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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Herr, mach' uns frei! - -Author: Gustav Hildebrand - -Release Date: February 2, 2022 [eBook #67303] - -Language: German - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HERR, MACH' UNS FREI! *** - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Herr, mach’ uns frei! - - [Illustration] - - Roman - - von - - Gustav Hildebrand. - - [Illustration] - - Leipzig. - - Bruno Volger, Verlagsbuchhandlung. - - 1908. - - - - -1. Kapitel. - - -Der zur Rüste gehende Julitag hatte alle vorangegangenen Tage, so heiß -sie auch gewesen waren, übertroffen. Vom frühen Morgen ab hatte die -Sonne von dem wolkenlosen Himmel auf die Erde herabgeschienen. Nun ging -aber ihre Herrschaft zu Ende, denn der glühende Ball näherte sich dem -Himmelsrand und seine Strahlen glitten in schräger Richtung über die -Landschaft. - -Auf der alten Poststraße, die von Borna nach Leipzig führte, schritt -ein junger Mann fürbaß, dessen müder Gang verriet, daß er heute schon -einen weiten Weg zurückgelegt hatte. Er hatte den leichten Strohhut in -den Nacken geschoben und lüftete ab und zu das kleine Ränzel, das ihn -nach so langen Stunden wohl arg drücken mochte. - -Ein schmaler Weg kreuzte die Straße, und an dem Schnittpunkt stand -ein alter Meilenstein. Der Wanderer ging zu ihm hin, stützte sich -hintenübergelehnt mit beiden Armen auf seinen derben Knotenstock und -versuchte, die kaum noch leserlichen Buchstaben auf dem verwitterten -Stein zu entziffern. Nach einigem Bemühen las er mit lauter Stimme: -»Rehefeld ¼ Meile.« - -Eine muntere Melodie pfeifend, hieb der Fremde mit dem Stock ein -paarmal vergnügt ins Blaue und schlug dann den schmalen Weg ein. Die -Aussicht auf das nahe Ziel belebte seine Kräfte sichtlich aufs neue. -Obwohl der Weg nicht bequem zu gehen war, denn hüben und drüben hatten -schwerbeladene Wagen tiefe Radspuren hinterlassen, und aus dem schmalen -Grasstreifen in der Mitte ragten zahlreiche, spitze Steine hervor, -eilte der Wanderer dennoch mit schnellen Schritten vorwärts. Ein -schwacher Wind hatte sich erhoben, der ihm wohltuende Kühlung spendete, -und vor dem die mannshohen Halme ihre schweren Häupter leicht hin- und -herwiegten. - -Zu seiner Linken verlor sich das Land in eine unabsehbare Ebene, -während vorwärts und nach rechts hin ein dichtes Waldstück die -Fernsicht versperrte. - -Nach wenigen Minuten befand er sich inmitten der Fichten, durch die -der Weg jetzt leicht anstieg. In kurzer Zeit aber wurde der Wald -wieder lichter und die Bäume hochstämmig, und nach einigen Schritten -verdoppelter Eile, und nachdem der Weg eine letzte, scharfe Biegung -nach rechts gemacht hatte, trat der Fremde wieder ins Freie. - -Ein herrliches Bild bot sich den entzückten Augen des Wanderers. Zu -seinen Füßen schlängelte sich in seinem tiefeingeschnittenen Bette -gleich einem silbernen Streifen der Göselbach dahin, zu dessen beiden -Seiten zahlreiche, hochstämmige Lindenbäume und Ulmen standen, aus -deren saftigem Grün die Häuser des Dorfes hervorlugten. Die dunkeln -Balken in den Giebelwänden hoben sich von dem weißgetünchten Mauerwerk -scharf ab, und hier und da schlängelte sich aus einem Schornstein schon -eine dünne Säule blauen Rauches, dessen Ringe sich sanft kräuselten, -bis sie endlich in der Luft verschwanden. Einige der Häuser waren mit -Ziegeln gedeckt, bei den meisten aber bestand das Dach aus einer dicken -Lage Stroh. - -Der Hügel, auf dem der Wanderer sich befand, ging nach rechts in die -weite Ebene über. Das linke Ufer des Flüßchens dagegen erhob sich zu -einer sanften Lehne, auf deren höchstem Punkt, vielleicht zweihundert -Fuß über dem schlanken Turme des Kirchleins, ein altes Schloß thronte. -Es war eine festungsartige Burg mit einem weit hervortretenden -Mittelbau und zwei dicken, vom Erdboden ab aufgeführten Türmen, von -denen der westliche, wahrscheinlich infolge Altersschwäche, zur Hälfte -eingestürzt war. - -Jahrhunderte mochten ins Land gezogen sein, seitdem der Grundstein -dieser Feste gelegt worden war. Wohl hatte das Schloß den Zeiten und -Wettern seinen Tribut zollen müssen, aber noch immer behauptete es, den -wildesten Stürmen zum Trotz, seinen Platz, wuchtig und herausfordernd -zugleich, und die großen, weißen Quader leuchteten noch wie ehedem weit -in das Land hinein. Wie ein ehrfurchtgebietendes Denkmal alter Zeiten, -ein stummer Zeuge der Geschehnisse eines halben Jahrtausends grüßte es -zu dem Wanderer herüber. - -Dieser hatte sich an eine der hohen Fichten gelehnt und überließ sich -ganz dem Zauber des Anblicks, der sich ihm bot. - -Seine Blicke glitten hinüber zu dem mächtigen Bauwerk, das als ein -stolzes Erzeugnis menschlicher Kunst und menschlichen Fleißes, nunmehr -dem Zerfall entgegenging, wie es den Menschenwerken endlich beschieden -ist. - -Die Phantasie gaukelte dem Fremden die Geschichte des Schlosses in -lebhaften Bildern vor die Seele. Er sah, wie die mächtigen Bausteine -von starken Pferden den Berg hinangeschleift wurden, wie die Mauern -erstanden, und wie endlich der Bischof segnend die Hände über den Bau -ausbreitete, den die Bewohner des Dorfes mit frischen Blumengewinden -bräutlich geschmückt hatten. Dann sah er, wie die Tore sich öffneten -und aus ihnen eine lärmende Schar herauszog, den Schloßherrn mit -seinen Gästen an der Spitze, und an ihrer Seite ritten Edelfrauen mit -den Jagdfalken auf den Schultern. Aber weiter eilte sein Geist. Er -sah wieder ein Häuflein den Abhang herabziehen, diesmal aber nicht -zur Jagd, oder um die feurigen Rosse im Turnier zu tummeln: von den -Schildern der Gewappneten glänzte das Kreuzeszeichen, und die Ritter -schauten mit ernsten Mienen hinauf, wo vom Söller die Frauen feuchten -Auges die letzten Grüße herabwinkten. Und jeder der Beherzten fragte -sich leise: »Wer wird wiederkehren?« Doch im nächsten Augenblick -warfen sie unwillig den Kopf in den Nacken und reckten die gepanzerten -Glieder, daß die eherne Rüstung klirrte, und die wallenden Federn der -blanken Helme durcheinander wogten, und sie beeilten sich, die sie -überkommene Weichheit zurückzudrängen. Seit wann war es denn auch -Sitte, daß der zum Kampfe ausziehende deutsche Krieger der Weibertränen -achtete? Galt es doch diesmal, dem heidnischen Sarazen die Herrschaft -über das heilige Grab mit dem Schwert wieder zu entreißen und an der -Stelle des Halbmonds die Kreuzesfahne aufzupflanzen. - -Jahrhunderte durchmaß des Wanderers Phantasie. Die sonst so friedliche -Umgebung des Schlosses war niedergestampft, niedergebrannt, verwüstet. -Rundum breitete sich das Heerlager des Belagerers aus, der sich -eben anschickte, die Feste zu berennen. Sturmleitern wurden in Eile -herangeschoben, und Rammbock und Mauerbrecher waren in Tätigkeit. -Von oben aber wurde siedendes Oel hinabgegossen, und Steinblöcke -wurden mit wildem Getöse auf die Stürmenden herabgeworfen, während des -Angreifers Feldkartaune aus ihrem ehernen Leibe schwere Geschosse gegen -die stellenweise schon wankenden Mauern schleuderte. Da schien mit -einem Male der Widerstand der Eingeschlossenen gebrochen; die Abwehr -läßt nach, die Mannen auf dem Mauerrand ziehen sich zurück. Da, -- -Stimmengewirr, Schnauben und Stampfen nicht mehr zu zügelnder Rosse. -Gedämpfter Kommandoruf wird vernehmbar, und -- nieder rasselt klirrend -die Zugbrücke. Wie Sturmwind fegt es darüber hinweg: die Belagerten -machen einen Ausfall. Wenn der Untergang im Buche des Schicksals -einmal besiegelt, dann wenigstens nicht ruhmlos untergehen, Hörnerruf, -der erzene Klang der ihren Scheiden entfliehenden Schwerter, und -dann mit vielstimmigem, drohendem Schlachtruf hinein in die schnell -gebildeten Haufen der Feinde. Wie Löwen kämpfen die Ritter, und manch -einem entsinkt das Schwert der Faust; edles Blut färbt den Rasen. Aber -Söldlinge können solchem Ansturm nicht lange widerstehen: hier und dort -beginnt der Feind schon zu weichen, und endlich wirft der bleiche Mond -sein mildes Licht auf den Kampfplatz, den sich die Tapfern, wenn auch -mit schweren Opfern, ruhmvoll erkämpft, und die Geister der Gefallenen -setzen auch dann noch erbittert den Strauß fort, wenn die Überlebenden -längst schon die müden Glieder auf das Lager streckten. - -Die feinen Züge des Fremden hatten sich belebt und seine Augen glänzten -begeistert. - -Dann wandte er sich ab und sah hinein in das weite Land. Die Felder -waren überreich bestanden, ihre Grenzen hoben sich von einander scharf -ab. Hier und dort bemerkte er eine Windmühle, deren lange Flügel sich -rastlos drehten, -- fast vermeinte er, ihr Klappern töne herüber; dort -wieder stand ein einsames Haus, dort lag ein Dorf in weiter Ferne, als -wenn ein Riesenkind seine Spielwaren aufgebaut habe, und weit hinten -am Horizont grüßten die Türme von Leipzig, -- der alten Lindenstadt. -Über dem ganzen herrlichen Bilde aber lag ein Hauch von Frieden und -segensreicher Arbeit. - -Der einsame Beschauer ließ seine trunkenen Blicke von einem zum andern -gleiten, über all die blühenden Gefilde, die gesegneten Fluren; -und er seufzte. Denn noch immer befürchtete man die Wiederkehr der -Scharen Napoleons. Die Wunden, die des verhaßten Korsen blutige Geisel -geschlagen, waren noch lange nicht verheilt, und die Schrecken der Tage -von Jena und Friedland zitterten noch sattsam nach in den Seelen der -Menschen. - -Wie lange war es dem Landmann noch beschieden, friedlich seine Felder -zu bebauen und den reichen Gottessegen einzuernten? Konnte es nicht -dem Ruhelosen noch einmal gelüsten, sein Schlachtenglück zu erproben -und Verwüstung und Greuel hineinzutragen in die deutschen Lande, in -denen eine große Anzahl von Eltern und Kindern an den noch frischen -Gräbern ihrer Teuern stand, die der Ruhmsucht dieses Weltenstürmers zum -Opfer gefallen waren! Sind nicht alle Menschen Brüder untereinander, -und warum läßt ein gerechter Gott Tausende von blühenden Jünglingen -dahinsinken nach dem Willen eines Einzigen? - -Dem Wanderer schauerte, wenn er daran dachte, daß diese Fluren verödet, -zertreten werden könnten, und er wandte sich langsam zum Gehen. - -Noch immer diesen Gedanken nachhängend, stieg er den Hügel hinab und -befand sich bald zwischen den ersten Häusern von Rehefeld. - -Kurz nach dem Betreten des Dorfes fiel sein Blick auf ein kleines, -altes Haus, das von einem sorgfältig gepflegten, kleinen Garten -umgeben war. Vor ihm saßen auf der steinernen Bank neben der Tür drei -Menschen: ein junger Bauernbursche, der den Arm um die Hüften des -neben ihm sitzenden Mädchens gelegt hatte und eine kleine, gebückte -Frau, deren hohes Alter mit dem des Hauses wohl fast übereinstimmen -mochte. Auf ihren Knien hielt sie eine Schüssel, in die sie Kartoffeln -hineinschälte. - -Einer plötzlichen Eingebung folgend, trat der Wanderer an den niedrigen -Zaun und fragte hinüber, ob er wohl eine kleine Zehrung erhalten könne. - -Die drei hatten den Fremden schon beim Näherkommen mit neugierigen -Blicken betrachtet, seine unerwartete Anrede aber machte sie verlegen. -Am ehesten fand die Alte Worte. »Wenn der Herr mit einem Trunke -frischgemolkener Milch fürlieb nehmen würde --« - -»Das ist es ja gerade was ich wünsche,« antwortete der Fremde und trat -durch die Tür in den Garten. - -Der Bursche war aufgestanden und bot dem Ankömmling seinen Sitz auf der -Bank an, den dieser aber mit einem lächelnden Blick auf das errötende -Mädchen dankend ausschlug. - -Unterdessen hatte die Greisin den Napf zu Boden gesetzt und war dann -mit überraschender Beweglichkeit in das Haus geeilt, um bald darauf mit -einem Glase Milch und einer Brotschnitte zurückzukehren. - -Der Fremde, der sich auf einem Grasstreifen des kleinen Gartens -niedergestreckt hatte, griff verlangend nach dem dargebotenen Trunk -und tat einen tiefen Zug davon. Dann brach er das Brot auseinander, -tauchte es in die Milch und verzehrte das einfache Mahl mit sichtlichem -Behagen. Die Alte und der Bursche hatten sich wieder zu dem Mädchen -gesetzt, und nun ruhten aller Augen auf dem Fremden, der sich so -zwanglos vor ihnen niedergelassen hatte, und jeder von ihnen versuchte -nach seiner Art zu erraten, welch Standes er wohl sei. - -Ein Bauer war er nicht, das sah der Bauer auf den ersten Blick. Er war -von schlanker Gestalt, noch nicht dreißig Jahre alt und hatte ein von -der Sonne stark gebräuntes Gesicht. Seine Züge waren vornehm, seine -Haltung und Art edel. Die Kleider hatten einen Schnitt, wie man ihn -hier im Dorfe selten sah und waren von feinem Tuche gefertigt. Es war -schade, daß man die Farbe des Stoffes nicht recht erkennen konnte, eine -so dicke Staubschicht lag darauf. Der Fremde mochte heute früh weit von -Rehefeld entfernt aufgebrochen sein. Er war ein Stadtherr, das stand -fest. Aber was mochte ihn hierher führen? Vielleicht war er auf der -Reise nach Leipzig, denn das kleine Dörfchen bot für einen Mann wie -seinesgleichen keine Anziehung. - -Mit all diesen Fragen beschäftigten sich die drei Rehefelder eifrig, -und wenn auch jeder von ihnen viel darum gegeben hätte, zu erfahren, -was er zu wissen wünschte, so soll doch nicht verhehlt werden, daß sich -besonders das junge Mädchen im geheimen diese Fragen immer wieder auf -das eindringlichste stellte, die befriedigenden Antworten darauf ihr -aber nicht gelingen wollten. - -Der junge Bursche rückte wieder an Antonie heran; als er sich aber -anschickte, sie wie vorhin zu umfangen, deutete das Mädchen ihm durch -stumme Zeichen an, daß dies in Gegenwart des Fremden wohl nicht -schicklich sei. Hermann schien jedoch für die verstohlene Äußerung -jungfräulichen Taktes nicht das genügende Verständnis zu besitzen, -denn sie sah sich veranlaßt, ihm heimlich einen genügend hörbaren -Klaps auf die Hand zu geben und dem verdutzt Dreinschauenden obendrein -verweisende Worte zuzuwispern. - -Daß Hermann sie gerade in der Betrachtung des kleinen Medaillons -gestört hatte, das verstohlen von dem goldenen Armband des Fremden aus -dem Ärmel hervorlugte, und in dem sie mit echt weiblichem Scharfsinn -ein schönes Frauenbild vermutete, zu dem wohl zwei schwere Zöpfe -gehörten, vielleicht von einem solch lieblichen Blond wie die krausen -Locken, die sich unter dem Hute des Fremden hervorgedrängt hatten und -nun über der Stirn im leichten Windhauch zitterten, daß Hermann sie aus -diesen wichtigen Betrachtungen gerissen hatte, sagte sie ihm freilich -nicht. - -Der Fremde hatte den Rest der Milch ausgetrunken, und Antonie beeilte -sich, ihm das leere Glas abzunehmen. - -Wenn die Alte bisher nur einige Male zu dem im Grase Liegenden heimlich -hinübergeschaut hatte, so schien ihr aber jetzt der richtige Zeitpunkt -für ein Verhör gekommen. - -Eben hatte sie eine große Kartoffel geschält und wie sie diese -zerschnitt, fielen beide Hälften klatschend in die Schüssel, daß das -Wasser über den Rand spritzte. Und mit diesem Laut war der Bann ihrer -Zunge gebrochen. - -»Der Herr ist heute wohl lange gewandert?« fragte sie. - -Der Angesprochene hatte sich im Grase lang ausgestreckt und den Kopf in -die Hand gestützt; er schien diese Frage schon längst erwartet zu haben. - -»Ja,« sagte er, »so reichlich zehn Stunden bin ich heute unterwegs, und -die Sonne hat mich von allen Seiten gehörig beschienen.« - -»Ei, ei, das ist lange,« versetzte die Greisin, die ihre Kartoffeln -ganz vergaß, »das kann nicht jedermann tun. Nun dafür hat aber der Herr -gestern gewiß weidlich geruht.« - -»Gestern? Ach nein, gestern war’s so wie heute, fast war der Weg noch -länger.« - -Wieder entstand eine tiefe Pause, und jeder der drei Rehefelder spann -von neuem seine Gedanken. - -Hermann sagte sich, daß dieser Fremde doch ein recht närrischer -Kauz sein müsse. Man stand im Zeichen der Hundstage, und die liebe -Sonne meinte es über alle Maßen gut. Darüber durfte man freilich im -allgemeinen nicht böse sein, denn der Hafer und die Kirschen konnten -noch ein paar Tage heißen Sonnenscheins gebrauchen. Aber man läuft, -wenn man’s anders haben kann, bei dieser Hitze doch nicht durch das -ganze Land. Ja, diese Stadtleute! - -Anders dachte Antonie. Das Mädchen, dessen Bild in der goldenen Kapsel -steckte, würde weit entfernt weilen, und nun ließ die Sehnsucht nach -der Geliebten ihm keine Ruhe. Er hatte sich also aufgemacht, um sein -Mädchen zu überraschen. Allerdings, dachte sie weiter, bequemer hätte -es der Verliebte doch gehabt, wenn er die Reise zu Wagen gemacht haben -würde. - -Über das welke, runzlige Gesicht des alten Mütterchens aber huschte das -Aufleuchten des Verständnisses. - -»Zwei Tage so zu marschieren, ist sehr viel,« sprach sie, »besonders in -dieser Zeit. Wenn es der junge Herr nun aber einmal getan hat, so ist -es gewiß das erste Mal, daß er diesen Weg zurücklegt, und er wähnt mit -Recht, daß der Mensch die Schönheit Gottes herrlicher Natur wandernd -viel besser genießt, als wenn er in der dumpfigen Postkutsche sitzt -und nur durch ein kleines Fenster schauen darf. Und obendrein ist es -doch nicht selten, daß die liebe Reisegesellschaft selbst das bißchen -Erbauung zerstört, das einem an dem kleinen Fenster vielleicht noch -überkommt.« - -»O, o,« dachten Hermann und Antonie gleichzeitig, »jetzt wird der Herr -die Mutter aber auslachen.« - -Ohne seine bequeme Lage aufzugeben, hatte der Fremde zugehört. Jetzt -antwortete er, belustigt durch die geschickt verkleidete Neugier der -Alten: - -»Es geht nichts über Lebensweisheit. Freilich habt ihr Recht! Manch -Schönes habe ich gesehen, was mir im Wagen entgangen wäre; und wenn -ich, vom vielen Gehen müde, mich am Abend auf das Lager strecke, so -bin ich früh doch wieder frisch und zu neuer Wanderung gekräftigt. -Freilich bin ich das Marschieren gewöhnt, schon so manches Jahr wandere -ich ja in der Welt herum. Aber nach einer Tagesfahrt in solch einem -Rumpelkasten ist es mir immer gewesen, als wenn ich für ein schlimmes -Vergehen hätte büßen müssen.« - -Antonie fühlte sich sehr enttäuscht, und ihre bisher unerschütterliche -Zuversicht in ihre Menschenkenntnis geriet arg ins Wanken. - -Die Alte hingegen war befriedigt und schmunzelte vor sich hin. - -»Da kommt der Herr wohl schon sehr weit her?« hub sie wieder an. -»Vielleicht aus dem Thüringischen?« - -»Gott bewahre,« sagte dieser, »ich komme aus Dresden.« - -»Ach, aus dem lieben Dresden,« erwiderte die Greisin. »Ich habe sie -auch einmal gesehen, die herrlichen Ufer der Elbe. Freilich ist dies -schon sehr lange her,« setzte sie mit tiefem Aufseufzen hinzu, »damals -lebte ja noch der selige Herr Oskar von Tiefenbach.« - -Mit einem Ruck fuhr der Fremde herum und schaute der Alten scharf ins -Gesicht. Dann sagte er kurz: - -»Ihr seid die Mutter Lehnhardt, nicht wahr?« - -Und wie er sich wieder zur Seite wandte, murmelte er: »Aber wie konnte -ich das denn nicht gleich wissen!« - -»Zu dienen, gnädiger Herr,« antwortete die Greisin, »doch woher kennt -Ihr meinen Namen?« - -»Mutter Lehnhardt,« erwiderte der Fremde, »wen der liebe Gott an Jahren -so gesegnet hat wie Euch, der wird weithin bekannt, ohne daß er davon -weiß. Aber sagt, wie alt seid Ihr denn eigentlich?« - -»Siebenundachtzig sind es nunmehr gewesen, Herr. Eine lange Zeit -ist’s,« fuhr sie redselig fort, »und wie viel die Augen schauen mußten, -wie vieles dem Menschen da zustößt, Glück und Leid. Aber der da droben -weiß es doch immer so einzurichten, daß den trüben Tagen wieder -Sonnenschein folgt. Und wenn ich nun auf mein Leben zurückschaue, auf -all die guten und bösen Tage, und ich sollte sagen, welche von ihnen -die andern überwogen haben, nun, so muß ich gestehen, daß die trüben -Bilder der Vergangenheit verblichen, verschwunden sind, daß mir aber -vieles des Fröhlichen, das mir beschieden war, unauslöschlich in die -Erinnerung eingegraben ist. Nun gebe mir Gott nur noch ein sanftes -Ende.« - -Die heitere Zufriedenheit, die in den einfachen Worten lag, drang dem -Fremden zum Herzen. Sie klangen von den Lippen der Greisin wie ein -Gebet. Und als sie geendet und nun mit ineinander gelegten Händen, -den Blick in die Weite gerichtet, eine Weile unbeweglich verharrte, -da überkam ihn wieder dieselbe gehobene Stimmung, die er vorhin beim -Betrachten der Natur empfunden hatte. Dort hatte er die Ruhe geschaut, -die nach beendetem Tagewerk in der weiten Werkstatt des ewigen -Schöpfers eingetreten war. Hier sah er einen alten Menschen der ein -reiches Leben voll Arbeit hinter sich hatte, und der sich nunmehr mit -müden Schritten dem Ende seiner Pilgerfahrt näherte. - -Um das welke, schmale Gesicht der Alten aber woben die letzten Strahlen -der scheidenden Sonne einen lichten Schein. - -»So kann in der zwölften Stunde seines Lebens nur ein glücklicher -Mensch aussehen,« dachte der Fremde. - -»Ach Mutter Lehnhardt,« sagte er, »vorhin hat dort oben auf der Höhe -der Anblick des Schlosses lange meine Aufmerksamkeit gefesselt. Wollet -Ihr mir nicht etwas von dem ehrwürdigen Bau erzählen? Ich bitt’ Euch -drum.« - -»Warum nicht, gnädiger Herr,« versetzte die Alte, »wenn Ihr mit meinem -Geplauder fürlieb nehmet. Ich tu es gern, denn die Erinnerungen an die -seligen Tage meiner Kindheit steigen dabei wieder in mir herauf.« - -Sie setzte den Napf zu Boden; in dem gleichen Augenblick aber sprang -vom Fensterbrett eine gelbe Katze auf ihren Schoß, die schon ein altes -Anrecht auf diesen Platz haben mochte. Und während die zitternden Hände -der Greisin das glänzende Tier liebkosten, erzählte sie die folgende -Geschichte: - -»Meine Vorfahren haben von Alters her zusammen mit den Tiefenbachs -auf dem Weißen Schlosse gelebt, sie die Herren, wir als Diener. Das -Amt des Pförtners war es, das meine Väter getreu wahrgenommen und -das sich immer vom Vater auf den Sohn vererbte. Die Chronik des -Schlosses spricht zum ersten Mal von einem Lehnhardt, der den Obristen -Gustav von Tiefenbach während des dreißigjährigen Krieges als Diener -begleitete und der, nachdem sie heimgekehrt waren und er seiner vielen -Verwundungen wegen nicht mehr kämpfen und das Roß nicht mehr besteigen -konnte, Pförtner ward. Hans hat er geheißen und so jeder Sohn bis auf -meinen seligen Vater herab. Dieser war der letzte Torwart des Weißen -Schlosses. Die Zeiten waren andere geworden; man schaffte das Amt -ab. Niemand war damit froher als er, denn Gott hatte ihm keinen Sohn -beschert und er gönnte keinem Fremden die Würde. - -Hanno von Tiefenbach ist der Urahn der Familie, und er war es auch, der -unter Kaiser Heinrich dem Vierten das Schloß im Anfang des zwölften -Jahrhunderts erbaute. Die bösen Hussiten spielten der Burg später -aber sehr übel mit, daß nur noch die Grundmauern stehen blieben, auf -denen Herr Arnulf gegen 1450 das Schloß in seiner heutigen Gestalt -aufrichtete. Viel Leid wurde dem Bau im dreißigjährigen Krieg durch die -Schweden zuteil, die sich aber an seinen unzerstörbaren Mauern tüchtig -die Köpfe einstießen. Freilich hat seine Festigkeit durch die langen -Beschießungen, denen er zu dieser Zeit ausgesetzt war, stark gelitten. -Heute ist das Schloß zwar noch immer bewohnbar, aber wer weiß auf wie -lange noch. - -Diese früheste Vergangenheit, gnädiger Herr, habe ich in den alten -Aufzeichnungen des Schlosses gelesen, zum Teil hat sie mir auch mein -Vater erzählt. - -Meine Mutter habe ich nicht kennengelernt, Gott nahm ihre Seele für -die meine. Alle süßen Erinnerungen an meine Jugendzeit sind von dem -Schlosse unzertrennlich. Mein Vater war, wie man sagte, ein wortkarger, -in sich gekehrter Mann, dem der Dienst viel Zeit übrig ließ. Aber -nur die Leute nannten ihn wortkarg, daheim war er gesprächig. Mit -wehmütiger Freude gedenke ich besonders der langen Winterabende. - -Während der Vater um neun Uhr das letzte Abendläuten besorgt und dann -den letzten Rundgang gemacht hatte, saß ich schon, ungeduldig seiner -harrend, in der großen Stube. Kein Laut war zu vernehmen, nur die -Wanduhr, deren Gehäuse bis zur Decke reichte, tickte einförmig, und im -Kamin knackten und knisterten die schweren Buchenscheite. - -Ich spitzte die Ohren. Draußen ging der Vater, schon hörte ich seine -Tritte. Er prüfte noch einmal den Torriegel und die Verankerung der -Zugbrücke, die er schon mit dem Anbrechen der Dunkelheit in die Höhe -gewunden hatte. Bevor er sich aber zur Ruhe begeben durfte, hatte er -von der Mauer nach dem Dorfe hinab drei Mal ins Horn zu stoßen. Es war -dies das Zeichen für die drunten, daß Licht und Feuer gelöscht werden -mußten. - -Und dann kam er! Dicht neben dem Tor war unsere Wohnung, die der Vater -selbst besorgte. Die Speisen erhielten wir aus dem Schlosse. - -Ich war ein rechter Wildfang, immer zu tollen Streichen aufgelegt, -furchtlos und ohne Ruhe. Aber wenn es Abend wurde, und der Vater sich -zum Erzählen anschickte, dann konnte ich stundenlang sitzen ohne mich -zu rühren, und meine Augen hingen an den Lippen meines Vaters. Und -wie konnte er erzählen! Alle Sagen, die sich mit der Geschichte des -Schlosses verwoben, und die ihm sein Vater berichtet, bekam ich zu -hören. Die Begebnisse von Jahrhunderten entrollten sich vor mir, und -ich lernte zuletzt alle verstorbenen Tiefenbachs so gut kennen, daß -sie mir vertrauter waren, als die Leute im Dorfe. Die Leiber der edeln -Herren und Frauen ruhten drunten in dem in den Felsen eingehauenen, -hohen Saal. Dort stand die lange Reihe großer und kleiner metallner -Särge, über die hinweg es manchmal in wilder Jagd ging, wenn ich mit -den beiden Burgkatzen dort spielte. Aber die Seelen der Verstorbenen -hatten mich lieb. Mit Hilfe meiner Einbildung waren sie mir treue -Spielgefährten, saßen mit mir am Tische, sprachen zu mir und hörten auf -meine Worte. Und selbst des Nachts in meinen Träumen erschienen sie mir -noch. - -Das war der Winter. - -Im Sommer saß ich meist droben in einem der Türme und blickte sinnend -hinauf zu dem blauen Himmel, oder hinunter auf die bunten Felder -und blumigen Wiesen. Dann schaute ich um mich, soweit mein Auge -reichte, und ich dachte, wie schön und wie groß ist doch die Welt! -Die flinken Schwalben, die den Turm unaufhörlich umkreisten, und -deren leichtbeschwingtem Fluge ich so gern zuschaute, kamen zu mir. -Zutraulich setzten sie sich zu meinen Füßen nieder und pickten die -Krümchen auf, die von meinem Brote auf den Sims herabfielen. Und -wenn ich sie fragte: wie hoch ist der Himmel? Da schauten sie mich -mit ihren blanken Augen erstaunt an, zwitscherten so laut, daß es mir -schien, als belustige sie mein Fragen, zogen von neuem ihre anmutigen -Kreise, stiegen höher und immer höher und verschwanden endlich in den -lichtblauen Wellen.« - -Ein Hustenanfall hieß die Greisin ihre Worte unterbrechen. Ehe sie aber -in der Erzählung fortfuhr, sagte sie: - -»Zürnen Sie mir nicht, Herr, wenn ich auch von mir selbst berichte, -aber es würde mir nicht gelingen, vom Schlosse zu sprechen, ohne meine -eigenen Erlebnisse dabei zu berühren.« - -Der Fremde machte eine Handbewegung, die andeutete, daß ihn die -Erzählung gut unterhalte, und Mutter Lehnhardt fuhr fort: - -»So verlebte ich die Jahre meiner Kindheit. Selten kam ich vom Schloß -in das Dorf hinunter. Dies geschah nur, wenn mein Vater zu mir sagte: -komm, Kind, heute ist Sonntag, da dürfen wir den Gottesdienst nicht -versäumen. - -Dann gingen wir nebeneinander den Weg hinunter. Im Dorfe sah ich viele -Menschen im Feiertagsgewand, die ebenfalls zum Gotteshause wanderten, -und Kinder, die mit einander spielten. Wenn ich an ihnen vorüberging, -unterbrachen sie ihr Spiel und schauten das fremde Gesicht verwundert -an. Ihr Zusammensein schien ihnen viel Freude zu machen, aber ich -beneidete sie nicht. Droben in meiner stillen Einsamkeit, im luftigen -Erker, tief unter mir die Welt und über meinem Haupte das hohe, -geheimnisvolle Himmelszelt, dazu das große Schweigen der lebendigen -Natur, -- dort war es doch viel schöner! - -Der Vater hatte mich das Lesen gelehrt, und ich nahm zuweilen ein Buch -mit hinauf auf den Turm, da das Zimmer mir zu eng wurde. Aber bald -entsank es meiner Hand. Die schwarzen, eckigen Buchstaben erschienen -mir steif und tot. Deshalb wollte auch das Lesen an der Stelle, wo -Alles Leben ausatmete, nicht recht gehen. Das was die Bücher von den -Menschen sagten, erzählte mir der Vater weit besser, und schwach -geradezu erschien mir, was ich von Gottes Wunderwerken las. Wie -armselig waren die Worte in ihnen, obwohl der Vater mir gesagt hatte, -daß sie ein sehr gelehrter Herr niedergeschrieben habe. Das kleine -Grashälmchen, das vor mir in der Mauerritze wuchs, die vorbeiziehenden -Vögel, die bunten Felder, der glitzernde Bach, die dunkeln Wälder und -über mir die Wolken, die majestätisch ihre Bahnen dahinzogen, sie alle -führten eine lebendigere Sprache und verkündeten mir mit nicht zu -übertreffenden Worten das geheimnisvolle Walten des Höchsten. - -Aber man muß diese Sprache auch verstehen! - -Ein jäher Schlag sollte meinen Freuden ein rasches Ende bereiten. Ich -war sechzehn Jahre alt. - -Mein Vater wurde krank und starb nach wenigen Tagen. Mich nahm man ins -Schloß, wo ich der alten Beschließerin zur Hand gehen mußte. Aber das -Arbeiten machte mir Freude. Es ließ mir freilich nicht mehr so viel -Zeit zum Träumen, half mir aber den schmerzlichen Verlust des innig -geliebten Vaters leichter ertragen. - -Der Herr des Schlosses war zu jener Zeit der greise Herr Leopold von -Tiefenbach. - -Er hatte in Polen zur Seite König Augusts des Starken wiederholt -gekämpft und war von ihm zum Lohne für seine Tapferkeit in den -Freiherrnstand erhoben worden, mit der Bestimmung, daß dieser Titel -sich auf den ältesten Sohn in der Familie vererben solle. - -Die edle Gattin des Schloßherrn, die schon lange gestorben war, hatte -ihm drei Söhne hinterlassen. Dem ältesten, Udo, wurde einmal das -Schloß. Damit aber auch seine Brüder Oskar und Egbert einen eigenen -Besitz haben sollten, ließ der Vater unten im Dorfe ein Anwesen -errichten, für das er von den Bauern die besten Felder kaufte, und -das von der Zahlung der Abgaben an das Schloß befreit wurde. Schöne -steinerne Gebäude wurden aufgeführt, und mit allem wurde das Gut -reichlich versehen. Dann übergab er es einem alten Bauern aus dem Dorfe -zum Verwalten. Erst nach des Vaters Tode sollten die beiden Brüder den -Freihof beziehen. - -Der Erbe des Majorats hatte sich mittlerweile die junge Gräfin von -Eckartsberg zur Gattin erkoren. Sie war eine blendend schöne Frau, -aber so stolz! Hu, es schauerte einem, in ihrer Nähe zu weilen, ein -solcher Eishauch ging von ihr aus. Sie hatte für uns Leute keinen -Blick. Der Freiherr sah stillschweigend auf die Schwiegertochter, als -wenn er im Innern die Wahl seines Sohnes nicht recht billigen könne. -Aber Herr Udo war von ihrer Schönheit ganz geblendet und gab sich ihrem -Einflusse willig hin. Schon immer war er ja selbst unfreundlich mit den -Schloßbediensteten gewesen, jetzt achtete er unser gar nicht mehr. - -Sein um zwei Jahre jüngerer Bruder Oskar bildete den schroffsten -Gegensatz zu ihm. Schon äußerlich ähnelten die Brüder sich nicht. -Während Udo klein und zierlich war, war Oskar von hohem Wuchs und -hatte einen kraftvollen Körper. Er war unser aller Liebling und stets -auf unser Wohl bedacht. Aber zuweilen konnte er doch sehr zornig -werden! Vor allem duldete er nie den leisesten Widerspruch. - -Der jüngste der Brüder, Egbert, war wieder zart und hing mit inniger -Liebe an Oskar. - -Just um dieselbe Zeit, zu der Udo fast täglich nach Eckartsberg -hinüberritt, um die schöne Gräfin Sophie zu besuchen, faßte Oskar eine -tiefe Zuneigung zu der Tochter eines der angesehensten Bauern des -Nachbardorfes Zehmen. Einen glücklichen Ausgang dieses Verhältnisses zu -finden, war aber sehr schwierig, da sich bisher noch kein Tiefenbach -ein Mädchen niederer Geburt zur Gattin erwählt hatte. - -Aber Herr Oskar war nicht der Mann, sich von der Ausführung eines -Vorhabens durch Hindernisse zurückhalten zu lassen. Und er sann darüber -nach, wie er des Vaters Einwilligung zu diesem Schritt erhalten könne. -So oft er den Vorsatz aber faßte, ihm seine Neigung anzuvertrauen, -ebenso oft verschob er das Geständnis auf eine günstigere Gelegenheit. - -Da kam ihm das Schicksal entgegen. - -Das was ich jetzt erzähle, gnädiger Herr, habe ich später wiederholt -von Herrn Oskar selbst gehört, als er es seiner Tochter, der jetzigen -Freihoferin mitteilte. - -Der Freiherr ließ Oskar eines Tages rufen und forderte von ihm -Rechenschaft. Der Vater der Geliebten war auf das Schloß gekommen und -hatte dem Freiherrn mitgeteilt, daß er die Besuche seines Sohnes Oskar, -so hoch er ihn auch schätze, nicht mehr gestatten dürfe, da andernfalls -seine Tochter zum Gespött der Leute werden würde. Er brauche es wohl -kaum auszusprechen, hatte er weiter erklärt, daß die Neigung des -Herrn von Tiefenbach ihn und seine Familie hoch ehre, aber er müsse es -als Vater verhindern, daß auf den Namen seiner Tochter auch nur der -Schein eines Makels falle. Der Herr Baron möge sich nur in seine Lage -versetzen. - -Oskar war der Lieblingssohn des alten Freiherrn, der seinen geraden und -vornehmen Sinn hoch achtete. Aufmerksam hörte er das Geständnis seines -Sohnes an, das in der Bitte ausklang, ihm kein Hindernis zu bereiten, -sondern die viele Liebe und Güte, die er ihm bis jetzt zugewendet, -durch seine Einwilligung zu dem Herzensbund von neuem zu bezeigen. -Dabei verfehlten die einfachen Worte, mit denen Oskar den trefflichen -Charakter der Geliebten schilderte, wie auch die männliche Festigkeit -gepaart mit kindlicher Unterwerfung, mit der er seine Bitte vorbrachte, -nicht, einen tiefen Eindruck auf den Freiherrn zu machen. - -Er kannte seinen Sohn und wußte, daß er ein echter Tiefenbach war. - -Der Vater versammelte darauf seine drei Söhne um sich und sprach über -Oskars Neigung und Bitte. Er sei weit davon entfernt, seinem Kinde -dafür zu zürnen, daß es das zu tun begehre, was ihm sein Herz gebiete. -Denn nicht bloß in Schlössern, sondern auch in Hütten werde der Adel -der Gesinnung geboren, und er sei davon überzeugt, daß jeder von ihnen -wisse, was er dem fleckenlosen Wappenschilde des Geschlechtes schulde. -Wenn er aber nicht ohne weiteres sein Jawort erteilen könne, so wäre es -deshalb, weil dieser Schritt in der Familie noch nie getan worden sei, -und er ihm die höchste Bedeutung beimesse. Er müsse erst Rat mit sich -halten, bevor er einen Entschluß fassen könne. Bis dahin möge Oskar -sich gedulden und der Liebe seines Vaters vertrauen. - -Mit diesen Worten küßte der Freiherr den Sohn auf die Stirn, dem, -überwältigt von der tiefen Bewegung, die die gütigen Worte bei ihm -hervorgerufen hatten, die Tränen in die Augen getreten waren. - -Wenige Tage darauf standen die Brüder erschüttert an der Leiche -ihres Vaters. Er hatte einen Ritt über die Felder unternommen. Beim -überraschenden Auffliegen eines Rebhühnervolkes hatte das Pferd -gescheut und den alten Herrn abgeworfen. Unglücklicherweise war -er mit dem linken Fuße im Steigbügel hängen geblieben und von dem -galoppierenden Pferde eine große Strecke geschleift worden. Und als es -dann gelang, das Tier aufzuhalten, fand man den Freiherrn entseelt vor. - -Ja, Herr,« begann die Greisin nach einer Pause von neuem, »wir fühlten -uns alle verwaist; es war, als wenn uns der Vater genommen wäre. Eine -düstere Ahnung sagte den Dienstleuten, daß die gute Zeit für sie -vorüber sei. - -Seitdem die junge Frau an Herrn Udos Seite in das Schloß eingezogen -war, hatte ich bei ihr den Dienst als Zofe verrichtet. Es war dies eine -schlimme Zeit für mich! So viele Mühe und Sorgfalt ich auch auf meine -Arbeiten verwendete, wurde mir von meiner Herrin doch niemals ein Wort -der Anerkennung zuteil. Zürnende Blicke und Scheltworte empfing ich -täglich und wenn ich glaubte, daß ich alles getan, um meine Arbeit zur -Zufriedenheit verrichtet zu haben, erntete ich Tadel. Wie schmerzlich -trafen mich die kränkenden Worte! - -Als sich der Tag des Begräbnisses seinem Ende zuneigte, und die letzten -Leidtragenden von der Tafel aufgestanden waren und das Schloß verlassen -hatten, forderte der neue Schloßherr seine Brüder auf, ihn in das -Zimmer des Vaters zu begleiten. - -Schon immer hatte ich gefürchtet, daß Udo und Oskar einmal hart an -einander geraten würden. Aber zu Lebzeiten des alten Freiherrn vermied -es Udo, den Bruder zu reizen. Udos Verhalten aber war, seitdem er den -Einflüsterungen seiner Gemahlin das Ohr lieh, immer herrischer und -finsterer geworden und das Verhältnis der beiden Brüder zu einander -immer gespannter. - -Heute sollte das von mir längst Vorausgesehene eintreten. - -Der Vorfall dieses Abends ist mir, da ich wider Willen Zeuge sein -mußte, unvergeßlich geblieben. - -Nachdem ich der gnädigen Frau Baronin beim Auskleiden behilflich -gewesen war, war ich dabei, die starken Zöpfe aufzumachen, um das -Haar zu kämmen und für die Nacht von neuem einzuflechten. Ich hatte -gerade die letzte Flechte geöffnet und breitete nun das seidenartige -Haar aus, das ihre blendendweißen Schultern wie ein goldener Mantel -umfloß. Da hörte ich, wie die Brüder in das anstoßende Zimmer traten. -Einen Augenblick verharrte die Frau Baronin unbeweglich, sie schien um -einen Entschluß zu kämpfen. Dann stieß sie mir die Hände zurück und -sprang zu der hohen Flügeltür, die sie, während die Herren sich Stühle -heranzogen, leise öffnete. Mit einer weiteren, unerhörbaren Bewegung -glitt sie sodann zu der Lampe vor dem hohen Spiegel auf dem Putztisch -und schraubte die Flamme tief herab, damit kein verräterischer -Lichtschimmer in das Nebenzimmer falle. Darauf näherte sie sich mir, -beugte sich zu meinem Ohre nieder und raunte mir zu, daß ich mich nicht -von der Stelle rühren solle. Sie selbst trat an den Türspalt. Ich stand -dicht hinter ihr und sah die Herren sitzen. Mir war so unsagbar bang -zu Mute, kaum wagte ich, zu atmen, aus Furcht, daß die Atemzüge meine -Gegenwart verraten könnten. - -Der Freiherr saß am Schreibtisch des Verstorbenen und entnahm diesem -eine dicke Ledermappe, die er öffnete und deren einzelne Blätter er -aufmerksam prüfte. Die beiden Brüder schauten ihm zu. - -Nach einer Weile sagte Herr Udo: - -»Das Testament des Vaters ist so geblieben, wie er es uns früher schon -einmal vorgelesen hat. Überzeugt Euch davon, hier ist es.« - -Mit diesen Worten reichte er es Herrn Oskar. Dieser öffnete das -Blatt, sah flüchtig darauf und gab es sodann Egbert, der das Papier -zusammenfaltete und es, ohne einen Blick hineingeworfen zu haben, -zurück auf den Schreibtisch legte. - -»Ihr erkennt also das Testament für richtig an?« fuhr der Freiherr fort. - -Die Brüder bejahten. - -Eine Pause trat ein, keiner rührte sich. Nur die hastigen Atemzüge der -Frau Baronin vernahm ich. - -Herr Udo hielt seine Augen auf die lederne Mappe gerichtet, als er -langsam begann: - -»Oskar, hast Du Dich schon entschlossen, wann Du die Bewirtschaftung -des Freihofes übernehmen willst?« - -»Ja,« klang es zurück, »noch heute.« - -Das Gesicht des Freiherrn blieb bei diesen Worten unbeweglich. - -Er wandte sich an den jungen, mädchenhaften Herrn Egbert und sagte: - -»Ich brauche es wohl nicht erst auszusprechen, daß Dir, solange Du es -wünschest, alles in bisheriger Weise zur Verfügung steht.« - -Der Angesprochene schien verwirrt durch dieses Anerbieten. Er sah einen -Augenblick vor sich nieder, dann sagte er: - -»Du bist sehr gütig, Bruder. Aber ich gehöre ebenfalls auf den Freihof.« - -Der Freiherr blieb regungslos. - -»Wie Ihr wollt. Trefft Eure Anordnungen für die Überführung Euers -Eigentums nach Euerm neuen Heim. -- Noch eine Frage: Glaubt Ihr, noch -einen Anspruch an mich zu besitzen, oder ist Euch das geworden, was -nach des Vaters Willen und den Gesetzen Euch geziemt?« - -Die Brüder erklärten sich für abgefunden. - -Während dieser Worte waren die Herren aufgestanden. Der Freiherr und -Herr Oskar standen einander gegenüber, hinter diesem stand Herr Egbert. - -Sekunden vergingen, ohne daß einer von ihnen das Schweigen brach. Das -Abschiednehmen schien allen schwer zu fallen. - -Ich beobachtete Herrn Oskar; der volle Schein der Lampe fiel auf sein -Gesicht. Er dachte wohl an den teuern Toten, der an diesem Tische so -oft gesessen hatte und dessen Wunsch es immer gewesen war, die Brüder -einträchtig zu sehen. - -Seine Blicke schweiften im Zimmer umher und hafteten bisweilen längere -Zeit auf einem Gegenstand, ehe sie weiter glitten. - -Das alte Schreibzeug, gefertigt aus dem wunderlich gewachsenen Gehörn -eines Rehbocks, das dunkle Eckbrett, auf dem die vielen Pfeifen mit -tönernen und hölzernen Köpfen sorgfältig gehütet neben einander -standen, der kunstvoll geschnitzte Tisch, die schweren Stühle und die -vielen Gegenstände aus Hirschhorn, -- alle schienen ihn vertraulich zu -grüßen wie einen alten, lieben Bekannten. - -Sein bisher düsteres Auge hellte sich auf, als wenn er der Tage -gedächte, in denen er es als eine Gunst betrachtete, wenn er spielend -in des Vaters Arbeitszimmer verweilen durfte, während dieser am -Schreibtische saß. - -Da fiel Herrn Oskars Blick hinauf auf das Bild, das dort über dem -Tische in schlichtem Rahmen hing: das Bild des teuern Vaters, das ihn -bereits gebeugt unter der Last der Jahre wiedergab. Er sah die Augen -des Verblichenen auf sich gerichtet, als ob er ihn ermahnen wolle, -seine Handlungen nicht von Verdruß und Eigensinn beherrschen zu lassen. - -Den jungen Mann überkam eine tiefe Wehmut. - -Hier standen sie nun, die Brüder, die Söhne des Mannes, der stets -bestrebt gewesen, wohlzutun, und der den geringsten der Menschen -nicht von sich gehen lassen mochte, ohne freundlich zu ihm gewesen -zu sein. Sie standen hier am Scheidewege. Und nach der Stimmung, die -sie beherrschte, genährt durch ihre ungleichen Naturen, bedeutete ihr -Auseinandergehen eine Trennung fürs Leben. So wollten sie seine Lehren -in den Wind schlagen! Und dabei war er gewiß mit einem Gebet für sie -aus dem Leben gegangen. - -Hingerissen von der tiefen Bewegung, die ihn erfüllte, trat Oskar -mit raschen Schritten auf den Bruder zu, der zwischen Stuhl und -Schreibtisch stand, und streckte ihm die Hand entgegen. - -Der Freiherr richtete sich bei dem plötzlichen Näherkommen des Bruders -auf und sah ihm unverwandt in die Augen. - -Ein heftiges Zittern überfiel mich, denn ich bemerkte, wie das Gesicht -des Herrn Oskar unter diesem Blicke starr wurde. Langsam sank ihm die -Hand herab. - -Da begann der Freiherr, seine Stimme klang kalt: - -»Ich muß mit Dir noch ein Wort sprechen, Oskar, bevor wir scheiden. -Ich stehe vor Dir, als der Vertreter der Familie, als das Oberhaupt -eines, wie Du weißt, der ältesten Geschlechter des Landes, dessen -Wurzeln selbst bis in die Zeit des Werdens der Wettiner hineinragen. -Die höchsten Ziele, die unsern Vorfahren vor Augen standen, waren -allzeit die Gunst ihrer gnädigen Landesherren, die Hochhaltung ihres -fleckenlosen Namens und ein seliges Ende. Und um diese edeln Güter -kämpften und starben sie. Die Jahrhunderte haben unter den Tiefenbachs -die verschiedensten Naturen gesehen, aber es hat keinen unter ihnen -gegeben, bei dessen Erwähnung die Nachkommen erröten müßten. Die -Ehre stand ihnen über allem. Aus all’ diesem aber ergibt sich von -selbst, daß die Glieder eines so uralten und stolzen Geschlechts -heilige Pflichten haben, und daß das Ansehen des Namens sie selbst zu -Opfern bereit finden muß. Und deshalb, Oskar, halte ich es für meine -Pflicht, Dich zu ermahnen, daß Du niemals die uns heiligen Traditionen -vergessen mögest, damit auch die kommenden Geschlechter das Andenken -ihrer Väter so rein finden, wie wir es vorgefunden haben!« - -Der Freiherr hatte die Worte langsam und mit zuweilen scharfer Betonung -gesprochen. Am Schluß seiner Rede hatte er die Stimme erhoben. - -Oskar stand wie eine Bildsäule und starrte dem Bruder ins Gesicht. Er -hatte die Herrschaft über sich vollkommen verloren, seine breite Brust -bewegte sich in tiefem Heben und Senken, wie von einer übermächtigen -Leidenschaft bemeistert. Wiederholt versuchte Oskar zu sprechen, aber -die Sprache versagte ihm den Dienst. Endlich drangen zwischen den -bebenden Lippen die abgerissenen Worte hervor: - -»Warum das, warum diese seltsamen Ermahnungen, mit denen Du mich, wie -Du empfinden mußt, tief verletzest? Aber ich will selbst den Kern aus -seiner Hülle schälen: ein falscher Stolz verbietet Dir, Dich damit -abzufinden, daß Dein Bruder um sein Weib anderswo freit, als dort, wo -es bisher für einen Edelmann der Brauch wollte. Ich gebe es zu, daß der -von mir beabsichtigte Schritt, als erster dieser Art, dem Zuschauenden -ungewöhnlich erscheinen muß. Aber das zu tun, was man in früheren -Zeiten zu unterlassen für richtig fand, wird einstmals gute Sitte, -sofern es nicht mit den göttlichen Gesetzen in Widerspruch steht. So -will es der Wandel der Zeiten und der Wille der Menschen, der ihren -Tagen die Prägung gibt, und es wäre töricht, wollte man es versuchen, -den Lauf des rastlos vorwärts tosenden Weltenstroms aufzuhalten. Mit -Dir aber von dem zu sprechen, was mir ein Heiligtum ist, hieße, dies -Heiligtum verunglimpfen. Ich werde meinen Vorsatz ausführen und -niemand soll es wagen, mich daran zu hindern. Spätere Tiefenbachs mögen -meine Richter sein!« - -Herr Oskar war, während er sprach, ruhiger geworden. - -»Und ich verbiete Dir, daß Du den Namen unserer Familie in den Schmutz -ziehst!« schrie der Freiherr, mit der Faust auf den Tisch schlagend. - -»Hüte Dich, mich noch einmal zu reizen,« klang es zurück, »schon viel -zu weit hast Du dieses frevelnde Spiel getrieben. Ich trage in meinem -Innern die unumstößliche Überzeugung, daß der Vater meinen Schritt noch -gebilligt haben würde, und nur der überraschende Tod ihn verhinderte, -mir seinen Segen zu geben. Ich habe Dir bereits erklärt, daß ich meinen -Vorsatz ausführen will, und ich werde ihn ausführen!« - -»Und wenn es nicht in meiner Macht steht, diesen Schritt zu verhindern, -so vermag ich doch, mich der Mittäterschaft zu entziehen, indem ich -alle Bande, die uns bisher fesselten, von diesem Augenblick ab für -gelöst erachte. Du trittst mit dem Verlassen des Schlosses gleichzeitig -aus der Familie der Tiefenbachs aus. Du bist nunmehr frei, wirf Dich in -die Arme einer Dir ...« - -»Halt ein, kein Wort weiter!« donnerte Herr Oskar, den die Wut sinnlos -machte, indem er auf den Bruder eindrang. - -»Wenn Du weiter sprichst, so stehe ich für meine Handlungen nicht -mehr ein! So mißbrauchst Du also den Platz, den Dir unser edler Vater -soeben abgetreten hat. Wehe Dir, Du Vermessener, der Du noch nicht -weißt, ob Dir mit Deinem hochmütigen Sproß aus vornehmem Geschlecht -so glückliche Tage beschieden sein werden, wie mir mit dem Weib aus -dem Dorfe. Aber,« fuhr er fort, und seine mächtige Stimme dröhnte von -den hohen Wänden des Gemaches wider, »ich gebe Dir Dein Wort zurück. -Aufgehoben sei alle Gemeinschaft zwischen uns und unsern Nachkommen, -und ein Gottesgericht treffe den, der es wagen sollte, diesem Spruche -zu trotzen!« - -Während dieser letzten Worte war die Frau Baronin unbemerkt durch die -Tür in das Zimmer getreten, das Haar offen und den Nachtmantel von den -Schultern herabgesunken. Ihr Gesicht war marmorbleich, und ihre Augen -funkelten vor Zorn. - -»Udo!« schrie sie den Freiherrn an, »laß diesen Menschen mit Hunden -vom Schlosse hetzen! Rühr Dich doch, handle! Hörst Du nicht, wie sie -in ihren Ställen hungrig kläffen, sie wittern Aas. Mich verlangt es -danach, sein Schmerzensgeschrei zu hören! So handle doch, -- Memme!« - -Und sie brach in ein entsetzliches Lachen aus. - -Herr Oskar hatte sich schon zur Tür gewandt um das Zimmer zu verlassen. -Egbert folgte ihm. Noch einen Augenblick hielt Oskar inne und sagte zu -dem Bruder: - -»Sieh doch, Egbert, dieses Weib ist wahrhaftig eine Teufelin!« - -Dann schlug die Tür hinter ihnen krachend zu. - -Meine Glieder waren wie gelähmt. Jetzt kam Bewegung in mich. Von einer -wahnsinnigen Angst erfaßt, stürzte ich den Brüdern nach. Auf der Treppe -erreichte ich sie und alle Rücksichten, die mir meine Stellung gebot, -vergessend, hing ich mich an Herrn Oskars Arm und flehte mit bebender -Stimme: - -»Gnädiger Herr, nehmen Sie mich mit fort von hier, und lassen Sie mich -Ihre niedrigste Magd sein!« - -Er blieb stehen und schaute sich nach mir um. Ich fühlte, wie seine -Hand über meine brennende Stirn strich. Eine dunkle Binde schien sich -auf meine Augen zu legen. Ich merkte noch, daß er die Arme um mich -schlang, mich aufhob und mit mir die Treppe hinabstieg; dann verlor ich -das Bewußtsein. - -In derselben Nacht jagte ein heftiger Donnerschlag die Bewohner -des Dorfes aus den Betten; -- der westliche Turm des Schlosses war -eingestürzt. - -Drei Monate später fand auf dem Freihofe Hochzeit statt. Die Wunde, -die der Tod des Freiherrn geschlagen, war noch zu frisch, daß man -laut gejubelt hätte. Aber es war doch ein Ereignis, zu dem die Gäste -und viele Neugierige von weit und breit zusammenströmten. Und als der -festliche Spruch verklungen war, den Herr Egbert auf eine fröhliche -und glückliche Zukunft des Brautpaares ausgebracht hatte, erhob sich -der Bräutigam von seinem Platze. Unter lautlosem Schweigen sprach er -mit schlichten Worten aus, wie er der Stimme seines Herzens hätte -folgen müssen und er fortan nicht bloß unter den Bauern sein Leben -zubringen wolle, sondern daß er stolz sein würde, als ein rechter -Bauer genannt zu werden. Der Schritt, den er unternommen, hätte eine -tiefe Kluft zwischen ihm und denen auf dem Schlosse aufgetan. In -seiner Brust aber wohne kein Zwiespalt, denn er trage die Überzeugung -von der Makellosigkeit seines Tuns. Und die Liebe seines Weibes und -das Vertrauen und die Zuneigung seiner Nächsten würden ihn reich -entschädigen. -- - -Nun, Herr Oskar von Tiefenbach fand in seiner Ehe das was er erhofft -hatte in reichem Maße, denn mit dem jungen Weibe war das Glück auf dem -Freihof eingezogen. Sie war eine tüchtige Bäuerin und eine zartsinnige -Lehrmeisterin für ihren Gatten. In wenigen Jahren schien es, als wenn -Oskar von Tiefenbach nie anderswo als auf einem Bauernhof gewohnt -habe; er war ein Landmann geworden, der seinen Beruf erkannt hatte und -reiche Befriedigung in ihm fand. Des Freihofers sicheres und treffendes -Urteil, seine vielseitige Bildung und nicht zuletzt sein biederer, -freimütiger Charakter zog alle zu ihm hin, und bald betrachteten ihn -die Dorfbewohner als einen der ihrigen. Von dem Freiherrn sprach er -nie, aber ein glühender Haß gegen den Bruder erfüllte seine Seele. - -Herr Egbert hatte kurze Zeit nach der Vermählung den Freihof verlassen -und war zum Hof des Kurfürsten nach Dresden gegangen. Dieser nahm ihn -als Junker auf, und schon ein Jahr später bat er seinen Bruder und die -Schwägerin, seiner Hochzeit mit der Tochter des Generals von Zeschau -beizuwohnen. - -Mit Jubel wurde diese Botschaft auf dem Freihofe begrüßt, und Herr -Oskar und Frau Martha trafen ihre Vorbereitungen zur Reise, auf der ich -sie begleiten sollte. Bei dieser Gelegenheit sah ich das liebe Dresden, -und die Erinnerungen an jene Tage sind mir bis in mein hohes Alter -getreulich gefolgt. - -Bald darauf verließ ich den Freihof, um meinem Ferdinand die Hand -fürs Leben zu reichen. Im darauffolgenden Jahre bescherte mir Gott -ein wonniges Glück: ich genas eines Knaben, während mein Mann unter -Sachsens Fahnen gegen den großen Preußenkönig focht. Wenige Wochen -später drang die Kunde der Niederlage der Sachsen bei Kesselsdorf durch -das Land. Alles war bestürzt. Ich aber weinte und hielt mein Kind fest -umschlungen, denn ich hatte meinen Mann verloren und war eine Witwe von -einundzwanzig Jahren. - -Ich ging wieder zu den Tiefenbachs. Die Freihoferin war eben vom -Wochenbett aufgestanden. Kurz darauf warf eine hitzige Krankheit sie -hart darnieder. Und während die Arme mit dem Tode rang, gab ich dem -Neugeborenen und meinem eigenen Kinde die Brust. Da die Krankheit nur -langsam wich, stillte ich ihr Mädchen auch weiterhin. - -Das ist nun freilich schon lange her! Das Mädchen wuchs heran, und -heute ist Konstanze von Tiefenbach Freihoferin. Sie war schon über die -Vierzig hinaus, als sie sich vermählte. - -Des Herrn Egberts Sohn war gekommen, um die traurige Botschaft zu -bringen, daß er kurz nacheinander Vater und Mutter hätte begraben -müssen. Das Leben auf dem Freihof, mehr aber noch die Liebe zu seiner -Base, bewogen ihn zum bleiben für immer. Ein Knabe und ein Mädchen -entsprossen ihrer Ehe. Nun ist auch die Freihoferin alt geworden und -hat ihrem Sohne Max die Sorge um den Hof überlassen. - -Mein Sohn hielt es in Rehefeld nicht lange aus. Als junger Bursche -schnürte er das Ränzel und zog viele Jahre in der Welt umher. Endlich -war er müde geworden. Er kehrte heim zu seiner Mutter und brachte -sein Weib mit, ein junges Ding aus dem Norden Italiens, mit großen, -schwarzen Augen und einem Mund voll blendendweißer Zähne. Sie hatte -viel Gemüt, aber leidenschaftlich heftig konnte sie sein. - -Nun ruhen auch er und sein Weib schon längst unter dem Rasen. Aber -zurückgelassen haben sie mir doch etwas Liebes. Gelt, Hermann,« sagte -die Greisin, sich zu dem jungen Mann neben ihr wendend, der bei ihren -Worten errötete, »Du bist die Freude meines Alters! - -Treu habe ich den Tiefenbachs während vieler Jahre gedient und gute -und böse Zeiten mit ihnen durchlebt. Jetzt esse ich seit Jahren das -Gnadenbrot, das mir die mildtätige Freihoferin gewährt. Meine Kräfte -taugen nichts mehr, sie sind dahin. Ich kann den Tiefenbachs nicht mehr -nützlich sein. Dafür ist Hermann aber an meine Stelle getreten. Er -waltet auf dem Freihofe als rechte Hand des Herrn Max.« - -Die Greisin hatte ihre Erzählung beendet; nun schwieg sie erschöpft. - -Die beiden Liebenden saßen eng umschlungen neben einander. So -ausführlich wie heute, hatte die Mutter lange nicht erzählt. - -In Gedanken versunken, schaute der Fremde hinüber zu dem Schlosse, in -dessen Fenstern sich das letzte Abendrot spiegelte. - -»Was ist aus Udo von Tiefenbach und seiner schönen Frau geworden?« -fragte er. - -»Das Verhältnis der beiden Ehegatten zu einander wurde von Jahr zu -Jahr schlechter. Auch die Geburt eines Sohnes konnte keine Besserung -herbeiführen. Die Baronin Sophie liebte rauschende Feste, deshalb -erfüllte sie das stille Schloß mit Lärm. Später ging Herr Udo mit -seiner Gemahlin während des größten Teils des Jahres auf Reisen. - -Eines Tages kehrte er allein zurück. Man sagte, die Baronin sei mit -einem österreichischen Edelmann auf und davon gegangen. Verbittert und -weltscheu ist er im hohen Alter gestorben.« - -»Und ist der Haß zwischen den beiden Familien nunmehr geschwunden?« - -Die Greisin seufzte tief auf. Dann sagte sie: - -»Der heutige Freiherr und seine Tochter Maria sind tief betrübt über -die zerrissenen Bande der Tiefenbachs; in den Leuten auf dem Freihofe -aber lodert noch der Haß, wie ehedem in Herrn Oskars Brust!« - -Schweigend sah der Fremde wieder nach dem Schloß hinüber, auf das -nunmehr die Dämmerung leichte Schatten warf. Niemand sprach ein Wort. -Die gelbe Katze in Mutter Lehnhardts Schoß schnurrte nur emsig. -Plötzlich richtete sich das Tier auf, machte einen hohen Buckel und -sprang auf die Erde. Die nassen Stellen auf den Steinen sorgfältig -vermeidend, lief es nach der Tür und verschwand dann im Hause. - -Der bisher leichte Wind hatte sich verstärkt. Seine Kühle war während -des Erzählens unbemerkt geblieben, jetzt aber begann den Fremden zu -frösteln. - -Langsam stand er auf, und mit ihm erhob sich der kleine Kreis. Er zog -seine Börse, ein Gespinst von feinen Silberfäden, und entnahm ihr ein -Geldstück. - -»Mutter Lehnhardt,« sagte er, »ich bin Euch vielen Dank dafür schuldig, -daß Ihr meinen Wissensdrang nach der Geschichte des Schlosses und der -Familie Tiefenbach so erschöpfend befriedigt habt. Nehmt diese Gabe und -herzlichen Dank obendrein.« - -Die Greisin wollte ihm wehren, aber er drückte ihr das Geld in die Hand. - -Betroffen sah es die Alte an: - -»Herr,« sagte sie, »Ihr habt Euch vergriffen, -- einen Silbertaler ...!« - -»Nehmt ihn nur,« entgegnete der Fremde, »und betrachtet ihn aufmerksam, -denn er trägt das Bildnis unseres allergnädigsten Königs Friedrich -August.« - -Die Greisin verneigte sich tief vor dem Fremden und würde ihm die Hand -geküßt haben, wenn er sich nicht so schnell zur Tür gewandt hätte. - -»Lebt wohl, Mutter Lehnhardt,« sagte er, »wir sehen uns heute nicht zum -letzten Mal.« - -»Ach,« fragte diese erstaunt, »dann führt den Herrn wohl der Weg hinauf -auf das Schloß?« - -Der Fremde war mittlerweile, zum Abschied grüßend, auf die Straße -getreten und hatte sich zum Weiterschreiten gewandt, als er die Frage -der Greisin vernahm. - -Lächelnd wandte er sich noch einmal um und rief zurück: - -»Auf das Schloß nicht, -- auf den Freihof!« - - - - -2. Kapitel. - - -Max von Tiefenbach war von einem scharfen Ausritt heimgekehrt, den -er in der Richtung auf Zehmen zur Besichtigung des Saatenstandes -unternommen hatte. - -Nun stand er auf dem Hofe neben dem warm gewordenen Pferde und -strich ihm über die Fesseln der Vorderfüße, nachdem er die braunen -Wickelbänder von ihnen gelöst hatte. - -Das Tier schlug mit dem langen Schweife kräftig seine Weichen, um -sich der Mücken zu erwehren, die es umschwärmten. Sein Herr verfolgte -aufmerksam diese Anstrengungen und kam ihnen dadurch zu Hilfe, daß er -selbst hier und da einen dieser Blutsauger abschlug. - -Drüben am Stalle stand ein Knecht, der einen Strohwisch drehte, um den -Braunen damit abzureiben. - -Herr von Tiefenbach versetzte dem Pferde einen leichten Schlag auf den -Schenkel, worauf das Tier hinüber nach dem Stall trabte. Hell klang der -Hufschlag von dem Pflaster des weiten Hofes wider, dessen Einzelheiten -in der hereinbrechenden Dunkelheit dem Auge bald verschwanden. Hierauf -ging der Herr des Freihofs noch einmal durch die Rinderställe und trat -dann wieder auf den Hof, um sich nach dem Familienhaus zu begeben, als -er vom Tore her Schritte vernahm, die sich rasch näherten. - -Er wandte sich um. Wer konnte das sein? Von den Leuten war vielleicht -noch ein Verspäteter mit einer letzten Verrichtung des Tages -beschäftigt, die meisten von ihnen aber saßen schon geraume Zeit -drinnen in der Stube beim Abendessen. Das Abendläuten hatte eben -begonnen. Es war neun Uhr. - -Der Unbekannte hatte den Mann auf dem Hofe entdeckt und ging auf ihn -zu. Als er näher an ihn herankam, verlangsamte er die Schritte, bis er -dicht vor ihm stehen blieb. - -»Grüß Dich Gott, Max!« sagte er, indem er dem Angesprochenen die Hand -darbot. - -Dieser trat erstaunt an den Sprecher heran. Die Stimme klang ihm -bekannt, ohne daß er es vermocht hätte, ihren Besitzer zu erkennen. -Obwohl die Körpergröße des Fremden noch über das Mittelmaß -hinausragte, erschien er doch klein neben dem mächtigen Wuchs des Herrn -von Tiefenbach, der sich deshalb auch herabbeugen mußte, um dem Fremden -scharf ins Gesicht zu schauen. - -»Bernhard! Ist es möglich, Du hier!« rief er erfreut aus, den -Angekommenen herzlich umarmend. »Willkommen, willkommen auf dem -Freihofe! Jahrelang habe ich vergebens auf Deinen Besuch gewartet, und -nun kommst Du so überraschend. Das hast Du recht gemacht, alter Junge!« - -»Du hättest eigentlich Ursache, mir zu zürnen, Max,« antwortete der -Fremde, »nachdem ich Dir für vorigen Sommer meinen Besuch bestimmt -versprochen hatte. Aber Du weißt, der Soldat ist eben selten in der -Lage, über seine Zeit zu verfügen; er harrt immer der Oberen Befehle.« - -Herr von Tiefenbach hatte seinen Arm schon unter den des Freundes -geschoben und führte diesen nach der offenen Tür des Hauses. Bevor sie -eintraten, blieb Max plötzlich stehen und fragte: - -»Wirst Du uns aber auch nicht gleich wieder verlassen? Wie lange hast -Du denn Urlaub?« - -»Beruhige Dich, mein Lieber,« antwortete der Angekommene. »Da ich nun -einmal hier bin, wirst Du mich nicht so bald wieder los.« - -Sie waren bei diesen Worten in den dunkeln Hausflur getreten. Max ging -schnell voraus und öffnete eine Tür, durch die heller Lampenschein -herausdrang. - -»Mutter,« rief er, »einen Gast bringe ich Dir. -- Rate einmal wer es -ist!« - -Der Blick des Fremden fiel in das Zimmer, ein geräumiges Gemach mit -schweren, altväterischen Möbeln, das von einer Hängelampe erleuchtet -wurde. In der Mitte des Raumes stand ein großer, runder Tisch, auf -dessen weißem Tuche das Abendbrot aufgetragen war. - -In einem hochlehnigen, mit Leder bezogenem Stuhle saß eine Frau, die -in einem Buche las, von der Form der auf dem Lande damals im Gebrauche -befindlichen Andachtbücher. Bei den hastig ausgestoßenen Worten ihres -Sohnes nahm Frau von Tiefenbach langsam die Brille mit den runden -Gläsern von der Nase, klappte das Buch zu, erhob sich vom Stuhle -und schaute auf die Eintretenden. Sie hatte, wie ihr Sohn, die hohe -Gestalt der Tiefenbachs und schien sich den Siebzigern zu nähern. -Die leichtgebeugte Haltung des mit tiefschwarzem, glattgestrichenem -Haar bedeckten Kopfes deutete auf starkes Selbstbewußtsein. Aus -dem hagern Gesicht ragte die starke Nase scharf hervor, und die -leichtgeschlossenen Lippen umspielte ein Zug, der eisernen Willen -gepaart mit Stolz verriet. Beherrscht wurde der Ausdruck dieses -Gesichts aber durch die tief in ihre Höhlen zurückgesunkenen, grauen -Augen, die sie auf jeden, mit dem sie sprach, fest zu richten pflegte. - -Der freudige Ton, der aus Maxens Worten geklungen hatte, war Frau von -Tiefenbach nicht entgangen. Sie sah voll Erwartung auf den Fremden, -dessen Fuß bei ihrem Anblick einen Augenblick gestockt hatte. Dann trat -der Ankommende auf sie zu und ergriff mit einer tiefen Verbeugung die -zum Gruße dargebotene Hand. - -»Bernhard von Friesen ist es, Mutter, mein alter Freund, von dem ich -Dir so manches liebe Mal erzählt habe.« - -Die Freihoferin ließ einen langen Blick über den jungen Mann gleiten, -der noch immer in achtungsvoller Haltung vor ihr stand. - -»Seien Sie willkommen, Herr von Friesen,« sagte sie. »Sie haben recht -getan, Ihre Schritte nach Rehefeld zu lenken. Freilich werden Sie -manches von dem entbehren müssen, was die königliche Residenzstadt -Ihnen bietet. Aber was der Freihof besitzt, wird er Ihnen geben. Ich -bin erfreut, meines Sohnes Freund kennen zu lernen!« - -Während dieser Begrüßung war es dem Angekommenen noch nicht gelungen, -sich von dem Bann zu befreien, den die Erscheinung dieser Frau auf ihn -ausübte. Jetzt aber hörte er aus dem ihm anfangs hart erschienenen -Klange der Stimme Wärme und Herzlichkeit heraus und er bekam seine -verlorene Sicherheit schnell wieder. - -Mit dem Anstand eines Jünglings von guter Erziehung, dankte er der -Hausherrin für den herzlichen Willkomm und sprach die Bitte aus, -ihm wegen seines Eintritts zu dieser ungewohnten Stunde und ohne -vorausgegangene Anmeldung seines Erscheinens nicht zu zürnen. - -Dann setzten sie sich zum Abendessen an den mächtigen Tisch, das in -angeregter Unterhaltung verlief. - -Die beiden jungen Männer tauschten Erinnerungen an die Jahre aus, die -sie zusammen auf der Fürstenschule des nahegelegenen Grimma in treuer -Freundschaft verlebt hatten. Seitdem hatten sie sich nicht wieder -gesehen und nur wenige Briefe gewechselt. - -Friesen war nach dem Verlassen der Schule nach Dresden gegangen und -Offizier geworden. Er hatte bei Jena mitgefochten und dann an allen -kriegerischen Ereignissen teilgenommen, zu denen Napoleon den ihm -ergebenen Sachsenkönig drängte. - -Er sprach von den Feldzügen, und Frau von Tiefenbach zeigte großes -Interesse an seiner Erzählung. Sie fragte nach der Stimmung in der -Hauptstadt und wollte wissen, welche Meinung die Offiziere von der -politischen Lage hätten, und welcher Geist unter den Truppen herrsche. -Denn die Unzufriedenheit mit Napoleons Regiment wuchs und breitete sich -allmählich über das ganze Land aus. - -Zuletzt schilderte Friesen die Stimmung, die ihn heute überkommen, als -er von der Anhöhe herab den segensreichen Frieden betrachtet hatte. - -Da unterbrach Max mit einem Male die Unterhaltung, indem er sich mit -der Frage an seine Mutter wandte: - -»Ist Elisabeth denn noch nicht zurück?« - -Die Blicke der Freihoferin streiften die Uhr. Dann fuhr sie, ohne auf -Maxens Frage geantwortet zu haben, in der Unterhaltung fort. Max schien -dem Schweigen der Mutter eine Antwort entnommen zu haben, denn er -wiederholte seine Frage nicht und beteiligte sich von neuem lebhaft am -Gespräch. - -Da verkündete die Uhr mit langsamen Schlägen die zehnte Stunde. Die -Freihoferin brach die Unterhaltung kurz ab und beauftragte Max, den -Gast in sein Zimmer zu begleiten. - -Die Anstrengung, die Friesen während der beiden letzten Tage überwunden -hatte, machten sich nunmehr geltend. Eine große Müdigkeit hatte sich -bei ihm eingestellt, die er nur mit Mühe bekämpfte. - -Beim Scheine der Kerze führte Max den Freund nach dem für ihn im -Oberstock hergerichteten Zimmer und ließ ihn alsbald nach Gutenachtgruß -und dem Wunsche allein, daß der erste Schlaf unter dem Dache des -Freihofes für ihn recht erquickend sein möge. - -Gähnend und mit schon halbgeschlossenen Augen sah sich Friesen in -dem Raume um. Aber seine Betrachtungen währten nicht lange. Er -entkleidete sich und streckte den müden Körper auf das breite, -behagliche Bett. Ein wohliges Gefühl überkam ihn. Da trat noch einmal -rasch die Geschichte des Weißen Schlosses an seine Seele heran. Bald -aber drängte sich in die Wirklichkeit die Phantasie. Die Urahnen des -Tiefenbachschen Geschlechts standen in Reih und Glied salutierend im -Schloßhofe, während die Mutter Lehnhardt in Holzpantoffeln und mit -einer kürbisähnlichen Kartoffel unter dem Arm auf einer ungeheuern -Katze an den alten Haudegen freundlich grüßend vorbeiritt. Dann aber -verblich auch dieses letzte freundliche Bild, und der traumlose Schlaf -der Jugend senkte sich auf den Müden herab. - - * * * * * - -Als Friesen am andern Morgen erwachte, stand die Sonne schon hoch -am Himmel. Schnell beendete er seine Morgentoilette und schaute zum -Fenster hinaus. Das Zimmer lag an der Giebelseite des Wohnhauses. Edle -Weinreben umrankten das Fenster, und ein paar mächtige Birnenbäume -verwehrten den Sonnenstrahlen den ungehinderten Zutritt. In kurzer -Entfernung vom Gute rieselte zwischen dunkelgrünen Wiesen der Göselbach -vorüber, an dessen beiden Ufern dichte Weidengebüsche standen, die, -vom Winde bewegt, sich tief über das Wasser neigten, als ob die langen -Ruten darnach trachteten, ihre Spitzen zu benetzen. Darüber hinweg sah -das Auge weit hinein in die tiefe Ebene. - -Friesen ging hinab und trat in das Wohnzimmer, wo er aber niemand -vorfand. Eine Magd, die ihn bemerkt hatte, deckte alsbald den Tisch -und trug das Frühstück auf. Dann verließ sie mit einer schüchternen -Einladung zum zulangen wieder die Stube. - -Der würzig duftende Kaffee, die goldgelbe Butter und das frische Brot -lockten unwiderstehlich, und Friesen hatte genug Appetit, um sich nicht -vergeblich einladen zu lassen. - -Er wollte sich mit dem Essen beeilen, um dann nach Max zu sehen, der -gewiß schon längst bei der Arbeit war und über den Langschläfer lächeln -würde. - -Das Frühstück mundete vortrefflich, als Friesen mit einem Male ein -leises Geräusch vernahm, und als er sich rasch umschaute, sah er auf -der Schwelle der weitgeöffneten Tür ein weibliches Wesen stehen, das -ihm wahrscheinlich schon eine Weile zugesehen hatte. - -Er fühlte sich überrascht und wußte nicht, welche Bezeichnung er -der plötzlichen Erscheinung geben sollte. War es eine Jungfrau, die -da vor ihm stand, oder ein hochaufgeschossenes Kind? Er konnte sich -diese Frage nicht beantworten. So ließ er den Blick unverwandt auf dem -etwas bleichen, allerliebsten Gesichtchen ruhen, das sich in tiefe -Sorgenfalten gelegt hatte und sich sichtlich alle erdenkliche Mühe gab, -seinen bekümmerten Ausdruck festzuhalten. - -»Also, so behandelt man Gäste,« scholl es von der Tür her, die im -nächsten Augenblick zuflog. »Nein, nein, bitte setzen Sie sich wieder -und lassen Sie sich’s weiter schmecken! Sie müssen schon entschuldigen, -Herr von Friesen, die arge Vernachlässigung findet ihren Grund aber nur -darin, daß man auf dem Freihof nicht gewöhnt ist, Gäste zu empfangen. -Nun ich denke, wir werden an Ihnen darin lernen, um wenigstens -allmählich so weit zu kommen, daß wir in Zukunft unsere Gäste nicht -mehr allein sitzen lassen.« - -Das Mädchen war, indem es diese Worte hervorgesprudelt hatte, langsam -näher getreten, während Friesen auf wiederholtes Drängen hin das -unterbrochene Frühstück fortsetzte. - -Nun stand sie ihm gegenüber am Tische. Die beiden Hände aufgestützt -und den Oberkörper leicht vornübergeneigt, schaute sie ihm mit -unverhohlener Neugierde in das Gesicht. - -Friesen gestand sich, daß ihm gestern Abend, Maxens Mutter gegenüber, -seine kühle Besonnenheit eine kleine Weile im Stich gelassen hatte; -unter den Augen dieses Kindes aber, schien sich seine Verlegenheit -wiederholen zu wollen. Die Ähnlichkeit, besonders aber die blauen Augen -des Mädchens, konnten ihm keinen Zweifel lassen, daß sie die Schwester -des Freundes war, von der ja auch Mutter Lehnhardt gesprochen hatte. So -viel frischer Natürlichkeit und holdem Liebreiz gegenüber, konnte er -sich nur langsam aus seiner Überraschung erholen, zumal ihn das Mädchen -noch immer unverwandt musterte. Ihre Augen leuchteten wie die eines -Kindes, dem eine große Freude geworden ist, aber in den Winkeln des in -komischer Entrüstung zusammengekniffenen Mundes lauerte der Schalk. -Jetzt endlich verschwand der gutgespielte Ernst von dem Gesichtchen, -und das Mädchen brach in ein fröhliches Lachen aus. - -Friesen begrüßte diesen Heiterkeitsausbruch als willkommene -Erleichterung, doch kam ihm der plötzliche Umschlag der Situation -immerhin ein wenig unvermittelt, und seine Ratlosigkeit wurde -infolgedessen nicht geringer. Dieses Gefühl mußte sich wahrscheinlich -auf seinem Gesicht widerspiegeln, denn die Heiterkeit wurde lauter und -zuletzt so befreiend, daß Friesens Verlegenheit mit einem Schlage wich, -und er von der Fröhlichkeit angesteckt und mit fortgerissen wurde. Und -damit war er wieder Herr seiner selbst. - -Endlich verklang das fröhliche Lachen, und das Mädchen zog sich einen -Stuhl heran, um ebenfalls zu frühstücken. Aber obgleich die kleinen, -weißen Zähne tapfer in die Semmeln bissen, konnte sie nicht schweigen. -Hundert Fragen zugleich schwebten ihr auf der Zunge, die sämtlich -verrieten, daß das Kind von alledem, was sich jenseits eines Umkreises -von drei Meilen von Rehefeld auf der Erde abspielte, herzlich wenig -kannte. Ihr Wissensdurst war unbegrenzt und die Einfalt ihrer Fragen -so erfrischend, daß Friesen immer wieder in dieses Kindergesicht -blicken mußte, um sich von neuem Gewißheit zu verschaffen, daß mit ihm -nicht ein loses Spiel getrieben wurde. Die Augen voll Erwartung auf -ihn gerichtet, lauschte das Mädchen seinen Antworten, sie zuweilen -mit verständnisvollem Nicken oder mit unwilligem Schütteln des Kopfes -begleitend, das so arg werden konnte, daß der blonde Zopf, der bis zum -Schürzenband hinabreichte, hin- und herflog. - -Friesen mußte unwillkürlich dieses kleine Dorffräulein in seiner -rührenden Unschuld mit denen ihres Geschlechtes vergleichen, die -in kunstvoller Perrücke und mit gemalten Gesichtern alle pikanten -und skandalösen Ereignisse der Residenz vor dem allzu schnellen -Hinabtauchen in die Vergessenheit glücklich bewahrten und nicht müde -wurden, solche Vorgänge mit liebevoller Mühe und Beharrlichkeit in die -kleinsten Einzelheiten zu zerlegen. Unter diesen wäre kein Boden für -solch ein Pflänzlein, dachte er, es würde bald traurig das Köpfchen -hängen, und der Seelenfrieden eines so lieblichen Menschenkindes würde -in kurzer Zeit gestört sein. - -Aber Friesen fand nicht viel Zeit zu längeren Betrachtungen, denn die -Kleine war unermüdlich im Fragen. - -Plötzlich brach sie ab, es schien ihr etwas einzufallen. Dann sagte sie -sehr ernst: - -»Aber, Herr von Friesen, wissen Sie denn eigentlich wer ich bin?« - -Diese Frage kam wieder so unerwartet und berührte Friesen so komisch, -daß er nur mit Mühe ein Lächeln zurückhalten konnte. Er zwang sich -dazu, ebenfalls ernst zu sein und sagte, mit schelmischem Anklang in -der Stimme, vorwurfsvoll: - -»Nein, wie kann ich denn wissen wer Sie sind, wenn Sie mir es nicht -sagen!« - -Das niedliche Geschöpfchen sah seinem Gegenüber noch eine kleine Weile -in die Augen, dann erfolgte ein neuer Heiterkeitsausbruch der alle -vorangegangenen übertraf, und in den Friesen wieder mit einstimmte. - -Das Mädchen lachte so herzlich, daß ihm Tränen in die Augen traten. - -»Nein,« rief sie jubelnd, »so ein Stadtherr. Ist mit mir eine halbe -Stunde zusammen, spricht fortwährend zu mir und weiß nicht einmal wie -ich heiße!« - -Da überflog ihr Gesichtchen mit einem Male wieder der altkluge, ernste -Zug, als sie vorwurfsvoll fragte: - -»Ja, Herr von Friesen, warum fragen Sie mich denn eigentlich garnicht -wie ich heiße?« - -Jetzt kam ihr Friesen mit der Heiterkeit aber zuvor. Aber diesmal -lachte nur er. Seine Nachbarin schien nicht zu verstehen, was seine -Fröhlichkeit herausforderte. - -Sie wurde noch um einen Grad ernster und sagte: - -»Ich bin nämlich die Elisabeth.« - -Und als Friesen mit ihrem zunehmenden Ernst noch ausgelassener wurde, -wiederholte sie beinahe feierlich: - -»Ja gewiß, Herr von Friesen, ich bin Elisabeth von Tiefenbach!« - -Der aber, dem diese Beteuerung galt, verlor auch noch den letzten -Rest von Beherrschung. Er lachte, daß ihm die Tränen über die Wangen -liefen und machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung, als ob er es -verhindern wolle, daß das Mädchen weiter spreche. Schließlich stimmte -auch Elisabeth wieder in die Fröhlichkeit ein, als sich plötzlich die -Tür öffnete und Max ins Zimmer trat. - -Als er die ausgelassene Heiterkeit der beiden sah, blieb er einen -Augenblick verdutzt stehen. - -»Hallo!« rief er »Ihr habt ja recht schnell Freundschaft geschlossen. -Das gefällt mir!« - -Dann schritt er zu dem Freunde. - -»Guten Morgen Bernhard. Nun, wie war die erste Nacht auf dem Freihof?« - -Aber noch bevor der Angesprochene antworten konnte, rief Elisabeth dem -Bruder zu: - -»Wenn Du es durchaus willst, daß Herr von Friesen seinen Kaffee früh -allein trinken soll, so gewöhne ihn doch wenigstens nur nach und nach -daran. Das muß ich gestehen, Max, Du verwöhnst Deinen Freund gleich vom -ersten Tage ab nicht.« - -Max trat zu seiner Schwester, hob sie samt ihrem Stuhle zu sich empor -und drückte ihr trotz Sträubens einen Kuß auf den Mund. Dann setzte er -behutsam das Mädchen wieder nieder. - -Friesen war Maxens Bewegungen mit den Augen gefolgt und er hatte -die Gruppe sehr hübsch gefunden: der blonde Riese, dessen Arme dazu -geschaffen schienen, einen rasenden Stier vor sich niederzuzwingen, -im Kampf mit dem zierlichen, sich heftig wehrenden Mädchen, dessen -Gesichtsausdruck trotz ihres Sträubens nur allzudeutlich verriet, wie -gerne sie die Zärtlichkeit des Bruders ertrug. - -»So, Du hast deinen Lohn für die Schelte am frühen Morgen,« sagte Max. -»Wenn Du aufmerksam gewesen wärst, hätte Bernhard gleich Gesellschaft -gehabt.« - -Die letzten Worte mußte er ihr nachrufen, da das Mädchen schmollend aus -dem Zimmer schlüpfte. - -Max wandte sich an Friesen und fuhr fort: - -»Ich hätte schon lange wieder zurück sein können, wenn der Braune nicht -etwas lahmte. Deshalb mußte ich langsam reiten.« - -Dann lud Max den Freund zu einem Spaziergang ein, um ihn mit der -Umgebung vertraut zu machen. Sie betraten den Hof, um zuerst das Gut in -allen Einzelheiten kennen zu lernen. Hier fand Friesen die Freihoferin -vor, die den Hühnern Futter gestreut hatte. - -Nach etwa einer Stunde schlenderten die Freunde dem Ufer des Baches -entlang, bis sie sich endlich unter einem großen Apfelbaum in das -weiche Gras streckten. - -»Du hast mir früher so manches von Deiner Familie erzählt,« begann -Friesen, »das bei mir unvergessen geblieben ist. Aber ich muß Dir -beichten,« fügte er lächelnd hinzu, »daß ich seit gestern viel mehr von -den Tiefenbachs weiß als bisher.« - -Und mit kurzen Worten erzählte er seine Begegnung mit Mutter Lehnhardt. - -»Da bist Du ja gleich vor die richtige Schmiede gegangen,« scherzte -Max, »sie ist allerdings der beste Kenner unserer Familiengeschichte. - -Bernhard,« fuhr er nachdenklich fort, »laß mich der Erzählung der Alten -noch ein paar Worte hinzufügen, Du dürftest ohne sie sonst manches -unverständlich finden. - -Meine Mutter ist eine jener äußerlich rauhen Frauennaturen, denen -man im Leben nicht allzuoft begegnet. Die Jahre sind ohne große -Ereignisse an ihr vorüber gegangen. Mit nimmermüden Händen hat sie -geschafft, um unsern Besitzstand zu mehren, aber als die höchste -ihrer Pflichten hat ihr die Erziehung ihrer Kinder gegolten. Sie -besitzt einen ungemein scharfen Verstand und viel praktischen Sinn. -Sentimentale Lebensanschauung ist ihr fremd. Sie liebt das Edle aus -voller Seele und verabscheut alles Niedrige. Die Mittel, der Freude und -dem Schmerz auch äußerlich Ausdruck zu geben, die die gütige Natur dem -Menschen verliehen hat, sind ihr versagt geblieben. Nur selten tritt -ein flüchtiges Lächeln auf ihre Lippen, um alsbald wieder dem ernsten -Ausdruck Raum zu geben, der immer auf ihrem Gesichte lagert. Tränen -sind ihr versagt. Möge sie diesen Verlust niemals bitter empfinden.« - -Friesen war des Freundes Worten aufmerksam gefolgt. Nun fand er auch -die Erklärung für Maxens ernsten Charakter, denn der mütterliche -Einfluß war unverkennbar. - -»Und doch,« fuhr Max fort, »besitzt meine Mutter mehr Gemüt als der -Fremde bei ihr vermutet. In ihrem tiefsten Herzen liegen Saiten, die -zuweilen mit Macht tönen und dann so gebieterisch die Mitteilung ihres -Klanges an die Außenwelt fordern, daß solche Augenblicke für sie -qualvoll sein müssen. Ihren gefaßten Grundsätzen bleibt sie treu, und -was meine Mutter einmal beschlossen hat, führt sie mit einem Willen -durch, der vielleicht an Starrsinn grenzt. - -Ihr Liebling ist meine Schwester. Du wirst bei Eurer heutigen Begegnung -sofort empfunden haben, was für ein Kind dieses achtzehnjährige -Mädchen noch ist. Das Schicksal hat mit ihr wunderlich geschaltet. -Die Tiefenbachs sind immer Naturen gewesen, denen eine heitere -Lebensauffassung fern lag. Elisabeth aber sieht alles in rosigem Licht. -Sie weiß von der Welt so wenig, daß sie auch ihre Gefahren nicht kennt. -Eine glückliche Veranlagung läßt sie von jeder Sache nur die lichte -Seite betrachten. Sie ist eben ein Kind und der Sonnenschein unseres -Hauses. - -Das Schloß und seine Bewohner übten auf Elisabeth schon in frühester -Jugend eine unerklärliche Anziehung aus. Sie wendete alles auf, der -Überwachung zu entwischen, um hinauf zu eilen und mit ihrer, nur um -wenige Jahre älteren Cousine zusammen zu sein. Bitten, Ermahnungen und -Strafen waren umsonst. Das Kind konnte sich, so sehr es zuweilen auch -kämpfte, gegen den unwiderstehlichen Drang nicht auflehnen. Die Mutter -ließ nichts unversucht, um dieser Neigung des Kindes zu begegnen. -Zuletzt war ihre mütterliche Geduld aber erschöpft, und eines Tages war -sie so zornig, daß sie die zehnjährige Elisabeth hart schlug. - -Es war ergreifend, die Wirkung dieser Strafe an dem Kinde zu -beobachten. Während es bisher schon bei einem zurechtweisenden Blicke -der Mutter Tränen hatte, ließ sie die Züchtigung lautlos über sich -ergehen. Und, welch Wunder, -- sie lief nicht mehr hinauf, sprach -auch nicht einmal den Wunsch darnach aus. Aber welche Veränderung -war mit ihr vorgegangen! Ihr munteres Plaudern, ihr heiteres Lachen -waren verstummt. Ohne daß man eine Absicht merkte, unterblieben die -stürmischen Beweise der Zärtlichkeit, die Elisabeth sonst immer für -die Mutter gehabt hatte, und die diese jetzt schmerzlich vermißte. -Stundenlang konnte das Kind ohne zu ermüden im Grase sitzen und mit -seinen großen, matten Augen hinaufschauen zu dem alten Gemäuer. Ihr -ohnehin sehr schwächlicher Körper zehrte immer mehr ab, und ihr -bleiches Gesicht ward immer schmaler. - -Meine Mutter litt fürchterlich. Stumm betrachtete sie Elisabeth, und -ich konnte in ihren Augen die tiefe Rührung lesen, die sie beherrschte. - -So ging es wohl zwei Monate lang. Elisabeth wurde von Tag zu Tag -bleicher, und ihre Augen wurden glanzvoller. Ihre Bewegungen waren -müde, ihre Sprache leise. Dabei war sie aber stets freundlich zur -Mutter, die alles daran setzte, das Kind aufzuheitern, und die durch -ein schwaches Lächeln auf seinem Gesicht hochbeglückt war. Aber man -sah, wie der Gram das Kind zu verzehren drohte. Meine Mutter kämpfte -im Innern einen gewaltigen Kampf. Und sie unterlag ... - -Eines Tages saß Elisabeth, wie so oft, im Obstgarten hinter dem Hause. -Es war ein prächtiger Frühlingstag. Aber das Kind hatte keinen Blick -für den goldenen Sonnenschein und die schneeweißen Blüten auf den -Bäumen. Es starrte traumverloren dorthin, wohin es sein unschuldiges -Herz zog. - -Die Mutter war leise zum offenen Fenster getreten und sah hinter der -Gardine verstohlen hinaus. Mit unendlicher Wehmut hafteten ihre Blicke -auf Elisabeth. Sie schien darüber nachzudenken, wie jetzt alles in der -Natur seine Wiederauferstehung feiere und sich zu frischem, blühendem -Leben entwickele, während ihr heißgeliebtes Kind mit sicheren Schritten -dem Grabe zueilte. Da wandte sie sich plötzlich mit einem Ruck nach der -Tür, -- fast schien ihr Fuß sie nicht dahin tragen zu wollen, -- und -stockend überschritt sie die Schwelle. Dann stand sie bei dem Kinde, -das, aus seinen süßen Träumen aufgeschreckt, die Mutter verwundert -ansah. Sie ergriff Elisabeths Hand, führte sie schweigend durch -den Garten, öffnete das Türchen, das den Austritt nach den Feldern -gestattet und stellte das erstaunte Mädchen auf die schmale Brücke, die -über den Bach führt und auf den Weg ausmündet, der nach dem Schlosse -läuft. - -Wie ein Blitz kam dem Kinde die Erklärung für das Gebaren der Mutter. -Und während diese sich wieder umwandte, eilte Elisabeth, so schnell die -Füße sie tragen wollten, den Weg hinauf, als wenn sie fürchtete, wieder -zurückgerufen zu werden. - -Mit schleppenden Schritten betrat die Mutter wieder das Zimmer und sank -in den Stuhl. - -Am Abend jenes Tages, Bernhard, sah ich meine Mutter zum ersten Male -in tiefer Bewegung erzittern, als sich die dünnen Arme des jubelnden -Kindes ihr liebkosend um den Hals legten ... - -Und so ist Elisabeths Verhältnis zu den Leuten da droben bis auf den -heutigen Tag geblieben. Sie würde das Verbot nicht verstehen, sondern -es als eine grausame Härte empfinden. - -Du weißt, Bernhard, daß sich die Großväter der beiden Familien -Tiefenbach entzweit haben, nachdem der ältere Bruder die Braut des -Jüngeren beschimpft hatte. Aus diesem Grunde haben auch die Tiefenbachs -auf dem Freihofe mit denen auf dem Schlosse, außer ihrem Namen, nichts -mit einander gemein. Die tiefe Kluft kann niemals überbrückt werden! -Neben der Liebe zu ihren Kindern, ist die stärkste Empfindung, von der -meine Mutter beherrscht wird, glühender Haß gegen die droben. Der Vater -hat ihn dem Kinde mit dem Blute vererbt, und seine letzten Worte auf -dem Sterbebette waren eine Aufforderung, auch auf ihre Kinder in diesem -Geiste einzuwirken. - -Meiner Mutter zittern die Worte der Beschimpfung noch heute in der -Seele nach, und ihr Einfluß auf meine Anschauungen hat das seinige -getan. Die jetzt auf dem Schlosse Wohnenden sind freilich unschuldig -an der Sünde ihres Vorfahren, dennoch kann ich meine Abneigung gegen -sie nicht unterdrücken. Sie sind die Nachkommen des Mannes, der meine -Großeltern tödlich beleidigte, und dessen Worte einen bleibenden -Schatten auf ihren Lebensweg geworfen haben. - -Mag Elisabeth immerhin zu ihnen freundlich sein, Kinder sind nicht dazu -berufen, die Sorgen der Erwachsenen zu teilen. Sie selbst empfindet -schon längst, daß die Wiederaussöhnung der beiden Familien unmöglich -ist, aber ihr ausgeprägtes Zartgefühl läßt sie über ihre Besuche auf -dem Schlosse schweigen.« - -Eine Pause entstand. Dann sagte Max: - -»Bernhard, nun erzähle _Du_ mir etwas, ich bin begierig, mehr davon zu -hören, wie es Dir in den letztverflossenen Jahren gegangen ist.« - -»Mein Leben ist,« begann Friesen, »seitdem wir auseinandergegangen -sind, recht wechselvoll gewesen. - -Nach Jena folgte Friedland, wo ein russischer Kamerad so -unliebenswürdig war, mir seinen Degen in den Leib zu rennen, was -dem Feldscher Anlaß gab, mein alsbaldiges, sicheres Abtreten von -dem irdischen Kriegsschauplatz vorauszusagen. Wie sehr er sich zu -meinem Heile aber geirrt hat, siehst Du, lieber Freund, denn so, wie -ich in diesem Augenblick neben dir liege, bin ich doch ein nicht zu -bestreitender Beweis für die Unrichtigkeit seiner voreiligen Ansicht. -Ich war entschieden noch nicht reif genug für den Eintritt in eine -bessere Welt und mußte hier noch einmal anfangen. Freilich verurteilte -mich die Blessur zu einer unfreiwilligen Ruhezeit von mehreren Monaten. - -Dann kam eine Periode, die uns allen unendlich öde erschien, da sie -nur durch den Garnisondienst ausgefüllt wurde. Selbst der Geduldigste -von uns fand diese Zeit erdrückend langweilig und sehnte Veränderung -herbei. Da schaffte Napoleon Rat. - -Der politische Horizont umdüsterte sich wieder, und alles deutete -auf einen neuen, herzerfrischenden Krieg. Diesmal sollten wir unter -Bernadotte gegen die Österreicher kämpfen. Bei Linz schwankte das -Zünglein der Wage lange, bis sich das Glück endlich für uns entschied. -Viel heißer aber sollte Wagram werden. Das Bataillon Metzsch, bei -dem ich damals stand, kämpfte im ersten Treffen. Wie verzweifelt -schlugen wir uns den ganzen Tag herum, um am Abend doch zurückgehen -zu müssen. Am nächsten Vormittag standen wir ruhig hinter unserer -Artillerie. Wahrscheinlich um unser Interesse an der Schlacht rege zu -halten, schlugen die österreichischen Geschosse unaufhörlich in die -dichten Reihen. Es fehlte nicht mehr viel, und der brave Erzherzog -drüben hätte können Viktoria blasen lassen; man sah auf unserm Flügel -nur noch zurückflutende Truppen. Da erschien der Kaiser bei uns, und -bald darauf entschied sich das Schicksal des Tages: der Österreicher -wurde zurückgeworfen. Dann kam eine Anzahl kleiner Scharmützel, die -sich immer niedlicher gestalteten, so daß die letzten von ihnen gegen -die vorangegangenen großen Tage sich nur noch wie Friedensübungen -ausnahmen.« - -Max hatte, während der Freund sprach, zuweilen ein Lächeln nicht -unterdrücken können. Er war noch immer der alte: keck bis zur Kühnheit, -lustig bis zum Leichtsinn, aber gutmütig und ritterlich dabei. Daß -Bernhard den Krieg liebte, fand Max ganz natürlich, denn alle die unter -dem Kaiser kämpften waren ja so. - -»Nun, und jetzt ist Dir der Gamaschendienst so langweilig geworden, daß -Du ihm selbst das Landleben vorziehst?« scherzte Max. - -Friesens Gesicht überzog ein lebhaftes Rot. Einen Augenblick schien er -verlegen, dann sagte er: - -»Du irrst, Max, Scherz beiseite. Wie ich vorhin erzählte, sprach ich -das aus, was mich noch bis vor zwei Jahren bewegte. Früher konnte ich -nicht genug des Lebens im Feldlager kosten. Allmählich hat sich in -mir, wie in manchem meiner Kameraden, aber ein Umschwung vollzogen. -So wie bisher, kann es mit den endlosen Kriegen nicht fortgehen. Ich -tue meine Pflicht als treuer Soldat meines Königs, dies verhindert -mich aber nicht, das Gebaren derer zu verurteilen, die nicht aufhören, -unsagbares Weh über unser Land heraufzubeschwören. Und ich denke, daß -ein gedeihlicher Frieden auf Jahrzehnte hinaus nunmehr der Wunsch jedes -ehrlichen Mannes sein muß.« - -»Du sprichst mir aus der Seele, Bernhard,« rief Max lebhaft und reichte -ihm die Hand hin, in die Friesen ohne Besinnen kräftig einschlug. »Das -sind auch meine Gedanken. Jetzt sollten sie endlich einmal Ruhe halten, -und jeder sollte sich mit dem bescheiden, was er besitzt. Freilich -taugt die ganze Franzosenwirtschaft nichts, aber so schnell, wie sie -über uns gekommen ist, werden wir sie nicht wieder los. Und zuletzt hat -jedes Ding sein Aber. Wir Sachsen haben dem Kaiser für so manches zu -danken. - -Aber, Bernhard,« fuhr Max nach einer kleinen Weile fort, »wenn es der -gleichförmige Dienst nicht war, der Dich aus der Hauptstadt forttrieb, -dann kann es ja nichts Anderes gewesen sein, als der Wunsch, Dein altes -Versprechen nun endlich einzulösen. Ist es so?« - -Wieder bedeckte wie vorhin eine tiefe Röte Friesens Gesicht. - -»Max,« begann er langsam, »ich muß Dir leider gestehen, daß mich -die Gefühle, die Du voraussetzest, allerdings nicht bewogen haben, -die Residenz zu verlassen, da ich meinen Besuch eigentlich bis zum -kommenden Jahr aufgeschoben hatte. Aber laß Dir alles erzählen. - -Das Kriegsleben hatte uns, trotz seiner Entbehrungen und Strapazen, -und obgleich man nie wußte, ob der nächste Tag einen noch gesund -sah, wegen seiner vielen Abwechslungen, die es mit sich brachte, -gefallen. Wir waren gewöhnt, Zerstreuungen zu finden. Als aber die -Waffen ruhten, und das Einerlei des Garnisondienstes begann, blieben -die Zerstreuungen aus. Deshalb waren wir im vergangenen Winter darauf -bedacht, uns allerhand Kurzweil zu verschaffen. Die Kriegszeiten haben -die Unternehmungslust der Dresdener Bürger aber erklärlicherweise stark -herabgedrückt, so daß der Mangel an Einladungen zu den üblichen Bällen -und sonstigen Unterhaltungen besonders uns jüngeren Offizieren sehr -empfindlich wurde. Was half es, daß wir versuchten jeder in seinem -Bekanntenkreise, Stimmung zu machen. Hier und da machte man wohl -Anstrengungen, um wieder in das Fahrwasser der alten Geselligkeit zu -gleiten; aber die Versuche fielen schwach aus. Ein rechter Frohsinn -wollte nicht aufkommen. - -Da kam einem von uns eine Idee. Der liebe Sichart, der trotz seiner -dreiundzwanzig Jahre, und zwar mit einer reizenden, jungen Frau, schon -verheiratet war, schlug die Gründung eines Klubs vor, dessen Mitglieder -selbst kleine Festlichkeiten veranstalten sollten. Eine ganze Anzahl -von uns, meistens Leutnants, traten dem Finkenkasten, wie wir unsern -Bund tauften, bei. Hauptmann von Einsiedel war der Vorstand. Wir -Bündler hatten nun nichts Ernsteres zu tun, als zu werben, besonders -unter verheirateten Kameraden. Mit erstaunlicher Schnelligkeit nahm -die Mitgliederzahl des Finkenkastens zu; auch einige Bürgerfamilien -traten bei. Jeder war willkommen. Der Grad der Freude unter den -Bündlern beim Eintritt eines Mitgliedes richtete sich nach der Anzahl -der Angehörigen, die der Hinzutretende anmeldete. Geheimrat Vogel -brachte es auf fünf. Darüber besondere Freude! Und als Oberstleutnant -von Carlowitz sich mit vier Töchtern und drei weiteren, verwandten -Damen anmeldete, war der Jubel groß. Nach ihrem Alter fragten wir -nicht. Der Finkenkasten aber zählte nunmehr sechsunddreißig Herren und -nahezu noch einmal so viel Damen. - -Als wir bei der Gründung des Klubs unsere Meinungen zum besten gaben, -wieviel Mitglieder er wohl nach einem Monat zählen würde, riet der -immer zur Tollkühnheit geneigte Sichart auf sechzig. Wir hätten uns -auch schon mit vierzig zufrieden erklärt, deshalb lachten wir ihn aus -und meinten, er könne nie genug bekommen. Als nun aber fast das Hundert -voll geworden war, lachten wir wieder über ihn, weil er so schlecht -geraten hatte. - -Von meiner Tätigkeit schien man sich viel zu versprechen, deshalb wurde -ich in das Vergnügungskomitee gewählt. Diese Wahl ehrte mich in hohem -Maße, und ich gab mir das ernstliche Versprechen, mich dem Vertrauen -der Bündler würdig zu zeigen. - -Wir mieteten auf der Meißnerstraße einen gemütlichen Saal und trafen -Vorbereitungen für das erste Fest, das den Reigen beginnen und deshalb -besonders glanzvoll veranstaltet werden sollte. Eine Bühne wurde -errichtet, ein Stück gewählt, die Rollen verteilt und geprobt. Als es -sich darum handelte, einen von uns als Regisseur zu dingen, kam man -allgemein auf mich. Außerdem lag mir noch die Darstellung des Helden -der sehr rührseligen Komödie ob. - -Ich hatte herzlich viel Not, den einzelnen Darstellern ihre Rollen -einzupauken. Mit der ersten Probe war ich nicht sonderlich zufrieden -und glaubte, meinem überquellenden Herzen damit Luft machen zu müssen, -daß ich den Eifer der Mitwirkenden rühmte, den sie auf das Studium -der Rollen verwendet hätten. Die Wahrheit war freilich gerade das -Gegenteil, denn sie hatten ihre Rollen fast ohne Ausnahme abgelesen. -Aber niemand schien den Hohn zu fühlen. Sie waren stolz auf ihre -Leistungen, und jeder drückte mir zum Abschied wohlwollend die Hand. - -Nach mancher mühevollen Probe, nach der fast jeder heiser und ich -obendrein völlig durchnäßt war, schien das Zusammenspiel endlich -erträglich zu sein. Ich hatte mich vieler Mühe unterzogen, war einige -Male ins Theater gegangen, lediglich um die Haltung und die Bewegungen -der Schauspieler zu studieren und empfand plötzlich ein Interesse an -mancherlei Dingen, an die ich bisher noch nie gedacht hatte, die aber -für einen rechtschaffenen Regisseur zu wissen unentbehrlich sind. Nun -wurde es aber hohe Zeit, daß das Fest stattfand, denn mich überfiel -eine noch nie gekannte Unruhe. Die Glieder zitterten mir wie einem -Hundertjährigen, und die sämtlichen sechszehn Rollen des Stückes zogen -allnächtlich an meinem Geist vorüber. Mich überkam, offen gesagt, ein -gelindes Grausen vor meiner Würde. - -Die letzte Probe war endlich gekommen. Alles ging wie am Schnürchen. -Ich teilte noch einige kritische Ratschläge aus, wie den, die -Stimme nicht allzu heftig zu erheben, da mancher der Kameraden im -Feuereifer seine Rolle vergaß und glaubte, daß er noch auf dem -Schlachtfeld stände. Zu diesen gehörte besonders der junge Sichart, -der im gewöhnlichen Leben im Regiment mein elfter Hintermann, auf der -Bühne aber mein Großvater war. Dann prägte ich allen nochmals ein, -die mannigfachen Liebesscenen recht natürlich darzustellen, da dies -ihre Wirksamkeit besonders erhöhen würde. Und um es nicht bloß bei -Ratschlägen zu belassen und den für solche Leistungen weniger gut -Begabten ein Beispiel zu geben, postierte ich sämtliche Darsteller vor -die Bühne und spielte ihnen die Stelle meiner Rolle vor, in der ich -der Geliebten meine Erklärung abgeben und, da sie mich nicht erhören -durfte, rasen mußte. Alle ohne Ausnahme waren von meinen Leistungen -entzückt, und Sichart meinte, das Toben brächte ich besonders -wirkungsvoll zur Darstellung. Es sähe aus, als ob es nicht mehr Spiel -wäre. Und da ich mich andernfalls über dieses bedenkliche Lob hätte -ärgern müssen, freute ich mich darüber. - -Meine Partnerin war ein allerliebstes Kind von kaum zwanzig Jahren -und die Schwester der Frau von Sichart. Mir erschien es immer, als ob -sie ihre Rolle mit hinreißender Natürlichkeit spiele. Wenn ich meine -Liebesschwüre sprach, machte sie ein beinah feierliches Gesicht, und es -mochte ihr aufrichtig leid tun, daß sie mir kein Gehör schenken durfte. - -Der Abend kam. Das Stück wurde flott gespielt und -- gefiel. Alle -Zuschauer waren entzückt; meine Partnerin und ich sowie Sichart, mein -Großvater, waren die Löwen des Tages. Mit dem letzten Fallen des -Vorhangs rutschte eine Riesenlast von meiner Brust. Länger hätte ich -aber die Aufregung auch nicht mehr ausgehalten. Ich zitterte wie -Espenlaub, denn ein Gefühl unsagbarer Angst hatte hinter mir gestanden, -das ich selbst auf den Schlachtfeldern von Friedland und Wagram nicht -gekannt hatte. - -Aber nun war alles vorbei, und es war über alle Erwartungen gut -ausgefallen. Von allen Seiten umdrängte man mich, um mich zu -beglückwünschen, und mit gehobener Stimmung nahm ich die Gratulationen -entgegen. Schließlich wurde mir es zu viel. Ich suchte Sichart und zog -ihn in einem anstoßenden Zimmer an einen Tisch nieder, um mit einem -labenden Trunk das eigene Ich zu belohnen. Wie lange wir dort saßen, -weiß ich nicht mehr. Ab und zu kamen welche, tranken mit uns und gingen -wieder. Wir blieben sitzen. Vom Tanzen konnte bald füglich keine Rede -mehr sein. Sicharts Frau und ihre reizende Schwester, meine holde Braut -in der Komödie, saßen eine Zeitlang bei uns, und das Plaudern mit ihnen -bot viel Stoff zu herzlichem Lachen. Dann waren sie mit einem Male -verschwunden. Ich vermißte sie eigentlich nicht, und von unserer ganzen -Unterhaltung wußte ich am andern Morgen kein Sterbenswörtchen mehr. - -Während mehrerer Stunden hatten unaufhörlich die Pfropfen geknallt, -als ich endlich aufstand und mit Sichart durch die Zimmer wandelte. -Dann war ich plötzlich von ihm getrennt und lief, ohne noch zu wissen -wohin, hierhin und dahin. Später entsann ich mich dunkel, mit vielen -der Festgäste ein paar Worte gewechselt zu haben, auch mit Sicharts -Schwägerin. Ich stand dicht vor ihr, hatte wohl auch etwas gesagt, das -die Heiterkeit der Anwesenden erregt haben mochte. Mit einem Male aber -lachte niemand mehr, und das Mädchen lief rasch fort. - -Kurz darauf kam ich wieder zu mir, nachdem ich eine Zeitlang frische -Luft geschöpft hatte. Ich traf auch Sichart wieder, der allerdings in -einem nicht beneidenswerten Zustande war. Vergebens suchte ich nach -seinen Damen, bis ich die mich befremdende Mitteilung vernahm, daß sie -bereits nach Hause gefahren seien. - -Ich führte den widerstrebenden Freund hinaus und bestieg mit ihm einen -Wagen. Für den Armen war es wirklich das beste, daß ich ihn nach seinem -Heim beförderte. - -Auf dem Nachhausewege grübelte ich über diejenigen Stunden des heutigen -Abends nach, deren Verlauf mir dunkel war. Aber keine Erleuchtung -wollte mir kommen, und ich tröstete mich mit dem armen Sichart, der -noch viel schlimmer daran war als ich. -- Nun, dieser Abend sollte -jedenfalls den Grund für meinen Urlaub hergeben.« - -Friesen machte eine Pause und sah Max an. Diesen hatte des Freundes -Erzählung belustigt, zuweilen hatte er bei seinen Worten laut -aufgelacht. - -»Ich kann aber,« warf Max ein, »den Grund für den Urlaub beim besten -Willen nicht erraten ...« - -»Du wirst ihn gleich haben,« versetzte Friesen. »Findest Du nicht, daß -dieser Abend ganz unterhaltsam gewesen ist?« - -»Aber freilich,« lachte Max, »recht lustig ist er gewesen.« - -»Ja, recht lustig,« wiederholte Friesen langsam, »Du hast schon recht, -Max!« - -»Am übernächsten Tage gingen viel teilnehmende Menschen in Sicharts -Haus, um der Witwe ihr Beileid auszusprechen, denn Sichart war sehr -beliebt gewesen; nun war er tot.« - -Max machte eine Gebärde des Erschreckens. - -»Das war doch schmerzlich, nicht wahr?« fragte Friesen. - -»Das Schicksal des jungen Mannes fordert noch heute meine ganze -Teilnahme heraus,« antwortete Max. »Aber wie ist denn der Arme so -schnell gestorben?« - -Friesen war bleich geworden. Er tat einen tiefen Atemzug, dann sagte er: - -»Er fiel von meiner Hand!« - -Max konnte seine Bewegung nicht bemeistern, während Friesen fortfuhr: - -»Am späten Morgen nach jenem Feste erschienen zwei Kameraden bei mir. -Ich lag noch im Bett und wunderte mich, sie schon munter zu sehen. Sie -waren tiefernst, ihr Kommen mochte ihnen ziemlich schwer fallen. Mit -kurzen Worten verständigten sie mich davon, daß ich Sicharts Schwägerin -gestern abend in hohem Grade bloßgestellt hätte, und daß Sichart der -einzige Mann sei, der ihr zur Seite stände. - -Ich will mir das Weitere ersparen, Max; jener vergnügte Abend hat -jedenfalls meinem Herzen eine Wunde geschlagen, die niemals ganz -verheilen wird. - -Nach dem Duell machte man mir den Prozeß. Ich wurde für zwei Jahre auf -den Königstein geschickt. Als ich die Hälfte meiner Strafe verbüßt -hatte, begnadigte mich der König, »in Ansehung seiner mehrfachen -Auszeichnungen vor dem Feind«. Und als ich mich dann beim Regiment -zurückmeldete, schickte mich der Oberst mit unbeschränktem Urlaub -von Dresden fort. Ein paar Wochen habe ich jetzt bei meinem Onkel -zugebracht, der, wie Du weißt, in Tharandt Oberförster ist. Dann aber -trieb es mich zu Dir.« - -Auf Maxens männlich-schönes Gesicht hatte sich ein Zug tiefsten Ernstes -gelagert, während sein Auge teilnahmsvoll auf Friesen ruhte. Aber er -fand keine Worte, seinen Gefühlen Ausdruck zu geben und drückte deshalb -dem Freunde nur stumm die Hand. - - - - -3. Kapitel. - - -Seit Friesens Ankunft auf dem Freihofe waren nun schon einige Wochen -vergangen, und die Ernte war im vollen Gange. Von frühesten Morgen ab -war Max draußen auf den Feldern, wohin ihn zuweilen Friesen begleitete. -Die Freihoferin leitete trotz ihres Alters noch alle weiblichen -Arbeiten auf dem Gute, und ihre Tätigkeit wurde in den Erntetagen -stark beansprucht. Am Frühstückstische trafen sich deshalb immer nur -Elisabeth und Friesen, während die Mittagsmahlzeit alle vereinigte. -Nach dem Abendessen blieb der kleine Kreis noch ein Stündchen plaudernd -sitzen, und Friesen hatte oft Gelegenheit, der Freihoferin knappes und -treffendes Urteil zu bewundern. Ihr scharfer Verstand fand immer das -Richtige, und ein Phrasenmacher hätte ihr gegenüber schweren Stand -gehabt, da sie seine Rede augenblicklich und schonungslos zerpflückt -hätte. - -Im Vordergrund des öffentlichen Interesses stand zur damaligen Zeit -erklärlicherweise die politische Lage Europas. Die vorangegangenen -Jahrzehnte hatten ja genug Stoff geliefert. Von den Eltern waren die -glänzenden Waffentaten Preußens unter seinem großen König den Kindern -überliefert worden, und das jetzige Geschlecht hatte die schrecklichen -Tage der Pariser Revolution gesehen, nach denen die ganze gebildete -Welt das Wachsen des jungen Korsen betrachtete. Anfangs konnte man wohl -ein Lächeln nicht unterdrücken, wenn man von dem Jüngling vernahm, der -in der französischen Hauptstadt die oberste Gewalt besaß. Wie viele -waren ihm in den letzten Jahren in dieser Stellung nicht vorangegangen, -und wie lange würde es dauern, bis auch ihn das Schicksal herunterwarf -und er klanglos jenen nachfolgte. - -Dann wieder horchte man auf, wie es hieß, daß er, zur Unterdrückung -des Pariser Aufstandes der Königstreuen berufen, keine -Beschwichtigungsreden an die Aufständischen gehalten, sondern sie ohne -Wimpernzucken hätte niederkartätschen lassen. Mit wachsendem Interesse -sah man auf den siebenundzwanzigjährigen, kühnen Obergeneral, der -trotz der trostlosen Verhältnisse, die die Revolution in seinem Lande -zurückgelassen hatte, ein Heer zusammenraffte und diese völlig mutlosen -Truppen in kurzer Zeit sich derartig ergeben machen und für den Krieg -so zu entflammen wußte, daß sie jeder Gefahr spotteten. Der Soldat -wuchs unter solcher Leitung und vertraute blind auf seinen Führer. - -Dieser fiel nunmehr in Italien ein und schlug in rascher -Aufeinanderfolge mehrere auf den Schlachtfeldern ergraute -Feldherren, die sich an der Spitze ihrer kampfgeübten Truppen ihm -entgegenstellten. Infolgedessen wurde der Einfluß, den dieser Bonaparte -als erster Konsul in Paris ausübte, immer größer. - -Und als dann nach wenigen Jahren der Sieger von Marengo und Hohenlinden -sich selbst krönte und als Napoleon der Erste zum Kaiser der Franzosen -ausgerufen wurde, da empfanden es die Völker Europas, daß der Zwerg, -der noch vor einem Jahrzehnt ihre Spottlust erregt hatte, zu einem -gewaltigen Riesen herangewachsen war. Man traute seiner Friedfertigkeit -nicht, und im nördlichen Deutschland sah man mit gemischten Gefühlen -und untätig zu, wie der unfehlbare Eroberer, über Russen und -Oesterreicher zugleich, bei Austerlitz einen seiner glänzendsten Siege -erfocht, und Schmach und Schmerz beschlich die deutsche Mannesbrust, -wie das alte deutsche Reich, dessen gewaltiger Bau den wildesten -Stürmen eines Jahrtausends getrotzt hatte, in Trümmer ging. - -Eine Bangigkeit überfiel die vom Kriege noch nicht heimgesuchten -deutschen Staaten, -- die verhängnisvolle Ruhe vor einem Gewittersturm. -Und dann kam jener unselige Oktobertag, an dem die Nation Friedrichs -des Großen, das starke, das stolze Preußen tief gedemütigt wurde. - -Die darauffolgenden Jahre hatten dann nichts als Tod und Verwüstung -gebracht. Jetzt schrieb man das Jahr 1811. Was würde wohl noch kommen? -Wieviel Schmerzliches, wie viel Erniedrigung barg die Zukunft noch in -ihrem Schoße? - -Max vertrat die Meinung, daß Sachsen mit den bestehenden Verhältnissen, -obwohl sie auch vieles zu wünschen übrig ließen, immerhin noch -zufrieden sein könne, denn das Land hätte Napoleon doch für manches -zu danken. Er hatte sein Bündnis nicht zurückgewiesen und es zum -Königreich gemacht. Und dann: durfte der König den Kaiser nicht seinen -Freund nennen? - -Die Freihoferin hingegen verwarf diese Ansicht. Das am Boden liegend -Preußen war ein Bruderstaat, war deutsch. Von Napoleon konnte Sachsen -nicht dauernd Gutes erhoffen, er war und blieb ein Franzose, ein Feind. -Was halfen Versprechen, wohl auch Geschenke, wie dieses Herzogtum -Warschau, das, richtig besehen, nur das Unglück des Landes vergrößerte. -Alle seine Beteuerungen freundschaftlicher Gefühle seien eitel Dunst, -drüben aber winke eine Hand, die man nicht verschmähen dürfe, die -Hand des blutverwandten Stammes. Freilich, _wie_ eine Änderung zum -guten herbeigeführt werden könne, wußte sie nicht. Wie konnte man beim -Anblick dieses mit schweren Gewitterwolken behangenen politischen -Himmels auch hoffen; kein freundlicher Stern drang durch das dunkle -Gewölk. - -Aber des Krieges war es für lange Zeit genug, darin waren alle einig. - - * * * * * - -Friesen schlenderte am Bache entlang, der infolge der andauernden -Sommerhitze fast versiecht war. Nur ein schmaler Streifen Wassers, in -einer Rinne in der Mitte des Bettes, hatte sich noch erhalten, und kein -Fremder hätte vermutet, daß dieses unschuldige Wässerchen zuzeiten ein -wildschäumender Bach werden konnte, der alles mit fortriß, was sich ihm -in den Weg stellte und selbst schon Menschenleben gefordert hatte. - -Friesen war wieder einmal allein; Max konnte ihm in der jetzigen Zeit -unmöglich Gesellschaft leisten. Oftmals vertrieb er sich die Stunden -mit Elisabeth im Spiel, -- anders konnte er die Unterhaltung mit ihr -nicht nennen. Sie liefen mit einander um die Wette, sprangen im hohen -Grase herum, oder zogen ihre Schuhe von den Füßen und liefen in das -seichte Wasser. - -Jeden Tag hatte Elisabeth neue Fragen an ihn zu stellen; ihre -Wißbegierde nach dem Leben in der Stadt war unerschöpflich. Zuweilen -traf es sich, daß sie etwas von dem, was Friesen ihr am Tage vorher -erzählt, trotz emsigen Grübelns nicht richtig verstanden hatte und -deshalb eine neue Erklärung erbat. - -Aber bald trug es sich zu, daß Friesen öfters fragte als sie. Das -Fehlen einer tieferen Kenntnis der Natur in ihrem mannigfachen Kleide -wurde ihm erst jetzt so richtig klar. Elisabeth hatte diese schwache -Seite an ihm mit lebhafter Befriedigung entdeckt und war sehr stolz, -daß sie klüger war als der kluge Stadtherr. Und wie gut sie ihm das -geheimnisvolle Weben anschaulich machen konnte! Denn dieses Kind -hatte in dem großen Buche der Natur mit vielem Erfolg gelesen. Ihre -Kenntnis der Pflanzen, der Insekten, war verblüffend. Mit erstaunlicher -Sicherheit beschrieb und suchte sie selten vorkommende Gräser und -machte ihn auf kaum bemerkbare Unterschiede in dem Bau einzelner -Blüten aufmerksam. Wenn Friesen manchmal einen leisen Zweifel über die -Richtigkeit ihrer Belehrung aussprach, so war ihr erstes Wort »die -Mutter«, die sie das alles gelehrt hatte, und von deren Unfehlbarkeit -sie überzeugt war. Aber seitdem Friesen eines Tages errötend gestehen -mußte, daß er die Nadeln der Kiefer von denen der Fichte nicht -unterscheiden könne, wagte er es nicht mehr, ihr zu widersprechen. Sie -war durch diese Unkenntnis derart überrascht gewesen, daß sie nicht -einmal ein Lächeln fand, sondern ihm einen Blick tiefsten Bedauerns -zuwarf, als sei ihr bange um sein gesundes geistiges Vermögen. Eine -Entschuldigung dieser bewiesenen Schwäche ließ sie nicht gelten. Selbst -die schüchterne Einwendung sprach nicht für ihn, daß ihm keine Zeit zur -Betrachtung geblieben sei, wenn er mit eigenen Händen so manche junge -Kiefer in das auflodernde Lagerfeuer geschoben, oder wenn ihm eine -starke Fichte Schutz vor den heranfliegenden feindlichen Kugeln gewährt -habe. - -Elisabeth wies seine Rechtfertigungen schonungslos zurück und meinte, -daß sie es nie begreifen würde, wie man ein Stück Holz ins Feuer werfen -könne, ohne dabei zu wissen, welcher Art es sei, oder daß man sich -hinter einen Baum stelle und nicht einmal dessen Namen kenne. - -Diese und ähnliche Vorhaltungen leuchteten Friesen zwar nicht recht -ein, aber er wagte auch keinen Einspruch mehr. - -Mit heißen Wangen, die der Eifer erröten ließ, lehrte sie ihm das -Schauen und Beobachten. Sie verfolgten mit einander das Wachsen des -Halmes, das Werden und Aufbrechen der Knospe und das Schwellen und -Treiben der Frucht. Dann wieder führte sie ihn mit blitzenden Augen, an -der Hand hinter sich her ziehend, durch das Gebüsch zu Vogelnestern, -in denen niedliche, gefleckte Eier lagen, oder die junge Brut piepsend -ihre nackten Hälse reckte und die hungrigen Schnäbel weit aufsperrte. - -Jeden Vogelruf sollte er kennen; unermüdlich nannte sie ihm den Namen -des Vogels, dessen Gesang sie eben gehört hatten. Zuweilen ahmte sie -das Gezwitscher nach, und er mußte raten. Dann wieder rief sie den -Namen eines der gefiederten Sänger des Waldes, und Friesen hatte, so -gut es gehen wollte, mit dessen Gesange zu antworten. - -Bei allen diesen Unterweisungen lag auf des Mädchens lieblichem Gesicht -der altkluge Ausdruck, der ihr so vortrefflich stand, und von dem es -bis zum Lachen doch nur einer ganz kleinen Bewegung der Gesichtsmuskeln -bedurfte. Lange konnte sie sich auch nicht beherrschen, dann begann sie -selbst wieder zu fragen, oder neckte ihn. Und, -- hui, flogen beide um -die Wette unter den Bäumen dahin. - -Aber heute war Friesen wieder einmal allein. Elisabeth war, wie so -manch liebes Mal, verschwunden, und er wußte sie oben auf dem Schlosse. - -Langsam war Friesen bis zu dem kunstlosen Stege geschritten, der über -den Bach führte und aus einem langen Brett bestand, das mit seinen -Enden hüben und drüben auf dem steinigen Uferrand auflag. Er ging -langsam und vorsichtig hinüber, denn die Brücke bog sich unter der Last -und drohte jeden Unvorsichtigen hinab in den Bach zu werfen. - -Auf dieser Seite des Baches war er noch nicht gewesen. Er ging weiter -und betrat einen kleinen Buchenwald, der sich in der Flußniederung -hinzog. Es waren lauter alte, herrliche Bäume, die hier standen. - -Friesen lief unter dem Laubdach hin, zuweilen an einem dichten -Brombeergebüsch stehen bleibend und nach frühreifen Früchten suchend. -Dann warf er sich in das schwellende Moos, das wie ein dunkelbraunes -Sammetpolster unter den Bäumen ausgebreitet war. Eine lange Weile blieb -er so liegen. Ueber ihm wiegten die Bäume ihre Kronen, durch die an -einigen Stellen der blaue Himmel hindurchsah. Dann kam ein leichter -Windstoß, und die Äste rauschten stärker durcheinander. - -So gefiel es ihm, -- diese wohltuende Einsamkeit war Balsam, der die -Wunde in seinem Herzen kühlte. - -Endlich sprang er wieder auf und ging nach dem Stege zurück. In -Gedanken versunken und die Augen gesenkt, schritt er dahin. Da war -es ihm, als wenn er Rascheln von Laub wie unter menschlichen Tritten -gehört habe, und fast gleichzeitig klang ein unterdrücktes Kichern. - -Friesen sah sich erstaunt um und bemerkte in kurzer Entfernung -seitwärts des Weges, am Fuße einer mächtigen Buche, zwei -Frauengestalten, die ebenfalls geruht haben mochten und die sein -Näherkommen aufgescheucht hatte. - -In der kleineren von beiden erkannte er Elisabeth. Von ihr war auch -zweifellos das unterdrückte Lachen ausgegangen, denn ihr Gesicht -verriet noch zu deutlich die Freude, die sie empfand, ihn überrascht -zu haben. Friesen fand kaum Zeit, ihr zuzunicken. Sein Blick war -zu dem anderen Mädchen geglitten, dessen Arm Elisabeth umschlungen -hielt. Es war eine hohe, herrlich gebildete Frauengestalt. Aus dem -feingeschnittenen Gesicht blickte ein sinnendes Augenpaar herüber, -über dem dunkle Brauen ihre hochgewölbten Bogen gezeichnet hatten. -Auf dem Kopfe trug sie einen dichten Kranz brauner Zöpfe. Die -Erscheinung dieses Mädchens bot ein Bild von Anmut und entzückender -Frauenschönheit. - -Friesen zögerte einen Augenblick mit dem Weiterschreiten, und er -schwankte, ob er sich den Mädchen nähern solle. Dann aber kam ihm -blitzschnell das Verständnis für die Lage, und die Rücksicht auf -seine Gastgeber bewog ihn, weiterzugehen. Er grüßte tief hinüber und -bemerkte, daß das schöne Mädchen errötete und seinen Gruß durch leises -Neigen des Kopfes erwiderte. - -Nach wenigen Minuten befand er sich wieder auf dem jenseitigen Ufer. Da -hörte er hinter sich eilende Tritte und wie er sich umsah, erkannte er -Elisabeth, die gerade den Steg überschritt. - -»Herr von Friesen?« rief sie von weitem, »laufen Sie doch nicht so -schnell. Ich will mit Ihnen nach Hause gehen.« - -Er blieb stehen und sah ihr lächelnd entgegen. Jetzt kam sie -angesprungen. Ihre stark geröteten Wangen traten aus dem bleichen -Gesicht scharf hervor. Als sie ihn erreicht hatte, legte Elisabeth -vertraulich ihren Arm in den seinen, wie sie es oft tat, wenn sie im -Walde nebeneinander gingen. Ihre Brust arbeitete infolge des schnellen -Laufes heftig, und sie mußte lange nach Atem ringen, bevor sie sprechen -konnte. - -»Das war meine Freundin Maria,« sagte sie stolz, »Maria von Tiefenbach.« - -»Ach, Ihre Cousine,« entgegnete Friesen achtlos, »die oben im Schlosse -wohnt?« - -Ueberrascht hob Elisabeth den Kopf und sah ihm in das Gesicht. - -»Aber, Herr von Friesen, woher kennen Sie denn Maria?« - -»Ich habe sie noch nie gesehen, aber schon vor ihr gehört,« antwortete -er. »Max hat mir erzählt, daß es ein Schloßfräulein gäbe, mit dem unser -kleiner Wildfang vom Freihofe gute Freundschaft halte.« - -Das Mädchen hörte seine Neckerei nicht. Ihr Gesicht zeigte einen -gespannten Ausdruck, als sie rasch fortfuhr: - -»Das hat Ihnen mein Bruder erzählt? Ach bitte, Herr von Friesen, -sprechen Sie mehr davon. Was hat er alles von Maria gesagt?« - -Eine Blutwelle war dem Mädchen ins Gesicht getreten, aus dem Friesen -zwei bittende Augen entgegenleuchteten. - -Der junge Mann war betroffen. Er bereute seine Worte, die die Erregung -des Mädchens hervorgerufen hatten. Von dem, was Max ihm erzählt hatte, -durfte er natürlich nicht plaudern, da wäre er ja auf das im Freihofe -sorgfältig gemiedene Thema gekommen. Da hatte ihm sein Scherzen einen -argen Streich gespielt, den er sofort wieder gut machen mußte. - -So harmlos wie es ihm nur gelingen wollte, antwortete er: - -»Max hat mir beiläufig erzählt, daß seine Familie mit den Tiefenbachs -vom Schlosse verwandt sei, und daß der alte Herr dort oben nur ein -einziges Töchterchen habe. Das waren ungefähr seine Worte. So, und -nun habe ich gesagt, was ich weiß, und ich hoffe, daß eine gewisse -neugierige Fragerin befriedigt sein wird.« - -Verstohlen blickte er zur Seite und sah einen Zug tiefer Enttäuschung -auf Elisabeths Gesicht lagern, während die Augen, die soeben noch voll -Erwartung auf ihm geruht hatten, gedankenvoll in die Weite schweiften. -Es schien ihm, als wenn das Mädchen seinen Worten nicht recht glaube, -und nur ihr hohes Zartgefühl sie davon zurückhalte, weiter in ihn zu -dringen. - -Eine Zeitlang gingen sie schweigsam nebeneinander. Dann aber wünschte -Friesen das Mädchen auf andere Gedanken zu bringen, und er ahmte mit -großer Sorgfalt den Ruf des Kuckucks nach. Dieser Versuch mußte jedoch -nicht besonders glücklich ausgefallen sein, denn er bemerkte, wie sich -die regungslosen Züge des schmalen Gesichtes wieder belebten, wie -es dann in den Mundwinkeln zu zucken begann, und wie zuletzt seine -Nachbarin in herzliches Lachen ausbrach. Friesen aber war froh, das -Mädchen wieder heiter zu sehen, denn Ernst stand ihrem Gesicht wirklich -nicht. Im nächsten Augenblick hatte sie wieder vergessen, was ihr Herz -noch soeben schwer bedrückte. Und fröhlich plaudernd trafen sie als -Letzte zum Mittagessen ein. - - * * * * * - -An den folgenden Tagen war Friesen in Maxens Begleitung wiederholt -ausgeritten. Max hatte im Frühjahr ein paar schöne Wagenpferde gekauft, -die er auch zugeritten hatte, sodaß sie, obgleich es zwei schwere Gäule -waren, recht gut unter dem Sattel gingen. Da der Braune noch immer -etwas lahmte, und die beiden Pferde in diesen Tagen selten vor die -Kutsche kamen, benutzte er sie abwechselnd auf seinen Ausritten. - -Zuweilen begleitete auch Elisabeth die Herren zu Pferde. Sie besaß -einen prachtvollen Apfelschimmel, ein hochgewachsenes, junges Tier, mit -langer, weißer Mähne und wallendem Schweife. Vor zwei Jahren hatte Max -das Tier aus Holstein mitgebracht, und in kurzer Zeit war das Mädchen -mit der Reitkunst so vertraut, daß ihre Leistungen alle überraschten. - -Friesen gewahrte mit Erstaunen die Sicherheit, mit der Elisabeth -den Schimmel ritt. Das kluge Tier schien stolz zu sein unter seiner -jungen Reiterin; es spitzte verständnisvoll die Ohren und selbst der -leichteste Zungenschlag entging ihm nicht. Wenn aber seine Herrin, sich -herabbeugend, freundlich zu ihm sprach und ihm den glänzenden Hals -klopfte, da warf es schäumend den Kopf auf und nieder und stampfte -lebhaft den Boden. - -Auf einem dieser Spazierritte lernte Friesen einen jungen Bauern aus -dem Dorfe kennen, namens Konrad Hartmann, den starke Freundschaftsbande -an Max fesselten, und der, wie Friesen schnell bemerkte, sich einer -besonderen Wertschätzung durch die Freihoferin rühmen durfte. - -Konrad Hartmann besaß einen kleinen Hof, der am Ende des Dorfes lag, -und in dessen Nähe, der mündlichen Überlieferung nach, auf einem Hügel -in früheren Zeiten ein Galgen gestanden haben sollte. Jetzt war davon -freilich nichts mehr zu sehen, aber der Name war geblieben, denn das -Hartmannsche Anwesen hieß allgemein der Hof am Rabenstein und sein -Besitzer kurzweg der Rabensteiner. - -Konrad ritt einen struppigen Fuchshengst, ein feuriges Tier edelster -Rasse, das ihm vor einigen Jahren ein französischer Offizier halb -geschenkt hatte, dem es darauf ankam, daß das kranke Pferd recht gute -Pflege erhielt. Unter Konrads sorgfältiger Wartung hatte sich das Tier -langsam wieder erholt, und nun hing der junge Mann, der weithin den -Ruf eines ausgezeichneten Reiters genoß, an dem Hengst mit geradezu -brüderlicher Liebe. - -Konrad Hartmann war ein Feuerkopf und so etwa gerade das Gegenteil des -in seinen Entschließungen schwerfälligen Max. Mit Staunen hörte Friesen -den einfachen Bauernsohn über die politischen Verhältnisse treffende -Worte sprechen. Sein Urteil über die zweideutige Rolle, die Sachsen -seit der Katastrophe von Jena spielte, war vielleicht zu hart und für -die Leiter der Geschicke des Volkes schonungslos. Aber von seinen -Plänen über die Befreiung von den unwürdigen Fesseln, die das Land mit -dem Kaiser verbanden, ging ein Hauch glühender Begeisterung aus und -alle Gefahr nicht achtender Liebe zu seinem Vaterland. Leider litten -diese Pläne, wie sich Friesen gestand, an dem großen Fehler, daß sie -niemals verwirklicht werden konnten, denn Alldeutschland lag gedemütigt -am Boden, und der Stern des gewaltigen Eroberers hatte noch nie so -glänzend gestrahlt als in diesen Tagen. Dennoch lauschte Friesen gern -und mit Aufmerksamkeit Konrads Worten, und es stieg in ihm dunkel die -Meinung herauf, daß es solcher Männer, wie diesen, leider nicht genug -gäbe unter dem sächsischen Volk. - - * * * * * - -Der Sommer war vorüber, der Winter stellte sich ein, -- und Friesen -weilte noch immer auf dem Freihof und half den ihm so rasch -liebgewordenen Menschen in dem einsamen, verschneiten Dorfe die langen -Winterabende kürzen. Nun war auch Weihnachten vorüber. Das alte Jahr -tauchte hinab in die Ewigkeit und ungewiß, was es bringen würde, -schaute man dem neuen entgegen. - -Da wurde plötzlich die Harmonie der ruhig dahinfließenden Tage auf dem -Freihofe rauh unterbrochen: Friesen erhielt die schriftliche Ordre, -sich unverzüglich bei seinem Regimente zu melden. Von den besten -Wünschen und Hoffnungen auf frohes Wiedersehen in nicht allzuferner -Zeit begleitet, nahm er schweren Herzens von der trauten Stätte und -ihren lieben Bewohnern Abschied. - -Noch ahnte niemand die schreckenvolle Zeit, der man entgegenging. Aber -nur allzubald sollte sich der gnädig verhüllende Schleier der Zukunft -lüften, denn von neuem und diesmal unheilvoller denn je, klangen die -Kriegstrompeten durch die deutschen Gauen. - -Napoleons grenzenloser Hochmut geizte nach neuem Ruhm. Die Taten -eines Alexanders, eines Karls des Großen standen ihm beständig vor -der Seele und trieben seinen empfindlichen Ehrgeiz bis ins Maßlose. -Die Völker zwischen dem Rhein und der Oder lagen zu seinen Füßen, -und ihre Herrscher buhlten um seine Gunst. Nur Rußland stand noch -aufrecht und spottete der Eroberungsgelüste des Kaisers. Das Verhältnis -zwischen ihm und dem Kaiser Alexander war seit dem Wiener Frieden immer -kälter, zuletzt feindselig geworden, bis endlich Rußlands Forderungen, -Napoleon solle die französischen Besatzungen aus Pommern und Preußen -zurückziehen, die Kriegserklärung folgte. - -Ganz Europa hallte wider von den ungeheuern Rüstungen der beiden -mächtigen Gegner. - -Der Kaiser hatte schon seit länger als einem Jahre mit den -Vorbereitungen für diesen Krieg im Geheimen begonnen. Wie er nie -aufgehört hatte, Preußen zu mißtrauen, sah er dem Zusammenstoße mit -Rußland wie etwas Unvermeidlichem entgegen. Sein erster Schritt -war gewesen, die Besserung der sächsischen Heeresverhältnisse bei -dem Könige von Sachsen auf das eifrigste zu betreiben. Und eine -gründliche Umgestaltung war hier nach den Erfahrungen der letzten -Feldzüge allerdings ein unabweisbares Bedürfnis. Vor allem galt es, -eine Menge veralteter Einrichtungen zu beseitigen und das Heer von -der ihm anhaftenden Greisenhaftigkeit zu befreien. Eine Anzahl alter, -unfähiger Generale wurde verabschiedet, und mehrere jüngere, befähigte -Stabsoffiziere, die die napoleonische Schule gebildet hatte, rückten -mit einer für die damaligen Verhältnisse unerhörten Schnelligkeit auf. - -Das weitere Verlangen des Kaisers ging dahin, in Sachsen einen großen -befestigten Platz anzulegen, wozu Torgau ausersehen wurde. - -Der leitende Minister der auswärtigen Politik Sachsens war zu jener -Zeit Senfft von Pilsach, der keineswegs wie sein Vorgänger zu den -knechtischen Bewunderern Napoleons gehörte. Ja, er haßte ihn und trug -sich mit Gedanken an eine Abschüttelung des französischen Jochs. Mit -welch segensreichem Erfolge seine Tätigkeit hätte gekrönt sein können, -wie viel Kummer und Verlust an Menschen, Land und Eigentum Sachsen -erspart geblieben wäre, wenn die Pläne dieses Mannes nicht von einer -Niederwerfung Preußens ausgegangen wären, auf dessen Trümmern er -die Aufrichtung einer sächsisch-polnischen Macht im Herzen Europas -erträumte. In einer unbegreiflichen Verblendung wähnte er Preußen auf -alle Zeiten verloren, und aus diesem Grunde liefen seine Gedanken, -anstatt mit Preußen Verbindung zu suchen, darauf hinaus, seinen -Niedergang zu beschleunigen. - -Um den Osten zu stärken, hatte Napoleon ungeheure Waffenvorräte in dem -Großherzogtum Warschau angehäuft und die polnischen Reiterregimenter -umgewandelt und verstärkt, um im Falle des Krieges die lästigen -Kosakenschwärme von dem französischen Heere fernzuhalten. Weiter war -die Bildung von Nationalgarden, die Verstärkung von Festungen und deren -Armierung an der russischen Grenze sowie die Bereithaltung großer -Mundvorräte in den Magazinen anbefohlen. Schon in der Mitte des Jahres -1810 war in Dresden ein französischer Stabsoffizier erschienen, um zu -horchen, ob der Kaiser in jedem Falle auf die sächsische Armee rechnen -könne. - -Die Stimmung in Sachsen war beim Ausbruche des Krieges nicht überall -dieselbe. Das verjüngte, trefflich geschulte Heer freilich war von -kriegerischem Geiste beseelt und vertraute blind dem Genius des -Kaisers. Der Erfolg des Feldzuges erschien im voraus gesichert, und der -glückliche Ausgang versprach hohen Gewinn für das Land. - -Die Bevölkerung teilte jedoch diese hoffnungsvolle Meinung nicht. -Der Bauer war des unaufhörlichen Kriegführens müde und sehnte sich -nach bleibender Ruhe. Die vorangegangenen Feldzüge hatten zuviel -Blut gefordert und das Land ausgesogen und bis an den Rand des Ruins -gebracht. Aber das sächsische Volk war gewöhnt, seinem Fürsten zu -folgen und ihm sein ganzes Vertrauen zu schenken. Deshalb legte man -auch diesmal wieder das Geschick des Landes zuversichtlich in die Hände -des geliebten Königs. - -Und so folgte Sachsen dem mächtigen Strom, der es in einen der -schrecklichsten Kriege, den die Weltgeschichte kennt, hineinriß, und -dessen Folgen für das unglückliche Land so verhängnisvoll werden -sollten. - - - - -4. Kapitel. - - -In den ersten Tagen des Monats Mai 1812 benachrichtigte Napoleon -König Friedrich August durch einen Ordonnanzoffizier von seiner -baldigen Ankunft in Dresden. Am 13. Mai überschritt der Kaiser in -Begleitung seiner Gemahlin und umgeben von einem glänzenden Hofstaat -in der Nähe von Plauen die sächsische Grenze, wo ihm der vom König -entsandte Oberkammerherr von Friesen und General von Gersdorff namens -ihres Monarchen ehrfurchtsvoll empfingen. Der König und die Königin -selbst erwarteten den hohen Gast in Freiberg. Infolge der zahlreichen -Huldigungen, die dem Kaiser auf der Fahrt von den Behörden dargebracht -wurden, verzögerte sich seine Ankunft, und die Folge war, daß der -König sich am Abend kaum zur Ruhe begeben mochte und nur mit vieler -Mühe bewogen werden konnte, sich einige Stunden Schlafes zu gönnen. -Gegen Morgen traf das Kaiserpaar in dem Städtchen ein, dessen Bewohner -während der ganzen Nacht auf den Beinen geblieben waren. Die ersten -Schimmer des anbrechenden Frührots mischten sich mit der festlichen -Beleuchtung der Stadt. - -Am Abend dieses Tages hielt der Kaiser unter dem Geläute der Glocken -seinen Einzug in Dresden. Die märchenhafte Beleuchtung dieser schönen -Stadt und des lieblichen Elbtales während der Kaisertage übertraf -selbst alle derartigen Schauspiele, womit der verschwenderische, -prunkliebende Kurfürst August der Starke seine Residenz einst verwöhnt -hatte. - -Außer dem Kaiser und der Kaiserin von Österreich hatten sich zahlreiche -Fürstlichkeiten, hohe Offiziere und Staatsmänner in der sächsischen -Landeshauptstadt eingefunden. Glänzende Feste wurden veranstaltet, von -denen jedes eine rauschende Huldigung des Allgewaltigen zum Mittelpunkt -hatte. Es waren Tage der verschwenderischsten Prachtentfaltung, des -höchsten Glanzes. - -Die deutschen Fürsten übertrafen sich gegenseitig in der Begierde, -einen Gunstbeweis von dem Kaiser zu erhalten, und wenn er einen von -ihnen ausgezeichnet hatte, sah dieser stolz auf die, die sich noch -immer um einen gnädigen Blick des Gefürchteten bemühten. - -Napoleon hatte den Gipfel seiner Macht erklommen. - -Nur ein einziger von Deutschlands Fürsten ließ sich von dem Strahlen -des Kaiserlichen Gestirns nicht blenden; es war der König von Preußen, -der gebeugt und düster durch die Versammlung schritt. König Friedrich -August von Sachsen wich seinem Blick aus, und mit Ängstlichkeit mied -ihn der Kreis der Fürsten. Der Kaiser bemerkte dies mit freudiger -Genugtuung, die aber bald großem Verdrusse Raum gab, als er hörte, -welch teilnehmende Hochachtung die Dresdner Bevölkerung dem preußischem -König entgegenbrachte, während ihn, den Kaiser, überall nur Neugierde -und das dumpfe Schweigen des Grolls empfing. - -Am 29. Mai verließ Napoleon Sachsens Hauptstadt, um das Kommando der -Armee zu übernehmen. König Friedrich August war, um den Abschied von -dem erhabenen Gast nicht zu versäumen, so besorgt, daß er nicht wagte, -zu Bett zu gehen, sondern die Nacht im Stuhle verbrachte. Zuletzt hätte -er den richtigen Augenblick beinah noch versäumt, doch gelang es ihm, -dem Kaiser noch bei seinem Hinabschreiten auf der Treppe mit flüchtigen -Worten Lebewohl zu sagen. - -Eine verzehrende Unruhe lastete wie ein schwerer Druck auf dem -sächsischen Volke. Der Sommer verging, der Herbst nahte und entschwand, -und bald brauste der Winter mit fürchterlicher Strenge ins Land, und -man gedachte mit banger Besorgnis derjenigen, die weit entfernt von -der Heimat in den unendlichen Schneefeldern Rußlands ihr Leben für die -Laune des verhaßten Despoten wagen mußten. - -Anfänglich hatte man genügend Nachrichten von der Armee erhalten: die -Kunden der Schlacht bei Smolensk und bald darauf des fürchterlichen -Gemetzels von Borodino bewiesen, daß die Russen sich ihrer Angreifer -wie Rasende erwehrten. Dann verstummten alle Nachrichten lange Zeit, -und ihr Ausbleiben verschärfte die Qualen, die die daheim erlitten. -Plötzlich leuchtete es an dem dunkeln Himmel wieder auf. Ein blendender -Blitzstrahl durchzuckte ganz Europa: die Kunde des Brandes von Moskau -drang herüber. Aber die Sorge um den Einzelnen war kaum noch wach, -in langen, kummervollen Nächten hatte man sich schon für den Verlust -getröstet, mit der Hoffnung, daß dem teuern Sohn ein schmerzvoller -Tod erspart geblieben sein möge. Nur schwach glimmte noch in mancher -Menschenbrust der Funke der Hoffnung auf ein irdisches Wiedersehen. - -Nach dieser Nachricht war wieder Grabesstille. Die ungeheure Armee, -deren lärmender Durchzug tagelang gedauert hatte, mit ihren tausend -Kanonen und dem nicht endenwollenden Troß, war verschwunden, als wenn -sie der Erdboden verschlungen hätte. Schmerzvolles Erwarten, atemloses -Aufhorchen, banges Fragen, -- -- nichts, keine Nachricht. Alles -still, als wenn tiefster Friede im Lande herrsche! Nur die östlichen -Winde trugen etwas herüber wie Leichengeruch, als ob sie über einen -unermeßlich großen Friedhof mit offenen Gräbern gestrichen wären, und -aus ihrem Heulen und Brausen klang es wie erstickte Schmerzenslaute und -gestammelte Gebete. - -So ging man dem Weihnachtsfeste des Jahres 1812, dem heiligen Feste der -Liebe und des Friedens entgegen. - -Wie hatten doch immer zu dieser Zeit die Herzen höher geschlagen! Noch -im vorigen Jahre hatte die Freude alle Gemüter bewegt. Wenn auch genug -des Herzeleids die Welt erfüllte, und die dunkle Zukunft viel Schweres -in sich bergen mochte, man war vereint, fühlte sich glücklich und war -zufrieden mit dem Wenigen, was das gefräßige Kriegsungeheuer einem -gelassen hatte. - -Aber in diesem Jahre wollte die Herzen kein wonniges Gefühl erwärmen, -keine freudige Erwartung erhob die Gemüter. - -Alle schlichen scheu umher. Man vermied es, den Nachbar, den Freund zu -trösten, in der Besorgnis, den eigenen Kummer zu wecken, zu vergrößern. -Ja man wagte zuletzt nicht mehr, zu fragen, aus tötlicher Angst, daß -das Entsetzliche sich offenbaren könne. - -Ein fürchterlicher Alp lastete auf jeder Menschenbrust, und die Seelen -durchzitterte tiefster Schmerz. - -Da lief plötzlich ein Raunen durch die Gassen der sächsischen Lande. -Zuerst ging das Gerücht wie ein Windhauch. Jeder lieh ihm das Ohr und -verstummte jäh vor der entsetzlichen Kunde, unter der sich das Herz -krümmte. Dann wurde das Gerücht lebhafter, laut, wuchs zum Lärm an und -donnerte endlich wie eine Lawine vor dem Orkan über das hartgeprüfte -Volk. Die schwache Hoffnung, die sich im Innern der Stärksten tief -verborgen noch erhalten hatte, erlosch in einem einzigen Augenblick. -Tötlicher Schrecken lähmte die Glieder und raubte dem Geist den letzten -Rest seiner Spannkraft: die riesengroße, stolze Armee war vernichtet! -Alles was das russische Blei verschont, der Säbel der Kosaken nicht -niedergehauen, der Huftritt ihrer Rosse nicht zerstampft, bei dem -Überschreiten des zugefrorenen und halb aufgetauten Dniepr nicht -umgekommen, oder bei dem gräßlichen Übergang über die Beresina nicht -zerdrückt, zertreten, zwischen den Eisschollen zerquetscht worden war, --- lag erstarrt auf den endlosen Eisgefilden. Wie durch ein Wunder, -hieß es weiter, hätten sich wenige Tausend gerettet, deren Rückzug sich -so gestaltete, daß er in der Geschichte der Kriegsleiden seinesgleichen -nicht haben sollte. - -Wie ein Feuerstrom ging es von Herz zu Herz; die Unterschiede in den -Rangstufen der Menschen schienen aufgehoben. Alle waren nur von dem -einen Gedanken beseelt, den zurückkehrenden Unglücklichen die Hände zu -reichen. Aber der Wunsch war stärker als die Tat. Große Vorbereitungen -konnten nicht getroffen werden, die Hast ließ keiner Überlegung -Zeit, und die Kopflosigkeit zerstörte oft wieder das schon bedacht -Geschehene. Der Schrecken hatte die Gemüter verwirrt. - -Und dann kamen die Trümmer der Armee Napoleons! - -Der Hunger hatte die des Weges nur noch Wankenden fürchterlich -abgemagert. Unter der schlaffen, farblosen Haut ragten die -Backenknochen, das Bein der Nase aus dem hohlen Gesicht schauerlich -hervor, und das Haar hing wirr von der Stirn herab. Die Lippen dieser -Unglücklichen waren ausgetrocknet, und aus den eingefallenen, matten -Augen drang gänzliche Teilnahmlosigkeit, grinste stiller Wahnsinn. -Jeder Schein militärischen Ansehens war von ihnen geschwunden. Ihre -Füße waren oft nur mit Lumpen oder Stroh umwickelt, die spärlichen -Kleider in Fetzen, und um die Blöße des Körpers notdürftig zu bedecken, -hatte mancher um die fleischlosen Schultern nur den Rest eines alten -Mantels oder ein erbetteltes Tuch geschlungen. - -So kamen sie daher, ohne Waffen und kaum fähig sich weiter zu -schleppen, das Zeichen furchtbarer Leiden auf der Stirn und dort, wo -sie einkehrten, ansteckende Krankheiten verbreitend. Und doch waren es -die, die kaum vor Jahresfrist in stolzer Siegeszuversicht ausgezogen -waren. - -Die Garde du Corps bestand nur noch aus 7 Offizieren und 4 Mann, und -von den frischen, kecken Zastrows kehrten 13 Offiziere und 3 Gemeine in -das Vaterland zurück. - -Und er, der unter dem gewaltigen Schlage des Himmels hätte -zusammenbrechen müssen, prahlte in Dresden Sachsens König gegenüber -mit seinen unerschöpflichen Hilfsquellen und setzte nach kurzem -Aufenthalt, einen Gassenhauer trällernd, in einem schnell auf -Schlittenkufen gestellten Wagen der Königin am 17. Dezember seine -Weiterreise über Leipzig nach Paris unerkannt fort. - - * * * * * - -Am 9. Januar 1813 trafen die ersten dieser Unglücklichen in Leipzig -ein. Ein Teil von ihnen, der auf südlicheren Straßen marschiert -war, berührte auch Rehefeld. Fast in jedem Dorfe, das diese Trupps -passierten, mußten einige der Schwächsten zurückbleiben. Die -Bevölkerung wetteiferte in der Aufnahme und Pflege der Soldaten, ohne -darauf zu sehen, ob sie einen Deutschen oder einen Franzosen im Hause -hatten. Alle waren sie Unglückliche! - -Mit dem Beginn des neuen Jahres hatte sich reicher Schneefall -eingestellt, dem starke und anhaltende Kälte folgte. Die -Jammergestalten konnten sich kaum noch weiterschleppen, denn ringsum -waren die Straßen verschneit, und der scharfe Nord drang schneidend -durch die dünnen, zerrissenen Kleider der Ärmsten. Auch die Mutigsten -von ihnen wollten jetzt nicht mehr weiter und nahmen mit Freudentränen -die Aufforderung zum Bleiben ohne Zögern an. Fast jedes Haus in -Rehefeld hatte unter seinem Dache einen der Fremdlinge, und selbst die -Ärmsten der Bewohner teilten mit ihrem Gaste freudig die kärgliche -Nahrung. Aber es bedurfte nicht vielem, um die Soldaten zufrieden zu -sehen. Die Ruhe tat den von langem Marschieren im Schnee wundgewordenen -Füßen wohl, und es widerfuhr ihnen schon ein großes Glück, wenn sie -nach langen Qualen und Entbehrungen die starren Glieder auf weichem -Lager und in wohltuender Wärme ausstrecken konnten. - -Da brach, wenige Tage nach ihrem Eintreffen, unter den Angekommenen -eine Krankheit aus, die sich rasch verbreitete und von der auch einige -der Dorfbewohner ergriffen wurden. - -Die Krankheitserscheinungen waren ernst. Man riet deshalb nicht -lange, sondern schickte einen Wagen nach Leipzig hinein, um ärztliche -Hilfe zu holen. Noch an demselben Abend kamen zwei Militärärzte an, -die sofort mit der Untersuchung der Kranken begannen. Unermüdlich -gingen sie von Haus zu Haus; überall begegneten ihnen die gleichen -Krankheitserscheinungen. Nach kurzer Beratung erklärten die Ärzte dem -sie begleitenden Ortsvorstand, daß die fiebernden Soldaten an Typhus -erkrankt seien und nicht länger in den Häusern bleiben dürften, sondern -daß für sie ein paar große Räume als Spital herzurichten seien. In -seiner Bestürzung eilte der alte Mann auf den Freihof, wo er am ehesten -Rat und Beistand zu finden hoffte. - -Die Tiefenbachs waren noch wach. Sie beherbergten selbst drei Soldaten, -die ebenfalls von der Krankheit befallen waren und in heftigem Fieber -lagen. - -Max ließ sofort seine Leute wecken und sandte sie im Dorfe herum, um -einige der Entschlossensten herbeizuholen. - -Nach Verlauf einer halben Stunde waren sieben oder acht Bauern -versammelt. Die Ärzte, die die angebotene Unterkunft auf dem Freihofe -angenommen hatten, beschrieben die Anforderungen, die an die -Krankenzimmer gestellt werden müßten und gaben Unterweisungen für die -Überführung der Kranken. - -In kurzer Zeit einigten sich die Männer dahin, daß der große Tanzsaal -des Gasthofes und das dicht daneben stehende Schulhaus für die Kranken -eingerichtet werden sollten. Der Lehrer und seine Familie mußten -während dieser Zeit bei einem Bauern Unterkunft bekommen. Sollten diese -Räume nicht ausreichen, so würde man den Freiherrn um Aufnahme einiger -Kranken im Schloß bitten. - -Am andern Morgen, als die Sonne blutigrot am Himmel heraufzog, und ihre -Strahlen die eisige Kälte noch fühlbarer machten, begann man damit, die -zur Aufnahme der Kranken ausersehenen Räume herzurichten. Von allen -Seiten brachten die Leute das im Hause Entbehrliche herangetragen; -dieser die Bretter eines alten, wurmstichigen Bettes, die viele Jahre -verstaubt und vergessen auf dem Dachboden gestanden hatten, jener einen -Strohsack, der rasch mit weichem Haferstroh frisch gefüllt worden -war. Ein Dritter gab zwei wollene Decken, wieder einer ein Deckbett, -das noch warm war, da es in der verflossenen Nacht ihm selbst gedient -hatte, und zwei Kissen dazu. Ein anderer erklärte, daß er und sein Weib -unter Decken nicht frieren würden, und er gab alles, was sie an Betten -besaßen. Die Hofbesitzer und die großen Häusler trugen fast jeder -ein vollständiges Bett herbei, und vom Freihof kam ein zweispänniger -hochaufgepackter Wagen, von dem man vier Bettstellen und ebensoviel -Strohsäcke und Federbetten ablud. Keiner wollte zurückstehen von der -Erfüllung des Liebeswerkes und wenn es der Ärmste war. Etwas hatte -jeder, wars auch nur eine geringe Gabe. - -In wenigen Stunden waren die Räume soweit instand gesetzt, daß man -daran denken konnte, die kranken Soldaten aus den einzelnen Häusern in -ihr neues Heim zu schaffen. - -Man zählte: dreiundzwanzig Kranke sollten es sein, und neunundzwanzig -Betten standen bereit. Gottlob! Soweit war alles geglückt, das Hospital -war fertig. Der Tanzsaal allein konnte zwölf Kranke aufnehmen, und die -übrigen fanden in den beiden Gastzimmern daneben und im Schulzimmer -Unterkunft. - -Gegen Mittag brachte man die Kranken von allen Seiten heran. In Decken -und Betten gehüllt, wurden sie vorsichtig bis zum Gasthof gefahren; aus -den näher liegenden Häusern trugen sie die Einwohner dahin. - -Alles beteiligte sich daran. Die beiden Ärzte waren vorher emsig von -einem Haus in das andere geeilt und hatten die letzten Anordnungen für -den Transport gegeben. Nun standen sie inmitten der frischen Betten und -überwachten das sorgsame Hineinlegen der Kranken. Ein Neugeborenes kann -nicht zärtlicher und liebevoller von seiner Mutter in den Arm genommen -werden, wie mit den Soldaten die Rehefelder verfuhren, und die Kinder -trugen den mit ihrer Bürde behutsam Dahinschreitenden die wenigen und -armseligen Kleidungsstücke nach. - -Das Mitleid mit den Unglücklichen hatte die ganze Einwohnerschaft -ergriffen, und man suchte in der Betätigung für die Notleidenden -einander zu übertreffen. - -Unter denen, die sich von den frühesten Morgenstunden ab um das gute -Gelingen des Werks bemüht hatten war auch Max. - -Nachdem er mit seiner Mutter kurz besprochen hatte, was sie an Betten -und Gerätschaften beisteuern konnten, war er hinüber nach Zehmen -geritten. Die Militärärzte hatten erklärt, daß sie nicht länger bleiben -könnten, da ihre Hilfe in dem mit Kranken überfüllten Leipzig nur allzu -dringend gebraucht würde. Aus diesem Grunde war er zu dem in diesem -Dorfe wohnenden Arzt geeilt, der freilich schon seit Jahren infolge -hohen Alters seinen Beruf nicht mehr regelmäßig ausübte, um ihn um -seinen Beistand für die jetzige Zeit der großen Not zu bitten. Er fand -den Greis im Bette liegend und krank, so daß dieser ihm nur ein paar -Ratschläge mit auf den Weg geben konnte und in Aussicht stellte, nach -einigen Tagen selbst einmal nach den Kranken zu sehen. - - - - -5. Kapitel. - - -Als Max gegen Mittag zurückgekehrt war, hörte er, daß die Kranken in -dem schnell hergerichteten Spitale nunmehr glücklich untergebracht -seien. - -Er konnte einen Ausdruck der Befriedigung darüber nicht unterdrücken, -und ein Gefühl der Beklemmung wich von ihm bei dem Gedanken, daß die -Einwohner Rehefelds der unmittelbaren Gefahr der Ansteckung nicht mehr -ausgesetzt wären. - -Max ging nach dem Gasthof, da er wissen wollte wie es nun darin aussah, -ob man für die Zubereitung der Speisen für die Kranken ausreichend -gesorgt hatte und schließlich, ob genug Pflegerinnen bestellt wären - -Als er über den Platz vor dem Gasthof schritt, standen ein paar -Geschirre vor dem Hause. Die Pferde hatten die Krippen vor sich und -fraßen bedächtig, während die Besitzer in der Gaststube weilten. Im -Hausflur angekommen, unterschied er drinnen einige bekannte Stimmen, -unter denen er auch die des Gemeindevorstands erkannte, der froh sein -mochte, der größten Sorge ledig zu sein. Max schritt auf die Tür zu, -besann sich aber sofort eines anderen und wandte sich wieder um. -Langsam stieg er die Treppe hinauf, um sich vorher die Unterbringung -der Kranken anzusehen. - -In dem geräumigen Saale waren an den beiden Längsseiten die Betten mit -geringen Abständen von einander aufgestellt, daß die Kranken mit den -Füßen nach dem in der Mitte entstandenen, breiten Gang zu lagen. Die -hölzernen Bettgestelle waren ungleich lang und breit und die Bezüge -verschiedentlich bunt gestreift oder gewürfelt, wie sie die Bauern -aus ihren Haushaltungen zusammengetragen hatten. Einige der Kranken -schliefen, andere lagen wachend in den Kissen, und hier und da warf -einer in starkem Fieber unruhig den Kopf hin und her. - -Drei Frauen gingen geräuschlos ab und zu oder bemühten sich um -die Kranken. Die erste, die Max am nächsten stand, war eine alte -Auszüglerin, die gewöhnlich im Dorfe die Kranken wartete, und in einer -andern erkannte er die Frau des Schullehrers. Die dritte kehrte ihm den -Rücken zu und beugte sich gerade tief auf das Bett eines Fiebernden -nieder und hielt diesem ein Glas Wasser an die Lippen. - -Max wußte nicht, wer diese Pflegerin war, aber ihre Erscheinung -fesselte sofort seinen Blick, so daß er die Augen auf der -hochgewachsenen Gestalt ruhen ließ. Sie trug ein dunkelblaues, eng -anschließendes und ganz einfach gearbeitetes Wollkleid, und ihr volles -braunes Haar war mit einem weißen Leinenhäubchen bedeckt. Er sann nach, -wer die Unbekannte sei, aber keines der Mädchen im Dorfe glich ihr. - -Sein Verlangen, ihr ins Gesicht zu sehen, wuchs, als er bemerkte, wie -geschickt und zugleich schonend die Pflegerin den Kranken aufrichtete, -das Kopfkissen aufschüttelte und dann den alten französische Soldaten -wieder sorgfältig darauf bettete. Nun ging das Mädchen von dem Bett weg -und wandte sich um, und gleichzeitig mit dieser Bewegung begegneten -ihre Augen seinem Blicke. - -Max war derart betroffen, daß er schweigend und wie angewurzelt auf -seinem Platze stand, und es wollte ihm selbst nicht gelingen, seinen -Blick von ihr zu wenden. Diese hätte er hier nicht vermutet, und aus -diesem Grunde konnte er seiner großen Verlegenheit nicht so leicht -Meister werden. Denn das Mädchen, dem er gegenüberstand, und das unter -seinem langen Blicke in leichte Verwirrung geriet, war Maria von -Tiefenbach. - -Noch nie hatten sich die beiden so nahe gegenüber gestanden. Sie -waren fast unbewußt jederzeit von dem gleichen Wunsche beseelt -gewesen, eine nahe Begegnung zu vermeiden, und schon von weitem -hatten sie bisher beim Sichtbarwerden des andern unverfänglich einen -Seitenweg eingeschlagen. Und so war es gekommen, daß ihnen ein dichtes -Aneinandervorübergehen trotz der engen Verhältnisse im Dorfe bis heute -erspart geblieben war. - -Max hatte die Abneigung gegen die Leute vom Schlosse mit der -Muttermilch eingesogen, und in späteren Jahren war es wieder die -Freihoferin gewesen, die dieses unbewußte Gefühl zu einem bewußten und -trotzigen Haß gegen die Verwandten vertieft hatte. Wie die Mutter, sah -auch er in den Schloßbewohnern herrische und hochmütige Menschen, die -den Zweig der Familie, der in das Dorf hinabgestiegen war, verachtete, -und von denen einer die teuere Verstorbene beschimpft hatte. Deshalb -war der junge Mann, als er sich dem Mädchen unvermutet und zum ersten -Male so nahe gegenübersah, betroffen. - -Blitzschnell erwog er, wie er jetzt am richtigsten zu handeln habe, -um die, beide beklemmende Situation zu beenden. Den Rücken wenden und -hinausgehen, das konnte er nicht, denn er war ja gekommen, um sich zu -erkundigen, ob es noch an etwas fehle, und diese Absicht mußten die -beiden anderen Pflegerinnen schon bei seinem Eintreten erkannt haben. -Dazu hatte er beim Verrichten des ganzen Samariterwerkes allzusehr in -vorderster Linie gestanden, und vermutlich hatte der Gemeindevorstand -die Frauen auch schon angewiesen, sich an ihn zu wenden, wenn an -etwas Mangel einträte. Und dann müßte er alle Höflichkeit unbeachtet -lassen, die man fremden Menschen und selbst denen schuldig ist, deren -Gesellschaft man meidet. Sein rücksichtsloses Fortgehen würde die -Jungfrau tief verletzen. - -Und was tat es denn überhaupt wenn er blieb? Standen sie beide -in diesem Augenblick nicht in einem höhern Dienste, in dem der -Nächstenliebe? Durfte er jetzt Zwist und Abneigung vorschützen, um mit -dem Mädchen nicht nebeneinander arbeiten zu müssen? Steht die Pflicht -zur Barmherzigkeit nicht so unendlich hoch, daß selbst Feinde zusammen -an ihr arbeiten dürfen? Er würde sich engherzig und klein schelten und -seiner Standpunkt als niedrig bezeichnen müssen, wenn er hier auswich. -Deshalb mußte er bleiben. Sein innerer Mensch wurde nicht betroffen, -der konnte der alte bleiben. Aber die Kraft dem leidenden Nächsten zu -widmen, auch unter diesen unbequemen Umständen, forderte einfach seine -Ehre. - -Diese Gedanken, die in schnellem Fluge durch Maxens Seele zogen, -verrieten sich auf seinem Gesicht nur zu deutlich, daß das vor ihm -stehende Mädchen sie nicht hätte erraten müssen. Aber auch sie kämpfte -mit ihrer Verlegenheit. - -Da überkam den jungen Mann plötzlich die Eingebung, daß er den Anstand -verletze, wenn er jetzt nicht das peinvolle Schweigen breche. Langsam -schritt er deshalb auf das Mädchen zu und indem er sich bemühte, -unbefangen zu bleiben, sagte er: - -»Es ist ein schwerer Beruf, den Sie gewählt haben, aber viel Dank wird -Ihnen dafür werden.« - -Sie schwieg eine kurze Weile, dann richtete sie ihre großen, blauen -Augen fest auf ihn und sagte mit wohllautender, tiefer Stimme: - -»Dem leidenden Nächsten zu helfen ist Menschenpflicht. Der beste Lohn -dafür ist die Befriedigung, die tief im Herzen quillt und die froher -macht als der Dank.« - -»Sie haben recht,« erwiderte Max, »diesen Beweggrund soll auch der -Mensch für seine guten Taten haben, denn so hat es uns schon der große -Nazarener gelehrt. Aber haben Sie die Aufgabe, der Sie sich freiwillig -und gewiß mit vielem Eifer unterziehen wollen, auch nicht unterschätzt? -Dieser Beruf wird Anstrengungen und Entbehrungen von Ihnen fordern, -die Sie vielleicht nicht voraussahen, und die fast die Kraft eines -Mannes erfordern.« - -»Lassen Sie das ruhig meine Sorge sein, Herr von Tiefenbach,« fiel -Maria ihm ins Wort, »ich bin von Jugend auf dazu angehalten, mein Tun -nicht unüberlegt zu beginnen. Aber weshalb zweifeln Sie daran, daß -ich nicht ebensogut wie andere Frauen imstande sein werde, diesen -Unglücklichen Trost und Hilfe zu gewähren? Zu meinem Bedauern habe -ich bis jetzt keine Gelegenheit gefunden, meine Kraft in Dienste des -Vaterlands zu gebrauchen und dies zu einer Zeit, zu der es nicht genug -hilfsbereite Hände geben kann. Jetzt ist mir die Gelegenheit geworden, -und wenn ich auch tausendmal lieber diese Kranken gesund wüßte, so -bin ich doch froh, daß sie sich gerade hier befinden und ich mich -ihrer annehmen kann. Nach der Schwere der Bürde, die einem das Amt -bringt, fragt man nicht lange, frisch zugreifen und unerschrocken den -Schwierigkeiten, die sich in den Weg legen, entgegengehen, ist doch -immer das Richtige. Mag der Mann draußen auf dem Felde der Ehre sein -Alles einsetzen, uns Frauen soll er in Räumen wie diesen walten lassen, -damit auch wir Gelegenheit haben, unser Teil beizutragen zu dem großen -Werke. Wir sind dazu berufen, die geschlagenen Wunden zu heilen und die -Schmerzen zu lindern, die der unerbittliche Krieg verursacht.« - -Das Mädchen hatte die Worte in edelm Feuer gesprochen, und die -Begeisterung, die in ihr glühte, übergoß ihr schönes Gesicht mit einer -feinen Röte. Jetzt, nachdem sie geendet, fühlte sie, daß sie vielleicht -zu viel gesprochen hatte und fast in Erregung gekommen war. Sie -bereute ihre Worte und verstand es nicht, wie die Begeisterung für ihr -Vorhaben sie so mit sich fortgerissen hatte. - -Max konnte nichts antworten, was hätte er dem Mädchen nach diesen -Worten auch sagen sollen. Überrascht stand er vor der Jungfrau, bei der -sich Schönheit mit Anmut und Klugheit mit Gemüt vereinigten. - -Maria hatte sich nach ihren Worten wieder abgewandt und war zum Bett -eines Kranken getreten, der mit heiserer Stimme zu trinken verlangt -hatte. Behutsam setzte sie ihm das Glas an die Lippen, das er mit -gierigen Zügen leerte. - -Max wechselte mit den anderen Frauen noch ein paar Worte und verließ -dann den Saal. Nach den Worten des Fräuleins vom Schlosse zu -urteilen und nach dem, wie er sie hatte walten sehen, würde sie eine -vortreffliche Pflegerin sein. Wenn die beiden andern ihre Aufgabe -ebensogut erfüllten, dann waren die Kranken in den besten Händen. -Deshalb war es ein Gewinn für die Sache, daß sich das Fräulein der -Pflege angenommen hatte. Und doch wünschte Max das Mädchen vom -Krankensaale weit weg! - -Daß er denen vom Schloß nicht für immer so ausweichen konnte, wie es -ihm bisher gelungen war, damit hatte er schon gerechnet, daß er aber -so unerwartet mit einem von ihnen in Berührung treten sollte, und noch -dazu, wie er voraussah, öfters, das behagte ihm nicht. Obendrein hatte -dieses Mädchen etwas an sich, das ihn aus seiner gleichmäßigen Ruhe -bringen konnte. Und von neuem stand ihm die Erscheinung vor Augen. Mit -welchem Anstand sie ihr Haupt zum Gegengruß geneigt hatte, und in welch -ruhigem Gleichmaß sie sprach. Noch jetzt, meinte er, hafte der Blick -aus ihren großen Augen auf ihm. - -Ein paarmal während des Tages verfiel Max in tiefes Nachsinnen. -Unwillkürlich schweiften seine Gedanken von der Arbeit weg, und er -überraschte sich dabei, daß er die Hände müßig hielt und sich willig -der Erinnerung an die Begegnung überließ. Des Mädchens hohe Gestalt, -der lange Blick ihrer Augen die wohllautende Stimme und endlich die -Sicherheit, die aus ihren Worten klang, hatte einen nachhaltigen -Eindruck auf den jungen Mann ausgeübt. Er fühlte ein fast unbezähmbares -Verlangen, einen tiefern Blick in die Seele dieses schönen Mädchens zu -tun. Aber um dies zu erreichen, hätte er sich ihr mehr nähern müssen, -als es ihm, der Pflegerin inmitten ihrer Kranken gegenüber, möglich -war. Und das durfte er nicht! - -Maria von Tiefenbach war seine Anverwandte, denn sie waren ja -Geschwisterkinder. Aber er durfte nicht vergessen, daß sich ein tiefer -Abgrund zwischen ihnen hinzog, über den hinweg nimmermehr eine Brücke -geschlagen werden konnte. So lange es die beiden Familien vom Freihofe -und vom Schlosse geben würde, so lange würde auch die Kluft bestehen. -Das war für alle Zeiten bestimmt, und niemand durfte sich vermessen, an -diesem Spruch zu rütteln. So hatte es sein Großvater gewollt, nachdem -der eigene, hochmütige Bruder die Auserwählte seines Herzens beschimpft -hatte. Des jungen Freihofers empfindlicher Stolz bäumte sich hoch auf, -wenn er an das schwere Unrecht dachte, das seiner Großmutter von denen -droben einst zugefügt worden war. - -Und selbst dann, wenn es ihn mit unwiderstehlicher Macht zu dem -Fräulein hinziehen würde, -- wie wäre es ihm möglich, vor seine Mutter -zu treten und ihr zu sagen, daß er wieder Freundschaft schließen wolle -mit den Leuten vom Schlosse? Würde er dergestalt seine alte Mutter -nicht verraten? Sie, die er mit der zärtlichsten Liebe umgab, die -ein Kind für seine Mutter nur empfinden kann! Freilich lagen seine -Gefühle nicht auf der Zunge, denn beider Naturen waren hart und nicht -für den offenen Austausch von Liebeszeichen geschaffen. Aber wie es -Max jeden Tag von neuem fühlte, daß ihr rauhes Äußere nur die Glut -ihrer mütterlichen Empfindungen für ihre beiden Kinder verbarg, wußte -er, daß die bedingungslose Ehrfurcht und Unterwerfung vor ihr und die -fast abgöttische Liebe zu seiner Mutter die stärksten seiner Gefühle -waren, die ihn jemals bewegen konnten und die in seine Seele unlösbar -hineingewoben waren. Deshalb konnte von einer Annäherung zu den -Verwandten niemals die Rede sein, wenn nicht seine Mutter selbst den -Wunsch dazu aussprechen würde. Aber dieser Umschwung würde in ihrer -Seele nie eintreten. So glühender Haß erlischt nur mit dem Tode dessen, -der ihn mit sich herumträgt. - -Und selbst wenn in seiner Mutter der Wunsch dazu rege würde, dürfte sie -es dennoch nie tun! Als sie vor Jahren ihm, dem Knaben, die Feindschaft -zu den Schloßleuten ins Herz gepflanzt, da hatte sie ihm zuletzt -anvertraut, gleichsam als wolle sie ein blutigrotes, brennendes Siegel -unter ihre Worte setzen, daß sie ihrem sterbenden Vater unversöhnliche -Feindschaft denen im Schlosse gegenüber in die Rechte gelobt habe. - -Aus allen diesen Gründen unterdrückte Max seinen Wunsch das Fräulein -näher kennen zu lernen. Vielleicht würde er, wenn es geschah, nur einen -Widerstreit seiner Empfindungen heraufbeschwören, und es würde ihm dann -gewiß schwerer werden als heute, das so schnell erwachte Interesse für -dieses ungewöhnliche Mädchen wieder zu verlieren und den Eindruck zu -verwischen, den es auf ihn ausgeübt hatte. - -Während der folgenden Tage betrat Max wiederholt die Krankenzimmer -und mußte von neuem Gelegenheit nehmen, mit Maria von Tiefenbach zu -reden. Sie sprach unbefangen, ihre Stimme dämpfend und begleitete ihre -Worte mit ausdrucksvollen Bewegungen der Hand. Was sie ihm über den -Zustand der Kranken zu berichten hatte, sagte sie in knappen Sätzen. -Teilte sie ihm Erfreuliches mit, so blieb sie dennoch ernst, nur in -dem aufleuchtenden Blick ihrer Augen konnte Max ihre Freude lesen. War -hingegen Schmerzliches zu berichten, so erriet er dies schon, bevor -sie begann, an ihren umflorten Augen. Sie vermied es ängstlich, sich -ihm gegenüber weich oder erfreut zu zeigen und schien ihm im stillen -dafür dankbar zu sein, daß er ihr weder tröstende, noch Worte der -Anerkennung sagte. Selbst als sie ihm eines Morgens mitteilen mußte, -daß ein junger bayerischer Dragoner, den sie, wie er wußte, Tag und -Nacht in unermüdlicher Sorgfalt gepflegt, und der ihr durch die endlich -herannahenden Zeichen seiner Genesung viel Freude bereitet hatte, -infolge eines plötzlichen Rückfalls in der verflossenen Nacht gestorben -war, fügte sie ihrer Meldung keine weiteren Worte hinzu. - -Max vermochte nicht sein Mitgefühl zu unterdrücken, das in ihm -emporkam, als er in diesen Augenblicken das Mädchen betrachtete. -Ihre Wangen waren von den ungewohnten Anstrengungen der letzten Tage, -besonders aber von den vielen Nachtwachen bleich geworden, und ihre -Haltung war die eines müden Menschen. Außer den Anzeichen großer -Abspannung lag auf ihrem Gesicht tiefe Ergriffenheit. Er sah, wie sie -sich fast Gewalt antun mußte, um bei ihren Worten nicht in Tränen -auszubrechen. - -Mit wachsender Teilnahme stand Max dem Fräulein gegenüber, denn er -erriet, was in ihrem Innern vorging. Zu gleicher Zeit wußte er aber -auch, daß sein sehnliches Verlangen, einen Blick hinter das ernste -Antlitz dieses Mädchens zu tun, sich schon erfüllt hatte. - -Da drang ihm plötzlich ein heißer Strom zum Herzen, den zurückzudämmen -er sich anfangs bemühte, um sich im nächsten Augenblick aber dieser -Weichheit in willenloser Freude hinzugeben. Denn was sich ihm hier -offenbarte, war ein edles Frauengemüt! Rasch fand er die Erklärung für -den großen Schmerz des Mädchens. Mit Hingabe hatte sie den Krieger nun -fast zwei Wochen hindurch gepflegt, nicht der Anstrengungen achtend, -die ihre Wangen hohl gemacht hatten. Unsägliche Freude hatte sie -empfunden, als seine kräftige Natur in dem erbitterten Kampf mit der -schweren Krankheit endlich die Oberhand gewann, und sie fühlte dadurch -ihre heißen Bemühungen tausendfach belohnt. Schon sah sie, wie die -Gesundheit in den erstarkenden Körper wieder einzog, -- da begannen -gestern Abend die Pulse von neuem zu hämmern, die Temperatur stieg -bedrohlich und ohne einen Grund dafür erkennen zu lassen, stand wieder -auf derselben Höhe wie in den Tagen der qualvollsten Zweifel, stieg -darüber hinaus, -- und dann mußte sie ohnmächtig zusehen, wie der eben -wieder lebensfroh gewordene Kranke die Augen hilfesuchend auf sie -richtete und mußte zulassen, daß der dem Tode kaum Entrissene dennoch -sein Opfer wurde. In einer einzigen Nacht war ihre große Freude zu -schwerem Kummer geworden. - -So, fühlte er, hatte es sich zugetragen, und ihre Seele, die warme -Nächstenliebe, Aufopferung und tiefes Mitgefühl anfüllte, hatte großen -Schmerz erlitten. - -Da konnte er seine Bewegung nicht mehr meistern: er trat zu der sich -eben wieder von ihm wendenden Jungfrau, nahm ihre Hand in die seinige -und sprach ihr mit teilnehmenden und tröstenden Worten sein Mitgefühl -aus. - -Das Fräulein war bei der Berührung ihrer Hand unwillkürlich -zusammengeschreckt, aber sie hatte sie ihm doch willig überlassen und -mit Verwunderung seinen Worten zugehört. Eine starke Blutwelle trieb -wieder nach ihrem Kopfe und färbte ihre blassen Wangen dunkelrot, bis -hinauf unter die schweren, braunen Zöpfe auf ihrem Haupte. - -Langsam entzog sie ihm endlich ihre Hand und trat einen Schritt zur -Seite. Dann sprach sie: - -»Herr von Tiefenbach, ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme. Ich hatte -sie nicht erwartet und konnte nicht ahnen, daß Sie meinen Schmerz -erkennen würden. Der Tod dieses mir noch vor wenigen Wochen Unbekannten -hat mich, wie Sie richtig erraten haben, schwer getroffen und mein -tiefstes Bedauern wachgerufen. Er liebte das Leben und klammerte sich -mit bewunderungswürdiger Zähigkeit daran fest. Und wie beglückt und -dem Schöpfer dankbar er dem neuen Leben entgegenging! -- Doch, Herr -von Tiefenbach,« fuhr sie nach einer kurzen Pause der Sammlung in -verändertem Tone fort, »eine Pflegerin darf nicht weich werden, sonst -taugt sie nicht für ihr Amt. Voll Freude hatte ich dem Verstorbenen in -seinen schweren Leidenstagen meine Kräfte gewidmet; er sollte nicht -genesen. Jetzt gehört meine Kraft wieder den Lebenden!