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-The Project Gutenberg eBook of Herr, mach' uns frei!, by Gustav
-Hildebrand
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-using this eBook.
-
-Title: Herr, mach' uns frei!
-
-Author: Gustav Hildebrand
-
-Release Date: February 2, 2022 [eBook #67303]
-
-Language: German
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HERR, MACH' UNS FREI! ***
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Herr, mach’ uns frei!
-
- [Illustration]
-
- Roman
-
- von
-
- Gustav Hildebrand.
-
- [Illustration]
-
- Leipzig.
-
- Bruno Volger, Verlagsbuchhandlung.
-
- 1908.
-
-
-
-
-1. Kapitel.
-
-
-Der zur Rüste gehende Julitag hatte alle vorangegangenen Tage, so heiß
-sie auch gewesen waren, übertroffen. Vom frühen Morgen ab hatte die
-Sonne von dem wolkenlosen Himmel auf die Erde herabgeschienen. Nun ging
-aber ihre Herrschaft zu Ende, denn der glühende Ball näherte sich dem
-Himmelsrand und seine Strahlen glitten in schräger Richtung über die
-Landschaft.
-
-Auf der alten Poststraße, die von Borna nach Leipzig führte, schritt
-ein junger Mann fürbaß, dessen müder Gang verriet, daß er heute schon
-einen weiten Weg zurückgelegt hatte. Er hatte den leichten Strohhut in
-den Nacken geschoben und lüftete ab und zu das kleine Ränzel, das ihn
-nach so langen Stunden wohl arg drücken mochte.
-
-Ein schmaler Weg kreuzte die Straße, und an dem Schnittpunkt stand
-ein alter Meilenstein. Der Wanderer ging zu ihm hin, stützte sich
-hintenübergelehnt mit beiden Armen auf seinen derben Knotenstock und
-versuchte, die kaum noch leserlichen Buchstaben auf dem verwitterten
-Stein zu entziffern. Nach einigem Bemühen las er mit lauter Stimme:
-»Rehefeld ¼ Meile.«
-
-Eine muntere Melodie pfeifend, hieb der Fremde mit dem Stock ein
-paarmal vergnügt ins Blaue und schlug dann den schmalen Weg ein. Die
-Aussicht auf das nahe Ziel belebte seine Kräfte sichtlich aufs neue.
-Obwohl der Weg nicht bequem zu gehen war, denn hüben und drüben hatten
-schwerbeladene Wagen tiefe Radspuren hinterlassen, und aus dem schmalen
-Grasstreifen in der Mitte ragten zahlreiche, spitze Steine hervor,
-eilte der Wanderer dennoch mit schnellen Schritten vorwärts. Ein
-schwacher Wind hatte sich erhoben, der ihm wohltuende Kühlung spendete,
-und vor dem die mannshohen Halme ihre schweren Häupter leicht hin- und
-herwiegten.
-
-Zu seiner Linken verlor sich das Land in eine unabsehbare Ebene,
-während vorwärts und nach rechts hin ein dichtes Waldstück die
-Fernsicht versperrte.
-
-Nach wenigen Minuten befand er sich inmitten der Fichten, durch die
-der Weg jetzt leicht anstieg. In kurzer Zeit aber wurde der Wald
-wieder lichter und die Bäume hochstämmig, und nach einigen Schritten
-verdoppelter Eile, und nachdem der Weg eine letzte, scharfe Biegung
-nach rechts gemacht hatte, trat der Fremde wieder ins Freie.
-
-Ein herrliches Bild bot sich den entzückten Augen des Wanderers. Zu
-seinen Füßen schlängelte sich in seinem tiefeingeschnittenen Bette
-gleich einem silbernen Streifen der Göselbach dahin, zu dessen beiden
-Seiten zahlreiche, hochstämmige Lindenbäume und Ulmen standen, aus
-deren saftigem Grün die Häuser des Dorfes hervorlugten. Die dunkeln
-Balken in den Giebelwänden hoben sich von dem weißgetünchten Mauerwerk
-scharf ab, und hier und da schlängelte sich aus einem Schornstein schon
-eine dünne Säule blauen Rauches, dessen Ringe sich sanft kräuselten,
-bis sie endlich in der Luft verschwanden. Einige der Häuser waren mit
-Ziegeln gedeckt, bei den meisten aber bestand das Dach aus einer dicken
-Lage Stroh.
-
-Der Hügel, auf dem der Wanderer sich befand, ging nach rechts in die
-weite Ebene über. Das linke Ufer des Flüßchens dagegen erhob sich zu
-einer sanften Lehne, auf deren höchstem Punkt, vielleicht zweihundert
-Fuß über dem schlanken Turme des Kirchleins, ein altes Schloß thronte.
-Es war eine festungsartige Burg mit einem weit hervortretenden
-Mittelbau und zwei dicken, vom Erdboden ab aufgeführten Türmen, von
-denen der westliche, wahrscheinlich infolge Altersschwäche, zur Hälfte
-eingestürzt war.
-
-Jahrhunderte mochten ins Land gezogen sein, seitdem der Grundstein
-dieser Feste gelegt worden war. Wohl hatte das Schloß den Zeiten und
-Wettern seinen Tribut zollen müssen, aber noch immer behauptete es, den
-wildesten Stürmen zum Trotz, seinen Platz, wuchtig und herausfordernd
-zugleich, und die großen, weißen Quader leuchteten noch wie ehedem weit
-in das Land hinein. Wie ein ehrfurchtgebietendes Denkmal alter Zeiten,
-ein stummer Zeuge der Geschehnisse eines halben Jahrtausends grüßte es
-zu dem Wanderer herüber.
-
-Dieser hatte sich an eine der hohen Fichten gelehnt und überließ sich
-ganz dem Zauber des Anblicks, der sich ihm bot.
-
-Seine Blicke glitten hinüber zu dem mächtigen Bauwerk, das als ein
-stolzes Erzeugnis menschlicher Kunst und menschlichen Fleißes, nunmehr
-dem Zerfall entgegenging, wie es den Menschenwerken endlich beschieden
-ist.
-
-Die Phantasie gaukelte dem Fremden die Geschichte des Schlosses in
-lebhaften Bildern vor die Seele. Er sah, wie die mächtigen Bausteine
-von starken Pferden den Berg hinangeschleift wurden, wie die Mauern
-erstanden, und wie endlich der Bischof segnend die Hände über den Bau
-ausbreitete, den die Bewohner des Dorfes mit frischen Blumengewinden
-bräutlich geschmückt hatten. Dann sah er, wie die Tore sich öffneten
-und aus ihnen eine lärmende Schar herauszog, den Schloßherrn mit
-seinen Gästen an der Spitze, und an ihrer Seite ritten Edelfrauen mit
-den Jagdfalken auf den Schultern. Aber weiter eilte sein Geist. Er
-sah wieder ein Häuflein den Abhang herabziehen, diesmal aber nicht
-zur Jagd, oder um die feurigen Rosse im Turnier zu tummeln: von den
-Schildern der Gewappneten glänzte das Kreuzeszeichen, und die Ritter
-schauten mit ernsten Mienen hinauf, wo vom Söller die Frauen feuchten
-Auges die letzten Grüße herabwinkten. Und jeder der Beherzten fragte
-sich leise: »Wer wird wiederkehren?« Doch im nächsten Augenblick
-warfen sie unwillig den Kopf in den Nacken und reckten die gepanzerten
-Glieder, daß die eherne Rüstung klirrte, und die wallenden Federn der
-blanken Helme durcheinander wogten, und sie beeilten sich, die sie
-überkommene Weichheit zurückzudrängen. Seit wann war es denn auch
-Sitte, daß der zum Kampfe ausziehende deutsche Krieger der Weibertränen
-achtete? Galt es doch diesmal, dem heidnischen Sarazen die Herrschaft
-über das heilige Grab mit dem Schwert wieder zu entreißen und an der
-Stelle des Halbmonds die Kreuzesfahne aufzupflanzen.
-
-Jahrhunderte durchmaß des Wanderers Phantasie. Die sonst so friedliche
-Umgebung des Schlosses war niedergestampft, niedergebrannt, verwüstet.
-Rundum breitete sich das Heerlager des Belagerers aus, der sich
-eben anschickte, die Feste zu berennen. Sturmleitern wurden in Eile
-herangeschoben, und Rammbock und Mauerbrecher waren in Tätigkeit.
-Von oben aber wurde siedendes Oel hinabgegossen, und Steinblöcke
-wurden mit wildem Getöse auf die Stürmenden herabgeworfen, während des
-Angreifers Feldkartaune aus ihrem ehernen Leibe schwere Geschosse gegen
-die stellenweise schon wankenden Mauern schleuderte. Da schien mit
-einem Male der Widerstand der Eingeschlossenen gebrochen; die Abwehr
-läßt nach, die Mannen auf dem Mauerrand ziehen sich zurück. Da, --
-Stimmengewirr, Schnauben und Stampfen nicht mehr zu zügelnder Rosse.
-Gedämpfter Kommandoruf wird vernehmbar, und -- nieder rasselt klirrend
-die Zugbrücke. Wie Sturmwind fegt es darüber hinweg: die Belagerten
-machen einen Ausfall. Wenn der Untergang im Buche des Schicksals
-einmal besiegelt, dann wenigstens nicht ruhmlos untergehen, Hörnerruf,
-der erzene Klang der ihren Scheiden entfliehenden Schwerter, und
-dann mit vielstimmigem, drohendem Schlachtruf hinein in die schnell
-gebildeten Haufen der Feinde. Wie Löwen kämpfen die Ritter, und manch
-einem entsinkt das Schwert der Faust; edles Blut färbt den Rasen. Aber
-Söldlinge können solchem Ansturm nicht lange widerstehen: hier und dort
-beginnt der Feind schon zu weichen, und endlich wirft der bleiche Mond
-sein mildes Licht auf den Kampfplatz, den sich die Tapfern, wenn auch
-mit schweren Opfern, ruhmvoll erkämpft, und die Geister der Gefallenen
-setzen auch dann noch erbittert den Strauß fort, wenn die Überlebenden
-längst schon die müden Glieder auf das Lager streckten.
-
-Die feinen Züge des Fremden hatten sich belebt und seine Augen glänzten
-begeistert.
-
-Dann wandte er sich ab und sah hinein in das weite Land. Die Felder
-waren überreich bestanden, ihre Grenzen hoben sich von einander scharf
-ab. Hier und dort bemerkte er eine Windmühle, deren lange Flügel sich
-rastlos drehten, -- fast vermeinte er, ihr Klappern töne herüber; dort
-wieder stand ein einsames Haus, dort lag ein Dorf in weiter Ferne, als
-wenn ein Riesenkind seine Spielwaren aufgebaut habe, und weit hinten
-am Horizont grüßten die Türme von Leipzig, -- der alten Lindenstadt.
-Über dem ganzen herrlichen Bilde aber lag ein Hauch von Frieden und
-segensreicher Arbeit.
-
-Der einsame Beschauer ließ seine trunkenen Blicke von einem zum andern
-gleiten, über all die blühenden Gefilde, die gesegneten Fluren;
-und er seufzte. Denn noch immer befürchtete man die Wiederkehr der
-Scharen Napoleons. Die Wunden, die des verhaßten Korsen blutige Geisel
-geschlagen, waren noch lange nicht verheilt, und die Schrecken der Tage
-von Jena und Friedland zitterten noch sattsam nach in den Seelen der
-Menschen.
-
-Wie lange war es dem Landmann noch beschieden, friedlich seine Felder
-zu bebauen und den reichen Gottessegen einzuernten? Konnte es nicht
-dem Ruhelosen noch einmal gelüsten, sein Schlachtenglück zu erproben
-und Verwüstung und Greuel hineinzutragen in die deutschen Lande, in
-denen eine große Anzahl von Eltern und Kindern an den noch frischen
-Gräbern ihrer Teuern stand, die der Ruhmsucht dieses Weltenstürmers zum
-Opfer gefallen waren! Sind nicht alle Menschen Brüder untereinander,
-und warum läßt ein gerechter Gott Tausende von blühenden Jünglingen
-dahinsinken nach dem Willen eines Einzigen?
-
-Dem Wanderer schauerte, wenn er daran dachte, daß diese Fluren verödet,
-zertreten werden könnten, und er wandte sich langsam zum Gehen.
-
-Noch immer diesen Gedanken nachhängend, stieg er den Hügel hinab und
-befand sich bald zwischen den ersten Häusern von Rehefeld.
-
-Kurz nach dem Betreten des Dorfes fiel sein Blick auf ein kleines,
-altes Haus, das von einem sorgfältig gepflegten, kleinen Garten
-umgeben war. Vor ihm saßen auf der steinernen Bank neben der Tür drei
-Menschen: ein junger Bauernbursche, der den Arm um die Hüften des
-neben ihm sitzenden Mädchens gelegt hatte und eine kleine, gebückte
-Frau, deren hohes Alter mit dem des Hauses wohl fast übereinstimmen
-mochte. Auf ihren Knien hielt sie eine Schüssel, in die sie Kartoffeln
-hineinschälte.
-
-Einer plötzlichen Eingebung folgend, trat der Wanderer an den niedrigen
-Zaun und fragte hinüber, ob er wohl eine kleine Zehrung erhalten könne.
-
-Die drei hatten den Fremden schon beim Näherkommen mit neugierigen
-Blicken betrachtet, seine unerwartete Anrede aber machte sie verlegen.
-Am ehesten fand die Alte Worte. »Wenn der Herr mit einem Trunke
-frischgemolkener Milch fürlieb nehmen würde --«
-
-»Das ist es ja gerade was ich wünsche,« antwortete der Fremde und trat
-durch die Tür in den Garten.
-
-Der Bursche war aufgestanden und bot dem Ankömmling seinen Sitz auf der
-Bank an, den dieser aber mit einem lächelnden Blick auf das errötende
-Mädchen dankend ausschlug.
-
-Unterdessen hatte die Greisin den Napf zu Boden gesetzt und war dann
-mit überraschender Beweglichkeit in das Haus geeilt, um bald darauf mit
-einem Glase Milch und einer Brotschnitte zurückzukehren.
-
-Der Fremde, der sich auf einem Grasstreifen des kleinen Gartens
-niedergestreckt hatte, griff verlangend nach dem dargebotenen Trunk
-und tat einen tiefen Zug davon. Dann brach er das Brot auseinander,
-tauchte es in die Milch und verzehrte das einfache Mahl mit sichtlichem
-Behagen. Die Alte und der Bursche hatten sich wieder zu dem Mädchen
-gesetzt, und nun ruhten aller Augen auf dem Fremden, der sich so
-zwanglos vor ihnen niedergelassen hatte, und jeder von ihnen versuchte
-nach seiner Art zu erraten, welch Standes er wohl sei.
-
-Ein Bauer war er nicht, das sah der Bauer auf den ersten Blick. Er war
-von schlanker Gestalt, noch nicht dreißig Jahre alt und hatte ein von
-der Sonne stark gebräuntes Gesicht. Seine Züge waren vornehm, seine
-Haltung und Art edel. Die Kleider hatten einen Schnitt, wie man ihn
-hier im Dorfe selten sah und waren von feinem Tuche gefertigt. Es war
-schade, daß man die Farbe des Stoffes nicht recht erkennen konnte, eine
-so dicke Staubschicht lag darauf. Der Fremde mochte heute früh weit von
-Rehefeld entfernt aufgebrochen sein. Er war ein Stadtherr, das stand
-fest. Aber was mochte ihn hierher führen? Vielleicht war er auf der
-Reise nach Leipzig, denn das kleine Dörfchen bot für einen Mann wie
-seinesgleichen keine Anziehung.
-
-Mit all diesen Fragen beschäftigten sich die drei Rehefelder eifrig,
-und wenn auch jeder von ihnen viel darum gegeben hätte, zu erfahren,
-was er zu wissen wünschte, so soll doch nicht verhehlt werden, daß sich
-besonders das junge Mädchen im geheimen diese Fragen immer wieder auf
-das eindringlichste stellte, die befriedigenden Antworten darauf ihr
-aber nicht gelingen wollten.
-
-Der junge Bursche rückte wieder an Antonie heran; als er sich aber
-anschickte, sie wie vorhin zu umfangen, deutete das Mädchen ihm durch
-stumme Zeichen an, daß dies in Gegenwart des Fremden wohl nicht
-schicklich sei. Hermann schien jedoch für die verstohlene Äußerung
-jungfräulichen Taktes nicht das genügende Verständnis zu besitzen,
-denn sie sah sich veranlaßt, ihm heimlich einen genügend hörbaren
-Klaps auf die Hand zu geben und dem verdutzt Dreinschauenden obendrein
-verweisende Worte zuzuwispern.
-
-Daß Hermann sie gerade in der Betrachtung des kleinen Medaillons
-gestört hatte, das verstohlen von dem goldenen Armband des Fremden aus
-dem Ärmel hervorlugte, und in dem sie mit echt weiblichem Scharfsinn
-ein schönes Frauenbild vermutete, zu dem wohl zwei schwere Zöpfe
-gehörten, vielleicht von einem solch lieblichen Blond wie die krausen
-Locken, die sich unter dem Hute des Fremden hervorgedrängt hatten und
-nun über der Stirn im leichten Windhauch zitterten, daß Hermann sie aus
-diesen wichtigen Betrachtungen gerissen hatte, sagte sie ihm freilich
-nicht.
-
-Der Fremde hatte den Rest der Milch ausgetrunken, und Antonie beeilte
-sich, ihm das leere Glas abzunehmen.
-
-Wenn die Alte bisher nur einige Male zu dem im Grase Liegenden heimlich
-hinübergeschaut hatte, so schien ihr aber jetzt der richtige Zeitpunkt
-für ein Verhör gekommen.
-
-Eben hatte sie eine große Kartoffel geschält und wie sie diese
-zerschnitt, fielen beide Hälften klatschend in die Schüssel, daß das
-Wasser über den Rand spritzte. Und mit diesem Laut war der Bann ihrer
-Zunge gebrochen.
-
-»Der Herr ist heute wohl lange gewandert?« fragte sie.
-
-Der Angesprochene hatte sich im Grase lang ausgestreckt und den Kopf in
-die Hand gestützt; er schien diese Frage schon längst erwartet zu haben.
-
-»Ja,« sagte er, »so reichlich zehn Stunden bin ich heute unterwegs, und
-die Sonne hat mich von allen Seiten gehörig beschienen.«
-
-»Ei, ei, das ist lange,« versetzte die Greisin, die ihre Kartoffeln
-ganz vergaß, »das kann nicht jedermann tun. Nun dafür hat aber der Herr
-gestern gewiß weidlich geruht.«
-
-»Gestern? Ach nein, gestern war’s so wie heute, fast war der Weg noch
-länger.«
-
-Wieder entstand eine tiefe Pause, und jeder der drei Rehefelder spann
-von neuem seine Gedanken.
-
-Hermann sagte sich, daß dieser Fremde doch ein recht närrischer
-Kauz sein müsse. Man stand im Zeichen der Hundstage, und die liebe
-Sonne meinte es über alle Maßen gut. Darüber durfte man freilich im
-allgemeinen nicht böse sein, denn der Hafer und die Kirschen konnten
-noch ein paar Tage heißen Sonnenscheins gebrauchen. Aber man läuft,
-wenn man’s anders haben kann, bei dieser Hitze doch nicht durch das
-ganze Land. Ja, diese Stadtleute!
-
-Anders dachte Antonie. Das Mädchen, dessen Bild in der goldenen Kapsel
-steckte, würde weit entfernt weilen, und nun ließ die Sehnsucht nach
-der Geliebten ihm keine Ruhe. Er hatte sich also aufgemacht, um sein
-Mädchen zu überraschen. Allerdings, dachte sie weiter, bequemer hätte
-es der Verliebte doch gehabt, wenn er die Reise zu Wagen gemacht haben
-würde.
-
-Über das welke, runzlige Gesicht des alten Mütterchens aber huschte das
-Aufleuchten des Verständnisses.
-
-»Zwei Tage so zu marschieren, ist sehr viel,« sprach sie, »besonders in
-dieser Zeit. Wenn es der junge Herr nun aber einmal getan hat, so ist
-es gewiß das erste Mal, daß er diesen Weg zurücklegt, und er wähnt mit
-Recht, daß der Mensch die Schönheit Gottes herrlicher Natur wandernd
-viel besser genießt, als wenn er in der dumpfigen Postkutsche sitzt
-und nur durch ein kleines Fenster schauen darf. Und obendrein ist es
-doch nicht selten, daß die liebe Reisegesellschaft selbst das bißchen
-Erbauung zerstört, das einem an dem kleinen Fenster vielleicht noch
-überkommt.«
-
-»O, o,« dachten Hermann und Antonie gleichzeitig, »jetzt wird der Herr
-die Mutter aber auslachen.«
-
-Ohne seine bequeme Lage aufzugeben, hatte der Fremde zugehört. Jetzt
-antwortete er, belustigt durch die geschickt verkleidete Neugier der
-Alten:
-
-»Es geht nichts über Lebensweisheit. Freilich habt ihr Recht! Manch
-Schönes habe ich gesehen, was mir im Wagen entgangen wäre; und wenn
-ich, vom vielen Gehen müde, mich am Abend auf das Lager strecke, so
-bin ich früh doch wieder frisch und zu neuer Wanderung gekräftigt.
-Freilich bin ich das Marschieren gewöhnt, schon so manches Jahr wandere
-ich ja in der Welt herum. Aber nach einer Tagesfahrt in solch einem
-Rumpelkasten ist es mir immer gewesen, als wenn ich für ein schlimmes
-Vergehen hätte büßen müssen.«
-
-Antonie fühlte sich sehr enttäuscht, und ihre bisher unerschütterliche
-Zuversicht in ihre Menschenkenntnis geriet arg ins Wanken.
-
-Die Alte hingegen war befriedigt und schmunzelte vor sich hin.
-
-»Da kommt der Herr wohl schon sehr weit her?« hub sie wieder an.
-»Vielleicht aus dem Thüringischen?«
-
-»Gott bewahre,« sagte dieser, »ich komme aus Dresden.«
-
-»Ach, aus dem lieben Dresden,« erwiderte die Greisin. »Ich habe sie
-auch einmal gesehen, die herrlichen Ufer der Elbe. Freilich ist dies
-schon sehr lange her,« setzte sie mit tiefem Aufseufzen hinzu, »damals
-lebte ja noch der selige Herr Oskar von Tiefenbach.«
-
-Mit einem Ruck fuhr der Fremde herum und schaute der Alten scharf ins
-Gesicht. Dann sagte er kurz:
-
-»Ihr seid die Mutter Lehnhardt, nicht wahr?«
-
-Und wie er sich wieder zur Seite wandte, murmelte er: »Aber wie konnte
-ich das denn nicht gleich wissen!«
-
-»Zu dienen, gnädiger Herr,« antwortete die Greisin, »doch woher kennt
-Ihr meinen Namen?«
-
-»Mutter Lehnhardt,« erwiderte der Fremde, »wen der liebe Gott an Jahren
-so gesegnet hat wie Euch, der wird weithin bekannt, ohne daß er davon
-weiß. Aber sagt, wie alt seid Ihr denn eigentlich?«
-
-»Siebenundachtzig sind es nunmehr gewesen, Herr. Eine lange Zeit
-ist’s,« fuhr sie redselig fort, »und wie viel die Augen schauen mußten,
-wie vieles dem Menschen da zustößt, Glück und Leid. Aber der da droben
-weiß es doch immer so einzurichten, daß den trüben Tagen wieder
-Sonnenschein folgt. Und wenn ich nun auf mein Leben zurückschaue, auf
-all die guten und bösen Tage, und ich sollte sagen, welche von ihnen
-die andern überwogen haben, nun, so muß ich gestehen, daß die trüben
-Bilder der Vergangenheit verblichen, verschwunden sind, daß mir aber
-vieles des Fröhlichen, das mir beschieden war, unauslöschlich in die
-Erinnerung eingegraben ist. Nun gebe mir Gott nur noch ein sanftes
-Ende.«
-
-Die heitere Zufriedenheit, die in den einfachen Worten lag, drang dem
-Fremden zum Herzen. Sie klangen von den Lippen der Greisin wie ein
-Gebet. Und als sie geendet und nun mit ineinander gelegten Händen,
-den Blick in die Weite gerichtet, eine Weile unbeweglich verharrte,
-da überkam ihn wieder dieselbe gehobene Stimmung, die er vorhin beim
-Betrachten der Natur empfunden hatte. Dort hatte er die Ruhe geschaut,
-die nach beendetem Tagewerk in der weiten Werkstatt des ewigen
-Schöpfers eingetreten war. Hier sah er einen alten Menschen der ein
-reiches Leben voll Arbeit hinter sich hatte, und der sich nunmehr mit
-müden Schritten dem Ende seiner Pilgerfahrt näherte.
-
-Um das welke, schmale Gesicht der Alten aber woben die letzten Strahlen
-der scheidenden Sonne einen lichten Schein.
-
-»So kann in der zwölften Stunde seines Lebens nur ein glücklicher
-Mensch aussehen,« dachte der Fremde.
-
-»Ach Mutter Lehnhardt,« sagte er, »vorhin hat dort oben auf der Höhe
-der Anblick des Schlosses lange meine Aufmerksamkeit gefesselt. Wollet
-Ihr mir nicht etwas von dem ehrwürdigen Bau erzählen? Ich bitt’ Euch
-drum.«
-
-»Warum nicht, gnädiger Herr,« versetzte die Alte, »wenn Ihr mit meinem
-Geplauder fürlieb nehmet. Ich tu es gern, denn die Erinnerungen an die
-seligen Tage meiner Kindheit steigen dabei wieder in mir herauf.«
-
-Sie setzte den Napf zu Boden; in dem gleichen Augenblick aber sprang
-vom Fensterbrett eine gelbe Katze auf ihren Schoß, die schon ein altes
-Anrecht auf diesen Platz haben mochte. Und während die zitternden Hände
-der Greisin das glänzende Tier liebkosten, erzählte sie die folgende
-Geschichte:
-
-»Meine Vorfahren haben von Alters her zusammen mit den Tiefenbachs
-auf dem Weißen Schlosse gelebt, sie die Herren, wir als Diener. Das
-Amt des Pförtners war es, das meine Väter getreu wahrgenommen und
-das sich immer vom Vater auf den Sohn vererbte. Die Chronik des
-Schlosses spricht zum ersten Mal von einem Lehnhardt, der den Obristen
-Gustav von Tiefenbach während des dreißigjährigen Krieges als Diener
-begleitete und der, nachdem sie heimgekehrt waren und er seiner vielen
-Verwundungen wegen nicht mehr kämpfen und das Roß nicht mehr besteigen
-konnte, Pförtner ward. Hans hat er geheißen und so jeder Sohn bis auf
-meinen seligen Vater herab. Dieser war der letzte Torwart des Weißen
-Schlosses. Die Zeiten waren andere geworden; man schaffte das Amt
-ab. Niemand war damit froher als er, denn Gott hatte ihm keinen Sohn
-beschert und er gönnte keinem Fremden die Würde.
-
-Hanno von Tiefenbach ist der Urahn der Familie, und er war es auch, der
-unter Kaiser Heinrich dem Vierten das Schloß im Anfang des zwölften
-Jahrhunderts erbaute. Die bösen Hussiten spielten der Burg später
-aber sehr übel mit, daß nur noch die Grundmauern stehen blieben, auf
-denen Herr Arnulf gegen 1450 das Schloß in seiner heutigen Gestalt
-aufrichtete. Viel Leid wurde dem Bau im dreißigjährigen Krieg durch die
-Schweden zuteil, die sich aber an seinen unzerstörbaren Mauern tüchtig
-die Köpfe einstießen. Freilich hat seine Festigkeit durch die langen
-Beschießungen, denen er zu dieser Zeit ausgesetzt war, stark gelitten.
-Heute ist das Schloß zwar noch immer bewohnbar, aber wer weiß auf wie
-lange noch.
-
-Diese früheste Vergangenheit, gnädiger Herr, habe ich in den alten
-Aufzeichnungen des Schlosses gelesen, zum Teil hat sie mir auch mein
-Vater erzählt.
-
-Meine Mutter habe ich nicht kennengelernt, Gott nahm ihre Seele für
-die meine. Alle süßen Erinnerungen an meine Jugendzeit sind von dem
-Schlosse unzertrennlich. Mein Vater war, wie man sagte, ein wortkarger,
-in sich gekehrter Mann, dem der Dienst viel Zeit übrig ließ. Aber
-nur die Leute nannten ihn wortkarg, daheim war er gesprächig. Mit
-wehmütiger Freude gedenke ich besonders der langen Winterabende.
-
-Während der Vater um neun Uhr das letzte Abendläuten besorgt und dann
-den letzten Rundgang gemacht hatte, saß ich schon, ungeduldig seiner
-harrend, in der großen Stube. Kein Laut war zu vernehmen, nur die
-Wanduhr, deren Gehäuse bis zur Decke reichte, tickte einförmig, und im
-Kamin knackten und knisterten die schweren Buchenscheite.
-
-Ich spitzte die Ohren. Draußen ging der Vater, schon hörte ich seine
-Tritte. Er prüfte noch einmal den Torriegel und die Verankerung der
-Zugbrücke, die er schon mit dem Anbrechen der Dunkelheit in die Höhe
-gewunden hatte. Bevor er sich aber zur Ruhe begeben durfte, hatte er
-von der Mauer nach dem Dorfe hinab drei Mal ins Horn zu stoßen. Es war
-dies das Zeichen für die drunten, daß Licht und Feuer gelöscht werden
-mußten.
-
-Und dann kam er! Dicht neben dem Tor war unsere Wohnung, die der Vater
-selbst besorgte. Die Speisen erhielten wir aus dem Schlosse.
-
-Ich war ein rechter Wildfang, immer zu tollen Streichen aufgelegt,
-furchtlos und ohne Ruhe. Aber wenn es Abend wurde, und der Vater sich
-zum Erzählen anschickte, dann konnte ich stundenlang sitzen ohne mich
-zu rühren, und meine Augen hingen an den Lippen meines Vaters. Und
-wie konnte er erzählen! Alle Sagen, die sich mit der Geschichte des
-Schlosses verwoben, und die ihm sein Vater berichtet, bekam ich zu
-hören. Die Begebnisse von Jahrhunderten entrollten sich vor mir, und
-ich lernte zuletzt alle verstorbenen Tiefenbachs so gut kennen, daß
-sie mir vertrauter waren, als die Leute im Dorfe. Die Leiber der edeln
-Herren und Frauen ruhten drunten in dem in den Felsen eingehauenen,
-hohen Saal. Dort stand die lange Reihe großer und kleiner metallner
-Särge, über die hinweg es manchmal in wilder Jagd ging, wenn ich mit
-den beiden Burgkatzen dort spielte. Aber die Seelen der Verstorbenen
-hatten mich lieb. Mit Hilfe meiner Einbildung waren sie mir treue
-Spielgefährten, saßen mit mir am Tische, sprachen zu mir und hörten auf
-meine Worte. Und selbst des Nachts in meinen Träumen erschienen sie mir
-noch.
-
-Das war der Winter.
-
-Im Sommer saß ich meist droben in einem der Türme und blickte sinnend
-hinauf zu dem blauen Himmel, oder hinunter auf die bunten Felder
-und blumigen Wiesen. Dann schaute ich um mich, soweit mein Auge
-reichte, und ich dachte, wie schön und wie groß ist doch die Welt!
-Die flinken Schwalben, die den Turm unaufhörlich umkreisten, und
-deren leichtbeschwingtem Fluge ich so gern zuschaute, kamen zu mir.
-Zutraulich setzten sie sich zu meinen Füßen nieder und pickten die
-Krümchen auf, die von meinem Brote auf den Sims herabfielen. Und
-wenn ich sie fragte: wie hoch ist der Himmel? Da schauten sie mich
-mit ihren blanken Augen erstaunt an, zwitscherten so laut, daß es mir
-schien, als belustige sie mein Fragen, zogen von neuem ihre anmutigen
-Kreise, stiegen höher und immer höher und verschwanden endlich in den
-lichtblauen Wellen.«
-
-Ein Hustenanfall hieß die Greisin ihre Worte unterbrechen. Ehe sie aber
-in der Erzählung fortfuhr, sagte sie:
-
-»Zürnen Sie mir nicht, Herr, wenn ich auch von mir selbst berichte,
-aber es würde mir nicht gelingen, vom Schlosse zu sprechen, ohne meine
-eigenen Erlebnisse dabei zu berühren.«
-
-Der Fremde machte eine Handbewegung, die andeutete, daß ihn die
-Erzählung gut unterhalte, und Mutter Lehnhardt fuhr fort:
-
-»So verlebte ich die Jahre meiner Kindheit. Selten kam ich vom Schloß
-in das Dorf hinunter. Dies geschah nur, wenn mein Vater zu mir sagte:
-komm, Kind, heute ist Sonntag, da dürfen wir den Gottesdienst nicht
-versäumen.
-
-Dann gingen wir nebeneinander den Weg hinunter. Im Dorfe sah ich viele
-Menschen im Feiertagsgewand, die ebenfalls zum Gotteshause wanderten,
-und Kinder, die mit einander spielten. Wenn ich an ihnen vorüberging,
-unterbrachen sie ihr Spiel und schauten das fremde Gesicht verwundert
-an. Ihr Zusammensein schien ihnen viel Freude zu machen, aber ich
-beneidete sie nicht. Droben in meiner stillen Einsamkeit, im luftigen
-Erker, tief unter mir die Welt und über meinem Haupte das hohe,
-geheimnisvolle Himmelszelt, dazu das große Schweigen der lebendigen
-Natur, -- dort war es doch viel schöner!
-
-Der Vater hatte mich das Lesen gelehrt, und ich nahm zuweilen ein Buch
-mit hinauf auf den Turm, da das Zimmer mir zu eng wurde. Aber bald
-entsank es meiner Hand. Die schwarzen, eckigen Buchstaben erschienen
-mir steif und tot. Deshalb wollte auch das Lesen an der Stelle, wo
-Alles Leben ausatmete, nicht recht gehen. Das was die Bücher von den
-Menschen sagten, erzählte mir der Vater weit besser, und schwach
-geradezu erschien mir, was ich von Gottes Wunderwerken las. Wie
-armselig waren die Worte in ihnen, obwohl der Vater mir gesagt hatte,
-daß sie ein sehr gelehrter Herr niedergeschrieben habe. Das kleine
-Grashälmchen, das vor mir in der Mauerritze wuchs, die vorbeiziehenden
-Vögel, die bunten Felder, der glitzernde Bach, die dunkeln Wälder und
-über mir die Wolken, die majestätisch ihre Bahnen dahinzogen, sie alle
-führten eine lebendigere Sprache und verkündeten mir mit nicht zu
-übertreffenden Worten das geheimnisvolle Walten des Höchsten.
-
-Aber man muß diese Sprache auch verstehen!
-
-Ein jäher Schlag sollte meinen Freuden ein rasches Ende bereiten. Ich
-war sechzehn Jahre alt.
-
-Mein Vater wurde krank und starb nach wenigen Tagen. Mich nahm man ins
-Schloß, wo ich der alten Beschließerin zur Hand gehen mußte. Aber das
-Arbeiten machte mir Freude. Es ließ mir freilich nicht mehr so viel
-Zeit zum Träumen, half mir aber den schmerzlichen Verlust des innig
-geliebten Vaters leichter ertragen.
-
-Der Herr des Schlosses war zu jener Zeit der greise Herr Leopold von
-Tiefenbach.
-
-Er hatte in Polen zur Seite König Augusts des Starken wiederholt
-gekämpft und war von ihm zum Lohne für seine Tapferkeit in den
-Freiherrnstand erhoben worden, mit der Bestimmung, daß dieser Titel
-sich auf den ältesten Sohn in der Familie vererben solle.
-
-Die edle Gattin des Schloßherrn, die schon lange gestorben war, hatte
-ihm drei Söhne hinterlassen. Dem ältesten, Udo, wurde einmal das
-Schloß. Damit aber auch seine Brüder Oskar und Egbert einen eigenen
-Besitz haben sollten, ließ der Vater unten im Dorfe ein Anwesen
-errichten, für das er von den Bauern die besten Felder kaufte, und
-das von der Zahlung der Abgaben an das Schloß befreit wurde. Schöne
-steinerne Gebäude wurden aufgeführt, und mit allem wurde das Gut
-reichlich versehen. Dann übergab er es einem alten Bauern aus dem Dorfe
-zum Verwalten. Erst nach des Vaters Tode sollten die beiden Brüder den
-Freihof beziehen.
-
-Der Erbe des Majorats hatte sich mittlerweile die junge Gräfin von
-Eckartsberg zur Gattin erkoren. Sie war eine blendend schöne Frau,
-aber so stolz! Hu, es schauerte einem, in ihrer Nähe zu weilen, ein
-solcher Eishauch ging von ihr aus. Sie hatte für uns Leute keinen
-Blick. Der Freiherr sah stillschweigend auf die Schwiegertochter, als
-wenn er im Innern die Wahl seines Sohnes nicht recht billigen könne.
-Aber Herr Udo war von ihrer Schönheit ganz geblendet und gab sich ihrem
-Einflusse willig hin. Schon immer war er ja selbst unfreundlich mit den
-Schloßbediensteten gewesen, jetzt achtete er unser gar nicht mehr.
-
-Sein um zwei Jahre jüngerer Bruder Oskar bildete den schroffsten
-Gegensatz zu ihm. Schon äußerlich ähnelten die Brüder sich nicht.
-Während Udo klein und zierlich war, war Oskar von hohem Wuchs und
-hatte einen kraftvollen Körper. Er war unser aller Liebling und stets
-auf unser Wohl bedacht. Aber zuweilen konnte er doch sehr zornig
-werden! Vor allem duldete er nie den leisesten Widerspruch.
-
-Der jüngste der Brüder, Egbert, war wieder zart und hing mit inniger
-Liebe an Oskar.
-
-Just um dieselbe Zeit, zu der Udo fast täglich nach Eckartsberg
-hinüberritt, um die schöne Gräfin Sophie zu besuchen, faßte Oskar eine
-tiefe Zuneigung zu der Tochter eines der angesehensten Bauern des
-Nachbardorfes Zehmen. Einen glücklichen Ausgang dieses Verhältnisses zu
-finden, war aber sehr schwierig, da sich bisher noch kein Tiefenbach
-ein Mädchen niederer Geburt zur Gattin erwählt hatte.
-
-Aber Herr Oskar war nicht der Mann, sich von der Ausführung eines
-Vorhabens durch Hindernisse zurückhalten zu lassen. Und er sann darüber
-nach, wie er des Vaters Einwilligung zu diesem Schritt erhalten könne.
-So oft er den Vorsatz aber faßte, ihm seine Neigung anzuvertrauen,
-ebenso oft verschob er das Geständnis auf eine günstigere Gelegenheit.
-
-Da kam ihm das Schicksal entgegen.
-
-Das was ich jetzt erzähle, gnädiger Herr, habe ich später wiederholt
-von Herrn Oskar selbst gehört, als er es seiner Tochter, der jetzigen
-Freihoferin mitteilte.
-
-Der Freiherr ließ Oskar eines Tages rufen und forderte von ihm
-Rechenschaft. Der Vater der Geliebten war auf das Schloß gekommen und
-hatte dem Freiherrn mitgeteilt, daß er die Besuche seines Sohnes Oskar,
-so hoch er ihn auch schätze, nicht mehr gestatten dürfe, da andernfalls
-seine Tochter zum Gespött der Leute werden würde. Er brauche es wohl
-kaum auszusprechen, hatte er weiter erklärt, daß die Neigung des
-Herrn von Tiefenbach ihn und seine Familie hoch ehre, aber er müsse es
-als Vater verhindern, daß auf den Namen seiner Tochter auch nur der
-Schein eines Makels falle. Der Herr Baron möge sich nur in seine Lage
-versetzen.
-
-Oskar war der Lieblingssohn des alten Freiherrn, der seinen geraden und
-vornehmen Sinn hoch achtete. Aufmerksam hörte er das Geständnis seines
-Sohnes an, das in der Bitte ausklang, ihm kein Hindernis zu bereiten,
-sondern die viele Liebe und Güte, die er ihm bis jetzt zugewendet,
-durch seine Einwilligung zu dem Herzensbund von neuem zu bezeigen.
-Dabei verfehlten die einfachen Worte, mit denen Oskar den trefflichen
-Charakter der Geliebten schilderte, wie auch die männliche Festigkeit
-gepaart mit kindlicher Unterwerfung, mit der er seine Bitte vorbrachte,
-nicht, einen tiefen Eindruck auf den Freiherrn zu machen.
-
-Er kannte seinen Sohn und wußte, daß er ein echter Tiefenbach war.
-
-Der Vater versammelte darauf seine drei Söhne um sich und sprach über
-Oskars Neigung und Bitte. Er sei weit davon entfernt, seinem Kinde
-dafür zu zürnen, daß es das zu tun begehre, was ihm sein Herz gebiete.
-Denn nicht bloß in Schlössern, sondern auch in Hütten werde der Adel
-der Gesinnung geboren, und er sei davon überzeugt, daß jeder von ihnen
-wisse, was er dem fleckenlosen Wappenschilde des Geschlechtes schulde.
-Wenn er aber nicht ohne weiteres sein Jawort erteilen könne, so wäre es
-deshalb, weil dieser Schritt in der Familie noch nie getan worden sei,
-und er ihm die höchste Bedeutung beimesse. Er müsse erst Rat mit sich
-halten, bevor er einen Entschluß fassen könne. Bis dahin möge Oskar
-sich gedulden und der Liebe seines Vaters vertrauen.
-
-Mit diesen Worten küßte der Freiherr den Sohn auf die Stirn, dem,
-überwältigt von der tiefen Bewegung, die die gütigen Worte bei ihm
-hervorgerufen hatten, die Tränen in die Augen getreten waren.
-
-Wenige Tage darauf standen die Brüder erschüttert an der Leiche
-ihres Vaters. Er hatte einen Ritt über die Felder unternommen. Beim
-überraschenden Auffliegen eines Rebhühnervolkes hatte das Pferd
-gescheut und den alten Herrn abgeworfen. Unglücklicherweise war
-er mit dem linken Fuße im Steigbügel hängen geblieben und von dem
-galoppierenden Pferde eine große Strecke geschleift worden. Und als es
-dann gelang, das Tier aufzuhalten, fand man den Freiherrn entseelt vor.
-
-Ja, Herr,« begann die Greisin nach einer Pause von neuem, »wir fühlten
-uns alle verwaist; es war, als wenn uns der Vater genommen wäre. Eine
-düstere Ahnung sagte den Dienstleuten, daß die gute Zeit für sie
-vorüber sei.
-
-Seitdem die junge Frau an Herrn Udos Seite in das Schloß eingezogen
-war, hatte ich bei ihr den Dienst als Zofe verrichtet. Es war dies eine
-schlimme Zeit für mich! So viele Mühe und Sorgfalt ich auch auf meine
-Arbeiten verwendete, wurde mir von meiner Herrin doch niemals ein Wort
-der Anerkennung zuteil. Zürnende Blicke und Scheltworte empfing ich
-täglich und wenn ich glaubte, daß ich alles getan, um meine Arbeit zur
-Zufriedenheit verrichtet zu haben, erntete ich Tadel. Wie schmerzlich
-trafen mich die kränkenden Worte!
-
-Als sich der Tag des Begräbnisses seinem Ende zuneigte, und die letzten
-Leidtragenden von der Tafel aufgestanden waren und das Schloß verlassen
-hatten, forderte der neue Schloßherr seine Brüder auf, ihn in das
-Zimmer des Vaters zu begleiten.
-
-Schon immer hatte ich gefürchtet, daß Udo und Oskar einmal hart an
-einander geraten würden. Aber zu Lebzeiten des alten Freiherrn vermied
-es Udo, den Bruder zu reizen. Udos Verhalten aber war, seitdem er den
-Einflüsterungen seiner Gemahlin das Ohr lieh, immer herrischer und
-finsterer geworden und das Verhältnis der beiden Brüder zu einander
-immer gespannter.
-
-Heute sollte das von mir längst Vorausgesehene eintreten.
-
-Der Vorfall dieses Abends ist mir, da ich wider Willen Zeuge sein
-mußte, unvergeßlich geblieben.
-
-Nachdem ich der gnädigen Frau Baronin beim Auskleiden behilflich
-gewesen war, war ich dabei, die starken Zöpfe aufzumachen, um das
-Haar zu kämmen und für die Nacht von neuem einzuflechten. Ich hatte
-gerade die letzte Flechte geöffnet und breitete nun das seidenartige
-Haar aus, das ihre blendendweißen Schultern wie ein goldener Mantel
-umfloß. Da hörte ich, wie die Brüder in das anstoßende Zimmer traten.
-Einen Augenblick verharrte die Frau Baronin unbeweglich, sie schien um
-einen Entschluß zu kämpfen. Dann stieß sie mir die Hände zurück und
-sprang zu der hohen Flügeltür, die sie, während die Herren sich Stühle
-heranzogen, leise öffnete. Mit einer weiteren, unerhörbaren Bewegung
-glitt sie sodann zu der Lampe vor dem hohen Spiegel auf dem Putztisch
-und schraubte die Flamme tief herab, damit kein verräterischer
-Lichtschimmer in das Nebenzimmer falle. Darauf näherte sie sich mir,
-beugte sich zu meinem Ohre nieder und raunte mir zu, daß ich mich nicht
-von der Stelle rühren solle. Sie selbst trat an den Türspalt. Ich stand
-dicht hinter ihr und sah die Herren sitzen. Mir war so unsagbar bang
-zu Mute, kaum wagte ich, zu atmen, aus Furcht, daß die Atemzüge meine
-Gegenwart verraten könnten.
-
-Der Freiherr saß am Schreibtisch des Verstorbenen und entnahm diesem
-eine dicke Ledermappe, die er öffnete und deren einzelne Blätter er
-aufmerksam prüfte. Die beiden Brüder schauten ihm zu.
-
-Nach einer Weile sagte Herr Udo:
-
-»Das Testament des Vaters ist so geblieben, wie er es uns früher schon
-einmal vorgelesen hat. Überzeugt Euch davon, hier ist es.«
-
-Mit diesen Worten reichte er es Herrn Oskar. Dieser öffnete das
-Blatt, sah flüchtig darauf und gab es sodann Egbert, der das Papier
-zusammenfaltete und es, ohne einen Blick hineingeworfen zu haben,
-zurück auf den Schreibtisch legte.
-
-»Ihr erkennt also das Testament für richtig an?« fuhr der Freiherr fort.
-
-Die Brüder bejahten.
-
-Eine Pause trat ein, keiner rührte sich. Nur die hastigen Atemzüge der
-Frau Baronin vernahm ich.
-
-Herr Udo hielt seine Augen auf die lederne Mappe gerichtet, als er
-langsam begann:
-
-»Oskar, hast Du Dich schon entschlossen, wann Du die Bewirtschaftung
-des Freihofes übernehmen willst?«
-
-»Ja,« klang es zurück, »noch heute.«
-
-Das Gesicht des Freiherrn blieb bei diesen Worten unbeweglich.
-
-Er wandte sich an den jungen, mädchenhaften Herrn Egbert und sagte:
-
-»Ich brauche es wohl nicht erst auszusprechen, daß Dir, solange Du es
-wünschest, alles in bisheriger Weise zur Verfügung steht.«
-
-Der Angesprochene schien verwirrt durch dieses Anerbieten. Er sah einen
-Augenblick vor sich nieder, dann sagte er:
-
-»Du bist sehr gütig, Bruder. Aber ich gehöre ebenfalls auf den Freihof.«
-
-Der Freiherr blieb regungslos.
-
-»Wie Ihr wollt. Trefft Eure Anordnungen für die Überführung Euers
-Eigentums nach Euerm neuen Heim. -- Noch eine Frage: Glaubt Ihr, noch
-einen Anspruch an mich zu besitzen, oder ist Euch das geworden, was
-nach des Vaters Willen und den Gesetzen Euch geziemt?«
-
-Die Brüder erklärten sich für abgefunden.
-
-Während dieser Worte waren die Herren aufgestanden. Der Freiherr und
-Herr Oskar standen einander gegenüber, hinter diesem stand Herr Egbert.
-
-Sekunden vergingen, ohne daß einer von ihnen das Schweigen brach. Das
-Abschiednehmen schien allen schwer zu fallen.
-
-Ich beobachtete Herrn Oskar; der volle Schein der Lampe fiel auf sein
-Gesicht. Er dachte wohl an den teuern Toten, der an diesem Tische so
-oft gesessen hatte und dessen Wunsch es immer gewesen war, die Brüder
-einträchtig zu sehen.
-
-Seine Blicke schweiften im Zimmer umher und hafteten bisweilen längere
-Zeit auf einem Gegenstand, ehe sie weiter glitten.
-
-Das alte Schreibzeug, gefertigt aus dem wunderlich gewachsenen Gehörn
-eines Rehbocks, das dunkle Eckbrett, auf dem die vielen Pfeifen mit
-tönernen und hölzernen Köpfen sorgfältig gehütet neben einander
-standen, der kunstvoll geschnitzte Tisch, die schweren Stühle und die
-vielen Gegenstände aus Hirschhorn, -- alle schienen ihn vertraulich zu
-grüßen wie einen alten, lieben Bekannten.
-
-Sein bisher düsteres Auge hellte sich auf, als wenn er der Tage
-gedächte, in denen er es als eine Gunst betrachtete, wenn er spielend
-in des Vaters Arbeitszimmer verweilen durfte, während dieser am
-Schreibtische saß.
-
-Da fiel Herrn Oskars Blick hinauf auf das Bild, das dort über dem
-Tische in schlichtem Rahmen hing: das Bild des teuern Vaters, das ihn
-bereits gebeugt unter der Last der Jahre wiedergab. Er sah die Augen
-des Verblichenen auf sich gerichtet, als ob er ihn ermahnen wolle,
-seine Handlungen nicht von Verdruß und Eigensinn beherrschen zu lassen.
-
-Den jungen Mann überkam eine tiefe Wehmut.
-
-Hier standen sie nun, die Brüder, die Söhne des Mannes, der stets
-bestrebt gewesen, wohlzutun, und der den geringsten der Menschen
-nicht von sich gehen lassen mochte, ohne freundlich zu ihm gewesen
-zu sein. Sie standen hier am Scheidewege. Und nach der Stimmung, die
-sie beherrschte, genährt durch ihre ungleichen Naturen, bedeutete ihr
-Auseinandergehen eine Trennung fürs Leben. So wollten sie seine Lehren
-in den Wind schlagen! Und dabei war er gewiß mit einem Gebet für sie
-aus dem Leben gegangen.
-
-Hingerissen von der tiefen Bewegung, die ihn erfüllte, trat Oskar
-mit raschen Schritten auf den Bruder zu, der zwischen Stuhl und
-Schreibtisch stand, und streckte ihm die Hand entgegen.
-
-Der Freiherr richtete sich bei dem plötzlichen Näherkommen des Bruders
-auf und sah ihm unverwandt in die Augen.
-
-Ein heftiges Zittern überfiel mich, denn ich bemerkte, wie das Gesicht
-des Herrn Oskar unter diesem Blicke starr wurde. Langsam sank ihm die
-Hand herab.
-
-Da begann der Freiherr, seine Stimme klang kalt:
-
-»Ich muß mit Dir noch ein Wort sprechen, Oskar, bevor wir scheiden.
-Ich stehe vor Dir, als der Vertreter der Familie, als das Oberhaupt
-eines, wie Du weißt, der ältesten Geschlechter des Landes, dessen
-Wurzeln selbst bis in die Zeit des Werdens der Wettiner hineinragen.
-Die höchsten Ziele, die unsern Vorfahren vor Augen standen, waren
-allzeit die Gunst ihrer gnädigen Landesherren, die Hochhaltung ihres
-fleckenlosen Namens und ein seliges Ende. Und um diese edeln Güter
-kämpften und starben sie. Die Jahrhunderte haben unter den Tiefenbachs
-die verschiedensten Naturen gesehen, aber es hat keinen unter ihnen
-gegeben, bei dessen Erwähnung die Nachkommen erröten müßten. Die
-Ehre stand ihnen über allem. Aus all’ diesem aber ergibt sich von
-selbst, daß die Glieder eines so uralten und stolzen Geschlechts
-heilige Pflichten haben, und daß das Ansehen des Namens sie selbst zu
-Opfern bereit finden muß. Und deshalb, Oskar, halte ich es für meine
-Pflicht, Dich zu ermahnen, daß Du niemals die uns heiligen Traditionen
-vergessen mögest, damit auch die kommenden Geschlechter das Andenken
-ihrer Väter so rein finden, wie wir es vorgefunden haben!«
-
-Der Freiherr hatte die Worte langsam und mit zuweilen scharfer Betonung
-gesprochen. Am Schluß seiner Rede hatte er die Stimme erhoben.
-
-Oskar stand wie eine Bildsäule und starrte dem Bruder ins Gesicht. Er
-hatte die Herrschaft über sich vollkommen verloren, seine breite Brust
-bewegte sich in tiefem Heben und Senken, wie von einer übermächtigen
-Leidenschaft bemeistert. Wiederholt versuchte Oskar zu sprechen, aber
-die Sprache versagte ihm den Dienst. Endlich drangen zwischen den
-bebenden Lippen die abgerissenen Worte hervor:
-
-»Warum das, warum diese seltsamen Ermahnungen, mit denen Du mich, wie
-Du empfinden mußt, tief verletzest? Aber ich will selbst den Kern aus
-seiner Hülle schälen: ein falscher Stolz verbietet Dir, Dich damit
-abzufinden, daß Dein Bruder um sein Weib anderswo freit, als dort, wo
-es bisher für einen Edelmann der Brauch wollte. Ich gebe es zu, daß der
-von mir beabsichtigte Schritt, als erster dieser Art, dem Zuschauenden
-ungewöhnlich erscheinen muß. Aber das zu tun, was man in früheren
-Zeiten zu unterlassen für richtig fand, wird einstmals gute Sitte,
-sofern es nicht mit den göttlichen Gesetzen in Widerspruch steht. So
-will es der Wandel der Zeiten und der Wille der Menschen, der ihren
-Tagen die Prägung gibt, und es wäre töricht, wollte man es versuchen,
-den Lauf des rastlos vorwärts tosenden Weltenstroms aufzuhalten. Mit
-Dir aber von dem zu sprechen, was mir ein Heiligtum ist, hieße, dies
-Heiligtum verunglimpfen. Ich werde meinen Vorsatz ausführen und
-niemand soll es wagen, mich daran zu hindern. Spätere Tiefenbachs mögen
-meine Richter sein!«
-
-Herr Oskar war, während er sprach, ruhiger geworden.
-
-»Und ich verbiete Dir, daß Du den Namen unserer Familie in den Schmutz
-ziehst!« schrie der Freiherr, mit der Faust auf den Tisch schlagend.
-
-»Hüte Dich, mich noch einmal zu reizen,« klang es zurück, »schon viel
-zu weit hast Du dieses frevelnde Spiel getrieben. Ich trage in meinem
-Innern die unumstößliche Überzeugung, daß der Vater meinen Schritt noch
-gebilligt haben würde, und nur der überraschende Tod ihn verhinderte,
-mir seinen Segen zu geben. Ich habe Dir bereits erklärt, daß ich meinen
-Vorsatz ausführen will, und ich werde ihn ausführen!«
-
-»Und wenn es nicht in meiner Macht steht, diesen Schritt zu verhindern,
-so vermag ich doch, mich der Mittäterschaft zu entziehen, indem ich
-alle Bande, die uns bisher fesselten, von diesem Augenblick ab für
-gelöst erachte. Du trittst mit dem Verlassen des Schlosses gleichzeitig
-aus der Familie der Tiefenbachs aus. Du bist nunmehr frei, wirf Dich in
-die Arme einer Dir ...«
-
-»Halt ein, kein Wort weiter!« donnerte Herr Oskar, den die Wut sinnlos
-machte, indem er auf den Bruder eindrang.
-
-»Wenn Du weiter sprichst, so stehe ich für meine Handlungen nicht
-mehr ein! So mißbrauchst Du also den Platz, den Dir unser edler Vater
-soeben abgetreten hat. Wehe Dir, Du Vermessener, der Du noch nicht
-weißt, ob Dir mit Deinem hochmütigen Sproß aus vornehmem Geschlecht
-so glückliche Tage beschieden sein werden, wie mir mit dem Weib aus
-dem Dorfe. Aber,« fuhr er fort, und seine mächtige Stimme dröhnte von
-den hohen Wänden des Gemaches wider, »ich gebe Dir Dein Wort zurück.
-Aufgehoben sei alle Gemeinschaft zwischen uns und unsern Nachkommen,
-und ein Gottesgericht treffe den, der es wagen sollte, diesem Spruche
-zu trotzen!«
-
-Während dieser letzten Worte war die Frau Baronin unbemerkt durch die
-Tür in das Zimmer getreten, das Haar offen und den Nachtmantel von den
-Schultern herabgesunken. Ihr Gesicht war marmorbleich, und ihre Augen
-funkelten vor Zorn.
-
-»Udo!« schrie sie den Freiherrn an, »laß diesen Menschen mit Hunden
-vom Schlosse hetzen! Rühr Dich doch, handle! Hörst Du nicht, wie sie
-in ihren Ställen hungrig kläffen, sie wittern Aas. Mich verlangt es
-danach, sein Schmerzensgeschrei zu hören! So handle doch, -- Memme!«
-
-Und sie brach in ein entsetzliches Lachen aus.
-
-Herr Oskar hatte sich schon zur Tür gewandt um das Zimmer zu verlassen.
-Egbert folgte ihm. Noch einen Augenblick hielt Oskar inne und sagte zu
-dem Bruder:
-
-»Sieh doch, Egbert, dieses Weib ist wahrhaftig eine Teufelin!«
-
-Dann schlug die Tür hinter ihnen krachend zu.
-
-Meine Glieder waren wie gelähmt. Jetzt kam Bewegung in mich. Von einer
-wahnsinnigen Angst erfaßt, stürzte ich den Brüdern nach. Auf der Treppe
-erreichte ich sie und alle Rücksichten, die mir meine Stellung gebot,
-vergessend, hing ich mich an Herrn Oskars Arm und flehte mit bebender
-Stimme:
-
-»Gnädiger Herr, nehmen Sie mich mit fort von hier, und lassen Sie mich
-Ihre niedrigste Magd sein!«
-
-Er blieb stehen und schaute sich nach mir um. Ich fühlte, wie seine
-Hand über meine brennende Stirn strich. Eine dunkle Binde schien sich
-auf meine Augen zu legen. Ich merkte noch, daß er die Arme um mich
-schlang, mich aufhob und mit mir die Treppe hinabstieg; dann verlor ich
-das Bewußtsein.
-
-In derselben Nacht jagte ein heftiger Donnerschlag die Bewohner
-des Dorfes aus den Betten; -- der westliche Turm des Schlosses war
-eingestürzt.
-
-Drei Monate später fand auf dem Freihofe Hochzeit statt. Die Wunde,
-die der Tod des Freiherrn geschlagen, war noch zu frisch, daß man
-laut gejubelt hätte. Aber es war doch ein Ereignis, zu dem die Gäste
-und viele Neugierige von weit und breit zusammenströmten. Und als der
-festliche Spruch verklungen war, den Herr Egbert auf eine fröhliche
-und glückliche Zukunft des Brautpaares ausgebracht hatte, erhob sich
-der Bräutigam von seinem Platze. Unter lautlosem Schweigen sprach er
-mit schlichten Worten aus, wie er der Stimme seines Herzens hätte
-folgen müssen und er fortan nicht bloß unter den Bauern sein Leben
-zubringen wolle, sondern daß er stolz sein würde, als ein rechter
-Bauer genannt zu werden. Der Schritt, den er unternommen, hätte eine
-tiefe Kluft zwischen ihm und denen auf dem Schlosse aufgetan. In
-seiner Brust aber wohne kein Zwiespalt, denn er trage die Überzeugung
-von der Makellosigkeit seines Tuns. Und die Liebe seines Weibes und
-das Vertrauen und die Zuneigung seiner Nächsten würden ihn reich
-entschädigen. --
-
-Nun, Herr Oskar von Tiefenbach fand in seiner Ehe das was er erhofft
-hatte in reichem Maße, denn mit dem jungen Weibe war das Glück auf dem
-Freihof eingezogen. Sie war eine tüchtige Bäuerin und eine zartsinnige
-Lehrmeisterin für ihren Gatten. In wenigen Jahren schien es, als wenn
-Oskar von Tiefenbach nie anderswo als auf einem Bauernhof gewohnt
-habe; er war ein Landmann geworden, der seinen Beruf erkannt hatte und
-reiche Befriedigung in ihm fand. Des Freihofers sicheres und treffendes
-Urteil, seine vielseitige Bildung und nicht zuletzt sein biederer,
-freimütiger Charakter zog alle zu ihm hin, und bald betrachteten ihn
-die Dorfbewohner als einen der ihrigen. Von dem Freiherrn sprach er
-nie, aber ein glühender Haß gegen den Bruder erfüllte seine Seele.
-
-Herr Egbert hatte kurze Zeit nach der Vermählung den Freihof verlassen
-und war zum Hof des Kurfürsten nach Dresden gegangen. Dieser nahm ihn
-als Junker auf, und schon ein Jahr später bat er seinen Bruder und die
-Schwägerin, seiner Hochzeit mit der Tochter des Generals von Zeschau
-beizuwohnen.
-
-Mit Jubel wurde diese Botschaft auf dem Freihofe begrüßt, und Herr
-Oskar und Frau Martha trafen ihre Vorbereitungen zur Reise, auf der ich
-sie begleiten sollte. Bei dieser Gelegenheit sah ich das liebe Dresden,
-und die Erinnerungen an jene Tage sind mir bis in mein hohes Alter
-getreulich gefolgt.
-
-Bald darauf verließ ich den Freihof, um meinem Ferdinand die Hand
-fürs Leben zu reichen. Im darauffolgenden Jahre bescherte mir Gott
-ein wonniges Glück: ich genas eines Knaben, während mein Mann unter
-Sachsens Fahnen gegen den großen Preußenkönig focht. Wenige Wochen
-später drang die Kunde der Niederlage der Sachsen bei Kesselsdorf durch
-das Land. Alles war bestürzt. Ich aber weinte und hielt mein Kind fest
-umschlungen, denn ich hatte meinen Mann verloren und war eine Witwe von
-einundzwanzig Jahren.
-
-Ich ging wieder zu den Tiefenbachs. Die Freihoferin war eben vom
-Wochenbett aufgestanden. Kurz darauf warf eine hitzige Krankheit sie
-hart darnieder. Und während die Arme mit dem Tode rang, gab ich dem
-Neugeborenen und meinem eigenen Kinde die Brust. Da die Krankheit nur
-langsam wich, stillte ich ihr Mädchen auch weiterhin.
-
-Das ist nun freilich schon lange her! Das Mädchen wuchs heran, und
-heute ist Konstanze von Tiefenbach Freihoferin. Sie war schon über die
-Vierzig hinaus, als sie sich vermählte.
-
-Des Herrn Egberts Sohn war gekommen, um die traurige Botschaft zu
-bringen, daß er kurz nacheinander Vater und Mutter hätte begraben
-müssen. Das Leben auf dem Freihof, mehr aber noch die Liebe zu seiner
-Base, bewogen ihn zum bleiben für immer. Ein Knabe und ein Mädchen
-entsprossen ihrer Ehe. Nun ist auch die Freihoferin alt geworden und
-hat ihrem Sohne Max die Sorge um den Hof überlassen.
-
-Mein Sohn hielt es in Rehefeld nicht lange aus. Als junger Bursche
-schnürte er das Ränzel und zog viele Jahre in der Welt umher. Endlich
-war er müde geworden. Er kehrte heim zu seiner Mutter und brachte
-sein Weib mit, ein junges Ding aus dem Norden Italiens, mit großen,
-schwarzen Augen und einem Mund voll blendendweißer Zähne. Sie hatte
-viel Gemüt, aber leidenschaftlich heftig konnte sie sein.
-
-Nun ruhen auch er und sein Weib schon längst unter dem Rasen. Aber
-zurückgelassen haben sie mir doch etwas Liebes. Gelt, Hermann,« sagte
-die Greisin, sich zu dem jungen Mann neben ihr wendend, der bei ihren
-Worten errötete, »Du bist die Freude meines Alters!
-
-Treu habe ich den Tiefenbachs während vieler Jahre gedient und gute
-und böse Zeiten mit ihnen durchlebt. Jetzt esse ich seit Jahren das
-Gnadenbrot, das mir die mildtätige Freihoferin gewährt. Meine Kräfte
-taugen nichts mehr, sie sind dahin. Ich kann den Tiefenbachs nicht mehr
-nützlich sein. Dafür ist Hermann aber an meine Stelle getreten. Er
-waltet auf dem Freihofe als rechte Hand des Herrn Max.«
-
-Die Greisin hatte ihre Erzählung beendet; nun schwieg sie erschöpft.
-
-Die beiden Liebenden saßen eng umschlungen neben einander. So
-ausführlich wie heute, hatte die Mutter lange nicht erzählt.
-
-In Gedanken versunken, schaute der Fremde hinüber zu dem Schlosse, in
-dessen Fenstern sich das letzte Abendrot spiegelte.
-
-»Was ist aus Udo von Tiefenbach und seiner schönen Frau geworden?«
-fragte er.
-
-»Das Verhältnis der beiden Ehegatten zu einander wurde von Jahr zu
-Jahr schlechter. Auch die Geburt eines Sohnes konnte keine Besserung
-herbeiführen. Die Baronin Sophie liebte rauschende Feste, deshalb
-erfüllte sie das stille Schloß mit Lärm. Später ging Herr Udo mit
-seiner Gemahlin während des größten Teils des Jahres auf Reisen.
-
-Eines Tages kehrte er allein zurück. Man sagte, die Baronin sei mit
-einem österreichischen Edelmann auf und davon gegangen. Verbittert und
-weltscheu ist er im hohen Alter gestorben.«
-
-»Und ist der Haß zwischen den beiden Familien nunmehr geschwunden?«
-
-Die Greisin seufzte tief auf. Dann sagte sie:
-
-»Der heutige Freiherr und seine Tochter Maria sind tief betrübt über
-die zerrissenen Bande der Tiefenbachs; in den Leuten auf dem Freihofe
-aber lodert noch der Haß, wie ehedem in Herrn Oskars Brust!«
-
-Schweigend sah der Fremde wieder nach dem Schloß hinüber, auf das
-nunmehr die Dämmerung leichte Schatten warf. Niemand sprach ein Wort.
-Die gelbe Katze in Mutter Lehnhardts Schoß schnurrte nur emsig.
-Plötzlich richtete sich das Tier auf, machte einen hohen Buckel und
-sprang auf die Erde. Die nassen Stellen auf den Steinen sorgfältig
-vermeidend, lief es nach der Tür und verschwand dann im Hause.
-
-Der bisher leichte Wind hatte sich verstärkt. Seine Kühle war während
-des Erzählens unbemerkt geblieben, jetzt aber begann den Fremden zu
-frösteln.
-
-Langsam stand er auf, und mit ihm erhob sich der kleine Kreis. Er zog
-seine Börse, ein Gespinst von feinen Silberfäden, und entnahm ihr ein
-Geldstück.
-
-»Mutter Lehnhardt,« sagte er, »ich bin Euch vielen Dank dafür schuldig,
-daß Ihr meinen Wissensdrang nach der Geschichte des Schlosses und der
-Familie Tiefenbach so erschöpfend befriedigt habt. Nehmt diese Gabe und
-herzlichen Dank obendrein.«
-
-Die Greisin wollte ihm wehren, aber er drückte ihr das Geld in die Hand.
-
-Betroffen sah es die Alte an:
-
-»Herr,« sagte sie, »Ihr habt Euch vergriffen, -- einen Silbertaler ...!«
-
-»Nehmt ihn nur,« entgegnete der Fremde, »und betrachtet ihn aufmerksam,
-denn er trägt das Bildnis unseres allergnädigsten Königs Friedrich
-August.«
-
-Die Greisin verneigte sich tief vor dem Fremden und würde ihm die Hand
-geküßt haben, wenn er sich nicht so schnell zur Tür gewandt hätte.
-
-»Lebt wohl, Mutter Lehnhardt,« sagte er, »wir sehen uns heute nicht zum
-letzten Mal.«
-
-»Ach,« fragte diese erstaunt, »dann führt den Herrn wohl der Weg hinauf
-auf das Schloß?«
-
-Der Fremde war mittlerweile, zum Abschied grüßend, auf die Straße
-getreten und hatte sich zum Weiterschreiten gewandt, als er die Frage
-der Greisin vernahm.
-
-Lächelnd wandte er sich noch einmal um und rief zurück:
-
-»Auf das Schloß nicht, -- auf den Freihof!«
-
-
-
-
-2. Kapitel.
-
-
-Max von Tiefenbach war von einem scharfen Ausritt heimgekehrt, den
-er in der Richtung auf Zehmen zur Besichtigung des Saatenstandes
-unternommen hatte.
-
-Nun stand er auf dem Hofe neben dem warm gewordenen Pferde und
-strich ihm über die Fesseln der Vorderfüße, nachdem er die braunen
-Wickelbänder von ihnen gelöst hatte.
-
-Das Tier schlug mit dem langen Schweife kräftig seine Weichen, um
-sich der Mücken zu erwehren, die es umschwärmten. Sein Herr verfolgte
-aufmerksam diese Anstrengungen und kam ihnen dadurch zu Hilfe, daß er
-selbst hier und da einen dieser Blutsauger abschlug.
-
-Drüben am Stalle stand ein Knecht, der einen Strohwisch drehte, um den
-Braunen damit abzureiben.
-
-Herr von Tiefenbach versetzte dem Pferde einen leichten Schlag auf den
-Schenkel, worauf das Tier hinüber nach dem Stall trabte. Hell klang der
-Hufschlag von dem Pflaster des weiten Hofes wider, dessen Einzelheiten
-in der hereinbrechenden Dunkelheit dem Auge bald verschwanden. Hierauf
-ging der Herr des Freihofs noch einmal durch die Rinderställe und trat
-dann wieder auf den Hof, um sich nach dem Familienhaus zu begeben, als
-er vom Tore her Schritte vernahm, die sich rasch näherten.
-
-Er wandte sich um. Wer konnte das sein? Von den Leuten war vielleicht
-noch ein Verspäteter mit einer letzten Verrichtung des Tages
-beschäftigt, die meisten von ihnen aber saßen schon geraume Zeit
-drinnen in der Stube beim Abendessen. Das Abendläuten hatte eben
-begonnen. Es war neun Uhr.
-
-Der Unbekannte hatte den Mann auf dem Hofe entdeckt und ging auf ihn
-zu. Als er näher an ihn herankam, verlangsamte er die Schritte, bis er
-dicht vor ihm stehen blieb.
-
-»Grüß Dich Gott, Max!« sagte er, indem er dem Angesprochenen die Hand
-darbot.
-
-Dieser trat erstaunt an den Sprecher heran. Die Stimme klang ihm
-bekannt, ohne daß er es vermocht hätte, ihren Besitzer zu erkennen.
-Obwohl die Körpergröße des Fremden noch über das Mittelmaß
-hinausragte, erschien er doch klein neben dem mächtigen Wuchs des Herrn
-von Tiefenbach, der sich deshalb auch herabbeugen mußte, um dem Fremden
-scharf ins Gesicht zu schauen.
-
-»Bernhard! Ist es möglich, Du hier!« rief er erfreut aus, den
-Angekommenen herzlich umarmend. »Willkommen, willkommen auf dem
-Freihofe! Jahrelang habe ich vergebens auf Deinen Besuch gewartet, und
-nun kommst Du so überraschend. Das hast Du recht gemacht, alter Junge!«
-
-»Du hättest eigentlich Ursache, mir zu zürnen, Max,« antwortete der
-Fremde, »nachdem ich Dir für vorigen Sommer meinen Besuch bestimmt
-versprochen hatte. Aber Du weißt, der Soldat ist eben selten in der
-Lage, über seine Zeit zu verfügen; er harrt immer der Oberen Befehle.«
-
-Herr von Tiefenbach hatte seinen Arm schon unter den des Freundes
-geschoben und führte diesen nach der offenen Tür des Hauses. Bevor sie
-eintraten, blieb Max plötzlich stehen und fragte:
-
-»Wirst Du uns aber auch nicht gleich wieder verlassen? Wie lange hast
-Du denn Urlaub?«
-
-»Beruhige Dich, mein Lieber,« antwortete der Angekommene. »Da ich nun
-einmal hier bin, wirst Du mich nicht so bald wieder los.«
-
-Sie waren bei diesen Worten in den dunkeln Hausflur getreten. Max ging
-schnell voraus und öffnete eine Tür, durch die heller Lampenschein
-herausdrang.
-
-»Mutter,« rief er, »einen Gast bringe ich Dir. -- Rate einmal wer es
-ist!«
-
-Der Blick des Fremden fiel in das Zimmer, ein geräumiges Gemach mit
-schweren, altväterischen Möbeln, das von einer Hängelampe erleuchtet
-wurde. In der Mitte des Raumes stand ein großer, runder Tisch, auf
-dessen weißem Tuche das Abendbrot aufgetragen war.
-
-In einem hochlehnigen, mit Leder bezogenem Stuhle saß eine Frau, die
-in einem Buche las, von der Form der auf dem Lande damals im Gebrauche
-befindlichen Andachtbücher. Bei den hastig ausgestoßenen Worten ihres
-Sohnes nahm Frau von Tiefenbach langsam die Brille mit den runden
-Gläsern von der Nase, klappte das Buch zu, erhob sich vom Stuhle
-und schaute auf die Eintretenden. Sie hatte, wie ihr Sohn, die hohe
-Gestalt der Tiefenbachs und schien sich den Siebzigern zu nähern.
-Die leichtgebeugte Haltung des mit tiefschwarzem, glattgestrichenem
-Haar bedeckten Kopfes deutete auf starkes Selbstbewußtsein. Aus
-dem hagern Gesicht ragte die starke Nase scharf hervor, und die
-leichtgeschlossenen Lippen umspielte ein Zug, der eisernen Willen
-gepaart mit Stolz verriet. Beherrscht wurde der Ausdruck dieses
-Gesichts aber durch die tief in ihre Höhlen zurückgesunkenen, grauen
-Augen, die sie auf jeden, mit dem sie sprach, fest zu richten pflegte.
-
-Der freudige Ton, der aus Maxens Worten geklungen hatte, war Frau von
-Tiefenbach nicht entgangen. Sie sah voll Erwartung auf den Fremden,
-dessen Fuß bei ihrem Anblick einen Augenblick gestockt hatte. Dann trat
-der Ankommende auf sie zu und ergriff mit einer tiefen Verbeugung die
-zum Gruße dargebotene Hand.
-
-»Bernhard von Friesen ist es, Mutter, mein alter Freund, von dem ich
-Dir so manches liebe Mal erzählt habe.«
-
-Die Freihoferin ließ einen langen Blick über den jungen Mann gleiten,
-der noch immer in achtungsvoller Haltung vor ihr stand.
-
-»Seien Sie willkommen, Herr von Friesen,« sagte sie. »Sie haben recht
-getan, Ihre Schritte nach Rehefeld zu lenken. Freilich werden Sie
-manches von dem entbehren müssen, was die königliche Residenzstadt
-Ihnen bietet. Aber was der Freihof besitzt, wird er Ihnen geben. Ich
-bin erfreut, meines Sohnes Freund kennen zu lernen!«
-
-Während dieser Begrüßung war es dem Angekommenen noch nicht gelungen,
-sich von dem Bann zu befreien, den die Erscheinung dieser Frau auf ihn
-ausübte. Jetzt aber hörte er aus dem ihm anfangs hart erschienenen
-Klange der Stimme Wärme und Herzlichkeit heraus und er bekam seine
-verlorene Sicherheit schnell wieder.
-
-Mit dem Anstand eines Jünglings von guter Erziehung, dankte er der
-Hausherrin für den herzlichen Willkomm und sprach die Bitte aus,
-ihm wegen seines Eintritts zu dieser ungewohnten Stunde und ohne
-vorausgegangene Anmeldung seines Erscheinens nicht zu zürnen.
-
-Dann setzten sie sich zum Abendessen an den mächtigen Tisch, das in
-angeregter Unterhaltung verlief.
-
-Die beiden jungen Männer tauschten Erinnerungen an die Jahre aus, die
-sie zusammen auf der Fürstenschule des nahegelegenen Grimma in treuer
-Freundschaft verlebt hatten. Seitdem hatten sie sich nicht wieder
-gesehen und nur wenige Briefe gewechselt.
-
-Friesen war nach dem Verlassen der Schule nach Dresden gegangen und
-Offizier geworden. Er hatte bei Jena mitgefochten und dann an allen
-kriegerischen Ereignissen teilgenommen, zu denen Napoleon den ihm
-ergebenen Sachsenkönig drängte.
-
-Er sprach von den Feldzügen, und Frau von Tiefenbach zeigte großes
-Interesse an seiner Erzählung. Sie fragte nach der Stimmung in der
-Hauptstadt und wollte wissen, welche Meinung die Offiziere von der
-politischen Lage hätten, und welcher Geist unter den Truppen herrsche.
-Denn die Unzufriedenheit mit Napoleons Regiment wuchs und breitete sich
-allmählich über das ganze Land aus.
-
-Zuletzt schilderte Friesen die Stimmung, die ihn heute überkommen, als
-er von der Anhöhe herab den segensreichen Frieden betrachtet hatte.
-
-Da unterbrach Max mit einem Male die Unterhaltung, indem er sich mit
-der Frage an seine Mutter wandte:
-
-»Ist Elisabeth denn noch nicht zurück?«
-
-Die Blicke der Freihoferin streiften die Uhr. Dann fuhr sie, ohne auf
-Maxens Frage geantwortet zu haben, in der Unterhaltung fort. Max schien
-dem Schweigen der Mutter eine Antwort entnommen zu haben, denn er
-wiederholte seine Frage nicht und beteiligte sich von neuem lebhaft am
-Gespräch.
-
-Da verkündete die Uhr mit langsamen Schlägen die zehnte Stunde. Die
-Freihoferin brach die Unterhaltung kurz ab und beauftragte Max, den
-Gast in sein Zimmer zu begleiten.
-
-Die Anstrengung, die Friesen während der beiden letzten Tage überwunden
-hatte, machten sich nunmehr geltend. Eine große Müdigkeit hatte sich
-bei ihm eingestellt, die er nur mit Mühe bekämpfte.
-
-Beim Scheine der Kerze führte Max den Freund nach dem für ihn im
-Oberstock hergerichteten Zimmer und ließ ihn alsbald nach Gutenachtgruß
-und dem Wunsche allein, daß der erste Schlaf unter dem Dache des
-Freihofes für ihn recht erquickend sein möge.
-
-Gähnend und mit schon halbgeschlossenen Augen sah sich Friesen in
-dem Raume um. Aber seine Betrachtungen währten nicht lange. Er
-entkleidete sich und streckte den müden Körper auf das breite,
-behagliche Bett. Ein wohliges Gefühl überkam ihn. Da trat noch einmal
-rasch die Geschichte des Weißen Schlosses an seine Seele heran. Bald
-aber drängte sich in die Wirklichkeit die Phantasie. Die Urahnen des
-Tiefenbachschen Geschlechts standen in Reih und Glied salutierend im
-Schloßhofe, während die Mutter Lehnhardt in Holzpantoffeln und mit
-einer kürbisähnlichen Kartoffel unter dem Arm auf einer ungeheuern
-Katze an den alten Haudegen freundlich grüßend vorbeiritt. Dann aber
-verblich auch dieses letzte freundliche Bild, und der traumlose Schlaf
-der Jugend senkte sich auf den Müden herab.
-
- * * * * *
-
-Als Friesen am andern Morgen erwachte, stand die Sonne schon hoch
-am Himmel. Schnell beendete er seine Morgentoilette und schaute zum
-Fenster hinaus. Das Zimmer lag an der Giebelseite des Wohnhauses. Edle
-Weinreben umrankten das Fenster, und ein paar mächtige Birnenbäume
-verwehrten den Sonnenstrahlen den ungehinderten Zutritt. In kurzer
-Entfernung vom Gute rieselte zwischen dunkelgrünen Wiesen der Göselbach
-vorüber, an dessen beiden Ufern dichte Weidengebüsche standen, die,
-vom Winde bewegt, sich tief über das Wasser neigten, als ob die langen
-Ruten darnach trachteten, ihre Spitzen zu benetzen. Darüber hinweg sah
-das Auge weit hinein in die tiefe Ebene.
-
-Friesen ging hinab und trat in das Wohnzimmer, wo er aber niemand
-vorfand. Eine Magd, die ihn bemerkt hatte, deckte alsbald den Tisch
-und trug das Frühstück auf. Dann verließ sie mit einer schüchternen
-Einladung zum zulangen wieder die Stube.
-
-Der würzig duftende Kaffee, die goldgelbe Butter und das frische Brot
-lockten unwiderstehlich, und Friesen hatte genug Appetit, um sich nicht
-vergeblich einladen zu lassen.
-
-Er wollte sich mit dem Essen beeilen, um dann nach Max zu sehen, der
-gewiß schon längst bei der Arbeit war und über den Langschläfer lächeln
-würde.
-
-Das Frühstück mundete vortrefflich, als Friesen mit einem Male ein
-leises Geräusch vernahm, und als er sich rasch umschaute, sah er auf
-der Schwelle der weitgeöffneten Tür ein weibliches Wesen stehen, das
-ihm wahrscheinlich schon eine Weile zugesehen hatte.
-
-Er fühlte sich überrascht und wußte nicht, welche Bezeichnung er
-der plötzlichen Erscheinung geben sollte. War es eine Jungfrau, die
-da vor ihm stand, oder ein hochaufgeschossenes Kind? Er konnte sich
-diese Frage nicht beantworten. So ließ er den Blick unverwandt auf dem
-etwas bleichen, allerliebsten Gesichtchen ruhen, das sich in tiefe
-Sorgenfalten gelegt hatte und sich sichtlich alle erdenkliche Mühe gab,
-seinen bekümmerten Ausdruck festzuhalten.
-
-»Also, so behandelt man Gäste,« scholl es von der Tür her, die im
-nächsten Augenblick zuflog. »Nein, nein, bitte setzen Sie sich wieder
-und lassen Sie sich’s weiter schmecken! Sie müssen schon entschuldigen,
-Herr von Friesen, die arge Vernachlässigung findet ihren Grund aber nur
-darin, daß man auf dem Freihof nicht gewöhnt ist, Gäste zu empfangen.
-Nun ich denke, wir werden an Ihnen darin lernen, um wenigstens
-allmählich so weit zu kommen, daß wir in Zukunft unsere Gäste nicht
-mehr allein sitzen lassen.«
-
-Das Mädchen war, indem es diese Worte hervorgesprudelt hatte, langsam
-näher getreten, während Friesen auf wiederholtes Drängen hin das
-unterbrochene Frühstück fortsetzte.
-
-Nun stand sie ihm gegenüber am Tische. Die beiden Hände aufgestützt
-und den Oberkörper leicht vornübergeneigt, schaute sie ihm mit
-unverhohlener Neugierde in das Gesicht.
-
-Friesen gestand sich, daß ihm gestern Abend, Maxens Mutter gegenüber,
-seine kühle Besonnenheit eine kleine Weile im Stich gelassen hatte;
-unter den Augen dieses Kindes aber, schien sich seine Verlegenheit
-wiederholen zu wollen. Die Ähnlichkeit, besonders aber die blauen Augen
-des Mädchens, konnten ihm keinen Zweifel lassen, daß sie die Schwester
-des Freundes war, von der ja auch Mutter Lehnhardt gesprochen hatte. So
-viel frischer Natürlichkeit und holdem Liebreiz gegenüber, konnte er
-sich nur langsam aus seiner Überraschung erholen, zumal ihn das Mädchen
-noch immer unverwandt musterte. Ihre Augen leuchteten wie die eines
-Kindes, dem eine große Freude geworden ist, aber in den Winkeln des in
-komischer Entrüstung zusammengekniffenen Mundes lauerte der Schalk.
-Jetzt endlich verschwand der gutgespielte Ernst von dem Gesichtchen,
-und das Mädchen brach in ein fröhliches Lachen aus.
-
-Friesen begrüßte diesen Heiterkeitsausbruch als willkommene
-Erleichterung, doch kam ihm der plötzliche Umschlag der Situation
-immerhin ein wenig unvermittelt, und seine Ratlosigkeit wurde
-infolgedessen nicht geringer. Dieses Gefühl mußte sich wahrscheinlich
-auf seinem Gesicht widerspiegeln, denn die Heiterkeit wurde lauter und
-zuletzt so befreiend, daß Friesens Verlegenheit mit einem Schlage wich,
-und er von der Fröhlichkeit angesteckt und mit fortgerissen wurde. Und
-damit war er wieder Herr seiner selbst.
-
-Endlich verklang das fröhliche Lachen, und das Mädchen zog sich einen
-Stuhl heran, um ebenfalls zu frühstücken. Aber obgleich die kleinen,
-weißen Zähne tapfer in die Semmeln bissen, konnte sie nicht schweigen.
-Hundert Fragen zugleich schwebten ihr auf der Zunge, die sämtlich
-verrieten, daß das Kind von alledem, was sich jenseits eines Umkreises
-von drei Meilen von Rehefeld auf der Erde abspielte, herzlich wenig
-kannte. Ihr Wissensdurst war unbegrenzt und die Einfalt ihrer Fragen
-so erfrischend, daß Friesen immer wieder in dieses Kindergesicht
-blicken mußte, um sich von neuem Gewißheit zu verschaffen, daß mit ihm
-nicht ein loses Spiel getrieben wurde. Die Augen voll Erwartung auf
-ihn gerichtet, lauschte das Mädchen seinen Antworten, sie zuweilen
-mit verständnisvollem Nicken oder mit unwilligem Schütteln des Kopfes
-begleitend, das so arg werden konnte, daß der blonde Zopf, der bis zum
-Schürzenband hinabreichte, hin- und herflog.
-
-Friesen mußte unwillkürlich dieses kleine Dorffräulein in seiner
-rührenden Unschuld mit denen ihres Geschlechtes vergleichen, die
-in kunstvoller Perrücke und mit gemalten Gesichtern alle pikanten
-und skandalösen Ereignisse der Residenz vor dem allzu schnellen
-Hinabtauchen in die Vergessenheit glücklich bewahrten und nicht müde
-wurden, solche Vorgänge mit liebevoller Mühe und Beharrlichkeit in die
-kleinsten Einzelheiten zu zerlegen. Unter diesen wäre kein Boden für
-solch ein Pflänzlein, dachte er, es würde bald traurig das Köpfchen
-hängen, und der Seelenfrieden eines so lieblichen Menschenkindes würde
-in kurzer Zeit gestört sein.
-
-Aber Friesen fand nicht viel Zeit zu längeren Betrachtungen, denn die
-Kleine war unermüdlich im Fragen.
-
-Plötzlich brach sie ab, es schien ihr etwas einzufallen. Dann sagte sie
-sehr ernst:
-
-»Aber, Herr von Friesen, wissen Sie denn eigentlich wer ich bin?«
-
-Diese Frage kam wieder so unerwartet und berührte Friesen so komisch,
-daß er nur mit Mühe ein Lächeln zurückhalten konnte. Er zwang sich
-dazu, ebenfalls ernst zu sein und sagte, mit schelmischem Anklang in
-der Stimme, vorwurfsvoll:
-
-»Nein, wie kann ich denn wissen wer Sie sind, wenn Sie mir es nicht
-sagen!«
-
-Das niedliche Geschöpfchen sah seinem Gegenüber noch eine kleine Weile
-in die Augen, dann erfolgte ein neuer Heiterkeitsausbruch der alle
-vorangegangenen übertraf, und in den Friesen wieder mit einstimmte.
-
-Das Mädchen lachte so herzlich, daß ihm Tränen in die Augen traten.
-
-»Nein,« rief sie jubelnd, »so ein Stadtherr. Ist mit mir eine halbe
-Stunde zusammen, spricht fortwährend zu mir und weiß nicht einmal wie
-ich heiße!«
-
-Da überflog ihr Gesichtchen mit einem Male wieder der altkluge, ernste
-Zug, als sie vorwurfsvoll fragte:
-
-»Ja, Herr von Friesen, warum fragen Sie mich denn eigentlich garnicht
-wie ich heiße?«
-
-Jetzt kam ihr Friesen mit der Heiterkeit aber zuvor. Aber diesmal
-lachte nur er. Seine Nachbarin schien nicht zu verstehen, was seine
-Fröhlichkeit herausforderte.
-
-Sie wurde noch um einen Grad ernster und sagte:
-
-»Ich bin nämlich die Elisabeth.«
-
-Und als Friesen mit ihrem zunehmenden Ernst noch ausgelassener wurde,
-wiederholte sie beinahe feierlich:
-
-»Ja gewiß, Herr von Friesen, ich bin Elisabeth von Tiefenbach!«
-
-Der aber, dem diese Beteuerung galt, verlor auch noch den letzten
-Rest von Beherrschung. Er lachte, daß ihm die Tränen über die Wangen
-liefen und machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung, als ob er es
-verhindern wolle, daß das Mädchen weiter spreche. Schließlich stimmte
-auch Elisabeth wieder in die Fröhlichkeit ein, als sich plötzlich die
-Tür öffnete und Max ins Zimmer trat.
-
-Als er die ausgelassene Heiterkeit der beiden sah, blieb er einen
-Augenblick verdutzt stehen.
-
-»Hallo!« rief er »Ihr habt ja recht schnell Freundschaft geschlossen.
-Das gefällt mir!«
-
-Dann schritt er zu dem Freunde.
-
-»Guten Morgen Bernhard. Nun, wie war die erste Nacht auf dem Freihof?«
-
-Aber noch bevor der Angesprochene antworten konnte, rief Elisabeth dem
-Bruder zu:
-
-»Wenn Du es durchaus willst, daß Herr von Friesen seinen Kaffee früh
-allein trinken soll, so gewöhne ihn doch wenigstens nur nach und nach
-daran. Das muß ich gestehen, Max, Du verwöhnst Deinen Freund gleich vom
-ersten Tage ab nicht.«
-
-Max trat zu seiner Schwester, hob sie samt ihrem Stuhle zu sich empor
-und drückte ihr trotz Sträubens einen Kuß auf den Mund. Dann setzte er
-behutsam das Mädchen wieder nieder.
-
-Friesen war Maxens Bewegungen mit den Augen gefolgt und er hatte
-die Gruppe sehr hübsch gefunden: der blonde Riese, dessen Arme dazu
-geschaffen schienen, einen rasenden Stier vor sich niederzuzwingen,
-im Kampf mit dem zierlichen, sich heftig wehrenden Mädchen, dessen
-Gesichtsausdruck trotz ihres Sträubens nur allzudeutlich verriet, wie
-gerne sie die Zärtlichkeit des Bruders ertrug.
-
-»So, Du hast deinen Lohn für die Schelte am frühen Morgen,« sagte Max.
-»Wenn Du aufmerksam gewesen wärst, hätte Bernhard gleich Gesellschaft
-gehabt.«
-
-Die letzten Worte mußte er ihr nachrufen, da das Mädchen schmollend aus
-dem Zimmer schlüpfte.
-
-Max wandte sich an Friesen und fuhr fort:
-
-»Ich hätte schon lange wieder zurück sein können, wenn der Braune nicht
-etwas lahmte. Deshalb mußte ich langsam reiten.«
-
-Dann lud Max den Freund zu einem Spaziergang ein, um ihn mit der
-Umgebung vertraut zu machen. Sie betraten den Hof, um zuerst das Gut in
-allen Einzelheiten kennen zu lernen. Hier fand Friesen die Freihoferin
-vor, die den Hühnern Futter gestreut hatte.
-
-Nach etwa einer Stunde schlenderten die Freunde dem Ufer des Baches
-entlang, bis sie sich endlich unter einem großen Apfelbaum in das
-weiche Gras streckten.
-
-»Du hast mir früher so manches von Deiner Familie erzählt,« begann
-Friesen, »das bei mir unvergessen geblieben ist. Aber ich muß Dir
-beichten,« fügte er lächelnd hinzu, »daß ich seit gestern viel mehr von
-den Tiefenbachs weiß als bisher.«
-
-Und mit kurzen Worten erzählte er seine Begegnung mit Mutter Lehnhardt.
-
-»Da bist Du ja gleich vor die richtige Schmiede gegangen,« scherzte
-Max, »sie ist allerdings der beste Kenner unserer Familiengeschichte.
-
-Bernhard,« fuhr er nachdenklich fort, »laß mich der Erzählung der Alten
-noch ein paar Worte hinzufügen, Du dürftest ohne sie sonst manches
-unverständlich finden.
-
-Meine Mutter ist eine jener äußerlich rauhen Frauennaturen, denen
-man im Leben nicht allzuoft begegnet. Die Jahre sind ohne große
-Ereignisse an ihr vorüber gegangen. Mit nimmermüden Händen hat sie
-geschafft, um unsern Besitzstand zu mehren, aber als die höchste
-ihrer Pflichten hat ihr die Erziehung ihrer Kinder gegolten. Sie
-besitzt einen ungemein scharfen Verstand und viel praktischen Sinn.
-Sentimentale Lebensanschauung ist ihr fremd. Sie liebt das Edle aus
-voller Seele und verabscheut alles Niedrige. Die Mittel, der Freude und
-dem Schmerz auch äußerlich Ausdruck zu geben, die die gütige Natur dem
-Menschen verliehen hat, sind ihr versagt geblieben. Nur selten tritt
-ein flüchtiges Lächeln auf ihre Lippen, um alsbald wieder dem ernsten
-Ausdruck Raum zu geben, der immer auf ihrem Gesichte lagert. Tränen
-sind ihr versagt. Möge sie diesen Verlust niemals bitter empfinden.«
-
-Friesen war des Freundes Worten aufmerksam gefolgt. Nun fand er auch
-die Erklärung für Maxens ernsten Charakter, denn der mütterliche
-Einfluß war unverkennbar.
-
-»Und doch,« fuhr Max fort, »besitzt meine Mutter mehr Gemüt als der
-Fremde bei ihr vermutet. In ihrem tiefsten Herzen liegen Saiten, die
-zuweilen mit Macht tönen und dann so gebieterisch die Mitteilung ihres
-Klanges an die Außenwelt fordern, daß solche Augenblicke für sie
-qualvoll sein müssen. Ihren gefaßten Grundsätzen bleibt sie treu, und
-was meine Mutter einmal beschlossen hat, führt sie mit einem Willen
-durch, der vielleicht an Starrsinn grenzt.
-
-Ihr Liebling ist meine Schwester. Du wirst bei Eurer heutigen Begegnung
-sofort empfunden haben, was für ein Kind dieses achtzehnjährige
-Mädchen noch ist. Das Schicksal hat mit ihr wunderlich geschaltet.
-Die Tiefenbachs sind immer Naturen gewesen, denen eine heitere
-Lebensauffassung fern lag. Elisabeth aber sieht alles in rosigem Licht.
-Sie weiß von der Welt so wenig, daß sie auch ihre Gefahren nicht kennt.
-Eine glückliche Veranlagung läßt sie von jeder Sache nur die lichte
-Seite betrachten. Sie ist eben ein Kind und der Sonnenschein unseres
-Hauses.
-
-Das Schloß und seine Bewohner übten auf Elisabeth schon in frühester
-Jugend eine unerklärliche Anziehung aus. Sie wendete alles auf, der
-Überwachung zu entwischen, um hinauf zu eilen und mit ihrer, nur um
-wenige Jahre älteren Cousine zusammen zu sein. Bitten, Ermahnungen und
-Strafen waren umsonst. Das Kind konnte sich, so sehr es zuweilen auch
-kämpfte, gegen den unwiderstehlichen Drang nicht auflehnen. Die Mutter
-ließ nichts unversucht, um dieser Neigung des Kindes zu begegnen.
-Zuletzt war ihre mütterliche Geduld aber erschöpft, und eines Tages war
-sie so zornig, daß sie die zehnjährige Elisabeth hart schlug.
-
-Es war ergreifend, die Wirkung dieser Strafe an dem Kinde zu
-beobachten. Während es bisher schon bei einem zurechtweisenden Blicke
-der Mutter Tränen hatte, ließ sie die Züchtigung lautlos über sich
-ergehen. Und, welch Wunder, -- sie lief nicht mehr hinauf, sprach
-auch nicht einmal den Wunsch darnach aus. Aber welche Veränderung
-war mit ihr vorgegangen! Ihr munteres Plaudern, ihr heiteres Lachen
-waren verstummt. Ohne daß man eine Absicht merkte, unterblieben die
-stürmischen Beweise der Zärtlichkeit, die Elisabeth sonst immer für
-die Mutter gehabt hatte, und die diese jetzt schmerzlich vermißte.
-Stundenlang konnte das Kind ohne zu ermüden im Grase sitzen und mit
-seinen großen, matten Augen hinaufschauen zu dem alten Gemäuer. Ihr
-ohnehin sehr schwächlicher Körper zehrte immer mehr ab, und ihr
-bleiches Gesicht ward immer schmaler.
-
-Meine Mutter litt fürchterlich. Stumm betrachtete sie Elisabeth, und
-ich konnte in ihren Augen die tiefe Rührung lesen, die sie beherrschte.
-
-So ging es wohl zwei Monate lang. Elisabeth wurde von Tag zu Tag
-bleicher, und ihre Augen wurden glanzvoller. Ihre Bewegungen waren
-müde, ihre Sprache leise. Dabei war sie aber stets freundlich zur
-Mutter, die alles daran setzte, das Kind aufzuheitern, und die durch
-ein schwaches Lächeln auf seinem Gesicht hochbeglückt war. Aber man
-sah, wie der Gram das Kind zu verzehren drohte. Meine Mutter kämpfte
-im Innern einen gewaltigen Kampf. Und sie unterlag ...
-
-Eines Tages saß Elisabeth, wie so oft, im Obstgarten hinter dem Hause.
-Es war ein prächtiger Frühlingstag. Aber das Kind hatte keinen Blick
-für den goldenen Sonnenschein und die schneeweißen Blüten auf den
-Bäumen. Es starrte traumverloren dorthin, wohin es sein unschuldiges
-Herz zog.
-
-Die Mutter war leise zum offenen Fenster getreten und sah hinter der
-Gardine verstohlen hinaus. Mit unendlicher Wehmut hafteten ihre Blicke
-auf Elisabeth. Sie schien darüber nachzudenken, wie jetzt alles in der
-Natur seine Wiederauferstehung feiere und sich zu frischem, blühendem
-Leben entwickele, während ihr heißgeliebtes Kind mit sicheren Schritten
-dem Grabe zueilte. Da wandte sie sich plötzlich mit einem Ruck nach der
-Tür, -- fast schien ihr Fuß sie nicht dahin tragen zu wollen, -- und
-stockend überschritt sie die Schwelle. Dann stand sie bei dem Kinde,
-das, aus seinen süßen Träumen aufgeschreckt, die Mutter verwundert
-ansah. Sie ergriff Elisabeths Hand, führte sie schweigend durch
-den Garten, öffnete das Türchen, das den Austritt nach den Feldern
-gestattet und stellte das erstaunte Mädchen auf die schmale Brücke, die
-über den Bach führt und auf den Weg ausmündet, der nach dem Schlosse
-läuft.
-
-Wie ein Blitz kam dem Kinde die Erklärung für das Gebaren der Mutter.
-Und während diese sich wieder umwandte, eilte Elisabeth, so schnell die
-Füße sie tragen wollten, den Weg hinauf, als wenn sie fürchtete, wieder
-zurückgerufen zu werden.
