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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 6821 ***
+
+
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+
+Der Hofmeister odor Vortheile der Privaterziehung
+
+Jakob Michael Reinhold Lenz
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+Eine Komödie.
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+Namen.
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+Herr von Berg. Geheimer Rath.
+Der Major. Sein Bruder.
+Die Majorin.
+Gustchen. Ihre Tochter.
+Fritz von Berg.
+Graf Wermuth.
+Läuffer. Ein Hofmeister.
+Pätus und Bollwerk. Studenten.
+Herr von Seiffenblase.
+Sein Hofmeister.
+Frau Hamster. Räthin.
+Jungfer Hamster.
+Jungfer Knicks.
+Frau Blitzer.
+Wenzeslaus. Ein Schulmeister.
+Marthe. Alte Frau.
+Lise.
+Der alte Pätus.
+Der alte Läuffer. Stadtprediger.
+Leopold. Junker des Majors. Ein Kind.
+Herr Rehhaar. Lautenist.
+Jungfer Rehhaar. Seine Tochter.
+
+
+
+Erster Akt.
+
+
+Erste Scene.
+
+Zu Insterburg in Preussen.
+
+
+Läuffer.
+Mein Vater sagt: ich sey nicht tauglich zum Adjunkt. Ich
+glaube, der Fehler liegt in seinem Beutel; er will keinen
+bezahlen. Zum Pfaffen bin ich auch zu jung, zu gut
+gewachsen, habe zu viel Welt gesehn und bey der
+Stadtschule hat mich der geheime Rath nicht annehmen
+wollen. Mag's! er ist ein Pedant und dem ist freylich
+der Teufel selber nicht gelehrt genug. Im halben Jahr
+hätt' ich doch wieder eingeholt, was ich von der Schule
+mitgebracht, und dann wär' ich für einen Klassenpräceptor
+noch immer viel zu gelehrt gewesen, aber der Herr geheime
+Rath muß das Ding besser verstehen. Er nennt mich immer
+nur Monsieur Läuffer, und wenn wir von Leipzig sprechen,
+fragt er nach Händels Kuchengarten und Richters Kaffehaus,
+ich weiß nicht: soll das Satyre seyn, oder--Ich hab'
+ihn doch mit unserm Konrektor bisweilen tiefsinnig genug
+diskuriren hören; er sieht mich vermuthlich nicht für
+voll an.--Da kommt er eben mit dem Major; ich weiß nicht,
+ich scheu ihn ärger als den Teufel. Der Kerl hat etwas
+in seinem Gesicht, das mir unerträglich ist. (geht dem
+geheimen Rath und dem Major mit viel freundlichen
+Scharrfüssen vorbey.)
+
+
+Zweyte Scene.
+
+Geheimer Rath. Major.
+
+
+Major.
+Was willst du denn? Ist das nicht ein ganz artiges Männichen?
+
+Geh. Rath.
+Artig genug, nur zu artig. Aber was soll er Deinen Sohn
+lehren?
+
+Major.
+Ich weiß nicht, Berg, Du thust immer solche wunderliche
+Fragen.
+
+Geh. Rath.
+Nein aufrichtig! Du must doch eine Absicht haben, wenn Du
+einen Hofmeister nimmst und den Beutel mit einemmahl so
+weit aufthust, daß dreihundert Dukaten herausfallen. Sag
+mir, was meinst Du mit dem Geld auszurichten; was foderst
+Du dafür von Deinem Hofmeister?
+
+Major.
+Daß er--was ich--daß er meinen Sohn in allen
+Wissenschaften und Artigkeiten und Weltmanieren--Ich weiß
+auch nicht, was Du immer mit Deinen Fragen willst; das
+wird sich schon finden; das werd ich ihm alles schon zu
+seiner Zeit sagen.
+
+Geh. Rath.
+Das heißt: Du willst Hofmeister Deines Hofmeisters seyn;
+bedenkst Du aber auch, was Du da auf Dich nimmst--Was
+soll Dein Sohn werden, sag mir einmahl?
+
+Major.
+Was er... Soldat soll er werden; ein Kerl, wie ich gewesen
+bin.
+
+Geh. Rath.
+Das letzte laß nur weg, lieber Bruder; unsere Kinder
+sollen und müssen das nicht werden, was wir waren: die
+Zeiten ändern sich, Sitten, Umstände, alles, und wenn Du
+nichts mehr und nichts weniger geworden wärst, als das
+leibhafte Kontrefey Deines Eltervaters--
+
+Major.
+Potz hundert! wenn er Major wird, und ein braver Kerl
+wie ich, und dem König so redlich dient als ich!
+
+Geh. Rath.
+Ganz gut, aber nach funfzig Jahren haben wir vielleicht
+einen andern König und eine andre Art ihm zu dienen. Aber
+ich seh schon, ich kann mich mit Dir in die Sachen nicht
+einlassen, ich müste zu weit ausholen und würde doch
+nichts ausrichten. Du siehst immer nur der graden Linie
+nach, die Deine Frau Dir mit Kreide über den Schnabel
+zieht.
+
+Major.
+Was willst Du damit sagen, Berg? Ich bitt Dich, misch
+Dich nicht in meine Hausangelegenheiten, so wie ich mich
+nicht in die Deinigen.--Aber sieh doch! da läuft ja
+eben Dein gnädiger Junker mit zwey Hollunken aus der
+Schule heraus.--Vortrefliche Erziehung, Herr Philosophus!
+Das wird einmal was rechts geben! Wer sollt' es in aller
+Welt glauben, daß der Gassenbengel der einzige Sohn Sr.
+Excellenz des königlichen geheimen Raths--
+
+Geh. Rath.
+Laß ihn nur.--Seine lustigen Spielgesellen werden ihn
+minder verderben als ein galonirter Müßiggänger,
+unterstützt von einer eiteln Patronin.
+
+Major.
+Du nimmst Dir Freyheiten heraus.--Adieu.
+
+Geh. Rath.
+Ich bedaure Dich.
+
+
+Dritte Scene.
+
+Der Majorin Zimmer.
+Frau Majorin. (auf einem Kanapee)
+Läuffer. (in sehr demüthiger Stellung neben ihr sitzend)
+Leopold. (steht)
+
+
+Majorin.
+Ich habe mit Ihrem Herrn Vater gesprochen und von den
+dreihundert Dukaten stehenden Gehalts sind wir bis auf
+hundert und funfzig einig worden. Dafür verlang' ich
+aber auch Herr--Wie heissen Sie?--Herr Läuffer, daß
+Sie Sich in Kleidern sauber halten, und unserm Hause
+keine Schande machen. Ich weiß, daß Sie Geschmack haben;
+ich habe schon von Ihnen gehört, als Sie noch in Leipzig
+waren. Sie wissen, daß man heut zu Tage auf nichts in
+der Welt so sehr sieht, als ob ein Mensch sich zu führen
+wisse.
+
+Läuffer.
+Ich hoff', Euer Gnaden werden mit mir zufrieden seyn.
+Wenigstens hab' ich in Leipzig keinen Ball ausgelassen,
+und wohl über die funfzehn Tanzmeister in meinem Leben
+gehabt.
+
+Majorin.
+So? lassen Sie doch sehen. (Läuffer steht auf) Nicht
+furchtsam, Herr...Läuffer! nicht furchtsam! Mein Sohn
+ist buschscheu genug; wenn der einen blöden Hofmeister
+bekommt, so ists aus mit ihm. Versuchen Sie doch einmal,
+mir ein Kompliment aus der Menuet zu machen; zur Probe
+nur, damit ich doch sehe.--Nun, nun, das geht schon an!
+Mein Sohn braucht vor der Hand keinen Tanzmeister! Auch
+einen Pas, wenn's Ihnen beliebt.--Es wird schon gehen;
+das wird sich alles geben, wenn Sie einmal einer unsrer
+Assembleen werden beigewohnt haben. Sind Sie musikalisch?
+
+Läuffer.
+Ich spiele die Geige, und das Klavier zur Noth.
+
+Majorin.
+Desto besser: wenn wir aufs Land gehn und Fräulein
+Milchzahn besuchen uns einmal; ich habe bisher ihnen
+immer was vorsingen müssen, wenn die guten Kinder Lust
+bekamen zu tanzen: aber besser ist besser.
+
+Läuffer.
+Euer Gnaden setzen mich ausser mich: wo wär ein Virtuos
+auf der Welt, der auf seinem Instrument Euer Gnaden
+Stimme zu erreichen hoffen dürfte.
+
+Majorin.
+Ha ha ha! Sie haben mich ja noch nicht gehört. ... Warten
+Sie; ist Ihnen die Menuet bekannt? (singt)
+
+Läuffer.
+O... o... verzeihen Sie dem Entzücken, dem Enthusiasmus,
+der mich hinreißt. (küßt ihr die Hand.)
+
+Majorin.
+Und ich bin doch enrhumirt dazu; ich muß heut krähen wie
+ein Rabe. Vous parlez françois, sans doute?
+
+Läuffer.
+Un peu, Madame
+
+Majorin.
+Avez Vous deja fait Vôtre tour de France?
+
+Läuffer.
+Non Madame. ... Oui Madame.
+
+Majorin.
+Vous devez donc savoir, qu'en France, on ne baise pas
+les mains, mon cher. ...
+
+Bedienter. (tritt herein)
+Der Graf Wermuth ...
+
+Graf Wermuth. (tritt herein)
+
+Graf. (nach einigen stummen Komplimenten setzt sich zur
+Majorin aufs Kanapee. Läuffer bleibt verlegen stehen)
+Haben Euer Gnaden den neuen Tanzmeister schon gesehn,
+der aus Dresden angekommen? Er ist ein Marchese aus
+Florenz, und heißt ... Aufrichtig: ich habe nur zwey
+auf meinen Reisen angetroffen, die ihm vorzuziehen waren.
+
+Majorin.
+Das gesteh' ich, nur zwey! In der That, Sie machen mich
+neugierig; ich weiß, welchen verzärtelten Geschmack der
+Graf Wermuth hat.
+
+Läuffer.
+Pintinello ... nicht wahr? ich hab' ihn in Leipzig auf
+dem Theater tanzen sehen; er tanzt nicht sonderlich ...
+
+Graf.
+Er tanzt--on ne peut pas mieux.--Wie ich Ihnen sage,
+gnädige Frau, in Petersburg hab' ich einen Beluzzi
+gesehn, der ihm vorzuziehen war: aber dieser hat eine
+Leichtigkeit in seinen Füssen, so etwas freyes,
+göttlichnachläßiges in seiner Stellung, in seinen Armen,
+in seinen Wendungen--
+
+Läuffer.
+Auf dem Kochischen Theater ward er ausgepfiffen, als er
+sich das letztemal sehen ließ.
+
+Majorin.
+Merk Er sich, mein Freund! daß Domestiken in
+Gesellschaften von Standespersonen nicht mitreden. Geh
+Er auf Sein Zimmer. Wer hat Ihn gefragt? (Läuffer tritt
+einige Schritte zurück)
+
+Graf.
+Vermuthlich der Hofmeister, den Sie dem jungen Herrn
+bestimmt? ...
+
+Majorin.
+Er kommt ganz frisch von der hohen Schule.--Geh' Er
+nur! Er hört ja, daß man von Ihm spricht; desto weniger
+schickt es sich, stehen zu bleiben. (Läuffer geht mit
+einem steifen Kompliment ab) Es ist was unerträgliches,
+daß man für sein Geld keinen rechtschaffenen Menschen
+mehr antreffen kann. Mein Mann hat wohl dreymahl an einen
+dasigen Professor geschrieben und dies soll doch noch
+der galanteste Mensch auf der ganzen Akademie gewesen
+seyn. Sie sehens auch wohl an seinem links bordirten
+Kleide. Stellen Sie sich vor, von Leipzig bis Insterburg
+zweihundert Dukaten Reisegeld und jährliches Gehalt
+fünfhundert Dukaten, ist das nicht erschröcklich?
+
+Graf.
+Ich glaube, sein Vater ist der Prediger hier aus dem Ort ...
+
+Majorin.
+Ich weiß nicht--es kann seyn--ich habe nicht darnach
+gefragt, ja doch, ich glaub' es fast: er heißt ja auch
+Läuffer; nun denn ist er freylich noch artig genug. Denn
+das ist ein rechter Bär, wenigstens hat er mich ein für
+allemal aus der Kirche gebrüllt.
+
+Graf.
+Ists ein Katholik?
+
+Majorin.
+Nein doch, Sie wissen ja, daß in Insterburg keine
+katholische Kirche ist: er ist Lutherisch, oder
+Protestantisch wollt' ich sagen; er ist protestantisch.
+
+Graf.
+Pintinello tanzt ... Es ist wahr, ich habe mir mein
+Tanzen einige dreißig tausend Gulden kosten lassen, aber
+noch einmal so viel gäb' ich drum, wenn ...
+
+
+Vierte Scene.
+
+Läuffers Zimmer.
+Läuffer. Leopold. Der Major.
+(Erstere sitzen an einem Tisch, ein Buch in der Hand,
+indem sie der letztere überfällt.)
+
+
+Major.
+So recht; so lieb' ichs; hübsch fleißig--und wenn die
+Kanaille nicht behalten will, Herr Läuffer, so schlagen
+Sie ihm das Buch an den Kopf, daß ers Aufstehen vergißt,
+oder wollt' ich sagen, so dürfen Sie mirs nur klagen.
+Ich will Dir den Kopf zurecht setzen, Heyduk Du! Seht
+da zieht er das Maul schon wieder. Bist empfindlich,
+wenn Dir Dein Vater was sagt? Wer soll Dirs denn sagen?
+Du sollst mir anders werden, oder ich will Dich peitschen,
+daß Dir die Eingeweide krachen sollen, Tuckmäuser! Und
+Sie, Herr, seyn Sie fleißig mit ihm, das bitt' ich mir
+aus, und kein Feriiren und Pausiren und Rekreiren, das
+leid ich nicht. Zum Plunder, vom Arbeiten wird kein
+Mensch das Malum hydropisiacum kriegen. Das sind nur
+Ausreden von euch Herren Gelehrten.--Wie stehts, kann
+er seinen Cornelio? Lippel! ich bitt Dich um tausend
+Gottes willen, den Kopf grad. Den Kopf in die Höhe,
+Junge! (richtet ihn) Tausend Sakkerment den Kopf aus den
+Schultern! oder ich zerbrech Dir Dein Rückenbein in
+tausendmillionen Stücken.
+
+Läuffer.
+Der Herr Major verzeihen: er kann kaum lateinisch lesen.
+
+Major.
+Was? So hat der Rakker vergessen.--Der vorige Hofmeister
+hat mir doch gesagt, er sey perfekt im Lateinischen,
+perfekt. ... Hat ers ausgeschwitzt--aber ich will Dir--
+Ich will es nicht einmal vor Gottes Gericht zu
+verantworten haben, daß ich Dir keinen Daumen aufs Auge
+gesetzt habe, und daß ein Galgendieb aus Dir geworden
+ist, wie der junge Hufeise oder wie Deines Onkels
+Friedrich, eh Du mir so ein Gassenläufferischer
+Taugenichts--Ich will dich zu Tode hauen--(giebt ihm
+eine Ohrfeige) Schon wieder wie ein Fragzeichen? Er
+läßt sich nicht sagen.--Fort mir aus den Augen.--Fort!
+Soll ich Dir Beine machen? Fort, sag' ich. (stampft mit
+dem Fuß. Leopold geht ab. Major setzt sich auf seinen
+Stuhl. Zu Läuffern.) Bleiben Sie sitzen, Herr Läuffer;
+ich wollte mit ihnen ein paar Worte allein sprechen,
+darum schickt' ich den jungen Herrn fort. Sie können
+immer sitzen bleiben; ganz, ganz. Zum Henker Sie
+brechen mir ja den Stuhl entzwey, wenn Sie immer so
+auf einer Ecke ... Dafür steht ja der Stuhl da, daß
+man drauf sitzen soll. Sind Sie so weit gereist und
+wissen das noch nicht?--Hören Sie nur: ich seh' Sie
+für einen hübschen artigen Mann an, der Gott fürchtet
+und folgsam ist, sonst würd' ich das nimmer thun, was
+ich für Sie thue. Hundert und vierzig Dukaten jährlich
+hab' ich Ihnen versprochen: das machen drey--Warte--
+Dreymal hundert und vierzig: wieviel machen das?
+
+Läuffer.
+Vier hundert und zwanzig.
+
+Major.
+Ists gewiß? Macht das soviel? Nun damit wir gerade Zahl
+haben, vierhundert Thaler preußisch Courant hab' ich zu
+Ihrem Salarii bestimmt. Sehen Sie, das ist mehr als das
+ganze Land giebt.
+
+Läuffer.
+Aber mit Eurer Gnaden gnädigen Erlaubniß, die Frau
+Majorin haben mir von hundert funfzig Dukaten gesagt;
+das machte gerade vierhundert funfzig Thaler und auf
+diese Bedingungen hab' ich mich eingelassen.
+
+Major.
+Ey was wissen die Weiber!--Vierhundert Thaler,
+Monsieur; mehr kann Er mit gutem Gewissen nicht fodern.
+Der vorige hat zweihundert funfzig gehabt und ist
+zufrieden gewesen wie ein Gott. Er war doch, mein Seel!
+ein gelehrter Mann; auch und ein Hofmann zugleich: die
+ganze Welt gab' ihm das Zeugniß, und Herr, Er muß noch
+ganz anders werden, eh' Er so wird. Ich thu' es nur aus
+Freundschaft für Seinen Herrn Vater, was ich an Ihm
+thue und um Seinetwillen auch, wenn Er hübsch folgsam
+ist, und werd' auch schon einmal für Sein Glück zu
+sorgen wissen; das kann Er versichert seyn.--Hör Er
+doch einmal: ich hab' eine Tochter, das mein Ebenbild
+ist und die ganze Welt giebt ihr das Zeugniß, daß ihres
+gleichen an Schönheit im ganzen Preussenlande nichts
+anzutreffen. Das Mädchen hat ein ganz anders Gemüth als
+mein Sohn, der Buschklepper. Mit dem muß ganz anders
+umgegangen werden! Es weiß sein Christenthum aus dem
+Grunde und in dem Grunde, aber es ist denn nun doch,
+weil sie bald zum Nachtmahl gehen soll und ich weiß wie
+die Pfaffen sind, so soll er auch alle Morgen etwas aus
+dem Christenthum mit ihr nehmen. Alle Tage Morgens eine
+Stunde und da geht Er auf ihr Zimmer; angezogen, das
+versteht sich: denn Gott behüte, daß Er so ein Schweinigel
+seyn sollte wie ich einen gehabt habe, der durchaus im
+Schlafrock an Tisch kommen wollte.--Kann Er auch
+zeichnen?
+
+Läuffer.
+Etwas, gnädiger Herr.--Ich kann Ihnen einige Proben weisen.
+
+Major. (besieht sie)
+Das ist ja scharmant!--Recht schön; gut das: Er soll
+meine Tochter auch zeichnen lehren.--Aber hören Sie,
+werther Herr Läuffer, um Gottes Willen ihr nicht scharf
+begegnet; das Mädchen hat ein ganz ander Gemüth als der
+Junge. Weiß Gott! es ist als ob sie nicht Bruder und
+Schwester wären. Sie liegt Tag und Nacht über den
+Büchern und über den Trauerspielen da, und sobald man
+ihr nur ein Wort sagt, besonders ich, von mir kann sie
+nichts vertragen, gleich stehn ihr die Backen in Feuer
+und die Thränen lauffen ihr wie Perlen drüber herab. Ich
+wills Ihm nur sagen: das Mädchen ist meines Herzens
+einziger Trost. Meine Frau macht mir bittre Tage genug:
+sie will alleweil herrschen und weil sie mehr List und
+Verstand hat, als ich. Und der Sohn, das ist ihr
+Liebling; den will sie nach ihrer Methode erziehen;
+fein säuberlich mit dem Knaben Absalom, und da wird
+denn einmal so ein Galgenstrick draus, der nicht Gott,
+nicht Menschen was Nutz ist.--Das will ich nicht
+haben.--Sobald er was thut, oder was versieht, oder
+hat seinen Lex nicht gelernt, sag' Ers mir nur und der
+lebendige Teuffel soll drein fahren.--Aber mit der
+Tochter nehm' Er sich in Acht; die Frau wird Ihm schon
+zureden, daß Er ihr scharf begegnen soll. Sie kann sie
+nicht leiden, das weiß ich; aber wo ich das geringste
+merke. Ich bin Herr vom Hause, muß Er wissen, und wer
+meiner Tochter zu nahe kommt--Es ist mein einziges
+Kleinod, und wenn der König mir sein Königreich für
+sie geben wollt': ich schicke ihn fort. Alle Tage ist
+sie in meinem Abendgebet und Morgengebet und in meinem
+Tischgebet, und alles in allem, und wenn Gott mir die
+Gnade thun wollte, daß ich sie noch vor meinem Ende
+mit einem General oder Staatsminister vom ersten Range
+versorgt sähe,--denn keinen andern soll sie sein
+Lebtage bekommen,--so wollt' ich gern ein zehn Jahr
+eher sterben.--Merk' Er sich das--und wer meiner
+Tochter zu nahe kommt oder ihr worinn zu Leid lebt--
+die erste beste Kugel durch den Kopf. Merk' Er Sich
+das.--(geht ab.)
+
+
+Fünfte Scene.
+Fritz von Berg. Augustchen.
+
+
+Fritz.
+Sie werden nicht Wort halten Gustchen: Sie werden mir
+nicht schreiben, wenn Sie in Heidelbrun sind, und dann
+werd' ich mich zu Tode grämen.
+
+Gustchen.
+Glaubst Du denn, daß Deine Juliette so unbeständig seyn
+kann? O nein; ich bin ein Frauenzimmer; die Mannspersonen
+allein sind unbeständig.
+
+Fritz.
+Nein, Gustchen, die Frauenzimmer allein sinds. Ja wenn
+alle Julietten wären!--Wissen Sie was? Wenn Sie an mich
+schreiben, nennen Sie mich Ihren Romeo; thun Sie mir
+den Gefallen: ich versichere Sie, ich werd' in allen
+Stücken Romeo seyn, und wenn ich erst einen Degen trage.
+O ich kann mich auch erstechen, wenn's dazu kommt.
+
+Gustchen.
+Gehn Sie doch! Ja Sie werden's machen, wie im Gellert
+steht: er besah die Spitz' und Schneide und steckt' ihn
+langsam wieder ein.
+
+Fritz.
+Sie sollen schon sehen. (faßt sie an die Hand.) Gustchen--
+Gustchen! wenn ich Sie verlieren sollte oder der Onkel
+wollte Sie einem andern geben.--Der gottlose Graf
+Wermuth! Ich kann Ihnen den Gedanken nicht sagen
+Gustchen, aber Sie könnten ihn schon in meinen Augen
+lesen--Er wird ein Graf Paris für uns seyn.
+
+Gustchen.
+Fritzchen--so mach' ichs wie Juliette.
+
+Fritz.
+Was denn?--Wie denn?--Das ist ja nur eine Erdichtung;
+es giebt keine solche Art Schlaftrunk.
+
+Gustchen.
+Ja, aber es giebt Schlaftrünke zum ewigen Schlaf.
+
+Fritz. (fällt ihr um den Hals)
+Grausame!
+
+Gustchen.
+Ich hör' meinen Vater auf dem Gange.--Laß uns in den
+Garten lauffen.--Nein; er ist fort.--Gleich nach dem
+Caffee Fritzchen reisen wir und so wie der Wagen Dir
+aus den Augen verschwindt, werd' ich Dir auch schon aus
+dem Gedächtniß seyn.
+
+Fritz.
+So mag Gott sich meiner nie mehr erinnern, wenn ich
+Dich vergesse. Aber nimm Dich für den Grafen in Acht,
+er gilt soviel bey deiner Mutter und Du weißt, sie
+möchte Dich gern aus den Augen haben, und eh' ich meine
+Schulen gemacht habe und drey Jahr auf der Universität,
+das ist gar lange.
+
+Gustchen.
+Wie denn Fritzchen! Ich bin ja noch ein Kind: ich bin
+noch nicht zum Abendmahl gewesen, aber sag mir.--O wer
+weiß, ob ich Dich sobald wieder spreche!--Wart, komm in
+den Garten.
+
+Fritz.
+Nein, nein, der Papa ist vorbey gegangen.--Siehst Du,
+der Henker! er ist im Garten.--Was wolltest Du mir sagen?
+
+Gustchen.
+Nichts...
+
+Fritz.
+Liebes Gustchen...
+
+Gustchen.
+Du solltest mir--Nein, ich darf das nicht von Dir
+verlangen.
+
+Fritz.
+Verlange mein Leben, meinen letzten Tropfen Bluts.
+
+Gustchen.
+Wir wollten uns beyde einen Eid schwören.
+
+Fritz.
+O komm! Vortreflich! Hier laß uns niederknien; am
+Canapee, und heb' Du so Deinen Finger in die Höh'
+und ich so meinen.--Nun sag, was soll ich schwören?
+
+Gustchen.
+Daß Du in drey Jahren von der Universität zurückkommen
+willst und Dein Gustchen zu Deiner Frau machen; Dein
+Vater mag dazu sagen, was er will.
+
+Fritz.
+Und was willst Du mir dafür wieder schwören, mein
+englisches... (küßt sie)
+
+Gustchen.
+Ich will schwören, daß ich in meinem Leben keines
+andern Menschen Frau werden will, als Deine und wenn
+der Kaiser von Rußland selber käme.
+
+Fritz.
+Ich schwör Dir hunderttausend Eide--(Der geheime Rath
+tritt herein: beyde springen mit lautem Geschrey auf.)
+
+
+Sechste Scene.
+
+
+Geh. Rath.
+Was habt Ihr närrische Kinder? Was zittert Ihr?--Gleich,
+gesteht mir alles. Was habt Ihr hier gemacht? Ihr seyd
+beyde auf den Knien gelegen.--Junker Fritz, ich bitte
+mir eine Antwort aus; unverzüglich:--Was habt Ihr
+vorgehabt?
+
+Fritz.
+Ich, gnädigster Papa?
+
+Geh. Rath.