« Und mit dem -stummen Gruße, mit dem sie sich sonst von ihm zu verabschieden pflegte, -ging das Mädchen zu den Kranken. - -Auf Max hatte dieser Vorgang tief eingewirkt. Das, was er bis zu dieser -Stunde nur empfunden hatte, war mit einem Schlage Überzeugung: in -diesem schönen Mädchen wohnte eine herrliche Seele, auf deren tiefsten -Grund er soeben geschaut hatte. Durch die wenigen Worte, die er mit dem -Fräulein gewechselt, fühlte er sich ihr innerlich nähergerückt. Es war, -als wenn eine hohe Schranke, die bis heute zwischen ihnen aufgetürmt -war, von Zauberhand beseitigt worden sei. - -Wenn sich im Leben zwei Menschen dabei kennen lernen, daß ihnen ein -Erlebnis von scheinbar geringer Bedeutung zustößt, das sie aber -zwingt, sich gegenseitig einen vollen Einblick in das wie durch einen -Blitzstrahl erhellte eigene Innere zu gewähren, und beide gleichzeitig -erkennen, daß ihre Empfindungen und Anschauungen in der ihre Herzen -berührenden Frage übereinstimmen, dann webt das Schicksal auch sogleich -mit emsiger Hand geheimnisvolle Fäden von einem Herzen zum andern. Die -Worte der Zurückhaltung und Förmlichkeit erscheinen ihnen nichtssagend -und armselig, deshalb lassen sie den Zwang fallen und sprechen -zueinander, als ob sie schon seit Jahren gute Nachbarn wären. Und doch -waren sie sich noch vor einer Stunde fremd und hatten sich im Leben -vielleicht noch niemals gesehen. Das kleine Ereignis aber hat beide -menschlich so nahe gebracht, wie sonst nur Vertraute zueinander stehen. -Jahrelang wandeln oft zwei Menschen nebeneinander dahin, ohne daß sie -sich bis ins Innerste des Herzens hinein kennen lernen. Es bedeutet -mitunter viel, einen Menschen so zu finden, denn die in solchen Stunden -geschlossene Freundschaft dauert nicht selten bis über das Grab hinaus. - -Max fühlte, daß dieser Vorfall imstande sein konnte, von großer -Bedeutung für sein künftiges Geschick zu werden. Wären sie nicht -feindliche Geschwisterkinder gewesen, so hätten sie in dem -angeschlagenen vertraulichen Tone länger zusammen gesprochen, und des -Mädchens Worte hätten wohl herzlicher geklungen. Aber so hatte, während -sie miteinander sprachen, neben ihr der Schatten des Familienzwists, -an seiner Seite der alte Haß gestanden, unter deren Eishauch die -Herzlichkeit nach dem ersten Aufschäumen frostig wurde und sich alsbald -in eine kaum zu verbergende Verlegenheit verwandelte. Und dadurch ward -das aus dem Herzen freudig hervordrängende Gefühl getötet, noch ehe es -der Mund in Worte prägen konnte. - -Und während sich Max unaufhörlich mit dem Begebnis am Morgen dieses -Tages beschäftigte, zog in seiner Brust, in der bisher im Leben die -widerstreitenden Gefühle friedlich nebeneinander geschlummert hatten, -in aller Stille ein Sturm herauf, der den starken Mann wie ein -schutzloses Bäumchen auf einsamer Höhe schütteln sollte. - -Der Anblick, den das Fräulein heute geboten hatte, stand Max in -plastischer Deutlichkeit vor der Seele. Er sah wieder ihr bleiches -Gesicht mit den müden Augen und dem Zuge von verhaltenem Schmerz, der -sich um ihren Mund gelagert hatte, und wenn sie sprach, kostete es -sie sichtlich Mühe, ihre zuckenden Lippen zu beruhigen. Jedem anderen -Menschen, dessen Seelenschmerz sich ihm so offenbart hätte, würde -er in reicherem Maße Trost zugesprochen haben. Das gebot ihm die -Christenpflicht. Und in welch raschem Flusse gleiten erst die Worte vom -mitfühlenden Herzen, wenn es gilt, einen edeln Menschen zu trösten, den -der Kummer durch selbstlose Hingabe an Unglückliche überkommen ist. - -Aber wenn immer er einem Leidenden das Herz erschließen durfte, -hier durfte er es nicht! Diesem gemütvollen, erschütterten und doch -willensstarken Mädchen gegenüber, zu dem ihn sein empfindsames Herz, -ohne daß er widerstreben konnte, heute hingedrängt hatte, diesem -Mädchen gegenüber mußte er seine Brust mit Eisen panzern. Denn sie war -seine Feindin. - -Max fuhr mit der Hand über die Stirn, als wenn er damit alle Unruhe -verscheuchen könne, die ihn überfallen hatte. Seine Feindin, sagte -er eben? Ja, war sie denn wirklich seine Feindin? Konnte das blasse, -schöne Mädchen mit dem reichen Gemüt, das seine Kraft so bereitwillig -in den Dienst der Leidenden stellte, und das der Tod eines ihrer -Kranken so mächtig ergriffen hatte, wirklich etwas getan haben, daß ein -Mensch auf der ganzen weiten Welt sagen durfte: Seht, das ist meine -Feindin? - -Und doch war er es, der sie Feindin nannte! Beging er damit nicht -ein großes Unrecht? Hatte sie eine Mitschuld an dem ganzen unseligen -Familienzwist? Warum vergalt man ihr, was ihr Großvater versündigt -hatte? Mußte er als Christ diese Handlungsweise nicht als eine schwere -Versündigung an einem unschuldigen Menschen bezeichnen, und warum -lehnte sich nicht alles Gute in ihm auf gegen eine solche Tat? - -Alle diese Fragen drangen zu gleicher Zeit mit Ungestüm auf Max ein, -und sein sonst so ruhiges Denken geriet in arge Verwirrung. Daran, daß -die Feindschaft, die die Freihofer gegen die Schloßleute unterhielten, -berechtigt sei, hatte er noch nicht gezweifelt. Jetzt schien es ihm, -als wenn eine Binde von seinen Augen fiele. Von allen Seiten kamen ihm -plötzlich Zweifel über die Richtigkeit seiner tiefen Abneigung. Sie -drangen auf seine Seele ein und vereinten sich zu der ernsten Anklage: -Du hast denen droben auf dem Weißen Schlosse schon seit Jahren schweres -Unrecht getan. - -Max wußte nicht, wie ihm geschah. War es möglich, daß er in -Zweifelsqualen darüber geraten konnte, ob seine Abneigung, sein -feindseliges Gefühl gegen die Verwandten berechtigt sei? - -Während des ganzen Tags war der Freihofer wie ein Träumer -umhergegangen. Nach dem Mittagessen hatte er sich hinter die -Wirtschaftsbücher gesetzt, aber die Arbeit wollte nicht vorwärts gehen. -Der Kopf war ihm zu voll. Wenn er die schwarzen Zahlen betrachtete, -schien es ihm, als wenn sie lebendig geworden wären, wunderliche Formen -annähmen und durcheinander tanzten. Schrieb er sie nieder, so mußte er -genau achtgeben, daß er nicht eine falsche Summe eintrug. - -Da wurde er mit einem Male ärgerlich, denn er hatte in dem neuen -Hauptbuch dem Händler Kornteuer die dreihundert Taler, die dieser -noch vom Herbst her für Getreide schuldete, ins Haben anstatt ins Soll -geschrieben. - -Ärgerlich warf Max die Feder beiseite, klappte das Tintenfaß heftig -zu und verließ das Zimmer. Seine Mutter, die am großen runden Tisch -stand und von einem dicken Ballen Leinwand Stücke abschnitt, um daraus -Hemden für die kranken Soldaten anzufertigen, hielt die Schere still -und sah erstaunt dem Sohne nach. Was war es mit ihm? Es war ihrem -scharfen Blicke nicht entgangen, daß er bereits seit einigen Tagen -in sich gekehrt und zerstreut war. Abends, wen sie sich um die Lampe -versammelt hatten, war er einsilbig gewesen. Anfangs hatte er oft und -mit lebhaften Worten von seinen Kranken gesprochen, jetzt berichtete -er nur noch kurz von ihnen. War er nicht mehr zufrieden? Was konnte es -sein, das seinen Blick so versonnen machte? - -Aber die Freihoferin war nicht gewöhnt, über kleine Veränderungen im -Wesen ihres Sohnes lange zu grübeln. Seine Seele lag von Kindheit an -wie ein offenes Buch vor ihr, in dem sie Tag für Tag las, und sie wußte -genau, was auf jedem Blatte geschrieben stand. Deshalb ließ sie schnell -diese Gedanken fallen und wendete die Aufmerksamkeit wieder ihrer -Arbeit zu. - -Max war unterdessen über den Hof gegangen und in die große Scheune -getreten, wo die Knechte in zwei Runden Weizen ausdroschen. Eine -kurze Weile hielt er sich dort auf, dann ging er wieder zurück und -schlenderte durch die Ställe. So lief er lange Zeit durch alle -Wirtschaftsräume, Arbeit suchend und keine findend. Wenn er eine kleine -Unregelmäßigkeit entdeckte, ward er ärgerlich und schalt die Mägde. - -Im hintersten Stand hatte sich eine Kuh losgemacht und bog gerade zu -einem Spaziergang in die Stallgasse ein, und wie er den Pferdestall -betrat, fiel sein Blick auf die tragende Stute, deren Kette so lang -gesteckt war, daß das Tier mit dem Maule bis zu dem hohen Streustroh -herunter konnte und dieses fraß. Jeden andern Tag hätte er selbst Hand -angelegt, um dem Mangel abzuhelfen. Heute rief er mit schallender -Stimme nach dem Gesinde. Überall fand er zu verbessern und zu tadeln. -Alles sah er, nicht die kleinste Unregelmäßigkeit entging seinem Auge. -Und doch waren seine Gedanken nicht bei ihm, immer standen vor seinem -Geiste die umflorten Augen eines schönen Mädchens. - - * * * * * - -Der kurze Januartag neigte sich seinem Ende zu. Max stand in der Stube -an einem der Fenster, die nach der Straße lagen und blickte hinaus auf -die beschneite Landschaft. Überall, wohin das Auge reichte, nichts als -Schnee. Auf der Dorfstraße war eben der mit sechs kräftigen Gäulen -bespannte Schneepflug vorübergegangen und hatte eine breite Bahn -hinterlassen. Hüben und drüben türmte sich der Schnee hoch auf, der -auch heute bis zum Nachmittag wieder unaufhörlich gefallen war. Jetzt -hatte sich ein scharfer Wind erhoben, die oberste feine Schicht des -Neuschnees vor sich hertreibend. Es war bitterkalt draußen, und der -Himmel hing voll grauer Wolken. Die schwarzen Äste der breiten Buchen -waren mit der weißen Masse dicht bedeckt, und jede der Zaunlatten trug -ein hohes Häubchen davon. - -Max beobachtete, wie sich ein einsamer Spatz dicht vor dem Fenster auf -den Zaun niederließ. Das Tierchen guckte sich mit flinkem Drehen des -Köpfchens nach allen Seiten ein paarmal um wie aber keiner von seinen, -augenscheinlich schon zur Ruhe gegangenen Spießgesellen erschien, -piepste es mit leiser Stimme einmal auf und flog dann davon. Ein -winziges Häufchen Schnee fiel dabei vom Pfahl herunter. - -Weit und breit war nichts Lebendes zu sehen. Die Natur verharrte in -tiefem Schweigen. - -Max sah nichts mehr von dem weißen Bilde. Er hatte den Kopf an die -Scheiben gelegt und kühlte seine brennende Stirn. - -Warum, so fragte er sich heute wohl zum hundertsten Male, läßt man -die Lebenden entgelten, was die Toten versündigt haben. Dann stürmten -wieder bittere Vorwürfe auf ihn ein, und in seiner Seele stieg von -neuem ein müdes Frauenantlitz herauf, das seine von langen Wimpern -beschatteten Augen stumm auf ihn richtete. - -Da wurde der Träumende plötzlich abgelenkt. Vom Freihof ein Stück die -Straße hinauf, drüben hinter dem schwarzen Dorfteich, stand ein kleines -Häuschen, aus dessen Schornstein sich eine dünne Säule blauen Rauches -wand. Dort wohnte eine arme, junge Frau, die kurz vor Weihnachten den -Mann verloren hatte, mit ihren vier Kindern, von denen die ältesten -zwei schwer am Keuchhusten litten. - -Aus diesem Hause trat soeben eine weibliche Gestalt heraus und lief -mit eilenden Schritten durch den Schnee herüber nach der Straße. Der -Wind spielte mit den Zipfeln des wollenen Tuches, das sie um Brust und -Kopf geschlungen hatte und versuchte, es ihr zu entreißen. Aber sie -bemerkte seine Anstrengungen und wickelte sich fester in das Tuch. Max -bemühte sich, die Näherkommende in der sich niedersenkenden Dämmerung -zu erkennen und trat von neuem dicht an das Fenster. Aber ihr Kopf war -sorgsam eingehüllt, und das Tuch ließ das Gesicht nicht frei. Jetzt war -sie am Fenster angekommen und wollte gerade vorübereilen, da riß ihr -ein heftiger Windstoß das Tuch von der Stirn. Hastig griff sie danach, -um das Gesicht wieder zu bedecken, -- aber es war zu spät. - -Max war mit einem schnellen Schritt vom Fenster verschwunden und -zur Seite getreten. Aber er konnte die Augen nicht von der Gestalt -losreißen, durch die Gardine hindurch schaute er dem rasch davon -eilenden Weibe nach. Der kurze Augenblick, in dem ihr Gesicht unbedeckt -gewesen war, hatte genügt, sie zu erkennen: es war Maria von Tiefenbach. - -Diese überraschende Entdeckung ließ die während des ganzen Tages in -seiner Seele im Schlummer gelegene Erregung mit einem Schlage hoch -auflodern. - -Das Mädchen, das seinen Geist in den letzten Wochen und besonders seit -ihrer Begegnung am Morgen des heutigen Tages unaufhörlich beschäftigt -hatte, befand sich jetzt plötzlich vor ihm, um freilich flüchtigen -Fußes seinen Blicken alsbald wieder zu entschwinden. - -Da wurde dem jungen Mann seltsam zumute, und wie im März unter dem -linden Hauche der Frühlingswinde die Eisdecke auf den Bächen schmilzt, -so brach in diesem Augenblick sein ohnehin schwacher Widerstand jäh -zusammen, und in seiner Seele stieg das heiße Verlangen herauf, dem -Mädchen nachzueilen und es zu zwingen, vor ihm stehen zu bleiben. War -es Freude, sie, deren Bild ihn nie verließ, so überraschend vor sich zu -sehen, oder war es Angst um ihre Gesundheit, die auf dem Spiele stand, -wenn das Mädchen, nachdem sie wahrscheinlich ein paar Stunden bei den -Kindern der Tagelöhnerin geweilt hatte, ins Schulhaus hinuntereilte, um -wieder eine Nacht bei ihren Kranken zu durchwachen? - -Max stand von neuem am Fenster und sah mit klopfendem Herzen dem -Mädchen nach. Die Wange an das Holz des Rahmens gepreßt, bohrte er -die Augen in die zunehmende Dämmerung hinein, um die Umrisse der -Verschwindenden noch zu erkennen. Da machte er eine unwillkürliche -Bewegung und stieß mit dem Arm an einen Menschen. Mit einem Ruck wandte -er sich um, -- und sah sich seiner Mutter gegenüber. Hoch aufgerichtet, -in steifer Haltung, die Züge wie in Stein gemeißelt, verharrte die -Freihoferin. - -In tiefem Schweigen standen sich Mutter und Sohn gegenüber, jedes die -Augen fest auf die des anderen gerichtet. Keines rührte sich, kein Wort -klang, kein Versuch, auch nur die Lippen zu bewegen. Ein lähmendes -Stillschweigen, das jetzt nach den Augenblicken hoher Erregung Max das -Blut in den Adern fast stocken machte. - -Lange konnte der Sohn den Blick seiner Mutter aber nicht ertragen, und -er senkte die Augen zu Boden. Die Aufwallung, die sich vor wenigen -Sekunden seiner bemächtigt hatte, verflüchtete langsam. Es war ihm, als -wenn der Schwindel, der ihn gepackt hatte, nun wieder von ihm wich. -Seine Pulse flogen nicht mehr wie vorhin, merkwürdig rasch kam unter -dem Blicke des stummen Weibes ihm gegenüber seine kühle Überlegung -zurück. - -Was hatte sich zugetragen? Er konnte sich auf diese Frage nicht -so rasch die Erklärung geben. Das Fräulein vom Schloß war draußen -vorübergegangen, das sich wahrscheinlich zu den kranken Soldaten -begab, und wohin es auch gehörte, nachdem es doch einmal den Beruf -der Pflegerin bei ihnen erwählt hatte. Und er war hart an das Fenster -getreten, um ihre Gestalt mit den Blicken zu erfassen -- --? - -Mit leisem Kopfschütteln beantwortete er sich diese Frage, eine andere -Antwort wußte er nicht. - -Was hatte ihn aus seiner Ruhe so jäh aufgejagt? Ihn, Max von -Tiefenbach, den jungen Freihofbauern, der von seiner Mutter so viel -kühlen Verstand geerbt hatte, und den man so oft um sein inneres -Gleichgewicht beneidete? - -Max suchte vergeblich nach einer Antwort hierauf. Sollte er nahe daran -gewesen sein, durch zwei blaue Mädchenaugen zum törichten Jungen zu -werden, der stundenlang schmachtend um das Haus seiner Herzenskönigin -schleicht, um einen Blick von ihr zu erhaschen? - -Er riß den Gedanken unwillig ab, um ihn nicht weiter verfolgen zu -können. Da merkte er, daß ihm die Röte in die Schläfen stieg, und das -versetzte ihn in Zorn. Er machte eine heftige Bewegung zum Halse, der -wie zugeschnürt war. Mit Anstrengung gelang es ihm, sich zu räuspern, -aber den Blick vom Boden zu erheben vermochte er nicht. - -Warum hatten auch die hoffärtigen Leute droben seine Großeltern -einstens tödlich beleidigt! Solch eine Schmach darf nie vergessen -werden, und wer lebte, mußte entweder die Schuld der Eltern bezahlen -oder die Schmach vergelten. Ja! Die Mutter war im Recht, wenn sie -ihnen mit Feindschaft begegnete. Unversöhnlicher Haß mußte jederzeit -im Herzen lodern, in allen Winkeln der Räume seines Besitztumes -lauern, von den Dachbalken herabblinzeln, über den Firsten der Gebäude -schweben, und durch alle Arbeit und alles Leben auf dem Freihofe -mußte sein Klang zittern. Das hatte schon sein Großvater mit seiner -Verwünschung besiegelt. - -Jetzt konnte Max den Blick wieder erheben und seine Mutter ansehen. -Diese stand noch immer stumm vor ihm, die stahlgrauen Augen mit hartem -Ausdruck auf den Sohn gerichtet. - -Da überlief die Greisin ein heftiges Zittern; umsonst versuchte sie -ein paarmal, zu sprechen, bis sie endlich mit gepreßter Stimme, rauh -hervorstieß: - -»Ich habe es ihm in der Sterbestunde geloben müssen, Max!« - -Nach diesen Worten wandte sie sich ab, raffte Brille und Gebetbuch vom -Tische auf und verließ das Zimmer. - -Eine kurze Weile blieb Max auf seinem Platze stehen und sah nach -der Tür, durch die die Freihoferin verschwunden war. Dann machte er -eine kraftvolle Bewegung, gleichsam, als ob er eine drückende Fessel -sprengen müsse und ging dröhnend im Zimmer auf und ab. - - - - -6. Kapitel. - - -Die Bewohner Rehefelds waren eine fromme Gemeinde, die von ihrem -geistlichen Herrn wohl behütet wurde. Pastor Reinerz war auf dem Dorfe -alt geworden, und fast alle Einwohner, bis auf die Hinzugezogenen, -hatte er dereinst aus der Taufe gehoben und ihnen bei der Konfirmation -das heilige Abendmahl gereicht. Manchen Eltern hatte er ihr Liebstes -mit in die Grube senken helfen, manch einem jungen Weibe durch seinen -tröstlichen Zuspruch den herben Verlust des teuern Gatten erleichtert -und, ach, im Laufe der vielen Jahre so vielen jungen Burschen und -Mädchen die unvergänglichen Begriffe von Tugend und Sitte, Glauben und -Ehrenhaftigkeit unausreißbar in die Seele gepflanzt. Er kannte alle wie -sie im Dorf herumliefen bis ins Innerste ihres Herzens hinein. Und wenn -sie auch heranwuchsen, seinem Einfluß entgingen sie doch nie. Wollte -er einmal an einem von ihnen irre werden, so kehrte er im Vorübergehen -bei ihm ein, senkte seine forschenden Augen unter den buschigen Brauen -in die seines Gemeindekindes und wußte wieder, wie es um dieses stand. -Wenn ab und zu einmal ein Schäflein vom rechten Wege abgekommen war und -sich verirrt hatte in den anfangs so bequemen Schlingpfaden des Bösen, --- er führte es wieder zurück und kettete es von neuem an sich. - -Wie war es doch damals mit Andreas und dem Anger-Liesel gewesen? - -Das Liesel war ein blutjunges, tugendsames Weib, war die Frau des -schönen Andreas und trällerte vom Morgen bis zum Abend wie eine Lerche -umher und saß jauchzend am Lager eines lieblichen Töchterchens. Sie -waren arme, aber sehr brave Menschen und arbeiteten fleißig. - -Da überfiel den Andreas mit einem Male ein böser Geist, und er wurde -erst arbeitsscheu, dann leichtsinnig. Er ging oft in die Schenke, saß -stundenlang darin und vertrank und verspielte all seinen Lohn. In die -Kirche kam er nie mehr, und dem Pastor wußte er immer geschickt aus -dem Wege zu gehen. Da tauchte das Gerücht auf, daß der Andreas es mit -der rothaarigen Magd vom Obergut halte. Die halben Nächte blieb er -von Hause fort, und wenn er dann endlich mürrisch heimkehrte, hatte -er für das am Bettchen ihres Kindes weinende Liesel nur Scheltworte. -An das Kind wendete er nicht einen Blick. Das junge Weib ließ aber in -seiner treuen Liebe zu dem Manne nicht nach und arbeitete mit doppelten -Kräften, um den Verlust, den sein Nichtstun mit sich brachte, so gut -es ihr gelingen wollte wieder auszugleichen. Mit rührender Sorgfalt -bemühte sie sich, über seine Lieblosigkeit zu ihr hinwegzusehen. Weit -öfter als sonst richtete sie es behaglich für ihn ein, wie sie von -früher her wußte, daß er’s gern mochte. Immer wieder bereitete sie ihm -seine Lieblingsspeisen, derweilen sie sich Salz aufs Brot tat, um Geld -für sein Mahl zu haben. Aber alles das half nichts. Ihr Mann wurde -immer liebloser zu ihr. - -An einem schönen Frühlingstage, es war am Ostersonnabend, trat Andreas -vor seine Frau hin und verlangte von ihr alles Geld, das sie besitze, -um damit in die weite Welt zu gehen. Das junge Weib aber wurde bleich -wie der Tod. Dann warf sie sich vor ihm nieder und beschwor ihn und -flehte ihn an, wieder ihr guter Andreas zu sein. Mit krampfhaften -Armen umklammerte sie seine Knie und sah mit einem Blick so voll Liebe -und tödlicher Angst zu ihm auf, der jeden andern zur Umkehr gebracht -haben würde. Dem Andreas aber drang das herzbrechende Schluchzen und -das tiefe Weh seines Weibes nicht zum Herzen. Mit einer rohen Bewegung -riß er sich von der Knieenden los, daß das junge Weib in schwerem Fall -dumpf auf den Boden schlug. Dann ergriff er rasch das Beutelchen, in -dem er ihre kleinen Ersparnisse wußte und eilte aus dem Hause. Wie er -aber auf die Straße hinaustrat, erschrak er doch etwas, denn vor ihm -stand Pastor Reinerz. Mit einem scheuen Gruße wollte er an dem Greise -vorübergehen; der aber hielt ihn auf. - -»Ah, sieh da, der Andreas,« sagte der alte Herr freundlich. »Nun, -das trifft sich ja sehr gut. Ich war gerade im Begriff, Dich und das -Liesel einmal zu besuchen. Aber da fällt mir ja ein: heute ist doch -Reinmachetag. Da wollen wir das Liesel nicht bei ihrem Geschäft stören. -Du gehst aber auf ein Stündchen mit zu mir. Wenn sich so alte Freunde, -wie wir beide es sind, so lange nicht gesehen haben, haben sie sich -mancherlei zu erzählen.« - -Andreas wollte trotzig vorbei, doch ein Blick aus des Alten Augen zwang -ihn an seine Seite. Ruhig, aber ohne hinzusehen, ließ er es geschehen, -daß Reinerz ihm im Weiterschreiten all die Namen der Blumen und Gräser -nannte, die in einem großen Strauße vereinigt waren, den er auf den -Frühlingswiesen gepflückt hatte. - -Der schwere Sturz hatte das Liesel auf ein paar Sekunden ihrer -Besinnung beraubt. Als sie wieder aus der Ohnmacht erwachte, schaute -sie verstört um sich: ihr Mann war verschwunden. In namenloser Angst -stürzte sie zum Fenster, um zu sehen, ob sie ihn entdecke. Da bemerkte -sie zu ihrer großen Überraschung, daß er an der Seite des Pastors ging -und mit diesem eben in das Pfarrhaus eintrat. Von wahnsinniger Angst -getrieben, warf sie ein Tuch um die Schultern, streifte die Schuhe an -und eilte, so schnell sie ihre Füße trugen, zum Pfarrhause. Und wie sie -den Hausflur betrat, hörte sie drinnen im Zimmer den geistlichen Herrn -in seiner gütigen Art auf ihren Mann einreden, der dabei ganz still -blieb. - -Mit einem Male vernahm sie, wie der Andreas aufbrauste. Das Redenhören -hätte er nun satt. Er gebe überhaupt auf die ganze Kirche nichts, und -wo die Liebe zu seiner Frau hin sei, wisse er nicht; sie wäre verweht -in alle Winde -- -- -- - -Da griff sich das junge Weib draußen im Hausflur mit beiden Händen -jäh zum Herzen, und das rotglühende Gesicht in dem lauschend -vorgebeugten Kopfe wurde in einem Augenblick fahl. Die Lippen wie -im Traume bewegend, wandte sie sich nach der Tür und verließ mit -leisen Schritten die Pfarre. Wie ein Gespenst schritt sie an den ihr -entgegenkommenden, verwunderten Leuten vorüber, ihrem Häuschen zu. In -der Stube angekommen, setzte sie sich müde auf die Bank am Ofen, die -Füße, (übereinandergeschlagen) von denen die Lederschuhe herabglitten -und auf die Diele fielen, und richtete den Blick dumpf vor sich nieder. -Das in seinem Bettchen ruhig schlafende Kind sah sie nicht. So blieb -sie unbeweglich. - -Von Zeit zu Zeit murmelte sie: »Er liebt dich nicht mehr. Alles ist -nun aus! Andreas, -- dein Andreas liebt dich nicht mehr!« - -Wie lange sie so saß, wußte sie nicht; nur das eine wußte sie, daß der -helle Glanz in ihrem Innern in dieser Stunde auf immer erloschen war. -Sie wollte schreien, aber die Kehle war ihr zugeschnürt. Weinen wollte -sie, aber ihre Augen blieben trocken. Sie hatte keine Tränen. - -Da hört sie mit einem Male schleichende Tritte im Hause, die Tür tut -sich auf, -- ihr Mann steht auf der Schwelle. - -Das Liesel schaut voll Entsetzen hin, weil sie glaubt, sein Geist komme -zu ihr. Dann tut sie einen heftigen Schrei: - -»Andreas -- -- --!« und bleibt wie gelähmt sitzen. - -Der Mann aber auf der Schwelle, wie er das totenblasse Weib erblickt -hat, ist wie eingewurzelt. Er kann nicht loskommen von diesem Platze. -Da endlich lösen sich die Füße vom Boden. Mit weit vorgeneigtem Körper -und erhobenen Armen kommt er, tief gebückt, näher, die Augen mit einem -Ausdruck unaussprechlicher Reue starr auf das Liesel gerichtet. Die -aber streckt die Hände nach ihm aus, um ihn zu erfassen; -- da sinkt -er vor seinem Weibe auf den Boden nieder und umfaßt ihre bloßen Füße, -spricht aber kein Wort, sondern sie fühlt nur, wie er wieder und wieder -seine heißen Lippen darauf drückt. - -»Um Gottes willen, Andreas, was tust Du da,« schreit das Liesel auf und -will den Mann emporziehen. Der aber läßt sich nicht aufrichten, sondern -verharrt in seiner Haltung, vor ihr liegend. Und zwischen seinen -aufeinandergebissenen Zähnen drängt es sich hervor: - -»Nein, Liesel, wenn Du vorhin meine Knie umklammert hieltest, so bin -ich nicht einmal wert, Dir jetzt die Füße zu küssen!« - -Dann saßen sie eng zusammengeschmiegt, Wange an Wange, lange -beieinander, wie in den Tagen ihres höchsten Glücks. Vom Kirchlein -schallte das Abendläuten herein, und ihre Tränen flossen jetzt -reichlich. - -Seit diesem Tage schmückt das Liesel an jedem Ostersonnabend die Tür -zur Stube des Pfarrherrn mit Blumen. - - - - -7. Kapitel. - - -Die Kirche von Rehefeld war ein aus Sandsteinen errichteter, ziemlich -großer Bau, durch dessen hohe, in spitze Bogen auslaufende Fenster -das Licht ungehinderten Zutritt in das Innere fand. Hatte man die -Schwelle einer der beiden Türen in der vordern und hintern Giebelwand -überschritten, so führte, noch ehe man in das Innere der Kirche -gelangte, auf der nördlichen Längsseite ein schmaler Gang um das -Kirchenschiff herum bis zur andern Eingangstür. Von diesem Gang aus -betraten die Tiefenbachs die für jede Familie getrennt eingerichtete -Andachtsstube. In früherer Zeit war hier nur _ein_ Raum gewesen. Als -aber der Freihof gebaut wurde, war das große Zimmer durch eine Wand in -zwei Räume geteilt worden, und Herr Udo von Tiefenbach ließ später, -nachdem seine Brüder ins Dorf hinabgezogen waren, den Gang durch eine -Tür teilen, die zwischen den Eingängen der Andachtsstuben angebracht -war, und die gleichsam eine sichtbare Scheidewand zwischen den Familien -darstellte und verhinderte, daß die Schloßbewohner, die den Gang nur -von der hintern Kirchentür aus betraten und die Freihofer, die durch -die Vordertür gingen, sich sahen. - -In der Mitte des Dachfirstes ritt ein hoher, spitzer Turm, in dem -die Glocke hing. Das schwärzliche Ziegeldach war fast ganz mit Moos -überwuchert und bezeugte das hohe Alter des Gotteshauses. - -Rund um die Kirche dehnte sich der Friedhof aus. Kleine, niedrige Hügel -deckten die irdischen Reste der teuern Entschlafenen. Die meisten -Gräber wurden durch schlichte, zum Teil schon verwitterte Holzkreuze -geschmückt, auf denen die Namen der Verstorbenen kurz vermerkt standen. -Hier und da gab es auch Gräber, die sorgfältiger hergerichtet und mit -steinernen Liebeszeichen versehen waren. - -Die Rehefelder versäumten nicht gern die sonntägliche Andacht. Auch an -dem heutigen Sonntag war das Kirchlein wieder dicht angefüllt mit der -Schar der Andächtigen. Draußen war es noch immer kalt, und am Himmel -hingen dicke, graue Ballen, zwischen denen die Sonne zeitweilig auf -kurze Minuten hindurchschien. Dann fielen die goldenen Strahlen auf -das weite Schneefeld, daß die Krystalle wie Millionen ausgestreuter -Diamanten glitzerten. - -Als Max und Elisabeth in der Kirche angekommen waren und den Gang -betreten hatten, war Maria von Tiefenbach gerade in ihr Betstübchen -eingetreten. - -Das Hauptlied war verklungen, als Pastor Reinerz auf der Kanzel -erschien. - -Man konnte sich keine würdigere Erscheinung eines Seelenhirten denken, -als ihn. Er hatte einen schweren Körper und breite Schultern, auf denen -ein wahres Löwenhaupt saß. Der massige Kopf war mit einer üppigen Fülle -silberner Locken bedeckt, die bis auf die Schultern herabhingen und -bei raschen Bewegungen um den Kopf wallten. Von gleicher Farbe war -der breite, prächtige Bart, der bis weit über die schneeigen Bäffchen -hinabreichte, so daß sie nur dann sichtbar wurden, wenn Reinerz das -Haupt zur Seite wandte. Seine Haltung war trotz des Alters aufrecht, -sein Gang schwer. Die väterlich blickenden, lebendigen Augen leuchteten -in hellem Glanze und mochten die Ursache sein, daß auf diesem -Greisenantlitz neben dem Ausdruck von Milde und Herzensgüte jederzeit -ein Schimmer jugendlichen Feuers strahlte. - -Pastor Reinerz knüpfte seine heutige Predigt an das Los jener -Unglücklichen im Schulhause. Er hatte das Gleichnis vom barmherzigen -Samariter gewählt, und mit Tönen, die den Zuhörern zum innersten Herzen -drangen, sang er das ewige Hohelied der Liebe. Von der liebenden -Mutter, dem unermüdlich treusorgenden Vater, seien die Armen einst -durch alle Fährnisse der Kindheit geleitet worden. Neben den fröhlichen -Tagen hätten die Eltern auch viele bange Stunden durchlebt, und manche -Mutter habe in schweren Zeiten der Krankheit dem schon die Hand darnach -ausstreckenden Unerbittlichen ihr Kind durch entsagungsvolle Pflege -wieder abgerungen und ihm damit gleichsam zum zweitenmale das Leben -geschenkt. Mit reicher Freude im Herzen hätten die Eltern die zarten -Knaben zu Jünglingen heranwachsen sehen, bis dann mit einem Schlage -die Freude jäh zu Leide ward, als der Kriegsruf erklang und den Sohn -seinen Eltern, den Gatten seinem Weibe, den Vater seinen Kindern entriß -und die Zurückbleibenden mit großer Sorge erfüllte. Nun säßen die -Verlassenen daheim, manche von ihnen gewiß ohne tröstenden Zuspruch, -einsam mit ihrem Schmerze. Sie wüßten nicht, ob der Teure noch am Leben -wäre, oder ob sein von den Kriegsleiden geschwächter Körper nicht -vielleicht mit schwerer Krankheit ringe. Unter heißen Tränen des Dankes -würden sie die Hand küssen, die seiner in Liebe gepflegt, oder die ihm -das brechende Auge zudrückte. Und die wahre Nächstenliebe frage nicht, -ob Freund ob Feind. Sie alle seien leidende, unglückliche Menschen und -bedürften in reichstem Maße der Hilfe. Seine Gemeinde solle nie müde -werden, mit dem Unglücklichen ihr Brot zu teilen. Und wenn eines von -ihnen argwöhne, daß es schwach und lau werde bei seinem Samariterwerk, -so sollten sich die Väter, die Mütter und Gattinnen in das Los derer -hineinversetzen, die von peinvoller Angst erfaßt mit dem aufsteigenden -Morgen voll Sehnsucht auf ein Lebenszeichen warteten, und die am Abend -immer wieder ihre Hoffnung getäuscht sähen. - -Pastor Reinerz hatte eine der empfindlichsten Stellen im Menschenherzen -berührt: die Sorge und Angst um das Leben eines teuern Angehörigen. -Das Mitgefühl der Zuhörer war geweckt, und in Vieler Augen hatten sich -Tränen gestohlen. - -Mit den letzten Worten, mit denen der würdige Greis seine Predigt -beendigte, richtete er noch den zündenden Ruf an seine Gemeinde, die -christliche Liebe, die der mächtige Beweggrund dafür sei, den leidenden -Fremdlingen Gutes zu tun, auch täglich untereinander zu üben. Und er -legte ihnen ans Herz, vorhandenen Zwist zu begraben, sich auszusöhnen -und einander in verzeihender Liebe zu begegnen. Dann genössen die -Menschen schon hienieden das Vorgefühl der ihrer harrenden ewigen -Freuden und erwiesen sich als getreue Nachfolger Christi und wert der -einstigen Einkehr in sein himmlisches Reich. -- - -Das Schlußlied war verklungen, und die Besucher verließen das -Gotteshaus. - -Als Max zusammen mit Elisabeth aus der Andachtsstube hinaustrat, fiel -sein Blick auf die weit geöffnete Tür, die den Gang teilte, und die er -noch nie anders als geschlossen gesehen hatte. Aber seine Überraschung -wuchs, denn vor ihm stand Maria von Tiefenbach, die sie beide erwartet -haben mußte. Ängstlich griff Elisabeth nach der Hand des Bruders, als -ob sie ihn auf dieser Stelle festhalten wolle, während sie erstaunt auf -ihre Freundin schaute. - -Max hatte einen Augenblick betroffen stillgestanden, jetzt aber machte -er eine hastige Bewegung zum Gehen. Da vertrat ihm Maria gelassen den -Weg, so daß sich beide dicht gegenüberstanden. Eine Sekunde tiefen -Schweigens verstrich, dann begann Maria ohne Verwirrung und mit -Festigkeit: - -»Unter dem tiefen Eindruck stehend, den die unmittelbar zum Herzen -gehenden Worte unseres verehrten Herrn Pastors auf mich hervorgerufen -haben, kann ich nicht anders, als annehmen, daß die Predigt auch auf -Sie, Herr von Tiefenbach, eine große Wirkung ausgeübt hat. Noch nie -in meinem Leben haben mich von der Kanzel herabgesprochene Worte -so wundersam ergriffen, wie heute, Worte, die in meinem Innern das -sehnliche Verlangen wachgerufen haben, meinen Teil dazu beitragen, daß -der Wille dessen, der die Sünden der Welt trug, erfüllt werde. Deshalb -will ich den Augenblick nutzen, bevor mit der hohen Stimmung auch mein -Mut dahinschwindet. - -Ich bin ein schwaches Mädchen, das plötzlich die wunderbare Kraft in -sich spürt, sich Ihnen hier gegenüber zu stellen. Aber Sie haben mir -vor wenigen Tagen durch Ihren freundlichen Trostzuspruch verraten, -daß Sie ein edles Herz besitzen. Dieses Bewußtsein und eine Stimme in -meinem Innern, die mir so zu handeln gebietet, stärken meinen Mut. - -Etwas Unnatürliches ist es, daß Menschen in Feindschaft leben, die -einander nie etwas zu Leide taten. Und deshalb frage ich Sie, Herr -Vetter, sind Sie bereit, Ihre Bemühungen mit den meinigen zu vereinen, -um unsere Eltern miteinander auszusöhnen?« - -Die dem Mädchen innewohnende, ruhige Sicherheit hatte sie während -dieser Rede nicht verlassen, und ihre Stimme hatte nicht einen -Augenblick gebebt. Jetzt schwieg sie und wartete auf Maxens Antwort, -ihre Augen forschend auf seinem Gesichte ruhen lassend. - -Der junge Mann stand vor Überraschung unbeweglich und starrte sprachlos -in das schöne Frauenantlitz, in dem kein sichtbares Merkmal die in -Marias Innern langsam aufsteigende, große Erregung andeutete. - -Da erhob sie ihre Stimme von neuem, die gerade noch so wohl lautete wie -vorhin, obwohl sie jetzt leise zitterte: - -»Von einem unserer Familie wurde damals das böse Wort gesprochen, -deshalb muß auch von uns aus das erste versöhnliche Wort fallen. Mein -Großvater hat dereinst in unbegreiflicher Verblendung die Seelen -guter Menschen tief betrübt und erzürnt. Er kann uns hierüber keine -Rechenschaft mehr ablegen, denn er steht schon längst vor einem höhern -Richter. Kein Unrecht, das begangen wird, ist jedoch so groß, daß es -nicht wieder gutgemacht werden könnte. Aber dem bittenden Munde darf -auch das Wort, der heischenden Hand der Druck nicht versagt werden. -Das Werk, das wir verrichten können, führt zu Herrlichem hinaus, denn -es gilt, die Kluft zwischen den Herzen unserer Eltern zu überbrücken. -Um das zu erreichen tut es aber not, daß zuerst wir beide allen Groll -vergessen. Und so tue ich, als die Enkelin jenes Mannes, mit Freuden -den ersten Schritt zur Versöhnung, indem ich Sie, Herr Vetter, bitte, -das Unrecht meines Großvaters seiner Enkelin nicht mehr zu entgelten, -sondern mir fürs Leben Ihre Freundschaft zu schenken.« - -Marias Stimme hatte sich mehr und mehr gesteigert. Eine liebliche -Röte war in ihre Wangen getreten, und die Augen glänzten gleichsam -als Widerschein der sie erfüllenden, feierlichen Stimmung. Und um die -Freundschaft im Augenblick der Versöhnung zu besiegeln, streckte sie -dem Vetter ihre Hand entgegen. - -Der aber rührte sich nicht, um die dargebotene Hand zu ergreifen. Er -suchte nach Worten, mit denen er dem Mädchen sagen wollte, daß von -einer Versöhnung zwischen ihnen niemals die Rede sein könne, aber sein -Mund blieb stumm. - -Endlich, nach atemlosem Harren während einer tiefbangen Sekunde, -erlosch der Glanz in Marias Augen, und die rosigen Wangen wurden blaß. -Langsam, wie einst die Rechte des Herrn Oskar, als er seinem Bruder -Udo zum letzten Male gegenüberstand, sank die ausgestreckte Hand herab. - -Jetzt drängten sich auch die Worte im Überschwall auf Maxens Zunge; -aber noch bevor es ihm gelang, sie auszusprechen, geschah etwas -Unerwartetes: - -Maria richtete sich hoch auf. Mit einem Ruck warf sie den Kopf in den -Nacken und trat ungestüm auf Max zu, daß dieser unwillkürlich soweit -zurückwich, bis seine Schultern die Mauer berührten. Ihr flammendes -Gesicht befand sich dicht vor ihm, und ihre blitzenden Augen bohrten -sich in die seinigen. In hoher Erregung stieß sie die Worte hervor: - -»So soll für alle Zeiten Feindschaft zwischen uns bestehen? Soll das -herrliche Evangelium der Liebe, das Christus den Menschen hinterlassen -hat, für uns nicht gepredigt sein?« - -Aber Maxens Mund blieb dem vor Leidenschaft bebenden Mädchen gegenüber -stumm, nur auf seinem Gesicht lag eine Zurückweisung. - -Da trat Maria noch näher an ihn heran, ihr Busen hob und senkte sich -in hastiger Aufeinanderfolge. Max sah auf ihrem Gesicht den heftigen -Kampf, der in ihr tobte. Die feingeschnittenen Nasenflügel zitterten -vor Zorn, und er fühlte ihren heißen Atem auf seiner Wange. - -Scheu schob er sich einen Schritt an der Mauer hin, um sich zu -entfernen. Da schrie das Mädchen im Schmerz laut auf, und während es -noch schien, als wenn sie die Worte auf den Lippen zurückhalten könne, -brach es schon von dem bebenden Munde: - -»Und wenn ich nun mit der ganzen Kraft meiner Seele -- -- Dich liebte, -Max!?« - -Einen Augenblick lang lehnte der junge Mann den Kopf an die Mauer und -schloß, von heftigem Schwindel erfaßt, die Augen. Dann hob er die Lider -ließ einen Blick eisiger Kälte auf das Mädchen niederfallen und sagte -in rauhem Tone: - -»Unsere Familien haben für alle Zeiten nie wieder etwas mit einander -gemein!« - -Darauf wandte er sich trotzig ab und schritt dem Ausgang zu, seine -verstört blickende Schwester an der Hand mit sich ziehend. - -Die Zurückbleibende verfolgte die Geschwister mit den Augen, bis sie -verschwunden waren. Langsam, und ohne daß sie wußte was sie tat, trat -Maria wieder in ihr Betstübchen. Eine Weile blieb sie mit steifem -Körper mitten darin stehen, dann brachen der Zitternden die Knie. Sie -bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und legte es auf den Sitz eines -der schwarzen Stühle. Und während das wilde Schluchzen hervorbrach, das -ihr die Brust zu zersprengen drohte, schlangen sich zwei weiche Arme um -ihren Hals, und die beiden Mädchen weinten lange zusammen. - - - - -8. Kapitel. - - -Wenige Tage später wurden die Tiefenbachs durch einen Brief Friesens -überrascht, in dem er schrieb, daß er, wenn auch ein wenig mitgenommen, -so doch ohne Schaden an Seele und Körper aus Rußland zurückgekehrt -sei. Gleichzeitig kündete er seinen Besuch an, und bald darauf traf er -auch in Rehefeld ein und wurde auf dem Freihofe wie ein alter, lieber -Freund begrüßt. Trotzdem er an allen größeren Schlachten, in denen die -Sachsen gekämpft, teilgenommen hatte, war er unverwundet geblieben. -Aber der entsetzlichen Kälte hatte er, wie so viele tausend Andere, -doch seinen Tribut zollen müssen: beide Füße waren ihm erfroren. -Deshalb konnte er nur mit Mühe kleine Fußwanderungen unternehmen. - -Was er von den überstandenen Leiden der Armee erzählte, war so -fürchterlich, daß man glauben konnte, eine überhitzte Phantasie trage -das Entsetzlichste von Elend und Jammer zusammen. - -Die Soldaten hatten vor dem Sterben jegliche Bangigkeit verloren. -Täglich hofften sie, daß ein baldiger Tod sie von ihren nicht -endenwollenden Leiden erlösen würde, und wenn die Unglücklichen -am Abend vor Hunger und Mattigkeit zusammenbrachen, trösteten sie -einander, daß der morgende Tag die ersehnte Erlösung bringen müsse. -Eine große Anzahl suchte das Ende freiwillig und fand es nur zu leicht. -Die noch in Reih und Glied sich Haltenden liefen willenlos vorwärts. -Wer vor Müdigkeit oder Schwäche zusammensank, blieb liegen; keiner -kümmerte sich um den andern. Zu beiden Seiten der Straße lagen die -Zurückbleibenden. - -Mit dem Rücken an einen dicken Baumstamm gelehnt, saß auf einem -Stein ein eisgrauer französischer Oberst. Er hatte in gänzlicher -Umnachtung seiner Sinne die dürftigen Reste seiner Uniform abgelegt -und saß nun in der schneidenden Kälte entkleidet und sang mit -versagender Stimme religiöse Lieder. An einer andern Stelle lag, -zur Seite eines gestürzten, von Zeit Zeit noch zuckenden Pferdes, -ein toter preußischer Kürassier. Die Köpfe der beiden Kameraden -waren eng aneindergeschmiegt. Ein Stück davon stand aufrecht an -einem zerbrochenen Pulverkarren ein Trainsoldat, beide Arme auf den -Munitionskasten gestützt und darauf den Kopf gelegt, als wenn er -schliefe. Einige Soldaten traten hinzu, um das Holz für ihr Biwakfeuer -zu holen. Da stieß einer von ihnen den Schlafenden an, daß dieser -seinen Halt verlor und, ohne seine Stellung aufzugeben, mit den Armen -unter dem Kopf der Länge nach hinschlug. Er war tot und so steif -gefroren wie ein Pfahl. - -Um einen verbrannten Holzstoß, von dem nur noch die Aschereste übrig -geblieben waren, lag und saß in wunderlichen Stellungen und in Gruppen -vereinigt etwa ein Dutzend sächsischer Grenadiere. Mit dem verglommenen -Wachtfeuer war auch ihr Lebensfunke erloschen. In der Asche eines -andern Feuers lag ein Soldat, dessen beschmutzte und zerrissene -Uniform, soweit sie noch vorhanden war, nicht mehr erkennen ließ, woher -der Mann stammte. Er mußte sich am Abend vorher verzweiflungsvoll -in die Flammen geworfen haben. Sein Kopf war schwarz wie Holzkohle -und dort, wo ihn das Feuer erfaßt hatte, war das Fleisch bis auf die -Knochen verbrannt. - -Wer aus dem Zuge der Marschierenden heraustrat, fand oft nicht -mehr Willen und Kraft wieder vorwärts zu gehen. Wer sich auf den -Grabenrand setzte, um nur wenige Minuten auszuruhen, wurde leicht von -der unwiderstehlichen Müdigkeit überwältigt und verfiel in bleiernen -Schlaf, aus dem er nicht wieder erwachte. - -Der Hunger war gräßlich. Zuerst wurden die gestürzten Pferde verzehrt, -später tötete man die lebenden und aß sie auf. Ihr Blut wurde begierig -aufgesogen, um den brennenden Durst zu stillen. Als es keine Pferde -mehr gab, aß man die ekelerregendsten Dinge. Wasser war selten zu -bekommen, deshalb verschluckte man Schnee, der den Durst nur noch -steigerte. - -Der Kälte konnten sich die Unglücklichen kaum noch erwehren, da die -Uniformen zu dünn waren und bald zerfetzten. Wer eine Decke, ein Tuch, -selbst Frauenkleider bekommen konnte, schlang sie um die Blößen. Die -Schuhe zerweichten in dem tiefen Schnee, durch den man täglich waten -mußte. Dann wurden die mit brandigen Wunden bedeckten Füße mit Lumpen -umhüllt und diese mit Stricken festgehalten. - -Während der Nacht steigerte sich die Kälte. Wer am Wachtfeuer lag, dem -konnte es passieren, daß die Schuhe verbrannten, während ihm am anderen -Morgen Ohren, Nase und Wangen erfroren waren. Gar mancher von denen, -die sich am Abend niederlegten, stand nicht wieder auf. - -Auf den weiten Schneefeldern Rußlands lag die Blüte der Völker Europas -im ewigen Schlaf! Lautlos deckte sie das flockige Leichentuch zu und -begrub Freund und Feind unter sich. Viele tausend lebensfroher und -kraftstrotzender Männer haben dort frühzeitig ihr Knie gebeugt vor -der Majestät des Todes, und dem Zuge der Lebenden jagten Krankheit, -Mutlosigkeit und Verzweiflung wie wilde Furien hinterdrein und -peitschten die Unglücklichen so grausam, daß ihre Reihen immer lichter -wurden. - -Friesen befand sich in großer Verstimmung gegen den Kaiser, dem er alle -Schuld an dem fürchterlichen Elend zuschob. Er erzählte, wie sich in -Dresden insgeheim unter den Offizieren eine Partei gebildet habe, die -nichts anderes bezwecke, als den König vom Kaiser Napoleon loszureißen. -Der Monarch solle, so wünschten diese Patrioten, die Fesseln brechen, -die ihn an den Kaiser ketteten. Sie wollten ihm freie Wahl schaffen, ob -er weiterhin dem Kaiser seine Unterstützung gewähren, oder ob er seine -Truppen von den Franzosen zurückziehen wolle. - -Den Bemühungen dieser Partei wurde aber wenig Beachtung geschenkt. -Der König selbst war weit davon entfernt, in dem Gottesgericht in -Rußland eine Mahnung zu erkennen und sein Verhalten gegen den Kaiser -ernstlich zu prüfen. Er war in großer Sorge, daß sein Schmerzenskind, -das Herzogtum Warschau, in der hereinbrechenden Verwirrung ihm -verloren gehen könne. Deshalb erließ er in Polen Aufrufe, die sich -aber bald als nutzlos erwiesen, und die in dem Minister Senfft den -nicht zur Ausführung gekommenen Gedanken reifen ließen, England für die -Aufrechterhaltung des Herzogtums zu interessieren. - -Die Erkenntnis aber, daß König und Regierung seit Jahren eine falsche -Politik getrieben hatten, deren verhängnisvolle Folgen sich in nicht -zu ferner Zeit erweisen würden, schlug in dem sächsischen Volke immer -tiefer Wurzel. Hier und da erhoben Männer, die mit seherischem Blick -in die Zukunft schauten, warnend ihre Stimmen und verlangten, daß der -König die Kriegsmüdigkeit des Landes Napoleon auf das entschiedenste -darstellen solle. - - * * * * * - -Niemand im Dorfe beobachtete die politischen Vorgänge mit so großer -Aufmerksamkeit, wie Konrad Hartmann. Jede Nachricht, die er über den -Kaiser und die Ereignisse in Dresden bekam, erregte sein Interesse, -und um Neuigkeiten zu erfahren, ritt er zuweilen weit über Land in die -Nachbardörfer oder fuhr im leichten Schlitten nach Leipzig hinein. Es -war ja Winter, und deshalb bot der Hof nur wenig Arbeit. In der Scheune -waltete der alte Knecht, und die Sorge um die Wartung des Viehs ließ -sich die Mutter einmal nicht nehmen. - -Besonders begierig war Konrad Hartmann darauf, Nachrichten aus -Berlin zu erhalten. Dort gährte es gewaltig, denn man ahnte, daß der -Jahreswechsel einen Wendepunkt von ungeheurer Wichtigkeit für die -Geschicke der geknechteten Völker bedeute. Seitdem der preußische -General York am 30. Dezember in Tauroggen den Neutralitätsvertrag mit -den Russen abgeschlossen hatte, waren viele unerschrockene Männer im -verborgenen an der Arbeit, Stimmung für eine Erhebung Preußens zu -machen. - -Da faßte Konrad den Gedanken, nach Dresden zu gehen, um sich der -nationalen Bewegung anzuschließen, die, wie er wußte, auch schon dort -Wurzel geschlagen hatte. Freilich war die Begeisterung an der Elbe -nur wie ein mattbrennendes Talglicht, im Vergleich zu den kaum noch -niederzuhaltenden Flammen in Preußens Hauptstadt. - -Dem Sachsen der damaligen Zeit wird nicht mit Unrecht der Vorwurf -gemacht, daß trotz fortwährender Vorstellungen aus Berlin, die -Erkenntnis des günstigen Zeitpunkts einer Erhebung und eines -Zusammenschlusses der deutschen Stämme nur mit dem Geschwindigkeitsmaß -der Schnecke in ihm reifte. Und als das sächsische Volk endlich -und viel zu spät von der Einsicht durchdrungen war, daß es nunmehr -an der Zeit sei, das unwürdige Joch abzuschütteln und sich von den -Sklavenketten zu befreien, da fanden die Rufe, die es an seine Führer -richtete, kein Gehör. König und Regierung überboten sich darin, dem -Kaiser ihre Ergebenheit zu versichern und sich in der Ausführung seiner -nur schlecht in Wünsche gekleideten Befehle zu überstürzen. - -Konrad hatte in den letzten Tagen über die Stimmung in Dresden genaue -Nachrichten erhalten. Er wußte auch, daß die sächsische Polizei, -verstärkt durch eine große Anzahl französischer Geheimagenten, scharf -aufpaßte und schon manchen Patrioten hinter feste Mauern gebracht hatte. - -Die Unsicherheit in der Hauptstadt bewog ihn zuletzt, vorläufig noch -abzuwarten, wie sich die nationalen Kreise in Dresden der Berliner -Bewegung gegenüber verhalten würden. - -Zudem bewahrte Konrad ein tiefes Geheimnis in seiner Brust, das er noch -keinem Menschen offenbart hatte, und das ihn so im Bann hielt, daß, -je länger er es mit sich herumtrug, sein Geist von den politischen -Vorgängen immer mehr und mehr abgelenkt wurde. Durch das öftere -Verweilen auf dem Freihofe während seiner Kindheit, war er mit allen -seinen Bewohnern und insbesondere mit Elisabeth in enge Berührung -getreten. Die liebliche Zartheit des Mädchens hatten ihn, den sonst -nur für bäuerische Derbheit und strotzende Gesundheit bis an die -Grenze des Ungeschlachten empfindsamen Sohn des Bauern von Rabenstein, -wundersamerweise in Fesseln geschlagen. Er konnte sich keine -Rechenschaft darüber geben, wie es kam, daß dieses zierliche Geschöpf -mit der ausgelassenen Lustigkeit und dem Lachen eines übermütigen -Kindes einen solchen Eindruck auf ihn machte, da er doch von Natur aus -einer ernsten Lebensauffassung zuneigte. - -Seit länger als einem Jahre schon war er aber davon überzeugt, daß -das Gefühl, das er für Elisabeth empfand, nichts anderes war, als -eine tiefe, sein ganzes Herz ausfüllende Liebe. Den Gedanken, sie zu -seinem Weibe zu machen, hatte er, so oft er sich auch in seine Seele -gestohlen, immer wieder zurückgedrängt. Eine Bäuerin, wie sie auf dem -Rabensteiner Hof schalten mußte, besonders wenn seine Mutter nicht mehr -war, konnte aus dem Mädchen nie werden; das wußte er. Allein diese -Einsicht war es nicht, die ihn hinderte, Elisabeth als Weib neben sich -zu träumen und auch nicht der Umstand, daß es für den Besitzer eines -kleinen Hofes eine Vermessenheit war, auf dem größten Gute weit und -breit anzuklopfen und um die einzige Tochter zu bitten. - -Das, was ihn bisher seine Liebe als aussichtslos hatte erscheinen -lassen, waren vielmehr die quälenden Zweifel, ob das zarte Pflänzchen -im Schatten des knorrigen Eichbaums auch gedeihen werde, ob das -kindliche Mädchen mit dem lebhaften, silberhellen Lachen an der Seite -des in sich gekehrten Mannes glücklich werden könne. An ihm solle es -ja gewiß nicht fehlen! Er war bereit, die Steine von ihrem Erdenpfade -aufzulesen, daß ihr zarter Fuß sich nicht verletze, und seine Arme -waren stark genug, sein Weib zu umfangen und so hoch empor zu heben, -daß der Strom des Mühsals unter ihr hinwegflösse und kein irdisches -Weh bis zu ihr heraufreiche. Aber der allzeit ohne Überschwang -denkende Mann verhehlte sich dabei nicht, daß ihre Naturen doch recht -verschieden waren. - -Um seinem gequälten Herzen Ruhe zu verschaffen, beschloß Konrad, sich -seiner Mutter zu entdecken. - -Eines Abends saßen wieder Mutter und Sohn wie immer einander gegenüber. -Sie drehte unermüdlich den blonden Flachs über die schnurrende Spindel -und betrachtete mit scharfem Auge den sich hurtig abwickelnden Faden. -Konrad hatte den Kopf in beide Hände gestützt und las in einem Buche -mit vergilbten Blättern in starkem Schweinsledereinband, wie sich in -grauer Vorzeit die Bewohner Athens der gleich Heuschreckenschwärmen -gegen sie heranziehenden Scharen der Perser erwehrten. Schon an die -fünfzig Male hatte der Jüngling wohl diese Schilderung gelesen und -wie oft geseufzt, wenn er daran dachte, was vor mehr als zweitausend -Jahren ein kleines Volk vollbracht hatte. Heute war alle Begeisterung -tot. In dumpfem Brüten schritten starke Völker ihre Straße dahin, die -Füße mit klirrenden Ketten gefesselt und auf dem Rücken die Peitsche -des Eroberers fühlend. Hier und da nur sah man, wie einem in dem -großen Zuge das Auge rollte, vernahm man ingrimmige Verwünschungen und -ohnmächtiges Zähneknirschen. - -Unwillkürlich stieß Konrad das Buch von sich und versank in tiefes -Sinnen. - -Aber nicht mehr im grauen Altertum weilten seine Gedanken. Er sah -vielmehr eine lichte Mädchengestalt mit zwei langen, aschblonden -Zöpfen, die durch die raschen Bewegungen lustig um die Schultern ihrer -Herrin flogen, hörte nur zwei trippelnde Füßchen und ein glockenreines -Lachen. Da atmete Konrad tief auf, daß seine Mutter den Blick von dem -schnurrenden Rade erhob und forschend auf den Sohn richtete. - -Lange Minuten blieben ihre Augen auf ihm haften, unterdessen sie das -Spinnrad vergaß, daß es nur noch langsam weiterlief, bis es endlich -stillstand. - -Ihre Gedanken flogen vom Sohn zurück zu seinem verstorbenen Vater, dem -er immer ähnlicher wurde. Derselbe starke Wille, den jener besessen, -zeigte sich bei ihm immer deutlicher. Ein Hindernis in der Ausführung -seiner Pläne hatte der Vater nicht gekannt. Starrköpfig war er durchs -Leben gegangen mit seinem abstoßenden Wesen und dem doch so trefflichen -Herzen. Die Leute mochten ihn nicht gern, weil er so arg mit Worten -geizte; deshalb vermieden sie seine Begegnung. Immer mehr insichgekehrt -wurde er, bis er zuletzt menschenscheu geworden war. - -Jetzt hob Konrad den Kopf von den beiden Fäusten, die ihn stützten, und -seine Augen begegneten denen der Mutter. - -»Mutter,« sagte er, »warum siehst Du mich so starr an?« - -»Du hast schwer geseufzt, mein Junge,« antwortete sie, »was fehlt Dir?« - -Da sah Konrad von seiner Mutter weg und ließ den Blick wieder vor sich -hinfallen. - -»So, also geseufzt habe ich? Das tun, wie man spricht, gern -Verliebte -- -- --, nun, da sage ichs nur gleich frei heraus, Mutter, -ja ich bin verliebt!« - -Und mit fliegendem Atem, gleichsam als dränge es ihn, nun, nachdem das -Geheimnis offenbart war, seine Seele von allem, was sie bedrückte, zu -entlasten, sprach er von seiner tiefen Liebe zu der Schwester seines -Freundes. - -Ohne ein Zeichen der Überraschung zu geben, hatte die Mutter dem Sohne -zugehört. Nun sagte sie leise: - -»Ich habe dies alles ja schon längst gewußt, Konrad. Denn an Deinem -Vater habe ich es gelernt, in der Seele eines verschlossenen Menschen -zu lesen. Hast Du dem Mädchen Deine Liebe gestanden?« - -»Sie ahnt nichts. Und hätte ich es tun können? Bedenke doch, welch ein -Kind Elisabeth noch ist. Sie würde es kaum für Ernst genommen haben, -wenn ich gesprochen hätte.« - -»Du hast recht,« versetzte die Mutter, »dem Kinde darfst Du vorerst -nichts davon sagen. Aber mit Elisabeths Mutter mußt Du alsbald -sprechen, das wird verständig sein. Die Freihoferin ist eine kluge Frau -und schätzt Dich.« - -Hier schwieg Konrad eine Weile. Dann sprach er mit benommener Stimme: - -»Aber denkst Du, Mutter, daß ich es tun darf? Es ist ein gewagtes Ding, -den Rabensteiner Hof mit dem Freihof zu versippen!« - -»Du Narr,« fuhr da die Alte auf und machte eine heftige Bewegung, -daß sie die untätig im Schoß liegenden Hände auseinanderriß, und -sie beinahe den Spinnrocken noch umgestoßen hätte. »Wohin ist denn -Dein Stolz? Denkst Du, daß die Alte auf dem Freihofe ihr Kind -dem verschachern wird, der ihm die meisten Hufe und das weiteste -Ackerland bietet? Sie würde Dir’s danken, wenn sie wüßte, wie Du sie -einschätzest. Freilich ist der Besitz am Rabenstein nicht groß und -nicht zu vergleichen mit dem der Tiefenbachs. Doch wissen’s alle,« -setzte sie mit Befriedigung hinzu, »daß es eine saubere Wirtschaft -ist, und daß unser kleines Land zu den besten der Umgebung gehört. -Aber, papperlapapp, was reden wir da für unnützes Zeug. Du wirst -rasch handeln, wie Du es sonst tust. Geh alsbald hinab zur Mutter des -Mädchens, das Du liebst, und schütte ihr Dein Herz aus.« - -Darauf blieben die beiden noch eine Weile beieinander sitzen. Die -Mutter wandte sich von neuem zum Spinnrad, ordnete mit flinker Hand -die leicht in Verwirrung gekommenen Fäden und legte die volle Strähne -wieder fest auf das sich unruhig bewegende Rad. Bald darauf schnurrte -dies wieder lustig, und die Alte sah wie vorhin aufmerksam auf den sich -abwickelnden Faden. - -Konrad aber betrachtete mit zerstreuten Blicken die leicht -vornübergebeugte Gestalt seiner Mutter und wollte bemerken, daß der -Knoten, der von dem schlicht zurückgestrichenen, grauweißen Haar auf -dem Hinterkopfe gewunden war, eigentlich recht klein geworden war, und -daß die Linien des sich ihm von der Seite darbietenden Gesichts und -des Halses doch sehr scharf hervortraten. Aber so recht zum Bewußtsein -kam ihm dies nicht. Sein Blick richtete sich nach innen, und er vergaß -seine Umgebung. - -Da stand er plötzlich vom Tische auf, klappte das Buch mit der -Beschreibung der Freiheitskämpfe des Griechenvolks im Altertum -nachdrücklich zu und stellte es auf das Wandbrett, wo auch die andern -Bände seiner kleinen Hausbibliothek standen. Dann nahm er noch einmal -die gequetschte und mit nasser Leinwand umwickelte Pfote des am Ofen -schlafenden Spitzes in die Hand und war befriedigt, daß er sie nicht -heiß fand. Sodann verließ er mit einem kurzen Gutenachtgruß das Zimmer. - - - - -9. Kapitel. - - -Noch immer hielt die grimmige Kälte an, und der Schnee lag hoch -aufgeweht auf der weiten Fläche. Ein Tag nach dem andern schlich trübe -und grau dahin; kein freundlicher Sonnenstrahl schien auf die Erde -herab. Die Leute kamen während des kurzen Tages kaum einmal aus ihren -Häusern heraus. Das bißchen Arbeit, das in der Scheune verrichtet -werden mußte, wurde am Vormittag getan. Im übrigen aber ließ man die -sonst so arbeitsamen Hände ruhen, saß nebeneinander auf der geräumigen -Bank, rund um den behagliche Wärme verbreitenden Ofen, und sah durch -die leicht mit Eisblumen geschmückten Fensterscheiben hinaus in -die winterliche Landschaft. Der Abend brachte endlich wieder eine -Unterbrechung: man eilte in die Ställe und besorgte das Vieh. Dann aber -saßen sie wieder beisammen und sprachen von der alten Ernte und von der -neuen, vom Kriege und von Weihnachten, zählten zum hundertsten Male -auf, wer im verflossenen Jahre im Dorfe und in der Umgebung, soweit -man sie kannte, gestorben und wem ein kleines Kindlein beschert worden -war. Zuletzt kamen sie bei der Politik an, die seit Menschendenken den -Männern einen bequemen und ausgiebigen Gesprächsstoff geliefert hat. - -Wenn nur der Kaiser seine neue Armee erst wieder aus Paris würde -heranführen, dann mochte man Untertan aller Herren Länder sein, -bloß kein Russe, denn denen würde er die Leiden seiner Soldaten -schon vergelten. Übrigens würde nicht eher dauernder Friede im Lande -herrschen, ehe nicht der Kaiser die Preußen wieder einmal empfindlich -gestraft haben würde. In Berlin sollte es ja recht schön zugehen. Auf -jedem Schneehaufen lägen erschlagene Offiziere und Bürger, und der -König Friedrich Wilhelm hätte einen italienischen Zigeuner überredet, -daß er den Kaiser vergiften solle. - -Wie friedlich war’s dagegen doch in Dresden! Dort gab es kein Lärmen, -aufhetzendes Gerede oder Fäusteballen. Und tat dies doch einmal einer, -so verschwand er, wie es sich geziemte, ohne Geräusch und spurlos von -der Bildfläche. Ja, in dem lieben, guten Dresden herrschte eben wie -immer Ordnung! Die Minister waren so klug, sich Watte in die Ohren zu -stopfen, wenn ihnen von geheimen Boten aus Berlin etwas zugeflüstert -wurde, und der gute König ließ das im vergangenen Jahre vor Ankunft -des Kaisers im Innern neu hergerichtete Schloß wieder sauber machen -und zählte ungeduldig die Tage bis zu der vermeintlichen Wiederkunft -des kaiserlichen Freundes. Also nach dieser Seite hin war im Lande der -Ausblick erfreulich ... - -So erzählten sich die biedern Rehefelder Abend für Abend die -haarsträubendsten Geschichten von den Dingen, die mit dem kommenden -Lenze anheben sollten. Und wie es sich auf diesem abgelegenen Dörfchen -zutrug, genau so geschah es allüberall unter den Untertanen des Königs, -der die grüne Raute im Schilde führt. Die beginnenden Wehen der großen -Zeit wurden allerwärts in den deutschen Landen verspürt, nur innerhalb -der weißgrünen Grenzpfähle merkte man nichts von ihnen. Das am Himmel -leise heraufkommende Morgenrot der deutschen Freiheit sahen sie nicht, -erst mußte das ganze Firmament blutigrot leuchten, als Widerschein der -urgewaltig auflodernden Flammen. Und dann war es zu spät. - -Die Schneewolken hingen tief herab und machten die kurzen, lichtarmen -Wintertage traurig und düster. Weit finsterer war es aber in den Köpfen -vieler Menschen. - - * * * * * - -Die Freihoferin saß, vor sich hinbrütend, auf ihrem gewohnten Platze am -runden Tische, als es an der Tür klopfte, und gleich darauf Konrad ins -Zimmer trat. - -Frau von Tiefenbach fuhr aus ihren Gedanken auf und sah zerstreut auf -den Ankommenden. - -»Guten Tag, Bäuerin,« grüßte Konrad und zog mit umständlicher Bewegung -die Tür hinter sich fest ins Schloß. - -»Willkommen, Konrad,« klang es zurück. »Es ist mir lieb, Gesellschaft -zu bekommen, denn die Kinder sind mit dem Schlitten draußen. Kurz nach -Mittag sind sie fortgefahren, und ich erwarte sie bald zurück. Wie geht -es der Mutter?« - -»Ich danke für die gute Nachfrage, sie ist wohlauf und läßt Grüße -bestellen.« - -Mit diesen Worten war der Rabensteiner, der alten Frau zunickend, zu -dem mächtigen Ofen getreten und legte mit Behagen die erstarrten Hände -daran. - -Dann blieb es eine kurze Weile still. Draußen begann sich allmählich -die Dämmerung herabzusenken und erfüllte das Zimmer mit unsicherm Licht. - -Die Freihoferin sah nach dem Fenster, dann warf sie, als das Schweigen -andauerte, einen raschen Blick zu dem Mann hinüber, der sich stumm -am Ofen zu schaffen machte und nicht von den großen, braunen Kacheln -aufschaute. - -Noch immer die Hände reibend, hob Konrad endlich an: - -»Wie lange wird’s noch so gehen? So lange ich denken kann, hatten wir -noch keinen solchen anhaltenden Winter. Wenn es doch bald besser werden -wollte. Ich wünschte, der viele Schnee verschwände mit einem Male.« - -»Ich fürchte mich vor einem plötzlichen Temperaturwechsel bei solch -einem Schneereichtum,« versetzte Frau von Tiefenbach. »Schnelles -Tauwetter bringt zuweilen Gefahren.« - -»Das ist freilich richtig,« antwortete Konrad einsilbig. - -Eine Pause entstand. - -»Was man von Berlin hört, ist recht erfreulich,« begann er wieder. -»Gebt acht, wenn uns Heil widerfahren soll, kommt es von der Spree her. -Bei uns sind doch alle nur Nachtmützen.« - -»Du hast Recht, Konrad. Hierzulande ist man schläfrig und denkfaul. -Soviel Schnee draußen liegt, so viel müßiges Geschwätz ist in der Leute -Mund. Aber vernünftig denken oder gar erst handeln tut keiner.« - -Der am Ofen gab keine Antwort, aber er rieb und knetete seine Hände, -daß die Finger krachten. - -Wieder gab es eine Pause. - -Die Erwartung der Freihoferin stieg immer höher, aber sie verriet mit -keinem Zeichen ihre Ungeduld. Nur mußte sie mehr als einmal verstohlen -hinübersehen, nach dem jungen Mann, der ihr heute so seltsam erschien. - -Da wandte sich Konrad plötzlich um und trat zum Tische. Mit einer -ungeduldigen Bewegung zog er einen der schweren Stühle vor sich hin, -beugte sich weit über die hohe Lehne und sah der Freihoferin mit -unsicherm Blick in das Gesicht. - -Langsam und mit belegter Stimme, gleichsam die Worte abzählend, sprach -er dann: - -»Bäuerin, ich muß Euch um etwas fragen. Seit mehr als einem Jahr schon -liegt es mir auf der Brust und preßt mir fast das Herz ab. Jetzt kann -ich es aber nimmer ertragen. Sagt, Freihoferin, wollt Ihr mir Euer -Liebstes, das Ihr habt, anvertrauen? Ich verspreche Euch -- --« - -Hier brach Konrad ab. Er wollte zwar mehr sprechen, aber die Worte -erstarben ihm auf der Zunge, bei dem Anblick, den die Frau vor ihm bot. - -Das Gesicht starr wie aus Stein, die Lippen, aus denen jeder -Blutstropfen gewichen war, fest aufeinandergepreßt, und den Blick auf -den Boden geheftet, saß die Freihoferin unbeweglich im Stuhle, den -einen Arm schwer auf den Tisch stützend. - -Zwei, drei Sekunden vergingen in diesem Schweigen. Dann schob Konrad -den Oberkörper weit vornüber, daß sein Mund sich dicht vor dem Gesicht -der Freihoferin befand. Er wußte die Veränderung der Greisin nicht zu -deuten, deshalb begann er von neuem und stieß mit gepreßter Stimme die -Worte hervor: - -»Ich besitze nicht viel, was ich Euerm Kinde bieten könnte. Ihr wißt, -der Rabensteiner Hof ist eng und sein Ertrag klein. Aber wenn’s Euch -gefällt zu hören, so verrate ichs Euch, der Mutter, daß ich Euer Kind -liebe aus der tiefsten Stelle meines Herzens heraus und daß ich sein -Leben und Glück behüten würde wie einen kostbaren Schatz, den mir die -Engel vom Himmel herab in mein Heim getragen haben!« - -In überschäumender Leidenschaft hatte der Mann diese Worte -ausgesprochen und seine ehrlichen Augen fest auf die Freihoferin -gerichtet. - -Aber die Greisin rührte sich nicht, hob nicht einmal den Blick, um ihn -dem Bittenden zu gönnen. - -Da schlug der junge Mann die Augen nieder und langsam, als ob es ihm -Schmerzen bereite, richtete er sich aus seiner vornübergebeugten -Haltung auf und trat einen Schritt zurück. - -Dann sprach er mit unsäglich bitterm Auflachen: - -»Da hätte mich die Mutter nicht zu schelten brauchen, als ich die -Befürchtung aussprach, daß zum Brautwerber auf dem Freihofe der -Rabensteiner zu gering sein würde!« - -Bei diesen Worten machte die Freihoferin eine matte Bewegung, als wenn -sie Konrad am Weitersprechen hindern wollte. Doch der warf trotzig den -Kopf in den Nacken, griff nach der Mütze und wandte sich zur Tür. Da -drangen ihm in scharfem Tone die Worte ins Ohr: - -»Konrad, bleib und setze Dich zu mir!« - -Diese Aufforderung hatte so gebieterisch geklungen, daß der junge Mann -nicht wagte, sich zu entfernen. Er trat wieder zum Tische und nahm der -Greisin gegenüber Platz. - -Noch immer in tiefer Bewegung, aber äußerlich gefaßt, begann die -Freihoferin: - -»Ich habe Deinen Vater gekannt, Konrad, er war ein Ehrenmann. Deine -Mutter ist meine Freundin, und Dich habe ich schon liebgewonnen, wie Du -als Knabe im Ziegenbockwägelchen durchs Dorf kutschiertest. Ich kenne -Dich besser als Du meinst und wüßte für meine Tochter weit und breit -keinen bessern Freier als Dich. Und doch kannst Du nicht mein Eidam -sein, wie es überhaupt niemand werden kann.« - -Die Freihoferin lehnte sich in den Stuhl zurück, als wenn sie einer -Schwächeanwandlung folgen müsse. Nach einigen Augenblicken aber raffte -sie sich wieder auf und sprach mit leiser Stimme: - -»Höre zu, Konrad, was ich Dir sage. Du und kein anderer wärst mein -Tochtermann geworden, wenn nicht eine höhere Macht, der wir uns demütig -beugen müssen, es anders wollte. Was ich Dir jetzt anvertraue, weiß -nur ich, und niemand ahnt das Entsetzliche. Ich allein wollte den Gram -bewahren, bis es offenkundig werden muß. Dir gegenüber aber muß ich -reden. Es kann Dir wie allen andern nicht verborgen geblieben sein, daß -Elisabeth eine schwache Gesundheit besitzt und seit Jahren kränkelt. -Sie ist aber leidender als sie und alle, die sie kennen, ahnen. Meinem -Blick ist es nicht entgangen, daß ihre von allen Ärzten als unheilbar -bezeichnete Krankheit in den letzten beiden Jahren rasche Fortschritte -gemacht hat, und eine innere Stimme raunt mir schon zu, daß ich das -Kind nicht mehr lange besitzen werde. O, -- mir bangt so unsagbar vor -dem Herbste -- -- --« - -Die Freihoferin hielt inne, um ihre Bewegung niederzukämpfen. Dann -wollte sie weiter sprechen, aber ihre Stimme versagte. Sie lehnte ihr -Haupt wieder an die Stuhllehne zurück und bedeckte das Gesicht mit der -Hand. - -Konrad hatte der Greisin lautlos zugehört; jedes ihrer Worte fühlte er -wie einen Keulenschlag. Sein ganzer Himmel brach über ihm zusammen. In -diesem Augenblick erst überkam ihn die Erkenntnis, mit welch inniger -Liebe sein Herz schon an dem Mädchen gehangen hatte, jetzt, wo er das -Kleinod verlor, noch ehe er es besessen hatte. Noch vor einer Stunde -war sein Herz von seligen Hoffnungen erfüllt gewesen. Sein geistiges -Auge hatte ihm eine blumige Wiese vorgezaubert, auf der er ruhte. Und -wie sein Blick sich labte an den glänzenden Gaben des Himmels, da kam -das Glück, ein betörend schönes Weib, lachend auf ihn zugeschritten -und bot ihm schon von fern die Hand. -- So hatte es in seinem Innern -ausgesehen, als er dieses Zimmer betrat. Und jetzt? Wie war doch mit -einem Male alles in ihm ganz anders! Das Jauchzen war verstummt, der -Sonnenglanz verblichen. Die grauen Schneewolken draußen hingen tief -herab, daß sie seine Stirn zu berühren schienen. Blüten und Blumen -waren verschwunden, und weit in der Ferne schritt flüchtigen Fußes das -Glück, -- -- es war an ihm vorübergegangen! - -Da fiel sein Auge auf die in den Stuhl zurückgesunkene Greisin, und -langsam schloß sich die frische Wunde seines Herzens, verstummte sein -Weh vor dem gewaltigen Schmerz, der diese Mutter durchwühlte. Durfte -er klagen angesichts dieses Weibes, das seit langen Monaten sein Kind -dahinschwinden sah, und dem ein untrügliches Gefühl seinen nahen Tod -grausam angekündigt hatte? - -Erschüttert sah Konrad auf die Freihoferin. Aber er wußte nicht, wie er -sie trösten sollte, denn solch einen Schmerz können Worte nicht mildern. - -Und mühsam erhob sich der Jüngling und ging mit leisen Schritten zur -Tür und verließ geräuschlos das Zimmer. - - * * * * * - -Wenige Stunden später waren die beiden Männer mit Elisabeth -zurückgekehrt, und bald darauf vereinten sich alle zur Abendmahlzeit. -Während des Essens herrschte die fröhlichste Stimmung. Elisabeth war -ausgelassen wie selten. Sie sprühte vor Lustigkeit, und ihr fröhliches -Lachen übte seine Wirkung auf die kleine Tischgesellschaft aus. Nur die -Freihoferin blieb ernst und schaute mit besorgten Blicken auf das ihr -gegenübersitzende Mädchen. - -Der Ausflug vom Nachmittag wurde besprochen, und Elisabeth erzählte -der Mutter, daß sie auf der Bornaschen Straße ein gutes Stück -hinausgefahren und dann über Göltzschen zurückgekehrt seien. Die -Pferde hätten wacker ausgegriffen, und es sei eine Lust gewesen, so -pfeilschnell durch die herrliche Winterlandschaft zu fliegen. - -»Auf der Rückfahrt,« plauderte sie mit Lebhaftigkeit, »mußte Max die -Zügel natürlich meinen Händen überlassen, und während er mit Herrn -von Friesen hinter mir wieder über die ganz langweilige Politik -sprach, reifte mit einem Male in meiner Seele ein schwarzer Plan. -Ich hatte es nämlich schon wiederholt versucht, die beiden von ihrem -Gesprächsstoff abzulenken, denn sie sollten von etwas reden, das ich -gern höre. Aber mein Drängen war immer vergeblich gewesen. Da riß -mir endlich die Geduld und ich beschloß, mitten in ihre Unterhaltung -hinein ganz überraschend einen dicken Punkt zu machen. Und wie wir den -Tanzberg kaum im Rücken hatten, und die Gäule die abfallende Straße -hinuntertrabten, da war ich mit mir im reinen über das Mittel, mit dem -ich die ungalanten Herren an die Pflichten der Ritterlichkeit mahnen -wollte. Du weißt, liebe Mutter, an der Stelle, wo im Sommer die großen -Brombeersträucher blühen, macht die Straße einen scharfen Knick. Dort -sollte der Schauplatz der Katastrophe sein. Leider war kein Publikum -zu der Vorstellung erschienen. Links also sind die Sträucher, und -rechts der Straße hat der Wind den Schnee hochaufgeweht. Ich halte die -Zügel etwas straffer, um die scharfe Biegung nicht allzuschnell zu -nehmen. Kaum sind wir aber bei ihr angekommen, und die Pferde wenden -nach links, da reiße ich die Gäule scharf in die neue Richtung hinein, -daß die Tiere fast umkehren und stehen bleiben. Natürlich ist diese -Bewegung für den Schlitten viel zu hastig, er kann sie nicht mitmachen, -sondern schleudert im Halbkreis herum und wirft sich, seinen Inhalt -sorgfältig ausschüttend, blitzschnell auf die Seite. In demselben -Augenblick aber, wo ich merke, daß der zuverlässige Kutscherbock unter -meinen Füßen seine horizontale Lage aufgeben will, trenne ich mich von -dem launischen Gefährt und springe wie eine Katze dem Handpferd auf den -Rücken. Von diesem Platze aus beherrschte ich das Gesichtsfeld ganz -prächtig und konnte jede Bewegung, die die bis zum letzten Augenblick -politisierenden Herren in der nächsten Sekunde machten, auf’s -eingehendste studieren.« - -Hier konnte die Erzählerin ihre Fröhlichkeit nicht mehr zurückhalten. -Die Komik des Vorgangs stand ihr wieder mit so lebhafter Deutlichkeit -vor Augen, daß sie mit ihrem bisher mühsam zurückgehaltenen Lachen laut -herausbrach und ihre Heiterkeit die Männer mit fortriß, denn auch sie -stimmten in das Gelächter fröhlich ein. - -Elisabeth aber hatte das Lachen so angestrengt, daß sie erst wieder -eine kurze Weile Atem schöpfen mußte, ehe sie weiter sprechen konnte. -Dann aber fuhr sie mit unverminderter Lebhaftigkeit fort: - -»Liebe Mutter, Du kannst Dir mit Zuhilfenahme Deiner ganzen Phantasie -keinen rechten Begriff davon machen, wie die beiden Herren, jeder auf -seine Art, sich der plötzlich veränderten Sachlage anpaßten. Das eine -muß ich bei allen beiden anerkennen: sie beratschlagten nicht erst -lange, was zu tun sei, sondern zogen vor, rasch zu handeln. - -Stumm schoß Herr von Friesen mit einem eleganten Wuppdich kopfüber -auf den Punkt des Schneehaufens los, wo er am höchsten aufgeweht war -und verschwand sofort darin. Leider sprang mein teurer Bruder nicht -ebenso graziös wie sein Freund. Ich mußte, ohne daß ich es wollte, des -Anblicks gedenken, den die sich sträubenden Kälber darbieten, wenn sie -der Viehmakler mit dem Hermann auf den Wagen hebt. Mit gespreizten -Armen und Beinen näherte sich Max in raschem Tempo der seiner geduldig -harrenden Schneewehe und bohrte sich, den Kopf voran, in sie hinein. -Während Herr von Friesen für längere Zeit bis auf einen Stiefel ganz -unsichtbar war, fand sich auch Max erst nach gründlichem Suchen darin -wieder heraus und krabbelte mit den Gliedmaßen so komisch, daß er -aussah wie ein dicker, schwarzer Käfer in einer Schüssel steifer -Sahne. Kurzum, meine beiden ritterlichen Gefährten taten in diesen -Augenblicken viel, nur von der Politik sprachen sie nicht mehr.« - -Die beiden Freunde waren durch die in erzwungenem Ernste gemachte -Schilderung des Erlebnisses wiederholt zu erneuter Lustigkeit angeregt -worden. Auch Elisabeth mußte ihrer Heiterkeit wieder freien Lauf -lassen; sie beugte den Kopf hintenüber und wollte sich vor Lachen -ausschütten. Das bleiche Gesichtchen mit den schmalen Wangen und den -großen, glänzenden Augen strahlte vor Lebensfreude und ungebundenem -Frohsinn. - -Da dämpfte plötzlich Elisabeth ihr lautes Lachen. Sie beugte den Kopf -auf die Brust, und gleichzeitig wurde ihr zarter Körper durch einen -schweren Hustenanfall aufs heftigste erschüttert. Mit einem Schlage -war die sprudelnde Heiterkeit von dem kleinen Kreise gewichen, und -unwillkürlich richteten sich aller Blicke mit Bangigkeit auf das unter -den unaufhörlichen Hustenstößen augenscheinlich schwer leidende -Mädchen. Noch ein kurzer, heftigerer Anfall, dann bekam Elisabeth -wieder Ruhe. Sie tastete mit der Hand zum Hals, als wenn sie dort -etwas beenge und schluckte einige Male hinunter. Darauf lehnte sie -sich erschöpft zurück. In den Mundwinkeln des Mädchens aber wurden ein -paar große, rote Tropfen sichtbar, die langsam am Kinn und am Halse -hinabrollten. - -Da stieß die Freihoferin heftig den Stuhl zurück und stand im nächsten -Augenblick neben dem schwer atmenden Kinde. Wie eine Feder hob die -Greisin das Mädchen auf, preßte es an ihre Brust und trug es hastig zur -Stube hinaus. - - - - -10. Kapitel. - - -In tiefem Blau prangte seit einigen Tagen der Himmel, und aus Südosten -blies ein lauer Wind. - -Wie durch einen Zauberschlag war das Bild, das die Natur geboten, -verändert: der Schnee war unter den warmen Sonnenstrahlen verschwunden. -Anfangs ging es langsam, bis die obere Schicht zu schmelzen begann und -die ersten Wasserläufe entstanden. Als aber die Luft wärmer wurde und -der feurige Sonnenball seinen Kreislauf einige Male wiederholt hatte, -ohne daß ihn neidische Wolken verbargen, da trat starkes Tauwetter -ein. Das Wasser konnte nicht so rasch in die Erde einsickern. Die -Straßen weichten auf und wurden grundlos, und auf den Äckern und -Wiesen bildeten sich große Teiche, auf denen die Enten laut schnatternd -umherschwammen und die liebe Dorfjugend jubelnd Papierschiffe treiben -ließ. Der sonst zwischen seinen hochaufgeschütteten Ufern so friedlich -dahingleitende Göselbach war stark angeschwollen. Seit diesem Morgen -aber war er zum Strom geworden, dessen schäumende Wasser in raschem -Laufe dahinschossen. - -Auf dem Freihofe war die schwere Beklemmung, die Elisabeths plötzliche -Erkrankung hervorgerufen hatte, langsam wieder gewichen. Der schnell -herbeigeholte Arzt hatte der Kranken Bettruhe verordnet, und wie ein -folgsames Kind schluckte sie Eisstückchen, die die nicht von dem Bette -weichende Freihoferin ihr reichte. Nach ein paar Tagen war das Mädchen -wieder wohlauf und hatte das Bett verlassen. Sie versicherte, daß -ihr nichts mehr fehle bis auf eine bleierne Mattigkeit, die in den -Gliedern läge. Aber auch dies hielt nicht lange an, dann war sie wieder -lustig und beweglich wie vorher. Sie tollte mit Friesen, als wenn -nichts geschehen wäre, über die spärlichen Schneereste hinweg und war -unermüdlich, ihn zu necken. Ihre Erfindungsgabe half ihr immer wieder, -neue, harmlose Streiche ersinnen, die sie ihm spielte. - -Mit großer Besorgnis beobachtete die Freihoferin den Zustand ihres -Kindes. Anfangs hatte sie wohl zuweilen ihre Stimme mahnend erhoben -und dem Mädchen schnelle Bewegungen und Umherspringen untersagt, bald -aber sah sie ein, daß ihre Mahnungen nicht fruchteten, da sie nur zu -schnell vergessen wurden. Denn alle Bewegungen, die das Mädchen tat, -waren rasch, und die große Lebhaftigkeit, die einen Teil ihres Wesens -ausmachte, konnte sie unmöglich unterdrücken. - - * * * * * - -Max hatte mit Friesen für den Nachmittag einen Ausritt verabredet, dem -auch Elisabeth sich anzuschließen wünschte. Der Widerstand der Mutter -war bald besiegt, und so trabte denn die kleine Kavalkade fröhlich vom -Hofe fort, hinein in den lachenden Sonnenschein. Friesen hatte eines -der im vorigen Jahre gekauften Kutschpferde bestiegen, einen dicken -Wallach, dem ab und zu einmal der Sattel aufgelegt wurde, während Max -seinen Braunen ritt. - -Elisabeths hochbeiniger Schimmel konnte sich nicht lange dem ruhigen -Schritt der beiden andern Pferde anpassen, er drängte unausgesetzt in -die Zügel und tänzelte nebenher, den langen Schweif mutwillig hinüber -und herüber schlagend. Aber Elisabeth war eine gute Reiterin, die die -Launen des Tieres wohl kannte. Mit kurzem Zügelruck, den sie schnell -wiederholte, verwies sie das Tier zur Ruhe, so daß der Schimmel alsbald -die Zügel freigab, in ruhigen Gang fiel und den leisesten Hilfen der -Reiterin wie ein Hündchen folgte. - -Als die kleine Schar außerhalb des Dorfes angekommen war und die Straße -verlassen konnte, lenkte sie hinüber auf ein sich lang hinziehendes -Rasenstück, auf dem nur noch vereinzelt kleine Pfützen stehen geblieben -waren. Im leichten Trab sprengten sie weiter, die Wangen von mildem -Windhauch umfächelt. - -In einiger Entfernung vor den Reitern wand sich ein ziemlich breiter -Wassergraben über ihren Weg. Elisabeth hatte das Hindernis kaum -erblickt, als sie auch schon vorschlug, darüber hinwegzusetzen. Im Nu -hatten ihre Begleiter angenommen. Man ließ den Gäulen die Zügel, und in -kurzem Galopp ging es dem Graben zu. - -Max hatte sofort bereut, sich zum Mittun bereit erklärt zu haben, denn -er argwöhnte, daß sein schwerer Brauner ihn im Stich lassen würde. Aber -nun konnte er sich nicht mehr ausschließen, denn Elisabeth hätte ihn -grausam verspottet. - -Friesen blieb dicht neben Max, während der Platz zwischen beiden leer -geworden war. Elisabeth hielt nämlich den Schimmel kräftig zurück, um -zu verhindern, daß er über die Linie hinausschösse, denn sie wollte -an dem Hindernis als Letzte ankommen. So gewannen die Herren einen -geraumen Vorsprung. - -Jetzt waren die Reiter nur noch eine kurze Strecke von dem Graben -entfernt und ließen die Tiere laufen. In der nächsten Sekunde waren sie -am Wasser. Max sprang zuerst, fast in demselben Augenblick sprang auch -Friesen und kam dicht hinter dem Graben nieder. Maxens Brauner sprang -aber zu kurz und schlug mit den hinteren Hufen laut klatschend ins -Wasser, daß die schmutzige Flüssigkeit hochaufspritzte und Pferd und -Reiter reichlich übergoß. - -Aber schon ertönte von hinten her ein helles Auflachen und gleich -darauf setzte Elisabeths Schimmel in leichtem Sprunge, behend wie eine -Gemse über den Graben und kam weit vor Friesens Wallach sicher nieder. - -»So sieht ein richtiger Sprung aus, Ihr Herren,« rief das Mädchen mit -lauter Stimme über die Schulter zurück, während der Schimmel mit -großer Geschwindigkeit weiterstürmte. - -Max tat eine kräftige Verwünschung über die Schwerfälligkeit seines -Pferdes und zwinkerte ärgerlich mit den Augen. Dann gab er dem Gaul -wütend die Sporen, daß er einen wilden Satz machte, der ihn aus dem -Wasser herausbrachte, um sich mit ein paar weiteren Sprüngen aus dem -weichen Boden vollends herauszuarbeiten. Die Zügel auf den Hals des -Tieres fallen lassend, trocknete er sich, das Taschentuch mit beiden -Händen erfassend, das triefende Gesicht ab. - -Friesen hatte nur ein paar Tropfen auf die Wange bekommen, die er jetzt -laut lachend mit dem Zeigefinger abwischte und fortschleuderte. - -»Ich werde mich hüten, mit dieser behäbigen Dame noch einmal einen -solchen Graben zu nehmen,« knurrte Max, der nun endlich Gesicht und -Hals wieder trocken hatte. »Hast Du gesehen, wie sie sprang? Ja? Gerade -so wie ein Walroß, und ich kann noch von Glück reden, daß ich nicht -heruntersegelte; bald wäre es freilich geschehen.« - -Während dieser Worte hatten sie ihre Pferde wieder langsam in Bewegung -gesetzt und trabten nun in der eingeschlagenen Richtung weiter. -Elisabeth war ein großes Stück vorausgeeilt. Dann war sie umgekehrt und -nun ritt sie in weiten Kreisen um die Männer herum. In kecker Haltung -saß sie auf dem Tiere, es zu immer größerer Eile antreibend. - -Während die beiden Reiter ihre Pferde ruhig laufen ließen, betrachteten -sie mit Vergnügen das in Windeseile dahinfliegende Mädchen. Die -Entdeckung, daß Elisabeth eine vortreffliche Reiterin war, hatte -Friesen schon längst gemacht. Heute wurde ihm ein neuer Beweis hierfür. -Elisabeth behielt auch in dieser scharfen Gangart das Tier vollständig -in ihrer Gewalt, und die Reiter konnten deutlich wahrnehmen, wie der -Schimmel dem Zügel augenblicklich folgte. Ohne die Schnelligkeit zu -vermindern, umkreiste Elisabeth noch immer die beiden Freunde, alle -Hindernisse nehmend, die im Wege lagen. Ihre Augen leuchteten vor -Freude, und eine Locke des blonden Haares hatte sich gelöst und wehte -der Reiterin um die jetzt von einer leichten Röte bedeckte Stirn. - -Soeben war sie wieder in kurzer Entfernung vor den Herren vorbeigejagt -und hatte ihnen ein Scherzwort herüber gerufen, als Maxens Pferd -plötzlich vor einer auffliegenden Krähe scheute. Noch immer gereizt -durch die Unbeholfenheit des Tieres beim Sprunge, nahm es Max fest in -die Zügel und zwang es mit eisernem Schenkeldruck zur Ruhe. In diesem -Augenblick stieß Friesen, der Elisabeth nicht aus den Augen gelassen -hatte, einen unterdrückten Schrei aus. Max fuhr auf und suchte seine -Schwester mit dem Blick, die sich gerade in geraumer Entfernung -rechtsseitwärts von ihnen befand. Aber er konnte nichts entdecken, was -dem Freunde Grund zur Besorgnis geben mochte. Da sagte Friesen kurz: - -»Sie hat den Sitz verloren und bemüht sich, den Schimmel in Schritt zu -bringen.« - -Die Reiter blieben stehen und schauten mit angestrengter Aufmerksamkeit -dem sich ihnen von rückwärts her nähernden Mädchen entgegen. - -»Der Schimmel hat kleine Launen, ist aber im ganzen harmlos,« -entgegnete Max, »und Elisabeth kennt sich mit ihm aus.« - -Da stürmte auch schon das Tier mit seiner Reiterin in kurzer Entfernung -an ihnen vorüber. Elisabeths Fuß hatte zwar noch fest im Bügel geruht, -aber es gab für die Beiden keinen Zweifel mehr, daß sie die Gewalt -über das Tier vollständig verloren hatte. Mit seiner ganzen schwachen -Kraft riß das Mädchen an den Zügeln, doch umsonst, die leichte Kandare -klemmte zwischen den aufeinandergebissenen Zähnen des durchgehenden -Pferdes. Plötzlich sprang der Schimmel aus der bisherigen Richtung -heraus und jagte eine sanft ansteigende, weite Lehne hinauf, dicht an -den letzten Häusern des Dorfes vorbei. - -Wie gelähmt blieben die Reiter stehen, dem davonstürmenden Pferde -entsetzt nachschauend. Aber nur einen Augenblick dauerte ihre -Bestürzung. Kein Wort wurde ausgetauscht, aber sie wußten beide, daß es -eine Jagd auf Leben und Tod sein würde, um das Mädchen zu retten, denn -der rasende Lauf des scheugewordenen Pferdes führte in gerader Richtung -auf den hochangeschwollenen Bach zu. - -Da fuhr Max wild auf und hieb dem heftig erschreckenden Braunen die -Sporen tief in die Seiten, daß das Tier von Schmerz gepeinigt sich -auf den Hinterbeinen erhob und senkrecht aufstieg, um dann wie toll -davonzurasen, hinterdrein Friesen. Die beiden Pferde schlugen sofort -eine hohe Geschwindigkeit an, und so ging es in wilder Jagd dem in -nicht zu großer Entfernung vor ihnen galoppierenden Schimmel nach. -Stumm ritten die beiden Männer nebeneinander, keinen Blick von dem -davoneilenden Pferde verlierend und mit allen Sinnen auf den Gang -ihrer Tiere achtend. Maxens Brauner schien wieder gut machen zu wollen, -was er vorhin versäumt hatte: mit mächtigen Sprüngen setzte er über den -weichen Boden hinweg, so daß Friesen Mühe hatte, an seiner Seite zu -bleiben. - -Aber Max achtete nicht darauf, daß der Braune sein Bestes bot, er -verlangte noch mehr von ihm. Von neuem setzte er dem Tiere die Sporen -in die Seiten, daß dieses in der Tat in eine erhöhtere Schnelligkeit -fiel und nunmehr wie ein Pfeil dahinschoß. Mit Genugtuung bemerkte Max, -daß sich die Entfernung zwischen ihm und Elisabeth langsam verringerte. -Friesens Wallach konnte dieses Tempo nicht einhalten und blieb um -einige Längen zurück. Max gewahrte Friesens Zurückbleiben, aber was -kümmerte es ihn; seine weit aufgerissenen Augen hingen, ohne abzuirren, -an der zarten Mädchengestalt auf dem vor ihm weiterstürmenden Pferde. -Der Zwischenraum wurde merklich kürzer, denn der Braune hielt das -scharfe Tempo gut inne und verkürzte nicht um eine Handbreite seine -weitausgreifenden Sprünge. - -Aber immer mehr forderte der Reiter von seinem Tiere. Wieder gab er -ihm die Sporen zu fühlen, bis er zuletzt das Eisen auf den Flanken -ruhen ließ und durch unausgesetztes Drohen mit den scharfen Spitzen -den Gaul zum Einhalten seiner hohen Schnelligkeit anstachelte. Alles -was in dem Pferde war, forderte sein Reiter in diesen Augenblicken von -ihm. Und wenn das Tier dabei zugrunde ging, was tats? Galt es doch ein -Menschenleben zu retten, und dieser Mensch -- war seine Schwester! Zum -Glück näherte er sich ihr bei diesem Tempo von Sekunde zu Sekunde, und -noch in großer Entfernung vor dem reißenden Wasserlaufe mußte er sie -eingeholt haben. - -Die ruhige Überlegung drohte den jungen Mann zu verlassen, wenn er -blitzschnell die Möglichkeit erwog, daß sein Pferd diese Schnelligkeit -nicht aushalten könnte. Seine Augen schätzten fortwährend forschend den -Abstand, und mit großer Befriedigung stellte er fest, daß Elisabeths -Vorsprung sich immer mehr verringerte und er sehr bald an ihrer Seite -sein mußte. Er überlegte: von links wollte er anreiten, um die rechte -Hand frei zu haben und wenn er erst einmal die Zügel des störrischen -Schimmels in seiner Faust haben würde, dann -- -- -- -- -- --, was Max -von Tiefenbach in der Faust hielt, das war ihm sicher, das gehörte ihm! - -Aber der Braune durfte nicht um einen Zentimeter nachlassen, er mußte -ohne Unterlaß das Eisen kosten. Und von neuem jagte Max dem Tiere -die Stacheln in das Fleisch, daß es in wildem Schmerze wie unsinnig -weiterraste. - -Max spannte alle Sinne aufs äußerste an. Da, allmächtiger Gott, -täuschte er sich, oder war es Wirklichkeit, -- der Braune verkürzte -die Sprünge? Sein Auge durchmaß den Zwischenraum, und es war keine -Täuschung, er war in den letzten Sekunden größer geworden. Ein wilder -Fluch entfuhr ihm. Sollte er jetzt, wo er in wenigen Sekunden an seiner -Schwester Seite sein konnte, zurückbleiben und zusehen müssen, wie -diese dem unabwendbaren Tode entgegeneilte? Da zerriß wie ein greller -Blitzstrahl ein banger Gedanke das Gespinst seiner sich stürmisch -jagenden Betrachtungen. Wie unter einem heftigen körperlichen Schmerz -zuckte Max zusammen und die angstvollen Worte entfuhren ihm: »Um des -Himmels willen, die Mutter!« - -Wütend fuhr da der Mann auf: - -»Verwünschte Kanaille, willst Du mich im Stiche lassen? Warte ich will -Dir Lust machen.« - -Und von neuem bohrte er die Sporen tief in die Flanken. Aber das Pferd -bäumte nicht mehr angstvoll auf wie vorhin und machte seine Sprünge -nicht größer. Pfeifend schossen ihm die Atemstöße aus den geblähten -Nüstern und das kurzabgerissene Schnauben hätte zu jeder anderen Zeit -Max zum Absteigen veranlaßt. In diesem Augenblick aber hörte und sah er -nichts von der großen Erschöpfung des so schnelles Laufen ungewohnten, -schweren Tieres, das schon viel mehr ausgegeben hatte, als von ihm -gefordert werden durfte. - -Mit steigendem Entsetzen bemerkte er, wie der Schimmel immer größeren -Vorsprung gewann. Alle Empfindungen, die bei dieser Wahrnehmung auf -ihn einstürmten, verwandelten sich in Zorn, der sich gegen das jetzt -wiederholt strauchelnde Pferd richtete. Von Wut gepackt trieb er ihm -zwei-, dreimal die Eisen in die Seiten. Das gequälte Tier bäumte hoch -auf, -- da riß des Reiters eiserne Faust es nieder und dann bohrten -sich wieder und wieder die Sporen in sein Fleisch. Mit Schenkel und -Eisen bearbeitete Max ohne Erbarmen das Tier, daß es von neuem ein -schnelleres Tempo anschlug. Aber es entging ihm nicht, daß der Braune -die Geschwindigkeit von vorhin nicht mehr erreichte und daß die -Entfernung sich mit jedem Sprung vergrößerte. - -Da kam auch Friesens Wallach wieder heran, der in gleichbleibender -Schnelligkeit weitergeritten und der trotz der vielen Versuche seines -Reiters in keine schärfere Gangart gefallen war. Langsam rückte Friesen -vor. Max bemühte sich, einen kleinen Vorsprung zu behalten, aber der -Wallach kam näher. Schon standen die beiden Tiere Gurt an Gurt, dann -glitt Friesen ein Stück vor und behielt ein Tempo, in dem der Braune -nur schwer folgen konnte. - -Die Reiter sahen jetzt, wie der Schimmel die Anhöhe erreicht hatte. -Elisabeths Gestalt war noch einen Augenblick sichtbar, und die beiden -Freunde erkannten deutlich, daß ihr Oberkörper vornübergesunken war und -daß das Mädchen beide Arme um den Hals des Pferdes geschlungen hatte. -Dann entschwand sie ihren Blicken. - -Max war vor Schrecken seiner Sinne nicht mehr mächtig. Er nahm seinen -Reitstock und schlug damit wiederholt den Braunen wuchtig zwischen die -Ohren, womit er nur erreichte, daß das Pferd dicht hinter Friesens -Wallach blieb. - - * * * * * - -Konrad Hartmann war auf seinem Hofe beschäftigt. Die nackten Füße in -Lederpantoffeln steckend, kniete er gerade vor einem Wagen und legte -um eine zersprungene Nabe ein Stück schmalen Eisenbandes. Drüben am -Pferdestalle stand seine Mutter, die mit weitem Wurfe Maiskörner unter -die stattliche Schar Hühner schleuderte. - -Am Abend jenes Tages, an dem Konrad die erschütterte Freihoferin leise -verlassen hatte, war es in der Wohnstube auf dem Rabensteiner Hof noch -viel stiller als sonst zugegangen. Der Sohn hatte eine Weile an dem -hölzernen Pfeifenkopfe weitergeschnitzt. Lange hatte dies aber nicht -gedauert, dann mochte ihm die Beschäftigung nicht mehr zugesagt haben. -Er hatte auf das Bücherbrett gegriffen und die Helden des grauen -Altertums wieder einmal vor seinem Geiste aufmarschieren lassen. - -Sonst vergaß er beim Lesen jener Zeiten alles, was sich um ihm herum -zutrug. Mit leuchtenden Augen verfolgte er dann das gewaltige Ringen -der Völker und die erbitterten Kämpfe mit dem überlegenen Gegner um -die Freiheit des Stammes. An diesem Abend aber hatten seine Gedanken -nicht mitten unter den Helden geweilt, und es begab sich zum ersten -Mal, daß das Interesse an den Großtaten Jener verblich, und sich -dafür etwas anderes in seine Seele schlich und allen Raum darin für -sich beanspruchte. Zeitiger als andere Tage hatte Konrad das Bett -aufgesucht. Die Mutter aber war geblieben und hatte mit Wehmut lange, -lange auf die Stelle geschaut, wo ihr Sohn gesessen hatte. -- -- - -Wieder hatte sich Konrad gebückt und mit aufmerksamen Blicken und -wiederholtem Betasten den geflickten Schaden geprüft. Da stieß die -Rabensteinerin einen lauten Schrei des Entsetzens aus. Konrad fuhr -erschreckt in die Höhe und blickte auf seine Mutter. - -Mit vorgeneigtem Oberkörper stand diese inmitten der die Körner -geschäftig aufpickenden Hühner und sah in großer Erregung durch -das weitgeöffnete hintere Hoftor, das unmittelbar auf die Wiesen -hinausführte. Hastig folgte Konrad dem Auge seiner Mutter, und in -demselben Augenblick war sein von der emsigen Arbeit stark gerötetes -Gesicht bis in die Lippen hinein bleich geworden. Einen Herzschlag lang -schauten Mutter und Sohn mit dem Ausdruck des Entsetzens nach den -Wiesen, über die in wilden Sprüngen ein durchgehendes Reitpferd hinweg -setzte, auf dessen Rücken die zusammengesunkene Gestalt eines jungen -Mädchens zu erkennen war. - -Noch war der die kühle Besonnenheit sonst nie verlierende junge Mann -wie gelähmt, da riß sich die Mutter von dem erschreckenden Anblick los -und rief dem Sohne zu: - -»Konrad, was stehst Du wie ein Pfahl? Nicht einen Augenblick hast Du zu -verlieren!« - -Der aber antwortete nicht, sondern starrte regungslos ins Weite. - -Da flammte in dem gutmütigen Gesicht des Weibes helle Zornesröte auf. -Mit ein paar Sprüngen stand sie neben dem Sohn, riß an seiner Schulter -und schrie ihm ins Ohr: - -»Deine gesunden Knochen sind Dir wohl zu lieb? Junge, weißt Du denn -nicht, wessen Leben es gilt, he?« - -Der Gescholtene aber zuckte verzweifelnd die Achseln und sagte dumpf: - -»Sie ist schon zu nahe am Wasser, ich schaff’s nicht mehr, -- -- es ist -zu spät!« - -Da lachte das Weib schrill auf und schrie: - -»Du Hasenfuß!« - -Im nächsten Augenblick sprang sie in den offenstehenden Stall, und -Konrad hörte, wie die Kette am Stande des Fuchses niederrasselte. -Dann dröhnte das Stampfen des Pferdes von dem steinernen Belag der -Stallgasse wider, und mit lautem Wiehern trat das Tier ins Freie. -Konrad, der sich noch immer nicht von dem Anblick losgerissen hatte, -merkte das Pferd auf sich zukommen. Mechanisch und ohne hinzusehen hob -er die Arme und griff mit beiden Händen in die dichte Mähne des immer -weiterschreitenden Pferdes. - -»Vorwärts!« rief da die Rabensteinerin und führte einen derben Schlag -auf den Schenkel des Fuchses, daß dieser einen schnellen Gang anschlug. - -Konrad hielt sich an dem krausen Mähnenhaar fest, die Augen nicht -von der Gestalt auf dem galoppierenden Schimmel abwendend. Er mußte -laufen, um mit dem sich rasch vorwärts bewegenden Gaule gleichen -Schritt zu halten, bis der Gang zu schnell wurde. Da, ein gewaltiger -Ruck und Schwung, -- und er saß auf dem Rücken des Tieres. Im nächsten -Augenblick trabte der Hengst zu dem hintern Hoftor hinaus. - -Die Rabensteinerin aber eilte, so schnell ihre Füße sie tragen wollten, -die Treppe des Hauses hinauf auf den Dachboden. Und dann stand das -Weib an der Dachluke, hielt die schwielige Hand, um das Auge vor den -Sonnenstrahlen zu schützen, an die Stirn und schaute hinaus auf die -Wiesen. - - * * * * * - -Gleichzeitig mit dem Verschwinden des Schimmels hinter der Bodenwelle -hatte sich in das Herz des noch immer auf Rettung hoffenden Max die -grausame Ueberzeugung gestohlen, daß das Schicksal seiner Schwester -nunmehr besiegelt sei. Dieser Gedanke drängte ihm das Blut zu Kopfe, -daß die Schläfen zerspringen wollten. Er keuchte unter der Last, -die sich auf seine Brust herabgesenkt hatte und fuhr fort, den -ausgepumpten Braunen zum schnelleren Laufen zu zwingen. Aber er merkte -mit untrüglicher Gewißheit, daß der Gaul nur noch wenige Minuten -laufen würde, um dann niederzustürzen. Auch Friesen konnte trotz der -heftigsten Bemühungen nichts mehr aus dem Wallach herausholen. So -sprengten die beiden Männer in immer mehr nachlassender Geschwindigkeit -nebeneinander dahin, wissend, daß das unglückliche Mädchen in kurzer -Zeit am Wasser angekommen sein würde. - -Da erklang mit einem Male hinter ihnen das Schnauben und Stampfen eines -weit ausgreifenden Pferdes. Jeder der beiden Freunde vernahm es und -glaubte an Täuschung. Aber das Geräusch drang schnell näher und immer -näher und ließ keinen Zweifel mehr zu, daß ein Reiter den Hufen ihrer -Rosse folgte. Doch der sie beide in diesen bangen Sekunden nur allein -bewegende Gedanke: Vorwärts! ließ sie nicht hinter sich schauen. Neuer -Mut und neue Hoffnung erfüllte sie plötzlich bei dem Erkennen der ihnen -werdenden Hilfe, und mit Anstrengung versuchten sie nochmals, ihre -Tiere zum schärferem Laufen zu bringen. - -Jetzt befand sich der Herbeieilende unmittelbar hinter ihnen. Noch -ein paar Sprünge seines Pferdes und die Tiere liefen einen Augenblick -nebeneinander. Dann schoß der Neue wie eine Schwalbe über sie hinaus, -die beiden Zurückbleibenden mit einem Hagel von Erde und Steinen -überschüttend, die unter den Hufen des flüchtigen Pferdes hochauf -flogen. Eine kurze Weile konnten sie den Enteilenden noch sehen, dann -tauchte er hinter derselben Bodenerhöhung hinab, hinter der auch -Elisabeth verschwunden war. - -Das Vorbeireiten dieses Helfers war ihnen, ob der schwindelnden -Schnelligkeit seines Pferdes, wie ein Traum gewesen. Kaum daß sie sein -Nahen vernommen, hatte er sie auch schon eingeholt, war prasselnd und -dröhnend an ihnen vorübergeflogen und ihren Augen wieder entschwunden --- wie ein Reiter aus dem Gefolge des wilden Jägers. - -In der kurzen Zeitspanne aber, in der der Hinzugekommene mit ihnen -auf gleicher Höhe ritt, hatten die Freunde ihn erkannt: es war Konrad -Hartmann. Barhäuptig und mit bloßen Füßen hatte die schmächtige Gestalt -zusammengekauert fast auf dem Halse des ungesattelten fuchsigen -Hengstes gehockt, den Kopf zu den Pferdeohren hinabgebeugt und die -Augen starr darüber hinweggerichtet. Seine linke Hand war mit einer -Strähne des Mähnenhaares umwickelt gewesen, während die Finger der -rechten das edle Tier leise am Halse liebkosten. Sonst keine Hilfe, -kein Antreiben; als wenn er es wüßte, daß es ein Menschenleben zu -retten gelte, hatte der Hengst ausgegriffen und sie zurückgelassen. - -Max und Friesen gaben nunmehr jeden Versuch auf, ihre Tiere weiter -anzutreiben. Sie waren schon froh, daß diese sie in kleinen Sprüngen -weitertrugen, der Anhöhe zu, von der aus sie alles sehen würden. -Langsam kamen sie dem Punkte näher. Max bemühte sich, ruhig zu bleiben, -aber sein Herz klopfte hörbar und er keuchte schwer vor Anstrengung und -Erregung. Noch ein paar Sprünge der dem Umsinken nahen Gäule, und sie -standen auf der Höhe. - -Etwa sechshundert Schritte vor ihnen zog der in der Sonne glitzernde, -hochgehende Bach vorüber und unmittelbar vor ihm sahen sie, wie -Elisabeth, von Konrad gestützt, den Versuch machte, einige Schritte zu -gehen. Ihre Pferde standen abseits. - -In Windeseile sprangen sie von den Gäulen, ließen die nach Luft -haschenden Tiere stehen und eilten die Lehne hinab. In wenigen Minuten -hatten sie das Ufer erreicht. - -Elisabeth lagerte auf einem mit Moos überwucherten großen Stein, sich -auf den Ellenbogen stützend und sah den beiden Männern mit schwachem -Lächeln entgegen. Ihr Gesicht war totenbleich, und um ihre Schläfen -spielten zerzauste Locken. Konrad stand neben dem Mädchen. - -Mit großen Schritten eilte Max zu seiner Schwester, kniete nieder, -schloß das Mädchen in tiefer Erregung in die Arme und blieb eine Weile -mit ihr stumm Brust an Brust. Dann löste er sanft die Umarmung und -wandte sich zu Konrad. Seine Augen liefen fast über. - -Der aber schlug den Blick zu Boden und machte eine Bewegung mit der -Hand, als wenn es sich um eine leichte Sache handele. - -»Warum willst Du meinem Dank wehren, Konrad?« sprach Max mit vor -Bewegung zitternder Stimme, »der Geber darf sich dem Dank des -Beschenkten nicht entziehen, sonst macht er diesem die Annahme der Gabe -allzuschwer.« Dann legte Max seine Hände auf Konrads Schultern, beugte -sich tief herab, daß er ihm in die Augen sah und fuhr fort: - -»Wir sind seit unserer Kindheit Freunde, und ich habe immer gewußt, was -ich an Dir besaß. Heute hast Du mir aber einen Dienst erwiesen, für -den Dir zu danken meine Worte zu schwach sind. Ich bleibe für immer -Dein Schuldner. Unser Freundschaftsbund, Konrad, ist durch diese Tat -besiegelt fürs Leben!« - -Dann reichten sich die Männer schweigend die Hände, worauf sich Max -abwandte, um seiner ihn zu übermannen drohenden Ergriffenheit Herr zu -werden. - -Elisabeth aber richtete sich höher auf und sprach leise: - -»Konrad, bitte komm zu mir.« Und wie dieser zu der Sitzenden getreten -war, legte Elisabeth ihre Hand in die seinige, sah ihn mit allem von -ihr ausgehenden Liebreiz ins Gesicht und sagte mit schmeichelnder -Stimme: - -»Die Mutter, Max und Du! Sprich, Konrad, willst Du von heute an mein -Bruder sein?« - -Da erfüllte das Herz des also Angesprochenen eine tiefe Bewegung, und -auf seinem Gesicht begann ein wunderliches Spiel. Das Mädchen aber -schlang den Arm um seinen Hals, zog den Mann zu sich herab und drückte -ihre Lippen auf den zuckenden Mund. - - - - -11. Kapitel. - - -Der Frühling des Jahres 1813 war mit jener Pracht und Lieblichkeit ins -Land gezogen, die alljährlich nach den dunkeln und rauhen Wintertagen -wieder die Menschen erquicken und ihre Herzen lauter schlagen lassen. -Die Sonne tat in kurzer Zeit Wunder; aller orten begann es zu sprießen. -Die Wiesen bedeckten sich in wenige Tagen mit saftigem Grün, und -zwischen den frisch aufgeschossenen Halmen der Gräser hoben die ersten -Veilchen schüchtern ihre Köpfchen. Die Menschen kamen wieder aus den -Häusern heraus, in die sie der diesmal so anhaltende und strenge Winter -lange gebannt hatte. Mit durstigen Zügen atmeten sie die warme und -würzige Luft, ließen die Augen weiden an dem geheimnisvollen, die -Seele erhebenden Erwachen der Natur und lauschten frohen Herzens den -muntern Weisen der zurückgekehrten Singvögel. Nun war es Gott sei Dank -vorüber mit dem Untätigsein, und die Hände konnten wieder schaffen und -die emsige Arbeit beginnen, deren Segen im Herbst ausgeschüttet wird. - -Neuer Lebensmut kehrt in diesen Tagen in die Menschenbrust zurück, -und wenn es einen Schwachen und Kranken gibt, den der dunkle Winter -hart niederdrückte, daß sein Lebenslichtlein nur noch trüb brannte und -armselig flackerte, -- mit den belebenden Sonnenstrahlen zieht auch -wieder Hoffnung in sein Herz, und er fühlt, wie sich geheimnisvolle -Kräfte in seinem Innern regen. - -Auf dem Freihofe herrschte emsige Tätigkeit; vom Morgen bis zum Abend -wurde rastlos gearbeitet. Draußen auf den Feldern zog der Pflug tiefe -Furchen in die verjüngte Erde und lockerte den schwärzlichen, duftenden -Ackerboden, der einlud, das Saatkorn ihm anzuvertrauen. - -Max hatte die Hände voll zu tun und war jeden Tag der Erste und Letzte -bei der Arbeit. Mit Erstaunen sah Friesen auf die Geschäftigkeit, die -sich um ihn herum plötzlich entfaltet hatte, und eine Sehnsucht zog in -ihm herauf, zu seinem Regiment zurückzukehren. Er wollte nicht allein -untätig sein, zumal die Rüstungen überall aufs neue begannen. - -Wie wenn die allerersten Strahlen der noch hinter den Bergen -verborgenen Sonne über die dunkle Erde dahingleiten und die schlafende -Natur wachküssen, so zog mit leisen Schwingen ein wundersames Ahnen -in die Gemüter der Völker des mittleren Europas, daß auch für ihre -Geschicke nun endlich der Frühling angebrochen sei. Und sie machten -sich auf, das Feld zu bestellen und den Samen der Freiheit zu pflanzen, -auf daß ihnen, wenn der Sommer zur Rüste ging, eine stattliche Ernte -beschieden sei. Das aus der Wolke niederströmende, die Saat des -Landmanns befruchtende Element hieß bei ihnen Begeisterung, die Jung -und Alt durchlohte, und der Sonnenschein, der beim Reifen der Frucht -nicht fehlen darf, sollte das Glänzen der blanken Waffen und das -Blitzen der Feuerrohre sein. Auf deutschem Boden mußte der gewaltige, -für alle Völker entscheidende Kampf stattfinden, und in das Rauschen -der deutschen Eichenwälder sollte sich der kriegerische Lärm der -Schlachten mischen, -- bis die letzte Brust durchschossen, das letzte -Schwert zerhauen war, oder bis die berauschenden und jubelnden Klänge -der Siegeslieder die Dankbarkeit für die endliche Erlösung von schwerem -Joch himmelwärts trügen. - -Aber alsbald, wenn auch mit großem Mißmut, erkannte Friesen, daß der -Zustand seiner Füße es ihm noch nicht erlaubte, seinen Dienst als -Soldat wieder aufzunehmen. Sie schmerzten bei anhaltendem Laufen noch -immer und verlangten gebieterisch weitere Schonung. So mußte er denn -seinen Plan wieder fallen lassen und die Gastfreundschaft des Freihofes -weiter annehmen. - -Bisweilen begleitete er Max zu Pferde, wenn dieser auf die ausgedehnten -Felder hinausritt, weit öfter aber leistete er Elisabeth Gesellschaft -oder begleitete sie auf kurzen Spaziergängen. - -Den Schimmel hatte das Mädchen seit jenem Tage nicht wieder bestiegen. -Durch die Aufregung infolge des wilden Rittes hatte ihre schwache -Gesundheit doch einen gewaltigen Stoß erlitten, so daß sie nach dem -Vorfall noch mehrere Tage das Bett hüten mußte und dann nur ganz -allmählich ins Freie gehen durfte. Es war ihr recht lieb, daß sie -Friesen bei diesen Ausgängen zum Begleiter hatte, denn sie konnte nicht -anders, als langsam und auf seinen Arm gestützt vorwärtsschreiten. -Hätte sie diese Tage ohne Friesens zerstreuende Gesellschaft zubringen -müssen, so wäre Elisabeth, da sie sonst gewohnt war, wie ein Wirbelwind -umherzutollen, der leidende Zustand leicht zur drückenden Last geworden. - -So fand sie sich in ihre Lage mit bewundernswürdiger Ergebung und -Geduld. Kein Wort der Sehnsucht nach dem Wohlbefinden, dessen sie sich -bisher erfreut hatte, verlor sie. Sie vermied es, über ihre Krankheit -zu sprechen, und doch bemerkte es jedermann nur zu gut, wie genau sie -die Schwere der Krankheit erkannte. - -Fast immer peinigte das Mädchen ein böser Husten, der sich zuweilen -zu solcher Heftigkeit steigerte, daß der Kreis ihrer Freunde Qualen -erlitt. Dabei war sie immer gleichmäßig freundlich gegen alle. Zur -Mutter, der man es äußerlich freilich fast kaum anmerkte wie sie litt, -war das Kind von rührender Zärtlichkeit. - -Auf das Schloß aber kam Elisabeth in dieser Zeit nicht. Zudem versah -Maria von Tiefenbach noch im Schulhaus ihren Pflegedienst, denn noch -immer waren einige kranke Soldaten im Dorfe. - -Max hatte es in den letzten Wochen vermieden, das Schulhaus zu -betreten. Seine Gegenwart daselbst war jetzt auch nicht mehr -erforderlich wie in den ersten Tagen, als man die Krankenzimmer -eingerichtet hatte. Und wenn es dennoch nötig wurde, nach dem Rechten -zu sehen, beauftragte er Hermann Lehnhardt, seinen Verwalter, mit -diesen Geschäften. - - * * * * * - -Es war an einem der mittleren Apriltage. - -Elisabeth war am Vormittag -- seit langer Zeit zum ersten Mal -- -auf dem Schlosse gewesen, um noch einmal mit Maria von Tiefenbach -zusammen zu sein, bevor diese nach Schloß Eckartsberg abreiste, wohin -sie plötzlich gerufen worden war, um die nach ihr verlangende, schwer -erkrankte Schwester ihres Vaters zu pflegen. Der Abschied war beiden -Mädchen recht schwer gefallen, doch schieden sie mit der tröstenden -Hoffnung, sich in kurzer Zeit wiederzusehen. - -Nach dem Mittagessen stand Elisabeth mit Friesen auf dem Hofe und -schaute den drolligen Sprüngen junger Ziegenböcke zu. Das Gesicht des -jungen Mädchens sah aus wie aus Wachs gebildet. Mit müdem Lächeln -betrachtete sie das muntere Spiel der Tiere, als sie plötzlich -zusammenbrach und eine große Menge Blutes aushustete. - -Von dieser Stunde ab durfte Elisabeth das Bett nicht mehr verlassen. -Auch jetzt half Friesen dem erschöpften Mädchen die Zeit kürzen, indem -er von seinen Kriegszügen erzählte, oder mit ihr von ihren gemeinsamen, -kleinen Erlebnissen plauderte, oder aus Büchern heitern Inhalts vorlas. -Die Freihoferin war Tag und Nacht um ihr Kind besorgt und verrichtete -ganz allein die Obliegenheiten der Pflegerin. Wenn sie sich von -Elisabeth betrachtet wußte, war sie bemüht, unbefangen erscheinen, war -aber die Aufmerksamkeit der Kranken von ihr abgelenkt, dann ruhte -das mütterliche Auge mit unsagbar zärtlicher Liebe auf dem Kinde. In -solchen Augenblicken war der sonst herbe Zug von den Lippen der Greisin -verschwunden, und ihr Antlitz wurde verschönt durch den Ausdruck eines -gewaltigen Schmerzes gepaart mit überquellender Mutterliebe. - - * * * * * - -Draußen in der weiten Natur schritt der holdselige Jüngling Frühling -durch die Gefilde, und wo sein Fuß gegangen war, erblühte alles zum -neuen Leben. Drinnen aber in der stillen Stube des Wohnhauses auf dem -Freihofe, welkte langsam ein junges Menschenleben dahin. Jetzt gab es -keinen mehr, der noch gehofft, niemand, der nicht die Schatten gesehen -hätte, die aus dem Reiche der Finsternis heraufwallten und sich auf dem -Antlitz der sanftmütigen Dulderin niederließen. - -Große Stille herrschte auf dem Gute. Alle wußten, daß in dem Hause -eine Seele weilte, die sich anschickte, das sterbliche Kleid, das -sie in dieser Irdischkeit getragen, abzulegen und in die Ewigkeit -zurückzukehren. - -Elisabeth war aller Liebling gewesen. Die meisten Dienstleute waren -schon seit langen Jahren auf dem Freihof. Sie hatten das zarte Kind -aufwachsen sehen, hatten es oft geliebkost, und deshalb meinte jeder -ein Anrecht auf sie geltend machen zu dürfen. Von Kindheit an hatte -Elisabeth, als wenn sie berufen sei eine Sendung zu erfüllen, zwischen -der schweigsamen Mutter, von der nichts als Kälte auszugehen schien, -und dem Gesinde gestanden. Max war nicht so geartet, daß er die Rolle -des freundlichen Vermittlers hätte übernehmen können. Er hatte zuviel -von der Mutter, und wenn die Leute auch wußten, daß er ein warmes -Herz für sie besaß, so fürchteten sie doch seine leicht aufwallende -Heftigkeit. Elisabeth war der gute Hausgeist. Sie hatte es verstanden, -sich jeden zum Freunde zu machen. Deshalb war sie für die Leute nicht -eigentlich die Tochter der Herrin gewesen, sondern das Kind, das, wo -es auch erschien, Klingen und Sonnenschein verbreitete. Elisabeth -war zu gleicher Zeit überall. Sah man ihren blonden Kopf mit den -strahlenden Kinderaugen nicht, so hörte man sie scherzen und trällern. -In den Ställen kannte sie jeden ihrer vierbeinigen Freunde ganz genau -und in den Scheunen und ausgedehnten Dachböden wußte das Mädchen die -geheimnisvollsten Winkel. Niemand war davor sicher, von ihr nicht jeden -Augenblick überrascht zu werden. Ihre Lieblingsbeschäftigung aber -bestand darin, mit Anbruch der Dämmerung in den Häuschen der Tagelöhner -einzukehren. Dort hockte sie besonders gern, spielte mit den Kindern, -aß von deren Butterbroden und stob endlich davon, wenn die Mutter der -Kleinen sie bedeutete, daß auf dem Freihofe die Zeit des Abendessens -gekommen sei. - -Nun aber, wo das Mädchen niemandem mehr hinterdrein folgte, keinen mehr -neckte, man ihr fröhliches Lachen nirgends mehr vernahm und die dicken -Zöpfe nicht mehr um ihre Schultern fliegen sah, jetzt fehlte sie jedem -von ihnen, den Kleinen wie den Großen. - -Mit Engelsgeduld trug sie die quälende Krankheit. Nach jedem neuen -Hustenanfall strich sie mit ihrer schmalen, abgezehrten Hand -liebkosend über die der Mutter und sprach tröstend von ihrem baldigen -Gesundwerden. Und doch wußte Elisabeth während sie diese Worte sprach, -daß sie nie wieder durch die Räume des Freihofes huschen würde, und -Friesen hatte die Ueberzeugung, daß das Mädchen nur um der Mutter -willen von ihrer Genesung redete. - -Das letzte Drittel des Aprils war herangekommen. Elisabeth fühlte -sich heute wohler. Das Gesicht des Kindes war in den letzten Wochen -immer schmaler, die Augen dagegen waren unnatürlich groß geworden. -Und dabei strahlten sie in seltsamem Glanze. Die Wangen waren bleich, -nur die Stellen auf den stark hervortretenden Backenknochen blieben -unaufhörlich fieberhaft gerötet. - -Max war frühzeitig nach Leipzig hineingefahren, um eine -Grenzstreitigkeit mit einem Nachbarn vor Gericht zu schlichten. Seine -Rückkehr sollte erst am Abend des nächsten Tages erfolgen. - -Es war am Vormittag, als Friesen, wie er es oft tat, Elisabeth -vorlas. Das Mädchen saß in Decken gehüllt in einem großen Armstuhl, -Friesen vor ihr. Mit träumerischem Blick betrachtete Elisabeth das -edel geschnittene Gesicht des Lesenden. Ihr Gedankengang mußte sie -weitabgeführt haben, denn schon längst hörte sie nicht mehr die -gesprochenen Worte. - -Da klopfte es. Elisabeth fuhr aus ihren Träumen auf, während Friesen -im Lesen inne hielt. Gleich darauf trat der Postbote ins Zimmer und -brachte einen Brief an den Oberleutnant Bernhard von Friesen. Der -junge Mann griff hastig nach dem Papier. Es trug den großen Stempel -seines Regiments. Mit leise zitternden Fingern löste er das Siegel und -durchflog die wenigen Zeilen mit den Augen. Betroffen ließ er den Blick -sinken und schaute vor sich nieder. Wie er nach einer kurzen Weile die -Augen wieder erhob, erschrak er vor dem Ausdruck, der auf Elisabeths -Gesicht lag. Das Lächeln war verschwunden und an seine Stelle war der -Ausdruck unsagbarer Angst getreten. - -Friesen überkam eine tiefe Ergriffenheit, denn er erriet die Gedanken -des Mädchens. Ihr feines Empfinden hatte sie ahnen lassen, was in dem -Brief stand und sie war über seinen Inhalt aufs heftigste erschrocken. -Doch in demselben Augenblick zog ein Klingen und Brausen in seinem -Innern herauf, ein niegekanntes Gefühl hoher Glückseligkeit, freilich -vermischt mit tiefer Wehmut. Da sah er, wie ein paar tränengefüllter, -glänzender Augen auf ihn gerichtet waren und einem plötzlichen Drange -folgend, sprang der junge Mann vom Stuhle auf, ließ sich vor dem -Mädchen nieder und lehnte sein Haupt an ihre Knie; zwei zitternde Hände -tasteten nach ihm. Er nahm die eine, preßte seinen Mund darauf, und -dann perlte eine Träne auf sie nieder. Die andere Hand aber berührte -den Scheitel des Mannes und strich unaufhörlich liebkosend über Haar -und Wangen. - -Lange verharrten so die zwei, die sich gefunden hatten, um sich in -wenigen Stunden wieder zu trennen. - -Endlich sprach das Mädchen mit leiser Stimme: - -»Mein lieber Freund! Ich liebe Dich ja schon, ach, so lange, aber ich -wußte es nicht. Nun wir aber für immer von einander scheiden müssen, -spricht die Stimme in meiner Brust eine vernehmliche Sprache. Ach, -laß es mich, das süße Wort einmal noch aussprechen: Bernhard, mein -Bernhard, -- -- ich habe Dich lieb!« - -Da überlief den Knieenden eine heftige Erschütterung und schüttelte -seinen Körper wie im Fieber. - -Dann aber hob er den Kopf auf, sah Elisabeth mit wonnetrunkenem Blick -in die Augen und sprach: - -»Mein Lieb! Du Inniggeliebte meiner Seele! Jetzt weiß ich es auch, was -mich so unwiderstehlich an dieses stille Dorf fesselte. Du hast mich -wieder hierhergezogen, denn Du thronst schon seit dem ersten Anblick -in meinem Herzen. Ich liebe Dich mit meiner ganzen Kraft, Du süßes -Mädchen!« - -Nun schwiegen sie wieder, und der Knieende lehnte von neuem seine Stirn -an die ihn liebkosende Kranke. So leerten die beiden Menschen in reinem -Genießen den goldenen Becher irdischer Liebe, die bereits von einem -Schimmer verklärt wurde, der aus der Ewigkeit herüberdrang, bis zum -Grund. In wenigen Stunden genossen sie das ganze Glück, das andern in -der Spanne vieler Jahre beschieden ist. - -Und so fand die eintretende Freihoferin die Liebenden -- -- -- - - * * * * * - -Es verhielt sich so wie Elisabeth geahnt hatte: Friesen hatte den -Befehl seines Regiments erhalten, unmittelbar nach Empfang des -Briefes sich nach Leipzig zu begeben und von dort mit einem Transport -Reservemannschaften nach Dresden zurückzukehren. Die Ordre war in so -gemessenen Worten gehalten, daß ihm nichts anderes übrig blieb, als -sofort abzureisen. Hätte er Maxens Rückkehr abwarten wollen, so wäre -sein Eintreffen um zwei Tage verzögert worden. Er beschloß daher, noch -im Laufe des Nachmittags Rehefeld zu verlassen. - -Die wenigen Stunden bis dahin verbrachten die Liebenden im trautesten -Alleinsein. Sie nannten sich wiederholentlich bei ihren Vornamen -und waren entzückt von deren Klange, auch sprachen sie zum letzten -Mal von den Erinnerungen an alles das, was sie mit einander erlebt -hatten. Dabei tauschten sie liebende Blicke aus, und ein leiser -Händedruck verriet dem andern, was die Lippen auszusprechen scheu -vermieden. Keine Überschwänglichkeit, kein heftiges Aufwallen der -Gefühle. Ihre schon längst im innersten Herzen schlummernde Liebe, -deren sie sich erst angesichts des Scheidens für immer bewußt geworden -waren, war in demselben Augenblick, in dem sie sich offenbarte, schon -geläutert gewesen. Sie war zu zart, als daß sie laute Beteuerungen und -eindringliche Beweise ertragen hätte. Wie zwei alte Menschen, die auf -ein reiches Leben von Sorgen und Glück nebeneinander zurückblicken und -die nun ihren Lebensabend zusammen beschließen -- ohne aufwallende -Zärtlichkeiten aber mit ihrer ewigfrischen, jungen Liebe in der welken -Brust, so saßen Friesen und Elisabeth Hand in Hand nebeneinander. Ihre -Liebe gehörte nicht mehr dieser Welt an, dafür war sie zu groß, und -ihre Blicke suchten schon das unbekannte Land, dessen Freuden gemeinsam -zu genießen sie sich in der letzten Stunde vor ihrer Wanderung dahin -hinieden gefunden hatten. - -Dann kam der Augenblick des Abschieds. Friesen kniete zum letzten Mal -vor dem Mädchen nieder, das sich zu ihm hinabbeugte und ihre Lippen auf -seinen Scheitel drückte. Einen Kuß auf die welke Stirn, dann trat der -junge Mann zurück. Langsam schritt er zur Tür, legte die Hand auf den -Drücker und warf einen langen Blick zurück, der mehr enthielt als Worte -hätten sagen können. Lächelnden Antlitzes blickte Elisabeth zu dem -Scheidenden hinüber. Noch ein stummer Wink, -- und der Platz an der Tür -war leer. - -Lange Minuten schaute das Mädchen mit verhaltenem Atem unverwandt auf -die Stelle. Dann kehrte sie die Augen ab, schauerte zusammen, als wenn -es sie fröstle, schmiegte den Kopf an die Brust der Mutter und sprach -mit versagender Stimme: - -»Ich bin so müde. Nun möchte ich schlafen gehen!« - - * * * * * - -Als aber die goldene Sonne untergegangen war und die grauen Schatten -der Abenddämmerung sich auf die Erde herabsenkten, da hielt es die -Freihoferin im Zimmer nicht mehr aus. Sie warf ein Tuch um die -Schultern, vertraute die Obhut über die Schlummernde der alten -Beschließerin an und eilte hinaus in die köstliche Luft des Lenzabends. - -Am Abendhimmel war ein glühendes Rot heraufgezogen, dessen leuchtende -Farben jetzt langsam wieder verblaßten. Feierlicher Frieden erfüllte -die Natur. Die gefiederten Sänger waren zur Ruhe gegangen, nur das -Zirpen der Grillen tönte noch aus dem Grase hervor. Einsam funkelte der -Abendstern auf die Erde herab, und langsam begann der helle Schein, der -über der Stelle stand, wo die Sonne hinabgesunken war, zu verbleichen. -Von fernher klang noch einmal verhallendes Hundegebell herüber, dann -erstarb es, und tiefe Stille herrschte weit in der Runde. - -Die Greisin aber gewahrte nicht diesen Frieden, in ihrer Brust tobte -wilder Schmerz. Sie wußte nicht, wohin sie sich wenden sollte. -Mechanisch schritt sie auf der Straße weiter, vorüber an den -friedlichen Wohnungen glücklicher Menschen. - -Da blieb sie mit einem Male stehen. Sie sah sich um und erkannte, daß -sie sich vor dem Schulhaus befand. Und plötzlich überkam das Weib das -heiße Verlangen, hineinzutreten unter die Elenden, die noch darin -weilten, vielleicht milderte sich angesichts des vielen Wehs der -gewaltige Schmerz in der eigenen Brust. - -Schon überschritt sie die Schwelle und stand gleich darauf in dem -großen Krankenzimmer, dem eine in der Mitte hängende Lampe mattes Licht -spendete. Erstaunt sahen die wachen Kranken auf den späten Besuch. Die -Frau des Lehrers hatte die Nachtwache. Sie berichtete der Freihoferin, -daß fast alle ihrer Schützlinge auf dem Wege der Genesung seien. -Zu Besorgnissen gäbe keiner von ihnen Anlaß, bis auf einen jungen -Rheinländer, dessen Hinscheiden noch in dieser Nacht erfolgen würde. - -Der junge Mann lag allein in einem kleinen halbdunkeln Raum nebenan, -in den man durch die offenstehende Tür vom großen Krankenzimmer aus -gelangte. Als die beiden Frauen eintraten, wendete der in hohem Fieber -Liegende den Kopf nach der Tür und richtete seine großen, dunkeln Augen -auf sie. - -Müde ließ sich die Freihoferin neben dem Bett auf einen Stuhl nieder, -währenddessen die Pflegerin wieder in das Zimmer zurückging. - -Es war ein junger Bursche von zartem Körper, der infolge der Krankheit -stark abgemagert war. Das bleiche Gesicht mit den Fieberrosen auf -den Wangen umrahmte eine Fülle tiefschwarzen Haares. Apathisch lag -der Kranke in den Kissen. Sein Gesicht trug bereits die Spuren des -beginnenden Verfalls, nur die Augen glänzten in unnatürlichem Feuer und -kreisten unausgesetzt in ihren Höhlen. - -Da erhob die Greisin ihre Stimme und sprach in gedämpftem Tone: - -»Wie befindet Ihr Euch, mein Sohn; kann ich Euch mit etwas helfen?« - -Der Kranke heftete die Augen auf die Sprechende und antwortete mit -Anstrengung: - -»Ich danke Euch, Frau, mir kann niemand helfen, mit mir gehts zum Ende.« - -Und wieder kreisten rastlos die Augen. - -Die Freihoferin sah vor sich nieder, drückte die Hände fest ineinander -und dachte daran, ob der Kranke daheim auch eine Mutter habe. - -Da wandte sich dieser plötzlich wieder zu ihr und und sagte mit -abgerissenen Worten: - -»Hört mich an, vielleicht hat Euch der Himmel zu mir gesandt, daß Ihr -mir eine fürchterliche Last von der Brust nehmen sollt. Sagt, gibt es -eine Sünde in der Welt, die nicht verziehen werden kann?« - -Die Freihoferin neigte das Haupt und antwortete: - -»Gott ist allgütig, er lässet keinen Reuigen von sich gehen!« - -Aber der Kranke schüttelte unwillig den Kopf und erwiderte: - -»Nein, das will ich nicht hören. Die Tat, die ich begangen, kann _Gott_ -mir nicht anrechnen. Aber sprecht, kann eine Mutter verzeihen, wenn ihr -Kind sie -- verriet?« - -Die Greisin wurde um einen Schein bleicher. Behutsam strich sie eine -schwarze Haarwelle von der heißen Stirn des Kranken und sagte in ihrem -weichesten Tone: - -»Wollt Ihr mir Euer Herz nicht erleichtern, mein Sohn? Sagt, was euch -bedrückt, vielleicht kann ich Euch trösten.« - -Da schöpfte der Kranke tief Atem und begann mit unsicherer Stimme: - -»Meine Mutter stammt aus einem alten, reichen Patriziergeschlecht zu -Geldern. Als sie zur Jungfrau erblüht war, warben viele vornehme Männer -um sie. Sie schenkte ihre Gunst aber einem armen Offizier. Das machte -den Bruder unwillig und er verwies seiner Schwester ihre Neigung. Und -als sie sagte, daß sie niemand, als nur dem eigenen Herzen folgen -würde, da packte den Hochmütigen der Zorn und er beschimpfte die -Schwester und ihre Liebe. Nun war meine Mutter ein sanftes Mädchen, daß -dem Bruder wohl verziehen hätte, daß er sie geschmäht. Als dieser aber -den tugendsamen Mann ihres Herzens beschimpfte, da wallte in ihr heiße -Entrüstung auf, und sie tat einen Schwur, daß sie dies dem Frevler nie -verzeihen würde. Ich wuchs heran, und unter dem Einfluß meiner Mutter -teilte ich deren Verachtung gegen die Verwandten. Mein Vater blieb bei -Jena, und dem hochmütigen Kaufherrn entrissen die rauhen Kriegszeiten -seinen ganzen Reichtum und machten ihn bettelarm, daß er Hand an sein -Leben legte. Er hinterließ eine gelähmte Frau und eine einzige Tochter, -die nun mit ihren feinen Händen, die nie Arbeit verrichtet hatten, für -ihrer beiden Unterhalt sorgen mußte. So lernte ich das Mädchen kennen. - -Zuerst erfüllte mich tiefes Mitleid mit dem traurigen Schicksal der -Frauen. Dann aber überkam mich eine edle Leidenschaft zu Karoline, -meiner Base, die ich nicht aus meinem Herzen zu bannen vermochte. Ich -lief hin zu meiner Mutter, gestand ihr meine Liebe und bat sie, den -Schimpf, den der Verstorbene ihr angetan, nicht den schuldlosen Frauen -entgelten zu lassen. - -Nun hatte aber meine Mutter den Haß gegen die Anverwandten wie einen -bösen Wurm in ihrem Innern immer mehr anwachsen lassen, und diese -unselige Leidenschaft hatte sie hart gemacht. Deshalb verbot sie mir -meine Liebe und zieh mich des Undanks gegen sich. Aber ich konnte von -dem Mädchen nicht lassen. Ich warf mich vor der Mutter nieder und -flehte mit gerungenen Händen um ihren Segen. Da verwünschte mich meine -Mutter und sagte, daß sie von stundab kein Kind mehr besäße. Und so -verließ ich das traute, mütterliche Haus als Ausgestoßener, aber mit -dem Trost im innersten Herzen, nicht gegen das göttliche Gebot gefehlt -zu haben. - -Ich nahm Karoline zur Gattin. Und als nach Jahresfrist ein das Zimmer -mit himmlischem Glanze erfüllender Engel uns ein Töchterchen gebracht -hatte und kaum wieder entschwunden war, drängte sich der grausame Tod -durch die Tür und raubte uns die ihr Leiden gottergeben tragende Mutter -meiner jungen Frau. - -Kurze Zeit später rollte der Klang der Werbetrommel auch durch das -Rheinland; der Kaiser bedurfte vieler Soldaten, die nach Rußland -hinein marschieren sollten. Ich horchte nicht nach ihr hin, denn ich -arbeitete angestrengt für unsern Unterhalt. Da riß man mich fort von -Weib und Kind, und ich mußte mitmarschieren. Ich war schwach und litt -fürchterlich unter den ungewohnten Anstrengungen und Entbehrungen. -Endlich kehrten wir wieder um. Ich war so elend, daß ich kaum noch -folgen konnte und blieb wiederholt liegen. Aber der Gedanke an mein -verlassenes Weib, an das unschuldige, süße Kind riß mich in die Höhe, -und ich wankte immer wieder weiter. So kam ich hierher, um nur wenige -hundert Meilen von meinen Teuern entfernt zu sterben. O, das Schicksal -ist unerbittlich grausam!« - -Der Kranke schloß die Augen und stöhnte laut auf unter dem gewaltigen -Schmerz, der seine Seele erfüllte. - -Aber nur eine kurze Weile hielt diese Schwäche an. Mit ungeheuerer -Anstrengung richtete er sich in den Kissen auf und lenkte die bereits -verglasenden Augen von neuem auf das an seiner Seite sitzende, tief -gebeugte Weib. - -»Hört, Frau,« keuchte der Sterbende, »was glaubt Ihr, wird sich meine -Mutter meines armen Weibes und seines Kindes in Liebe erbarmen?« - -Mit eiserner Anspannung seiner letzten Kräfte hielt er sich auf den -Ellenbogen gestützt aufrecht und sah forschend der Freihoferin ins -Gesicht. Diese aber rührte sich nicht, ihre Züge waren steinern. - -»Ihr überlegt?« fuhr er hastig fort, und der Atem drang pfeifend aus -seinem Munde, während den abgezehrten Körper heftige Fieberschauer -erzittern ließen. »Ja, überlegts Euch reiflich, doch tuts rasch, bitt’ -ich Euch, sonst möchte Euer Spruch mir zu spät kommen!« - -Aber die Greisin antwortete nicht, noch immer verharrte sie regungslos. - -Da drohte dem Jüngling, die Kraft auszugehn. Mit übermenschlichem -Willen widerstand er der Schwäche und stieß hervor: - -»Beim ewigen Gott, Weib, sprecht! Vielleicht habt auch Ihr ein Kind, -dem einstmals ein Mensch das Sterben mit ein paar Worten erleichtern -könnte -- -- --« - -In diesem Augenblick neigte sich die Freihoferin rasch über den -Liegenden und sprach mit kaum vernehmlicher Stimme: - -»Eure Mutter wird sich der armen Verlassenen erbarmen, mein Sohn!« - -Der Getröstete aber war mit diesen Worten nicht zufrieden. Noch einen -letzten Anlauf nahm er zum Leben. Warnend erhob er den Zeigefinger, und -drohend entfuhr es den blutlosen Lippen: - -»Weib, wollt Ihr Euer Gewissen noch im Alter mit einer Lüge belasten? -Ihr vergeßt, daß meine Mutter einen Schwur tat -- -- --« - -Da beugte sich die Greisin tiefer zu ihm herab und sprach so leise, als -wenn sie selbst ihre Worte nicht hören wolle: - -»Und Eure Mutter wird ihrem Kinde dennoch verzeihen!« - -Da entquoll dem Munde des Sterbenden ein befreiender Seufzer, und er -sank wieder in die Kissen zurück. Seine Augen irrten nicht mehr unstät -umher, sondern waren jetzt ruhig aufwärts gerichtet. - - - - -12. Kapitel. - - -Max war in mißmutiger Stimmung heimgekehrt. Der Prozeß war noch nicht -entschieden und drohte allem Anschein nach keinen günstigen Ausgang -für ihn zu nehmen. Und doch war Max von seinem Rechte überzeugt und -verstand nicht, wie die Richter daran zweifeln konnten, daß das saftige -Stück Wiese dicht an der Gemarkung von Zehmen ihm zugesprochen werden -müsse. Friesens unerwartete Abreise hatte seine Verstimmung vergrößert, -die selbst dann noch nicht ganz wich, als er die Kunde vernahm, daß -seines Freundes und Elisabeths Herzen sich gefunden hatten. - -Den Zustand der Schwester fand Max viel besser als er vor seiner -Abreise gewesen war. Und seltsam, Elisabeth schien auch in der Tat -nicht mehr so zu leiden, wie in den letzten Tagen. Der Husten war -weniger heftig und schmerzhaft; sie verspürte Lust zum Essen und -versuchte sogar wieder, mit dem Bruder zu scherzen. - -Auf dem Hofe fand Max neuen Verdruß. Ein schwerbeladener Wagen war auf -eine weiche Stelle gekommen, wodurch das eine Hinterrad tief in den -Boden eingesunken war. Vergebens schlug der Knecht mit der Peitsche -auf die Pferde ein, aber die starken Ackergäule brachten trotz aller -Anstrengung den Wagen nicht vorwärts. Mit zusammengezogenen Brauen -stand Max abseits und schaute auf Hermann Lehnhardt, der im Verein mit -zwei Knechten bemüht war, das Hinterteil des Wagens aus der tiefen -Radspur herauszuheben. Aber sie sahen das Vergebliche ihres Versuchs -gar bald ein, und schon wollte einer der Knechte forteilen, um eine -Winde herbeizuholen, als ihn ein unwilliger Ruf zurückhielt. Im -nächsten Augenblick bückte sich der junge Freihofer unter den Wagen und -stemmte auf der herabgesunkenen Seite die Schulter an; -- ein Knirschen -und Knacken, das Hinterteil des Wagens hob sich, und dann stand das Rad -wieder auf festem Boden. Ruhig, nur das Gesicht vor Anstrengung stark -gerötet, trat der Freihofer zurück. - -Nach diesem erfuhr er, daß der erst vor kurzem gekaufte, junge -Zuchtstier sich gestern von der Kette losgemacht habe und auf den -gerade mit einem Bund Heu in den Stall eintretenden Knecht losgerannt -sei. Zum Glück war es diesem aber noch gelungen, die Stalltür hinter -sich zuzuwerfen und so zu verhindern, daß das Tier auf den Hof -stürmen und Schaden anrichten konnte. Allerdings war nun der Mann auf -diese Weise mit dem aufgeregten Tier in dem interessanten Halbdunkel -des Stalles allein geblieben. Und da hatte er, weil der Stier ihn -hart bedrängte, die Heugabel ergriffen und mit ihrem eisernen Ende -den Zudringlichen ein paarmal sorgfältig auf den mächtigen Schädel -geschlagen, daß es vernehmbar gedröhnt hatte. Diese recht verständliche -Mißbilligung seines Tuns hatte denn auch dem verdutzten vierbeinigen -Sausewind eingeleuchtet, denn er ließ daraufhin von dem wehrhaften -Knecht ab und konnte von diesem wieder in seinen Stand geführt und -gehörig festgemacht werden. Als aber kurze Zeit darauf Hermann den -Stier besah, stellte sich heraus, daß zwei der langen Gabelzinken dem -Tier tief in das Fleisch des Nackens gedrungen waren. Trotzdem Hermann -die beiden blutenden Wunden alsbald ausgewaschen und Vorsorge getroffen -hatte, daß die erhitzte Stelle während der Nacht mit nassen Tüchern -gekühlt wurde, zeigte die Umgebung jetzt starke Schwellung. Zudem war -dem Stier die Freßlust vergangen, denn er hatte heute noch kein Futter -angerührt. - -Max verdroß dieser Vorfall sehr. Er schalt laut auf den Knecht, der so -ungeschickt gewesen sei, den Stier zu verletzen. Denn wenn es nicht -gelang, die drohende Eiterung der, wie es schien, verunreinigten Wunden -zu verhindern, konnte das wertvolle Tier an der Verletzung zugrunde -gehen. - -Hermann trat achselzuckend von dem Stier zurück und meinte, der Mann -wäre gut und es träfe ihn eigentlich keine Schuld, da der Stier die -Kette zerrissen habe. Ein Mensch, der seine Geistesgegenwart weniger -gut bewahrt hätte, hätte dem blind draufgehenden Vieh vielleicht die -Gabel in die Brust gestoßen, was noch schlimmer gewesen wäre. - -Da wurde Max zornig, und er gab seinem Verwalter zu verstehen, daß er -es angemessener fände, wenn er die Sache seines Herrn besser verträte, -anstatt den ungeschickten und kopflos gewordenen Knecht herauszureden. - -Diese Worte verdrossen nun wieder Hermann gewaltig, der in bestem -Bewußtsein, das Interesse seines Brotherrn jederzeit wie sein eigenes -zu wahren, den Vorwurf für ungerecht fand. - -Er begehrte hart auf und deutete darauf hin, daß der Mann eine Frau -und zwei kleine Kinder habe, und es ihm keiner verdenken könne, wenn -er sein bedrohtes Leben verteidige sogut er könne. Er, Hermann, würde -in solchem Falle ebenso handeln, ohne in diesen Augenblicken danach zu -fragen, ob das Tier dabei totgeschlagen werde. - -Max war die Zornesröte ins Gesicht gestiegen. Aber er dämpfte seine -Stimme, als er den Verwalter heftig anfuhr: - -»Was führt Ihr da für eine Sprache, Hermann! Wißt Ihr denn nicht, zu -wem Ihr redet, oder habt Ihr den ganzen Tag in der Schenke gesessen? -Ich habe mich doch geirrt, wenn ich Euch bisher vertraut habe, denn Ihr -verdientet mein Vertrauen nicht.« - -Während dieses Wortwechsels hatten sich die beiden Männer der Stalltür -genähert und waren zuletzt auf den Hof getreten, wo gerade die ersten -Geschirre vom Felde nach Feierabend zurückgekehrt waren. - -Hermann war bei den letzten Worten Maxens wie unter einem heftigen -Schmerz zusammengezuckt. In seiner Brust schlummerten zwei Temperamente -nebeneinander. Die ruhige Gemütsanlage besaß er von seinem Vater, -dem getreuen Sohn, der mehr als ein halbes Jahrhundert im Dienst -der Tiefenbachs gestandenen Mutter Lehnhardt, und Gutmütigkeit war -daher sein ausgesprochenster Charakterzug. Ganz tief drinnen aber -in seinem Herzen glimmte wie ein winziger Funke wilde Heftigkeit. -Diese Eigenschaft besaß er von seiner Mutter, dem Weibe vom Ufer der -Etsch, mit den leidenschaftlichen, schwarzen Augen und den herrlichen -Elfenbeinzähnen. Und dieser in tiefer Verborgenheit schlummernde Funke -sollte jetzt zur hochaufschlagenden Flamme angefacht werden. - -Max war vor dem Verwalter aus dem Stall gegangen. Kaum hatte er -seine letzten Worte ausgesprochen, war Hermann mit einem Satz auf -ihn zugesprungen, daß er dicht vor seinem Herrn stand. Seine Augen -funkelten vor Erregung und seine Fäuste waren geballt. - -»Wie,« keuchte er, »könnt Ihr meine Redlichkeit in Zweifel ziehen? Und -wenn ich einen Ton anschlug, den Ihr für unangemessen fandet und den -ich selbst noch nicht an mir gekannt habe, so seid nur Ihr mit Euren -verletzenden Worten es gewesen, der mich dazu herausforderte. Ihr -müßt nicht denken, daß ich wie ein Hund die Hand lecke, die nach mir -schlägt!« - -Max hatte die in höchster Erregung hervorgestoßenen Worte des -Verwalters mit scheinbarer Ruhe angehört, aber in seinem Innern hatte -er gebebt. Beinahe hätte ihn der Zorn übermannt, doch war es ihm mit -ungeheurer Überwindung gelungen, seiner Leidenschaft Herr zu bleiben. - -Er trat einen Schritt zurück, um durch eine zufällige Berührung den -Wütenden nicht noch mehr zu reizen und sagte, sich zur Ruhe zwingend, -mit leise zitternder Stimme: - -»Es ist gut für jetzt, Lehnhardt. Verlaßt von dieser Stelle aus den Hof -und geht nach Hause. Morgen sprechen wir uns weiter.« - -Und mit diesen Worten wandte sich Max um und gab einem der die Pferde -ausspannenden Knechte die Weisung, zusammen mit dem Großknecht heute -Abend nach dem Rechten zu sehen. - -Aber auf den noch immer in drohender Haltung Stehenden übte Maxens -kühle Besonnenheit keine beruhigende Wirkung aus, vielmehr schürte die -Ruhe des Gegners nur noch die Flamme seines Zorns an und machte ihn vor -Wut sinnlos. - -»Bauer! --« schrie Hermann mit überschnappender Stimme, »Ihr habt an -meiner Ehrlichkeit gezweifelt. Wollt Ihr Euer Wort zurücknehmen, oder -es gibt ein Unglück -- --!« - -Max war blaß geworden. Stumm und ohne einen Entschluß zu finden, stand -er vor dem Wütenden. - -Da zuckte Lehnhardts Faust, -- in demselben Augenblick fuhr Max -herum, riß dem nächsten Knecht die Peitsche aus der Hand, und noch -bevor Hermann den Schlag führen konnte, wickelte sich schon der -Peitschenriemen um seinen Körper. - -Es trifft sich oft im Leben, daß Menschen, deren Zorn aus geringfügiger -Ursache hoch aufwallt, ihre Besonnenheit ebensoschnell wiedererhalten, -wie sie ihnen verloren ging. Sei es nun, daß es der Leidenschaft an -innerer Kraft gebricht, sich nach dem ersten Aufbäumen längere Zeit auf -der unnatürlichen Höhe zu halten, sei es, daß die dem Aufblitzen der -Gluten wie der Donner folgende Katastrophe die heftige Gemütserregung -ihrer Stützen beraubt, -- gleichviel; der emporgeloderte Zorn bricht -sehr oft jäh in sich zusammen, und die weit über Maß in Anspruch -genommen gewesenen Kräfte sinken tief hinab. Der vordem verdunkelte -Blick ist zur Beurteilung der Sachlage mit einem Male wunderbar -geschärft; kühle Ueberlegung stellt sich ein, und eine ausdrucksvolle -Stimme im Innern hebt zu sprechen an, die unerbittlich die eigene -Schuld feststellt oder den Vorwurf ausspricht, daß dem Menschen die -Kraft zur Beherrschung der Leidenschaft gefehlt habe. Zuweilen reißt -der Niedersturz die geistige Spannkraft ebenso tief mit hinab, wie sie -vorher emporgeschnellt war, und der Zornbebende, der mit funkelnden -Augen und angespannten Fibern wie eine Vereinigung ungeheurer Willens- -und Körperkraft erschien, bietet hinterher mit seinem gebrochenen Blick -und der schlaffen Haltung ein klägliches Bild. - -So war auch Hermanns Zorn urplötzlich verrauscht. Als Max die Peitsche -in der Faust hielt und zum Schlage ausholte, durchschoß Lehnhardt -die Erkenntnis, unbesonnen gehandelt zu haben. Die Beleidigung für -ihn war gesprochen und darüber sich zu entrüsten, wäre sein gutes -Recht gewesen. Aber seinen Herrn zu bedrohen --, damit hatte ihm der -Zorn, der ihn aller Besinnung beraubt hatte, einen Streich gespielt. -Mit der blitzschnell überkommenen Nüchternheit hatte Hermann, noch -bevor er unter dem Peitschenhiebe zusammenzuckte, auch den Entschluß -gefaßt, den Freihofer nicht noch einmal zu reizen, sondern ruhig -vom Hof zu gehen. Aber in seinem bisher besonnen gebliebenen Gegner -waren jetzt die Riegel gelöst, die seinen Zorn zurückgehalten hatten. -In dem Augenblick, in dem Lehnhardt sich zum Gehen wandte, traf ihn -die Peitsche von neuem; ja, Maxens Wut verlangte nach einem dritten -Schlage. Aber er bekam die Peitsche nicht frei, da sich der Riemen -um Lehnhardts Füße geschlungen hatte. In schäumendem Zorn riß Max den -Peitschenstock zurück, -- da verlor Lehnhardt das Gleichgewicht und -fiel heftig auf den gekrümmten linken Arm. - -Jetzt hielt Max im Schlage inne, als er den Mann am Boden liegen sah, -warf die schon wieder erhobene Peitsche auf die Erde und ging in den -Stall zurück. - -Hermann Lehnhardt blieb einige Sekunden auf dem steinernen Pflaster -vor dem Stalle liegen. Dann stand er mühsam auf, unterstützte mit der -rechten Hand den augenscheinlich verletzten linken Arm und verließ, -ohne sich noch einmal umzusehen, den Freihof. - - * * * * * - -Mit besonderer Sorgfalt hatte Max anschließend an diesen Vorfall die -abendliche Runde durch den Hof gemacht, weit mehr aus dem Grunde Zeit -zu gewinnen, um seine ungeheure Erregung verflüchten zu lassen, als den -fehlenden Verwalter zu ersetzen. - -Ruhiger geworden, betrat er eine Stunde später die Wohnstube, wo -die Mutter schon an dem gedeckten Tisch saß und ihn zum Abendessen -erwartete. - -Mit kurzem Gruß und indem er es vermied, dem Blick der Mutter zu -begegnen, nahm er ihr gegenüber Platz. - -»Wie geht es Elisabeth,« fragte Max, »ich wäre gern noch einmal zu ihr -gekommen -- --« - -»Sie befand sich auch am Abend ziemlich wohl,« antwortete die -Freihoferin »und schläft jetzt. Störe sie nicht.« - -Das Mahl verlief schweigsam, keiner von beiden empfand Lust zu -sprechen. - -Endlich schob die Mutter den Teller zurück und erhob sich, um ihren -allabendlichen Platz am Krankenbett einzunehmen. - -Da stand auch Max auf, räusperte sich heftig und stieß heraus: - -»Mutter, ich habe den Hermann heute Abend vom Hofe weisen müssen.« - -Die Alte hatte sich an das Fenster gestellt und schaute schweigend in -die Dunkelheit hinaus. Bei des Sohnes Worten wandte sie sich langsam um -und versetzte: - -»Ich habe es gehört.« - -»Es ist nicht das erste Mal gewesen, daß ich mich über ihn sehr ärgern -mußte. Er hat viel Gutes, aber sein Wesen gefiel mir trotz alledem -nicht. Er wollte nur immer allein anordnen und unterließ oft mich zu -fragen, bevor er wichtige Dinge ausführte. Hinterher erst erfuhr ich’s. -Aber man kann ja nicht überall sein. Ich werde ihn in der ersten Zeit -recht vermissen, dann wird es aber umso besser gehen. Was meinst Du -darüber?« - -»Du wirst wissen was Du tust,« entgegnete die Freihoferin kurz. - -In Max regte sich der Unmut bei diesen Worten, und er wäre gern -aufgefahren, aber es war ja seine Mutter die so sprach, und er hatte es -von Jugend auf nicht anders gekannt, als sich ihr unterzuordnen. Noch -niemals war es ihm in den Sinn gekommen, sich gegen sie aufzulehnen. -Deshalb unterdrückte er seine Verstimmung und sagte nur: - -»Es war anders nicht möglich, ich mußte ihn fortschicken.« - -»Du bist der Herr auf dem Freihofe,« klang es zurück. - -Diese Teilnahmlosigkeit reizte Max von neuem, und sein Ton hatte einen -schlecht unterdrückten, scharfen Klang, als er hervorstieß: - -»Und züchtigen mußte ich ihn, das hatte er verdient!« - -»Ich gebe es zu, denn der Knecht darf sich nicht gegen seinen Herrn -auflehnen,« lautete die rasche Antwort. - -Max verstand seine Mutter nicht recht. Forschend sah er ihr ins -Gesicht, in dem sich kein Muskel bewegte. Da wandte sich der junge -Freihofer ab und verließ das Zimmer. - -Die Greisin blieb in steifer Haltung am Fenster stehen und blickte -sinnend durch die Scheiben. Mit einem Male stieß sie das Fenster -hastig auf und rief den Mann an, der unter den Bäumen des Obstgartens -herumlief. Es war der Großknecht, ein älterer Mann, der schon seit -länger als zwanzig Jahren auf dem Freihofe war. - -»Anton!« rief die Freihoferin zum Fenster hinausgebeugt in halblautem -Tone. Der Angerufene sah sich um und kam herbei. - -»Hat die Mutter Lehnhardt schon ihr Deputat für den Mai?« fragte sie -leise. - -»Für den Mai?« antwortete Anton, »für den Mai, Bäuerin? Nein, wir sind -ja noch im April.« - -»Dann tragt ihr’s noch heute Abend hinauf,« versetzte die Greisin. -Darauf schloß sie das Fenster wieder und der Knecht lief den Weg -zurück. In demselben Augenblicke aber, in dem er um die Scheunenecke -biegen wollte, klang es hinter ihm her: - -»Anton! Die Mutter Lehnhardt bekommt fortan nicht mehr ein Quart, -sondern einen Halben Kartoffeln und anstatt der einen Speckseite zwei!« - -Klirrend schloß sich das Fenster. - -Ein paar Sekunden blieb der Mann stehen, die Augen dorthin gerichtet, -wo die Gestalt der Freihoferin eben verschwunden war. Endlich ging er -davon, sein Gesicht zu einem gutmütigen Grinsen verziehend. - - * * * * * - -Einige Tage waren darüber hingegangen. Der Regen floß in Strömen vom -Himmel herab, und Max, dessen Gegenwart draußen notwendig gewesen war, -war gegen Mittag, naß wie eine Katze zurückgekommen. Am Nachmittag -mußte er am Schreibtisch arbeiten. Der Regen hatte endlich aufgehört, -und ein heftiger Sturm hatte sich erhoben, unter dessen Stößen die -Fensterscheiben klirrten. Max war in seine Bücher vertieft, als sich -die Tür auftat und Pastor Reinerz ins Zimmer trat. - -Beim Anblick des Greises konnte sich Max einer leichten Verlegenheit -nicht erwehren, denn er meinte zu erraten, was diesen zu ihm führe. - -»Grüß Euch Gott, Herr Max,« begann der alte Herr nach einem warmen -Händedruck, und noch bevor Max ihm geantwortet hatte, schob er sich -einen Stuhl näher zum Schreibtisch und setzte sich neben den unsicher -Dreinschauenden. - -»Ich komme von Eurer Schwester, der es besser geht als ich zu hoffen -wagte, und nun wollte ich an der Tür nicht vorübergehen, ohne -Euch einen Gruß gesagt zu haben,« hob Reinerz an, während Maxens -Beklommenheit bei den ruhigen Worten zu weichen begann. - -»Das Kind besitzt einen hohen Schatz, den es uns allen voraus hat. Sie -ist nämlich einer jener seltenen Menschen, die keinen Feind haben,« -plauderte der Greis. - -»Damit mögt Ihr recht haben, Herr Pastor« entgegnete Max. »Ich wüßte -auch wahrhaftig nicht, wer dem Kinde gram sein sollte.« - -»Ja, ein Günstling des Schicksals ist der, bei dem solches zutrifft,« -sprach Reinerz und strich liebkosend mit den Fingern die weißen Fäden -des langen Bartes. »Viel Feind, viel Ehr, sagt das Volk. Nun, das -ist nicht unrichtig. Wie viele Menschen gibt es aber schon, denen -die Feinde mit dem Amt zu gleicher Zeit beschert werden. Es ist ein -nur Wenigen beschiedenes Glück, sagen zu können: ich besitze keinen -Widersacher.« - -»Das ist wahr,« antwortete Max, »wenn Ihr sagt, daß manchem mit dem -Amt auch Feinde erstehen, ja sie sind bereits da, bevor das nicht -selten dornenvolle Amt einen einzigen Freund verschaffte. Dafür heißt -leben kämpfen. Bald gesellen sich zu dem anstürmenden Schicksal auch -feindlich gesinnte Mitmenschen, gegen die zu streiten bisweilen recht -aufreibend ist. Glücklich ist der, dem ein stiller Winkel abseits des -Planes, auf dem täglich die Kräfte gemessen werden, beschieden wurde. -Er ist der Begünstigte, der, den das Schicksal liebt.« - -»Ja, ja, mein junger Freund, geradeso, wie Ihr es schildert, ist der -Lauf der Welt,« versetzte der Greis. »Aber es genügt nicht allein, -an einer geschützten Stelle zu stehen, wo die Wetter nicht brausen. -Wer der Gunst des Schicksals gegenüber blind ist, der verläßt seinen -schirmenden Unterstand. Er begibt sich in die Gefahr und kommt nicht -selten darin um. Das weise Sichbescheiden auf den schmalen Raum, worauf -man gestellt wurde und den vielleicht nur verblichene Sonnenstrahlen -trafen, ist die große Lebenskunst, die nur wenige verstehen, und an -deren Erfüllung täglich Hunderttausende scheitern. Eure Schwester ist -einer jener klugen Menschen, denen ihr Haus nicht zu eng wurde. Sie -begnügte sich mit dem Stückchen Boden, das das Schicksal ihr zugedacht -hat. Das aber bebaute sie emsig und hatte die Freude, viele herrliche -Blumen um sich herum gedeihen zu sehen. Nun, diese Blumen sind Eurer -Schwester edle Tugenden und Eigenschaften, und die Menschen, die sich -an dem Anblicke der Blumen ergötzen, sind Elisabeths Freunde.« - -Der Greis hielt im Sprechen inne, blickte eine Weile vor sich nieder -und richtete dann seine durchdringenden Augen auf Max, der die eben -entschwundene Beklommenheit unter diesem Blick wieder herannahen -fühlte. Dann fuhr Pastor Reinerz ruhig fort: - -»Aber nicht nur Eurer Schwester sollte heute mein Besuch gelten, es -verlangte mich auch, Euch selbst zu sprechen. Ihr werdet fühlen, was -mich heute zu Euch führt, Max. Vielleicht habt Ihr den alten Reinerz -auch schon erwartet.« - -Max hatte die Augen von dem Gesichte des Greises weggewendet und -sah zum Fenster hinaus. Bei den letzten Worten Reinerz warf er -den Gänsekiel, mit dessen Fahne er bisher gespielt hatte, auf den -Schreibtisch. - -»Wo zwei Menschen im heftigen Zorn voneinander geschieden sind ist es -gut, daß ein gemeinsamer Freund zwischen sie tritt, um ihren Groll zu -besänftigen und sie wieder mit einander auszusöhnen. Der Wunsch, dieser -gute Vermittler zu sein, hat mich zu Euch geführt.« - -Pastor Reinerz konnte nicht weiter sprechen. Max hatte schon wiederholt -den Versuch gemacht den Redenden zu unterbrechen, war aber durch die -abwehrende Handbewegung des Greises daran gehindert worden. Jetzt fuhr -es Max heraus: - -»Ihr seid gütig, Herr Pastor, aber es ist nicht möglich, daß ich von -Euerm freundlichen Anerbieten Gebrauch machen kann. Einer Vermittlung -zwischen einem meiner Leute und mir bedarf es niemals. Wer mich -beleidigt hat tut am besten, den Weg zu mir selbst einzuschlagen. -Aber in diesem Fall wäre der Versuch Lehnhardts, meine Verzeihung zu -erhalten, verfrüht. Der Unmut ist noch nicht von mir gewichen, deshalb -müßte ich ihn, wenn er heute oder morgen zu mir käme, abweisen. Er hat -zu schwer gefehlt. Und nun würde ich’s Euch danken, wenn Ihr von etwas -anderem sprechen wolltet.« - -Aber der Greis war der Meinung, daß hierüber noch lange nicht genug -gesprochen worden sei, deshalb begann er wieder: - -»Es ist heute noch so, wie es vor hundert und aberhundert Jahren schon -war. Wenn zwischen zweien ein Streit entbrannt ist, fühlt sich selten -einer von beiden im Unrecht. Ich will mich ja auch garnicht der Aufgabe -unterziehen, zu ergründen, nach welcher Seite sich in diesem Fall das -Recht neigt. Denn ich bin nicht gekommen, den Richter zwischen Euch -und dem Hermann zu spielen, sondern als Freund zu vermitteln.« - -»Ich wünsche aber keinen Vermittler,« unterbrach Max ungeduldig den -Sprecher. Doch ließ sich dieser nicht beirren, sondern fuhr fort: - -»Wer will es hindern, daß die Leidenschaft, die sonst immer im festen -Zügel liegt, nicht einmal durchbricht und ihres Meisters spottet. -Du lieber Gott, es ist ja so überaus schwer einen Vorwurf dafür zu -machen. Der Leidenschaftslose hat freilich leichtes Urteil über den -Temperamentvollen. Eins aber muß man von dem Mann fordern dürfen: daß -er dann, wenn die Wogen des Zornes sich geglättet haben bereit ist, die -Schuld, die er beim Ausbruch seiner Heftigkeit auf sich lud, wieder -einzulösen. Auch Ihr habt gefehlt und tätet gut, wenn Ihr mit mildem -Auge die Schuld des Andern betrachten wolltet.« - -Max hatte nur mit großer Beherrschung seine Ungeduld verbergen können. -Jetzt erhob er sich hastig, trat einen Schritt zurück und sprach in -entschiedenem Tone: - -»Herr Pastor, ich kann begreifen, wenn Ihr es als Eure Aufgabe -betrachtet zu schlichten, wo Streit entbrannt ist. Es gibt aber -keine Streitenden, wo das sich auflehnende Gesinde von seinem Herrn -gezüchtigt werden muß. Ihr werdet den Vorfall soweit kennen, daß Ihr -auch wißt, wie lange Zeit ich mich beherrschte, bevor mich der gerechte -Zorn übermannte.« - -Langsam erhob sich auch Pastor Reinerz und sprach: - -»Ich hätte geglaubt, Euch versöhnlicher gestimmt zu finden. Seht, Max, -ich bin ein alter Mann, der in seiner Jugend auch ein rechter Hitzkopf -gewesen ist. Deshalb weiß ich es nur zu gut, wie leicht der Zorn die -kühle Überlegung zur Seite drängt. Sagt, wäre es Euch nicht möglich, -das Unrecht, soweit es Euch trifft, wieder gut zu machen?« - -Da begehrte Max heftig auf: - -»Mein Unrecht? Was für ein Unrecht beging ich denn?« - -»Das Unrecht, daß Ihr Hermann Lehnhardt reiztet, so daß er sich vergaß -und daß Ihr Euch vom Zorn hinreißen ließet.« - -»Nun, und Ihr vergeßt ganz, daß der Knecht den Arm erhob gegen seinen -Herrn.« - -»Das eben war die Folge Eures Zweifels an seiner Ehrlichkeit,« -versetzte der Greis ruhig. »Hermann Lehnhardt ist ein schwerblütiger -Bauer, den manches gleichgültig läßt, was einem andern das Blut in die -Schläfen jagen würde. Aber wie so viele seinesgleichen kann er auch -heftig in Zorn geraten, daß ihn die Überlegung vollständig verläßt. -Ihr wißt, der gute Ruf ist ein Kleinod, das sich unsere Bevölkerung, -gottlob, mit Stolz bewahrt. Ihr habt Euern Verwalter aber der -Unredlichkeit verdächtigt -- --« - -»Nun ists genug, Herr Pastor,« unterbrach Max den Sprecher mit -Festigkeit, »ich habe jetzt keine Geduld mehr, Euch länger zuzuhören.« - -»Ihr vergrößert durch Eure Halsstarrigkeit aber nur das Unrecht, das -Ihr begangen habt,« antwortete erregt der Greis. - -»Dann werde ich die Folgen zu tragen wissen,« entgegnete der Freihofer -herrisch. - -Stumm standen sich die beiden Männer gegenüber und tauchten ihre -Blicke ineinander. Eine dumpfe Ahnung raunte jedem von Ihnen zu, -daß die Erinnerung an diesen Augenblick in ihnen noch einmal mit -aller Lebendigkeit heraufkommen würde. Das aber konnte keiner von -beiden ahnen, daß jene Stunde, in der sie sich wie heute Auge in Auge -gegenüberstehen und dieses Vorfalls erinnern sollten, zermalmenden -Schmerz mit sich gebracht haben würde. - - - - -13. Kapitel. - - -Es war am späten Nachmittag, als vom untern Eingang her auf -schaumbedecktem Pferde ein Reiter die Dorfgasse hinaufsprengte, ein -junger Bursche von etwa achtzehn Jahren. Er mußte einen tollen Ritt -hinter sich haben, denn der schweißtriefende Gaul schnaubte heftig -und stolperte fast über seine Beine. Trotzdem verminderte der Reiter -die Geschwindigkeit nicht. Das Dorf war wie ausgestorben, da alles -draußen auf den Feldern zu tun hatte. Die Wenigen, die aber noch in den -Häusern zurückgeblieben waren, wurden von dem klappernden Hufschlag -aufgescheucht und sprangen an die Fenster, um nach dem vorbeistürmenden -Reiter zu sehen. - -Als der Bursche in der Nähe der Kirche angekommen war, sah er drüben -von der Anhöhe einen Wagen herabkommen, auf dem einige Knechte saßen. -Er hielt sein Pferd an und rief mit lauter Stimme hinüber: - -»Heda, Ihr Leute, wo wohnen hier die Tiefenbachs?« - -»Reitet noch ein kurzes Stück,« klang es zurück, »dort oben, wo Ihr die -beiden großen, mit Ziegeln bedeckten Scheunen seht.« - -Er wandte den Blick in die bezeichnete Richtung und trabte weiter. Wie -er nahe an den Hof herangekommen war, sah er vor dem Hoftor auf der -Straße einen Mann von hünenhaftem Wuchse stehen. Der Reiter trieb sein -Pferd heran und blieb vor jenem halten. - -Mit seinem Haselstock auf das Gut zeigend, fragte er: - -»Ist das der Hof, auf dem die Tiefenbachs sitzen?« - -Der Angesprochene sah den Reiter verwundert an und antwortete: - -»Das ist der Freihof, und ich bin Max von Tiefenbach.« - -Da flog ein Zug der Befriedigung über das glühende Gesicht des -Burschen. Eilends riß er das Wams auf, griff hinein und zog ein -zusammengefaltetes Papier hervor, das er dem vor ihm Stehenden reichte. - -»Hier, nehmt und beeilt Euch! Der das geschrieben hat sagte, es gelte, -einer Sterbenden noch etwas Liebes zu erweisen, und daraufhin bin ich -geritten, als wenn ich zum Tode meiner Mutter noch zurecht kommen -müsse.« - -Hastig griff Max nach dem Papier, riß es auseinander und las seinen -Inhalt. Und während er las, preßte er die Lippen so heftig aufeinander, -daß sie weiß wurden. Langsam sank endlich die Hand mit dem Schreiben -herab, während er den Blick zu Boden richtete. - -Aber die Stimme des Reiters riß ihn aus seinem Brüten: - -»Diese Börse soll ich Euch aushändigen,« sprach er, »sie enthält die -ganze Barschaft meines Auftraggebers, und hier ist seine goldene -Repetieruhr. Sonst hat er mir nichts aufgetragen.« - -Max kämpfte seine Bewegung nieder und antwortete: - -»Gebt her die Uhr. Den Beutel behaltet für Euern Ritt, denn auf diesem -Gaule werdet Ihr wohl kaum wieder zum Dorfe hinauskommen. Sattelt ab -und laßt Euch zu essen geben.« - -Mit diesen Worten wandte er dem Reiter den Rücken und ging eilends nach -dem Wohnhause. Der Bursche sprang vom Pferde, liebkoste das völlig -erschöpfte Tier und zog es langsam auf den Hof. - - * * * * * - -In verschwenderischer Fülle drangen die schrägen Sonnenstrahlen des -scheidenden Tages in Elisabeths Zimmer und erfüllten es mit goldenem -Glanze. Die Kranke lag im Bett und hielt die Hand der neben ihr -sitzenden Mutter in der ihrigen. Ihr Gesicht trug den Ausdruck schweren -Leidens und war eingerahmt von dem üppigen Blondhaar. Keines von ihnen -sprach ein Wort. - -Da öffnete sich die Tür, und Max trat ins Zimmer. Mit leisen Schritten -näherte er sich dem Bett und berührte mit der Hand schmeichelnd die -Wange des Mädchens. - -»Ich habe etwas für Dich, meine kleine Liesbeth,« sagte er und hob die -Hand mit dem Papier hoch auf. - -Die Kranke betrachtete eine kurze Weile in hoher Spannung das Gesicht -des Bruders. Dann überlief ihren Körper ein Zittern und sie flüsterte: - -»Max, lieber Max, wäre es möglich?« - -Und mit gedämpfter Stimme las dieser die folgenden wenigen Zeilen: - - Meine inniggeliebte, süße Braut! - - Während ich diese Worte niederschreibe, fließt mein warmes - Herzblut unter mir dahin, und ich merke, daß es mit mir - rasch zu Ende geht. Ich benutze die kurzen Minuten, die ich - noch zu leben habe, um Dir, Du Gute, meine letzten Grüße zu - sagen. -- Als ich nach Leipzig kam, packte auch mich die - Begeisterung, die in dieser Stadt herrscht. Ich wandte der - schwankenden sächsischen Sache den Rücken und verband mich den - schwarzweißen Farben. Heute habe ich unter Blüchers Leitung - um das Dorf Großgörschen gekämpft. Nachdem ich schon kleine - Verletzungen erlitten hatte, wurde mir zuletzt die linke - Schulter und Brust von einem französischen Säbel zerhauen. - Ich zürne ihm nicht, nein, ich danke ihm dafür! Es wäre ein - freudenloses Leben gewesen --! Mein letzter Herzschlag gehört - Dir, Du inniggeliebtes Mädchen. Schon überkommt mich eine - unwiderstehliche Müdigkeit; mit dem Gedanken an Dich will ich - einschlafen. Habe Dank für Deine Liebe, die mich so glücklich - macht, daß ich dem Sterben entgegenlächeln kann. Einen innigen - Kuß drücke ich auf die Blumen, die ich Dir sende. Auf baldiges - Wiedersehen, mein süßes Lieb, -- -- über den Sternen! - - Dein bis in den Tod getreuer - Bernhard von Friesen. - -Elisabeths Gesicht strahlte in überirdischem Glanze. Schneller als -sie es im Leben erreicht hätte, sollte sie mit dem Geliebten im Tode -vereinigt sein. Ihre Augen suchten das Himmelsblau, in dem vielleicht -in diesem Augenblick seine Seele zu den lichten Höhen schwebte. Dann -richtete sie die strahlenden Augen auf die Mutter und den Bruder, -ergriff die Hände ihrer Lieben und sprach: - -»Ach, Mutter, ich hätte nicht gedacht, daß das Sterben so schön sei!« - -Just um diese Stunde begann mit schwerem, unhörbarem Flügelschlage der -Todesengel über dem Freihof seine Kreise zu ziehen -- -- -- - -Max hatte das Zimmer leise wieder verlassen, derweilen Elisabeth mit -geschlossenen Augen ruhte. Die dem Briefe beigelegenen, an einem -Stengel vereinigten zwei Himmelschlüssel standen in einem Wasserglas -neben dem Bett. Da öffnete plötzlich das Mädchen die Augen und tauschte -wortlos einen langen Blick mit der Mutter. Dann fühlte diese, wie die -heiße, kleine Hand sich auf die ihrige legte und sie sanft an sich zog. - -»Mein liebes, herzensgutes Mütterchen,« sagte die Kranke leise, »ich -fühle, daß meine Zeit gekommen ist. Aber ich muß, bevor ich von Dir -scheide, Dir ein Geheimnis anvertrauen, das mich tief traurig gemacht -hat, das mich aber zuweilen auch im innersten Herzen mit seliger Lust -erfüllte: Maria von Tiefenbach, meine Cousine, und Max lieben einander.« - -Und mühsam erzählte Elisabeth den Vorfall in der Kirche und schloß: - -»Als zuletzt Maria in ihrer tiefen Not die Worte ausrief, daß Max ihre -Liebe besitze, blieb mein Bruder anfangs stumm, dann wurde er rauh -zu ihr. Aber ich habe es dennoch gefühlt, daß seine Hand, die in der -meinen lag, zitterte, wie die eines geängstigten Kindes. Ach, Mutter, -wenn die beiden glücklich werden könnten -- --« - -Die Freihoferin saß weit vornübergebeugt zur Seite der Kranken. Ihr -welkes Gesicht zeigte deutlich die Spuren der großen Anstrengungen der -letzten Wochen. In diesem Augenblick aber sah es erschreckend fahl aus. -Von neuem trafen sich die Blicke von Mutter und Kind, das seine Augen -ängstlich forschend auf das starre Antlitz der Mutter gerichtet hatte. -Aber nur einen Herzschlag lang währte diese Spannung. Dann überflog die -Züge des Mädchens ein sonniges Leuchten und sie bat: - -»Bitte, gib mir meine Blumen, liebe Mutter.« - -Die Freihoferin griff nach dem Stengel, wobei ihre Hand so heftig -zitterte, daß sie einige Male an dem Glase vorbeitastete und reichte -dem Kinde wortlos die gelben Frühlingszeichen. - -Die Kranke lächelte beglückt, drückte die Blumen an die Lippen und bald -ließen die regelmäßigen Atemzüge erkennen, daß der Schlaf ihre Sinne -umfangen hatte. - -Kurz darauf kam Max wieder in die Kammer und setzte sich neben seine -Mutter. Die Dämmerung brach herein, die Abendschatten sanken herab, und -langsam zog der Mond herauf. Ein zitternder Strahl fiel auf das Bett -und umspielte zwei zarte, weiße Hände, in denen eine welke Blume lag. - -Bleiern schlichen die Stunden dahin. Endlich verkündete der helle Ton -von der Kirche her die Mitternachtstunde. - -Keiner der beiden Menschen, die an dem Lager der Schlafenden weilten, -unterbrach die hehre Stille, die in dem Raume herrschte. Stumm saßen -sie nebeneinander und schauten voll Andacht in das friedliche -Engelsantlitz vor ihnen. Dann war der Mond seinen Pfad weiter -gewandelt, und undurchdringliche Finsternis erfüllte das Zimmer. - -Am Morgenhimmel zogen die ersten lichten Schimmer leise herauf, als Max -unter der leichten Berührung von der Hand seiner Mutter aufschreckte. - -»Es ist Zeit zu beten, Max,« sagte die Freihoferin mit heiserer Stimme. -Darauf knieten sie an dem Bette nieder und sprachen in lautem Gebet -einander Mut und Trost zu, während die lichtumflossene Gestalt, die zu -Häupten der tiefaufatmenden Sterbenden harrte, die lebensmüde Seele -empfing und hinaufgeleitete zu dem Lande der gestillten Sehnsucht und -des Friedens. - - * * * * * - -Wie ein Lauffeuer hatte die Kunde von Elisabeths Tode das Dorf -durcheilt. Doch setzte noch niemand seinen Fuß auf den Freihof, in -der Besorgnis, daß seine Tröstungen in den gewaltigen Schmerz hinein -schal klingen möchten. Auf dem Hofe schien alles Leben erstorben, so -geräuschlos vollzog sich das notwendige Werk, das verrichtet werden -mußte. Max bekam keiner zu sehen, er blieb in der Nähe der Mutter, die, -wie er deutlich empfand, furchtbar litt. - -So saßen sie beide in der großen Wohnstube kein Wort sprechend, nur die -Gegenwart des andern als Trost empfindend. - -Da klangen schwere Männertritte draußen im Hausflur. Gleich darauf tat -sich die Tür auf, und ein Mann trat auf die Schwelle. Die Freihoferin -und Max hatten sich umgewandt und starrten wie auf eine Erscheinung -nach der Tür. Der Mann, mit dem hohen, schlanken Wuchse und der -leichtgebeugten Haltung, der noch immer auf der Schwelle stand und -dessen dunkles Haupthaar und Bart Silberfäden durchzogen, war der -Schloßherr vom Weißen Schlosse, der Freiherr Arnold von Tiefenbach. Als -er eine Weile unverwandt auf Mutter und Sohn geblickt hatte, zog er die -Tür hinter sich zu und trat in das Zimmer. Die Freihoferin, die mit dem -Rücken nach ihm saß, hatte sich wieder umgewandt und sah mit hartem -Ausdruck vor sich hin. Langsam ging Herr Arnold auf sie zu und blieb -dicht vor der Greisin stehen. - -Eine kurze Zeit tiefen Schweigens verstrich. Dann sagte der Angekommene -in bittendem Tone: - -»Wirst Du mir es wehren, Base, wenn mich darnach verlangt, von der -Gestorbenen Abschied zu nehmen? Nicht nur Dir ist Dein Kind genommen. -Auch an mein Herz hat das Entsetzen gegriffen und ihm eine blutige -Wunde geschlagen.« - -Der alte, gebeugte Man schwieg, als wenn er auf eine Antwort warte. -Dann fuhr er fort: - -»Base, höre mich ruhig an, um der teuern Toten willen, die meine Worte -unterstützen würde, dürfte sie noch unter uns weilen. Ich stehe als -Bittender vor Dir, laß mich nicht unerhört von dieser Schwelle gehen. -Denke, ich nähme allen Frieden und alles künftige Glück von diesem -Hause mit fort, wenn Du mich abwiesest. Der tiefe Schmerz schlingt um -uns ein unzerreißbares Band und bringt unsere Herzen näher aneinander. -Und so bitte ich Dich denn, Base, -- -- gib Frieden! Laß Ruhe einziehen -in meine alte Brust und in Dein gequältes, tief erschüttertes Herz. -Laß uns nicht richten über die Toten, sie haben ihre Rechenschaft -längst abgelegt und vielleicht auch Verzeihung erhalten; gewähre auch -Du Verzeihung. Ein Hauch, der nichts mit der Irdischkeit gemeint -hat, umweht uns in diesem Augenblick und mahnt eindringlich, jeder -Schuld bloß zu sein, wenn die Stimme endlich auch uns ruft. So komm -denn, Base, schlag ein. Nimm diese Freundeshand, die Du so lange -zurückgestoßen und laß uns Versöhnung feiern an der Leiche Deines -Kindes!« - -Max saß in einem hohen Lehnstuhl mit Armstützen. Seine Augen hingen an -dem schmerzerfüllten Antlitz des Freiherrn, dessen Rede er mit Bewegung -angehört hatte. Jetzt sah er voll quälender Erwartung auf seine Mutter. -Konnte sie diesen Worten noch Widerstand entgegensetzen, den Worten, -die alle Feindschaft in seiner Brust töteten und den heißen Wunsch nach -Versöhnung jäh heraufkommen ließen? - -Aber die Mutter rührte sich nicht, sondern blickte noch immer -unverwandt zu Boden. - -Da wurde der alte Freiherr weich. - -»Constanze,« flehte er, »auf diesen Armen hab’ ich Dein Kind oft -getragen. Es nannte mich Vater und erzählte viele Male mit glänzenden -Augen von seiner Mutter, die bei den Menschen als hart gelte und -doch ein nach Liebe flehendes Herz besitze. Komm, denke Du könntest -mit Deiner Verzeihung Deinem Kinde eine Wohnung inmitten der Seligen -errichten. Gib Frieden, Constanze!« - -Mit fliegendem Atem sah Max hinüber. Ihm war, als könnte die Mutter -nicht eine Sekunde länger zögern. Ihre schwere seelische Erschütterung -war offenbar, und die Worte seines Onkels waren in ihrer Wehmut und -Sehnsucht nach Schlichtung des alten Familienzerwürfnisses hinreißend. - -Aber die Freihoferin blieb stumm und sah mit zusammengekniffenem Munde -hartnäckig vor sich nieder. - -Da ergriff der Freiherr von neuem das Wort und sprach: - -»Du hast Dein Kind unaussprechlich geliebt, ich weiß es; mit allen -Fasern hingst Du an seinem schwachen Leben. Denke, es wäre ein geheimer -Wunsch Elisabeths gewesen, unsere Familien in Frieden zu wissen. So -lange sie lebte, hätte sie niemals eine solche Bitte ausgesprochen, -denn die Scheu, der Mutter weh zu tun, würde das Kind daran gehindert -haben. Aber wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wo der Mensch den -irdischen Staub abschüttelt, um die letzte Reise anzutreten, dann darf -er das Siegel an seinem Munde zerbrechen. Vielleicht ist die teure -Tote noch von dem Wunsch erfüllt gewesen, die Mutter zu bitten, den -unseligen Zwist ihr mit ins Grab zu geben und sie besaß nur nicht mehr -die Kraft, die Bitte auszusprechen -- --« - -Maxens Blicke hingen unverwandt an der Mutter. Er bemerkte, wie ihr -Körper schwankte, und eine innere Stimme sagte ihm, daß, wenn je, jetzt -der Augenblick gekommen sei, wo der Widerstand der Mutter zerbrechen -mußte. Er hätte aufspringen mögen, um sich zu den Füßen seiner Mutter -niederzuwerfen und ausrufen: »Mutter, sei barmherzig, und gewähre Dir -und uns allen Frieden!« Aber das durfte er nicht wagen! Die Wandlung in -ihrem Innern mußte von anderen bewirkt werden. Die Bitten des Sohnes -hätten ihren Widerstand nur wiederaufrichten und stärken können. Der -junge Mann, dessen Pulse hämmerten, mußte an sich halten, damit er -dem Freiherrn nicht zurief, daß er seine Bitten wiederholen und Worte -finden möge, deren Wärme den Zutritt zu dem schwer zugänglichen Herzen -erzwingen müßten. Doch Worte voll Liebe und Weichheit müßten es sein, -denn nur diese Eigenschaften waren geeignet seine Mutter zu rühren. - -Aber der Mann mit den gramvollen Zügen, der gewiß noch nie so wie jetzt -zu einem Weibe gesprochen hatte, besaß keine Kraft mehr zu bitten. -Sein Gesicht verfinsterte sich, und die Stimme zitterte leise vor -bezwungenem Unmut als er wieder begann: - -»Constanze, achtest Du mein graues Haar nicht _mehr_? Willst du mich -wie einen Schulbuben vor Dir demütigen?