, -wenn ich Sie aus dem Fenster sah; aber Sie waren in so -viel Zerstreuungen verwickelt, so mit Kutschenbesuchen -und Serenaden belästigt, daß ich mit meinem Besuch zu -unrechter Zeit zu kommen fürchtete. - -Jungfer Rehaar. -Ich wäre Ihnen zuvorgekommen, gnädiges Fräulein, wenn -ich das Herz gehabt. Allein in ein so vornehmes Haus -mich einzudrängen, hielt' ich für unbesonnen, und mußte -dem Zug meines Herzens, das mich schon oft bis vor -Ihre Thür geführt hat, allemal mit Gewalt widerstehen. - -Geh. Rath. -Stell Dir vor, Major; der Seiffenblase hat auf die -Warnung, die ich der Frau Dutzend that, und die sie -ihm wieder erzehlt hat und zwar, wie ichs verlangt, -unter meinem Namen, geantwortet: er werde sich schon -an mir zu rächen wissen. Er hat alles das so gut von -sich abzulehnen gewußt, und ist gleich Tags drauf mit -dem Minister Deichsel hingefahren kommen, daß die arme -Frau das Herz nicht gehabt, sich seine Besuche zu -verbitten. Gestern Nacht hat er zwey Wagen in diese -Straße bestellt und einen am Brandenburger Thor, das -wegen des Feuerwerks offen blieb, das erfährt die Madam -gestern Vormittag schon. Den Nachmittag will er für -Henkers Gewalt die Mamsell überreden, mit ihm zum -Minister auf die Assemblee zu fahren, aber Madam -Dutzend traute dem Frieden nicht, und hat's ihm rund -abgeschlagen. Zweymal ist er vor die Thür gefahren, -aber hat wieder umkehren müssen; da seine Karte also -verzettelt war, wollt' ers heut probiren. Madam Dutzend -hat ihm nicht allein das Haus verbothen, sondern -zugleich angedeutet: sie sehe sich genöthigt, sich -vom Gouverneur Wache vor ihrem Hause auszubitten. -Da hat er Flammen gespyen, hat mit dem Minister gedroht-- -Um die Madam völlig zu beruhigen, hab' ich ihr -angetragen: die Mamsell in unser Haus zu nehmen. Wir -wollen sie auf ein halb Jahr nach Insterburg mitnehmen, -bis Seiffenblase sie vergessen hat, oder so lang als -es ihr selber nur da gefallen kann-- - -Major. -Ich hab schon anspannen lassen. Wenn wir nach -Heidelbrunn fahren, Mamsell, so laß ich Sie nicht -los. Sie müssen mit, oder meine Tochter bleibt mit -Ihnen in Insterburg. - -Geh. Rath. -Das wär wohl am besten. Ohnehin taugt das Land für -Gustchen nicht und Mamsel Rehaar laß ich nicht von mir. - -Major. -Gut, daß Deine Frau Dich nicht hört--oder hast Du -Absichten auf Deinen Sohn? - -Geh. Rath. -Mach das gute Kind nicht roth. Sie werden ihn in -Leipzig oft genug müssen gesehen haben, den bösen -Buben. Gustchen, Du wirst zur Gesellschaft mit roth? -Er verdient's nicht. - -Gustchen. -Da mein Vater mir vergeben hat, sollte Ihr Sohn ein -minder gütiger Herz bey Ihnen finden? - -Geh. Rath. -Er ist auch noch in keinen Teich gesprungen. - -Major. -Wenn wir nur das blinde Weib mit dem Kinde ausfündig -gemacht hätten, von dem mir der Schulmeister schreibt; -eh kann ich nicht ruhig werden--Kommt! ich muß noch -heut auf mein Gut. - -Geh. Rath. -Daraus wird nichts. Du mußt die Nacht in Insterburg -schlafen. - - -Achte Scene. - -Leipzig. -Bergs Zimmer. -Fritz v. Berg. (sitzt, die Hand untern Kopf gestützt) -Pätus. (stürzt herein) - - -Pätus. -Triumpf Berg! Was kalmeuserst Du?--Gott! Gott! -(greift sich an den Kopf und fällt auf die Knie) -Schicksal! Schicksal!--Nicht wahr, Leichtfuß hat -Dir nicht vorschießen wollen? Laß ihn Dich--Ich -hab Geld, ich hab' alles--Dreyhundert achtzig -Friedrichd'or gewonnen auf einem Zug! (springt auf -und schreyt) Heydideldum, nach Insterburg! Pack ein! - -Fritz. -Bist Du närrisch worden? - -Pätus. (zieht einen Beutel mit Gold hervor und wirft -alles auf die Erde) -Da ist meine Narrheit. Du bist ein Narr mit Deinem -Unglauben--Nun hilf auflesen; buck Dich etwas-- -und heut noch nach Insterburg, juchhe! (lesen auf) -Ich will meinem Vater die achtzig Friedrichsd'or -schenken, so viel betrug grad mein letzter Wechsel, -und zu ihm sagen: nun Herr Papa, wie gefall' ich -Ihnen itzt? All Deine Schulden können wir bezahlen, -und meine obenein, und denn reisen wir wie die Prinzen. -Juchhei - - -Neunte Scene. - -Die Schule. -Wenzeslaus. Läuffer. (beyde in schwarzen Kleidern) - - -Wenzeslaus. -Wie hat ihm die Predigt gefallen, Kollege! Wie hat -Er sich erbaut? - -Läuffer. -Gut, recht gut. (seufzt) - -Wenzeslaus. (nimmt seine Perücke ab und setzt eine -Nachtmütze auf) -Damit ist's nicht ausgemacht. Er soll mir sagen, -welche Stelle aus der Predigt vorzüglich gesegnet -an seinem Herzen gewesen. Hör' Er--setz' Er sich. -Ich muß Ihm was sagen; ich hab' eine Anmerkung in -der Kirche gemacht, die mich gebeugt hat. Er hat mir -da so wetterwendisch gesessen, daß ich mich Seiner, -die Warheit zu sagen, vor der ganzen Gemeine geschämt -habe und dadurch oft fast aus meinem Koncept kommen -bin. Wie, dacht' ich, dieser junge Kämpfer, der so -ritterlich durchgebrochen und den schwersten Strauß -schon gewissermaßen überwunden hat--ich muß es Ihm -bekennen: Er hat mich geärgert, skandalon edidouV, -etaire! Ich habs wohl gemerkt, wohin es gieng, ich -habs wohl gemerkt; immer nach der mittlern Thür zu -da nach der Orgel hinunter. - -Läuffer. -Ich muß bekennen, es hieng ein Gemälde dort, das -mich ganz zerstreut hat. Der Evangelist Markus mit -einem Gesicht, das um kein Haar menschlicher aussah, -als der Löwe, der bey ihm saß, und der Engel beym -Evangelisten Matthäus eher einer geflügelten Schlange -ähnlich. - -Wenzeslaus. -Es war nicht das, mein Freund! Bild' Er mir's nicht -ein; es war nicht das. Sag' Er mir doch, ein Bild -sieht man an und sieht wieder weg, und dann ist's -alles. Hat Er denn gehört, was ich gesagt habe? -Weiß Er mir Ein Wort aus meiner Predigt wieder -anzuführen? Und sie war doch ganz für Ihn gehalten; -ganz kasuistisch--O! o! o! - -Läuffer. -Der Gedanke gefiel mir vorzüglich, daß zwischen -unsrer Seele und ihrer Wiedergeburt und zwischen -dem Flachs- und Hanfbau eine große Aehnlichkeit -herrsche, und so wie der Hanf im Schneidebrett durch -heftige Stöße und Klopfen von seiner alten Hülse -befreyt werden müsse, so müsse unser Geist auch durch -allerley Kreutz und Leiden und Ertödtung der -Sinnlichkeit für den Himmel zubereitet werden. - -Wenzeslaus. -Er war kasuistisch, mein Freund-- - -Läuffer. -Doch kann ich Ihnen auch nicht bergen, daß Ihre Liste -von Teufeln, die aus dem Himmel gejagt worden, und -die Geschichte der ganzen Revolution da, daß Lucifer -sich für den schönsten gehalten--Die heutige Welt -ist über den Aberglauben längst hinweg; warum will -man ihn wieder aufwärmen. In der ganzen heutigen -vernünftigen Welt wird kein Teufel mehr statuirt-- - -Wenzeslaus. -Darum wird auch die ganze heutige vernünftige Welt -zum Teufel fahren. Ich mag nicht verdammen, lieber -Herr Mandel; aber das ist wahr, wir leben in -seelenverderblichen Zeiten: es ist die letzte böse -Zeit. Ich mag mich drüber weiter nicht auslassen: -ich seh wohl, Er ist ein Zweifler auch, und auch -solche Leute muß man tragen. Es wird schon kommen; -Er ist noch jung--aber gesetzt auch, posito auch, -aber nicht zugestanden, unsere Glaubenslehren wären -all Aberglauben, über Geister, über Höll, über Teufel, -da--Was thut's Euch, was beißts Euch, daß Ihr Euch -so mit Händen und Füßen dagegen wehrt? Thut nichts -Böses, thut recht und denn so braucht Ihr die Teufel -nicht zu scheuen, und wenn ihrer mehr wären wie -Ziegel auf dem Dach, wie der selige Lutherus sagt. -Und Aberglauben--O schweigt still, schweigt still, -lieben Leut'. Erwägt erst mit reifem Nachdenken, was -der Aberglaube bisher für Nutzen gestiftet hat, und -denn habt mir noch das Herz, mit Euren nüchternen -Spötteleyen gegen mich anzuziehen. Reutet mir den -Aberglauben aus; ja warhaftig der rechte Glaub wird -mit drauf gehn, und ein nacktes Feld da bleiben. -Aber ich weiß jemand, der gesagt hat, man soll beydes -wachsen lassen, es wird schon die Zeit kommen, da -Kraut sich von dem Unkraut scheiden wird. Aberglauben-- -Nehmt dem Pöbel seinen Aberglauben, er wird -freygeistern, wie Ihr und Euch vor den Kopf schlagen. -Nehmt dem Bauer seinen Teufel, und er wird ein Teufel -gegen seine Herrschaft werden und ihr beweisen, daß es -welche giebt. Aber wir wollen das bey Seite setzen-- -Wovon rede ich doch?--Recht, sag' Er mir, wen hat Er -angesehen in der ganzen Predigt? Verheel' Er mir -nichts. Ich war es nicht, denn sonst müst' Er schielen, -daß es eine Schande wäre. - -Läuffer. -Das Bild. - -Wenzeslaus. -Es war nicht das Bild--Dort unten, wo die Mädchen -sitzen, die bey ihm in die Kinderlehre gehen--Lieber -Freund! es wird doch nichts vom alten Sauerteig in -seinem Herzen geblieben seyn--Ey, ey! wer einmal -geschmeckt hat die Kräfte der zukünftigen Welt--Ich -bitt Ihn, mir stehn die Haare zu Berge--Nicht wahr, -die eine da mit dem gelben Haar so nachläßig unter das -rothe Häubchen gesteckt und mit den lichtbraunen Augen, -die allemal unter den schwarzen Augbraunen so schalkhaft -hervorblinzen, wie die Sterne hinter Regenwolken--Es -ist wahr, das Mädchen ist gefährlich; ich hab's nur -einmal von der Kanzel angesehn, und muste hernach -allemal die Augen platt zudrücken, wenn sie auf sie -fielen, sonst wär' mirs gegangen, wie den weisen -Männern im Areopagus, die Recht und Gerechtigkeit -vergaßen um einer schnöden Phryne willen.