diff options
Diffstat (limited to '6821-0.txt')
| -rw-r--r-- | 6821-0.txt | 4566 |
1 files changed, 4566 insertions, 0 deletions
diff --git a/6821-0.txt b/6821-0.txt new file mode 100644 index 0000000..4015360 --- /dev/null +++ b/6821-0.txt @@ -0,0 +1,4566 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 6821 *** + + + + +Der Hofmeister odor Vortheile der Privaterziehung + +Jakob Michael Reinhold Lenz + +Eine Komödie. + + +Namen. + +Herr von Berg. Geheimer Rath. +Der Major. Sein Bruder. +Die Majorin. +Gustchen. Ihre Tochter. +Fritz von Berg. +Graf Wermuth. +Läuffer. Ein Hofmeister. +Pätus und Bollwerk. Studenten. +Herr von Seiffenblase. +Sein Hofmeister. +Frau Hamster. Räthin. +Jungfer Hamster. +Jungfer Knicks. +Frau Blitzer. +Wenzeslaus. Ein Schulmeister. +Marthe. Alte Frau. +Lise. +Der alte Pätus. +Der alte Läuffer. Stadtprediger. +Leopold. Junker des Majors. Ein Kind. +Herr Rehhaar. Lautenist. +Jungfer Rehhaar. Seine Tochter. + + + +Erster Akt. + + +Erste Scene. + +Zu Insterburg in Preussen. + + +Läuffer. +Mein Vater sagt: ich sey nicht tauglich zum Adjunkt. Ich +glaube, der Fehler liegt in seinem Beutel; er will keinen +bezahlen. Zum Pfaffen bin ich auch zu jung, zu gut +gewachsen, habe zu viel Welt gesehn und bey der +Stadtschule hat mich der geheime Rath nicht annehmen +wollen. Mag's! er ist ein Pedant und dem ist freylich +der Teufel selber nicht gelehrt genug. Im halben Jahr +hätt' ich doch wieder eingeholt, was ich von der Schule +mitgebracht, und dann wär' ich für einen Klassenpräceptor +noch immer viel zu gelehrt gewesen, aber der Herr geheime +Rath muß das Ding besser verstehen. Er nennt mich immer +nur Monsieur Läuffer, und wenn wir von Leipzig sprechen, +fragt er nach Händels Kuchengarten und Richters Kaffehaus, +ich weiß nicht: soll das Satyre seyn, oder--Ich hab' +ihn doch mit unserm Konrektor bisweilen tiefsinnig genug +diskuriren hören; er sieht mich vermuthlich nicht für +voll an.--Da kommt er eben mit dem Major; ich weiß nicht, +ich scheu ihn ärger als den Teufel. Der Kerl hat etwas +in seinem Gesicht, das mir unerträglich ist. (geht dem +geheimen Rath und dem Major mit viel freundlichen +Scharrfüssen vorbey.) + + +Zweyte Scene. + +Geheimer Rath. Major. + + +Major. +Was willst du denn? Ist das nicht ein ganz artiges Männichen? + +Geh. Rath. +Artig genug, nur zu artig. Aber was soll er Deinen Sohn +lehren? + +Major. +Ich weiß nicht, Berg, Du thust immer solche wunderliche +Fragen. + +Geh. Rath. +Nein aufrichtig! Du must doch eine Absicht haben, wenn Du +einen Hofmeister nimmst und den Beutel mit einemmahl so +weit aufthust, daß dreihundert Dukaten herausfallen. Sag +mir, was meinst Du mit dem Geld auszurichten; was foderst +Du dafür von Deinem Hofmeister? + +Major. +Daß er--was ich--daß er meinen Sohn in allen +Wissenschaften und Artigkeiten und Weltmanieren--Ich weiß +auch nicht, was Du immer mit Deinen Fragen willst; das +wird sich schon finden; das werd ich ihm alles schon zu +seiner Zeit sagen. + +Geh. Rath. +Das heißt: Du willst Hofmeister Deines Hofmeisters seyn; +bedenkst Du aber auch, was Du da auf Dich nimmst--Was +soll Dein Sohn werden, sag mir einmahl? + +Major. +Was er... Soldat soll er werden; ein Kerl, wie ich gewesen +bin. + +Geh. Rath. +Das letzte laß nur weg, lieber Bruder; unsere Kinder +sollen und müssen das nicht werden, was wir waren: die +Zeiten ändern sich, Sitten, Umstände, alles, und wenn Du +nichts mehr und nichts weniger geworden wärst, als das +leibhafte Kontrefey Deines Eltervaters-- + +Major. +Potz hundert! wenn er Major wird, und ein braver Kerl +wie ich, und dem König so redlich dient als ich! + +Geh. Rath. +Ganz gut, aber nach funfzig Jahren haben wir vielleicht +einen andern König und eine andre Art ihm zu dienen. Aber +ich seh schon, ich kann mich mit Dir in die Sachen nicht +einlassen, ich müste zu weit ausholen und würde doch +nichts ausrichten. Du siehst immer nur der graden Linie +nach, die Deine Frau Dir mit Kreide über den Schnabel +zieht. + +Major. +Was willst Du damit sagen, Berg? Ich bitt Dich, misch +Dich nicht in meine Hausangelegenheiten, so wie ich mich +nicht in die Deinigen.--Aber sieh doch! da läuft ja +eben Dein gnädiger Junker mit zwey Hollunken aus der +Schule heraus.--Vortrefliche Erziehung, Herr Philosophus! +Das wird einmal was rechts geben! Wer sollt' es in aller +Welt glauben, daß der Gassenbengel der einzige Sohn Sr. +Excellenz des königlichen geheimen Raths-- + +Geh. Rath. +Laß ihn nur.--Seine lustigen Spielgesellen werden ihn +minder verderben als ein galonirter Müßiggänger, +unterstützt von einer eiteln Patronin. + +Major. +Du nimmst Dir Freyheiten heraus.--Adieu. + +Geh. Rath. +Ich bedaure Dich. + + +Dritte Scene. + +Der Majorin Zimmer. +Frau Majorin. (auf einem Kanapee) +Läuffer. (in sehr demüthiger Stellung neben ihr sitzend) +Leopold. (steht) + + +Majorin. +Ich habe mit Ihrem Herrn Vater gesprochen und von den +dreihundert Dukaten stehenden Gehalts sind wir bis auf +hundert und funfzig einig worden. Dafür verlang' ich +aber auch Herr--Wie heissen Sie?--Herr Läuffer, daß +Sie Sich in Kleidern sauber halten, und unserm Hause +keine Schande machen. Ich weiß, daß Sie Geschmack haben; +ich habe schon von Ihnen gehört, als Sie noch in Leipzig +waren. Sie wissen, daß man heut zu Tage auf nichts in +der Welt so sehr sieht, als ob ein Mensch sich zu führen +wisse. + +Läuffer. +Ich hoff', Euer Gnaden werden mit mir zufrieden seyn. +Wenigstens hab' ich in Leipzig keinen Ball ausgelassen, +und wohl über die funfzehn Tanzmeister in meinem Leben +gehabt. + +Majorin. +So? lassen Sie doch sehen. (Läuffer steht auf) Nicht +furchtsam, Herr...Läuffer! nicht furchtsam! Mein Sohn +ist buschscheu genug; wenn der einen blöden Hofmeister +bekommt, so ists aus mit ihm. Versuchen Sie doch einmal, +mir ein Kompliment aus der Menuet zu machen; zur Probe +nur, damit ich doch sehe.--Nun, nun, das geht schon an! +Mein Sohn braucht vor der Hand keinen Tanzmeister! Auch +einen Pas, wenn's Ihnen beliebt.--Es wird schon gehen; +das wird sich alles geben, wenn Sie einmal einer unsrer +Assembleen werden beigewohnt haben. Sind Sie musikalisch? + +Läuffer. +Ich spiele die Geige, und das Klavier zur Noth. + +Majorin. +Desto besser: wenn wir aufs Land gehn und Fräulein +Milchzahn besuchen uns einmal; ich habe bisher ihnen +immer was vorsingen müssen, wenn die guten Kinder Lust +bekamen zu tanzen: aber besser ist besser. + +Läuffer. +Euer Gnaden setzen mich ausser mich: wo wär ein Virtuos +auf der Welt, der auf seinem Instrument Euer Gnaden +Stimme zu erreichen hoffen dürfte. + +Majorin. +Ha ha ha! Sie haben mich ja noch nicht gehört. ... Warten +Sie; ist Ihnen die Menuet bekannt? (singt) + +Läuffer. +O... o... verzeihen Sie dem Entzücken, dem Enthusiasmus, +der mich hinreißt. (küßt ihr die Hand.) + +Majorin. +Und ich bin doch enrhumirt dazu; ich muß heut krähen wie +ein Rabe. Vous parlez françois, sans doute? + +Läuffer. +Un peu, Madame + +Majorin. +Avez Vous deja fait Vôtre tour de France? + +Läuffer. +Non Madame. ... Oui Madame. + +Majorin. +Vous devez donc savoir, qu'en France, on ne baise pas +les mains, mon cher. ... + +Bedienter. (tritt herein) +Der Graf Wermuth ... + +Graf Wermuth. (tritt herein) + +Graf. (nach einigen stummen Komplimenten setzt sich zur +Majorin aufs Kanapee. Läuffer bleibt verlegen stehen) +Haben Euer Gnaden den neuen Tanzmeister schon gesehn, +der aus Dresden angekommen? Er ist ein Marchese aus +Florenz, und heißt ... Aufrichtig: ich habe nur zwey +auf meinen Reisen angetroffen, die ihm vorzuziehen waren. + +Majorin. +Das gesteh' ich, nur zwey! In der That, Sie machen mich +neugierig; ich weiß, welchen verzärtelten Geschmack der +Graf Wermuth hat. + +Läuffer. +Pintinello ... nicht wahr? ich hab' ihn in Leipzig auf +dem Theater tanzen sehen; er tanzt nicht sonderlich ... + +Graf. +Er tanzt--on ne peut pas mieux.--Wie ich Ihnen sage, +gnädige Frau, in Petersburg hab' ich einen Beluzzi +gesehn, der ihm vorzuziehen war: aber dieser hat eine +Leichtigkeit in seinen Füssen, so etwas freyes, +göttlichnachläßiges in seiner Stellung, in seinen Armen, +in seinen Wendungen-- + +Läuffer. +Auf dem Kochischen Theater ward er ausgepfiffen, als er +sich das letztemal sehen ließ. + +Majorin. +Merk Er sich, mein Freund! daß Domestiken in +Gesellschaften von Standespersonen nicht mitreden. Geh +Er auf Sein Zimmer. Wer hat Ihn gefragt? (Läuffer tritt +einige Schritte zurück) + +Graf. +Vermuthlich der Hofmeister, den Sie dem jungen Herrn +bestimmt? ... + +Majorin. +Er kommt ganz frisch von der hohen Schule.--Geh' Er +nur! Er hört ja, daß man von Ihm spricht; desto weniger +schickt es sich, stehen zu bleiben. (Läuffer geht mit +einem steifen Kompliment ab) Es ist was unerträgliches, +daß man für sein Geld keinen rechtschaffenen Menschen +mehr antreffen kann. Mein Mann hat wohl dreymahl an einen +dasigen Professor geschrieben und dies soll doch noch +der galanteste Mensch auf der ganzen Akademie gewesen +seyn. Sie sehens auch wohl an seinem links bordirten +Kleide. Stellen Sie sich vor, von Leipzig bis Insterburg +zweihundert Dukaten Reisegeld und jährliches Gehalt +fünfhundert Dukaten, ist das nicht erschröcklich? + +Graf. +Ich glaube, sein Vater ist der Prediger hier aus dem Ort ... + +Majorin. +Ich weiß nicht--es kann seyn--ich habe nicht darnach +gefragt, ja doch, ich glaub' es fast: er heißt ja auch +Läuffer; nun denn ist er freylich noch artig genug. Denn +das ist ein rechter Bär, wenigstens hat er mich ein für +allemal aus der Kirche gebrüllt. + +Graf. +Ists ein Katholik? + +Majorin. +Nein doch, Sie wissen ja, daß in Insterburg keine +katholische Kirche ist: er ist Lutherisch, oder +Protestantisch wollt' ich sagen; er ist protestantisch. + +Graf. +Pintinello tanzt ... Es ist wahr, ich habe mir mein +Tanzen einige dreißig tausend Gulden kosten lassen, aber +noch einmal so viel gäb' ich drum, wenn ... + + +Vierte Scene. + +Läuffers Zimmer. +Läuffer. Leopold. Der Major. +(Erstere sitzen an einem Tisch, ein Buch in der Hand, +indem sie der letztere überfällt.) + + +Major. +So recht; so lieb' ichs; hübsch fleißig--und wenn die +Kanaille nicht behalten will, Herr Läuffer, so schlagen +Sie ihm das Buch an den Kopf, daß ers Aufstehen vergißt, +oder wollt' ich sagen, so dürfen Sie mirs nur klagen. +Ich will Dir den Kopf zurecht setzen, Heyduk Du! Seht +da zieht er das Maul schon wieder. Bist empfindlich, +wenn Dir Dein Vater was sagt? Wer soll Dirs denn sagen? +Du sollst mir anders werden, oder ich will Dich peitschen, +daß Dir die Eingeweide krachen sollen, Tuckmäuser! Und +Sie, Herr, seyn Sie fleißig mit ihm, das bitt' ich mir +aus, und kein Feriiren und Pausiren und Rekreiren, das +leid ich nicht. Zum Plunder, vom Arbeiten wird kein +Mensch das Malum hydropisiacum kriegen. Das sind nur +Ausreden von euch Herren Gelehrten.--Wie stehts, kann +er seinen Cornelio? Lippel! ich bitt Dich um tausend +Gottes willen, den Kopf grad. Den Kopf in die Höhe, +Junge! (richtet ihn) Tausend Sakkerment den Kopf aus den +Schultern! oder ich zerbrech Dir Dein Rückenbein in +tausendmillionen Stücken. + +Läuffer. +Der Herr Major verzeihen: er kann kaum lateinisch lesen. + +Major. +Was? So hat der Rakker vergessen.--Der vorige Hofmeister +hat mir doch gesagt, er sey perfekt im Lateinischen, +perfekt. ... Hat ers ausgeschwitzt--aber ich will Dir-- +Ich will es nicht einmal vor Gottes Gericht zu +verantworten haben, daß ich Dir keinen Daumen aufs Auge +gesetzt habe, und daß ein Galgendieb aus Dir geworden +ist, wie der junge Hufeise oder wie Deines Onkels +Friedrich, eh Du mir so ein Gassenläufferischer +Taugenichts--Ich will dich zu Tode hauen--(giebt ihm +eine Ohrfeige) Schon wieder wie ein Fragzeichen? Er +läßt sich nicht sagen.--Fort mir aus den Augen.--Fort! +Soll ich Dir Beine machen? Fort, sag' ich. (stampft mit +dem Fuß. Leopold geht ab. Major setzt sich auf seinen +Stuhl. Zu Läuffern.) Bleiben Sie sitzen, Herr Läuffer; +ich wollte mit ihnen ein paar Worte allein sprechen, +darum schickt' ich den jungen Herrn fort. Sie können +immer sitzen bleiben; ganz, ganz. Zum Henker Sie +brechen mir ja den Stuhl entzwey, wenn Sie immer so +auf einer Ecke ... Dafür steht ja der Stuhl da, daß +man drauf sitzen soll. Sind Sie so weit gereist und +wissen das noch nicht?--Hören Sie nur: ich seh' Sie +für einen hübschen artigen Mann an, der Gott fürchtet +und folgsam ist, sonst würd' ich das nimmer thun, was +ich für Sie thue. Hundert und vierzig Dukaten jährlich +hab' ich Ihnen versprochen: das machen drey--Warte-- +Dreymal hundert und vierzig: wieviel machen das? + +Läuffer. +Vier hundert und zwanzig. + +Major. +Ists gewiß? Macht das soviel? Nun damit wir gerade Zahl +haben, vierhundert Thaler preußisch Courant hab' ich zu +Ihrem Salarii bestimmt. Sehen Sie, das ist mehr als das +ganze Land giebt. + +Läuffer. +Aber mit Eurer Gnaden gnädigen Erlaubniß, die Frau +Majorin haben mir von hundert funfzig Dukaten gesagt; +das machte gerade vierhundert funfzig Thaler und auf +diese Bedingungen hab' ich mich eingelassen. + +Major. +Ey was wissen die Weiber!--Vierhundert Thaler, +Monsieur; mehr kann Er mit gutem Gewissen nicht fodern. +Der vorige hat zweihundert funfzig gehabt und ist +zufrieden gewesen wie ein Gott. Er war doch, mein Seel! +ein gelehrter Mann; auch und ein Hofmann zugleich: die +ganze Welt gab' ihm das Zeugniß, und Herr, Er muß noch +ganz anders werden, eh' Er so wird. Ich thu' es nur aus +Freundschaft für Seinen Herrn Vater, was ich an Ihm +thue und um Seinetwillen auch, wenn Er hübsch folgsam +ist, und werd' auch schon einmal für Sein Glück zu +sorgen wissen; das kann Er versichert seyn.--Hör Er +doch einmal: ich hab' eine Tochter, das mein Ebenbild +ist und die ganze Welt giebt ihr das Zeugniß, daß ihres +gleichen an Schönheit im ganzen Preussenlande nichts +anzutreffen. Das Mädchen hat ein ganz anders Gemüth als +mein Sohn, der Buschklepper. Mit dem muß ganz anders +umgegangen werden! Es weiß sein Christenthum aus dem +Grunde und in dem Grunde, aber es ist denn nun doch, +weil sie bald zum Nachtmahl gehen soll und ich weiß wie +die Pfaffen sind, so soll er auch alle Morgen etwas aus +dem Christenthum mit ihr nehmen. Alle Tage Morgens eine +Stunde und da geht Er auf ihr Zimmer; angezogen, das +versteht sich: denn Gott behüte, daß Er so ein Schweinigel +seyn sollte wie ich einen gehabt habe, der durchaus im +Schlafrock an Tisch kommen wollte.--Kann Er auch +zeichnen? + +Läuffer. +Etwas, gnädiger Herr.--Ich kann Ihnen einige Proben weisen. + +Major. (besieht sie) +Das ist ja scharmant!--Recht schön; gut das: Er soll +meine Tochter auch zeichnen lehren.--Aber hören Sie, +werther Herr Läuffer, um Gottes Willen ihr nicht scharf +begegnet; das Mädchen hat ein ganz ander Gemüth als der +Junge. Weiß Gott! es ist als ob sie nicht Bruder und +Schwester wären. Sie liegt Tag und Nacht über den +Büchern und über den Trauerspielen da, und sobald man +ihr nur ein Wort sagt, besonders ich, von mir kann sie +nichts vertragen, gleich stehn ihr die Backen in Feuer +und die Thränen lauffen ihr wie Perlen drüber herab. Ich +wills Ihm nur sagen: das Mädchen ist meines Herzens +einziger Trost. Meine Frau macht mir bittre Tage genug: +sie will alleweil herrschen und weil sie mehr List und +Verstand hat, als ich. Und der Sohn, das ist ihr +Liebling; den will sie nach ihrer Methode erziehen; +fein säuberlich mit dem Knaben Absalom, und da wird +denn einmal so ein Galgenstrick draus, der nicht Gott, +nicht Menschen was Nutz ist.--Das will ich nicht +haben.--Sobald er was thut, oder was versieht, oder +hat seinen Lex nicht gelernt, sag' Ers mir nur und der +lebendige Teuffel soll drein fahren.--Aber mit der +Tochter nehm' Er sich in Acht; die Frau wird Ihm schon +zureden, daß Er ihr scharf begegnen soll. Sie kann sie +nicht leiden, das weiß ich; aber wo ich das geringste +merke. Ich bin Herr vom Hause, muß Er wissen, und wer +meiner Tochter zu nahe kommt--Es ist mein einziges +Kleinod, und wenn der König mir sein Königreich für +sie geben wollt': ich schicke ihn fort. Alle Tage ist +sie in meinem Abendgebet und Morgengebet und in meinem +Tischgebet, und alles in allem, und wenn Gott mir die +Gnade thun wollte, daß ich sie noch vor meinem Ende +mit einem General oder Staatsminister vom ersten Range +versorgt sähe,--denn keinen andern soll sie sein +Lebtage bekommen,--so wollt' ich gern ein zehn Jahr +eher sterben.--Merk' Er sich das--und wer meiner +Tochter zu nahe kommt oder ihr worinn zu Leid lebt-- +die erste beste Kugel durch den Kopf. Merk' Er Sich +das.--(geht ab.) + + +Fünfte Scene. +Fritz von Berg. Augustchen. + + +Fritz. +Sie werden nicht Wort halten Gustchen: Sie werden mir +nicht schreiben, wenn Sie in Heidelbrun sind, und dann +werd' ich mich zu Tode grämen. + +Gustchen. +Glaubst Du denn, daß Deine Juliette so unbeständig seyn +kann? O nein; ich bin ein Frauenzimmer; die Mannspersonen +allein sind unbeständig. + +Fritz. +Nein, Gustchen, die Frauenzimmer allein sinds. Ja wenn +alle Julietten wären!--Wissen Sie was? Wenn Sie an mich +schreiben, nennen Sie mich Ihren Romeo; thun Sie mir +den Gefallen: ich versichere Sie, ich werd' in allen +Stücken Romeo seyn, und wenn ich erst einen Degen trage. +O ich kann mich auch erstechen, wenn's dazu kommt. + +Gustchen. +Gehn Sie doch! Ja Sie werden's machen, wie im Gellert +steht: er besah die Spitz' und Schneide und steckt' ihn +langsam wieder ein. + +Fritz. +Sie sollen schon sehen. (faßt sie an die Hand.) Gustchen-- +Gustchen! wenn ich Sie verlieren sollte oder der Onkel +wollte Sie einem andern geben.--Der gottlose Graf +Wermuth! Ich kann Ihnen den Gedanken nicht sagen +Gustchen, aber Sie könnten ihn schon in meinen Augen +lesen--Er wird ein Graf Paris für uns seyn. + +Gustchen. +Fritzchen--so mach' ichs wie Juliette. + +Fritz. +Was denn?--Wie denn?--Das ist ja nur eine Erdichtung; +es giebt keine solche Art Schlaftrunk. + +Gustchen. +Ja, aber es giebt Schlaftrünke zum ewigen Schlaf. + +Fritz. (fällt ihr um den Hals) +Grausame! + +Gustchen. +Ich hör' meinen Vater auf dem Gange.--Laß uns in den +Garten lauffen.--Nein; er ist fort.--Gleich nach dem +Caffee Fritzchen reisen wir und so wie der Wagen Dir +aus den Augen verschwindt, werd' ich Dir auch schon aus +dem Gedächtniß seyn. + +Fritz. +So mag Gott sich meiner nie mehr erinnern, wenn ich +Dich vergesse. Aber nimm Dich für den Grafen in Acht, +er gilt soviel bey deiner Mutter und Du weißt, sie +möchte Dich gern aus den Augen haben, und eh' ich meine +Schulen gemacht habe und drey Jahr auf der Universität, +das ist gar lange. + +Gustchen. +Wie denn Fritzchen! Ich bin ja noch ein Kind: ich bin +noch nicht zum Abendmahl gewesen, aber sag mir.--O wer +weiß, ob ich Dich sobald wieder spreche!--Wart, komm in +den Garten. + +Fritz. +Nein, nein, der Papa ist vorbey gegangen.--Siehst Du, +der Henker! er ist im Garten.--Was wolltest Du mir sagen? + +Gustchen. +Nichts... + +Fritz. +Liebes Gustchen... + +Gustchen. +Du solltest mir--Nein, ich darf das nicht von Dir +verlangen. + +Fritz. +Verlange mein Leben, meinen letzten Tropfen Bluts. + +Gustchen. +Wir wollten uns beyde einen Eid schwören. + +Fritz. +O komm! Vortreflich! Hier laß uns niederknien; am +Canapee, und heb' Du so Deinen Finger in die Höh' +und ich so meinen.--Nun sag, was soll ich schwören? + +Gustchen. +Daß Du in drey Jahren von der Universität zurückkommen +willst und Dein Gustchen zu Deiner Frau machen; Dein +Vater mag dazu sagen, was er will. + +Fritz. +Und was willst Du mir dafür wieder schwören, mein +englisches... (küßt sie) + +Gustchen. +Ich will schwören, daß ich in meinem Leben keines +andern Menschen Frau werden will, als Deine und wenn +der Kaiser von Rußland selber käme. + +Fritz. +Ich schwör Dir hunderttausend Eide--(Der geheime Rath +tritt herein: beyde springen mit lautem Geschrey auf.) + + +Sechste Scene. + + +Geh. Rath. +Was habt Ihr närrische Kinder? Was zittert Ihr?