« - -Keine Antwort. Nichts, als eisiges Schweigen. Das Weib saß -vornübergesunken und wie leblos im Stuhle. - -Max wartete noch mit angstvoller Spannung auf Worte seines Onkels, -so wie er sie vorhin gesprochen hatte. Da klang es von dessen Munde -schneidend und streng: - -»Ich habe geglaubt, Du besäßest für den Kummer anderer Menschen -wenigstens einen kleinen Raum in Deinem Herzen. Nun aber weiß ich, -daß deine Brust von Stein ist. Ich gebe es auf, künftig noch auf die -Verwirklichung meines Lieblingstraumes hinzuwirken. Von Menschen wird -Dein Handeln nicht mehr gerichtet werden, aber sieh zu, daß Dir die -Worte nicht fehlen, wenn Du einst vor dem Throne des allmächtigen -Gottes Dein Tun verteidigen mußt!« - -Diese Worte klangen wie Donnerschläge, und Max sah, daß seine Mutter, -als der schneidende Klang ertönte, sich aus ihrer zusammengesunkenen -Haltung aufrichtete und das Kinn heftig auf den Hals preßte, wie -sie es zu tun pflegte, wenn sie dem Schicksal ihren eisernen Willen -entgegensetzte. Nun war die Möglichkeit, die Mutter umzustimmen, für -immer dahin. So weich wie vor wenigen Sekunden hatte er sie noch nie -gesehen. - -Jetzt wandte sich der Freiherr von der Greisin ab und trat zu ihm hin. - -»Max,« sprach er und war bemüht, den scharfen Ton in seiner Stimme zu -mildern, »willst Du nicht wenigstens zu mir halten, auf daß in dieser -Stunde eine Brücke aufgerichtet werde, die spätere Tiefenbachs betreten -können? Wollen _wir_ Freunde werden?« - -Die Blicke des jungen Mannes hatten während dieser Worte auf seiner -Mutter geruht und tiefes Mitleid erfüllte ihn, als er daran dachte, -welchen Schmerz er ihr zufügen würde, wenn er die dargebotene Hand -annahm und wie vereinsamt die Mutter dann im Leben stünde. - -Noch sah der Freiherr erwartungsvoll auf den jungen Neffen nieder, bis -sich ihre Augen begegneten. Da schlug Max den Blick zu Boden und warf -gleichzeitig den Oberkörper mit einer unwilligen Bewegung heftig gegen -die Lehne, daß der schwere Stuhl ein Stück zurückfuhr. - -Der Freiherr aber wandte sich betrübt um und ging, ohne noch einen -einzigen Blick zurückzuwerfen, aus dem Zimmer. Max hörte, wie er seine -Schritte nach Elisabeths Kammer lenkte und nach wenigen Minuten durch -den hintern Ausgang das Haus verließ. - -Eine kurze Zeit saßen Mutter und Sohn ohne zu sprechen, beisammen. Max -empfand dieses Schweigen wie eine ungeheure Last und er wäre der Mutter -dankbar gewesen, wenn sie in diesem Augenblick ein paar freundliche -Worte zu ihm gesprochen hätte, deren er so sehr bedurfte. Statt dessen -erhob sich endlich die Mutter und ging mit langsamen Schritten nach -der Tür. Max sah es und fühlte einen heftigen Schmerz in der Brust. -Plötzlich stockte ihr Fuß, und es schien, als wenn sie zu dem Sohne -kommen wolle. Aber nur einen Augenblick hatte dies Zögern gewährt. Dann -ging sie entschlossen weiter und ließ Max allein in der Stube zurück. - -Da kam das Gefühl einer unerträglichen Vereinsamung über den jungen -Mann, und er fühlte sich von der Mutter und allen verlassen. In -demselben Augenblick, wo ihm die Kraft schwand, und er seiner Mutter -für einen im Leben ohnehin nur selten von ihrer Seite empfangenen -Zuspruch die Hände geküßt hätte, ging sie von ihm. Noch nie war ihm so -schwer ums Herz gewesen, und gerade jetzt stand er allein. - -Der gute Engel des Hauses war dahingegangen! Der unselige Zwist -zwischen den nahen Verwandten, der über dem Freihof wie eine -drückende, schwarze Wolke hing, in allen seinen Räumen gespenstisch -schwebte und in den Herzen seiner Bewohner nur selten rechte Freude -hatte aufkommen lassen, dieses Verhängnis, das am Schicksalswege -der Tiefenbachs unheildrohend kauerte, sollte aber nicht von ihnen -weichen. Den edeln Mann, der sich dem Hause als Freund angeboten, -hatte das Schweigen der Mutter für immer vom Freihof gescheucht, und -mit ihm war sein Lebensglück dahingegangen! Ja, heraus damit aus -dem gequälten Herzen; jetzt durfte er ohne zu erröten gestehen, daß -die Gluten der Leidenschaft für Maria von Tiefenbach sein Innerstes -aufwühlten und allen Frieden von ihm nahmen. Denn was ihn nur daran -verhindert, vor dem herrlichen Mädchen damals in der Kirche, als ihre -Seele verzweifelnd ihr tiefstes Geheimnis hinausschrie, niederzuknien -und ihr seine innigste Gegenliebe zu gestehen, das wußte er jetzt. -Nichts anderes hatte ihm die unbegreifliche Kraft gespendet, seine -Leidenschaft im Herzen zu verschließen, als die Liebe und Ehrfurcht -zu seiner Mutter. Damals fühlte er noch, mit welch starken Banden, -die er unzerreißbar wähnte, er mit seiner Mutter verbunden war. Der -wütendsten Anstrengungen, ihn von ihr zu reißen, hätte er mit Hohn -gespottet. Jetzt aber, wenige Monate später, war es so ganz anders: -der mächtige Anker, der ihn bisher davor schützte, daß die wild auf -ihn einstürmenden Wogen sein Lebensschifflein mit sich fortrissen und -hinaustrieben auf das Meer des Unfriedens und der Ruhelosigkeit, war -geborsten. - -So sollte also der alte Groll auch fernerhin auf ihm lasten! Der -edle Freund war für die Freihofer auf immer verloren, und sein -verheißungsvoll aufleuchtendes Glück war in Scherben gegangen, -- wohl, -das mußte er ertragen lernen! Was ihn schwer niederdrückte, war also -geblieben, das aber, was ihm hold und besitzenswert erschien, hatte ihn -verlassen. Und jetzt verließ auch sie noch ihn -- seine Mutter? - -Da warf der riesenstarke Mann die Arme auf den Tisch, barg das Gesicht -in ihnen und schluchzte wie ein Kind. - - * * * * * - -Der Freiherr war in gebeugter Haltung langsam den Weg zum Schloß -hinaufgegangen. - -Eine halbe Stunde später tat sich das Gattertor wieder auf, und ein -berittener Bote trabte auf lustig wieherndem Rößlein den Schloßberg -herunter. Er hatte Ungeduld, auf die Straße zu kommen und lenkte -deshalb das Tier querfeldein. Über Gräben, Hecken und rieselndes Wasser -flog der Gaul wie ein Reh hinweg, bis er zuletzt in weitem Sprunge über -den Straßengraben setzte. - -Und dann jagte der Reiter mit verhängten Zügeln auf der Straße dahin, -die nach Eckartsberg führte. - - - - -14. Kapitel. - - -Es war eine wunderbare, märchenschöne Maiennacht. Kein Wölkchen stand -am Himmel. Gegen zehn Uhr war der Vollmond heraufgezogen und übergoß -die ganze Landschaft mit seinem milden, weißen Licht. Der Himmel sah -aus wie eine riesige, tiefdunkelblaue Sammetdecke, auf der Myriaden -von Sternen gleich glitzernden Steinen ausgestreut waren. Die Luft -war so klar und durchsichtig, daß die funkelnden Himmelskörper dem -Auge viel näher erschienen, und die Umrisse der Häuser und Bäume waren -scharf zu erkennen. Kein Laut erscholl weithin, der die feierliche -Stille unterbrochen hätte. Nur dort, wo der leichte Windhauch von den -bunten Wiesen her den balsamischen Duft der jungen Gräser und Blumen -hintrug, rauschte es geheimnisvoll in den Bäumen. Leise bewegten sich -die schlanken Zweige der in frischem Weiß leuchtenden Birken, und die -zitternden jungen Blätter lispelten ohne zu ermüden und priesen die -Pracht des in seiner siegenden Schönheit ins Land gezogenen Lenzes. - -Auf einem der breitästigen, blühenden Lindenbäume, die rund um den -Brunnen vor der Schenke standen, saß mit feurigen Augen ein Eulenpaar, -das in seiner hohlen, klagenden Sprache glühende Liebesschwüre -austauschte, während der Wind leise die Wipfel bewegte, daß sein -Rauschen wie eine Erzählung klang von all den Menschen, die unter den -Bäumen schon als Kinder gespielt und die sich endlich lebensmüde in -ihrem Schatten ausgeruht hatten. - -Rastlos floß unterdessen das Wasser aus der hölzernen Röhre in den -geräumigen Steintrog. - -Aus den Wohnungen der Menschen drang kein Laut. Sorge und Kummer -hatten ihre Macht über sie verloren und manchmal lächelte wohl einer -der Schläfer, weil ihm der gütige Traumgott freundliche Bilder vor die -Seele gezaubert hatte. - -Frieden ringsum! - -Alle Gegenstände waren von dem silbernen Licht des Mondes umflossen. -Ein wunderbares Schweigen lag auf dem friedlichen Dorfe, in das hinein -der Brunnen seine alten, dumpfen Lieder sang. Und über der schlafenden -Erde zogen die Gestirne lautlos ihre unveränderlichen, ewigen Bahnen. - - * * * * * - -Vom Schloßberg kam eine schlanke Gestalt herab, die um Kopf und -Schultern ein leichtes Tuch gelegt hatte. Ohne zu zögern, lief sie -über die blumigen Wiesen an den blühenden Haselnußbüschen vorbei, bis -sie endlich an dem schmalen Stege angekommen war, der über den Bach in -den Obstgarten des Freihofes führte. Dort blieb sie stehen und lehnte -sich an einen Baum, neben der schwachen Brücke. Das Weib tat ein paar -tiefe Atemzüge, schob das Tuch vom Kopf zurück, daß es auf den Nacken -herunterfiel und strich mit ihrer Hand über die Stirn. Der Mond schien -der Einsamen voll ins Gesicht: es war Maria von Tiefenbach. - -Ihre Augen flogen verlangend hinüber über das leise murmelnde Wasser. -Dann schaute sie wieder zurück nach dem Weg, den sie gekommen war -und nach dem Schloß, dessen letzter Turm hoch hinaufragte zu dem -leuchtenden Firmament. - -Maria hüllte den Kopf wieder ein und schritt dann vorsichtig über den -Steg, den sie zum ersten Mal in ihrem Leben betrat. - -Kaum aber stand sie unter dem nächsten Baum auf dem jenseitigen Ufer, -als aus dem Schatten des Wohnhauses mit mächtigen Sprüngen Sultan -der Hofhund auf sie zustürzte. Winselnd sprang das treue Tier an dem -Mädchen hinauf, warf sich vor ihr nieder, wälzte sich im Grase und -wiederholte dann seine ausgelassenen Sprünge. Mit wehmütigem Lächeln -kniete Maria ins Gras, streckte die Hand aus, griff in das zottige Fell -des Hundes und zog ihn liebkosend an sich heran, wie sie es so oft -getan, wenn Elisabeth ihn mit aufs Schloß gebracht hatte. - -»Du Armer,« sagte sie leise. »Nicht nur den Menschen, auch Dir fehlt -die Tote. Jetzt ist auf dem Hofe wohl keine Hand mehr bereit, Dich -zu streicheln. Ja,« setzte das Mädchen seufzend hinzu, »es weiß noch -keiner richtig, wie viel er verloren hat!« - -Dann klopfte sie dem Tier noch einmal den Rücken und ging nach der -hintern Tür des Hauses. - -Die örtlichen Verhältnisse des Freihofes waren Maria so bekannt, als -ob sie von Jugend auf hier gewohnt hätte. Hatte sie den Fuß auch noch -nie an diesen Ort gesetzt, so kannte sie doch die Einrichtung des Hofes -aus den tausend kleinen Erzählungen Elisabeths ganz genau, und von dem -Vater wußte das Mädchen, daß man die Tote in ihrer Kammer aufgebahrt -hatte. Maria legte die Hand auf den eisernen Drücker und öffnete -behutsam die Tür, die ohne das geringste Geräusch unter ihrem Drucke -wich. - -Eine undurchdringliche Finsternis gähnte ihr entgegen. Durch die offene -Tür warf aber der Mond sein milchweißes Licht und beleuchtete ein -großes Stück Wand nahe dem Eingang. Die Aeste und Blätter der Bäume des -Obstgartens zeichneten sich auf der beschienenen Fläche ab, und wenn -der milde Luftzug die Bäume bewegte, huschten die verworrenen Figuren -durcheinander und wichen vor dem Mädchen zurück, um sich ihm alsbald -wieder zu nähern. Wie eine Unzahl schattenhafter Wesen, die ihr Spiel -mit ihr trieben und versuchten, sie hineinzuziehen, um sie im nächsten -Augenblick wieder über die Schwelle zurückzudrängen. - -Da überfiel das tapfere Mädchen eine große Bangigkeit. Und mit -einem Male überkam sie die Bedeutung für den Schritt, den sie zu -tun beabsichtigte. Aber nur eine einzige Sekunde währte dieser -Schwächeanfall. Dann richtete Maria sich auf, machte gegen die -gespenstischen Bilder eine unwillige Bewegung mit der Hand und betrat -vorsichtig den dunkeln Hausflur. Unhörbar lief sie auf den Zehenspitzen -weiter. - -Als sie bei der ersten Tür vorbeischritt, sagte sie leise: »Das ist -die Wäschekammer.« Bei der zweiten Tür flüsterte sie: »Hier schläft -die Beschließerin.« Vor der nächsten Tür blieb Maria aufatmend stehen. -Ihr Herz klopfte zum Zerspringen bei der Erwägung, ob es ihr vergönnt -sein würde, von der toten Freundin Abschied zu nehmen, oder ob sie, nur -durch ein dünnes Brett von ihr getrennt, wieder umkehren müsse. - -Bebend tastete Maria nach der Klinke und gewahrte zu ihrer unsäglichen -Freude, daß die Tür nicht verschlossen war. Geräuschlos öffnete sie -und glitt in das Zimmer, aus dem ihr ein betäubender Blumenduft -entgegenschlug. Dichte Dunkelheit umfing sie. - -Allmählich gewöhnte sich ihr Auge an die Finsternis, die ihr, nach der -großen Helligkeit im Freien, anfangs pechschwarz erschienen war. Sie -bemerkte, daß in dem obern Teil der beiden geschlossenen Fensterladen -zwei kleine Löcher in Form von Herzen eingeschnitten waren, durch die -einzelne Mondstrahlen hereinfielen und das Zimmer notdürftig erhellten. - -In der Mitte des kleinen Raumes stand auf einer mit schwarzem Tuch -umkleideten Bahre der offene Sarg, um den herum eine große Menge von -Blumen und Kränzen aufgehäuft war, daß er fast unter ihnen verschwand. -Zu Häupten breitete eine hohe Fächerpalme an weitragenden Stengeln ihre -umfangreichen Blätter aus. Neben ihr standen zahlreiche hochstämmige, -blühende Gewächse, so daß der obere Teil des Sarges von einem -Blütenhain umgeben war. - -Das Herz brechend schwer, trat Maria zur Linken der Toten an den Sarg -heran. Ihre Augen durchbohrten mit Anstrengung die dichte Finsternis -und blieben auf dem Antlitz ruhen, dessen Züge, je länger sie darauf -schaute, immer deutlicher hervortraten, bis sie zuletzt das alte, liebe -Gesicht der verstorbenen Freundin genau erkannte. Wie ein schlafendes -Kind ruhte Elisabeth auf den weißen Polstern, bekleidet mit einem -dunkelblauen, mit weißen Kanten besetzten Musselinkleid, das das -Mädchen oftmals getragen, wenn sie wie ein Irrwisch durch die Scheunen -und Ställe des Freihofes flog und das die kindliche Lieblichkeit der -Jungfrau erhöht hatte. - -Der Tod hatte auf dem Gesicht keine verheerenden Spuren hinterlassen. -Er war ihr ein willkommener Erlöser gewesen, dem sie mit frohem Lächeln -entgegengesehen hatte. Ein beglückender Gedanke mußte sie im Augenblick -des Scheidens der Seele bewegt haben, von dem ein milder Abglanz auf -dem Gesicht zurückgeblieben war. Heiter, wie sie im Leben gewesen, war -sie hinübergeschlummert. Und neben dem Ausdruck unstillbarer, freudiger -Sehnsucht lagerte ein verklärender Hauch von Frieden auf dem schmalen -Kindergesicht. - -Maria sah erschüttert auf die Tote, die ihr im Leben Freundin und -Schwester zugleich gewesen war. Nie konnte ein reineres und treueres -Herz jemals wieder in Liebe so für sie schlagen, wie das der Toten, -das nun stillstand. Elisabeths sonnige Lebensauffassung, die sich -in einer nie versiegenden Fröhlichkeit kundtat, hatte sie, die -Ernste, Sinnende, oft erheitert, wenn ihr Gemüt von düsteren Wolken -umlagert gewesen war. Und die tiefe Liebe und Anhänglichkeit, die die -Freundin ihr entgegengebracht, hatte sie immer als ein Gnadengeschenk -betrachtet, für das sie dem Himmel nicht genug danken konnte. Nun -war es vorbei mit diesem Glück! Der Augenblick war gekommen, dessen -Herannahen sie schon seit geraumer Zeit mit wachsender Angst bemerkt -und vor dem sie gezittert hatte. - -Maria ließ den Kopf sinken, und ein Gedanke stieg in diesem Augenblick -in ihrer Seele auf, den niederzukämpfen sie sich vergeblich bemühte und -der sich ihr mit solcher Heftigkeit aufdrängte, daß sie schließlich -mit glutroten Wangen davon abstand, ihn länger zu meistern: noch immer -hatte sich in ihrem Herzen die geheime Hoffnung behauptet, daß eine -so reiche Liebe, wie sie für ihren Vetter empfand, endlich doch über -alle Mühsale triumphieren müsse, und die Stütze ihrer Zuversicht war -Elisabeth gewesen. Darüber freilich, wie das Kind mit seiner schwachen -Kraft und seinem gänzlich mangelnden Einfluß auf die Entschließungen -seiner Mutter sie aus der Wirrnis hinausführen sollte, hatte sie nie -nachgedacht. Sie selbst schalt sich in ruhigen Stunden töricht ob -ihrer Hoffnung, daß in dem Herzen der unerbittlichen Tante jemals -eine Wandlung vor sich gehen könne. Und die scharfe und kalte Absage, -die ihr Max in demselben Augenblick erteilte, in dem die tötliche -Angst, ihn auf immer zu verlieren, den leidenschaftlichen Ausbruch bei -ihr bewirkte, hatte sie belehrt, daß sie die Stimme in ihrem Busen -verstummen lassen müsse. - -Alles das hatte sich Maria ja schon oft gesagt, und doch wollte die -Stimme nicht schweigen, sehnte und hoffte ihr gequältes Herz in -Bangigkeit weiter. Jetzt begriff sie mit einem Male, daß, solange -Elisabeth gelebt, sie auch hatte weiterhoffen dürfen, denn die -Freundschaft Elisabeths war das unsichtbare Band gewesen, das sie mit -dem Freihof verknüpft hatte. Jetzt aber versagte dem beredten Mund -in ihrem Innern die Sprache, und eine zermalmende Hoffnungslosigkeit -überkam sie. Max von Tiefenbach war von jetzt ab für sie unabänderlich -verloren! - -Und langsam zogen die geheimsten Gedanken des Mädchens an seiner Seele -vorüber. Sie sah sich zärtlich an den Geliebten geschmiegt, ihre Stirn -war an seine Brust gelehnt. Innig hielt er sie umfangen, und mit -unsagbar beglückenden Worten hatte er ihr seine Liebe gestanden und -dann ihren Kopf aufgehoben und ihre Lippen und Augen geküßt. Niemand in -der weiten Umgebung besaß eine so hohe Gestalt, daß er neben Maria von -Tiefenbach sich hätte behaupten können, nur er; und keinen anderen Mann -würde Marias stolzer Sinn jemals den Besitz ihres herrlichen Körpers, -wie die Natur ihr ihn gütig verliehen hatte, einräumen. Die heiligen -Flammen keuscher Mädchenliebe durchloderten ihren Busen im Wachen wie -im Schlummer, -- mit der treuen Freundin aber zugleich begrub man auch -ihre Liebe. -- -- -- - -Maria von Tiefenbach vergaß in diesem Augenblick ganz den Ort, an dem -sie weilte. Sie kniete neben der Bahre nieder, neigte den Kopf darauf -und weinte zum Herzbrechen. Und so verharrte sie lange Zeit, während -die Tränen reichlich flossen und der wilde Sturm in ihrem Innern an -Heftigkeit langsam nachließ. - -Da überkam sie plötzlich der Gedanke, wie unsagbar schwer vor allem -Elisabeths Mutter unter dem Verlust leiden müsse. Und wie der edle -Mensch dann wenn er des Nächsten gewaltigen Schmerz sieht, den eignen -Schmerz unter seinem Mitleid für eine Weile vergißt, empfand auch Maria -tiefes Mitgefühl für die unglückliche Mutter. Ihre Tränen versiegten, -und indem sie sich aufrichtete, die gefalteten Hände erhob und an die -Lippen preßte, betete sie mit bebender Stimme: - -»Du Allgütiger, Tröster und Erbarmer! Erbarme Dich auch der Mutter -dieses Kindes, spende ihr reichen Trost in diesem schweren Herzeleid -und laß sie Ruhe und Frieden finden!« - -Langsam sanken die Hände herab, und Maria fühlte ihre seelische -Kraft wieder erstarken. Mit der Tröstung, die sie auf das Weib -herabgefleht, das sich ihr so unversöhnlich feindselig gegenüberstellte -und zweifellos die Schuld trug, daß ihr zartes Liebesglück in der -Knospe vernichtet wurde, war auch in ihre Brust Trost eingezogen. Der -herbe Schmerz hatte sich gemildert und war vor dem Mitleid keusch -zurückgewichen. - -Ihre Gedanken aber wollten sich nicht von der Freihoferin abwenden. -Immer deutlicher stieg das Bild dieser schwergeprüften Mutter in ihrer -Seele herauf, daß sie meinte, sie vor sich zu sehen. Maria sah im -Geiste ein Paar runzliger Wangen, einen zusammengekniffenen Mund und -fühlte fast den langen Blick aus den tiefliegenden Augen. Sie hatte -die Freihoferin immer nur von fern gesehen, jetzt aber gewahrte sie -zu ihrem Erstaunen, wie tief das Bild der Greisin in ihrer Seele -eingegraben war. Die hohe Stirn wurde von grauem Haar begrenzt, das, in -der Mitte geteilt, in dünnen Strähnen zu den Ohren herablief. Neben dem -herben Ausdruck lagerte auf dem Gesicht gewaltiger Schmerz. - -Maria empfand, wie ihre Einbildungskraft aufs höchste erregt war. Sie -fuhr mit der Hand über die Augen um das Trugbild zu verscheuchen. Aber -die Erscheinung wollte nicht weichen, denn noch immer sah sie zwischen -Blüten und Blättern das fahle Gesicht Elisabeths Mutter. - -Ihre Augen schmerzten schon, doch konnte sie nicht wegschauen. Den -Atem zurückhaltend, versuchte sie erneut mit den Augen die Dunkelheit -zu durchdringen, während Schweißperlen auf ihre Stirn traten. Da, -- -hatte sich das Bild nicht soeben bewegt? Nein, es war nicht möglich, -die hohe Aufregung und der Ort hatten ihre Sinne überreizt. »Großer -Gott -- -- --!« schrie das Mädchen plötzlich auf. Dann erstarben -ihr die Worte auf der Zunge, und sie duckte sich nieder wie in der -Erwartung eines heftigen Schlages. Denn in diesem Augenblick waren -die tödlichen Zweifel geschwunden, -- sie wußte sich der Freihoferin -gegenüber. - -Noch einige Sekunden hingen diese vier Augen aneinander, dann -schwankten drüben Blätter und Zweige, bogen sich zurück und schlugen, -während das Gesicht verschwand, wieder zusammen. Geräuschlos rückte ein -Stuhl, und die Freihoferin trat aus der Hecke von Blumen und Gewächsen -hervor. Sie zündete die Kerzen eines auf dem Tische stehenden, -schweren, dreiarmigen Silberleuchters an, wandte sich zur Tür und -deutete mit einer schroffen Bewegung, als wolle sie die Grabesstille -des Raumes nicht unterbrechen, dem noch immer mit den Zeichen des -Schreckens in hilfloser Haltung knieenden Mädchens stumm an, ihr zu -folgen. - - * * * * * - -Max saß im dunkeln Wohnzimmer wieder wie gestern beim Erscheinen des -Freiherrn in dem mächtigen Armstuhl, dessen hohe, mit gepunztem Leder -überzogene Lehne noch ein Stück über seinen Kopf hinausragte. In dieser -Nacht würde er den Schlaf nicht finden, deshalb suchte er das Lager -nicht erst auf. - -In seiner Seele lag eine Welt in Trümmern, und der Himmel, der sich -über ihm wölbte, war bleifarben und hing tief herab. In den letzten -Tagen war er um Jahre älter geworden. Das Schicksal hatte ihm einen -empfindlichen Schlag versetzt. Seinen Nacken zu beugen, war es freilich -nicht im stande gewesen, aber seinen unbändigen Trotz, mit dem er -die entstellte Fratze, die, wohin er auch immer ging, vor seinen -Augen stand, auflachend verscheuchen wollte, hatte er noch nicht -wiedergefunden. Aber gemach! Er wußte, daß er die beschämende Schwäche -in wenigen Tagen würde niedergerungen haben, denn die Tiefenbachs -hatten zu allen Zeiten Stiernacken besessen. - -Da hörte er Tritte im Hausgang, die in die tiefe Stille hineinklangen. -Die Mutter wußte er am Sarg der Toten, die sie in der letzten Nacht -nicht verlassen würde. Er erkannte ihren Schritt, der schleppend -näherkam. Aber, horch, was war das? War das nicht der Schall der Tritte -_zweier_ Menschen? Unwillkürlich richtete er sich auf und lauschte. -Da öffnete sich schon die Tür, und heller Kerzenschein drang in das -Zimmer. - -Schwerfällig trat die Greisin ein und stellte den Leuchter auf den -großen, runden Tisch. Max aber achtete nicht der wankenden Mutter, -seine Augen waren voll Ueberraschung auf die Tür gerichtet, in der -soeben eine fremde Frauengestalt erschienen war. Eine Sekunde starrte -er atemlos auf die im Halbdunkel stehende Erscheinung auf der Schwelle, -deren Gesicht er nicht zu erkennen vermochte. Da griff plötzlich eine -kalte Hand nach seinem Herzen und preßte es heftig -- er hatte die -Fremde erkannt. - -Schon wollte ihn die Überraschung ganz gefangen nehmen, da erhob sich -in seinem Innern ein Sturm, und seine Sinne arbeiteten fieberhaft an -der Deutung dieses Rätsels. Wie ein Blitz fiel die Erleuchtung in -seine Seele: Maria von Tiefenbach hat sich in das Haus gestohlen, um -von ihrer gestorbenen Freundin Abschied zu nehmen. Die am Totenbett -weilende Mutter will in ihrem Haß die edeln Gefühle des Mädchens nicht -gelten lassen und bringt es hierher, damit sie in seiner Gegenwart -Marias Teilnahme schroff zurückweise, um durch verletzende Worte dem -sie beunruhigenden Herannahen der Schloßleute für immer zu begegnen. - -Da schlug die heiße Flamme des Unwillens in Maxens Herzen über seine -Mutter jäh auf. Er raste wie im Fieber und erhob sich halb vom Stuhl, -um bei ihren ersten verletzenden Worten aufzuspringen. Noch verließ ihn -die Besinnung nicht, noch war er sich bewußt, daß er sich vor seiner -Mutter befand, die er von Kindesbeinen an so verehrt und geliebt hatte, -wie ein Sohn seine Mutter nur lieben kann und die er noch bis gestern -für unfehlbar gehalten hatte. Auf sein Lebensglück um ihretwillen -verzichten und es zersplittern zu lassen, das vermochte er zu ertragen. -Die aber verletzen, deren Bild er fortan unauslöschbar im Herzen -tragen würde, obwohl sie die Enkelin jenes Mannes war, der seine -Großmutter beschimpfte, diesem hochherzigen Mädchen wehzutun, nein, -beim ewigen Himmel, das durfte sie nicht! Mochte die Scholle erbeben, -auf der ihm die Mutter das Leben gegeben, wenn er sich jetzt gegen -sie wandte, mochte das Dach des väterlichen Hauses niederstürzend ihn -begraben und die Menschen einst mit Entsetzen im weiten Bogen das Grab -meiden, das die Unnatur barg, die gegen den Schoß raste, der sie gebar. -Er würde trotzen! Zusehen aber, und müßig dabei bleiben, wenn Maria von -Tiefenbach von der Mutter gedemütigt wurde, das konnte er nicht! Alle -Sinne aufs äußerste angespannt, starrte Max auf seine Mutter. - -Das Mädchen war in der Tür in vornübergeneigter Haltung stehen -geblieben, während die Freihoferin an das nach dem Garten hinausgehende -Fenster getreten war und sich müde zurücklehnte. Kein Laut kündigte -an, daß sich in diesem Zimmer drei Menschen befanden, deren Herzen zum -Zerspringen schlugen. - -Ein paar Sekunden atemraubender Stille verstrichen, dann machte die -Freihoferin eine Bewegung, als wenn sie die letzte Kraft zusammenraffe -und begann zu sprechen. Ihre Stimme klang nicht so voll wie sonst, aber -ruhig und eisig: - -»Baronesse! Um des traurigen Ereignisses willen, das zu ertragen uns -eine höhere Fügung auferlegt hat, kann ich Ihnen nicht zürnen, wenn -Sie Ihren Fuß über die Schwelle dieses Hauses setzten, das Ihnen sonst -verschlossen bleiben muß. Sie haben sie gekannt, meine -- verstorbene -Tochter -- --« - -Bei den letzten Worten war die Stimme rauh geworden und brach -plötzlich ab. Der Körper der Sprechenden war wieder gegen das Fenster -zurückgesunken, ihre Augenlider waren halb herabgefallen. Sie versuchte -und versuchte wieder weiterzusprechen, -- umsonst. Ein heftiges Zittern -überlief die hohe Gestalt der Greisin, und der zum Sprechen geöffnete -Mund schloß sich und blieb stumm. - -O, ihr rätselvollen, unergründlichen Tiefen des Frauenherzens! - -Eine kurze Weile tödlichen Schweigens verstrich, währenddessen ein -erbitterter Kampf, der Abschluß einer siebzigjährigen, unaufhörlich -genährten Feindschaft, blitzschnell entschieden wurde. Und dann -klang es, demütig bittend, von den zuckenden Lippen der Tochter des -beschimpften Weibes: - -»Maria, willst Du mir eine liebende Tochter, meinem Sohn eine treue -Gattin sein?« - -Wenn die Natur sich in wildem Aufruhr befindet, und die sonst friedlich -schlummernden Elemente entfesselt sind, wenn von dem dräuenden Himmel -Wolkenbäche herniederstürzen, in den zusammengeballten, schwarzen -Luftgebilden Blitze mit rasender Aufeinanderfolge aufzucken, denen das -Krachen der Donner hinterhergrollt und der Orkan heulend durch die -Gassen peitscht, dann ereignet es sich zuweilen, daß einem letzten, den -Himmel in zwei unermeßliche Hälften zerreißenden Aufleuchten und einem -gräßlichen Donnerschlage tiefe Ruhe folgt. - -Also geschah es in der großen Wohnstube mit dem schweren, -altväterischen Hausrat auf dem Freihofe. Der ungeheure Sturm war wie -durch einen Zauberspruch gebändigt, und tiefe Stille war ihm gefolgt. -Während die Greisin bis an die Wand am Fenster zurückgesunken war, -war das Mädchen von der Tür aus mit ein paar heftigen Schritten zu dem -Tisch geeilt und starrte, mit beiden Armen sich schwer aufstützend, -unverwandt auf das Weib am Fenster. - -Max, der zum Aufspringen bereit gesessen hatte, war in den Stuhl -hineingesunken, daß der große Körper in dem schwerfälligen Möbel -aussah wie der eines Kindes. Er war nicht im stande klar zu denken; -hundert Begriffe drangen von allen Seiten und zu gleicher Zeit auf ihn -ein, jagten wie das wilde Heer in sinnverwirrender Geschwindigkeit an -seinem geistigen Auge vorüber und tanzten dann in tollem Wirbel um ihn -herum, bis sie ihn endlich in eine ungeheure Tiefe mit hinabrissen. -Das Vermögen, zu beurteilen wo er sich befand, verließ ihn, und die -Erinnerung an das soeben Erlebte verblich. Ein Zustand höchster -geistiger Abspannung nach all den wilden Stürmen in den letzten -Tagen war über ihn gekommen, der so gewaltig war, daß selbst Max von -Tiefenbachs Kraft ihm nicht widerstehen konnte. Wie wenn ein schwer -getroffener Stier röchelnd zusammenbricht, wenn der Wirbelsturm in -einem einzigen Augenblick einen mannsdicken Eichbaum knickt, daß er -krachend zu Boden stürzt, so hilflos brach Maxens Widerstand zusammen. -Seine Blicke irrten im Zimmer umher, glitten verständnislos von einem -zum andern, ohne den beklommenen Eindruck der Seele zu vermitteln. Sein -Hirn war wie ausgeblasen. Er hatte das verschwommene Empfinden, als -wenn sich etwas Ungeheuerliches zugetragen hätte und bemühte sich mit -aller Kraft, seine Sinne wieder in die Gewalt zu bekommen. Vergebens, -die Seele sagte ihm in diesem Augenblick den Gehorsam auf und ließ ihm -nur das Erkennen seiner Ohnmacht. - -Mit riesengroßer Willenskraft riß er das Wenige, das ihm geblieben, an -sich und war bemüht, wie ein Kind das Nächstliegende zu überdenken. -Dies war seine Hand; worauf sie lag, die Armlehne eines Stuhles, das -ein Knopf seines Rockes. Dann versuchte er darüber nachzuforschen, -was sich hier zugetragen hatte. Er strengte seinen Geist mit -übermenschlicher Kraft an, daß er einen heftig bohrenden Schmerz im -Gehirn empfand, der ihm den Schädel zersprengen wollte. Worte waren -gesprochen worden. Von wem, worüber? Vergebens versuchte er gegen die -Schwäche anzukämpfen, die wie ein granitner Felsen vor ihm lagerte, an -dem sein Willen zersplitterte wie ein Knabensäbel. - -Plötzlich horchte er auf. Vom Fenster her drangen schwach Worte an sein -Ohr: - -»Aber warum küßt Ihr Euch nicht, meine Kinder?« - -Wer war das, der da so sprach? Wer hatte das gesprochen? War das nicht -die Stimme der Mutter? Seiner _Mutter_? Nein! vom Küssen ging die Rede, -und seine Mutter sprach nie vom Küssen! Aber vorhin war die Mutter doch -in der Stube gewesen und hatte gesprochen. Und wie sie geendet, hatte -es sich wie eine schwarze Binde auf seine Augen gelegt, und der Kopf -hatte ihm geschmerzt wie infolge eines heftigen Sturzes. War nicht noch -jemand hier gewesen? Ja, die Mutter war mit dem brennenden Leuchter -eingetreten und hinter ihr hatte er in dem ungewissen Halbdunkel noch -einen Menschen gesehen, -- ein Weib. Wer aber war dieses Weib? - -Und abermals versuchte Max mit aller Kraft seine Gedanken zu zwingen, -ihm wieder dienstbar zu sein. - -Da tönte wiederum die Stimme von vorhin, und jetzt erkannte er sie -untrüglich als die seiner Mutter. Aber weich klang sie, wie der Sohn -sie noch nie gehört hatte: - -»Als ich jung war, küßte man sich in solchen Augenblicken!« - -Und wie das Sonnenlicht durch dunkles Gewölk bricht, ebenso siegreich -stieg bei diesen Worten die Erinnerung an das in den letzten Minuten -Vorgefallene in Max herauf. - -Blitzschnell und mit bewunderungswürdiger Schärfe arbeitete jetzt -Maxens Hirn und gab ihm die Deutung dessen, was ihm soeben noch als -Rätsel erschienen war. - -Er knüpfte wieder dort an, wo ihn vorhin das klare Denkvermögen -verlassen hatte: Maria war unbemerkt in das Haus gekommen, um an -Elisabeths Sarge noch einmal zu beten, und von dort hatte die Mutter -das Mädchen mit hierhergebracht. - -Max kämpfte mit der Erschütterung, die der überraschende Wandel der -Gesinnung seiner Mutter auf ihn ausgeübt hatte. Aber er kannte seine -Mutter nur zu gut, daß ihm jetzt die Beweggründe für ihr Tun nicht bis -zur Ueberzeugung hätten verständlich sein müssen: der erzene Panzer -um ihr Herz war zersprungen. Sie war entschlossen, die Schuld für die -Nichteinlösung des ihrem sterbenden Vater gegebenen Wortes auf sich -zu nehmen und über den Haß, den sie seither im Busen wachgehalten und -genährt, triumphierte die Liebe. Eingedenk des Versprechens und mit dem -halsstarrigen Trotze, der ein geistiges Familiengut der Tiefenbachs -war, und den die bäuerliche Linie noch weit stärker besaß als die auf -dem Schlosse, hatte sie sich den Haß gegen die Verwandten zu einem -Stück ihrer Lebensaufgabe gemacht. Und, ach, wie seltsam! Wie doch die -Leidenschaften, die sich fliehen müßten, dicht beieinander wohnen; -denn mit der Stärke zu hassen, hatte die Vorsehung diesem Weibe auch -das unstillbare Verlangen Liebe zu geben und zu empfangen in die Seele -gepflanzt. Wie oft mußte ihr das Hassen schwer geworden sein, wenn sie -sah, wie das Kind, an dessen Besitz ihr Herz mit allen Fasern geknüpft -war, ein Stück seiner Liebe den Gehaßten schenkte. - -Es war Max offenbar, daß die Liebe _eines_ Kindes seiner Mutter -nicht genug war. Wem unter einem rauhen Aeußern ein von Liebe so -überquellendes Herz schlägt, der darf sich füglich darnach sehnen, -mit mehr als einem Teuern auf das Innigste verbunden zu sein. Deshalb -bat sie jetzt das Mädchen, an dem die Verstorbene mit ganzer Seele -gehangen, die leergewordene Stelle in ihrem Herzen einzunehmen und -die Liebe, die sie für die Tochter empfunden hatte, fortan ihr, der -Mutter zu schenken. -- Oder sollte seine Zuneigung zu Maria auf die -Mutter eingewirkt haben? Nein, das war es nicht, denn seine Liebe war -ja sein tiefes Geheimnis gewesen, von dem die Mutter nichts hatte ahnen -können -- -- - -Das Glück, das in dem Augenblick, wo Max verzweifelnd alles verloren -wähnte, ihm zuteil ward, war so riesengroß, daß ihm schwindelte und -er unwillkürlich die Hand auf die Augen legte. Da hörte er einen -fliegenden Atem an seiner Seite, so nahe, daß der warme Hauch seine -Stirn streifte. Und wie er aufschaute, blickte er in das von Angst -entstellte Gesicht seiner Mutter, die ihn mit weitaufgerissenen Augen -flehend ansah. Es war die brustzuschnürende tödliche Angst, daß in -dem Augenblick, in dem der Himmel ihr Herz weich werden ließ und sie -geglaubt hatte, das Leben der von der Toten geliebten Freundin an sich -ketten zu können, diese Hoffnung in Scherben gehe. Denn sie hatte -gewähnt, Max liebe Maria, -- und nun -- --? - -Und zum drittenmale hörte der regungslos im Stuhle Sitzende die Stimme. -Diesmal klang sie gepreßt und die Worte waren abgerissen: - -»Max, Dein Vater küßte mich, als wir uns verlobten!« - -Da überfiel den Sohn ein unendliches Mitgefühl und er griff mit beiden -Händen nach seiner Mutter, um sie an sich zu ziehen. Die aber wich -zurück und wandte den Blick nach der Gestalt am Tische in der Mitte des -Zimmers. - -Max folgte ihrem Blick und gewahrte das in all seinem überwältigenden, -mit Schmerz und Überraschung vermischtem Glück von ihm vergessene -Mädchen, das, die Augen zu Boden geschlagen, dem Umsinken nahe vor ihm -stand. Eine Sekunde lang herrschte noch Schweigen in der Stube. Nur -der Holzwurm tickte in dem hohen Eichengetäfel an den Wänden, und die -flackernden Flammen der Kerzen warfen wunderlich geformte Schatten -darauf, die geisterhaft hin- und herhuschten. Dann wurde die Stille -plötzlich unterbrochen. Max erhob sich lärmend aus dem Stuhl, ging mit -den polternden Schritten eines Trunkenen zum Tisch und schlug die Arme -um die Schultern des bebenden Mädchens. - -Einen langen Blick warf die Freihoferin noch auf die beiden Menschen, --- dann verließ sie geräuschlos das Zimmer -- -- - -Freut Euch, Ihr guten Geister, die Ihr auf dem Freihof und auf dem -Weißen Schlosse allnächtlich Euer Wesen treibt! Kommt hervor aus den -dunkeln Winkeln und Ecken, steigt herab von den Dachbalken und tretet -heraus aus den Verstecken, in denen Ihr Euch am Tage verborgen haltet. -Lärmt heut ausgelassener denn je und treibt Euern närrischen Spuk in -dieser Nacht lustiger wie zuvor. Die gute Tote würde es Euch danken, -wenn Ihr so tätet, und läge sie nicht in ihrem hölzernen Schrein, dann -käme sie heute gewiß zu Euch, um im lustigen Spiel mit herumzutollen. - -Und in dem großen Saale auf dem Weißen Schlosse, durch dessen hohe -Bogenfenster das Mondlicht glänzte, regten sich mit einem Male die -Bilder in ihren goldenen Rahmen. Die alten Herren des Tiefenbachschen -Geschlechts in blitzenden Rüstungen, mit Arm- und Beinschienen, den -eisernen Helm mit hochgeschlagenem Visier auf dem Haupt und zur Seite -den klirrenden Pallasch, oder in sammeten Wämsern mit geschlitzten und -rot ausgefütterten Ärmeln, mit steifem, breitem Halskragen und eckigem -Barett angetan, oder mit goldstrotzenden Staatsgewändern bekleidet, -dazu den federgeschmückten Hut und an der Seite den leichten Degen, --- die Damen in geschürzten und bauschigen Gewändern von bunter Seide -und mit Courschleppen versehen, etliche mit dem Reifrock, geschmückt -mit schweren, goldenen Ketten, die gepuderten Gesichter mit dem roten -Tupf auf den Wangen unter der hochtoupierten Coiffure in wunderlichsten -Formen, oder eingerahmt von der Dormeuse, -- sie alle bekamen Leben -und stiegen herab auf das spiegelblanke Parkett. - -Die Herren machten tiefe Verbeugungen zur Begrüßung, die die alten -Damen mit gnädigem Kopfneigen, die jungen aber mit holdem Erröten und -zierlichem Knixe erwiderten, worauf sie einander in fröhlicher Erregung -stumm die Hände schüttelten. Alle aber trugen einen freudigen Zug auf -den sonst so starren Gesichtern. - -Auf den Gängen und Treppen des Wohnhauses im Freihofe aber begann -ein Summen und Zischeln, ein Wispern und Flüstern; es trippelte und -huschte treppauf, treppab, und des Kicherns und Ausgelassenseins war -kein Ende. Die Kecksten der Hausgeisterchen eilten auf den Zehenspitzen -zu der Tür der Wohnstube. Einer kletterte auf die Schultern eines -andern und guckte voll Eifer durch das Schlüsselloch. Und wie er den -Neugierigen herunterrief was er sah, hob das kaum verstummte Kichern -von neuem an. Sie klatschten in übermütiger Laune in die Hände, und die -Ausgelassensten schossen Purzelbäume. - -Auf dem mit rosigen Blüten übersäten Apfelbaume dicht unter den -Fenstern der Wohnstube jauchzte und schluchzte eine Nachtigall -- -- -- - -Und während die beiden Liebenden einander fest umschlungen hielten und -sich unter Tränen und glückseligem Lächeln die süßesten Schmeichelworte -zuflüsterten, saß eine alte, verhärmte Mutter zusammengesunken am -Totenlager ihres Lieblingskindes, die wildhämmernde Stirn auf die -harte Kante des Sarges gepreßt, die brennenden Augen weit geöffnet, -- -tränenlos. Und sie stammelte mit erstickter Stimme: - -»Hab ich’s so recht gemacht, -- mein Sonnenschein?« - - - - -15. Kapitel. - - -An dem politischen Himmel waren von neuem schwere Gewitterwolken -heraufgezogen. Wie ein donnernder Orkan, der alles vor sich -niederwirft, waren die Wirkungen der kriegerischen Ereignisse des -letzten Jahres über Deutschland gekommen, und nun türmten sich schon -wieder neue Ungewitter auf. - -Das große Kriegstheater, auf dem sich jüngst so manches blutige -Schauspiel abgespielt hatte, zitterte in seinen Grundfesten, und wie -vor zwei Jahren machten die Völker gewaltige Anstrengungen, um sich zu -dem ungeheuern Kampfe zu rüsten. Eine dumpfe Ahnung schwebte in der -Luft: es würde der Entscheidungskampf sein, der Befreiungskrieg der -deutschen Stämme von fremdem, schmachvollem Joch. - -Vom Westen her zogen langsam die neugeschaffenen französischen Armeen -heran. Wohl waren es nicht die kampferprobten, siegesgewohnten -Kriegsscharen wie bisher; in der Mehrzahl füllten junge Männer die -Reihen, deren Dienste man früher abgelehnt hatte. Aber der Riesengeist -des Schlachtenkaisers führte sie, auf dessen zermalmendes Genie seine -Soldaten blind schworen, und dem gegenüber trotz aller kriegsfreudigen -Stimmung seine Feinde ihrer Bangigkeit nicht völlig Herr werden konnten. - -In Sachsen wogte die Stimmung noch immer auf und nieder. Einig war -sich das Volk nur in dem Gedanken, daß man von Polen, nach dem der -König angstvoll ausschaute, nichts wissen wollte. Er und seine Minister -harrten sehnsüchtig auf die Ankunft Napoleons, während das Volk mit -klopfendem Herzen über die Grenze sah, wo der preußische Nationalstolz -wieder erwachte und ein erhebendes Schauspiel anhob. - -Hier und da begann auch in Sachsen die Begeisterung emporzuflackern; -aber das Feuer war matt, man konnte sich kaum die Hände daran wärmen. -Von der himmelwärts schlagenden Begeisterung, dem Zorn und Rachedurst, -die in den preußischen Herzen alle Bedenken zum Schweigen brachten, -war in Sachsen nichts zu spüren. Wohl hatte man nicht die Demütigungen -erlitten, die Preußens König und Volk auferlegt worden waren. Statt der -Mißhandlungen hatte das Land Gunstbeweise und Schmeicheleien vom Kaiser -erfahren. Leider empfanden die weiten Kreise aber nicht, daß Napoleons -Großmut nichts anderes gewesen war als die Klugheit, sich im Herzen -Deutschlands die Sympathien eines Volkes zu sichern, um andere deutsche -Stämme desto ungestörter bekämpfen zu können. - -In der Schlacht bei Jena neben Preußen fechtend, hatte sich Kurfürst -Friedrich August bald darauf Napoleon unterworfen und als Lohn dafür -die Erhebung zum König freudigen Herzens entgegengenommen. Von diesem -Augenblick an war Sachsens Herrscher ein willenloses Werkzeug in der -Hand des Gewaltigen. Er war ihm weniger ergeben aus Dankbarkeit, als -aus Furcht; und mit seinem König jubelte das Land dem Kaiser zu. - -Das Volk entriß sich endlich zuerst dem Taumel; König und Regierung -aber bewahrten ihre Anhänglichkeit fort. Und als schließlich die -Staatsmänner die Stimmung im Volke nicht mehr verkennen konnten, -als sie Scham darüber empfanden, daß nur Sachsen mit Deutschlands -Feinden wider alle deutschen Stämme stand und ihre Verehrung gegen -Napoleon sich in Haß kehrte, da blieb der König allein auf der Seite -seines kaiserlichen Gönners. Selbst als alles verloren war, und die -aufgelöste französische Armee in wilder Flucht durch die Straßen -Leipzigs zurückflutete, erklärte der aus seinem Schlupfwinkel im Keller -herbeigeholte sächsische König dem russischen General Toll mit bleichem -Gesicht, daß sein hoher Verbündeter Leipzig sicherlich nur deshalb -verlasse, um mit seiner Armee auf freiem Felde zu manövrieren. -- - -In Dresden hatte unterdessen der Marschall Davout infolge Sprengens der -Elbbrücke unter der Bevölkerung maßlose Erbitterung erregt, und der -Kommandant von Torgau, General Thielmann, war in die russische Armee -eingetreten, da er die vom König befohlene Auslieferung der Festung an -die Franzosen als entehrende Schmach empfand. - -Noch war Napoleon mit seiner Hauptmacht unterwegs, da wurde dem König -beim Heranrücken der Russen der Boden seines Landes unter den Füßen -heiß. Er zog sich nach Regensburg zurück und ging bald darauf nach -Prag, von wo aus er mit dem Wiener Kabinett Unterhandlungen pflog, -deren Spitze sich allerdings gegen die Franzosen richtete, und die -er aus Klugheit eingeleitet hatte, um es nicht mit beiden Teilen zu -verderben. Da erschien plötzlich der Kaiser in Dresden, nachdem ihm das -alte Kriegsglück bei Großgörschen wieder gelächelt hatte. - -In hellem Zorn entbot er König Friedrich August zu sich. Bei der -Kunde des Sieges Napoleons brach die mühsam behauptete Fassung -des Königs zusammen. Er eilte nach seiner Hauptstadt und empfing -zerknirscht die Vorwürfe des Kaisers. Alle Demütigungen, die Friedrich -Wilhelm von Preußen erlitten hatte, bedeuteten nichts im Vergleich -zu der Erniedrigung, der sich Sachsens König in diesen Tagen -unterwerfen mußte. Aber auch dieses Schicksal war nicht imstande, dem -dreiundsechzigjährigen König die Augen zu öffnen, sondern vertiefte in -ihm nur das Gefühl der Unterwürfigkeit vor Napoleon. - -Einer von den Männern, die die politische Lauheit ihres Volkes von -vornherein ergrimmte, und denen die Scham über das unwürdige Gebahren -von König und Regierung ins Herz brannte, war Konrad Hartmann. Mit -Freude vernahm er von der gewaltigen Erhebung des preußischen Volks -und er konnte eine Anwandlung von Neid nicht unterdrücken, wenn er -diese Begeisterung und Opferwilligkeit mit der schwankenden Haltung -der breiten Kreise der sächsischen Bevölkerung verglich. Denn aus -dem menschlichen Hingezogenfühlen zu diesem, den Sachsen durch seine -unerschrockene Erhebung hohe Achtung einflößenden deutschen Stamme, -aus den eingebildeten Gefühlen der Dankbarkeit und der Anbetung des -Genies, der stillen Eitelkeit, daß der von der ganzen Welt bewunderte -Franzosenkaiser sich offen als Freund des sächsischen Volkes bekannte -und endlich der gewohnten, alles gutheißenden Ergebenheit zu dem König, --- aus all diesen widerstreitenden Empfindungen heraus wollte in -Sachsen noch immer nicht überall die Erkenntnis des wahren Standes der -Dinge heraufkommen. - -Konrad hatte schon mehrfach versucht, gleichgesinnte Männer zu finden. -Bei Max hatte er zuerst angeklopft, obwohl er von früher her dessen -Gesinnung kannte. Es war auch diesmal nicht möglich gewesen, den -Freund für seine Ideen zu gewinnen. Zwar verfolgte Max den Gang der -Ereignisse mit Aufmerksamkeit, aber dem Plan Konrads, im Stillen -für eine gewaltige Kundgebung gegen die laue Regierung zu arbeiten, -konnte er nimmermehr zustimmen. Das aristokratische Gefühl, das er -mit dem Blut empfangen hatte, beherrschte ihn so stark, daß er jeden -Plan zu einem Unternehmen, den Entschlüssen der Regierung gewaltsam -entgegenzutreten, verwarf. Er war nicht umsonst der Nachkomme eines -Geschlechts, das jahrhundertelang für die Autorität der Staatsregierung -durch dick und dünn geritten war und dem der Wille des Landesherrn -allzeit als oberstes Gesetz gegolten hatte. Wenn er auch nicht an die -Unfehlbarkeit der Monarchen glaubte, so war es nach seiner Überzeugung -doch besser, wenn sich ein Volk selbst dann, wenn seine Geschicke -durch die irrige Politik seines Königs drückend wurden, dem Lose -willig fügte, als durch eigene Versuche eine Änderung der Verhältnisse -herbeizuführen. Das hohe Gefühl der Verantwortlichkeit gegenüber der -Vorsehung, die sie eingesetzt, hatte die Herrschenden auf Sachsens -Thron zu allen Zeiten den richtigen Augenblick erkennen lassen, zu dem -sie das Steuer des Staatsschiffes wirksam gebrauchen und seinen Kurs -ändern mußten. - -Konrad hatte mit großer Beredtsamkeit auf die vielen Fehler -hingewiesen, die in den letzten Jahren in Dresden gemacht worden waren, -ohne daß es seinen Worten gelungen wäre, den Freund umzustimmen. - -Dann ging der Rabensteiner zu andern, bei denen er Erhörung hoffte. -Aber auch hier machten seine Worte keinen großen Eindruck. Des Krieges -waren sie alle müde, aber sie begriffen es nicht, wie einer so kühn -sein konnte daran zu denken, daß das Volk einen Einfluß auf die -Beendigung des Krieges gewinnen könne. Für solche Sachen hatte man ja -die Regierung. Und wenn diese, die das Elend des Landes sicherlich -genau kannte, nicht imstande war eine Änderung herbeizuführen, wie -sollte es dann der einzelne Bauer können? - -Drüben in Preußen lag die Sache ja ganz anders. Dort handelte der König -gemeinsam mit seinen Untertanen. - -Und die Sprecher schlugen mit der schwieligen Bauernfaust krachend auf -den Tisch und schwuren, daß sie nun genug hätten von den ewigen Kriegen -und daß sie, wenn man nach ihnen riefe, bereit seien, die Blutsauger zu -Paaren zu treiben, -- freilich müsse man, fügten sie kleinlaut hinzu, -doch erst abwarten, ob denn der König dies auch so haben wolle. - -Mit Ingrimm lachte Konrad diesen Helden dann ins Gesicht und -versicherte ihnen, daß sie, wenn sie darauf warten wollten, nie im -Leben ein Schießeisen in die Hände zu nehmen brauchten; die Schrecken -des Krieges mit seinen Verlusten an Blut und Gut würden dann aber auch -niemals enden. - -Bei den Besitzenden hatte Konrad nichts ausgerichtet. Sie bangten -vielzusehr um ihre Habe und hätten sich ihr Eigentum eher stückweise -unter den Händen wegreißen lassen, als sich dazu aufzuraffen, dem -unersättlichen Angreifer entschlossen entgegenzutreten. - -Hierauf ging der Unermüdliche zu den Besitzlosen, zu denen, die um ihr -tägliches Brot hart arbeiteten. Denn auch diese litten schwer unter -den Kriegszeiten. Er sprach von der mit Füßen getretenen Ehre des -Volks. Das verstanden sie nicht. Dann erzählte er, wie schön es doch -wäre, wenn die Franzosen das Land verließen und nicht wiederkehrten. -Das gefiel ihnen. Zuletzt malte er die Segnungen gedeihlicher -Friedensarbeit aus. Wie das arg verwüstete Land wieder aufblühen würde, -der Wohlstand zurückkehre und auch für sie wieder bessere Zeiten -anbrechen müßten. Da schmunzelten die also Angesprochenen, hielten -den Pflug an, oder machten den krummen Rücken gerade und stellten den -Fuß auf den Spaten und erkundigten sich, ob der Mittelknecht dann -wieder dreißig Taler bekäme statt der zwanzig wie jetzt, und ob das -Besserwerden schon von der nächsten Woche ab losgehe, oder wann sonst. -Wenn die Franzosen gingen. -- Ob die bald gingen? -- Die gehen nicht -von selbst, wir müssen sie zum Lande hinauswerfen. -- Staunen! -- Aber -ihr Kaiser, der Napoleon, was mit dem werden solle? -- Der muß mitsamt -seinem Heere fortgejagt werden. -- -- - -Da wurden die Gesichter lang und länger, und mitleidige Blicke trafen -Konrad. Schade um ihn! Der Rabensteiner war bisher ein Mann gewesen, -vor dem man Achtung haben mußte, weil er alle Dinge kannte; aber jetzt -war es aus mit ihm. Er hatte immerfort in dicken Büchern gelesen und -sich dabei überstudiert. So war er, der Alleswissende, im Kopfe schwach -geworden und sah den Mond für ein Käsekäulchen an. Und mit lautem hüh -wurden die Gäule wieder angetrieben, daß der scharfe Zahn des Pfluges -das Erdreich von neuem aufriß, und das Grabscheit stichelte fleißig -weiter, um die nutzlos geopferte Zeit wieder einzuholen. - -So erging es Konrad überall. Ob Herr, ob Knecht, der Gesichtskreis -beider hörte unmittelbar hinter den Abschlußrainen ihrer Wiesen und -Felder auf, und mit hartnäckigem Bauernstarrsinn horchten sie an seinen -Worten vorbei. - -Nun lief Konrad auf die Nachbardörfer wo er einen Gleichgesinnten -wußte, vielleicht hatte dieser mehr Erfolg. Aber er erlebte eine -Enttäuschung über die andere. Überall wo er fragte, vernahm er dieselbe -Antwort: es ist unmöglich, die Leute für die Sache zu gewinnen. - -Da reifte, gleichsam wie das Weizenkorn in der Erde unter den -belebenden Strahlen der Frühlingssonne, zwischen den bittern Gefühlen -über die Gleichgültigkeit und Stumpfheit seiner Landsleute und dem -die Brust beengenden Haß gegen die Bedrücker, in der Seele des jungen -Mannes langsam der Entschluß, die Sorge für seinen Hof der Mutter -allein zu überlassen und in das preußische Heer als Freiwilliger -einzutreten. - -Die Ausführung dieses Planes sollte aber sobald nicht verwirklicht -werden. Konrads Mutter wurde von einer tückischen Krankheit hart -darniedergeworfen und rang während mehrerer Wochen mit dem Tode. Und -als endlich die Gefahr für ihr Leben vorüber war, genas sie sehr -langsam, und Konrad mußte während dieser ganzen Zeit so angestrengt -schaffen, daß er sich nicht wenig verwunderte, wieviel Arbeit seine -Mutter doch bisher still verrichtet hatte. - -Der Sommer des Jahres 1813 ging ins Land. Die für Napoleon siegreichen -Schlachten bei Bautzen und Dresden wurden geschlagen und stärkten -seinen Kriegsruhm von neuem. Fast zur gleichen Zeit aber wurden die -hervorragendsten Generale des Kaisers von preußischen Armeen besiegt, -so daß die zuversichtliche Stimmung in den Reihen der Franzosen arg -litt, während die Siegeshoffnung der Verbündeten immer mehr wuchs. - -Aus allen Teilen des sächsischen Landes kamen jetzt Nachrichten -über Sympathiekundgebungen für die verbündeten Truppen. In Dresden -wurden die Stimmen, die noch für den Kaiser waren, niedergeschrieen, -und mit Frohlocken sprach man die Tatsache weiter, daß eine ganze -Anzahl Leipziger Studenten als Freiwillige zu den preußischen Fahnen -geeilt sei. Napoleons Zorn wandte sich deshalb gegen diese verhaßte -Stadt. Er legte ihr eine Brandschatzung auf und erklärte sie in -Belagerungszustand. - -Für den König aber und seine Minister schien die wachsende Begeisterung -im Lande überhaupt nicht zu bestehen. Mehr den je fand Friedrich August -das Verhältnis zu Napoleon natürlich und heilbringend für sich und -sein geprüftes Volk. Den niedrigsten Tiefstand von Entfremdetsein mit -den Ereignissen dieser bedeutungsvollen Tage aber erreichten Sachsens -Regierende um die Mitte des Monats August. - -In unglaublicher Verblendung wurde nämlich der General von Gersdorff -beauftragt, dem Kaiser eine Note zu überreichen, worin der König bat, -die von Napoleon schon in Aussicht gestellte Gebietsvergrößerung -Sachsens um 500000 Seelen ihm beim Friedensschlusse mit den besiegten -Preußen und Russen dergestalt zu gewähren, daß ein Teil Schlesiens mit -Sprottau und der Festung Glogau an Sachsen falle, um eine unmittelbare -Verbindung mit dem Herzogtum Warschau herzustellen. Und selbst dann -war der suggestive Einfluß Napoleons auf den König von Sachsen noch -ebenso gewaltig, als die Niederlagen der Franzosen bei Großbeeren, Kulm -und Dennewitz in den Straßen der sächsischen Hauptstadt ausgerufen -wurden und der Jubel der Bevölkerung das düstere Schloß der Wettiner -umtoste. - -In den größeren Städten des Landes bekannte man sich jetzt offen für -die Verbündeten, und als in der Nacht zum 23. September der Major von -Bünau mit einem sächsischen Bataillon König bei Oranienbaum zu den -Preußen überging, schwoll die Abneigung gegen die Franzosen so an, daß -die Wogen der Begeisterung über die Ufer hinausrollten und sich bis -in die kleinsten Ortschaften des Landes ergossen. Mit Wut sah man auf -die Ausschreitungen einzelner schlecht in der Mannszucht stehenden -französischen Regimenter und bemerkte mit Freude, daß die Anzahl ihrer -Fahnenflüchtigen wuchs, die in hellen Haufen dem Rheine zuwanderten. - -Konrad war unterdessen nicht müßig gewesen. Er hatte nicht -nachgelassen, für den Eintritt in preußische Dienste Stimmung zu -machen, und seinen unermüdlichen Anstrengungen war es zuletzt gelungen, -im Dorfe ein paar Gesinnungsverwandte zu finden. - - * * * * * - -Auf dem Freihofe war es in diesem Sommer ziemlich still zugegangen, -denn es war ja noch immer Trauer im Hause. Die Ernte war zwar -gut gewesen, aber man hatte nicht viel davon hereingebracht. Die -wiederholten Truppendurchzüge, mit denen die Gegend vom Tage von -Großgörschen ab überschwemmt wurde, hatten viel davon aufgezehrt. -Fast den ganzen Hafer hatte Max, gerade als er sich goldig färbte, an -französische Reiterregimenter auf dem Halme verkaufen müssen. Nicht -viel anders war es ihm mit dem Roggen gegangen, von dem er in diesem -Jahre so viel besaß, und den Weizen hatte er schon im Frühjahr einem -der herumreisenden Regierungsagenten versprochen, der ihn bei jeder -Begegnung obendrein an die in Aussicht gestellten zweitausend Scheffel -Kartoffeln erinnerte. - -Von allen Seiten war mit gutem Gelde bezahlt worden, auch von den -Franzosen. Später aber gaben diese nur noch Anweisungen auf die -Regierungskasse in Leipzig, die kaum imstande war, alle Anforderungen -zu befriedigen. Zuletzt kamen auch Einbußen. Die Einquartierungen -wollten nicht enden, und die französischen Kommissare feilschten um -das Vieh wie die schlimmsten Juden, und man mußte höllisch aufpassen, -daß mit der schlecht bezahlten Kuh nicht auch das Kalb aus dem Stalle -verschwand. Das Federvieh konnte nicht mehr herausgelassen werden. Wenn -man den Rücken wandte, streckten sich sechs Hände zugleich nach der -dürrsten Henne aus. Die französischen Soldaten waren oft betrunken und -begingen dann Ausschreitungen. - -Als Max eines Abends in den durch eine Lampe notdürftig erleuchteten, -kleinen Rinderstall trat, kam er gerade zur rechten Zeit, um eine -sich heftig sträubende Magd aus den Armen eines hochgewachsenen -französischen Korporals zu befreien. Wie ein Vampyr hing der Kerl an -dem zitternden Mädchen, das ihn nicht abschütteln konnte, obwohl es die -ganze Kraft seiner starken Arme aufs äußerste anspannte. In zornigem -Tone herrschte Max den Franzosen an, worauf dieser, ohne das Mädchen -aus den Armen zu lassen und erzürnt ob der Störung, ihn frech musterte. -Da überkam den jungen Gutsherrn vom Freihofe ein gesunder Zorn. Mit -einem langen Schritte trat er hinzu, faßte den Soldaten mit der Faust -am Rockkragen, riß ihn vom Mädchen weg, schüttelte ihn wie eine Katze -ein paar mal hin und her, daß dem liebestrotzenden Marssohne Hören und -Sehen verging und warf ihn dann mit solcher Kraft gegen die Stalltür, -daß deren Zapfen sich in der Mauer lösten, und er im Verein mit dem -obendrein zersplitternden, alten Holzgitter prasselnd hinaus auf den -Hof flog. - -Die Freihoferin war seit Elisabeths Tode noch wortkarger geworden. -Um die Wirtschaft kümmerte sie sich nicht mehr sonderlich viel. Am -liebsten saß sie in der großen Stube am hintern Fenster und sah hinaus -im den Obstgarten. Dort konnte sie lange sinnen und schweigsam den Ort -betrachten, wo Elisabeth als Kind immer gespielt hatte. - -Maria kam täglich zu ihr. Mit dem feinen Takte, den man in hohem Grade -bei edeln Frauen findet, hatte sie jeden Zärtlichkeitsbeweis der -Mutter ihres Verlobten gegenüber unterlassen. Die Nichte war ihrer -Tante vom ersten Tage ab mit ruhiger Sicherheit begegnet, als wenn sie -schon seit Jahren um sie herum wäre. Nichts erschien ihr auffällig -und ohne sich in der Ausführung ihrer Dienste zu übereilen, war sie -voll Aufmerksamkeit bemüht, die Wünsche der Greisin von ihrem Gesicht -abzulesen, das freilich nur wenig von dem verriet, was in ihrem Innern -vorging. Das zurückhaltende Benehmen Marias gefiel der Freihoferin. -In kurzer Zeit hatte ihr scharfer Verstand das Wesen der jungen -Nichte erkannt, und mit geheimem Entzücken entdeckte sie neben den -herrlichsten weiblichen Tugenden ein Herz voll Liebe, das auch für sie -schlug. Und als eines Abends Maria vor der Greisin stand, um Abschied -zu nehmen, fühlte die feine, weiße Hand, die sonst nur flüchtig in der -von vielen blauen Adern durchzogenen geruht hatte, sich festgehalten. -Langsam erhob sich die Greisin vom Stuhle, weidete sich ein paar -Augenblicke mit Entzücken an der Schönheit des in großer Verwirrung -errötenden Mädchens und zog es endlich an die Brust und küßte es -wiederholt. Da öffnete sich die Tür, und unbemerkt von beiden erschien -Max auf der Schwelle, um seine Braut abzuholen, damit er sie, wie -allabendlich, über die Wiesen begleite. Ein Sekunde lang schaute er mit -großen Augen auf die Gruppe, dann verließ er leise wieder das Zimmer. - -Von diesem Tage ab erschien die Freihoferin den Leuten getrösteter. -Der herbe Leidenszug war von ihrem Gesicht verschwunden und hatte dem -Ausdruck eines geklärten Schmerzes, wie der Mensch ihn zur Schau trägt, -wenn er sich mit Würde in sein Schicksal zu finden weiß, Raum gegeben. -Nun ging sie auch wieder öfters als in den letzten Wochen über den Hof, -hinüber nach den Scheunen und Ställen. Aber ihr Gang war nicht mehr so -sicher wie bisher, und das spärliche, glattgestrichene Haar, das noch -vor wenigen Jahren tiefschwarz war, lag auf dem Kopfe wie in mattem -Silberglanze leuchtende Seide. - -Die Hochzeit der jungen Leute sollte nach der Ernte sein. Die -Vorbereitungen hierzu wurden auf das eifrigste betrieben, als sie ganz -unerwartet jäh unterbrochen werden mußten: Marias Vater erlitt einen -Schlaganfall, der den alten Herrn todkrank machte. Seine kräftige Natur -raffte sich jedoch bald wieder auf, als der Anfall sich wiederholte und -er ihm erlag. Marias Schmerz war zum Herzbrechen, und erschüttert stand -Max an der Leiche des teuern Toten, der ihm mit väterlicher Liebe und -Güte zugetan gewesen war. - -Wie bei Elisabeth war die Freihoferin von dem Krankenbette nicht -gewichen, und in den letzten lichten Stunden des Verstorbenen hatten -sich die beiden alten Menschen gefunden, und die Aussöhnung, die nach -der Verlobung stattgefunden hatte, war im innersten Herzen besiegelt -worden. Mit fester Stimme segnete der Freiherr die Kinder. Darauf -wandte er sich an die Greisin, die mit ineinandergeschlungenen Händen, -den Kopf auf die Brust geneigt, wortlos am Bette stand. Der Sterbende -griff nach ihrer Hand und zog die vom Schmerze, dem keine Worte -Ausdruck geben können, Überwältigte sanft an sich. Da versagte der -Freihoferin die Kraft. Ihre Knie beugten sich, und langsam sank sie -neben dem Bette nieder und barg das Haupt in den Händen. Als aber die -tastende, zitternde Hand sanft über ihr welkes Antlitz strich, wehrte -ihr die Greisin, und aus den Händen heraus klang ihre bebende Stimme: - -»Arnold, ich verdiene Deine Liebe und Güte nicht, ich, die Dir im Leben -so schweres Herzeleid zugefügt hat.« - -Der alte Mann aber sprach mild: - -»Die bösen Zeiten sind vorüber, Constanze; möge die Erinnerung an sie -recht bald in das graue Meer der Vergessenheit hinabsinken. Ich nehme -alle Schuld, die begangen worden ist, mit ins Grab und das, was ich -zurücklasse, sei Liebe und Frieden. Ein starkes Geschlecht mag aus der -Vereinigung unserer Kinder erwachsen, und auf immerdar sollen unsere -Familien unauflösbar miteinander verschmolzen sein. Dir aber, wünsche -ich, mögen die Kinder Deinen Lebensabend sonnig gestalten, denn Du hast -ja am meisten gelitten.« - -Darauf entgegnete die Freihoferin nichts, aber sie küßte wiederholt und -voll Inbrunst die Hand des Sterbenden. - - - - -16. Kapitel. - - -Es war an einem Septembertage, als Konrad Hartmann Max mit seinem -Besuche überraschte. Die beiden Freunde hatten sich in der letzten Zeit -selten gesehen. Konrad hatte nicht aufgehört, die franzosenfeindliche -Stimmung in alle Häuser zu tragen und war seiner Aufgabe mit einem -solchen Eifer nachgekommen, daß ihm keine freie Minute übrig blieb. Max -war tagsüber in der Wirtschaft stark in Anspruch genommen gewesen, in -den übrigen Stunden aber hatte er das Haus selten verlassen. - -Zu dem kleinen Kreise, den er mit der Mutter und Maria bildete, hatte -sich als viertes Mitglied Marias wiedergenesene Tante hinzugesellt, -die bis zur Hochzeit und Übersiedlung Marias nach dem Freihofe auf dem -Weißen Schlosse das Zepter führte. - -Nach Bauernart sprach Konrad, ehe er mit dem herausrückte was ihn -hergeführt, erst vom Wetter, dann von der Ernte und davon, daß die -Rüben im vorigen Jahre viel besser standen als heuer. Dann kam das Vieh -an die Reihe, bis er plötzlich mitten in der Rede abriß und scheinbar -harmlos hinwarf: - -»Anfang Oktober gehe ich fort und schließe mich den Preußen an.« - -Konrad war während der Unterhaltung unruhig in der Stube auf- und -abgegangen, während Max am Tische saß und durch das Fenster das -Anspannen zweier Pferde auf dem Hofe beobachtete. - -Als Konrad geendet, fuhr Max herum und ließ seine Augen forschend auf -dem Gesicht des Freundes ruhen, gleichsam um dessen geheimste Gedanken -zu erraten. Und je länger er ihn betrachtete, je überzeugender kam -ihm die Gewißheit, daß der Freund seine Worte in unerschütterlichem -Ernste gesprochen hatte. Aber es war ihm nicht möglich, sich mit dem -Gedanken so schnell vertraut zu machen, daß Konrad wirklich schweren -Kriegsdienst tun solle. Mit ungläubigen Blicken, beinahe lächelnd, -betrachtete er die schwache Gestalt des Freundes, und noch nie war ihm -dessen Wuchs so knabenhaft erschienen als in diesem Augenblick. Da -begegneten Konrads Augen den seinigen, und blitzschnell verstand dieser -die stumme Sprache, die sie führten. - -Eine heftige Blutwelle schoß ihm in das Gesicht, und es dauerte eine -kurze Weile, bevor er sprechen konnte. Und dann hatte die sonst so -sichere Stimme allen Klang verloren und zitterte leise und verriet die -tiefe Bewegung ihres Besitzers. - -»Max, glaubst Du, daß sie mich zurückweisen, wenn ich mich bei der -Armee der Verbündeten als Freiwilliger melde?« - -Max hatte eine leichte Entgegnung auf den Lippen. Da kam ihm der noch -nie gehörte Ton zum Bewußtsein und er fühlte die Augen des Freundes in -qualvoller Unruhe auf sich gerichtet, als wenn von seinem Spruche das -Gelingen des Planes abhinge. Da erschrak er bei dem Gedanken, daß er -eben im Begriff gewesen war, Konrad wehzutun. Es war bei ihm ja auch -weniger der Zweifel in die Tüchtigkeit des Freundes zum Waffentragen -als vielmehr sein zäher Widerspruch gegen alle Unternehmungen des -sächsischen Volkes die darauf hinausgingen, sich gegen die Politik der -Regierung aufzulehnen. - -Deshalb sagte er begütigend: - -»In den preußischen Regimentern wird bei dem Strome von -Kriegsfreiwilligen jeden Alters sich ganz bestimmt eine große Anzahl -solcher befinden, deren schwacher Körper obendrein an schwere Arbeit -nicht gewöhnt ist.« Und als er sah, wie die Besorgnis aus dem Gesichte -Konrads zu weichen begann, setzte Max hinzu: - -»Deine außergewöhnliche Gewandtheit zu Pferde wird man ja bald -erkennen, und Du kannst sicher sein, daß sie Dir vortreffliche Dienste -leisten wird.« - -»Gebe Gott, daß Du recht hast,« antwortete Konrad, »denn ich -beabsichtige, mich um die Aufnahme in ein Husarenregiment zu bewerben. -Aber Max, nur um Dir dies zu erzählen, bin ich nicht hierhergekommen; --- ich kann es noch immer nicht glauben, daß Du zurückbleiben könntest, -wenn Du uns gehen siehst.« - -Da wandte Max das Gesicht erneut zu Konrad und sagte mit schlecht -verbissenem Lächeln: - -»Soll ich mich mit meinem Körpergewicht von dritthalb Zentnern etwa -auch für ein Husarenregiment einschreiben lassen?« - -»Keine Scherze, Max,« bat Konrad, der seine ganze Sicherheit -wiedergewonnen hatte, »die Zeit ist zu ernst zum scherzen. Wenn mich -nicht so feste Bande an Dich fesselten, würde ich nicht hier stehen und -noch einmal versuchen, Dich zum Mitgehen zu bewegen. - -Du wünschest sehnlichst friedliche Zeiten herbei. Gut, das weiß ich, -aber glaubst du vielleicht, daß der Frieden kommt, wenn die Regierungen -einzelner deutschen Staaten sich darin überbieten, dem fremden Eroberer -zu lobhudeln, anstatt dem Beispiele ihrer Bruderstämme zu folgen, bei -denen einsichtsvolle und beherzte Männer die lange genug am Boden -schleifenden Zügel des in toller Fahrt dahinjagenden Staatskarrens mit -Verachtung der Gefahr in die Höhe reißen?« - -Max war während der Worte des Freundes ernst geworden. Jetzt antwortete -er: - -»Dein leicht erregbares Blut spielt Dir einen Streich, Konrad. Du -siehst nicht die Steine, die am Wege liegen, bis Du ihre scharfen -Kanten spürst und Dir die Füße an ihnen wundgestoßen hast. Wir Sachsen -haben immer mit dem besten Erfolge die Geschicke des Landes in die -Hände unserer Fürsten gelegt. Ob die abwartende Haltung des Königs und -der Minister uns nicht doch noch zum Segen gereicht, wissen wir heute -nicht. Ruft uns die Stimme des Königs gegen Napoleon, dann wird ihm von -seinem Volke dieselbe Hingebung zuteil, wie sie Friedrich Wilhelm von -seinen Untertanen empfängt. Aber gegen den Willen des Königs darf sich -ein Volk erst dann auflehnen, wenn es sich überzeugt hat, daß seine -Existenz bedroht ist, oder daß es schweren Schaden erlitte, wenn die -eingeschlagene Straße weiter verfolgt würde.« - -Bis hierher hatte Konrad an sich gehalten, jetzt brach er los: - -»Wie weit willst Du denn die Probe ausdehnen? Wann ist für Dich der -gegebene Augenblick gekommen, zu dem die Nation eine Abkehr von der -Politik des Landesherrn mit Recht fordern darf? Sieh Dich um, Max! -Aus allen Teilen des Landes des langmütigen Sachsenvolkes kommen -Nachrichten von heftigen Einsprüchen gegen die Stellung der Regierung. -Das ist der sich erhebende Sturm, der vor dem Hereinbrechen des -Gewitters über die Fluren braust. Nur zu lange haben wir der Führung -blind vertraut; jetzt schrecken wir auf und sehen mit Entsetzen, daß -dicht vor unsern Füßen ein tiefer Abgrund gähnt. Wie kannst Du noch -von den heiligen Untertanenpflichten gegen den König sprechen, wenn -dieser uns von der Höhe des Ansehens und der Achtung, die wir bei -unsern Nachbarn genossen, tief hinabgeführt hat in Niederungen, wohin -uns nichts als höhnische Zurufe und verächtliche Blicke begleiteten. -Unser Land ist ausgesogen und dem Ruin nahegebracht, und seine besten -Söhne liegen ruhmlos in fremder Erde oder kämpfen schimpflich gegen -die heldenmütigen Verteidiger deutscher Ehre und deutschen Bodens. -Unaussprechlicher Jammer ist in die Wohnungen unseres guten Volkes -eingekehrt; Armut schwingt die Geißel, und Not und Sorge hocken am Herd -und blasen die spärlichen Feuer aus. Dafür lodern aber die gefräßigen -Flammen anderwärts hell auf: zwanzig Dörfer brannten zwischen -Königswartha und Görlitz in den Tagen, wo um Bautzen gekämpft wurde, -und ihr blutigroter Schein am Nachthimmel leuchtete den Entmenschten, -die sich Freunde unseres Landes nennen, als sie den Bauern das -letzte Stück Vieh aus den Händen rissen, das ihm von dem in Trümmern -liegenden Besitz seiner Väter geblieben war. Die schlimmsten Gräuel -des dreißigjährigen Krieges steigen wieder herauf wenn man vernimmt, -daß Tausende von Bauern aus den niedergebrannten Dörfern in die Wälder -flüchten mußten, um das nackte Leben zu retten. Und wenn am Sonntag -die geängstigten und schwergeprüften Landleute sich in den Kirchen -wiederfinden, dann müssen sie vernehmen, wie von den Kanzeln herab der -Segen des Allmächtigen für die Waffen des _Beschützers_ des Landes -erfleht wird. Max, ich sage Dir, hüte Dich, daß Du aus Liebe und Treue -gegen den König nicht zum Verräter an Deinem Volke wirst!« - -Hier schwieg Konrad, um den Freund sprechen zu lassen. Der aber -antwortete nicht. Wie eine Bildsäule saß er im Stuhle und starrte vor -sich nieder. - -»Jahrhundertelang,« fuhr Konrad bitter fort, »lagen die deutschen -Stämme gegen einander in Streit, wie die Nachkommen einer Mutter, die -sich gegenseitig verderben. Einer gewaltigen Arena glich das deutsche -Land, und die Völker Europas saßen auf den Stufen und schauten mit -vergnügten Mienen auf die Kämpfenden. Zu allen Zeiten wurde ein Grund -gefunden, der es ermöglichte, daß man eine lange Reihe von Jahren -gedeihlichen Friedens vermeiden konnte. Krieg und Verwüstung war die -Losung! Heute verlangt es der König, daß in der großen Zeit einer -einmütigen Erhebung gegen die Feinde Deutschlands sein Volk die Waffen -gegen die befreundeten Nachbarn erhebe, um den Blutdurst des Anführers -eines jahrhundertealten Feindes allen Deutschtums zu stillen. So -vertilgen wir einander mit Ingrimm selbst, bis endlich an den Ufern der -deutschen Ströme fremde Laute erklingen und fremde Sitten gepflegt -werden, und man von uns sprechen wird, wie von einer untergegangenen -Stadt; -- -- ein neues Glied im Totentanze der Völker! Heute helfen -wir unsere Stammesbrüder niederwerfen und sehen in unbegreiflicher -Verblendung nicht voraus, daß sich der Fuß des Siegers auch seinem -Helfer auf den Nacken setzen wird. - -Was wirst Du einstmals empfinden, Max, wenn Du siehst, wie Deine -Töchter mit niedergeschlagenen Augen Unfreien zum Altare folgen! Und -was wirst Du antworten, wenn sich Dein Sohn mit blitzenden Augen vor -Dich hinstellt und fragt: Vater, ist es wahr, daß es einstens welche -gegeben hat, die die große Sache mit kleinlichen Bedenken bekämpften, -bis es zu spät war? Und das sage ich Dir, Max, Kinder sind zuweilen -unerbittlich strenge Richter für die Taten ihrer Väter!« - -Max hatte während der ganzen Rede Konrads stillgeschwiegen. Auch jetzt, -nachdem dieser geendet, blieb er stumm sitzen, den mächtigen Oberkörper -fast auf dem Tische liegend und mit beiden Ellbogen stützend. Ein paar -Sekunden verstrichen, ohne daß einer der beiden Männer ein Wort sprach. -Da endlich unterbrach Max das Schweigen und fast wie im Selbstgespräch -sagte er mit halblauter Stimme, die gezwungen ruhig klang: - -»Ich kann es keinem erlauben zu behaupten, daß ich ihm nachstünde in -der Liebe zu meinem Volk und meinem Vaterlande. Ich habe es bereits -ausgesprochen, daß ich bereit bin, zum richtigen Zeitpunkt mein Leben -in die Schanze zu schlagen. Bis dahin bin ich bemüht, das Elend und -die Not meiner Mitmenschen zu mildern, soweit es in meiner Macht -steht -- --« - -»Max,« unterbrach hier Konrad ungeduldig, »verzeihe mir, wenn ich Dich -verletze. Aber auch Du hast, wie so viele andere, in den Augenblicken -der höchsten Not nichts als Worte. Das Vaterland liegt auf den -Tod darnieder und krümmt sich unter den schweren Schlägen, die es -erschüttern. Einige Wenige nur sind es, die ihm beispringen, die großen -Massen aber stehen dumpfbrütend zur Seite und lassen es verbluten. Daß -Du für die Schwachen, für die Frauen und Kinder Deinen Leib einsetzen -würdest, glaube ich Dir, denn nur ein Hundsfott handelt anders. Aber -wenn je, dann ist es jetzt Zeit, den Worten Taten folgen zu lassen, -heraus mit der Plempe, wer gut sächsisch denkt, auf daß wir nicht mehr -das Gespött von Millionen guter Deutschen bilden. Wer jetzt, in den -Tagen der großen Wehen noch lau ist, auf den wird einst das kommende -Geschlecht mit Fingern zeigen.« - -Da machte der breit am Tisch sitzende Mann eine plötzliche Bewegung, -erhob sich und ging mit dröhnenden Schritten auf den Sprechenden zu, -bis er dicht vor ihm stand. Sein Gesicht war gerötet, und seine breite -Brust erzitterte unter den schweren Atemstößen. - -»Konrad,« stieß er hervor, und bezwang seine große Erregung, daß er -nicht laut aufschrie, »bedenke, was Du sprichst? Du führest große Worte -im Munde; hüte Dich, daß die Wogen, die Du aufpeitschest, nicht über -Deinem Kopfe zusammenschlagen. Es klingt ein brausender Klang durch -Deine Rede, aber es wäre entsetzlich, wenn den, der sich begeistern -ließe, nur ein Trugbild narrte. Welche Schuld können die Männer auf -sich laden, die einen großen Sturm im Lande entfachen! Der Kaiser -würde, wenn es ihm gelänge, die Heere seiner Gegner niederzuwerfen, -unser Land grausam strafen. Edler Freiheitsdrang und kühner Wagemut -würden tiefste Demütigung gebären, und die dem Volke auferlegten Opfer -müßten alles bisher Erlittene weit übertreffen. Die einmal entfesselten -Gewalten sind nicht mehr niederzuhalten. Sind erst die Leidenschaften -geweckt, dann sind die Menschen blind und wüten, wenn der Plan -fehlschlägt, gegeneinander, sich selbst zerfleischend.« - -»Still, still,« fiel Konrad dem Freund in die Rede, »du bist im Irrtum, -wenn Du glaubst, daß ich jetzt noch für eine lärmende Erhebung gegen -die in unseres Volkes Mitte weilenden Zwingscharen Stimmung machen -wolle. Ich will, wie ich Dir schon sagte, mich dem preußischen Heere -anschließen und versuchen, noch eine Anzahl warmherziger Männer für -diesen Plan zu gewinnen. Und so, wolle es Gott, möge man in vielen -andern sächsischen Ortschaften auch denken. Aber ohne Lärm muß dies -geschehen, sonst wird unser Vorhaben vereitelt, denn wir sind rings von -Spionen umgeben, die der uns Sachsen längst nicht mehr trauende Kaiser -unterhält. Du befürchtest, daß die Armeen der Verbündeten den Franzosen -zuletzt wieder unterliegen müßten? O, Du Kleingläubiger! Komm, zieh mit -uns und hilf die Reihen der deutschen Streiter vergrößern, auf jedes -Mannes Faust und Auge kommt es an. Die unerschütterliche Zuversicht -aber laß in Deine Seele einziehen: Männer von dem unbeugsamen Willen -zu siegen oder zu sterben, wie sie den wallenden schwarzweißen Fahnen -nachfolgen, können wohl geschlagen, nie aber besiegt werden, denn sie -kämpfen ja alle für ihre verlorenen höchsten Güter. Gebiete deshalb -der beschwichtigenden Stimme in Deinem Busen Schweigen, sie will -Dir den Mannesmut ersticken! Du milderst Elend und Not, die um dich -herum grinsen? Gewiß, das tust Du, und das habt Ihr Tiefenbachs im -Verborgenen immer getan. Ja, Du tust noch mehr! Dein nüchtern denkender -Kopf hat schon manchen glücklichen Ausweg gefunden, und Dein Rat -wird von jedermann hoch geschätzt. Keine Mühe verdrießt Dich, wenn -es gilt, das Gemeinwohl im Dorfe zu fördern. So verleihen Dir Herz -und Verstand Eigenschaften, daß Du Dich trotz Deiner jungen Jahre wie -keiner sonst großen Ansehens erfreust, weit in der Landschaft. Aber ist -das das Höchste, mit dem Nächsten das Brot teilen und ihm, wenn er in -Bedrängnis, mit gutem Rat zur Seite stehen? Dazu bedarf es doch keiner -hohen Eigenschaften! Dein Ziel muß weiter draußen liegen. - -Ich will Dir sagen, Max, was besser ist als treu mit dem Volke die -Straße dahinziehen: Du mußt es führen! Dein Blick soll weithinaus -schauen. Wo steinigte Abhänge und fruchtbare Täler liegen, mußt -Du wissen, Gefilde, die die belebenden Sonnenstrahlen täglich -umschmeicheln und verlorene Plätze, wo kalte Nebel ziehen und schwere -Stürme jahraus jahrein daheim sind, dürfen Dir nicht verborgen sein! -Dort, wohin heute die Deinen gelangen, mußt Du schon gestern geweilt -haben, und wenn ihr Zug am Kreuzweg ankommt, betrittst Du als erster -den richtigen Pfad, der nach Deinen besten menschlichen Erwägungen -von den Dir Hinterdreinziehenden zu ihrem Heile begangen wird. Stell’ -Dich darum jetzt an unsere Spitze, denn Du bist unser geborener -Führer. Laß Deine Beredtsamkeit auf die Männer wirken und reiße die -Zögernden durch Dein Beispiel mit fort. Schwing Dich hoch hinauf, -betrachte von den Zinnen der Geschichte die Völkerstraßen und urteile -dann, ob Entschlossenheit und Draufgehen oder Ergebenheit und täglich -erneutes Weiterquälen für das Heil eines Volkes besser sind. Der -gemeine Mann ist zaghaft und beschränkt, er betrachtet jedes Abweichen -vom Althergebrachten als einen Sprung ins Dunkle und berechnet die -Möglichkeit des Wachsens oder Verminderns seines Besitzes an den -zitternden Fingern, indem er den Gewinn mit eins, den Verlust aber mit -vier multipliziert. Lehre Du ihn, daß es Augenblicke gibt, in denen man -sein Leben und die gesamte Habe auf das kippende Brett setzen muß, und -daß zu allen Zeiten diejenigen Völker aus Wirbelwind und Wogen endlich -ihre Schiffe in sturmfreies Wasser brachten, die mit Verachtung der -Totesnöte das Erz des Kieles durch Flut und Brandung hindurchtrieben. -Mag auch die Wimper zucken und die nervigste Faust zittern, -- den -hohen Einsatz lohnt der hohe Gewinn!« - -Konrad hielt einen Augenblick inne und neigte seinen Kopf vor, als wenn -er etwas Geheimnisvolles zu sagen habe. Dann fuhr er mit veränderter -Stimme, die Worte abreißend, hastig fort: - -»Darum handle, Max, ehe es zu spät ist! Mir folgen ihrer sechs, nicht -mehr, Dir alle. Dein Einfluß ist gewaltig, der meinige schwach. Der -Rabensteiner mit seiner Hundehütte von Hof kann schon etwas wagen, -sagen sie. Geh, zeige ihnen, daß Du, der Freihofer, der größte Bauer -weit in der Runde, Deinen Hof im Stiche läßt, um des Vaterlandes -willen. Lehre den Starrköpfen, daß die höchsten Ziele eines Volkes -nichts zu tun haben mit der kleinlichen Sorge um Nahrung für Weib und -Kind für den nächsten Tag. Rüttle sie auf und stachle schonungslos -ihren Ehrgeiz an, auf daß in ihren Herzen die edelsten Mannestugenden -wach werden und sie sich darauf besinnen, daß ein tatenloses Volk -in Ketten sich aus den abscheulichsten Kreaturen unter der Sonne -zusammensetzt. Geh in die Häuser und zwinge die Männer unter deinen -Willen. Wirb für die große Idee, ich werde Dir treulich helfen. Mache -Helden aus den Säumigen und Bedenklichen und führe sie denen zu, die -ihr Blut verspritzen für die Freiheit der deutschen Erde!« - -Max hatte in zusammengesunkener Haltung, das Kinn herabgesenkt, den -glühenden Worten des Freundes gelauscht. Ihm war, als wenn eine -berückende Musik sein Ohr träfe, deren Klang er noch nie vernommen. -Die schmeichelnden Tonwellen umstrickten seine Seele und brachten die -feinsten Saiten in ihr zum Klingen. - -Da richtete er seinen riesenhaften Körper mit einem Ruck zu seiner -ganzen Höhe auf, und die Brust weitete sich, als wenn neues Leben in -sie einzöge. Der blondhaarige Kopf mit dem ausdrucksvollen Gesicht und -dem starken Nacken war dieser Bewegung gefolgt und stand stolz auf den -breiten Schultern und unbeugsam von diesem Augenblick an, -- bis ans -Ende! Es war ein Bild strotzender Kraft und sieghafter Mannesschönheit. - -Nicht mit ungestümer Bewegung, sondern langsam und etwas ungelenk, um -das im Innern entfachte Feuer niederzuhalten, streckte er seine Hand -aus und sagte mit leisem Beben in der Stimme: - -»Konrad, schlag ein! Du hast recht, der Taten bedarf es, denn Worte -sind jetzt nichts anderes als das Bekenntnis der Feigheit. Die zwölfte -Stunde des gewaltigen Dramas ist angebrochen, und wir müssen uns -beeilen, denn niemand vermag den unerbittlich vorwärtsrückenden Zeiger -an der Weltenuhr aufzuhalten. Der Lässigkeit wird die Geschichte unser -Volk einst zeihen, handeln wir und tragen wir dazu bei, daß ihm der -Schimpf der Feigheit erspart bleibe!« - -»Max!« schrie Konrad jubelnd auf und seine Augen liefen ihm über, »ich -wußte es, daß Du uns nicht ziehen lassen konntest. Hier meine Hand. Mag -unser Schicksal da droben beschlossen sein, wie es will, wir folgen -unserm Herzen; ob in Nacht oder in Sonnenschein!« - - - - -17. Kapitel. - - -Von diesem Tage an begann in Rehefeld ein geheimnisvolles, emsiges -Treiben. Zuerst hatte Max mit klopfendem Herzen daheim seine Absicht -ausgesprochen. Die Mutter war, nachdem er geendet, recht still -geblieben und hatte nur mehreremal leise genickt, als wenn es sich für -sie um eine schon längst beschlossene Sache handele. Maria aber war auf -Max zugeeilt und hatte in stürmischer Bewegung ihre Arme um seinen Hals -geworfen. - -»Ich hätte Dich nicht verstanden, Geliebter,« sagte sie, sich zärtlich -an ihn schmiegend und das Haupt an seiner Brust bergend, »wenn Du -zuhause geblieben wärst.« - -Da regte sich inmitten der ernsten Stimmung der Schalk in Maxens Brust -und er fragte in scheinbar vorwurfsvollem Tone: - -»So spricht meine holde Braut? Ich hätte gehofft, sie würde Einspruch -gegen meine Absicht erheben und mich bestimmen, bei ihr zu bleiben. -Erkaltet die Glut eines Mädchenherzens so rasch?« - -Vergebens aber wartete er auf eine Antwort. Und als er nach mehreren -Sekunden den fest an seine Brust gepreßten Kopf mit einiger Mühe aufhob -und zurückbeugte, um Maria ins Gesicht zu sehen, da zeigte es sich, -daß dieses Antlitz in holdseligem Lächeln tief errötet war. Aber das -Herz des Mädchens erfüllte nicht eitel Wonne, sondern wie so oft im -menschlichen Leben wohnten auch in diesem Herzen jetzt die beiden -Geschwister Freude und Schmerz dicht beieinander. Denn es darf nicht -verschwiegen werden, daß an den langen, dunkeln Wimpern ihrer Augen ein -paar glitzernde Perlen hingen. - -In wehmütiger Freude beugte sich Max nieder und küßte leise diese -Tränen fort. - -Die Vorbereitungen zur Hochzeit aber wurden nun wieder aufgenommen -und mit vermehrtem Eifer fortgesetzt, denn noch vor dem Ausmarsch der -kleinen Schar sollte ihr Bund den kirchlichen Segen empfangen. - - * * * * * - -Die beiden Freunde waren unermüdlich im Werben, und nach wenigen Tagen -hatten sich dreizehn Männer gefunden, die die Schmach des Landes -nunmehr so bitter empfanden, daß alle Bedenken gegen die Ausführung des -Planes überstimmt wurden. - -Max war ein beredter Anwalt für die Idee; wo seine Worte nicht -überzeugen wollten, siegte zuletzt sein Beispiel. Das ganze Dorf geriet -in helle Aufregung, und in allen Häusern sprach man von dem Vorhaben. -Anfangs war es nicht leicht gewesen, mit den Männern darüber zu reden. -Ihre geistige Schwerfälligkeit verhinderte, daß sie den so schnell -veränderten, politischen Verhältnissen ebenso rasch folgen konnten. -Die Niederlagen der französischen Generale und die dadurch schwierig -gewordene Stellung Napoleons in Dresden waren zu überraschend gekommen, -und die breiten Volksmassen hatte zu sehr der Gedanke durchdrungen, daß -es heller Wahnsinn wäre, gegen die Macht des Gefürchteten anzukämpfen. -Denn von dem Tage ab, wo die Heere der Verbündeten gegen den Kaiser -losmarschierten, galt es in den störrischen Bauernschädeln für -unausbleiblich, daß der Mächtige alle feindlichen Armeen in kurzer Zeit -über den Haufen werfen würde. Als dann die Niederlagen der Franzosen -eintraten, wurden die Getäuschten fast unwillig, weil ihre Voraussage -nicht stimmte. - -Großgörschen hatte ihre Sehergabe als untrüglich anerkannt, und -Bautzen hatte sie glänzend bestätigt. Dazwischen passierte allerdings -Großbeeren, aber dort war ja der Kaiser nicht selbst gewesen, und die -Schuld der Niederlage traf den Marschall Oudinot. Wenn auch einmal ein -General unterlag, was tats, der Kaiser würde alles wieder einbringen. -Dafür strahlten seine Sterne bei Dresden wieder um so heller; selbst -die Unterlegenen sprachen ja mit Bewunderung von dem Sieger. - -Dann kam Vandammes Niederlage und Gefangennahme bei Kulm. Das war -wieder gegen die Weissagung, durfte aber nicht allzuernst genommen -werden, denn er war ja keiner von den großen Generalen der alten -Schule. Da trat aber wenige Tage später ein Ereignis ein, das aller -Zuversicht einen gewaltigen Stoß versetzte: General Bülow hatte eine -starke französische Armee, die nach Preußens Hauptstadt vordringen -wollte, wenige Meilen vor Berlin bei Dennewitz gänzlich geschlagen, und -der Führer dieser Armee war der ruhmreichste der Feldherren Napoleons, --- der Marschall Ney. - -Da schwiegen die Eigensinnigen, nahmen die Pfeife aus dem Munde, -spuckten aus und kratzten sich die Köpfe. - -Nun lag der angeschossene Löwe knurrend in Dresden und hieb mit -seiner Tatze wütend nach den ihm keine Ruhe gönnenden Feinden. Jeder -Schlag dieser fürchterlichen Pranke saß zwar, aber es waren keine -eigentlichen Siege, wenigstens keine solchen, wie man sie von einem -Schlachtengewinner von seinem Range erwartete. Denn das staunende -Europa war anspruchsvoll geworden und gab seinen Leistungen strenge -Zensuren. Und bei alledem wuchs des Kaisers Verlegenheit in der -sächsischen Königsstadt sichtlich. - -So stand es im Anfang des Monats Oktober, gerade in den Tagen, in denen -Max und Konrad ihre Tätigkeit entfalteten. - -Die Stimmung in den meisten Städten Sachsens wurde zu dieser Zeit -derart franzosenfeindlich, daß es gefährlich war, sich noch offen für -die Bedrücker zu bekennen. Aber der schwerfällige Sinn des sächsischen -Bauern war nicht dazu geschaffen, seine Bedenken gegen einen Aufstand -wider die Franzosen binnen wenigen Tagen aufzugeben, obwohl nicht nur -zahlreiche eigene Landsleute dafür Stimmung machten, sondern auch die -im Lande stehenden preußischen und russischen Truppen unaufhörlich -dazu anfeuerten. Der Bauer wollte erst Garantien dafür haben, daß -Napoleon nicht mehr mächtig genug war, eine Erhebung des Volkes mit -drakonischer Strenge zu vergelten. Denn die Leiden der letzten Jahre -waren gerade für dieses unglückliche Land über alle Maßen schwer -gewesen und hatten die frohe Hoffnung auf ein endliches Zerschmettern -der Kraft dieses Riesen in der Brust der Menschen bis auf ein winziges -Fünkchen ersterben lassen. - -Dies war die Stimmung, die die bäuerliche Bevölkerung Sachsens -erfüllte, als sie endlich einsah, daß das Staatsschiff mit vollen -Segeln auf die Brandung zusteuerte und mit Mann und Maus unterzugehen -drohte. - -Allmählich machte sich denn auch der Umschwung der Gesinnung auf dem -platten Lande geltend und nicht zuletzt unter den Einwohnern Rehefelds. -Die Landbevölkerung begann von neuem zu hoffen und vergaß die bisher -gewahrte, ängstliche Vorsicht. Die Bedenken für den Verlust von Haus -und Hof traten immer mehr in den Hintergrund, und Begeisterung zog in -die Gemüter ein. Der Drang nach Freiheit wuchs ins Riesengroße und -erfüllte zuletzt Aller Herzen. - -Wenn es in diesen Tagen trotzdem nicht zu einer allgemeinen Erhebung -in Sachsen kam, so war nicht die mit Eifer beschwichtigende Regierung -schuld, als vielmehr der Umstand, daß große Teile des Landes sich noch -in den Händen der Franzosen befanden, daß ferner eine erhebliche Anzahl -ungeduldiger sächsischer Männer in die immer weiter nach der Elbe -zu vordringenden preußischen Regimenter als Freiwillige eintrat und -endlich, daß die, die fremde Zwingherrschaft niederwerfende Schlacht -auf den Fluren bei Leipzig unerwartet schnell hereinbrach. - -Wie ein großes Ereignis wirkte die Aufgabe Dresdens, das der Kaiser -hatte stark verschanzen und sonst auch für seinen Winteraufenthalt -hatte herrichten lassen. Eine weit über Deutschland hinaus sichtbare, -leuchtende Flammenschrift erschien an dem tiefschwarzen Firmament und -verkündete, daß sich jetzt das Ende vorbereite. - - * * * * * - -In Rehefeld herrschte in diesen Tagen unbestritten Maxens Geist. Er -wußte alle Bedenken zu beschwichtigen und entfachte ein solches Feuer -der Begeisterung in aller Brust, daß die Männer ruhelos zum Ausmarsch -drängten, und die Frauen diesen Entschluß nicht nur durch Worte, -sondern auch in tiefster Seele guthießen. - -Noch eine Woche wollte man warten, bis sich die französischen Armeen -bei Leipzig gesammelt haben würden, und der jetzt von ihnen versperrte -Weg zu den Verbündeten freigeworden war. Denn die Franzosen waren sehr -mißtrauisch geworden, und niemand durfte bei Vermeidung von Festnahme -in diesen Tagen ohne einen Reisepaß mehrere Meilen über Land gehen. - -Die Zeit bis dahin brachte man damit zu, sich im kriegerischen Handwerk -zu üben. Ein Gewehr schweren Kalibers war für jeden vorhanden. -Denjenigen, die selbst keines besaßen, wurde von mehreren Seiten -zugleich ein solches angeboten, wie überhaupt die Gebefreudigkeit, -namentlich bei denen die daheim blieben, mit der Begeisterung zusammen -erwacht war. Auch Geld und Wertgegenstände wurden den Freiwilligen -ausgehändigt, um sie ihrem zukünftigen Regimente zu überbringen. Wie -drüben über der Grenze, waren auch hier die Zurückbleibenden bemüht, -die große Sache, wenn nicht mit Blut, so doch mit Gut zu unterstützen. - -Auch ein paar Seitengewehre und Säbel, deren Existenz bisher außer den -Eigentümern ein anderer kaum geahnt hatte, tauchten auf und wurden auf -dem Wetzstein scharf geschliffen. - -Diejenigen, die schon früher einmal die Waffe getragen hatten, -erklärten die Handgriffe, und der Schmied, der in dem Bataillon aus -dem Winckel bei Jena mitgefochten hatte, stellte die Streiter in Reih -und Glied, ließ sie marschieren und einschwenken und die Gewehre laden -und Salven abgeben. Max, als der Größte, marschierte natürlich voran, -während Konrad, wie es ihm zukam, als linker Flügelmann exerzierte. -Alles erfolgte so, wie es in wenigen Tagen in Wirklichkeit geschehen -sollte. Und wenn auch der oder jener, wie bei einer Anzahl von der -Arbeit weggerufenen Bauern unausbleiblich, noch reichlich ungeschickt -war, so glich er diesen Mangel durch Eifer und guten Willen wieder aus. - -Sobald aber die künftigen Verteidiger des Vaterlandes endlich ermüdet -wieder ins Dorf zogen, dann trat flugs eine andere Schar zusammen und -übte genau so, wie sie es vorher stundenlang beobachtet hatte. Leider -besaßen diese keine Gewehre, aber sie waren genügsam und verfügten -über hinreichend genug Phantasie, um eine eigens zu diesem Zwecke -ausgesuchte, besonders schön gewachsene Haselrute oder schließlich auch -einen invaliden Rutenbesen als wahrhaftes Schießgewehr anzusehen. Das -war die liebe Jugend von Rehefeld. - -Der Schullehrer hatte, um seine sonst außer allem Zweifel stehende -Autorität zu retten, in diesen Tagen darauf verzichtet, seine Lämmer -täglich um sich zu versammeln. Und so hatten diese denn vollauf Muße, -ihren sich im Schweiße des Angesichts abmühenden Vätern und Brüdern -aufmerksam zuzuschauen. Waren diese aber endlich abgetreten, so liefen -flink die bisherigen Zuschauer zusammen, und dieselbe Kleestoppel, -deren Boden soeben noch unter dem schweren Bauernstiefel gedröhnt -hatte, stampften jetzt die Tritte der barfüßigen Jungen. - -Der Platz des Freihofbauern auf dem rechten Flügel des Gliedes galt -als besonders erstrebenswert und wurde sehr begehrt, und um das -Amt des die Schar kommandierenden Schmieds fanden wahre Schlachten -statt. Keine künstlichen, wie sie das Exerzieren mit sich brachte, -sondern Schlachten ohne alle strategischen Vorbereitungen, aber -mit anerkennenswerter Erbitterung. So plagte und prügelte man sich -abwechselnd in heiliger Begeisterung, bis die Sonne sank und alle -endlich den von herbstlichen Abendnebeln umflossenen Häusern zustrebten. - -Dann betrat der seine Sache mit vollem Ernst auffassende, junge Krieger -mit erhitzten Wangen und zerzaustem Schopfe die niedrige Stube und sah -geringschätzig auf die Schwester, die gerade ihrer Puppe das Nachtlager -herrichtete. Kurz vor dem Schlafengehen und als er schon bis auf das -Hemd entkleidet war, gedachte einer von ihnen aber noch einmal seiner -kriegerischen Pflichten, indem er der Mutter zeigte, wie der Bauer vom -Freihof den Ausfall mache. Dabei warf er das Körpergewicht wuchtig auf -den vorgestellten linken Fuß und vollführte mit beiden Armen einen -fürchterlichen Stoß, der auch ohne die eigentlich dazu notwendige -Flinte ganz gegen Erwarten über alle Maßen gut ausfiel, daß der von der -Wucht des Stoßes getroffene kleinere Bruder, der in seine Butterbemme -vergnüglich hineinbeißend dem älteren arglos und voll Bewunderung -zugeschaut hatte, heulend gegen die Wand flog. - -Eine Viertelstunde später lagen die beiden rosigen Kleinen in tiefem -Schlafe, und die Mutter beugte sich schweigend darüber, und ein Himmel -von Freude und Glückseligkeit brach aus ihren Augen. - -Genau eine Woche darauf aber begannen die mörderischen Tage von -Leipzig, und als am Abend des letzten Tages der Mond wieder heraufzog, -genau so wie heute, da düngte der Gatte dieser Mutter und Vater dieser -Kinder den heimatlichen Boden mit seinem Herzblut. Sein glühender Durst -nach Freiheit war gestillt worden. - -Schlaft süß, Ihr unschuldigen, vaterlosen Kleinen! Lächle wieder du -junges, verlassenes Weib! Einer von den leuchtenden Sternen droben, die -mild auf dich herabschauen, ist der Deinige! - - - - -18. Kapitel. - - -Eines der am weitesten auf der Höhe gelegenen Güter Rehefelds war das -des Bauern Frank. Es war ein mittelgroßes Anwesen mit reichlichem -Viehstand und alten, aber noch recht gut erhaltenen Gebäuden. Ein -früherer Besitzer hatte sich inmitten der beiden Ställe und gegenüber -der großen Scheune ein niedliches Wohnhaus herrichten lassen, das dem -ganzen Besitz ein ungemein freundliches Ansehen verlieh. - -Es war nicht streng nach der Bauweise der alten sächsischen -Bauernhäuser gebaut worden, war aber mit guter Raumverteilung -eingerichtet und bestand aus dem etwas erhöhten Unterbau und einem -freundlichen, hellen Oberstock, den ein weitüberragendes, dickes -Strohdach schirmte. Vor der Haustür befand sich eine kleine Terrasse, -die von einem von zwei Säulen getragenen Lattenrost überdacht -wurde, und von der hüben und drüben einige Stufen hinabführten. -Um die hölzernen Säulen wanden sich dicke, schwärzliche Ranken -Jelänger-jelieber und Heckenkirsche, deren grüne Zweige über das ganze -Dach ausbreitet und zu einem unentwirrbaren Durcheinander verwachsen -waren und die so tief herabhingen, daß der Raum zwischen den Säulen -von Blättern und Blüten beinah ausgefüllt wurde. Im Sommer glich die -Terrasse einer dichten Laube, die selbst im heißesten Sonnenbrand -Schatten und erquickende Kühle spendete. - -Das Haus war sorgfältig mit Kalk verputzt und wurde öfters getüncht. -Dann hoben sich die schwarzangestrichenen, recht- und spitzwinklig -zueinander stehenden Balken von den blendendweißen Flächen scharf -ab, und wenn man sich zu diesem freundlichen Hintergrund die grüne, -über und über blühende Laube vor der Mitte des Hauses hinzudenkt, -so erhält man eine Vorstellung von dem in Bauart und lebendiger -Farbenzusammenstellung gleich harmonischen Bild, welches dieses Haus -bot, das den die Straße ziehenden Fuhrleuten immer wieder von neuem -gefiel und das von der sanften Anhöhe herab den das Dorf berührenden -Wandersmann freundlich grüßte. - -Noch vor wenigen Jahren hatte dieses Gut ein altes Ehepaar besessen, -dem das Schicksal von seinen Kindern nur eine Enkeltochter gelassen -hatte. Der Bauer Honigmann war in den Siebzigern, gesund und kräftig, -als er eines Morgens, das erste Mal in seinem Leben, die Neigung -verspürte, im Bett liegen zu bleiben. Tags darauf war er tot. Niemand -hatte ihn jemals krank gesehen, und auch der Arzt wußte nicht zu -sagen, an welcher Krankheit er gestorben war. Die Leute aber meinten, -Honigmann sei eigentlich garnicht gestorben, sondern hätte nur -aufgehört zu leben. - -Die Fürsorge für die hübsche Marianne fiel nun der schon lebensmüden -Bäuerin allein zu. Marianne hatte kurz vorher ihren neunzehnten -Geburtstag gefeiert. Sie war ein braunäugiges, dunkellockiges Geschöpf -und schlank und biegsam wie die schönste Tanne aus den Musterforsten -des Freiherrn von Tiefenbach. Immer ruhig, freundlich und gewinnenden -Gemüts, zuweilen wohl auch ein wenig übermütig, hatte jedermann im -Dorfe das Mädchen gern, und viele der Bauernburschen wären glücklich -gewesen, Mariannens Hand und Herz zu besitzen, vorzugsweise die Hand. -Denn außer einem hübschen und guten Weibe mußte dem Erwählten ja auch -der saubere und unverschuldete Hof zufallen. - -Aus diesem Grunde drängte sich täglich eine große Anzahl -Heiratslustiger an das Mädchen heran, die alle heiß bemüht waren, -sich gegenseitig den Rang abzulaufen. Und so wurde denn der für Gemüt -und Verstand in gleicher Weise begehrliche Preis von einer Wolke von -Anbetern unaufhörlich umlagert, die selbst aus den Nachbardörfern -sich einstellten, wie etwa ein Sirupstopf von einer großen Anzahl von -Fliegen umschwärmt wird. - -Marianne aber war ein kluges Mädchen. Sie war zu dem einen nicht -freundlicher wie zu dem andern und verdarb es deshalb mit keinem. -Meinte einmal einer der jugendlichen Heißsporne, daß er den richtigen -Pfad gefunden habe in dem Labyrinth der Gänge, die zu ihrem Herzen -führten, so mußte er am nächsten Tage die sehr betrübliche Erfahrung -machen, daß Marianne genau dieselbe Freundlichkeit, über die er gestern -hochbeglückt war, heute einem andern erwies. Mancher der jungen -Männer wollte schier verzweifeln, wenn er das Heer seiner Nebenbuhler -überdachte, und manche festgefugte, auf Leben und Tod geschlossene -Freundschaft ging in diesen Tagen aus dem Leim. - -Gleichzeitig empfand aber wieder jeder der Beharrlichen als kühlenden -Balsam auf die Wunde im Herzen die Ueberzeugung, daß augenblicklich -keiner von den Vielen dem allgemein zugestrebten Ziele näher stand -als er selbst, um freilich in der nächsten Stunde bei dem Gedanken zu -erbleichen, Marianne könne mittlerweile die Werbungen eines im stillen -Bevorzugten erhört haben. - -So ganz spurlos aber, wie es schien, ging der tägliche Sturm auf -Mariannens Herz doch nicht an ihr vorüber. Mit großem Interesse -beobachtete das Mädchen die sich ihr nähernden jungen Männer, die es -auf mancherlei Weise versuchten, die begehrenswerte Braut heimzuführen. -Die einen marschierten geradenwegs auf ihr Ziel zu. Sie sprachen, -wie es in solchen Fällen wohl allgemein üblich, von unverbrüchlicher -Liebe und Treue; dieser tat es stammelnd, jener mit anerkennenswertem -Zungenschlag. Ja der Schulzensohn ging sogar soweit, daß er die, -noch vom Geständnis seiner Liebe her auf dem Herzen ruhende Hand -- -also der während einer Liebesbeteuerung allerorts als allein richtig -anerkannten Haltung --, daß er die beteuernde Hand aufhob, die -Schwurfinger ausstreckte und mit rollenden Augen versicherte, im Falle -der Nichterhörung von der Stelle aus in den Dorfteich zu gehen. Nun, -Erhörung fand er zwar nicht, ob er aber, wie bestimmt zugesagt, weiter -als bis zum Rand des Teichs gegangen war, entzog sich jedermanns -Kenntnis. Als unbestreitbare Tatsache mußte es jedenfalls gelten, daß -er Leipzig mitmachte und kurz nach der Rückkehr aus Frankreich eine -ältliche aber wohlbegüterte Witwe in Göhren heiratete. - -Ferner gab es vereinzelte, die schworen, daß es ihnen beileibe nicht -auf den Hof ankäme, sie, Marianne, wäre ihnen wie sie gehe und stehe -gerade recht. Sie wollten den Hof überhaupt nicht haben, meinten sie, -nur das Mädchen. Nun ging es jedoch nicht gut an, daß Marianne diesen -Verächtern irdischer Habe zuliebe auf den schmucken Besitz ihres -Großvaters Honigmann verzichtete. Lieber verschloß sie sich deshalb -diesen Werbungen. - -Die also Geschilderten waren die Gefährlichen unter den Anbetern. -Glücklicherweise aber waren sie in der Minderzahl. - -Ungleich harmloser gestaltete sich das Gespräch mit einem der -schüchternen Verehrer. Diese sprachen fast alle sehr wenig, ja bei -manchem beschränkte sich die Rede auf einen schüchternen Gruß. Dafür -war aber infolge der zurückgetretenen Töne das Herz zum bersten voll, -und die Augen mußten in diesem Falle den Dienst der widerspenstigen -Zunge übernehmen. - -Einer erzählte von daheim; wieviel jede der Kühe Milch gäbe, daß die -Schweinezucht in den letzten Jahren immer profitabler geworden sei, wie -auf dem Hofe des Vaters musterhafte Ordnung herrsche und er selbst in -allen Tugenden eines männlichen Wesens im allgemeinen und eines Bauern -im besondern von früh ab unterwiesen sei. Ein anderer sprach davon, was -er tun würde, wenn er auf einer eigenen Scholle säße. Zuhause könne -er seine Pläne nicht zur Tat machen, denn sie seien bekanntlich vier -Söhne und unter vieren gäbe es täglich Katzbalgereien. Mit einer Frau -nur allein auf einem Hofe sitzen, müsse herrlich sein. Da herrsche doch -immer Frieden und Eintracht -- -- -- - -Der Letzte endlich redete keinerlei Anzüglichkeiten. Dafür machte -er soviel Spaß, daß die Maid zuweilen vor Heiterkeit bis zu Tränen -gerührt war. Er hoffte, auf der luftigen Brücke, die der Humor über -Hindernisse errichtet, den gefährlichen Abgrund bis zu Mariannens Herz -zu überschreiten, ohne hineinzufallen. Dieser gewiegte Diplomat hieß -Emil und war der Sohn eines kleinen Bauern. - -Er war flink wie ein Wiesel und gelenkig wie eine Katze. Dabei lag -ihm sehr daran, von der kleinen Klitsche daheim sobald als möglich -wegzukommen. Lange Jahre war er das einzige Kind gewesen. Da starb die -Mutter. Sein Vater heiratete kurz darauf ein blutarmes, junges Ding, -das seinem Gatten die Mitgift nach und nach in Gestalt kugelrunder, -pauspackiger Kindlein einbrachte. Von diesem Augenblick an war daheim -nichts mehr zu hoffen. Die kleinen Geschwister taten vorderhand noch -nichts besseres, als daß sie mit beängstigend gutem Appetit aßen. Wenn -die Familie bei Tische saß, mußte Emil jeden dieser ewig hungrigen -Esser unwillkürlich mit einer Raupe mit sieben Köpfen vergleichen, die -sich eben daran macht, eine Kohlstaude kahlzufressen. Und mit Grausen -sagte er sich, daß das bescheidene Besitztum seines Vaters diese -unersättlichen Schlünde niemals werde stopfen können. Und er berechnete -nüchternen Verstandes, daß der dürre Hof gerade dann aufgezehrt -sein würde, wenn das letzte der jetzt noch im Nichts schlummernden -Geschwister flügge war. Da ging er hin und stellte seine angeborene -Kunstfertigkeit in den Dienst des Werbens um wohlversorgte Hoftöchter. - -Wen die Burschen und Mädchen an den warmen Sommerabenden im -Mondenschein, fein säuberlich in zwei getrennte Lager geschieden, auf -dem Anger saßen, Scherzreden und Neckereien hinüber und herüberflogen -und alle Spaßmacher endlich ihren Witz ausgegeben hatten, dann stand -Emil auf. Zwar sprach er seiner anstoßenden Zunge wegen herzlich wenig, -aber das Lachen der Zuschauer erklang nach seinen Leistungen bald -wieder von neuem. - -Nun waren seine Hanswurstspäße freilich nicht mehr neu und hatten -schon manch liebes Mal Stoff zu harmloser Heiterkeit gegeben; aber das -Völkchen war ja so bescheiden in seinen Ansprüchen an Unterhaltung und -wollte um jeden Preis fröhlich sein. - -Zuerst schlug er also das Rad mit solcher Behendigkeit und Ausdauer, -daß er die Anerkennung herausforderte. Dann ging er zu wunderlichen -Gliederverrenkungen über, die die Lachlust empfindlich reizten. Selbst -der Ernsthafteste aber konnte sich der Heiterkeit nicht mehr enthalten, -wenn Emil wie ein Känguruh in possierlichen Sprüngen umherhüpfte. -Dazwischenhinein überschlug er sich mehrere Male als Zugabe oder lief -minutenlang und mit größerer Sicherheit auf den Händen, als manchem der -Zuschauer auf den Beinen möglich war. Alles dies tat er stumm. Die -karge Belohnung, die er sich in den kurzen Ruhepausen gönnte, bestand -einzig und allein darin, daß er mit dem Ärmel den Schweiß von der -tropfenden Stirn wischte. Zum Schluß stellte sich Emil auf den Kopf -und verharrte in dieser Haltung unbeweglich wie ein Pfahl solange, bis -die Zuschauer erklärten, diese Vorführung sei langweilig, und einer -der Burschen ihn umwarf. Dann setzte er sich stillschweigend in den -Hintergrund und beobachtete forschend die vom Mondenschein erhellten -Gesichter der Mädchen auf die Wirkung seiner Vorführungen hin. Mit -besonderer Sorgfalt studierte er die Züge der rehaugigen Enkelin des -alten Honigmanns. - -Marianne aber dachte: ach, was soll Dir ein Mann, der unausgesetzt -durch die Luft wirbelt, und wenn er einmal auf die Erde kommt, steht er -verkehrt. - -Da machte sie in ihrem Herzchen kurz entschlossen einen dicken Strich -durch seinen Namen. - -Jeder empfindsame Leser, den diese Zeilen erreichen, wird das Resultat -betrüblich finden und sich einer wehmütigen Regung nicht verschließen -können. So viel wahrhafte Kunst an ein Trugbild verschwendet -- -- -- - -Armer Emil! - -Marianne hatte lange geschwankt, welchen der Anbeter sie endlich -erhören würde. Denn wenn auch die meisten von ihnen ihr gleichgültig -blieben, so waren es doch immerhin einige der Burschen, die dem Mädchen -recht gut gefielen. Gewissenhaft durchlief sie in ihrer stillen Kammer -im Geiste die noch gebliebene, stattliche Anzahl der Bewerber, merzte -von neuem aus, bis denn schließlich zwei übrig blieben, von denen sie -einen zu erhören beschloß. - -Der erste von diesen war Berthold Frank, der jüngste Sohn vom -Oberhofbauern. Er war ein hübscher Bursche mit hellblauen Augen und -schwarzem Schnurrbart, dessen Spitzen am Sonntag sorgfältig gedreht -waren. Er war nicht allzuhoch gewachsen, aber sein Körper war gedrungen -und seine Bewegungen verrieten große Kraft. Mit seinem hübschen Äußern -verband sich ein Auftreten, das allen Mädchen wohlgefiel, denn er war -geweckt und verstand es, verbindliche Reden zu führen; darin glich -ihm kein zweiter der Burschen. Und doch konnte Frank sich vieler -Eroberungen eigentlich nicht recht rühmen, weil man wußte, daß er -streitsüchtig war und sich zuweilen betrank. - -Daheim auf dem Obergut herrschte polnische Wirtschaft. Die Mutter war -in der Stadt aufgewachsen und hatte nie verstehen gelernt, worauf es in -ihrer Stellung ankam. Den Besitz zusammenhalten und mehren konnte sie -nicht. In einer großen Anzahl von feinen Kanälen floß der saure Gewinn -vom Hofe wieder fort und sickerte ihr geradezu durch die Finger. Für -die sparsame Verwendung der Nahrungsmittel und die weise Einschränkung -der Bedürfnisse des Haushalts hatte sie kein Verständnis. Täglich wurde -weit mehr gekocht als gegessen wurde; was übrig blieb, bekam das Vieh. -Das Essen war ohne Sorgfalt zubereitet und befriedigte nicht. Dann -schlich das Gesinde in die offene Vorratskammer und in den Milchkeller -und tat sich dort gütlich. Der Bauer trank und wenn er in später Nacht -nach Hause kam, prügelte er sein Weib. Stand der Wagen des Kornhändlers -auf dem Hofe, so war er nicht beim Aufladen der Säcke zugegen, sondern -saß wetternd im Gasthof, oder schlief oben in der Kammer seinen Rausch -aus. Und so kam es, daß manches aus dem Gut hinausging von dem er -nichts wußte. - -In dieser Umgebung wuchsen die drei Jungen auf. Von Anfang an war -niemand da, der sie zur regelmäßigen Arbeit angehalten hätte, und als -sie sehend wurden und das Leben einzuschätzen vermochten, wollten sie -nicht begreifen, warum gerade nur sie allein die Last des Tages tragen -sollten. Dazu hatte die Mutter die Kinder von früh auf verwöhnt, indem -sie alle ihre Wünsche erfüllte und ihnen vorredete, sie könnten das so -haben, dafür seien sie die Söhne des reichen Oberhofbauern. - -Und so war es aus all diesen Gründen nicht verwunderlich, daß das -Gerücht immer mehr Wahrscheinlichkeit gewann, auf dem Oberhof stehe es -schlecht, und der Bauer sei bis über die Ohren verschuldet. Berthold -kannte ganz genau die Schwierigkeiten, die es dem Vater bereitete, wenn -er an jedem Quartalsersten die fälligen Hypothekenzinsen, aufbringen -mußte, und er sah voraus, daß ihm einst als Erbe nicht mehr zufallen -würde, als ein paar vertrocknete Dachschindeln. Und da er wohl die -Kraft, nicht aber den Willen besaß mit fester Faust in das Wespennest -hineinzugreifen und er das einzige Mittel, das den Oberhof noch retten -konnte, die Arbeit, verschmähte, so beschloß er, sich anderswo ein -behagliches Nest zu suchen. Warum sollte er sich schinden? Tat es der -Vater, oder machten es etwa seine Brüder? Und gesetzt den Fall, es wäre -ihm gelungen -- aber nur ihm, denn die beiden Brüder waren Dummköpfe -- -den Oberhof vor dem Ruin zu retten, was hatte er davon? Er konnte doch -nicht als Miteigentümer auf dem Hofe sitzen, der dem ältesten Bruder -Christian zufallen würde. - -Also steckte er die Hände in die Hosentaschen, pfiff eine Melodie von -der letzten Tanzmusik her und ging mitten am Nachmittag zum vordern -Hoftor hinaus, um zu versuchen ob es ihm gelingen würde, bei der Erbin -des Lindengutes einige von seinen stets vorrätigen Schmeichelreden -anzubringen. - -Und man konnte es nicht anders sagen, Berthold Frank war ein hübscher -Bursche mit gefälligen Manieren, der zuletzt wegen seiner Aussichten -auf den Besitz des Lindengutes manchen grimmen Neider besaß. - -Der andere Bewerber, der sich zusammen mit Berthold Frank in den Besitz -von Mariannens flatterndem Herzchen teilte, war Gottfried, der Knecht -auf dem Lindengute. - -Stolz war das Mädchen nicht! Es war ihm gleichgültig, ob sein künftiger -Gatte auf einem großen Hof aufgewachsen war, oder ob er aus einem armen -Häuschen kam. Denn wenn sich Marianne auch durch ein glänzendes Äußere -leicht blenden ließ, so hätte sie ihrer inneren Stimme entgegen doch -niemals, um seiner äußeren Vorzüge willen, einem ungeliebten Mann die -Hand reichen können. Deshalb hatte sie die stummen und bescheidenen -Werbungen Gottfrieds auch nicht zurückgewiesen, sondern ihn eher noch -dazu ermutigt. - -Gottfried war wohl fast in allen Eigenschaften das gerade Gegenteil von -dem Jüngsten vom Oberhof. Er war ein stiller, in sich gekehrter Mensch -und von einer Arbeitskraft, für die der Lindenhof fast zu klein war. - -Vor nahezu dreißig Jahren war eine junge Magd auf dem Lindengut -gewesen, mit strotzenden Wangen und lachenden Schelmenaugen. Sie besaß -einen allzeit fröhlichen Sinn, und ihr blühender Leib war gerade -gewachsen wie eine Gerte. Sie war laut gewesen bei der Arbeit, wo -sie weilte, hörte man den kunstlosen Sang ihrer glockenreinen Stimme, -und weit mehr als nötig war, tönte von dem frischen Munde jauchzendes -Lachen. Da wurde mit einem Male, schier über Nacht, das Mädchen still. -Zuletzt war sie scheu geworden und hielt die Augen niedergeschlagen. -Ihr fröhlicher Sinn war von ihr gewichen, und das erquickende Lachen -war verstummt. Immer schwerer wurde ihre Seele bedrückt, bis sich -endlich ihr Gemüt umdüsterte und sie, fast selbst noch ein Kind, in der -Andreasnacht unter Verzweiflungsqualen und den doch so beseligenden -Ahnungen von Mutterglück einem rosigen Knaben das Leben gab. - -Und als von ihrer schweren Stunde an gerechnet drei Tage verflossen -waren, trug man die junge Mutter hinaus und bettete ihren blühenden -Leib, der nun all seine Wärme verloren hatte, zwischen die Schollen -des Friedhofs. Ein winziges Häufchen Sand zeigte die Stelle an, wo man -ein in der Blüte geknicktes Leben voll sprudelnder Fröhlichkeit, voll -Singsang und Lachen dem Erdenschoße still wieder zurückgegeben hatte. - -Den verlassenen Knaben aber legte der Bauer Honigmann seiner Frau -wortlos in den Schoß, die für ihn redlich sorgte, auf daß die Seele -des Kindes die mit in die Grube gebettete Liebe der Mutter nicht allzu -schmerzlich vermisse. Einen einzigen Kuß hatte die junge Mutter ihrem -Kinde auf die Stirn gedrückt, dann war sie in den Gottesfrieden hinüber -geschlummert. Der Knabe aber hatte bei der Taufe den Namen Gottfried -erhalten. - -Gottfried hatte schon frühzeitig damit begonnen, seinen Wohltätern -das zu vergelten, was sie an ihm getan. Aufgewachsen in der wahren -Frömmigkeit der Bäuerin, hatte der Knabe unter den unübertrefflichen -Anleitung Honigmanns die Arbeiten auf dem Hofe gelernt. Schon mit -vierzehn Jahren schaffte er so viel wie ein Knecht und als er die -Zwanzig erreicht hatte, bot sich für ihn auf dem Lindengute fast nicht -mehr genug Gelegenheit zur Betätigung seines Eifers. Der alte Mann -aber, dem die Arbeit selbst noch Lebenbedürfnis war, wurde zuweilen -ärgerlich, wenn er sah, wie der junge Knecht ihm die Arbeit aus den -Händen riß. Dabei war Gottfried wortkarg, und seine Bewegungen waren -eckig und unbeholfen. - -Mit den Altersgenossen pflegte er nicht viel Umgang, da er ein wenig -unterhaltsamer Geselle war. Den Keim hierzu hatte er bereits mit in die -Welt gebracht, denn die schweren Gewissensqualen der Mutter waren nicht -ohne Einfluß auf die Frucht in ihrem Schoße geblieben. - -Marianne fühlte sich zu Gottfried hingezogen. Zwar gestand sich das -Kind, daß der Knecht nicht das Abbild eines herrlichen Jünglings -sei, wie es ihr in ihren Mädchenträumen immer erschienen war; aber -einem unbewußten Drange folgend mußte sie zugeben, daß ein gutes und -treues Herz in seiner Brust schlüge, und sie an seiner Seite recht -wohl glücklich werden könne. Ein Leben ohne Jubel und Tanz, aber treu -behütet und die Brust angefüllt mit Frieden und sonnigem Glanz. - -So dachte Marianne in den Stunden stiller Einkehr. Waren diese aber -vergangen, dann zog ihr leichtfüßiger, junger Sinn sie zu den lustigen -Burschen. Und wenn sie dann einen Vergleich anstellte zwischen dem -ernsten Gottfried mit den plumpen Bewegungen und den unschönen Zügen -und dem in männlicher Kraft und Schönheit strahlenden Berthold Frank, -dem die bunte Halsschleife mit den flatternden Bändern so gut zu -Gesicht stand und der jederzeit so unterhaltsam plauderte, dann vergaß -das Mädchen alles, was sie an dem einfachen Knecht schätzte. Und sie -war blind und sah nicht die schweren Fehler des anderen. - -Die Warnungen der Großmutter machten keinen Eindruck auf das Mädchen. -Und so hielt denn endlich nach der Ernte Berthold Frank vom Oberhof -seinen Einzug auf das Lindengut. Gottfried hatte kurze Zeit darauf -zwar die Absicht ausgesprochen, nach Knauthain zu übersiedeln, wo ein -entfernter Verwandter seiner Mutter lebte, aber Frank hatte erklärt, -daraus würde nichts, und so war Gottfried geblieben. Frank ahnte nicht, -was seinen Knecht vom Hofe forttrieb; eins aber wußte er: daß er -niemals wieder einen so unverdrossenen und arbeitsfreudigen Besorger -seiner eigenen Pflichten in der Wirtschaft bekommen würde. - -Mit Berthold Franks, des trunksüchtigen Oberhofbauern Sohnes Einzug -auf dem Lindengut war der Frieden, der solange an dieser Stätte -regiert hatte, gewichen. Denn zu derselben Stunde, in der der festlich -geschmückte Hochzeitswagen von vier starken Braunen gezogen unter dem -Jubel der Gäste und dem brausenden Tusch der Musikanten durch das -weitgeöffnete Tor auf dem Hof rollte, schlichen in grauen Gewändern -und mit hämischen Blicken unbemerkt zwei Frauengestalten durch die in -schmalem Spalt offenstehende Hintertür auf das ehemalige Besitztum des -alten Honigmanns; ihre Namen aber waren Kummer und Gram. - -Im ersten Jahre tat der junge Bauer seine Pflicht wie es ihm zukam, und -es schien, als ob der Besitz eines blühenden, fröhlichen Weibes und -des schmucken Lindengutes alle Bedenken zunichte mache, die manchen im -Dorfe bei dieser Verbindung überkommen waren. Aber die Sünden der Väter -rächen sich sattsam an den Kindern, und Berthold Frank war ein echter -Sohn des seit Jahren in wüstem Taumel dahinlebenden Oberhofbauern. - -Solange Mariannens Großmutter lebte, nahm sich Frank höllisch zusammen. -Denn der Hof gehörte noch nicht ihm, und durch einen Federstrich konnte -sie zu Gunsten seiner Kinder ihr Testament umstoßen und ihm harte -Einschränkungen durch die Obrigkeit auferlegen. Bei aller Frömmigkeit -und Milde wohnte nämlich in dem müden Körper der alten Bäuerin eine -streitbare Natur, und ihre Zunge war flink und nannte das Kind gleich -beim richtigen Namen. Da starb die Alte, und der Hof fiel ihm endgültig -zu. - -Von diesem Zeitpunkt ab war Frank wie ausgewechselt. Sein viel -umneidetes Heim verlor für ihn den Reiz; im Wirtshaus bei Würfelspiel -und wüsten Gelagen war ihm wohler. Spät in der Nacht kehrte er dann -angetrunken nach Hause zurück, schalt sein Weib und hob endlich die -Hand gegen sie auf. Am Tage schlief er seinen Rausch aus, war froh, -einen rechtschaffenen, gottesfürchtigen Knecht zu besitzen und ging -damit beruhigt wieder ins Wirtshaus. Mit einem grausamen Ruck fühlte -Marianne die Binde von ihren Augen weggezogen, und ein freudenloses, -unwürdige Leben rollte sich vor ihren entsetzten Blicken auf. - -Gottfried arbeitete für zwei und war in der letzten Zeit noch stiller -geworden. Zuweilen traf es sich, daß Marianne in der Blütenlaube vor -dem Hauseingange stand, das neugeborene Kind auf dem Arme, während -er auf dem Hofe schaffte. Da sah er ihr verhärmtes Gesicht, umrahmt -von grünem Blattwerk sich zugewendet, und ihre Augen begegneten mit -tieftraurigem Ausdruck den seinigen und führten eine stumme und doch -so beredte Anklage gegen sich selbst. Gottfried aber konnte den Blick -dieser umflorten Augen nicht aushalten. Schwerfällig wandte er sich -ab und faßte mit unsichern Händen von neuem nach seiner Arbeit. Denn -das Schicksal des Weibes, das er mit voller Inbrunst seines einfachen, -vortrefflichen Gemütes geliebt hatte, ging ihm zu Herzen und bereitete -ihm Schmerz. - -Da brausten wie auf Sturmesflügeln die flammenden Proteste einzelner -Patrioten, die die schmachvolle Haltung ihres Vaterlandes nicht -mehr mit anzusehen vermochten, über die sächsischen Fluren. Von den -Hauptstädten ausgehend, sprang der Brand auf das platte Land über, und -zuletzt glich das Königreich einem einzigen Flammenmeer. Das bängliche -Ausharren in der von den Verbündeten schon längst übelgedeuteten -Stellung zu den Franzosen und die ergebene Haltung vor dem Kaiser, ein -Gemisch von Bewunderung, Furcht und dumpfem Dahinleben, verschwanden -mit einem Schlage. Jäh kam die Erkenntnis und ließ das Unwürdige der -in den letzten Monaten bewahrten Gleichgültigkeit mit Scham bemerken. -Wer konnte müßig bleiben, wenn alles in den heiligen Kampf zog? Und -war es nicht unsinnig, daß von der Beteiligung an der Niederwerfung -desjenigen, der seit acht Jahren Entsetzen und Not über die Länder -deutscher Zunge heraufbeschworen hatte, gerade das Volk zurückbleiben -wollte, dessen Land der Kriegswütige zum Tummelplatz seiner Heere und -zur Schlachtenbühne Europas ausersehen hatte? - -Gottfried war einer der Ersten, die sich Konrad Hartmann anschlossen, -dessen Worte ihn begeistert hatten. Als er aber von seinem Vorhaben dem -Bauern Frank erzählte, wurde dieser zornig und schalt auf die Sache, -insbesondere auf die Männer, die ihr vorstanden. Es kam ihm recht wenig -gelegen, seinen zuverlässigen Knecht zu verlieren; andererseits bot ihm -dieser Vorfall aber willkommene Gelegenheit, seiner alten Abneigung -gegen den Freihofer in gehässigster Weise Ausdruck zu geben. - -Max hatte von jeher mit seiner Meinung über die schlechte Wirtschaft -auf dem Oberhofe nicht zurückgehalten und auch dann, als Berthold Frank -Lindengutbauer geworden war, gab er seine kühle Haltung gegen ihn nicht -auf. Und gerade dies letztere hatte den eingebildeten Frank ungemein -verdrossen und eine feindselige Haltung gegen Max annehmen lassen. Zwar -hatte er es nie gewagt, gegen den angesehenen und reichen Besitzer des -Freihofes etwas zu unternehmen. Jetzt aber reifte in seiner Seele ein -teuflischer Entschluß. Wenn er mit seiner Ausführung vielleicht auch -manchen andern hart traf, -- was tats? Wen er nur ihn, den Gehaßten -damit vernichten konnte. - -Franks Stellung zu dem Plane der kühnen Männer entsprach ganz seinem -Charakter. Mit höhnischen Worten erklärte er die Idee für unsinnig und -bezeichnete die Männer, die an der Spitze standen, als Tollhäusler -und Verbrecher. Öfters als sonst saß Frank in diesen Tagen bis zum -Morgen in der Schenke und bekämpfte mit schreiender Stimme und wilden -Bewegungen den geplanten Auszug. Dazwischenhinein versicherte er mit -geheimnisvollem Lachen immer wieder von neuem, er glaube garnicht -daran, daß es noch soweit kommen werde und schlug zur Bekräftigung -seiner Worte mit der derben Faust auf den Tisch, daß dieser dröhnte und -die Gläser tanzten. - - - - -19. Kapitel. - - -Hermann Lehnhardt hatte den verletzten Arm bisher noch immer in der -Binde getragen. Nun aber ließ er diese daheim und schob die Hand -zwischen die Knöpfe seiner Jacke. Der schwierige Bruch des Ellenbogens -war nach langen Wochen zwar wieder geheilt, hatte aber in dem Arm eine -große Schwäche zurückgelassen, so daß er ihn noch nicht gebrauchen -konnte. Bis zur völligen Heilung wohnte er mit seiner Frau und dem -hübschen Buben, den ihm Antonie geschenkt hatte, bei seiner Großmutter. - -Kurz nach dem schlimmen Vorfall war eines Tages in dem Hause der Mutter -Lehnhardt der neue Verwalter des Freihofs erschienen und hatte sich -im Auftrage seines Herrn einer Summe Geldes entledigen wollen, die -für den Arzt bestimmt gewesen war. Da war Hermann aufgesprungen und -ohne ein Wort zu sprechen, hatte er blitzenden Auges und in drohender -Haltung mit der gesunden Hand nach der Tür gewiesen, durch die der -Abgesandte denn auch ohne Widerrede alsbald verschwand. Seitdem war die -Verbindung mit dem Freihofe durchgeschnitten. Traf es sich aber, daß -die Freihoferin der Mutter Lehnhardt draußen begegnete, so begrüßten -sich die beiden Alten ebenso herzlich wie bisher, den Vorfall jedoch -berührten sie nicht. - -Als Hermann Lehnhardt eines Tages, wie er es oft tat, über die Wiesen -geschlendert war und dann an der hintern Seite der Höfe entlang ging, -stand der Lindenbauer an seinen schadhaften Zaun gelehnt und sah ihm -entgegen. Natürlich schlug Frank sofort wieder sein Lieblingsthema an -und wetterte gegen das Vorhaben der Männer, die lieber daheim bleiben -sollten, damit ihre Frauen und Kinder nicht betteln zu gehen brauchten, -anstatt den Preußen die Kastanien aus dem Feuer holen zu helfen. -Hermann Lehnhardt schwieg zu diesen Worten und sah geflissentlich -an Frank vorbei. Der aber hätte es gern gehört, wenn Lehnhardt ihm -beigestimmt. Als dieser hierzu nun trotz seiner Anzapfungen keine -Anstalt machte, konnte sich Frank nicht enthalten, ihn in ärgerlichem -Tone zu fragen: - -»Nun, Ihr seid wohl gar einer vom feindlichen Lager?« - -»Ach,« antwortete Lehnhardt ausweichend und ließ den Blick sehnsüchtig -über die Fluren schweifen, »Ihr wißt ja, daß ich nicht mit ausziehe, -warum quält Ihr Euch deshalb mit mir herum?« - -Aber der dringliche Frager war von dieser Antwort nicht befriedigt. Es -hatte ein Ton durch Lehnhardts Worte geklungen, der ihm nicht gefiel. -Deshalb kniff er die verschwommenen Augen halb zu und warf mit listigem -Lächeln scheinbar achtlos hin: - -»Ich hörte jüngst, daß Ihr nahe daran wäret, voll Demut die Hand wieder -zu drücken, die Euch zum Krüppel machte -- -- --« - -Da fuhr Lehnhardt voll Wildheit herum, das Gesicht wie von Flammen -umspielt, während aus den soeben noch träumerischen Augen glühender Haß -brach. - -»So, Bauer,« schrie er, »das habt Ihr gehört? Da sagt Euern Zuträgern -nur, daß ihnen dies im Rausch beigekommen sei!« Und sich nach -rechtsseitwärts wendend, hob er die Faust auf und drohte nach der -Stelle hinüber, wo die stattlichen Ziegeldächer des Freihofes über die -ihn umgebenden niedrigen Häuser herausragten: - -»Wir rechnen noch miteinander ab -- --!« - -Mehr konnte er nicht sprechen, denn eine unbeschreibliche Wut schnürte -ihm die Kehle zu. Er wandte sich kurz ab und ging stumm weiter. - -Frank war betroffen. Der plötzliche Wutausbruch Lehnhardts und der -unverfälschte Naturlaut des wildesten Hasses in dessen Stimme, -hielt seine Zunge noch im Bann. Dann aber blitzte es in dem fahlen, -aufgedunsenen Gesicht auf, und ein breites Lachen scholl dem -Davongehenden nach. - -»Laßt den feinen Burschen nur mir, Lehnhardt,« klang es zwischendurch, -»ich habe einen kostbaren Spaß für ihn ausgedacht. Hahaha!« - - * * * * * - -Es war ein trüber Tag gewesen. Gegen Abend fiel starker Regen, und der -Wind jagte heulend über die Felder. In den Häusern wurden die Fenster -verwahrt, die der immer mehr anwachsende Sturm scharf berannte, und -in den Ställen, wo das Vieh unruhig wurde, schloß man sorgfältig die -Türen. In gewaltigen Stößen wütete der Sturm gegen die Häuser, riß -große Äste von den Bäumen und trieb den unaufhörlichen Regen vor sich -her, daß die dicken Tropfen klatschend an die Fensterscheiben schlugen. -Eine undurchdringliche Finsternis herrschte im Freien. Es war, als -ob der Himmel von einer einzigen schwarzen Wolke bedeckt sei. Kein -Stern, nicht einmal eine helle Stelle war am Himmel sichtbar. Die -Elemente schienen ihrem Meister entschlüpft zu sein. Mit erbitterter -Wut kämpften sie gegeneinander und gegen alles, was die menschliche -Hand mühevoll errichtet oder die gütig schaffende Natur auf den Fluren -erzeugt hatte. - -Das Dorf schien wie ausgestorben. Niemand war jetzt noch im Freien, und -selbst die vierbeinigen Hüter des Hauses waren schutzsuchend in ihre -Hütten gekrochen und winselten leise, den Kopf auf die ausgestreckten -Vorderpfoten gelegt. - -Auf der Dorfstraße schritt um die Mitternachtstunde vorsichtig ein -Mann dahin. Wie ein Schatten hob sich die Gestalt zuweilen von den -weißgetünchten Häusergiebeln ab, um sogleich wieder in die gähnende -Finsternis hineinzutauchen. Wütend peitschte der strömende Regen -des einsamen Wanderers Gesicht, und der Sturm eilte dem Naß als -Bundesgenosse zu Hilfe und drang so heftig auf den Menschen ein, daß -dieser von Zeit zu Zeit hinter einem dicken Baumstamm Schutz suchen -mußte und es ihm nur mit großer Mühe gelang, vorwärts zu kommen. In -den Häusern ruhten die Bewohner schon längst im tiefen Schlafe. Nur -hie und da brannte noch eine Lampe, die einen schwachen Lichtschein -durch das Fenster auf die Straße warf. Sobald der Gesell einen solchen -Lichtkreis betrat, beschleunigte er die Schritte, bis die Dunkelheit -ihn wieder aufnahm. Es schien, als ob der Unbekannte es scheu vermeide, -daß ein menschliches Auge ihn auf seiner nächtlichen Wanderung entdecke. - -Als er am äußersten Ende des Dorfes angelangt war, blieb er plötzlich -vor dem Rabensteiner Hofe stehen. An einen Baum gelehnt, betrachtete -er das einstöckige Haus, dessen Fenster dunkel waren und aus dem kein -Laut herausdrang. Mit vorsichtigen Schritten näherte er sich der Tür -neben dem großen Tor und versuchte, sie zu öffnen. Da schlug der -wachsame Hofhund an, daß er schnell wieder die Hand vom Drücker nahm. -Das bellende Tier war aus der Hütte gesprungen und zerrte wütend an -der Kette. Aber seine mächtige Stimme klang nur schwach, sie wurde -übertönt von dem Heulen und Brausen des Sturmwinds. Als wenn die wilden -Geister der Luft ein tolles Bankett feierten, zu dem die Elemente eine -schauerliche Musik aufspielten. - -Da sprang der Mann über den Graben, in dem das Wasser wie in einem -Flußbett dahinschoß und ging an der äußeren Seite des Hauses entlang. -Aus dem oberen Fenster unter der Spitze der hinteren Giebelwand drang -ein schwacher Lichtschimmer heraus. Emsig bückte sich der Einsame, -las einige herabgefallene Zweige auf und versuchte, sie gegen das -Fenster zu werfen. Aber der Sturm vereitelte diese Anstrengungen, -indem er die leichten Wurfgeschosse, sobald sie die Hand des Schützen -verlassen hatten, in eine andere Richtung fortriß. Als der Mann -die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen erkannte, ließ er die Augen -ratsuchend umherschweifen, bis sie endlich auf einem dicken Baum -haften blieben, der wenige Schritte von ihm entfernt stand. In diesem -Augenblick glänzten seine Augen vor Befriedigung. Entschlossen trat -er an den Baum heran und kletterte mit großer Anstrengung den starken -Stamm hinauf. Dann kroch er auf einem bis fast an das Haus reichenden -Ast soweit vor, daß er mit der Hand das Fenster erreichen konnte. Kaum -hatte er das Glas berührt, als Konrad Hartmann am Fenster erschien. -Er öffnete den Flügel, beugte sich ein wenig vor und versuchte -mit angestrengter Aufmerksamkeit, die Dunkelheit mit dem Augen zu -durchdringen. - -»Still, Rabensteiner, daß man uns nicht hört. Niemand darf uns heute -Nacht beisammen sehen!« sprach der auf dem Aste Liegende mit leiser -Stimme, die in dem Sturm fast unterging. - -Jetzt hatte Konrad den Mann erkannt. - -»Teufel,« antwortete er ebenso leise, »Gottfried seid Ihrs? Was in -aller Welt treibt Euch in diesem fürchterlichen Wetter ins Freie, und -warum klettert Ihr mitten in der Nacht auf die Bäume?« - -»Es droht uns allen schweres Unheil, sage ich, Rabensteiner, aber -besonders Euch und dem Freihofer. Es ist ein Schurke in unserer Mitte, -der Verrat üben will.« - -Da beugte sich Konrad Hartmann weit vor, daß ihm die schweren Tropfen -auf Kopf und Wangen fielen, und der Sturm sich in sein Haar wühlte. -Aber er merkte dies nicht. Doch war sein Gesicht um einen Schein -bleicher geworden, als er mit gepreßter Stimme sprach: - -»Ein Verräter, sagt Ihr, Gottfried? Ja, seid Ihr denn von Sinnen? Ein -Verräter im Dorfe?« - -»Es ist so wie ich sagte,« raunte dieser zurück. »Hört und überlegt -rasch was zu tun ist. Der, den ich Verräter nannte, ist der -Lindengutbauer. Er hat den Verrat zwar noch nicht geübt, wird es aber -schon morgen tun. Ihr wißt, wie er seit Wochen gegen uns gesprochen -hat, auch ist Euch bekannt, daß er den Tiefenbach wie ein giftiges -Gewürm haßt und ihm gern Übles anhängen möchte. Nun also: Heute -am Vormittag höre ich ein Gespräch mit an, das Frank mit Hermann -Lehnhardt führt und worin er ihn gegen den Freihofer aufreizte. Und als -dann Lehnhardt voll Erbitterung verspricht, diesem einen Denkzettel -anzuhängen, ruft der Bauer ihm nach, daß er selbst dies besorgen wolle. -Darauf ging er ins Wirtshaus. Heute am Abend kam er schwerbetrunken -heim, vergriff sich wieder an seinem Weibe, das ihm, den Kleinen im -Arm, weinend entgegentrat und schlug darauf den ganzen Hausrat in -der Stube kurz und klein. Dabei tat er die lästerlichsten Flüche -und schwor, morgen in der Frühe nach Zehmen zu fahren, wo er unsere -Absicht, zu den Preußen zu gehen, dem dort befehligenden französischen -Kommandeur mitteilen wolle. Ihr wißt, Rabensteiner, wie kurzen Prozeß -die Franzosen mit aufständischen Bauern machen. Statt zu den Preußen, -wandern wir bestenfalls in eine Festung. Aber den Anführer stellt man -sicher vor den Sandhaufen.« - -Konrad hatte in seiner vorgebeugten Haltung unbeweglich verharrt. Jetzt -sagte er lebhaft: - -»Wir müssen sofort zu Frank eilen und mit ihm reden.« - -»Das wäre umsonst,« antwortete Gottfried, »er liegt schwer betrunken -daheim.« - -»Dann aber morgen in aller Frühe, noch ehe er von Hause fortgeht.« - -»Es nützt Euch alles nichts,« versetzte Gottfried bitter und bestimmt, -»so wie ich den Bauern kenne, führt er seinen Vorsatz aus. Schon um den -Tiefenbach zu vernichten, tut er’s.« - -»Ja, aber,« fuhr Konrad auf, »wir müssen auf jeden Fall diesen Verrat -verhindern. Der Freihofer könnte zwar noch in dieser Nacht fliehen, -aber alle andern lassen sich nicht so schnell benachrichtigen, und der -Name Rehefeld wäre für alle Zeiten geschändet. Was meint Ihr denn, -Gottfried, was da am besten zu tun ist?« - -Da hob dieser seinen Körper ein Stück in die Höhe, daß sein Mund an -Konrads Ohr lag und flüsterte diesem ein paar Worte zu. In demselben -Augenblick fuhr Konrad erschreckt zurück, als wenn er einen heftigen -Schmerz verspüre. - -»Gibt es einen andern Ausweg, Bauer?« fragte Gottfried. - -Konrad sah eine lange Weile mit finsterm Blicke vor sich nieder, dann -sagte er mit dumpfer Stimme und mit Nachdruck: - -»Nein, es gibt keinen andern!« - -Da kam wieder Bewegung in den Liegenden und er schob sich behutsam auf -dem Ast zurück. - -»Frank ist riesenstark,« rief Konrad dem schon Hinabkletternden noch zu. - -»Geht schlafen, Rabensteiner,« gab dieser zurück, »die Nacht ist -gräßlich!« - -Damit verschwand er in der Dunkelheit. - -Eine Sekunde lang sah Konrad auf die Stelle, wo Gottfried verschwunden -war. Dann schloß er das Fenster und gleich darauf verlöschte das Licht -in der Kammer. - - * * * * * - -Die Macht des Unwetters hatte ihren Höhepunkt erreicht. Der Sturm -schüttelte und riß mit tausend Händen an allem, was sich ihm -entgegenstellte, und wie Keulenschläge fielen seine Stöße auf die -Dächer. Ächzend bogen sich die stärksten Stämme der Bäume unter seiner -Wut, und aus des Himmels Schleusen strömte es wie eine Unzahl tosender -Sturzbäche auf die geängstigte Erde herab. Ein Höllenkonzert von -zehntausend Teufeln! - -In der Unterstube auf dem Lindenhofe tickte die große Kastenuhr laut -und einförmig. Auf der Bank vor dem Ofen lag der Bauer laut schnarchend -ausgestreckt auf dem Rücken, die beiden Arme unter dem Kopfe -verschränkt. Die undurchdringliche Nacht hüllte alle Gegenstände in -ihren schwarzen Mantel. Da tauchte neben dem Schläfer ein Schatten auf, -und im nächsten Augenblick umschlossen zwei große Fäuste den Hals des -Liegenden wie eiserne Klammern. Frank zog blitzschnell den rechten Arm -unter dem Kopf hervor und führte damit einen furchtbaren Hieb durch die -Luft. Dann lag er wieder so bewegungslos wie vorher; nur der Arm hing -schlaff herab und pendelte noch eine Weile hin und her, bis er ruhig -herunterhing. Aber die Finger der auf dem Fußboden auftreffenden Hand -hatte der Krampf gekrümmt wie Krallen. Noch ein, zwei Sekunden, dann -lockerte sich der eiserne Griff, und die Gestalt verschwand unhörbar in -der Finsternis wie eine nächtliche Erscheinung. - -Die große Uhr tickte in gleichmäßigem Schlage weiter, aber der Bauer -hatte aufgehört zu schnarchen. -- - - * * * * * - -Am andern Morgen hatte sich das Unwetter gelegt. Der Himmel war hell, -und der matte Glanz der mit den Wolken kämpfenden Sonne strahlte -friedlich auf die Verheerungen herab, die der Sturm während der Nacht -an Gebäuden und Bäumen angerichtet hatte. - -Da lief plötzlich die Kunde von Mund zu Mund, den Bauern Frank habe in -der Nacht der Schlag gerührt, er sei tot. - -Und vor der Bank am Ofen in der Unterstube des Lindengutes lag eine -alte Frau auf den Knien, die mit gerungenen Händen um den Sohn weinte. -Droben aber in seiner Kammer saß mit zusammengekniffenen Lippen, mit -steinernen Zügen und trockenen Augen ein junges Weib, auf dem Schoße -das schlummernde Kind, und blickte hart vor sich nieder. - -Als einige Tage darauf Gottfried das Lindengut verließ, um mit den -andern Männern auszumarschieren, da traf ihn ein flehentlicher Blick, -der zum Bleiben einlud. Aber ihm grauste vor diesem Blick und er wandte -sich ab. - -Wieder einige Tage später standen die kampfesfrohen Männer von Rehefeld -in Reih und Glied eines in der Reserve gebliebenen Regiments vom -Korps des Generals von Kleist. Als aber am Montag des 18. Oktober -mittags 2 Uhr dieses preußische Korps von Güldengossa her den großen -Bajonettangriff auf das vom Marschall Victor verteidigte Probstheida -unternehmen mußte, da wurden auch die Reserven vorgezogen. Und einer -der Ersten, die von den beiden verderbenspeienden Batterien am -Eingang des Dorfes zerschmettert wurden, war Gottfried, der ehemalige -Schützling des alten Ehepaares Honigmann, der getreue Knecht auf dem -Lindengute. - - - - -20. Kapitel. - - -Schon seit einigen Tagen hatten die Rehefelder von Norden her -Geschützdonner gehört, der bewies, daß Heeresteile der Verbündeten -endlich mit französischen Truppen ins Gefecht geraten waren, die ja im -großen Bogen die Ortschaften vor Leipzig besetzt hielten und sich auf -einen verzweifelten Kampf eingerichtet hatten. Auch waren Fuhrleuten -auf der weiten Ebene hinter dem Tanzberg fremde Reiter aufgefallen, -dergleichen noch niemand gesehen hatte, und die mit ihren wilden, -struppigen Gesichtern und der fabelhaften Sicherheit, mit der sie -auf den kleinen, häßlichen Pferden umherjagten, einen merkwürdigen -Anblick boten. Es waren dies die ersten russischen Kosaken, die in -dieser Gegend auftauchten und die dort, wo sie auftrafen, stahlen und -brandschatzten und sich weit ärger betrugen, als die französischen -Soldaten es getan hatten. - -Ferner ging ein Gerücht herum, dessen Richtigkeit sich bald -herausstellte, und das die Gährung in der sächsischen Armee -kennzeichnete. Man erkannte, daß die Freudigkeit, mit der diese Truppen -unter den Schwingen der französischen Adler gefochten hatten, nunmehr -vollständig geschwunden war, und daß die Soldaten eine Erbitterung -beseelte, die den Uebergang des größten Teiles der sächsischen Armee zu -den Verbündeten am Vormittag des 18. Oktober vorbereitete. - -Nach dieser Kunde hatte Napoleon vor den Toren Leipzigs eine große -Heerschau über seine Truppen abgehalten, an der auch die sächsischen -Regimenter teilnahmen. Während die Franzosen in gewohnter Weise dem -die Front abreitenden Kaiser zujubelten, empfingen ihn die Reihen -der Sachsen mit eisigem Schweigen. Napoleon versammelte hierauf die -Offiziere und Unteroffiziere des Korps Regnier, in dessen Verband -sich die Sachsen befanden, um sich und hielt eine zündende Ansprache, -deren Bedeutung durch Caulaincourts mangelhafte Verdeutschung aber -verloren ging. Die Frage, ob der Kaiser in der Schlacht darauf rechnen -könne, daß sie ihrem König die gelobte Treue halten würden, bejahten -die Sachsen freilich einmütig. Als aber General Regnier sie um ein -Zeichen der Ergebenheit bat, gingen sie, von den wütenden Blicken -Napoleons begleitet, stumm auseinander. Auch der Umstand, daß während -dieser Szene eine große Anzahl Soldaten für das Kreuz der Ehrenlegion -aufgeschrieben wurde, machte keinen Eindruck. - -Die Ortschaften nördlich Rehefeld bis über Leipzig hinaus waren mit -französischen Truppen dicht belegt, und vom Schloßberg aus konnte man -ihre Vorposten bei Göhren erkennen. - -Die Wolken hatten nach hartnäckigem Streite mit der Sonne die -Herrschaft endgültig behauptet, und als Fortsetzung des Unwetters der -vergangenen Nacht begann dichter Regen zu fallen. Da fuhren gegen -Mittag von Borna her etwa 10 Wagen ins Dorf, deren Beladung aus Pulver -und Geschützmunition bestand. Als Begleitung dieser Kolonne waren -einige französische Infanteristen mitgekommen; Mannschaften und Pferde -waren furchtbar erschöpft. Deshalb beschloß der führende Offizier, im -Dorfe einen längeren Halt zu machen. - -Er ließ die Wagen auf dem Stoppelfelde dicht neben dem Weißen Schlosse -auffahren und die Pferde in den Ställen im Dorfe unterbringen. Da es -rätlich erschien, das Pulver vor dem dichten Sprühregen zu schützen, -kam der Offizier, begleitet vom Ortsvorstand, auf den Freihof geritten, -und bat in höflichen Worten, ihm zu diesem Zwecke den Turm des -Schlosses zur Verfügung zu stellen. Max begab sich, dem eisernen Druck, -der hinter dieser höflichen Aufforderung stand gehorchend, an Ort und -Stelle und öffnete die große Tür, die wohl zu einer Zeit, in der das -Schloß keine Belagerung mehr auszuhalten hatte, eingebaut worden war. -In früheren Jahren war der weite Raum im Turme zur Aufspeicherung von -Getreidevorräten benutzt worden. Jetzt stand er leer und bot genug -Platz zur Unterbringung der Pulversäcke und Munitionskästen. - -Stickige Moderluft empfing die Eintretenden, und mit großer -Aufmerksamkeit betrachtete der Franzose die mehrere Ellen starken -Mauern, an deren Festigkeit in früheren Jahrhunderten der wilde Ansturm -manches Belagerers abgeprallt war. - -Eine Stunde später waren die zweihundertfünfzig Zentner Pulver im -Turme untergebracht, und ein vor der Tür aufgepflanzter Doppelposten -bewachte die Säcke und das mörderische Blei, das dazu bestimmt war, -gewiß schon am nächsten Tage seine verheerende Wirkung in die Reihen -der verbündeten Truppen hineinzutragen. - -In den Gemütern der Dörfler herrschte scheinbar große Ruhe. Aber wer -ungesehen einen Blick in manches der Häuser hätte tun können, würde -mit Staunen eine fieberhafte Tätigkeit wahrgenommen haben. Denn am -übernächsten Morgen sollte der Ausmarsch stattfinden, zu dem die -letzten Vorbereitungen getroffen wurden. - -Das Wohl ihres Besitzes, gleichviel ob es ein Bauerngut oder ein -ärmliches Häuschen war, lag den Davonziehenden am Herzen, und den -Zurückbleibenden wurde noch mancher treffliche Rat erteilt und für das -kommende Frühjahr manche Aufgabe übertragen. - -So verstrichen die Stunden, und als am späten Nachmittag der Regen -nachließ, versammelte sich eine große Anzahl Schaulustiger um die -fremden Wagen, die in peinlicher Ordnung am Fuße des Schlosses -standen. Viele Blicke gingen auf die Schildwachen am Turm und auf das -Eingangstor: die Augen der Frauen und Kinder mit Neugierde, die der -Männer mit schlecht verhehlter Erbitterung. - -Kurz darnach hatte sich plötzlich die große Schankstube des Gasthofes -dicht angefüllt, und laute Rufe der Entrüstung wurden dort ausgestoßen, -daß man ruhig mit ansehen müsse, wie die viele Munition im Dorfe -aufgespeichert werde. Niemand hatte heute ein rechtes Vergnügen am -Biertrinken. Die Deckel klapperten lange nicht so laut wie sonst an -Wintersonnabenden, und als die neunte Stunde herangekommen war, hatten -die Letzten den Gasthof verlassen. Nur an dem Tische dicht bei der Tür -saß noch ein Gast, der nachdenklich in sein halbgeleertes Bierglas -schaute. Es war Johann, der Schafhirt der Gemeinde. - -Vor etwa siebzehn Jahren hatten eines Tages Fuhrleute, die vom -Erzgebirge herkommend ihre schweren, mit Leinen und Klöppeleien -beladenen Wagen zur Neujahrsmesse nach Leipzig führten, einen -vierjährigen Knaben mit ins Dorf gebracht. Sie hatten das Kind -unterwegs gefunden und ein paar Tage mit sich geführt. Aber das -Wetter wurde empfindlich kalt, und der nur mit einem dünnen Röckchen -bekleidete Junge fror entsetzlich. Deshalb gab einer von ihnen das -Kind in die Obhut einer armen Frau, mit dem Versprechen, es bei der -Rückkehr wieder mitzunehmen. Die Frau nahm sich des Kleinen an, aber -der Fuhrmann kam nicht wieder. Und als die Summe, die sie für das Kind -bekommen hatte, zu Ende war, erklärte das Weib der Ortsobrigkeit, daß -sie von dem geringen Verdienst ihres Mannes neben den vier hungrigen -Mäulern ihrer eignen Kinder, nicht auch noch das des fremden Jungen -stopfen könne. Daraufhin mußte wohl oder übel die Gemeinde für den -Fremdling sorgen, der niemand gehörte, und von dem kein Mensch wußte, -ob er Heide oder Christ war. Auch seinen Namen kannte man nicht, und -da Nachforschungen keinen Erfolg hatten und aus dem, wie es schien, -geistig etwas zurückgebliebenen Jungen nichts herauszubringen war, -nannte man ihn Johann und gab ihn einem Bauern in Pension. - -Dieser schob den Jungen nach einem Vierteljahr wieder ab, indem er ihn -mit der Kleinmagd kurzerhand zum Nachbar schickte. Der Zweite verfuhr -wie der Erste, und so ging Johann reihum und lernte dergestalt viele -Haushaltungen kennen und viele Menschen und den Inhalt verschieden -gearteter Kochtöpfe und Suppenschüsseln. - -Zu Klagen bot der Bursche keinen Anlaß. Er war gutmütig und blieb -ein beschränkter, einfältiger Tropf, was mit einer großen Wunde am -Hinterkopfe zusammenhängen mochte, die der Junge gehabt, als ihn -der fremde Mann zur einstweiligen Aufbewahrung abgegeben hatte. Nun -war aber schon längst Gras über die Geschichte seines unerwarteten -Auftauchens im Dorfe und über die Wunde eine dicke, rote Narbe -gewachsen, vor der die strohgelben, wie Schweinsborsten in die Höhe -strebenden Haare Johanns ehrerbietig Halt machten, und die den auch -im übrigen keine Schönheiten aufweisenden Kopf in gleicher Weise -verzierte, wie ein dicker Regenwurm einen gelben Kürbis. -- Genug, -Johann war niemandes Feind! - -Als er ein gutgenährter Bursche von fünfzehn Jahren war, wurde er der -Nachfolger des eisgrauen Schafhüters, nachdem man diesen eines Tages -inmitten seiner Herde entseelt aufgefunden hatte. - -Diese Rangerhöhung vom schlichten Kostgänger zum Inhaber eines unter -der lieben Jugend mit Ansehen verbundenen Amtes, wurde von den sich in -die Unterhaltung Johanns teilenden Bauern ungefragt gutgeheißen und -von dem Erwählten selbst mit einer an ihm noch nicht gekannten Würde -entgegengenommen. Denn weil der Schafhüter nicht auf Gnadenbissen -angewiesen war, sondern ihm freier Unterhalt im Gemeindehause von -Rechts wegen zustand, war allen geholfen. Mit der Fähigkeit, ernstlich -zu arbeiten, hätte es bei ihm für alle Zeiten gehapert, aber dem Posten -als Befehlshaber dieser vierbeinigen Garde war der Bursche vollauf -gewachsen. - -Noch immer saß Johann still auf seinem Platze und guckte nachdenklich -in sein Glas. - -Der Gastwirt stand hinter dem Schanktisch und war mit müden Bewegungen -dabei, die leeren Biergläser in einem mit Wasser gefüllten, -hölzernen Schaff zu spülen. Er war ein kleiner, dicker Mann, dem das -schwarze, gestickte Käppchen mit der roten Quaste würdig auf dem -kurzgeschnittenen, weißen Haar saß. Den kugelrunden Bauch umspannte -gerade auf der Stelle, wo er den größten Umfang, hatte das Band -einer frischgewaschnen blauen Schürze und teilte ihn mit derselben -gewissenhaften Genauigkeit in eine nördliche und südliche Hemisphäre, -wie dies der Äquator mit der Mutter Erde freundlicherweise und -unverdrossen noch bis auf den heutigen Tag tut. - -Während des Gläserspülens flogen die schläfrigen Augen des gutmütigen -Alten von Zeit zu Zeit prüfend hinüber zu dem zurückgebliebenen Gast, -der noch immer keine Anstalten zu gehen machte. - -»Na, Johann,« rief der Wirt endlich dem Schafhirten zu, »ich dächte, Du -gingest jetzt auch heim. Du träumst wohl schon von dem Dutzend Klößen, -das Du morgen Mittag wieder essen wirst?« - -Der Angesprochene aber sah den verschmitzt lächelnden Wirt mit großem -Ernst an und fragte: - -»Vater Böhme, habt Ihr’s gehört, wie der Bauer vom Rabenstein heut -Abend gesagt hat, jeder müsse jetzt dem Vaterlande einen Dienst -leisten?« - -»Ja, so ähnlich hat’s schon geklungen, was er gesagt hat, der -treffliche Konrad, aber Dich, Johann, hat er damit nicht gemeint. -Zerbrich’ Dir den Kopf nicht darüber.« - -Der aber blieb hartnäckig bei der Sache und fragte von neuem: - -»Vater Böhme, habt Ihr schon Euern Dienst getan?« - -»Noch nicht, Johann. Aber wenn die Männer ausmarschiert sein werden, -dann wissen es schon diejenigen Frauen, die es bedürfen, daß an jedem -Sonnabend nach Feierabend beim Vater Böhme ein großer Topf Fleischsuppe -für sie bereitstehen wird.« - -»Vater Böhme, nicht wahr, das ist eine Sünde, wenn einer jetzt für das -Vaterland garnichts tut?« - -Der alte Mann blickte verwundert auf den Schafhirten und schüttelte -leise mit dem Kopfe. Dann stemmte er die Arme breit auf den Tisch, daß -der Bauch fest am Holze lag und antwortete: - -»Wer in den Augenblicken der höchsten Not nicht wenigstens im Geiste -für die gute Sache ist, der versündigt sich allerdings an seinem Volke. -Aber jetzt geh heim, Johann!« - -Dem Burschen war zwar der eigentliche Sinn dieser Worte dunkel -geblieben, so viel aber hatte er davon begriffen, daß er jetzt wußte, -daß sein Plan gut war. Mit dem zufriedenen Ausdruck eines Mannes, der -in einer schwierigen Frage mit sich ins reine gekommen ist, stand er -auf und verließ, den Gutenachtgruß vergessend, den Gasthof. - - - - -21. Kapitel. - - -Es war ein kühler Oktoberabend. Die Wolken jagten in dicke Haufen -geballt über die Mondscheibe hinweg, und über den zahlreichen Pfützen -schwebten graue Dunststreifen. - -Etwa zweihundert Schritte von dem Turme entfernt, der die Munition -barg und so, daß der Wind keine Funken hinübertreiben konnte, brannte -ein mächtiges Feuer von großen Holzscheiten. Rund um den Holzstoß -war ein Graben ausgehoben, auf dessen Rand ein Fuhrmann saß, der die -Pferdewache hatte. Er war in einen weiten, schwarzen Mantel gehüllt, -dessen Falten seinen Körper ungeheuerlich groß erscheinen ließen; auf -seinen Knien lag ein alter, breiter Reitersäbel. In geringer Entfernung -dahinter, in einer Talwelle, brannte ein zweites Feuer, um das die -übrigen Fuhrleute, gleichfalls in die Mäntel gewickelt, im Schlafe -lagen. In engem Halbkreis standen, mit dem Rücken gegen das Feuer, die -an Pflockleinen festgemachten Pferde. Sie hielten die Köpfe gesenkt und -wie die Männer schienen auch sie zu schlafen. Von Zeit zu Zeit stampfte -einer der Gäule mit den Hufen den weichen Boden und trat soweit zur -Seite, daß er an seinen Nachbar anstieß, oder eines der Tiere hob den -Kopf, prustete laut und schüttelte müde die Mähne. - -Ein drittes Feuer hatten drüben an der Straße die französischen -Soldaten angezündet, die den Transport begleiteten. - -Der einsame Fuhrmann ergriff einen von seinen Ästen befreiten Stamm -einer jungen Kiefer und schob ein paar abseits liegende Scheite näher -zu den Flammen, als er mit einem Mal einen jungen Burschen neben sich -bemerkte, der seine Bemühungen aufmerksam betrachtete. Blitzschnell -hielt der Fuhrmann in seinem Beginnen inne, wandte sich zu dem -Erschienenen und schrie: - -»Holla, Du Teufelsbraten, Dich hat gewiß die Erde ausgespien! Warum -schleichst Du so hinterrücks heran? Soll ich Dich mit meinem Schürbaum -hineinfegen in Dein flammiges Element?« - -Und er hob den Stamm und holte mit einer drohenden Gebärde aus, als -wolle er seine Worte zur Tat machen. - -Der Angekommene aber stand dem Erregten so ruhig gegenüber, als wenn -ihn dessen Drohung nicht im geringsten anfechte. Die Hände in den -Taschen seines langen, grauen Kittels verborgen, sah er gelassen in die -zornfunkelnden Augen und hielt den Blick mit großem Gleichmut aus. - -So verstrich eine Sekunde. Dann wandte sich der Fuhrmann ab, spuckte in -weitem Bogen in die Flammen, warf mit tiefem Lachen den Baum zur Erde -und setzte sich zugleich nieder. - -Noch immer laut lachend rief er: - -»Da hat mich doch dieser Einfaltspinsel zum Angsthasen gemacht. Ich -kann’s aber auch auf den Tod nicht leiden, wenn’s einer darauf anlegt, -mich zu erschrecken. Komm, Du Schlingel, setze Dich zu mir und hilf -mir die Langweile bannen. Hast eine beneidenswerte Gemütsruhe an Dir, -Bursche. Hahaha, steht da wie ein Pfahl, und doch hätt’ ich ihn beinahe -totgeschlagen.« - -Der Angesprochene setzte sich bedächtig zur Seite des Fuhrmanns nieder -und ließ mit Behagen die wohltuende Wärme des Feuers auf sich wirken. -Unterdessen brachte der Fuhrmann aus der Tasche seines Mantels eine -kurze Pfeife mit selbstgeschnitztem Kopfe hervor, nahm einen brennenden -Spahn und zündete sie an. - -»Wer bist Du denn, Du maulfauler Geselle?« hob er endlich an. - -»Ich bin Johann, der Schafhirt von Rehefeld,« antwortete der Gefragte -mit einem Anflug von bewußtem Stolz. - -Der Fuhrmann spuckte zweimal kurz nacheinander aus, warf wieder einen -langen Blick auf den Burschen an seiner Seite und sagte mit Ausdruck: - -»Je länger ich Dich betrachte, mein Freund, umso aufdringlicher kommt -mir die Ueberzeugung, daß keines Deiner allergrößten Schafe dümmer -sein kann als ich vorhin gewesen bin. Aufrichtig gesagt, ich hätte mir -selbst leid getan, wenn ich Dich totgeschlagen hätte.« - -»Mir auch,« versicherte Johann einsilbig, denn er dachte nur an das, -was er zu tun entschlossen war. - -Der Fuhrmann nahm die Pfeife aus dem Munde, spuckte bedächtig in die -Glut und warf einen neuen, verstohlenen Blick zur Seite. Dann versetzte -er: - -»Bursche, Du bist entweder ein mit allen Salben geschmierter Windhund, -oder ein ausgemachter Narr!« - -Johann hatte aber kein Interesse daran, was der fremde Mann von -ihm dachte. Sein armseliges Hirn hatte einen Plan ausgesonnen, so -groß, wie ihm noch keiner geworden war und der seine ganze geistige -Kraft alarmiert hatte. Freilich war sein Hirn von der Mutter Natur -recht stiefmütterlich bedacht worden, dafür regte sich aber in ihm -alle jene instinktive Verschmitztheit und Schlauheit, die die mit -feinen Verstandeskräften nicht sonderlich ausgerüsteten Menschen in -bedeutungsvollen Augenblicken überkommen. Jetzt empfand er es auch, -daß dieser Mann neben ihm seinen ganzen herrlichen Plan vereiteln -konnte, und daß es nur von seiner Geschicklichkeit abhinge, ihn nicht -argwöhnisch zu machen. - -»Ihr habt am Abend die Pferde aus den warmen Ställen gezogen,« sagte -er, »Ihr wollt doch nicht etwa zur Nacht aufbrechen?« - -»Daß Dir der leibhaftige Gottseibeiuns das Genick umdrehe,« antwortete -der Fuhrmann, »bist Du etwa von den Preußen als Spion hergeschickt, -he?« Bei diesen lautgesprochenen Worten nahm der Fuhrmann die Pfeife -aus dem Munde und sah den Schafhirten scharf an, als wolle er im Grunde -seiner Seele lesen. - -Dieser aber bewahrte seine gutgespielte Harmlosigkeit, kicherte leise -vor sich hin und versetzte: - -»Hab’s noch nicht probiert mit diesem saubern Handwerk. Soll ja viel -einbringen, aber bisweilen auch den Hals kosten. Und was tut der Mensch -dann ohne Kopf? Seinen klingenden Lohn kann er nicht mehr genießen und -bleibt obendrein ein Krüppel zeitlebens.« - -Der Fuhrmann hatte wieder beruhigt ausgespuckt und lachte jetzt laut -auf. - -»Du gefällst mir, Bursche,« rief er und schlug Johann derb auf das -Knie. »Du hast recht, es ist ein bißchen windig mit dieser Karriere. -Sonst hätte ich mich selbst schon längst damit befaßt.« - -»Seht,« begann Johann von neuem und sah aufmerksam in die Flammen -»warum sollte ich auch meinen Beruf mit diesem vertauschen? Tät’ ichs, -so würden mich selbst die ärgsten Spitzbuben verachten, daß ich den -Stand derjenigen so tief herabsetze, die sich freiwillig oder gezwungen -dazu hergeben, die nun einmal vorhandenen Gefangenhäuser zu bevölkern. -Und ein rechtschaffener Bettler würde lieber einem armen Mann sein -letztes Huhn stehlen, als daß er auf das Klimpern des Sündenlohnes in -meiner Tasche hin die Hand hohl machte. Lieber bleibe ich also Knecht.« - -»Ich merk’s, Du bist ein Galgenvogel,« unterbrach der Fuhrmann den -Sprecher, »aber fahr fort in Deiner Rede.« - -Johann ließ sich durch den Einwurf nicht beirren, sondern begann von -neuem und recht geheimnisvoll: - -»Ich sagte, ich sei ein Knecht? Das ist eigentlich nicht richtig, denn -niemand darf sich so frei fühlen, wie ich es bin. Die Arbeit ist ein -Joch, das den Menschen auf eine Stufe mit dem Stier stellt, der neben -dem Pferd vor dem Pfluge einhergeht. Die Arbeit macht den Menschen -häßlich, zeichnet ihm harte Linien ins Gesicht, verdirbt seine gerade -Haltung und den leichten Gang und schafft grobe Hände. Und warum lassen -die Menschen trotz alledem und alledem nicht von ihr ab? Weil mit der -Arbeit die Sucht nach dem Gewinn in das Herz einzieht! Hat die Arbeit -dem Menschen erst einmal so viel eingebracht, was dem Wert eines -Stückchens Fingernagel gleichkommt, wie man sich’s täglich abbeißt, -dann hat auch schon der böse Geist die arme Seele gepackt, und sie -verzehrt sich vor Sehnsucht nach immer reicherem Gewinn. Und wo ist die -Grenze, an der angekommen der Mensch aufhörte zu streben und aufhörte -auf mehr zu hoffen? Es gibt keine! Und darum sage ich: in der Arbeit -sitzt der Teufel!« - -»Hm,« begann der Fuhrmann zögernd, »meine Mutter sprach vor vielen -Jahren freilich anders, doch war sie eine einfache, ungelehrte Frau, -und zudem war damals die Einsicht noch nicht so tief in das Volk -eingedrungen wie heutzutage. Doch erzähle weiter, mir sprichst Du -jedenfalls aus der Seele.« - -»Seht mich an,« fuhr der Schafhirt fort, »wie reich ich bin! Und doch -hasse ich die Arbeit und gebe mich nie dazu her. Frühmorgens, mit dem -ersten Sonnenstrahl, springe ich vom Lager auf und treibe meine Herde -hinaus auf die grünen Fluren. Dort bin ich mit den Tieren allein in -traulicher Einsamkeit, die kein lästiger Mensch stört. Ein Teil der -Herde grast, ein anderer steht um mich herum und hört mir zu, wie ich -auf meiner Schalmei blase, derweilen der wachsame Spitz die Tiere -bellend umkreist. Ich habe nur nötig, hierhin zu gehen, gleich folgt -mir alles nach, meine Schritte dorthin zu lenken, um die Schar wieder -zur Umkehr zu bringen. Sie sind meine Untertanen, und ich bin ihr -König. Der Himmel ist mein Baldachin, der moosgeschwellte, blumige Sitz -mein Thron, und die Hirtenpfeife ist mein Zepter. Sagt, kann man mich -hiernach noch einen Knecht nennen?« - -»Du hast Dir jedenfalls ein Metier erwählt, das für Dich paßt,« -antwortete der Fuhrmann, ohne des Schafhirten Frage zu beachten. »Für -mich wäre es aber nichts, denn mich würde schon am ersten Tage die -Langweile mit Stumpf und Stiel auffressen. Du bist ein Träumer, ich -hingegen bin ein ruheloser Stürmer, ein Reptil mit hundert Gelenken, -die sich unaufhörlich bewegen. Nun hör mich an, und sage mir, wie Dir -mein Leben gefällt, das ebenso ruhelos ist und reich an wilden Szenen, -wie Deine Tage ohne Aufregung und in ihrer Gleichförmigkeit zermalmend -dahinfließen. - -Wir Fuhrleute sind ein rauhes, liederliches Volk und fürchten Gott -und den Teufel nicht. Wir vom Troß der Armee haben das bessere Teil -erwählt. Denn während vorn zerrissene Leiber auf den Rasen stürzen, -befinden wir uns weit hinten allen Gefahren für Leib und Leben entrückt -und spielen unterdessen Meister und Sieger. Und zu alledem sind wir ein -unentbehrlicher Teil des Ganzen, wichtiger zuweilen, als die Hälfte -der Streitmacht und von dieser hochgeschätzt und immer gern gesehen. -Keine Schlacht kann ohne uns geschlagen werden, denn wir schaffen -ihnen das mordgierige Blei und das Pulver herbei, und was frommte -dem Heere der schönste Sieg, wenn nach der Schlacht unsere Räder -den Erschöpften und Hungrigen nicht die gehörige Atzung zuführten! -Heute hier, morgen dort, einmal im Überfluß, dann wieder darbend, das -was begehrlich erscheint entweder durch Bitten und Versprechungen -willfährig machend -- betörend, oder mit herzhaftem Griff an sich -reißend, um es nach dem Genusse wieder wegzuwerfen -- --, so treiben -wir im Regen und Sonnenschein, jahraus jahrein, bergauf talab singend -und peitschenknallend unsere Pferde durch die Welt, wir, die Männer der -Straßen!« - -»Sagt doch einmal,« warf Johann eingeschüchtert ein, »Ihr seid Eurer -Sprache nach ein Deutscher. Wie kommt es denn nun, daß Ihr gerade den -Franzosen Pulver und Blei nachfahrt? Sie benutzen es doch nur dazu, um -Eure Landsleute damit zu verderben. Der Rabensteiner hat gesagt, es -dürfe kein deutscher Mann den Feinden des Vaterlandes dienen.« - -»Ach was, Firlefanz,« antwortete der Fuhrmann, »ich gehe mit dem, -der am besten zahlt. Und dann, Bursche, ist es doch mehr Ehre den -siegreichen Heeren des großen Franzosenkaisers hinterdrein zu ziehen, -als beispielsweise den preußischen Regimentern, die doch in der -Mehrzahl nur aus zusammengelaufenem Pack bestehen.« - -»Ja, aber der Rabensteiner hat gesagt,« erwiderte Johann halsstarrig, -»daß -- -- --« - -»Hol Dich der Henker mit Deinem verdammten Rabensteiner,« schrie der -Fuhrmann auf und spuckte zornig ins Feuer, »sorg lieber dafür, daß -Du Dir einstmals eine bessere Gruft ausgesucht hast, als sie Dir der -Rabenstein bietet. Was schiert mich das Vaterland! Heute hier, morgen -dort. Wo man trinkt und liebt ist mein Vaterland!