--Aber sag' -Er mir doch, wo will Er hin, daß Er Sich noch bösen -Begierden überläßt, daß Ihm sogar an Mitteln fehlt, -sie zu befriedigen? Will Er Sich dem Teufel ohne Sold -dahingeben? Ist das das Gelübd, das er dem Herrn -gethan--Ich rede als Sein geistlicher Vater mit Ihm-- -Er, der itzt mit so wenig Mühe über alle Sinnlichkeit -triumphiren, über die Erde sich hinausschwingen und -bessern Revieren zufliegen könnte. (Umarmt ihn) Ach -mein lieber Sohn, bey diesen Thränen, die ich aus -wahrer herzlicher Sorgfalt für Ihn vergieße; kehr' -Er nicht zu den Fleischtöpfen Egyptens zurück, da Er -Kanaan so nahe war! Eile, eile! rette Deine -unsterbliche Seele! Du hast auf der Welt nichts, das -Dich mehr zurückhalten könnte. Die Welt hat nichts -mehr für Dich, womit sie Deine Untreu Dir einmal -belohnen könnte; nicht einmal eine sinnliche Freude, -geschweige denn Ruhe der Seelen--Ich geh und überlasse -Dich Deinen Entschließungen. (geht ab) - -(Läuffer bleibt in tiefen Gedanken sitzen) - - -Zehnte Scene. - -Lise. (tritt herein, ein Gesangbuch in der Hand, ohne -daß er sie gewahr wird. Sie sieht ihm lang -stillschweigend zu. Er springt auf, will knien; wird -sie gewahr und sieht sie eine Weile verwirrt an) - - -Läuffer. (nähert sich ihr) -Du hast eine Seele dem Himmel gestolen. (faßt sie an -die Hand) Was führt Dich hieher, Lise? - -Lise. -Ich komme, Herr Mandel--Ich komme, weil Sie gesagt -haben, es würd' morgen keine Kinderlehr--weil Sie-- -so komm' ich--gesagt haben--ich komme, zu fragen, -ob morgen Kinderlehre seyn wird. - -Läuffer. -Ach!--Seht diese Wangen, ihr Engel! Wie sie in -unschuldigem Feuer brennen und denn verdammt mich, -wenn ihr könnt--Lise, warum zittert Deine Hand? -Warum sind Dir die Lippen so bleich und die Wangen -so roth? Was willst Du? - -Lise. -Ob morgen Kinderlehr seyn wird? - -Läuffer. -Setz Dich zu mir nieder--Leg Dein Gesangbuch weg-- -Wer steckt Dir das Haar auf, wenn Du nach der Kirche -gehst? (setzt sie auf einen Stuhl neben seinem) - -Lise. (will aufstehn) -Verzeyh' Er mir; die Haube wird wohl nicht recht -gesteckt seyn; es mache einen so erschrecklichen Wind, -als ich zur Kirche kam. - -Läuffer. (nimmt ihre beyden Hände in seine Hand) -O Du bist--Wie alt bist Du, Lise?--Hast Du niemals-- -Was wollt' ich doch fragen--Hast Du nie Freyer gehabt? - -Lise. (Munter) -O ja einen, noch die vorige Woche; und des Schaafwirths -Grethe war so neidisch auf mich und hat immer gesagt: -ich weiß nicht was er sich um das einfältige Mädchen -so viel Mühe macht, und denn hab' ich auch noch einen -Officier gehabt; es ist noch kein Vierteljahr. - -Läuffer. -Einen Officier? - -Lise. -Ja doch, und einer von den recht Vornehmen. Ich sag' -ihnen, er hat drey Tressen auf dem Arm gehabt: aber -ich war noch zu jung und mein Vater wollt mich ihm -nicht geben, wegen des soldatischen Wesens und Ziehens. - -Läuffer. -Würdest Du--O ich weiß nicht, was ich rede--Würdest -Du wohl--Ich Elender! - -Lise. -O ja, von ganzem Herzen. - -Läuffer. -Bezaubernde!--(will ihr die Hand küssen) Du weißt ja -noch nicht, was ich fragen wollte. - -Lise. (zieht sie weg) -O lassen Sie, meine Hand ist ja so schwarz--O pfuy -doch! Was machen Sie? Sehen Sie, einen geistlichen -Herrn hätt' ich allewege gern: von meiner ersten -Jugend an hab ich die studierte Herren immer gern -gehabt; sie sind alleweil so artig, so manierlich, -nicht so puf paf, wie die Soldaten, obschon ich -einewege die auch gern habe, das leugn' ich nicht, -wegen ihrer bunten Röcke; ganz gewiß, wenn die -geistlichen Herren in so bunten Röcken giengen, wie -die Soldaten, das wäre zum Sterben. - -Läuffer. -Laß' mich Deinen muthwilligen Mund mit meinen Lippen -zuschließen. (küßt sie) O Lise! Wenn Du wüstest, wie -unglücklich ich bin. - -Lise. -O pfuy, Herr, was machen Sie? - -Läuffer. -Noch einmal und denn ewig nicht wieder! (küßt sie. -Wenzeslaus tritt herein) - -Wenzeslaus. -Was ist das? Proh deum atque hominum fidem! Wie nun, -falscher, falscher, falscher Prophet! Reißender Wolf -in Schaafskleidern! Ist das die Sorgfalt, die Du Deiner -Heerde schuldig bist? Die Unschuld selber verführen, die -Du vor Verführung bewahren sollst? Es muß ja Aergerniß -kommen, doch wehe dem Menschen, durch welchen Aergerniß -kommt! - -Läuffer. -Herr Wenzeslaus! - -Wenzeslaus. -Nichts