+Ich? und das mit einem so verwundrungsvollen Ton? Siehst
+Du: ich merk' alles. Du möchtest mir itzt gern eine Lüge
+sagen, aber entweder bist Du zu dumm dazu, oder zu feig,
+und willst Dich mit Deinem Ich? heraushelfen. ... Und
+Sie Mühmchen?--Ich weiß. Gustchen verheelt mir nichts.
+
+Gustchen. (fällt ihm um die Füße)
+Ach, mein Vater--
+
+Geh. Rath. (hebt sie auf und küßt sie.)
+Wünschst Du mich zu Deinem Vater? Zu früh, mein Kind, zu
+früh Gustchen, mein Kind. Du hast noch nicht communicirt.
+--Denn warum soll ich euch verheelen, daß ich euch
+zugehört habe.--Das war ein sehr einfältig Stückchen
+von Euch beyden; besonders von Dir, großer vernünftiger
+Junker Fritz, der bald einen Bart haben wird wie ich,
+und eine Perücke aufsetzen und einen Degen anstecken.
+Pfuy, ich glaubt' einen vernünftigern Sohn zu haben.
+Das macht Dich gleich ein Jahr jünger, und macht, daß
+Du länger auf der Schule bleiben mußt. Und Sie, Gustchen,
+auch Ihnen muß ich sagen, daß es sich für Ihr Alter gar
+nicht mehr schickt, so kindisch zu thun. Was sind das
+für Romane, die Sie da spielen? Was für Eide, die Sie
+sich da schwören, und die Ihr doch alle beyde so gewiß
+brechen werdet als ich itzt mit Euch rede. Meynt Ihr,
+Ihr seyd in den Jahren, Eide zu thun, oder meynt Ihr,
+ein Eid sey ein Kinderspiel, wie es das Versteckspiel
+oder die blinde Kuh ist? Lernt erst einsehen, was ein
+Eid ist: lernt erst zittern dafür und alsdenn wagt's,
+ihn zu schwören. Wißt, daß ein Meineidiger die
+schändlichste und unglücklichste Creatur ist, die von
+der Sonne angeschienen wird. Ein solcher darf weder den
+Himmel ansehen, den er verleugnet hat, noch andere
+Menschen, die sich unaufhörlich vor ihm scheuen, und
+seiner Gesellschaft mit mehr Sorgfalt ausweichen, als
+einer Schlange oder einem tückischen Hunde.
+
+Fritz.
+Aber ich denke meinen Eid zu halten.
+
+Geh. Rath.
+In der That Romeo? Ha! Du kannst Dich auch erstechen,
+wenn's dazu kommt. Du hast geschworen, daß mir die Haare
+zu Berg standen. Also gedenkst Du Deinen Eid zu halten?
+
+Fritz.
+Ja Papa, bey Gott! ich denk' ihn zu halten.
+
+Geh. Rath.
+Schwur mit Schwur bekräftigt!--Ich werd' es Deinem
+Rektor beibringen. Er soll Euch auf vierzehn Tage nach
+Sekunda herunter transportiren, Junker: inskünftige
+lernt behutsamer schwören. Und worauf? Steht das in
+Deiner Gewalt, was Du da versicherst? Du willst Gustchen
+heyrathen! Denk doch! weißt Du auch schon, was für ein
+Ding das ist, Heyrathen? Geh doch, heyrathe sie: nimm
+sie mit auf die Akademie. Nicht? Ich habe nichts dawider,
+daß ihr Euch gern seht, daß Ihr Euch lieb habt, daß Ihrs
+Euch sagt, wie lieb Ihr Euch habt; aber Narrheiten müßt
+Ihr nicht machen; keine Affen von uns Alten seyn, eh'
+Ihr so reif seyd als wir; keine Romane spielen wollen,
+die nur in der ausschweifenden Einbildungskraft eines
+hungrigen Poeten ausgeheckt sind und von denen Ihr in
+der heutigen Welt keinen Schatten der Wirklichkeit
+antrefft. Geht! ich werde keinem Menschen was davon
+sagen, damit ihr nicht nöthig habt roth zu werden, wenn
+Ihr mich seht.--Aber von nun an sollt ihr einander nie
+mehr ohne Zeugen sehen. Versteht Ihr mich? Und Euch nie
+andere Briefe schreiben als offene und das auch alle
+Monathe, oder höchstens alle drey Wochen einmal, und
+sobald ein heimliches Briefchen an Junker Fritz oder
+Fräulein Gustchen entdeckt wird--so steckt man den
+Junker unter die Soldaten und das Fräulein ins Kloster,
+bis sie vernünftiger werden. Versteht ihr mich?--Jetzt--
+nehmt Abschied, hier in meiner Gegenwart.--Die Kutsche
+ist angespannt, der Major treibt fort; die Schwägerin
+hat schon Caffee getrunken.--Nehmt Abschied: Ihr
+braucht Euch vor mir nicht zu scheuen. Geschwind,
+umarmt Euch. (Fritz und Gustchen umarmen sich zitternd)
+Und nun mein Tochter Gustchen, weil Du doch das Wort so
+gern hörst, (hebt sie auf und küßt sie) Leb tausendmal
+wohl, und begegne Deiner Mutter mit Ehrfurcht; sie mag
+Dir sagen was sie will.--Jetzt geh, mach!--(Gustchen
+geht einige Schritte, sieht sich um; Fritz fliegt ihr
+weinend an den Hals.) Die beyden Narren brechen mir das
+Herz! Wenn doch der Major vernünftiger werden wollte,
+oder seine Frau weniger herrschsüchtig!--
+
+
+
+Zweyter Akt.
+
+
+Erste Scene.
+
+Pastor Läuffer. Der geheime Rath.
+
+
+Geh. Rath.
+Ich bedaure ihn--und Sie noch Vielmehr, Herr Pastor,
+daß Sie solchen Sohn haben.
+
+Pastor.
+Verzeihen Euer Gnaden, ich kann mich über meinen Sohn
+nicht beschweren; er ist ein sittsamer und geschickter
+Mensch, die ganze Welt und Dero Herr Bruder und Frau
+Schwägerin selbst werden ihm das eingestehen müssen.
+
+Geh. Rath.
+Ich sprech' ihm das all nicht ab, aber er ist ein Thor,
+und hat alle sein Mißvergnügen sich selber zu danken.
+Er sollte den Sternen danken, daß meinem Bruder das Geld,
+das er für den Hofmeister zahlt, einmal anfängt zu lieb
+zu werden.
+
+Pastor.
+Aber bedenken Sie doch: nichts mehr als hundert Dukaten;
+hundert arme Dukätchen; und dreihundert hatt' er ihm doch
+im ersten Jahr versprochen: aber beym Schluß desselben
+nur hundert und vierzig ausgezahlt, jetzt beym Beschluß
+des zweyten, da doch die Arbeit meines Sohnes immer
+zunimmt, zahlt' er ihm hundert, und nun beym Anfang des
+dritten wird ihm auch das zu viel.--Das ist wider alle
+Billigkeit! Verzeihn Sie mir.
+
+Geh. Rath.
+Laß es doch.--Das hätt' ich Euch Leuten voraussagen
+wollen, und doch solle Ihr Sohn Gott danken, wenn ihn
+nur der Major beym Kopf nähm' und aus dem Hause würfe.
+Was soll er da, sagen Sie mir Herr? Wollen Sie ein Vater
+für ihr Kind seyn und schliessen so Augen, Mund und
+Ohren für seine ganze Glückseligkeit zu? Tagdieben, und
+sich Geld dafür bezahlen lassen? Die edelsten Stunden
+des Tages bey einem jungen Herrn versitzen, der nichts
+lernen mag und mit dem er's doch nicht verderben darf,
+und die übrigen Stunden, die der Erhaltung seines Lebens,
+den Speisen und dem Schlaf geheiligt sind, an einer
+Sklavenkette verseufzen; an den Winken der gnädigen
+Frau hängen, und sich in die Falten des gnädigen Herrn
+hineinstudiren; essen wenn er satt ist und fasten,
+wenn er hungrig ist, Punsch trinken, wenn er p–ss–n
+möchte, und Karten spielen, wenn er das Lauffen hat.
+Ohne Freyheit geht das Leben bergab rückwärts, Freyheit
+ist das Element des Menschen wie das Wasser des Fisches,
+und ein Mensch der sich der Freyheit begiebt, vergiftet
+die edelsten Geister seines Bluts, erstickt seine
+süssesten Freuden des Lebens in der Blüthe und ermordet
+sich selbst.
+
+Pastor.
+Aber--Oh! erlauben Sie mir; das muß sich ja jeder
+Hofmeister gefallen lassen; man kann nicht immer
+seinen Willen haben, und das läßt sich mein Sohn auch
+gern gefallen, nur--
+
+Geh. Rath.
+Desto schlimmer, wenn er sichs gefallen läßt, desto
+schlimmer; er hat den Vorrechten eines Menschen entsagt,
+der nach seinen Grundsätzen muß leben können, sonst
+bleibt er kein Mensch. Mögen die Elenden, die ihre
+Ideen nicht zu höherer Glückseligkeit zu erheben
+wissen, als zu essen und zu trinken, mögen die sich
+im Keficht zu Tode füttern lassen, aber ein Gelehrter,
+ein Mensch, der den Adel seiner Seele fühlt, der den
+Tod nicht so scheuen sollt' als eine Handlung, die
+wider seine Grundsätze läuft...
+
+Pastor.
+Aber was ist zu machen in der Welt? Was wollte mein
+Sohn anfangen, wenn Dero Herr Bruder ihm die Condition
+aufsagten?
+
+Geh. Rath.
+Laßt den Burschen was lernen, daß er dem Staat nützen
+kann. Potz hundert Herr Pastor, Sie haben ihn doch
+nicht zum Bedienten aufgezogen, und was ist er anders
+als Bedienter, wenn er seine Freyheit einer Privatperson
+für einige Handvoll Dukaten verkauft? Sklav' ist er,
+über den die Herrschaft unumschränkte Gewalt hat, nur
+daß er so viel auf der Akademie gelernt haben muß,
+ihren unbesonnenen Anmuthungen von weitem zuvorzukommen
+und so einen Firniß über seine Dienstbarkeit zu
+streichen: daß heißt denn ein feiner artiger Mensch,
+ein unvergleichlicher Mensch; ein unvergleichlicher
+Schurke, der, statt seine Kräfte und seinen Verstand
+dem allgemeinen Besten aufzuopfern, damit die Rasereyen
+einer dampfigten Dame und eines abgedämpften Officiers
+unterstützt, die denn täglich weiter um sich fressen
+wie ein Krebsschaden und zuletzt unheilbar werden. Und
+was ist der ganze Gewinnst am Ende? Alle Mittag Braten
+und alle Abend Punsch, und eine grosse Portion Galle,
+die ihm Tags über ins Maul gestiegen, Abends, wenn er
+zu Bett liegt, hinabgeschluckt, wie Pillen; das macht
+gesundes Blut, auf meine Ehr'! und muß auch ein
+vortrefliches Herz auf die Länge geben. Ihr beklagt
+Euch so viel übern Adel und über seinen Stolz, die
+Leute sähn Hofmeister wie Domestiken an, Narren! was
+sind sie denn anders? Stehn sie nicht in Lohn und Brod
+bey ihnen wie jene? Aber wer heißt Euch ihren Stolz
+nähren? Wer heißt euch Domestiken werden, wenn Ihr was
+gelernt habt, und einem starrköpfischen Edelmann zinsbar
+werden, der sein Tage von seinen Hausgenossen nichts
+anders gewohnt war als sklavische Unterwürfigkeit?
+
+Pastor.
+Aber Herr Geheimer Rath--Gütiger Gott! es ist in der
+Welt nicht anders: man muß eine Warte haben, von der
+man sich nach einem öffentlichen Amt umsehen kann, wenn
+man von Universitäten kommt; wir müssen den göttlichen
+Ruf erst abwarten und ein Patron ist sehr oft das Mittel
+zu unserer Beförderung: wenigstens ist es mir so gegangen.
+
+Geh. Rath.
+Schweigen Sie, Herr Pastor, ich bitt Sie, schweigen Sie.
+Das gereicht Ihnen nicht zur Ehr. Man weiß ja doch, daß
+Ihre seelige Frau Ihr göttlicher Ruf war, sonst säßen
+Sie noch itzt beym Herrn von Tiesen und düngten ihm
+seinen Acker. Jemine! daß Ihr Herrn uns doch immer
+einen so ehrwürdigen schwarzen Dunst vor Augen machen
+wollt. Noch nie hat ein Edelmann einen Hofmeister
+angenommen, wo er ihm nicht hinter eine Allee von acht
+neun Sklavenjahren ein schön Gemählde von Beförderung
+gestellt hat und wenn Ihr acht Jahr gegangen waret, so
+macht' ers wie Laban und rückte das Bild um noch einmal
+so weit vorwärts. Possen! lernt etwas und seyd brave
+Leut. Der Staat wird Euch nicht lang am Markt stehen
+lassen. Brave Leut sind allenthalben zu brauchen, aber
+Schurken, die den Namen vom Gelehrten nur auf den Zettel
+tragen und im Kopf ist leer Papier ...
+
+Pastor.
+Das ist sehr allgemein gesprochen, Herr Rath!--Es
+müssen doch, bey Gott! auch Hauslehrer in der Welt
+seyn; nicht jedermann kann gleich geheimer Rath werden
+und wenn er gleich ein Hugo Grotius wär. Es gehören
+heutiges Tags andere Sachen dazu als Gelehrsamkeit.--
+
+Geh. Rath.
+Sie werden warm, Herr Pastor!--Lieber, werther Herr
+Pastor, lassen Sie uns den Faden unsers Streits nicht
+verlieren. Ich behaupte: es müssen keine Hauslehrer
+in der Welt seyn! das Geschmeis taucht den Teufel zu
+nichts.
+
+Pastor.
+Ich bin nicht hergekommen mir Grobheiten sagen zu
+lassen: ich bin auch Hauslehrer gewesen. Ich habe die
+Ehre--
+
+Geh. Rath.
+Warten Sie; bleiben Sie, lieber Herr Pastor! Behüte
+mich der Himmel! Ich habe Sie nicht beleidigen wollen
+und wenn's wider meinen Willen geschehen ist, so bitt'
+ich Sie tausendmahl um Verzeihung. Es ist einmal meine
+üble Gewohnheit, daß ich gleich in Feuer gerathe, wenn
+mir ein Gespräch interessant wird: alles übrige
+verschwinde mir denn aus dem Gesicht und ich sehe nur
+den Gegenstand, von dem ich spreche.
+
+Pastor.
+Sie schütten,--Verzeihen Sie mir, ich bin auch ein
+Cholerikus, und rede gern von der Lunge ab.--Sie
+schütten das Kind mit dem Bade aus. Hauslehrer taugen
+zu nichts.--Wie können Sie mir das beweisen? Wer soll
+Euch jungen Herrn denn Verstand und gute Sitten
+beibringen Was wär aus Ihnen geworden, mein werther
+Herr geheimer Rath, wenn Sie keinen Hauslehrer gehabt
+hätten?
+
+Geh. Rath.
+Ich bin von meinem Vater zur öffentlichen Schul
+gehalten worden, und seegne seine Asche dafür, und
+so hoff' ich, wird mein Sohn Fritz auch dereinst thun.
+
+Pastor.
+Ja,--da ist aber noch viel drüber zu sagen Herr!
+Ich meiner Seits bin Ihrer Meynung nicht; ja wenn die
+öffentlichen Schulen das wären, was sie seyn sollten.--
+Aber die nüchternen Subjecta, so oft den Classen
+vorstehen; die pedantischen Methoden, die sie brauchen,
+die unter der Jugend eingerissenen verderbten Sitten--
+
+Geh. Rath.
+Wes ist die Schuld? Wer ist schuld dran, als ihr
+Schurken von Hauslehrern? Würde der Edelmann nicht
+von Euch in der Grille gestärkt, einen kleinen Hof
+anzulegen, wo er als Monarch oben auf dem Thron sitzt,
+und ihm Hofmeister und Mamsell und ein ganzer Wisch von
+Tagdieben huldigen, so würd' er seine Jungen in die
+öffentliche Schule thun müssen; er würde das Geld,
+von dem er jetzt seinen Sohn zum hochadlichen Dummkopf
+aufzieht, zum Fond der Schule schlagen: davon könnten
+denn gescheidte Leute salarirt werden und alles würde
+seinen guten Gang gehn; das Studentchen müste was
+lernen, um bey einer solchen Anstalt brauchbar zu
+werden, und das junge Herrchen, anstatt seine
+Faullenzerey vor den Augen des Papas und der Tanten,
+die alle keine Argusse sind, künstlich und manierlich
+zu verstecken, würde seinen Kopf anstrengen müssen,
+um es den bürgerlichen Jungen zuvorzuthun, wenn es
+sich doch von ihnen unterscheiden will.--Was die
+Sitten anbetrift, das findt sich wahrhaftig.--Wenn
+er gleich nicht, wie seine hochadliche Vettern, die
+Nase von Kindesbeinen an höher tragen lernt als andere,
+und in einem nachläßigen Ton, von oben herab, Unsinn
+sagen, und Leuten ins Gesicht sehen, wenn sie den Hut
+vor ihm abziehen, um ihnen dadurch anzudeuten, daß
+sie auf kein Gegencompliment warten sollen. Die feinen
+Sitten hol der Teufel! Man kann dem Jungen Tanzmeister
+auf der Stube halten, und ihn in artige Gesellschaften
+führen, aber er muß durchaus nicht aus der Sphäre
+seiner Schulkamraden herausgehoben, und in der Meinung
+gestärkt werden, er sey eine bessere Kreatur als andere.
+
+Pastor.
+Ich habe nicht Zeit, (zieht die Uhr heraus) mich in
+den Disput weiter mit Ihnen einzulassen, gnädiger Herr;
+aber so viel weiß ich, daß der Adel überall nicht ihrer
+Meinung seyn wird.
+
+Geh. Rath.
+So sollten die Bürger meiner Meynung seyn.--Die Noth
+würde den Adel schon auf andere Gedanken bringen, und
+wir könnten uns bessere Zeiten versprechen. Sapperment,
+was kann aus unserm Adel werden, wenn ein einziger
+Mensch das Faktotum bey dem Kinde seyn soll, ich setz'
+auch den unmöglichen Fall, daß er ein Polyhistor wäre,
+wo will der eine Mann Feuer und Muth und Thätigkeit
+hernehmen, wenn er alle seine Kräfte auf einen
+Schaafskopf concentriren soll, besonders wenn Vater
+und Mutter sich kreutz und die quer immer mit in die
+Erziehung mengen, und dem Faß, in welches er füllt,
+den Boden immer wieder ausschlagen?
+
+Pastor.
+Ich bin um zehn Uhr zu einem Kranken bestellt. Sie
+werden mir verzeihen.--(Im Abgehen wendt er sich um)
+Aber wär's nicht möglich, gnädiger Herr, daß Sie
+Ihren zweyten Sohn nur auf ein halb Jährchen zum
+Herrn Major in die Kost thäten? Mein Sohn will gern
+mit achtzig Dukaten zufrieden seyn, aber mit sechzigen,
+die ihm der Herr Bruder geben wollen, da kann er nicht
+von subsistiren.
+
+Geh. Rath.
+Laß ihn quittiren.--Ich thu es nicht, Herr Pastor!
+Davon bin ich nicht abzubringen. Ich will Ihrem Herrn
+Sohn die dreyßig Dukaten lieber schenken; aber meinem
+Sohn geb ich zu keinem Hofmeister. (Der Pastor hält
+ihm einen Brief hin) Was soll ich damit? Es ist alles
+umsonst, sag ich Ihnen.
+
+Pastor.
+Lesen Sie--Lesen Sie nur.--
+
+Geh. Rath.
+Je nun, ihm ist nicht--(liest)--wenden Sie doch
+alles an, den Herrn geheimen Rath dahin zu vermögen,
+--Sie können Sich nicht vorstellen, wie elend es
+mir hier geht; nichts wird mir gehalten, was mir ist
+versprochen worden. Ich speise nur mit der Herrschaft,
+wenn keine Fremde da sind,--das ärgste ist, daß ich
+gar nicht von hier komme und in einem ganzen Jahr
+meinen Fuß nicht aus Heidelbrunn habe setzen--man
+hatte mir ein Pferd versprochen, alle Vierteljahr
+einmal nach Königsberg zu reisen, als ich es foderte,
+fragte mich die gnädige Frau, ob ich nicht lieber zum
+Carneval nach Venedig wollte.--(wirft den Brief an
+die Erde.) Je nun, laß ihn quittiren; warum ist er
+ein Narr und bleibt da?
+
+Pastor.
+Ja das ist eben die Sache. (hebt den Brief auf)
+Belieben Sie doch nur auszulesen.
+
+Geh. Rath.
+Was ist da zu lesen?--(liest) Dem ohngeachtet kann
+ich dies Haus nicht verlassen, und sollt' es mich
+Leben und Gesundheit kosten. So viel darf ich Ihnen
+sagen, daß die Aussichten in eine selige Zukunft mir
+alle die Mühseligkeiten meines gegenwärtigen Standes--
+Ja, das sind vielleicht Aussichten in die selige
+Ewigkeit, sonst weiß ich keine Aussichten, die mein
+Bruder ihm eröfnen könnte. Er betrügt sich, glauben
+Sie mirs; schreiben Sie ihm zurück, daß er ein Thor
+ist. Dreyßig Dukaten will ich ihm dies Jahr aus meinem
+Beutel Zulage geben, aber ihn auch zugleich gebeten
+haben, mich mit allen fernern Anwerbungen um meinen
+Karl zu verschonen: denn ihm zu Gefallen werd' ich mein
+Kind nicht verwahrlosen.
+
+
+Zweyte Scene.
+
+In Heidelbrunn.
+Gustchen. Läuffer.
+
+
+Gustchen.
+Was fehlt ihnen dann?
+
+Läuffer.
+Wie stehts mit meinem Porträt? Nicht wahr, Sie haben
+nicht dran gedacht? Wenn ich auch so saumselig gewesen
+wäre--Häte ich das gewußt: ich hätt Ihren Brief so
+lang zurückgehalten, aber ich war ein Narr.
+
+Gustchen.
+Ha ha ha. Lieber Herr Hofmeister! Ich habe wahrhaftig
+noch nicht Zeit gehabt.
+
+Läuffer.
+Grausame!
+
+Gustchen.
+Aber was fehlt Ihnen denn? Sagen Sie mir doch! So
+tiefsinnig sind Sie ja noch nie gewesen. Die Augen
+stehn Ihnen ja immer voll Wasser: ich habe gemerkt,
+Sie essen nichts.
+
+Läuffer.
+Haben Sie? In der That? Sie sind ein rechtes Muster
+des Mitleidens.
+
+Gustchen.
+O Herr Hofmeister--
+
+Läuffer.
+Wollen Sie heut Nachmittag Zeichenstunde halten?
+
+Gustchen. (faßt ihn an die Hand)
+Liebster Herr Hofmeister! verzeihen Sie, daß ich sie
+gestern aussetzte. Es war mir wahrhaftig unmöglich zu
+zeichnen; ich hatte den Schnuppen auf eine erstaunende
+Art.
+
+Läuffer.
+So werden Sie ihn wohl heute noch haben. Ich denke,
+wir hören ganz auf zu zeichnen. Es macht Ihnen kein
+Vergnügen länger.
+
+Gustchen. (halbweinend)
+Wie können Sie das sagen, Herr Läuffer? Es ist das
+einzige, was ich mit Lust thue.
+
+Läuffer.
+Oder Sie versparen es bis auf den Winter in die Stadt
+und nehmen einen Zeichenmeister. Ueberhaupt werd ich
+Ihren Herrn Vater bitten, den Gegenstand Ihres
+Abscheues, Ihres Hasses, Ihrer ganzen Grausamkeit von
+Ihnen zu entfernen. Ich sehe doch, daß es Ihnen auf
+die Länge unausstehlich wird, von mir Unterricht
+anzunehmen.
+
+Gustchen.
+Herr Läuffer--
+
+Läuffer.
+Lassen Sie mich--Ich muß sehen, wie ich das elende
+Leben zu Ende bringe, weil mir doch der Tod verboten
+ist--
+
+Gustchen.
+Herr Läuffer--
+
+Läuffer.
+Sie foltern mich.--(reißt sich loß und geht ab.)
+
+Gustchen.
+Wie dauert er mich!
+
+
+Dritte Scene.
+
+Zu Halle in Sachsen.
+Pätus Zimmer.
+Fritz von Berg.
+Pätus (im Schlafrock an einem Tisch sitzend.)
+
+
+Pätus.
+Ey was Berg! Du bist ja kein Kind mehr, daß du nach
+Papa und Mama--Pfuy Teufel! ich hab Dich allezeit
+für einen braven Kerl gehalten, wenn Du nicht mein
+Schulkamerad wärst: ich würde mich schämen mit Dir
+umzugehen.
+
+Fritz.
+Pätus, auf meine Ehr, es ist nicht Heimweh, Du machst
+mich bis über die Ohren roth mit dem dummen Verdacht.
+Ich möchte gern Nachricht von Hause haben, das gesteh'
+ich, aber das hat seine Ursachen--
+
+Pätus.
+Gustchen--Nicht wahr? Denk doch, Du arme Seele!
+Hundertachtzig Stunden von ihr entfernt--Was für
+Wälder und Ströme liegen nicht zwischen Euch? Aber
+warte, wir haben hier auch Mädchen; wenn ich nur
+besser besponnen wäre, ich wollte Dich heut in eine
+Gesellschaft führen--Ich weiß nicht, wie Du auch
+bist; ein Jahr in Halle und noch mit keinem Mädchen
+gesprochen: das muß melancholisch machen; es kann
+nicht anders seyn. Warte, Du must mir hier einziehen,
+daß Du lustig wirst. Was machst Du da bey dem Pfarrer?
+Das ist keine Stube für Dich--
+
+Fritz.
+Was zahlst Du hier?
+
+Pätus.
+Ich zahle--Wahrhaftig, Bruder, ich weiß es nicht.