« - -Er stopfte aus einer getrockneten Schweinsblase neuen Tabak in seine -Pfeife, zündete sie an und stieß den Rauch in mächtigen Wolken aus dem -Munde. Dann begann er wieder: - -»Du vorwitziger Gelbschnabel hast eben nicht den leisesten Begriff, wie -lustig das Leben unter den Flügeln der siegreichen Adler ist. Laß Dir -davon erzählen. Übrigens wirst Du wohl vom Hörensagen wissen, daß es -gerade bei den Preußen nicht in Saus und Braus hergeht! - -Tagelang sehen wir von der Armee kein Käppi und schalten nach unserm -eignen Willen. Den Bauer machen wir willfährig und zwingen ihn, die -fetteste Sau im Stalle zu einem Frühstück für uns abzustechen. Rauben -dürfen wir beileibe nicht, aber, wie’s so kommt, etwas bleibt immer -an den allzeit klebrigen Fingern hängen. Und köstlichen Spaß gibt’s -bisweilen auch. Merk auf, Bursche! - -Im verflossenen Monat war’s, da zogen wir in langsamen Märschen mit -schwerbeladenen Proviantwagen durch thüringisches Gebiet. Der Tag -war heiß, denn die Septembersonne brannte seit dem frühen Morgen -recht empfindlich auf uns hernieder. Der Weg wurde uns sauer, und -wir hatten noch weit bis ins nächste Dorf. Da tauchte ein einzelnes -Bauernhaus auf, das unsern Blicken bisher durch eine Waldecke verborgen -geblieben war. Erschöpft kamen wir an und wetterten nach Speis’ und -Trank. Im nächsten Augenblick erschien eine runzlige, alte Vettel auf -der Haustürschwelle, die heulend versicherte, daß die Soldaten all -ihre bewegliche Habe zerstört oder mitgenommen hätten, und sie den -vorangezogenen Fuhrleuten die letzten Kartoffeln hätte geben müssen, -von denen sie sich selbst das Mittagsmahl bereiten wollte. - -Ich sah durch das Fenster in die Stube und erkannte sofort, daß in -diesem Hause nichts mehr zu holen war, in dem selbst die Mäuse, statt -Futter zu finden, sich nur Blutblasen an die Pfoten gelaufen haben -würden. - -Ich war erbost, denn mich plagte Hunger und Durst. Da kam mir mit -einem Male ein köstlicher Gedanke: sollen wir hier nichts bekommen, -so müssen wir doch unsern Spaß haben! Ich raun’ meinem Kameraden ein -paar Worte zu, daß er laut auflacht. Aber schon bin ich entschlossen -und mach’s kurz. Mit festem Griff fasse ich die zaundürre Hexe trotz -allen Keifens und Widerstrebens um den Leib, und hoppdihopp, sitzt sie -rittlings auf dem breiten Rücken des Handpferdes. Starr vor Schrecken -klemmt sie auf dem Gaul wie eine Wäscheklammer auf der Leine und rührt -sich nicht. Da fliegt, wie aus der Kanone geschossen, der Bauer aus -dem Hause heraus, der die unfreiwillige Prüfung seines Ehegespons auf -ihre Reitfertigkeit wahrscheinlich schon von drinnen beobachtet hatte. -Seine spärlichen, weißen Haare hingen wirr um den kahlen Schädel, und -während ich auf den Bock gesprungen war, hob er die Hände zu mir empor -und wimmerte wie eine sterbende Katze um sein Weib. Ich aber treibe die -Pferde an; -- er greift nach den Zügeln, um die Gäule zurückzuhalten. -Da habe ich auch schon den blanken Säbel in der Hand und lasse die -flache Klinge auf seine Arme niederfallen. - -Wie Schilfrohr knickte der morsche Röhrenknochen des fleischlosen -rechten Unterarmes um und hing zu Boden, wie ein zerbrochener -Rührlöffel. Ich schlage kräftig auf die Pferde ein, daß die -wahrscheinlich von der Peitsche getroffene Alte heulend in die Höhe -fährt, und in rascher Bewegung rollt der Wagen die Straße entlang. -Da kommt wieder Leben in den in wunderlicher Haltung auf dem Pferde -hockenden Reiter, und bald flehend, bald zischend vor Galle begehrt die -Bäuerin, sie herunterzulassen. - -Es war ein ausgezeichneter Spaß, der uns über Hunger und Durst -reichlich hinwegtröstete. Etwa zwei Stunden führten wir das Weibsbild -hoch zu Roß mit uns. Dann kam ein französischer Offizier angeritten, -der uns das Pläsier verbot und die Alte unnützerweise durch ein des -Weges kommendes Gespann wieder zurückbringen ließ. - -Ein paar Tage später bin ich in Verlegenheit. Meine Sacktücher sind zu -Ende gegangen, weshalb ich genötigt bin, den Schweiß immerzu mit dem -Rockärmel von der Stirn zu wischen, und meine Füße steckten barfuß in -den Stiefeln. Da halte ich in einem elenden Dorfe vor einem niedrigen -Hause, in dem sich, wie es schien, keine lebende Seele befand. Ich -zweifelte, ob da drinnen für mich etwas sein könne, gehe aber doch -hinein. - -Die vordere Tür im Hausflur war verschlossen. Ich öffne die hintere -und komme in eine sehr ärmlich aussehende Küche. Wie ich aber auf die -Türschwelle trete, da frohlockt’s in mir, denn eine Anzahl bunter und -weißer Leinwandstücke liegt auf dem Tische durcheinander. Das war’s -ja gerade, was ich suchte. Ich eile also darauf zu und fange an, den -Vorrat hurtig im meine Taschen zu stopfen. Da höre ich heftiges Atmen -und wie ich mich umwende, sehe ich in einem Bett eine junge Frau -liegen. Mit fliegenden Worten beschwört sie mich, davon abzustehen. Sie -sei seit gestern Mutter und die Leinwand wäre zu Hemden und Windeln für -den um einen ganzen Monat zu früh erschienenen Erdenbürger bestimmt. -Die Nachbarin wäre soeben noch bei ihr gewesen und sei nur für kurze -Zeit fortgegangen, um nach den eigenen Kindern zu sehen. - -Ich aber überlege nicht lange. Meine Not ist groß, und der Säugling mag -sehen wo er bleibt. Ich kehre mich also nicht an das Rufen der Mutter, -sondern raffe zusammen was ich bekomme. Ihr Geschrei wird aber ärger, -und ich bin besorgt, daß man sie auf der Straße hören könne. Nun weiß -ich aber, wie schwer es ist, einem zeternden Frauenzimmer mit Erfolg -das Maul zu verbieten. Da fällt mein Blick auf den Ofen, ein zweiter -auf das trinkende Kind an ihrer Brust. Ich springe hinzu, reiße ihr die -hungrige Brut weg und lege sie dicht vor dem Tische auf den Fußboden -nieder. Dann ziehe ich den eisernen Topf mit kochendem Wasser aus der -Röhre und setze ihn so auf die Kante des Tisches, daß er beständig -zwischen Stehenbleiben und Umkippen schwankt und suche mir nunmehr in -aller Gemütsruhe die besten Leinenstücke aus. Das dünne Zeug werfe ich -zurück, da es mir nicht viel nützen konnte. - -Du hättest sehen sollen, Junge, wie jetzt das Weib schwieg, denn ein -kleiner Stoß von mir an den Tisch hätte den Topf zum Umkippen gebracht, --- -- und darunter lag der schmatzende, quäkende Wurm. - -Der Mutter hatte der Schrecken gewaltig eingeheizt. Ihr Gesicht war -grau geworden und mit kreisrunden Augen und ohne alle Bewegung schaute -sie auf ihr Junges, als wenn es von ihrer ruhigen Haltung abhinge, daß -der unaufhörlich schwankende Topf stehen bleibe. - -Als ich dann von der Straße neugierig durch das Fenster schaute, sah -ich, wie das Weib wie eine aufgezogene Puppe zum Ofen ging, das Kind -aufhob und gleich darauf mit ihm umfiel.« - -Der Fuhrmann brach hier kurz ab und blickte erstaunt auf den neben -ihm Sitzenden. Johann war zusammengesunken, seine Augen waren starr -vor sich niedergerichtet und die Zähne fest aufeinandergebissen. Der -Körper des jungen Mannes bebte, und es kostete ihm sichtlich viel Mühe, -ruhig zu bleiben. - -Da stieß der Fuhrmann mit einem wilden Fluche den Säbel auf den Boden, -daß das Eisen klirrte und sagte drohend, aber mit gewaltsam gedämpfter -Stimme: - -»Du gefällst mir nicht, Bursche! Bringe mich nicht in Versuchung, -mit dem Korb meines Säbels Dir Deinen windschiefen Hirnkasten -einzuschlagen!« - -Bei diesen Worten kam Johann rasch die Ueberlegung zurück. Die -tierische Wut, die den seine Leidenschaften nicht beherrschenden, -geistesschwachen Jüngling während der letzten Worte der Erzählung des -Fuhrmanns so urplötzlich gepackt hatte, wich von ihm und die Besinnung -kam wieder. Er hatte sich in seinen Plan so verbissen, daß der Gedanke -an die Möglichkeit des Scheiterns alle andern Regungen in seiner Seele -zum Schweigen brachte. - -Mit geheucheltem Erstaunen drückte er dem Erzähler seine Verwunderung -über dessen Zornesausbruch aus und mit zwinkernden Augen und listigem -Schmunzeln rieb er sich die Hände und kicherte wieder still vor sich -hin. - -»Das muß ich schon gestehen,« beeilte er sich hinzuzufügen, »Euer -Beruf ist kurzweiliger als der meinige, wenn Ihr öfters solche lustige -Streiche vollführt.« - -Dabei schossen seine Blicke verstohlen zu dem Mann an seiner Seite, um -zu ergründen, ob dessen Argwohn verflogen sei. - -Der Fuhrmann aber rührte sich nicht. Die Pfeife lag in seinem Schoße, -und der Blick war finster in die Nacht hinaus gerichtet. - -Eine geraume Weile verstrich in beiderseitigem Schweigen. Dann legte -der Fuhrmann den noch immer mit der Faust umklammerten Säbel wieder -auf die Knie, während sich seine Augen mit sinnendem Ausdruck auf die -züngelnden blauen, gelben und roten Flammen des niedrigbrennenden -Feuers hefteten. - -»Es gab eine Zeit,« begann er wie im Selbstgespräch und mit so -veränderter Stimme, daß Johann bei dem weichem Klange plötzlich -aufhorchte und angestrengt nachsann, ob er diese Stimme nicht schon -einmal gehört habe, »es gab eine Zeit, zu der ich die Achtung aller -die mich kannten genoß, und der Name Laurentius Kräutlein einen guten -Klang hatte. Damals war ich an Jahren noch ein junger Mann und an -Herzenseinfalt ein Kind. Ich genoß auf Erden die Wonnen des Paradieses. -Da griff das grausame Schicksal jäh zu und zerbrach mir mein sonniges -Glück. In einer einzigen Stunde verdorrten Blüten und Blätter, und ich -ward zum ruhelosen, rauhen Mann, den die bösen Mächte um Heimat und -Glück betrogen. Und darum sage ich: -- es gibt keinen Gott.« - -Des armen Johanns aber hatte sich bei diesen Worten des Mannes, die -eine furchtbare Anklage an das Schicksal enthielten, eine tiefe Regung -bemächtigt. Und mit fliegendem Atem versetzte er: - -»Der Pastor Reinerz aber sagt immer: Es gibt einen Gott, und dieser -läßt sich nicht spotten!« - -Da fuhr der Fuhrmann zornig auf, und alle Weichheit war wieder von ihm -gewichen, als er herausbrach: - -»Halte Dein lästerliches Schandmaul, Du Rabenaas, es gibt keinen, sage -ich,« dabei drohend den Säbel von den Knien hebend. Und nach einigen -Sekunden fuhr er beruhigter fort: - -»Merk auf, junger Mann. Ich werde Dir meinen Lebensgang erzählen, -und Du sollst urteilen. Kannst Du aber, wenn ich geendet, für das -Bestehen der Gottheit noch sprechen, dann werfe ich mich freiwillig -in die Flammen dieses Feuers. -- Ich bin im Bayrischen geboren. Meine -Kindheit gestaltete sich so tieftraurig, daß ich ihrer nur mit Wehmut -gedenken kann. So viel wie andere Kinder gespielt und gelacht haben, -habe ich geweint. Alle im Hause schalten und schlugen mich, und wer -an mir vorüberging, stieß heimlich nach mir. Mein Vater war ein Hund! -Väter, die ihre Kinder, noch bevor sie geboren sind, im Stich lassen, -sind immer Hunde. Mag der gräßlichste Tod für ihn bestimmt sein und er -jahrelang sterben! - -Meine Mutter war ein engelgutes, schüchternes Wesen von schwachem -Körper. Sie litt unsägliche Qualen unter den täglichen Boshaftigkeiten -ihrer lieben Verwandten, auf deren Hilfe sie leider angewiesen war. -Ihr ganzes Glück war ich, und ich entsinne mich noch recht lebendig, -wie inbrünstig sie mich als Knaben manche Nacht im Bette an sich -drückte, wobei die bittersten Tränen aus ihren Augen auf mein Gesicht -niedertropften. Zum Glück starb sie bald, und ich verließ kurz darauf -die Gegend und ließ mich nach manchen ziellosen Wanderungen im -sächsischen Erzgebirge nieder. Dort erlernte ich die Klöppelei und war -in wenigen Jahren ein sehr geübter Arbeiter, dessen Erzeugnisse ob -ihrer Feinheit und Sauberkeit geschätzt wurden. Ich war fleißig und -sparsam und brachte mir eine hübsche Summe Geldes auf die Seite. Ich -war auch angesehen und geachtet, -- aber glücklich war ich nicht! Der -Stachel, der in der Kindheit in mein Herz getrieben wurde, besaß einen -starken Widerhaken und verhinderte, daß wahre Zufriedenheit über mich -kam. Auch fromm bin ich zu dieser Zeit gewesen und an keinem Abend -schlief ich ein, ohne das Kindergebet gesprochen zu haben, wie es mich -meine Mutter gelehrt hatte. - -Da lernte ich ein armes Mädchen kennen, das aus Böhmen eingewandert -war. Nach kurzer Zeit gestanden wir uns unsere gegenseitige Liebe und -heirateten bald darauf. Meine Freude war unbeschreiblich und mir war -von dieser Stunde an die Brust mit reinem, innigem Glück erfüllt, -das die traurigen Erinnerungen an die Kindheit langsam aus der Seele -verdrängte. - -Wir erstanden etwas abseits vom Dorfe, dicht an der Landstraße -ein kleines Häuschen, mit schmuckem Garten und einem ansehnlichen -Hühnervolk und lebten so zufrieden, daß wir unser Glück gegen alle -Schätze der Welt nicht eingetauscht hätten. Mein junges Weib war -heitern Gemüts, das mich ernst Veranlagten fröhlich machte. Durch das -Haus und den Garten scholl ihre Stimme und ihr lustiges Lachen. Ihre -Lippen waren voll und kirschrot, und ihre dicken, dunkeln Zöpfe trug -sie auf dem Kopfe wie eine Krone. Das herrlichste an ihr aber waren die -pechschwarzen Augen, aus denen Freude und Lebenslust blitzten und die -in mir die ungeheure Glut entfacht hatten. - -Und als nach Jahresfrist uns in einer weichen Sommernacht ein Sohn -geboren wurde, da stand ich wunschlos auf dieser Welt. Ich mußte -allein sein mit meinem Glück. Leise verließ ich mein schlafendes Weib -auf kurze Zeit, ging ins Freie und brach in reichfließende Tränen der -Freude aus. Nicht mehr Herr meiner Gefühle, sank ich in die Knie und -lehnte den Kopf an die Hinterwand meines Hauses. Ich dankte Gott -für die Fülle seiner Gaben und gedachte in unendlicher Liebe meiner -verstorbenen Mutter. Auf das kleine Haus, das meine Teuern barg, hatte -sich das Glück herabgesenkt, das zwei wackere Helfer geschmiedet -hatten: Arbeit und Liebe. Die sturmfesten Stützen des schirmenden -Daches verdankte ich dem Ertrage meiner Hände Arbeit, und das was den -Eingang treulich hütete und den Glanz im Innern bereitete, war die -Liebe.« - -Hier unterbrach der Fuhrmann seine Erzählung. Noch immer war der Mond -von Wolken umlagert. Der Wind hatte sich etwas erhoben und blies in das -Feuer, daß die Flammen seitwärts schlugen. Durch die Postenkette ging -einer der Fuhrleute, der von der am nächsten stehenden Schildwache an -der Straße angerufen wurde. Der Wind trug leise den Klang der Worte -herüber, die gewechselt wurden. - -»Parole?« tönte die Frage, und »Jena!« lautete die gedämpfte Antwort. - -Jetzt wandte sich der Erzähler wieder zu dem Schafhirten und fuhr fort: - -»Die Schwäche meiner Frau war ihre Putzsucht. Sie liebte es, sich -mit bunten Flicken zu schmücken und konnte lange die Wirkung solchen -Aufputzes im Spiegel betrachten. Ich habe sie nie darum gescholten, -denn Eitelkeit ist die Zwillingsschwester der Keuschheit. Ich war froh -darüber, daß sie sich solch harmlose Freude bereitete, denn unser -Leben floß recht ruhig dahin. Bisweilen hatte ich aber die Empfindung, -daß Franziska ihrer Schwäche manchen Groschen opferte, der bei unsern -knappen Mitteln besser für etwas Anderes ausgegeben worden wäre. - -Fünf Jahre waren seit unserer Verheiratung verstrichen, als mich eines -Sonntags auf dem Heimwege vom Kirchgang mein Nachbar Werner am Arm nahm -und mir verstohlen zuraunte: - -»Laurentius, gib Acht auf Dein Weib!« - -Ich war so überrascht und erzürnt durch diese Worte, daß ich den -Sprecher am liebsten ins Gesicht geschlagen hätte, wen mir nicht -alsbald das Bewußtsein gekommen wäre, daß Werner, wenn er auch nur -ein armer Weber war, das größte Vertrauen von jedem im Dorfe genoß. -Fassungslos starrte ich ihm in die Augen um darin zu lesen, ob er sich -einen grausamen Scherz bereite, oder ob er so schlecht wäre, Mißtrauen -in mir gegen mein reines Weib zu erwecken. - -Je länger ich ihn aber anschaute, umso eindringlicher kam mir die -Überzeugung, daß dieses in Ehren ergraute Haupt keine schlimme Tat auf -sich laden könne, und ich wurde verwirrt unter dem wohlmeinenden Blick -dieser ehrlichen Augen. Wie ein Rasender stürmte ich nach meinem Hause. - -Da sah ich von der Schwelle aus ein liebliches Bild: Franziska -hielt den Knaben fest in ihren Armen, jauchzte vor Freude und küßte -wieder und immer wieder das lächelnde Kind. Noch nie war mir ihr -wohlgebildeter, schmiegsamer Leib so lebensfrisch und anziehend -erschienen, und niemals hatte das Mutterglück ihr Gesicht so verklärt, -wie in diesem Augenblick. Eine warme Welle trieb mir zum Herzen, und -ich bat ihr im Stillen das bittere Unrecht ab, das ich ihr getan und -entschuldigte Nachbar Werners Verdacht mit unseligem Irrtum. - -Wenn mir nun auch manches aus den letzten Wochen an Franziska ungewohnt -erschien, so fühlte ich doch im innersten Herzen, daß eins geblieben -war: die Liebe zu mir und dem Kinde. Mochte sie mit ihrer Schwäche -auch manchmal Ursache zu Gerede unter den Leuten geben, im Grunde war -es doch etwas anderes, das diesen Menschen die Zungen schärfte: sie -gönnten mir mein Weib und mein friedliches Heim nicht. Gerüchte tauchen -plötzlich auf und zerflattern wieder wie Sternschnuppen, und der Mann -hat sein Weib nie geliebt, den die erste Warnung wider sie in Harnisch -bringt! -- Aber ich nahm mir vor, auf die Eindämmung ihrer immer mehr -wachsenden Gefallsucht ernst hinzuarbeiten. - -Der Herbst war ins Land gekommen, und bald fegten die ersten -winterlichen Schauer über die verödeten Fluren. Es war Sonnabend und -ich war, wie ich es an diesem Tage immer zu tun pflegte, nach dem -zwei Stunden entfernten Annaberg gegangen, um meine Arbeit der Woche -abzuliefern. Hierbei war ich länger als sonst aufgehalten worden und -besorgte deshalb rasch die gewohnten Einkäufe. Wohlgemut schritt ich -auf der Landstraße hin, mein Bündel im Arm und die Gedanken daheim bei -meinen Lieben. - -Es war kurz vor der Dämmerung, als ich durch ein Dorf kam, das gerade -auf der Hälfte des Weges lag. Da sehe ich drüben am Mühlgraben -Menschen zusammenlaufen. Ich eile hinüber, um nach der Ursache des -Geschreis zu fragen. Kaum aber bin ich dort angekommen, gewahre ich -einen etwa achtjährigen Knaben in den Fluten des breiten Grabens, den -die Wasser im Wechsel niedertauchen und dann wieder auf kurze Zeit -an die Oberfläche heraufbringen. Der Kleine zappelte und sträubte -sich herzhaft gegen das tückische Element. Aber es war umsonst, -daß das bedrohte Leben sich der gefährlichen Umarmung zu entziehen -versuchte. Nach ein paarmal Untertauchen würde der Knabe nicht wieder -heraufkommen, und dann nahm ihn der stille, schwarze Teich auf und -bettete den kleinen Leichnam in seinen tiefen, weichen Schlamm. Wohl -hatte der Gedanke meine Seele durchzuckt, hineinzuspringen und den -Versuch zu machen, den Ertrinkenden zu retten. Aber dieser Versuch -mußte aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem Leben gebüßt werden, denn -das Wasser war übermannstief, ich war des Schwimmens nicht kundig, und -die Wirbel hätten meinen schweren Körper viel eher hinabgezogen wie den -leichten Knaben. Zudem hatte man ja selbst Weib und Kind daheim, die -ihres Ernährers harrten -- -- und ich wandte mich ab. - -Da zerriß der wilde Wehruf eines Weibes die Luft: »Mein Kind! Um -Gotteswillen, mein einziges Kind!«« - -Der Fuhrmann hielt eine Sekunde in der Erzählung inne, so mächtig -packte ihn die Erinnerung. Dann fuhr er fort: - -»Der Klang dieser Worte drang mir ins Herz wie glühender Stahl. Ruhig, -aber schnell wie das Aufleuchten des Sonnenlichts zwischen dunkeln -Wolken, stellte ich mir vor: -- wenn dieses verzweifelte Weib Deine -Mutter, der Kämpfende Dein Bruder wäre! Dieser Gedanke ließ die -Bedenken gegen den, das eigene Leben gefährdenden Versuch der Rettung -verblassen. Dann wieder drang es auf mich ein: -- wie nun, wenn dies -Dein geliebtes Kind wäre ...! und es schien mir, als wenn plötzlich -mein Herzschlag stocke. -- Was aber würdest Du tun, schrie es mir wild -ins Ohr, wenn Dein Weib hier stünde und in tödlicher Angst nach einem -Retter riefe ...! - -»Platz da!« schrie ich mit dem ganzen Aufgebot meiner Stimme und -drängte mich wieder zum Rande des Grabens. Die Menschen wichen zurück, -Mütze und Rock flogen zur Erde, und dann sprang ich kopfüber in die -eisige Flut. Die plötzliche Kälte raubte mir den Atem, die Wasser -rissen mich mit sich fort, und die Todesnähe hemmte mir die ruhige -Ueberlegung. Zweimal schlägt es über mir zusammen, dann komme ich -herauf und tue instinktiv wieder einen tiefen Atemzug, -- von neuem -umfängt mich die Finsternis, und wieder unterscheidet endlich mein -Auge in der Dämmerung verschwommen die Gestalten der Menschen am Ufer. -Da streift die Hand einen Körper. Ich erkenne den Knaben, packe fest -zu, und die Wirbel reißen mich zum letzten Male hinunter. Mit der -Verzweiflung des Ertrinkenden halte ich mich und den Knaben darauf eine -kurze Weile über Wasser und ergreife dann die mir entgegengehaltene -Stange, an der wir ans Ufer gezogen werden. - -Während die Menge Knaben und Mutter umgibt, werfe ich flugs mein Gewand -über und mache mich auf und davon. Noch höre ich die jubelnden Worte: -er lebt, er hat die Augen aufgeschlagen? Ich aber wickle mich, so -gut es eben geht, in meinen dünnen Rock und laufe, als wenn der Böse -hinter mir wäre. Endlich komme ich an meinem Hause an, die Glieder fast -erstarrt vor Kälte. - -Doch, was ist das? Kein Licht? Mein Weib empfängt mich nicht? -- Sie -ist ausgegangen! -- Aber wohin? Warum? Jetzt zu dieser Zeit pflegt -sie doch niemals das Haus zu verlassen! Die vordere Haustür ist -verschlossen. Ich klinke die Hintertür auf und trete ein. - -»Franziska!« rufe ich, »Fränzchen, mein liebes Fränzchen, ich bin -wieder da -- --!« klingt mein angstvoller Ruf aus dem plötzlich -bebenden Munde. -- Nichts rührt sich, niemand antwortet mir. Ich -stolpere nach der Stube und mache mit zitternden Händen Licht. Und wie -der schwache Schein der Kerze den Raum erhellt, sehe ich ringsum eine -Verwüstung, als wenn Räuber darin gehaust hätten. Alle Schubfächer der -Kommode, des Tisches sind geöffnet; der Deckel der großen Lade ist -zurückgeschlagen und der Inhalt auf dem Fußboden ausgebreitet. Weiße -und rote Gewänder, bunte Stoffe und Schürzen, aufgerollte Bänder, -künstliche Rosen und Jasmin wild durcheinander. Sind das alles Kleider -von Franziska? denke ich. Da erscheint mir dies und jenes bekannt, -manches davon aber hatte sie mir verborgen gehalten. Meine Gedanken -werden wirr. Was um Christiwillen bedeutet das, und wo ist dein Weib? - -Indem fällt mein Blick auf ein Stück Papier, das neben dem Leuchter -auf dem Tische liegt. Ich hatte das Gefühl, als wenn mir das Herz -still stehe, nehme den Zettel in die Hand und lese bei dem flackernden -Kerzenscheine: - - Lieber Laurenz! Du mußt mich gehen lassen und darfst mir nicht - böse sein. Du bist ein herzensguter Mann, aber ich würde - sterben bei diesem Leben. Ich habe mich jahrelang beherrscht - und wollte meinen leichten Sinn unterdrücken, aber meine Kraft - reichte dazu nicht aus. Ich habe, bevor Du mich kanntest, - trotz meiner Jugend schon lustig in den Tag hineingelebt und - kehre nun wieder zu diesem Leben zurück. Vier Jahre lang habe - ich Dir die Treue gehalten, seit ein paar Monaten aber bin ich - des Nachts manchmal aus dem Haus geschlichen, wenn Du von der - Arbeit ermüdet fest schliefst. Das Glück und die Ruhe in Deinem - Hause würden mich noch töten. Mich verlangt’s nach Freiheit und - wirbelndem Tanz! - - Leb’ wohl und küsse unser Kind, das Du gewiß zu einem guten - Menschen erziehen wirst. - - Franziska. - -Den Zettel in den wie vom Starrkrampf zusammengepreßten Fingern -festhaltend, sank ich neben dem Tische nieder. Das Schicksal hatte mich -an der Wurzel allen Lebens getroffen. Mechanisch glitten meine Hände -über die bunten und weichen Stoffe, die ich streichelte wie ein Kind -sein liebstes Spielzeug. Da vernehme ich hinter mir ein leises Geräusch -und erkenne im Halbdunkel mein Kind, das vom Schlummer erwacht ist, -sich erhebt und noch schlaftrunken lächelnd sich mir nähert. In diesem -Augenblick vollzieht die Natur in meinem Innern einen urplötzlichen -Umsturz. Gutes verwandelt sich in Böses, Weichherzigkeit in Grausamkeit -und Gelassenheit in wilde Wut. Ich will gegen das Schicksal wüten, und --- wende mich gegen meinen Knaben. Ein Stück von diesem verruchten -Weibe! ruft eine Stimme in mir, und die wilden Flammen des Zornes -schlagen hochauf und stürzen mich in Raserei. - -Ich springe in die Höhe, -- da hält der Knabe den Schritt an. Sein -leuchtendes Auge verliert den Glanz vor dem Ausdruck im Gesichte seines -Vaters. Angstvoll wendet er sich ab, um davonzueilen, -- da trifft ihn -ein fürchterlicher Fußtritt, der den Körper des Kindes wie einen Ball -fortwirft bis hin zum Ofen, auf dessen steinernem Untersatze der Kopf -dumpf aufschlägt. - -Einen Augenblick sehe ich auf den Knaben mit der blutenden Wunde am -Hinterkopfe, dann packen mich alle bösen Geister. Ich reiße die Kerze -vom Tische, springe hierhin, dorthin und entzünde alles was brennbar -ist in der Stube. Schon lodern die gefräßigen Flammen neben mir empor -und lecken an mir hinauf, und ich prüfe, welches der feurigste Herd -ist, daß ich ihn zu meinem Ruhbett erwähle, -- -- da kommt der Dämon -der Feigheit über mich! Ich stürze durch Qualm und Glut und wie ich -meine Sinne wiederfinde, hocke ich draußen auf der Straße im Graben und -schaue auf mein Haus, aus dessen Fenstern dichter Rauch und Flammen -herausschlagen. Auf der Straße aber höre ich schwere Wagen daherrollen, -dazu die lauten Stimmen der Fuhrleute. Schon hat der Vorderste von -ihnen die Feuersäule entdeckt, läßt die Pferde im Stich und eilt auf -das Haus zu. Ich aber drehe mich um und jage wie von Furien gepeitscht -über die Stoppeln. Und seit dieser Stunde bin ich der, der ich bin!« - -Der Fuhrmann hatte seine Erzählung beendet und sah gedankenvoll in die -hüpfenden, niedrigen Flammen des Feuers. - -»Mein Haus ist zerstört,« sagte er langsam, »und mein Sohn verbrannt -und unter den Trümmern begraben. Ich bin bereit jede Vergeltung für -meine Tat zu tragen. Und doch, -- zehn Jahre meines Lebens und diese -meine Rechte gäbe ich darum, wenn ich die Tat ungeschehen machen -könnte -- --« - -Einige Minuten verstrichen. Da ergriff der Fuhrmann den Baumstamm und -stieß ihn mit solcher Kraft zwischen die schwelenden Scheite, daß die -glühenden Funken knisternd hochaufsprühten. - -»So, Du Großmaul« schrie er Johann zu, »willst Du es jetzt noch sagen: -es gibt einen Gott?« - -Der Angesprochene aber vernahm diese Worte nicht. Wie ein Steinbild -saß er auf dem Grabenrand und hielt die Augen halb geschlossen. Die -nächste Umgebung entwich dem Kreis seiner Gedanken, aber die bis zu -dieser Stunde in engen Banden gehaltene Kraft der Erinnerung befreite -sich mit einem einzigen Kraftausbruch von ihren bisherigen Fesseln, und -sein Geist eilte zurück bis in seine Kindheit. Vor seiner Seele stieg -das Bild eines jungen Weibes herauf mit roten, schwellenden Lippen, -tiefdunkeln Augen und einem Kranze glatter Flechten, die wie eine Krone -auf der Stirn ruhten. Auch den Klang ihrer fröhlichen Lieder vernahm -er und er fühlte deutlich, wie die roten Lippen seinen Mund küßten. -Neben diesem Bilde malte die Erinnerung mit zauberhafter Deutlichkeit -das eines Mannes mit ernsten Zügen, dessen Augen voll Liebe und -unaussprechlichem Glück auf das Kind gerichtet waren. Mit wunderbarer -Schärfe traten noch andere glückliche Erinnerungen an die Kindheit aus -dem bisher undurchdringlichen Dunkel heraus, bis zuletzt der düstere -Anblick der Stube im elterlichen Hause im Scheine einer Wachskerze -heraufstieg, und ihn aus einem entstellten Männerantlitz zwei drohende -Augen trafen -- -- -- - -Der Schafhirt sprang in die Höhe und taumelte wie ein Berauschter ein -paar Schritte zur Seite. - -»Haha,« lachte der Fuhrmann, »nicht wahr, mein Bürschchen, jetzt ist -Dir der Appetit zum beten vergangen?« - -Da warf der Schafhirt dem Manne einen langen Blick zu, als wenn er -diesen Anblick mit dem Bilde in seiner Seele vergleichen wolle, -- und -er wandte langsam die Augen ab. Mechanisch kehrte er sich um und ging -schwerfällig auf dem Wege weiter, der zum Turm führte. - -»Heh!« rief der Fuhrmann dem Jüngling zu, »dort habt Ihr nichts zu -suchen. Geht links hinüber, sage ich Euch!« - -Aber schon trugen den Schafhirten die Füße nicht mehr weiter. Er -strauchelte und fiel neben dem Wege zwischen die blätterlosen Ruten -eines Haselnußstrauches. Und dann glitten seine Hände zuckend über -den Boden, und die starren Finger krampften sich hinein, als wenn ein -Schwindelnder Halt sucht, und den Mund preßte er fest auf Erde und -Moos, um das wilde Schluchzen zu ersticken, das ihm das Herz schier -zersprengen wollte. - - - - -22. Kapitel. - - -Vor der schmalen Eingangstür des Pulverturmes, mit dem Rücken gegen -das Mauerwerk, standen in dunkler Nacht zwei Schildwachen in eifrigem -Gespräch. Der eine der Männer mochte fünfundvierzig Jahre zählen und -war hochgewachsen und breitschulterig. Sein verwettertes Gesicht -mit den klugen und ausdrucksvollen Zügen erhielt durch den den Mund -vollständig bedeckenden, buschigen Schnauzbart, dessen lange Spitzen -wie die Kiele starker Rabenfedern von der Oberlippe abstanden, einen -Stich ins Martialische. Wie selten auf einem Antlitz, war auf diesem -die stärkste Charaktereigenschaft seines Trägers scharf ausgeprägt, -denn die blitzenden Augen und die scharfgekrümmte, starke Adlernase -verrieten eine außergewöhnliche Kühnheit. Er trug die Uniform der Alten -Garde, und seine Brust war mit zahlreichen Kriegsmedaillen und Kreuzen -geschmückt. - -Der andere der beiden Männer war ein blutjunges, schmächtiges -Bürschlein mit bleichem und schmalem Gesicht. - -»Ich sage Dir,« sprach mit tiefer Stimme der alte Gardist, »Du hast -ein Leben begonnen, das reich an Ehren ist. Der Ruhm, der sich an -den Flug der Kaiserlichen Adler heftet, berauscht alle bis auf den -letzten Soldaten seiner Armee und bewirkt, daß sich Alter und Jugend, -Vornehm und Niedrig willig ihm beugen. Das Schicksal hat uns wunderbar -zusammengeführt: ihn, den Kriegsgott und uns, die Söhne der großen -Nation! Ein bedeutsamer Sieg steht uns bevor; die Kanonen, die Du heute -hörtest, verkündeten aufs neue seine Unsterblichkeit. Leipzig müssen -wir gewinnen, mein Sohn, und wenn den altersschwachen Gott der Christen -des Kaisers Arme selbst herunterreißen müßten!« - -»Sagt mir doch,« klang zögernd die mädchenhafte Stimme des jungen -Soldaten, »warum seid denn Ihr nicht bei Euerm Regiment?« - -»Ach,« versetzte der Gardist mißmutig und verzog das Gesicht, als wenn -er Essig im Munde habe, so daß der gewaltige Schnurrbart in heftige -Bewegung geriet »Bei Lützen sprang mir ein Granatsplitter ins Bein, -daß ich kampfunfähig wurde und mehrere Monate im Spital zubringen -mußte. Vor wenigen Tagen erst gab man mich frei, und ich schloß mich -diesem Munitionstransport an, denn ich brannte vor Begierde, wieder -zu meinem Regimente zu stoßen. Von den elf Blessuren, die ich bisher -erlitt, ist es die letzte gewesen, während deren Heilung ich vor -Ungeduld bald gestorben bin.« - -»Man sagt,« begann der Jüngling von neuem, »daß der Kaiser sich seine -Generale selbst heranbilde, und daß der Lehrer keinem seiner Schüler -einen starken Einfluß auf die Heranführung der Armeen zum Kampfe -einräume.« - -»Das ist wahr,« antwortete der Gardist und zwirbelte seinen -Schnurrbart. »Die Pläne zu allen großen Schlachten sind in dem Hirn -unseres genialen Meisters erdacht worden. Deshalb gebührt auch ihm der -größte Teil von dem Ruhme seiner Siege. Seine Marschälle sind nichts -anderes als Ausübende seiner Befehle. Vielfach früher gemeine Soldaten, -sind sie aus der hohen Schule des großen Kaisers hervorgegangen. Der -wahre Meister lehret die Gehilfen selbst. Und wen einmal der Korse für -vollgewichtig fand, der zählt in Zukunft zu des Imperators Paladinen!« - -»Ihr habt den Kaiser recht sehr in Euer Herz geschlossen, merke ich,« -sprach der Jüngling. »Ihr müßt doch eine gewaltig hohe Meinung von ihm -haben.« - -Der alte Soldat wandte sich um, daß er dem andern den Anblick seiner -breiten Brust bot und ließ seine blitzenden Augen spöttisch auf dem -Milchgesicht ruhen. - -»Junger Kamerad,« versetzte er endlich, »Du kommst mir vor, wie ein -frisch dem Mutterleibe entstiegenes Böcklein, das in den wärmenden -Sonnenstrahlen seine possierlichen Sprünge macht. Deine Worte klingen -wie das Lallen eines Kindes. Noch ganz andere Männer als ich huldigen -unserm großen Kaiser, dem die Meinung der Menschen nichts an seinem -Ruhme schmälern oder hinzufügen kann. Seine welterschütternden Taten -fordern bei Freund und Feind hohe Ehrfurcht heraus. Sie sind in dem -Buche der Geschichte auf ewig unvergänglich eingegraben, und noch in -den spätesten Tagen wird man mit Bewunderung seinen Namen nennen. Er -ist der Erste, aller Zeiten Ersten, vor seinem Stirnerunzeln zittert -eine Welt, und wie das Schicksal von Europas Völkern in seiner Faust er -hält, brächt’ er im Rasen selbst den morschen Erdenball zum bersten.« - -»Vergebt,« begann nach einer geraumen Weile Stillschweigens der junge -Soldat schüchtern, »wenn ich Euern Unmut herausforderte. Ich bin -ja, wie Ihr wißt, keiner Eurer Landsleute, zudem bin ich jung und -unerfahren, und in unser stilles Schwarzwaldtal ist zum Glück nur wenig -von dem Kriegslärmen gedrungen. Ich kann Eure blinde Anbetung des -Kaisers nicht recht verstehen, aber Eure Rede flößt mir Achtung vor -ihm ein. Und wenn ihr sagt, »der Kaiser!«, so sprecht Ihr diese Worte -in einem Tone, den ich bisher noch nicht vernommen habe, und jedesmal -ist es mir dabei den Rücken hinabgerieselt. Zugegeben, Napoleon ist -ein großer Kriegsmann, der bei jedem Menschen ein starkes Gefühl -herausfordert, sei dies nun Liebe, Bewunderung oder Haß. Sagt mir aber -doch, bitt’ ich Euch, welche Bewandnis es damit hat, wenn Ihr sagt »der -Kaiser!«.« - -Das Gewehr an die Schulter gelehnt, griff der alte Gardist mit beiden -Händen langsam an den Schnurrbart und richtete, ihn wiederholt -blitzschnell durch die Finger drehend, eine wahre Revolution in den -beiden Haarbüscheln an. Aber nur eine Sekunde dauerte diese Verwirrung, -dann glätteten, drehten und strichen die zerstörenden Finger das stolze -Symbol seiner Männlichkeit in eine noch ansehnlichere Form als der -Bart vorher besessen hatte, und ein paar letzte Striche verliehen den -Büscheln einen kühnen Schwung, und die dicken Enden ragten aufs neue -spitzig in die Luft. Mit dem Gesichtsausdruck des Geschmeichelten -blickte der Franzose einen Augenblick sinnend ins Leere. Dann warf er -seine nachlässige Haltung ab, richtete sich auf und begann die folgende -kleine Erzählung: - -»Es war bei Austerlitz. Die Schlacht war im vollen Gange, und die -Russen und Österreicher boten alle Kraft auf, dem gewaltigen Stoße -unserer Sturmkolonnen standzuhalten. Die Alte Garde stand mit Gewehr -bei Fuß rückwärts auf einer Anhöhe, jedes Winks gewärtig, um etwa -einem bedrohten Flügel zu Hilfe zu kommen. Wir Auserlesenen der -großen Armee kennen schon dieses Verweilen in der Reserve, denn wir -sind gewöhnt, in den Augenblicken, wo die Schlachten ihren Höhepunkt -erreichen, einzugreifen und aufs neue mit dem Lorbeer des Sieges -unsere Adler zu schmücken. Von unserm Platze aus konnten wir das ganze -Schlachtengefilde überblicken. - -Die ungeheure Fläche war ein einziges Schneefeld, auf das die -Wintersonne herniederglänzte. Millionen von Eiskrystallen glitzerten in -den goldenen Sonnenstrahlen, und der Donner der ersten Kanonenschüsse -der Russen zerriß die Luft und rollte majestätisch zu uns herüber, die -erhabene Ruhe der Natur jäh erschreckend. - -In kurzer Zeit aber wurde das Bild lebendiger. - -In weitem Halbkreise bot sich dem Auge der Anblick der Dörfer dar, aus -deren Häusern hier und da schon die Flammen schlugen. Verhaue waren zu -sehen, Hecken, hinter denen es wie in einem Ameisenhaufen kribbelte, -langgedehnte Feuerlinien, von Rauch fast verhüllt, anstürmende -Regimenter und sich zur Schlacht entwickelnde Divisionen. - -Eins bemerkten wir schlachtenkundigen Veteranen des Krieges sehr bald: -das Ringen war zum Stillstand gekommen. Zudem war es bekannt, daß wir -uns in der Minderzahl befanden. Also konnte es wohl einem Neuling etwas -bänglich zu Mute werden, zumal sich unser Aufenthalt auf der sanft in -das Tal hinabführenden Lehne immer ungünstiger gestaltete. Denn nicht -nur eine ganze Anzahl verirrter Flintenkugeln schlug mitten in unsere -Reihen ein, sondern es schwirrten auch Granaten dicht über unsere Köpfe -hinweg, mit denen sich die russische Artillerie auf uns einzuschießen -begann. Wir aber standen schweigend und ohne mit den Wimpern zu zucken -und betrachteten scheinbar gleichgültig das weite Schlachtfeld. Aber in -der Brust eines Jeden von uns stieg eine quälende Unruhe herauf und das -wilde Verlangen, anstatt in dieser Totenstarre, zu der wir verurteilt -waren, auszuharren, vorwärts zu stürmen. - -Dicht vor unserem Bataillon hielt zu Pferd der Marschall mit seinen -Adjutanten. Wie aus Stein gemeißelt saß er auf dem Pferde und blickte -unausgesetzt nach einem großen Reiterhaufen in geraumer Entfernung -vor uns, von dem unaufhörlich einzelne Reiter ab und zu ritten. -Auch unsere Blicke wurden auf diese Stelle hingezogen, von der eine -magnetische Kraft auszugehen schien. Und je länger wir untätig standen, -je lauter der Schlachtenlärm heraufdrang, und je gefahrvoller unsere -Stellung wurde, um so sehnsüchtiger hingen unsere Augen an diesen -Reitern. Die Unruhe in unserer Brust war auf das höchste gestiegen. - -Da löste sich mit einem Male wieder ein Reiter von dem großen Haufen -und stürmte in verwegenem Galopp über die Hecken und Gräben hinweg -auf unsere Stellung zu. Ein Aufatmen ging durch die Reihen! Wie eine -Windsbraut fegte der Reiter die Anhöhe herauf. Es war, wie man beim -Näherkommen erkennen konnte, ein Major vom Großen Hauptquartier, ein -noch junger Mann mit vornehmen Gesichtszügen und hohen Auszeichnungen -auf der Brust. Dicht vor dem Marschall riß er mitten in der Karriere -so gewaltig in die Zügel, daß das feurige Roß fast auf die Hinterhufe -niederbrach. Dann legte er mit edelm Anstand die Hand an die Mütze und -sprach langsam und mit laut vernehmbarer Stimme: - -»Befehl des Kaisers! Die Kaiserliche Garde soll das Dorf im Zentrum der -Schlachtlinie nehmen und um jeden Preis halten!« - -Bei diesen Worten streckte der Offizier den Arm aus und bezeichnete ein -fast gänzlich zusammengeschossenes, langgestrecktes Dorf, aus dessen -Häusern dichte Rauchwolken drangen und von dem soeben stark gelichtete -französische Kolonnen zurückfluteten, die vom Dorfe aus mit heftigem -Gewehrfeuer verfolgt wurden. - -Hierauf salutierte der kaiserliche Adjutant von neuem, riß das Pferd -herum und stürmte, wie er gekommen, wieder die Anhöhe hinab. Kaum -war er aber hundert Schritte weit geritten, da bäumte plötzlich der -prächtige Rappe hochauf und begrub, sich überschlagend, den Reiter -unter seinem Leibe. Infolge der Heftigkeit des Sturzes rollte das Pferd -über den Offizier hinweg, stieß, auf dem Rücken liegend, die im Krampf -gekrümmten Beine ein paarmal heftig in die Luft und fiel dann langsam -auf die Seite neben seinen Reiter, der unbeweglich auf dem gefrorenen -Schnee lag. - -Da wandte der Marschall sein Pferd herum, und durch unsere Reihen -scholl ein unterdrücktes Jauchzen. Sein Gesicht war dunkelrot, und -seine Augen glühten vor innerm Feuer. Die Kommandeure sprengten auf -ihn zu, ritten wieder zurück, und wenige Minuten später erschollen die -Kommandos, und die Bataillone setzten sich stumm in Marsch. Alles dies -geschah ruhig und ohne Aufregung, wie daheim auf den Übungsplätzen. - -Mit beflügelten Schritten eilten wir abwärts, an dem auf dem Rücken -lang ausgestreckten Adjutanten vorbei, dessen gebrochener Blick nach -oben gerichtet war, und erreichten bald die Stelle, wo der bewegliche -Reiterschwarm hielt. Hier waren Offiziere jeden Ranges und aller -Waffen. An der Spitze des Haufens sah man die Uniform des Kaiserlichen -Stabes und etwa fünfzig Schritte vor ihnen befanden sich zu Fuß drei -oder vier einzelne Offiziere, unter ihnen der Kaiser. - -Der Gewaltige hielt ein großes Fernrohr vor die Augen und blickte -aufmerksam auf das Schlachtfeld. Nach einer kurzen Weile nahm er das -Glas herunter und beugte sich über einige Karten, die auf einem am -Boden liegenden Baumstamm ausgebreitet waren. In diesem Augenblick -ritt ein Regiment Grenadiere zu Pferde in leichtem Trabe vorüber. -Ein hundertstimmiges Vivat brauste durch die Luft; der Kaiser rührte -sich nicht. Da erhoben sich die Stimmen noch lauter, und die Soldaten -riefen: Nun werden wir den Petersburger Damen wieder eine Gelegenheit -zum weinen geben. Der Kaiser blieb unbeweglich. Er richtete sich nicht -für einen Augenblick auf, sondern blieb über die Karten gebeugt, und es -schien, als wenn er den tosenden Beifall, der den betäubenden Lärm der -Schlacht fast übertönte, garnicht vernehme. - -In gleichmäßigem Takte, die Zunge im Bann, schritten wir vorüber. Denn -die Kaiserliche Garde pflegt ihre Pflicht stumm zu tun! - -Schnell nährten wir uns dem brennenden Dorfe. Ohne einen Schuß -abzugeben, marschierten wir vorwärts, in den infernalischen Hagel -von Blei hinein. Das Etagenfeuer, womit wir empfangen wurden, wütete -fürchterlich in unsern Reihen und riß gewaltige Lücken in die -dichten Sturmkolonnen. Aber unsern Mut konnten die Verluste nicht -erschüttern. Die Reihen schlossen sich fester zusammen, und die Plätze -der Gefallenen wurden im Augenblick ausgefüllt. Plötzlich schien es, -als wenn die Verteidiger Verstärkung erhielten, denn das Feuer nahm -an Heftigkeit zu. Man konnte nicht mehr das Knattern der einzelnen -Schüsse unterscheiden. Grollendem Donner gleich hallte es herüber, und -das Pfeifen und Zischen der Kugeln wuchs zur sinneraubenden Musik an: -wir bissen die Zähne zusammen und marschierten weiter. Da schlugen -plötzlich von halblinks her Kartätschen in uns ein und rissen ganze -Reihen nieder: -- wir senkten den Blick zu Boden und marschierten -weiter. Eins nur war jetzt die Losung: Vorwärts! Jedes Halten oder gar -Zurückweichen war gleichbedeutend mit Vernichtung. - -An den weißen Uniformen hinter den Mauern erkannten wir, daß es -Österreicher waren. Nun, wir nahmen uns vor, mit ihnen fürchterlich -abzurechnen! - -Noch immer bewegten wir uns beim Schlage der Trommeln im Schritt -vorwärts, die Adler voran, wie eine granitne Mauer, ein Wald von -Bajonetten. Da ertönten plötzlich die Hornsignale. Wir durcheilten -die kurze Entfernung bis zum Dorfe laufend und warfen uns auf -die feindlichen Schützen, die im letzten Augenblick das Schießen -eingestellt hatten und uns mit erhobenen Gewehren erwarteten. Mit -lautem Schlachtruf stießen wir aufeinander; hüben wie drüben herrschte -fürchterliche Erbitterung. - -Die braven Weißjacken mußten natürlich schon in der Entfernung die -Uniform der Alten Garde erkannt haben und hatten sich daraufhin auf -einen verzweifelten Kampf gefaßt gemacht. So standen sie denn auch wie -eine Felswand und wehrten sich wie Rasende. Aber _diesem_ Ansturm war -ihre Kraft nicht gewachsen!« - -Der alte Gardist räusperte sich und hielt einen Augenblick inne. Dann -fuhr er mit großem Nachdruck fort: - -»Junger Kamerad! Ich habe in achtundzwanzig Schlachten gestanden -und weiß, mit welcher Erbitterung zuweilen gestritten wird. Noch -niemals, außer vielleicht bei Eylau gegen die Preußen, habe ich es -aber wieder erlebt, daß mit solcher Wut gefochten wurde, wie wir und -die österreichischen Regimenter bei Austerlitz kämpften. Kolben und -Bajonett wüteten furchtbar in ihren Reihen, und die weißen Koller -färbten sich in kurzer Zeit blutigrot. Sie schienen in den Erdboden -gewurzelt, und es genügte nicht, ihnen den Tod zu geben; jeder -Erschlagene mußte noch umgeworfen werden, und der Gesichtsausdruck der -Toten war ein grimmes Bedauern, daß sie nicht wieder aufstehen und -weiterkämpfen konnten. - -Unterdessen hatte die Schlacht weitergetobt und auf der ganzen Linie -hatten unsere Regimenter den Angriff erfolgreich vorwärts getragen. -Das alle Kriegskundigen überstrahlende Genie des Kaisers feierte an -diesem Tage einen seiner glänzendsten Triumphe! Er wußte, daß er -sich auf sich selbst und auf seine Truppen verlassen konnte. Deshalb -hatte er den rechten Flügel der Aufstellung nur schwach besetzt. Die -Verbündeten trauten einem Napoleon wirklich den Fehler zu, daß er seine -Rückzugslinie nicht genügend decken würde. So liefen die Russen wie -Mäuse in die Falle und schickten große Massen auf diesen sumpfigen Teil -des Schlachtfeldes, bis ihre Regimenter zwischen zwei große Seen und -dem wasserreichen Goldbach eingekeilt waren. - -In diesem Augenblick wurden sie von den Truppen des Herzogs von -Auerstädt angegriffen. Kaum hatte der Kaiser die durch den Marschall -Davout gefährdete Lage der Russen und Österreicher erkannt, als er die -ganze Garde und die Regimenter des Marschalls Soult von der Hochfläche -herab in den Rücken des Feindes warf. Von der furchtbaren Blutarbeit, -die zu dieser Minute begann, habe ich Dir, junger Kamerad, soeben -erzählt. Die feindlichen Truppen entzogen sich zuletzt dem Gemetzel -und ergriffen die Flucht. Ein Teil von ihnen geriet in die Sümpfe, der -andere gedachte auf der Fläche zwischen den beiden Seen zu entkommen. -Hier brachen aber unsere Reiterregimenter in ihre Flanke und hieben -schonungslos auf die Fliehenden ein. - -Wir hatten unterdessen unsere Arbeit getan. Ausruhend standen wir nun -auf einem Hügel seitwärts des in rauchenden Trümmern liegenden Dorfes -und wischten mit den Fingern das tropfende Blut von den Bajonetten. Da -sahen wir, wie einige Tausend Russen über den großen, zugefrorenen See -flüchteten. Gerade als sie die Mitte erreicht hatten, ließ der Kaiser -durch die Gardeartillerie das Eis einschießen. Unter gewaltigem Krachen -barst die Eisdecke des Sees, und mit gellenden Hilferufen versanken -Tausende von Flüchtigen mit Pferden, Wagen und Geschützen langsam in -der eisigen Flut. - -Die darauffolgende Nacht wurde bei grimmiger Kälte im Freien zugebracht. - -Am andern Tage stand die Alte Garde schon frühzeitig auf den -Biwakplätzen bereit, den Kaiser zu erwarten, -- die Adler vor den -Bataillonen. Eine Stunde verstrich in fieberhafter Ungeduld, denn -wir ahnten, daß sich heute für uns Bedeutendes ereignen würde. Keine -Blutarbeit wie gestern, aber doch würde es ein großer Tag sein. Endlich -sahen wir von der Ferne her den bekannten großen Reiterschwarm langsam -auf uns zu reiten. Der Marschall gab das Zeichen zum Präsentieren, -und einige Sekunden später nährte sich der Kaiser, von nur wenigen -Generalen begleitet, im Galopp unserm Bataillon, während der große -Haufen in respektvoller Entfernung zurückblieb. - -Als der Kaiser vor unserer Mitte angekommen war, hielt er das Pferd an -und ließ die Augen eine Weile stumm auf uns ruhen. In diesem Schweigen -standen die alten, schlachtenerprobten Soldaten vor ihrem Kaiser. Kein -Laut wurde vernommen, aber Tausende von Herzen schlugen hörbar in der -Brust, und Männer, von denen die meisten in ebensoviel mörderischen -Schlachten, wie Du Milchbart Jahre zählst, dem Tod gleichgültig ins -Gesicht gesehen hatten, zitterten in diesem Augenblicke wie Knaben. - -Da erhob sich der Kaiser, der uns zu dieser Stunde wie ein Gott -erschien, in den Bügeln und begann mit weithin schallender Stimme zu -sprechen. Er nannte uns die Männer der Pyramiden, Granitkolonnen von -Marengo, er erinnerte sich unserer Tapferkeit bei Hohenlinden und -sprach sein blindes Vertrauen zu seiner Alten Garde aus, bis er seine -zündende Ansprache mit den Worten schloß: Grenadiere der Alten Garde, -ich bin zufrieden mit Euch! - -Darauf ritt er zu dem nächsten Adler, schlang den Arm um den Schaft und -küßte den alten Sergeanten, der das Siegeszeichen trug, auf die Wange. - -Bei diesem Beginnen vergaßen die Truppen die eiserne Disziplin; die -Größe des Augenblicks riß alle hin. Tränen entstürzten den Augen der -Männer, und der vieltausendstimmige Ruf zerriß das große Schweigen: Es -lebe der Kaiser. - -Mit diesem Jubel können die Huldigungen, die treue Untertanen ihrem -Fürsten, Soldaten anderer Nationen ihrem Führer darbringen, nicht -verglichen werden; er entlud sich mit elementarer Kraft und einem -Donnerton, gleich dem furchtbaren Ausbruch eines Vulkans. Jeder der -Soldaten wußte, daß er diesem Manne ganz gehörte und daß er sich willig -für ihn in Stücke hauen lassen würde. Denn dieser geheimnisvolle -Seelenzwinger galt uns alles: Heimat, Familie, -- Gott! - -Einen Augenblick noch sah der Kaiser mit Wohlgefallen auf die immer -wieder in laute Rufe ausbrechenden Bataillone. Dann wandte er langsam -das Pferd und sprengte, von dem Donnerrollen der nicht endenwollenden -Huldigungen begleitet, hinüber zu den Vierecken der jungen Garde. - -Siehst Du, mein junger Freund,« schloß der alte Gardist mit gehobener -Stimme, »das ist der Kaiser!« - -Eine lange Weile verstrich, der Jüngling stand noch immer sprachlos. -Das eben Gehörte hatte ihn so mächtig ergriffen, daß er die Herrschaft -über seine Gefühle noch nicht wiedererlangt hatte. Endlich riß er sich -von den vor seine Seele gezauberten Bildern mit einem gewaltigen Ruck -los und rief erregt aus, während sein schlanker Körper bebte: - -»Pfui, wie ich ihn hasse, Euern Kaiser!« - -Mit einem lauten Zeichen des Unwillens und großen Erstaunens sah der -Gardist offenen Mundes auf den Kameraden. Dann schüttelte er den Kopf -und sprach mißbilligend: - -»Mäßige Dich, Knabe, Du sprichst im Fieber!« - -»Nein,« rief der Jüngling leidenschaftlich, »nein und abermals nein, -ich rede nicht im Fieber, denn meine Gedanken sind klar wie die -Eurigen. Aber ich wiederhole es, ich hasse Napoleon!« - -»Du bist noch ein halbes Kind,« versetzte der Gardist, »und hast das -Schürzenband Deiner Mutter zu zeitig losgelassen. Ein anstürmendes -Bataillon ist etwas Anderes als ein Schwarm augenklappernder -Betschwestern, und der Krieg ist kein lustiger Zeitvertreib für -großgewachsene Knaben, sondern ein ernstes Geschäft für Männer. Dem -Feldherrn gebührt Ehre und Bewunderung! Schiltst Du Gott, daß er -täglich Zwietracht unter die Menschen sät und sie erbittert gegen -einander wüten läßt? Das, was einem Geisel dünkt, empfindet der Andere -als Wohltat. Der Kaiser kämpft für die Herrlichkeit, für die Größe und -für den Ruhm Frankreichs!« - -»Ihr seid verblendet,« antwortete der Jüngling ruhiger aber mit edelm -Feuer. »Was Ihr bei ihm für hohe Ziele haltet, ist nichts weiter -als Blutdurst und maßloser Ehrgeiz. O, welch furchtbares Verbrechen -ist doch der Krieg! Die härteste Geisel, die über der Menschheit -geschwungen werden kann, viel entsetzlicher als verheerende Hungersnot -und Pest. Alles was göttlich ist im Menschen wird erstickt, und -die bösen Leidenschaften kommen allein zur Entfaltung. Das Land -ist verwüstet, zertreten die Frucht der Felder, niedergebrannt die -Wohnungen der Bürger und Landbewohner, und in die Brust der Menschen -ist herzzerreißender Jammer eingezogen. Die obersten Gesetze der -Gottheit werden mit Füßen getreten, und mit ihrer gütigen Langmut -treibt man frevelndes Spiel. Und wie segensreich, wie herrlich -ist doch der Frieden! Heiter schreitet der Bauer, der Städter zum -gedeihlichen Tagewerk. In bunter Pracht liegen die Fluren, die -Schätze des Ackerbodens, und die Früchte des Baumes reifen im -goldenen Sonnenstrahl. Stillfrohlockend betrachtet der Landmann -die sich herabneigenden, körnerreichen Ähren, die wohlgenährten, -glänzenden Tiere. Unter fröhlichem Scherzen und Singen rollen die -hochaufgetürmten, schwankenden Wagen langsam auf den heimischen Hof, -und die Scheunen und Keller vermögen den Segen kaum zu bergen. - -Und wenn dann nach getanem Tagewerk im Glanze der rötlich untergehenden -Sonne der Gatte, der Vater um sich schaut, und die Blicke auf seinem -fröhlichen, liebevollem Weib inmitten ihrer blühenden Kinder ruhen, -da sieht er in ihren Augen ein wundersames Leuchten. Und während die -Mutter in überquellender Liebe und Glückseligkeit die Kleinen an den -Busen drückt, hebt in seinem Innern ein geheimnisvolles Jauchzen -und Klingen an: -- der Gotteslohn für ein Leben weiser Mäßigung und -unverdrossener Arbeit im Schutze des Friedens!« - -Der alte Gardist hatte den warmen Worten des Jünglings mit Andacht -gelauscht. Als dieser geendet, sah er zu Boden und sprach mit einem -Anflug von Weichheit: - -»Du hast die empfindsamste Saite in meinem Herzen berührt, Knabe. Denn -wisse, auch ich habe ein liebes Weib und zwei herzige Kinder zu Hause. -Sie sind mein Stolz und meine Freude und sollen mir einstmals Licht und -Trost sein, wenn der Schnee des Alters meine Schläfen bedeckt und ich -ihnen von dem großen Kaiser und unsern Ruhmestaten getreulich berichten -werde. Das Bild des Friedens aber, das Du mir in gleißenden Farbentönen -gemalt hast, ist so berückend schön, daß ich die Augen schließen muß, -um es nicht mehr zu sehen, -- -- es möchte mir die Freude am Kriege -vergällen! Das eine aber sage mir, Du wunderlicher Tropf: wie kommst -Du in die Gemeinschaft des rauhen Kriegsmannes, wenn der Krieg Dir ein -Greuel ist?« - -Der Jüngling sah bei dieser Frage hinauf zum Nachthimmel, wo kleine -dunkle Wolkenfetzen noch immer über den Mond hinwegjagten, und er -seufzte tief auf. - -Mit einem Klange voll Schmerz vermischt mit Wehmut sprach er: - -»Ja, darüber bin ich Euch nach meinen voraufgegangenen Worten -Rechenschaft schuldig, und Ihr sollt sie mit wenigen Sätzen haben. - -Meine Heimat ist Baden. In einem tief eingeschnittenen Tale, dessen -Hänge mit düsteren Tannen bewachsen sind, von der Kinzig durchbraust, -weilt mein Liebstes auf Erden. Die Eltern sind mir frühzeitig -gestorben. Dafür hat mir des Allmächtigen Güte ein anderes treues -Herz geschenkt: ein seelenvolles Mädchen, das ich meine Braut nenne. -Sie bewohnt zusammen mit ihrer Mutter ein kleines Häuschen, und -die beiden Frauen ernähren sich rechtschaffen mit dem Flechten von -Stroh. Erst im vorigen Jahre starb der Vater; er war Holzfäller und -wurde von einem stürzenden Baume erschlagen. Unsern Herzen viel zu -früh ist er dahingegangen, leider aber auch zu früh für die äußern -Lebensbedingungen der Frauen, denn auf dem Häuschen lag noch eine -Schuld von achtzig Talern, auf deren Rückzahlung der herzlose Gläubiger -mit drohenden Worten drängte. Anstelle des friedlichen Gleichmaßes -der Tage von früher, herrschte schwere Sorge in dem kleinen Hause, -denn man sah voraus, daß der Unhold die Frauen aus ihrem lieben Besitz -treiben würde. Die Mutter hätte das nicht überlebt! Ich selbst war arm -und verdiente mit meiner Hände Arbeit nur das Notdürftigste. Helle -Verzweiflung hatte sich meiner bemächtigt; da sandte Gott Hilfe. - -Der Lärm der Kriegstrommel hallte bis in unser stilles Tal. Dreihundert -Franken zahlt der Franzosenkaiser jedem Freiwilligen, war in dem Aufruf -zu lesen, der an der Tür des Gemeindehauses angeschlagen war. Im Nu war -mein Plan gefaßt. So hoch war gerade die Summe, die der böse Gläubiger -erhalten mußte. Die beiden Frauen weinten heftig und beschworen mich, -von diesem Gedanken abzustehen, aber ich blieb fest. Ich ließ mich -anwerben, und das Häuschen gehörte ihnen. Heimlich bei Nacht und Nebel -verließ ich das Dorf, um ihnen den Abschied nicht allzuschwer zu -machen. Vor wenigen Tagen erhielt ich die ersten Zeilen der Geliebten -woraus ihr gutes und treues Herz zu mir spricht. - -Seht, so bin ich hierher gekommen. Ich verabscheue den Krieg, aber ich -durfte ihn nicht meiden. Gott wollte es so!« - -Während der letzten Worte des Jünglings hatte sich auf dem schmalen -Wege, der zum Turm führte, den Schildwachen ein Mann genähert, der ganz -plötzlich aus dem Dunkel der Nacht aufgetaucht war. Jetzt stand er vor -ihnen. - -»Die Wagen sollen beladen werden. Wenn die Wolken den Mond etwas frei -lassen, fahren wir ab.« - -»Wer seid Ihr,« fragte der Gardist, den Mann mit argwöhnischen Augen -betrachtend. - -»Kennt Ihr mich denn nicht?« antwortete dieser, »ich bin ja einer der -Fuhrleute. Dort der Kräutlein ist mein Vater.« - -»Der Kräutlein?« versetzte der Gardist erstaunt. »Ich kenne doch den -Kräutlein schon länger als zehn Jahre, aber nie habe ich gehört, daß er -einen Sohn besitze.« - -»Laurentius Kräutlein aus Niederstopfenheim im Bayrischen ist -wahrhaftig mein Vater,« wiederholte der Sprecher. Und wie er sah, -daß der Gardist ihn noch immer ungläubig betrachtete, fügte er mit -angstgepreßter Stimme hinzu: »Das schwöre ich Euch, so wahr ich selig -werden will und bei dem Andenken an meine -- unglückliche Mutter!« - -»Es ist gut,« sagte der Gardist, »tut was Euers Amtes ist.« Bei diesen -Worten streifte er den Lederriemen ab, an dem der Schlüssel um seinen -Hals hing und übergab ihn dem Fremden. Dieser ergriff hastig den -schweren Schlüssel, drehte ihn im Schloß um, öffnete die Tür ein Stück -und tat einen Schritt vorwärts. - -In diesem Augenblick senkte der Gardist das Bajonett und forderte die -Parole. - -Keiner der beiden Soldaten ahnte, was für einen unbeschreiblichen Sturm -diese Aufforderung in der Seele des Burschen blitzschnell entfesselt -hatte. Er verstand nicht, was die Schildwache von ihm verlangte, seine -Klugheit gebot ihm aber, nicht darnach zu fragen, denn mit solchem Wort -mußte er sich sofort verraten. Als Spion würde man ihn packen und am -nächsten Morgen vor der erstbesten Gartenmauer niederknallen, -- das -wußte er. Aber, wennschon, das war ja nicht das Schlimmste. Doch sein -Plan, sein wunderschöner Plan, den er bisher so vortrefflich hatte -ausführen können; sollte er in der letzten Sekunde, einen Schritt vom -Ziel entfernt, noch scheitern? Das Blut staute in seinem Hirn, und sein -Schädel drohte zu zerspringen. - -Da huschte eine Erinnerung an seiner Seele vorüber: als vorhin in -der Dunkelheit Schritte ertönten, hatte da die Schildwache an der -Straße nicht dasselbe gefragt? Parole? Ja, beim Himmel, so hatte es -geklungen! Und was hatte der Unbekannte darauf geantwortet? Ein neuer, -siedendheißer Strom schoß ihm zu Kopfe, und vor seinen Augen begann es -zu flimmern. - -Dieser ganze Vorgang hatte sich in dem Hirn des Burschen so -blitzschnell abgespielt, daß die Schildwachen noch keine Veranlassung -hatten, Verdacht zu schöpfen. Jetzt stieß der Zögernde die schwere -Bohlentür heftig auf, sagte mit heiserer Stimme »Jena!« und stolperte, -als das Gewehr des Gardisten den Eingang freigab, in die schwarze, -gähnende Finsternis hinein. - -Der junge Soldat war durch das Erscheinen des Fremden aus seinen lieben -Erinnerungen herausgerissen worden. Jetzt versenkte er sich von neuem -darein. - -»Gebe Gott,« seufzte er, »daß der Krieg recht bald endige, mein Lieb -daheim bekommt vor Angst und Gram blasse Wangen.« - -»Mein junger Freund,« versetzte der Gardist mahnend, »wie aber dann, -wenn Ihr nicht wieder heimkommt? Im Kriege ist einem ein plötzlicher -Tod ja weit näher als in Friedenszeiten.« - -Der Jüngling fuhr verstört auf und blickte den alten Soldaten mit -angstvollen Augen an: - -»Geht,« stieß er hervor, »seid nicht so grausam. Ihr habt mir da einen -schönen Schreck eingejagt. Nein, wie könnte ich denn sterben? Ich will -ja noch Hochzeit feiern und glücklich sein. Ihr dürft nicht so garstig -sprechen!« - -»Nun, nun,« beschwichtigte jener gutmütig, dem die Unruhe des Jünglings -nicht entgangen war, »freilich sollt ihr noch lange leben. Ich will es -doch auch, denn ich muß ja noch meinen Enkeln von den Taten des großen -Kaisers künden.« - -Über den Köpfen der beiden Schildwachen hatte in diesem Augenblick ein -gespenstisches Rauschen und Flattern begonnen. Allerlei Nachtgevögel -war durch eine unbekannte Ursache aufgeschreckt worden. Die Tiere -hatten ihre Löcher im Mauerwerk verlassen und flogen mit hastigen -Flügelschlägen am Turm auf und nieder. Nur ein Käuzchen saß noch in -seinem Spalt und rief durchdringend zweimal rasch nacheinander: Kommit, -Kommit! - -Der alte Gardist hob den Kopf, um nach dem Mahner zu sehen und sagte -mit belegter Stimme: - -»Das ist der Totenvogel!« - -Da konnte der Jüngling aber seine Erregung nicht mehr meistern. -Er griff hastig in die Tasche seines Uniformrocks und brachte ein -zerknittertes Blatt Papier hervor. Mühsam las er dann im Mondenlicht -mit lauter Stimme: - -»-- -- -- ich flehe allabendlich die heilige Jungfrau für Dich an. -Mein Gebet dringt bis zu den Stufen des Allerhöchsten. Er wird Dich -beschützen. Glaube mir das, Geliebter meines Herzens -- -- --!« - -»Hört Ihr,« jubelte der Jüngling, »ich werde wohlbehalten zu ihr -zurückkehren -- --« - -In diesem Augenblick trat ein Ereignis ein, durch das die Menschen -weit in der Runde erschreckt wurden: an der östlichen Seite des -Schlosses sprühten Myriaden von Funken hochauf, und aus Nebel und -undurchdringlichem Rauch stieg eine riesengroße Feuergarbe kerzengleich -zum Himmel empor, begleitet von einem gräßlichen Donnerschlage. Der -Boden erzitterte wie bei einem Erdbeben, und Steine und Erdschollen -wurden mit solcher Kraft in die Höhe geworfen, als wenn der weite -Himmelsbogen gesprengt werden solle. Unter gewaltigem Getöse fielen die -aufgewirbelten Steinmassen wieder zu Boden. Dann war es totenstill wie -zuvor. Nur ein Regen von Staub und Asche rieselte langsam auf die Erde -herab, und die Luft erfüllte starker Schwefelgeruch. - -Unten aber, am Fuße der Bodensenkung, wo die Schar der Fuhrleute -schlief, wurde es lebendig. Laute Rufe erschollen. Sie rissen die -brennenden Scheite aus dem Feuer, eilten die Anhöhe hinan und -beleuchteten den Platz. Aber sie fanden sich nicht zurecht, es war -alles ganz anders als vor ihrem Schlafe. Der dicke, steinerne Turm, -der ihr Pulver barg, war verschwunden, der Fuhrmann, der hier oben die -Wache gehalten hatte, das Feuer, die Wagen, die beiden Schildwachen, --- -- alles war verschwunden. Die hohen Bäume, die in der Nähe -gestanden hatten, waren dicht über dem Erdboden abgeknickt und weit -fortgeführt. Nur hier und da lag ein weißer Sandsteinquader aus dem -Gefüge des Turmes. Sonst war nichts zu sehen. - -Es war, als wenn ein Gigant aufgestanden wäre, der mit einem eisernen -Besen alles hinweggefegt hätte. - - - - -23. Kapitel. - - -Der Sonntagmorgen brach an. Schon zu früher Stunde eilten die -Dorfbewohner ins Freie und betrachteten mit Neugierde und Grausen das -Bild der Verwüstung. - -Der letzte der beiden Schloßtürme war von seinem Platze verschwunden. -Alle Steine, die ihn gebildet, lagen weit verstreut auf der Erde, -und selbst die tiefen Grundmauern hatte die zerstörende Kraft des -Pulvers zerrissen. Der anstoßende Flügel des Schlosses war in sich -zusammengestürzt, und die Mauern des weiter nach dem Mittelbau zu -gelegenen Teils durchzogen vom Dach bis zum Boden herab breite Risse. -Seit jener Nacht, in der der westliche Turm einstürzte und Oskar von -Tiefenbach mit seinem Bruder Egbert das Schloß verlassen hatte, um -den Freihof zu beziehen, war dieser Flügel des Schlosses allmählich -zerfallen. Nun lag auch das letzte Wahrzeichen des alten Baues in -Trümmern, und nur ein kleiner Teil war noch bewohnbar. - -Aber soweit bekannt, waren Leute aus dem Dorfe der verheerenden -Explosion nicht zum Opfer gefallen, und in die ehrfürchtige Scheu -vor der furchtbaren Gewalt der Elemente mischte sich innerliches -Frohlocken. Was tat es, daß der steinerne Riese nicht mehr war! -Allzulange hätte er der zerstörenden Zeit doch nicht mehr standhalten -können, nachdem an vielen Stellen der Mauerfraß den Turm schon sehr -geschwächt hatte. So war er denn von seinem Platze gewichen wie ein -heldenmütiger Krieger, der in der Schlacht fällt. Die dritthalbhundert -Zentner Pulver und Geschosse, die in seinem weiten Bauche -aufgespeichert waren, hatten sich mit einem einzigen Schlage entzündet, -anstatt in mörderischer Feldschlacht hundertfachen Tod in die Reihen -der deutschen Kämpfer zu tragen. -- Gottlob! - -Auf welche Weise die Entzündung erfolgt sein mochte, wußte niemand. Die -französischen Schildwachen hatten mit einer dichten Postenkette rund -um das Schloß scharf Wache gehalten, so daß es wohl keinem gelungen -sein konnte, sich zwischen ihnen hindurchzuschleichen. Außerdem hatte -vor der Tür des Turmes ja noch ein Doppelposten gestanden, wodurch es -unmöglich gewesen war, zu dem Pulver zu gelangen. Man glaubte deshalb -an eine Selbstentzündung der Sprengstoffe aus unbekannten Gründen. - -Noch in der Nacht hatten sich die Fuhrleute auf die Pferde geschwungen -und waren, von den französischen Soldaten begleitet, zum Dorf -hinausgeritten, auf Leipzig zu. Vermutlich hatten sie geglaubt, der -weithin vernehmbare Donnerschlag der Explosion könne feindliche Truppen -herbeiziehen, die ja zufolge Nachrichten der Landleute in geringer -Entfernung vom Dorfe stehen sollten. - -Lange konnten die Rehefelder aber nicht an der Trümmerstätte verweilen. -Heute war ja der letzte Tag, an dem sich die kühnen Männer noch im -Kreise ihrer Lieben befanden, morgen mit Tagesgrauen wollten sie das -Dorf verlassen. Deshalb sollte heute Vormittag, nachdem die Tiefenbachs -sich vor dem Altar Treue fürs Leben gelobt hatten, die Einsegnung der -Davonziehenden stattfinden. - - * * * * * - -Max hatte mit beklommenem Mute sein Hochzeitsgewand angetan. Nur wenige -Stunden sollte es ihm vergönnt sein, sein junges Weib an seiner Seite -zu wissen, dann riß ihn das Schicksal von ihr fort, -- hinein in den -opfervollen Kampf. Würde er sie wiedersehen? War es recht von ihm, wenn -er schon am Morgen nach dem Hochzeitstage sein Weib verließ? Hatte -er richtig gehandelt, als er sich Konrad mit Leib und Seele verband, -als er den Plan faßte, wider den alten Feind mit zu Felde zu ziehen? -Gab es nicht eine große Anzahl anderer Männer im Lande, die niemand -zurückließen, dem ihr Scheiden großen Schmerz bereitete? Mußte es denn -wirklich sein, daß er sein eben angetrautes Weib allein ließ, um für -die Freiheit der deutschen Stämme zu streiten? - -Solche Anfechtungen überkamen den Mann zu dieser Stunde und bedrückten -ihn schwer. Kein tröstender Gedanke, wie er sich auch nach ihn -abmühte, wollte ihm als Retter in schwerer Not erstehen, und in -seiner Niedergeschlagenheit mutete es ihn an wie ein Rätsel, wenn er -daran dachte, daß ihn bisher diese Bedenken nicht heimgesucht hatten. -Noch bis gestern war er bei dem Gedanken an den Ausmarsch freudig -erregt gewesen, aber heute, an seinem Hochzeitstage, war es ihm doch -wunderlich ums Herz. - -Da erinnerte er sich plötzlich der Worte der Geliebten, die sie in -jener Stunde gesprochen, als er ihr seine Absicht, mit auszuziehen, -kundgetan: ich hätte Dich nicht verstanden, wenn Du hier geblieben -wärst! Jetzt wich die Verzagtheit von ihm, und sein bänglicher Mut -richtete sich auf. Das freudige Gefühl, das ihn in den letzten Wochen -nicht verlassen hatte, beseelte ihn aufs neue. Ein warmer Strahl brach -aus seinem Auge, als er die Worte Marias leise vor sich hin sprach, -und Stolz schwellte seine Brust bei dem Gedanken an sein hochherziges, -tapferes Mädchen. - -Rasch und ungeduldig beendete er seinen Anzug und schlug mit hastigen -Schritten den Weg nach dem Schlosse ein. - -Ihre Hochzeit sollte ohne laute Feier stattfinden, denn der Ernst des -Tages ließ keine sprudelnde Fröhlichkeit aufkommen. - -Als Max das Schloß betreten hatte, wurde er von Marias Tante empfangen, -die ihn davon benachrichtigte, daß ihn die Braut schon erwarte. Schnell -begab sich Max nach der Geliebten Zimmer. Schon streckte er die Hand -aus, die Tür zu öffnen, da hörte er Maria drinnen mit ihrer herrlichen -Altstimme dieselbe schwermütige Weise anstimmen, die die Mädchen im -Dorfe in diesen Tagen so oft sangen: - - Eng im Glanz des Mondenschein - Hielt die Liebste er umschlungen, - Leis zu ihren Schelmerein - Hat Frau Nachtigall gesungen. - - Stehe still, o Wonnezeit, - Holde Zeit der Lust und Freude! - Doch wie schnell weicht Seligkeit, - Kehrt sich Lust zu bitter’m Leide. - - Starr im Glanz des Mondenschein - Ruht er auf dem Feld der Ehre, - Leis vom Aug’ des Mägdelein - Löst sich eine blut’ge Zähre. - -Max überkam bei dem Klange dieses Liedes eine Anwandlung unendlicher -Wehmut. Er glaubte aus den Tönen den Trennungsschmerz herauszuhören, -den Maria fühlte. Leise öffnete er die Tür, -- da stockte sein Fuß auf -der Schwelle, denn das liebliche Bild, das sich ihm bot, hielt ihn im -Bann. - -In dem geräumigen Erkerzimmer mit den schweren, eichenen Möbeln aus -einer längst vergangenen Zeit, stand Maria an eine den Erker tragende, -geschnitzte Säule gelehnt, nahe beim Fenster im bräutlichen Schmuck. -Sie trug ein schlichtes, weißes Wollenkleid, das sich weich anschmiegte -und das herrliche Ebenmaß ihres jungfräulichen Körpers ahnen ließ. Von -der rechten Schulter wand sich nach der Mitte der Brust eine frische -Ranke von Myrthenblüten, und die glänzenden, braunen Zöpfe, die, wie -Maria es liebte, rund auf dem Scheitel aufgesteckt waren, trugen eine -zierlich geflochtene Myrthenkrone. Mit dem Arm hatte sie leicht die -Säule umschlungen, während ihre Augen sinnend hinaus in die Weite -gerichtet waren. Das feingeschnittene Profil und die edle Linie des -Halses, den das Kleid freiließ, zeichneten sich von dem lichtvollen -Hintergrunde rein ab. Ein goldener Morgenstrahl der Oktobersonne drang -durch die Butzenscheiben im oberen Teile des breiten Fensters und küßte -ihren braunen Scheitel. Von der Erscheinung der zu herrlichster Pracht -sich erschließenden Mädchenblüte ging eine reine Harmonie aus, und -das Gesicht der Jungfrau verkündete schmerzliche Innigkeit, die nach -Seelenstärke begehrte. - -Max stand lautlos und hielt den Blick unverrückt auf Maria gerichtet, -um die Erinnerung an dieses wunderbare Bild seinem Herzen tief -einzuprägen. Mehrere Sekunden blieben seine Augen an der Erscheinung -hängen, -- da wandte Maria sich von ungefähr um und machte dabei eine -leichte Bewegung des Erschreckens, als sie die männliche Gestalt auf -der Schwelle gewahrte. Im nächsten Augenblick aber und noch bevor Max -seine Erstarrung abschütteln konnte, flog Maria auf ihn zu und schlang -leidenschaftlich die Arme um seinen Hals. - -»Geliebter,« sagte sie mit fliegendem Atem, »ach, wie froh ich bin, -daß Du endlich bei mir bist. Ich habe mich um Deinetwillen so sehr -geängstigt!« Und das klopfende Herz, das Max an dem seinen fühlte, -bestätigte ihm die Wahrheit ihrer Worte. - -Max trat in das Zimmer, küßte seine Braut zärtlich und sprach: »Hat -der Schmerz des Abschieds mein Lieb schon sobald heimgesucht? Sei mein -tapferes Mädchen wie immer und vertraue dem gütigen Geschick, daß es -uns ein Wiedersehen feiern lassen wird.« - -»Wiedersehen? Ach! Wo werden wir uns wiedersehen?« sprach Maria leise -und gedankenvoll, den Blick zu Boden geschlagen. »Aber Du irrst, -Geliebter,« fuhr sie alsbald lebhafter fort, »der Schmerz der Trennung -ist es nicht gewesen, der mir so viel Schrecken eingeflößt hat, sondern -ein böser Traum, der mich am frühen Morgen heimsuchte.« - -Mit diesen Worten waren sie zum Erker geschritten und ließen sich nun, -die Arme einander um die Schultern gelegt, auf der Ruhbank am Fenster -nieder. - -»Gegen Mitternacht,« begann Maria, »vernahm ich plötzlich im Schlafe -eine ungeheure Erschütterung, gleich dem Krachen eines Kanonenschusses, -der in kurzer Entfernung von mir abgefeuert wurde. Die Fenster -klirrten, und es war einen Augenblick, als ob die schwankenden -Wände über mir zusammenstürzen wollten. Da trat nach einer bangen -Viertelstunde die Tante ins Zimmer und erzählte, daß der Schloßturm, -in dem das französische Pulver lagerte, in die Luft geflogen sei. -Heute morgen habe ich versucht, den Ostflügel zu betreten. Aber man -kann nicht weit darin vordringen, denn die Gänge sind verschüttet und -die Mauern eingestürzt. Viel Schaden ist damit nicht angerichtet; der -Flügel war ja schon wegen seiner Baufälligkeit seit langem nicht mehr -bewohnt und geräumt. Daß der alte, verwitterte Geselle ein solches Ende -finden mußte! Gerade er, glaubte ich, würde am längsten trotzen. - -Lange mußte ich über den rasch fortschreitenden Verfall des Schlosses -unserer Väter nachdenken, bis ich endlich wieder den Schlummer fand. -Da fuhr ich mit einem Male von neuem auf. Diesmal aber war ein -schrecklicher Traum die Ursache.« - -»Träume sind leichte Gesellen,« tröstete Max. »Unstät und ohne Skrupel -um die Wahrheit dessen, was sie künden, führen sie ein wahrhaftes -Zigeunerleben. Bald bei diesem, schnell wieder bei jenem, statten sie -den Menschen ihre schattenhaften Besuche ab, wispern dem Unglücklichen -berauschende Worte ins Ohr, die ihm märchenhaftes Glück prophezeien, -oder gaukeln ihm die lieblichsten Bilder vor die Seele, während sie -den, dem ein froheres Erdenlos zuteil ward, mit bösen Vorstellungen -schrecken und seinem fröhlichen Sinn die Quelle abgraben. Erwacht dann -jener vom Schlummer, so bemerkt er mißmutig, daß ein schöner Traum -ihn geäfft, der sein Elend mit einem goldenen Mäntelchen umkleidet -hatte, und schlägt dieser die Augen zum Morgenlicht auf, so beschleicht -ihn blasse Furcht, und der Schwache überträgt die Schrecknisse -seiner Phantasie nur allzuwillig auf das Leben des Alltags. Träume -sind Seifenblasen, mein Lieb! Ihre Oberfläche ist schillernd und -versprechend, im Innern aber sind sie hohl. Und will man sie schärfer -ins Auge fassen, zerspringen sie, und nichts bleibt mehr übrig von -ihnen als der winzige Tropfen, der herabfällt, und den der durstige -Sand begierig aufsaugt.« - -»Mein Bräutigam,« versetzte Maria mit leise wieder aufkommender -Fassung. »Du Lieber, Guter, wie vortrefflich Du Dich doch aufs Trösten -verstehst! Sieh, wenn Du bei mir bist, ist mir nie bange. Wenn Du aber -fern von mir weilst, dann schleichen leicht trübe Ahnungen mir in die -Seele, und meine Phantasie nimmt geschäftig die Fäden auf und spinnt -sie ineinander. Und der bunte Teppich, den sie also gewoben, zeigt -zuweilen gar kein freundliches Bild.« - -Maria hielt im Sprechen inne, und eine Glutwelle färbte ihr Gesicht -purpurn, als sie mit stockender Stimme leise bat: »Max, -- küsse mich!« - -Bewegt beugte sich Max nieder und drückte in ehrfurchtsvoller Scheu die -Lippen auf Marias reine Stirn. - -Mit unendlicher Zärtlichkeit schlang das Mädchen seinen Arm um den Hals -des geliebten Mannes und legte die Stirn an seine Wange. - -»Ach, Max,« fuhr sie fort, »der böse Traum hat mich aber auch -allzusehr erschreckt. -- Ich sah Dich in schwerer Gefahr. Du saßest -in schwankendem Boot und strengtest alle Deine Kräfte aufs äußerste -an, das Ufer des Sees zu erreichen. Aber der Sturm tobte mit -unbeschreiblicher Heftigkeit, und die Wellen gingen so hoch, daß das -tanzende Schifflein oft meinen Augen entschwand. Ich stand am Rande -des Ufers und schrie in meiner Seelenangst laut auf und rang in -Verzweiflung die Hände, denn ich sah, wie die Kraft der entfesselten -Elemente Deiner übermenschlichen Anstrengungen spottete. Der Raum -zwischen Dir und mir ward immer größer, und die Wellenberge, die -mich von Dir schieden, türmten sich immer höher auf. Da machte ich -im Schlafe eine heftige Bewegung und erwachte, in Schweiß gebadet. -Rosiges Morgenlicht erfüllte das Zimmer und rief mir zu, daß ich ja -nur geträumt habe. Aber meine Sinne waren noch lange im Banne der -nächtlichen Erscheinung. Und als ich dann die brennende Stirn mit -frischem Wasser kühlte und dabei wie von selbst die Augen schloß, -- -gleich war er wieder da, der schlimme Spuk und erschreckte meine Seele -aufs neue. Ach Max,« bat das Mädchen flehend, -- »küsse mich wieder!« - -Max war von Marias qualvoller Angst gerührt. Mit überschäumender -Herzlichkeit küßte er sie und preßte ihren Kopf zärtlich an seine Brust -und sprach ihr begütigende Trostworte zu. - -»Du lieber Mann, Beherrscher meiner Seele, wie lieb ich Dich doch -habe!« sagte Maria, sich eng an ihn schmiegend. »Aber nicht wahr,« -fügte sie rasch hinzu, indem sie ihm mit Innigkeit und neu erwachter -Stärke in die Augen sah, »wie es auch kommen mag, Geliebter meines -Herzens, laß uns in unerschütterlichem Vertrauen auf Gott bauen!« - -»Ja, wir wollen unsere Zukunft in seine Hände legen,« antwortete Max -und erhob sich. »Aber jetzt komm mein Lieb, reiße Dich heraus aus -den ängstigenden Vorstellungen, die Deine Seele bedrücken. Laß uns -miteinander fröhlich sein, den heute ist ja unser Hochzeitstag! Und nun -gehen wir zur Kirche, auf daß der Himmel um seinen Segen für unsern -Bund angefleht werde.« - -»Ach, Du tust recht daran, Geliebter,« antwortete Maria, »mir diesen -schönen Gedanken in die Seele zurückzurufen. Ja, heute ist mein -Hochzeitstag,« sagte sie leise wie im Selbstgespräch, während ihr -Blick wieder durch das Fenster in das weite Land hinein schweifte und -sich träumerisch verlor. Das Mädchen vergaß den Ort und ihre Umgebung -für einen Augenblick. Ihre Lippen lispelten leise Worte, und auf dem -Gesicht spielte ein sonniges Leuchten. Da verschwand plötzlich der Zug -des Glückes von ihrem Antlitz, und der verstörte Ausdruck geheimer -Angst trat wieder an seine Stelle. Mit einem leidenschaftlichen -Aufschrei warf Maria wie bei Maxens Eintreten die Arme um seinen Hals -und flehte zitternd wie ein Kind und mit bebender Stimme: - -»Trübe Ahnungen beschleichen mir die Brust; Max, -- -- küß mich noch -einmal!« - -Da kam dem starken Mann doch eine tiefere Rührung an, als sich -in bewegten Augenblicken sonst bei ihm einzustellen pflegte. Mit -zitternden Händen griff er nach dem Mädchen, drückte die heftige -Schauernde an sich und bedeckte Stirn, Augen und Mund mit ungezählten -Küssen. - - * * * * * - -Wenn in späteren Jahren die um die Zeit unserer Erzählung jungen Männer -als Greise von der Einsegnung der dreizehn Freiwilligen erzählten, dann -unterließen sie nie, hinzuzufügen: keiner aus dem Dorfe fehlte; der -schwerkranke Sägemüller ließ sich von seinen zwei mitausmarschierenden -Söhnen im Bett in die Kirche tragen, und drei Tage darauf starb er. - -Das Gotteshaus war mit Andächtigen dicht gefüllt. In allen Gängen, rund -um den Altar und in den offenen Türen und Fenstern standen oder saßen -sie. Die Mütter hielten die Kleinsten auf dem Arm, und alle verharrten -in andächtigem Schweigen. Eine hohe Feststimmung hatte sich auf die -einfachen Menschen herabgesenkt, von denen jeder einzelne stolz auf -die Männer schaute, die in einer Reihe dicht vor den Stufen des Altars -Platz genommen hatten. - -Feierlich begann die Glocke auf dem Turm des Kirchleins zu läuten, -und die Worte, die der metallne Mund rief, hielten bedeutungsvolle -Zwiesprache mit der Stimme im Busen eines jeden der Andächtigen. Leise -setzte zu einem feierlichen Präludium die Orgel ein, bis endlich die -herrliche Melodie des Hauptliedes des heutigen Gottesdienstes durch -die Kirche brauste. Ein paar gedrängte Augenblicke, und dann fielen -die Stimmen ein. Alle Kümmernis, die diese Menschen bedrückte, und -alle Bitten nach Tröstung und göttlicher Hilfe ergossen sich aus ihren -Herzen in die Worte des Psalms: Alles was Odem hat, lobe den Herrn! - -Da erschien Pastor Reinerz am Altar. Er hatte eine schwere Krankheit -hinter sich und übte heute zum ersten Male wieder sein Amt aus. Mühsam -waren seine Schritte, mit denen er die Stufen hinaufging. Als er aber -wieder an seinem lieben Platze stand, den er vor vierzig Jahren das -erste Mal betreten hatte, als er die Melodie seines Lieblingschorales -vernahm, und als er um sich schaute und die dichtgedrängte Menge -gewahrte, da wurde ihm, ach, so warm ums Herz. Seine Augen blitzten vor -Freude, und die bleichen Wangen und seine Stirn überzog eine feine Röte. - -Nachdem das Lied zu Ende gesungen war, traten Max und Maria zum -Altar. Hochaufgerichtet stand hinter ihnen die Freihoferin und neben -ihr Marias Tante. Als Trauzeugen dienten die Base Marias und Konrad -Hartmann. - -Auf dem lieblichen Antlitz der Braut lagen Demut und Ergebung. Und als -Pastor Reinerz von ihr zu wissen verlangte, ob sie gewillt sei, ihren -Vetter Max von Tiefenbach zu ehelichen und fürderhin Freud und Leid mit -ihm zu teilen, da klang aus ihrem Munde ein freudiges Ja. Aller Augen -hingen an der holden Erscheinung, und schon jetzt wurde mancher Blick -feucht beim Anblick der Braut eines morgen ausziehenden Kriegers, und -mancher Mund flüsterte: Du armes, armes Weib! - -Als die Trauungszeremonie beendet war, sprach Pastor Reinerz vom Altar -aus die Predigt. - -Wenn einem aus der Gemeinde etwas das Herz bedrückte, dann wußte er, -daß er in der Sonntagspredigt Trost und Erbauung erhalten würde. Pastor -Reinerz war kein glänzender Kanzelredner. Seine Worte flossen ihm -nicht von den Lippen, sondern rangen sich zuweilen mühsam von seinem -Munde. Aber er sprach eindrucksvoll und öffnete mit seinen Worten den -innersten Schrein der Menschen und übte eine tiefe Wirkung aus. Seine -Art zu sprechen war überraschend einfach, und gerade deshalb klang die -Predigt im Innern der Zuhörer noch lange nach. Heute hatte er einen -Stoff, den er meisterhaft zu behandeln verstand. - -Er sprach von der schweren Prüfung, die dem Lande noch immer auferlegt -sei, von dem gewaltigen Ringen der Völker um Freiheit und Heimaterde -und führte die atemlos Lauschenden allmählich bis zu den Geschehnissen -der jüngsten Tage. Ein Sturm der Begeisterung fege durch das Land, man -erwache aus einem verhängnisvollen Schlummer, und überall schicke man -sich in letzter Stunde an, das Versäumte gutzumachen. Auch hier in der -Gemeinde seien mutige Männer aufgestanden, die in diesen großen Tagen -nicht müßig bleiben wollten. - -Bei diesen Worten lief eine leise Bewegung durch die dichtgedrängten -Zuhörer, den man fühlte, daß jetzt der Höhepunkt der Feier nahe. - -Mit einem kurzen Gebet, in dem er die Geschicke des Landes und des -sächsischen Volkes der Gnade des Allbarmherzigen empfahl, schloß Pastor -Reinerz seine Predigt. - -Dann erhoben sich die Dreizehn, traten enganeinandergeschart zum Altar -und knieten auf den Stufen nieder, um den Segen zu empfangen. - -Ein heißer Strahl ergoß sich in die Brust eines jeden der Versammelten, -und man drängte sich und hob die Köpfe, um die Knieenden nicht aus den -Augen zu verlieren. Es war ein erhebender Augenblick! - -Mancher verbarg seine Rührung, in Vieler Augen aber glänzten Tränen. -Sie gingen ja, um für das Vaterland zu streiten, das war das Tröstende, -aber -- sie gingen! Keiner verspürte das Verlangen, sie zurückzuhalten, -aber weinen mußte man sie lassen. War doch manche alte Mutter, manches -junge Weib, manches zarte Kind unter den Versammelten, die verlassen -wurden! - -Markig, doch aus tiefer Bewegung heraus, klangen die Worte des -Geistlichen, und das Ergriffensein ihres verehrten Pfarrers teilte -sich der Gemeinde mit; die Weiber schluchzten und die Kinder weinten. -Die Erschütterung wuchs, und reichliche Tränen flossen, als er die -Männer segnete. Wie darauf Pastor Reinerz aber davon sprach, daß die -vaterlosen Kindlein Gott am nächsten stünden, da brach plötzlich die -bebende Stimme des Greises, und der Jammer übermannte die Versammelten, -und das Schluchzen wurde so stark, daß der Geistliche wohl minutenlang -nicht weitersprechen konnte. Zugleich mit dem Schmerz erfüllten aber -heiliger Zorn und Empörung gegen die Bedrücker Aller Brust, und aus den -Seelen der Hartgeprüften rang sich zum Himmel empor der flehentliche -Schrei: »_Herr, mach’ uns frei!_« - -Dann erklang die Orgel von neuem, und die Gemeinde stimmte mit Inbrunst -das Lied an: »Befiehl Du Deine Wege, und was dein Herz nur kränkt, der -der allertreusten Pflege des, der den Weltkreis lenkt --« - -Hierauf leerte sich langsam das Gotteshaus. - - - - -24. Kapitel. - - -Die Männer hatten sich zu einer letzten Besprechung nach dem -Gottesdienst in die Schenke verabredet, da der übrige Teil des Tages -den Angehörigen gewidmet sein sollte. - -Max hatte die Seinen nach dem Freihofe zurückbegleitet und fand, als -er nach kurzer Zeit in die Wirtsstube trat, alle schon versammelt. -Das halbe Dorf war auf den Beinen und umlagerte den Gasthof, und die -Neugierigsten unter der Jugend umdrängten die Fenster und versuchten -zu erfahren, was drinnen beschlossen wurde. Auch lief das Gerücht -herum, daß eine französische Patrouille von fünf Reitern außerhalb des -Dorfes gesehen worden sei und den Schauplatz der Verwüstung besichtigt -hätte. Sodann seien die Reiter beim Schwedenloch abgesessen und hätten -dort auch ihre Pferde gefüttert. Die Zaghaften unter den Einwohnern -aber sagten, Pferde in der Nähe des Schwedenloches wären keine gute -Vorbedeutung, und die den Lebenden von Mund zu Mund überlieferte -Erzählung des Ursprungs dieser Stätte wurde wieder aufgewärmt. - -Mit dem Schwedenloch verhielt es sich nun folgendermaßen. - -Vor etwa zweihundert Jahren war, vom Erzgebirge her kommend, ein -unbekannter Mann im Dorfe erschienen. Der Fremde behauptete, er sei -ein großer Bergverständiger und habe schon manchem dadurch zu Reichtum -verholfen, daß er auf seinem Besitz eine schwere Silberader entdeckte. -Die Gegend um Rehefeld erscheine ihm versprechend, und er werde -versuchen, hier nach Silber zu graben. - -Darüber lachten die Bauern, weil sie dachten, der Fremde sei ein -Spaßmacher. Aber dieser verfügte über eine gute Zunge, und als er zu -ihnen von dem Reichtum sprach, den selbst ein kleiner Silberbergbau -abwerfe und mit lebendigen Worten die freudige Überraschung zu -schildern verstand, die in andern Gegenden die hartnäckigsten Zweifler -angesichts der reichen Ausbeute der von ihm gegrabenen Schächte nach -kurzer Zeit überkommen sei, da wurden die Bauern nachdenklich. Das -Lachen verschwand von ihren Gesichtern, und sie kraulten sich bedächtig -hinter den Ohren, und einer fragte den andern, ob er sich mit ein paar -Hundert Talern etwa beteiligen würde. Anfänglich schien niemand dazu -geneigt. Als aber der Schätzesucher hoch und teuer beschwor, daß sich -das Geld über Nacht zwanzig- und dreißigfach verzinsen könne, und er -davon sprach, bei längerem Weigern das Kapital auf den umliegenden -Dörfern aufzubringen, da wurden die Rehefelder neidisch auf die von -Gröbern und Zehmen, und in wenigen Tagen war die verlangte Summe -beisammen. - -Nun fing der fremde Mann an zu bohren. Aber einige Ellen tief traf er -auf Sandstein, und die Bauern empfanden so etwas wie Enttäuschung. -Der Fremde aber meinte, dies sei recht und gut, denn er habe gerade -unter so weichem Gestein schon die reichsten Silberadern gefunden; und -er bohrte fröhlich weiter. Die Arbeit ging langsam von statten, und -die Geldgeber wollten schon allmählich verzweifeln, da berührte der -Bohrer wieder Sand, und die bereits gelästerten Prophezeihungen des -Schatzgräbers gingen mit neuer Hoffnung und unter ehrfürchtigem Nicken -von Mund zu Mund. - -Immer tiefer drang das Eisen des Bohrers hinab. Das Loch in der -Sandsteinschicht wurde weitgemacht und rund ausgehauen, die Erde in -dem neuen Schacht abgegraben und durch einen Göpel herausgebracht, -und die Wände wurden verschalt und abgesteift. Mit der Miene -gediegener Sachverständigen guckten die Bauern von oben in das immer -tiefer werdende Loch hinunter und freuten sich, als sie eines Tages -entdeckten, daß es drunten so finster geworden war, daß sie nicht mehr -bis auf den Grund sehen konnten. Nun fing es doch endlich an, ein -richtiges Bergwerk zu werden. - -Keinen andern Gesprächstoff kannte man mehr, als Bergbauwissenschaft, -und man erörterte ernsthaft, ob nicht neben Silber auch Kohlen in -der Nähe zu finden seien. Nur der alte Lederhannes, der die Leute im -Dorfe versohlte, lachte und spottete über das Beginnen. Auf der Erde, -meinte er, wäre dem Bauern vom Himmelsvater die Arbeit zugewiesen; -um das, was im Bauche der Erde verborgen sei, brauche er sich nicht -zu kümmern. Aber die Rehefelder zuckten die Achseln und sagten, mit -siebzig Jahren -- so alt war der Spötter -- werde der menschliche Geist -mürbe und brüchig, wie dem Hannes seine Stiefelsohlen lebtags gewesen -seien. - -Die Sandberge rund um den Schacht wuchsen mächtig an, denn seine Tiefe -betrug nun schon an die hundert Ellen. Doch mit jeder Elle tieferen -Hinabdringens wurden die Gesichter der Bauern länger, aber noch immer -wollte sich kein Erz zeigen. Zudem fragte der Lederhannes höhnisch, -was sie mit dem vielen Sand anfangen und ob sie ihn nicht probeweise -von dem gelehrten Manne zu einem Düngemittel für die Saatfelder -verarbeiten lassen wollten. Der Fremde hatte aber schon zweimal wieder -von den Bauern Geld verlangt, das sie ihm mit Rücksicht auf die bereits -hineingesteckten Tausende auch gegeben hatten. - -Einige Monate hatte der schöne Wahn vorgehalten, dann brach er, -gleichzeitig mit dem Schachte, plötzlich in sich zusammen. Als eines -Morgens die Arbeiter die Einsteigleitern betreten hatten, um sich zum -gewohnten Tagewerke hinabzubegeben, da vernahmen sie in der Tiefe -dumpfes Rauschen. Ein paar Beherzte stiegen hinunter und fanden, -daß die Sohle des Schachtes tief hinabgesunken war und unter Wasser -stand. An mehreren Stellen hatte sich die Verschalung gelöst und war -hinuntergestürzt. Da gerieten die Bauern in helle Verzweiflung und -fragten nach dem Anstifter des Unglücksunternehmens. Der aber war und -blieb verschwunden. Wahrscheinlich hatte er den Schaden vorausgesehen -und sich in weiser Vorsicht rechtzeitig aus dem Staube gemacht. Nun -erfuhren die Beteiligten zu dem Schaden noch reichlichen Spott, und sie -zogen es vor, den Verlust und die Enttäuschung klaglos zu tragen. - -Den Schacht aber überließ man seinem Schicksale. Die Steigleitern -wurden zwar gerettet, wie man aber auch die Verschalung losreißen -wollte erwies sich dieses Vorhaben als sehr gefährlich für die -Arbeiter, und man ließ davon ab. Dann deckte man das Loch zu und ging -mit Eifer an die willkommene Ausbeutung des Steinbruches, bis sich -endlich der Schacht oben trichterförmig erweitert hatte. Zuletzt wollte -niemand mehr von den schwierig zu gewinnenden Steinen etwas wissen. Und -als die Deckbretter verfault und hinabgestürzt waren, weigerte sich -jeder, sie zu erneuern. Man umgab den oberen Rand des Steinbruches mit -einer hölzernen Einfassung, um einen in der Dunkelheit von dem in der -Nähe vorüberführenden Wege etwa Abkommenden vor dem Hinabstürzen zu -bewahren. Von dem schwedischen Hauptmann aber, dessen wildgewordenes -Roß im Verlaufe des dreißigjährigen Krieges mit seinem Reiter über die -Barriere hinwegsprang und den niemand wiedersah, hatte der Schacht -seinen Namen erhalten. - -Man ahnte, daß das Schwedenloch bodenlos sei, und jedermann vermied es, -in seiner Nähe zu verweilen. Die jungen Mädchen aus dem Dorfe erzählten -sich an den langen Winterabenden schauerliche Geschichten von dem -Orte, und seit jener stürmischen Neujahrsnacht, in der ein von Zehmen -zurückkehrender Knecht kreidebleich im Gasthof erschienen war und -aussagte, am Steinbruche jage ein schwarzer Reiter auf feurigem Rosse -umher, wurde der Ort selbst von den Erwachsenen mit Scheu gemieden. - - * * * * * - -Als Max in der dichtgefüllten Wirtsstube erschien, verstummte das in -trägem Flusse sich dahinwindende Gespräch sofort gänzlich, und alle -sahen auf ihn und waren begierig darauf, die letzten Abmachungen -zu hören. Die Ausmarschierenden hatten sich an einem langen Tische -niedergelassen, in dessen Mitte und zwar so, daß sie das Zimmer -übersahen, Max und Konrad saßen. Freundlich schien die Oktobersonne -durch die Fenster und spielte auf den ernsten Gesichtern der Männer. - -Der Abmarsch sollte am nächsten Morgen frühzeitig und in aller Stille -erfolgen. Wenn die Kirchturmuhr die fünfte Stunde verkündete, mußte -jeder am Freihofe eingetroffen sein, von wo es dann ohne Aufenthalt -weiterging. Niemand außer den fortziehenden Männern sollte die -Dorfgasse betreten, denn man konnte nicht wissen, ob nicht französische -Patrouillen in der Nähe herumspionierten, denen das Dorf infolge -Auffliegens ihres großen Pulvervorrats vielleicht verdächtig erschien. - -Die Kunde, daß französische Reiter am Schwedenloch gesehen worden -seien, bestärkte die Männer in ihrer Vorsicht, und als einige -zurückbleibende Bauern sich erboten, einander ablösend während der -Nacht die Dorfausgänge zu beobachten, wurde dieser Vorschlag allgemein -gutgeheißen. Zuletzt erklärte der Rabensteiner, sogleich nach dieser -Besprechung auf dem Wege nach Gröbern soweit vorwärts reiten zu -wollen, bis er auf die preußischen Vorposten stoße. Sollte er in dieser -Gegend aber französische Uniformen sehen, so würde er versuchen, -über Göhren seinen Zweck zu erreichen. Auf alle Fälle mußte man -genau wissen, welche Richtung morgen früh einzuschlagen war. Überall -schwärmten kleine französische Reiterhaufen herum, deshalb war große -Vorsicht geboten. In der Nacht abzumarschieren, erschien ihnen nicht -ratsam, da die Franzosen infolge der großen Nähe des Feindes sehr auf -der Hut sein würden. - -Die letzten Anordnungen waren getroffen und die Männer nahe daran, -aufzubrechen, als plötzlich die unmittelbar auf die Straße führende Tür -des Gastzimmers aufgerissen wurde. Überrascht fuhren die Versammelten -in die Höhe und blickten auf die offene Tür, in deren Rahmen sich -noch immer nichts zeigte. Da erschien plötzlich auf der Schwelle -eine wunderliche Gestalt, in der man nach genauem Hinschauen Mutter -Lehnhardt erkannte. - -Sie trug ein seltsam aufgeputztes Kleid von Lilafarbe, das ehemals -kostbar gewesen sein mußte. Heute aber war sein Glanz verblichen. In -nichts ähnelte es der Form, in der die Frauen zur Zeit die Kleider -trugen, und die über und über zerknitterte und an manchen Stellen -zerschlissene Seide ließ erkennen, daß das Kleid vielleicht Jahrzehnte -unbenutzt in einer Ecke des Schrankes gehangen hatte. Den Kopf der -Greisin bedeckte ein gleichfalls zerknitterter Filzhut von uralter -Form, mit verblaßten, bunten Bändern, von denen zwei an den Wangen -herabliefen und unter dem Kinn zu einer Schleife verknüpft waren. - -Keiner der Anwesenden konnte sich entsinnen, Mutter Lehnhardt jemals -anders als in einem selbstgefertigten Rock von grobem Stoff und der -üblichen Jacke einfacher Dorfleute gesehen zu haben. So gekleidet, -erkannte man sie schon von fern. In dem Aufputze, in dem sie aber jetzt -dicht vor ihnen stand, mußten sie scharf hinsehen, um die Alte zu -erkennen. - -Anfangs drängte sich ein Lächeln auf manche Lippe, denn die Erscheinung -forderte den Spott heraus. Das Kleid war ehedem sicherlich nicht für -seine heutige Trägerin angefertigt worden, denn es war für diese -einfache Frau viel zu kostbar. Man kannte die Vergangenheit der Greisin -zu gut, um nicht richtig zu vermuten, daß das Kleid einstmals von -einer Schloßherrin getragen wurde, und daß es später, als es nicht -mehr mit der Zeit ging, verschenkt worden war. Der Schnitt erregte -Kopfschütteln, und die Männer begriffen nicht, wie man an dieser Form -einst hatte Gefallen finden können. - -Die Anwandlung von Heiterkeit aber währte nicht lange, dann verschwand -das Lächeln von den Gesichtern vor dem ernsten, ja feierlichen -Ausdruck, der auf den Zügen der Greisin lag. Eine Sekunde lang blieb -die schmächtige Gestalt auf der Schwelle stehen und ließ die klaren -Augen flink über die Versammlung gleiten. Es schien, als wenn sie sich -an der Überraschung weide. Dann griff die Hand der Alten entschlossen -in das Kleid, raffte es auf, daß es nicht den Fußboden streife, und so -betrat sie mit ihren gewohnten Trippelschritten die Gaststube, bis sie -an dem langen Tische der Ausmarschierenden stehen blieb. - -»Ei, sieh da, der Herr Max,« sprach sie, »und alle die mutigen -Burschen. Will’s Gott, so sitzt Ihr nach Jahresfrist wieder so wie -heute beisammen.« - -Sie hielt mit eifrigem Kopfnicken inne, um alsbald lebhaft fortzufahren: - -»Doch dürft Ihr nicht denken, daß ich gekommen wäre, um Eure -kostbare Zeit zu verschwatzen. Aber die Erzählung geht, daß drüben -im Preußischen alle, selbst der Arme zu den Kosten des Krieges sein -Scherflein beitrage. Und deshalb will auch ich der guten Sache mein -Opfer bringen.« - -Die Greisin suchte die Tasche des Kleides und entnahm ihr ein kleines -Papier, das die zitternden Finger mühsam entfalteten und legte den -Inhalt dann dicht vor Max auf den Tisch. Es waren zwei goldene Ringe. - -»Das sind meine einzigen Schätze,« begann sie wieder, »nehmt sie mit, -Herr Max, mir können sie nichts mehr nützen. Es ist der Ring meines -Seligen, den man mir, nachdem er bei Kesselsdorf gefallen war, sandte -und der meinige. Jenen habe ich nun mehr als siebzig Jahre gut verwahrt -gehalten, und nur wenn die alten Erinnerungen allzustark heraufstiegen, -habe ich ihn hervorgeholt und mit ihm geplaudert, als ob es mein guter -Mann selbst wäre. Den meinen habe ich erst heute nach dem Gottesdienst -vom Finger gezogen. Bevor ich beide Ringe in das Papier schlug, habe -ich sie noch einmal geküßt, sie waren ja das Unterpfand einer jungen -Liebe. Nehmt sie mit, ich bitt’ Euch darum!« - -Niemand sprach darauf ein Wort, keiner der Männer fand eine Erwiderung. -Sie alle hielten die Blicke niedergeschlagen und betrachteten die -Ringe. Der eine davon hatte, wie es schien, noch sein ursprüngliches -Gewicht und war groß, wie eben ein Ring sein muß, der an der Faust -eines Bauernburschen sitzt. Der andere aber war dünn wie Blech, so -hatte sich das Edelmetall an den Fingern der Greisin während der vielen -Jahre abgewetzt. - -Da unterbrach Max das Schweigen: - -»Mutter Lehnhardt,« sagte er, »Ihr reißt einen kostbaren Schatz von -Euerm Herzen, bedenkt es wohl, bevor Ihr Euch für immer davon trennt.« - -Die Greisin machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und erwiderte: - -»Das Gold möge sich in Stahl verwandeln, mit dem unsere Jugend sich und -ihren Kindern ein freies Vaterland schaffe. Mein Seliger wird mir’s im -Traume zuflüstern, daß ich richtig gehandelt habe. Er war ja selbst ein -Feuerkopf.« - -»Nun denn,« antwortete Max, »zurückweisen darf ich Eure reiche Spende -um der guten Sache willen nicht. Wir nehmen aus dem Dorfe manche Gabe -mit uns; laßt es Euch aber versichert sein, Mutter Lehnhardt, daß wir -die Eurige als die kostbarste schätzen.« - -Die Alte nickte freundlich, sah sich im Kreise der Männer noch einmal -um und trippelte dann mit einem »Behüt’ Euch Gott« wieder der Tür zu. - -Friedrich, der zwanzigjährige, hochgewachsene und breitschultrige -Sohn der Kirchengutbäuerin, der morgen früh mit ausmarschierte, saß -der Tür am nächsten. Mit unbeholfener Eilfertigkeit sprang er hinzu -und öffnete. Mutter Lehnhardt zögerte aber eine kleine Weile, als -wenn ihr das Hinabsteigen der Stufen viel Mühe mache. Da bückte sich -der große Junge, hob die Greisin wie eine Feder auf und ging mit ihr -vorsichtig die Stufen hinab. Stirn an Stirn lagen die beiden Gesichter -aneinander, das welke des langsam absterbenden Menschen neben dem -blühenden des kraftstrotzenden Jünglings. Und zärtlich, wie eine Mutter -ihr noch hilfloses Kind, streichelte während des Hinabschreitens die -runzlige Hand der Greisin seine vollen Wangen. - -Zu ebener Erde angelangt, setzte Friedrich seine leichte Last behutsam -nieder, und weil er die Blicke der Männer von drinnen und der vor dem -Gasthof Weilenden auf sich gerichtet fühlte, wurde er sehr verlegen, -und eine dunkle Röte überzog ein hübsches Gesicht. Da stand nun der -junge Riese mit dem glattgescheitelten Blondhaar und den zu kurzen -Jackenärmeln des Sonntagsgewands, aus denen die starken Handgelenke -und die derben Fäuste weit herausragten, nicht wissend, wohin er seine -Augen richten sollte. - -»Wie sein seliger Großvater, als er noch ein junges Blut war,« sagte -Mutter Lehnhardt, Friedrich mit versonnenem Lächeln betrachtend. - -Dann hob die Alte mit großer Sorgfalt das Kleid auf und lief mit -kleinen und flinken Schritten über den Dorfplatz. - - - - -25. Kapitel. - - -Die Männer hatten den Gasthof nunmehr verlassen, denn es drängte sie, -heimzukehren. Deshalb geizten sie mit der Minute. - -Maxens Sehnsucht nach Maria war aufs höchste gestiegen. Bevor er aber -nach Hause zurückkehrte, gab er Konrad das Geleit bis zum Rabensteiner -Hof. Zuletzt verabredeten sie noch eine kurze Besprechung auf dem -Freihofe nach Konrads Rückkehr. Hierauf trennte sich Max unter guten -Wünschen von dem Freunde und ging rasch den Weg zurück. - -Marias liebliche Erscheinung, wie er sie an diesem Morgen im Erker -gesehen hatte, stand ihm lebendig vor der Seele, und der heiße Wunsch, -sein junges Weib ans Herz zu drücken, beflügelte seine Schritte. Schon -während des Aufenthalts im Gasthofe hatte ihn einmal eine geheime -Unruhe bedrückt, und er wäre am liebsten aufgesprungen und nach Hause -geeilt. Nun sollte er aber in wenigen Minuten bei ihr sein, ihre -klangvolle Stimme vernehmen, ihren warmen Odem an seiner Wange fühlen -und in ihre lieben, treuen Augen schauen. - -Verwundert blickte sich Max während seines beschleunigten Laufes um, -denn das Oberdorf war wie ausgestorben. Da sah er den spitzen Giebel -seiner großen Scheune auftauchen, und nach ein paar weitausgreifenden -Schritten gelangte er an die Biegung der Dorfstraße, von wo aus er -das Hoftor sehen konnte. Doch -- was war das? Was bedeutete die große -Menschenansammlung vor dem Freihofe? Ein Alp senkte sich auf seine -Brust, daß er nur schwer zu atmen vermochte. Unwillkürlich seinen Lauf -beschleunigend, flog er zuletzt die Straße hinab. Da kam er bei den -ersten Herumstehenden vorüber und rief ihnen zu: - -»Was ist’s, warum seid Ihr alle hier versammelt?« - -Aber er nahm sich nicht die Zeit, ihre Antwort abzuwarten, so rastlos -trugen ihn die Füße weiter. Die Gefragten schienen ob der überhobenen -Antwort erleichtert, denn sie hatten scheu an ihm vorbeigesehen. Je -mehr der Freihofer sich aber seinem Besitze näherte, umso dichter -standen die Menschen. Stumm wichen sie zurück und bildeten eine Gasse, -durch die er bis zu dem geschlossenen Hoftor stürmte. - -Hier angekommen, versagten ihm die Füße wie gelähmt den Dienst, und er -wandte sich zu der Menge. Eine verzehrende Angst machte ihn heimlich -beben, aber er war zu stolz, sie erkennen zu lassen. Deshalb fuhr er -die Nächststehenden mit Trotz in der Stimme an: - -»Warum haltet Ihr hier Maulaffen feil? Geht heim und lobt Eure Weiber -für den Sonntagsschmaus, den sie Euch auftischen!« - -Die so unsanft Angeredeten erwiderten nichts, aber sie vermieden -es, daß ihre Augen seinem Blick begegneten. Qualvoll verstrich eine -Sekunde eisigen Schweigens, das angesichts der dichtgedrängten Menschen -unnatürlich erschien und das die deutlich auf das Gesicht des Mannes am -Hoftor geschriebene Angst bis zur Unerträglichkeit steigerte. Da faßte -einen aus der Menge das Erbarmen mit dem Gefolterten und er rief ihm zu: - -»Freihofer, bereitet Euch auf Entsetzliches vor; es ist ein Unglück -geschehen!« - -Diese wohlgemeinten Worte riefen eine unerwartete Wirkung hervor: aus -der tödlichen Angst des Bemitleideten schlugen die Flammen blinder Wut, -und er schrie: - -»Daß Du ersticken mögest an Deinem Unkenruf. Mit solchen Worten -schreckt man Memmen. Ich sage Euch, es spukt nur in Euern Köpfen, sonst -ist es nichts!« - -Eine neue Pause, angefüllt mit demselben entsetzlichen Schweigen von -vorhin schien wieder einzutreten. Wer vermochte es, diesen Mann daran -zu hindern, daß er, wie es ihm ein verzehrendes Angstgefühl gebot, sich -gegen die Kenntnis eines furchtbaren Geschehnisses sträubte, obgleich -er dessen Wahrheit ahnte. - -Da kam Bewegung in den Kreis. Zwei Arme teilten die Menge, und ein Mann -trat aus ihr heraus und stellte sich dem jungen Bauern gegenüber, -- es -war Pastor Reinerz, angetan mit langschößigen Bauernrock. - -Max empfand in diesem Augenblick das Nähertreten dieses Mannes wie das -eines Gegners. Die aller Fesseln befreiten, wild mit einander ringenden -Leidenschaften rissen sich um die Herrschaft über ihn, und je nachdem, -ob es der dem Wahnsinn zutreibenden Angst oder der schäumend machenden -Wut gelang, zu siegen, konnte der Unglückliche sich auf den Greis -stürzen, oder im nächsten Augenblick unter dem zermalmenden Drucke des -Jammers zusammenbrechen. - -Doch alsbald sollte der Kampf im Innern des Freihofers entschieden -sein; Pastor Reinerz begann zu sprechen, und bei seinen Worten -glätteten sich die aufgepeitschten Wogen. Der Feuerstrom des Zorns, der -seine Ufer schon überflutet hatte, schäumte jetzt wieder in sein Bett -zurück und ließ die Angst, die unaussprechliche Angst anwachsen, daß -der Freihofer wähnte, um Brust und Hals legten sich ihm Eisenklammern. - -»Der Gott, der Himmel und Erde erschaffen,« begann Pastor Reinerz, -»bestimmt auch den Lauf der Menschengeschicke, und wir sollen nicht mit -ihm hadern, wenn sein unerforschlicher Wille uns von der Höhe irdischen -Glücks hinab in die Tiefen des Schmerzes und der Verzweiflung stürzt. -Denn der Mensch ist aus des Meisters Hand hervorgegangen, und sein -winziger Geist begreift nicht den Geist seines Schöpfers. Wir stehen -erschüttert vor diesem entsetzlichen Schlag, der uns alle getroffen -hat. Aber es gebührt uns nicht, uns aufzulehnen; neigen wir in Demut -das Haupt und vertrauen wir unverändert auf die Liebe des himmlischen -Vaters. Was der ewige Gott, unbegreiflich für uns Menschen, diesmal zu -sich berufen hat, ist ein blühendes, junges Leben -- -- --« - -Der Freihofer hatte bisher mit Aufbietung seiner ganzen Willenskraft -eine ihn zu übermannen drohende Schwächeanwandlung bekämpft, bei diesen -Worten aber brach seine Beherrschung jäh zusammen. Er grub die Zähne in -die Unterlippe, daß das Blut erschien und taumelte gegen das Hoftor. - -»Meine Seele ist noch aufs tiefste erschüttert,« fuhr Pastor Reinerz -fort, »denn gerade ich mußte Zeuge des Verbrechens sein, denn einem -schändlichen Verbrechen, Freihofer, ist Euer Weib zum Opfer gefallen.« - -Max machte eine zuckende Bewegung, aber es war, als ob der Schlag, der -gegen ihn geführt worden war, ihm die Kraft, zu verzweifeln, gelähmt -habe. - -Da wandte sich Pastor Reinerz von dem bis ins innerste Mark Getroffenen -ab und sprach zu der Menge: - -»Hört mich an, Leute, denn Ihr kennt den Hergang nur flüchtig. Die -milden Strahlen der Sonne bewogen mich, nachdem ich von der Kirche -heimgekehrt war, einen lang entbehrten Spaziergang in die freie Natur -zu machen. Einsam ging ich über die herbstlichen Felder, derweilen -Ihr im Gasthof versammelt wart und sog mit tiefen Zügen die erwärmte -Luft ein. Kein Laut störte die sonntägliche Stille. Da wurde ich -plötzlich aus meinen Gedanken wachgerüttelt. In geraumer Entfernung von -mir sah ich in dem hohen Grase etwas Weißes bald aufleuchten und bald -wieder verschwinden. Ich strengte meine Augen an und erkannte in der -weiblichen Gestalt Maria, die kaum vor einer Stunde von mir angetraute -Gattin des Bauern vom Freihofe. Zeitweilig sich niederbückend, -schlenderte sie umher, um die letzten Feldblumen zu einem Strauße zu -sammeln. Schon wollte ich meine Schritte zu ihr hinlenken, da fiel -mein Blick auf einen zweiten Menschen, -- und das Blut stockte mir in -den Adern! Vom Schwedenloche herabkommend, wo ein paar Reiter in der -Nähe ihrer grasenden Pferde weilten, nahte sich ein hochgewachsener -französischer Offizier, das junge Weib von hinten her beschleichend. -Ich biete meine ganze Stimme auf und rufe: Maria! ohne daß sie meine -Warnung hörte. Ein zweites, ein drittes Mal klingt mein Ruf, da hatte -sie mich vernommen. Sich umschauend, fällt ihr Blick auf den Mann, der -sich ihr bis auf wenige Schritte genähert hat. Sie erschrickt, wendet -sich um und enteilt flüchtigen Fußes der schon drohenden Berührung -des Elenden. Aber die Flucht nach dem Dorfe ist ihr verlegt. Wie ein -gehetztes Wild fliegt sie nach der andern Seite, -- da schneidet ihr -der Verfolger, der sich im raschen Laufe seinem Opfer nähert, den Weg -ab. In demselben Augenblick, in dem die Verzweifelte die Unmöglichkeit -eines Entrinnens erkennt, stürzt sie nach dem nahen Schwedenloch, -um durch einen Sprung von dessen Rand sich vor dem Schlimmsten zu -bewahren, -- da treten ihr die Soldaten entgegen. Und als die Gehetzte -die Schnelligkeit ihres Laufs unwillkürlich etwas verringert, um so -vielleicht doch einen rettenden Ausweg zu erspähen, da packt sie die -rohe Faust des Entmenschten am Handgelenk. Ein verzweifelter Aufschrei, --- dann entschwanden die Ringenden, zu Boden fallend, meinen Augen, und -nur das hohe Riedgras bewegte leise die Spitzen. - -Eine verspätete Lerche flog auf und trug in weiten Kreisen ihren Sang -der Sonne entgegen. - -Mich alten Mann aber überfällt ein wahnsinniges Entsetzen und ich eile, -so schnell mich die Füße tragen wollen, vorwärts. Doch bald zwingt mich -einer der Soldaten stehen zu bleiben, und wie ich dennoch weiterdränge, -wirft mich ein Kolbenstoß vor die Brust besinnungslos nieder. - -Als ich aus meiner kurzen Ohnmacht erwachte, sah ich Maria aufrecht -stehen. Zu ihrer Seite befand sich der Franzose, dessen Bestialität -noch einmal aufzublitzen schien, denn er legte die Arme um das Mädchen -und versuchte, es zu küssen. In dem Augenblick aber, in dem sein -Mund sich ihrem Gesichte näherte, grub sie die Zähne in den Hals des -Lüsternen, daß dieser das Weib mit einem wilden Fluche freiließ und -nach der blutenden Stelle tastete. Wohl tut einer der Elenden, die -entfernt standen, einen Schritt nach dem ruhig dahinschreitenden Weibe, -wie die Hyäne, die darnach lechzt, was der gesättigte Blutdurst des -Tigers verschmäht. Aber ein königlicher Blick scheucht ihn zurück, und -bald stand Maria am Rande des Steinbruchs. Ein paar Sekunden verharrte -sie unbeweglich, das Haupt auf die ineinander gelegten Hände gebeugt. -Dann wandte sie noch einmal den Blick und ließ das Auge über die Fluren -schweifen, hinüber nach dem Dorfe. Ich sprang auf und winkte und rief. -Sie erkannte mich, nickte mir zu, nahm den Strauß aus den Falten des -Busens, führte ihn noch einmal zum Munde und legte ihn nieder, und -dann --,« hier schwieg der Greis. - -Die Männer hatten während seiner Erzählung wiederholt laute -Verwünschungen ausgestoßen, und manche Faust hatte sich unwillkürlich -geballt. - -Pastor Reinerz aber fuhr fort: - -»Die Soldaten gaben mir jetzt den Weg frei, und ich lief nach der -Stelle, an der ich Maria zum letzten Male gesehen hatte. Als ich -erschöpft dort ankam, bot sich meinem Blicke nichts weiter von ihr, -als die Blumen. Ich beugte mich über den Abgrund, der gerade dort am -steilsten abfällt und gewahrte, etwa dreißig Ellen unter mir, dort, -wo der große Trichter in den Schacht ausläuft, an einem niedrigen, -verkrüppelten Baumstamm einen menschlichen Körper hängen. Voll Freude -und Schrecken zugleich, daß der schwache Stumpf der Last nachgeben -könne, schaute ich mich nach einem Helfer um. Da bemerkte ich schon -einen Mann, der wie von ungefähr über die Felder schritt. Ich schrie -und machte verzweifelte Bewegungen. Im eiligen Laufe kam er heran, und -während ich ihn mit fliegenden Worten unterrichtete, schaute er hinab. -Bange Sekunden verstrichen; endlich rief er: Ich wags! Rasch streifte -er die Schuhe von den Füßen und dann stieg der Verwegene hinunter. - -Ich wußte es, daß er den Zorn des Himmels herausforderte, denn es war -ein Frevel, den Versuch zu unternehmen; ich erkannte das Unsinnige -seiner Tat, denn der Einsatz galt nicht einem Menschenleben, sondern -es war das aussichtslose Spiel mit einem Leben um einen Leichnam, -- -und doch ließ ich es zu! - -Der Weg, den der Tollkühne zurückzulegen hatte, ist Euch vom Schauen -her bekannt; es hat bisher noch keiner versucht, ihn zu betreten. -Hände und Füße gebrauchend, klomm er langsam hinunter, jeden Vorsprung -weise benutzend, und wo ein solcher nicht vorhanden war, das Fleisch -der Finger und Zehen in die Ritzen der Steinwand pressend. Ein -Ausgleiten weihte ihn rettungslos dem entsetzlichen Tode des Absturzes. -Langausgestreckt am Rande liegend, schaute ich dem immer tiefer -Gelangenden nach, während kalter Schweiß mir auf die Stirn trat und -mein Herz in lauten Schlägen arbeitete. Mehr als einmal strauchelte -er, mehr als einmal löste sich ein Stein von der Wand, den er sich als -Halt erkoren hatte, unter seinen Füßen, so daß es unabwendbar schien, -daß der Retter in die Tiefe stürze. Dann fiel mein Auge wieder auf -den schwachen Stamm, der sich unter der Last soweit bog, daß er jeden -Augenblick brechen konnte. Mir wollte das Herz stille stehn bei dem -Gedanken, daß das Rettungswerk umsonst versucht worden sei. - -Endlich, nach Minuten furchtbarer Qual, langte der Mann am Ziele an. -Vorsichtig näherte er sich der Stelle, schlang den linken Arm um den -leblosen Körper und trat nun, nur die Rechte noch benutzend, mit -seiner schweren Bürde den Aufstieg an. Ach, und wie viel schwieriger -gestaltete sich dieser als der Abstieg! Durch Gestrüpp, das aus der -Felswand drängt, und über Geröll bahnte er sich den Weg. Ich verlor -fast die Sinne und mußte die Augen schließen, denn die Bilder meiner -Phantasie waren gräßlich. Da erscheint nach todesbangem Harren -ein Kopf über dem Rande, das Haar wirr, und das Gesicht entstellt -vor Anstrengung und Erregung. Ich fasse die Schultern, um ihn -heraufzuziehen. Doch was frommte die schwache Kraft eines mit der -Ohnmacht kämpfenden Greises! Schon schien es, als wenn Leben und Tod -in gemeinsamer Umarmung im letzten Augenblick des Rettungswerks und -schon fast in sicherer Hut, mit einander in die begehrliche Tiefe -hinabstürzen müßten. Da machte der Keuchende eine letzte, verzweifelte -Anstrengung, und es gelang unsern vereinten Bemühungen, daß er sich auf -den Rand schob und damit in Sicherheit brachte. - -Eine geraume Zeit ruhten dann beide Körper so nebeneinander, daß man -nicht angeben konnte, welcher von beiden noch Leben barg, und es -hatte den Anschein, als ob der genasführte Tod seine ihm schon sicher -erschienene Beute in schäumender Wut noch jetzt an sich reißen wolle. -Bleich lag der Wackere auf dem Rasen; Gesicht, Hände und Füße hatten -ihm das scharfe Gestein und das Dornengestrüpp blutig gerissen. Endlich -kehrten seine Lebensgeister wieder zurück. Er wischte sich erschöpft -Schweiß und Blut vom Gesicht und taumelte davon.« - -Hier machte der Sprecher eine lange Pause. Dann hob er wieder an: - -»Ja, Max von Tiefenbach, Dein Weib ist tot, aber unvergänglich ist die -Schrift, womit ihr Andenken uns allen in das Herz eingegraben ist. -Vereinen wir uns in christlicher Liebe, und rechten wir nicht mit der -Unglücklichen wegen des Schrittes, den sie tat. Denn an der Schwelle -des Todes machen die Vorwürfe Halt und was die Verblichene darüber -hinwegbegleitet, sind Wehmut und herzinniges Mitleid!« - -Max stand zusammengesunken mit dem Rücken an das Tor gelehnt, beide -Hände gegen dieses gestützt. Sein Kopf war herabgefallen, und das -Gesicht war fahl. - -Den Blick auf dem Boden ruhen lassend, keuchte er jetzt: - -»Ihr habt eins vergessen, Pastor, nennt den Namen jenes Mannes, den Ihr -bisher verschwiegt.« - -»Den Namen dieses Edeln soll keiner erfahren! Seine Worte, bevor er -ging, lauteten: wenn ich einen Lohn für meine Tat fordern darf, so -bestehe er darin, daß man verschweige, wer dieses tote Weib seinem -Gatten wiedergegeben hat! Ihr werdet deshalb begreifen, -- --« - -»Den Namen will ich wissen!« schrie der Freihofer heiser und hob -zugleich den Kopf und richtete seine Augen starr auf die des Pastors -Reinerz. - -Ein paar Sekunden tauchten die Blicke beider Männer in einander. -Mahnend, -- drohend drang es aus den grauen Augen des Alten. Und Max -trat blitzschnell die Erinnerung an einen Tag vor die Seele, an dem er -diese Augen so wie in dieser Sekunde hatte leuchten sehen. Er wußte es, -was kommen würde, aber eine furchtbare Grausamkeit gegen sich selbst -zerfleischte sein Inneres, und es frohlockte in seinem Herzen, wenn er -daran dachte, daß sein gewaltiger Schmerz sich noch vergrößern könne. - -»Ich will ihn wissen, den Namen!« schrie er noch einmal, »sprecht!« - -Da richtete sich Reinerz auf, und die Greisengestalt wuchs noch mehr -bei seinen Worten: - -»Freihofer!« sprach er mit erhobener Stimme, »ja, Ihr habt das Recht -darauf, zu wissen, wer Euer Weib umfangen hat, und wenn es auch nur im -Tode geschehen ist. Der Mann also, der unbedenklich sein Leben daran -setzte, Euch den Leichnam der geliebten Toten wiederzubringen, auf daß -er da drunten in der Tiefe nicht eine Beute von allerlei Getier werde, -sondern damit Ihr Euerm armen Weibe ein christlich Begräbnis könnt -zuteil werden lassen, dieser Mann, Freihofbauer, war -- -- Hermann -Lehnhardt!« - -»Der Lehnhardt?« schrien zehn Stimmen zugleich, »der mit seinem -Arm -- --?« - -Da erhoben sich aber auch schon winkende Hände, um die Unvorsichtigen -daran zu erinnern, daß es nicht angemessen sei, den Schmerz des -gebrochenen Mannes noch zu vergrößern. Der aber stand wieder mit -niedergesunkenem Haupte. In Reinerzens Augen lesend, was folgen mußte, -hatte sein halsstarriger Widerstand wohl wild aufgebäumt, daß er dem -Kommenden trotze; -- und doch hatte er, als der Name fiel, tief den -Nacken gebeugt, wie unter einem ungeheuern Faustschlage. - -»Auf,« rief einer aus der Menge, »ziehen wir zum Lehnhardt!« Zustimmend -und mit lauten Worten der Anerkennung und Bewunderung zog der Haufe -lärmend davon. Zuletzt war niemand mehr geblieben, denn was sollte man -hier? Den Zusammengesunkenen trösten? Das versuchte keiner. - -Endlich richtete sich Max auf. Alle weichen Empfindungen flohen ihn in -dieser Sekunde; das aber was blieb, und zu Riesengröße anwuchs, war -der alte, nackenzerbrechende Trotz der Tiefenbachs! - -Mit stampfenden Schritten ging er über den Hof und betrat das Haus. - - - - -26. Kapitel. - - -In die Mitte der großen Stube hatte man einen langen Tisch gestellt, -und auf diesem ruhte Maria, den Kopf auf ein Kissen gebettet. -Sie trug noch ihr Hochzeitskleid. Ihre Hände waren auf der Brust -ineinandergelegt und hielten die gepflückten Blumen umschlossen. Zu -ihren Füßen, mit dem Rücken nach der Tür gewendet, saß steif und -unbeweglich die Freihoferin. - -In unnatürlicher Ruhe blieb Max eine kurze Weile an der Tür stehen und -betrachtete die Tote. Langsam trat er endlich näher. Als die Mutter das -Herankommen des Sohnes vernahm, erhob sie sich stumm und ohne sich nach -ihm umzusehen, als habe sie nunmehr diesen Platz zu räumen. Dann setzte -sie sich an den runden Tisch auf ihren gewohnten Platz und legte den -Kopf mit dem weißen Haar auf die Arme. - -Max ließ sich auf den Stuhl niederfallen, beugte den Oberkörper, beide -Ellbogen auf die Knie stützend, vornüber und in einem Traumzustand -versinkend, behielt er die Augen unverwandt auf sein totes Weib -gerichtet. - -Sein Inneres war wie versteinert. Das Unglück in seiner Riesengröße und -zerschmetternden Wucht war so urplötzlich über ihn hereingebrochen, -daß das Entsetzen seine Seele umdüstert hatte. Ein Blitzstrahl war -herabgefahren und hatte den starken Mann getroffen und seinen feinsten -Lebensnerv bloßgelegt. - -Wie armselig ist doch in den Augenblicken des entsetzlichsten Wehs der -Mensch! Ob König oder Bettler, zarte Jungfrau oder lästernder, brutaler -Gewaltmensch, ob naives Gemüt oder weltenumspannender Geist, -- -gleichviel: eine Riesenfaust greift hinein in das Innere und schüttelt -das Menschlein zum Erbarmen und wirft es zuletzt in den Staub! - -Mehrere Stunden hatte der unglückliche Mann regungslos gesessen, bis -sich die Schatten der Nacht auf die Erde herabsenkten. Und mit ihrem -Kommen wurde es in seiner Seele lichter. Die entschwundenen Sinne -kehrten langsam wieder zurück, und die Fähigkeit, die Schwere des -Unglücks zu ermessen, wurde wieder wach. Eine unsägliche Bitterkeit -bemächtigte sich seiner. - -So schnell also und so schimpflich mußte eine reine Seele sterben? -- -Ein Ekel, Mensch zu sein, mußte jeden überkommen, der dieses Verhängnis -und sein Opfer kannte. Der Schöpfer der Welten schafft die Menschen -im Übermut, damit er sie in lüsterner Grausamkeit wieder zertrümmere. -Seine wahnwitzigen, auf Zerstörung gerichteten Launen blitzen grell -auf und vernichten, als wenn drunten in der Grube die schlagenden -Wetter aufblitzen, und ihre elementare Kraft den nach desselben Gottes -Gebot im Schweiße seines Angesichts sich mühenden Menschen wie einen -Spielball gegen die Wände der Grube schleudern und ihn endlich als -formlose Masse liegen lassen. Mit der Geburt in die mißliche Lage -hineingestoßen, umlauert von tückischen Mächten, preisgeben der Not, -der Krankheit, dem Schmerze der Welt, der Verzweiflung, dem Tod, -- -das ist das Schicksal der Sterblichen! Der Erbarmungslose aber, dem -seine Geschöpfe nichts weiter sind als ein Spielzeug, der ein Werk, -aus seiner Hand hervorgegangen, nach einem andern schleudert, um sich -an dem Zermalmen beider zu ergötzen, diese im Rausche schaffende und -zerstörende Kraft, dieser blindwütige Despot nennt sich selbst der -Menschheit Gott, ihr liebender Vater und Erbarmer! -- Haha, -- Wahnwitz -ist sein Beginnen, niederste Grausamkeit seine Befriedigung. - -Blühende Gefilde, bereitet unter inbrünstigen Gebeten und mit frohen -Hoffnungen, gedüngt mit sauerm Schweiß und gehegt mit Daransetzen der -besten menschlichen Kräfte, zerstören jubelnd seine wilden Gewalten, -während sie an den Verfall, an die Trümmer, die Verwesung, das Chaos -nicht rühren. Dem Lasterhaftesten seiner Menschen, dem Bekümmerten und -Elenden, dem Fluchwürdigen, dem, der dem Schöpfer nachäffend die Völker -sich zerfleischen läßt, daß Tausende von Leben untergehen, -- diesen -allen, die den Tod täglich herbeisehnen, oder die sein Blitz spalten -müßte, läßt er das Leben; -- das Schöne aber wirft er in den Staub, das -strotzende Leben vernichtet, die bauende Hoffnung enttäuscht er. Und -die höchste seiner Gaben, die Reinheit, läßt er schamlos beflecken. Das -ist der Gott der Menschen! - -Der Freihofer schüttelte leise den Kopf. Und das war sein Hochzeitstag, -und das seine Brautnacht! Wahrlich, es war ein Meisterstück des auf -neue Grausamkeiten sinnenden Schicksals, ein Streich, den alle Teufel -ausgesonnen hatten. Man mußte sie loben, die erfindungsreichen -Höllenbewohner, wenn ihr Schelmenwitz nicht so witzlos, ihr -Erfindungsgeist nicht so traurig wäre. All ihr dunkeln Gewalten, -Verhängnis, Schicksal, Teufel -- Gott, zuletzt ist euch der Mensch doch -überlegen! Untergehend belächelt er eure Wut, und das gefaßte Sterben -des schwachen und -- gegenüber den Jahrmillionen eures unheilvollen -Wirkens -- ephemeren Geschöpfes müßte Euch die Schamröte in die -Schläfen jagen. Aber hohen Sinn und Edelmut darf man nicht bei den -Unsichtbaren suchen. - -Das also war seine Hochzeitsnacht! Nicht auf weichem Wonnepfühl, -Leib an Leib streckten sie in seliger Umarmung die Glieder, -- -zusammengesunken und mit einer nie wieder heilenden Wunde im Herzen saß -der Bräutigam neben dem harten Lager der schönen Braut. Zwischen ihnen -aber kauerte der unerbittliche Knochenmann und betrachtete grinsend das -hellrote, rauchende Blut, das von seiner Sense herabtropfte. - -Wie ein gefesselter Löwe gegen seine Ketten, tobte Max wider die -stärkere Macht, die seinem Herzen diese Wunde geschlagen hatte, und -anstatt Schrecken schüttelte seinen Körper der Zorn. - -An seinem Geiste zog langsam sein ganzes Leben vorüber, und von dem -einförmigen Hintergrund seiner ohne Stürme verflossenen Lebensjahre -hob sich in leuchtenden Farben die Zeit der Liebe zu Maria ab, seiner -tiefen und starken Liebe, deren Wurzeln sich bis auf den Grund seines -Herzens hinabrankten. - -So unsagbar elend mußte sie an ihrem Ehrentage zugrunde gehen! Wie -hatte sich Maria auf die Hochzeit gefreut! Viel mehr noch, als -sie es ausgesprochen hatte. Das hatte er oft aus den versonnenen -Augen gelesen, die der blanke Spiegel ihrer reinen, unschuldvollen -Mädchenseele gewesen waren. Und nun! Welch schriller Mißklang, welch -unreine Schlußakkorde, die aber vor der himmlischen Melodie, die ihre -Seele droben empfing, wieder zu den Irdischen flüchten mußten. Den -Makel, den jener Bube ihr zugefügt, hatte ihr guter Engel aber in dem -Augenblick wieder von ihr genommen, als sie den Tod einem Leben vorzog, -dessen Wert für immer verloren war. - -Doch was für Gedanken kamen ihm da! Nein, fort mit der Weichheit, -denn nichts Mildes, keine Barmherzigkeit wohnen bei den Mächtigen im -Reiche der Seelen. Und er bäumte sich im Trotz von neuem auf unter dem -entsetzlichen Drucke. - -Man sagt, daß Gott die Menschen ihre Missetaten sühnen läßt, wenn das -Maß gefüllt ist. Aber warum ließ er deshalb gerade sie zerschmettern? -Sie, die Sündenreine, Edle, die den anspruchsvollsten Anforderungen -des Schöpfers an seine Kreaturen glänzend gerecht wurde und die wert -gewesen wäre, das Schoßkind der Gottheit zu sein? Das war keine -Großtat! Laßt, Menschen, den wildesten Leidenschaften die Zügel -schießen, züchtet die niedersten Begierden in der befruchtenden -Treibhausluft Eurer ärgsten Sittenlosigkeit und spottet aller Sühne und -Vergeltung! Dann wird Euch beim Sterben das befriedigende Bewußtsein -werden, Eure Tage würdig benutzt zu haben, und die Posaunen des -jüngsten Gerichts werden Euch nicht schrecken, sondern wie blecherne -Kindertrompeten klingen, mit denen die Frucht Eurer Wollust einst -spielte. Denn das Walten des Gottes ist blind! Er wütet gegen sein -getreustes Abbild und läßt den Verächter seiner Gebote unangetastet die -Straße ziehen! - -Max krampfte die Hände ineinander: wenn es ihm doch vergönnt sein -möchte, jenem Tier in Menschengestalt noch einmal zu begegnen, die -Seligkeit tauschte er willig dagegen ein! Den gräßlichsten Tod würde -er für ihn ersinnen! Und doch, welches beseligende Bewußtsein gewährt -wieder der Trost, daß jeder Flecken von Marias Reinheit getilgt ist, -seitdem ihr Geist seinen Aufflug zu den verklärenden Strahlen des -ewigen Lichts angetreten hatte. - -Max fuhr bei diesen Betrachtungen zusammen. Warum gehorchten ihm seine -Sinne nicht? Weshalb drängten sich dem Widerstrebenden Gedanken wie -diese immer wieder auf? -- Ach, es waren die treuen Gefährten seiner -Kinderzeit! - -Als er noch ein Knabe war, war vor dem Schlafengehen sein -Lieblingsplatz zu den Füßen der Mutter, die die schlummernde Elisabeth -auf den Armen hielt, während er den Kopf an der Mutter Knie gelegt -hatte und ihren Worten lauschte, mit denen sie dem Knaben von der Liebe -und Güte des Schöpfers und Erhalters der Welten erzählte. Damals, ja -damals konnte er noch aus inbrünstigem Herzen sein Abendgebet sprechen -und auf die alles umfangende Liebe des ewigen Gottes vertrauen. - -»Und hast Du nicht noch gestern vor dem Einschlafen Deine Hände -nach Kinderart gefaltet und aus Deinem übervollen Herzen ein Gebet -gestammelt?« tönte plötzlich eine ernste Stimme an sein Ohr. - -Max fuhr erschrocken auf und sah sich nach allen Seiten um. Draußen -war undurchdringliche Nacht. Auch im Zimmer herrschte Finsternis, nur -auf dem runden Tische stand vor der schlafenden Mutter eine kleine, -zinnerne Öllampe, deren rußige Flamme einen schwachen Lichtschimmer -verbreitete. Aber es war niemand bei ihm, der die eben vernommenen -Worte gesprochen hätte. Also war es die Stimme in seinem Innern -gewesen, die zu ihm geredet hatte. Und wenn er ehrlich sein wollte, -- -war er nicht bei ihrem mahnenden Klange erschreckt zusammengefahren? -Ja, war denn in seiner Brust noch ein Gewissen rege? Und wenn es noch -nicht erstorben war, brauchte er dieser Stimme noch sein Ohr zu leihen, -angesichts des bejammernswerten Opfers göttlicher Raserei? - -Eine neue, gewaltige Zornwelle trieb von seinem Herzen zu den Schläfen -und machte ihn heiß aufbegehren, und die Hände fuhren in die Luft, als -wollten sie etwas ergreifen, was sie zerreißen könnten. - -Da überfiel ihn eine übermächtige Müdigkeit, gegen die sich sein -Wille einen Augenblick unwillig auflehnte, um sich dann sträubend zu -unterwerfen. Seine Arme erschlafften und sanken herab, und er neigte -den Kopf auf die Brust. Die übermenschliche Anstrengung seiner Sinne -und die tiefe Erschütterung infolge des gewaltigen Schlages hatten zu -stark an den Kräften des Mannes gezehrt. Jetzt war sein Widerstand für -eine Weile überwunden, und ein mitleidiger Schlummer senkte sich auf -ihn herab, der ihn seine unglückliche Lage vergessen ließ und seinen -müden Geist hinüber in das wunderbare Land der Träume führte. - -Mit einem unvergeßlichen Erlebnis aus seiner Kindheit Tagen begann das -Spiel seiner Phantasie. - -Es war ein linder Frühlingsmorgen. Die Schneeglöckchen und Veilchen -blühten im Garten unter den hohen Obstbäumen, und der weiche Windhauch -trug ihren süßen Duft in alle Räume des Wohnhauses auf dem Freihofe. -Er war noch ein Knabe und saß in der Stube am Fenster, als die Mutter -sonntäglich gekleidet in das Zimmer trat und sprach: - -»Jetzt habe ich Dein Schwesterchen in den Garten getragen, wo sie in -dem warmen Sonnenschein süß schläft. Die alte Katharine sitzt neben dem -Korbe und hütet Elisabeths Schlummer. So, und und wollen wir zur Kirche -gehen.« Und bei diesen Worten faßte ihn die Mutter an der Hand und sie -verließen den Hof. - -Dieser Tag war für ihn von hoher Bedeutung gewesen, denn es war -das erste Mal, daß ihn die Mutter zum Kirchgang mitnahm. Das hohe -Gotteshaus und die Menge der Andächtigen in ihrem Sonntagsschmuck und -den Ernst auf den Zügen, machten einen tiefen Eindruck auf den Knaben, -und als der Gesang der Gemeinde feierlich anhob, zog eine hohe Weihe in -seine Kinderseele. Und so war der Tag für ihn ein Ereignis geworden, -dessen Erinnerungen im Leben nie verblassen sollten. - -Bis hierher war das Traumbild einer langentschwundenen Wirklichkeit -entnommen; jetzt begann die Phantasie ihre Malereien. - -Er sah Pastor Reinerz auf der Kanzel stehen und vernahm seine Worte, -die von den Leiden Lazarus erzählten, dieses Schwergeprüften, -der in all seinem Unglück nicht die Zuversicht auf die göttliche -Barmherzigkeit verlor und selbst dann nicht aufhörte Gott zu preisen, -als sich seine Leiden bis ins unerträgliche gesteigert hatten. Vor -des Knaben Augen aber erschien während der Worte des Geistlichen die -Gestalt des in seinem Glauben unerschütterlichen Mannes. Er sah vor dem -Altar einen elenden Greis in spärliche Lumpen gehüllt liegen, die die -Blöße des abgezehrten und über und über mit eiternden Wunden behafteten -Körpers nicht bedeckten, Schmerz und Entbehrung hatten tiefe Linien -in das Gesicht gegraben, dessen Züge den immerwährenden Kampf der -Versuchung mit dem felsenfesten Vertrauen erkennen ließen. - -Da wurde der Ausdruck auf dem Gesichte des Armen friedlich, und seine -Augen leuchteten in überirdischem Glanze. Der Knabe sah zur Decke der -Kirche empor, doch das Dach des Gotteshauses war verschwunden, und die -Blicke schweiften in die sonnendurchgoldigte, blaue Luft, bis hinauf -in die Wohnungen der Seelen. Und vor seinen staunenden Augen erschien -eine unübersehbare Menge strahlender Engel in weißen Gewändern, die -aus Dunst und Wolkenschleiern hervorschwebten und, sich umfangend, -einen weiten Halbkreis bildeten. Mit glockenreinen Stimmen begannen -sie einen wunderbaren, himmlischen Gesang, dessen Weise sanft auf die -Erde herabströmte und die Brust des Knaben anfüllte, daß seine Seele -in heiligem Schauer erbebte. Da öffnete sich plötzlich der Himmel, und -von goldenem Lichte umflutet erschien das Haupt des Gekreuzigten unter -der Dornenkrone, mit dem Ausdruck unendlicher Liebe in den Zügen. Durch -das Lied der Engel aber klang laut eine Stimme, und die Worte tönten -hernieder: Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die Krone des -Lebens geben! In diesem Augenblick entfloh die Seele des Kranken ihrer -armseligen Hülle und schwebte, von den Engeln geleitet, aufwärts, immer -höher, bis endlich alle den Blicken entschwanden. - -Der unglückliche Mann in der einsamen Stube erwachte und schlug beide -Fäuste vor die Stirn, denn sein Herz war zerrissen und blutete aus -tausend Wunden. Seine Seele aber wußte in dem verzweifelten Kampf, den -sie bestand, nicht, wohin sie sich wenden sollte; hilfesuchend irrten -die Augen des Mannes umher. - -Da hob die Freihoferin, das erste Mal seitdem sie sich an den Tisch -gesetzt hatte, den Kopf und sah sich in dem Halbdunkel entgeistert um. -Endlich kehrte ihr das Verständnis für die Umgebung zurück, und die -harten Züge der Greisin verzogen sich schmerzlich. Schon wollte sie -das Haupt wieder auf die Arme niederlegen, da begegneten ihre Augen -dem hilfeflehenden Blick ihres Kindes. Sie machte eine verzweifelte -Anstrengung, sich zu erheben, aber ihr Körper sagte dem Willen den -Dienst auf. Gebrochen beugte sie sich unter dem gewaltigen Schmerz, den -diese Augen ihr bereiteten, und in das gramerfüllte Gesicht schoß der -Ausdruck, der ein Menschenantlitz furchtbar entstellt: der qualvolle -Ausdruck ohnmächtiger Liebe. Stumm machte sie mit der Hand eine matte -Bewegung nach ihrem Kinde, dann sank der Kopf der Greisin wieder auf -die Arme herab. - -Während aber draußen im Dunkel der Nacht, nur wenige Stunden entfernt, -auf den herbstlichen Feldern Hunderttausende mit der Waffe in der Faust -in leichtem Schlummer dem anbrechenden Morgen entgegenharrten, um den -grausigen Kampf fortzusetzen, schlugen in der Brust des schwergeprüften -Mannes die Flammen der Verzweiflung noch einmal hoch auf. Gut und Böse -rangen zum letzten Male erbittert miteinander, dieses unterstützt von -den wildschäumenden Furien des Schmerzes und Trotzes, jenes gekräftigt -durch den mahnenden Zuspruch des leise wiedererwachenden Gewissens. - -Hatte Max vorhin sein Schicksal verflucht und gegen das Walten der -Vorsehung gerast, so versagte ihm jetzt hierzu die Kraft; sein Trotz -war gebrochen. Aber sein Inneres war eine Beute entfesselter Gewalten, -über die zu gebieten er nicht imstande war. Kalter Schweiß trat auf -seine Stirn. Er preßte die Hände auf die hämmernden Schläfen, um sie -vor dem Zerspringen zu schützen, und sein Körper wand sich wie unter -Peitschenhieben. - -Endlich, nach furchtbar qualvollen Stunden, ging der Kampf zu Ende. -Dem Lager, gegen das er stritt, nahte Hilfe, die es unbesiegbar -verstärkte, so daß er sich unterwerfen mußte. Kraftlos entglitt den -für ihn streitenden Mächten die Wehr. Und wenn er jetzt noch genug -Stärke besessen, um selbst für sich zu kämpfen, er hätte dennoch die -Faust sinken lassen müssen, denn die, um derentwillen er sich gegen die -höhere Macht aufgelehnt und für die er mit seiner ganzen Kraft nach -Rache an dem Schicksal geschrien hatte, wandte sich selbst gegen ihn, --- Maria! - -Er sah sich in dem hohen Erkerzimmer des Schlosses, wie er es am Morgen -dieses unheilvollen Tages betreten hatte um die Braut in Empfang zu -nehmen, fühlte den Schlag ihres von finstern Ahnungen gequälten Herzens -an dem seinen und vernahm ihre flehende Stimme, gleichsam als ob sie -das alles, was sich eingestellt, vorausgesehen hätte: - -»Wie es auch kommen mag, Geliebter meines Herzens, laß uns in -unerschütterlichem Vertrauen auf Gott bauen!« - -Gegen diese Macht konnte er fürder nicht streiten, und demütig beugte -er vor ihr das Haupt. Die Eisrinde, die seine Brust gepanzert hatte, -schmolz unter dem warmen Hauche, der von diesen innigen Worten -ausströmte, und der Pfeil, den er vorhin von der überstraff gespannten -Sehne schnellen ließ, wandte sich gegen seinen Schützen. Der hoffärtige -Zorn und der ingrimmige Trotz stahlen sich heimlich von ihm fort, -und Demut und kindliche Unterwerfung unter den Willen des Lenkers -der Geschicke zogen in seine Brust ein. Gott hatte ihn bis heute mit -der verschwenderischsten Fülle seiner Gaben überschüttet, denn sein -Lebenspfad war sonnig gewesen. Nun schickte der Himmel die Prüfung, --- und er unterlag. Ja, das Aufschrecken aus dem wohligen Leben war -rauh, es war ein herzspaltender Schwerthieb gegen ihn geführt worden, --- aber es war doch auch eine Prüfung auf seinen Glauben, die keinem -Sterblichen erspart bleibt. - -Max beugte sich tief hinab, denn er empfand brennende Scham im Herzen. - -Und dann dachte er der teuern Toten. So hatte er sein Versprechen ihr -gehalten, das er mit Druck und Kuß besiegelt hatte! Ihre Worte waren -für ihn, kaum verklungen, -- vergessen. Er schloß die schmerzenden -Augen und bedeckte sie mit den Händen. Aber ob er der Erscheinung auch -fliehen wollte, das schmerzerfüllte Antlitz Marias stieg vor seinem -Geiste herauf. Kein Vorwurf stand darauf geschrieben, aber der umflorte -Blick aus ihren kummervollen Augen traf ihn wuchtiger als die schwerste -Anklage. Der ganze ungeheure Schmerz, das entsetzliche Weh bäumten sich -in ihm auf, rissen den Unglücklichen gewaltsam in die Höhe und warfen -ihn willenlos vor der Leiche nieder. Tieferschüttert tastete er mit -den Händen nach dem glaubensstarken Mädchen, und dem bebenden Munde -entrangen sich die Worte: »Hehrer Geist meiner Maria, verlaß mich nicht -in dieser Stunde!« - -Die furchtbare Last löste sich langsam von seiner Brust und schwand in -einem reichlich fließenden Tränenstrom dahin. »Vergib mir, Geliebte,« -flüsterte er, »gewähre mir Deine Verzeihung, wie ich sie von dem -Allbarmherzigen zu erhalten hoffe!« - -Lange verharrte er so auf den Knien, das Gesicht in den Falten des -Kleides der Toten verborgen. Draußen auf der Straße erklangen Tritte, -und einzelne Stimmen wurden vernehmbar. Obwohl sie nur flüsterten, -hätte ein Aufhorchender im Zimmer erkennen können, daß entgegen der -Abmachung Angehörige die ausmarschierenden Männer begleiteten. Aber es -dauerte geraume Zeit, bis der Knieende das immer mehr anschwellende -Stimmengemurmel vernahm, so weltenfern waren seine Gedanken entrückt -gewesen. -- - -Jetzt kehrte sein Geist in die Wirklichkeit zurück. Er vernahm, wie -die Mutter aufstand und hinter seinem Rücken auf den Strümpfen aus dem -Zimmer ging. Nach einer Weile trat sie wieder ein, legte leise sein -Gewehr und den schweren Säbel aus dem Nachlaß seines Großvaters auf den -kleinen Tisch an der Wand, stellte die flackernde Lampe dazu und setzte -sich wieder geräuschlos auf ihren Stuhl. - -Max erhob sich. Seine Haltung war aufrecht, seine Bewegungen elastisch. -Neue Kraft rollte ihm in den Adern, und seine Augen glänzten wieder, -als er Maria betrachtete. Sie war gestorben wie ein tapferer Streiter -auf der Walstatt. Ihr unter des Vaterlandes Schmach gleichfalls -gepreßtes Herz hatte sich nun im Kampfe um ihr höchstes Gut verblutet. -Sie war zuerst erlegen; wie lange würde es dauern, bis das Los -ihn traf? Draußen standen schon die Kameraden und harrten seiner -ungeduldig. Er durfte sie nicht warten lassen. Schnell also Abschied -genommen von der unvergeßlichen Toten, mochten die Zurückbleibenden -sie zum letzten Schlummer betten. Seine Kraft gehörte dem Leben, sein -Leben bis zum letzten Hauche dem Vaterland! So handelte er auch, wie er -wußte, nach Marias Wunsch. Und dem Walten der Vorsehung, gegen das er -frevelhaft aufbegehrt hatte, hatte er sich gläubig ergeben. Nun gab es -hier für ihn nichts mehr zu tun. - -Er ging zu dem Wandtische, warf den Tornister mit Wäsche und Mundvorrat -auf den Rücken, schnallte den Säbel um die Hüften und legte den Riemen -des Gewehres über die Schulter. Jetzt war er gerüstet und bereit, -den Weg zu betreten, den viele andere deutsche Männer schon vor ihm -gegangen waren. - -Doch bevor er sich zum gehen wandte, warf er noch einen letzten Blick -zurück auf sein Weib. Wie friedlich sie doch schlief! Kein Zug des -Gesichts deutete auf Schmerz, den sie im Tode erlitten hätte. Sie war -mit dem Gedanken an ihn und dem festen Vertrauen auf des Allmächtigen -verzeihende Liebe von hinnen gegangen. Und so hatte auch für ihn das -Schrecknis seine zerschmetternde Wirkung verloren. Ihr Auge blickte -aus Himmelshöhen liebend auf ihn herab, und ihre Seele umschwebte ihn -schützend auf allen Wegen. Mit dieser erhebenden Zuversicht konnte er -froh und leichten Herzens ins Feld ziehen. - -Neu erwachter Lebensmut schwellte seine Brust, und während er sich über -die Tote beugte und zum letzten Male die weiße Hand drückte, sprach er: - -»Schlafe wohl, Du Reine, und sei auch fortan mein guter Engel!« - -Entschlossen wandte er sich ab und schritt nach der Tür. In demselben -Augenblick vernahm er ein Geräusch, wie vom schnellen Zurückstoßen -eines Stuhles stammend, dem das heftige Poltern des umstürzenden -Gerätes unmittelbar folgte. Und dann gellte ein durchbohrender Schrei -durch das Zimmer, der Angstschrei eines todeswunden Mutterherzens: - -»Max!« - -Wie angewurzelt blieb sein Fuß auf dem Boden haften, während er sich -blitzschnell umwandte. Die schon nach der Tür ausgestreckte Hand sank -herab, und er konnte sich einer tiefen Rührung nicht erwehren, als -er die zusammengesunkene Gestalt seiner Mutter gewahrte. Wie war sie -doch in dieser einen Nacht hinfällig geworden! Diese gebeugte Haltung, -das entstellte Gesicht, der gequälte Blick! Schwankte sie nicht? Mit -ein paar raschen Schritten stand Max an ihrer Seite und bewahrte die -Greisin vor dem Umsinken. - -»Mutter,« rief er zärtlich, »wie konnte ich auch Dich vergessen! -Verzeihe dem Ungestümen, der nicht schnell genug dem Vaterhaus den -Rücken wenden kann!« Während dieser Worte hielt Max sie mit beiden -Armen umschlungen, und die Freihoferin lehnte sich müde an des Sohnes -Schulter. - -»Geh dorthin, wohin Dich Dein Gewissen ruft,« sagte die Greisin mit -leiser Stimme, »hier ist nicht mehr Raum für Dich!« - -So standen sie einige Minuten stumm beieinander. Max wußte, wie sich -das Herz seiner Mutter zusammenkrampfte, denn er kannte sie nur zu gut. -Elisabeths Hinscheiden hatte ihr eine tiefe Wunde geschlagen, die sich -kaum geschlossen hatte. Nun traf sie des erschütternden Unglücks Schlag -und riß die alte Wunde wieder auf. Zu gleicher Zeit ging auch er noch -von ihr, und sie blieb ganz allein zurück. Die kaum gewonnene Tochter, -der sie schon nach kurzer Zeit ihre ganze Liebe geschenkt, ja an die -sich die rasch Alternde angeschmiegt hatte, sollte ihr ein Trost sein, -wenn er selbst gegangen war. Vielleicht hatte sie davon geträumt, wie -neues, junges Leben auf dem Freihofe erblühen und die seit Elisabeths -Tode einsam gewordenen Zimmer des Wohnhauses erklingen sollten von -fröhlichen Worten, Singen, -- Kinderlachen -- -- -- Ach, es verlangte -sie nur allzusehr darnach, wenn sie auch an der Fröhlichkeit scheinbar -nicht teilnahm. Sie, der die Liebe nur eines Kindes zu wenig war, besaß -jetzt keines mehr. Niemand würde ihr, wenn der Krieg ihn behielt, Trost -in den letzten Tagen sein und keine liebende Hand ihr einst die Augen -zudrücken! - -Da hob die Freihoferin den Kopf auf, daß Max voll in das -gramdurchfurchte Gesicht blicken konnte. - -»Mein teurer Sohn,« sprach sie mit wiedergewonnener Fassung, während -ihre Augen aber in rührender Bangigkeit auf ihm ruhten, »noch einmal: -Ziehe dahin! Aber laß Dein Herz nicht anfechten. Wie groß auch die -Prüfung sei, sie kommt von ihm, gegen dessen Willen wir uns nicht -auflehnen dürfen.« - -»Sei beruhigt, liebe Mutter,« rief Max fast mit einem Ton des -Frohlockens. »Ich darf es nicht verhehlen, daß ich nahe daran war, der -Anfechtung zu unterliegen, aber diese da stand mir bei. Und nun bin ich -dagegen gewappnet für alle Zeiten!« - -Ein Seufzer der Erleichterung entfloh den Lippen der Freihoferin. Sie -richtete sich in die Höhe, legte die Hände auf das Haupt des zu ihren -Füßen niederknieenden Sohnes und segnete ihn. Dann aber war ihre Kraft -zu Ende. Sie warf sich an seine Brust, und was ihr bisher im Leben -versagt geblieben war, gewährte der Greisin das Schicksal in dieser -schweren Stunde als Trost: reichliche Tränen flossen ihr über die -Wangen. Max empfand dieses Geschenk als eine Himmelsgabe und beugte -sich herab und küßte die Zähren sanft von dem welken Gesicht. - -Da schlug aus dem Gemurmel vor dem Hause eine Stimme an Maxens Ohr, -bei deren Klang er zuerst zusammenzuckte. Dann aber eilte er, einer -plötzlichen Eingebung folgend, hinaus und trat wenige Sekunden darauf -wieder ins Zimmer, einen sich sträubenden Mann an der Hand führend, den -er bis zum Stuhle seiner Mutter geleitete. - -»Hermann,« sprach er, »ich will Dir jetzt Deinen Edelmut, mit dem Du -mir vergolten hast, was ich Dir zufügte, angemessen lohnen, indem ich -Dir das Höchste anvertraue, was ich besitze. Hier ist meine Mutter, -seid ihr, Du und Dein Weib, fortan Kinder. Pflegt sie, schenkt ihr Eure -Liebe, und lasset ihr Herz über Euch aufgehen. Nenne Dich von diesem -Augenblick an ihren Sohn, es gibt keinen Würdigerern als Dich!« - -Mit diesen Worten legte er die Hände beider ineinander und drückte -einen Kuß auf die Stirn der Weinenden. Dann riß er das Gewehr an sich, -streifte noch einmal mit dem Blick das Zimmer und stürmte hinaus, -während der klagende Wehruf hinter ihm herklang: »Mein Sohn, mein -Sohn -- --!« - - - - -27. Kapitel. - - -Vor dem Freihofe standen etwa dreißig Menschen; außer den Fortziehenden -und einigen ihrer Angehörigen ein paar Neugierige. Eine halb verdeckte -Laterne huschte hin und her, und das Gespräch wurde leise geführt. -Die Männer, die während der Nacht Wache gehalten, hatten nichts -Verdächtiges wahrgenommen. Nur einer erzählte, daß er gegen Morgen -vorsichtig ein Stück auf der Straße hinausgelaufen wäre, und da sei es -ihm gewesen, als wenn er einigemale entferntes Pferdeschnauben durch -die schweigende Nacht vernommen habe. Der Beobachter meinte, das könne -wohl von einer französischen Patrouille herrühren. Aber der Wahrnehmung -wurde kein Glauben beigemessen, denn der Erzähler galt als ängstlich, -und seine gereizte Phantasie hatte das Rascheln von Laub im Winde für -Rosseschnauben gehalten. - -Eins aber war beunruhigend, die Tatsache nämlich, daß der Rabensteiner -noch nicht zurückgekehrt war. Seit gestern abend harrte man seiner -in banger Erwartung, bis zur Stunde aber vergebens. Daß er mit aller -Vorsicht vorgegangen sein würde, wußte man von dem Besonnenen, und -reiten konnte er, wenn’s not tat, wie der Teufel. Sollte er den -Franzosen in die Hände gefallen sein und von ihnen etwa als Spion -betrachtet werden? Sein Schicksal fand viel Besorgnis, und nur der -Gedanke war tröstlich, daß er die Preußen glücklich erreicht habe, der -Franzosen wegen aber nicht zurückkönne. - -Viele Worte wurden nicht gewechselt, die meisten standen stumm -beieinander. - -Auch die Kirchengutbäuerin hatte es sich nicht nehmen lassen, ihren -Friedrich zu begleiten. Während der halben Nacht hatte sie an seinem -Bette gesessen und ihn mit zärtlichen Empfindungen betrachtet und -sich gewundert, daß er so ruhig schlafen konnte. Sein Lederränzel -fand er am Morgen mit Lebensmitteln so vollgestopft, daß die Nähte zu -zerreißen drohten und er mehrere Tage von dem Inhalt zehren konnte. -Ja, ihre mütterliche Sorge ging so weit, daß sie ihrem Jungen, wie er -zum Fortgehen gerüstet vor ihr stand, in die Tasche seines faltigen -Rockes eine große Papierdüte gefüllt mit Kamillentee schob, mit dem -sie alle Krankheiten erfolgreich zu kurieren pflegte. An die Gefahren, -denen ihr Einziger entgegenging, dachte das besorgte Mutterherz in -diesem Augenblick weniger als je, nur daran, daß er sie verlassen und -sich ihrer Obhut entziehen wollte. Und das konnte sie bis zur letzten -Minute noch nicht glauben. Denn er war ja von Kindesbeinen auf gewöhnt, -die Mutter für alle seine Angelegenheiten bis ins kleinste sorgen zu -lassen, und sie wußte, daß er darin hilflos geblieben war. - -Friedrich hatte sich dieser Bevormundung stets willig unterworfen, in -dieser Stunde aber fühlte sich der Stolz des jungen Kriegers doch etwas -verletzt, und er beschloß insgeheim, sich des Kamillentees draußen vor -dem Dorfe zu entledigen. - -Die unermüdlich wiederholten Fragen, ob er sich auch wirklich gesund -fühle und ob nicht noch etwas einzupacken sei, beantwortete er -zerstreut und war froh, als die Mutter auf sein Drängen zum Abschied -endlich ihr wollenes Umschlagetuch um die Schultern schlang und mit -ihm auf die Straße trat. Schweigend ging er neben ihr her, während sie -in einemfort auf ihn einsprach. Er solle es nicht zu toll treiben, -sagte sie, und sich nicht immer vordrängen, die andern wollten auch -zeigen, wer sie wären. Bald aber redete sie wieder vom väterlichen -Hof. Daß sie mit dem alten Großknecht nun allein regieren müsse, was -ja, solange es Winter sei, nicht allzuviel sagen wolle. Wenn aber das -Frühjahr käme, dann solle er ans Heimkehren denken. Gerade im kommenden -Jahre sei seine Anwesenheit ja so sehr vonnöten, denn für die beiden -steifgewordenen Braunen müßten junge Pferde in den Stall, und die -ganze weite Koppel hinter dem Berg, die so lange verlassen lag, sollte -endlich gepflügt und mit Roggen bestellt werden. Schließlich sei auch -der Anbau an den Rinderstall nun nicht mehr hinauszuschieben. Friedrich -brummte nur bisweilen ein Ja oder Nein in den plätschernden Redefluß, -und damit war die Mutter schon zufrieden. - -Keiner der Männer fehlte mehr, als sich endlich auch der Freihofer -einfand. Rasch wurde er von dem Ausbleiben Konrads unterrichtet, worauf -er die Achseln zuckte und zum sofortigen Aufbruch antrieb. Hier und da -eine letzte Umarmung, ein wortloser Druck der Hand. - -»Denke einmal daran,« klang allen vernehmbar die hohe Stimme der -Kirchengutbäuerin, »vierzehn Tage vor Weihnachten wird Deine -Lieblingsschecke wieder kalben; hoffentlich geht es so gut ab wie das -letzte Mal. Halte Dich immer hübsch warm, zwei frische Sacktücher -stecken noch im Ranzen.« - -Friedrich wurde feuerrot; zum Glück konnte es in der Dunkelheit keiner -sehen. Er schloß der Mutter mit einem Kusse den Mund und ließ sich von -ihr noch einmal herzen. Dann riß er sich los und eilte den schon einige -Schritte Vorangehenden nach. - -»Ich würde noch ein Stück mit Dir gehen, Junge,« klang es ihm -hinterdrein, »aber Ihr lauft mir zu schnell, und ich bin in Pantoffeln. -Ziehe die roten Müffchen nicht aus!« -- -- - -Aber der Ermahnte hörte die Stimme nicht mehr, soweit waren die Männer -schon entfernt. Rüstig schritten sie auf der Straße dahin und näherten -sich dem oberen Dorfausgang. Bald befand sich die zusammenhängende -Reihe der weißen Giebel hinter ihnen, und nur noch einzelne Häuser -lagen neben und vor ihnen. - -Vom Osten her stieg ein fahles Licht herauf, und man konnte schon -ein kurzes Stück weit die Gegend erkennen. Ueber den Wiesen hingen -unbeweglich breite Nebelschwaden von wunderlichen Formen. Die Luft war -empfindlich kühl, und an dem rasch heller werdenden Himmel verblichen -die letzten Sterne. Der erste Hahnenschrei klang hinter ihnen aus -dem Dorfe herauf, sonst aber hüllte sich die Natur noch in lautloses -Schweigen. - -Wie weit sie zu marschieren hatten, bis sie bei der ersten preußischen -Vorposten ankamen, wußten sie nicht. Aber weiter als eine halbe Meile -entfernt konnten sie nicht stehen. - -Die Augen scharf offen haltend, marschierten die Männer, um ihre Tritte -unhörbar zu machen, jetzt auf den mit Gras bewachsenen Rändern der -Straße, die langsam anstieg, um unmittelbar hinter dem Schwedenloch -wieder hinabzuführen. Auf der Höhe angekommen, wollten sie einen -schmalen Feldweg einschlagen, der rechtsseitwärts der Straße entlang -lief. Bis dahin aber mußten sie der Straße folgen, denn die Wiesen zur -rechten Hand waren sumpfig. - -Nur wenige Worte im Flüstertone wechselnd und das Geräusch des tiefen -Atmens dämpfend, liefen sie im Gleichtritt hintereinander her. Nur -noch wenige Schritte, und sie hatten die Höhe, -- da sprang mit einem -Male der am weitesten vorausgehende Schmied hinter einen Baum am Rande -der Straße, und gleichzeitig sahen die Männer in kurzer Entfernung vor -sich blitzende Bajonette. Wie gebannt standen sie still; sie waren -überrascht worden. In demselben Augenblick aber schallte eine drohende -Stimme durch die Stille, und die deutsch gesprochenen Worte ließen die -Aussprache des Franzosen erkennen: - -»Halt, Verräter!« - -Jetzt wuchs auch aus den das Schwedenloch auf der einen Seite -umsäumenden Büschen ein Haufen von etwa zwanzig französischen Soldaten -hervor, hinter denen im Nebel einige Pferde matt erkennbar waren. - -Die Gewehre von den Schultern reißend, drängten sich die Männer -zusammen. Drohend und jeden Augenblick zum gegenseitigen -Aufeinanderstürzen bereit, standen sich die beiden Haufen gegenüber. -Ein Windstoß fegte die Nebelwand zurück, so daß es in dem mittlerweile -schnell angewachsenen Zwielicht nicht mehr schwer war, das Gelände, auf -dem man sich befand, genau zu übersehen und die Vorteile abzuschätzen, -die es beiden Parteien bot. - -Die Franzosen waren in der Uebermacht, aber sie standen auf dem -abfallenden Boden, neben dem die Straße wie ein natürlicher Wall -hinlief. Dieser Umstand verstärkte die eigene Stellung. Mochten sie -es versuchen, den Rand zu erklimmen, manch einem würde bei diesem -Unternehmen der von nervigen Bauernfäusten geschwungene Kolben den -Schädel einschlagen! - -Noch standen Freund und Feind tatlos; da sprang der Freihofer auf einen -über Nacht draußen stehengebliebenen, hohen Aufsatzwagen zu und rannte -ihn mit solcher Kraft auf einen mächtigen Eichbaum, daß die Deichsel -krachend zersplitterte. Noch ein Ruck, dann zerriß das die Deichsel -umringelnde, eiserne Band, und die Kette mit dem oberen Ende um das -Handgelenk schlingend, hielt er den Stumpf wie eine schwere Keule, die -in seiner mächtigen Faust eine furchtbare Waffe sein mußte. - -»Heran!« knirschte er, von grenzenloser Wut gepackt, »und sorgt, -daß Euch das letzte Stündlein nicht zu kurz sei für Euer kleinstes -Stoßgebet!« - -Dies hatte sich blitzschnell abgespielt und ohne daß die Franzosen -gewagt hätten, sich auf ihn zu stürzen. Da erscholl die rauhe Stimme -von vorhin wieder: - -»Schlagt mir keiner diesen tollen Hund tot, lebendig soll er am Aste -baumeln.« - -Und gleichzeitig trat der Sprecher, ein Offizier von riesenhaftem -Wuchse, ein paar Schritte weiter vor und hob den Säbel, um das Zeichen -zum Angriff zu geben. In diesem Augenblick schrie der ihm zunächst -stehende Schmied schrill auf: - -»Freihofer, das ist der Mörder Deines Weibes!« - -Wie eine vernichtende Anklage, die einem furchtbaren Gericht -vorausgeht, erklangen diese Worte und warfen in die Seele vieler der -Anwesenden jäh das Verständnis für ihren Sinn. Das farblose Gesicht mit -dem brutalen Ausdruck des französischen Anführers wurde um einen Schein -bleicher; langsam sank der erhobene Säbel herab, und das Kommando zum -Angriff erstarb ihm auf der Zunge. Starr ließ er seine schwarzen, -stechenden Augen auf den gerichtet, den er instinktiv als seinen -Todfeind empfand. - -Der Freihofer aber stand wie ein Steinbild auf seinem Platze. In seinem -Gesicht spielte kein Muskel. Der Kopf war weit vorwärts geneigt, -wie bei Menschen, die mit Anstrengung aller Sinne ins Weite sehen. -Mit rasender Geschwindigkeit traten Reinerzens gestrige Worte, mit -denen er jenen Elenden beschrieb, jetzt wieder an seinen Geist heran. -Die Beschreibung stimmte just mit der Erscheinung dieses Franzosen -überein, -- aber war es kein Irrtum? Sollte ihm sein Wunsch, für dessen -Erfüllung er gern sterben würde, wirklich gewährt werden? Da blitzte es -in den Augen des noch Zweifelnden hell auf, und sein suchender Blick -blieb auf der linken Halsseite des Franzosen haften, wo dicht unter dem -Ohre ein oval geschnittenes Stück Leinwand aufgeklebt war. - -Von dem Franzosen aber war die Beklemmung wieder gewichen, und -ein verächtliches Lächeln umspielte seine Lippen. In Aufwallung -grenzenlosen Übermutes, der aus dem Vollgefühl seiner ungeheuern Stärke -herauswuchs, richtete er sich hoch auf und warf herausfordernd den Kopf -zurück. Sich noch einmal an seine Leute zurückwendend, befahl er ihnen, -sich nicht eher auf die Gegner zu werfen, bis er ihnen das Zeichen dazu -gebe. Darauf riß er den Säbel wieder herauf und schrie: - -»Komm herab, deutsches Schwein, wenn Du den Mut hast mit mir zu -kämpfen!« - -Max stand noch wie vorher unbeweglich. Bei diesen Worten aber kam -wieder Leben in ihn. Seine umklammernde Rechte ließ den Wagenbaum los, -daß dieser dumpf aufschlagend und mit Kettengeklirr zu Boden fiel, -und dann sprang er mit beiden Füßen zugleich von der Böschung hinab. -Der lange Jahre in der Scheide gebliebene Säbel seines Großvaters -blitzte gerade noch rechtzeitig auf, um den ersten Hieb des Franzosen -abzuwehren, der mit fürchterlicher Erbitterung auf ihn eindrang. -Hageldicht sausten die Schläge des kampfgeübten Soldaten herab, daß -Max seine ganze Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit aufbieten mußte, -um sich ihrer zu erwehren. Nach wenigen Gängen zeigte sich aber schon -der Vorteil der überlegenen Kaltblütigkeit, mit der er focht, und der -Franzose war einige Male nahe daran, seine hitzige Kampfesweise zu -büßen. In respektvoller Entfernung standen die beiden Parteien dahinter -und sahen auf ihre kämpfenden Führer, deren Klingen ohne Unterbrechung -aufzuckten. - -Da klang durch den hellen Erzklang der aufeinanderschlagenden Säbel -ein Mißton. Man vernahm, wie etwas durch die Luft flatterte und dann -klirrend niederfiel. Der Franzose erhob sich ein Stück aus seiner -weit ausgelegten Haltung, warf einen raschen Blick voll Ingrimm auf -den stehengebliebenen Stumpf seines Säbels und hob in demselben -Augenblick instinktiv wieder die zerbrochene Waffe, als wenn er damit -den unvermeidlichen Todesstreich abwehren könne. Mit hochgeschwungener -Klinge holte Max zum furchtbaren Schlage aus. Unwillkürlich duckte -sich der Wehrlose nieder, -- da klirrte, von seines Gegners Hand -geschleudert, dessen Säbel neben ihm zur Erde, und als der Franzose die -Augen hob, stand ihm dieser mit herabgesunkenem Arme und ohne Waffe -gegenüber. - -Verständnislos starrte er dem Gegner ins Gesicht, den nur eine -unerklärliche Anwandlung von Großmut zu dieser Tat bewogen haben -konnte. Aber nur während der kurzen Spanne Zeit, die zwischen zwei -Pulsschlägen liegt, blieb ihm dieser Trost. Dann bemerkte der Franzose, -wie die Augen des andern blitzschnell die nur wenige Schritte -betragende Entfernung maßen, die zwischen ihnen und dem Rande des ihm -seit gestern bekannten Abgrundes lag. Er dachte daran, wer dieser Mann -ihm gegenüber war, der seine unnatürliche Ruhe in diesem Augenblick -bewahrte, -- und alles Blut wich aus seinem Gesicht. Sollte er jetzt -seinen Leuten das Zeichen zum Angriff geben? -- -- -- Nein, in -Dreiteufelsnamen nein! Dann wäre auf die eisigen Züge dieses Verhaßten -ein höhnisches Lächeln getreten, das ihn der Feigheit geziehen hätte. -Deshalb scheuchte er auch mit einem wilden Fluche einen seiner Leute -zurück, der herbeigesprungen war und ihm seinen eigenen Säbel darbot. - -Max hatte den Blick wieder auf den Gegner gerichtet und alsbald -erkannt, daß dieser seinen blitzschnell gefaßten Plan erraten hatte. -Eine Sekunde lang standen sie sich einander gegenüber; dann begann das -gräßliche Ringen, -- es war der Kampf zweier Riesen! Der Körper des -Franzosen war kraftvoll und wie aus Stahl geschmiedet, dazu war er -sehnig und geschmeidig wie ein Leopard; der Deutsche war fast ebenso -hoch gewachsen, aber seine Schultern waren breiter, und er glich einem -verwundeten Bären, der sich zum Angriff aufgerichtet hat. - -Max hatte schon während des Fechtens eine an sich noch nie gekannte -Ruhe gespürt, jetzt aber fühlte er seine Kaltblütigkeit noch verstärkt. -Sein Hirn arbeitete in ruhigem Gleichmaß, als wenn er daheim auf -dem Hofe stünde und das Herauslassen des Viehes aus den Ställen zum -Austrieb auf die Weide leite. Und doch hatte er die tiefe Empfindung, -als ob dieser Kampf sein Leben fordern müsse -- -- Da griffen beide -nach einander, der Franzose mit dem blitzartigen Prankenschlag des -Raubtieres, Max dagegen faßte tastend nach den Ellenbogen des Gegners. - -Von neuem stockte während einer Sekunde alle Bewegung, als wenn die -Männer sich wie im Spiel berührt hätten. -- Da, -- ein fürchterlicher -Ruck! Max versuchte, sich vor dem Fall zu bewahren, umsonst; dröhnend -stürzte er zu Boden und riß seinen festumklammerten Gegner mit sich -nieder. Mit einer schnellen Bewegung gelang es ihm, den Franzosen unter -sich zu bekommen, aber schon rollten sie wieder über den Rasen und -hielten sich im nächsten Augenblick, auf die Knie erhoben, umschlungen. -Da spannte der junge Bauer seine ganze Kraft an und drückte den sich -heftig sträubenden Franzosen so hintenüber, daß es den Anschein hatte, -als wenn dessen Wirbelsäule davon zerbrechen müsse. Langsam fiel der -Franzose auf den Rücken, -- um den auf ihn Stürzenden aber sofort -wieder zu entgleiten. So rangen sie während mehrerer Sekunden in -unverminderter Erbitterung. Mit der Geschmeidigkeit einer Katze entzog -sich der Franzose allen ihn zu erdrücken drohenden Umarmungen, und -vermöge seiner blitzschnellen Bewegungen gelang es ihm, wiederholt die -Oberhand über seinen Gegner zu bekommen. Und während dieses Ringens -rollten sie die feuchte Rasenlehne ein Stück hinab, daß ein paar -französische Soldaten sich zwischen den Ringenden und den Rand des -Steinbruches aufstellten, um sie vor dem Hinunterstürzen zu bewahren. - -Noch einmal wildes Schlagen des Rasens mit den Füßen, ein -Zubodendrücken mit umklammernden Armen, Entweichen, Aufrichten und -Niederstürzen, -- dann sprang einer von ihnen auf die Füße: es -war der Deutsche. Im nächsten Augenblick mußte auch der Franzose -aufschnellen; aber es gelang ihm nicht mehr. Zwei Hände hielten den -wild um sich Schlagenden mit eisernem Griffe fest, um ihn gleich -darauf mit einer furchtbaren Kraftanstrengung in die Höhe zu reißen. -Alle Muskeln bis zum zerspringen angespannt, hielt der Freihofer den -Körper seines Feindes über seinem Haupte, währenddessen es aussah, -als ob er unter der ungeheuern Last und infolge des überschnellen -Aufrichtens hintenüberbrechen müsse. Aber nur einen Augenblick währte -diese Spannung, dann hatte er die Herrschaft über seinen Körper -wiedergewonnen. Mit übermenschlicher Kraft stieß er den Franzosen von -sich, der, über die Köpfe seiner Leute hinwegfliegend, hinter dem Rande -des Steinbruches lautlos verschwand. Ein dumpfes Aufschlagen drang -herauf, ein Geräusch, wie von dem Rutschen eines schweren, weichen -Gegenstandes auf dem Gestein, dann war alles still. Den Lauschenden -aber stockte der Atem unter der blitzschnell sich ihnen aufdrängenden -Vorstellung, daß der ihren Augen soeben Entschwundene ins Bodenlose -stürze. - -Noch hielt das Fürchterliche alle gelähmt, als von fernher der -Hufschlag eines auf der Straße herangaloppierenden Pferdes erklang. -Und mit diesem Laute kehrte Aller Besonnenheit in die Wirklichkeit -zurück. Ihres Führers plötzlich beraubt, von dem Schrecken noch halb -betäubt und durch das Nahen des vermutlichen Feindes kopflos gemacht, -eilten die Franzosen zu den Pferden und sprengten querfeldein in den -Nebel hinein. Der letzte von ihnen, ein junger Bursche, dem kaum der -erste Flaum auf den Lippen sproß, hob rasch, bevor er davoneilte, die -Mündung seines Gewehres und schoß ohne zu zielen aufs Geratewohl ab. -Ein dumpfer Knall, ein schwacher Feuerstrom, wie von verdorbenem Pulver -herrührend, dann wandte auch er sich zur Flucht. Beim Aufblitzen des -Schusses griff der Freihofer hastig nach der Brust, während sich auf -seine Augen gleichzeitig undurchdringliche Dunkelheit senkte. Aus der -ihn umgebenden Nacht aber trat ein liebliches Bild vor seine Seele: - -Er stand an einem reißenden Fluß. Das Ufer, auf dem er sich befand, -glich einem unfruchtbaren Ödeland, drüben aber breitete sich ein -prächtiger Garten aus mit maienfrischem Rasen und herrlichen Blumen. -Ueber den Fluß führte eine Brücke, an deren Ende auf dem jenseitigen -Ufer Maria stand, die ihm winkte und jubelte und rief. Da trat ein -seliges Lächeln auf das Antlitz des Freihofers; er breitete die Arme -aus und fiel langsam vornüber auf den Rasen. - -Erschrocken sprangen die Freunde hinzu, richteten den Gefallenen auf -und entblößten seine Brust. Ein kleines, kreisrundes Loch wurde auf der -Haut sichtbar, gerade auf der Stelle des Herzens. Da legten sie ihn, -ohne ein Wort zu sprechen, behutsam auf dem Rücken in das Gras, und -jeder vermied es, dem andern ins Gesicht zu sehen. - -Durch den Lärm waren die Leute in den nächstliegenden Häusern längst -erwacht, bei dem Knall des Schusses aber eilten einige voll Unruhe -herbei. Unter diesen befand sich auch Mutter Lehnhardt. Bestürzt -betrachteten die Ankommenden den am Boden Liegenden und traten dann -wortlos zur Seite. Die Greisin aber setzte sich neben dem Verwundeten -nieder und zog seinen Kopf auf ihren Schoß. - -Im Osten hatte sich unterdessen der Himmel blutigrot gefärbt, und die -ersten Sonnenstrahlen waren über die noch schlummernde Erde geglitten. -Jetzt ward auch der glühende Ball am Himmelsrande sichtbar, der rasch -heraufwuchs und sein flutendes Licht auf die Fluren ergoß. Der Nebel -zerriß, und die weite Landschaft wurde erkennbar. Der junge Tag brach -an mit seiner ganzen, sieghaften Schönheit, und alles erwachte zu neuem -Leben. Nur der Mann auf dem Rasen machte seine letzte Rechnung auf -Erden! - -Noch einmal schweifte sein Blick in die Weite. - -Drüben stand in goldigem Glanze das Schloß seiner Väter. Aber -seine trutzigen Mauern waren zerfallen, und kein verjüngender -Sonnenaufgang gab ihm seine Festigkeit wieder. Nur ein kleiner Teil, -die vorspringende Mitte, stand noch, und die weißen Quader leuchteten -wie einst über das Land. Aber ach, wie lange würde es dauern, dann -stürzten auch die letzten Mauern zusammen, und ein wüster Trümmerhaufen -bezeichnete die Stätte, auf der einst in Pracht und scheinbarer -Unvergänglichkeit auf felsigem Grunde ein stolzes Menschenwerk -gestanden hatte. - -Jahrhunderte hatte der Bau ins Land ziehen sehen. Lieblicher -Sonnenschein hatte ihn unzähligemale umschmeichelt, brausende -Naturgewalten drohend umbrandet. Zeiten segensreichen Friedens -waren an ihm vorübergegangen, und auf wildes Kriegsgetümmel und -ohnmächtige Wut seiner Angreifer hatte der steinerne Koloß mit stummer -Verachtung herabgesehen. Nun war auch seine Zeit abgelaufen, und der -vorgeschrittene Verfall führte die eindringliche Sprache, daß auf -Erden alles vergänglich ist! Nach einer Reihe von Jahren, früher oder -später, aber einmal doch, werden auch die letzten, stummen Zeugen -entschwundener Pracht und menschlichen Fleißes nicht mehr sein. Die -noch nicht zertrümmerten Steine werden Häuser bauen helfen, in denen -Menschenfreud und Menschenleid geboren wird, lacht und weint und -stirbt, und die geborstenen Säulen und Quader zerfallen endlich in -Staub und vermischen sich wieder mit der Erde, von der sie gekommen -sind, und deren mütterlicher Umarmung sie sich nur zu lange entzogen -hatten. Dann geht die Pflugschar wieder über das Land und wirft die -köstlich duftende Ackerkrume auf, und saurer Schweiß tränkt den Boden. -Bis endlich auf dem Rasen Spiel und Sang anheben, und die Halme sich -biegen unter den Füßen der Tanzenden. So in stetem Auf- und Niedergang, -Geburt, Hinaufeilen auf den Gipfelpunkt des Lebens, mühsames -Hinabklimmen oder Hinabsturz -- und Tod: das ist das wechselvolle, -geheimnisumwobene Spiel des Werdens und Vergehens alles Irdischen, -das sind die urewig gleichen Menschenschicksale! Eine zermalmende -Traurigkeit beschleicht bei dieser Betrachtung das Gemüt, gegen -die menschlicher Witz sich vergebens sträubt und menschliche Kraft -ohnmächtig ankämpft. In diesem Leid tröstet und erquickt allein der aus -starkem Herzen quellende Glaube an die Barmherzigkeit und Ewigkeit der -Himmel! - -Und dann gedachte der junge Tiefenbach seines Geschlechts. In langen -Reihen standen in sturmfesten Kellergewölben des Schlosses die Särge -seiner Ahnen. Viele von ihnen waren wohl mit dem Schwerte in der Faust -gestorben und schlummerten in unbekannter Erde. Er war der letzte -Sproß. Jung war er und kraftvoll, und doch rüstete er sich schon zur -Wanderung nach jenem unbekannten Land, aus dem niemand wiederkehrt. Nun -stand der Name Tiefenbach nur noch auf zwei alten, müden Augen -- -- -- - -Aber er ging gern von hinnen, denn er ging nach einem gewonnenen Streit -gegen den Feind des Landes und den Beflecker seiner Ehre. Das ist für -Menschen, die beim Heimgange eines Teuern großen Schmerz erlitten, -das Köstliche, daß sie in jenen unbekannten Gefilden von einer ihrer -harrenden, liebenden Seele an die Hand genommen werden. - -So mußte er denn früher scheiden als er gedacht; aber noch waren -es ihrer zwölf, die die Reihen der für die Freiheit Kämpfenden -verstärkten. Und bei diesem tröstenden Gedanken trat wieder das -glückliche Lächeln auf die Züge des schwer Atmenden, und eine neue -Ohnmacht umfing seine Sinne. - -Jetzt tauchte auch der galoppierende Reiter vor einer Biegung der -Straße auf und näherte sich rasch der Gruppe. Es war Konrad Hartmann. - -Schon von weitem winkte und rief er. Hastig sprang er vom Pferde -und fragte die schweigend Herumstehenden mit lauten Worten nach der -Ursache des Schusses, den er schon in weiter Ferne vernommen hatte. Mit -fliegendem Atem wurde er unterrichtet. Da fielen seine Augen auf den -wie in friedlicher Ruhe schlummernden Freund. Ein einziger Blick, und -er hatte alles verstanden. In heftigem Schmerze griff er mit beiden -Händen nach der Stirn und blieb eine Sekunde lang mit verhülltem -Antlitz stehen. Dann eilte er zu dem Liegenden, faßte ihn an der -Schulter und rüttelte sie und schrie dem Ohnmächtigen ins Ohr: - -»Vernimm erst noch, was ich Dir sage, mein Freund, es mag Dir eine -erquickende Zehrung auf die Reise sein!