-
-Mit schleppenden Schritten betrat die Mutter wieder das Zimmer und sank
-in den Stuhl.
-
-Am Abend jenes Tages, Bernhard, sah ich meine Mutter zum ersten Male
-in tiefer Bewegung erzittern, als sich die dünnen Arme des jubelnden
-Kindes ihr liebkosend um den Hals legten ...
-
-Und so ist Elisabeths Verhältnis zu den Leuten da droben bis auf den
-heutigen Tag geblieben. Sie würde das Verbot nicht verstehen, sondern
-es als eine grausame Härte empfinden.
-
-Du weißt, Bernhard, daß sich die Großväter der beiden Familien
-Tiefenbach entzweit haben, nachdem der ältere Bruder die Braut des
-Jüngeren beschimpft hatte. Aus diesem Grunde haben auch die Tiefenbachs
-auf dem Freihofe mit denen auf dem Schlosse, außer ihrem Namen, nichts
-mit einander gemein. Die tiefe Kluft kann niemals überbrückt werden!
-Neben der Liebe zu ihren Kindern, ist die stärkste Empfindung, von der
-meine Mutter beherrscht wird, glühender Haß gegen die droben. Der Vater
-hat ihn dem Kinde mit dem Blute vererbt, und seine letzten Worte auf
-dem Sterbebette waren eine Aufforderung, auch auf ihre Kinder in diesem
-Geiste einzuwirken.
-
-Meiner Mutter zittern die Worte der Beschimpfung noch heute in der
-Seele nach, und ihr Einfluß auf meine Anschauungen hat das seinige
-getan. Die jetzt auf dem Schlosse Wohnenden sind freilich unschuldig
-an der Sünde ihres Vorfahren, dennoch kann ich meine Abneigung gegen
-sie nicht unterdrücken. Sie sind die Nachkommen des Mannes, der meine
-Großeltern tödlich beleidigte, und dessen Worte einen bleibenden
-Schatten auf ihren Lebensweg geworfen haben.
-
-Mag Elisabeth immerhin zu ihnen freundlich sein, Kinder sind nicht dazu
-berufen, die Sorgen der Erwachsenen zu teilen. Sie selbst empfindet
-schon längst, daß die Wiederaussöhnung der beiden Familien unmöglich
-ist, aber ihr ausgeprägtes Zartgefühl läßt sie über ihre Besuche auf
-dem Schlosse schweigen.«
-
-Eine Pause entstand. Dann sagte Max:
-
-»Bernhard, nun erzähle _Du_ mir etwas, ich bin begierig, mehr davon zu
-hören, wie es Dir in den letztverflossenen Jahren gegangen ist.«
-
-»Mein Leben ist,« begann Friesen, »seitdem wir auseinandergegangen
-sind, recht wechselvoll gewesen.
-
-Nach Jena folgte Friedland, wo ein russischer Kamerad so
-unliebenswürdig war, mir seinen Degen in den Leib zu rennen, was
-dem Feldscher Anlaß gab, mein alsbaldiges, sicheres Abtreten von
-dem irdischen Kriegsschauplatz vorauszusagen. Wie sehr er sich zu
-meinem Heile aber geirrt hat, siehst Du, lieber Freund, denn so, wie
-ich in diesem Augenblick neben dir liege, bin ich doch ein nicht zu
-bestreitender Beweis für die Unrichtigkeit seiner voreiligen Ansicht.
-Ich war entschieden noch nicht reif genug für den Eintritt in eine
-bessere Welt und mußte hier noch einmal anfangen. Freilich verurteilte
-mich die Blessur zu einer unfreiwilligen Ruhezeit von mehreren Monaten.
-
-Dann kam eine Periode, die uns allen unendlich öde erschien, da sie
-nur durch den Garnisondienst ausgefüllt wurde. Selbst der Geduldigste
-von uns fand diese Zeit erdrückend langweilig und sehnte Veränderung
-herbei. Da schaffte Napoleon Rat.
-
-Der politische Horizont umdüsterte sich wieder, und alles deutete
-auf einen neuen, herzerfrischenden Krieg. Diesmal sollten wir unter
-Bernadotte gegen die Österreicher kämpfen. Bei Linz schwankte das
-Zünglein der Wage lange, bis sich das Glück endlich für uns entschied.
-Viel heißer aber sollte Wagram werden. Das Bataillon Metzsch, bei
-dem ich damals stand, kämpfte im ersten Treffen. Wie verzweifelt
-schlugen wir uns den ganzen Tag herum, um am Abend doch zurückgehen
-zu müssen. Am nächsten Vormittag standen wir ruhig hinter unserer
-Artillerie. Wahrscheinlich um unser Interesse an der Schlacht rege zu
-halten, schlugen die österreichischen Geschosse unaufhörlich in die
-dichten Reihen. Es fehlte nicht mehr viel, und der brave Erzherzog
-drüben hätte können Viktoria blasen lassen; man sah auf unserm Flügel
-nur noch zurückflutende Truppen. Da erschien der Kaiser bei uns, und
-bald darauf entschied sich das Schicksal des Tages: der Österreicher
-wurde zurückgeworfen. Dann kam eine Anzahl kleiner Scharmützel, die
-sich immer niedlicher gestalteten, so daß die letzten von ihnen gegen
-die vorangegangenen großen Tage sich nur noch wie Friedensübungen
-ausnahmen.«
-
-Max hatte, während der Freund sprach, zuweilen ein Lächeln nicht
-unterdrücken können. Er war noch immer der alte: keck bis zur Kühnheit,
-lustig bis zum Leichtsinn, aber gutmütig und ritterlich dabei. Daß
-Bernhard den Krieg liebte, fand Max ganz natürlich, denn alle die unter
-dem Kaiser kämpften waren ja so.
-
-»Nun, und jetzt ist Dir der Gamaschendienst so langweilig geworden, daß
-Du ihm selbst das Landleben vorziehst?« scherzte Max.
-
-Friesens Gesicht überzog ein lebhaftes Rot. Einen Augenblick schien er
-verlegen, dann sagte er:
-
-»Du irrst, Max, Scherz beiseite. Wie ich vorhin erzählte, sprach ich
-das aus, was mich noch bis vor zwei Jahren bewegte. Früher konnte ich
-nicht genug des Lebens im Feldlager kosten. Allmählich hat sich in
-mir, wie in manchem meiner Kameraden, aber ein Umschwung vollzogen.
-So wie bisher, kann es mit den endlosen Kriegen nicht fortgehen. Ich
-tue meine Pflicht als treuer Soldat meines Königs, dies verhindert
-mich aber nicht, das Gebaren derer zu verurteilen, die nicht aufhören,
-unsagbares Weh über unser Land heraufzubeschwören. Und ich denke, daß
-ein gedeihlicher Frieden auf Jahrzehnte hinaus nunmehr der Wunsch jedes
-ehrlichen Mannes sein muß.«
-
-»Du sprichst mir aus der Seele, Bernhard,« rief Max lebhaft und reichte
-ihm die Hand hin, in die Friesen ohne Besinnen kräftig einschlug. »Das
-sind auch meine Gedanken. Jetzt sollten sie endlich einmal Ruhe halten,
-und jeder sollte sich mit dem bescheiden, was er besitzt. Freilich
-taugt die ganze Franzosenwirtschaft nichts, aber so schnell, wie sie
-über uns gekommen ist, werden wir sie nicht wieder los. Und zuletzt hat
-jedes Ding sein Aber. Wir Sachsen haben dem Kaiser für so manches zu
-danken.
-
-Aber, Bernhard,« fuhr Max nach einer kleinen Weile fort, »wenn es der
-gleichförmige Dienst nicht war, der Dich aus der Hauptstadt forttrieb,
-dann kann es ja nichts Anderes gewesen sein, als der Wunsch, Dein altes
-Versprechen nun endlich einzulösen. Ist es so?«
-
-Wieder bedeckte wie vorhin eine tiefe Röte Friesens Gesicht.
-
-»Max,« begann er langsam, »ich muß Dir leider gestehen, daß mich
-die Gefühle, die Du voraussetzest, allerdings nicht bewogen haben,
-die Residenz zu verlassen, da ich meinen Besuch eigentlich bis zum
-kommenden Jahr aufgeschoben hatte. Aber laß Dir alles erzählen.
-
-Das Kriegsleben hatte uns, trotz seiner Entbehrungen und Strapazen,
-und obgleich man nie wußte, ob der nächste Tag einen noch gesund
-sah, wegen seiner vielen Abwechslungen, die es mit sich brachte,
-gefallen. Wir waren gewöhnt, Zerstreuungen zu finden. Als aber die
-Waffen ruhten, und das Einerlei des Garnisondienstes begann, blieben
-die Zerstreuungen aus. Deshalb waren wir im vergangenen Winter darauf
-bedacht, uns allerhand Kurzweil zu verschaffen. Die Kriegszeiten haben
-die Unternehmungslust der Dresdener Bürger aber erklärlicherweise stark
-herabgedrückt, so daß der Mangel an Einladungen zu den üblichen Bällen
-und sonstigen Unterhaltungen besonders uns jüngeren Offizieren sehr
-empfindlich wurde. Was half es, daß wir versuchten jeder in seinem
-Bekanntenkreise, Stimmung zu machen. Hier und da machte man wohl
-Anstrengungen, um wieder in das Fahrwasser der alten Geselligkeit zu
-gleiten; aber die Versuche fielen schwach aus. Ein rechter Frohsinn
-wollte nicht aufkommen.
-
-Da kam einem von uns eine Idee. Der liebe Sichart, der trotz seiner
-dreiundzwanzig Jahre, und zwar mit einer reizenden, jungen Frau, schon
-verheiratet war, schlug die Gründung eines Klubs vor, dessen Mitglieder
-selbst kleine Festlichkeiten veranstalten sollten. Eine ganze Anzahl
-von uns, meistens Leutnants, traten dem Finkenkasten, wie wir unsern
-Bund tauften, bei. Hauptmann von Einsiedel war der Vorstand. Wir
-Bündler hatten nun nichts Ernsteres zu tun, als zu werben, besonders
-unter verheirateten Kameraden. Mit erstaunlicher Schnelligkeit nahm
-die Mitgliederzahl des Finkenkastens zu; auch einige Bürgerfamilien
-traten bei. Jeder war willkommen. Der Grad der Freude unter den
-Bündlern beim Eintritt eines Mitgliedes richtete sich nach der Anzahl
-der Angehörigen, die der Hinzutretende anmeldete. Geheimrat Vogel
-brachte es auf fünf. Darüber besondere Freude! Und als Oberstleutnant
-von Carlowitz sich mit vier Töchtern und drei weiteren, verwandten
-Damen anmeldete, war der Jubel groß. Nach ihrem Alter fragten wir
-nicht. Der Finkenkasten aber zählte nunmehr sechsunddreißig Herren und
-nahezu noch einmal so viel Damen.
-
-Als wir bei der Gründung des Klubs unsere Meinungen zum besten gaben,
-wieviel Mitglieder er wohl nach einem Monat zählen würde, riet der
-immer zur Tollkühnheit geneigte Sichart auf sechzig. Wir hätten uns
-auch schon mit vierzig zufrieden erklärt, deshalb lachten wir ihn aus
-und meinten, er könne nie genug bekommen. Als nun aber fast das Hundert
-voll geworden war, lachten wir wieder über ihn, weil er so schlecht
-geraten hatte.
-
-Von meiner Tätigkeit schien man sich viel zu versprechen, deshalb wurde
-ich in das Vergnügungskomitee gewählt. Diese Wahl ehrte mich in hohem
-Maße, und ich gab mir das ernstliche Versprechen, mich dem Vertrauen
-der Bündler würdig zu zeigen.
-
-Wir mieteten auf der Meißnerstraße einen gemütlichen Saal und trafen
-Vorbereitungen für das erste Fest, das den Reigen beginnen und deshalb
-besonders glanzvoll veranstaltet werden sollte. Eine Bühne wurde
-errichtet, ein Stück gewählt, die Rollen verteilt und geprobt. Als es
-sich darum handelte, einen von uns als Regisseur zu dingen, kam man
-allgemein auf mich. Außerdem lag mir noch die Darstellung des Helden
-der sehr rührseligen Komödie ob.
-
-Ich hatte herzlich viel Not, den einzelnen Darstellern ihre Rollen
-einzupauken. Mit der ersten Probe war ich nicht sonderlich zufrieden
-und glaubte, meinem überquellenden Herzen damit Luft machen zu müssen,
-daß ich den Eifer der Mitwirkenden rühmte, den sie auf das Studium
-der Rollen verwendet hätten. Die Wahrheit war freilich gerade das
-Gegenteil, denn sie hatten ihre Rollen fast ohne Ausnahme abgelesen.
-Aber niemand schien den Hohn zu fühlen. Sie waren stolz auf ihre
-Leistungen, und jeder drückte mir zum Abschied wohlwollend die Hand.
-
-Nach mancher mühevollen Probe, nach der fast jeder heiser und ich
-obendrein völlig durchnäßt war, schien das Zusammenspiel endlich
-erträglich zu sein. Ich hatte mich vieler Mühe unterzogen, war einige
-Male ins Theater gegangen, lediglich um die Haltung und die Bewegungen
-der Schauspieler zu studieren und empfand plötzlich ein Interesse an
-mancherlei Dingen, an die ich bisher noch nie gedacht hatte, die aber
-für einen rechtschaffenen Regisseur zu wissen unentbehrlich sind. Nun
-wurde es aber hohe Zeit, daß das Fest stattfand, denn mich überfiel
-eine noch nie gekannte Unruhe. Die Glieder zitterten mir wie einem
-Hundertjährigen, und die sämtlichen sechszehn Rollen des Stückes zogen
-allnächtlich an meinem Geist vorüber. Mich überkam, offen gesagt, ein
-gelindes Grausen vor meiner Würde.
-
-Die letzte Probe war endlich gekommen. Alles ging wie am Schnürchen.
-Ich teilte noch einige kritische Ratschläge aus, wie den, die
-Stimme nicht allzu heftig zu erheben, da mancher der Kameraden im
-Feuereifer seine Rolle vergaß und glaubte, daß er noch auf dem
-Schlachtfeld stände. Zu diesen gehörte besonders der junge Sichart,
-der im gewöhnlichen Leben im Regiment mein elfter Hintermann, auf der
-Bühne aber mein Großvater war. Dann prägte ich allen nochmals ein,
-die mannigfachen Liebesscenen recht natürlich darzustellen, da dies
-ihre Wirksamkeit besonders erhöhen würde. Und um es nicht bloß bei
-Ratschlägen zu belassen und den für solche Leistungen weniger gut
-Begabten ein Beispiel zu geben, postierte ich sämtliche Darsteller vor
-die Bühne und spielte ihnen die Stelle meiner Rolle vor, in der ich
-der Geliebten meine Erklärung abgeben und, da sie mich nicht erhören
-durfte, rasen mußte. Alle ohne Ausnahme waren von meinen Leistungen
-entzückt, und Sichart meinte, das Toben brächte ich besonders
-wirkungsvoll zur Darstellung. Es sähe aus, als ob es nicht mehr Spiel
-wäre. Und da ich mich andernfalls über dieses bedenkliche Lob hätte
-ärgern müssen, freute ich mich darüber.
-
-Meine Partnerin war ein allerliebstes Kind von kaum zwanzig Jahren
-und die Schwester der Frau von Sichart. Mir erschien es immer, als ob
-sie ihre Rolle mit hinreißender Natürlichkeit spiele. Wenn ich meine
-Liebesschwüre sprach, machte sie ein beinah feierliches Gesicht, und es
-mochte ihr aufrichtig leid tun, daß sie mir kein Gehör schenken durfte.
-
-Der Abend kam. Das Stück wurde flott gespielt und -- gefiel. Alle
-Zuschauer waren entzückt; meine Partnerin und ich sowie Sichart, mein
-Großvater, waren die Löwen des Tages. Mit dem letzten Fallen des
-Vorhangs rutschte eine Riesenlast von meiner Brust. Länger hätte ich
-aber die Aufregung auch nicht mehr ausgehalten. Ich zitterte wie
-Espenlaub, denn ein Gefühl unsagbarer Angst hatte hinter mir gestanden,
-das ich selbst auf den Schlachtfeldern von Friedland und Wagram nicht
-gekannt hatte.
-
-Aber nun war alles vorbei, und es war über alle Erwartungen gut
-ausgefallen. Von allen Seiten umdrängte man mich, um mich zu
-beglückwünschen, und mit gehobener Stimmung nahm ich die Gratulationen
-entgegen. Schließlich wurde mir es zu viel. Ich suchte Sichart und zog
-ihn in einem anstoßenden Zimmer an einen Tisch nieder, um mit einem
-labenden Trunk das eigene Ich zu belohnen. Wie lange wir dort saßen,
-weiß ich nicht mehr. Ab und zu kamen welche, tranken mit uns und gingen
-wieder. Wir blieben sitzen. Vom Tanzen konnte bald füglich keine Rede
-mehr sein. Sicharts Frau und ihre reizende Schwester, meine holde Braut
-in der Komödie, saßen eine Zeitlang bei uns, und das Plaudern mit ihnen
-bot viel Stoff zu herzlichem Lachen. Dann waren sie mit einem Male
-verschwunden. Ich vermißte sie eigentlich nicht, und von unserer ganzen
-Unterhaltung wußte ich am andern Morgen kein Sterbenswörtchen mehr.
-
-Während mehrerer Stunden hatten unaufhörlich die Pfropfen geknallt,
-als ich endlich aufstand und mit Sichart durch die Zimmer wandelte.
-Dann war ich plötzlich von ihm getrennt und lief, ohne noch zu wissen
-wohin, hierhin und dahin. Später entsann ich mich dunkel, mit vielen
-der Festgäste ein paar Worte gewechselt zu haben, auch mit Sicharts
-Schwägerin. Ich stand dicht vor ihr, hatte wohl auch etwas gesagt, das
-die Heiterkeit der Anwesenden erregt haben mochte. Mit einem Male aber
-lachte niemand mehr, und das Mädchen lief rasch fort.
-
-Kurz darauf kam ich wieder zu mir, nachdem ich eine Zeitlang frische
-Luft geschöpft hatte. Ich traf auch Sichart wieder, der allerdings in
-einem nicht beneidenswerten Zustande war. Vergebens suchte ich nach
-seinen Damen, bis ich die mich befremdende Mitteilung vernahm, daß sie
-bereits nach Hause gefahren seien.
-
-Ich führte den widerstrebenden Freund hinaus und bestieg mit ihm einen
-Wagen. Für den Armen war es wirklich das beste, daß ich ihn nach seinem
-Heim beförderte.
-
-Auf dem Nachhausewege grübelte ich über diejenigen Stunden des heutigen
-Abends nach, deren Verlauf mir dunkel war. Aber keine Erleuchtung
-wollte mir kommen, und ich tröstete mich mit dem armen Sichart, der
-noch viel schlimmer daran war als ich. -- Nun, dieser Abend sollte
-jedenfalls den Grund für meinen Urlaub hergeben.«
-
-Friesen machte eine Pause und sah Max an. Diesen hatte des Freundes
-Erzählung belustigt, zuweilen hatte er bei seinen Worten laut
-aufgelacht.
-
-»Ich kann aber,« warf Max ein, »den Grund für den Urlaub beim besten
-Willen nicht erraten ...«
-
-»Du wirst ihn gleich haben,« versetzte Friesen. »Findest Du nicht, daß
-dieser Abend ganz unterhaltsam gewesen ist?«
-
-»Aber freilich,« lachte Max, »recht lustig ist er gewesen.«
-
-»Ja, recht lustig,« wiederholte Friesen langsam, »Du hast schon recht,
-Max!«
-
-»Am übernächsten Tage gingen viel teilnehmende Menschen in Sicharts
-Haus, um der Witwe ihr Beileid auszusprechen, denn Sichart war sehr
-beliebt gewesen; nun war er tot.«
-
-Max machte eine Gebärde des Erschreckens.
-
-»Das war doch schmerzlich, nicht wahr?« fragte Friesen.
-
-»Das Schicksal des jungen Mannes fordert noch heute meine ganze
-Teilnahme heraus,« antwortete Max. »Aber wie ist denn der Arme so
-schnell gestorben?«
-
-Friesen war bleich geworden. Er tat einen tiefen Atemzug, dann sagte er:
-
-»Er fiel von meiner Hand!«
-
-Max konnte seine Bewegung nicht bemeistern, während Friesen fortfuhr:
-
-»Am späten Morgen nach jenem Feste erschienen zwei Kameraden bei mir.
-Ich lag noch im Bett und wunderte mich, sie schon munter zu sehen. Sie
-waren tiefernst, ihr Kommen mochte ihnen ziemlich schwer fallen. Mit
-kurzen Worten verständigten sie mich davon, daß ich Sicharts Schwägerin
-gestern abend in hohem Grade bloßgestellt hätte, und daß Sichart der
-einzige Mann sei, der ihr zur Seite stände.
-
-Ich will mir das Weitere ersparen, Max; jener vergnügte Abend hat
-jedenfalls meinem Herzen eine Wunde geschlagen, die niemals ganz
-verheilen wird.
-
-Nach dem Duell machte man mir den Prozeß. Ich wurde für zwei Jahre auf
-den Königstein geschickt. Als ich die Hälfte meiner Strafe verbüßt
-hatte, begnadigte mich der König, »in Ansehung seiner mehrfachen
-Auszeichnungen vor dem Feind«. Und als ich mich dann beim Regiment
-zurückmeldete, schickte mich der Oberst mit unbeschränktem Urlaub
-von Dresden fort. Ein paar Wochen habe ich jetzt bei meinem Onkel
-zugebracht, der, wie Du weißt, in Tharandt Oberförster ist. Dann aber
-trieb es mich zu Dir.«
-
-Auf Maxens männlich-schönes Gesicht hatte sich ein Zug tiefsten Ernstes
-gelagert, während sein Auge teilnahmsvoll auf Friesen ruhte. Aber er
-fand keine Worte, seinen Gefühlen Ausdruck zu geben und drückte deshalb
-dem Freunde nur stumm die Hand.
-
-
-
-
-3. Kapitel.
-
-
-Seit Friesens Ankunft auf dem Freihofe waren nun schon einige Wochen
-vergangen, und die Ernte war im vollen Gange. Von frühesten Morgen ab
-war Max draußen auf den Feldern, wohin ihn zuweilen Friesen begleitete.
-Die Freihoferin leitete trotz ihres Alters noch alle weiblichen
-Arbeiten auf dem Gute, und ihre Tätigkeit wurde in den Erntetagen
-stark beansprucht. Am Frühstückstische trafen sich deshalb immer nur
-Elisabeth und Friesen, während die Mittagsmahlzeit alle vereinigte.
-Nach dem Abendessen blieb der kleine Kreis noch ein Stündchen plaudernd
-sitzen, und Friesen hatte oft Gelegenheit, der Freihoferin knappes und
-treffendes Urteil zu bewundern. Ihr scharfer Verstand fand immer das
-Richtige, und ein Phrasenmacher hätte ihr gegenüber schweren Stand
-gehabt, da sie seine Rede augenblicklich und schonungslos zerpflückt
-hätte.
-
-Im Vordergrund des öffentlichen Interesses stand zur damaligen Zeit
-erklärlicherweise die politische Lage Europas. Die vorangegangenen
-Jahrzehnte hatten ja genug Stoff geliefert. Von den Eltern waren die
-glänzenden Waffentaten Preußens unter seinem großen König den Kindern
-überliefert worden, und das jetzige Geschlecht hatte die schrecklichen
-Tage der Pariser Revolution gesehen, nach denen die ganze gebildete
-Welt das Wachsen des jungen Korsen betrachtete. Anfangs konnte man wohl
-ein Lächeln nicht unterdrücken, wenn man von dem Jüngling vernahm, der
-in der französischen Hauptstadt die oberste Gewalt besaß. Wie viele
-waren ihm in den letzten Jahren in dieser Stellung nicht vorangegangen,
-und wie lange würde es dauern, bis auch ihn das Schicksal herunterwarf
-und er klanglos jenen nachfolgte.
-
-Dann wieder horchte man auf, wie es hieß, daß er, zur Unterdrückung
-des Pariser Aufstandes der Königstreuen berufen, keine
-Beschwichtigungsreden an die Aufständischen gehalten, sondern sie ohne
-Wimpernzucken hätte niederkartätschen lassen. Mit wachsendem Interesse
-sah man auf den siebenundzwanzigjährigen, kühnen Obergeneral, der
-trotz der trostlosen Verhältnisse, die die Revolution in seinem Lande
-zurückgelassen hatte, ein Heer zusammenraffte und diese völlig mutlosen
-Truppen in kurzer Zeit sich derartig ergeben machen und für den Krieg
-so zu entflammen wußte, daß sie jeder Gefahr spotteten. Der Soldat
-wuchs unter solcher Leitung und vertraute blind auf seinen Führer.
-
-Dieser fiel nunmehr in Italien ein und schlug in rascher
-Aufeinanderfolge mehrere auf den Schlachtfeldern ergraute
-Feldherren, die sich an der Spitze ihrer kampfgeübten Truppen ihm
-entgegenstellten. Infolgedessen wurde der Einfluß, den dieser Bonaparte
-als erster Konsul in Paris ausübte, immer größer.
-
-Und als dann nach wenigen Jahren der Sieger von Marengo und Hohenlinden
-sich selbst krönte und als Napoleon der Erste zum Kaiser der Franzosen
-ausgerufen wurde, da empfanden es die Völker Europas, daß der Zwerg,
-der noch vor einem Jahrzehnt ihre Spottlust erregt hatte, zu einem
-gewaltigen Riesen herangewachsen war. Man traute seiner Friedfertigkeit
-nicht, und im nördlichen Deutschland sah man mit gemischten Gefühlen
-und untätig zu, wie der unfehlbare Eroberer, über Russen und
-Oesterreicher zugleich, bei Austerlitz einen seiner glänzendsten Siege
-erfocht, und Schmach und Schmerz beschlich die deutsche Mannesbrust,
-wie das alte deutsche Reich, dessen gewaltiger Bau den wildesten
-Stürmen eines Jahrtausends getrotzt hatte, in Trümmer ging.
-
-Eine Bangigkeit überfiel die vom Kriege noch nicht heimgesuchten
-deutschen Staaten, -- die verhängnisvolle Ruhe vor einem Gewittersturm.
-Und dann kam jener unselige Oktobertag, an dem die Nation Friedrichs
-des Großen, das starke, das stolze Preußen tief gedemütigt wurde.
-
-Die darauffolgenden Jahre hatten dann nichts als Tod und Verwüstung
-gebracht. Jetzt schrieb man das Jahr 1811. Was würde wohl noch kommen?
-Wieviel Schmerzliches, wie viel Erniedrigung barg die Zukunft noch in
-ihrem Schoße?
-
-Max vertrat die Meinung, daß Sachsen mit den bestehenden Verhältnissen,
-obwohl sie auch vieles zu wünschen übrig ließen, immerhin noch
-zufrieden sein könne, denn das Land hätte Napoleon doch für manches
-zu danken. Er hatte sein Bündnis nicht zurückgewiesen und es zum
-Königreich gemacht. Und dann: durfte der König den Kaiser nicht seinen
-Freund nennen?
-
-Die Freihoferin hingegen verwarf diese Ansicht. Das am Boden liegend
-Preußen war ein Bruderstaat, war deutsch. Von Napoleon konnte Sachsen
-nicht dauernd Gutes erhoffen, er war und blieb ein Franzose, ein Feind.
-Was halfen Versprechen, wohl auch Geschenke, wie dieses Herzogtum
-Warschau, das, richtig besehen, nur das Unglück des Landes vergrößerte.
-Alle seine Beteuerungen freundschaftlicher Gefühle seien eitel Dunst,
-drüben aber winke eine Hand, die man nicht verschmähen dürfe, die
-Hand des blutverwandten Stammes. Freilich, _wie_ eine Änderung zum
-guten herbeigeführt werden könne, wußte sie nicht. Wie konnte man beim
-Anblick dieses mit schweren Gewitterwolken behangenen politischen
-Himmels auch hoffen; kein freundlicher Stern drang durch das dunkle
-Gewölk.
-
-Aber des Krieges war es für lange Zeit genug, darin waren alle einig.
-
- * * * * *
-
-Friesen schlenderte am Bache entlang, der infolge der andauernden
-Sommerhitze fast versiecht war. Nur ein schmaler Streifen Wassers, in
-einer Rinne in der Mitte des Bettes, hatte sich noch erhalten, und kein
-Fremder hätte vermutet, daß dieses unschuldige Wässerchen zuzeiten ein
-wildschäumender Bach werden konnte, der alles mit fortriß, was sich ihm
-in den Weg stellte und selbst schon Menschenleben gefordert hatte.
-
-Friesen war wieder einmal allein; Max konnte ihm in der jetzigen Zeit
-unmöglich Gesellschaft leisten. Oftmals vertrieb er sich die Stunden
-mit Elisabeth im Spiel, -- anders konnte er die Unterhaltung mit ihr
-nicht nennen. Sie liefen mit einander um die Wette, sprangen im hohen
-Grase herum, oder zogen ihre Schuhe von den Füßen und liefen in das
-seichte Wasser.
-
-Jeden Tag hatte Elisabeth neue Fragen an ihn zu stellen; ihre
-Wißbegierde nach dem Leben in der Stadt war unerschöpflich. Zuweilen
-traf es sich, daß sie etwas von dem, was Friesen ihr am Tage vorher
-erzählt, trotz emsigen Grübelns nicht richtig verstanden hatte und
-deshalb eine neue Erklärung erbat.
-
-Aber bald trug es sich zu, daß Friesen öfters fragte als sie. Das
-Fehlen einer tieferen Kenntnis der Natur in ihrem mannigfachen Kleide
-wurde ihm erst jetzt so richtig klar. Elisabeth hatte diese schwache
-Seite an ihm mit lebhafter Befriedigung entdeckt und war sehr stolz,
-daß sie klüger war als der kluge Stadtherr. Und wie gut sie ihm das
-geheimnisvolle Weben anschaulich machen konnte! Denn dieses Kind
-hatte in dem großen Buche der Natur mit vielem Erfolg gelesen. Ihre
-Kenntnis der Pflanzen, der Insekten, war verblüffend. Mit erstaunlicher
-Sicherheit beschrieb und suchte sie selten vorkommende Gräser und
-machte ihn auf kaum bemerkbare Unterschiede in dem Bau einzelner
-Blüten aufmerksam. Wenn Friesen manchmal einen leisen Zweifel über die
-Richtigkeit ihrer Belehrung aussprach, so war ihr erstes Wort »die
-Mutter«, die sie das alles gelehrt hatte, und von deren Unfehlbarkeit
-sie überzeugt war. Aber seitdem Friesen eines Tages errötend gestehen
-mußte, daß er die Nadeln der Kiefer von denen der Fichte nicht
-unterscheiden könne, wagte er es nicht mehr, ihr zu widersprechen. Sie
-war durch diese Unkenntnis derart überrascht gewesen, daß sie nicht
-einmal ein Lächeln fand, sondern ihm einen Blick tiefsten Bedauerns
-zuwarf, als sei ihr bange um sein gesundes geistiges Vermögen. Eine
-Entschuldigung dieser bewiesenen Schwäche ließ sie nicht gelten. Selbst
-die schüchterne Einwendung sprach nicht für ihn, daß ihm keine Zeit zur
-Betrachtung geblieben sei, wenn er mit eigenen Händen so manche junge
-Kiefer in das auflodernde Lagerfeuer geschoben, oder wenn ihm eine
-starke Fichte Schutz vor den heranfliegenden feindlichen Kugeln gewährt
-habe.
-
-Elisabeth wies seine Rechtfertigungen schonungslos zurück und meinte,
-daß sie es nie begreifen würde, wie man ein Stück Holz ins Feuer werfen
-könne, ohne dabei zu wissen, welcher Art es sei, oder daß man sich
-hinter einen Baum stelle und nicht einmal dessen Namen kenne.
-
-Diese und ähnliche Vorhaltungen leuchteten Friesen zwar nicht recht
-ein, aber er wagte auch keinen Einspruch mehr.
-
-Mit heißen Wangen, die der Eifer erröten ließ, lehrte sie ihm das
-Schauen und Beobachten. Sie verfolgten mit einander das Wachsen des
-Halmes, das Werden und Aufbrechen der Knospe und das Schwellen und
-Treiben der Frucht. Dann wieder führte sie ihn mit blitzenden Augen, an
-der Hand hinter sich her ziehend, durch das Gebüsch zu Vogelnestern,
-in denen niedliche, gefleckte Eier lagen, oder die junge Brut piepsend
-ihre nackten Hälse reckte und die hungrigen Schnäbel weit aufsperrte.
-
-Jeden Vogelruf sollte er kennen; unermüdlich nannte sie ihm den Namen
-des Vogels, dessen Gesang sie eben gehört hatten. Zuweilen ahmte sie
-das Gezwitscher nach, und er mußte raten. Dann wieder rief sie den
-Namen eines der gefiederten Sänger des Waldes, und Friesen hatte, so
-gut es gehen wollte, mit dessen Gesange zu antworten.
-
-Bei allen diesen Unterweisungen lag auf des Mädchens lieblichem Gesicht
-der altkluge Ausdruck, der ihr so vortrefflich stand, und von dem es
-bis zum Lachen doch nur einer ganz kleinen Bewegung der Gesichtsmuskeln
-bedurfte. Lange konnte sie sich auch nicht beherrschen, dann begann sie
-selbst wieder zu fragen, oder neckte ihn. Und, -- hui, flogen beide um
-die Wette unter den Bäumen dahin.
-
-Aber heute war Friesen wieder einmal allein. Elisabeth war, wie so
-manch liebes Mal, verschwunden, und er wußte sie oben auf dem Schlosse.
-
-Langsam war Friesen bis zu dem kunstlosen Stege geschritten, der über
-den Bach führte und aus einem langen Brett bestand, das mit seinen
-Enden hüben und drüben auf dem steinigen Uferrand auflag. Er ging
-langsam und vorsichtig hinüber, denn die Brücke bog sich unter der Last
-und drohte jeden Unvorsichtigen hinab in den Bach zu werfen.
-
-Auf dieser Seite des Baches war er noch nicht gewesen. Er ging weiter
-und betrat einen kleinen Buchenwald, der sich in der Flußniederung
-hinzog. Es waren lauter alte, herrliche Bäume, die hier standen.
-
-Friesen lief unter dem Laubdach hin, zuweilen an einem dichten
-Brombeergebüsch stehen bleibend und nach frühreifen Früchten suchend.
-Dann warf er sich in das schwellende Moos, das wie ein dunkelbraunes
-Sammetpolster unter den Bäumen ausgebreitet war. Eine lange Weile blieb
-er so liegen. Ueber ihm wiegten die Bäume ihre Kronen, durch die an
-einigen Stellen der blaue Himmel hindurchsah. Dann kam ein leichter
-Windstoß, und die Äste rauschten stärker durcheinander.
-
-So gefiel es ihm, -- diese wohltuende Einsamkeit war Balsam, der die
-Wunde in seinem Herzen kühlte.
-
-Endlich sprang er wieder auf und ging nach dem Stege zurück. In
-Gedanken versunken und die Augen gesenkt, schritt er dahin. Da war
-es ihm, als wenn er Rascheln von Laub wie unter menschlichen Tritten
-gehört habe, und fast gleichzeitig klang ein unterdrücktes Kichern.
-
-Friesen sah sich erstaunt um und bemerkte in kurzer Entfernung
-seitwärts des Weges, am Fuße einer mächtigen Buche, zwei
-Frauengestalten, die ebenfalls geruht haben mochten und die sein
-Näherkommen aufgescheucht hatte.
-
-In der kleineren von beiden erkannte er Elisabeth. Von ihr war auch
-zweifellos das unterdrückte Lachen ausgegangen, denn ihr Gesicht
-verriet noch zu deutlich die Freude, die sie empfand, ihn überrascht
-zu haben. Friesen fand kaum Zeit, ihr zuzunicken. Sein Blick war
-zu dem anderen Mädchen geglitten, dessen Arm Elisabeth umschlungen
-hielt. Es war eine hohe, herrlich gebildete Frauengestalt. Aus dem
-feingeschnittenen Gesicht blickte ein sinnendes Augenpaar herüber,
-über dem dunkle Brauen ihre hochgewölbten Bogen gezeichnet hatten.
-Auf dem Kopfe trug sie einen dichten Kranz brauner Zöpfe. Die
-Erscheinung dieses Mädchens bot ein Bild von Anmut und entzückender
-Frauenschönheit.
-
-Friesen zögerte einen Augenblick mit dem Weiterschreiten, und er
-schwankte, ob er sich den Mädchen nähern solle. Dann aber kam ihm
-blitzschnell das Verständnis für die Lage, und die Rücksicht auf
-seine Gastgeber bewog ihn, weiterzugehen. Er grüßte tief hinüber und
-bemerkte, daß das schöne Mädchen errötete und seinen Gruß durch leises
-Neigen des Kopfes erwiderte.
-
-Nach wenigen Minuten befand er sich wieder auf dem jenseitigen Ufer. Da
-hörte er hinter sich eilende Tritte und wie er sich umsah, erkannte er
-Elisabeth, die gerade den Steg überschritt.
-
-»Herr von Friesen?« rief sie von weitem, »laufen Sie doch nicht so
-schnell. Ich will mit Ihnen nach Hause gehen.«
-
-Er blieb stehen und sah ihr lächelnd entgegen. Jetzt kam sie
-angesprungen. Ihre stark geröteten Wangen traten aus dem bleichen
-Gesicht scharf hervor. Als sie ihn erreicht hatte, legte Elisabeth
-vertraulich ihren Arm in den seinen, wie sie es oft tat, wenn sie im
-Walde nebeneinander gingen. Ihre Brust arbeitete infolge des schnellen
-Laufes heftig, und sie mußte lange nach Atem ringen, bevor sie sprechen
-konnte.
-
-»Das war meine Freundin Maria,« sagte sie stolz, »Maria von Tiefenbach.«
-
-»Ach, Ihre Cousine,« entgegnete Friesen achtlos, »die oben im Schlosse
-wohnt?«
-
-Ueberrascht hob Elisabeth den Kopf und sah ihm in das Gesicht.
-
-»Aber, Herr von Friesen, woher kennen Sie denn Maria?«
-
-»Ich habe sie noch nie gesehen, aber schon vor ihr gehört,« antwortete
-er. »Max hat mir erzählt, daß es ein Schloßfräulein gäbe, mit dem unser
-kleiner Wildfang vom Freihofe gute Freundschaft halte.«
-
-Das Mädchen hörte seine Neckerei nicht. Ihr Gesicht zeigte einen
-gespannten Ausdruck, als sie rasch fortfuhr:
-
-»Das hat Ihnen mein Bruder erzählt? Ach bitte, Herr von Friesen,
-sprechen Sie mehr davon. Was hat er alles von Maria gesagt?«
-
-Eine Blutwelle war dem Mädchen ins Gesicht getreten, aus dem Friesen
-zwei bittende Augen entgegenleuchteten.
-
-Der junge Mann war betroffen. Er bereute seine Worte, die die Erregung
-des Mädchens hervorgerufen hatten. Von dem, was Max ihm erzählt hatte,
-durfte er natürlich nicht plaudern, da wäre er ja auf das im Freihofe
-sorgfältig gemiedene Thema gekommen. Da hatte ihm sein Scherzen einen
-argen Streich gespielt, den er sofort wieder gut machen mußte.
-
-So harmlos wie es ihm nur gelingen wollte, antwortete er:
-
-»Max hat mir beiläufig erzählt, daß seine Familie mit den Tiefenbachs
-vom Schlosse verwandt sei, und daß der alte Herr dort oben nur ein
-einziges Töchterchen habe. Das waren ungefähr seine Worte. So, und
-nun habe ich gesagt, was ich weiß, und ich hoffe, daß eine gewisse
-neugierige Fragerin befriedigt sein wird.«
-
-Verstohlen blickte er zur Seite und sah einen Zug tiefer Enttäuschung
-auf Elisabeths Gesicht lagern, während die Augen, die soeben noch voll
-Erwartung auf ihm geruht hatten, gedankenvoll in die Weite schweiften.
-Es schien ihm, als wenn das Mädchen seinen Worten nicht recht glaube,
-und nur ihr hohes Zartgefühl sie davon zurückhalte, weiter in ihn zu
-dringen.
-
-Eine Zeitlang gingen sie schweigsam nebeneinander. Dann aber wünschte
-Friesen das Mädchen auf andere Gedanken zu bringen, und er ahmte mit
-großer Sorgfalt den Ruf des Kuckucks nach. Dieser Versuch mußte jedoch
-nicht besonders glücklich ausgefallen sein, denn er bemerkte, wie sich
-die regungslosen Züge des schmalen Gesichtes wieder belebten, wie
-es dann in den Mundwinkeln zu zucken begann, und wie zuletzt seine
-Nachbarin in herzliches Lachen ausbrach. Friesen aber war froh, das
-Mädchen wieder heiter zu sehen, denn Ernst stand ihrem Gesicht wirklich
-nicht. Im nächsten Augenblick hatte sie wieder vergessen, was ihr Herz
-noch soeben schwer bedrückte. Und fröhlich plaudernd trafen sie als
-Letzte zum Mittagessen ein.
-
- * * * * *
-
-An den folgenden Tagen war Friesen in Maxens Begleitung wiederholt
-ausgeritten. Max hatte im Frühjahr ein paar schöne Wagenpferde gekauft,
-die er auch zugeritten hatte, sodaß sie, obgleich es zwei schwere Gäule
-waren, recht gut unter dem Sattel gingen. Da der Braune noch immer
-etwas lahmte, und die beiden Pferde in diesen Tagen selten vor die
-Kutsche kamen, benutzte er sie abwechselnd auf seinen Ausritten.
-
-Zuweilen begleitete auch Elisabeth die Herren zu Pferde. Sie besaß
-einen prachtvollen Apfelschimmel, ein hochgewachsenes, junges Tier, mit
-langer, weißer Mähne und wallendem Schweife. Vor zwei Jahren hatte Max
-das Tier aus Holstein mitgebracht, und in kurzer Zeit war das Mädchen
-mit der Reitkunst so vertraut, daß ihre Leistungen alle überraschten.
-
-Friesen gewahrte mit Erstaunen die Sicherheit, mit der Elisabeth
-den Schimmel ritt. Das kluge Tier schien stolz zu sein unter seiner
-jungen Reiterin; es spitzte verständnisvoll die Ohren und selbst der
-leichteste Zungenschlag entging ihm nicht. Wenn aber seine Herrin, sich
-herabbeugend, freundlich zu ihm sprach und ihm den glänzenden Hals
-klopfte, da warf es schäumend den Kopf auf und nieder und stampfte
-lebhaft den Boden.
-
-Auf einem dieser Spazierritte lernte Friesen einen jungen Bauern aus
-dem Dorfe kennen, namens Konrad Hartmann, den starke Freundschaftsbande
-an Max fesselten, und der, wie Friesen schnell bemerkte, sich einer
-besonderen Wertschätzung durch die Freihoferin rühmen durfte.
-
-Konrad Hartmann besaß einen kleinen Hof, der am Ende des Dorfes lag,
-und in dessen Nähe, der mündlichen Überlieferung nach, auf einem Hügel
-in früheren Zeiten ein Galgen gestanden haben sollte. Jetzt war davon
-freilich nichts mehr zu sehen, aber der Name war geblieben, denn das
-Hartmannsche Anwesen hieß allgemein der Hof am Rabenstein und sein
-Besitzer kurzweg der Rabensteiner.
-
-Konrad ritt einen struppigen Fuchshengst, ein feuriges Tier edelster
-Rasse, das ihm vor einigen Jahren ein französischer Offizier halb
-geschenkt hatte, dem es darauf ankam, daß das kranke Pferd recht gute
-Pflege erhielt. Unter Konrads sorgfältiger Wartung hatte sich das Tier
-langsam wieder erholt, und nun hing der junge Mann, der weithin den
-Ruf eines ausgezeichneten Reiters genoß, an dem Hengst mit geradezu
-brüderlicher Liebe.
-
-Konrad Hartmann war ein Feuerkopf und so etwa gerade das Gegenteil des
-in seinen Entschließungen schwerfälligen Max. Mit Staunen hörte Friesen
-den einfachen Bauernsohn über die politischen Verhältnisse treffende
-Worte sprechen. Sein Urteil über die zweideutige Rolle, die Sachsen
-seit der Katastrophe von Jena spielte, war vielleicht zu hart und für
-die Leiter der Geschicke des Volkes schonungslos. Aber von seinen
-Plänen über die Befreiung von den unwürdigen Fesseln, die das Land mit
-dem Kaiser verbanden, ging ein Hauch glühender Begeisterung aus und
-alle Gefahr nicht achtender Liebe zu seinem Vaterland. Leider litten
-diese Pläne, wie sich Friesen gestand, an dem großen Fehler, daß sie
-niemals verwirklicht werden konnten, denn Alldeutschland lag gedemütigt
-am Boden, und der Stern des gewaltigen Eroberers hatte noch nie so
-glänzend gestrahlt als in diesen Tagen. Dennoch lauschte Friesen gern
-und mit Aufmerksamkeit Konrads Worten, und es stieg in ihm dunkel die
-Meinung herauf, daß es solcher Männer, wie diesen, leider nicht genug
-gäbe unter dem sächsischen Volk.
-
- * * * * *
-
-Der Sommer war vorüber, der Winter stellte sich ein, -- und Friesen
-weilte noch immer auf dem Freihof und half den ihm so rasch
-liebgewordenen Menschen in dem einsamen, verschneiten Dorfe die langen
-Winterabende kürzen. Nun war auch Weihnachten vorüber. Das alte Jahr
-tauchte hinab in die Ewigkeit und ungewiß, was es bringen würde,
-schaute man dem neuen entgegen.
-
-Da wurde plötzlich die Harmonie der ruhig dahinfließenden Tage auf dem
-Freihofe rauh unterbrochen: Friesen erhielt die schriftliche Ordre,
-sich unverzüglich bei seinem Regimente zu melden. Von den besten
-Wünschen und Hoffnungen auf frohes Wiedersehen in nicht allzuferner
-Zeit begleitet, nahm er schweren Herzens von der trauten Stätte und
-ihren lieben Bewohnern Abschied.
-
-Noch ahnte niemand die schreckenvolle Zeit, der man entgegenging. Aber
-nur allzubald sollte sich der gnädig verhüllende Schleier der Zukunft
-lüften, denn von neuem und diesmal unheilvoller denn je, klangen die
-Kriegstrompeten durch die deutschen Gauen.
-
-Napoleons grenzenloser Hochmut geizte nach neuem Ruhm. Die Taten
-eines Alexanders, eines Karls des Großen standen ihm beständig vor
-der Seele und trieben seinen empfindlichen Ehrgeiz bis ins Maßlose.
-Die Völker zwischen dem Rhein und der Oder lagen zu seinen Füßen,
-und ihre Herrscher buhlten um seine Gunst. Nur Rußland stand noch
-aufrecht und spottete der Eroberungsgelüste des Kaisers. Das Verhältnis
-zwischen ihm und dem Kaiser Alexander war seit dem Wiener Frieden immer
-kälter, zuletzt feindselig geworden, bis endlich Rußlands Forderungen,
-Napoleon solle die französischen Besatzungen aus Pommern und Preußen
-zurückziehen, die Kriegserklärung folgte.
-
-Ganz Europa hallte wider von den ungeheuern Rüstungen der beiden
-mächtigen Gegner.
-
-Der Kaiser hatte schon seit länger als einem Jahre mit den
-Vorbereitungen für diesen Krieg im Geheimen begonnen. Wie er nie
-aufgehört hatte, Preußen zu mißtrauen, sah er dem Zusammenstoße mit
-Rußland wie etwas Unvermeidlichem entgegen. Sein erster Schritt
-war gewesen, die Besserung der sächsischen Heeresverhältnisse bei
-dem Könige von Sachsen auf das eifrigste zu betreiben. Und eine
-gründliche Umgestaltung war hier nach den Erfahrungen der letzten
-Feldzüge allerdings ein unabweisbares Bedürfnis. Vor allem galt es,
-eine Menge veralteter Einrichtungen zu beseitigen und das Heer von
-der ihm anhaftenden Greisenhaftigkeit zu befreien. Eine Anzahl alter,
-unfähiger Generale wurde verabschiedet, und mehrere jüngere, befähigte
-Stabsoffiziere, die die napoleonische Schule gebildet hatte, rückten
-mit einer für die damaligen Verhältnisse unerhörten Schnelligkeit auf.
-
-Das weitere Verlangen des Kaisers ging dahin, in Sachsen einen großen
-befestigten Platz anzulegen, wozu Torgau ausersehen wurde.
-
-Der leitende Minister der auswärtigen Politik Sachsens war zu jener
-Zeit Senfft von Pilsach, der keineswegs wie sein Vorgänger zu den
-knechtischen Bewunderern Napoleons gehörte. Ja, er haßte ihn und trug
-sich mit Gedanken an eine Abschüttelung des französischen Jochs. Mit
-welch segensreichem Erfolge seine Tätigkeit hätte gekrönt sein können,
-wie viel Kummer und Verlust an Menschen, Land und Eigentum Sachsen
-erspart geblieben wäre, wenn die Pläne dieses Mannes nicht von einer
-Niederwerfung Preußens ausgegangen wären, auf dessen Trümmern er
-die Aufrichtung einer sächsisch-polnischen Macht im Herzen Europas
-erträumte. In einer unbegreiflichen Verblendung wähnte er Preußen auf
-alle Zeiten verloren, und aus diesem Grunde liefen seine Gedanken,
-anstatt mit Preußen Verbindung zu suchen, darauf hinaus, seinen
-Niedergang zu beschleunigen.
-
-Um den Osten zu stärken, hatte Napoleon ungeheure Waffenvorräte in dem
-Großherzogtum Warschau angehäuft und die polnischen Reiterregimenter
-umgewandelt und verstärkt, um im Falle des Krieges die lästigen
-Kosakenschwärme von dem französischen Heere fernzuhalten. Weiter war
-die Bildung von Nationalgarden, die Verstärkung von Festungen und deren
-Armierung an der russischen Grenze sowie die Bereithaltung großer
-Mundvorräte in den Magazinen anbefohlen. Schon in der Mitte des Jahres
-1810 war in Dresden ein französischer Stabsoffizier erschienen, um zu
-horchen, ob der Kaiser in jedem Falle auf die sächsische Armee rechnen
-könne.
-
-Die Stimmung in Sachsen war beim Ausbruche des Krieges nicht überall
-dieselbe. Das verjüngte, trefflich geschulte Heer freilich war von
-kriegerischem Geiste beseelt und vertraute blind dem Genius des
-Kaisers. Der Erfolg des Feldzuges erschien im voraus gesichert, und der
-glückliche Ausgang versprach hohen Gewinn für das Land.
-
-Die Bevölkerung teilte jedoch diese hoffnungsvolle Meinung nicht.
-Der Bauer war des unaufhörlichen Kriegführens müde und sehnte sich
-nach bleibender Ruhe. Die vorangegangenen Feldzüge hatten zuviel
-Blut gefordert und das Land ausgesogen und bis an den Rand des Ruins
-gebracht. Aber das sächsische Volk war gewöhnt, seinem Fürsten zu
-folgen und ihm sein ganzes Vertrauen zu schenken. Deshalb legte man
-auch diesmal wieder das Geschick des Landes zuversichtlich in die Hände
-des geliebten Königs.
-
-Und so folgte Sachsen dem mächtigen Strom, der es in einen der
-schrecklichsten Kriege, den die Weltgeschichte kennt, hineinriß, und
-dessen Folgen für das unglückliche Land so verhängnisvoll werden
-sollten.
-
-
-
-
-4. Kapitel.
-
-
-In den ersten Tagen des Monats Mai 1812 benachrichtigte Napoleon
-König Friedrich August durch einen Ordonnanzoffizier von seiner
-baldigen Ankunft in Dresden. Am 13. Mai überschritt der Kaiser in
-Begleitung seiner Gemahlin und umgeben von einem glänzenden Hofstaat
-in der Nähe von Plauen die sächsische Grenze, wo ihm der vom König
-entsandte Oberkammerherr von Friesen und General von Gersdorff namens
-ihres Monarchen ehrfurchtsvoll empfingen. Der König und die Königin
-selbst erwarteten den hohen Gast in Freiberg. Infolge der zahlreichen
-Huldigungen, die dem Kaiser auf der Fahrt von den Behörden dargebracht
-wurden, verzögerte sich seine Ankunft, und die Folge war, daß der
-König sich am Abend kaum zur Ruhe begeben mochte und nur mit vieler
-Mühe bewogen werden konnte, sich einige Stunden Schlafes zu gönnen.
-Gegen Morgen traf das Kaiserpaar in dem Städtchen ein, dessen Bewohner
-während der ganzen Nacht auf den Beinen geblieben waren. Die ersten
-Schimmer des anbrechenden Frührots mischten sich mit der festlichen
-Beleuchtung der Stadt.
-
-Am Abend dieses Tages hielt der Kaiser unter dem Geläute der Glocken
-seinen Einzug in Dresden. Die märchenhafte Beleuchtung dieser schönen
-Stadt und des lieblichen Elbtales während der Kaisertage übertraf
-selbst alle derartigen Schauspiele, womit der verschwenderische,
-prunkliebende Kurfürst August der Starke seine Residenz einst verwöhnt
-hatte.
-
-Außer dem Kaiser und der Kaiserin von Österreich hatten sich zahlreiche
-Fürstlichkeiten, hohe Offiziere und Staatsmänner in der sächsischen
-Landeshauptstadt eingefunden. Glänzende Feste wurden veranstaltet, von
-denen jedes eine rauschende Huldigung des Allgewaltigen zum Mittelpunkt
-hatte. Es waren Tage der verschwenderischsten Prachtentfaltung, des
-höchsten Glanzes.
-
-Die deutschen Fürsten übertrafen sich gegenseitig in der Begierde,
-einen Gunstbeweis von dem Kaiser zu erhalten, und wenn er einen von
-ihnen ausgezeichnet hatte, sah dieser stolz auf die, die sich noch
-immer um einen gnädigen Blick des Gefürchteten bemühten.
-
-Napoleon hatte den Gipfel seiner Macht erklommen.
-
-Nur ein einziger von Deutschlands Fürsten ließ sich von dem Strahlen
-des Kaiserlichen Gestirns nicht blenden; es war der König von Preußen,
-der gebeugt und düster durch die Versammlung schritt. König Friedrich
-August von Sachsen wich seinem Blick aus, und mit Ängstlichkeit mied
-ihn der Kreis der Fürsten. Der Kaiser bemerkte dies mit freudiger
-Genugtuung, die aber bald großem Verdrusse Raum gab, als er hörte,
-welch teilnehmende Hochachtung die Dresdner Bevölkerung dem preußischem
-König entgegenbrachte, während ihn, den Kaiser, überall nur Neugierde
-und das dumpfe Schweigen des Grolls empfing.
-
-Am 29. Mai verließ Napoleon Sachsens Hauptstadt, um das Kommando der
-Armee zu übernehmen. König Friedrich August war, um den Abschied von
-dem erhabenen Gast nicht zu versäumen, so besorgt, daß er nicht wagte,
-zu Bett zu gehen, sondern die Nacht im Stuhle verbrachte. Zuletzt hätte
-er den richtigen Augenblick beinah noch versäumt, doch gelang es ihm,
-dem Kaiser noch bei seinem Hinabschreiten auf der Treppe mit flüchtigen
-Worten Lebewohl zu sagen.
-
-Eine verzehrende Unruhe lastete wie ein schwerer Druck auf dem
-sächsischen Volke. Der Sommer verging, der Herbst nahte und entschwand,
-und bald brauste der Winter mit fürchterlicher Strenge ins Land, und
-man gedachte mit banger Besorgnis derjenigen, die weit entfernt von
-der Heimat in den unendlichen Schneefeldern Rußlands ihr Leben für die
-Laune des verhaßten Despoten wagen mußten.
-
-Anfänglich hatte man genügend Nachrichten von der Armee erhalten: die
-Kunden der Schlacht bei Smolensk und bald darauf des fürchterlichen
-Gemetzels von Borodino bewiesen, daß die Russen sich ihrer Angreifer
-wie Rasende erwehrten. Dann verstummten alle Nachrichten lange Zeit,
-und ihr Ausbleiben verschärfte die Qualen, die die daheim erlitten.
-Plötzlich leuchtete es an dem dunkeln Himmel wieder auf. Ein blendender
-Blitzstrahl durchzuckte ganz Europa: die Kunde des Brandes von Moskau
-drang herüber. Aber die Sorge um den Einzelnen war kaum noch wach,
-in langen, kummervollen Nächten hatte man sich schon für den Verlust
-getröstet, mit der Hoffnung, daß dem teuern Sohn ein schmerzvoller
-Tod erspart geblieben sein möge. Nur schwach glimmte noch in mancher
-Menschenbrust der Funke der Hoffnung auf ein irdisches Wiedersehen.
-
-Nach dieser Nachricht war wieder Grabesstille. Die ungeheure Armee,
-deren lärmender Durchzug tagelang gedauert hatte, mit ihren tausend
-Kanonen und dem nicht endenwollenden Troß, war verschwunden, als wenn
-sie der Erdboden verschlungen hätte. Schmerzvolles Erwarten, atemloses
-Aufhorchen, banges Fragen, -- -- nichts, keine Nachricht. Alles
-still, als wenn tiefster Friede im Lande herrsche! Nur die östlichen
-Winde trugen etwas herüber wie Leichengeruch, als ob sie über einen
-unermeßlich großen Friedhof mit offenen Gräbern gestrichen wären, und
-aus ihrem Heulen und Brausen klang es wie erstickte Schmerzenslaute und
-gestammelte Gebete.
-
-So ging man dem Weihnachtsfeste des Jahres 1812, dem heiligen Feste der
-Liebe und des Friedens entgegen.
-
-Wie hatten doch immer zu dieser Zeit die Herzen höher geschlagen! Noch
-im vorigen Jahre hatte die Freude alle Gemüter bewegt. Wenn auch genug
-des Herzeleids die Welt erfüllte, und die dunkle Zukunft viel Schweres
-in sich bergen mochte, man war vereint, fühlte sich glücklich und war
-zufrieden mit dem Wenigen, was das gefräßige Kriegsungeheuer einem
-gelassen hatte.
-
-Aber in diesem Jahre wollte die Herzen kein wonniges Gefühl erwärmen,
-keine freudige Erwartung erhob die Gemüter.
-
-Alle schlichen scheu umher. Man vermied es, den Nachbar, den Freund zu
-trösten, in der Besorgnis, den eigenen Kummer zu wecken, zu vergrößern.
-Ja man wagte zuletzt nicht mehr, zu fragen, aus tötlicher Angst, daß
-das Entsetzliche sich offenbaren könne.
-
-Ein fürchterlicher Alp lastete auf jeder Menschenbrust, und die Seelen
-durchzitterte tiefster Schmerz.
-
-Da lief plötzlich ein Raunen durch die Gassen der sächsischen Lande.
-Zuerst ging das Gerücht wie ein Windhauch. Jeder lieh ihm das Ohr und
-verstummte jäh vor der entsetzlichen Kunde, unter der sich das Herz
-krümmte. Dann wurde das Gerücht lebhafter, laut, wuchs zum Lärm an und
-donnerte endlich wie eine Lawine vor dem Orkan über das hartgeprüfte
-Volk. Die schwache Hoffnung, die sich im Innern der Stärksten tief
-verborgen noch erhalten hatte, erlosch in einem einzigen Augenblick.
-Tötlicher Schrecken lähmte die Glieder und raubte dem Geist den letzten
-Rest seiner Spannkraft: die riesengroße, stolze Armee war vernichtet!
-Alles was das russische Blei verschont, der Säbel der Kosaken nicht
-niedergehauen, der Huftritt ihrer Rosse nicht zerstampft, bei dem
-Überschreiten des zugefrorenen und halb aufgetauten Dniepr nicht
-umgekommen, oder bei dem gräßlichen Übergang über die Beresina nicht
-zerdrückt, zertreten, zwischen den Eisschollen zerquetscht worden war,
--- lag erstarrt auf den endlosen Eisgefilden. Wie durch ein Wunder,
-hieß es weiter, hätten sich wenige Tausend gerettet, deren Rückzug sich
-so gestaltete, daß er in der Geschichte der Kriegsleiden seinesgleichen
-nicht haben sollte.
-
-Wie ein Feuerstrom ging es von Herz zu Herz; die Unterschiede in den
-Rangstufen der Menschen schienen aufgehoben. Alle waren nur von dem
-einen Gedanken beseelt, den zurückkehrenden Unglücklichen die Hände zu
-reichen. Aber der Wunsch war stärker als die Tat. Große Vorbereitungen
-konnten nicht getroffen werden, die Hast ließ keiner Überlegung
-Zeit, und die Kopflosigkeit zerstörte oft wieder das schon bedacht
-Geschehene. Der Schrecken hatte die Gemüter verwirrt.
-
-Und dann kamen die Trümmer der Armee Napoleons!
-
-Der Hunger hatte die des Weges nur noch Wankenden fürchterlich
-abgemagert. Unter der schlaffen, farblosen Haut ragten die
-Backenknochen, das Bein der Nase aus dem hohlen Gesicht schauerlich
-hervor, und das Haar hing wirr von der Stirn herab. Die Lippen dieser
-Unglücklichen waren ausgetrocknet, und aus den eingefallenen, matten
-Augen drang gänzliche Teilnahmlosigkeit, grinste stiller Wahnsinn.
-Jeder Schein militärischen Ansehens war von ihnen geschwunden. Ihre
-Füße waren oft nur mit Lumpen oder Stroh umwickelt, die spärlichen
-Kleider in Fetzen, und um die Blöße des Körpers notdürftig zu bedecken,
-hatte mancher um die fleischlosen Schultern nur den Rest eines alten
-Mantels oder ein erbetteltes Tuch geschlungen.
-
-So kamen sie daher, ohne Waffen und kaum fähig sich weiter zu
-schleppen, das Zeichen furchtbarer Leiden auf der Stirn und dort, wo
-sie einkehrten, ansteckende Krankheiten verbreitend. Und doch waren es
-die, die kaum vor Jahresfrist in stolzer Siegeszuversicht ausgezogen
-waren.
-
-Die Garde du Corps bestand nur noch aus 7 Offizieren und 4 Mann, und
-von den frischen, kecken Zastrows kehrten 13 Offiziere und 3 Gemeine in
-das Vaterland zurück.
-
-Und er, der unter dem gewaltigen Schlage des Himmels hätte
-zusammenbrechen müssen, prahlte in Dresden Sachsens König gegenüber
-mit seinen unerschöpflichen Hilfsquellen und setzte nach kurzem
-Aufenthalt, einen Gassenhauer trällernd, in einem schnell auf
-Schlittenkufen gestellten Wagen der Königin am 17. Dezember seine
-Weiterreise über Leipzig nach Paris unerkannt fort.
-
- * * * * *
-
-Am 9. Januar 1813 trafen die ersten dieser Unglücklichen in Leipzig
-ein. Ein Teil von ihnen, der auf südlicheren Straßen marschiert
-war, berührte auch Rehefeld. Fast in jedem Dorfe, das diese Trupps
-passierten, mußten einige der Schwächsten zurückbleiben. Die
-Bevölkerung wetteiferte in der Aufnahme und Pflege der Soldaten, ohne
-darauf zu sehen, ob sie einen Deutschen oder einen Franzosen im Hause
-hatten. Alle waren sie Unglückliche!
-
-Mit dem Beginn des neuen Jahres hatte sich reicher Schneefall
-eingestellt, dem starke und anhaltende Kälte folgte. Die
-Jammergestalten konnten sich kaum noch weiterschleppen, denn ringsum
-waren die Straßen verschneit, und der scharfe Nord drang schneidend
-durch die dünnen, zerrissenen Kleider der Ärmsten. Auch die Mutigsten
-von ihnen wollten jetzt nicht mehr weiter und nahmen mit Freudentränen
-die Aufforderung zum Bleiben ohne Zögern an. Fast jedes Haus in
-Rehefeld hatte unter seinem Dache einen der Fremdlinge, und selbst die
-Ärmsten der Bewohner teilten mit ihrem Gaste freudig die kärgliche
-Nahrung. Aber es bedurfte nicht vielem, um die Soldaten zufrieden zu
-sehen. Die Ruhe tat den von langem Marschieren im Schnee wundgewordenen
-Füßen wohl, und es widerfuhr ihnen schon ein großes Glück, wenn sie
-nach langen Qualen und Entbehrungen die starren Glieder auf weichem
-Lager und in wohltuender Wärme ausstrecken konnten.
-
-Da brach, wenige Tage nach ihrem Eintreffen, unter den Angekommenen
-eine Krankheit aus, die sich rasch verbreitete und von der auch einige
-der Dorfbewohner ergriffen wurden.
-
-Die Krankheitserscheinungen waren ernst. Man riet deshalb nicht
-lange, sondern schickte einen Wagen nach Leipzig hinein, um ärztliche
-Hilfe zu holen. Noch an demselben Abend kamen zwei Militärärzte an,
-die sofort mit der Untersuchung der Kranken begannen. Unermüdlich
-gingen sie von Haus zu Haus; überall begegneten ihnen die gleichen
-Krankheitserscheinungen. Nach kurzer Beratung erklärten die Ärzte dem
-sie begleitenden Ortsvorstand, daß die fiebernden Soldaten an Typhus
-erkrankt seien und nicht länger in den Häusern bleiben dürften, sondern
-daß für sie ein paar große Räume als Spital herzurichten seien. In
-seiner Bestürzung eilte der alte Mann auf den Freihof, wo er am ehesten
-Rat und Beistand zu finden hoffte.
-
-Die Tiefenbachs waren noch wach. Sie beherbergten selbst drei Soldaten,
-die ebenfalls von der Krankheit befallen waren und in heftigem Fieber
-lagen.
-
-Max ließ sofort seine Leute wecken und sandte sie im Dorfe herum, um
-einige der Entschlossensten herbeizuholen.
-
-Nach Verlauf einer halben Stunde waren sieben oder acht Bauern
-versammelt. Die Ärzte, die die angebotene Unterkunft auf dem Freihofe
-angenommen hatten, beschrieben die Anforderungen, die an die
-Krankenzimmer gestellt werden müßten und gaben Unterweisungen für die
-Überführung der Kranken.
-
-In kurzer Zeit einigten sich die Männer dahin, daß der große Tanzsaal
-des Gasthofes und das dicht daneben stehende Schulhaus für die Kranken
-eingerichtet werden sollten. Der Lehrer und seine Familie mußten
-während dieser Zeit bei einem Bauern Unterkunft bekommen. Sollten diese
-Räume nicht ausreichen, so würde man den Freiherrn um Aufnahme einiger
-Kranken im Schloß bitten.
-
-Am andern Morgen, als die Sonne blutigrot am Himmel heraufzog, und ihre
-Strahlen die eisige Kälte noch fühlbarer machten, begann man damit, die
-zur Aufnahme der Kranken ausersehenen Räume herzurichten. Von allen
-Seiten brachten die Leute das im Hause Entbehrliche herangetragen;
-dieser die Bretter eines alten, wurmstichigen Bettes, die viele Jahre
-verstaubt und vergessen auf dem Dachboden gestanden hatten, jener einen
-Strohsack, der rasch mit weichem Haferstroh frisch gefüllt worden
-war. Ein Dritter gab zwei wollene Decken, wieder einer ein Deckbett,
-das noch warm war, da es in der verflossenen Nacht ihm selbst gedient
-hatte, und zwei Kissen dazu. Ein anderer erklärte, daß er und sein Weib
-unter Decken nicht frieren würden, und er gab alles, was sie an Betten
-besaßen. Die Hofbesitzer und die großen Häusler trugen fast jeder
-ein vollständiges Bett herbei, und vom Freihof kam ein zweispänniger
-hochaufgepackter Wagen, von dem man vier Bettstellen und ebensoviel
-Strohsäcke und Federbetten ablud. Keiner wollte zurückstehen von der
-Erfüllung des Liebeswerkes und wenn es der Ärmste war. Etwas hatte
-jeder, wars auch nur eine geringe Gabe.
-
-In wenigen Stunden waren die Räume soweit instand gesetzt, daß man
-daran denken konnte, die kranken Soldaten aus den einzelnen Häusern in
-ihr neues Heim zu schaffen.
-
-Man zählte: dreiundzwanzig Kranke sollten es sein, und neunundzwanzig
-Betten standen bereit. Gottlob! Soweit war alles geglückt, das Hospital
-war fertig. Der Tanzsaal allein konnte zwölf Kranke aufnehmen, und die
-übrigen fanden in den beiden Gastzimmern daneben und im Schulzimmer
-Unterkunft.
-
-Gegen Mittag brachte man die Kranken von allen Seiten heran. In Decken
-und Betten gehüllt, wurden sie vorsichtig bis zum Gasthof gefahren; aus
-den näher liegenden Häusern trugen sie die Einwohner dahin.
-
-Alles beteiligte sich daran. Die beiden Ärzte waren vorher emsig von
-einem Haus in das andere geeilt und hatten die letzten Anordnungen für
-den Transport gegeben. Nun standen sie inmitten der frischen Betten und
-überwachten das sorgsame Hineinlegen der Kranken. Ein Neugeborenes kann
-nicht zärtlicher und liebevoller von seiner Mutter in den Arm genommen
-werden, wie mit den Soldaten die Rehefelder verfuhren, und die Kinder
-trugen den mit ihrer Bürde behutsam Dahinschreitenden die wenigen und
-armseligen Kleidungsstücke nach.
-
-Das Mitleid mit den Unglücklichen hatte die ganze Einwohnerschaft
-ergriffen, und man suchte in der Betätigung für die Notleidenden
-einander zu übertreffen.
-
-Unter denen, die sich von den frühesten Morgenstunden ab um das gute
-Gelingen des Werks bemüht hatten war auch Max.
-
-Nachdem er mit seiner Mutter kurz besprochen hatte, was sie an Betten
-und Gerätschaften beisteuern konnten, war er hinüber nach Zehmen
-geritten. Die Militärärzte hatten erklärt, daß sie nicht länger bleiben
-könnten, da ihre Hilfe in dem mit Kranken überfüllten Leipzig nur allzu
-dringend gebraucht würde. Aus diesem Grunde war er zu dem in diesem
-Dorfe wohnenden Arzt geeilt, der freilich schon seit Jahren infolge
-hohen Alters seinen Beruf nicht mehr regelmäßig ausübte, um ihn um
-seinen Beistand für die jetzige Zeit der großen Not zu bitten. Er fand
-den Greis im Bette liegend und krank, so daß dieser ihm nur ein paar
-Ratschläge mit auf den Weg geben konnte und in Aussicht stellte, nach
-einigen Tagen selbst einmal nach den Kranken zu sehen.
-
-
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-5. Kapitel.
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-Als Max gegen Mittag zurückgekehrt war, hörte er, daß die Kranken in
-dem schnell hergerichteten Spitale nunmehr glücklich untergebracht
-seien.
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-Er konnte einen Ausdruck der Befriedigung darüber nicht unterdrücken,
-und ein Gefühl der Beklemmung wich von ihm bei dem Gedanken, daß die
-Einwohner Rehefelds der unmittelbaren Gefahr der Ansteckung nicht mehr
-ausgesetzt wären.
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-Max ging nach dem Gasthof, da er wissen wollte wie es nun darin aussah,
-ob man für die Zubereitung der Speisen für die Kranken ausreichend
-gesorgt hatte und schließlich, ob genug Pflegerinnen bestellt wären
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-Als er über den Platz vor dem Gasthof schritt, standen ein paar
-Geschirre vor dem Hause. Die Pferde hatten die Krippen vor sich und
-fraßen bedächtig, während die Besitzer in der Gaststube weilten. Im
-Hausflur angekommen, unterschied er drinnen einige bekannte Stimmen,
-unter denen er auch die des Gemeindevorstands erkannte, der froh sein
-mochte, der größten Sorge ledig zu sein. Max schritt auf die Tür zu,
-besann sich aber sofort eines anderen und wandte sich wieder um.
-Langsam stieg er die Treppe hinauf, um sich vorher die Unterbringung
-der Kranken anzusehen.
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-In dem geräumigen Saale waren an den beiden Längsseiten die Betten mit
-geringen Abständen von einander aufgestellt, daß die Kranken mit den
-Füßen nach dem in der Mitte entstandenen, breiten Gang zu lagen. Die
-hölzernen Bettgestelle waren ungleich lang und breit und die Bezüge
-verschiedentlich bunt gestreift oder gewürfelt, wie sie die Bauern
-aus ihren Haushaltungen zusammengetragen hatten. Einige der Kranken
-schliefen, andere lagen wachend in den Kissen, und hier und da warf
-einer in starkem Fieber unruhig den Kopf hin und her.
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-Drei Frauen gingen geräuschlos ab und zu oder bemühten sich um
-die Kranken. Die erste, die Max am nächsten stand, war eine alte
-Auszüglerin, die gewöhnlich im Dorfe die Kranken wartete, und in einer
-andern erkannte er die Frau des Schullehrers. Die dritte kehrte ihm den
-Rücken zu und beugte sich gerade tief auf das Bett eines Fiebernden
-nieder und hielt diesem ein Glas Wasser an die Lippen.
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-Max wußte nicht, wer diese Pflegerin war, aber ihre Erscheinung
-fesselte sofort seinen Blick, so daß er die Augen auf der
-hochgewachsenen Gestalt ruhen ließ. Sie trug ein dunkelblaues, eng
-anschließendes und ganz einfach gearbeitetes Wollkleid, und ihr volles
-braunes Haar war mit einem weißen Leinenhäubchen bedeckt. Er sann nach,
-wer die Unbekannte sei, aber keines der Mädchen im Dorfe glich ihr.
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-Sein Verlangen, ihr ins Gesicht zu sehen, wuchs, als er bemerkte, wie
-geschickt und zugleich schonend die Pflegerin den Kranken aufrichtete,
-das Kopfkissen aufschüttelte und dann den alten französische Soldaten
-wieder sorgfältig darauf bettete. Nun ging das Mädchen von dem Bett weg
-und wandte sich um, und gleichzeitig mit dieser Bewegung begegneten
-ihre Augen seinem Blicke.
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-Max war derart betroffen, daß er schweigend und wie angewurzelt auf
-seinem Platze stand, und es wollte ihm selbst nicht gelingen, seinen
-Blick von ihr zu wenden. Diese hätte er hier nicht vermutet, und aus
-diesem Grunde konnte er seiner großen Verlegenheit nicht so leicht
-Meister werden. Denn das Mädchen, dem er gegenüberstand, und das unter
-seinem langen Blicke in leichte Verwirrung geriet, war Maria von
-Tiefenbach.
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-Noch nie hatten sich die beiden so nahe gegenüber gestanden. Sie
-waren fast unbewußt jederzeit von dem gleichen Wunsche beseelt
-gewesen, eine nahe Begegnung zu vermeiden, und schon von weitem
-hatten sie bisher beim Sichtbarwerden des andern unverfänglich einen
-Seitenweg eingeschlagen. Und so war es gekommen, daß ihnen ein dichtes
-Aneinandervorübergehen trotz der engen Verhältnisse im Dorfe bis heute
-erspart geblieben war.
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-Max hatte die Abneigung gegen die Leute vom Schlosse mit der
-Muttermilch eingesogen, und in späteren Jahren war es wieder die
-Freihoferin gewesen, die dieses unbewußte Gefühl zu einem bewußten und
-trotzigen Haß gegen die Verwandten vertieft hatte. Wie die Mutter, sah
-auch er in den Schloßbewohnern herrische und hochmütige Menschen, die
-den Zweig der Familie, der in das Dorf hinabgestiegen war, verachtete,
-und von denen einer die teuere Verstorbene beschimpft hatte. Deshalb
-war der junge Mann, als er sich dem Mädchen unvermutet und zum ersten
-Male so nahe gegenübersah, betroffen.
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-Blitzschnell erwog er, wie er jetzt am richtigsten zu handeln habe,
-um die, beide beklemmende Situation zu beenden. Den Rücken wenden und
-hinausgehen, das konnte er nicht, denn er war ja gekommen, um sich zu
-erkundigen, ob es noch an etwas fehle, und diese Absicht mußten die
-beiden anderen Pflegerinnen schon bei seinem Eintreten erkannt haben.
-Dazu hatte er beim Verrichten des ganzen Samariterwerkes allzusehr in
-vorderster Linie gestanden, und vermutlich hatte der Gemeindevorstand
-die Frauen auch schon angewiesen, sich an ihn zu wenden, wenn an
-etwas Mangel einträte. Und dann müßte er alle Höflichkeit unbeachtet
-lassen, die man fremden Menschen und selbst denen schuldig ist, deren
-Gesellschaft man meidet. Sein rücksichtsloses Fortgehen würde die
-Jungfrau tief verletzen.
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-Und was tat es denn überhaupt wenn er blieb? Standen sie beide
-in diesem Augenblick nicht in einem höhern Dienste, in dem der
-Nächstenliebe? Durfte er jetzt Zwist und Abneigung vorschützen, um mit
-dem Mädchen nicht nebeneinander arbeiten zu müssen? Steht die Pflicht
-zur Barmherzigkeit nicht so unendlich hoch, daß selbst Feinde zusammen
-an ihr arbeiten dürfen? Er würde sich engherzig und klein schelten und
-seiner Standpunkt als niedrig bezeichnen müssen, wenn er hier auswich.
-Deshalb mußte er bleiben. Sein innerer Mensch wurde nicht betroffen,
-der konnte der alte bleiben. Aber die Kraft dem leidenden Nächsten zu
-widmen, auch unter diesen unbequemen Umständen, forderte einfach seine
-Ehre.
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-Diese Gedanken, die in schnellem Fluge durch Maxens Seele zogen,
-verrieten sich auf seinem Gesicht nur zu deutlich, daß das vor ihm
-stehende Mädchen sie nicht hätte erraten müssen. Aber auch sie kämpfte
-mit ihrer Verlegenheit.
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-Da überkam den jungen Mann plötzlich die Eingebung, daß er den Anstand
-verletze, wenn er jetzt nicht das peinvolle Schweigen breche. Langsam
-schritt er deshalb auf das Mädchen zu und indem er sich bemühte,
-unbefangen zu bleiben, sagte er:
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-»Es ist ein schwerer Beruf, den Sie gewählt haben, aber viel Dank wird
-Ihnen dafür werden.«
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-Sie schwieg eine kurze Weile, dann richtete sie ihre großen, blauen
-Augen fest auf ihn und sagte mit wohllautender, tiefer Stimme:
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-»Dem leidenden Nächsten zu helfen ist Menschenpflicht. Der beste Lohn
-dafür ist die Befriedigung, die tief im Herzen quillt und die froher
-macht als der Dank.«
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-»Sie haben recht,« erwiderte Max, »diesen Beweggrund soll auch der
-Mensch für seine guten Taten haben, denn so hat es uns schon der große
-Nazarener gelehrt. Aber haben Sie die Aufgabe, der Sie sich freiwillig
-und gewiß mit vielem Eifer unterziehen wollen, auch nicht unterschätzt?
-Dieser Beruf wird Anstrengungen und Entbehrungen von Ihnen fordern,
-die Sie vielleicht nicht voraussahen, und die fast die Kraft eines
-Mannes erfordern.«
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-»Lassen Sie das ruhig meine Sorge sein, Herr von Tiefenbach,« fiel
-Maria ihm ins Wort, »ich bin von Jugend auf dazu angehalten, mein Tun
-nicht unüberlegt zu beginnen. Aber weshalb zweifeln Sie daran, daß
-ich nicht ebensogut wie andere Frauen imstande sein werde, diesen
-Unglücklichen Trost und Hilfe zu gewähren? Zu meinem Bedauern habe
-ich bis jetzt keine Gelegenheit gefunden, meine Kraft in Dienste des
-Vaterlands zu gebrauchen und dies zu einer Zeit, zu der es nicht genug
-hilfsbereite Hände geben kann. Jetzt ist mir die Gelegenheit geworden,
-und wenn ich auch tausendmal lieber diese Kranken gesund wüßte, so
-bin ich doch froh, daß sie sich gerade hier befinden und ich mich
-ihrer annehmen kann. Nach der Schwere der Bürde, die einem das Amt
-bringt, fragt man nicht lange, frisch zugreifen und unerschrocken den
-Schwierigkeiten, die sich in den Weg legen, entgegengehen, ist doch
-immer das Richtige. Mag der Mann draußen auf dem Felde der Ehre sein
-Alles einsetzen, uns Frauen soll er in Räumen wie diesen walten lassen,
-damit auch wir Gelegenheit haben, unser Teil beizutragen zu dem großen
-Werke. Wir sind dazu berufen, die geschlagenen Wunden zu heilen und die
-Schmerzen zu lindern, die der unerbittliche Krieg verursacht.«
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-Das Mädchen hatte die Worte in edelm Feuer gesprochen, und die
-Begeisterung, die in ihr glühte, übergoß ihr schönes Gesicht mit einer
-feinen Röte. Jetzt, nachdem sie geendet, fühlte sie, daß sie vielleicht
-zu viel gesprochen hatte und fast in Erregung gekommen war. Sie
-bereute ihre Worte und verstand es nicht, wie die Begeisterung für ihr
-Vorhaben sie so mit sich fortgerissen hatte.
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-Max konnte nichts antworten, was hätte er dem Mädchen nach diesen
-Worten auch sagen sollen. Überrascht stand er vor der Jungfrau, bei der
-sich Schönheit mit Anmut und Klugheit mit Gemüt vereinigten.
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-Maria hatte sich nach ihren Worten wieder abgewandt und war zum Bett
-eines Kranken getreten, der mit heiserer Stimme zu trinken verlangt
-hatte. Behutsam setzte sie ihm das Glas an die Lippen, das er mit
-gierigen Zügen leerte.
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-Max wechselte mit den anderen Frauen noch ein paar Worte und verließ
-dann den Saal. Nach den Worten des Fräuleins vom Schlosse zu
-urteilen und nach dem, wie er sie hatte walten sehen, würde sie eine
-vortreffliche Pflegerin sein. Wenn die beiden andern ihre Aufgabe
-ebensogut erfüllten, dann waren die Kranken in den besten Händen.
-Deshalb war es ein Gewinn für die Sache, daß sich das Fräulein der
-Pflege angenommen hatte. Und doch wünschte Max das Mädchen vom
-Krankensaale weit weg!
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-Daß er denen vom Schloß nicht für immer so ausweichen konnte, wie es
-ihm bisher gelungen war, damit hatte er schon gerechnet, daß er aber
-so unerwartet mit einem von ihnen in Berührung treten sollte, und noch
-dazu, wie er voraussah, öfters, das behagte ihm nicht. Obendrein hatte
-dieses Mädchen etwas an sich, das ihn aus seiner gleichmäßigen Ruhe
-bringen konnte. Und von neuem stand ihm die Erscheinung vor Augen. Mit
-welchem Anstand sie ihr Haupt zum Gegengruß geneigt hatte, und in welch
-ruhigem Gleichmaß sie sprach. Noch jetzt, meinte er, hafte der Blick
-aus ihren großen Augen auf ihm.
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-Ein paarmal während des Tages verfiel Max in tiefes Nachsinnen.
-Unwillkürlich schweiften seine Gedanken von der Arbeit weg, und er
-überraschte sich dabei, daß er die Hände müßig hielt und sich willig
-der Erinnerung an die Begegnung überließ. Des Mädchens hohe Gestalt,
-der lange Blick ihrer Augen die wohllautende Stimme und endlich die
-Sicherheit, die aus ihren Worten klang, hatte einen nachhaltigen
-Eindruck auf den jungen Mann ausgeübt. Er fühlte ein fast unbezähmbares
-Verlangen, einen tiefern Blick in die Seele dieses schönen Mädchens zu
-tun. Aber um dies zu erreichen, hätte er sich ihr mehr nähern müssen,
-als es ihm, der Pflegerin inmitten ihrer Kranken gegenüber, möglich
-war. Und das durfte er nicht!
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-Maria von Tiefenbach war seine Anverwandte, denn sie waren ja
-Geschwisterkinder. Aber er durfte nicht vergessen, daß sich ein tiefer
-Abgrund zwischen ihnen hinzog, über den hinweg nimmermehr eine Brücke
-geschlagen werden konnte. So lange es die beiden Familien vom Freihofe
-und vom Schlosse geben würde, so lange würde auch die Kluft bestehen.
-Das war für alle Zeiten bestimmt, und niemand durfte sich vermessen, an
-diesem Spruch zu rütteln. So hatte es sein Großvater gewollt, nachdem
-der eigene, hochmütige Bruder die Auserwählte seines Herzens beschimpft
-hatte. Des jungen Freihofers empfindlicher Stolz bäumte sich hoch auf,
-wenn er an das schwere Unrecht dachte, das seiner Großmutter von denen
-droben einst zugefügt worden war.
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-Und selbst dann, wenn es ihn mit unwiderstehlicher Macht zu dem
-Fräulein hinziehen würde, -- wie wäre es ihm möglich, vor seine Mutter
-zu treten und ihr zu sagen, daß er wieder Freundschaft schließen wolle
-mit den Leuten vom Schlosse? Würde er dergestalt seine alte Mutter
-nicht verraten? Sie, die er mit der zärtlichsten Liebe umgab, die
-ein Kind für seine Mutter nur empfinden kann! Freilich lagen seine
-Gefühle nicht auf der Zunge, denn beider Naturen waren hart und nicht
-für den offenen Austausch von Liebeszeichen geschaffen. Aber wie es
-Max jeden Tag von neuem fühlte, daß ihr rauhes Äußere nur die Glut
-ihrer mütterlichen Empfindungen für ihre beiden Kinder verbarg, wußte
-er, daß die bedingungslose Ehrfurcht und Unterwerfung vor ihr und die
-fast abgöttische Liebe zu seiner Mutter die stärksten seiner Gefühle
-waren, die ihn jemals bewegen konnten und die in seine Seele unlösbar
-hineingewoben waren. Deshalb konnte von einer Annäherung zu den
-Verwandten niemals die Rede sein, wenn nicht seine Mutter selbst den
-Wunsch dazu aussprechen würde. Aber dieser Umschwung würde in ihrer
-Seele nie eintreten. So glühender Haß erlischt nur mit dem Tode dessen,
-der ihn mit sich herumträgt.
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-Und selbst wenn in seiner Mutter der Wunsch dazu rege würde, dürfte sie
-es dennoch nie tun! Als sie vor Jahren ihm, dem Knaben, die Feindschaft
-zu den Schloßleuten ins Herz gepflanzt, da hatte sie ihm zuletzt
-anvertraut, gleichsam als wolle sie ein blutigrotes, brennendes Siegel
-unter ihre Worte setzen, daß sie ihrem sterbenden Vater unversöhnliche
-Feindschaft denen im Schlosse gegenüber in die Rechte gelobt habe.
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-Aus allen diesen Gründen unterdrückte Max seinen Wunsch das Fräulein
-näher kennen zu lernen. Vielleicht würde er, wenn es geschah, nur einen
-Widerstreit seiner Empfindungen heraufbeschwören, und es würde ihm dann
-gewiß schwerer werden als heute, das so schnell erwachte Interesse für
-dieses ungewöhnliche Mädchen wieder zu verlieren und den Eindruck zu
-verwischen, den es auf ihn ausgeübt hatte.
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-Während der folgenden Tage betrat Max wiederholt die Krankenzimmer
-und mußte von neuem Gelegenheit nehmen, mit Maria von Tiefenbach zu
-reden. Sie sprach unbefangen, ihre Stimme dämpfend und begleitete ihre
-Worte mit ausdrucksvollen Bewegungen der Hand. Was sie ihm über den
-Zustand der Kranken zu berichten hatte, sagte sie in knappen Sätzen.
-Teilte sie ihm Erfreuliches mit, so blieb sie dennoch ernst, nur in
-dem aufleuchtenden Blick ihrer Augen konnte Max ihre Freude lesen. War
-hingegen Schmerzliches zu berichten, so erriet er dies schon, bevor
-sie begann, an ihren umflorten Augen. Sie vermied es ängstlich, sich
-ihm gegenüber weich oder erfreut zu zeigen und schien ihm im stillen
-dafür dankbar zu sein, daß er ihr weder tröstende, noch Worte der
-Anerkennung sagte. Selbst als sie ihm eines Morgens mitteilen mußte,
-daß ein junger bayerischer Dragoner, den sie, wie er wußte, Tag und
-Nacht in unermüdlicher Sorgfalt gepflegt, und der ihr durch die endlich
-herannahenden Zeichen seiner Genesung viel Freude bereitet hatte,
-infolge eines plötzlichen Rückfalls in der verflossenen Nacht gestorben
-war, fügte sie ihrer Meldung keine weiteren Worte hinzu.
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-Max vermochte nicht sein Mitgefühl zu unterdrücken, das in ihm
-emporkam, als er in diesen Augenblicken das Mädchen betrachtete.
-Ihre Wangen waren von den ungewohnten Anstrengungen der letzten Tage,
-besonders aber von den vielen Nachtwachen bleich geworden, und ihre
-Haltung war die eines müden Menschen. Außer den Anzeichen großer
-Abspannung lag auf ihrem Gesicht tiefe Ergriffenheit. Er sah, wie sie
-sich fast Gewalt antun mußte, um bei ihren Worten nicht in Tränen
-auszubrechen.
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-Mit wachsender Teilnahme stand Max dem Fräulein gegenüber, denn er
-erriet, was in ihrem Innern vorging. Zu gleicher Zeit wußte er aber
-auch, daß sein sehnliches Verlangen, einen Blick hinter das ernste
-Antlitz dieses Mädchens zu tun, sich schon erfüllt hatte.
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-Da drang ihm plötzlich ein heißer Strom zum Herzen, den zurückzudämmen
-er sich anfangs bemühte, um sich im nächsten Augenblick aber dieser
-Weichheit in willenloser Freude hinzugeben. Denn was sich ihm hier
-offenbarte, war ein edles Frauengemüt! Rasch fand er die Erklärung für
-den großen Schmerz des Mädchens. Mit Hingabe hatte sie den Krieger nun
-fast zwei Wochen hindurch gepflegt, nicht der Anstrengungen achtend,
-die ihre Wangen hohl gemacht hatten. Unsägliche Freude hatte sie
-empfunden, als seine kräftige Natur in dem erbitterten Kampf mit der
-schweren Krankheit endlich die Oberhand gewann, und sie fühlte dadurch
-ihre heißen Bemühungen tausendfach belohnt. Schon sah sie, wie die
-Gesundheit in den erstarkenden Körper wieder einzog, -- da begannen
-gestern Abend die Pulse von neuem zu hämmern, die Temperatur stieg
-bedrohlich und ohne einen Grund dafür erkennen zu lassen, stand wieder
-auf derselben Höhe wie in den Tagen der qualvollsten Zweifel, stieg
-darüber hinaus, -- und dann mußte sie ohnmächtig zusehen, wie der eben
-wieder lebensfroh gewordene Kranke die Augen hilfesuchend auf sie
-richtete und mußte zulassen, daß der dem Tode kaum Entrissene dennoch
-sein Opfer wurde. In einer einzigen Nacht war ihre große Freude zu
-schwerem Kummer geworden.
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-So, fühlte er, hatte es sich zugetragen, und ihre Seele, die warme
-Nächstenliebe, Aufopferung und tiefes Mitgefühl anfüllte, hatte großen
-Schmerz erlitten.
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-Da konnte er seine Bewegung nicht mehr meistern: er trat zu der sich
-eben wieder von ihm wendenden Jungfrau, nahm ihre Hand in die seinige
-und sprach ihr mit teilnehmenden und tröstenden Worten sein Mitgefühl
-aus.
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-Das Fräulein war bei der Berührung ihrer Hand unwillkürlich
-zusammengeschreckt, aber sie hatte sie ihm doch willig überlassen und
-mit Verwunderung seinen Worten zugehört. Eine starke Blutwelle trieb
-wieder nach ihrem Kopfe und färbte ihre blassen Wangen dunkelrot, bis
-hinauf unter die schweren, braunen Zöpfe auf ihrem Haupte.
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-Langsam entzog sie ihm endlich ihre Hand und trat einen Schritt zur
-Seite. Dann sprach sie:
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-»Herr von Tiefenbach, ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme. Ich hatte
-sie nicht erwartet und konnte nicht ahnen, daß Sie meinen Schmerz
-erkennen würden. Der Tod dieses mir noch vor wenigen Wochen Unbekannten
-hat mich, wie Sie richtig erraten haben, schwer getroffen und mein
-tiefstes Bedauern wachgerufen. Er liebte das Leben und klammerte sich
-mit bewunderungswürdiger Zähigkeit daran fest. Und wie beglückt und
-dem Schöpfer dankbar er dem neuen Leben entgegenging! -- Doch, Herr
-von Tiefenbach,« fuhr sie nach einer kurzen Pause der Sammlung in
-verändertem Tone fort, »eine Pflegerin darf nicht weich werden, sonst
-taugt sie nicht für ihr Amt. Voll Freude hatte ich dem Verstorbenen in
-seinen schweren Leidenstagen meine Kräfte gewidmet; er sollte nicht
-genesen. Jetzt gehört meine Kraft wieder den Lebenden!« Und mit dem
-stummen Gruße, mit dem sie sich sonst von ihm zu verabschieden pflegte,
-ging das Mädchen zu den Kranken.
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-Auf Max hatte dieser Vorgang tief eingewirkt. Das, was er bis zu dieser
-Stunde nur empfunden hatte, war mit einem Schlage Überzeugung: in
-diesem schönen Mädchen wohnte eine herrliche Seele, auf deren tiefsten
-Grund er soeben geschaut hatte. Durch die wenigen Worte, die er mit dem
-Fräulein gewechselt, fühlte er sich ihr innerlich nähergerückt. Es war,
-als wenn eine hohe Schranke, die bis heute zwischen ihnen aufgetürmt
-war, von Zauberhand beseitigt worden sei.
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-Wenn sich im Leben zwei Menschen dabei kennen lernen, daß ihnen ein
-Erlebnis von scheinbar geringer Bedeutung zustößt, das sie aber
-zwingt, sich gegenseitig einen vollen Einblick in das wie durch einen
-Blitzstrahl erhellte eigene Innere zu gewähren, und beide gleichzeitig
-erkennen, daß ihre Empfindungen und Anschauungen in der ihre Herzen
-berührenden Frage übereinstimmen, dann webt das Schicksal auch sogleich
-mit emsiger Hand geheimnisvolle Fäden von einem Herzen zum andern. Die
-Worte der Zurückhaltung und Förmlichkeit erscheinen ihnen nichtssagend
-und armselig, deshalb lassen sie den Zwang fallen und sprechen
-zueinander, als ob sie schon seit Jahren gute Nachbarn wären. Und doch
-waren sie sich noch vor einer Stunde fremd und hatten sich im Leben
-vielleicht noch niemals gesehen. Das kleine Ereignis aber hat beide
-menschlich so nahe gebracht, wie sonst nur Vertraute zueinander stehen.
-Jahrelang wandeln oft zwei Menschen nebeneinander dahin, ohne daß sie
-sich bis ins Innerste des Herzens hinein kennen lernen. Es bedeutet
-mitunter viel, einen Menschen so zu finden, denn die in solchen Stunden
-geschlossene Freundschaft dauert nicht selten bis über das Grab hinaus.
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-Max fühlte, daß dieser Vorfall imstande sein konnte, von großer
-Bedeutung für sein künftiges Geschick zu werden. Wären sie nicht
-feindliche Geschwisterkinder gewesen, so hätten sie in dem
-angeschlagenen vertraulichen Tone länger zusammen gesprochen, und des
-Mädchens Worte hätten wohl herzlicher geklungen. Aber so hatte, während
-sie miteinander sprachen, neben ihr der Schatten des Familienzwists,
-an seiner Seite der alte Haß gestanden, unter deren Eishauch die
-Herzlichkeit nach dem ersten Aufschäumen frostig wurde und sich alsbald
-in eine kaum zu verbergende Verlegenheit verwandelte. Und dadurch ward
-das aus dem Herzen freudig hervordrängende Gefühl getötet, noch ehe es
-der Mund in Worte prägen konnte.
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-Und während sich Max unaufhörlich mit dem Begebnis am Morgen dieses
-Tages beschäftigte, zog in seiner Brust, in der bisher im Leben die
-widerstreitenden Gefühle friedlich nebeneinander geschlummert hatten,
-in aller Stille ein Sturm herauf, der den starken Mann wie ein
-schutzloses Bäumchen auf einsamer Höhe schütteln sollte.
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-Der Anblick, den das Fräulein heute geboten hatte, stand Max in
-plastischer Deutlichkeit vor der Seele. Er sah wieder ihr bleiches
-Gesicht mit den müden Augen und dem Zuge von verhaltenem Schmerz, der
-sich um ihren Mund gelagert hatte, und wenn sie sprach, kostete es
-sie sichtlich Mühe, ihre zuckenden Lippen zu beruhigen. Jedem anderen
-Menschen, dessen Seelenschmerz sich ihm so offenbart hätte, würde
-er in reicherem Maße Trost zugesprochen haben. Das gebot ihm die
-Christenpflicht. Und in welch raschem Flusse gleiten erst die Worte vom
-mitfühlenden Herzen, wenn es gilt, einen edeln Menschen zu trösten, den
-der Kummer durch selbstlose Hingabe an Unglückliche überkommen ist.
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-Aber wenn immer er einem Leidenden das Herz erschließen durfte,
-hier durfte er es nicht! Diesem gemütvollen, erschütterten und doch
-willensstarken Mädchen gegenüber, zu dem ihn sein empfindsames Herz,
-ohne daß er widerstreben konnte, heute hingedrängt hatte, diesem
-Mädchen gegenüber mußte er seine Brust mit Eisen panzern. Denn sie war
-seine Feindin.
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-Max fuhr mit der Hand über die Stirn, als wenn er damit alle Unruhe
-verscheuchen könne, die ihn überfallen hatte. Seine Feindin, sagte
-er eben? Ja, war sie denn wirklich seine Feindin? Konnte das blasse,
-schöne Mädchen mit dem reichen Gemüt, das seine Kraft so bereitwillig
-in den Dienst der Leidenden stellte, und das der Tod eines ihrer
-Kranken so mächtig ergriffen hatte, wirklich etwas getan haben, daß ein
-Mensch auf der ganzen weiten Welt sagen durfte: Seht, das ist meine
-Feindin?
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-Und doch war er es, der sie Feindin nannte! Beging er damit nicht
-ein großes Unrecht? Hatte sie eine Mitschuld an dem ganzen unseligen
-Familienzwist? Warum vergalt man ihr, was ihr Großvater versündigt
-hatte? Mußte er als Christ diese Handlungsweise nicht als eine schwere
-Versündigung an einem unschuldigen Menschen bezeichnen, und warum
-lehnte sich nicht alles Gute in ihm auf gegen eine solche Tat?
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-Alle diese Fragen drangen zu gleicher Zeit mit Ungestüm auf Max ein,
-und sein sonst so ruhiges Denken geriet in arge Verwirrung. Daran, daß
-die Feindschaft, die die Freihofer gegen die Schloßleute unterhielten,
-berechtigt sei, hatte er noch nicht gezweifelt. Jetzt schien es ihm,
-als wenn eine Binde von seinen Augen fiele. Von allen Seiten kamen ihm
-plötzlich Zweifel über die Richtigkeit seiner tiefen Abneigung. Sie
-drangen auf seine Seele ein und vereinten sich zu der ernsten Anklage:
-Du hast denen droben auf dem Weißen Schlosse schon seit Jahren schweres
-Unrecht getan.