+Es ist ein guter ehrlicher Philister, bey dem ich
+wohne: seine Frau ist freylich bisweilen ein bischen
+wunderlich, aber mags. Was gehts mich an? Wir zanken
+uns einmal herum und denn laß ich sie laufen: und die
+schreiben mir alles auf. Hausmiethe, Kaffee, Tabak;
+alles was ich verlange, und denn zahl' ich die Rechnung
+alle Jahre, wenn mein Wechsel kommt.
+
+Fritz.
+Bist du jetzt viel schuldig?
+
+Pätus.
+Ich habe die vorige Woche bezahlt. Das ist wahr,
+diesmal haben Sie mirs arg gemacht: mein ganzer
+Wechsel hat herhalten müssen bis auf den letzten
+Pfennig, und mein Rock, den ich Tags vorher versetzt
+hatte, weil ich in der äussersten Noth war, steht
+noch zu Gevattern. Weiß der Himmel, wenn ich ihn
+wieder einlösen kann.
+
+Fritz.
+Und wie machst Dus denn itzt?
+
+Pätus.
+Ich?--Ich bin krank. Heut morgen hat mich die Frau
+Räthin Hamster invitiren lassen, gleich kroch ich ins
+Bett ...
+
+Fritz.
+Aber bey dem schönen Wetter immer zu Hause zu sitzen.
+
+Pätus.
+Was macht das? des Abends geh ich im Schlafrock
+spatzieren, es ist ohnedem in den Hundstagen am Tage
+nicht auszuhalten--Aber Potz Mordio! Wo bleibt denn
+mein Kaffee? (pocht mit dem Fuß) Frau Blitzer!--Nun
+sollst Du sehn, wie ich meinen Leuten umspringe--Frau
+Blitzer! in aller Welt Frau Blitzer. (klingelt und
+pocht)--Ich habe sie kürzlich bezahlt: nun kann ich
+schon breiter thun--Frau ...
+
+Frau Blitzer. (tritt herein mit einer Portion Kaffee.)
+
+Pätus.
+In aller Welt, Mutter! wo bleibst Du denn? Das Wetter
+soll Dich regieren. Ich warte hier schon über eine
+Stunde--
+
+Frau Blitzer.
+Was? Du nichtsnutziger Kerl, was lärmst Du? Bist Du
+schon wieder nichts nutz, abgeschabte Laus? Den
+Augenblick trag ich meinen Kaffee wieder herunter--
+
+Pätus. (gießt sich ein)
+Nun, nun, nicht so böse Mutter! aber Zwieback--Wo
+ist denn Zwieback?
+
+Frau Blitzer.
+Ja, kleine Steine Dir! Es ist kein Zwieback im Hause.
+Denk doch, ob so ein kahler lausichter Kerl nun alle
+Nachmittag Zwieback frißt oder nicht--
+
+Pätus.
+Was tausend alle Welt! (stampft mit dem Fuß) Sie
+weiß, daß ich keinen Kaffee ohne Zwieback ins Maul
+nehme--Wofür gebe ich denn mein Geld aus--
+
+Frau Blitzer. (langt ihm Zwieback aus der Schürze,
+wobey sie ihn an den Haaren zupft.)
+Da siehst Du, da ist Zwieback, Posaunenkerl! Er hat
+eine Stimme wie ein ganzes Regiment Soldaten. Nu, ist
+der Kaffee gut? Ist er nicht? Gleich sag mirs, oder
+ich reiß Ihm das letzte Haar aus Seinem kahlen Kopf
+heraus.
+
+Pätus. (trinkt)
+Unvergleichlich--Aye!--Ich hab in meinem Leben
+keinen bessern getrunken.
+
+Frau Blitzer.
+Siehst Du Hundejunge! Wenn Du die Mutter nicht hättest,
+die sich Deiner annähme und Dir zu essen und zu trinken
+gäbe, Du müstest an der Strasse verhungern. Sehen Sie
+ihn einmal an, Herr von Berg, wie er daher geht, keinen
+Rock auf dem Leibe und sein Schlafrock ist auch, als
+ob er darin wär aufgehenkt worden und wieder vom Galgen
+gefallen. Sie sind doch ein hübscher Herr, ich weiß
+nicht wie Sie mit dem Menschen umgehen können, nun
+freylich unter Landsleuten da ist immer so eine kleine
+Blutsverwandschaft, drum sag ich immer, wenn doch der
+Herr von Berg zu uns einlogiren thäte. Ich weiß, daß
+Sie viel Gewalt über ihn haben: da könnte doch noch
+was ordentliches aus ihm werden, aber sonst wahrhaftig--
+(geht ab)
+
+Pätus.
+Siehst Du, ist das nicht ein gut fidel Weib. Ich seh'
+ihr all etwas durch die Finger, aber potz, wenn ich
+auch einmal ernsthaft werde, kusch ist sie wie die
+Wand--Willst Du nicht eine Tasse mit trinken? (gießt
+ihm ein) Siehst Du, ich bin hier wohl bedient; ich
+zahle was rechts, das ist wahr, aber dafür hab' auch
+ich was ...
+
+Fritz. (trinkt.)
+Der Kaffee schmeckt nach Gerste.
+
+Pätus.
+Was sagst Du?--(schmeckt gleichfalls) Ja wahrhaftig,
+mit dem Zwieback hab' ichs nicht so--(sieht in die
+Kanne) Nun so hol Dich! (wirft das Kaffeezeug zum
+Fenster hinaus) Gerstenkaffee und fünfhundert Gulden
+jährlich!--
+
+Frau Blitzer. (stürzt herein)
+Wie? Was zum Teufel, was ist das? Herr, ist Er rasend
+oder plagt Ihn gar der Teufel?--
+
+Pätus.
+Still Mutter!
+
+Frau Blitzer. (mit gräßlichem Geschrey)
+Aber wo ist mein Kaffeezeug? Ey! zum Henker! aus dem
+Fenster--Ich kratz' Ihm die Augen aus dem Kopf heraus.
+
+Pätus.
+Es war eine Spinne darin und ich warf's in der Angst--
+Was kann ich dafür, daß das Fenster offen stand?
+
+Frau Blitzer.
+Daß Du verreckt wärst an der Spinne, wenn ich Dich mit
+Haut und Haar verkaufe, so kannst Du mir mein
+Kaffeezeug nicht bezahlen, nichtswürdiger Hund!
+Nichts als Schaden und Unglück kann Er machen. Ich
+will Dich verklagen; ich will Dich in Karcer werfen
+lassen. (läuft heraus)
+
+Pätus. (lachend)
+Was ist zu machen, Bruder! man muß sie schon ausrasen
+lassen.
+
+Fritz.
+Aber für Dein Geld?
+
+Pätus.
+Ey was!--Wenn ich bis Weyhnachten warten muß, wer
+wird mir sogleich bis dahin kreditiren? Und denn ists
+ja nur ein Weib und ein närrisch Weib dazu, dem's
+nicht immer so von Herzen geht- wenn mirs der Mann
+gesagt hätte, das wär was anders, dem schlüg' ich das
+Leder voll--Siehst Du wohl!
+
+Fritz.
+Hast Du Feder und Tinte?
+
+Pätus.
+Dort auf dem Fenster--
+
+Fritz.
+Ich weiß nicht, das Herz ist mir so schwer--Ich habe
+nie was auf Ahndungen gehalten.
+
+Pätus.
+Ja mir auch--Die Döbblinsche Gesellschaft ist
+angekommen. Ich möchte gern in die Komödie gehn und
+habe keinen Rock anzuziehen. Der Schurke mein Wirth
+leyht mir keinen und ich bin eine so große dicke
+Bestie, daß mir keiner von all Euren Röcken passen
+würde.
+
+Fritz.
+Ich muß gleich nach Hause schreiben. (setzt sich an
+ein Fenster nieder und schreibt)
+
+Pätus. (setzt sich einem Wolfspelz gegenüber, der an
+der Wand hängt)
+Hm! nichts als den Pelz gerettet, von allen meinen
+Kleidern, die ich habe, und die ich mir noch wollte
+machen lassen. Grade den Pelz, den ich im Sommer
+nicht tragen kann, und den mir nicht einmal der Jude
+zum Versatz annimmt, weil sich der Wurm leicht
+hineinsetzt. Hanke, Hanke! das ist doch unverantwortlich,
+daß Du mir keinen Rock auf Pump machen willst. (steht
+auf und geht herum) Was hab' ich Dir gethan, Hanke,
+daß Du just mir keinen Rock machen willst? Just mir,
+der ich ihn am nöthigsten brauche, weil ich jetzo
+keinen habe, just mir!--Der Teufel muß Dich besitzen,
+er macht Hunz und Kunz auf Kredit und just mir nicht!
+(faßt sich an den Kopf und stampft mit dem Fuß) Just
+mir nicht, just mir nicht!--
+
+Bollwerk. (der sich mittlerweile hineingeschlichen und
+ihm zugehört, faßt ihn an: er kehrt sich um und bleibt
+stumm vor Bollwerk stehen) Ha ha ha ... Nun du armer
+Pätus--ha ha ha! Nicht wahr, es ist doch ein gottloser
+Hanke, daß er just Dir nicht--Aber, wo ist das rothe
+Kleid mit Gold, das Du bey ihm bestellt hast, und das
+blauseidne mit der silberstücknen Weste, und das
+rothsammetne mit schwarz Sammet gefüttert, das wär
+vortreflich bey dieser Jahrszeit. Sage mir! antworte
+mir! Der verfluchte Hanke! Wollen wir gehn und ihm die
+Haut vollschlagen? Wo bleibt er so lang mit Deiner
+Arbeit? Wollen wir?
+
+Pätus. (wirft sich auf einen Stuhl)
+Laß mich zufrieden.
+
+Bollwerk.
+Aber hör Pätus, Pätus, Pä Pä Pä Pätus (setzt sich zu
+ihm) Döbblin ist angekommen. Hör Pä Pä Pä Pä Pätus,
+wie wollen wir das machen? Ich denke, Du ziehst Deinen
+Wolfspelz an und gehst heut Abend in die Komödie. Was
+schadt's, Du bist doch fremd hier--und die ganze Welt
+weiß, daß Du vier Paar Kleider bey Hanke bestellt hast.
+Ob er sie Dir machen wird, ist gleich viel!--Der
+verfluchte Kerl! Wollen ihm die Fenster einschlagen,
+wenn er sie Dir nicht macht!
+
+Pätus. (heftig)
+Laß mich zufrieden, sag ich Dir.
+
+Bollwerk.
+Aber hör...aber...aber...hör hör hör' Pätus; nimm
+Dich in Acht Pätus! daß Du mir des Nachts nicht mehr
+im Schlafrock auf der Gasse läufst. Ich weiß, daß Du
+bange bist vor Hunden; es ist eben ausgetrummelt
+worden, daß zehn wütige Hunde in der Stadt herumlaufen
+sollen; sie haben schon einige Kinder gebissen: zwey
+sind noch davon kommen, aber vier sind auf der Stelle
+gestorben. Das machen die Hundstage? Nicht wahr Pätus?
+Es ist gut, daß Du jetzt nicht ausgehen kannst. Nicht
+wahr? Du gehst itzt mit allem Fleiß nicht aus? Nicht
+wahr Pä Pä Pätus?
+
+Pätus.
+Laß mich zufrieden ... oder wir verzürnen uns.
+
+Bollwerk.
+Du wirst doch kein Kind seyn--Berg, kommen Sie mit
+in die Komödie?
+
+Fritz. (zerstreut)
+Was?--Was für Komödie?
+
+Bollwerk.
+Es ist eine Gesellschaft angekommen--Legen Sie die
+Schmieralien weg. Sie können ja auf den Abend schreiben.
+Man giebt heut Minna von Barnhelm.
+
+Fritz.
+O die muß ich sehen.--(steckt seine Briefe zu sich)
+Armer Pätus, daß Du keinen Rock hast.--
+
+Bollwerk.
+Ich lieh' ihm gern einen, aber es ist hol mich der
+Teufel mein einziger, den ich auf dem Leibe habe--
+(gehn ab)
+
+Pätus. (allein)
+Geht zum Teufel mit Eurem Mitleiden! Das ärgert mich
+mehr als wenn man mir ins Gesicht schlüge--Ey was
+mach ich mir draus. (zieht seinen Schlafrock aus) Laß
+die Leute mich für wahnwitzig halten! Minna von
+Barnhelm muß ich sehen und wenn ich nackend hingehen
+sollte! (zieht den Wolfspelz an) Hanke, Hanke! es
+soll Dir zu Hause kommen! (stampft mit dem Fuß) Es
+soll dir zu Hause kommen! (geht)
+
+
+Vierte Scene.
+
+Frau Hamster. Jungfer Hamster. Jungfer Knicks.
+
+
+Jungfer Knicks.
+Ich kanns Ihnen vor Lachen nicht erzehlen, Frau
+Räthin, ich muß krank vor Lachen werden. Stellen
+Sie Sich vor: wir gehen mit Jungfer Hamster im
+Gäßchen hier nah bey, so läuft uns ein Mensch im
+Wolfspelz vorbey, als ob er durch Spießruthen gejagt
+würde; drey große Hunde hinter ihm drein. Jungfer
+Hamster bekam einen Schubb, daß sie mit dem Kopf an
+die Mauer schlug und überlaut schreyen muste.
+
+Frau Hamster.
+Wer war es denn?
+
+Jungfer Knicks.
+Stellen Sie Sich vor, als wir ihm nachsahen, war's
+Herr Pätus--Er muß rasend worden seyn.
+
+Frau Hamster.
+Mit einem Wolfspelz in dieser Hitze!
+
+Jungfer Hamster. (hält sich den Kopf)
+Ich glaube noch immer, er ist aus dem hitzigen Fieber
+aufgesprungen. Er ließ uns heut Morgen sagen, er sey
+krank.
+
+Jungfer Knicks.
+Und die drey Hunde hinter ihm drein, das war das
+lustigste. Ich hatte mir vorgenommen heut in die
+Komödie zu gehen, aber nun mag ich nicht, ich würde
+doch da nicht soviel zu lachen kriegen. Das vergeß
+ich mein Lebtage nicht. Seine Haare flogen ihm nach
+wie der Schweif an einem Kometen, und je eyfriger er
+lief, desto eyfriger schlugen die Hunde an und er
+hatte das Herz nicht, sich einmal umzusehen... Das
+war unvergleichlich!
+
+Frau Hamster.
+Schrie er nicht? Er wird gemeynt haben, die Hunde seyn
+wütig.
+
+Jungfer Knicks.
+Ich glaub, er hatte keine Zeit zum Schreyen, aber roth
+war er wie ein Krebs und hielt das Maul offen, wie die
+Hunde hinter ihm drein--O das war nicht mit Geld zu
+bezahlen! ich gäbe nicht meine Schnur ächter Perlen
+darum, daß ich das nicht gesehen.
+
+
+Fünfte Scene.
+
+In Heidelbrunn.
+Augustchens Zimmer.
+Gustchen. (liegt auf dem Bette)
+Läuffer. (sitzt am Bette)
+
+
+Läuffer.
+Stell Dir vor Gustchen, der geheime Rath will nicht.
+Du siehst, daß Dein Vater mir das Leben immer saurer
+macht: nun will er mir gar aufs folgende Jahr nur
+vierzig Dukaten geben. Wie kann ich das aushalten?
+Ich muß quittiren.
+
+Gustchen.
+Grausamer, und was werd ich denn anfangen? (nachdem
+beyde eine zeitlang sich schweigend angesehen) Du
+siehst: ich bin schwach, und krank; hier in der
+Einsamkeit unter einer barbarischen Mutter--Niemand
+fragt nach mir, niemand bekümmert sich um mich:
+meine ganze Familie kann mich nicht mehr leiden;
+mein Vater selber nicht mehr: ich weiß nicht warum.
+
+Läuffer.
+Mach, daß Du zu meinem Vater in die Lehre kommst;
+nach Insterburg.
+
+Gustchen.
+Da kriegen wir uns nie zu sehen. Mein Onkel leidt es
+nimmer, daß mein Vater mich zu Deinem Vater ins Haus
+giebt.
+
+Läuffer.
+Mit dem verfluchten Adelstolz!
+
+Gustchen. (nimmt seine Hand)
+Wenn Du auch böse wirst, Herrmannchen! (küßt sie) O
+od! Tod! warum erbarmst Du Dich nicht!
+
+Läuffer.
+Rathe mir selber--Dein Bruder ist der ungezogenste
+Junge den ich kenne: neulich hat er mir eine Ohrfeige
+gegeben und ich durft ihm nichts dafür thun, durft
+nicht einmal drüber klagen. Dein Vater hätt ihm gleich
+Arm und Bein gebrochen und die gnädige Mama alle Schuld
+zuletzt auf mich geschoben.
+
+Gustchen.
+Aber um meinetwillen--Ich dachte, Du liebtest mich.
+
+Läuffer. (stützt sich mit der andern Hand auf ihrem
+Bett, indem sie fortfährt seine eine Hand von Zeit zu
+Zeit an die Lippen zu bringen.)
+Laß mich denken...(bleibt nachsinnend sitzen)
+
+Gustchen. (in der beschriebenen Pantomime)
+O Romeo! Wenn dies Deine Hand wäre.--Aber so verlässest
+Du mich, unedler Romeo! Siehst nicht, daß Deine Julie
+für Dich stirbt--von der ganzen Welt, von ihrer
+ganzen Familie gehaßt, verachtet, ausgespyen. (drückt
+seine Hand an ihre Augen) O unmenschlicher Romeo!
+
+Läuffer. (sieht auf)
+Was schwärmst Du wieder?
+
+Gustchen.
+Es ist ein Monolog aus einem Trauerspiel, den ich
+gern recitire, wenn ich Sorgen habe. (Läuffer fällt
+wieder in Gedanken, nach einer Pause fängt sie wieder
+an) Vielleicht bist Du nicht ganz strafbar. Deines
+Vaters Verbot, Briefe mit mir zu wechseln, aber die
+Liebe setzt über Meere und Ströme, über Verbot und
+Todesgefahr selbst--Du hast mich vergessen...
+Vielleicht besorgtest Du für mich--ja,--ja, Dein
+zärtliches Herz sah, was mir drohte, für schröcklicher
+an, als das was ich leide. (küßt Läuffers Hand inbrünstig)
+O göttlicher Romeo!
+
+Läuffer. (küßt ihre Hand lange wieder und sieht sie
+eine Weile stumm an)
+Es könnte mir gehen wie Abälard--
+
+Gustchen. (richtet sich auf)
+Du irrst Dich--Meine Krankheit liegt im Gemüth--
+Niemand wird Dich muthmaßen--(fällt wieder hin) Hast
+Du die neue Heloise gelesen?
+
+Läuffer.
+Ich höre was auf dem Gang nach der Schulstube.--
+
+Gustchen.
+Meines Vaters--Um Gotteswillen!--Du bist drey
+Viertelstund zu lang hiergeblieben.
+
+(Läuffer läuft fort)
+
+
+Sechste Scene.
+
+Die Majorin. Graf Wermuth.
+
+
+Graf.
+Aber gnädige Frau! kriegt man denn Fräulein Gustchen
+gar nicht mehr zu sehen? Wie befindt sie sich auf die
+vorgestrige Jagd?
+
+Majorin.
+Zu Ihrem Befehl; sie hat die Nacht Zahnschmerzen
+gehabt, darum darf sie sich heut nicht sehen lassen.
+Was macht Ihr Magen, Graf! auf die Austern?
+
+Graf.
+O das bin ich gewohnt. Ich habe neulich mit meinem
+Bruder ganz allein auf unsre Hand sechshundert Stück
+aufgegessen und zwanzig Bouteillen Champagner dabey
+ausgetrunken.
+
+Majorin.
+Rheinwein wollten Sie sagen.
+
+Graf.
+Champagner--Es war eine Idee, und ist uns beyden
+recht gut bekommen. Denselben Abend war Ball in
+Königsberg, mein Bruder hat bis an den andern Mittag
+getanzt und ich Geld verloren.
+
+Majorin.
+Wollen wir ein Piquet machen?
+
+Graf.
+Wenn Fräulein Gustchen käme, macht' ich ein Paar
+Touren im Garten mit ihr. Ihnen, gnädige Frau, darf
+ichs nicht zumuthen; mit Ihrer Fontenelle am Fuß.
+
+Majorin.
+Ich weiß auch nicht, wo der Major immer steckt. Er
+ist in seinem Leben so rasend nicht auf die Oekonomie
+gewesen; den ganzen ausgeschlagenen Tag auf dem Felde
+und wenn er nach Hause kommt, sitzt er stumm wie ein
+Stock. Glauben Sie, daß ich anfange mir Gedanken drüber
+zu machen.
+
+Graf.
+Er scheint melancholisch.
+
+Majorin.
+Weiß es der Himmel--Neulich hatt' er wieder einmal
+den Einfall bey mir zu schlafen, und da ist er mitten
+in der Nacht aus dem Bett' aufgesprungen und hat sich--
+He he, ich soll es Ihnen nicht erzehlen, aber Sie
+kennen ja die lächerliche Seite von meinem Mann schon.
+
+Graf.
+Und hat sich ...
+
+Majorin.
+Auf die Knie niedergeworfen und an die Brust geschlagen
+und geschluchzt und geheult, daß mir zu grauen anfieng.
+Ich hab ihn aber nicht fragen mögen, was gehen mich
+seine Narrheiten an? Mag er Pietist oder Quacker
+werden. Meinethalben! Er wird dadurch weder häßlicher
+noch liebenswürdiger in meinen Augen werden, als er
+ist. (sieht den Grafen schalkhaft an)
+
+Graf. (faßt sie ans Kinn)
+Boßhafte Frau!--Aber wo ist Gustchen? Ich möchte gar
+zu gern mit ihr spatzieren gehn.
+
+Majorin.
+Still da kommt ja der Major ... Sie können mit ihm
+gehen, Graf.
+
+Graf.
+Denk doch--Ich will nun aber mit Ihrer Tochter gehn.
+
+Majorin.
+Sie wird noch nicht angezogen seyn: es ist was
+unausstehliches, wie faul das Mädchen ist--
+
+(Major von Berg kommt im Nachtwämmschen, einen
+Strohhut auf.)
+
+Majorin.
+Nun wie stehts, Mann? Wo treiben Sie Sich denn wieder
+herum? Man kriegt Sie ja den ganzen Tag nicht zu sehen.
+Sehn Sie ihn nur an Herr Graf; sieht er doch wie der
+Heavtontimorumenos in meiner großen Madame Dacier
+abgemahlt--Ich glaube, Du hast gepflügt, Herr Major?
+Wir sind itzt in den Hundstagen.
+
+Graf.
+In der That, Herr Major, Sie haben noch nie so übel
+ausgesehen, blaß, hager, Sie müssen etwas haben, das
+Ihnen auf dem Gemüth liegt, was bedeuten die Thränen
+in Ihren Augen, sobald man Sie aufmerksam ansieht?
+Ich kenne Sie doch zehn Jahr schon und habe Sie nie
+so gesehen, selbst da nicht, als Ihr Bruder starb.
+
+Majorin.
+Geitz, nichts als der leidige Geitz, er meynt, wir
+werden verhungern, wenn er nicht täglich wie ein
+Maulwurf auf dem Felde wühlt. Bald gräbt er, bald
+pflügt er, bald eggt er. Du willst doch nicht Bauer
+werden? Du mußt mir vorher einen andern Mann geben,
+der die Aufsicht über Dich führt.
+
+Major.
+Ich muß wohl schaffen und scharren, meiner Tochter
+einen Platz im Hospital auszumachen.
+
+Majorin.
+Was sind das nun wieder für Phantasien!--Ich muß
+wahrhaftig den Doktor Würz noch aus Königsberg holen
+lassen.
+
+Major.
+Du siehst nimmer nichts, vornehme Frau! daß Dein Kind
+von Tag zu Tag abfällt, daß sie Schönheit, Gesundheit
+und den ganzen Plunder verliert und dahergeht, als ob
+sie, hol mich der Teufel--Gott verzeyh mir meine
+schwere Sünde,--als ob der arme Lazarus sie gemacht
+hätte--Es frißt mir die Leber ab--
+
+Majorin.
+Hören Sie ihn nur! Wie er mich anfährt! Bin ich schuld
+daran? Bist du denn wahnwitzig?
+
+Major.
+Ja freylich bist Du schuld daran, oder was ist sonst
+schuld daran? Ich kann's, zerschlag mich der Donner!
+nicht begreifen. Ich dacht immer, ihr eine der ersten
+Parthien im Reich auszumachen; denn sie hat auf der
+ganzen Welt an Schönheit nicht ihres gleichen gehabt
+und nun sieht sie aus wie eine Kühmagd--Ja freilich
+bist Du schuld daran mit Deiner Strenge und Deinen
+Grausamkeiten und Deinem Neid, das hat sie sich zu
+Gemüth gezogen und das ist ihr nun zum Gesicht
+herausgeschlagen, aber das ist Deine Freude, gnädige
+Frau, denn Du bist lang schalu über sie gewesen. Das
+kannst Du doch nicht leugnen? Solltst Dich in Dein
+Herz schämen, wahrhaftig! (geht ab)
+
+Majorin.
+Aber ... aber was sagen Sie dazu, Herr Graf! Haben
+Sie in Ihrem Leben eine ärgere Kollektion von Sottisen
+gesehen?
+
+Graf.
+Kommen Sie; wir wollen Piquet spielen, bis Fräulein
+Gustchen angezogen ist..
+
+
+Siebente Scene.
+
+In Halle.
+Fritz von Berg. (im Gefängniß) Bollwerk.
+von Seiffenblase und sein Hofmeister. (stehn um ihn)
+
+
+Bollwerk.
+Wenn ich doch den Jungen hier hätte, daß Fell zög'
+ich ihm über die Ohren. Es ist mit alledem doch
+infam gehandelt, einen ehrlichen Jungen, wie Berg,
+ins Karcer zu bringen; da sich keiner sein hat
+annehmen wollen. Denn das ist ja wahr, kein einziger
+Landsmann hat den Fuß vor die Thür seinethalben
+gesetzt. Wenn Berg nicht gut für ihn gesagt hätte,
+wär' er im Gefängniß verfault. Und in vierzehn Tagen
+soll das Geld hier seyn und wo er den Berg in
+Verlegenheit läßt, soll man ihn für einen ausgemachten
+Schurken halten. O du verdammter Pä Pä Pä Pä Pätus!