mehr! Kein Wort mehr! Ihr habt Euch in Eurer -wahren Gestalt gezeigt. Aus meinem Hause, Verführer! - -Lise. (kniet vor Wenzeslaus) -Lieber Herr Schulmeister, er hat mir nichts böses gethan. - -Wenzeslaus. -Er hat Dir mehr böses gethan, als Dir Dein ärgster -Feind thun könnte. Er hat Dein unschuldiges Herz -verführt. - -Läuffer. -Ich bekenne mich schuldig--Aber kann man so vielen -Reitzungen widerstehen? Wenn man mir dies Herz aus dem -Leibe risse und mich Glied vor Glied verstümmelte und -ich behielt nur eine Ader von Blut noch übrig, so würde -diese verräthrische Ader doch für Lisen schlagen. - -Lise. -Er hat mir nichts Leides gethan. - -Wenzeslaus. -Dir nichts Leides gethan--Himmlischer Vater! - -Läuffer. -Ich hab ihr gesagt, daß sie die liebenswürdigste -Kreatur sey, die jemals die Schöpfung beglückt hat; -ich hab' ihr das auf ihre Lippen gedrückt; ich hab -diesen unschuldigen Mund mit meinen Küssen versiegelt, -welcher mich sonst durch seine Zaubersprache zu noch -weit größeren Verbrechen würde hingerissen haben. - -Wenzeslaus. -Ist das kein Verbrechen? Was nennt Ihr jungen Herrn -heut zu Tage Verbrechen? O tempora, o mores! Habt Ihr -den Valerius Maximus gelesen? Habt Ihr den Artikel -gelesen de pudicitia? Da führt er einen Mänius an, -der seinen Freygelassenen todtgeschlagen hat, weil er -seine Tochter einmal küßte und die Raison: ut etiam -oscula ad maritum sincera perferret. Riecht Ihr das? -Schmeckt Ihr das? Etiam oscula, non solum virginitatem, -etiam oscula. Und Mänius war doch nur ein Heyde: was -soll ein Christ thun, der weiß, daß der Ehstand von -Gott eingesetzt ist und daß die Glückseligkeit eines -solchen Standes an der Wurzel vergiften, einem -künftigen Gatten in seiner Gattin seine Freud und -Trost verderben; seinen Himmel profaniren--Fort, -aus meinen Augen, Ihr Bösewicht! Ich mag mit Euch -nichts zu thun haben! Geht zu einem Sultan und laßt -Euch zum Aufseher über ein Serail dingen, aber nicht -zum Hirten meiner Schaafe. Ihr Miethling. Ihr reissender -Wolf in Schaafskleidern! - -Läuffer. -Ich will Lisen heyrathen. - -Wenzeslaus. -Heyrathen--Ey ja doch--als ob sie mit einem Eunuch -zufrieden? - -Lise. -O ja, ich bins herzlich wohl zufrieden, Herr Schulmeister. - -Läuffer. -Ich unglücklicher! - -Lise. -Glauben Sie mir, lieber Herr Schulmeister, ich laß -einmal nicht von ihm ab. Nehmen Sie mir das Leben; -ich lasse nicht ab von ihm. Ich hab ihn gern und mein -Herz sagt mir, daß ich niemand auf der Welt so gern -haben kann als ihn. - -Wenzeslaus. -So--daß doch--Lise, Du verstehst das Ding nicht-- -Lise, es läßt sich Dir so nicht sagen, aber Du kannst -ihn nicht heyrathen; es ist unmöglich. - -Lise. -Warum soll es denn unmöglich seyn, Herr Schulmeister? -Wie kann's unmöglich seyn, wenn ich will und wenn er -will, und mein Vater auch es will? Denn mein Vater hat -mir immer gesagt, wenn ich einmal einen geistlichen -Herrn bekommen könnte-- - -Wenzeslaus. -Aber daß dich der Kuckuk, er kann ja nichts--Gott -verzeih mir meine Sünde, so laß Dir doch sagen. - -Läuffer. -Vielleicht fodert sie das nicht--Lise, ich kann bey -Dir nicht schlafen. - -Lise. -So kann Er doch wachen bey mir, wenn wir nur den Tag -über beisammen sind und uns so anlachen und uns -einsweilen die Hände küssen--Denn bey Gott! ich hab' -ihn gern. Gott weiß es, ich hab' Ihn gern. - -Läuffer. -Sehn Sie, Herr Wenzeslaus! Sie verlangt nur Liebe von -mir. Und ist's denn nothwendig zum Glück der Ehe, daß -man thierische Triebe stillt? - -Wenzeslaus. -Ey was--Connubium sine prole, est quasi dies sine -sole ... Seyd fruchtbar und mehret euch, steht in -Gottes Wort. Wo Eh' ist, müssen auch Kinder seyn. - -Lise. -Nein Herr Schulmeister, ich schwör's Ihm, in meinem -Leben möcht' ich keine Kinder haben. Ey ja doch, -Kinder! Was Sie nicht meynen! Damit wär mir auch wol -groß gedient, wenn ich noch Kinder dazu bekäme. Mein -Vater hat Enten und Hüner genug, die ich alle Tage -füttern muß, wenn ich noch Kinder ebenen füttern müste. - -Läuffer. (küßt sie) -Göttliche Lise! - -Wenzeslaus. (reißt sie von einander) -Ey was denn! Was denn! Vor meinen Augen?--So kriecht -denn zusammen; meinetwegen; weil doch Heyrathen besser -ist als Brunst leiden--Aber mit uns, Herr Mandel, ist -es aus: alle grosse Hofnungen, die ich mir von Ihm -gemacht, alle grosse Erwartungen, die mir Sein -Heldenmuth einflößte.