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-Max wußte nicht, wie ihm geschah. War es möglich, daß er in
-Zweifelsqualen darüber geraten konnte, ob seine Abneigung, sein
-feindseliges Gefühl gegen die Verwandten berechtigt sei?
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-Während des ganzen Tags war der Freihofer wie ein Träumer
-umhergegangen. Nach dem Mittagessen hatte er sich hinter die
-Wirtschaftsbücher gesetzt, aber die Arbeit wollte nicht vorwärts gehen.
-Der Kopf war ihm zu voll. Wenn er die schwarzen Zahlen betrachtete,
-schien es ihm, als wenn sie lebendig geworden wären, wunderliche Formen
-annähmen und durcheinander tanzten. Schrieb er sie nieder, so mußte er
-genau achtgeben, daß er nicht eine falsche Summe eintrug.
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-Da wurde er mit einem Male ärgerlich, denn er hatte in dem neuen
-Hauptbuch dem Händler Kornteuer die dreihundert Taler, die dieser
-noch vom Herbst her für Getreide schuldete, ins Haben anstatt ins Soll
-geschrieben.
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-Ärgerlich warf Max die Feder beiseite, klappte das Tintenfaß heftig
-zu und verließ das Zimmer. Seine Mutter, die am großen runden Tisch
-stand und von einem dicken Ballen Leinwand Stücke abschnitt, um daraus
-Hemden für die kranken Soldaten anzufertigen, hielt die Schere still
-und sah erstaunt dem Sohne nach. Was war es mit ihm? Es war ihrem
-scharfen Blicke nicht entgangen, daß er bereits seit einigen Tagen
-in sich gekehrt und zerstreut war. Abends, wen sie sich um die Lampe
-versammelt hatten, war er einsilbig gewesen. Anfangs hatte er oft und
-mit lebhaften Worten von seinen Kranken gesprochen, jetzt berichtete
-er nur noch kurz von ihnen. War er nicht mehr zufrieden? Was konnte es
-sein, das seinen Blick so versonnen machte?
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-Aber die Freihoferin war nicht gewöhnt, über kleine Veränderungen im
-Wesen ihres Sohnes lange zu grübeln. Seine Seele lag von Kindheit an
-wie ein offenes Buch vor ihr, in dem sie Tag für Tag las, und sie wußte
-genau, was auf jedem Blatte geschrieben stand. Deshalb ließ sie schnell
-diese Gedanken fallen und wendete die Aufmerksamkeit wieder ihrer
-Arbeit zu.
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-Max war unterdessen über den Hof gegangen und in die große Scheune
-getreten, wo die Knechte in zwei Runden Weizen ausdroschen. Eine
-kurze Weile hielt er sich dort auf, dann ging er wieder zurück und
-schlenderte durch die Ställe. So lief er lange Zeit durch alle
-Wirtschaftsräume, Arbeit suchend und keine findend. Wenn er eine kleine
-Unregelmäßigkeit entdeckte, ward er ärgerlich und schalt die Mägde.
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-Im hintersten Stand hatte sich eine Kuh losgemacht und bog gerade zu
-einem Spaziergang in die Stallgasse ein, und wie er den Pferdestall
-betrat, fiel sein Blick auf die tragende Stute, deren Kette so lang
-gesteckt war, daß das Tier mit dem Maule bis zu dem hohen Streustroh
-herunter konnte und dieses fraß. Jeden andern Tag hätte er selbst Hand
-angelegt, um dem Mangel abzuhelfen. Heute rief er mit schallender
-Stimme nach dem Gesinde. Überall fand er zu verbessern und zu tadeln.
-Alles sah er, nicht die kleinste Unregelmäßigkeit entging seinem Auge.
-Und doch waren seine Gedanken nicht bei ihm, immer standen vor seinem
-Geiste die umflorten Augen eines schönen Mädchens.
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- * * * * *
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-Der kurze Januartag neigte sich seinem Ende zu. Max stand in der Stube
-an einem der Fenster, die nach der Straße lagen und blickte hinaus auf
-die beschneite Landschaft. Überall, wohin das Auge reichte, nichts als
-Schnee. Auf der Dorfstraße war eben der mit sechs kräftigen Gäulen
-bespannte Schneepflug vorübergegangen und hatte eine breite Bahn
-hinterlassen. Hüben und drüben türmte sich der Schnee hoch auf, der
-auch heute bis zum Nachmittag wieder unaufhörlich gefallen war. Jetzt
-hatte sich ein scharfer Wind erhoben, die oberste feine Schicht des
-Neuschnees vor sich hertreibend. Es war bitterkalt draußen, und der
-Himmel hing voll grauer Wolken. Die schwarzen Äste der breiten Buchen
-waren mit der weißen Masse dicht bedeckt, und jede der Zaunlatten trug
-ein hohes Häubchen davon.
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-Max beobachtete, wie sich ein einsamer Spatz dicht vor dem Fenster auf
-den Zaun niederließ. Das Tierchen guckte sich mit flinkem Drehen des
-Köpfchens nach allen Seiten ein paarmal um wie aber keiner von seinen,
-augenscheinlich schon zur Ruhe gegangenen Spießgesellen erschien,
-piepste es mit leiser Stimme einmal auf und flog dann davon. Ein
-winziges Häufchen Schnee fiel dabei vom Pfahl herunter.
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-Weit und breit war nichts Lebendes zu sehen. Die Natur verharrte in
-tiefem Schweigen.
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-Max sah nichts mehr von dem weißen Bilde. Er hatte den Kopf an die
-Scheiben gelegt und kühlte seine brennende Stirn.
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-Warum, so fragte er sich heute wohl zum hundertsten Male, läßt man
-die Lebenden entgelten, was die Toten versündigt haben. Dann stürmten
-wieder bittere Vorwürfe auf ihn ein, und in seiner Seele stieg von
-neuem ein müdes Frauenantlitz herauf, das seine von langen Wimpern
-beschatteten Augen stumm auf ihn richtete.
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-Da wurde der Träumende plötzlich abgelenkt. Vom Freihof ein Stück die
-Straße hinauf, drüben hinter dem schwarzen Dorfteich, stand ein kleines
-Häuschen, aus dessen Schornstein sich eine dünne Säule blauen Rauches
-wand. Dort wohnte eine arme, junge Frau, die kurz vor Weihnachten den
-Mann verloren hatte, mit ihren vier Kindern, von denen die ältesten
-zwei schwer am Keuchhusten litten.
-
-Aus diesem Hause trat soeben eine weibliche Gestalt heraus und lief
-mit eilenden Schritten durch den Schnee herüber nach der Straße. Der
-Wind spielte mit den Zipfeln des wollenen Tuches, das sie um Brust und
-Kopf geschlungen hatte und versuchte, es ihr zu entreißen. Aber sie
-bemerkte seine Anstrengungen und wickelte sich fester in das Tuch. Max
-bemühte sich, die Näherkommende in der sich niedersenkenden Dämmerung
-zu erkennen und trat von neuem dicht an das Fenster. Aber ihr Kopf war
-sorgsam eingehüllt, und das Tuch ließ das Gesicht nicht frei. Jetzt war
-sie am Fenster angekommen und wollte gerade vorübereilen, da riß ihr
-ein heftiger Windstoß das Tuch von der Stirn. Hastig griff sie danach,
-um das Gesicht wieder zu bedecken, -- aber es war zu spät.
-
-Max war mit einem schnellen Schritt vom Fenster verschwunden und
-zur Seite getreten. Aber er konnte die Augen nicht von der Gestalt
-losreißen, durch die Gardine hindurch schaute er dem rasch davon
-eilenden Weibe nach. Der kurze Augenblick, in dem ihr Gesicht unbedeckt
-gewesen war, hatte genügt, sie zu erkennen: es war Maria von Tiefenbach.
-
-Diese überraschende Entdeckung ließ die während des ganzen Tages in
-seiner Seele im Schlummer gelegene Erregung mit einem Schlage hoch
-auflodern.
-
-Das Mädchen, das seinen Geist in den letzten Wochen und besonders seit
-ihrer Begegnung am Morgen des heutigen Tages unaufhörlich beschäftigt
-hatte, befand sich jetzt plötzlich vor ihm, um freilich flüchtigen
-Fußes seinen Blicken alsbald wieder zu entschwinden.
-
-Da wurde dem jungen Mann seltsam zumute, und wie im März unter dem
-linden Hauche der Frühlingswinde die Eisdecke auf den Bächen schmilzt,
-so brach in diesem Augenblick sein ohnehin schwacher Widerstand jäh
-zusammen, und in seiner Seele stieg das heiße Verlangen herauf, dem
-Mädchen nachzueilen und es zu zwingen, vor ihm stehen zu bleiben. War
-es Freude, sie, deren Bild ihn nie verließ, so überraschend vor sich zu
-sehen, oder war es Angst um ihre Gesundheit, die auf dem Spiele stand,
-wenn das Mädchen, nachdem sie wahrscheinlich ein paar Stunden bei den
-Kindern der Tagelöhnerin geweilt hatte, ins Schulhaus hinuntereilte, um
-wieder eine Nacht bei ihren Kranken zu durchwachen?
-
-Max stand von neuem am Fenster und sah mit klopfendem Herzen dem
-Mädchen nach. Die Wange an das Holz des Rahmens gepreßt, bohrte er
-die Augen in die zunehmende Dämmerung hinein, um die Umrisse der
-Verschwindenden noch zu erkennen. Da machte er eine unwillkürliche
-Bewegung und stieß mit dem Arm an einen Menschen. Mit einem Ruck wandte
-er sich um, -- und sah sich seiner Mutter gegenüber. Hoch aufgerichtet,
-in steifer Haltung, die Züge wie in Stein gemeißelt, verharrte die
-Freihoferin.
-
-In tiefem Schweigen standen sich Mutter und Sohn gegenüber, jedes die
-Augen fest auf die des anderen gerichtet. Keines rührte sich, kein Wort
-klang, kein Versuch, auch nur die Lippen zu bewegen. Ein lähmendes
-Stillschweigen, das jetzt nach den Augenblicken hoher Erregung Max das
-Blut in den Adern fast stocken machte.
-
-Lange konnte der Sohn den Blick seiner Mutter aber nicht ertragen, und
-er senkte die Augen zu Boden. Die Aufwallung, die sich vor wenigen
-Sekunden seiner bemächtigt hatte, verflüchtete langsam. Es war ihm, als
-wenn der Schwindel, der ihn gepackt hatte, nun wieder von ihm wich.
-Seine Pulse flogen nicht mehr wie vorhin, merkwürdig rasch kam unter
-dem Blicke des stummen Weibes ihm gegenüber seine kühle Überlegung
-zurück.
-
-Was hatte sich zugetragen? Er konnte sich auf diese Frage nicht
-so rasch die Erklärung geben. Das Fräulein vom Schloß war draußen
-vorübergegangen, das sich wahrscheinlich zu den kranken Soldaten
-begab, und wohin es auch gehörte, nachdem es doch einmal den Beruf
-der Pflegerin bei ihnen erwählt hatte. Und er war hart an das Fenster
-getreten, um ihre Gestalt mit den Blicken zu erfassen -- --?
-
-Mit leisem Kopfschütteln beantwortete er sich diese Frage, eine andere
-Antwort wußte er nicht.
-
-Was hatte ihn aus seiner Ruhe so jäh aufgejagt? Ihn, Max von
-Tiefenbach, den jungen Freihofbauern, der von seiner Mutter so viel
-kühlen Verstand geerbt hatte, und den man so oft um sein inneres
-Gleichgewicht beneidete?
-
-Max suchte vergeblich nach einer Antwort hierauf. Sollte er nahe daran
-gewesen sein, durch zwei blaue Mädchenaugen zum törichten Jungen zu
-werden, der stundenlang schmachtend um das Haus seiner Herzenskönigin
-schleicht, um einen Blick von ihr zu erhaschen?
-
-Er riß den Gedanken unwillig ab, um ihn nicht weiter verfolgen zu
-können. Da merkte er, daß ihm die Röte in die Schläfen stieg, und das
-versetzte ihn in Zorn. Er machte eine heftige Bewegung zum Halse, der
-wie zugeschnürt war. Mit Anstrengung gelang es ihm, sich zu räuspern,
-aber den Blick vom Boden zu erheben vermochte er nicht.
-
-Warum hatten auch die hoffärtigen Leute droben seine Großeltern
-einstens tödlich beleidigt! Solch eine Schmach darf nie vergessen
-werden, und wer lebte, mußte entweder die Schuld der Eltern bezahlen
-oder die Schmach vergelten. Ja! Die Mutter war im Recht, wenn sie
-ihnen mit Feindschaft begegnete. Unversöhnlicher Haß mußte jederzeit
-im Herzen lodern, in allen Winkeln der Räume seines Besitztumes
-lauern, von den Dachbalken herabblinzeln, über den Firsten der Gebäude
-schweben, und durch alle Arbeit und alles Leben auf dem Freihofe
-mußte sein Klang zittern. Das hatte schon sein Großvater mit seiner
-Verwünschung besiegelt.
-
-Jetzt konnte Max den Blick wieder erheben und seine Mutter ansehen.
-Diese stand noch immer stumm vor ihm, die stahlgrauen Augen mit hartem
-Ausdruck auf den Sohn gerichtet.
-
-Da überlief die Greisin ein heftiges Zittern; umsonst versuchte sie
-ein paarmal, zu sprechen, bis sie endlich mit gepreßter Stimme, rauh
-hervorstieß:
-
-»Ich habe es ihm in der Sterbestunde geloben müssen, Max!«
-
-Nach diesen Worten wandte sie sich ab, raffte Brille und Gebetbuch vom
-Tische auf und verließ das Zimmer.
-
-Eine kurze Weile blieb Max auf seinem Platze stehen und sah nach
-der Tür, durch die die Freihoferin verschwunden war. Dann machte er
-eine kraftvolle Bewegung, gleichsam, als ob er eine drückende Fessel
-sprengen müsse und ging dröhnend im Zimmer auf und ab.
-
-
-
-
-6. Kapitel.
-
-
-Die Bewohner Rehefelds waren eine fromme Gemeinde, die von ihrem
-geistlichen Herrn wohl behütet wurde. Pastor Reinerz war auf dem Dorfe
-alt geworden, und fast alle Einwohner, bis auf die Hinzugezogenen,
-hatte er dereinst aus der Taufe gehoben und ihnen bei der Konfirmation
-das heilige Abendmahl gereicht. Manchen Eltern hatte er ihr Liebstes
-mit in die Grube senken helfen, manch einem jungen Weibe durch seinen
-tröstlichen Zuspruch den herben Verlust des teuern Gatten erleichtert
-und, ach, im Laufe der vielen Jahre so vielen jungen Burschen und
-Mädchen die unvergänglichen Begriffe von Tugend und Sitte, Glauben und
-Ehrenhaftigkeit unausreißbar in die Seele gepflanzt. Er kannte alle wie
-sie im Dorf herumliefen bis ins Innerste ihres Herzens hinein. Und wenn
-sie auch heranwuchsen, seinem Einfluß entgingen sie doch nie. Wollte
-er einmal an einem von ihnen irre werden, so kehrte er im Vorübergehen
-bei ihm ein, senkte seine forschenden Augen unter den buschigen Brauen
-in die seines Gemeindekindes und wußte wieder, wie es um dieses stand.
-Wenn ab und zu einmal ein Schäflein vom rechten Wege abgekommen war und
-sich verirrt hatte in den anfangs so bequemen Schlingpfaden des Bösen,
--- er führte es wieder zurück und kettete es von neuem an sich.
-
-Wie war es doch damals mit Andreas und dem Anger-Liesel gewesen?
-
-Das Liesel war ein blutjunges, tugendsames Weib, war die Frau des
-schönen Andreas und trällerte vom Morgen bis zum Abend wie eine Lerche
-umher und saß jauchzend am Lager eines lieblichen Töchterchens. Sie
-waren arme, aber sehr brave Menschen und arbeiteten fleißig.
-
-Da überfiel den Andreas mit einem Male ein böser Geist, und er wurde
-erst arbeitsscheu, dann leichtsinnig. Er ging oft in die Schenke, saß
-stundenlang darin und vertrank und verspielte all seinen Lohn. In die
-Kirche kam er nie mehr, und dem Pastor wußte er immer geschickt aus
-dem Wege zu gehen. Da tauchte das Gerücht auf, daß der Andreas es mit
-der rothaarigen Magd vom Obergut halte. Die halben Nächte blieb er
-von Hause fort, und wenn er dann endlich mürrisch heimkehrte, hatte
-er für das am Bettchen ihres Kindes weinende Liesel nur Scheltworte.
-An das Kind wendete er nicht einen Blick. Das junge Weib ließ aber in
-seiner treuen Liebe zu dem Manne nicht nach und arbeitete mit doppelten
-Kräften, um den Verlust, den sein Nichtstun mit sich brachte, so gut
-es ihr gelingen wollte wieder auszugleichen. Mit rührender Sorgfalt
-bemühte sie sich, über seine Lieblosigkeit zu ihr hinwegzusehen. Weit
-öfter als sonst richtete sie es behaglich für ihn ein, wie sie von
-früher her wußte, daß er’s gern mochte. Immer wieder bereitete sie ihm
-seine Lieblingsspeisen, derweilen sie sich Salz aufs Brot tat, um Geld
-für sein Mahl zu haben. Aber alles das half nichts. Ihr Mann wurde
-immer liebloser zu ihr.
-
-An einem schönen Frühlingstage, es war am Ostersonnabend, trat Andreas
-vor seine Frau hin und verlangte von ihr alles Geld, das sie besitze,
-um damit in die weite Welt zu gehen. Das junge Weib aber wurde bleich
-wie der Tod. Dann warf sie sich vor ihm nieder und beschwor ihn und
-flehte ihn an, wieder ihr guter Andreas zu sein. Mit krampfhaften
-Armen umklammerte sie seine Knie und sah mit einem Blick so voll Liebe
-und tödlicher Angst zu ihm auf, der jeden andern zur Umkehr gebracht
-haben würde. Dem Andreas aber drang das herzbrechende Schluchzen und
-das tiefe Weh seines Weibes nicht zum Herzen. Mit einer rohen Bewegung
-riß er sich von der Knieenden los, daß das junge Weib in schwerem Fall
-dumpf auf den Boden schlug. Dann ergriff er rasch das Beutelchen, in
-dem er ihre kleinen Ersparnisse wußte und eilte aus dem Hause. Wie er
-aber auf die Straße hinaustrat, erschrak er doch etwas, denn vor ihm
-stand Pastor Reinerz. Mit einem scheuen Gruße wollte er an dem Greise
-vorübergehen; der aber hielt ihn auf.
-
-»Ah, sieh da, der Andreas,« sagte der alte Herr freundlich. »Nun,
-das trifft sich ja sehr gut. Ich war gerade im Begriff, Dich und das
-Liesel einmal zu besuchen. Aber da fällt mir ja ein: heute ist doch
-Reinmachetag. Da wollen wir das Liesel nicht bei ihrem Geschäft stören.
-Du gehst aber auf ein Stündchen mit zu mir. Wenn sich so alte Freunde,
-wie wir beide es sind, so lange nicht gesehen haben, haben sie sich
-mancherlei zu erzählen.«
-
-Andreas wollte trotzig vorbei, doch ein Blick aus des Alten Augen zwang
-ihn an seine Seite. Ruhig, aber ohne hinzusehen, ließ er es geschehen,
-daß Reinerz ihm im Weiterschreiten all die Namen der Blumen und Gräser
-nannte, die in einem großen Strauße vereinigt waren, den er auf den
-Frühlingswiesen gepflückt hatte.
-
-Der schwere Sturz hatte das Liesel auf ein paar Sekunden ihrer
-Besinnung beraubt. Als sie wieder aus der Ohnmacht erwachte, schaute
-sie verstört um sich: ihr Mann war verschwunden. In namenloser Angst
-stürzte sie zum Fenster, um zu sehen, ob sie ihn entdecke. Da bemerkte
-sie zu ihrer großen Überraschung, daß er an der Seite des Pastors ging
-und mit diesem eben in das Pfarrhaus eintrat. Von wahnsinniger Angst
-getrieben, warf sie ein Tuch um die Schultern, streifte die Schuhe an
-und eilte, so schnell sie ihre Füße trugen, zum Pfarrhause. Und wie sie
-den Hausflur betrat, hörte sie drinnen im Zimmer den geistlichen Herrn
-in seiner gütigen Art auf ihren Mann einreden, der dabei ganz still
-blieb.
-
-Mit einem Male vernahm sie, wie der Andreas aufbrauste. Das Redenhören
-hätte er nun satt. Er gebe überhaupt auf die ganze Kirche nichts, und
-wo die Liebe zu seiner Frau hin sei, wisse er nicht; sie wäre verweht
-in alle Winde -- -- --
-
-Da griff sich das junge Weib draußen im Hausflur mit beiden Händen
-jäh zum Herzen, und das rotglühende Gesicht in dem lauschend
-vorgebeugten Kopfe wurde in einem Augenblick fahl. Die Lippen wie
-im Traume bewegend, wandte sie sich nach der Tür und verließ mit
-leisen Schritten die Pfarre. Wie ein Gespenst schritt sie an den ihr
-entgegenkommenden, verwunderten Leuten vorüber, ihrem Häuschen zu. In
-der Stube angekommen, setzte sie sich müde auf die Bank am Ofen, die
-Füße, (übereinandergeschlagen) von denen die Lederschuhe herabglitten
-und auf die Diele fielen, und richtete den Blick dumpf vor sich nieder.
-Das in seinem Bettchen ruhig schlafende Kind sah sie nicht. So blieb
-sie unbeweglich.
-
-Von Zeit zu Zeit murmelte sie: »Er liebt dich nicht mehr. Alles ist
-nun aus! Andreas, -- dein Andreas liebt dich nicht mehr!«
-
-Wie lange sie so saß, wußte sie nicht; nur das eine wußte sie, daß der
-helle Glanz in ihrem Innern in dieser Stunde auf immer erloschen war.
-Sie wollte schreien, aber die Kehle war ihr zugeschnürt. Weinen wollte
-sie, aber ihre Augen blieben trocken. Sie hatte keine Tränen.
-
-Da hört sie mit einem Male schleichende Tritte im Hause, die Tür tut
-sich auf, -- ihr Mann steht auf der Schwelle.
-
-Das Liesel schaut voll Entsetzen hin, weil sie glaubt, sein Geist komme
-zu ihr. Dann tut sie einen heftigen Schrei:
-
-»Andreas -- -- --!« und bleibt wie gelähmt sitzen.
-
-Der Mann aber auf der Schwelle, wie er das totenblasse Weib erblickt
-hat, ist wie eingewurzelt. Er kann nicht loskommen von diesem Platze.
-Da endlich lösen sich die Füße vom Boden. Mit weit vorgeneigtem Körper
-und erhobenen Armen kommt er, tief gebückt, näher, die Augen mit einem
-Ausdruck unaussprechlicher Reue starr auf das Liesel gerichtet. Die
-aber streckt die Hände nach ihm aus, um ihn zu erfassen; -- da sinkt
-er vor seinem Weibe auf den Boden nieder und umfaßt ihre bloßen Füße,
-spricht aber kein Wort, sondern sie fühlt nur, wie er wieder und wieder
-seine heißen Lippen darauf drückt.
-
-»Um Gottes willen, Andreas, was tust Du da,« schreit das Liesel auf und
-will den Mann emporziehen. Der aber läßt sich nicht aufrichten, sondern
-verharrt in seiner Haltung, vor ihr liegend. Und zwischen seinen
-aufeinandergebissenen Zähnen drängt es sich hervor:
-
-»Nein, Liesel, wenn Du vorhin meine Knie umklammert hieltest, so bin
-ich nicht einmal wert, Dir jetzt die Füße zu küssen!«
-
-Dann saßen sie eng zusammengeschmiegt, Wange an Wange, lange
-beieinander, wie in den Tagen ihres höchsten Glücks. Vom Kirchlein
-schallte das Abendläuten herein, und ihre Tränen flossen jetzt
-reichlich.
-
-Seit diesem Tage schmückt das Liesel an jedem Ostersonnabend die Tür
-zur Stube des Pfarrherrn mit Blumen.
-
-
-
-
-7. Kapitel.
-
-
-Die Kirche von Rehefeld war ein aus Sandsteinen errichteter, ziemlich
-großer Bau, durch dessen hohe, in spitze Bogen auslaufende Fenster
-das Licht ungehinderten Zutritt in das Innere fand. Hatte man die
-Schwelle einer der beiden Türen in der vordern und hintern Giebelwand
-überschritten, so führte, noch ehe man in das Innere der Kirche
-gelangte, auf der nördlichen Längsseite ein schmaler Gang um das
-Kirchenschiff herum bis zur andern Eingangstür. Von diesem Gang aus
-betraten die Tiefenbachs die für jede Familie getrennt eingerichtete
-Andachtsstube. In früherer Zeit war hier nur _ein_ Raum gewesen. Als
-aber der Freihof gebaut wurde, war das große Zimmer durch eine Wand in
-zwei Räume geteilt worden, und Herr Udo von Tiefenbach ließ später,
-nachdem seine Brüder ins Dorf hinabgezogen waren, den Gang durch eine
-Tür teilen, die zwischen den Eingängen der Andachtsstuben angebracht
-war, und die gleichsam eine sichtbare Scheidewand zwischen den Familien
-darstellte und verhinderte, daß die Schloßbewohner, die den Gang nur
-von der hintern Kirchentür aus betraten und die Freihofer, die durch
-die Vordertür gingen, sich sahen.
-
-In der Mitte des Dachfirstes ritt ein hoher, spitzer Turm, in dem
-die Glocke hing. Das schwärzliche Ziegeldach war fast ganz mit Moos
-überwuchert und bezeugte das hohe Alter des Gotteshauses.
-
-Rund um die Kirche dehnte sich der Friedhof aus. Kleine, niedrige Hügel
-deckten die irdischen Reste der teuern Entschlafenen. Die meisten
-Gräber wurden durch schlichte, zum Teil schon verwitterte Holzkreuze
-geschmückt, auf denen die Namen der Verstorbenen kurz vermerkt standen.
-Hier und da gab es auch Gräber, die sorgfältiger hergerichtet und mit
-steinernen Liebeszeichen versehen waren.
-
-Die Rehefelder versäumten nicht gern die sonntägliche Andacht. Auch an
-dem heutigen Sonntag war das Kirchlein wieder dicht angefüllt mit der
-Schar der Andächtigen. Draußen war es noch immer kalt, und am Himmel
-hingen dicke, graue Ballen, zwischen denen die Sonne zeitweilig auf
-kurze Minuten hindurchschien. Dann fielen die goldenen Strahlen auf
-das weite Schneefeld, daß die Krystalle wie Millionen ausgestreuter
-Diamanten glitzerten.
-
-Als Max und Elisabeth in der Kirche angekommen waren und den Gang
-betreten hatten, war Maria von Tiefenbach gerade in ihr Betstübchen
-eingetreten.
-
-Das Hauptlied war verklungen, als Pastor Reinerz auf der Kanzel
-erschien.
-
-Man konnte sich keine würdigere Erscheinung eines Seelenhirten denken,
-als ihn. Er hatte einen schweren Körper und breite Schultern, auf denen
-ein wahres Löwenhaupt saß. Der massige Kopf war mit einer üppigen Fülle
-silberner Locken bedeckt, die bis auf die Schultern herabhingen und
-bei raschen Bewegungen um den Kopf wallten. Von gleicher Farbe war
-der breite, prächtige Bart, der bis weit über die schneeigen Bäffchen
-hinabreichte, so daß sie nur dann sichtbar wurden, wenn Reinerz das
-Haupt zur Seite wandte. Seine Haltung war trotz des Alters aufrecht,
-sein Gang schwer. Die väterlich blickenden, lebendigen Augen leuchteten
-in hellem Glanze und mochten die Ursache sein, daß auf diesem
-Greisenantlitz neben dem Ausdruck von Milde und Herzensgüte jederzeit
-ein Schimmer jugendlichen Feuers strahlte.
-
-Pastor Reinerz knüpfte seine heutige Predigt an das Los jener
-Unglücklichen im Schulhause. Er hatte das Gleichnis vom barmherzigen
-Samariter gewählt, und mit Tönen, die den Zuhörern zum innersten Herzen
-drangen, sang er das ewige Hohelied der Liebe. Von der liebenden
-Mutter, dem unermüdlich treusorgenden Vater, seien die Armen einst
-durch alle Fährnisse der Kindheit geleitet worden. Neben den fröhlichen
-Tagen hätten die Eltern auch viele bange Stunden durchlebt, und manche
-Mutter habe in schweren Zeiten der Krankheit dem schon die Hand darnach
-ausstreckenden Unerbittlichen ihr Kind durch entsagungsvolle Pflege
-wieder abgerungen und ihm damit gleichsam zum zweitenmale das Leben
-geschenkt. Mit reicher Freude im Herzen hätten die Eltern die zarten
-Knaben zu Jünglingen heranwachsen sehen, bis dann mit einem Schlage
-die Freude jäh zu Leide ward, als der Kriegsruf erklang und den Sohn
-seinen Eltern, den Gatten seinem Weibe, den Vater seinen Kindern entriß
-und die Zurückbleibenden mit großer Sorge erfüllte. Nun säßen die
-Verlassenen daheim, manche von ihnen gewiß ohne tröstenden Zuspruch,
-einsam mit ihrem Schmerze. Sie wüßten nicht, ob der Teure noch am Leben
-wäre, oder ob sein von den Kriegsleiden geschwächter Körper nicht
-vielleicht mit schwerer Krankheit ringe. Unter heißen Tränen des Dankes
-würden sie die Hand küssen, die seiner in Liebe gepflegt, oder die ihm
-das brechende Auge zudrückte. Und die wahre Nächstenliebe frage nicht,
-ob Freund ob Feind. Sie alle seien leidende, unglückliche Menschen und
-bedürften in reichstem Maße der Hilfe. Seine Gemeinde solle nie müde
-werden, mit dem Unglücklichen ihr Brot zu teilen. Und wenn eines von
-ihnen argwöhne, daß es schwach und lau werde bei seinem Samariterwerk,
-so sollten sich die Väter, die Mütter und Gattinnen in das Los derer
-hineinversetzen, die von peinvoller Angst erfaßt mit dem aufsteigenden
-Morgen voll Sehnsucht auf ein Lebenszeichen warteten, und die am Abend
-immer wieder ihre Hoffnung getäuscht sähen.
-
-Pastor Reinerz hatte eine der empfindlichsten Stellen im Menschenherzen
-berührt: die Sorge und Angst um das Leben eines teuern Angehörigen.
-Das Mitgefühl der Zuhörer war geweckt, und in Vieler Augen hatten sich
-Tränen gestohlen.
-
-Mit den letzten Worten, mit denen der würdige Greis seine Predigt
-beendigte, richtete er noch den zündenden Ruf an seine Gemeinde, die
-christliche Liebe, die der mächtige Beweggrund dafür sei, den leidenden
-Fremdlingen Gutes zu tun, auch täglich untereinander zu üben. Und er
-legte ihnen ans Herz, vorhandenen Zwist zu begraben, sich auszusöhnen
-und einander in verzeihender Liebe zu begegnen. Dann genössen die
-Menschen schon hienieden das Vorgefühl der ihrer harrenden ewigen
-Freuden und erwiesen sich als getreue Nachfolger Christi und wert der
-einstigen Einkehr in sein himmlisches Reich. --
-
-Das Schlußlied war verklungen, und die Besucher verließen das
-Gotteshaus.
-
-Als Max zusammen mit Elisabeth aus der Andachtsstube hinaustrat, fiel
-sein Blick auf die weit geöffnete Tür, die den Gang teilte, und die er
-noch nie anders als geschlossen gesehen hatte. Aber seine Überraschung
-wuchs, denn vor ihm stand Maria von Tiefenbach, die sie beide erwartet
-haben mußte. Ängstlich griff Elisabeth nach der Hand des Bruders, als
-ob sie ihn auf dieser Stelle festhalten wolle, während sie erstaunt auf
-ihre Freundin schaute.
-
-Max hatte einen Augenblick betroffen stillgestanden, jetzt aber machte
-er eine hastige Bewegung zum Gehen. Da vertrat ihm Maria gelassen den
-Weg, so daß sich beide dicht gegenüberstanden. Eine Sekunde tiefen
-Schweigens verstrich, dann begann Maria ohne Verwirrung und mit
-Festigkeit:
-
-»Unter dem tiefen Eindruck stehend, den die unmittelbar zum Herzen
-gehenden Worte unseres verehrten Herrn Pastors auf mich hervorgerufen
-haben, kann ich nicht anders, als annehmen, daß die Predigt auch auf
-Sie, Herr von Tiefenbach, eine große Wirkung ausgeübt hat. Noch nie
-in meinem Leben haben mich von der Kanzel herabgesprochene Worte
-so wundersam ergriffen, wie heute, Worte, die in meinem Innern das
-sehnliche Verlangen wachgerufen haben, meinen Teil dazu beitragen, daß
-der Wille dessen, der die Sünden der Welt trug, erfüllt werde. Deshalb
-will ich den Augenblick nutzen, bevor mit der hohen Stimmung auch mein
-Mut dahinschwindet.
-
-Ich bin ein schwaches Mädchen, das plötzlich die wunderbare Kraft in
-sich spürt, sich Ihnen hier gegenüber zu stellen. Aber Sie haben mir
-vor wenigen Tagen durch Ihren freundlichen Trostzuspruch verraten,
-daß Sie ein edles Herz besitzen. Dieses Bewußtsein und eine Stimme in
-meinem Innern, die mir so zu handeln gebietet, stärken meinen Mut.
-
-Etwas Unnatürliches ist es, daß Menschen in Feindschaft leben, die
-einander nie etwas zu Leide taten. Und deshalb frage ich Sie, Herr
-Vetter, sind Sie bereit, Ihre Bemühungen mit den meinigen zu vereinen,
-um unsere Eltern miteinander auszusöhnen?«
-
-Die dem Mädchen innewohnende, ruhige Sicherheit hatte sie während
-dieser Rede nicht verlassen, und ihre Stimme hatte nicht einen
-Augenblick gebebt. Jetzt schwieg sie und wartete auf Maxens Antwort,
-ihre Augen forschend auf seinem Gesichte ruhen lassend.
-
-Der junge Mann stand vor Überraschung unbeweglich und starrte sprachlos
-in das schöne Frauenantlitz, in dem kein sichtbares Merkmal die in
-Marias Innern langsam aufsteigende, große Erregung andeutete.
-
-Da erhob sie ihre Stimme von neuem, die gerade noch so wohl lautete wie
-vorhin, obwohl sie jetzt leise zitterte:
-
-»Von einem unserer Familie wurde damals das böse Wort gesprochen,
-deshalb muß auch von uns aus das erste versöhnliche Wort fallen. Mein
-Großvater hat dereinst in unbegreiflicher Verblendung die Seelen
-guter Menschen tief betrübt und erzürnt. Er kann uns hierüber keine
-Rechenschaft mehr ablegen, denn er steht schon längst vor einem höhern
-Richter. Kein Unrecht, das begangen wird, ist jedoch so groß, daß es
-nicht wieder gutgemacht werden könnte. Aber dem bittenden Munde darf
-auch das Wort, der heischenden Hand der Druck nicht versagt werden.
-Das Werk, das wir verrichten können, führt zu Herrlichem hinaus, denn
-es gilt, die Kluft zwischen den Herzen unserer Eltern zu überbrücken.
-Um das zu erreichen tut es aber not, daß zuerst wir beide allen Groll
-vergessen. Und so tue ich, als die Enkelin jenes Mannes, mit Freuden
-den ersten Schritt zur Versöhnung, indem ich Sie, Herr Vetter, bitte,
-das Unrecht meines Großvaters seiner Enkelin nicht mehr zu entgelten,
-sondern mir fürs Leben Ihre Freundschaft zu schenken.«
-
-Marias Stimme hatte sich mehr und mehr gesteigert. Eine liebliche
-Röte war in ihre Wangen getreten, und die Augen glänzten gleichsam
-als Widerschein der sie erfüllenden, feierlichen Stimmung. Und um die
-Freundschaft im Augenblick der Versöhnung zu besiegeln, streckte sie
-dem Vetter ihre Hand entgegen.
-
-Der aber rührte sich nicht, um die dargebotene Hand zu ergreifen. Er
-suchte nach Worten, mit denen er dem Mädchen sagen wollte, daß von
-einer Versöhnung zwischen ihnen niemals die Rede sein könne, aber sein
-Mund blieb stumm.
-
-Endlich, nach atemlosem Harren während einer tiefbangen Sekunde,
-erlosch der Glanz in Marias Augen, und die rosigen Wangen wurden blaß.
-Langsam, wie einst die Rechte des Herrn Oskar, als er seinem Bruder
-Udo zum letzten Male gegenüberstand, sank die ausgestreckte Hand herab.
-
-Jetzt drängten sich auch die Worte im Überschwall auf Maxens Zunge;
-aber noch bevor es ihm gelang, sie auszusprechen, geschah etwas
-Unerwartetes:
-
-Maria richtete sich hoch auf. Mit einem Ruck warf sie den Kopf in den
-Nacken und trat ungestüm auf Max zu, daß dieser unwillkürlich soweit
-zurückwich, bis seine Schultern die Mauer berührten. Ihr flammendes
-Gesicht befand sich dicht vor ihm, und ihre blitzenden Augen bohrten
-sich in die seinigen. In hoher Erregung stieß sie die Worte hervor:
-
-»So soll für alle Zeiten Feindschaft zwischen uns bestehen? Soll das
-herrliche Evangelium der Liebe, das Christus den Menschen hinterlassen
-hat, für uns nicht gepredigt sein?«
-
-Aber Maxens Mund blieb dem vor Leidenschaft bebenden Mädchen gegenüber
-stumm, nur auf seinem Gesicht lag eine Zurückweisung.
-
-Da trat Maria noch näher an ihn heran, ihr Busen hob und senkte sich
-in hastiger Aufeinanderfolge. Max sah auf ihrem Gesicht den heftigen
-Kampf, der in ihr tobte. Die feingeschnittenen Nasenflügel zitterten
-vor Zorn, und er fühlte ihren heißen Atem auf seiner Wange.
-
-Scheu schob er sich einen Schritt an der Mauer hin, um sich zu
-entfernen. Da schrie das Mädchen im Schmerz laut auf, und während es
-noch schien, als wenn sie die Worte auf den Lippen zurückhalten könne,
-brach es schon von dem bebenden Munde:
-
-»Und wenn ich nun mit der ganzen Kraft meiner Seele -- -- Dich liebte,
-Max!?«
-
-Einen Augenblick lang lehnte der junge Mann den Kopf an die Mauer und
-schloß, von heftigem Schwindel erfaßt, die Augen. Dann hob er die Lider
-ließ einen Blick eisiger Kälte auf das Mädchen niederfallen und sagte
-in rauhem Tone:
-
-»Unsere Familien haben für alle Zeiten nie wieder etwas mit einander
-gemein!«
-
-Darauf wandte er sich trotzig ab und schritt dem Ausgang zu, seine
-verstört blickende Schwester an der Hand mit sich ziehend.
-
-Die Zurückbleibende verfolgte die Geschwister mit den Augen, bis sie
-verschwunden waren. Langsam, und ohne daß sie wußte was sie tat, trat
-Maria wieder in ihr Betstübchen. Eine Weile blieb sie mit steifem
-Körper mitten darin stehen, dann brachen der Zitternden die Knie. Sie
-bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und legte es auf den Sitz eines
-der schwarzen Stühle. Und während das wilde Schluchzen hervorbrach, das
-ihr die Brust zu zersprengen drohte, schlangen sich zwei weiche Arme um
-ihren Hals, und die beiden Mädchen weinten lange zusammen.
-
-
-
-
-8. Kapitel.
-
-
-Wenige Tage später wurden die Tiefenbachs durch einen Brief Friesens
-überrascht, in dem er schrieb, daß er, wenn auch ein wenig mitgenommen,
-so doch ohne Schaden an Seele und Körper aus Rußland zurückgekehrt
-sei. Gleichzeitig kündete er seinen Besuch an, und bald darauf traf er
-auch in Rehefeld ein und wurde auf dem Freihofe wie ein alter, lieber
-Freund begrüßt. Trotzdem er an allen größeren Schlachten, in denen die
-Sachsen gekämpft, teilgenommen hatte, war er unverwundet geblieben.
-Aber der entsetzlichen Kälte hatte er, wie so viele tausend Andere,
-doch seinen Tribut zollen müssen: beide Füße waren ihm erfroren.
-Deshalb konnte er nur mit Mühe kleine Fußwanderungen unternehmen.
-
-Was er von den überstandenen Leiden der Armee erzählte, war so
-fürchterlich, daß man glauben konnte, eine überhitzte Phantasie trage
-das Entsetzlichste von Elend und Jammer zusammen.
-
-Die Soldaten hatten vor dem Sterben jegliche Bangigkeit verloren.
-Täglich hofften sie, daß ein baldiger Tod sie von ihren nicht
-endenwollenden Leiden erlösen würde, und wenn die Unglücklichen
-am Abend vor Hunger und Mattigkeit zusammenbrachen, trösteten sie
-einander, daß der morgende Tag die ersehnte Erlösung bringen müsse.
-Eine große Anzahl suchte das Ende freiwillig und fand es nur zu leicht.
-Die noch in Reih und Glied sich Haltenden liefen willenlos vorwärts.
-Wer vor Müdigkeit oder Schwäche zusammensank, blieb liegen; keiner
-kümmerte sich um den andern. Zu beiden Seiten der Straße lagen die
-Zurückbleibenden.
-
-Mit dem Rücken an einen dicken Baumstamm gelehnt, saß auf einem
-Stein ein eisgrauer französischer Oberst. Er hatte in gänzlicher
-Umnachtung seiner Sinne die dürftigen Reste seiner Uniform abgelegt
-und saß nun in der schneidenden Kälte entkleidet und sang mit
-versagender Stimme religiöse Lieder. An einer andern Stelle lag,
-zur Seite eines gestürzten, von Zeit Zeit noch zuckenden Pferdes,
-ein toter preußischer Kürassier. Die Köpfe der beiden Kameraden
-waren eng aneindergeschmiegt. Ein Stück davon stand aufrecht an
-einem zerbrochenen Pulverkarren ein Trainsoldat, beide Arme auf den
-Munitionskasten gestützt und darauf den Kopf gelegt, als wenn er
-schliefe. Einige Soldaten traten hinzu, um das Holz für ihr Biwakfeuer
-zu holen. Da stieß einer von ihnen den Schlafenden an, daß dieser
-seinen Halt verlor und, ohne seine Stellung aufzugeben, mit den Armen
-unter dem Kopf der Länge nach hinschlug. Er war tot und so steif
-gefroren wie ein Pfahl.
-
-Um einen verbrannten Holzstoß, von dem nur noch die Aschereste übrig
-geblieben waren, lag und saß in wunderlichen Stellungen und in Gruppen
-vereinigt etwa ein Dutzend sächsischer Grenadiere. Mit dem verglommenen
-Wachtfeuer war auch ihr Lebensfunke erloschen. In der Asche eines
-andern Feuers lag ein Soldat, dessen beschmutzte und zerrissene
-Uniform, soweit sie noch vorhanden war, nicht mehr erkennen ließ, woher
-der Mann stammte. Er mußte sich am Abend vorher verzweiflungsvoll
-in die Flammen geworfen haben. Sein Kopf war schwarz wie Holzkohle
-und dort, wo ihn das Feuer erfaßt hatte, war das Fleisch bis auf die
-Knochen verbrannt.
-
-Wer aus dem Zuge der Marschierenden heraustrat, fand oft nicht
-mehr Willen und Kraft wieder vorwärts zu gehen. Wer sich auf den
-Grabenrand setzte, um nur wenige Minuten auszuruhen, wurde leicht von
-der unwiderstehlichen Müdigkeit überwältigt und verfiel in bleiernen
-Schlaf, aus dem er nicht wieder erwachte.
-
-Der Hunger war gräßlich. Zuerst wurden die gestürzten Pferde verzehrt,
-später tötete man die lebenden und aß sie auf. Ihr Blut wurde begierig
-aufgesogen, um den brennenden Durst zu stillen. Als es keine Pferde
-mehr gab, aß man die ekelerregendsten Dinge. Wasser war selten zu
-bekommen, deshalb verschluckte man Schnee, der den Durst nur noch
-steigerte.
-
-Der Kälte konnten sich die Unglücklichen kaum noch erwehren, da die
-Uniformen zu dünn waren und bald zerfetzten. Wer eine Decke, ein Tuch,
-selbst Frauenkleider bekommen konnte, schlang sie um die Blößen. Die
-Schuhe zerweichten in dem tiefen Schnee, durch den man täglich waten
-mußte. Dann wurden die mit brandigen Wunden bedeckten Füße mit Lumpen
-umhüllt und diese mit Stricken festgehalten.
-
-Während der Nacht steigerte sich die Kälte. Wer am Wachtfeuer lag, dem
-konnte es passieren, daß die Schuhe verbrannten, während ihm am anderen
-Morgen Ohren, Nase und Wangen erfroren waren. Gar mancher von denen,
-die sich am Abend niederlegten, stand nicht wieder auf.
-
-Auf den weiten Schneefeldern Rußlands lag die Blüte der Völker Europas
-im ewigen Schlaf! Lautlos deckte sie das flockige Leichentuch zu und
-begrub Freund und Feind unter sich. Viele tausend lebensfroher und
-kraftstrotzender Männer haben dort frühzeitig ihr Knie gebeugt vor
-der Majestät des Todes, und dem Zuge der Lebenden jagten Krankheit,
-Mutlosigkeit und Verzweiflung wie wilde Furien hinterdrein und
-peitschten die Unglücklichen so grausam, daß ihre Reihen immer lichter
-wurden.
-
-Friesen befand sich in großer Verstimmung gegen den Kaiser, dem er alle
-Schuld an dem fürchterlichen Elend zuschob. Er erzählte, wie sich in
-Dresden insgeheim unter den Offizieren eine Partei gebildet habe, die
-nichts anderes bezwecke, als den König vom Kaiser Napoleon loszureißen.
-Der Monarch solle, so wünschten diese Patrioten, die Fesseln brechen,
-die ihn an den Kaiser ketteten. Sie wollten ihm freie Wahl schaffen, ob
-er weiterhin dem Kaiser seine Unterstützung gewähren, oder ob er seine
-Truppen von den Franzosen zurückziehen wolle.
-
-Den Bemühungen dieser Partei wurde aber wenig Beachtung geschenkt.
-Der König selbst war weit davon entfernt, in dem Gottesgericht in
-Rußland eine Mahnung zu erkennen und sein Verhalten gegen den Kaiser
-ernstlich zu prüfen. Er war in großer Sorge, daß sein Schmerzenskind,
-das Herzogtum Warschau, in der hereinbrechenden Verwirrung ihm
-verloren gehen könne. Deshalb erließ er in Polen Aufrufe, die sich
-aber bald als nutzlos erwiesen, und die in dem Minister Senfft den
-nicht zur Ausführung gekommenen Gedanken reifen ließen, England für die
-Aufrechterhaltung des Herzogtums zu interessieren.
-
-Die Erkenntnis aber, daß König und Regierung seit Jahren eine falsche
-Politik getrieben hatten, deren verhängnisvolle Folgen sich in nicht
-zu ferner Zeit erweisen würden, schlug in dem sächsischen Volke immer
-tiefer Wurzel. Hier und da erhoben Männer, die mit seherischem Blick
-in die Zukunft schauten, warnend ihre Stimmen und verlangten, daß der
-König die Kriegsmüdigkeit des Landes Napoleon auf das entschiedenste
-darstellen solle.
-
- * * * * *
-
-Niemand im Dorfe beobachtete die politischen Vorgänge mit so großer
-Aufmerksamkeit, wie Konrad Hartmann. Jede Nachricht, die er über den
-Kaiser und die Ereignisse in Dresden bekam, erregte sein Interesse,
-und um Neuigkeiten zu erfahren, ritt er zuweilen weit über Land in die
-Nachbardörfer oder fuhr im leichten Schlitten nach Leipzig hinein. Es
-war ja Winter, und deshalb bot der Hof nur wenig Arbeit. In der Scheune
-waltete der alte Knecht, und die Sorge um die Wartung des Viehs ließ
-sich die Mutter einmal nicht nehmen.
-
-Besonders begierig war Konrad Hartmann darauf, Nachrichten aus
-Berlin zu erhalten. Dort gährte es gewaltig, denn man ahnte, daß der
-Jahreswechsel einen Wendepunkt von ungeheurer Wichtigkeit für die
-Geschicke der geknechteten Völker bedeute. Seitdem der preußische
-General York am 30. Dezember in Tauroggen den Neutralitätsvertrag mit
-den Russen abgeschlossen hatte, waren viele unerschrockene Männer im
-verborgenen an der Arbeit, Stimmung für eine Erhebung Preußens zu
-machen.
-
-Da faßte Konrad den Gedanken, nach Dresden zu gehen, um sich der
-nationalen Bewegung anzuschließen, die, wie er wußte, auch schon dort
-Wurzel geschlagen hatte. Freilich war die Begeisterung an der Elbe
-nur wie ein mattbrennendes Talglicht, im Vergleich zu den kaum noch
-niederzuhaltenden Flammen in Preußens Hauptstadt.
-
-Dem Sachsen der damaligen Zeit wird nicht mit Unrecht der Vorwurf
-gemacht, daß trotz fortwährender Vorstellungen aus Berlin, die
-Erkenntnis des günstigen Zeitpunkts einer Erhebung und eines
-Zusammenschlusses der deutschen Stämme nur mit dem Geschwindigkeitsmaß
-der Schnecke in ihm reifte. Und als das sächsische Volk endlich
-und viel zu spät von der Einsicht durchdrungen war, daß es nunmehr
-an der Zeit sei, das unwürdige Joch abzuschütteln und sich von den
-Sklavenketten zu befreien, da fanden die Rufe, die es an seine Führer
-richtete, kein Gehör. König und Regierung überboten sich darin, dem
-Kaiser ihre Ergebenheit zu versichern und sich in der Ausführung seiner
-nur schlecht in Wünsche gekleideten Befehle zu überstürzen.
-
-Konrad hatte in den letzten Tagen über die Stimmung in Dresden genaue
-Nachrichten erhalten. Er wußte auch, daß die sächsische Polizei,
-verstärkt durch eine große Anzahl französischer Geheimagenten, scharf
-aufpaßte und schon manchen Patrioten hinter feste Mauern gebracht hatte.
-
-Die Unsicherheit in der Hauptstadt bewog ihn zuletzt, vorläufig noch
-abzuwarten, wie sich die nationalen Kreise in Dresden der Berliner
-Bewegung gegenüber verhalten würden.
-
-Zudem bewahrte Konrad ein tiefes Geheimnis in seiner Brust, das er noch
-keinem Menschen offenbart hatte, und das ihn so im Bann hielt, daß,
-je länger er es mit sich herumtrug, sein Geist von den politischen
-Vorgängen immer mehr und mehr abgelenkt wurde. Durch das öftere
-Verweilen auf dem Freihofe während seiner Kindheit, war er mit allen
-seinen Bewohnern und insbesondere mit Elisabeth in enge Berührung
-getreten. Die liebliche Zartheit des Mädchens hatten ihn, den sonst
-nur für bäuerische Derbheit und strotzende Gesundheit bis an die
-Grenze des Ungeschlachten empfindsamen Sohn des Bauern von Rabenstein,
-wundersamerweise in Fesseln geschlagen. Er konnte sich keine
-Rechenschaft darüber geben, wie es kam, daß dieses zierliche Geschöpf
-mit der ausgelassenen Lustigkeit und dem Lachen eines übermütigen
-Kindes einen solchen Eindruck auf ihn machte, da er doch von Natur aus
-einer ernsten Lebensauffassung zuneigte.
-
-Seit länger als einem Jahre schon war er aber davon überzeugt, daß
-das Gefühl, das er für Elisabeth empfand, nichts anderes war, als
-eine tiefe, sein ganzes Herz ausfüllende Liebe. Den Gedanken, sie zu
-seinem Weibe zu machen, hatte er, so oft er sich auch in seine Seele
-gestohlen, immer wieder zurückgedrängt. Eine Bäuerin, wie sie auf dem
-Rabensteiner Hof schalten mußte, besonders wenn seine Mutter nicht mehr
-war, konnte aus dem Mädchen nie werden; das wußte er. Allein diese
-Einsicht war es nicht, die ihn hinderte, Elisabeth als Weib neben sich
-zu träumen und auch nicht der Umstand, daß es für den Besitzer eines
-kleinen Hofes eine Vermessenheit war, auf dem größten Gute weit und
-breit anzuklopfen und um die einzige Tochter zu bitten.
-
-Das, was ihn bisher seine Liebe als aussichtslos hatte erscheinen
-lassen, waren vielmehr die quälenden Zweifel, ob das zarte Pflänzchen
-im Schatten des knorrigen Eichbaums auch gedeihen werde, ob das
-kindliche Mädchen mit dem lebhaften, silberhellen Lachen an der Seite
-des in sich gekehrten Mannes glücklich werden könne. An ihm solle es
-ja gewiß nicht fehlen! Er war bereit, die Steine von ihrem Erdenpfade
-aufzulesen, daß ihr zarter Fuß sich nicht verletze, und seine Arme
-waren stark genug, sein Weib zu umfangen und so hoch empor zu heben,
-daß der Strom des Mühsals unter ihr hinwegflösse und kein irdisches
-Weh bis zu ihr heraufreiche. Aber der allzeit ohne Überschwang
-denkende Mann verhehlte sich dabei nicht, daß ihre Naturen doch recht
-verschieden waren.
-
-Um seinem gequälten Herzen Ruhe zu verschaffen, beschloß Konrad, sich
-seiner Mutter zu entdecken.
-
-Eines Abends saßen wieder Mutter und Sohn wie immer einander gegenüber.
-Sie drehte unermüdlich den blonden Flachs über die schnurrende Spindel
-und betrachtete mit scharfem Auge den sich hurtig abwickelnden Faden.
-Konrad hatte den Kopf in beide Hände gestützt und las in einem Buche
-mit vergilbten Blättern in starkem Schweinsledereinband, wie sich in
-grauer Vorzeit die Bewohner Athens der gleich Heuschreckenschwärmen
-gegen sie heranziehenden Scharen der Perser erwehrten. Schon an die
-fünfzig Male hatte der Jüngling wohl diese Schilderung gelesen und
-wie oft geseufzt, wenn er daran dachte, was vor mehr als zweitausend
-Jahren ein kleines Volk vollbracht hatte. Heute war alle Begeisterung
-tot. In dumpfem Brüten schritten starke Völker ihre Straße dahin, die
-Füße mit klirrenden Ketten gefesselt und auf dem Rücken die Peitsche
-des Eroberers fühlend. Hier und da nur sah man, wie einem in dem
-großen Zuge das Auge rollte, vernahm man ingrimmige Verwünschungen und
-ohnmächtiges Zähneknirschen.
-
-Unwillkürlich stieß Konrad das Buch von sich und versank in tiefes
-Sinnen.
-
-Aber nicht mehr im grauen Altertum weilten seine Gedanken. Er sah
-vielmehr eine lichte Mädchengestalt mit zwei langen, aschblonden
-Zöpfen, die durch die raschen Bewegungen lustig um die Schultern ihrer
-Herrin flogen, hörte nur zwei trippelnde Füßchen und ein glockenreines
-Lachen. Da atmete Konrad tief auf, daß seine Mutter den Blick von dem
-schnurrenden Rade erhob und forschend auf den Sohn richtete.
-
-Lange Minuten blieben ihre Augen auf ihm haften, unterdessen sie das
-Spinnrad vergaß, daß es nur noch langsam weiterlief, bis es endlich
-stillstand.
-
-Ihre Gedanken flogen vom Sohn zurück zu seinem verstorbenen Vater, dem
-er immer ähnlicher wurde. Derselbe starke Wille, den jener besessen,
-zeigte sich bei ihm immer deutlicher. Ein Hindernis in der Ausführung
-seiner Pläne hatte der Vater nicht gekannt. Starrköpfig war er durchs
-Leben gegangen mit seinem abstoßenden Wesen und dem doch so trefflichen
-Herzen. Die Leute mochten ihn nicht gern, weil er so arg mit Worten
-geizte; deshalb vermieden sie seine Begegnung. Immer mehr insichgekehrt
-wurde er, bis er zuletzt menschenscheu geworden war.
-
-Jetzt hob Konrad den Kopf von den beiden Fäusten, die ihn stützten, und
-seine Augen begegneten denen der Mutter.
-
-»Mutter,« sagte er, »warum siehst Du mich so starr an?«
-
-»Du hast schwer geseufzt, mein Junge,« antwortete sie, »was fehlt Dir?«
-
-Da sah Konrad von seiner Mutter weg und ließ den Blick wieder vor sich
-hinfallen.
-
-»So, also geseufzt habe ich? Das tun, wie man spricht, gern
-Verliebte -- -- --, nun, da sage ichs nur gleich frei heraus, Mutter,
-ja ich bin verliebt!«
-
-Und mit fliegendem Atem, gleichsam als dränge es ihn, nun, nachdem das
-Geheimnis offenbart war, seine Seele von allem, was sie bedrückte, zu
-entlasten, sprach er von seiner tiefen Liebe zu der Schwester seines
-Freundes.
-
-Ohne ein Zeichen der Überraschung zu geben, hatte die Mutter dem Sohne
-zugehört. Nun sagte sie leise:
-
-»Ich habe dies alles ja schon längst gewußt, Konrad. Denn an Deinem
-Vater habe ich es gelernt, in der Seele eines verschlossenen Menschen
-zu lesen. Hast Du dem Mädchen Deine Liebe gestanden?«
-
-»Sie ahnt nichts. Und hätte ich es tun können? Bedenke doch, welch ein
-Kind Elisabeth noch ist. Sie würde es kaum für Ernst genommen haben,
-wenn ich gesprochen hätte.«
-
-»Du hast recht,« versetzte die Mutter, »dem Kinde darfst Du vorerst
-nichts davon sagen. Aber mit Elisabeths Mutter mußt Du alsbald
-sprechen, das wird verständig sein. Die Freihoferin ist eine kluge Frau
-und schätzt Dich.«
-
-Hier schwieg Konrad eine Weile. Dann sprach er mit benommener Stimme:
-
-»Aber denkst Du, Mutter, daß ich es tun darf? Es ist ein gewagtes Ding,
-den Rabensteiner Hof mit dem Freihof zu versippen!«
-
-»Du Narr,« fuhr da die Alte auf und machte eine heftige Bewegung,
-daß sie die untätig im Schoß liegenden Hände auseinanderriß, und
-sie beinahe den Spinnrocken noch umgestoßen hätte. »Wohin ist denn
-Dein Stolz? Denkst Du, daß die Alte auf dem Freihofe ihr Kind
-dem verschachern wird, der ihm die meisten Hufe und das weiteste
-Ackerland bietet? Sie würde Dir’s danken, wenn sie wüßte, wie Du sie
-einschätzest. Freilich ist der Besitz am Rabenstein nicht groß und
-nicht zu vergleichen mit dem der Tiefenbachs. Doch wissen’s alle,«
-setzte sie mit Befriedigung hinzu, »daß es eine saubere Wirtschaft
-ist, und daß unser kleines Land zu den besten der Umgebung gehört.
-Aber, papperlapapp, was reden wir da für unnützes Zeug. Du wirst
-rasch handeln, wie Du es sonst tust. Geh alsbald hinab zur Mutter des
-Mädchens, das Du liebst, und schütte ihr Dein Herz aus.«
-
-Darauf blieben die beiden noch eine Weile beieinander sitzen. Die
-Mutter wandte sich von neuem zum Spinnrad, ordnete mit flinker Hand
-die leicht in Verwirrung gekommenen Fäden und legte die volle Strähne
-wieder fest auf das sich unruhig bewegende Rad. Bald darauf schnurrte
-dies wieder lustig, und die Alte sah wie vorhin aufmerksam auf den sich
-abwickelnden Faden.
-
-Konrad aber betrachtete mit zerstreuten Blicken die leicht
-vornübergebeugte Gestalt seiner Mutter und wollte bemerken, daß der
-Knoten, der von dem schlicht zurückgestrichenen, grauweißen Haar auf
-dem Hinterkopfe gewunden war, eigentlich recht klein geworden war, und
-daß die Linien des sich ihm von der Seite darbietenden Gesichts und
-des Halses doch sehr scharf hervortraten. Aber so recht zum Bewußtsein
-kam ihm dies nicht. Sein Blick richtete sich nach innen, und er vergaß
-seine Umgebung.
-
-Da stand er plötzlich vom Tische auf, klappte das Buch mit der
-Beschreibung der Freiheitskämpfe des Griechenvolks im Altertum
-nachdrücklich zu und stellte es auf das Wandbrett, wo auch die andern
-Bände seiner kleinen Hausbibliothek standen. Dann nahm er noch einmal
-die gequetschte und mit nasser Leinwand umwickelte Pfote des am Ofen
-schlafenden Spitzes in die Hand und war befriedigt, daß er sie nicht
-heiß fand. Sodann verließ er mit einem kurzen Gutenachtgruß das Zimmer.
-
-
-
-
-9. Kapitel.
-
-
-Noch immer hielt die grimmige Kälte an, und der Schnee lag hoch
-aufgeweht auf der weiten Fläche. Ein Tag nach dem andern schlich trübe
-und grau dahin; kein freundlicher Sonnenstrahl schien auf die Erde
-herab. Die Leute kamen während des kurzen Tages kaum einmal aus ihren
-Häusern heraus. Das bißchen Arbeit, das in der Scheune verrichtet
-werden mußte, wurde am Vormittag getan. Im übrigen aber ließ man die
-sonst so arbeitsamen Hände ruhen, saß nebeneinander auf der geräumigen
-Bank, rund um den behagliche Wärme verbreitenden Ofen, und sah durch
-die leicht mit Eisblumen geschmückten Fensterscheiben hinaus in
-die winterliche Landschaft. Der Abend brachte endlich wieder eine
-Unterbrechung: man eilte in die Ställe und besorgte das Vieh. Dann aber
-saßen sie wieder beisammen und sprachen von der alten Ernte und von der
-neuen, vom Kriege und von Weihnachten, zählten zum hundertsten Male
-auf, wer im verflossenen Jahre im Dorfe und in der Umgebung, soweit
-man sie kannte, gestorben und wem ein kleines Kindlein beschert worden
-war. Zuletzt kamen sie bei der Politik an, die seit Menschendenken den
-Männern einen bequemen und ausgiebigen Gesprächsstoff geliefert hat.
-
-Wenn nur der Kaiser seine neue Armee erst wieder aus Paris würde
-heranführen, dann mochte man Untertan aller Herren Länder sein,
-bloß kein Russe, denn denen würde er die Leiden seiner Soldaten
-schon vergelten. Übrigens würde nicht eher dauernder Friede im Lande
-herrschen, ehe nicht der Kaiser die Preußen wieder einmal empfindlich
-gestraft haben würde. In Berlin sollte es ja recht schön zugehen. Auf
-jedem Schneehaufen lägen erschlagene Offiziere und Bürger, und der
-König Friedrich Wilhelm hätte einen italienischen Zigeuner überredet,
-daß er den Kaiser vergiften solle.
-
-Wie friedlich war’s dagegen doch in Dresden! Dort gab es kein Lärmen,
-aufhetzendes Gerede oder Fäusteballen. Und tat dies doch einmal einer,
-so verschwand er, wie es sich geziemte, ohne Geräusch und spurlos von
-der Bildfläche. Ja, in dem lieben, guten Dresden herrschte eben wie
-immer Ordnung! Die Minister waren so klug, sich Watte in die Ohren zu
-stopfen, wenn ihnen von geheimen Boten aus Berlin etwas zugeflüstert
-wurde, und der gute König ließ das im vergangenen Jahre vor Ankunft
-des Kaisers im Innern neu hergerichtete Schloß wieder sauber machen
-und zählte ungeduldig die Tage bis zu der vermeintlichen Wiederkunft
-des kaiserlichen Freundes. Also nach dieser Seite hin war im Lande der
-Ausblick erfreulich ...
-
-So erzählten sich die biedern Rehefelder Abend für Abend die
-haarsträubendsten Geschichten von den Dingen, die mit dem kommenden
-Lenze anheben sollten. Und wie es sich auf diesem abgelegenen Dörfchen
-zutrug, genau so geschah es allüberall unter den Untertanen des Königs,
-der die grüne Raute im Schilde führt. Die beginnenden Wehen der großen
-Zeit wurden allerwärts in den deutschen Landen verspürt, nur innerhalb
-der weißgrünen Grenzpfähle merkte man nichts von ihnen. Das am Himmel
-leise heraufkommende Morgenrot der deutschen Freiheit sahen sie nicht,
-erst mußte das ganze Firmament blutigrot leuchten, als Widerschein der
-urgewaltig auflodernden Flammen. Und dann war es zu spät.
-
-Die Schneewolken hingen tief herab und machten die kurzen, lichtarmen
-Wintertage traurig und düster. Weit finsterer war es aber in den Köpfen
-vieler Menschen.
-
- * * * * *
-
-Die Freihoferin saß, vor sich hinbrütend, auf ihrem gewohnten Platze am
-runden Tische, als es an der Tür klopfte, und gleich darauf Konrad ins
-Zimmer trat.
-
-Frau von Tiefenbach fuhr aus ihren Gedanken auf und sah zerstreut auf
-den Ankommenden.
-
-»Guten Tag, Bäuerin,« grüßte Konrad und zog mit umständlicher Bewegung
-die Tür hinter sich fest ins Schloß.
-
-»Willkommen, Konrad,« klang es zurück. »Es ist mir lieb, Gesellschaft
-zu bekommen, denn die Kinder sind mit dem Schlitten draußen. Kurz nach
-Mittag sind sie fortgefahren, und ich erwarte sie bald zurück. Wie geht
-es der Mutter?«
-
-»Ich danke für die gute Nachfrage, sie ist wohlauf und läßt Grüße
-bestellen.«
-
-Mit diesen Worten war der Rabensteiner, der alten Frau zunickend, zu
-dem mächtigen Ofen getreten und legte mit Behagen die erstarrten Hände
-daran.
-
-Dann blieb es eine kurze Weile still. Draußen begann sich allmählich
-die Dämmerung herabzusenken und erfüllte das Zimmer mit unsicherm Licht.
-
-Die Freihoferin sah nach dem Fenster, dann warf sie, als das Schweigen
-andauerte, einen raschen Blick zu dem Mann hinüber, der sich stumm
-am Ofen zu schaffen machte und nicht von den großen, braunen Kacheln
-aufschaute.
-
-Noch immer die Hände reibend, hob Konrad endlich an:
-
-»Wie lange wird’s noch so gehen? So lange ich denken kann, hatten wir
-noch keinen solchen anhaltenden Winter. Wenn es doch bald besser werden
-wollte. Ich wünschte, der viele Schnee verschwände mit einem Male.«
-
-»Ich fürchte mich vor einem plötzlichen Temperaturwechsel bei solch
-einem Schneereichtum,« versetzte Frau von Tiefenbach. »Schnelles
-Tauwetter bringt zuweilen Gefahren.«
-
-»Das ist freilich richtig,« antwortete Konrad einsilbig.
-
-Eine Pause entstand.
-
-»Was man von Berlin hört, ist recht erfreulich,« begann er wieder.
-»Gebt acht, wenn uns Heil widerfahren soll, kommt es von der Spree her.
-Bei uns sind doch alle nur Nachtmützen.«
-
-»Du hast Recht, Konrad. Hierzulande ist man schläfrig und denkfaul.
-Soviel Schnee draußen liegt, so viel müßiges Geschwätz ist in der Leute
-Mund. Aber vernünftig denken oder gar erst handeln tut keiner.«
-
-Der am Ofen gab keine Antwort, aber er rieb und knetete seine Hände,
-daß die Finger krachten.
-
-Wieder gab es eine Pause.
-
-Die Erwartung der Freihoferin stieg immer höher, aber sie verriet mit
-keinem Zeichen ihre Ungeduld. Nur mußte sie mehr als einmal verstohlen
-hinübersehen, nach dem jungen Mann, der ihr heute so seltsam erschien.
-
-Da wandte sich Konrad plötzlich um und trat zum Tische. Mit einer
-ungeduldigen Bewegung zog er einen der schweren Stühle vor sich hin,
-beugte sich weit über die hohe Lehne und sah der Freihoferin mit
-unsicherm Blick in das Gesicht.
-
-Langsam und mit belegter Stimme, gleichsam die Worte abzählend, sprach
-er dann:
-
-»Bäuerin, ich muß Euch um etwas fragen. Seit mehr als einem Jahr schon
-liegt es mir auf der Brust und preßt mir fast das Herz ab. Jetzt kann
-ich es aber nimmer ertragen. Sagt, Freihoferin, wollt Ihr mir Euer
-Liebstes, das Ihr habt, anvertrauen? Ich verspreche Euch -- --«
-
-Hier brach Konrad ab. Er wollte zwar mehr sprechen, aber die Worte
-erstarben ihm auf der Zunge, bei dem Anblick, den die Frau vor ihm bot.
-
-Das Gesicht starr wie aus Stein, die Lippen, aus denen jeder
-Blutstropfen gewichen war, fest aufeinandergepreßt, und den Blick auf
-den Boden geheftet, saß die Freihoferin unbeweglich im Stuhle, den
-einen Arm schwer auf den Tisch stützend.
-
-Zwei, drei Sekunden vergingen in diesem Schweigen. Dann schob Konrad
-den Oberkörper weit vornüber, daß sein Mund sich dicht vor dem Gesicht
-der Freihoferin befand. Er wußte die Veränderung der Greisin nicht zu
-deuten, deshalb begann er von neuem und stieß mit gepreßter Stimme die
-Worte hervor:
-
-»Ich besitze nicht viel, was ich Euerm Kinde bieten könnte. Ihr wißt,
-der Rabensteiner Hof ist eng und sein Ertrag klein. Aber wenn’s Euch
-gefällt zu hören, so verrate ichs Euch, der Mutter, daß ich Euer Kind
-liebe aus der tiefsten Stelle meines Herzens heraus und daß ich sein
-Leben und Glück behüten würde wie einen kostbaren Schatz, den mir die
-Engel vom Himmel herab in mein Heim getragen haben!«
-
-In überschäumender Leidenschaft hatte der Mann diese Worte
-ausgesprochen und seine ehrlichen Augen fest auf die Freihoferin
-gerichtet.
-
-Aber die Greisin rührte sich nicht, hob nicht einmal den Blick, um ihn
-dem Bittenden zu gönnen.
-
-Da schlug der junge Mann die Augen nieder und langsam, als ob es ihm
-Schmerzen bereite, richtete er sich aus seiner vornübergebeugten
-Haltung auf und trat einen Schritt zurück.
-
-Dann sprach er mit unsäglich bitterm Auflachen:
-
-»Da hätte mich die Mutter nicht zu schelten brauchen, als ich die
-Befürchtung aussprach, daß zum Brautwerber auf dem Freihofe der
-Rabensteiner zu gering sein würde!«
-
-Bei diesen Worten machte die Freihoferin eine matte Bewegung, als wenn
-sie Konrad am Weitersprechen hindern wollte. Doch der warf trotzig den
-Kopf in den Nacken, griff nach der Mütze und wandte sich zur Tür. Da
-drangen ihm in scharfem Tone die Worte ins Ohr:
-
-»Konrad, bleib und setze Dich zu mir!«
-
-Diese Aufforderung hatte so gebieterisch geklungen, daß der junge Mann
-nicht wagte, sich zu entfernen. Er trat wieder zum Tische und nahm der
-Greisin gegenüber Platz.
-
-Noch immer in tiefer Bewegung, aber äußerlich gefaßt, begann die
-Freihoferin:
-
-»Ich habe Deinen Vater gekannt, Konrad, er war ein Ehrenmann. Deine
-Mutter ist meine Freundin, und Dich habe ich schon liebgewonnen, wie Du
-als Knabe im Ziegenbockwägelchen durchs Dorf kutschiertest. Ich kenne
-Dich besser als Du meinst und wüßte für meine Tochter weit und breit
-keinen bessern Freier als Dich. Und doch kannst Du nicht mein Eidam
-sein, wie es überhaupt niemand werden kann.«
-
-Die Freihoferin lehnte sich in den Stuhl zurück, als wenn sie einer
-Schwächeanwandlung folgen müsse. Nach einigen Augenblicken aber raffte
-sie sich wieder auf und sprach mit leiser Stimme:
-
-»Höre zu, Konrad, was ich Dir sage. Du und kein anderer wärst mein
-Tochtermann geworden, wenn nicht eine höhere Macht, der wir uns demütig
-beugen müssen, es anders wollte. Was ich Dir jetzt anvertraue, weiß
-nur ich, und niemand ahnt das Entsetzliche. Ich allein wollte den Gram
-bewahren, bis es offenkundig werden muß. Dir gegenüber aber muß ich
-reden. Es kann Dir wie allen andern nicht verborgen geblieben sein, daß
-Elisabeth eine schwache Gesundheit besitzt und seit Jahren kränkelt.
-Sie ist aber leidender als sie und alle, die sie kennen, ahnen. Meinem
-Blick ist es nicht entgangen, daß ihre von allen Ärzten als unheilbar
-bezeichnete Krankheit in den letzten beiden Jahren rasche Fortschritte
-gemacht hat, und eine innere Stimme raunt mir schon zu, daß ich das
-Kind nicht mehr lange besitzen werde. O, -- mir bangt so unsagbar vor
-dem Herbste -- -- --«
-
-Die Freihoferin hielt inne, um ihre Bewegung niederzukämpfen. Dann
-wollte sie weiter sprechen, aber ihre Stimme versagte. Sie lehnte ihr
-Haupt wieder an die Stuhllehne zurück und bedeckte das Gesicht mit der
-Hand.
-
-Konrad hatte der Greisin lautlos zugehört; jedes ihrer Worte fühlte er
-wie einen Keulenschlag. Sein ganzer Himmel brach über ihm zusammen. In
-diesem Augenblick erst überkam ihn die Erkenntnis, mit welch inniger
-Liebe sein Herz schon an dem Mädchen gehangen hatte, jetzt, wo er das
-Kleinod verlor, noch ehe er es besessen hatte. Noch vor einer Stunde
-war sein Herz von seligen Hoffnungen erfüllt gewesen. Sein geistiges
-Auge hatte ihm eine blumige Wiese vorgezaubert, auf der er ruhte. Und
-wie sein Blick sich labte an den glänzenden Gaben des Himmels, da kam
-das Glück, ein betörend schönes Weib, lachend auf ihn zugeschritten
-und bot ihm schon von fern die Hand. -- So hatte es in seinem Innern
-ausgesehen, als er dieses Zimmer betrat. Und jetzt? Wie war doch mit
-einem Male alles in ihm ganz anders! Das Jauchzen war verstummt, der
-Sonnenglanz verblichen. Die grauen Schneewolken draußen hingen tief
-herab, daß sie seine Stirn zu berühren schienen. Blüten und Blumen
-waren verschwunden, und weit in der Ferne schritt flüchtigen Fußes das
-Glück, -- -- es war an ihm vorübergegangen!
-
-Da fiel sein Auge auf die in den Stuhl zurückgesunkene Greisin, und
-langsam schloß sich die frische Wunde seines Herzens, verstummte sein
-Weh vor dem gewaltigen Schmerz, der diese Mutter durchwühlte. Durfte
-er klagen angesichts dieses Weibes, das seit langen Monaten sein Kind
-dahinschwinden sah, und dem ein untrügliches Gefühl seinen nahen Tod
-grausam angekündigt hatte?
-
-Erschüttert sah Konrad auf die Freihoferin. Aber er wußte nicht, wie er
-sie trösten sollte, denn solch einen Schmerz können Worte nicht mildern.
-
-Und mühsam erhob sich der Jüngling und ging mit leisen Schritten zur
-Tür und verließ geräuschlos das Zimmer.
-
- * * * * *
-
-Wenige Stunden später waren die beiden Männer mit Elisabeth
-zurückgekehrt, und bald darauf vereinten sich alle zur Abendmahlzeit.
-Während des Essens herrschte die fröhlichste Stimmung. Elisabeth war
-ausgelassen wie selten. Sie sprühte vor Lustigkeit, und ihr fröhliches
-Lachen übte seine Wirkung auf die kleine Tischgesellschaft aus. Nur die
-Freihoferin blieb ernst und schaute mit besorgten Blicken auf das ihr
-gegenübersitzende Mädchen.
-
-Der Ausflug vom Nachmittag wurde besprochen, und Elisabeth erzählte
-der Mutter, daß sie auf der Bornaschen Straße ein gutes Stück
-hinausgefahren und dann über Göltzschen zurückgekehrt seien. Die
-Pferde hätten wacker ausgegriffen, und es sei eine Lust gewesen, so
-pfeilschnell durch die herrliche Winterlandschaft zu fliegen.
-
-»Auf der Rückfahrt,« plauderte sie mit Lebhaftigkeit, »mußte Max die
-Zügel natürlich meinen Händen überlassen, und während er mit Herrn
-von Friesen hinter mir wieder über die ganz langweilige Politik
-sprach, reifte mit einem Male in meiner Seele ein schwarzer Plan.
-Ich hatte es nämlich schon wiederholt versucht, die beiden von ihrem
-Gesprächsstoff abzulenken, denn sie sollten von etwas reden, das ich
-gern höre. Aber mein Drängen war immer vergeblich gewesen. Da riß
-mir endlich die Geduld und ich beschloß, mitten in ihre Unterhaltung
-hinein ganz überraschend einen dicken Punkt zu machen. Und wie wir den
-Tanzberg kaum im Rücken hatten, und die Gäule die abfallende Straße
-hinuntertrabten, da war ich mit mir im reinen über das Mittel, mit dem
-ich die ungalanten Herren an die Pflichten der Ritterlichkeit mahnen
-wollte. Du weißt, liebe Mutter, an der Stelle, wo im Sommer die großen
-Brombeersträucher blühen, macht die Straße einen scharfen Knick. Dort
-sollte der Schauplatz der Katastrophe sein. Leider war kein Publikum
-zu der Vorstellung erschienen. Links also sind die Sträucher, und
-rechts der Straße hat der Wind den Schnee hochaufgeweht. Ich halte die
-Zügel etwas straffer, um die scharfe Biegung nicht allzuschnell zu
-nehmen. Kaum sind wir aber bei ihr angekommen, und die Pferde wenden
-nach links, da reiße ich die Gäule scharf in die neue Richtung hinein,
-daß die Tiere fast umkehren und stehen bleiben. Natürlich ist diese
-Bewegung für den Schlitten viel zu hastig, er kann sie nicht mitmachen,
-sondern schleudert im Halbkreis herum und wirft sich, seinen Inhalt
-sorgfältig ausschüttend, blitzschnell auf die Seite. In demselben
-Augenblick aber, wo ich merke, daß der zuverlässige Kutscherbock unter
-meinen Füßen seine horizontale Lage aufgeben will, trenne ich mich von
-dem launischen Gefährt und springe wie eine Katze dem Handpferd auf den
-Rücken. Von diesem Platze aus beherrschte ich das Gesichtsfeld ganz
-prächtig und konnte jede Bewegung, die die bis zum letzten Augenblick
-politisierenden Herren in der nächsten Sekunde machten, auf’s
-eingehendste studieren.«
-
-Hier konnte die Erzählerin ihre Fröhlichkeit nicht mehr zurückhalten.
-Die Komik des Vorgangs stand ihr wieder mit so lebhafter Deutlichkeit
-vor Augen, daß sie mit ihrem bisher mühsam zurückgehaltenen Lachen laut
-herausbrach und ihre Heiterkeit die Männer mit fortriß, denn auch sie
-stimmten in das Gelächter fröhlich ein.
-
-Elisabeth aber hatte das Lachen so angestrengt, daß sie erst wieder
-eine kurze Weile Atem schöpfen mußte, ehe sie weiter sprechen konnte.
-Dann aber fuhr sie mit unverminderter Lebhaftigkeit fort:
-
-»Liebe Mutter, Du kannst Dir mit Zuhilfenahme Deiner ganzen Phantasie
-keinen rechten Begriff davon machen, wie die beiden Herren, jeder auf
-seine Art, sich der plötzlich veränderten Sachlage anpaßten. Das eine
-muß ich bei allen beiden anerkennen: sie beratschlagten nicht erst
-lange, was zu tun sei, sondern zogen vor, rasch zu handeln.
-
-Stumm schoß Herr von Friesen mit einem eleganten Wuppdich kopfüber
-auf den Punkt des Schneehaufens los, wo er am höchsten aufgeweht war
-und verschwand sofort darin. Leider sprang mein teurer Bruder nicht
-ebenso graziös wie sein Freund. Ich mußte, ohne daß ich es wollte, des
-Anblicks gedenken, den die sich sträubenden Kälber darbieten, wenn sie
-der Viehmakler mit dem Hermann auf den Wagen hebt. Mit gespreizten
-Armen und Beinen näherte sich Max in raschem Tempo der seiner geduldig
-harrenden Schneewehe und bohrte sich, den Kopf voran, in sie hinein.
-Während Herr von Friesen für längere Zeit bis auf einen Stiefel ganz
-unsichtbar war, fand sich auch Max erst nach gründlichem Suchen darin
-wieder heraus und krabbelte mit den Gliedmaßen so komisch, daß er
-aussah wie ein dicker, schwarzer Käfer in einer Schüssel steifer
-Sahne. Kurzum, meine beiden ritterlichen Gefährten taten in diesen
-Augenblicken viel, nur von der Politik sprachen sie nicht mehr.«
-
-Die beiden Freunde waren durch die in erzwungenem Ernste gemachte
-Schilderung des Erlebnisses wiederholt zu erneuter Lustigkeit angeregt
-worden. Auch Elisabeth mußte ihrer Heiterkeit wieder freien Lauf
-lassen; sie beugte den Kopf hintenüber und wollte sich vor Lachen
-ausschütten. Das bleiche Gesichtchen mit den schmalen Wangen und den
-großen, glänzenden Augen strahlte vor Lebensfreude und ungebundenem
-Frohsinn.
-
-Da dämpfte plötzlich Elisabeth ihr lautes Lachen. Sie beugte den Kopf
-auf die Brust, und gleichzeitig wurde ihr zarter Körper durch einen
-schweren Hustenanfall aufs heftigste erschüttert. Mit einem Schlage
-war die sprudelnde Heiterkeit von dem kleinen Kreise gewichen, und
-unwillkürlich richteten sich aller Blicke mit Bangigkeit auf das unter
-den unaufhörlichen Hustenstößen augenscheinlich schwer leidende
-Mädchen. Noch ein kurzer, heftigerer Anfall, dann bekam Elisabeth
-wieder Ruhe. Sie tastete mit der Hand zum Hals, als wenn sie dort
-etwas beenge und schluckte einige Male hinunter. Darauf lehnte sie
-sich erschöpft zurück. In den Mundwinkeln des Mädchens aber wurden ein
-paar große, rote Tropfen sichtbar, die langsam am Kinn und am Halse
-hinabrollten.
-
-Da stieß die Freihoferin heftig den Stuhl zurück und stand im nächsten
-Augenblick neben dem schwer atmenden Kinde. Wie eine Feder hob die
-Greisin das Mädchen auf, preßte es an ihre Brust und trug es hastig zur
-Stube hinaus.
-
-
-
-
-10. Kapitel.
-
-
-In tiefem Blau prangte seit einigen Tagen der Himmel, und aus Südosten
-blies ein lauer Wind.
-
-Wie durch einen Zauberschlag war das Bild, das die Natur geboten,
-verändert: der Schnee war unter den warmen Sonnenstrahlen verschwunden.
-Anfangs ging es langsam, bis die obere Schicht zu schmelzen begann und
-die ersten Wasserläufe entstanden. Als aber die Luft wärmer wurde und
-der feurige Sonnenball seinen Kreislauf einige Male wiederholt hatte,
-ohne daß ihn neidische Wolken verbargen, da trat starkes Tauwetter
-ein. Das Wasser konnte nicht so rasch in die Erde einsickern. Die
-Straßen weichten auf und wurden grundlos, und auf den Äckern und
-Wiesen bildeten sich große Teiche, auf denen die Enten laut schnatternd
-umherschwammen und die liebe Dorfjugend jubelnd Papierschiffe treiben
-ließ. Der sonst zwischen seinen hochaufgeschütteten Ufern so friedlich
-dahingleitende Göselbach war stark angeschwollen. Seit diesem Morgen
-aber war er zum Strom geworden, dessen schäumende Wasser in raschem
-Laufe dahinschossen.
-
-Auf dem Freihofe war die schwere Beklemmung, die Elisabeths plötzliche
-Erkrankung hervorgerufen hatte, langsam wieder gewichen. Der schnell
-herbeigeholte Arzt hatte der Kranken Bettruhe verordnet, und wie ein
-folgsames Kind schluckte sie Eisstückchen, die die nicht von dem Bette
-weichende Freihoferin ihr reichte. Nach ein paar Tagen war das Mädchen
-wieder wohlauf und hatte das Bett verlassen. Sie versicherte, daß
-ihr nichts mehr fehle bis auf eine bleierne Mattigkeit, die in den
-Gliedern läge. Aber auch dies hielt nicht lange an, dann war sie wieder
-lustig und beweglich wie vorher. Sie tollte mit Friesen, als wenn
-nichts geschehen wäre, über die spärlichen Schneereste hinweg und war
-unermüdlich, ihn zu necken. Ihre Erfindungsgabe half ihr immer wieder,
-neue, harmlose Streiche ersinnen, die sie ihm spielte.
-
-Mit großer Besorgnis beobachtete die Freihoferin den Zustand ihres
-Kindes. Anfangs hatte sie wohl zuweilen ihre Stimme mahnend erhoben
-und dem Mädchen schnelle Bewegungen und Umherspringen untersagt, bald
-aber sah sie ein, daß ihre Mahnungen nicht fruchteten, da sie nur zu
-schnell vergessen wurden. Denn alle Bewegungen, die das Mädchen tat,
-waren rasch, und die große Lebhaftigkeit, die einen Teil ihres Wesens
-ausmachte, konnte sie unmöglich unterdrücken.
-
- * * * * *
-
-Max hatte mit Friesen für den Nachmittag einen Ausritt verabredet, dem
-auch Elisabeth sich anzuschließen wünschte. Der Widerstand der Mutter
-war bald besiegt, und so trabte denn die kleine Kavalkade fröhlich vom
-Hofe fort, hinein in den lachenden Sonnenschein. Friesen hatte eines
-der im vorigen Jahre gekauften Kutschpferde bestiegen, einen dicken
-Wallach, dem ab und zu einmal der Sattel aufgelegt wurde, während Max
-seinen Braunen ritt.
-
-Elisabeths hochbeiniger Schimmel konnte sich nicht lange dem ruhigen
-Schritt der beiden andern Pferde anpassen, er drängte unausgesetzt in
-die Zügel und tänzelte nebenher, den langen Schweif mutwillig hinüber
-und herüber schlagend. Aber Elisabeth war eine gute Reiterin, die die
-Launen des Tieres wohl kannte. Mit kurzem Zügelruck, den sie schnell
-wiederholte, verwies sie das Tier zur Ruhe, so daß der Schimmel alsbald
-die Zügel freigab, in ruhigen Gang fiel und den leisesten Hilfen der
-Reiterin wie ein Hündchen folgte.
-
-Als die kleine Schar außerhalb des Dorfes angekommen war und die Straße
-verlassen konnte, lenkte sie hinüber auf ein sich lang hinziehendes
-Rasenstück, auf dem nur noch vereinzelt kleine Pfützen stehen geblieben
-waren. Im leichten Trab sprengten sie weiter, die Wangen von mildem
-Windhauch umfächelt.
-
-In einiger Entfernung vor den Reitern wand sich ein ziemlich breiter
-Wassergraben über ihren Weg. Elisabeth hatte das Hindernis kaum
-erblickt, als sie auch schon vorschlug, darüber hinwegzusetzen. Im Nu
-hatten ihre Begleiter angenommen. Man ließ den Gäulen die Zügel, und in
-kurzem Galopp ging es dem Graben zu.
-
-Max hatte sofort bereut, sich zum Mittun bereit erklärt zu haben, denn
-er argwöhnte, daß sein schwerer Brauner ihn im Stich lassen würde. Aber
-nun konnte er sich nicht mehr ausschließen, denn Elisabeth hätte ihn
-grausam verspottet.
-
-Friesen blieb dicht neben Max, während der Platz zwischen beiden leer
-geworden war. Elisabeth hielt nämlich den Schimmel kräftig zurück, um
-zu verhindern, daß er über die Linie hinausschösse, denn sie wollte
-an dem Hindernis als Letzte ankommen. So gewannen die Herren einen
-geraumen Vorsprung.
-
-Jetzt waren die Reiter nur noch eine kurze Strecke von dem Graben
-entfernt und ließen die Tiere laufen. In der nächsten Sekunde waren sie
-am Wasser. Max sprang zuerst, fast in demselben Augenblick sprang auch
-Friesen und kam dicht hinter dem Graben nieder. Maxens Brauner sprang
-aber zu kurz und schlug mit den hinteren Hufen laut klatschend ins
-Wasser, daß die schmutzige Flüssigkeit hochaufspritzte und Pferd und
-Reiter reichlich übergoß.
-
-Aber schon ertönte von hinten her ein helles Auflachen und gleich
-darauf setzte Elisabeths Schimmel in leichtem Sprunge, behend wie eine
-Gemse über den Graben und kam weit vor Friesens Wallach sicher nieder.
-
-»So sieht ein richtiger Sprung aus, Ihr Herren,« rief das Mädchen mit
-lauter Stimme über die Schulter zurück, während der Schimmel mit
-großer Geschwindigkeit weiterstürmte.
-
-Max tat eine kräftige Verwünschung über die Schwerfälligkeit seines
-Pferdes und zwinkerte ärgerlich mit den Augen. Dann gab er dem Gaul
-wütend die Sporen, daß er einen wilden Satz machte, der ihn aus dem
-Wasser herausbrachte, um sich mit ein paar weiteren Sprüngen aus dem
-weichen Boden vollends herauszuarbeiten. Die Zügel auf den Hals des
-Tieres fallen lassend, trocknete er sich, das Taschentuch mit beiden
-Händen erfassend, das triefende Gesicht ab.
-
-Friesen hatte nur ein paar Tropfen auf die Wange bekommen, die er jetzt
-laut lachend mit dem Zeigefinger abwischte und fortschleuderte.
-
-»Ich werde mich hüten, mit dieser behäbigen Dame noch einmal einen
-solchen Graben zu nehmen,« knurrte Max, der nun endlich Gesicht und
-Hals wieder trocken hatte. »Hast Du gesehen, wie sie sprang? Ja? Gerade
-so wie ein Walroß, und ich kann noch von Glück reden, daß ich nicht
-heruntersegelte; bald wäre es freilich geschehen.«
-
-Während dieser Worte hatten sie ihre Pferde wieder langsam in Bewegung
-gesetzt und trabten nun in der eingeschlagenen Richtung weiter.
-Elisabeth war ein großes Stück vorausgeeilt. Dann war sie umgekehrt und
-nun ritt sie in weiten Kreisen um die Männer herum. In kecker Haltung
-saß sie auf dem Tiere, es zu immer größerer Eile antreibend.
-
-Während die beiden Reiter ihre Pferde ruhig laufen ließen, betrachteten
-sie mit Vergnügen das in Windeseile dahinfliegende Mädchen. Die
-Entdeckung, daß Elisabeth eine vortreffliche Reiterin war, hatte
-Friesen schon längst gemacht. Heute wurde ihm ein neuer Beweis hierfür.
-Elisabeth behielt auch in dieser scharfen Gangart das Tier vollständig
-in ihrer Gewalt, und die Reiter konnten deutlich wahrnehmen, wie der
-Schimmel dem Zügel augenblicklich folgte. Ohne die Schnelligkeit zu
-vermindern, umkreiste Elisabeth noch immer die beiden Freunde, alle
-Hindernisse nehmend, die im Wege lagen. Ihre Augen leuchteten vor
-Freude, und eine Locke des blonden Haares hatte sich gelöst und wehte
-der Reiterin um die jetzt von einer leichten Röte bedeckte Stirn.
-
-Soeben war sie wieder in kurzer Entfernung vor den Herren vorbeigejagt
-und hatte ihnen ein Scherzwort herüber gerufen, als Maxens Pferd
-plötzlich vor einer auffliegenden Krähe scheute. Noch immer gereizt
-durch die Unbeholfenheit des Tieres beim Sprunge, nahm es Max fest in
-die Zügel und zwang es mit eisernem Schenkeldruck zur Ruhe. In diesem
-Augenblick stieß Friesen, der Elisabeth nicht aus den Augen gelassen
-hatte, einen unterdrückten Schrei aus. Max fuhr auf und suchte seine
-Schwester mit dem Blick, die sich gerade in geraumer Entfernung
-rechtsseitwärts von ihnen befand. Aber er konnte nichts entdecken, was
-dem Freunde Grund zur Besorgnis geben mochte. Da sagte Friesen kurz:
-
-»Sie hat den Sitz verloren und bemüht sich, den Schimmel in Schritt zu
-bringen.«
-
-Die Reiter blieben stehen und schauten mit angestrengter Aufmerksamkeit
-dem sich ihnen von rückwärts her nähernden Mädchen entgegen.
-
-»Der Schimmel hat kleine Launen, ist aber im ganzen harmlos,«
-entgegnete Max, »und Elisabeth kennt sich mit ihm aus.«
-
-Da stürmte auch schon das Tier mit seiner Reiterin in kurzer Entfernung
-an ihnen vorüber. Elisabeths Fuß hatte zwar noch fest im Bügel geruht,
-aber es gab für die Beiden keinen Zweifel mehr, daß sie die Gewalt
-über das Tier vollständig verloren hatte. Mit seiner ganzen schwachen
-Kraft riß das Mädchen an den Zügeln, doch umsonst, die leichte Kandare
-klemmte zwischen den aufeinandergebissenen Zähnen des durchgehenden
-Pferdes. Plötzlich sprang der Schimmel aus der bisherigen Richtung
-heraus und jagte eine sanft ansteigende, weite Lehne hinauf, dicht an
-den letzten Häusern des Dorfes vorbei.
-
-Wie gelähmt blieben die Reiter stehen, dem davonstürmenden Pferde
-entsetzt nachschauend. Aber nur einen Augenblick dauerte ihre
-Bestürzung. Kein Wort wurde ausgetauscht, aber sie wußten beide, daß es
-eine Jagd auf Leben und Tod sein würde, um das Mädchen zu retten, denn
-der rasende Lauf des scheugewordenen Pferdes führte in gerader Richtung
-auf den hochangeschwollenen Bach zu.
-
-Da fuhr Max wild auf und hieb dem heftig erschreckenden Braunen die
-Sporen tief in die Seiten, daß das Tier von Schmerz gepeinigt sich
-auf den Hinterbeinen erhob und senkrecht aufstieg, um dann wie toll
-davonzurasen, hinterdrein Friesen. Die beiden Pferde schlugen sofort
-eine hohe Geschwindigkeit an, und so ging es in wilder Jagd dem in
-nicht zu großer Entfernung vor ihnen galoppierenden Schimmel nach.
-Stumm ritten die beiden Männer nebeneinander, keinen Blick von dem
-davoneilenden Pferde verlierend und mit allen Sinnen auf den Gang
-ihrer Tiere achtend. Maxens Brauner schien wieder gut machen zu wollen,
-was er vorhin versäumt hatte: mit mächtigen Sprüngen setzte er über den
-weichen Boden hinweg, so daß Friesen Mühe hatte, an seiner Seite zu
-bleiben.
-
-Aber Max achtete nicht darauf, daß der Braune sein Bestes bot, er
-verlangte noch mehr von ihm. Von neuem setzte er dem Tiere die Sporen
-in die Seiten, daß dieses in der Tat in eine erhöhtere Schnelligkeit
-fiel und nunmehr wie ein Pfeil dahinschoß. Mit Genugtuung bemerkte Max,
-daß sich die Entfernung zwischen ihm und Elisabeth langsam verringerte.
-Friesens Wallach konnte dieses Tempo nicht einhalten und blieb um
-einige Längen zurück. Max gewahrte Friesens Zurückbleiben, aber was
-kümmerte es ihn; seine weit aufgerissenen Augen hingen, ohne abzuirren,
-an der zarten Mädchengestalt auf dem vor ihm weiterstürmenden Pferde.
-Der Zwischenraum wurde merklich kürzer, denn der Braune hielt das
-scharfe Tempo gut inne und verkürzte nicht um eine Handbreite seine
-weitausgreifenden Sprünge.
-
-Aber immer mehr forderte der Reiter von seinem Tiere. Wieder gab er
-ihm die Sporen zu fühlen, bis er zuletzt das Eisen auf den Flanken
-ruhen ließ und durch unausgesetztes Drohen mit den scharfen Spitzen
-den Gaul zum Einhalten seiner hohen Schnelligkeit anstachelte. Alles
-was in dem Pferde war, forderte sein Reiter in diesen Augenblicken von
-ihm. Und wenn das Tier dabei zugrunde ging, was tats? Galt es doch ein
-Menschenleben zu retten, und dieser Mensch -- war seine Schwester! Zum
-Glück näherte er sich ihr bei diesem Tempo von Sekunde zu Sekunde, und
-noch in großer Entfernung vor dem reißenden Wasserlaufe mußte er sie
-eingeholt haben.
-
-Die ruhige Überlegung drohte den jungen Mann zu verlassen, wenn er
-blitzschnell die Möglichkeit erwog, daß sein Pferd diese Schnelligkeit
-nicht aushalten könnte. Seine Augen schätzten fortwährend forschend den
-Abstand, und mit großer Befriedigung stellte er fest, daß Elisabeths
-Vorsprung sich immer mehr verringerte und er sehr bald an ihrer Seite
-sein mußte. Er überlegte: von links wollte er anreiten, um die rechte
-Hand frei zu haben und wenn er erst einmal die Zügel des störrischen
-Schimmels in seiner Faust haben würde, dann -- -- -- -- -- --, was Max
-von Tiefenbach in der Faust hielt, das war ihm sicher, das gehörte ihm!
-
-Aber der Braune durfte nicht um einen Zentimeter nachlassen, er mußte
-ohne Unterlaß das Eisen kosten. Und von neuem jagte Max dem Tiere
-die Stacheln in das Fleisch, daß es in wildem Schmerze wie unsinnig
-weiterraste.
-
-Max spannte alle Sinne aufs äußerste an. Da, allmächtiger Gott,
-täuschte er sich, oder war es Wirklichkeit, -- der Braune verkürzte
-die Sprünge? Sein Auge durchmaß den Zwischenraum, und es war keine
-Täuschung, er war in den letzten Sekunden größer geworden. Ein wilder
-Fluch entfuhr ihm. Sollte er jetzt, wo er in wenigen Sekunden an seiner
-Schwester Seite sein konnte, zurückbleiben und zusehen müssen, wie
-diese dem unabwendbaren Tode entgegeneilte? Da zerriß wie ein greller
-Blitzstrahl ein banger Gedanke das Gespinst seiner sich stürmisch
-jagenden Betrachtungen. Wie unter einem heftigen körperlichen Schmerz
-zuckte Max zusammen und die angstvollen Worte entfuhren ihm: »Um des
-Himmels willen, die Mutter!«
-
-Wütend fuhr da der Mann auf:
-
-»Verwünschte Kanaille, willst Du mich im Stiche lassen? Warte ich will
-Dir Lust machen.«
-
-Und von neuem bohrte er die Sporen tief in die Flanken. Aber das Pferd
-bäumte nicht mehr angstvoll auf wie vorhin und machte seine Sprünge
-nicht größer. Pfeifend schossen ihm die Atemstöße aus den geblähten
-Nüstern und das kurzabgerissene Schnauben hätte zu jeder anderen Zeit
-Max zum Absteigen veranlaßt. In diesem Augenblick aber hörte und sah er
-nichts von der großen Erschöpfung des so schnelles Laufen ungewohnten,
-schweren Tieres, das schon viel mehr ausgegeben hatte, als von ihm
-gefordert werden durfte.