--Gleich, +gesteht mir alles. Was habt Ihr hier gemacht? Ihr seyd +beyde auf den Knien gelegen.--Junker Fritz, ich bitte +mir eine Antwort aus; unverzüglich:--Was habt Ihr +vorgehabt? + +Fritz. +Ich, gnädigster Papa? + +Geh. Rath. +Ich? und das mit einem so verwundrungsvollen Ton? Siehst +Du: ich merk' alles. Du möchtest mir itzt gern eine Lüge +sagen, aber entweder bist Du zu dumm dazu, oder zu feig, +und willst Dich mit Deinem Ich? heraushelfen. ... Und +Sie Mühmchen?--Ich weiß. Gustchen verheelt mir nichts. + +Gustchen. (fällt ihm um die Füße) +Ach, mein Vater-- + +Geh. Rath. (hebt sie auf und küßt sie.) +Wünschst Du mich zu Deinem Vater? Zu früh, mein Kind, zu +früh Gustchen, mein Kind. Du hast noch nicht communicirt. +--Denn warum soll ich euch verheelen, daß ich euch +zugehört habe.--Das war ein sehr einfältig Stückchen +von Euch beyden; besonders von Dir, großer vernünftiger +Junker Fritz, der bald einen Bart haben wird wie ich, +und eine Perücke aufsetzen und einen Degen anstecken. +Pfuy, ich glaubt' einen vernünftigern Sohn zu haben. +Das macht Dich gleich ein Jahr jünger, und macht, daß +Du länger auf der Schule bleiben mußt. Und Sie, Gustchen, +auch Ihnen muß ich sagen, daß es sich für Ihr Alter gar +nicht mehr schickt, so kindisch zu thun. Was sind das +für Romane, die Sie da spielen? Was für Eide, die Sie +sich da schwören, und die Ihr doch alle beyde so gewiß +brechen werdet als ich itzt mit Euch rede. Meynt Ihr, +Ihr seyd in den Jahren, Eide zu thun, oder meynt Ihr, +ein Eid sey ein Kinderspiel, wie es das Versteckspiel +oder die blinde Kuh ist? Lernt erst einsehen, was ein +Eid ist: lernt erst zittern dafür und alsdenn wagt's, +ihn zu schwören. Wißt, daß ein Meineidiger die +schändlichste und unglücklichste Creatur ist, die von +der Sonne angeschienen wird. Ein solcher darf weder den +Himmel ansehen, den er verleugnet hat, noch andere +Menschen, die sich unaufhörlich vor ihm scheuen, und +seiner Gesellschaft mit mehr Sorgfalt ausweichen, als +einer Schlange oder einem tückischen Hunde. + +Fritz. +Aber ich denke meinen Eid zu halten. + +Geh. Rath. +In der That Romeo? Ha! Du kannst Dich auch erstechen, +wenn's dazu kommt. Du hast geschworen, daß mir die Haare +zu Berg standen. Also gedenkst Du Deinen Eid zu halten? + +Fritz. +Ja Papa, bey Gott! ich denk' ihn zu halten. + +Geh. Rath. +Schwur mit Schwur bekräftigt!--Ich werd' es Deinem +Rektor beibringen. Er soll Euch auf vierzehn Tage nach +Sekunda herunter transportiren, Junker: inskünftige +lernt behutsamer schwören. Und worauf? Steht das in +Deiner Gewalt, was Du da versicherst? Du willst Gustchen +heyrathen! Denk doch! weißt Du auch schon, was für ein +Ding das ist, Heyrathen? Geh doch, heyrathe sie: nimm +sie mit auf die Akademie. Nicht? Ich habe nichts dawider, +daß ihr Euch gern seht, daß Ihr Euch lieb habt, daß Ihrs +Euch sagt, wie lieb Ihr Euch habt; aber Narrheiten müßt +Ihr nicht machen; keine Affen von uns Alten seyn, eh' +Ihr so reif seyd als wir; keine Romane spielen wollen, +die nur in der ausschweifenden Einbildungskraft eines +hungrigen Poeten ausgeheckt sind und von denen Ihr in +der heutigen Welt keinen Schatten der Wirklichkeit +antrefft. Geht! ich werde keinem Menschen was davon +sagen, damit ihr nicht nöthig habt roth zu werden, wenn +Ihr mich seht.--Aber von nun an sollt ihr einander nie +mehr ohne Zeugen sehen. Versteht Ihr mich? Und Euch nie +andere Briefe schreiben als offene und das auch alle +Monathe, oder höchstens alle drey Wochen einmal, und +sobald ein heimliches Briefchen an Junker Fritz oder +Fräulein Gustchen entdeckt wird--so steckt man den +Junker unter die Soldaten und das Fräulein ins Kloster, +bis sie vernünftiger werden. Versteht ihr mich?--Jetzt-- +nehmt Abschied, hier in meiner Gegenwart.--Die Kutsche +ist angespannt, der Major treibt fort; die Schwägerin +hat schon Caffee getrunken.--Nehmt Abschied: Ihr +braucht Euch vor mir nicht zu scheuen. Geschwind, +umarmt Euch. (Fritz und Gustchen umarmen sich zitternd) +Und nun mein Tochter Gustchen, weil Du doch das Wort so +gern hörst, (hebt sie auf und küßt sie) Leb tausendmal +wohl, und begegne Deiner Mutter mit Ehrfurcht; sie mag +Dir sagen was sie will.--Jetzt geh, mach!--(Gustchen +geht einige Schritte, sieht sich um; Fritz fliegt ihr +weinend an den Hals.) Die beyden Narren brechen mir das +Herz! Wenn doch der Major vernünftiger werden wollte, +oder seine Frau weniger herrschsüchtig!-- + + + +Zweyter Akt. + + +Erste Scene. + +Pastor Läuffer. Der geheime Rath. + + +Geh. Rath. +Ich bedaure ihn--und Sie noch Vielmehr, Herr Pastor, +daß Sie solchen Sohn haben. + +Pastor. +Verzeihen Euer Gnaden, ich kann mich über meinen Sohn +nicht beschweren; er ist ein sittsamer und geschickter +Mensch, die ganze Welt und Dero Herr Bruder und Frau +Schwägerin selbst werden ihm das eingestehen müssen. + +Geh. Rath. +Ich sprech' ihm das all nicht ab, aber er ist ein Thor, +und hat alle sein Mißvergnügen sich selber zu danken. +Er sollte den Sternen danken, daß meinem Bruder das Geld, +das er für den Hofmeister zahlt, einmal anfängt zu lieb +zu werden. + +Pastor. +Aber bedenken Sie doch: nichts mehr als hundert Dukaten; +hundert arme Dukätchen; und dreihundert hatt' er ihm doch +im ersten Jahr versprochen: aber beym Schluß desselben +nur hundert und vierzig ausgezahlt, jetzt beym Beschluß +des zweyten, da doch die Arbeit meines Sohnes immer +zunimmt, zahlt' er ihm hundert, und nun beym Anfang des +dritten wird ihm auch das zu viel.--Das ist wider alle +Billigkeit! Verzeihn Sie mir. + +Geh. Rath. +Laß es doch.--Das hätt' ich Euch Leuten voraussagen +wollen, und doch solle Ihr Sohn Gott danken, wenn ihn +nur der Major beym Kopf nähm' und aus dem Hause würfe. +Was soll er da, sagen Sie mir Herr? Wollen Sie ein Vater +für ihr Kind seyn und schliessen so Augen, Mund und +Ohren für seine ganze Glückseligkeit zu? Tagdieben, und +sich Geld dafür bezahlen lassen? Die edelsten Stunden +des Tages bey einem jungen Herrn versitzen, der nichts +lernen mag und mit dem er's doch nicht verderben darf, +und die übrigen Stunden, die der Erhaltung seines Lebens, +den Speisen und dem Schlaf geheiligt sind, an einer +Sklavenkette verseufzen; an den Winken der gnädigen +Frau hängen, und sich in die Falten des gnädigen Herrn +hineinstudiren; essen wenn er satt ist und fasten, +wenn er hungrig ist, Punsch trinken, wenn er pssn +möchte, und Karten spielen, wenn er das Lauffen hat. +Ohne Freyheit geht das Leben bergab rückwärts, Freyheit +ist das Element des Menschen wie das Wasser des Fisches, +und ein Mensch der sich der Freyheit begiebt, vergiftet +die edelsten Geister seines Bluts, erstickt seine +süssesten Freuden des Lebens in der Blüthe und ermordet +sich selbst. + +Pastor. +Aber--Oh! erlauben Sie mir; das muß sich ja jeder +Hofmeister gefallen lassen; man kann nicht immer +seinen Willen haben, und das läßt sich mein Sohn auch +gern gefallen, nur-- + +Geh. Rath. +Desto schlimmer, wenn er sichs gefallen läßt, desto +schlimmer; er hat den Vorrechten eines Menschen entsagt, +der nach seinen Grundsätzen muß leben können, sonst +bleibt er kein Mensch. Mögen die Elenden, die ihre +Ideen nicht zu höherer Glückseligkeit zu erheben +wissen, als zu essen und zu trinken, mögen die sich +im Keficht zu Tode füttern lassen, aber ein Gelehrter, +ein Mensch, der den Adel seiner Seele fühlt, der den +Tod nicht so scheuen sollt' als eine Handlung, die +wider seine Grundsätze läuft... + +Pastor. +Aber was ist zu machen in der Welt? Was wollte mein +Sohn anfangen, wenn Dero Herr Bruder ihm die Condition +aufsagten? + +Geh. Rath. +Laßt den Burschen was lernen, daß er dem Staat nützen +kann. Potz hundert Herr Pastor, Sie haben ihn doch +nicht zum Bedienten aufgezogen, und was ist er anders +als Bedienter, wenn er seine Freyheit einer Privatperson +für einige Handvoll Dukaten verkauft? Sklav' ist er, +über den die Herrschaft unumschränkte Gewalt hat, nur +daß er so viel auf der Akademie gelernt haben muß, +ihren unbesonnenen Anmuthungen von weitem zuvorzukommen +und so einen Firniß über seine Dienstbarkeit zu +streichen: daß heißt denn ein feiner artiger Mensch, +ein unvergleichlicher Mensch; ein unvergleichlicher +Schurke, der, statt seine Kräfte und seinen Verstand +dem allgemeinen Besten aufzuopfern, damit die Rasereyen +einer dampfigten Dame und eines abgedämpften Officiers +unterstützt, die denn täglich weiter um sich fressen +wie ein Krebsschaden und zuletzt unheilbar werden. Und +was ist der ganze Gewinnst am Ende? Alle Mittag Braten +und alle Abend Punsch, und eine grosse Portion Galle, +die ihm Tags über ins Maul gestiegen, Abends, wenn er +zu Bett liegt, hinabgeschluckt, wie Pillen; das macht +gesundes Blut, auf meine Ehr'! und muß auch ein +vortrefliches Herz auf die Länge geben. Ihr beklagt +Euch so viel übern Adel und über seinen Stolz, die +Leute sähn Hofmeister wie Domestiken an, Narren! was +sind sie denn anders? Stehn sie nicht in Lohn und Brod +bey ihnen wie jene? Aber wer heißt Euch ihren Stolz +nähren? Wer heißt euch Domestiken werden, wenn Ihr was +gelernt habt, und einem starrköpfischen Edelmann zinsbar +werden, der sein Tage von seinen Hausgenossen nichts +anders gewohnt war als sklavische Unterwürfigkeit? + +Pastor. +Aber Herr Geheimer Rath--Gütiger Gott! es ist in der +Welt nicht anders: man muß eine Warte haben, von der +man sich nach einem öffentlichen Amt umsehen kann, wenn +man von Universitäten kommt; wir müssen den göttlichen +Ruf erst abwarten und ein Patron ist sehr oft das Mittel +zu unserer Beförderung: wenigstens ist es mir so gegangen. + +Geh. Rath. +Schweigen Sie, Herr Pastor, ich bitt Sie, schweigen Sie. +Das gereicht Ihnen nicht zur Ehr. Man weiß ja doch, daß +Ihre seelige Frau Ihr göttlicher Ruf war, sonst säßen +Sie noch itzt beym Herrn von Tiesen und düngten ihm +seinen Acker. Jemine! daß Ihr Herrn uns doch immer +einen so ehrwürdigen schwarzen Dunst vor Augen machen +wollt. Noch nie hat ein Edelmann einen Hofmeister +angenommen, wo er ihm nicht hinter eine Allee von acht +neun Sklavenjahren ein schön Gemählde von Beförderung +gestellt hat und wenn Ihr acht Jahr gegangen waret, so +macht' ers wie Laban und rückte das Bild um noch einmal +so weit vorwärts. Possen! lernt etwas und seyd brave +Leut. Der Staat wird Euch nicht lang am Markt stehen +lassen. Brave Leut sind allenthalben zu brauchen, aber +Schurken, die den Namen vom Gelehrten nur auf den Zettel +tragen und im Kopf ist leer Papier ... + +Pastor. +Das ist sehr allgemein gesprochen, Herr Rath!--Es +müssen doch, bey Gott! auch Hauslehrer in der Welt +seyn; nicht jedermann kann gleich geheimer Rath werden +und wenn er gleich ein Hugo Grotius wär. Es gehören +heutiges Tags andere Sachen dazu als Gelehrsamkeit.-- + +Geh. Rath. +Sie werden warm, Herr Pastor!--Lieber, werther Herr +Pastor, lassen Sie uns den Faden unsers Streits nicht +verlieren. Ich behaupte: es müssen keine Hauslehrer +in der Welt seyn! das Geschmeis taucht den Teufel zu +nichts. + +Pastor. +Ich bin nicht hergekommen mir Grobheiten sagen zu +lassen: ich bin auch Hauslehrer gewesen. Ich habe die +Ehre-- + +Geh. Rath. +Warten Sie; bleiben Sie, lieber Herr Pastor! Behüte +mich der Himmel! Ich habe Sie nicht beleidigen wollen +und wenn's wider meinen Willen geschehen ist, so bitt' +ich Sie tausendmahl um Verzeihung. Es ist einmal meine +üble Gewohnheit, daß ich gleich in Feuer gerathe, wenn +mir ein Gespräch interessant wird: alles übrige +verschwinde mir denn aus dem Gesicht und ich sehe nur +den Gegenstand, von dem ich spreche. + +Pastor. +Sie schütten,--Verzeihen Sie mir, ich bin auch ein +Cholerikus, und rede gern von der Lunge ab.--Sie +schütten das Kind mit dem Bade aus. Hauslehrer taugen +zu nichts.--Wie können Sie mir das beweisen? Wer soll +Euch jungen Herrn denn Verstand und gute Sitten +beibringen Was wär aus Ihnen geworden, mein werther +Herr geheimer Rath, wenn Sie keinen Hauslehrer gehabt +hätten? + +Geh. Rath. +Ich bin von meinem Vater zur öffentlichen Schul +gehalten worden, und seegne seine Asche dafür, und +so hoff' ich, wird mein Sohn Fritz auch dereinst thun. + +Pastor. +Ja,--da ist aber noch viel drüber zu sagen Herr! +Ich meiner Seits bin Ihrer Meynung nicht; ja wenn die +öffentlichen Schulen das wären, was sie seyn sollten.-- +Aber die nüchternen Subjecta, so oft den Classen +vorstehen; die pedantischen Methoden, die sie brauchen, +die unter der Jugend eingerissenen verderbten Sitten-- + +Geh. Rath. +Wes ist die Schuld? Wer ist schuld dran, als ihr +Schurken von Hauslehrern? Würde der Edelmann nicht +von Euch in der Grille gestärkt, einen kleinen Hof +anzulegen, wo er als Monarch oben auf dem Thron sitzt, +und ihm Hofmeister und Mamsell und ein ganzer Wisch von +Tagdieben huldigen, so würd' er seine Jungen in die +öffentliche Schule thun müssen; er würde das Geld, +von dem er jetzt seinen Sohn zum hochadlichen Dummkopf +aufzieht, zum Fond der Schule schlagen: davon könnten +denn gescheidte Leute salarirt werden und alles würde +seinen guten Gang gehn; das Studentchen müste was +lernen, um bey einer solchen Anstalt brauchbar zu +werden, und das junge Herrchen, anstatt seine +Faullenzerey vor den Augen des Papas und der Tanten, +die alle keine Argusse sind, künstlich und manierlich +zu verstecken, würde seinen Kopf anstrengen müssen, +um es den bürgerlichen Jungen zuvorzuthun, wenn es +sich doch von ihnen unterscheiden will.--Was die +Sitten anbetrift, das findt sich wahrhaftig.--Wenn +er gleich nicht, wie seine hochadliche Vettern, die +Nase von Kindesbeinen an höher tragen lernt als andere, +und in einem nachläßigen Ton, von oben herab, Unsinn +sagen, und Leuten ins Gesicht sehen, wenn sie den Hut +vor ihm abziehen, um ihnen dadurch anzudeuten, daß +sie auf kein Gegencompliment warten sollen. Die feinen +Sitten hol der Teufel! Man kann dem Jungen Tanzmeister +auf der Stube halten, und ihn in artige Gesellschaften +führen, aber er muß durchaus nicht aus der Sphäre +seiner Schulkamraden herausgehoben, und in der Meinung +gestärkt werden, er sey eine bessere Kreatur als andere. + +Pastor. +Ich habe nicht Zeit, (zieht die Uhr heraus) mich in +den Disput weiter mit Ihnen einzulassen, gnädiger Herr; +aber so viel weiß ich, daß der Adel überall nicht ihrer +Meinung seyn wird. + +Geh. Rath. +So sollten die Bürger meiner Meynung seyn.--Die Noth +würde den Adel schon auf andere Gedanken bringen, und +wir könnten uns bessere Zeiten versprechen. Sapperment, +was kann aus unserm Adel werden, wenn ein einziger +Mensch das Faktotum bey dem Kinde seyn soll, ich setz' +auch den unmöglichen Fall, daß er ein Polyhistor wäre, +wo will der eine Mann Feuer und Muth und Thätigkeit +hernehmen, wenn er alle seine Kräfte auf einen +Schaafskopf concentriren soll, besonders wenn Vater +und Mutter sich kreutz und die quer immer mit in die +Erziehung mengen, und dem Faß, in welches er füllt, +den Boden immer wieder ausschlagen? + +Pastor. +Ich bin um zehn Uhr zu einem Kranken bestellt. Sie +werden mir verzeihen.--(Im Abgehen wendt er sich um) +Aber wär's nicht möglich, gnädiger Herr, daß Sie +Ihren zweyten Sohn nur auf ein halb Jährchen zum +Herrn Major in die Kost thäten? Mein Sohn will gern +mit achtzig Dukaten zufrieden seyn, aber mit sechzigen, +die ihm der Herr Bruder geben wollen, da kann er nicht +von subsistiren. + +Geh. Rath. +Laß ihn quittiren.--Ich thu es nicht, Herr Pastor! +Davon bin ich nicht abzubringen. Ich will Ihrem Herrn +Sohn die dreyßig Dukaten lieber schenken; aber meinem +Sohn geb ich zu keinem Hofmeister. (Der Pastor hält +ihm einen Brief hin) Was soll ich damit? Es ist alles +umsonst, sag ich Ihnen. + +Pastor. +Lesen Sie--Lesen Sie nur.-- + +Geh. Rath. +Je nun, ihm ist nicht--(liest)--wenden Sie doch +alles an, den Herrn geheimen Rath dahin zu vermögen, +--Sie können Sich nicht vorstellen, wie elend es +mir hier geht; nichts wird mir gehalten, was mir ist +versprochen worden. Ich speise nur mit der Herrschaft, +wenn keine Fremde da sind,--das ärgste ist, daß ich +gar nicht von hier komme und in einem ganzen Jahr +meinen Fuß nicht aus Heidelbrunn habe setzen--man +hatte mir ein Pferd versprochen, alle Vierteljahr +einmal nach Königsberg zu reisen, als ich es foderte, +fragte mich die gnädige Frau, ob ich nicht lieber zum +Carneval nach Venedig wollte.--(wirft den Brief an +die Erde.) Je nun, laß ihn quittiren; warum ist er +ein Narr und bleibt da? + +Pastor. +Ja das ist eben die Sache. (hebt den Brief auf) +Belieben Sie doch nur auszulesen. + +Geh. Rath. +Was ist da zu lesen?--(liest) Dem ohngeachtet kann +ich dies Haus nicht verlassen, und sollt' es mich +Leben und Gesundheit kosten. So viel darf ich Ihnen +sagen, daß die Aussichten in eine selige Zukunft mir +alle die Mühseligkeiten meines gegenwärtigen Standes-- +Ja, das sind vielleicht Aussichten in die selige +Ewigkeit, sonst weiß ich keine Aussichten, die mein +Bruder ihm eröfnen könnte. Er betrügt sich, glauben +Sie mirs; schreiben Sie ihm zurück, daß er ein Thor +ist. Dreyßig Dukaten will ich ihm dies Jahr aus meinem +Beutel Zulage geben, aber ihn auch zugleich gebeten +haben, mich mit allen fernern Anwerbungen um meinen +Karl zu verschonen: denn ihm zu Gefallen werd' ich mein +Kind nicht verwahrlosen. + + +Zweyte Scene. + +In Heidelbrunn. +Gustchen. Läuffer. + + +Gustchen. +Was fehlt ihnen dann? + +Läuffer. +Wie stehts mit meinem Porträt? Nicht wahr, Sie haben +nicht dran gedacht? Wenn ich auch so saumselig gewesen +wäre--Häte ich das gewußt: ich hätt Ihren Brief so +lang zurückgehalten, aber ich war ein Narr. + +Gustchen. +Ha ha ha. Lieber Herr Hofmeister! Ich habe wahrhaftig +noch nicht Zeit gehabt. + +Läuffer. +Grausame! + +Gustchen. +Aber was fehlt Ihnen denn? Sagen Sie mir doch! So +tiefsinnig sind Sie ja noch nie gewesen. Die Augen +stehn Ihnen ja immer voll Wasser: ich habe gemerkt, +Sie essen nichts. + +Läuffer. +Haben Sie? In der That? Sie sind ein rechtes Muster +des Mitleidens. + +Gustchen. +O Herr Hofmeister-- + +Läuffer. +Wollen Sie heut Nachmittag Zeichenstunde halten? + +Gustchen. (faßt ihn an die Hand) +Liebster Herr Hofmeister! verzeihen Sie, daß ich sie +gestern aussetzte. Es war mir wahrhaftig unmöglich zu +zeichnen; ich hatte den Schnuppen auf eine erstaunende +Art. + +Läuffer. +So werden Sie ihn wohl heute noch haben. Ich denke, +wir hören ganz auf zu zeichnen. Es macht Ihnen kein +Vergnügen länger. + +Gustchen. (halbweinend) +Wie können Sie das sagen, Herr Läuffer? Es ist das +einzige, was ich mit Lust thue. + +Läuffer. +Oder Sie versparen es bis auf den Winter in die Stadt +und nehmen einen Zeichenmeister. Ueberhaupt werd ich +Ihren Herrn Vater bitten, den Gegenstand Ihres +Abscheues, Ihres Hasses, Ihrer ganzen Grausamkeit von +Ihnen zu entfernen. Ich sehe doch, daß es Ihnen auf +die Länge unausstehlich wird, von mir Unterricht +anzunehmen. + +Gustchen. +Herr Läuffer-- + +Läuffer. +Lassen Sie mich--Ich muß sehen, wie ich das elende +Leben zu Ende bringe, weil mir doch der Tod verboten +ist-- + +Gustchen. +Herr Läuffer-- + +Läuffer. +Sie foltern mich.