--Gütiger Himmel! wie weit ist -doch noch die Kluft, die zwischen einem Kirchenvater -und zwischen einem Kapaun befestigt ist. Ich dacht', -er sollte Origenes der zweyte--O homuncio, homuncio! -Das müßt' ein ganz andrer Mann seyn, der aus Absicht -und Grundsätzen den Weg einschlüge, um ein Pfeiler -unsrer sinkenden Kirche zu werden. Ein ganz anderer -Mann! Wer weiß, was noch einmal geschieht! (geht ab) - -Läuffer. -Komm zu Deinem Vater, Lise, Seine Einwilligung noch -und ich bin der glücklichste Mensch auf dem Erdboden! - - -Eilfte Scene. - -Zu Insterburg. - -Geheimer Rath. Fritz von Berg. Pätus. Gustchen. Jungfer -Rehaar. -(Gustchen und Jungfer Rehaar verstecken sich bey der -Ankunft der erstern in die Kammer.) -(Geheimer Rath und Fritz laufen sich entgegen.) - - -Fritz. (fällt vor ihm auf die Knie) -Mein Vater! - -Geh. Rath. (hebt ihn auf und umarmt ihn) -Mein Sohn! - -Fritz. -Haben Sie mir vergeben? - -Geh. Rath. -Mein Sohn! - -Fritz. -Ich bin nicht werth, daß ich Ihr Sohn heiße. - -Geh. Rath. -Setz Dich; denk mir nicht mehr dran. Aber, wie hast -Du Dich in Leipzig erhalten? Wieder Schulden auf meine -Rechnung gemacht? Nicht? und wie bist Du fortkommen? - -Fritz. -Dieser großmüthige Junge hat alles für mich bezahlt. - -Geh. Rath. -Wie denn? - -Pätus. -Dieser noch großmüthigere--O ich kann nicht reden. - -Geh. Rath. -Setzt euch Kinder; sprecht deutlicher. Hat Ihr Vater -sich mit Ihnen ausgesöhnt, Herr Pätus? - -Pätus. -Keine Zeile von ihm gesehen. - -Geh. Rath. -Und wie habt Ihrs denn beyde gemacht? - -Pätus. -In der Lotterie gewonnen, eine Kleinigkeit--aber es -kam uns zu statten, da wir herreisen wollten. - -Geh. Rath. -Ich seh, Ihr wilde Bursche denkt besser als Eure Väter. -Was hast Du wohl von mir gedacht, Fritz? Aber man hat -Dich auch bey mir verleumdet. - -Pätus. -Seiffenblase gewiß? - -Geh. Rath. -Ich mag ihn nicht nennen; das gäbe Katzbalgereyen, die -hier am unrechten Ort wären. - -Pätus. -Seiffenblase! Ich laß mich hängen. - -Geh. Rath. -Aber was führt Dich denn nach Hause zurück, eben -jetzt da?-- - -Fritz. -Fahren Sie fort--O das eben jetzt, mein Vater! das -eben jetzt ists, was ich wissen wollte. - -Geh. Rath. -Was denn? was denn? - -Fritz. -Ist Gustchen todt? - -Geh. Rath. -Holla! der Liebhaber!--Was veranlaßt Dich, so zu fragen? - -Fritz. -Ein Brief von Seiffenblase. - -Geh. Rath. -Er hat Dir geschrieben: sie wäre todt? - -Fritz. -Und entehrt dazu. - -Pätus. -Es ist ein verleumderischer Schurke! - -Geh. Rath. -Kennst Du eine Jungfer Rehaar in Leipzig? - -Fritz. -O ja, ihr Vater war mein Lautenmeister. - -Geh. Rath. -Die hat er entehren wollen; ich hab sie von seinen -Nachstellungen errettet: das hat ihn uns feind gemacht. - -Pätus. (steht auf) -Jungfer Rehaar--Der Teufel soll ihn holen. - -Geh. Rath. -Wo wollen Sie hin? - -Pätus. -Ist er in Insterburg? - -Geh. Rath. -Nein doch--Nehmen Sie sich der Prinzessinnen nicht zu -eifrig an, Herr Ritter von der runden Tafel! Oder haben -Sie Jungfer Rehaar auch gekannt? - -Pätus. -Ich? Nein, ich habe sie nicht gekannt--Ja, ich habe -sie gekannt. - -Geh. Rath. -Ich merke--Wollen Sie nicht auf einen Augenblick -in die Kammer spatzieren? (führt ihn an die Thür) - -Pätus. (macht auf und fährt zurück, sich mit beyden -Händen an den Kopf greiffend) -Jungfer Rehaar--Zu Ihren Füssen--(hinter der Scene) -Bin ich so glücklich? oder ist's nur ein Traum? Ein -Rausch?--Eine Bezauberung?-- - -Geh. Rath. -Lassen wir ihn!--(kehrt zu Fritz) Und Du denkst -noch an Gustchen? - -Fritz. -Sie haben mir das furchtbare Rätzel noch nicht -aufgelöst. Hat Seiffenblase gelogen? - -Geh. Rath. -Ich denke, wir reden hernach davon: wir wollen uns -die Freud' itzt nicht verderben. - -Fritz. (kniend) -O mein Vater, wenn Sie noch Zärtlichkeit für mich -haben, lassen Sie mich nicht zwischen Himmel und -Erde, zwischen Hofnung und Verzweiflung schweben. -Darum bin ich gereist; ich konnte die quaalvolle -Ungewißheit nicht länger aushalten. Lebt Gustchen? -Ists wahr, daß sie entehrt ist? - -Geh. Rath. -Es ist leider nur eine zu traurige Wahrheit. - -Fritz. -Und hat sich in einen Teich gestürzt? - -Geh. Rath. -Und ihr Vater hat sich ihr nachgestürzt. - -Fritz. -So falle denn Henkers Beil--Ich bin der -Unglücklichste unter den Menschen! - -Geh. Rath. -Steh' auf! Du bist unschuldig dran-- - -Fritz. -Nie will ich aufstehn. (schlägt sich an die Brust) -Schuldig war ich; einzig und allein schuldig. -Gustchen, seliger Geist, verzeihe mir! - -Geh. Rath. -Und was hast Du Dir vorzuwerfen? - -Fritz. -Ich habe geschworen, falsch geschworen--Gustchen! -wär' es erlaubt, Dir nachzuspringen! (steht hastig -auf) Wo ist der Teich? - -Geh. Rath. -Hier! (führt ihn in die Kammer) - -Fritz. (hinter der Scene mit lautem Geschrey) -Gustchen!