-
-Mit steigendem Entsetzen bemerkte er, wie der Schimmel immer größeren
-Vorsprung gewann. Alle Empfindungen, die bei dieser Wahrnehmung auf
-ihn einstürmten, verwandelten sich in Zorn, der sich gegen das jetzt
-wiederholt strauchelnde Pferd richtete. Von Wut gepackt trieb er ihm
-zwei-, dreimal die Eisen in die Seiten. Das gequälte Tier bäumte hoch
-auf, -- da riß des Reiters eiserne Faust es nieder und dann bohrten
-sich wieder und wieder die Sporen in sein Fleisch. Mit Schenkel und
-Eisen bearbeitete Max ohne Erbarmen das Tier, daß es von neuem ein
-schnelleres Tempo anschlug. Aber es entging ihm nicht, daß der Braune
-die Geschwindigkeit von vorhin nicht mehr erreichte und daß die
-Entfernung sich mit jedem Sprung vergrößerte.
-
-Da kam auch Friesens Wallach wieder heran, der in gleichbleibender
-Schnelligkeit weitergeritten und der trotz der vielen Versuche seines
-Reiters in keine schärfere Gangart gefallen war. Langsam rückte Friesen
-vor. Max bemühte sich, einen kleinen Vorsprung zu behalten, aber der
-Wallach kam näher. Schon standen die beiden Tiere Gurt an Gurt, dann
-glitt Friesen ein Stück vor und behielt ein Tempo, in dem der Braune
-nur schwer folgen konnte.
-
-Die Reiter sahen jetzt, wie der Schimmel die Anhöhe erreicht hatte.
-Elisabeths Gestalt war noch einen Augenblick sichtbar, und die beiden
-Freunde erkannten deutlich, daß ihr Oberkörper vornübergesunken war und
-daß das Mädchen beide Arme um den Hals des Pferdes geschlungen hatte.
-Dann entschwand sie ihren Blicken.
-
-Max war vor Schrecken seiner Sinne nicht mehr mächtig. Er nahm seinen
-Reitstock und schlug damit wiederholt den Braunen wuchtig zwischen die
-Ohren, womit er nur erreichte, daß das Pferd dicht hinter Friesens
-Wallach blieb.
-
- * * * * *
-
-Konrad Hartmann war auf seinem Hofe beschäftigt. Die nackten Füße in
-Lederpantoffeln steckend, kniete er gerade vor einem Wagen und legte
-um eine zersprungene Nabe ein Stück schmalen Eisenbandes. Drüben am
-Pferdestalle stand seine Mutter, die mit weitem Wurfe Maiskörner unter
-die stattliche Schar Hühner schleuderte.
-
-Am Abend jenes Tages, an dem Konrad die erschütterte Freihoferin leise
-verlassen hatte, war es in der Wohnstube auf dem Rabensteiner Hof noch
-viel stiller als sonst zugegangen. Der Sohn hatte eine Weile an dem
-hölzernen Pfeifenkopfe weitergeschnitzt. Lange hatte dies aber nicht
-gedauert, dann mochte ihm die Beschäftigung nicht mehr zugesagt haben.
-Er hatte auf das Bücherbrett gegriffen und die Helden des grauen
-Altertums wieder einmal vor seinem Geiste aufmarschieren lassen.
-
-Sonst vergaß er beim Lesen jener Zeiten alles, was sich um ihm herum
-zutrug. Mit leuchtenden Augen verfolgte er dann das gewaltige Ringen
-der Völker und die erbitterten Kämpfe mit dem überlegenen Gegner um
-die Freiheit des Stammes. An diesem Abend aber hatten seine Gedanken
-nicht mitten unter den Helden geweilt, und es begab sich zum ersten
-Mal, daß das Interesse an den Großtaten Jener verblich, und sich
-dafür etwas anderes in seine Seele schlich und allen Raum darin für
-sich beanspruchte. Zeitiger als andere Tage hatte Konrad das Bett
-aufgesucht. Die Mutter aber war geblieben und hatte mit Wehmut lange,
-lange auf die Stelle geschaut, wo ihr Sohn gesessen hatte. -- --
-
-Wieder hatte sich Konrad gebückt und mit aufmerksamen Blicken und
-wiederholtem Betasten den geflickten Schaden geprüft. Da stieß die
-Rabensteinerin einen lauten Schrei des Entsetzens aus. Konrad fuhr
-erschreckt in die Höhe und blickte auf seine Mutter.
-
-Mit vorgeneigtem Oberkörper stand diese inmitten der die Körner
-geschäftig aufpickenden Hühner und sah in großer Erregung durch
-das weitgeöffnete hintere Hoftor, das unmittelbar auf die Wiesen
-hinausführte. Hastig folgte Konrad dem Auge seiner Mutter, und in
-demselben Augenblick war sein von der emsigen Arbeit stark gerötetes
-Gesicht bis in die Lippen hinein bleich geworden. Einen Herzschlag lang
-schauten Mutter und Sohn mit dem Ausdruck des Entsetzens nach den
-Wiesen, über die in wilden Sprüngen ein durchgehendes Reitpferd hinweg
-setzte, auf dessen Rücken die zusammengesunkene Gestalt eines jungen
-Mädchens zu erkennen war.
-
-Noch war der die kühle Besonnenheit sonst nie verlierende junge Mann
-wie gelähmt, da riß sich die Mutter von dem erschreckenden Anblick los
-und rief dem Sohne zu:
-
-»Konrad, was stehst Du wie ein Pfahl? Nicht einen Augenblick hast Du zu
-verlieren!«
-
-Der aber antwortete nicht, sondern starrte regungslos ins Weite.
-
-Da flammte in dem gutmütigen Gesicht des Weibes helle Zornesröte auf.
-Mit ein paar Sprüngen stand sie neben dem Sohn, riß an seiner Schulter
-und schrie ihm ins Ohr:
-
-»Deine gesunden Knochen sind Dir wohl zu lieb? Junge, weißt Du denn
-nicht, wessen Leben es gilt, he?«
-
-Der Gescholtene aber zuckte verzweifelnd die Achseln und sagte dumpf:
-
-»Sie ist schon zu nahe am Wasser, ich schaff’s nicht mehr, -- -- es ist
-zu spät!«
-
-Da lachte das Weib schrill auf und schrie:
-
-»Du Hasenfuß!«
-
-Im nächsten Augenblick sprang sie in den offenstehenden Stall, und
-Konrad hörte, wie die Kette am Stande des Fuchses niederrasselte.
-Dann dröhnte das Stampfen des Pferdes von dem steinernen Belag der
-Stallgasse wider, und mit lautem Wiehern trat das Tier ins Freie.
-Konrad, der sich noch immer nicht von dem Anblick losgerissen hatte,
-merkte das Pferd auf sich zukommen. Mechanisch und ohne hinzusehen hob
-er die Arme und griff mit beiden Händen in die dichte Mähne des immer
-weiterschreitenden Pferdes.
-
-»Vorwärts!« rief da die Rabensteinerin und führte einen derben Schlag
-auf den Schenkel des Fuchses, daß dieser einen schnellen Gang anschlug.
-
-Konrad hielt sich an dem krausen Mähnenhaar fest, die Augen nicht
-von der Gestalt auf dem galoppierenden Schimmel abwendend. Er mußte
-laufen, um mit dem sich rasch vorwärts bewegenden Gaule gleichen
-Schritt zu halten, bis der Gang zu schnell wurde. Da, ein gewaltiger
-Ruck und Schwung, -- und er saß auf dem Rücken des Tieres. Im nächsten
-Augenblick trabte der Hengst zu dem hintern Hoftor hinaus.
-
-Die Rabensteinerin aber eilte, so schnell ihre Füße sie tragen wollten,
-die Treppe des Hauses hinauf auf den Dachboden. Und dann stand das
-Weib an der Dachluke, hielt die schwielige Hand, um das Auge vor den
-Sonnenstrahlen zu schützen, an die Stirn und schaute hinaus auf die
-Wiesen.
-
- * * * * *
-
-Gleichzeitig mit dem Verschwinden des Schimmels hinter der Bodenwelle
-hatte sich in das Herz des noch immer auf Rettung hoffenden Max die
-grausame Ueberzeugung gestohlen, daß das Schicksal seiner Schwester
-nunmehr besiegelt sei. Dieser Gedanke drängte ihm das Blut zu Kopfe,
-daß die Schläfen zerspringen wollten. Er keuchte unter der Last,
-die sich auf seine Brust herabgesenkt hatte und fuhr fort, den
-ausgepumpten Braunen zum schnelleren Laufen zu zwingen. Aber er merkte
-mit untrüglicher Gewißheit, daß der Gaul nur noch wenige Minuten
-laufen würde, um dann niederzustürzen. Auch Friesen konnte trotz der
-heftigsten Bemühungen nichts mehr aus dem Wallach herausholen. So
-sprengten die beiden Männer in immer mehr nachlassender Geschwindigkeit
-nebeneinander dahin, wissend, daß das unglückliche Mädchen in kurzer
-Zeit am Wasser angekommen sein würde.
-
-Da erklang mit einem Male hinter ihnen das Schnauben und Stampfen eines
-weit ausgreifenden Pferdes. Jeder der beiden Freunde vernahm es und
-glaubte an Täuschung. Aber das Geräusch drang schnell näher und immer
-näher und ließ keinen Zweifel mehr zu, daß ein Reiter den Hufen ihrer
-Rosse folgte. Doch der sie beide in diesen bangen Sekunden nur allein
-bewegende Gedanke: Vorwärts! ließ sie nicht hinter sich schauen. Neuer
-Mut und neue Hoffnung erfüllte sie plötzlich bei dem Erkennen der ihnen
-werdenden Hilfe, und mit Anstrengung versuchten sie nochmals, ihre
-Tiere zum schärferem Laufen zu bringen.
-
-Jetzt befand sich der Herbeieilende unmittelbar hinter ihnen. Noch
-ein paar Sprünge seines Pferdes und die Tiere liefen einen Augenblick
-nebeneinander. Dann schoß der Neue wie eine Schwalbe über sie hinaus,
-die beiden Zurückbleibenden mit einem Hagel von Erde und Steinen
-überschüttend, die unter den Hufen des flüchtigen Pferdes hochauf
-flogen. Eine kurze Weile konnten sie den Enteilenden noch sehen, dann
-tauchte er hinter derselben Bodenerhöhung hinab, hinter der auch
-Elisabeth verschwunden war.
-
-Das Vorbeireiten dieses Helfers war ihnen, ob der schwindelnden
-Schnelligkeit seines Pferdes, wie ein Traum gewesen. Kaum daß sie sein
-Nahen vernommen, hatte er sie auch schon eingeholt, war prasselnd und
-dröhnend an ihnen vorübergeflogen und ihren Augen wieder entschwunden
--- wie ein Reiter aus dem Gefolge des wilden Jägers.
-
-In der kurzen Zeitspanne aber, in der der Hinzugekommene mit ihnen
-auf gleicher Höhe ritt, hatten die Freunde ihn erkannt: es war Konrad
-Hartmann. Barhäuptig und mit bloßen Füßen hatte die schmächtige Gestalt
-zusammengekauert fast auf dem Halse des ungesattelten fuchsigen
-Hengstes gehockt, den Kopf zu den Pferdeohren hinabgebeugt und die
-Augen starr darüber hinweggerichtet. Seine linke Hand war mit einer
-Strähne des Mähnenhaares umwickelt gewesen, während die Finger der
-rechten das edle Tier leise am Halse liebkosten. Sonst keine Hilfe,
-kein Antreiben; als wenn er es wüßte, daß es ein Menschenleben zu
-retten gelte, hatte der Hengst ausgegriffen und sie zurückgelassen.
-
-Max und Friesen gaben nunmehr jeden Versuch auf, ihre Tiere weiter
-anzutreiben. Sie waren schon froh, daß diese sie in kleinen Sprüngen
-weitertrugen, der Anhöhe zu, von der aus sie alles sehen würden.
-Langsam kamen sie dem Punkte näher. Max bemühte sich, ruhig zu bleiben,
-aber sein Herz klopfte hörbar und er keuchte schwer vor Anstrengung und
-Erregung. Noch ein paar Sprünge der dem Umsinken nahen Gäule, und sie
-standen auf der Höhe.
-
-Etwa sechshundert Schritte vor ihnen zog der in der Sonne glitzernde,
-hochgehende Bach vorüber und unmittelbar vor ihm sahen sie, wie
-Elisabeth, von Konrad gestützt, den Versuch machte, einige Schritte zu
-gehen. Ihre Pferde standen abseits.
-
-In Windeseile sprangen sie von den Gäulen, ließen die nach Luft
-haschenden Tiere stehen und eilten die Lehne hinab. In wenigen Minuten
-hatten sie das Ufer erreicht.
-
-Elisabeth lagerte auf einem mit Moos überwucherten großen Stein, sich
-auf den Ellenbogen stützend und sah den beiden Männern mit schwachem
-Lächeln entgegen. Ihr Gesicht war totenbleich, und um ihre Schläfen
-spielten zerzauste Locken. Konrad stand neben dem Mädchen.
-
-Mit großen Schritten eilte Max zu seiner Schwester, kniete nieder,
-schloß das Mädchen in tiefer Erregung in die Arme und blieb eine Weile
-mit ihr stumm Brust an Brust. Dann löste er sanft die Umarmung und
-wandte sich zu Konrad. Seine Augen liefen fast über.
-
-Der aber schlug den Blick zu Boden und machte eine Bewegung mit der
-Hand, als wenn es sich um eine leichte Sache handele.
-
-»Warum willst Du meinem Dank wehren, Konrad?« sprach Max mit vor
-Bewegung zitternder Stimme, »der Geber darf sich dem Dank des
-Beschenkten nicht entziehen, sonst macht er diesem die Annahme der Gabe
-allzuschwer.« Dann legte Max seine Hände auf Konrads Schultern, beugte
-sich tief herab, daß er ihm in die Augen sah und fuhr fort:
-
-»Wir sind seit unserer Kindheit Freunde, und ich habe immer gewußt, was
-ich an Dir besaß. Heute hast Du mir aber einen Dienst erwiesen, für
-den Dir zu danken meine Worte zu schwach sind. Ich bleibe für immer
-Dein Schuldner. Unser Freundschaftsbund, Konrad, ist durch diese Tat
-besiegelt fürs Leben!«
-
-Dann reichten sich die Männer schweigend die Hände, worauf sich Max
-abwandte, um seiner ihn zu übermannen drohenden Ergriffenheit Herr zu
-werden.
-
-Elisabeth aber richtete sich höher auf und sprach leise:
-
-»Konrad, bitte komm zu mir.« Und wie dieser zu der Sitzenden getreten
-war, legte Elisabeth ihre Hand in die seinige, sah ihn mit allem von
-ihr ausgehenden Liebreiz ins Gesicht und sagte mit schmeichelnder
-Stimme:
-
-»Die Mutter, Max und Du! Sprich, Konrad, willst Du von heute an mein
-Bruder sein?«
-
-Da erfüllte das Herz des also Angesprochenen eine tiefe Bewegung, und
-auf seinem Gesicht begann ein wunderliches Spiel. Das Mädchen aber
-schlang den Arm um seinen Hals, zog den Mann zu sich herab und drückte
-ihre Lippen auf den zuckenden Mund.
-
-
-
-
-11. Kapitel.
-
-
-Der Frühling des Jahres 1813 war mit jener Pracht und Lieblichkeit ins
-Land gezogen, die alljährlich nach den dunkeln und rauhen Wintertagen
-wieder die Menschen erquicken und ihre Herzen lauter schlagen lassen.
-Die Sonne tat in kurzer Zeit Wunder; aller orten begann es zu sprießen.
-Die Wiesen bedeckten sich in wenige Tagen mit saftigem Grün, und
-zwischen den frisch aufgeschossenen Halmen der Gräser hoben die ersten
-Veilchen schüchtern ihre Köpfchen. Die Menschen kamen wieder aus den
-Häusern heraus, in die sie der diesmal so anhaltende und strenge Winter
-lange gebannt hatte. Mit durstigen Zügen atmeten sie die warme und
-würzige Luft, ließen die Augen weiden an dem geheimnisvollen, die
-Seele erhebenden Erwachen der Natur und lauschten frohen Herzens den
-muntern Weisen der zurückgekehrten Singvögel. Nun war es Gott sei Dank
-vorüber mit dem Untätigsein, und die Hände konnten wieder schaffen und
-die emsige Arbeit beginnen, deren Segen im Herbst ausgeschüttet wird.
-
-Neuer Lebensmut kehrt in diesen Tagen in die Menschenbrust zurück,
-und wenn es einen Schwachen und Kranken gibt, den der dunkle Winter
-hart niederdrückte, daß sein Lebenslichtlein nur noch trüb brannte und
-armselig flackerte, -- mit den belebenden Sonnenstrahlen zieht auch
-wieder Hoffnung in sein Herz, und er fühlt, wie sich geheimnisvolle
-Kräfte in seinem Innern regen.
-
-Auf dem Freihofe herrschte emsige Tätigkeit; vom Morgen bis zum Abend
-wurde rastlos gearbeitet. Draußen auf den Feldern zog der Pflug tiefe
-Furchen in die verjüngte Erde und lockerte den schwärzlichen, duftenden
-Ackerboden, der einlud, das Saatkorn ihm anzuvertrauen.
-
-Max hatte die Hände voll zu tun und war jeden Tag der Erste und Letzte
-bei der Arbeit. Mit Erstaunen sah Friesen auf die Geschäftigkeit, die
-sich um ihn herum plötzlich entfaltet hatte, und eine Sehnsucht zog in
-ihm herauf, zu seinem Regiment zurückzukehren. Er wollte nicht allein
-untätig sein, zumal die Rüstungen überall aufs neue begannen.
-
-Wie wenn die allerersten Strahlen der noch hinter den Bergen
-verborgenen Sonne über die dunkle Erde dahingleiten und die schlafende
-Natur wachküssen, so zog mit leisen Schwingen ein wundersames Ahnen
-in die Gemüter der Völker des mittleren Europas, daß auch für ihre
-Geschicke nun endlich der Frühling angebrochen sei. Und sie machten
-sich auf, das Feld zu bestellen und den Samen der Freiheit zu pflanzen,
-auf daß ihnen, wenn der Sommer zur Rüste ging, eine stattliche Ernte
-beschieden sei. Das aus der Wolke niederströmende, die Saat des
-Landmanns befruchtende Element hieß bei ihnen Begeisterung, die Jung
-und Alt durchlohte, und der Sonnenschein, der beim Reifen der Frucht
-nicht fehlen darf, sollte das Glänzen der blanken Waffen und das
-Blitzen der Feuerrohre sein. Auf deutschem Boden mußte der gewaltige,
-für alle Völker entscheidende Kampf stattfinden, und in das Rauschen
-der deutschen Eichenwälder sollte sich der kriegerische Lärm der
-Schlachten mischen, -- bis die letzte Brust durchschossen, das letzte
-Schwert zerhauen war, oder bis die berauschenden und jubelnden Klänge
-der Siegeslieder die Dankbarkeit für die endliche Erlösung von schwerem
-Joch himmelwärts trügen.
-
-Aber alsbald, wenn auch mit großem Mißmut, erkannte Friesen, daß der
-Zustand seiner Füße es ihm noch nicht erlaubte, seinen Dienst als
-Soldat wieder aufzunehmen. Sie schmerzten bei anhaltendem Laufen noch
-immer und verlangten gebieterisch weitere Schonung. So mußte er denn
-seinen Plan wieder fallen lassen und die Gastfreundschaft des Freihofes
-weiter annehmen.
-
-Bisweilen begleitete er Max zu Pferde, wenn dieser auf die ausgedehnten
-Felder hinausritt, weit öfter aber leistete er Elisabeth Gesellschaft
-oder begleitete sie auf kurzen Spaziergängen.
-
-Den Schimmel hatte das Mädchen seit jenem Tage nicht wieder bestiegen.
-Durch die Aufregung infolge des wilden Rittes hatte ihre schwache
-Gesundheit doch einen gewaltigen Stoß erlitten, so daß sie nach dem
-Vorfall noch mehrere Tage das Bett hüten mußte und dann nur ganz
-allmählich ins Freie gehen durfte. Es war ihr recht lieb, daß sie
-Friesen bei diesen Ausgängen zum Begleiter hatte, denn sie konnte nicht
-anders, als langsam und auf seinen Arm gestützt vorwärtsschreiten.
-Hätte sie diese Tage ohne Friesens zerstreuende Gesellschaft zubringen
-müssen, so wäre Elisabeth, da sie sonst gewohnt war, wie ein Wirbelwind
-umherzutollen, der leidende Zustand leicht zur drückenden Last geworden.
-
-So fand sie sich in ihre Lage mit bewundernswürdiger Ergebung und
-Geduld. Kein Wort der Sehnsucht nach dem Wohlbefinden, dessen sie sich
-bisher erfreut hatte, verlor sie. Sie vermied es, über ihre Krankheit
-zu sprechen, und doch bemerkte es jedermann nur zu gut, wie genau sie
-die Schwere der Krankheit erkannte.
-
-Fast immer peinigte das Mädchen ein böser Husten, der sich zuweilen
-zu solcher Heftigkeit steigerte, daß der Kreis ihrer Freunde Qualen
-erlitt. Dabei war sie immer gleichmäßig freundlich gegen alle. Zur
-Mutter, der man es äußerlich freilich fast kaum anmerkte wie sie litt,
-war das Kind von rührender Zärtlichkeit.
-
-Auf das Schloß aber kam Elisabeth in dieser Zeit nicht. Zudem versah
-Maria von Tiefenbach noch im Schulhaus ihren Pflegedienst, denn noch
-immer waren einige kranke Soldaten im Dorfe.
-
-Max hatte es in den letzten Wochen vermieden, das Schulhaus zu
-betreten. Seine Gegenwart daselbst war jetzt auch nicht mehr
-erforderlich wie in den ersten Tagen, als man die Krankenzimmer
-eingerichtet hatte. Und wenn es dennoch nötig wurde, nach dem Rechten
-zu sehen, beauftragte er Hermann Lehnhardt, seinen Verwalter, mit
-diesen Geschäften.
-
- * * * * *
-
-Es war an einem der mittleren Apriltage.
-
-Elisabeth war am Vormittag -- seit langer Zeit zum ersten Mal --
-auf dem Schlosse gewesen, um noch einmal mit Maria von Tiefenbach
-zusammen zu sein, bevor diese nach Schloß Eckartsberg abreiste, wohin
-sie plötzlich gerufen worden war, um die nach ihr verlangende, schwer
-erkrankte Schwester ihres Vaters zu pflegen. Der Abschied war beiden
-Mädchen recht schwer gefallen, doch schieden sie mit der tröstenden
-Hoffnung, sich in kurzer Zeit wiederzusehen.
-
-Nach dem Mittagessen stand Elisabeth mit Friesen auf dem Hofe und
-schaute den drolligen Sprüngen junger Ziegenböcke zu. Das Gesicht des
-jungen Mädchens sah aus wie aus Wachs gebildet. Mit müdem Lächeln
-betrachtete sie das muntere Spiel der Tiere, als sie plötzlich
-zusammenbrach und eine große Menge Blutes aushustete.
-
-Von dieser Stunde ab durfte Elisabeth das Bett nicht mehr verlassen.
-Auch jetzt half Friesen dem erschöpften Mädchen die Zeit kürzen, indem
-er von seinen Kriegszügen erzählte, oder mit ihr von ihren gemeinsamen,
-kleinen Erlebnissen plauderte, oder aus Büchern heitern Inhalts vorlas.
-Die Freihoferin war Tag und Nacht um ihr Kind besorgt und verrichtete
-ganz allein die Obliegenheiten der Pflegerin. Wenn sie sich von
-Elisabeth betrachtet wußte, war sie bemüht, unbefangen erscheinen, war
-aber die Aufmerksamkeit der Kranken von ihr abgelenkt, dann ruhte
-das mütterliche Auge mit unsagbar zärtlicher Liebe auf dem Kinde. In
-solchen Augenblicken war der sonst herbe Zug von den Lippen der Greisin
-verschwunden, und ihr Antlitz wurde verschönt durch den Ausdruck eines
-gewaltigen Schmerzes gepaart mit überquellender Mutterliebe.
-
- * * * * *
-
-Draußen in der weiten Natur schritt der holdselige Jüngling Frühling
-durch die Gefilde, und wo sein Fuß gegangen war, erblühte alles zum
-neuen Leben. Drinnen aber in der stillen Stube des Wohnhauses auf dem
-Freihofe, welkte langsam ein junges Menschenleben dahin. Jetzt gab es
-keinen mehr, der noch gehofft, niemand, der nicht die Schatten gesehen
-hätte, die aus dem Reiche der Finsternis heraufwallten und sich auf dem
-Antlitz der sanftmütigen Dulderin niederließen.
-
-Große Stille herrschte auf dem Gute. Alle wußten, daß in dem Hause
-eine Seele weilte, die sich anschickte, das sterbliche Kleid, das
-sie in dieser Irdischkeit getragen, abzulegen und in die Ewigkeit
-zurückzukehren.
-
-Elisabeth war aller Liebling gewesen. Die meisten Dienstleute waren
-schon seit langen Jahren auf dem Freihof. Sie hatten das zarte Kind
-aufwachsen sehen, hatten es oft geliebkost, und deshalb meinte jeder
-ein Anrecht auf sie geltend machen zu dürfen. Von Kindheit an hatte
-Elisabeth, als wenn sie berufen sei eine Sendung zu erfüllen, zwischen
-der schweigsamen Mutter, von der nichts als Kälte auszugehen schien,
-und dem Gesinde gestanden. Max war nicht so geartet, daß er die Rolle
-des freundlichen Vermittlers hätte übernehmen können. Er hatte zuviel
-von der Mutter, und wenn die Leute auch wußten, daß er ein warmes
-Herz für sie besaß, so fürchteten sie doch seine leicht aufwallende
-Heftigkeit. Elisabeth war der gute Hausgeist. Sie hatte es verstanden,
-sich jeden zum Freunde zu machen. Deshalb war sie für die Leute nicht
-eigentlich die Tochter der Herrin gewesen, sondern das Kind, das, wo
-es auch erschien, Klingen und Sonnenschein verbreitete. Elisabeth
-war zu gleicher Zeit überall. Sah man ihren blonden Kopf mit den
-strahlenden Kinderaugen nicht, so hörte man sie scherzen und trällern.
-In den Ställen kannte sie jeden ihrer vierbeinigen Freunde ganz genau
-und in den Scheunen und ausgedehnten Dachböden wußte das Mädchen die
-geheimnisvollsten Winkel. Niemand war davor sicher, von ihr nicht jeden
-Augenblick überrascht zu werden. Ihre Lieblingsbeschäftigung aber
-bestand darin, mit Anbruch der Dämmerung in den Häuschen der Tagelöhner
-einzukehren. Dort hockte sie besonders gern, spielte mit den Kindern,
-aß von deren Butterbroden und stob endlich davon, wenn die Mutter der
-Kleinen sie bedeutete, daß auf dem Freihofe die Zeit des Abendessens
-gekommen sei.
-
-Nun aber, wo das Mädchen niemandem mehr hinterdrein folgte, keinen mehr
-neckte, man ihr fröhliches Lachen nirgends mehr vernahm und die dicken
-Zöpfe nicht mehr um ihre Schultern fliegen sah, jetzt fehlte sie jedem
-von ihnen, den Kleinen wie den Großen.
-
-Mit Engelsgeduld trug sie die quälende Krankheit. Nach jedem neuen
-Hustenanfall strich sie mit ihrer schmalen, abgezehrten Hand
-liebkosend über die der Mutter und sprach tröstend von ihrem baldigen
-Gesundwerden. Und doch wußte Elisabeth während sie diese Worte sprach,
-daß sie nie wieder durch die Räume des Freihofes huschen würde, und
-Friesen hatte die Ueberzeugung, daß das Mädchen nur um der Mutter
-willen von ihrer Genesung redete.
-
-Das letzte Drittel des Aprils war herangekommen. Elisabeth fühlte
-sich heute wohler. Das Gesicht des Kindes war in den letzten Wochen
-immer schmaler, die Augen dagegen waren unnatürlich groß geworden.
-Und dabei strahlten sie in seltsamem Glanze. Die Wangen waren bleich,
-nur die Stellen auf den stark hervortretenden Backenknochen blieben
-unaufhörlich fieberhaft gerötet.
-
-Max war frühzeitig nach Leipzig hineingefahren, um eine
-Grenzstreitigkeit mit einem Nachbarn vor Gericht zu schlichten. Seine
-Rückkehr sollte erst am Abend des nächsten Tages erfolgen.
-
-Es war am Vormittag, als Friesen, wie er es oft tat, Elisabeth
-vorlas. Das Mädchen saß in Decken gehüllt in einem großen Armstuhl,
-Friesen vor ihr. Mit träumerischem Blick betrachtete Elisabeth das
-edel geschnittene Gesicht des Lesenden. Ihr Gedankengang mußte sie
-weitabgeführt haben, denn schon längst hörte sie nicht mehr die
-gesprochenen Worte.
-
-Da klopfte es. Elisabeth fuhr aus ihren Träumen auf, während Friesen
-im Lesen inne hielt. Gleich darauf trat der Postbote ins Zimmer und
-brachte einen Brief an den Oberleutnant Bernhard von Friesen. Der
-junge Mann griff hastig nach dem Papier. Es trug den großen Stempel
-seines Regiments. Mit leise zitternden Fingern löste er das Siegel und
-durchflog die wenigen Zeilen mit den Augen. Betroffen ließ er den Blick
-sinken und schaute vor sich nieder. Wie er nach einer kurzen Weile die
-Augen wieder erhob, erschrak er vor dem Ausdruck, der auf Elisabeths
-Gesicht lag. Das Lächeln war verschwunden und an seine Stelle war der
-Ausdruck unsagbarer Angst getreten.
-
-Friesen überkam eine tiefe Ergriffenheit, denn er erriet die Gedanken
-des Mädchens. Ihr feines Empfinden hatte sie ahnen lassen, was in dem
-Brief stand und sie war über seinen Inhalt aufs heftigste erschrocken.
-Doch in demselben Augenblick zog ein Klingen und Brausen in seinem
-Innern herauf, ein niegekanntes Gefühl hoher Glückseligkeit, freilich
-vermischt mit tiefer Wehmut. Da sah er, wie ein paar tränengefüllter,
-glänzender Augen auf ihn gerichtet waren und einem plötzlichen Drange
-folgend, sprang der junge Mann vom Stuhle auf, ließ sich vor dem
-Mädchen nieder und lehnte sein Haupt an ihre Knie; zwei zitternde Hände
-tasteten nach ihm. Er nahm die eine, preßte seinen Mund darauf, und
-dann perlte eine Träne auf sie nieder. Die andere Hand aber berührte
-den Scheitel des Mannes und strich unaufhörlich liebkosend über Haar
-und Wangen.
-
-Lange verharrten so die zwei, die sich gefunden hatten, um sich in
-wenigen Stunden wieder zu trennen.
-
-Endlich sprach das Mädchen mit leiser Stimme:
-
-»Mein lieber Freund! Ich liebe Dich ja schon, ach, so lange, aber ich
-wußte es nicht. Nun wir aber für immer von einander scheiden müssen,
-spricht die Stimme in meiner Brust eine vernehmliche Sprache. Ach,
-laß es mich, das süße Wort einmal noch aussprechen: Bernhard, mein
-Bernhard, -- -- ich habe Dich lieb!«
-
-Da überlief den Knieenden eine heftige Erschütterung und schüttelte
-seinen Körper wie im Fieber.
-
-Dann aber hob er den Kopf auf, sah Elisabeth mit wonnetrunkenem Blick
-in die Augen und sprach:
-
-»Mein Lieb! Du Inniggeliebte meiner Seele! Jetzt weiß ich es auch, was
-mich so unwiderstehlich an dieses stille Dorf fesselte. Du hast mich
-wieder hierhergezogen, denn Du thronst schon seit dem ersten Anblick
-in meinem Herzen. Ich liebe Dich mit meiner ganzen Kraft, Du süßes
-Mädchen!«
-
-Nun schwiegen sie wieder, und der Knieende lehnte von neuem seine Stirn
-an die ihn liebkosende Kranke. So leerten die beiden Menschen in reinem
-Genießen den goldenen Becher irdischer Liebe, die bereits von einem
-Schimmer verklärt wurde, der aus der Ewigkeit herüberdrang, bis zum
-Grund. In wenigen Stunden genossen sie das ganze Glück, das andern in
-der Spanne vieler Jahre beschieden ist.
-
-Und so fand die eintretende Freihoferin die Liebenden -- -- --
-
- * * * * *
-
-Es verhielt sich so wie Elisabeth geahnt hatte: Friesen hatte den
-Befehl seines Regiments erhalten, unmittelbar nach Empfang des
-Briefes sich nach Leipzig zu begeben und von dort mit einem Transport
-Reservemannschaften nach Dresden zurückzukehren. Die Ordre war in so
-gemessenen Worten gehalten, daß ihm nichts anderes übrig blieb, als
-sofort abzureisen. Hätte er Maxens Rückkehr abwarten wollen, so wäre
-sein Eintreffen um zwei Tage verzögert worden. Er beschloß daher, noch
-im Laufe des Nachmittags Rehefeld zu verlassen.
-
-Die wenigen Stunden bis dahin verbrachten die Liebenden im trautesten
-Alleinsein. Sie nannten sich wiederholentlich bei ihren Vornamen
-und waren entzückt von deren Klange, auch sprachen sie zum letzten
-Mal von den Erinnerungen an alles das, was sie mit einander erlebt
-hatten. Dabei tauschten sie liebende Blicke aus, und ein leiser
-Händedruck verriet dem andern, was die Lippen auszusprechen scheu
-vermieden. Keine Überschwänglichkeit, kein heftiges Aufwallen der
-Gefühle. Ihre schon längst im innersten Herzen schlummernde Liebe,
-deren sie sich erst angesichts des Scheidens für immer bewußt geworden
-waren, war in demselben Augenblick, in dem sie sich offenbarte, schon
-geläutert gewesen. Sie war zu zart, als daß sie laute Beteuerungen und
-eindringliche Beweise ertragen hätte. Wie zwei alte Menschen, die auf
-ein reiches Leben von Sorgen und Glück nebeneinander zurückblicken und
-die nun ihren Lebensabend zusammen beschließen -- ohne aufwallende
-Zärtlichkeiten aber mit ihrer ewigfrischen, jungen Liebe in der welken
-Brust, so saßen Friesen und Elisabeth Hand in Hand nebeneinander. Ihre
-Liebe gehörte nicht mehr dieser Welt an, dafür war sie zu groß, und
-ihre Blicke suchten schon das unbekannte Land, dessen Freuden gemeinsam
-zu genießen sie sich in der letzten Stunde vor ihrer Wanderung dahin
-hinieden gefunden hatten.
-
-Dann kam der Augenblick des Abschieds. Friesen kniete zum letzten Mal
-vor dem Mädchen nieder, das sich zu ihm hinabbeugte und ihre Lippen auf
-seinen Scheitel drückte. Einen Kuß auf die welke Stirn, dann trat der
-junge Mann zurück. Langsam schritt er zur Tür, legte die Hand auf den
-Drücker und warf einen langen Blick zurück, der mehr enthielt als Worte
-hätten sagen können. Lächelnden Antlitzes blickte Elisabeth zu dem
-Scheidenden hinüber. Noch ein stummer Wink, -- und der Platz an der Tür
-war leer.
-
-Lange Minuten schaute das Mädchen mit verhaltenem Atem unverwandt auf
-die Stelle. Dann kehrte sie die Augen ab, schauerte zusammen, als wenn
-es sie fröstle, schmiegte den Kopf an die Brust der Mutter und sprach
-mit versagender Stimme:
-
-»Ich bin so müde. Nun möchte ich schlafen gehen!«
-
- * * * * *
-
-Als aber die goldene Sonne untergegangen war und die grauen Schatten
-der Abenddämmerung sich auf die Erde herabsenkten, da hielt es die
-Freihoferin im Zimmer nicht mehr aus. Sie warf ein Tuch um die
-Schultern, vertraute die Obhut über die Schlummernde der alten
-Beschließerin an und eilte hinaus in die köstliche Luft des Lenzabends.
-
-Am Abendhimmel war ein glühendes Rot heraufgezogen, dessen leuchtende
-Farben jetzt langsam wieder verblaßten. Feierlicher Frieden erfüllte
-die Natur. Die gefiederten Sänger waren zur Ruhe gegangen, nur das
-Zirpen der Grillen tönte noch aus dem Grase hervor. Einsam funkelte der
-Abendstern auf die Erde herab, und langsam begann der helle Schein, der
-über der Stelle stand, wo die Sonne hinabgesunken war, zu verbleichen.
-Von fernher klang noch einmal verhallendes Hundegebell herüber, dann
-erstarb es, und tiefe Stille herrschte weit in der Runde.
-
-Die Greisin aber gewahrte nicht diesen Frieden, in ihrer Brust tobte
-wilder Schmerz. Sie wußte nicht, wohin sie sich wenden sollte.
-Mechanisch schritt sie auf der Straße weiter, vorüber an den
-friedlichen Wohnungen glücklicher Menschen.
-
-Da blieb sie mit einem Male stehen. Sie sah sich um und erkannte, daß
-sie sich vor dem Schulhaus befand. Und plötzlich überkam das Weib das
-heiße Verlangen, hineinzutreten unter die Elenden, die noch darin
-weilten, vielleicht milderte sich angesichts des vielen Wehs der
-gewaltige Schmerz in der eigenen Brust.
-
-Schon überschritt sie die Schwelle und stand gleich darauf in dem
-großen Krankenzimmer, dem eine in der Mitte hängende Lampe mattes Licht
-spendete. Erstaunt sahen die wachen Kranken auf den späten Besuch. Die
-Frau des Lehrers hatte die Nachtwache. Sie berichtete der Freihoferin,
-daß fast alle ihrer Schützlinge auf dem Wege der Genesung seien.
-Zu Besorgnissen gäbe keiner von ihnen Anlaß, bis auf einen jungen
-Rheinländer, dessen Hinscheiden noch in dieser Nacht erfolgen würde.
-
-Der junge Mann lag allein in einem kleinen halbdunkeln Raum nebenan,
-in den man durch die offenstehende Tür vom großen Krankenzimmer aus
-gelangte. Als die beiden Frauen eintraten, wendete der in hohem Fieber
-Liegende den Kopf nach der Tür und richtete seine großen, dunkeln Augen
-auf sie.
-
-Müde ließ sich die Freihoferin neben dem Bett auf einen Stuhl nieder,
-währenddessen die Pflegerin wieder in das Zimmer zurückging.
-
-Es war ein junger Bursche von zartem Körper, der infolge der Krankheit
-stark abgemagert war. Das bleiche Gesicht mit den Fieberrosen auf
-den Wangen umrahmte eine Fülle tiefschwarzen Haares. Apathisch lag
-der Kranke in den Kissen. Sein Gesicht trug bereits die Spuren des
-beginnenden Verfalls, nur die Augen glänzten in unnatürlichem Feuer und
-kreisten unausgesetzt in ihren Höhlen.
-
-Da erhob die Greisin ihre Stimme und sprach in gedämpftem Tone:
-
-»Wie befindet Ihr Euch, mein Sohn; kann ich Euch mit etwas helfen?«
-
-Der Kranke heftete die Augen auf die Sprechende und antwortete mit
-Anstrengung:
-
-»Ich danke Euch, Frau, mir kann niemand helfen, mit mir gehts zum Ende.«
-
-Und wieder kreisten rastlos die Augen.
-
-Die Freihoferin sah vor sich nieder, drückte die Hände fest ineinander
-und dachte daran, ob der Kranke daheim auch eine Mutter habe.
-
-Da wandte sich dieser plötzlich wieder zu ihr und und sagte mit
-abgerissenen Worten:
-
-»Hört mich an, vielleicht hat Euch der Himmel zu mir gesandt, daß Ihr
-mir eine fürchterliche Last von der Brust nehmen sollt. Sagt, gibt es
-eine Sünde in der Welt, die nicht verziehen werden kann?«
-
-Die Freihoferin neigte das Haupt und antwortete:
-
-»Gott ist allgütig, er lässet keinen Reuigen von sich gehen!«
-
-Aber der Kranke schüttelte unwillig den Kopf und erwiderte:
-
-»Nein, das will ich nicht hören. Die Tat, die ich begangen, kann _Gott_
-mir nicht anrechnen. Aber sprecht, kann eine Mutter verzeihen, wenn ihr
-Kind sie -- verriet?«
-
-Die Greisin wurde um einen Schein bleicher. Behutsam strich sie eine
-schwarze Haarwelle von der heißen Stirn des Kranken und sagte in ihrem
-weichesten Tone:
-
-»Wollt Ihr mir Euer Herz nicht erleichtern, mein Sohn? Sagt, was euch
-bedrückt, vielleicht kann ich Euch trösten.«
-
-Da schöpfte der Kranke tief Atem und begann mit unsicherer Stimme:
-
-»Meine Mutter stammt aus einem alten, reichen Patriziergeschlecht zu
-Geldern. Als sie zur Jungfrau erblüht war, warben viele vornehme Männer
-um sie. Sie schenkte ihre Gunst aber einem armen Offizier. Das machte
-den Bruder unwillig und er verwies seiner Schwester ihre Neigung. Und
-als sie sagte, daß sie niemand, als nur dem eigenen Herzen folgen
-würde, da packte den Hochmütigen der Zorn und er beschimpfte die
-Schwester und ihre Liebe. Nun war meine Mutter ein sanftes Mädchen, daß
-dem Bruder wohl verziehen hätte, daß er sie geschmäht. Als dieser aber
-den tugendsamen Mann ihres Herzens beschimpfte, da wallte in ihr heiße
-Entrüstung auf, und sie tat einen Schwur, daß sie dies dem Frevler nie
-verzeihen würde. Ich wuchs heran, und unter dem Einfluß meiner Mutter
-teilte ich deren Verachtung gegen die Verwandten. Mein Vater blieb bei
-Jena, und dem hochmütigen Kaufherrn entrissen die rauhen Kriegszeiten
-seinen ganzen Reichtum und machten ihn bettelarm, daß er Hand an sein
-Leben legte. Er hinterließ eine gelähmte Frau und eine einzige Tochter,
-die nun mit ihren feinen Händen, die nie Arbeit verrichtet hatten, für
-ihrer beiden Unterhalt sorgen mußte. So lernte ich das Mädchen kennen.
-
-Zuerst erfüllte mich tiefes Mitleid mit dem traurigen Schicksal der
-Frauen. Dann aber überkam mich eine edle Leidenschaft zu Karoline,
-meiner Base, die ich nicht aus meinem Herzen zu bannen vermochte. Ich
-lief hin zu meiner Mutter, gestand ihr meine Liebe und bat sie, den
-Schimpf, den der Verstorbene ihr angetan, nicht den schuldlosen Frauen
-entgelten zu lassen.
-
-Nun hatte aber meine Mutter den Haß gegen die Anverwandten wie einen
-bösen Wurm in ihrem Innern immer mehr anwachsen lassen, und diese
-unselige Leidenschaft hatte sie hart gemacht. Deshalb verbot sie mir
-meine Liebe und zieh mich des Undanks gegen sich. Aber ich konnte von
-dem Mädchen nicht lassen. Ich warf mich vor der Mutter nieder und
-flehte mit gerungenen Händen um ihren Segen. Da verwünschte mich meine
-Mutter und sagte, daß sie von stundab kein Kind mehr besäße. Und so
-verließ ich das traute, mütterliche Haus als Ausgestoßener, aber mit
-dem Trost im innersten Herzen, nicht gegen das göttliche Gebot gefehlt
-zu haben.
-
-Ich nahm Karoline zur Gattin. Und als nach Jahresfrist ein das Zimmer
-mit himmlischem Glanze erfüllender Engel uns ein Töchterchen gebracht
-hatte und kaum wieder entschwunden war, drängte sich der grausame Tod
-durch die Tür und raubte uns die ihr Leiden gottergeben tragende Mutter
-meiner jungen Frau.
-
-Kurze Zeit später rollte der Klang der Werbetrommel auch durch das
-Rheinland; der Kaiser bedurfte vieler Soldaten, die nach Rußland
-hinein marschieren sollten. Ich horchte nicht nach ihr hin, denn ich
-arbeitete angestrengt für unsern Unterhalt. Da riß man mich fort von
-Weib und Kind, und ich mußte mitmarschieren. Ich war schwach und litt
-fürchterlich unter den ungewohnten Anstrengungen und Entbehrungen.
-Endlich kehrten wir wieder um. Ich war so elend, daß ich kaum noch
-folgen konnte und blieb wiederholt liegen. Aber der Gedanke an mein
-verlassenes Weib, an das unschuldige, süße Kind riß mich in die Höhe,
-und ich wankte immer wieder weiter. So kam ich hierher, um nur wenige
-hundert Meilen von meinen Teuern entfernt zu sterben. O, das Schicksal
-ist unerbittlich grausam!«
-
-Der Kranke schloß die Augen und stöhnte laut auf unter dem gewaltigen
-Schmerz, der seine Seele erfüllte.
-
-Aber nur eine kurze Weile hielt diese Schwäche an. Mit ungeheuerer
-Anstrengung richtete er sich in den Kissen auf und lenkte die bereits
-verglasenden Augen von neuem auf das an seiner Seite sitzende, tief
-gebeugte Weib.
-
-»Hört, Frau,« keuchte der Sterbende, »was glaubt Ihr, wird sich meine
-Mutter meines armen Weibes und seines Kindes in Liebe erbarmen?«
-
-Mit eiserner Anspannung seiner letzten Kräfte hielt er sich auf den
-Ellenbogen gestützt aufrecht und sah forschend der Freihoferin ins
-Gesicht. Diese aber rührte sich nicht, ihre Züge waren steinern.
-
-»Ihr überlegt?« fuhr er hastig fort, und der Atem drang pfeifend aus
-seinem Munde, während den abgezehrten Körper heftige Fieberschauer
-erzittern ließen. »Ja, überlegts Euch reiflich, doch tuts rasch, bitt’
-ich Euch, sonst möchte Euer Spruch mir zu spät kommen!«
-
-Aber die Greisin antwortete nicht, noch immer verharrte sie regungslos.
-
-Da drohte dem Jüngling, die Kraft auszugehn. Mit übermenschlichem
-Willen widerstand er der Schwäche und stieß hervor:
-
-»Beim ewigen Gott, Weib, sprecht! Vielleicht habt auch Ihr ein Kind,
-dem einstmals ein Mensch das Sterben mit ein paar Worten erleichtern
-könnte -- -- --«
-
-In diesem Augenblick neigte sich die Freihoferin rasch über den
-Liegenden und sprach mit kaum vernehmlicher Stimme:
-
-»Eure Mutter wird sich der armen Verlassenen erbarmen, mein Sohn!«
-
-Der Getröstete aber war mit diesen Worten nicht zufrieden. Noch einen
-letzten Anlauf nahm er zum Leben. Warnend erhob er den Zeigefinger, und
-drohend entfuhr es den blutlosen Lippen:
-
-»Weib, wollt Ihr Euer Gewissen noch im Alter mit einer Lüge belasten?
-Ihr vergeßt, daß meine Mutter einen Schwur tat -- -- --«
-
-Da beugte sich die Greisin tiefer zu ihm herab und sprach so leise, als
-wenn sie selbst ihre Worte nicht hören wolle:
-
-»Und Eure Mutter wird ihrem Kinde dennoch verzeihen!«
-
-Da entquoll dem Munde des Sterbenden ein befreiender Seufzer, und er
-sank wieder in die Kissen zurück. Seine Augen irrten nicht mehr unstät
-umher, sondern waren jetzt ruhig aufwärts gerichtet.
-
-
-
-
-12. Kapitel.
-
-
-Max war in mißmutiger Stimmung heimgekehrt. Der Prozeß war noch nicht
-entschieden und drohte allem Anschein nach keinen günstigen Ausgang
-für ihn zu nehmen. Und doch war Max von seinem Rechte überzeugt und
-verstand nicht, wie die Richter daran zweifeln konnten, daß das saftige
-Stück Wiese dicht an der Gemarkung von Zehmen ihm zugesprochen werden
-müsse. Friesens unerwartete Abreise hatte seine Verstimmung vergrößert,
-die selbst dann noch nicht ganz wich, als er die Kunde vernahm, daß
-seines Freundes und Elisabeths Herzen sich gefunden hatten.
-
-Den Zustand der Schwester fand Max viel besser als er vor seiner
-Abreise gewesen war. Und seltsam, Elisabeth schien auch in der Tat
-nicht mehr so zu leiden, wie in den letzten Tagen. Der Husten war
-weniger heftig und schmerzhaft; sie verspürte Lust zum Essen und
-versuchte sogar wieder, mit dem Bruder zu scherzen.
-
-Auf dem Hofe fand Max neuen Verdruß. Ein schwerbeladener Wagen war auf
-eine weiche Stelle gekommen, wodurch das eine Hinterrad tief in den
-Boden eingesunken war. Vergebens schlug der Knecht mit der Peitsche
-auf die Pferde ein, aber die starken Ackergäule brachten trotz aller
-Anstrengung den Wagen nicht vorwärts. Mit zusammengezogenen Brauen
-stand Max abseits und schaute auf Hermann Lehnhardt, der im Verein mit
-zwei Knechten bemüht war, das Hinterteil des Wagens aus der tiefen
-Radspur herauszuheben. Aber sie sahen das Vergebliche ihres Versuchs
-gar bald ein, und schon wollte einer der Knechte forteilen, um eine
-Winde herbeizuholen, als ihn ein unwilliger Ruf zurückhielt. Im
-nächsten Augenblick bückte sich der junge Freihofer unter den Wagen und
-stemmte auf der herabgesunkenen Seite die Schulter an; -- ein Knirschen
-und Knacken, das Hinterteil des Wagens hob sich, und dann stand das Rad
-wieder auf festem Boden. Ruhig, nur das Gesicht vor Anstrengung stark
-gerötet, trat der Freihofer zurück.
-
-Nach diesem erfuhr er, daß der erst vor kurzem gekaufte, junge
-Zuchtstier sich gestern von der Kette losgemacht habe und auf den
-gerade mit einem Bund Heu in den Stall eintretenden Knecht losgerannt
-sei. Zum Glück war es diesem aber noch gelungen, die Stalltür hinter
-sich zuzuwerfen und so zu verhindern, daß das Tier auf den Hof
-stürmen und Schaden anrichten konnte. Allerdings war nun der Mann auf
-diese Weise mit dem aufgeregten Tier in dem interessanten Halbdunkel
-des Stalles allein geblieben. Und da hatte er, weil der Stier ihn
-hart bedrängte, die Heugabel ergriffen und mit ihrem eisernen Ende
-den Zudringlichen ein paarmal sorgfältig auf den mächtigen Schädel
-geschlagen, daß es vernehmbar gedröhnt hatte. Diese recht verständliche
-Mißbilligung seines Tuns hatte denn auch dem verdutzten vierbeinigen
-Sausewind eingeleuchtet, denn er ließ daraufhin von dem wehrhaften
-Knecht ab und konnte von diesem wieder in seinen Stand geführt und
-gehörig festgemacht werden. Als aber kurze Zeit darauf Hermann den
-Stier besah, stellte sich heraus, daß zwei der langen Gabelzinken dem
-Tier tief in das Fleisch des Nackens gedrungen waren. Trotzdem Hermann
-die beiden blutenden Wunden alsbald ausgewaschen und Vorsorge getroffen
-hatte, daß die erhitzte Stelle während der Nacht mit nassen Tüchern
-gekühlt wurde, zeigte die Umgebung jetzt starke Schwellung. Zudem war
-dem Stier die Freßlust vergangen, denn er hatte heute noch kein Futter
-angerührt.
-
-Max verdroß dieser Vorfall sehr. Er schalt laut auf den Knecht, der so
-ungeschickt gewesen sei, den Stier zu verletzen. Denn wenn es nicht
-gelang, die drohende Eiterung der, wie es schien, verunreinigten Wunden
-zu verhindern, konnte das wertvolle Tier an der Verletzung zugrunde
-gehen.
-
-Hermann trat achselzuckend von dem Stier zurück und meinte, der Mann
-wäre gut und es träfe ihn eigentlich keine Schuld, da der Stier die
-Kette zerrissen habe. Ein Mensch, der seine Geistesgegenwart weniger
-gut bewahrt hätte, hätte dem blind draufgehenden Vieh vielleicht die
-Gabel in die Brust gestoßen, was noch schlimmer gewesen wäre.
-
-Da wurde Max zornig, und er gab seinem Verwalter zu verstehen, daß er
-es angemessener fände, wenn er die Sache seines Herrn besser verträte,
-anstatt den ungeschickten und kopflos gewordenen Knecht herauszureden.
-
-Diese Worte verdrossen nun wieder Hermann gewaltig, der in bestem
-Bewußtsein, das Interesse seines Brotherrn jederzeit wie sein eigenes
-zu wahren, den Vorwurf für ungerecht fand.
-
-Er begehrte hart auf und deutete darauf hin, daß der Mann eine Frau
-und zwei kleine Kinder habe, und es ihm keiner verdenken könne, wenn
-er sein bedrohtes Leben verteidige sogut er könne. Er, Hermann, würde
-in solchem Falle ebenso handeln, ohne in diesen Augenblicken danach zu
-fragen, ob das Tier dabei totgeschlagen werde.
-
-Max war die Zornesröte ins Gesicht gestiegen. Aber er dämpfte seine
-Stimme, als er den Verwalter heftig anfuhr:
-
-»Was führt Ihr da für eine Sprache, Hermann! Wißt Ihr denn nicht, zu
-wem Ihr redet, oder habt Ihr den ganzen Tag in der Schenke gesessen?
-Ich habe mich doch geirrt, wenn ich Euch bisher vertraut habe, denn Ihr
-verdientet mein Vertrauen nicht.«
-
-Während dieses Wortwechsels hatten sich die beiden Männer der Stalltür
-genähert und waren zuletzt auf den Hof getreten, wo gerade die ersten
-Geschirre vom Felde nach Feierabend zurückgekehrt waren.
-
-Hermann war bei den letzten Worten Maxens wie unter einem heftigen
-Schmerz zusammengezuckt. In seiner Brust schlummerten zwei Temperamente
-nebeneinander. Die ruhige Gemütsanlage besaß er von seinem Vater,
-dem getreuen Sohn, der mehr als ein halbes Jahrhundert im Dienst
-der Tiefenbachs gestandenen Mutter Lehnhardt, und Gutmütigkeit war
-daher sein ausgesprochenster Charakterzug. Ganz tief drinnen aber
-in seinem Herzen glimmte wie ein winziger Funke wilde Heftigkeit.
-Diese Eigenschaft besaß er von seiner Mutter, dem Weibe vom Ufer der
-Etsch, mit den leidenschaftlichen, schwarzen Augen und den herrlichen
-Elfenbeinzähnen. Und dieser in tiefer Verborgenheit schlummernde Funke
-sollte jetzt zur hochaufschlagenden Flamme angefacht werden.
-
-Max war vor dem Verwalter aus dem Stall gegangen. Kaum hatte er
-seine letzten Worte ausgesprochen, war Hermann mit einem Satz auf
-ihn zugesprungen, daß er dicht vor seinem Herrn stand. Seine Augen
-funkelten vor Erregung und seine Fäuste waren geballt.
-
-»Wie,« keuchte er, »könnt Ihr meine Redlichkeit in Zweifel ziehen? Und
-wenn ich einen Ton anschlug, den Ihr für unangemessen fandet und den
-ich selbst noch nicht an mir gekannt habe, so seid nur Ihr mit Euren
-verletzenden Worten es gewesen, der mich dazu herausforderte. Ihr
-müßt nicht denken, daß ich wie ein Hund die Hand lecke, die nach mir
-schlägt!«
-
-Max hatte die in höchster Erregung hervorgestoßenen Worte des
-Verwalters mit scheinbarer Ruhe angehört, aber in seinem Innern hatte
-er gebebt. Beinahe hätte ihn der Zorn übermannt, doch war es ihm mit
-ungeheurer Überwindung gelungen, seiner Leidenschaft Herr zu bleiben.
-
-Er trat einen Schritt zurück, um durch eine zufällige Berührung den
-Wütenden nicht noch mehr zu reizen und sagte, sich zur Ruhe zwingend,
-mit leise zitternder Stimme:
-
-»Es ist gut für jetzt, Lehnhardt. Verlaßt von dieser Stelle aus den Hof
-und geht nach Hause. Morgen sprechen wir uns weiter.«
-
-Und mit diesen Worten wandte sich Max um und gab einem der die Pferde
-ausspannenden Knechte die Weisung, zusammen mit dem Großknecht heute
-Abend nach dem Rechten zu sehen.
-
-Aber auf den noch immer in drohender Haltung Stehenden übte Maxens
-kühle Besonnenheit keine beruhigende Wirkung aus, vielmehr schürte die
-Ruhe des Gegners nur noch die Flamme seines Zorns an und machte ihn vor
-Wut sinnlos.
-
-»Bauer! --« schrie Hermann mit überschnappender Stimme, »Ihr habt an
-meiner Ehrlichkeit gezweifelt. Wollt Ihr Euer Wort zurücknehmen, oder
-es gibt ein Unglück -- --!«
-
-Max war blaß geworden. Stumm und ohne einen Entschluß zu finden, stand
-er vor dem Wütenden.
-
-Da zuckte Lehnhardts Faust, -- in demselben Augenblick fuhr Max
-herum, riß dem nächsten Knecht die Peitsche aus der Hand, und noch
-bevor Hermann den Schlag führen konnte, wickelte sich schon der
-Peitschenriemen um seinen Körper.
-
-Es trifft sich oft im Leben, daß Menschen, deren Zorn aus geringfügiger
-Ursache hoch aufwallt, ihre Besonnenheit ebensoschnell wiedererhalten,
-wie sie ihnen verloren ging. Sei es nun, daß es der Leidenschaft an
-innerer Kraft gebricht, sich nach dem ersten Aufbäumen längere Zeit auf
-der unnatürlichen Höhe zu halten, sei es, daß die dem Aufblitzen der
-Gluten wie der Donner folgende Katastrophe die heftige Gemütserregung
-ihrer Stützen beraubt, -- gleichviel; der emporgeloderte Zorn bricht
-sehr oft jäh in sich zusammen, und die weit über Maß in Anspruch
-genommen gewesenen Kräfte sinken tief hinab. Der vordem verdunkelte
-Blick ist zur Beurteilung der Sachlage mit einem Male wunderbar
-geschärft; kühle Ueberlegung stellt sich ein, und eine ausdrucksvolle
-Stimme im Innern hebt zu sprechen an, die unerbittlich die eigene
-Schuld feststellt oder den Vorwurf ausspricht, daß dem Menschen die
-Kraft zur Beherrschung der Leidenschaft gefehlt habe. Zuweilen reißt
-der Niedersturz die geistige Spannkraft ebenso tief mit hinab, wie sie
-vorher emporgeschnellt war, und der Zornbebende, der mit funkelnden
-Augen und angespannten Fibern wie eine Vereinigung ungeheurer Willens-
-und Körperkraft erschien, bietet hinterher mit seinem gebrochenen Blick
-und der schlaffen Haltung ein klägliches Bild.
-
-So war auch Hermanns Zorn urplötzlich verrauscht. Als Max die Peitsche
-in der Faust hielt und zum Schlage ausholte, durchschoß Lehnhardt
-die Erkenntnis, unbesonnen gehandelt zu haben. Die Beleidigung für
-ihn war gesprochen und darüber sich zu entrüsten, wäre sein gutes
-Recht gewesen. Aber seinen Herrn zu bedrohen --, damit hatte ihm der
-Zorn, der ihn aller Besinnung beraubt hatte, einen Streich gespielt.
-Mit der blitzschnell überkommenen Nüchternheit hatte Hermann, noch
-bevor er unter dem Peitschenhiebe zusammenzuckte, auch den Entschluß
-gefaßt, den Freihofer nicht noch einmal zu reizen, sondern ruhig
-vom Hof zu gehen. Aber in seinem bisher besonnen gebliebenen Gegner
-waren jetzt die Riegel gelöst, die seinen Zorn zurückgehalten hatten.
-In dem Augenblick, in dem Lehnhardt sich zum Gehen wandte, traf ihn
-die Peitsche von neuem; ja, Maxens Wut verlangte nach einem dritten
-Schlage. Aber er bekam die Peitsche nicht frei, da sich der Riemen
-um Lehnhardts Füße geschlungen hatte. In schäumendem Zorn riß Max den
-Peitschenstock zurück, -- da verlor Lehnhardt das Gleichgewicht und
-fiel heftig auf den gekrümmten linken Arm.
-
-Jetzt hielt Max im Schlage inne, als er den Mann am Boden liegen sah,
-warf die schon wieder erhobene Peitsche auf die Erde und ging in den
-Stall zurück.
-
-Hermann Lehnhardt blieb einige Sekunden auf dem steinernen Pflaster
-vor dem Stalle liegen. Dann stand er mühsam auf, unterstützte mit der
-rechten Hand den augenscheinlich verletzten linken Arm und verließ,
-ohne sich noch einmal umzusehen, den Freihof.
-
- * * * * *
-
-Mit besonderer Sorgfalt hatte Max anschließend an diesen Vorfall die
-abendliche Runde durch den Hof gemacht, weit mehr aus dem Grunde Zeit
-zu gewinnen, um seine ungeheure Erregung verflüchten zu lassen, als den
-fehlenden Verwalter zu ersetzen.
-
-Ruhiger geworden, betrat er eine Stunde später die Wohnstube, wo
-die Mutter schon an dem gedeckten Tisch saß und ihn zum Abendessen
-erwartete.
-
-Mit kurzem Gruß und indem er es vermied, dem Blick der Mutter zu
-begegnen, nahm er ihr gegenüber Platz.
-
-»Wie geht es Elisabeth,« fragte Max, »ich wäre gern noch einmal zu ihr
-gekommen -- --«
-
-»Sie befand sich auch am Abend ziemlich wohl,« antwortete die
-Freihoferin »und schläft jetzt. Störe sie nicht.«
-
-Das Mahl verlief schweigsam, keiner von beiden empfand Lust zu
-sprechen.
-
-Endlich schob die Mutter den Teller zurück und erhob sich, um ihren
-allabendlichen Platz am Krankenbett einzunehmen.
-
-Da stand auch Max auf, räusperte sich heftig und stieß heraus:
-
-»Mutter, ich habe den Hermann heute Abend vom Hofe weisen müssen.«
-
-Die Alte hatte sich an das Fenster gestellt und schaute schweigend in
-die Dunkelheit hinaus. Bei des Sohnes Worten wandte sie sich langsam um
-und versetzte:
-
-»Ich habe es gehört.«
-
-»Es ist nicht das erste Mal gewesen, daß ich mich über ihn sehr ärgern
-mußte. Er hat viel Gutes, aber sein Wesen gefiel mir trotz alledem
-nicht. Er wollte nur immer allein anordnen und unterließ oft mich zu
-fragen, bevor er wichtige Dinge ausführte. Hinterher erst erfuhr ich’s.
-Aber man kann ja nicht überall sein. Ich werde ihn in der ersten Zeit
-recht vermissen, dann wird es aber umso besser gehen. Was meinst Du
-darüber?«
-
-»Du wirst wissen was Du tust,« entgegnete die Freihoferin kurz.
-
-In Max regte sich der Unmut bei diesen Worten, und er wäre gern
-aufgefahren, aber es war ja seine Mutter die so sprach, und er hatte es
-von Jugend auf nicht anders gekannt, als sich ihr unterzuordnen. Noch
-niemals war es ihm in den Sinn gekommen, sich gegen sie aufzulehnen.
-Deshalb unterdrückte er seine Verstimmung und sagte nur:
-
-»Es war anders nicht möglich, ich mußte ihn fortschicken.«
-
-»Du bist der Herr auf dem Freihofe,« klang es zurück.
-
-Diese Teilnahmlosigkeit reizte Max von neuem, und sein Ton hatte einen
-schlecht unterdrückten, scharfen Klang, als er hervorstieß:
-
-»Und züchtigen mußte ich ihn, das hatte er verdient!«
-
-»Ich gebe es zu, denn der Knecht darf sich nicht gegen seinen Herrn
-auflehnen,« lautete die rasche Antwort.
-
-Max verstand seine Mutter nicht recht. Forschend sah er ihr ins
-Gesicht, in dem sich kein Muskel bewegte. Da wandte sich der junge
-Freihofer ab und verließ das Zimmer.
-
-Die Greisin blieb in steifer Haltung am Fenster stehen und blickte
-sinnend durch die Scheiben. Mit einem Male stieß sie das Fenster
-hastig auf und rief den Mann an, der unter den Bäumen des Obstgartens
-herumlief. Es war der Großknecht, ein älterer Mann, der schon seit
-länger als zwanzig Jahren auf dem Freihofe war.
-
-»Anton!« rief die Freihoferin zum Fenster hinausgebeugt in halblautem
-Tone. Der Angerufene sah sich um und kam herbei.
-
-»Hat die Mutter Lehnhardt schon ihr Deputat für den Mai?« fragte sie
-leise.
-
-»Für den Mai?« antwortete Anton, »für den Mai, Bäuerin? Nein, wir sind
-ja noch im April.«
-
-»Dann tragt ihr’s noch heute Abend hinauf,« versetzte die Greisin.
-Darauf schloß sie das Fenster wieder und der Knecht lief den Weg
-zurück. In demselben Augenblicke aber, in dem er um die Scheunenecke
-biegen wollte, klang es hinter ihm her:
-
-»Anton! Die Mutter Lehnhardt bekommt fortan nicht mehr ein Quart,
-sondern einen Halben Kartoffeln und anstatt der einen Speckseite zwei!«
-
-Klirrend schloß sich das Fenster.
-
-Ein paar Sekunden blieb der Mann stehen, die Augen dorthin gerichtet,
-wo die Gestalt der Freihoferin eben verschwunden war. Endlich ging er
-davon, sein Gesicht zu einem gutmütigen Grinsen verziehend.
-
- * * * * *
-
-Einige Tage waren darüber hingegangen. Der Regen floß in Strömen vom
-Himmel herab, und Max, dessen Gegenwart draußen notwendig gewesen war,
-war gegen Mittag, naß wie eine Katze zurückgekommen. Am Nachmittag
-mußte er am Schreibtisch arbeiten. Der Regen hatte endlich aufgehört,
-und ein heftiger Sturm hatte sich erhoben, unter dessen Stößen die
-Fensterscheiben klirrten. Max war in seine Bücher vertieft, als sich
-die Tür auftat und Pastor Reinerz ins Zimmer trat.
-
-Beim Anblick des Greises konnte sich Max einer leichten Verlegenheit
-nicht erwehren, denn er meinte zu erraten, was diesen zu ihm führe.
-
-»Grüß Euch Gott, Herr Max,« begann der alte Herr nach einem warmen
-Händedruck, und noch bevor Max ihm geantwortet hatte, schob er sich
-einen Stuhl näher zum Schreibtisch und setzte sich neben den unsicher
-Dreinschauenden.
-
-»Ich komme von Eurer Schwester, der es besser geht als ich zu hoffen
-wagte, und nun wollte ich an der Tür nicht vorübergehen, ohne
-Euch einen Gruß gesagt zu haben,« hob Reinerz an, während Maxens
-Beklommenheit bei den ruhigen Worten zu weichen begann.
-
-»Das Kind besitzt einen hohen Schatz, den es uns allen voraus hat. Sie
-ist nämlich einer jener seltenen Menschen, die keinen Feind haben,«
-plauderte der Greis.
-
-»Damit mögt Ihr recht haben, Herr Pastor« entgegnete Max. »Ich wüßte
-auch wahrhaftig nicht, wer dem Kinde gram sein sollte.«
-
-»Ja, ein Günstling des Schicksals ist der, bei dem solches zutrifft,«
-sprach Reinerz und strich liebkosend mit den Fingern die weißen Fäden
-des langen Bartes. »Viel Feind, viel Ehr, sagt das Volk. Nun, das
-ist nicht unrichtig. Wie viele Menschen gibt es aber schon, denen
-die Feinde mit dem Amt zu gleicher Zeit beschert werden. Es ist ein
-nur Wenigen beschiedenes Glück, sagen zu können: ich besitze keinen
-Widersacher.«
-
-»Das ist wahr,« antwortete Max, »wenn Ihr sagt, daß manchem mit dem
-Amt auch Feinde erstehen, ja sie sind bereits da, bevor das nicht
-selten dornenvolle Amt einen einzigen Freund verschaffte. Dafür heißt
-leben kämpfen. Bald gesellen sich zu dem anstürmenden Schicksal auch
-feindlich gesinnte Mitmenschen, gegen die zu streiten bisweilen recht
-aufreibend ist. Glücklich ist der, dem ein stiller Winkel abseits des
-Planes, auf dem täglich die Kräfte gemessen werden, beschieden wurde.
-Er ist der Begünstigte, der, den das Schicksal liebt.«
-
-»Ja, ja, mein junger Freund, geradeso, wie Ihr es schildert, ist der
-Lauf der Welt,« versetzte der Greis. »Aber es genügt nicht allein,
-an einer geschützten Stelle zu stehen, wo die Wetter nicht brausen.
-Wer der Gunst des Schicksals gegenüber blind ist, der verläßt seinen
-schirmenden Unterstand. Er begibt sich in die Gefahr und kommt nicht
-selten darin um. Das weise Sichbescheiden auf den schmalen Raum, worauf
-man gestellt wurde und den vielleicht nur verblichene Sonnenstrahlen
-trafen, ist die große Lebenskunst, die nur wenige verstehen, und an
-deren Erfüllung täglich Hunderttausende scheitern. Eure Schwester ist
-einer jener klugen Menschen, denen ihr Haus nicht zu eng wurde. Sie
-begnügte sich mit dem Stückchen Boden, das das Schicksal ihr zugedacht
-hat. Das aber bebaute sie emsig und hatte die Freude, viele herrliche
-Blumen um sich herum gedeihen zu sehen. Nun, diese Blumen sind Eurer
-Schwester edle Tugenden und Eigenschaften, und die Menschen, die sich
-an dem Anblicke der Blumen ergötzen, sind Elisabeths Freunde.«
-
-Der Greis hielt im Sprechen inne, blickte eine Weile vor sich nieder
-und richtete dann seine durchdringenden Augen auf Max, der die eben
-entschwundene Beklommenheit unter diesem Blick wieder herannahen
-fühlte. Dann fuhr Pastor Reinerz ruhig fort:
-
-»Aber nicht nur Eurer Schwester sollte heute mein Besuch gelten, es
-verlangte mich auch, Euch selbst zu sprechen. Ihr werdet fühlen, was
-mich heute zu Euch führt, Max. Vielleicht habt Ihr den alten Reinerz
-auch schon erwartet.«
-
-Max hatte die Augen von dem Gesichte des Greises weggewendet und
-sah zum Fenster hinaus. Bei den letzten Worten Reinerz warf er
-den Gänsekiel, mit dessen Fahne er bisher gespielt hatte, auf den
-Schreibtisch.
-
-»Wo zwei Menschen im heftigen Zorn voneinander geschieden sind ist es
-gut, daß ein gemeinsamer Freund zwischen sie tritt, um ihren Groll zu
-besänftigen und sie wieder mit einander auszusöhnen. Der Wunsch, dieser
-gute Vermittler zu sein, hat mich zu Euch geführt.«
-
-Pastor Reinerz konnte nicht weiter sprechen. Max hatte schon wiederholt
-den Versuch gemacht den Redenden zu unterbrechen, war aber durch die
-abwehrende Handbewegung des Greises daran gehindert worden. Jetzt fuhr
-es Max heraus:
-
-»Ihr seid gütig, Herr Pastor, aber es ist nicht möglich, daß ich von
-Euerm freundlichen Anerbieten Gebrauch machen kann. Einer Vermittlung
-zwischen einem meiner Leute und mir bedarf es niemals. Wer mich
-beleidigt hat tut am besten, den Weg zu mir selbst einzuschlagen.
-Aber in diesem Fall wäre der Versuch Lehnhardts, meine Verzeihung zu
-erhalten, verfrüht. Der Unmut ist noch nicht von mir gewichen, deshalb
-müßte ich ihn, wenn er heute oder morgen zu mir käme, abweisen. Er hat
-zu schwer gefehlt. Und nun würde ich’s Euch danken, wenn Ihr von etwas
-anderem sprechen wolltet.«
-
-Aber der Greis war der Meinung, daß hierüber noch lange nicht genug
-gesprochen worden sei, deshalb begann er wieder:
-
-»Es ist heute noch so, wie es vor hundert und aberhundert Jahren schon
-war. Wenn zwischen zweien ein Streit entbrannt ist, fühlt sich selten
-einer von beiden im Unrecht. Ich will mich ja auch garnicht der Aufgabe
-unterziehen, zu ergründen, nach welcher Seite sich in diesem Fall das
-Recht neigt. Denn ich bin nicht gekommen, den Richter zwischen Euch
-und dem Hermann zu spielen, sondern als Freund zu vermitteln.«
-
-»Ich wünsche aber keinen Vermittler,« unterbrach Max ungeduldig den
-Sprecher. Doch ließ sich dieser nicht beirren, sondern fuhr fort:
-
-»Wer will es hindern, daß die Leidenschaft, die sonst immer im festen
-Zügel liegt, nicht einmal durchbricht und ihres Meisters spottet.
-Du lieber Gott, es ist ja so überaus schwer einen Vorwurf dafür zu
-machen. Der Leidenschaftslose hat freilich leichtes Urteil über den
-Temperamentvollen. Eins aber muß man von dem Mann fordern dürfen: daß
-er dann, wenn die Wogen des Zornes sich geglättet haben bereit ist, die
-Schuld, die er beim Ausbruch seiner Heftigkeit auf sich lud, wieder
-einzulösen. Auch Ihr habt gefehlt und tätet gut, wenn Ihr mit mildem
-Auge die Schuld des Andern betrachten wolltet.«
-
-Max hatte nur mit großer Beherrschung seine Ungeduld verbergen können.
-Jetzt erhob er sich hastig, trat einen Schritt zurück und sprach in
-entschiedenem Tone:
-
-»Herr Pastor, ich kann begreifen, wenn Ihr es als Eure Aufgabe
-betrachtet zu schlichten, wo Streit entbrannt ist. Es gibt aber
-keine Streitenden, wo das sich auflehnende Gesinde von seinem Herrn
-gezüchtigt werden muß. Ihr werdet den Vorfall soweit kennen, daß Ihr
-auch wißt, wie lange Zeit ich mich beherrschte, bevor mich der gerechte
-Zorn übermannte.«
-
-Langsam erhob sich auch Pastor Reinerz und sprach:
-
-»Ich hätte geglaubt, Euch versöhnlicher gestimmt zu finden. Seht, Max,
-ich bin ein alter Mann, der in seiner Jugend auch ein rechter Hitzkopf
-gewesen ist. Deshalb weiß ich es nur zu gut, wie leicht der Zorn die
-kühle Überlegung zur Seite drängt. Sagt, wäre es Euch nicht möglich,
-das Unrecht, soweit es Euch trifft, wieder gut zu machen?«
-
-Da begehrte Max heftig auf:
-
-»Mein Unrecht? Was für ein Unrecht beging ich denn?«
-
-»Das Unrecht, daß Ihr Hermann Lehnhardt reiztet, so daß er sich vergaß
-und daß Ihr Euch vom Zorn hinreißen ließet.«
-
-»Nun, und Ihr vergeßt ganz, daß der Knecht den Arm erhob gegen seinen
-Herrn.«
-
-»Das eben war die Folge Eures Zweifels an seiner Ehrlichkeit,«
-versetzte der Greis ruhig. »Hermann Lehnhardt ist ein schwerblütiger
-Bauer, den manches gleichgültig läßt, was einem andern das Blut in die
-Schläfen jagen würde. Aber wie so viele seinesgleichen kann er auch
-heftig in Zorn geraten, daß ihn die Überlegung vollständig verläßt.
-Ihr wißt, der gute Ruf ist ein Kleinod, das sich unsere Bevölkerung,
-gottlob, mit Stolz bewahrt. Ihr habt Euern Verwalter aber der
-Unredlichkeit verdächtigt -- --«
-
-»Nun ists genug, Herr Pastor,« unterbrach Max den Sprecher mit
-Festigkeit, »ich habe jetzt keine Geduld mehr, Euch länger zuzuhören.«
-
-»Ihr vergrößert durch Eure Halsstarrigkeit aber nur das Unrecht, das
-Ihr begangen habt,« antwortete erregt der Greis.
-
-»Dann werde ich die Folgen zu tragen wissen,« entgegnete der Freihofer
-herrisch.
-
-Stumm standen sich die beiden Männer gegenüber und tauchten ihre
-Blicke ineinander. Eine dumpfe Ahnung raunte jedem von Ihnen zu,
-daß die Erinnerung an diesen Augenblick in ihnen noch einmal mit
-aller Lebendigkeit heraufkommen würde. Das aber konnte keiner von
-beiden ahnen, daß jene Stunde, in der sie sich wie heute Auge in Auge
-gegenüberstehen und dieses Vorfalls erinnern sollten, zermalmenden
-Schmerz mit sich gebracht haben würde.
-
-
-
-
-13. Kapitel.
-
-
-Es war am späten Nachmittag, als vom untern Eingang her auf
-schaumbedecktem Pferde ein Reiter die Dorfgasse hinaufsprengte, ein
-junger Bursche von etwa achtzehn Jahren. Er mußte einen tollen Ritt
-hinter sich haben, denn der schweißtriefende Gaul schnaubte heftig
-und stolperte fast über seine Beine. Trotzdem verminderte der Reiter
-die Geschwindigkeit nicht. Das Dorf war wie ausgestorben, da alles
-draußen auf den Feldern zu tun hatte. Die Wenigen, die aber noch in den
-Häusern zurückgeblieben waren, wurden von dem klappernden Hufschlag
-aufgescheucht und sprangen an die Fenster, um nach dem vorbeistürmenden
-Reiter zu sehen.
-
-Als der Bursche in der Nähe der Kirche angekommen war, sah er drüben
-von der Anhöhe einen Wagen herabkommen, auf dem einige Knechte saßen.
-Er hielt sein Pferd an und rief mit lauter Stimme hinüber:
-
-»Heda, Ihr Leute, wo wohnen hier die Tiefenbachs?«
-
-»Reitet noch ein kurzes Stück,« klang es zurück, »dort oben, wo Ihr die
-beiden großen, mit Ziegeln bedeckten Scheunen seht.«
-
-Er wandte den Blick in die bezeichnete Richtung und trabte weiter. Wie
-er nahe an den Hof herangekommen war, sah er vor dem Hoftor auf der
-Straße einen Mann von hünenhaftem Wuchse stehen. Der Reiter trieb sein
-Pferd heran und blieb vor jenem halten.
-
-Mit seinem Haselstock auf das Gut zeigend, fragte er:
-
-»Ist das der Hof, auf dem die Tiefenbachs sitzen?«
-
-Der Angesprochene sah den Reiter verwundert an und antwortete:
-
-»Das ist der Freihof, und ich bin Max von Tiefenbach.«
-
-Da flog ein Zug der Befriedigung über das glühende Gesicht des
-Burschen. Eilends riß er das Wams auf, griff hinein und zog ein
-zusammengefaltetes Papier hervor, das er dem vor ihm Stehenden reichte.
-
-»Hier, nehmt und beeilt Euch! Der das geschrieben hat sagte, es gelte,
-einer Sterbenden noch etwas Liebes zu erweisen, und daraufhin bin ich
-geritten, als wenn ich zum Tode meiner Mutter noch zurecht kommen
-müsse.«
-
-Hastig griff Max nach dem Papier, riß es auseinander und las seinen
-Inhalt. Und während er las, preßte er die Lippen so heftig aufeinander,
-daß sie weiß wurden. Langsam sank endlich die Hand mit dem Schreiben
-herab, während er den Blick zu Boden richtete.
-
-Aber die Stimme des Reiters riß ihn aus seinem Brüten:
-
-»Diese Börse soll ich Euch aushändigen,« sprach er, »sie enthält die
-ganze Barschaft meines Auftraggebers, und hier ist seine goldene
-Repetieruhr. Sonst hat er mir nichts aufgetragen.«
-
-Max kämpfte seine Bewegung nieder und antwortete:
-
-»Gebt her die Uhr. Den Beutel behaltet für Euern Ritt, denn auf diesem
-Gaule werdet Ihr wohl kaum wieder zum Dorfe hinauskommen. Sattelt ab
-und laßt Euch zu essen geben.«
-
-Mit diesen Worten wandte er dem Reiter den Rücken und ging eilends nach
-dem Wohnhause. Der Bursche sprang vom Pferde, liebkoste das völlig
-erschöpfte Tier und zog es langsam auf den Hof.
-
- * * * * *
-
-In verschwenderischer Fülle drangen die schrägen Sonnenstrahlen des
-scheidenden Tages in Elisabeths Zimmer und erfüllten es mit goldenem
-Glanze. Die Kranke lag im Bett und hielt die Hand der neben ihr
-sitzenden Mutter in der ihrigen. Ihr Gesicht trug den Ausdruck schweren
-Leidens und war eingerahmt von dem üppigen Blondhaar. Keines von ihnen
-sprach ein Wort.
-
-Da öffnete sich die Tür, und Max trat ins Zimmer. Mit leisen Schritten
-näherte er sich dem Bett und berührte mit der Hand schmeichelnd die
-Wange des Mädchens.
-
-»Ich habe etwas für Dich, meine kleine Liesbeth,« sagte er und hob die
-Hand mit dem Papier hoch auf.
-
-Die Kranke betrachtete eine kurze Weile in hoher Spannung das Gesicht
-des Bruders. Dann überlief ihren Körper ein Zittern und sie flüsterte:
-
-»Max, lieber Max, wäre es möglich?«
-
-Und mit gedämpfter Stimme las dieser die folgenden wenigen Zeilen:
-
- Meine inniggeliebte, süße Braut!
-
- Während ich diese Worte niederschreibe, fließt mein warmes
- Herzblut unter mir dahin, und ich merke, daß es mit mir
- rasch zu Ende geht. Ich benutze die kurzen Minuten, die ich
- noch zu leben habe, um Dir, Du Gute, meine letzten Grüße zu
- sagen. -- Als ich nach Leipzig kam, packte auch mich die
- Begeisterung, die in dieser Stadt herrscht. Ich wandte der
- schwankenden sächsischen Sache den Rücken und verband mich den
- schwarzweißen Farben. Heute habe ich unter Blüchers Leitung
- um das Dorf Großgörschen gekämpft. Nachdem ich schon kleine
- Verletzungen erlitten hatte, wurde mir zuletzt die linke
- Schulter und Brust von einem französischen Säbel zerhauen.
- Ich zürne ihm nicht, nein, ich danke ihm dafür! Es wäre ein
- freudenloses Leben gewesen --! Mein letzter Herzschlag gehört
- Dir, Du inniggeliebtes Mädchen. Schon überkommt mich eine
- unwiderstehliche Müdigkeit; mit dem Gedanken an Dich will ich
- einschlafen. Habe Dank für Deine Liebe, die mich so glücklich
- macht, daß ich dem Sterben entgegenlächeln kann. Einen innigen
- Kuß drücke ich auf die Blumen, die ich Dir sende. Auf baldiges
- Wiedersehen, mein süßes Lieb, -- -- über den Sternen!
-
- Dein bis in den Tod getreuer
- Bernhard von Friesen.
-
-Elisabeths Gesicht strahlte in überirdischem Glanze. Schneller als
-sie es im Leben erreicht hätte, sollte sie mit dem Geliebten im Tode
-vereinigt sein. Ihre Augen suchten das Himmelsblau, in dem vielleicht
-in diesem Augenblick seine Seele zu den lichten Höhen schwebte. Dann
-richtete sie die strahlenden Augen auf die Mutter und den Bruder,
-ergriff die Hände ihrer Lieben und sprach:
-
-»Ach, Mutter, ich hätte nicht gedacht, daß das Sterben so schön sei!«
-
-Just um diese Stunde begann mit schwerem, unhörbarem Flügelschlage der
-Todesengel über dem Freihof seine Kreise zu ziehen -- -- --
-
-Max hatte das Zimmer leise wieder verlassen, derweilen Elisabeth mit
-geschlossenen Augen ruhte. Die dem Briefe beigelegenen, an einem
-Stengel vereinigten zwei Himmelschlüssel standen in einem Wasserglas
-neben dem Bett. Da öffnete plötzlich das Mädchen die Augen und tauschte
-wortlos einen langen Blick mit der Mutter. Dann fühlte diese, wie die
-heiße, kleine Hand sich auf die ihrige legte und sie sanft an sich zog.
-
-»Mein liebes, herzensgutes Mütterchen,« sagte die Kranke leise, »ich
-fühle, daß meine Zeit gekommen ist. Aber ich muß, bevor ich von Dir
-scheide, Dir ein Geheimnis anvertrauen, das mich tief traurig gemacht
-hat, das mich aber zuweilen auch im innersten Herzen mit seliger Lust
-erfüllte: Maria von Tiefenbach, meine Cousine, und Max lieben einander.«
-
-Und mühsam erzählte Elisabeth den Vorfall in der Kirche und schloß:
-
-»Als zuletzt Maria in ihrer tiefen Not die Worte ausrief, daß Max ihre
-Liebe besitze, blieb mein Bruder anfangs stumm, dann wurde er rauh
-zu ihr. Aber ich habe es dennoch gefühlt, daß seine Hand, die in der
-meinen lag, zitterte, wie die eines geängstigten Kindes. Ach, Mutter,
-wenn die beiden glücklich werden könnten -- --«
-
-Die Freihoferin saß weit vornübergebeugt zur Seite der Kranken. Ihr
-welkes Gesicht zeigte deutlich die Spuren der großen Anstrengungen der
-letzten Wochen. In diesem Augenblick aber sah es erschreckend fahl aus.
-Von neuem trafen sich die Blicke von Mutter und Kind, das seine Augen
-ängstlich forschend auf das starre Antlitz der Mutter gerichtet hatte.
-Aber nur einen Herzschlag lang währte diese Spannung. Dann überflog die
-Züge des Mädchens ein sonniges Leuchten und sie bat:
-
-»Bitte, gib mir meine Blumen, liebe Mutter.«
-
-Die Freihoferin griff nach dem Stengel, wobei ihre Hand so heftig
-zitterte, daß sie einige Male an dem Glase vorbeitastete und reichte
-dem Kinde wortlos die gelben Frühlingszeichen.
-
-Die Kranke lächelte beglückt, drückte die Blumen an die Lippen und bald
-ließen die regelmäßigen Atemzüge erkennen, daß der Schlaf ihre Sinne
-umfangen hatte.
-
-Kurz darauf kam Max wieder in die Kammer und setzte sich neben seine
-Mutter. Die Dämmerung brach herein, die Abendschatten sanken herab, und
-langsam zog der Mond herauf. Ein zitternder Strahl fiel auf das Bett
-und umspielte zwei zarte, weiße Hände, in denen eine welke Blume lag.
-
-Bleiern schlichen die Stunden dahin. Endlich verkündete der helle Ton
-von der Kirche her die Mitternachtstunde.
-
-Keiner der beiden Menschen, die an dem Lager der Schlafenden weilten,
-unterbrach die hehre Stille, die in dem Raume herrschte. Stumm saßen
-sie nebeneinander und schauten voll Andacht in das friedliche
-Engelsantlitz vor ihnen. Dann war der Mond seinen Pfad weiter
-gewandelt, und undurchdringliche Finsternis erfüllte das Zimmer.
-
-Am Morgenhimmel zogen die ersten lichten Schimmer leise herauf, als Max
-unter der leichten Berührung von der Hand seiner Mutter aufschreckte.
-
-»Es ist Zeit zu beten, Max,« sagte die Freihoferin mit heiserer Stimme.
-Darauf knieten sie an dem Bette nieder und sprachen in lautem Gebet
-einander Mut und Trost zu, während die lichtumflossene Gestalt, die zu
-Häupten der tiefaufatmenden Sterbenden harrte, die lebensmüde Seele
-empfing und hinaufgeleitete zu dem Lande der gestillten Sehnsucht und
-des Friedens.
-
- * * * * *
-
-Wie ein Lauffeuer hatte die Kunde von Elisabeths Tode das Dorf
-durcheilt. Doch setzte noch niemand seinen Fuß auf den Freihof, in
-der Besorgnis, daß seine Tröstungen in den gewaltigen Schmerz hinein
-schal klingen möchten. Auf dem Hofe schien alles Leben erstorben, so
-geräuschlos vollzog sich das notwendige Werk, das verrichtet werden
-mußte. Max bekam keiner zu sehen, er blieb in der Nähe der Mutter, die,
-wie er deutlich empfand, furchtbar litt.
-
-So saßen sie beide in der großen Wohnstube kein Wort sprechend, nur die
-Gegenwart des andern als Trost empfindend.
-
-Da klangen schwere Männertritte draußen im Hausflur. Gleich darauf tat
-sich die Tür auf, und ein Mann trat auf die Schwelle. Die Freihoferin
-und Max hatten sich umgewandt und starrten wie auf eine Erscheinung
-nach der Tür. Der Mann, mit dem hohen, schlanken Wuchse und der
-leichtgebeugten Haltung, der noch immer auf der Schwelle stand und
-dessen dunkles Haupthaar und Bart Silberfäden durchzogen, war der
-Schloßherr vom Weißen Schlosse, der Freiherr Arnold von Tiefenbach. Als
-er eine Weile unverwandt auf Mutter und Sohn geblickt hatte, zog er die
-Tür hinter sich zu und trat in das Zimmer. Die Freihoferin, die mit dem
-Rücken nach ihm saß, hatte sich wieder umgewandt und sah mit hartem
-Ausdruck vor sich hin. Langsam ging Herr Arnold auf sie zu und blieb
-dicht vor der Greisin stehen.
-
-Eine kurze Zeit tiefen Schweigens verstrich. Dann sagte der Angekommene
-in bittendem Tone:
-
-»Wirst Du mir es wehren, Base, wenn mich darnach verlangt, von der
-Gestorbenen Abschied zu nehmen? Nicht nur Dir ist Dein Kind genommen.
-Auch an mein Herz hat das Entsetzen gegriffen und ihm eine blutige
-Wunde geschlagen.«
-
-Der alte, gebeugte Man schwieg, als wenn er auf eine Antwort warte.
-Dann fuhr er fort:
-
-»Base, höre mich ruhig an, um der teuern Toten willen, die meine Worte
-unterstützen würde, dürfte sie noch unter uns weilen. Ich stehe als
-Bittender vor Dir, laß mich nicht unerhört von dieser Schwelle gehen.
-Denke, ich nähme allen Frieden und alles künftige Glück von diesem
-Hause mit fort, wenn Du mich abwiesest. Der tiefe Schmerz schlingt um
-uns ein unzerreißbares Band und bringt unsere Herzen näher aneinander.
-Und so bitte ich Dich denn, Base, -- -- gib Frieden! Laß Ruhe einziehen
-in meine alte Brust und in Dein gequältes, tief erschüttertes Herz.
-Laß uns nicht richten über die Toten, sie haben ihre Rechenschaft
-längst abgelegt und vielleicht auch Verzeihung erhalten; gewähre auch
-Du Verzeihung. Ein Hauch, der nichts mit der Irdischkeit gemeint
-hat, umweht uns in diesem Augenblick und mahnt eindringlich, jeder
-Schuld bloß zu sein, wenn die Stimme endlich auch uns ruft. So komm
-denn, Base, schlag ein. Nimm diese Freundeshand, die Du so lange
-zurückgestoßen und laß uns Versöhnung feiern an der Leiche Deines
-Kindes!«
-
-Max saß in einem hohen Lehnstuhl mit Armstützen. Seine Augen hingen an
-dem schmerzerfüllten Antlitz des Freiherrn, dessen Rede er mit Bewegung
-angehört hatte. Jetzt sah er voll quälender Erwartung auf seine Mutter.
-Konnte sie diesen Worten noch Widerstand entgegensetzen, den Worten,
-die alle Feindschaft in seiner Brust töteten und den heißen Wunsch nach
-Versöhnung jäh heraufkommen ließen?
-
-Aber die Mutter rührte sich nicht, sondern blickte noch immer
-unverwandt zu Boden.
-
-Da wurde der alte Freiherr weich.
-
-»Constanze,« flehte er, »auf diesen Armen hab’ ich Dein Kind oft
-getragen. Es nannte mich Vater und erzählte viele Male mit glänzenden
-Augen von seiner Mutter, die bei den Menschen als hart gelte und
-doch ein nach Liebe flehendes Herz besitze. Komm, denke Du könntest
-mit Deiner Verzeihung Deinem Kinde eine Wohnung inmitten der Seligen
-errichten. Gib Frieden, Constanze!«
-
-Mit fliegendem Atem sah Max hinüber. Ihm war, als könnte die Mutter
-nicht eine Sekunde länger zögern. Ihre schwere seelische Erschütterung
-war offenbar, und die Worte seines Onkels waren in ihrer Wehmut und
-Sehnsucht nach Schlichtung des alten Familienzerwürfnisses hinreißend.
-
-Aber die Freihoferin blieb stumm und sah mit zusammengekniffenem Munde
-hartnäckig vor sich nieder.
-
-Da ergriff der Freiherr von neuem das Wort und sprach:
-
-»Du hast Dein Kind unaussprechlich geliebt, ich weiß es; mit allen
-Fasern hingst Du an seinem schwachen Leben. Denke, es wäre ein geheimer
-Wunsch Elisabeths gewesen, unsere Familien in Frieden zu wissen. So
-lange sie lebte, hätte sie niemals eine solche Bitte ausgesprochen,
-denn die Scheu, der Mutter weh zu tun, würde das Kind daran gehindert
-haben. Aber wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wo der Mensch den
-irdischen Staub abschüttelt, um die letzte Reise anzutreten, dann darf
-er das Siegel an seinem Munde zerbrechen. Vielleicht ist die teure
-Tote noch von dem Wunsch erfüllt gewesen, die Mutter zu bitten, den
-unseligen Zwist ihr mit ins Grab zu geben und sie besaß nur nicht mehr
-die Kraft, die Bitte auszusprechen -- --«
-
-Maxens Blicke hingen unverwandt an der Mutter. Er bemerkte, wie ihr
-Körper schwankte, und eine innere Stimme sagte ihm, daß, wenn je, jetzt
-der Augenblick gekommen sei, wo der Widerstand der Mutter zerbrechen
-mußte. Er hätte aufspringen mögen, um sich zu den Füßen seiner Mutter
-niederzuwerfen und ausrufen: »Mutter, sei barmherzig, und gewähre Dir
-und uns allen Frieden!« Aber das durfte er nicht wagen! Die Wandlung in
-ihrem Innern mußte von anderen bewirkt werden. Die Bitten des Sohnes
-hätten ihren Widerstand nur wiederaufrichten und stärken können. Der
-junge Mann, dessen Pulse hämmerten, mußte an sich halten, damit er
-dem Freiherrn nicht zurief, daß er seine Bitten wiederholen und Worte
-finden möge, deren Wärme den Zutritt zu dem schwer zugänglichen Herzen
-erzwingen müßten. Doch Worte voll Liebe und Weichheit müßten es sein,
-denn nur diese Eigenschaften waren geeignet seine Mutter zu rühren.
-
-Aber der Mann mit den gramvollen Zügen, der gewiß noch nie so wie jetzt
-zu einem Weibe gesprochen hatte, besaß keine Kraft mehr zu bitten.
-Sein Gesicht verfinsterte sich, und die Stimme zitterte leise vor
-bezwungenem Unmut als er wieder begann:
-
-»Constanze, achtest Du mein graues Haar nicht _mehr_? Willst du mich
-wie einen Schulbuben vor Dir demütigen?«
-
-Keine Antwort. Nichts, als eisiges Schweigen. Das Weib saß
-vornübergesunken und wie leblos im Stuhle.
-
-Max wartete noch mit angstvoller Spannung auf Worte seines Onkels,
-so wie er sie vorhin gesprochen hatte. Da klang es von dessen Munde
-schneidend und streng:
-
-»Ich habe geglaubt, Du besäßest für den Kummer anderer Menschen
-wenigstens einen kleinen Raum in Deinem Herzen. Nun aber weiß ich,
-daß deine Brust von Stein ist. Ich gebe es auf, künftig noch auf die
-Verwirklichung meines Lieblingstraumes hinzuwirken. Von Menschen wird
-Dein Handeln nicht mehr gerichtet werden, aber sieh zu, daß Dir die
-Worte nicht fehlen, wenn Du einst vor dem Throne des allmächtigen
-Gottes Dein Tun verteidigen mußt!«
-
-Diese Worte klangen wie Donnerschläge, und Max sah, daß seine Mutter,
-als der schneidende Klang ertönte, sich aus ihrer zusammengesunkenen
-Haltung aufrichtete und das Kinn heftig auf den Hals preßte, wie
-sie es zu tun pflegte, wenn sie dem Schicksal ihren eisernen Willen
-entgegensetzte. Nun war die Möglichkeit, die Mutter umzustimmen, für
-immer dahin. So weich wie vor wenigen Sekunden hatte er sie noch nie
-gesehen.
-
-Jetzt wandte sich der Freiherr von der Greisin ab und trat zu ihm hin.
-
-»Max,« sprach er und war bemüht, den scharfen Ton in seiner Stimme zu
-mildern, »willst Du nicht wenigstens zu mir halten, auf daß in dieser
-Stunde eine Brücke aufgerichtet werde, die spätere Tiefenbachs betreten
-können? Wollen _wir_ Freunde werden?«
-
-Die Blicke des jungen Mannes hatten während dieser Worte auf seiner
-Mutter geruht und tiefes Mitleid erfüllte ihn, als er daran dachte,
-welchen Schmerz er ihr zufügen würde, wenn er die dargebotene Hand
-annahm und wie vereinsamt die Mutter dann im Leben stünde.
-
-Noch sah der Freiherr erwartungsvoll auf den jungen Neffen nieder, bis
-sich ihre Augen begegneten. Da schlug Max den Blick zu Boden und warf
-gleichzeitig den Oberkörper mit einer unwilligen Bewegung heftig gegen
-die Lehne, daß der schwere Stuhl ein Stück zurückfuhr.
-
-Der Freiherr aber wandte sich betrübt um und ging, ohne noch einen
-einzigen Blick zurückzuwerfen, aus dem Zimmer. Max hörte, wie er seine
-Schritte nach Elisabeths Kammer lenkte und nach wenigen Minuten durch
-den hintern Ausgang das Haus verließ.
-
-Eine kurze Zeit saßen Mutter und Sohn ohne zu sprechen, beisammen. Max
-empfand dieses Schweigen wie eine ungeheure Last und er wäre der Mutter
-dankbar gewesen, wenn sie in diesem Augenblick ein paar freundliche
-Worte zu ihm gesprochen hätte, deren er so sehr bedurfte. Statt dessen
-erhob sich endlich die Mutter und ging mit langsamen Schritten nach
-der Tür. Max sah es und fühlte einen heftigen Schmerz in der Brust.
-Plötzlich stockte ihr Fuß, und es schien, als wenn sie zu dem Sohne
-kommen wolle. Aber nur einen Augenblick hatte dies Zögern gewährt. Dann
-ging sie entschlossen weiter und ließ Max allein in der Stube zurück.