--(reißt sich loß und geht ab.) + +Gustchen. +Wie dauert er mich! + + +Dritte Scene. + +Zu Halle in Sachsen. +Pätus Zimmer. +Fritz von Berg. +Pätus (im Schlafrock an einem Tisch sitzend.) + + +Pätus. +Ey was Berg! Du bist ja kein Kind mehr, daß du nach +Papa und Mama--Pfuy Teufel! ich hab Dich allezeit +für einen braven Kerl gehalten, wenn Du nicht mein +Schulkamerad wärst: ich würde mich schämen mit Dir +umzugehen. + +Fritz. +Pätus, auf meine Ehr, es ist nicht Heimweh, Du machst +mich bis über die Ohren roth mit dem dummen Verdacht. +Ich möchte gern Nachricht von Hause haben, das gesteh' +ich, aber das hat seine Ursachen-- + +Pätus. +Gustchen--Nicht wahr? Denk doch, Du arme Seele! +Hundertachtzig Stunden von ihr entfernt--Was für +Wälder und Ströme liegen nicht zwischen Euch? Aber +warte, wir haben hier auch Mädchen; wenn ich nur +besser besponnen wäre, ich wollte Dich heut in eine +Gesellschaft führen--Ich weiß nicht, wie Du auch +bist; ein Jahr in Halle und noch mit keinem Mädchen +gesprochen: das muß melancholisch machen; es kann +nicht anders seyn. Warte, Du must mir hier einziehen, +daß Du lustig wirst. Was machst Du da bey dem Pfarrer? +Das ist keine Stube für Dich-- + +Fritz. +Was zahlst Du hier? + +Pätus. +Ich zahle--Wahrhaftig, Bruder, ich weiß es nicht. +Es ist ein guter ehrlicher Philister, bey dem ich +wohne: seine Frau ist freylich bisweilen ein bischen +wunderlich, aber mags. Was gehts mich an? Wir zanken +uns einmal herum und denn laß ich sie laufen: und die +schreiben mir alles auf. Hausmiethe, Kaffee, Tabak; +alles was ich verlange, und denn zahl' ich die Rechnung +alle Jahre, wenn mein Wechsel kommt. + +Fritz. +Bist du jetzt viel schuldig? + +Pätus. +Ich habe die vorige Woche bezahlt. Das ist wahr, +diesmal haben Sie mirs arg gemacht: mein ganzer +Wechsel hat herhalten müssen bis auf den letzten +Pfennig, und mein Rock, den ich Tags vorher versetzt +hatte, weil ich in der äussersten Noth war, steht +noch zu Gevattern. Weiß der Himmel, wenn ich ihn +wieder einlösen kann. + +Fritz. +Und wie machst Dus denn itzt? + +Pätus. +Ich?--Ich bin krank. Heut morgen hat mich die Frau +Räthin Hamster invitiren lassen, gleich kroch ich ins +Bett ... + +Fritz. +Aber bey dem schönen Wetter immer zu Hause zu sitzen. + +Pätus. +Was macht das? des Abends geh ich im Schlafrock +spatzieren, es ist ohnedem in den Hundstagen am Tage +nicht auszuhalten--Aber Potz Mordio! Wo bleibt denn +mein Kaffee? (pocht mit dem Fuß) Frau Blitzer!--Nun +sollst Du sehn, wie ich meinen Leuten umspringe--Frau +Blitzer! in aller Welt Frau Blitzer. (klingelt und +pocht)--Ich habe sie kürzlich bezahlt: nun kann ich +schon breiter thun--Frau ... + +Frau Blitzer. (tritt herein mit einer Portion Kaffee.) + +Pätus. +In aller Welt, Mutter! wo bleibst Du denn? Das Wetter +soll Dich regieren. Ich warte hier schon über eine +Stunde-- + +Frau Blitzer. +Was? Du nichtsnutziger Kerl, was lärmst Du? Bist Du +schon wieder nichts nutz, abgeschabte Laus? Den +Augenblick trag ich meinen Kaffee wieder herunter-- + +Pätus. (gießt sich ein) +Nun, nun, nicht so böse Mutter! aber Zwieback--Wo +ist denn Zwieback? + +Frau Blitzer. +Ja, kleine Steine Dir! Es ist kein Zwieback im Hause. +Denk doch, ob so ein kahler lausichter Kerl nun alle +Nachmittag Zwieback frißt oder nicht-- + +Pätus. +Was tausend alle Welt! (stampft mit dem Fuß) Sie +weiß, daß ich keinen Kaffee ohne Zwieback ins Maul +nehme--Wofür gebe ich denn mein Geld aus-- + +Frau Blitzer. (langt ihm Zwieback aus der Schürze, +wobey sie ihn an den Haaren zupft.) +Da siehst Du, da ist Zwieback, Posaunenkerl! Er hat +eine Stimme wie ein ganzes Regiment Soldaten. Nu, ist +der Kaffee gut? Ist er nicht? Gleich sag mirs, oder +ich reiß Ihm das letzte Haar aus Seinem kahlen Kopf +heraus. + +Pätus. (trinkt) +Unvergleichlich--Aye!--Ich hab in meinem Leben +keinen bessern getrunken. + +Frau Blitzer. +Siehst Du Hundejunge! Wenn Du die Mutter nicht hättest, +die sich Deiner annähme und Dir zu essen und zu trinken +gäbe, Du müstest an der Strasse verhungern. Sehen Sie +ihn einmal an, Herr von Berg, wie er daher geht, keinen +Rock auf dem Leibe und sein Schlafrock ist auch, als +ob er darin wär aufgehenkt worden und wieder vom Galgen +gefallen. Sie sind doch ein hübscher Herr, ich weiß +nicht wie Sie mit dem Menschen umgehen können, nun +freylich unter Landsleuten da ist immer so eine kleine +Blutsverwandschaft, drum sag ich immer, wenn doch der +Herr von Berg zu uns einlogiren thäte. Ich weiß, daß +Sie viel Gewalt über ihn haben: da könnte doch noch +was ordentliches aus ihm werden, aber sonst wahrhaftig-- +(geht ab) + +Pätus. +Siehst Du, ist das nicht ein gut fidel Weib. Ich seh' +ihr all etwas durch die Finger, aber potz, wenn ich +auch einmal ernsthaft werde, kusch ist sie wie die +Wand--Willst Du nicht eine Tasse mit trinken? (gießt +ihm ein) Siehst Du, ich bin hier wohl bedient; ich +zahle was rechts, das ist wahr, aber dafür hab' auch +ich was ... + +Fritz. (trinkt.) +Der Kaffee schmeckt nach Gerste. + +Pätus. +Was sagst Du?--(schmeckt gleichfalls) Ja wahrhaftig, +mit dem Zwieback hab' ichs nicht so--(sieht in die +Kanne) Nun so hol Dich! (wirft das Kaffeezeug zum +Fenster hinaus) Gerstenkaffee und fünfhundert Gulden +jährlich!-- + +Frau Blitzer. (stürzt herein) +Wie? Was zum Teufel, was ist das? Herr, ist Er rasend +oder plagt Ihn gar der Teufel?-- + +Pätus. +Still Mutter! + +Frau Blitzer. (mit gräßlichem Geschrey) +Aber wo ist mein Kaffeezeug? Ey! zum Henker! aus dem +Fenster--Ich kratz' Ihm die Augen aus dem Kopf heraus. + +Pätus. +Es war eine Spinne darin und ich warf's in der Angst-- +Was kann ich dafür, daß das Fenster offen stand? + +Frau Blitzer. +Daß Du verreckt wärst an der Spinne, wenn ich Dich mit +Haut und Haar verkaufe, so kannst Du mir mein +Kaffeezeug nicht bezahlen, nichtswürdiger Hund! +Nichts als Schaden und Unglück kann Er machen. Ich +will Dich verklagen; ich will Dich in Karcer werfen +lassen. (läuft heraus) + +Pätus. (lachend) +Was ist zu machen, Bruder! man muß sie schon ausrasen +lassen. + +Fritz. +Aber für Dein Geld? + +Pätus. +Ey was!--Wenn ich bis Weyhnachten warten muß, wer +wird mir sogleich bis dahin kreditiren? Und denn ists +ja nur ein Weib und ein närrisch Weib dazu, dem's +nicht immer so von Herzen geht- wenn mirs der Mann +gesagt hätte, das wär was anders, dem schlüg' ich das +Leder voll--Siehst Du wohl! + +Fritz. +Hast Du Feder und Tinte? + +Pätus. +Dort auf dem Fenster-- + +Fritz. +Ich weiß nicht, das Herz ist mir so schwer--Ich habe +nie was auf Ahndungen gehalten. + +Pätus. +Ja mir auch--Die Döbblinsche Gesellschaft ist +angekommen. Ich möchte gern in die Komödie gehn und +habe keinen Rock anzuziehen. Der Schurke mein Wirth +leyht mir keinen und ich bin eine so große dicke +Bestie, daß mir keiner von all Euren Röcken passen +würde. + +Fritz. +Ich muß gleich nach Hause schreiben. (setzt sich an +ein Fenster nieder und schreibt) + +Pätus. (setzt sich einem Wolfspelz gegenüber, der an +der Wand hängt) +Hm! nichts als den Pelz gerettet, von allen meinen +Kleidern, die ich habe, und die ich mir noch wollte +machen lassen. Grade den Pelz, den ich im Sommer +nicht tragen kann, und den mir nicht einmal der Jude +zum Versatz annimmt, weil sich der Wurm leicht +hineinsetzt. Hanke, Hanke! das ist doch unverantwortlich, +daß Du mir keinen Rock auf Pump machen willst. (steht +auf und geht herum) Was hab' ich Dir gethan, Hanke, +daß Du just mir keinen Rock machen willst? Just mir, +der ich ihn am nöthigsten brauche, weil ich jetzo +keinen habe, just mir!--Der Teufel muß Dich besitzen, +er macht Hunz und Kunz auf Kredit und just mir nicht! +(faßt sich an den Kopf und stampft mit dem Fuß) Just +mir nicht, just mir nicht!-- + +Bollwerk. (der sich mittlerweile hineingeschlichen und +ihm zugehört, faßt ihn an: er kehrt sich um und bleibt +stumm vor Bollwerk stehen) Ha ha ha ... Nun du armer +Pätus--ha ha ha! Nicht wahr, es ist doch ein gottloser +Hanke, daß er just Dir nicht--Aber, wo ist das rothe +Kleid mit Gold, das Du bey ihm bestellt hast, und das +blauseidne mit der silberstücknen Weste, und das +rothsammetne mit schwarz Sammet gefüttert, das wär +vortreflich bey dieser Jahrszeit. Sage mir! antworte +mir! Der verfluchte Hanke! Wollen wir gehn und ihm die +Haut vollschlagen? Wo bleibt er so lang mit Deiner +Arbeit? Wollen wir? + +Pätus. (wirft sich auf einen Stuhl) +Laß mich zufrieden. + +Bollwerk. +Aber hör Pätus, Pätus, Pä Pä Pä Pätus (setzt sich zu +ihm) Döbblin ist angekommen. Hör Pä Pä Pä Pä Pätus, +wie wollen wir das machen? Ich denke, Du ziehst Deinen +Wolfspelz an und gehst heut Abend in die Komödie. Was +schadt's, Du bist doch fremd hier--und die ganze Welt +weiß, daß Du vier Paar Kleider bey Hanke bestellt hast. +Ob er sie Dir machen wird, ist gleich viel!--Der +verfluchte Kerl! Wollen ihm die Fenster einschlagen, +wenn er sie Dir nicht macht! + +Pätus. (heftig) +Laß mich zufrieden, sag ich Dir. + +Bollwerk. +Aber hör...aber...aber...hör hör hör' Pätus; nimm +Dich in Acht Pätus! daß Du mir des Nachts nicht mehr +im Schlafrock auf der Gasse läufst. Ich weiß, daß Du +bange bist vor Hunden; es ist eben ausgetrummelt +worden, daß zehn wütige Hunde in der Stadt herumlaufen +sollen; sie haben schon einige Kinder gebissen: zwey +sind noch davon kommen, aber vier sind auf der Stelle +gestorben. Das machen die Hundstage? Nicht wahr Pätus? +Es ist gut, daß Du jetzt nicht ausgehen kannst. Nicht +wahr? Du gehst itzt mit allem Fleiß nicht aus? Nicht +wahr Pä Pä Pätus? + +Pätus. +Laß mich zufrieden ... oder wir verzürnen uns. + +Bollwerk. +Du wirst doch kein Kind seyn--Berg, kommen Sie mit +in die Komödie? + +Fritz. (zerstreut) +Was?--Was für Komödie? + +Bollwerk. +Es ist eine Gesellschaft angekommen--Legen Sie die +Schmieralien weg. Sie können ja auf den Abend schreiben. +Man giebt heut Minna von Barnhelm. + +Fritz. +O die muß ich sehen.--(steckt seine Briefe zu sich) +Armer Pätus, daß Du keinen Rock hast.-- + +Bollwerk. +Ich lieh' ihm gern einen, aber es ist hol mich der +Teufel mein einziger, den ich auf dem Leibe habe-- +(gehn ab) + +Pätus. (allein) +Geht zum Teufel mit Eurem Mitleiden! Das ärgert mich +mehr als wenn man mir ins Gesicht schlüge--Ey was +mach ich mir draus. (zieht seinen Schlafrock aus) Laß +die Leute mich für wahnwitzig halten! Minna von +Barnhelm muß ich sehen und wenn ich nackend hingehen +sollte! (zieht den Wolfspelz an) Hanke, Hanke! es +soll Dir zu Hause kommen! (stampft mit dem Fuß) Es +soll dir zu Hause kommen! (geht) + + +Vierte Scene. + +Frau Hamster. Jungfer Hamster. Jungfer Knicks. + + +Jungfer Knicks. +Ich kanns Ihnen vor Lachen nicht erzehlen, Frau +Räthin, ich muß krank vor Lachen werden. Stellen +Sie Sich vor: wir gehen mit Jungfer Hamster im +Gäßchen hier nah bey, so läuft uns ein Mensch im +Wolfspelz vorbey, als ob er durch Spießruthen gejagt +würde; drey große Hunde hinter ihm drein. Jungfer +Hamster bekam einen Schubb, daß sie mit dem Kopf an +die Mauer schlug und überlaut schreyen muste. + +Frau Hamster. +Wer war es denn? + +Jungfer Knicks. +Stellen Sie Sich vor, als wir ihm nachsahen, war's +Herr Pätus--Er muß rasend worden seyn. + +Frau Hamster. +Mit einem Wolfspelz in dieser Hitze! + +Jungfer Hamster. (hält sich den Kopf) +Ich glaube noch immer, er ist aus dem hitzigen Fieber +aufgesprungen. Er ließ uns heut Morgen sagen, er sey +krank. + +Jungfer Knicks. +Und die drey Hunde hinter ihm drein, das war das +lustigste. Ich hatte mir vorgenommen heut in die +Komödie zu gehen, aber nun mag ich nicht, ich würde +doch da nicht soviel zu lachen kriegen. Das vergeß +ich mein Lebtage nicht. Seine Haare flogen ihm nach +wie der Schweif an einem Kometen, und je eyfriger er +lief, desto eyfriger schlugen die Hunde an und er +hatte das Herz nicht, sich einmal umzusehen... Das +war unvergleichlich! + +Frau Hamster. +Schrie er nicht? Er wird gemeynt haben, die Hunde seyn +wütig. + +Jungfer Knicks. +Ich glaub, er hatte keine Zeit zum Schreyen, aber roth +war er wie ein Krebs und hielt das Maul offen, wie die +Hunde hinter ihm drein--O das war nicht mit Geld zu +bezahlen! ich gäbe nicht meine Schnur ächter Perlen +darum, daß ich das nicht gesehen. + + +Fünfte Scene. + +In Heidelbrunn. +Augustchens Zimmer. +Gustchen. (liegt auf dem Bette) +Läuffer. (sitzt am Bette) + + +Läuffer. +Stell Dir vor Gustchen, der geheime Rath will nicht. +Du siehst, daß Dein Vater mir das Leben immer saurer +macht: nun will er mir gar aufs folgende Jahr nur +vierzig Dukaten geben. Wie kann ich das aushalten? +Ich muß quittiren. + +Gustchen. +Grausamer, und was werd ich denn anfangen? (nachdem +beyde eine zeitlang sich schweigend angesehen) Du +siehst: ich bin schwach, und krank; hier in der +Einsamkeit unter einer barbarischen Mutter--Niemand +fragt nach mir, niemand bekümmert sich um mich: +meine ganze Familie kann mich nicht mehr leiden; +mein Vater selber nicht mehr: ich weiß nicht warum. + +Läuffer. +Mach, daß Du zu meinem Vater in die Lehre kommst; +nach Insterburg. + +Gustchen. +Da kriegen wir uns nie zu sehen. Mein Onkel leidt es +nimmer, daß mein Vater mich zu Deinem Vater ins Haus +giebt. + +Läuffer. +Mit dem verfluchten Adelstolz! + +Gustchen. (nimmt seine Hand) +Wenn Du auch böse wirst, Herrmannchen! (küßt sie) O +od! Tod! warum erbarmst Du Dich nicht! + +Läuffer. +Rathe mir selber--Dein Bruder ist der ungezogenste +Junge den ich kenne: neulich hat er mir eine Ohrfeige +gegeben und ich durft ihm nichts dafür thun, durft +nicht einmal drüber klagen. Dein Vater hätt ihm gleich +Arm und Bein gebrochen und die gnädige Mama alle Schuld +zuletzt auf mich geschoben. + +Gustchen. +Aber um meinetwillen--Ich dachte, Du liebtest mich. + +Läuffer. (stützt sich mit der andern Hand auf ihrem +Bett, indem sie fortfährt seine eine Hand von Zeit zu +Zeit an die Lippen zu bringen.) +Laß mich denken...(bleibt nachsinnend sitzen) + +Gustchen. (in der beschriebenen Pantomime) +O Romeo! Wenn dies Deine Hand wäre.--Aber so verlässest +Du mich, unedler Romeo! Siehst nicht, daß Deine Julie +für Dich stirbt--von der ganzen Welt, von ihrer +ganzen Familie gehaßt, verachtet, ausgespyen. (drückt +seine Hand an ihre Augen) O unmenschlicher Romeo! + +Läuffer. (sieht auf) +Was schwärmst Du wieder? + +Gustchen. +Es ist ein Monolog aus einem Trauerspiel, den ich +gern recitire, wenn ich Sorgen habe. (Läuffer fällt +wieder in Gedanken, nach einer Pause fängt sie wieder +an) Vielleicht bist Du nicht ganz strafbar. Deines +Vaters Verbot, Briefe mit mir zu wechseln, aber die +Liebe setzt über Meere und Ströme, über Verbot und +Todesgefahr selbst--Du hast mich vergessen... +Vielleicht besorgtest Du für mich--ja,--ja, Dein +zärtliches Herz sah, was mir drohte, für schröcklicher +an, als das was ich leide. (küßt Läuffers Hand inbrünstig) +O göttlicher Romeo! + +Läuffer. (küßt ihre Hand lange wieder und sieht sie +eine Weile stumm an) +Es könnte mir gehen wie Abälard-- + +Gustchen. (richtet sich auf) +Du irrst Dich--Meine Krankheit liegt im Gemüth-- +Niemand wird Dich muthmaßen--(fällt wieder hin) Hast +Du die neue Heloise gelesen? + +Läuffer. +Ich höre was auf dem Gang nach der Schulstube.-- + +Gustchen. +Meines Vaters--Um Gotteswillen!--Du bist drey +Viertelstund zu lang hiergeblieben. + +(Läuffer läuft fort) + + +Sechste Scene. + +Die Majorin. Graf Wermuth. + + +Graf. +Aber gnädige Frau! kriegt man denn Fräulein Gustchen +gar nicht mehr zu sehen? Wie befindt sie sich auf die +vorgestrige Jagd? + +Majorin. +Zu Ihrem Befehl; sie hat die Nacht Zahnschmerzen +gehabt, darum darf sie sich heut nicht sehen lassen. +Was macht Ihr Magen, Graf! auf die Austern? + +Graf. +O das bin ich gewohnt. Ich habe neulich mit meinem +Bruder ganz allein auf unsre Hand sechshundert Stück +aufgegessen und zwanzig Bouteillen Champagner dabey +ausgetrunken. + +Majorin. +Rheinwein wollten Sie sagen. + +Graf. +Champagner--Es war eine Idee, und ist uns beyden +recht gut bekommen. Denselben Abend war Ball in +Königsberg, mein Bruder hat bis an den andern Mittag +getanzt und ich Geld verloren. + +Majorin. +Wollen wir ein Piquet machen? + +Graf. +Wenn Fräulein Gustchen käme, macht' ich ein Paar +Touren im Garten mit ihr. Ihnen, gnädige Frau, darf +ichs nicht zumuthen; mit Ihrer Fontenelle am Fuß. + +Majorin. +Ich weiß auch nicht, wo der Major immer steckt. Er +ist in seinem Leben so rasend nicht auf die Oekonomie +gewesen; den ganzen ausgeschlagenen Tag auf dem Felde +und wenn er nach Hause kommt, sitzt er stumm wie ein +Stock. Glauben Sie, daß ich anfange mir Gedanken drüber +zu machen. + +Graf. +Er scheint melancholisch. + +Majorin. +Weiß es der Himmel--Neulich hatt' er wieder einmal +den Einfall bey mir zu schlafen, und da ist er mitten +in der Nacht aus dem Bett' aufgesprungen und hat sich-- +He he, ich soll es Ihnen nicht erzehlen, aber Sie +kennen ja die lächerliche Seite von meinem Mann schon. + +Graf. +Und hat sich ... + +Majorin. +Auf die Knie niedergeworfen und an die Brust geschlagen +und geschluchzt und geheult, daß mir zu grauen anfieng. +Ich hab ihn aber nicht fragen mögen, was gehen mich +seine Narrheiten an? Mag er Pietist oder Quacker +werden. Meinethalben! Er wird dadurch weder häßlicher +noch liebenswürdiger in meinen Augen werden, als er +ist. (sieht den Grafen schalkhaft an) + +Graf. (faßt sie ans Kinn) +Boßhafte Frau!--Aber wo ist Gustchen? Ich möchte gar +zu gern mit ihr spatzieren gehn. + +Majorin. +Still da kommt ja der Major ... Sie können mit ihm +gehen, Graf. + +Graf. +Denk doch--Ich will nun aber mit Ihrer Tochter gehn. + +Majorin. +Sie wird noch nicht angezogen seyn: es ist was +unausstehliches, wie faul das Mädchen ist-- + +(Major von Berg kommt im Nachtwämmschen, einen +Strohhut auf.) + +Majorin. +Nun wie stehts, Mann? Wo treiben Sie Sich denn wieder +herum? Man kriegt Sie ja den ganzen Tag nicht zu sehen. +Sehn Sie ihn nur an Herr Graf; sieht er doch wie der +Heavtontimorumenos in meiner großen Madame Dacier +abgemahlt--Ich glaube, Du hast gepflügt, Herr Major? +Wir sind itzt in den Hundstagen. + +Graf. +In der That, Herr Major, Sie haben noch nie so übel +ausgesehen, blaß, hager, Sie müssen etwas haben, das +Ihnen auf dem Gemüth liegt, was bedeuten die Thränen +in Ihren Augen, sobald man Sie aufmerksam ansieht? +Ich kenne Sie doch zehn Jahr schon und habe Sie nie +so gesehen, selbst da nicht, als Ihr Bruder starb. + +Majorin. +Geitz, nichts als der leidige Geitz, er meynt, wir +werden verhungern, wenn er nicht täglich wie ein +Maulwurf auf dem Felde wühlt. Bald gräbt er, bald +pflügt er, bald eggt er. Du willst doch nicht Bauer +werden? Du mußt mir vorher einen andern Mann geben, +der die Aufsicht über Dich führt. + +Major. +Ich muß wohl schaffen und scharren, meiner Tochter +einen Platz im Hospital auszumachen. + +Majorin. +Was sind das nun wieder für Phantasien!--Ich muß +wahrhaftig den Doktor Würz noch aus Königsberg holen +lassen. + +Major. +Du siehst nimmer nichts, vornehme Frau! daß Dein Kind +von Tag zu Tag abfällt, daß sie Schönheit, Gesundheit +und den ganzen Plunder verliert und dahergeht, als ob +sie, hol mich der Teufel--Gott verzeyh mir meine +schwere Sünde,--als ob der arme Lazarus sie gemacht +hätte--Es frißt mir die Leber ab-- + +Majorin. +Hören Sie ihn nur! Wie er mich anfährt! Bin ich schuld +daran? Bist du denn wahnwitzig? + +Major. +Ja freylich bist Du schuld daran, oder was ist sonst +schuld daran? Ich kann's, zerschlag mich der Donner! +nicht begreifen. Ich dacht immer, ihr eine der ersten +Parthien im Reich auszumachen; denn sie hat auf der +ganzen Welt an Schönheit nicht ihres gleichen gehabt +und nun sieht sie aus wie eine Kühmagd--Ja freilich +bist Du schuld daran mit Deiner Strenge und Deinen +Grausamkeiten und Deinem Neid, das hat sie sich zu +Gemüth gezogen und das ist ihr nun zum Gesicht +herausgeschlagen, aber das ist Deine Freude, gnädige +Frau, denn Du bist lang schalu über sie gewesen. Das +kannst Du doch nicht leugnen? Solltst Dich in Dein +Herz schämen, wahrhaftig! (geht ab) + +Majorin. +Aber ... aber was sagen Sie dazu, Herr Graf! Haben +Sie in Ihrem Leben eine ärgere Kollektion von Sottisen +gesehen? + +Graf. +Kommen Sie; wir wollen Piquet spielen, bis Fräulein +Gustchen angezogen ist.. + + +Siebente Scene. + +In Halle. +Fritz von Berg. (im Gefängniß) Bollwerk. +von Seiffenblase und sein Hofmeister. (stehn um ihn) + + +Bollwerk. +Wenn ich doch den Jungen hier hätte, daß Fell zög' +ich ihm über die Ohren. Es ist mit alledem doch +infam gehandelt, einen ehrlichen Jungen, wie Berg, +ins Karcer zu bringen; da sich keiner sein hat +annehmen wollen. Denn das ist ja wahr, kein einziger +Landsmann hat den Fuß vor die Thür seinethalben +gesetzt. Wenn Berg nicht gut für ihn gesagt hätte, +wär' er im Gefängniß verfault. Und in vierzehn Tagen +soll das Geld hier seyn und wo er den Berg in +Verlegenheit läßt, soll man ihn für einen ausgemachten +Schurken halten. O du verdammter Pä Pä Pä Pä Pätus! +Wart Du verhenkerter Pätus, wart einmal!