--Seh' ich ein Schattenbild?--Himmel! -Himmel welche Freude!--Laß mich sterben! laß mich -an Deinem Halse sterben. - -Geh. Rath. (wischt sich die Augen) -Eine zärtliche Gruppe!--Wenn doch der Major hier -wäre! (geht hinein.) - - -Letzte Scene. - -Der Major (ein Kind auf dem Arm) Der alte Pätus. - - -Major. -Kommen Sie, Herr Pätus. Sie haben mir das Leben -wiedergegeben. Das war der einzige Wurm, der mir -noch dran nagte. Ich muß Sie meinem Bruder präsentiren, -und Ihre alte blinde Großmutter will ich in Gold -einfassen lassen. - -Der alte Pätus. -O meine Mutter hat mich durch ihren unvermutheten -Besuch weit glücklicher gemacht, als Sie. Sie haben -nur einen Enkel wiedererhalten, der Sie an traurige -Geschichten erinnert; ich aber eine Mutter, die mich -an die angenehmsten Scenen meines Lebens erinnert, -und deren mütterliche Zärtlichkeit ich leider noch -durch nichts habe erwiedern können, als Haß und -Undankbarkeit. Ich habe sie aus dem Hause gestoßen, -nachdem sie mir den ganzen Nachlaß meines Vaters -und ihr Vermögen mit übergeben hatte; ich habe ärger -gegen sie gehandelt als ein Tyger--Welche Gnade -von Gott ist es, daß sie noch lebt, daß sie mir noch -verzeihen kann, die großmüthige Heilige! daß es noch -in meine Gewalt gestellt ist, meine verfluchte -Verbrechen wieder gut zu machen. - -Major. -Bruder Berg! wo bist Du? He! (Geh. Rath kömmt) Hier -ist mein Kind, mein Großsohn. Wo ist Gustchen? Mein -allerliebstes Großsöhnchen! (schmeichelt ihm) meine -allerliebste närrische Puppe! - -Geh. Rath. -Das ist vortreflich!--und Sie, Herr Pätus? - -Major. -Sie Herr Pätus hat's mir verschaft--Seine Mutter -war das alte blinde Weib, die Bettlerin, von der uns -Gustchen so viel erzählt hat. - -Der alte Pätus. -Und durch mich Bettlerin--O die Schaam bindt mir -die Zunge. Aber ich wills der ganzen Welt erzehlen, -was ich für ein Ungeheuer war-- - -Geh. Rath. -Weißt Du was neues, Major? Es finden sich Freyer für -Deine Tochter--aber dring nicht in mich, Dir den -Namen zu sagen. - -Major. -Freyer für meine Tochter!--(wirft das Kind ins -Kanapee) Wo ist sie? - -Geh. Rath. -Sacht! ihr Freyer ist bey ihr--Willst Du Deine -Einwilligung geben? - -Major. -Ists ein Mensch von gutem Hause? Ist er von Adel? - -Geh. Rath. -Ich zweifle. - -Major. -Doch keiner zu weit unter ihrem Stande? O sie sollte -die erste Parthie im Königreich werden. Das ist ein -vermaledeyter Gedanke! wenn ich doch den erst fort -hätte; er wird mich noch ins Irrhaus bringen. - -Geh. Rath. (öfnet die Kammer; auf seinen Wink tritt -Fritz mit Gustchen heraus) - -Major. (fällt ihm um den Hals) -Fritz! (zum geh. Rath) Ists Dein Fritz? Willst Du -meine Tochter heyrathen?--Gott segne Dich. Weißt -Du noch nichts, oder weißt Du alles? Siehst Du, wie -mein Haar grau geworden ist vor der Zeit! (führt ihn -ans Kanapee) Siehst Du, dort ist das Kind. Bist ein -Philosoph? Kannst alles vergessen? Ist Gustchen Dir -noch schön genug? O sie hat bereut. Jung, ich schwöre -Dir, sie hat bereut, wie keine Nonne und kein Heiliger. -Aber was ist zu machen? Sind doch die Engel aus dem -Himmel gefallen--Aber Gustchen ist wieder aufgestanden. - -Fritz. -Lassen Sie mich zum Wort kommen. - -Major. (drückt ihn immer an die Brust) -Nein Junge--Ich möchte Dich todt drücken--Daß Du -so großmüthig bist, daß Du so edel denkst--das Du-- -mein Junge bist-- - -Fritz. -In Gustchens Armen beneid' ich keinen König. - -Major. -So recht; das ist recht.--Sie wird Dir schon gestanden -haben; sie wird Dir alles erzählt haben-- - -Fritz. -Dieser Fehltritt macht sie mir nur noch theurer-- -macht ihr Herz nur noch englischer.--Sie darf nur -in den Spiegel sehn, um überzeugt zu seyn, daß sie -mein ganzes Glück machen werde und doch zittert sie -immer vor dem, wie sie sagt, ihr unerträglichen -Gedanken: sie werde mich unglücklich machen. O was -hab ich von einer solchen Frau anders zu gewarten, -als einen Himmel? - -Major. -Ja wohl einen Himmel; wenn's wahr ist, daß die -Gerechten nicht allein hineinkommen, sondern auch -die Sünder, die Busse thun. Meine Tochter hat Busse -gethan und ich hab für meine Thorheiten und daß ich -einem Bruder nicht folgen wollte, der das Ding besser -verstund, auch Busse gethan; ihr zur Gesellschaft: -und darum macht mich der liebe Gott auch ihr zur -Gesellschaft mit glücklich. - -Geh. Rath. (ruft zur Kammer hinein) -Herr