+Wart Du verhenkerter Pätus, wart einmal!--
+
+Hofmeister.
+Ich kann Ihnen nicht genug beschreiben, lieber Herr
+von Berg, wie leyd es mir besonders um Ihres Herrn
+Vaters und der Familie willen thut, Sie in einem
+solchen Zustande zu sehen und noch dazu ohne Ihre
+Schuld, aus blosser jugendlicher Unbesonnenheit.
+Es hat schon einer von den sieben Weisen
+Griechenlandes gesagt, für Bürgschaften sollst du
+dich in Acht nehmen und in der That es ist nichts
+unverschämter, als daß ein junger Durchbringer, der
+sich durch seine lüderliche Wirthschaft ins Elend
+gestürzt hat, auch andere mit hineinziehen will,
+denn vermuthlich hat er das gleich anfangs im Sinne
+gehabt, als er auf der Akademie Ihre Freundschaft
+suchte.
+
+Herr von Seiffenblase.
+Jaja, lieber Bruder Berg! nimm mir nicht übel, da
+hast Du einen großen Bock gemacht. Du bist selbst
+schuld daran; dem Kerl hättst Du's doch gleich
+ansehen können, daß er Dich betrügen würde. Er ist
+bey mir auch gewesen und hat mich angesprochen: er
+wär' aufs äusserste getrieben, seine Kreditores
+wollten ihn wegstecken lassen, wo ihn nicht Sonn
+noch Mond beschiene. Laß sie dich, dachte ich, es
+schadt dir nichts. Das ist dafür, daß Du uns sonst
+kaum über die Achsel ansahst, aber wenn ihr in Noth
+seyd, da sind die Adelichen zu Kaventen gut genug.
+Er erzehlte mir Langes und Breites; er hätte seine
+Pistolen schon geladen, im Fall die Kreditores ihn
+angriffen--Und nun läßt der lüderliche Hund Dich an
+seiner Stelle prostituiren. Das ist wahr, wenn mir
+das geschehen wäre: ich könnte so ruhig nicht dabey
+seyn: zwischen vier Mauren der Herr von Berg und das
+um eines lüderlichen Studenten willen.
+
+Fritz.
+Er war mein Schulkamerad--Laßt ihn zufrieden. Wenn
+ich mich nicht über ihn beklage, was geht's Euch an?
+Ich kenn' ihn länger als Ihr; ich weiß, daß er mich
+nicht mit seinem guten Willen hier sitzen läßt.
+
+Hofmeister.
+Aber, Herr von Berg, wir müssen in der Welt mit
+Vernunft handeln. Sein Schade ist es gewiß nicht,
+daß Sie hier für ihn sitzen und seinethalben können
+Sie noch ein Sekulum so sitzen bleiben--
+
+Fritz.
+Ich hab' ihn von Jugend auf gekannt: wir haben uns
+noch niemals was abgeschlagen. Er hat mich wie seinen
+Bruder geliebt, ich ihn wie meinen. Als er nach Halle
+reißte, weint' er zum erstenmal in seinem Leben, weil
+er nicht mit mir reisen konnte. Ein ganzes Jahr früher
+hätt' er schon auf die Akademie gehn können, aber um
+mit mir zusammen zu reisen, stellt' er sich gegen
+die Präceptores dummer als er war, und doch wollt es
+das Schicksal und unsre Väter so, daß wir nicht
+zusammen reißten und das war sein Unglück. Er hat nie
+gewußt mit Geld umzugehen und gab jedem was er
+verlangte. Hätt' ihm ein Bettler das letzte Hemd vom
+Leibe gezogen und dabey gesagt: mit Ihrer Erlaubnis,
+lieber Herr Pätus, er hätt's ihm gelassen. Seine
+Kreditores giengen mit ihm um wie Strasenräuber und
+sein Vater verdiente nie, einen verlornen Sohn zu
+haben, der bey all seinem Elend ein so gutes Herz
+nach Hause brachte.
+
+Hofmeister.
+O verzeyhn Sie mir, Sie sind jung und sehen alles noch
+aus dem vortheilhaftesten Gesichtspunkt an: man muß
+erst eine Weile unter den Menschen gelebt haben um
+Charaktere beurtheilen zu können. Der Herr Pätus, oder
+wie er da heißt, hat sich Ihnen bisher immer nur unter
+der Maske gezeigt; jetzt kommt sein wahres Gesicht
+erst ans Tageslicht: er muß einer der feinsten und
+abgefeimtesten Betrüger gewesen seyn, denn die
+treuherzigen Spitzbuben...
+
+Pätus. (in Reisekleidern fällt Berg um den Hals)
+Bruder Berg--
+
+Fritz v. Berg.
+Bruder Pätus--
+
+Pätus.
+Nein--laß--zu Deinen Füßen muß ich liegen--Dich
+hier--um meinetwillen. (rauft sich das Haar mit
+beyden Händen und stampft mit den Füßen) O Schicksal!
+Schicksal! Schicksal!
+
+Fritz.
+Nun wie ists? Hast Du Geld mitgebracht? Ist Dein
+Vater versöhnt? Was bedeutet Dein Zurückkommen?
+
+Pätus.
+Nichts, nichts--Er hat mich nicht vor sich gelassen--
+Hundert Meilen umsonst gereißt!--Ihr Diener, Ihr
+Herren. Bollwerk wein' nicht, Du erniedrigst mich zu
+tief, wenn Du gut für mich denkst--O Himmel, Himmel!
+
+Fritz.
+So bist Du der ärgste Narr, der auf dem Erdboden
+wandelt. Warum kommst Du zurück? Bist Du wahnwitzig?
+Haben alle Deine Sinne Dich verlassen? Willst Du, daß
+die Kreditores Dich gewahr werden--Fort! Bollwerk,
+führ ihn fort; sieh daß Du ihn sicher aus der Stadt
+bringst--Ich höre den Pedell--Pätus, ewig mein Feind,
+wo Du nicht im Augenblick--
+
+Pätus. (wirft sich ihm zu Füßen)
+
+Fritz.
+Ich möchte rasend werden.--
+
+Bollwerk.
+So sey doch nun kein Narr, da Berg so großmüthig ist
+und für Dich sitzen bleiben will; sein Vater wird ihn
+schon auslösen: aber wenn Du einmal sitzest, so ist
+keine Hofnung mehr für Dich; Du must im Gefängniß
+verfaulen.
+
+Pätus.
+Gebt mir einen Degen her ...
+
+Fritz.
+Fort!--
+
+Bollwerk.
+Fort!--
+
+Pätus.
+Ihr thut mir eine Barmherzigkeit, wenn ihr mir einen
+Degen--
+
+Seiffenblase.
+Da haben Sie meinen...
+
+Bollwerk. (greift ihn in den Arm)
+Herr--Schurke! Lassen Sie--Stecken Sie nicht ein!
+Sie sollen nicht umsonst gezogen haben. Erst will ich
+meinen Freund in Sicherheit und dann erwarten Sie mich
+hier--Draußen, wohl zu verstehen; also vor der Hand
+zur Thür hinaus! (wirft ihn zur Thür hinaus)
+
+Hofmeister.
+Mein Herr Bollwerk--
+
+Bollwerk.
+Kein Wort, Sie--gehen Sie Ihrem Jungen nach und lehren
+Sie ihn, kein schlechter Kerl seyn--Sie können mich
+haben wo und wie Sie wollen. (der Hofmeister geht ab)
+
+Pätus.
+Bollwerk! ich will Dein Sekundant seyn.
+
+Bollwerk.
+Narr auch! Du thust als--Willst Du mir den Handschuh
+vielleicht halten, wenn ich vorher eins übern Daumen
+pisse?--Was brauchts da Sekundanten. Komm nur fort
+und sekundire Dich zur Stadt hinaus, Hasenfuß.
+
+Pätus.
+Aber ihrer sind zwey.
+
+Bollwerk.
+Ich wünschte, daß ihrer zehn wären und keine
+Seiffenblasen drunter--So komm doch, und mach Dich
+nicht selbst unglücklich, närrischer Kerl.
+
+Pätus.
+Berg!--(Bollwerk reißt ihn mit sich fort)
+
+
+
+Dritter Akt.
+
+
+Erste Scene.
+
+In Heidelbrunn.
+
+Der Major. (im Nachtwämmschen) Der geheime Rath.
+
+
+Major.
+Bruder, ich bin der alte nicht mehr. Mein Herz sieht
+zehnmal toller aus als mein Gesicht--Es ist sehr gut,
+daß Du mich besuchst; wer weiß, ob wir uns so lang mehr
+sehen.
+
+Geh. Rath.
+Du bist immer ausschweifend, in allen Stücken--Dir
+ein Nichts so zu Herzen gehen zu lassen!--Wenn Deiner
+Tochter die Schönheit abgeht, so bleibt sie doch immer
+noch das gute Mädchen, das sie war; so kann sie hundert
+andre liebenswürdige Eigenschaften besitzen.
+
+Major.
+Ihre Schönheit--Hol mich der Teufel, es ist nicht
+das allein, was ihr abgeht; ich weiß nicht, ich werde
+noch den Verstand verlieren, wenn ich das Mädchen
+lang unter Augen behalte. Ihre Gesundheit ist hin,
+ihre Munterkeit, ihre Lieblichkeit, weiß der Teufel,
+wie man das Dings all nennen soll; aber obschon ichs
+nicht nennen kann, so kann ichs doch sehen, so kann
+ichs doch fühlen und begreifen, und Du weist, daß ich
+aus dem Mädchen meinen Abgott gemacht habe. Und daß
+ich sie so sehn muß unter meinen Händen hinsterben,
+verwesen.--(weint) Bruder geheimer Rath, Du hast keine
+Tochter; Du weißt nicht, wie einem Vater zu Muth seyn
+muß, der eine Tochter hat. Ich hab dreyzehn Bataillen
+beygewohnt und achtzehn Blessuren bekommen, und hab
+den Tod vor Augen gesehen und bin--O laß mich
+zufrieden; pack Dich zu meinem Haus hinaus; laß die
+ganze Welt sich fortpacken. Ich will es anstecken
+und die Schaufel in die Hand nehmen und Bauer werden.
+
+Geh. Rath.
+Und Frau und Kinder--
+
+Major.
+Du beliebst zu scherzen: ich weiß von keiner Frau und
+Kindern, ich bin Major Berg gottseligen Andenkens und
+will den Pflug in die Hand nehmen und will Vater Berg
+werden, und wer mir zu nahe kommt, dem geb ich mit
+meiner Hack' über die Ohren.
+
+Geh. Rath.
+So schwermerisch-schwermüthig hab ich ihn doch nie
+gesehen.
+
+(Die Majorin stützt herein.)
+
+Majorin.
+Zu Hülfe Mann--Wir sind verloren--Unsere Familie!
+unsere Familie!
+
+Geh. Rath.
+Gott behüt Frau Schwester! Was stehen Sie an: Wollen
+Sie Ihren Mann rasend machen?
+
+Majorin.
+Er soll rasend werden--Unsere Familie--Infamie!--
+O ich kann nicht mehr--(fällt auf einen Stuhl)
+
+Major. (geht auf sie zu)
+Willst Du mit der Sprach' heraus?--Oder ich dreh Dir
+den Hals um.
+
+Majorin.
+Deine Dochter--Der Hofmeister.--Lauf! (fällt in Ohnmacht)
+
+Major.
+Hat er sie zur Hure gemacht? (schüttelt sie) Was fällst
+Du da hin; jetzt ists nicht Zeit zum hinfallen. Heraus
+mit, oder das Wetter soll Dich zerschlagen. Zur Hure
+gemacht? Ists das?--Nun so werd' denn die ganze Welt
+zur Hure und Du Berg nimm die Mistgabel in die Hand--
+(will gehen)
+
+Geh. Rath. (hält ihn zurück)
+Bruder, wenn Du Dein Leben lieb hast, so bleib hier--
+Ich will alles untersuchen--Deine Wut macht Dich
+unmündig. (geht ab und schließt die Thür zu)
+
+Major. (arbeitet vergebens sie aufzumachen)
+Ich werd Dich beunmündig--(zu seiner Frau) Komm, komm,
+Hure, Du auch! sieh zu. (reißt die Thür auf) Ich will
+ein Exempel statuiren--Gott hat mich bis hieher
+erhalten, damit ich an Weib und Kindern Exempel
+statuiren kann--Verbrannt, verbrannt, verbrannt!
+(schleppt seine Frau ohnmächtig vom Theater)
+
+
+Zweyte Scene.
+
+Eine Schule im Dorf
+Es ist finstrer Abend.
+Wenzeslaus. Läuffer.
+
+
+Wenzeslaus. (sitzt an einem Tisch, die Brill auf der
+Nase und lineirt)
+Wer da? Was giebts?
+
+Läuffer.
+Schutz! Schutz! werther Herr Schulmeister! Man steht
+mir nach dem Leben.
+
+Wenzeslaus.
+Wer ist Er denn?
+
+Läuffer.
+Ich bin Hofmeister im benachbarten Schloß. Der Major
+Berg ist mit all seinen Bedienten hinter mir und wollen
+mich erschießen.
+
+Wenzeslaus.
+Behüte--Setz' Er Sich hier nieder zu mir--Hier hat
+Er meine Hand: Er soll sicher bey mir seyn--Und nun
+erzehl Er mir, derweil ich diese Vorschrift hier
+schreibe.
+
+Läuffer.
+Lassen Sie mich erst zu mir selber kommen.
+
+Wenzeslaus.
+Gut, verschnauf' Er Sich und hernach will ich Ihm ein
+Glas Wein geben lassen und wollen eins zusammen trinken.
+Unterdessen, sag er mich doch--Hofmeister--(legt das
+Lineal weg, nimmt die Brille ab und sieht ihn eine
+Weile an) Nun ja, nach dem Rock zu urtheilen.--Nun
+nun, ich glaubs Ihm, daß Er der Hofmeister ist. Er
+sieht ja so roth und weiß drein. Nun sag Er mir aber
+doch, mein lieber Freund, (setzt die Brille wieder auf)
+wie ist Er denn zu dem Unstern gekommen, daß Sein Herr
+Patron so entrüstet auf Ihn ist? Ich kann mirs doch
+nimmermehr einbilden, daß ein Mann, wie der Herr Major
+von Berg--Ich kenne ihn wohl; ich habe genug von ihm
+reden hören; er soll freilich von einem hastigen
+Temperament seyn; viel Cholera, viel Cholera--Sehen
+Sie, da muß ich meinen Buben selber die Linien ziehen,
+denn nichts lernen die Bursche so schwer als das
+Gradeschreiben, das Gleichschreiben--Nicht zierlich
+geschrieben; nicht geschwind geschrieben; sag' ich
+immer, aber nur grad geschrieben, denn das hat seinen
+Einfluß in alles, auf die Sitten, auf die Wissenschaften,
+in alles, lieber Herr Hofmeister. Ein Mensch, der nicht
+grad schreiben kann, sag' ich immer, der kann auch nicht
+grad handeln--Wo waren wir?
+
+Läuffer.
+Dürft' ich mir ein Glas Wasser ausbitten?
+
+Wenzeslaus.
+Wasser?--Sie sollen haben. Aber--ja wovon redten wir?
+Vom Gradschreiben; nein vom Major--he he he--Aber
+wissen Sie auch Herr--Wie ist Ihr Name?
+
+Läuffer.
+Mein--Ich heiße--Mandel.
+
+Wenzeslaus.
+Herr Mandel--Und darauf mußten Sie Sich noch besinnen?
+Nun ja, man hat bisweilen Abwesenheiten des Geistes;
+besonders die jungen Herren weiß und roth--Sie heißen
+unrecht Mandel; Sie sollten Mandelblüthe heißen, denn
+Sie sind ja weiß und roth wie Mandelblüthe--Nun ja
+freilich, der Hofmeisterstand ist einer von denen,
+unus ex his, die alleweile mit Rosen und Lilien
+überstreut sind, und wo einen die Dornen des Lebens
+nur gar selten stechen. Denn was hat man zu thun? Man
+ißt, trinkt, schläft, hat für nichts zu sorgen; sein
+gut Glas Wein gewiß, seinen Braten täglich, alle
+Morgen seinen Kaffee, Thee, Schokolade, oder was man
+trinkt und das geht denn immer so fort--Nun ja, ich
+wollt Ihnen sagen: wissen Sie auch, Herr Mandel, daß
+ein Glas Wasser der Gesundheit eben so schädlich auf
+eine heftige Gemüthsbewegung als auf eine heftige
+Leibesbewegung; aber freylich, was fragt Ihr jungen
+Herren Hofmeister nach der Gesundheit--Denn sagt mir
+doch, (legt Brille und Lineal weg und steht auf) wo
+in aller Welt kann das der Gesundheit gut thun, wenn
+alle Nerven und Adern gespannt sind und das Blut ist
+in der heftigsten Cirkulation und die Lebensgeister
+sind alle in einer--Hitze, in einer--
+
+Läuffer.
+Um Gotteswillen der Graf Wermuth--(springt in eine
+Kammer)
+
+(Graf Wermuth mit ein Paar Bedienten, die Pistolen
+tragen)
+
+Graf.
+Ist hier ein gewisser Läuffer--Ein Student im blauen
+Rock mit Tressen?
+
+Wenzeslaus.
+Herr, in unserm Dorf ists die Mode, daß man den Hut
+abzieht, wenn man in die Stube tritt und mit dem Herrn
+vom Hause spricht.
+
+Graf.
+Die Sache pressirt--Sagt mir, ist er hier oder nicht?
+
+Wenzeslaus.
+Und was soll er denn verbrochen haben, daß Ihr ihn so
+mit gewafneter Hand sucht?(Graf will in die Kammer, er
+stellt sich vor die Thür) Halt Herr! Die Kammer ist
+mein, und wo Ihr nicht augenblicklich Euch aus meinem
+Hause packt, so zieh ich nur an meiner Schelle und
+ein halb Dutzend handfester Bauerkerle schlägt Euch
+zu morsch Pulver-Granatenstücken. Seyd Ihr Strassenräuber,
+so muß man Euch als Strassenräubern begegnen. Und damit
+Ihr Euch nicht verirrt und den Weg zum Haus' hinaus so
+gut findt als Ihr ihn hinein gefunden habt--(faßt ihn
+an die Hand und führt ihn zur Thür hinaus: die Bedienten
+folgen ihm)
+
+Läuffer. (springt aus der Kammer hervor)
+Glücklicher Mann! Beneidenswerther Mann!
+
+Wenzeslaus. (in der obigen Attitude)
+In--Die Lebensgeister sagt' ich, sind in einer--
+Begeisterung, alle Passionen sind gleichsam in einer
+Empörung, in einem Aufruhr--Nun wenn Ihr da Wasser
+trinkt, so gehts, wie wenn man in eine mächtige Flamme
+Wasser schüttet. Die starke Bewegung der Luft und der
+Krieg zwischen den beyden entgegengesetzten Elementen
+macht eine Effervescenz, eine Gährung, eine Unruhe,
+ein tumultuarisches Wesen.--
+
+Läuffer.
+Ich bewundere Sie...
+
+Wenzeslaus.
+Gottlieb!--Jetzt können Sie schon allgemach trinken--
+Allgemach--und denn werden Sie auf den Abend mit einem
+Sallat und Knackwurst vorlieb nehmen--Was war das für
+ein ungeschliffener Kerl, der nach Ihnen suchte?
+
+Läuffer.
+Es ist der Graf Wermuth, der künftige Schwiegersohn des
+Majors; er ist eifersüchtig auf mich, weil das Fräulein
+ihn nicht leiden kann--
+
+Wenzeslaus.
+Aber was soll denn das auch? Was will das Mädchen denn
+auch mit ihm Monsieur Jungfernknecht? Sich ihr Glück zu
+verderben, um eines solchen jungen Siegfrieds willen,
+der nirgends Haus oder Heerd hat? Das laß Er sich aus
+dem Kopf und folg' Er mir nach in die Küche. Ich seh,
+mein Bube ist fortgangen, mir Bratwürste zu holen. Ich
+will ihm selber Wasser schöpfen, denn Magd hab' ich
+nicht und an eine Frau hab' ich mich noch nicht
+unterstanden zu denken, weil ich weiß, daß ich keine
+ernähren kann--geschweige denn eine drauf angesehen,
+wie Ihr junge Herren Weiß und Roth--Aber man sagt wohl
+mit Recht, die Welt verändert sich.
+
+
+Dritte Scene.
+
+In Heidelbrunn.
+Der Geheime Rath. Herr von Seiffenblase, und sein
+Hofmeister.
+
+
+Hofmeister.
+Wir haben uns in Halle nur ein Jahr aufgehalten und
+als wir von Göttingen kamen, nahmen wir unsere Rückreise
+über alle berühmte Universitäten in Deutschland. Wir
+konnten also in Halle das zweytemal nicht lange
+verweilen; zudem saß Ihr Herr Sohn grade zu der Zeit
+in dem unglücklichen Arrest, wo ich ihn nur einigemal
+zu sprechen die Ehre haben konnte: also könnt ich Ihnen
+aufrichtig von der Führung Dero Herrn Sohns draussen
+keine umständliche Nachricht geben.
+
+Geh. Rath.
+Der Himmel verhängt Strafen über unsre ganze Familie.
+Mein Bruder--Ich wills Ihnen nur nicht verheelen,
+denn leider ist Stadt und Land voll davon--hat das
+Unglück gehabt, daß seine Tochter ihm verschwunden ist,
+ohne daß eine Spur von ihr anzutreffen--Ich höre itzt
+von meinem Sohn--Wenn er sich gut geführt hätte, wie
+wärs möglich gewesen, ihn ins Gefängniß zu bringen?
+Ich hab ihm ausser seinem starken Wechsel noch alle
+halbe Jahr außerordentliche geschickt; auf allen Fall--
+
+Hofmeister.
+Die bösen Gesellschaften; die erstaunenden Verführungen
+auf Akademien.
+
+Seiffenblase.
+Das seltsamste dabey ist, daß er für einen andern sitzt;
+ein Ausbund aller Lüderlichkeit, ein Mensch, für den
+ich keinen Groschen ausgäbe und er auf meinem Misthaufen
+Hungers krepirte. Er ist hier gewesen, Sie werden von
+ihm gehört haben; er suchte Geld bey seinem Vater,
+unter dem Vorwand, Ihren Herrn Sohn auszulösen;
+vermuthlich wär' er damit auf eine andere Akademie
+gegangen und hätte von frischem angefangen zu
+wirthschaften. Ich weiß schon, wie's die lüderlichen
+Studenten machen, aber sein Vater hat den Braten gerochen
+und hat ihn nicht vor sich kommen lassen.
+
+Geh. Rath.
+Doch wohl nicht der junge Pätus, des Rathsherrn Sohn?
+
+Seiffenblase.
+Ich glaub', es ist derselbe.
+
+Geh. Rath.
+Jedermann hat dem Vater die Härte verdacht.
+
+Hofmeister.
+Ja was ist da zu verdenken, mein gnädiger Herr geheimer
+Rath; wenn ein Sohn die Güte des Vaters zu sehr
+misbraucht, so muß sich das Vaterherz wohl ab von ihm
+wenden. Der Hohepriester Eli war nicht hart und brach
+den Hals.
+
+Geh. Rath.
+Gegen die Ausschweifungen seiner Kinder kann man nie
+zu hart seyn, aber wol gegen ihr Elend. Der junge Mensch
+soll hier haben betteln müssen. Und mein Sohn sitzt um
+seinetwillen?
+
+Seiffenblase.
+Was anders? Er war sein vertrautester Freund und fand
+niemand würdiger, mit ihm die Komödie von DAMON und
+PYTHIAS zu spielen. Noch mehr, Herr Pätus kam zurück
+und wollte seinen Platz wieder einnehmen, aber Ihr
+Sohn bestund drauf, er wollte sitzen bleiben: Sie
+würden ihn schon auslösen, und Pätus mit einem andern
+Erzrenomisten und Spieler wollten die Flucht nehmen
+und sich zu helfen suchen, so gut sie könnten.
+Vielleicht überfallen sie wieder so irgend einen
+armen Studenten mit Masken vor den Gesichtern auf der
+Stube und nehmen ihm die Uhr und Goldbörse, mit der
+Pistol auf der Brust, weg, wie sie's in Halle schon
+einem gemacht haben.
+
+Geh. Rath.
+Und mein Sohn ist der dritte aus diesem Kleeblatt?
+
+Seiffenblase.
+Ich weiß nicht, Herr geheimer Rath.
+
+Geh. Rath.
+Kommen Sie zum Essen, meine Herren! Ich weiß schon
+zuviel. Es ist ein Gericht Gottes über gewisse Familien;
+bey einigen sind gewisse Krankheiten erblich, bey
+andern arten die Kinder aus, die Väter mögen thun was
+sie wollen. Essen Sie: ich will fasten und bethen,
+vielleicht hab' ich diesen Abend durch die
+Ausschweifungen meiner Jugend verdient.
+
+
+Vierte Scene.
+
+Die Schule.
+Wenzeslaus und Läuffer.
+(an einem ungedeckten Tisch speisend)
+
+
+Wenzeslaus.
+Schmeckts? Nicht wahr, es ist ein Abstand von meinem
+Tisch und des Majors? Aber wenn der Schulmeister
+Wenzeslaus seine Wurst ißt, so hilft ihm das gute
+Gewissen verdauen, und wenn der Herr Mandel
+Kapaunenbraten mit der Schampignonsauce aß, so stieß
+ihm sein Gewissen jeden Bissen, den er hinabschluckte,
+mit der Moral wieder in Hals zurück: Du bist ein--
+Denn sagt mir einmal, lieber Herr Mandel; nehmt mir
+nicht übel, daß ich Euch die Wahrheit sage; das würzt
+das Gespräch wie Pfeffer den Gurkensallat; sagt mir
+einmal, ist das nicht hundsvöttisch, wenn ich davon
+überzeugt bin, daß ich ein Ignorant bin, und meine
+Untergebenen nichts lehren kann, und also müßig bey
+ihnen gehe und sie müßig gehen lasse, und dem lieben
+Gott ihren Tag stehlen und doch hundert Dukaten--
+Wars nicht soviel? Gott verzeyh mir, ich hab in meinem
+Leben nicht so viel Geld auf einem Haufen beisammen
+gesehen! Hundert funfzig Dukaten, sag' ich, in Sack
+stecke, für nichts und wieder nichts!