-- + +Hofmeister. +Ich kann Ihnen nicht genug beschreiben, lieber Herr +von Berg, wie leyd es mir besonders um Ihres Herrn +Vaters und der Familie willen thut, Sie in einem +solchen Zustande zu sehen und noch dazu ohne Ihre +Schuld, aus blosser jugendlicher Unbesonnenheit. +Es hat schon einer von den sieben Weisen +Griechenlandes gesagt, für Bürgschaften sollst du +dich in Acht nehmen und in der That es ist nichts +unverschämter, als daß ein junger Durchbringer, der +sich durch seine lüderliche Wirthschaft ins Elend +gestürzt hat, auch andere mit hineinziehen will, +denn vermuthlich hat er das gleich anfangs im Sinne +gehabt, als er auf der Akademie Ihre Freundschaft +suchte. + +Herr von Seiffenblase. +Jaja, lieber Bruder Berg! nimm mir nicht übel, da +hast Du einen großen Bock gemacht. Du bist selbst +schuld daran; dem Kerl hättst Du's doch gleich +ansehen können, daß er Dich betrügen würde. Er ist +bey mir auch gewesen und hat mich angesprochen: er +wär' aufs äusserste getrieben, seine Kreditores +wollten ihn wegstecken lassen, wo ihn nicht Sonn +noch Mond beschiene. Laß sie dich, dachte ich, es +schadt dir nichts. Das ist dafür, daß Du uns sonst +kaum über die Achsel ansahst, aber wenn ihr in Noth +seyd, da sind die Adelichen zu Kaventen gut genug. +Er erzehlte mir Langes und Breites; er hätte seine +Pistolen schon geladen, im Fall die Kreditores ihn +angriffen--Und nun läßt der lüderliche Hund Dich an +seiner Stelle prostituiren. Das ist wahr, wenn mir +das geschehen wäre: ich könnte so ruhig nicht dabey +seyn: zwischen vier Mauren der Herr von Berg und das +um eines lüderlichen Studenten willen. + +Fritz. +Er war mein Schulkamerad--Laßt ihn zufrieden. Wenn +ich mich nicht über ihn beklage, was geht's Euch an? +Ich kenn' ihn länger als Ihr; ich weiß, daß er mich +nicht mit seinem guten Willen hier sitzen läßt. + +Hofmeister. +Aber, Herr von Berg, wir müssen in der Welt mit +Vernunft handeln. Sein Schade ist es gewiß nicht, +daß Sie hier für ihn sitzen und seinethalben können +Sie noch ein Sekulum so sitzen bleiben-- + +Fritz. +Ich hab' ihn von Jugend auf gekannt: wir haben uns +noch niemals was abgeschlagen. Er hat mich wie seinen +Bruder geliebt, ich ihn wie meinen. Als er nach Halle +reißte, weint' er zum erstenmal in seinem Leben, weil +er nicht mit mir reisen konnte. Ein ganzes Jahr früher +hätt' er schon auf die Akademie gehn können, aber um +mit mir zusammen zu reisen, stellt' er sich gegen +die Präceptores dummer als er war, und doch wollt es +das Schicksal und unsre Väter so, daß wir nicht +zusammen reißten und das war sein Unglück. Er hat nie +gewußt mit Geld umzugehen und gab jedem was er +verlangte. Hätt' ihm ein Bettler das letzte Hemd vom +Leibe gezogen und dabey gesagt: mit Ihrer Erlaubnis, +lieber Herr Pätus, er hätt's ihm gelassen. Seine +Kreditores giengen mit ihm um wie Strasenräuber und +sein Vater verdiente nie, einen verlornen Sohn zu +haben, der bey all seinem Elend ein so gutes Herz +nach Hause brachte. + +Hofmeister. +O verzeyhn Sie mir, Sie sind jung und sehen alles noch +aus dem vortheilhaftesten Gesichtspunkt an: man muß +erst eine Weile unter den Menschen gelebt haben um +Charaktere beurtheilen zu können. Der Herr Pätus, oder +wie er da heißt, hat sich Ihnen bisher immer nur unter +der Maske gezeigt; jetzt kommt sein wahres Gesicht +erst ans Tageslicht: er muß einer der feinsten und +abgefeimtesten Betrüger gewesen seyn, denn die +treuherzigen Spitzbuben... + +Pätus. (in Reisekleidern fällt Berg um den Hals) +Bruder Berg-- + +Fritz v. Berg. +Bruder Pätus-- + +Pätus. +Nein--laß--zu Deinen Füßen muß ich liegen--Dich +hier--um meinetwillen. (rauft sich das Haar mit +beyden Händen und stampft mit den Füßen) O Schicksal! +Schicksal! Schicksal! + +Fritz. +Nun wie ists? Hast Du Geld mitgebracht? Ist Dein +Vater versöhnt? Was bedeutet Dein Zurückkommen? + +Pätus. +Nichts, nichts--Er hat mich nicht vor sich gelassen-- +Hundert Meilen umsonst gereißt!--Ihr Diener, Ihr +Herren. Bollwerk wein' nicht, Du erniedrigst mich zu +tief, wenn Du gut für mich denkst--O Himmel, Himmel! + +Fritz. +So bist Du der ärgste Narr, der auf dem Erdboden +wandelt. Warum kommst Du zurück? Bist Du wahnwitzig? +Haben alle Deine Sinne Dich verlassen? Willst Du, daß +die Kreditores Dich gewahr werden--Fort! Bollwerk, +führ ihn fort; sieh daß Du ihn sicher aus der Stadt +bringst--Ich höre den Pedell--Pätus, ewig mein Feind, +wo Du nicht im Augenblick-- + +Pätus. (wirft sich ihm zu Füßen) + +Fritz. +Ich möchte rasend werden.-- + +Bollwerk. +So sey doch nun kein Narr, da Berg so großmüthig ist +und für Dich sitzen bleiben will; sein Vater wird ihn +schon auslösen: aber wenn Du einmal sitzest, so ist +keine Hofnung mehr für Dich; Du must im Gefängniß +verfaulen. + +Pätus. +Gebt mir einen Degen her ... + +Fritz. +Fort!-- + +Bollwerk. +Fort!-- + +Pätus. +Ihr thut mir eine Barmherzigkeit, wenn ihr mir einen +Degen-- + +Seiffenblase. +Da haben Sie meinen... + +Bollwerk. (greift ihn in den Arm) +Herr--Schurke! Lassen Sie--Stecken Sie nicht ein! +Sie sollen nicht umsonst gezogen haben. Erst will ich +meinen Freund in Sicherheit und dann erwarten Sie mich +hier--Draußen, wohl zu verstehen; also vor der Hand +zur Thür hinaus! (wirft ihn zur Thür hinaus) + +Hofmeister. +Mein Herr Bollwerk-- + +Bollwerk. +Kein Wort, Sie--gehen Sie Ihrem Jungen nach und lehren +Sie ihn, kein schlechter Kerl seyn--Sie können mich +haben wo und wie Sie wollen. (der Hofmeister geht ab) + +Pätus. +Bollwerk! ich will Dein Sekundant seyn. + +Bollwerk. +Narr auch! Du thust als--Willst Du mir den Handschuh +vielleicht halten, wenn ich vorher eins übern Daumen +pisse?--Was brauchts da Sekundanten. Komm nur fort +und sekundire Dich zur Stadt hinaus, Hasenfuß. + +Pätus. +Aber ihrer sind zwey. + +Bollwerk. +Ich wünschte, daß ihrer zehn wären und keine +Seiffenblasen drunter--So komm doch, und mach Dich +nicht selbst unglücklich, närrischer Kerl. + +Pätus. +Berg!--(Bollwerk reißt ihn mit sich fort) + + + +Dritter Akt. + + +Erste Scene. + +In Heidelbrunn. + +Der Major. (im Nachtwämmschen) Der geheime Rath. + + +Major. +Bruder, ich bin der alte nicht mehr. Mein Herz sieht +zehnmal toller aus als mein Gesicht--Es ist sehr gut, +daß Du mich besuchst; wer weiß, ob wir uns so lang mehr +sehen. + +Geh. Rath. +Du bist immer ausschweifend, in allen Stücken--Dir +ein Nichts so zu Herzen gehen zu lassen!--Wenn Deiner +Tochter die Schönheit abgeht, so bleibt sie doch immer +noch das gute Mädchen, das sie war; so kann sie hundert +andre liebenswürdige Eigenschaften besitzen. + +Major. +Ihre Schönheit--Hol mich der Teufel, es ist nicht +das allein, was ihr abgeht; ich weiß nicht, ich werde +noch den Verstand verlieren, wenn ich das Mädchen +lang unter Augen behalte. Ihre Gesundheit ist hin, +ihre Munterkeit, ihre Lieblichkeit, weiß der Teufel, +wie man das Dings all nennen soll; aber obschon ichs +nicht nennen kann, so kann ichs doch sehen, so kann +ichs doch fühlen und begreifen, und Du weist, daß ich +aus dem Mädchen meinen Abgott gemacht habe. Und daß +ich sie so sehn muß unter meinen Händen hinsterben, +verwesen.--(weint) Bruder geheimer Rath, Du hast keine +Tochter; Du weißt nicht, wie einem Vater zu Muth seyn +muß, der eine Tochter hat. Ich hab dreyzehn Bataillen +beygewohnt und achtzehn Blessuren bekommen, und hab +den Tod vor Augen gesehen und bin--O laß mich +zufrieden; pack Dich zu meinem Haus hinaus; laß die +ganze Welt sich fortpacken. Ich will es anstecken +und die Schaufel in die Hand nehmen und Bauer werden. + +Geh. Rath. +Und Frau und Kinder-- + +Major. +Du beliebst zu scherzen: ich weiß von keiner Frau und +Kindern, ich bin Major Berg gottseligen Andenkens und +will den Pflug in die Hand nehmen und will Vater Berg +werden, und wer mir zu nahe kommt, dem geb ich mit +meiner Hack' über die Ohren. + +Geh. Rath. +So schwermerisch-schwermüthig hab ich ihn doch nie +gesehen. + +(Die Majorin stützt herein.) + +Majorin. +Zu Hülfe Mann--Wir sind verloren--Unsere Familie! +unsere Familie! + +Geh. Rath. +Gott behüt Frau Schwester! Was stehen Sie an: Wollen +Sie Ihren Mann rasend machen? + +Majorin. +Er soll rasend werden--Unsere Familie--Infamie!-- +O ich kann nicht mehr--(fällt auf einen Stuhl) + +Major. (geht auf sie zu) +Willst Du mit der Sprach' heraus?--Oder ich dreh Dir +den Hals um. + +Majorin. +Deine Dochter--Der Hofmeister.--Lauf! (fällt in Ohnmacht) + +Major. +Hat er sie zur Hure gemacht? (schüttelt sie) Was fällst +Du da hin; jetzt ists nicht Zeit zum hinfallen. Heraus +mit, oder das Wetter soll Dich zerschlagen. Zur Hure +gemacht? Ists das?--Nun so werd' denn die ganze Welt +zur Hure und Du Berg nimm die Mistgabel in die Hand-- +(will gehen) + +Geh. Rath. (hält ihn zurück) +Bruder, wenn Du Dein Leben lieb hast, so bleib hier-- +Ich will alles untersuchen--Deine Wut macht Dich +unmündig. (geht ab und schließt die Thür zu) + +Major. (arbeitet vergebens sie aufzumachen) +Ich werd Dich beunmündig--(zu seiner Frau) Komm, komm, +Hure, Du auch! sieh zu. (reißt die Thür auf) Ich will +ein Exempel statuiren--Gott hat mich bis hieher +erhalten, damit ich an Weib und Kindern Exempel +statuiren kann--Verbrannt, verbrannt, verbrannt! +(schleppt seine Frau ohnmächtig vom Theater) + + +Zweyte Scene. + +Eine Schule im Dorf +Es ist finstrer Abend. +Wenzeslaus. Läuffer. + + +Wenzeslaus. (sitzt an einem Tisch, die Brill auf der +Nase und lineirt) +Wer da? Was giebts? + +Läuffer. +Schutz! Schutz! werther Herr Schulmeister! Man steht +mir nach dem Leben. + +Wenzeslaus. +Wer ist Er denn? + +Läuffer. +Ich bin Hofmeister im benachbarten Schloß. Der Major +Berg ist mit all seinen Bedienten hinter mir und wollen +mich erschießen. + +Wenzeslaus. +Behüte--Setz' Er Sich hier nieder zu mir--Hier hat +Er meine Hand: Er soll sicher bey mir seyn--Und nun +erzehl Er mir, derweil ich diese Vorschrift hier +schreibe. + +Läuffer. +Lassen Sie mich erst zu mir selber kommen. + +Wenzeslaus. +Gut, verschnauf' Er Sich und hernach will ich Ihm ein +Glas Wein geben lassen und wollen eins zusammen trinken. +Unterdessen, sag er mich doch--Hofmeister--(legt das +Lineal weg, nimmt die Brille ab und sieht ihn eine +Weile an) Nun ja, nach dem Rock zu urtheilen.--Nun +nun, ich glaubs Ihm, daß Er der Hofmeister ist. Er +sieht ja so roth und weiß drein. Nun sag Er mir aber +doch, mein lieber Freund, (setzt die Brille wieder auf) +wie ist Er denn zu dem Unstern gekommen, daß Sein Herr +Patron so entrüstet auf Ihn ist? Ich kann mirs doch +nimmermehr einbilden, daß ein Mann, wie der Herr Major +von Berg--Ich kenne ihn wohl; ich habe genug von ihm +reden hören; er soll freilich von einem hastigen +Temperament seyn; viel Cholera, viel Cholera--Sehen +Sie, da muß ich meinen Buben selber die Linien ziehen, +denn nichts lernen die Bursche so schwer als das +Gradeschreiben, das Gleichschreiben--Nicht zierlich +geschrieben; nicht geschwind geschrieben; sag' ich +immer, aber nur grad geschrieben, denn das hat seinen +Einfluß in alles, auf die Sitten, auf die Wissenschaften, +in alles, lieber Herr Hofmeister. Ein Mensch, der nicht +grad schreiben kann, sag' ich immer, der kann auch nicht +grad handeln--Wo waren wir? + +Läuffer. +Dürft' ich mir ein Glas Wasser ausbitten? + +Wenzeslaus. +Wasser?--Sie sollen haben. Aber--ja wovon redten wir? +Vom Gradschreiben; nein vom Major--he he he--Aber +wissen Sie auch Herr--Wie ist Ihr Name? + +Läuffer. +Mein--Ich heiße--Mandel. + +Wenzeslaus. +Herr Mandel--Und darauf mußten Sie Sich noch besinnen? +Nun ja, man hat bisweilen Abwesenheiten des Geistes; +besonders die jungen Herren weiß und roth--Sie heißen +unrecht Mandel; Sie sollten Mandelblüthe heißen, denn +Sie sind ja weiß und roth wie Mandelblüthe--Nun ja +freilich, der Hofmeisterstand ist einer von denen, +unus ex his, die alleweile mit Rosen und Lilien +überstreut sind, und wo einen die Dornen des Lebens +nur gar selten stechen. Denn was hat man zu thun? Man +ißt, trinkt, schläft, hat für nichts zu sorgen; sein +gut Glas Wein gewiß, seinen Braten täglich, alle +Morgen seinen Kaffee, Thee, Schokolade, oder was man +trinkt und das geht denn immer so fort--Nun ja, ich +wollt Ihnen sagen: wissen Sie auch, Herr Mandel, daß +ein Glas Wasser der Gesundheit eben so schädlich auf +eine heftige Gemüthsbewegung als auf eine heftige +Leibesbewegung; aber freylich, was fragt Ihr jungen +Herren Hofmeister nach der Gesundheit--Denn sagt mir +doch, (legt Brille und Lineal weg und steht auf) wo +in aller Welt kann das der Gesundheit gut thun, wenn +alle Nerven und Adern gespannt sind und das Blut ist +in der heftigsten Cirkulation und die Lebensgeister +sind alle in einer--Hitze, in einer-- + +Läuffer. +Um Gotteswillen der Graf Wermuth--(springt in eine +Kammer) + +(Graf Wermuth mit ein Paar Bedienten, die Pistolen +tragen) + +Graf. +Ist hier ein gewisser Läuffer--Ein Student im blauen +Rock mit Tressen? + +Wenzeslaus. +Herr, in unserm Dorf ists die Mode, daß man den Hut +abzieht, wenn man in die Stube tritt und mit dem Herrn +vom Hause spricht. + +Graf. +Die Sache pressirt--Sagt mir, ist er hier oder nicht? + +Wenzeslaus. +Und was soll er denn verbrochen haben, daß Ihr ihn so +mit gewafneter Hand sucht?(Graf will in die Kammer, er +stellt sich vor die Thür) Halt Herr! Die Kammer ist +mein, und wo Ihr nicht augenblicklich Euch aus meinem +Hause packt, so zieh ich nur an meiner Schelle und +ein halb Dutzend handfester Bauerkerle schlägt Euch +zu morsch Pulver-Granatenstücken. Seyd Ihr Strassenräuber, +so muß man Euch als Strassenräubern begegnen. Und damit +Ihr Euch nicht verirrt und den Weg zum Haus' hinaus so +gut findt als Ihr ihn hinein gefunden habt--(faßt ihn +an die Hand und führt ihn zur Thür hinaus: die Bedienten +folgen ihm) + +Läuffer. (springt aus der Kammer hervor) +Glücklicher Mann! Beneidenswerther Mann! + +Wenzeslaus. (in der obigen Attitude) +In--Die Lebensgeister sagt' ich, sind in einer-- +Begeisterung, alle Passionen sind gleichsam in einer +Empörung, in einem Aufruhr--Nun wenn Ihr da Wasser +trinkt, so gehts, wie wenn man in eine mächtige Flamme +Wasser schüttet. Die starke Bewegung der Luft und der +Krieg zwischen den beyden entgegengesetzten Elementen +macht eine Effervescenz, eine Gährung, eine Unruhe, +ein tumultuarisches Wesen.-- + +Läuffer. +Ich bewundere Sie... + +Wenzeslaus. +Gottlieb!--Jetzt können Sie schon allgemach trinken-- +Allgemach--und denn werden Sie auf den Abend mit einem +Sallat und Knackwurst vorlieb nehmen--Was war das für +ein ungeschliffener Kerl, der nach Ihnen suchte? + +Läuffer. +Es ist der Graf Wermuth, der künftige Schwiegersohn des +Majors; er ist eifersüchtig auf mich, weil das Fräulein +ihn nicht leiden kann-- + +Wenzeslaus. +Aber was soll denn das auch? Was will das Mädchen denn +auch mit ihm Monsieur Jungfernknecht? Sich ihr Glück zu +verderben, um eines solchen jungen Siegfrieds willen, +der nirgends Haus oder Heerd hat? Das laß Er sich aus +dem Kopf und folg' Er mir nach in die Küche. Ich seh, +mein Bube ist fortgangen, mir Bratwürste zu holen. Ich +will ihm selber Wasser schöpfen, denn Magd hab' ich +nicht und an eine Frau hab' ich mich noch nicht +unterstanden zu denken, weil ich weiß, daß ich keine +ernähren kann--geschweige denn eine drauf angesehen, +wie Ihr junge Herren Weiß und Roth--Aber man sagt wohl +mit Recht, die Welt verändert sich. + + +Dritte Scene. + +In Heidelbrunn. +Der Geheime Rath. Herr von Seiffenblase, und sein +Hofmeister. + + +Hofmeister. +Wir haben uns in Halle nur ein Jahr aufgehalten und +als wir von Göttingen kamen, nahmen wir unsere Rückreise +über alle berühmte Universitäten in Deutschland. Wir +konnten also in Halle das zweytemal nicht lange +verweilen; zudem saß Ihr Herr Sohn grade zu der Zeit +in dem unglücklichen Arrest, wo ich ihn nur einigemal +zu sprechen die Ehre haben konnte: also könnt ich Ihnen +aufrichtig von der Führung Dero Herrn Sohns draussen +keine umständliche Nachricht geben. + +Geh. Rath. +Der Himmel verhängt Strafen über unsre ganze Familie. +Mein Bruder--Ich wills Ihnen nur nicht verheelen, +denn leider ist Stadt und Land voll davon--hat das +Unglück gehabt, daß seine Tochter ihm verschwunden ist, +ohne daß eine Spur von ihr anzutreffen--Ich höre itzt +von meinem Sohn--Wenn er sich gut geführt hätte, wie +wärs möglich gewesen, ihn ins Gefängniß zu bringen? +Ich hab ihm ausser seinem starken Wechsel noch alle +halbe Jahr außerordentliche geschickt; auf allen Fall-- + +Hofmeister. +Die bösen Gesellschaften; die erstaunenden Verführungen +auf Akademien. + +Seiffenblase. +Das seltsamste dabey ist, daß er für einen andern sitzt; +ein Ausbund aller Lüderlichkeit, ein Mensch, für den +ich keinen Groschen ausgäbe und er auf meinem Misthaufen +Hungers krepirte. Er ist hier gewesen, Sie werden von +ihm gehört haben; er suchte Geld bey seinem Vater, +unter dem Vorwand, Ihren Herrn Sohn auszulösen; +vermuthlich wär' er damit auf eine andere Akademie +gegangen und hätte von frischem angefangen zu +wirthschaften. Ich weiß schon, wie's die lüderlichen +Studenten machen, aber sein Vater hat den Braten gerochen +und hat ihn nicht vor sich kommen lassen. + +Geh. Rath. +Doch wohl nicht der junge Pätus, des Rathsherrn Sohn? + +Seiffenblase. +Ich glaub', es ist derselbe. + +Geh. Rath. +Jedermann hat dem Vater die Härte verdacht. + +Hofmeister. +Ja was ist da zu verdenken, mein gnädiger Herr geheimer +Rath; wenn ein Sohn die Güte des Vaters zu sehr +misbraucht, so muß sich das Vaterherz wohl ab von ihm +wenden. Der Hohepriester Eli war nicht hart und brach +den Hals. + +Geh. Rath. +Gegen die Ausschweifungen seiner Kinder kann man nie +zu hart seyn, aber wol gegen ihr Elend. Der junge Mensch +soll hier haben betteln müssen. Und mein Sohn sitzt um +seinetwillen? + +Seiffenblase. +Was anders? Er war sein vertrautester Freund und fand +niemand würdiger, mit ihm die Komödie von DAMON und +PYTHIAS zu spielen. Noch mehr, Herr Pätus kam zurück +und wollte seinen Platz wieder einnehmen, aber Ihr +Sohn bestund drauf, er wollte sitzen bleiben: Sie +würden ihn schon auslösen, und Pätus mit einem andern +Erzrenomisten und Spieler wollten die Flucht nehmen +und sich zu helfen suchen, so gut sie könnten. +Vielleicht überfallen sie wieder so irgend einen +armen Studenten mit Masken vor den Gesichtern auf der +Stube und nehmen ihm die Uhr und Goldbörse, mit der +Pistol auf der Brust, weg, wie sie's in Halle schon +einem gemacht haben. + +Geh. Rath. +Und mein Sohn ist der dritte aus diesem Kleeblatt? + +Seiffenblase. +Ich weiß nicht, Herr geheimer Rath. + +Geh. Rath. +Kommen Sie zum Essen, meine Herren! Ich weiß schon +zuviel. Es ist ein Gericht Gottes über gewisse Familien; +bey einigen sind gewisse Krankheiten erblich, bey +andern arten die Kinder aus, die Väter mögen thun was +sie wollen. Essen Sie: ich will fasten und bethen, +vielleicht hab' ich diesen Abend durch die +Ausschweifungen meiner Jugend verdient. + + +Vierte Scene. + +Die Schule. +Wenzeslaus und Läuffer. +(an einem ungedeckten Tisch speisend) + + +Wenzeslaus. +Schmeckts? Nicht wahr, es ist ein Abstand von meinem +Tisch und des Majors? Aber