Pätus, kommen Sie doch hervor. Ihr Vater ist hier. - -Der alte Pätus. -Was hör' ich--Mein Sohn? - -Pätus. (fällt ihm um den Hals) -Ihr unglücklicher verstossener Sohn. Aber Gott hat sich -meiner als eines armen Wäysen angenommen. Hier, Papa, -ist das Geld, das Sie zu meiner Erziehung in der Fremde -angewandt; hier ist's zurück und mein Dank dazu; es hat -doppelte Zinsen getragen, das Kapital hat sich vermehrt -und Ihr Sohn ist ein rechtschaffener Kerl worden. - -Der alte Pätus. -Muß denn alles heute wetteifern, mich durch Großmuth zu -beschämen. Mein Sohn, erkenne Deinen Vater wieder, der -eine Weile seine menschliche Natur ausgezogen und in -ein wildes Thier ausgeartet war. Es gieng Deiner -Großmutter wie Dir: sie ist auch wiedergekommen und hat -mir verziehen und hat mich wieder zum Sohn gemacht, so -wie Du mich wieder zum Vater machst. Nimm mein ganzes -Vermögen, Gustav! schalte damit nach Deinem Gefallen, -nur laß mich die Undankbarkeit nicht entgelten, die -ich bey einem ähnlichen Geschenk gegen Deine Großmutter -äußerte. - -Pätus. -Erlauben Sie mir, das tugendhafteste süsseste Mädchen -glücklich damit zu machen-- - -Der alte Pätus. -Was denn? Du auch verliebt? Mit Freuden erlaub' ich Dir -alles. Ich bin alt und möchte vor meinem Tode gern Enkel -sehen, denen ich die Treue beweisen könnte, die Eure -Großmutter für Euch bewiesen hat. - -Fritz. (Umarmt das Kind auf dem Kanapee, küßt's und -trägts zu Gustchen) -Dies Kind ist jetzt auch das meinige; ein trauriges -Pfand der Schwachheit Deines Geschlechts und der -Thorheiten des unsrigen: am meisten aber der -vortheilhaften Erziehung junger Frauenzimmer durch -Hofmeister. - -Major. -Ja mein lieber Sohn, wie sollen sie denn erzogen werden? - -Geh. Rath. -Giebts für sie keine Anstalten, keine Nähschulen, keine -Klöster, keine Erziehungshäuser?--Doch davon wollen -wir ein andermal sprechen. - -Fritz. (küßt's abermal) -Und dennoch mir unendlich schätzbar, weil's das Bild -seiner Mutter trägt. Wenigstens, mein süsses Kind! -werd' ich Dich nie durch Hofmeister erziehen lassen. - - -Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Hofmeister odor -Vortheile der Privaterziehung, von Jakob Michael Reinhold -Lenz. - - - - - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER HOFMEISTER *** - -This file should be named 6821-8.txt or 6821-8.zip - -Project Gutenberg eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US -unless a copyright notice is included. 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This is -also a good way to get them instantly upon announcement, as the -indexes our cataloguers produce obviously take a while after an -announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. - -http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext04 or -ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext04 - -Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 - -Just search by the first five letters of the filename you want, -as it appears in our Newsletters. - - -Information about Project Gutenberg (one page) - -We produce about two million dollars for each hour we work. The -time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours -to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright -searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our -projected audience is one hundred million readers. If the value -per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 -million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text -files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ -We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 -If they reach just 1-2% of the world's population then the total -will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. - -The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! -This is ten thousand titles each to one hundred million readers, -which is only about 4% of the present number of computer users. - -Here is the briefest record of our progress (* means estimated): - -eBooks Year Month - - 1 1971 July - 10 1991 January - 100 1994 January - 1000 1997 August - 1500 1998 October - 2000 1999 December - 2500 2000 December - 3000 2001 November - 4000 2001 October/November - 6000 2002 December* - 9000 2003 November* -10000 2004 January* - - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created -to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. - -We need your donations more than ever! - -As of February, 2002, contributions are