+
+Läuffer.
+O! und Sie haben noch nicht alles gesagt, Sie kennen
+Ihren Vorzug nicht ganz, oder fühlen ihn, ohn' ihn zu
+kennen. Haben Sie nie einen Sklaven im betreßten Rock
+gesehen? O Freyheit, güldene Freyheit!
+
+Wenzeslaus.
+Ey was Freyheit! Ich bin auch so frey nicht; ich bin
+an meine Schule gebunden, und muß Gott und meinem
+Gewissen Rechenschaft von geben.
+
+Läuffer.
+Eben das--Aber wie, wenn Sie den Grillen eines
+wunderlichen Kopfs davon Rechenschaft ablegen müsten,
+der mit Ihnen umgienge hundertmal ärger als Sie mit
+Ihren Schulknaben?
+
+Wenzeslaus.
+Ja nun--dann müst' er aber auch an Verstand so weit
+über mich erhaben seyn, wie ich über meine Schulknaben,
+und das trift man selten, glaub ich wol; besonders
+bey unsern Edelleuten; da mögt Ihr wohl recht haben:
+wenigstens der Flegel da, der mir vorhin in meine
+Kammer wollte, ohne mich vorher um Erlaubniß zu bitten.
+Wenn ich zum Herrn Grafen käme und wollt ihm, mir
+nichts, dir nichts, die Zimmer visitiren--Aber potz
+Millius, so eßt doch; Ihr macht ja ein Gesicht, als
+ob Ihr zu Taxieren einnähmt. Nicht wahr, Ihr hättet
+gern ein Glas Wein dazu? Ich hab Euch zwar vorhin eins
+versprochen, aber ich habe keinen im Hause. Morgen
+werd' ich wieder bekommen, und da trinken wir Sonntags
+und Donnerstags, und wenn der Organist Franz zu uns
+kommt, extra. Wasser, Wasser, mein Freund, ariston men
+to udwr, das hab ich noch von der Schule mitgebracht,
+und da eine Pfeife dazu geraucht nach dem Essen im
+Mondenschein und einen Gang ums Feld gemacht; da läßt
+sich drauf schlafen, vergnügter als der große Mogul--
+Ihr raucht doch eins mit heut?
+
+Läuffer.
+Ich wills versuchen; ich hab' in meinem Leben nicht
+geraucht.
+
+Wenzeslaus.
+Ja freylich, Ihr Herren Weiß und Roth, das verderbt
+Euch die Zähne. Nicht wahr? und verderbt Euch die
+Farbe; nicht wahr? Ich habe geraucht, als ich kaum
+von meiner Mutter Brust entwöhnt war; die Warze mit
+dem Pfeifenmundstück verwechselt. He he he! Das ist
+gut wider die böse Luft und wider die bösen Begierden
+ebenfalls. Das ist so meine Diät: des Morgens kalt
+Wasser und eine Pfeife, dann Schul gehalten bis Eilfe,
+dann wieder eine Pfeife bis die Suppe fertig ist: die
+kocht mir mein Gottlieb so gut als Eure französische
+Köche, und da ein Stück Gebratenes und Zugemüse und
+dann wieder eine Pfeife, dann wieder Schul gehalten,
+dann Vorschriften geschrieben bis zum Abendessen; da
+eß' ich denn gemeiniglich kalt etwas, eine Wurst mit
+Sallat, ein Stück Käs oder was der liebe Gott gegeben
+hat und dann wieder eine Pfeife vor Schlafengehen.
+
+Läuffer.
+Gott behüte, ich bin in eine Tabagie gekommen--
+
+Wenzeslaus.
+Und da werd' ich dick und fett bey und lebe vergnügt
+und denke noch ans Sterben nicht.
+
+Läuffer.
+Es ist aber doch unverantwortlich, daß die Obrigkeit
+nicht dafür sorgt, Ihnen das Leben angenehmer zu machen.
+
+Wenzeslaus.
+Ey was, es ist nun einmal so; und damit muß man zufrieden
+seyn: bin ich doch auch mein eignet Herr und hat kein
+Mensch mich zu schikanieren, da ich alle Tage weiß,
+daß ich mehr thu' als ich soll. Ich soll meinen Buben
+lesen und schreiben lehren; ich lehre sie rechnen dazu
+und lateinisch dazu und mit Vernunft lesen dazu und
+gute Sachen schreiben dazu.
+
+Läuffer.
+Und was für Lohn haben Sie dafür?
+
+Wenzeslaus.
+Was für Lohn?--Will Er denn das kleine Stückchen Wurst
+da nicht aufessen? Er kriegt nichts bessers; wart' Er
+auf nichts bessers, oder Er muß das erstemal Seines
+Lebens hungrig zu Bette gehn--Was für Lohn? Das war
+dumm gefragt, Herr Mandel. Verzeyh Er mir; was für
+Lohn? Gottes Lohn hab ich dafür, ein gutes Gewissen
+und wenn ich da vielen Lohn von der Obrigkeit begehren
+wollte, so hätt' ich ja meinen Lohn dahin. Will Er
+denn den Gurkensallat durchaus verderben lassen? So
+eß Er doch; so sey Er doch nicht blöde: bey einer
+schmalen Mahlzeit muß man zum Kuckuck nicht blöde seyn.
+Wart Er, ich will Ihm noch ein Stück Brod abschneiden.
+
+Läuffer.
+Ich bin satt überhörig.
+
+Wenzeslaus.
+Nun so laß Ers stehen; aber es ist seine eigne Schuld
+wenn's nicht wahr ist. Und wenn es wahr ist, so hat Er
+unrecht, daß Er Sich überhörig satt ißt, denn das macht
+böse Begierden und schläfert den Geist ein. Ihr Herren
+Weiß und Roth mögts glauben oder nicht. Man sagt zwar
+auch vom Toback, daß er ein narkotisches,
+schläfrigmachendes, dummmachendes Oel habe und ich
+hab's bisweilen auch wol so wahrgefunden und bin
+versucht worden, Pfeife und allen Henker ins Kamin
+zu werfen, aber unsere Nebel hier herum beständig und
+die feuchte Winter- und Herbstluft alleweile und denn
+die vortrefliche Wirkung, die ich davon verspüre, daß
+es zugleich die bösen Begierden mit einschläfert--
+Holla, wo seyd Ihr denn, lieber Mann? Eben da ich vom
+Einschläfern rede, nickt Ihr schon; so gehts, wenn
+der Kopf leer ist und faul dabey und niemals ist
+angestrengt worden. Allons! frisch, eine Pfeife mit
+mir geraucht! (stopft sich und ihm) Laßt uns noch
+eins mit einander plaudern. (raucht) Ich hab Euch
+schon vorhin in der Küche sagen wollen: ich sehe,
+daß Ihr schwach in der Latinität seyd, aber da Ihr
+doch eine gute Hand schreibt, wie Ihr sagt, so könntet
+Ihr mir doch so Abends an die Hand gehen, weil ich
+meiner Augen muß anfangen zu schonen, und meinen
+Buben die Vorschriften schreiben. Ich will Euch
+dabey Corderii Colloquia geben und Gürtleri Lexicon;
+wenn Ihr fleißig seyn wollt. Ihr habt ja den ganzen
+Tag für Euch, so könnt Ihr Euch in der lateinischen
+Sprache was umthun, und wer weiß wenn es Gott gefällt
+mich heute oder morgen von der Welt zu nehmen--Aber
+Ihr müßt fleißig seyn, das sag' ich Euch, denn so
+seyd Ihr ja noch kaum zum Kollaborator tüchtig,
+geschweige denn--(trinkt)
+
+Läuffer. (legt die Pfeife weg)
+Welche Demüthigung!
+
+Wenzeslaus.
+Aber ... aber ... aber (reißt ihm den Zahnstocher aus
+dem Munde) was ist denn das da? Habt Ihr denn noch nicht
+einmal so viel gelernt, großer Mensch, daß Ihr für Euren
+eignen Körper Sorge tragen könnt. Das Zähnestochern ist
+ein Selbstmord; ja ein Selbstmord, eine muthwillige
+Zerstöhrung Jerusalems, die man mit seinen Zähnen
+vornimmt. Da, wenn Euch was im Zahn sitzen bleibt:
+(nimmt Wasser und schwängt den Mund aus) So müßt Ihrs
+machen, wenn Ihr gesunde Zähne behalten wollt, Gott
+und eurem Nebenmenschen zu Ehren, und nicht einmal im
+Alter herumlaufen, wie ein alter Kettenhund, dem die
+Zähne in der Jugend ausgebrochen worden, und der die
+Kinnbacken nicht zusammenhalten kann. Das wird einen
+schönen Schulmeister abgeben, wills Gott, wenn ihm
+aufs Alter die Worte ungebohren zum Munde herausfallen
+und er zwischen Nase und Oberlippen da was
+herausschnarcht, das kein Hund oder Hahn versteht.
+
+Läuffer.
+Der wird mich noch zu Tode meistern--Das unerträglichste
+ist, daß er Recht hat--
+
+Wenzeslaus.
+Nun wie gehts? Schmeckt Euch der Toback nicht? Ich
+wette, nur ein paar Tage noch mit dem alten Wenzeslaus
+zusammen, so werdt Ihr rauchen wie ein Bootsknecht.
+Ich will Euch nach meiner Hand ziehen, daß Ihr Euch
+selber nicht mehr wieder kennen sollt.
+
+
+
+Vierter Akt.
+
+
+Erste Scene.
+
+Zu Insterburg.
+
+Geheimer Rath. Major.
+
+
+Major.
+Hier Bruder--Ich schweife wie Kain herum, unstät und
+flüchtig--Weißt Du was? Die Russen sollen Krieg mit
+den Türken haben; ich will nach Königsberg gehn, um
+nähere Nachrichten einzuziehen: ich will mein Weib
+verlassen und in der Türkey sterben.
+
+Geh. Rath.
+Deine Ausschweifungen schlagen mich vollends zu Boden.--
+O Himmel, muß es denn von allen Seiten stürmen?--Da liß
+den Brief vom Professor M–r.
+
+Major.
+Ich kann nicht mehr lesen; ich hab meine Augen fast
+blind geweint.
+
+Geh. Rath.
+So will ich dir vorlesen, damit Du siehst, daß Du nicht
+der einzige Vater seyst, der sich zu beklagen hat: "Ihr
+Sohn ist vor einiger Zeit wegen Bürgschaft gefänglich
+eingezogen worden: er hat, wie er mir vorgestern mit
+Thränen gestanden, nach fünf vergeblich geschriebenen
+Briefen keine Hofnung mehr, von Eurer Excellenz
+Verzeihung zu erhalten. Ich redte ihm zu, sich zu
+beruhigen, bis ich gleichfalls in dieser Sache mich
+vermittelt hätte: er versprach es mir, ist aber
+ungeachtet dieses Versprechens noch in derselben Nacht
+heimlich aus dem Gefängniß entwischt. Die Schuldner
+haben ihm Steckbriefe nachsenden und seinen Namen in
+allen Zeitungen bekannt machen wollen; ich habe sie
+aber dran verhindert und für die Summe gutgesagt, weil
+ich viel zu sehr überzeugt bin, daß Eure Excellenz
+diesen Schimpf nicht werden auf Dero Familie kommen
+lassen. Uebrigens habe die Ehre, in Erwartung Dero
+Entschlusses mich mit vollkommenster" ...
+
+Major.
+Schreib ihm zurück: sie sollen ihn hängen.
+
+Geh. Rath.
+Und die Familie--
+
+Major.
+Lächerlich! Es giebt keine Familie; wir haben keine
+Familie. Narrenspossen! Die Russen sind meine Familie:
+ich will Griechisch werden.
+
+Geh. Rath.
+Und noch keine Spur von Deiner Tochter?
+
+Major.
+Was sagst Du?
+
+Geh. Rath.
+Hast nicht die geringste Nachricht von Deiner Tochter?
+
+Major.
+Laß mich zufrieden.
+
+Geh. Rath.
+Es ist doch Dein Ernst nicht, nach Königsberg zu reisen?
+
+Major.
+Wenn mag doch die Post abgehn von Königsberg nach Warschau?
+
+Geh. Rath.
+Ich werde Dich nicht fortlassen; es ist nur umsonst.
+Meynst Du, vernünftige Leute werden sich von Deinen
+Phantasien übertölpeln lassen? Ich kündige Dir hiermit
+Hausarrest an. Gegen Leute, wie Du bist, muß man Ernst
+gebrauchen, sonst verwandelt sich ihr Gram in Narrheit.
+
+Major. (weint)
+Ein ganzes Jahr--Bruder geheimer Rath--Ein ganzes
+Jahr--und niemand weiß, wohin sie gestoben oder geflogen
+ist?
+
+Geh. Rath.
+Vielleicht todt--
+
+Major.
+Vielleicht?--Gewiß todt--und wenn ich nur den Trost
+haben könnte, sie noch zu begraben--aber sie muß sich
+selbst umgebracht haben, weil mir niemand Anzeige von
+ihr geben kann.--Eine Kugel durch den Kopf, Berg, oder
+einen Türkenpallasch; das wär eine Victorie.
+
+Geh. Rath.
+Es ist ja eben so wohl möglich, daß sie den Läuffer
+irgendwo angetroffen und mit dem aus dem Lande gegangen.
+Gestern hat mich Graf Wermuth besucht und hat mir gesagt,
+er sey denselben Abend noch in eine Schule gekommen, wo
+ihn der Schulmeister nicht hab' in die Kammer lassen
+wollen: er vermuthet immer noch, der Hofmeister habe
+drinn gesteckt, vielleicht Deine Tochter bey ihm.
+
+Major.
+Wo ist der Schulmeister? Wo ist das Dorf? Und der
+Schurke von Grafen ist nicht mit Gewalt in die Kammer
+eingedrungen? Komm: wo ist der Graf?
+
+Geh. Rath.
+Er wird wohl wieder im Hecht abgestiegen seyn, wie
+gewöhnlich.
+
+Major.
+O wenn ich sie auffände--Wenn ich nur hoffen könnte,
+sie noch einmal wieder zu sehen--Hol mich der Kuckuk,
+so alt wie ich bin und abgegrämt und wahnwitzig; ja hol
+mich der Teufel, dann wollt' ich doch noch in meinem
+Leben wieder einmal lachen, das letztemal laut lachen
+und meinen Kopf in ihren entehrten Schooß legen und
+denn wieder einmal heulen und denn--Adieu Berg! Das
+wäre mir gestorben, das hieß mir sanft und selig im
+Herrn entschlafen.--Komm Bruder, Dein Junge ist nur
+ein Spitzbube geworden: das ist nur Kleinigkeit; an
+allen Höfen giebts Spitzbuben; aber meine Tochter ist
+eine Gassenhure, das heiß' ich einem Vater Freud machen:
+vielleicht hat sie schon drey Lilien auf dem Rücken.--
+Vivat die Hofmeister und daß der Teufel sie holt! Amen.
+
+(gehn ab)
+
+
+Zweite Scene.
+
+Eine Bettlerhütte im Walde.
+Augustchen. (im groben Kittel.)
+Marthe. (ein alt blindes Weib)
+
+
+Gustchen.
+Liebe Marthe, bleibt zu Hause und seht wohl nach dem
+Kinde: es ist das erstemal, daß ich Euch allein lasse
+in einem ganzen Jahr; also könnt Ihr mich nun wohl
+auch einmal einen Gang für mich thun lassen. Ihr habt
+Proviant für heut und Morgen; Ihr braucht also heute
+nicht auf der Landstraß auszustehn.
+
+Marthe.
+Aber wo wollt Ihr denn hin, Grethe; das Gott erbarm!
+da Ihr noch so krank und so schwach seyd; laßt Euch
+doch sagen: ich hab auch Kinder bekommen und ohne viele
+Schmerzen, so wie Ihr, Gott sey Dank! aber einmal hab
+ichs versucht, den zweyten Tag nach der Niederkunft
+auszugehen und nimmermehr wieder; ich hatte schon meinen
+Geist aufgegeben, wahrlich ich könne Euch sagen, wie
+einem Todten zu Muthe ist--Laßt Euch doch lehren; wenn
+Ihr was im nächsten Dorf zu bestellen habt, obschon ich
+blind bin, ich will schon hinfinden; bleibt nur zu Hause
+und macht daß Ihr zu Kräften kommt: ich will alles für
+Euch ausrichten, was es auch sey.
+
+Gustchen.
+Laßt mich nur, Mutter; ich hab Kräfte wie eine junge
+Bärin--und seht nach meinem Kinde.
+
+Marthe.
+Aber wie soll ich denn darnach sehen, Heilige Mutter
+Gottes! da ich blind bin? Wenn es wird saugen wollen,
+soll ichs an meine schwarze verwelkte Zitzen legen?
+und es mit zu nehmen, habt Ihr keine Kräfte, bleibt zu
+Hause, liebes Grethel, bleibt zu Hause.
+
+Gustchen.
+Ich darf nicht, liebe Mutter, mein Gewissen treibt mich
+fort von hier. Ich hab' einen Vater, der mich mehr
+liebt als sein Leben und seine Seele. Ich habe die
+vorige Nacht im Traum gesehen, daß er sich die weissen
+Haare ausriß und Blut in den Augen hatte: er wird
+meynen, ich sey todt. Ich muß ins Dorf und jemand
+bitten, daß er ihm Nachricht von mir giebt.
+
+Marthe.
+Aber hilf lieber Gott, wer treibt Euch denn? Wenn Ihr
+nun unterwegens liegen bleibt? Ihr könnt nicht fort...
+
+Gustchen.
+Ich muß--Mein Vater stand wankend; auf einmal warf
+er sich auf die Erde und blieb todt liegen--Er bringt
+sich um, wenn er keine Nachricht von mir bekommt.
+
+Marthe.
+Wißt Ihr denn nicht, daß Träume grade das Gegentheil
+bedeuten?
+
+Gustchen.
+Bey mir nicht--Laßt mich--Gott wird mit mir seyn.
+(geht ab)
+
+
+Dritte Scene.
+
+Die Schule.
+Wenzeslaus. Läuffer. (an einem Tisch sitzend) Der Major.
+Der Geheime Rath und Graf Wermuth.
+(treten herein mit Bedienten)
+
+
+Wenzeslaus. (läßt die Brille fallen)
+Wer da?
+
+Major. (mit gezogenem Pistol)
+Daß Dich das Wetter! da sitzt der Haas im Kohl. (schießt
+und trift Läuffern in Arm, der vom Stuhl fällt)
+
+Geh. Rath. (der vergeblich versucht hat ihn zurückzuhalten)
+Bruder--(stößt ihn unwillig) So hab's denn darnach,
+Tollhäusler!
+
+Major.
+Was? ist er todt? (schlägt sich vors Gesicht) Was hab
+ich gethan? Kann Er mir keine Nachricht mehr von meiner
+Tochter geben?
+
+Wenzeslaus.
+Ihr Herren! Ist das jüngste Gericht nahe, oder sonst
+etwas? Was ist das? (zieht an seiner Schelle) Ich will
+Euch lehren, einen ehrlichen Mann in seinem Hause
+überfallen.
+
+Läuffer.
+Ich beschwör' Euch: schellt nicht!--Es ist der Major;
+ich hab's an seiner Tochter verdient.
+
+Geh. Rath.
+Ist kein Chirurgus im Dorf, ehrlicher Schulmeister! Er
+ist nur am Arm verwundet, ich will ihn kuriren lassen.
+
+Wenzeslaus.
+Ey was kuriren lassen! Straßenräuber! schießt man Leute
+übern Haufen, weil man so viel hat, daß man sie kuriren
+lassen kann? Er ist mein Kollaborator; er ist eben ein
+Jahr in meinem Hause: ein stiller, friedfertiger,
+fleißiger Mensch, und sein Tage hat man nichts von ihm
+gehört, und Ihr kommt und erschießt mir meinen Kollaborator
+in meinem eignen Hause!--Das soll gerochen werden, oder
+ich will nicht selig sterben. Seht Ihr das!
+
+Geh. Rath. (bemüht Läuffern zu verbinden)
+Wozu das Geschwätz, lieber Mann? Es thut uns leyd genug--
+Aber die Wunde könnte sich verbluten, schaft uns nur
+einen Chirurgus.
+
+Wenzeslaus.
+Ey was! Wenn Ihr Wunden macht, so mögt Ihr sie auch
+heilen, Strassenräuber! Ich muß doch nur zum Gevatter
+Schöpsen gehen. (geht ab)
+
+Major. (zu Läuffern)
+Wo ist meine Tochter?
+
+Läuffer.
+Ich weiß es nicht.
+
+Major.
+Du weißt nicht? (zieht noch eine Pistol hervor)
+
+Geh. Rath. (entreißt sie ihm und schießt sie aus dem
+Fenster ab)
+Sollen wir Dich mit Ketten binden lassen, Du--
+
+Läuffer.
+Ich habe sie nicht gesehen, seit ich aus Ihrem Hause
+geflüchtet bin; das bezeug' ich vor Gott, vor dessen
+Gericht ich vielleicht bald erscheinen werde.
+
+Major.
+Also ist sie nicht mit Dir gelaufen?
+
+Läuffer.
+Nein.
+
+Major.
+Nun denn; so wieder eine Ladung Pulver umsonst verschossen!
+Ich wollt, sie wäre Dir durch den Kopf gefahren, da Du
+kein gescheutes Wort zu reden weißt, Lumpenhund! Laßt
+ihn liegen und kommt bis ans Ende der Welt. Ich muß
+meine Tochter wieder haben, und wenn nicht in diesem
+Leben, doch in jener Welt, und da soll mein hochweiser
+Bruder und mein hochweiseres Weib mich wahrhaftig nicht
+von abhalten (läuft fort.)
+
+Geh. Rath.
+Ich darf ihn nicht aus den Augen lassen. (wirft Läuffern
+einen Beutel zu) Lassen Sie Sich davon kuriren, und
+bedenken Sie, daß Sie meinen Bruder weit gefährlicher
+verwundet haben, als er Sie. Es ist ein Bankozettel
+drin, geben Sie Acht drauf und machen ihn sich zu Nutz
+so gut Sie können. (gehn alle ab)
+
+(Wenzeslaus kömmt mit dem Barbier Schöpsen und einigen
+Bauerkerlen)
+
+Wenzeslaus.
+Wo ist das Otterngezüchte? Redet!
+
+Läuffer.
+Ich bitt Euch, seyd ruhig. Ich habe weit weniger bekommen,
+als meine Thaten werth waren. Meister Schöpsen, ist
+meine Wunde gefährlich?
+
+(Schöpsen besieht sie)
+
+Wenzeslaus.
+Was denn? Wo sind sie? Das leid ich nicht; nein, das
+leid ich nicht und sollt es mich Schul und Amt und Haar
+und Bart kosten. Ich will sie zu Morsch schlagen, die
+Hunde--Stellen Sie Sich vor, Herr Gevatter; wo ist das
+in aller Welt in iure naturae, und in iure civili, und
+im iure canonico, und im iure gentium, und wo Sie
+wollen, wo ist das erhört, daß man einem ehrlichen Mann
+in sein Haus fällt und in eine Schule dazu; an heiliger
+Stätte--Gefährlich; nicht wahr? Haben Sie sondirt? Ists?
+
+Schöpsen.
+Es ließe sich viel drüber sagen--nun doch wir wollen
+sehen--am Ende wollen wir schon sehen.
+
+Wenzeslaus.
+Ja Herr, he he, in fine videbitur cuius toni; das heißt,
+wenn er wird todt seyn, oder wenn er völlig gesund seyn
+wird, da wollen Sie uns erst sagen, ob die Wunde
+gefährlich war oder nicht: das ist aber nicht medicinisch
+gesprochen; verzeyh Er mir. Ein tüchtiger Arzt muß das
+Dings vorher wissen, sonst sag' ich ihm ins Gesicht: er
+hat seine Pathologie oder Chirurgie nur so halbwege
+studirt und ist mehr in die Bordells gangen, als in
+die Kollegia; denn in amore omnia insunt vitia, und
+wenn ich einen Ignoranten sehe, er mag seyn aus was
+für einer Fakultät er wolle, so sag' ich immer: er ist
+ein Jungfernknecht gewesen; ein Hurenhengst; das laß'
+ich mir nicht ausreden.
+
+Schöpsen. (nachdem er die Wunde noch einmal besichtigt)
+Ja die Wunde ist, nachdem man sie nimmt--Wir wollen
+sehen, wir wollen sehen.
+
+Läuffer.
+Hier, Herr Schulmeister! hat mir des Majors Bruder einen
+Beutel gelassen, der ganz schwer von Dukaten ist und
+obenein ist ein Bankozettel drinn--Da sind wir auf viel
+Jahre geholfen.
+
+Wenzeslaus. (hebt den Beutel)
+Nun das ist etwas--Aber Hausgewalt bleibt doch
+Hausgewalt und Kirchenraub, Kirchenraub--Ich will
+ihm einen Brief schreiben, dem Herrn Major. den er
+nicht ins Fenster stecken soll.
+
+Schöpsen. (der sich die Weil' über vergessen und eifrig
+nach dem Beutel gesehen, fällt wieder über die Wunde her)
+Sie wird sich endlich schon kuriren lassen, aber sehr
+schwer, hoff' ich, sehr schwer--
+
+Wenzeslaus.
+Das hoff' ich nicht, Herr Gevatter Schöpsen; das fürcht'
+ich, das fürcht' ich--aber ich will Ihm nur zum voraus
+sagen, daß wenn Er die Wunde langsam kurirt, so kriegt
+Er auch langsame Bezahlung; wenn Er ihn aber in zwey
+Tagen wieder auf frischen Fuß stellt, so soll Er auch
+frisch bezahlt werden; darnach kann Er sich richten.
+
+Schöpsen.
+Wir wollen sehen.
+
+
+Vierte Scene.