-
-Da kam das Gefühl einer unerträglichen Vereinsamung über den jungen
-Mann, und er fühlte sich von der Mutter und allen verlassen. In
-demselben Augenblick, wo ihm die Kraft schwand, und er seiner Mutter
-für einen im Leben ohnehin nur selten von ihrer Seite empfangenen
-Zuspruch die Hände geküßt hätte, ging sie von ihm. Noch nie war ihm so
-schwer ums Herz gewesen, und gerade jetzt stand er allein.
-
-Der gute Engel des Hauses war dahingegangen! Der unselige Zwist
-zwischen den nahen Verwandten, der über dem Freihof wie eine
-drückende, schwarze Wolke hing, in allen seinen Räumen gespenstisch
-schwebte und in den Herzen seiner Bewohner nur selten rechte Freude
-hatte aufkommen lassen, dieses Verhängnis, das am Schicksalswege
-der Tiefenbachs unheildrohend kauerte, sollte aber nicht von ihnen
-weichen. Den edeln Mann, der sich dem Hause als Freund angeboten,
-hatte das Schweigen der Mutter für immer vom Freihof gescheucht, und
-mit ihm war sein Lebensglück dahingegangen! Ja, heraus damit aus
-dem gequälten Herzen; jetzt durfte er ohne zu erröten gestehen, daß
-die Gluten der Leidenschaft für Maria von Tiefenbach sein Innerstes
-aufwühlten und allen Frieden von ihm nahmen. Denn was ihn nur daran
-verhindert, vor dem herrlichen Mädchen damals in der Kirche, als ihre
-Seele verzweifelnd ihr tiefstes Geheimnis hinausschrie, niederzuknien
-und ihr seine innigste Gegenliebe zu gestehen, das wußte er jetzt.
-Nichts anderes hatte ihm die unbegreifliche Kraft gespendet, seine
-Leidenschaft im Herzen zu verschließen, als die Liebe und Ehrfurcht
-zu seiner Mutter. Damals fühlte er noch, mit welch starken Banden,
-die er unzerreißbar wähnte, er mit seiner Mutter verbunden war. Der
-wütendsten Anstrengungen, ihn von ihr zu reißen, hätte er mit Hohn
-gespottet. Jetzt aber, wenige Monate später, war es so ganz anders:
-der mächtige Anker, der ihn bisher davor schützte, daß die wild auf
-ihn einstürmenden Wogen sein Lebensschifflein mit sich fortrissen und
-hinaustrieben auf das Meer des Unfriedens und der Ruhelosigkeit, war
-geborsten.
-
-So sollte also der alte Groll auch fernerhin auf ihm lasten! Der
-edle Freund war für die Freihofer auf immer verloren, und sein
-verheißungsvoll aufleuchtendes Glück war in Scherben gegangen, -- wohl,
-das mußte er ertragen lernen! Was ihn schwer niederdrückte, war also
-geblieben, das aber, was ihm hold und besitzenswert erschien, hatte ihn
-verlassen. Und jetzt verließ auch sie noch ihn -- seine Mutter?
-
-Da warf der riesenstarke Mann die Arme auf den Tisch, barg das Gesicht
-in ihnen und schluchzte wie ein Kind.
-
- * * * * *
-
-Der Freiherr war in gebeugter Haltung langsam den Weg zum Schloß
-hinaufgegangen.
-
-Eine halbe Stunde später tat sich das Gattertor wieder auf, und ein
-berittener Bote trabte auf lustig wieherndem Rößlein den Schloßberg
-herunter. Er hatte Ungeduld, auf die Straße zu kommen und lenkte
-deshalb das Tier querfeldein. Über Gräben, Hecken und rieselndes Wasser
-flog der Gaul wie ein Reh hinweg, bis er zuletzt in weitem Sprunge über
-den Straßengraben setzte.
-
-Und dann jagte der Reiter mit verhängten Zügeln auf der Straße dahin,
-die nach Eckartsberg führte.
-
-
-
-
-14. Kapitel.
-
-
-Es war eine wunderbare, märchenschöne Maiennacht. Kein Wölkchen stand
-am Himmel. Gegen zehn Uhr war der Vollmond heraufgezogen und übergoß
-die ganze Landschaft mit seinem milden, weißen Licht. Der Himmel sah
-aus wie eine riesige, tiefdunkelblaue Sammetdecke, auf der Myriaden
-von Sternen gleich glitzernden Steinen ausgestreut waren. Die Luft
-war so klar und durchsichtig, daß die funkelnden Himmelskörper dem
-Auge viel näher erschienen, und die Umrisse der Häuser und Bäume waren
-scharf zu erkennen. Kein Laut erscholl weithin, der die feierliche
-Stille unterbrochen hätte. Nur dort, wo der leichte Windhauch von den
-bunten Wiesen her den balsamischen Duft der jungen Gräser und Blumen
-hintrug, rauschte es geheimnisvoll in den Bäumen. Leise bewegten sich
-die schlanken Zweige der in frischem Weiß leuchtenden Birken, und die
-zitternden jungen Blätter lispelten ohne zu ermüden und priesen die
-Pracht des in seiner siegenden Schönheit ins Land gezogenen Lenzes.
-
-Auf einem der breitästigen, blühenden Lindenbäume, die rund um den
-Brunnen vor der Schenke standen, saß mit feurigen Augen ein Eulenpaar,
-das in seiner hohlen, klagenden Sprache glühende Liebesschwüre
-austauschte, während der Wind leise die Wipfel bewegte, daß sein
-Rauschen wie eine Erzählung klang von all den Menschen, die unter den
-Bäumen schon als Kinder gespielt und die sich endlich lebensmüde in
-ihrem Schatten ausgeruht hatten.
-
-Rastlos floß unterdessen das Wasser aus der hölzernen Röhre in den
-geräumigen Steintrog.
-
-Aus den Wohnungen der Menschen drang kein Laut. Sorge und Kummer
-hatten ihre Macht über sie verloren und manchmal lächelte wohl einer
-der Schläfer, weil ihm der gütige Traumgott freundliche Bilder vor die
-Seele gezaubert hatte.
-
-Frieden ringsum!
-
-Alle Gegenstände waren von dem silbernen Licht des Mondes umflossen.
-Ein wunderbares Schweigen lag auf dem friedlichen Dorfe, in das hinein
-der Brunnen seine alten, dumpfen Lieder sang. Und über der schlafenden
-Erde zogen die Gestirne lautlos ihre unveränderlichen, ewigen Bahnen.
-
- * * * * *
-
-Vom Schloßberg kam eine schlanke Gestalt herab, die um Kopf und
-Schultern ein leichtes Tuch gelegt hatte. Ohne zu zögern, lief sie
-über die blumigen Wiesen an den blühenden Haselnußbüschen vorbei, bis
-sie endlich an dem schmalen Stege angekommen war, der über den Bach in
-den Obstgarten des Freihofes führte. Dort blieb sie stehen und lehnte
-sich an einen Baum, neben der schwachen Brücke. Das Weib tat ein paar
-tiefe Atemzüge, schob das Tuch vom Kopf zurück, daß es auf den Nacken
-herunterfiel und strich mit ihrer Hand über die Stirn. Der Mond schien
-der Einsamen voll ins Gesicht: es war Maria von Tiefenbach.
-
-Ihre Augen flogen verlangend hinüber über das leise murmelnde Wasser.
-Dann schaute sie wieder zurück nach dem Weg, den sie gekommen war
-und nach dem Schloß, dessen letzter Turm hoch hinaufragte zu dem
-leuchtenden Firmament.
-
-Maria hüllte den Kopf wieder ein und schritt dann vorsichtig über den
-Steg, den sie zum ersten Mal in ihrem Leben betrat.
-
-Kaum aber stand sie unter dem nächsten Baum auf dem jenseitigen Ufer,
-als aus dem Schatten des Wohnhauses mit mächtigen Sprüngen Sultan
-der Hofhund auf sie zustürzte. Winselnd sprang das treue Tier an dem
-Mädchen hinauf, warf sich vor ihr nieder, wälzte sich im Grase und
-wiederholte dann seine ausgelassenen Sprünge. Mit wehmütigem Lächeln
-kniete Maria ins Gras, streckte die Hand aus, griff in das zottige Fell
-des Hundes und zog ihn liebkosend an sich heran, wie sie es so oft
-getan, wenn Elisabeth ihn mit aufs Schloß gebracht hatte.
-
-»Du Armer,« sagte sie leise. »Nicht nur den Menschen, auch Dir fehlt
-die Tote. Jetzt ist auf dem Hofe wohl keine Hand mehr bereit, Dich
-zu streicheln. Ja,« setzte das Mädchen seufzend hinzu, »es weiß noch
-keiner richtig, wie viel er verloren hat!«
-
-Dann klopfte sie dem Tier noch einmal den Rücken und ging nach der
-hintern Tür des Hauses.
-
-Die örtlichen Verhältnisse des Freihofes waren Maria so bekannt, als
-ob sie von Jugend auf hier gewohnt hätte. Hatte sie den Fuß auch noch
-nie an diesen Ort gesetzt, so kannte sie doch die Einrichtung des Hofes
-aus den tausend kleinen Erzählungen Elisabeths ganz genau, und von dem
-Vater wußte das Mädchen, daß man die Tote in ihrer Kammer aufgebahrt
-hatte. Maria legte die Hand auf den eisernen Drücker und öffnete
-behutsam die Tür, die ohne das geringste Geräusch unter ihrem Drucke
-wich.
-
-Eine undurchdringliche Finsternis gähnte ihr entgegen. Durch die offene
-Tür warf aber der Mond sein milchweißes Licht und beleuchtete ein
-großes Stück Wand nahe dem Eingang. Die Aeste und Blätter der Bäume des
-Obstgartens zeichneten sich auf der beschienenen Fläche ab, und wenn
-der milde Luftzug die Bäume bewegte, huschten die verworrenen Figuren
-durcheinander und wichen vor dem Mädchen zurück, um sich ihm alsbald
-wieder zu nähern. Wie eine Unzahl schattenhafter Wesen, die ihr Spiel
-mit ihr trieben und versuchten, sie hineinzuziehen, um sie im nächsten
-Augenblick wieder über die Schwelle zurückzudrängen.
-
-Da überfiel das tapfere Mädchen eine große Bangigkeit. Und mit
-einem Male überkam sie die Bedeutung für den Schritt, den sie zu
-tun beabsichtigte. Aber nur eine einzige Sekunde währte dieser
-Schwächeanfall. Dann richtete Maria sich auf, machte gegen die
-gespenstischen Bilder eine unwillige Bewegung mit der Hand und betrat
-vorsichtig den dunkeln Hausflur. Unhörbar lief sie auf den Zehenspitzen
-weiter.
-
-Als sie bei der ersten Tür vorbeischritt, sagte sie leise: »Das ist
-die Wäschekammer.« Bei der zweiten Tür flüsterte sie: »Hier schläft
-die Beschließerin.« Vor der nächsten Tür blieb Maria aufatmend stehen.
-Ihr Herz klopfte zum Zerspringen bei der Erwägung, ob es ihr vergönnt
-sein würde, von der toten Freundin Abschied zu nehmen, oder ob sie, nur
-durch ein dünnes Brett von ihr getrennt, wieder umkehren müsse.
-
-Bebend tastete Maria nach der Klinke und gewahrte zu ihrer unsäglichen
-Freude, daß die Tür nicht verschlossen war. Geräuschlos öffnete sie
-und glitt in das Zimmer, aus dem ihr ein betäubender Blumenduft
-entgegenschlug. Dichte Dunkelheit umfing sie.
-
-Allmählich gewöhnte sich ihr Auge an die Finsternis, die ihr, nach der
-großen Helligkeit im Freien, anfangs pechschwarz erschienen war. Sie
-bemerkte, daß in dem obern Teil der beiden geschlossenen Fensterladen
-zwei kleine Löcher in Form von Herzen eingeschnitten waren, durch die
-einzelne Mondstrahlen hereinfielen und das Zimmer notdürftig erhellten.
-
-In der Mitte des kleinen Raumes stand auf einer mit schwarzem Tuch
-umkleideten Bahre der offene Sarg, um den herum eine große Menge von
-Blumen und Kränzen aufgehäuft war, daß er fast unter ihnen verschwand.
-Zu Häupten breitete eine hohe Fächerpalme an weitragenden Stengeln ihre
-umfangreichen Blätter aus. Neben ihr standen zahlreiche hochstämmige,
-blühende Gewächse, so daß der obere Teil des Sarges von einem
-Blütenhain umgeben war.
-
-Das Herz brechend schwer, trat Maria zur Linken der Toten an den Sarg
-heran. Ihre Augen durchbohrten mit Anstrengung die dichte Finsternis
-und blieben auf dem Antlitz ruhen, dessen Züge, je länger sie darauf
-schaute, immer deutlicher hervortraten, bis sie zuletzt das alte, liebe
-Gesicht der verstorbenen Freundin genau erkannte. Wie ein schlafendes
-Kind ruhte Elisabeth auf den weißen Polstern, bekleidet mit einem
-dunkelblauen, mit weißen Kanten besetzten Musselinkleid, das das
-Mädchen oftmals getragen, wenn sie wie ein Irrwisch durch die Scheunen
-und Ställe des Freihofes flog und das die kindliche Lieblichkeit der
-Jungfrau erhöht hatte.
-
-Der Tod hatte auf dem Gesicht keine verheerenden Spuren hinterlassen.
-Er war ihr ein willkommener Erlöser gewesen, dem sie mit frohem Lächeln
-entgegengesehen hatte. Ein beglückender Gedanke mußte sie im Augenblick
-des Scheidens der Seele bewegt haben, von dem ein milder Abglanz auf
-dem Gesicht zurückgeblieben war. Heiter, wie sie im Leben gewesen, war
-sie hinübergeschlummert. Und neben dem Ausdruck unstillbarer, freudiger
-Sehnsucht lagerte ein verklärender Hauch von Frieden auf dem schmalen
-Kindergesicht.
-
-Maria sah erschüttert auf die Tote, die ihr im Leben Freundin und
-Schwester zugleich gewesen war. Nie konnte ein reineres und treueres
-Herz jemals wieder in Liebe so für sie schlagen, wie das der Toten,
-das nun stillstand. Elisabeths sonnige Lebensauffassung, die sich
-in einer nie versiegenden Fröhlichkeit kundtat, hatte sie, die
-Ernste, Sinnende, oft erheitert, wenn ihr Gemüt von düsteren Wolken
-umlagert gewesen war. Und die tiefe Liebe und Anhänglichkeit, die die
-Freundin ihr entgegengebracht, hatte sie immer als ein Gnadengeschenk
-betrachtet, für das sie dem Himmel nicht genug danken konnte. Nun
-war es vorbei mit diesem Glück! Der Augenblick war gekommen, dessen
-Herannahen sie schon seit geraumer Zeit mit wachsender Angst bemerkt
-und vor dem sie gezittert hatte.
-
-Maria ließ den Kopf sinken, und ein Gedanke stieg in diesem Augenblick
-in ihrer Seele auf, den niederzukämpfen sie sich vergeblich bemühte und
-der sich ihr mit solcher Heftigkeit aufdrängte, daß sie schließlich
-mit glutroten Wangen davon abstand, ihn länger zu meistern: noch immer
-hatte sich in ihrem Herzen die geheime Hoffnung behauptet, daß eine
-so reiche Liebe, wie sie für ihren Vetter empfand, endlich doch über
-alle Mühsale triumphieren müsse, und die Stütze ihrer Zuversicht war
-Elisabeth gewesen. Darüber freilich, wie das Kind mit seiner schwachen
-Kraft und seinem gänzlich mangelnden Einfluß auf die Entschließungen
-seiner Mutter sie aus der Wirrnis hinausführen sollte, hatte sie nie
-nachgedacht. Sie selbst schalt sich in ruhigen Stunden töricht ob
-ihrer Hoffnung, daß in dem Herzen der unerbittlichen Tante jemals
-eine Wandlung vor sich gehen könne. Und die scharfe und kalte Absage,
-die ihr Max in demselben Augenblick erteilte, in dem die tötliche
-Angst, ihn auf immer zu verlieren, den leidenschaftlichen Ausbruch bei
-ihr bewirkte, hatte sie belehrt, daß sie die Stimme in ihrem Busen
-verstummen lassen müsse.
-
-Alles das hatte sich Maria ja schon oft gesagt, und doch wollte die
-Stimme nicht schweigen, sehnte und hoffte ihr gequältes Herz in
-Bangigkeit weiter. Jetzt begriff sie mit einem Male, daß, solange
-Elisabeth gelebt, sie auch hatte weiterhoffen dürfen, denn die
-Freundschaft Elisabeths war das unsichtbare Band gewesen, das sie mit
-dem Freihof verknüpft hatte. Jetzt aber versagte dem beredten Mund
-in ihrem Innern die Sprache, und eine zermalmende Hoffnungslosigkeit
-überkam sie. Max von Tiefenbach war von jetzt ab für sie unabänderlich
-verloren!
-
-Und langsam zogen die geheimsten Gedanken des Mädchens an seiner Seele
-vorüber. Sie sah sich zärtlich an den Geliebten geschmiegt, ihre Stirn
-war an seine Brust gelehnt. Innig hielt er sie umfangen, und mit
-unsagbar beglückenden Worten hatte er ihr seine Liebe gestanden und
-dann ihren Kopf aufgehoben und ihre Lippen und Augen geküßt. Niemand in
-der weiten Umgebung besaß eine so hohe Gestalt, daß er neben Maria von
-Tiefenbach sich hätte behaupten können, nur er; und keinen anderen Mann
-würde Marias stolzer Sinn jemals den Besitz ihres herrlichen Körpers,
-wie die Natur ihr ihn gütig verliehen hatte, einräumen. Die heiligen
-Flammen keuscher Mädchenliebe durchloderten ihren Busen im Wachen wie
-im Schlummer, -- mit der treuen Freundin aber zugleich begrub man auch
-ihre Liebe. -- -- --
-
-Maria von Tiefenbach vergaß in diesem Augenblick ganz den Ort, an dem
-sie weilte. Sie kniete neben der Bahre nieder, neigte den Kopf darauf
-und weinte zum Herzbrechen. Und so verharrte sie lange Zeit, während
-die Tränen reichlich flossen und der wilde Sturm in ihrem Innern an
-Heftigkeit langsam nachließ.
-
-Da überkam sie plötzlich der Gedanke, wie unsagbar schwer vor allem
-Elisabeths Mutter unter dem Verlust leiden müsse. Und wie der edle
-Mensch dann wenn er des Nächsten gewaltigen Schmerz sieht, den eignen
-Schmerz unter seinem Mitleid für eine Weile vergißt, empfand auch Maria
-tiefes Mitgefühl für die unglückliche Mutter. Ihre Tränen versiegten,
-und indem sie sich aufrichtete, die gefalteten Hände erhob und an die
-Lippen preßte, betete sie mit bebender Stimme:
-
-»Du Allgütiger, Tröster und Erbarmer! Erbarme Dich auch der Mutter
-dieses Kindes, spende ihr reichen Trost in diesem schweren Herzeleid
-und laß sie Ruhe und Frieden finden!«
-
-Langsam sanken die Hände herab, und Maria fühlte ihre seelische
-Kraft wieder erstarken. Mit der Tröstung, die sie auf das Weib
-herabgefleht, das sich ihr so unversöhnlich feindselig gegenüberstellte
-und zweifellos die Schuld trug, daß ihr zartes Liebesglück in der
-Knospe vernichtet wurde, war auch in ihre Brust Trost eingezogen. Der
-herbe Schmerz hatte sich gemildert und war vor dem Mitleid keusch
-zurückgewichen.
-
-Ihre Gedanken aber wollten sich nicht von der Freihoferin abwenden.
-Immer deutlicher stieg das Bild dieser schwergeprüften Mutter in ihrer
-Seele herauf, daß sie meinte, sie vor sich zu sehen. Maria sah im
-Geiste ein Paar runzliger Wangen, einen zusammengekniffenen Mund und
-fühlte fast den langen Blick aus den tiefliegenden Augen. Sie hatte
-die Freihoferin immer nur von fern gesehen, jetzt aber gewahrte sie
-zu ihrem Erstaunen, wie tief das Bild der Greisin in ihrer Seele
-eingegraben war. Die hohe Stirn wurde von grauem Haar begrenzt, das, in
-der Mitte geteilt, in dünnen Strähnen zu den Ohren herablief. Neben dem
-herben Ausdruck lagerte auf dem Gesicht gewaltiger Schmerz.
-
-Maria empfand, wie ihre Einbildungskraft aufs höchste erregt war. Sie
-fuhr mit der Hand über die Augen um das Trugbild zu verscheuchen. Aber
-die Erscheinung wollte nicht weichen, denn noch immer sah sie zwischen
-Blüten und Blättern das fahle Gesicht Elisabeths Mutter.
-
-Ihre Augen schmerzten schon, doch konnte sie nicht wegschauen. Den
-Atem zurückhaltend, versuchte sie erneut mit den Augen die Dunkelheit
-zu durchdringen, während Schweißperlen auf ihre Stirn traten. Da, --
-hatte sich das Bild nicht soeben bewegt? Nein, es war nicht möglich,
-die hohe Aufregung und der Ort hatten ihre Sinne überreizt. »Großer
-Gott -- -- --!« schrie das Mädchen plötzlich auf. Dann erstarben
-ihr die Worte auf der Zunge, und sie duckte sich nieder wie in der
-Erwartung eines heftigen Schlages. Denn in diesem Augenblick waren
-die tödlichen Zweifel geschwunden, -- sie wußte sich der Freihoferin
-gegenüber.
-
-Noch einige Sekunden hingen diese vier Augen aneinander, dann
-schwankten drüben Blätter und Zweige, bogen sich zurück und schlugen,
-während das Gesicht verschwand, wieder zusammen. Geräuschlos rückte ein
-Stuhl, und die Freihoferin trat aus der Hecke von Blumen und Gewächsen
-hervor. Sie zündete die Kerzen eines auf dem Tische stehenden,
-schweren, dreiarmigen Silberleuchters an, wandte sich zur Tür und
-deutete mit einer schroffen Bewegung, als wolle sie die Grabesstille
-des Raumes nicht unterbrechen, dem noch immer mit den Zeichen des
-Schreckens in hilfloser Haltung knieenden Mädchens stumm an, ihr zu
-folgen.
-
- * * * * *
-
-Max saß im dunkeln Wohnzimmer wieder wie gestern beim Erscheinen des
-Freiherrn in dem mächtigen Armstuhl, dessen hohe, mit gepunztem Leder
-überzogene Lehne noch ein Stück über seinen Kopf hinausragte. In dieser
-Nacht würde er den Schlaf nicht finden, deshalb suchte er das Lager
-nicht erst auf.
-
-In seiner Seele lag eine Welt in Trümmern, und der Himmel, der sich
-über ihm wölbte, war bleifarben und hing tief herab. In den letzten
-Tagen war er um Jahre älter geworden. Das Schicksal hatte ihm einen
-empfindlichen Schlag versetzt. Seinen Nacken zu beugen, war es freilich
-nicht im stande gewesen, aber seinen unbändigen Trotz, mit dem er
-die entstellte Fratze, die, wohin er auch immer ging, vor seinen
-Augen stand, auflachend verscheuchen wollte, hatte er noch nicht
-wiedergefunden. Aber gemach! Er wußte, daß er die beschämende Schwäche
-in wenigen Tagen würde niedergerungen haben, denn die Tiefenbachs
-hatten zu allen Zeiten Stiernacken besessen.
-
-Da hörte er Tritte im Hausgang, die in die tiefe Stille hineinklangen.
-Die Mutter wußte er am Sarg der Toten, die sie in der letzten Nacht
-nicht verlassen würde. Er erkannte ihren Schritt, der schleppend
-näherkam. Aber, horch, was war das? War das nicht der Schall der Tritte
-_zweier_ Menschen? Unwillkürlich richtete er sich auf und lauschte.
-Da öffnete sich schon die Tür, und heller Kerzenschein drang in das
-Zimmer.
-
-Schwerfällig trat die Greisin ein und stellte den Leuchter auf den
-großen, runden Tisch. Max aber achtete nicht der wankenden Mutter,
-seine Augen waren voll Ueberraschung auf die Tür gerichtet, in der
-soeben eine fremde Frauengestalt erschienen war. Eine Sekunde starrte
-er atemlos auf die im Halbdunkel stehende Erscheinung auf der Schwelle,
-deren Gesicht er nicht zu erkennen vermochte. Da griff plötzlich eine
-kalte Hand nach seinem Herzen und preßte es heftig -- er hatte die
-Fremde erkannt.
-
-Schon wollte ihn die Überraschung ganz gefangen nehmen, da erhob sich
-in seinem Innern ein Sturm, und seine Sinne arbeiteten fieberhaft an
-der Deutung dieses Rätsels. Wie ein Blitz fiel die Erleuchtung in
-seine Seele: Maria von Tiefenbach hat sich in das Haus gestohlen, um
-von ihrer gestorbenen Freundin Abschied zu nehmen. Die am Totenbett
-weilende Mutter will in ihrem Haß die edeln Gefühle des Mädchens nicht
-gelten lassen und bringt es hierher, damit sie in seiner Gegenwart
-Marias Teilnahme schroff zurückweise, um durch verletzende Worte dem
-sie beunruhigenden Herannahen der Schloßleute für immer zu begegnen.
-
-Da schlug die heiße Flamme des Unwillens in Maxens Herzen über seine
-Mutter jäh auf. Er raste wie im Fieber und erhob sich halb vom Stuhl,
-um bei ihren ersten verletzenden Worten aufzuspringen. Noch verließ ihn
-die Besinnung nicht, noch war er sich bewußt, daß er sich vor seiner
-Mutter befand, die er von Kindesbeinen an so verehrt und geliebt hatte,
-wie ein Sohn seine Mutter nur lieben kann und die er noch bis gestern
-für unfehlbar gehalten hatte. Auf sein Lebensglück um ihretwillen
-verzichten und es zersplittern zu lassen, das vermochte er zu ertragen.
-Die aber verletzen, deren Bild er fortan unauslöschbar im Herzen
-tragen würde, obwohl sie die Enkelin jenes Mannes war, der seine
-Großmutter beschimpfte, diesem hochherzigen Mädchen wehzutun, nein,
-beim ewigen Himmel, das durfte sie nicht! Mochte die Scholle erbeben,
-auf der ihm die Mutter das Leben gegeben, wenn er sich jetzt gegen
-sie wandte, mochte das Dach des väterlichen Hauses niederstürzend ihn
-begraben und die Menschen einst mit Entsetzen im weiten Bogen das Grab
-meiden, das die Unnatur barg, die gegen den Schoß raste, der sie gebar.
-Er würde trotzen! Zusehen aber, und müßig dabei bleiben, wenn Maria von
-Tiefenbach von der Mutter gedemütigt wurde, das konnte er nicht! Alle
-Sinne aufs äußerste angespannt, starrte Max auf seine Mutter.
-
-Das Mädchen war in der Tür in vornübergeneigter Haltung stehen
-geblieben, während die Freihoferin an das nach dem Garten hinausgehende
-Fenster getreten war und sich müde zurücklehnte. Kein Laut kündigte
-an, daß sich in diesem Zimmer drei Menschen befanden, deren Herzen zum
-Zerspringen schlugen.
-
-Ein paar Sekunden atemraubender Stille verstrichen, dann machte die
-Freihoferin eine Bewegung, als wenn sie die letzte Kraft zusammenraffe
-und begann zu sprechen. Ihre Stimme klang nicht so voll wie sonst, aber
-ruhig und eisig:
-
-»Baronesse! Um des traurigen Ereignisses willen, das zu ertragen uns
-eine höhere Fügung auferlegt hat, kann ich Ihnen nicht zürnen, wenn
-Sie Ihren Fuß über die Schwelle dieses Hauses setzten, das Ihnen sonst
-verschlossen bleiben muß. Sie haben sie gekannt, meine -- verstorbene
-Tochter -- --«
-
-Bei den letzten Worten war die Stimme rauh geworden und brach
-plötzlich ab. Der Körper der Sprechenden war wieder gegen das Fenster
-zurückgesunken, ihre Augenlider waren halb herabgefallen. Sie versuchte
-und versuchte wieder weiterzusprechen, -- umsonst. Ein heftiges Zittern
-überlief die hohe Gestalt der Greisin, und der zum Sprechen geöffnete
-Mund schloß sich und blieb stumm.
-
-O, ihr rätselvollen, unergründlichen Tiefen des Frauenherzens!
-
-Eine kurze Weile tödlichen Schweigens verstrich, währenddessen ein
-erbitterter Kampf, der Abschluß einer siebzigjährigen, unaufhörlich
-genährten Feindschaft, blitzschnell entschieden wurde. Und dann
-klang es, demütig bittend, von den zuckenden Lippen der Tochter des
-beschimpften Weibes:
-
-»Maria, willst Du mir eine liebende Tochter, meinem Sohn eine treue
-Gattin sein?«
-
-Wenn die Natur sich in wildem Aufruhr befindet, und die sonst friedlich
-schlummernden Elemente entfesselt sind, wenn von dem dräuenden Himmel
-Wolkenbäche herniederstürzen, in den zusammengeballten, schwarzen
-Luftgebilden Blitze mit rasender Aufeinanderfolge aufzucken, denen das
-Krachen der Donner hinterhergrollt und der Orkan heulend durch die
-Gassen peitscht, dann ereignet es sich zuweilen, daß einem letzten, den
-Himmel in zwei unermeßliche Hälften zerreißenden Aufleuchten und einem
-gräßlichen Donnerschlage tiefe Ruhe folgt.
-
-Also geschah es in der großen Wohnstube mit dem schweren,
-altväterischen Hausrat auf dem Freihofe. Der ungeheure Sturm war wie
-durch einen Zauberspruch gebändigt, und tiefe Stille war ihm gefolgt.
-Während die Greisin bis an die Wand am Fenster zurückgesunken war,
-war das Mädchen von der Tür aus mit ein paar heftigen Schritten zu dem
-Tisch geeilt und starrte, mit beiden Armen sich schwer aufstützend,
-unverwandt auf das Weib am Fenster.
-
-Max, der zum Aufspringen bereit gesessen hatte, war in den Stuhl
-hineingesunken, daß der große Körper in dem schwerfälligen Möbel
-aussah wie der eines Kindes. Er war nicht im stande klar zu denken;
-hundert Begriffe drangen von allen Seiten und zu gleicher Zeit auf ihn
-ein, jagten wie das wilde Heer in sinnverwirrender Geschwindigkeit an
-seinem geistigen Auge vorüber und tanzten dann in tollem Wirbel um ihn
-herum, bis sie ihn endlich in eine ungeheure Tiefe mit hinabrissen.
-Das Vermögen, zu beurteilen wo er sich befand, verließ ihn, und die
-Erinnerung an das soeben Erlebte verblich. Ein Zustand höchster
-geistiger Abspannung nach all den wilden Stürmen in den letzten
-Tagen war über ihn gekommen, der so gewaltig war, daß selbst Max von
-Tiefenbachs Kraft ihm nicht widerstehen konnte. Wie wenn ein schwer
-getroffener Stier röchelnd zusammenbricht, wenn der Wirbelsturm in
-einem einzigen Augenblick einen mannsdicken Eichbaum knickt, daß er
-krachend zu Boden stürzt, so hilflos brach Maxens Widerstand zusammen.
-Seine Blicke irrten im Zimmer umher, glitten verständnislos von einem
-zum andern, ohne den beklommenen Eindruck der Seele zu vermitteln. Sein
-Hirn war wie ausgeblasen. Er hatte das verschwommene Empfinden, als
-wenn sich etwas Ungeheuerliches zugetragen hätte und bemühte sich mit
-aller Kraft, seine Sinne wieder in die Gewalt zu bekommen. Vergebens,
-die Seele sagte ihm in diesem Augenblick den Gehorsam auf und ließ ihm
-nur das Erkennen seiner Ohnmacht.
-
-Mit riesengroßer Willenskraft riß er das Wenige, das ihm geblieben, an
-sich und war bemüht, wie ein Kind das Nächstliegende zu überdenken.
-Dies war seine Hand; worauf sie lag, die Armlehne eines Stuhles, das
-ein Knopf seines Rockes. Dann versuchte er darüber nachzuforschen,
-was sich hier zugetragen hatte. Er strengte seinen Geist mit
-übermenschlicher Kraft an, daß er einen heftig bohrenden Schmerz im
-Gehirn empfand, der ihm den Schädel zersprengen wollte. Worte waren
-gesprochen worden. Von wem, worüber? Vergebens versuchte er gegen die
-Schwäche anzukämpfen, die wie ein granitner Felsen vor ihm lagerte, an
-dem sein Willen zersplitterte wie ein Knabensäbel.
-
-Plötzlich horchte er auf. Vom Fenster her drangen schwach Worte an sein
-Ohr:
-
-»Aber warum küßt Ihr Euch nicht, meine Kinder?«
-
-Wer war das, der da so sprach? Wer hatte das gesprochen? War das nicht
-die Stimme der Mutter? Seiner _Mutter_? Nein! vom Küssen ging die Rede,
-und seine Mutter sprach nie vom Küssen! Aber vorhin war die Mutter doch
-in der Stube gewesen und hatte gesprochen. Und wie sie geendet, hatte
-es sich wie eine schwarze Binde auf seine Augen gelegt, und der Kopf
-hatte ihm geschmerzt wie infolge eines heftigen Sturzes. War nicht noch
-jemand hier gewesen? Ja, die Mutter war mit dem brennenden Leuchter
-eingetreten und hinter ihr hatte er in dem ungewissen Halbdunkel noch
-einen Menschen gesehen, -- ein Weib. Wer aber war dieses Weib?
-
-Und abermals versuchte Max mit aller Kraft seine Gedanken zu zwingen,
-ihm wieder dienstbar zu sein.
-
-Da tönte wiederum die Stimme von vorhin, und jetzt erkannte er sie
-untrüglich als die seiner Mutter. Aber weich klang sie, wie der Sohn
-sie noch nie gehört hatte:
-
-»Als ich jung war, küßte man sich in solchen Augenblicken!«
-
-Und wie das Sonnenlicht durch dunkles Gewölk bricht, ebenso siegreich
-stieg bei diesen Worten die Erinnerung an das in den letzten Minuten
-Vorgefallene in Max herauf.
-
-Blitzschnell und mit bewunderungswürdiger Schärfe arbeitete jetzt
-Maxens Hirn und gab ihm die Deutung dessen, was ihm soeben noch als
-Rätsel erschienen war.
-
-Er knüpfte wieder dort an, wo ihn vorhin das klare Denkvermögen
-verlassen hatte: Maria war unbemerkt in das Haus gekommen, um an
-Elisabeths Sarge noch einmal zu beten, und von dort hatte die Mutter
-das Mädchen mit hierhergebracht.
-
-Max kämpfte mit der Erschütterung, die der überraschende Wandel der
-Gesinnung seiner Mutter auf ihn ausgeübt hatte. Aber er kannte seine
-Mutter nur zu gut, daß ihm jetzt die Beweggründe für ihr Tun nicht bis
-zur Ueberzeugung hätten verständlich sein müssen: der erzene Panzer
-um ihr Herz war zersprungen. Sie war entschlossen, die Schuld für die
-Nichteinlösung des ihrem sterbenden Vater gegebenen Wortes auf sich
-zu nehmen und über den Haß, den sie seither im Busen wachgehalten und
-genährt, triumphierte die Liebe. Eingedenk des Versprechens und mit dem
-halsstarrigen Trotze, der ein geistiges Familiengut der Tiefenbachs
-war, und den die bäuerliche Linie noch weit stärker besaß als die auf
-dem Schlosse, hatte sie sich den Haß gegen die Verwandten zu einem
-Stück ihrer Lebensaufgabe gemacht. Und, ach, wie seltsam! Wie doch die
-Leidenschaften, die sich fliehen müßten, dicht beieinander wohnen;
-denn mit der Stärke zu hassen, hatte die Vorsehung diesem Weibe auch
-das unstillbare Verlangen Liebe zu geben und zu empfangen in die Seele
-gepflanzt. Wie oft mußte ihr das Hassen schwer geworden sein, wenn sie
-sah, wie das Kind, an dessen Besitz ihr Herz mit allen Fasern geknüpft
-war, ein Stück seiner Liebe den Gehaßten schenkte.
-
-Es war Max offenbar, daß die Liebe _eines_ Kindes seiner Mutter
-nicht genug war. Wem unter einem rauhen Aeußern ein von Liebe so
-überquellendes Herz schlägt, der darf sich füglich darnach sehnen,
-mit mehr als einem Teuern auf das Innigste verbunden zu sein. Deshalb
-bat sie jetzt das Mädchen, an dem die Verstorbene mit ganzer Seele
-gehangen, die leergewordene Stelle in ihrem Herzen einzunehmen und
-die Liebe, die sie für die Tochter empfunden hatte, fortan ihr, der
-Mutter zu schenken. -- Oder sollte seine Zuneigung zu Maria auf die
-Mutter eingewirkt haben? Nein, das war es nicht, denn seine Liebe war
-ja sein tiefes Geheimnis gewesen, von dem die Mutter nichts hatte ahnen
-können -- --
-
-Das Glück, das in dem Augenblick, wo Max verzweifelnd alles verloren
-wähnte, ihm zuteil ward, war so riesengroß, daß ihm schwindelte und
-er unwillkürlich die Hand auf die Augen legte. Da hörte er einen
-fliegenden Atem an seiner Seite, so nahe, daß der warme Hauch seine
-Stirn streifte. Und wie er aufschaute, blickte er in das von Angst
-entstellte Gesicht seiner Mutter, die ihn mit weitaufgerissenen Augen
-flehend ansah. Es war die brustzuschnürende tödliche Angst, daß in
-dem Augenblick, in dem der Himmel ihr Herz weich werden ließ und sie
-geglaubt hatte, das Leben der von der Toten geliebten Freundin an sich
-ketten zu können, diese Hoffnung in Scherben gehe. Denn sie hatte
-gewähnt, Max liebe Maria, -- und nun -- --?
-
-Und zum drittenmale hörte der regungslos im Stuhle Sitzende die Stimme.
-Diesmal klang sie gepreßt und die Worte waren abgerissen:
-
-»Max, Dein Vater küßte mich, als wir uns verlobten!«
-
-Da überfiel den Sohn ein unendliches Mitgefühl und er griff mit beiden
-Händen nach seiner Mutter, um sie an sich zu ziehen. Die aber wich
-zurück und wandte den Blick nach der Gestalt am Tische in der Mitte des
-Zimmers.
-
-Max folgte ihrem Blick und gewahrte das in all seinem überwältigenden,
-mit Schmerz und Überraschung vermischtem Glück von ihm vergessene
-Mädchen, das, die Augen zu Boden geschlagen, dem Umsinken nahe vor ihm
-stand. Eine Sekunde lang herrschte noch Schweigen in der Stube. Nur
-der Holzwurm tickte in dem hohen Eichengetäfel an den Wänden, und die
-flackernden Flammen der Kerzen warfen wunderlich geformte Schatten
-darauf, die geisterhaft hin- und herhuschten. Dann wurde die Stille
-plötzlich unterbrochen. Max erhob sich lärmend aus dem Stuhl, ging mit
-den polternden Schritten eines Trunkenen zum Tisch und schlug die Arme
-um die Schultern des bebenden Mädchens.
-
-Einen langen Blick warf die Freihoferin noch auf die beiden Menschen,
--- dann verließ sie geräuschlos das Zimmer -- --
-
-Freut Euch, Ihr guten Geister, die Ihr auf dem Freihof und auf dem
-Weißen Schlosse allnächtlich Euer Wesen treibt! Kommt hervor aus den
-dunkeln Winkeln und Ecken, steigt herab von den Dachbalken und tretet
-heraus aus den Verstecken, in denen Ihr Euch am Tage verborgen haltet.
-Lärmt heut ausgelassener denn je und treibt Euern närrischen Spuk in
-dieser Nacht lustiger wie zuvor. Die gute Tote würde es Euch danken,
-wenn Ihr so tätet, und läge sie nicht in ihrem hölzernen Schrein, dann
-käme sie heute gewiß zu Euch, um im lustigen Spiel mit herumzutollen.
-
-Und in dem großen Saale auf dem Weißen Schlosse, durch dessen hohe
-Bogenfenster das Mondlicht glänzte, regten sich mit einem Male die
-Bilder in ihren goldenen Rahmen. Die alten Herren des Tiefenbachschen
-Geschlechts in blitzenden Rüstungen, mit Arm- und Beinschienen, den
-eisernen Helm mit hochgeschlagenem Visier auf dem Haupt und zur Seite
-den klirrenden Pallasch, oder in sammeten Wämsern mit geschlitzten und
-rot ausgefütterten Ärmeln, mit steifem, breitem Halskragen und eckigem
-Barett angetan, oder mit goldstrotzenden Staatsgewändern bekleidet,
-dazu den federgeschmückten Hut und an der Seite den leichten Degen,
--- die Damen in geschürzten und bauschigen Gewändern von bunter Seide
-und mit Courschleppen versehen, etliche mit dem Reifrock, geschmückt
-mit schweren, goldenen Ketten, die gepuderten Gesichter mit dem roten
-Tupf auf den Wangen unter der hochtoupierten Coiffure in wunderlichsten
-Formen, oder eingerahmt von der Dormeuse, -- sie alle bekamen Leben
-und stiegen herab auf das spiegelblanke Parkett.
-
-Die Herren machten tiefe Verbeugungen zur Begrüßung, die die alten
-Damen mit gnädigem Kopfneigen, die jungen aber mit holdem Erröten und
-zierlichem Knixe erwiderten, worauf sie einander in fröhlicher Erregung
-stumm die Hände schüttelten. Alle aber trugen einen freudigen Zug auf
-den sonst so starren Gesichtern.
-
-Auf den Gängen und Treppen des Wohnhauses im Freihofe aber begann
-ein Summen und Zischeln, ein Wispern und Flüstern; es trippelte und
-huschte treppauf, treppab, und des Kicherns und Ausgelassenseins war
-kein Ende. Die Kecksten der Hausgeisterchen eilten auf den Zehenspitzen
-zu der Tür der Wohnstube. Einer kletterte auf die Schultern eines
-andern und guckte voll Eifer durch das Schlüsselloch. Und wie er den
-Neugierigen herunterrief was er sah, hob das kaum verstummte Kichern
-von neuem an. Sie klatschten in übermütiger Laune in die Hände, und die
-Ausgelassensten schossen Purzelbäume.
-
-Auf dem mit rosigen Blüten übersäten Apfelbaume dicht unter den
-Fenstern der Wohnstube jauchzte und schluchzte eine Nachtigall -- -- --
-
-Und während die beiden Liebenden einander fest umschlungen hielten und
-sich unter Tränen und glückseligem Lächeln die süßesten Schmeichelworte
-zuflüsterten, saß eine alte, verhärmte Mutter zusammengesunken am
-Totenlager ihres Lieblingskindes, die wildhämmernde Stirn auf die
-harte Kante des Sarges gepreßt, die brennenden Augen weit geöffnet, --
-tränenlos. Und sie stammelte mit erstickter Stimme:
-
-»Hab ich’s so recht gemacht, -- mein Sonnenschein?«
-
-
-
-
-15. Kapitel.
-
-
-An dem politischen Himmel waren von neuem schwere Gewitterwolken
-heraufgezogen. Wie ein donnernder Orkan, der alles vor sich
-niederwirft, waren die Wirkungen der kriegerischen Ereignisse des
-letzten Jahres über Deutschland gekommen, und nun türmten sich schon
-wieder neue Ungewitter auf.
-
-Das große Kriegstheater, auf dem sich jüngst so manches blutige
-Schauspiel abgespielt hatte, zitterte in seinen Grundfesten, und wie
-vor zwei Jahren machten die Völker gewaltige Anstrengungen, um sich zu
-dem ungeheuern Kampfe zu rüsten. Eine dumpfe Ahnung schwebte in der
-Luft: es würde der Entscheidungskampf sein, der Befreiungskrieg der
-deutschen Stämme von fremdem, schmachvollem Joch.
-
-Vom Westen her zogen langsam die neugeschaffenen französischen Armeen
-heran. Wohl waren es nicht die kampferprobten, siegesgewohnten
-Kriegsscharen wie bisher; in der Mehrzahl füllten junge Männer die
-Reihen, deren Dienste man früher abgelehnt hatte. Aber der Riesengeist
-des Schlachtenkaisers führte sie, auf dessen zermalmendes Genie seine
-Soldaten blind schworen, und dem gegenüber trotz aller kriegsfreudigen
-Stimmung seine Feinde ihrer Bangigkeit nicht völlig Herr werden konnten.
-
-In Sachsen wogte die Stimmung noch immer auf und nieder. Einig war
-sich das Volk nur in dem Gedanken, daß man von Polen, nach dem der
-König angstvoll ausschaute, nichts wissen wollte. Er und seine Minister
-harrten sehnsüchtig auf die Ankunft Napoleons, während das Volk mit
-klopfendem Herzen über die Grenze sah, wo der preußische Nationalstolz
-wieder erwachte und ein erhebendes Schauspiel anhob.
-
-Hier und da begann auch in Sachsen die Begeisterung emporzuflackern;
-aber das Feuer war matt, man konnte sich kaum die Hände daran wärmen.
-Von der himmelwärts schlagenden Begeisterung, dem Zorn und Rachedurst,
-die in den preußischen Herzen alle Bedenken zum Schweigen brachten,
-war in Sachsen nichts zu spüren. Wohl hatte man nicht die Demütigungen
-erlitten, die Preußens König und Volk auferlegt worden waren. Statt der
-Mißhandlungen hatte das Land Gunstbeweise und Schmeicheleien vom Kaiser
-erfahren. Leider empfanden die weiten Kreise aber nicht, daß Napoleons
-Großmut nichts anderes gewesen war als die Klugheit, sich im Herzen
-Deutschlands die Sympathien eines Volkes zu sichern, um andere deutsche
-Stämme desto ungestörter bekämpfen zu können.
-
-In der Schlacht bei Jena neben Preußen fechtend, hatte sich Kurfürst
-Friedrich August bald darauf Napoleon unterworfen und als Lohn dafür
-die Erhebung zum König freudigen Herzens entgegengenommen. Von diesem
-Augenblick an war Sachsens Herrscher ein willenloses Werkzeug in der
-Hand des Gewaltigen. Er war ihm weniger ergeben aus Dankbarkeit, als
-aus Furcht; und mit seinem König jubelte das Land dem Kaiser zu.
-
-Das Volk entriß sich endlich zuerst dem Taumel; König und Regierung
-aber bewahrten ihre Anhänglichkeit fort. Und als schließlich die
-Staatsmänner die Stimmung im Volke nicht mehr verkennen konnten,
-als sie Scham darüber empfanden, daß nur Sachsen mit Deutschlands
-Feinden wider alle deutschen Stämme stand und ihre Verehrung gegen
-Napoleon sich in Haß kehrte, da blieb der König allein auf der Seite
-seines kaiserlichen Gönners. Selbst als alles verloren war, und die
-aufgelöste französische Armee in wilder Flucht durch die Straßen
-Leipzigs zurückflutete, erklärte der aus seinem Schlupfwinkel im Keller
-herbeigeholte sächsische König dem russischen General Toll mit bleichem
-Gesicht, daß sein hoher Verbündeter Leipzig sicherlich nur deshalb
-verlasse, um mit seiner Armee auf freiem Felde zu manövrieren. --
-
-In Dresden hatte unterdessen der Marschall Davout infolge Sprengens der
-Elbbrücke unter der Bevölkerung maßlose Erbitterung erregt, und der
-Kommandant von Torgau, General Thielmann, war in die russische Armee
-eingetreten, da er die vom König befohlene Auslieferung der Festung an
-die Franzosen als entehrende Schmach empfand.
-
-Noch war Napoleon mit seiner Hauptmacht unterwegs, da wurde dem König
-beim Heranrücken der Russen der Boden seines Landes unter den Füßen
-heiß. Er zog sich nach Regensburg zurück und ging bald darauf nach
-Prag, von wo aus er mit dem Wiener Kabinett Unterhandlungen pflog,
-deren Spitze sich allerdings gegen die Franzosen richtete, und die
-er aus Klugheit eingeleitet hatte, um es nicht mit beiden Teilen zu
-verderben. Da erschien plötzlich der Kaiser in Dresden, nachdem ihm das
-alte Kriegsglück bei Großgörschen wieder gelächelt hatte.
-
-In hellem Zorn entbot er König Friedrich August zu sich. Bei der
-Kunde des Sieges Napoleons brach die mühsam behauptete Fassung
-des Königs zusammen. Er eilte nach seiner Hauptstadt und empfing
-zerknirscht die Vorwürfe des Kaisers. Alle Demütigungen, die Friedrich
-Wilhelm von Preußen erlitten hatte, bedeuteten nichts im Vergleich
-zu der Erniedrigung, der sich Sachsens König in diesen Tagen
-unterwerfen mußte. Aber auch dieses Schicksal war nicht imstande, dem
-dreiundsechzigjährigen König die Augen zu öffnen, sondern vertiefte in
-ihm nur das Gefühl der Unterwürfigkeit vor Napoleon.
-
-Einer von den Männern, die die politische Lauheit ihres Volkes von
-vornherein ergrimmte, und denen die Scham über das unwürdige Gebahren
-von König und Regierung ins Herz brannte, war Konrad Hartmann. Mit
-Freude vernahm er von der gewaltigen Erhebung des preußischen Volks
-und er konnte eine Anwandlung von Neid nicht unterdrücken, wenn er
-diese Begeisterung und Opferwilligkeit mit der schwankenden Haltung
-der breiten Kreise der sächsischen Bevölkerung verglich. Denn aus
-dem menschlichen Hingezogenfühlen zu diesem, den Sachsen durch seine
-unerschrockene Erhebung hohe Achtung einflößenden deutschen Stamme,
-aus den eingebildeten Gefühlen der Dankbarkeit und der Anbetung des
-Genies, der stillen Eitelkeit, daß der von der ganzen Welt bewunderte
-Franzosenkaiser sich offen als Freund des sächsischen Volkes bekannte
-und endlich der gewohnten, alles gutheißenden Ergebenheit zu dem König,
--- aus all diesen widerstreitenden Empfindungen heraus wollte in
-Sachsen noch immer nicht überall die Erkenntnis des wahren Standes der
-Dinge heraufkommen.
-
-Konrad hatte schon mehrfach versucht, gleichgesinnte Männer zu finden.
-Bei Max hatte er zuerst angeklopft, obwohl er von früher her dessen
-Gesinnung kannte. Es war auch diesmal nicht möglich gewesen, den
-Freund für seine Ideen zu gewinnen. Zwar verfolgte Max den Gang der
-Ereignisse mit Aufmerksamkeit, aber dem Plan Konrads, im Stillen
-für eine gewaltige Kundgebung gegen die laue Regierung zu arbeiten,
-konnte er nimmermehr zustimmen. Das aristokratische Gefühl, das er
-mit dem Blut empfangen hatte, beherrschte ihn so stark, daß er jeden
-Plan zu einem Unternehmen, den Entschlüssen der Regierung gewaltsam
-entgegenzutreten, verwarf. Er war nicht umsonst der Nachkomme eines
-Geschlechts, das jahrhundertelang für die Autorität der Staatsregierung
-durch dick und dünn geritten war und dem der Wille des Landesherrn
-allzeit als oberstes Gesetz gegolten hatte. Wenn er auch nicht an die
-Unfehlbarkeit der Monarchen glaubte, so war es nach seiner Überzeugung
-doch besser, wenn sich ein Volk selbst dann, wenn seine Geschicke
-durch die irrige Politik seines Königs drückend wurden, dem Lose
-willig fügte, als durch eigene Versuche eine Änderung der Verhältnisse
-herbeizuführen. Das hohe Gefühl der Verantwortlichkeit gegenüber der
-Vorsehung, die sie eingesetzt, hatte die Herrschenden auf Sachsens
-Thron zu allen Zeiten den richtigen Augenblick erkennen lassen, zu dem
-sie das Steuer des Staatsschiffes wirksam gebrauchen und seinen Kurs
-ändern mußten.
-
-Konrad hatte mit großer Beredtsamkeit auf die vielen Fehler
-hingewiesen, die in den letzten Jahren in Dresden gemacht worden waren,
-ohne daß es seinen Worten gelungen wäre, den Freund umzustimmen.
-
-Dann ging der Rabensteiner zu andern, bei denen er Erhörung hoffte.
-Aber auch hier machten seine Worte keinen großen Eindruck. Des Krieges
-waren sie alle müde, aber sie begriffen es nicht, wie einer so kühn
-sein konnte daran zu denken, daß das Volk einen Einfluß auf die
-Beendigung des Krieges gewinnen könne. Für solche Sachen hatte man ja
-die Regierung. Und wenn diese, die das Elend des Landes sicherlich
-genau kannte, nicht imstande war eine Änderung herbeizuführen, wie
-sollte es dann der einzelne Bauer können?
-
-Drüben in Preußen lag die Sache ja ganz anders. Dort handelte der König
-gemeinsam mit seinen Untertanen.
-
-Und die Sprecher schlugen mit der schwieligen Bauernfaust krachend auf
-den Tisch und schwuren, daß sie nun genug hätten von den ewigen Kriegen
-und daß sie, wenn man nach ihnen riefe, bereit seien, die Blutsauger zu
-Paaren zu treiben, -- freilich müsse man, fügten sie kleinlaut hinzu,
-doch erst abwarten, ob denn der König dies auch so haben wolle.
-
-Mit Ingrimm lachte Konrad diesen Helden dann ins Gesicht und
-versicherte ihnen, daß sie, wenn sie darauf warten wollten, nie im
-Leben ein Schießeisen in die Hände zu nehmen brauchten; die Schrecken
-des Krieges mit seinen Verlusten an Blut und Gut würden dann aber auch
-niemals enden.
-
-Bei den Besitzenden hatte Konrad nichts ausgerichtet. Sie bangten
-vielzusehr um ihre Habe und hätten sich ihr Eigentum eher stückweise
-unter den Händen wegreißen lassen, als sich dazu aufzuraffen, dem
-unersättlichen Angreifer entschlossen entgegenzutreten.
-
-Hierauf ging der Unermüdliche zu den Besitzlosen, zu denen, die um ihr
-tägliches Brot hart arbeiteten. Denn auch diese litten schwer unter
-den Kriegszeiten. Er sprach von der mit Füßen getretenen Ehre des
-Volks. Das verstanden sie nicht. Dann erzählte er, wie schön es doch
-wäre, wenn die Franzosen das Land verließen und nicht wiederkehrten.
-Das gefiel ihnen. Zuletzt malte er die Segnungen gedeihlicher
-Friedensarbeit aus. Wie das arg verwüstete Land wieder aufblühen würde,
-der Wohlstand zurückkehre und auch für sie wieder bessere Zeiten
-anbrechen müßten. Da schmunzelten die also Angesprochenen, hielten
-den Pflug an, oder machten den krummen Rücken gerade und stellten den
-Fuß auf den Spaten und erkundigten sich, ob der Mittelknecht dann
-wieder dreißig Taler bekäme statt der zwanzig wie jetzt, und ob das
-Besserwerden schon von der nächsten Woche ab losgehe, oder wann sonst.
-Wenn die Franzosen gingen. -- Ob die bald gingen? -- Die gehen nicht
-von selbst, wir müssen sie zum Lande hinauswerfen. -- Staunen! -- Aber
-ihr Kaiser, der Napoleon, was mit dem werden solle? -- Der muß mitsamt
-seinem Heere fortgejagt werden. -- --
-
-Da wurden die Gesichter lang und länger, und mitleidige Blicke trafen
-Konrad. Schade um ihn! Der Rabensteiner war bisher ein Mann gewesen,
-vor dem man Achtung haben mußte, weil er alle Dinge kannte; aber jetzt
-war es aus mit ihm. Er hatte immerfort in dicken Büchern gelesen und
-sich dabei überstudiert. So war er, der Alleswissende, im Kopfe schwach
-geworden und sah den Mond für ein Käsekäulchen an. Und mit lautem hüh
-wurden die Gäule wieder angetrieben, daß der scharfe Zahn des Pfluges
-das Erdreich von neuem aufriß, und das Grabscheit stichelte fleißig
-weiter, um die nutzlos geopferte Zeit wieder einzuholen.
-
-So erging es Konrad überall. Ob Herr, ob Knecht, der Gesichtskreis
-beider hörte unmittelbar hinter den Abschlußrainen ihrer Wiesen und
-Felder auf, und mit hartnäckigem Bauernstarrsinn horchten sie an seinen
-Worten vorbei.
-
-Nun lief Konrad auf die Nachbardörfer wo er einen Gleichgesinnten
-wußte, vielleicht hatte dieser mehr Erfolg. Aber er erlebte eine
-Enttäuschung über die andere. Überall wo er fragte, vernahm er dieselbe
-Antwort: es ist unmöglich, die Leute für die Sache zu gewinnen.
-
-Da reifte, gleichsam wie das Weizenkorn in der Erde unter den
-belebenden Strahlen der Frühlingssonne, zwischen den bittern Gefühlen
-über die Gleichgültigkeit und Stumpfheit seiner Landsleute und dem
-die Brust beengenden Haß gegen die Bedrücker, in der Seele des jungen
-Mannes langsam der Entschluß, die Sorge für seinen Hof der Mutter
-allein zu überlassen und in das preußische Heer als Freiwilliger
-einzutreten.
-
-Die Ausführung dieses Planes sollte aber sobald nicht verwirklicht
-werden. Konrads Mutter wurde von einer tückischen Krankheit hart
-darniedergeworfen und rang während mehrerer Wochen mit dem Tode. Und
-als endlich die Gefahr für ihr Leben vorüber war, genas sie sehr
-langsam, und Konrad mußte während dieser ganzen Zeit so angestrengt
-schaffen, daß er sich nicht wenig verwunderte, wieviel Arbeit seine
-Mutter doch bisher still verrichtet hatte.
-
-Der Sommer des Jahres 1813 ging ins Land. Die für Napoleon siegreichen
-Schlachten bei Bautzen und Dresden wurden geschlagen und stärkten
-seinen Kriegsruhm von neuem. Fast zur gleichen Zeit aber wurden die
-hervorragendsten Generale des Kaisers von preußischen Armeen besiegt,
-so daß die zuversichtliche Stimmung in den Reihen der Franzosen arg
-litt, während die Siegeshoffnung der Verbündeten immer mehr wuchs.
-
-Aus allen Teilen des sächsischen Landes kamen jetzt Nachrichten
-über Sympathiekundgebungen für die verbündeten Truppen. In Dresden
-wurden die Stimmen, die noch für den Kaiser waren, niedergeschrieen,
-und mit Frohlocken sprach man die Tatsache weiter, daß eine ganze
-Anzahl Leipziger Studenten als Freiwillige zu den preußischen Fahnen
-geeilt sei. Napoleons Zorn wandte sich deshalb gegen diese verhaßte
-Stadt. Er legte ihr eine Brandschatzung auf und erklärte sie in
-Belagerungszustand.
-
-Für den König aber und seine Minister schien die wachsende Begeisterung
-im Lande überhaupt nicht zu bestehen. Mehr den je fand Friedrich August
-das Verhältnis zu Napoleon natürlich und heilbringend für sich und
-sein geprüftes Volk. Den niedrigsten Tiefstand von Entfremdetsein mit
-den Ereignissen dieser bedeutungsvollen Tage aber erreichten Sachsens
-Regierende um die Mitte des Monats August.
-
-In unglaublicher Verblendung wurde nämlich der General von Gersdorff
-beauftragt, dem Kaiser eine Note zu überreichen, worin der König bat,
-die von Napoleon schon in Aussicht gestellte Gebietsvergrößerung
-Sachsens um 500000 Seelen ihm beim Friedensschlusse mit den besiegten
-Preußen und Russen dergestalt zu gewähren, daß ein Teil Schlesiens mit
-Sprottau und der Festung Glogau an Sachsen falle, um eine unmittelbare
-Verbindung mit dem Herzogtum Warschau herzustellen. Und selbst dann
-war der suggestive Einfluß Napoleons auf den König von Sachsen noch
-ebenso gewaltig, als die Niederlagen der Franzosen bei Großbeeren, Kulm
-und Dennewitz in den Straßen der sächsischen Hauptstadt ausgerufen
-wurden und der Jubel der Bevölkerung das düstere Schloß der Wettiner
-umtoste.
-
-In den größeren Städten des Landes bekannte man sich jetzt offen für
-die Verbündeten, und als in der Nacht zum 23. September der Major von
-Bünau mit einem sächsischen Bataillon König bei Oranienbaum zu den
-Preußen überging, schwoll die Abneigung gegen die Franzosen so an, daß
-die Wogen der Begeisterung über die Ufer hinausrollten und sich bis
-in die kleinsten Ortschaften des Landes ergossen. Mit Wut sah man auf
-die Ausschreitungen einzelner schlecht in der Mannszucht stehenden
-französischen Regimenter und bemerkte mit Freude, daß die Anzahl ihrer
-Fahnenflüchtigen wuchs, die in hellen Haufen dem Rheine zuwanderten.
-
-Konrad war unterdessen nicht müßig gewesen. Er hatte nicht
-nachgelassen, für den Eintritt in preußische Dienste Stimmung zu
-machen, und seinen unermüdlichen Anstrengungen war es zuletzt gelungen,
-im Dorfe ein paar Gesinnungsverwandte zu finden.
-
- * * * * *
-
-Auf dem Freihofe war es in diesem Sommer ziemlich still zugegangen,
-denn es war ja noch immer Trauer im Hause. Die Ernte war zwar
-gut gewesen, aber man hatte nicht viel davon hereingebracht. Die
-wiederholten Truppendurchzüge, mit denen die Gegend vom Tage von
-Großgörschen ab überschwemmt wurde, hatten viel davon aufgezehrt.
-Fast den ganzen Hafer hatte Max, gerade als er sich goldig färbte, an
-französische Reiterregimenter auf dem Halme verkaufen müssen. Nicht
-viel anders war es ihm mit dem Roggen gegangen, von dem er in diesem
-Jahre so viel besaß, und den Weizen hatte er schon im Frühjahr einem
-der herumreisenden Regierungsagenten versprochen, der ihn bei jeder
-Begegnung obendrein an die in Aussicht gestellten zweitausend Scheffel
-Kartoffeln erinnerte.
-
-Von allen Seiten war mit gutem Gelde bezahlt worden, auch von den
-Franzosen. Später aber gaben diese nur noch Anweisungen auf die
-Regierungskasse in Leipzig, die kaum imstande war, alle Anforderungen
-zu befriedigen. Zuletzt kamen auch Einbußen. Die Einquartierungen
-wollten nicht enden, und die französischen Kommissare feilschten um
-das Vieh wie die schlimmsten Juden, und man mußte höllisch aufpassen,
-daß mit der schlecht bezahlten Kuh nicht auch das Kalb aus dem Stalle
-verschwand. Das Federvieh konnte nicht mehr herausgelassen werden. Wenn
-man den Rücken wandte, streckten sich sechs Hände zugleich nach der
-dürrsten Henne aus. Die französischen Soldaten waren oft betrunken und
-begingen dann Ausschreitungen.
-
-Als Max eines Abends in den durch eine Lampe notdürftig erleuchteten,
-kleinen Rinderstall trat, kam er gerade zur rechten Zeit, um eine
-sich heftig sträubende Magd aus den Armen eines hochgewachsenen
-französischen Korporals zu befreien. Wie ein Vampyr hing der Kerl an
-dem zitternden Mädchen, das ihn nicht abschütteln konnte, obwohl es die
-ganze Kraft seiner starken Arme aufs äußerste anspannte. In zornigem
-Tone herrschte Max den Franzosen an, worauf dieser, ohne das Mädchen
-aus den Armen zu lassen und erzürnt ob der Störung, ihn frech musterte.
-Da überkam den jungen Gutsherrn vom Freihofe ein gesunder Zorn. Mit
-einem langen Schritte trat er hinzu, faßte den Soldaten mit der Faust
-am Rockkragen, riß ihn vom Mädchen weg, schüttelte ihn wie eine Katze
-ein paar mal hin und her, daß dem liebestrotzenden Marssohne Hören und
-Sehen verging und warf ihn dann mit solcher Kraft gegen die Stalltür,
-daß deren Zapfen sich in der Mauer lösten, und er im Verein mit dem
-obendrein zersplitternden, alten Holzgitter prasselnd hinaus auf den
-Hof flog.
-
-Die Freihoferin war seit Elisabeths Tode noch wortkarger geworden.
-Um die Wirtschaft kümmerte sie sich nicht mehr sonderlich viel. Am
-liebsten saß sie in der großen Stube am hintern Fenster und sah hinaus
-im den Obstgarten. Dort konnte sie lange sinnen und schweigsam den Ort
-betrachten, wo Elisabeth als Kind immer gespielt hatte.
-
-Maria kam täglich zu ihr. Mit dem feinen Takte, den man in hohem Grade
-bei edeln Frauen findet, hatte sie jeden Zärtlichkeitsbeweis der
-Mutter ihres Verlobten gegenüber unterlassen. Die Nichte war ihrer
-Tante vom ersten Tage ab mit ruhiger Sicherheit begegnet, als wenn sie
-schon seit Jahren um sie herum wäre. Nichts erschien ihr auffällig
-und ohne sich in der Ausführung ihrer Dienste zu übereilen, war sie
-voll Aufmerksamkeit bemüht, die Wünsche der Greisin von ihrem Gesicht
-abzulesen, das freilich nur wenig von dem verriet, was in ihrem Innern
-vorging. Das zurückhaltende Benehmen Marias gefiel der Freihoferin.
-In kurzer Zeit hatte ihr scharfer Verstand das Wesen der jungen
-Nichte erkannt, und mit geheimem Entzücken entdeckte sie neben den
-herrlichsten weiblichen Tugenden ein Herz voll Liebe, das auch für sie
-schlug. Und als eines Abends Maria vor der Greisin stand, um Abschied
-zu nehmen, fühlte die feine, weiße Hand, die sonst nur flüchtig in der
-von vielen blauen Adern durchzogenen geruht hatte, sich festgehalten.
-Langsam erhob sich die Greisin vom Stuhle, weidete sich ein paar
-Augenblicke mit Entzücken an der Schönheit des in großer Verwirrung
-errötenden Mädchens und zog es endlich an die Brust und küßte es
-wiederholt. Da öffnete sich die Tür, und unbemerkt von beiden erschien
-Max auf der Schwelle, um seine Braut abzuholen, damit er sie, wie
-allabendlich, über die Wiesen begleite. Ein Sekunde lang schaute er mit
-großen Augen auf die Gruppe, dann verließ er leise wieder das Zimmer.
-
-Von diesem Tage ab erschien die Freihoferin den Leuten getrösteter.
-Der herbe Leidenszug war von ihrem Gesicht verschwunden und hatte dem
-Ausdruck eines geklärten Schmerzes, wie der Mensch ihn zur Schau trägt,
-wenn er sich mit Würde in sein Schicksal zu finden weiß, Raum gegeben.
-Nun ging sie auch wieder öfters als in den letzten Wochen über den Hof,
-hinüber nach den Scheunen und Ställen. Aber ihr Gang war nicht mehr so
-sicher wie bisher, und das spärliche, glattgestrichene Haar, das noch
-vor wenigen Jahren tiefschwarz war, lag auf dem Kopfe wie in mattem
-Silberglanze leuchtende Seide.
-
-Die Hochzeit der jungen Leute sollte nach der Ernte sein. Die
-Vorbereitungen hierzu wurden auf das eifrigste betrieben, als sie ganz
-unerwartet jäh unterbrochen werden mußten: Marias Vater erlitt einen
-Schlaganfall, der den alten Herrn todkrank machte. Seine kräftige Natur
-raffte sich jedoch bald wieder auf, als der Anfall sich wiederholte und
-er ihm erlag. Marias Schmerz war zum Herzbrechen, und erschüttert stand
-Max an der Leiche des teuern Toten, der ihm mit väterlicher Liebe und
-Güte zugetan gewesen war.
-
-Wie bei Elisabeth war die Freihoferin von dem Krankenbette nicht
-gewichen, und in den letzten lichten Stunden des Verstorbenen hatten
-sich die beiden alten Menschen gefunden, und die Aussöhnung, die nach
-der Verlobung stattgefunden hatte, war im innersten Herzen besiegelt
-worden. Mit fester Stimme segnete der Freiherr die Kinder. Darauf
-wandte er sich an die Greisin, die mit ineinandergeschlungenen Händen,
-den Kopf auf die Brust geneigt, wortlos am Bette stand. Der Sterbende
-griff nach ihrer Hand und zog die vom Schmerze, dem keine Worte
-Ausdruck geben können, Überwältigte sanft an sich. Da versagte der
-Freihoferin die Kraft. Ihre Knie beugten sich, und langsam sank sie
-neben dem Bette nieder und barg das Haupt in den Händen. Als aber die
-tastende, zitternde Hand sanft über ihr welkes Antlitz strich, wehrte
-ihr die Greisin, und aus den Händen heraus klang ihre bebende Stimme:
-
-»Arnold, ich verdiene Deine Liebe und Güte nicht, ich, die Dir im Leben
-so schweres Herzeleid zugefügt hat.«
-
-Der alte Mann aber sprach mild:
-
-»Die bösen Zeiten sind vorüber, Constanze; möge die Erinnerung an sie
-recht bald in das graue Meer der Vergessenheit hinabsinken. Ich nehme
-alle Schuld, die begangen worden ist, mit ins Grab und das, was ich
-zurücklasse, sei Liebe und Frieden. Ein starkes Geschlecht mag aus der
-Vereinigung unserer Kinder erwachsen, und auf immerdar sollen unsere
-Familien unauflösbar miteinander verschmolzen sein. Dir aber, wünsche
-ich, mögen die Kinder Deinen Lebensabend sonnig gestalten, denn Du hast
-ja am meisten gelitten.«
-
-Darauf entgegnete die Freihoferin nichts, aber sie küßte wiederholt und
-voll Inbrunst die Hand des Sterbenden.
-
-
-
-
-16. Kapitel.
-
-
-Es war an einem Septembertage, als Konrad Hartmann Max mit seinem
-Besuche überraschte. Die beiden Freunde hatten sich in der letzten Zeit
-selten gesehen. Konrad hatte nicht aufgehört, die franzosenfeindliche
-Stimmung in alle Häuser zu tragen und war seiner Aufgabe mit einem
-solchen Eifer nachgekommen, daß ihm keine freie Minute übrig blieb. Max
-war tagsüber in der Wirtschaft stark in Anspruch genommen gewesen, in
-den übrigen Stunden aber hatte er das Haus selten verlassen.
-
-Zu dem kleinen Kreise, den er mit der Mutter und Maria bildete, hatte
-sich als viertes Mitglied Marias wiedergenesene Tante hinzugesellt,
-die bis zur Hochzeit und Übersiedlung Marias nach dem Freihofe auf dem
-Weißen Schlosse das Zepter führte.
-
-Nach Bauernart sprach Konrad, ehe er mit dem herausrückte was ihn
-hergeführt, erst vom Wetter, dann von der Ernte und davon, daß die
-Rüben im vorigen Jahre viel besser standen als heuer. Dann kam das Vieh
-an die Reihe, bis er plötzlich mitten in der Rede abriß und scheinbar
-harmlos hinwarf:
-
-»Anfang Oktober gehe ich fort und schließe mich den Preußen an.«
-
-Konrad war während der Unterhaltung unruhig in der Stube auf- und
-abgegangen, während Max am Tische saß und durch das Fenster das
-Anspannen zweier Pferde auf dem Hofe beobachtete.
-
-Als Konrad geendet, fuhr Max herum und ließ seine Augen forschend auf
-dem Gesicht des Freundes ruhen, gleichsam um dessen geheimste Gedanken
-zu erraten. Und je länger er ihn betrachtete, je überzeugender kam
-ihm die Gewißheit, daß der Freund seine Worte in unerschütterlichem
-Ernste gesprochen hatte. Aber es war ihm nicht möglich, sich mit dem
-Gedanken so schnell vertraut zu machen, daß Konrad wirklich schweren
-Kriegsdienst tun solle. Mit ungläubigen Blicken, beinahe lächelnd,
-betrachtete er die schwache Gestalt des Freundes, und noch nie war ihm
-dessen Wuchs so knabenhaft erschienen als in diesem Augenblick. Da
-begegneten Konrads Augen den seinigen, und blitzschnell verstand dieser
-die stumme Sprache, die sie führten.
-
-Eine heftige Blutwelle schoß ihm in das Gesicht, und es dauerte eine
-kurze Weile, bevor er sprechen konnte. Und dann hatte die sonst so
-sichere Stimme allen Klang verloren und zitterte leise und verriet die
-tiefe Bewegung ihres Besitzers.
-
-»Max, glaubst Du, daß sie mich zurückweisen, wenn ich mich bei der
-Armee der Verbündeten als Freiwilliger melde?«
-
-Max hatte eine leichte Entgegnung auf den Lippen. Da kam ihm der noch
-nie gehörte Ton zum Bewußtsein und er fühlte die Augen des Freundes in
-qualvoller Unruhe auf sich gerichtet, als wenn von seinem Spruche das
-Gelingen des Planes abhinge. Da erschrak er bei dem Gedanken, daß er
-eben im Begriff gewesen war, Konrad wehzutun. Es war bei ihm ja auch
-weniger der Zweifel in die Tüchtigkeit des Freundes zum Waffentragen
-als vielmehr sein zäher Widerspruch gegen alle Unternehmungen des
-sächsischen Volkes die darauf hinausgingen, sich gegen die Politik der
-Regierung aufzulehnen.
-
-Deshalb sagte er begütigend:
-
-»In den preußischen Regimentern wird bei dem Strome von
-Kriegsfreiwilligen jeden Alters sich ganz bestimmt eine große Anzahl
-solcher befinden, deren schwacher Körper obendrein an schwere Arbeit
-nicht gewöhnt ist.« Und als er sah, wie die Besorgnis aus dem Gesichte
-Konrads zu weichen begann, setzte Max hinzu:
-
-»Deine außergewöhnliche Gewandtheit zu Pferde wird man ja bald
-erkennen, und Du kannst sicher sein, daß sie Dir vortreffliche Dienste
-leisten wird.«
-
-»Gebe Gott, daß Du recht hast,« antwortete Konrad, »denn ich
-beabsichtige, mich um die Aufnahme in ein Husarenregiment zu bewerben.
-Aber Max, nur um Dir dies zu erzählen, bin ich nicht hierhergekommen;
--- ich kann es noch immer nicht glauben, daß Du zurückbleiben könntest,
-wenn Du uns gehen siehst.«
-
-Da wandte Max das Gesicht erneut zu Konrad und sagte mit schlecht
-verbissenem Lächeln:
-
-»Soll ich mich mit meinem Körpergewicht von dritthalb Zentnern etwa
-auch für ein Husarenregiment einschreiben lassen?«
-
-»Keine Scherze, Max,« bat Konrad, der seine ganze Sicherheit
-wiedergewonnen hatte, »die Zeit ist zu ernst zum scherzen. Wenn mich
-nicht so feste Bande an Dich fesselten, würde ich nicht hier stehen und
-noch einmal versuchen, Dich zum Mitgehen zu bewegen.
-
-Du wünschest sehnlichst friedliche Zeiten herbei. Gut, das weiß ich,
-aber glaubst du vielleicht, daß der Frieden kommt, wenn die Regierungen
-einzelner deutschen Staaten sich darin überbieten, dem fremden Eroberer
-zu lobhudeln, anstatt dem Beispiele ihrer Bruderstämme zu folgen, bei
-denen einsichtsvolle und beherzte Männer die lange genug am Boden
-schleifenden Zügel des in toller Fahrt dahinjagenden Staatskarrens mit
-Verachtung der Gefahr in die Höhe reißen?«
-
-Max war während der Worte des Freundes ernst geworden. Jetzt antwortete
-er:
-
-»Dein leicht erregbares Blut spielt Dir einen Streich, Konrad. Du
-siehst nicht die Steine, die am Wege liegen, bis Du ihre scharfen
-Kanten spürst und Dir die Füße an ihnen wundgestoßen hast. Wir Sachsen
-haben immer mit dem besten Erfolge die Geschicke des Landes in die
-Hände unserer Fürsten gelegt. Ob die abwartende Haltung des Königs und
-der Minister uns nicht doch noch zum Segen gereicht, wissen wir heute
-nicht. Ruft uns die Stimme des Königs gegen Napoleon, dann wird ihm von
-seinem Volke dieselbe Hingebung zuteil, wie sie Friedrich Wilhelm von
-seinen Untertanen empfängt. Aber gegen den Willen des Königs darf sich
-ein Volk erst dann auflehnen, wenn es sich überzeugt hat, daß seine
-Existenz bedroht ist, oder daß es schweren Schaden erlitte, wenn die
-eingeschlagene Straße weiter verfolgt würde.«
-
-Bis hierher hatte Konrad an sich gehalten, jetzt brach er los:
-
-»Wie weit willst Du denn die Probe ausdehnen? Wann ist für Dich der
-gegebene Augenblick gekommen, zu dem die Nation eine Abkehr von der
-Politik des Landesherrn mit Recht fordern darf? Sieh Dich um, Max!
-Aus allen Teilen des Landes des langmütigen Sachsenvolkes kommen
-Nachrichten von heftigen Einsprüchen gegen die Stellung der Regierung.
-Das ist der sich erhebende Sturm, der vor dem Hereinbrechen des
-Gewitters über die Fluren braust. Nur zu lange haben wir der Führung
-blind vertraut; jetzt schrecken wir auf und sehen mit Entsetzen, daß
-dicht vor unsern Füßen ein tiefer Abgrund gähnt. Wie kannst Du noch
-von den heiligen Untertanenpflichten gegen den König sprechen, wenn
-dieser uns von der Höhe des Ansehens und der Achtung, die wir bei
-unsern Nachbarn genossen, tief hinabgeführt hat in Niederungen, wohin
-uns nichts als höhnische Zurufe und verächtliche Blicke begleiteten.
-Unser Land ist ausgesogen und dem Ruin nahegebracht, und seine besten
-Söhne liegen ruhmlos in fremder Erde oder kämpfen schimpflich gegen
-die heldenmütigen Verteidiger deutscher Ehre und deutschen Bodens.
-Unaussprechlicher Jammer ist in die Wohnungen unseres guten Volkes
-eingekehrt; Armut schwingt die Geißel, und Not und Sorge hocken am Herd
-und blasen die spärlichen Feuer aus. Dafür lodern aber die gefräßigen
-Flammen anderwärts hell auf: zwanzig Dörfer brannten zwischen
-Königswartha und Görlitz in den Tagen, wo um Bautzen gekämpft wurde,
-und ihr blutigroter Schein am Nachthimmel leuchtete den Entmenschten,
-die sich Freunde unseres Landes nennen, als sie den Bauern das
-letzte Stück Vieh aus den Händen rissen, das ihm von dem in Trümmern
-liegenden Besitz seiner Väter geblieben war. Die schlimmsten Gräuel
-des dreißigjährigen Krieges steigen wieder herauf wenn man vernimmt,
-daß Tausende von Bauern aus den niedergebrannten Dörfern in die Wälder
-flüchten mußten, um das nackte Leben zu retten. Und wenn am Sonntag
-die geängstigten und schwergeprüften Landleute sich in den Kirchen
-wiederfinden, dann müssen sie vernehmen, wie von den Kanzeln herab der
-Segen des Allmächtigen für die Waffen des _Beschützers_ des Landes
-erfleht wird. Max, ich sage Dir, hüte Dich, daß Du aus Liebe und Treue
-gegen den König nicht zum Verräter an Deinem Volke wirst!«
-
-Hier schwieg Konrad, um den Freund sprechen zu lassen. Der aber
-antwortete nicht. Wie eine Bildsäule saß er im Stuhle und starrte vor
-sich nieder.
-
-»Jahrhundertelang,« fuhr Konrad bitter fort, »lagen die deutschen
-Stämme gegen einander in Streit, wie die Nachkommen einer Mutter, die
-sich gegenseitig verderben. Einer gewaltigen Arena glich das deutsche
-Land, und die Völker Europas saßen auf den Stufen und schauten mit
-vergnügten Mienen auf die Kämpfenden. Zu allen Zeiten wurde ein Grund
-gefunden, der es ermöglichte, daß man eine lange Reihe von Jahren
-gedeihlichen Friedens vermeiden konnte. Krieg und Verwüstung war die
-Losung! Heute verlangt es der König, daß in der großen Zeit einer
-einmütigen Erhebung gegen die Feinde Deutschlands sein Volk die Waffen
-gegen die befreundeten Nachbarn erhebe, um den Blutdurst des Anführers
-eines jahrhundertealten Feindes allen Deutschtums zu stillen. So
-vertilgen wir einander mit Ingrimm selbst, bis endlich an den Ufern der
-deutschen Ströme fremde Laute erklingen und fremde Sitten gepflegt
-werden, und man von uns sprechen wird, wie von einer untergegangenen
-Stadt; -- -- ein neues Glied im Totentanze der Völker! Heute helfen
-wir unsere Stammesbrüder niederwerfen und sehen in unbegreiflicher
-Verblendung nicht voraus, daß sich der Fuß des Siegers auch seinem
-Helfer auf den Nacken setzen wird.
-
-Was wirst Du einstmals empfinden, Max, wenn Du siehst, wie Deine
-Töchter mit niedergeschlagenen Augen Unfreien zum Altare folgen! Und
-was wirst Du antworten, wenn sich Dein Sohn mit blitzenden Augen vor
-Dich hinstellt und fragt: Vater, ist es wahr, daß es einstens welche
-gegeben hat, die die große Sache mit kleinlichen Bedenken bekämpften,
-bis es zu spät war? Und das sage ich Dir, Max, Kinder sind zuweilen
-unerbittlich strenge Richter für die Taten ihrer Väter!«
-
-Max hatte während der ganzen Rede Konrads stillgeschwiegen. Auch jetzt,
-nachdem dieser geendet, blieb er stumm sitzen, den mächtigen Oberkörper
-fast auf dem Tische liegend und mit beiden Ellbogen stützend. Ein paar
-Sekunden verstrichen, ohne daß einer der beiden Männer ein Wort sprach.
-Da endlich unterbrach Max das Schweigen und fast wie im Selbstgespräch
-sagte er mit halblauter Stimme, die gezwungen ruhig klang:
-
-»Ich kann es keinem erlauben zu behaupten, daß ich ihm nachstünde in
-der Liebe zu meinem Volk und meinem Vaterlande. Ich habe es bereits
-ausgesprochen, daß ich bereit bin, zum richtigen Zeitpunkt mein Leben
-in die Schanze zu schlagen. Bis dahin bin ich bemüht, das Elend und
-die Not meiner Mitmenschen zu mildern, soweit es in meiner Macht
-steht -- --«
-
-»Max,« unterbrach hier Konrad ungeduldig, »verzeihe mir, wenn ich Dich
-verletze. Aber auch Du hast, wie so viele andere, in den Augenblicken
-der höchsten Not nichts als Worte. Das Vaterland liegt auf den
-Tod darnieder und krümmt sich unter den schweren Schlägen, die es
-erschüttern. Einige Wenige nur sind es, die ihm beispringen, die großen
-Massen aber stehen dumpfbrütend zur Seite und lassen es verbluten. Daß
-Du für die Schwachen, für die Frauen und Kinder Deinen Leib einsetzen
-würdest, glaube ich Dir, denn nur ein Hundsfott handelt anders. Aber
-wenn je, dann ist es jetzt Zeit, den Worten Taten folgen zu lassen,
-heraus mit der Plempe, wer gut sächsisch denkt, auf daß wir nicht mehr
-das Gespött von Millionen guter Deutschen bilden. Wer jetzt, in den
-Tagen der großen Wehen noch lau ist, auf den wird einst das kommende
-Geschlecht mit Fingern zeigen.«
-
-Da machte der breit am Tisch sitzende Mann eine plötzliche Bewegung,
-erhob sich und ging mit dröhnenden Schritten auf den Sprechenden zu,
-bis er dicht vor ihm stand. Sein Gesicht war gerötet, und seine breite
-Brust erzitterte unter den schweren Atemstößen.
-
-»Konrad,« stieß er hervor, und bezwang seine große Erregung, daß er
-nicht laut aufschrie, »bedenke, was Du sprichst? Du führest große Worte
-im Munde; hüte Dich, daß die Wogen, die Du aufpeitschest, nicht über
-Deinem Kopfe zusammenschlagen. Es klingt ein brausender Klang durch
-Deine Rede, aber es wäre entsetzlich, wenn den, der sich begeistern
-ließe, nur ein Trugbild narrte. Welche Schuld können die Männer auf
-sich laden, die einen großen Sturm im Lande entfachen! Der Kaiser
-würde, wenn es ihm gelänge, die Heere seiner Gegner niederzuwerfen,
-unser Land grausam strafen. Edler Freiheitsdrang und kühner Wagemut
-würden tiefste Demütigung gebären, und die dem Volke auferlegten Opfer
-müßten alles bisher Erlittene weit übertreffen. Die einmal entfesselten
-Gewalten sind nicht mehr niederzuhalten. Sind erst die Leidenschaften
-geweckt, dann sind die Menschen blind und wüten, wenn der Plan
-fehlschlägt, gegeneinander, sich selbst zerfleischend.«
-
-»Still, still,« fiel Konrad dem Freund in die Rede, »du bist im Irrtum,
-wenn Du glaubst, daß ich jetzt noch für eine lärmende Erhebung gegen
-die in unseres Volkes Mitte weilenden Zwingscharen Stimmung machen
-wolle. Ich will, wie ich Dir schon sagte, mich dem preußischen Heere
-anschließen und versuchen, noch eine Anzahl warmherziger Männer für
-diesen Plan zu gewinnen. Und so, wolle es Gott, möge man in vielen
-andern sächsischen Ortschaften auch denken. Aber ohne Lärm muß dies
-geschehen, sonst wird unser Vorhaben vereitelt, denn wir sind rings von
-Spionen umgeben, die der uns Sachsen längst nicht mehr trauende Kaiser
-unterhält. Du befürchtest, daß die Armeen der Verbündeten den Franzosen
-zuletzt wieder unterliegen müßten? O, Du Kleingläubiger! Komm, zieh mit
-uns und hilf die Reihen der deutschen Streiter vergrößern, auf jedes
-Mannes Faust und Auge kommt es an. Die unerschütterliche Zuversicht
-aber laß in Deine Seele einziehen: Männer von dem unbeugsamen Willen
-zu siegen oder zu sterben, wie sie den wallenden schwarzweißen Fahnen
-nachfolgen, können wohl geschlagen, nie aber besiegt werden, denn sie
-kämpfen ja alle für ihre verlorenen höchsten Güter. Gebiete deshalb
-der beschwichtigenden Stimme in Deinem Busen Schweigen, sie will
-Dir den Mannesmut ersticken! Du milderst Elend und Not, die um dich
-herum grinsen? Gewiß, das tust Du, und das habt Ihr Tiefenbachs im
-Verborgenen immer getan. Ja, Du tust noch mehr! Dein nüchtern denkender
-Kopf hat schon manchen glücklichen Ausweg gefunden, und Dein Rat
-wird von jedermann hoch geschätzt. Keine Mühe verdrießt Dich, wenn
-es gilt, das Gemeinwohl im Dorfe zu fördern. So verleihen Dir Herz
-und Verstand Eigenschaften, daß Du Dich trotz Deiner jungen Jahre wie
-keiner sonst großen Ansehens erfreust, weit in der Landschaft. Aber ist
-das das Höchste, mit dem Nächsten das Brot teilen und ihm, wenn er in
-Bedrängnis, mit gutem Rat zur Seite stehen? Dazu bedarf es doch keiner
-hohen Eigenschaften! Dein Ziel muß weiter draußen liegen.
-
-Ich will Dir sagen, Max, was besser ist als treu mit dem Volke die
-Straße dahinziehen: Du mußt es führen! Dein Blick soll weithinaus
-schauen. Wo steinigte Abhänge und fruchtbare Täler liegen, mußt
-Du wissen, Gefilde, die die belebenden Sonnenstrahlen täglich
-umschmeicheln und verlorene Plätze, wo kalte Nebel ziehen und schwere
-Stürme jahraus jahrein daheim sind, dürfen Dir nicht verborgen sein!
-Dort, wohin heute die Deinen gelangen, mußt Du schon gestern geweilt
-haben, und wenn ihr Zug am Kreuzweg ankommt, betrittst Du als erster
-den richtigen Pfad, der nach Deinen besten menschlichen Erwägungen
-von den Dir Hinterdreinziehenden zu ihrem Heile begangen wird. Stell’
-Dich darum jetzt an unsere Spitze, denn Du bist unser geborener
-Führer. Laß Deine Beredtsamkeit auf die Männer wirken und reiße die
-Zögernden durch Dein Beispiel mit fort. Schwing Dich hoch hinauf,
-betrachte von den Zinnen der Geschichte die Völkerstraßen und urteile
-dann, ob Entschlossenheit und Draufgehen oder Ergebenheit und täglich
-erneutes Weiterquälen für das Heil eines Volkes besser sind. Der
-gemeine Mann ist zaghaft und beschränkt, er betrachtet jedes Abweichen
-vom Althergebrachten als einen Sprung ins Dunkle und berechnet die
-Möglichkeit des Wachsens oder Verminderns seines Besitzes an den
-zitternden Fingern, indem er den Gewinn mit eins, den Verlust aber mit
-vier multipliziert. Lehre Du ihn, daß es Augenblicke gibt, in denen man
-sein Leben und die gesamte Habe auf das kippende Brett setzen muß, und
-daß zu allen Zeiten diejenigen Völker aus Wirbelwind und Wogen endlich
-ihre Schiffe in sturmfreies Wasser brachten, die mit Verachtung der
-Totesnöte das Erz des Kieles durch Flut und Brandung hindurchtrieben.
-Mag auch die Wimper zucken und die nervigste Faust zittern, -- den
-hohen Einsatz lohnt der hohe Gewinn!«
-
-Konrad hielt einen Augenblick inne und neigte seinen Kopf vor, als wenn
-er etwas Geheimnisvolles zu sagen habe. Dann fuhr er mit veränderter
-Stimme, die Worte abreißend, hastig fort:
-
-»Darum handle, Max, ehe es zu spät ist! Mir folgen ihrer sechs, nicht
-mehr, Dir alle. Dein Einfluß ist gewaltig, der meinige schwach. Der
-Rabensteiner mit seiner Hundehütte von Hof kann schon etwas wagen,
-sagen sie. Geh, zeige ihnen, daß Du, der Freihofer, der größte Bauer
-weit in der Runde, Deinen Hof im Stiche läßt, um des Vaterlandes
-willen. Lehre den Starrköpfen, daß die höchsten Ziele eines Volkes
-nichts zu tun haben mit der kleinlichen Sorge um Nahrung für Weib und
-Kind für den nächsten Tag. Rüttle sie auf und stachle schonungslos
-ihren Ehrgeiz an, auf daß in ihren Herzen die edelsten Mannestugenden
-wach werden und sie sich darauf besinnen, daß ein tatenloses Volk
-in Ketten sich aus den abscheulichsten Kreaturen unter der Sonne
-zusammensetzt. Geh in die Häuser und zwinge die Männer unter deinen
-Willen. Wirb für die große Idee, ich werde Dir treulich helfen. Mache
-Helden aus den Säumigen und Bedenklichen und führe sie denen zu, die
-ihr Blut verspritzen für die Freiheit der deutschen Erde!«
-
-Max hatte in zusammengesunkener Haltung, das Kinn herabgesenkt, den
-glühenden Worten des Freundes gelauscht. Ihm war, als wenn eine
-berückende Musik sein Ohr träfe, deren Klang er noch nie vernommen.
-Die schmeichelnden Tonwellen umstrickten seine Seele und brachten die
-feinsten Saiten in ihr zum Klingen.
-
-Da richtete er seinen riesenhaften Körper mit einem Ruck zu seiner
-ganzen Höhe auf, und die Brust weitete sich, als wenn neues Leben in
-sie einzöge. Der blondhaarige Kopf mit dem ausdrucksvollen Gesicht und
-dem starken Nacken war dieser Bewegung gefolgt und stand stolz auf den
-breiten Schultern und unbeugsam von diesem Augenblick an, -- bis ans
-Ende! Es war ein Bild strotzender Kraft und sieghafter Mannesschönheit.
-
-Nicht mit ungestümer Bewegung, sondern langsam und etwas ungelenk, um
-das im Innern entfachte Feuer niederzuhalten, streckte er seine Hand
-aus und sagte mit leisem Beben in der Stimme:
-
-»Konrad, schlag ein! Du hast recht, der Taten bedarf es, denn Worte
-sind jetzt nichts anderes als das Bekenntnis der Feigheit. Die zwölfte
-Stunde des gewaltigen Dramas ist angebrochen, und wir müssen uns
-beeilen, denn niemand vermag den unerbittlich vorwärtsrückenden Zeiger
-an der Weltenuhr aufzuhalten. Der Lässigkeit wird die Geschichte unser
-Volk einst zeihen, handeln wir und tragen wir dazu bei, daß ihm der
-Schimpf der Feigheit erspart bleibe!«
-
-»Max!« schrie Konrad jubelnd auf und seine Augen liefen ihm über, »ich
-wußte es, daß Du uns nicht ziehen lassen konntest. Hier meine Hand. Mag
-unser Schicksal da droben beschlossen sein, wie es will, wir folgen
-unserm Herzen; ob in Nacht oder in Sonnenschein!«
-
-
-
-
-17. Kapitel.
-
-
-Von diesem Tage an begann in Rehefeld ein geheimnisvolles, emsiges
-Treiben. Zuerst hatte Max mit klopfendem Herzen daheim seine Absicht
-ausgesprochen. Die Mutter war, nachdem er geendet, recht still
-geblieben und hatte nur mehreremal leise genickt, als wenn es sich für
-sie um eine schon längst beschlossene Sache handele. Maria aber war auf
-Max zugeeilt und hatte in stürmischer Bewegung ihre Arme um seinen Hals
-geworfen.
-
-»Ich hätte Dich nicht verstanden, Geliebter,« sagte sie, sich zärtlich
-an ihn schmiegend und das Haupt an seiner Brust bergend, »wenn Du
-zuhause geblieben wärst.«
-
-Da regte sich inmitten der ernsten Stimmung der Schalk in Maxens Brust
-und er fragte in scheinbar vorwurfsvollem Tone:
-
-»So spricht meine holde Braut? Ich hätte gehofft, sie würde Einspruch
-gegen meine Absicht erheben und mich bestimmen, bei ihr zu bleiben.
-Erkaltet die Glut eines Mädchenherzens so rasch?«
-
-Vergebens aber wartete er auf eine Antwort. Und als er nach mehreren
-Sekunden den fest an seine Brust gepreßten Kopf mit einiger Mühe aufhob
-und zurückbeugte, um Maria ins Gesicht zu sehen, da zeigte es sich,
-daß dieses Antlitz in holdseligem Lächeln tief errötet war. Aber das
-Herz des Mädchens erfüllte nicht eitel Wonne, sondern wie so oft im
-menschlichen Leben wohnten auch in diesem Herzen jetzt die beiden
-Geschwister Freude und Schmerz dicht beieinander. Denn es darf nicht
-verschwiegen werden, daß an den langen, dunkeln Wimpern ihrer Augen ein
-paar glitzernde Perlen hingen.
-
-In wehmütiger Freude beugte sich Max nieder und küßte leise diese
-Tränen fort.
-
-Die Vorbereitungen zur Hochzeit aber wurden nun wieder aufgenommen
-und mit vermehrtem Eifer fortgesetzt, denn noch vor dem Ausmarsch der
-kleinen Schar sollte ihr Bund den kirchlichen Segen empfangen.
-
- * * * * *
-
-Die beiden Freunde waren unermüdlich im Werben, und nach wenigen Tagen
-hatten sich dreizehn Männer gefunden, die die Schmach des Landes
-nunmehr so bitter empfanden, daß alle Bedenken gegen die Ausführung des
-Planes überstimmt wurden.
-
-Max war ein beredter Anwalt für die Idee; wo seine Worte nicht
-überzeugen wollten, siegte zuletzt sein Beispiel. Das ganze Dorf geriet
-in helle Aufregung, und in allen Häusern sprach man von dem Vorhaben.
-Anfangs war es nicht leicht gewesen, mit den Männern darüber zu reden.
-Ihre geistige Schwerfälligkeit verhinderte, daß sie den so schnell
-veränderten, politischen Verhältnissen ebenso rasch folgen konnten.
-Die Niederlagen der französischen Generale und die dadurch schwierig
-gewordene Stellung Napoleons in Dresden waren zu überraschend gekommen,
-und die breiten Volksmassen hatte zu sehr der Gedanke durchdrungen, daß
-es heller Wahnsinn wäre, gegen die Macht des Gefürchteten anzukämpfen.
-Denn von dem Tage ab, wo die Heere der Verbündeten gegen den Kaiser
-losmarschierten, galt es in den störrischen Bauernschädeln für
-unausbleiblich, daß der Mächtige alle feindlichen Armeen in kurzer Zeit
-über den Haufen werfen würde. Als dann die Niederlagen der Franzosen
-eintraten, wurden die Getäuschten fast unwillig, weil ihre Voraussage
-nicht stimmte.
-
-Großgörschen hatte ihre Sehergabe als untrüglich anerkannt, und
-Bautzen hatte sie glänzend bestätigt. Dazwischen passierte allerdings
-Großbeeren, aber dort war ja der Kaiser nicht selbst gewesen, und die
-Schuld der Niederlage traf den Marschall Oudinot. Wenn auch einmal ein
-General unterlag, was tats, der Kaiser würde alles wieder einbringen.
-Dafür strahlten seine Sterne bei Dresden wieder um so heller; selbst
-die Unterlegenen sprachen ja mit Bewunderung von dem Sieger.
-
-Dann kam Vandammes Niederlage und Gefangennahme bei Kulm. Das war
-wieder gegen die Weissagung, durfte aber nicht allzuernst genommen
-werden, denn er war ja keiner von den großen Generalen der alten
-Schule. Da trat aber wenige Tage später ein Ereignis ein, das aller
-Zuversicht einen gewaltigen Stoß versetzte: General Bülow hatte eine
-starke französische Armee, die nach Preußens Hauptstadt vordringen
-wollte, wenige Meilen vor Berlin bei Dennewitz gänzlich geschlagen, und
-der Führer dieser Armee war der ruhmreichste der Feldherren Napoleons,
--- der Marschall Ney.
-
-Da schwiegen die Eigensinnigen, nahmen die Pfeife aus dem Munde,
-spuckten aus und kratzten sich die Köpfe.
-
-Nun lag der angeschossene Löwe knurrend in Dresden und hieb mit
-seiner Tatze wütend nach den ihm keine Ruhe gönnenden Feinden. Jeder
-Schlag dieser fürchterlichen Pranke saß zwar, aber es waren keine
-eigentlichen Siege, wenigstens keine solchen, wie man sie von einem
-Schlachtengewinner von seinem Range erwartete. Denn das staunende
-Europa war anspruchsvoll geworden und gab seinen Leistungen strenge
-Zensuren. Und bei alledem wuchs des Kaisers Verlegenheit in der
-sächsischen Königsstadt sichtlich.
-
-So stand es im Anfang des Monats Oktober, gerade in den Tagen, in denen
-Max und Konrad ihre Tätigkeit entfalteten.