wenn der Schulmeister +Wenzeslaus seine Wurst ißt, so hilft ihm das gute +Gewissen verdauen, und wenn der Herr Mandel +Kapaunenbraten mit der Schampignonsauce aß, so stieß +ihm sein Gewissen jeden Bissen, den er hinabschluckte, +mit der Moral wieder in Hals zurück: Du bist ein-- +Denn sagt mir einmal, lieber Herr Mandel; nehmt mir +nicht übel, daß ich Euch die Wahrheit sage; das würzt +das Gespräch wie Pfeffer den Gurkensallat; sagt mir +einmal, ist das nicht hundsvöttisch, wenn ich davon +überzeugt bin, daß ich ein Ignorant bin, und meine +Untergebenen nichts lehren kann, und also müßig bey +ihnen gehe und sie müßig gehen lasse, und dem lieben +Gott ihren Tag stehlen und doch hundert Dukaten-- +Wars nicht soviel? Gott verzeyh mir, ich hab in meinem +Leben nicht so viel Geld auf einem Haufen beisammen +gesehen! Hundert funfzig Dukaten, sag' ich, in Sack +stecke, für nichts und wieder nichts! + +Läuffer. +O! und Sie haben noch nicht alles gesagt, Sie kennen +Ihren Vorzug nicht ganz, oder fühlen ihn, ohn' ihn zu +kennen. Haben Sie nie einen Sklaven im betreßten Rock +gesehen? O Freyheit, güldene Freyheit! + +Wenzeslaus. +Ey was Freyheit! Ich bin auch so frey nicht; ich bin +an meine Schule gebunden, und muß Gott und meinem +Gewissen Rechenschaft von geben. + +Läuffer. +Eben das--Aber wie, wenn Sie den Grillen eines +wunderlichen Kopfs davon Rechenschaft ablegen müsten, +der mit Ihnen umgienge hundertmal ärger als Sie mit +Ihren Schulknaben? + +Wenzeslaus. +Ja nun--dann müst' er aber auch an Verstand so weit +über mich erhaben seyn, wie ich über meine Schulknaben, +und das trift man selten, glaub ich wol; besonders +bey unsern Edelleuten; da mögt Ihr wohl recht haben: +wenigstens der Flegel da, der mir vorhin in meine +Kammer wollte, ohne mich vorher um Erlaubniß zu bitten. +Wenn ich zum Herrn Grafen käme und wollt ihm, mir +nichts, dir nichts, die Zimmer visitiren--Aber potz +Millius, so eßt doch; Ihr macht ja ein Gesicht, als +ob Ihr zu Taxieren einnähmt. Nicht wahr, Ihr hättet +gern ein Glas Wein dazu? Ich hab Euch zwar vorhin eins +versprochen, aber ich habe keinen im Hause. Morgen +werd' ich wieder bekommen, und da trinken wir Sonntags +und Donnerstags, und wenn der Organist Franz zu uns +kommt, extra. Wasser, Wasser, mein Freund, ariston men +to udwr, das hab ich noch von der Schule mitgebracht, +und da eine Pfeife dazu geraucht nach dem Essen im +Mondenschein und einen Gang ums Feld gemacht; da läßt +sich drauf schlafen, vergnügter als der große Mogul-- +Ihr raucht doch eins mit heut? + +Läuffer. +Ich wills versuchen; ich hab' in meinem Leben nicht +geraucht. + +Wenzeslaus. +Ja freylich, Ihr Herren Weiß und Roth, das verderbt +Euch die Zähne. Nicht wahr? und verderbt Euch die +Farbe; nicht wahr? Ich habe geraucht, als ich kaum +von meiner Mutter Brust entwöhnt war; die Warze mit +dem Pfeifenmundstück verwechselt. He he he! Das ist +gut wider die böse Luft und wider die bösen Begierden +ebenfalls. Das ist so meine Diät: des Morgens kalt +Wasser und eine Pfeife, dann Schul gehalten bis Eilfe, +dann wieder eine Pfeife bis die Suppe fertig ist: die +kocht mir mein Gottlieb so gut als Eure französische +Köche, und da ein Stück Gebratenes und Zugemüse und +dann wieder eine Pfeife, dann wieder Schul gehalten, +dann Vorschriften geschrieben bis zum Abendessen; da +eß' ich denn gemeiniglich kalt etwas, eine Wurst mit +Sallat, ein Stück Käs oder was der liebe Gott gegeben +hat und dann wieder eine Pfeife vor Schlafengehen. + +Läuffer. +Gott behüte, ich bin in eine Tabagie gekommen-- + +Wenzeslaus. +Und da werd' ich dick und fett bey und lebe vergnügt +und denke noch ans Sterben nicht. + +Läuffer. +Es ist aber doch unverantwortlich, daß die Obrigkeit +nicht dafür sorgt, Ihnen das Leben angenehmer zu machen. + +Wenzeslaus. +Ey was, es ist nun einmal so; und damit muß man zufrieden +seyn: bin ich doch auch mein eignet Herr und hat kein +Mensch mich zu schikanieren, da ich alle Tage weiß, +daß ich mehr thu' als ich soll. Ich soll meinen Buben +lesen und schreiben lehren; ich lehre sie rechnen dazu +und lateinisch dazu und mit Vernunft lesen dazu und +gute Sachen schreiben dazu. + +Läuffer. +Und was für Lohn haben Sie dafür? + +Wenzeslaus. +Was für Lohn?--Will Er denn das kleine Stückchen Wurst +da nicht aufessen? Er kriegt nichts bessers; wart' Er +auf nichts bessers, oder Er muß das erstemal Seines +Lebens hungrig zu Bette gehn--Was für Lohn? Das war +dumm gefragt, Herr Mandel. Verzeyh Er mir; was für +Lohn? Gottes Lohn hab ich dafür, ein gutes Gewissen +und wenn ich da vielen Lohn von der Obrigkeit begehren +wollte, so hätt' ich ja meinen Lohn dahin. Will Er +denn den Gurkensallat durchaus verderben lassen? So +eß Er doch; so sey Er doch nicht blöde: bey einer +schmalen Mahlzeit muß man zum Kuckuck nicht blöde seyn. +Wart Er, ich will Ihm noch ein Stück Brod abschneiden. + +Läuffer. +Ich bin satt überhörig. + +Wenzeslaus. +Nun so laß Ers stehen; aber es ist seine eigne Schuld +wenn's nicht wahr ist. Und wenn es wahr ist, so hat Er +unrecht, daß Er Sich überhörig satt ißt, denn das macht +böse Begierden und schläfert den Geist ein. Ihr Herren +Weiß und Roth mögts glauben oder nicht. Man sagt zwar +auch vom Toback, daß er ein narkotisches, +schläfrigmachendes, dummmachendes Oel habe und ich +hab's bisweilen auch wol so wahrgefunden und bin +versucht worden, Pfeife und allen Henker ins Kamin +zu werfen, aber unsere Nebel hier herum beständig und +die feuchte Winter- und Herbstluft alleweile und denn +die vortrefliche Wirkung, die ich davon verspüre, daß +es zugleich die bösen Begierden mit einschläfert-- +Holla, wo seyd Ihr denn, lieber Mann? Eben da ich vom +Einschläfern rede, nickt Ihr schon; so gehts, wenn +der Kopf leer ist und faul dabey und niemals ist +angestrengt worden. Allons! frisch, eine Pfeife mit +mir geraucht! (stopft sich und ihm) Laßt uns noch +eins mit einander plaudern. (raucht) Ich hab Euch +schon vorhin in der Küche sagen wollen: ich sehe, +daß Ihr schwach in der Latinität seyd, aber da Ihr +doch eine gute Hand schreibt, wie Ihr sagt, so könntet +Ihr mir doch so Abends an die Hand gehen, weil ich +meiner Augen muß anfangen zu schonen, und meinen +Buben die Vorschriften schreiben. Ich will Euch +dabey Corderii Colloquia geben und Gürtleri Lexicon; +wenn Ihr fleißig seyn wollt. Ihr habt ja den ganzen +Tag für Euch, so könnt Ihr Euch in der lateinischen +Sprache was umthun, und wer weiß wenn es Gott gefällt +mich heute oder morgen von der Welt zu nehmen--Aber +Ihr müßt fleißig seyn, das sag' ich Euch, denn so +seyd Ihr ja noch kaum zum Kollaborator tüchtig, +geschweige denn--(trinkt) + +Läuffer. (legt die Pfeife weg) +Welche Demüthigung! + +Wenzeslaus. +Aber ... aber ... aber (reißt ihm den Zahnstocher aus +dem Munde) was ist denn das da? Habt Ihr denn noch nicht +einmal so viel gelernt, großer Mensch, daß Ihr für Euren +eignen Körper Sorge tragen könnt. Das Zähnestochern ist +ein Selbstmord; ja ein Selbstmord, eine muthwillige +Zerstöhrung Jerusalems, die man mit seinen Zähnen +vornimmt. Da, wenn Euch was im Zahn sitzen bleibt: +(nimmt Wasser und schwängt den Mund aus) So müßt Ihrs +machen, wenn Ihr gesunde Zähne behalten wollt, Gott +und eurem Nebenmenschen zu Ehren, und nicht einmal im +Alter herumlaufen, wie ein alter Kettenhund, dem die +Zähne in der Jugend ausgebrochen worden, und der die +Kinnbacken nicht zusammenhalten kann. Das wird einen +schönen Schulmeister abgeben, wills Gott, wenn ihm +aufs Alter die Worte ungebohren zum Munde herausfallen +und er zwischen Nase und Oberlippen da was +herausschnarcht, das kein Hund oder Hahn versteht. + +Läuffer. +Der wird mich noch zu Tode meistern--Das unerträglichste +ist, daß er Recht hat-- + +Wenzeslaus. +Nun wie gehts? Schmeckt Euch der Toback nicht? Ich +wette, nur ein paar Tage noch mit dem alten Wenzeslaus +zusammen, so werdt Ihr rauchen wie ein Bootsknecht. +Ich will Euch nach meiner Hand ziehen, daß Ihr Euch +selber nicht mehr wieder kennen sollt. + + + +Vierter Akt. + + +Erste Scene. + +Zu Insterburg. + +Geheimer Rath. Major. + + +Major. +Hier Bruder--Ich schweife wie Kain herum, unstät und +flüchtig--Weißt Du was? Die Russen sollen Krieg mit +den Türken haben; ich will nach Königsberg gehn, um +nähere Nachrichten einzuziehen: ich will mein Weib +verlassen und in der Türkey sterben. + +Geh. Rath. +Deine Ausschweifungen schlagen mich vollends zu Boden.-- +O Himmel, muß es denn von allen Seiten stürmen?--Da liß +den Brief vom Professor Mr. + +Major. +Ich kann nicht mehr lesen; ich hab meine Augen fast +blind geweint. + +Geh. Rath. +So will ich dir vorlesen, damit Du siehst, daß Du nicht +der einzige Vater seyst, der sich zu beklagen hat: "Ihr +Sohn ist vor einiger Zeit wegen Bürgschaft gefänglich +eingezogen worden: er hat, wie er mir vorgestern mit +Thränen gestanden, nach fünf vergeblich geschriebenen +Briefen keine Hofnung mehr, von Eurer Excellenz +Verzeihung zu erhalten. Ich redte ihm zu, sich zu +beruhigen, bis ich gleichfalls in dieser Sache mich +vermittelt hätte: er versprach es mir, ist aber +ungeachtet dieses Versprechens noch in derselben Nacht +heimlich aus dem Gefängniß entwischt. Die Schuldner +haben ihm Steckbriefe nachsenden und seinen Namen in +allen Zeitungen bekannt machen wollen; ich habe sie +aber dran verhindert und für die Summe gutgesagt, weil +ich viel zu sehr überzeugt bin, daß Eure Excellenz +diesen Schimpf nicht werden auf Dero Familie kommen +lassen. Uebrigens habe die Ehre, in Erwartung Dero +Entschlusses mich mit vollkommenster" ... + +Major. +Schreib ihm zurück: sie sollen ihn hängen. + +Geh. Rath. +Und die Familie-- + +Major. +Lächerlich! Es giebt keine Familie; wir haben keine +Familie. Narrenspossen! Die Russen sind meine Familie: +ich will Griechisch werden. + +Geh. Rath. +Und noch keine Spur von Deiner Tochter? + +Major. +Was sagst Du? + +Geh. Rath. +Hast nicht die geringste Nachricht von Deiner Tochter? + +Major. +Laß mich zufrieden. + +Geh. Rath. +Es ist doch Dein Ernst nicht, nach Königsberg zu reisen? + +Major. +Wenn mag doch die Post abgehn von Königsberg nach Warschau? + +Geh. Rath. +Ich werde Dich nicht fortlassen; es ist nur umsonst. +Meynst Du, vernünftige Leute werden sich von Deinen +Phantasien übertölpeln lassen? Ich kündige Dir hiermit +Hausarrest an. Gegen Leute, wie Du bist, muß man Ernst +gebrauchen, sonst verwandelt sich ihr Gram in Narrheit. + +Major. (weint) +Ein ganzes Jahr--Bruder geheimer Rath--Ein ganzes +Jahr--und niemand weiß, wohin sie gestoben oder geflogen +ist? + +Geh. Rath. +Vielleicht todt-- + +Major. +Vielleicht?--Gewiß todt--und wenn ich nur den Trost +haben könnte, sie noch zu begraben--aber sie muß sich +selbst umgebracht haben, weil mir niemand Anzeige von +ihr geben kann.--Eine Kugel durch den Kopf, Berg, oder +einen Türkenpallasch; das wär eine Victorie. + +Geh. Rath. +Es ist ja eben so wohl möglich, daß sie den Läuffer +irgendwo angetroffen und mit dem aus dem Lande gegangen. +Gestern hat mich Graf Wermuth besucht und hat mir gesagt, +er sey denselben Abend noch in eine Schule gekommen, wo +ihn der Schulmeister nicht hab' in die Kammer lassen +wollen: er vermuthet immer noch, der Hofmeister habe +drinn gesteckt, vielleicht Deine Tochter bey ihm. + +Major. +Wo ist der Schulmeister? Wo ist das Dorf? Und der +Schurke von Grafen ist nicht mit Gewalt in die Kammer +eingedrungen? Komm: wo ist der Graf? + +Geh. Rath. +Er wird wohl wieder im Hecht abgestiegen seyn, wie +gewöhnlich. + +Major. +O wenn ich sie auffände--Wenn ich nur hoffen könnte, +sie noch einmal wieder zu sehen--Hol mich der Kuckuk, +so alt wie ich bin und abgegrämt und wahnwitzig; ja hol +mich der Teufel, dann wollt' ich doch noch in meinem +Leben wieder einmal lachen, das letztemal laut lachen +und meinen Kopf in ihren entehrten Schooß legen und +denn wieder einmal heulen und denn--Adieu Berg! Das +wäre mir gestorben, das hieß mir sanft und selig im +Herrn entschlafen.--Komm Bruder, Dein Junge ist nur +ein Spitzbube geworden: das ist nur Kleinigkeit; an +allen Höfen giebts Spitzbuben; aber meine Tochter ist +eine Gassenhure, das heiß' ich einem Vater Freud machen: +vielleicht hat sie schon drey Lilien auf dem Rücken.-- +Vivat die Hofmeister und daß der Teufel sie holt! Amen. + +(gehn ab) + + +Zweite Scene. + +Eine Bettlerhütte im Walde. +Augustchen. (im groben Kittel.) +Marthe. (ein alt blindes Weib) + + +Gustchen. +Liebe Marthe, bleibt zu Hause und seht wohl nach dem +Kinde: es ist das erstemal, daß ich Euch allein lasse +in einem ganzen Jahr; also könnt Ihr mich nun wohl +auch einmal einen Gang für mich thun lassen. Ihr habt +Proviant für heut und Morgen; Ihr braucht also heute +nicht auf der Landstraß auszustehn. + +Marthe. +Aber wo wollt Ihr denn hin, Grethe; das Gott erbarm! +da Ihr noch so krank und so schwach seyd; laßt Euch +doch sagen: ich hab auch Kinder bekommen und ohne viele +Schmerzen, so wie Ihr, Gott sey Dank! aber einmal hab +ichs versucht, den zweyten Tag nach der Niederkunft +auszugehen und nimmermehr wieder; ich hatte schon meinen +Geist aufgegeben, wahrlich ich könne Euch sagen, wie +einem Todten zu Muthe ist--Laßt Euch doch lehren; wenn +Ihr was im nächsten Dorf zu bestellen habt, obschon ich +blind bin, ich will schon hinfinden; bleibt nur zu Hause +und macht daß Ihr zu Kräften kommt: ich will alles für +Euch ausrichten, was es auch sey. + +Gustchen. +Laßt mich nur, Mutter; ich hab Kräfte wie eine junge +Bärin--und seht nach meinem Kinde. + +Marthe. +Aber wie soll ich denn darnach sehen, Heilige Mutter +Gottes! da ich blind bin? Wenn es wird saugen wollen, +soll ichs an meine schwarze verwelkte Zitzen legen? +und es mit zu nehmen, habt Ihr keine Kräfte, bleibt zu +Hause, liebes Grethel, bleibt zu Hause. + +Gustchen. +Ich darf nicht, liebe Mutter, mein Gewissen treibt mich +fort von hier. Ich hab' einen Vater, der mich mehr +liebt als sein Leben und seine Seele. Ich habe die +vorige Nacht im Traum gesehen, daß er sich die weissen +Haare ausriß und Blut in den Augen hatte: er wird +meynen, ich sey todt. Ich muß ins Dorf und jemand +bitten, daß er ihm Nachricht von mir giebt. + +Marthe. +Aber hilf lieber Gott, wer treibt Euch denn? Wenn Ihr +nun unterwegens liegen bleibt? Ihr könnt nicht fort... + +Gustchen. +Ich muß--Mein Vater stand wankend; auf einmal warf +er sich auf die Erde und blieb todt liegen--Er bringt +sich um, wenn er keine Nachricht von mir bekommt. + +Marthe. +Wißt Ihr denn nicht, daß Träume grade das Gegentheil +bedeuten? + +Gustchen. +Bey mir nicht--Laßt mich--Gott wird mit mir seyn. +(geht ab) + + +Dritte Scene. + +Die Schule. +Wenzeslaus. Läuffer. (an einem Tisch sitzend) Der Major. +Der Geheime Rath und Graf Wermuth. +(treten herein mit Bedienten) + + +Wenzeslaus. (läßt die Brille fallen) +Wer da? + +Major. (mit gezogenem Pistol) +Daß Dich das Wetter! da sitzt der Haas im Kohl. (schießt +und trift Läuffern in Arm, der vom Stuhl fällt) + +Geh. Rath. (der vergeblich versucht hat ihn zurückzuhalten) +Bruder--(stößt ihn unwillig) So hab's denn darnach, +Tollhäusler! + +Major. +Was? ist er todt? (schlägt sich vors Gesicht) Was hab +ich gethan? Kann Er mir keine Nachricht mehr von meiner +Tochter geben? + +Wenzeslaus. +Ihr Herren! Ist das jüngste Gericht nahe, oder sonst +etwas? Was ist das? (zieht an seiner Schelle) Ich will +Euch lehren, einen ehrlichen Mann in seinem Hause +überfallen. + +Läuffer. +Ich beschwör' Euch: schellt nicht!--Es ist der Major; +ich hab's an seiner Tochter verdient. + +Geh. Rath. +Ist kein Chirurgus im Dorf, ehrlicher Schulmeister! Er +ist nur am Arm verwundet, ich will ihn kuriren lassen. + +Wenzeslaus. +Ey was kuriren lassen! Straßenräuber! schießt man Leute +übern Haufen, weil man so viel hat, daß man sie kuriren +lassen kann? Er ist mein Kollaborator; er ist eben ein +Jahr in meinem Hause: ein stiller, friedfertiger, +fleißiger Mensch, und sein Tage hat man nichts von ihm +gehört, und Ihr kommt und erschießt mir meinen Kollaborator +in meinem eignen Hause!--Das soll gerochen werden, oder +ich will nicht selig sterben. Seht Ihr das! + +Geh. Rath. (bemüht Läuffern zu verbinden) +Wozu das Geschwätz, lieber Mann? Es thut uns leyd genug-- +Aber die Wunde könnte sich verbluten, schaft uns nur +einen Chirurgus. + +Wenzeslaus. +Ey was! Wenn Ihr Wunden macht, so mögt Ihr sie auch +heilen, Strassenräuber! Ich muß doch nur zum Gevatter +Schöpsen gehen. (geht ab) + +Major. (zu Läuffern) +Wo ist meine Tochter? + +Läuffer. +Ich weiß es nicht. + +Major. +Du weißt nicht? (zieht noch eine Pistol hervor) + +Geh. Rath. (entreißt sie ihm und schießt sie aus dem +Fenster ab) +Sollen wir Dich mit Ketten binden lassen, Du-- + +Läuffer. +Ich habe sie nicht gesehen, seit ich aus Ihrem Hause +geflüchtet bin; das bezeug' ich vor Gott, vor dessen +Gericht ich vielleicht bald erscheinen werde. + +Major. +Also ist sie nicht mit Dir gelaufen? + +Läuffer. +Nein. + +Major. +Nun denn; so wieder eine Ladung Pulver umsonst verschossen! +Ich wollt, sie wäre Dir durch den Kopf gefahren, da Du +kein gescheutes Wort zu reden weißt, Lumpenhund! Laßt +ihn liegen und kommt bis ans Ende der Welt. Ich muß +meine Tochter wieder haben, und wenn nicht in diesem +Leben, doch in jener Welt, und da soll mein hochweiser +Bruder und mein hochweiseres Weib mich wahrhaftig nicht +von abhalten (läuft fort.) + +Geh. Rath. +Ich darf ihn nicht aus den Augen lassen. (wirft Läuffern +einen Beutel zu) Lassen Sie Sich davon kuriren, und +bedenken Sie, daß Sie meinen Bruder weit gefährlicher +verwundet haben, als er Sie. Es ist ein Bankozettel +drin, geben Sie Acht drauf und machen ihn sich zu Nutz +so gut Sie können. (gehn alle ab) + +(Wenzeslaus kömmt mit dem Barbier Schöpsen und einigen +Bauerkerlen) + +Wenzeslaus. +Wo ist das Otterngezüchte? Redet! + +Läuffer. +Ich bitt Euch, seyd ruhig. Ich habe weit weniger bekommen, +als meine Thaten werth waren. Meister Schöpsen, ist +meine Wunde gefährlich? + +(Schöpsen besieht sie) + +Wenzeslaus. +Was denn? Wo sind sie? Das leid ich nicht; nein, das +leid ich nicht und sollt es mich Schul und Amt und Haar +und Bart kosten. Ich will sie zu Morsch schlagen, die +Hunde--Stellen Sie Sich vor, Herr Gevatter; wo ist das +in aller Welt in iure naturae, und in iure civili, und +im iure canonico, und im iure gentium, und wo Sie +wollen, wo ist das erhört, daß man einem ehrlichen Mann +in sein Haus fällt und in eine Schule dazu; an heiliger +Stätte--Gefährlich; nicht wahr? Haben Sie sondirt? Ists? + +Schöpsen. +Es ließe sich viel drüber sagen--nun doch wir wollen +sehen--am Ende wollen wir schon sehen. + +Wenzeslaus. +Ja Herr, he he, in fine videbitur cuius toni; das heißt, +wenn er wird todt seyn, oder wenn er völlig gesund seyn +wird, da wollen Sie uns erst sagen, ob die Wunde +gefährlich war oder nicht: das ist aber nicht medicinisch +gesprochen; verzeyh Er mir. Ein tüchtiger Arzt muß das +Dings vorher wissen, sonst sag' ich ihm ins Gesicht: er +hat seine Pathologie oder Chirurgie nur so halbwege +studirt und ist mehr in die Bordells gangen, als in +die Kollegia; denn in amore omnia insunt vitia, und +wenn ich einen Ignoranten sehe, er mag seyn aus was +für einer Fakultät er wolle, so sag' ich immer: er ist +ein Jungfernknecht gewesen; ein Hurenhengst; das laß' +ich mir nicht ausreden. + +Schöpsen. (nachdem er die Wunde noch einmal besichtigt) +Ja die Wunde ist, nachdem man sie nimmt--Wir wollen +sehen, wir wollen sehen. + +Läuffer. +Hier, Herr Schulmeister! hat mir des Majors Bruder einen +Beutel gelassen, der ganz schwer von Dukaten ist und +obenein ist ein Bankozettel drinn--Da sind wir auf viel +Jahre geholfen. + +Wenzeslaus. (hebt den Beutel) +Nun das ist etwas--Aber Hausgewalt bleibt doch +Hausgewalt und Kirchenraub, Kirchenraub--Ich will +ihm einen Brief schreiben, dem Herrn Major. den er +nicht ins Fenster stecken soll. + +Schöpsen. (der sich die Weil' über vergessen und eifrig +nach dem Beutel gesehen, fällt wieder über die Wunde her) +Sie wird sich endlich schon kuriren lassen, aber sehr +schwer, hoff' ich, sehr schwer-- + +Wenzeslaus. +Das hoff' ich nicht, Herr Gevatter Schöpsen; das fürcht' +ich, das fürcht' ich--aber ich will Ihm nur zum voraus +sagen, daß wenn Er die Wunde langsam kurirt, so kriegt +Er auch langsame Bezahlung; wenn Er ihn aber in zwey +Tagen wieder auf frischen Fuß stellt, so soll Er auch +frisch bezahlt werden; darnach kann Er sich richten. + +Schöpsen. +Wir wollen sehen. + + +Vierte Scene. + + +Gustchen. (liegend, an einem Teich mit Gesträuch umgeben) +Soll ich denn hier sterben?