« - -Der Angerufene schlug langsam die Augen auf und sah den Freund -verständnisvoll an. - -»Die Sache steht gut,« rief Konrad ihm zu, »heute oder morgen werden -die deutschen Hörner beim Blasen der Siegesfanfaren zerspringen. Der -Blücher haut die Franzosen in Fetzen. Hörst Du’s, Max, der Blücher! Und -in den sächsischen Regimentern ist ein Tumult ausgebrochen. Sie wollen -nicht mehr für den Kaiser fechten, sondern zu den Preußen übergehen!« - -Da erstrahlten die schon brechenden Augen noch einmal in sonnigem -Leuchten, und der Sterbende nahm die rasch entfliehenden Kräfte -zusammen und sprach mit leiser, vernehmbarer Stimme: - -»Der Freihof gehört dem Hermann, und -- sagt’s der Mutter, -- der -Schimpf ist getilgt!« - -Dann fiel der während der letzten Worte mühsam gehobene Kopf wieder in -Mutter Lehnhardts Schoß zurück, und ein tiefer Seufzer entrang sich den -bleichen Lippen. Konrad ließ sich neben dem Freunde auf das Knie nieder -und drückte ihm leise die Augen zu, während die Umstehenden in tiefer -Ergriffenheit die Blicke zu Boden schlugen. - - * * * * * - -Vorwärts, soweit das Auge reichte, dehnte sich die weite Ebene von -Leipzig aus. Obwohl die Erde von dem Flammenkuß des leuchtenden -Tagesgestirns eben erst erwacht war, stiegen pyramidengleich schon -durchsichtige Staubwolken zum Himmel empor, deren düsteres Grau, -durchglänzt von dem leuchtenden Gold der Sonnenstrahlen, sich mit -der tiefblauen Färbung des Äthers vermählte. Das waren die ersten -Anzeichen, daß der Aufmarsch der Regimenter von Freund und Feind zur -Schlacht nach dem gestrigen Tage der Ruhe begonnen hatte. Als wenn -ein ungeheures Wesen seine tausendfach gegliederten, tausend Arme zu -gleicher Zeit rege. Zum letzten Male rauschte der Vorhang des großen -Schlachtentheaters in die Höhe, -- morgen fiel er, und hinter ihm -sank einer der gewaltigsten Abschnitte deutscher Geschichte hinab in -das Meer der Weltgeschichte! Die eisernen Würfel rollten um alles -über die zerstampften, blutgetränkten Gefilde Leipzigs und warfen für -Deutschland achtzehn Augen. Einer der Großen der Erde wurde von dem -wandelbaren Geschick, nachdem es den beispiellosen, sieghaften Aufflug -seines Genies lange Zeit wunderbar behütet hatte, in diesen Tagen -verlassen. - -Aber selbst sein Volk vermag ihm bei dem Heraufsteigen seiner Manen nur -Bewunderung gemischt mit Grausen zu zollen; eine höhere Empfindung kann -das menschliche Herz für ihn nicht bewegen. Sein Lebensschiff trieb auf -einer Woge von Blut und bittern Tränen. Denn er war ein Zerstörender, -Niederreißender. Der aber, dessen Lebensfaden Klotho kaum zwei Jahre -darauf zu spinnen begann, und dessen Genius später in Deutschland -wie ein leuchtendes Phänomen langsam emporstieg, bis es, wie einst -jenes, über die ganze Erde hinweg gesehen ward, dieser Große war ein -Aufbauender, Schaffender! Anfangs alle bis auf seinen König zum Gegner, -schlug die Stimmung infolge seines weitschauenden Wirkens und seiner -kühnen und von glänzendem Gelingen gekrönten Taten allmählich um, und -aus den heftigsten seiner Widersacher von einst wurden unwandelbare -Verehrer seines Kurses. Aus einem Wirrwarr sich heftig befehdender -Kräfte erstarkte unter seinem Einfluß ein bewußtes Streben nach -nationalen Hochzielen, und der nie ganz ausgeklungene, märchenschöne -Traum trat endlich in plastischer Schärfe wieder vor die Seele des -ungestüm seine Verwirklichung fordernden deutschen Volkes: der große, -der gewaltige, -- der Kaisergedanke! - -Und als nach Jahren brausender Gährung der einstmalige Tummelplatz -hoher Ideen und doch gleichzeitig engherziger Empfindungen ihm für -sein Riesenwerk hinreichend bestellt erschien, da schweißte der -Titan mit weit über Europas Grenzen hinaus hallenden Hammerschlägen -das zerstückelte Deutschland zusammen. Hinter dem schwärzlich sich -ballenden Rauche der dröhnenden Kanonen stieg die schimmernde -Morgenröte des neuen deutschen Reiches verheißungsvoll empor, und -in das Wimmern und Ächzen der Verwundeten, in das Seufzen und Beten -der Sterbenden mischten sich Posaunentöne, feierlicher Glockenklang -und der stürmische Jubel der Ueberlebenden, denn Deutschland hatte, -ja es hatte wieder -- einen Kaiser! Zweimal führte der Erzfeind im -Schilde, Deutschland zu zersplittern und zu vernichten, und zweimal -ging es siegreich und schließlich geeint und in seinen höchsten -Idealen erstarkt aus dem aufgezwungenen Kampfe hervor. Wie später auf -Frankreichs Boden, gingen damals auf dem grünen Plane vor Sachsens -alter Lindenstadt Tausende deutscher Männer und Jünglinge freudig in -den Tod. Sie starben, um kommenden Geschlechtern die Freiheit und -Unabhängigkeit des Heimatbodens zu sichern. - -Heil, dreimal Heil, dir mein deutsches Vaterland, zu solchen -Heldensöhnen! -- - -Da sprang der Rabensteiner auf. Sein Gesicht war mit hellem Rot -übergossen, und sein Auge glühte in edlem Feuer: - -»Was steht Ihr noch länger müßig? Hebt den Leichnam auf, tragt ihn -hinab ins Trauerhaus und tröstet die tiefgebeugte Mutter. Dann aber -eilet von Hof zu Hof, von Haus zu Haus und fordert die Männer, die -Frauen und Kinder auf zur Totenschau, auf daß mit Tränen der Wehmut und -des Stolzes reichlich genetzt werde der gemeinsame Hügel, unter dem -zwei Helden schlummern, die für ihre Ehre und die deutsche Freiheit in -den Tod gingen.« - -Dann stellte er sich vor die Männer: - -»Euerm Führer war es als Ersten vergönnt, für die heilige Sache sein -Herzblut dahinzugeben. Wohlan, Freunde,« fügte er frohlockend hinzu, -»so laßt es nun mich sein, der Euch den Weg weist, zu den siegenden -Fahnen der deutschen Brüder!« - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Sonst - wurde die teilweise uneinheitliche Schreibweise, insbesonde der - großen Umlaute, wie im Original beibehalten. - - Korrekturen: - - S. 231: bekommenen → beklommenen - ohne den {beklommenen} Eindruck der Seele - - S. 325: Sternschuppen → Sternschnuppen - zerflattern wieder wie {Sternschnuppen} - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HERR, MACH' UNS FREI! *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our website which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This website includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/67303-0.zip b/old/67303-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 8c22396..0000000 --- a/old/67303-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/67303-h.zip b/old/67303-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 2c84b20..0000000 --- a/old/67303-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/67303-h/67303-h.htm b/old/67303-h/67303-h.htm deleted file mode 100644 index fe53630..0000000 --- a/old/67303-h/67303-h.htm +++ /dev/null @@ -1,16023 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - Herr, mach’ uns frei!, by Gustav Hildebrand—A Project Gutenberg eBook - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -h1, h2 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -p { - margin-top: .51em; - text-align: justify; - margin-bottom: .49em; - text-indent: 1em; -} - -.h2 { - text-align: center; - text-indent: 0; - font-size: x-large; - font-weight: bold; -} - -.p2 {margin-top: 2em;} - -hr.chap { - width: 65%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: 17.5%; - margin-right: 17.5%; - clear: both; -} - -@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } - -div.tb { - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - text-align: center; -} - -div.tb sup, sub { - padding-left: 1em; - padding-right: 1em; -} - -div.chapter {page-break-before: always;} -h2.nobreak {page-break-before: avoid;} - -.pagenum { - position: absolute; - left: 92%; - font-size: smaller; - text-align: right; - font-style: normal; - font-weight: normal; - font-variant: normal; -} /* page numbers */ - -.letter { - margin-left: 5%; - margin-right: 5%; -} - -.center { - text-align: center; - text-indent: 0; -} - -.mright { - text-align: right; - margin-right: 1em; -} - -.smaller { font-size: smaller; } - -.gesperrt { - font-style: italic; -} - -/* Images */ - -img { - max-width: 100%; - height: auto; -} - -.figcenter { - margin: auto; - text-align: center; - page-break-inside: avoid; - max-width: 100%; -} - -/* Poetry */ -.poetry-container {text-align: center;} -.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;} -.poetry .stanza {margin: 1em auto;} -.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;} -/* large inline blocks don't split well on paged devices */ -@media print { .poetry {display: block;} } -.x-ebookmaker .poetry {display: block;} -/* Poetry indents */ -.poetry .indent0 {text-indent: -3em;} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote { - background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em; -} - -.transnote p { - text-indent: 0; -} - -.corr p { - margin-left: 2em; - text-indent: -1em; -} - - </style> - </head> -<body> -<div lang='en' xml:lang='en'> -<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Herr, mach' uns frei!</span>, by Gustav Hildebrand</p> -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. 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Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Der zur Rüste gehende Julitag hatte alle vorangegangenen -Tage, so heiß sie auch gewesen waren, übertroffen. -Vom frühen Morgen ab hatte die Sonne von -dem wolkenlosen Himmel auf die Erde herabgeschienen. -Nun ging aber ihre Herrschaft zu Ende, denn der glühende -Ball näherte sich dem Himmelsrand und seine Strahlen -glitten in schräger Richtung über die Landschaft.</p> - -<p>Auf der alten Poststraße, die von Borna nach -Leipzig führte, schritt ein junger Mann fürbaß, dessen -müder Gang verriet, daß er heute schon einen weiten -Weg zurückgelegt hatte. Er hatte den leichten Strohhut -in den Nacken geschoben und lüftete ab und zu das kleine -Ränzel, das ihn nach so langen Stunden wohl arg -drücken mochte.</p> - -<p>Ein schmaler Weg kreuzte die Straße, und an dem -Schnittpunkt stand ein alter Meilenstein. Der Wanderer -ging zu ihm hin, stützte sich hintenübergelehnt mit beiden -Armen auf seinen derben Knotenstock und versuchte, die -kaum noch leserlichen Buchstaben auf dem verwitterten -Stein zu entziffern. Nach einigem Bemühen las er -mit lauter Stimme: »Rehefeld ¼ Meile.«</p> - -<p>Eine muntere Melodie pfeifend, hieb der Fremde -mit dem Stock ein paarmal vergnügt ins Blaue und -schlug dann den schmalen Weg ein. Die Aussicht auf das<span class="pagenum" id="Seite_4">[4]</span> -nahe Ziel belebte seine Kräfte sichtlich aufs neue. Obwohl -der Weg nicht bequem zu gehen war, denn hüben -und drüben hatten schwerbeladene Wagen tiefe Radspuren -hinterlassen, und aus dem schmalen Grasstreifen -in der Mitte ragten zahlreiche, spitze Steine hervor, eilte -der Wanderer dennoch mit schnellen Schritten vorwärts. -Ein schwacher Wind hatte sich erhoben, der ihm wohltuende -Kühlung spendete, und vor dem die mannshohen -Halme ihre schweren Häupter leicht hin- und herwiegten.</p> - -<p>Zu seiner Linken verlor sich das Land in eine -unabsehbare Ebene, während vorwärts und nach rechts -hin ein dichtes Waldstück die Fernsicht versperrte.</p> - -<p>Nach wenigen Minuten befand er sich inmitten der -Fichten, durch die der Weg jetzt leicht anstieg. In kurzer -Zeit aber wurde der Wald wieder lichter und die Bäume -hochstämmig, und nach einigen Schritten verdoppelter -Eile, und nachdem der Weg eine letzte, scharfe Biegung -nach rechts gemacht hatte, trat der Fremde wieder ins -Freie.</p> - -<p>Ein herrliches Bild bot sich den entzückten Augen -des Wanderers. Zu seinen Füßen schlängelte sich in -seinem tiefeingeschnittenen Bette gleich einem silbernen -Streifen der Göselbach dahin, zu dessen beiden Seiten -zahlreiche, hochstämmige Lindenbäume und Ulmen standen, -aus deren saftigem Grün die Häuser des Dorfes hervorlugten. -Die dunkeln Balken in den Giebelwänden hoben -sich von dem weißgetünchten Mauerwerk scharf ab, und -hier und da schlängelte sich aus einem Schornstein schon -eine dünne Säule blauen Rauches, dessen Ringe sich -sanft kräuselten, bis sie endlich in der Luft verschwanden. -Einige der Häuser waren mit Ziegeln gedeckt, bei den -meisten aber bestand das Dach aus einer dicken Lage Stroh.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[5]</span></p> - -<p>Der Hügel, auf dem der Wanderer sich befand, -ging nach rechts in die weite Ebene über. Das linke -Ufer des Flüßchens dagegen erhob sich zu einer sanften -Lehne, auf deren höchstem Punkt, vielleicht zweihundert -Fuß über dem schlanken Turme des Kirchleins, ein altes -Schloß thronte. Es war eine festungsartige Burg mit -einem weit hervortretenden Mittelbau und zwei dicken, -vom Erdboden ab aufgeführten Türmen, von denen der -westliche, wahrscheinlich infolge Altersschwäche, zur Hälfte -eingestürzt war.</p> - -<p>Jahrhunderte mochten ins Land gezogen sein, seitdem -der Grundstein dieser Feste gelegt worden war. Wohl -hatte das Schloß den Zeiten und Wettern seinen Tribut -zollen müssen, aber noch immer behauptete es, den wildesten -Stürmen zum Trotz, seinen Platz, wuchtig und -herausfordernd zugleich, und die großen, weißen Quader -leuchteten noch wie ehedem weit in das Land hinein. -Wie ein ehrfurchtgebietendes Denkmal alter Zeiten, ein -stummer Zeuge der Geschehnisse eines halben Jahrtausends -grüßte es zu dem Wanderer herüber.</p> - -<p>Dieser hatte sich an eine der hohen Fichten gelehnt -und überließ sich ganz dem Zauber des Anblicks, der -sich ihm bot.</p> - -<p>Seine Blicke glitten hinüber zu dem mächtigen -Bauwerk, das als ein stolzes Erzeugnis menschlicher -Kunst und menschlichen Fleißes, nunmehr dem Zerfall -entgegenging, wie es den Menschenwerken endlich beschieden -ist.</p> - -<p>Die Phantasie gaukelte dem Fremden die Geschichte -des Schlosses in lebhaften Bildern vor die Seele. Er -sah, wie die mächtigen Bausteine von starken Pferden -den Berg hinangeschleift wurden, wie die Mauern erstanden,<span class="pagenum" id="Seite_6">[6]</span> -und wie endlich der Bischof segnend die Hände -über den Bau ausbreitete, den die Bewohner des Dorfes -mit frischen Blumengewinden bräutlich geschmückt hatten. -Dann sah er, wie die Tore sich öffneten und aus ihnen -eine lärmende Schar herauszog, den Schloßherrn mit -seinen Gästen an der Spitze, und an ihrer Seite ritten -Edelfrauen mit den Jagdfalken auf den Schultern. Aber -weiter eilte sein Geist. Er sah wieder ein Häuflein den -Abhang herabziehen, diesmal aber nicht zur Jagd, oder -um die feurigen Rosse im Turnier zu tummeln: von -den Schildern der Gewappneten glänzte das Kreuzeszeichen, -und die Ritter schauten mit ernsten Mienen hinauf, -wo vom Söller die Frauen feuchten Auges die -letzten Grüße herabwinkten. Und jeder der Beherzten -fragte sich leise: »Wer wird wiederkehren?« Doch im -nächsten Augenblick warfen sie unwillig den Kopf in den -Nacken und reckten die gepanzerten Glieder, daß die -eherne Rüstung klirrte, und die wallenden Federn der -blanken Helme durcheinander wogten, und sie beeilten -sich, die sie überkommene Weichheit zurückzudrängen. -Seit wann war es denn auch Sitte, daß der zum Kampfe -ausziehende deutsche Krieger der Weibertränen achtete? -Galt es doch diesmal, dem heidnischen Sarazen die -Herrschaft über das heilige Grab mit dem Schwert -wieder zu entreißen und an der Stelle des Halbmonds -die Kreuzesfahne aufzupflanzen.</p> - -<p>Jahrhunderte durchmaß des Wanderers Phantasie. -Die sonst so friedliche Umgebung des Schlosses war -niedergestampft, niedergebrannt, verwüstet. Rundum -breitete sich das Heerlager des Belagerers aus, der sich -eben anschickte, die Feste zu berennen. Sturmleitern -wurden in Eile herangeschoben, und Rammbock und<span class="pagenum" id="Seite_7">[7]</span> -Mauerbrecher waren in Tätigkeit. Von oben aber wurde -siedendes Oel hinabgegossen, und Steinblöcke wurden mit -wildem Getöse auf die Stürmenden herabgeworfen, während -des Angreifers Feldkartaune aus ihrem ehernen -Leibe schwere Geschosse gegen die stellenweise schon wankenden -Mauern schleuderte. Da schien mit einem Male -der Widerstand der Eingeschlossenen gebrochen; die Abwehr -läßt nach, die Mannen auf dem Mauerrand ziehen -sich zurück. Da, – Stimmengewirr, Schnauben und -Stampfen nicht mehr zu zügelnder Rosse. Gedämpfter -Kommandoruf wird vernehmbar, und – nieder rasselt -klirrend die Zugbrücke. Wie Sturmwind fegt es darüber -hinweg: die Belagerten machen einen Ausfall. -Wenn der Untergang im Buche des Schicksals einmal -besiegelt, dann wenigstens nicht ruhmlos untergehen, -Hörnerruf, der erzene Klang der ihren Scheiden entfliehenden -Schwerter, und dann mit vielstimmigem, drohendem -Schlachtruf hinein in die schnell gebildeten -Haufen der Feinde. Wie Löwen kämpfen die Ritter, -und manch einem entsinkt das Schwert der Faust; edles -Blut färbt den Rasen. Aber Söldlinge können solchem -Ansturm nicht lange widerstehen: hier und dort beginnt -der Feind schon zu weichen, und endlich wirft der bleiche -Mond sein mildes Licht auf den Kampfplatz, den sich -die Tapfern, wenn auch mit schweren Opfern, ruhmvoll -erkämpft, und die Geister der Gefallenen setzen auch dann -noch erbittert den Strauß fort, wenn die Überlebenden -längst schon die müden Glieder auf das Lager streckten.</p> - -<p>Die feinen Züge des Fremden hatten sich belebt -und seine Augen glänzten begeistert.</p> - -<p>Dann wandte er sich ab und sah hinein in das -weite Land. Die Felder waren überreich bestanden, ihre<span class="pagenum" id="Seite_8">[8]</span> -Grenzen hoben sich von einander scharf ab. Hier und -dort bemerkte er eine Windmühle, deren lange Flügel -sich rastlos drehten, – fast vermeinte er, ihr Klappern -töne herüber; dort wieder stand ein einsames Haus, -dort lag ein Dorf in weiter Ferne, als wenn ein Riesenkind -seine Spielwaren aufgebaut habe, und weit hinten -am Horizont grüßten die Türme von Leipzig, – der -alten Lindenstadt. Über dem ganzen herrlichen Bilde -aber lag ein Hauch von Frieden und segensreicher Arbeit.</p> - -<p>Der einsame Beschauer ließ seine trunkenen Blicke -von einem zum andern gleiten, über all die blühenden -Gefilde, die gesegneten Fluren; und er seufzte. Denn -noch immer befürchtete man die Wiederkehr der Scharen -Napoleons. Die Wunden, die des verhaßten Korsen -blutige Geisel geschlagen, waren noch lange nicht verheilt, -und die Schrecken der Tage von Jena und Friedland -zitterten noch sattsam nach in den Seelen der Menschen.</p> - -<p>Wie lange war es dem Landmann noch beschieden, -friedlich seine Felder zu bebauen und den reichen Gottessegen -einzuernten? Konnte es nicht dem Ruhelosen noch -einmal gelüsten, sein Schlachtenglück zu erproben und -Verwüstung und Greuel hineinzutragen in die deutschen -Lande, in denen eine große Anzahl von Eltern und Kindern -an den noch frischen Gräbern ihrer Teuern stand, die -der Ruhmsucht dieses Weltenstürmers zum Opfer gefallen -waren! Sind nicht alle Menschen Brüder untereinander, -und warum läßt ein gerechter Gott Tausende von -blühenden Jünglingen dahinsinken nach dem Willen eines -Einzigen?</p> - -<p>Dem Wanderer schauerte, wenn er daran dachte, -daß diese Fluren verödet, zertreten werden könnten, und -er wandte sich langsam zum Gehen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span></p> - -<p>Noch immer diesen Gedanken nachhängend, stieg er -den Hügel hinab und befand sich bald zwischen den ersten -Häusern von Rehefeld.</p> - -<p>Kurz nach dem Betreten des Dorfes fiel sein Blick -auf ein kleines, altes Haus, das von einem sorgfältig -gepflegten, kleinen Garten umgeben war. Vor ihm -saßen auf der steinernen Bank neben der Tür drei -Menschen: ein junger Bauernbursche, der den Arm um -die Hüften des neben ihm sitzenden Mädchens gelegt hatte -und eine kleine, gebückte Frau, deren hohes Alter mit -dem des Hauses wohl fast übereinstimmen mochte. Auf -ihren Knien hielt sie eine Schüssel, in die sie Kartoffeln -hineinschälte.</p> - -<p>Einer plötzlichen Eingebung folgend, trat der Wanderer -an den niedrigen Zaun und fragte hinüber, ob -er wohl eine kleine Zehrung erhalten könne.</p> - -<p>Die drei hatten den Fremden schon beim Näherkommen -mit neugierigen Blicken betrachtet, seine unerwartete -Anrede aber machte sie verlegen. Am ehesten -fand die Alte Worte. »Wenn der Herr mit einem -Trunke frischgemolkener Milch fürlieb nehmen würde –«</p> - -<p>»Das ist es ja gerade was ich wünsche,« antwortete -der Fremde und trat durch die Tür in den Garten.</p> - -<p>Der Bursche war aufgestanden und bot dem Ankömmling -seinen Sitz auf der Bank an, den dieser aber -mit einem lächelnden Blick auf das errötende Mädchen -dankend ausschlug.</p> - -<p>Unterdessen hatte die Greisin den Napf zu Boden -gesetzt und war dann mit überraschender Beweglichkeit -in das Haus geeilt, um bald darauf mit einem Glase -Milch und einer Brotschnitte zurückzukehren.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[10]</span></p> - -<p>Der Fremde, der sich auf einem Grasstreifen des -kleinen Gartens niedergestreckt hatte, griff verlangend -nach dem dargebotenen Trunk und tat einen tiefen Zug -davon. Dann brach er das Brot auseinander, tauchte -es in die Milch und verzehrte das einfache Mahl mit -sichtlichem Behagen. Die Alte und der Bursche hatten -sich wieder zu dem Mädchen gesetzt, und nun ruhten -aller Augen auf dem Fremden, der sich so zwanglos -vor ihnen niedergelassen hatte, und jeder von ihnen versuchte -nach seiner Art zu erraten, welch Standes er -wohl sei.</p> - -<p>Ein Bauer war er nicht, das sah der Bauer auf -den ersten Blick. Er war von schlanker Gestalt, noch -nicht dreißig Jahre alt und hatte ein von der Sonne -stark gebräuntes Gesicht. Seine Züge waren vornehm, -seine Haltung und Art edel. Die Kleider hatten einen -Schnitt, wie man ihn hier im Dorfe selten sah und -waren von feinem Tuche gefertigt. Es war schade, daß -man die Farbe des Stoffes nicht recht erkennen konnte, -eine so dicke Staubschicht lag darauf. Der Fremde mochte -heute früh weit von Rehefeld entfernt aufgebrochen sein. -Er war ein Stadtherr, das stand fest. Aber was mochte -ihn hierher führen? Vielleicht war er auf der Reise -nach Leipzig, denn das kleine Dörfchen bot für einen -Mann wie seinesgleichen keine Anziehung.</p> - -<p>Mit all diesen Fragen beschäftigten sich die drei -Rehefelder eifrig, und wenn auch jeder von ihnen viel -darum gegeben hätte, zu erfahren, was er zu wissen -wünschte, so soll doch nicht verhehlt werden, daß sich -besonders das junge Mädchen im geheimen diese Fragen -immer wieder auf das eindringlichste stellte, die befriedigenden -Antworten darauf ihr aber nicht gelingen wollten.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span></p> - -<p>Der junge Bursche rückte wieder an Antonie heran; -als er sich aber anschickte, sie wie vorhin zu umfangen, -deutete das Mädchen ihm durch stumme Zeichen an, daß -dies in Gegenwart des Fremden wohl nicht schicklich sei. -Hermann schien jedoch für die verstohlene Äußerung -jungfräulichen Taktes nicht das genügende Verständnis -zu besitzen, denn sie sah sich veranlaßt, ihm heimlich -einen genügend hörbaren Klaps auf die Hand zu geben -und dem verdutzt Dreinschauenden obendrein verweisende -Worte zuzuwispern.</p> - -<p>Daß Hermann sie gerade in der Betrachtung des -kleinen Medaillons gestört hatte, das verstohlen von -dem goldenen Armband des Fremden aus dem Ärmel -hervorlugte, und in dem sie mit echt weiblichem Scharfsinn -ein schönes Frauenbild vermutete, zu dem wohl zwei -schwere Zöpfe gehörten, vielleicht von einem solch lieblichen -Blond wie die krausen Locken, die sich unter dem -Hute des Fremden hervorgedrängt hatten und nun über -der Stirn im leichten Windhauch zitterten, daß Hermann -sie aus diesen wichtigen Betrachtungen gerissen hatte, sagte -sie ihm freilich nicht.</p> - -<p>Der Fremde hatte den Rest der Milch ausgetrunken, -und Antonie beeilte sich, ihm das leere Glas abzunehmen.</p> - -<p>Wenn die Alte bisher nur einige Male zu dem -im Grase Liegenden heimlich hinübergeschaut hatte, so -schien ihr aber jetzt der richtige Zeitpunkt für ein Verhör -gekommen.</p> - -<p>Eben hatte sie eine große Kartoffel geschält und wie -sie diese zerschnitt, fielen beide Hälften klatschend in die -Schüssel, daß das Wasser über den Rand spritzte. Und -mit diesem Laut war der Bann ihrer Zunge gebrochen.</p> - -<p>»Der Herr ist heute wohl lange gewandert?« fragte sie.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span></p> - -<p>Der Angesprochene hatte sich im Grase lang ausgestreckt -und den Kopf in die Hand gestützt; er schien -diese Frage schon längst erwartet zu haben.</p> - -<p>»Ja,« sagte er, »so reichlich zehn Stunden bin ich -heute unterwegs, und die Sonne hat mich von allen -Seiten gehörig beschienen.«</p> - -<p>»Ei, ei, das ist lange,« versetzte die Greisin, die -ihre Kartoffeln ganz vergaß, »das kann nicht jedermann -tun. Nun dafür hat aber der Herr gestern gewiß weidlich -geruht.«</p> - -<p>»Gestern? Ach nein, gestern war’s so wie heute, -fast war der Weg noch länger.«</p> - -<p>Wieder entstand eine tiefe Pause, und jeder der -drei Rehefelder spann von neuem seine Gedanken.</p> - -<p>Hermann sagte sich, daß dieser Fremde doch ein recht -närrischer Kauz sein müsse. Man stand im Zeichen der -Hundstage, und die liebe Sonne meinte es über alle -Maßen gut. Darüber durfte man freilich im allgemeinen -nicht böse sein, denn der Hafer und die Kirschen konnten -noch ein paar Tage heißen Sonnenscheins gebrauchen. -Aber man läuft, wenn man’s anders haben kann, bei -dieser Hitze doch nicht durch das ganze Land. Ja, diese -Stadtleute!</p> - -<p>Anders dachte Antonie. Das Mädchen, dessen Bild -in der goldenen Kapsel steckte, würde weit entfernt weilen, -und nun ließ die Sehnsucht nach der Geliebten ihm -keine Ruhe. Er hatte sich also aufgemacht, um sein -Mädchen zu überraschen. Allerdings, dachte sie weiter, -bequemer hätte es der Verliebte doch gehabt, wenn er die -Reise zu Wagen gemacht haben würde.</p> - -<p>Über das welke, runzlige Gesicht des alten Mütterchens -aber huschte das Aufleuchten des Verständnisses.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_13">[13]</span></p> - -<p>»Zwei Tage so zu marschieren, ist sehr viel,« sprach -sie, »besonders in dieser Zeit. Wenn es der junge Herr -nun aber einmal getan hat, so ist es gewiß das erste -Mal, daß er diesen Weg zurücklegt, und er wähnt mit -Recht, daß der Mensch die Schönheit Gottes herrlicher -Natur wandernd viel besser genießt, als wenn er in der -dumpfigen Postkutsche sitzt und nur durch ein kleines -Fenster schauen darf. Und obendrein ist es doch nicht -selten, daß die liebe Reisegesellschaft selbst das bißchen -Erbauung zerstört, das einem an dem kleinen Fenster -vielleicht noch überkommt.«</p> - -<p>»O, o,« dachten Hermann und Antonie gleichzeitig, -»jetzt wird der Herr die Mutter aber auslachen.«</p> - -<p>Ohne seine bequeme Lage aufzugeben, hatte der -Fremde zugehört. Jetzt antwortete er, belustigt durch -die geschickt verkleidete Neugier der Alten:</p> - -<p>»Es geht nichts über Lebensweisheit. Freilich -habt ihr Recht! Manch Schönes habe ich gesehen, was -mir im Wagen entgangen wäre; und wenn ich, vom -vielen Gehen müde, mich am Abend auf das Lager -strecke, so bin ich früh doch wieder frisch und zu neuer -Wanderung gekräftigt. Freilich bin ich das Marschieren -gewöhnt, schon so manches Jahr wandere ich ja in der -Welt herum. Aber nach einer Tagesfahrt in solch einem -Rumpelkasten ist es mir immer gewesen, als wenn ich -für ein schlimmes Vergehen hätte büßen müssen.«</p> - -<p>Antonie fühlte sich sehr enttäuscht, und ihre bisher -unerschütterliche Zuversicht in ihre Menschenkenntnis geriet -arg ins Wanken.</p> - -<p>Die Alte hingegen war befriedigt und schmunzelte -vor sich hin.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[14]</span></p> - -<p>»Da kommt der Herr wohl schon sehr weit her?« -hub sie wieder an. »Vielleicht aus dem Thüringischen?«</p> - -<p>»Gott bewahre,« sagte dieser, »ich komme aus -Dresden.«</p> - -<p>»Ach, aus dem lieben Dresden,« erwiderte die -Greisin. »Ich habe sie auch einmal gesehen, die herrlichen -Ufer der Elbe. Freilich ist dies schon sehr lange -her,« setzte sie mit tiefem Aufseufzen hinzu, »damals -lebte ja noch der selige Herr Oskar von Tiefenbach.«</p> - -<p>Mit einem Ruck fuhr der Fremde herum und -schaute der Alten scharf ins Gesicht. Dann sagte er kurz:</p> - -<p>»Ihr seid die Mutter Lehnhardt, nicht wahr?«</p> - -<p>Und wie er sich wieder zur Seite wandte, murmelte -er: »Aber wie konnte ich das denn nicht gleich wissen!«</p> - -<p>»Zu dienen, gnädiger Herr,« antwortete die Greisin, -»doch woher kennt Ihr meinen Namen?«</p> - -<p>»Mutter Lehnhardt,« erwiderte der Fremde, »wen -der liebe Gott an Jahren so gesegnet hat wie Euch, der -wird weithin bekannt, ohne daß er davon weiß. Aber -sagt, wie alt seid Ihr denn eigentlich?«</p> - -<p>»Siebenundachtzig sind es nunmehr gewesen, Herr. -Eine lange Zeit ist’s,« fuhr sie redselig fort, »und wie -viel die Augen schauen mußten, wie vieles dem Menschen -da zustößt, Glück und Leid. Aber der da droben weiß -es doch immer so einzurichten, daß den trüben Tagen -wieder Sonnenschein folgt. Und wenn ich nun auf mein -Leben zurückschaue, auf all die guten und bösen Tage, -und ich sollte sagen, welche von ihnen die andern überwogen -haben, nun, so muß ich gestehen, daß die trüben -Bilder der Vergangenheit verblichen, verschwunden sind, -daß mir aber vieles des Fröhlichen, das mir beschieden<span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span> -war, unauslöschlich in die Erinnerung eingegraben ist. -Nun gebe mir Gott nur noch ein sanftes Ende.«</p> - -<p>Die heitere Zufriedenheit, die in den einfachen -Worten lag, drang dem Fremden zum Herzen. Sie -klangen von den Lippen der Greisin wie ein Gebet. -Und als sie geendet und nun mit ineinander gelegten -Händen, den Blick in die Weite gerichtet, eine Weile -unbeweglich verharrte, da überkam ihn wieder dieselbe -gehobene Stimmung, die er vorhin beim Betrachten der -Natur empfunden hatte. Dort hatte er die Ruhe geschaut, -die nach beendetem Tagewerk in der weiten Werkstatt -des ewigen Schöpfers eingetreten war. Hier sah -er einen alten Menschen der ein reiches Leben voll Arbeit -hinter sich hatte, und der sich nunmehr mit müden -Schritten dem Ende seiner Pilgerfahrt näherte.</p> - -<p>Um das welke, schmale Gesicht der Alten aber -woben die letzten Strahlen der scheidenden Sonne einen -lichten Schein.</p> - -<p>»So kann in der zwölften Stunde seines Lebens -nur ein glücklicher Mensch aussehen,« dachte der Fremde.</p> - -<p>»Ach Mutter Lehnhardt,« sagte er, »vorhin hat -dort oben auf der Höhe der Anblick des Schlosses -lange meine Aufmerksamkeit gefesselt. Wollet Ihr mir -nicht etwas von dem ehrwürdigen Bau erzählen? Ich -bitt’ Euch drum.«</p> - -<p>»Warum nicht, gnädiger Herr,« versetzte die Alte, -»wenn Ihr mit meinem Geplauder fürlieb nehmet. Ich -tu es gern, denn die Erinnerungen an die seligen -Tage meiner Kindheit steigen dabei wieder in mir -herauf.«</p> - -<p>Sie setzte den Napf zu Boden; in dem gleichen -Augenblick aber sprang vom Fensterbrett eine gelbe Katze<span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span> -auf ihren Schoß, die schon ein altes Anrecht auf diesen -Platz haben mochte. Und während die zitternden Hände -der Greisin das glänzende Tier liebkosten, erzählte sie -die folgende Geschichte:</p> - -<p>»Meine Vorfahren haben von Alters her zusammen -mit den Tiefenbachs auf dem Weißen Schlosse gelebt, -sie die Herren, wir als Diener. Das Amt des Pförtners -war es, das meine Väter getreu wahrgenommen und -das sich immer vom Vater auf den Sohn vererbte. Die -Chronik des Schlosses spricht zum ersten Mal von -einem Lehnhardt, der den Obristen Gustav von Tiefenbach -während des dreißigjährigen Krieges als Diener -begleitete und der, nachdem sie heimgekehrt waren und -er seiner vielen Verwundungen wegen nicht mehr kämpfen -und das Roß nicht mehr besteigen konnte, Pförtner -ward. Hans hat er geheißen und so jeder Sohn bis -auf meinen seligen Vater herab. Dieser war der letzte -Torwart des Weißen Schlosses. Die Zeiten waren andere -geworden; man schaffte das Amt ab. Niemand war -damit froher als er, denn Gott hatte ihm keinen Sohn -beschert und er gönnte keinem Fremden die Würde.</p> - -<p>Hanno von Tiefenbach ist der Urahn der Familie, -und er war es auch, der unter Kaiser Heinrich dem -Vierten das Schloß im Anfang des zwölften Jahrhunderts -erbaute. Die bösen Hussiten spielten der Burg -später aber sehr übel mit, daß nur noch die Grundmauern -stehen blieben, auf denen Herr Arnulf gegen -1450 das Schloß in seiner heutigen Gestalt aufrichtete. -Viel Leid wurde dem Bau im dreißigjährigen Krieg -durch die Schweden zuteil, die sich aber an seinen unzerstörbaren -Mauern tüchtig die Köpfe einstießen. Freilich -hat seine Festigkeit durch die langen Beschießungen,<span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span> -denen er zu dieser Zeit ausgesetzt war, stark gelitten. -Heute ist das Schloß zwar noch immer bewohnbar, aber wer -weiß auf wie lange noch.</p> - -<p>Diese früheste Vergangenheit, gnädiger Herr, habe -ich in den alten Aufzeichnungen des Schlosses gelesen, -zum Teil hat sie mir auch mein Vater erzählt.</p> - -<p>Meine Mutter habe ich nicht kennengelernt, Gott -nahm ihre Seele für die meine. Alle süßen Erinnerungen -an meine Jugendzeit sind von dem Schlosse unzertrennlich. -Mein Vater war, wie man sagte, ein wortkarger, in -sich gekehrter Mann, dem der Dienst viel Zeit übrig -ließ. Aber nur die Leute nannten ihn wortkarg, daheim -war er gesprächig. Mit wehmütiger Freude gedenke ich -besonders der langen Winterabende.</p> - -<p>Während der Vater um neun Uhr das letzte Abendläuten -besorgt und dann den letzten Rundgang gemacht -hatte, saß ich schon, ungeduldig seiner harrend, in der -großen Stube. Kein Laut war zu vernehmen, nur die -Wanduhr, deren Gehäuse bis zur Decke reichte, tickte -einförmig, und im Kamin knackten und knisterten die -schweren Buchenscheite.</p> - -<p>Ich spitzte die Ohren. Draußen ging der Vater, -schon hörte ich seine Tritte. Er prüfte noch einmal -den Torriegel und die Verankerung der Zugbrücke, die -er schon mit dem Anbrechen der Dunkelheit in die Höhe -gewunden hatte. Bevor er sich aber zur Ruhe begeben -durfte, hatte er von der Mauer nach dem Dorfe hinab -drei Mal ins Horn zu stoßen. Es war dies das Zeichen für -die drunten, daß Licht und Feuer gelöscht werden mußten.</p> - -<p>Und dann kam er! Dicht neben dem Tor war unsere -Wohnung, die der Vater selbst besorgte. Die Speisen -erhielten wir aus dem Schlosse.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span></p> - -<p>Ich war ein rechter Wildfang, immer zu tollen -Streichen aufgelegt, furchtlos und ohne Ruhe. Aber -wenn es Abend wurde, und der Vater sich zum Erzählen -anschickte, dann konnte ich stundenlang sitzen ohne mich -zu rühren, und meine Augen hingen an den Lippen -meines Vaters. Und wie konnte er erzählen! Alle Sagen, -die sich mit der Geschichte des Schlosses verwoben, und -die ihm sein Vater berichtet, bekam ich zu hören. Die -Begebnisse von Jahrhunderten entrollten sich vor mir, -und ich lernte zuletzt alle verstorbenen Tiefenbachs so gut -kennen, daß sie mir vertrauter waren, als die Leute im -Dorfe. Die Leiber der edeln Herren und Frauen ruhten -drunten in dem in den Felsen eingehauenen, hohen -Saal. Dort stand die lange Reihe großer und kleiner -metallner Särge, über die hinweg es manchmal in wilder -Jagd ging, wenn ich mit den beiden Burgkatzen dort -spielte. Aber die Seelen der Verstorbenen hatten mich -lieb. Mit Hilfe meiner Einbildung waren sie mir treue -Spielgefährten, saßen mit mir am Tische, sprachen zu -mir und hörten auf meine Worte. Und selbst des Nachts -in meinen Träumen erschienen sie mir noch.</p> - -<p>Das war der Winter.</p> - -<p>Im Sommer saß ich meist droben in einem der -Türme und blickte sinnend hinauf zu dem blauen Himmel, -oder hinunter auf die bunten Felder und blumigen Wiesen. -Dann schaute ich um mich, soweit mein Auge reichte, -und ich dachte, wie schön und wie groß ist doch die -Welt! Die flinken Schwalben, die den Turm unaufhörlich -umkreisten, und deren leichtbeschwingtem Fluge -ich so gern zuschaute, kamen zu mir. Zutraulich setzten -sie sich zu meinen Füßen nieder und pickten die Krümchen -auf, die von meinem Brote auf den Sims herabfielen.<span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span> -Und wenn ich sie fragte: wie hoch ist der Himmel? -Da schauten sie mich mit ihren blanken Augen erstaunt -an, zwitscherten so laut, daß es mir schien, als belustige -sie mein Fragen, zogen von neuem ihre anmutigen Kreise, -stiegen höher und immer höher und verschwanden endlich -in den lichtblauen Wellen.«</p> - -<p>Ein Hustenanfall hieß die Greisin ihre Worte unterbrechen. -Ehe sie aber in der Erzählung fortfuhr, -sagte sie:</p> - -<p>»Zürnen Sie mir nicht, Herr, wenn ich auch von -mir selbst berichte, aber es würde mir nicht gelingen, -vom Schlosse zu sprechen, ohne meine eigenen Erlebnisse -dabei zu berühren.«</p> - -<p>Der Fremde machte eine Handbewegung, die andeutete, -daß ihn die Erzählung gut unterhalte, und Mutter -Lehnhardt fuhr fort:</p> - -<p>»So verlebte ich die Jahre meiner Kindheit. Selten -kam ich vom Schloß in das Dorf hinunter. Dies geschah -nur, wenn mein Vater zu mir sagte: komm, -Kind, heute ist Sonntag, da dürfen wir den Gottesdienst -nicht versäumen.</p> - -<p>Dann gingen wir nebeneinander den Weg hinunter. -Im Dorfe sah ich viele Menschen im Feiertagsgewand, -die ebenfalls zum Gotteshause wanderten, und Kinder, -die mit einander spielten. Wenn ich an ihnen vorüberging, -unterbrachen sie ihr Spiel und schauten das fremde -Gesicht verwundert an. Ihr Zusammensein schien ihnen -viel Freude zu machen, aber ich beneidete sie nicht. -Droben in meiner stillen Einsamkeit, im luftigen Erker, -tief unter mir die Welt und über meinem Haupte das -hohe, geheimnisvolle Himmelszelt, dazu das große Schweigen -der lebendigen Natur, – dort war es doch viel schöner!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span></p> - -<p>Der Vater hatte mich das Lesen gelehrt, und ich -nahm zuweilen ein Buch mit hinauf auf den Turm, -da das Zimmer mir zu eng wurde. Aber bald entsank es -meiner Hand. Die schwarzen, eckigen Buchstaben erschienen -mir steif und tot. Deshalb wollte auch das Lesen an -der Stelle, wo Alles Leben ausatmete, nicht recht gehen. -Das was die Bücher von den Menschen sagten, erzählte -mir der Vater weit besser, und schwach geradezu -erschien mir, was ich von Gottes Wunderwerken las. -Wie armselig waren die Worte in ihnen, obwohl der -Vater mir gesagt hatte, daß sie ein sehr gelehrter Herr -niedergeschrieben habe. Das kleine Grashälmchen, das -vor mir in der Mauerritze wuchs, die vorbeiziehenden -Vögel, die bunten Felder, der glitzernde Bach, die dunkeln -Wälder und über mir die Wolken, die majestätisch -ihre Bahnen dahinzogen, sie alle führten eine lebendigere -Sprache und verkündeten mir mit nicht zu übertreffenden -Worten das geheimnisvolle Walten des -Höchsten.</p> - -<p>Aber man muß diese Sprache auch verstehen!</p> - -<p>Ein jäher Schlag sollte meinen Freuden ein rasches -Ende bereiten. Ich war sechzehn Jahre alt.</p> - -<p>Mein Vater wurde krank und starb nach wenigen -Tagen. Mich nahm man ins Schloß, wo ich der alten -Beschließerin zur Hand gehen mußte. Aber das Arbeiten -machte mir Freude. Es ließ mir freilich nicht mehr so -viel Zeit zum Träumen, half mir aber den schmerzlichen -Verlust des innig geliebten Vaters leichter ertragen.</p> - -<p>Der Herr des Schlosses war zu jener Zeit der -greise Herr Leopold von Tiefenbach.</p> - -<p>Er hatte in Polen zur Seite König Augusts des -Starken wiederholt gekämpft und war von ihm zum<span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span> -Lohne für seine Tapferkeit in den Freiherrnstand erhoben -worden, mit der Bestimmung, daß dieser Titel sich auf -den ältesten Sohn in der Familie vererben solle.</p> - -<p>Die edle Gattin des Schloßherrn, die schon lange -gestorben war, hatte ihm drei Söhne hinterlassen. Dem -ältesten, Udo, wurde einmal das Schloß. Damit aber -auch seine Brüder Oskar und Egbert einen eigenen -Besitz haben sollten, ließ der Vater unten im Dorfe ein -Anwesen errichten, für das er von den Bauern die -besten Felder kaufte, und das von der Zahlung der Abgaben -an das Schloß befreit wurde. Schöne steinerne -Gebäude wurden aufgeführt, und mit allem wurde das Gut -reichlich versehen. Dann übergab er es einem alten -Bauern aus dem Dorfe zum Verwalten. Erst nach des -Vaters Tode sollten die beiden Brüder den Freihof beziehen.</p> - -<p>Der Erbe des Majorats hatte sich mittlerweile die -junge Gräfin von Eckartsberg zur Gattin erkoren. Sie -war eine blendend schöne Frau, aber so stolz! Hu, -es schauerte einem, in ihrer Nähe zu weilen, ein solcher -Eishauch ging von ihr aus. Sie hatte für uns Leute -keinen Blick. Der Freiherr sah stillschweigend auf die -Schwiegertochter, als wenn er im Innern die Wahl -seines Sohnes nicht recht billigen könne. Aber Herr Udo -war von ihrer Schönheit ganz geblendet und gab sich -ihrem Einflusse willig hin. Schon immer war er ja -selbst unfreundlich mit den Schloßbediensteten gewesen, -jetzt achtete er unser gar nicht mehr.</p> - -<p>Sein um zwei Jahre jüngerer Bruder Oskar bildete -den schroffsten Gegensatz zu ihm. Schon äußerlich -ähnelten die Brüder sich nicht. Während Udo klein und -zierlich war, war Oskar von hohem Wuchs und hatte<span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span> -einen kraftvollen Körper. Er war unser aller Liebling -und stets auf unser Wohl bedacht. Aber zuweilen konnte -er doch sehr zornig werden! Vor allem duldete er nie -den leisesten Widerspruch.</p> - -<p>Der jüngste der Brüder, Egbert, war wieder zart -und hing mit inniger Liebe an Oskar.</p> - -<p>Just um dieselbe Zeit, zu der Udo fast täglich -nach Eckartsberg hinüberritt, um die schöne Gräfin -Sophie zu besuchen, faßte Oskar eine tiefe Zuneigung -zu der Tochter eines der angesehensten Bauern des -Nachbardorfes Zehmen. Einen glücklichen Ausgang dieses -Verhältnisses zu finden, war aber sehr schwierig, da sich -bisher noch kein Tiefenbach ein Mädchen niederer Geburt -zur Gattin erwählt hatte.</p> - -<p>Aber Herr Oskar war nicht der Mann, sich von -der Ausführung eines Vorhabens durch Hindernisse -zurückhalten zu lassen. Und er sann darüber nach, wie -er des Vaters Einwilligung zu diesem Schritt erhalten -könne. So oft er den Vorsatz aber faßte, ihm seine -Neigung anzuvertrauen, ebenso oft verschob er das Geständnis -auf eine günstigere Gelegenheit.</p> - -<p>Da kam ihm das Schicksal entgegen.</p> - -<p>Das was ich jetzt erzähle, gnädiger Herr, habe -ich später wiederholt von Herrn Oskar selbst gehört, als -er es seiner Tochter, der jetzigen Freihoferin mitteilte.</p> - -<p>Der Freiherr ließ Oskar eines Tages rufen und -forderte von ihm Rechenschaft. Der Vater der Geliebten -war auf das Schloß gekommen und hatte dem Freiherrn -mitgeteilt, daß er die Besuche seines Sohnes -Oskar, so hoch er ihn auch schätze, nicht mehr gestatten -dürfe, da andernfalls seine Tochter zum Gespött -der Leute werden würde. Er brauche es wohl kaum<span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span> -auszusprechen, hatte er weiter erklärt, daß die Neigung -des Herrn von Tiefenbach ihn und seine Familie hoch -ehre, aber er müsse es als Vater verhindern, daß auf -den Namen seiner Tochter auch nur der Schein eines -Makels falle. Der Herr Baron möge sich nur in seine -Lage versetzen.</p> - -<p>Oskar war der Lieblingssohn des alten Freiherrn, -der seinen geraden und vornehmen Sinn hoch achtete. -Aufmerksam hörte er das Geständnis seines Sohnes an, -das in der Bitte ausklang, ihm kein Hindernis zu bereiten, -sondern die viele Liebe und Güte, die er ihm bis -jetzt zugewendet, durch seine Einwilligung zu dem Herzensbund -von neuem zu bezeigen. Dabei verfehlten die -einfachen Worte, mit denen Oskar den trefflichen Charakter -der Geliebten schilderte, wie auch die männliche -Festigkeit gepaart mit kindlicher Unterwerfung, mit der -er seine Bitte vorbrachte, nicht, einen tiefen Eindruck -auf den Freiherrn zu machen.</p> - -<p>Er kannte seinen Sohn und wußte, daß er ein -echter Tiefenbach war.</p> - -<p>Der Vater versammelte darauf seine drei Söhne -um sich und sprach über Oskars Neigung und Bitte. -Er sei weit davon entfernt, seinem Kinde dafür zu -zürnen, daß es das zu tun begehre, was ihm sein Herz -gebiete. Denn nicht bloß in Schlössern, sondern auch -in Hütten werde der Adel der Gesinnung geboren, und -er sei davon überzeugt, daß jeder von ihnen wisse, was -er dem fleckenlosen Wappenschilde des Geschlechtes schulde. -Wenn er aber nicht ohne weiteres sein Jawort erteilen -könne, so wäre es deshalb, weil dieser Schritt in der -Familie noch nie getan worden sei, und er ihm die -höchste Bedeutung beimesse. Er müsse erst Rat mit<span class="pagenum" id="Seite_24">[24]</span> -sich halten, bevor er einen Entschluß fassen könne. Bis -dahin möge Oskar sich gedulden und der Liebe seines -Vaters vertrauen.</p> - -<p>Mit diesen Worten küßte der Freiherr den Sohn -auf die Stirn, dem, überwältigt von der tiefen Bewegung, -die die gütigen Worte bei ihm hervorgerufen hatten, -die Tränen in die Augen getreten waren.</p> - -<p>Wenige Tage darauf standen die Brüder erschüttert -an der Leiche ihres Vaters. Er hatte einen Ritt über -die Felder unternommen. Beim überraschenden Auffliegen -eines Rebhühnervolkes hatte das Pferd gescheut -und den alten Herrn abgeworfen. Unglücklicherweise -war er mit dem linken Fuße im Steigbügel hängen geblieben -und von dem galoppierenden Pferde eine große -Strecke geschleift worden. Und als es dann gelang, -das Tier aufzuhalten, fand man den Freiherrn entseelt -vor.</p> - -<p>Ja, Herr,« begann die Greisin nach einer Pause -von neuem, »wir fühlten uns alle verwaist; es war, -als wenn uns der Vater genommen wäre. Eine düstere -Ahnung sagte den Dienstleuten, daß die gute Zeit für -sie vorüber sei.</p> - -<p>Seitdem die junge Frau an Herrn Udos Seite in -das Schloß eingezogen war, hatte ich bei ihr den Dienst -als Zofe verrichtet. Es war dies eine schlimme Zeit -für mich! So viele Mühe und Sorgfalt ich auch auf -meine Arbeiten verwendete, wurde mir von meiner -Herrin doch niemals ein Wort der Anerkennung zuteil. -Zürnende Blicke und Scheltworte empfing ich täglich -und wenn ich glaubte, daß ich alles getan, um meine -Arbeit zur Zufriedenheit verrichtet zu haben, erntete ich -Tadel. Wie schmerzlich trafen mich die kränkenden Worte!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span></p> - -<p>Als sich der Tag des Begräbnisses seinem Ende -zuneigte, und die letzten Leidtragenden von der Tafel -aufgestanden waren und das Schloß verlassen hatten, -forderte der neue Schloßherr seine Brüder auf, ihn in -das Zimmer des Vaters zu begleiten.</p> - -<p>Schon immer hatte ich gefürchtet, daß Udo und -Oskar einmal hart an einander geraten würden. Aber -zu Lebzeiten des alten Freiherrn vermied es Udo, den -Bruder zu reizen. Udos Verhalten aber war, seitdem -er den Einflüsterungen seiner Gemahlin das Ohr lieh, -immer herrischer und finsterer geworden und das Verhältnis -der beiden Brüder zu einander immer gespannter.</p> - -<p>Heute sollte das von mir längst Vorausgesehene -eintreten.</p> - -<p>Der Vorfall dieses Abends ist mir, da ich wider -Willen Zeuge sein mußte, unvergeßlich geblieben.</p> - -<p>Nachdem ich der gnädigen Frau Baronin beim -Auskleiden behilflich gewesen war, war ich dabei, die -starken Zöpfe aufzumachen, um das Haar zu kämmen -und für die Nacht von neuem einzuflechten. Ich hatte -gerade die letzte Flechte geöffnet und breitete nun das -seidenartige Haar aus, das ihre blendendweißen Schultern -wie ein goldener Mantel umfloß. Da hörte ich, -wie die Brüder in das anstoßende Zimmer traten. -Einen Augenblick verharrte die Frau Baronin unbeweglich, -sie schien um einen Entschluß zu kämpfen. -Dann stieß sie mir die Hände zurück und sprang zu -der hohen Flügeltür, die sie, während die Herren sich -Stühle heranzogen, leise öffnete. Mit einer weiteren, -unerhörbaren Bewegung glitt sie sodann zu der Lampe -vor dem hohen Spiegel auf dem Putztisch und -schraubte die Flamme tief herab, damit kein verräterischer<span class="pagenum" id="Seite_26">[26]</span> -Lichtschimmer in das Nebenzimmer falle. Darauf näherte -sie sich mir, beugte sich zu meinem Ohre nieder und -raunte mir zu, daß ich mich nicht von der Stelle rühren -solle. Sie selbst trat an den Türspalt. Ich stand dicht -hinter ihr und sah die Herren sitzen. Mir war so unsagbar -bang zu Mute, kaum wagte ich, zu atmen, aus -Furcht, daß die Atemzüge meine Gegenwart verraten -könnten.</p> - -<p>Der Freiherr saß am Schreibtisch des Verstorbenen -und entnahm diesem eine dicke Ledermappe, die er öffnete -und deren einzelne Blätter er aufmerksam prüfte. Die -beiden Brüder schauten ihm zu.</p> - -<p>Nach einer Weile sagte Herr Udo:</p> - -<p>»Das Testament des Vaters ist so geblieben, wie -er es uns früher schon einmal vorgelesen hat. Überzeugt -Euch davon, hier ist es.«</p> - -<p>Mit diesen Worten reichte er es Herrn Oskar. -Dieser öffnete das Blatt, sah flüchtig darauf und gab -es sodann Egbert, der das Papier zusammenfaltete und -es, ohne einen Blick hineingeworfen zu haben, zurück -auf den Schreibtisch legte.</p> - -<p>»Ihr erkennt also das Testament für richtig an?« -fuhr der Freiherr fort.</p> - -<p>Die Brüder bejahten.</p> - -<p>Eine Pause trat ein, keiner rührte sich. Nur die -hastigen Atemzüge der Frau Baronin vernahm ich.</p> - -<p>Herr Udo hielt seine Augen auf die lederne Mappe -gerichtet, als er langsam begann:</p> - -<p>»Oskar, hast Du Dich schon entschlossen, wann -Du die Bewirtschaftung des Freihofes übernehmen -willst?«</p> - -<p>»Ja,« klang es zurück, »noch heute.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span></p> - -<p>Das Gesicht des Freiherrn blieb bei diesen Worten -unbeweglich.</p> - -<p>Er wandte sich an den jungen, mädchenhaften -Herrn Egbert und sagte:</p> - -<p>»Ich brauche es wohl nicht erst auszusprechen, daß -Dir, solange Du es wünschest, alles in bisheriger Weise -zur Verfügung steht.«</p> - -<p>Der Angesprochene schien verwirrt durch dieses Anerbieten. -Er sah einen Augenblick vor sich nieder, dann -sagte er:</p> - -<p>»Du bist sehr gütig, Bruder. Aber ich gehöre -ebenfalls auf den Freihof.«</p> - -<p>Der Freiherr blieb regungslos.</p> - -<p>»Wie Ihr wollt. Trefft Eure Anordnungen für -die Überführung Euers Eigentums nach Euerm neuen -Heim. – Noch eine Frage: Glaubt Ihr, noch einen -Anspruch an mich zu besitzen, oder ist Euch das geworden, -was nach des Vaters Willen und den Gesetzen -Euch geziemt?«</p> - -<p>Die Brüder erklärten sich für abgefunden.</p> - -<p>Während dieser Worte waren die Herren aufgestanden. -Der Freiherr und Herr Oskar standen einander -gegenüber, hinter diesem stand Herr Egbert.</p> - -<p>Sekunden vergingen, ohne daß einer von ihnen das -Schweigen brach. Das Abschiednehmen schien allen -schwer zu fallen.</p> - -<p>Ich beobachtete Herrn Oskar; der volle Schein der -Lampe fiel auf sein Gesicht. Er dachte wohl an den -teuern Toten, der an diesem Tische so oft gesessen hatte -und dessen Wunsch es immer gewesen war, die Brüder -einträchtig zu sehen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span></p> - -<p>Seine Blicke schweiften im Zimmer umher und -hafteten bisweilen längere Zeit auf einem Gegenstand, -ehe sie weiter glitten.</p> - -<p>Das alte Schreibzeug, gefertigt aus dem wunderlich -gewachsenen Gehörn eines Rehbocks, das dunkle Eckbrett, -auf dem die vielen Pfeifen mit tönernen und -hölzernen Köpfen sorgfältig gehütet neben einander standen, -der kunstvoll geschnitzte Tisch, die schweren Stühle -und die vielen Gegenstände aus Hirschhorn, – alle -schienen ihn vertraulich zu grüßen wie einen alten, -lieben Bekannten.</p> - -<p>Sein bisher düsteres Auge hellte sich auf, als -wenn er der Tage gedächte, in denen er es als eine -Gunst betrachtete, wenn er spielend in des Vaters -Arbeitszimmer verweilen durfte, während dieser am -Schreibtische saß.</p> - -<p>Da fiel Herrn Oskars Blick hinauf auf das Bild, -das dort über dem Tische in schlichtem Rahmen hing: -das Bild des teuern Vaters, das ihn bereits gebeugt -unter der Last der Jahre wiedergab. Er sah die Augen -des Verblichenen auf sich gerichtet, als ob er ihn ermahnen -wolle, seine Handlungen nicht von Verdruß -und Eigensinn beherrschen zu lassen.</p> - -<p>Den jungen Mann überkam eine tiefe Wehmut.</p> - -<p>Hier standen sie nun, die Brüder, die Söhne des -Mannes, der stets bestrebt gewesen, wohlzutun, und der -den geringsten der Menschen nicht von sich gehen lassen -mochte, ohne freundlich zu ihm gewesen zu sein. Sie standen -hier am Scheidewege. Und nach der Stimmung, die sie -beherrschte, genährt durch ihre ungleichen Naturen, bedeutete -ihr Auseinandergehen eine Trennung fürs Leben. -So wollten sie seine Lehren in den Wind schlagen!<span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span> -Und dabei war er gewiß mit einem Gebet für sie aus -dem Leben gegangen.</p> - -<p>Hingerissen von der tiefen Bewegung, die ihn erfüllte, -trat Oskar mit raschen Schritten auf den Bruder -zu, der zwischen Stuhl und Schreibtisch stand, und -streckte ihm die Hand entgegen.</p> - -<p>Der Freiherr richtete sich bei dem plötzlichen Näherkommen -des Bruders auf und sah ihm unverwandt in -die Augen.</p> - -<p>Ein heftiges Zittern überfiel mich, denn ich bemerkte, -wie das Gesicht des Herrn Oskar unter diesem -Blicke starr wurde. Langsam sank ihm die Hand herab.</p> - -<p>Da begann der Freiherr, seine Stimme klang kalt:</p> - -<p>»Ich muß mit Dir noch ein Wort sprechen, Oskar, -bevor wir scheiden. Ich stehe vor Dir, als der Vertreter -der Familie, als das Oberhaupt eines, wie Du -weißt, der ältesten Geschlechter des Landes, dessen Wurzeln -selbst bis in die Zeit des Werdens der Wettiner -hineinragen. Die höchsten Ziele, die unsern Vorfahren -vor Augen standen, waren allzeit die Gunst ihrer gnädigen -Landesherren, die Hochhaltung ihres fleckenlosen Namens -und ein seliges Ende. Und um diese edeln Güter kämpften -und starben sie. Die Jahrhunderte haben unter den -Tiefenbachs die verschiedensten Naturen gesehen, aber -es hat keinen unter ihnen gegeben, bei dessen Erwähnung -die Nachkommen erröten müßten. Die Ehre stand -ihnen über allem. Aus all’ diesem aber ergibt sich von -selbst, daß die Glieder eines so uralten und stolzen -Geschlechts heilige Pflichten haben, und daß das Ansehen -des Namens sie selbst zu Opfern bereit finden muß. -Und deshalb, Oskar, halte ich es für meine Pflicht, -Dich zu ermahnen, daß Du niemals die uns heiligen<span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span> -Traditionen vergessen mögest, damit auch die kommenden -Geschlechter das Andenken ihrer Väter so rein -finden, wie wir es vorgefunden haben!«</p> - -<p>Der Freiherr hatte die Worte langsam und mit -zuweilen scharfer Betonung gesprochen. Am Schluß -seiner Rede hatte er die Stimme erhoben.</p> - -<p>Oskar stand wie eine Bildsäule und starrte dem -Bruder ins Gesicht. Er hatte die Herrschaft über sich -vollkommen verloren, seine breite Brust bewegte sich -in tiefem Heben und Senken, wie von einer übermächtigen -Leidenschaft bemeistert. Wiederholt versuchte Oskar -zu sprechen, aber die Sprache versagte ihm den Dienst. -Endlich drangen zwischen den bebenden Lippen die abgerissenen -Worte hervor:</p> - -<p>»Warum das, warum diese seltsamen Ermahnungen, -mit denen Du mich, wie Du empfinden mußt, tief verletzest? -Aber ich will selbst den Kern aus seiner -Hülle schälen: ein falscher Stolz verbietet Dir, Dich -damit abzufinden, daß Dein Bruder um sein Weib anderswo -freit, als dort, wo es bisher für einen Edelmann -der Brauch wollte. Ich gebe es zu, daß der von -mir beabsichtigte Schritt, als erster dieser Art, dem -Zuschauenden ungewöhnlich erscheinen muß. Aber das -zu tun, was man in früheren Zeiten zu unterlassen -für richtig fand, wird einstmals gute Sitte, sofern -es nicht mit den göttlichen Gesetzen in Widerspruch -steht. So will es der Wandel der Zeiten und der -Wille der Menschen, der ihren Tagen die Prägung -gibt, und es wäre töricht, wollte man es versuchen, -den Lauf des rastlos vorwärts tosenden Weltenstroms -aufzuhalten. Mit Dir aber von dem zu sprechen, was -mir ein Heiligtum ist, hieße, dies Heiligtum verunglimpfen.<span class="pagenum" id="Seite_31">[31]</span> -Ich werde meinen Vorsatz ausführen und -niemand soll es wagen, mich daran zu hindern. Spätere -Tiefenbachs mögen meine Richter sein!«</p> - -<p>Herr Oskar war, während er sprach, ruhiger geworden.</p> - -<p>»Und ich verbiete Dir, daß Du den Namen unserer -Familie in den Schmutz ziehst!« schrie der Freiherr, mit -der Faust auf den Tisch schlagend.</p> - -<p>»Hüte Dich, mich noch einmal zu reizen,« klang -es zurück, »schon viel zu weit hast Du dieses frevelnde -Spiel getrieben. Ich trage in meinem Innern die unumstößliche -Überzeugung, daß der Vater meinen Schritt -noch gebilligt haben würde, und nur der überraschende -Tod ihn verhinderte, mir seinen Segen zu geben. Ich -habe Dir bereits erklärt, daß ich meinen Vorsatz ausführen -will, und ich werde ihn ausführen!«</p> - -<p>»Und wenn es nicht in meiner Macht steht, diesen -Schritt zu verhindern, so vermag ich doch, mich der Mittäterschaft -zu entziehen, indem ich alle Bande, die uns -bisher fesselten, von diesem Augenblick ab für gelöst -erachte. Du trittst mit dem Verlassen des Schlosses -gleichzeitig aus der Familie der Tiefenbachs aus. Du -bist nunmehr frei, wirf Dich in die Arme einer Dir …«</p> - -<p>»Halt ein, kein Wort weiter!« donnerte Herr -Oskar, den die Wut sinnlos machte, indem er auf den -Bruder eindrang.</p> - -<p>»Wenn Du weiter sprichst, so stehe ich für meine -Handlungen nicht mehr ein! So mißbrauchst Du also -den Platz, den Dir unser edler Vater soeben abgetreten -hat. Wehe Dir, Du Vermessener, der Du noch nicht -weißt, ob Dir mit Deinem hochmütigen Sproß aus -vornehmem Geschlecht so glückliche Tage beschieden sein<span class="pagenum" id="Seite_32">[32]</span> -werden, wie mir mit dem Weib aus dem Dorfe. -Aber,« fuhr er fort, und seine mächtige Stimme dröhnte -von den hohen Wänden des Gemaches wider, »ich -gebe Dir Dein Wort zurück. Aufgehoben sei alle Gemeinschaft -zwischen uns und unsern Nachkommen, und -ein Gottesgericht treffe den, der es wagen sollte, diesem -Spruche zu trotzen!«</p> - -<p>Während dieser letzten Worte war die Frau Baronin -unbemerkt durch die Tür in das Zimmer getreten, -das Haar offen und den Nachtmantel von den -Schultern herabgesunken. Ihr Gesicht war marmorbleich, -und ihre Augen funkelten vor Zorn.</p> - -<p>»Udo!« schrie sie den Freiherrn an, »laß diesen -Menschen mit Hunden vom Schlosse hetzen! Rühr Dich -doch, handle! Hörst Du nicht, wie sie in ihren Ställen -hungrig kläffen, sie wittern Aas. Mich verlangt es -danach, sein Schmerzensgeschrei zu hören! So handle -doch, – Memme!«</p> - -<p>Und sie brach in ein entsetzliches Lachen aus.</p> - -<p>Herr Oskar hatte sich schon zur Tür gewandt um -das Zimmer zu verlassen. Egbert folgte ihm. Noch -einen Augenblick hielt Oskar inne und sagte zu dem -Bruder:</p> - -<p>»Sieh doch, Egbert, dieses Weib ist wahrhaftig -eine Teufelin!«</p> - -<p>Dann schlug die Tür hinter ihnen krachend zu.</p> - -<p>Meine Glieder waren wie gelähmt. Jetzt kam -Bewegung in mich. Von einer wahnsinnigen Angst erfaßt, -stürzte ich den Brüdern nach. Auf der Treppe -erreichte ich sie und alle Rücksichten, die mir meine -Stellung gebot, vergessend, hing ich mich an Herrn -Oskars Arm und flehte mit bebender Stimme:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_33">[33]</span></p> - -<p>»Gnädiger Herr, nehmen Sie mich mit fort von -hier, und lassen Sie mich Ihre niedrigste Magd sein!«</p> - -<p>Er blieb stehen und schaute sich nach mir um. -Ich fühlte, wie seine Hand über meine brennende Stirn -strich. Eine dunkle Binde schien sich auf meine Augen -zu legen. Ich merkte noch, daß er die Arme um mich -schlang, mich aufhob und mit mir die Treppe hinabstieg; -dann verlor ich das Bewußtsein.</p> - -<p>In derselben Nacht jagte ein heftiger Donnerschlag -die Bewohner des Dorfes aus den Betten; – der westliche -Turm des Schlosses war eingestürzt.</p> - -<p>Drei Monate später fand auf dem Freihofe Hochzeit -statt. Die Wunde, die der Tod des Freiherrn -geschlagen, war noch zu frisch, daß man laut gejubelt -hätte. Aber es war doch ein Ereignis, zu dem die -Gäste und viele Neugierige von weit und breit zusammenströmten. -Und als der festliche Spruch verklungen war, -den Herr Egbert auf eine fröhliche und glückliche Zukunft -des Brautpaares ausgebracht hatte, erhob sich der -Bräutigam von seinem Platze. Unter lautlosem Schweigen -sprach er mit schlichten Worten aus, wie er der Stimme -seines Herzens hätte folgen müssen und er fortan nicht -bloß unter den Bauern sein Leben zubringen wolle, -sondern daß er stolz sein würde, als ein rechter Bauer -genannt zu werden. Der Schritt, den er unternommen, -hätte eine tiefe Kluft zwischen ihm und denen auf dem -Schlosse aufgetan. In seiner Brust aber wohne kein -Zwiespalt, denn er trage die Überzeugung von der -Makellosigkeit seines Tuns. Und die Liebe seines Weibes -und das Vertrauen und die Zuneigung seiner Nächsten -würden ihn reich entschädigen. –</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span></p> - -<p>Nun, Herr Oskar von Tiefenbach fand in seiner -Ehe das was er erhofft hatte in reichem Maße, denn -mit dem jungen Weibe war das Glück auf dem Freihof -eingezogen. Sie war eine tüchtige Bäuerin und eine -zartsinnige Lehrmeisterin für ihren Gatten. In wenigen -Jahren schien es, als wenn Oskar von Tiefenbach nie -anderswo als auf einem Bauernhof gewohnt habe; er -war ein Landmann geworden, der seinen Beruf erkannt -hatte und reiche Befriedigung in ihm fand. Des Freihofers -sicheres und treffendes Urteil, seine vielseitige Bildung und -nicht zuletzt sein biederer, freimütiger Charakter zog -alle zu ihm hin, und bald betrachteten ihn die Dorfbewohner -als einen der ihrigen. Von dem Freiherrn -sprach er nie, aber ein glühender Haß gegen den Bruder -erfüllte seine Seele.</p> - -<p>Herr Egbert hatte kurze Zeit nach der Vermählung -den Freihof verlassen und war zum Hof des Kurfürsten -nach Dresden gegangen. Dieser nahm ihn als Junker -auf, und schon ein Jahr später bat er seinen Bruder -und die Schwägerin, seiner Hochzeit mit der Tochter -des Generals von Zeschau beizuwohnen.</p> - -<p>Mit Jubel wurde diese Botschaft auf dem Freihofe -begrüßt, und Herr Oskar und Frau Martha trafen -ihre Vorbereitungen zur Reise, auf der ich sie begleiten -sollte. Bei dieser Gelegenheit sah ich das liebe Dresden, -und die Erinnerungen an jene Tage sind mir bis -in mein hohes Alter getreulich gefolgt.</p> - -<p>Bald darauf verließ ich den Freihof, um meinem -Ferdinand die Hand fürs Leben zu reichen. Im darauffolgenden -Jahre bescherte mir Gott ein wonniges Glück: -ich genas eines Knaben, während mein Mann unter -Sachsens Fahnen gegen den großen Preußenkönig focht.<span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span> -Wenige Wochen später drang die Kunde der Niederlage -der Sachsen bei Kesselsdorf durch das Land. Alles -war bestürzt. Ich aber weinte und hielt mein Kind -fest umschlungen, denn ich hatte meinen Mann verloren -und war eine Witwe von einundzwanzig Jahren.</p> - -<p>Ich ging wieder zu den Tiefenbachs. Die Freihoferin -war eben vom Wochenbett aufgestanden. Kurz -darauf warf eine hitzige Krankheit sie hart darnieder. -Und während die Arme mit dem Tode rang, gab ich -dem Neugeborenen und meinem eigenen Kinde die Brust. -Da die Krankheit nur langsam wich, stillte ich ihr -Mädchen auch weiterhin.</p> - -<p>Das ist nun freilich schon lange her! Das Mädchen -wuchs heran, und heute ist Konstanze von Tiefenbach -Freihoferin. Sie war schon über die Vierzig hinaus, -als sie sich vermählte.</p> - -<p>Des Herrn Egberts Sohn war gekommen, um die -traurige Botschaft zu bringen, daß er kurz nacheinander -Vater und Mutter hätte begraben müssen. Das Leben -auf dem Freihof, mehr aber noch die Liebe zu -seiner Base, bewogen ihn zum bleiben für immer. Ein -Knabe und ein Mädchen entsprossen ihrer Ehe. Nun -ist auch die Freihoferin alt geworden und hat ihrem -Sohne Max die Sorge um den Hof überlassen.</p> - -<p>Mein Sohn hielt es in Rehefeld nicht lange aus. -Als junger Bursche schnürte er das Ränzel und zog -viele Jahre in der Welt umher. Endlich war er müde -geworden. Er kehrte heim zu seiner Mutter und brachte -sein Weib mit, ein junges Ding aus dem Norden -Italiens, mit großen, schwarzen Augen und einem -Mund voll blendendweißer Zähne. Sie hatte viel -Gemüt, aber leidenschaftlich heftig konnte sie sein.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span></p> - -<p>Nun ruhen auch er und sein Weib schon längst -unter dem Rasen. Aber zurückgelassen haben sie mir -doch etwas Liebes. Gelt, Hermann,« sagte die Greisin, sich -zu dem jungen Mann neben ihr wendend, der bei ihren -Worten errötete, »Du bist die Freude meines Alters!</p> - -<p>Treu habe ich den Tiefenbachs während vieler -Jahre gedient und gute und böse Zeiten mit ihnen -durchlebt. Jetzt esse ich seit Jahren das Gnadenbrot, -das mir die mildtätige Freihoferin gewährt. Meine -Kräfte taugen nichts mehr, sie sind dahin. Ich kann -den Tiefenbachs nicht mehr nützlich sein. Dafür ist -Hermann aber an meine Stelle getreten. Er waltet auf -dem Freihofe als rechte Hand des Herrn Max.«</p> - -<p>Die Greisin hatte ihre Erzählung beendet; nun -schwieg sie erschöpft.</p> - -<p>Die beiden Liebenden saßen eng umschlungen neben -einander. So ausführlich wie heute, hatte die Mutter -lange nicht erzählt.</p> - -<p>In Gedanken versunken, schaute der Fremde hinüber -zu dem Schlosse, in dessen Fenstern sich das letzte -Abendrot spiegelte.</p> - -<p>»Was ist aus Udo von Tiefenbach und seiner -schönen Frau geworden?« fragte er.</p> - -<p>»Das Verhältnis der beiden Ehegatten zu einander -wurde von Jahr zu Jahr schlechter. Auch die Geburt -eines Sohnes konnte keine Besserung herbeiführen. Die -Baronin Sophie liebte rauschende Feste, deshalb erfüllte -sie das stille Schloß mit Lärm. Später ging Herr -Udo mit seiner Gemahlin während des größten Teils -des Jahres auf Reisen.</p> - -<p>Eines Tages kehrte er allein zurück. Man sagte, -die Baronin sei mit einem österreichischen Edelmann<span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span> -auf und davon gegangen. Verbittert und weltscheu ist -er im hohen Alter gestorben.«</p> - -<p>»Und ist der Haß zwischen den beiden Familien -nunmehr geschwunden?«</p> - -<p>Die Greisin seufzte tief auf. Dann sagte sie:</p> - -<p>»Der heutige Freiherr und seine Tochter Maria -sind tief betrübt über die zerrissenen Bande der Tiefenbachs; -in den Leuten auf dem Freihofe aber lodert -noch der Haß, wie ehedem in Herrn Oskars Brust!«</p> - -<p>Schweigend sah der Fremde wieder nach dem -Schloß hinüber, auf das nunmehr die Dämmerung leichte -Schatten warf. Niemand sprach ein Wort. Die gelbe -Katze in Mutter Lehnhardts Schoß schnurrte nur emsig. -Plötzlich richtete sich das Tier auf, machte einen hohen -Buckel und sprang auf die Erde. Die nassen Stellen -auf den Steinen sorgfältig vermeidend, lief es nach -der Tür und verschwand dann im Hause.</p> - -<p>Der bisher leichte Wind hatte sich verstärkt. Seine -Kühle war während des Erzählens unbemerkt geblieben, -jetzt aber begann den Fremden zu frösteln.</p> - -<p>Langsam stand er auf, und mit ihm erhob sich der -kleine Kreis. Er zog seine Börse, ein Gespinst von -feinen Silberfäden, und entnahm ihr ein Geldstück.</p> - -<p>»Mutter Lehnhardt,« sagte er, »ich bin Euch -vielen Dank dafür schuldig, daß Ihr meinen Wissensdrang -nach der Geschichte des Schlosses und der Familie -Tiefenbach so erschöpfend befriedigt habt. Nehmt diese -Gabe und herzlichen Dank obendrein.«</p> - -<p>Die Greisin wollte ihm wehren, aber er drückte ihr -das Geld in die Hand.</p> - -<p>Betroffen sah es die Alte an:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span></p> - -<p>»Herr,« sagte sie, »Ihr habt Euch vergriffen, – -einen Silbertaler …!«</p> - -<p>»Nehmt ihn nur,« entgegnete der Fremde, »und -betrachtet ihn aufmerksam, denn er trägt das Bildnis -unseres allergnädigsten Königs Friedrich August.«</p> - -<p>Die Greisin verneigte sich tief vor dem Fremden -und würde ihm die Hand geküßt haben, wenn er sich -nicht so schnell zur Tür gewandt hätte.</p> - -<p>»Lebt wohl, Mutter Lehnhardt,« sagte er, »wir -sehen uns heute nicht zum letzten Mal.«</p> - -<p>»Ach,« fragte diese erstaunt, »dann führt den Herrn -wohl der Weg hinauf auf das Schloß?«</p> - -<p>Der Fremde war mittlerweile, zum Abschied grüßend, -auf die Straße getreten und hatte sich zum Weiterschreiten -gewandt, als er die Frage der Greisin vernahm.</p> - -<p>Lächelnd wandte er sich noch einmal um und rief -zurück:</p> - -<p>»Auf das Schloß nicht, – auf den Freihof!«</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap02">2. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Max von Tiefenbach war von einem scharfen Ausritt -heimgekehrt, den er in der Richtung auf Zehmen -zur Besichtigung des Saatenstandes unternommen hatte.</p> - -<p>Nun stand er auf dem Hofe neben dem warm -gewordenen Pferde und strich ihm über die Fesseln der -Vorderfüße, nachdem er die braunen Wickelbänder von -ihnen gelöst hatte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span></p> - -<p>Das Tier schlug mit dem langen Schweife kräftig -seine Weichen, um sich der Mücken zu erwehren, die es -umschwärmten. Sein Herr verfolgte aufmerksam diese -Anstrengungen und kam ihnen dadurch zu Hilfe, daß -er selbst hier und da einen dieser Blutsauger abschlug.</p> - -<p>Drüben am Stalle stand ein Knecht, der einen -Strohwisch drehte, um den Braunen damit abzureiben.</p> - -<p>Herr von Tiefenbach versetzte dem Pferde einen -leichten Schlag auf den Schenkel, worauf das Tier hinüber -nach dem Stall trabte. Hell klang der Hufschlag -von dem Pflaster des weiten Hofes wider, dessen Einzelheiten -in der hereinbrechenden Dunkelheit dem Auge bald -verschwanden. Hierauf ging der Herr des Freihofs noch -einmal durch die Rinderställe und trat dann wieder auf -den Hof, um sich nach dem Familienhaus zu begeben, -als er vom Tore her Schritte vernahm, die sich rasch -näherten.</p> - -<p>Er wandte sich um. Wer konnte das sein? Von -den Leuten war vielleicht noch ein Verspäteter mit einer -letzten Verrichtung des Tages beschäftigt, die meisten -von ihnen aber saßen schon geraume Zeit drinnen in -der Stube beim Abendessen. Das Abendläuten hatte -eben begonnen. Es war neun Uhr.</p> - -<p>Der Unbekannte hatte den Mann auf dem Hofe -entdeckt und ging auf ihn zu. Als er näher an ihn -herankam, verlangsamte er die Schritte, bis er dicht vor -ihm stehen blieb.</p> - -<p>»Grüß Dich Gott, Max!« sagte er, indem er dem -Angesprochenen die Hand darbot.</p> - -<p>Dieser trat erstaunt an den Sprecher heran. Die -Stimme klang ihm bekannt, ohne daß er es vermocht -hätte, ihren Besitzer zu erkennen. Obwohl die Körpergröße<span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span> -des Fremden noch über das Mittelmaß hinausragte, -erschien er doch klein neben dem mächtigen Wuchs -des Herrn von Tiefenbach, der sich deshalb auch herabbeugen -mußte, um dem Fremden scharf ins Gesicht zu -schauen.</p> - -<p>»Bernhard! Ist es möglich, Du hier!« rief er -erfreut aus, den Angekommenen herzlich umarmend. -»Willkommen, willkommen auf dem Freihofe! Jahrelang -habe ich vergebens auf Deinen Besuch gewartet, -und nun kommst Du so überraschend. Das hast Du -recht gemacht, alter Junge!«</p> - -<p>»Du hättest eigentlich Ursache, mir zu zürnen, -Max,« antwortete der Fremde, »nachdem ich Dir für -vorigen Sommer meinen Besuch bestimmt versprochen -hatte. Aber Du weißt, der Soldat ist eben selten in -der Lage, über seine Zeit zu verfügen; er harrt immer -der Oberen Befehle.«</p> - -<p>Herr von Tiefenbach hatte seinen Arm schon unter -den des Freundes geschoben und führte diesen nach der -offenen Tür des Hauses. Bevor sie eintraten, blieb -Max plötzlich stehen und fragte:</p> - -<p>»Wirst Du uns aber auch nicht gleich wieder verlassen? -Wie lange hast Du denn Urlaub?«</p> - -<p>»Beruhige Dich, mein Lieber,« antwortete der Angekommene. -»Da ich nun einmal hier bin, wirst Du -mich nicht so bald wieder los.«</p> - -<p>Sie waren bei diesen Worten in den dunkeln -Hausflur getreten. Max ging schnell voraus und öffnete -eine Tür, durch die heller Lampenschein herausdrang.</p> - -<p>»Mutter,« rief er, »einen Gast bringe ich Dir. – -Rate einmal wer es ist!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span></p> - -<p>Der Blick des Fremden fiel in das Zimmer, ein -geräumiges Gemach mit schweren, altväterischen Möbeln, -das von einer Hängelampe erleuchtet wurde. In der -Mitte des Raumes stand ein großer, runder Tisch, auf -dessen weißem Tuche das Abendbrot aufgetragen war.</p> - -<p>In einem hochlehnigen, mit Leder bezogenem Stuhle -saß eine Frau, die in einem Buche las, von der Form -der auf dem Lande damals im Gebrauche befindlichen -Andachtbücher. Bei den hastig ausgestoßenen Worten -ihres Sohnes nahm Frau von Tiefenbach langsam die -Brille mit den runden Gläsern von der Nase, klappte -das Buch zu, erhob sich vom Stuhle und schaute auf -die Eintretenden. Sie hatte, wie ihr Sohn, die hohe -Gestalt der Tiefenbachs und schien sich den Siebzigern -zu nähern. Die leichtgebeugte Haltung des mit tiefschwarzem, -glattgestrichenem Haar bedeckten Kopfes deutete -auf starkes Selbstbewußtsein. Aus dem hagern -Gesicht ragte die starke Nase scharf hervor, und die leichtgeschlossenen -Lippen umspielte ein Zug, der eisernen -Willen gepaart mit Stolz verriet. Beherrscht wurde -der Ausdruck dieses Gesichts aber durch die tief in ihre -Höhlen zurückgesunkenen, grauen Augen, die sie auf jeden, -mit dem sie sprach, fest zu richten pflegte.</p> - -<p>Der freudige Ton, der aus Maxens Worten geklungen -hatte, war Frau von Tiefenbach nicht entgangen. -Sie sah voll Erwartung auf den Fremden, dessen Fuß -bei ihrem Anblick einen Augenblick gestockt hatte. Dann -trat der Ankommende auf sie zu und ergriff mit einer -tiefen Verbeugung die zum Gruße dargebotene Hand.</p> - -<p>»Bernhard von Friesen ist es, Mutter, mein alter -Freund, von dem ich Dir so manches liebe Mal erzählt -habe.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[42]</span></p> - -<p>Die Freihoferin ließ einen langen Blick über den -jungen Mann gleiten, der noch immer in achtungsvoller -Haltung vor ihr stand.</p> - -<p>»Seien Sie willkommen, Herr von Friesen,« sagte -sie. »Sie haben recht getan, Ihre Schritte nach Rehefeld -zu lenken. Freilich werden Sie manches von dem entbehren -müssen, was die königliche Residenzstadt Ihnen -bietet. Aber was der Freihof besitzt, wird er Ihnen -geben. Ich bin erfreut, meines Sohnes Freund kennen -zu lernen!«</p> - -<p>Während dieser Begrüßung war es dem Angekommenen -noch nicht gelungen, sich von dem Bann zu -befreien, den die Erscheinung dieser Frau auf ihn ausübte. -Jetzt aber hörte er aus dem ihm anfangs hart -erschienenen Klange der Stimme Wärme und Herzlichkeit -heraus und er bekam seine verlorene Sicherheit schnell -wieder.</p> - -<p>Mit dem Anstand eines Jünglings von guter Erziehung, -dankte er der Hausherrin für den herzlichen -Willkomm und sprach die Bitte aus, ihm wegen seines -Eintritts zu dieser ungewohnten Stunde und ohne vorausgegangene -Anmeldung seines Erscheinens nicht zu -zürnen.</p> - -<p>Dann setzten sie sich zum Abendessen an den mächtigen -Tisch, das in angeregter Unterhaltung verlief.</p> - -<p>Die beiden jungen Männer tauschten Erinnerungen -an die Jahre aus, die sie zusammen auf der Fürstenschule -des nahegelegenen Grimma in treuer Freundschaft -verlebt hatten. Seitdem hatten sie sich nicht wieder gesehen -und nur wenige Briefe gewechselt.</p> - -<p>Friesen war nach dem Verlassen der Schule nach -Dresden gegangen und Offizier geworden. Er hatte bei<span class="pagenum" id="Seite_43">[43]</span> -Jena mitgefochten und dann an allen kriegerischen Ereignissen -teilgenommen, zu denen Napoleon den ihm -ergebenen Sachsenkönig drängte.</p> - -<p>Er sprach von den Feldzügen, und Frau von Tiefenbach -zeigte großes Interesse an seiner Erzählung. Sie -fragte nach der Stimmung in der Hauptstadt und wollte -wissen, welche Meinung die Offiziere von der politischen -Lage hätten, und welcher Geist unter den Truppen -herrsche. Denn die Unzufriedenheit mit Napoleons -Regiment wuchs und breitete sich allmählich über das -ganze Land aus.</p> - -<p>Zuletzt schilderte Friesen die Stimmung, die ihn -heute überkommen, als er von der Anhöhe herab den -segensreichen Frieden betrachtet hatte.</p> - -<p>Da unterbrach Max mit einem Male die Unterhaltung, -indem er sich mit der Frage an seine Mutter -wandte:</p> - -<p>»Ist Elisabeth denn noch nicht zurück?«</p> - -<p>Die Blicke der Freihoferin streiften die Uhr. Dann -fuhr sie, ohne auf Maxens Frage geantwortet zu haben, -in der Unterhaltung fort. Max schien dem Schweigen -der Mutter eine Antwort entnommen zu haben, denn -er wiederholte seine Frage nicht und beteiligte sich von -neuem lebhaft am Gespräch.</p> - -<p>Da verkündete die Uhr mit langsamen Schlägen -die zehnte Stunde. Die Freihoferin brach die Unterhaltung -kurz ab und beauftragte Max, den Gast in -sein Zimmer zu begleiten.</p> - -<p>Die Anstrengung, die Friesen während der beiden -letzten Tage überwunden hatte, machten sich nunmehr -geltend. Eine große Müdigkeit hatte sich bei ihm eingestellt, -die er nur mit Mühe bekämpfte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span></p> - -<p>Beim Scheine der Kerze führte Max den Freund -nach dem für ihn im Oberstock hergerichteten Zimmer -und ließ ihn alsbald nach Gutenachtgruß und dem -Wunsche allein, daß der erste Schlaf unter dem Dache -des Freihofes für ihn recht erquickend sein möge.</p> - -<p>Gähnend und mit schon halbgeschlossenen Augen sah -sich Friesen in dem Raume um. Aber seine Betrachtungen -währten nicht lange. Er entkleidete sich und -streckte den müden Körper auf das breite, behagliche -Bett. Ein wohliges Gefühl überkam ihn. Da trat noch -einmal rasch die Geschichte des Weißen Schlosses an -seine Seele heran. Bald aber drängte sich in die Wirklichkeit -die Phantasie. Die Urahnen des Tiefenbachschen -Geschlechts standen in Reih und Glied salutierend im -Schloßhofe, während die Mutter Lehnhardt in Holzpantoffeln -und mit einer kürbisähnlichen Kartoffel unter -dem Arm auf einer ungeheuern Katze an den alten -Haudegen freundlich grüßend vorbeiritt. Dann aber -verblich auch dieses letzte freundliche Bild, und der traumlose -Schlaf der Jugend senkte sich auf den Müden -herab.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Als Friesen am andern Morgen erwachte, stand -die Sonne schon hoch am Himmel. Schnell beendete -er seine Morgentoilette und schaute zum Fenster hinaus. -Das Zimmer lag an der Giebelseite des Wohnhauses. -Edle Weinreben umrankten das Fenster, und ein paar -mächtige Birnenbäume verwehrten den Sonnenstrahlen -den ungehinderten Zutritt. In kurzer Entfernung vom -Gute rieselte zwischen dunkelgrünen Wiesen der Göselbach -vorüber, an dessen beiden Ufern dichte Weidengebüsche<span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span> -standen, die, vom Winde bewegt, sich tief über das Wasser -neigten, als ob die langen Ruten darnach trachteten, -ihre Spitzen zu benetzen. Darüber hinweg sah das -Auge weit hinein in die tiefe Ebene.</p> - -<p>Friesen ging hinab und trat in das Wohnzimmer, -wo er aber niemand vorfand. Eine Magd, die ihn -bemerkt hatte, deckte alsbald den Tisch und trug das -Frühstück auf. Dann verließ sie mit einer schüchternen -Einladung zum zulangen wieder die Stube.</p> - -<p>Der würzig duftende Kaffee, die goldgelbe Butter und -das frische Brot lockten unwiderstehlich, und Friesen hatte -genug Appetit, um sich nicht vergeblich einladen zu -lassen.</p> - -<p>Er wollte sich mit dem Essen beeilen, um dann -nach Max zu sehen, der gewiß schon längst bei der -Arbeit war und über den Langschläfer lächeln würde.</p> - -<p>Das Frühstück mundete vortrefflich, als Friesen -mit einem Male ein leises Geräusch vernahm, und -als er sich rasch umschaute, sah er auf der Schwelle -der weitgeöffneten Tür ein weibliches Wesen stehen, -das ihm wahrscheinlich schon eine Weile zugesehen -hatte.</p> - -<p>Er fühlte sich überrascht und wußte nicht, welche -Bezeichnung er der plötzlichen Erscheinung geben sollte. -War es eine Jungfrau, die da vor ihm stand, oder ein -hochaufgeschossenes Kind? Er konnte sich diese Frage -nicht beantworten. So ließ er den Blick unverwandt -auf dem etwas bleichen, allerliebsten Gesichtchen ruhen, -das sich in tiefe Sorgenfalten gelegt hatte und sich sichtlich -alle erdenkliche Mühe gab, seinen bekümmerten Ausdruck -festzuhalten.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span></p> - -<p>»Also, so behandelt man Gäste,« scholl es von der -Tür her, die im nächsten Augenblick zuflog. »Nein, -nein, bitte setzen Sie sich wieder und lassen Sie sich’s -weiter schmecken! Sie müssen schon entschuldigen, Herr -von Friesen, die arge Vernachlässigung findet ihren -Grund aber nur darin, daß man auf dem Freihof nicht -gewöhnt ist, Gäste zu empfangen. Nun ich denke, -wir werden an Ihnen darin lernen, um wenigstens allmählich -so weit zu kommen, daß wir in Zukunft unsere -Gäste nicht mehr allein sitzen lassen.«</p> - -<p>Das Mädchen war, indem es diese Worte hervorgesprudelt -hatte, langsam näher getreten, während Friesen -auf wiederholtes Drängen hin das unterbrochene Frühstück -fortsetzte.</p> - -<p>Nun stand sie ihm gegenüber am Tische. Die -beiden Hände aufgestützt und den Oberkörper leicht vornübergeneigt, -schaute sie ihm mit unverhohlener Neugierde -in das Gesicht.</p> - -<p>Friesen gestand sich, daß ihm gestern Abend, Maxens -Mutter gegenüber, seine kühle Besonnenheit eine kleine -Weile im Stich gelassen hatte; unter den Augen dieses -Kindes aber, schien sich seine Verlegenheit wiederholen -zu wollen. Die Ähnlichkeit, besonders aber die blauen -Augen des Mädchens, konnten ihm keinen Zweifel lassen, -daß sie die Schwester des Freundes war, von der ja -auch Mutter Lehnhardt gesprochen hatte. So viel frischer -Natürlichkeit und holdem Liebreiz gegenüber, konnte er -sich nur langsam aus seiner Überraschung erholen, zumal -ihn das Mädchen noch immer unverwandt musterte. -Ihre Augen leuchteten wie die eines Kindes, dem eine -große Freude geworden ist, aber in den Winkeln des -in komischer Entrüstung zusammengekniffenen Mundes<span class="pagenum" id="Seite_47">[47]</span> -lauerte der Schalk. Jetzt endlich verschwand der gutgespielte -Ernst von dem Gesichtchen, und das Mädchen -brach in ein fröhliches Lachen aus.</p> - -<p>Friesen begrüßte diesen Heiterkeitsausbruch als willkommene -Erleichterung, doch kam ihm der plötzliche Umschlag -der Situation immerhin ein wenig unvermittelt, -und seine Ratlosigkeit wurde infolgedessen nicht geringer. -Dieses Gefühl mußte sich wahrscheinlich auf seinem Gesicht -widerspiegeln, denn die Heiterkeit wurde lauter -und zuletzt so befreiend, daß Friesens Verlegenheit mit -einem Schlage wich, und er von der Fröhlichkeit angesteckt -und mit fortgerissen wurde. Und damit war er -wieder Herr seiner selbst.</p> - -<p>Endlich verklang das fröhliche Lachen, und das -Mädchen zog sich einen Stuhl heran, um ebenfalls zu -frühstücken. Aber obgleich die kleinen, weißen Zähne -tapfer in die Semmeln bissen, konnte sie nicht schweigen. -Hundert Fragen zugleich schwebten ihr auf der Zunge, -die sämtlich verrieten, daß das Kind von alledem, was -sich jenseits eines Umkreises von drei Meilen von Rehefeld -auf der Erde abspielte, herzlich wenig kannte. Ihr -Wissensdurst war unbegrenzt und die Einfalt ihrer Fragen -so erfrischend, daß Friesen immer wieder in dieses Kindergesicht -blicken mußte, um sich von neuem Gewißheit zu -verschaffen, daß mit ihm nicht ein loses Spiel getrieben -wurde. Die Augen voll Erwartung auf ihn gerichtet, -lauschte das Mädchen seinen Antworten, sie zuweilen mit -verständnisvollem Nicken oder mit unwilligem Schütteln -des Kopfes begleitend, das so arg werden konnte, daß -der blonde Zopf, der bis zum Schürzenband hinabreichte, -hin- und herflog.</p> - -<p>Friesen mußte unwillkürlich dieses kleine Dorffräulein<span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span> -in seiner rührenden Unschuld mit denen ihres Geschlechtes -vergleichen, die in kunstvoller Perrücke und mit gemalten -Gesichtern alle pikanten und skandalösen Ereignisse der -Residenz vor dem allzu schnellen Hinabtauchen in die -Vergessenheit glücklich bewahrten und nicht müde wurden, -solche Vorgänge mit liebevoller Mühe und Beharrlichkeit -in die kleinsten Einzelheiten zu zerlegen. Unter diesen -wäre kein Boden für solch ein Pflänzlein, dachte er, es -würde bald traurig das Köpfchen hängen, und der Seelenfrieden -eines so lieblichen Menschenkindes würde in -kurzer Zeit gestört sein.</p> - -<p>Aber Friesen fand nicht viel Zeit zu längeren Betrachtungen, -denn die Kleine war unermüdlich im Fragen.</p> - -<p>Plötzlich brach sie ab, es schien ihr etwas einzufallen. -Dann sagte sie sehr ernst:</p> - -<p>»Aber, Herr von Friesen, wissen Sie denn eigentlich -wer ich bin?«</p> - -<p>Diese Frage kam wieder so unerwartet und berührte -Friesen so komisch, daß er nur mit Mühe ein -Lächeln zurückhalten konnte. Er zwang sich dazu, ebenfalls -ernst zu sein und sagte, mit schelmischem Anklang in -der Stimme, vorwurfsvoll:</p> - -<p>»Nein, wie kann ich denn wissen wer Sie sind, -wenn Sie mir es nicht sagen!«</p> - -<p>Das niedliche Geschöpfchen sah seinem Gegenüber -noch eine kleine Weile in die Augen, dann erfolgte -ein neuer Heiterkeitsausbruch der alle vorangegangenen -übertraf, und in den Friesen wieder mit -einstimmte.</p> - -<p>Das Mädchen lachte so herzlich, daß ihm Tränen -in die Augen traten.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span></p> - -<p>»Nein,« rief sie jubelnd, »so ein Stadtherr. Ist -mit mir eine halbe Stunde zusammen, spricht fortwährend -zu mir und weiß nicht einmal wie ich heiße!«</p> - -<p>Da überflog ihr Gesichtchen mit einem Male wieder -der altkluge, ernste Zug, als sie vorwurfsvoll fragte:</p> - -<p>»Ja, Herr von Friesen, warum fragen Sie mich denn -eigentlich garnicht wie ich heiße?«</p> - -<p>Jetzt kam ihr Friesen mit der Heiterkeit aber zuvor. -Aber diesmal lachte nur er. Seine Nachbarin -schien nicht zu verstehen, was seine Fröhlichkeit herausforderte.</p> - -<p>Sie wurde noch um einen Grad ernster und sagte:</p> - -<p>»Ich bin nämlich die Elisabeth.«</p> - -<p>Und als Friesen mit ihrem zunehmenden Ernst -noch ausgelassener wurde, wiederholte sie beinahe feierlich:</p> - -<p>»Ja gewiß, Herr von Friesen, ich bin Elisabeth -von Tiefenbach!«</p> - -<p>Der aber, dem diese Beteuerung galt, verlor auch -noch den letzten Rest von Beherrschung. Er lachte, daß -ihm die Tränen über die Wangen liefen und machte mit -der Hand eine abwehrende Bewegung, als ob er es -verhindern wolle, daß das Mädchen weiter spreche. -Schließlich stimmte auch Elisabeth wieder in die Fröhlichkeit -ein, als sich plötzlich die Tür öffnete und Max ins -Zimmer trat.</p> - -<p>Als er die ausgelassene Heiterkeit der beiden sah, -blieb er einen Augenblick verdutzt stehen.</p> - -<p>»Hallo!« rief er »Ihr habt ja recht schnell Freundschaft -geschlossen. Das gefällt mir!«</p> - -<p>Dann schritt er zu dem Freunde.</p> - -<p>»Guten Morgen Bernhard. Nun, wie war die -erste Nacht auf dem Freihof?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span></p> - -<p>Aber noch bevor der Angesprochene antworten -konnte, rief Elisabeth dem Bruder zu:</p> - -<p>»Wenn Du es durchaus willst, daß Herr von -Friesen seinen Kaffee früh allein trinken soll, so gewöhne -ihn doch wenigstens nur nach und nach daran. Das -muß ich gestehen, Max, Du verwöhnst Deinen Freund -gleich vom ersten Tage ab nicht.«</p> - -<p>Max trat zu seiner Schwester, hob sie samt ihrem -Stuhle zu sich empor und drückte ihr trotz Sträubens -einen Kuß auf den Mund. Dann setzte er behutsam -das Mädchen wieder nieder.</p> - -<p>Friesen war Maxens Bewegungen mit den Augen -gefolgt und er hatte die Gruppe sehr hübsch gefunden: -der blonde Riese, dessen Arme dazu geschaffen schienen, -einen rasenden Stier vor sich niederzuzwingen, im Kampf -mit dem zierlichen, sich heftig wehrenden Mädchen, dessen -Gesichtsausdruck trotz ihres Sträubens nur allzudeutlich -verriet, wie gerne sie die Zärtlichkeit des Bruders ertrug.</p> - -<p>»So, Du hast deinen Lohn für die Schelte am frühen -Morgen,« sagte Max. »Wenn Du aufmerksam gewesen -wärst, hätte Bernhard gleich Gesellschaft gehabt.«</p> - -<p>Die letzten Worte mußte er ihr nachrufen, da das -Mädchen schmollend aus dem Zimmer schlüpfte.</p> - -<p>Max wandte sich an Friesen und fuhr fort:</p> - -<p>»Ich hätte schon lange wieder zurück sein können, -wenn der Braune nicht etwas lahmte. Deshalb mußte -ich langsam reiten.«</p> - -<p>Dann lud Max den Freund zu einem Spaziergang -ein, um ihn mit der Umgebung vertraut zu machen. -Sie betraten den Hof, um zuerst das Gut in allen Einzelheiten -kennen zu lernen. Hier fand Friesen die Freihoferin -vor, die den Hühnern Futter gestreut hatte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span></p> - -<p>Nach etwa einer Stunde schlenderten die Freunde -dem Ufer des Baches entlang, bis sie sich endlich unter -einem großen Apfelbaum in das weiche Gras streckten.</p> - -<p>»Du hast mir früher so manches von Deiner Familie -erzählt,« begann Friesen, »das bei mir unvergessen geblieben -ist. Aber ich muß Dir beichten,« fügte er lächelnd -hinzu, »daß ich seit gestern viel mehr von den Tiefenbachs -weiß als bisher.«</p> - -<p>Und mit kurzen Worten erzählte er seine Begegnung -mit Mutter Lehnhardt.</p> - -<p>»Da bist Du ja gleich vor die richtige Schmiede -gegangen,« scherzte Max, »sie ist allerdings der beste -Kenner unserer Familiengeschichte.</p> - -<p>Bernhard,« fuhr er nachdenklich fort, »laß mich -der Erzählung der Alten noch ein paar Worte hinzufügen, -Du dürftest ohne sie sonst manches unverständlich -finden.</p> - -<p>Meine Mutter ist eine jener äußerlich rauhen -Frauennaturen, denen man im Leben nicht allzuoft begegnet. -Die Jahre sind ohne große Ereignisse an ihr -vorüber gegangen. Mit nimmermüden Händen hat sie -geschafft, um unsern Besitzstand zu mehren, aber als die -höchste ihrer Pflichten hat ihr die Erziehung ihrer Kinder -gegolten. Sie besitzt einen ungemein scharfen Verstand -und viel praktischen Sinn. Sentimentale Lebensanschauung -ist ihr fremd. Sie liebt das Edle aus voller -Seele und verabscheut alles Niedrige. Die Mittel, der -Freude und dem Schmerz auch äußerlich Ausdruck zu -geben, die die gütige Natur dem Menschen verliehen -hat, sind ihr versagt geblieben. Nur selten tritt ein -flüchtiges Lächeln auf ihre Lippen, um alsbald wieder -dem ernsten Ausdruck Raum zu geben, der immer auf<span class="pagenum" id="Seite_52">[52]</span> -ihrem Gesichte lagert. Tränen sind ihr versagt. Möge -sie diesen Verlust niemals bitter empfinden.«</p> - -<p>Friesen war des Freundes Worten aufmerksam gefolgt. -Nun fand er auch die Erklärung für Maxens -ernsten Charakter, denn der mütterliche Einfluß war unverkennbar.</p> - -<p>»Und doch,« fuhr Max fort, »besitzt meine Mutter -mehr Gemüt als der Fremde bei ihr vermutet. In ihrem -tiefsten Herzen liegen Saiten, die zuweilen mit Macht tönen -und dann so gebieterisch die Mitteilung ihres Klanges -an die Außenwelt fordern, daß solche Augenblicke für -sie qualvoll sein müssen. Ihren gefaßten Grundsätzen -bleibt sie treu, und was meine Mutter einmal beschlossen -hat, führt sie mit einem Willen durch, der vielleicht an -Starrsinn grenzt.</p> - -<p>Ihr Liebling ist meine Schwester. Du wirst bei -Eurer heutigen Begegnung sofort empfunden haben, was -für ein Kind dieses achtzehnjährige Mädchen noch ist. -Das Schicksal hat mit ihr wunderlich geschaltet. Die -Tiefenbachs sind immer Naturen gewesen, denen eine -heitere Lebensauffassung fern lag. Elisabeth aber sieht -alles in rosigem Licht. Sie weiß von der Welt so -wenig, daß sie auch ihre Gefahren nicht kennt. Eine -glückliche Veranlagung läßt sie von jeder Sache nur -die lichte Seite betrachten. Sie ist eben ein Kind und -der Sonnenschein unseres Hauses.</p> - -<p>Das Schloß und seine Bewohner übten auf Elisabeth -schon in frühester Jugend eine unerklärliche Anziehung aus. -Sie wendete alles auf, der Überwachung zu entwischen, um -hinauf zu eilen und mit ihrer, nur um wenige Jahre älteren -Cousine zusammen zu sein. Bitten, Ermahnungen und -Strafen waren umsonst. Das Kind konnte sich, so sehr<span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span> -es zuweilen auch kämpfte, gegen den unwiderstehlichen -Drang nicht auflehnen. Die Mutter ließ nichts unversucht, -um dieser Neigung des Kindes zu begegnen. Zuletzt -war ihre mütterliche Geduld aber erschöpft, und -eines Tages war sie so zornig, daß sie die zehnjährige -Elisabeth hart schlug.</p> - -<p>Es war ergreifend, die Wirkung dieser Strafe an -dem Kinde zu beobachten. Während es bisher schon bei -einem zurechtweisenden Blicke der Mutter Tränen hatte, -ließ sie die Züchtigung lautlos über sich ergehen. Und, -welch Wunder, – sie lief nicht mehr hinauf, sprach -auch nicht einmal den Wunsch darnach aus. Aber welche -Veränderung war mit ihr vorgegangen! Ihr munteres -Plaudern, ihr heiteres Lachen waren verstummt. Ohne -daß man eine Absicht merkte, unterblieben die stürmischen -Beweise der Zärtlichkeit, die Elisabeth sonst immer für -die Mutter gehabt hatte, und die diese jetzt schmerzlich -vermißte. Stundenlang konnte das Kind ohne zu ermüden -im Grase sitzen und mit seinen großen, matten -Augen hinaufschauen zu dem alten Gemäuer. Ihr ohnehin -sehr schwächlicher Körper zehrte immer mehr ab, -und ihr bleiches Gesicht ward immer schmaler.</p> - -<p>Meine Mutter litt fürchterlich. Stumm betrachtete -sie Elisabeth, und ich konnte in ihren Augen die tiefe -Rührung lesen, die sie beherrschte.</p> - -<p>So ging es wohl zwei Monate lang. Elisabeth -wurde von Tag zu Tag bleicher, und ihre Augen wurden -glanzvoller. Ihre Bewegungen waren müde, ihre Sprache -leise. Dabei war sie aber stets freundlich zur Mutter, -die alles daran setzte, das Kind aufzuheitern, und die -durch ein schwaches Lächeln auf seinem Gesicht hochbeglückt -war. Aber man sah, wie der Gram das Kind<span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span> -zu verzehren drohte. Meine Mutter kämpfte im Innern -einen gewaltigen Kampf. Und sie unterlag …</p> - -<p>Eines Tages saß Elisabeth, wie so oft, im Obstgarten -hinter dem Hause. Es war ein prächtiger Frühlingstag. -Aber das Kind hatte keinen Blick für den goldenen -Sonnenschein und die schneeweißen Blüten auf den -Bäumen. Es starrte traumverloren dorthin, wohin es -sein unschuldiges Herz zog.</p> - -<p>Die Mutter war leise zum offenen Fenster getreten -und sah hinter der Gardine verstohlen hinaus. -Mit unendlicher Wehmut hafteten ihre Blicke auf Elisabeth. -Sie schien darüber nachzudenken, wie jetzt alles -in der Natur seine Wiederauferstehung feiere und sich -zu frischem, blühendem Leben entwickele, während ihr -heißgeliebtes Kind mit sicheren Schritten dem Grabe -zueilte. Da wandte sie sich plötzlich mit einem Ruck -nach der Tür, – fast schien ihr Fuß sie nicht dahin -tragen zu wollen, – und stockend überschritt sie die -Schwelle. Dann stand sie bei dem Kinde, das, aus -seinen süßen Träumen aufgeschreckt, die Mutter verwundert -ansah. Sie ergriff Elisabeths Hand, führte sie -schweigend durch den Garten, öffnete das Türchen, das -den Austritt nach den Feldern gestattet und stellte das -erstaunte Mädchen auf die schmale Brücke, die über den -Bach führt und auf den Weg ausmündet, der nach dem -Schlosse läuft.</p> - -<p>Wie ein Blitz kam dem Kinde die Erklärung für -das Gebaren der Mutter. Und während diese sich -wieder umwandte, eilte Elisabeth, so schnell die Füße -sie tragen wollten, den Weg hinauf, als wenn sie -fürchtete, wieder zurückgerufen zu werden.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span></p> - -<p>Mit schleppenden Schritten betrat die Mutter wieder -das Zimmer und sank in den Stuhl.</p> - -<p>Am Abend jenes Tages, Bernhard, sah ich meine -Mutter zum ersten Male in tiefer Bewegung erzittern, -als sich die dünnen Arme des jubelnden Kindes ihr -liebkosend um den Hals legten …</p> - -<p>Und so ist Elisabeths Verhältnis zu den Leuten -da droben bis auf den heutigen Tag geblieben. Sie -würde das Verbot nicht verstehen, sondern es als eine -grausame Härte empfinden.</p> - -<p>Du weißt, Bernhard, daß sich die Großväter der -beiden Familien Tiefenbach entzweit haben, nachdem der -ältere Bruder die Braut des Jüngeren beschimpft hatte. -Aus diesem Grunde haben auch die Tiefenbachs auf -dem Freihofe mit denen auf dem Schlosse, außer ihrem -Namen, nichts mit einander gemein. Die tiefe Kluft -kann niemals überbrückt werden! Neben der Liebe zu -ihren Kindern, ist die stärkste Empfindung, von der meine -Mutter beherrscht wird, glühender Haß gegen die droben. -Der Vater hat ihn dem Kinde mit dem Blute vererbt, -und seine letzten Worte auf dem Sterbebette waren eine -Aufforderung, auch auf ihre Kinder in diesem Geiste -einzuwirken.</p> - -<p>Meiner Mutter zittern die Worte der Beschimpfung -noch heute in der Seele nach, und ihr Einfluß auf -meine Anschauungen hat das seinige getan. Die jetzt -auf dem Schlosse Wohnenden sind freilich unschuldig -an der Sünde ihres Vorfahren, dennoch kann ich meine -Abneigung gegen sie nicht unterdrücken. Sie sind die -Nachkommen des Mannes, der meine Großeltern tödlich -beleidigte, und dessen Worte einen bleibenden Schatten -auf ihren Lebensweg geworfen haben.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span></p> - -<p>Mag Elisabeth immerhin zu ihnen freundlich sein, -Kinder sind nicht dazu berufen, die Sorgen der Erwachsenen -zu teilen. Sie selbst empfindet schon längst, -daß die Wiederaussöhnung der beiden Familien unmöglich -ist, aber ihr ausgeprägtes Zartgefühl läßt sie -über ihre Besuche auf dem Schlosse schweigen.«</p> - -<p>Eine Pause entstand. Dann sagte Max:</p> - -<p>»Bernhard, nun erzähle <em class="gesperrt">Du</em> mir etwas, ich bin -begierig, mehr davon zu hören, wie es Dir in den -letztverflossenen Jahren gegangen ist.«</p> - -<p>»Mein Leben ist,« begann Friesen, »seitdem wir -auseinandergegangen sind, recht wechselvoll gewesen.</p> - -<p>Nach Jena folgte Friedland, wo ein russischer -Kamerad so unliebenswürdig war, mir seinen Degen -in den Leib zu rennen, was dem Feldscher Anlaß -gab, mein alsbaldiges, sicheres Abtreten von dem irdischen -Kriegsschauplatz vorauszusagen. Wie sehr er sich zu -meinem Heile aber geirrt hat, siehst Du, lieber Freund, -denn so, wie ich in diesem Augenblick neben dir liege, -bin ich doch ein nicht zu bestreitender Beweis für die -Unrichtigkeit seiner voreiligen Ansicht. Ich war entschieden -noch nicht reif genug für den Eintritt in eine -bessere Welt und mußte hier noch einmal anfangen. -Freilich verurteilte mich die Blessur zu einer unfreiwilligen -Ruhezeit von mehreren Monaten.</p> - -<p>Dann kam eine Periode, die uns allen unendlich -öde erschien, da sie nur durch den Garnisondienst ausgefüllt -wurde. Selbst der Geduldigste von uns fand -diese Zeit erdrückend langweilig und sehnte Veränderung -herbei. Da schaffte Napoleon Rat.</p> - -<p>Der politische Horizont umdüsterte sich wieder, und -alles deutete auf einen neuen, herzerfrischenden Krieg.<span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span> -Diesmal sollten wir unter Bernadotte gegen die Österreicher -kämpfen. Bei Linz schwankte das Zünglein der -Wage lange, bis sich das Glück endlich für uns entschied. -Viel heißer aber sollte Wagram werden. Das -Bataillon Metzsch, bei dem ich damals stand, kämpfte -im ersten Treffen. Wie verzweifelt schlugen wir uns -den ganzen Tag herum, um am Abend doch zurückgehen -zu müssen. Am nächsten Vormittag standen wir -ruhig hinter unserer Artillerie. Wahrscheinlich um unser -Interesse an der Schlacht rege zu halten, schlugen die -österreichischen Geschosse unaufhörlich in die dichten -Reihen. Es fehlte nicht mehr viel, und der brave Erzherzog -drüben hätte können Viktoria blasen lassen; man -sah auf unserm Flügel nur noch zurückflutende Truppen. -Da erschien der Kaiser bei uns, und bald darauf entschied -sich das Schicksal des Tages: der Österreicher -wurde zurückgeworfen. Dann kam eine Anzahl kleiner -Scharmützel, die sich immer niedlicher gestalteten, so daß -die letzten von ihnen gegen die vorangegangenen großen -Tage sich nur noch wie Friedensübungen ausnahmen.«</p> - -<p>Max hatte, während der Freund sprach, zuweilen -ein Lächeln nicht unterdrücken können. Er war noch -immer der alte: keck bis zur Kühnheit, lustig bis zum -Leichtsinn, aber gutmütig und ritterlich dabei. Daß -Bernhard den Krieg liebte, fand Max ganz natürlich, -denn alle die unter dem Kaiser kämpften waren ja so.</p> - -<p>»Nun, und jetzt ist Dir der Gamaschendienst so -langweilig geworden, daß Du ihm selbst das Landleben -vorziehst?« scherzte Max.</p> - -<p>Friesens Gesicht überzog ein lebhaftes Rot. Einen -Augenblick schien er verlegen, dann sagte er:</p> - -<p>»Du irrst, Max, Scherz beiseite. Wie ich vorhin<span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span> -erzählte, sprach ich das aus, was mich noch bis vor -zwei Jahren bewegte. Früher konnte ich nicht genug -des Lebens im Feldlager kosten. Allmählich hat sich in -mir, wie in manchem meiner Kameraden, aber ein Umschwung -vollzogen. So wie bisher, kann es mit den -endlosen Kriegen nicht fortgehen. Ich tue meine Pflicht -als treuer Soldat meines Königs, dies verhindert mich -aber nicht, das Gebaren derer zu verurteilen, die nicht -aufhören, unsagbares Weh über unser Land heraufzubeschwören. -Und ich denke, daß ein gedeihlicher Frieden -auf Jahrzehnte hinaus nunmehr der Wunsch jedes ehrlichen -Mannes sein muß.«</p> - -<p>»Du sprichst mir aus der Seele, Bernhard,« rief -Max lebhaft und reichte ihm die Hand hin, in die -Friesen ohne Besinnen kräftig einschlug. »Das sind -auch meine Gedanken. Jetzt sollten sie endlich einmal -Ruhe halten, und jeder sollte sich mit dem bescheiden, -was er besitzt. Freilich taugt die ganze Franzosenwirtschaft -nichts, aber so schnell, wie sie über uns gekommen -ist, werden wir sie nicht wieder los. Und zuletzt -hat jedes Ding sein Aber. Wir Sachsen haben -dem Kaiser für so manches zu danken.</p> - -<p>Aber, Bernhard,« fuhr Max nach einer kleinen -Weile fort, »wenn es der gleichförmige Dienst nicht -war, der Dich aus der Hauptstadt forttrieb, dann kann -es ja nichts Anderes gewesen sein, als der Wunsch, -Dein altes Versprechen nun endlich einzulösen. Ist -es so?«</p> - -<p>Wieder bedeckte wie vorhin eine tiefe Röte Friesens -Gesicht.</p> - -<p>»Max,« begann er langsam, »ich muß Dir leider -gestehen, daß mich die Gefühle, die Du voraussetzest,<span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span> -allerdings nicht bewogen haben, die Residenz zu verlassen, -da ich meinen Besuch eigentlich bis zum kommenden -Jahr aufgeschoben hatte. Aber laß Dir alles erzählen.</p> - -<p>Das Kriegsleben hatte uns, trotz seiner Entbehrungen -und Strapazen, und obgleich man nie wußte, -ob der nächste Tag einen noch gesund sah, wegen seiner -vielen Abwechslungen, die es mit sich brachte, gefallen. -Wir waren gewöhnt, Zerstreuungen zu finden. Als -aber die Waffen ruhten, und das Einerlei des Garnisondienstes -begann, blieben die Zerstreuungen aus. Deshalb -waren wir im vergangenen Winter darauf bedacht, -uns allerhand Kurzweil zu verschaffen. Die Kriegszeiten -haben die Unternehmungslust der Dresdener Bürger -aber erklärlicherweise stark herabgedrückt, so daß der Mangel -an Einladungen zu den üblichen Bällen und sonstigen -Unterhaltungen besonders uns jüngeren Offizieren sehr -empfindlich wurde. Was half es, daß wir versuchten -jeder in seinem Bekanntenkreise, Stimmung zu machen. -Hier und da machte man wohl Anstrengungen, um wieder -in das Fahrwasser der alten Geselligkeit zu gleiten; aber -die Versuche fielen schwach aus. Ein rechter Frohsinn -wollte nicht aufkommen.</p> - -<p>Da kam einem von uns eine Idee. Der liebe -Sichart, der trotz seiner dreiundzwanzig Jahre, und zwar -mit einer reizenden, jungen Frau, schon verheiratet war, -schlug die Gründung eines Klubs vor, dessen Mitglieder -selbst kleine Festlichkeiten veranstalten sollten. Eine -ganze Anzahl von uns, meistens Leutnants, traten dem -Finkenkasten, wie wir unsern Bund tauften, bei. Hauptmann -von Einsiedel war der Vorstand. Wir Bündler -hatten nun nichts Ernsteres zu tun, als zu werben, besonders -unter verheirateten Kameraden. Mit erstaunlicher<span class="pagenum" id="Seite_60">[60]</span> -Schnelligkeit nahm die Mitgliederzahl des Finkenkastens -zu; auch einige Bürgerfamilien traten bei. Jeder -war willkommen. Der Grad der Freude unter den -Bündlern beim Eintritt eines Mitgliedes richtete sich -nach der Anzahl der Angehörigen, die der Hinzutretende -anmeldete. Geheimrat Vogel brachte es auf fünf. Darüber -besondere Freude! Und als Oberstleutnant von -Carlowitz sich mit vier Töchtern und drei weiteren, verwandten -Damen anmeldete, war der Jubel groß. Nach -ihrem Alter fragten wir nicht. Der Finkenkasten aber -zählte nunmehr sechsunddreißig Herren und nahezu noch -einmal so viel Damen.</p> - -<p>Als wir bei der Gründung des Klubs unsere -Meinungen zum besten gaben, wieviel Mitglieder er -wohl nach einem Monat zählen würde, riet der immer -zur Tollkühnheit geneigte Sichart auf sechzig. Wir hätten -uns auch schon mit vierzig zufrieden erklärt, deshalb -lachten wir ihn aus und meinten, er könne nie genug -bekommen. Als nun aber fast das Hundert voll geworden -war, lachten wir wieder über ihn, weil er so -schlecht geraten hatte.</p> - -<p>Von meiner Tätigkeit schien man sich viel zu versprechen, -deshalb wurde ich in das Vergnügungskomitee -gewählt. Diese Wahl ehrte mich in hohem Maße, -und ich gab mir das ernstliche Versprechen, mich dem -Vertrauen der Bündler würdig zu zeigen.</p> - -<p>Wir mieteten auf der Meißnerstraße einen gemütlichen -Saal und trafen Vorbereitungen für das erste -Fest, das den Reigen beginnen und deshalb besonders -glanzvoll veranstaltet werden sollte. Eine Bühne wurde -errichtet, ein Stück gewählt, die Rollen verteilt und -geprobt. Als es sich darum handelte, einen von uns<span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span> -als Regisseur zu dingen, kam man allgemein auf mich. -Außerdem lag mir noch die Darstellung des Helden der -sehr rührseligen Komödie ob.</p> - -<p>Ich hatte herzlich viel Not, den einzelnen Darstellern -ihre Rollen einzupauken. Mit der ersten Probe -war ich nicht sonderlich zufrieden und glaubte, meinem -überquellenden Herzen damit Luft machen zu müssen, -daß ich den Eifer der Mitwirkenden rühmte, den sie -auf das Studium der Rollen verwendet hätten. Die -Wahrheit war freilich gerade das Gegenteil, denn sie -hatten ihre Rollen fast ohne Ausnahme abgelesen. -Aber niemand schien den Hohn zu fühlen. Sie waren -stolz auf ihre Leistungen, und jeder drückte mir zum -Abschied wohlwollend die Hand.</p> - -<p>Nach mancher mühevollen Probe, nach der fast -jeder heiser und ich obendrein völlig durchnäßt war, -schien das Zusammenspiel endlich erträglich zu sein. -Ich hatte mich vieler Mühe unterzogen, war einige -Male ins Theater gegangen, lediglich um die Haltung -und die Bewegungen der Schauspieler zu studieren und -empfand plötzlich ein Interesse an mancherlei Dingen, -an die ich bisher noch nie gedacht hatte, die aber für -einen rechtschaffenen Regisseur zu wissen unentbehrlich -sind. Nun wurde es aber hohe Zeit, daß das Fest -stattfand, denn mich überfiel eine noch nie gekannte Unruhe. -Die Glieder zitterten mir wie einem Hundertjährigen, -und die sämtlichen sechszehn Rollen des Stückes -zogen allnächtlich an meinem Geist vorüber. Mich überkam, -offen gesagt, ein gelindes Grausen vor meiner -Würde.</p> - -<p>Die letzte Probe war endlich gekommen. Alles -ging wie am Schnürchen. Ich teilte noch einige kritische<span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span> -Ratschläge aus, wie den, die Stimme nicht allzu heftig -zu erheben, da mancher der Kameraden im Feuereifer -seine Rolle vergaß und glaubte, daß er noch auf dem -Schlachtfeld stände. Zu diesen gehörte besonders der -junge Sichart, der im gewöhnlichen Leben im Regiment -mein elfter Hintermann, auf der Bühne aber mein -Großvater war. Dann prägte ich allen nochmals ein, -die mannigfachen Liebesscenen recht natürlich darzustellen, -da dies ihre Wirksamkeit besonders erhöhen würde. -Und um es nicht bloß bei Ratschlägen zu belassen und -den für solche Leistungen weniger gut Begabten ein -Beispiel zu geben, postierte ich sämtliche Darsteller vor -die Bühne und spielte ihnen die Stelle meiner Rolle -vor, in der ich der Geliebten meine Erklärung abgeben -und, da sie mich nicht erhören durfte, rasen mußte. -Alle ohne Ausnahme waren von meinen Leistungen -entzückt, und Sichart meinte, das Toben brächte ich besonders -wirkungsvoll zur Darstellung. Es sähe aus, -als ob es nicht mehr Spiel wäre. Und da ich mich -andernfalls über dieses bedenkliche Lob hätte ärgern -müssen, freute ich mich darüber.</p> - -<p>Meine Partnerin war ein allerliebstes Kind von -kaum zwanzig Jahren und die Schwester der Frau von -Sichart. Mir erschien es immer, als ob sie ihre Rolle mit -hinreißender Natürlichkeit spiele. Wenn ich meine Liebesschwüre -sprach, machte sie ein beinah feierliches Gesicht, -und es mochte ihr aufrichtig leid tun, daß sie mir kein -Gehör schenken durfte.</p> - -<p>Der Abend kam. Das Stück wurde flott gespielt -und – gefiel. Alle Zuschauer waren entzückt; meine -Partnerin und ich sowie Sichart, mein Großvater, waren -die Löwen des Tages. Mit dem letzten Fallen des<span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span> -Vorhangs rutschte eine Riesenlast von meiner Brust. -Länger hätte ich aber die Aufregung auch nicht mehr -ausgehalten. Ich zitterte wie Espenlaub, denn ein Gefühl -unsagbarer Angst hatte hinter mir gestanden, das -ich selbst auf den Schlachtfeldern von Friedland und -Wagram nicht gekannt hatte.</p> - -<p>Aber nun war alles vorbei, und es war über alle -Erwartungen gut ausgefallen. Von allen Seiten umdrängte -man mich, um mich zu beglückwünschen, und -mit gehobener Stimmung nahm ich die Gratulationen -entgegen. Schließlich wurde mir es zu viel. Ich suchte -Sichart und zog ihn in einem anstoßenden Zimmer an -einen Tisch nieder, um mit einem labenden Trunk das -eigene Ich zu belohnen. Wie lange wir dort saßen, -weiß ich nicht mehr. Ab und zu kamen welche, tranken -mit uns und gingen wieder. Wir blieben sitzen. Vom -Tanzen konnte bald füglich keine Rede mehr sein. -Sicharts Frau und ihre reizende Schwester, meine holde -Braut in der Komödie, saßen eine Zeitlang bei uns, -und das Plaudern mit ihnen bot viel Stoff zu herzlichem -Lachen. Dann waren sie mit einem Male verschwunden. -Ich vermißte sie eigentlich nicht, und von -unserer ganzen Unterhaltung wußte ich am andern Morgen -kein Sterbenswörtchen mehr.</p> - -<p>Während mehrerer Stunden hatten unaufhörlich -die Pfropfen geknallt, als ich endlich aufstand und mit -Sichart durch die Zimmer wandelte. Dann war ich -plötzlich von ihm getrennt und lief, ohne noch zu wissen -wohin, hierhin und dahin. Später entsann ich mich -dunkel, mit vielen der Festgäste ein paar Worte gewechselt -zu haben, auch mit Sicharts Schwägerin. Ich -stand dicht vor ihr, hatte wohl auch etwas gesagt, das<span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span> -die Heiterkeit der Anwesenden erregt haben mochte. Mit -einem Male aber lachte niemand mehr, und das Mädchen -lief rasch fort.</p> - -<p>Kurz darauf kam ich wieder zu mir, nachdem ich -eine Zeitlang frische Luft geschöpft hatte. Ich traf auch -Sichart wieder, der allerdings in einem nicht beneidenswerten -Zustande war. Vergebens suchte ich nach seinen -Damen, bis ich die mich befremdende Mitteilung vernahm, -daß sie bereits nach Hause gefahren seien.</p> - -<p>Ich führte den widerstrebenden Freund hinaus und -bestieg mit ihm einen Wagen. Für den Armen war -es wirklich das beste, daß ich ihn nach seinem Heim -beförderte.</p> - -<p>Auf dem Nachhausewege grübelte ich über diejenigen -Stunden des heutigen Abends nach, deren Verlauf mir -dunkel war. Aber keine Erleuchtung wollte mir kommen, -und ich tröstete mich mit dem armen Sichart, der noch -viel schlimmer daran war als ich. – Nun, dieser Abend -sollte jedenfalls den Grund für meinen Urlaub hergeben.«</p> - -<p>Friesen machte eine Pause und sah Max an. -Diesen hatte des Freundes Erzählung belustigt, zuweilen -hatte er bei seinen Worten laut aufgelacht.</p> - -<p>»Ich kann aber,« warf Max ein, »den Grund -für den Urlaub beim besten Willen nicht erraten …«</p> - -<p>»Du wirst ihn gleich haben,« versetzte Friesen. -»Findest Du nicht, daß dieser Abend ganz unterhaltsam -gewesen ist?«</p> - -<p>»Aber freilich,« lachte Max, »recht lustig ist er -gewesen.«</p> - -<p>»Ja, recht lustig,« wiederholte Friesen langsam, -»Du hast schon recht, Max!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[65]</span></p> - -<p>»Am übernächsten Tage gingen viel teilnehmende -Menschen in Sicharts Haus, um der Witwe ihr Beileid -auszusprechen, denn Sichart war sehr beliebt gewesen; -nun war er tot.«</p> - -<p>Max machte eine Gebärde des Erschreckens.</p> - -<p>»Das war doch schmerzlich, nicht wahr?« fragte -Friesen.</p> - -<p>»Das Schicksal des jungen Mannes fordert noch -heute meine ganze Teilnahme heraus,« antwortete Max. -»Aber wie ist denn der Arme so schnell gestorben?«</p> - -<p>Friesen war bleich geworden. Er tat einen tiefen -Atemzug, dann sagte er:</p> - -<p>»Er fiel von meiner Hand!«</p> - -<p>Max konnte seine Bewegung nicht bemeistern, während -Friesen fortfuhr:</p> - -<p>»Am späten Morgen nach jenem Feste erschienen -zwei Kameraden bei mir. Ich lag noch im Bett und -wunderte mich, sie schon munter zu sehen. Sie waren -tiefernst, ihr Kommen mochte ihnen ziemlich schwer fallen. -Mit kurzen Worten verständigten sie mich davon, daß -ich Sicharts Schwägerin gestern abend in hohem Grade -bloßgestellt hätte, und daß Sichart der einzige Mann -sei, der ihr zur Seite stände.</p> - -<p>Ich will mir das Weitere ersparen, Max; jener -vergnügte Abend hat jedenfalls meinem Herzen eine -Wunde geschlagen, die niemals ganz verheilen wird.</p> - -<p>Nach dem Duell machte man mir den Prozeß. -Ich wurde für zwei Jahre auf den Königstein geschickt. -Als ich die Hälfte meiner Strafe verbüßt hatte, begnadigte -mich der König, »in Ansehung seiner mehrfachen -Auszeichnungen vor dem Feind«. Und als ich -mich dann beim Regiment zurückmeldete, schickte mich<span class="pagenum" id="Seite_66">[66]</span> -der Oberst mit unbeschränktem Urlaub von Dresden -fort. Ein paar Wochen habe ich jetzt bei meinem Onkel -zugebracht, der, wie Du weißt, in Tharandt Oberförster -ist. Dann aber trieb es mich zu Dir.«</p> - -<p>Auf Maxens männlich-schönes Gesicht hatte sich -ein Zug tiefsten Ernstes gelagert, während sein Auge -teilnahmsvoll auf Friesen ruhte. Aber er fand keine -Worte, seinen Gefühlen Ausdruck zu geben und drückte -deshalb dem Freunde nur stumm die Hand.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap03">3. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Seit Friesens Ankunft auf dem Freihofe waren -nun schon einige Wochen vergangen, und die Ernte war -im vollen Gange. Von frühesten Morgen ab war Max -draußen auf den Feldern, wohin ihn zuweilen Friesen -begleitete. Die Freihoferin leitete trotz ihres Alters -noch alle weiblichen Arbeiten auf dem Gute, und ihre -Tätigkeit wurde in den Erntetagen stark beansprucht. -Am Frühstückstische trafen sich deshalb immer nur -Elisabeth und Friesen, während die Mittagsmahlzeit -alle vereinigte. Nach dem Abendessen blieb der kleine -Kreis noch ein Stündchen plaudernd sitzen, und Friesen -hatte oft Gelegenheit, der Freihoferin knappes und -treffendes Urteil zu bewundern. Ihr scharfer Verstand -fand immer das Richtige, und ein Phrasenmacher hätte -ihr gegenüber schweren Stand gehabt, da sie seine Rede -augenblicklich und schonungslos zerpflückt hätte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[67]</span></p> - -<p>Im Vordergrund des öffentlichen Interesses stand -zur damaligen Zeit erklärlicherweise die politische Lage -Europas. Die vorangegangenen Jahrzehnte hatten ja -genug Stoff geliefert. Von den Eltern waren die -glänzenden Waffentaten Preußens unter seinem großen -König den Kindern überliefert worden, und das jetzige -Geschlecht hatte die schrecklichen Tage der Pariser Revolution -gesehen, nach denen die ganze gebildete Welt -das Wachsen des jungen Korsen betrachtete. Anfangs -konnte man wohl ein Lächeln nicht unterdrücken, wenn -man von dem Jüngling vernahm, der in der französischen -Hauptstadt die oberste Gewalt besaß. Wie viele waren -ihm in den letzten Jahren in dieser Stellung nicht vorangegangen, -und wie lange würde es dauern, bis auch -ihn das Schicksal herunterwarf und er klanglos jenen -nachfolgte.</p> - -<p>Dann wieder horchte man auf, wie es hieß, daß -er, zur Unterdrückung des Pariser Aufstandes der -Königstreuen berufen, keine Beschwichtigungsreden an -die Aufständischen gehalten, sondern sie ohne Wimpernzucken -hätte niederkartätschen lassen. Mit wachsendem -Interesse sah man auf den siebenundzwanzigjährigen, -kühnen Obergeneral, der trotz der trostlosen Verhältnisse, -die die Revolution in seinem Lande zurückgelassen hatte, -ein Heer zusammenraffte und diese völlig mutlosen -Truppen in kurzer Zeit sich derartig ergeben machen -und für den Krieg so zu entflammen wußte, daß sie -jeder Gefahr spotteten. Der Soldat wuchs unter solcher -Leitung und vertraute blind auf seinen Führer.</p> - -<p>Dieser fiel nunmehr in Italien ein und schlug in -rascher Aufeinanderfolge mehrere auf den Schlachtfeldern -ergraute Feldherren, die sich an der Spitze<span class="pagenum" id="Seite_68">[68]</span> -ihrer kampfgeübten Truppen ihm entgegenstellten. Infolgedessen -wurde der Einfluß, den dieser Bonaparte -als erster Konsul in Paris ausübte, immer größer.</p> - -<p>Und als dann nach wenigen Jahren der Sieger -von Marengo und Hohenlinden sich selbst krönte und -als Napoleon der Erste zum Kaiser der Franzosen -ausgerufen wurde, da empfanden es die Völker Europas, -daß der Zwerg, der noch vor einem Jahrzehnt ihre -Spottlust erregt hatte, zu einem gewaltigen Riesen herangewachsen -war. Man traute seiner Friedfertigkeit -nicht, und im nördlichen Deutschland sah man mit gemischten -Gefühlen und untätig zu, wie der unfehlbare -Eroberer, über Russen und Oesterreicher zugleich, bei -Austerlitz einen seiner glänzendsten Siege erfocht, und -Schmach und Schmerz beschlich die deutsche Mannesbrust, -wie das alte deutsche Reich, dessen gewaltiger -Bau den wildesten Stürmen eines Jahrtausends getrotzt -hatte, in Trümmer ging.</p> - -<p>Eine Bangigkeit überfiel die vom Kriege noch -nicht heimgesuchten deutschen Staaten, – die verhängnisvolle -Ruhe vor einem Gewittersturm. Und dann -kam jener unselige Oktobertag, an dem die Nation -Friedrichs des Großen, das starke, das stolze Preußen -tief gedemütigt wurde.</p> - -<p>Die darauffolgenden Jahre hatten dann nichts als -Tod und Verwüstung gebracht. Jetzt schrieb man das -Jahr 1811. Was würde wohl noch kommen? Wieviel -Schmerzliches, wie viel Erniedrigung barg die Zukunft -noch in ihrem Schoße?</p> - -<p>Max vertrat die Meinung, daß Sachsen mit den -bestehenden Verhältnissen, obwohl sie auch vieles zu -wünschen übrig ließen, immerhin noch zufrieden sein<span class="pagenum" id="Seite_69">[69]</span> -könne, denn das Land hätte Napoleon doch für manches -zu danken. Er hatte sein Bündnis nicht zurückgewiesen -und es zum Königreich gemacht. Und dann: durfte der -König den Kaiser nicht seinen Freund nennen?</p> - -<p>Die Freihoferin hingegen verwarf diese Ansicht. -Das am Boden liegend Preußen war ein Bruderstaat, -war deutsch. Von Napoleon konnte Sachsen nicht -dauernd Gutes erhoffen, er war und blieb ein Franzose, -ein Feind. Was halfen Versprechen, wohl auch Geschenke, -wie dieses Herzogtum Warschau, das, richtig -besehen, nur das Unglück des Landes vergrößerte. Alle -seine Beteuerungen freundschaftlicher Gefühle seien eitel -Dunst, drüben aber winke eine Hand, die man nicht -verschmähen dürfe, die Hand des blutverwandten Stammes. -Freilich, <em class="gesperrt">wie</em> eine Änderung zum guten herbeigeführt -werden könne, wußte sie nicht. Wie konnte man beim -Anblick dieses mit schweren Gewitterwolken behangenen -politischen Himmels auch hoffen; kein freundlicher Stern -drang durch das dunkle Gewölk.</p> - -<p>Aber des Krieges war es für lange Zeit genug, -darin waren alle einig.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Friesen schlenderte am Bache entlang, der infolge -der andauernden Sommerhitze fast versiecht war. Nur -ein schmaler Streifen Wassers, in einer Rinne in der -Mitte des Bettes, hatte sich noch erhalten, und kein -Fremder hätte vermutet, daß dieses unschuldige Wässerchen -zuzeiten ein wildschäumender Bach werden konnte, -der alles mit fortriß, was sich ihm in den Weg stellte -und selbst schon Menschenleben gefordert hatte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[70]</span></p> - -<p>Friesen war wieder einmal allein; Max konnte -ihm in der jetzigen Zeit unmöglich Gesellschaft leisten. -Oftmals vertrieb er sich die Stunden mit Elisabeth im -Spiel, – anders konnte er die Unterhaltung mit ihr -nicht nennen. Sie liefen mit einander um die Wette, -sprangen im hohen Grase herum, oder zogen ihre -Schuhe von den Füßen und liefen in das seichte Wasser.</p> - -<p>Jeden Tag hatte Elisabeth neue Fragen an ihn -zu stellen; ihre Wißbegierde nach dem Leben in der -Stadt war unerschöpflich. Zuweilen traf es sich, daß -sie etwas von dem, was Friesen ihr am Tage vorher -erzählt, trotz emsigen Grübelns nicht richtig verstanden -hatte und deshalb eine neue Erklärung erbat.</p> - -<p>Aber bald trug es sich zu, daß Friesen öfters fragte -als sie. Das Fehlen einer tieferen Kenntnis der Natur -in ihrem mannigfachen Kleide wurde ihm erst jetzt so -richtig klar. Elisabeth hatte diese schwache Seite an ihm -mit lebhafter Befriedigung entdeckt und war sehr stolz, -daß sie klüger war als der kluge Stadtherr. Und wie -gut sie ihm das geheimnisvolle Weben anschaulich -machen konnte! Denn dieses Kind hatte in dem großen Buche -der Natur mit vielem Erfolg gelesen. Ihre Kenntnis -der Pflanzen, der Insekten, war verblüffend. Mit erstaunlicher -Sicherheit beschrieb und suchte sie selten vorkommende -Gräser und machte ihn auf kaum bemerkbare -Unterschiede in dem Bau einzelner Blüten aufmerksam. -Wenn Friesen manchmal einen leisen Zweifel über die -Richtigkeit ihrer Belehrung aussprach, so war ihr erstes -Wort »die Mutter«, die sie das alles gelehrt hatte, -und von deren Unfehlbarkeit sie überzeugt war. Aber -seitdem Friesen eines Tages errötend gestehen mußte, -daß er die Nadeln der Kiefer von denen der Fichte<span class="pagenum" id="Seite_71">[71]</span> -nicht unterscheiden könne, wagte er es nicht mehr, ihr -zu widersprechen. Sie war durch diese Unkenntnis -derart überrascht gewesen, daß sie nicht einmal ein -Lächeln fand, sondern ihm einen Blick tiefsten Bedauerns -zuwarf, als sei ihr bange um sein gesundes geistiges -Vermögen. Eine Entschuldigung dieser bewiesenen -Schwäche ließ sie nicht gelten. Selbst die schüchterne -Einwendung sprach nicht für ihn, daß ihm keine Zeit -zur Betrachtung geblieben sei, wenn er mit eigenen -Händen so manche junge Kiefer in das auflodernde -Lagerfeuer geschoben, oder wenn ihm eine starke Fichte -Schutz vor den heranfliegenden feindlichen Kugeln gewährt -habe.</p> - -<p>Elisabeth wies seine Rechtfertigungen schonungslos -zurück und meinte, daß sie es nie begreifen würde, wie -man ein Stück Holz ins Feuer werfen könne, ohne -dabei zu wissen, welcher Art es sei, oder daß man sich -hinter einen Baum stelle und nicht einmal dessen Namen -kenne.</p> - -<p>Diese und ähnliche Vorhaltungen leuchteten Friesen -zwar nicht recht ein, aber er wagte auch keinen Einspruch -mehr.</p> - -<p>Mit heißen Wangen, die der Eifer erröten ließ, -lehrte sie ihm das Schauen und Beobachten. Sie verfolgten -mit einander das Wachsen des Halmes, das -Werden und Aufbrechen der Knospe und das Schwellen -und Treiben der Frucht. Dann wieder führte sie ihn -mit blitzenden Augen, an der Hand hinter sich her ziehend, -durch das Gebüsch zu Vogelnestern, in denen niedliche, -gefleckte Eier lagen, oder die junge Brut piepsend ihre -nackten Hälse reckte und die hungrigen Schnäbel weit -aufsperrte.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[72]</span></p> - -<p>Jeden Vogelruf sollte er kennen; unermüdlich nannte -sie ihm den Namen des Vogels, dessen Gesang sie eben -gehört hatten. Zuweilen ahmte sie das Gezwitscher -nach, und er mußte raten. Dann wieder rief sie den -Namen eines der gefiederten Sänger des Waldes, und -Friesen hatte, so gut es gehen wollte, mit dessen Gesange -zu antworten.</p> - -<p>Bei allen diesen Unterweisungen lag auf des -Mädchens lieblichem Gesicht der altkluge Ausdruck, der -ihr so vortrefflich stand, und von dem es bis zum -Lachen doch nur einer ganz kleinen Bewegung der Gesichtsmuskeln -bedurfte. Lange konnte sie sich auch nicht -beherrschen, dann begann sie selbst wieder zu fragen, -oder neckte ihn. Und, – hui, flogen beide um die -Wette unter den Bäumen dahin.</p> - -<p>Aber heute war Friesen wieder einmal allein. -Elisabeth war, wie so manch liebes Mal, verschwunden, -und er wußte sie oben auf dem Schlosse.</p> - -<p>Langsam war Friesen bis zu dem kunstlosen Stege -geschritten, der über den Bach führte und aus einem -langen Brett bestand, das mit seinen Enden hüben und -drüben auf dem steinigen Uferrand auflag. Er ging -langsam und vorsichtig hinüber, denn die Brücke bog -sich unter der Last und drohte jeden Unvorsichtigen -hinab in den Bach zu werfen.</p> - -<p>Auf dieser Seite des Baches war er noch nicht -gewesen. Er ging weiter und betrat einen kleinen -Buchenwald, der sich in der Flußniederung hinzog. Es -waren lauter alte, herrliche Bäume, die hier standen.</p> - -<p>Friesen lief unter dem Laubdach hin, zuweilen an -einem dichten Brombeergebüsch stehen bleibend und nach -frühreifen Früchten suchend. Dann warf er sich in<span class="pagenum" id="Seite_73">[73]</span> -das schwellende Moos, das wie ein dunkelbraunes -Sammetpolster unter den Bäumen ausgebreitet war. -Eine lange Weile blieb er so liegen. Ueber ihm wiegten -die Bäume ihre Kronen, durch die an einigen Stellen -der blaue Himmel hindurchsah. Dann kam ein leichter -Windstoß, und die Äste rauschten stärker durcheinander.</p> - -<p>So gefiel es ihm, – diese wohltuende Einsamkeit -war Balsam, der die Wunde in seinem Herzen kühlte.</p> - -<p>Endlich sprang er wieder auf und ging nach dem -Stege zurück. In Gedanken versunken und die Augen -gesenkt, schritt er dahin. Da war es ihm, als wenn -er Rascheln von Laub wie unter menschlichen Tritten -gehört habe, und fast gleichzeitig klang ein unterdrücktes -Kichern.</p> - -<p>Friesen sah sich erstaunt um und bemerkte in -kurzer Entfernung seitwärts des Weges, am Fuße einer -mächtigen Buche, zwei Frauengestalten, die ebenfalls -geruht haben mochten und die sein Näherkommen aufgescheucht -hatte.</p> - -<p>In der kleineren von beiden erkannte er Elisabeth. -Von ihr war auch zweifellos das unterdrückte Lachen -ausgegangen, denn ihr Gesicht verriet noch zu deutlich -die Freude, die sie empfand, ihn überrascht zu haben. -Friesen fand kaum Zeit, ihr zuzunicken. Sein Blick -war zu dem anderen Mädchen geglitten, dessen Arm -Elisabeth umschlungen hielt. Es war eine hohe, -herrlich gebildete Frauengestalt. Aus dem feingeschnittenen -Gesicht blickte ein sinnendes Augenpaar herüber, über -dem dunkle Brauen ihre hochgewölbten Bogen gezeichnet -hatten. Auf dem Kopfe trug sie einen dichten Kranz -brauner Zöpfe. Die Erscheinung dieses Mädchens bot -ein Bild von Anmut und entzückender Frauenschönheit.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[74]</span></p> - -<p>Friesen zögerte einen Augenblick mit dem Weiterschreiten, -und er schwankte, ob er sich den Mädchen -nähern solle. Dann aber kam ihm blitzschnell das Verständnis -für die Lage, und die Rücksicht auf seine -Gastgeber bewog ihn, weiterzugehen. Er grüßte tief -hinüber und bemerkte, daß das schöne Mädchen errötete -und seinen Gruß durch leises Neigen des Kopfes -erwiderte.</p> - -<p>Nach wenigen Minuten befand er sich wieder auf dem -jenseitigen Ufer. Da hörte er hinter sich eilende Tritte -und wie er sich umsah, erkannte er Elisabeth, die gerade -den Steg überschritt.</p> - -<p>»Herr von Friesen?« rief sie von weitem, »laufen -Sie doch nicht so schnell. Ich will mit Ihnen nach -Hause gehen.«</p> - -<p>Er blieb stehen und sah ihr lächelnd entgegen. -Jetzt kam sie angesprungen. Ihre stark geröteten Wangen -traten aus dem bleichen Gesicht scharf hervor. Als sie -ihn erreicht hatte, legte Elisabeth vertraulich ihren Arm -in den seinen, wie sie es oft tat, wenn sie im Walde -nebeneinander gingen. Ihre Brust arbeitete infolge -des schnellen Laufes heftig, und sie mußte lange nach -Atem ringen, bevor sie sprechen konnte.</p> - -<p>»Das war meine Freundin Maria,« sagte sie stolz, -»Maria von Tiefenbach.«</p> - -<p>»Ach, Ihre Cousine,« entgegnete Friesen achtlos, -»die oben im Schlosse wohnt?«</p> - -<p>Ueberrascht hob Elisabeth den Kopf und sah ihm -in das Gesicht.</p> - -<p>»Aber, Herr von Friesen, woher kennen Sie denn -Maria?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[75]</span></p> - -<p>»Ich habe sie noch nie gesehen, aber schon vor -ihr gehört,« antwortete er. »Max hat mir erzählt, daß -es ein Schloßfräulein gäbe, mit dem unser kleiner -Wildfang vom Freihofe gute Freundschaft halte.«</p> - -<p>Das Mädchen hörte seine Neckerei nicht. Ihr -Gesicht zeigte einen gespannten Ausdruck, als sie rasch -fortfuhr:</p> - -<p>»Das hat Ihnen mein Bruder erzählt? Ach bitte, -Herr von Friesen, sprechen Sie mehr davon. Was hat -er alles von Maria gesagt?«</p> - -<p>Eine Blutwelle war dem Mädchen ins Gesicht getreten, -aus dem Friesen zwei bittende Augen entgegenleuchteten.</p> - -<p>Der junge Mann war betroffen. Er bereute seine -Worte, die die Erregung des Mädchens hervorgerufen -hatten. Von dem, was Max ihm erzählt hatte, durfte -er natürlich nicht plaudern, da wäre er ja auf das im -Freihofe sorgfältig gemiedene Thema gekommen. Da -hatte ihm sein Scherzen einen argen Streich gespielt, den -er sofort wieder gut machen mußte.</p> - -<p>So harmlos wie es ihm nur gelingen wollte, -antwortete er:</p> - -<p>»Max hat mir beiläufig erzählt, daß seine Familie -mit den Tiefenbachs vom Schlosse verwandt sei, und -daß der alte Herr dort oben nur ein einziges Töchterchen -habe. Das waren ungefähr seine Worte. So, und -nun habe ich gesagt, was ich weiß, und ich hoffe, daß -eine gewisse neugierige Fragerin befriedigt sein wird.«</p> - -<p>Verstohlen blickte er zur Seite und sah einen Zug -tiefer Enttäuschung auf Elisabeths Gesicht lagern, während -die Augen, die soeben noch voll Erwartung auf ihm -geruht hatten, gedankenvoll in die Weite schweiften.<span class="pagenum" id="Seite_76">[76]</span> -Es schien ihm, als wenn das Mädchen seinen Worten -nicht recht glaube, und nur ihr hohes Zartgefühl sie -davon zurückhalte, weiter in ihn zu dringen.</p> - -<p>Eine Zeitlang gingen sie schweigsam nebeneinander. -Dann aber wünschte Friesen das Mädchen auf andere -Gedanken zu bringen, und er ahmte mit großer Sorgfalt -den Ruf des Kuckucks nach. Dieser Versuch mußte -jedoch nicht besonders glücklich ausgefallen sein, denn -er bemerkte, wie sich die regungslosen Züge des schmalen -Gesichtes wieder belebten, wie es dann in den Mundwinkeln -zu zucken begann, und wie zuletzt seine Nachbarin -in herzliches Lachen ausbrach. Friesen aber war -froh, das Mädchen wieder heiter zu sehen, denn Ernst -stand ihrem Gesicht wirklich nicht. Im nächsten Augenblick -hatte sie wieder vergessen, was ihr Herz noch soeben -schwer bedrückte. Und fröhlich plaudernd trafen sie als -Letzte zum Mittagessen ein.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>An den folgenden Tagen war Friesen in Maxens -Begleitung wiederholt ausgeritten. Max hatte im Frühjahr -ein paar schöne Wagenpferde gekauft, die er auch -zugeritten hatte, sodaß sie, obgleich es zwei schwere -Gäule waren, recht gut unter dem Sattel gingen. Da -der Braune noch immer etwas lahmte, und die beiden -Pferde in diesen Tagen selten vor die Kutsche kamen, -benutzte er sie abwechselnd auf seinen Ausritten.</p> - -<p>Zuweilen begleitete auch Elisabeth die Herren zu -Pferde. Sie besaß einen prachtvollen Apfelschimmel, -ein hochgewachsenes, junges Tier, mit langer, weißer -Mähne und wallendem Schweife. Vor zwei Jahren -hatte Max das Tier aus Holstein mitgebracht, und in<span class="pagenum" id="Seite_77">[77]</span> -kurzer Zeit war das Mädchen mit der Reitkunst so -vertraut, daß ihre Leistungen alle überraschten.</p> - -<p>Friesen gewahrte mit Erstaunen die Sicherheit, mit -der Elisabeth den Schimmel ritt. Das kluge Tier -schien stolz zu sein unter seiner jungen Reiterin; es -spitzte verständnisvoll die Ohren und selbst der leichteste -Zungenschlag entging ihm nicht. Wenn aber seine -Herrin, sich herabbeugend, freundlich zu ihm sprach und -ihm den glänzenden Hals klopfte, da warf es schäumend -den Kopf auf und nieder und stampfte lebhaft den -Boden.</p> - -<p>Auf einem dieser Spazierritte lernte Friesen einen -jungen Bauern aus dem Dorfe kennen, namens Konrad -Hartmann, den starke Freundschaftsbande an Max -fesselten, und der, wie Friesen schnell bemerkte, sich -einer besonderen Wertschätzung durch die Freihoferin -rühmen durfte.</p> - -<p>Konrad Hartmann besaß einen kleinen Hof, der -am Ende des Dorfes lag, und in dessen Nähe, der -mündlichen Überlieferung nach, auf einem Hügel in -früheren Zeiten ein Galgen gestanden haben sollte. Jetzt -war davon freilich nichts mehr zu sehen, aber der Name -war geblieben, denn das Hartmannsche Anwesen hieß -allgemein der Hof am Rabenstein und sein Besitzer -kurzweg der Rabensteiner.</p> - -<p>Konrad ritt einen struppigen Fuchshengst, ein -feuriges Tier edelster Rasse, das ihm vor einigen Jahren -ein französischer Offizier halb geschenkt hatte, dem es -darauf ankam, daß das kranke Pferd recht gute Pflege -erhielt. Unter Konrads sorgfältiger Wartung hatte sich -das Tier langsam wieder erholt, und nun hing der -junge Mann, der weithin den Ruf eines ausgezeichneten<span class="pagenum" id="Seite_78">[78]</span> -Reiters genoß, an dem Hengst mit geradezu brüderlicher -Liebe.</p> - -<p>Konrad Hartmann war ein Feuerkopf und so etwa -gerade das Gegenteil des in seinen Entschließungen -schwerfälligen Max. Mit Staunen hörte Friesen den -einfachen Bauernsohn über die politischen Verhältnisse -treffende Worte sprechen. Sein Urteil über die zweideutige -Rolle, die Sachsen seit der Katastrophe von -Jena spielte, war vielleicht zu hart und für die Leiter -der Geschicke des Volkes schonungslos. Aber von seinen -Plänen über die Befreiung von den unwürdigen Fesseln, -die das Land mit dem Kaiser verbanden, ging ein Hauch -glühender Begeisterung aus und alle Gefahr nicht achtender -Liebe zu seinem Vaterland. Leider litten diese Pläne, -wie sich Friesen gestand, an dem großen Fehler, daß -sie niemals verwirklicht werden konnten, denn Alldeutschland -lag gedemütigt am Boden, und der Stern -des gewaltigen Eroberers hatte noch nie so glänzend -gestrahlt als in diesen Tagen. Dennoch lauschte Friesen -gern und mit Aufmerksamkeit Konrads Worten, und es -stieg in ihm dunkel die Meinung herauf, daß es -solcher Männer, wie diesen, leider nicht genug gäbe unter -dem sächsischen Volk.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Der Sommer war vorüber, der Winter stellte sich -ein, – und Friesen weilte noch immer auf dem Freihof -und half den ihm so rasch liebgewordenen Menschen -in dem einsamen, verschneiten Dorfe die langen Winterabende -kürzen. Nun war auch Weihnachten vorüber. -Das alte Jahr tauchte hinab in die Ewigkeit und ungewiß, -was es bringen würde, schaute man dem neuen -entgegen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[79]</span></p> - -<p>Da wurde plötzlich die Harmonie der ruhig dahinfließenden -Tage auf dem Freihofe rauh unterbrochen: -Friesen erhielt die schriftliche Ordre, sich unverzüglich -bei seinem Regimente zu melden. Von den besten -Wünschen und Hoffnungen auf frohes Wiedersehen in -nicht allzuferner Zeit begleitet, nahm er schweren Herzens -von der trauten Stätte und ihren lieben Bewohnern -Abschied.</p> - -<p>Noch ahnte niemand die schreckenvolle Zeit, der -man entgegenging. Aber nur allzubald sollte sich der -gnädig verhüllende Schleier der Zukunft lüften, denn -von neuem und diesmal unheilvoller denn je, klangen -die Kriegstrompeten durch die deutschen Gauen.</p> - -<p>Napoleons grenzenloser Hochmut geizte nach neuem -Ruhm. Die Taten eines Alexanders, eines Karls des -Großen standen ihm beständig vor der Seele und trieben -seinen empfindlichen Ehrgeiz bis ins Maßlose. Die -Völker zwischen dem Rhein und der Oder lagen zu -seinen Füßen, und ihre Herrscher buhlten um seine Gunst. -Nur Rußland stand noch aufrecht und spottete der Eroberungsgelüste -des Kaisers. Das Verhältnis zwischen -ihm und dem Kaiser Alexander war seit dem Wiener -Frieden immer kälter, zuletzt feindselig geworden, bis -endlich Rußlands Forderungen, Napoleon solle die französischen -Besatzungen aus Pommern und Preußen zurückziehen, -die Kriegserklärung folgte.</p> - -<p>Ganz Europa hallte wider von den ungeheuern -Rüstungen der beiden mächtigen Gegner.</p> - -<p>Der Kaiser hatte schon seit länger als einem Jahre -mit den Vorbereitungen für diesen Krieg im Geheimen -begonnen. Wie er nie aufgehört hatte, Preußen zu -mißtrauen, sah er dem Zusammenstoße mit Rußland<span class="pagenum" id="Seite_80">[80]</span> -wie etwas Unvermeidlichem entgegen. Sein erster Schritt -war gewesen, die Besserung der sächsischen Heeresverhältnisse -bei dem Könige von Sachsen auf das eifrigste -zu betreiben. Und eine gründliche Umgestaltung war -hier nach den Erfahrungen der letzten Feldzüge allerdings -ein unabweisbares Bedürfnis. Vor allem galt -es, eine Menge veralteter Einrichtungen zu beseitigen -und das Heer von der ihm anhaftenden Greisenhaftigkeit -zu befreien. Eine Anzahl alter, unfähiger Generale -wurde verabschiedet, und mehrere jüngere, befähigte Stabsoffiziere, -die die napoleonische Schule gebildet hatte, -rückten mit einer für die damaligen Verhältnisse unerhörten -Schnelligkeit auf.</p> - -<p>Das weitere Verlangen des Kaisers ging dahin, in -Sachsen einen großen befestigten Platz anzulegen, wozu -Torgau ausersehen wurde.</p> - -<p>Der leitende Minister der auswärtigen Politik -Sachsens war zu jener Zeit Senfft von Pilsach, der -keineswegs wie sein Vorgänger zu den knechtischen Bewunderern -Napoleons gehörte. Ja, er haßte ihn und -trug sich mit Gedanken an eine Abschüttelung des -französischen Jochs. Mit welch segensreichem Erfolge -seine Tätigkeit hätte gekrönt sein können, wie viel Kummer -und Verlust an Menschen, Land und Eigentum Sachsen -erspart geblieben wäre, wenn die Pläne dieses Mannes -nicht von einer Niederwerfung Preußens ausgegangen -wären, auf dessen Trümmern er die Aufrichtung einer -sächsisch-polnischen Macht im Herzen Europas erträumte. -In einer unbegreiflichen Verblendung wähnte er Preußen -auf alle Zeiten verloren, und aus diesem Grunde liefen -seine Gedanken, anstatt mit Preußen Verbindung zu -suchen, darauf hinaus, seinen Niedergang zu beschleunigen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[81]</span></p> - -<p>Um den Osten zu stärken, hatte Napoleon ungeheure -Waffenvorräte in dem Großherzogtum Warschau -angehäuft und die polnischen Reiterregimenter umgewandelt -und verstärkt, um im Falle des Krieges die -lästigen Kosakenschwärme von dem französischen Heere -fernzuhalten. Weiter war die Bildung von Nationalgarden, -die Verstärkung von Festungen und deren Armierung -an der russischen Grenze sowie die Bereithaltung -großer Mundvorräte in den Magazinen anbefohlen. -Schon in der Mitte des Jahres 1810 war in Dresden -ein französischer Stabsoffizier erschienen, um zu horchen, -ob der Kaiser in jedem Falle auf die sächsische Armee -rechnen könne.</p> - -<p>Die Stimmung in Sachsen war beim Ausbruche -des Krieges nicht überall dieselbe. Das verjüngte, -trefflich geschulte Heer freilich war von kriegerischem -Geiste beseelt und vertraute blind dem Genius des -Kaisers. Der Erfolg des Feldzuges erschien im voraus -gesichert, und der glückliche Ausgang versprach hohen -Gewinn für das Land.</p> - -<p>Die Bevölkerung teilte jedoch diese hoffnungsvolle -Meinung nicht. Der Bauer war des unaufhörlichen -Kriegführens müde und sehnte sich nach bleibender Ruhe. -Die vorangegangenen Feldzüge hatten zuviel Blut gefordert -und das Land ausgesogen und bis an den Rand -des Ruins gebracht. Aber das sächsische Volk war gewöhnt, -seinem Fürsten zu folgen und ihm sein ganzes -Vertrauen zu schenken. Deshalb legte man auch diesmal -wieder das Geschick des Landes zuversichtlich in -die Hände des geliebten Königs.</p> - -<p>Und so folgte Sachsen dem mächtigen Strom, der<span class="pagenum" id="Seite_82">[82]</span> -es in einen der schrecklichsten Kriege, den die Weltgeschichte -kennt, hineinriß, und dessen Folgen für das unglückliche -Land so verhängnisvoll werden sollten.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap04">4. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>In den ersten Tagen des Monats Mai 1812 benachrichtigte -Napoleon König Friedrich August durch -einen Ordonnanzoffizier von seiner baldigen Ankunft in -Dresden. Am 13. Mai überschritt der Kaiser in Begleitung -seiner Gemahlin und umgeben von einem glänzenden -Hofstaat in der Nähe von Plauen die sächsische -Grenze, wo ihm der vom König entsandte Oberkammerherr -von Friesen und General von Gersdorff namens -ihres Monarchen ehrfurchtsvoll empfingen. Der König -und die Königin selbst erwarteten den hohen Gast in -Freiberg. Infolge der zahlreichen Huldigungen, die dem -Kaiser auf der Fahrt von den Behörden dargebracht -wurden, verzögerte sich seine Ankunft, und die Folge -war, daß der König sich am Abend kaum zur Ruhe -begeben mochte und nur mit vieler Mühe bewogen werden -konnte, sich einige Stunden Schlafes zu gönnen. -Gegen Morgen traf das Kaiserpaar in dem Städtchen -ein, dessen Bewohner während der ganzen Nacht auf -den Beinen geblieben waren. Die ersten Schimmer des -anbrechenden Frührots mischten sich mit der festlichen -Beleuchtung der Stadt.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[83]</span></p> - -<p>Am Abend dieses Tages hielt der Kaiser unter -dem Geläute der Glocken seinen Einzug in Dresden. -Die märchenhafte Beleuchtung dieser schönen Stadt und -des lieblichen Elbtales während der Kaisertage übertraf -selbst alle derartigen Schauspiele, womit der verschwenderische, -prunkliebende Kurfürst August der Starke seine -Residenz einst verwöhnt hatte.</p> - -<p>Außer dem Kaiser und der Kaiserin von Österreich -hatten sich zahlreiche Fürstlichkeiten, hohe Offiziere -und Staatsmänner in der sächsischen Landeshauptstadt -eingefunden. Glänzende Feste wurden veranstaltet, von -denen jedes eine rauschende Huldigung des Allgewaltigen -zum Mittelpunkt hatte. Es waren Tage der verschwenderischsten -Prachtentfaltung, des höchsten Glanzes.</p> - -<p>Die deutschen Fürsten übertrafen sich gegenseitig -in der Begierde, einen Gunstbeweis von dem Kaiser zu -erhalten, und wenn er einen von ihnen ausgezeichnet -hatte, sah dieser stolz auf die, die sich noch immer um -einen gnädigen Blick des Gefürchteten bemühten.</p> - -<p>Napoleon hatte den Gipfel seiner Macht erklommen.</p> - -<p>Nur ein einziger von Deutschlands Fürsten ließ -sich von dem Strahlen des Kaiserlichen Gestirns nicht -blenden; es war der König von Preußen, der gebeugt -und düster durch die Versammlung schritt. König -Friedrich August von Sachsen wich seinem Blick aus, -und mit Ängstlichkeit mied ihn der Kreis der Fürsten. -Der Kaiser bemerkte dies mit freudiger Genugtuung, -die aber bald großem Verdrusse Raum gab, als er -hörte, welch teilnehmende Hochachtung die Dresdner -Bevölkerung dem preußischem König entgegenbrachte, -während ihn, den Kaiser, überall nur Neugierde und -das dumpfe Schweigen des Grolls empfing.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[84]</span></p> - -<p>Am 29. Mai verließ Napoleon Sachsens Hauptstadt, -um das Kommando der Armee zu übernehmen. -König Friedrich August war, um den Abschied von dem -erhabenen Gast nicht zu versäumen, so besorgt, daß er -nicht wagte, zu Bett zu gehen, sondern die Nacht im -Stuhle verbrachte. Zuletzt hätte er den richtigen Augenblick -beinah noch versäumt, doch gelang es ihm, dem -Kaiser noch bei seinem Hinabschreiten auf der Treppe -mit flüchtigen Worten Lebewohl zu sagen.</p> - -<p>Eine verzehrende Unruhe lastete wie ein schwerer -Druck auf dem sächsischen Volke. Der Sommer verging, -der Herbst nahte und entschwand, und bald brauste der -Winter mit fürchterlicher Strenge ins Land, und man -gedachte mit banger Besorgnis derjenigen, die weit entfernt -von der Heimat in den unendlichen Schneefeldern -Rußlands ihr Leben für die Laune des verhaßten Despoten -wagen mußten.</p> - -<p>Anfänglich hatte man genügend Nachrichten von -der Armee erhalten: die Kunden der Schlacht bei -Smolensk und bald darauf des fürchterlichen Gemetzels -von Borodino bewiesen, daß die Russen sich ihrer Angreifer -wie Rasende erwehrten. Dann verstummten alle -Nachrichten lange Zeit, und ihr Ausbleiben verschärfte -die Qualen, die die daheim erlitten. Plötzlich leuchtete -es an dem dunkeln Himmel wieder auf. Ein blendender -Blitzstrahl durchzuckte ganz Europa: die Kunde des -Brandes von Moskau drang herüber. Aber die Sorge -um den Einzelnen war kaum noch wach, in langen, -kummervollen Nächten hatte man sich schon für den -Verlust getröstet, mit der Hoffnung, daß dem teuern -Sohn ein schmerzvoller Tod erspart geblieben sein möge.<span class="pagenum" id="Seite_85">[85]</span> -Nur schwach glimmte noch in mancher Menschenbrust -der Funke der Hoffnung auf ein irdisches Wiedersehen.</p> - -<p>Nach dieser Nachricht war wieder Grabesstille. -Die ungeheure Armee, deren lärmender Durchzug tagelang -gedauert hatte, mit ihren tausend Kanonen und -dem nicht endenwollenden Troß, war verschwunden, als -wenn sie der Erdboden verschlungen hätte. Schmerzvolles -Erwarten, atemloses Aufhorchen, banges Fragen, -– – nichts, keine Nachricht. Alles still, als wenn -tiefster Friede im Lande herrsche! Nur die östlichen -Winde trugen etwas herüber wie Leichengeruch, als ob -sie über einen unermeßlich großen Friedhof mit offenen -Gräbern gestrichen wären, und aus ihrem Heulen und -Brausen klang es wie erstickte Schmerzenslaute und gestammelte -Gebete.</p> - -<p>So ging man dem Weihnachtsfeste des Jahres -1812, dem heiligen Feste der Liebe und des Friedens -entgegen.</p> - -<p>Wie hatten doch immer zu dieser Zeit die Herzen -höher geschlagen! Noch im vorigen Jahre hatte die -Freude alle Gemüter bewegt. Wenn auch genug des -Herzeleids die Welt erfüllte, und die dunkle Zukunft -viel Schweres in sich bergen mochte, man war vereint, -fühlte sich glücklich und war zufrieden mit dem Wenigen, -was das gefräßige Kriegsungeheuer einem gelassen hatte.</p> - -<p>Aber in diesem Jahre wollte die Herzen kein -wonniges Gefühl erwärmen, keine freudige Erwartung -erhob die Gemüter.</p> - -<p>Alle schlichen scheu umher. Man vermied es, den -Nachbar, den Freund zu trösten, in der Besorgnis, den -eigenen Kummer zu wecken, zu vergrößern. Ja man<span class="pagenum" id="Seite_86">[86]</span> -wagte zuletzt nicht mehr, zu fragen, aus tötlicher Angst, -daß das Entsetzliche sich offenbaren könne.</p> - -<p>Ein fürchterlicher Alp lastete auf jeder Menschenbrust, -und die Seelen durchzitterte tiefster Schmerz.</p> - -<p>Da lief plötzlich ein Raunen durch die Gassen der -sächsischen Lande. Zuerst ging das Gerücht wie ein -Windhauch. Jeder lieh ihm das Ohr und verstummte -jäh vor der entsetzlichen Kunde, unter der sich das -Herz krümmte. Dann wurde das Gerücht lebhafter, -laut, wuchs zum Lärm an und donnerte endlich wie -eine Lawine vor dem Orkan über das hartgeprüfte -Volk. Die schwache Hoffnung, die sich im Innern der -Stärksten tief verborgen noch erhalten hatte, erlosch in -einem einzigen Augenblick. Tötlicher Schrecken lähmte -die Glieder und raubte dem Geist den letzten Rest -seiner Spannkraft: die riesengroße, stolze Armee war -vernichtet! Alles was das russische Blei verschont, der -Säbel der Kosaken nicht niedergehauen, der Huftritt -ihrer Rosse nicht zerstampft, bei dem Überschreiten des -zugefrorenen und halb aufgetauten Dniepr nicht umgekommen, -oder bei dem gräßlichen Übergang über die -Beresina nicht zerdrückt, zertreten, zwischen den Eisschollen -zerquetscht worden war, – lag erstarrt auf den -endlosen Eisgefilden. Wie durch ein Wunder, hieß es -weiter, hätten sich wenige Tausend gerettet, deren Rückzug -sich so gestaltete, daß er in der Geschichte der -Kriegsleiden seinesgleichen nicht haben sollte.</p> - -<p>Wie ein Feuerstrom ging es von Herz zu Herz; -die Unterschiede in den Rangstufen der Menschen schienen -aufgehoben. Alle waren nur von dem einen Gedanken -beseelt, den zurückkehrenden Unglücklichen die Hände zu -reichen. Aber der Wunsch war stärker als die Tat.<span class="pagenum" id="Seite_87">[87]</span> -Große Vorbereitungen konnten nicht getroffen werden, -die Hast ließ keiner Überlegung Zeit, und die Kopflosigkeit -zerstörte oft wieder das schon bedacht Geschehene. -Der Schrecken hatte die Gemüter verwirrt.</p> - -<p>Und dann kamen die Trümmer der Armee Napoleons!</p> - -<p>Der Hunger hatte die des Weges nur noch Wankenden -fürchterlich abgemagert. Unter der schlaffen, farblosen -Haut ragten die Backenknochen, das Bein der Nase aus -dem hohlen Gesicht schauerlich hervor, und das Haar -hing wirr von der Stirn herab. Die Lippen dieser -Unglücklichen waren ausgetrocknet, und aus den eingefallenen, -matten Augen drang gänzliche Teilnahmlosigkeit, -grinste stiller Wahnsinn. Jeder Schein -militärischen Ansehens war von ihnen geschwunden. -Ihre Füße waren oft nur mit Lumpen oder Stroh -umwickelt, die spärlichen Kleider in Fetzen, und -um die Blöße des Körpers notdürftig zu bedecken, -hatte mancher um die fleischlosen Schultern nur den -Rest eines alten Mantels oder ein erbetteltes Tuch -geschlungen.</p> - -<p>So kamen sie daher, ohne Waffen und kaum fähig -sich weiter zu schleppen, das Zeichen furchtbarer Leiden -auf der Stirn und dort, wo sie einkehrten, ansteckende -Krankheiten verbreitend. Und doch waren es die, die -kaum vor Jahresfrist in stolzer Siegeszuversicht ausgezogen -waren.</p> - -<p>Die Garde du Corps bestand nur noch aus -7 Offizieren und 4 Mann, und von den frischen, kecken -Zastrows kehrten 13 Offiziere und 3 Gemeine in das -Vaterland zurück.</p> - -<p>Und er, der unter dem gewaltigen Schlage des Himmels -hätte zusammenbrechen müssen, prahlte in Dresden<span class="pagenum" id="Seite_88">[88]</span> -Sachsens König gegenüber mit seinen unerschöpflichen -Hilfsquellen und setzte nach kurzem Aufenthalt, einen -Gassenhauer trällernd, in einem schnell auf Schlittenkufen -gestellten Wagen der Königin am 17. Dezember -seine Weiterreise über Leipzig nach Paris unerkannt -fort.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Am 9. Januar 1813 trafen die ersten dieser Unglücklichen -in Leipzig ein. Ein Teil von ihnen, der auf -südlicheren Straßen marschiert war, berührte auch Rehefeld. -Fast in jedem Dorfe, das diese Trupps passierten, -mußten einige der Schwächsten zurückbleiben. Die Bevölkerung -wetteiferte in der Aufnahme und Pflege der -Soldaten, ohne darauf zu sehen, ob sie einen Deutschen -oder einen Franzosen im Hause hatten. Alle waren sie -Unglückliche!</p> - -<p>Mit dem Beginn des neuen Jahres hatte sich reicher -Schneefall eingestellt, dem starke und anhaltende Kälte -folgte. Die Jammergestalten konnten sich kaum noch -weiterschleppen, denn ringsum waren die Straßen verschneit, -und der scharfe Nord drang schneidend durch die -dünnen, zerrissenen Kleider der Ärmsten. Auch die -Mutigsten von ihnen wollten jetzt nicht mehr weiter und -nahmen mit Freudentränen die Aufforderung zum Bleiben -ohne Zögern an. Fast jedes Haus in Rehefeld hatte -unter seinem Dache einen der Fremdlinge, und selbst -die Ärmsten der Bewohner teilten mit ihrem Gaste -freudig die kärgliche Nahrung. Aber es bedurfte nicht -vielem, um die Soldaten zufrieden zu sehen. Die Ruhe -tat den von langem Marschieren im Schnee wundgewordenen -Füßen wohl, und es widerfuhr ihnen schon<span class="pagenum" id="Seite_89">[89]</span> -ein großes Glück, wenn sie nach langen Qualen und -Entbehrungen die starren Glieder auf weichem Lager -und in wohltuender Wärme ausstrecken konnten.</p> - -<p>Da brach, wenige Tage nach ihrem Eintreffen, -unter den Angekommenen eine Krankheit aus, die sich -rasch verbreitete und von der auch einige der Dorfbewohner -ergriffen wurden.</p> - -<p>Die Krankheitserscheinungen waren ernst. Man -riet deshalb nicht lange, sondern schickte einen Wagen -nach Leipzig hinein, um ärztliche Hilfe zu holen. Noch -an demselben Abend kamen zwei Militärärzte an, die -sofort mit der Untersuchung der Kranken begannen. -Unermüdlich gingen sie von Haus zu Haus; überall -begegneten ihnen die gleichen Krankheitserscheinungen. -Nach kurzer Beratung erklärten die Ärzte dem sie begleitenden -Ortsvorstand, daß die fiebernden Soldaten an -Typhus erkrankt seien und nicht länger in den Häusern -bleiben dürften, sondern daß für sie ein paar große -Räume als Spital herzurichten seien. In seiner Bestürzung -eilte der alte Mann auf den Freihof, wo er -am ehesten Rat und Beistand zu finden hoffte.</p> - -<p>Die Tiefenbachs waren noch wach. Sie beherbergten -selbst drei Soldaten, die ebenfalls von der -Krankheit befallen waren und in heftigem Fieber lagen.</p> - -<p>Max ließ sofort seine Leute wecken und sandte sie -im Dorfe herum, um einige der Entschlossensten herbeizuholen.</p> - -<p>Nach Verlauf einer halben Stunde waren sieben -oder acht Bauern versammelt. Die Ärzte, die die angebotene -Unterkunft auf dem Freihofe angenommen -hatten, beschrieben die Anforderungen, die an die Krankenzimmer<span class="pagenum" id="Seite_90">[90]</span> -gestellt werden müßten und gaben Unterweisungen -für die Überführung der Kranken.</p> - -<p>In kurzer Zeit einigten sich die Männer dahin, -daß der große Tanzsaal des Gasthofes und das dicht -daneben stehende Schulhaus für die Kranken eingerichtet -werden sollten. Der Lehrer und seine Familie mußten -während dieser Zeit bei einem Bauern Unterkunft bekommen. -Sollten diese Räume nicht ausreichen, so würde -man den Freiherrn um Aufnahme einiger Kranken im -Schloß bitten.</p> - -<p>Am andern Morgen, als die Sonne blutigrot am -Himmel heraufzog, und ihre Strahlen die eisige Kälte -noch fühlbarer machten, begann man damit, die zur Aufnahme -der Kranken ausersehenen Räume herzurichten. -Von allen Seiten brachten die Leute das im Hause -Entbehrliche herangetragen; dieser die Bretter eines alten, -wurmstichigen Bettes, die viele Jahre verstaubt und vergessen -auf dem Dachboden gestanden hatten, jener einen -Strohsack, der rasch mit weichem Haferstroh frisch gefüllt -worden war. Ein Dritter gab zwei wollene Decken, -wieder einer ein Deckbett, das noch warm war, da es -in der verflossenen Nacht ihm selbst gedient hatte, und -zwei Kissen dazu. Ein anderer erklärte, daß er und -sein Weib unter Decken nicht frieren würden, und er gab -alles, was sie an Betten besaßen. Die Hofbesitzer und -die großen Häusler trugen fast jeder ein vollständiges -Bett herbei, und vom Freihof kam ein zweispänniger -hochaufgepackter Wagen, von dem man vier Bettstellen -und ebensoviel Strohsäcke und Federbetten ablud. Keiner -wollte zurückstehen von der Erfüllung des Liebeswerkes -und wenn es der Ärmste war. Etwas hatte jeder, wars -auch nur eine geringe Gabe.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_91">[91]</span></p> - -<p>In wenigen Stunden waren die Räume soweit -instand gesetzt, daß man daran denken konnte, die kranken -Soldaten aus den einzelnen Häusern in ihr neues Heim -zu schaffen.</p> - -<p>Man zählte: dreiundzwanzig Kranke sollten es sein, -und neunundzwanzig Betten standen bereit. Gottlob! -Soweit war alles geglückt, das Hospital war fertig. -Der Tanzsaal allein konnte zwölf Kranke aufnehmen, -und die übrigen fanden in den beiden Gastzimmern daneben -und im Schulzimmer Unterkunft.</p> - -<p>Gegen Mittag brachte man die Kranken von allen -Seiten heran. In Decken und Betten gehüllt, wurden -sie vorsichtig bis zum Gasthof gefahren; aus den näher -liegenden Häusern trugen sie die Einwohner dahin.</p> - -<p>Alles beteiligte sich daran. Die beiden Ärzte waren -vorher emsig von einem Haus in das andere geeilt -und hatten die letzten Anordnungen für den Transport -gegeben. Nun standen sie inmitten der frischen -Betten und überwachten das sorgsame Hineinlegen der -Kranken. Ein Neugeborenes kann nicht zärtlicher und -liebevoller von seiner Mutter in den Arm genommen -werden, wie mit den Soldaten die Rehefelder verfuhren, -und die Kinder trugen den mit ihrer Bürde behutsam -Dahinschreitenden die wenigen und armseligen Kleidungsstücke -nach.</p> - -<p>Das Mitleid mit den Unglücklichen hatte die ganze -Einwohnerschaft ergriffen, und man suchte in der Betätigung -für die Notleidenden einander zu übertreffen.</p> - -<p>Unter denen, die sich von den frühesten Morgenstunden -ab um das gute Gelingen des Werks bemüht -hatten war auch Max.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[92]</span></p> - -<p>Nachdem er mit seiner Mutter kurz besprochen hatte, -was sie an Betten und Gerätschaften beisteuern konnten, -war er hinüber nach Zehmen geritten. Die Militärärzte -hatten erklärt, daß sie nicht länger bleiben könnten, -da ihre Hilfe in dem mit Kranken überfüllten Leipzig -nur allzu dringend gebraucht würde. Aus diesem Grunde -war er zu dem in diesem Dorfe wohnenden Arzt geeilt, der -freilich schon seit Jahren infolge hohen Alters seinen -Beruf nicht mehr regelmäßig ausübte, um ihn um seinen -Beistand für die jetzige Zeit der großen Not zu bitten. -Er fand den Greis im Bette liegend und krank, so daß -dieser ihm nur ein paar Ratschläge mit auf den Weg -geben konnte und in Aussicht stellte, nach einigen Tagen -selbst einmal nach den Kranken zu sehen.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap05">5. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Als Max gegen Mittag zurückgekehrt war, hörte -er, daß die Kranken in dem schnell hergerichteten Spitale -nunmehr glücklich untergebracht seien.</p> - -<p>Er konnte einen Ausdruck der Befriedigung darüber -nicht unterdrücken, und ein Gefühl der Beklemmung -wich von ihm bei dem Gedanken, daß die Einwohner -Rehefelds der unmittelbaren Gefahr der Ansteckung nicht -mehr ausgesetzt wären.</p> - -<p>Max ging nach dem Gasthof, da er wissen wollte -wie es nun darin aussah, ob man für die Zubereitung -der Speisen für die Kranken ausreichend gesorgt hatte -und schließlich, ob genug Pflegerinnen bestellt wären</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[93]</span></p> - -<p>Als er über den Platz vor dem Gasthof schritt, -standen ein paar Geschirre vor dem Hause. Die Pferde -hatten die Krippen vor sich und fraßen bedächtig, -während die Besitzer in der Gaststube weilten. Im -Hausflur angekommen, unterschied er drinnen einige -bekannte Stimmen, unter denen er auch die des Gemeindevorstands -erkannte, der froh sein mochte, der -größten Sorge ledig zu sein. Max schritt auf die Tür -zu, besann sich aber sofort eines anderen und wandte -sich wieder um. Langsam stieg er die Treppe hinauf, -um sich vorher die Unterbringung der Kranken anzusehen.</p> - -<p>In dem geräumigen Saale waren an den beiden -Längsseiten die Betten mit geringen Abständen von -einander aufgestellt, daß die Kranken mit den Füßen -nach dem in der Mitte entstandenen, breiten Gang zu -lagen. Die hölzernen Bettgestelle waren ungleich lang -und breit und die Bezüge verschiedentlich bunt gestreift -oder gewürfelt, wie sie die Bauern aus ihren Haushaltungen -zusammengetragen hatten. Einige der Kranken -schliefen, andere lagen wachend in den Kissen, und hier -und da warf einer in starkem Fieber unruhig den -Kopf hin und her.