-
-Die Stimmung in den meisten Städten Sachsens wurde zu dieser Zeit
-derart franzosenfeindlich, daß es gefährlich war, sich noch offen für
-die Bedrücker zu bekennen. Aber der schwerfällige Sinn des sächsischen
-Bauern war nicht dazu geschaffen, seine Bedenken gegen einen Aufstand
-wider die Franzosen binnen wenigen Tagen aufzugeben, obwohl nicht nur
-zahlreiche eigene Landsleute dafür Stimmung machten, sondern auch die
-im Lande stehenden preußischen und russischen Truppen unaufhörlich
-dazu anfeuerten. Der Bauer wollte erst Garantien dafür haben, daß
-Napoleon nicht mehr mächtig genug war, eine Erhebung des Volkes mit
-drakonischer Strenge zu vergelten. Denn die Leiden der letzten Jahre
-waren gerade für dieses unglückliche Land über alle Maßen schwer
-gewesen und hatten die frohe Hoffnung auf ein endliches Zerschmettern
-der Kraft dieses Riesen in der Brust der Menschen bis auf ein winziges
-Fünkchen ersterben lassen.
-
-Dies war die Stimmung, die die bäuerliche Bevölkerung Sachsens
-erfüllte, als sie endlich einsah, daß das Staatsschiff mit vollen
-Segeln auf die Brandung zusteuerte und mit Mann und Maus unterzugehen
-drohte.
-
-Allmählich machte sich denn auch der Umschwung der Gesinnung auf dem
-platten Lande geltend und nicht zuletzt unter den Einwohnern Rehefelds.
-Die Landbevölkerung begann von neuem zu hoffen und vergaß die bisher
-gewahrte, ängstliche Vorsicht. Die Bedenken für den Verlust von Haus
-und Hof traten immer mehr in den Hintergrund, und Begeisterung zog in
-die Gemüter ein. Der Drang nach Freiheit wuchs ins Riesengroße und
-erfüllte zuletzt Aller Herzen.
-
-Wenn es in diesen Tagen trotzdem nicht zu einer allgemeinen Erhebung
-in Sachsen kam, so war nicht die mit Eifer beschwichtigende Regierung
-schuld, als vielmehr der Umstand, daß große Teile des Landes sich noch
-in den Händen der Franzosen befanden, daß ferner eine erhebliche Anzahl
-ungeduldiger sächsischer Männer in die immer weiter nach der Elbe
-zu vordringenden preußischen Regimenter als Freiwillige eintrat und
-endlich, daß die, die fremde Zwingherrschaft niederwerfende Schlacht
-auf den Fluren bei Leipzig unerwartet schnell hereinbrach.
-
-Wie ein großes Ereignis wirkte die Aufgabe Dresdens, das der Kaiser
-hatte stark verschanzen und sonst auch für seinen Winteraufenthalt
-hatte herrichten lassen. Eine weit über Deutschland hinaus sichtbare,
-leuchtende Flammenschrift erschien an dem tiefschwarzen Firmament und
-verkündete, daß sich jetzt das Ende vorbereite.
-
- * * * * *
-
-In Rehefeld herrschte in diesen Tagen unbestritten Maxens Geist. Er
-wußte alle Bedenken zu beschwichtigen und entfachte ein solches Feuer
-der Begeisterung in aller Brust, daß die Männer ruhelos zum Ausmarsch
-drängten, und die Frauen diesen Entschluß nicht nur durch Worte,
-sondern auch in tiefster Seele guthießen.
-
-Noch eine Woche wollte man warten, bis sich die französischen Armeen
-bei Leipzig gesammelt haben würden, und der jetzt von ihnen versperrte
-Weg zu den Verbündeten freigeworden war. Denn die Franzosen waren sehr
-mißtrauisch geworden, und niemand durfte bei Vermeidung von Festnahme
-in diesen Tagen ohne einen Reisepaß mehrere Meilen über Land gehen.
-
-Die Zeit bis dahin brachte man damit zu, sich im kriegerischen Handwerk
-zu üben. Ein Gewehr schweren Kalibers war für jeden vorhanden.
-Denjenigen, die selbst keines besaßen, wurde von mehreren Seiten
-zugleich ein solches angeboten, wie überhaupt die Gebefreudigkeit,
-namentlich bei denen die daheim blieben, mit der Begeisterung zusammen
-erwacht war. Auch Geld und Wertgegenstände wurden den Freiwilligen
-ausgehändigt, um sie ihrem zukünftigen Regimente zu überbringen. Wie
-drüben über der Grenze, waren auch hier die Zurückbleibenden bemüht,
-die große Sache, wenn nicht mit Blut, so doch mit Gut zu unterstützen.
-
-Auch ein paar Seitengewehre und Säbel, deren Existenz bisher außer den
-Eigentümern ein anderer kaum geahnt hatte, tauchten auf und wurden auf
-dem Wetzstein scharf geschliffen.
-
-Diejenigen, die schon früher einmal die Waffe getragen hatten,
-erklärten die Handgriffe, und der Schmied, der in dem Bataillon aus
-dem Winckel bei Jena mitgefochten hatte, stellte die Streiter in Reih
-und Glied, ließ sie marschieren und einschwenken und die Gewehre laden
-und Salven abgeben. Max, als der Größte, marschierte natürlich voran,
-während Konrad, wie es ihm zukam, als linker Flügelmann exerzierte.
-Alles erfolgte so, wie es in wenigen Tagen in Wirklichkeit geschehen
-sollte. Und wenn auch der oder jener, wie bei einer Anzahl von der
-Arbeit weggerufenen Bauern unausbleiblich, noch reichlich ungeschickt
-war, so glich er diesen Mangel durch Eifer und guten Willen wieder aus.
-
-Sobald aber die künftigen Verteidiger des Vaterlandes endlich ermüdet
-wieder ins Dorf zogen, dann trat flugs eine andere Schar zusammen und
-übte genau so, wie sie es vorher stundenlang beobachtet hatte. Leider
-besaßen diese keine Gewehre, aber sie waren genügsam und verfügten
-über hinreichend genug Phantasie, um eine eigens zu diesem Zwecke
-ausgesuchte, besonders schön gewachsene Haselrute oder schließlich auch
-einen invaliden Rutenbesen als wahrhaftes Schießgewehr anzusehen. Das
-war die liebe Jugend von Rehefeld.
-
-Der Schullehrer hatte, um seine sonst außer allem Zweifel stehende
-Autorität zu retten, in diesen Tagen darauf verzichtet, seine Lämmer
-täglich um sich zu versammeln. Und so hatten diese denn vollauf Muße,
-ihren sich im Schweiße des Angesichts abmühenden Vätern und Brüdern
-aufmerksam zuzuschauen. Waren diese aber endlich abgetreten, so liefen
-flink die bisherigen Zuschauer zusammen, und dieselbe Kleestoppel,
-deren Boden soeben noch unter dem schweren Bauernstiefel gedröhnt
-hatte, stampften jetzt die Tritte der barfüßigen Jungen.
-
-Der Platz des Freihofbauern auf dem rechten Flügel des Gliedes galt
-als besonders erstrebenswert und wurde sehr begehrt, und um das
-Amt des die Schar kommandierenden Schmieds fanden wahre Schlachten
-statt. Keine künstlichen, wie sie das Exerzieren mit sich brachte,
-sondern Schlachten ohne alle strategischen Vorbereitungen, aber
-mit anerkennenswerter Erbitterung. So plagte und prügelte man sich
-abwechselnd in heiliger Begeisterung, bis die Sonne sank und alle
-endlich den von herbstlichen Abendnebeln umflossenen Häusern zustrebten.
-
-Dann betrat der seine Sache mit vollem Ernst auffassende, junge Krieger
-mit erhitzten Wangen und zerzaustem Schopfe die niedrige Stube und sah
-geringschätzig auf die Schwester, die gerade ihrer Puppe das Nachtlager
-herrichtete. Kurz vor dem Schlafengehen und als er schon bis auf das
-Hemd entkleidet war, gedachte einer von ihnen aber noch einmal seiner
-kriegerischen Pflichten, indem er der Mutter zeigte, wie der Bauer vom
-Freihof den Ausfall mache. Dabei warf er das Körpergewicht wuchtig auf
-den vorgestellten linken Fuß und vollführte mit beiden Armen einen
-fürchterlichen Stoß, der auch ohne die eigentlich dazu notwendige
-Flinte ganz gegen Erwarten über alle Maßen gut ausfiel, daß der von der
-Wucht des Stoßes getroffene kleinere Bruder, der in seine Butterbemme
-vergnüglich hineinbeißend dem älteren arglos und voll Bewunderung
-zugeschaut hatte, heulend gegen die Wand flog.
-
-Eine Viertelstunde später lagen die beiden rosigen Kleinen in tiefem
-Schlafe, und die Mutter beugte sich schweigend darüber, und ein Himmel
-von Freude und Glückseligkeit brach aus ihren Augen.
-
-Genau eine Woche darauf aber begannen die mörderischen Tage von
-Leipzig, und als am Abend des letzten Tages der Mond wieder heraufzog,
-genau so wie heute, da düngte der Gatte dieser Mutter und Vater dieser
-Kinder den heimatlichen Boden mit seinem Herzblut. Sein glühender Durst
-nach Freiheit war gestillt worden.
-
-Schlaft süß, Ihr unschuldigen, vaterlosen Kleinen! Lächle wieder du
-junges, verlassenes Weib! Einer von den leuchtenden Sternen droben, die
-mild auf dich herabschauen, ist der Deinige!
-
-
-
-
-18. Kapitel.
-
-
-Eines der am weitesten auf der Höhe gelegenen Güter Rehefelds war das
-des Bauern Frank. Es war ein mittelgroßes Anwesen mit reichlichem
-Viehstand und alten, aber noch recht gut erhaltenen Gebäuden. Ein
-früherer Besitzer hatte sich inmitten der beiden Ställe und gegenüber
-der großen Scheune ein niedliches Wohnhaus herrichten lassen, das dem
-ganzen Besitz ein ungemein freundliches Ansehen verlieh.
-
-Es war nicht streng nach der Bauweise der alten sächsischen
-Bauernhäuser gebaut worden, war aber mit guter Raumverteilung
-eingerichtet und bestand aus dem etwas erhöhten Unterbau und einem
-freundlichen, hellen Oberstock, den ein weitüberragendes, dickes
-Strohdach schirmte. Vor der Haustür befand sich eine kleine Terrasse,
-die von einem von zwei Säulen getragenen Lattenrost überdacht
-wurde, und von der hüben und drüben einige Stufen hinabführten.
-Um die hölzernen Säulen wanden sich dicke, schwärzliche Ranken
-Jelänger-jelieber und Heckenkirsche, deren grüne Zweige über das ganze
-Dach ausbreitet und zu einem unentwirrbaren Durcheinander verwachsen
-waren und die so tief herabhingen, daß der Raum zwischen den Säulen
-von Blättern und Blüten beinah ausgefüllt wurde. Im Sommer glich die
-Terrasse einer dichten Laube, die selbst im heißesten Sonnenbrand
-Schatten und erquickende Kühle spendete.
-
-Das Haus war sorgfältig mit Kalk verputzt und wurde öfters getüncht.
-Dann hoben sich die schwarzangestrichenen, recht- und spitzwinklig
-zueinander stehenden Balken von den blendendweißen Flächen scharf
-ab, und wenn man sich zu diesem freundlichen Hintergrund die grüne,
-über und über blühende Laube vor der Mitte des Hauses hinzudenkt,
-so erhält man eine Vorstellung von dem in Bauart und lebendiger
-Farbenzusammenstellung gleich harmonischen Bild, welches dieses Haus
-bot, das den die Straße ziehenden Fuhrleuten immer wieder von neuem
-gefiel und das von der sanften Anhöhe herab den das Dorf berührenden
-Wandersmann freundlich grüßte.
-
-Noch vor wenigen Jahren hatte dieses Gut ein altes Ehepaar besessen,
-dem das Schicksal von seinen Kindern nur eine Enkeltochter gelassen
-hatte. Der Bauer Honigmann war in den Siebzigern, gesund und kräftig,
-als er eines Morgens, das erste Mal in seinem Leben, die Neigung
-verspürte, im Bett liegen zu bleiben. Tags darauf war er tot. Niemand
-hatte ihn jemals krank gesehen, und auch der Arzt wußte nicht zu
-sagen, an welcher Krankheit er gestorben war. Die Leute aber meinten,
-Honigmann sei eigentlich garnicht gestorben, sondern hätte nur
-aufgehört zu leben.
-
-Die Fürsorge für die hübsche Marianne fiel nun der schon lebensmüden
-Bäuerin allein zu. Marianne hatte kurz vorher ihren neunzehnten
-Geburtstag gefeiert. Sie war ein braunäugiges, dunkellockiges Geschöpf
-und schlank und biegsam wie die schönste Tanne aus den Musterforsten
-des Freiherrn von Tiefenbach. Immer ruhig, freundlich und gewinnenden
-Gemüts, zuweilen wohl auch ein wenig übermütig, hatte jedermann im
-Dorfe das Mädchen gern, und viele der Bauernburschen wären glücklich
-gewesen, Mariannens Hand und Herz zu besitzen, vorzugsweise die Hand.
-Denn außer einem hübschen und guten Weibe mußte dem Erwählten ja auch
-der saubere und unverschuldete Hof zufallen.
-
-Aus diesem Grunde drängte sich täglich eine große Anzahl
-Heiratslustiger an das Mädchen heran, die alle heiß bemüht waren,
-sich gegenseitig den Rang abzulaufen. Und so wurde denn der für Gemüt
-und Verstand in gleicher Weise begehrliche Preis von einer Wolke von
-Anbetern unaufhörlich umlagert, die selbst aus den Nachbardörfern
-sich einstellten, wie etwa ein Sirupstopf von einer großen Anzahl von
-Fliegen umschwärmt wird.
-
-Marianne aber war ein kluges Mädchen. Sie war zu dem einen nicht
-freundlicher wie zu dem andern und verdarb es deshalb mit keinem.
-Meinte einmal einer der jugendlichen Heißsporne, daß er den richtigen
-Pfad gefunden habe in dem Labyrinth der Gänge, die zu ihrem Herzen
-führten, so mußte er am nächsten Tage die sehr betrübliche Erfahrung
-machen, daß Marianne genau dieselbe Freundlichkeit, über die er gestern
-hochbeglückt war, heute einem andern erwies. Mancher der jungen
-Männer wollte schier verzweifeln, wenn er das Heer seiner Nebenbuhler
-überdachte, und manche festgefugte, auf Leben und Tod geschlossene
-Freundschaft ging in diesen Tagen aus dem Leim.
-
-Gleichzeitig empfand aber wieder jeder der Beharrlichen als kühlenden
-Balsam auf die Wunde im Herzen die Ueberzeugung, daß augenblicklich
-keiner von den Vielen dem allgemein zugestrebten Ziele näher stand
-als er selbst, um freilich in der nächsten Stunde bei dem Gedanken zu
-erbleichen, Marianne könne mittlerweile die Werbungen eines im stillen
-Bevorzugten erhört haben.
-
-So ganz spurlos aber, wie es schien, ging der tägliche Sturm auf
-Mariannens Herz doch nicht an ihr vorüber. Mit großem Interesse
-beobachtete das Mädchen die sich ihr nähernden jungen Männer, die es
-auf mancherlei Weise versuchten, die begehrenswerte Braut heimzuführen.
-Die einen marschierten geradenwegs auf ihr Ziel zu. Sie sprachen,
-wie es in solchen Fällen wohl allgemein üblich, von unverbrüchlicher
-Liebe und Treue; dieser tat es stammelnd, jener mit anerkennenswertem
-Zungenschlag. Ja der Schulzensohn ging sogar soweit, daß er die,
-noch vom Geständnis seiner Liebe her auf dem Herzen ruhende Hand --
-also der während einer Liebesbeteuerung allerorts als allein richtig
-anerkannten Haltung --, daß er die beteuernde Hand aufhob, die
-Schwurfinger ausstreckte und mit rollenden Augen versicherte, im Falle
-der Nichterhörung von der Stelle aus in den Dorfteich zu gehen. Nun,
-Erhörung fand er zwar nicht, ob er aber, wie bestimmt zugesagt, weiter
-als bis zum Rand des Teichs gegangen war, entzog sich jedermanns
-Kenntnis. Als unbestreitbare Tatsache mußte es jedenfalls gelten, daß
-er Leipzig mitmachte und kurz nach der Rückkehr aus Frankreich eine
-ältliche aber wohlbegüterte Witwe in Göhren heiratete.
-
-Ferner gab es vereinzelte, die schworen, daß es ihnen beileibe nicht
-auf den Hof ankäme, sie, Marianne, wäre ihnen wie sie gehe und stehe
-gerade recht. Sie wollten den Hof überhaupt nicht haben, meinten sie,
-nur das Mädchen. Nun ging es jedoch nicht gut an, daß Marianne diesen
-Verächtern irdischer Habe zuliebe auf den schmucken Besitz ihres
-Großvaters Honigmann verzichtete. Lieber verschloß sie sich deshalb
-diesen Werbungen.
-
-Die also Geschilderten waren die Gefährlichen unter den Anbetern.
-Glücklicherweise aber waren sie in der Minderzahl.
-
-Ungleich harmloser gestaltete sich das Gespräch mit einem der
-schüchternen Verehrer. Diese sprachen fast alle sehr wenig, ja bei
-manchem beschränkte sich die Rede auf einen schüchternen Gruß. Dafür
-war aber infolge der zurückgetretenen Töne das Herz zum bersten voll,
-und die Augen mußten in diesem Falle den Dienst der widerspenstigen
-Zunge übernehmen.
-
-Einer erzählte von daheim; wieviel jede der Kühe Milch gäbe, daß die
-Schweinezucht in den letzten Jahren immer profitabler geworden sei, wie
-auf dem Hofe des Vaters musterhafte Ordnung herrsche und er selbst in
-allen Tugenden eines männlichen Wesens im allgemeinen und eines Bauern
-im besondern von früh ab unterwiesen sei. Ein anderer sprach davon, was
-er tun würde, wenn er auf einer eigenen Scholle säße. Zuhause könne
-er seine Pläne nicht zur Tat machen, denn sie seien bekanntlich vier
-Söhne und unter vieren gäbe es täglich Katzbalgereien. Mit einer Frau
-nur allein auf einem Hofe sitzen, müsse herrlich sein. Da herrsche doch
-immer Frieden und Eintracht -- -- --
-
-Der Letzte endlich redete keinerlei Anzüglichkeiten. Dafür machte
-er soviel Spaß, daß die Maid zuweilen vor Heiterkeit bis zu Tränen
-gerührt war. Er hoffte, auf der luftigen Brücke, die der Humor über
-Hindernisse errichtet, den gefährlichen Abgrund bis zu Mariannens Herz
-zu überschreiten, ohne hineinzufallen. Dieser gewiegte Diplomat hieß
-Emil und war der Sohn eines kleinen Bauern.
-
-Er war flink wie ein Wiesel und gelenkig wie eine Katze. Dabei lag
-ihm sehr daran, von der kleinen Klitsche daheim sobald als möglich
-wegzukommen. Lange Jahre war er das einzige Kind gewesen. Da starb die
-Mutter. Sein Vater heiratete kurz darauf ein blutarmes, junges Ding,
-das seinem Gatten die Mitgift nach und nach in Gestalt kugelrunder,
-pauspackiger Kindlein einbrachte. Von diesem Augenblick an war daheim
-nichts mehr zu hoffen. Die kleinen Geschwister taten vorderhand noch
-nichts besseres, als daß sie mit beängstigend gutem Appetit aßen. Wenn
-die Familie bei Tische saß, mußte Emil jeden dieser ewig hungrigen
-Esser unwillkürlich mit einer Raupe mit sieben Köpfen vergleichen, die
-sich eben daran macht, eine Kohlstaude kahlzufressen. Und mit Grausen
-sagte er sich, daß das bescheidene Besitztum seines Vaters diese
-unersättlichen Schlünde niemals werde stopfen können. Und er berechnete
-nüchternen Verstandes, daß der dürre Hof gerade dann aufgezehrt
-sein würde, wenn das letzte der jetzt noch im Nichts schlummernden
-Geschwister flügge war. Da ging er hin und stellte seine angeborene
-Kunstfertigkeit in den Dienst des Werbens um wohlversorgte Hoftöchter.
-
-Wen die Burschen und Mädchen an den warmen Sommerabenden im
-Mondenschein, fein säuberlich in zwei getrennte Lager geschieden, auf
-dem Anger saßen, Scherzreden und Neckereien hinüber und herüberflogen
-und alle Spaßmacher endlich ihren Witz ausgegeben hatten, dann stand
-Emil auf. Zwar sprach er seiner anstoßenden Zunge wegen herzlich wenig,
-aber das Lachen der Zuschauer erklang nach seinen Leistungen bald
-wieder von neuem.
-
-Nun waren seine Hanswurstspäße freilich nicht mehr neu und hatten
-schon manch liebes Mal Stoff zu harmloser Heiterkeit gegeben; aber das
-Völkchen war ja so bescheiden in seinen Ansprüchen an Unterhaltung und
-wollte um jeden Preis fröhlich sein.
-
-Zuerst schlug er also das Rad mit solcher Behendigkeit und Ausdauer,
-daß er die Anerkennung herausforderte. Dann ging er zu wunderlichen
-Gliederverrenkungen über, die die Lachlust empfindlich reizten. Selbst
-der Ernsthafteste aber konnte sich der Heiterkeit nicht mehr enthalten,
-wenn Emil wie ein Känguruh in possierlichen Sprüngen umherhüpfte.
-Dazwischenhinein überschlug er sich mehrere Male als Zugabe oder lief
-minutenlang und mit größerer Sicherheit auf den Händen, als manchem der
-Zuschauer auf den Beinen möglich war. Alles dies tat er stumm. Die
-karge Belohnung, die er sich in den kurzen Ruhepausen gönnte, bestand
-einzig und allein darin, daß er mit dem Ärmel den Schweiß von der
-tropfenden Stirn wischte. Zum Schluß stellte sich Emil auf den Kopf
-und verharrte in dieser Haltung unbeweglich wie ein Pfahl solange, bis
-die Zuschauer erklärten, diese Vorführung sei langweilig, und einer
-der Burschen ihn umwarf. Dann setzte er sich stillschweigend in den
-Hintergrund und beobachtete forschend die vom Mondenschein erhellten
-Gesichter der Mädchen auf die Wirkung seiner Vorführungen hin. Mit
-besonderer Sorgfalt studierte er die Züge der rehaugigen Enkelin des
-alten Honigmanns.
-
-Marianne aber dachte: ach, was soll Dir ein Mann, der unausgesetzt
-durch die Luft wirbelt, und wenn er einmal auf die Erde kommt, steht er
-verkehrt.
-
-Da machte sie in ihrem Herzchen kurz entschlossen einen dicken Strich
-durch seinen Namen.
-
-Jeder empfindsame Leser, den diese Zeilen erreichen, wird das Resultat
-betrüblich finden und sich einer wehmütigen Regung nicht verschließen
-können. So viel wahrhafte Kunst an ein Trugbild verschwendet -- -- --
-
-Armer Emil!
-
-Marianne hatte lange geschwankt, welchen der Anbeter sie endlich
-erhören würde. Denn wenn auch die meisten von ihnen ihr gleichgültig
-blieben, so waren es doch immerhin einige der Burschen, die dem Mädchen
-recht gut gefielen. Gewissenhaft durchlief sie in ihrer stillen Kammer
-im Geiste die noch gebliebene, stattliche Anzahl der Bewerber, merzte
-von neuem aus, bis denn schließlich zwei übrig blieben, von denen sie
-einen zu erhören beschloß.
-
-Der erste von diesen war Berthold Frank, der jüngste Sohn vom
-Oberhofbauern. Er war ein hübscher Bursche mit hellblauen Augen und
-schwarzem Schnurrbart, dessen Spitzen am Sonntag sorgfältig gedreht
-waren. Er war nicht allzuhoch gewachsen, aber sein Körper war gedrungen
-und seine Bewegungen verrieten große Kraft. Mit seinem hübschen Äußern
-verband sich ein Auftreten, das allen Mädchen wohlgefiel, denn er war
-geweckt und verstand es, verbindliche Reden zu führen; darin glich
-ihm kein zweiter der Burschen. Und doch konnte Frank sich vieler
-Eroberungen eigentlich nicht recht rühmen, weil man wußte, daß er
-streitsüchtig war und sich zuweilen betrank.
-
-Daheim auf dem Obergut herrschte polnische Wirtschaft. Die Mutter war
-in der Stadt aufgewachsen und hatte nie verstehen gelernt, worauf es in
-ihrer Stellung ankam. Den Besitz zusammenhalten und mehren konnte sie
-nicht. In einer großen Anzahl von feinen Kanälen floß der saure Gewinn
-vom Hofe wieder fort und sickerte ihr geradezu durch die Finger. Für
-die sparsame Verwendung der Nahrungsmittel und die weise Einschränkung
-der Bedürfnisse des Haushalts hatte sie kein Verständnis. Täglich wurde
-weit mehr gekocht als gegessen wurde; was übrig blieb, bekam das Vieh.
-Das Essen war ohne Sorgfalt zubereitet und befriedigte nicht. Dann
-schlich das Gesinde in die offene Vorratskammer und in den Milchkeller
-und tat sich dort gütlich. Der Bauer trank und wenn er in später Nacht
-nach Hause kam, prügelte er sein Weib. Stand der Wagen des Kornhändlers
-auf dem Hofe, so war er nicht beim Aufladen der Säcke zugegen, sondern
-saß wetternd im Gasthof, oder schlief oben in der Kammer seinen Rausch
-aus. Und so kam es, daß manches aus dem Gut hinausging von dem er
-nichts wußte.
-
-In dieser Umgebung wuchsen die drei Jungen auf. Von Anfang an war
-niemand da, der sie zur regelmäßigen Arbeit angehalten hätte, und als
-sie sehend wurden und das Leben einzuschätzen vermochten, wollten sie
-nicht begreifen, warum gerade nur sie allein die Last des Tages tragen
-sollten. Dazu hatte die Mutter die Kinder von früh auf verwöhnt, indem
-sie alle ihre Wünsche erfüllte und ihnen vorredete, sie könnten das so
-haben, dafür seien sie die Söhne des reichen Oberhofbauern.
-
-Und so war es aus all diesen Gründen nicht verwunderlich, daß das
-Gerücht immer mehr Wahrscheinlichkeit gewann, auf dem Oberhof stehe es
-schlecht, und der Bauer sei bis über die Ohren verschuldet. Berthold
-kannte ganz genau die Schwierigkeiten, die es dem Vater bereitete, wenn
-er an jedem Quartalsersten die fälligen Hypothekenzinsen, aufbringen
-mußte, und er sah voraus, daß ihm einst als Erbe nicht mehr zufallen
-würde, als ein paar vertrocknete Dachschindeln. Und da er wohl die
-Kraft, nicht aber den Willen besaß mit fester Faust in das Wespennest
-hineinzugreifen und er das einzige Mittel, das den Oberhof noch retten
-konnte, die Arbeit, verschmähte, so beschloß er, sich anderswo ein
-behagliches Nest zu suchen. Warum sollte er sich schinden? Tat es der
-Vater, oder machten es etwa seine Brüder? Und gesetzt den Fall, es wäre
-ihm gelungen -- aber nur ihm, denn die beiden Brüder waren Dummköpfe --
-den Oberhof vor dem Ruin zu retten, was hatte er davon? Er konnte doch
-nicht als Miteigentümer auf dem Hofe sitzen, der dem ältesten Bruder
-Christian zufallen würde.
-
-Also steckte er die Hände in die Hosentaschen, pfiff eine Melodie von
-der letzten Tanzmusik her und ging mitten am Nachmittag zum vordern
-Hoftor hinaus, um zu versuchen ob es ihm gelingen würde, bei der Erbin
-des Lindengutes einige von seinen stets vorrätigen Schmeichelreden
-anzubringen.
-
-Und man konnte es nicht anders sagen, Berthold Frank war ein hübscher
-Bursche mit gefälligen Manieren, der zuletzt wegen seiner Aussichten
-auf den Besitz des Lindengutes manchen grimmen Neider besaß.
-
-Der andere Bewerber, der sich zusammen mit Berthold Frank in den Besitz
-von Mariannens flatterndem Herzchen teilte, war Gottfried, der Knecht
-auf dem Lindengute.
-
-Stolz war das Mädchen nicht! Es war ihm gleichgültig, ob sein künftiger
-Gatte auf einem großen Hof aufgewachsen war, oder ob er aus einem armen
-Häuschen kam. Denn wenn sich Marianne auch durch ein glänzendes Äußere
-leicht blenden ließ, so hätte sie ihrer inneren Stimme entgegen doch
-niemals, um seiner äußeren Vorzüge willen, einem ungeliebten Mann die
-Hand reichen können. Deshalb hatte sie die stummen und bescheidenen
-Werbungen Gottfrieds auch nicht zurückgewiesen, sondern ihn eher noch
-dazu ermutigt.
-
-Gottfried war wohl fast in allen Eigenschaften das gerade Gegenteil von
-dem Jüngsten vom Oberhof. Er war ein stiller, in sich gekehrter Mensch
-und von einer Arbeitskraft, für die der Lindenhof fast zu klein war.
-
-Vor nahezu dreißig Jahren war eine junge Magd auf dem Lindengut
-gewesen, mit strotzenden Wangen und lachenden Schelmenaugen. Sie besaß
-einen allzeit fröhlichen Sinn, und ihr blühender Leib war gerade
-gewachsen wie eine Gerte. Sie war laut gewesen bei der Arbeit, wo
-sie weilte, hörte man den kunstlosen Sang ihrer glockenreinen Stimme,
-und weit mehr als nötig war, tönte von dem frischen Munde jauchzendes
-Lachen. Da wurde mit einem Male, schier über Nacht, das Mädchen still.
-Zuletzt war sie scheu geworden und hielt die Augen niedergeschlagen.
-Ihr fröhlicher Sinn war von ihr gewichen, und das erquickende Lachen
-war verstummt. Immer schwerer wurde ihre Seele bedrückt, bis sich
-endlich ihr Gemüt umdüsterte und sie, fast selbst noch ein Kind, in der
-Andreasnacht unter Verzweiflungsqualen und den doch so beseligenden
-Ahnungen von Mutterglück einem rosigen Knaben das Leben gab.
-
-Und als von ihrer schweren Stunde an gerechnet drei Tage verflossen
-waren, trug man die junge Mutter hinaus und bettete ihren blühenden
-Leib, der nun all seine Wärme verloren hatte, zwischen die Schollen
-des Friedhofs. Ein winziges Häufchen Sand zeigte die Stelle an, wo man
-ein in der Blüte geknicktes Leben voll sprudelnder Fröhlichkeit, voll
-Singsang und Lachen dem Erdenschoße still wieder zurückgegeben hatte.
-
-Den verlassenen Knaben aber legte der Bauer Honigmann seiner Frau
-wortlos in den Schoß, die für ihn redlich sorgte, auf daß die Seele
-des Kindes die mit in die Grube gebettete Liebe der Mutter nicht allzu
-schmerzlich vermisse. Einen einzigen Kuß hatte die junge Mutter ihrem
-Kinde auf die Stirn gedrückt, dann war sie in den Gottesfrieden hinüber
-geschlummert. Der Knabe aber hatte bei der Taufe den Namen Gottfried
-erhalten.
-
-Gottfried hatte schon frühzeitig damit begonnen, seinen Wohltätern
-das zu vergelten, was sie an ihm getan. Aufgewachsen in der wahren
-Frömmigkeit der Bäuerin, hatte der Knabe unter den unübertrefflichen
-Anleitung Honigmanns die Arbeiten auf dem Hofe gelernt. Schon mit
-vierzehn Jahren schaffte er so viel wie ein Knecht und als er die
-Zwanzig erreicht hatte, bot sich für ihn auf dem Lindengute fast nicht
-mehr genug Gelegenheit zur Betätigung seines Eifers. Der alte Mann
-aber, dem die Arbeit selbst noch Lebenbedürfnis war, wurde zuweilen
-ärgerlich, wenn er sah, wie der junge Knecht ihm die Arbeit aus den
-Händen riß. Dabei war Gottfried wortkarg, und seine Bewegungen waren
-eckig und unbeholfen.
-
-Mit den Altersgenossen pflegte er nicht viel Umgang, da er ein wenig
-unterhaltsamer Geselle war. Den Keim hierzu hatte er bereits mit in die
-Welt gebracht, denn die schweren Gewissensqualen der Mutter waren nicht
-ohne Einfluß auf die Frucht in ihrem Schoße geblieben.
-
-Marianne fühlte sich zu Gottfried hingezogen. Zwar gestand sich das
-Kind, daß der Knecht nicht das Abbild eines herrlichen Jünglings
-sei, wie es ihr in ihren Mädchenträumen immer erschienen war; aber
-einem unbewußten Drange folgend mußte sie zugeben, daß ein gutes und
-treues Herz in seiner Brust schlüge, und sie an seiner Seite recht
-wohl glücklich werden könne. Ein Leben ohne Jubel und Tanz, aber treu
-behütet und die Brust angefüllt mit Frieden und sonnigem Glanz.
-
-So dachte Marianne in den Stunden stiller Einkehr. Waren diese aber
-vergangen, dann zog ihr leichtfüßiger, junger Sinn sie zu den lustigen
-Burschen. Und wenn sie dann einen Vergleich anstellte zwischen dem
-ernsten Gottfried mit den plumpen Bewegungen und den unschönen Zügen
-und dem in männlicher Kraft und Schönheit strahlenden Berthold Frank,
-dem die bunte Halsschleife mit den flatternden Bändern so gut zu
-Gesicht stand und der jederzeit so unterhaltsam plauderte, dann vergaß
-das Mädchen alles, was sie an dem einfachen Knecht schätzte. Und sie
-war blind und sah nicht die schweren Fehler des anderen.
-
-Die Warnungen der Großmutter machten keinen Eindruck auf das Mädchen.
-Und so hielt denn endlich nach der Ernte Berthold Frank vom Oberhof
-seinen Einzug auf das Lindengut. Gottfried hatte kurze Zeit darauf
-zwar die Absicht ausgesprochen, nach Knauthain zu übersiedeln, wo ein
-entfernter Verwandter seiner Mutter lebte, aber Frank hatte erklärt,
-daraus würde nichts, und so war Gottfried geblieben. Frank ahnte nicht,
-was seinen Knecht vom Hofe forttrieb; eins aber wußte er: daß er
-niemals wieder einen so unverdrossenen und arbeitsfreudigen Besorger
-seiner eigenen Pflichten in der Wirtschaft bekommen würde.
-
-Mit Berthold Franks, des trunksüchtigen Oberhofbauern Sohnes Einzug
-auf dem Lindengut war der Frieden, der solange an dieser Stätte
-regiert hatte, gewichen. Denn zu derselben Stunde, in der der festlich
-geschmückte Hochzeitswagen von vier starken Braunen gezogen unter dem
-Jubel der Gäste und dem brausenden Tusch der Musikanten durch das
-weitgeöffnete Tor auf dem Hof rollte, schlichen in grauen Gewändern
-und mit hämischen Blicken unbemerkt zwei Frauengestalten durch die in
-schmalem Spalt offenstehende Hintertür auf das ehemalige Besitztum des
-alten Honigmanns; ihre Namen aber waren Kummer und Gram.
-
-Im ersten Jahre tat der junge Bauer seine Pflicht wie es ihm zukam, und
-es schien, als ob der Besitz eines blühenden, fröhlichen Weibes und
-des schmucken Lindengutes alle Bedenken zunichte mache, die manchen im
-Dorfe bei dieser Verbindung überkommen waren. Aber die Sünden der Väter
-rächen sich sattsam an den Kindern, und Berthold Frank war ein echter
-Sohn des seit Jahren in wüstem Taumel dahinlebenden Oberhofbauern.
-
-Solange Mariannens Großmutter lebte, nahm sich Frank höllisch zusammen.
-Denn der Hof gehörte noch nicht ihm, und durch einen Federstrich konnte
-sie zu Gunsten seiner Kinder ihr Testament umstoßen und ihm harte
-Einschränkungen durch die Obrigkeit auferlegen. Bei aller Frömmigkeit
-und Milde wohnte nämlich in dem müden Körper der alten Bäuerin eine
-streitbare Natur, und ihre Zunge war flink und nannte das Kind gleich
-beim richtigen Namen. Da starb die Alte, und der Hof fiel ihm endgültig
-zu.
-
-Von diesem Zeitpunkt ab war Frank wie ausgewechselt. Sein viel
-umneidetes Heim verlor für ihn den Reiz; im Wirtshaus bei Würfelspiel
-und wüsten Gelagen war ihm wohler. Spät in der Nacht kehrte er dann
-angetrunken nach Hause zurück, schalt sein Weib und hob endlich die
-Hand gegen sie auf. Am Tage schlief er seinen Rausch aus, war froh,
-einen rechtschaffenen, gottesfürchtigen Knecht zu besitzen und ging
-damit beruhigt wieder ins Wirtshaus. Mit einem grausamen Ruck fühlte
-Marianne die Binde von ihren Augen weggezogen, und ein freudenloses,
-unwürdige Leben rollte sich vor ihren entsetzten Blicken auf.
-
-Gottfried arbeitete für zwei und war in der letzten Zeit noch stiller
-geworden. Zuweilen traf es sich, daß Marianne in der Blütenlaube vor
-dem Hauseingange stand, das neugeborene Kind auf dem Arme, während
-er auf dem Hofe schaffte. Da sah er ihr verhärmtes Gesicht, umrahmt
-von grünem Blattwerk sich zugewendet, und ihre Augen begegneten mit
-tieftraurigem Ausdruck den seinigen und führten eine stumme und doch
-so beredte Anklage gegen sich selbst. Gottfried aber konnte den Blick
-dieser umflorten Augen nicht aushalten. Schwerfällig wandte er sich
-ab und faßte mit unsichern Händen von neuem nach seiner Arbeit. Denn
-das Schicksal des Weibes, das er mit voller Inbrunst seines einfachen,
-vortrefflichen Gemütes geliebt hatte, ging ihm zu Herzen und bereitete
-ihm Schmerz.
-
-Da brausten wie auf Sturmesflügeln die flammenden Proteste einzelner
-Patrioten, die die schmachvolle Haltung ihres Vaterlandes nicht
-mehr mit anzusehen vermochten, über die sächsischen Fluren. Von den
-Hauptstädten ausgehend, sprang der Brand auf das platte Land über, und
-zuletzt glich das Königreich einem einzigen Flammenmeer. Das bängliche
-Ausharren in der von den Verbündeten schon längst übelgedeuteten
-Stellung zu den Franzosen und die ergebene Haltung vor dem Kaiser, ein
-Gemisch von Bewunderung, Furcht und dumpfem Dahinleben, verschwanden
-mit einem Schlage. Jäh kam die Erkenntnis und ließ das Unwürdige der
-in den letzten Monaten bewahrten Gleichgültigkeit mit Scham bemerken.
-Wer konnte müßig bleiben, wenn alles in den heiligen Kampf zog? Und
-war es nicht unsinnig, daß von der Beteiligung an der Niederwerfung
-desjenigen, der seit acht Jahren Entsetzen und Not über die Länder
-deutscher Zunge heraufbeschworen hatte, gerade das Volk zurückbleiben
-wollte, dessen Land der Kriegswütige zum Tummelplatz seiner Heere und
-zur Schlachtenbühne Europas ausersehen hatte?
-
-Gottfried war einer der Ersten, die sich Konrad Hartmann anschlossen,
-dessen Worte ihn begeistert hatten. Als er aber von seinem Vorhaben dem
-Bauern Frank erzählte, wurde dieser zornig und schalt auf die Sache,
-insbesondere auf die Männer, die ihr vorstanden. Es kam ihm recht wenig
-gelegen, seinen zuverlässigen Knecht zu verlieren; andererseits bot ihm
-dieser Vorfall aber willkommene Gelegenheit, seiner alten Abneigung
-gegen den Freihofer in gehässigster Weise Ausdruck zu geben.
-
-Max hatte von jeher mit seiner Meinung über die schlechte Wirtschaft
-auf dem Oberhofe nicht zurückgehalten und auch dann, als Berthold Frank
-Lindengutbauer geworden war, gab er seine kühle Haltung gegen ihn nicht
-auf. Und gerade dies letztere hatte den eingebildeten Frank ungemein
-verdrossen und eine feindselige Haltung gegen Max annehmen lassen. Zwar
-hatte er es nie gewagt, gegen den angesehenen und reichen Besitzer des
-Freihofes etwas zu unternehmen. Jetzt aber reifte in seiner Seele ein
-teuflischer Entschluß. Wenn er mit seiner Ausführung vielleicht auch
-manchen andern hart traf, -- was tats? Wen er nur ihn, den Gehaßten
-damit vernichten konnte.
-
-Franks Stellung zu dem Plane der kühnen Männer entsprach ganz seinem
-Charakter. Mit höhnischen Worten erklärte er die Idee für unsinnig und
-bezeichnete die Männer, die an der Spitze standen, als Tollhäusler
-und Verbrecher. Öfters als sonst saß Frank in diesen Tagen bis zum
-Morgen in der Schenke und bekämpfte mit schreiender Stimme und wilden
-Bewegungen den geplanten Auszug. Dazwischenhinein versicherte er mit
-geheimnisvollem Lachen immer wieder von neuem, er glaube garnicht
-daran, daß es noch soweit kommen werde und schlug zur Bekräftigung
-seiner Worte mit der derben Faust auf den Tisch, daß dieser dröhnte und
-die Gläser tanzten.
-
-
-
-
-19. Kapitel.
-
-
-Hermann Lehnhardt hatte den verletzten Arm bisher noch immer in der
-Binde getragen. Nun aber ließ er diese daheim und schob die Hand
-zwischen die Knöpfe seiner Jacke. Der schwierige Bruch des Ellenbogens
-war nach langen Wochen zwar wieder geheilt, hatte aber in dem Arm eine
-große Schwäche zurückgelassen, so daß er ihn noch nicht gebrauchen
-konnte. Bis zur völligen Heilung wohnte er mit seiner Frau und dem
-hübschen Buben, den ihm Antonie geschenkt hatte, bei seiner Großmutter.
-
-Kurz nach dem schlimmen Vorfall war eines Tages in dem Hause der Mutter
-Lehnhardt der neue Verwalter des Freihofs erschienen und hatte sich
-im Auftrage seines Herrn einer Summe Geldes entledigen wollen, die
-für den Arzt bestimmt gewesen war. Da war Hermann aufgesprungen und
-ohne ein Wort zu sprechen, hatte er blitzenden Auges und in drohender
-Haltung mit der gesunden Hand nach der Tür gewiesen, durch die der
-Abgesandte denn auch ohne Widerrede alsbald verschwand. Seitdem war die
-Verbindung mit dem Freihofe durchgeschnitten. Traf es sich aber, daß
-die Freihoferin der Mutter Lehnhardt draußen begegnete, so begrüßten
-sich die beiden Alten ebenso herzlich wie bisher, den Vorfall jedoch
-berührten sie nicht.
-
-Als Hermann Lehnhardt eines Tages, wie er es oft tat, über die Wiesen
-geschlendert war und dann an der hintern Seite der Höfe entlang ging,
-stand der Lindenbauer an seinen schadhaften Zaun gelehnt und sah ihm
-entgegen. Natürlich schlug Frank sofort wieder sein Lieblingsthema an
-und wetterte gegen das Vorhaben der Männer, die lieber daheim bleiben
-sollten, damit ihre Frauen und Kinder nicht betteln zu gehen brauchten,
-anstatt den Preußen die Kastanien aus dem Feuer holen zu helfen.
-Hermann Lehnhardt schwieg zu diesen Worten und sah geflissentlich
-an Frank vorbei. Der aber hätte es gern gehört, wenn Lehnhardt ihm
-beigestimmt. Als dieser hierzu nun trotz seiner Anzapfungen keine
-Anstalt machte, konnte sich Frank nicht enthalten, ihn in ärgerlichem
-Tone zu fragen:
-
-»Nun, Ihr seid wohl gar einer vom feindlichen Lager?«
-
-»Ach,« antwortete Lehnhardt ausweichend und ließ den Blick sehnsüchtig
-über die Fluren schweifen, »Ihr wißt ja, daß ich nicht mit ausziehe,
-warum quält Ihr Euch deshalb mit mir herum?«
-
-Aber der dringliche Frager war von dieser Antwort nicht befriedigt. Es
-hatte ein Ton durch Lehnhardts Worte geklungen, der ihm nicht gefiel.
-Deshalb kniff er die verschwommenen Augen halb zu und warf mit listigem
-Lächeln scheinbar achtlos hin:
-
-»Ich hörte jüngst, daß Ihr nahe daran wäret, voll Demut die Hand wieder
-zu drücken, die Euch zum Krüppel machte -- -- --«
-
-Da fuhr Lehnhardt voll Wildheit herum, das Gesicht wie von Flammen
-umspielt, während aus den soeben noch träumerischen Augen glühender Haß
-brach.
-
-»So, Bauer,« schrie er, »das habt Ihr gehört? Da sagt Euern Zuträgern
-nur, daß ihnen dies im Rausch beigekommen sei!« Und sich nach
-rechtsseitwärts wendend, hob er die Faust auf und drohte nach der
-Stelle hinüber, wo die stattlichen Ziegeldächer des Freihofes über die
-ihn umgebenden niedrigen Häuser herausragten:
-
-»Wir rechnen noch miteinander ab -- --!«
-
-Mehr konnte er nicht sprechen, denn eine unbeschreibliche Wut schnürte
-ihm die Kehle zu. Er wandte sich kurz ab und ging stumm weiter.
-
-Frank war betroffen. Der plötzliche Wutausbruch Lehnhardts und der
-unverfälschte Naturlaut des wildesten Hasses in dessen Stimme,
-hielt seine Zunge noch im Bann. Dann aber blitzte es in dem fahlen,
-aufgedunsenen Gesicht auf, und ein breites Lachen scholl dem
-Davongehenden nach.
-
-»Laßt den feinen Burschen nur mir, Lehnhardt,« klang es zwischendurch,
-»ich habe einen kostbaren Spaß für ihn ausgedacht. Hahaha!«
-
- * * * * *
-
-Es war ein trüber Tag gewesen. Gegen Abend fiel starker Regen, und der
-Wind jagte heulend über die Felder. In den Häusern wurden die Fenster
-verwahrt, die der immer mehr anwachsende Sturm scharf berannte, und
-in den Ställen, wo das Vieh unruhig wurde, schloß man sorgfältig die
-Türen. In gewaltigen Stößen wütete der Sturm gegen die Häuser, riß
-große Äste von den Bäumen und trieb den unaufhörlichen Regen vor sich
-her, daß die dicken Tropfen klatschend an die Fensterscheiben schlugen.
-Eine undurchdringliche Finsternis herrschte im Freien. Es war, als
-ob der Himmel von einer einzigen schwarzen Wolke bedeckt sei. Kein
-Stern, nicht einmal eine helle Stelle war am Himmel sichtbar. Die
-Elemente schienen ihrem Meister entschlüpft zu sein. Mit erbitterter
-Wut kämpften sie gegeneinander und gegen alles, was die menschliche
-Hand mühevoll errichtet oder die gütig schaffende Natur auf den Fluren
-erzeugt hatte.
-
-Das Dorf schien wie ausgestorben. Niemand war jetzt noch im Freien, und
-selbst die vierbeinigen Hüter des Hauses waren schutzsuchend in ihre
-Hütten gekrochen und winselten leise, den Kopf auf die ausgestreckten
-Vorderpfoten gelegt.
-
-Auf der Dorfstraße schritt um die Mitternachtstunde vorsichtig ein
-Mann dahin. Wie ein Schatten hob sich die Gestalt zuweilen von den
-weißgetünchten Häusergiebeln ab, um sogleich wieder in die gähnende
-Finsternis hineinzutauchen. Wütend peitschte der strömende Regen
-des einsamen Wanderers Gesicht, und der Sturm eilte dem Naß als
-Bundesgenosse zu Hilfe und drang so heftig auf den Menschen ein, daß
-dieser von Zeit zu Zeit hinter einem dicken Baumstamm Schutz suchen
-mußte und es ihm nur mit großer Mühe gelang, vorwärts zu kommen. In
-den Häusern ruhten die Bewohner schon längst im tiefen Schlafe. Nur
-hie und da brannte noch eine Lampe, die einen schwachen Lichtschein
-durch das Fenster auf die Straße warf. Sobald der Gesell einen solchen
-Lichtkreis betrat, beschleunigte er die Schritte, bis die Dunkelheit
-ihn wieder aufnahm. Es schien, als ob der Unbekannte es scheu vermeide,
-daß ein menschliches Auge ihn auf seiner nächtlichen Wanderung entdecke.
-
-Als er am äußersten Ende des Dorfes angelangt war, blieb er plötzlich
-vor dem Rabensteiner Hofe stehen. An einen Baum gelehnt, betrachtete
-er das einstöckige Haus, dessen Fenster dunkel waren und aus dem kein
-Laut herausdrang. Mit vorsichtigen Schritten näherte er sich der Tür
-neben dem großen Tor und versuchte, sie zu öffnen. Da schlug der
-wachsame Hofhund an, daß er schnell wieder die Hand vom Drücker nahm.
-Das bellende Tier war aus der Hütte gesprungen und zerrte wütend an
-der Kette. Aber seine mächtige Stimme klang nur schwach, sie wurde
-übertönt von dem Heulen und Brausen des Sturmwinds. Als wenn die wilden
-Geister der Luft ein tolles Bankett feierten, zu dem die Elemente eine
-schauerliche Musik aufspielten.
-
-Da sprang der Mann über den Graben, in dem das Wasser wie in einem
-Flußbett dahinschoß und ging an der äußeren Seite des Hauses entlang.
-Aus dem oberen Fenster unter der Spitze der hinteren Giebelwand drang
-ein schwacher Lichtschimmer heraus. Emsig bückte sich der Einsame,
-las einige herabgefallene Zweige auf und versuchte, sie gegen das
-Fenster zu werfen. Aber der Sturm vereitelte diese Anstrengungen,
-indem er die leichten Wurfgeschosse, sobald sie die Hand des Schützen
-verlassen hatten, in eine andere Richtung fortriß. Als der Mann
-die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen erkannte, ließ er die Augen
-ratsuchend umherschweifen, bis sie endlich auf einem dicken Baum
-haften blieben, der wenige Schritte von ihm entfernt stand. In diesem
-Augenblick glänzten seine Augen vor Befriedigung. Entschlossen trat
-er an den Baum heran und kletterte mit großer Anstrengung den starken
-Stamm hinauf. Dann kroch er auf einem bis fast an das Haus reichenden
-Ast soweit vor, daß er mit der Hand das Fenster erreichen konnte. Kaum
-hatte er das Glas berührt, als Konrad Hartmann am Fenster erschien.
-Er öffnete den Flügel, beugte sich ein wenig vor und versuchte
-mit angestrengter Aufmerksamkeit, die Dunkelheit mit dem Augen zu
-durchdringen.
-
-»Still, Rabensteiner, daß man uns nicht hört. Niemand darf uns heute
-Nacht beisammen sehen!« sprach der auf dem Aste Liegende mit leiser
-Stimme, die in dem Sturm fast unterging.
-
-Jetzt hatte Konrad den Mann erkannt.
-
-»Teufel,« antwortete er ebenso leise, »Gottfried seid Ihrs? Was in
-aller Welt treibt Euch in diesem fürchterlichen Wetter ins Freie, und
-warum klettert Ihr mitten in der Nacht auf die Bäume?«
-
-»Es droht uns allen schweres Unheil, sage ich, Rabensteiner, aber
-besonders Euch und dem Freihofer. Es ist ein Schurke in unserer Mitte,
-der Verrat üben will.«
-
-Da beugte sich Konrad Hartmann weit vor, daß ihm die schweren Tropfen
-auf Kopf und Wangen fielen, und der Sturm sich in sein Haar wühlte.
-Aber er merkte dies nicht. Doch war sein Gesicht um einen Schein
-bleicher geworden, als er mit gepreßter Stimme sprach:
-
-»Ein Verräter, sagt Ihr, Gottfried? Ja, seid Ihr denn von Sinnen? Ein
-Verräter im Dorfe?«
-
-»Es ist so wie ich sagte,« raunte dieser zurück. »Hört und überlegt
-rasch was zu tun ist. Der, den ich Verräter nannte, ist der
-Lindengutbauer. Er hat den Verrat zwar noch nicht geübt, wird es aber
-schon morgen tun. Ihr wißt, wie er seit Wochen gegen uns gesprochen
-hat, auch ist Euch bekannt, daß er den Tiefenbach wie ein giftiges
-Gewürm haßt und ihm gern Übles anhängen möchte. Nun also: Heute
-am Vormittag höre ich ein Gespräch mit an, das Frank mit Hermann
-Lehnhardt führt und worin er ihn gegen den Freihofer aufreizte. Und als
-dann Lehnhardt voll Erbitterung verspricht, diesem einen Denkzettel
-anzuhängen, ruft der Bauer ihm nach, daß er selbst dies besorgen wolle.
-Darauf ging er ins Wirtshaus. Heute am Abend kam er schwerbetrunken
-heim, vergriff sich wieder an seinem Weibe, das ihm, den Kleinen im
-Arm, weinend entgegentrat und schlug darauf den ganzen Hausrat in
-der Stube kurz und klein. Dabei tat er die lästerlichsten Flüche
-und schwor, morgen in der Frühe nach Zehmen zu fahren, wo er unsere
-Absicht, zu den Preußen zu gehen, dem dort befehligenden französischen
-Kommandeur mitteilen wolle. Ihr wißt, Rabensteiner, wie kurzen Prozeß
-die Franzosen mit aufständischen Bauern machen. Statt zu den Preußen,
-wandern wir bestenfalls in eine Festung. Aber den Anführer stellt man
-sicher vor den Sandhaufen.«
-
-Konrad hatte in seiner vorgebeugten Haltung unbeweglich verharrt. Jetzt
-sagte er lebhaft:
-
-»Wir müssen sofort zu Frank eilen und mit ihm reden.«
-
-»Das wäre umsonst,« antwortete Gottfried, »er liegt schwer betrunken
-daheim.«
-
-»Dann aber morgen in aller Frühe, noch ehe er von Hause fortgeht.«
-
-»Es nützt Euch alles nichts,« versetzte Gottfried bitter und bestimmt,
-»so wie ich den Bauern kenne, führt er seinen Vorsatz aus. Schon um den
-Tiefenbach zu vernichten, tut er’s.«
-
-»Ja, aber,« fuhr Konrad auf, »wir müssen auf jeden Fall diesen Verrat
-verhindern. Der Freihofer könnte zwar noch in dieser Nacht fliehen,
-aber alle andern lassen sich nicht so schnell benachrichtigen, und der
-Name Rehefeld wäre für alle Zeiten geschändet. Was meint Ihr denn,
-Gottfried, was da am besten zu tun ist?«
-
-Da hob dieser seinen Körper ein Stück in die Höhe, daß sein Mund an
-Konrads Ohr lag und flüsterte diesem ein paar Worte zu. In demselben
-Augenblick fuhr Konrad erschreckt zurück, als wenn er einen heftigen
-Schmerz verspüre.
-
-»Gibt es einen andern Ausweg, Bauer?« fragte Gottfried.
-
-Konrad sah eine lange Weile mit finsterm Blicke vor sich nieder, dann
-sagte er mit dumpfer Stimme und mit Nachdruck:
-
-»Nein, es gibt keinen andern!«
-
-Da kam wieder Bewegung in den Liegenden und er schob sich behutsam auf
-dem Ast zurück.
-
-»Frank ist riesenstark,« rief Konrad dem schon Hinabkletternden noch zu.
-
-»Geht schlafen, Rabensteiner,« gab dieser zurück, »die Nacht ist
-gräßlich!«
-
-Damit verschwand er in der Dunkelheit.
-
-Eine Sekunde lang sah Konrad auf die Stelle, wo Gottfried verschwunden
-war. Dann schloß er das Fenster und gleich darauf verlöschte das Licht
-in der Kammer.
-
- * * * * *
-
-Die Macht des Unwetters hatte ihren Höhepunkt erreicht. Der Sturm
-schüttelte und riß mit tausend Händen an allem, was sich ihm
-entgegenstellte, und wie Keulenschläge fielen seine Stöße auf die
-Dächer. Ächzend bogen sich die stärksten Stämme der Bäume unter seiner
-Wut, und aus des Himmels Schleusen strömte es wie eine Unzahl tosender
-Sturzbäche auf die geängstigte Erde herab. Ein Höllenkonzert von
-zehntausend Teufeln!
-
-In der Unterstube auf dem Lindenhofe tickte die große Kastenuhr laut
-und einförmig. Auf der Bank vor dem Ofen lag der Bauer laut schnarchend
-ausgestreckt auf dem Rücken, die beiden Arme unter dem Kopfe
-verschränkt. Die undurchdringliche Nacht hüllte alle Gegenstände in
-ihren schwarzen Mantel. Da tauchte neben dem Schläfer ein Schatten auf,
-und im nächsten Augenblick umschlossen zwei große Fäuste den Hals des
-Liegenden wie eiserne Klammern. Frank zog blitzschnell den rechten Arm
-unter dem Kopf hervor und führte damit einen furchtbaren Hieb durch die
-Luft. Dann lag er wieder so bewegungslos wie vorher; nur der Arm hing
-schlaff herab und pendelte noch eine Weile hin und her, bis er ruhig
-herunterhing. Aber die Finger der auf dem Fußboden auftreffenden Hand
-hatte der Krampf gekrümmt wie Krallen. Noch ein, zwei Sekunden, dann
-lockerte sich der eiserne Griff, und die Gestalt verschwand unhörbar in
-der Finsternis wie eine nächtliche Erscheinung.
-
-Die große Uhr tickte in gleichmäßigem Schlage weiter, aber der Bauer
-hatte aufgehört zu schnarchen. --
-
- * * * * *
-
-Am andern Morgen hatte sich das Unwetter gelegt. Der Himmel war hell,
-und der matte Glanz der mit den Wolken kämpfenden Sonne strahlte
-friedlich auf die Verheerungen herab, die der Sturm während der Nacht
-an Gebäuden und Bäumen angerichtet hatte.
-
-Da lief plötzlich die Kunde von Mund zu Mund, den Bauern Frank habe in
-der Nacht der Schlag gerührt, er sei tot.
-
-Und vor der Bank am Ofen in der Unterstube des Lindengutes lag eine
-alte Frau auf den Knien, die mit gerungenen Händen um den Sohn weinte.
-Droben aber in seiner Kammer saß mit zusammengekniffenen Lippen, mit
-steinernen Zügen und trockenen Augen ein junges Weib, auf dem Schoße
-das schlummernde Kind, und blickte hart vor sich nieder.
-
-Als einige Tage darauf Gottfried das Lindengut verließ, um mit den
-andern Männern auszumarschieren, da traf ihn ein flehentlicher Blick,
-der zum Bleiben einlud. Aber ihm grauste vor diesem Blick und er wandte
-sich ab.
-
-Wieder einige Tage später standen die kampfesfrohen Männer von Rehefeld
-in Reih und Glied eines in der Reserve gebliebenen Regiments vom
-Korps des Generals von Kleist. Als aber am Montag des 18. Oktober
-mittags 2 Uhr dieses preußische Korps von Güldengossa her den großen
-Bajonettangriff auf das vom Marschall Victor verteidigte Probstheida
-unternehmen mußte, da wurden auch die Reserven vorgezogen. Und einer
-der Ersten, die von den beiden verderbenspeienden Batterien am
-Eingang des Dorfes zerschmettert wurden, war Gottfried, der ehemalige
-Schützling des alten Ehepaares Honigmann, der getreue Knecht auf dem
-Lindengute.
-
-
-
-
-20. Kapitel.
-
-
-Schon seit einigen Tagen hatten die Rehefelder von Norden her
-Geschützdonner gehört, der bewies, daß Heeresteile der Verbündeten
-endlich mit französischen Truppen ins Gefecht geraten waren, die ja im
-großen Bogen die Ortschaften vor Leipzig besetzt hielten und sich auf
-einen verzweifelten Kampf eingerichtet hatten. Auch waren Fuhrleuten
-auf der weiten Ebene hinter dem Tanzberg fremde Reiter aufgefallen,
-dergleichen noch niemand gesehen hatte, und die mit ihren wilden,
-struppigen Gesichtern und der fabelhaften Sicherheit, mit der sie
-auf den kleinen, häßlichen Pferden umherjagten, einen merkwürdigen
-Anblick boten. Es waren dies die ersten russischen Kosaken, die in
-dieser Gegend auftauchten und die dort, wo sie auftrafen, stahlen und
-brandschatzten und sich weit ärger betrugen, als die französischen
-Soldaten es getan hatten.
-
-Ferner ging ein Gerücht herum, dessen Richtigkeit sich bald
-herausstellte, und das die Gährung in der sächsischen Armee
-kennzeichnete. Man erkannte, daß die Freudigkeit, mit der diese Truppen
-unter den Schwingen der französischen Adler gefochten hatten, nunmehr
-vollständig geschwunden war, und daß die Soldaten eine Erbitterung
-beseelte, die den Uebergang des größten Teiles der sächsischen Armee zu
-den Verbündeten am Vormittag des 18. Oktober vorbereitete.
-
-Nach dieser Kunde hatte Napoleon vor den Toren Leipzigs eine große
-Heerschau über seine Truppen abgehalten, an der auch die sächsischen
-Regimenter teilnahmen. Während die Franzosen in gewohnter Weise dem
-die Front abreitenden Kaiser zujubelten, empfingen ihn die Reihen
-der Sachsen mit eisigem Schweigen. Napoleon versammelte hierauf die
-Offiziere und Unteroffiziere des Korps Regnier, in dessen Verband
-sich die Sachsen befanden, um sich und hielt eine zündende Ansprache,
-deren Bedeutung durch Caulaincourts mangelhafte Verdeutschung aber
-verloren ging. Die Frage, ob der Kaiser in der Schlacht darauf rechnen
-könne, daß sie ihrem König die gelobte Treue halten würden, bejahten
-die Sachsen freilich einmütig. Als aber General Regnier sie um ein
-Zeichen der Ergebenheit bat, gingen sie, von den wütenden Blicken
-Napoleons begleitet, stumm auseinander. Auch der Umstand, daß während
-dieser Szene eine große Anzahl Soldaten für das Kreuz der Ehrenlegion
-aufgeschrieben wurde, machte keinen Eindruck.
-
-Die Ortschaften nördlich Rehefeld bis über Leipzig hinaus waren mit
-französischen Truppen dicht belegt, und vom Schloßberg aus konnte man
-ihre Vorposten bei Göhren erkennen.
-
-Die Wolken hatten nach hartnäckigem Streite mit der Sonne die
-Herrschaft endgültig behauptet, und als Fortsetzung des Unwetters der
-vergangenen Nacht begann dichter Regen zu fallen. Da fuhren gegen
-Mittag von Borna her etwa 10 Wagen ins Dorf, deren Beladung aus Pulver
-und Geschützmunition bestand. Als Begleitung dieser Kolonne waren
-einige französische Infanteristen mitgekommen; Mannschaften und Pferde
-waren furchtbar erschöpft. Deshalb beschloß der führende Offizier, im
-Dorfe einen längeren Halt zu machen.
-
-Er ließ die Wagen auf dem Stoppelfelde dicht neben dem Weißen Schlosse
-auffahren und die Pferde in den Ställen im Dorfe unterbringen. Da es
-rätlich erschien, das Pulver vor dem dichten Sprühregen zu schützen,
-kam der Offizier, begleitet vom Ortsvorstand, auf den Freihof geritten,
-und bat in höflichen Worten, ihm zu diesem Zwecke den Turm des
-Schlosses zur Verfügung zu stellen. Max begab sich, dem eisernen Druck,
-der hinter dieser höflichen Aufforderung stand gehorchend, an Ort und
-Stelle und öffnete die große Tür, die wohl zu einer Zeit, in der das
-Schloß keine Belagerung mehr auszuhalten hatte, eingebaut worden war.
-In früheren Jahren war der weite Raum im Turme zur Aufspeicherung von
-Getreidevorräten benutzt worden. Jetzt stand er leer und bot genug
-Platz zur Unterbringung der Pulversäcke und Munitionskästen.
-
-Stickige Moderluft empfing die Eintretenden, und mit großer
-Aufmerksamkeit betrachtete der Franzose die mehrere Ellen starken
-Mauern, an deren Festigkeit in früheren Jahrhunderten der wilde Ansturm
-manches Belagerers abgeprallt war.
-
-Eine Stunde später waren die zweihundertfünfzig Zentner Pulver im
-Turme untergebracht, und ein vor der Tür aufgepflanzter Doppelposten
-bewachte die Säcke und das mörderische Blei, das dazu bestimmt war,
-gewiß schon am nächsten Tage seine verheerende Wirkung in die Reihen
-der verbündeten Truppen hineinzutragen.
-
-In den Gemütern der Dörfler herrschte scheinbar große Ruhe. Aber wer
-ungesehen einen Blick in manches der Häuser hätte tun können, würde
-mit Staunen eine fieberhafte Tätigkeit wahrgenommen haben. Denn am
-übernächsten Morgen sollte der Ausmarsch stattfinden, zu dem die
-letzten Vorbereitungen getroffen wurden.
-
-Das Wohl ihres Besitzes, gleichviel ob es ein Bauerngut oder ein
-ärmliches Häuschen war, lag den Davonziehenden am Herzen, und den
-Zurückbleibenden wurde noch mancher treffliche Rat erteilt und für das
-kommende Frühjahr manche Aufgabe übertragen.
-
-So verstrichen die Stunden, und als am späten Nachmittag der Regen
-nachließ, versammelte sich eine große Anzahl Schaulustiger um die
-fremden Wagen, die in peinlicher Ordnung am Fuße des Schlosses
-standen. Viele Blicke gingen auf die Schildwachen am Turm und auf das
-Eingangstor: die Augen der Frauen und Kinder mit Neugierde, die der
-Männer mit schlecht verhehlter Erbitterung.
-
-Kurz darnach hatte sich plötzlich die große Schankstube des Gasthofes
-dicht angefüllt, und laute Rufe der Entrüstung wurden dort ausgestoßen,
-daß man ruhig mit ansehen müsse, wie die viele Munition im Dorfe
-aufgespeichert werde. Niemand hatte heute ein rechtes Vergnügen am
-Biertrinken. Die Deckel klapperten lange nicht so laut wie sonst an
-Wintersonnabenden, und als die neunte Stunde herangekommen war, hatten
-die Letzten den Gasthof verlassen. Nur an dem Tische dicht bei der Tür
-saß noch ein Gast, der nachdenklich in sein halbgeleertes Bierglas
-schaute. Es war Johann, der Schafhirt der Gemeinde.
-
-Vor etwa siebzehn Jahren hatten eines Tages Fuhrleute, die vom
-Erzgebirge herkommend ihre schweren, mit Leinen und Klöppeleien
-beladenen Wagen zur Neujahrsmesse nach Leipzig führten, einen
-vierjährigen Knaben mit ins Dorf gebracht. Sie hatten das Kind
-unterwegs gefunden und ein paar Tage mit sich geführt. Aber das
-Wetter wurde empfindlich kalt, und der nur mit einem dünnen Röckchen
-bekleidete Junge fror entsetzlich. Deshalb gab einer von ihnen das
-Kind in die Obhut einer armen Frau, mit dem Versprechen, es bei der
-Rückkehr wieder mitzunehmen. Die Frau nahm sich des Kleinen an, aber
-der Fuhrmann kam nicht wieder. Und als die Summe, die sie für das Kind
-bekommen hatte, zu Ende war, erklärte das Weib der Ortsobrigkeit, daß
-sie von dem geringen Verdienst ihres Mannes neben den vier hungrigen
-Mäulern ihrer eignen Kinder, nicht auch noch das des fremden Jungen
-stopfen könne. Daraufhin mußte wohl oder übel die Gemeinde für den
-Fremdling sorgen, der niemand gehörte, und von dem kein Mensch wußte,
-ob er Heide oder Christ war. Auch seinen Namen kannte man nicht, und
-da Nachforschungen keinen Erfolg hatten und aus dem, wie es schien,
-geistig etwas zurückgebliebenen Jungen nichts herauszubringen war,
-nannte man ihn Johann und gab ihn einem Bauern in Pension.
-
-Dieser schob den Jungen nach einem Vierteljahr wieder ab, indem er ihn
-mit der Kleinmagd kurzerhand zum Nachbar schickte. Der Zweite verfuhr
-wie der Erste, und so ging Johann reihum und lernte dergestalt viele
-Haushaltungen kennen und viele Menschen und den Inhalt verschieden
-gearteter Kochtöpfe und Suppenschüsseln.
-
-Zu Klagen bot der Bursche keinen Anlaß. Er war gutmütig und blieb
-ein beschränkter, einfältiger Tropf, was mit einer großen Wunde am
-Hinterkopfe zusammenhängen mochte, die der Junge gehabt, als ihn
-der fremde Mann zur einstweiligen Aufbewahrung abgegeben hatte. Nun
-war aber schon längst Gras über die Geschichte seines unerwarteten
-Auftauchens im Dorfe und über die Wunde eine dicke, rote Narbe
-gewachsen, vor der die strohgelben, wie Schweinsborsten in die Höhe
-strebenden Haare Johanns ehrerbietig Halt machten, und die den auch
-im übrigen keine Schönheiten aufweisenden Kopf in gleicher Weise
-verzierte, wie ein dicker Regenwurm einen gelben Kürbis. -- Genug,
-Johann war niemandes Feind!
-
-Als er ein gutgenährter Bursche von fünfzehn Jahren war, wurde er der
-Nachfolger des eisgrauen Schafhüters, nachdem man diesen eines Tages
-inmitten seiner Herde entseelt aufgefunden hatte.
-
-Diese Rangerhöhung vom schlichten Kostgänger zum Inhaber eines unter
-der lieben Jugend mit Ansehen verbundenen Amtes, wurde von den sich in
-die Unterhaltung Johanns teilenden Bauern ungefragt gutgeheißen und
-von dem Erwählten selbst mit einer an ihm noch nicht gekannten Würde
-entgegengenommen. Denn weil der Schafhüter nicht auf Gnadenbissen
-angewiesen war, sondern ihm freier Unterhalt im Gemeindehause von
-Rechts wegen zustand, war allen geholfen. Mit der Fähigkeit, ernstlich
-zu arbeiten, hätte es bei ihm für alle Zeiten gehapert, aber dem Posten
-als Befehlshaber dieser vierbeinigen Garde war der Bursche vollauf
-gewachsen.
-
-Noch immer saß Johann still auf seinem Platze und guckte nachdenklich
-in sein Glas.
-
-Der Gastwirt stand hinter dem Schanktisch und war mit müden Bewegungen
-dabei, die leeren Biergläser in einem mit Wasser gefüllten,
-hölzernen Schaff zu spülen. Er war ein kleiner, dicker Mann, dem das
-schwarze, gestickte Käppchen mit der roten Quaste würdig auf dem
-kurzgeschnittenen, weißen Haar saß. Den kugelrunden Bauch umspannte
-gerade auf der Stelle, wo er den größten Umfang, hatte das Band
-einer frischgewaschnen blauen Schürze und teilte ihn mit derselben
-gewissenhaften Genauigkeit in eine nördliche und südliche Hemisphäre,
-wie dies der Äquator mit der Mutter Erde freundlicherweise und
-unverdrossen noch bis auf den heutigen Tag tut.
-
-Während des Gläserspülens flogen die schläfrigen Augen des gutmütigen
-Alten von Zeit zu Zeit prüfend hinüber zu dem zurückgebliebenen Gast,
-der noch immer keine Anstalten zu gehen machte.
-
-»Na, Johann,« rief der Wirt endlich dem Schafhirten zu, »ich dächte, Du
-gingest jetzt auch heim. Du träumst wohl schon von dem Dutzend Klößen,
-das Du morgen Mittag wieder essen wirst?«
-
-Der Angesprochene aber sah den verschmitzt lächelnden Wirt mit großem
-Ernst an und fragte:
-
-»Vater Böhme, habt Ihr’s gehört, wie der Bauer vom Rabenstein heut
-Abend gesagt hat, jeder müsse jetzt dem Vaterlande einen Dienst
-leisten?«
-
-»Ja, so ähnlich hat’s schon geklungen, was er gesagt hat, der
-treffliche Konrad, aber Dich, Johann, hat er damit nicht gemeint.
-Zerbrich’ Dir den Kopf nicht darüber.«
-
-Der aber blieb hartnäckig bei der Sache und fragte von neuem:
-
-»Vater Böhme, habt Ihr schon Euern Dienst getan?«
-
-»Noch nicht, Johann. Aber wenn die Männer ausmarschiert sein werden,
-dann wissen es schon diejenigen Frauen, die es bedürfen, daß an jedem
-Sonnabend nach Feierabend beim Vater Böhme ein großer Topf Fleischsuppe
-für sie bereitstehen wird.«
-
-»Vater Böhme, nicht wahr, das ist eine Sünde, wenn einer jetzt für das
-Vaterland garnichts tut?«
-
-Der alte Mann blickte verwundert auf den Schafhirten und schüttelte
-leise mit dem Kopfe. Dann stemmte er die Arme breit auf den Tisch, daß
-der Bauch fest am Holze lag und antwortete:
-
-»Wer in den Augenblicken der höchsten Not nicht wenigstens im Geiste
-für die gute Sache ist, der versündigt sich allerdings an seinem Volke.
-Aber jetzt geh heim, Johann!«
-
-Dem Burschen war zwar der eigentliche Sinn dieser Worte dunkel
-geblieben, so viel aber hatte er davon begriffen, daß er jetzt wußte,
-daß sein Plan gut war. Mit dem zufriedenen Ausdruck eines Mannes, der
-in einer schwierigen Frage mit sich ins reine gekommen ist, stand er
-auf und verließ, den Gutenachtgruß vergessend, den Gasthof.
-
-
-
-
-21. Kapitel.
-
-
-Es war ein kühler Oktoberabend. Die Wolken jagten in dicke Haufen
-geballt über die Mondscheibe hinweg, und über den zahlreichen Pfützen
-schwebten graue Dunststreifen.
-
-Etwa zweihundert Schritte von dem Turme entfernt, der die Munition
-barg und so, daß der Wind keine Funken hinübertreiben konnte, brannte
-ein mächtiges Feuer von großen Holzscheiten. Rund um den Holzstoß
-war ein Graben ausgehoben, auf dessen Rand ein Fuhrmann saß, der die
-Pferdewache hatte. Er war in einen weiten, schwarzen Mantel gehüllt,
-dessen Falten seinen Körper ungeheuerlich groß erscheinen ließen; auf
-seinen Knien lag ein alter, breiter Reitersäbel. In geringer Entfernung
-dahinter, in einer Talwelle, brannte ein zweites Feuer, um das die
-übrigen Fuhrleute, gleichfalls in die Mäntel gewickelt, im Schlafe
-lagen. In engem Halbkreis standen, mit dem Rücken gegen das Feuer, die
-an Pflockleinen festgemachten Pferde. Sie hielten die Köpfe gesenkt und
-wie die Männer schienen auch sie zu schlafen. Von Zeit zu Zeit stampfte
-einer der Gäule mit den Hufen den weichen Boden und trat soweit zur
-Seite, daß er an seinen Nachbar anstieß, oder eines der Tiere hob den
-Kopf, prustete laut und schüttelte müde die Mähne.
-
-Ein drittes Feuer hatten drüben an der Straße die französischen
-Soldaten angezündet, die den Transport begleiteten.
-
-Der einsame Fuhrmann ergriff einen von seinen Ästen befreiten Stamm
-einer jungen Kiefer und schob ein paar abseits liegende Scheite näher
-zu den Flammen, als er mit einem Mal einen jungen Burschen neben sich
-bemerkte, der seine Bemühungen aufmerksam betrachtete. Blitzschnell
-hielt der Fuhrmann in seinem Beginnen inne, wandte sich zu dem
-Erschienenen und schrie:
-
-»Holla, Du Teufelsbraten, Dich hat gewiß die Erde ausgespien! Warum
-schleichst Du so hinterrücks heran? Soll ich Dich mit meinem Schürbaum
-hineinfegen in Dein flammiges Element?«
-
-Und er hob den Stamm und holte mit einer drohenden Gebärde aus, als
-wolle er seine Worte zur Tat machen.
-
-Der Angekommene aber stand dem Erregten so ruhig gegenüber, als wenn
-ihn dessen Drohung nicht im geringsten anfechte. Die Hände in den
-Taschen seines langen, grauen Kittels verborgen, sah er gelassen in die
-zornfunkelnden Augen und hielt den Blick mit großem Gleichmut aus.
-
-So verstrich eine Sekunde. Dann wandte sich der Fuhrmann ab, spuckte in
-weitem Bogen in die Flammen, warf mit tiefem Lachen den Baum zur Erde
-und setzte sich zugleich nieder.
-
-Noch immer laut lachend rief er:
-
-»Da hat mich doch dieser Einfaltspinsel zum Angsthasen gemacht. Ich
-kann’s aber auch auf den Tod nicht leiden, wenn’s einer darauf anlegt,
-mich zu erschrecken. Komm, Du Schlingel, setze Dich zu mir und hilf
-mir die Langweile bannen. Hast eine beneidenswerte Gemütsruhe an Dir,
-Bursche. Hahaha, steht da wie ein Pfahl, und doch hätt’ ich ihn beinahe
-totgeschlagen.«
-
-Der Angesprochene setzte sich bedächtig zur Seite des Fuhrmanns nieder
-und ließ mit Behagen die wohltuende Wärme des Feuers auf sich wirken.
-Unterdessen brachte der Fuhrmann aus der Tasche seines Mantels eine
-kurze Pfeife mit selbstgeschnitztem Kopfe hervor, nahm einen brennenden
-Spahn und zündete sie an.
-
-»Wer bist Du denn, Du maulfauler Geselle?« hob er endlich an.
-
-»Ich bin Johann, der Schafhirt von Rehefeld,« antwortete der Gefragte
-mit einem Anflug von bewußtem Stolz.
-
-Der Fuhrmann spuckte zweimal kurz nacheinander aus, warf wieder einen
-langen Blick auf den Burschen an seiner Seite und sagte mit Ausdruck:
-
-»Je länger ich Dich betrachte, mein Freund, umso aufdringlicher kommt
-mir die Ueberzeugung, daß keines Deiner allergrößten Schafe dümmer
-sein kann als ich vorhin gewesen bin. Aufrichtig gesagt, ich hätte mir
-selbst leid getan, wenn ich Dich totgeschlagen hätte.«
-
-»Mir auch,« versicherte Johann einsilbig, denn er dachte nur an das,
-was er zu tun entschlossen war.
-
-Der Fuhrmann nahm die Pfeife aus dem Munde, spuckte bedächtig in die
-Glut und warf einen neuen, verstohlenen Blick zur Seite. Dann versetzte
-er:
-
-»Bursche, Du bist entweder ein mit allen Salben geschmierter Windhund,
-oder ein ausgemachter Narr!«
-
-Johann hatte aber kein Interesse daran, was der fremde Mann von
-ihm dachte. Sein armseliges Hirn hatte einen Plan ausgesonnen, so
-groß, wie ihm noch keiner geworden war und der seine ganze geistige
-Kraft alarmiert hatte. Freilich war sein Hirn von der Mutter Natur
-recht stiefmütterlich bedacht worden, dafür regte sich aber in ihm
-alle jene instinktive Verschmitztheit und Schlauheit, die die mit
-feinen Verstandeskräften nicht sonderlich ausgerüsteten Menschen in
-bedeutungsvollen Augenblicken überkommen. Jetzt empfand er es auch,
-daß dieser Mann neben ihm seinen ganzen herrlichen Plan vereiteln
-konnte, und daß es nur von seiner Geschicklichkeit abhinge, ihn nicht
-argwöhnisch zu machen.
-
-»Ihr habt am Abend die Pferde aus den warmen Ställen gezogen,« sagte
-er, »Ihr wollt doch nicht etwa zur Nacht aufbrechen?«
-
-»Daß Dir der leibhaftige Gottseibeiuns das Genick umdrehe,« antwortete
-der Fuhrmann, »bist Du etwa von den Preußen als Spion hergeschickt,
-he?« Bei diesen lautgesprochenen Worten nahm der Fuhrmann die Pfeife
-aus dem Munde und sah den Schafhirten scharf an, als wolle er im Grunde
-seiner Seele lesen.
-
-Dieser aber bewahrte seine gutgespielte Harmlosigkeit, kicherte leise
-vor sich hin und versetzte:
-
-»Hab’s noch nicht probiert mit diesem saubern Handwerk. Soll ja viel
-einbringen, aber bisweilen auch den Hals kosten. Und was tut der Mensch
-dann ohne Kopf? Seinen klingenden Lohn kann er nicht mehr genießen und
-bleibt obendrein ein Krüppel zeitlebens.«
-
-Der Fuhrmann hatte wieder beruhigt ausgespuckt und lachte jetzt laut
-auf.
-
-»Du gefällst mir, Bursche,« rief er und schlug Johann derb auf das
-Knie. »Du hast recht, es ist ein bißchen windig mit dieser Karriere.
-Sonst hätte ich mich selbst schon längst damit befaßt.«
-
-»Seht,« begann Johann von neuem und sah aufmerksam in die Flammen
-»warum sollte ich auch meinen Beruf mit diesem vertauschen? Tät’ ichs,
-so würden mich selbst die ärgsten Spitzbuben verachten, daß ich den
-Stand derjenigen so tief herabsetze, die sich freiwillig oder gezwungen
-dazu hergeben, die nun einmal vorhandenen Gefangenhäuser zu bevölkern.
-Und ein rechtschaffener Bettler würde lieber einem armen Mann sein
-letztes Huhn stehlen, als daß er auf das Klimpern des Sündenlohnes in
-meiner Tasche hin die Hand hohl machte. Lieber bleibe ich also Knecht.«
-
-»Ich merk’s, Du bist ein Galgenvogel,« unterbrach der Fuhrmann den
-Sprecher, »aber fahr fort in Deiner Rede.«
-
-Johann ließ sich durch den Einwurf nicht beirren, sondern begann von
-neuem und recht geheimnisvoll:
-
-»Ich sagte, ich sei ein Knecht? Das ist eigentlich nicht richtig, denn
-niemand darf sich so frei fühlen, wie ich es bin. Die Arbeit ist ein
-Joch, das den Menschen auf eine Stufe mit dem Stier stellt, der neben
-dem Pferd vor dem Pfluge einhergeht. Die Arbeit macht den Menschen
-häßlich, zeichnet ihm harte Linien ins Gesicht, verdirbt seine gerade
-Haltung und den leichten Gang und schafft grobe Hände. Und warum lassen
-die Menschen trotz alledem und alledem nicht von ihr ab? Weil mit der
-Arbeit die Sucht nach dem Gewinn in das Herz einzieht! Hat die Arbeit
-dem Menschen erst einmal so viel eingebracht, was dem Wert eines
-Stückchens Fingernagel gleichkommt, wie man sich’s täglich abbeißt,
-dann hat auch schon der böse Geist die arme Seele gepackt, und sie
-verzehrt sich vor Sehnsucht nach immer reicherem Gewinn. Und wo ist die
-Grenze, an der angekommen der Mensch aufhörte zu streben und aufhörte
-auf mehr zu hoffen? Es gibt keine! Und darum sage ich: in der Arbeit
-sitzt der Teufel!«
-
-»Hm,« begann der Fuhrmann zögernd, »meine Mutter sprach vor vielen
-Jahren freilich anders, doch war sie eine einfache, ungelehrte Frau,
-und zudem war damals die Einsicht noch nicht so tief in das Volk
-eingedrungen wie heutzutage. Doch erzähle weiter, mir sprichst Du
-jedenfalls aus der Seele.«
-
-»Seht mich an,« fuhr der Schafhirt fort, »wie reich ich bin! Und doch
-hasse ich die Arbeit und gebe mich nie dazu her. Frühmorgens, mit dem
-ersten Sonnenstrahl, springe ich vom Lager auf und treibe meine Herde
-hinaus auf die grünen Fluren. Dort bin ich mit den Tieren allein in
-traulicher Einsamkeit, die kein lästiger Mensch stört. Ein Teil der
-Herde grast, ein anderer steht um mich herum und hört mir zu, wie ich
-auf meiner Schalmei blase, derweilen der wachsame Spitz die Tiere
-bellend umkreist. Ich habe nur nötig, hierhin zu gehen, gleich folgt
-mir alles nach, meine Schritte dorthin zu lenken, um die Schar wieder
-zur Umkehr zu bringen. Sie sind meine Untertanen, und ich bin ihr
-König. Der Himmel ist mein Baldachin, der moosgeschwellte, blumige Sitz
-mein Thron, und die Hirtenpfeife ist mein Zepter. Sagt, kann man mich
-hiernach noch einen Knecht nennen?«
-
-»Du hast Dir jedenfalls ein Metier erwählt, das für Dich paßt,«
-antwortete der Fuhrmann, ohne des Schafhirten Frage zu beachten. »Für
-mich wäre es aber nichts, denn mich würde schon am ersten Tage die
-Langweile mit Stumpf und Stiel auffressen. Du bist ein Träumer, ich
-hingegen bin ein ruheloser Stürmer, ein Reptil mit hundert Gelenken,
-die sich unaufhörlich bewegen. Nun hör mich an, und sage mir, wie Dir
-mein Leben gefällt, das ebenso ruhelos ist und reich an wilden Szenen,
-wie Deine Tage ohne Aufregung und in ihrer Gleichförmigkeit zermalmend
-dahinfließen.
-
-Wir Fuhrleute sind ein rauhes, liederliches Volk und fürchten Gott
-und den Teufel nicht. Wir vom Troß der Armee haben das bessere Teil
-erwählt. Denn während vorn zerrissene Leiber auf den Rasen stürzen,
-befinden wir uns weit hinten allen Gefahren für Leib und Leben entrückt
-und spielen unterdessen Meister und Sieger. Und zu alledem sind wir ein
-unentbehrlicher Teil des Ganzen, wichtiger zuweilen, als die Hälfte
-der Streitmacht und von dieser hochgeschätzt und immer gern gesehen.
-Keine Schlacht kann ohne uns geschlagen werden, denn wir schaffen
-ihnen das mordgierige Blei und das Pulver herbei, und was frommte
-dem Heere der schönste Sieg, wenn nach der Schlacht unsere Räder
-den Erschöpften und Hungrigen nicht die gehörige Atzung zuführten!
-Heute hier, morgen dort, einmal im Überfluß, dann wieder darbend, das
-was begehrlich erscheint entweder durch Bitten und Versprechungen
-willfährig machend -- betörend, oder mit herzhaftem Griff an sich
-reißend, um es nach dem Genusse wieder wegzuwerfen -- --, so treiben
-wir im Regen und Sonnenschein, jahraus jahrein, bergauf talab singend
-und peitschenknallend unsere Pferde durch die Welt, wir, die Männer der
-Straßen!«
-
-»Sagt doch einmal,« warf Johann eingeschüchtert ein, »Ihr seid Eurer
-Sprache nach ein Deutscher. Wie kommt es denn nun, daß Ihr gerade den
-Franzosen Pulver und Blei nachfahrt? Sie benutzen es doch nur dazu, um
-Eure Landsleute damit zu verderben. Der Rabensteiner hat gesagt, es
-dürfe kein deutscher Mann den Feinden des Vaterlandes dienen.«
-
-»Ach was, Firlefanz,« antwortete der Fuhrmann, »ich gehe mit dem,
-der am besten zahlt. Und dann, Bursche, ist es doch mehr Ehre den
-siegreichen Heeren des großen Franzosenkaisers hinterdrein zu ziehen,
-als beispielsweise den preußischen Regimentern, die doch in der
-Mehrzahl nur aus zusammengelaufenem Pack bestehen.«
-
-»Ja, aber der Rabensteiner hat gesagt,« erwiderte Johann halsstarrig,
-»daß -- -- --«
-
-»Hol Dich der Henker mit Deinem verdammten Rabensteiner,« schrie der
-Fuhrmann auf und spuckte zornig ins Feuer, »sorg lieber dafür, daß
-Du Dir einstmals eine bessere Gruft ausgesucht hast, als sie Dir der
-Rabenstein bietet. Was schiert mich das Vaterland! Heute hier, morgen
-dort. Wo man trinkt und liebt ist mein Vaterland!«
-
-Er stopfte aus einer getrockneten Schweinsblase neuen Tabak in seine
-Pfeife, zündete sie an und stieß den Rauch in mächtigen Wolken aus dem
-Munde. Dann begann er wieder:
-
-»Du vorwitziger Gelbschnabel hast eben nicht den leisesten Begriff, wie
-lustig das Leben unter den Flügeln der siegreichen Adler ist. Laß Dir
-davon erzählen. Übrigens wirst Du wohl vom Hörensagen wissen, daß es
-gerade bei den Preußen nicht in Saus und Braus hergeht!
-
-Tagelang sehen wir von der Armee kein Käppi und schalten nach unserm
-eignen Willen. Den Bauer machen wir willfährig und zwingen ihn, die
-fetteste Sau im Stalle zu einem Frühstück für uns abzustechen. Rauben
-dürfen wir beileibe nicht, aber, wie’s so kommt, etwas bleibt immer
-an den allzeit klebrigen Fingern hängen. Und köstlichen Spaß gibt’s
-bisweilen auch. Merk auf, Bursche!
-
-Im verflossenen Monat war’s, da zogen wir in langsamen Märschen mit
-schwerbeladenen Proviantwagen durch thüringisches Gebiet. Der Tag
-war heiß, denn die Septembersonne brannte seit dem frühen Morgen
-recht empfindlich auf uns hernieder. Der Weg wurde uns sauer, und
-wir hatten noch weit bis ins nächste Dorf. Da tauchte ein einzelnes
-Bauernhaus auf, das unsern Blicken bisher durch eine Waldecke verborgen
-geblieben war. Erschöpft kamen wir an und wetterten nach Speis’ und
-Trank. Im nächsten Augenblick erschien eine runzlige, alte Vettel auf
-der Haustürschwelle, die heulend versicherte, daß die Soldaten all
-ihre bewegliche Habe zerstört oder mitgenommen hätten, und sie den
-vorangezogenen Fuhrleuten die letzten Kartoffeln hätte geben müssen,
-von denen sie sich selbst das Mittagsmahl bereiten wollte.
-
-Ich sah durch das Fenster in die Stube und erkannte sofort, daß in
-diesem Hause nichts mehr zu holen war, in dem selbst die Mäuse, statt
-Futter zu finden, sich nur Blutblasen an die Pfoten gelaufen haben
-würden.
-
-Ich war erbost, denn mich plagte Hunger und Durst. Da kam mir mit
-einem Male ein köstlicher Gedanke: sollen wir hier nichts bekommen,
-so müssen wir doch unsern Spaß haben! Ich raun’ meinem Kameraden ein
-paar Worte zu, daß er laut auflacht. Aber schon bin ich entschlossen
-und mach’s kurz. Mit festem Griff fasse ich die zaundürre Hexe trotz
-allen Keifens und Widerstrebens um den Leib, und hoppdihopp, sitzt sie
-rittlings auf dem breiten Rücken des Handpferdes. Starr vor Schrecken
-klemmt sie auf dem Gaul wie eine Wäscheklammer auf der Leine und rührt
-sich nicht. Da fliegt, wie aus der Kanone geschossen, der Bauer aus
-dem Hause heraus, der die unfreiwillige Prüfung seines Ehegespons auf
-ihre Reitfertigkeit wahrscheinlich schon von drinnen beobachtet hatte.
-Seine spärlichen, weißen Haare hingen wirr um den kahlen Schädel, und
-während ich auf den Bock gesprungen war, hob er die Hände zu mir empor
-und wimmerte wie eine sterbende Katze um sein Weib. Ich aber treibe die
-Pferde an; -- er greift nach den Zügeln, um die Gäule zurückzuhalten.
-Da habe ich auch schon den blanken Säbel in der Hand und lasse die
-flache Klinge auf seine Arme niederfallen.
-
-Wie Schilfrohr knickte der morsche Röhrenknochen des fleischlosen
-rechten Unterarmes um und hing zu Boden, wie ein zerbrochener
-Rührlöffel. Ich schlage kräftig auf die Pferde ein, daß die
-wahrscheinlich von der Peitsche getroffene Alte heulend in die Höhe
-fährt, und in rascher Bewegung rollt der Wagen die Straße entlang.
-Da kommt wieder Leben in den in wunderlicher Haltung auf dem Pferde
-hockenden Reiter, und bald flehend, bald zischend vor Galle begehrt die
-Bäuerin, sie herunterzulassen.
-
-Es war ein ausgezeichneter Spaß, der uns über Hunger und Durst
-reichlich hinwegtröstete. Etwa zwei Stunden führten wir das Weibsbild
-hoch zu Roß mit uns. Dann kam ein französischer Offizier angeritten,
-der uns das Pläsier verbot und die Alte unnützerweise durch ein des
-Weges kommendes Gespann wieder zurückbringen ließ.
-
-Ein paar Tage später bin ich in Verlegenheit. Meine Sacktücher sind zu
-Ende gegangen, weshalb ich genötigt bin, den Schweiß immerzu mit dem
-Rockärmel von der Stirn zu wischen, und meine Füße steckten barfuß in
-den Stiefeln. Da halte ich in einem elenden Dorfe vor einem niedrigen
-Hause, in dem sich, wie es schien, keine lebende Seele befand. Ich
-zweifelte, ob da drinnen für mich etwas sein könne, gehe aber doch
-hinein.
-
-Die vordere Tür im Hausflur war verschlossen. Ich öffne die hintere
-und komme in eine sehr ärmlich aussehende Küche. Wie ich aber auf die
-Türschwelle trete, da frohlockt’s in mir, denn eine Anzahl bunter und
-weißer Leinwandstücke liegt auf dem Tische durcheinander. Das war’s
-ja gerade, was ich suchte. Ich eile also darauf zu und fange an, den
-Vorrat hurtig im meine Taschen zu stopfen. Da höre ich heftiges Atmen
-und wie ich mich umwende, sehe ich in einem Bett eine junge Frau
-liegen. Mit fliegenden Worten beschwört sie mich, davon abzustehen. Sie
-sei seit gestern Mutter und die Leinwand wäre zu Hemden und Windeln für
-den um einen ganzen Monat zu früh erschienenen Erdenbürger bestimmt.
-Die Nachbarin wäre soeben noch bei ihr gewesen und sei nur für kurze
-Zeit fortgegangen, um nach den eigenen Kindern zu sehen.
-
-Ich aber überlege nicht lange. Meine Not ist groß, und der Säugling mag
-sehen wo er bleibt. Ich kehre mich also nicht an das Rufen der Mutter,
-sondern raffe zusammen was ich bekomme. Ihr Geschrei wird aber ärger,
-und ich bin besorgt, daß man sie auf der Straße hören könne. Nun weiß
-ich aber, wie schwer es ist, einem zeternden Frauenzimmer mit Erfolg
-das Maul zu verbieten. Da fällt mein Blick auf den Ofen, ein zweiter
-auf das trinkende Kind an ihrer Brust. Ich springe hinzu, reiße ihr die
-hungrige Brut weg und lege sie dicht vor dem Tische auf den Fußboden
-nieder. Dann ziehe ich den eisernen Topf mit kochendem Wasser aus der
-Röhre und setze ihn so auf die Kante des Tisches, daß er beständig
-zwischen Stehenbleiben und Umkippen schwankt und suche mir nunmehr in
-aller Gemütsruhe die besten Leinenstücke aus. Das dünne Zeug werfe ich
-zurück, da es mir nicht viel nützen konnte.
-
-Du hättest sehen sollen, Junge, wie jetzt das Weib schwieg, denn ein
-kleiner Stoß von mir an den Tisch hätte den Topf zum Umkippen gebracht,
--- -- und darunter lag der schmatzende, quäkende Wurm.
-
-Der Mutter hatte der Schrecken gewaltig eingeheizt. Ihr Gesicht war
-grau geworden und mit kreisrunden Augen und ohne alle Bewegung schaute
-sie auf ihr Junges, als wenn es von ihrer ruhigen Haltung abhinge, daß
-der unaufhörlich schwankende Topf stehen bleibe.
-
-Als ich dann von der Straße neugierig durch das Fenster schaute, sah
-ich, wie das Weib wie eine aufgezogene Puppe zum Ofen ging, das Kind
-aufhob und gleich darauf mit ihm umfiel.«
-
-Der Fuhrmann brach hier kurz ab und blickte erstaunt auf den neben
-ihm Sitzenden. Johann war zusammengesunken, seine Augen waren starr
-vor sich niedergerichtet und die Zähne fest aufeinandergebissen. Der
-Körper des jungen Mannes bebte, und es kostete ihm sichtlich viel Mühe,
-ruhig zu bleiben.
-
-Da stieß der Fuhrmann mit einem wilden Fluche den Säbel auf den Boden,
-daß das Eisen klirrte und sagte drohend, aber mit gewaltsam gedämpfter
-Stimme:
-
-»Du gefällst mir nicht, Bursche! Bringe mich nicht in Versuchung,
-mit dem Korb meines Säbels Dir Deinen windschiefen Hirnkasten
-einzuschlagen!«
-
-Bei diesen Worten kam Johann rasch die Ueberlegung zurück. Die
-tierische Wut, die den seine Leidenschaften nicht beherrschenden,
-geistesschwachen Jüngling während der letzten Worte der Erzählung des
-Fuhrmanns so urplötzlich gepackt hatte, wich von ihm und die Besinnung
-kam wieder. Er hatte sich in seinen Plan so verbissen, daß der Gedanke
-an die Möglichkeit des Scheiterns alle andern Regungen in seiner Seele
-zum Schweigen brachte.
-
-Mit geheucheltem Erstaunen drückte er dem Erzähler seine Verwunderung
-über dessen Zornesausbruch aus und mit zwinkernden Augen und listigem
-Schmunzeln rieb er sich die Hände und kicherte wieder still vor sich
-hin.
-
-»Das muß ich schon gestehen,« beeilte er sich hinzuzufügen, »Euer
-Beruf ist kurzweiliger als der meinige, wenn Ihr öfters solche lustige
-Streiche vollführt.«
-
-Dabei schossen seine Blicke verstohlen zu dem Mann an seiner Seite, um
-zu ergründen, ob dessen Argwohn verflogen sei.
-
-Der Fuhrmann aber rührte sich nicht. Die Pfeife lag in seinem Schoße,
-und der Blick war finster in die Nacht hinaus gerichtet.
-
-Eine geraume Weile verstrich in beiderseitigem Schweigen. Dann legte
-der Fuhrmann den noch immer mit der Faust umklammerten Säbel wieder
-auf die Knie, während sich seine Augen mit sinnendem Ausdruck auf die
-züngelnden blauen, gelben und roten Flammen des niedrigbrennenden
-Feuers hefteten.
-
-»Es gab eine Zeit,« begann er wie im Selbstgespräch und mit so
-veränderter Stimme, daß Johann bei dem weichem Klange plötzlich
-aufhorchte und angestrengt nachsann, ob er diese Stimme nicht schon
-einmal gehört habe, »es gab eine Zeit, zu der ich die Achtung aller
-die mich kannten genoß, und der Name Laurentius Kräutlein einen guten
-Klang hatte. Damals war ich an Jahren noch ein junger Mann und an
-Herzenseinfalt ein Kind. Ich genoß auf Erden die Wonnen des Paradieses.