--Mein Vater! Mein Vater! +gieb mir die Schuld nicht, daß Du nicht Nachricht von +mir bekömmst. Ich hab meine letzten Kräfte angewandt-- +sie sind erschöpft--Sein Bild, o sein Bild steht mir +immer vor den Augen! Er ist todt, ja todt--und für Gram +um mich--Sein Geist ist mir diese Nacht erschienen, +mir Nachricht davon zu geben--mich zur Rechenschaft +dafür zu fodern--Ich komme, ja ich komme. (raft sich +auf und wirft sich in Teich.) + +Major. (von weitem) +Geh. Rath und Graf Wermuth. (folgen ihm) + +Major. +Hey! hoh! da giengs in Teich--Ein Weibsbild wars und +wenn gleich nicht meine Tochter, doch auch ein +unglücklich Weibsbild--Nach, Berg! Das ist der Weg +zu Gustchen oder zur Hölle! (springt ihr nach) + +Geh. Rath. (kommt) +Gott im Himmel! was sollen wir anfangen? + +Graf Wermuth. +Ich kann nicht schwimmen. + +Geh. Rath. +Auf die andere Seite!--Mich deucht, er haschte das +Mädchen ... Dort--dort hinten im Gebüsch.--Sehen Sie +nicht? Nun treibt er den Teich mit ihr hinunter--Nach! + + +Fünfte Scene. + +(Eine andere Seite des Teichs, Hinter der Scene Geschrey.) +"Hülfe! 's meine Tochter! Sakkerment und all das Wetter! +Graf! reicht mir doch die Stange: +daß Euch die schwere Noth." + +Major Berg. (trägt Gustchen aufs Theater) +Geheimer Rath und Graf. (folgen) + +Major. +Da!--(setzt sie nieder. Geheimer Rath und Graf suchen +sie zu ermuntern) Verfluchtes Kind! habe ich das an Dir +erziehen müssen! (kniet nieder bey ihr) Gustel! was +fehlt Dir? Hast Wasser eingeschluckt? Bist noch mein +Gustel?--Gottlose Kanaille! Hättst Du mir nur ein +Wort vorher davon gesagt; ich hätte dem Lausejungen +einen Adelbrief gekauft, da hättet ihr können zusammen +kriechen.--Gott behüt! so helft ihr doch; sie ist ja +ohnmächtig. (springt auf, ringt die Hände; umhergehend) +Wenn ich nur wüst', wo der maledeyte Chirurgus vom Dorf +anzutreffen wäre.--Ist sie noch nicht wach? + +Gustchen. (mit schwacher Stimme) +Mein Vater! + +Major. +Was verlangst Du? + +Gustchen. +Verzeihung. + +Major. (geht auf sie zu) +Ja verzeih Dirs der Teufel, ungerathenes Kind.--Nein, +(kniet wieder bey ihr) fall nur nicht hin, mein Gustel-- +mein Gustel! Ich verzeih Dir; ist alles vergeben und +vergessen--Gott weiß es: ich verzeih Dir--Verzeih Du +mir nur! Ja aber nun ists nicht mehr zu ändern. Ich hab +dem Hundsvott eine Kugel durch den Kopf geknallt. + +Geh. Rath. +Ich denke, wir tragen sie fort. + +Major. +Laßt stehen! Was geht sie euch an? Ist sie doch Eure +Tochter nicht. Bekümmert Euch um Euer Fleisch und Bein +daheime. (Er nimmt sie auf die Arme) Da Mädchen--Ich +sollte wohl wieder nach dem Teich mit Dir--(schwenkt +sie gegen den Teich zu) aber wir wollen nicht eher +schwimmen als bis wir's Schwimmen gelernt haben, meyn' +ich.--(drückt sie an sein Herz) O du mein einzig +theurester Schatz! Daß ich dich wieder in meinen Armen +tragen kann, gottlose Kanaille! (trägt sie fort) + + +Sechste Scene. + +In Leipzig. +Fritz von Berg. Pätus. + + +Fritz. +Das einzige, was ich an Dir auszusetzen habe, Pätus. +Ich habe Dirs schon lang sagen wollen: untersuche Dich +nur selbst; was ist die Ursach zu all Deinem Unglück +gewesen? Ich tadle es nicht, wenn man sich verliebt. Wir +sind in den Jahren; wir sind auf der See, der Wind treibt +uns, aber die Vernunft muß immer am Steuerruder bleiben, +sonst jagen wir auf die erste beste Klippe und scheitern. +Die Hamstern war eine Kokette, die aus Dir machte, was +sie wollte; sie hat Dich um Deinen letzten Rock, um +Deinen guten Namen und um den guten Namen Deiner Freunde +dazu gebracht: ich dächte, da hättest Du klug werden +können. Die Rehaarin ist ein unverführtes unschuldiges +jugendliches Lamm: wenn man gegen ein Herz, das sich +nicht vertheidigen will, noch vertheidigen kann, alle +mögliche Batterien spielen läßt, um es--was soll ich +sagen? zu zerstören, einzuäschern, das ist unrecht, +Bruder Pätus, das ist unrecht. Nimm mirs nicht übel, +wir können so nicht gute Freunde zusammen bleiben. Ein +Mann, der gegen ein Frauenzimmer es so weit treibt, +als er nur immer kann, ist entweder ein Theekessel oder +ein Bösewicht; ein Theekessel, wenn er sich selbst nicht +beherrschen kann, die Ehrfurcht, die er der Unschuld +und Tugend schuldig ist, aus den Augen zu setzen: oder +ein Bösewicht, wenn er sich selbst nicht beherrschen +will und wie der Teufel im Paradiese sein einzig Glück +darin setzt, ein Weib ins Verderben zu stürzen. + +Pätus. +Predige nur nicht, Bruder! Du hast Recht; es reuet mich, +aber ich schwöre Dir, ich kann drauf fluchen, daß ich +das Mädchen nicht angerührt habe. + +Fritz. +So bist Du doch zum Fenster hineingestiegen und die +Nachbarn habens gesehen, meynst Du, ihre Zunge wird so +verschämt seyn, wie Deine Hand vielleicht gewesen ist? +Ich kenne Dich, ich weiß, so dreust Du scheinst, bist +Du doch blöde gegen's Frauenzimmer und darum lieb ich +Dich: aber wenns auch nichts mehr wäre, als daß das +Mädchen ihren guten Namen verliert, und eine +Musikantentochter dazu, ein Mädchen, das alles von +der Natur empfieng: vom Glück nichts, der ihre einzige +Aussteuer, ihren guten Namen, zu rauben--Du hast +sie unglücklich gemacht, Pätus.-- + +(Herr Rehaar kommt, eine Laute unterm Arm.) + +Rehaar. +Ergebener Diener von Ihnen; ergebener Diener, Herr von +Berg, wünsche schönen guten Morgen. Wie haben Sie +geschlafen und wie stehts Konzertchen? (setzt sich +und stimmt) Haben Sie's durchgespielt? (stimmt) Ich +habe die Nacht einen heßlichen Schrecken gehabt, aber +ich wills dem eingedenk seyn.--Sie kennen ihn wohl, +es ist einer von ihren Landsleuten. Twing, twing. Das +ist eine verdammte Quinte! Will sie doch mein Tage +nicht recht tönen; ich will Ihnen Nachmittag eine andere +bringen. + +Fritz. (setzt sich mit seiner Laute) +Ich hab das Koncert noch nicht angesehen. + +Rehaar. +Ey Ey, faules Herr von Bergchen, noch nicht angesehen? +Twing! Nachmittag bring ich Ihnen eine andre. (legt die +Laute weg und nimmt eine Prise) Man sagt: die Türken +sind über die Donau gegangen und haben die Russen brav +zurückgepeitscht, bis--Wie heißt doch nun der Ort? +Bis Otschakof, glaub' ich; was weiß ich? so viel sag +ich Ihnen, wenn Rehaar unter ihnen gewesen wäre, was +meynen Sie? Er wäre noch weiter gelaufen. Ha ha ha! +(nimmt die Laute wieder) Ich sag Ihnen, Herr von Berg, +ich hab keine größere Freude, als wenn ich wieder einmal +in der Zeitung lese, daß eine Armee gelaufen ist. Die +Russen sind brave Leute, daß sie gelaufen sind; Rehaar +wär auch gelaufen und alle gescheute Leute, denn wozu +nützt das Stehen und sich todtschlagen lassen, ha ha ha. + +Fritz. +Nicht wahr, das ist der erste Grif? + +Rehaar. +Ganz recht; den zweiten Finger etwas mehr übergelegt und +mit dem kleinen abgerissen, so--Rund, rund den Triller, +rund Herr von Bergchen--Mein seliger Vater pflegt' immer +zu sagen, ein Musikus muß keine Kourage haben, und ein +Musikus der Herz hat, ist ein Hundsfut. Wenn er sein +Konzertchen spielen kann und seinen Marsch gut bläst-- +Das hab' ich auch dem Herzog von Kurland gesagt, als +ich nach Petersburg gieng, das erstemal in der Suite +vom Prinzen Czartorinsky, und vor ihm spielen mußte. +Ich muß noch lachen; als ich in den Saal kam und wollt' +ihm mein tief tief Kompliment machen, sah' ich nicht, +daß der Fußboden von Spiegel war und die Wände auch von +Spiegel, und fiel herunter wie ein Stück Holz und schlug +mir ein gewaltig Loch in Kopf: da kamen die Hofkavaliere +und wollten mich drüber necken. Leidt das nicht, Rehaar, +sagte der Herzog, Ihr habt ja einen Degen an der Seite; +leidt das nicht. Ja, sage ich, Ew. Herzoglichen Majestät, +mein Degen ist seit Anno Dreißig nicht aus der Scheide +gekommen, und ein Musikus braucht den Degen nicht zu +ziehen, denn ein Musikus, der Herz hat und den Degen +zieht, ist ein Hundsfut und kann sein Tag auf keinem +Instrument was vor sich bringen--Nein, nein, das dritte +Chor wars, k, k, so--Rein, rein, den Triller rund und +den Daumen unten nicht bewegt, so-- + +Pätus. (der sich die Zeit über seitwärts gehalten, +tritt hervor und bietet Rehaar die Hand) +Ihr Diener, Herr Rehaar; wie gehts? + +Rehaar. (hebt sich mit der Laute) +Ergebener Die--Wie solls gehen, Herr Pätus? Toujours +content, jamais d'argent: das ist des alten Rehaars +Sprichwort, wissen Sie, und die Herren Studenten wissens +alle; aber darum geben sie mir doch nichts--Der Herr +Pätus ist mir auch noch schuldig, von der letzten +Serenade, aber er denkt nicht dran... + +Pätus. +Sie sollen haben, liebster Rehaar; in acht Tagen erwart' +ich unfehlbar meinen Wechsel. + +Rehaar. +Ja, Sie haben schon lang gewartet, Herr Pätus, und +Wechselchen ist doch nicht kommen. Was ist zu thun, +man muß Geduld haben, ich sag immer, ich begegne +keinem Menschen mit so viel Ehrfurcht als einem +Studenten: denn ein Student ist nichts, das ist wahr, +aber es kann doch alles aus ihm werden. (er legt die +Laute auf den Tisch und nimmt eine Prise) Aber was +haben Sie mir denn gemacht, Herr Pätus? Ist das recht; +ist das auch honett gehandelt? Sind mir gestern zum +Fenster hineingestiegen, in meiner Tochter Schlafkammer. + +Pätus. +Was denn, Vaterchen? ich? ... + +Rehaar. (läßt die Dose fallen) +Ja ich will Dich bevaterchen und ich werd' es gehörigen +Orts zu melden wissen, Herr, daß seyn Sie versichert. +Meiner Tochter Ehr' ist mir lieb und es ist ein honettes +Mädchen, hol's der Henker! und wenn ichs nur gestern +gemerkt hätte oder wär' aufgewacht, ich hätt Euch zum +Fenster hinausgehenselt, daß Ihr das Unterste zu Oberst-- +Ist das honett, ist das ehrlich? Pfuy Teufel, wenn ich +Student bin, muß ich mich auch als Student aufführen, +nicht als ein Schlingel--Da haben mirs die Nachbarn +heut gesagt: ich dacht ich sollte den Schlag drüber +kriegen, Augenblicks hat mir das Mädchen auf den +Postwagen müssen und das nach Kurland zu ihrer Tante; +ja nach Kurland, Herr, denn hier ist ihre Ehr' hin und +wer zahlt mir nun die Reisekosten? Ich habe warhaftig +den ganzen Tag keine Laut' anrühren können und über +die funfzehn Quinten sind mir heut gesprungen. Ja Herr, +ich zittere noch am ganzen Leibe und Herr Pätus, ich +will ein Hühnchen mit Ihnen pflücken. Es soll nicht +so bleiben; ich will Euch Schlingeln lehren ehrlicher +Leute Kinder verführen. + +Pätus. +Herr, schimpf Er nicht, oder-- + +Rehaar. +Sehen Sie nur an, Herr von Berg! sehn Sie einmal an-- +wenn ich nun Herz hätte, ich fodert' ihn augenblicklich +vor die Klinge--Sehen Sie, da steht er und lacht mir +noch in die Zähne obenein. Sind wir denn unter Türken +und Heiden, daß ein Vater nicht mehr mit seiner Tochter +sicher ist? Herr Pätus, Sie sollen mirs nicht umsonst +gethan haben, ich sags Ihnen und sollts bis an den +Kuhrfürsten selber kommen. Unter die Soldaten mit +solchen lüderlichen Hunden! Dem Kalbsfell folgen, +das ist gescheidter! Schlingel seyd ihr und keine +Studenten! + +Pätus. (giebt ihm eine Ohrfeige) +Schimpf Er nicht; ich habs Ihm fünfmal gesagt!. + +Rehaar. (springt auf, das Schnupftuch vorm Gesicht) +So? Wart--Wenn ich doch nur den rothen Fleck +behalten könnte, bis ich vorn Magnifikus komme-- +Wenn ich ihn doch nur acht Tage behalten könnte, +daß ich nach Dresden reise und ihn dem Kuhrfürsten +zeige--Wart, es soll Dir zu Hause kommen, wart, +wart--Ist das erlaubt? (weint) Einen Lautenisten +zu schlagen? weil er Dir seine Tochter nicht geben +will, daß Du Lautchen auf ihr spielen kannst?--Wart, +ich wills seiner Kuhrfürstlichen Majestät sagen, daß +Du mich ins Gesicht geschlagen hast. Die Hand soll +Dir abgehauen werden--Schlingel! (läuft ab, Pätus +will ihm nach; Fritz hält ihn zurück) + +Fritz. +Pätus! Du hast schlecht gehandelt. Er war beleidigter +Vater, Du hättest ihn schonen sollen. + +Pätus. +Was schimpfte der Schurke? + +Fritz. +Schimpfliche Handlungen verdienen Schimpf. Er konnte +die Ehre seiner Tochter auf keine andere Weise rächen, +aber es möchten sich Leute finden-- + +Pätus. +Was? Was für Leute? + +Fritz. +Du hast sie entehrt, Du hast ihren Vater entehrt. Ein +schlechter Kerl, der sich an Weiber und Musikanten wagt, +die noch weniger als Weiber sind. + +Pätus. +Ein schlechter Kerl? + +Fritz. +Du sollst ihm öffentlich abbitten. + +Pätus. +Mit meinem Stock. + +Fritz. +So werd ich Dir in seinem Namen antworten. + +Pätus. (schreyt) +Was willst Du von mir? + +Fritz. +Genugthuung für Rehaarn. + +Pätus. +Du wirst mich doch nicht zwingen wollen; einfältiger +Mensch-- + +Fritz. +Ja, ich will Dich zwingen, kein Schurke zu seyn. + +Pätus. +Du bist einer--Du mußt Dich mit mir schlagen. + +Fritz. +Herzlich gern--wenn Du Rehaarn nicht Satisfaktion giebst. + +Pätus. +Nimmermehr. + +Fritz. +Es wird sich zeigen. + + + +Fünfter Akt. + + +Erste Scene. + +Die Schule. +Läuffer. Marthe. (ein Kind auf dem Arm) + + +Marthe. +Um Gotteswillen! helft einer armen blinden Frau und +einem unschuldigen Kinde, das seine Mutter verloren hat. + +Läuffer. (giebt ihr was) +Wie seyd Ihr denn hergekommen, da Ihr nicht sehen könnt? + +Marthe. +Mühselig genug. Die Mutter dieses Kindes war meine +Leiterin; sie gieng eines Tags aus dem Hause, zwey Tage +nach ihrer Niederkunft, Mittags gieng sie fort und wollt' +auf den Abend wiederkommen, sie soll noch wiederkommen. +Gott schenk ihr die ewige Freud und Herrlichkeit! + +Läuffer. +Warum thut Ihr den Wunsch? + +Marthe. +Weil sie todt ist, das gute Weib; sonst hätte sie ihr +Wort nicht gebrochen. Ein Arbeitsmann vom Hügel ist mir +begegnet, der hat sie sich in Teich stürzen sehen. Ein +alter Mann ist hinter ihr drein gewesen und hat sich +nachgestürzt; das muß wohl ihr Vater gewest seyn. + +Läuffer. +O Himmel! Welch ein Zittern--Ist das ihr Kind? + +Marthe. +Das ist es; sehen Sie nur, wie rund es ist, von lauter +Kohl und Rüben aufgefüttert. Was sollt' ich Arme machen; +ich konnt' es nicht stillen, und da mein Vorrath auf +war, macht' ichs wie Hagar, nahm das Kind auf die +Schulter und gieng auf Gottes Barmherzigkeit. + +Läuffer. +Gebt es mir auf den Arm--O mein Herz!--Daß ichs an +mein Herz drücken kann--Du gehst mir auf, furchtbares +Rätzel! (nimmt das Kind auf den Arm und tritt damit vor +den Spiegel) Wie? dies wären nicht meine Züge? (fällt +in Ohnmacht; das Kind fängt an zu schreyen) + +Marthe. +Fallt Ihr hin? (hebt das Kind vom Boden auf) Sußchen, +mein liebes Sußchen! (das Kind beruhigt sich) Hört! was +habt Ihr gemacht? Er antwortet nicht: ich muß doch um +Hülfe rufen; ich glaube, ihm ist weh worden. (geht hinaus) + + +Zweyte Scene. + +Ein Wäldchen vor Leipzig. +Fritz von Berg und Pätus. (stehn mit gezogenem Degen) +Rehaar. + + +Fritz. +Wird es bald? + +Pätus. +Willst Du anfangen? + +Fritz. +Stoß Du zuerst. + +Pätus. (wirft den Degen weg) +Ich kann mich mit Dir nicht schlagen. + +Fritz. +Warum nicht? Nimm ihn auf. Hab ich Dich beleidigt, so +muß ich Dir Genugthuung geben. + +Pätus. +Du magst mich beleidigen wie Du willst, ich brauch +keine Genugthuung von Dir. + +Fritz. +Du beleidigst mich. + +Pätus. (rennt auf ihn zu und umarmt ihn) +Liebster Berg! Nimm es für keine Beleidigung, wenn +ich Dir sage, Du bist nicht im Stande mich zu beleidigen. +Ich kenne Dein Gemüth--und ein Gedanke daran macht mich +zur feigsten Memme auf dem Erdboden. Laß uns gute +Freunde bleiben, ich will mich gegen den Teufel selber +schlagen, aber nicht gegen Dich. + +Fritz. +So gieb Rehaarn Satisfaktion, eh zieh' ich nicht ab +von hier. + +Pätus. +Das will ich herzlich gern, wenn er's verlangt. + +Fritz. +Er ist immatrikulirt, wie Du; Du hast ihn ins Gesicht +geschlagen--Frisch Rehaar, zieht! + +Rehaar. (zieht) +Ja, aber er muß seinen Degen da nicht aufheben. + +Fritz. +Sie sind nicht gescheidt. Wollen Sie gegen einen +Menschen ziehen, der sich nicht wehren kann? + +Rehaar. +Ey laß die gegen bewehrte Leute ziehen, die Kourage +haben. Ein Musikus muß keine Kourage haben, und Herr +Pätus, Er soll mir Satisfaktion geben--(stößt auf +ihn zu. Pätus weicht zurück) Satisfaktion geben. +(stößt Pätus in den Arm. Fritz legirt ihm den Degen) + +Fritz. +Jetzt seh' ich, daß Sie Ohrfeigen verdienen, Rehaar. +Pfuy! + +Rehaar. +Ja was soll ich denn machen, wenn ich kein Herz habe? + +Fritz. +Ohrfeigen einstecken und das Maul halten. + +Pätus. +Still Berg! ich bin nur geschrammt. Herr Rehaar, ich +bitt Sie um Verzeyhung. Ich hätte Sie nicht schlagen +sollen, da ich wußte, daß Sie nicht im Stande waren, +Genugthuung zu fodern; vielweniger hätt' ich Ihnen +Ursache geben sollen, mich zu schimpfen. Ich gesteh's, +diese Rache ist noch viel zu gering für die +Beleidigungen, die ich Ihrem Hause angethan: ich will +sehen, sie auf eine bessere Weise gut zu machen, wenn +das Schicksal meinen guten Vorsätzen beysteht. Ich +will Ihrer Tochter nachreisen; ich will sie heyrathen. +In meinem Vaterlande wird sich schon eine Stelle für +mich finden, und wenn auch mein Vater bey seinen +Lebzeiten sich nicht besänftigen ließe, so ist mir +doch eine Erbschaft von funfzehntausend Gulden gewiß. +(umarmt ihn). Wollen Sie mir Ihre Tochter bewilligen? + +Rehaar. +Ey was! ich hab nichts dawider, wenn Ihr ordentlich +und ehrlich um sie anhaltet, und im Stand seyd, sie zu +versorgen--Ha ha ha! hab' ichs doch mein Tag gesagt: +mit den Studenten ist gut auskommen. Die haben doch +noch Honnettetät im Leibe, aber mit den Officiers-- +Die machen einem Mädchen ein Kind und kräht nicht Hund +oder Hahn nach: das macht, weil sie alle kuraschöse +Leute seyn, und sich müssen todtschlagen lassen. Denn +wer Kourage hat, der ist zu allen Lastern fähig. + +Fritz. +Sie sind ja auch Student. Kommen Sie; wir haben lange +keinen Punsch zusammen gemacht; wir wollen auf die +Gesundheit Ihrer Tochter trinken. + +Rehaar. +Ja und Ihr Lautenkonzertchen dazu, Herr von Bergchen. +Ich hab Ihnen jetzt drey Stund nach einander geschwänzt, +und weil ich auch honett denke, so will ich heute dafür +drey Stunden nach einander auf Ihrem Zimmerchen bleiben +und wollen Lautchen spielen, bis dunkel wird. + +Pätus. +Und ich will die Violin dazu streichen. + + +Dritte Scene. + +Die Schule. +Läuffer. (liegt zu Bette.) +Wenzeslaus. + + +Wenzeslaus. +Das Gott! was giebts schon wieder, daß Ihr mich von +der Arbeit abrufen laßt? Seyd Ihr schon wieder schwach? +Ich glaube, das alte Weib war eine Hexe.--Seit der +Zeit habt Ihr keine gesunde Stunde mehr. + +Läuffer. +Ich werd' es wohl nicht lange mehr machen. + +Wenzeslaus. +Soll ich Gevatter Schöpsen rufen lassen? + +Läuffer. +Nein. + +Wenzeslaus. +Liegt Euch was auf dem Gewissen? Sagt mirs, entdeckt +mirs, unverholen.--Ihr blickt so scheu umher, daß es +einem ein Grauen einjagt; frigidus per ossa--Sagt mir, +was ists?