</p> - -<p>Drei Frauen gingen geräuschlos ab und zu oder -bemühten sich um die Kranken. Die erste, die Max -am nächsten stand, war eine alte Auszüglerin, die gewöhnlich -im Dorfe die Kranken wartete, und in einer -andern erkannte er die Frau des Schullehrers. Die -dritte kehrte ihm den Rücken zu und beugte sich gerade -tief auf das Bett eines Fiebernden nieder und hielt -diesem ein Glas Wasser an die Lippen.</p> - -<p>Max wußte nicht, wer diese Pflegerin war, aber -ihre Erscheinung fesselte sofort seinen Blick, so daß er<span class="pagenum" id="Seite_94">[94]</span> -die Augen auf der hochgewachsenen Gestalt ruhen ließ. -Sie trug ein dunkelblaues, eng anschließendes und ganz -einfach gearbeitetes Wollkleid, und ihr volles braunes -Haar war mit einem weißen Leinenhäubchen bedeckt. -Er sann nach, wer die Unbekannte sei, aber keines der -Mädchen im Dorfe glich ihr.</p> - -<p>Sein Verlangen, ihr ins Gesicht zu sehen, wuchs, -als er bemerkte, wie geschickt und zugleich schonend die -Pflegerin den Kranken aufrichtete, das Kopfkissen aufschüttelte -und dann den alten französische Soldaten -wieder sorgfältig darauf bettete. Nun ging das Mädchen -von dem Bett weg und wandte sich um, und gleichzeitig -mit dieser Bewegung begegneten ihre Augen seinem -Blicke.</p> - -<p>Max war derart betroffen, daß er schweigend und -wie angewurzelt auf seinem Platze stand, und es wollte -ihm selbst nicht gelingen, seinen Blick von ihr zu wenden. -Diese hätte er hier nicht vermutet, und aus diesem -Grunde konnte er seiner großen Verlegenheit nicht so -leicht Meister werden. Denn das Mädchen, dem er -gegenüberstand, und das unter seinem langen Blicke in -leichte Verwirrung geriet, war Maria von Tiefenbach.</p> - -<p>Noch nie hatten sich die beiden so nahe gegenüber -gestanden. Sie waren fast unbewußt jederzeit von -dem gleichen Wunsche beseelt gewesen, eine nahe Begegnung -zu vermeiden, und schon von weitem hatten -sie bisher beim Sichtbarwerden des andern unverfänglich -einen Seitenweg eingeschlagen. Und so war es gekommen, -daß ihnen ein dichtes Aneinandervorübergehen trotz der -engen Verhältnisse im Dorfe bis heute erspart geblieben war.</p> - -<p>Max hatte die Abneigung gegen die Leute vom -Schlosse mit der Muttermilch eingesogen, und in späteren<span class="pagenum" id="Seite_95">[95]</span> -Jahren war es wieder die Freihoferin gewesen, die -dieses unbewußte Gefühl zu einem bewußten und -trotzigen Haß gegen die Verwandten vertieft hatte. Wie -die Mutter, sah auch er in den Schloßbewohnern -herrische und hochmütige Menschen, die den Zweig der -Familie, der in das Dorf hinabgestiegen war, verachtete, -und von denen einer die teuere Verstorbene beschimpft -hatte. Deshalb war der junge Mann, als er sich dem -Mädchen unvermutet und zum ersten Male so nahe -gegenübersah, betroffen.</p> - -<p>Blitzschnell erwog er, wie er jetzt am richtigsten -zu handeln habe, um die, beide beklemmende Situation -zu beenden. Den Rücken wenden und hinausgehen, -das konnte er nicht, denn er war ja gekommen, um sich -zu erkundigen, ob es noch an etwas fehle, und diese -Absicht mußten die beiden anderen Pflegerinnen schon -bei seinem Eintreten erkannt haben. Dazu hatte er beim -Verrichten des ganzen Samariterwerkes allzusehr in -vorderster Linie gestanden, und vermutlich hatte der -Gemeindevorstand die Frauen auch schon angewiesen, -sich an ihn zu wenden, wenn an etwas Mangel einträte. -Und dann müßte er alle Höflichkeit unbeachtet -lassen, die man fremden Menschen und selbst denen -schuldig ist, deren Gesellschaft man meidet. Sein rücksichtsloses -Fortgehen würde die Jungfrau tief verletzen.</p> - -<p>Und was tat es denn überhaupt wenn er blieb? -Standen sie beide in diesem Augenblick nicht in einem -höhern Dienste, in dem der Nächstenliebe? Durfte er -jetzt Zwist und Abneigung vorschützen, um mit dem -Mädchen nicht nebeneinander arbeiten zu müssen? Steht -die Pflicht zur Barmherzigkeit nicht so unendlich hoch, -daß selbst Feinde zusammen an ihr arbeiten dürfen?<span class="pagenum" id="Seite_96">[96]</span> -Er würde sich engherzig und klein schelten und seiner -Standpunkt als niedrig bezeichnen müssen, wenn er hier -auswich. Deshalb mußte er bleiben. Sein innerer -Mensch wurde nicht betroffen, der konnte der alte bleiben. -Aber die Kraft dem leidenden Nächsten zu widmen, -auch unter diesen unbequemen Umständen, forderte einfach -seine Ehre.</p> - -<p>Diese Gedanken, die in schnellem Fluge durch -Maxens Seele zogen, verrieten sich auf seinem Gesicht -nur zu deutlich, daß das vor ihm stehende Mädchen sie -nicht hätte erraten müssen. Aber auch sie kämpfte mit -ihrer Verlegenheit.</p> - -<p>Da überkam den jungen Mann plötzlich die Eingebung, -daß er den Anstand verletze, wenn er jetzt nicht -das peinvolle Schweigen breche. Langsam schritt er -deshalb auf das Mädchen zu und indem er sich bemühte, -unbefangen zu bleiben, sagte er:</p> - -<p>»Es ist ein schwerer Beruf, den Sie gewählt -haben, aber viel Dank wird Ihnen dafür werden.«</p> - -<p>Sie schwieg eine kurze Weile, dann richtete sie ihre -großen, blauen Augen fest auf ihn und sagte mit wohllautender, -tiefer Stimme:</p> - -<p>»Dem leidenden Nächsten zu helfen ist Menschenpflicht. -Der beste Lohn dafür ist die Befriedigung, die -tief im Herzen quillt und die froher macht als der -Dank.«</p> - -<p>»Sie haben recht,« erwiderte Max, »diesen Beweggrund -soll auch der Mensch für seine guten Taten -haben, denn so hat es uns schon der große Nazarener -gelehrt. Aber haben Sie die Aufgabe, der Sie sich -freiwillig und gewiß mit vielem Eifer unterziehen wollen, -auch nicht unterschätzt? Dieser Beruf wird Anstrengungen<span class="pagenum" id="Seite_97">[97]</span> -und Entbehrungen von Ihnen fordern, die Sie vielleicht -nicht voraussahen, und die fast die Kraft eines Mannes -erfordern.«</p> - -<p>»Lassen Sie das ruhig meine Sorge sein, Herr -von Tiefenbach,« fiel Maria ihm ins Wort, »ich bin -von Jugend auf dazu angehalten, mein Tun nicht -unüberlegt zu beginnen. Aber weshalb zweifeln Sie -daran, daß ich nicht ebensogut wie andere Frauen imstande -sein werde, diesen Unglücklichen Trost und Hilfe -zu gewähren? Zu meinem Bedauern habe ich bis jetzt -keine Gelegenheit gefunden, meine Kraft in Dienste des -Vaterlands zu gebrauchen und dies zu einer Zeit, zu -der es nicht genug hilfsbereite Hände geben kann. -Jetzt ist mir die Gelegenheit geworden, und wenn ich -auch tausendmal lieber diese Kranken gesund wüßte, so -bin ich doch froh, daß sie sich gerade hier befinden und -ich mich ihrer annehmen kann. Nach der Schwere der -Bürde, die einem das Amt bringt, fragt man nicht -lange, frisch zugreifen und unerschrocken den Schwierigkeiten, -die sich in den Weg legen, entgegengehen, ist -doch immer das Richtige. Mag der Mann draußen -auf dem Felde der Ehre sein Alles einsetzen, uns -Frauen soll er in Räumen wie diesen walten lassen, -damit auch wir Gelegenheit haben, unser Teil beizutragen -zu dem großen Werke. Wir sind dazu berufen, -die geschlagenen Wunden zu heilen und die Schmerzen -zu lindern, die der unerbittliche Krieg verursacht.«</p> - -<p>Das Mädchen hatte die Worte in edelm Feuer -gesprochen, und die Begeisterung, die in ihr glühte, übergoß -ihr schönes Gesicht mit einer feinen Röte. Jetzt, -nachdem sie geendet, fühlte sie, daß sie vielleicht -zu viel gesprochen hatte und fast in Erregung gekommen<span class="pagenum" id="Seite_98">[98]</span> -war. Sie bereute ihre Worte und verstand es nicht, -wie die Begeisterung für ihr Vorhaben sie so mit sich -fortgerissen hatte.</p> - -<p>Max konnte nichts antworten, was hätte er dem -Mädchen nach diesen Worten auch sagen sollen. Überrascht -stand er vor der Jungfrau, bei der sich Schönheit -mit Anmut und Klugheit mit Gemüt vereinigten.</p> - -<p>Maria hatte sich nach ihren Worten wieder abgewandt -und war zum Bett eines Kranken getreten, der -mit heiserer Stimme zu trinken verlangt hatte. Behutsam -setzte sie ihm das Glas an die Lippen, das er -mit gierigen Zügen leerte.</p> - -<p>Max wechselte mit den anderen Frauen noch ein -paar Worte und verließ dann den Saal. Nach den -Worten des Fräuleins vom Schlosse zu urteilen und -nach dem, wie er sie hatte walten sehen, würde sie -eine vortreffliche Pflegerin sein. Wenn die beiden -andern ihre Aufgabe ebensogut erfüllten, dann waren -die Kranken in den besten Händen. Deshalb war es -ein Gewinn für die Sache, daß sich das Fräulein der -Pflege angenommen hatte. Und doch wünschte Max -das Mädchen vom Krankensaale weit weg!</p> - -<p>Daß er denen vom Schloß nicht für immer so -ausweichen konnte, wie es ihm bisher gelungen war, -damit hatte er schon gerechnet, daß er aber so unerwartet -mit einem von ihnen in Berührung treten sollte, -und noch dazu, wie er voraussah, öfters, das behagte -ihm nicht. Obendrein hatte dieses Mädchen etwas an -sich, das ihn aus seiner gleichmäßigen Ruhe bringen -konnte. Und von neuem stand ihm die Erscheinung vor -Augen. Mit welchem Anstand sie ihr Haupt zum -Gegengruß geneigt hatte, und in welch ruhigem Gleichmaß<span class="pagenum" id="Seite_99">[99]</span> -sie sprach. Noch jetzt, meinte er, hafte der Blick -aus ihren großen Augen auf ihm.</p> - -<p>Ein paarmal während des Tages verfiel Max in -tiefes Nachsinnen. Unwillkürlich schweiften seine Gedanken -von der Arbeit weg, und er überraschte sich -dabei, daß er die Hände müßig hielt und sich willig -der Erinnerung an die Begegnung überließ. Des -Mädchens hohe Gestalt, der lange Blick ihrer Augen -die wohllautende Stimme und endlich die Sicherheit, -die aus ihren Worten klang, hatte einen nachhaltigen -Eindruck auf den jungen Mann ausgeübt. Er fühlte -ein fast unbezähmbares Verlangen, einen tiefern Blick -in die Seele dieses schönen Mädchens zu tun. Aber -um dies zu erreichen, hätte er sich ihr mehr nähern -müssen, als es ihm, der Pflegerin inmitten ihrer Kranken -gegenüber, möglich war. Und das durfte er nicht!</p> - -<p>Maria von Tiefenbach war seine Anverwandte, -denn sie waren ja Geschwisterkinder. Aber er durfte -nicht vergessen, daß sich ein tiefer Abgrund zwischen -ihnen hinzog, über den hinweg nimmermehr eine Brücke -geschlagen werden konnte. So lange es die beiden -Familien vom Freihofe und vom Schlosse geben würde, -so lange würde auch die Kluft bestehen. Das war für -alle Zeiten bestimmt, und niemand durfte sich vermessen, -an diesem Spruch zu rütteln. So hatte es sein -Großvater gewollt, nachdem der eigene, hochmütige -Bruder die Auserwählte seines Herzens beschimpft -hatte. Des jungen Freihofers empfindlicher Stolz -bäumte sich hoch auf, wenn er an das schwere Unrecht -dachte, das seiner Großmutter von denen droben -einst zugefügt worden war.</p> - -<p>Und selbst dann, wenn es ihn mit unwiderstehlicher<span class="pagenum" id="Seite_100">[100]</span> -Macht zu dem Fräulein hinziehen würde, – wie -wäre es ihm möglich, vor seine Mutter zu treten und -ihr zu sagen, daß er wieder Freundschaft schließen -wolle mit den Leuten vom Schlosse? Würde er dergestalt -seine alte Mutter nicht verraten? Sie, die er -mit der zärtlichsten Liebe umgab, die ein Kind für -seine Mutter nur empfinden kann! Freilich lagen seine -Gefühle nicht auf der Zunge, denn beider Naturen -waren hart und nicht für den offenen Austausch von -Liebeszeichen geschaffen. Aber wie es Max jeden Tag -von neuem fühlte, daß ihr rauhes Äußere nur die -Glut ihrer mütterlichen Empfindungen für ihre beiden -Kinder verbarg, wußte er, daß die bedingungslose Ehrfurcht -und Unterwerfung vor ihr und die fast abgöttische -Liebe zu seiner Mutter die stärksten seiner Gefühle -waren, die ihn jemals bewegen konnten und die in -seine Seele unlösbar hineingewoben waren. Deshalb -konnte von einer Annäherung zu den Verwandten niemals -die Rede sein, wenn nicht seine Mutter selbst den -Wunsch dazu aussprechen würde. Aber dieser Umschwung -würde in ihrer Seele nie eintreten. So glühender -Haß erlischt nur mit dem Tode dessen, der ihn mit -sich herumträgt.</p> - -<p>Und selbst wenn in seiner Mutter der Wunsch dazu -rege würde, dürfte sie es dennoch nie tun! Als sie vor -Jahren ihm, dem Knaben, die Feindschaft zu den -Schloßleuten ins Herz gepflanzt, da hatte sie ihm zuletzt -anvertraut, gleichsam als wolle sie ein blutigrotes, -brennendes Siegel unter ihre Worte setzen, daß sie -ihrem sterbenden Vater unversöhnliche Feindschaft denen -im Schlosse gegenüber in die Rechte gelobt habe.</p> - -<p>Aus allen diesen Gründen unterdrückte Max seinen<span class="pagenum" id="Seite_101">[101]</span> -Wunsch das Fräulein näher kennen zu lernen. -Vielleicht würde er, wenn es geschah, nur einen Widerstreit -seiner Empfindungen heraufbeschwören, und es -würde ihm dann gewiß schwerer werden als heute, das -so schnell erwachte Interesse für dieses ungewöhnliche -Mädchen wieder zu verlieren und den Eindruck zu -verwischen, den es auf ihn ausgeübt hatte.</p> - -<p>Während der folgenden Tage betrat Max wiederholt -die Krankenzimmer und mußte von neuem Gelegenheit -nehmen, mit Maria von Tiefenbach zu reden. -Sie sprach unbefangen, ihre Stimme dämpfend und begleitete -ihre Worte mit ausdrucksvollen Bewegungen der -Hand. Was sie ihm über den Zustand der Kranken -zu berichten hatte, sagte sie in knappen Sätzen. Teilte -sie ihm Erfreuliches mit, so blieb sie dennoch ernst, nur -in dem aufleuchtenden Blick ihrer Augen konnte Max -ihre Freude lesen. War hingegen Schmerzliches zu berichten, -so erriet er dies schon, bevor sie begann, an -ihren umflorten Augen. Sie vermied es ängstlich, sich -ihm gegenüber weich oder erfreut zu zeigen und schien -ihm im stillen dafür dankbar zu sein, daß er ihr weder -tröstende, noch Worte der Anerkennung sagte. Selbst -als sie ihm eines Morgens mitteilen mußte, daß ein -junger bayerischer Dragoner, den sie, wie er wußte, -Tag und Nacht in unermüdlicher Sorgfalt gepflegt, und -der ihr durch die endlich herannahenden Zeichen seiner -Genesung viel Freude bereitet hatte, infolge eines plötzlichen -Rückfalls in der verflossenen Nacht gestorben -war, fügte sie ihrer Meldung keine weiteren Worte -hinzu.</p> - -<p>Max vermochte nicht sein Mitgefühl zu unterdrücken, -das in ihm emporkam, als er in diesen Augenblicken<span class="pagenum" id="Seite_102">[102]</span> -das Mädchen betrachtete. Ihre Wangen waren -von den ungewohnten Anstrengungen der letzten Tage, -besonders aber von den vielen Nachtwachen bleich geworden, -und ihre Haltung war die eines müden -Menschen. Außer den Anzeichen großer Abspannung -lag auf ihrem Gesicht tiefe Ergriffenheit. Er sah, wie -sie sich fast Gewalt antun mußte, um bei ihren Worten -nicht in Tränen auszubrechen.</p> - -<p>Mit wachsender Teilnahme stand Max dem Fräulein -gegenüber, denn er erriet, was in ihrem Innern -vorging. Zu gleicher Zeit wußte er aber auch, daß -sein sehnliches Verlangen, einen Blick hinter das ernste -Antlitz dieses Mädchens zu tun, sich schon erfüllt hatte.</p> - -<p>Da drang ihm plötzlich ein heißer Strom zum -Herzen, den zurückzudämmen er sich anfangs bemühte, -um sich im nächsten Augenblick aber dieser Weichheit -in willenloser Freude hinzugeben. Denn was sich ihm -hier offenbarte, war ein edles Frauengemüt! Rasch fand -er die Erklärung für den großen Schmerz des Mädchens. -Mit Hingabe hatte sie den Krieger nun fast zwei -Wochen hindurch gepflegt, nicht der Anstrengungen -achtend, die ihre Wangen hohl gemacht hatten. Unsägliche -Freude hatte sie empfunden, als seine kräftige -Natur in dem erbitterten Kampf mit der schweren -Krankheit endlich die Oberhand gewann, und sie fühlte -dadurch ihre heißen Bemühungen tausendfach belohnt. -Schon sah sie, wie die Gesundheit in den erstarkenden -Körper wieder einzog, – da begannen gestern Abend -die Pulse von neuem zu hämmern, die Temperatur stieg -bedrohlich und ohne einen Grund dafür erkennen zu lassen, -stand wieder auf derselben Höhe wie in den Tagen der<span class="pagenum" id="Seite_103">[103]</span> -qualvollsten Zweifel, stieg darüber hinaus, – und dann -mußte sie ohnmächtig zusehen, wie der eben wieder -lebensfroh gewordene Kranke die Augen hilfesuchend auf -sie richtete und mußte zulassen, daß der dem Tode -kaum Entrissene dennoch sein Opfer wurde. In einer -einzigen Nacht war ihre große Freude zu schwerem -Kummer geworden.</p> - -<p>So, fühlte er, hatte es sich zugetragen, und ihre -Seele, die warme Nächstenliebe, Aufopferung und tiefes -Mitgefühl anfüllte, hatte großen Schmerz erlitten.</p> - -<p>Da konnte er seine Bewegung nicht mehr meistern: -er trat zu der sich eben wieder von ihm wendenden -Jungfrau, nahm ihre Hand in die seinige und sprach -ihr mit teilnehmenden und tröstenden Worten sein Mitgefühl -aus.</p> - -<p>Das Fräulein war bei der Berührung ihrer Hand -unwillkürlich zusammengeschreckt, aber sie hatte sie ihm -doch willig überlassen und mit Verwunderung seinen -Worten zugehört. Eine starke Blutwelle trieb wieder -nach ihrem Kopfe und färbte ihre blassen Wangen dunkelrot, -bis hinauf unter die schweren, braunen Zöpfe auf -ihrem Haupte.</p> - -<p>Langsam entzog sie ihm endlich ihre Hand und trat -einen Schritt zur Seite. Dann sprach sie:</p> - -<p>»Herr von Tiefenbach, ich danke Ihnen für Ihre -Teilnahme. Ich hatte sie nicht erwartet und konnte nicht -ahnen, daß Sie meinen Schmerz erkennen würden. Der -Tod dieses mir noch vor wenigen Wochen Unbekannten -hat mich, wie Sie richtig erraten haben, schwer getroffen -und mein tiefstes Bedauern wachgerufen. Er -liebte das Leben und klammerte sich mit bewunderungswürdiger -Zähigkeit daran fest. Und wie beglückt und<span class="pagenum" id="Seite_104">[104]</span> -dem Schöpfer dankbar er dem neuen Leben entgegenging! -– Doch, Herr von Tiefenbach,« fuhr sie nach -einer kurzen Pause der Sammlung in verändertem Tone -fort, »eine Pflegerin darf nicht weich werden, sonst -taugt sie nicht für ihr Amt. Voll Freude hatte ich dem -Verstorbenen in seinen schweren Leidenstagen meine -Kräfte gewidmet; er sollte nicht genesen. Jetzt gehört -meine Kraft wieder den Lebenden!« Und mit dem -stummen Gruße, mit dem sie sich sonst von ihm zu verabschieden -pflegte, ging das Mädchen zu den Kranken.</p> - -<p>Auf Max hatte dieser Vorgang tief eingewirkt. -Das, was er bis zu dieser Stunde nur empfunden -hatte, war mit einem Schlage Überzeugung: in diesem -schönen Mädchen wohnte eine herrliche Seele, auf deren -tiefsten Grund er soeben geschaut hatte. Durch die -wenigen Worte, die er mit dem Fräulein gewechselt, -fühlte er sich ihr innerlich nähergerückt. Es war, als -wenn eine hohe Schranke, die bis heute zwischen -ihnen aufgetürmt war, von Zauberhand beseitigt -worden sei.</p> - -<p>Wenn sich im Leben zwei Menschen dabei kennen -lernen, daß ihnen ein Erlebnis von scheinbar geringer -Bedeutung zustößt, das sie aber zwingt, sich gegenseitig -einen vollen Einblick in das wie durch einen Blitzstrahl -erhellte eigene Innere zu gewähren, und beide gleichzeitig -erkennen, daß ihre Empfindungen und Anschauungen -in der ihre Herzen berührenden Frage -übereinstimmen, dann webt das Schicksal auch sogleich -mit emsiger Hand geheimnisvolle Fäden von einem -Herzen zum andern. Die Worte der Zurückhaltung und -Förmlichkeit erscheinen ihnen nichtssagend und armselig, -deshalb lassen sie den Zwang fallen und sprechen zueinander,<span class="pagenum" id="Seite_105">[105]</span> -als ob sie schon seit Jahren gute Nachbarn -wären. Und doch waren sie sich noch vor einer Stunde -fremd und hatten sich im Leben vielleicht noch niemals -gesehen. Das kleine Ereignis aber hat beide menschlich -so nahe gebracht, wie sonst nur Vertraute zueinander -stehen. Jahrelang wandeln oft zwei Menschen nebeneinander -dahin, ohne daß sie sich bis ins Innerste des -Herzens hinein kennen lernen. Es bedeutet mitunter -viel, einen Menschen so zu finden, denn die in solchen -Stunden geschlossene Freundschaft dauert nicht selten bis -über das Grab hinaus.</p> - -<p>Max fühlte, daß dieser Vorfall imstande sein konnte, -von großer Bedeutung für sein künftiges Geschick zu -werden. Wären sie nicht feindliche Geschwisterkinder gewesen, -so hätten sie in dem angeschlagenen vertraulichen Tone -länger zusammen gesprochen, und des Mädchens Worte -hätten wohl herzlicher geklungen. Aber so hatte, -während sie miteinander sprachen, neben ihr der Schatten -des Familienzwists, an seiner Seite der alte Haß gestanden, -unter deren Eishauch die Herzlichkeit nach dem -ersten Aufschäumen frostig wurde und sich alsbald in -eine kaum zu verbergende Verlegenheit verwandelte. Und -dadurch ward das aus dem Herzen freudig hervordrängende -Gefühl getötet, noch ehe es der Mund in Worte -prägen konnte.</p> - -<p>Und während sich Max unaufhörlich mit dem Begebnis -am Morgen dieses Tages beschäftigte, zog in -seiner Brust, in der bisher im Leben die widerstreitenden -Gefühle friedlich nebeneinander geschlummert hatten, in aller -Stille ein Sturm herauf, der den starken Mann wie ein -schutzloses Bäumchen auf einsamer Höhe schütteln sollte.</p> - -<p>Der Anblick, den das Fräulein heute geboten hatte,<span class="pagenum" id="Seite_106">[106]</span> -stand Max in plastischer Deutlichkeit vor der Seele. -Er sah wieder ihr bleiches Gesicht mit den müden -Augen und dem Zuge von verhaltenem Schmerz, der -sich um ihren Mund gelagert hatte, und wenn sie sprach, -kostete es sie sichtlich Mühe, ihre zuckenden Lippen zu -beruhigen. Jedem anderen Menschen, dessen Seelenschmerz -sich ihm so offenbart hätte, würde er in reicherem -Maße Trost zugesprochen haben. Das gebot ihm -die Christenpflicht. Und in welch raschem Flusse gleiten -erst die Worte vom mitfühlenden Herzen, wenn es gilt, -einen edeln Menschen zu trösten, den der Kummer durch -selbstlose Hingabe an Unglückliche überkommen ist.</p> - -<p>Aber wenn immer er einem Leidenden das Herz -erschließen durfte, hier durfte er es nicht! Diesem gemütvollen, -erschütterten und doch willensstarken Mädchen -gegenüber, zu dem ihn sein empfindsames Herz, ohne -daß er widerstreben konnte, heute hingedrängt hatte, -diesem Mädchen gegenüber mußte er seine Brust mit -Eisen panzern. Denn sie war seine Feindin.</p> - -<p>Max fuhr mit der Hand über die Stirn, als -wenn er damit alle Unruhe verscheuchen könne, die ihn -überfallen hatte. Seine Feindin, sagte er eben? Ja, -war sie denn wirklich seine Feindin? Konnte das blasse, -schöne Mädchen mit dem reichen Gemüt, das seine -Kraft so bereitwillig in den Dienst der Leidenden stellte, -und das der Tod eines ihrer Kranken so mächtig ergriffen -hatte, wirklich etwas getan haben, daß ein -Mensch auf der ganzen weiten Welt sagen durfte: Seht, -das ist meine Feindin?</p> - -<p>Und doch war er es, der sie Feindin nannte! Beging -er damit nicht ein großes Unrecht? Hatte sie eine -Mitschuld an dem ganzen unseligen Familienzwist?<span class="pagenum" id="Seite_107">[107]</span> -Warum vergalt man ihr, was ihr Großvater versündigt -hatte? Mußte er als Christ diese Handlungsweise nicht -als eine schwere Versündigung an einem unschuldigen -Menschen bezeichnen, und warum lehnte sich nicht alles -Gute in ihm auf gegen eine solche Tat?</p> - -<p>Alle diese Fragen drangen zu gleicher Zeit mit -Ungestüm auf Max ein, und sein sonst so ruhiges -Denken geriet in arge Verwirrung. Daran, daß die -Feindschaft, die die Freihofer gegen die Schloßleute -unterhielten, berechtigt sei, hatte er noch nicht gezweifelt. -Jetzt schien es ihm, als wenn eine Binde von seinen -Augen fiele. Von allen Seiten kamen ihm plötzlich -Zweifel über die Richtigkeit seiner tiefen Abneigung. -Sie drangen auf seine Seele ein und vereinten sich zu -der ernsten Anklage: Du hast denen droben auf dem -Weißen Schlosse schon seit Jahren schweres Unrecht -getan.</p> - -<p>Max wußte nicht, wie ihm geschah. War es -möglich, daß er in Zweifelsqualen darüber geraten -konnte, ob seine Abneigung, sein feindseliges Gefühl -gegen die Verwandten berechtigt sei?</p> - -<p>Während des ganzen Tags war der Freihofer wie -ein Träumer umhergegangen. Nach dem Mittagessen -hatte er sich hinter die Wirtschaftsbücher gesetzt, aber -die Arbeit wollte nicht vorwärts gehen. Der Kopf war -ihm zu voll. Wenn er die schwarzen Zahlen betrachtete, -schien es ihm, als wenn sie lebendig geworden -wären, wunderliche Formen annähmen und durcheinander -tanzten. Schrieb er sie nieder, so mußte er genau -achtgeben, daß er nicht eine falsche Summe eintrug.</p> - -<p>Da wurde er mit einem Male ärgerlich, denn er -hatte in dem neuen Hauptbuch dem Händler Kornteuer<span class="pagenum" id="Seite_108">[108]</span> -die dreihundert Taler, die dieser noch vom Herbst her für -Getreide schuldete, ins Haben anstatt ins Soll geschrieben.</p> - -<p>Ärgerlich warf Max die Feder beiseite, klappte -das Tintenfaß heftig zu und verließ das Zimmer. -Seine Mutter, die am großen runden Tisch stand und -von einem dicken Ballen Leinwand Stücke abschnitt, -um daraus Hemden für die kranken Soldaten anzufertigen, -hielt die Schere still und sah erstaunt dem -Sohne nach. Was war es mit ihm? Es war ihrem -scharfen Blicke nicht entgangen, daß er bereits seit -einigen Tagen in sich gekehrt und zerstreut war. Abends, -wen sie sich um die Lampe versammelt hatten, war -er einsilbig gewesen. Anfangs hatte er oft und mit lebhaften -Worten von seinen Kranken gesprochen, jetzt berichtete -er nur noch kurz von ihnen. War er nicht -mehr zufrieden? Was konnte es sein, das seinen Blick -so versonnen machte?</p> - -<p>Aber die Freihoferin war nicht gewöhnt, über -kleine Veränderungen im Wesen ihres Sohnes lange -zu grübeln. Seine Seele lag von Kindheit an wie ein -offenes Buch vor ihr, in dem sie Tag für Tag las, und -sie wußte genau, was auf jedem Blatte geschrieben stand. -Deshalb ließ sie schnell diese Gedanken fallen und -wendete die Aufmerksamkeit wieder ihrer Arbeit zu.</p> - -<p>Max war unterdessen über den Hof gegangen und -in die große Scheune getreten, wo die Knechte in zwei -Runden Weizen ausdroschen. Eine kurze Weile hielt -er sich dort auf, dann ging er wieder zurück und -schlenderte durch die Ställe. So lief er lange Zeit -durch alle Wirtschaftsräume, Arbeit suchend und keine -findend. Wenn er eine kleine Unregelmäßigkeit entdeckte, -ward er ärgerlich und schalt die Mägde.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[109]</span></p> - -<p>Im hintersten Stand hatte sich eine Kuh losgemacht -und bog gerade zu einem Spaziergang in die -Stallgasse ein, und wie er den Pferdestall betrat, fiel -sein Blick auf die tragende Stute, deren Kette so lang -gesteckt war, daß das Tier mit dem Maule bis zu -dem hohen Streustroh herunter konnte und dieses -fraß. Jeden andern Tag hätte er selbst Hand -angelegt, um dem Mangel abzuhelfen. Heute rief er -mit schallender Stimme nach dem Gesinde. Überall -fand er zu verbessern und zu tadeln. Alles sah er, -nicht die kleinste Unregelmäßigkeit entging seinem Auge. -Und doch waren seine Gedanken nicht bei ihm, immer -standen vor seinem Geiste die umflorten Augen eines -schönen Mädchens.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Der kurze Januartag neigte sich seinem Ende zu. -Max stand in der Stube an einem der Fenster, die -nach der Straße lagen und blickte hinaus auf die beschneite -Landschaft. Überall, wohin das Auge reichte, -nichts als Schnee. Auf der Dorfstraße war eben der -mit sechs kräftigen Gäulen bespannte Schneepflug vorübergegangen -und hatte eine breite Bahn hinterlassen. -Hüben und drüben türmte sich der Schnee hoch auf, -der auch heute bis zum Nachmittag wieder unaufhörlich -gefallen war. Jetzt hatte sich ein scharfer Wind -erhoben, die oberste feine Schicht des Neuschnees vor -sich hertreibend. Es war bitterkalt draußen, und der -Himmel hing voll grauer Wolken. Die schwarzen Äste -der breiten Buchen waren mit der weißen Masse dicht -bedeckt, und jede der Zaunlatten trug ein hohes Häubchen -davon.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[110]</span></p> - -<p>Max beobachtete, wie sich ein einsamer Spatz dicht -vor dem Fenster auf den Zaun niederließ. Das Tierchen -guckte sich mit flinkem Drehen des Köpfchens nach -allen Seiten ein paarmal um wie aber keiner von -seinen, augenscheinlich schon zur Ruhe gegangenen -Spießgesellen erschien, piepste es mit leiser Stimme einmal -auf und flog dann davon. Ein winziges Häufchen -Schnee fiel dabei vom Pfahl herunter.</p> - -<p>Weit und breit war nichts Lebendes zu sehen. Die -Natur verharrte in tiefem Schweigen.</p> - -<p>Max sah nichts mehr von dem weißen Bilde. Er -hatte den Kopf an die Scheiben gelegt und kühlte seine -brennende Stirn.</p> - -<p>Warum, so fragte er sich heute wohl zum hundertsten -Male, läßt man die Lebenden entgelten, was die -Toten versündigt haben. Dann stürmten wieder bittere -Vorwürfe auf ihn ein, und in seiner Seele stieg von -neuem ein müdes Frauenantlitz herauf, das seine von -langen Wimpern beschatteten Augen stumm auf ihn -richtete.</p> - -<p>Da wurde der Träumende plötzlich abgelenkt. -Vom Freihof ein Stück die Straße hinauf, drüben -hinter dem schwarzen Dorfteich, stand ein kleines Häuschen, -aus dessen Schornstein sich eine dünne Säule -blauen Rauches wand. Dort wohnte eine arme, junge -Frau, die kurz vor Weihnachten den Mann verloren -hatte, mit ihren vier Kindern, von denen die ältesten -zwei schwer am Keuchhusten litten.</p> - -<p>Aus diesem Hause trat soeben eine weibliche Gestalt -heraus und lief mit eilenden Schritten durch den -Schnee herüber nach der Straße. Der Wind spielte -mit den Zipfeln des wollenen Tuches, das sie um<span class="pagenum" id="Seite_111">[111]</span> -Brust und Kopf geschlungen hatte und versuchte, es -ihr zu entreißen. Aber sie bemerkte seine Anstrengungen -und wickelte sich fester in das Tuch. Max bemühte -sich, die Näherkommende in der sich niedersenkenden -Dämmerung zu erkennen und trat von neuem dicht -an das Fenster. Aber ihr Kopf war sorgsam eingehüllt, -und das Tuch ließ das Gesicht nicht frei. Jetzt -war sie am Fenster angekommen und wollte gerade vorübereilen, -da riß ihr ein heftiger Windstoß das Tuch -von der Stirn. Hastig griff sie danach, um das Gesicht -wieder zu bedecken, – aber es war zu spät.</p> - -<p>Max war mit einem schnellen Schritt vom Fenster -verschwunden und zur Seite getreten. Aber er konnte -die Augen nicht von der Gestalt losreißen, durch die -Gardine hindurch schaute er dem rasch davon eilenden -Weibe nach. Der kurze Augenblick, in dem ihr Gesicht -unbedeckt gewesen war, hatte genügt, sie zu erkennen: es -war Maria von Tiefenbach.</p> - -<p>Diese überraschende Entdeckung ließ die während -des ganzen Tages in seiner Seele im Schlummer gelegene -Erregung mit einem Schlage hoch auflodern.</p> - -<p>Das Mädchen, das seinen Geist in den letzten -Wochen und besonders seit ihrer Begegnung am Morgen -des heutigen Tages unaufhörlich beschäftigt hatte, befand -sich jetzt plötzlich vor ihm, um freilich flüchtigen Fußes -seinen Blicken alsbald wieder zu entschwinden.</p> - -<p>Da wurde dem jungen Mann seltsam zumute, und -wie im März unter dem linden Hauche der Frühlingswinde -die Eisdecke auf den Bächen schmilzt, so brach -in diesem Augenblick sein ohnehin schwacher Widerstand -jäh zusammen, und in seiner Seele stieg das heiße Verlangen -herauf, dem Mädchen nachzueilen und es zu<span class="pagenum" id="Seite_112">[112]</span> -zwingen, vor ihm stehen zu bleiben. War es Freude, -sie, deren Bild ihn nie verließ, so überraschend vor sich -zu sehen, oder war es Angst um ihre Gesundheit, die -auf dem Spiele stand, wenn das Mädchen, nachdem sie -wahrscheinlich ein paar Stunden bei den Kindern der -Tagelöhnerin geweilt hatte, ins Schulhaus hinuntereilte, -um wieder eine Nacht bei ihren Kranken zu durchwachen?</p> - -<p>Max stand von neuem am Fenster und sah mit -klopfendem Herzen dem Mädchen nach. Die Wange -an das Holz des Rahmens gepreßt, bohrte er die -Augen in die zunehmende Dämmerung hinein, um die -Umrisse der Verschwindenden noch zu erkennen. Da -machte er eine unwillkürliche Bewegung und stieß mit dem -Arm an einen Menschen. Mit einem Ruck wandte er sich -um, – und sah sich seiner Mutter -gegenüber. Hoch aufgerichtet, in steifer Haltung, die -Züge wie in Stein gemeißelt, verharrte die Freihoferin.</p> - -<p>In tiefem Schweigen standen sich Mutter und -Sohn gegenüber, jedes die Augen fest auf die des anderen -gerichtet. Keines rührte sich, kein Wort klang, -kein Versuch, auch nur die Lippen zu bewegen. Ein -lähmendes Stillschweigen, das jetzt nach den Augenblicken -hoher Erregung Max das Blut in den Adern fast stocken -machte.</p> - -<p>Lange konnte der Sohn den Blick seiner Mutter -aber nicht ertragen, und er senkte die Augen zu Boden. -Die Aufwallung, die sich vor wenigen Sekunden seiner -bemächtigt hatte, verflüchtete langsam. Es war ihm, -als wenn der Schwindel, der ihn gepackt hatte, nun -wieder von ihm wich. Seine Pulse flogen nicht mehr -wie vorhin, merkwürdig rasch kam unter dem Blicke<span class="pagenum" id="Seite_113">[113]</span> -des stummen Weibes ihm gegenüber seine kühle Überlegung -zurück.</p> - -<p>Was hatte sich zugetragen? Er konnte sich auf -diese Frage nicht so rasch die Erklärung geben. Das -Fräulein vom Schloß war draußen vorübergegangen, -das sich wahrscheinlich zu den kranken Soldaten begab, -und wohin es auch gehörte, nachdem es doch einmal -den Beruf der Pflegerin bei ihnen erwählt hatte. Und -er war hart an das Fenster getreten, um ihre Gestalt -mit den Blicken zu erfassen – –?</p> - -<p>Mit leisem Kopfschütteln beantwortete er sich diese -Frage, eine andere Antwort wußte er nicht.</p> - -<p>Was hatte ihn aus seiner Ruhe so jäh aufgejagt? -Ihn, Max von Tiefenbach, den jungen Freihofbauern, -der von seiner Mutter so viel kühlen Verstand geerbt -hatte, und den man so oft um sein inneres Gleichgewicht -beneidete?</p> - -<p>Max suchte vergeblich nach einer Antwort hierauf. -Sollte er nahe daran gewesen sein, durch zwei blaue -Mädchenaugen zum törichten Jungen zu werden, -der stundenlang schmachtend um das Haus seiner -Herzenskönigin schleicht, um einen Blick von ihr zu erhaschen?</p> - -<p>Er riß den Gedanken unwillig ab, um ihn nicht -weiter verfolgen zu können. Da merkte er, daß ihm -die Röte in die Schläfen stieg, und das versetzte ihn in -Zorn. Er machte eine heftige Bewegung zum Halse, -der wie zugeschnürt war. Mit Anstrengung gelang es -ihm, sich zu räuspern, aber den Blick vom Boden zu -erheben vermochte er nicht.</p> - -<p>Warum hatten auch die hoffärtigen Leute droben -seine Großeltern einstens tödlich beleidigt! Solch eine<span class="pagenum" id="Seite_114">[114]</span> -Schmach darf nie vergessen werden, und wer lebte, -mußte entweder die Schuld der Eltern bezahlen oder -die Schmach vergelten. Ja! Die Mutter war im Recht, -wenn sie ihnen mit Feindschaft begegnete. Unversöhnlicher -Haß mußte jederzeit im Herzen lodern, in -allen Winkeln der Räume seines Besitztumes lauern, -von den Dachbalken herabblinzeln, über den Firsten -der Gebäude schweben, und durch alle Arbeit und alles -Leben auf dem Freihofe mußte sein Klang zittern. -Das hatte schon sein Großvater mit seiner Verwünschung -besiegelt.</p> - -<p>Jetzt konnte Max den Blick wieder erheben und -seine Mutter ansehen. Diese stand noch immer stumm -vor ihm, die stahlgrauen Augen mit hartem Ausdruck -auf den Sohn gerichtet.</p> - -<p>Da überlief die Greisin ein heftiges Zittern; umsonst -versuchte sie ein paarmal, zu sprechen, bis sie -endlich mit gepreßter Stimme, rauh hervorstieß:</p> - -<p>»Ich habe es ihm in der Sterbestunde geloben -müssen, Max!«</p> - -<p>Nach diesen Worten wandte sie sich ab, raffte -Brille und Gebetbuch vom Tische auf und verließ das -Zimmer.</p> - -<p>Eine kurze Weile blieb Max auf seinem Platze -stehen und sah nach der Tür, durch die die Freihoferin -verschwunden war. Dann machte er eine kraftvolle -Bewegung, gleichsam, als ob er eine drückende Fessel -sprengen müsse und ging dröhnend im Zimmer auf -und ab.</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[115]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="kap06">6. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Die Bewohner Rehefelds waren eine fromme Gemeinde, -die von ihrem geistlichen Herrn wohl behütet -wurde. Pastor Reinerz war auf dem Dorfe alt geworden, -und fast alle Einwohner, bis auf die Hinzugezogenen, -hatte er dereinst aus der Taufe gehoben und -ihnen bei der Konfirmation das heilige Abendmahl gereicht. -Manchen Eltern hatte er ihr Liebstes mit in -die Grube senken helfen, manch einem jungen Weibe -durch seinen tröstlichen Zuspruch den herben Verlust des -teuern Gatten erleichtert und, ach, im Laufe der vielen -Jahre so vielen jungen Burschen und Mädchen die -unvergänglichen Begriffe von Tugend und Sitte, Glauben -und Ehrenhaftigkeit unausreißbar in die Seele gepflanzt. -Er kannte alle wie sie im Dorf herumliefen bis ins -Innerste ihres Herzens hinein. Und wenn sie auch -heranwuchsen, seinem Einfluß entgingen sie doch nie. -Wollte er einmal an einem von ihnen irre werden, so -kehrte er im Vorübergehen bei ihm ein, senkte seine -forschenden Augen unter den buschigen Brauen in die -seines Gemeindekindes und wußte wieder, wie es um -dieses stand. Wenn ab und zu einmal ein Schäflein -vom rechten Wege abgekommen war und sich verirrt -hatte in den anfangs so bequemen Schlingpfaden des -Bösen, – er führte es wieder zurück und kettete es -von neuem an sich.</p> - -<p>Wie war es doch damals mit Andreas und dem -Anger-Liesel gewesen?</p> - -<p>Das Liesel war ein blutjunges, tugendsames Weib, -war die Frau des schönen Andreas und trällerte vom<span class="pagenum" id="Seite_116">[116]</span> -Morgen bis zum Abend wie eine Lerche umher und -saß jauchzend am Lager eines lieblichen Töchterchens. -Sie waren arme, aber sehr brave Menschen und arbeiteten -fleißig.</p> - -<p>Da überfiel den Andreas mit einem Male ein -böser Geist, und er wurde erst arbeitsscheu, dann leichtsinnig. -Er ging oft in die Schenke, saß stundenlang -darin und vertrank und verspielte all seinen Lohn. In -die Kirche kam er nie mehr, und dem Pastor wußte er -immer geschickt aus dem Wege zu gehen. Da tauchte -das Gerücht auf, daß der Andreas es mit der rothaarigen -Magd vom Obergut halte. Die halben Nächte -blieb er von Hause fort, und wenn er dann endlich -mürrisch heimkehrte, hatte er für das am Bettchen ihres -Kindes weinende Liesel nur Scheltworte. An das -Kind wendete er nicht einen Blick. Das junge Weib -ließ aber in seiner treuen Liebe zu dem Manne nicht -nach und arbeitete mit doppelten Kräften, um den Verlust, -den sein Nichtstun mit sich brachte, so gut es ihr gelingen -wollte wieder auszugleichen. Mit rührender -Sorgfalt bemühte sie sich, über seine Lieblosigkeit zu ihr -hinwegzusehen. Weit öfter als sonst richtete sie es -behaglich für ihn ein, wie sie von früher her wußte, -daß er’s gern mochte. Immer wieder bereitete sie ihm -seine Lieblingsspeisen, derweilen sie sich Salz aufs Brot -tat, um Geld für sein Mahl zu haben. Aber alles das -half nichts. Ihr Mann wurde immer liebloser zu ihr.</p> - -<p>An einem schönen Frühlingstage, es war am -Ostersonnabend, trat Andreas vor seine Frau hin und -verlangte von ihr alles Geld, das sie besitze, um damit -in die weite Welt zu gehen. Das junge Weib aber -wurde bleich wie der Tod. Dann warf sie sich vor<span class="pagenum" id="Seite_117">[117]</span> -ihm nieder und beschwor ihn und flehte ihn an, wieder -ihr guter Andreas zu sein. Mit krampfhaften Armen -umklammerte sie seine Knie und sah mit einem Blick -so voll Liebe und tödlicher Angst zu ihm auf, der jeden -andern zur Umkehr gebracht haben würde. Dem Andreas -aber drang das herzbrechende Schluchzen und -das tiefe Weh seines Weibes nicht zum Herzen. Mit -einer rohen Bewegung riß er sich von der Knieenden -los, daß das junge Weib in schwerem Fall dumpf auf -den Boden schlug. Dann ergriff er rasch das Beutelchen, -in dem er ihre kleinen Ersparnisse wußte und eilte aus -dem Hause. Wie er aber auf die Straße hinaustrat, -erschrak er doch etwas, denn vor ihm stand Pastor -Reinerz. Mit einem scheuen Gruße wollte er an dem -Greise vorübergehen; der aber hielt ihn auf.</p> - -<p>»Ah, sieh da, der Andreas,« sagte der alte Herr -freundlich. »Nun, das trifft sich ja sehr gut. Ich war -gerade im Begriff, Dich und das Liesel einmal zu besuchen. -Aber da fällt mir ja ein: heute ist doch Reinmachetag. -Da wollen wir das Liesel nicht bei ihrem -Geschäft stören. Du gehst aber auf ein Stündchen mit -zu mir. Wenn sich so alte Freunde, wie wir beide es -sind, so lange nicht gesehen haben, haben sie sich mancherlei -zu erzählen.«</p> - -<p>Andreas wollte trotzig vorbei, doch ein Blick aus -des Alten Augen zwang ihn an seine Seite. Ruhig, -aber ohne hinzusehen, ließ er es geschehen, daß Reinerz -ihm im Weiterschreiten all die Namen der Blumen und -Gräser nannte, die in einem großen Strauße vereinigt -waren, den er auf den Frühlingswiesen gepflückt hatte.</p> - -<p>Der schwere Sturz hatte das Liesel auf ein paar -Sekunden ihrer Besinnung beraubt. Als sie wieder aus<span class="pagenum" id="Seite_118">[118]</span> -der Ohnmacht erwachte, schaute sie verstört um sich: -ihr Mann war verschwunden. In namenloser Angst -stürzte sie zum Fenster, um zu sehen, ob sie ihn entdecke. -Da bemerkte sie zu ihrer großen Überraschung, daß er -an der Seite des Pastors ging und mit diesem eben -in das Pfarrhaus eintrat. Von wahnsinniger Angst -getrieben, warf sie ein Tuch um die Schultern, streifte -die Schuhe an und eilte, so schnell sie ihre Füße -trugen, zum Pfarrhause. Und wie sie den Hausflur -betrat, hörte sie drinnen im Zimmer den geistlichen -Herrn in seiner gütigen Art auf ihren Mann einreden, -der dabei ganz still blieb.</p> - -<p>Mit einem Male vernahm sie, wie der Andreas -aufbrauste. Das Redenhören hätte er nun satt. Er -gebe überhaupt auf die ganze Kirche nichts, und wo -die Liebe zu seiner Frau hin sei, wisse er nicht; sie -wäre verweht in alle Winde – – –</p> - -<p>Da griff sich das junge Weib draußen im Hausflur -mit beiden Händen jäh zum Herzen, und das rotglühende -Gesicht in dem lauschend vorgebeugten Kopfe wurde in -einem Augenblick fahl. Die Lippen wie im Traume bewegend, -wandte sie sich nach der Tür und verließ mit -leisen Schritten die Pfarre. Wie ein Gespenst schritt -sie an den ihr entgegenkommenden, verwunderten Leuten -vorüber, ihrem Häuschen zu. In der Stube angekommen, -setzte sie sich müde auf die Bank am Ofen, die Füße, -(übereinandergeschlagen) von denen die Lederschuhe -herabglitten und auf die Diele fielen, und richtete den -Blick dumpf vor sich nieder. Das in seinem Bettchen -ruhig schlafende Kind sah sie nicht. So blieb sie unbeweglich.</p> - -<p>Von Zeit zu Zeit murmelte sie: »Er liebt dich<span class="pagenum" id="Seite_119">[119]</span> -nicht mehr. Alles ist nun aus! Andreas, – dein -Andreas liebt dich nicht mehr!«</p> - -<p>Wie lange sie so saß, wußte sie nicht; nur das -eine wußte sie, daß der helle Glanz in ihrem Innern -in dieser Stunde auf immer erloschen war. Sie wollte -schreien, aber die Kehle war ihr zugeschnürt. Weinen -wollte sie, aber ihre Augen blieben trocken. Sie hatte -keine Tränen.</p> - -<p>Da hört sie mit einem Male schleichende Tritte -im Hause, die Tür tut sich auf, – ihr Mann steht -auf der Schwelle.</p> - -<p>Das Liesel schaut voll Entsetzen hin, weil sie -glaubt, sein Geist komme zu ihr. Dann tut sie einen -heftigen Schrei:</p> - -<p>»Andreas – – –!« und bleibt wie gelähmt sitzen.</p> - -<p>Der Mann aber auf der Schwelle, wie er das -totenblasse Weib erblickt hat, ist wie eingewurzelt. Er -kann nicht loskommen von diesem Platze. Da endlich -lösen sich die Füße vom Boden. Mit weit vorgeneigtem -Körper und erhobenen Armen kommt er, tief gebückt, -näher, die Augen mit einem Ausdruck unaussprechlicher -Reue starr auf das Liesel gerichtet. Die aber streckt -die Hände nach ihm aus, um ihn zu erfassen; – da -sinkt er vor seinem Weibe auf den Boden nieder und -umfaßt ihre bloßen Füße, spricht aber kein Wort, -sondern sie fühlt nur, wie er wieder und wieder seine -heißen Lippen darauf drückt.</p> - -<p>»Um Gottes willen, Andreas, was tust Du da,« -schreit das Liesel auf und will den Mann emporziehen. -Der aber läßt sich nicht aufrichten, sondern verharrt in -seiner Haltung, vor ihr liegend. Und zwischen seinen -aufeinandergebissenen Zähnen drängt es sich hervor:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[120]</span></p> - -<p>»Nein, Liesel, wenn Du vorhin meine Knie umklammert -hieltest, so bin ich nicht einmal wert, Dir jetzt -die Füße zu küssen!«</p> - -<p>Dann saßen sie eng zusammengeschmiegt, Wange -an Wange, lange beieinander, wie in den Tagen ihres -höchsten Glücks. Vom Kirchlein schallte das Abendläuten -herein, und ihre Tränen flossen jetzt reichlich.</p> - -<p>Seit diesem Tage schmückt das Liesel an jedem -Ostersonnabend die Tür zur Stube des Pfarrherrn mit -Blumen.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap07">7. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Die Kirche von Rehefeld war ein aus Sandsteinen -errichteter, ziemlich großer Bau, durch dessen hohe, in -spitze Bogen auslaufende Fenster das Licht ungehinderten -Zutritt in das Innere fand. Hatte man die Schwelle -einer der beiden Türen in der vordern und hintern -Giebelwand überschritten, so führte, noch ehe man in -das Innere der Kirche gelangte, auf der nördlichen -Längsseite ein schmaler Gang um das Kirchenschiff -herum bis zur andern Eingangstür. Von diesem Gang -aus betraten die Tiefenbachs die für jede Familie getrennt -eingerichtete Andachtsstube. In früherer Zeit -war hier nur <em class="gesperrt">ein</em> Raum gewesen. Als aber der Freihof -gebaut wurde, war das große Zimmer durch eine -Wand in zwei Räume geteilt worden, und Herr Udo -von Tiefenbach ließ später, nachdem seine Brüder ins -Dorf hinabgezogen waren, den Gang durch eine Tür -teilen, die zwischen den Eingängen der Andachtsstuben<span class="pagenum" id="Seite_121">[121]</span> -angebracht war, und die gleichsam eine sichtbare Scheidewand -zwischen den Familien darstellte und verhinderte, -daß die Schloßbewohner, die den Gang nur von der -hintern Kirchentür aus betraten und die Freihofer, die -durch die Vordertür gingen, sich sahen.</p> - -<p>In der Mitte des Dachfirstes ritt ein hoher, spitzer -Turm, in dem die Glocke hing. Das schwärzliche -Ziegeldach war fast ganz mit Moos überwuchert und -bezeugte das hohe Alter des Gotteshauses.</p> - -<p>Rund um die Kirche dehnte sich der Friedhof aus. -Kleine, niedrige Hügel deckten die irdischen Reste der -teuern Entschlafenen. Die meisten Gräber wurden -durch schlichte, zum Teil schon verwitterte Holzkreuze -geschmückt, auf denen die Namen der Verstorbenen kurz -vermerkt standen. Hier und da gab es auch Gräber, -die sorgfältiger hergerichtet und mit steinernen Liebeszeichen -versehen waren.</p> - -<p>Die Rehefelder versäumten nicht gern die sonntägliche -Andacht. Auch an dem heutigen Sonntag war -das Kirchlein wieder dicht angefüllt mit der Schar der -Andächtigen. Draußen war es noch immer kalt, und -am Himmel hingen dicke, graue Ballen, zwischen denen -die Sonne zeitweilig auf kurze Minuten hindurchschien. -Dann fielen die goldenen Strahlen auf das weite -Schneefeld, daß die Krystalle wie Millionen ausgestreuter -Diamanten glitzerten.</p> - -<p>Als Max und Elisabeth in der Kirche angekommen -waren und den Gang betreten hatten, war Maria von -Tiefenbach gerade in ihr Betstübchen eingetreten.</p> - -<p>Das Hauptlied war verklungen, als Pastor Reinerz -auf der Kanzel erschien.</p> - -<p>Man konnte sich keine würdigere Erscheinung eines<span class="pagenum" id="Seite_122">[122]</span> -Seelenhirten denken, als ihn. Er hatte einen -schweren Körper und breite Schultern, auf denen ein -wahres Löwenhaupt saß. Der massige Kopf war mit -einer üppigen Fülle silberner Locken bedeckt, die -bis auf die Schultern herabhingen und bei raschen -Bewegungen um den Kopf wallten. Von gleicher Farbe -war der breite, prächtige Bart, der bis weit über die -schneeigen Bäffchen hinabreichte, so daß sie nur dann -sichtbar wurden, wenn Reinerz das Haupt zur Seite -wandte. Seine Haltung war trotz des Alters aufrecht, -sein Gang schwer. Die väterlich blickenden, lebendigen -Augen leuchteten in hellem Glanze und mochten die -Ursache sein, daß auf diesem Greisenantlitz neben dem -Ausdruck von Milde und Herzensgüte jederzeit ein -Schimmer jugendlichen Feuers strahlte.</p> - -<p>Pastor Reinerz knüpfte seine heutige Predigt an -das Los jener Unglücklichen im Schulhause. Er hatte -das Gleichnis vom barmherzigen Samariter gewählt, -und mit Tönen, die den Zuhörern zum innersten Herzen -drangen, sang er das ewige Hohelied der Liebe. Von -der liebenden Mutter, dem unermüdlich treusorgenden -Vater, seien die Armen einst durch alle Fährnisse der -Kindheit geleitet worden. Neben den fröhlichen Tagen -hätten die Eltern auch viele bange Stunden durchlebt, -und manche Mutter habe in schweren Zeiten der Krankheit -dem schon die Hand darnach ausstreckenden Unerbittlichen -ihr Kind durch entsagungsvolle Pflege wieder -abgerungen und ihm damit gleichsam zum zweitenmale -das Leben geschenkt. Mit reicher Freude im Herzen -hätten die Eltern die zarten Knaben zu Jünglingen -heranwachsen sehen, bis dann mit einem Schlage die -Freude jäh zu Leide ward, als der Kriegsruf erklang<span class="pagenum" id="Seite_123">[123]</span> -und den Sohn seinen Eltern, den Gatten seinem Weibe, -den Vater seinen Kindern entriß und die Zurückbleibenden -mit großer Sorge erfüllte. Nun säßen die Verlassenen -daheim, manche von ihnen gewiß ohne tröstenden Zuspruch, -einsam mit ihrem Schmerze. Sie wüßten nicht, -ob der Teure noch am Leben wäre, oder ob sein von -den Kriegsleiden geschwächter Körper nicht vielleicht mit -schwerer Krankheit ringe. Unter heißen Tränen des -Dankes würden sie die Hand küssen, die seiner in Liebe -gepflegt, oder die ihm das brechende Auge zudrückte. -Und die wahre Nächstenliebe frage nicht, ob Freund -ob Feind. Sie alle seien leidende, unglückliche Menschen -und bedürften in reichstem Maße der Hilfe. Seine -Gemeinde solle nie müde werden, mit dem Unglücklichen -ihr Brot zu teilen. Und wenn eines von ihnen argwöhne, -daß es schwach und lau werde bei seinem -Samariterwerk, so sollten sich die Väter, die Mütter -und Gattinnen in das Los derer hineinversetzen, die -von peinvoller Angst erfaßt mit dem aufsteigenden -Morgen voll Sehnsucht auf ein Lebenszeichen warteten, -und die am Abend immer wieder ihre Hoffnung getäuscht -sähen.</p> - -<p>Pastor Reinerz hatte eine der empfindlichsten -Stellen im Menschenherzen berührt: die Sorge und -Angst um das Leben eines teuern Angehörigen. Das -Mitgefühl der Zuhörer war geweckt, und in Vieler -Augen hatten sich Tränen gestohlen.</p> - -<p>Mit den letzten Worten, mit denen der würdige -Greis seine Predigt beendigte, richtete er noch den -zündenden Ruf an seine Gemeinde, die christliche Liebe, -die der mächtige Beweggrund dafür sei, den leidenden -Fremdlingen Gutes zu tun, auch täglich untereinander -zu üben. Und er legte ihnen ans Herz, vorhandenen<span class="pagenum" id="Seite_124">[124]</span> -Zwist zu begraben, sich auszusöhnen und einander in -verzeihender Liebe zu begegnen. Dann genössen die -Menschen schon hienieden das Vorgefühl der ihrer -harrenden ewigen Freuden und erwiesen sich als getreue -Nachfolger Christi und wert der einstigen Einkehr in -sein himmlisches Reich. –</p> - -<p>Das Schlußlied war verklungen, und die Besucher -verließen das Gotteshaus.</p> - -<p>Als Max zusammen mit Elisabeth aus der Andachtsstube -hinaustrat, fiel sein Blick auf die weit geöffnete -Tür, die den Gang teilte, und die er noch nie anders -als geschlossen gesehen hatte. Aber seine Überraschung -wuchs, denn vor ihm stand Maria von Tiefenbach, die -sie beide erwartet haben mußte. Ängstlich griff Elisabeth -nach der Hand des Bruders, als ob sie ihn auf dieser -Stelle festhalten wolle, während sie erstaunt auf ihre -Freundin schaute.</p> - -<p>Max hatte einen Augenblick betroffen stillgestanden, -jetzt aber machte er eine hastige Bewegung zum Gehen. -Da vertrat ihm Maria gelassen den Weg, so daß sich -beide dicht gegenüberstanden. Eine Sekunde tiefen -Schweigens verstrich, dann begann Maria ohne Verwirrung -und mit Festigkeit:</p> - -<p>»Unter dem tiefen Eindruck stehend, den die unmittelbar -zum Herzen gehenden Worte unseres verehrten -Herrn Pastors auf mich hervorgerufen haben, kann ich -nicht anders, als annehmen, daß die Predigt auch auf -Sie, Herr von Tiefenbach, eine große Wirkung ausgeübt -hat. Noch nie in meinem Leben haben mich von -der Kanzel herabgesprochene Worte so wundersam ergriffen, -wie heute, Worte, die in meinem Innern das -sehnliche Verlangen wachgerufen haben, meinen Teil<span class="pagenum" id="Seite_125">[125]</span> -dazu beitragen, daß der Wille dessen, der die Sünden -der Welt trug, erfüllt werde. Deshalb will ich den -Augenblick nutzen, bevor mit der hohen Stimmung auch -mein Mut dahinschwindet.</p> - -<p>Ich bin ein schwaches Mädchen, das plötzlich die -wunderbare Kraft in sich spürt, sich Ihnen hier gegenüber -zu stellen. Aber Sie haben mir vor wenigen -Tagen durch Ihren freundlichen Trostzuspruch verraten, -daß Sie ein edles Herz besitzen. Dieses Bewußtsein -und eine Stimme in meinem Innern, die mir so zu -handeln gebietet, stärken meinen Mut.</p> - -<p>Etwas Unnatürliches ist es, daß Menschen in -Feindschaft leben, die einander nie etwas zu Leide -taten. Und deshalb frage ich Sie, Herr Vetter, sind -Sie bereit, Ihre Bemühungen mit den meinigen zu -vereinen, um unsere Eltern miteinander auszusöhnen?«</p> - -<p>Die dem Mädchen innewohnende, ruhige Sicherheit -hatte sie während dieser Rede nicht verlassen, und ihre -Stimme hatte nicht einen Augenblick gebebt. Jetzt schwieg -sie und wartete auf Maxens Antwort, ihre Augen -forschend auf seinem Gesichte ruhen lassend.</p> - -<p>Der junge Mann stand vor Überraschung unbeweglich -und starrte sprachlos in das schöne Frauenantlitz, -in dem kein sichtbares Merkmal die in Marias -Innern langsam aufsteigende, große Erregung andeutete.</p> - -<p>Da erhob sie ihre Stimme von neuem, die gerade -noch so wohl lautete wie vorhin, obwohl sie jetzt leise -zitterte:</p> - -<p>»Von einem unserer Familie wurde damals das -böse Wort gesprochen, deshalb muß auch von uns aus -das erste versöhnliche Wort fallen. Mein Großvater<span class="pagenum" id="Seite_126">[126]</span> -hat dereinst in unbegreiflicher Verblendung die -Seelen guter Menschen tief betrübt und erzürnt. Er -kann uns hierüber keine Rechenschaft mehr ablegen, -denn er steht schon längst vor einem höhern Richter. -Kein Unrecht, das begangen wird, ist jedoch so groß, -daß es nicht wieder gutgemacht werden könnte. Aber -dem bittenden Munde darf auch das Wort, der heischenden -Hand der Druck nicht versagt werden. Das Werk, das -wir verrichten können, führt zu Herrlichem hinaus, denn -es gilt, die Kluft zwischen den Herzen unserer Eltern zu -überbrücken. Um das zu erreichen tut es aber not, -daß zuerst wir beide allen Groll vergessen. Und so -tue ich, als die Enkelin jenes Mannes, mit Freuden den -ersten Schritt zur Versöhnung, indem ich Sie, Herr -Vetter, bitte, das Unrecht meines Großvaters seiner -Enkelin nicht mehr zu entgelten, sondern mir fürs Leben -Ihre Freundschaft zu schenken.«</p> - -<p>Marias Stimme hatte sich mehr und mehr gesteigert. -Eine liebliche Röte war in ihre Wangen getreten, -und die Augen glänzten gleichsam als Widerschein -der sie erfüllenden, feierlichen Stimmung. Und um die -Freundschaft im Augenblick der Versöhnung zu besiegeln, -streckte sie dem Vetter ihre Hand entgegen.</p> - -<p>Der aber rührte sich nicht, um die dargebotene -Hand zu ergreifen. Er suchte nach Worten, mit denen -er dem Mädchen sagen wollte, daß von einer Versöhnung -zwischen ihnen niemals die Rede sein könne, aber sein -Mund blieb stumm.</p> - -<p>Endlich, nach atemlosem Harren während einer -tiefbangen Sekunde, erlosch der Glanz in Marias Augen, -und die rosigen Wangen wurden blaß. Langsam, wie -einst die Rechte des Herrn Oskar, als er seinem Bruder<span class="pagenum" id="Seite_127">[127]</span> -Udo zum letzten Male gegenüberstand, sank die ausgestreckte -Hand herab.</p> - -<p>Jetzt drängten sich auch die Worte im Überschwall -auf Maxens Zunge; aber noch bevor es ihm gelang, sie -auszusprechen, geschah etwas Unerwartetes:</p> - -<p>Maria richtete sich hoch auf. Mit einem Ruck -warf sie den Kopf in den Nacken und trat ungestüm -auf Max zu, daß dieser unwillkürlich soweit zurückwich, -bis seine Schultern die Mauer berührten. Ihr flammendes -Gesicht befand sich dicht vor ihm, und ihre blitzenden -Augen bohrten sich in die seinigen. In hoher Erregung -stieß sie die Worte hervor:</p> - -<p>»So soll für alle Zeiten Feindschaft zwischen uns -bestehen? Soll das herrliche Evangelium der Liebe, -das Christus den Menschen hinterlassen hat, für uns -nicht gepredigt sein?«</p> - -<p>Aber Maxens Mund blieb dem vor Leidenschaft -bebenden Mädchen gegenüber stumm, nur auf seinem -Gesicht lag eine Zurückweisung.</p> - -<p>Da trat Maria noch näher an ihn heran, ihr -Busen hob und senkte sich in hastiger Aufeinanderfolge. -Max sah auf ihrem Gesicht den heftigen Kampf, der -in ihr tobte. Die feingeschnittenen Nasenflügel zitterten -vor Zorn, und er fühlte ihren heißen Atem auf seiner -Wange.</p> - -<p>Scheu schob er sich einen Schritt an der Mauer -hin, um sich zu entfernen. Da schrie das Mädchen im -Schmerz laut auf, und während es noch schien, als -wenn sie die Worte auf den Lippen zurückhalten könne, -brach es schon von dem bebenden Munde:</p> - -<p>»Und wenn ich nun mit der ganzen Kraft meiner -Seele – – Dich liebte, Max!?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[128]</span></p> - -<p>Einen Augenblick lang lehnte der junge Mann -den Kopf an die Mauer und schloß, von heftigem -Schwindel erfaßt, die Augen. Dann hob er die Lider -ließ einen Blick eisiger Kälte auf das Mädchen niederfallen -und sagte in rauhem Tone:</p> - -<p>»Unsere Familien haben für alle Zeiten nie wieder -etwas mit einander gemein!«</p> - -<p>Darauf wandte er sich trotzig ab und schritt dem -Ausgang zu, seine verstört blickende Schwester an der -Hand mit sich ziehend.</p> - -<p>Die Zurückbleibende verfolgte die Geschwister mit -den Augen, bis sie verschwunden waren. Langsam, -und ohne daß sie wußte was sie tat, trat Maria -wieder in ihr Betstübchen. Eine Weile blieb sie mit -steifem Körper mitten darin stehen, dann brachen der -Zitternden die Knie. Sie bedeckte das Gesicht mit beiden -Händen und legte es auf den Sitz eines der schwarzen -Stühle. Und während das wilde Schluchzen hervorbrach, -das ihr die Brust zu zersprengen drohte, schlangen -sich zwei weiche Arme um ihren Hals, und die beiden -Mädchen weinten lange zusammen.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap08">8. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Wenige Tage später wurden die Tiefenbachs durch -einen Brief Friesens überrascht, in dem er schrieb, daß -er, wenn auch ein wenig mitgenommen, so doch ohne -Schaden an Seele und Körper aus Rußland zurückgekehrt -sei. Gleichzeitig kündete er seinen Besuch an, -und bald darauf traf er auch in Rehefeld ein und<span class="pagenum" id="Seite_129">[129]</span> -wurde auf dem Freihofe wie ein alter, lieber Freund -begrüßt. Trotzdem er an allen größeren Schlachten, -in denen die Sachsen gekämpft, teilgenommen hatte, -war er unverwundet geblieben. Aber der entsetzlichen -Kälte hatte er, wie so viele tausend Andere, doch seinen -Tribut zollen müssen: beide Füße waren ihm erfroren. -Deshalb konnte er nur mit Mühe kleine Fußwanderungen -unternehmen.</p> - -<p>Was er von den überstandenen Leiden der Armee -erzählte, war so fürchterlich, daß man glauben konnte, -eine überhitzte Phantasie trage das Entsetzlichste von -Elend und Jammer zusammen.</p> - -<p>Die Soldaten hatten vor dem Sterben jegliche -Bangigkeit verloren. Täglich hofften sie, daß ein baldiger -Tod sie von ihren nicht endenwollenden Leiden -erlösen würde, und wenn die Unglücklichen am Abend -vor Hunger und Mattigkeit zusammenbrachen, trösteten -sie einander, daß der morgende Tag die ersehnte Erlösung -bringen müsse. Eine große Anzahl suchte das -Ende freiwillig und fand es nur zu leicht. Die noch -in Reih und Glied sich Haltenden liefen willenlos vorwärts. -Wer vor Müdigkeit oder Schwäche zusammensank, -blieb liegen; keiner kümmerte sich um den andern. -Zu beiden Seiten der Straße lagen die Zurückbleibenden.</p> - -<p>Mit dem Rücken an einen dicken Baumstamm -gelehnt, saß auf einem Stein ein eisgrauer französischer -Oberst. Er hatte in gänzlicher Umnachtung seiner -Sinne die dürftigen Reste seiner Uniform abgelegt und -saß nun in der schneidenden Kälte entkleidet und sang -mit versagender Stimme religiöse Lieder. An einer -andern Stelle lag, zur Seite eines gestürzten, von Zeit -Zeit noch zuckenden Pferdes, ein toter preußischer<span class="pagenum" id="Seite_130">[130]</span> -Kürassier. Die Köpfe der beiden Kameraden waren -eng aneindergeschmiegt. Ein Stück davon stand aufrecht -an einem zerbrochenen Pulverkarren ein Trainsoldat, -beide Arme auf den Munitionskasten gestützt und darauf -den Kopf gelegt, als wenn er schliefe. Einige Soldaten -traten hinzu, um das Holz für ihr Biwakfeuer zu -holen. Da stieß einer von ihnen den Schlafenden an, -daß dieser seinen Halt verlor und, ohne seine Stellung -aufzugeben, mit den Armen unter dem Kopf der Länge -nach hinschlug. Er war tot und so steif gefroren wie -ein Pfahl.</p> - -<p>Um einen verbrannten Holzstoß, von dem nur noch -die Aschereste übrig geblieben waren, lag und saß in -wunderlichen Stellungen und in Gruppen vereinigt -etwa ein Dutzend sächsischer Grenadiere. Mit dem -verglommenen Wachtfeuer war auch ihr Lebensfunke -erloschen. In der Asche eines andern Feuers lag ein -Soldat, dessen beschmutzte und zerrissene Uniform, soweit -sie noch vorhanden war, nicht mehr erkennen ließ, woher -der Mann stammte. Er mußte sich am Abend vorher -verzweiflungsvoll in die Flammen geworfen haben. -Sein Kopf war schwarz wie Holzkohle und dort, wo -ihn das Feuer erfaßt hatte, war das Fleisch bis auf -die Knochen verbrannt.</p> - -<p>Wer aus dem Zuge der Marschierenden heraustrat, -fand oft nicht mehr Willen und Kraft wieder -vorwärts zu gehen. Wer sich auf den Grabenrand -setzte, um nur wenige Minuten auszuruhen, wurde leicht -von der unwiderstehlichen Müdigkeit überwältigt und -verfiel in bleiernen Schlaf, aus dem er nicht wieder -erwachte.</p> - -<p>Der Hunger war gräßlich. Zuerst wurden die<span class="pagenum" id="Seite_131">[131]</span> -gestürzten Pferde verzehrt, später tötete man die lebenden -und aß sie auf. Ihr Blut wurde begierig aufgesogen, -um den brennenden Durst zu stillen. Als es keine -Pferde mehr gab, aß man die ekelerregendsten Dinge. -Wasser war selten zu bekommen, deshalb verschluckte -man Schnee, der den Durst nur noch steigerte.</p> - -<p>Der Kälte konnten sich die Unglücklichen kaum noch -erwehren, da die Uniformen zu dünn waren und bald -zerfetzten. Wer eine Decke, ein Tuch, selbst Frauenkleider -bekommen konnte, schlang sie um die Blößen. -Die Schuhe zerweichten in dem tiefen Schnee, durch -den man täglich waten mußte. Dann wurden die mit -brandigen Wunden bedeckten Füße mit Lumpen umhüllt -und diese mit Stricken festgehalten.</p> - -<p>Während der Nacht steigerte sich die Kälte. Wer -am Wachtfeuer lag, dem konnte es passieren, daß die -Schuhe verbrannten, während ihm am anderen Morgen -Ohren, Nase und Wangen erfroren waren. Gar mancher -von denen, die sich am Abend niederlegten, stand -nicht wieder auf.</p> - -<p>Auf den weiten Schneefeldern Rußlands lag die -Blüte der Völker Europas im ewigen Schlaf! Lautlos -deckte sie das flockige Leichentuch zu und begrub Freund -und Feind unter sich. Viele tausend lebensfroher -und kraftstrotzender Männer haben dort frühzeitig ihr -Knie gebeugt vor der Majestät des Todes, und dem -Zuge der Lebenden jagten Krankheit, Mutlosigkeit und -Verzweiflung wie wilde Furien hinterdrein und peitschten -die Unglücklichen so grausam, daß ihre Reihen immer -lichter wurden.</p> - -<p>Friesen befand sich in großer Verstimmung gegen -den Kaiser, dem er alle Schuld an dem fürchterlichen<span class="pagenum" id="Seite_132">[132]</span> -Elend zuschob. Er erzählte, wie sich in Dresden insgeheim -unter den Offizieren eine Partei gebildet habe, -die nichts anderes bezwecke, als den König vom Kaiser -Napoleon loszureißen. Der Monarch solle, so wünschten -diese Patrioten, die Fesseln brechen, die ihn an den -Kaiser ketteten. Sie wollten ihm freie Wahl schaffen, -ob er weiterhin dem Kaiser seine Unterstützung gewähren, -oder ob er seine Truppen von den Franzosen zurückziehen -wolle.</p> - -<p>Den Bemühungen dieser Partei wurde aber wenig -Beachtung geschenkt. Der König selbst war weit davon -entfernt, in dem Gottesgericht in Rußland eine Mahnung -zu erkennen und sein Verhalten gegen den Kaiser -ernstlich zu prüfen. Er war in großer Sorge, daß -sein Schmerzenskind, das Herzogtum Warschau, in der -hereinbrechenden Verwirrung ihm verloren gehen könne. -Deshalb erließ er in Polen Aufrufe, die sich aber bald -als nutzlos erwiesen, und die in dem Minister Senfft -den nicht zur Ausführung gekommenen Gedanken reifen -ließen, England für die Aufrechterhaltung des Herzogtums -zu interessieren.</p> - -<p>Die Erkenntnis aber, daß König und Regierung -seit Jahren eine falsche Politik getrieben hatten, deren -verhängnisvolle Folgen sich in nicht zu ferner Zeit erweisen -würden, schlug in dem sächsischen Volke immer -tiefer Wurzel. Hier und da erhoben Männer, die mit -seherischem Blick in die Zukunft schauten, warnend ihre -Stimmen und verlangten, daß der König die Kriegsmüdigkeit -des Landes Napoleon auf das entschiedenste -darstellen solle.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[133]</span></p> - -<p>Niemand im Dorfe beobachtete die politischen Vorgänge -mit so großer Aufmerksamkeit, wie Konrad Hartmann. -Jede Nachricht, die er über den Kaiser und die -Ereignisse in Dresden bekam, erregte sein Interesse, und -um Neuigkeiten zu erfahren, ritt er zuweilen weit über -Land in die Nachbardörfer oder fuhr im leichten Schlitten -nach Leipzig hinein. Es war ja Winter, und deshalb -bot der Hof nur wenig Arbeit. In der Scheune waltete -der alte Knecht, und die Sorge um die Wartung des -Viehs ließ sich die Mutter einmal nicht nehmen.</p> - -<p>Besonders begierig war Konrad Hartmann darauf, -Nachrichten aus Berlin zu erhalten. Dort gährte es -gewaltig, denn man ahnte, daß der Jahreswechsel einen -Wendepunkt von ungeheurer Wichtigkeit für die Geschicke -der geknechteten Völker bedeute. Seitdem der -preußische General York am 30. Dezember in Tauroggen -den Neutralitätsvertrag mit den Russen abgeschlossen -hatte, waren viele unerschrockene Männer im verborgenen -an der Arbeit, Stimmung für eine Erhebung Preußens -zu machen.</p> - -<p>Da faßte Konrad den Gedanken, nach Dresden zu -gehen, um sich der nationalen Bewegung anzuschließen, -die, wie er wußte, auch schon dort Wurzel geschlagen -hatte. Freilich war die Begeisterung an der Elbe nur -wie ein mattbrennendes Talglicht, im Vergleich zu den -kaum noch niederzuhaltenden Flammen in Preußens -Hauptstadt.</p> - -<p>Dem Sachsen der damaligen Zeit wird nicht mit -Unrecht der Vorwurf gemacht, daß trotz fortwährender -Vorstellungen aus Berlin, die Erkenntnis des günstigen -Zeitpunkts einer Erhebung und eines Zusammenschlusses -der deutschen Stämme nur mit dem Geschwindigkeitsmaß<span class="pagenum" id="Seite_134">[134]</span> -der Schnecke in ihm reifte. Und als das sächsische -Volk endlich und viel zu spät von der Einsicht durchdrungen -war, daß es nunmehr an der Zeit sei, das -unwürdige Joch abzuschütteln und sich von den Sklavenketten -zu befreien, da fanden die Rufe, die es an seine -Führer richtete, kein Gehör. König und Regierung -überboten sich darin, dem Kaiser ihre Ergebenheit zu -versichern und sich in der Ausführung seiner nur schlecht -in Wünsche gekleideten Befehle zu überstürzen.</p> - -<p>Konrad hatte in den letzten Tagen über die Stimmung -in Dresden genaue Nachrichten erhalten. Er wußte -auch, daß die sächsische Polizei, verstärkt durch eine -große Anzahl französischer Geheimagenten, scharf aufpaßte -und schon manchen Patrioten hinter feste Mauern -gebracht hatte.</p> - -<p>Die Unsicherheit in der Hauptstadt bewog ihn zuletzt, -vorläufig noch abzuwarten, wie sich die nationalen -Kreise in Dresden der Berliner Bewegung gegenüber -verhalten würden.</p> - -<p>Zudem bewahrte Konrad ein tiefes Geheimnis in -seiner Brust, das er noch keinem Menschen offenbart -hatte, und das ihn so im Bann hielt, daß, je länger -er es mit sich herumtrug, sein Geist von den politischen -Vorgängen immer mehr und mehr abgelenkt wurde. -Durch das öftere Verweilen auf dem Freihofe während -seiner Kindheit, war er mit allen seinen Bewohnern -und insbesondere mit Elisabeth in enge Berührung getreten. -Die liebliche Zartheit des Mädchens hatten ihn, -den sonst nur für bäuerische Derbheit und strotzende -Gesundheit bis an die Grenze des Ungeschlachten empfindsamen -Sohn des Bauern von Rabenstein, wundersamerweise -in Fesseln geschlagen. Er konnte sich keine<span class="pagenum" id="Seite_135">[135]</span> -Rechenschaft darüber geben, wie es kam, daß dieses -zierliche Geschöpf mit der ausgelassenen Lustigkeit und -dem Lachen eines übermütigen Kindes einen solchen -Eindruck auf ihn machte, da er doch von Natur aus -einer ernsten Lebensauffassung zuneigte.</p> - -<p>Seit länger als einem Jahre schon war er aber -davon überzeugt, daß das Gefühl, das er für Elisabeth -empfand, nichts anderes war, als eine tiefe, sein ganzes -Herz ausfüllende Liebe. Den Gedanken, sie zu seinem -Weibe zu machen, hatte er, so oft er sich auch in seine -Seele gestohlen, immer wieder zurückgedrängt. Eine -Bäuerin, wie sie auf dem Rabensteiner Hof schalten -mußte, besonders wenn seine Mutter nicht mehr war, -konnte aus dem Mädchen nie werden; das wußte er. -Allein diese Einsicht war es nicht, die ihn hinderte, -Elisabeth als Weib neben sich zu träumen und auch -nicht der Umstand, daß es für den Besitzer eines -kleinen Hofes eine Vermessenheit war, auf dem größten -Gute weit und breit anzuklopfen und um die einzige Tochter -zu bitten.</p> - -<p>Das, was ihn bisher seine Liebe als aussichtslos -hatte erscheinen lassen, waren vielmehr die quälenden -Zweifel, ob das zarte Pflänzchen im Schatten des -knorrigen Eichbaums auch gedeihen werde, ob das kindliche -Mädchen mit dem lebhaften, silberhellen Lachen an -der Seite des in sich gekehrten Mannes glücklich werden -könne. An ihm solle es ja gewiß nicht fehlen! Er war -bereit, die Steine von ihrem Erdenpfade aufzulesen, daß -ihr zarter Fuß sich nicht verletze, und seine Arme waren -stark genug, sein Weib zu umfangen und so hoch empor -zu heben, daß der Strom des Mühsals unter ihr hinwegflösse -und kein irdisches Weh bis zu ihr heraufreiche.<span class="pagenum" id="Seite_136">[136]</span> -Aber der allzeit ohne Überschwang denkende Mann verhehlte -sich dabei nicht, daß ihre Naturen doch recht verschieden -waren.</p> - -<p>Um seinem gequälten Herzen Ruhe zu verschaffen, -beschloß Konrad, sich seiner Mutter zu entdecken.</p> - -<p>Eines Abends saßen wieder Mutter und Sohn -wie immer einander gegenüber. Sie drehte unermüdlich -den blonden Flachs über die schnurrende Spindel und -betrachtete mit scharfem Auge den sich hurtig abwickelnden -Faden. Konrad hatte den Kopf in beide -Hände gestützt und las in einem Buche mit vergilbten -Blättern in starkem Schweinsledereinband, wie sich in -grauer Vorzeit die Bewohner Athens der gleich Heuschreckenschwärmen -gegen sie heranziehenden Scharen der -Perser erwehrten. Schon an die fünfzig Male hatte -der Jüngling wohl diese Schilderung gelesen und wie -oft geseufzt, wenn er daran dachte, was vor mehr als -zweitausend Jahren ein kleines Volk vollbracht hatte. -Heute war alle Begeisterung tot. In dumpfem Brüten -schritten starke Völker ihre Straße dahin, die Füße -mit klirrenden Ketten gefesselt und auf dem -Rücken die Peitsche des Eroberers fühlend. Hier und -da nur sah man, wie einem in dem großen Zuge das -Auge rollte, vernahm man ingrimmige Verwünschungen -und ohnmächtiges Zähneknirschen.</p> - -<p>Unwillkürlich stieß Konrad das Buch von sich und -versank in tiefes Sinnen.</p> - -<p>Aber nicht mehr im grauen Altertum weilten seine -Gedanken. Er sah vielmehr eine lichte Mädchengestalt -mit zwei langen, aschblonden Zöpfen, die durch die -raschen Bewegungen lustig um die Schultern ihrer -Herrin flogen, hörte nur zwei trippelnde Füßchen und<span class="pagenum" id="Seite_137">[137]</span> -ein glockenreines Lachen. Da atmete Konrad tief auf, -daß seine Mutter den Blick von dem schnurrenden Rade -erhob und forschend auf den Sohn richtete.</p> - -<p>Lange Minuten blieben ihre Augen auf ihm haften, -unterdessen sie das Spinnrad vergaß, daß es nur noch -langsam weiterlief, bis es endlich stillstand.</p> - -<p>Ihre Gedanken flogen vom Sohn zurück zu seinem -verstorbenen Vater, dem er immer ähnlicher wurde. -Derselbe starke Wille, den jener besessen, zeigte sich bei -ihm immer deutlicher. Ein Hindernis in der Ausführung -seiner Pläne hatte der Vater nicht gekannt. -Starrköpfig war er durchs Leben gegangen mit seinem -abstoßenden Wesen und dem doch so trefflichen Herzen. -Die Leute mochten ihn nicht gern, weil er so arg mit -Worten geizte; deshalb vermieden sie seine Begegnung. -Immer mehr insichgekehrt wurde er, bis er zuletzt -menschenscheu geworden war.</p> - -<p>Jetzt hob Konrad den Kopf von den beiden -Fäusten, die ihn stützten, und seine Augen begegneten -denen der Mutter.</p> - -<p>»Mutter,« sagte er, »warum siehst Du mich so -starr an?«</p> - -<p>»Du hast schwer geseufzt, mein Junge,« antwortete -sie, »was fehlt Dir?«</p> - -<p>Da sah Konrad von seiner Mutter weg und ließ -den Blick wieder vor sich hinfallen.</p> - -<p>»So, also geseufzt habe ich? Das tun, wie man -spricht, gern Verliebte – – –, nun, da sage ichs -nur gleich frei heraus, Mutter, ja ich bin verliebt!«</p> - -<p>Und mit fliegendem Atem, gleichsam als dränge -es ihn, nun, nachdem das Geheimnis offenbart war, -seine Seele von allem, was sie bedrückte, zu entlasten,<span class="pagenum" id="Seite_138">[138]</span> -sprach er von seiner tiefen Liebe zu der Schwester -seines Freundes.</p> - -<p>Ohne ein Zeichen der Überraschung zu geben, -hatte die Mutter dem Sohne zugehört. Nun sagte -sie leise:</p> - -<p>»Ich habe dies alles ja schon längst gewußt, -Konrad. Denn an Deinem Vater habe ich es gelernt, -in der Seele eines verschlossenen Menschen zu lesen. -Hast Du dem Mädchen Deine Liebe gestanden?«</p> - -<p>»Sie ahnt nichts. Und hätte ich es tun können? -Bedenke doch, welch ein Kind Elisabeth noch ist. Sie -würde es kaum für Ernst genommen haben, wenn ich -gesprochen hätte.«</p> - -<p>»Du hast recht,« versetzte die Mutter, »dem Kinde -darfst Du vorerst nichts davon sagen. Aber mit Elisabeths -Mutter mußt Du alsbald sprechen, das wird -verständig sein. Die Freihoferin ist eine kluge Frau -und schätzt Dich.«</p> - -<p>Hier schwieg Konrad eine Weile. Dann sprach er -mit benommener Stimme:</p> - -<p>»Aber denkst Du, Mutter, daß ich es tun darf? -Es ist ein gewagtes Ding, den Rabensteiner Hof mit -dem Freihof zu versippen!«</p> - -<p>»Du Narr,« fuhr da die Alte auf und machte -eine heftige Bewegung, daß sie die untätig im Schoß -liegenden Hände auseinanderriß, und sie beinahe den -Spinnrocken noch umgestoßen hätte. »Wohin ist denn -Dein Stolz? Denkst Du, daß die Alte auf dem Freihofe -ihr Kind dem verschachern wird, der ihm die -meisten Hufe und das weiteste Ackerland bietet? Sie -würde Dir’s danken, wenn sie wüßte, wie Du sie einschätzest. -Freilich ist der Besitz am Rabenstein nicht<span class="pagenum" id="Seite_139">[139]</span> -groß und nicht zu vergleichen mit dem der Tiefenbachs. -Doch wissen’s alle,« setzte sie mit Befriedigung hinzu, -»daß es eine saubere Wirtschaft ist, und daß unser -kleines Land zu den besten der Umgebung gehört. Aber, -papperlapapp, was reden wir da für unnützes Zeug. -Du wirst rasch handeln, wie Du es sonst tust. Geh -alsbald hinab zur Mutter des Mädchens, das Du liebst, -und schütte ihr Dein Herz aus.«</p> - -<p>Darauf blieben die beiden noch eine Weile beieinander -sitzen. Die Mutter wandte sich von neuem -zum Spinnrad, ordnete mit flinker Hand die leicht in -Verwirrung gekommenen Fäden und legte die volle -Strähne wieder fest auf das sich unruhig bewegende -Rad. Bald darauf schnurrte dies wieder lustig, und die -Alte sah wie vorhin aufmerksam auf den sich abwickelnden -Faden.</p> - -<p>Konrad aber betrachtete mit zerstreuten Blicken die -leicht vornübergebeugte Gestalt seiner Mutter und wollte -bemerken, daß der Knoten, der von dem schlicht zurückgestrichenen, -grauweißen Haar auf dem Hinterkopfe gewunden -war, eigentlich recht klein geworden war, und -daß die Linien des sich ihm von der Seite darbietenden -Gesichts und des Halses doch sehr scharf hervortraten. -Aber so recht zum Bewußtsein kam ihm dies -nicht. Sein Blick richtete sich nach innen, und er vergaß -seine Umgebung.</p> - -<p>Da stand er plötzlich vom Tische auf, klappte das -Buch mit der Beschreibung der Freiheitskämpfe des -Griechenvolks im Altertum nachdrücklich zu und stellte -es auf das Wandbrett, wo auch die andern Bände -seiner kleinen Hausbibliothek standen. Dann nahm er -noch einmal die gequetschte und mit nasser Leinwand<span class="pagenum" id="Seite_140">[140]</span> -umwickelte Pfote des am Ofen schlafenden Spitzes in -die Hand und war befriedigt, daß er sie nicht heiß -fand. Sodann verließ er mit einem kurzen Gutenachtgruß -das Zimmer.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap09">9. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Noch immer hielt die grimmige Kälte an, und der -Schnee lag hoch aufgeweht auf der weiten Fläche. Ein -Tag nach dem andern schlich trübe und grau dahin; -kein freundlicher Sonnenstrahl schien auf die Erde herab. -Die Leute kamen während des kurzen Tages kaum -einmal aus ihren Häusern heraus. Das bißchen Arbeit, -das in der Scheune verrichtet werden mußte, wurde am -Vormittag getan. Im übrigen aber ließ man die sonst -so arbeitsamen Hände ruhen, saß nebeneinander auf -der geräumigen Bank, rund um den behagliche Wärme -verbreitenden Ofen, und sah durch die leicht mit Eisblumen -geschmückten Fensterscheiben hinaus in die winterliche -Landschaft. Der Abend brachte endlich wieder eine -Unterbrechung: man eilte in die Ställe und besorgte -das Vieh. Dann aber saßen sie wieder beisammen und -sprachen von der alten Ernte und von der neuen, vom -Kriege und von Weihnachten, zählten zum hundertsten -Male auf, wer im verflossenen Jahre im Dorfe und -in der Umgebung, soweit man sie kannte, gestorben und -wem ein kleines Kindlein beschert worden war. Zuletzt -kamen sie bei der Politik an, die seit Menschendenken<span class="pagenum" id="Seite_141">[141]</span> -den Männern einen bequemen und ausgiebigen Gesprächsstoff -geliefert hat.</p> - -<p>Wenn nur der Kaiser seine neue Armee erst wieder -aus Paris würde heranführen, dann mochte man Untertan -aller Herren Länder sein, bloß kein Russe, denn -denen würde er die Leiden seiner Soldaten schon vergelten. -Übrigens würde nicht eher dauernder Friede -im Lande herrschen, ehe nicht der Kaiser die Preußen -wieder einmal empfindlich gestraft haben würde. In -Berlin sollte es ja recht schön zugehen. Auf jedem -Schneehaufen lägen erschlagene Offiziere und Bürger, -und der König Friedrich Wilhelm hätte einen italienischen -Zigeuner überredet, daß er den Kaiser vergiften -solle.</p> - -<p>Wie friedlich war’s dagegen doch in Dresden! -Dort gab es kein Lärmen, aufhetzendes Gerede oder -Fäusteballen. Und tat dies doch einmal einer, so verschwand -er, wie es sich geziemte, ohne Geräusch und -spurlos von der Bildfläche. Ja, in dem lieben, guten -Dresden herrschte eben wie immer Ordnung! Die Minister -waren so klug, sich Watte in die Ohren zu stopfen, -wenn ihnen von geheimen Boten aus Berlin etwas -zugeflüstert wurde, und der gute König ließ das im -vergangenen Jahre vor Ankunft des Kaisers im Innern -neu hergerichtete Schloß wieder sauber machen und -zählte ungeduldig die Tage bis zu der vermeintlichen -Wiederkunft des kaiserlichen Freundes. Also nach -dieser Seite hin war im Lande der Ausblick erfreulich …</p> - -<p>So erzählten sich die biedern Rehefelder Abend -für Abend die haarsträubendsten Geschichten von den -Dingen, die mit dem kommenden Lenze anheben sollten.<span class="pagenum" id="Seite_142">[142]</span> -Und wie es sich auf diesem abgelegenen Dörfchen zutrug, -genau so geschah es allüberall unter den Untertanen -des Königs, der die grüne Raute im Schilde -führt. Die beginnenden Wehen der großen Zeit wurden -allerwärts in den deutschen Landen verspürt, nur innerhalb -der weißgrünen Grenzpfähle merkte man nichts -von ihnen. Das am Himmel leise heraufkommende -Morgenrot der deutschen Freiheit sahen sie nicht, erst -mußte das ganze Firmament blutigrot leuchten, als -Widerschein der urgewaltig auflodernden Flammen. Und -dann war es zu spät.</p> - -<p>Die Schneewolken hingen tief herab und machten -die kurzen, lichtarmen Wintertage traurig und düster. -Weit finsterer war es aber in den Köpfen vieler -Menschen.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Die Freihoferin saß, vor sich hinbrütend, auf ihrem -gewohnten Platze am runden Tische, als es an der Tür -klopfte, und gleich darauf Konrad ins Zimmer trat.</p> - -<p>Frau von Tiefenbach fuhr aus ihren Gedanken -auf und sah zerstreut auf den Ankommenden.</p> - -<p>»Guten Tag, Bäuerin,« grüßte Konrad und zog -mit umständlicher Bewegung die Tür hinter sich fest -ins Schloß.</p> - -<p>»Willkommen, Konrad,« klang es zurück. »Es ist -mir lieb, Gesellschaft zu bekommen, denn die Kinder -sind mit dem Schlitten draußen. Kurz nach Mittag -sind sie fortgefahren, und ich erwarte sie bald zurück. -Wie geht es der Mutter?«</p> - -<p>»Ich danke für die gute Nachfrage, sie ist wohlauf -und läßt Grüße bestellen.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[143]</span></p> - -<p>Mit diesen Worten war der Rabensteiner, der -alten Frau zunickend, zu dem mächtigen Ofen getreten -und legte mit Behagen die erstarrten Hände daran.</p> - -<p>Dann blieb es eine kurze Weile still. Draußen -begann sich allmählich die Dämmerung herabzusenken -und erfüllte das Zimmer mit unsicherm Licht.</p> - -<p>Die Freihoferin sah nach dem Fenster, dann warf -sie, als das Schweigen andauerte, einen raschen -Blick zu dem Mann hinüber, der sich stumm -am Ofen zu schaffen machte und nicht von den großen, -braunen Kacheln aufschaute.</p> - -<p>Noch immer die Hände reibend, hob Konrad endlich -an:</p> - -<p>»Wie lange wird’s noch so gehen? So lange ich -denken kann, hatten wir noch keinen solchen anhaltenden -Winter. Wenn es doch bald besser werden wollte. Ich -wünschte, der viele Schnee verschwände mit einem -Male.«</p> - -<p>»Ich fürchte mich vor einem plötzlichen Temperaturwechsel -bei solch einem Schneereichtum,« versetzte Frau -von Tiefenbach. »Schnelles Tauwetter bringt zuweilen -Gefahren.«</p> - -<p>»Das ist freilich richtig,« antwortete Konrad -einsilbig.</p> - -<p>Eine Pause entstand.</p> - -<p>»Was man von Berlin hört, ist recht erfreulich,« -begann er wieder. »Gebt acht, wenn uns Heil widerfahren -soll, kommt es von der Spree her. Bei uns -sind doch alle nur Nachtmützen.«</p> - -<p>»Du hast Recht, Konrad. Hierzulande ist man -schläfrig und denkfaul. Soviel Schnee draußen liegt, -so viel müßiges Geschwätz ist in der Leute Mund.<span class="pagenum" id="Seite_144">[144]</span> -Aber vernünftig denken oder gar erst handeln tut -keiner.«</p> - -<p>Der am Ofen gab keine Antwort, aber er rieb -und knetete seine Hände, daß die Finger krachten.</p> - -<p>Wieder gab es eine Pause.</p> - -<p>Die Erwartung der Freihoferin stieg immer höher, -aber sie verriet mit keinem Zeichen ihre Ungeduld. -Nur mußte sie mehr als einmal verstohlen hinübersehen, -nach dem jungen Mann, der ihr heute so seltsam -erschien.</p> - -<p>Da wandte sich Konrad plötzlich um und trat zum -Tische. Mit einer ungeduldigen Bewegung zog er -einen der schweren Stühle vor sich hin, beugte sich -weit über die hohe Lehne und sah der Freihoferin mit -unsicherm Blick in das Gesicht.</p> - -<p>Langsam und mit belegter Stimme, gleichsam die -Worte abzählend, sprach er dann:</p> - -<p>»Bäuerin, ich muß Euch um etwas fragen. Seit -mehr als einem Jahr schon liegt es mir auf der Brust -und preßt mir fast das Herz ab. Jetzt kann ich es -aber nimmer ertragen. Sagt, Freihoferin, wollt Ihr -mir Euer Liebstes, das Ihr habt, anvertrauen? Ich -verspreche Euch – –«</p> - -<p>Hier brach Konrad ab. Er wollte zwar mehr -sprechen, aber die Worte erstarben ihm auf der Zunge, -bei dem Anblick, den die Frau vor ihm bot.</p> - -<p>Das Gesicht starr wie aus Stein, die Lippen, aus -denen jeder Blutstropfen gewichen war, fest aufeinandergepreßt, -und den Blick auf den Boden geheftet, saß die -Freihoferin unbeweglich im Stuhle, den einen Arm -schwer auf den Tisch stützend.</p> - -<p>Zwei, drei Sekunden vergingen in diesem Schweigen.<span class="pagenum" id="Seite_145">[145]</span> -Dann schob Konrad den Oberkörper weit vornüber, -daß sein Mund sich dicht vor dem Gesicht der -Freihoferin befand. Er wußte die Veränderung der -Greisin nicht zu deuten, deshalb begann er von neuem -und stieß mit gepreßter Stimme die Worte hervor:</p> - -<p>»Ich besitze nicht viel, was ich Euerm Kinde bieten -könnte. Ihr wißt, der Rabensteiner Hof ist eng und sein -Ertrag klein. Aber wenn’s Euch gefällt zu hören, so -verrate ichs Euch, der Mutter, daß ich Euer Kind liebe -aus der tiefsten Stelle meines Herzens heraus und -daß ich sein Leben und Glück behüten würde wie einen -kostbaren Schatz, den mir die Engel vom Himmel herab -in mein Heim getragen haben!«</p> - -<p>In überschäumender Leidenschaft hatte der Mann -diese Worte ausgesprochen und seine ehrlichen Augen -fest auf die Freihoferin gerichtet.</p> - -<p>Aber die Greisin rührte sich nicht, hob nicht einmal -den Blick, um ihn dem Bittenden zu gönnen.</p> - -<p>Da schlug der junge Mann die Augen nieder und -langsam, als ob es ihm Schmerzen bereite, richtete er -sich aus seiner vornübergebeugten Haltung auf und trat -einen Schritt zurück.</p> - -<p>Dann sprach er mit unsäglich bitterm Auflachen:</p> - -<p>»Da hätte mich die Mutter nicht zu schelten -brauchen, als ich die Befürchtung aussprach, daß zum -Brautwerber auf dem Freihofe der Rabensteiner zu -gering sein würde!«</p> - -<p>Bei diesen Worten machte die Freihoferin eine -matte Bewegung, als wenn sie Konrad am Weitersprechen -hindern wollte. Doch der warf trotzig den Kopf in -den Nacken, griff nach der Mütze und wandte sich zur<span class="pagenum" id="Seite_146">[146]</span> -Tür. Da drangen ihm in scharfem Tone die Worte -ins Ohr:</p> - -<p>»Konrad, bleib und setze Dich zu mir!«</p> - -<p>Diese Aufforderung hatte so gebieterisch geklungen, -daß der junge Mann nicht wagte, sich zu entfernen. -Er trat wieder zum Tische und nahm der Greisin gegenüber -Platz.</p> - -<p>Noch immer in tiefer Bewegung, aber äußerlich -gefaßt, begann die Freihoferin:</p> - -<p>»Ich habe Deinen Vater gekannt, Konrad, er war -ein Ehrenmann. Deine Mutter ist meine Freundin, -und Dich habe ich schon liebgewonnen, wie Du als -Knabe im Ziegenbockwägelchen durchs Dorf kutschiertest. -Ich kenne Dich besser als Du meinst und wüßte für -meine Tochter weit und breit keinen bessern Freier als -Dich. Und doch kannst Du nicht mein Eidam sein, wie -es überhaupt niemand werden kann.«</p> - -<p>Die Freihoferin lehnte sich in den Stuhl zurück, -als wenn sie einer Schwächeanwandlung folgen müsse. -Nach einigen Augenblicken aber raffte sie sich wieder -auf und sprach mit leiser Stimme:</p> - -<p>»Höre zu, Konrad, was ich Dir sage. Du und -kein anderer wärst mein Tochtermann geworden, wenn -nicht eine höhere Macht, der wir uns demütig beugen -müssen, es anders wollte. Was ich Dir jetzt anvertraue, -weiß nur ich, und niemand ahnt das Entsetzliche. -Ich allein wollte den Gram bewahren, bis es offenkundig -werden muß. Dir gegenüber aber muß ich reden. -Es kann Dir wie allen andern nicht verborgen geblieben -sein, daß Elisabeth eine schwache Gesundheit besitzt und -seit Jahren kränkelt. Sie ist aber leidender als sie -und alle, die sie kennen, ahnen. Meinem Blick ist es<span class="pagenum" id="Seite_147">[147]</span> -nicht entgangen, daß ihre von allen Ärzten als unheilbar -bezeichnete Krankheit in den letzten beiden Jahren -rasche Fortschritte gemacht hat, und eine innere Stimme -raunt mir schon zu, daß ich das Kind nicht mehr lange -besitzen werde. O, – mir bangt so unsagbar vor dem -Herbste – – –«</p> - -<p>Die Freihoferin hielt inne, um ihre Bewegung -niederzukämpfen. Dann wollte sie weiter sprechen, aber -ihre Stimme versagte. Sie lehnte ihr Haupt wieder -an die Stuhllehne zurück und bedeckte das Gesicht mit -der Hand.</p> - -<p>Konrad hatte der Greisin lautlos zugehört; jedes -ihrer Worte fühlte er wie einen Keulenschlag. Sein -ganzer Himmel brach über ihm zusammen. In diesem -Augenblick erst überkam ihn die Erkenntnis, mit welch -inniger Liebe sein Herz schon an dem Mädchen gehangen -hatte, jetzt, wo er das Kleinod verlor, noch ehe er es -besessen hatte. Noch vor einer Stunde war sein Herz -von seligen Hoffnungen erfüllt gewesen. Sein geistiges -Auge hatte ihm eine blumige Wiese vorgezaubert, auf -der er ruhte. Und wie sein Blick sich labte an den -glänzenden Gaben des Himmels, da kam das Glück, -ein betörend schönes Weib, lachend auf ihn zugeschritten -und bot ihm schon von fern die Hand. – So hatte -es in seinem Innern ausgesehen, als er dieses Zimmer -betrat. Und jetzt? Wie war doch mit einem Male -alles in ihm ganz anders! Das Jauchzen war verstummt, -der Sonnenglanz verblichen. Die grauen -Schneewolken draußen hingen tief herab, daß sie seine -Stirn zu berühren schienen. Blüten und Blumen -waren verschwunden, und weit in der Ferne schritt<span class="pagenum" id="Seite_148">[148]</span> -flüchtigen Fußes das Glück, – – es war an ihm -vorübergegangen!</p> - -<p>Da fiel sein Auge auf die in den Stuhl zurückgesunkene -Greisin, und langsam schloß sich die frische -Wunde seines Herzens, verstummte sein Weh vor dem -gewaltigen Schmerz, der diese Mutter durchwühlte. -Durfte er klagen angesichts dieses Weibes, das seit -langen Monaten sein Kind dahinschwinden sah, und dem -ein untrügliches Gefühl seinen nahen Tod grausam angekündigt -hatte?</p> - -<p>Erschüttert sah Konrad auf die Freihoferin. Aber -er wußte nicht, wie er sie trösten sollte, denn solch -einen Schmerz können Worte nicht mildern.</p> - -<p>Und mühsam erhob sich der Jüngling und ging -mit leisen Schritten zur Tür und verließ geräuschlos -das Zimmer.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Wenige Stunden später waren die beiden Männer -mit Elisabeth zurückgekehrt, und bald darauf vereinten -sich alle zur Abendmahlzeit. Während des Essens -herrschte die fröhlichste Stimmung. Elisabeth war ausgelassen -wie selten. Sie sprühte vor Lustigkeit, und ihr -fröhliches Lachen übte seine Wirkung auf die kleine -Tischgesellschaft aus. Nur die Freihoferin blieb ernst -und schaute mit besorgten Blicken auf das ihr gegenübersitzende -Mädchen.</p> - -<p>Der Ausflug vom Nachmittag wurde besprochen, -und Elisabeth erzählte der Mutter, daß sie auf der -Bornaschen Straße ein gutes Stück hinausgefahren -und dann über Göltzschen zurückgekehrt seien. Die -Pferde hätten wacker ausgegriffen, und es sei eine Lust<span class="pagenum" id="Seite_149">[149]</span> -gewesen, so pfeilschnell durch die herrliche Winterlandschaft -zu fliegen.</p> - -<p>»Auf der Rückfahrt,« plauderte sie mit Lebhaftigkeit, -»mußte Max die Zügel natürlich meinen Händen -überlassen, und während er mit Herrn von Friesen -hinter mir wieder über die ganz langweilige Politik -sprach, reifte mit einem Male in meiner Seele ein -schwarzer Plan. Ich hatte es nämlich schon wiederholt -versucht, die beiden von ihrem Gesprächsstoff abzulenken, -denn sie sollten von etwas reden, das ich gern -höre. Aber mein Drängen war immer vergeblich gewesen. -Da riß mir endlich die Geduld und ich beschloß, -mitten in ihre Unterhaltung hinein ganz überraschend -einen dicken Punkt zu machen. Und wie wir -den Tanzberg kaum im Rücken hatten, und die Gäule -die abfallende Straße hinuntertrabten, da war ich mit mir -im reinen über das Mittel, mit dem ich die ungalanten -Herren an die Pflichten der Ritterlichkeit mahnen wollte. -Du weißt, liebe Mutter, an der Stelle, wo im Sommer -die großen Brombeersträucher blühen, macht die Straße -einen scharfen Knick. Dort sollte der Schauplatz der -Katastrophe sein. Leider war kein Publikum zu der -Vorstellung erschienen. Links also sind die Sträucher, -und rechts der Straße hat der Wind den Schnee hochaufgeweht. -Ich halte die Zügel etwas straffer, um die -scharfe Biegung nicht allzuschnell zu nehmen. Kaum -sind wir aber bei ihr angekommen, und die Pferde -wenden nach links, da reiße ich die Gäule scharf in -die neue Richtung hinein, daß die Tiere fast umkehren -und stehen bleiben. Natürlich ist diese Bewegung für -den Schlitten viel zu hastig, er kann sie nicht mitmachen, -sondern schleudert im Halbkreis herum und<span class="pagenum" id="Seite_150">[150]</span> -wirft sich, seinen Inhalt sorgfältig ausschüttend, blitzschnell -auf die Seite. In demselben Augenblick aber, -wo ich merke, daß der zuverlässige Kutscherbock unter -meinen Füßen seine horizontale Lage aufgeben will, -trenne ich mich von dem launischen Gefährt und springe -wie eine Katze dem Handpferd auf den Rücken. Von -diesem Platze aus beherrschte ich das Gesichtsfeld ganz -prächtig und konnte jede Bewegung, die die bis zum -letzten Augenblick politisierenden Herren in der nächsten -Sekunde machten, auf’s eingehendste studieren.«</p> - -<p>Hier konnte die Erzählerin ihre Fröhlichkeit nicht -mehr zurückhalten. Die Komik des Vorgangs stand ihr -wieder mit so lebhafter Deutlichkeit vor Augen, daß sie -mit ihrem bisher mühsam zurückgehaltenen Lachen laut -herausbrach und ihre Heiterkeit die Männer mit -fortriß, denn auch sie stimmten in das Gelächter fröhlich -ein.</p> - -<p>Elisabeth aber hatte das Lachen so angestrengt, -daß sie erst wieder eine kurze Weile Atem schöpfen -mußte, ehe sie weiter sprechen konnte. Dann aber fuhr -sie mit unverminderter Lebhaftigkeit fort:</p> - -<p>»Liebe Mutter, Du kannst Dir mit Zuhilfenahme -Deiner ganzen Phantasie keinen rechten Begriff davon -machen, wie die beiden Herren, jeder auf seine Art, -sich der plötzlich veränderten Sachlage anpaßten. Das -eine muß ich bei allen beiden anerkennen: sie beratschlagten -nicht erst lange, was zu tun sei, sondern zogen -vor, rasch zu handeln.</p> - -<p>Stumm schoß Herr von Friesen mit einem eleganten -Wuppdich kopfüber auf den Punkt des Schneehaufens -los, wo er am höchsten aufgeweht war und -verschwand sofort darin. Leider sprang mein teurer<span class="pagenum" id="Seite_151">[151]</span> -Bruder nicht ebenso graziös wie sein Freund. Ich -mußte, ohne daß ich es wollte, des Anblicks gedenken, -den die sich sträubenden Kälber darbieten, wenn sie der -Viehmakler mit dem Hermann auf den Wagen hebt. -Mit gespreizten Armen und Beinen näherte sich Max -in raschem Tempo der seiner geduldig harrenden Schneewehe -und bohrte sich, den Kopf voran, in sie -hinein. Während Herr von Friesen für längere -Zeit bis auf einen Stiefel ganz unsichtbar war, fand -sich auch Max erst nach gründlichem Suchen darin -wieder heraus und krabbelte mit den Gliedmaßen so -komisch, daß er aussah wie ein dicker, schwarzer -Käfer in einer Schüssel steifer Sahne. Kurzum, -meine beiden ritterlichen Gefährten taten in diesen -Augenblicken viel, nur von der Politik sprachen sie -nicht mehr.«</p> - -<p>Die beiden Freunde waren durch die in erzwungenem -Ernste gemachte Schilderung des Erlebnisses wiederholt -zu erneuter Lustigkeit angeregt worden. Auch -Elisabeth mußte ihrer Heiterkeit wieder freien Lauf -lassen; sie beugte den Kopf hintenüber und wollte sich -vor Lachen ausschütten. Das bleiche Gesichtchen mit -den schmalen Wangen und den großen, glänzenden -Augen strahlte vor Lebensfreude und ungebundenem -Frohsinn.</p> - -<p>Da dämpfte plötzlich Elisabeth ihr lautes Lachen. -Sie beugte den Kopf auf die Brust, und gleichzeitig -wurde ihr zarter Körper durch einen schweren Hustenanfall -aufs heftigste erschüttert. Mit einem Schlage -war die sprudelnde Heiterkeit von dem kleinen Kreise -gewichen, und unwillkürlich richteten sich aller Blicke -mit Bangigkeit auf das unter den unaufhörlichen<span class="pagenum" id="Seite_152">[152]</span> -Hustenstößen augenscheinlich schwer leidende Mädchen. -Noch ein kurzer, heftigerer Anfall, dann bekam Elisabeth -wieder Ruhe. Sie tastete mit der Hand zum -Hals, als wenn sie dort etwas beenge und schluckte -einige Male hinunter. Darauf lehnte sie sich erschöpft -zurück. In den Mundwinkeln des Mädchens aber wurden -ein paar große, rote Tropfen sichtbar, die langsam -am Kinn und am Halse hinabrollten.</p> - -<p>Da stieß die Freihoferin heftig den Stuhl zurück -und stand im nächsten Augenblick neben dem schwer -atmenden Kinde. Wie eine Feder hob die Greisin das -Mädchen auf, preßte es an ihre Brust und trug es -hastig zur Stube hinaus.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap10">10. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>In tiefem Blau prangte seit einigen Tagen der -Himmel, und aus Südosten blies ein lauer Wind.</p> - -<p>Wie durch einen Zauberschlag war das Bild, das -die Natur geboten, verändert: der Schnee war unter -den warmen Sonnenstrahlen verschwunden. Anfangs -ging es langsam, bis die obere Schicht zu schmelzen -begann und die ersten Wasserläufe entstanden. Als -aber die Luft wärmer wurde und der feurige Sonnenball -seinen Kreislauf einige Male wiederholt hatte, ohne -daß ihn neidische Wolken verbargen, da trat starkes -Tauwetter ein. Das Wasser konnte nicht so rasch in -die Erde einsickern. Die Straßen weichten auf und<span class="pagenum" id="Seite_153">[153]</span> -wurden grundlos, und auf den Äckern und Wiesen -bildeten sich große Teiche, auf denen die Enten laut -schnatternd umherschwammen und die liebe Dorfjugend -jubelnd Papierschiffe treiben ließ. Der sonst zwischen -seinen hochaufgeschütteten Ufern so friedlich dahingleitende -Göselbach war stark angeschwollen. Seit diesem Morgen -aber war er zum Strom geworden, dessen schäumende -Wasser in raschem Laufe dahinschossen.</p> - -<p>Auf dem Freihofe war die schwere Beklemmung, -die Elisabeths plötzliche Erkrankung hervorgerufen hatte, -langsam wieder gewichen. Der schnell herbeigeholte -Arzt hatte der Kranken Bettruhe verordnet, und wie ein -folgsames Kind schluckte sie Eisstückchen, die die nicht -von dem Bette weichende Freihoferin ihr reichte. Nach -ein paar Tagen war das Mädchen wieder wohlauf und -hatte das Bett verlassen. Sie versicherte, daß ihr nichts -mehr fehle bis auf eine bleierne Mattigkeit, die in den -Gliedern läge. Aber auch dies hielt nicht lange an, -dann war sie wieder lustig und beweglich wie vorher. -Sie tollte mit Friesen, als wenn nichts geschehen wäre, -über die spärlichen Schneereste hinweg und war unermüdlich, -ihn zu necken. Ihre Erfindungsgabe half ihr -immer wieder, neue, harmlose Streiche ersinnen, die sie -ihm spielte.</p> - -<p>Mit großer Besorgnis beobachtete die Freihoferin -den Zustand ihres Kindes. Anfangs hatte sie wohl -zuweilen ihre Stimme mahnend erhoben und dem -Mädchen schnelle Bewegungen und Umherspringen untersagt, -bald aber sah sie ein, daß ihre Mahnungen nicht -fruchteten, da sie nur zu schnell vergessen wurden. -Denn alle Bewegungen, die das Mädchen tat, waren<span class="pagenum" id="Seite_154">[154]</span> -rasch, und die große Lebhaftigkeit, die einen Teil ihres -Wesens ausmachte, konnte sie unmöglich unterdrücken.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Max hatte mit Friesen für den Nachmittag einen -Ausritt verabredet, dem auch Elisabeth sich anzuschließen -wünschte. Der Widerstand der Mutter war bald besiegt, -und so trabte denn die kleine Kavalkade fröhlich -vom Hofe fort, hinein in den lachenden Sonnenschein. -Friesen hatte eines der im vorigen Jahre gekauften -Kutschpferde bestiegen, einen dicken Wallach, dem ab -und zu einmal der Sattel aufgelegt wurde, während -Max seinen Braunen ritt.</p> - -<p>Elisabeths hochbeiniger Schimmel konnte sich nicht -lange dem ruhigen Schritt der beiden andern Pferde -anpassen, er drängte unausgesetzt in die Zügel und -tänzelte nebenher, den langen Schweif mutwillig hinüber -und herüber schlagend. Aber Elisabeth war eine -gute Reiterin, die die Launen des Tieres wohl kannte. -Mit kurzem Zügelruck, den sie schnell wiederholte, verwies -sie das Tier zur Ruhe, so daß der Schimmel alsbald -die Zügel freigab, in ruhigen Gang fiel und -den leisesten Hilfen der Reiterin wie ein Hündchen -folgte.</p> - -<p>Als die kleine Schar außerhalb des Dorfes angekommen -war und die Straße verlassen konnte, lenkte -sie hinüber auf ein sich lang hinziehendes Rasenstück, -auf dem nur noch vereinzelt kleine Pfützen stehen geblieben -waren. Im leichten Trab sprengten sie weiter, -die Wangen von mildem Windhauch umfächelt.</p> - -<p>In einiger Entfernung vor den Reitern wand sich<span class="pagenum" id="Seite_155">[155]</span> -ein ziemlich breiter Wassergraben über ihren Weg. -Elisabeth hatte das Hindernis kaum erblickt, als sie -auch schon vorschlug, darüber hinwegzusetzen. Im Nu -hatten ihre Begleiter angenommen. Man ließ den -Gäulen die Zügel, und in kurzem Galopp ging es dem -Graben zu.</p> - -<p>Max hatte sofort bereut, sich zum Mittun bereit -erklärt zu haben, denn er argwöhnte, daß sein schwerer -Brauner ihn im Stich lassen würde. Aber nun konnte -er sich nicht mehr ausschließen, denn Elisabeth hätte ihn -grausam verspottet.</p> - -<p>Friesen blieb dicht neben Max, während der Platz -zwischen beiden leer geworden war. Elisabeth hielt -nämlich den Schimmel kräftig zurück, um zu verhindern, -daß er über die Linie hinausschösse, denn sie wollte -an dem Hindernis als Letzte ankommen. So gewannen -die Herren einen geraumen Vorsprung.</p> - -<p>Jetzt waren die Reiter nur noch eine kurze Strecke -von dem Graben entfernt und ließen die Tiere laufen. -In der nächsten Sekunde waren sie am Wasser. Max -sprang zuerst, fast in demselben Augenblick sprang auch -Friesen und kam dicht hinter dem Graben nieder. -Maxens Brauner sprang aber zu kurz und schlug mit den -hinteren Hufen laut klatschend ins Wasser, daß die -schmutzige Flüssigkeit hochaufspritzte und Pferd und -Reiter reichlich übergoß.</p> - -<p>Aber schon ertönte von hinten her ein helles Auflachen -und gleich darauf setzte Elisabeths Schimmel in -leichtem Sprunge, behend wie eine Gemse über den Graben -und kam weit vor Friesens Wallach sicher nieder.</p> - -<p>»So sieht ein richtiger Sprung aus, Ihr Herren,« -rief das Mädchen mit lauter Stimme über die Schulter<span class="pagenum" id="Seite_156">[156]</span> -zurück, während der Schimmel mit großer Geschwindigkeit -weiterstürmte.</p> - -<p>Max tat eine kräftige Verwünschung über die -Schwerfälligkeit seines Pferdes und zwinkerte ärgerlich -mit den Augen. Dann gab er dem Gaul wütend die -Sporen, daß er einen wilden Satz machte, der ihn aus -dem Wasser herausbrachte, um sich mit ein paar weiteren -Sprüngen aus dem weichen Boden vollends herauszuarbeiten. -Die Zügel auf den Hals des Tieres -fallen lassend, trocknete er sich, das Taschentuch mit -beiden Händen erfassend, das triefende Gesicht ab.</p> - -<p>Friesen hatte nur ein paar Tropfen auf die Wange -bekommen, die er jetzt laut lachend mit dem Zeigefinger -abwischte und fortschleuderte.</p> - -<p>»Ich werde mich hüten, mit dieser behäbigen Dame -noch einmal einen solchen Graben zu nehmen,« knurrte -Max, der nun endlich Gesicht und Hals wieder trocken -hatte. »Hast Du gesehen, wie sie sprang? Ja? Gerade -so wie ein Walroß, und ich kann noch von Glück reden, -daß ich nicht heruntersegelte; bald wäre es freilich geschehen.«</p> - -<p>Während dieser Worte hatten sie ihre Pferde -wieder langsam in Bewegung gesetzt und trabten nun -in der eingeschlagenen Richtung weiter. Elisabeth war -ein großes Stück vorausgeeilt. Dann war sie umgekehrt -und nun ritt sie in weiten Kreisen um die -Männer herum. In kecker Haltung saß sie auf dem -Tiere, es zu immer größerer Eile antreibend.</p> - -<p>Während die beiden Reiter ihre Pferde ruhig -laufen ließen, betrachteten sie mit Vergnügen das in -Windeseile dahinfliegende Mädchen. Die Entdeckung, -daß Elisabeth eine vortreffliche Reiterin war, hatte<span class="pagenum" id="Seite_157">[157]</span> -Friesen schon längst gemacht. Heute wurde ihm ein -neuer Beweis hierfür. Elisabeth behielt auch in dieser -scharfen Gangart das Tier vollständig in ihrer Gewalt, -und die Reiter konnten deutlich wahrnehmen, wie der -Schimmel dem Zügel augenblicklich folgte. Ohne die -Schnelligkeit zu vermindern, umkreiste Elisabeth noch -immer die beiden Freunde, alle Hindernisse nehmend, -die im Wege lagen. Ihre Augen leuchteten vor Freude, -und eine Locke des blonden Haares hatte sich gelöst -und wehte der Reiterin um die jetzt von einer leichten -Röte bedeckte Stirn.</p> - -<p>Soeben war sie wieder in kurzer Entfernung vor -den Herren vorbeigejagt und hatte ihnen ein Scherzwort -herüber gerufen, als Maxens Pferd plötzlich vor -einer auffliegenden Krähe scheute. Noch immer gereizt -durch die Unbeholfenheit des Tieres beim Sprunge, -nahm es Max fest in die Zügel und zwang es mit -eisernem Schenkeldruck zur Ruhe. In diesem Augenblick -stieß Friesen, der Elisabeth nicht aus den Augen gelassen -hatte, einen unterdrückten Schrei aus. Max fuhr -auf und suchte seine Schwester mit dem Blick, die sich -gerade in geraumer Entfernung rechtsseitwärts von -ihnen befand. Aber er konnte nichts entdecken, was -dem Freunde Grund zur Besorgnis geben mochte. Da -sagte Friesen kurz:</p> - -<p>»Sie hat den Sitz verloren und bemüht sich, den -Schimmel in Schritt zu bringen.«</p> - -<p>Die Reiter blieben stehen und schauten mit angestrengter -Aufmerksamkeit dem sich ihnen von rückwärts -her nähernden Mädchen entgegen.</p> - -<p>»Der Schimmel hat kleine Launen, ist aber im<span class="pagenum" id="Seite_158">[158]</span> -ganzen harmlos,« entgegnete Max, »und Elisabeth -kennt sich mit ihm aus.«</p> - -<p>Da stürmte auch schon das Tier mit seiner Reiterin -in kurzer Entfernung an ihnen vorüber. Elisabeths -Fuß hatte zwar noch fest im Bügel geruht, aber es -gab für die Beiden keinen Zweifel mehr, daß sie die Gewalt -über das Tier vollständig verloren hatte. Mit -seiner ganzen schwachen Kraft riß das Mädchen an den -Zügeln, doch umsonst, die leichte Kandare klemmte -zwischen den aufeinandergebissenen Zähnen des durchgehenden -Pferdes. Plötzlich sprang der Schimmel aus -der bisherigen Richtung heraus und jagte eine sanft -ansteigende, weite Lehne hinauf, dicht an den letzten -Häusern des Dorfes vorbei.</p> - -<p>Wie gelähmt blieben die Reiter stehen, dem davonstürmenden -Pferde entsetzt nachschauend. Aber nur einen -Augenblick dauerte ihre Bestürzung. Kein Wort wurde -ausgetauscht, aber sie wußten beide, daß es eine Jagd -auf Leben und Tod sein würde, um das Mädchen zu -retten, denn der rasende Lauf des scheugewordenen -Pferdes führte in gerader Richtung auf den hochangeschwollenen -Bach zu.</p> - -<p>Da fuhr Max wild auf und hieb dem heftig erschreckenden -Braunen die Sporen tief in die Seiten, -daß das Tier von Schmerz gepeinigt sich auf den -Hinterbeinen erhob und senkrecht aufstieg, um dann wie -toll davonzurasen, hinterdrein Friesen. Die beiden -Pferde schlugen sofort eine hohe Geschwindigkeit an, -und so ging es in wilder Jagd dem in nicht zu großer -Entfernung vor ihnen galoppierenden Schimmel nach. -Stumm ritten die beiden Männer nebeneinander, keinen -Blick von dem davoneilenden Pferde verlierend und mit<span class="pagenum" id="Seite_159">[159]</span> -allen Sinnen auf den Gang ihrer Tiere achtend. Maxens -Brauner schien wieder gut machen zu wollen, was -er vorhin versäumt hatte: mit mächtigen Sprüngen -setzte er über den weichen Boden hinweg, so daß -Friesen Mühe hatte, an seiner Seite zu bleiben.</p> - -<p>Aber Max achtete nicht darauf, daß der Braune -sein Bestes bot, er verlangte noch mehr von ihm. Von -neuem setzte er dem Tiere die Sporen in die Seiten, -daß dieses in der Tat in eine erhöhtere Schnelligkeit -fiel und nunmehr wie ein Pfeil dahinschoß. Mit Genugtuung -bemerkte Max, daß sich die Entfernung -zwischen ihm und Elisabeth langsam verringerte. Friesens -Wallach konnte dieses Tempo nicht einhalten und blieb -um einige Längen zurück. Max gewahrte Friesens -Zurückbleiben, aber was kümmerte es ihn; seine weit -aufgerissenen Augen hingen, ohne abzuirren, an der -zarten Mädchengestalt auf dem vor ihm weiterstürmenden -Pferde. Der Zwischenraum wurde merklich kürzer, -denn der Braune hielt das scharfe Tempo gut inne und -verkürzte nicht um eine Handbreite seine weitausgreifenden -Sprünge.</p> - -<p>Aber immer mehr forderte der Reiter von seinem -Tiere. Wieder gab er ihm die Sporen zu fühlen, bis -er zuletzt das Eisen auf den Flanken ruhen ließ und -durch unausgesetztes Drohen mit den scharfen Spitzen -den Gaul zum Einhalten seiner hohen Schnelligkeit anstachelte. -Alles was in dem Pferde war, forderte -sein Reiter in diesen Augenblicken von ihm. Und wenn -das Tier dabei zugrunde ging, was tats? Galt es doch -ein Menschenleben zu retten, und dieser Mensch – war -seine Schwester! Zum Glück näherte er sich ihr bei -diesem Tempo von Sekunde zu Sekunde, und noch in<span class="pagenum" id="Seite_160">[160]</span> -großer Entfernung vor dem reißenden Wasserlaufe -mußte er sie eingeholt haben.</p> - -<p>Die ruhige Überlegung drohte den jungen Mann -zu verlassen, wenn er blitzschnell die Möglichkeit erwog, -daß sein Pferd diese Schnelligkeit nicht aushalten könnte. -Seine Augen schätzten fortwährend forschend den Abstand, -und mit großer Befriedigung stellte er fest, daß -Elisabeths Vorsprung sich immer mehr verringerte und -er sehr bald an ihrer Seite sein mußte. Er überlegte: -von links wollte er anreiten, um die rechte Hand frei -zu haben und wenn er erst einmal die Zügel des -störrischen Schimmels in seiner Faust haben würde, -dann – – – – – –, was Max von Tiefenbach -in der Faust hielt, das war ihm sicher, das gehörte -ihm!</p> - -<p>Aber der Braune durfte nicht um einen Zentimeter -nachlassen, er mußte ohne Unterlaß das Eisen -kosten. Und von neuem jagte Max dem Tiere die -Stacheln in das Fleisch, daß es in wildem Schmerze -wie unsinnig weiterraste.</p> - -<p>Max spannte alle Sinne aufs äußerste an. Da, -allmächtiger Gott, täuschte er sich, oder war es Wirklichkeit, -– der Braune verkürzte die Sprünge? Sein -Auge durchmaß den Zwischenraum, und es war keine -Täuschung, er war in den letzten Sekunden größer geworden. -Ein wilder Fluch entfuhr ihm. Sollte er jetzt, wo -er in wenigen Sekunden an seiner Schwester Seite sein -konnte, zurückbleiben und zusehen müssen, wie diese dem -unabwendbaren Tode entgegeneilte? Da zerriß wie ein -greller Blitzstrahl ein banger Gedanke das Gespinst -seiner sich stürmisch jagenden Betrachtungen. Wie unter -einem heftigen körperlichen Schmerz zuckte Max zusammen<span class="pagenum" id="Seite_161">[161]</span> -und die angstvollen Worte entfuhren ihm: »Um -des Himmels willen, die Mutter!«</p> - -<p>Wütend fuhr da der Mann auf:</p> - -<p>»Verwünschte Kanaille, willst Du mich im Stiche -lassen? Warte ich will Dir Lust machen.«</p> - -<p>Und von neuem bohrte er die Sporen tief in die -Flanken. Aber das Pferd bäumte nicht mehr angstvoll -auf wie vorhin und machte seine Sprünge nicht größer. -Pfeifend schossen ihm die Atemstöße aus den geblähten -Nüstern und das kurzabgerissene Schnauben hätte zu jeder -anderen Zeit Max zum Absteigen veranlaßt. In diesem -Augenblick aber hörte und sah er nichts von der großen Erschöpfung -des so schnelles Laufen ungewohnten, schweren -Tieres, das schon viel mehr ausgegeben hatte, als von ihm -gefordert werden durfte.</p> - -<p>Mit steigendem Entsetzen bemerkte er, wie der -Schimmel immer größeren Vorsprung gewann. Alle -Empfindungen, die bei dieser Wahrnehmung auf ihn -einstürmten, verwandelten sich in Zorn, der sich gegen das -jetzt wiederholt strauchelnde Pferd richtete. Von Wut -gepackt trieb er ihm zwei-, dreimal die Eisen in die -Seiten. Das gequälte Tier bäumte hoch auf, – da -riß des Reiters eiserne Faust es nieder und dann -bohrten sich wieder und wieder die Sporen in sein -Fleisch. Mit Schenkel und Eisen bearbeitete Max ohne -Erbarmen das Tier, daß es von neuem ein schnelleres -Tempo anschlug. Aber es entging ihm nicht, daß der -Braune die Geschwindigkeit von vorhin nicht mehr erreichte -und daß die Entfernung sich mit jedem Sprung -vergrößerte.</p> - -<p>Da kam auch Friesens Wallach wieder heran, der<span class="pagenum" id="Seite_162">[162]</span> -in gleichbleibender Schnelligkeit weitergeritten und -der trotz der vielen Versuche seines Reiters in keine -schärfere Gangart gefallen war. Langsam rückte Friesen -vor. Max bemühte sich, einen kleinen Vorsprung zu -behalten, aber der Wallach kam näher. Schon standen -die beiden Tiere Gurt an Gurt, dann glitt Friesen ein -Stück vor und behielt ein Tempo, in dem der Braune -nur schwer folgen konnte.</p> - -<p>Die Reiter sahen jetzt, wie der Schimmel die Anhöhe -erreicht hatte. Elisabeths Gestalt war noch einen -Augenblick sichtbar, und die beiden Freunde erkannten -deutlich, daß ihr Oberkörper vornübergesunken war und -daß das Mädchen beide Arme um den Hals des Pferdes -geschlungen hatte. Dann entschwand sie ihren Blicken.</p> - -<p>Max war vor Schrecken seiner Sinne nicht -mehr mächtig. Er nahm seinen Reitstock und schlug -damit wiederholt den Braunen wuchtig zwischen die -Ohren, womit er nur erreichte, daß das Pferd dicht -hinter Friesens Wallach blieb.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Konrad Hartmann war auf seinem Hofe beschäftigt. -Die nackten Füße in Lederpantoffeln steckend, kniete er -gerade vor einem Wagen und legte um eine zersprungene -Nabe ein Stück schmalen Eisenbandes. Drüben am -Pferdestalle stand seine Mutter, die mit weitem Wurfe -Maiskörner unter die stattliche Schar Hühner -schleuderte.</p> - -<p>Am Abend jenes Tages, an dem Konrad die erschütterte -Freihoferin leise verlassen hatte, war es in -der Wohnstube auf dem Rabensteiner Hof noch viel -stiller als sonst zugegangen. Der Sohn hatte eine<span class="pagenum" id="Seite_163">[163]</span> -Weile an dem hölzernen Pfeifenkopfe weitergeschnitzt. -Lange hatte dies aber nicht gedauert, dann mochte ihm -die Beschäftigung nicht mehr zugesagt haben. Er hatte -auf das Bücherbrett gegriffen und die Helden des grauen -Altertums wieder einmal vor seinem Geiste aufmarschieren -lassen.</p> - -<p>Sonst vergaß er beim Lesen jener Zeiten alles, was -sich um ihm herum zutrug. Mit leuchtenden Augen verfolgte -er dann das gewaltige Ringen der Völker und die -erbitterten Kämpfe mit dem überlegenen Gegner um die -Freiheit des Stammes. An diesem Abend aber hatten -seine Gedanken nicht mitten unter den Helden geweilt, -und es begab sich zum ersten Mal, daß das Interesse -an den Großtaten Jener verblich, und sich dafür etwas -anderes in seine Seele schlich und allen Raum darin -für sich beanspruchte. Zeitiger als andere Tage hatte -Konrad das Bett aufgesucht. Die Mutter aber war -geblieben und hatte mit Wehmut lange, lange auf die -Stelle geschaut, wo ihr Sohn gesessen hatte. – –</p> - -<p>Wieder hatte sich Konrad gebückt und mit aufmerksamen -Blicken und wiederholtem Betasten den geflickten -Schaden geprüft. Da stieß die Rabensteinerin einen -lauten Schrei des Entsetzens aus. Konrad fuhr erschreckt -in die Höhe und blickte auf seine Mutter.</p> - -<p>Mit vorgeneigtem Oberkörper stand diese inmitten -der die Körner geschäftig aufpickenden Hühner und sah -in großer Erregung durch das weitgeöffnete hintere Hoftor, -das unmittelbar auf die Wiesen hinausführte. Hastig -folgte Konrad dem Auge seiner Mutter, und in demselben -Augenblick war sein von der emsigen Arbeit stark -gerötetes Gesicht bis in die Lippen hinein bleich geworden. -Einen Herzschlag lang schauten Mutter und Sohn mit<span class="pagenum" id="Seite_164">[164]</span> -dem Ausdruck des Entsetzens nach den Wiesen, über die -in wilden Sprüngen ein durchgehendes Reitpferd hinweg -setzte, auf dessen Rücken die zusammengesunkene Gestalt -eines jungen Mädchens zu erkennen war.</p> - -<p>Noch war der die kühle Besonnenheit sonst nie -verlierende junge Mann wie gelähmt, da riß sich die -Mutter von dem erschreckenden Anblick los und rief -dem Sohne zu:</p> - -<p>»Konrad, was stehst Du wie ein Pfahl? Nicht -einen Augenblick hast Du zu verlieren!«</p> - -<p>Der aber antwortete nicht, sondern starrte regungslos -ins Weite.</p> - -<p>Da flammte in dem gutmütigen Gesicht des Weibes -helle Zornesröte auf. Mit ein paar Sprüngen stand sie -neben dem Sohn, riß an seiner Schulter und schrie -ihm ins Ohr:</p> - -<p>»Deine gesunden Knochen sind Dir wohl zu lieb? -Junge, weißt Du denn nicht, wessen Leben es gilt, he?«</p> - -<p>Der Gescholtene aber zuckte verzweifelnd die Achseln -und sagte dumpf:</p> - -<p>»Sie ist schon zu nahe am Wasser, ich schaff’s nicht -mehr, – – es ist zu spät!«</p> - -<p>Da lachte das Weib schrill auf und schrie:</p> - -<p>»Du Hasenfuß!«</p> - -<p>Im nächsten Augenblick sprang sie in den offenstehenden -Stall, und Konrad hörte, wie die Kette am -Stande des Fuchses niederrasselte. Dann dröhnte das -Stampfen des Pferdes von dem steinernen Belag der -Stallgasse wider, und mit lautem Wiehern trat das -Tier ins Freie. Konrad, der sich noch immer nicht von -dem Anblick losgerissen hatte, merkte das Pferd auf sich -zukommen. Mechanisch und ohne hinzusehen hob er die<span class="pagenum" id="Seite_165">[165]</span> -Arme und griff mit beiden Händen in die dichte Mähne -des immer weiterschreitenden Pferdes.</p> - -<p>»Vorwärts!« rief da die Rabensteinerin und führte -einen derben Schlag auf den Schenkel des Fuchses, daß -dieser einen schnellen Gang anschlug.</p> - -<p>Konrad hielt sich an dem krausen Mähnenhaar fest, -die Augen nicht von der Gestalt auf dem galoppierenden -Schimmel abwendend. Er mußte laufen, um mit dem -sich rasch vorwärts bewegenden Gaule gleichen Schritt -zu halten, bis der Gang zu schnell wurde. Da, ein -gewaltiger Ruck und Schwung, – und er saß auf dem -Rücken des Tieres. Im nächsten Augenblick trabte der -Hengst zu dem hintern Hoftor hinaus.</p> - -<p>Die Rabensteinerin aber eilte, so schnell ihre Füße -sie tragen wollten, die Treppe des Hauses hinauf auf -den Dachboden. Und dann stand das Weib an der -Dachluke, hielt die schwielige Hand, um das Auge vor -den Sonnenstrahlen zu schützen, an die Stirn und schaute -hinaus auf die Wiesen.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Gleichzeitig mit dem Verschwinden des Schimmels -hinter der Bodenwelle hatte sich in das Herz des noch -immer auf Rettung hoffenden Max die grausame -Ueberzeugung gestohlen, daß das Schicksal seiner -Schwester nunmehr besiegelt sei. Dieser Gedanke drängte -ihm das Blut zu Kopfe, daß die Schläfen zerspringen -wollten. Er keuchte unter der Last, die sich auf seine -Brust herabgesenkt hatte und fuhr fort, den ausgepumpten -Braunen zum schnelleren Laufen zu zwingen. Aber er -merkte mit untrüglicher Gewißheit, daß der Gaul nur<span class="pagenum" id="Seite_166">[166]</span> -noch wenige Minuten laufen würde, um dann niederzustürzen. -Auch Friesen konnte trotz der heftigsten Bemühungen -nichts mehr aus dem Wallach herausholen. -So sprengten die beiden Männer in immer mehr nachlassender -Geschwindigkeit nebeneinander dahin, wissend, -daß das unglückliche Mädchen in kurzer Zeit am Wasser -angekommen sein würde.</p> - -<p>Da erklang mit einem Male hinter ihnen das -Schnauben und Stampfen eines weit ausgreifenden -Pferdes. Jeder der beiden Freunde vernahm es und -glaubte an Täuschung. Aber das Geräusch drang schnell -näher und immer näher und ließ keinen Zweifel mehr zu, -daß ein Reiter den Hufen ihrer Rosse folgte. Doch der -sie beide in diesen bangen Sekunden nur allein bewegende -Gedanke: Vorwärts! ließ sie nicht hinter sich schauen. -Neuer Mut und neue Hoffnung erfüllte sie plötzlich bei -dem Erkennen der ihnen werdenden Hilfe, und mit -Anstrengung versuchten sie nochmals, ihre Tiere zum -schärferem Laufen zu bringen.</p> - -<p>Jetzt befand sich der Herbeieilende unmittelbar hinter -ihnen. Noch ein paar Sprünge seines Pferdes und -die Tiere liefen einen Augenblick nebeneinander. -Dann schoß der Neue wie eine Schwalbe über sie hinaus, -die beiden Zurückbleibenden mit einem Hagel von -Erde und Steinen überschüttend, die unter den Hufen -des flüchtigen Pferdes hochauf flogen. Eine kurze Weile -konnten sie den Enteilenden noch sehen, dann tauchte er -hinter derselben Bodenerhöhung hinab, hinter der auch -Elisabeth verschwunden war.</p> - -<p>Das Vorbeireiten dieses Helfers war ihnen, ob der -schwindelnden Schnelligkeit seines Pferdes, wie ein Traum -gewesen. Kaum daß sie sein Nahen vernommen, hatte er<span class="pagenum" id="Seite_167">[167]</span> -sie auch schon eingeholt, war prasselnd und dröhnend an -ihnen vorübergeflogen und ihren Augen wieder entschwunden -– wie ein Reiter aus dem Gefolge des -wilden Jägers.</p> - -<p>In der kurzen Zeitspanne aber, in der der Hinzugekommene -mit ihnen auf gleicher Höhe ritt, hatten die -Freunde ihn erkannt: es war Konrad Hartmann. Barhäuptig -und mit bloßen Füßen hatte die schmächtige -Gestalt zusammengekauert fast auf dem Halse des ungesattelten -fuchsigen Hengstes gehockt, den Kopf zu den -Pferdeohren hinabgebeugt und die Augen starr darüber -hinweggerichtet. Seine linke Hand war mit einer Strähne -des Mähnenhaares umwickelt gewesen, während die Finger -der rechten das edle Tier leise am Halse liebkosten. Sonst -keine Hilfe, kein Antreiben; als wenn er es wüßte, daß -es ein Menschenleben zu retten gelte, hatte der Hengst -ausgegriffen und sie zurückgelassen.</p> - -<p>Max und Friesen gaben nunmehr jeden Versuch -auf, ihre Tiere weiter anzutreiben. Sie waren schon -froh, daß diese sie in kleinen Sprüngen weitertrugen, -der Anhöhe zu, von der aus sie alles sehen würden. -Langsam kamen sie dem Punkte näher. Max bemühte -sich, ruhig zu bleiben, aber sein Herz klopfte hörbar und -er keuchte schwer vor Anstrengung und Erregung. Noch -ein paar Sprünge der dem Umsinken nahen Gäule, und -sie standen auf der Höhe.</p> - -<p>Etwa sechshundert Schritte vor ihnen zog der in -der Sonne glitzernde, hochgehende Bach vorüber und -unmittelbar vor ihm sahen sie, wie Elisabeth, von Konrad -gestützt, den Versuch machte, einige Schritte zu gehen. -Ihre Pferde standen abseits.</p> - -<p>In Windeseile sprangen sie von den Gäulen, ließen<span class="pagenum" id="Seite_168">[168]</span> -die nach Luft haschenden Tiere stehen und eilten die -Lehne hinab. In wenigen Minuten hatten sie das Ufer -erreicht.</p> - -<p>Elisabeth lagerte auf einem mit Moos überwucherten -großen Stein, sich auf den Ellenbogen stützend und sah -den beiden Männern mit schwachem Lächeln entgegen. -Ihr Gesicht war totenbleich, und um ihre Schläfen spielten -zerzauste Locken. Konrad stand neben dem Mädchen.</p> - -<p>Mit großen Schritten eilte Max zu seiner Schwester, -kniete nieder, schloß das Mädchen in tiefer Erregung -in die Arme und blieb eine Weile mit ihr stumm Brust -an Brust. Dann löste er sanft die Umarmung und -wandte sich zu Konrad. Seine Augen liefen fast über.</p> - -<p>Der aber schlug den Blick zu Boden und machte -eine Bewegung mit der Hand, als wenn es sich um eine -leichte Sache handele.</p> - -<p>»Warum willst Du meinem Dank wehren, Konrad?« -sprach Max mit vor Bewegung zitternder Stimme, -»der Geber darf sich dem Dank des Beschenkten nicht -entziehen, sonst macht er diesem die Annahme der Gabe -allzuschwer.« Dann legte Max seine Hände auf Konrads -Schultern, beugte sich tief herab, daß er ihm in die -Augen sah und fuhr fort:</p> - -<p>»Wir sind seit unserer Kindheit Freunde, und ich -habe immer gewußt, was ich an Dir besaß. Heute hast -Du mir aber einen Dienst erwiesen, für den Dir zu danken -meine Worte zu schwach sind. Ich bleibe für immer -Dein Schuldner. Unser Freundschaftsbund, Konrad, ist -durch diese Tat besiegelt fürs Leben!«</p> - -<p>Dann reichten sich die Männer schweigend die -Hände, worauf sich Max abwandte, um seiner ihn zu -übermannen drohenden Ergriffenheit Herr zu werden.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_169">[169]</span></p> - -<p>Elisabeth aber richtete sich höher auf und sprach leise:</p> - -<p>»Konrad, bitte komm zu mir.« Und wie dieser zu -der Sitzenden getreten war, legte Elisabeth ihre Hand -in die seinige, sah ihn mit allem von ihr ausgehenden -Liebreiz ins Gesicht und sagte mit schmeichelnder Stimme:</p> - -<p>»Die Mutter, Max und Du! Sprich, Konrad, -willst Du von heute an mein Bruder sein?«</p> - -<p>Da erfüllte das Herz des also Angesprochenen eine -tiefe Bewegung, und auf seinem Gesicht begann ein -wunderliches Spiel. Das Mädchen aber schlang den -Arm um seinen Hals, zog den Mann zu sich herab und -drückte ihre Lippen auf den zuckenden Mund.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap11">11. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Der Frühling des Jahres 1813 war mit jener -Pracht und Lieblichkeit ins Land gezogen, die alljährlich nach -den dunkeln und rauhen Wintertagen wieder die Menschen -erquicken und ihre Herzen lauter schlagen lassen. Die -Sonne tat in kurzer Zeit Wunder; aller orten begann -es zu sprießen. Die Wiesen bedeckten sich in wenige -Tagen mit saftigem Grün, und zwischen den frisch -aufgeschossenen Halmen der Gräser hoben die ersten -Veilchen schüchtern ihre Köpfchen. Die Menschen kamen -wieder aus den Häusern heraus, in die sie der diesmal -so anhaltende und strenge Winter lange gebannt hatte. -Mit durstigen Zügen atmeten sie die warme und würzige<span class="pagenum" id="Seite_170">[170]</span> -Luft, ließen die Augen weiden an dem geheimnisvollen, -die Seele erhebenden Erwachen der Natur und lauschten -frohen Herzens den muntern Weisen der zurückgekehrten -Singvögel. Nun war es Gott sei Dank vorüber mit -dem Untätigsein, und die Hände konnten wieder schaffen -und die emsige Arbeit beginnen, deren Segen im Herbst -ausgeschüttet wird.</p> - -<p>Neuer Lebensmut kehrt in diesen Tagen in die -Menschenbrust zurück, und wenn es einen Schwachen -und Kranken gibt, den der dunkle Winter hart niederdrückte, -daß sein Lebenslichtlein nur noch trüb brannte -und armselig flackerte, – mit den belebenden Sonnenstrahlen -zieht auch wieder Hoffnung in sein Herz, und -er fühlt, wie sich geheimnisvolle Kräfte in seinem -Innern regen.</p> - -<p>Auf dem Freihofe herrschte emsige Tätigkeit; vom -Morgen bis zum Abend wurde rastlos gearbeitet. Draußen -auf den Feldern zog der Pflug tiefe Furchen in die -verjüngte Erde und lockerte den schwärzlichen, duftenden -Ackerboden, der einlud, das Saatkorn ihm anzuvertrauen.</p> - -<p>Max hatte die Hände voll zu tun und war jeden -Tag der Erste und Letzte bei der Arbeit. Mit -Erstaunen sah Friesen auf die Geschäftigkeit, die sich -um ihn herum plötzlich entfaltet hatte, und eine Sehnsucht -zog in ihm herauf, zu seinem Regiment zurückzukehren. -Er wollte nicht allein untätig sein, zumal -die Rüstungen überall aufs neue begannen.</p> - -<p>Wie wenn die allerersten Strahlen der noch hinter -den Bergen verborgenen Sonne über die dunkle Erde -dahingleiten und die schlafende Natur wachküssen, so -zog mit leisen Schwingen ein wundersames Ahnen in -die Gemüter der Völker des mittleren Europas, daß<span class="pagenum" id="Seite_171">[171]</span> -auch für ihre Geschicke nun endlich der Frühling angebrochen -sei. Und sie machten sich auf, das Feld zu -bestellen und den Samen der Freiheit zu pflanzen, auf -daß ihnen, wenn der Sommer zur Rüste ging, eine -stattliche Ernte beschieden sei. Das aus der Wolke -niederströmende, die Saat des Landmanns befruchtende -Element hieß bei ihnen Begeisterung, die Jung und -Alt durchlohte, und der Sonnenschein, der beim Reifen -der Frucht nicht fehlen darf, sollte das Glänzen der -blanken Waffen und das Blitzen der Feuerrohre sein. -Auf deutschem Boden mußte der gewaltige, für alle -Völker entscheidende Kampf stattfinden, und in das -Rauschen der deutschen Eichenwälder sollte sich der -kriegerische Lärm der Schlachten mischen, – bis die -letzte Brust durchschossen, das letzte Schwert zerhauen -war, oder bis die berauschenden und jubelnden Klänge -der Siegeslieder die Dankbarkeit für die endliche Erlösung -von schwerem Joch himmelwärts trügen.</p> - -<p>Aber alsbald, wenn auch mit großem Mißmut, -erkannte Friesen, daß der Zustand seiner Füße es ihm -noch nicht erlaubte, seinen Dienst als Soldat wieder -aufzunehmen. Sie schmerzten bei anhaltendem Laufen -noch immer und verlangten gebieterisch weitere Schonung. -So mußte er denn seinen Plan wieder fallen lassen -und die Gastfreundschaft des Freihofes weiter annehmen.</p> - -<p>Bisweilen begleitete er Max zu Pferde, wenn -dieser auf die ausgedehnten Felder hinausritt, weit -öfter aber leistete er Elisabeth Gesellschaft oder begleitete -sie auf kurzen Spaziergängen.</p> - -<p>Den Schimmel hatte das Mädchen seit jenem -Tage nicht wieder bestiegen. Durch die Aufregung infolge -des wilden Rittes hatte ihre schwache Gesundheit<span class="pagenum" id="Seite_172">[172]</span> -doch einen gewaltigen Stoß erlitten, so daß sie nach dem -Vorfall noch mehrere Tage das Bett hüten mußte und -dann nur ganz allmählich ins Freie gehen durfte. Es -war ihr recht lieb, daß sie Friesen bei diesen Ausgängen -zum Begleiter hatte, denn sie konnte nicht anders, -als langsam und auf seinen Arm gestützt vorwärtsschreiten. -Hätte sie diese Tage ohne Friesens zerstreuende -Gesellschaft zubringen müssen, so wäre Elisabeth, -da sie sonst gewohnt war, wie ein Wirbelwind umherzutollen, -der leidende Zustand leicht zur drückenden Last -geworden.</p> - -<p>So fand sie sich in ihre Lage mit bewundernswürdiger -Ergebung und Geduld. Kein Wort der Sehnsucht -nach dem Wohlbefinden, dessen sie sich bisher erfreut -hatte, verlor sie. Sie vermied es, über ihre Krankheit -zu sprechen, und doch bemerkte es jedermann nur zu -gut, wie genau sie die Schwere der Krankheit erkannte.</p> - -<p>Fast immer peinigte das Mädchen ein böser Husten, -der sich zuweilen zu solcher Heftigkeit steigerte, daß der -Kreis ihrer Freunde Qualen erlitt. Dabei war sie immer -gleichmäßig freundlich gegen alle. Zur Mutter, der man -es äußerlich freilich fast kaum anmerkte wie sie litt, -war das Kind von rührender Zärtlichkeit.</p> - -<p>Auf das Schloß aber kam Elisabeth in dieser Zeit -nicht. Zudem versah Maria von Tiefenbach noch im -Schulhaus ihren Pflegedienst, denn noch immer waren -einige kranke Soldaten im Dorfe.</p> - -<p>Max hatte es in den letzten Wochen vermieden, -das Schulhaus zu betreten. Seine Gegenwart daselbst -war jetzt auch nicht mehr erforderlich wie in den ersten -Tagen, als man die Krankenzimmer eingerichtet hatte.<span class="pagenum" id="Seite_173">[173]</span> -Und wenn es dennoch nötig wurde, nach dem Rechten -zu sehen, beauftragte er Hermann Lehnhardt, seinen Verwalter, -mit diesen Geschäften.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Es war an einem der mittleren Apriltage.</p> - -<p>Elisabeth war am Vormittag – seit langer Zeit -zum ersten Mal – auf dem Schlosse gewesen, um noch -einmal mit Maria von Tiefenbach zusammen zu sein, -bevor diese nach Schloß Eckartsberg abreiste, wohin sie -plötzlich gerufen worden war, um die nach ihr verlangende, -schwer erkrankte Schwester ihres Vaters zu -pflegen. Der Abschied war beiden Mädchen recht schwer -gefallen, doch schieden sie mit der tröstenden Hoffnung, -sich in kurzer Zeit wiederzusehen.</p> - -<p>Nach dem Mittagessen stand Elisabeth mit Friesen -auf dem Hofe und schaute den drolligen Sprüngen junger -Ziegenböcke zu. Das Gesicht des jungen Mädchens sah -aus wie aus Wachs gebildet. Mit müdem Lächeln betrachtete -sie das muntere Spiel der Tiere, als sie plötzlich -zusammenbrach und eine große Menge Blutes aushustete.</p> - -<p>Von dieser Stunde ab durfte Elisabeth das Bett -nicht mehr verlassen. Auch jetzt half Friesen dem erschöpften -Mädchen die Zeit kürzen, indem er von seinen -Kriegszügen erzählte, oder mit ihr von ihren gemeinsamen, -kleinen Erlebnissen plauderte, oder aus Büchern -heitern Inhalts vorlas. Die Freihoferin war Tag und -Nacht um ihr Kind besorgt und verrichtete ganz allein -die Obliegenheiten der Pflegerin. Wenn sie sich von -Elisabeth betrachtet wußte, war sie bemüht, unbefangen -erscheinen, war aber die Aufmerksamkeit der Kranken<span class="pagenum" id="Seite_174">[174]</span> -von ihr abgelenkt, dann ruhte das mütterliche Auge mit -unsagbar zärtlicher Liebe auf dem Kinde. In solchen -Augenblicken war der sonst herbe Zug von den Lippen -der Greisin verschwunden, und ihr Antlitz wurde verschönt -durch den Ausdruck eines gewaltigen Schmerzes -gepaart mit überquellender Mutterliebe.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Draußen in der weiten Natur schritt der holdselige -Jüngling Frühling durch die Gefilde, und wo -sein Fuß gegangen war, erblühte alles zum neuen Leben. -Drinnen aber in der stillen Stube des Wohnhauses auf -dem Freihofe, welkte langsam ein junges Menschenleben -dahin. Jetzt gab es keinen mehr, der noch gehofft, niemand, -der nicht die Schatten gesehen hätte, die aus -dem Reiche der Finsternis heraufwallten und sich auf -dem Antlitz der sanftmütigen Dulderin niederließen.</p> - -<p>Große Stille herrschte auf dem Gute. Alle wußten, -daß in dem Hause eine Seele weilte, die sich anschickte, -das sterbliche Kleid, das sie in dieser Irdischkeit -getragen, abzulegen und in die Ewigkeit zurückzukehren.</p> - -<p>Elisabeth war aller Liebling gewesen. Die meisten -Dienstleute waren schon seit langen Jahren auf dem -Freihof. Sie hatten das zarte Kind aufwachsen sehen, -hatten es oft geliebkost, und deshalb meinte jeder ein -Anrecht auf sie geltend machen zu dürfen. Von Kindheit -an hatte Elisabeth, als wenn sie berufen sei eine Sendung -zu erfüllen, zwischen der schweigsamen Mutter, von der -nichts als Kälte auszugehen schien, und dem Gesinde -gestanden. Max war nicht so geartet, daß er die Rolle -des freundlichen Vermittlers hätte übernehmen können.<span class="pagenum" id="Seite_175">[175]</span> -Er hatte zuviel von der Mutter, und wenn die Leute -auch wußten, daß er ein warmes Herz für sie besaß, -so fürchteten sie doch seine leicht aufwallende Heftigkeit. -Elisabeth war der gute Hausgeist. Sie hatte es verstanden, -sich jeden zum Freunde zu machen. Deshalb -war sie für die Leute nicht eigentlich die Tochter der -Herrin gewesen, sondern das Kind, das, wo es auch -erschien, Klingen und Sonnenschein verbreitete. Elisabeth -war zu gleicher Zeit überall. Sah man ihren blonden -Kopf mit den strahlenden Kinderaugen nicht, so hörte -man sie scherzen und trällern. In den Ställen kannte -sie jeden ihrer vierbeinigen Freunde ganz genau und in -den Scheunen und ausgedehnten Dachböden wußte das -Mädchen die geheimnisvollsten Winkel. Niemand war -davor sicher, von ihr nicht jeden Augenblick überrascht zu -werden. Ihre Lieblingsbeschäftigung aber bestand darin, -mit Anbruch der Dämmerung in den Häuschen der -Tagelöhner einzukehren. Dort hockte sie besonders gern, -spielte mit den Kindern, aß von deren Butterbroden -und stob endlich davon, wenn die Mutter der Kleinen -sie bedeutete, daß auf dem Freihofe die Zeit des Abendessens -gekommen sei.</p> - -<p>Nun aber, wo das Mädchen niemandem mehr -hinterdrein folgte, keinen mehr neckte, man ihr fröhliches -Lachen nirgends mehr vernahm und die dicken Zöpfe -nicht mehr um ihre Schultern fliegen sah, jetzt fehlte -sie jedem von ihnen, den Kleinen wie den Großen.</p> - -<p>Mit Engelsgeduld trug sie die quälende Krankheit. -Nach jedem neuen Hustenanfall strich sie mit ihrer -schmalen, abgezehrten Hand liebkosend über die der -Mutter und sprach tröstend von ihrem baldigen Gesundwerden. -Und doch wußte Elisabeth während sie diese<span class="pagenum" id="Seite_176">[176]</span> -Worte sprach, daß sie nie wieder durch die Räume des -Freihofes huschen würde, und Friesen hatte die Ueberzeugung, -daß das Mädchen nur um der Mutter willen -von ihrer Genesung redete.</p> - -<p>Das letzte Drittel des Aprils war herangekommen. -Elisabeth fühlte sich heute wohler. Das Gesicht des -Kindes war in den letzten Wochen immer schmaler, die -Augen dagegen waren unnatürlich groß geworden. Und -dabei strahlten sie in seltsamem Glanze. Die Wangen waren -bleich, nur die Stellen auf den stark hervortretenden -Backenknochen blieben unaufhörlich fieberhaft gerötet.</p> - -<p>Max war frühzeitig nach Leipzig hineingefahren, -um eine Grenzstreitigkeit mit einem Nachbarn vor Gericht -zu schlichten. Seine Rückkehr sollte erst am Abend des -nächsten Tages erfolgen.</p> - -<p>Es war am Vormittag, als Friesen, wie er es oft -tat, Elisabeth vorlas. Das Mädchen saß in Decken -gehüllt in einem großen Armstuhl, Friesen vor ihr. Mit -träumerischem Blick betrachtete Elisabeth das edel geschnittene -Gesicht des Lesenden. Ihr Gedankengang -mußte sie weitabgeführt haben, denn schon längst hörte -sie nicht mehr die gesprochenen Worte.</p> - -<p>Da klopfte es. Elisabeth fuhr aus ihren Träumen -auf, während Friesen im Lesen inne hielt. Gleich darauf -trat der Postbote ins Zimmer und brachte einen -Brief an den Oberleutnant Bernhard von Friesen. Der -junge Mann griff hastig nach dem Papier. Es trug -den großen Stempel seines Regiments. Mit leise -zitternden Fingern löste er das Siegel und durchflog -die wenigen Zeilen mit den Augen. Betroffen ließ er -den Blick sinken und schaute vor sich nieder. Wie er -nach einer kurzen Weile die Augen wieder erhob, erschrak<span class="pagenum" id="Seite_177">[177]</span> -er vor dem Ausdruck, der auf Elisabeths Gesicht lag. -Das Lächeln war verschwunden und an seine Stelle -war der Ausdruck unsagbarer Angst getreten.</p> - -<p>Friesen überkam eine tiefe Ergriffenheit, denn er -erriet die Gedanken des Mädchens. Ihr feines Empfinden -hatte sie ahnen lassen, was in dem Brief stand -und sie war über seinen Inhalt aufs heftigste erschrocken. -Doch in demselben Augenblick zog ein Klingen und -Brausen in seinem Innern herauf, ein niegekanntes Gefühl -hoher Glückseligkeit, freilich vermischt mit tiefer -Wehmut. Da sah er, wie ein paar tränengefüllter, -glänzender Augen auf ihn gerichtet waren und einem -plötzlichen Drange folgend, sprang der junge Mann vom -Stuhle auf, ließ sich vor dem Mädchen nieder und -lehnte sein Haupt an ihre Knie; zwei zitternde Hände -tasteten nach ihm. Er nahm die eine, preßte seinen -Mund darauf, und dann perlte eine Träne auf sie nieder. -Die andere Hand aber berührte den Scheitel des -Mannes und strich unaufhörlich liebkosend über Haar -und Wangen.</p> - -<p>Lange verharrten so die zwei, die sich gefunden -hatten, um sich in wenigen Stunden wieder zu trennen.</p> - -<p>Endlich sprach das Mädchen mit leiser Stimme:</p> - -<p>»Mein lieber Freund! Ich liebe Dich ja schon, -ach, so lange, aber ich wußte es nicht. Nun wir aber -für immer von einander scheiden müssen, spricht die -Stimme in meiner Brust eine vernehmliche Sprache. -Ach, laß es mich, das süße Wort einmal noch aussprechen: -Bernhard, mein Bernhard, – – ich habe -Dich lieb!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_178">[178]</span></p> - -<p>Da überlief den Knieenden eine heftige Erschütterung -und schüttelte seinen Körper wie im Fieber.</p> - -<p>Dann aber hob er den Kopf auf, sah Elisabeth -mit wonnetrunkenem Blick in die Augen und sprach:</p> - -<p>»Mein Lieb! Du Inniggeliebte meiner Seele! -Jetzt weiß ich es auch, was mich so unwiderstehlich an -dieses stille Dorf fesselte. Du hast mich wieder hierhergezogen, -denn Du thronst schon seit dem ersten Anblick -in meinem Herzen. Ich liebe Dich mit meiner -ganzen Kraft, Du süßes Mädchen!«</p> - -<p>Nun schwiegen sie wieder, und der Knieende lehnte -von neuem seine Stirn an die ihn liebkosende Kranke. -So leerten die beiden Menschen in reinem Genießen -den goldenen Becher irdischer Liebe, die bereits von -einem Schimmer verklärt wurde, der aus der Ewigkeit -herüberdrang, bis zum Grund. In wenigen Stunden -genossen sie das ganze Glück, das andern in der Spanne -vieler Jahre beschieden ist.</p> - -<p>Und so fand die eintretende Freihoferin die Liebenden – – –</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Es verhielt sich so wie Elisabeth geahnt hatte: -Friesen hatte den Befehl seines Regiments erhalten, unmittelbar -nach Empfang des Briefes sich nach Leipzig -zu begeben und von dort mit einem Transport Reservemannschaften -nach Dresden zurückzukehren. Die Ordre -war in so gemessenen Worten gehalten, daß ihm nichts -anderes übrig blieb, als sofort abzureisen. Hätte er -Maxens Rückkehr abwarten wollen, so wäre sein Eintreffen -um zwei Tage verzögert worden. Er beschloß<span class="pagenum" id="Seite_179">[179]</span> -daher, noch im Laufe des Nachmittags Rehefeld zu -verlassen.</p> - -<p>Die wenigen Stunden bis dahin verbrachten die -Liebenden im trautesten Alleinsein. Sie nannten sich -wiederholentlich bei ihren Vornamen und waren entzückt -von deren Klange, auch sprachen sie zum letzten Mal -von den Erinnerungen an alles das, was sie mit einander -erlebt hatten. Dabei tauschten sie liebende Blicke -aus, und ein leiser Händedruck verriet dem andern, was -die Lippen auszusprechen scheu vermieden. Keine Überschwänglichkeit, -kein heftiges Aufwallen der Gefühle. -Ihre schon längst im innersten Herzen schlummernde -Liebe, deren sie sich erst angesichts des Scheidens für -immer bewußt geworden waren, war in demselben -Augenblick, in dem sie sich offenbarte, schon geläutert -gewesen. Sie war zu zart, als daß sie laute Beteuerungen -und eindringliche Beweise ertragen hätte. Wie -zwei alte Menschen, die auf ein reiches Leben von Sorgen -und Glück nebeneinander zurückblicken und die nun -ihren Lebensabend zusammen beschließen – ohne aufwallende -Zärtlichkeiten aber mit ihrer ewigfrischen, -jungen Liebe in der welken Brust, so saßen Friesen -und Elisabeth Hand in Hand nebeneinander. Ihre -Liebe gehörte nicht mehr dieser Welt an, dafür war sie -zu groß, und ihre Blicke suchten schon das unbekannte -Land, dessen Freuden gemeinsam zu genießen sie sich in -der letzten Stunde vor ihrer Wanderung dahin hinieden -gefunden hatten.</p> - -<p>Dann kam der Augenblick des Abschieds. Friesen -kniete zum letzten Mal vor dem Mädchen nieder, das -sich zu ihm hinabbeugte und ihre Lippen auf seinen<span class="pagenum" id="Seite_180">[180]</span> -Scheitel drückte. Einen Kuß auf die welke Stirn, dann -trat der junge Mann zurück. Langsam schritt er zur -Tür, legte die Hand auf den Drücker und warf einen -langen Blick zurück, der mehr enthielt als Worte hätten -sagen können. Lächelnden Antlitzes blickte Elisabeth zu -dem Scheidenden hinüber. Noch ein stummer Wink, – -und der Platz an der Tür war leer.</p> - -<p>Lange Minuten schaute das Mädchen mit verhaltenem -Atem unverwandt auf die Stelle. Dann kehrte -sie die Augen ab, schauerte zusammen, als wenn es sie -fröstle, schmiegte den Kopf an die Brust der Mutter -und sprach mit versagender Stimme:</p> - -<p>»Ich bin so müde. Nun möchte ich schlafen -gehen!«</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Als aber die goldene Sonne untergegangen war -und die grauen Schatten der Abenddämmerung sich auf -die Erde herabsenkten, da hielt es die Freihoferin im -Zimmer nicht mehr aus. Sie warf ein Tuch um die -Schultern, vertraute die Obhut über die Schlummernde -der alten Beschließerin an und eilte hinaus in die köstliche -Luft des Lenzabends.</p> - -<p>Am Abendhimmel war ein glühendes Rot heraufgezogen, -dessen leuchtende Farben jetzt langsam wieder -verblaßten. Feierlicher Frieden erfüllte die Natur. Die -gefiederten Sänger waren zur Ruhe gegangen, nur das -Zirpen der Grillen tönte noch aus dem Grase hervor. -Einsam funkelte der Abendstern auf die Erde herab, und -langsam begann der helle Schein, der über der Stelle -stand, wo die Sonne hinabgesunken war, zu verbleichen. -Von fernher klang noch einmal verhallendes Hundegebell<span class="pagenum" id="Seite_181">[181]</span> -herüber, dann erstarb es, und tiefe Stille herrschte -weit in der Runde.</p> - -<p>Die Greisin aber gewahrte nicht diesen Frieden, -in ihrer Brust tobte wilder Schmerz. Sie wußte nicht, -wohin sie sich wenden sollte. Mechanisch schritt sie auf -der Straße weiter, vorüber an den friedlichen Wohnungen -glücklicher Menschen.</p> - -<p>Da blieb sie mit einem Male stehen. Sie sah sich -um und erkannte, daß sie sich vor dem Schulhaus befand. -Und plötzlich überkam das Weib das heiße Verlangen, -hineinzutreten unter die Elenden, die noch darin -weilten, vielleicht milderte sich angesichts des vielen -Wehs der gewaltige Schmerz in der eigenen Brust.</p> - -<p>Schon überschritt sie die Schwelle und stand gleich -darauf in dem großen Krankenzimmer, dem eine in -der Mitte hängende Lampe mattes Licht spendete. Erstaunt -sahen die wachen Kranken auf den späten Besuch. -Die Frau des Lehrers hatte die Nachtwache. Sie berichtete -der Freihoferin, daß fast alle ihrer Schützlinge -auf dem Wege der Genesung seien. Zu Besorgnissen -gäbe keiner von ihnen Anlaß, bis auf einen jungen -Rheinländer, dessen Hinscheiden noch in dieser Nacht -erfolgen würde.</p> - -<p>Der junge Mann lag allein in einem kleinen halbdunkeln -Raum nebenan, in den man durch die offenstehende -Tür vom großen Krankenzimmer aus gelangte. -Als die beiden Frauen eintraten, wendete der in hohem -Fieber Liegende den Kopf nach der Tür und richtete -seine großen, dunkeln Augen auf sie.</p> - -<p>Müde ließ sich die Freihoferin neben dem Bett -auf einen Stuhl nieder, währenddessen die Pflegerin -wieder in das Zimmer zurückging.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_182">[182]</span></p> - -<p>Es war ein junger Bursche von zartem Körper, -der infolge der Krankheit stark abgemagert war. Das -bleiche Gesicht mit den Fieberrosen auf den Wangen umrahmte -eine Fülle tiefschwarzen Haares. Apathisch lag -der Kranke in den Kissen. Sein Gesicht trug bereits -die Spuren des beginnenden Verfalls, nur die Augen -glänzten in unnatürlichem Feuer und kreisten unausgesetzt -in ihren Höhlen.</p> - -<p>Da erhob die Greisin ihre Stimme und sprach in -gedämpftem Tone:</p> - -<p>»Wie befindet Ihr Euch, mein Sohn; kann ich Euch -mit etwas helfen?«</p> - -<p>Der Kranke heftete die Augen auf die Sprechende -und antwortete mit Anstrengung:</p> - -<p>»Ich danke Euch, Frau, mir kann niemand helfen, -mit mir gehts zum Ende.«</p> - -<p>Und wieder kreisten rastlos die Augen.</p> - -<p>Die Freihoferin sah vor sich nieder, drückte die -Hände fest ineinander und dachte daran, ob der Kranke -daheim auch eine Mutter habe.</p> - -<p>Da wandte sich dieser plötzlich wieder zu ihr und -und sagte mit abgerissenen Worten:</p> - -<p>»Hört mich an, vielleicht hat Euch der Himmel zu -mir gesandt, daß Ihr mir eine fürchterliche Last von -der Brust nehmen sollt. Sagt, gibt es eine Sünde in -der Welt, die nicht verziehen werden kann?«</p> - -<p>Die Freihoferin neigte das Haupt und antwortete:</p> - -<p>»Gott ist allgütig, er lässet keinen Reuigen von -sich gehen!«</p> - -<p>Aber der Kranke schüttelte unwillig den Kopf und -erwiderte:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[183]</span></p> - -<p>»Nein, das will ich nicht hören. Die Tat, die -ich begangen, kann <em class="gesperrt">Gott</em> mir nicht anrechnen. Aber -sprecht, kann eine Mutter verzeihen, wenn ihr Kind sie -– verriet?«</p> - -<p>Die Greisin wurde um einen Schein bleicher. -Behutsam strich sie eine schwarze Haarwelle von der -heißen Stirn des Kranken und sagte in ihrem weichesten -Tone:</p> - -<p>»Wollt Ihr mir Euer Herz nicht erleichtern, mein -Sohn? Sagt, was euch bedrückt, vielleicht kann ich -Euch trösten.«</p> - -<p>Da schöpfte der Kranke tief Atem und begann mit -unsicherer Stimme:</p> - -<p>»Meine Mutter stammt aus einem alten, reichen -Patriziergeschlecht zu Geldern. Als sie zur Jungfrau -erblüht war, warben viele vornehme Männer um sie. -Sie schenkte ihre Gunst aber einem armen Offizier. -Das machte den Bruder unwillig und er verwies seiner -Schwester ihre Neigung. Und als sie sagte, daß sie -niemand, als nur dem eigenen Herzen folgen würde, da -packte den Hochmütigen der Zorn und er beschimpfte -die Schwester und ihre Liebe. Nun war meine Mutter -ein sanftes Mädchen, daß dem Bruder wohl verziehen -hätte, daß er sie geschmäht. Als dieser aber den tugendsamen -Mann ihres Herzens beschimpfte, da wallte in -ihr heiße Entrüstung auf, und sie tat einen Schwur, -daß sie dies dem Frevler nie verzeihen würde. Ich -wuchs heran, und unter dem Einfluß meiner Mutter -teilte ich deren Verachtung gegen die Verwandten. Mein -Vater blieb bei Jena, und dem hochmütigen Kaufherrn -entrissen die rauhen Kriegszeiten seinen ganzen Reichtum -und machten ihn bettelarm, daß er Hand an sein<span class="pagenum" id="Seite_184">[184]</span> -Leben legte. Er hinterließ eine gelähmte Frau und -eine einzige Tochter, die nun mit ihren feinen Händen, die -nie Arbeit verrichtet hatten, für ihrer beiden Unterhalt -sorgen mußte. So lernte ich das Mädchen kennen.</p> - -<p>Zuerst erfüllte mich tiefes Mitleid mit dem traurigen -Schicksal der Frauen. Dann aber überkam mich eine -edle Leidenschaft zu Karoline, meiner Base, die ich -nicht aus meinem Herzen zu bannen vermochte. Ich -lief hin zu meiner Mutter, gestand ihr meine Liebe und -bat sie, den Schimpf, den der Verstorbene ihr angetan, -nicht den schuldlosen Frauen entgelten zu lassen.</p> - -<p>Nun hatte aber meine Mutter den Haß gegen die -Anverwandten wie einen bösen Wurm in ihrem Innern -immer mehr anwachsen lassen, und diese unselige Leidenschaft -hatte sie hart gemacht. Deshalb verbot sie mir -meine Liebe und zieh mich des Undanks gegen sich. -Aber ich konnte von dem Mädchen nicht lassen. Ich -warf mich vor der Mutter nieder und flehte mit gerungenen -Händen um ihren Segen. Da verwünschte -mich meine Mutter und sagte, daß sie von stundab -kein Kind mehr besäße. Und so verließ ich das traute, -mütterliche Haus als Ausgestoßener, aber mit dem Trost -im innersten Herzen, nicht gegen das göttliche Gebot gefehlt -zu haben.</p> - -<p>Ich nahm Karoline zur Gattin. Und als nach -Jahresfrist ein das Zimmer mit himmlischem Glanze -erfüllender Engel uns ein Töchterchen gebracht hatte -und kaum wieder entschwunden war, drängte sich der -grausame Tod durch die Tür und raubte uns die ihr -Leiden gottergeben tragende Mutter meiner jungen -Frau.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[185]</span></p> - -<p>Kurze Zeit später rollte der Klang der Werbetrommel -auch durch das Rheinland; der Kaiser bedurfte -vieler Soldaten, die nach Rußland hinein marschieren -sollten. Ich horchte nicht nach ihr hin, denn ich arbeitete -angestrengt für unsern Unterhalt. Da riß man mich -fort von Weib und Kind, und ich mußte mitmarschieren. -Ich war schwach und litt fürchterlich unter den ungewohnten -Anstrengungen und Entbehrungen. Endlich -kehrten wir wieder um. Ich war so elend, daß ich -kaum noch folgen konnte und blieb wiederholt liegen. -Aber der Gedanke an mein verlassenes Weib, an das -unschuldige, süße Kind riß mich in die Höhe, und ich -wankte immer wieder weiter. So kam ich hierher, um -nur wenige hundert Meilen von meinen Teuern entfernt -zu sterben. O, das Schicksal ist unerbittlich -grausam!«</p> - -<p>Der Kranke schloß die Augen und stöhnte laut auf -unter dem gewaltigen Schmerz, der seine Seele erfüllte.</p> - -<p>Aber nur eine kurze Weile hielt diese Schwäche an. -Mit ungeheuerer Anstrengung richtete er sich in den -Kissen auf und lenkte die bereits verglasenden Augen -von neuem auf das an seiner Seite sitzende, tief gebeugte -Weib.</p> - -<p>»Hört, Frau,« keuchte der Sterbende, »was glaubt -Ihr, wird sich meine Mutter meines armen Weibes -und seines Kindes in Liebe erbarmen?«</p> - -<p>Mit eiserner Anspannung seiner letzten Kräfte -hielt er sich auf den Ellenbogen gestützt aufrecht und -sah forschend der Freihoferin ins Gesicht. Diese aber -rührte sich nicht, ihre Züge waren steinern.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_186">[186]</span></p> - -<p>»Ihr überlegt?« fuhr er hastig fort, und der -Atem drang pfeifend aus seinem Munde, während den -abgezehrten Körper heftige Fieberschauer erzittern ließen. -»Ja, überlegts Euch reiflich, doch tuts rasch, bitt’ ich -Euch, sonst möchte Euer Spruch mir zu spät kommen!«</p> - -<p>Aber die Greisin antwortete nicht, noch immer verharrte -sie regungslos.</p> - -<p>Da drohte dem Jüngling, die Kraft auszugehn. -Mit übermenschlichem Willen widerstand er der Schwäche -und stieß hervor:</p> - -<p>»Beim ewigen Gott, Weib, sprecht! Vielleicht -habt auch Ihr ein Kind, dem einstmals ein Mensch -das Sterben mit ein paar Worten erleichtern -könnte – – –«</p> - -<p>In diesem Augenblick neigte sich die Freihoferin -rasch über den Liegenden und sprach mit kaum vernehmlicher -Stimme:</p> - -<p>»Eure Mutter wird sich der armen Verlassenen -erbarmen, mein Sohn!«</p> - -<p>Der Getröstete aber war mit diesen Worten nicht -zufrieden. Noch einen letzten Anlauf nahm er zum -Leben. Warnend erhob er den Zeigefinger, und drohend -entfuhr es den blutlosen Lippen:</p> - -<p>»Weib, wollt Ihr Euer Gewissen noch im Alter -mit einer Lüge belasten? Ihr vergeßt, daß meine -Mutter einen Schwur tat – – –«</p> - -<p>Da beugte sich die Greisin tiefer zu ihm herab -und sprach so leise, als wenn sie selbst ihre Worte nicht -hören wolle:</p> - -<p>»Und Eure Mutter wird ihrem Kinde dennoch -verzeihen!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[187]</span></p> - -<p>Da entquoll dem Munde des Sterbenden ein befreiender -Seufzer, und er sank wieder in die Kissen zurück. -Seine Augen irrten nicht mehr unstät umher, -sondern waren jetzt ruhig aufwärts gerichtet.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap12">12. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Max war in mißmutiger Stimmung heimgekehrt. -Der Prozeß war noch nicht entschieden und drohte -allem Anschein nach keinen günstigen Ausgang für ihn -zu nehmen. Und doch war Max von seinem Rechte -überzeugt und verstand nicht, wie die Richter daran -zweifeln konnten, daß das saftige Stück Wiese dicht -an der Gemarkung von Zehmen ihm zugesprochen -werden müsse. Friesens unerwartete Abreise hatte seine -Verstimmung vergrößert, die selbst dann noch nicht -ganz wich, als er die Kunde vernahm, daß seines Freundes -und Elisabeths Herzen sich gefunden hatten.</p> - -<p>Den Zustand der Schwester fand Max viel besser -als er vor seiner Abreise gewesen war. Und seltsam, -Elisabeth schien auch in der Tat nicht mehr so zu leiden, -wie in den letzten Tagen. Der Husten war weniger -heftig und schmerzhaft; sie verspürte Lust zum Essen -und versuchte sogar wieder, mit dem Bruder zu -scherzen.</p> - -<p>Auf dem Hofe fand Max neuen Verdruß. Ein -schwerbeladener Wagen war auf eine weiche Stelle gekommen, -wodurch das eine Hinterrad tief in den Boden<span class="pagenum" id="Seite_188">[188]</span> -eingesunken war. Vergebens schlug der Knecht mit der -Peitsche auf die Pferde ein, aber die starken Ackergäule -brachten trotz aller Anstrengung den Wagen nicht vorwärts. -Mit zusammengezogenen Brauen stand Max -abseits und schaute auf Hermann Lehnhardt, der im -Verein mit zwei Knechten bemüht war, das Hinterteil -des Wagens aus der tiefen Radspur herauszuheben. -Aber sie sahen das Vergebliche ihres Versuchs gar bald -ein, und schon wollte einer der Knechte forteilen, um -eine Winde herbeizuholen, als ihn ein unwilliger Ruf -zurückhielt. Im nächsten Augenblick bückte sich der -junge Freihofer unter den Wagen und stemmte auf der -herabgesunkenen Seite die Schulter an; – ein Knirschen -und Knacken, das Hinterteil des Wagens hob sich, und -dann stand das Rad wieder auf festem Boden. Ruhig, -nur das Gesicht vor Anstrengung stark gerötet, trat der -Freihofer zurück.</p> - -<p>Nach diesem erfuhr er, daß der erst vor kurzem -gekaufte, junge Zuchtstier sich gestern von der Kette losgemacht -habe und auf den gerade mit einem Bund Heu -in den Stall eintretenden Knecht losgerannt sei. Zum -Glück war es diesem aber noch gelungen, die Stalltür -hinter sich zuzuwerfen und so zu verhindern, daß das -Tier auf den Hof stürmen und Schaden anrichten -konnte. Allerdings war nun der Mann auf diese -Weise mit dem aufgeregten Tier in dem interessanten -Halbdunkel des Stalles allein geblieben. Und da hatte -er, weil der Stier ihn hart bedrängte, die Heugabel -ergriffen und mit ihrem eisernen Ende den Zudringlichen -ein paarmal sorgfältig auf den mächtigen Schädel -geschlagen, daß es vernehmbar gedröhnt hatte. Diese -recht verständliche Mißbilligung seines Tuns hatte denn<span class="pagenum" id="Seite_189">[189]</span> -auch dem verdutzten vierbeinigen Sausewind eingeleuchtet, -denn er ließ daraufhin von dem wehrhaften Knecht ab -und konnte von diesem wieder in seinen Stand geführt -und gehörig festgemacht werden. Als aber kurze Zeit -darauf Hermann den Stier besah, stellte sich heraus, -daß zwei der langen Gabelzinken dem Tier tief in das -Fleisch des Nackens gedrungen waren. Trotzdem Hermann -die beiden blutenden Wunden alsbald ausgewaschen -und Vorsorge getroffen hatte, daß die erhitzte -Stelle während der Nacht mit nassen Tüchern gekühlt -wurde, zeigte die Umgebung jetzt starke Schwellung. Zudem -war dem Stier die Freßlust vergangen, denn er -hatte heute noch kein Futter angerührt.</p> - -<p>Max verdroß dieser Vorfall sehr. Er schalt laut -auf den Knecht, der so ungeschickt gewesen sei, den -Stier zu verletzen. Denn wenn es nicht gelang, die -drohende Eiterung der, wie es schien, verunreinigten -Wunden zu verhindern, konnte das wertvolle Tier an -der Verletzung zugrunde gehen.</p> - -<p>Hermann trat achselzuckend von dem Stier zurück -und meinte, der Mann wäre gut und es träfe ihn -eigentlich keine Schuld, da der Stier die Kette zerrissen -habe. Ein Mensch, der seine Geistesgegenwart weniger -gut bewahrt hätte, hätte dem blind draufgehenden Vieh -vielleicht die Gabel in die Brust gestoßen, was noch -schlimmer gewesen wäre.</p> - -<p>Da wurde Max zornig, und er gab seinem Verwalter -zu verstehen, daß er es angemessener fände, -wenn er die Sache seines Herrn besser verträte, anstatt -den ungeschickten und kopflos gewordenen Knecht herauszureden.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_190">[190]</span></p> - -<p>Diese Worte verdrossen nun wieder Hermann gewaltig, -der in bestem Bewußtsein, das Interesse seines -Brotherrn jederzeit wie sein eigenes zu wahren, den -Vorwurf für ungerecht fand.</p> - -<p>Er begehrte hart auf und deutete darauf hin, daß -der Mann eine Frau und zwei kleine Kinder habe, -und es ihm keiner verdenken könne, wenn er sein bedrohtes -Leben verteidige sogut er könne. Er, Hermann, -würde in solchem Falle ebenso handeln, ohne in diesen -Augenblicken danach zu fragen, ob das Tier dabei -totgeschlagen werde.</p> - -<p>Max war die Zornesröte ins Gesicht gestiegen. -Aber er dämpfte seine Stimme, als er den Verwalter -heftig anfuhr:</p> - -<p>»Was führt Ihr da für eine Sprache, Hermann! -Wißt Ihr denn nicht, zu wem Ihr redet, oder habt -Ihr den ganzen Tag in der Schenke gesessen? Ich -habe mich doch geirrt, wenn ich Euch bisher vertraut -habe, denn Ihr verdientet mein Vertrauen nicht.«</p> - -<p>Während dieses Wortwechsels hatten sich die beiden -Männer der Stalltür genähert und waren zuletzt auf -den Hof getreten, wo gerade die ersten Geschirre vom -Felde nach Feierabend zurückgekehrt waren.</p> - -<p>Hermann war bei den letzten Worten Maxens -wie unter einem heftigen Schmerz zusammengezuckt. In -seiner Brust schlummerten zwei Temperamente nebeneinander. -Die ruhige Gemütsanlage besaß er von -seinem Vater, dem getreuen Sohn, der mehr als ein -halbes Jahrhundert im Dienst der Tiefenbachs gestandenen -Mutter Lehnhardt, und Gutmütigkeit war -daher sein ausgesprochenster Charakterzug. Ganz tief -drinnen aber in seinem Herzen glimmte wie ein winziger<span class="pagenum" id="Seite_191">[191]</span> -Funke wilde Heftigkeit. Diese Eigenschaft besaß er von -seiner Mutter, dem Weibe vom Ufer der Etsch, mit -den leidenschaftlichen, schwarzen Augen und den herrlichen -Elfenbeinzähnen. Und dieser in tiefer Verborgenheit -schlummernde Funke sollte jetzt zur hochaufschlagenden -Flamme angefacht werden.</p> - -<p>Max war vor dem Verwalter aus dem Stall gegangen. -Kaum hatte er seine letzten Worte ausgesprochen, -war Hermann mit einem Satz auf ihn zugesprungen, -daß er dicht vor seinem Herrn stand. Seine Augen -funkelten vor Erregung und seine Fäuste waren -geballt.</p> - -<p>»Wie,« keuchte er, »könnt Ihr meine Redlichkeit in -Zweifel ziehen? Und wenn ich einen Ton anschlug, den -Ihr für unangemessen fandet und den ich selbst noch -nicht an mir gekannt habe, so seid nur Ihr mit -Euren verletzenden Worten es gewesen, der mich dazu -herausforderte. Ihr müßt nicht denken, daß ich wie -ein Hund die Hand lecke, die nach mir schlägt!«</p> - -<p>Max hatte die in höchster Erregung hervorgestoßenen -Worte des Verwalters mit scheinbarer Ruhe angehört, -aber in seinem Innern hatte er gebebt. Beinahe hätte -ihn der Zorn übermannt, doch war es ihm mit ungeheurer -Überwindung gelungen, seiner Leidenschaft Herr -zu bleiben.</p> - -<p>Er trat einen Schritt zurück, um durch eine zufällige -Berührung den Wütenden nicht noch mehr zu -reizen und sagte, sich zur Ruhe zwingend, mit leise -zitternder Stimme:</p> - -<p>»Es ist gut für jetzt, Lehnhardt. Verlaßt von dieser -Stelle aus den Hof und geht nach Hause. Morgen -sprechen wir uns weiter.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_192">[192]</span></p> - -<p>Und mit diesen Worten wandte sich Max um und -gab einem der die Pferde ausspannenden Knechte die -Weisung, zusammen mit dem Großknecht heute Abend -nach dem Rechten zu sehen.</p> - -<p>Aber auf den noch immer in drohender Haltung -Stehenden übte Maxens kühle Besonnenheit keine beruhigende -Wirkung aus, vielmehr schürte die Ruhe des -Gegners nur noch die Flamme seines Zorns an und -machte ihn vor Wut sinnlos.</p> - -<p>»Bauer! –« schrie Hermann mit überschnappender -Stimme, »Ihr habt an meiner Ehrlichkeit gezweifelt. -Wollt Ihr Euer Wort zurücknehmen, oder es gibt ein -Unglück – –!«</p> - -<p>Max war blaß geworden. Stumm und ohne einen -Entschluß zu finden, stand er vor dem Wütenden.</p> - -<p>Da zuckte Lehnhardts Faust, – in demselben -Augenblick fuhr Max herum, riß dem nächsten Knecht -die Peitsche aus der Hand, und noch bevor Hermann -den Schlag führen konnte, wickelte sich schon der Peitschenriemen -um seinen Körper.</p> - -<p>Es trifft sich oft im Leben, daß Menschen, deren -Zorn aus geringfügiger Ursache hoch aufwallt, ihre Besonnenheit -ebensoschnell wiedererhalten, wie sie ihnen -verloren ging. Sei es nun, daß es der Leidenschaft -an innerer Kraft gebricht, sich nach dem ersten Aufbäumen -längere Zeit auf der unnatürlichen Höhe zu -halten, sei es, daß die dem Aufblitzen der Gluten wie -der Donner folgende Katastrophe die heftige Gemütserregung -ihrer Stützen beraubt, – gleichviel; der -emporgeloderte Zorn bricht sehr oft jäh in sich zusammen, -und die weit über Maß in Anspruch genommen<span class="pagenum" id="Seite_193">[193]</span> -gewesenen Kräfte sinken tief hinab. Der vordem verdunkelte -Blick ist zur Beurteilung der Sachlage mit -einem Male wunderbar geschärft; kühle Ueberlegung stellt -sich ein, und eine ausdrucksvolle Stimme im Innern -hebt zu sprechen an, die unerbittlich die eigene Schuld -feststellt oder den Vorwurf ausspricht, daß dem Menschen -die Kraft zur Beherrschung der Leidenschaft gefehlt -habe. Zuweilen reißt der Niedersturz die geistige Spannkraft -ebenso tief mit hinab, wie sie vorher emporgeschnellt -war, und der Zornbebende, der mit funkelnden Augen -und angespannten Fibern wie eine Vereinigung ungeheurer -Willens- und Körperkraft erschien, bietet hinterher -mit seinem gebrochenen Blick und der schlaffen Haltung -ein klägliches Bild.