-Da griff das grausame Schicksal jäh zu und zerbrach mir mein sonniges
-Glück. In einer einzigen Stunde verdorrten Blüten und Blätter, und ich
-ward zum ruhelosen, rauhen Mann, den die bösen Mächte um Heimat und
-Glück betrogen. Und darum sage ich: -- es gibt keinen Gott.«
-
-Des armen Johanns aber hatte sich bei diesen Worten des Mannes, die
-eine furchtbare Anklage an das Schicksal enthielten, eine tiefe Regung
-bemächtigt. Und mit fliegendem Atem versetzte er:
-
-»Der Pastor Reinerz aber sagt immer: Es gibt einen Gott, und dieser
-läßt sich nicht spotten!«
-
-Da fuhr der Fuhrmann zornig auf, und alle Weichheit war wieder von ihm
-gewichen, als er herausbrach:
-
-»Halte Dein lästerliches Schandmaul, Du Rabenaas, es gibt keinen, sage
-ich,« dabei drohend den Säbel von den Knien hebend. Und nach einigen
-Sekunden fuhr er beruhigter fort:
-
-»Merk auf, junger Mann. Ich werde Dir meinen Lebensgang erzählen,
-und Du sollst urteilen. Kannst Du aber, wenn ich geendet, für das
-Bestehen der Gottheit noch sprechen, dann werfe ich mich freiwillig
-in die Flammen dieses Feuers. -- Ich bin im Bayrischen geboren. Meine
-Kindheit gestaltete sich so tieftraurig, daß ich ihrer nur mit Wehmut
-gedenken kann. So viel wie andere Kinder gespielt und gelacht haben,
-habe ich geweint. Alle im Hause schalten und schlugen mich, und wer
-an mir vorüberging, stieß heimlich nach mir. Mein Vater war ein Hund!
-Väter, die ihre Kinder, noch bevor sie geboren sind, im Stich lassen,
-sind immer Hunde. Mag der gräßlichste Tod für ihn bestimmt sein und er
-jahrelang sterben!
-
-Meine Mutter war ein engelgutes, schüchternes Wesen von schwachem
-Körper. Sie litt unsägliche Qualen unter den täglichen Boshaftigkeiten
-ihrer lieben Verwandten, auf deren Hilfe sie leider angewiesen war.
-Ihr ganzes Glück war ich, und ich entsinne mich noch recht lebendig,
-wie inbrünstig sie mich als Knaben manche Nacht im Bette an sich
-drückte, wobei die bittersten Tränen aus ihren Augen auf mein Gesicht
-niedertropften. Zum Glück starb sie bald, und ich verließ kurz darauf
-die Gegend und ließ mich nach manchen ziellosen Wanderungen im
-sächsischen Erzgebirge nieder. Dort erlernte ich die Klöppelei und war
-in wenigen Jahren ein sehr geübter Arbeiter, dessen Erzeugnisse ob
-ihrer Feinheit und Sauberkeit geschätzt wurden. Ich war fleißig und
-sparsam und brachte mir eine hübsche Summe Geldes auf die Seite. Ich
-war auch angesehen und geachtet, -- aber glücklich war ich nicht! Der
-Stachel, der in der Kindheit in mein Herz getrieben wurde, besaß einen
-starken Widerhaken und verhinderte, daß wahre Zufriedenheit über mich
-kam. Auch fromm bin ich zu dieser Zeit gewesen und an keinem Abend
-schlief ich ein, ohne das Kindergebet gesprochen zu haben, wie es mich
-meine Mutter gelehrt hatte.
-
-Da lernte ich ein armes Mädchen kennen, das aus Böhmen eingewandert
-war. Nach kurzer Zeit gestanden wir uns unsere gegenseitige Liebe und
-heirateten bald darauf. Meine Freude war unbeschreiblich und mir war
-von dieser Stunde an die Brust mit reinem, innigem Glück erfüllt,
-das die traurigen Erinnerungen an die Kindheit langsam aus der Seele
-verdrängte.
-
-Wir erstanden etwas abseits vom Dorfe, dicht an der Landstraße
-ein kleines Häuschen, mit schmuckem Garten und einem ansehnlichen
-Hühnervolk und lebten so zufrieden, daß wir unser Glück gegen alle
-Schätze der Welt nicht eingetauscht hätten. Mein junges Weib war
-heitern Gemüts, das mich ernst Veranlagten fröhlich machte. Durch das
-Haus und den Garten scholl ihre Stimme und ihr lustiges Lachen. Ihre
-Lippen waren voll und kirschrot, und ihre dicken, dunkeln Zöpfe trug
-sie auf dem Kopfe wie eine Krone. Das herrlichste an ihr aber waren die
-pechschwarzen Augen, aus denen Freude und Lebenslust blitzten und die
-in mir die ungeheure Glut entfacht hatten.
-
-Und als nach Jahresfrist uns in einer weichen Sommernacht ein Sohn
-geboren wurde, da stand ich wunschlos auf dieser Welt. Ich mußte
-allein sein mit meinem Glück. Leise verließ ich mein schlafendes Weib
-auf kurze Zeit, ging ins Freie und brach in reichfließende Tränen der
-Freude aus. Nicht mehr Herr meiner Gefühle, sank ich in die Knie und
-lehnte den Kopf an die Hinterwand meines Hauses. Ich dankte Gott
-für die Fülle seiner Gaben und gedachte in unendlicher Liebe meiner
-verstorbenen Mutter. Auf das kleine Haus, das meine Teuern barg, hatte
-sich das Glück herabgesenkt, das zwei wackere Helfer geschmiedet
-hatten: Arbeit und Liebe. Die sturmfesten Stützen des schirmenden
-Daches verdankte ich dem Ertrage meiner Hände Arbeit, und das was den
-Eingang treulich hütete und den Glanz im Innern bereitete, war die
-Liebe.«
-
-Hier unterbrach der Fuhrmann seine Erzählung. Noch immer war der Mond
-von Wolken umlagert. Der Wind hatte sich etwas erhoben und blies in das
-Feuer, daß die Flammen seitwärts schlugen. Durch die Postenkette ging
-einer der Fuhrleute, der von der am nächsten stehenden Schildwache an
-der Straße angerufen wurde. Der Wind trug leise den Klang der Worte
-herüber, die gewechselt wurden.
-
-»Parole?« tönte die Frage, und »Jena!« lautete die gedämpfte Antwort.
-
-Jetzt wandte sich der Erzähler wieder zu dem Schafhirten und fuhr fort:
-
-»Die Schwäche meiner Frau war ihre Putzsucht. Sie liebte es, sich
-mit bunten Flicken zu schmücken und konnte lange die Wirkung solchen
-Aufputzes im Spiegel betrachten. Ich habe sie nie darum gescholten,
-denn Eitelkeit ist die Zwillingsschwester der Keuschheit. Ich war froh
-darüber, daß sie sich solch harmlose Freude bereitete, denn unser
-Leben floß recht ruhig dahin. Bisweilen hatte ich aber die Empfindung,
-daß Franziska ihrer Schwäche manchen Groschen opferte, der bei unsern
-knappen Mitteln besser für etwas Anderes ausgegeben worden wäre.
-
-Fünf Jahre waren seit unserer Verheiratung verstrichen, als mich eines
-Sonntags auf dem Heimwege vom Kirchgang mein Nachbar Werner am Arm nahm
-und mir verstohlen zuraunte:
-
-»Laurentius, gib Acht auf Dein Weib!«
-
-Ich war so überrascht und erzürnt durch diese Worte, daß ich den
-Sprecher am liebsten ins Gesicht geschlagen hätte, wen mir nicht
-alsbald das Bewußtsein gekommen wäre, daß Werner, wenn er auch nur
-ein armer Weber war, das größte Vertrauen von jedem im Dorfe genoß.
-Fassungslos starrte ich ihm in die Augen um darin zu lesen, ob er sich
-einen grausamen Scherz bereite, oder ob er so schlecht wäre, Mißtrauen
-in mir gegen mein reines Weib zu erwecken.
-
-Je länger ich ihn aber anschaute, umso eindringlicher kam mir die
-Überzeugung, daß dieses in Ehren ergraute Haupt keine schlimme Tat auf
-sich laden könne, und ich wurde verwirrt unter dem wohlmeinenden Blick
-dieser ehrlichen Augen. Wie ein Rasender stürmte ich nach meinem Hause.
-
-Da sah ich von der Schwelle aus ein liebliches Bild: Franziska
-hielt den Knaben fest in ihren Armen, jauchzte vor Freude und küßte
-wieder und immer wieder das lächelnde Kind. Noch nie war mir ihr
-wohlgebildeter, schmiegsamer Leib so lebensfrisch und anziehend
-erschienen, und niemals hatte das Mutterglück ihr Gesicht so verklärt,
-wie in diesem Augenblick. Eine warme Welle trieb mir zum Herzen, und
-ich bat ihr im Stillen das bittere Unrecht ab, das ich ihr getan und
-entschuldigte Nachbar Werners Verdacht mit unseligem Irrtum.
-
-Wenn mir nun auch manches aus den letzten Wochen an Franziska ungewohnt
-erschien, so fühlte ich doch im innersten Herzen, daß eins geblieben
-war: die Liebe zu mir und dem Kinde. Mochte sie mit ihrer Schwäche
-auch manchmal Ursache zu Gerede unter den Leuten geben, im Grunde war
-es doch etwas anderes, das diesen Menschen die Zungen schärfte: sie
-gönnten mir mein Weib und mein friedliches Heim nicht. Gerüchte tauchen
-plötzlich auf und zerflattern wieder wie Sternschnuppen, und der Mann
-hat sein Weib nie geliebt, den die erste Warnung wider sie in Harnisch
-bringt! -- Aber ich nahm mir vor, auf die Eindämmung ihrer immer mehr
-wachsenden Gefallsucht ernst hinzuarbeiten.
-
-Der Herbst war ins Land gekommen, und bald fegten die ersten
-winterlichen Schauer über die verödeten Fluren. Es war Sonnabend und
-ich war, wie ich es an diesem Tage immer zu tun pflegte, nach dem
-zwei Stunden entfernten Annaberg gegangen, um meine Arbeit der Woche
-abzuliefern. Hierbei war ich länger als sonst aufgehalten worden und
-besorgte deshalb rasch die gewohnten Einkäufe. Wohlgemut schritt ich
-auf der Landstraße hin, mein Bündel im Arm und die Gedanken daheim bei
-meinen Lieben.
-
-Es war kurz vor der Dämmerung, als ich durch ein Dorf kam, das gerade
-auf der Hälfte des Weges lag. Da sehe ich drüben am Mühlgraben
-Menschen zusammenlaufen. Ich eile hinüber, um nach der Ursache des
-Geschreis zu fragen. Kaum aber bin ich dort angekommen, gewahre ich
-einen etwa achtjährigen Knaben in den Fluten des breiten Grabens, den
-die Wasser im Wechsel niedertauchen und dann wieder auf kurze Zeit
-an die Oberfläche heraufbringen. Der Kleine zappelte und sträubte
-sich herzhaft gegen das tückische Element. Aber es war umsonst,
-daß das bedrohte Leben sich der gefährlichen Umarmung zu entziehen
-versuchte. Nach ein paarmal Untertauchen würde der Knabe nicht wieder
-heraufkommen, und dann nahm ihn der stille, schwarze Teich auf und
-bettete den kleinen Leichnam in seinen tiefen, weichen Schlamm. Wohl
-hatte der Gedanke meine Seele durchzuckt, hineinzuspringen und den
-Versuch zu machen, den Ertrinkenden zu retten. Aber dieser Versuch
-mußte aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem Leben gebüßt werden, denn
-das Wasser war übermannstief, ich war des Schwimmens nicht kundig, und
-die Wirbel hätten meinen schweren Körper viel eher hinabgezogen wie den
-leichten Knaben. Zudem hatte man ja selbst Weib und Kind daheim, die
-ihres Ernährers harrten -- -- und ich wandte mich ab.
-
-Da zerriß der wilde Wehruf eines Weibes die Luft: »Mein Kind! Um
-Gotteswillen, mein einziges Kind!««
-
-Der Fuhrmann hielt eine Sekunde in der Erzählung inne, so mächtig
-packte ihn die Erinnerung. Dann fuhr er fort:
-
-»Der Klang dieser Worte drang mir ins Herz wie glühender Stahl. Ruhig,
-aber schnell wie das Aufleuchten des Sonnenlichts zwischen dunkeln
-Wolken, stellte ich mir vor: -- wenn dieses verzweifelte Weib Deine
-Mutter, der Kämpfende Dein Bruder wäre! Dieser Gedanke ließ die
-Bedenken gegen den, das eigene Leben gefährdenden Versuch der Rettung
-verblassen. Dann wieder drang es auf mich ein: -- wie nun, wenn dies
-Dein geliebtes Kind wäre ...! und es schien mir, als wenn plötzlich
-mein Herzschlag stocke. -- Was aber würdest Du tun, schrie es mir wild
-ins Ohr, wenn Dein Weib hier stünde und in tödlicher Angst nach einem
-Retter riefe ...!
-
-»Platz da!« schrie ich mit dem ganzen Aufgebot meiner Stimme und
-drängte mich wieder zum Rande des Grabens. Die Menschen wichen zurück,
-Mütze und Rock flogen zur Erde, und dann sprang ich kopfüber in die
-eisige Flut. Die plötzliche Kälte raubte mir den Atem, die Wasser
-rissen mich mit sich fort, und die Todesnähe hemmte mir die ruhige
-Ueberlegung. Zweimal schlägt es über mir zusammen, dann komme ich
-herauf und tue instinktiv wieder einen tiefen Atemzug, -- von neuem
-umfängt mich die Finsternis, und wieder unterscheidet endlich mein
-Auge in der Dämmerung verschwommen die Gestalten der Menschen am Ufer.
-Da streift die Hand einen Körper. Ich erkenne den Knaben, packe fest
-zu, und die Wirbel reißen mich zum letzten Male hinunter. Mit der
-Verzweiflung des Ertrinkenden halte ich mich und den Knaben darauf eine
-kurze Weile über Wasser und ergreife dann die mir entgegengehaltene
-Stange, an der wir ans Ufer gezogen werden.
-
-Während die Menge Knaben und Mutter umgibt, werfe ich flugs mein Gewand
-über und mache mich auf und davon. Noch höre ich die jubelnden Worte:
-er lebt, er hat die Augen aufgeschlagen? Ich aber wickle mich, so
-gut es eben geht, in meinen dünnen Rock und laufe, als wenn der Böse
-hinter mir wäre. Endlich komme ich an meinem Hause an, die Glieder fast
-erstarrt vor Kälte.
-
-Doch, was ist das? Kein Licht? Mein Weib empfängt mich nicht? -- Sie
-ist ausgegangen! -- Aber wohin? Warum? Jetzt zu dieser Zeit pflegt
-sie doch niemals das Haus zu verlassen! Die vordere Haustür ist
-verschlossen. Ich klinke die Hintertür auf und trete ein.
-
-»Franziska!« rufe ich, »Fränzchen, mein liebes Fränzchen, ich bin
-wieder da -- --!« klingt mein angstvoller Ruf aus dem plötzlich
-bebenden Munde. -- Nichts rührt sich, niemand antwortet mir. Ich
-stolpere nach der Stube und mache mit zitternden Händen Licht. Und wie
-der schwache Schein der Kerze den Raum erhellt, sehe ich ringsum eine
-Verwüstung, als wenn Räuber darin gehaust hätten. Alle Schubfächer der
-Kommode, des Tisches sind geöffnet; der Deckel der großen Lade ist
-zurückgeschlagen und der Inhalt auf dem Fußboden ausgebreitet. Weiße
-und rote Gewänder, bunte Stoffe und Schürzen, aufgerollte Bänder,
-künstliche Rosen und Jasmin wild durcheinander. Sind das alles Kleider
-von Franziska? denke ich. Da erscheint mir dies und jenes bekannt,
-manches davon aber hatte sie mir verborgen gehalten. Meine Gedanken
-werden wirr. Was um Christiwillen bedeutet das, und wo ist dein Weib?
-
-Indem fällt mein Blick auf ein Stück Papier, das neben dem Leuchter
-auf dem Tische liegt. Ich hatte das Gefühl, als wenn mir das Herz
-still stehe, nehme den Zettel in die Hand und lese bei dem flackernden
-Kerzenscheine:
-
- Lieber Laurenz! Du mußt mich gehen lassen und darfst mir nicht
- böse sein. Du bist ein herzensguter Mann, aber ich würde
- sterben bei diesem Leben. Ich habe mich jahrelang beherrscht
- und wollte meinen leichten Sinn unterdrücken, aber meine Kraft
- reichte dazu nicht aus. Ich habe, bevor Du mich kanntest,
- trotz meiner Jugend schon lustig in den Tag hineingelebt und
- kehre nun wieder zu diesem Leben zurück. Vier Jahre lang habe
- ich Dir die Treue gehalten, seit ein paar Monaten aber bin ich
- des Nachts manchmal aus dem Haus geschlichen, wenn Du von der
- Arbeit ermüdet fest schliefst. Das Glück und die Ruhe in Deinem
- Hause würden mich noch töten. Mich verlangt’s nach Freiheit und
- wirbelndem Tanz!
-
- Leb’ wohl und küsse unser Kind, das Du gewiß zu einem guten
- Menschen erziehen wirst.
-
- Franziska.
-
-Den Zettel in den wie vom Starrkrampf zusammengepreßten Fingern
-festhaltend, sank ich neben dem Tische nieder. Das Schicksal hatte mich
-an der Wurzel allen Lebens getroffen. Mechanisch glitten meine Hände
-über die bunten und weichen Stoffe, die ich streichelte wie ein Kind
-sein liebstes Spielzeug. Da vernehme ich hinter mir ein leises Geräusch
-und erkenne im Halbdunkel mein Kind, das vom Schlummer erwacht ist,
-sich erhebt und noch schlaftrunken lächelnd sich mir nähert. In diesem
-Augenblick vollzieht die Natur in meinem Innern einen urplötzlichen
-Umsturz. Gutes verwandelt sich in Böses, Weichherzigkeit in Grausamkeit
-und Gelassenheit in wilde Wut. Ich will gegen das Schicksal wüten, und
--- wende mich gegen meinen Knaben. Ein Stück von diesem verruchten
-Weibe! ruft eine Stimme in mir, und die wilden Flammen des Zornes
-schlagen hochauf und stürzen mich in Raserei.
-
-Ich springe in die Höhe, -- da hält der Knabe den Schritt an. Sein
-leuchtendes Auge verliert den Glanz vor dem Ausdruck im Gesichte seines
-Vaters. Angstvoll wendet er sich ab, um davonzueilen, -- da trifft ihn
-ein fürchterlicher Fußtritt, der den Körper des Kindes wie einen Ball
-fortwirft bis hin zum Ofen, auf dessen steinernem Untersatze der Kopf
-dumpf aufschlägt.
-
-Einen Augenblick sehe ich auf den Knaben mit der blutenden Wunde am
-Hinterkopfe, dann packen mich alle bösen Geister. Ich reiße die Kerze
-vom Tische, springe hierhin, dorthin und entzünde alles was brennbar
-ist in der Stube. Schon lodern die gefräßigen Flammen neben mir empor
-und lecken an mir hinauf, und ich prüfe, welches der feurigste Herd
-ist, daß ich ihn zu meinem Ruhbett erwähle, -- -- da kommt der Dämon
-der Feigheit über mich! Ich stürze durch Qualm und Glut und wie ich
-meine Sinne wiederfinde, hocke ich draußen auf der Straße im Graben und
-schaue auf mein Haus, aus dessen Fenstern dichter Rauch und Flammen
-herausschlagen. Auf der Straße aber höre ich schwere Wagen daherrollen,
-dazu die lauten Stimmen der Fuhrleute. Schon hat der Vorderste von
-ihnen die Feuersäule entdeckt, läßt die Pferde im Stich und eilt auf
-das Haus zu. Ich aber drehe mich um und jage wie von Furien gepeitscht
-über die Stoppeln. Und seit dieser Stunde bin ich der, der ich bin!«
-
-Der Fuhrmann hatte seine Erzählung beendet und sah gedankenvoll in die
-hüpfenden, niedrigen Flammen des Feuers.
-
-»Mein Haus ist zerstört,« sagte er langsam, »und mein Sohn verbrannt
-und unter den Trümmern begraben. Ich bin bereit jede Vergeltung für
-meine Tat zu tragen. Und doch, -- zehn Jahre meines Lebens und diese
-meine Rechte gäbe ich darum, wenn ich die Tat ungeschehen machen
-könnte -- --«
-
-Einige Minuten verstrichen. Da ergriff der Fuhrmann den Baumstamm und
-stieß ihn mit solcher Kraft zwischen die schwelenden Scheite, daß die
-glühenden Funken knisternd hochaufsprühten.
-
-»So, Du Großmaul« schrie er Johann zu, »willst Du es jetzt noch sagen:
-es gibt einen Gott?«
-
-Der Angesprochene aber vernahm diese Worte nicht. Wie ein Steinbild
-saß er auf dem Grabenrand und hielt die Augen halb geschlossen. Die
-nächste Umgebung entwich dem Kreis seiner Gedanken, aber die bis zu
-dieser Stunde in engen Banden gehaltene Kraft der Erinnerung befreite
-sich mit einem einzigen Kraftausbruch von ihren bisherigen Fesseln, und
-sein Geist eilte zurück bis in seine Kindheit. Vor seiner Seele stieg
-das Bild eines jungen Weibes herauf mit roten, schwellenden Lippen,
-tiefdunkeln Augen und einem Kranze glatter Flechten, die wie eine Krone
-auf der Stirn ruhten. Auch den Klang ihrer fröhlichen Lieder vernahm
-er und er fühlte deutlich, wie die roten Lippen seinen Mund küßten.
-Neben diesem Bilde malte die Erinnerung mit zauberhafter Deutlichkeit
-das eines Mannes mit ernsten Zügen, dessen Augen voll Liebe und
-unaussprechlichem Glück auf das Kind gerichtet waren. Mit wunderbarer
-Schärfe traten noch andere glückliche Erinnerungen an die Kindheit aus
-dem bisher undurchdringlichen Dunkel heraus, bis zuletzt der düstere
-Anblick der Stube im elterlichen Hause im Scheine einer Wachskerze
-heraufstieg, und ihn aus einem entstellten Männerantlitz zwei drohende
-Augen trafen -- -- --
-
-Der Schafhirt sprang in die Höhe und taumelte wie ein Berauschter ein
-paar Schritte zur Seite.
-
-»Haha,« lachte der Fuhrmann, »nicht wahr, mein Bürschchen, jetzt ist
-Dir der Appetit zum beten vergangen?«
-
-Da warf der Schafhirt dem Manne einen langen Blick zu, als wenn er
-diesen Anblick mit dem Bilde in seiner Seele vergleichen wolle, -- und
-er wandte langsam die Augen ab. Mechanisch kehrte er sich um und ging
-schwerfällig auf dem Wege weiter, der zum Turm führte.
-
-»Heh!« rief der Fuhrmann dem Jüngling zu, »dort habt Ihr nichts zu
-suchen. Geht links hinüber, sage ich Euch!«
-
-Aber schon trugen den Schafhirten die Füße nicht mehr weiter. Er
-strauchelte und fiel neben dem Wege zwischen die blätterlosen Ruten
-eines Haselnußstrauches. Und dann glitten seine Hände zuckend über
-den Boden, und die starren Finger krampften sich hinein, als wenn ein
-Schwindelnder Halt sucht, und den Mund preßte er fest auf Erde und
-Moos, um das wilde Schluchzen zu ersticken, das ihm das Herz schier
-zersprengen wollte.
-
-
-
-
-22. Kapitel.
-
-
-Vor der schmalen Eingangstür des Pulverturmes, mit dem Rücken gegen
-das Mauerwerk, standen in dunkler Nacht zwei Schildwachen in eifrigem
-Gespräch. Der eine der Männer mochte fünfundvierzig Jahre zählen und
-war hochgewachsen und breitschulterig. Sein verwettertes Gesicht
-mit den klugen und ausdrucksvollen Zügen erhielt durch den den Mund
-vollständig bedeckenden, buschigen Schnauzbart, dessen lange Spitzen
-wie die Kiele starker Rabenfedern von der Oberlippe abstanden, einen
-Stich ins Martialische. Wie selten auf einem Antlitz, war auf diesem
-die stärkste Charaktereigenschaft seines Trägers scharf ausgeprägt,
-denn die blitzenden Augen und die scharfgekrümmte, starke Adlernase
-verrieten eine außergewöhnliche Kühnheit. Er trug die Uniform der Alten
-Garde, und seine Brust war mit zahlreichen Kriegsmedaillen und Kreuzen
-geschmückt.
-
-Der andere der beiden Männer war ein blutjunges, schmächtiges
-Bürschlein mit bleichem und schmalem Gesicht.
-
-»Ich sage Dir,« sprach mit tiefer Stimme der alte Gardist, »Du hast
-ein Leben begonnen, das reich an Ehren ist. Der Ruhm, der sich an
-den Flug der Kaiserlichen Adler heftet, berauscht alle bis auf den
-letzten Soldaten seiner Armee und bewirkt, daß sich Alter und Jugend,
-Vornehm und Niedrig willig ihm beugen. Das Schicksal hat uns wunderbar
-zusammengeführt: ihn, den Kriegsgott und uns, die Söhne der großen
-Nation! Ein bedeutsamer Sieg steht uns bevor; die Kanonen, die Du heute
-hörtest, verkündeten aufs neue seine Unsterblichkeit. Leipzig müssen
-wir gewinnen, mein Sohn, und wenn den altersschwachen Gott der Christen
-des Kaisers Arme selbst herunterreißen müßten!«
-
-»Sagt mir doch,« klang zögernd die mädchenhafte Stimme des jungen
-Soldaten, »warum seid denn Ihr nicht bei Euerm Regiment?«
-
-»Ach,« versetzte der Gardist mißmutig und verzog das Gesicht, als wenn
-er Essig im Munde habe, so daß der gewaltige Schnurrbart in heftige
-Bewegung geriet »Bei Lützen sprang mir ein Granatsplitter ins Bein,
-daß ich kampfunfähig wurde und mehrere Monate im Spital zubringen
-mußte. Vor wenigen Tagen erst gab man mich frei, und ich schloß mich
-diesem Munitionstransport an, denn ich brannte vor Begierde, wieder
-zu meinem Regimente zu stoßen. Von den elf Blessuren, die ich bisher
-erlitt, ist es die letzte gewesen, während deren Heilung ich vor
-Ungeduld bald gestorben bin.«
-
-»Man sagt,« begann der Jüngling von neuem, »daß der Kaiser sich seine
-Generale selbst heranbilde, und daß der Lehrer keinem seiner Schüler
-einen starken Einfluß auf die Heranführung der Armeen zum Kampfe
-einräume.«
-
-»Das ist wahr,« antwortete der Gardist und zwirbelte seinen
-Schnurrbart. »Die Pläne zu allen großen Schlachten sind in dem Hirn
-unseres genialen Meisters erdacht worden. Deshalb gebührt auch ihm der
-größte Teil von dem Ruhme seiner Siege. Seine Marschälle sind nichts
-anderes als Ausübende seiner Befehle. Vielfach früher gemeine Soldaten,
-sind sie aus der hohen Schule des großen Kaisers hervorgegangen. Der
-wahre Meister lehret die Gehilfen selbst. Und wen einmal der Korse für
-vollgewichtig fand, der zählt in Zukunft zu des Imperators Paladinen!«
-
-»Ihr habt den Kaiser recht sehr in Euer Herz geschlossen, merke ich,«
-sprach der Jüngling. »Ihr müßt doch eine gewaltig hohe Meinung von ihm
-haben.«
-
-Der alte Soldat wandte sich um, daß er dem andern den Anblick seiner
-breiten Brust bot und ließ seine blitzenden Augen spöttisch auf dem
-Milchgesicht ruhen.
-
-»Junger Kamerad,« versetzte er endlich, »Du kommst mir vor, wie ein
-frisch dem Mutterleibe entstiegenes Böcklein, das in den wärmenden
-Sonnenstrahlen seine possierlichen Sprünge macht. Deine Worte klingen
-wie das Lallen eines Kindes. Noch ganz andere Männer als ich huldigen
-unserm großen Kaiser, dem die Meinung der Menschen nichts an seinem
-Ruhme schmälern oder hinzufügen kann. Seine welterschütternden Taten
-fordern bei Freund und Feind hohe Ehrfurcht heraus. Sie sind in dem
-Buche der Geschichte auf ewig unvergänglich eingegraben, und noch in
-den spätesten Tagen wird man mit Bewunderung seinen Namen nennen. Er
-ist der Erste, aller Zeiten Ersten, vor seinem Stirnerunzeln zittert
-eine Welt, und wie das Schicksal von Europas Völkern in seiner Faust er
-hält, brächt’ er im Rasen selbst den morschen Erdenball zum bersten.«
-
-»Vergebt,« begann nach einer geraumen Weile Stillschweigens der junge
-Soldat schüchtern, »wenn ich Euern Unmut herausforderte. Ich bin
-ja, wie Ihr wißt, keiner Eurer Landsleute, zudem bin ich jung und
-unerfahren, und in unser stilles Schwarzwaldtal ist zum Glück nur wenig
-von dem Kriegslärmen gedrungen. Ich kann Eure blinde Anbetung des
-Kaisers nicht recht verstehen, aber Eure Rede flößt mir Achtung vor
-ihm ein. Und wenn ihr sagt, »der Kaiser!«, so sprecht Ihr diese Worte
-in einem Tone, den ich bisher noch nicht vernommen habe, und jedesmal
-ist es mir dabei den Rücken hinabgerieselt. Zugegeben, Napoleon ist
-ein großer Kriegsmann, der bei jedem Menschen ein starkes Gefühl
-herausfordert, sei dies nun Liebe, Bewunderung oder Haß. Sagt mir aber
-doch, bitt’ ich Euch, welche Bewandnis es damit hat, wenn Ihr sagt »der
-Kaiser!«.«
-
-Das Gewehr an die Schulter gelehnt, griff der alte Gardist mit beiden
-Händen langsam an den Schnurrbart und richtete, ihn wiederholt
-blitzschnell durch die Finger drehend, eine wahre Revolution in den
-beiden Haarbüscheln an. Aber nur eine Sekunde dauerte diese Verwirrung,
-dann glätteten, drehten und strichen die zerstörenden Finger das stolze
-Symbol seiner Männlichkeit in eine noch ansehnlichere Form als der
-Bart vorher besessen hatte, und ein paar letzte Striche verliehen den
-Büscheln einen kühnen Schwung, und die dicken Enden ragten aufs neue
-spitzig in die Luft. Mit dem Gesichtsausdruck des Geschmeichelten
-blickte der Franzose einen Augenblick sinnend ins Leere. Dann warf er
-seine nachlässige Haltung ab, richtete sich auf und begann die folgende
-kleine Erzählung:
-
-»Es war bei Austerlitz. Die Schlacht war im vollen Gange, und die
-Russen und Österreicher boten alle Kraft auf, dem gewaltigen Stoße
-unserer Sturmkolonnen standzuhalten. Die Alte Garde stand mit Gewehr
-bei Fuß rückwärts auf einer Anhöhe, jedes Winks gewärtig, um etwa
-einem bedrohten Flügel zu Hilfe zu kommen. Wir Auserlesenen der
-großen Armee kennen schon dieses Verweilen in der Reserve, denn wir
-sind gewöhnt, in den Augenblicken, wo die Schlachten ihren Höhepunkt
-erreichen, einzugreifen und aufs neue mit dem Lorbeer des Sieges
-unsere Adler zu schmücken. Von unserm Platze aus konnten wir das ganze
-Schlachtengefilde überblicken.
-
-Die ungeheure Fläche war ein einziges Schneefeld, auf das die
-Wintersonne herniederglänzte. Millionen von Eiskrystallen glitzerten in
-den goldenen Sonnenstrahlen, und der Donner der ersten Kanonenschüsse
-der Russen zerriß die Luft und rollte majestätisch zu uns herüber, die
-erhabene Ruhe der Natur jäh erschreckend.
-
-In kurzer Zeit aber wurde das Bild lebendiger.
-
-In weitem Halbkreise bot sich dem Auge der Anblick der Dörfer dar, aus
-deren Häusern hier und da schon die Flammen schlugen. Verhaue waren zu
-sehen, Hecken, hinter denen es wie in einem Ameisenhaufen kribbelte,
-langgedehnte Feuerlinien, von Rauch fast verhüllt, anstürmende
-Regimenter und sich zur Schlacht entwickelnde Divisionen.
-
-Eins bemerkten wir schlachtenkundigen Veteranen des Krieges sehr bald:
-das Ringen war zum Stillstand gekommen. Zudem war es bekannt, daß wir
-uns in der Minderzahl befanden. Also konnte es wohl einem Neuling etwas
-bänglich zu Mute werden, zumal sich unser Aufenthalt auf der sanft in
-das Tal hinabführenden Lehne immer ungünstiger gestaltete. Denn nicht
-nur eine ganze Anzahl verirrter Flintenkugeln schlug mitten in unsere
-Reihen ein, sondern es schwirrten auch Granaten dicht über unsere Köpfe
-hinweg, mit denen sich die russische Artillerie auf uns einzuschießen
-begann. Wir aber standen schweigend und ohne mit den Wimpern zu zucken
-und betrachteten scheinbar gleichgültig das weite Schlachtfeld. Aber in
-der Brust eines Jeden von uns stieg eine quälende Unruhe herauf und das
-wilde Verlangen, anstatt in dieser Totenstarre, zu der wir verurteilt
-waren, auszuharren, vorwärts zu stürmen.
-
-Dicht vor unserem Bataillon hielt zu Pferd der Marschall mit seinen
-Adjutanten. Wie aus Stein gemeißelt saß er auf dem Pferde und blickte
-unausgesetzt nach einem großen Reiterhaufen in geraumer Entfernung
-vor uns, von dem unaufhörlich einzelne Reiter ab und zu ritten.
-Auch unsere Blicke wurden auf diese Stelle hingezogen, von der eine
-magnetische Kraft auszugehen schien. Und je länger wir untätig standen,
-je lauter der Schlachtenlärm heraufdrang, und je gefahrvoller unsere
-Stellung wurde, um so sehnsüchtiger hingen unsere Augen an diesen
-Reitern. Die Unruhe in unserer Brust war auf das höchste gestiegen.
-
-Da löste sich mit einem Male wieder ein Reiter von dem großen Haufen
-und stürmte in verwegenem Galopp über die Hecken und Gräben hinweg
-auf unsere Stellung zu. Ein Aufatmen ging durch die Reihen! Wie eine
-Windsbraut fegte der Reiter die Anhöhe herauf. Es war, wie man beim
-Näherkommen erkennen konnte, ein Major vom Großen Hauptquartier, ein
-noch junger Mann mit vornehmen Gesichtszügen und hohen Auszeichnungen
-auf der Brust. Dicht vor dem Marschall riß er mitten in der Karriere
-so gewaltig in die Zügel, daß das feurige Roß fast auf die Hinterhufe
-niederbrach. Dann legte er mit edelm Anstand die Hand an die Mütze und
-sprach langsam und mit laut vernehmbarer Stimme:
-
-»Befehl des Kaisers! Die Kaiserliche Garde soll das Dorf im Zentrum der
-Schlachtlinie nehmen und um jeden Preis halten!«
-
-Bei diesen Worten streckte der Offizier den Arm aus und bezeichnete ein
-fast gänzlich zusammengeschossenes, langgestrecktes Dorf, aus dessen
-Häusern dichte Rauchwolken drangen und von dem soeben stark gelichtete
-französische Kolonnen zurückfluteten, die vom Dorfe aus mit heftigem
-Gewehrfeuer verfolgt wurden.
-
-Hierauf salutierte der kaiserliche Adjutant von neuem, riß das Pferd
-herum und stürmte, wie er gekommen, wieder die Anhöhe hinab. Kaum
-war er aber hundert Schritte weit geritten, da bäumte plötzlich der
-prächtige Rappe hochauf und begrub, sich überschlagend, den Reiter
-unter seinem Leibe. Infolge der Heftigkeit des Sturzes rollte das Pferd
-über den Offizier hinweg, stieß, auf dem Rücken liegend, die im Krampf
-gekrümmten Beine ein paarmal heftig in die Luft und fiel dann langsam
-auf die Seite neben seinen Reiter, der unbeweglich auf dem gefrorenen
-Schnee lag.
-
-Da wandte der Marschall sein Pferd herum, und durch unsere Reihen
-scholl ein unterdrücktes Jauchzen. Sein Gesicht war dunkelrot, und
-seine Augen glühten vor innerm Feuer. Die Kommandeure sprengten auf
-ihn zu, ritten wieder zurück, und wenige Minuten später erschollen die
-Kommandos, und die Bataillone setzten sich stumm in Marsch. Alles dies
-geschah ruhig und ohne Aufregung, wie daheim auf den Übungsplätzen.
-
-Mit beflügelten Schritten eilten wir abwärts, an dem auf dem Rücken
-lang ausgestreckten Adjutanten vorbei, dessen gebrochener Blick nach
-oben gerichtet war, und erreichten bald die Stelle, wo der bewegliche
-Reiterschwarm hielt. Hier waren Offiziere jeden Ranges und aller
-Waffen. An der Spitze des Haufens sah man die Uniform des Kaiserlichen
-Stabes und etwa fünfzig Schritte vor ihnen befanden sich zu Fuß drei
-oder vier einzelne Offiziere, unter ihnen der Kaiser.
-
-Der Gewaltige hielt ein großes Fernrohr vor die Augen und blickte
-aufmerksam auf das Schlachtfeld. Nach einer kurzen Weile nahm er das
-Glas herunter und beugte sich über einige Karten, die auf einem am
-Boden liegenden Baumstamm ausgebreitet waren. In diesem Augenblick
-ritt ein Regiment Grenadiere zu Pferde in leichtem Trabe vorüber.
-Ein hundertstimmiges Vivat brauste durch die Luft; der Kaiser rührte
-sich nicht. Da erhoben sich die Stimmen noch lauter, und die Soldaten
-riefen: Nun werden wir den Petersburger Damen wieder eine Gelegenheit
-zum weinen geben. Der Kaiser blieb unbeweglich. Er richtete sich nicht
-für einen Augenblick auf, sondern blieb über die Karten gebeugt, und es
-schien, als wenn er den tosenden Beifall, der den betäubenden Lärm der
-Schlacht fast übertönte, garnicht vernehme.
-
-In gleichmäßigem Takte, die Zunge im Bann, schritten wir vorüber. Denn
-die Kaiserliche Garde pflegt ihre Pflicht stumm zu tun!
-
-Schnell nährten wir uns dem brennenden Dorfe. Ohne einen Schuß
-abzugeben, marschierten wir vorwärts, in den infernalischen Hagel
-von Blei hinein. Das Etagenfeuer, womit wir empfangen wurden, wütete
-fürchterlich in unsern Reihen und riß gewaltige Lücken in die
-dichten Sturmkolonnen. Aber unsern Mut konnten die Verluste nicht
-erschüttern. Die Reihen schlossen sich fester zusammen, und die Plätze
-der Gefallenen wurden im Augenblick ausgefüllt. Plötzlich schien es,
-als wenn die Verteidiger Verstärkung erhielten, denn das Feuer nahm
-an Heftigkeit zu. Man konnte nicht mehr das Knattern der einzelnen
-Schüsse unterscheiden. Grollendem Donner gleich hallte es herüber, und
-das Pfeifen und Zischen der Kugeln wuchs zur sinneraubenden Musik an:
-wir bissen die Zähne zusammen und marschierten weiter. Da schlugen
-plötzlich von halblinks her Kartätschen in uns ein und rissen ganze
-Reihen nieder: -- wir senkten den Blick zu Boden und marschierten
-weiter. Eins nur war jetzt die Losung: Vorwärts! Jedes Halten oder gar
-Zurückweichen war gleichbedeutend mit Vernichtung.
-
-An den weißen Uniformen hinter den Mauern erkannten wir, daß es
-Österreicher waren. Nun, wir nahmen uns vor, mit ihnen fürchterlich
-abzurechnen!
-
-Noch immer bewegten wir uns beim Schlage der Trommeln im Schritt
-vorwärts, die Adler voran, wie eine granitne Mauer, ein Wald von
-Bajonetten. Da ertönten plötzlich die Hornsignale. Wir durcheilten
-die kurze Entfernung bis zum Dorfe laufend und warfen uns auf
-die feindlichen Schützen, die im letzten Augenblick das Schießen
-eingestellt hatten und uns mit erhobenen Gewehren erwarteten. Mit
-lautem Schlachtruf stießen wir aufeinander; hüben wie drüben herrschte
-fürchterliche Erbitterung.
-
-Die braven Weißjacken mußten natürlich schon in der Entfernung die
-Uniform der Alten Garde erkannt haben und hatten sich daraufhin auf
-einen verzweifelten Kampf gefaßt gemacht. So standen sie denn auch wie
-eine Felswand und wehrten sich wie Rasende. Aber _diesem_ Ansturm war
-ihre Kraft nicht gewachsen!«
-
-Der alte Gardist räusperte sich und hielt einen Augenblick inne. Dann
-fuhr er mit großem Nachdruck fort:
-
-»Junger Kamerad! Ich habe in achtundzwanzig Schlachten gestanden
-und weiß, mit welcher Erbitterung zuweilen gestritten wird. Noch
-niemals, außer vielleicht bei Eylau gegen die Preußen, habe ich es
-aber wieder erlebt, daß mit solcher Wut gefochten wurde, wie wir und
-die österreichischen Regimenter bei Austerlitz kämpften. Kolben und
-Bajonett wüteten furchtbar in ihren Reihen, und die weißen Koller
-färbten sich in kurzer Zeit blutigrot. Sie schienen in den Erdboden
-gewurzelt, und es genügte nicht, ihnen den Tod zu geben; jeder
-Erschlagene mußte noch umgeworfen werden, und der Gesichtsausdruck der
-Toten war ein grimmes Bedauern, daß sie nicht wieder aufstehen und
-weiterkämpfen konnten.
-
-Unterdessen hatte die Schlacht weitergetobt und auf der ganzen Linie
-hatten unsere Regimenter den Angriff erfolgreich vorwärts getragen.
-Das alle Kriegskundigen überstrahlende Genie des Kaisers feierte an
-diesem Tage einen seiner glänzendsten Triumphe! Er wußte, daß er
-sich auf sich selbst und auf seine Truppen verlassen konnte. Deshalb
-hatte er den rechten Flügel der Aufstellung nur schwach besetzt. Die
-Verbündeten trauten einem Napoleon wirklich den Fehler zu, daß er seine
-Rückzugslinie nicht genügend decken würde. So liefen die Russen wie
-Mäuse in die Falle und schickten große Massen auf diesen sumpfigen Teil
-des Schlachtfeldes, bis ihre Regimenter zwischen zwei große Seen und
-dem wasserreichen Goldbach eingekeilt waren.
-
-In diesem Augenblick wurden sie von den Truppen des Herzogs von
-Auerstädt angegriffen. Kaum hatte der Kaiser die durch den Marschall
-Davout gefährdete Lage der Russen und Österreicher erkannt, als er die
-ganze Garde und die Regimenter des Marschalls Soult von der Hochfläche
-herab in den Rücken des Feindes warf. Von der furchtbaren Blutarbeit,
-die zu dieser Minute begann, habe ich Dir, junger Kamerad, soeben
-erzählt. Die feindlichen Truppen entzogen sich zuletzt dem Gemetzel
-und ergriffen die Flucht. Ein Teil von ihnen geriet in die Sümpfe, der
-andere gedachte auf der Fläche zwischen den beiden Seen zu entkommen.
-Hier brachen aber unsere Reiterregimenter in ihre Flanke und hieben
-schonungslos auf die Fliehenden ein.
-
-Wir hatten unterdessen unsere Arbeit getan. Ausruhend standen wir nun
-auf einem Hügel seitwärts des in rauchenden Trümmern liegenden Dorfes
-und wischten mit den Fingern das tropfende Blut von den Bajonetten. Da
-sahen wir, wie einige Tausend Russen über den großen, zugefrorenen See
-flüchteten. Gerade als sie die Mitte erreicht hatten, ließ der Kaiser
-durch die Gardeartillerie das Eis einschießen. Unter gewaltigem Krachen
-barst die Eisdecke des Sees, und mit gellenden Hilferufen versanken
-Tausende von Flüchtigen mit Pferden, Wagen und Geschützen langsam in
-der eisigen Flut.
-
-Die darauffolgende Nacht wurde bei grimmiger Kälte im Freien zugebracht.
-
-Am andern Tage stand die Alte Garde schon frühzeitig auf den
-Biwakplätzen bereit, den Kaiser zu erwarten, -- die Adler vor den
-Bataillonen. Eine Stunde verstrich in fieberhafter Ungeduld, denn
-wir ahnten, daß sich heute für uns Bedeutendes ereignen würde. Keine
-Blutarbeit wie gestern, aber doch würde es ein großer Tag sein. Endlich
-sahen wir von der Ferne her den bekannten großen Reiterschwarm langsam
-auf uns zu reiten. Der Marschall gab das Zeichen zum Präsentieren,
-und einige Sekunden später nährte sich der Kaiser, von nur wenigen
-Generalen begleitet, im Galopp unserm Bataillon, während der große
-Haufen in respektvoller Entfernung zurückblieb.
-
-Als der Kaiser vor unserer Mitte angekommen war, hielt er das Pferd an
-und ließ die Augen eine Weile stumm auf uns ruhen. In diesem Schweigen
-standen die alten, schlachtenerprobten Soldaten vor ihrem Kaiser. Kein
-Laut wurde vernommen, aber Tausende von Herzen schlugen hörbar in der
-Brust, und Männer, von denen die meisten in ebensoviel mörderischen
-Schlachten, wie Du Milchbart Jahre zählst, dem Tod gleichgültig ins
-Gesicht gesehen hatten, zitterten in diesem Augenblicke wie Knaben.
-
-Da erhob sich der Kaiser, der uns zu dieser Stunde wie ein Gott
-erschien, in den Bügeln und begann mit weithin schallender Stimme zu
-sprechen. Er nannte uns die Männer der Pyramiden, Granitkolonnen von
-Marengo, er erinnerte sich unserer Tapferkeit bei Hohenlinden und
-sprach sein blindes Vertrauen zu seiner Alten Garde aus, bis er seine
-zündende Ansprache mit den Worten schloß: Grenadiere der Alten Garde,
-ich bin zufrieden mit Euch!
-
-Darauf ritt er zu dem nächsten Adler, schlang den Arm um den Schaft und
-küßte den alten Sergeanten, der das Siegeszeichen trug, auf die Wange.
-
-Bei diesem Beginnen vergaßen die Truppen die eiserne Disziplin; die
-Größe des Augenblicks riß alle hin. Tränen entstürzten den Augen der
-Männer, und der vieltausendstimmige Ruf zerriß das große Schweigen: Es
-lebe der Kaiser.
-
-Mit diesem Jubel können die Huldigungen, die treue Untertanen ihrem
-Fürsten, Soldaten anderer Nationen ihrem Führer darbringen, nicht
-verglichen werden; er entlud sich mit elementarer Kraft und einem
-Donnerton, gleich dem furchtbaren Ausbruch eines Vulkans. Jeder der
-Soldaten wußte, daß er diesem Manne ganz gehörte und daß er sich willig
-für ihn in Stücke hauen lassen würde. Denn dieser geheimnisvolle
-Seelenzwinger galt uns alles: Heimat, Familie, -- Gott!
-
-Einen Augenblick noch sah der Kaiser mit Wohlgefallen auf die immer
-wieder in laute Rufe ausbrechenden Bataillone. Dann wandte er langsam
-das Pferd und sprengte, von dem Donnerrollen der nicht endenwollenden
-Huldigungen begleitet, hinüber zu den Vierecken der jungen Garde.
-
-Siehst Du, mein junger Freund,« schloß der alte Gardist mit gehobener
-Stimme, »das ist der Kaiser!«
-
-Eine lange Weile verstrich, der Jüngling stand noch immer sprachlos.
-Das eben Gehörte hatte ihn so mächtig ergriffen, daß er die Herrschaft
-über seine Gefühle noch nicht wiedererlangt hatte. Endlich riß er sich
-von den vor seine Seele gezauberten Bildern mit einem gewaltigen Ruck
-los und rief erregt aus, während sein schlanker Körper bebte:
-
-»Pfui, wie ich ihn hasse, Euern Kaiser!«
-
-Mit einem lauten Zeichen des Unwillens und großen Erstaunens sah der
-Gardist offenen Mundes auf den Kameraden. Dann schüttelte er den Kopf
-und sprach mißbilligend:
-
-»Mäßige Dich, Knabe, Du sprichst im Fieber!«
-
-»Nein,« rief der Jüngling leidenschaftlich, »nein und abermals nein,
-ich rede nicht im Fieber, denn meine Gedanken sind klar wie die
-Eurigen. Aber ich wiederhole es, ich hasse Napoleon!«
-
-»Du bist noch ein halbes Kind,« versetzte der Gardist, »und hast das
-Schürzenband Deiner Mutter zu zeitig losgelassen. Ein anstürmendes
-Bataillon ist etwas Anderes als ein Schwarm augenklappernder
-Betschwestern, und der Krieg ist kein lustiger Zeitvertreib für
-großgewachsene Knaben, sondern ein ernstes Geschäft für Männer. Dem
-Feldherrn gebührt Ehre und Bewunderung! Schiltst Du Gott, daß er
-täglich Zwietracht unter die Menschen sät und sie erbittert gegen
-einander wüten läßt? Das, was einem Geisel dünkt, empfindet der Andere
-als Wohltat. Der Kaiser kämpft für die Herrlichkeit, für die Größe und
-für den Ruhm Frankreichs!«
-
-»Ihr seid verblendet,« antwortete der Jüngling ruhiger aber mit edelm
-Feuer. »Was Ihr bei ihm für hohe Ziele haltet, ist nichts weiter
-als Blutdurst und maßloser Ehrgeiz. O, welch furchtbares Verbrechen
-ist doch der Krieg! Die härteste Geisel, die über der Menschheit
-geschwungen werden kann, viel entsetzlicher als verheerende Hungersnot
-und Pest. Alles was göttlich ist im Menschen wird erstickt, und
-die bösen Leidenschaften kommen allein zur Entfaltung. Das Land
-ist verwüstet, zertreten die Frucht der Felder, niedergebrannt die
-Wohnungen der Bürger und Landbewohner, und in die Brust der Menschen
-ist herzzerreißender Jammer eingezogen. Die obersten Gesetze der
-Gottheit werden mit Füßen getreten, und mit ihrer gütigen Langmut
-treibt man frevelndes Spiel. Und wie segensreich, wie herrlich
-ist doch der Frieden! Heiter schreitet der Bauer, der Städter zum
-gedeihlichen Tagewerk. In bunter Pracht liegen die Fluren, die
-Schätze des Ackerbodens, und die Früchte des Baumes reifen im
-goldenen Sonnenstrahl. Stillfrohlockend betrachtet der Landmann
-die sich herabneigenden, körnerreichen Ähren, die wohlgenährten,
-glänzenden Tiere. Unter fröhlichem Scherzen und Singen rollen die
-hochaufgetürmten, schwankenden Wagen langsam auf den heimischen Hof,
-und die Scheunen und Keller vermögen den Segen kaum zu bergen.
-
-Und wenn dann nach getanem Tagewerk im Glanze der rötlich untergehenden
-Sonne der Gatte, der Vater um sich schaut, und die Blicke auf seinem
-fröhlichen, liebevollem Weib inmitten ihrer blühenden Kinder ruhen,
-da sieht er in ihren Augen ein wundersames Leuchten. Und während die
-Mutter in überquellender Liebe und Glückseligkeit die Kleinen an den
-Busen drückt, hebt in seinem Innern ein geheimnisvolles Jauchzen
-und Klingen an: -- der Gotteslohn für ein Leben weiser Mäßigung und
-unverdrossener Arbeit im Schutze des Friedens!«
-
-Der alte Gardist hatte den warmen Worten des Jünglings mit Andacht
-gelauscht. Als dieser geendet, sah er zu Boden und sprach mit einem
-Anflug von Weichheit:
-
-»Du hast die empfindsamste Saite in meinem Herzen berührt, Knabe. Denn
-wisse, auch ich habe ein liebes Weib und zwei herzige Kinder zu Hause.
-Sie sind mein Stolz und meine Freude und sollen mir einstmals Licht und
-Trost sein, wenn der Schnee des Alters meine Schläfen bedeckt und ich
-ihnen von dem großen Kaiser und unsern Ruhmestaten getreulich berichten
-werde. Das Bild des Friedens aber, das Du mir in gleißenden Farbentönen
-gemalt hast, ist so berückend schön, daß ich die Augen schließen muß,
-um es nicht mehr zu sehen, -- -- es möchte mir die Freude am Kriege
-vergällen! Das eine aber sage mir, Du wunderlicher Tropf: wie kommst
-Du in die Gemeinschaft des rauhen Kriegsmannes, wenn der Krieg Dir ein
-Greuel ist?«
-
-Der Jüngling sah bei dieser Frage hinauf zum Nachthimmel, wo kleine
-dunkle Wolkenfetzen noch immer über den Mond hinwegjagten, und er
-seufzte tief auf.
-
-Mit einem Klange voll Schmerz vermischt mit Wehmut sprach er:
-
-»Ja, darüber bin ich Euch nach meinen voraufgegangenen Worten
-Rechenschaft schuldig, und Ihr sollt sie mit wenigen Sätzen haben.
-
-Meine Heimat ist Baden. In einem tief eingeschnittenen Tale, dessen
-Hänge mit düsteren Tannen bewachsen sind, von der Kinzig durchbraust,
-weilt mein Liebstes auf Erden. Die Eltern sind mir frühzeitig
-gestorben. Dafür hat mir des Allmächtigen Güte ein anderes treues
-Herz geschenkt: ein seelenvolles Mädchen, das ich meine Braut nenne.
-Sie bewohnt zusammen mit ihrer Mutter ein kleines Häuschen, und
-die beiden Frauen ernähren sich rechtschaffen mit dem Flechten von
-Stroh. Erst im vorigen Jahre starb der Vater; er war Holzfäller und
-wurde von einem stürzenden Baume erschlagen. Unsern Herzen viel zu
-früh ist er dahingegangen, leider aber auch zu früh für die äußern
-Lebensbedingungen der Frauen, denn auf dem Häuschen lag noch eine
-Schuld von achtzig Talern, auf deren Rückzahlung der herzlose Gläubiger
-mit drohenden Worten drängte. Anstelle des friedlichen Gleichmaßes
-der Tage von früher, herrschte schwere Sorge in dem kleinen Hause,
-denn man sah voraus, daß der Unhold die Frauen aus ihrem lieben Besitz
-treiben würde. Die Mutter hätte das nicht überlebt! Ich selbst war arm
-und verdiente mit meiner Hände Arbeit nur das Notdürftigste. Helle
-Verzweiflung hatte sich meiner bemächtigt; da sandte Gott Hilfe.
-
-Der Lärm der Kriegstrommel hallte bis in unser stilles Tal. Dreihundert
-Franken zahlt der Franzosenkaiser jedem Freiwilligen, war in dem Aufruf
-zu lesen, der an der Tür des Gemeindehauses angeschlagen war. Im Nu war
-mein Plan gefaßt. So hoch war gerade die Summe, die der böse Gläubiger
-erhalten mußte. Die beiden Frauen weinten heftig und beschworen mich,
-von diesem Gedanken abzustehen, aber ich blieb fest. Ich ließ mich
-anwerben, und das Häuschen gehörte ihnen. Heimlich bei Nacht und Nebel
-verließ ich das Dorf, um ihnen den Abschied nicht allzuschwer zu
-machen. Vor wenigen Tagen erhielt ich die ersten Zeilen der Geliebten
-woraus ihr gutes und treues Herz zu mir spricht.
-
-Seht, so bin ich hierher gekommen. Ich verabscheue den Krieg, aber ich
-durfte ihn nicht meiden. Gott wollte es so!«
-
-Während der letzten Worte des Jünglings hatte sich auf dem schmalen
-Wege, der zum Turm führte, den Schildwachen ein Mann genähert, der ganz
-plötzlich aus dem Dunkel der Nacht aufgetaucht war. Jetzt stand er vor
-ihnen.
-
-»Die Wagen sollen beladen werden. Wenn die Wolken den Mond etwas frei
-lassen, fahren wir ab.«
-
-»Wer seid Ihr,« fragte der Gardist, den Mann mit argwöhnischen Augen
-betrachtend.
-
-»Kennt Ihr mich denn nicht?« antwortete dieser, »ich bin ja einer der
-Fuhrleute. Dort der Kräutlein ist mein Vater.«
-
-»Der Kräutlein?« versetzte der Gardist erstaunt. »Ich kenne doch den
-Kräutlein schon länger als zehn Jahre, aber nie habe ich gehört, daß er
-einen Sohn besitze.«
-
-»Laurentius Kräutlein aus Niederstopfenheim im Bayrischen ist
-wahrhaftig mein Vater,« wiederholte der Sprecher. Und wie er sah,
-daß der Gardist ihn noch immer ungläubig betrachtete, fügte er mit
-angstgepreßter Stimme hinzu: »Das schwöre ich Euch, so wahr ich selig
-werden will und bei dem Andenken an meine -- unglückliche Mutter!«
-
-»Es ist gut,« sagte der Gardist, »tut was Euers Amtes ist.« Bei diesen
-Worten streifte er den Lederriemen ab, an dem der Schlüssel um seinen
-Hals hing und übergab ihn dem Fremden. Dieser ergriff hastig den
-schweren Schlüssel, drehte ihn im Schloß um, öffnete die Tür ein Stück
-und tat einen Schritt vorwärts.
-
-In diesem Augenblick senkte der Gardist das Bajonett und forderte die
-Parole.
-
-Keiner der beiden Soldaten ahnte, was für einen unbeschreiblichen Sturm
-diese Aufforderung in der Seele des Burschen blitzschnell entfesselt
-hatte. Er verstand nicht, was die Schildwache von ihm verlangte, seine
-Klugheit gebot ihm aber, nicht darnach zu fragen, denn mit solchem Wort
-mußte er sich sofort verraten. Als Spion würde man ihn packen und am
-nächsten Morgen vor der erstbesten Gartenmauer niederknallen, -- das
-wußte er. Aber, wennschon, das war ja nicht das Schlimmste. Doch sein
-Plan, sein wunderschöner Plan, den er bisher so vortrefflich hatte
-ausführen können; sollte er in der letzten Sekunde, einen Schritt vom
-Ziel entfernt, noch scheitern? Das Blut staute in seinem Hirn, und sein
-Schädel drohte zu zerspringen.
-
-Da huschte eine Erinnerung an seiner Seele vorüber: als vorhin in
-der Dunkelheit Schritte ertönten, hatte da die Schildwache an der
-Straße nicht dasselbe gefragt? Parole? Ja, beim Himmel, so hatte es
-geklungen! Und was hatte der Unbekannte darauf geantwortet? Ein neuer,
-siedendheißer Strom schoß ihm zu Kopfe, und vor seinen Augen begann es
-zu flimmern.
-
-Dieser ganze Vorgang hatte sich in dem Hirn des Burschen so
-blitzschnell abgespielt, daß die Schildwachen noch keine Veranlassung
-hatten, Verdacht zu schöpfen. Jetzt stieß der Zögernde die schwere
-Bohlentür heftig auf, sagte mit heiserer Stimme »Jena!« und stolperte,
-als das Gewehr des Gardisten den Eingang freigab, in die schwarze,
-gähnende Finsternis hinein.
-
-Der junge Soldat war durch das Erscheinen des Fremden aus seinen lieben
-Erinnerungen herausgerissen worden. Jetzt versenkte er sich von neuem
-darein.
-
-»Gebe Gott,« seufzte er, »daß der Krieg recht bald endige, mein Lieb
-daheim bekommt vor Angst und Gram blasse Wangen.«
-
-»Mein junger Freund,« versetzte der Gardist mahnend, »wie aber dann,
-wenn Ihr nicht wieder heimkommt? Im Kriege ist einem ein plötzlicher
-Tod ja weit näher als in Friedenszeiten.«
-
-Der Jüngling fuhr verstört auf und blickte den alten Soldaten mit
-angstvollen Augen an:
-
-»Geht,« stieß er hervor, »seid nicht so grausam. Ihr habt mir da einen
-schönen Schreck eingejagt. Nein, wie könnte ich denn sterben? Ich will
-ja noch Hochzeit feiern und glücklich sein. Ihr dürft nicht so garstig
-sprechen!«
-
-»Nun, nun,« beschwichtigte jener gutmütig, dem die Unruhe des Jünglings
-nicht entgangen war, »freilich sollt ihr noch lange leben. Ich will es
-doch auch, denn ich muß ja noch meinen Enkeln von den Taten des großen
-Kaisers künden.«
-
-Über den Köpfen der beiden Schildwachen hatte in diesem Augenblick ein
-gespenstisches Rauschen und Flattern begonnen. Allerlei Nachtgevögel
-war durch eine unbekannte Ursache aufgeschreckt worden. Die Tiere
-hatten ihre Löcher im Mauerwerk verlassen und flogen mit hastigen
-Flügelschlägen am Turm auf und nieder. Nur ein Käuzchen saß noch in
-seinem Spalt und rief durchdringend zweimal rasch nacheinander: Kommit,
-Kommit!
-
-Der alte Gardist hob den Kopf, um nach dem Mahner zu sehen und sagte
-mit belegter Stimme:
-
-»Das ist der Totenvogel!«
-
-Da konnte der Jüngling aber seine Erregung nicht mehr meistern.
-Er griff hastig in die Tasche seines Uniformrocks und brachte ein
-zerknittertes Blatt Papier hervor. Mühsam las er dann im Mondenlicht
-mit lauter Stimme:
-
-»-- -- -- ich flehe allabendlich die heilige Jungfrau für Dich an.
-Mein Gebet dringt bis zu den Stufen des Allerhöchsten. Er wird Dich
-beschützen. Glaube mir das, Geliebter meines Herzens -- -- --!«
-
-»Hört Ihr,« jubelte der Jüngling, »ich werde wohlbehalten zu ihr
-zurückkehren -- --«
-
-In diesem Augenblick trat ein Ereignis ein, durch das die Menschen
-weit in der Runde erschreckt wurden: an der östlichen Seite des
-Schlosses sprühten Myriaden von Funken hochauf, und aus Nebel und
-undurchdringlichem Rauch stieg eine riesengroße Feuergarbe kerzengleich
-zum Himmel empor, begleitet von einem gräßlichen Donnerschlage. Der
-Boden erzitterte wie bei einem Erdbeben, und Steine und Erdschollen
-wurden mit solcher Kraft in die Höhe geworfen, als wenn der weite
-Himmelsbogen gesprengt werden solle. Unter gewaltigem Getöse fielen die
-aufgewirbelten Steinmassen wieder zu Boden. Dann war es totenstill wie
-zuvor. Nur ein Regen von Staub und Asche rieselte langsam auf die Erde
-herab, und die Luft erfüllte starker Schwefelgeruch.
-
-Unten aber, am Fuße der Bodensenkung, wo die Schar der Fuhrleute
-schlief, wurde es lebendig. Laute Rufe erschollen. Sie rissen die
-brennenden Scheite aus dem Feuer, eilten die Anhöhe hinan und
-beleuchteten den Platz. Aber sie fanden sich nicht zurecht, es war
-alles ganz anders als vor ihrem Schlafe. Der dicke, steinerne Turm,
-der ihr Pulver barg, war verschwunden, der Fuhrmann, der hier oben die
-Wache gehalten hatte, das Feuer, die Wagen, die beiden Schildwachen,
--- -- alles war verschwunden. Die hohen Bäume, die in der Nähe
-gestanden hatten, waren dicht über dem Erdboden abgeknickt und weit
-fortgeführt. Nur hier und da lag ein weißer Sandsteinquader aus dem
-Gefüge des Turmes. Sonst war nichts zu sehen.
-
-Es war, als wenn ein Gigant aufgestanden wäre, der mit einem eisernen
-Besen alles hinweggefegt hätte.
-
-
-
-
-23. Kapitel.
-
-
-Der Sonntagmorgen brach an. Schon zu früher Stunde eilten die
-Dorfbewohner ins Freie und betrachteten mit Neugierde und Grausen das
-Bild der Verwüstung.
-
-Der letzte der beiden Schloßtürme war von seinem Platze verschwunden.
-Alle Steine, die ihn gebildet, lagen weit verstreut auf der Erde,
-und selbst die tiefen Grundmauern hatte die zerstörende Kraft des
-Pulvers zerrissen. Der anstoßende Flügel des Schlosses war in sich
-zusammengestürzt, und die Mauern des weiter nach dem Mittelbau zu
-gelegenen Teils durchzogen vom Dach bis zum Boden herab breite Risse.
-Seit jener Nacht, in der der westliche Turm einstürzte und Oskar von
-Tiefenbach mit seinem Bruder Egbert das Schloß verlassen hatte, um
-den Freihof zu beziehen, war dieser Flügel des Schlosses allmählich
-zerfallen. Nun lag auch das letzte Wahrzeichen des alten Baues in
-Trümmern, und nur ein kleiner Teil war noch bewohnbar.
-
-Aber soweit bekannt, waren Leute aus dem Dorfe der verheerenden
-Explosion nicht zum Opfer gefallen, und in die ehrfürchtige Scheu
-vor der furchtbaren Gewalt der Elemente mischte sich innerliches
-Frohlocken. Was tat es, daß der steinerne Riese nicht mehr war!
-Allzulange hätte er der zerstörenden Zeit doch nicht mehr standhalten
-können, nachdem an vielen Stellen der Mauerfraß den Turm schon sehr
-geschwächt hatte. So war er denn von seinem Platze gewichen wie ein
-heldenmütiger Krieger, der in der Schlacht fällt. Die dritthalbhundert
-Zentner Pulver und Geschosse, die in seinem weiten Bauche
-aufgespeichert waren, hatten sich mit einem einzigen Schlage entzündet,
-anstatt in mörderischer Feldschlacht hundertfachen Tod in die Reihen
-der deutschen Kämpfer zu tragen. -- Gottlob!
-
-Auf welche Weise die Entzündung erfolgt sein mochte, wußte niemand. Die
-französischen Schildwachen hatten mit einer dichten Postenkette rund
-um das Schloß scharf Wache gehalten, so daß es wohl keinem gelungen
-sein konnte, sich zwischen ihnen hindurchzuschleichen. Außerdem hatte
-vor der Tür des Turmes ja noch ein Doppelposten gestanden, wodurch es
-unmöglich gewesen war, zu dem Pulver zu gelangen. Man glaubte deshalb
-an eine Selbstentzündung der Sprengstoffe aus unbekannten Gründen.
-
-Noch in der Nacht hatten sich die Fuhrleute auf die Pferde geschwungen
-und waren, von den französischen Soldaten begleitet, zum Dorf
-hinausgeritten, auf Leipzig zu. Vermutlich hatten sie geglaubt, der
-weithin vernehmbare Donnerschlag der Explosion könne feindliche Truppen
-herbeiziehen, die ja zufolge Nachrichten der Landleute in geringer
-Entfernung vom Dorfe stehen sollten.
-
-Lange konnten die Rehefelder aber nicht an der Trümmerstätte verweilen.
-Heute war ja der letzte Tag, an dem sich die kühnen Männer noch im
-Kreise ihrer Lieben befanden, morgen mit Tagesgrauen wollten sie das
-Dorf verlassen. Deshalb sollte heute Vormittag, nachdem die Tiefenbachs
-sich vor dem Altar Treue fürs Leben gelobt hatten, die Einsegnung der
-Davonziehenden stattfinden.
-
- * * * * *
-
-Max hatte mit beklommenem Mute sein Hochzeitsgewand angetan. Nur wenige
-Stunden sollte es ihm vergönnt sein, sein junges Weib an seiner Seite
-zu wissen, dann riß ihn das Schicksal von ihr fort, -- hinein in den
-opfervollen Kampf. Würde er sie wiedersehen? War es recht von ihm, wenn
-er schon am Morgen nach dem Hochzeitstage sein Weib verließ? Hatte
-er richtig gehandelt, als er sich Konrad mit Leib und Seele verband,
-als er den Plan faßte, wider den alten Feind mit zu Felde zu ziehen?
-Gab es nicht eine große Anzahl anderer Männer im Lande, die niemand
-zurückließen, dem ihr Scheiden großen Schmerz bereitete? Mußte es denn
-wirklich sein, daß er sein eben angetrautes Weib allein ließ, um für
-die Freiheit der deutschen Stämme zu streiten?
-
-Solche Anfechtungen überkamen den Mann zu dieser Stunde und bedrückten
-ihn schwer. Kein tröstender Gedanke, wie er sich auch nach ihn
-abmühte, wollte ihm als Retter in schwerer Not erstehen, und in
-seiner Niedergeschlagenheit mutete es ihn an wie ein Rätsel, wenn er
-daran dachte, daß ihn bisher diese Bedenken nicht heimgesucht hatten.
-Noch bis gestern war er bei dem Gedanken an den Ausmarsch freudig
-erregt gewesen, aber heute, an seinem Hochzeitstage, war es ihm doch
-wunderlich ums Herz.
-
-Da erinnerte er sich plötzlich der Worte der Geliebten, die sie in
-jener Stunde gesprochen, als er ihr seine Absicht, mit auszuziehen,
-kundgetan: ich hätte Dich nicht verstanden, wenn Du hier geblieben
-wärst! Jetzt wich die Verzagtheit von ihm, und sein bänglicher Mut
-richtete sich auf. Das freudige Gefühl, das ihn in den letzten Wochen
-nicht verlassen hatte, beseelte ihn aufs neue. Ein warmer Strahl brach
-aus seinem Auge, als er die Worte Marias leise vor sich hin sprach,
-und Stolz schwellte seine Brust bei dem Gedanken an sein hochherziges,
-tapferes Mädchen.
-
-Rasch und ungeduldig beendete er seinen Anzug und schlug mit hastigen
-Schritten den Weg nach dem Schlosse ein.
-
-Ihre Hochzeit sollte ohne laute Feier stattfinden, denn der Ernst des
-Tages ließ keine sprudelnde Fröhlichkeit aufkommen.
-
-Als Max das Schloß betreten hatte, wurde er von Marias Tante empfangen,
-die ihn davon benachrichtigte, daß ihn die Braut schon erwarte. Schnell
-begab sich Max nach der Geliebten Zimmer. Schon streckte er die Hand
-aus, die Tür zu öffnen, da hörte er Maria drinnen mit ihrer herrlichen
-Altstimme dieselbe schwermütige Weise anstimmen, die die Mädchen im
-Dorfe in diesen Tagen so oft sangen:
-
- Eng im Glanz des Mondenschein
- Hielt die Liebste er umschlungen,
- Leis zu ihren Schelmerein
- Hat Frau Nachtigall gesungen.
-
- Stehe still, o Wonnezeit,
- Holde Zeit der Lust und Freude!
- Doch wie schnell weicht Seligkeit,
- Kehrt sich Lust zu bitter’m Leide.
-
- Starr im Glanz des Mondenschein
- Ruht er auf dem Feld der Ehre,
- Leis vom Aug’ des Mägdelein
- Löst sich eine blut’ge Zähre.
-
-Max überkam bei dem Klange dieses Liedes eine Anwandlung unendlicher
-Wehmut. Er glaubte aus den Tönen den Trennungsschmerz herauszuhören,
-den Maria fühlte. Leise öffnete er die Tür, -- da stockte sein Fuß auf
-der Schwelle, denn das liebliche Bild, das sich ihm bot, hielt ihn im
-Bann.
-
-In dem geräumigen Erkerzimmer mit den schweren, eichenen Möbeln aus
-einer längst vergangenen Zeit, stand Maria an eine den Erker tragende,
-geschnitzte Säule gelehnt, nahe beim Fenster im bräutlichen Schmuck.
-Sie trug ein schlichtes, weißes Wollenkleid, das sich weich anschmiegte
-und das herrliche Ebenmaß ihres jungfräulichen Körpers ahnen ließ. Von
-der rechten Schulter wand sich nach der Mitte der Brust eine frische
-Ranke von Myrthenblüten, und die glänzenden, braunen Zöpfe, die, wie
-Maria es liebte, rund auf dem Scheitel aufgesteckt waren, trugen eine
-zierlich geflochtene Myrthenkrone. Mit dem Arm hatte sie leicht die
-Säule umschlungen, während ihre Augen sinnend hinaus in die Weite
-gerichtet waren. Das feingeschnittene Profil und die edle Linie des
-Halses, den das Kleid freiließ, zeichneten sich von dem lichtvollen
-Hintergrunde rein ab. Ein goldener Morgenstrahl der Oktobersonne drang
-durch die Butzenscheiben im oberen Teile des breiten Fensters und küßte
-ihren braunen Scheitel. Von der Erscheinung der zu herrlichster Pracht
-sich erschließenden Mädchenblüte ging eine reine Harmonie aus, und
-das Gesicht der Jungfrau verkündete schmerzliche Innigkeit, die nach
-Seelenstärke begehrte.
-
-Max stand lautlos und hielt den Blick unverrückt auf Maria gerichtet,
-um die Erinnerung an dieses wunderbare Bild seinem Herzen tief
-einzuprägen. Mehrere Sekunden blieben seine Augen an der Erscheinung
-hängen, -- da wandte Maria sich von ungefähr um und machte dabei eine
-leichte Bewegung des Erschreckens, als sie die männliche Gestalt auf
-der Schwelle gewahrte. Im nächsten Augenblick aber und noch bevor Max
-seine Erstarrung abschütteln konnte, flog Maria auf ihn zu und schlang
-leidenschaftlich die Arme um seinen Hals.
-
-»Geliebter,« sagte sie mit fliegendem Atem, »ach, wie froh ich bin,
-daß Du endlich bei mir bist. Ich habe mich um Deinetwillen so sehr
-geängstigt!« Und das klopfende Herz, das Max an dem seinen fühlte,
-bestätigte ihm die Wahrheit ihrer Worte.
-
-Max trat in das Zimmer, küßte seine Braut zärtlich und sprach: »Hat
-der Schmerz des Abschieds mein Lieb schon sobald heimgesucht? Sei mein
-tapferes Mädchen wie immer und vertraue dem gütigen Geschick, daß es
-uns ein Wiedersehen feiern lassen wird.«
-
-»Wiedersehen? Ach! Wo werden wir uns wiedersehen?« sprach Maria leise
-und gedankenvoll, den Blick zu Boden geschlagen. »Aber Du irrst,
-Geliebter,« fuhr sie alsbald lebhafter fort, »der Schmerz der Trennung
-ist es nicht gewesen, der mir so viel Schrecken eingeflößt hat, sondern
-ein böser Traum, der mich am frühen Morgen heimsuchte.«
-
-Mit diesen Worten waren sie zum Erker geschritten und ließen sich nun,
-die Arme einander um die Schultern gelegt, auf der Ruhbank am Fenster
-nieder.
-
-»Gegen Mitternacht,« begann Maria, »vernahm ich plötzlich im Schlafe
-eine ungeheure Erschütterung, gleich dem Krachen eines Kanonenschusses,
-der in kurzer Entfernung von mir abgefeuert wurde. Die Fenster
-klirrten, und es war einen Augenblick, als ob die schwankenden
-Wände über mir zusammenstürzen wollten. Da trat nach einer bangen
-Viertelstunde die Tante ins Zimmer und erzählte, daß der Schloßturm,
-in dem das französische Pulver lagerte, in die Luft geflogen sei.
-Heute morgen habe ich versucht, den Ostflügel zu betreten. Aber man
-kann nicht weit darin vordringen, denn die Gänge sind verschüttet und
-die Mauern eingestürzt. Viel Schaden ist damit nicht angerichtet; der
-Flügel war ja schon wegen seiner Baufälligkeit seit langem nicht mehr
-bewohnt und geräumt. Daß der alte, verwitterte Geselle ein solches Ende
-finden mußte! Gerade er, glaubte ich, würde am längsten trotzen.
-
-Lange mußte ich über den rasch fortschreitenden Verfall des Schlosses
-unserer Väter nachdenken, bis ich endlich wieder den Schlummer fand.
-Da fuhr ich mit einem Male von neuem auf. Diesmal aber war ein
-schrecklicher Traum die Ursache.«
-
-»Träume sind leichte Gesellen,« tröstete Max. »Unstät und ohne Skrupel
-um die Wahrheit dessen, was sie künden, führen sie ein wahrhaftes
-Zigeunerleben. Bald bei diesem, schnell wieder bei jenem, statten sie
-den Menschen ihre schattenhaften Besuche ab, wispern dem Unglücklichen
-berauschende Worte ins Ohr, die ihm märchenhaftes Glück prophezeien,
-oder gaukeln ihm die lieblichsten Bilder vor die Seele, während sie
-den, dem ein froheres Erdenlos zuteil ward, mit bösen Vorstellungen
-schrecken und seinem fröhlichen Sinn die Quelle abgraben. Erwacht dann
-jener vom Schlummer, so bemerkt er mißmutig, daß ein schöner Traum
-ihn geäfft, der sein Elend mit einem goldenen Mäntelchen umkleidet
-hatte, und schlägt dieser die Augen zum Morgenlicht auf, so beschleicht
-ihn blasse Furcht, und der Schwache überträgt die Schrecknisse
-seiner Phantasie nur allzuwillig auf das Leben des Alltags. Träume
-sind Seifenblasen, mein Lieb! Ihre Oberfläche ist schillernd und
-versprechend, im Innern aber sind sie hohl. Und will man sie schärfer
-ins Auge fassen, zerspringen sie, und nichts bleibt mehr übrig von
-ihnen als der winzige Tropfen, der herabfällt, und den der durstige
-Sand begierig aufsaugt.«
-
-»Mein Bräutigam,« versetzte Maria mit leise wieder aufkommender
-Fassung. »Du Lieber, Guter, wie vortrefflich Du Dich doch aufs Trösten
-verstehst! Sieh, wenn Du bei mir bist, ist mir nie bange. Wenn Du aber
-fern von mir weilst, dann schleichen leicht trübe Ahnungen mir in die
-Seele, und meine Phantasie nimmt geschäftig die Fäden auf und spinnt
-sie ineinander. Und der bunte Teppich, den sie also gewoben, zeigt
-zuweilen gar kein freundliches Bild.«
-
-Maria hielt im Sprechen inne, und eine Glutwelle färbte ihr Gesicht
-purpurn, als sie mit stockender Stimme leise bat: »Max, -- küsse mich!«
-
-Bewegt beugte sich Max nieder und drückte in ehrfurchtsvoller Scheu die
-Lippen auf Marias reine Stirn.
-
-Mit unendlicher Zärtlichkeit schlang das Mädchen seinen Arm um den Hals
-des geliebten Mannes und legte die Stirn an seine Wange.
-
-»Ach, Max,« fuhr sie fort, »der böse Traum hat mich aber auch
-allzusehr erschreckt. -- Ich sah Dich in schwerer Gefahr. Du saßest
-in schwankendem Boot und strengtest alle Deine Kräfte aufs äußerste
-an, das Ufer des Sees zu erreichen. Aber der Sturm tobte mit
-unbeschreiblicher Heftigkeit, und die Wellen gingen so hoch, daß das
-tanzende Schifflein oft meinen Augen entschwand. Ich stand am Rande
-des Ufers und schrie in meiner Seelenangst laut auf und rang in
-Verzweiflung die Hände, denn ich sah, wie die Kraft der entfesselten
-Elemente Deiner übermenschlichen Anstrengungen spottete. Der Raum
-zwischen Dir und mir ward immer größer, und die Wellenberge, die
-mich von Dir schieden, türmten sich immer höher auf. Da machte ich
-im Schlafe eine heftige Bewegung und erwachte, in Schweiß gebadet.
-Rosiges Morgenlicht erfüllte das Zimmer und rief mir zu, daß ich ja
-nur geträumt habe. Aber meine Sinne waren noch lange im Banne der
-nächtlichen Erscheinung. Und als ich dann die brennende Stirn mit
-frischem Wasser kühlte und dabei wie von selbst die Augen schloß, --
-gleich war er wieder da, der schlimme Spuk und erschreckte meine Seele
-aufs neue. Ach Max,« bat das Mädchen flehend, -- »küsse mich wieder!«
-
-Max war von Marias qualvoller Angst gerührt. Mit überschäumender
-Herzlichkeit küßte er sie und preßte ihren Kopf zärtlich an seine Brust
-und sprach ihr begütigende Trostworte zu.
-
-»Du lieber Mann, Beherrscher meiner Seele, wie lieb ich Dich doch
-habe!« sagte Maria, sich eng an ihn schmiegend. »Aber nicht wahr,«
-fügte sie rasch hinzu, indem sie ihm mit Innigkeit und neu erwachter
-Stärke in die Augen sah, »wie es auch kommen mag, Geliebter meines
-Herzens, laß uns in unerschütterlichem Vertrauen auf Gott bauen!«
-
-»Ja, wir wollen unsere Zukunft in seine Hände legen,« antwortete Max
-und erhob sich. »Aber jetzt komm mein Lieb, reiße Dich heraus aus
-den ängstigenden Vorstellungen, die Deine Seele bedrücken. Laß uns
-miteinander fröhlich sein, den heute ist ja unser Hochzeitstag! Und nun
-gehen wir zur Kirche, auf daß der Himmel um seinen Segen für unsern
-Bund angefleht werde.«
-
-»Ach, Du tust recht daran, Geliebter,« antwortete Maria, »mir diesen
-schönen Gedanken in die Seele zurückzurufen. Ja, heute ist mein
-Hochzeitstag,« sagte sie leise wie im Selbstgespräch, während ihr
-Blick wieder durch das Fenster in das weite Land hinein schweifte und
-sich träumerisch verlor. Das Mädchen vergaß den Ort und ihre Umgebung
-für einen Augenblick. Ihre Lippen lispelten leise Worte, und auf dem
-Gesicht spielte ein sonniges Leuchten. Da verschwand plötzlich der Zug
-des Glückes von ihrem Antlitz, und der verstörte Ausdruck geheimer
-Angst trat wieder an seine Stelle. Mit einem leidenschaftlichen
-Aufschrei warf Maria wie bei Maxens Eintreten die Arme um seinen Hals
-und flehte zitternd wie ein Kind und mit bebender Stimme:
-
-»Trübe Ahnungen beschleichen mir die Brust; Max, -- -- küß mich noch
-einmal!«
-
-Da kam dem starken Mann doch eine tiefere Rührung an, als sich
-in bewegten Augenblicken sonst bei ihm einzustellen pflegte. Mit
-zitternden Händen griff er nach dem Mädchen, drückte die heftige
-Schauernde an sich und bedeckte Stirn, Augen und Mund mit ungezählten
-Küssen.
-
- * * * * *
-
-Wenn in späteren Jahren die um die Zeit unserer Erzählung jungen Männer
-als Greise von der Einsegnung der dreizehn Freiwilligen erzählten, dann
-unterließen sie nie, hinzuzufügen: keiner aus dem Dorfe fehlte; der
-schwerkranke Sägemüller ließ sich von seinen zwei mitausmarschierenden
-Söhnen im Bett in die Kirche tragen, und drei Tage darauf starb er.
-
-Das Gotteshaus war mit Andächtigen dicht gefüllt. In allen Gängen, rund
-um den Altar und in den offenen Türen und Fenstern standen oder saßen
-sie. Die Mütter hielten die Kleinsten auf dem Arm, und alle verharrten
-in andächtigem Schweigen. Eine hohe Feststimmung hatte sich auf die
-einfachen Menschen herabgesenkt, von denen jeder einzelne stolz auf
-die Männer schaute, die in einer Reihe dicht vor den Stufen des Altars
-Platz genommen hatten.
-
-Feierlich begann die Glocke auf dem Turm des Kirchleins zu läuten,
-und die Worte, die der metallne Mund rief, hielten bedeutungsvolle
-Zwiesprache mit der Stimme im Busen eines jeden der Andächtigen. Leise
-setzte zu einem feierlichen Präludium die Orgel ein, bis endlich die
-herrliche Melodie des Hauptliedes des heutigen Gottesdienstes durch
-die Kirche brauste. Ein paar gedrängte Augenblicke, und dann fielen
-die Stimmen ein. Alle Kümmernis, die diese Menschen bedrückte, und
-alle Bitten nach Tröstung und göttlicher Hilfe ergossen sich aus ihren
-Herzen in die Worte des Psalms: Alles was Odem hat, lobe den Herrn!
-
-Da erschien Pastor Reinerz am Altar. Er hatte eine schwere Krankheit
-hinter sich und übte heute zum ersten Male wieder sein Amt aus. Mühsam
-waren seine Schritte, mit denen er die Stufen hinaufging. Als er aber
-wieder an seinem lieben Platze stand, den er vor vierzig Jahren das
-erste Mal betreten hatte, als er die Melodie seines Lieblingschorales
-vernahm, und als er um sich schaute und die dichtgedrängte Menge
-gewahrte, da wurde ihm, ach, so warm ums Herz. Seine Augen blitzten vor
-Freude, und die bleichen Wangen und seine Stirn überzog eine feine Röte.
-
-Nachdem das Lied zu Ende gesungen war, traten Max und Maria zum
-Altar. Hochaufgerichtet stand hinter ihnen die Freihoferin und neben
-ihr Marias Tante. Als Trauzeugen dienten die Base Marias und Konrad
-Hartmann.
-
-Auf dem lieblichen Antlitz der Braut lagen Demut und Ergebung. Und als
-Pastor Reinerz von ihr zu wissen verlangte, ob sie gewillt sei, ihren
-Vetter Max von Tiefenbach zu ehelichen und fürderhin Freud und Leid mit
-ihm zu teilen, da klang aus ihrem Munde ein freudiges Ja. Aller Augen
-hingen an der holden Erscheinung, und schon jetzt wurde mancher Blick
-feucht beim Anblick der Braut eines morgen ausziehenden Kriegers, und
-mancher Mund flüsterte: Du armes, armes Weib!
-
-Als die Trauungszeremonie beendet war, sprach Pastor Reinerz vom Altar
-aus die Predigt.
-
-Wenn einem aus der Gemeinde etwas das Herz bedrückte, dann wußte er,
-daß er in der Sonntagspredigt Trost und Erbauung erhalten würde. Pastor
-Reinerz war kein glänzender Kanzelredner. Seine Worte flossen ihm
-nicht von den Lippen, sondern rangen sich zuweilen mühsam von seinem
-Munde. Aber er sprach eindrucksvoll und öffnete mit seinen Worten den
-innersten Schrein der Menschen und übte eine tiefe Wirkung aus. Seine
-Art zu sprechen war überraschend einfach, und gerade deshalb klang die
-Predigt im Innern der Zuhörer noch lange nach. Heute hatte er einen
-Stoff, den er meisterhaft zu behandeln verstand.
-
-Er sprach von der schweren Prüfung, die dem Lande noch immer auferlegt
-sei, von dem gewaltigen Ringen der Völker um Freiheit und Heimaterde
-und führte die atemlos Lauschenden allmählich bis zu den Geschehnissen
-der jüngsten Tage. Ein Sturm der Begeisterung fege durch das Land, man
-erwache aus einem verhängnisvollen Schlummer, und überall schicke man
-sich in letzter Stunde an, das Versäumte gutzumachen. Auch hier in der
-Gemeinde seien mutige Männer aufgestanden, die in diesen großen Tagen
-nicht müßig bleiben wollten.
-
-Bei diesen Worten lief eine leise Bewegung durch die dichtgedrängten
-Zuhörer, den man fühlte, daß jetzt der Höhepunkt der Feier nahe.
-
-Mit einem kurzen Gebet, in dem er die Geschicke des Landes und des
-sächsischen Volkes der Gnade des Allbarmherzigen empfahl, schloß Pastor
-Reinerz seine Predigt.
-
-Dann erhoben sich die Dreizehn, traten enganeinandergeschart zum Altar
-und knieten auf den Stufen nieder, um den Segen zu empfangen.
-
-Ein heißer Strahl ergoß sich in die Brust eines jeden der Versammelten,
-und man drängte sich und hob die Köpfe, um die Knieenden nicht aus den
-Augen zu verlieren. Es war ein erhebender Augenblick!
-
-Mancher verbarg seine Rührung, in Vieler Augen aber glänzten Tränen.
-Sie gingen ja, um für das Vaterland zu streiten, das war das Tröstende,
-aber -- sie gingen! Keiner verspürte das Verlangen, sie zurückzuhalten,
-aber weinen mußte man sie lassen. War doch manche alte Mutter, manches
-junge Weib, manches zarte Kind unter den Versammelten, die verlassen
-wurden!
-
-Markig, doch aus tiefer Bewegung heraus, klangen die Worte des
-Geistlichen, und das Ergriffensein ihres verehrten Pfarrers teilte
-sich der Gemeinde mit; die Weiber schluchzten und die Kinder weinten.
-Die Erschütterung wuchs, und reichliche Tränen flossen, als er die
-Männer segnete. Wie darauf Pastor Reinerz aber davon sprach, daß die
-vaterlosen Kindlein Gott am nächsten stünden, da brach plötzlich die
-bebende Stimme des Greises, und der Jammer übermannte die Versammelten,
-und das Schluchzen wurde so stark, daß der Geistliche wohl minutenlang
-nicht weitersprechen konnte. Zugleich mit dem Schmerz erfüllten aber
-heiliger Zorn und Empörung gegen die Bedrücker Aller Brust, und aus den
-Seelen der Hartgeprüften rang sich zum Himmel empor der flehentliche
-Schrei: »_Herr, mach’ uns frei!_«
-
-Dann erklang die Orgel von neuem, und die Gemeinde stimmte mit Inbrunst
-das Lied an: »Befiehl Du Deine Wege, und was dein Herz nur kränkt, der
-der allertreusten Pflege des, der den Weltkreis lenkt --«
-
-Hierauf leerte sich langsam das Gotteshaus.
-
-
-
-
-24. Kapitel.
-
-
-Die Männer hatten sich zu einer letzten Besprechung nach dem
-Gottesdienst in die Schenke verabredet, da der übrige Teil des Tages
-den Angehörigen gewidmet sein sollte.
-
-Max hatte die Seinen nach dem Freihofe zurückbegleitet und fand, als
-er nach kurzer Zeit in die Wirtsstube trat, alle schon versammelt.
-Das halbe Dorf war auf den Beinen und umlagerte den Gasthof, und die
-Neugierigsten unter der Jugend umdrängten die Fenster und versuchten
-zu erfahren, was drinnen beschlossen wurde. Auch lief das Gerücht
-herum, daß eine französische Patrouille von fünf Reitern außerhalb des
-Dorfes gesehen worden sei und den Schauplatz der Verwüstung besichtigt
-hätte. Sodann seien die Reiter beim Schwedenloch abgesessen und hätten
-dort auch ihre Pferde gefüttert. Die Zaghaften unter den Einwohnern
-aber sagten, Pferde in der Nähe des Schwedenloches wären keine gute
-Vorbedeutung, und die den Lebenden von Mund zu Mund überlieferte
-Erzählung des Ursprungs dieser Stätte wurde wieder aufgewärmt.
-
-Mit dem Schwedenloch verhielt es sich nun folgendermaßen.
-
-Vor etwa zweihundert Jahren war, vom Erzgebirge her kommend, ein
-unbekannter Mann im Dorfe erschienen. Der Fremde behauptete, er sei
-ein großer Bergverständiger und habe schon manchem dadurch zu Reichtum
-verholfen, daß er auf seinem Besitz eine schwere Silberader entdeckte.
-Die Gegend um Rehefeld erscheine ihm versprechend, und er werde
-versuchen, hier nach Silber zu graben.
-
-Darüber lachten die Bauern, weil sie dachten, der Fremde sei ein
-Spaßmacher. Aber dieser verfügte über eine gute Zunge, und als er zu
-ihnen von dem Reichtum sprach, den selbst ein kleiner Silberbergbau
-abwerfe und mit lebendigen Worten die freudige Überraschung zu
-schildern verstand, die in andern Gegenden die hartnäckigsten Zweifler
-angesichts der reichen Ausbeute der von ihm gegrabenen Schächte nach
-kurzer Zeit überkommen sei, da wurden die Bauern nachdenklich. Das
-Lachen verschwand von ihren Gesichtern, und sie kraulten sich bedächtig
-hinter den Ohren, und einer fragte den andern, ob er sich mit ein paar
-Hundert Talern etwa beteiligen würde. Anfänglich schien niemand dazu
-geneigt. Als aber der Schätzesucher hoch und teuer beschwor, daß sich
-das Geld über Nacht zwanzig- und dreißigfach verzinsen könne, und er
-davon sprach, bei längerem Weigern das Kapital auf den umliegenden
-Dörfern aufzubringen, da wurden die Rehefelder neidisch auf die von
-Gröbern und Zehmen, und in wenigen Tagen war die verlangte Summe
-beisammen.
-
-Nun fing der fremde Mann an zu bohren. Aber einige Ellen tief traf er
-auf Sandstein, und die Bauern empfanden so etwas wie Enttäuschung.
-Der Fremde aber meinte, dies sei recht und gut, denn er habe gerade
-unter so weichem Gestein schon die reichsten Silberadern gefunden; und
-er bohrte fröhlich weiter. Die Arbeit ging langsam von statten, und
-die Geldgeber wollten schon allmählich verzweifeln, da berührte der
-Bohrer wieder Sand, und die bereits gelästerten Prophezeihungen des
-Schatzgräbers gingen mit neuer Hoffnung und unter ehrfürchtigem Nicken
-von Mund zu Mund.
-
-Immer tiefer drang das Eisen des Bohrers hinab. Das Loch in der
-Sandsteinschicht wurde weitgemacht und rund ausgehauen, die Erde in
-dem neuen Schacht abgegraben und durch einen Göpel herausgebracht,
-und die Wände wurden verschalt und abgesteift. Mit der Miene
-gediegener Sachverständigen guckten die Bauern von oben in das immer
-tiefer werdende Loch hinunter und freuten sich, als sie eines Tages
-entdeckten, daß es drunten so finster geworden war, daß sie nicht mehr
-bis auf den Grund sehen konnten. Nun fing es doch endlich an, ein
-richtiges Bergwerk zu werden.
-
-Keinen andern Gesprächstoff kannte man mehr, als Bergbauwissenschaft,
-und man erörterte ernsthaft, ob nicht neben Silber auch Kohlen in
-der Nähe zu finden seien. Nur der alte Lederhannes, der die Leute im
-Dorfe versohlte, lachte und spottete über das Beginnen. Auf der Erde,
-meinte er, wäre dem Bauern vom Himmelsvater die Arbeit zugewiesen;
-um das, was im Bauche der Erde verborgen sei, brauche er sich nicht
-zu kümmern. Aber die Rehefelder zuckten die Achseln und sagten, mit
-siebzig Jahren -- so alt war der Spötter -- werde der menschliche Geist
-mürbe und brüchig, wie dem Hannes seine Stiefelsohlen lebtags gewesen
-seien.
-
-Die Sandberge rund um den Schacht wuchsen mächtig an, denn seine Tiefe
-betrug nun schon an die hundert Ellen. Doch mit jeder Elle tieferen
-Hinabdringens wurden die Gesichter der Bauern länger, aber noch immer
-wollte sich kein Erz zeigen. Zudem fragte der Lederhannes höhnisch,
-was sie mit dem vielen Sand anfangen und ob sie ihn nicht probeweise
-von dem gelehrten Manne zu einem Düngemittel für die Saatfelder
-verarbeiten lassen wollten. Der Fremde hatte aber schon zweimal wieder
-von den Bauern Geld verlangt, das sie ihm mit Rücksicht auf die bereits
-hineingesteckten Tausende auch gegeben hatten.
-
-Einige Monate hatte der schöne Wahn vorgehalten, dann brach er,
-gleichzeitig mit dem Schachte, plötzlich in sich zusammen. Als eines
-Morgens die Arbeiter die Einsteigleitern betreten hatten, um sich zum
-gewohnten Tagewerke hinabzubegeben, da vernahmen sie in der Tiefe
-dumpfes Rauschen. Ein paar Beherzte stiegen hinunter und fanden,
-daß die Sohle des Schachtes tief hinabgesunken war und unter Wasser
-stand. An mehreren Stellen hatte sich die Verschalung gelöst und war
-hinuntergestürzt. Da gerieten die Bauern in helle Verzweiflung und
-fragten nach dem Anstifter des Unglücksunternehmens. Der aber war und
-blieb verschwunden. Wahrscheinlich hatte er den Schaden vorausgesehen
-und sich in weiser Vorsicht rechtzeitig aus dem Staube gemacht. Nun
-erfuhren die Beteiligten zu dem Schaden noch reichlichen Spott, und sie
-zogen es vor, den Verlust und die Enttäuschung klaglos zu tragen.
-
-Den Schacht aber überließ man seinem Schicksale. Die Steigleitern
-wurden zwar gerettet, wie man aber auch die Verschalung losreißen
-wollte erwies sich dieses Vorhaben als sehr gefährlich für die
-Arbeiter, und man ließ davon ab. Dann deckte man das Loch zu und ging
-mit Eifer an die willkommene Ausbeutung des Steinbruches, bis sich
-endlich der Schacht oben trichterförmig erweitert hatte. Zuletzt wollte
-niemand mehr von den schwierig zu gewinnenden Steinen etwas wissen. Und
-als die Deckbretter verfault und hinabgestürzt waren, weigerte sich
-jeder, sie zu erneuern. Man umgab den oberen Rand des Steinbruches mit
-einer hölzernen Einfassung, um einen in der Dunkelheit von dem in der
-Nähe vorüberführenden Wege etwa Abkommenden vor dem Hinabstürzen zu
-bewahren. Von dem schwedischen Hauptmann aber, dessen wildgewordenes
-Roß im Verlaufe des dreißigjährigen Krieges mit seinem Reiter über die
-Barriere hinwegsprang und den niemand wiedersah, hatte der Schacht
-seinen Namen erhalten.
-
-Man ahnte, daß das Schwedenloch bodenlos sei, und jedermann vermied es,
-in seiner Nähe zu verweilen. Die jungen Mädchen aus dem Dorfe erzählten
-sich an den langen Winterabenden schauerliche Geschichten von dem
-Orte, und seit jener stürmischen Neujahrsnacht, in der ein von Zehmen
-zurückkehrender Knecht kreidebleich im Gasthof erschienen war und
-aussagte, am Steinbruche jage ein schwarzer Reiter auf feurigem Rosse
-umher, wurde der Ort selbst von den Erwachsenen mit Scheu gemieden.
-
- * * * * *
-
-Als Max in der dichtgefüllten Wirtsstube erschien, verstummte das in
-trägem Flusse sich dahinwindende Gespräch sofort gänzlich, und alle
-sahen auf ihn und waren begierig darauf, die letzten Abmachungen
-zu hören. Die Ausmarschierenden hatten sich an einem langen Tische
-niedergelassen, in dessen Mitte und zwar so, daß sie das Zimmer
-übersahen, Max und Konrad saßen. Freundlich schien die Oktobersonne
-durch die Fenster und spielte auf den ernsten Gesichtern der Männer.
-
-Der Abmarsch sollte am nächsten Morgen frühzeitig und in aller Stille
-erfolgen. Wenn die Kirchturmuhr die fünfte Stunde verkündete, mußte
-jeder am Freihofe eingetroffen sein, von wo es dann ohne Aufenthalt
-weiterging. Niemand außer den fortziehenden Männern sollte die
-Dorfgasse betreten, denn man konnte nicht wissen, ob nicht französische
-Patrouillen in der Nähe herumspionierten, denen das Dorf infolge
-Auffliegens ihres großen Pulvervorrats vielleicht verdächtig erschien.