--Als ob er jemand todt geschlagen hätte-- +Was verzerrt Ihr denn die Lineamenten so--Behüt Gott, +ich muß doch nur zu Schöpsen-- + +Läuffer. +Bleibt--Ich weiß nicht, ob ich recht gethan--Ich +habe mich kastrirt... + +Wenzeslaus. +Wa--Kastrir--Da mach ich Euch meinen herzlichen +Glückwunsch drüber, vortreflich, junger Mann, zweiter +Origenes! Laß Dich umarmen, theures, auserwähltes +Rüstzeug! Ich kann's Euch nicht verheelen, fast--fast +kann ich dem Heldenvorsatz nicht widerstehen, Euch +nachzuahmen. So recht, werther Freund! Das ist die +Bahn, auf der Ihr eine Leuchte der Kirche, ein Stern +erster Größe, ein Kirchenvater selber werden könnt. +Ich glückwünsche euch, ich ruf Euch ein Jubilate und +Evoë zu, mein geistlicher Sohn--Wär' ich nicht über +die Jahre hinaus, wo der Teufel unsern ersten und +besten Kräften sein arglistiges Netz ausstellt, gewiß +ich würde mich keinen Augenblick bedenken.-- + +Läuffer. +Bey alle dem, Herr Schulmeister, gereut es mich. + +Wenzeslaus. +Wie, es gereut Ihn? Das sey ferne, werther Herr Mitbruder! +Er wird eine so edle That doch nicht mit thörichter Reue +verdunkeln und mit sündlichen Thränen besudeln? Ich seh +schon welche über Sein Augenlied hervorquellen. Schluck' +Er sie wieder hinunter und sing' Er mit Freudigkeit: +ich bin der Nichtigkeit entbunden, nun Flügel, Flügel, +Flügel her. Er wird es doch nicht machen wie Lots Weib +und sich wieder nach Sodom umsehen, nachdem Er einmal +das friedfertige stille Zoar erreicht hat? Nein, Herr +Kollega; ich muß Ihm auch nur sagen, daß Er nicht der +einzige ist, der den Gedanken gehabt hat. Schon unter +den blinden Juden war eine Sekte, zu der ich mich gern +öffentlich bekannt hätte, wenn ich nicht befürchtet, +meine Nachbarn und meine armen Lämmer in der Schule +damit zu ärgern: auch hatten sie freilich einige +Schlacken und Thorheiten dabey, die ich nun eben nicht +mitmachen möchte. Zum Exempel, daß sie des Sonntags +nicht einmal ihre Nothdurft verrichteten, welches doch +wider alle Regeln einer vernünftigen Diät ist, und halt' +ichs da lieber mit unserm seligen Doktor Luther: was +hinaufsteigt, das ist für meinen lieben Gott, aber was +hinunter geht, Teufel, das ist für Dich--Ja wo war ich? + +Läuffer. +Ich fürchte, meine Bewegungsgründe waren von andrer Art ... +Reue, Verzweiflung-- + +Wenzeslaus. +Ja, nun hab ichs--Die Essäer, sag' ich, haben auch +nie Weiber genommen; es war eins von ihren Grundgesetzen +und dabey sind sie zu hohem Alter kommen, wie solches +im Josephus zu lesen. Wie die es nun angefangen, ihr +Fleisch so zu bezähmen; ob sie es gemacht, wie ich, +nüchtern und mässig gelebt und brav Toback geraucht, +oder ob sie Euren Weg eingeschlagen--So viel ist +gewiß, in amore, in amore omnia insunt vitia und ein +Jüngling, der diese Klippe vorbeyschifft, Heil, Heil +ihm, ich will ihm Lorbeern zuwerfen; lauro tempora +cingam et sublimi fronte sidera pulsabit. + +Läuffer. +Ich fürcht', ich werd' an dem Schnitt sterben müssen. + +Wenzeslaus. +Mit nichten, da sey Gott für. Ich will gleich zu +Gevatter Schöpsen. Der Fall wird ihm freylich noch +nie vorgekommen seyn, aber hat er Euch euren Arm kurirt, +welches doch eine Wunde war, die nicht zu eurer +Wohlfarth diente, so wird ja Gott auch ihm Gnade zu +einer Kur geben, die Euer ewiges Seelenheil befördern +wird. (geht ab) + +Läuffer. +Sein Frohlocken verwundet mich mehr als mein Messer. +O Unschuld, welch' eine Perle bist du! Seit ich dich +verloren, that ich Schritt auf Schritt in der Leidenschaft +und endigte mit Verzweiflung. Möchte dieser Letzte mich +nicht zum Tode führen, vielleicht könnt' ich itzt wieder +anfangen zu leben und zum Wenzeslaus wiedergeboren werden. + + +Vierte Scene. + +In Leipzig. + +Fritz von Berg und Rehaar. +(begegnen sich auf der Straße) + + +Rehaar. +Herr von Bergchen, ein Briefchen, unter meinem Kuvert +gekommen. Herr von Seiffenblase hat an mich geschrieben; +hat auch Lautchen bey mir gelernt vormals. Er bittet +mich, ich soll doch diesen Brief einem gewissen Herrn +von Berg in Leipzig abgeben, wenn er anders noch da +wäre--O wie bin ich gesprungen! + +Fritz. +Wo hält er sich denn itzt auf, Seiffenblase? + +Rehaar. +Soll es dem Herrn von Berg abgeben, schreibt er, wenn +Sie anders diesen würdigen Mann kennen. O wie bin ich +gesprungen--Er ist in Königsberg, der Herr von +Seiffenblase. Was meynen Sie, und meine Tochter ist +auch da, und logirt ihm grad gegenüber. Sie schreibt +mir, die Kathrinchen, daß sie nicht genug rühmen kann, +was er ihr für Höflichkeit erzeigt, alles um +meinetwillen; hat sieben Monath bey mir gelernt. + +Fritz. (zieht die Uhr aus) +Liebster Rehaar, ich muß ins Kollegium--Sagen Sie +Pätus nichts davon, ich bitte Sie--(geht ab) + +Rehaar. (ruft ihm nach) +Auf den Nachmittag--Konzertchen!-- + + +Fünfte Scene. + +Zu Königsberg in Preußen. +Geh. Rath. Gustchen. Major. +(stehn in ihrem Hause am Fenster) + + +Geh. Rath. +Ist ers? + +Gustchen. +Ja, er ist's. + +Geh. Rath. +Ich sehe doch, die Tante muß ein lüderliches Mensch +seyn, oder sie hat einen Haß auf ihre Nichte geworfen +und will sie mit Fleiß ins Verderben stürzen. + +Gustchen. +Aber Onkel, sie kann ihm doch das Haus nicht verbieten. + +Geh. Rath. +Auf das, was ich ihr gesagt?--Wer will's ihr übel +nehmen, wenn sie zu ihm sagte: Herr von Seiffenblase, +Sie haben sich auf einem Kaffeehause verlauten lassen, +Sie wollten meine Nichte zu Ihrer Mätresse machen, +suchen Sie sich andre Bekanntschaften in der Stadt; +bey mir kommen Sie unrecht: meine Nichte ist eine +Ausländerin, die meiner Aufsicht anvertraut ist; die +sonst keine Stütze hat; wenn sie verführt würde, fiel' +alle Rechenschaft auf mich. Gott und Menschen müßten +mich verdammen. + +Major. +Still Bruder! Er kommt heraus und läßt die Nase +erbärmlich hängen. Ho, ho, ho, daß Du die Krepanz! +Wie blaß er ist. + +Geh. Rath. +Ich will doch gleich hinüber, und sehn was es gegeben hat. + + +Sechste Scene. + +In Leipzig. +Pätus. (an einem Tisch und schreibt) +Berg. (tritt herein einen Brief in der Hand) + + +Pätus. (sieht auf und schreibt fort) + +Fritz. +Pätus!--Hast zu thun? + +Pätus. +Gleich--(Fritz spaziert auf und ab) Jetzt--(legt das +Schreibzeug weg) + +Fritz. +Pätus! ich hab' einen Brief bekommen--und hab nicht +das Herz, ihn aufzumachen. + +Pätus. +Von wo kommt er? Ists Deines Vaters Hand? + +Fritz. +Nein, von Seiffenblase--aber die Hand zittert mir, so +bald ich erbrechen will. Brich doch auf. Bruder, und +ließ mir vor. (wirft sich auf einen Lehnstuhl) + +Pätus. (liest) +"Die Erinnerung so mancher angenehmen Stunden, deren +ich mich noch mit Ihnen genossen zu haben erinnere, +verpflichtet mich, Ihnen zu schreiben und Sie an diese +angenehme Stunden zu erinnern"--Was der Junge für eine +rasende Orthographie hat. + +Fritz. +Lies doch nur-- + +Pätus. +"Und weil ich mich verpflichtet hielt, Ihnen Nachrichten +von meiner Ankunft und den Neuigkeiten, die allhier +vorgefallen, als melde Ihnen von Dero werthesten Familie, +welche leider sehr viele Unglücksfälle in diesem Jahre +erlebt hat, und wegen der Freundschaft, welche ich in +Dero Eltern ihrem Hause genossen, sehe mich verpflichtet, +weil ich weiß, daß Sie mit Ihrem Herrn Vater in +Misverstäniß und er Ihnen lange wohl nicht wird +geschrieben haben, so werden Sie auch wohl den +Unglücksfall nicht wissen mit dem Hofmeister, welcher +aus Ihres gnädigen Onkels Hause ist gejagt worden, +weil er Ihre Kusine genothzüchtigt, worüber sie sich +so zu Gemüth gezogen, daß sie in einen Teich gesprungen, +durch welchen Trauerfall Ihre ganze Familie in den +höchsten Schröcken"--Berg! was ist Dir--(begießt ihn +mit Lavendel) Wie nun Berg? Rede, wird Dir weh--Hätt +ich Dir doch den verdammten Brief nicht--Ganz gewiß +ists eine Erdichtung--Berg! Berg! + +Fritz. +Laß mich--Es wird schon übergehn. + +Pätus. +Soll ich jemand holen, der Dir die Ader schlägt. + +Fritz. +O pfuy doch--thu doch so französisch nicht--Ließ mirs +noch einmal vor. + +Pätus. +Ja, ich werde Dir--Ich will den hunsvöttischen +malitiösen Brief den Augenblick--(zerreißt ihn) + +Fritz. +Genothzüchtigt--ersäuft. (schlägt sich an die Stirn) +Meine Schuld! (steht auf) meine Schuld einzig und allein-- + +Pätus. +Du bist wohl nicht klug--Willst Dir die Schuld geben, +daß sie sich vom Hofmeister verführen läßt-- + +Fritz. +Pätus, ich schwur ihr, zurückzukommen, ich schwur ihr-- +Die drey Jahr sind verflossen, ich bin nicht gekommen, +ich bin aus Halle fortgangen, mein Vater hat keine +Nachrichten von mir gehabt. Mein Vater hat mich +aufgeben, sie hat es erfahren, Gram--Du kennst ihren +Hang zur Melancholey--die Strenge ihrer Mutter obenein, +Einsamkeit, auf dem Lande, betrogne Liebe--Siehst Du +das nicht ein, Pätus; siehst Du das nicht ein? Ich +bin ein Bösewicht: ich bin schuld an ihrem Tode. (wirft +sich wieder in den Stuhl und verhüllt sein Gesicht) + +Pätus. +Einbildungen!--Es ist nicht wahr, es ist so nicht +gegangen. (stampft mit dem Fuß) Tausend Sapperment, +daß Du so dumm bist, und alles glaubst, der Spitzbube, +der Hundsfut, der Bärenhäuter, der Seiffenblase, will +Dir einen Streich spielen--Laß mich ihn einmal zu +sehen kriegen.--Es ist nicht wahr, daß sie todt ist, +und wenn sie todt ist, so hat sie sich nicht selbst +umgebracht... + +Fritz. +Er kann doch das nicht aus der Luft saugen--Selbst +umgebracht--(springt auf) O das ist entsetzlich! + +Pätus. (stampft abermal mit dem Fuß) +Nein, sie hat sich selbst nicht umgebracht. +Seiffenblase lügt; wir müssen mehr Bestätigung haben. +Du weißt, daß Du ihm einmal im Rausch erzehlt hast, +daß Du in Deine Kusine verliebt wärst; siehst Du, das +hat die malitiöse Kanaille aufgefangen--aber weißt +Du was; weißt Du, was Du thust? Hust ihm was; pfeif +ihm was; pfuy ihm was, schreib ihm, Ew. Edlen danke +dienstfreundlichst für Dero Neuigkeiten, und bitte, +Sie wollen mich im--Das ist der beste Rath, schreib +ihm zurück: Ihr seyd ein Hundsfut. Das ist das +vernünftigste, was Du bey der Sache thun kannst. + +Fritz. +Ich will nach Hause reisen. + +Pätus. +So reis' ich mit Dir--Berg, ich laß Dich keinen +Augenblick allein. + +Fritz. +Aber wovon? Reisen ist bald ausgesprochen--Wenn ich +keine abschlägige Antwort befürchtete, so wolle ich +es bey Leichtfuß et Compagnie versuchen, aber ich bin +ihnen schon hundertfunfzig Dukaten schuldig-- + +Pätus. +Wir wollen beyde zusammen hingehn--Wart, wir müssen die +Lotterie vorbey. Heut ist die Post aus Hamburg angekommen, +ich will doch unterwegs nachfragen; zum Spaß nur-- + + +Siebente Scene. + +In Königsberg. +Geh. Rath (führt) Jungfer Rehaar (an der Hand) +Augustchen. Major. + + +Geh. Rath. +Hier, Gustchen, bring ich Dir eine Gespielin. Ihr seyd +in einem Alter, einem Verhältnisse--Gebt Euch die +Hand, und seyd Freundinnen. + +Gustchen. +Das bin ich lange gewesen, liebe Mamsell! Ich weiß +nicht, was es war, das in meinem Busen auf- und abstieg, +wenn ich Sie aus dem Fenster sah; aber Sie waren in so +viel Zerstreuungen verwickelt, so mit Kutschenbesuchen +und Serenaden belästigt, daß ich mit meinem Besuch zu +unrechter Zeit zu kommen fürchtete. + +Jungfer Rehaar. +Ich wäre Ihnen zuvorgekommen, gnädiges Fräulein, wenn +ich das Herz gehabt. Allein in ein so vornehmes Haus +mich einzudrängen, hielt' ich für unbesonnen, und mußte +dem Zug meines Herzens, das mich schon oft bis vor +Ihre Thür geführt hat, allemal mit Gewalt widerstehen. + +Geh. Rath. +Stell Dir vor, Major; der Seiffenblase hat auf die +Warnung, die ich der Frau Dutzend that, und die sie +ihm wieder erzehlt hat und zwar, wie ichs verlangt, +unter meinem Namen, geantwortet: er werde sich schon +an mir zu rächen wissen. Er hat alles das so gut von +sich abzulehnen gewußt, und ist gleich Tags drauf mit +dem Minister Deichsel hingefahren kommen, daß die arme +Frau das Herz nicht gehabt, sich seine Besuche zu +verbitten. Gestern Nacht hat er zwey Wagen in diese +Straße bestellt und einen am Brandenburger Thor, das +wegen des Feuerwerks offen blieb, das erfährt die Madam +gestern Vormittag schon. Den Nachmittag will er für +Henkers Gewalt die Mamsell überreden, mit ihm zum +Minister auf die Assemblee zu fahren, aber Madam +Dutzend traute dem Frieden nicht, und hat's ihm rund +abgeschlagen. Zweymal ist er vor die Thür gefahren, +aber hat wieder umkehren müssen; da seine Karte also +verzettelt war, wollt' ers heut probiren. Madam Dutzend +hat ihm nicht allein das Haus verbothen, sondern +zugleich angedeutet: sie sehe sich genöthigt, sich +vom Gouverneur Wache vor ihrem Hause auszubitten. +Da hat er Flammen gespyen, hat mit dem Minister gedroht-- +Um die Madam völlig zu beruhigen, hab' ich ihr +angetragen: die Mamsell in unser Haus zu nehmen. Wir +wollen sie auf ein halb Jahr nach Insterburg mitnehmen, +bis Seiffenblase sie vergessen hat, oder so lang als +es ihr selber nur da gefallen kann-- + +Major. +Ich hab schon anspannen lassen. Wenn wir nach +Heidelbrunn fahren, Mamsell, so laß ich Sie nicht +los. Sie müssen mit, oder meine Tochter bleibt mit +Ihnen in Insterburg. + +Geh. Rath. +Das wär wohl am besten. Ohnehin taugt das Land für +Gustchen nicht und Mamsel Rehaar laß ich nicht von mir. + +Major. +Gut, daß Deine Frau Dich nicht hört--oder hast Du +Absichten auf Deinen Sohn? + +Geh. Rath. +Mach das gute Kind nicht roth. Sie werden ihn in +Leipzig oft genug müssen gesehen haben, den bösen +Buben. Gustchen, Du wirst zur Gesellschaft mit roth? +Er verdient's nicht. + +Gustchen. +Da mein Vater mir vergeben hat, sollte Ihr Sohn ein +minder gütiger Herz bey Ihnen finden? + +Geh. Rath. +Er ist auch noch in keinen Teich gesprungen. + +Major. +Wenn wir nur das blinde Weib mit dem Kinde ausfündig +gemacht hätten, von dem mir der Schulmeister schreibt; +eh kann ich nicht ruhig werden--Kommt! ich muß noch +heut auf mein Gut. + +Geh. Rath. +Daraus wird nichts. Du mußt die Nacht in Insterburg +schlafen. + + +Achte Scene. + +Leipzig. +Bergs Zimmer. +Fritz v. Berg. (sitzt, die Hand untern Kopf gestützt) +Pätus. (stürzt herein) + + +Pätus. +Triumpf Berg! Was kalmeuserst Du?--Gott! Gott! +(greift sich an den Kopf und fällt auf die Knie) +Schicksal! Schicksal!--Nicht wahr, Leichtfuß hat +Dir nicht vorschießen wollen? Laß ihn Dich--Ich +hab Geld, ich hab' alles--Dreyhundert achtzig +Friedrichd'or gewonnen auf einem Zug! (springt auf +und schreyt) Heydideldum, nach Insterburg! Pack ein! + +Fritz. +Bist Du närrisch worden? + +Pätus. (zieht einen Beutel mit Gold hervor und wirft +alles auf die Erde) +Da ist meine Narrheit. Du bist ein Narr mit Deinem +Unglauben--Nun hilf auflesen; buck Dich etwas-- +und heut noch nach Insterburg, juchhe! (lesen auf) +Ich will meinem Vater die achtzig Friedrichsd'or +schenken, so viel betrug grad mein letzter Wechsel, +und zu ihm sagen: nun Herr Papa, wie gefall' ich +Ihnen itzt? All Deine Schulden können wir bezahlen, +und meine obenein, und denn reisen wir wie die Prinzen. +Juchhei + + +Neunte Scene. + +Die Schule. +Wenzeslaus. Läuffer. (beyde in schwarzen Kleidern) + + +Wenzeslaus. +Wie hat ihm die Predigt gefallen, Kollege! Wie hat +Er sich erbaut? + +Läuffer. +Gut, recht gut. (seufzt) + +Wenzeslaus. (nimmt seine Perücke ab und setzt eine +Nachtmütze auf) +Damit ist's nicht ausgemacht. Er soll mir sagen, +welche Stelle aus der Predigt vorzüglich gesegnet +an seinem Herzen gewesen. Hör' Er--setz' Er sich. +Ich muß Ihm was sagen; ich hab' eine Anmerkung in +der Kirche gemacht, die mich gebeugt hat. Er hat mir +da so wetterwendisch gesessen, daß ich mich Seiner, +die Warheit zu sagen, vor der ganzen Gemeine geschämt +habe und dadurch oft fast aus meinem Koncept kommen +bin. Wie, dacht' ich, dieser junge Kämpfer, der so +ritterlich durchgebrochen und den schwersten Strauß +schon gewissermaßen überwunden hat--ich muß es Ihm +bekennen: Er hat mich geärgert, σκανδαλον ἐδωκας, +ἔταξας! Ich habs wohl gemerkt, wohin es gieng, ich +habs wohl gemerkt; immer nach der mittlern Thür zu +da nach der Orgel hinunter. + +Läuffer. +Ich muß bekennen, es hieng ein Gemälde dort, das +mich ganz zerstreut hat. Der Evangelist Markus mit +einem Gesicht, das um kein Haar menschlicher aussah, +als der Löwe, der bey ihm saß, und der Engel beym +Evangelisten Matthäus eher einer geflügelten Schlange +ähnlich. + +Wenzeslaus. +Es war nicht das, mein Freund! Bild' Er mir's nicht +ein; es war nicht das. Sag' Er mir doch, ein Bild +sieht man an und sieht wieder weg, und dann ist's +alles. Hat Er denn gehört, was ich gesagt habe? +Weiß Er mir Ein Wort aus meiner Predigt wieder +anzuführen? Und sie war doch ganz für Ihn gehalten; +ganz kasuistisch--O! o! o! + +Läuffer. +Der Gedanke gefiel mir vorzüglich, daß zwischen +unsrer Seele und ihrer Wiedergeburt und zwischen +dem Flachs- und Hanfbau eine große Aehnlichkeit +herrsche, und so wie der Hanf im Schneidebrett durch +heftige Stöße und Klopfen von seiner alten Hülse +befreyt werden müsse, so müsse unser Geist auch durch +allerley Kreutz und Leiden und Ertödtung der +Sinnlichkeit für den Himmel zubereitet werden. + +Wenzeslaus. +Er war kasuistisch, mein Freund-- + +Läuffer. +Doch kann ich Ihnen auch nicht bergen, daß Ihre Liste +von Teufeln, die aus dem Himmel gejagt worden, und +die Geschichte der ganzen Revolution da, daß Lucifer +sich für den schönsten gehalten--Die heutige Welt +ist über den Aberglauben längst hinweg; warum will +man ihn wieder aufwärmen. In der ganzen heutigen +vernünftigen Welt wird kein Teufel mehr statuirt-- + +Wenzeslaus. +Darum wird auch die ganze heutige vernünftige Welt +zum Teufel fahren. Ich mag nicht verdammen, lieber +Herr Mandel; aber das ist wahr, wir leben in +seelenverderblichen Zeiten: es ist die letzte böse +Zeit. Ich mag mich drüber weiter nicht auslassen: +ich seh wohl, Er ist ein Zweifler auch, und auch +solche Leute muß man tragen. Es wird schon kommen; +Er ist noch jung--aber gesetzt auch, posito auch, +aber nicht zugestanden, unsere Glaubenslehren wären +all Aberglauben, über Geister, über Höll, über Teufel, +da--Was thut's Euch, was beißts Euch, daß Ihr Euch +so mit Händen und Füßen dagegen wehrt? Thut nichts +Böses, thut recht und denn so braucht Ihr die Teufel +nicht zu scheuen, und wenn ihrer mehr wären wie +Ziegel auf dem Dach, wie der selige Lutherus sagt. +Und Aberglauben--O schweigt still, schweigt still, +lieben Leut'. Erwägt erst mit reifem Nachdenken, was +der Aberglaube bisher für Nutzen gestiftet hat, und +denn habt mir noch das Herz, mit Euren nüchternen +Spötteleyen gegen mich anzuziehen. Reutet mir den +Aberglauben aus; ja warhaftig der rechte Glaub wird +mit drauf gehn, und ein nacktes Feld da bleiben. +Aber ich weiß jemand, der gesagt hat, man soll beydes +wachsen lassen, es wird schon die Zeit kommen, da +Kraut sich von dem Unkraut scheiden wird. Aberglauben-- +Nehmt dem Pöbel seinen Aberglauben, er wird +freygeistern, wie Ihr und Euch vor den Kopf schlagen. +Nehmt dem Bauer seinen Teufel, und er wird ein Teufel +gegen seine Herrschaft werden und ihr beweisen, daß es +welche giebt. Aber wir wollen das bey Seite setzen-- +Wovon rede ich doch?--Recht, sag' Er mir, wen hat Er +angesehen in der ganzen Predigt? Verheel' Er mir +nichts. Ich war es nicht, denn sonst müst' Er schielen, +daß es eine Schande wäre. + +Läuffer. +Das Bild. + +Wenzeslaus. +Es war nicht das Bild--Dort unten, wo die Mädchen +sitzen, die bey ihm in die Kinderlehre gehen--Lieber +Freund! es wird doch nichts vom alten Sauerteig in +seinem Herzen geblieben seyn--Ey, ey! wer einmal +geschmeckt hat die Kräfte der zukünftigen Welt--Ich +bitt Ihn, mir stehn die Haare zu Berge--Nicht wahr, +die eine da mit dem gelben Haar so nachläßig unter das +rothe Häubchen gesteckt und mit den lichtbraunen Augen, +die allemal unter den schwarzen Augbraunen so schalkhaft +hervorblinzen, wie die Sterne hinter Regenwolken--Es +ist wahr, das Mädchen ist gefährlich; ich hab's nur +einmal von der Kanzel angesehn, und muste hernach +allemal die Augen platt zudrücken, wenn sie auf sie +fielen, sonst wär' mirs gegangen, wie den weisen +Männern im Areopagus, die Recht und Gerechtigkeit +vergaßen um einer schnöden Phryne willen.