</p> - -<p>So war auch Hermanns Zorn urplötzlich verrauscht. -Als Max die Peitsche in der Faust hielt und zum -Schlage ausholte, durchschoß Lehnhardt die Erkenntnis, -unbesonnen gehandelt zu haben. Die Beleidigung für -ihn war gesprochen und darüber sich zu entrüsten, wäre -sein gutes Recht gewesen. Aber seinen Herrn zu bedrohen –, -damit hatte ihm der Zorn, der ihn aller -Besinnung beraubt hatte, einen Streich gespielt. Mit -der blitzschnell überkommenen Nüchternheit hatte Hermann, -noch bevor er unter dem Peitschenhiebe zusammenzuckte, -auch den Entschluß gefaßt, den Freihofer nicht noch -einmal zu reizen, sondern ruhig vom Hof zu gehen. -Aber in seinem bisher besonnen gebliebenen Gegner -waren jetzt die Riegel gelöst, die seinen Zorn zurückgehalten -hatten. In dem Augenblick, in dem Lehnhardt -sich zum Gehen wandte, traf ihn die Peitsche von neuem; -ja, Maxens Wut verlangte nach einem dritten Schlage.<span class="pagenum" id="Seite_194">[194]</span> -Aber er bekam die Peitsche nicht frei, da sich der Riemen -um Lehnhardts Füße geschlungen hatte. In schäumendem -Zorn riß Max den Peitschenstock zurück, – da verlor -Lehnhardt das Gleichgewicht und fiel heftig auf den gekrümmten -linken Arm.</p> - -<p>Jetzt hielt Max im Schlage inne, als er den Mann -am Boden liegen sah, warf die schon wieder erhobene -Peitsche auf die Erde und ging in den Stall zurück.</p> - -<p>Hermann Lehnhardt blieb einige Sekunden auf -dem steinernen Pflaster vor dem Stalle liegen. Dann -stand er mühsam auf, unterstützte mit der rechten Hand -den augenscheinlich verletzten linken Arm und verließ, -ohne sich noch einmal umzusehen, den Freihof.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Mit besonderer Sorgfalt hatte Max anschließend -an diesen Vorfall die abendliche Runde durch den Hof -gemacht, weit mehr aus dem Grunde Zeit zu gewinnen, -um seine ungeheure Erregung verflüchten zu lassen, als -den fehlenden Verwalter zu ersetzen.</p> - -<p>Ruhiger geworden, betrat er eine Stunde später -die Wohnstube, wo die Mutter schon an dem gedeckten -Tisch saß und ihn zum Abendessen erwartete.</p> - -<p>Mit kurzem Gruß und indem er es vermied, dem -Blick der Mutter zu begegnen, nahm er ihr gegenüber -Platz.</p> - -<p>»Wie geht es Elisabeth,« fragte Max, »ich wäre -gern noch einmal zu ihr gekommen – –«</p> - -<p>»Sie befand sich auch am Abend ziemlich wohl,« -antwortete die Freihoferin »und schläft jetzt. Störe sie -nicht.«</p> - -<p>Das Mahl verlief schweigsam, keiner von beiden -empfand Lust zu sprechen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_195">[195]</span></p> - -<p>Endlich schob die Mutter den Teller zurück und -erhob sich, um ihren allabendlichen Platz am Krankenbett -einzunehmen.</p> - -<p>Da stand auch Max auf, räusperte sich heftig und -stieß heraus:</p> - -<p>»Mutter, ich habe den Hermann heute Abend vom -Hofe weisen müssen.«</p> - -<p>Die Alte hatte sich an das Fenster gestellt und -schaute schweigend in die Dunkelheit hinaus. Bei des -Sohnes Worten wandte sie sich langsam um und versetzte:</p> - -<p>»Ich habe es gehört.«</p> - -<p>»Es ist nicht das erste Mal gewesen, daß ich mich -über ihn sehr ärgern mußte. Er hat viel Gutes, aber -sein Wesen gefiel mir trotz alledem nicht. Er wollte -nur immer allein anordnen und unterließ oft mich zu -fragen, bevor er wichtige Dinge ausführte. Hinterher -erst erfuhr ich’s. Aber man kann ja nicht überall sein. -Ich werde ihn in der ersten Zeit recht vermissen, dann -wird es aber umso besser gehen. Was meinst Du -darüber?«</p> - -<p>»Du wirst wissen was Du tust,« entgegnete die -Freihoferin kurz.</p> - -<p>In Max regte sich der Unmut bei diesen Worten, -und er wäre gern aufgefahren, aber es war ja seine -Mutter die so sprach, und er hatte es von Jugend auf -nicht anders gekannt, als sich ihr unterzuordnen. Noch -niemals war es ihm in den Sinn gekommen, sich gegen -sie aufzulehnen. Deshalb unterdrückte er seine Verstimmung -und sagte nur:</p> - -<p>»Es war anders nicht möglich, ich mußte ihn -fortschicken.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_196">[196]</span></p> - -<p>»Du bist der Herr auf dem Freihofe,« klang es -zurück.</p> - -<p>Diese Teilnahmlosigkeit reizte Max von neuem, und -sein Ton hatte einen schlecht unterdrückten, scharfen -Klang, als er hervorstieß:</p> - -<p>»Und züchtigen mußte ich ihn, das hatte er verdient!«</p> - -<p>»Ich gebe es zu, denn der Knecht darf sich nicht -gegen seinen Herrn auflehnen,« lautete die rasche -Antwort.</p> - -<p>Max verstand seine Mutter nicht recht. Forschend -sah er ihr ins Gesicht, in dem sich kein Muskel bewegte. -Da wandte sich der junge Freihofer ab und -verließ das Zimmer.</p> - -<p>Die Greisin blieb in steifer Haltung am Fenster -stehen und blickte sinnend durch die Scheiben. Mit -einem Male stieß sie das Fenster hastig auf und rief -den Mann an, der unter den Bäumen des Obstgartens -herumlief. Es war der Großknecht, ein älterer Mann, -der schon seit länger als zwanzig Jahren auf dem Freihofe -war.</p> - -<p>»Anton!« rief die Freihoferin zum Fenster hinausgebeugt -in halblautem Tone. Der Angerufene sah sich -um und kam herbei.</p> - -<p>»Hat die Mutter Lehnhardt schon ihr Deputat für -den Mai?« fragte sie leise.</p> - -<p>»Für den Mai?« antwortete Anton, »für den -Mai, Bäuerin? Nein, wir sind ja noch im April.«</p> - -<p>»Dann tragt ihr’s noch heute Abend hinauf,« versetzte -die Greisin. Darauf schloß sie das Fenster wieder -und der Knecht lief den Weg zurück. In demselben -Augenblicke aber, in dem er um die Scheunenecke biegen -wollte, klang es hinter ihm her:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[197]</span></p> - -<p>»Anton! Die Mutter Lehnhardt bekommt fortan -nicht mehr ein Quart, sondern einen Halben Kartoffeln -und anstatt der einen Speckseite zwei!«</p> - -<p>Klirrend schloß sich das Fenster.</p> - -<p>Ein paar Sekunden blieb der Mann stehen, die -Augen dorthin gerichtet, wo die Gestalt der Freihoferin -eben verschwunden war. Endlich ging er davon, sein -Gesicht zu einem gutmütigen Grinsen verziehend.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Einige Tage waren darüber hingegangen. Der -Regen floß in Strömen vom Himmel herab, und Max, -dessen Gegenwart draußen notwendig gewesen war, war -gegen Mittag, naß wie eine Katze zurückgekommen. Am -Nachmittag mußte er am Schreibtisch arbeiten. Der -Regen hatte endlich aufgehört, und ein heftiger Sturm -hatte sich erhoben, unter dessen Stößen die Fensterscheiben -klirrten. Max war in seine Bücher vertieft, -als sich die Tür auftat und Pastor Reinerz ins -Zimmer trat.</p> - -<p>Beim Anblick des Greises konnte sich Max einer -leichten Verlegenheit nicht erwehren, denn er meinte zu -erraten, was diesen zu ihm führe.</p> - -<p>»Grüß Euch Gott, Herr Max,« begann der alte -Herr nach einem warmen Händedruck, und noch bevor -Max ihm geantwortet hatte, schob er sich einen Stuhl -näher zum Schreibtisch und setzte sich neben den unsicher -Dreinschauenden.</p> - -<p>»Ich komme von Eurer Schwester, der es besser -geht als ich zu hoffen wagte, und nun wollte ich an -der Tür nicht vorübergehen, ohne Euch einen Gruß<span class="pagenum" id="Seite_198">[198]</span> -gesagt zu haben,« hob Reinerz an, während Maxens -Beklommenheit bei den ruhigen Worten zu weichen -begann.</p> - -<p>»Das Kind besitzt einen hohen Schatz, den es uns -allen voraus hat. Sie ist nämlich einer jener seltenen -Menschen, die keinen Feind haben,« plauderte der Greis.</p> - -<p>»Damit mögt Ihr recht haben, Herr Pastor« entgegnete -Max. »Ich wüßte auch wahrhaftig nicht, wer -dem Kinde gram sein sollte.«</p> - -<p>»Ja, ein Günstling des Schicksals ist der, bei dem -solches zutrifft,« sprach Reinerz und strich liebkosend -mit den Fingern die weißen Fäden des langen Bartes. -»Viel Feind, viel Ehr, sagt das Volk. Nun, das ist -nicht unrichtig. Wie viele Menschen gibt es aber schon, -denen die Feinde mit dem Amt zu gleicher Zeit -beschert werden. Es ist ein nur Wenigen beschiedenes -Glück, sagen zu können: ich besitze keinen Widersacher.«</p> - -<p>»Das ist wahr,« antwortete Max, »wenn Ihr -sagt, daß manchem mit dem Amt auch Feinde erstehen, -ja sie sind bereits da, bevor das nicht selten -dornenvolle Amt einen einzigen Freund verschaffte. Dafür -heißt leben kämpfen. Bald gesellen sich zu dem -anstürmenden Schicksal auch feindlich gesinnte Mitmenschen, -gegen die zu streiten bisweilen recht aufreibend ist. -Glücklich ist der, dem ein stiller Winkel abseits des -Planes, auf dem täglich die Kräfte gemessen werden, -beschieden wurde. Er ist der Begünstigte, der, den -das Schicksal liebt.«</p> - -<p>»Ja, ja, mein junger Freund, geradeso, wie -Ihr es schildert, ist der Lauf der Welt,« versetzte der -Greis. »Aber es genügt nicht allein, an einer geschützten<span class="pagenum" id="Seite_199">[199]</span> -Stelle zu stehen, wo die Wetter nicht brausen. Wer -der Gunst des Schicksals gegenüber blind ist, der verläßt -seinen schirmenden Unterstand. Er begibt sich in -die Gefahr und kommt nicht selten darin um. Das -weise Sichbescheiden auf den schmalen Raum, worauf -man gestellt wurde und den vielleicht nur verblichene -Sonnenstrahlen trafen, ist die große Lebenskunst, die -nur wenige verstehen, und an deren Erfüllung täglich -Hunderttausende scheitern. Eure Schwester ist einer -jener klugen Menschen, denen ihr Haus nicht zu eng -wurde. Sie begnügte sich mit dem Stückchen Boden, -das das Schicksal ihr zugedacht hat. Das aber bebaute -sie emsig und hatte die Freude, viele herrliche Blumen -um sich herum gedeihen zu sehen. Nun, diese Blumen -sind Eurer Schwester edle Tugenden und Eigenschaften, -und die Menschen, die sich an dem Anblicke der Blumen -ergötzen, sind Elisabeths Freunde.«</p> - -<p>Der Greis hielt im Sprechen inne, blickte eine -Weile vor sich nieder und richtete dann seine durchdringenden -Augen auf Max, der die eben entschwundene -Beklommenheit unter diesem Blick wieder herannahen -fühlte. Dann fuhr Pastor Reinerz ruhig fort:</p> - -<p>»Aber nicht nur Eurer Schwester sollte heute mein -Besuch gelten, es verlangte mich auch, Euch selbst zu -sprechen. Ihr werdet fühlen, was mich heute zu Euch -führt, Max. Vielleicht habt Ihr den alten Reinerz auch -schon erwartet.«</p> - -<p>Max hatte die Augen von dem Gesichte des Greises -weggewendet und sah zum Fenster hinaus. Bei den -letzten Worten Reinerz warf er den Gänsekiel, mit -dessen Fahne er bisher gespielt hatte, auf den Schreibtisch.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_200">[200]</span></p> - -<p>»Wo zwei Menschen im heftigen Zorn voneinander -geschieden sind ist es gut, daß ein gemeinsamer Freund -zwischen sie tritt, um ihren Groll zu besänftigen und -sie wieder mit einander auszusöhnen. Der Wunsch, -dieser gute Vermittler zu sein, hat mich zu Euch geführt.«</p> - -<p>Pastor Reinerz konnte nicht weiter sprechen. Max -hatte schon wiederholt den Versuch gemacht den Redenden -zu unterbrechen, war aber durch die abwehrende Handbewegung -des Greises daran gehindert worden. Jetzt -fuhr es Max heraus:</p> - -<p>»Ihr seid gütig, Herr Pastor, aber es ist nicht -möglich, daß ich von Euerm freundlichen Anerbieten -Gebrauch machen kann. Einer Vermittlung zwischen -einem meiner Leute und mir bedarf es niemals. Wer -mich beleidigt hat tut am besten, den Weg zu mir selbst -einzuschlagen. Aber in diesem Fall wäre der Versuch -Lehnhardts, meine Verzeihung zu erhalten, verfrüht. -Der Unmut ist noch nicht von mir gewichen, deshalb -müßte ich ihn, wenn er heute oder morgen zu mir -käme, abweisen. Er hat zu schwer gefehlt. Und nun -würde ich’s Euch danken, wenn Ihr von etwas anderem -sprechen wolltet.«</p> - -<p>Aber der Greis war der Meinung, daß hierüber -noch lange nicht genug gesprochen worden sei, deshalb -begann er wieder:</p> - -<p>»Es ist heute noch so, wie es vor hundert und -aberhundert Jahren schon war. Wenn zwischen zweien -ein Streit entbrannt ist, fühlt sich selten einer von -beiden im Unrecht. Ich will mich ja auch garnicht der -Aufgabe unterziehen, zu ergründen, nach welcher Seite -sich in diesem Fall das Recht neigt. Denn ich bin<span class="pagenum" id="Seite_201">[201]</span> -nicht gekommen, den Richter zwischen Euch und dem -Hermann zu spielen, sondern als Freund zu vermitteln.«</p> - -<p>»Ich wünsche aber keinen Vermittler,« unterbrach -Max ungeduldig den Sprecher. Doch ließ sich dieser -nicht beirren, sondern fuhr fort:</p> - -<p>»Wer will es hindern, daß die Leidenschaft, die -sonst immer im festen Zügel liegt, nicht einmal durchbricht -und ihres Meisters spottet. Du lieber Gott, es -ist ja so überaus schwer einen Vorwurf dafür zu -machen. Der Leidenschaftslose hat freilich leichtes Urteil -über den Temperamentvollen. Eins aber muß man von -dem Mann fordern dürfen: daß er dann, wenn die -Wogen des Zornes sich geglättet haben bereit ist, die -Schuld, die er beim Ausbruch seiner Heftigkeit auf sich -lud, wieder einzulösen. Auch Ihr habt gefehlt und -tätet gut, wenn Ihr mit mildem Auge die Schuld des -Andern betrachten wolltet.«</p> - -<p>Max hatte nur mit großer Beherrschung seine Ungeduld -verbergen können. Jetzt erhob er sich hastig, -trat einen Schritt zurück und sprach in entschiedenem -Tone:</p> - -<p>»Herr Pastor, ich kann begreifen, wenn Ihr es -als Eure Aufgabe betrachtet zu schlichten, wo Streit -entbrannt ist. Es gibt aber keine Streitenden, wo das -sich auflehnende Gesinde von seinem Herrn gezüchtigt -werden muß. Ihr werdet den Vorfall soweit kennen, -daß Ihr auch wißt, wie lange Zeit ich mich beherrschte, -bevor mich der gerechte Zorn übermannte.«</p> - -<p>Langsam erhob sich auch Pastor Reinerz und -sprach:</p> - -<p>»Ich hätte geglaubt, Euch versöhnlicher gestimmt -zu finden. Seht, Max, ich bin ein alter Mann, der<span class="pagenum" id="Seite_202">[202]</span> -in seiner Jugend auch ein rechter Hitzkopf gewesen ist. -Deshalb weiß ich es nur zu gut, wie leicht der Zorn -die kühle Überlegung zur Seite drängt. Sagt, wäre es -Euch nicht möglich, das Unrecht, soweit es Euch trifft, -wieder gut zu machen?«</p> - -<p>Da begehrte Max heftig auf:</p> - -<p>»Mein Unrecht? Was für ein Unrecht beging -ich denn?«</p> - -<p>»Das Unrecht, daß Ihr Hermann Lehnhardt reiztet, -so daß er sich vergaß und daß Ihr Euch vom Zorn -hinreißen ließet.«</p> - -<p>»Nun, und Ihr vergeßt ganz, daß der Knecht den -Arm erhob gegen seinen Herrn.«</p> - -<p>»Das eben war die Folge Eures Zweifels an seiner -Ehrlichkeit,« versetzte der Greis ruhig. »Hermann -Lehnhardt ist ein schwerblütiger Bauer, den manches -gleichgültig läßt, was einem andern das Blut in die -Schläfen jagen würde. Aber wie so viele seinesgleichen -kann er auch heftig in Zorn geraten, daß ihn die Überlegung -vollständig verläßt. Ihr wißt, der gute Ruf ist -ein Kleinod, das sich unsere Bevölkerung, gottlob, mit -Stolz bewahrt. Ihr habt Euern Verwalter aber der -Unredlichkeit verdächtigt – –«</p> - -<p>»Nun ists genug, Herr Pastor,« unterbrach Max -den Sprecher mit Festigkeit, »ich habe jetzt keine Geduld -mehr, Euch länger zuzuhören.«</p> - -<p>»Ihr vergrößert durch Eure Halsstarrigkeit aber -nur das Unrecht, das Ihr begangen habt,« antwortete -erregt der Greis.</p> - -<p>»Dann werde ich die Folgen zu tragen wissen,« -entgegnete der Freihofer herrisch.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_203">[203]</span></p> - -<p>Stumm standen sich die beiden Männer gegenüber -und tauchten ihre Blicke ineinander. Eine dumpfe -Ahnung raunte jedem von Ihnen zu, daß die Erinnerung -an diesen Augenblick in ihnen noch einmal mit aller -Lebendigkeit heraufkommen würde. Das aber konnte -keiner von beiden ahnen, daß jene Stunde, in der sie -sich wie heute Auge in Auge gegenüberstehen und dieses -Vorfalls erinnern sollten, zermalmenden Schmerz mit -sich gebracht haben würde.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap13">13. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Es war am späten Nachmittag, als vom untern -Eingang her auf schaumbedecktem Pferde ein Reiter die -Dorfgasse hinaufsprengte, ein junger Bursche von etwa -achtzehn Jahren. Er mußte einen tollen Ritt hinter sich -haben, denn der schweißtriefende Gaul schnaubte heftig -und stolperte fast über seine Beine. Trotzdem verminderte -der Reiter die Geschwindigkeit nicht. Das Dorf war -wie ausgestorben, da alles draußen auf den Feldern zu -tun hatte. Die Wenigen, die aber noch in den Häusern -zurückgeblieben waren, wurden von dem klappernden -Hufschlag aufgescheucht und sprangen an die Fenster, -um nach dem vorbeistürmenden Reiter zu sehen.</p> - -<p>Als der Bursche in der Nähe der Kirche angekommen -war, sah er drüben von der Anhöhe einen -Wagen herabkommen, auf dem einige Knechte saßen. -Er hielt sein Pferd an und rief mit lauter Stimme -hinüber:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_204">[204]</span></p> - -<p>»Heda, Ihr Leute, wo wohnen hier die Tiefenbachs?«</p> - -<p>»Reitet noch ein kurzes Stück,« klang es zurück, -»dort oben, wo Ihr die beiden großen, mit Ziegeln bedeckten -Scheunen seht.«</p> - -<p>Er wandte den Blick in die bezeichnete Richtung -und trabte weiter. Wie er nahe an den Hof herangekommen -war, sah er vor dem Hoftor auf der Straße -einen Mann von hünenhaftem Wuchse stehen. Der -Reiter trieb sein Pferd heran und blieb vor jenem -halten.</p> - -<p>Mit seinem Haselstock auf das Gut zeigend, fragte er:</p> - -<p>»Ist das der Hof, auf dem die Tiefenbachs sitzen?«</p> - -<p>Der Angesprochene sah den Reiter verwundert an -und antwortete:</p> - -<p>»Das ist der Freihof, und ich bin Max von Tiefenbach.«</p> - -<p>Da flog ein Zug der Befriedigung über das -glühende Gesicht des Burschen. Eilends riß er das -Wams auf, griff hinein und zog ein zusammengefaltetes -Papier hervor, das er dem vor ihm Stehenden reichte.</p> - -<p>»Hier, nehmt und beeilt Euch! Der das geschrieben -hat sagte, es gelte, einer Sterbenden noch etwas Liebes -zu erweisen, und daraufhin bin ich geritten, als wenn -ich zum Tode meiner Mutter noch zurecht kommen müsse.«</p> - -<p>Hastig griff Max nach dem Papier, riß es auseinander -und las seinen Inhalt. Und während er las, -preßte er die Lippen so heftig aufeinander, daß sie weiß -wurden. Langsam sank endlich die Hand mit dem -Schreiben herab, während er den Blick zu Boden richtete.</p> - -<p>Aber die Stimme des Reiters riß ihn aus seinem -Brüten:</p> - -<p>»Diese Börse soll ich Euch aushändigen,« sprach -er, »sie enthält die ganze Barschaft meines Auftraggebers,<span class="pagenum" id="Seite_205">[205]</span> -und hier ist seine goldene Repetieruhr. Sonst hat -er mir nichts aufgetragen.«</p> - -<p>Max kämpfte seine Bewegung nieder und antwortete:</p> - -<p>»Gebt her die Uhr. Den Beutel behaltet für Euern -Ritt, denn auf diesem Gaule werdet Ihr wohl kaum -wieder zum Dorfe hinauskommen. Sattelt ab und laßt -Euch zu essen geben.«</p> - -<p>Mit diesen Worten wandte er dem Reiter den -Rücken und ging eilends nach dem Wohnhause. Der -Bursche sprang vom Pferde, liebkoste das völlig erschöpfte -Tier und zog es langsam auf den Hof.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>In verschwenderischer Fülle drangen die schrägen -Sonnenstrahlen des scheidenden Tages in Elisabeths -Zimmer und erfüllten es mit goldenem Glanze. Die -Kranke lag im Bett und hielt die Hand der neben ihr -sitzenden Mutter in der ihrigen. Ihr Gesicht trug den -Ausdruck schweren Leidens und war eingerahmt von -dem üppigen Blondhaar. Keines von ihnen sprach ein -Wort.</p> - -<p>Da öffnete sich die Tür, und Max trat ins Zimmer. -Mit leisen Schritten näherte er sich dem Bett und berührte -mit der Hand schmeichelnd die Wange des Mädchens.</p> - -<p>»Ich habe etwas für Dich, meine kleine Liesbeth,« -sagte er und hob die Hand mit dem Papier hoch auf.</p> - -<p>Die Kranke betrachtete eine kurze Weile in hoher -Spannung das Gesicht des Bruders. Dann überlief -ihren Körper ein Zittern und sie flüsterte:</p> - -<p>»Max, lieber Max, wäre es möglich?«</p> - -<p>Und mit gedämpfter Stimme las dieser die folgenden -wenigen Zeilen:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[206]</span></p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -Meine inniggeliebte, süße Braut! -</p> - -<p>Während ich diese Worte niederschreibe, fließt mein -warmes Herzblut unter mir dahin, und ich merke, daß -es mit mir rasch zu Ende geht. Ich benutze die kurzen -Minuten, die ich noch zu leben habe, um Dir, Du -Gute, meine letzten Grüße zu sagen. – Als ich nach -Leipzig kam, packte auch mich die Begeisterung, die in -dieser Stadt herrscht. Ich wandte der schwankenden -sächsischen Sache den Rücken und verband mich den -schwarzweißen Farben. Heute habe ich unter Blüchers -Leitung um das Dorf Großgörschen gekämpft. Nachdem -ich schon kleine Verletzungen erlitten hatte, wurde mir -zuletzt die linke Schulter und Brust von einem französischen -Säbel zerhauen. Ich zürne ihm nicht, nein, ich danke -ihm dafür! Es wäre ein freudenloses Leben gewesen –! -Mein letzter Herzschlag gehört Dir, Du inniggeliebtes -Mädchen. Schon überkommt mich eine unwiderstehliche -Müdigkeit; mit dem Gedanken an Dich will ich einschlafen. -Habe Dank für Deine Liebe, die mich so -glücklich macht, daß ich dem Sterben entgegenlächeln -kann. Einen innigen Kuß drücke ich auf die Blumen, -die ich Dir sende. Auf baldiges Wiedersehen, mein -süßes Lieb, – – über den Sternen!</p> - -<p class="center"> -Dein bis in den Tod getreuer<br /> -Bernhard von Friesen. -</p> -</div> - -<p>Elisabeths Gesicht strahlte in überirdischem Glanze. -Schneller als sie es im Leben erreicht hätte, sollte sie -mit dem Geliebten im Tode vereinigt sein. Ihre Augen -suchten das Himmelsblau, in dem vielleicht in diesem -Augenblick seine Seele zu den lichten Höhen schwebte. -Dann richtete sie die strahlenden Augen auf die Mutter<span class="pagenum" id="Seite_207">[207]</span> -und den Bruder, ergriff die Hände ihrer Lieben und -sprach:</p> - -<p>»Ach, Mutter, ich hätte nicht gedacht, daß das -Sterben so schön sei!«</p> - -<p>Just um diese Stunde begann mit schwerem, unhörbarem -Flügelschlage der Todesengel über dem Freihof -seine Kreise zu ziehen – – –</p> - -<p>Max hatte das Zimmer leise wieder verlassen, derweilen -Elisabeth mit geschlossenen Augen ruhte. Die -dem Briefe beigelegenen, an einem Stengel vereinigten -zwei Himmelschlüssel standen in einem Wasserglas neben -dem Bett. Da öffnete plötzlich das Mädchen die Augen -und tauschte wortlos einen langen Blick mit der Mutter. -Dann fühlte diese, wie die heiße, kleine Hand sich auf -die ihrige legte und sie sanft an sich zog.</p> - -<p>»Mein liebes, herzensgutes Mütterchen,« sagte die -Kranke leise, »ich fühle, daß meine Zeit gekommen ist. -Aber ich muß, bevor ich von Dir scheide, Dir ein Geheimnis -anvertrauen, das mich tief traurig gemacht hat, -das mich aber zuweilen auch im innersten Herzen mit -seliger Lust erfüllte: Maria von Tiefenbach, meine -Cousine, und Max lieben einander.«</p> - -<p>Und mühsam erzählte Elisabeth den Vorfall in -der Kirche und schloß:</p> - -<p>»Als zuletzt Maria in ihrer tiefen Not die Worte -ausrief, daß Max ihre Liebe besitze, blieb mein Bruder -anfangs stumm, dann wurde er rauh zu ihr. Aber -ich habe es dennoch gefühlt, daß seine Hand, die in -der meinen lag, zitterte, wie die eines geängstigten -Kindes. Ach, Mutter, wenn die beiden glücklich werden -könnten – –«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[208]</span></p> - -<p>Die Freihoferin saß weit vornübergebeugt zur -Seite der Kranken. Ihr welkes Gesicht zeigte deutlich -die Spuren der großen Anstrengungen der letzten Wochen. -In diesem Augenblick aber sah es erschreckend fahl aus. -Von neuem trafen sich die Blicke von Mutter und -Kind, das seine Augen ängstlich forschend auf das starre -Antlitz der Mutter gerichtet hatte. Aber nur einen -Herzschlag lang währte diese Spannung. Dann überflog -die Züge des Mädchens ein sonniges Leuchten -und sie bat:</p> - -<p>»Bitte, gib mir meine Blumen, liebe Mutter.«</p> - -<p>Die Freihoferin griff nach dem Stengel, wobei ihre -Hand so heftig zitterte, daß sie einige Male an dem -Glase vorbeitastete und reichte dem Kinde wortlos die -gelben Frühlingszeichen.</p> - -<p>Die Kranke lächelte beglückt, drückte die Blumen -an die Lippen und bald ließen die regelmäßigen Atemzüge -erkennen, daß der Schlaf ihre Sinne umfangen -hatte.</p> - -<p>Kurz darauf kam Max wieder in die Kammer und -setzte sich neben seine Mutter. Die Dämmerung brach -herein, die Abendschatten sanken herab, und langsam zog -der Mond herauf. Ein zitternder Strahl fiel auf das -Bett und umspielte zwei zarte, weiße Hände, in denen -eine welke Blume lag.</p> - -<p>Bleiern schlichen die Stunden dahin. Endlich verkündete -der helle Ton von der Kirche her die Mitternachtstunde.</p> - -<p>Keiner der beiden Menschen, die an dem Lager -der Schlafenden weilten, unterbrach die hehre Stille, -die in dem Raume herrschte. Stumm saßen sie nebeneinander -und schauten voll Andacht in das friedliche<span class="pagenum" id="Seite_209">[209]</span> -Engelsantlitz vor ihnen. Dann war der Mond seinen -Pfad weiter gewandelt, und undurchdringliche Finsternis -erfüllte das Zimmer.</p> - -<p>Am Morgenhimmel zogen die ersten lichten Schimmer -leise herauf, als Max unter der leichten Berührung -von der Hand seiner Mutter aufschreckte.</p> - -<p>»Es ist Zeit zu beten, Max,« sagte die Freihoferin -mit heiserer Stimme. Darauf knieten sie an dem Bette -nieder und sprachen in lautem Gebet einander Mut und -Trost zu, während die lichtumflossene Gestalt, die zu -Häupten der tiefaufatmenden Sterbenden harrte, die -lebensmüde Seele empfing und hinaufgeleitete zu -dem Lande der gestillten Sehnsucht und des Friedens.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Wie ein Lauffeuer hatte die Kunde von Elisabeths -Tode das Dorf durcheilt. Doch setzte noch niemand -seinen Fuß auf den Freihof, in der Besorgnis, daß -seine Tröstungen in den gewaltigen Schmerz hinein -schal klingen möchten. Auf dem Hofe schien alles Leben -erstorben, so geräuschlos vollzog sich das notwendige -Werk, das verrichtet werden mußte. Max bekam keiner -zu sehen, er blieb in der Nähe der Mutter, die, wie -er deutlich empfand, furchtbar litt.</p> - -<p>So saßen sie beide in der großen Wohnstube kein -Wort sprechend, nur die Gegenwart des andern als -Trost empfindend.</p> - -<p>Da klangen schwere Männertritte draußen im -Hausflur. Gleich darauf tat sich die Tür auf, und ein -Mann trat auf die Schwelle. Die Freihoferin und -Max hatten sich umgewandt und starrten wie auf eine -Erscheinung nach der Tür. Der Mann, mit dem hohen,<span class="pagenum" id="Seite_210">[210]</span> -schlanken Wuchse und der leichtgebeugten Haltung, der -noch immer auf der Schwelle stand und dessen dunkles -Haupthaar und Bart Silberfäden durchzogen, war der -Schloßherr vom Weißen Schlosse, der Freiherr Arnold -von Tiefenbach. Als er eine Weile unverwandt auf -Mutter und Sohn geblickt hatte, zog er die Tür hinter -sich zu und trat in das Zimmer. Die Freihoferin, die -mit dem Rücken nach ihm saß, hatte sich wieder umgewandt -und sah mit hartem Ausdruck vor sich hin. -Langsam ging Herr Arnold auf sie zu und blieb dicht -vor der Greisin stehen.</p> - -<p>Eine kurze Zeit tiefen Schweigens verstrich. Dann -sagte der Angekommene in bittendem Tone:</p> - -<p>»Wirst Du mir es wehren, Base, wenn mich darnach -verlangt, von der Gestorbenen Abschied zu nehmen? -Nicht nur Dir ist Dein Kind genommen. Auch an -mein Herz hat das Entsetzen gegriffen und ihm eine -blutige Wunde geschlagen.«</p> - -<p>Der alte, gebeugte Man schwieg, als wenn er auf -eine Antwort warte. Dann fuhr er fort:</p> - -<p>»Base, höre mich ruhig an, um der teuern Toten -willen, die meine Worte unterstützen würde, dürfte sie -noch unter uns weilen. Ich stehe als Bittender vor -Dir, laß mich nicht unerhört von dieser Schwelle gehen. -Denke, ich nähme allen Frieden und alles künftige Glück -von diesem Hause mit fort, wenn Du mich abwiesest. -Der tiefe Schmerz schlingt um uns ein unzerreißbares -Band und bringt unsere Herzen näher aneinander. -Und so bitte ich Dich denn, Base, – – gib Frieden! -Laß Ruhe einziehen in meine alte Brust und in Dein -gequältes, tief erschüttertes Herz. Laß uns nicht richten<span class="pagenum" id="Seite_211">[211]</span> -über die Toten, sie haben ihre Rechenschaft längst abgelegt -und vielleicht auch Verzeihung erhalten; gewähre -auch Du Verzeihung. Ein Hauch, der nichts mit der -Irdischkeit gemeint hat, umweht uns in diesem Augenblick -und mahnt eindringlich, jeder Schuld bloß zu sein, -wenn die Stimme endlich auch uns ruft. So komm -denn, Base, schlag ein. Nimm diese Freundeshand, die -Du so lange zurückgestoßen und laß uns Versöhnung -feiern an der Leiche Deines Kindes!«</p> - -<p>Max saß in einem hohen Lehnstuhl mit Armstützen. -Seine Augen hingen an dem schmerzerfüllten Antlitz -des Freiherrn, dessen Rede er mit Bewegung angehört -hatte. Jetzt sah er voll quälender Erwartung auf seine -Mutter. Konnte sie diesen Worten noch Widerstand -entgegensetzen, den Worten, die alle Feindschaft in -seiner Brust töteten und den heißen Wunsch nach Versöhnung -jäh heraufkommen ließen?</p> - -<p>Aber die Mutter rührte sich nicht, sondern blickte -noch immer unverwandt zu Boden.</p> - -<p>Da wurde der alte Freiherr weich.</p> - -<p>»Constanze,« flehte er, »auf diesen Armen hab’ ich -Dein Kind oft getragen. Es nannte mich Vater und -erzählte viele Male mit glänzenden Augen von seiner -Mutter, die bei den Menschen als hart gelte und doch -ein nach Liebe flehendes Herz besitze. Komm, denke -Du könntest mit Deiner Verzeihung Deinem Kinde eine -Wohnung inmitten der Seligen errichten. Gib Frieden, -Constanze!«</p> - -<p>Mit fliegendem Atem sah Max hinüber. Ihm war, -als könnte die Mutter nicht eine Sekunde länger zögern. -Ihre schwere seelische Erschütterung war offenbar, und<span class="pagenum" id="Seite_212">[212]</span> -die Worte seines Onkels waren in ihrer Wehmut und -Sehnsucht nach Schlichtung des alten Familienzerwürfnisses -hinreißend.</p> - -<p>Aber die Freihoferin blieb stumm und sah mit zusammengekniffenem -Munde hartnäckig vor sich nieder.</p> - -<p>Da ergriff der Freiherr von neuem das Wort und -sprach:</p> - -<p>»Du hast Dein Kind unaussprechlich geliebt, ich -weiß es; mit allen Fasern hingst Du an seinem schwachen -Leben. Denke, es wäre ein geheimer Wunsch Elisabeths -gewesen, unsere Familien in Frieden zu wissen. So -lange sie lebte, hätte sie niemals eine solche Bitte ausgesprochen, -denn die Scheu, der Mutter weh zu tun, -würde das Kind daran gehindert haben. Aber wenn -der Zeitpunkt gekommen ist, wo der Mensch den irdischen -Staub abschüttelt, um die letzte Reise anzutreten, dann -darf er das Siegel an seinem Munde zerbrechen. Vielleicht -ist die teure Tote noch von dem Wunsch erfüllt -gewesen, die Mutter zu bitten, den unseligen Zwist ihr -mit ins Grab zu geben und sie besaß nur nicht mehr -die Kraft, die Bitte auszusprechen – –«</p> - -<p>Maxens Blicke hingen unverwandt an der Mutter. -Er bemerkte, wie ihr Körper schwankte, und eine innere -Stimme sagte ihm, daß, wenn je, jetzt der Augenblick -gekommen sei, wo der Widerstand der Mutter zerbrechen -mußte. Er hätte aufspringen mögen, um sich zu den -Füßen seiner Mutter niederzuwerfen und ausrufen: -»Mutter, sei barmherzig, und gewähre Dir und uns allen -Frieden!« Aber das durfte er nicht wagen! Die -Wandlung in ihrem Innern mußte von anderen bewirkt -werden. Die Bitten des Sohnes hätten ihren Widerstand -nur wiederaufrichten und stärken können. Der<span class="pagenum" id="Seite_213">[213]</span> -junge Mann, dessen Pulse hämmerten, mußte an sich -halten, damit er dem Freiherrn nicht zurief, daß er -seine Bitten wiederholen und Worte finden möge, deren -Wärme den Zutritt zu dem schwer zugänglichen Herzen -erzwingen müßten. Doch Worte voll Liebe und Weichheit -müßten es sein, denn nur diese Eigenschaften waren -geeignet seine Mutter zu rühren.</p> - -<p>Aber der Mann mit den gramvollen Zügen, der -gewiß noch nie so wie jetzt zu einem Weibe gesprochen -hatte, besaß keine Kraft mehr zu bitten. Sein Gesicht verfinsterte -sich, und die Stimme zitterte leise vor bezwungenem -Unmut als er wieder begann:</p> - -<p>»Constanze, achtest Du mein graues Haar nicht -<em class="gesperrt">mehr</em>? Willst du mich wie einen Schulbuben vor -Dir demütigen?«</p> - -<p>Keine Antwort. Nichts, als eisiges Schweigen. -Das Weib saß vornübergesunken und wie leblos im -Stuhle.</p> - -<p>Max wartete noch mit angstvoller Spannung -auf Worte seines Onkels, so wie er sie vorhin gesprochen -hatte. Da klang es von dessen Munde -schneidend und streng:</p> - -<p>»Ich habe geglaubt, Du besäßest für den Kummer -anderer Menschen wenigstens einen kleinen Raum in -Deinem Herzen. Nun aber weiß ich, daß deine Brust -von Stein ist. Ich gebe es auf, künftig noch auf die -Verwirklichung meines Lieblingstraumes hinzuwirken. -Von Menschen wird Dein Handeln nicht mehr gerichtet -werden, aber sieh zu, daß Dir die Worte nicht fehlen, -wenn Du einst vor dem Throne des allmächtigen -Gottes Dein Tun verteidigen mußt!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_214">[214]</span></p> - -<p>Diese Worte klangen wie Donnerschläge, und Max -sah, daß seine Mutter, als der schneidende Klang -ertönte, sich aus ihrer zusammengesunkenen Haltung -aufrichtete und das Kinn heftig auf den Hals preßte, -wie sie es zu tun pflegte, wenn sie dem Schicksal ihren -eisernen Willen entgegensetzte. Nun war die Möglichkeit, -die Mutter umzustimmen, für immer dahin. So weich -wie vor wenigen Sekunden hatte er sie noch nie gesehen.</p> - -<p>Jetzt wandte sich der Freiherr von der Greisin ab -und trat zu ihm hin.</p> - -<p>»Max,« sprach er und war bemüht, den scharfen -Ton in seiner Stimme zu mildern, »willst Du nicht -wenigstens zu mir halten, auf daß in dieser Stunde -eine Brücke aufgerichtet werde, die spätere Tiefenbachs -betreten können? Wollen <em class="gesperrt">wir</em> Freunde -werden?«</p> - -<p>Die Blicke des jungen Mannes hatten während -dieser Worte auf seiner Mutter geruht und tiefes Mitleid -erfüllte ihn, als er daran dachte, welchen Schmerz -er ihr zufügen würde, wenn er die dargebotene Hand -annahm und wie vereinsamt die Mutter dann im -Leben stünde.</p> - -<p>Noch sah der Freiherr erwartungsvoll auf den -jungen Neffen nieder, bis sich ihre Augen begegneten. -Da schlug Max den Blick zu Boden und warf gleichzeitig den -Oberkörper mit einer unwilligen Bewegung heftig gegen -die Lehne, daß der schwere Stuhl ein Stück zurückfuhr.</p> - -<p>Der Freiherr aber wandte sich betrübt um und -ging, ohne noch einen einzigen Blick zurückzuwerfen, aus -dem Zimmer. Max hörte, wie er seine Schritte nach<span class="pagenum" id="Seite_215">[215]</span> -Elisabeths Kammer lenkte und nach wenigen Minuten -durch den hintern Ausgang das Haus verließ.</p> - -<p>Eine kurze Zeit saßen Mutter und Sohn ohne zu -sprechen, beisammen. Max empfand dieses Schweigen -wie eine ungeheure Last und er wäre der Mutter -dankbar gewesen, wenn sie in diesem Augenblick ein -paar freundliche Worte zu ihm gesprochen hätte, deren -er so sehr bedurfte. Statt dessen erhob sich endlich die -Mutter und ging mit langsamen Schritten nach der -Tür. Max sah es und fühlte einen heftigen Schmerz -in der Brust. Plötzlich stockte ihr Fuß, und es schien, -als wenn sie zu dem Sohne kommen wolle. Aber nur -einen Augenblick hatte dies Zögern gewährt. Dann -ging sie entschlossen weiter und ließ Max allein in der -Stube zurück.</p> - -<p>Da kam das Gefühl einer unerträglichen Vereinsamung -über den jungen Mann, und er fühlte sich von -der Mutter und allen verlassen. In demselben Augenblick, -wo ihm die Kraft schwand, und er seiner Mutter -für einen im Leben ohnehin nur selten von ihrer Seite -empfangenen Zuspruch die Hände geküßt hätte, ging sie von -ihm. Noch nie war ihm so schwer ums Herz gewesen, und -gerade jetzt stand er allein.</p> - -<p>Der gute Engel des Hauses war dahingegangen! -Der unselige Zwist zwischen den nahen Verwandten, -der über dem Freihof wie eine drückende, schwarze Wolke -hing, in allen seinen Räumen gespenstisch schwebte und -in den Herzen seiner Bewohner nur selten rechte Freude -hatte aufkommen lassen, dieses Verhängnis, das am -Schicksalswege der Tiefenbachs unheildrohend kauerte, -sollte aber nicht von ihnen weichen. Den edeln Mann,<span class="pagenum" id="Seite_216">[216]</span> -der sich dem Hause als Freund angeboten, hatte das -Schweigen der Mutter für immer vom Freihof gescheucht, -und mit ihm war sein Lebensglück dahingegangen! -Ja, heraus damit aus dem gequälten Herzen; -jetzt durfte er ohne zu erröten gestehen, daß die Gluten -der Leidenschaft für Maria von Tiefenbach sein Innerstes -aufwühlten und allen Frieden von ihm nahmen. Denn was -ihn nur daran verhindert, vor dem herrlichen Mädchen -damals in der Kirche, als ihre Seele verzweifelnd ihr -tiefstes Geheimnis hinausschrie, niederzuknien und ihr -seine innigste Gegenliebe zu gestehen, das wußte er jetzt. -Nichts anderes hatte ihm die unbegreifliche Kraft gespendet, -seine Leidenschaft im Herzen zu verschließen, -als die Liebe und Ehrfurcht zu seiner Mutter. Damals -fühlte er noch, mit welch starken Banden, die er unzerreißbar -wähnte, er mit seiner Mutter verbunden -war. Der wütendsten Anstrengungen, ihn von ihr zu -reißen, hätte er mit Hohn gespottet. Jetzt aber, -wenige Monate später, war es so ganz anders: der -mächtige Anker, der ihn bisher davor schützte, daß die -wild auf ihn einstürmenden Wogen sein Lebensschifflein -mit sich fortrissen und hinaustrieben auf das Meer des -Unfriedens und der Ruhelosigkeit, war geborsten.</p> - -<p>So sollte also der alte Groll auch fernerhin -auf ihm lasten! Der edle Freund war für die Freihofer -auf immer verloren, und sein verheißungsvoll aufleuchtendes -Glück war in Scherben gegangen, – wohl, -das mußte er ertragen lernen! Was ihn schwer niederdrückte, -war also geblieben, das aber, was ihm hold -und besitzenswert erschien, hatte ihn verlassen. Und -jetzt verließ auch sie noch ihn – seine Mutter?</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_217">[217]</span></p> - -<p>Da warf der riesenstarke Mann die Arme auf den -Tisch, barg das Gesicht in ihnen und schluchzte wie -ein Kind.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Der Freiherr war in gebeugter Haltung langsam -den Weg zum Schloß hinaufgegangen.</p> - -<p>Eine halbe Stunde später tat sich das Gattertor -wieder auf, und ein berittener Bote trabte auf lustig -wieherndem Rößlein den Schloßberg herunter. Er hatte -Ungeduld, auf die Straße zu kommen und lenkte deshalb -das Tier querfeldein. Über Gräben, Hecken und -rieselndes Wasser flog der Gaul wie ein Reh hinweg, -bis er zuletzt in weitem Sprunge über den Straßengraben -setzte.</p> - -<p>Und dann jagte der Reiter mit verhängten Zügeln -auf der Straße dahin, die nach Eckartsberg führte.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap14">14. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Es war eine wunderbare, märchenschöne Maiennacht. -Kein Wölkchen stand am Himmel. Gegen zehn -Uhr war der Vollmond heraufgezogen und übergoß die -ganze Landschaft mit seinem milden, weißen Licht. Der -Himmel sah aus wie eine riesige, tiefdunkelblaue -Sammetdecke, auf der Myriaden von Sternen gleich -glitzernden Steinen ausgestreut waren. Die Luft war<span class="pagenum" id="Seite_218">[218]</span> -so klar und durchsichtig, daß die funkelnden Himmelskörper -dem Auge viel näher erschienen, und die Umrisse -der Häuser und Bäume waren scharf zu erkennen. -Kein Laut erscholl weithin, der die feierliche Stille -unterbrochen hätte. Nur dort, wo der leichte Windhauch -von den bunten Wiesen her den balsamischen -Duft der jungen Gräser und Blumen hintrug, rauschte -es geheimnisvoll in den Bäumen. Leise bewegten sich -die schlanken Zweige der in frischem Weiß leuchtenden -Birken, und die zitternden jungen Blätter lispelten ohne -zu ermüden und priesen die Pracht des in seiner siegenden -Schönheit ins Land gezogenen Lenzes.</p> - -<p>Auf einem der breitästigen, blühenden Lindenbäume, -die rund um den Brunnen vor der Schenke -standen, saß mit feurigen Augen ein Eulenpaar, das in -seiner hohlen, klagenden Sprache glühende Liebesschwüre -austauschte, während der Wind leise die Wipfel bewegte, -daß sein Rauschen wie eine Erzählung klang -von all den Menschen, die unter den Bäumen schon als -Kinder gespielt und die sich endlich lebensmüde in ihrem -Schatten ausgeruht hatten.</p> - -<p>Rastlos floß unterdessen das Wasser aus der -hölzernen Röhre in den geräumigen Steintrog.</p> - -<p>Aus den Wohnungen der Menschen drang kein -Laut. Sorge und Kummer hatten ihre Macht über sie -verloren und manchmal lächelte wohl einer der Schläfer, -weil ihm der gütige Traumgott freundliche Bilder vor -die Seele gezaubert hatte.</p> - -<p>Frieden ringsum!</p> - -<p>Alle Gegenstände waren von dem silbernen Licht -des Mondes umflossen. Ein wunderbares Schweigen -lag auf dem friedlichen Dorfe, in das hinein der<span class="pagenum" id="Seite_219">[219]</span> -Brunnen seine alten, dumpfen Lieder sang. Und über -der schlafenden Erde zogen die Gestirne lautlos ihre -unveränderlichen, ewigen Bahnen.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Vom Schloßberg kam eine schlanke Gestalt herab, -die um Kopf und Schultern ein leichtes Tuch gelegt -hatte. Ohne zu zögern, lief sie über die blumigen -Wiesen an den blühenden Haselnußbüschen vorbei, bis -sie endlich an dem schmalen Stege angekommen war, -der über den Bach in den Obstgarten des Freihofes -führte. Dort blieb sie stehen und lehnte sich an einen -Baum, neben der schwachen Brücke. Das Weib tat ein -paar tiefe Atemzüge, schob das Tuch vom Kopf zurück, -daß es auf den Nacken herunterfiel und strich mit ihrer -Hand über die Stirn. Der Mond schien der Einsamen -voll ins Gesicht: es war Maria von Tiefenbach.</p> - -<p>Ihre Augen flogen verlangend hinüber über das -leise murmelnde Wasser. Dann schaute sie wieder zurück -nach dem Weg, den sie gekommen war und nach dem -Schloß, dessen letzter Turm hoch hinaufragte zu dem -leuchtenden Firmament.</p> - -<p>Maria hüllte den Kopf wieder ein und schritt -dann vorsichtig über den Steg, den sie zum ersten -Mal in ihrem Leben betrat.</p> - -<p>Kaum aber stand sie unter dem nächsten Baum auf -dem jenseitigen Ufer, als aus dem Schatten des Wohnhauses -mit mächtigen Sprüngen Sultan der Hofhund -auf sie zustürzte. Winselnd sprang das treue Tier an -dem Mädchen hinauf, warf sich vor ihr nieder, wälzte sich im -Grase und wiederholte dann seine ausgelassenen Sprünge.<span class="pagenum" id="Seite_220">[220]</span> -Mit wehmütigem Lächeln kniete Maria ins Gras, streckte die -Hand aus, griff in das zottige Fell des Hundes und -zog ihn liebkosend an sich heran, wie sie es so oft getan, -wenn Elisabeth ihn mit aufs Schloß gebracht hatte.</p> - -<p>»Du Armer,« sagte sie leise. »Nicht nur den Menschen, -auch Dir fehlt die Tote. Jetzt ist auf dem Hofe wohl -keine Hand mehr bereit, Dich zu streicheln. Ja,« setzte -das Mädchen seufzend hinzu, »es weiß noch keiner -richtig, wie viel er verloren hat!«</p> - -<p>Dann klopfte sie dem Tier noch einmal den Rücken -und ging nach der hintern Tür des Hauses.</p> - -<p>Die örtlichen Verhältnisse des Freihofes waren -Maria so bekannt, als ob sie von Jugend auf hier -gewohnt hätte. Hatte sie den Fuß auch noch nie an -diesen Ort gesetzt, so kannte sie doch die Einrichtung -des Hofes aus den tausend kleinen Erzählungen Elisabeths -ganz genau, und von dem Vater wußte das Mädchen, -daß man die Tote in ihrer Kammer aufgebahrt hatte. -Maria legte die Hand auf den eisernen Drücker und -öffnete behutsam die Tür, die ohne das geringste Geräusch -unter ihrem Drucke wich.</p> - -<p>Eine undurchdringliche Finsternis gähnte ihr entgegen. -Durch die offene Tür warf aber der Mond -sein milchweißes Licht und beleuchtete ein großes Stück -Wand nahe dem Eingang. Die Aeste und Blätter der Bäume -des Obstgartens zeichneten sich auf der beschienenen Fläche ab, -und wenn der milde Luftzug die Bäume bewegte, huschten die -verworrenen Figuren durcheinander und wichen vor dem -Mädchen zurück, um sich ihm alsbald wieder zu nähern. Wie -eine Unzahl schattenhafter Wesen, die ihr Spiel mit ihr -trieben und versuchten, sie hineinzuziehen, um sie im nächsten -Augenblick wieder über die Schwelle zurückzudrängen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[221]</span></p> - -<p>Da überfiel das tapfere Mädchen eine große -Bangigkeit. Und mit einem Male überkam sie die -Bedeutung für den Schritt, den sie zu tun beabsichtigte. -Aber nur eine einzige Sekunde währte dieser Schwächeanfall. -Dann richtete Maria sich auf, machte gegen die gespenstischen -Bilder eine unwillige Bewegung mit der -Hand und betrat vorsichtig den dunkeln Hausflur. Unhörbar -lief sie auf den Zehenspitzen weiter.</p> - -<p>Als sie bei der ersten Tür vorbeischritt, sagte sie -leise: »Das ist die Wäschekammer.« Bei der zweiten -Tür flüsterte sie: »Hier schläft die Beschließerin.« Vor der -nächsten Tür blieb Maria aufatmend stehen. Ihr Herz -klopfte zum Zerspringen bei der Erwägung, ob es ihr -vergönnt sein würde, von der toten Freundin Abschied -zu nehmen, oder ob sie, nur durch ein dünnes Brett -von ihr getrennt, wieder umkehren müsse.</p> - -<p>Bebend tastete Maria nach der Klinke und gewahrte -zu ihrer unsäglichen Freude, daß die Tür nicht verschlossen -war. Geräuschlos öffnete sie und glitt in das -Zimmer, aus dem ihr ein betäubender Blumenduft -entgegenschlug. Dichte Dunkelheit umfing sie.</p> - -<p>Allmählich gewöhnte sich ihr Auge an die Finsternis, -die ihr, nach der großen Helligkeit im Freien, anfangs -pechschwarz erschienen war. Sie bemerkte, daß -in dem obern Teil der beiden geschlossenen Fensterladen -zwei kleine Löcher in Form von Herzen eingeschnitten -waren, durch die einzelne Mondstrahlen hereinfielen -und das Zimmer notdürftig erhellten.</p> - -<p>In der Mitte des kleinen Raumes stand auf einer -mit schwarzem Tuch umkleideten Bahre der offene Sarg, -um den herum eine große Menge von Blumen und<span class="pagenum" id="Seite_222">[222]</span> -Kränzen aufgehäuft war, daß er fast unter ihnen verschwand. -Zu Häupten breitete eine hohe Fächerpalme -an weitragenden Stengeln ihre umfangreichen Blätter -aus. Neben ihr standen zahlreiche hochstämmige, blühende -Gewächse, so daß der obere Teil des Sarges von einem -Blütenhain umgeben war.</p> - -<p>Das Herz brechend schwer, trat Maria zur Linken -der Toten an den Sarg heran. Ihre Augen durchbohrten -mit Anstrengung die dichte Finsternis und blieben -auf dem Antlitz ruhen, dessen Züge, je länger sie darauf -schaute, immer deutlicher hervortraten, bis sie zuletzt -das alte, liebe Gesicht der verstorbenen Freundin genau -erkannte. Wie ein schlafendes Kind ruhte Elisabeth -auf den weißen Polstern, bekleidet mit einem dunkelblauen, -mit weißen Kanten besetzten Musselinkleid, das -das Mädchen oftmals getragen, wenn sie wie ein Irrwisch -durch die Scheunen und Ställe des Freihofes flog und -das die kindliche Lieblichkeit der Jungfrau erhöht hatte.</p> - -<p>Der Tod hatte auf dem Gesicht keine verheerenden -Spuren hinterlassen. Er war ihr ein willkommener -Erlöser gewesen, dem sie mit frohem Lächeln entgegengesehen -hatte. Ein beglückender Gedanke mußte sie im -Augenblick des Scheidens der Seele bewegt haben, von -dem ein milder Abglanz auf dem Gesicht zurückgeblieben -war. Heiter, wie sie im Leben gewesen, war sie hinübergeschlummert. -Und neben dem Ausdruck unstillbarer, -freudiger Sehnsucht lagerte ein verklärender Hauch von -Frieden auf dem schmalen Kindergesicht.</p> - -<p>Maria sah erschüttert auf die Tote, die ihr im -Leben Freundin und Schwester zugleich gewesen war. -Nie konnte ein reineres und treueres Herz jemals -wieder in Liebe so für sie schlagen, wie das der Toten,<span class="pagenum" id="Seite_223">[223]</span> -das nun stillstand. Elisabeths sonnige Lebensauffassung, -die sich in einer nie versiegenden Fröhlichkeit kundtat, -hatte sie, die Ernste, Sinnende, oft erheitert, wenn ihr -Gemüt von düsteren Wolken umlagert gewesen war. -Und die tiefe Liebe und Anhänglichkeit, die die Freundin -ihr entgegengebracht, hatte sie immer als ein Gnadengeschenk -betrachtet, für das sie dem Himmel nicht genug -danken konnte. Nun war es vorbei mit diesem Glück! -Der Augenblick war gekommen, dessen Herannahen sie -schon seit geraumer Zeit mit wachsender Angst bemerkt -und vor dem sie gezittert hatte.</p> - -<p>Maria ließ den Kopf sinken, und ein Gedanke -stieg in diesem Augenblick in ihrer Seele auf, den niederzukämpfen -sie sich vergeblich bemühte und der sich ihr -mit solcher Heftigkeit aufdrängte, daß sie schließlich mit -glutroten Wangen davon abstand, ihn länger zu meistern: -noch immer hatte sich in ihrem Herzen die geheime -Hoffnung behauptet, daß eine so reiche Liebe, wie sie -für ihren Vetter empfand, endlich doch über alle Mühsale -triumphieren müsse, und die Stütze ihrer Zuversicht -war Elisabeth gewesen. Darüber freilich, wie das Kind -mit seiner schwachen Kraft und seinem gänzlich mangelnden -Einfluß auf die Entschließungen seiner Mutter sie -aus der Wirrnis hinausführen sollte, hatte sie nie -nachgedacht. Sie selbst schalt sich in ruhigen Stunden -töricht ob ihrer Hoffnung, daß in dem Herzen der unerbittlichen -Tante jemals eine Wandlung vor sich gehen -könne. Und die scharfe und kalte Absage, die ihr Max -in demselben Augenblick erteilte, in dem die tötliche -Angst, ihn auf immer zu verlieren, den leidenschaftlichen -Ausbruch bei ihr bewirkte, hatte sie belehrt, daß sie -die Stimme in ihrem Busen verstummen lassen müsse.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_224">[224]</span></p> - -<p>Alles das hatte sich Maria ja schon oft gesagt, -und doch wollte die Stimme nicht schweigen, sehnte -und hoffte ihr gequältes Herz in Bangigkeit weiter. -Jetzt begriff sie mit einem Male, daß, solange Elisabeth -gelebt, sie auch hatte weiterhoffen dürfen, denn die -Freundschaft Elisabeths war das unsichtbare Band gewesen, -das sie mit dem Freihof verknüpft hatte. Jetzt -aber versagte dem beredten Mund in ihrem Innern -die Sprache, und eine zermalmende Hoffnungslosigkeit -überkam sie. Max von Tiefenbach war von jetzt ab -für sie unabänderlich verloren!</p> - -<p>Und langsam zogen die geheimsten Gedanken des -Mädchens an seiner Seele vorüber. Sie sah sich zärtlich -an den Geliebten geschmiegt, ihre Stirn war an -seine Brust gelehnt. Innig hielt er sie umfangen, und -mit unsagbar beglückenden Worten hatte er ihr seine -Liebe gestanden und dann ihren Kopf aufgehoben und -ihre Lippen und Augen geküßt. Niemand in der weiten -Umgebung besaß eine so hohe Gestalt, daß er neben -Maria von Tiefenbach sich hätte behaupten können, nur -er; und keinen anderen Mann würde Marias stolzer -Sinn jemals den Besitz ihres herrlichen Körpers, -wie die Natur ihr ihn gütig verliehen hatte, einräumen. -Die heiligen Flammen keuscher Mädchenliebe durchloderten -ihren Busen im Wachen wie im Schlummer, – mit -der treuen Freundin aber zugleich begrub man auch ihre -Liebe. – – –</p> - -<p>Maria von Tiefenbach vergaß in diesem Augenblick -ganz den Ort, an dem sie weilte. Sie kniete -neben der Bahre nieder, neigte den Kopf darauf und -weinte zum Herzbrechen. Und so verharrte sie lange<span class="pagenum" id="Seite_225">[225]</span> -Zeit, während die Tränen reichlich flossen und der -wilde Sturm in ihrem Innern an Heftigkeit langsam -nachließ.</p> - -<p>Da überkam sie plötzlich der Gedanke, wie unsagbar -schwer vor allem Elisabeths Mutter unter dem Verlust -leiden müsse. Und wie der edle Mensch dann wenn er -des Nächsten gewaltigen Schmerz sieht, den eignen -Schmerz unter seinem Mitleid für eine Weile vergißt, -empfand auch Maria tiefes Mitgefühl für die unglückliche -Mutter. Ihre Tränen versiegten, und indem sie sich -aufrichtete, die gefalteten Hände erhob und an die Lippen -preßte, betete sie mit bebender Stimme:</p> - -<p>»Du Allgütiger, Tröster und Erbarmer! Erbarme -Dich auch der Mutter dieses Kindes, spende ihr reichen -Trost in diesem schweren Herzeleid und laß sie Ruhe -und Frieden finden!«</p> - -<p>Langsam sanken die Hände herab, und Maria fühlte -ihre seelische Kraft wieder erstarken. Mit der Tröstung, -die sie auf das Weib herabgefleht, das sich ihr so unversöhnlich -feindselig gegenüberstellte und zweifellos die -Schuld trug, daß ihr zartes Liebesglück in der Knospe vernichtet -wurde, war auch in ihre Brust Trost eingezogen. -Der herbe Schmerz hatte sich gemildert und war vor -dem Mitleid keusch zurückgewichen.</p> - -<p>Ihre Gedanken aber wollten sich nicht von der -Freihoferin abwenden. Immer deutlicher stieg das Bild -dieser schwergeprüften Mutter in ihrer Seele herauf, -daß sie meinte, sie vor sich zu sehen. Maria sah im -Geiste ein Paar runzliger Wangen, einen zusammengekniffenen -Mund und fühlte fast den langen Blick aus den -tiefliegenden Augen. Sie hatte die Freihoferin immer nur -von fern gesehen, jetzt aber gewahrte sie zu ihrem Erstaunen,<span class="pagenum" id="Seite_226">[226]</span> -wie tief das Bild der Greisin in ihrer Seele eingegraben -war. Die hohe Stirn wurde von grauem Haar begrenzt, -das, in der Mitte geteilt, in dünnen Strähnen zu -den Ohren herablief. Neben dem herben Ausdruck -lagerte auf dem Gesicht gewaltiger Schmerz.</p> - -<p>Maria empfand, wie ihre Einbildungskraft aufs -höchste erregt war. Sie fuhr mit der Hand über die -Augen um das Trugbild zu verscheuchen. Aber die Erscheinung -wollte nicht weichen, denn noch immer sah -sie zwischen Blüten und Blättern das fahle Gesicht -Elisabeths Mutter.</p> - -<p>Ihre Augen schmerzten schon, doch konnte sie nicht -wegschauen. Den Atem zurückhaltend, versuchte sie erneut -mit den Augen die Dunkelheit zu durchdringen, -während Schweißperlen auf ihre Stirn traten. Da, – -hatte sich das Bild nicht soeben bewegt? Nein, es war -nicht möglich, die hohe Aufregung und der Ort hatten -ihre Sinne überreizt. »Großer Gott – – –!« -schrie das Mädchen plötzlich auf. Dann erstarben ihr -die Worte auf der Zunge, und sie duckte sich nieder wie in -der Erwartung eines heftigen Schlages. Denn in diesem -Augenblick waren die tödlichen Zweifel geschwunden, – -sie wußte sich der Freihoferin gegenüber.</p> - -<p>Noch einige Sekunden hingen diese vier Augen -aneinander, dann schwankten drüben Blätter und Zweige, -bogen sich zurück und schlugen, während das Gesicht -verschwand, wieder zusammen. Geräuschlos rückte ein -Stuhl, und die Freihoferin trat aus der Hecke von -Blumen und Gewächsen hervor. Sie zündete die Kerzen -eines auf dem Tische stehenden, schweren, dreiarmigen -Silberleuchters an, wandte sich zur Tür und deutete -mit einer schroffen Bewegung, als wolle sie die Grabesstille<span class="pagenum" id="Seite_227">[227]</span> -des Raumes nicht unterbrechen, dem noch immer -mit den Zeichen des Schreckens in hilfloser Haltung -knieenden Mädchens stumm an, ihr zu folgen.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Max saß im dunkeln Wohnzimmer wieder wie -gestern beim Erscheinen des Freiherrn in dem mächtigen -Armstuhl, dessen hohe, mit gepunztem Leder überzogene -Lehne noch ein Stück über seinen Kopf hinausragte. In -dieser Nacht würde er den Schlaf nicht finden, deshalb -suchte er das Lager nicht erst auf.</p> - -<p>In seiner Seele lag eine Welt in Trümmern, und -der Himmel, der sich über ihm wölbte, war bleifarben -und hing tief herab. In den letzten Tagen war er um -Jahre älter geworden. Das Schicksal hatte ihm einen -empfindlichen Schlag versetzt. Seinen Nacken zu beugen, -war es freilich nicht im stande gewesen, aber seinen -unbändigen Trotz, mit dem er die entstellte Fratze, die, -wohin er auch immer ging, vor seinen Augen stand, -auflachend verscheuchen wollte, hatte er noch nicht wiedergefunden. -Aber gemach! Er wußte, daß er die beschämende -Schwäche in wenigen Tagen würde niedergerungen -haben, denn die Tiefenbachs hatten zu allen -Zeiten Stiernacken besessen.</p> - -<p>Da hörte er Tritte im Hausgang, die in die tiefe -Stille hineinklangen. Die Mutter wußte er am Sarg -der Toten, die sie in der letzten Nacht nicht verlassen -würde. Er erkannte ihren Schritt, der schleppend näherkam. -Aber, horch, was war das? War das nicht der -Schall der Tritte <em class="gesperrt">zweier</em> Menschen? Unwillkürlich -richtete er sich auf und lauschte. Da öffnete sich schon -die Tür, und heller Kerzenschein drang in das Zimmer.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_228">[228]</span></p> - -<p>Schwerfällig trat die Greisin ein und stellte den -Leuchter auf den großen, runden Tisch. Max aber achtete -nicht der wankenden Mutter, seine Augen waren voll Ueberraschung -auf die Tür gerichtet, in der soeben eine fremde -Frauengestalt erschienen war. Eine Sekunde starrte er -atemlos auf die im Halbdunkel stehende Erscheinung auf -der Schwelle, deren Gesicht er nicht zu erkennen vermochte. -Da griff plötzlich eine kalte Hand nach seinem Herzen -und preßte es heftig – er hatte die Fremde erkannt.</p> - -<p>Schon wollte ihn die Überraschung ganz gefangen -nehmen, da erhob sich in seinem Innern ein Sturm, und -seine Sinne arbeiteten fieberhaft an der Deutung dieses -Rätsels. Wie ein Blitz fiel die Erleuchtung in seine -Seele: Maria von Tiefenbach hat sich in das Haus -gestohlen, um von ihrer gestorbenen Freundin Abschied -zu nehmen. Die am Totenbett weilende Mutter will in -ihrem Haß die edeln Gefühle des Mädchens nicht gelten -lassen und bringt es hierher, damit sie in seiner Gegenwart -Marias Teilnahme schroff zurückweise, um durch -verletzende Worte dem sie beunruhigenden Herannahen -der Schloßleute für immer zu begegnen.</p> - -<p>Da schlug die heiße Flamme des Unwillens in -Maxens Herzen über seine Mutter jäh auf. Er raste -wie im Fieber und erhob sich halb vom Stuhl, um bei -ihren ersten verletzenden Worten aufzuspringen. Noch -verließ ihn die Besinnung nicht, noch war er sich bewußt, -daß er sich vor seiner Mutter befand, die er von -Kindesbeinen an so verehrt und geliebt hatte, wie ein -Sohn seine Mutter nur lieben kann und die er noch -bis gestern für unfehlbar gehalten hatte. Auf sein -Lebensglück um ihretwillen verzichten und es zersplittern -zu lassen, das vermochte er zu ertragen. Die aber<span class="pagenum" id="Seite_229">[229]</span> -verletzen, deren Bild er fortan unauslöschbar im Herzen -tragen würde, obwohl sie die Enkelin jenes Mannes -war, der seine Großmutter beschimpfte, diesem hochherzigen -Mädchen wehzutun, nein, beim ewigen Himmel, -das durfte sie nicht! Mochte die Scholle erbeben, auf -der ihm die Mutter das Leben gegeben, wenn er sich -jetzt gegen sie wandte, mochte das Dach des väterlichen -Hauses niederstürzend ihn begraben und die Menschen -einst mit Entsetzen im weiten Bogen das Grab -meiden, das die Unnatur barg, die gegen den Schoß -raste, der sie gebar. Er würde trotzen! Zusehen aber, -und müßig dabei bleiben, wenn Maria von Tiefenbach -von der Mutter gedemütigt wurde, das konnte er nicht! -Alle Sinne aufs äußerste angespannt, starrte Max auf -seine Mutter.</p> - -<p>Das Mädchen war in der Tür in vornübergeneigter -Haltung stehen geblieben, während die Freihoferin an -das nach dem Garten hinausgehende Fenster getreten -war und sich müde zurücklehnte. Kein Laut kündigte -an, daß sich in diesem Zimmer drei Menschen befanden, -deren Herzen zum Zerspringen schlugen.</p> - -<p>Ein paar Sekunden atemraubender Stille verstrichen, -dann machte die Freihoferin eine Bewegung, -als wenn sie die letzte Kraft zusammenraffe und begann -zu sprechen. Ihre Stimme klang nicht so voll wie -sonst, aber ruhig und eisig:</p> - -<p>»Baronesse! Um des traurigen Ereignisses willen, -das zu ertragen uns eine höhere Fügung auferlegt hat, -kann ich Ihnen nicht zürnen, wenn Sie Ihren Fuß über -die Schwelle dieses Hauses setzten, das Ihnen sonst -verschlossen bleiben muß. Sie haben sie gekannt, meine -– verstorbene Tochter – –«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_230">[230]</span></p> - -<p>Bei den letzten Worten war die Stimme rauh geworden -und brach plötzlich ab. Der Körper der -Sprechenden war wieder gegen das Fenster zurückgesunken, -ihre Augenlider waren halb herabgefallen. Sie -versuchte und versuchte wieder weiterzusprechen, – umsonst. -Ein heftiges Zittern überlief die hohe Gestalt der -Greisin, und der zum Sprechen geöffnete Mund schloß -sich und blieb stumm.</p> - -<p>O, ihr rätselvollen, unergründlichen Tiefen des -Frauenherzens!</p> - -<p>Eine kurze Weile tödlichen Schweigens verstrich, -währenddessen ein erbitterter Kampf, der Abschluß einer -siebzigjährigen, unaufhörlich genährten Feindschaft, blitzschnell -entschieden wurde. Und dann klang es, demütig -bittend, von den zuckenden Lippen der Tochter des beschimpften -Weibes:</p> - -<p>»Maria, willst Du mir eine liebende Tochter, -meinem Sohn eine treue Gattin sein?«</p> - -<p>Wenn die Natur sich in wildem Aufruhr befindet, -und die sonst friedlich schlummernden Elemente entfesselt -sind, wenn von dem dräuenden Himmel Wolkenbäche -herniederstürzen, in den zusammengeballten, schwarzen -Luftgebilden Blitze mit rasender Aufeinanderfolge aufzucken, -denen das Krachen der Donner hinterhergrollt -und der Orkan heulend durch die Gassen peitscht, dann -ereignet es sich zuweilen, daß einem letzten, den Himmel -in zwei unermeßliche Hälften zerreißenden Aufleuchten -und einem gräßlichen Donnerschlage tiefe Ruhe folgt.</p> - -<p>Also geschah es in der großen Wohnstube mit dem -schweren, altväterischen Hausrat auf dem Freihofe. Der -ungeheure Sturm war wie durch einen Zauberspruch -gebändigt, und tiefe Stille war ihm gefolgt. Während<span class="pagenum" id="Seite_231">[231]</span> -die Greisin bis an die Wand am Fenster zurückgesunken -war, war das Mädchen von der Tür aus mit ein paar -heftigen Schritten zu dem Tisch geeilt und starrte, mit -beiden Armen sich schwer aufstützend, unverwandt auf -das Weib am Fenster.</p> - -<p>Max, der zum Aufspringen bereit gesessen hatte, -war in den Stuhl hineingesunken, daß der große Körper -in dem schwerfälligen Möbel aussah wie der eines -Kindes. Er war nicht im stande klar zu denken; -hundert Begriffe drangen von allen Seiten und zu -gleicher Zeit auf ihn ein, jagten wie das wilde Heer -in sinnverwirrender Geschwindigkeit an seinem geistigen -Auge vorüber und tanzten dann in tollem Wirbel um -ihn herum, bis sie ihn endlich in eine ungeheure Tiefe -mit hinabrissen. Das Vermögen, zu beurteilen wo er -sich befand, verließ ihn, und die Erinnerung an das -soeben Erlebte verblich. Ein Zustand höchster geistiger -Abspannung nach all den wilden Stürmen in den letzten -Tagen war über ihn gekommen, der so gewaltig war, -daß selbst Max von Tiefenbachs Kraft ihm nicht widerstehen -konnte. Wie wenn ein schwer getroffener Stier -röchelnd zusammenbricht, wenn der Wirbelsturm in einem -einzigen Augenblick einen mannsdicken Eichbaum knickt, -daß er krachend zu Boden stürzt, so hilflos brach -Maxens Widerstand zusammen. Seine Blicke irrten -im Zimmer umher, glitten verständnislos von einem -zum andern, ohne den <span id="corr231">beklommenen</span> Eindruck der Seele zu -vermitteln. Sein Hirn war wie ausgeblasen. Er hatte -das verschwommene Empfinden, als wenn sich etwas Ungeheuerliches -zugetragen hätte und bemühte sich mit aller -Kraft, seine Sinne wieder in die Gewalt zu bekommen. -Vergebens, die Seele sagte ihm in diesem Augenblick<span class="pagenum" id="Seite_232">[232]</span> -den Gehorsam auf und ließ ihm nur das Erkennen seiner -Ohnmacht.</p> - -<p>Mit riesengroßer Willenskraft riß er das Wenige, -das ihm geblieben, an sich und war bemüht, wie ein -Kind das Nächstliegende zu überdenken. Dies war seine -Hand; worauf sie lag, die Armlehne eines Stuhles, das -ein Knopf seines Rockes. Dann versuchte er darüber -nachzuforschen, was sich hier zugetragen hatte. Er -strengte seinen Geist mit übermenschlicher Kraft an, daß -er einen heftig bohrenden Schmerz im Gehirn empfand, -der ihm den Schädel zersprengen wollte. Worte waren -gesprochen worden. Von wem, worüber? Vergebens -versuchte er gegen die Schwäche anzukämpfen, die wie -ein granitner Felsen vor ihm lagerte, an dem sein Willen -zersplitterte wie ein Knabensäbel.</p> - -<p>Plötzlich horchte er auf. Vom Fenster her drangen -schwach Worte an sein Ohr:</p> - -<p>»Aber warum küßt Ihr Euch nicht, meine Kinder?«</p> - -<p>Wer war das, der da so sprach? Wer hatte das -gesprochen? War das nicht die Stimme der Mutter? -Seiner <em class="gesperrt">Mutter</em>? Nein! vom Küssen ging die Rede, -und seine Mutter sprach nie vom Küssen! Aber vorhin -war die Mutter doch in der Stube gewesen und -hatte gesprochen. Und wie sie geendet, hatte es sich -wie eine schwarze Binde auf seine Augen gelegt, und -der Kopf hatte ihm geschmerzt wie infolge eines heftigen -Sturzes. War nicht noch jemand hier gewesen? Ja, -die Mutter war mit dem brennenden Leuchter eingetreten -und hinter ihr hatte er in dem ungewissen -Halbdunkel noch einen Menschen gesehen, – ein Weib. -Wer aber war dieses Weib?</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[233]</span></p> - -<p>Und abermals versuchte Max mit aller Kraft -seine Gedanken zu zwingen, ihm wieder dienstbar zu sein.</p> - -<p>Da tönte wiederum die Stimme von vorhin, und -jetzt erkannte er sie untrüglich als die seiner Mutter. Aber -weich klang sie, wie der Sohn sie noch nie gehört hatte:</p> - -<p>»Als ich jung war, küßte man sich in solchen -Augenblicken!«</p> - -<p>Und wie das Sonnenlicht durch dunkles Gewölk -bricht, ebenso siegreich stieg bei diesen Worten die Erinnerung -an das in den letzten Minuten Vorgefallene -in Max herauf.</p> - -<p>Blitzschnell und mit bewunderungswürdiger Schärfe -arbeitete jetzt Maxens Hirn und gab ihm die Deutung -dessen, was ihm soeben noch als Rätsel erschienen war.</p> - -<p>Er knüpfte wieder dort an, wo ihn vorhin das -klare Denkvermögen verlassen hatte: Maria war unbemerkt -in das Haus gekommen, um an Elisabeths -Sarge noch einmal zu beten, und von dort hatte die -Mutter das Mädchen mit hierhergebracht.</p> - -<p>Max kämpfte mit der Erschütterung, die der überraschende -Wandel der Gesinnung seiner Mutter auf ihn -ausgeübt hatte. Aber er kannte seine Mutter nur zu -gut, daß ihm jetzt die Beweggründe für ihr Tun nicht -bis zur Ueberzeugung hätten verständlich sein müssen: -der erzene Panzer um ihr Herz war zersprungen. Sie -war entschlossen, die Schuld für die Nichteinlösung des -ihrem sterbenden Vater gegebenen Wortes auf sich zu -nehmen und über den Haß, den sie seither im Busen -wachgehalten und genährt, triumphierte die Liebe. Eingedenk -des Versprechens und mit dem halsstarrigen -Trotze, der ein geistiges Familiengut der Tiefenbachs<span class="pagenum" id="Seite_234">[234]</span> -war, und den die bäuerliche Linie noch weit stärker besaß -als die auf dem Schlosse, hatte sie sich den Haß -gegen die Verwandten zu einem Stück ihrer Lebensaufgabe -gemacht. Und, ach, wie seltsam! Wie doch -die Leidenschaften, die sich fliehen müßten, dicht beieinander -wohnen; denn mit der Stärke zu hassen, hatte -die Vorsehung diesem Weibe auch das unstillbare Verlangen -Liebe zu geben und zu empfangen in die Seele -gepflanzt. Wie oft mußte ihr das Hassen schwer geworden -sein, wenn sie sah, wie das Kind, an dessen -Besitz ihr Herz mit allen Fasern geknüpft war, ein -Stück seiner Liebe den Gehaßten schenkte.</p> - -<p>Es war Max offenbar, daß die Liebe <em class="gesperrt">eines</em> -Kindes seiner Mutter nicht genug war. Wem unter einem -rauhen Aeußern ein von Liebe so überquellendes Herz -schlägt, der darf sich füglich darnach sehnen, mit mehr -als einem Teuern auf das Innigste verbunden zu sein. -Deshalb bat sie jetzt das Mädchen, an dem die Verstorbene -mit ganzer Seele gehangen, die leergewordene -Stelle in ihrem Herzen einzunehmen und die Liebe, die -sie für die Tochter empfunden hatte, fortan ihr, der Mutter -zu schenken. – Oder sollte seine Zuneigung zu Maria -auf die Mutter eingewirkt haben? Nein, das war es nicht, -denn seine Liebe war ja sein tiefes Geheimnis gewesen, -von dem die Mutter nichts hatte ahnen können – –</p> - -<p>Das Glück, das in dem Augenblick, wo Max verzweifelnd -alles verloren wähnte, ihm zuteil ward, war -so riesengroß, daß ihm schwindelte und er unwillkürlich -die Hand auf die Augen legte. Da hörte er einen -fliegenden Atem an seiner Seite, so nahe, daß der warme -Hauch seine Stirn streifte. Und wie er aufschaute, blickte -er in das von Angst entstellte Gesicht seiner Mutter,<span class="pagenum" id="Seite_235">[235]</span> -die ihn mit weitaufgerissenen Augen flehend ansah. Es -war die brustzuschnürende tödliche Angst, daß in dem -Augenblick, in dem der Himmel ihr Herz weich werden -ließ und sie geglaubt hatte, das Leben der von der -Toten geliebten Freundin an sich ketten zu können, diese -Hoffnung in Scherben gehe. Denn sie hatte gewähnt, -Max liebe Maria, – und nun – –?</p> - -<p>Und zum drittenmale hörte der regungslos im -Stuhle Sitzende die Stimme. Diesmal klang sie gepreßt -und die Worte waren abgerissen:</p> - -<p>»Max, Dein Vater küßte mich, als wir uns verlobten!«</p> - -<p>Da überfiel den Sohn ein unendliches Mitgefühl -und er griff mit beiden Händen nach seiner Mutter, um -sie an sich zu ziehen. Die aber wich zurück und wandte -den Blick nach der Gestalt am Tische in der Mitte des -Zimmers.</p> - -<p>Max folgte ihrem Blick und gewahrte das in all -seinem überwältigenden, mit Schmerz und Überraschung -vermischtem Glück von ihm vergessene Mädchen, das, die -Augen zu Boden geschlagen, dem Umsinken nahe vor ihm -stand. Eine Sekunde lang herrschte noch Schweigen in der -Stube. Nur der Holzwurm tickte in dem hohen Eichengetäfel -an den Wänden, und die flackernden Flammen -der Kerzen warfen wunderlich geformte Schatten darauf, -die geisterhaft hin- und herhuschten. Dann wurde die -Stille plötzlich unterbrochen. Max erhob sich lärmend aus -dem Stuhl, ging mit den polternden Schritten eines -Trunkenen zum Tisch und schlug die Arme um die -Schultern des bebenden Mädchens.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[236]</span></p> - -<p>Einen langen Blick warf die Freihoferin noch auf -die beiden Menschen, – dann verließ sie geräuschlos -das Zimmer – –</p> - -<p>Freut Euch, Ihr guten Geister, die Ihr auf dem -Freihof und auf dem Weißen Schlosse allnächtlich -Euer Wesen treibt! Kommt hervor aus den dunkeln -Winkeln und Ecken, steigt herab von den Dachbalken -und tretet heraus aus den Verstecken, in denen Ihr -Euch am Tage verborgen haltet. Lärmt heut ausgelassener -denn je und treibt Euern närrischen Spuk in -dieser Nacht lustiger wie zuvor. Die gute Tote würde -es Euch danken, wenn Ihr so tätet, und läge sie nicht -in ihrem hölzernen Schrein, dann käme sie heute gewiß -zu Euch, um im lustigen Spiel mit herumzutollen.</p> - -<p>Und in dem großen Saale auf dem Weißen Schlosse, -durch dessen hohe Bogenfenster das Mondlicht glänzte, -regten sich mit einem Male die Bilder in ihren goldenen -Rahmen. Die alten Herren des Tiefenbachschen Geschlechts -in blitzenden Rüstungen, mit Arm- und Beinschienen, -den eisernen Helm mit hochgeschlagenem Visier -auf dem Haupt und zur Seite den klirrenden Pallasch, -oder in sammeten Wämsern mit geschlitzten und rot ausgefütterten -Ärmeln, mit steifem, breitem Halskragen und -eckigem Barett angetan, oder mit goldstrotzenden Staatsgewändern -bekleidet, dazu den federgeschmückten Hut und -an der Seite den leichten Degen, – die Damen in -geschürzten und bauschigen Gewändern von bunter Seide -und mit Courschleppen versehen, etliche mit dem Reifrock, -geschmückt mit schweren, goldenen Ketten, die gepuderten -Gesichter mit dem roten Tupf auf den Wangen unter -der hochtoupierten Coiffure in wunderlichsten Formen,<span class="pagenum" id="Seite_237">[237]</span> -oder eingerahmt von der Dormeuse, – sie alle bekamen -Leben und stiegen herab auf das spiegelblanke Parkett.</p> - -<p>Die Herren machten tiefe Verbeugungen zur Begrüßung, -die die alten Damen mit gnädigem Kopfneigen, -die jungen aber mit holdem Erröten und zierlichem -Knixe erwiderten, worauf sie einander in fröhlicher Erregung -stumm die Hände schüttelten. Alle aber trugen -einen freudigen Zug auf den sonst so starren Gesichtern.</p> - -<p>Auf den Gängen und Treppen des Wohnhauses -im Freihofe aber begann ein Summen und Zischeln, -ein Wispern und Flüstern; es trippelte und huschte -treppauf, treppab, und des Kicherns und Ausgelassenseins -war kein Ende. Die Kecksten der Hausgeisterchen -eilten auf den Zehenspitzen zu der Tür der Wohnstube. -Einer kletterte auf die Schultern eines andern und guckte -voll Eifer durch das Schlüsselloch. Und wie er den -Neugierigen herunterrief was er sah, hob das kaum -verstummte Kichern von neuem an. Sie klatschten in -übermütiger Laune in die Hände, und die Ausgelassensten -schossen Purzelbäume.</p> - -<p>Auf dem mit rosigen Blüten übersäten Apfelbaume -dicht unter den Fenstern der Wohnstube jauchzte und -schluchzte eine Nachtigall – – –</p> - -<p>Und während die beiden Liebenden einander fest -umschlungen hielten und sich unter Tränen und glückseligem -Lächeln die süßesten Schmeichelworte zuflüsterten, -saß eine alte, verhärmte Mutter zusammengesunken am -Totenlager ihres Lieblingskindes, die wildhämmernde -Stirn auf die harte Kante des Sarges gepreßt, die -brennenden Augen weit geöffnet, – tränenlos. Und -sie stammelte mit erstickter Stimme:</p> - -<p>»Hab ich’s so recht gemacht, – mein Sonnenschein?«</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_238">[238]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="kap15">15. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>An dem politischen Himmel waren von neuem -schwere Gewitterwolken heraufgezogen. Wie ein donnernder -Orkan, der alles vor sich niederwirft, waren die Wirkungen -der kriegerischen Ereignisse des letzten Jahres über Deutschland -gekommen, und nun türmten sich schon wieder neue -Ungewitter auf.</p> - -<p>Das große Kriegstheater, auf dem sich jüngst so -manches blutige Schauspiel abgespielt hatte, zitterte in -seinen Grundfesten, und wie vor zwei Jahren machten -die Völker gewaltige Anstrengungen, um sich zu dem -ungeheuern Kampfe zu rüsten. Eine dumpfe Ahnung -schwebte in der Luft: es würde der Entscheidungskampf -sein, der Befreiungskrieg der deutschen Stämme von -fremdem, schmachvollem Joch.</p> - -<p>Vom Westen her zogen langsam die neugeschaffenen -französischen Armeen heran. Wohl waren es nicht die -kampferprobten, siegesgewohnten Kriegsscharen wie bisher; -in der Mehrzahl füllten junge Männer die Reihen, deren -Dienste man früher abgelehnt hatte. Aber der Riesengeist -des Schlachtenkaisers führte sie, auf dessen zermalmendes -Genie seine Soldaten blind schworen, und -dem gegenüber trotz aller kriegsfreudigen Stimmung -seine Feinde ihrer Bangigkeit nicht völlig Herr werden -konnten.</p> - -<p>In Sachsen wogte die Stimmung noch immer auf -und nieder. Einig war sich das Volk nur in dem Gedanken, -daß man von Polen, nach dem der König angstvoll -ausschaute, nichts wissen wollte. Er und seine -Minister harrten sehnsüchtig auf die Ankunft Napoleons, -während das Volk mit klopfendem Herzen über die<span class="pagenum" id="Seite_239">[239]</span> -Grenze sah, wo der preußische Nationalstolz wieder erwachte -und ein erhebendes Schauspiel anhob.</p> - -<p>Hier und da begann auch in Sachsen die Begeisterung -emporzuflackern; aber das Feuer war matt, -man konnte sich kaum die Hände daran wärmen. Von -der himmelwärts schlagenden Begeisterung, dem Zorn -und Rachedurst, die in den preußischen Herzen alle Bedenken -zum Schweigen brachten, war in Sachsen nichts -zu spüren. Wohl hatte man nicht die Demütigungen -erlitten, die Preußens König und Volk auferlegt worden -waren. Statt der Mißhandlungen hatte das Land Gunstbeweise -und Schmeicheleien vom Kaiser erfahren. Leider -empfanden die weiten Kreise aber nicht, daß Napoleons -Großmut nichts anderes gewesen war als die Klugheit, -sich im Herzen Deutschlands die Sympathien eines Volkes -zu sichern, um andere deutsche Stämme desto ungestörter -bekämpfen zu können.</p> - -<p>In der Schlacht bei Jena neben Preußen fechtend, -hatte sich Kurfürst Friedrich August bald darauf Napoleon -unterworfen und als Lohn dafür die Erhebung zum -König freudigen Herzens entgegengenommen. Von diesem -Augenblick an war Sachsens Herrscher ein willenloses -Werkzeug in der Hand des Gewaltigen. Er war ihm -weniger ergeben aus Dankbarkeit, als aus Furcht; und -mit seinem König jubelte das Land dem Kaiser zu.</p> - -<p>Das Volk entriß sich endlich zuerst dem Taumel; -König und Regierung aber bewahrten ihre Anhänglichkeit -fort. Und als schließlich die Staatsmänner die -Stimmung im Volke nicht mehr verkennen konnten, als -sie Scham darüber empfanden, daß nur Sachsen mit -Deutschlands Feinden wider alle deutschen Stämme<span class="pagenum" id="Seite_240">[240]</span> -stand und ihre Verehrung gegen Napoleon sich in Haß -kehrte, da blieb der König allein auf der Seite seines -kaiserlichen Gönners. Selbst als alles verloren war, -und die aufgelöste französische Armee in wilder Flucht -durch die Straßen Leipzigs zurückflutete, erklärte der aus -seinem Schlupfwinkel im Keller herbeigeholte sächsische -König dem russischen General Toll mit bleichem Gesicht, -daß sein hoher Verbündeter Leipzig sicherlich nur deshalb -verlasse, um mit seiner Armee auf freiem Felde -zu manövrieren. –</p> - -<p>In Dresden hatte unterdessen der Marschall Davout -infolge Sprengens der Elbbrücke unter der Bevölkerung -maßlose Erbitterung erregt, und der Kommandant von -Torgau, General Thielmann, war in die russische Armee -eingetreten, da er die vom König befohlene Auslieferung -der Festung an die Franzosen als entehrende Schmach -empfand.</p> - -<p>Noch war Napoleon mit seiner Hauptmacht unterwegs, -da wurde dem König beim Heranrücken der Russen -der Boden seines Landes unter den Füßen heiß. Er -zog sich nach Regensburg zurück und ging bald darauf -nach Prag, von wo aus er mit dem Wiener Kabinett -Unterhandlungen pflog, deren Spitze sich allerdings -gegen die Franzosen richtete, und die er aus Klugheit -eingeleitet hatte, um es nicht mit beiden Teilen zu verderben. -Da erschien plötzlich der Kaiser in Dresden, -nachdem ihm das alte Kriegsglück bei Großgörschen -wieder gelächelt hatte.</p> - -<p>In hellem Zorn entbot er König Friedrich August -zu sich. Bei der Kunde des Sieges Napoleons brach -die mühsam behauptete Fassung des Königs zusammen.<span class="pagenum" id="Seite_241">[241]</span> -Er eilte nach seiner Hauptstadt und empfing zerknirscht -die Vorwürfe des Kaisers. Alle Demütigungen, die -Friedrich Wilhelm von Preußen erlitten hatte, bedeuteten -nichts im Vergleich zu der Erniedrigung, der sich -Sachsens König in diesen Tagen unterwerfen mußte. -Aber auch dieses Schicksal war nicht imstande, dem -dreiundsechzigjährigen König die Augen zu öffnen, sondern -vertiefte in ihm nur das Gefühl der Unterwürfigkeit vor -Napoleon.</p> - -<p>Einer von den Männern, die die politische Lauheit -ihres Volkes von vornherein ergrimmte, und denen die -Scham über das unwürdige Gebahren von König und -Regierung ins Herz brannte, war Konrad Hartmann. -Mit Freude vernahm er von der gewaltigen Erhebung -des preußischen Volks und er konnte eine Anwandlung -von Neid nicht unterdrücken, wenn er diese Begeisterung -und Opferwilligkeit mit der schwankenden Haltung der -breiten Kreise der sächsischen Bevölkerung verglich. Denn -aus dem menschlichen Hingezogenfühlen zu diesem, den -Sachsen durch seine unerschrockene Erhebung hohe Achtung -einflößenden deutschen Stamme, aus den eingebildeten -Gefühlen der Dankbarkeit und der Anbetung des Genies, -der stillen Eitelkeit, daß der von der ganzen Welt bewunderte -Franzosenkaiser sich offen als Freund des -sächsischen Volkes bekannte und endlich der gewohnten, -alles gutheißenden Ergebenheit zu dem König, – aus -all diesen widerstreitenden Empfindungen heraus wollte -in Sachsen noch immer nicht überall die Erkenntnis -des wahren Standes der Dinge heraufkommen.</p> - -<p>Konrad hatte schon mehrfach versucht, gleichgesinnte -Männer zu finden. Bei Max hatte er zuerst angeklopft, -obwohl er von früher her dessen Gesinnung kannte. Es<span class="pagenum" id="Seite_242">[242]</span> -war auch diesmal nicht möglich gewesen, den Freund -für seine Ideen zu gewinnen. Zwar verfolgte Max den -Gang der Ereignisse mit Aufmerksamkeit, aber dem Plan -Konrads, im Stillen für eine gewaltige Kundgebung -gegen die laue Regierung zu arbeiten, konnte er nimmermehr -zustimmen. Das aristokratische Gefühl, das er -mit dem Blut empfangen hatte, beherrschte ihn so stark, -daß er jeden Plan zu einem Unternehmen, den Entschlüssen -der Regierung gewaltsam entgegenzutreten, -verwarf. Er war nicht umsonst der Nachkomme eines -Geschlechts, das jahrhundertelang für die Autorität der -Staatsregierung durch dick und dünn geritten war und -dem der Wille des Landesherrn allzeit als oberstes -Gesetz gegolten hatte. Wenn er auch nicht an die Unfehlbarkeit -der Monarchen glaubte, so war es nach seiner -Überzeugung doch besser, wenn sich ein Volk selbst dann, -wenn seine Geschicke durch die irrige Politik seines -Königs drückend wurden, dem Lose willig fügte, als -durch eigene Versuche eine Änderung der Verhältnisse -herbeizuführen. Das hohe Gefühl der Verantwortlichkeit -gegenüber der Vorsehung, die sie eingesetzt, hatte die -Herrschenden auf Sachsens Thron zu allen Zeiten den -richtigen Augenblick erkennen lassen, zu dem sie das -Steuer des Staatsschiffes wirksam gebrauchen und seinen -Kurs ändern mußten.</p> - -<p>Konrad hatte mit großer Beredtsamkeit auf die -vielen Fehler hingewiesen, die in den letzten Jahren in -Dresden gemacht worden waren, ohne daß es seinen -Worten gelungen wäre, den Freund umzustimmen.</p> - -<p>Dann ging der Rabensteiner zu andern, bei denen -er Erhörung hoffte. Aber auch hier machten seine Worte -keinen großen Eindruck. Des Krieges waren sie alle<span class="pagenum" id="Seite_243">[243]</span> -müde, aber sie begriffen es nicht, wie einer so kühn sein -konnte daran zu denken, daß das Volk einen Einfluß -auf die Beendigung des Krieges gewinnen könne. Für -solche Sachen hatte man ja die Regierung. Und wenn -diese, die das Elend des Landes sicherlich genau kannte, -nicht imstande war eine Änderung herbeizuführen, wie -sollte es dann der einzelne Bauer können?</p> - -<p>Drüben in Preußen lag die Sache ja ganz anders. -Dort handelte der König gemeinsam mit seinen Untertanen.</p> - -<p>Und die Sprecher schlugen mit der schwieligen -Bauernfaust krachend auf den Tisch und schwuren, daß -sie nun genug hätten von den ewigen Kriegen und daß -sie, wenn man nach ihnen riefe, bereit seien, die Blutsauger -zu Paaren zu treiben, – freilich müsse man, -fügten sie kleinlaut hinzu, doch erst abwarten, ob denn -der König dies auch so haben wolle.</p> - -<p>Mit Ingrimm lachte Konrad diesen Helden dann ins -Gesicht und versicherte ihnen, daß sie, wenn sie darauf -warten wollten, nie im Leben ein Schießeisen in die -Hände zu nehmen brauchten; die Schrecken des Krieges -mit seinen Verlusten an Blut und Gut würden dann -aber auch niemals enden.</p> - -<p>Bei den Besitzenden hatte Konrad nichts ausgerichtet. -Sie bangten vielzusehr um ihre Habe und -hätten sich ihr Eigentum eher stückweise unter den Händen -wegreißen lassen, als sich dazu aufzuraffen, dem unersättlichen -Angreifer entschlossen entgegenzutreten.</p> - -<p>Hierauf ging der Unermüdliche zu den Besitzlosen, -zu denen, die um ihr tägliches Brot hart arbeiteten. -Denn auch diese litten schwer unter den Kriegszeiten. Er -sprach von der mit Füßen getretenen Ehre des Volks.<span class="pagenum" id="Seite_244">[244]</span> -Das verstanden sie nicht. Dann erzählte er, wie schön -es doch wäre, wenn die Franzosen das Land verließen -und nicht wiederkehrten. Das gefiel ihnen. Zuletzt -malte er die Segnungen gedeihlicher Friedensarbeit aus. -Wie das arg verwüstete Land wieder aufblühen würde, -der Wohlstand zurückkehre und auch für sie wieder -bessere Zeiten anbrechen müßten. Da schmunzelten die -also Angesprochenen, hielten den Pflug an, oder machten -den krummen Rücken gerade und stellten den Fuß auf -den Spaten und erkundigten sich, ob der Mittelknecht -dann wieder dreißig Taler bekäme statt der zwanzig wie -jetzt, und ob das Besserwerden schon von der nächsten -Woche ab losgehe, oder wann sonst. Wenn die Franzosen -gingen. – Ob die bald gingen? – Die gehen nicht -von selbst, wir müssen sie zum Lande hinauswerfen. – -Staunen! – Aber ihr Kaiser, der Napoleon, was mit -dem werden solle? – Der muß mitsamt seinem Heere -fortgejagt werden. – –</p> - -<p>Da wurden die Gesichter lang und länger, und -mitleidige Blicke trafen Konrad. Schade um ihn! Der -Rabensteiner war bisher ein Mann gewesen, vor dem -man Achtung haben mußte, weil er alle Dinge kannte; -aber jetzt war es aus mit ihm. Er hatte immerfort -in dicken Büchern gelesen und sich dabei überstudiert. -So war er, der Alleswissende, im Kopfe schwach geworden -und sah den Mond für ein Käsekäulchen an. -Und mit lautem hüh wurden die Gäule wieder angetrieben, -daß der scharfe Zahn des Pfluges das Erdreich -von neuem aufriß, und das Grabscheit stichelte -fleißig weiter, um die nutzlos geopferte Zeit wieder -einzuholen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_245">[245]</span></p> - -<p>So erging es Konrad überall. Ob Herr, ob Knecht, -der Gesichtskreis beider hörte unmittelbar hinter den -Abschlußrainen ihrer Wiesen und Felder auf, und mit -hartnäckigem Bauernstarrsinn horchten sie an seinen -Worten vorbei.</p> - -<p>Nun lief Konrad auf die Nachbardörfer wo er -einen Gleichgesinnten wußte, vielleicht hatte dieser mehr -Erfolg. Aber er erlebte eine Enttäuschung über die -andere. Überall wo er fragte, vernahm er dieselbe -Antwort: es ist unmöglich, die Leute für die Sache zu -gewinnen.</p> - -<p>Da reifte, gleichsam wie das Weizenkorn in der -Erde unter den belebenden Strahlen der Frühlingssonne, -zwischen den bittern Gefühlen über die Gleichgültigkeit -und Stumpfheit seiner Landsleute und dem -die Brust beengenden Haß gegen die Bedrücker, in der -Seele des jungen Mannes langsam der Entschluß, die -Sorge für seinen Hof der Mutter allein zu überlassen -und in das preußische Heer als Freiwilliger einzutreten.</p> - -<p>Die Ausführung dieses Planes sollte aber sobald -nicht verwirklicht werden. Konrads Mutter wurde von -einer tückischen Krankheit hart darniedergeworfen und -rang während mehrerer Wochen mit dem Tode. Und -als endlich die Gefahr für ihr Leben vorüber war, -genas sie sehr langsam, und Konrad mußte während -dieser ganzen Zeit so angestrengt schaffen, daß er sich -nicht wenig verwunderte, wieviel Arbeit seine Mutter -doch bisher still verrichtet hatte.</p> - -<p>Der Sommer des Jahres 1813 ging ins Land. -Die für Napoleon siegreichen Schlachten bei Bautzen -und Dresden wurden geschlagen und stärkten seinen -Kriegsruhm von neuem. Fast zur gleichen Zeit aber<span class="pagenum" id="Seite_246">[246]</span> -wurden die hervorragendsten Generale des Kaisers von -preußischen Armeen besiegt, so daß die zuversichtliche -Stimmung in den Reihen der Franzosen arg litt, -während die Siegeshoffnung der Verbündeten immer -mehr wuchs.</p> - -<p>Aus allen Teilen des sächsischen Landes kamen -jetzt Nachrichten über Sympathiekundgebungen für die -verbündeten Truppen. In Dresden wurden die Stimmen, -die noch für den Kaiser waren, niedergeschrieen, und -mit Frohlocken sprach man die Tatsache weiter, daß -eine ganze Anzahl Leipziger Studenten als Freiwillige -zu den preußischen Fahnen geeilt sei. Napoleons Zorn -wandte sich deshalb gegen diese verhaßte Stadt. Er -legte ihr eine Brandschatzung auf und erklärte sie in -Belagerungszustand.</p> - -<p>Für den König aber und seine Minister schien die -wachsende Begeisterung im Lande überhaupt nicht zu -bestehen. Mehr den je fand Friedrich August das -Verhältnis zu Napoleon natürlich und heilbringend für -sich und sein geprüftes Volk. Den niedrigsten Tiefstand -von Entfremdetsein mit den Ereignissen dieser bedeutungsvollen -Tage aber erreichten Sachsens Regierende -um die Mitte des Monats August.</p> - -<p>In unglaublicher Verblendung wurde nämlich der -General von Gersdorff beauftragt, dem Kaiser eine Note -zu überreichen, worin der König bat, die von Napoleon -schon in Aussicht gestellte Gebietsvergrößerung Sachsens -um 500 000 Seelen ihm beim Friedensschlusse mit den -besiegten Preußen und Russen dergestalt zu gewähren, -daß ein Teil Schlesiens mit Sprottau und der Festung -Glogau an Sachsen falle, um eine unmittelbare Verbindung -mit dem Herzogtum Warschau herzustellen.<span class="pagenum" id="Seite_247">[247]</span> -Und selbst dann war der suggestive Einfluß Napoleons -auf den König von Sachsen noch ebenso gewaltig, als -die Niederlagen der Franzosen bei Großbeeren, Kulm -und Dennewitz in den Straßen der sächsischen Hauptstadt -ausgerufen wurden und der Jubel der Bevölkerung -das düstere Schloß der Wettiner umtoste.</p> - -<p>In den größeren Städten des Landes bekannte -man sich jetzt offen für die Verbündeten, und als in -der Nacht zum 23. September der Major von Bünau -mit einem sächsischen Bataillon König bei Oranienbaum -zu den Preußen überging, schwoll die Abneigung gegen -die Franzosen so an, daß die Wogen der Begeisterung -über die Ufer hinausrollten und sich bis in die kleinsten -Ortschaften des Landes ergossen. Mit Wut sah man -auf die Ausschreitungen einzelner schlecht in der Mannszucht -stehenden französischen Regimenter und bemerkte mit -Freude, daß die Anzahl ihrer Fahnenflüchtigen wuchs, -die in hellen Haufen dem Rheine zuwanderten.</p> - -<p>Konrad war unterdessen nicht müßig gewesen. Er -hatte nicht nachgelassen, für den Eintritt in preußische -Dienste Stimmung zu machen, und seinen unermüdlichen -Anstrengungen war es zuletzt gelungen, im Dorfe ein -paar Gesinnungsverwandte zu finden.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Auf dem Freihofe war es in diesem Sommer -ziemlich still zugegangen, denn es war ja noch immer -Trauer im Hause. Die Ernte war zwar gut gewesen, -aber man hatte nicht viel davon hereingebracht. Die -wiederholten Truppendurchzüge, mit denen die Gegend -vom Tage von Großgörschen ab überschwemmt wurde,<span class="pagenum" id="Seite_248">[248]</span> -hatten viel davon aufgezehrt. Fast den ganzen Hafer -hatte Max, gerade als er sich goldig färbte, an französische -Reiterregimenter auf dem Halme verkaufen müssen. -Nicht viel anders war es ihm mit dem Roggen gegangen, -von dem er in diesem Jahre so viel besaß, und den -Weizen hatte er schon im Frühjahr einem der herumreisenden -Regierungsagenten versprochen, der ihn bei -jeder Begegnung obendrein an die in Aussicht gestellten -zweitausend Scheffel Kartoffeln erinnerte.</p> - -<p>Von allen Seiten war mit gutem Gelde bezahlt -worden, auch von den Franzosen. Später aber gaben -diese nur noch Anweisungen auf die Regierungskasse in -Leipzig, die kaum imstande war, alle Anforderungen zu -befriedigen. Zuletzt kamen auch Einbußen. Die Einquartierungen -wollten nicht enden, und die französischen -Kommissare feilschten um das Vieh wie die schlimmsten -Juden, und man mußte höllisch aufpassen, daß mit der -schlecht bezahlten Kuh nicht auch das Kalb aus dem -Stalle verschwand. Das Federvieh konnte nicht mehr -herausgelassen werden. Wenn man den Rücken wandte, -streckten sich sechs Hände zugleich nach der dürrsten -Henne aus. Die französischen Soldaten waren oft betrunken -und begingen dann Ausschreitungen.</p> - -<p>Als Max eines Abends in den durch eine Lampe -notdürftig erleuchteten, kleinen Rinderstall trat, kam er -gerade zur rechten Zeit, um eine sich heftig sträubende -Magd aus den Armen eines hochgewachsenen französischen -Korporals zu befreien. Wie ein Vampyr hing der -Kerl an dem zitternden Mädchen, das ihn nicht abschütteln -konnte, obwohl es die ganze Kraft seiner starken -Arme aufs äußerste anspannte. In zornigem Tone -herrschte Max den Franzosen an, worauf dieser, ohne<span class="pagenum" id="Seite_249">[249]</span> -das Mädchen aus den Armen zu lassen und erzürnt ob -der Störung, ihn frech musterte. Da überkam den -jungen Gutsherrn vom Freihofe ein gesunder Zorn. -Mit einem langen Schritte trat er hinzu, faßte den -Soldaten mit der Faust am Rockkragen, riß ihn vom -Mädchen weg, schüttelte ihn wie eine Katze ein paar -mal hin und her, daß dem liebestrotzenden Marssohne -Hören und Sehen verging und warf ihn dann mit solcher -Kraft gegen die Stalltür, daß deren Zapfen sich in der -Mauer lösten, und er im Verein mit dem obendrein -zersplitternden, alten Holzgitter prasselnd hinaus auf den -Hof flog.</p> - -<p>Die Freihoferin war seit Elisabeths Tode noch -wortkarger geworden. Um die Wirtschaft kümmerte sie -sich nicht mehr sonderlich viel. Am liebsten saß sie in -der großen Stube am hintern Fenster und sah hinaus -im den Obstgarten. Dort konnte sie lange sinnen und -schweigsam den Ort betrachten, wo Elisabeth als Kind -immer gespielt hatte.</p> - -<p>Maria kam täglich zu ihr. Mit dem feinen Takte, -den man in hohem Grade bei edeln Frauen findet, -hatte sie jeden Zärtlichkeitsbeweis der Mutter ihres -Verlobten gegenüber unterlassen. Die Nichte war ihrer -Tante vom ersten Tage ab mit ruhiger Sicherheit begegnet, -als wenn sie schon seit Jahren um sie herum -wäre. Nichts erschien ihr auffällig und ohne sich in -der Ausführung ihrer Dienste zu übereilen, war sie -voll Aufmerksamkeit bemüht, die Wünsche der Greisin -von ihrem Gesicht abzulesen, das freilich nur wenig von -dem verriet, was in ihrem Innern vorging. Das zurückhaltende -Benehmen Marias gefiel der Freihoferin. -In kurzer Zeit hatte ihr scharfer Verstand das Wesen<span class="pagenum" id="Seite_250">[250]</span> -der jungen Nichte erkannt, und mit geheimem Entzücken -entdeckte sie neben den herrlichsten weiblichen Tugenden -ein Herz voll Liebe, das auch für sie schlug. Und als -eines Abends Maria vor der Greisin stand, um Abschied -zu nehmen, fühlte die feine, weiße Hand, die sonst -nur flüchtig in der von vielen blauen Adern durchzogenen -geruht hatte, sich festgehalten. Langsam erhob sich die -Greisin vom Stuhle, weidete sich ein paar Augenblicke -mit Entzücken an der Schönheit des in großer Verwirrung -errötenden Mädchens und zog es endlich an -die Brust und küßte es wiederholt. Da öffnete sich die -Tür, und unbemerkt von beiden erschien Max auf der -Schwelle, um seine Braut abzuholen, damit er sie, wie -allabendlich, über die Wiesen begleite. Ein Sekunde -lang schaute er mit großen Augen auf die Gruppe, -dann verließ er leise wieder das Zimmer.</p> - -<p>Von diesem Tage ab erschien die Freihoferin den -Leuten getrösteter. Der herbe Leidenszug war von ihrem -Gesicht verschwunden und hatte dem Ausdruck eines geklärten -Schmerzes, wie der Mensch ihn zur Schau trägt, -wenn er sich mit Würde in sein Schicksal zu finden -weiß, Raum gegeben. Nun ging sie auch wieder öfters -als in den letzten Wochen über den Hof, hinüber nach -den Scheunen und Ställen. Aber ihr Gang war nicht -mehr so sicher wie bisher, und das spärliche, glattgestrichene -Haar, das noch vor wenigen Jahren tiefschwarz -war, lag auf dem Kopfe wie in mattem Silberglanze -leuchtende Seide.</p> - -<p>Die Hochzeit der jungen Leute sollte nach der -Ernte sein. Die Vorbereitungen hierzu wurden auf das -eifrigste betrieben, als sie ganz unerwartet jäh unterbrochen -werden mußten: Marias Vater erlitt einen<span class="pagenum" id="Seite_251">[251]</span> -Schlaganfall, der den alten Herrn todkrank machte. -Seine kräftige Natur raffte sich jedoch bald wieder auf, -als der Anfall sich wiederholte und er ihm erlag. -Marias Schmerz war zum Herzbrechen, und erschüttert -stand Max an der Leiche des teuern Toten, der ihm -mit väterlicher Liebe und Güte zugetan gewesen war.</p> - -<p>Wie bei Elisabeth war die Freihoferin von dem -Krankenbette nicht gewichen, und in den letzten lichten -Stunden des Verstorbenen hatten sich die beiden alten -Menschen gefunden, und die Aussöhnung, die nach der -Verlobung stattgefunden hatte, war im innersten Herzen -besiegelt worden. Mit fester Stimme segnete der Freiherr -die Kinder. Darauf wandte er sich an die Greisin, -die mit ineinandergeschlungenen Händen, den Kopf auf -die Brust geneigt, wortlos am Bette stand. Der Sterbende -griff nach ihrer Hand und zog die vom Schmerze, dem -keine Worte Ausdruck geben können, Überwältigte sanft -an sich. Da versagte der Freihoferin die Kraft. Ihre -Knie beugten sich, und langsam sank sie neben dem -Bette nieder und barg das Haupt in den Händen. Als -aber die tastende, zitternde Hand sanft über ihr welkes -Antlitz strich, wehrte ihr die Greisin, und aus den -Händen heraus klang ihre bebende Stimme:</p> - -<p>»Arnold, ich verdiene Deine Liebe und Güte nicht, -ich, die Dir im Leben so schweres Herzeleid zugefügt hat.«</p> - -<p>Der alte Mann aber sprach mild:</p> - -<p>»Die bösen Zeiten sind vorüber, Constanze; möge -die Erinnerung an sie recht bald in das graue Meer -der Vergessenheit hinabsinken. Ich nehme alle Schuld, -die begangen worden ist, mit ins Grab und das, was -ich zurücklasse, sei Liebe und Frieden. Ein starkes Geschlecht -mag aus der Vereinigung unserer Kinder erwachsen,<span class="pagenum" id="Seite_252">[252]</span> -und auf immerdar sollen unsere Familien -unauflösbar miteinander verschmolzen sein. Dir aber, -wünsche ich, mögen die Kinder Deinen Lebensabend sonnig -gestalten, denn Du hast ja am meisten gelitten.«</p> - -<p>Darauf entgegnete die Freihoferin nichts, aber sie -küßte wiederholt und voll Inbrunst die Hand des Sterbenden.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap16">16. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Es war an einem Septembertage, als Konrad -Hartmann Max mit seinem Besuche überraschte. Die -beiden Freunde hatten sich in der letzten Zeit selten gesehen. -Konrad hatte nicht aufgehört, die franzosenfeindliche -Stimmung in alle Häuser zu tragen und war seiner -Aufgabe mit einem solchen Eifer nachgekommen, daß ihm -keine freie Minute übrig blieb. Max war tagsüber -in der Wirtschaft stark in Anspruch genommen gewesen, -in den übrigen Stunden aber hatte er das Haus selten -verlassen.</p> - -<p>Zu dem kleinen Kreise, den er mit der Mutter -und Maria bildete, hatte sich als viertes Mitglied -Marias wiedergenesene Tante hinzugesellt, die bis zur -Hochzeit und Übersiedlung Marias nach dem Freihofe -auf dem Weißen Schlosse das Zepter führte.</p> - -<p>Nach Bauernart sprach Konrad, ehe er mit dem -herausrückte was ihn hergeführt, erst vom Wetter, dann -von der Ernte und davon, daß die Rüben im vorigen -Jahre viel besser standen als heuer. Dann kam das -Vieh an die Reihe, bis er plötzlich mitten in der Rede -abriß und scheinbar harmlos hinwarf:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_253">[253]</span></p> - -<p>»Anfang Oktober gehe ich fort und schließe mich -den Preußen an.«</p> - -<p>Konrad war während der Unterhaltung unruhig -in der Stube auf- und abgegangen, während Max am -Tische saß und durch das Fenster das Anspannen zweier -Pferde auf dem Hofe beobachtete.</p> - -<p>Als Konrad geendet, fuhr Max herum und ließ seine -Augen forschend auf dem Gesicht des Freundes ruhen, -gleichsam um dessen geheimste Gedanken zu erraten. -Und je länger er ihn betrachtete, je überzeugender kam -ihm die Gewißheit, daß der Freund seine Worte in -unerschütterlichem Ernste gesprochen hatte. Aber es war -ihm nicht möglich, sich mit dem Gedanken so schnell -vertraut zu machen, daß Konrad wirklich schweren Kriegsdienst -tun solle. Mit ungläubigen Blicken, beinahe -lächelnd, betrachtete er die schwache Gestalt des Freundes, -und noch nie war ihm dessen Wuchs so knabenhaft erschienen -als in diesem Augenblick. Da begegneten -Konrads Augen den seinigen, und blitzschnell verstand -dieser die stumme Sprache, die sie führten.</p> - -<p>Eine heftige Blutwelle schoß ihm in das Gesicht, -und es dauerte eine kurze Weile, bevor er sprechen -konnte. Und dann hatte die sonst so sichere Stimme -allen Klang verloren und zitterte leise und verriet die -tiefe Bewegung ihres Besitzers.</p> - -<p>»Max, glaubst Du, daß sie mich zurückweisen, -wenn ich mich bei der Armee der Verbündeten als -Freiwilliger melde?«</p> - -<p>Max hatte eine leichte Entgegnung auf den Lippen. -Da kam ihm der noch nie gehörte Ton zum Bewußtsein -und er fühlte die Augen des Freundes in qualvoller<span class="pagenum" id="Seite_254">[254]</span> -Unruhe auf sich gerichtet, als wenn von seinem Spruche -das Gelingen des Planes abhinge. Da erschrak er bei -dem Gedanken, daß er eben im Begriff gewesen war, -Konrad wehzutun. Es war bei ihm ja auch weniger -der Zweifel in die Tüchtigkeit des Freundes zum -Waffentragen als vielmehr sein zäher Widerspruch -gegen alle Unternehmungen des sächsischen Volkes die -darauf hinausgingen, sich gegen die Politik der Regierung -aufzulehnen.</p> - -<p>Deshalb sagte er begütigend:</p> - -<p>»In den preußischen Regimentern wird bei dem -Strome von Kriegsfreiwilligen jeden Alters sich ganz -bestimmt eine große Anzahl solcher befinden, deren -schwacher Körper obendrein an schwere Arbeit nicht gewöhnt -ist.« Und als er sah, wie die Besorgnis aus -dem Gesichte Konrads zu weichen begann, setzte Max -hinzu:</p> - -<p>»Deine außergewöhnliche Gewandtheit zu Pferde -wird man ja bald erkennen, und Du kannst sicher sein, -daß sie Dir vortreffliche Dienste leisten wird.«</p> - -<p>»Gebe Gott, daß Du recht hast,« antwortete Konrad, -»denn ich beabsichtige, mich um die Aufnahme in ein -Husarenregiment zu bewerben. Aber Max, nur um Dir -dies zu erzählen, bin ich nicht hierhergekommen; – ich -kann es noch immer nicht glauben, daß Du zurückbleiben -könntest, wenn Du uns gehen siehst.«</p> - -<p>Da wandte Max das Gesicht erneut zu Konrad -und sagte mit schlecht verbissenem Lächeln:</p> - -<p>»Soll ich mich mit meinem Körpergewicht von dritthalb -Zentnern etwa auch für ein Husarenregiment -einschreiben lassen?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_255">[255]</span></p> - -<p>»Keine Scherze, Max,« bat Konrad, der seine -ganze Sicherheit wiedergewonnen hatte, »die Zeit ist -zu ernst zum scherzen. Wenn mich nicht so feste Bande -an Dich fesselten, würde ich nicht hier stehen und noch -einmal versuchen, Dich zum Mitgehen zu bewegen.</p> - -<p>Du wünschest sehnlichst friedliche Zeiten herbei. -Gut, das weiß ich, aber glaubst du vielleicht, daß der -Frieden kommt, wenn die Regierungen einzelner deutschen -Staaten sich darin überbieten, dem fremden Eroberer -zu lobhudeln, anstatt dem Beispiele ihrer Bruderstämme -zu folgen, bei denen einsichtsvolle und beherzte Männer -die lange genug am Boden schleifenden Zügel des in -toller Fahrt dahinjagenden Staatskarrens mit Verachtung -der Gefahr in die Höhe reißen?«</p> - -<p>Max war während der Worte des Freundes ernst -geworden. Jetzt antwortete er:</p> - -<p>»Dein leicht erregbares Blut spielt Dir einen Streich, -Konrad. Du siehst nicht die Steine, die am Wege liegen, -bis Du ihre scharfen Kanten spürst und Dir die Füße -an ihnen wundgestoßen hast. Wir Sachsen haben immer -mit dem besten Erfolge die Geschicke des Landes in die -Hände unserer Fürsten gelegt. Ob die abwartende -Haltung des Königs und der Minister uns nicht doch -noch zum Segen gereicht, wissen wir heute nicht. Ruft -uns die Stimme des Königs gegen Napoleon, dann -wird ihm von seinem Volke dieselbe Hingebung zuteil, -wie sie Friedrich Wilhelm von seinen Untertanen empfängt. -Aber gegen den Willen des Königs darf sich ein Volk -erst dann auflehnen, wenn es sich überzeugt hat, daß -seine Existenz bedroht ist, oder daß es schweren Schaden -erlitte, wenn die eingeschlagene Straße weiter verfolgt -würde.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_256">[256]</span></p> - -<p>Bis hierher hatte Konrad an sich gehalten, jetzt -brach er los:</p> - -<p>»Wie weit willst Du denn die Probe ausdehnen? -Wann ist für Dich der gegebene Augenblick gekommen, -zu dem die Nation eine Abkehr von der Politik des -Landesherrn mit Recht fordern darf? Sieh Dich um, -Max! Aus allen Teilen des Landes des langmütigen -Sachsenvolkes kommen Nachrichten von heftigen Einsprüchen -gegen die Stellung der Regierung. Das ist -der sich erhebende Sturm, der vor dem Hereinbrechen -des Gewitters über die Fluren braust. Nur zu lange -haben wir der Führung blind vertraut; jetzt schrecken -wir auf und sehen mit Entsetzen, daß dicht vor unsern -Füßen ein tiefer Abgrund gähnt. Wie kannst Du noch -von den heiligen Untertanenpflichten gegen den König -sprechen, wenn dieser uns von der Höhe des Ansehens -und der Achtung, die wir bei unsern Nachbarn genossen, -tief hinabgeführt hat in Niederungen, wohin uns nichts -als höhnische Zurufe und verächtliche Blicke begleiteten. -Unser Land ist ausgesogen und dem Ruin nahegebracht, -und seine besten Söhne liegen ruhmlos in fremder Erde -oder kämpfen schimpflich gegen die heldenmütigen Verteidiger -deutscher Ehre und deutschen Bodens. Unaussprechlicher -Jammer ist in die Wohnungen unseres guten -Volkes eingekehrt; Armut schwingt die Geißel, und Not -und Sorge hocken am Herd und blasen die spärlichen -Feuer aus. Dafür lodern aber die gefräßigen Flammen -anderwärts hell auf: zwanzig Dörfer brannten zwischen -Königswartha und Görlitz in den Tagen, wo um Bautzen -gekämpft wurde, und ihr blutigroter Schein am Nachthimmel -leuchtete den Entmenschten, die sich Freunde -unseres Landes nennen, als sie den Bauern das letzte<span class="pagenum" id="Seite_257">[257]</span> -Stück Vieh aus den Händen rissen, das ihm von dem -in Trümmern liegenden Besitz seiner Väter geblieben -war. Die schlimmsten Gräuel des dreißigjährigen -Krieges steigen wieder herauf wenn man vernimmt, daß -Tausende von Bauern aus den niedergebrannten Dörfern -in die Wälder flüchten mußten, um das nackte Leben -zu retten. Und wenn am Sonntag die geängstigten -und schwergeprüften Landleute sich in den Kirchen wiederfinden, -dann müssen sie vernehmen, wie von den Kanzeln -herab der Segen des Allmächtigen für die Waffen des -<em class="gesperrt">Beschützers</em> des Landes erfleht wird. Max, ich sage -Dir, hüte Dich, daß Du aus Liebe und Treue gegen -den König nicht zum Verräter an Deinem Volke wirst!«</p> - -<p>Hier schwieg Konrad, um den Freund sprechen zu -lassen. Der aber antwortete nicht. Wie eine Bildsäule -saß er im Stuhle und starrte vor sich nieder.</p> - -<p>»Jahrhundertelang,« fuhr Konrad bitter fort, »lagen -die deutschen Stämme gegen einander in Streit, wie die -Nachkommen einer Mutter, die sich gegenseitig verderben. -Einer gewaltigen Arena glich das deutsche Land, und -die Völker Europas saßen auf den Stufen und schauten -mit vergnügten Mienen auf die Kämpfenden. Zu allen -Zeiten wurde ein Grund gefunden, der es ermöglichte, -daß man eine lange Reihe von Jahren gedeihlichen -Friedens vermeiden konnte. Krieg und Verwüstung -war die Losung! Heute verlangt es der König, daß in -der großen Zeit einer einmütigen Erhebung gegen die -Feinde Deutschlands sein Volk die Waffen gegen die -befreundeten Nachbarn erhebe, um den Blutdurst des -Anführers eines jahrhundertealten Feindes allen Deutschtums -zu stillen. So vertilgen wir einander mit Ingrimm -selbst, bis endlich an den Ufern der deutschen Ströme fremde<span class="pagenum" id="Seite_258">[258]</span> -Laute erklingen und fremde Sitten gepflegt werden, und -man von uns sprechen wird, wie von einer untergegangenen -Stadt; – – ein neues Glied im Totentanze der -Völker! Heute helfen wir unsere Stammesbrüder niederwerfen -und sehen in unbegreiflicher Verblendung nicht -voraus, daß sich der Fuß des Siegers auch seinem Helfer auf -den Nacken setzen wird.</p> - -<p>Was wirst Du einstmals empfinden, Max, wenn -Du siehst, wie Deine Töchter mit niedergeschlagenen -Augen Unfreien zum Altare folgen! Und was wirst -Du antworten, wenn sich Dein Sohn mit blitzenden -Augen vor Dich hinstellt und fragt: Vater, ist es -wahr, daß es einstens welche gegeben hat, die die große -Sache mit kleinlichen Bedenken bekämpften, bis es zu -spät war? Und das sage ich Dir, Max, Kinder sind -zuweilen unerbittlich strenge Richter für die Taten ihrer -Väter!«</p> - -<p>Max hatte während der ganzen Rede Konrads -stillgeschwiegen. Auch jetzt, nachdem dieser geendet, blieb -er stumm sitzen, den mächtigen Oberkörper fast auf dem -Tische liegend und mit beiden Ellbogen stützend. Ein -paar Sekunden verstrichen, ohne daß einer der beiden -Männer ein Wort sprach. Da endlich unterbrach Max -das Schweigen und fast wie im Selbstgespräch sagte er -mit halblauter Stimme, die gezwungen ruhig klang:</p> - -<p>»Ich kann es keinem erlauben zu behaupten, daß -ich ihm nachstünde in der Liebe zu meinem Volk und -meinem Vaterlande. Ich habe es bereits ausgesprochen, -daß ich bereit bin, zum richtigen Zeitpunkt mein Leben -in die Schanze zu schlagen. Bis dahin bin ich bemüht, -das Elend und die Not meiner Mitmenschen zu mildern, -soweit es in meiner Macht steht – –«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_259">[259]</span></p> - -<p>»Max,« unterbrach hier Konrad ungeduldig, »verzeihe -mir, wenn ich Dich verletze. Aber auch Du hast, -wie so viele andere, in den Augenblicken der höchsten -Not nichts als Worte. Das Vaterland liegt auf den -Tod darnieder und krümmt sich unter den schweren -Schlägen, die es erschüttern. Einige Wenige nur sind -es, die ihm beispringen, die großen Massen aber stehen -dumpfbrütend zur Seite und lassen es verbluten. Daß -Du für die Schwachen, für die Frauen und Kinder -Deinen Leib einsetzen würdest, glaube ich Dir, denn nur -ein Hundsfott handelt anders. Aber wenn je, dann ist -es jetzt Zeit, den Worten Taten folgen zu lassen, heraus -mit der Plempe, wer gut sächsisch denkt, auf daß wir -nicht mehr das Gespött von Millionen guter Deutschen -bilden. Wer jetzt, in den Tagen der großen Wehen -noch lau ist, auf den wird einst das kommende Geschlecht -mit Fingern zeigen.«</p> - -<p>Da machte der breit am Tisch sitzende Mann eine -plötzliche Bewegung, erhob sich und ging mit dröhnenden -Schritten auf den Sprechenden zu, bis er dicht vor ihm -stand. Sein Gesicht war gerötet, und seine breite Brust -erzitterte unter den schweren Atemstößen.</p> - -<p>»Konrad,« stieß er hervor, und bezwang seine -große Erregung, daß er nicht laut aufschrie, »bedenke, -was Du sprichst? Du führest große Worte im Munde; -hüte Dich, daß die Wogen, die Du aufpeitschest, nicht -über Deinem Kopfe zusammenschlagen. Es klingt ein -brausender Klang durch Deine Rede, aber es wäre entsetzlich, -wenn den, der sich begeistern ließe, nur ein -Trugbild narrte. Welche Schuld können die Männer -auf sich laden, die einen großen Sturm im Lande entfachen! -Der Kaiser würde, wenn es ihm gelänge, die<span class="pagenum" id="Seite_260">[260]</span> -Heere seiner Gegner niederzuwerfen, unser Land grausam -strafen. Edler Freiheitsdrang und kühner Wagemut -würden tiefste Demütigung gebären, und die dem Volke -auferlegten Opfer müßten alles bisher Erlittene weit -übertreffen. Die einmal entfesselten Gewalten sind nicht -mehr niederzuhalten. Sind erst die Leidenschaften geweckt, -dann sind die Menschen blind und wüten, wenn -der Plan fehlschlägt, gegeneinander, sich selbst zerfleischend.«</p> - -<p>»Still, still,« fiel Konrad dem Freund in die -Rede, »du bist im Irrtum, wenn Du glaubst, daß ich -jetzt noch für eine lärmende Erhebung gegen die in -unseres Volkes Mitte weilenden Zwingscharen Stimmung -machen wolle. Ich will, wie ich Dir schon sagte, mich -dem preußischen Heere anschließen und versuchen, noch -eine Anzahl warmherziger Männer für diesen Plan zu -gewinnen. Und so, wolle es Gott, möge man in vielen -andern sächsischen Ortschaften auch denken. Aber ohne -Lärm muß dies geschehen, sonst wird unser Vorhaben -vereitelt, denn wir sind rings von Spionen umgeben, die -der uns Sachsen längst nicht mehr trauende Kaiser unterhält. -Du befürchtest, daß die Armeen der Verbündeten den -Franzosen zuletzt wieder unterliegen müßten? O, Du -Kleingläubiger! Komm, zieh mit uns und hilf die Reihen der -deutschen Streiter vergrößern, auf jedes Mannes Faust und -Auge kommt es an. Die unerschütterliche Zuversicht aber -laß in Deine Seele einziehen: Männer von dem unbeugsamen -Willen zu siegen oder zu sterben, wie sie den wallenden -schwarzweißen Fahnen nachfolgen, können wohl geschlagen, -nie aber besiegt werden, denn sie kämpfen ja alle für -ihre verlorenen höchsten Güter. Gebiete deshalb der -beschwichtigenden Stimme in Deinem Busen Schweigen,<span class="pagenum" id="Seite_261">[261]</span> -sie will Dir den Mannesmut ersticken! Du milderst -Elend und Not, die um dich herum grinsen? Gewiß, das -tust Du, und das habt Ihr Tiefenbachs im Verborgenen immer -getan. Ja, Du tust noch mehr! Dein nüchtern denkender -Kopf hat schon manchen glücklichen Ausweg gefunden, -und Dein Rat wird von jedermann hoch geschätzt. -Keine Mühe verdrießt Dich, wenn es gilt, das Gemeinwohl -im Dorfe zu fördern. So verleihen Dir Herz -und Verstand Eigenschaften, daß Du Dich trotz Deiner -jungen Jahre wie keiner sonst großen Ansehens erfreust, -weit in der Landschaft. Aber ist das das Höchste, mit -dem Nächsten das Brot teilen und ihm, wenn er in -Bedrängnis, mit gutem Rat zur Seite stehen? Dazu -bedarf es doch keiner hohen Eigenschaften! Dein Ziel -muß weiter draußen liegen.</p> - -<p>Ich will Dir sagen, Max, was besser ist als treu -mit dem Volke die Straße dahinziehen: Du mußt es -führen! Dein Blick soll weithinaus schauen. Wo -steinigte Abhänge und fruchtbare Täler liegen, mußt -Du wissen, Gefilde, die die belebenden Sonnenstrahlen -täglich umschmeicheln und verlorene Plätze, wo kalte -Nebel ziehen und schwere Stürme jahraus jahrein -daheim sind, dürfen Dir nicht verborgen sein! Dort, -wohin heute die Deinen gelangen, mußt Du schon -gestern geweilt haben, und wenn ihr Zug am Kreuzweg -ankommt, betrittst Du als erster den richtigen Pfad, der -nach Deinen besten menschlichen Erwägungen von den -Dir Hinterdreinziehenden zu ihrem Heile begangen -wird. Stell’ Dich darum jetzt an unsere Spitze, denn -Du bist unser geborener Führer. Laß Deine Beredtsamkeit -auf die Männer wirken und reiße die Zögernden durch -Dein Beispiel mit fort. Schwing Dich hoch hinauf,<span class="pagenum" id="Seite_262">[262]</span> -betrachte von den Zinnen der Geschichte die Völkerstraßen -und urteile dann, ob Entschlossenheit und Draufgehen -oder Ergebenheit und täglich erneutes Weiterquälen -für das Heil eines Volkes besser sind. Der -gemeine Mann ist zaghaft und beschränkt, er betrachtet -jedes Abweichen vom Althergebrachten als einen Sprung -ins Dunkle und berechnet die Möglichkeit des Wachsens -oder Verminderns seines Besitzes an den zitternden -Fingern, indem er den Gewinn mit eins, den Verlust -aber mit vier multipliziert. Lehre Du ihn, daß es -Augenblicke gibt, in denen man sein Leben und die gesamte -Habe auf das kippende Brett setzen muß, und daß -zu allen Zeiten diejenigen Völker aus Wirbelwind und -Wogen endlich ihre Schiffe in sturmfreies Wasser -brachten, die mit Verachtung der Totesnöte das Erz -des Kieles durch Flut und Brandung hindurchtrieben. -Mag auch die Wimper zucken und die nervigste Faust -zittern, – den hohen Einsatz lohnt der hohe Gewinn!«</p> - -<p>Konrad hielt einen Augenblick inne und neigte -seinen Kopf vor, als wenn er etwas Geheimnisvolles -zu sagen habe. Dann fuhr er mit veränderter Stimme, -die Worte abreißend, hastig fort:</p> - -<p>»Darum handle, Max, ehe es zu spät ist! Mir -folgen ihrer sechs, nicht mehr, Dir alle. Dein Einfluß -ist gewaltig, der meinige schwach. Der Rabensteiner -mit seiner Hundehütte von Hof kann schon etwas wagen, -sagen sie. Geh, zeige ihnen, daß Du, der Freihofer, der -größte Bauer weit in der Runde, Deinen Hof im Stiche -läßt, um des Vaterlandes willen. Lehre den Starrköpfen, -daß die höchsten Ziele eines Volkes nichts zu -tun haben mit der kleinlichen Sorge um Nahrung für -Weib und Kind für den nächsten Tag. Rüttle sie auf<span class="pagenum" id="Seite_263">[263]</span> -und stachle schonungslos ihren Ehrgeiz an, auf daß in -ihren Herzen die edelsten Mannestugenden wach werden -und sie sich darauf besinnen, daß ein tatenloses Volk -in Ketten sich aus den abscheulichsten Kreaturen unter -der Sonne zusammensetzt. Geh in die Häuser und -zwinge die Männer unter deinen Willen. Wirb für -die große Idee, ich werde Dir treulich helfen. Mache -Helden aus den Säumigen und Bedenklichen und führe -sie denen zu, die ihr Blut verspritzen für die Freiheit -der deutschen Erde!«</p> - -<p>Max hatte in zusammengesunkener Haltung, das -Kinn herabgesenkt, den glühenden Worten des Freundes -gelauscht. Ihm war, als wenn eine berückende Musik -sein Ohr träfe, deren Klang er noch nie vernommen. -Die schmeichelnden Tonwellen umstrickten seine Seele -und brachten die feinsten Saiten in ihr zum Klingen.</p> - -<p>Da richtete er seinen riesenhaften Körper mit -einem Ruck zu seiner ganzen Höhe auf, und die Brust -weitete sich, als wenn neues Leben in sie einzöge. Der -blondhaarige Kopf mit dem ausdrucksvollen Gesicht und -dem starken Nacken war dieser Bewegung gefolgt und -stand stolz auf den breiten Schultern und unbeugsam -von diesem Augenblick an, – bis ans Ende! Es war -ein Bild strotzender Kraft und sieghafter Mannesschönheit.</p> - -<p>Nicht mit ungestümer Bewegung, sondern langsam -und etwas ungelenk, um das im Innern entfachte Feuer -niederzuhalten, streckte er seine Hand aus und sagte mit -leisem Beben in der Stimme:</p> - -<p>»Konrad, schlag ein! Du hast recht, der Taten -bedarf es, denn Worte sind jetzt nichts anderes als das -Bekenntnis der Feigheit. Die zwölfte Stunde des<span class="pagenum" id="Seite_264">[264]</span> -gewaltigen Dramas ist angebrochen, und wir müssen uns beeilen, -denn niemand vermag den unerbittlich vorwärtsrückenden -Zeiger an der Weltenuhr aufzuhalten. Der Lässigkeit -wird die Geschichte unser Volk einst zeihen, handeln wir -und tragen wir dazu bei, daß ihm der Schimpf der -Feigheit erspart bleibe!«</p> - -<p>»Max!« schrie Konrad jubelnd auf und seine -Augen liefen ihm über, »ich wußte es, daß Du -uns nicht ziehen lassen konntest. Hier meine Hand. -Mag unser Schicksal da droben beschlossen sein, wie es -will, wir folgen unserm Herzen; ob in Nacht oder in -Sonnenschein!«</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap17">17. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Von diesem Tage an begann in Rehefeld ein geheimnisvolles, -emsiges Treiben. Zuerst hatte Max mit -klopfendem Herzen daheim seine Absicht ausgesprochen. -Die Mutter war, nachdem er geendet, recht still geblieben -und hatte nur mehreremal leise genickt, als wenn -es sich für sie um eine schon längst beschlossene Sache -handele. Maria aber war auf Max zugeeilt und hatte -in stürmischer Bewegung ihre Arme um seinen Hals -geworfen.</p> - -<p>»Ich hätte Dich nicht verstanden, Geliebter,« sagte -sie, sich zärtlich an ihn schmiegend und das Haupt an -seiner Brust bergend, »wenn Du zuhause geblieben wärst.«</p> - -<p>Da regte sich inmitten der ernsten Stimmung der -Schalk in Maxens Brust und er fragte in scheinbar vorwurfsvollem -Tone:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_265">[265]</span></p> - -<p>»So spricht meine holde Braut? Ich hätte gehofft, -sie würde Einspruch gegen meine Absicht erheben -und mich bestimmen, bei ihr zu bleiben. Erkaltet die -Glut eines Mädchenherzens so rasch?«</p> - -<p>Vergebens aber wartete er auf eine Antwort. Und -als er nach mehreren Sekunden den fest an seine Brust -gepreßten Kopf mit einiger Mühe aufhob und zurückbeugte, -um Maria ins Gesicht zu sehen, da zeigte es sich, -daß dieses Antlitz in holdseligem Lächeln tief errötet -war. Aber das Herz des Mädchens erfüllte nicht eitel -Wonne, sondern wie so oft im menschlichen Leben -wohnten auch in diesem Herzen jetzt die beiden Geschwister -Freude und Schmerz dicht beieinander. Denn es darf -nicht verschwiegen werden, daß an den langen, dunkeln -Wimpern ihrer Augen ein paar glitzernde Perlen hingen.</p> - -<p>In wehmütiger Freude beugte sich Max nieder -und küßte leise diese Tränen fort.</p> - -<p>Die Vorbereitungen zur Hochzeit aber wurden nun -wieder aufgenommen und mit vermehrtem Eifer fortgesetzt, -denn noch vor dem Ausmarsch der kleinen Schar -sollte ihr Bund den kirchlichen Segen empfangen.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Die beiden Freunde waren unermüdlich im Werben, -und nach wenigen Tagen hatten sich dreizehn Männer -gefunden, die die Schmach des Landes nunmehr so bitter -empfanden, daß alle Bedenken gegen die Ausführung -des Planes überstimmt wurden.</p> - -<p>Max war ein beredter Anwalt für die Idee; wo -seine Worte nicht überzeugen wollten, siegte zuletzt sein -Beispiel. Das ganze Dorf geriet in helle Aufregung,<span class="pagenum" id="Seite_266">[266]</span> -und in allen Häusern sprach man von dem Vorhaben. -Anfangs war es nicht leicht gewesen, mit den Männern -darüber zu reden. Ihre geistige Schwerfälligkeit verhinderte, -daß sie den so schnell veränderten, politischen -Verhältnissen ebenso rasch folgen konnten. Die Niederlagen -der französischen Generale und die dadurch schwierig -gewordene Stellung Napoleons in Dresden waren zu -überraschend gekommen, und die breiten Volksmassen -hatte zu sehr der Gedanke durchdrungen, daß es heller -Wahnsinn wäre, gegen die Macht des Gefürchteten anzukämpfen. -Denn von dem Tage ab, wo die Heere der -Verbündeten gegen den Kaiser losmarschierten, galt es in -den störrischen Bauernschädeln für unausbleiblich, daß der -Mächtige alle feindlichen Armeen in kurzer Zeit über den -Haufen werfen würde. Als dann die Niederlagen der -Franzosen eintraten, wurden die Getäuschten fast unwillig, -weil ihre Voraussage nicht stimmte.</p> - -<p>Großgörschen hatte ihre Sehergabe als untrüglich anerkannt, -und Bautzen hatte sie glänzend bestätigt. Dazwischen -passierte allerdings Großbeeren, aber dort war ja der Kaiser -nicht selbst gewesen, und die Schuld der Niederlage traf -den Marschall Oudinot. Wenn auch einmal ein General -unterlag, was tats, der Kaiser würde alles wieder einbringen. -Dafür strahlten seine Sterne bei Dresden -wieder um so heller; selbst die Unterlegenen sprachen -ja mit Bewunderung von dem Sieger.</p> - -<p>Dann kam Vandammes Niederlage und Gefangennahme -bei Kulm. Das war wieder gegen die Weissagung, -durfte aber nicht allzuernst genommen werden, denn -er war ja keiner von den großen Generalen der alten -Schule. Da trat aber wenige Tage später ein Ereignis -ein, das aller Zuversicht einen gewaltigen Stoß versetzte:<span class="pagenum" id="Seite_267">[267]</span> -General Bülow hatte eine starke französische Armee, die -nach Preußens Hauptstadt vordringen wollte, wenige -Meilen vor Berlin bei Dennewitz gänzlich geschlagen, -und der Führer dieser Armee war der ruhmreichste der -Feldherren Napoleons, – der Marschall Ney.</p> - -<p>Da schwiegen die Eigensinnigen, nahmen die Pfeife -aus dem Munde, spuckten aus und kratzten sich die Köpfe.</p> - -<p>Nun lag der angeschossene Löwe knurrend in Dresden -und hieb mit seiner Tatze wütend nach den ihm keine -Ruhe gönnenden Feinden. Jeder Schlag dieser fürchterlichen -Pranke saß zwar, aber es waren keine eigentlichen -Siege, wenigstens keine solchen, wie man sie von einem -Schlachtengewinner von seinem Range erwartete. Denn -das staunende Europa war anspruchsvoll geworden und -gab seinen Leistungen strenge Zensuren. Und bei alledem -wuchs des Kaisers Verlegenheit in der sächsischen -Königsstadt sichtlich.</p> - -<p>So stand es im Anfang des Monats Oktober, -gerade in den Tagen, in denen Max und Konrad ihre -Tätigkeit entfalteten.</p> - -<p>Die Stimmung in den meisten Städten Sachsens -wurde zu dieser Zeit derart franzosenfeindlich, daß es -gefährlich war, sich noch offen für die Bedrücker zu bekennen. -Aber der schwerfällige Sinn des sächsischen -Bauern war nicht dazu geschaffen, seine Bedenken gegen -einen Aufstand wider die Franzosen binnen wenigen -Tagen aufzugeben, obwohl nicht nur zahlreiche eigene -Landsleute dafür Stimmung machten, sondern auch die -im Lande stehenden preußischen und russischen Truppen -unaufhörlich dazu anfeuerten. Der Bauer wollte erst -Garantien dafür haben, daß Napoleon nicht mehr -mächtig genug war, eine Erhebung des Volkes mit<span class="pagenum" id="Seite_268">[268]</span> -drakonischer Strenge zu vergelten. Denn die Leiden der -letzten Jahre waren gerade für dieses unglückliche Land -über alle Maßen schwer gewesen und hatten die frohe -Hoffnung auf ein endliches Zerschmettern der Kraft dieses -Riesen in der Brust der Menschen bis auf ein winziges -Fünkchen ersterben lassen.</p> - -<p>Dies war die Stimmung, die die bäuerliche Bevölkerung -Sachsens erfüllte, als sie endlich einsah, daß -das Staatsschiff mit vollen Segeln auf die Brandung -zusteuerte und mit Mann und Maus unterzugehen -drohte.</p> - -<p>Allmählich machte sich denn auch der Umschwung -der Gesinnung auf dem platten Lande geltend und nicht -zuletzt unter den Einwohnern Rehefelds. Die Landbevölkerung -begann von neuem zu hoffen und vergaß die -bisher gewahrte, ängstliche Vorsicht. Die Bedenken für -den Verlust von Haus und Hof traten immer mehr in -den Hintergrund, und Begeisterung zog in die Gemüter -ein. Der Drang nach Freiheit wuchs ins Riesengroße -und erfüllte zuletzt Aller Herzen.</p> - -<p>Wenn es in diesen Tagen trotzdem nicht zu einer -allgemeinen Erhebung in Sachsen kam, so war nicht die -mit Eifer beschwichtigende Regierung schuld, als vielmehr -der Umstand, daß große Teile des Landes sich noch in -den Händen der Franzosen befanden, daß ferner eine -erhebliche Anzahl ungeduldiger sächsischer Männer in die -immer weiter nach der Elbe zu vordringenden preußischen -Regimenter als Freiwillige eintrat und endlich, daß die, -die fremde Zwingherrschaft niederwerfende Schlacht auf -den Fluren bei Leipzig unerwartet schnell hereinbrach.</p> - -<p>Wie ein großes Ereignis wirkte die Aufgabe -Dresdens, das der Kaiser hatte stark verschanzen und<span class="pagenum" id="Seite_269">[269]</span> -sonst auch für seinen Winteraufenthalt hatte herrichten -lassen. Eine weit über Deutschland hinaus sichtbare, -leuchtende Flammenschrift erschien an dem tiefschwarzen -Firmament und verkündete, daß sich jetzt das Ende vorbereite.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>In Rehefeld herrschte in diesen Tagen unbestritten -Maxens Geist. Er wußte alle Bedenken zu beschwichtigen -und entfachte ein solches Feuer der Begeisterung in aller -Brust, daß die Männer ruhelos zum Ausmarsch drängten, -und die Frauen diesen Entschluß nicht nur durch Worte, -sondern auch in tiefster Seele guthießen.</p> - -<p>Noch eine Woche wollte man warten, bis sich die -französischen Armeen bei Leipzig gesammelt haben würden, -und der jetzt von ihnen versperrte Weg zu den Verbündeten -freigeworden war. Denn die Franzosen waren -sehr mißtrauisch geworden, und niemand durfte bei Vermeidung -von Festnahme in diesen Tagen ohne einen -Reisepaß mehrere Meilen über Land gehen.</p> - -<p>Die Zeit bis dahin brachte man damit zu, sich im -kriegerischen Handwerk zu üben. Ein Gewehr schweren -Kalibers war für jeden vorhanden. Denjenigen, die -selbst keines besaßen, wurde von mehreren Seiten zugleich -ein solches angeboten, wie überhaupt die Gebefreudigkeit, -namentlich bei denen die daheim blieben, mit der Begeisterung -zusammen erwacht war. Auch Geld und -Wertgegenstände wurden den Freiwilligen ausgehändigt, -um sie ihrem zukünftigen Regimente zu überbringen. -Wie drüben über der Grenze, waren auch hier die -Zurückbleibenden bemüht, die große Sache, wenn nicht -mit Blut, so doch mit Gut zu unterstützen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_270">[270]</span></p> - -<p>Auch ein paar Seitengewehre und Säbel, deren -Existenz bisher außer den Eigentümern ein anderer -kaum geahnt hatte, tauchten auf und wurden auf dem -Wetzstein scharf geschliffen.</p> - -<p>Diejenigen, die schon früher einmal die Waffe getragen -hatten, erklärten die Handgriffe, und der Schmied, -der in dem Bataillon aus dem Winckel bei Jena mitgefochten -hatte, stellte die Streiter in Reih und Glied, -ließ sie marschieren und einschwenken und die Gewehre -laden und Salven abgeben. Max, als der Größte, -marschierte natürlich voran, während Konrad, wie es -ihm zukam, als linker Flügelmann exerzierte. Alles erfolgte -so, wie es in wenigen Tagen in Wirklichkeit geschehen -sollte. Und wenn auch der oder jener, wie bei -einer Anzahl von der Arbeit weggerufenen Bauern unausbleiblich, -noch reichlich ungeschickt war, so glich er -diesen Mangel durch Eifer und guten Willen wieder aus.</p> - -<p>Sobald aber die künftigen Verteidiger des Vaterlandes -endlich ermüdet wieder ins Dorf zogen, dann -trat flugs eine andere Schar zusammen und übte -genau so, wie sie es vorher stundenlang beobachtet hatte. -Leider besaßen diese keine Gewehre, aber sie waren -genügsam und verfügten über hinreichend genug Phantasie, -um eine eigens zu diesem Zwecke ausgesuchte, besonders -schön gewachsene Haselrute oder schließlich auch einen -invaliden Rutenbesen als wahrhaftes Schießgewehr anzusehen. -Das war die liebe Jugend von Rehefeld.</p> - -<p>Der Schullehrer hatte, um seine sonst außer allem -Zweifel stehende Autorität zu retten, in diesen Tagen -darauf verzichtet, seine Lämmer täglich um sich zu versammeln. -Und so hatten diese denn vollauf Muße, ihren<span class="pagenum" id="Seite_271">[271]</span> -sich im Schweiße des Angesichts abmühenden Vätern -und Brüdern aufmerksam zuzuschauen. Waren diese -aber endlich abgetreten, so liefen flink die bisherigen -Zuschauer zusammen, und dieselbe Kleestoppel, deren -Boden soeben noch unter dem schweren Bauernstiefel -gedröhnt hatte, stampften jetzt die Tritte der barfüßigen -Jungen.</p> - -<p>Der Platz des Freihofbauern auf dem rechten -Flügel des Gliedes galt als besonders erstrebenswert -und wurde sehr begehrt, und um das Amt des die -Schar kommandierenden Schmieds fanden wahre Schlachten -statt. Keine künstlichen, wie sie das Exerzieren mit sich -brachte, sondern Schlachten ohne alle strategischen Vorbereitungen, -aber mit anerkennenswerter Erbitterung. -So plagte und prügelte man sich abwechselnd in heiliger -Begeisterung, bis die Sonne sank und alle endlich den -von herbstlichen Abendnebeln umflossenen Häusern zustrebten.</p> - -<p>Dann betrat der seine Sache mit vollem Ernst auffassende, -junge Krieger mit erhitzten Wangen und zerzaustem -Schopfe die niedrige Stube und sah geringschätzig -auf die Schwester, die gerade ihrer Puppe das -Nachtlager herrichtete. Kurz vor dem Schlafengehen und -als er schon bis auf das Hemd entkleidet war, gedachte -einer von ihnen aber noch einmal seiner kriegerischen -Pflichten, indem er der Mutter zeigte, wie der Bauer -vom Freihof den Ausfall mache. Dabei warf er das -Körpergewicht wuchtig auf den vorgestellten linken Fuß -und vollführte mit beiden Armen einen fürchterlichen -Stoß, der auch ohne die eigentlich dazu notwendige -Flinte ganz gegen Erwarten über alle Maßen gut -ausfiel, daß der von der Wucht des Stoßes getroffene<span class="pagenum" id="Seite_272">[272]</span> -kleinere Bruder, der in seine Butterbemme vergnüglich -hineinbeißend dem älteren arglos und voll Bewunderung -zugeschaut hatte, heulend gegen die Wand flog.</p> - -<p>Eine Viertelstunde später lagen die beiden rosigen -Kleinen in tiefem Schlafe, und die Mutter beugte sich -schweigend darüber, und ein Himmel von Freude und -Glückseligkeit brach aus ihren Augen.</p> - -<p>Genau eine Woche darauf aber begannen die mörderischen -Tage von Leipzig, und als am Abend des letzten -Tages der Mond wieder heraufzog, genau so wie heute, -da düngte der Gatte dieser Mutter und Vater dieser -Kinder den heimatlichen Boden mit seinem Herzblut. Sein -glühender Durst nach Freiheit war gestillt worden.</p> - -<p>Schlaft süß, Ihr unschuldigen, vaterlosen Kleinen! -Lächle wieder du junges, verlassenes Weib! Einer von -den leuchtenden Sternen droben, die mild auf dich herabschauen, -ist der Deinige!</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap18">18. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Eines der am weitesten auf der Höhe gelegenen -Güter Rehefelds war das des Bauern Frank. Es war -ein mittelgroßes Anwesen mit reichlichem Viehstand und -alten, aber noch recht gut erhaltenen Gebäuden. Ein -früherer Besitzer hatte sich inmitten der beiden Ställe -und gegenüber der großen Scheune ein niedliches Wohnhaus -herrichten lassen, das dem ganzen Besitz ein ungemein -freundliches Ansehen verlieh.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_273">[273]</span></p> - -<p>Es war nicht streng nach der Bauweise der alten -sächsischen Bauernhäuser gebaut worden, war aber mit -guter Raumverteilung eingerichtet und bestand aus dem -etwas erhöhten Unterbau und einem freundlichen, -hellen Oberstock, den ein weitüberragendes, dickes Strohdach -schirmte. Vor der Haustür befand sich eine kleine -Terrasse, die von einem von zwei Säulen getragenen -Lattenrost überdacht wurde, und von der hüben und -drüben einige Stufen hinabführten. Um die hölzernen -Säulen wanden sich dicke, schwärzliche Ranken Jelänger-jelieber -und Heckenkirsche, deren grüne Zweige über das -ganze Dach ausbreitet und zu einem unentwirrbaren -Durcheinander verwachsen waren und die so tief herabhingen, -daß der Raum zwischen den Säulen von Blättern und -Blüten beinah ausgefüllt wurde. Im Sommer glich -die Terrasse einer dichten Laube, die selbst im heißesten -Sonnenbrand Schatten und erquickende Kühle spendete.</p> - -<p>Das Haus war sorgfältig mit Kalk verputzt und -wurde öfters getüncht. Dann hoben sich die schwarzangestrichenen, -recht- und spitzwinklig zueinander stehenden -Balken von den blendendweißen Flächen scharf ab, und -wenn man sich zu diesem freundlichen Hintergrund die -grüne, über und über blühende Laube vor der -Mitte des Hauses hinzudenkt, so erhält man eine Vorstellung -von dem in Bauart und lebendiger Farbenzusammenstellung -gleich harmonischen Bild, welches dieses -Haus bot, das den die Straße ziehenden Fuhrleuten -immer wieder von neuem gefiel und das von der sanften -Anhöhe herab den das Dorf berührenden Wandersmann -freundlich grüßte.</p> - -<p>Noch vor wenigen Jahren hatte dieses Gut ein -altes Ehepaar besessen, dem das Schicksal von seinen<span class="pagenum" id="Seite_274">[274]</span> -Kindern nur eine Enkeltochter gelassen hatte. Der Bauer -Honigmann war in den Siebzigern, gesund und kräftig, -als er eines Morgens, das erste Mal in seinem Leben, -die Neigung verspürte, im Bett liegen zu bleiben. Tags -darauf war er tot. Niemand hatte ihn jemals krank -gesehen, und auch der Arzt wußte nicht zu sagen, an -welcher Krankheit er gestorben war. Die Leute aber -meinten, Honigmann sei eigentlich garnicht gestorben, -sondern hätte nur aufgehört zu leben.</p> - -<p>Die Fürsorge für die hübsche Marianne fiel nun -der schon lebensmüden Bäuerin allein zu. Marianne -hatte kurz vorher ihren neunzehnten Geburtstag gefeiert. -Sie war ein braunäugiges, dunkellockiges Geschöpf und -schlank und biegsam wie die schönste Tanne aus den -Musterforsten des Freiherrn von Tiefenbach. Immer -ruhig, freundlich und gewinnenden Gemüts, zuweilen -wohl auch ein wenig übermütig, hatte jedermann im Dorfe -das Mädchen gern, und viele der Bauernburschen wären -glücklich gewesen, Mariannens Hand und Herz zu besitzen, -vorzugsweise die Hand. Denn außer einem hübschen -und guten Weibe mußte dem Erwählten ja auch der -saubere und unverschuldete Hof zufallen.</p> - -<p>Aus diesem Grunde drängte sich täglich eine große -Anzahl Heiratslustiger an das Mädchen heran, die alle -heiß bemüht waren, sich gegenseitig den Rang abzulaufen. -Und so wurde denn der für Gemüt und Verstand in -gleicher Weise begehrliche Preis von einer Wolke von -Anbetern unaufhörlich umlagert, die selbst aus den -Nachbardörfern sich einstellten, wie etwa ein Sirupstopf -von einer großen Anzahl von Fliegen umschwärmt wird.</p> - -<p>Marianne aber war ein kluges Mädchen. Sie war -zu dem einen nicht freundlicher wie zu dem andern und<span class="pagenum" id="Seite_275">[275]</span> -verdarb es deshalb mit keinem. Meinte einmal einer -der jugendlichen Heißsporne, daß er den richtigen Pfad -gefunden habe in dem Labyrinth der Gänge, die zu -ihrem Herzen führten, so mußte er am nächsten Tage -die sehr betrübliche Erfahrung machen, daß Marianne -genau dieselbe Freundlichkeit, über die er gestern hochbeglückt -war, heute einem andern erwies. Mancher der -jungen Männer wollte schier verzweifeln, wenn er das -Heer seiner Nebenbuhler überdachte, und manche festgefugte, -auf Leben und Tod geschlossene Freundschaft -ging in diesen Tagen aus dem Leim.</p> - -<p>Gleichzeitig empfand aber wieder jeder der Beharrlichen -als kühlenden Balsam auf die Wunde im Herzen -die Ueberzeugung, daß augenblicklich keiner von den Vielen -dem allgemein zugestrebten Ziele näher stand als er -selbst, um freilich in der nächsten Stunde bei dem Gedanken -zu erbleichen, Marianne könne mittlerweile die -Werbungen eines im stillen Bevorzugten erhört haben.</p> - -<p>So ganz spurlos aber, wie es schien, ging der -tägliche Sturm auf Mariannens Herz doch nicht an ihr -vorüber. Mit großem Interesse beobachtete das Mädchen -die sich ihr nähernden jungen Männer, die es auf -mancherlei Weise versuchten, die begehrenswerte Braut -heimzuführen. Die einen marschierten geradenwegs auf -ihr Ziel zu. Sie sprachen, wie es in solchen Fällen -wohl allgemein üblich, von unverbrüchlicher Liebe und -Treue; dieser tat es stammelnd, jener mit anerkennenswertem -Zungenschlag. Ja der Schulzensohn ging sogar -soweit, daß er die, noch vom Geständnis seiner Liebe -her auf dem Herzen ruhende Hand – also der während -einer Liebesbeteuerung allerorts als allein richtig anerkannten -Haltung –, daß er die beteuernde Hand aufhob,<span class="pagenum" id="Seite_276">[276]</span> -die Schwurfinger ausstreckte und mit rollenden -Augen versicherte, im Falle der Nichterhörung von der -Stelle aus in den Dorfteich zu gehen. Nun, Erhörung -fand er zwar nicht, ob er aber, wie bestimmt zugesagt, -weiter als bis zum Rand des Teichs gegangen war, -entzog sich jedermanns Kenntnis. Als unbestreitbare -Tatsache mußte es jedenfalls gelten, daß er Leipzig mitmachte -und kurz nach der Rückkehr aus Frankreich eine -ältliche aber wohlbegüterte Witwe in Göhren heiratete.</p> - -<p>Ferner gab es vereinzelte, die schworen, daß es -ihnen beileibe nicht auf den Hof ankäme, sie, Marianne, -wäre ihnen wie sie gehe und stehe gerade recht. Sie -wollten den Hof überhaupt nicht haben, meinten sie, -nur das Mädchen. Nun ging es jedoch nicht gut an, -daß Marianne diesen Verächtern irdischer Habe zuliebe -auf den schmucken Besitz ihres Großvaters Honigmann -verzichtete. Lieber verschloß sie sich deshalb diesen -Werbungen.</p> - -<p>Die also Geschilderten waren die Gefährlichen unter -den Anbetern. Glücklicherweise aber waren sie in der -Minderzahl.</p> - -<p>Ungleich harmloser gestaltete sich das Gespräch mit -einem der schüchternen Verehrer. Diese sprachen fast -alle sehr wenig, ja bei manchem beschränkte sich die -Rede auf einen schüchternen Gruß. Dafür war -aber infolge der zurückgetretenen Töne das Herz zum -bersten voll, und die Augen mußten in diesem Falle -den Dienst der widerspenstigen Zunge übernehmen.</p> - -<p>Einer erzählte von daheim; wieviel jede der Kühe -Milch gäbe, daß die Schweinezucht in den letzten Jahren -immer profitabler geworden sei, wie auf dem Hofe des -Vaters musterhafte Ordnung herrsche und er selbst in<span class="pagenum" id="Seite_277">[277]</span> -allen Tugenden eines männlichen Wesens im allgemeinen -und eines Bauern im besondern von früh ab unterwiesen -sei. Ein anderer sprach davon, was er tun würde, -wenn er auf einer eigenen Scholle säße. Zuhause könne -er seine Pläne nicht zur Tat machen, denn sie seien bekanntlich -vier Söhne und unter vieren gäbe es täglich -Katzbalgereien. Mit einer Frau nur allein auf einem -Hofe sitzen, müsse herrlich sein. Da herrsche doch -immer Frieden und Eintracht – – –</p> - -<p>Der Letzte endlich redete keinerlei Anzüglichkeiten. -Dafür machte er soviel Spaß, daß die Maid zuweilen -vor Heiterkeit bis zu Tränen gerührt war. Er hoffte, -auf der luftigen Brücke, die der Humor über Hindernisse -errichtet, den gefährlichen Abgrund bis zu Mariannens -Herz zu überschreiten, ohne hineinzufallen. Dieser gewiegte -Diplomat hieß Emil und war der Sohn eines -kleinen Bauern.</p> - -<p>Er war flink wie ein Wiesel und gelenkig wie eine -Katze. Dabei lag ihm sehr daran, von der kleinen -Klitsche daheim sobald als möglich wegzukommen. -Lange Jahre war er das einzige Kind gewesen. Da -starb die Mutter. Sein Vater heiratete kurz darauf -ein blutarmes, junges Ding, das seinem Gatten die -Mitgift nach und nach in Gestalt kugelrunder, pauspackiger -Kindlein einbrachte. Von diesem Augenblick an -war daheim nichts mehr zu hoffen. Die kleinen Geschwister -taten vorderhand noch nichts besseres, als daß -sie mit beängstigend gutem Appetit aßen. Wenn die -Familie bei Tische saß, mußte Emil jeden dieser ewig -hungrigen Esser unwillkürlich mit einer Raupe mit -sieben Köpfen vergleichen, die sich eben daran macht, -eine Kohlstaude kahlzufressen. Und mit Grausen sagte<span class="pagenum" id="Seite_278">[278]</span> -er sich, daß das bescheidene Besitztum seines Vaters -diese unersättlichen Schlünde niemals werde stopfen -können. Und er berechnete nüchternen Verstandes, daß -der dürre Hof gerade dann aufgezehrt sein würde, wenn -das letzte der jetzt noch im Nichts schlummernden Geschwister -flügge war. Da ging er hin und stellte seine -angeborene Kunstfertigkeit in den Dienst des Werbens -um wohlversorgte Hoftöchter.</p> - -<p>Wen die Burschen und Mädchen an den warmen -Sommerabenden im Mondenschein, fein säuberlich in -zwei getrennte Lager geschieden, auf dem Anger saßen, -Scherzreden und Neckereien hinüber und herüberflogen -und alle Spaßmacher endlich ihren Witz ausgegeben -hatten, dann stand Emil auf. Zwar sprach er seiner -anstoßenden Zunge wegen herzlich wenig, aber das -Lachen der Zuschauer erklang nach seinen Leistungen -bald wieder von neuem.</p> - -<p>Nun waren seine Hanswurstspäße freilich nicht mehr -neu und hatten schon manch liebes Mal Stoff zu harmloser -Heiterkeit gegeben; aber das Völkchen war ja -so bescheiden in seinen Ansprüchen an Unterhaltung -und wollte um jeden Preis fröhlich sein.</p> - -<p>Zuerst schlug er also das Rad mit solcher Behendigkeit -und Ausdauer, daß er die Anerkennung herausforderte. -Dann ging er zu wunderlichen Gliederverrenkungen -über, die die Lachlust empfindlich reizten. -Selbst der Ernsthafteste aber konnte sich der Heiterkeit -nicht mehr enthalten, wenn Emil wie ein Känguruh in -possierlichen Sprüngen umherhüpfte. Dazwischenhinein -überschlug er sich mehrere Male als Zugabe oder lief -minutenlang und mit größerer Sicherheit auf den Händen, -als manchem der Zuschauer auf den Beinen möglich<span class="pagenum" id="Seite_279">[279]</span> -war. Alles dies tat er stumm. Die karge Belohnung, -die er sich in den kurzen Ruhepausen gönnte, bestand -einzig und allein darin, daß er mit dem Ärmel den -Schweiß von der tropfenden Stirn wischte. Zum Schluß -stellte sich Emil auf den Kopf und verharrte in dieser -Haltung unbeweglich wie ein Pfahl solange, bis die -Zuschauer erklärten, diese Vorführung sei langweilig, -und einer der Burschen ihn umwarf. Dann setzte er sich -stillschweigend in den Hintergrund und beobachtete forschend -die vom Mondenschein erhellten Gesichter der Mädchen -auf die Wirkung seiner Vorführungen hin. Mit besonderer -Sorgfalt studierte er die Züge der rehaugigen -Enkelin des alten Honigmanns.</p> - -<p>Marianne aber dachte: ach, was soll Dir ein Mann, -der unausgesetzt durch die Luft wirbelt, und wenn er -einmal auf die Erde kommt, steht er verkehrt.</p> - -<p>Da machte sie in ihrem Herzchen kurz entschlossen -einen dicken Strich durch seinen Namen.</p> - -<p>Jeder empfindsame Leser, den diese Zeilen erreichen, -wird das Resultat betrüblich finden und sich einer wehmütigen -Regung nicht verschließen können. So viel -wahrhafte Kunst an ein Trugbild verschwendet – – –</p> - -<p>Armer Emil!</p> - -<p>Marianne hatte lange geschwankt, welchen der -Anbeter sie endlich erhören würde. Denn wenn auch -die meisten von ihnen ihr gleichgültig blieben, so waren -es doch immerhin einige der Burschen, die dem Mädchen -recht gut gefielen. Gewissenhaft durchlief sie in ihrer -stillen Kammer im Geiste die noch gebliebene, stattliche -Anzahl der Bewerber, merzte von neuem aus, bis denn -schließlich zwei übrig blieben, von denen sie einen zu -erhören beschloß.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_280">[280]</span></p> - -<p>Der erste von diesen war Berthold Frank, der -jüngste Sohn vom Oberhofbauern. Er war ein hübscher -Bursche mit hellblauen Augen und schwarzem Schnurrbart, -dessen Spitzen am Sonntag sorgfältig gedreht -waren. Er war nicht allzuhoch gewachsen, aber sein -Körper war gedrungen und seine Bewegungen verrieten -große Kraft. Mit seinem hübschen Äußern verband -sich ein Auftreten, das allen Mädchen wohlgefiel, denn -er war geweckt und verstand es, verbindliche Reden zu -führen; darin glich ihm kein zweiter der Burschen. Und -doch konnte Frank sich vieler Eroberungen eigentlich nicht -recht rühmen, weil man wußte, daß er streitsüchtig war -und sich zuweilen betrank.</p> - -<p>Daheim auf dem Obergut herrschte polnische Wirtschaft. -Die Mutter war in der Stadt aufgewachsen -und hatte nie verstehen gelernt, worauf es in ihrer -Stellung ankam. Den Besitz zusammenhalten und mehren -konnte sie nicht. In einer großen Anzahl von feinen -Kanälen floß der saure Gewinn vom Hofe wieder fort -und sickerte ihr geradezu durch die Finger. Für die -sparsame Verwendung der Nahrungsmittel und die -weise Einschränkung der Bedürfnisse des Haushalts hatte -sie kein Verständnis. Täglich wurde weit mehr gekocht -als gegessen wurde; was übrig blieb, bekam das Vieh. -Das Essen war ohne Sorgfalt zubereitet und befriedigte -nicht. Dann schlich das Gesinde in die offene Vorratskammer -und in den Milchkeller und tat sich dort gütlich. -Der Bauer trank und wenn er in später Nacht nach -Hause kam, prügelte er sein Weib. Stand der Wagen -des Kornhändlers auf dem Hofe, so war er nicht beim -Aufladen der Säcke zugegen, sondern saß wetternd im -Gasthof, oder schlief oben in der Kammer seinen Rausch<span class="pagenum" id="Seite_281">[281]</span> -aus. Und so kam es, daß manches aus dem Gut hinausging -von dem er nichts wußte.</p> - -<p>In dieser Umgebung wuchsen die drei Jungen auf. -Von Anfang an war niemand da, der sie zur regelmäßigen -Arbeit angehalten hätte, und als sie sehend wurden und -das Leben einzuschätzen vermochten, wollten sie nicht -begreifen, warum gerade nur sie allein die Last des -Tages tragen sollten. Dazu hatte die Mutter die Kinder -von früh auf verwöhnt, indem sie alle ihre Wünsche -erfüllte und ihnen vorredete, sie könnten das so haben, -dafür seien sie die Söhne des reichen Oberhofbauern.</p> - -<p>Und so war es aus all diesen Gründen nicht -verwunderlich, daß das Gerücht immer mehr Wahrscheinlichkeit -gewann, auf dem Oberhof stehe es schlecht, -und der Bauer sei bis über die Ohren verschuldet. -Berthold kannte ganz genau die Schwierigkeiten, die es -dem Vater bereitete, wenn er an jedem Quartalsersten -die fälligen Hypothekenzinsen, aufbringen mußte, und -er sah voraus, daß ihm einst als Erbe nicht mehr zufallen -würde, als ein paar vertrocknete Dachschindeln. -Und da er wohl die Kraft, nicht aber den Willen besaß -mit fester Faust in das Wespennest hineinzugreifen und -er das einzige Mittel, das den Oberhof noch retten -konnte, die Arbeit, verschmähte, so beschloß er, sich anderswo -ein behagliches Nest zu suchen. Warum sollte er -sich schinden? Tat es der Vater, oder machten es etwa -seine Brüder? Und gesetzt den Fall, es wäre ihm gelungen -– aber nur ihm, denn die beiden Brüder waren -Dummköpfe – den Oberhof vor dem Ruin zu retten, -was hatte er davon? Er konnte doch nicht als Miteigentümer -auf dem Hofe sitzen, der dem ältesten Bruder -Christian zufallen würde.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_282">[282]</span></p> - -<p>Also steckte er die Hände in die Hosentaschen, pfiff -eine Melodie von der letzten Tanzmusik her und ging -mitten am Nachmittag zum vordern Hoftor hinaus, um -zu versuchen ob es ihm gelingen würde, bei der Erbin -des Lindengutes einige von seinen stets vorrätigen -Schmeichelreden anzubringen.</p> - -<p>Und man konnte es nicht anders sagen, Berthold -Frank war ein hübscher Bursche mit gefälligen Manieren, -der zuletzt wegen seiner Aussichten auf den Besitz des -Lindengutes manchen grimmen Neider besaß.</p> - -<p>Der andere Bewerber, der sich zusammen mit -Berthold Frank in den Besitz von Mariannens flatterndem -Herzchen teilte, war Gottfried, der Knecht auf dem -Lindengute.</p> - -<p>Stolz war das Mädchen nicht! Es war ihm gleichgültig, -ob sein künftiger Gatte auf einem großen Hof -aufgewachsen war, oder ob er aus einem armen Häuschen -kam. Denn wenn sich Marianne auch durch ein -glänzendes Äußere leicht blenden ließ, so hätte sie ihrer -inneren Stimme entgegen doch niemals, um seiner -äußeren Vorzüge willen, einem ungeliebten Mann die -Hand reichen können. Deshalb hatte sie die stummen -und bescheidenen Werbungen Gottfrieds auch nicht zurückgewiesen, -sondern ihn eher noch dazu ermutigt.</p> - -<p>Gottfried war wohl fast in allen Eigenschaften -das gerade Gegenteil von dem Jüngsten vom Oberhof. -Er war ein stiller, in sich gekehrter Mensch und von -einer Arbeitskraft, für die der Lindenhof fast zu klein war.</p> - -<p>Vor nahezu dreißig Jahren war eine junge Magd -auf dem Lindengut gewesen, mit strotzenden Wangen -und lachenden Schelmenaugen. Sie besaß einen allzeit -fröhlichen Sinn, und ihr blühender Leib war gerade gewachsen<span class="pagenum" id="Seite_283">[283]</span> -wie eine Gerte. Sie war laut gewesen bei -der Arbeit, wo sie weilte, hörte man den kunstlosen Sang -ihrer glockenreinen Stimme, und weit mehr als nötig -war, tönte von dem frischen Munde jauchzendes Lachen. -Da wurde mit einem Male, schier über Nacht, das -Mädchen still. Zuletzt war sie scheu geworden und hielt -die Augen niedergeschlagen. Ihr fröhlicher Sinn war -von ihr gewichen, und das erquickende Lachen war verstummt. -Immer schwerer wurde ihre Seele bedrückt, bis -sich endlich ihr Gemüt umdüsterte und sie, fast selbst -noch ein Kind, in der Andreasnacht unter Verzweiflungsqualen -und den doch so beseligenden Ahnungen von -Mutterglück einem rosigen Knaben das Leben gab.</p> - -<p>Und als von ihrer schweren Stunde an gerechnet -drei Tage verflossen waren, trug man die junge Mutter -hinaus und bettete ihren blühenden Leib, der nun all -seine Wärme verloren hatte, zwischen die Schollen des -Friedhofs. Ein winziges Häufchen Sand zeigte die -Stelle an, wo man ein in der Blüte geknicktes Leben -voll sprudelnder Fröhlichkeit, voll Singsang und Lachen -dem Erdenschoße still wieder zurückgegeben hatte.</p> - -<p>Den verlassenen Knaben aber legte der Bauer -Honigmann seiner Frau wortlos in den Schoß, die für -ihn redlich sorgte, auf daß die Seele des Kindes die -mit in die Grube gebettete Liebe der Mutter nicht allzu -schmerzlich vermisse. Einen einzigen Kuß hatte die junge -Mutter ihrem Kinde auf die Stirn gedrückt, dann war -sie in den Gottesfrieden hinüber geschlummert. Der -Knabe aber hatte bei der Taufe den Namen Gottfried -erhalten.</p> - -<p>Gottfried hatte schon frühzeitig damit begonnen, -seinen Wohltätern das zu vergelten, was sie an ihm<span class="pagenum" id="Seite_284">[284]</span> -getan. Aufgewachsen in der wahren Frömmigkeit der -Bäuerin, hatte der Knabe unter den unübertrefflichen -Anleitung Honigmanns die Arbeiten auf dem Hofe gelernt. -Schon mit vierzehn Jahren schaffte er so viel -wie ein Knecht und als er die Zwanzig erreicht hatte, -bot sich für ihn auf dem Lindengute fast nicht mehr -genug Gelegenheit zur Betätigung seines Eifers. Der alte -Mann aber, dem die Arbeit selbst noch Lebenbedürfnis -war, wurde zuweilen ärgerlich, wenn er sah, wie der -junge Knecht ihm die Arbeit aus den Händen riß. Dabei -war Gottfried wortkarg, und seine Bewegungen waren -eckig und unbeholfen.</p> - -<p>Mit den Altersgenossen pflegte er nicht viel Umgang, -da er ein wenig unterhaltsamer Geselle war. Den -Keim hierzu hatte er bereits mit in die Welt gebracht, -denn die schweren Gewissensqualen der Mutter waren -nicht ohne Einfluß auf die Frucht in ihrem Schoße -geblieben.</p> - -<p>Marianne fühlte sich zu Gottfried hingezogen. -Zwar gestand sich das Kind, daß der Knecht nicht das -Abbild eines herrlichen Jünglings sei, wie es ihr in -ihren Mädchenträumen immer erschienen war; aber einem -unbewußten Drange folgend mußte sie zugeben, daß ein -gutes und treues Herz in seiner Brust schlüge, und sie -an seiner Seite recht wohl glücklich werden könne. Ein -Leben ohne Jubel und Tanz, aber treu behütet und die -Brust angefüllt mit Frieden und sonnigem Glanz.</p> - -<p>So dachte Marianne in den Stunden stiller Einkehr. -Waren diese aber vergangen, dann zog ihr leichtfüßiger, -junger Sinn sie zu den lustigen Burschen. -Und wenn sie dann einen Vergleich anstellte zwischen -dem ernsten Gottfried mit den plumpen Bewegungen und<span class="pagenum" id="Seite_285">[285]</span> -den unschönen Zügen und dem in männlicher -Kraft und Schönheit strahlenden Berthold Frank, dem -die bunte Halsschleife mit den flatternden Bändern so -gut zu Gesicht stand und der jederzeit so unterhaltsam -plauderte, dann vergaß das Mädchen alles, was -sie an dem einfachen Knecht schätzte. Und sie war blind -und sah nicht die schweren Fehler des anderen.</p> - -<p>Die Warnungen der Großmutter machten keinen -Eindruck auf das Mädchen. Und so hielt denn endlich -nach der Ernte Berthold Frank vom Oberhof seinen -Einzug auf das Lindengut. Gottfried hatte kurze Zeit -darauf zwar die Absicht ausgesprochen, nach Knauthain -zu übersiedeln, wo ein entfernter Verwandter seiner -Mutter lebte, aber Frank hatte erklärt, daraus würde -nichts, und so war Gottfried geblieben. Frank ahnte -nicht, was seinen Knecht vom Hofe forttrieb; eins aber -wußte er: daß er niemals wieder einen so unverdrossenen -und arbeitsfreudigen Besorger seiner eigenen Pflichten -in der Wirtschaft bekommen würde.</p> - -<p>Mit Berthold Franks, des trunksüchtigen Oberhofbauern -Sohnes Einzug auf dem Lindengut war der -Frieden, der solange an dieser Stätte regiert hatte, gewichen. -Denn zu derselben Stunde, in der der festlich -geschmückte Hochzeitswagen von vier starken Braunen -gezogen unter dem Jubel der Gäste und dem brausenden -Tusch der Musikanten durch das weitgeöffnete Tor auf -dem Hof rollte, schlichen in grauen Gewändern -und mit hämischen Blicken unbemerkt zwei Frauengestalten -durch die in schmalem Spalt offenstehende Hintertür -auf das ehemalige Besitztum des alten Honigmanns; -ihre Namen aber waren Kummer und Gram.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_286">[286]</span></p> - -<p>Im ersten Jahre tat der junge Bauer seine Pflicht -wie es ihm zukam, und es schien, als ob der Besitz -eines blühenden, fröhlichen Weibes und des schmucken -Lindengutes alle Bedenken zunichte mache, die manchen -im Dorfe bei dieser Verbindung überkommen waren. -Aber die Sünden der Väter rächen sich sattsam an den -Kindern, und Berthold Frank war ein echter Sohn des -seit Jahren in wüstem Taumel dahinlebenden Oberhofbauern.</p> - -<p>Solange Mariannens Großmutter lebte, nahm sich -Frank höllisch zusammen. Denn der Hof gehörte noch -nicht ihm, und durch einen Federstrich konnte sie zu -Gunsten seiner Kinder ihr Testament umstoßen und ihm -harte Einschränkungen durch die Obrigkeit auferlegen. -Bei aller Frömmigkeit und Milde wohnte nämlich in -dem müden Körper der alten Bäuerin eine streitbare -Natur, und ihre Zunge war flink und nannte das Kind -gleich beim richtigen Namen. Da starb die Alte, und -der Hof fiel ihm endgültig zu.</p> - -<p>Von diesem Zeitpunkt ab war Frank wie ausgewechselt. -Sein viel umneidetes Heim verlor für ihn den -Reiz; im Wirtshaus bei Würfelspiel und wüsten Gelagen -war ihm wohler. Spät in der Nacht kehrte er -dann angetrunken nach Hause zurück, schalt sein Weib -und hob endlich die Hand gegen sie auf. Am Tage -schlief er seinen Rausch aus, war froh, einen rechtschaffenen, -gottesfürchtigen Knecht zu besitzen und ging -damit beruhigt wieder ins Wirtshaus. Mit einem -grausamen Ruck fühlte Marianne die Binde von ihren -Augen weggezogen, und ein freudenloses, unwürdige -Leben rollte sich vor ihren entsetzten Blicken auf.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_287">[287]</span></p> - -<p>Gottfried arbeitete für zwei und war in der letzten -Zeit noch stiller geworden. Zuweilen traf es sich, daß -Marianne in der Blütenlaube vor dem Hauseingange -stand, das neugeborene Kind auf dem Arme, während -er auf dem Hofe schaffte. Da sah er ihr verhärmtes -Gesicht, umrahmt von grünem Blattwerk sich zugewendet, -und ihre Augen begegneten mit tieftraurigem Ausdruck -den seinigen und führten eine stumme und doch so beredte -Anklage gegen sich selbst. Gottfried aber konnte -den Blick dieser umflorten Augen nicht aushalten. -Schwerfällig wandte er sich ab und faßte mit unsichern -Händen von neuem nach seiner Arbeit. Denn das -Schicksal des Weibes, das er mit voller Inbrunst seines -einfachen, vortrefflichen Gemütes geliebt hatte, ging ihm -zu Herzen und bereitete ihm Schmerz.</p> - -<p>Da brausten wie auf Sturmesflügeln die flammenden -Proteste einzelner Patrioten, die die schmachvolle -Haltung ihres Vaterlandes nicht mehr mit anzusehen -vermochten, über die sächsischen Fluren. Von den Hauptstädten -ausgehend, sprang der Brand auf das platte -Land über, und zuletzt glich das Königreich einem einzigen -Flammenmeer. Das bängliche Ausharren in der -von den Verbündeten schon längst übelgedeuteten Stellung -zu den Franzosen und die ergebene Haltung vor dem -Kaiser, ein Gemisch von Bewunderung, Furcht und -dumpfem Dahinleben, verschwanden mit einem Schlage. -Jäh kam die Erkenntnis und ließ das Unwürdige der -in den letzten Monaten bewahrten Gleichgültigkeit mit -Scham bemerken. Wer konnte müßig bleiben, wenn -alles in den heiligen Kampf zog? Und war es nicht -unsinnig, daß von der Beteiligung an der Niederwerfung -desjenigen, der seit acht Jahren Entsetzen und Not über<span class="pagenum" id="Seite_288">[288]</span> -die Länder deutscher Zunge heraufbeschworen hatte, gerade -das Volk zurückbleiben wollte, dessen Land der -Kriegswütige zum Tummelplatz seiner Heere und zur -Schlachtenbühne Europas ausersehen hatte?</p> - -<p>Gottfried war einer der Ersten, die sich Konrad -Hartmann anschlossen, dessen Worte ihn begeistert hatten. -Als er aber von seinem Vorhaben dem Bauern Frank -erzählte, wurde dieser zornig und schalt auf die Sache, -insbesondere auf die Männer, die ihr vorstanden. Es -kam ihm recht wenig gelegen, seinen zuverlässigen Knecht -zu verlieren; andererseits bot ihm dieser Vorfall aber -willkommene Gelegenheit, seiner alten Abneigung gegen -den Freihofer in gehässigster Weise Ausdruck zu geben.</p> - -<p>Max hatte von jeher mit seiner Meinung über die -schlechte Wirtschaft auf dem Oberhofe nicht zurückgehalten -und auch dann, als Berthold Frank Lindengutbauer -geworden war, gab er seine kühle Haltung gegen -ihn nicht auf. Und gerade dies letztere hatte den eingebildeten -Frank ungemein verdrossen und eine feindselige -Haltung gegen Max annehmen lassen. Zwar -hatte er es nie gewagt, gegen den angesehenen und -reichen Besitzer des Freihofes etwas zu unternehmen. -Jetzt aber reifte in seiner Seele ein teuflischer Entschluß. -Wenn er mit seiner Ausführung vielleicht auch manchen -andern hart traf, – was tats? Wen er nur ihn, -den Gehaßten damit vernichten konnte.</p> - -<p>Franks Stellung zu dem Plane der kühnen Männer -entsprach ganz seinem Charakter. Mit höhnischen Worten -erklärte er die Idee für unsinnig und bezeichnete die -Männer, die an der Spitze standen, als Tollhäusler -und Verbrecher. Öfters als sonst saß Frank in diesen -Tagen bis zum Morgen in der Schenke und bekämpfte<span class="pagenum" id="Seite_289">[289]</span> -mit schreiender Stimme und wilden Bewegungen den -geplanten Auszug. Dazwischenhinein versicherte er mit -geheimnisvollem Lachen immer wieder von neuem, er -glaube garnicht daran, daß es noch soweit kommen -werde und schlug zur Bekräftigung seiner Worte mit -der derben Faust auf den Tisch, daß dieser dröhnte und -die Gläser tanzten.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap19">19. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Hermann Lehnhardt hatte den verletzten Arm bisher -noch immer in der Binde getragen. Nun aber ließ er -diese daheim und schob die Hand zwischen die Knöpfe -seiner Jacke. Der schwierige Bruch des Ellenbogens -war nach langen Wochen zwar wieder geheilt, hatte -aber in dem Arm eine große Schwäche zurückgelassen, -so daß er ihn noch nicht gebrauchen konnte. Bis zur -völligen Heilung wohnte er mit seiner Frau und dem -hübschen Buben, den ihm Antonie geschenkt hatte, bei -seiner Großmutter.</p> - -<p>Kurz nach dem schlimmen Vorfall war eines Tages -in dem Hause der Mutter Lehnhardt der neue Verwalter -des Freihofs erschienen und hatte sich im Auftrage -seines Herrn einer Summe Geldes entledigen wollen, -die für den Arzt bestimmt gewesen war. Da war -Hermann aufgesprungen und ohne ein Wort zu sprechen, -hatte er blitzenden Auges und in drohender Haltung<span class="pagenum" id="Seite_290">[290]</span> -mit der gesunden Hand nach der Tür gewiesen, durch -die der Abgesandte denn auch ohne Widerrede alsbald -verschwand. Seitdem war die Verbindung mit dem -Freihofe durchgeschnitten. Traf es sich aber, daß die -Freihoferin der Mutter Lehnhardt draußen begegnete, -so begrüßten sich die beiden Alten ebenso herzlich wie -bisher, den Vorfall jedoch berührten sie nicht.</p> - -<p>Als Hermann Lehnhardt eines Tages, wie er es -oft tat, über die Wiesen geschlendert war und dann -an der hintern Seite der Höfe entlang ging, stand der -Lindenbauer an seinen schadhaften Zaun gelehnt und -sah ihm entgegen. Natürlich schlug Frank sofort wieder -sein Lieblingsthema an und wetterte gegen das Vorhaben -der Männer, die lieber daheim bleiben sollten, -damit ihre Frauen und Kinder nicht betteln zu gehen -brauchten, anstatt den Preußen die Kastanien aus dem -Feuer holen zu helfen. Hermann Lehnhardt schwieg -zu diesen Worten und sah geflissentlich an Frank vorbei. -Der aber hätte es gern gehört, wenn Lehnhardt -ihm beigestimmt. Als dieser hierzu nun trotz seiner -Anzapfungen keine Anstalt machte, konnte sich Frank -nicht enthalten, ihn in ärgerlichem Tone zu fragen:</p> - -<p>»Nun, Ihr seid wohl gar einer vom feindlichen Lager?