+
+
+Gustchen. (liegend, an einem Teich mit Gesträuch umgeben)
+Soll ich denn hier sterben?--Mein Vater! Mein Vater!
+gieb mir die Schuld nicht, daß Du nicht Nachricht von
+mir bekömmst. Ich hab meine letzten Kräfte angewandt--
+sie sind erschöpft--Sein Bild, o sein Bild steht mir
+immer vor den Augen! Er ist todt, ja todt--und für Gram
+um mich--Sein Geist ist mir diese Nacht erschienen,
+mir Nachricht davon zu geben--mich zur Rechenschaft
+dafür zu fodern--Ich komme, ja ich komme. (raft sich
+auf und wirft sich in Teich.)
+
+Major. (von weitem)
+Geh. Rath und Graf Wermuth. (folgen ihm)
+
+Major.
+Hey! hoh! da giengs in Teich--Ein Weibsbild wars und
+wenn gleich nicht meine Tochter, doch auch ein
+unglücklich Weibsbild--Nach, Berg! Das ist der Weg
+zu Gustchen oder zur Hölle! (springt ihr nach)
+
+Geh. Rath. (kommt)
+Gott im Himmel! was sollen wir anfangen?
+
+Graf Wermuth.
+Ich kann nicht schwimmen.
+
+Geh. Rath.
+Auf die andere Seite!--Mich deucht, er haschte das
+Mädchen ... Dort--dort hinten im Gebüsch.--Sehen Sie
+nicht? Nun treibt er den Teich mit ihr hinunter--Nach!
+
+
+Fünfte Scene.
+
+(Eine andere Seite des Teichs, Hinter der Scene Geschrey.)
+"Hülfe! 's meine Tochter! Sakkerment und all das Wetter!
+Graf! reicht mir doch die Stange:
+daß Euch die schwere Noth."
+
+Major Berg. (trägt Gustchen aufs Theater)
+Geheimer Rath und Graf. (folgen)
+
+Major.
+Da!--(setzt sie nieder. Geheimer Rath und Graf suchen
+sie zu ermuntern) Verfluchtes Kind! habe ich das an Dir
+erziehen müssen! (kniet nieder bey ihr) Gustel! was
+fehlt Dir? Hast Wasser eingeschluckt? Bist noch mein
+Gustel?--Gottlose Kanaille! Hättst Du mir nur ein
+Wort vorher davon gesagt; ich hätte dem Lausejungen
+einen Adelbrief gekauft, da hättet ihr können zusammen
+kriechen.--Gott behüt! so helft ihr doch; sie ist ja
+ohnmächtig. (springt auf, ringt die Hände; umhergehend)
+Wenn ich nur wüst', wo der maledeyte Chirurgus vom Dorf
+anzutreffen wäre.--Ist sie noch nicht wach?
+
+Gustchen. (mit schwacher Stimme)
+Mein Vater!
+
+Major.
+Was verlangst Du?
+
+Gustchen.
+Verzeihung.
+
+Major. (geht auf sie zu)
+Ja verzeih Dirs der Teufel, ungerathenes Kind.--Nein,
+(kniet wieder bey ihr) fall nur nicht hin, mein Gustel--
+mein Gustel! Ich verzeih Dir; ist alles vergeben und
+vergessen--Gott weiß es: ich verzeih Dir--Verzeih Du
+mir nur! Ja aber nun ists nicht mehr zu ändern. Ich hab
+dem Hundsvott eine Kugel durch den Kopf geknallt.
+
+Geh. Rath.
+Ich denke, wir tragen sie fort.
+
+Major.
+Laßt stehen! Was geht sie euch an? Ist sie doch Eure
+Tochter nicht. Bekümmert Euch um Euer Fleisch und Bein
+daheime. (Er nimmt sie auf die Arme) Da Mädchen--Ich
+sollte wohl wieder nach dem Teich mit Dir--(schwenkt
+sie gegen den Teich zu) aber wir wollen nicht eher
+schwimmen als bis wir's Schwimmen gelernt haben, meyn'
+ich.--(drückt sie an sein Herz) O du mein einzig
+theurester Schatz! Daß ich dich wieder in meinen Armen
+tragen kann, gottlose Kanaille! (trägt sie fort)
+
+
+Sechste Scene.
+
+In Leipzig.
+Fritz von Berg. Pätus.
+
+
+Fritz.
+Das einzige, was ich an Dir auszusetzen habe, Pätus.
+Ich habe Dirs schon lang sagen wollen: untersuche Dich
+nur selbst; was ist die Ursach zu all Deinem Unglück
+gewesen? Ich tadle es nicht, wenn man sich verliebt. Wir
+sind in den Jahren; wir sind auf der See, der Wind treibt
+uns, aber die Vernunft muß immer am Steuerruder bleiben,
+sonst jagen wir auf die erste beste Klippe und scheitern.
+Die Hamstern war eine Kokette, die aus Dir machte, was
+sie wollte; sie hat Dich um Deinen letzten Rock, um
+Deinen guten Namen und um den guten Namen Deiner Freunde
+dazu gebracht: ich dächte, da hättest Du klug werden
+können. Die Rehaarin ist ein unverführtes unschuldiges
+jugendliches Lamm: wenn man gegen ein Herz, das sich
+nicht vertheidigen will, noch vertheidigen kann, alle
+mögliche Batterien spielen läßt, um es--was soll ich
+sagen? zu zerstören, einzuäschern, das ist unrecht,
+Bruder Pätus, das ist unrecht. Nimm mirs nicht übel,
+wir können so nicht gute Freunde zusammen bleiben. Ein
+Mann, der gegen ein Frauenzimmer es so weit treibt,
+als er nur immer kann, ist entweder ein Theekessel oder
+ein Bösewicht; ein Theekessel, wenn er sich selbst nicht
+beherrschen kann, die Ehrfurcht, die er der Unschuld
+und Tugend schuldig ist, aus den Augen zu setzen: oder
+ein Bösewicht, wenn er sich selbst nicht beherrschen
+will und wie der Teufel im Paradiese sein einzig Glück
+darin setzt, ein Weib ins Verderben zu stürzen.
+
+Pätus.
+Predige nur nicht, Bruder! Du hast Recht; es reuet mich,
+aber ich schwöre Dir, ich kann drauf fluchen, daß ich
+das Mädchen nicht angerührt habe.
+
+Fritz.
+So bist Du doch zum Fenster hineingestiegen und die
+Nachbarn habens gesehen, meynst Du, ihre Zunge wird so
+verschämt seyn, wie Deine Hand vielleicht gewesen ist?
+Ich kenne Dich, ich weiß, so dreust Du scheinst, bist
+Du doch blöde gegen's Frauenzimmer und darum lieb ich
+Dich: aber wenns auch nichts mehr wäre, als daß das
+Mädchen ihren guten Namen verliert, und eine
+Musikantentochter dazu, ein Mädchen, das alles von
+der Natur empfieng: vom Glück nichts, der ihre einzige
+Aussteuer, ihren guten Namen, zu rauben--Du hast
+sie unglücklich gemacht, Pätus.--
+
+(Herr Rehaar kommt, eine Laute unterm Arm.)
+
+Rehaar.
+Ergebener Diener von Ihnen; ergebener Diener, Herr von
+Berg, wünsche schönen guten Morgen. Wie haben Sie
+geschlafen und wie stehts Konzertchen? (setzt sich
+und stimmt) Haben Sie's durchgespielt? (stimmt) Ich
+habe die Nacht einen heßlichen Schrecken gehabt, aber
+ich wills dem eingedenk seyn.--Sie kennen ihn wohl,
+es ist einer von ihren Landsleuten. Twing, twing. Das
+ist eine verdammte Quinte! Will sie doch mein Tage
+nicht recht tönen; ich will Ihnen Nachmittag eine andere
+bringen.
+
+Fritz. (setzt sich mit seiner Laute)
+Ich hab das Koncert noch nicht angesehen.
+
+Rehaar.
+Ey Ey, faules Herr von Bergchen, noch nicht angesehen?
+Twing! Nachmittag bring ich Ihnen eine andre. (legt die
+Laute weg und nimmt eine Prise) Man sagt: die Türken
+sind über die Donau gegangen und haben die Russen brav
+zurückgepeitscht, bis--Wie heißt doch nun der Ort?
+Bis Otschakof, glaub' ich; was weiß ich? so viel sag
+ich Ihnen, wenn Rehaar unter ihnen gewesen wäre, was
+meynen Sie? Er wäre noch weiter gelaufen. Ha ha ha!
+(nimmt die Laute wieder) Ich sag Ihnen, Herr von Berg,
+ich hab keine größere Freude, als wenn ich wieder einmal
+in der Zeitung lese, daß eine Armee gelaufen ist. Die
+Russen sind brave Leute, daß sie gelaufen sind; Rehaar
+wär auch gelaufen und alle gescheute Leute, denn wozu
+nützt das Stehen und sich todtschlagen lassen, ha ha ha.
+
+Fritz.
+Nicht wahr, das ist der erste Grif?
+
+Rehaar.
+Ganz recht; den zweiten Finger etwas mehr übergelegt und
+mit dem kleinen abgerissen, so--Rund, rund den Triller,
+rund Herr von Bergchen--Mein seliger Vater pflegt' immer
+zu sagen, ein Musikus muß keine Kourage haben, und ein
+Musikus der Herz hat, ist ein Hundsfut. Wenn er sein
+Konzertchen spielen kann und seinen Marsch gut bläst--
+Das hab' ich auch dem Herzog von Kurland gesagt, als
+ich nach Petersburg gieng, das erstemal in der Suite
+vom Prinzen Czartorinsky, und vor ihm spielen mußte.
+Ich muß noch lachen; als ich in den Saal kam und wollt'
+ihm mein tief tief Kompliment machen, sah' ich nicht,
+daß der Fußboden von Spiegel war und die Wände auch von
+Spiegel, und fiel herunter wie ein Stück Holz und schlug
+mir ein gewaltig Loch in Kopf: da kamen die Hofkavaliere
+und wollten mich drüber necken. Leidt das nicht, Rehaar,
+sagte der Herzog, Ihr habt ja einen Degen an der Seite;
+leidt das nicht. Ja, sage ich, Ew. Herzoglichen Majestät,
+mein Degen ist seit Anno Dreißig nicht aus der Scheide
+gekommen, und ein Musikus braucht den Degen nicht zu
+ziehen, denn ein Musikus, der Herz hat und den Degen
+zieht, ist ein Hundsfut und kann sein Tag auf keinem
+Instrument was vor sich bringen--Nein, nein, das dritte
+Chor wars, k, k, so--Rein, rein, den Triller rund und
+den Daumen unten nicht bewegt, so--
+
+Pätus. (der sich die Zeit über seitwärts gehalten,
+tritt hervor und bietet Rehaar die Hand)
+Ihr Diener, Herr Rehaar; wie gehts?
+
+Rehaar. (hebt sich mit der Laute)
+Ergebener Die--Wie solls gehen, Herr Pätus? Toujours
+content, jamais d'argent: das ist des alten Rehaars
+Sprichwort, wissen Sie, und die Herren Studenten wissens
+alle; aber darum geben sie mir doch nichts--Der Herr
+Pätus ist mir auch noch schuldig, von der letzten
+Serenade, aber er denkt nicht dran...
+
+Pätus.
+Sie sollen haben, liebster Rehaar; in acht Tagen erwart'
+ich unfehlbar meinen Wechsel.
+
+Rehaar.
+Ja, Sie haben schon lang gewartet, Herr Pätus, und
+Wechselchen ist doch nicht kommen. Was ist zu thun,
+man muß Geduld haben, ich sag immer, ich begegne
+keinem Menschen mit so viel Ehrfurcht als einem
+Studenten: denn ein Student ist nichts, das ist wahr,
+aber es kann doch alles aus ihm werden. (er legt die
+Laute auf den Tisch und nimmt eine Prise) Aber was
+haben Sie mir denn gemacht, Herr Pätus? Ist das recht;
+ist das auch honett gehandelt? Sind mir gestern zum
+Fenster hineingestiegen, in meiner Tochter Schlafkammer.
+
+Pätus.
+Was denn, Vaterchen? ich? ...
+
+Rehaar. (läßt die Dose fallen)
+Ja ich will Dich bevaterchen und ich werd' es gehörigen
+Orts zu melden wissen, Herr, daß seyn Sie versichert.
+Meiner Tochter Ehr' ist mir lieb und es ist ein honettes
+Mädchen, hol's der Henker! und wenn ichs nur gestern
+gemerkt hätte oder wär' aufgewacht, ich hätt Euch zum
+Fenster hinausgehenselt, daß Ihr das Unterste zu Oberst--
+Ist das honett, ist das ehrlich? Pfuy Teufel, wenn ich
+Student bin, muß ich mich auch als Student aufführen,
+nicht als ein Schlingel--Da haben mirs die Nachbarn
+heut gesagt: ich dacht ich sollte den Schlag drüber
+kriegen, Augenblicks hat mir das Mädchen auf den
+Postwagen müssen und das nach Kurland zu ihrer Tante;
+ja nach Kurland, Herr, denn hier ist ihre Ehr' hin und
+wer zahlt mir nun die Reisekosten? Ich habe warhaftig
+den ganzen Tag keine Laut' anrühren können und über
+die funfzehn Quinten sind mir heut gesprungen. Ja Herr,
+ich zittere noch am ganzen Leibe und Herr Pätus, ich
+will ein Hühnchen mit Ihnen pflücken. Es soll nicht
+so bleiben; ich will Euch Schlingeln lehren ehrlicher
+Leute Kinder verführen.
+
+Pätus.
+Herr, schimpf Er nicht, oder--
+
+Rehaar.
+Sehen Sie nur an, Herr von Berg! sehn Sie einmal an--
+wenn ich nun Herz hätte, ich fodert' ihn augenblicklich
+vor die Klinge--Sehen Sie, da steht er und lacht mir
+noch in die Zähne obenein. Sind wir denn unter Türken
+und Heiden, daß ein Vater nicht mehr mit seiner Tochter
+sicher ist? Herr Pätus, Sie sollen mirs nicht umsonst
+gethan haben, ich sags Ihnen und sollts bis an den
+Kuhrfürsten selber kommen. Unter die Soldaten mit
+solchen lüderlichen Hunden! Dem Kalbsfell folgen,
+das ist gescheidter! Schlingel seyd ihr und keine
+Studenten!
+
+Pätus. (giebt ihm eine Ohrfeige)
+Schimpf Er nicht; ich habs Ihm fünfmal gesagt!.
+
+Rehaar. (springt auf, das Schnupftuch vorm Gesicht)
+So? Wart--Wenn ich doch nur den rothen Fleck
+behalten könnte, bis ich vorn Magnifikus komme--
+Wenn ich ihn doch nur acht Tage behalten könnte,
+daß ich nach Dresden reise und ihn dem Kuhrfürsten
+zeige--Wart, es soll Dir zu Hause kommen, wart,
+wart--Ist das erlaubt? (weint) Einen Lautenisten
+zu schlagen? weil er Dir seine Tochter nicht geben
+will, daß Du Lautchen auf ihr spielen kannst?--Wart,
+ich wills seiner Kuhrfürstlichen Majestät sagen, daß
+Du mich ins Gesicht geschlagen hast. Die Hand soll
+Dir abgehauen werden--Schlingel! (läuft ab, Pätus
+will ihm nach; Fritz hält ihn zurück)
+
+Fritz.
+Pätus! Du hast schlecht gehandelt. Er war beleidigter
+Vater, Du hättest ihn schonen sollen.
+
+Pätus.
+Was schimpfte der Schurke?
+
+Fritz.
+Schimpfliche Handlungen verdienen Schimpf. Er konnte
+die Ehre seiner Tochter auf keine andere Weise rächen,
+aber es möchten sich Leute finden--
+
+Pätus.
+Was? Was für Leute?
+
+Fritz.
+Du hast sie entehrt, Du hast ihren Vater entehrt. Ein
+schlechter Kerl, der sich an Weiber und Musikanten wagt,
+die noch weniger als Weiber sind.
+
+Pätus.
+Ein schlechter Kerl?
+
+Fritz.
+Du sollst ihm öffentlich abbitten.
+
+Pätus.
+Mit meinem Stock.
+
+Fritz.
+So werd ich Dir in seinem Namen antworten.
+
+Pätus. (schreyt)
+Was willst Du von mir?
+
+Fritz.
+Genugthuung für Rehaarn.
+
+Pätus.
+Du wirst mich doch nicht zwingen wollen; einfältiger
+Mensch--
+
+Fritz.
+Ja, ich will Dich zwingen, kein Schurke zu seyn.
+
+Pätus.
+Du bist einer--Du mußt Dich mit mir schlagen.
+
+Fritz.
+Herzlich gern--wenn Du Rehaarn nicht Satisfaktion giebst.
+
+Pätus.
+Nimmermehr.
+
+Fritz.
+Es wird sich zeigen.
+
+
+
+Fünfter Akt.
+
+
+Erste Scene.
+
+Die Schule.
+Läuffer. Marthe. (ein Kind auf dem Arm)
+
+
+Marthe.
+Um Gotteswillen! helft einer armen blinden Frau und
+einem unschuldigen Kinde, das seine Mutter verloren hat.
+
+Läuffer. (giebt ihr was)
+Wie seyd Ihr denn hergekommen, da Ihr nicht sehen könnt?
+
+Marthe.
+Mühselig genug. Die Mutter dieses Kindes war meine
+Leiterin; sie gieng eines Tags aus dem Hause, zwey Tage
+nach ihrer Niederkunft, Mittags gieng sie fort und wollt'
+auf den Abend wiederkommen, sie soll noch wiederkommen.
+Gott schenk ihr die ewige Freud und Herrlichkeit!
+
+Läuffer.
+Warum thut Ihr den Wunsch?
+
+Marthe.
+Weil sie todt ist, das gute Weib; sonst hätte sie ihr
+Wort nicht gebrochen. Ein Arbeitsmann vom Hügel ist mir
+begegnet, der hat sie sich in Teich stürzen sehen. Ein
+alter Mann ist hinter ihr drein gewesen und hat sich
+nachgestürzt; das muß wohl ihr Vater gewest seyn.
+
+Läuffer.
+O Himmel! Welch ein Zittern--Ist das ihr Kind?
+
+Marthe.
+Das ist es; sehen Sie nur, wie rund es ist, von lauter
+Kohl und Rüben aufgefüttert. Was sollt' ich Arme machen;
+ich konnt' es nicht stillen, und da mein Vorrath auf
+war, macht' ichs wie Hagar, nahm das Kind auf die
+Schulter und gieng auf Gottes Barmherzigkeit.
+
+Läuffer.
+Gebt es mir auf den Arm--O mein Herz!--Daß ichs an
+mein Herz drücken kann--Du gehst mir auf, furchtbares
+Rätzel! (nimmt das Kind auf den Arm und tritt damit vor
+den Spiegel) Wie? dies wären nicht meine Züge? (fällt
+in Ohnmacht; das Kind fängt an zu schreyen)
+
+Marthe.
+Fallt Ihr hin? (hebt das Kind vom Boden auf) Sußchen,
+mein liebes Sußchen! (das Kind beruhigt sich) Hört! was
+habt Ihr gemacht? Er antwortet nicht: ich muß doch um
+Hülfe rufen; ich glaube, ihm ist weh worden. (geht hinaus)
+
+
+Zweyte Scene.
+
+Ein Wäldchen vor Leipzig.
+Fritz von Berg und Pätus. (stehn mit gezogenem Degen)
+Rehaar.
+
+
+Fritz.
+Wird es bald?
+
+Pätus.
+Willst Du anfangen?
+
+Fritz.
+Stoß Du zuerst.
+
+Pätus. (wirft den Degen weg)
+Ich kann mich mit Dir nicht schlagen.
+
+Fritz.
+Warum nicht? Nimm ihn auf. Hab ich Dich beleidigt, so
+muß ich Dir Genugthuung geben.
+
+Pätus.
+Du magst mich beleidigen wie Du willst, ich brauch
+keine Genugthuung von Dir.
+
+Fritz.
+Du beleidigst mich.
+
+Pätus. (rennt auf ihn zu und umarmt ihn)
+Liebster Berg! Nimm es für keine Beleidigung, wenn
+ich Dir sage, Du bist nicht im Stande mich zu beleidigen.
+Ich kenne Dein Gemüth--und ein Gedanke daran macht mich
+zur feigsten Memme auf dem Erdboden. Laß uns gute
+Freunde bleiben, ich will mich gegen den Teufel selber
+schlagen, aber nicht gegen Dich.
+
+Fritz.
+So gieb Rehaarn Satisfaktion, eh zieh' ich nicht ab
+von hier.
+
+Pätus.
+Das will ich herzlich gern, wenn er's verlangt.
+
+Fritz.
+Er ist immatrikulirt, wie Du; Du hast ihn ins Gesicht
+geschlagen--Frisch Rehaar, zieht!
+
+Rehaar. (zieht)
+Ja, aber er muß seinen Degen da nicht aufheben.
+
+Fritz.
+Sie sind nicht gescheidt. Wollen Sie gegen einen
+Menschen ziehen, der sich nicht wehren kann?
+
+Rehaar.
+Ey laß die gegen bewehrte Leute ziehen, die Kourage
+haben. Ein Musikus muß keine Kourage haben, und Herr
+Pätus, Er soll mir Satisfaktion geben--(stößt auf
+ihn zu. Pätus weicht zurück) Satisfaktion geben.
+(stößt Pätus in den Arm. Fritz legirt ihm den Degen)
+
+Fritz.
+Jetzt seh' ich, daß Sie Ohrfeigen verdienen, Rehaar.
+Pfuy!
+
+Rehaar.
+Ja was soll ich denn machen, wenn ich kein Herz habe?
+
+Fritz.
+Ohrfeigen einstecken und das Maul halten.
+
+Pätus.
+Still Berg! ich bin nur geschrammt. Herr Rehaar, ich
+bitt Sie um Verzeyhung. Ich hätte Sie nicht schlagen
+sollen, da ich wußte, daß Sie nicht im Stande waren,
+Genugthuung zu fodern; vielweniger hätt' ich Ihnen
+Ursache geben sollen, mich zu schimpfen. Ich gesteh's,
+diese Rache ist noch viel zu gering für die
+Beleidigungen, die ich Ihrem Hause angethan: ich will
+sehen, sie auf eine bessere Weise gut zu machen, wenn
+das Schicksal meinen guten Vorsätzen beysteht. Ich
+will Ihrer Tochter nachreisen; ich will sie heyrathen.
+In meinem Vaterlande wird sich schon eine Stelle für
+mich finden, und wenn auch mein Vater bey seinen
+Lebzeiten sich nicht besänftigen ließe, so ist mir
+doch eine Erbschaft von funfzehntausend Gulden gewiß.
+(umarmt ihn). Wollen Sie mir Ihre Tochter bewilligen?
+
+Rehaar.
+Ey was! ich hab nichts dawider, wenn Ihr ordentlich
+und ehrlich um sie anhaltet, und im Stand seyd, sie zu
+versorgen--Ha ha ha! hab' ichs doch mein Tag gesagt:
+mit den Studenten ist gut auskommen. Die haben doch
+noch Honnettetät im Leibe, aber mit den Officiers--
+Die machen einem Mädchen ein Kind und kräht nicht Hund
+oder Hahn nach: das macht, weil sie alle kuraschöse
+Leute seyn, und sich müssen todtschlagen lassen. Denn
+wer Kourage hat, der ist zu allen Lastern fähig.
+
+Fritz.
+Sie sind ja auch Student. Kommen Sie; wir haben lange
+keinen Punsch zusammen gemacht; wir wollen auf die
+Gesundheit Ihrer Tochter trinken.
+
+Rehaar.
+Ja und Ihr Lautenkonzertchen dazu, Herr von Bergchen.
+Ich hab Ihnen jetzt drey Stund nach einander geschwänzt,
+und weil ich auch honett denke, so will ich heute dafür
+drey Stunden nach einander auf Ihrem Zimmerchen bleiben
+und wollen Lautchen spielen, bis dunkel wird.
+
+Pätus.
+Und ich will die Violin dazu streichen.
+
+
+Dritte Scene.
+
+Die Schule.
+Läuffer. (liegt zu Bette.)
+Wenzeslaus.
+
+
+Wenzeslaus.
+Das Gott! was giebts schon wieder, daß Ihr mich von
+der Arbeit abrufen laßt? Seyd Ihr schon wieder schwach?
+Ich glaube, das alte Weib war eine Hexe.--Seit der
+Zeit habt Ihr keine gesunde Stunde mehr.
+
+Läuffer.
+Ich werd' es wohl nicht lange mehr machen.
+
+Wenzeslaus.
+Soll ich Gevatter Schöpsen rufen lassen?
+
+Läuffer.
+Nein.
+
+Wenzeslaus.
+Liegt Euch was auf dem Gewissen? Sagt mirs, entdeckt
+mirs, unverholen.--Ihr blickt so scheu umher, daß es
+einem ein Grauen einjagt; frigidus per ossa--Sagt mir,
+was ists?--Als ob er jemand todt geschlagen hätte--
+Was verzerrt Ihr denn die Lineamenten so--Behüt Gott,
+ich muß doch nur zu Schöpsen--
+
+Läuffer.
+Bleibt--Ich weiß nicht, ob ich recht gethan--Ich
+habe mich kastrirt...
+
+Wenzeslaus.
+Wa--Kastrir--Da mach ich Euch meinen herzlichen
+Glückwunsch drüber, vortreflich, junger Mann, zweiter
+Origenes! Laß Dich umarmen, theures, auserwähltes
+Rüstzeug! Ich kann's Euch nicht verheelen, fast--fast
+kann ich dem Heldenvorsatz nicht widerstehen, Euch
+nachzuahmen. So recht, werther Freund! Das ist die
+Bahn, auf der Ihr eine Leuchte der Kirche, ein Stern
+erster Größe, ein Kirchenvater selber werden könnt.
+Ich glückwünsche euch, ich ruf Euch ein Jubilate und
+Evoë zu, mein geistlicher Sohn--Wär' ich nicht über
+die Jahre hinaus, wo der Teufel unsern ersten und
+besten Kräften sein arglistiges Netz ausstellt, gewiß
+ich würde mich keinen Augenblick bedenken.--
+
+Läuffer.