-
-Die Kunde, daß französische Reiter am Schwedenloch gesehen worden
-seien, bestärkte die Männer in ihrer Vorsicht, und als einige
-zurückbleibende Bauern sich erboten, einander ablösend während der
-Nacht die Dorfausgänge zu beobachten, wurde dieser Vorschlag allgemein
-gutgeheißen. Zuletzt erklärte der Rabensteiner, sogleich nach dieser
-Besprechung auf dem Wege nach Gröbern soweit vorwärts reiten zu
-wollen, bis er auf die preußischen Vorposten stoße. Sollte er in dieser
-Gegend aber französische Uniformen sehen, so würde er versuchen,
-über Göhren seinen Zweck zu erreichen. Auf alle Fälle mußte man
-genau wissen, welche Richtung morgen früh einzuschlagen war. Überall
-schwärmten kleine französische Reiterhaufen herum, deshalb war große
-Vorsicht geboten. In der Nacht abzumarschieren, erschien ihnen nicht
-ratsam, da die Franzosen infolge der großen Nähe des Feindes sehr auf
-der Hut sein würden.
-
-Die letzten Anordnungen waren getroffen und die Männer nahe daran,
-aufzubrechen, als plötzlich die unmittelbar auf die Straße führende Tür
-des Gastzimmers aufgerissen wurde. Überrascht fuhren die Versammelten
-in die Höhe und blickten auf die offene Tür, in deren Rahmen sich
-noch immer nichts zeigte. Da erschien plötzlich auf der Schwelle
-eine wunderliche Gestalt, in der man nach genauem Hinschauen Mutter
-Lehnhardt erkannte.
-
-Sie trug ein seltsam aufgeputztes Kleid von Lilafarbe, das ehemals
-kostbar gewesen sein mußte. Heute aber war sein Glanz verblichen. In
-nichts ähnelte es der Form, in der die Frauen zur Zeit die Kleider
-trugen, und die über und über zerknitterte und an manchen Stellen
-zerschlissene Seide ließ erkennen, daß das Kleid vielleicht Jahrzehnte
-unbenutzt in einer Ecke des Schrankes gehangen hatte. Den Kopf der
-Greisin bedeckte ein gleichfalls zerknitterter Filzhut von uralter
-Form, mit verblaßten, bunten Bändern, von denen zwei an den Wangen
-herabliefen und unter dem Kinn zu einer Schleife verknüpft waren.
-
-Keiner der Anwesenden konnte sich entsinnen, Mutter Lehnhardt jemals
-anders als in einem selbstgefertigten Rock von grobem Stoff und der
-üblichen Jacke einfacher Dorfleute gesehen zu haben. So gekleidet,
-erkannte man sie schon von fern. In dem Aufputze, in dem sie aber jetzt
-dicht vor ihnen stand, mußten sie scharf hinsehen, um die Alte zu
-erkennen.
-
-Anfangs drängte sich ein Lächeln auf manche Lippe, denn die Erscheinung
-forderte den Spott heraus. Das Kleid war ehedem sicherlich nicht für
-seine heutige Trägerin angefertigt worden, denn es war für diese
-einfache Frau viel zu kostbar. Man kannte die Vergangenheit der Greisin
-zu gut, um nicht richtig zu vermuten, daß das Kleid einstmals von
-einer Schloßherrin getragen wurde, und daß es später, als es nicht
-mehr mit der Zeit ging, verschenkt worden war. Der Schnitt erregte
-Kopfschütteln, und die Männer begriffen nicht, wie man an dieser Form
-einst hatte Gefallen finden können.
-
-Die Anwandlung von Heiterkeit aber währte nicht lange, dann verschwand
-das Lächeln von den Gesichtern vor dem ernsten, ja feierlichen
-Ausdruck, der auf den Zügen der Greisin lag. Eine Sekunde lang blieb
-die schmächtige Gestalt auf der Schwelle stehen und ließ die klaren
-Augen flink über die Versammlung gleiten. Es schien, als wenn sie sich
-an der Überraschung weide. Dann griff die Hand der Alten entschlossen
-in das Kleid, raffte es auf, daß es nicht den Fußboden streife, und so
-betrat sie mit ihren gewohnten Trippelschritten die Gaststube, bis sie
-an dem langen Tische der Ausmarschierenden stehen blieb.
-
-»Ei, sieh da, der Herr Max,« sprach sie, »und alle die mutigen
-Burschen. Will’s Gott, so sitzt Ihr nach Jahresfrist wieder so wie
-heute beisammen.«
-
-Sie hielt mit eifrigem Kopfnicken inne, um alsbald lebhaft fortzufahren:
-
-»Doch dürft Ihr nicht denken, daß ich gekommen wäre, um Eure
-kostbare Zeit zu verschwatzen. Aber die Erzählung geht, daß drüben
-im Preußischen alle, selbst der Arme zu den Kosten des Krieges sein
-Scherflein beitrage. Und deshalb will auch ich der guten Sache mein
-Opfer bringen.«
-
-Die Greisin suchte die Tasche des Kleides und entnahm ihr ein kleines
-Papier, das die zitternden Finger mühsam entfalteten und legte den
-Inhalt dann dicht vor Max auf den Tisch. Es waren zwei goldene Ringe.
-
-»Das sind meine einzigen Schätze,« begann sie wieder, »nehmt sie mit,
-Herr Max, mir können sie nichts mehr nützen. Es ist der Ring meines
-Seligen, den man mir, nachdem er bei Kesselsdorf gefallen war, sandte
-und der meinige. Jenen habe ich nun mehr als siebzig Jahre gut verwahrt
-gehalten, und nur wenn die alten Erinnerungen allzustark heraufstiegen,
-habe ich ihn hervorgeholt und mit ihm geplaudert, als ob es mein guter
-Mann selbst wäre. Den meinen habe ich erst heute nach dem Gottesdienst
-vom Finger gezogen. Bevor ich beide Ringe in das Papier schlug, habe
-ich sie noch einmal geküßt, sie waren ja das Unterpfand einer jungen
-Liebe. Nehmt sie mit, ich bitt’ Euch darum!«
-
-Niemand sprach darauf ein Wort, keiner der Männer fand eine Erwiderung.
-Sie alle hielten die Blicke niedergeschlagen und betrachteten die
-Ringe. Der eine davon hatte, wie es schien, noch sein ursprüngliches
-Gewicht und war groß, wie eben ein Ring sein muß, der an der Faust
-eines Bauernburschen sitzt. Der andere aber war dünn wie Blech, so
-hatte sich das Edelmetall an den Fingern der Greisin während der vielen
-Jahre abgewetzt.
-
-Da unterbrach Max das Schweigen:
-
-»Mutter Lehnhardt,« sagte er, »Ihr reißt einen kostbaren Schatz von
-Euerm Herzen, bedenkt es wohl, bevor Ihr Euch für immer davon trennt.«
-
-Die Greisin machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und erwiderte:
-
-»Das Gold möge sich in Stahl verwandeln, mit dem unsere Jugend sich und
-ihren Kindern ein freies Vaterland schaffe. Mein Seliger wird mir’s im
-Traume zuflüstern, daß ich richtig gehandelt habe. Er war ja selbst ein
-Feuerkopf.«
-
-»Nun denn,« antwortete Max, »zurückweisen darf ich Eure reiche Spende
-um der guten Sache willen nicht. Wir nehmen aus dem Dorfe manche Gabe
-mit uns; laßt es Euch aber versichert sein, Mutter Lehnhardt, daß wir
-die Eurige als die kostbarste schätzen.«
-
-Die Alte nickte freundlich, sah sich im Kreise der Männer noch einmal
-um und trippelte dann mit einem »Behüt’ Euch Gott« wieder der Tür zu.
-
-Friedrich, der zwanzigjährige, hochgewachsene und breitschultrige
-Sohn der Kirchengutbäuerin, der morgen früh mit ausmarschierte, saß
-der Tür am nächsten. Mit unbeholfener Eilfertigkeit sprang er hinzu
-und öffnete. Mutter Lehnhardt zögerte aber eine kleine Weile, als
-wenn ihr das Hinabsteigen der Stufen viel Mühe mache. Da bückte sich
-der große Junge, hob die Greisin wie eine Feder auf und ging mit ihr
-vorsichtig die Stufen hinab. Stirn an Stirn lagen die beiden Gesichter
-aneinander, das welke des langsam absterbenden Menschen neben dem
-blühenden des kraftstrotzenden Jünglings. Und zärtlich, wie eine Mutter
-ihr noch hilfloses Kind, streichelte während des Hinabschreitens die
-runzlige Hand der Greisin seine vollen Wangen.
-
-Zu ebener Erde angelangt, setzte Friedrich seine leichte Last behutsam
-nieder, und weil er die Blicke der Männer von drinnen und der vor dem
-Gasthof Weilenden auf sich gerichtet fühlte, wurde er sehr verlegen,
-und eine dunkle Röte überzog ein hübsches Gesicht. Da stand nun der
-junge Riese mit dem glattgescheitelten Blondhaar und den zu kurzen
-Jackenärmeln des Sonntagsgewands, aus denen die starken Handgelenke
-und die derben Fäuste weit herausragten, nicht wissend, wohin er seine
-Augen richten sollte.
-
-»Wie sein seliger Großvater, als er noch ein junges Blut war,« sagte
-Mutter Lehnhardt, Friedrich mit versonnenem Lächeln betrachtend.
-
-Dann hob die Alte mit großer Sorgfalt das Kleid auf und lief mit
-kleinen und flinken Schritten über den Dorfplatz.
-
-
-
-
-25. Kapitel.
-
-
-Die Männer hatten den Gasthof nunmehr verlassen, denn es drängte sie,
-heimzukehren. Deshalb geizten sie mit der Minute.
-
-Maxens Sehnsucht nach Maria war aufs höchste gestiegen. Bevor er aber
-nach Hause zurückkehrte, gab er Konrad das Geleit bis zum Rabensteiner
-Hof. Zuletzt verabredeten sie noch eine kurze Besprechung auf dem
-Freihofe nach Konrads Rückkehr. Hierauf trennte sich Max unter guten
-Wünschen von dem Freunde und ging rasch den Weg zurück.
-
-Marias liebliche Erscheinung, wie er sie an diesem Morgen im Erker
-gesehen hatte, stand ihm lebendig vor der Seele, und der heiße Wunsch,
-sein junges Weib ans Herz zu drücken, beflügelte seine Schritte. Schon
-während des Aufenthalts im Gasthofe hatte ihn einmal eine geheime
-Unruhe bedrückt, und er wäre am liebsten aufgesprungen und nach Hause
-geeilt. Nun sollte er aber in wenigen Minuten bei ihr sein, ihre
-klangvolle Stimme vernehmen, ihren warmen Odem an seiner Wange fühlen
-und in ihre lieben, treuen Augen schauen.
-
-Verwundert blickte sich Max während seines beschleunigten Laufes um,
-denn das Oberdorf war wie ausgestorben. Da sah er den spitzen Giebel
-seiner großen Scheune auftauchen, und nach ein paar weitausgreifenden
-Schritten gelangte er an die Biegung der Dorfstraße, von wo aus er
-das Hoftor sehen konnte. Doch -- was war das? Was bedeutete die große
-Menschenansammlung vor dem Freihofe? Ein Alp senkte sich auf seine
-Brust, daß er nur schwer zu atmen vermochte. Unwillkürlich seinen Lauf
-beschleunigend, flog er zuletzt die Straße hinab. Da kam er bei den
-ersten Herumstehenden vorüber und rief ihnen zu:
-
-»Was ist’s, warum seid Ihr alle hier versammelt?«
-
-Aber er nahm sich nicht die Zeit, ihre Antwort abzuwarten, so rastlos
-trugen ihn die Füße weiter. Die Gefragten schienen ob der überhobenen
-Antwort erleichtert, denn sie hatten scheu an ihm vorbeigesehen. Je
-mehr der Freihofer sich aber seinem Besitze näherte, umso dichter
-standen die Menschen. Stumm wichen sie zurück und bildeten eine Gasse,
-durch die er bis zu dem geschlossenen Hoftor stürmte.
-
-Hier angekommen, versagten ihm die Füße wie gelähmt den Dienst, und er
-wandte sich zu der Menge. Eine verzehrende Angst machte ihn heimlich
-beben, aber er war zu stolz, sie erkennen zu lassen. Deshalb fuhr er
-die Nächststehenden mit Trotz in der Stimme an:
-
-»Warum haltet Ihr hier Maulaffen feil? Geht heim und lobt Eure Weiber
-für den Sonntagsschmaus, den sie Euch auftischen!«
-
-Die so unsanft Angeredeten erwiderten nichts, aber sie vermieden
-es, daß ihre Augen seinem Blick begegneten. Qualvoll verstrich eine
-Sekunde eisigen Schweigens, das angesichts der dichtgedrängten Menschen
-unnatürlich erschien und das die deutlich auf das Gesicht des Mannes am
-Hoftor geschriebene Angst bis zur Unerträglichkeit steigerte. Da faßte
-einen aus der Menge das Erbarmen mit dem Gefolterten und er rief ihm zu:
-
-»Freihofer, bereitet Euch auf Entsetzliches vor; es ist ein Unglück
-geschehen!«
-
-Diese wohlgemeinten Worte riefen eine unerwartete Wirkung hervor: aus
-der tödlichen Angst des Bemitleideten schlugen die Flammen blinder Wut,
-und er schrie:
-
-»Daß Du ersticken mögest an Deinem Unkenruf. Mit solchen Worten
-schreckt man Memmen. Ich sage Euch, es spukt nur in Euern Köpfen, sonst
-ist es nichts!«
-
-Eine neue Pause, angefüllt mit demselben entsetzlichen Schweigen von
-vorhin schien wieder einzutreten. Wer vermochte es, diesen Mann daran
-zu hindern, daß er, wie es ihm ein verzehrendes Angstgefühl gebot, sich
-gegen die Kenntnis eines furchtbaren Geschehnisses sträubte, obgleich
-er dessen Wahrheit ahnte.
-
-Da kam Bewegung in den Kreis. Zwei Arme teilten die Menge, und ein Mann
-trat aus ihr heraus und stellte sich dem jungen Bauern gegenüber, -- es
-war Pastor Reinerz, angetan mit langschößigen Bauernrock.
-
-Max empfand in diesem Augenblick das Nähertreten dieses Mannes wie das
-eines Gegners. Die aller Fesseln befreiten, wild mit einander ringenden
-Leidenschaften rissen sich um die Herrschaft über ihn, und je nachdem,
-ob es der dem Wahnsinn zutreibenden Angst oder der schäumend machenden
-Wut gelang, zu siegen, konnte der Unglückliche sich auf den Greis
-stürzen, oder im nächsten Augenblick unter dem zermalmenden Drucke des
-Jammers zusammenbrechen.
-
-Doch alsbald sollte der Kampf im Innern des Freihofers entschieden
-sein; Pastor Reinerz begann zu sprechen, und bei seinen Worten
-glätteten sich die aufgepeitschten Wogen. Der Feuerstrom des Zorns, der
-seine Ufer schon überflutet hatte, schäumte jetzt wieder in sein Bett
-zurück und ließ die Angst, die unaussprechliche Angst anwachsen, daß
-der Freihofer wähnte, um Brust und Hals legten sich ihm Eisenklammern.
-
-»Der Gott, der Himmel und Erde erschaffen,« begann Pastor Reinerz,
-»bestimmt auch den Lauf der Menschengeschicke, und wir sollen nicht mit
-ihm hadern, wenn sein unerforschlicher Wille uns von der Höhe irdischen
-Glücks hinab in die Tiefen des Schmerzes und der Verzweiflung stürzt.
-Denn der Mensch ist aus des Meisters Hand hervorgegangen, und sein
-winziger Geist begreift nicht den Geist seines Schöpfers. Wir stehen
-erschüttert vor diesem entsetzlichen Schlag, der uns alle getroffen
-hat. Aber es gebührt uns nicht, uns aufzulehnen; neigen wir in Demut
-das Haupt und vertrauen wir unverändert auf die Liebe des himmlischen
-Vaters. Was der ewige Gott, unbegreiflich für uns Menschen, diesmal zu
-sich berufen hat, ist ein blühendes, junges Leben -- -- --«
-
-Der Freihofer hatte bisher mit Aufbietung seiner ganzen Willenskraft
-eine ihn zu übermannen drohende Schwächeanwandlung bekämpft, bei diesen
-Worten aber brach seine Beherrschung jäh zusammen. Er grub die Zähne in
-die Unterlippe, daß das Blut erschien und taumelte gegen das Hoftor.
-
-»Meine Seele ist noch aufs tiefste erschüttert,« fuhr Pastor Reinerz
-fort, »denn gerade ich mußte Zeuge des Verbrechens sein, denn einem
-schändlichen Verbrechen, Freihofer, ist Euer Weib zum Opfer gefallen.«
-
-Max machte eine zuckende Bewegung, aber es war, als ob der Schlag, der
-gegen ihn geführt worden war, ihm die Kraft, zu verzweifeln, gelähmt
-habe.
-
-Da wandte sich Pastor Reinerz von dem bis ins innerste Mark Getroffenen
-ab und sprach zu der Menge:
-
-»Hört mich an, Leute, denn Ihr kennt den Hergang nur flüchtig. Die
-milden Strahlen der Sonne bewogen mich, nachdem ich von der Kirche
-heimgekehrt war, einen lang entbehrten Spaziergang in die freie Natur
-zu machen. Einsam ging ich über die herbstlichen Felder, derweilen
-Ihr im Gasthof versammelt wart und sog mit tiefen Zügen die erwärmte
-Luft ein. Kein Laut störte die sonntägliche Stille. Da wurde ich
-plötzlich aus meinen Gedanken wachgerüttelt. In geraumer Entfernung von
-mir sah ich in dem hohen Grase etwas Weißes bald aufleuchten und bald
-wieder verschwinden. Ich strengte meine Augen an und erkannte in der
-weiblichen Gestalt Maria, die kaum vor einer Stunde von mir angetraute
-Gattin des Bauern vom Freihofe. Zeitweilig sich niederbückend,
-schlenderte sie umher, um die letzten Feldblumen zu einem Strauße zu
-sammeln. Schon wollte ich meine Schritte zu ihr hinlenken, da fiel
-mein Blick auf einen zweiten Menschen, -- und das Blut stockte mir in
-den Adern! Vom Schwedenloche herabkommend, wo ein paar Reiter in der
-Nähe ihrer grasenden Pferde weilten, nahte sich ein hochgewachsener
-französischer Offizier, das junge Weib von hinten her beschleichend.
-Ich biete meine ganze Stimme auf und rufe: Maria! ohne daß sie meine
-Warnung hörte. Ein zweites, ein drittes Mal klingt mein Ruf, da hatte
-sie mich vernommen. Sich umschauend, fällt ihr Blick auf den Mann, der
-sich ihr bis auf wenige Schritte genähert hat. Sie erschrickt, wendet
-sich um und enteilt flüchtigen Fußes der schon drohenden Berührung
-des Elenden. Aber die Flucht nach dem Dorfe ist ihr verlegt. Wie ein
-gehetztes Wild fliegt sie nach der andern Seite, -- da schneidet ihr
-der Verfolger, der sich im raschen Laufe seinem Opfer nähert, den Weg
-ab. In demselben Augenblick, in dem die Verzweifelte die Unmöglichkeit
-eines Entrinnens erkennt, stürzt sie nach dem nahen Schwedenloch,
-um durch einen Sprung von dessen Rand sich vor dem Schlimmsten zu
-bewahren, -- da treten ihr die Soldaten entgegen. Und als die Gehetzte
-die Schnelligkeit ihres Laufs unwillkürlich etwas verringert, um so
-vielleicht doch einen rettenden Ausweg zu erspähen, da packt sie die
-rohe Faust des Entmenschten am Handgelenk. Ein verzweifelter Aufschrei,
--- dann entschwanden die Ringenden, zu Boden fallend, meinen Augen, und
-nur das hohe Riedgras bewegte leise die Spitzen.
-
-Eine verspätete Lerche flog auf und trug in weiten Kreisen ihren Sang
-der Sonne entgegen.
-
-Mich alten Mann aber überfällt ein wahnsinniges Entsetzen und ich eile,
-so schnell mich die Füße tragen wollen, vorwärts. Doch bald zwingt mich
-einer der Soldaten stehen zu bleiben, und wie ich dennoch weiterdränge,
-wirft mich ein Kolbenstoß vor die Brust besinnungslos nieder.
-
-Als ich aus meiner kurzen Ohnmacht erwachte, sah ich Maria aufrecht
-stehen. Zu ihrer Seite befand sich der Franzose, dessen Bestialität
-noch einmal aufzublitzen schien, denn er legte die Arme um das Mädchen
-und versuchte, es zu küssen. In dem Augenblick aber, in dem sein
-Mund sich ihrem Gesichte näherte, grub sie die Zähne in den Hals des
-Lüsternen, daß dieser das Weib mit einem wilden Fluche freiließ und
-nach der blutenden Stelle tastete. Wohl tut einer der Elenden, die
-entfernt standen, einen Schritt nach dem ruhig dahinschreitenden Weibe,
-wie die Hyäne, die darnach lechzt, was der gesättigte Blutdurst des
-Tigers verschmäht. Aber ein königlicher Blick scheucht ihn zurück, und
-bald stand Maria am Rande des Steinbruchs. Ein paar Sekunden verharrte
-sie unbeweglich, das Haupt auf die ineinander gelegten Hände gebeugt.
-Dann wandte sie noch einmal den Blick und ließ das Auge über die Fluren
-schweifen, hinüber nach dem Dorfe. Ich sprang auf und winkte und rief.
-Sie erkannte mich, nickte mir zu, nahm den Strauß aus den Falten des
-Busens, führte ihn noch einmal zum Munde und legte ihn nieder, und
-dann --,« hier schwieg der Greis.
-
-Die Männer hatten während seiner Erzählung wiederholt laute
-Verwünschungen ausgestoßen, und manche Faust hatte sich unwillkürlich
-geballt.
-
-Pastor Reinerz aber fuhr fort:
-
-»Die Soldaten gaben mir jetzt den Weg frei, und ich lief nach der
-Stelle, an der ich Maria zum letzten Male gesehen hatte. Als ich
-erschöpft dort ankam, bot sich meinem Blicke nichts weiter von ihr,
-als die Blumen. Ich beugte mich über den Abgrund, der gerade dort am
-steilsten abfällt und gewahrte, etwa dreißig Ellen unter mir, dort,
-wo der große Trichter in den Schacht ausläuft, an einem niedrigen,
-verkrüppelten Baumstamm einen menschlichen Körper hängen. Voll Freude
-und Schrecken zugleich, daß der schwache Stumpf der Last nachgeben
-könne, schaute ich mich nach einem Helfer um. Da bemerkte ich schon
-einen Mann, der wie von ungefähr über die Felder schritt. Ich schrie
-und machte verzweifelte Bewegungen. Im eiligen Laufe kam er heran, und
-während ich ihn mit fliegenden Worten unterrichtete, schaute er hinab.
-Bange Sekunden verstrichen; endlich rief er: Ich wags! Rasch streifte
-er die Schuhe von den Füßen und dann stieg der Verwegene hinunter.
-
-Ich wußte es, daß er den Zorn des Himmels herausforderte, denn es war
-ein Frevel, den Versuch zu unternehmen; ich erkannte das Unsinnige
-seiner Tat, denn der Einsatz galt nicht einem Menschenleben, sondern
-es war das aussichtslose Spiel mit einem Leben um einen Leichnam, --
-und doch ließ ich es zu!
-
-Der Weg, den der Tollkühne zurückzulegen hatte, ist Euch vom Schauen
-her bekannt; es hat bisher noch keiner versucht, ihn zu betreten.
-Hände und Füße gebrauchend, klomm er langsam hinunter, jeden Vorsprung
-weise benutzend, und wo ein solcher nicht vorhanden war, das Fleisch
-der Finger und Zehen in die Ritzen der Steinwand pressend. Ein
-Ausgleiten weihte ihn rettungslos dem entsetzlichen Tode des Absturzes.
-Langausgestreckt am Rande liegend, schaute ich dem immer tiefer
-Gelangenden nach, während kalter Schweiß mir auf die Stirn trat und
-mein Herz in lauten Schlägen arbeitete. Mehr als einmal strauchelte
-er, mehr als einmal löste sich ein Stein von der Wand, den er sich als
-Halt erkoren hatte, unter seinen Füßen, so daß es unabwendbar schien,
-daß der Retter in die Tiefe stürze. Dann fiel mein Auge wieder auf
-den schwachen Stamm, der sich unter der Last soweit bog, daß er jeden
-Augenblick brechen konnte. Mir wollte das Herz stille stehn bei dem
-Gedanken, daß das Rettungswerk umsonst versucht worden sei.
-
-Endlich, nach Minuten furchtbarer Qual, langte der Mann am Ziele an.
-Vorsichtig näherte er sich der Stelle, schlang den linken Arm um den
-leblosen Körper und trat nun, nur die Rechte noch benutzend, mit
-seiner schweren Bürde den Aufstieg an. Ach, und wie viel schwieriger
-gestaltete sich dieser als der Abstieg! Durch Gestrüpp, das aus der
-Felswand drängt, und über Geröll bahnte er sich den Weg. Ich verlor
-fast die Sinne und mußte die Augen schließen, denn die Bilder meiner
-Phantasie waren gräßlich. Da erscheint nach todesbangem Harren
-ein Kopf über dem Rande, das Haar wirr, und das Gesicht entstellt
-vor Anstrengung und Erregung. Ich fasse die Schultern, um ihn
-heraufzuziehen. Doch was frommte die schwache Kraft eines mit der
-Ohnmacht kämpfenden Greises! Schon schien es, als wenn Leben und Tod
-in gemeinsamer Umarmung im letzten Augenblick des Rettungswerks und
-schon fast in sicherer Hut, mit einander in die begehrliche Tiefe
-hinabstürzen müßten. Da machte der Keuchende eine letzte, verzweifelte
-Anstrengung, und es gelang unsern vereinten Bemühungen, daß er sich auf
-den Rand schob und damit in Sicherheit brachte.
-
-Eine geraume Zeit ruhten dann beide Körper so nebeneinander, daß man
-nicht angeben konnte, welcher von beiden noch Leben barg, und es
-hatte den Anschein, als ob der genasführte Tod seine ihm schon sicher
-erschienene Beute in schäumender Wut noch jetzt an sich reißen wolle.
-Bleich lag der Wackere auf dem Rasen; Gesicht, Hände und Füße hatten
-ihm das scharfe Gestein und das Dornengestrüpp blutig gerissen. Endlich
-kehrten seine Lebensgeister wieder zurück. Er wischte sich erschöpft
-Schweiß und Blut vom Gesicht und taumelte davon.«
-
-Hier machte der Sprecher eine lange Pause. Dann hob er wieder an:
-
-»Ja, Max von Tiefenbach, Dein Weib ist tot, aber unvergänglich ist die
-Schrift, womit ihr Andenken uns allen in das Herz eingegraben ist.
-Vereinen wir uns in christlicher Liebe, und rechten wir nicht mit der
-Unglücklichen wegen des Schrittes, den sie tat. Denn an der Schwelle
-des Todes machen die Vorwürfe Halt und was die Verblichene darüber
-hinwegbegleitet, sind Wehmut und herzinniges Mitleid!«
-
-Max stand zusammengesunken mit dem Rücken an das Tor gelehnt, beide
-Hände gegen dieses gestützt. Sein Kopf war herabgefallen, und das
-Gesicht war fahl.
-
-Den Blick auf dem Boden ruhen lassend, keuchte er jetzt:
-
-»Ihr habt eins vergessen, Pastor, nennt den Namen jenes Mannes, den Ihr
-bisher verschwiegt.«
-
-»Den Namen dieses Edeln soll keiner erfahren! Seine Worte, bevor er
-ging, lauteten: wenn ich einen Lohn für meine Tat fordern darf, so
-bestehe er darin, daß man verschweige, wer dieses tote Weib seinem
-Gatten wiedergegeben hat! Ihr werdet deshalb begreifen, -- --«
-
-»Den Namen will ich wissen!« schrie der Freihofer heiser und hob
-zugleich den Kopf und richtete seine Augen starr auf die des Pastors
-Reinerz.
-
-Ein paar Sekunden tauchten die Blicke beider Männer in einander.
-Mahnend, -- drohend drang es aus den grauen Augen des Alten. Und Max
-trat blitzschnell die Erinnerung an einen Tag vor die Seele, an dem er
-diese Augen so wie in dieser Sekunde hatte leuchten sehen. Er wußte es,
-was kommen würde, aber eine furchtbare Grausamkeit gegen sich selbst
-zerfleischte sein Inneres, und es frohlockte in seinem Herzen, wenn er
-daran dachte, daß sein gewaltiger Schmerz sich noch vergrößern könne.
-
-»Ich will ihn wissen, den Namen!« schrie er noch einmal, »sprecht!«
-
-Da richtete sich Reinerz auf, und die Greisengestalt wuchs noch mehr
-bei seinen Worten:
-
-»Freihofer!« sprach er mit erhobener Stimme, »ja, Ihr habt das Recht
-darauf, zu wissen, wer Euer Weib umfangen hat, und wenn es auch nur im
-Tode geschehen ist. Der Mann also, der unbedenklich sein Leben daran
-setzte, Euch den Leichnam der geliebten Toten wiederzubringen, auf daß
-er da drunten in der Tiefe nicht eine Beute von allerlei Getier werde,
-sondern damit Ihr Euerm armen Weibe ein christlich Begräbnis könnt
-zuteil werden lassen, dieser Mann, Freihofbauer, war -- -- Hermann
-Lehnhardt!«
-
-»Der Lehnhardt?« schrien zehn Stimmen zugleich, »der mit seinem
-Arm -- --?«
-
-Da erhoben sich aber auch schon winkende Hände, um die Unvorsichtigen
-daran zu erinnern, daß es nicht angemessen sei, den Schmerz des
-gebrochenen Mannes noch zu vergrößern. Der aber stand wieder mit
-niedergesunkenem Haupte. In Reinerzens Augen lesend, was folgen mußte,
-hatte sein halsstarriger Widerstand wohl wild aufgebäumt, daß er dem
-Kommenden trotze; -- und doch hatte er, als der Name fiel, tief den
-Nacken gebeugt, wie unter einem ungeheuern Faustschlage.
-
-»Auf,« rief einer aus der Menge, »ziehen wir zum Lehnhardt!« Zustimmend
-und mit lauten Worten der Anerkennung und Bewunderung zog der Haufe
-lärmend davon. Zuletzt war niemand mehr geblieben, denn was sollte man
-hier? Den Zusammengesunkenen trösten? Das versuchte keiner.
-
-Endlich richtete sich Max auf. Alle weichen Empfindungen flohen ihn in
-dieser Sekunde; das aber was blieb, und zu Riesengröße anwuchs, war
-der alte, nackenzerbrechende Trotz der Tiefenbachs!
-
-Mit stampfenden Schritten ging er über den Hof und betrat das Haus.
-
-
-
-
-26. Kapitel.
-
-
-In die Mitte der großen Stube hatte man einen langen Tisch gestellt,
-und auf diesem ruhte Maria, den Kopf auf ein Kissen gebettet.
-Sie trug noch ihr Hochzeitskleid. Ihre Hände waren auf der Brust
-ineinandergelegt und hielten die gepflückten Blumen umschlossen. Zu
-ihren Füßen, mit dem Rücken nach der Tür gewendet, saß steif und
-unbeweglich die Freihoferin.
-
-In unnatürlicher Ruhe blieb Max eine kurze Weile an der Tür stehen und
-betrachtete die Tote. Langsam trat er endlich näher. Als die Mutter das
-Herankommen des Sohnes vernahm, erhob sie sich stumm und ohne sich nach
-ihm umzusehen, als habe sie nunmehr diesen Platz zu räumen. Dann setzte
-sie sich an den runden Tisch auf ihren gewohnten Platz und legte den
-Kopf mit dem weißen Haar auf die Arme.
-
-Max ließ sich auf den Stuhl niederfallen, beugte den Oberkörper, beide
-Ellbogen auf die Knie stützend, vornüber und in einem Traumzustand
-versinkend, behielt er die Augen unverwandt auf sein totes Weib
-gerichtet.
-
-Sein Inneres war wie versteinert. Das Unglück in seiner Riesengröße und
-zerschmetternden Wucht war so urplötzlich über ihn hereingebrochen,
-daß das Entsetzen seine Seele umdüstert hatte. Ein Blitzstrahl war
-herabgefahren und hatte den starken Mann getroffen und seinen feinsten
-Lebensnerv bloßgelegt.
-
-Wie armselig ist doch in den Augenblicken des entsetzlichsten Wehs der
-Mensch! Ob König oder Bettler, zarte Jungfrau oder lästernder, brutaler
-Gewaltmensch, ob naives Gemüt oder weltenumspannender Geist, --
-gleichviel: eine Riesenfaust greift hinein in das Innere und schüttelt
-das Menschlein zum Erbarmen und wirft es zuletzt in den Staub!
-
-Mehrere Stunden hatte der unglückliche Mann regungslos gesessen, bis
-sich die Schatten der Nacht auf die Erde herabsenkten. Und mit ihrem
-Kommen wurde es in seiner Seele lichter. Die entschwundenen Sinne
-kehrten langsam wieder zurück, und die Fähigkeit, die Schwere des
-Unglücks zu ermessen, wurde wieder wach. Eine unsägliche Bitterkeit
-bemächtigte sich seiner.
-
-So schnell also und so schimpflich mußte eine reine Seele sterben? --
-Ein Ekel, Mensch zu sein, mußte jeden überkommen, der dieses Verhängnis
-und sein Opfer kannte. Der Schöpfer der Welten schafft die Menschen
-im Übermut, damit er sie in lüsterner Grausamkeit wieder zertrümmere.
-Seine wahnwitzigen, auf Zerstörung gerichteten Launen blitzen grell
-auf und vernichten, als wenn drunten in der Grube die schlagenden
-Wetter aufblitzen, und ihre elementare Kraft den nach desselben Gottes
-Gebot im Schweiße seines Angesichts sich mühenden Menschen wie einen
-Spielball gegen die Wände der Grube schleudern und ihn endlich als
-formlose Masse liegen lassen. Mit der Geburt in die mißliche Lage
-hineingestoßen, umlauert von tückischen Mächten, preisgeben der Not,
-der Krankheit, dem Schmerze der Welt, der Verzweiflung, dem Tod, --
-das ist das Schicksal der Sterblichen! Der Erbarmungslose aber, dem
-seine Geschöpfe nichts weiter sind als ein Spielzeug, der ein Werk,
-aus seiner Hand hervorgegangen, nach einem andern schleudert, um sich
-an dem Zermalmen beider zu ergötzen, diese im Rausche schaffende und
-zerstörende Kraft, dieser blindwütige Despot nennt sich selbst der
-Menschheit Gott, ihr liebender Vater und Erbarmer! -- Haha, -- Wahnwitz
-ist sein Beginnen, niederste Grausamkeit seine Befriedigung.
-
-Blühende Gefilde, bereitet unter inbrünstigen Gebeten und mit frohen
-Hoffnungen, gedüngt mit sauerm Schweiß und gehegt mit Daransetzen der
-besten menschlichen Kräfte, zerstören jubelnd seine wilden Gewalten,
-während sie an den Verfall, an die Trümmer, die Verwesung, das Chaos
-nicht rühren. Dem Lasterhaftesten seiner Menschen, dem Bekümmerten und
-Elenden, dem Fluchwürdigen, dem, der dem Schöpfer nachäffend die Völker
-sich zerfleischen läßt, daß Tausende von Leben untergehen, -- diesen
-allen, die den Tod täglich herbeisehnen, oder die sein Blitz spalten
-müßte, läßt er das Leben; -- das Schöne aber wirft er in den Staub, das
-strotzende Leben vernichtet, die bauende Hoffnung enttäuscht er. Und
-die höchste seiner Gaben, die Reinheit, läßt er schamlos beflecken. Das
-ist der Gott der Menschen!
-
-Der Freihofer schüttelte leise den Kopf. Und das war sein Hochzeitstag,
-und das seine Brautnacht! Wahrlich, es war ein Meisterstück des auf
-neue Grausamkeiten sinnenden Schicksals, ein Streich, den alle Teufel
-ausgesonnen hatten. Man mußte sie loben, die erfindungsreichen
-Höllenbewohner, wenn ihr Schelmenwitz nicht so witzlos, ihr
-Erfindungsgeist nicht so traurig wäre. All ihr dunkeln Gewalten,
-Verhängnis, Schicksal, Teufel -- Gott, zuletzt ist euch der Mensch doch
-überlegen! Untergehend belächelt er eure Wut, und das gefaßte Sterben
-des schwachen und -- gegenüber den Jahrmillionen eures unheilvollen
-Wirkens -- ephemeren Geschöpfes müßte Euch die Schamröte in die
-Schläfen jagen. Aber hohen Sinn und Edelmut darf man nicht bei den
-Unsichtbaren suchen.
-
-Das also war seine Hochzeitsnacht! Nicht auf weichem Wonnepfühl,
-Leib an Leib streckten sie in seliger Umarmung die Glieder, --
-zusammengesunken und mit einer nie wieder heilenden Wunde im Herzen saß
-der Bräutigam neben dem harten Lager der schönen Braut. Zwischen ihnen
-aber kauerte der unerbittliche Knochenmann und betrachtete grinsend das
-hellrote, rauchende Blut, das von seiner Sense herabtropfte.
-
-Wie ein gefesselter Löwe gegen seine Ketten, tobte Max wider die
-stärkere Macht, die seinem Herzen diese Wunde geschlagen hatte, und
-anstatt Schrecken schüttelte seinen Körper der Zorn.
-
-An seinem Geiste zog langsam sein ganzes Leben vorüber, und von dem
-einförmigen Hintergrund seiner ohne Stürme verflossenen Lebensjahre
-hob sich in leuchtenden Farben die Zeit der Liebe zu Maria ab, seiner
-tiefen und starken Liebe, deren Wurzeln sich bis auf den Grund seines
-Herzens hinabrankten.
-
-So unsagbar elend mußte sie an ihrem Ehrentage zugrunde gehen! Wie
-hatte sich Maria auf die Hochzeit gefreut! Viel mehr noch, als
-sie es ausgesprochen hatte. Das hatte er oft aus den versonnenen
-Augen gelesen, die der blanke Spiegel ihrer reinen, unschuldvollen
-Mädchenseele gewesen waren. Und nun! Welch schriller Mißklang, welch
-unreine Schlußakkorde, die aber vor der himmlischen Melodie, die ihre
-Seele droben empfing, wieder zu den Irdischen flüchten mußten. Den
-Makel, den jener Bube ihr zugefügt, hatte ihr guter Engel aber in dem
-Augenblick wieder von ihr genommen, als sie den Tod einem Leben vorzog,
-dessen Wert für immer verloren war.
-
-Doch was für Gedanken kamen ihm da! Nein, fort mit der Weichheit,
-denn nichts Mildes, keine Barmherzigkeit wohnen bei den Mächtigen im
-Reiche der Seelen. Und er bäumte sich im Trotz von neuem auf unter dem
-entsetzlichen Drucke.
-
-Man sagt, daß Gott die Menschen ihre Missetaten sühnen läßt, wenn das
-Maß gefüllt ist. Aber warum ließ er deshalb gerade sie zerschmettern?
-Sie, die Sündenreine, Edle, die den anspruchsvollsten Anforderungen
-des Schöpfers an seine Kreaturen glänzend gerecht wurde und die wert
-gewesen wäre, das Schoßkind der Gottheit zu sein? Das war keine
-Großtat! Laßt, Menschen, den wildesten Leidenschaften die Zügel
-schießen, züchtet die niedersten Begierden in der befruchtenden
-Treibhausluft Eurer ärgsten Sittenlosigkeit und spottet aller Sühne und
-Vergeltung! Dann wird Euch beim Sterben das befriedigende Bewußtsein
-werden, Eure Tage würdig benutzt zu haben, und die Posaunen des
-jüngsten Gerichts werden Euch nicht schrecken, sondern wie blecherne
-Kindertrompeten klingen, mit denen die Frucht Eurer Wollust einst
-spielte. Denn das Walten des Gottes ist blind! Er wütet gegen sein
-getreustes Abbild und läßt den Verächter seiner Gebote unangetastet die
-Straße ziehen!
-
-Max krampfte die Hände ineinander: wenn es ihm doch vergönnt sein
-möchte, jenem Tier in Menschengestalt noch einmal zu begegnen, die
-Seligkeit tauschte er willig dagegen ein! Den gräßlichsten Tod würde
-er für ihn ersinnen! Und doch, welches beseligende Bewußtsein gewährt
-wieder der Trost, daß jeder Flecken von Marias Reinheit getilgt ist,
-seitdem ihr Geist seinen Aufflug zu den verklärenden Strahlen des
-ewigen Lichts angetreten hatte.
-
-Max fuhr bei diesen Betrachtungen zusammen. Warum gehorchten ihm seine
-Sinne nicht? Weshalb drängten sich dem Widerstrebenden Gedanken wie
-diese immer wieder auf? -- Ach, es waren die treuen Gefährten seiner
-Kinderzeit!
-
-Als er noch ein Knabe war, war vor dem Schlafengehen sein
-Lieblingsplatz zu den Füßen der Mutter, die die schlummernde Elisabeth
-auf den Armen hielt, während er den Kopf an der Mutter Knie gelegt
-hatte und ihren Worten lauschte, mit denen sie dem Knaben von der Liebe
-und Güte des Schöpfers und Erhalters der Welten erzählte. Damals, ja
-damals konnte er noch aus inbrünstigem Herzen sein Abendgebet sprechen
-und auf die alles umfangende Liebe des ewigen Gottes vertrauen.
-
-»Und hast Du nicht noch gestern vor dem Einschlafen Deine Hände
-nach Kinderart gefaltet und aus Deinem übervollen Herzen ein Gebet
-gestammelt?« tönte plötzlich eine ernste Stimme an sein Ohr.
-
-Max fuhr erschrocken auf und sah sich nach allen Seiten um. Draußen
-war undurchdringliche Nacht. Auch im Zimmer herrschte Finsternis, nur
-auf dem runden Tische stand vor der schlafenden Mutter eine kleine,
-zinnerne Öllampe, deren rußige Flamme einen schwachen Lichtschimmer
-verbreitete. Aber es war niemand bei ihm, der die eben vernommenen
-Worte gesprochen hätte. Also war es die Stimme in seinem Innern
-gewesen, die zu ihm geredet hatte. Und wenn er ehrlich sein wollte, --
-war er nicht bei ihrem mahnenden Klange erschreckt zusammengefahren?
-Ja, war denn in seiner Brust noch ein Gewissen rege? Und wenn es noch
-nicht erstorben war, brauchte er dieser Stimme noch sein Ohr zu leihen,
-angesichts des bejammernswerten Opfers göttlicher Raserei?
-
-Eine neue, gewaltige Zornwelle trieb von seinem Herzen zu den Schläfen
-und machte ihn heiß aufbegehren, und die Hände fuhren in die Luft, als
-wollten sie etwas ergreifen, was sie zerreißen könnten.
-
-Da überfiel ihn eine übermächtige Müdigkeit, gegen die sich sein
-Wille einen Augenblick unwillig auflehnte, um sich dann sträubend zu
-unterwerfen. Seine Arme erschlafften und sanken herab, und er neigte
-den Kopf auf die Brust. Die übermenschliche Anstrengung seiner Sinne
-und die tiefe Erschütterung infolge des gewaltigen Schlages hatten zu
-stark an den Kräften des Mannes gezehrt. Jetzt war sein Widerstand für
-eine Weile überwunden, und ein mitleidiger Schlummer senkte sich auf
-ihn herab, der ihn seine unglückliche Lage vergessen ließ und seinen
-müden Geist hinüber in das wunderbare Land der Träume führte.
-
-Mit einem unvergeßlichen Erlebnis aus seiner Kindheit Tagen begann das
-Spiel seiner Phantasie.
-
-Es war ein linder Frühlingsmorgen. Die Schneeglöckchen und Veilchen
-blühten im Garten unter den hohen Obstbäumen, und der weiche Windhauch
-trug ihren süßen Duft in alle Räume des Wohnhauses auf dem Freihofe.
-Er war noch ein Knabe und saß in der Stube am Fenster, als die Mutter
-sonntäglich gekleidet in das Zimmer trat und sprach:
-
-»Jetzt habe ich Dein Schwesterchen in den Garten getragen, wo sie in
-dem warmen Sonnenschein süß schläft. Die alte Katharine sitzt neben dem
-Korbe und hütet Elisabeths Schlummer. So, und und wollen wir zur Kirche
-gehen.« Und bei diesen Worten faßte ihn die Mutter an der Hand und sie
-verließen den Hof.
-
-Dieser Tag war für ihn von hoher Bedeutung gewesen, denn es war
-das erste Mal, daß ihn die Mutter zum Kirchgang mitnahm. Das hohe
-Gotteshaus und die Menge der Andächtigen in ihrem Sonntagsschmuck und
-den Ernst auf den Zügen, machten einen tiefen Eindruck auf den Knaben,
-und als der Gesang der Gemeinde feierlich anhob, zog eine hohe Weihe in
-seine Kinderseele. Und so war der Tag für ihn ein Ereignis geworden,
-dessen Erinnerungen im Leben nie verblassen sollten.
-
-Bis hierher war das Traumbild einer langentschwundenen Wirklichkeit
-entnommen; jetzt begann die Phantasie ihre Malereien.
-
-Er sah Pastor Reinerz auf der Kanzel stehen und vernahm seine Worte,
-die von den Leiden Lazarus erzählten, dieses Schwergeprüften,
-der in all seinem Unglück nicht die Zuversicht auf die göttliche
-Barmherzigkeit verlor und selbst dann nicht aufhörte Gott zu preisen,
-als sich seine Leiden bis ins unerträgliche gesteigert hatten. Vor
-des Knaben Augen aber erschien während der Worte des Geistlichen die
-Gestalt des in seinem Glauben unerschütterlichen Mannes. Er sah vor dem
-Altar einen elenden Greis in spärliche Lumpen gehüllt liegen, die die
-Blöße des abgezehrten und über und über mit eiternden Wunden behafteten
-Körpers nicht bedeckten, Schmerz und Entbehrung hatten tiefe Linien
-in das Gesicht gegraben, dessen Züge den immerwährenden Kampf der
-Versuchung mit dem felsenfesten Vertrauen erkennen ließen.
-
-Da wurde der Ausdruck auf dem Gesichte des Armen friedlich, und seine
-Augen leuchteten in überirdischem Glanze. Der Knabe sah zur Decke der
-Kirche empor, doch das Dach des Gotteshauses war verschwunden, und die
-Blicke schweiften in die sonnendurchgoldigte, blaue Luft, bis hinauf
-in die Wohnungen der Seelen. Und vor seinen staunenden Augen erschien
-eine unübersehbare Menge strahlender Engel in weißen Gewändern, die
-aus Dunst und Wolkenschleiern hervorschwebten und, sich umfangend,
-einen weiten Halbkreis bildeten. Mit glockenreinen Stimmen begannen
-sie einen wunderbaren, himmlischen Gesang, dessen Weise sanft auf die
-Erde herabströmte und die Brust des Knaben anfüllte, daß seine Seele
-in heiligem Schauer erbebte. Da öffnete sich plötzlich der Himmel, und
-von goldenem Lichte umflutet erschien das Haupt des Gekreuzigten unter
-der Dornenkrone, mit dem Ausdruck unendlicher Liebe in den Zügen. Durch
-das Lied der Engel aber klang laut eine Stimme, und die Worte tönten
-hernieder: Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die Krone des
-Lebens geben! In diesem Augenblick entfloh die Seele des Kranken ihrer
-armseligen Hülle und schwebte, von den Engeln geleitet, aufwärts, immer
-höher, bis endlich alle den Blicken entschwanden.
-
-Der unglückliche Mann in der einsamen Stube erwachte und schlug beide
-Fäuste vor die Stirn, denn sein Herz war zerrissen und blutete aus
-tausend Wunden. Seine Seele aber wußte in dem verzweifelten Kampf, den
-sie bestand, nicht, wohin sie sich wenden sollte; hilfesuchend irrten
-die Augen des Mannes umher.
-
-Da hob die Freihoferin, das erste Mal seitdem sie sich an den Tisch
-gesetzt hatte, den Kopf und sah sich in dem Halbdunkel entgeistert um.
-Endlich kehrte ihr das Verständnis für die Umgebung zurück, und die
-harten Züge der Greisin verzogen sich schmerzlich. Schon wollte sie
-das Haupt wieder auf die Arme niederlegen, da begegneten ihre Augen
-dem hilfeflehenden Blick ihres Kindes. Sie machte eine verzweifelte
-Anstrengung, sich zu erheben, aber ihr Körper sagte dem Willen den
-Dienst auf. Gebrochen beugte sie sich unter dem gewaltigen Schmerz, den
-diese Augen ihr bereiteten, und in das gramerfüllte Gesicht schoß der
-Ausdruck, der ein Menschenantlitz furchtbar entstellt: der qualvolle
-Ausdruck ohnmächtiger Liebe. Stumm machte sie mit der Hand eine matte
-Bewegung nach ihrem Kinde, dann sank der Kopf der Greisin wieder auf
-die Arme herab.
-
-Während aber draußen im Dunkel der Nacht, nur wenige Stunden entfernt,
-auf den herbstlichen Feldern Hunderttausende mit der Waffe in der Faust
-in leichtem Schlummer dem anbrechenden Morgen entgegenharrten, um den
-grausigen Kampf fortzusetzen, schlugen in der Brust des schwergeprüften
-Mannes die Flammen der Verzweiflung noch einmal hoch auf. Gut und Böse
-rangen zum letzten Male erbittert miteinander, dieses unterstützt von
-den wildschäumenden Furien des Schmerzes und Trotzes, jenes gekräftigt
-durch den mahnenden Zuspruch des leise wiedererwachenden Gewissens.
-
-Hatte Max vorhin sein Schicksal verflucht und gegen das Walten der
-Vorsehung gerast, so versagte ihm jetzt hierzu die Kraft; sein Trotz
-war gebrochen. Aber sein Inneres war eine Beute entfesselter Gewalten,
-über die zu gebieten er nicht imstande war. Kalter Schweiß trat auf
-seine Stirn. Er preßte die Hände auf die hämmernden Schläfen, um sie
-vor dem Zerspringen zu schützen, und sein Körper wand sich wie unter
-Peitschenhieben.
-
-Endlich, nach furchtbar qualvollen Stunden, ging der Kampf zu Ende.
-Dem Lager, gegen das er stritt, nahte Hilfe, die es unbesiegbar
-verstärkte, so daß er sich unterwerfen mußte. Kraftlos entglitt den
-für ihn streitenden Mächten die Wehr. Und wenn er jetzt noch genug
-Stärke besessen, um selbst für sich zu kämpfen, er hätte dennoch die
-Faust sinken lassen müssen, denn die, um derentwillen er sich gegen die
-höhere Macht aufgelehnt und für die er mit seiner ganzen Kraft nach
-Rache an dem Schicksal geschrien hatte, wandte sich selbst gegen ihn,
--- Maria!
-
-Er sah sich in dem hohen Erkerzimmer des Schlosses, wie er es am Morgen
-dieses unheilvollen Tages betreten hatte um die Braut in Empfang zu
-nehmen, fühlte den Schlag ihres von finstern Ahnungen gequälten Herzens
-an dem seinen und vernahm ihre flehende Stimme, gleichsam als ob sie
-das alles, was sich eingestellt, vorausgesehen hätte:
-
-»Wie es auch kommen mag, Geliebter meines Herzens, laß uns in
-unerschütterlichem Vertrauen auf Gott bauen!«
-
-Gegen diese Macht konnte er fürder nicht streiten, und demütig beugte
-er vor ihr das Haupt. Die Eisrinde, die seine Brust gepanzert hatte,
-schmolz unter dem warmen Hauche, der von diesen innigen Worten
-ausströmte, und der Pfeil, den er vorhin von der überstraff gespannten
-Sehne schnellen ließ, wandte sich gegen seinen Schützen. Der hoffärtige
-Zorn und der ingrimmige Trotz stahlen sich heimlich von ihm fort,
-und Demut und kindliche Unterwerfung unter den Willen des Lenkers
-der Geschicke zogen in seine Brust ein. Gott hatte ihn bis heute mit
-der verschwenderischsten Fülle seiner Gaben überschüttet, denn sein
-Lebenspfad war sonnig gewesen. Nun schickte der Himmel die Prüfung,
--- und er unterlag. Ja, das Aufschrecken aus dem wohligen Leben war
-rauh, es war ein herzspaltender Schwerthieb gegen ihn geführt worden,
--- aber es war doch auch eine Prüfung auf seinen Glauben, die keinem
-Sterblichen erspart bleibt.
-
-Max beugte sich tief hinab, denn er empfand brennende Scham im Herzen.
-
-Und dann dachte er der teuern Toten. So hatte er sein Versprechen ihr
-gehalten, das er mit Druck und Kuß besiegelt hatte! Ihre Worte waren
-für ihn, kaum verklungen, -- vergessen. Er schloß die schmerzenden
-Augen und bedeckte sie mit den Händen. Aber ob er der Erscheinung auch
-fliehen wollte, das schmerzerfüllte Antlitz Marias stieg vor seinem
-Geiste herauf. Kein Vorwurf stand darauf geschrieben, aber der umflorte
-Blick aus ihren kummervollen Augen traf ihn wuchtiger als die schwerste
-Anklage. Der ganze ungeheure Schmerz, das entsetzliche Weh bäumten sich
-in ihm auf, rissen den Unglücklichen gewaltsam in die Höhe und warfen
-ihn willenlos vor der Leiche nieder. Tieferschüttert tastete er mit
-den Händen nach dem glaubensstarken Mädchen, und dem bebenden Munde
-entrangen sich die Worte: »Hehrer Geist meiner Maria, verlaß mich nicht
-in dieser Stunde!«
-
-Die furchtbare Last löste sich langsam von seiner Brust und schwand in
-einem reichlich fließenden Tränenstrom dahin. »Vergib mir, Geliebte,«
-flüsterte er, »gewähre mir Deine Verzeihung, wie ich sie von dem
-Allbarmherzigen zu erhalten hoffe!«
-
-Lange verharrte er so auf den Knien, das Gesicht in den Falten des
-Kleides der Toten verborgen. Draußen auf der Straße erklangen Tritte,
-und einzelne Stimmen wurden vernehmbar. Obwohl sie nur flüsterten,
-hätte ein Aufhorchender im Zimmer erkennen können, daß entgegen der
-Abmachung Angehörige die ausmarschierenden Männer begleiteten. Aber es
-dauerte geraume Zeit, bis der Knieende das immer mehr anschwellende
-Stimmengemurmel vernahm, so weltenfern waren seine Gedanken entrückt
-gewesen. --
-
-Jetzt kehrte sein Geist in die Wirklichkeit zurück. Er vernahm, wie
-die Mutter aufstand und hinter seinem Rücken auf den Strümpfen aus dem
-Zimmer ging. Nach einer Weile trat sie wieder ein, legte leise sein
-Gewehr und den schweren Säbel aus dem Nachlaß seines Großvaters auf den
-kleinen Tisch an der Wand, stellte die flackernde Lampe dazu und setzte
-sich wieder geräuschlos auf ihren Stuhl.
-
-Max erhob sich. Seine Haltung war aufrecht, seine Bewegungen elastisch.
-Neue Kraft rollte ihm in den Adern, und seine Augen glänzten wieder,
-als er Maria betrachtete. Sie war gestorben wie ein tapferer Streiter
-auf der Walstatt. Ihr unter des Vaterlandes Schmach gleichfalls
-gepreßtes Herz hatte sich nun im Kampfe um ihr höchstes Gut verblutet.
-Sie war zuerst erlegen; wie lange würde es dauern, bis das Los
-ihn traf? Draußen standen schon die Kameraden und harrten seiner
-ungeduldig. Er durfte sie nicht warten lassen. Schnell also Abschied
-genommen von der unvergeßlichen Toten, mochten die Zurückbleibenden
-sie zum letzten Schlummer betten. Seine Kraft gehörte dem Leben, sein
-Leben bis zum letzten Hauche dem Vaterland! So handelte er auch, wie er
-wußte, nach Marias Wunsch. Und dem Walten der Vorsehung, gegen das er
-frevelhaft aufbegehrt hatte, hatte er sich gläubig ergeben. Nun gab es
-hier für ihn nichts mehr zu tun.
-
-Er ging zu dem Wandtische, warf den Tornister mit Wäsche und Mundvorrat
-auf den Rücken, schnallte den Säbel um die Hüften und legte den Riemen
-des Gewehres über die Schulter. Jetzt war er gerüstet und bereit,
-den Weg zu betreten, den viele andere deutsche Männer schon vor ihm
-gegangen waren.
-
-Doch bevor er sich zum gehen wandte, warf er noch einen letzten Blick
-zurück auf sein Weib. Wie friedlich sie doch schlief! Kein Zug des
-Gesichts deutete auf Schmerz, den sie im Tode erlitten hätte. Sie war
-mit dem Gedanken an ihn und dem festen Vertrauen auf des Allmächtigen
-verzeihende Liebe von hinnen gegangen. Und so hatte auch für ihn das
-Schrecknis seine zerschmetternde Wirkung verloren. Ihr Auge blickte
-aus Himmelshöhen liebend auf ihn herab, und ihre Seele umschwebte ihn
-schützend auf allen Wegen. Mit dieser erhebenden Zuversicht konnte er
-froh und leichten Herzens ins Feld ziehen.
-
-Neu erwachter Lebensmut schwellte seine Brust, und während er sich über
-die Tote beugte und zum letzten Male die weiße Hand drückte, sprach er:
-
-»Schlafe wohl, Du Reine, und sei auch fortan mein guter Engel!«
-
-Entschlossen wandte er sich ab und schritt nach der Tür. In demselben
-Augenblick vernahm er ein Geräusch, wie vom schnellen Zurückstoßen
-eines Stuhles stammend, dem das heftige Poltern des umstürzenden
-Gerätes unmittelbar folgte. Und dann gellte ein durchbohrender Schrei
-durch das Zimmer, der Angstschrei eines todeswunden Mutterherzens:
-
-»Max!«
-
-Wie angewurzelt blieb sein Fuß auf dem Boden haften, während er sich
-blitzschnell umwandte. Die schon nach der Tür ausgestreckte Hand sank
-herab, und er konnte sich einer tiefen Rührung nicht erwehren, als
-er die zusammengesunkene Gestalt seiner Mutter gewahrte. Wie war sie
-doch in dieser einen Nacht hinfällig geworden! Diese gebeugte Haltung,
-das entstellte Gesicht, der gequälte Blick! Schwankte sie nicht? Mit
-ein paar raschen Schritten stand Max an ihrer Seite und bewahrte die
-Greisin vor dem Umsinken.
-
-»Mutter,« rief er zärtlich, »wie konnte ich auch Dich vergessen!
-Verzeihe dem Ungestümen, der nicht schnell genug dem Vaterhaus den
-Rücken wenden kann!« Während dieser Worte hielt Max sie mit beiden
-Armen umschlungen, und die Freihoferin lehnte sich müde an des Sohnes
-Schulter.
-
-»Geh dorthin, wohin Dich Dein Gewissen ruft,« sagte die Greisin mit
-leiser Stimme, »hier ist nicht mehr Raum für Dich!«
-
-So standen sie einige Minuten stumm beieinander. Max wußte, wie sich
-das Herz seiner Mutter zusammenkrampfte, denn er kannte sie nur zu gut.
-Elisabeths Hinscheiden hatte ihr eine tiefe Wunde geschlagen, die sich
-kaum geschlossen hatte. Nun traf sie des erschütternden Unglücks Schlag
-und riß die alte Wunde wieder auf. Zu gleicher Zeit ging auch er noch
-von ihr, und sie blieb ganz allein zurück. Die kaum gewonnene Tochter,
-der sie schon nach kurzer Zeit ihre ganze Liebe geschenkt, ja an die
-sich die rasch Alternde angeschmiegt hatte, sollte ihr ein Trost sein,
-wenn er selbst gegangen war. Vielleicht hatte sie davon geträumt, wie
-neues, junges Leben auf dem Freihofe erblühen und die seit Elisabeths
-Tode einsam gewordenen Zimmer des Wohnhauses erklingen sollten von
-fröhlichen Worten, Singen, -- Kinderlachen -- -- -- Ach, es verlangte
-sie nur allzusehr darnach, wenn sie auch an der Fröhlichkeit scheinbar
-nicht teilnahm. Sie, der die Liebe nur eines Kindes zu wenig war, besaß
-jetzt keines mehr. Niemand würde ihr, wenn der Krieg ihn behielt, Trost
-in den letzten Tagen sein und keine liebende Hand ihr einst die Augen
-zudrücken!
-
-Da hob die Freihoferin den Kopf auf, daß Max voll in das
-gramdurchfurchte Gesicht blicken konnte.
-
-»Mein teurer Sohn,« sprach sie mit wiedergewonnener Fassung, während
-ihre Augen aber in rührender Bangigkeit auf ihm ruhten, »noch einmal:
-Ziehe dahin! Aber laß Dein Herz nicht anfechten. Wie groß auch die
-Prüfung sei, sie kommt von ihm, gegen dessen Willen wir uns nicht
-auflehnen dürfen.«
-
-»Sei beruhigt, liebe Mutter,« rief Max fast mit einem Ton des
-Frohlockens. »Ich darf es nicht verhehlen, daß ich nahe daran war, der
-Anfechtung zu unterliegen, aber diese da stand mir bei. Und nun bin ich
-dagegen gewappnet für alle Zeiten!«
-
-Ein Seufzer der Erleichterung entfloh den Lippen der Freihoferin. Sie
-richtete sich in die Höhe, legte die Hände auf das Haupt des zu ihren
-Füßen niederknieenden Sohnes und segnete ihn. Dann aber war ihre Kraft
-zu Ende. Sie warf sich an seine Brust, und was ihr bisher im Leben
-versagt geblieben war, gewährte der Greisin das Schicksal in dieser
-schweren Stunde als Trost: reichliche Tränen flossen ihr über die
-Wangen. Max empfand dieses Geschenk als eine Himmelsgabe und beugte
-sich herab und küßte die Zähren sanft von dem welken Gesicht.
-
-Da schlug aus dem Gemurmel vor dem Hause eine Stimme an Maxens Ohr,
-bei deren Klang er zuerst zusammenzuckte. Dann aber eilte er, einer
-plötzlichen Eingebung folgend, hinaus und trat wenige Sekunden darauf
-wieder ins Zimmer, einen sich sträubenden Mann an der Hand führend, den
-er bis zum Stuhle seiner Mutter geleitete.
-
-»Hermann,« sprach er, »ich will Dir jetzt Deinen Edelmut, mit dem Du
-mir vergolten hast, was ich Dir zufügte, angemessen lohnen, indem ich
-Dir das Höchste anvertraue, was ich besitze. Hier ist meine Mutter,
-seid ihr, Du und Dein Weib, fortan Kinder. Pflegt sie, schenkt ihr Eure
-Liebe, und lasset ihr Herz über Euch aufgehen. Nenne Dich von diesem
-Augenblick an ihren Sohn, es gibt keinen Würdigerern als Dich!«
-
-Mit diesen Worten legte er die Hände beider ineinander und drückte
-einen Kuß auf die Stirn der Weinenden. Dann riß er das Gewehr an sich,
-streifte noch einmal mit dem Blick das Zimmer und stürmte hinaus,
-während der klagende Wehruf hinter ihm herklang: »Mein Sohn, mein
-Sohn -- --!«
-
-
-
-
-27. Kapitel.
-
-
-Vor dem Freihofe standen etwa dreißig Menschen; außer den Fortziehenden
-und einigen ihrer Angehörigen ein paar Neugierige. Eine halb verdeckte
-Laterne huschte hin und her, und das Gespräch wurde leise geführt.
-Die Männer, die während der Nacht Wache gehalten, hatten nichts
-Verdächtiges wahrgenommen. Nur einer erzählte, daß er gegen Morgen
-vorsichtig ein Stück auf der Straße hinausgelaufen wäre, und da sei es
-ihm gewesen, als wenn er einigemale entferntes Pferdeschnauben durch
-die schweigende Nacht vernommen habe. Der Beobachter meinte, das könne
-wohl von einer französischen Patrouille herrühren. Aber der Wahrnehmung
-wurde kein Glauben beigemessen, denn der Erzähler galt als ängstlich,
-und seine gereizte Phantasie hatte das Rascheln von Laub im Winde für
-Rosseschnauben gehalten.
-
-Eins aber war beunruhigend, die Tatsache nämlich, daß der Rabensteiner
-noch nicht zurückgekehrt war. Seit gestern abend harrte man seiner
-in banger Erwartung, bis zur Stunde aber vergebens. Daß er mit aller
-Vorsicht vorgegangen sein würde, wußte man von dem Besonnenen, und
-reiten konnte er, wenn’s not tat, wie der Teufel. Sollte er den
-Franzosen in die Hände gefallen sein und von ihnen etwa als Spion
-betrachtet werden? Sein Schicksal fand viel Besorgnis, und nur der
-Gedanke war tröstlich, daß er die Preußen glücklich erreicht habe, der
-Franzosen wegen aber nicht zurückkönne.
-
-Viele Worte wurden nicht gewechselt, die meisten standen stumm
-beieinander.
-
-Auch die Kirchengutbäuerin hatte es sich nicht nehmen lassen, ihren
-Friedrich zu begleiten. Während der halben Nacht hatte sie an seinem
-Bette gesessen und ihn mit zärtlichen Empfindungen betrachtet und
-sich gewundert, daß er so ruhig schlafen konnte. Sein Lederränzel
-fand er am Morgen mit Lebensmitteln so vollgestopft, daß die Nähte zu
-zerreißen drohten und er mehrere Tage von dem Inhalt zehren konnte.
-Ja, ihre mütterliche Sorge ging so weit, daß sie ihrem Jungen, wie er
-zum Fortgehen gerüstet vor ihr stand, in die Tasche seines faltigen
-Rockes eine große Papierdüte gefüllt mit Kamillentee schob, mit dem
-sie alle Krankheiten erfolgreich zu kurieren pflegte. An die Gefahren,
-denen ihr Einziger entgegenging, dachte das besorgte Mutterherz in
-diesem Augenblick weniger als je, nur daran, daß er sie verlassen und
-sich ihrer Obhut entziehen wollte. Und das konnte sie bis zur letzten
-Minute noch nicht glauben. Denn er war ja von Kindesbeinen auf gewöhnt,
-die Mutter für alle seine Angelegenheiten bis ins kleinste sorgen zu
-lassen, und sie wußte, daß er darin hilflos geblieben war.
-
-Friedrich hatte sich dieser Bevormundung stets willig unterworfen, in
-dieser Stunde aber fühlte sich der Stolz des jungen Kriegers doch etwas
-verletzt, und er beschloß insgeheim, sich des Kamillentees draußen vor
-dem Dorfe zu entledigen.
-
-Die unermüdlich wiederholten Fragen, ob er sich auch wirklich gesund
-fühle und ob nicht noch etwas einzupacken sei, beantwortete er
-zerstreut und war froh, als die Mutter auf sein Drängen zum Abschied
-endlich ihr wollenes Umschlagetuch um die Schultern schlang und mit
-ihm auf die Straße trat. Schweigend ging er neben ihr her, während sie
-in einemfort auf ihn einsprach. Er solle es nicht zu toll treiben,
-sagte sie, und sich nicht immer vordrängen, die andern wollten auch
-zeigen, wer sie wären. Bald aber redete sie wieder vom väterlichen
-Hof. Daß sie mit dem alten Großknecht nun allein regieren müsse, was
-ja, solange es Winter sei, nicht allzuviel sagen wolle. Wenn aber das
-Frühjahr käme, dann solle er ans Heimkehren denken. Gerade im kommenden
-Jahre sei seine Anwesenheit ja so sehr vonnöten, denn für die beiden
-steifgewordenen Braunen müßten junge Pferde in den Stall, und die
-ganze weite Koppel hinter dem Berg, die so lange verlassen lag, sollte
-endlich gepflügt und mit Roggen bestellt werden. Schließlich sei auch
-der Anbau an den Rinderstall nun nicht mehr hinauszuschieben. Friedrich
-brummte nur bisweilen ein Ja oder Nein in den plätschernden Redefluß,
-und damit war die Mutter schon zufrieden.
-
-Keiner der Männer fehlte mehr, als sich endlich auch der Freihofer
-einfand. Rasch wurde er von dem Ausbleiben Konrads unterrichtet, worauf
-er die Achseln zuckte und zum sofortigen Aufbruch antrieb. Hier und da
-eine letzte Umarmung, ein wortloser Druck der Hand.
-
-»Denke einmal daran,« klang allen vernehmbar die hohe Stimme der
-Kirchengutbäuerin, »vierzehn Tage vor Weihnachten wird Deine
-Lieblingsschecke wieder kalben; hoffentlich geht es so gut ab wie das
-letzte Mal. Halte Dich immer hübsch warm, zwei frische Sacktücher
-stecken noch im Ranzen.«
-
-Friedrich wurde feuerrot; zum Glück konnte es in der Dunkelheit keiner
-sehen. Er schloß der Mutter mit einem Kusse den Mund und ließ sich von
-ihr noch einmal herzen. Dann riß er sich los und eilte den schon einige
-Schritte Vorangehenden nach.
-
-»Ich würde noch ein Stück mit Dir gehen, Junge,« klang es ihm
-hinterdrein, »aber Ihr lauft mir zu schnell, und ich bin in Pantoffeln.
-Ziehe die roten Müffchen nicht aus!« -- --
-
-Aber der Ermahnte hörte die Stimme nicht mehr, soweit waren die Männer
-schon entfernt. Rüstig schritten sie auf der Straße dahin und näherten
-sich dem oberen Dorfausgang. Bald befand sich die zusammenhängende
-Reihe der weißen Giebel hinter ihnen, und nur noch einzelne Häuser
-lagen neben und vor ihnen.
-
-Vom Osten her stieg ein fahles Licht herauf, und man konnte schon
-ein kurzes Stück weit die Gegend erkennen. Ueber den Wiesen hingen
-unbeweglich breite Nebelschwaden von wunderlichen Formen. Die Luft war
-empfindlich kühl, und an dem rasch heller werdenden Himmel verblichen
-die letzten Sterne. Der erste Hahnenschrei klang hinter ihnen aus
-dem Dorfe herauf, sonst aber hüllte sich die Natur noch in lautloses
-Schweigen.
-
-Wie weit sie zu marschieren hatten, bis sie bei der ersten preußischen
-Vorposten ankamen, wußten sie nicht. Aber weiter als eine halbe Meile
-entfernt konnten sie nicht stehen.
-
-Die Augen scharf offen haltend, marschierten die Männer, um ihre Tritte
-unhörbar zu machen, jetzt auf den mit Gras bewachsenen Rändern der
-Straße, die langsam anstieg, um unmittelbar hinter dem Schwedenloch
-wieder hinabzuführen. Auf der Höhe angekommen, wollten sie einen
-schmalen Feldweg einschlagen, der rechtsseitwärts der Straße entlang
-lief. Bis dahin aber mußten sie der Straße folgen, denn die Wiesen zur
-rechten Hand waren sumpfig.
-
-Nur wenige Worte im Flüstertone wechselnd und das Geräusch des tiefen
-Atmens dämpfend, liefen sie im Gleichtritt hintereinander her. Nur
-noch wenige Schritte, und sie hatten die Höhe, -- da sprang mit einem
-Male der am weitesten vorausgehende Schmied hinter einen Baum am Rande
-der Straße, und gleichzeitig sahen die Männer in kurzer Entfernung vor
-sich blitzende Bajonette. Wie gebannt standen sie still; sie waren
-überrascht worden. In demselben Augenblick aber schallte eine drohende
-Stimme durch die Stille, und die deutsch gesprochenen Worte ließen die
-Aussprache des Franzosen erkennen:
-
-»Halt, Verräter!«
-
-Jetzt wuchs auch aus den das Schwedenloch auf der einen Seite
-umsäumenden Büschen ein Haufen von etwa zwanzig französischen Soldaten
-hervor, hinter denen im Nebel einige Pferde matt erkennbar waren.
-
-Die Gewehre von den Schultern reißend, drängten sich die Männer
-zusammen. Drohend und jeden Augenblick zum gegenseitigen
-Aufeinanderstürzen bereit, standen sich die beiden Haufen gegenüber.
-Ein Windstoß fegte die Nebelwand zurück, so daß es in dem mittlerweile
-schnell angewachsenen Zwielicht nicht mehr schwer war, das Gelände, auf
-dem man sich befand, genau zu übersehen und die Vorteile abzuschätzen,
-die es beiden Parteien bot.
-
-Die Franzosen waren in der Uebermacht, aber sie standen auf dem
-abfallenden Boden, neben dem die Straße wie ein natürlicher Wall
-hinlief. Dieser Umstand verstärkte die eigene Stellung. Mochten sie
-es versuchen, den Rand zu erklimmen, manch einem würde bei diesem
-Unternehmen der von nervigen Bauernfäusten geschwungene Kolben den
-Schädel einschlagen!
-
-Noch standen Freund und Feind tatlos; da sprang der Freihofer auf einen
-über Nacht draußen stehengebliebenen, hohen Aufsatzwagen zu und rannte
-ihn mit solcher Kraft auf einen mächtigen Eichbaum, daß die Deichsel
-krachend zersplitterte. Noch ein Ruck, dann zerriß das die Deichsel
-umringelnde, eiserne Band, und die Kette mit dem oberen Ende um das
-Handgelenk schlingend, hielt er den Stumpf wie eine schwere Keule, die
-in seiner mächtigen Faust eine furchtbare Waffe sein mußte.
-
-»Heran!« knirschte er, von grenzenloser Wut gepackt, »und sorgt,
-daß Euch das letzte Stündlein nicht zu kurz sei für Euer kleinstes
-Stoßgebet!«
-
-Dies hatte sich blitzschnell abgespielt und ohne daß die Franzosen
-gewagt hätten, sich auf ihn zu stürzen. Da erscholl die rauhe Stimme
-von vorhin wieder:
-
-»Schlagt mir keiner diesen tollen Hund tot, lebendig soll er am Aste
-baumeln.«
-
-Und gleichzeitig trat der Sprecher, ein Offizier von riesenhaftem
-Wuchse, ein paar Schritte weiter vor und hob den Säbel, um das Zeichen
-zum Angriff zu geben. In diesem Augenblick schrie der ihm zunächst
-stehende Schmied schrill auf:
-
-»Freihofer, das ist der Mörder Deines Weibes!«
-
-Wie eine vernichtende Anklage, die einem furchtbaren Gericht
-vorausgeht, erklangen diese Worte und warfen in die Seele vieler der
-Anwesenden jäh das Verständnis für ihren Sinn. Das farblose Gesicht mit
-dem brutalen Ausdruck des französischen Anführers wurde um einen Schein
-bleicher; langsam sank der erhobene Säbel herab, und das Kommando zum
-Angriff erstarb ihm auf der Zunge. Starr ließ er seine schwarzen,
-stechenden Augen auf den gerichtet, den er instinktiv als seinen
-Todfeind empfand.
-
-Der Freihofer aber stand wie ein Steinbild auf seinem Platze. In seinem
-Gesicht spielte kein Muskel. Der Kopf war weit vorwärts geneigt,
-wie bei Menschen, die mit Anstrengung aller Sinne ins Weite sehen.
-Mit rasender Geschwindigkeit traten Reinerzens gestrige Worte, mit
-denen er jenen Elenden beschrieb, jetzt wieder an seinen Geist heran.
-Die Beschreibung stimmte just mit der Erscheinung dieses Franzosen
-überein, -- aber war es kein Irrtum? Sollte ihm sein Wunsch, für dessen
-Erfüllung er gern sterben würde, wirklich gewährt werden? Da blitzte es
-in den Augen des noch Zweifelnden hell auf, und sein suchender Blick
-blieb auf der linken Halsseite des Franzosen haften, wo dicht unter dem
-Ohre ein oval geschnittenes Stück Leinwand aufgeklebt war.
-
-Von dem Franzosen aber war die Beklemmung wieder gewichen, und
-ein verächtliches Lächeln umspielte seine Lippen. In Aufwallung
-grenzenlosen Übermutes, der aus dem Vollgefühl seiner ungeheuern Stärke
-herauswuchs, richtete er sich hoch auf und warf herausfordernd den Kopf
-zurück. Sich noch einmal an seine Leute zurückwendend, befahl er ihnen,
-sich nicht eher auf die Gegner zu werfen, bis er ihnen das Zeichen dazu
-gebe. Darauf riß er den Säbel wieder herauf und schrie:
-
-»Komm herab, deutsches Schwein, wenn Du den Mut hast mit mir zu
-kämpfen!«
-
-Max stand noch wie vorher unbeweglich. Bei diesen Worten aber kam
-wieder Leben in ihn. Seine umklammernde Rechte ließ den Wagenbaum los,
-daß dieser dumpf aufschlagend und mit Kettengeklirr zu Boden fiel,
-und dann sprang er mit beiden Füßen zugleich von der Böschung hinab.
-Der lange Jahre in der Scheide gebliebene Säbel seines Großvaters
-blitzte gerade noch rechtzeitig auf, um den ersten Hieb des Franzosen
-abzuwehren, der mit fürchterlicher Erbitterung auf ihn eindrang.
-Hageldicht sausten die Schläge des kampfgeübten Soldaten herab, daß
-Max seine ganze Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit aufbieten mußte,
-um sich ihrer zu erwehren. Nach wenigen Gängen zeigte sich aber schon
-der Vorteil der überlegenen Kaltblütigkeit, mit der er focht, und der
-Franzose war einige Male nahe daran, seine hitzige Kampfesweise zu
-büßen. In respektvoller Entfernung standen die beiden Parteien dahinter
-und sahen auf ihre kämpfenden Führer, deren Klingen ohne Unterbrechung
-aufzuckten.
-
-Da klang durch den hellen Erzklang der aufeinanderschlagenden Säbel
-ein Mißton. Man vernahm, wie etwas durch die Luft flatterte und dann
-klirrend niederfiel. Der Franzose erhob sich ein Stück aus seiner
-weit ausgelegten Haltung, warf einen raschen Blick voll Ingrimm auf
-den stehengebliebenen Stumpf seines Säbels und hob in demselben
-Augenblick instinktiv wieder die zerbrochene Waffe, als wenn er damit
-den unvermeidlichen Todesstreich abwehren könne. Mit hochgeschwungener
-Klinge holte Max zum furchtbaren Schlage aus. Unwillkürlich duckte
-sich der Wehrlose nieder, -- da klirrte, von seines Gegners Hand
-geschleudert, dessen Säbel neben ihm zur Erde, und als der Franzose die
-Augen hob, stand ihm dieser mit herabgesunkenem Arme und ohne Waffe
-gegenüber.
-
-Verständnislos starrte er dem Gegner ins Gesicht, den nur eine
-unerklärliche Anwandlung von Großmut zu dieser Tat bewogen haben
-konnte. Aber nur während der kurzen Spanne Zeit, die zwischen zwei
-Pulsschlägen liegt, blieb ihm dieser Trost. Dann bemerkte der Franzose,
-wie die Augen des andern blitzschnell die nur wenige Schritte
-betragende Entfernung maßen, die zwischen ihnen und dem Rande des ihm
-seit gestern bekannten Abgrundes lag. Er dachte daran, wer dieser Mann
-ihm gegenüber war, der seine unnatürliche Ruhe in diesem Augenblick
-bewahrte, -- und alles Blut wich aus seinem Gesicht. Sollte er jetzt
-seinen Leuten das Zeichen zum Angriff geben? -- -- -- Nein, in
-Dreiteufelsnamen nein! Dann wäre auf die eisigen Züge dieses Verhaßten
-ein höhnisches Lächeln getreten, das ihn der Feigheit geziehen hätte.
-Deshalb scheuchte er auch mit einem wilden Fluche einen seiner Leute
-zurück, der herbeigesprungen war und ihm seinen eigenen Säbel darbot.
-
-Max hatte den Blick wieder auf den Gegner gerichtet und alsbald
-erkannt, daß dieser seinen blitzschnell gefaßten Plan erraten hatte.
-Eine Sekunde lang standen sie sich einander gegenüber; dann begann das
-gräßliche Ringen, -- es war der Kampf zweier Riesen! Der Körper des
-Franzosen war kraftvoll und wie aus Stahl geschmiedet, dazu war er
-sehnig und geschmeidig wie ein Leopard; der Deutsche war fast ebenso
-hoch gewachsen, aber seine Schultern waren breiter, und er glich einem
-verwundeten Bären, der sich zum Angriff aufgerichtet hat.
-
-Max hatte schon während des Fechtens eine an sich noch nie gekannte
-Ruhe gespürt, jetzt aber fühlte er seine Kaltblütigkeit noch verstärkt.
-Sein Hirn arbeitete in ruhigem Gleichmaß, als wenn er daheim auf
-dem Hofe stünde und das Herauslassen des Viehes aus den Ställen zum
-Austrieb auf die Weide leite. Und doch hatte er die tiefe Empfindung,
-als ob dieser Kampf sein Leben fordern müsse -- -- Da griffen beide
-nach einander, der Franzose mit dem blitzartigen Prankenschlag des
-Raubtieres, Max dagegen faßte tastend nach den Ellenbogen des Gegners.
-
-Von neuem stockte während einer Sekunde alle Bewegung, als wenn die
-Männer sich wie im Spiel berührt hätten. -- Da, -- ein fürchterlicher
-Ruck! Max versuchte, sich vor dem Fall zu bewahren, umsonst; dröhnend
-stürzte er zu Boden und riß seinen festumklammerten Gegner mit sich
-nieder. Mit einer schnellen Bewegung gelang es ihm, den Franzosen unter
-sich zu bekommen, aber schon rollten sie wieder über den Rasen und
-hielten sich im nächsten Augenblick, auf die Knie erhoben, umschlungen.
-Da spannte der junge Bauer seine ganze Kraft an und drückte den sich
-heftig sträubenden Franzosen so hintenüber, daß es den Anschein hatte,
-als wenn dessen Wirbelsäule davon zerbrechen müsse. Langsam fiel der
-Franzose auf den Rücken, -- um den auf ihn Stürzenden aber sofort
-wieder zu entgleiten. So rangen sie während mehrerer Sekunden in
-unverminderter Erbitterung. Mit der Geschmeidigkeit einer Katze entzog
-sich der Franzose allen ihn zu erdrücken drohenden Umarmungen, und
-vermöge seiner blitzschnellen Bewegungen gelang es ihm, wiederholt die
-Oberhand über seinen Gegner zu bekommen. Und während dieses Ringens
-rollten sie die feuchte Rasenlehne ein Stück hinab, daß ein paar
-französische Soldaten sich zwischen den Ringenden und den Rand des
-Steinbruches aufstellten, um sie vor dem Hinunterstürzen zu bewahren.
-
-Noch einmal wildes Schlagen des Rasens mit den Füßen, ein
-Zubodendrücken mit umklammernden Armen, Entweichen, Aufrichten und
-Niederstürzen, -- dann sprang einer von ihnen auf die Füße: es
-war der Deutsche. Im nächsten Augenblick mußte auch der Franzose
-aufschnellen; aber es gelang ihm nicht mehr. Zwei Hände hielten den
-wild um sich Schlagenden mit eisernem Griffe fest, um ihn gleich
-darauf mit einer furchtbaren Kraftanstrengung in die Höhe zu reißen.
-Alle Muskeln bis zum zerspringen angespannt, hielt der Freihofer den
-Körper seines Feindes über seinem Haupte, währenddessen es aussah,
-als ob er unter der ungeheuern Last und infolge des überschnellen
-Aufrichtens hintenüberbrechen müsse. Aber nur einen Augenblick währte
-diese Spannung, dann hatte er die Herrschaft über seinen Körper
-wiedergewonnen. Mit übermenschlicher Kraft stieß er den Franzosen von
-sich, der, über die Köpfe seiner Leute hinwegfliegend, hinter dem Rande
-des Steinbruches lautlos verschwand. Ein dumpfes Aufschlagen drang
-herauf, ein Geräusch, wie von dem Rutschen eines schweren, weichen
-Gegenstandes auf dem Gestein, dann war alles still. Den Lauschenden
-aber stockte der Atem unter der blitzschnell sich ihnen aufdrängenden
-Vorstellung, daß der ihren Augen soeben Entschwundene ins Bodenlose
-stürze.
-
-Noch hielt das Fürchterliche alle gelähmt, als von fernher der
-Hufschlag eines auf der Straße herangaloppierenden Pferdes erklang.
-Und mit diesem Laute kehrte Aller Besonnenheit in die Wirklichkeit
-zurück. Ihres Führers plötzlich beraubt, von dem Schrecken noch halb
-betäubt und durch das Nahen des vermutlichen Feindes kopflos gemacht,
-eilten die Franzosen zu den Pferden und sprengten querfeldein in den
-Nebel hinein. Der letzte von ihnen, ein junger Bursche, dem kaum der
-erste Flaum auf den Lippen sproß, hob rasch, bevor er davoneilte, die
-Mündung seines Gewehres und schoß ohne zu zielen aufs Geratewohl ab.
-Ein dumpfer Knall, ein schwacher Feuerstrom, wie von verdorbenem Pulver
-herrührend, dann wandte auch er sich zur Flucht. Beim Aufblitzen des
-Schusses griff der Freihofer hastig nach der Brust, während sich auf
-seine Augen gleichzeitig undurchdringliche Dunkelheit senkte. Aus der
-ihn umgebenden Nacht aber trat ein liebliches Bild vor seine Seele:
-
-Er stand an einem reißenden Fluß. Das Ufer, auf dem er sich befand,
-glich einem unfruchtbaren Ödeland, drüben aber breitete sich ein
-prächtiger Garten aus mit maienfrischem Rasen und herrlichen Blumen.
-Ueber den Fluß führte eine Brücke, an deren Ende auf dem jenseitigen
-Ufer Maria stand, die ihm winkte und jubelte und rief. Da trat ein
-seliges Lächeln auf das Antlitz des Freihofers; er breitete die Arme
-aus und fiel langsam vornüber auf den Rasen.
-
-Erschrocken sprangen die Freunde hinzu, richteten den Gefallenen auf
-und entblößten seine Brust. Ein kleines, kreisrundes Loch wurde auf der
-Haut sichtbar, gerade auf der Stelle des Herzens. Da legten sie ihn,
-ohne ein Wort zu sprechen, behutsam auf dem Rücken in das Gras, und
-jeder vermied es, dem andern ins Gesicht zu sehen.
-
-Durch den Lärm waren die Leute in den nächstliegenden Häusern längst
-erwacht, bei dem Knall des Schusses aber eilten einige voll Unruhe
-herbei. Unter diesen befand sich auch Mutter Lehnhardt. Bestürzt
-betrachteten die Ankommenden den am Boden Liegenden und traten dann
-wortlos zur Seite. Die Greisin aber setzte sich neben dem Verwundeten
-nieder und zog seinen Kopf auf ihren Schoß.
-
-Im Osten hatte sich unterdessen der Himmel blutigrot gefärbt, und die
-ersten Sonnenstrahlen waren über die noch schlummernde Erde geglitten.
-Jetzt ward auch der glühende Ball am Himmelsrande sichtbar, der rasch
-heraufwuchs und sein flutendes Licht auf die Fluren ergoß. Der Nebel
-zerriß, und die weite Landschaft wurde erkennbar. Der junge Tag brach
-an mit seiner ganzen, sieghaften Schönheit, und alles erwachte zu neuem
-Leben. Nur der Mann auf dem Rasen machte seine letzte Rechnung auf
-Erden!
-
-Noch einmal schweifte sein Blick in die Weite.
-
-Drüben stand in goldigem Glanze das Schloß seiner Väter. Aber
-seine trutzigen Mauern waren zerfallen, und kein verjüngender
-Sonnenaufgang gab ihm seine Festigkeit wieder. Nur ein kleiner Teil,
-die vorspringende Mitte, stand noch, und die weißen Quader leuchteten
-wie einst über das Land. Aber ach, wie lange würde es dauern, dann
-stürzten auch die letzten Mauern zusammen, und ein wüster Trümmerhaufen
-bezeichnete die Stätte, auf der einst in Pracht und scheinbarer
-Unvergänglichkeit auf felsigem Grunde ein stolzes Menschenwerk
-gestanden hatte.
-
-Jahrhunderte hatte der Bau ins Land ziehen sehen. Lieblicher
-Sonnenschein hatte ihn unzähligemale umschmeichelt, brausende
-Naturgewalten drohend umbrandet. Zeiten segensreichen Friedens
-waren an ihm vorübergegangen, und auf wildes Kriegsgetümmel und
-ohnmächtige Wut seiner Angreifer hatte der steinerne Koloß mit stummer
-Verachtung herabgesehen. Nun war auch seine Zeit abgelaufen, und der
-vorgeschrittene Verfall führte die eindringliche Sprache, daß auf
-Erden alles vergänglich ist! Nach einer Reihe von Jahren, früher oder
-später, aber einmal doch, werden auch die letzten, stummen Zeugen
-entschwundener Pracht und menschlichen Fleißes nicht mehr sein. Die
-noch nicht zertrümmerten Steine werden Häuser bauen helfen, in denen
-Menschenfreud und Menschenleid geboren wird, lacht und weint und
-stirbt, und die geborstenen Säulen und Quader zerfallen endlich in
-Staub und vermischen sich wieder mit der Erde, von der sie gekommen
-sind, und deren mütterlicher Umarmung sie sich nur zu lange entzogen
-hatten. Dann geht die Pflugschar wieder über das Land und wirft die
-köstlich duftende Ackerkrume auf, und saurer Schweiß tränkt den Boden.
-Bis endlich auf dem Rasen Spiel und Sang anheben, und die Halme sich
-biegen unter den Füßen der Tanzenden. So in stetem Auf- und Niedergang,
-Geburt, Hinaufeilen auf den Gipfelpunkt des Lebens, mühsames
-Hinabklimmen oder Hinabsturz -- und Tod: das ist das wechselvolle,
-geheimnisumwobene Spiel des Werdens und Vergehens alles Irdischen,
-das sind die urewig gleichen Menschenschicksale! Eine zermalmende
-Traurigkeit beschleicht bei dieser Betrachtung das Gemüt, gegen
-die menschlicher Witz sich vergebens sträubt und menschliche Kraft
-ohnmächtig ankämpft. In diesem Leid tröstet und erquickt allein der aus
-starkem Herzen quellende Glaube an die Barmherzigkeit und Ewigkeit der
-Himmel!
-
-Und dann gedachte der junge Tiefenbach seines Geschlechts. In langen
-Reihen standen in sturmfesten Kellergewölben des Schlosses die Särge
-seiner Ahnen. Viele von ihnen waren wohl mit dem Schwerte in der Faust
-gestorben und schlummerten in unbekannter Erde. Er war der letzte
-Sproß. Jung war er und kraftvoll, und doch rüstete er sich schon zur
-Wanderung nach jenem unbekannten Land, aus dem niemand wiederkehrt. Nun
-stand der Name Tiefenbach nur noch auf zwei alten, müden Augen -- -- --
-
-Aber er ging gern von hinnen, denn er ging nach einem gewonnenen Streit
-gegen den Feind des Landes und den Beflecker seiner Ehre. Das ist für
-Menschen, die beim Heimgange eines Teuern großen Schmerz erlitten,
-das Köstliche, daß sie in jenen unbekannten Gefilden von einer ihrer
-harrenden, liebenden Seele an die Hand genommen werden.
-
-So mußte er denn früher scheiden als er gedacht; aber noch waren
-es ihrer zwölf, die die Reihen der für die Freiheit Kämpfenden
-verstärkten. Und bei diesem tröstenden Gedanken trat wieder das
-glückliche Lächeln auf die Züge des schwer Atmenden, und eine neue
-Ohnmacht umfing seine Sinne.
-
-Jetzt tauchte auch der galoppierende Reiter vor einer Biegung der
-Straße auf und näherte sich rasch der Gruppe. Es war Konrad Hartmann.
-
-Schon von weitem winkte und rief er. Hastig sprang er vom Pferde
-und fragte die schweigend Herumstehenden mit lauten Worten nach der
-Ursache des Schusses, den er schon in weiter Ferne vernommen hatte. Mit
-fliegendem Atem wurde er unterrichtet. Da fielen seine Augen auf den
-wie in friedlicher Ruhe schlummernden Freund. Ein einziger Blick, und
-er hatte alles verstanden. In heftigem Schmerze griff er mit beiden
-Händen nach der Stirn und blieb eine Sekunde lang mit verhülltem
-Antlitz stehen. Dann eilte er zu dem Liegenden, faßte ihn an der
-Schulter und rüttelte sie und schrie dem Ohnmächtigen ins Ohr:
-
-»Vernimm erst noch, was ich Dir sage, mein Freund, es mag Dir eine
-erquickende Zehrung auf die Reise sein!«
-
-Der Angerufene schlug langsam die Augen auf und sah den Freund
-verständnisvoll an.
-
-»Die Sache steht gut,« rief Konrad ihm zu, »heute oder morgen werden
-die deutschen Hörner beim Blasen der Siegesfanfaren zerspringen. Der
-Blücher haut die Franzosen in Fetzen. Hörst Du’s, Max, der Blücher! Und
-in den sächsischen Regimentern ist ein Tumult ausgebrochen. Sie wollen
-nicht mehr für den Kaiser fechten, sondern zu den Preußen übergehen!«
-
-Da erstrahlten die schon brechenden Augen noch einmal in sonnigem
-Leuchten, und der Sterbende nahm die rasch entfliehenden Kräfte
-zusammen und sprach mit leiser, vernehmbarer Stimme:
-
-»Der Freihof gehört dem Hermann, und -- sagt’s der Mutter, -- der
-Schimpf ist getilgt!«
-
-Dann fiel der während der letzten Worte mühsam gehobene Kopf wieder in
-Mutter Lehnhardts Schoß zurück, und ein tiefer Seufzer entrang sich den
-bleichen Lippen. Konrad ließ sich neben dem Freunde auf das Knie nieder
-und drückte ihm leise die Augen zu, während die Umstehenden in tiefer
-Ergriffenheit die Blicke zu Boden schlugen.
-
- * * * * *
-
-Vorwärts, soweit das Auge reichte, dehnte sich die weite Ebene von
-Leipzig aus. Obwohl die Erde von dem Flammenkuß des leuchtenden
-Tagesgestirns eben erst erwacht war, stiegen pyramidengleich schon
-durchsichtige Staubwolken zum Himmel empor, deren düsteres Grau,
-durchglänzt von dem leuchtenden Gold der Sonnenstrahlen, sich mit
-der tiefblauen Färbung des Äthers vermählte. Das waren die ersten
-Anzeichen, daß der Aufmarsch der Regimenter von Freund und Feind zur
-Schlacht nach dem gestrigen Tage der Ruhe begonnen hatte. Als wenn
-ein ungeheures Wesen seine tausendfach gegliederten, tausend Arme zu
-gleicher Zeit rege. Zum letzten Male rauschte der Vorhang des großen
-Schlachtentheaters in die Höhe, -- morgen fiel er, und hinter ihm
-sank einer der gewaltigsten Abschnitte deutscher Geschichte hinab in
-das Meer der Weltgeschichte! Die eisernen Würfel rollten um alles
-über die zerstampften, blutgetränkten Gefilde Leipzigs und warfen für
-Deutschland achtzehn Augen. Einer der Großen der Erde wurde von dem
-wandelbaren Geschick, nachdem es den beispiellosen, sieghaften Aufflug
-seines Genies lange Zeit wunderbar behütet hatte, in diesen Tagen
-verlassen.
-
-Aber selbst sein Volk vermag ihm bei dem Heraufsteigen seiner Manen nur
-Bewunderung gemischt mit Grausen zu zollen; eine höhere Empfindung kann
-das menschliche Herz für ihn nicht bewegen. Sein Lebensschiff trieb auf
-einer Woge von Blut und bittern Tränen. Denn er war ein Zerstörender,
-Niederreißender. Der aber, dessen Lebensfaden Klotho kaum zwei Jahre
-darauf zu spinnen begann, und dessen Genius später in Deutschland
-wie ein leuchtendes Phänomen langsam emporstieg, bis es, wie einst
-jenes, über die ganze Erde hinweg gesehen ward, dieser Große war ein
-Aufbauender, Schaffender! Anfangs alle bis auf seinen König zum Gegner,
-schlug die Stimmung infolge seines weitschauenden Wirkens und seiner
-kühnen und von glänzendem Gelingen gekrönten Taten allmählich um, und
-aus den heftigsten seiner Widersacher von einst wurden unwandelbare
-Verehrer seines Kurses. Aus einem Wirrwarr sich heftig befehdender
-Kräfte erstarkte unter seinem Einfluß ein bewußtes Streben nach
-nationalen Hochzielen, und der nie ganz ausgeklungene, märchenschöne
-Traum trat endlich in plastischer Schärfe wieder vor die Seele des
-ungestüm seine Verwirklichung fordernden deutschen Volkes: der große,
-der gewaltige, -- der Kaisergedanke!
-
-Und als nach Jahren brausender Gährung der einstmalige Tummelplatz
-hoher Ideen und doch gleichzeitig engherziger Empfindungen ihm für
-sein Riesenwerk hinreichend bestellt erschien, da schweißte der
-Titan mit weit über Europas Grenzen hinaus hallenden Hammerschlägen
-das zerstückelte Deutschland zusammen. Hinter dem schwärzlich sich
-ballenden Rauche der dröhnenden Kanonen stieg die schimmernde
-Morgenröte des neuen deutschen Reiches verheißungsvoll empor, und
-in das Wimmern und Ächzen der Verwundeten, in das Seufzen und Beten
-der Sterbenden mischten sich Posaunentöne, feierlicher Glockenklang
-und der stürmische Jubel der Ueberlebenden, denn Deutschland hatte,
-ja es hatte wieder -- einen Kaiser! Zweimal führte der Erzfeind im
-Schilde, Deutschland zu zersplittern und zu vernichten, und zweimal
-ging es siegreich und schließlich geeint und in seinen höchsten
-Idealen erstarkt aus dem aufgezwungenen Kampfe hervor. Wie später auf
-Frankreichs Boden, gingen damals auf dem grünen Plane vor Sachsens
-alter Lindenstadt Tausende deutscher Männer und Jünglinge freudig in
-den Tod. Sie starben, um kommenden Geschlechtern die Freiheit und
-Unabhängigkeit des Heimatbodens zu sichern.
-
-Heil, dreimal Heil, dir mein deutsches Vaterland, zu solchen
-Heldensöhnen! --
-
-Da sprang der Rabensteiner auf. Sein Gesicht war mit hellem Rot
-übergossen, und sein Auge glühte in edlem Feuer:
-
-»Was steht Ihr noch länger müßig? Hebt den Leichnam auf, tragt ihn
-hinab ins Trauerhaus und tröstet die tiefgebeugte Mutter. Dann aber
-eilet von Hof zu Hof, von Haus zu Haus und fordert die Männer, die
-Frauen und Kinder auf zur Totenschau, auf daß mit Tränen der Wehmut und
-des Stolzes reichlich genetzt werde der gemeinsame Hügel, unter dem
-zwei Helden schlummern, die für ihre Ehre und die deutsche Freiheit in
-den Tod gingen.«
-
-Dann stellte er sich vor die Männer:
-
-»Euerm Führer war es als Ersten vergönnt, für die heilige Sache sein
-Herzblut dahinzugeben. Wohlan, Freunde,« fügte er frohlockend hinzu,
-»so laßt es nun mich sein, der Euch den Weg weist, zu den siegenden
-Fahnen der deutschen Brüder!«
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Sonst
- wurde die teilweise uneinheitliche Schreibweise, insbesonde der
- großen Umlaute, wie im Original beibehalten.
-
- Korrekturen:
-
- S. 231: bekommenen → beklommenen
- ohne den {beklommenen} Eindruck der Seele
-
- S. 325: Sternschuppen → Sternschnuppen
- zerflattern wieder wie {Sternschnuppen}
-
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