--Aber sag' +Er mir doch, wo will Er hin, daß Er Sich noch bösen +Begierden überläßt, daß Ihm sogar an Mitteln fehlt, +sie zu befriedigen? Will Er Sich dem Teufel ohne Sold +dahingeben? Ist das das Gelübd, das er dem Herrn +gethan--Ich rede als Sein geistlicher Vater mit Ihm-- +Er, der itzt mit so wenig Mühe über alle Sinnlichkeit +triumphiren, über die Erde sich hinausschwingen und +bessern Revieren zufliegen könnte. (Umarmt ihn) Ach +mein lieber Sohn, bey diesen Thränen, die ich aus +wahrer herzlicher Sorgfalt für Ihn vergieße; kehr' +Er nicht zu den Fleischtöpfen Egyptens zurück, da Er +Kanaan so nahe war! Eile, eile! rette Deine +unsterbliche Seele! Du hast auf der Welt nichts, das +Dich mehr zurückhalten könnte. Die Welt hat nichts +mehr für Dich, womit sie Deine Untreu Dir einmal +belohnen könnte; nicht einmal eine sinnliche Freude, +geschweige denn Ruhe der Seelen--Ich geh und überlasse +Dich Deinen Entschließungen. (geht ab) + +(Läuffer bleibt in tiefen Gedanken sitzen) + + +Zehnte Scene. + +Lise. (tritt herein, ein Gesangbuch in der Hand, ohne +daß er sie gewahr wird. Sie sieht ihm lang +stillschweigend zu. Er springt auf, will knien; wird +sie gewahr und sieht sie eine Weile verwirrt an) + + +Läuffer. (nähert sich ihr) +Du hast eine Seele dem Himmel gestolen. (faßt sie an +die Hand) Was führt Dich hieher, Lise? + +Lise. +Ich komme, Herr Mandel--Ich komme, weil Sie gesagt +haben, es würd' morgen keine Kinderlehr--weil Sie-- +so komm' ich--gesagt haben--ich komme, zu fragen, +ob morgen Kinderlehre seyn wird. + +Läuffer. +Ach!--Seht diese Wangen, ihr Engel! Wie sie in +unschuldigem Feuer brennen und denn verdammt mich, +wenn ihr könnt--Lise, warum zittert Deine Hand? +Warum sind Dir die Lippen so bleich und die Wangen +so roth? Was willst Du? + +Lise. +Ob morgen Kinderlehr seyn wird? + +Läuffer. +Setz Dich zu mir nieder--Leg Dein Gesangbuch weg-- +Wer steckt Dir das Haar auf, wenn Du nach der Kirche +gehst? (setzt sie auf einen Stuhl neben seinem) + +Lise. (will aufstehn) +Verzeyh' Er mir; die Haube wird wohl nicht recht +gesteckt seyn; es mache einen so erschrecklichen Wind, +als ich zur Kirche kam. + +Läuffer. (nimmt ihre beyden Hände in seine Hand) +O Du bist--Wie alt bist Du, Lise?--Hast Du niemals-- +Was wollt' ich doch fragen--Hast Du nie Freyer gehabt? + +Lise. (Munter) +O ja einen, noch die vorige Woche; und des Schaafwirths +Grethe war so neidisch auf mich und hat immer gesagt: +ich weiß nicht was er sich um das einfältige Mädchen +so viel Mühe macht, und denn hab' ich auch noch einen +Officier gehabt; es ist noch kein Vierteljahr. + +Läuffer. +Einen Officier? + +Lise. +Ja doch, und einer von den recht Vornehmen. Ich sag' +ihnen, er hat drey Tressen auf dem Arm gehabt: aber +ich war noch zu jung und mein Vater wollt mich ihm +nicht geben, wegen des soldatischen Wesens und Ziehens. + +Läuffer. +Würdest Du--O ich weiß nicht, was ich rede--Würdest +Du wohl--Ich Elender! + +Lise. +O ja, von ganzem Herzen. + +Läuffer. +Bezaubernde!--(will ihr die Hand küssen) Du weißt ja +noch nicht, was ich fragen wollte. + +Lise. (zieht sie weg) +O lassen Sie, meine Hand ist ja so schwarz--O pfuy +doch! Was machen Sie? Sehen Sie, einen geistlichen +Herrn hätt' ich allewege gern: von meiner ersten +Jugend an hab ich die studierte Herren immer gern +gehabt; sie sind alleweil so artig, so manierlich, +nicht so puf paf, wie die Soldaten, obschon ich +einewege die auch gern habe, das leugn' ich nicht, +wegen ihrer bunten Röcke; ganz gewiß, wenn die +geistlichen Herren in so bunten Röcken giengen, wie +die Soldaten, das wäre zum Sterben. + +Läuffer. +Laß' mich Deinen muthwilligen Mund mit meinen Lippen +zuschließen. (küßt sie) O Lise! Wenn Du wüstest, wie +unglücklich ich bin. + +Lise. +O pfuy, Herr, was machen Sie? + +Läuffer. +Noch einmal und denn ewig nicht wieder! (küßt sie. +Wenzeslaus tritt herein) + +Wenzeslaus. +Was ist das? Proh deum atque hominum fidem! Wie nun, +falscher, falscher, falscher Prophet! Reißender Wolf +in Schaafskleidern! Ist das die Sorgfalt, die Du Deiner +Heerde schuldig bist? Die Unschuld selber verführen, die +Du vor Verführung bewahren sollst? Es muß ja Aergerniß +kommen, doch wehe dem Menschen, durch welchen Aergerniß +kommt! + +Läuffer. +Herr Wenzeslaus! + +Wenzeslaus. +Nichts mehr! Kein Wort mehr! Ihr habt Euch in Eurer +wahren Gestalt gezeigt. Aus meinem Hause, Verführer! + +Lise. (kniet vor Wenzeslaus) +Lieber Herr Schulmeister, er hat mir nichts böses gethan. + +Wenzeslaus. +Er hat Dir mehr böses gethan, als Dir Dein ärgster +Feind thun könnte. Er hat Dein unschuldiges Herz +verführt. + +Läuffer. +Ich bekenne mich schuldig--Aber kann man so vielen +Reitzungen widerstehen? Wenn man mir dies Herz aus dem +Leibe risse und mich Glied vor Glied verstümmelte und +ich behielt nur eine Ader von Blut noch übrig, so würde +diese verräthrische Ader doch für Lisen schlagen. + +Lise. +Er hat mir nichts Leides gethan. + +Wenzeslaus. +Dir nichts Leides gethan--Himmlischer Vater! + +Läuffer. +Ich hab ihr gesagt, daß sie die liebenswürdigste +Kreatur sey, die jemals die Schöpfung beglückt hat; +ich hab' ihr das auf ihre Lippen gedrückt; ich hab +diesen unschuldigen Mund mit meinen Küssen versiegelt, +welcher mich sonst durch seine Zaubersprache zu noch +weit größeren Verbrechen würde hingerissen haben. + +Wenzeslaus. +Ist das kein Verbrechen? Was nennt Ihr jungen Herrn +heut zu Tage Verbrechen? O tempora, o mores! Habt Ihr +den Valerius Maximus gelesen? Habt Ihr den Artikel +gelesen de pudicitia? Da führt er einen Mänius an, +der seinen Freygelassenen todtgeschlagen hat, weil er +seine Tochter einmal küßte und die Raison: ut etiam +oscula ad maritum sincera perferret. Riecht Ihr das? +Schmeckt Ihr das? Etiam oscula, non solum virginitatem, +etiam oscula. Und Mänius war doch nur ein Heyde: was +soll ein Christ thun, der weiß, daß der Ehstand von +Gott eingesetzt ist und daß die Glückseligkeit eines +solchen Standes an der Wurzel vergiften, einem +künftigen Gatten in seiner Gattin seine Freud und +Trost verderben; seinen Himmel profaniren--Fort, +aus meinen Augen, Ihr Bösewicht! Ich mag mit Euch +nichts zu thun haben! Geht zu einem Sultan und laßt +Euch zum Aufseher über ein Serail dingen, aber nicht +zum Hirten meiner Schaafe. Ihr Miethling. Ihr reissender +Wolf in Schaafskleidern! + +Läuffer. +Ich will Lisen heyrathen. + +Wenzeslaus. +Heyrathen--Ey ja doch--als ob sie mit einem Eunuch +zufrieden? + +Lise. +O ja, ich bins herzlich wohl zufrieden, Herr Schulmeister. + +Läuffer. +Ich unglücklicher! + +Lise. +Glauben Sie mir, lieber Herr Schulmeister, ich laß +einmal nicht von ihm ab. Nehmen Sie mir das Leben; +ich lasse nicht ab von ihm. Ich hab ihn gern und mein +Herz sagt mir, daß ich niemand auf der Welt so gern +haben kann als ihn. + +Wenzeslaus. +So--daß doch--Lise, Du verstehst das Ding nicht-- +Lise, es läßt sich Dir so nicht sagen, aber Du kannst +ihn nicht heyrathen; es ist unmöglich. + +Lise. +Warum soll es denn unmöglich seyn, Herr Schulmeister? +Wie kann's unmöglich seyn, wenn ich will und wenn er +will, und mein Vater auch es will? Denn mein Vater hat +mir immer gesagt, wenn ich einmal einen geistlichen +Herrn bekommen könnte-- + +Wenzeslaus. +Aber daß dich der Kuckuk, er kann ja nichts--Gott +verzeih mir meine Sünde, so laß Dir doch sagen. + +Läuffer. +Vielleicht fodert sie das nicht--Lise, ich kann bey +Dir nicht schlafen. + +Lise. +So kann Er doch wachen bey mir, wenn wir nur den Tag +über beisammen sind und uns so anlachen und uns +einsweilen die Hände küssen--Denn bey Gott! ich hab' +ihn gern. Gott weiß es, ich hab' Ihn gern. + +Läuffer. +Sehn Sie, Herr Wenzeslaus! Sie verlangt nur Liebe von +mir. Und ist's denn nothwendig zum Glück der Ehe, daß +man thierische Triebe stillt? + +Wenzeslaus. +Ey was--Connubium sine prole, est quasi dies sine +sole ... Seyd fruchtbar und mehret euch, steht in +Gottes Wort. Wo Eh' ist, müssen auch Kinder seyn. + +Lise. +Nein Herr Schulmeister, ich schwör's Ihm, in meinem +Leben möcht' ich keine Kinder haben. Ey ja doch, +Kinder! Was Sie nicht meynen! Damit wär mir auch wol +groß gedient, wenn ich noch Kinder dazu bekäme. Mein +Vater hat Enten und Hüner genug, die ich alle Tage +füttern muß, wenn ich noch Kinder ebenen füttern müste. + +Läuffer. (küßt sie) +Göttliche Lise! + +Wenzeslaus. (reißt sie von einander) +Ey was denn! Was denn! Vor meinen Augen?--So kriecht +denn zusammen; meinetwegen; weil doch Heyrathen besser +ist als Brunst leiden--Aber mit uns, Herr Mandel, ist +es aus: alle grosse Hofnungen, die ich mir von Ihm +gemacht, alle grosse Erwartungen, die mir Sein +Heldenmuth einflößte.--Gütiger Himmel! wie weit ist +doch noch die Kluft, die zwischen einem Kirchenvater +und zwischen einem Kapaun befestigt ist. Ich dacht', +er sollte Origenes der zweyte--O homuncio, homuncio! +Das müßt' ein ganz andrer Mann seyn, der aus Absicht +und Grundsätzen den Weg einschlüge, um ein Pfeiler +unsrer sinkenden Kirche zu werden. Ein ganz anderer +Mann! Wer weiß, was noch einmal geschieht! (geht ab) + +Läuffer. +Komm zu Deinem Vater, Lise, Seine Einwilligung noch +und ich bin der glücklichste Mensch auf dem Erdboden! + + +Eilfte Scene. + +Zu Insterburg. + +Geheimer Rath. Fritz von Berg. Pätus. Gustchen. Jungfer +Rehaar. +(Gustchen und Jungfer Rehaar verstecken sich bey der +Ankunft der erstern in die Kammer.) +(Geheimer Rath und Fritz laufen sich entgegen.) + + +Fritz. (fällt vor ihm auf die Knie) +Mein Vater! + +Geh. Rath. (hebt ihn auf und umarmt ihn) +Mein Sohn! + +Fritz. +Haben Sie mir vergeben? + +Geh. Rath. +Mein Sohn! + +Fritz. +Ich bin nicht werth, daß ich Ihr Sohn heiße. + +Geh. Rath. +Setz Dich; denk mir nicht mehr dran. Aber, wie hast +Du Dich in Leipzig erhalten? Wieder Schulden auf meine +Rechnung gemacht? Nicht? und wie bist Du fortkommen? + +Fritz. +Dieser großmüthige Junge hat alles für mich bezahlt. + +Geh. Rath. +Wie denn? + +Pätus. +Dieser noch großmüthigere--O ich kann nicht reden. + +Geh. Rath. +Setzt euch Kinder; sprecht deutlicher. Hat Ihr Vater +sich mit Ihnen ausgesöhnt, Herr Pätus? + +Pätus. +Keine Zeile von ihm gesehen. + +Geh. Rath. +Und wie habt Ihrs denn beyde gemacht? + +Pätus. +In der Lotterie gewonnen, eine Kleinigkeit--aber es +kam uns zu statten, da wir herreisen wollten. + +Geh. Rath. +Ich seh, Ihr wilde Bursche denkt besser als Eure Väter. +Was hast Du wohl von mir gedacht, Fritz? Aber man hat +Dich auch bey mir verleumdet. + +Pätus. +Seiffenblase gewiß? + +Geh. Rath. +Ich mag ihn nicht nennen; das gäbe Katzbalgereyen, die +hier am unrechten Ort wären. + +Pätus. +Seiffenblase! Ich laß mich hängen. + +Geh. Rath. +Aber was führt Dich denn nach Hause zurück, eben +jetzt da?-- + +Fritz. +Fahren Sie fort--O das eben jetzt, mein Vater! das +eben jetzt ists, was ich wissen wollte. + +Geh. Rath. +Was denn? was denn? + +Fritz. +Ist Gustchen todt? + +Geh. Rath. +Holla! der Liebhaber!--Was veranlaßt Dich, so zu fragen? + +Fritz. +Ein Brief von Seiffenblase. + +Geh. Rath. +Er hat Dir geschrieben: sie wäre todt? + +Fritz. +Und entehrt dazu. + +Pätus. +Es ist ein verleumderischer Schurke! + +Geh. Rath. +Kennst Du eine Jungfer Rehaar in Leipzig? + +Fritz. +O ja, ihr Vater war mein Lautenmeister. + +Geh. Rath. +Die hat er entehren wollen; ich hab sie von seinen +Nachstellungen errettet: das hat ihn uns feind gemacht. + +Pätus. (steht auf) +Jungfer Rehaar--Der Teufel soll ihn holen. + +Geh. Rath. +Wo wollen Sie hin? + +Pätus. +Ist er in Insterburg? + +Geh. Rath. +Nein doch--Nehmen Sie sich der Prinzessinnen nicht zu +eifrig an, Herr Ritter von der runden Tafel! Oder haben +Sie Jungfer Rehaar auch gekannt? + +Pätus. +Ich? Nein, ich habe sie nicht gekannt--Ja, ich habe +sie gekannt. + +Geh. Rath. +Ich merke--Wollen Sie nicht auf einen Augenblick +in die Kammer spatzieren? (führt ihn an die Thür) + +Pätus. (macht auf und fährt zurück, sich mit beyden +Händen an den Kopf greiffend) +Jungfer Rehaar--Zu Ihren Füssen--(hinter der Scene) +Bin ich so glücklich? oder ist's nur ein Traum? Ein +Rausch?--Eine Bezauberung?-- + +Geh. Rath. +Lassen wir ihn!--(kehrt zu Fritz) Und Du denkst +noch an Gustchen? + +Fritz. +Sie haben mir das furchtbare Rätzel noch nicht +aufgelöst. Hat Seiffenblase gelogen? + +Geh. Rath. +Ich denke, wir reden hernach davon: wir wollen uns +die Freud' itzt nicht verderben. + +Fritz. (kniend) +O mein Vater, wenn Sie noch Zärtlichkeit für mich +haben, lassen Sie mich nicht zwischen Himmel und +Erde, zwischen Hofnung und Verzweiflung schweben. +Darum bin ich gereist; ich konnte die quaalvolle +Ungewißheit nicht länger aushalten. Lebt Gustchen? +Ists wahr, daß sie entehrt ist? + +Geh. Rath. +Es ist leider nur eine zu traurige Wahrheit. + +Fritz. +Und hat sich in einen Teich gestürzt? + +Geh. Rath. +Und ihr Vater hat sich ihr nachgestürzt. + +Fritz. +So falle denn Henkers Beil--Ich bin der +Unglücklichste unter den Menschen! + +Geh. Rath. +Steh' auf! Du bist unschuldig dran-- + +Fritz. +Nie will ich aufstehn. (schlägt sich an die Brust) +Schuldig war ich; einzig und allein schuldig. +Gustchen, seliger Geist, verzeihe mir! + +Geh. Rath. +Und was hast Du Dir vorzuwerfen? + +Fritz. +Ich habe geschworen, falsch geschworen--Gustchen! +wär' es erlaubt, Dir nachzuspringen! (steht hastig +auf) Wo ist der Teich? + +Geh. Rath. +Hier! (führt ihn in die Kammer) + +Fritz. (hinter der Scene mit lautem Geschrey) +Gustchen!--Seh' ich ein Schattenbild?--Himmel! +Himmel welche Freude!--Laß mich sterben! laß mich +an Deinem Halse sterben. + +Geh. Rath. (wischt sich die Augen) +Eine zärtliche Gruppe!--Wenn doch der Major hier +wäre! (geht hinein.) + + +Letzte Scene. + +Der Major (ein Kind auf dem Arm) Der alte Pätus. + + +Major. +Kommen Sie, Herr Pätus. Sie haben mir das Leben +wiedergegeben. Das war der einzige Wurm, der mir +noch dran nagte. Ich muß Sie meinem Bruder präsentiren, +und Ihre alte blinde Großmutter will ich in Gold +einfassen lassen. + +Der alte Pätus. +O meine Mutter hat mich durch ihren unvermutheten +Besuch weit glücklicher gemacht, als Sie. Sie haben +nur einen Enkel wiedererhalten, der Sie an traurige +Geschichten erinnert; ich aber eine Mutter, die mich +an die angenehmsten Scenen meines Lebens erinnert, +und deren mütterliche Zärtlichkeit ich leider noch +durch nichts habe erwiedern können, als Haß und +Undankbarkeit. Ich habe sie aus dem Hause gestoßen, +nachdem sie mir den ganzen Nachlaß meines Vaters +und ihr Vermögen mit übergeben hatte; ich habe ärger +gegen sie gehandelt als ein Tyger--Welche Gnade +von Gott ist es, daß sie noch lebt, daß sie mir noch +verzeihen kann, die großmüthige Heilige! daß es noch +in meine Gewalt gestellt ist, meine verfluchte +Verbrechen wieder gut zu machen. + +Major. +Bruder Berg! wo bist Du? He! (Geh. Rath kömmt) Hier +ist mein Kind, mein Großsohn. Wo ist Gustchen? Mein +allerliebstes Großsöhnchen! (schmeichelt ihm) meine +allerliebste närrische Puppe! + +Geh. Rath. +Das ist vortreflich!--und Sie, Herr Pätus? + +Major. +Sie Herr Pätus hat's mir verschaft--Seine Mutter +war das alte blinde Weib, die Bettlerin, von der uns +Gustchen so viel erzählt hat. + +Der alte Pätus. +Und durch mich Bettlerin--O die Schaam bindt mir +die Zunge. Aber ich wills der ganzen Welt erzehlen, +was ich für ein Ungeheuer war-- + +Geh. Rath. +Weißt Du was neues, Major? Es finden sich Freyer für +Deine Tochter--aber dring nicht in mich, Dir den +Namen zu sagen. + +Major. +Freyer für meine Tochter!--(wirft das Kind ins +Kanapee) Wo ist sie? + +Geh. Rath. +Sacht! ihr Freyer ist bey ihr--Willst Du Deine +Einwilligung geben? + +Major. +Ists ein Mensch von gutem Hause? Ist er von Adel? + +Geh. Rath. +Ich zweifle. + +Major. +Doch keiner zu weit unter ihrem Stande? O sie sollte +die erste Parthie im Königreich werden. Das ist ein +vermaledeyter Gedanke! wenn ich doch den erst fort +hätte; er wird mich noch ins Irrhaus bringen. + +Geh. Rath. (öfnet die Kammer; auf seinen Wink tritt +Fritz mit Gustchen heraus) + +Major. (fällt ihm um den Hals) +Fritz! (zum geh. Rath) Ists Dein Fritz? Willst Du +meine Tochter heyrathen?--Gott segne Dich. Weißt +Du noch nichts, oder weißt Du alles? Siehst Du, wie +mein Haar grau geworden ist vor der Zeit! (führt ihn +ans Kanapee) Siehst Du, dort ist das Kind. Bist ein +Philosoph? Kannst alles vergessen? Ist Gustchen Dir +noch schön genug? O sie hat bereut. Jung, ich schwöre +Dir, sie hat bereut, wie keine Nonne und kein Heiliger. +Aber was ist zu machen? Sind doch die Engel aus dem +Himmel gefallen--Aber Gustchen ist wieder aufgestanden. + +Fritz. +Lassen Sie mich zum Wort kommen. + +Major. (drückt ihn immer an die Brust) +Nein Junge--Ich möchte Dich todt drücken--Daß Du +so großmüthig bist, daß Du so edel denkst--das Du-- +mein Junge bist-- + +Fritz. +In Gustchens Armen beneid' ich keinen König. + +Major. +So recht; das ist recht.--Sie wird Dir schon gestanden +haben; sie wird Dir alles erzählt haben-- + +Fritz. +Dieser Fehltritt macht sie mir nur noch theurer-- +macht ihr Herz nur noch englischer.--Sie darf nur +in den Spiegel sehn, um überzeugt zu seyn, daß sie +mein ganzes Glück machen werde und doch zittert sie +immer vor dem, wie sie sagt, ihr unerträglichen +Gedanken: sie werde mich unglücklich machen. O was +hab ich von einer solchen Frau anders zu gewarten, +als einen Himmel? + +Major. +Ja wohl einen Himmel; wenn's wahr ist, daß die +Gerechten nicht allein hineinkommen, sondern auch +die Sünder, die Busse thun. Meine Tochter hat Busse +gethan und ich hab für meine Thorheiten und daß ich +einem Bruder nicht folgen wollte, der das Ding besser +verstund, auch Busse gethan; ihr zur Gesellschaft: +und darum macht mich der liebe Gott auch ihr zur +Gesellschaft mit glücklich. + +Geh. Rath. (ruft zur Kammer hinein) +Herr Pätus, kommen Sie doch hervor. Ihr Vater ist hier. + +Der alte Pätus. +Was hör' ich--Mein Sohn? + +Pätus. (fällt ihm um den Hals) +Ihr unglücklicher verstossener Sohn. Aber Gott hat sich +meiner als eines armen Wäysen angenommen. Hier, Papa, +ist das Geld, das Sie zu meiner Erziehung in der Fremde +angewandt; hier ist's zurück und mein Dank dazu; es hat +doppelte Zinsen getragen, das Kapital hat sich vermehrt +und Ihr Sohn ist ein rechtschaffener Kerl worden. + +Der alte Pätus. +Muß denn alles heute wetteifern, mich durch Großmuth zu +beschämen. Mein Sohn, erkenne Deinen Vater wieder, der +eine Weile seine menschliche Natur ausgezogen und in +ein wildes Thier ausgeartet war. Es gieng Deiner +Großmutter wie Dir: sie ist auch wiedergekommen und hat +mir verziehen und hat mich wieder zum Sohn gemacht, so +wie Du mich wieder zum Vater machst. Nimm mein ganzes +Vermögen, Gustav! schalte damit nach Deinem Gefallen, +nur laß mich die Undankbarkeit nicht entgelten, die +ich bey einem ähnlichen Geschenk gegen Deine Großmutter +äußerte. + +Pätus. +Erlauben Sie mir, das tugendhafteste süsseste Mädchen +glücklich damit zu machen-- + +Der alte Pätus. +Was denn? Du auch verliebt? Mit Freuden erlaub' ich Dir +alles. Ich bin alt und möchte vor meinem Tode gern Enkel +sehen, denen ich die Treue beweisen könnte, die Eure +Großmutter für Euch bewiesen hat. + +Fritz. (Umarmt das Kind auf dem Kanapee, küßt's und +trägts zu Gustchen) +Dies Kind ist jetzt auch das meinige; ein trauriges +Pfand der Schwachheit Deines Geschlechts und der +Thorheiten des unsrigen: am meisten aber der +vortheilhaften Erziehung junger Frauenzimmer durch +Hofmeister. + +Major. +Ja mein lieber Sohn, wie sollen sie denn erzogen werden? + +Geh. Rath. +Giebts für sie keine Anstalten, keine Nähschulen, keine +Klöster, keine Erziehungshäuser?--Doch davon wollen +wir ein andermal sprechen. + +Fritz. (küßt's abermal) +Und dennoch mir unendlich schätzbar, weil's das Bild +seiner Mutter trägt. Wenigstens, mein süsses Kind! +werd' ich Dich nie durch Hofmeister erziehen lassen. + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 6821 *** |