being solicited from people -and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, -Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, -Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, -Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New -Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, -Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South -Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West -Virginia, Wisconsin, and Wyoming. - -We have filed in all 50 states now, but these are the only ones -that have responded. - -As the requirements for other states are met, additions to this list -will be made and fund raising will begin in the additional states. -Please feel free to ask to check the status of your state. - -In answer to various questions we have received on this: - -We are constantly working on finishing the paperwork to legally -request donations in all 50 states. If your state is not listed and -you would like to know if we have added it since the list you have, -just ask. - -While we cannot solicit donations from people in states where we are -not yet registered, we know of no prohibition against accepting -donations from donors in these states who approach us with an offer to -donate. - -International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about -how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made -deductible, and don't have the staff to handle it even if there are -ways. - -Donations by check or money order may be sent to: - -Project Gutenberg Literary Archive Foundation -PMB 113 -1739 University Ave. -Oxford, MS 38655-4109 - -Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment -method other than by check or money order. - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by -the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN -[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are -tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising -requirements for other states are met, additions to this list will be -made and fund-raising will begin in the additional states. - -We need your donations more than ever! - -You can get up to date donation information online at: - -https://www.gutenberg.org/donation.html - - -*** - -If you can't reach Project Gutenberg, -you can always email directly to: - -Michael S. Hart <hart@pobox.com> - -Prof. Hart will answer or forward your message. - -We would prefer to send you information by email. - - -**The Legal Small Print** - - -(Three Pages) - -***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** -Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. -They tell us you might sue us if there is something wrong with -your copy of this eBook, even if you got it for free from -someone other than us, and even if what's wrong is not our -fault. So, among other things, this "Small Print!" statement -disclaims most of our liability to you. It also tells you how -you may distribute copies of this eBook if you want to. - -*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK -By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm -eBook, you indicate that you understand, agree to and accept -this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive -a refund of the money (if any) you paid for this eBook by -sending a request within 30 days of receiving it to the person -you got it from. If you received this eBook on a physical -medium (such as a disk), you must return it with your request. - -ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS -This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks, -is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart -through the Project Gutenberg Association (the "Project"). -Among other things, this means that no one owns a United States copyright -on or for this work, so the Project (and you!) can copy and -distribute it in the United States without permission and -without paying copyright royalties. Special rules, set forth -below, apply if you wish to copy and distribute this eBook -under the "PROJECT GUTENBERG" trademark. - -Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market -any commercial products without permission. - -To create these eBooks, the Project expends considerable -efforts to identify, transcribe and proofread public domain -works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any -medium they may be on may contain "Defects". 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