+Bey alle dem, Herr Schulmeister, gereut es mich.
+
+Wenzeslaus.
+Wie, es gereut Ihn? Das sey ferne, werther Herr Mitbruder!
+Er wird eine so edle That doch nicht mit thörichter Reue
+verdunkeln und mit sündlichen Thränen besudeln? Ich seh
+schon welche über Sein Augenlied hervorquellen. Schluck'
+Er sie wieder hinunter und sing' Er mit Freudigkeit:
+ich bin der Nichtigkeit entbunden, nun Flügel, Flügel,
+Flügel her. Er wird es doch nicht machen wie Lots Weib
+und sich wieder nach Sodom umsehen, nachdem Er einmal
+das friedfertige stille Zoar erreicht hat? Nein, Herr
+Kollega; ich muß Ihm auch nur sagen, daß Er nicht der
+einzige ist, der den Gedanken gehabt hat. Schon unter
+den blinden Juden war eine Sekte, zu der ich mich gern
+öffentlich bekannt hätte, wenn ich nicht befürchtet,
+meine Nachbarn und meine armen Lämmer in der Schule
+damit zu ärgern: auch hatten sie freilich einige
+Schlacken und Thorheiten dabey, die ich nun eben nicht
+mitmachen möchte. Zum Exempel, daß sie des Sonntags
+nicht einmal ihre Nothdurft verrichteten, welches doch
+wider alle Regeln einer vernünftigen Diät ist, und halt'
+ichs da lieber mit unserm seligen Doktor Luther: was
+hinaufsteigt, das ist für meinen lieben Gott, aber was
+hinunter geht, Teufel, das ist für Dich--Ja wo war ich?
+
+Läuffer.
+Ich fürchte, meine Bewegungsgründe waren von andrer Art ...
+Reue, Verzweiflung--
+
+Wenzeslaus.
+Ja, nun hab ichs--Die Essäer, sag' ich, haben auch
+nie Weiber genommen; es war eins von ihren Grundgesetzen
+und dabey sind sie zu hohem Alter kommen, wie solches
+im Josephus zu lesen. Wie die es nun angefangen, ihr
+Fleisch so zu bezähmen; ob sie es gemacht, wie ich,
+nüchtern und mässig gelebt und brav Toback geraucht,
+oder ob sie Euren Weg eingeschlagen--So viel ist
+gewiß, in amore, in amore omnia insunt vitia und ein
+Jüngling, der diese Klippe vorbeyschifft, Heil, Heil
+ihm, ich will ihm Lorbeern zuwerfen; lauro tempora
+cingam et sublimi fronte sidera pulsabit.
+
+Läuffer.
+Ich fürcht', ich werd' an dem Schnitt sterben müssen.
+
+Wenzeslaus.
+Mit nichten, da sey Gott für. Ich will gleich zu
+Gevatter Schöpsen. Der Fall wird ihm freylich noch
+nie vorgekommen seyn, aber hat er Euch euren Arm kurirt,
+welches doch eine Wunde war, die nicht zu eurer
+Wohlfarth diente, so wird ja Gott auch ihm Gnade zu
+einer Kur geben, die Euer ewiges Seelenheil befördern
+wird. (geht ab)
+
+Läuffer.
+Sein Frohlocken verwundet mich mehr als mein Messer.
+O Unschuld, welch' eine Perle bist du! Seit ich dich
+verloren, that ich Schritt auf Schritt in der Leidenschaft
+und endigte mit Verzweiflung. Möchte dieser Letzte mich
+nicht zum Tode führen, vielleicht könnt' ich itzt wieder
+anfangen zu leben und zum Wenzeslaus wiedergeboren werden.
+
+
+Vierte Scene.
+
+In Leipzig.
+
+Fritz von Berg und Rehaar.
+(begegnen sich auf der Straße)
+
+
+Rehaar.
+Herr von Bergchen, ein Briefchen, unter meinem Kuvert
+gekommen. Herr von Seiffenblase hat an mich geschrieben;
+hat auch Lautchen bey mir gelernt vormals. Er bittet
+mich, ich soll doch diesen Brief einem gewissen Herrn
+von Berg in Leipzig abgeben, wenn er anders noch da
+wäre--O wie bin ich gesprungen!
+
+Fritz.
+Wo hält er sich denn itzt auf, Seiffenblase?
+
+Rehaar.
+Soll es dem Herrn von Berg abgeben, schreibt er, wenn
+Sie anders diesen würdigen Mann kennen. O wie bin ich
+gesprungen--Er ist in Königsberg, der Herr von
+Seiffenblase. Was meynen Sie, und meine Tochter ist
+auch da, und logirt ihm grad gegenüber. Sie schreibt
+mir, die Kathrinchen, daß sie nicht genug rühmen kann,
+was er ihr für Höflichkeit erzeigt, alles um
+meinetwillen; hat sieben Monath bey mir gelernt.
+
+Fritz. (zieht die Uhr aus)
+Liebster Rehaar, ich muß ins Kollegium--Sagen Sie
+Pätus nichts davon, ich bitte Sie--(geht ab)
+
+Rehaar. (ruft ihm nach)
+Auf den Nachmittag--Konzertchen!--
+
+
+Fünfte Scene.
+
+Zu Königsberg in Preußen.
+Geh. Rath. Gustchen. Major.
+(stehn in ihrem Hause am Fenster)
+
+
+Geh. Rath.
+Ist ers?
+
+Gustchen.
+Ja, er ist's.
+
+Geh. Rath.
+Ich sehe doch, die Tante muß ein lüderliches Mensch
+seyn, oder sie hat einen Haß auf ihre Nichte geworfen
+und will sie mit Fleiß ins Verderben stürzen.
+
+Gustchen.
+Aber Onkel, sie kann ihm doch das Haus nicht verbieten.
+
+Geh. Rath.
+Auf das, was ich ihr gesagt?--Wer will's ihr übel
+nehmen, wenn sie zu ihm sagte: Herr von Seiffenblase,
+Sie haben sich auf einem Kaffeehause verlauten lassen,
+Sie wollten meine Nichte zu Ihrer Mätresse machen,
+suchen Sie sich andre Bekanntschaften in der Stadt;
+bey mir kommen Sie unrecht: meine Nichte ist eine
+Ausländerin, die meiner Aufsicht anvertraut ist; die
+sonst keine Stütze hat; wenn sie verführt würde, fiel'
+alle Rechenschaft auf mich. Gott und Menschen müßten
+mich verdammen.
+
+Major.
+Still Bruder! Er kommt heraus und läßt die Nase
+erbärmlich hängen. Ho, ho, ho, daß Du die Krepanz!
+Wie blaß er ist.
+
+Geh. Rath.
+Ich will doch gleich hinüber, und sehn was es gegeben hat.
+
+
+Sechste Scene.
+
+In Leipzig.
+Pätus. (an einem Tisch und schreibt)
+Berg. (tritt herein einen Brief in der Hand)
+
+
+Pätus. (sieht auf und schreibt fort)
+
+Fritz.
+Pätus!--Hast zu thun?
+
+Pätus.
+Gleich--(Fritz spaziert auf und ab) Jetzt--(legt das
+Schreibzeug weg)
+
+Fritz.
+Pätus! ich hab' einen Brief bekommen--und hab nicht
+das Herz, ihn aufzumachen.
+
+Pätus.
+Von wo kommt er? Ists Deines Vaters Hand?
+
+Fritz.
+Nein, von Seiffenblase--aber die Hand zittert mir, so
+bald ich erbrechen will. Brich doch auf. Bruder, und
+ließ mir vor. (wirft sich auf einen Lehnstuhl)
+
+Pätus. (liest)
+"Die Erinnerung so mancher angenehmen Stunden, deren
+ich mich noch mit Ihnen genossen zu haben erinnere,
+verpflichtet mich, Ihnen zu schreiben und Sie an diese
+angenehme Stunden zu erinnern"--Was der Junge für eine
+rasende Orthographie hat.
+
+Fritz.
+Lies doch nur--
+
+Pätus.
+"Und weil ich mich verpflichtet hielt, Ihnen Nachrichten
+von meiner Ankunft und den Neuigkeiten, die allhier
+vorgefallen, als melde Ihnen von Dero werthesten Familie,
+welche leider sehr viele Unglücksfälle in diesem Jahre
+erlebt hat, und wegen der Freundschaft, welche ich in
+Dero Eltern ihrem Hause genossen, sehe mich verpflichtet,
+weil ich weiß, daß Sie mit Ihrem Herrn Vater in
+Misverstäniß und er Ihnen lange wohl nicht wird
+geschrieben haben, so werden Sie auch wohl den
+Unglücksfall nicht wissen mit dem Hofmeister, welcher
+aus Ihres gnädigen Onkels Hause ist gejagt worden,
+weil er Ihre Kusine genothzüchtigt, worüber sie sich
+so zu Gemüth gezogen, daß sie in einen Teich gesprungen,
+durch welchen Trauerfall Ihre ganze Familie in den
+höchsten Schröcken"--Berg! was ist Dir--(begießt ihn
+mit Lavendel) Wie nun Berg? Rede, wird Dir weh--Hätt
+ich Dir doch den verdammten Brief nicht--Ganz gewiß
+ists eine Erdichtung--Berg! Berg!
+
+Fritz.
+Laß mich--Es wird schon übergehn.
+
+Pätus.
+Soll ich jemand holen, der Dir die Ader schlägt.
+
+Fritz.
+O pfuy doch--thu doch so französisch nicht--Ließ mirs
+noch einmal vor.
+
+Pätus.
+Ja, ich werde Dir--Ich will den hunsvöttischen
+malitiösen Brief den Augenblick--(zerreißt ihn)
+
+Fritz.
+Genothzüchtigt--ersäuft. (schlägt sich an die Stirn)
+Meine Schuld! (steht auf) meine Schuld einzig und allein--
+
+Pätus.
+Du bist wohl nicht klug--Willst Dir die Schuld geben,
+daß sie sich vom Hofmeister verführen läßt--
+
+Fritz.
+Pätus, ich schwur ihr, zurückzukommen, ich schwur ihr--
+Die drey Jahr sind verflossen, ich bin nicht gekommen,
+ich bin aus Halle fortgangen, mein Vater hat keine
+Nachrichten von mir gehabt. Mein Vater hat mich
+aufgeben, sie hat es erfahren, Gram--Du kennst ihren
+Hang zur Melancholey--die Strenge ihrer Mutter obenein,
+Einsamkeit, auf dem Lande, betrogne Liebe--Siehst Du
+das nicht ein, Pätus; siehst Du das nicht ein? Ich
+bin ein Bösewicht: ich bin schuld an ihrem Tode. (wirft
+sich wieder in den Stuhl und verhüllt sein Gesicht)
+
+Pätus.
+Einbildungen!--Es ist nicht wahr, es ist so nicht
+gegangen. (stampft mit dem Fuß) Tausend Sapperment,
+daß Du so dumm bist, und alles glaubst, der Spitzbube,
+der Hundsfut, der Bärenhäuter, der Seiffenblase, will
+Dir einen Streich spielen--Laß mich ihn einmal zu
+sehen kriegen.--Es ist nicht wahr, daß sie todt ist,
+und wenn sie todt ist, so hat sie sich nicht selbst
+umgebracht...
+
+Fritz.
+Er kann doch das nicht aus der Luft saugen--Selbst
+umgebracht--(springt auf) O das ist entsetzlich!
+
+Pätus. (stampft abermal mit dem Fuß)
+Nein, sie hat sich selbst nicht umgebracht.
+Seiffenblase lügt; wir müssen mehr Bestätigung haben.
+Du weißt, daß Du ihm einmal im Rausch erzehlt hast,
+daß Du in Deine Kusine verliebt wärst; siehst Du, das
+hat die malitiöse Kanaille aufgefangen--aber weißt
+Du was; weißt Du, was Du thust? Hust ihm was; pfeif
+ihm was; pfuy ihm was, schreib ihm, Ew. Edlen danke
+dienstfreundlichst für Dero Neuigkeiten, und bitte,
+Sie wollen mich im--Das ist der beste Rath, schreib
+ihm zurück: Ihr seyd ein Hundsfut. Das ist das
+vernünftigste, was Du bey der Sache thun kannst.
+
+Fritz.
+Ich will nach Hause reisen.
+
+Pätus.
+So reis' ich mit Dir--Berg, ich laß Dich keinen
+Augenblick allein.
+
+Fritz.
+Aber wovon? Reisen ist bald ausgesprochen--Wenn ich
+keine abschlägige Antwort befürchtete, so wolle ich
+es bey Leichtfuß et Compagnie versuchen, aber ich bin
+ihnen schon hundertfunfzig Dukaten schuldig--
+
+Pätus.
+Wir wollen beyde zusammen hingehn--Wart, wir müssen die
+Lotterie vorbey. Heut ist die Post aus Hamburg angekommen,
+ich will doch unterwegs nachfragen; zum Spaß nur--
+
+
+Siebente Scene.
+
+In Königsberg.
+Geh. Rath (führt) Jungfer Rehaar (an der Hand)
+Augustchen. Major.
+
+
+Geh. Rath.
+Hier, Gustchen, bring ich Dir eine Gespielin. Ihr seyd
+in einem Alter, einem Verhältnisse--Gebt Euch die
+Hand, und seyd Freundinnen.
+
+Gustchen.
+Das bin ich lange gewesen, liebe Mamsell! Ich weiß
+nicht, was es war, das in meinem Busen auf- und abstieg,
+wenn ich Sie aus dem Fenster sah; aber Sie waren in so
+viel Zerstreuungen verwickelt, so mit Kutschenbesuchen
+und Serenaden belästigt, daß ich mit meinem Besuch zu
+unrechter Zeit zu kommen fürchtete.
+
+Jungfer Rehaar.
+Ich wäre Ihnen zuvorgekommen, gnädiges Fräulein, wenn
+ich das Herz gehabt. Allein in ein so vornehmes Haus
+mich einzudrängen, hielt' ich für unbesonnen, und mußte
+dem Zug meines Herzens, das mich schon oft bis vor
+Ihre Thür geführt hat, allemal mit Gewalt widerstehen.
+
+Geh. Rath.
+Stell Dir vor, Major; der Seiffenblase hat auf die
+Warnung, die ich der Frau Dutzend that, und die sie
+ihm wieder erzehlt hat und zwar, wie ichs verlangt,
+unter meinem Namen, geantwortet: er werde sich schon
+an mir zu rächen wissen. Er hat alles das so gut von
+sich abzulehnen gewußt, und ist gleich Tags drauf mit
+dem Minister Deichsel hingefahren kommen, daß die arme
+Frau das Herz nicht gehabt, sich seine Besuche zu
+verbitten. Gestern Nacht hat er zwey Wagen in diese
+Straße bestellt und einen am Brandenburger Thor, das
+wegen des Feuerwerks offen blieb, das erfährt die Madam
+gestern Vormittag schon. Den Nachmittag will er für
+Henkers Gewalt die Mamsell überreden, mit ihm zum
+Minister auf die Assemblee zu fahren, aber Madam
+Dutzend traute dem Frieden nicht, und hat's ihm rund
+abgeschlagen. Zweymal ist er vor die Thür gefahren,
+aber hat wieder umkehren müssen; da seine Karte also
+verzettelt war, wollt' ers heut probiren. Madam Dutzend
+hat ihm nicht allein das Haus verbothen, sondern
+zugleich angedeutet: sie sehe sich genöthigt, sich
+vom Gouverneur Wache vor ihrem Hause auszubitten.
+Da hat er Flammen gespyen, hat mit dem Minister gedroht--
+Um die Madam völlig zu beruhigen, hab' ich ihr
+angetragen: die Mamsell in unser Haus zu nehmen. Wir
+wollen sie auf ein halb Jahr nach Insterburg mitnehmen,
+bis Seiffenblase sie vergessen hat, oder so lang als
+es ihr selber nur da gefallen kann--
+
+Major.
+Ich hab schon anspannen lassen. Wenn wir nach
+Heidelbrunn fahren, Mamsell, so laß ich Sie nicht
+los. Sie müssen mit, oder meine Tochter bleibt mit
+Ihnen in Insterburg.
+
+Geh. Rath.
+Das wär wohl am besten. Ohnehin taugt das Land für
+Gustchen nicht und Mamsel Rehaar laß ich nicht von mir.
+
+Major.
+Gut, daß Deine Frau Dich nicht hört--oder hast Du
+Absichten auf Deinen Sohn?
+
+Geh. Rath.
+Mach das gute Kind nicht roth. Sie werden ihn in
+Leipzig oft genug müssen gesehen haben, den bösen
+Buben. Gustchen, Du wirst zur Gesellschaft mit roth?
+Er verdient's nicht.
+
+Gustchen.
+Da mein Vater mir vergeben hat, sollte Ihr Sohn ein
+minder gütiger Herz bey Ihnen finden?
+
+Geh. Rath.
+Er ist auch noch in keinen Teich gesprungen.
+
+Major.
+Wenn wir nur das blinde Weib mit dem Kinde ausfündig
+gemacht hätten, von dem mir der Schulmeister schreibt;
+eh kann ich nicht ruhig werden--Kommt! ich muß noch
+heut auf mein Gut.
+
+Geh. Rath.
+Daraus wird nichts. Du mußt die Nacht in Insterburg
+schlafen.
+
+
+Achte Scene.
+
+Leipzig.
+Bergs Zimmer.
+Fritz v. Berg. (sitzt, die Hand untern Kopf gestützt)
+Pätus. (stürzt herein)
+
+
+Pätus.
+Triumpf Berg! Was kalmeuserst Du?--Gott! Gott!
+(greift sich an den Kopf und fällt auf die Knie)
+Schicksal! Schicksal!--Nicht wahr, Leichtfuß hat
+Dir nicht vorschießen wollen? Laß ihn Dich--Ich
+hab Geld, ich hab' alles--Dreyhundert achtzig
+Friedrichd'or gewonnen auf einem Zug! (springt auf
+und schreyt) Heydideldum, nach Insterburg! Pack ein!
+
+Fritz.
+Bist Du närrisch worden?
+
+Pätus. (zieht einen Beutel mit Gold hervor und wirft
+alles auf die Erde)
+Da ist meine Narrheit. Du bist ein Narr mit Deinem
+Unglauben--Nun hilf auflesen; buck Dich etwas--
+und heut noch nach Insterburg, juchhe! (lesen auf)
+Ich will meinem Vater die achtzig Friedrichsd'or
+schenken, so viel betrug grad mein letzter Wechsel,
+und zu ihm sagen: nun Herr Papa, wie gefall' ich
+Ihnen itzt? All Deine Schulden können wir bezahlen,
+und meine obenein, und denn reisen wir wie die Prinzen.
+Juchhei
+
+
+Neunte Scene.
+
+Die Schule.
+Wenzeslaus. Läuffer. (beyde in schwarzen Kleidern)
+
+
+Wenzeslaus.
+Wie hat ihm die Predigt gefallen, Kollege! Wie hat
+Er sich erbaut?
+
+Läuffer.
+Gut, recht gut. (seufzt)
+
+Wenzeslaus. (nimmt seine Perücke ab und setzt eine
+Nachtmütze auf)
+Damit ist's nicht ausgemacht. Er soll mir sagen,
+welche Stelle aus der Predigt vorzüglich gesegnet
+an seinem Herzen gewesen. Hör' Er--setz' Er sich.
+Ich muß Ihm was sagen; ich hab' eine Anmerkung in
+der Kirche gemacht, die mich gebeugt hat. Er hat mir
+da so wetterwendisch gesessen, daß ich mich Seiner,
+die Warheit zu sagen, vor der ganzen Gemeine geschämt
+habe und dadurch oft fast aus meinem Koncept kommen
+bin. Wie, dacht' ich, dieser junge Kämpfer, der so
+ritterlich durchgebrochen und den schwersten Strauß
+schon gewissermaßen überwunden hat--ich muß es Ihm
+bekennen: Er hat mich geärgert, σκανδαλον ἐδωκας,
+ἔταξας! Ich habs wohl gemerkt, wohin es gieng, ich
+habs wohl gemerkt; immer nach der mittlern Thür zu
+da nach der Orgel hinunter.
+
+Läuffer.
+Ich muß bekennen, es hieng ein Gemälde dort, das
+mich ganz zerstreut hat. Der Evangelist Markus mit
+einem Gesicht, das um kein Haar menschlicher aussah,
+als der Löwe, der bey ihm saß, und der Engel beym
+Evangelisten Matthäus eher einer geflügelten Schlange
+ähnlich.
+
+Wenzeslaus.
+Es war nicht das, mein Freund! Bild' Er mir's nicht
+ein; es war nicht das. Sag' Er mir doch, ein Bild
+sieht man an und sieht wieder weg, und dann ist's
+alles. Hat Er denn gehört, was ich gesagt habe?
+Weiß Er mir Ein Wort aus meiner Predigt wieder
+anzuführen? Und sie war doch ganz für Ihn gehalten;
+ganz kasuistisch--O! o! o!
+
+Läuffer.
+Der Gedanke gefiel mir vorzüglich, daß zwischen
+unsrer Seele und ihrer Wiedergeburt und zwischen
+dem Flachs- und Hanfbau eine große Aehnlichkeit
+herrsche, und so wie der Hanf im Schneidebrett durch
+heftige Stöße und Klopfen von seiner alten Hülse
+befreyt werden müsse, so müsse unser Geist auch durch
+allerley Kreutz und Leiden und Ertödtung der
+Sinnlichkeit für den Himmel zubereitet werden.
+
+Wenzeslaus.
+Er war kasuistisch, mein Freund--
+
+Läuffer.
+Doch kann ich Ihnen auch nicht bergen, daß Ihre Liste
+von Teufeln, die aus dem Himmel gejagt worden, und
+die Geschichte der ganzen Revolution da, daß Lucifer
+sich für den schönsten gehalten--Die heutige Welt
+ist über den Aberglauben längst hinweg; warum will
+man ihn wieder aufwärmen. In der ganzen heutigen
+vernünftigen Welt wird kein Teufel mehr statuirt--
+
+Wenzeslaus.
+Darum wird auch die ganze heutige vernünftige Welt
+zum Teufel fahren. Ich mag nicht verdammen, lieber
+Herr Mandel; aber das ist wahr, wir leben in
+seelenverderblichen Zeiten: es ist die letzte böse
+Zeit. Ich mag mich drüber weiter nicht auslassen:
+ich seh wohl, Er ist ein Zweifler auch, und auch
+solche Leute muß man tragen. Es wird schon kommen;
+Er ist noch jung--aber gesetzt auch, posito auch,
+aber nicht zugestanden, unsere Glaubenslehren wären
+all Aberglauben, über Geister, über Höll, über Teufel,
+da--Was thut's Euch, was beißts Euch, daß Ihr Euch
+so mit Händen und Füßen dagegen wehrt? Thut nichts
+Böses, thut recht und denn so braucht Ihr die Teufel
+nicht zu scheuen, und wenn ihrer mehr wären wie
+Ziegel auf dem Dach, wie der selige Lutherus sagt.
+Und Aberglauben--O schweigt still, schweigt still,
+lieben Leut'. Erwägt erst mit reifem Nachdenken, was
+der Aberglaube bisher für Nutzen gestiftet hat, und
+denn habt mir noch das Herz, mit Euren nüchternen
+Spötteleyen gegen mich anzuziehen. Reutet mir den
+Aberglauben aus; ja warhaftig der rechte Glaub wird
+mit drauf gehn, und ein nacktes Feld da bleiben.
+Aber ich weiß jemand, der gesagt hat, man soll beydes
+wachsen lassen, es wird schon die Zeit kommen, da
+Kraut sich von dem Unkraut scheiden wird. Aberglauben--
+Nehmt dem Pöbel seinen Aberglauben, er wird
+freygeistern, wie Ihr und Euch vor den Kopf schlagen.
+Nehmt dem Bauer seinen Teufel, und er wird ein Teufel
+gegen seine Herrschaft werden und ihr beweisen, daß es
+welche giebt. Aber wir wollen das bey Seite setzen--
+Wovon rede ich doch?--Recht, sag' Er mir, wen hat Er
+angesehen in der ganzen Predigt? Verheel' Er mir
+nichts. Ich war es nicht, denn sonst müst' Er schielen,
+daß es eine Schande wäre.
+
+Läuffer.
+Das Bild.
+
+Wenzeslaus.
+Es war nicht das Bild--Dort unten, wo die Mädchen
+sitzen, die bey ihm in die Kinderlehre gehen--Lieber
+Freund! es wird doch nichts vom alten Sauerteig in
+seinem Herzen geblieben seyn--Ey, ey! wer einmal
+geschmeckt hat die Kräfte der zukünftigen Welt--Ich
+bitt Ihn, mir stehn die Haare zu Berge--Nicht wahr,
+die eine da mit dem gelben Haar so nachläßig unter das
+rothe Häubchen gesteckt und mit den lichtbraunen Augen,
+die allemal unter den schwarzen Augbraunen so schalkhaft
+hervorblinzen, wie die Sterne hinter Regenwolken--Es
+ist wahr, das Mädchen ist gefährlich; ich hab's nur
+einmal von der Kanzel angesehn, und muste hernach
+allemal die Augen platt zudrücken, wenn sie auf sie
+fielen, sonst wär' mirs gegangen, wie den weisen
+Männern im Areopagus, die Recht und Gerechtigkeit
+vergaßen um einer schnöden Phryne willen.--Aber sag'
+Er mir doch, wo will Er hin, daß Er Sich noch bösen
+Begierden überläßt, daß Ihm sogar an Mitteln fehlt,
+sie zu befriedigen? Will Er Sich dem Teufel ohne Sold
+dahingeben? Ist das das Gelübd, das er dem Herrn
+gethan--Ich rede als Sein geistlicher Vater mit Ihm--
+Er, der itzt mit so wenig Mühe über alle Sinnlichkeit
+triumphiren, über die Erde sich hinausschwingen und
+bessern Revieren zufliegen könnte. (Umarmt ihn) Ach
+mein lieber Sohn, bey diesen Thränen, die ich aus
+wahrer herzlicher Sorgfalt für Ihn vergieße; kehr'
+Er nicht zu den Fleischtöpfen Egyptens zurück, da Er
+Kanaan so nahe war! Eile, eile! rette Deine
+unsterbliche Seele! Du hast auf der Welt nichts, das
+Dich mehr zurückhalten könnte. Die Welt hat nichts
+mehr für Dich, womit sie Deine Untreu Dir einmal
+belohnen könnte; nicht einmal eine sinnliche Freude,
+geschweige denn Ruhe der Seelen--Ich geh und überlasse
+Dich Deinen Entschließungen. (geht ab)
+
+(Läuffer bleibt in tiefen Gedanken sitzen)
+
+
+Zehnte Scene.
+
+Lise. (tritt herein, ein Gesangbuch in der Hand, ohne
+daß er sie gewahr wird. Sie sieht ihm lang
+stillschweigend zu. Er springt auf, will knien; wird
+sie gewahr und sieht sie eine Weile verwirrt an)
+
+
+Läuffer. (nähert sich ihr)
+Du hast eine Seele dem Himmel gestolen. (faßt sie an
+die Hand) Was führt Dich hieher, Lise?
+
+Lise.
+Ich komme, Herr Mandel--Ich komme, weil Sie gesagt
+haben, es würd' morgen keine Kinderlehr--weil Sie--
+so komm' ich--gesagt haben--ich komme, zu fragen,
+ob morgen Kinderlehre seyn wird.
+
+Läuffer.
+Ach!--Seht diese Wangen, ihr Engel! Wie sie in
+unschuldigem Feuer brennen und denn verdammt mich,
+wenn ihr könnt--Lise, warum zittert Deine Hand?
+Warum sind Dir die Lippen so bleich und die Wangen
+so roth? Was willst Du?
+
+Lise.
+Ob morgen Kinderlehr seyn wird?
+
+Läuffer.
+Setz Dich zu mir nieder--Leg Dein Gesangbuch weg--
+Wer steckt Dir das Haar auf, wenn Du nach der Kirche
+gehst? (setzt sie auf einen Stuhl neben seinem)
+
+Lise. (will aufstehn)
+Verzeyh' Er mir; die Haube wird wohl nicht recht
+gesteckt seyn; es mache einen so erschrecklichen Wind,
+als ich zur Kirche kam.
+
+Läuffer. (nimmt ihre beyden Hände in seine Hand)
+O Du bist--Wie alt bist Du, Lise?--Hast Du niemals--
+Was wollt' ich doch fragen--Hast Du nie Freyer gehabt?
+
+Lise. (Munter)
+O ja einen, noch die vorige Woche; und des Schaafwirths
+Grethe war so neidisch auf mich und hat immer gesagt:
+ich weiß nicht was er sich um das einfältige Mädchen
+so viel Mühe macht, und denn hab' ich auch noch einen
+Officier gehabt; es ist noch kein Vierteljahr.
+
+Läuffer.
+Einen Officier?
+
+Lise.
+Ja doch, und einer von den recht Vornehmen. Ich sag'
+ihnen, er hat drey Tressen auf dem Arm gehabt: aber
+ich war noch zu jung und mein Vater wollt mich ihm
+nicht geben, wegen des soldatischen Wesens und Ziehens.
+
+Läuffer.
+Würdest Du--O ich weiß nicht, was ich rede--Würdest
+Du wohl--Ich Elender!
+
+Lise.
+O ja, von ganzem Herzen.
+
+Läuffer.
+Bezaubernde!--(will ihr die Hand küssen) Du weißt ja
+noch nicht, was ich fragen wollte.
+
+Lise. (zieht sie weg)
+O lassen Sie, meine Hand ist ja so schwarz--O pfuy
+doch! Was machen Sie? Sehen Sie, einen geistlichen
+Herrn hätt' ich allewege gern: von meiner ersten
+Jugend an hab ich die studierte Herren immer gern
+gehabt; sie sind alleweil so artig, so manierlich,
+nicht so puf paf, wie die Soldaten, obschon ich
+einewege die auch gern habe, das leugn' ich nicht,
+wegen ihrer bunten Röcke; ganz gewiß, wenn die
+geistlichen Herren in so bunten Röcken giengen, wie
+die Soldaten, das wäre zum Sterben.
+
+Läuffer.
+Laß' mich Deinen muthwilligen Mund mit meinen Lippen
+zuschließen. (küßt sie) O Lise! Wenn Du wüstest, wie
+unglücklich ich bin.
+
+Lise.
+O pfuy, Herr, was machen Sie?
+
+Läuffer.
+Noch einmal und denn ewig nicht wieder! (küßt sie.
+Wenzeslaus tritt herein)
+
+Wenzeslaus.
+Was ist das? Proh deum atque hominum fidem! Wie nun,
+falscher, falscher, falscher Prophet! Reißender Wolf
+in Schaafskleidern! Ist das die Sorgfalt, die Du Deiner
+Heerde schuldig bist? Die Unschuld selber verführen, die
+Du vor Verführung bewahren sollst? Es muß ja Aergerniß
+kommen, doch wehe dem Menschen, durch welchen Aergerniß
+kommt!
+
+Läuffer.
+Herr Wenzeslaus!
+
+Wenzeslaus.
+Nichts mehr! Kein Wort mehr! Ihr habt Euch in Eurer
+wahren Gestalt gezeigt. Aus meinem Hause, Verführer!
+
+Lise. (kniet vor Wenzeslaus)
+Lieber Herr Schulmeister, er hat mir nichts böses gethan.
+
+Wenzeslaus.
+Er hat Dir mehr böses gethan, als Dir Dein ärgster
+Feind thun könnte. Er hat Dein unschuldiges Herz
+verführt.
+
+Läuffer.
+Ich bekenne mich schuldig--Aber kann man so vielen
+Reitzungen widerstehen? Wenn man mir dies Herz aus dem
+Leibe risse und mich Glied vor Glied verstümmelte und
+ich behielt nur eine Ader von Blut noch übrig, so würde
+diese verräthrische Ader doch für Lisen schlagen.
+
+Lise.
+Er hat mir nichts Leides gethan.
+
+Wenzeslaus.
+Dir nichts Leides gethan--Himmlischer Vater!
+
+Läuffer.
+Ich hab ihr gesagt, daß sie die liebenswürdigste
+Kreatur sey, die jemals die Schöpfung beglückt hat;
+ich hab' ihr das auf ihre Lippen gedrückt; ich hab
+diesen unschuldigen Mund mit meinen Küssen versiegelt,
+welcher mich sonst durch seine Zaubersprache zu noch
+weit größeren Verbrechen würde hingerissen haben.
+
+Wenzeslaus.
+Ist das kein Verbrechen? Was nennt Ihr jungen Herrn
+heut zu Tage Verbrechen? O tempora, o mores! Habt Ihr
+den Valerius Maximus gelesen? Habt Ihr den Artikel
+gelesen de pudicitia? Da führt er einen Mänius an,
+der seinen Freygelassenen todtgeschlagen hat, weil er
+seine Tochter einmal küßte und die Raison: ut etiam
+oscula ad maritum sincera perferret. Riecht Ihr das?
+Schmeckt Ihr das? Etiam oscula, non solum virginitatem,
+etiam oscula. Und Mänius war doch nur ein Heyde: was
+soll ein Christ thun, der weiß, daß der Ehstand von
+Gott eingesetzt ist und daß die Glückseligkeit eines
+solchen Standes an der Wurzel vergiften, einem
+künftigen Gatten in seiner Gattin seine Freud und
+Trost verderben; seinen Himmel profaniren--Fort,
+aus meinen Augen, Ihr Bösewicht! Ich mag mit Euch
+nichts zu thun haben! Geht zu einem Sultan und laßt
+Euch zum Aufseher über ein Serail dingen, aber nicht
+zum Hirten meiner Schaafe. Ihr Miethling. Ihr reissender
+Wolf in Schaafskleidern!
+
+Läuffer.
+Ich will Lisen heyrathen.
+
+Wenzeslaus.
+Heyrathen--Ey ja doch--als ob sie mit einem Eunuch
+zufrieden?
+
+Lise.
+O ja, ich bins herzlich wohl zufrieden, Herr Schulmeister.
+
+Läuffer.
+Ich unglücklicher!
+
+Lise.
+Glauben Sie mir, lieber Herr Schulmeister, ich laß
+einmal nicht von ihm ab. Nehmen Sie mir das Leben;
+ich lasse nicht ab von ihm. Ich hab ihn gern und mein
+Herz sagt mir, daß ich niemand auf der Welt so gern
+haben kann als ihn.
+
+Wenzeslaus.
+So--daß doch--Lise, Du verstehst das Ding nicht--
+Lise, es läßt sich Dir so nicht sagen, aber Du kannst
+ihn nicht heyrathen; es ist unmöglich.
+
+Lise.
+Warum soll es denn unmöglich seyn, Herr Schulmeister?
+Wie kann's unmöglich seyn, wenn ich will und wenn er
+will, und mein Vater auch es will? Denn mein Vater hat
+mir immer gesagt, wenn ich einmal einen geistlichen
+Herrn bekommen könnte--
+
+Wenzeslaus.
+Aber daß dich der Kuckuk, er kann ja nichts--Gott
+verzeih mir meine Sünde, so laß Dir doch sagen.
+
+Läuffer.
+Vielleicht fodert sie das nicht--Lise, ich kann bey
+Dir nicht schlafen.
+
+Lise.
+So kann Er doch wachen bey mir, wenn wir nur den Tag
+über beisammen sind und uns so anlachen und uns
+einsweilen die Hände küssen--Denn bey Gott! ich hab'
+ihn gern. Gott weiß es, ich hab' Ihn gern.
+
+Läuffer.
+Sehn Sie, Herr Wenzeslaus! Sie verlangt nur Liebe von
+mir. Und ist's denn nothwendig zum Glück der Ehe, daß
+man thierische Triebe stillt?
+
+Wenzeslaus.
+Ey was--Connubium sine prole, est quasi dies sine
+sole ... Seyd fruchtbar und mehret euch, steht in
+Gottes Wort. Wo Eh' ist, müssen auch Kinder seyn.
+
+Lise.
+Nein Herr Schulmeister, ich schwör's Ihm, in meinem
+Leben möcht' ich keine Kinder haben. Ey ja doch,
+Kinder! Was Sie nicht meynen! Damit wär mir auch wol
+groß gedient, wenn ich noch Kinder dazu bekäme. Mein
+Vater hat Enten und Hüner genug, die ich alle Tage
+füttern muß, wenn ich noch Kinder ebenen füttern müste.
+
+Läuffer. (küßt sie)
+Göttliche Lise!
+
+Wenzeslaus. (reißt sie von einander)
+Ey was denn! Was denn! Vor meinen Augen?--So kriecht
+denn zusammen; meinetwegen; weil doch Heyrathen besser
+ist als Brunst leiden--Aber mit uns, Herr Mandel, ist
+es aus: alle grosse Hofnungen, die ich mir von Ihm
+gemacht, alle grosse Erwartungen, die mir Sein
+Heldenmuth einflößte.--Gütiger Himmel! wie weit ist
+doch noch die Kluft, die zwischen einem Kirchenvater
+und zwischen einem Kapaun befestigt ist. Ich dacht',
+er sollte Origenes der zweyte--O homuncio, homuncio!
+Das müßt' ein ganz andrer Mann seyn, der aus Absicht
+und Grundsätzen den Weg einschlüge, um ein Pfeiler
+unsrer sinkenden Kirche zu werden. Ein ganz anderer
+Mann! Wer weiß, was noch einmal geschieht! (geht ab)
+
+Läuffer.
+Komm zu Deinem Vater, Lise, Seine Einwilligung noch
+und ich bin der glücklichste Mensch auf dem Erdboden!
+
+
+Eilfte Scene.
+
+Zu Insterburg.
+
+Geheimer Rath. Fritz von Berg. Pätus. Gustchen. Jungfer
+Rehaar.
+(Gustchen und Jungfer Rehaar verstecken sich bey der
+Ankunft der erstern in die Kammer.)
+(Geheimer Rath und Fritz laufen sich entgegen.)
+
+
+Fritz. (fällt vor ihm auf die Knie)
+Mein Vater!
+
+Geh. Rath. (hebt ihn auf und umarmt ihn)
+Mein Sohn!
+
+Fritz.
+Haben Sie mir vergeben?
+
+Geh. Rath.
+Mein Sohn!
+
+Fritz.
+Ich bin nicht werth, daß ich Ihr Sohn heiße.
+
+Geh. Rath.
+Setz Dich; denk mir nicht mehr dran. Aber, wie hast
+Du Dich in Leipzig erhalten? Wieder Schulden auf meine
+Rechnung gemacht? Nicht? und wie bist Du fortkommen?
+
+Fritz.
+Dieser großmüthige Junge hat alles für mich bezahlt.
+
+Geh. Rath.
+Wie denn?
+
+Pätus.
+Dieser noch großmüthigere--O ich kann nicht reden.
+
+Geh. Rath.
+Setzt euch Kinder; sprecht deutlicher. Hat Ihr Vater
+sich mit Ihnen ausgesöhnt, Herr Pätus?
+
+Pätus.
+Keine Zeile von ihm gesehen.
+
+Geh. Rath.
+Und wie habt Ihrs denn beyde gemacht?
+
+Pätus.
+In der Lotterie gewonnen, eine Kleinigkeit--aber es
+kam uns zu statten, da wir herreisen wollten.
+
+Geh. Rath.
+Ich seh, Ihr wilde Bursche denkt besser als Eure Väter.
+Was hast Du wohl von mir gedacht, Fritz? Aber man hat
+Dich auch bey mir verleumdet.
+
+Pätus.
+Seiffenblase gewiß?
+
+Geh. Rath.
+Ich mag ihn nicht nennen; das gäbe Katzbalgereyen, die
+hier am unrechten Ort wären.
+
+Pätus.
+Seiffenblase! Ich laß mich hängen.
+
+Geh. Rath.
+Aber was führt Dich denn nach Hause zurück, eben
+jetzt da?--
+
+Fritz.
+Fahren Sie fort--O das eben jetzt, mein Vater! das
+eben jetzt ists, was ich wissen wollte.
+
+Geh. Rath.
+Was denn? was denn?
+
+Fritz.
+Ist Gustchen todt?
+
+Geh. Rath.
+Holla! der Liebhaber!--Was veranlaßt Dich, so zu fragen?
+
+Fritz.
+Ein Brief von Seiffenblase.
+
+Geh. Rath.
+Er hat Dir geschrieben: sie wäre todt?
+
+Fritz.
+Und entehrt dazu.
+
+Pätus.
+Es ist ein verleumderischer Schurke!
+
+Geh. Rath.
+Kennst Du eine Jungfer Rehaar in Leipzig?
+
+Fritz.
+O ja, ihr Vater war mein Lautenmeister.
+
+Geh. Rath.
+Die hat er entehren wollen; ich hab sie von seinen
+Nachstellungen errettet: das hat ihn uns feind gemacht.
+
+Pätus. (steht auf)
+Jungfer Rehaar--Der Teufel soll ihn holen.
+
+Geh. Rath.
+Wo wollen Sie hin?
+
+Pätus.
+Ist er in Insterburg?
+
+Geh. Rath.
+Nein doch--Nehmen Sie sich der Prinzessinnen nicht zu
+eifrig an, Herr Ritter von der runden Tafel! Oder haben
+Sie Jungfer Rehaar auch gekannt?
+
+Pätus.
+Ich? Nein, ich habe sie nicht gekannt--Ja, ich habe
+sie gekannt.
+
+Geh. Rath.
+Ich merke--Wollen Sie nicht auf einen Augenblick
+in die Kammer spatzieren? (führt ihn an die Thür)
+
+Pätus. (macht auf und fährt zurück, sich mit beyden
+Händen an den Kopf greiffend)
+Jungfer Rehaar--Zu Ihren Füssen--(hinter der Scene)
+Bin ich so glücklich? oder ist's nur ein Traum? Ein
+Rausch?--Eine Bezauberung?--
+
+Geh. Rath.
+Lassen wir ihn!--(kehrt zu Fritz) Und Du denkst
+noch an Gustchen?
+
+Fritz.
+Sie haben mir das furchtbare Rätzel noch nicht
+aufgelöst. Hat Seiffenblase gelogen?
+
+Geh. Rath.
+Ich denke, wir reden hernach davon: wir wollen uns
+die Freud' itzt nicht verderben.
+
+Fritz. (kniend)
+O mein Vater, wenn Sie noch Zärtlichkeit für mich
+haben, lassen Sie mich nicht zwischen Himmel und
+Erde, zwischen Hofnung und Verzweiflung schweben.
+Darum bin ich gereist; ich konnte die quaalvolle
+Ungewißheit nicht länger aushalten. Lebt Gustchen?
+Ists wahr, daß sie entehrt ist?
+
+Geh. Rath.
+Es ist leider nur eine zu traurige Wahrheit.
+
+Fritz.
+Und hat sich in einen Teich gestürzt?
+
+Geh. Rath.
+Und ihr Vater hat sich ihr nachgestürzt.
+
+Fritz.
+So falle denn Henkers Beil--Ich bin der
+Unglücklichste unter den Menschen!
+
+Geh. Rath.
+Steh' auf! Du bist unschuldig dran--
+
+Fritz.
+Nie will ich aufstehn. (schlägt sich an die Brust)
+Schuldig war ich; einzig und allein schuldig.
+Gustchen, seliger Geist, verzeihe mir!
+
+Geh. Rath.
+Und was hast Du Dir vorzuwerfen?
+
+Fritz.
+Ich habe geschworen, falsch geschworen--Gustchen!
+wär' es erlaubt, Dir nachzuspringen! (steht hastig
+auf) Wo ist der Teich?
+
+Geh. Rath.
+Hier! (führt ihn in die Kammer)
+
+Fritz. (hinter der Scene mit lautem Geschrey)
+Gustchen!--Seh' ich ein Schattenbild?--Himmel!
+Himmel welche Freude!--Laß mich sterben! laß mich
+an Deinem Halse sterben.
+
+Geh. Rath. (wischt sich die Augen)
+Eine zärtliche Gruppe!--Wenn doch der Major hier
+wäre! (geht hinein.)
+
+
+Letzte Scene.
+
+Der Major (ein Kind auf dem Arm) Der alte Pätus.
+
+
+Major.
+Kommen Sie, Herr Pätus. Sie haben mir das Leben
+wiedergegeben. Das war der einzige Wurm, der mir
+noch dran nagte. Ich muß Sie meinem Bruder präsentiren,
+und Ihre alte blinde Großmutter will ich in Gold
+einfassen lassen.
+
+Der alte Pätus.
+O meine Mutter hat mich durch ihren unvermutheten
+Besuch weit glücklicher gemacht, als Sie. Sie haben
+nur einen Enkel wiedererhalten, der Sie an traurige
+Geschichten erinnert; ich aber eine Mutter, die mich
+an die angenehmsten Scenen meines Lebens erinnert,
+und deren mütterliche Zärtlichkeit ich leider noch
+durch nichts habe erwiedern können, als Haß und
+Undankbarkeit. Ich habe sie aus dem Hause gestoßen,
+nachdem sie mir den ganzen Nachlaß meines Vaters
+und ihr Vermögen mit übergeben hatte; ich habe ärger
+gegen sie gehandelt als ein Tyger--Welche Gnade
+von Gott ist es, daß sie noch lebt, daß sie mir noch
+verzeihen kann, die großmüthige Heilige! daß es noch
+in meine Gewalt gestellt ist, meine verfluchte
+Verbrechen wieder gut zu machen.
+
+Major.
+Bruder Berg! wo bist Du? He! (Geh. Rath kömmt) Hier
+ist mein Kind, mein Großsohn. Wo ist Gustchen? Mein
+allerliebstes Großsöhnchen! (schmeichelt ihm) meine
+allerliebste närrische Puppe!
+
+Geh. Rath.
+Das ist vortreflich!--und Sie, Herr Pätus?
+
+Major.
+Sie Herr Pätus hat's mir verschaft--Seine Mutter
+war das alte blinde Weib, die Bettlerin, von der uns
+Gustchen so viel erzählt hat.
+
+Der alte Pätus.
+Und durch mich Bettlerin--O die Schaam bindt mir
+die Zunge. Aber ich wills der ganzen Welt erzehlen,
+was ich für ein Ungeheuer war--
+
+Geh. Rath.
+Weißt Du was neues, Major? Es finden sich Freyer für
+Deine Tochter--aber dring nicht in mich, Dir den
+Namen zu sagen.
+
+Major.
+Freyer für meine Tochter!--(wirft das Kind ins
+Kanapee) Wo ist sie?
+
+Geh. Rath.
+Sacht! ihr Freyer ist bey ihr--Willst Du Deine
+Einwilligung geben?
+
+Major.
+Ists ein Mensch von gutem Hause? Ist er von Adel?
+
+Geh. Rath.
+Ich zweifle.
+
+Major.
+Doch keiner zu weit unter ihrem Stande? O sie sollte
+die erste Parthie im Königreich werden. Das ist ein
+vermaledeyter Gedanke! wenn ich doch den erst fort
+hätte; er wird mich noch ins Irrhaus bringen.
+
+Geh. Rath. (öfnet die Kammer; auf seinen Wink tritt
+Fritz mit Gustchen heraus)
+
+Major. (fällt ihm um den Hals)
+Fritz! (zum geh. Rath) Ists Dein Fritz? Willst Du
+meine Tochter heyrathen?--Gott segne Dich. Weißt
+Du noch nichts, oder weißt Du alles? Siehst Du, wie
+mein Haar grau geworden ist vor der Zeit! (führt ihn
+ans Kanapee) Siehst Du, dort ist das Kind. Bist ein
+Philosoph? Kannst alles vergessen? Ist Gustchen Dir
+noch schön genug? O sie hat bereut. Jung, ich schwöre
+Dir, sie hat bereut, wie keine Nonne und kein Heiliger.
+Aber was ist zu machen? Sind doch die Engel aus dem
+Himmel gefallen--Aber Gustchen ist wieder aufgestanden.
+
+Fritz.
+Lassen Sie mich zum Wort kommen.
+
+Major. (drückt ihn immer an die Brust)
+Nein Junge--Ich möchte Dich todt drücken--Daß Du
+so großmüthig bist, daß Du so edel denkst--das Du--
+mein Junge bist--
+
+Fritz.
+In Gustchens Armen beneid' ich keinen König.
+
+Major.
+So recht; das ist recht.--Sie wird Dir schon gestanden
+haben; sie wird Dir alles erzählt haben--
+
+Fritz.
+Dieser Fehltritt macht sie mir nur noch theurer--
+macht ihr Herz nur noch englischer.--Sie darf nur
+in den Spiegel sehn, um überzeugt zu seyn, daß sie
+mein ganzes Glück machen werde und doch zittert sie
+immer vor dem, wie sie sagt, ihr unerträglichen
+Gedanken: sie werde mich unglücklich machen. O was
+hab ich von einer solchen Frau anders zu gewarten,
+als einen Himmel?
+
+Major.
+Ja wohl einen Himmel; wenn's wahr ist, daß die
+Gerechten nicht allein hineinkommen, sondern auch
+die Sünder, die Busse thun. Meine Tochter hat Busse
+gethan und ich hab für meine Thorheiten und daß ich
+einem Bruder nicht folgen wollte, der das Ding besser
+verstund, auch Busse gethan; ihr zur Gesellschaft:
+und darum macht mich der liebe Gott auch ihr zur
+Gesellschaft mit glücklich.
+
+Geh. Rath. (ruft zur Kammer hinein)
+Herr Pätus, kommen Sie doch hervor. Ihr Vater ist hier.
+
+Der alte Pätus.
+Was hör' ich--Mein Sohn?
+
+Pätus. (fällt ihm um den Hals)
+Ihr unglücklicher verstossener Sohn. Aber Gott hat sich
+meiner als eines armen Wäysen angenommen. Hier, Papa,
+ist das Geld, das Sie zu meiner Erziehung in der Fremde
+angewandt; hier ist's zurück und mein Dank dazu; es hat
+doppelte Zinsen getragen, das Kapital hat sich vermehrt
+und Ihr Sohn ist ein rechtschaffener Kerl worden.
+
+Der alte Pätus.
+Muß denn alles heute wetteifern, mich durch Großmuth zu
+beschämen. Mein Sohn, erkenne Deinen Vater wieder, der
+eine Weile seine menschliche Natur ausgezogen und in
+ein wildes Thier ausgeartet war. Es gieng Deiner
+Großmutter wie Dir: sie ist auch wiedergekommen und hat
+mir verziehen und hat mich wieder zum Sohn gemacht, so
+wie Du mich wieder zum Vater machst. Nimm mein ganzes
+Vermögen, Gustav! schalte damit nach Deinem Gefallen,
+nur laß mich die Undankbarkeit nicht entgelten, die
+ich bey einem ähnlichen Geschenk gegen Deine Großmutter
+äußerte.
+
+Pätus.
+Erlauben Sie mir, das tugendhafteste süsseste Mädchen
+glücklich damit zu machen--
+
+Der alte Pätus.
+Was denn? Du auch verliebt? Mit Freuden erlaub' ich Dir
+alles. Ich bin alt und möchte vor meinem Tode gern Enkel
+sehen, denen ich die Treue beweisen könnte, die Eure
+Großmutter für Euch bewiesen hat.
+
+Fritz. (Umarmt das Kind auf dem Kanapee, küßt's und
+trägts zu Gustchen)
+Dies Kind ist jetzt auch das meinige; ein trauriges
+Pfand der Schwachheit Deines Geschlechts und der
+Thorheiten des unsrigen: am meisten aber der
+vortheilhaften Erziehung junger Frauenzimmer durch
+Hofmeister.
+
+Major.
+Ja mein lieber Sohn, wie sollen sie denn erzogen werden?
+
+Geh. Rath.
+Giebts für sie keine Anstalten, keine Nähschulen, keine
+Klöster, keine Erziehungshäuser?--Doch davon wollen
+wir ein andermal sprechen.
+
+Fritz. (küßt's abermal)
+Und dennoch mir unendlich schätzbar, weil's das Bild
+seiner Mutter trägt. Wenigstens, mein süsses Kind!
+werd' ich Dich nie durch Hofmeister erziehen lassen.
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 6821 ***