«</p> - -<p>»Ach,« antwortete Lehnhardt ausweichend und ließ -den Blick sehnsüchtig über die Fluren schweifen, »Ihr -wißt ja, daß ich nicht mit ausziehe, warum quält Ihr -Euch deshalb mit mir herum?«</p> - -<p>Aber der dringliche Frager war von dieser Antwort -nicht befriedigt. Es hatte ein Ton durch Lehnhardts -Worte geklungen, der ihm nicht gefiel. Deshalb kniff -er die verschwommenen Augen halb zu und warf mit -listigem Lächeln scheinbar achtlos hin:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_291">[291]</span></p> - -<p>»Ich hörte jüngst, daß Ihr nahe daran wäret, -voll Demut die Hand wieder zu drücken, die Euch zum -Krüppel machte – – –«</p> - -<p>Da fuhr Lehnhardt voll Wildheit herum, das -Gesicht wie von Flammen umspielt, während aus den -soeben noch träumerischen Augen glühender Haß brach.</p> - -<p>»So, Bauer,« schrie er, »das habt Ihr gehört? -Da sagt Euern Zuträgern nur, daß ihnen dies im -Rausch beigekommen sei!« Und sich nach rechtsseitwärts -wendend, hob er die Faust auf und drohte nach der -Stelle hinüber, wo die stattlichen Ziegeldächer des Freihofes -über die ihn umgebenden niedrigen Häuser herausragten:</p> - -<p>»Wir rechnen noch miteinander ab – –!«</p> - -<p>Mehr konnte er nicht sprechen, denn eine unbeschreibliche -Wut schnürte ihm die Kehle zu. Er wandte -sich kurz ab und ging stumm weiter.</p> - -<p>Frank war betroffen. Der plötzliche Wutausbruch -Lehnhardts und der unverfälschte Naturlaut des wildesten -Hasses in dessen Stimme, hielt seine Zunge noch im -Bann. Dann aber blitzte es in dem fahlen, aufgedunsenen -Gesicht auf, und ein breites Lachen scholl dem -Davongehenden nach.</p> - -<p>»Laßt den feinen Burschen nur mir, Lehnhardt,« -klang es zwischendurch, »ich habe einen kostbaren Spaß -für ihn ausgedacht. Hahaha!«</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Es war ein trüber Tag gewesen. Gegen Abend -fiel starker Regen, und der Wind jagte heulend über die -Felder. In den Häusern wurden die Fenster verwahrt,<span class="pagenum" id="Seite_292">[292]</span> -die der immer mehr anwachsende Sturm scharf berannte, -und in den Ställen, wo das Vieh unruhig -wurde, schloß man sorgfältig die Türen. In gewaltigen -Stößen wütete der Sturm gegen die Häuser, riß große -Äste von den Bäumen und trieb den unaufhörlichen -Regen vor sich her, daß die dicken Tropfen klatschend -an die Fensterscheiben schlugen. Eine undurchdringliche -Finsternis herrschte im Freien. Es war, als ob der -Himmel von einer einzigen schwarzen Wolke bedeckt sei. -Kein Stern, nicht einmal eine helle Stelle war am -Himmel sichtbar. Die Elemente schienen ihrem Meister -entschlüpft zu sein. Mit erbitterter Wut kämpften sie -gegeneinander und gegen alles, was die menschliche -Hand mühevoll errichtet oder die gütig schaffende Natur -auf den Fluren erzeugt hatte.</p> - -<p>Das Dorf schien wie ausgestorben. Niemand war -jetzt noch im Freien, und selbst die vierbeinigen Hüter -des Hauses waren schutzsuchend in ihre Hütten gekrochen -und winselten leise, den Kopf auf die ausgestreckten -Vorderpfoten gelegt.</p> - -<p>Auf der Dorfstraße schritt um die Mitternachtstunde -vorsichtig ein Mann dahin. Wie ein Schatten hob sich -die Gestalt zuweilen von den weißgetünchten Häusergiebeln -ab, um sogleich wieder in die gähnende Finsternis -hineinzutauchen. Wütend peitschte der strömende Regen -des einsamen Wanderers Gesicht, und der Sturm eilte -dem Naß als Bundesgenosse zu Hilfe und drang so -heftig auf den Menschen ein, daß dieser von Zeit zu -Zeit hinter einem dicken Baumstamm Schutz suchen -mußte und es ihm nur mit großer Mühe gelang, vorwärts -zu kommen. In den Häusern ruhten die Bewohner -schon längst im tiefen Schlafe. Nur hie und<span class="pagenum" id="Seite_293">[293]</span> -da brannte noch eine Lampe, die einen schwachen Lichtschein -durch das Fenster auf die Straße warf. Sobald -der Gesell einen solchen Lichtkreis betrat, beschleunigte -er die Schritte, bis die Dunkelheit ihn wieder aufnahm. -Es schien, als ob der Unbekannte es scheu vermeide, -daß ein menschliches Auge ihn auf seiner nächtlichen -Wanderung entdecke.</p> - -<p>Als er am äußersten Ende des Dorfes angelangt -war, blieb er plötzlich vor dem Rabensteiner Hofe stehen. -An einen Baum gelehnt, betrachtete er das einstöckige -Haus, dessen Fenster dunkel waren und aus dem kein -Laut herausdrang. Mit vorsichtigen Schritten näherte -er sich der Tür neben dem großen Tor und versuchte, -sie zu öffnen. Da schlug der wachsame Hofhund an, -daß er schnell wieder die Hand vom Drücker nahm. -Das bellende Tier war aus der Hütte gesprungen und -zerrte wütend an der Kette. Aber seine mächtige Stimme -klang nur schwach, sie wurde übertönt von dem Heulen -und Brausen des Sturmwinds. Als wenn die wilden -Geister der Luft ein tolles Bankett feierten, zu dem die -Elemente eine schauerliche Musik aufspielten.</p> - -<p>Da sprang der Mann über den Graben, in dem -das Wasser wie in einem Flußbett dahinschoß und ging -an der äußeren Seite des Hauses entlang. Aus dem -oberen Fenster unter der Spitze der hinteren Giebelwand -drang ein schwacher Lichtschimmer heraus. Emsig -bückte sich der Einsame, las einige herabgefallene Zweige -auf und versuchte, sie gegen das Fenster zu werfen. -Aber der Sturm vereitelte diese Anstrengungen, indem -er die leichten Wurfgeschosse, sobald sie die Hand des -Schützen verlassen hatten, in eine andere Richtung fortriß. -Als der Mann die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen<span class="pagenum" id="Seite_294">[294]</span> -erkannte, ließ er die Augen ratsuchend umherschweifen, -bis sie endlich auf einem dicken Baum -haften blieben, der wenige Schritte von ihm entfernt -stand. In diesem Augenblick glänzten seine Augen vor -Befriedigung. Entschlossen trat er an den Baum heran -und kletterte mit großer Anstrengung den starken Stamm -hinauf. Dann kroch er auf einem bis fast an das -Haus reichenden Ast soweit vor, daß er mit der Hand -das Fenster erreichen konnte. Kaum hatte er das Glas -berührt, als Konrad Hartmann am Fenster erschien. -Er öffnete den Flügel, beugte sich ein wenig vor und -versuchte mit angestrengter Aufmerksamkeit, die Dunkelheit -mit dem Augen zu durchdringen.</p> - -<p>»Still, Rabensteiner, daß man uns nicht hört. -Niemand darf uns heute Nacht beisammen sehen!« -sprach der auf dem Aste Liegende mit leiser Stimme, -die in dem Sturm fast unterging.</p> - -<p>Jetzt hatte Konrad den Mann erkannt.</p> - -<p>»Teufel,« antwortete er ebenso leise, »Gottfried seid -Ihrs? Was in aller Welt treibt Euch in diesem -fürchterlichen Wetter ins Freie, und warum klettert Ihr -mitten in der Nacht auf die Bäume?«</p> - -<p>»Es droht uns allen schweres Unheil, sage ich, -Rabensteiner, aber besonders Euch und dem Freihofer. -Es ist ein Schurke in unserer Mitte, der Verrat -üben will.«</p> - -<p>Da beugte sich Konrad Hartmann weit vor, daß -ihm die schweren Tropfen auf Kopf und Wangen fielen, -und der Sturm sich in sein Haar wühlte. Aber er -merkte dies nicht. Doch war sein Gesicht um einen -Schein bleicher geworden, als er mit gepreßter Stimme -sprach:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_295">[295]</span></p> - -<p>»Ein Verräter, sagt Ihr, Gottfried? Ja, seid Ihr -denn von Sinnen? Ein Verräter im Dorfe?«</p> - -<p>»Es ist so wie ich sagte,« raunte dieser zurück. »Hört -und überlegt rasch was zu tun ist. Der, den ich Verräter -nannte, ist der Lindengutbauer. Er hat den Verrat -zwar noch nicht geübt, wird es aber schon morgen -tun. Ihr wißt, wie er seit Wochen gegen uns gesprochen -hat, auch ist Euch bekannt, daß er den Tiefenbach -wie ein giftiges Gewürm haßt und ihm gern Übles -anhängen möchte. Nun also: Heute am Vormittag -höre ich ein Gespräch mit an, das Frank mit Hermann -Lehnhardt führt und worin er ihn gegen den Freihofer -aufreizte. Und als dann Lehnhardt voll Erbitterung -verspricht, diesem einen Denkzettel anzuhängen, ruft der -Bauer ihm nach, daß er selbst dies besorgen wolle. -Darauf ging er ins Wirtshaus. Heute am Abend kam -er schwerbetrunken heim, vergriff sich wieder an seinem -Weibe, das ihm, den Kleinen im Arm, weinend entgegentrat -und schlug darauf den ganzen Hausrat in der -Stube kurz und klein. Dabei tat er die lästerlichsten -Flüche und schwor, morgen in der Frühe nach Zehmen -zu fahren, wo er unsere Absicht, zu den Preußen zu -gehen, dem dort befehligenden französischen Kommandeur -mitteilen wolle. Ihr wißt, Rabensteiner, wie kurzen -Prozeß die Franzosen mit aufständischen Bauern machen. -Statt zu den Preußen, wandern wir bestenfalls in eine -Festung. Aber den Anführer stellt man sicher vor den -Sandhaufen.«</p> - -<p>Konrad hatte in seiner vorgebeugten Haltung unbeweglich -verharrt. Jetzt sagte er lebhaft:</p> - -<p>»Wir müssen sofort zu Frank eilen und mit ihm -reden.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_296">[296]</span></p> - -<p>»Das wäre umsonst,« antwortete Gottfried, »er liegt -schwer betrunken daheim.«</p> - -<p>»Dann aber morgen in aller Frühe, noch ehe er -von Hause fortgeht.«</p> - -<p>»Es nützt Euch alles nichts,« versetzte Gottfried -bitter und bestimmt, »so wie ich den Bauern kenne, führt -er seinen Vorsatz aus. Schon um den Tiefenbach zu -vernichten, tut er’s.«</p> - -<p>»Ja, aber,« fuhr Konrad auf, »wir müssen auf -jeden Fall diesen Verrat verhindern. Der Freihofer -könnte zwar noch in dieser Nacht fliehen, aber alle -andern lassen sich nicht so schnell benachrichtigen, und -der Name Rehefeld wäre für alle Zeiten geschändet. -Was meint Ihr denn, Gottfried, was da am besten zu -tun ist?«</p> - -<p>Da hob dieser seinen Körper ein Stück in die -Höhe, daß sein Mund an Konrads Ohr lag und flüsterte -diesem ein paar Worte zu. In demselben Augenblick -fuhr Konrad erschreckt zurück, als wenn er einen heftigen -Schmerz verspüre.</p> - -<p>»Gibt es einen andern Ausweg, Bauer?« fragte -Gottfried.</p> - -<p>Konrad sah eine lange Weile mit finsterm Blicke -vor sich nieder, dann sagte er mit dumpfer Stimme -und mit Nachdruck:</p> - -<p>»Nein, es gibt keinen andern!«</p> - -<p>Da kam wieder Bewegung in den Liegenden und er -schob sich behutsam auf dem Ast zurück.</p> - -<p>»Frank ist riesenstark,« rief Konrad dem schon -Hinabkletternden noch zu.</p> - -<p>»Geht schlafen, Rabensteiner,« gab dieser zurück, -»die Nacht ist gräßlich!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_297">[297]</span></p> - -<p>Damit verschwand er in der Dunkelheit.</p> - -<p>Eine Sekunde lang sah Konrad auf die Stelle, wo -Gottfried verschwunden war. Dann schloß er das -Fenster und gleich darauf verlöschte das Licht in der -Kammer.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Die Macht des Unwetters hatte ihren Höhepunkt -erreicht. Der Sturm schüttelte und riß mit tausend -Händen an allem, was sich ihm entgegenstellte, und wie -Keulenschläge fielen seine Stöße auf die Dächer. Ächzend -bogen sich die stärksten Stämme der Bäume unter -seiner Wut, und aus des Himmels Schleusen strömte es -wie eine Unzahl tosender Sturzbäche auf die geängstigte -Erde herab. Ein Höllenkonzert von zehntausend Teufeln!</p> - -<p>In der Unterstube auf dem Lindenhofe tickte die -große Kastenuhr laut und einförmig. Auf der Bank -vor dem Ofen lag der Bauer laut schnarchend ausgestreckt -auf dem Rücken, die beiden Arme unter dem -Kopfe verschränkt. Die undurchdringliche Nacht hüllte -alle Gegenstände in ihren schwarzen Mantel. Da tauchte -neben dem Schläfer ein Schatten auf, und im nächsten -Augenblick umschlossen zwei große Fäuste den Hals des -Liegenden wie eiserne Klammern. Frank zog blitzschnell -den rechten Arm unter dem Kopf hervor und führte -damit einen furchtbaren Hieb durch die Luft. Dann -lag er wieder so bewegungslos wie vorher; nur der -Arm hing schlaff herab und pendelte noch eine Weile -hin und her, bis er ruhig herunterhing. Aber die -Finger der auf dem Fußboden auftreffenden Hand hatte -der Krampf gekrümmt wie Krallen. Noch ein, zwei<span class="pagenum" id="Seite_298">[298]</span> -Sekunden, dann lockerte sich der eiserne Griff, und die -Gestalt verschwand unhörbar in der Finsternis wie -eine nächtliche Erscheinung.</p> - -<p>Die große Uhr tickte in gleichmäßigem Schlage -weiter, aber der Bauer hatte aufgehört zu schnarchen. –</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Am andern Morgen hatte sich das Unwetter gelegt. -Der Himmel war hell, und der matte Glanz der -mit den Wolken kämpfenden Sonne strahlte friedlich -auf die Verheerungen herab, die der Sturm während -der Nacht an Gebäuden und Bäumen angerichtet hatte.</p> - -<p>Da lief plötzlich die Kunde von Mund zu Mund, -den Bauern Frank habe in der Nacht der Schlag gerührt, -er sei tot.</p> - -<p>Und vor der Bank am Ofen in der Unterstube -des Lindengutes lag eine alte Frau auf den Knien, die -mit gerungenen Händen um den Sohn weinte. Droben -aber in seiner Kammer saß mit zusammengekniffenen -Lippen, mit steinernen Zügen und trockenen Augen ein -junges Weib, auf dem Schoße das schlummernde Kind, -und blickte hart vor sich nieder.</p> - -<p>Als einige Tage darauf Gottfried das Lindengut -verließ, um mit den andern Männern auszumarschieren, -da traf ihn ein flehentlicher Blick, der zum Bleiben -einlud. Aber ihm grauste vor diesem Blick und er -wandte sich ab.</p> - -<p>Wieder einige Tage später standen die kampfesfrohen -Männer von Rehefeld in Reih und Glied eines -in der Reserve gebliebenen Regiments vom Korps des<span class="pagenum" id="Seite_299">[299]</span> -Generals von Kleist. Als aber am Montag des -18. Oktober mittags 2 Uhr dieses preußische Korps -von Güldengossa her den großen Bajonettangriff auf -das vom Marschall Victor verteidigte Probstheida unternehmen -mußte, da wurden auch die Reserven vorgezogen. -Und einer der Ersten, die von den beiden verderbenspeienden -Batterien am Eingang des Dorfes zerschmettert -wurden, war Gottfried, der ehemalige Schützling des -alten Ehepaares Honigmann, der getreue Knecht auf -dem Lindengute.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap20">20. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Schon seit einigen Tagen hatten die Rehefelder -von Norden her Geschützdonner gehört, der bewies, daß -Heeresteile der Verbündeten endlich mit französischen -Truppen ins Gefecht geraten waren, die ja im großen -Bogen die Ortschaften vor Leipzig besetzt hielten und -sich auf einen verzweifelten Kampf eingerichtet hatten. -Auch waren Fuhrleuten auf der weiten Ebene hinter -dem Tanzberg fremde Reiter aufgefallen, dergleichen -noch niemand gesehen hatte, und die mit ihren wilden, -struppigen Gesichtern und der fabelhaften Sicherheit, mit -der sie auf den kleinen, häßlichen Pferden umherjagten, -einen merkwürdigen Anblick boten. Es waren dies die -ersten russischen Kosaken, die in dieser Gegend auftauchten -und die dort, wo sie auftrafen, stahlen und brandschatzten<span class="pagenum" id="Seite_300">[300]</span> -und sich weit ärger betrugen, als die französischen -Soldaten es getan hatten.</p> - -<p>Ferner ging ein Gerücht herum, dessen Richtigkeit -sich bald herausstellte, und das die Gährung in der -sächsischen Armee kennzeichnete. Man erkannte, daß die -Freudigkeit, mit der diese Truppen unter den Schwingen -der französischen Adler gefochten hatten, nunmehr vollständig -geschwunden war, und daß die Soldaten eine Erbitterung -beseelte, die den Uebergang des größten Teiles der -sächsischen Armee zu den Verbündeten am Vormittag -des 18. Oktober vorbereitete.</p> - -<p>Nach dieser Kunde hatte Napoleon vor den Toren -Leipzigs eine große Heerschau über seine Truppen abgehalten, -an der auch die sächsischen Regimenter teilnahmen. -Während die Franzosen in gewohnter Weise -dem die Front abreitenden Kaiser zujubelten, empfingen -ihn die Reihen der Sachsen mit eisigem Schweigen. -Napoleon versammelte hierauf die Offiziere und Unteroffiziere -des Korps Regnier, in dessen Verband sich die -Sachsen befanden, um sich und hielt eine zündende Ansprache, -deren Bedeutung durch Caulaincourts mangelhafte -Verdeutschung aber verloren ging. Die Frage, -ob der Kaiser in der Schlacht darauf rechnen könne, -daß sie ihrem König die gelobte Treue halten würden, -bejahten die Sachsen freilich einmütig. Als aber General -Regnier sie um ein Zeichen der Ergebenheit bat, -gingen sie, von den wütenden Blicken Napoleons begleitet, -stumm auseinander. Auch der Umstand, daß während -dieser Szene eine große Anzahl Soldaten für das -Kreuz der Ehrenlegion aufgeschrieben wurde, machte -keinen Eindruck.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_301">[301]</span></p> - -<p>Die Ortschaften nördlich Rehefeld bis über Leipzig -hinaus waren mit französischen Truppen dicht belegt, -und vom Schloßberg aus konnte man ihre Vorposten -bei Göhren erkennen.</p> - -<p>Die Wolken hatten nach hartnäckigem Streite mit der -Sonne die Herrschaft endgültig behauptet, und als Fortsetzung -des Unwetters der vergangenen Nacht begann -dichter Regen zu fallen. Da fuhren gegen Mittag von -Borna her etwa 10 Wagen ins Dorf, deren Beladung -aus Pulver und Geschützmunition bestand. Als Begleitung -dieser Kolonne waren einige französische Infanteristen -mitgekommen; Mannschaften und Pferde -waren furchtbar erschöpft. Deshalb beschloß der führende -Offizier, im Dorfe einen längeren Halt zu machen.</p> - -<p>Er ließ die Wagen auf dem Stoppelfelde dicht -neben dem Weißen Schlosse auffahren und die Pferde -in den Ställen im Dorfe unterbringen. Da es rätlich -erschien, das Pulver vor dem dichten Sprühregen zu -schützen, kam der Offizier, begleitet vom Ortsvorstand, -auf den Freihof geritten, und bat in höflichen Worten, -ihm zu diesem Zwecke den Turm des Schlosses zur -Verfügung zu stellen. Max begab sich, dem eisernen -Druck, der hinter dieser höflichen Aufforderung stand -gehorchend, an Ort und Stelle und öffnete die große -Tür, die wohl zu einer Zeit, in der das Schloß keine -Belagerung mehr auszuhalten hatte, eingebaut worden -war. In früheren Jahren war der weite Raum im -Turme zur Aufspeicherung von Getreidevorräten benutzt -worden. Jetzt stand er leer und bot genug Platz zur -Unterbringung der Pulversäcke und Munitionskästen.</p> - -<p>Stickige Moderluft empfing die Eintretenden, und -mit großer Aufmerksamkeit betrachtete der Franzose die<span class="pagenum" id="Seite_302">[302]</span> -mehrere Ellen starken Mauern, an deren Festigkeit in -früheren Jahrhunderten der wilde Ansturm manches Belagerers -abgeprallt war.</p> - -<p>Eine Stunde später waren die zweihundertfünfzig -Zentner Pulver im Turme untergebracht, und ein vor -der Tür aufgepflanzter Doppelposten bewachte die Säcke -und das mörderische Blei, das dazu bestimmt war, gewiß -schon am nächsten Tage seine verheerende Wirkung -in die Reihen der verbündeten Truppen hineinzutragen.</p> - -<p>In den Gemütern der Dörfler herrschte scheinbar -große Ruhe. Aber wer ungesehen einen Blick in -manches der Häuser hätte tun können, würde mit -Staunen eine fieberhafte Tätigkeit wahrgenommen haben. -Denn am übernächsten Morgen sollte der Ausmarsch -stattfinden, zu dem die letzten Vorbereitungen getroffen -wurden.</p> - -<p>Das Wohl ihres Besitzes, gleichviel ob es ein -Bauerngut oder ein ärmliches Häuschen war, lag den -Davonziehenden am Herzen, und den Zurückbleibenden -wurde noch mancher treffliche Rat erteilt und für -das kommende Frühjahr manche Aufgabe übertragen.</p> - -<p>So verstrichen die Stunden, und als am späten -Nachmittag der Regen nachließ, versammelte sich eine -große Anzahl Schaulustiger um die fremden Wagen, -die in peinlicher Ordnung am Fuße des Schlosses -standen. Viele Blicke gingen auf die Schildwachen am -Turm und auf das Eingangstor: die Augen der Frauen -und Kinder mit Neugierde, die der Männer mit schlecht -verhehlter Erbitterung.</p> - -<p>Kurz darnach hatte sich plötzlich die große Schankstube -des Gasthofes dicht angefüllt, und laute Rufe der -Entrüstung wurden dort ausgestoßen, daß man ruhig<span class="pagenum" id="Seite_303">[303]</span> -mit ansehen müsse, wie die viele Munition im Dorfe -aufgespeichert werde. Niemand hatte heute ein rechtes -Vergnügen am Biertrinken. Die Deckel klapperten lange -nicht so laut wie sonst an Wintersonnabenden, und als -die neunte Stunde herangekommen war, hatten die -Letzten den Gasthof verlassen. Nur an dem Tische -dicht bei der Tür saß noch ein Gast, der nachdenklich -in sein halbgeleertes Bierglas schaute. Es war Johann, -der Schafhirt der Gemeinde.</p> - -<p>Vor etwa siebzehn Jahren hatten eines Tages Fuhrleute, -die vom Erzgebirge herkommend ihre schweren, -mit Leinen und Klöppeleien beladenen Wagen zur Neujahrsmesse -nach Leipzig führten, einen vierjährigen -Knaben mit ins Dorf gebracht. Sie hatten das Kind -unterwegs gefunden und ein paar Tage mit sich geführt. -Aber das Wetter wurde empfindlich kalt, und der nur -mit einem dünnen Röckchen bekleidete Junge fror entsetzlich. -Deshalb gab einer von ihnen das Kind in die -Obhut einer armen Frau, mit dem Versprechen, es bei -der Rückkehr wieder mitzunehmen. Die Frau nahm -sich des Kleinen an, aber der Fuhrmann kam nicht -wieder. Und als die Summe, die sie für das Kind -bekommen hatte, zu Ende war, erklärte das Weib der -Ortsobrigkeit, daß sie von dem geringen Verdienst ihres -Mannes neben den vier hungrigen Mäulern ihrer eignen -Kinder, nicht auch noch das des fremden Jungen stopfen -könne. Daraufhin mußte wohl oder übel die Gemeinde -für den Fremdling sorgen, der niemand gehörte, und -von dem kein Mensch wußte, ob er Heide oder Christ -war. Auch seinen Namen kannte man nicht, und da -Nachforschungen keinen Erfolg hatten und aus dem, wie -es schien, geistig etwas zurückgebliebenen Jungen nichts<span class="pagenum" id="Seite_304">[304]</span> -herauszubringen war, nannte man ihn Johann und -gab ihn einem Bauern in Pension.</p> - -<p>Dieser schob den Jungen nach einem Vierteljahr -wieder ab, indem er ihn mit der Kleinmagd kurzerhand -zum Nachbar schickte. Der Zweite verfuhr wie -der Erste, und so ging Johann reihum und lernte dergestalt -viele Haushaltungen kennen und viele Menschen -und den Inhalt verschieden gearteter Kochtöpfe und -Suppenschüsseln.</p> - -<p>Zu Klagen bot der Bursche keinen Anlaß. Er war -gutmütig und blieb ein beschränkter, einfältiger Tropf, -was mit einer großen Wunde am Hinterkopfe zusammenhängen -mochte, die der Junge gehabt, als ihn der -fremde Mann zur einstweiligen Aufbewahrung abgegeben -hatte. Nun war aber schon längst Gras über die Geschichte -seines unerwarteten Auftauchens im Dorfe und -über die Wunde eine dicke, rote Narbe gewachsen, vor -der die strohgelben, wie Schweinsborsten in die Höhe -strebenden Haare Johanns ehrerbietig Halt machten, -und die den auch im übrigen keine Schönheiten aufweisenden -Kopf in gleicher Weise verzierte, wie ein -dicker Regenwurm einen gelben Kürbis. – Genug, Johann -war niemandes Feind!</p> - -<p>Als er ein gutgenährter Bursche von fünfzehn Jahren -war, wurde er der Nachfolger des eisgrauen Schafhüters, -nachdem man diesen eines Tages inmitten seiner Herde -entseelt aufgefunden hatte.</p> - -<p>Diese Rangerhöhung vom schlichten Kostgänger -zum Inhaber eines unter der lieben Jugend mit Ansehen -verbundenen Amtes, wurde von den sich in die Unterhaltung -Johanns teilenden Bauern ungefragt gutgeheißen -und von dem Erwählten selbst mit einer an<span class="pagenum" id="Seite_305">[305]</span> -ihm noch nicht gekannten Würde entgegengenommen. -Denn weil der Schafhüter nicht auf Gnadenbissen angewiesen -war, sondern ihm freier Unterhalt im Gemeindehause -von Rechts wegen zustand, war allen geholfen. -Mit der Fähigkeit, ernstlich zu arbeiten, hätte es bei -ihm für alle Zeiten gehapert, aber dem Posten als Befehlshaber -dieser vierbeinigen Garde war der Bursche -vollauf gewachsen.</p> - -<p>Noch immer saß Johann still auf seinem Platze -und guckte nachdenklich in sein Glas.</p> - -<p>Der Gastwirt stand hinter dem Schanktisch und -war mit müden Bewegungen dabei, die leeren Biergläser -in einem mit Wasser gefüllten, hölzernen Schaff zu -spülen. Er war ein kleiner, dicker Mann, dem das -schwarze, gestickte Käppchen mit der roten Quaste -würdig auf dem kurzgeschnittenen, weißen Haar saß. -Den kugelrunden Bauch umspannte gerade auf der Stelle, -wo er den größten Umfang, hatte das Band einer frischgewaschnen -blauen Schürze und teilte ihn mit derselben -gewissenhaften Genauigkeit in eine nördliche und südliche -Hemisphäre, wie dies der Äquator mit der Mutter -Erde freundlicherweise und unverdrossen noch bis auf -den heutigen Tag tut.</p> - -<p>Während des Gläserspülens flogen die schläfrigen -Augen des gutmütigen Alten von Zeit zu Zeit prüfend -hinüber zu dem zurückgebliebenen Gast, der noch immer -keine Anstalten zu gehen machte.</p> - -<p>»Na, Johann,« rief der Wirt endlich dem Schafhirten -zu, »ich dächte, Du gingest jetzt auch heim. Du -träumst wohl schon von dem Dutzend Klößen, das Du -morgen Mittag wieder essen wirst?«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_306">[306]</span></p> - -<p>Der Angesprochene aber sah den verschmitzt lächelnden -Wirt mit großem Ernst an und fragte:</p> - -<p>»Vater Böhme, habt Ihr’s gehört, wie der Bauer -vom Rabenstein heut Abend gesagt hat, jeder müsse jetzt -dem Vaterlande einen Dienst leisten?«</p> - -<p>»Ja, so ähnlich hat’s schon geklungen, was er gesagt -hat, der treffliche Konrad, aber Dich, Johann, hat -er damit nicht gemeint. Zerbrich’ Dir den Kopf nicht -darüber.«</p> - -<p>Der aber blieb hartnäckig bei der Sache und fragte -von neuem:</p> - -<p>»Vater Böhme, habt Ihr schon Euern Dienst -getan?«</p> - -<p>»Noch nicht, Johann. Aber wenn die Männer -ausmarschiert sein werden, dann wissen es schon diejenigen -Frauen, die es bedürfen, daß an jedem Sonnabend -nach Feierabend beim Vater Böhme ein großer -Topf Fleischsuppe für sie bereitstehen wird.«</p> - -<p>»Vater Böhme, nicht wahr, das ist eine Sünde, -wenn einer jetzt für das Vaterland garnichts tut?«</p> - -<p>Der alte Mann blickte verwundert auf den Schafhirten -und schüttelte leise mit dem Kopfe. Dann stemmte -er die Arme breit auf den Tisch, daß der Bauch fest -am Holze lag und antwortete:</p> - -<p>»Wer in den Augenblicken der höchsten Not nicht -wenigstens im Geiste für die gute Sache ist, der versündigt -sich allerdings an seinem Volke. Aber jetzt geh -heim, Johann!«</p> - -<p>Dem Burschen war zwar der eigentliche Sinn -dieser Worte dunkel geblieben, so viel aber hatte er davon -begriffen, daß er jetzt wußte, daß sein Plan gut -war. Mit dem zufriedenen Ausdruck eines Mannes,<span class="pagenum" id="Seite_307">[307]</span> -der in einer schwierigen Frage mit sich ins reine gekommen -ist, stand er auf und verließ, den Gutenachtgruß -vergessend, den Gasthof.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap21">21. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Es war ein kühler Oktoberabend. Die Wolken -jagten in dicke Haufen geballt über die Mondscheibe -hinweg, und über den zahlreichen Pfützen schwebten -graue Dunststreifen.</p> - -<p>Etwa zweihundert Schritte von dem Turme entfernt, -der die Munition barg und so, daß der Wind -keine Funken hinübertreiben konnte, brannte ein mächtiges -Feuer von großen Holzscheiten. Rund um den Holzstoß -war ein Graben ausgehoben, auf dessen Rand ein -Fuhrmann saß, der die Pferdewache hatte. Er war in -einen weiten, schwarzen Mantel gehüllt, dessen Falten -seinen Körper ungeheuerlich groß erscheinen ließen; auf -seinen Knien lag ein alter, breiter Reitersäbel. In -geringer Entfernung dahinter, in einer Talwelle, brannte -ein zweites Feuer, um das die übrigen Fuhrleute, gleichfalls -in die Mäntel gewickelt, im Schlafe lagen. In -engem Halbkreis standen, mit dem Rücken gegen das -Feuer, die an Pflockleinen festgemachten Pferde. Sie -hielten die Köpfe gesenkt und wie die Männer schienen -auch sie zu schlafen. Von Zeit zu Zeit stampfte einer -der Gäule mit den Hufen den weichen Boden und trat -soweit zur Seite, daß er an seinen Nachbar anstieß,<span class="pagenum" id="Seite_308">[308]</span> -oder eines der Tiere hob den Kopf, prustete laut und -schüttelte müde die Mähne.</p> - -<p>Ein drittes Feuer hatten drüben an der Straße -die französischen Soldaten angezündet, die den Transport -begleiteten.</p> - -<p>Der einsame Fuhrmann ergriff einen von seinen -Ästen befreiten Stamm einer jungen Kiefer und schob -ein paar abseits liegende Scheite näher zu den Flammen, -als er mit einem Mal einen jungen Burschen neben -sich bemerkte, der seine Bemühungen aufmerksam betrachtete. -Blitzschnell hielt der Fuhrmann in seinem -Beginnen inne, wandte sich zu dem Erschienenen und schrie:</p> - -<p>»Holla, Du Teufelsbraten, Dich hat gewiß die -Erde ausgespien! Warum schleichst Du so hinterrücks -heran? Soll ich Dich mit meinem Schürbaum hineinfegen -in Dein flammiges Element?«</p> - -<p>Und er hob den Stamm und holte mit einer -drohenden Gebärde aus, als wolle er seine Worte zur -Tat machen.</p> - -<p>Der Angekommene aber stand dem Erregten so -ruhig gegenüber, als wenn ihn dessen Drohung nicht im -geringsten anfechte. Die Hände in den Taschen seines -langen, grauen Kittels verborgen, sah er gelassen in die -zornfunkelnden Augen und hielt den Blick mit großem -Gleichmut aus.</p> - -<p>So verstrich eine Sekunde. Dann wandte sich der -Fuhrmann ab, spuckte in weitem Bogen in die Flammen, -warf mit tiefem Lachen den Baum zur Erde und setzte -sich zugleich nieder.</p> - -<p>Noch immer laut lachend rief er:</p> - -<p>»Da hat mich doch dieser Einfaltspinsel zum Angsthasen -gemacht. Ich kann’s aber auch auf den Tod nicht<span class="pagenum" id="Seite_309">[309]</span> -leiden, wenn’s einer darauf anlegt, mich zu erschrecken. -Komm, Du Schlingel, setze Dich zu mir und hilf mir -die Langweile bannen. Hast eine beneidenswerte Gemütsruhe -an Dir, Bursche. Hahaha, steht da wie ein -Pfahl, und doch hätt’ ich ihn beinahe totgeschlagen.«</p> - -<p>Der Angesprochene setzte sich bedächtig zur Seite -des Fuhrmanns nieder und ließ mit Behagen die wohltuende -Wärme des Feuers auf sich wirken. Unterdessen -brachte der Fuhrmann aus der Tasche seines Mantels -eine kurze Pfeife mit selbstgeschnitztem Kopfe hervor, -nahm einen brennenden Spahn und zündete sie an.</p> - -<p>»Wer bist Du denn, Du maulfauler Geselle?« hob -er endlich an.</p> - -<p>»Ich bin Johann, der Schafhirt von Rehefeld,« -antwortete der Gefragte mit einem Anflug von bewußtem -Stolz.</p> - -<p>Der Fuhrmann spuckte zweimal kurz nacheinander -aus, warf wieder einen langen Blick auf den Burschen -an seiner Seite und sagte mit Ausdruck:</p> - -<p>»Je länger ich Dich betrachte, mein Freund, umso -aufdringlicher kommt mir die Ueberzeugung, daß keines -Deiner allergrößten Schafe dümmer sein kann als ich -vorhin gewesen bin. Aufrichtig gesagt, ich hätte mir -selbst leid getan, wenn ich Dich totgeschlagen hätte.«</p> - -<p>»Mir auch,« versicherte Johann einsilbig, denn er -dachte nur an das, was er zu tun entschlossen war.</p> - -<p>Der Fuhrmann nahm die Pfeife aus dem Munde, -spuckte bedächtig in die Glut und warf einen neuen, -verstohlenen Blick zur Seite. Dann versetzte er:</p> - -<p>»Bursche, Du bist entweder ein mit allen Salben -geschmierter Windhund, oder ein ausgemachter Narr!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_310">[310]</span></p> - -<p>Johann hatte aber kein Interesse daran, was der -fremde Mann von ihm dachte. Sein armseliges Hirn -hatte einen Plan ausgesonnen, so groß, wie ihm noch -keiner geworden war und der seine ganze geistige Kraft -alarmiert hatte. Freilich war sein Hirn von der Mutter -Natur recht stiefmütterlich bedacht worden, dafür regte -sich aber in ihm alle jene instinktive Verschmitztheit und -Schlauheit, die die mit feinen Verstandeskräften nicht -sonderlich ausgerüsteten Menschen in bedeutungsvollen -Augenblicken überkommen. Jetzt empfand er es auch, -daß dieser Mann neben ihm seinen ganzen herrlichen -Plan vereiteln konnte, und daß es nur von seiner Geschicklichkeit -abhinge, ihn nicht argwöhnisch zu machen.</p> - -<p>»Ihr habt am Abend die Pferde aus den warmen -Ställen gezogen,« sagte er, »Ihr wollt doch nicht etwa -zur Nacht aufbrechen?«</p> - -<p>»Daß Dir der leibhaftige Gottseibeiuns das Genick -umdrehe,« antwortete der Fuhrmann, »bist Du etwa -von den Preußen als Spion hergeschickt, he?« Bei -diesen lautgesprochenen Worten nahm der Fuhrmann -die Pfeife aus dem Munde und sah den Schafhirten -scharf an, als wolle er im Grunde seiner Seele lesen.</p> - -<p>Dieser aber bewahrte seine gutgespielte Harmlosigkeit, -kicherte leise vor sich hin und versetzte:</p> - -<p>»Hab’s noch nicht probiert mit diesem saubern -Handwerk. Soll ja viel einbringen, aber bisweilen auch -den Hals kosten. Und was tut der Mensch dann ohne -Kopf? Seinen klingenden Lohn kann er nicht mehr -genießen und bleibt obendrein ein Krüppel zeitlebens.«</p> - -<p>Der Fuhrmann hatte wieder beruhigt ausgespuckt -und lachte jetzt laut auf.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_311">[311]</span></p> - -<p>»Du gefällst mir, Bursche,« rief er und schlug -Johann derb auf das Knie. »Du hast recht, es ist ein -bißchen windig mit dieser Karriere. Sonst hätte ich -mich selbst schon längst damit befaßt.«</p> - -<p>»Seht,« begann Johann von neuem und sah aufmerksam -in die Flammen »warum sollte ich auch meinen -Beruf mit diesem vertauschen? Tät’ ichs, so würden -mich selbst die ärgsten Spitzbuben verachten, daß ich -den Stand derjenigen so tief herabsetze, die sich freiwillig -oder gezwungen dazu hergeben, die nun einmal vorhandenen -Gefangenhäuser zu bevölkern. Und ein rechtschaffener -Bettler würde lieber einem armen Mann sein -letztes Huhn stehlen, als daß er auf das Klimpern des -Sündenlohnes in meiner Tasche hin die Hand hohl -machte. Lieber bleibe ich also Knecht.«</p> - -<p>»Ich merk’s, Du bist ein Galgenvogel,« unterbrach -der Fuhrmann den Sprecher, »aber fahr fort in Deiner -Rede.«</p> - -<p>Johann ließ sich durch den Einwurf nicht beirren, -sondern begann von neuem und recht geheimnisvoll:</p> - -<p>»Ich sagte, ich sei ein Knecht? Das ist eigentlich -nicht richtig, denn niemand darf sich so frei fühlen, wie -ich es bin. Die Arbeit ist ein Joch, das den Menschen -auf eine Stufe mit dem Stier stellt, der neben dem -Pferd vor dem Pfluge einhergeht. Die Arbeit macht -den Menschen häßlich, zeichnet ihm harte Linien ins -Gesicht, verdirbt seine gerade Haltung und den leichten -Gang und schafft grobe Hände. Und warum lassen die -Menschen trotz alledem und alledem nicht von ihr ab? -Weil mit der Arbeit die Sucht nach dem Gewinn in -das Herz einzieht! Hat die Arbeit dem Menschen erst -einmal so viel eingebracht, was dem Wert eines Stückchens<span class="pagenum" id="Seite_312">[312]</span> -Fingernagel gleichkommt, wie man sich’s täglich abbeißt, -dann hat auch schon der böse Geist die arme Seele gepackt, -und sie verzehrt sich vor Sehnsucht nach immer -reicherem Gewinn. Und wo ist die Grenze, an der -angekommen der Mensch aufhörte zu streben und aufhörte -auf mehr zu hoffen? Es gibt keine! Und darum -sage ich: in der Arbeit sitzt der Teufel!«</p> - -<p>»Hm,« begann der Fuhrmann zögernd, »meine -Mutter sprach vor vielen Jahren freilich anders, doch -war sie eine einfache, ungelehrte Frau, und zudem war -damals die Einsicht noch nicht so tief in das Volk eingedrungen -wie heutzutage. Doch erzähle weiter, mir -sprichst Du jedenfalls aus der Seele.«</p> - -<p>»Seht mich an,« fuhr der Schafhirt fort, »wie -reich ich bin! Und doch hasse ich die Arbeit und gebe -mich nie dazu her. Frühmorgens, mit dem ersten Sonnenstrahl, -springe ich vom Lager auf und treibe meine -Herde hinaus auf die grünen Fluren. Dort bin ich -mit den Tieren allein in traulicher Einsamkeit, die kein -lästiger Mensch stört. Ein Teil der Herde grast, ein -anderer steht um mich herum und hört mir zu, wie ich -auf meiner Schalmei blase, derweilen der wachsame Spitz -die Tiere bellend umkreist. Ich habe nur nötig, hierhin -zu gehen, gleich folgt mir alles nach, meine Schritte -dorthin zu lenken, um die Schar wieder zur Umkehr zu -bringen. Sie sind meine Untertanen, und ich bin ihr -König. Der Himmel ist mein Baldachin, der moosgeschwellte, -blumige Sitz mein Thron, und die Hirtenpfeife -ist mein Zepter. Sagt, kann man mich hiernach noch -einen Knecht nennen?«</p> - -<p>»Du hast Dir jedenfalls ein Metier erwählt, das -für Dich paßt,« antwortete der Fuhrmann, ohne des<span class="pagenum" id="Seite_313">[313]</span> -Schafhirten Frage zu beachten. »Für mich wäre es -aber nichts, denn mich würde schon am ersten Tage die -Langweile mit Stumpf und Stiel auffressen. Du bist -ein Träumer, ich hingegen bin ein ruheloser Stürmer, -ein Reptil mit hundert Gelenken, die sich unaufhörlich -bewegen. Nun hör mich an, und sage mir, wie Dir -mein Leben gefällt, das ebenso ruhelos ist und reich an -wilden Szenen, wie Deine Tage ohne Aufregung und -in ihrer Gleichförmigkeit zermalmend dahinfließen.</p> - -<p>Wir Fuhrleute sind ein rauhes, liederliches Volk -und fürchten Gott und den Teufel nicht. Wir vom Troß -der Armee haben das bessere Teil erwählt. Denn während -vorn zerrissene Leiber auf den Rasen stürzen, befinden -wir uns weit hinten allen Gefahren für Leib und Leben -entrückt und spielen unterdessen Meister und Sieger. Und -zu alledem sind wir ein unentbehrlicher Teil des Ganzen, -wichtiger zuweilen, als die Hälfte der Streitmacht und -von dieser hochgeschätzt und immer gern gesehen. Keine -Schlacht kann ohne uns geschlagen werden, denn wir -schaffen ihnen das mordgierige Blei und das Pulver -herbei, und was frommte dem Heere der schönste Sieg, -wenn nach der Schlacht unsere Räder den Erschöpften -und Hungrigen nicht die gehörige Atzung zuführten! -Heute hier, morgen dort, einmal im Überfluß, dann -wieder darbend, das was begehrlich erscheint entweder -durch Bitten und Versprechungen willfährig machend – -betörend, oder mit herzhaftem Griff an sich reißend, -um es nach dem Genusse wieder wegzuwerfen – –, -so treiben wir im Regen und Sonnenschein, jahraus -jahrein, bergauf talab singend und peitschenknallend unsere -Pferde durch die Welt, wir, die Männer der Straßen!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_314">[314]</span></p> - -<p>»Sagt doch einmal,« warf Johann eingeschüchtert -ein, »Ihr seid Eurer Sprache nach ein Deutscher. Wie -kommt es denn nun, daß Ihr gerade den Franzosen -Pulver und Blei nachfahrt? Sie benutzen es doch nur -dazu, um Eure Landsleute damit zu verderben. Der -Rabensteiner hat gesagt, es dürfe kein deutscher Mann -den Feinden des Vaterlandes dienen.«</p> - -<p>»Ach was, Firlefanz,« antwortete der Fuhrmann, -»ich gehe mit dem, der am besten zahlt. Und dann, -Bursche, ist es doch mehr Ehre den siegreichen Heeren -des großen Franzosenkaisers hinterdrein zu ziehen, als -beispielsweise den preußischen Regimentern, die doch -in der Mehrzahl nur aus zusammengelaufenem Pack -bestehen.«</p> - -<p>»Ja, aber der Rabensteiner hat gesagt,« erwiderte -Johann halsstarrig, »daß – – –«</p> - -<p>»Hol Dich der Henker mit Deinem verdammten -Rabensteiner,« schrie der Fuhrmann auf und spuckte -zornig ins Feuer, »sorg lieber dafür, daß Du Dir -einstmals eine bessere Gruft ausgesucht hast, als sie Dir -der Rabenstein bietet. Was schiert mich das Vaterland! -Heute hier, morgen dort. Wo man trinkt und liebt ist -mein Vaterland!«</p> - -<p>Er stopfte aus einer getrockneten Schweinsblase -neuen Tabak in seine Pfeife, zündete sie an und stieß -den Rauch in mächtigen Wolken aus dem Munde. -Dann begann er wieder:</p> - -<p>»Du vorwitziger Gelbschnabel hast eben nicht den -leisesten Begriff, wie lustig das Leben unter den Flügeln -der siegreichen Adler ist. Laß Dir davon erzählen. -Übrigens wirst Du wohl vom Hörensagen wissen, daß<span class="pagenum" id="Seite_315">[315]</span> -es gerade bei den Preußen nicht in Saus und Braus -hergeht!</p> - -<p>Tagelang sehen wir von der Armee kein Käppi -und schalten nach unserm eignen Willen. Den Bauer -machen wir willfährig und zwingen ihn, die fetteste -Sau im Stalle zu einem Frühstück für uns abzustechen. -Rauben dürfen wir beileibe nicht, aber, wie’s so kommt, -etwas bleibt immer an den allzeit klebrigen Fingern -hängen. Und köstlichen Spaß gibt’s bisweilen auch. -Merk auf, Bursche!</p> - -<p>Im verflossenen Monat war’s, da zogen wir in -langsamen Märschen mit schwerbeladenen Proviantwagen -durch thüringisches Gebiet. Der Tag war heiß, denn -die Septembersonne brannte seit dem frühen Morgen -recht empfindlich auf uns hernieder. Der Weg wurde -uns sauer, und wir hatten noch weit bis ins nächste -Dorf. Da tauchte ein einzelnes Bauernhaus auf, das -unsern Blicken bisher durch eine Waldecke verborgen -geblieben war. Erschöpft kamen wir an und wetterten -nach Speis’ und Trank. Im nächsten Augenblick erschien -eine runzlige, alte Vettel auf der Haustürschwelle, -die heulend versicherte, daß die Soldaten all ihre bewegliche -Habe zerstört oder mitgenommen hätten, und -sie den vorangezogenen Fuhrleuten die letzten Kartoffeln -hätte geben müssen, von denen sie sich selbst das Mittagsmahl -bereiten wollte.</p> - -<p>Ich sah durch das Fenster in die Stube und erkannte -sofort, daß in diesem Hause nichts mehr zu holen -war, in dem selbst die Mäuse, statt Futter zu finden, -sich nur Blutblasen an die Pfoten gelaufen haben würden.</p> - -<p>Ich war erbost, denn mich plagte Hunger und -Durst. Da kam mir mit einem Male ein köstlicher Gedanke:<span class="pagenum" id="Seite_316">[316]</span> -sollen wir hier nichts bekommen, so müssen wir doch -unsern Spaß haben! Ich raun’ meinem Kameraden -ein paar Worte zu, daß er laut auflacht. Aber schon -bin ich entschlossen und mach’s kurz. Mit festem Griff -fasse ich die zaundürre Hexe trotz allen Keifens und -Widerstrebens um den Leib, und hoppdihopp, sitzt sie -rittlings auf dem breiten Rücken des Handpferdes. Starr -vor Schrecken klemmt sie auf dem Gaul wie eine Wäscheklammer -auf der Leine und rührt sich nicht. Da fliegt, -wie aus der Kanone geschossen, der Bauer aus dem -Hause heraus, der die unfreiwillige Prüfung seines -Ehegespons auf ihre Reitfertigkeit wahrscheinlich schon -von drinnen beobachtet hatte. Seine spärlichen, weißen -Haare hingen wirr um den kahlen Schädel, und während -ich auf den Bock gesprungen war, hob er die Hände -zu mir empor und wimmerte wie eine sterbende Katze -um sein Weib. Ich aber treibe die Pferde an; – er -greift nach den Zügeln, um die Gäule zurückzuhalten. -Da habe ich auch schon den blanken Säbel in der Hand -und lasse die flache Klinge auf seine Arme niederfallen.</p> - -<p>Wie Schilfrohr knickte der morsche Röhrenknochen -des fleischlosen rechten Unterarmes um und hing zu -Boden, wie ein zerbrochener Rührlöffel. Ich schlage -kräftig auf die Pferde ein, daß die wahrscheinlich von -der Peitsche getroffene Alte heulend in die Höhe fährt, -und in rascher Bewegung rollt der Wagen die Straße -entlang. Da kommt wieder Leben in den in wunderlicher -Haltung auf dem Pferde hockenden Reiter, und -bald flehend, bald zischend vor Galle begehrt die Bäuerin, -sie herunterzulassen.</p> - -<p>Es war ein ausgezeichneter Spaß, der uns über -Hunger und Durst reichlich hinwegtröstete. Etwa zwei<span class="pagenum" id="Seite_317">[317]</span> -Stunden führten wir das Weibsbild hoch zu Roß mit -uns. Dann kam ein französischer Offizier angeritten, -der uns das Pläsier verbot und die Alte unnützerweise -durch ein des Weges kommendes Gespann wieder zurückbringen -ließ.</p> - -<p>Ein paar Tage später bin ich in Verlegenheit. -Meine Sacktücher sind zu Ende gegangen, weshalb ich -genötigt bin, den Schweiß immerzu mit dem Rockärmel -von der Stirn zu wischen, und meine Füße steckten barfuß -in den Stiefeln. Da halte ich in einem elenden -Dorfe vor einem niedrigen Hause, in dem sich, wie es -schien, keine lebende Seele befand. Ich zweifelte, ob -da drinnen für mich etwas sein könne, gehe aber doch -hinein.</p> - -<p>Die vordere Tür im Hausflur war verschlossen. -Ich öffne die hintere und komme in eine sehr ärmlich -aussehende Küche. Wie ich aber auf die Türschwelle -trete, da frohlockt’s in mir, denn eine Anzahl bunter und -weißer Leinwandstücke liegt auf dem Tische durcheinander. -Das war’s ja gerade, was ich suchte. Ich -eile also darauf zu und fange an, den Vorrat hurtig -im meine Taschen zu stopfen. Da höre ich heftiges -Atmen und wie ich mich umwende, sehe ich in einem -Bett eine junge Frau liegen. Mit fliegenden Worten -beschwört sie mich, davon abzustehen. Sie sei seit gestern -Mutter und die Leinwand wäre zu Hemden und -Windeln für den um einen ganzen Monat zu früh -erschienenen Erdenbürger bestimmt. Die Nachbarin wäre -soeben noch bei ihr gewesen und sei nur für kurze Zeit -fortgegangen, um nach den eigenen Kindern zu sehen.</p> - -<p>Ich aber überlege nicht lange. Meine Not ist -groß, und der Säugling mag sehen wo er bleibt. Ich<span class="pagenum" id="Seite_318">[318]</span> -kehre mich also nicht an das Rufen der Mutter, sondern -raffe zusammen was ich bekomme. Ihr Geschrei wird -aber ärger, und ich bin besorgt, daß man sie auf der -Straße hören könne. Nun weiß ich aber, wie schwer -es ist, einem zeternden Frauenzimmer mit Erfolg das -Maul zu verbieten. Da fällt mein Blick auf den Ofen, -ein zweiter auf das trinkende Kind an ihrer Brust. Ich -springe hinzu, reiße ihr die hungrige Brut weg und lege -sie dicht vor dem Tische auf den Fußboden nieder. Dann -ziehe ich den eisernen Topf mit kochendem Wasser aus -der Röhre und setze ihn so auf die Kante des Tisches, -daß er beständig zwischen Stehenbleiben und Umkippen -schwankt und suche mir nunmehr in aller Gemütsruhe -die besten Leinenstücke aus. Das dünne Zeug werfe ich -zurück, da es mir nicht viel nützen konnte.</p> - -<p>Du hättest sehen sollen, Junge, wie jetzt das Weib -schwieg, denn ein kleiner Stoß von mir an den Tisch -hätte den Topf zum Umkippen gebracht, – – und -darunter lag der schmatzende, quäkende Wurm.</p> - -<p>Der Mutter hatte der Schrecken gewaltig eingeheizt. -Ihr Gesicht war grau geworden und mit kreisrunden -Augen und ohne alle Bewegung schaute sie auf ihr Junges, -als wenn es von ihrer ruhigen Haltung abhinge, daß -der unaufhörlich schwankende Topf stehen bleibe.</p> - -<p>Als ich dann von der Straße neugierig durch das -Fenster schaute, sah ich, wie das Weib wie eine aufgezogene -Puppe zum Ofen ging, das Kind aufhob und -gleich darauf mit ihm umfiel.«</p> - -<p>Der Fuhrmann brach hier kurz ab und blickte erstaunt -auf den neben ihm Sitzenden. Johann war zusammengesunken, -seine Augen waren starr vor sich -niedergerichtet und die Zähne fest aufeinandergebissen.<span class="pagenum" id="Seite_319">[319]</span> -Der Körper des jungen Mannes bebte, und es kostete -ihm sichtlich viel Mühe, ruhig zu bleiben.</p> - -<p>Da stieß der Fuhrmann mit einem wilden Fluche -den Säbel auf den Boden, daß das Eisen klirrte und -sagte drohend, aber mit gewaltsam gedämpfter Stimme:</p> - -<p>»Du gefällst mir nicht, Bursche! Bringe mich -nicht in Versuchung, mit dem Korb meines Säbels -Dir Deinen windschiefen Hirnkasten einzuschlagen!«</p> - -<p>Bei diesen Worten kam Johann rasch die Ueberlegung -zurück. Die tierische Wut, die den seine Leidenschaften -nicht beherrschenden, geistesschwachen Jüngling -während der letzten Worte der Erzählung des Fuhrmanns -so urplötzlich gepackt hatte, wich von ihm und -die Besinnung kam wieder. Er hatte sich in seinen -Plan so verbissen, daß der Gedanke an die Möglichkeit -des Scheiterns alle andern Regungen in seiner Seele zum -Schweigen brachte.</p> - -<p>Mit geheucheltem Erstaunen drückte er dem Erzähler -seine Verwunderung über dessen Zornesausbruch -aus und mit zwinkernden Augen und listigem Schmunzeln -rieb er sich die Hände und kicherte wieder still vor sich hin.</p> - -<p>»Das muß ich schon gestehen,« beeilte er sich hinzuzufügen, -»Euer Beruf ist kurzweiliger als der meinige, -wenn Ihr öfters solche lustige Streiche vollführt.«</p> - -<p>Dabei schossen seine Blicke verstohlen zu dem Mann -an seiner Seite, um zu ergründen, ob dessen Argwohn -verflogen sei.</p> - -<p>Der Fuhrmann aber rührte sich nicht. Die Pfeife -lag in seinem Schoße, und der Blick war finster in die -Nacht hinaus gerichtet.</p> - -<p>Eine geraume Weile verstrich in beiderseitigem -Schweigen. Dann legte der Fuhrmann den noch immer<span class="pagenum" id="Seite_320">[320]</span> -mit der Faust umklammerten Säbel wieder auf die -Knie, während sich seine Augen mit sinnendem Ausdruck -auf die züngelnden blauen, gelben und roten -Flammen des niedrigbrennenden Feuers hefteten.</p> - -<p>»Es gab eine Zeit,« begann er wie im Selbstgespräch -und mit so veränderter Stimme, daß Johann -bei dem weichem Klange plötzlich aufhorchte und angestrengt -nachsann, ob er diese Stimme nicht schon einmal -gehört habe, »es gab eine Zeit, zu der ich die -Achtung aller die mich kannten genoß, und der Name -Laurentius Kräutlein einen guten Klang hatte. Damals -war ich an Jahren noch ein junger Mann und an -Herzenseinfalt ein Kind. Ich genoß auf Erden die -Wonnen des Paradieses. Da griff das grausame -Schicksal jäh zu und zerbrach mir mein sonniges Glück. -In einer einzigen Stunde verdorrten Blüten und Blätter, -und ich ward zum ruhelosen, rauhen Mann, den die -bösen Mächte um Heimat und Glück betrogen. Und -darum sage ich: – es gibt keinen Gott.«</p> - -<p>Des armen Johanns aber hatte sich bei diesen Worten -des Mannes, die eine furchtbare Anklage an das Schicksal -enthielten, eine tiefe Regung bemächtigt. Und mit -fliegendem Atem versetzte er:</p> - -<p>»Der Pastor Reinerz aber sagt immer: Es gibt -einen Gott, und dieser läßt sich nicht spotten!«</p> - -<p>Da fuhr der Fuhrmann zornig auf, und alle -Weichheit war wieder von ihm gewichen, als er herausbrach:</p> - -<p>»Halte Dein lästerliches Schandmaul, Du Rabenaas, -es gibt keinen, sage ich,« dabei drohend den Säbel -von den Knien hebend. Und nach einigen Sekunden -fuhr er beruhigter fort:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_321">[321]</span></p> - -<p>»Merk auf, junger Mann. Ich werde Dir meinen -Lebensgang erzählen, und Du sollst urteilen. Kannst -Du aber, wenn ich geendet, für das Bestehen der Gottheit -noch sprechen, dann werfe ich mich freiwillig in -die Flammen dieses Feuers. – Ich bin im Bayrischen -geboren. Meine Kindheit gestaltete sich so tieftraurig, -daß ich ihrer nur mit Wehmut gedenken kann. So viel -wie andere Kinder gespielt und gelacht haben, habe ich -geweint. Alle im Hause schalten und schlugen mich, -und wer an mir vorüberging, stieß heimlich nach mir. -Mein Vater war ein Hund! Väter, die ihre Kinder, -noch bevor sie geboren sind, im Stich lassen, sind immer -Hunde. Mag der gräßlichste Tod für ihn bestimmt -sein und er jahrelang sterben!</p> - -<p>Meine Mutter war ein engelgutes, schüchternes -Wesen von schwachem Körper. Sie litt unsägliche -Qualen unter den täglichen Boshaftigkeiten ihrer lieben -Verwandten, auf deren Hilfe sie leider angewiesen war. -Ihr ganzes Glück war ich, und ich entsinne mich noch -recht lebendig, wie inbrünstig sie mich als Knaben -manche Nacht im Bette an sich drückte, wobei die -bittersten Tränen aus ihren Augen auf mein Gesicht -niedertropften. Zum Glück starb sie bald, und ich verließ -kurz darauf die Gegend und ließ mich nach manchen -ziellosen Wanderungen im sächsischen Erzgebirge nieder. -Dort erlernte ich die Klöppelei und war in wenigen -Jahren ein sehr geübter Arbeiter, dessen Erzeugnisse ob -ihrer Feinheit und Sauberkeit geschätzt wurden. Ich -war fleißig und sparsam und brachte mir eine hübsche -Summe Geldes auf die Seite. Ich war auch angesehen -und geachtet, – aber glücklich war ich nicht! -Der Stachel, der in der Kindheit in mein Herz getrieben<span class="pagenum" id="Seite_322">[322]</span> -wurde, besaß einen starken Widerhaken und verhinderte, -daß wahre Zufriedenheit über mich kam. Auch -fromm bin ich zu dieser Zeit gewesen und an keinem -Abend schlief ich ein, ohne das Kindergebet gesprochen -zu haben, wie es mich meine Mutter gelehrt hatte.</p> - -<p>Da lernte ich ein armes Mädchen kennen, das -aus Böhmen eingewandert war. Nach kurzer Zeit gestanden -wir uns unsere gegenseitige Liebe und heirateten -bald darauf. Meine Freude war unbeschreiblich und -mir war von dieser Stunde an die Brust mit reinem, -innigem Glück erfüllt, das die traurigen Erinnerungen -an die Kindheit langsam aus der Seele verdrängte.</p> - -<p>Wir erstanden etwas abseits vom Dorfe, dicht an -der Landstraße ein kleines Häuschen, mit schmuckem -Garten und einem ansehnlichen Hühnervolk und lebten -so zufrieden, daß wir unser Glück gegen alle Schätze -der Welt nicht eingetauscht hätten. Mein junges Weib -war heitern Gemüts, das mich ernst Veranlagten fröhlich -machte. Durch das Haus und den Garten scholl -ihre Stimme und ihr lustiges Lachen. Ihre Lippen -waren voll und kirschrot, und ihre dicken, dunkeln Zöpfe -trug sie auf dem Kopfe wie eine Krone. Das herrlichste -an ihr aber waren die pechschwarzen Augen, -aus denen Freude und Lebenslust blitzten und die in -mir die ungeheure Glut entfacht hatten.</p> - -<p>Und als nach Jahresfrist uns in einer weichen -Sommernacht ein Sohn geboren wurde, da stand ich -wunschlos auf dieser Welt. Ich mußte allein sein mit -meinem Glück. Leise verließ ich mein schlafendes Weib -auf kurze Zeit, ging ins Freie und brach in reichfließende -Tränen der Freude aus. Nicht mehr Herr -meiner Gefühle, sank ich in die Knie und lehnte den<span class="pagenum" id="Seite_323">[323]</span> -Kopf an die Hinterwand meines Hauses. Ich dankte -Gott für die Fülle seiner Gaben und gedachte in unendlicher -Liebe meiner verstorbenen Mutter. Auf das -kleine Haus, das meine Teuern barg, hatte sich das -Glück herabgesenkt, das zwei wackere Helfer geschmiedet -hatten: Arbeit und Liebe. Die sturmfesten Stützen des -schirmenden Daches verdankte ich dem Ertrage meiner -Hände Arbeit, und das was den Eingang treulich hütete -und den Glanz im Innern bereitete, war die Liebe.«</p> - -<p>Hier unterbrach der Fuhrmann seine Erzählung. -Noch immer war der Mond von Wolken umlagert. -Der Wind hatte sich etwas erhoben und blies in das -Feuer, daß die Flammen seitwärts schlugen. Durch -die Postenkette ging einer der Fuhrleute, der von der -am nächsten stehenden Schildwache an der Straße angerufen -wurde. Der Wind trug leise den Klang der -Worte herüber, die gewechselt wurden.</p> - -<p>»Parole?« tönte die Frage, und »Jena!« lautete -die gedämpfte Antwort.</p> - -<p>Jetzt wandte sich der Erzähler wieder zu dem -Schafhirten und fuhr fort:</p> - -<p>»Die Schwäche meiner Frau war ihre Putzsucht. -Sie liebte es, sich mit bunten Flicken zu schmücken und -konnte lange die Wirkung solchen Aufputzes im Spiegel -betrachten. Ich habe sie nie darum gescholten, denn -Eitelkeit ist die Zwillingsschwester der Keuschheit. Ich -war froh darüber, daß sie sich solch harmlose Freude -bereitete, denn unser Leben floß recht ruhig dahin. -Bisweilen hatte ich aber die Empfindung, daß Franziska -ihrer Schwäche manchen Groschen opferte, der bei unsern -knappen Mitteln besser für etwas Anderes ausgegeben -worden wäre.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_324">[324]</span></p> - -<p>Fünf Jahre waren seit unserer Verheiratung verstrichen, -als mich eines Sonntags auf dem Heimwege -vom Kirchgang mein Nachbar Werner am Arm nahm -und mir verstohlen zuraunte:</p> - -<p>»Laurentius, gib Acht auf Dein Weib!«</p> - -<p>Ich war so überrascht und erzürnt durch diese -Worte, daß ich den Sprecher am liebsten ins Gesicht -geschlagen hätte, wen mir nicht alsbald das Bewußtsein -gekommen wäre, daß Werner, wenn er auch nur -ein armer Weber war, das größte Vertrauen von jedem -im Dorfe genoß. Fassungslos starrte ich ihm in die -Augen um darin zu lesen, ob er sich einen grausamen -Scherz bereite, oder ob er so schlecht wäre, Mißtrauen -in mir gegen mein reines Weib zu erwecken.</p> - -<p>Je länger ich ihn aber anschaute, umso eindringlicher -kam mir die Überzeugung, daß dieses in Ehren -ergraute Haupt keine schlimme Tat auf sich laden könne, -und ich wurde verwirrt unter dem wohlmeinenden Blick -dieser ehrlichen Augen. Wie ein Rasender stürmte ich -nach meinem Hause.</p> - -<p>Da sah ich von der Schwelle aus ein liebliches -Bild: Franziska hielt den Knaben fest in ihren Armen, -jauchzte vor Freude und küßte wieder und immer wieder -das lächelnde Kind. Noch nie war mir ihr wohlgebildeter, -schmiegsamer Leib so lebensfrisch und anziehend -erschienen, und niemals hatte das Mutterglück ihr Gesicht -so verklärt, wie in diesem Augenblick. Eine warme -Welle trieb mir zum Herzen, und ich bat ihr im Stillen -das bittere Unrecht ab, das ich ihr getan und entschuldigte -Nachbar Werners Verdacht mit unseligem -Irrtum.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_325">[325]</span></p> - -<p>Wenn mir nun auch manches aus den letzten -Wochen an Franziska ungewohnt erschien, so fühlte ich -doch im innersten Herzen, daß eins geblieben war: die -Liebe zu mir und dem Kinde. Mochte sie mit ihrer -Schwäche auch manchmal Ursache zu Gerede unter den -Leuten geben, im Grunde war es doch etwas anderes, -das diesen Menschen die Zungen schärfte: sie gönnten -mir mein Weib und mein friedliches Heim nicht. Gerüchte -tauchen plötzlich auf und zerflattern wieder wie -<span id="corr325">Sternschnuppen</span>, und der Mann hat sein Weib nie geliebt, -den die erste Warnung wider sie in Harnisch -bringt! – Aber ich nahm mir vor, auf die Eindämmung -ihrer immer mehr wachsenden Gefallsucht ernst hinzuarbeiten.</p> - -<p>Der Herbst war ins Land gekommen, und bald -fegten die ersten winterlichen Schauer über die verödeten -Fluren. Es war Sonnabend und ich war, wie -ich es an diesem Tage immer zu tun pflegte, nach dem -zwei Stunden entfernten Annaberg gegangen, um meine -Arbeit der Woche abzuliefern. Hierbei war ich länger -als sonst aufgehalten worden und besorgte deshalb rasch -die gewohnten Einkäufe. Wohlgemut schritt ich auf -der Landstraße hin, mein Bündel im Arm und die -Gedanken daheim bei meinen Lieben.</p> - -<p>Es war kurz vor der Dämmerung, als ich durch -ein Dorf kam, das gerade auf der Hälfte des Weges -lag. Da sehe ich drüben am Mühlgraben Menschen -zusammenlaufen. Ich eile hinüber, um nach der Ursache -des Geschreis zu fragen. Kaum aber bin ich dort angekommen, -gewahre ich einen etwa achtjährigen Knaben -in den Fluten des breiten Grabens, den die Wasser im -Wechsel niedertauchen und dann wieder auf kurze Zeit<span class="pagenum" id="Seite_326">[326]</span> -an die Oberfläche heraufbringen. Der Kleine zappelte -und sträubte sich herzhaft gegen das tückische Element. -Aber es war umsonst, daß das bedrohte Leben sich der -gefährlichen Umarmung zu entziehen versuchte. Nach -ein paarmal Untertauchen würde der Knabe nicht wieder -heraufkommen, und dann nahm ihn der stille, schwarze -Teich auf und bettete den kleinen Leichnam in seinen -tiefen, weichen Schlamm. Wohl hatte der Gedanke meine -Seele durchzuckt, hineinzuspringen und den Versuch zu -machen, den Ertrinkenden zu retten. Aber dieser Versuch -mußte aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem Leben -gebüßt werden, denn das Wasser war übermannstief, -ich war des Schwimmens nicht kundig, und die Wirbel -hätten meinen schweren Körper viel eher hinabgezogen -wie den leichten Knaben. Zudem hatte man ja selbst -Weib und Kind daheim, die ihres Ernährers harrten – -– und ich wandte mich ab.</p> - -<p>Da zerriß der wilde Wehruf eines Weibes die -Luft: »Mein Kind! Um Gotteswillen, mein einziges -Kind!««</p> - -<p>Der Fuhrmann hielt eine Sekunde in der Erzählung -inne, so mächtig packte ihn die Erinnerung. Dann fuhr -er fort:</p> - -<p>»Der Klang dieser Worte drang mir ins Herz wie -glühender Stahl. Ruhig, aber schnell wie das Aufleuchten -des Sonnenlichts zwischen dunkeln Wolken, stellte -ich mir vor: – wenn dieses verzweifelte Weib Deine -Mutter, der Kämpfende Dein Bruder wäre! Dieser Gedanke -ließ die Bedenken gegen den, das eigene Leben gefährdenden -Versuch der Rettung verblassen. Dann wieder -drang es auf mich ein: – wie nun, wenn dies Dein geliebtes -Kind wäre …! und es schien mir, als wenn plötzlich<span class="pagenum" id="Seite_327">[327]</span> -mein Herzschlag stocke. – Was aber würdest Du tun, -schrie es mir wild ins Ohr, wenn Dein Weib hier stünde -und in tödlicher Angst nach einem Retter riefe …!</p> - -<p>»Platz da!« schrie ich mit dem ganzen Aufgebot -meiner Stimme und drängte mich wieder zum Rande -des Grabens. Die Menschen wichen zurück, Mütze und -Rock flogen zur Erde, und dann sprang ich kopfüber in -die eisige Flut. Die plötzliche Kälte raubte mir den -Atem, die Wasser rissen mich mit sich fort, und die -Todesnähe hemmte mir die ruhige Ueberlegung. Zweimal -schlägt es über mir zusammen, dann komme ich -herauf und tue instinktiv wieder einen tiefen Atemzug, -– von neuem umfängt mich die Finsternis, und wieder -unterscheidet endlich mein Auge in der Dämmerung -verschwommen die Gestalten der Menschen am Ufer. -Da streift die Hand einen Körper. Ich erkenne den -Knaben, packe fest zu, und die Wirbel reißen mich zum -letzten Male hinunter. Mit der Verzweiflung des Ertrinkenden -halte ich mich und den Knaben darauf eine -kurze Weile über Wasser und ergreife dann die mir -entgegengehaltene Stange, an der wir ans Ufer gezogen -werden.</p> - -<p>Während die Menge Knaben und Mutter umgibt, -werfe ich flugs mein Gewand über und mache mich auf -und davon. Noch höre ich die jubelnden Worte: er -lebt, er hat die Augen aufgeschlagen? Ich aber wickle -mich, so gut es eben geht, in meinen dünnen Rock und -laufe, als wenn der Böse hinter mir wäre. Endlich -komme ich an meinem Hause an, die Glieder fast erstarrt -vor Kälte.</p> - -<p>Doch, was ist das? Kein Licht? Mein Weib -empfängt mich nicht? – Sie ist ausgegangen! –<span class="pagenum" id="Seite_328">[328]</span> -Aber wohin? Warum? Jetzt zu dieser Zeit pflegt sie -doch niemals das Haus zu verlassen! Die vordere -Haustür ist verschlossen. Ich klinke die Hintertür auf -und trete ein.</p> - -<p>»Franziska!« rufe ich, »Fränzchen, mein liebes -Fränzchen, ich bin wieder da – –!« klingt mein -angstvoller Ruf aus dem plötzlich bebenden Munde. – -Nichts rührt sich, niemand antwortet mir. Ich stolpere -nach der Stube und mache mit zitternden Händen -Licht. Und wie der schwache Schein der Kerze den -Raum erhellt, sehe ich ringsum eine Verwüstung, als -wenn Räuber darin gehaust hätten. Alle Schubfächer -der Kommode, des Tisches sind geöffnet; der Deckel -der großen Lade ist zurückgeschlagen und der Inhalt -auf dem Fußboden ausgebreitet. Weiße und rote Gewänder, -bunte Stoffe und Schürzen, aufgerollte Bänder, -künstliche Rosen und Jasmin wild durcheinander. Sind -das alles Kleider von Franziska? denke ich. Da erscheint -mir dies und jenes bekannt, manches davon aber -hatte sie mir verborgen gehalten. Meine Gedanken -werden wirr. Was um Christiwillen bedeutet das, -und wo ist dein Weib?</p> - -<p>Indem fällt mein Blick auf ein Stück Papier, das -neben dem Leuchter auf dem Tische liegt. Ich hatte -das Gefühl, als wenn mir das Herz still stehe, nehme -den Zettel in die Hand und lese bei dem flackernden -Kerzenscheine:</p> - -<div class="letter"> - -<p>Lieber Laurenz! Du mußt mich gehen lassen -und darfst mir nicht böse sein. Du bist ein herzensguter -Mann, aber ich würde sterben bei diesem Leben. -Ich habe mich jahrelang beherrscht und wollte meinen -leichten Sinn unterdrücken, aber meine Kraft reichte dazu<span class="pagenum" id="Seite_329">[329]</span> -nicht aus. Ich habe, bevor Du mich kanntest, trotz -meiner Jugend schon lustig in den Tag hineingelebt -und kehre nun wieder zu diesem Leben zurück. Vier -Jahre lang habe ich Dir die Treue gehalten, seit ein -paar Monaten aber bin ich des Nachts manchmal aus -dem Haus geschlichen, wenn Du von der Arbeit ermüdet -fest schliefst. Das Glück und die Ruhe in -Deinem Hause würden mich noch töten. Mich verlangt’s -nach Freiheit und wirbelndem Tanz!</p> - -<p>Leb’ wohl und küsse unser Kind, das Du gewiß -zu einem guten Menschen erziehen wirst.</p> - -<p class="mright"> -Franziska. -</p> -</div> - -<p>Den Zettel in den wie vom Starrkrampf zusammengepreßten -Fingern festhaltend, sank ich neben dem Tische -nieder. Das Schicksal hatte mich an der Wurzel allen -Lebens getroffen. Mechanisch glitten meine Hände über -die bunten und weichen Stoffe, die ich streichelte wie -ein Kind sein liebstes Spielzeug. Da vernehme ich -hinter mir ein leises Geräusch und erkenne im Halbdunkel -mein Kind, das vom Schlummer erwacht ist, -sich erhebt und noch schlaftrunken lächelnd sich mir -nähert. In diesem Augenblick vollzieht die Natur in -meinem Innern einen urplötzlichen Umsturz. Gutes -verwandelt sich in Böses, Weichherzigkeit in Grausamkeit -und Gelassenheit in wilde Wut. Ich will gegen -das Schicksal wüten, und – wende mich gegen meinen -Knaben. Ein Stück von diesem verruchten Weibe! ruft -eine Stimme in mir, und die wilden Flammen des -Zornes schlagen hochauf und stürzen mich in Raserei.</p> - -<p>Ich springe in die Höhe, – da hält der Knabe -den Schritt an. Sein leuchtendes Auge verliert den -Glanz vor dem Ausdruck im Gesichte seines Vaters.<span class="pagenum" id="Seite_330">[330]</span> -Angstvoll wendet er sich ab, um davonzueilen, – -da trifft ihn ein fürchterlicher Fußtritt, der den Körper -des Kindes wie einen Ball fortwirft bis hin zum Ofen, -auf dessen steinernem Untersatze der Kopf dumpf aufschlägt.</p> - -<p>Einen Augenblick sehe ich auf den Knaben mit der -blutenden Wunde am Hinterkopfe, dann packen mich -alle bösen Geister. Ich reiße die Kerze vom Tische, -springe hierhin, dorthin und entzünde alles was brennbar -ist in der Stube. Schon lodern die gefräßigen -Flammen neben mir empor und lecken an mir hinauf, -und ich prüfe, welches der feurigste Herd ist, daß ich -ihn zu meinem Ruhbett erwähle, – – da kommt -der Dämon der Feigheit über mich! Ich stürze durch -Qualm und Glut und wie ich meine Sinne wiederfinde, -hocke ich draußen auf der Straße im Graben und -schaue auf mein Haus, aus dessen Fenstern dichter -Rauch und Flammen herausschlagen. Auf der Straße -aber höre ich schwere Wagen daherrollen, dazu die -lauten Stimmen der Fuhrleute. Schon hat der Vorderste -von ihnen die Feuersäule entdeckt, läßt die Pferde -im Stich und eilt auf das Haus zu. Ich aber drehe -mich um und jage wie von Furien gepeitscht über die -Stoppeln. Und seit dieser Stunde bin ich der, der -ich bin!«</p> - -<p>Der Fuhrmann hatte seine Erzählung beendet und -sah gedankenvoll in die hüpfenden, niedrigen Flammen -des Feuers.</p> - -<p>»Mein Haus ist zerstört,« sagte er langsam, »und -mein Sohn verbrannt und unter den Trümmern begraben. -Ich bin bereit jede Vergeltung für meine Tat -zu tragen. Und doch, – zehn Jahre meines Lebens<span class="pagenum" id="Seite_331">[331]</span> -und diese meine Rechte gäbe ich darum, wenn ich die -Tat ungeschehen machen könnte – –«</p> - -<p>Einige Minuten verstrichen. Da ergriff der Fuhrmann -den Baumstamm und stieß ihn mit solcher Kraft -zwischen die schwelenden Scheite, daß die glühenden -Funken knisternd hochaufsprühten.</p> - -<p>»So, Du Großmaul« schrie er Johann zu, »willst -Du es jetzt noch sagen: es gibt einen Gott?«</p> - -<p>Der Angesprochene aber vernahm diese Worte nicht. -Wie ein Steinbild saß er auf dem Grabenrand und -hielt die Augen halb geschlossen. Die nächste Umgebung -entwich dem Kreis seiner Gedanken, aber die bis zu -dieser Stunde in engen Banden gehaltene Kraft der Erinnerung -befreite sich mit einem einzigen Kraftausbruch -von ihren bisherigen Fesseln, und sein Geist eilte zurück -bis in seine Kindheit. Vor seiner Seele stieg das -Bild eines jungen Weibes herauf mit roten, schwellenden -Lippen, tiefdunkeln Augen und einem Kranze glatter -Flechten, die wie eine Krone auf der Stirn ruhten. -Auch den Klang ihrer fröhlichen Lieder vernahm er und -er fühlte deutlich, wie die roten Lippen seinen Mund -küßten. Neben diesem Bilde malte die Erinnerung mit -zauberhafter Deutlichkeit das eines Mannes mit ernsten -Zügen, dessen Augen voll Liebe und unaussprechlichem -Glück auf das Kind gerichtet waren. Mit wunderbarer -Schärfe traten noch andere glückliche Erinnerungen an -die Kindheit aus dem bisher undurchdringlichen Dunkel -heraus, bis zuletzt der düstere Anblick der Stube im -elterlichen Hause im Scheine einer Wachskerze heraufstieg, -und ihn aus einem entstellten Männerantlitz zwei -drohende Augen trafen – – –</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_332">[332]</span></p> - -<p>Der Schafhirt sprang in die Höhe und taumelte -wie ein Berauschter ein paar Schritte zur Seite.</p> - -<p>»Haha,« lachte der Fuhrmann, »nicht wahr, mein -Bürschchen, jetzt ist Dir der Appetit zum beten vergangen?«</p> - -<p>Da warf der Schafhirt dem Manne einen langen -Blick zu, als wenn er diesen Anblick mit dem Bilde -in seiner Seele vergleichen wolle, – und er wandte -langsam die Augen ab. Mechanisch kehrte er sich um -und ging schwerfällig auf dem Wege weiter, der zum -Turm führte.</p> - -<p>»Heh!« rief der Fuhrmann dem Jüngling zu, »dort -habt Ihr nichts zu suchen. Geht links hinüber, sage -ich Euch!«</p> - -<p>Aber schon trugen den Schafhirten die Füße nicht -mehr weiter. Er strauchelte und fiel neben dem Wege -zwischen die blätterlosen Ruten eines Haselnußstrauches. -Und dann glitten seine Hände zuckend über den Boden, -und die starren Finger krampften sich hinein, als wenn -ein Schwindelnder Halt sucht, und den Mund preßte er -fest auf Erde und Moos, um das wilde Schluchzen zu -ersticken, das ihm das Herz schier zersprengen wollte.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap22">22. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Vor der schmalen Eingangstür des Pulverturmes, -mit dem Rücken gegen das Mauerwerk, standen in dunkler -Nacht zwei Schildwachen in eifrigem Gespräch. Der -eine der Männer mochte fünfundvierzig Jahre zählen -und war hochgewachsen und breitschulterig. Sein verwettertes<span class="pagenum" id="Seite_333">[333]</span> -Gesicht mit den klugen und ausdrucksvollen -Zügen erhielt durch den den Mund vollständig bedeckenden, -buschigen Schnauzbart, dessen lange Spitzen wie die -Kiele starker Rabenfedern von der Oberlippe abstanden, -einen Stich ins Martialische. Wie selten auf einem -Antlitz, war auf diesem die stärkste Charaktereigenschaft -seines Trägers scharf ausgeprägt, denn die blitzenden -Augen und die scharfgekrümmte, starke Adlernase verrieten -eine außergewöhnliche Kühnheit. Er trug die -Uniform der Alten Garde, und seine Brust war mit -zahlreichen Kriegsmedaillen und Kreuzen geschmückt.</p> - -<p>Der andere der beiden Männer war ein blutjunges, -schmächtiges Bürschlein mit bleichem und schmalem Gesicht.</p> - -<p>»Ich sage Dir,« sprach mit tiefer Stimme der -alte Gardist, »Du hast ein Leben begonnen, das reich -an Ehren ist. Der Ruhm, der sich an den Flug der -Kaiserlichen Adler heftet, berauscht alle bis auf den -letzten Soldaten seiner Armee und bewirkt, daß sich -Alter und Jugend, Vornehm und Niedrig willig ihm -beugen. Das Schicksal hat uns wunderbar zusammengeführt: -ihn, den Kriegsgott und uns, die Söhne der -großen Nation! Ein bedeutsamer Sieg steht uns bevor; -die Kanonen, die Du heute hörtest, verkündeten aufs -neue seine Unsterblichkeit. Leipzig müssen wir gewinnen, -mein Sohn, und wenn den altersschwachen Gott der -Christen des Kaisers Arme selbst herunterreißen müßten!«</p> - -<p>»Sagt mir doch,« klang zögernd die mädchenhafte -Stimme des jungen Soldaten, »warum seid denn Ihr -nicht bei Euerm Regiment?«</p> - -<p>»Ach,« versetzte der Gardist mißmutig und verzog -das Gesicht, als wenn er Essig im Munde habe, so daß -der gewaltige Schnurrbart in heftige Bewegung geriet<span class="pagenum" id="Seite_334">[334]</span> -»Bei Lützen sprang mir ein Granatsplitter ins Bein, -daß ich kampfunfähig wurde und mehrere Monate im -Spital zubringen mußte. Vor wenigen Tagen erst gab -man mich frei, und ich schloß mich diesem Munitionstransport -an, denn ich brannte vor Begierde, wieder -zu meinem Regimente zu stoßen. Von den elf Blessuren, -die ich bisher erlitt, ist es die letzte gewesen, während -deren Heilung ich vor Ungeduld bald gestorben bin.«</p> - -<p>»Man sagt,« begann der Jüngling von neuem, -»daß der Kaiser sich seine Generale selbst heranbilde, -und daß der Lehrer keinem seiner Schüler einen starken -Einfluß auf die Heranführung der Armeen zum Kampfe -einräume.«</p> - -<p>»Das ist wahr,« antwortete der Gardist und zwirbelte -seinen Schnurrbart. »Die Pläne zu allen großen -Schlachten sind in dem Hirn unseres genialen Meisters -erdacht worden. Deshalb gebührt auch ihm der größte -Teil von dem Ruhme seiner Siege. Seine Marschälle -sind nichts anderes als Ausübende seiner Befehle. Vielfach -früher gemeine Soldaten, sind sie aus der hohen -Schule des großen Kaisers hervorgegangen. Der wahre -Meister lehret die Gehilfen selbst. Und wen einmal der -Korse für vollgewichtig fand, der zählt in Zukunft zu -des Imperators Paladinen!«</p> - -<p>»Ihr habt den Kaiser recht sehr in Euer Herz geschlossen, -merke ich,« sprach der Jüngling. »Ihr müßt -doch eine gewaltig hohe Meinung von ihm haben.«</p> - -<p>Der alte Soldat wandte sich um, daß er dem -andern den Anblick seiner breiten Brust bot und ließ -seine blitzenden Augen spöttisch auf dem Milchgesicht -ruhen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_335">[335]</span></p> - -<p>»Junger Kamerad,« versetzte er endlich, »Du kommst -mir vor, wie ein frisch dem Mutterleibe entstiegenes -Böcklein, das in den wärmenden Sonnenstrahlen seine -possierlichen Sprünge macht. Deine Worte klingen wie -das Lallen eines Kindes. Noch ganz andere Männer -als ich huldigen unserm großen Kaiser, dem die Meinung -der Menschen nichts an seinem Ruhme schmälern oder -hinzufügen kann. Seine welterschütternden Taten fordern -bei Freund und Feind hohe Ehrfurcht heraus. Sie sind -in dem Buche der Geschichte auf ewig unvergänglich -eingegraben, und noch in den spätesten Tagen wird -man mit Bewunderung seinen Namen nennen. Er ist -der Erste, aller Zeiten Ersten, vor seinem Stirnerunzeln -zittert eine Welt, und wie das Schicksal von Europas -Völkern in seiner Faust er hält, brächt’ er im Rasen selbst -den morschen Erdenball zum bersten.«</p> - -<p>»Vergebt,« begann nach einer geraumen Weile -Stillschweigens der junge Soldat schüchtern, »wenn ich -Euern Unmut herausforderte. Ich bin ja, wie Ihr wißt, -keiner Eurer Landsleute, zudem bin ich jung und unerfahren, -und in unser stilles Schwarzwaldtal ist zum -Glück nur wenig von dem Kriegslärmen gedrungen. -Ich kann Eure blinde Anbetung des Kaisers nicht recht -verstehen, aber Eure Rede flößt mir Achtung vor ihm -ein. Und wenn ihr sagt, »der Kaiser!«, so sprecht Ihr -diese Worte in einem Tone, den ich bisher noch nicht -vernommen habe, und jedesmal ist es mir dabei den -Rücken hinabgerieselt. Zugegeben, Napoleon ist ein -großer Kriegsmann, der bei jedem Menschen ein starkes -Gefühl herausfordert, sei dies nun Liebe, Bewunderung -oder Haß. Sagt mir aber doch, bitt’ ich Euch, welche -Bewandnis es damit hat, wenn Ihr sagt »der Kaiser!«.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_336">[336]</span></p> - -<p>Das Gewehr an die Schulter gelehnt, griff der -alte Gardist mit beiden Händen langsam an den Schnurrbart -und richtete, ihn wiederholt blitzschnell durch die -Finger drehend, eine wahre Revolution in den beiden -Haarbüscheln an. Aber nur eine Sekunde dauerte diese -Verwirrung, dann glätteten, drehten und strichen die -zerstörenden Finger das stolze Symbol seiner Männlichkeit -in eine noch ansehnlichere Form als der Bart vorher -besessen hatte, und ein paar letzte Striche verliehen -den Büscheln einen kühnen Schwung, und die dicken -Enden ragten aufs neue spitzig in die Luft. Mit dem -Gesichtsausdruck des Geschmeichelten blickte der Franzose -einen Augenblick sinnend ins Leere. Dann warf er -seine nachlässige Haltung ab, richtete sich auf und begann -die folgende kleine Erzählung:</p> - -<p>»Es war bei Austerlitz. Die Schlacht war im vollen -Gange, und die Russen und Österreicher boten alle Kraft -auf, dem gewaltigen Stoße unserer Sturmkolonnen standzuhalten. -Die Alte Garde stand mit Gewehr bei Fuß -rückwärts auf einer Anhöhe, jedes Winks gewärtig, um -etwa einem bedrohten Flügel zu Hilfe zu kommen. -Wir Auserlesenen der großen Armee kennen schon dieses -Verweilen in der Reserve, denn wir sind gewöhnt, in -den Augenblicken, wo die Schlachten ihren Höhepunkt -erreichen, einzugreifen und aufs neue mit dem Lorbeer -des Sieges unsere Adler zu schmücken. Von unserm -Platze aus konnten wir das ganze Schlachtengefilde -überblicken.</p> - -<p>Die ungeheure Fläche war ein einziges Schneefeld, -auf das die Wintersonne herniederglänzte. Millionen -von Eiskrystallen glitzerten in den goldenen Sonnenstrahlen, -und der Donner der ersten Kanonenschüsse der<span class="pagenum" id="Seite_337">[337]</span> -Russen zerriß die Luft und rollte majestätisch zu uns -herüber, die erhabene Ruhe der Natur jäh erschreckend.</p> - -<p>In kurzer Zeit aber wurde das Bild lebendiger.</p> - -<p>In weitem Halbkreise bot sich dem Auge der Anblick -der Dörfer dar, aus deren Häusern hier und da -schon die Flammen schlugen. Verhaue waren zu sehen, -Hecken, hinter denen es wie in einem Ameisenhaufen -kribbelte, langgedehnte Feuerlinien, von Rauch fast verhüllt, -anstürmende Regimenter und sich zur Schlacht -entwickelnde Divisionen.</p> - -<p>Eins bemerkten wir schlachtenkundigen Veteranen -des Krieges sehr bald: das Ringen war zum Stillstand -gekommen. Zudem war es bekannt, daß wir uns in -der Minderzahl befanden. Also konnte es wohl einem -Neuling etwas bänglich zu Mute werden, zumal sich -unser Aufenthalt auf der sanft in das Tal hinabführenden -Lehne immer ungünstiger gestaltete. Denn nicht -nur eine ganze Anzahl verirrter Flintenkugeln schlug -mitten in unsere Reihen ein, sondern es schwirrten auch -Granaten dicht über unsere Köpfe hinweg, mit denen -sich die russische Artillerie auf uns einzuschießen begann. -Wir aber standen schweigend und ohne mit den Wimpern -zu zucken und betrachteten scheinbar gleichgültig das -weite Schlachtfeld. Aber in der Brust eines Jeden von -uns stieg eine quälende Unruhe herauf und das wilde -Verlangen, anstatt in dieser Totenstarre, zu der wir -verurteilt waren, auszuharren, vorwärts zu stürmen.</p> - -<p>Dicht vor unserem Bataillon hielt zu Pferd der -Marschall mit seinen Adjutanten. Wie aus Stein gemeißelt -saß er auf dem Pferde und blickte unausgesetzt -nach einem großen Reiterhaufen in geraumer Entfernung -vor uns, von dem unaufhörlich einzelne Reiter ab und<span class="pagenum" id="Seite_338">[338]</span> -zu ritten. Auch unsere Blicke wurden auf diese Stelle -hingezogen, von der eine magnetische Kraft auszugehen -schien. Und je länger wir untätig standen, je lauter -der Schlachtenlärm heraufdrang, und je gefahrvoller -unsere Stellung wurde, um so sehnsüchtiger hingen unsere -Augen an diesen Reitern. Die Unruhe in unserer Brust -war auf das höchste gestiegen.</p> - -<p>Da löste sich mit einem Male wieder ein Reiter -von dem großen Haufen und stürmte in verwegenem -Galopp über die Hecken und Gräben hinweg auf unsere -Stellung zu. Ein Aufatmen ging durch die Reihen! -Wie eine Windsbraut fegte der Reiter die Anhöhe herauf. -Es war, wie man beim Näherkommen erkennen -konnte, ein Major vom Großen Hauptquartier, ein noch -junger Mann mit vornehmen Gesichtszügen und hohen -Auszeichnungen auf der Brust. Dicht vor dem Marschall -riß er mitten in der Karriere so gewaltig in die -Zügel, daß das feurige Roß fast auf die Hinterhufe -niederbrach. Dann legte er mit edelm Anstand die Hand -an die Mütze und sprach langsam und mit laut vernehmbarer -Stimme:</p> - -<p>»Befehl des Kaisers! Die Kaiserliche Garde soll -das Dorf im Zentrum der Schlachtlinie nehmen und -um jeden Preis halten!«</p> - -<p>Bei diesen Worten streckte der Offizier den Arm -aus und bezeichnete ein fast gänzlich zusammengeschossenes, -langgestrecktes Dorf, aus dessen Häusern dichte Rauchwolken -drangen und von dem soeben stark gelichtete -französische Kolonnen zurückfluteten, die vom Dorfe aus -mit heftigem Gewehrfeuer verfolgt wurden.</p> - -<p>Hierauf salutierte der kaiserliche Adjutant von neuem, -riß das Pferd herum und stürmte, wie er gekommen,<span class="pagenum" id="Seite_339">[339]</span> -wieder die Anhöhe hinab. Kaum war er aber hundert -Schritte weit geritten, da bäumte plötzlich der prächtige -Rappe hochauf und begrub, sich überschlagend, den -Reiter unter seinem Leibe. Infolge der Heftigkeit des -Sturzes rollte das Pferd über den Offizier hinweg, stieß, -auf dem Rücken liegend, die im Krampf gekrümmten -Beine ein paarmal heftig in die Luft und fiel dann -langsam auf die Seite neben seinen Reiter, der unbeweglich -auf dem gefrorenen Schnee lag.</p> - -<p>Da wandte der Marschall sein Pferd herum, und -durch unsere Reihen scholl ein unterdrücktes Jauchzen. -Sein Gesicht war dunkelrot, und seine Augen glühten -vor innerm Feuer. Die Kommandeure sprengten auf -ihn zu, ritten wieder zurück, und wenige Minuten später -erschollen die Kommandos, und die Bataillone setzten -sich stumm in Marsch. Alles dies geschah ruhig und -ohne Aufregung, wie daheim auf den Übungsplätzen.</p> - -<p>Mit beflügelten Schritten eilten wir abwärts, an -dem auf dem Rücken lang ausgestreckten Adjutanten vorbei, -dessen gebrochener Blick nach oben gerichtet war, -und erreichten bald die Stelle, wo der bewegliche Reiterschwarm -hielt. Hier waren Offiziere jeden Ranges und -aller Waffen. An der Spitze des Haufens sah man -die Uniform des Kaiserlichen Stabes und etwa fünfzig -Schritte vor ihnen befanden sich zu Fuß drei oder vier -einzelne Offiziere, unter ihnen der Kaiser.</p> - -<p>Der Gewaltige hielt ein großes Fernrohr vor die -Augen und blickte aufmerksam auf das Schlachtfeld. -Nach einer kurzen Weile nahm er das Glas herunter -und beugte sich über einige Karten, die auf einem am -Boden liegenden Baumstamm ausgebreitet waren. In -diesem Augenblick ritt ein Regiment Grenadiere zu Pferde<span class="pagenum" id="Seite_340">[340]</span> -in leichtem Trabe vorüber. Ein hundertstimmiges Vivat -brauste durch die Luft; der Kaiser rührte sich nicht. -Da erhoben sich die Stimmen noch lauter, und die -Soldaten riefen: Nun werden wir den Petersburger -Damen wieder eine Gelegenheit zum weinen geben. -Der Kaiser blieb unbeweglich. Er richtete sich nicht für -einen Augenblick auf, sondern blieb über die Karten -gebeugt, und es schien, als wenn er den tosenden Beifall, -der den betäubenden Lärm der Schlacht fast übertönte, -garnicht vernehme.</p> - -<p>In gleichmäßigem Takte, die Zunge im Bann, -schritten wir vorüber. Denn die Kaiserliche Garde -pflegt ihre Pflicht stumm zu tun!</p> - -<p>Schnell nährten wir uns dem brennenden Dorfe. -Ohne einen Schuß abzugeben, marschierten wir vorwärts, -in den infernalischen Hagel von Blei hinein. Das -Etagenfeuer, womit wir empfangen wurden, wütete -fürchterlich in unsern Reihen und riß gewaltige Lücken -in die dichten Sturmkolonnen. Aber unsern Mut konnten -die Verluste nicht erschüttern. Die Reihen schlossen sich -fester zusammen, und die Plätze der Gefallenen wurden -im Augenblick ausgefüllt. Plötzlich schien es, als wenn -die Verteidiger Verstärkung erhielten, denn das Feuer -nahm an Heftigkeit zu. Man konnte nicht mehr das -Knattern der einzelnen Schüsse unterscheiden. Grollendem -Donner gleich hallte es herüber, und das Pfeifen -und Zischen der Kugeln wuchs zur sinneraubenden Musik -an: wir bissen die Zähne zusammen und marschierten -weiter. Da schlugen plötzlich von halblinks her Kartätschen -in uns ein und rissen ganze Reihen nieder: – -wir senkten den Blick zu Boden und marschierten weiter. -Eins nur war jetzt die Losung: Vorwärts! Jedes<span class="pagenum" id="Seite_341">[341]</span> -Halten oder gar Zurückweichen war gleichbedeutend mit -Vernichtung.</p> - -<p>An den weißen Uniformen hinter den Mauern erkannten -wir, daß es Österreicher waren. Nun, wir -nahmen uns vor, mit ihnen fürchterlich abzurechnen!</p> - -<p>Noch immer bewegten wir uns beim Schlage der -Trommeln im Schritt vorwärts, die Adler voran, wie -eine granitne Mauer, ein Wald von Bajonetten. Da -ertönten plötzlich die Hornsignale. Wir durcheilten die -kurze Entfernung bis zum Dorfe laufend und warfen -uns auf die feindlichen Schützen, die im letzten Augenblick -das Schießen eingestellt hatten und uns mit erhobenen -Gewehren erwarteten. Mit lautem Schlachtruf -stießen wir aufeinander; hüben wie drüben herrschte -fürchterliche Erbitterung.</p> - -<p>Die braven Weißjacken mußten natürlich schon in -der Entfernung die Uniform der Alten Garde erkannt -haben und hatten sich daraufhin auf einen verzweifelten -Kampf gefaßt gemacht. So standen sie denn auch wie -eine Felswand und wehrten sich wie Rasende. Aber -<em class="gesperrt">diesem</em> Ansturm war ihre Kraft nicht gewachsen!«</p> - -<p>Der alte Gardist räusperte sich und hielt einen -Augenblick inne. Dann fuhr er mit großem Nachdruck fort:</p> - -<p>»Junger Kamerad! Ich habe in achtundzwanzig -Schlachten gestanden und weiß, mit welcher Erbitterung -zuweilen gestritten wird. Noch niemals, außer vielleicht -bei Eylau gegen die Preußen, habe ich es aber wieder -erlebt, daß mit solcher Wut gefochten wurde, wie wir und die -österreichischen Regimenter bei Austerlitz kämpften. Kolben -und Bajonett wüteten furchtbar in ihren Reihen, und -die weißen Koller färbten sich in kurzer Zeit blutigrot. -Sie schienen in den Erdboden gewurzelt, und es genügte<span class="pagenum" id="Seite_342">[342]</span> -nicht, ihnen den Tod zu geben; jeder Erschlagene mußte -noch umgeworfen werden, und der Gesichtsausdruck der -Toten war ein grimmes Bedauern, daß sie nicht wieder -aufstehen und weiterkämpfen konnten.</p> - -<p>Unterdessen hatte die Schlacht weitergetobt und auf -der ganzen Linie hatten unsere Regimenter den Angriff -erfolgreich vorwärts getragen. Das alle Kriegskundigen -überstrahlende Genie des Kaisers feierte an diesem Tage -einen seiner glänzendsten Triumphe! Er wußte, daß -er sich auf sich selbst und auf seine Truppen verlassen -konnte. Deshalb hatte er den rechten Flügel der Aufstellung -nur schwach besetzt. Die Verbündeten trauten -einem Napoleon wirklich den Fehler zu, daß er seine -Rückzugslinie nicht genügend decken würde. So liefen -die Russen wie Mäuse in die Falle und schickten große -Massen auf diesen sumpfigen Teil des Schlachtfeldes, -bis ihre Regimenter zwischen zwei große Seen und dem -wasserreichen Goldbach eingekeilt waren.</p> - -<p>In diesem Augenblick wurden sie von den Truppen -des Herzogs von Auerstädt angegriffen. Kaum hatte der -Kaiser die durch den Marschall Davout gefährdete Lage der -Russen und Österreicher erkannt, als er die ganze Garde -und die Regimenter des Marschalls Soult von der Hochfläche -herab in den Rücken des Feindes warf. Von der -furchtbaren Blutarbeit, die zu dieser Minute begann, habe -ich Dir, junger Kamerad, soeben erzählt. Die feindlichen -Truppen entzogen sich zuletzt dem Gemetzel und ergriffen die -Flucht. Ein Teil von ihnen geriet in die Sümpfe, der -andere gedachte auf der Fläche zwischen den beiden Seen -zu entkommen. Hier brachen aber unsere Reiterregimenter -in ihre Flanke und hieben schonungslos auf die Fliehenden -ein.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_343">[343]</span></p> - -<p>Wir hatten unterdessen unsere Arbeit getan. Ausruhend -standen wir nun auf einem Hügel seitwärts -des in rauchenden Trümmern liegenden Dorfes und -wischten mit den Fingern das tropfende Blut von den -Bajonetten. Da sahen wir, wie einige Tausend Russen -über den großen, zugefrorenen See flüchteten. Gerade -als sie die Mitte erreicht hatten, ließ der Kaiser durch -die Gardeartillerie das Eis einschießen. Unter gewaltigem -Krachen barst die Eisdecke des Sees, und mit gellenden -Hilferufen versanken Tausende von Flüchtigen mit Pferden, -Wagen und Geschützen langsam in der eisigen Flut.</p> - -<p>Die darauffolgende Nacht wurde bei grimmiger -Kälte im Freien zugebracht.</p> - -<p>Am andern Tage stand die Alte Garde schon frühzeitig -auf den Biwakplätzen bereit, den Kaiser zu erwarten, -– die Adler vor den Bataillonen. Eine Stunde verstrich -in fieberhafter Ungeduld, denn wir ahnten, daß -sich heute für uns Bedeutendes ereignen würde. Keine -Blutarbeit wie gestern, aber doch würde es ein großer -Tag sein. Endlich sahen wir von der Ferne her den -bekannten großen Reiterschwarm langsam auf uns zu -reiten. Der Marschall gab das Zeichen zum Präsentieren, -und einige Sekunden später nährte sich der Kaiser, von -nur wenigen Generalen begleitet, im Galopp unserm -Bataillon, während der große Haufen in respektvoller -Entfernung zurückblieb.</p> - -<p>Als der Kaiser vor unserer Mitte angekommen -war, hielt er das Pferd an und ließ die Augen eine -Weile stumm auf uns ruhen. In diesem Schweigen -standen die alten, schlachtenerprobten Soldaten vor ihrem -Kaiser. Kein Laut wurde vernommen, aber Tausende -von Herzen schlugen hörbar in der Brust, und Männer,<span class="pagenum" id="Seite_344">[344]</span> -von denen die meisten in ebensoviel mörderischen -Schlachten, wie Du Milchbart Jahre zählst, dem Tod -gleichgültig ins Gesicht gesehen hatten, zitterten in diesem -Augenblicke wie Knaben.</p> - -<p>Da erhob sich der Kaiser, der uns zu dieser Stunde -wie ein Gott erschien, in den Bügeln und begann mit -weithin schallender Stimme zu sprechen. Er nannte uns -die Männer der Pyramiden, Granitkolonnen von Marengo, -er erinnerte sich unserer Tapferkeit bei Hohenlinden und -sprach sein blindes Vertrauen zu seiner Alten Garde -aus, bis er seine zündende Ansprache mit den Worten -schloß: Grenadiere der Alten Garde, ich bin zufrieden -mit Euch!</p> - -<p>Darauf ritt er zu dem nächsten Adler, schlang den -Arm um den Schaft und küßte den alten Sergeanten, -der das Siegeszeichen trug, auf die Wange.</p> - -<p>Bei diesem Beginnen vergaßen die Truppen die -eiserne Disziplin; die Größe des Augenblicks riß alle -hin. Tränen entstürzten den Augen der Männer, und -der vieltausendstimmige Ruf zerriß das große Schweigen: -Es lebe der Kaiser.</p> - -<p>Mit diesem Jubel können die Huldigungen, die -treue Untertanen ihrem Fürsten, Soldaten anderer -Nationen ihrem Führer darbringen, nicht verglichen -werden; er entlud sich mit elementarer Kraft und einem -Donnerton, gleich dem furchtbaren Ausbruch eines Vulkans. -Jeder der Soldaten wußte, daß er diesem Manne ganz -gehörte und daß er sich willig für ihn in Stücke hauen -lassen würde. Denn dieser geheimnisvolle Seelenzwinger -galt uns alles: Heimat, Familie, – Gott!</p> - -<p>Einen Augenblick noch sah der Kaiser mit Wohlgefallen -auf die immer wieder in laute Rufe ausbrechenden<span class="pagenum" id="Seite_345">[345]</span> -Bataillone. Dann wandte er langsam das -Pferd und sprengte, von dem Donnerrollen der nicht -endenwollenden Huldigungen begleitet, hinüber zu den -Vierecken der jungen Garde.</p> - -<p>Siehst Du, mein junger Freund,« schloß der alte -Gardist mit gehobener Stimme, »das ist der Kaiser!«</p> - -<p>Eine lange Weile verstrich, der Jüngling stand -noch immer sprachlos. Das eben Gehörte hatte ihn so -mächtig ergriffen, daß er die Herrschaft über seine Gefühle -noch nicht wiedererlangt hatte. Endlich riß er -sich von den vor seine Seele gezauberten Bildern mit -einem gewaltigen Ruck los und rief erregt aus, während -sein schlanker Körper bebte:</p> - -<p>»Pfui, wie ich ihn hasse, Euern Kaiser!«</p> - -<p>Mit einem lauten Zeichen des Unwillens und -großen Erstaunens sah der Gardist offenen Mundes auf -den Kameraden. Dann schüttelte er den Kopf und -sprach mißbilligend:</p> - -<p>»Mäßige Dich, Knabe, Du sprichst im Fieber!«</p> - -<p>»Nein,« rief der Jüngling leidenschaftlich, »nein -und abermals nein, ich rede nicht im Fieber, denn -meine Gedanken sind klar wie die Eurigen. Aber ich -wiederhole es, ich hasse Napoleon!«</p> - -<p>»Du bist noch ein halbes Kind,« versetzte der -Gardist, »und hast das Schürzenband Deiner Mutter -zu zeitig losgelassen. Ein anstürmendes Bataillon ist -etwas Anderes als ein Schwarm augenklappernder Betschwestern, -und der Krieg ist kein lustiger Zeitvertreib -für großgewachsene Knaben, sondern ein ernstes Geschäft -für Männer. Dem Feldherrn gebührt Ehre -und Bewunderung! Schiltst Du Gott, daß er täglich -Zwietracht unter die Menschen sät und sie erbittert<span class="pagenum" id="Seite_346">[346]</span> -gegen einander wüten läßt? Das, was einem Geisel -dünkt, empfindet der Andere als Wohltat. Der Kaiser -kämpft für die Herrlichkeit, für die Größe und für den -Ruhm Frankreichs!«</p> - -<p>»Ihr seid verblendet,« antwortete der Jüngling -ruhiger aber mit edelm Feuer. »Was Ihr bei ihm für -hohe Ziele haltet, ist nichts weiter als Blutdurst und -maßloser Ehrgeiz. O, welch furchtbares Verbrechen ist -doch der Krieg! Die härteste Geisel, die über der -Menschheit geschwungen werden kann, viel entsetzlicher -als verheerende Hungersnot und Pest. Alles was göttlich -ist im Menschen wird erstickt, und die bösen -Leidenschaften kommen allein zur Entfaltung. Das Land -ist verwüstet, zertreten die Frucht der Felder, niedergebrannt -die Wohnungen der Bürger und Landbewohner, -und in die Brust der Menschen ist herzzerreißender -Jammer eingezogen. Die obersten Gesetze der Gottheit -werden mit Füßen getreten, und mit ihrer gütigen Langmut -treibt man frevelndes Spiel. Und wie segensreich, -wie herrlich ist doch der Frieden! Heiter schreitet der -Bauer, der Städter zum gedeihlichen Tagewerk. In -bunter Pracht liegen die Fluren, die Schätze des Ackerbodens, -und die Früchte des Baumes reifen im goldenen -Sonnenstrahl. Stillfrohlockend betrachtet der Landmann -die sich herabneigenden, körnerreichen Ähren, die wohlgenährten, -glänzenden Tiere. Unter fröhlichem Scherzen -und Singen rollen die hochaufgetürmten, schwankenden -Wagen langsam auf den heimischen Hof, und die -Scheunen und Keller vermögen den Segen kaum zu -bergen.</p> - -<p>Und wenn dann nach getanem Tagewerk im Glanze -der rötlich untergehenden Sonne der Gatte, der Vater<span class="pagenum" id="Seite_347">[347]</span> -um sich schaut, und die Blicke auf seinem fröhlichen, -liebevollem Weib inmitten ihrer blühenden Kinder ruhen, -da sieht er in ihren Augen ein wundersames Leuchten. -Und während die Mutter in überquellender Liebe und -Glückseligkeit die Kleinen an den Busen drückt, hebt in -seinem Innern ein geheimnisvolles Jauchzen und Klingen -an: – der Gotteslohn für ein Leben weiser Mäßigung -und unverdrossener Arbeit im Schutze des Friedens!«</p> - -<p>Der alte Gardist hatte den warmen Worten des -Jünglings mit Andacht gelauscht. Als dieser geendet, -sah er zu Boden und sprach mit einem Anflug von -Weichheit:</p> - -<p>»Du hast die empfindsamste Saite in meinem Herzen -berührt, Knabe. Denn wisse, auch ich habe ein liebes -Weib und zwei herzige Kinder zu Hause. Sie sind -mein Stolz und meine Freude und sollen mir einstmals -Licht und Trost sein, wenn der Schnee des Alters -meine Schläfen bedeckt und ich ihnen von dem großen -Kaiser und unsern Ruhmestaten getreulich berichten -werde. Das Bild des Friedens aber, das Du mir in -gleißenden Farbentönen gemalt hast, ist so berückend -schön, daß ich die Augen schließen muß, um es nicht -mehr zu sehen, – – es möchte mir die Freude am -Kriege vergällen! Das eine aber sage mir, Du wunderlicher -Tropf: wie kommst Du in die Gemeinschaft -des rauhen Kriegsmannes, wenn der Krieg Dir ein -Greuel ist?«</p> - -<p>Der Jüngling sah bei dieser Frage hinauf zum -Nachthimmel, wo kleine dunkle Wolkenfetzen noch immer -über den Mond hinwegjagten, und er seufzte tief auf.</p> - -<p>Mit einem Klange voll Schmerz vermischt mit -Wehmut sprach er:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_348">[348]</span></p> - -<p>»Ja, darüber bin ich Euch nach meinen voraufgegangenen -Worten Rechenschaft schuldig, und Ihr sollt -sie mit wenigen Sätzen haben.</p> - -<p>Meine Heimat ist Baden. In einem tief eingeschnittenen -Tale, dessen Hänge mit düsteren Tannen -bewachsen sind, von der Kinzig durchbraust, weilt mein -Liebstes auf Erden. Die Eltern sind mir frühzeitig -gestorben. Dafür hat mir des Allmächtigen Güte ein -anderes treues Herz geschenkt: ein seelenvolles Mädchen, -das ich meine Braut nenne. Sie bewohnt zusammen -mit ihrer Mutter ein kleines Häuschen, und die beiden -Frauen ernähren sich rechtschaffen mit dem Flechten von -Stroh. Erst im vorigen Jahre starb der Vater; er -war Holzfäller und wurde von einem stürzenden Baume -erschlagen. Unsern Herzen viel zu früh ist er dahingegangen, -leider aber auch zu früh für die äußern -Lebensbedingungen der Frauen, denn auf dem Häuschen -lag noch eine Schuld von achtzig Talern, auf deren -Rückzahlung der herzlose Gläubiger mit drohenden -Worten drängte. Anstelle des friedlichen Gleichmaßes -der Tage von früher, herrschte schwere Sorge in dem -kleinen Hause, denn man sah voraus, daß der Unhold -die Frauen aus ihrem lieben Besitz treiben würde. Die -Mutter hätte das nicht überlebt! Ich selbst war arm -und verdiente mit meiner Hände Arbeit nur das Notdürftigste. -Helle Verzweiflung hatte sich meiner bemächtigt; -da sandte Gott Hilfe.</p> - -<p>Der Lärm der Kriegstrommel hallte bis in unser -stilles Tal. Dreihundert Franken zahlt der Franzosenkaiser -jedem Freiwilligen, war in dem Aufruf zu lesen, -der an der Tür des Gemeindehauses angeschlagen war. -Im Nu war mein Plan gefaßt. So hoch war gerade<span class="pagenum" id="Seite_349">[349]</span> -die Summe, die der böse Gläubiger erhalten mußte. -Die beiden Frauen weinten heftig und beschworen mich, -von diesem Gedanken abzustehen, aber ich blieb fest. Ich -ließ mich anwerben, und das Häuschen gehörte ihnen. -Heimlich bei Nacht und Nebel verließ ich das Dorf, -um ihnen den Abschied nicht allzuschwer zu machen. Vor -wenigen Tagen erhielt ich die ersten Zeilen der Geliebten -woraus ihr gutes und treues Herz zu mir spricht.</p> - -<p>Seht, so bin ich hierher gekommen. Ich verabscheue -den Krieg, aber ich durfte ihn nicht meiden. -Gott wollte es so!«</p> - -<p>Während der letzten Worte des Jünglings hatte -sich auf dem schmalen Wege, der zum Turm führte, den -Schildwachen ein Mann genähert, der ganz plötzlich aus -dem Dunkel der Nacht aufgetaucht war. Jetzt stand er -vor ihnen.</p> - -<p>»Die Wagen sollen beladen werden. Wenn die -Wolken den Mond etwas frei lassen, fahren wir ab.«</p> - -<p>»Wer seid Ihr,« fragte der Gardist, den Mann -mit argwöhnischen Augen betrachtend.</p> - -<p>»Kennt Ihr mich denn nicht?« antwortete dieser, -»ich bin ja einer der Fuhrleute. Dort der Kräutlein -ist mein Vater.«</p> - -<p>»Der Kräutlein?« versetzte der Gardist erstaunt. -»Ich kenne doch den Kräutlein schon länger als zehn -Jahre, aber nie habe ich gehört, daß er einen Sohn -besitze.«</p> - -<p>»Laurentius Kräutlein aus Niederstopfenheim im -Bayrischen ist wahrhaftig mein Vater,« wiederholte der -Sprecher. Und wie er sah, daß der Gardist ihn noch -immer ungläubig betrachtete, fügte er mit angstgepreßter -Stimme hinzu: »Das schwöre ich Euch, so wahr ich<span class="pagenum" id="Seite_350">[350]</span> -selig werden will und bei dem Andenken an meine – -unglückliche Mutter!«</p> - -<p>»Es ist gut,« sagte der Gardist, »tut was Euers -Amtes ist.« Bei diesen Worten streifte er den Lederriemen -ab, an dem der Schlüssel um seinen Hals hing -und übergab ihn dem Fremden. Dieser ergriff hastig -den schweren Schlüssel, drehte ihn im Schloß um, öffnete -die Tür ein Stück und tat einen Schritt vorwärts.</p> - -<p>In diesem Augenblick senkte der Gardist das -Bajonett und forderte die Parole.</p> - -<p>Keiner der beiden Soldaten ahnte, was für einen -unbeschreiblichen Sturm diese Aufforderung in der Seele -des Burschen blitzschnell entfesselt hatte. Er verstand -nicht, was die Schildwache von ihm verlangte, seine -Klugheit gebot ihm aber, nicht darnach zu fragen, denn -mit solchem Wort mußte er sich sofort verraten. Als -Spion würde man ihn packen und am nächsten Morgen -vor der erstbesten Gartenmauer niederknallen, – das -wußte er. Aber, wennschon, das war ja nicht das -Schlimmste. Doch sein Plan, sein wunderschöner Plan, -den er bisher so vortrefflich hatte ausführen können; -sollte er in der letzten Sekunde, einen Schritt vom Ziel -entfernt, noch scheitern? Das Blut staute in seinem -Hirn, und sein Schädel drohte zu zerspringen.</p> - -<p>Da huschte eine Erinnerung an seiner Seele vorüber: -als vorhin in der Dunkelheit Schritte ertönten, hatte -da die Schildwache an der Straße nicht dasselbe gefragt? -Parole? Ja, beim Himmel, so hatte es geklungen! -Und was hatte der Unbekannte darauf geantwortet? -Ein neuer, siedendheißer Strom schoß ihm -zu Kopfe, und vor seinen Augen begann es zu flimmern.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_351">[351]</span></p> - -<p>Dieser ganze Vorgang hatte sich in dem Hirn des -Burschen so blitzschnell abgespielt, daß die Schildwachen -noch keine Veranlassung hatten, Verdacht zu schöpfen. -Jetzt stieß der Zögernde die schwere Bohlentür heftig -auf, sagte mit heiserer Stimme »Jena!« und stolperte, -als das Gewehr des Gardisten den Eingang freigab, -in die schwarze, gähnende Finsternis hinein.</p> - -<p>Der junge Soldat war durch das Erscheinen des -Fremden aus seinen lieben Erinnerungen herausgerissen -worden. Jetzt versenkte er sich von neuem darein.</p> - -<p>»Gebe Gott,« seufzte er, »daß der Krieg recht bald -endige, mein Lieb daheim bekommt vor Angst und Gram -blasse Wangen.«</p> - -<p>»Mein junger Freund,« versetzte der Gardist -mahnend, »wie aber dann, wenn Ihr nicht wieder heimkommt? -Im Kriege ist einem ein plötzlicher Tod ja -weit näher als in Friedenszeiten.«</p> - -<p>Der Jüngling fuhr verstört auf und blickte den -alten Soldaten mit angstvollen Augen an:</p> - -<p>»Geht,« stieß er hervor, »seid nicht so grausam. -Ihr habt mir da einen schönen Schreck eingejagt. Nein, -wie könnte ich denn sterben? Ich will ja noch Hochzeit -feiern und glücklich sein. Ihr dürft nicht so garstig -sprechen!«</p> - -<p>»Nun, nun,« beschwichtigte jener gutmütig, dem -die Unruhe des Jünglings nicht entgangen war, »freilich -sollt ihr noch lange leben. Ich will es doch auch, denn -ich muß ja noch meinen Enkeln von den Taten des -großen Kaisers künden.«</p> - -<p>Über den Köpfen der beiden Schildwachen hatte -in diesem Augenblick ein gespenstisches Rauschen und -Flattern begonnen. Allerlei Nachtgevögel war durch eine<span class="pagenum" id="Seite_352">[352]</span> -unbekannte Ursache aufgeschreckt worden. Die Tiere -hatten ihre Löcher im Mauerwerk verlassen und flogen -mit hastigen Flügelschlägen am Turm auf und nieder. -Nur ein Käuzchen saß noch in seinem Spalt und rief -durchdringend zweimal rasch nacheinander: Kommit, -Kommit!</p> - -<p>Der alte Gardist hob den Kopf, um nach dem -Mahner zu sehen und sagte mit belegter Stimme:</p> - -<p>»Das ist der Totenvogel!«</p> - -<p>Da konnte der Jüngling aber seine Erregung nicht -mehr meistern. Er griff hastig in die Tasche seines -Uniformrocks und brachte ein zerknittertes Blatt Papier -hervor. Mühsam las er dann im Mondenlicht mit -lauter Stimme:</p> - -<p>»– – – ich flehe allabendlich die heilige Jungfrau -für Dich an. Mein Gebet dringt bis zu den -Stufen des Allerhöchsten. Er wird Dich beschützen. -Glaube mir das, Geliebter meines Herzens – – –!«</p> - -<p>»Hört Ihr,« jubelte der Jüngling, »ich werde wohlbehalten -zu ihr zurückkehren – –«</p> - -<p>In diesem Augenblick trat ein Ereignis ein, durch -das die Menschen weit in der Runde erschreckt wurden: -an der östlichen Seite des Schlosses sprühten Myriaden -von Funken hochauf, und aus Nebel und undurchdringlichem -Rauch stieg eine riesengroße Feuergarbe kerzengleich -zum Himmel empor, begleitet von einem gräßlichen -Donnerschlage. Der Boden erzitterte wie bei einem -Erdbeben, und Steine und Erdschollen wurden mit -solcher Kraft in die Höhe geworfen, als wenn der weite -Himmelsbogen gesprengt werden solle. Unter gewaltigem -Getöse fielen die aufgewirbelten Steinmassen wieder zu -Boden. Dann war es totenstill wie zuvor. Nur ein<span class="pagenum" id="Seite_353">[353]</span> -Regen von Staub und Asche rieselte langsam auf die -Erde herab, und die Luft erfüllte starker Schwefelgeruch.</p> - -<p>Unten aber, am Fuße der Bodensenkung, wo die -Schar der Fuhrleute schlief, wurde es lebendig. Laute -Rufe erschollen. Sie rissen die brennenden Scheite aus -dem Feuer, eilten die Anhöhe hinan und beleuchteten -den Platz. Aber sie fanden sich nicht zurecht, es war -alles ganz anders als vor ihrem Schlafe. Der dicke, -steinerne Turm, der ihr Pulver barg, war verschwunden, -der Fuhrmann, der hier oben die Wache gehalten hatte, -das Feuer, die Wagen, die beiden Schildwachen, – – -alles war verschwunden. Die hohen Bäume, die in der -Nähe gestanden hatten, waren dicht über dem Erdboden -abgeknickt und weit fortgeführt. Nur hier und da lag -ein weißer Sandsteinquader aus dem Gefüge des Turmes. -Sonst war nichts zu sehen.</p> - -<p>Es war, als wenn ein Gigant aufgestanden wäre, -der mit einem eisernen Besen alles hinweggefegt hätte.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap23">23. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Der Sonntagmorgen brach an. Schon zu früher -Stunde eilten die Dorfbewohner ins Freie und betrachteten -mit Neugierde und Grausen das Bild der -Verwüstung.</p> - -<p>Der letzte der beiden Schloßtürme war von seinem -Platze verschwunden. Alle Steine, die ihn gebildet, -lagen weit verstreut auf der Erde, und selbst die tiefen -Grundmauern hatte die zerstörende Kraft des Pulvers<span class="pagenum" id="Seite_354">[354]</span> -zerrissen. Der anstoßende Flügel des Schlosses war in -sich zusammengestürzt, und die Mauern des weiter nach -dem Mittelbau zu gelegenen Teils durchzogen vom Dach -bis zum Boden herab breite Risse. Seit jener Nacht, -in der der westliche Turm einstürzte und Oskar von -Tiefenbach mit seinem Bruder Egbert das Schloß verlassen -hatte, um den Freihof zu beziehen, war dieser -Flügel des Schlosses allmählich zerfallen. Nun lag -auch das letzte Wahrzeichen des alten Baues in -Trümmern, und nur ein kleiner Teil war noch bewohnbar.</p> - -<p>Aber soweit bekannt, waren Leute aus dem Dorfe -der verheerenden Explosion nicht zum Opfer gefallen, und -in die ehrfürchtige Scheu vor der furchtbaren Gewalt -der Elemente mischte sich innerliches Frohlocken. Was -tat es, daß der steinerne Riese nicht mehr war! Allzulange -hätte er der zerstörenden Zeit doch nicht mehr -standhalten können, nachdem an vielen Stellen der Mauerfraß -den Turm schon sehr geschwächt hatte. So war er -denn von seinem Platze gewichen wie ein heldenmütiger -Krieger, der in der Schlacht fällt. Die dritthalbhundert -Zentner Pulver und Geschosse, die in seinem weiten -Bauche aufgespeichert waren, hatten sich mit einem -einzigen Schlage entzündet, anstatt in mörderischer Feldschlacht -hundertfachen Tod in die Reihen der deutschen -Kämpfer zu tragen. – Gottlob!</p> - -<p>Auf welche Weise die Entzündung erfolgt sein -mochte, wußte niemand. Die französischen Schildwachen -hatten mit einer dichten Postenkette rund um das -Schloß scharf Wache gehalten, so daß es wohl keinem -gelungen sein konnte, sich zwischen ihnen hindurchzuschleichen. -Außerdem hatte vor der Tür des Turmes<span class="pagenum" id="Seite_355">[355]</span> -ja noch ein Doppelposten gestanden, wodurch es unmöglich -gewesen war, zu dem Pulver zu gelangen. Man -glaubte deshalb an eine Selbstentzündung der Sprengstoffe -aus unbekannten Gründen.</p> - -<p>Noch in der Nacht hatten sich die Fuhrleute auf -die Pferde geschwungen und waren, von den französischen -Soldaten begleitet, zum Dorf hinausgeritten, auf Leipzig -zu. Vermutlich hatten sie geglaubt, der weithin vernehmbare -Donnerschlag der Explosion könne feindliche -Truppen herbeiziehen, die ja zufolge Nachrichten der -Landleute in geringer Entfernung vom Dorfe stehen -sollten.</p> - -<p>Lange konnten die Rehefelder aber nicht an der -Trümmerstätte verweilen. Heute war ja der letzte Tag, -an dem sich die kühnen Männer noch im Kreise ihrer -Lieben befanden, morgen mit Tagesgrauen wollten sie -das Dorf verlassen. Deshalb sollte heute Vormittag, -nachdem die Tiefenbachs sich vor dem Altar Treue fürs -Leben gelobt hatten, die Einsegnung der Davonziehenden -stattfinden.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Max hatte mit beklommenem Mute sein Hochzeitsgewand -angetan. Nur wenige Stunden sollte es ihm -vergönnt sein, sein junges Weib an seiner Seite zu -wissen, dann riß ihn das Schicksal von ihr fort, – -hinein in den opfervollen Kampf. Würde er sie wiedersehen? -War es recht von ihm, wenn er schon am -Morgen nach dem Hochzeitstage sein Weib verließ? -Hatte er richtig gehandelt, als er sich Konrad mit Leib -und Seele verband, als er den Plan faßte, wider den -alten Feind mit zu Felde zu ziehen? Gab es nicht<span class="pagenum" id="Seite_356">[356]</span> -eine große Anzahl anderer Männer im Lande, die niemand -zurückließen, dem ihr Scheiden großen Schmerz -bereitete? Mußte es denn wirklich sein, daß er sein -eben angetrautes Weib allein ließ, um für die Freiheit -der deutschen Stämme zu streiten?</p> - -<p>Solche Anfechtungen überkamen den Mann zu dieser -Stunde und bedrückten ihn schwer. Kein tröstender Gedanke, -wie er sich auch nach ihn abmühte, wollte ihm -als Retter in schwerer Not erstehen, und in seiner -Niedergeschlagenheit mutete es ihn an wie ein Rätsel, -wenn er daran dachte, daß ihn bisher diese Bedenken -nicht heimgesucht hatten. Noch bis gestern war er bei -dem Gedanken an den Ausmarsch freudig erregt gewesen, -aber heute, an seinem Hochzeitstage, war es ihm -doch wunderlich ums Herz.</p> - -<p>Da erinnerte er sich plötzlich der Worte der Geliebten, -die sie in jener Stunde gesprochen, als er ihr -seine Absicht, mit auszuziehen, kundgetan: ich hätte -Dich nicht verstanden, wenn Du hier geblieben wärst! -Jetzt wich die Verzagtheit von ihm, und sein bänglicher -Mut richtete sich auf. Das freudige Gefühl, das ihn -in den letzten Wochen nicht verlassen hatte, beseelte ihn -aufs neue. Ein warmer Strahl brach aus seinem Auge, -als er die Worte Marias leise vor sich hin sprach, -und Stolz schwellte seine Brust bei dem Gedanken an -sein hochherziges, tapferes Mädchen.</p> - -<p>Rasch und ungeduldig beendete er seinen Anzug und -schlug mit hastigen Schritten den Weg nach dem -Schlosse ein.</p> - -<p>Ihre Hochzeit sollte ohne laute Feier stattfinden, -denn der Ernst des Tages ließ keine sprudelnde Fröhlichkeit -aufkommen.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_357">[357]</span></p> - -<p>Als Max das Schloß betreten hatte, wurde er von -Marias Tante empfangen, die ihn davon benachrichtigte, -daß ihn die Braut schon erwarte. Schnell begab sich -Max nach der Geliebten Zimmer. Schon streckte er die -Hand aus, die Tür zu öffnen, da hörte er Maria -drinnen mit ihrer herrlichen Altstimme dieselbe schwermütige -Weise anstimmen, die die Mädchen im Dorfe -in diesen Tagen so oft sangen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Eng im Glanz des Mondenschein</div> - <div class="verse indent0">Hielt die Liebste er umschlungen,</div> - <div class="verse indent0">Leis zu ihren Schelmerein</div> - <div class="verse indent0">Hat Frau Nachtigall gesungen.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Stehe still, o Wonnezeit,</div> - <div class="verse indent0">Holde Zeit der Lust und Freude!</div> - <div class="verse indent0">Doch wie schnell weicht Seligkeit,</div> - <div class="verse indent0">Kehrt sich Lust zu bitter’m Leide.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Starr im Glanz des Mondenschein</div> - <div class="verse indent0">Ruht er auf dem Feld der Ehre,</div> - <div class="verse indent0">Leis vom Aug’ des Mägdelein</div> - <div class="verse indent0">Löst sich eine blut’ge Zähre.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Max überkam bei dem Klange dieses Liedes eine -Anwandlung unendlicher Wehmut. Er glaubte aus den -Tönen den Trennungsschmerz herauszuhören, den Maria -fühlte. Leise öffnete er die Tür, – da stockte sein Fuß -auf der Schwelle, denn das liebliche Bild, das sich ihm -bot, hielt ihn im Bann.</p> - -<p>In dem geräumigen Erkerzimmer mit den schweren, -eichenen Möbeln aus einer längst vergangenen Zeit, -stand Maria an eine den Erker tragende, geschnitzte<span class="pagenum" id="Seite_358">[358]</span> -Säule gelehnt, nahe beim Fenster im bräutlichen Schmuck. -Sie trug ein schlichtes, weißes Wollenkleid, das sich -weich anschmiegte und das herrliche Ebenmaß ihres -jungfräulichen Körpers ahnen ließ. Von der rechten -Schulter wand sich nach der Mitte der Brust eine -frische Ranke von Myrthenblüten, und die glänzenden, -braunen Zöpfe, die, wie Maria es liebte, rund -auf dem Scheitel aufgesteckt waren, trugen eine zierlich -geflochtene Myrthenkrone. Mit dem Arm hatte sie leicht -die Säule umschlungen, während ihre Augen sinnend -hinaus in die Weite gerichtet waren. Das feingeschnittene -Profil und die edle Linie des Halses, den das -Kleid freiließ, zeichneten sich von dem lichtvollen Hintergrunde -rein ab. Ein goldener Morgenstrahl der Oktobersonne -drang durch die Butzenscheiben im oberen Teile des -breiten Fensters und küßte ihren braunen Scheitel. -Von der Erscheinung der zu herrlichster Pracht sich erschließenden -Mädchenblüte ging eine reine Harmonie -aus, und das Gesicht der Jungfrau verkündete schmerzliche -Innigkeit, die nach Seelenstärke begehrte.</p> - -<p>Max stand lautlos und hielt den Blick unverrückt -auf Maria gerichtet, um die Erinnerung an dieses -wunderbare Bild seinem Herzen tief einzuprägen. -Mehrere Sekunden blieben seine Augen an der Erscheinung -hängen, – da wandte Maria sich von ungefähr -um und machte dabei eine leichte Bewegung des -Erschreckens, als sie die männliche Gestalt auf der -Schwelle gewahrte. Im nächsten Augenblick aber und -noch bevor Max seine Erstarrung abschütteln konnte, -flog Maria auf ihn zu und schlang leidenschaftlich die -Arme um seinen Hals.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_359">[359]</span></p> - -<p>»Geliebter,« sagte sie mit fliegendem Atem, »ach, -wie froh ich bin, daß Du endlich bei mir bist. Ich habe -mich um Deinetwillen so sehr geängstigt!« Und das -klopfende Herz, das Max an dem seinen fühlte, bestätigte -ihm die Wahrheit ihrer Worte.</p> - -<p>Max trat in das Zimmer, küßte seine Braut zärtlich -und sprach: »Hat der Schmerz des Abschieds mein -Lieb schon sobald heimgesucht? Sei mein tapferes -Mädchen wie immer und vertraue dem gütigen Geschick, -daß es uns ein Wiedersehen feiern lassen wird.«</p> - -<p>»Wiedersehen? Ach! Wo werden wir uns wiedersehen?« -sprach Maria leise und gedankenvoll, den Blick -zu Boden geschlagen. »Aber Du irrst, Geliebter,« fuhr -sie alsbald lebhafter fort, »der Schmerz der Trennung -ist es nicht gewesen, der mir so viel Schrecken eingeflößt -hat, sondern ein böser Traum, der mich am frühen -Morgen heimsuchte.«</p> - -<p>Mit diesen Worten waren sie zum Erker geschritten -und ließen sich nun, die Arme einander um die Schultern -gelegt, auf der Ruhbank am Fenster nieder.</p> - -<p>»Gegen Mitternacht,« begann Maria, »vernahm -ich plötzlich im Schlafe eine ungeheure Erschütterung, -gleich dem Krachen eines Kanonenschusses, der in kurzer -Entfernung von mir abgefeuert wurde. Die Fenster -klirrten, und es war einen Augenblick, als ob die -schwankenden Wände über mir zusammenstürzen wollten. -Da trat nach einer bangen Viertelstunde die Tante ins -Zimmer und erzählte, daß der Schloßturm, in dem das -französische Pulver lagerte, in die Luft geflogen sei. -Heute morgen habe ich versucht, den Ostflügel zu betreten. -Aber man kann nicht weit darin vordringen, -denn die Gänge sind verschüttet und die Mauern eingestürzt.<span class="pagenum" id="Seite_360">[360]</span> -Viel Schaden ist damit nicht angerichtet; -der Flügel war ja schon wegen seiner Baufälligkeit seit -langem nicht mehr bewohnt und geräumt. Daß der -alte, verwitterte Geselle ein solches Ende finden mußte! -Gerade er, glaubte ich, würde am längsten trotzen.</p> - -<p>Lange mußte ich über den rasch fortschreitenden -Verfall des Schlosses unserer Väter nachdenken, bis ich -endlich wieder den Schlummer fand. Da fuhr ich mit -einem Male von neuem auf. Diesmal aber war ein -schrecklicher Traum die Ursache.«</p> - -<p>»Träume sind leichte Gesellen,« tröstete Max. »Unstät -und ohne Skrupel um die Wahrheit dessen, was sie -künden, führen sie ein wahrhaftes Zigeunerleben. Bald -bei diesem, schnell wieder bei jenem, statten sie den -Menschen ihre schattenhaften Besuche ab, wispern dem -Unglücklichen berauschende Worte ins Ohr, die ihm -märchenhaftes Glück prophezeien, oder gaukeln ihm die -lieblichsten Bilder vor die Seele, während sie den, dem -ein froheres Erdenlos zuteil ward, mit bösen Vorstellungen -schrecken und seinem fröhlichen Sinn die Quelle -abgraben. Erwacht dann jener vom Schlummer, so -bemerkt er mißmutig, daß ein schöner Traum ihn geäfft, -der sein Elend mit einem goldenen Mäntelchen umkleidet -hatte, und schlägt dieser die Augen zum Morgenlicht auf, -so beschleicht ihn blasse Furcht, und der Schwache überträgt -die Schrecknisse seiner Phantasie nur allzuwillig -auf das Leben des Alltags. Träume sind Seifenblasen, -mein Lieb! Ihre Oberfläche ist schillernd und versprechend, -im Innern aber sind sie hohl. Und will man sie schärfer -ins Auge fassen, zerspringen sie, und nichts bleibt mehr -übrig von ihnen als der winzige Tropfen, der herabfällt, -und den der durstige Sand begierig aufsaugt.«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_361">[361]</span></p> - -<p>»Mein Bräutigam,« versetzte Maria mit leise -wieder aufkommender Fassung. »Du Lieber, Guter, wie -vortrefflich Du Dich doch aufs Trösten verstehst! Sieh, -wenn Du bei mir bist, ist mir nie bange. Wenn Du -aber fern von mir weilst, dann schleichen leicht trübe -Ahnungen mir in die Seele, und meine Phantasie nimmt -geschäftig die Fäden auf und spinnt sie ineinander. -Und der bunte Teppich, den sie also gewoben, zeigt zuweilen -gar kein freundliches Bild.«</p> - -<p>Maria hielt im Sprechen inne, und eine Glutwelle -färbte ihr Gesicht purpurn, als sie mit stockender Stimme -leise bat: »Max, – küsse mich!«</p> - -<p>Bewegt beugte sich Max nieder und drückte in -ehrfurchtsvoller Scheu die Lippen auf Marias reine Stirn.</p> - -<p>Mit unendlicher Zärtlichkeit schlang das Mädchen -seinen Arm um den Hals des geliebten Mannes und -legte die Stirn an seine Wange.</p> - -<p>»Ach, Max,« fuhr sie fort, »der böse Traum hat -mich aber auch allzusehr erschreckt. – Ich sah Dich in -schwerer Gefahr. Du saßest in schwankendem Boot und -strengtest alle Deine Kräfte aufs äußerste an, das Ufer -des Sees zu erreichen. Aber der Sturm tobte mit -unbeschreiblicher Heftigkeit, und die Wellen gingen so -hoch, daß das tanzende Schifflein oft meinen Augen -entschwand. Ich stand am Rande des Ufers und schrie -in meiner Seelenangst laut auf und rang in Verzweiflung -die Hände, denn ich sah, wie die Kraft der entfesselten -Elemente Deiner übermenschlichen Anstrengungen spottete. -Der Raum zwischen Dir und mir ward immer größer, -und die Wellenberge, die mich von Dir schieden, türmten -sich immer höher auf. Da machte ich im Schlafe eine -heftige Bewegung und erwachte, in Schweiß gebadet.<span class="pagenum" id="Seite_362">[362]</span> -Rosiges Morgenlicht erfüllte das Zimmer und rief mir -zu, daß ich ja nur geträumt habe. Aber meine Sinne -waren noch lange im Banne der nächtlichen Erscheinung. -Und als ich dann die brennende Stirn mit frischem -Wasser kühlte und dabei wie von selbst die Augen schloß, -– gleich war er wieder da, der schlimme Spuk und -erschreckte meine Seele aufs neue. Ach Max,« bat das -Mädchen flehend, – »küsse mich wieder!«</p> - -<p>Max war von Marias qualvoller Angst gerührt. -Mit überschäumender Herzlichkeit küßte er sie und preßte -ihren Kopf zärtlich an seine Brust und sprach ihr begütigende -Trostworte zu.</p> - -<p>»Du lieber Mann, Beherrscher meiner Seele, wie -lieb ich Dich doch habe!« sagte Maria, sich eng an -ihn schmiegend. »Aber nicht wahr,« fügte sie rasch -hinzu, indem sie ihm mit Innigkeit und neu erwachter -Stärke in die Augen sah, »wie es auch kommen mag, -Geliebter meines Herzens, laß uns in unerschütterlichem -Vertrauen auf Gott bauen!«</p> - -<p>»Ja, wir wollen unsere Zukunft in seine Hände -legen,« antwortete Max und erhob sich. »Aber jetzt -komm mein Lieb, reiße Dich heraus aus den ängstigenden -Vorstellungen, die Deine Seele bedrücken. Laß uns miteinander -fröhlich sein, den heute ist ja unser Hochzeitstag! -Und nun gehen wir zur Kirche, auf daß der Himmel -um seinen Segen für unsern Bund angefleht werde.«</p> - -<p>»Ach, Du tust recht daran, Geliebter,« antwortete -Maria, »mir diesen schönen Gedanken in die Seele zurückzurufen. -Ja, heute ist mein Hochzeitstag,« sagte sie -leise wie im Selbstgespräch, während ihr Blick wieder -durch das Fenster in das weite Land hinein schweifte -und sich träumerisch verlor. Das Mädchen vergaß den<span class="pagenum" id="Seite_363">[363]</span> -Ort und ihre Umgebung für einen Augenblick. Ihre -Lippen lispelten leise Worte, und auf dem Gesicht spielte -ein sonniges Leuchten. Da verschwand plötzlich der Zug -des Glückes von ihrem Antlitz, und der verstörte Ausdruck -geheimer Angst trat wieder an seine Stelle. Mit -einem leidenschaftlichen Aufschrei warf Maria wie bei -Maxens Eintreten die Arme um seinen Hals und flehte -zitternd wie ein Kind und mit bebender Stimme:</p> - -<p>»Trübe Ahnungen beschleichen mir die Brust; Max, -– – küß mich noch einmal!«</p> - -<p>Da kam dem starken Mann doch eine tiefere Rührung -an, als sich in bewegten Augenblicken sonst bei ihm einzustellen -pflegte. Mit zitternden Händen griff er nach dem -Mädchen, drückte die heftige Schauernde an sich und -bedeckte Stirn, Augen und Mund mit ungezählten -Küssen.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Wenn in späteren Jahren die um die Zeit unserer -Erzählung jungen Männer als Greise von der Einsegnung -der dreizehn Freiwilligen erzählten, dann unterließen -sie nie, hinzuzufügen: keiner aus dem Dorfe -fehlte; der schwerkranke Sägemüller ließ sich von seinen -zwei mitausmarschierenden Söhnen im Bett in die -Kirche tragen, und drei Tage darauf starb er.</p> - -<p>Das Gotteshaus war mit Andächtigen dicht gefüllt. -In allen Gängen, rund um den Altar und in -den offenen Türen und Fenstern standen oder saßen sie. -Die Mütter hielten die Kleinsten auf dem Arm, und -alle verharrten in andächtigem Schweigen. Eine hohe -Feststimmung hatte sich auf die einfachen Menschen -herabgesenkt, von denen jeder einzelne stolz auf die<span class="pagenum" id="Seite_364">[364]</span> -Männer schaute, die in einer Reihe dicht vor den -Stufen des Altars Platz genommen hatten.</p> - -<p>Feierlich begann die Glocke auf dem Turm des -Kirchleins zu läuten, und die Worte, die der metallne -Mund rief, hielten bedeutungsvolle Zwiesprache mit der -Stimme im Busen eines jeden der Andächtigen. Leise -setzte zu einem feierlichen Präludium die Orgel ein, bis -endlich die herrliche Melodie des Hauptliedes des -heutigen Gottesdienstes durch die Kirche brauste. Ein -paar gedrängte Augenblicke, und dann fielen die Stimmen -ein. Alle Kümmernis, die diese Menschen bedrückte, -und alle Bitten nach Tröstung und göttlicher Hilfe ergossen -sich aus ihren Herzen in die Worte des Psalms: -Alles was Odem hat, lobe den Herrn!</p> - -<p>Da erschien Pastor Reinerz am Altar. Er hatte -eine schwere Krankheit hinter sich und übte heute zum -ersten Male wieder sein Amt aus. Mühsam waren -seine Schritte, mit denen er die Stufen hinaufging. -Als er aber wieder an seinem lieben Platze stand, den -er vor vierzig Jahren das erste Mal betreten hatte, als -er die Melodie seines Lieblingschorales vernahm, und -als er um sich schaute und die dichtgedrängte Menge -gewahrte, da wurde ihm, ach, so warm ums Herz. Seine -Augen blitzten vor Freude, und die bleichen Wangen und -seine Stirn überzog eine feine Röte.</p> - -<p>Nachdem das Lied zu Ende gesungen war, traten -Max und Maria zum Altar. Hochaufgerichtet stand -hinter ihnen die Freihoferin und neben ihr Marias -Tante. Als Trauzeugen dienten die Base Marias und -Konrad Hartmann.</p> - -<p>Auf dem lieblichen Antlitz der Braut lagen Demut -und Ergebung. Und als Pastor Reinerz von ihr zu<span class="pagenum" id="Seite_365">[365]</span> -wissen verlangte, ob sie gewillt sei, ihren Vetter Max -von Tiefenbach zu ehelichen und fürderhin Freud und -Leid mit ihm zu teilen, da klang aus ihrem Munde -ein freudiges Ja. Aller Augen hingen an der holden -Erscheinung, und schon jetzt wurde mancher Blick feucht -beim Anblick der Braut eines morgen ausziehenden -Kriegers, und mancher Mund flüsterte: Du armes, -armes Weib!</p> - -<p>Als die Trauungszeremonie beendet war, sprach -Pastor Reinerz vom Altar aus die Predigt.</p> - -<p>Wenn einem aus der Gemeinde etwas das Herz -bedrückte, dann wußte er, daß er in der Sonntagspredigt -Trost und Erbauung erhalten würde. Pastor -Reinerz war kein glänzender Kanzelredner. Seine -Worte flossen ihm nicht von den Lippen, sondern rangen -sich zuweilen mühsam von seinem Munde. Aber er -sprach eindrucksvoll und öffnete mit seinen Worten den -innersten Schrein der Menschen und übte eine tiefe -Wirkung aus. Seine Art zu sprechen war überraschend -einfach, und gerade deshalb klang die Predigt im Innern -der Zuhörer noch lange nach. Heute hatte er einen Stoff, -den er meisterhaft zu behandeln verstand.</p> - -<p>Er sprach von der schweren Prüfung, die dem Lande -noch immer auferlegt sei, von dem gewaltigen Ringen -der Völker um Freiheit und Heimaterde und führte die -atemlos Lauschenden allmählich bis zu den Geschehnissen -der jüngsten Tage. Ein Sturm der Begeisterung fege -durch das Land, man erwache aus einem verhängnisvollen -Schlummer, und überall schicke man sich in letzter -Stunde an, das Versäumte gutzumachen. Auch hier in -der Gemeinde seien mutige Männer aufgestanden, die in -diesen großen Tagen nicht müßig bleiben wollten.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_366">[366]</span></p> - -<p>Bei diesen Worten lief eine leise Bewegung durch -die dichtgedrängten Zuhörer, den man fühlte, daß jetzt -der Höhepunkt der Feier nahe.</p> - -<p>Mit einem kurzen Gebet, in dem er die Geschicke -des Landes und des sächsischen Volkes der Gnade des -Allbarmherzigen empfahl, schloß Pastor Reinerz seine -Predigt.</p> - -<p>Dann erhoben sich die Dreizehn, traten enganeinandergeschart -zum Altar und knieten auf den Stufen -nieder, um den Segen zu empfangen.</p> - -<p>Ein heißer Strahl ergoß sich in die Brust eines -jeden der Versammelten, und man drängte sich und hob -die Köpfe, um die Knieenden nicht aus den Augen zu -verlieren. Es war ein erhebender Augenblick!</p> - -<p>Mancher verbarg seine Rührung, in Vieler Augen -aber glänzten Tränen. Sie gingen ja, um für das -Vaterland zu streiten, das war das Tröstende, aber – -sie gingen! Keiner verspürte das Verlangen, sie zurückzuhalten, -aber weinen mußte man sie lassen. War doch -manche alte Mutter, manches junge Weib, manches -zarte Kind unter den Versammelten, die verlassen wurden!</p> - -<p>Markig, doch aus tiefer Bewegung heraus, klangen -die Worte des Geistlichen, und das Ergriffensein ihres -verehrten Pfarrers teilte sich der Gemeinde mit; die -Weiber schluchzten und die Kinder weinten. Die Erschütterung -wuchs, und reichliche Tränen flossen, als er -die Männer segnete. Wie darauf Pastor Reinerz aber -davon sprach, daß die vaterlosen Kindlein Gott am -nächsten stünden, da brach plötzlich die bebende Stimme -des Greises, und der Jammer übermannte die Versammelten, -und das Schluchzen wurde so stark, daß der -Geistliche wohl minutenlang nicht weitersprechen konnte.<span class="pagenum" id="Seite_367">[367]</span> -Zugleich mit dem Schmerz erfüllten aber heiliger Zorn -und Empörung gegen die Bedrücker Aller Brust, und -aus den Seelen der Hartgeprüften rang sich zum Himmel -empor der flehentliche Schrei: »<em class="gesperrt">Herr, mach’ uns frei!</em>«</p> - -<p>Dann erklang die Orgel von neuem, und die Gemeinde -stimmte mit Inbrunst das Lied an: »Befiehl -Du Deine Wege, und was dein Herz nur kränkt, der -der allertreusten Pflege des, der den Weltkreis lenkt –«</p> - -<p>Hierauf leerte sich langsam das Gotteshaus.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap24">24. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Die Männer hatten sich zu einer letzten Besprechung -nach dem Gottesdienst in die Schenke verabredet, da der -übrige Teil des Tages den Angehörigen gewidmet -sein sollte.</p> - -<p>Max hatte die Seinen nach dem Freihofe zurückbegleitet -und fand, als er nach kurzer Zeit in die Wirtsstube -trat, alle schon versammelt. Das halbe Dorf war -auf den Beinen und umlagerte den Gasthof, und die Neugierigsten -unter der Jugend umdrängten die Fenster und -versuchten zu erfahren, was drinnen beschlossen wurde. -Auch lief das Gerücht herum, daß eine französische Patrouille -von fünf Reitern außerhalb des Dorfes gesehen worden sei -und den Schauplatz der Verwüstung besichtigt hätte. Sodann -seien die Reiter beim Schwedenloch abgesessen und hätten -dort auch ihre Pferde gefüttert. Die Zaghaften unter<span class="pagenum" id="Seite_368">[368]</span> -den Einwohnern aber sagten, Pferde in der Nähe des -Schwedenloches wären keine gute Vorbedeutung, und -die den Lebenden von Mund zu Mund überlieferte Erzählung -des Ursprungs dieser Stätte wurde wieder -aufgewärmt.</p> - -<p>Mit dem Schwedenloch verhielt es sich nun -folgendermaßen.</p> - -<p>Vor etwa zweihundert Jahren war, vom Erzgebirge -her kommend, ein unbekannter Mann im Dorfe erschienen. -Der Fremde behauptete, er sei ein großer -Bergverständiger und habe schon manchem dadurch zu -Reichtum verholfen, daß er auf seinem Besitz eine schwere -Silberader entdeckte. Die Gegend um Rehefeld erscheine -ihm versprechend, und er werde versuchen, hier nach -Silber zu graben.</p> - -<p>Darüber lachten die Bauern, weil sie dachten, der -Fremde sei ein Spaßmacher. Aber dieser verfügte über -eine gute Zunge, und als er zu ihnen von dem Reichtum -sprach, den selbst ein kleiner Silberbergbau abwerfe -und mit lebendigen Worten die freudige Überraschung -zu schildern verstand, die in andern Gegenden die hartnäckigsten -Zweifler angesichts der reichen Ausbeute der -von ihm gegrabenen Schächte nach kurzer Zeit überkommen -sei, da wurden die Bauern nachdenklich. Das Lachen -verschwand von ihren Gesichtern, und sie kraulten sich -bedächtig hinter den Ohren, und einer fragte den andern, -ob er sich mit ein paar Hundert Talern etwa beteiligen -würde. Anfänglich schien niemand dazu geneigt. Als -aber der Schätzesucher hoch und teuer beschwor, daß -sich das Geld über Nacht zwanzig- und dreißigfach verzinsen -könne, und er davon sprach, bei längerem Weigern -das Kapital auf den umliegenden Dörfern aufzubringen,<span class="pagenum" id="Seite_369">[369]</span> -da wurden die Rehefelder neidisch auf die von Gröbern -und Zehmen, und in wenigen Tagen war die verlangte -Summe beisammen.</p> - -<p>Nun fing der fremde Mann an zu bohren. Aber -einige Ellen tief traf er auf Sandstein, und die Bauern -empfanden so etwas wie Enttäuschung. Der Fremde -aber meinte, dies sei recht und gut, denn er habe gerade -unter so weichem Gestein schon die reichsten Silberadern -gefunden; und er bohrte fröhlich weiter. Die Arbeit -ging langsam von statten, und die Geldgeber wollten -schon allmählich verzweifeln, da berührte der Bohrer wieder -Sand, und die bereits gelästerten Prophezeihungen des -Schatzgräbers gingen mit neuer Hoffnung und unter -ehrfürchtigem Nicken von Mund zu Mund.</p> - -<p>Immer tiefer drang das Eisen des Bohrers hinab. -Das Loch in der Sandsteinschicht wurde weitgemacht -und rund ausgehauen, die Erde in dem neuen Schacht -abgegraben und durch einen Göpel herausgebracht, und -die Wände wurden verschalt und abgesteift. Mit der -Miene gediegener Sachverständigen guckten die Bauern -von oben in das immer tiefer werdende Loch hinunter -und freuten sich, als sie eines Tages entdeckten, daß es -drunten so finster geworden war, daß sie nicht mehr -bis auf den Grund sehen konnten. Nun fing es doch -endlich an, ein richtiges Bergwerk zu werden.</p> - -<p>Keinen andern Gesprächstoff kannte man mehr, -als Bergbauwissenschaft, und man erörterte ernsthaft, -ob nicht neben Silber auch Kohlen in der Nähe zu -finden seien. Nur der alte Lederhannes, der die Leute -im Dorfe versohlte, lachte und spottete über das Beginnen. -Auf der Erde, meinte er, wäre dem Bauern -vom Himmelsvater die Arbeit zugewiesen; um das, was<span class="pagenum" id="Seite_370">[370]</span> -im Bauche der Erde verborgen sei, brauche er sich nicht -zu kümmern. Aber die Rehefelder zuckten die Achseln -und sagten, mit siebzig Jahren – so alt war der -Spötter – werde der menschliche Geist mürbe und -brüchig, wie dem Hannes seine Stiefelsohlen lebtags -gewesen seien.</p> - -<p>Die Sandberge rund um den Schacht wuchsen -mächtig an, denn seine Tiefe betrug nun schon an die -hundert Ellen. Doch mit jeder Elle tieferen Hinabdringens -wurden die Gesichter der Bauern länger, aber -noch immer wollte sich kein Erz zeigen. Zudem fragte -der Lederhannes höhnisch, was sie mit dem vielen Sand -anfangen und ob sie ihn nicht probeweise von dem gelehrten -Manne zu einem Düngemittel für die Saatfelder -verarbeiten lassen wollten. Der Fremde hatte -aber schon zweimal wieder von den Bauern Geld verlangt, -das sie ihm mit Rücksicht auf die bereits hineingesteckten -Tausende auch gegeben hatten.</p> - -<p>Einige Monate hatte der schöne Wahn vorgehalten, -dann brach er, gleichzeitig mit dem Schachte, -plötzlich in sich zusammen. Als eines Morgens die -Arbeiter die Einsteigleitern betreten hatten, um sich zum -gewohnten Tagewerke hinabzubegeben, da vernahmen sie -in der Tiefe dumpfes Rauschen. Ein paar Beherzte -stiegen hinunter und fanden, daß die Sohle des Schachtes -tief hinabgesunken war und unter Wasser stand. An -mehreren Stellen hatte sich die Verschalung gelöst und -war hinuntergestürzt. Da gerieten die Bauern in helle -Verzweiflung und fragten nach dem Anstifter des Unglücksunternehmens. -Der aber war und blieb verschwunden. -Wahrscheinlich hatte er den Schaden vorausgesehen und<span class="pagenum" id="Seite_371">[371]</span> -sich in weiser Vorsicht rechtzeitig aus dem Staube gemacht. -Nun erfuhren die Beteiligten zu dem Schaden -noch reichlichen Spott, und sie zogen es vor, den Verlust -und die Enttäuschung klaglos zu tragen.</p> - -<p>Den Schacht aber überließ man seinem Schicksale. -Die Steigleitern wurden zwar gerettet, wie man aber auch -die Verschalung losreißen wollte erwies sich dieses Vorhaben -als sehr gefährlich für die Arbeiter, und man -ließ davon ab. Dann deckte man das Loch zu und -ging mit Eifer an die willkommene Ausbeutung des -Steinbruches, bis sich endlich der Schacht oben trichterförmig -erweitert hatte. Zuletzt wollte niemand mehr -von den schwierig zu gewinnenden Steinen etwas wissen. -Und als die Deckbretter verfault und hinabgestürzt waren, -weigerte sich jeder, sie zu erneuern. Man umgab den -oberen Rand des Steinbruches mit einer hölzernen Einfassung, -um einen in der Dunkelheit von dem in der -Nähe vorüberführenden Wege etwa Abkommenden vor -dem Hinabstürzen zu bewahren. Von dem schwedischen -Hauptmann aber, dessen wildgewordenes Roß im Verlaufe -des dreißigjährigen Krieges mit seinem Reiter über -die Barriere hinwegsprang und den niemand wiedersah, -hatte der Schacht seinen Namen erhalten.</p> - -<p>Man ahnte, daß das Schwedenloch bodenlos sei, -und jedermann vermied es, in seiner Nähe zu verweilen. -Die jungen Mädchen aus dem Dorfe erzählten sich an -den langen Winterabenden schauerliche Geschichten von -dem Orte, und seit jener stürmischen Neujahrsnacht, in -der ein von Zehmen zurückkehrender Knecht kreidebleich -im Gasthof erschienen war und aussagte, am Steinbruche -jage ein schwarzer Reiter auf feurigem Rosse<span class="pagenum" id="Seite_372">[372]</span> -umher, wurde der Ort selbst von den Erwachsenen mit -Scheu gemieden.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p>Als Max in der dichtgefüllten Wirtsstube erschien, -verstummte das in trägem Flusse sich dahinwindende -Gespräch sofort gänzlich, und alle sahen auf ihn und -waren begierig darauf, die letzten Abmachungen zu -hören. Die Ausmarschierenden hatten sich an einem -langen Tische niedergelassen, in dessen Mitte und zwar -so, daß sie das Zimmer übersahen, Max und Konrad -saßen. Freundlich schien die Oktobersonne durch die -Fenster und spielte auf den ernsten Gesichtern der -Männer.</p> - -<p>Der Abmarsch sollte am nächsten Morgen frühzeitig -und in aller Stille erfolgen. Wenn die Kirchturmuhr -die fünfte Stunde verkündete, mußte jeder am -Freihofe eingetroffen sein, von wo es dann ohne -Aufenthalt weiterging. Niemand außer den fortziehenden -Männern sollte die Dorfgasse betreten, denn man -konnte nicht wissen, ob nicht französische Patrouillen in -der Nähe herumspionierten, denen das Dorf infolge -Auffliegens ihres großen Pulvervorrats vielleicht verdächtig -erschien.</p> - -<p>Die Kunde, daß französische Reiter am Schwedenloch -gesehen worden seien, bestärkte die Männer in ihrer -Vorsicht, und als einige zurückbleibende Bauern sich erboten, -einander ablösend während der Nacht die Dorfausgänge -zu beobachten, wurde dieser Vorschlag allgemein -gutgeheißen. Zuletzt erklärte der Rabensteiner, -sogleich nach dieser Besprechung auf dem Wege nach<span class="pagenum" id="Seite_373">[373]</span> -Gröbern soweit vorwärts reiten zu wollen, bis er auf -die preußischen Vorposten stoße. Sollte er in dieser -Gegend aber französische Uniformen sehen, so würde er -versuchen, über Göhren seinen Zweck zu erreichen. Auf -alle Fälle mußte man genau wissen, welche Richtung -morgen früh einzuschlagen war. Überall schwärmten -kleine französische Reiterhaufen herum, deshalb war -große Vorsicht geboten. In der Nacht abzumarschieren, -erschien ihnen nicht ratsam, da die Franzosen infolge -der großen Nähe des Feindes sehr auf der Hut sein -würden.</p> - -<p>Die letzten Anordnungen waren getroffen und die -Männer nahe daran, aufzubrechen, als plötzlich die unmittelbar -auf die Straße führende Tür des Gastzimmers -aufgerissen wurde. Überrascht fuhren die Versammelten -in die Höhe und blickten auf die offene Tür, in deren -Rahmen sich noch immer nichts zeigte. Da erschien -plötzlich auf der Schwelle eine wunderliche Gestalt, in -der man nach genauem Hinschauen Mutter Lehnhardt -erkannte.</p> - -<p>Sie trug ein seltsam aufgeputztes Kleid von Lilafarbe, -das ehemals kostbar gewesen sein mußte. Heute aber -war sein Glanz verblichen. In nichts ähnelte es der -Form, in der die Frauen zur Zeit die Kleider trugen, -und die über und über zerknitterte und an manchen -Stellen zerschlissene Seide ließ erkennen, daß das Kleid -vielleicht Jahrzehnte unbenutzt in einer Ecke des Schrankes -gehangen hatte. Den Kopf der Greisin bedeckte ein -gleichfalls zerknitterter Filzhut von uralter Form, mit -verblaßten, bunten Bändern, von denen zwei an den -Wangen herabliefen und unter dem Kinn zu einer Schleife -verknüpft waren.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_374">[374]</span></p> - -<p>Keiner der Anwesenden konnte sich entsinnen, Mutter -Lehnhardt jemals anders als in einem selbstgefertigten -Rock von grobem Stoff und der üblichen Jacke -einfacher Dorfleute gesehen zu haben. So gekleidet, -erkannte man sie schon von fern. In dem Aufputze, -in dem sie aber jetzt dicht vor ihnen stand, mußten sie -scharf hinsehen, um die Alte zu erkennen.</p> - -<p>Anfangs drängte sich ein Lächeln auf manche Lippe, -denn die Erscheinung forderte den Spott heraus. Das -Kleid war ehedem sicherlich nicht für seine heutige Trägerin -angefertigt worden, denn es war für diese einfache Frau -viel zu kostbar. Man kannte die Vergangenheit der -Greisin zu gut, um nicht richtig zu vermuten, daß das Kleid -einstmals von einer Schloßherrin getragen wurde, und -daß es später, als es nicht mehr mit der Zeit ging, -verschenkt worden war. Der Schnitt erregte Kopfschütteln, -und die Männer begriffen nicht, wie man an dieser -Form einst hatte Gefallen finden können.</p> - -<p>Die Anwandlung von Heiterkeit aber währte nicht -lange, dann verschwand das Lächeln von den Gesichtern -vor dem ernsten, ja feierlichen Ausdruck, der auf den -Zügen der Greisin lag. Eine Sekunde lang blieb die -schmächtige Gestalt auf der Schwelle stehen und ließ die -klaren Augen flink über die Versammlung gleiten. Es -schien, als wenn sie sich an der Überraschung weide. Dann -griff die Hand der Alten entschlossen in das Kleid, raffte -es auf, daß es nicht den Fußboden streife, und so betrat -sie mit ihren gewohnten Trippelschritten die Gaststube, -bis sie an dem langen Tische der Ausmarschierenden -stehen blieb.</p> - -<p>»Ei, sieh da, der Herr Max,« sprach sie, »und<span class="pagenum" id="Seite_375">[375]</span> -alle die mutigen Burschen. Will’s Gott, so sitzt Ihr -nach Jahresfrist wieder so wie heute beisammen.«</p> - -<p>Sie hielt mit eifrigem Kopfnicken inne, um alsbald -lebhaft fortzufahren:</p> - -<p>»Doch dürft Ihr nicht denken, daß ich gekommen -wäre, um Eure kostbare Zeit zu verschwatzen. Aber die -Erzählung geht, daß drüben im Preußischen alle, selbst -der Arme zu den Kosten des Krieges sein Scherflein -beitrage. Und deshalb will auch ich der guten Sache -mein Opfer bringen.«</p> - -<p>Die Greisin suchte die Tasche des Kleides und entnahm -ihr ein kleines Papier, das die zitternden Finger -mühsam entfalteten und legte den Inhalt dann dicht vor -Max auf den Tisch. Es waren zwei goldene Ringe.</p> - -<p>»Das sind meine einzigen Schätze,« begann sie -wieder, »nehmt sie mit, Herr Max, mir können sie -nichts mehr nützen. Es ist der Ring meines Seligen, -den man mir, nachdem er bei Kesselsdorf gefallen war, -sandte und der meinige. Jenen habe ich nun mehr als -siebzig Jahre gut verwahrt gehalten, und nur wenn die -alten Erinnerungen allzustark heraufstiegen, habe ich ihn -hervorgeholt und mit ihm geplaudert, als ob es mein -guter Mann selbst wäre. Den meinen habe ich erst -heute nach dem Gottesdienst vom Finger gezogen. Bevor -ich beide Ringe in das Papier schlug, habe ich sie noch -einmal geküßt, sie waren ja das Unterpfand einer jungen -Liebe. Nehmt sie mit, ich bitt’ Euch darum!«</p> - -<p>Niemand sprach darauf ein Wort, keiner der Männer -fand eine Erwiderung. Sie alle hielten die Blicke niedergeschlagen -und betrachteten die Ringe. Der eine davon -hatte, wie es schien, noch sein ursprüngliches Gewicht -und war groß, wie eben ein Ring sein muß, der an<span class="pagenum" id="Seite_376">[376]</span> -der Faust eines Bauernburschen sitzt. Der andere aber -war dünn wie Blech, so hatte sich das Edelmetall an -den Fingern der Greisin während der vielen Jahre -abgewetzt.</p> - -<p>Da unterbrach Max das Schweigen:</p> - -<p>»Mutter Lehnhardt,« sagte er, »Ihr reißt einen -kostbaren Schatz von Euerm Herzen, bedenkt es wohl, -bevor Ihr Euch für immer davon trennt.«</p> - -<p>Die Greisin machte eine abwehrende Bewegung mit -der Hand und erwiderte:</p> - -<p>»Das Gold möge sich in Stahl verwandeln, mit -dem unsere Jugend sich und ihren Kindern ein freies -Vaterland schaffe. Mein Seliger wird mir’s im Traume -zuflüstern, daß ich richtig gehandelt habe. Er war ja -selbst ein Feuerkopf.«</p> - -<p>»Nun denn,« antwortete Max, »zurückweisen darf -ich Eure reiche Spende um der guten Sache willen nicht. -Wir nehmen aus dem Dorfe manche Gabe mit uns; -laßt es Euch aber versichert sein, Mutter Lehnhardt, -daß wir die Eurige als die kostbarste schätzen.«</p> - -<p>Die Alte nickte freundlich, sah sich im Kreise der -Männer noch einmal um und trippelte dann mit einem -»Behüt’ Euch Gott« wieder der Tür zu.</p> - -<p>Friedrich, der zwanzigjährige, hochgewachsene und -breitschultrige Sohn der Kirchengutbäuerin, der morgen -früh mit ausmarschierte, saß der Tür am nächsten. Mit -unbeholfener Eilfertigkeit sprang er hinzu und öffnete. -Mutter Lehnhardt zögerte aber eine kleine Weile, als -wenn ihr das Hinabsteigen der Stufen viel Mühe mache. -Da bückte sich der große Junge, hob die Greisin wie -eine Feder auf und ging mit ihr vorsichtig die Stufen -hinab. Stirn an Stirn lagen die beiden Gesichter aneinander,<span class="pagenum" id="Seite_377">[377]</span> -das welke des langsam absterbenden Menschen -neben dem blühenden des kraftstrotzenden Jünglings. -Und zärtlich, wie eine Mutter ihr noch hilfloses Kind, -streichelte während des Hinabschreitens die runzlige Hand -der Greisin seine vollen Wangen.</p> - -<p>Zu ebener Erde angelangt, setzte Friedrich seine leichte -Last behutsam nieder, und weil er die Blicke der Männer -von drinnen und der vor dem Gasthof Weilenden auf -sich gerichtet fühlte, wurde er sehr verlegen, und eine dunkle -Röte überzog ein hübsches Gesicht. Da stand nun der junge -Riese mit dem glattgescheitelten Blondhaar und den zu -kurzen Jackenärmeln des Sonntagsgewands, aus denen -die starken Handgelenke und die derben Fäuste weit herausragten, -nicht wissend, wohin er seine Augen richten sollte.</p> - -<p>»Wie sein seliger Großvater, als er noch ein junges -Blut war,« sagte Mutter Lehnhardt, Friedrich mit versonnenem -Lächeln betrachtend.</p> - -<p>Dann hob die Alte mit großer Sorgfalt das Kleid -auf und lief mit kleinen und flinken Schritten über den -Dorfplatz.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap25">25. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Die Männer hatten den Gasthof nunmehr verlassen, -denn es drängte sie, heimzukehren. Deshalb geizten sie -mit der Minute.</p> - -<p>Maxens Sehnsucht nach Maria war aufs höchste -gestiegen. Bevor er aber nach Hause zurückkehrte, gab<span class="pagenum" id="Seite_378">[378]</span> -er Konrad das Geleit bis zum Rabensteiner Hof. Zuletzt -verabredeten sie noch eine kurze Besprechung auf -dem Freihofe nach Konrads Rückkehr. Hierauf trennte -sich Max unter guten Wünschen von dem Freunde und -ging rasch den Weg zurück.</p> - -<p>Marias liebliche Erscheinung, wie er sie an diesem -Morgen im Erker gesehen hatte, stand ihm lebendig vor -der Seele, und der heiße Wunsch, sein junges Weib ans -Herz zu drücken, beflügelte seine Schritte. Schon während -des Aufenthalts im Gasthofe hatte ihn einmal eine geheime -Unruhe bedrückt, und er wäre am liebsten aufgesprungen -und nach Hause geeilt. Nun sollte er aber -in wenigen Minuten bei ihr sein, ihre klangvolle Stimme -vernehmen, ihren warmen Odem an seiner Wange fühlen -und in ihre lieben, treuen Augen schauen.</p> - -<p>Verwundert blickte sich Max während seines beschleunigten -Laufes um, denn das Oberdorf war wie -ausgestorben. Da sah er den spitzen Giebel seiner großen -Scheune auftauchen, und nach ein paar weitausgreifenden -Schritten gelangte er an die Biegung der Dorfstraße, -von wo aus er das Hoftor sehen konnte. Doch – was -war das? Was bedeutete die große Menschenansammlung -vor dem Freihofe? Ein Alp senkte sich auf seine -Brust, daß er nur schwer zu atmen vermochte. Unwillkürlich -seinen Lauf beschleunigend, flog er zuletzt die Straße -hinab. Da kam er bei den ersten Herumstehenden vorüber -und rief ihnen zu:</p> - -<p>»Was ist’s, warum seid Ihr alle hier versammelt?«</p> - -<p>Aber er nahm sich nicht die Zeit, ihre Antwort -abzuwarten, so rastlos trugen ihn die Füße weiter. Die -Gefragten schienen ob der überhobenen Antwort erleichtert, -denn sie hatten scheu an ihm vorbeigesehen.<span class="pagenum" id="Seite_379">[379]</span> -Je mehr der Freihofer sich aber seinem Besitze näherte, -umso dichter standen die Menschen. Stumm wichen sie -zurück und bildeten eine Gasse, durch die er bis zu dem -geschlossenen Hoftor stürmte.</p> - -<p>Hier angekommen, versagten ihm die Füße wie gelähmt -den Dienst, und er wandte sich zu der Menge. -Eine verzehrende Angst machte ihn heimlich beben, aber -er war zu stolz, sie erkennen zu lassen. Deshalb fuhr -er die Nächststehenden mit Trotz in der Stimme an:</p> - -<p>»Warum haltet Ihr hier Maulaffen feil? Geht heim -und lobt Eure Weiber für den Sonntagsschmaus, den -sie Euch auftischen!«</p> - -<p>Die so unsanft Angeredeten erwiderten nichts, aber -sie vermieden es, daß ihre Augen seinem Blick begegneten. -Qualvoll verstrich eine Sekunde eisigen -Schweigens, das angesichts der dichtgedrängten Menschen -unnatürlich erschien und das die deutlich auf das Gesicht -des Mannes am Hoftor geschriebene Angst bis zur Unerträglichkeit -steigerte. Da faßte einen aus der Menge -das Erbarmen mit dem Gefolterten und er rief -ihm zu:</p> - -<p>»Freihofer, bereitet Euch auf Entsetzliches vor; es -ist ein Unglück geschehen!«</p> - -<p>Diese wohlgemeinten Worte riefen eine unerwartete -Wirkung hervor: aus der tödlichen Angst des Bemitleideten -schlugen die Flammen blinder Wut, und er -schrie:</p> - -<p>»Daß Du ersticken mögest an Deinem Unkenruf. -Mit solchen Worten schreckt man Memmen. Ich sage -Euch, es spukt nur in Euern Köpfen, sonst ist es -nichts!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_380">[380]</span></p> - -<p>Eine neue Pause, angefüllt mit demselben entsetzlichen -Schweigen von vorhin schien wieder einzutreten. -Wer vermochte es, diesen Mann daran zu hindern, daß -er, wie es ihm ein verzehrendes Angstgefühl gebot, sich -gegen die Kenntnis eines furchtbaren Geschehnisses sträubte, -obgleich er dessen Wahrheit ahnte.</p> - -<p>Da kam Bewegung in den Kreis. Zwei Arme -teilten die Menge, und ein Mann trat aus ihr heraus und -stellte sich dem jungen Bauern gegenüber, – es war -Pastor Reinerz, angetan mit langschößigen Bauernrock.</p> - -<p>Max empfand in diesem Augenblick das Nähertreten -dieses Mannes wie das eines Gegners. Die aller Fesseln -befreiten, wild mit einander ringenden Leidenschaften rissen -sich um die Herrschaft über ihn, und je nachdem, ob es der -dem Wahnsinn zutreibenden Angst oder der schäumend -machenden Wut gelang, zu siegen, konnte der Unglückliche -sich auf den Greis stürzen, oder im nächsten Augenblick -unter dem zermalmenden Drucke des Jammers zusammenbrechen.</p> - -<p>Doch alsbald sollte der Kampf im Innern des -Freihofers entschieden sein; Pastor Reinerz begann zu -sprechen, und bei seinen Worten glätteten sich die aufgepeitschten -Wogen. Der Feuerstrom des Zorns, der -seine Ufer schon überflutet hatte, schäumte jetzt wieder -in sein Bett zurück und ließ die Angst, die unaussprechliche -Angst anwachsen, daß der Freihofer wähnte, um -Brust und Hals legten sich ihm Eisenklammern.</p> - -<p>»Der Gott, der Himmel und Erde erschaffen,« begann -Pastor Reinerz, »bestimmt auch den Lauf der -Menschengeschicke, und wir sollen nicht mit ihm hadern, -wenn sein unerforschlicher Wille uns von der Höhe irdischen -Glücks hinab in die Tiefen des Schmerzes und der Verzweiflung<span class="pagenum" id="Seite_381">[381]</span> -stürzt. Denn der Mensch ist aus des Meisters -Hand hervorgegangen, und sein winziger Geist begreift -nicht den Geist seines Schöpfers. Wir stehen erschüttert -vor diesem entsetzlichen Schlag, der uns alle getroffen -hat. Aber es gebührt uns nicht, uns aufzulehnen; -neigen wir in Demut das Haupt und vertrauen wir unverändert -auf die Liebe des himmlischen Vaters. Was -der ewige Gott, unbegreiflich für uns Menschen, diesmal -zu sich berufen hat, ist ein blühendes, junges -Leben – – –«</p> - -<p>Der Freihofer hatte bisher mit Aufbietung seiner -ganzen Willenskraft eine ihn zu übermannen drohende -Schwächeanwandlung bekämpft, bei diesen Worten aber -brach seine Beherrschung jäh zusammen. Er grub die -Zähne in die Unterlippe, daß das Blut erschien und -taumelte gegen das Hoftor.</p> - -<p>»Meine Seele ist noch aufs tiefste erschüttert,« fuhr -Pastor Reinerz fort, »denn gerade ich mußte Zeuge des -Verbrechens sein, denn einem schändlichen Verbrechen, -Freihofer, ist Euer Weib zum Opfer gefallen.«</p> - -<p>Max machte eine zuckende Bewegung, aber es -war, als ob der Schlag, der gegen ihn geführt worden -war, ihm die Kraft, zu verzweifeln, gelähmt habe.</p> - -<p>Da wandte sich Pastor Reinerz von dem bis ins -innerste Mark Getroffenen ab und sprach zu der Menge:</p> - -<p>»Hört mich an, Leute, denn Ihr kennt den Hergang -nur flüchtig. Die milden Strahlen der Sonne -bewogen mich, nachdem ich von der Kirche heimgekehrt -war, einen lang entbehrten Spaziergang in die freie -Natur zu machen. Einsam ging ich über die herbstlichen -Felder, derweilen Ihr im Gasthof versammelt wart und -sog mit tiefen Zügen die erwärmte Luft ein. Kein Laut<span class="pagenum" id="Seite_382">[382]</span> -störte die sonntägliche Stille. Da wurde ich plötzlich -aus meinen Gedanken wachgerüttelt. In geraumer Entfernung -von mir sah ich in dem hohen Grase etwas -Weißes bald aufleuchten und bald wieder verschwinden. -Ich strengte meine Augen an und erkannte in der weiblichen -Gestalt Maria, die kaum vor einer Stunde von -mir angetraute Gattin des Bauern vom Freihofe. Zeitweilig -sich niederbückend, schlenderte sie umher, um die -letzten Feldblumen zu einem Strauße zu sammeln. Schon -wollte ich meine Schritte zu ihr hinlenken, da fiel mein -Blick auf einen zweiten Menschen, – und das Blut -stockte mir in den Adern! Vom Schwedenloche herabkommend, -wo ein paar Reiter in der Nähe ihrer -grasenden Pferde weilten, nahte sich ein hochgewachsener -französischer Offizier, das junge Weib von hinten her -beschleichend. Ich biete meine ganze Stimme auf und -rufe: Maria! ohne daß sie meine Warnung hörte. Ein -zweites, ein drittes Mal klingt mein Ruf, da hatte sie -mich vernommen. Sich umschauend, fällt ihr Blick auf -den Mann, der sich ihr bis auf wenige Schritte genähert -hat. Sie erschrickt, wendet sich um und enteilt flüchtigen -Fußes der schon drohenden Berührung des Elenden. -Aber die Flucht nach dem Dorfe ist ihr verlegt. -Wie ein gehetztes Wild fliegt sie nach der andern Seite, -– da schneidet ihr der Verfolger, der sich im raschen -Laufe seinem Opfer nähert, den Weg ab. In demselben -Augenblick, in dem die Verzweifelte die Unmöglichkeit -eines Entrinnens erkennt, stürzt sie nach dem nahen -Schwedenloch, um durch einen Sprung von dessen Rand -sich vor dem Schlimmsten zu bewahren, – da treten -ihr die Soldaten entgegen. Und als die Gehetzte die -Schnelligkeit ihres Laufs unwillkürlich etwas verringert,<span class="pagenum" id="Seite_383">[383]</span> -um so vielleicht doch einen rettenden Ausweg zu erspähen, -da packt sie die rohe Faust des Entmenschten -am Handgelenk. Ein verzweifelter Aufschrei, – dann entschwanden -die Ringenden, zu Boden fallend, meinen -Augen, und nur das hohe Riedgras bewegte leise die -Spitzen.</p> - -<p>Eine verspätete Lerche flog auf und trug in weiten -Kreisen ihren Sang der Sonne entgegen.</p> - -<p>Mich alten Mann aber überfällt ein wahnsinniges -Entsetzen und ich eile, so schnell mich die Füße tragen -wollen, vorwärts. Doch bald zwingt mich einer der -Soldaten stehen zu bleiben, und wie ich dennoch weiterdränge, -wirft mich ein Kolbenstoß vor die Brust besinnungslos -nieder.</p> - -<p>Als ich aus meiner kurzen Ohnmacht erwachte, -sah ich Maria aufrecht stehen. Zu ihrer Seite befand -sich der Franzose, dessen Bestialität noch einmal aufzublitzen -schien, denn er legte die Arme um das Mädchen -und versuchte, es zu küssen. In dem Augenblick aber, -in dem sein Mund sich ihrem Gesichte näherte, grub sie die -Zähne in den Hals des Lüsternen, daß dieser das Weib -mit einem wilden Fluche freiließ und nach der blutenden -Stelle tastete. Wohl tut einer der Elenden, die entfernt -standen, einen Schritt nach dem ruhig dahinschreitenden -Weibe, wie die Hyäne, die darnach lechzt, was der gesättigte -Blutdurst des Tigers verschmäht. Aber ein königlicher -Blick scheucht ihn zurück, und bald stand Maria am -Rande des Steinbruchs. Ein paar Sekunden verharrte -sie unbeweglich, das Haupt auf die ineinander gelegten -Hände gebeugt. Dann wandte sie noch einmal den Blick -und ließ das Auge über die Fluren schweifen, hinüber -nach dem Dorfe. Ich sprang auf und winkte und rief.<span class="pagenum" id="Seite_384">[384]</span> -Sie erkannte mich, nickte mir zu, nahm den Strauß aus -den Falten des Busens, führte ihn noch einmal zum -Munde und legte ihn nieder, und dann –,« hier schwieg -der Greis.</p> - -<p>Die Männer hatten während seiner Erzählung wiederholt -laute Verwünschungen ausgestoßen, und manche Faust -hatte sich unwillkürlich geballt.</p> - -<p>Pastor Reinerz aber fuhr fort:</p> - -<p>»Die Soldaten gaben mir jetzt den Weg frei, und -ich lief nach der Stelle, an der ich Maria zum letzten -Male gesehen hatte. Als ich erschöpft dort ankam, bot -sich meinem Blicke nichts weiter von ihr, als die Blumen. -Ich beugte mich über den Abgrund, der gerade dort -am steilsten abfällt und gewahrte, etwa dreißig Ellen -unter mir, dort, wo der große Trichter in den Schacht -ausläuft, an einem niedrigen, verkrüppelten Baumstamm -einen menschlichen Körper hängen. Voll Freude und -Schrecken zugleich, daß der schwache Stumpf der Last -nachgeben könne, schaute ich mich nach einem Helfer um. -Da bemerkte ich schon einen Mann, der wie von ungefähr -über die Felder schritt. Ich schrie und machte -verzweifelte Bewegungen. Im eiligen Laufe kam er -heran, und während ich ihn mit fliegenden Worten -unterrichtete, schaute er hinab. Bange Sekunden verstrichen; -endlich rief er: Ich wags! Rasch streifte er -die Schuhe von den Füßen und dann stieg der Verwegene -hinunter.</p> - -<p>Ich wußte es, daß er den Zorn des Himmels -herausforderte, denn es war ein Frevel, den Versuch zu -unternehmen; ich erkannte das Unsinnige seiner Tat, -denn der Einsatz galt nicht einem Menschenleben, sondern<span class="pagenum" id="Seite_385">[385]</span> -es war das aussichtslose Spiel mit einem Leben um -einen Leichnam, – und doch ließ ich es zu!</p> - -<p>Der Weg, den der Tollkühne zurückzulegen hatte, -ist Euch vom Schauen her bekannt; es hat bisher noch -keiner versucht, ihn zu betreten. Hände und Füße gebrauchend, -klomm er langsam hinunter, jeden Vorsprung -weise benutzend, und wo ein solcher nicht vorhanden -war, das Fleisch der Finger und Zehen in die -Ritzen der Steinwand pressend. Ein Ausgleiten weihte -ihn rettungslos dem entsetzlichen Tode des Absturzes. -Langausgestreckt am Rande liegend, schaute ich dem -immer tiefer Gelangenden nach, während kalter Schweiß -mir auf die Stirn trat und mein Herz in lauten -Schlägen arbeitete. Mehr als einmal strauchelte er, -mehr als einmal löste sich ein Stein von der Wand, -den er sich als Halt erkoren hatte, unter seinen Füßen, -so daß es unabwendbar schien, daß der Retter in die -Tiefe stürze. Dann fiel mein Auge wieder auf den -schwachen Stamm, der sich unter der Last soweit bog, -daß er jeden Augenblick brechen konnte. Mir wollte -das Herz stille stehn bei dem Gedanken, daß das -Rettungswerk umsonst versucht worden sei.</p> - -<p>Endlich, nach Minuten furchtbarer Qual, langte -der Mann am Ziele an. Vorsichtig näherte er sich der -Stelle, schlang den linken Arm um den leblosen Körper -und trat nun, nur die Rechte noch benutzend, mit -seiner schweren Bürde den Aufstieg an. Ach, und wie -viel schwieriger gestaltete sich dieser als der Abstieg! -Durch Gestrüpp, das aus der Felswand drängt, und -über Geröll bahnte er sich den Weg. Ich verlor fast -die Sinne und mußte die Augen schließen, denn die -Bilder meiner Phantasie waren gräßlich. Da erscheint<span class="pagenum" id="Seite_386">[386]</span> -nach todesbangem Harren ein Kopf über dem Rande, -das Haar wirr, und das Gesicht entstellt vor Anstrengung -und Erregung. Ich fasse die Schultern, -um ihn heraufzuziehen. Doch was frommte die schwache -Kraft eines mit der Ohnmacht kämpfenden Greises! -Schon schien es, als wenn Leben und Tod in gemeinsamer -Umarmung im letzten Augenblick des Rettungswerks -und schon fast in sicherer Hut, mit einander in -die begehrliche Tiefe hinabstürzen müßten. Da machte -der Keuchende eine letzte, verzweifelte Anstrengung, und -es gelang unsern vereinten Bemühungen, daß er -sich auf den Rand schob und damit in Sicherheit -brachte.</p> - -<p>Eine geraume Zeit ruhten dann beide Körper so -nebeneinander, daß man nicht angeben konnte, welcher -von beiden noch Leben barg, und es hatte den Anschein, -als ob der genasführte Tod seine ihm schon sicher erschienene -Beute in schäumender Wut noch jetzt an sich -reißen wolle. Bleich lag der Wackere auf dem Rasen; -Gesicht, Hände und Füße hatten ihm das scharfe Gestein -und das Dornengestrüpp blutig gerissen. Endlich -kehrten seine Lebensgeister wieder zurück. Er wischte -sich erschöpft Schweiß und Blut vom Gesicht und taumelte -davon.«</p> - -<p>Hier machte der Sprecher eine lange Pause. Dann -hob er wieder an:</p> - -<p>»Ja, Max von Tiefenbach, Dein Weib ist tot, -aber unvergänglich ist die Schrift, womit ihr Andenken -uns allen in das Herz eingegraben ist. Vereinen wir -uns in christlicher Liebe, und rechten wir nicht mit der -Unglücklichen wegen des Schrittes, den sie tat. Denn an -der Schwelle des Todes machen die Vorwürfe Halt und<span class="pagenum" id="Seite_387">[387]</span> -was die Verblichene darüber hinwegbegleitet, sind Wehmut -und herzinniges Mitleid!«</p> - -<p>Max stand zusammengesunken mit dem Rücken an -das Tor gelehnt, beide Hände gegen dieses gestützt. -Sein Kopf war herabgefallen, und das Gesicht -war fahl.</p> - -<p>Den Blick auf dem Boden ruhen lassend, keuchte -er jetzt:</p> - -<p>»Ihr habt eins vergessen, Pastor, nennt den Namen -jenes Mannes, den Ihr bisher verschwiegt.«</p> - -<p>»Den Namen dieses Edeln soll keiner erfahren! -Seine Worte, bevor er ging, lauteten: wenn ich einen -Lohn für meine Tat fordern darf, so bestehe er darin, -daß man verschweige, wer dieses tote Weib seinem -Gatten wiedergegeben hat! Ihr werdet deshalb begreifen, – –«</p> - -<p>»Den Namen will ich wissen!« schrie der Freihofer -heiser und hob zugleich den Kopf und richtete -seine Augen starr auf die des Pastors Reinerz.</p> - -<p>Ein paar Sekunden tauchten die Blicke beider -Männer in einander. Mahnend, – drohend drang es -aus den grauen Augen des Alten. Und Max trat -blitzschnell die Erinnerung an einen Tag vor die Seele, -an dem er diese Augen so wie in dieser Sekunde hatte -leuchten sehen. Er wußte es, was kommen würde, -aber eine furchtbare Grausamkeit gegen sich selbst zerfleischte -sein Inneres, und es frohlockte in seinem -Herzen, wenn er daran dachte, daß sein gewaltiger -Schmerz sich noch vergrößern könne.</p> - -<p>»Ich will ihn wissen, den Namen!« schrie er noch -einmal, »sprecht!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_388">[388]</span></p> - -<p>Da richtete sich Reinerz auf, und die Greisengestalt -wuchs noch mehr bei seinen Worten:</p> - -<p>»Freihofer!« sprach er mit erhobener Stimme, »ja, -Ihr habt das Recht darauf, zu wissen, wer Euer Weib -umfangen hat, und wenn es auch nur im Tode geschehen -ist. Der Mann also, der unbedenklich sein Leben -daran setzte, Euch den Leichnam der geliebten Toten -wiederzubringen, auf daß er da drunten in der Tiefe -nicht eine Beute von allerlei Getier werde, sondern damit -Ihr Euerm armen Weibe ein christlich Begräbnis -könnt zuteil werden lassen, dieser Mann, Freihofbauer, -war – – Hermann Lehnhardt!«</p> - -<p>»Der Lehnhardt?« schrien zehn Stimmen zugleich, -»der mit seinem Arm – –?«</p> - -<p>Da erhoben sich aber auch schon winkende Hände, -um die Unvorsichtigen daran zu erinnern, daß es nicht -angemessen sei, den Schmerz des gebrochenen Mannes -noch zu vergrößern. Der aber stand wieder mit niedergesunkenem -Haupte. In Reinerzens Augen lesend, was -folgen mußte, hatte sein halsstarriger Widerstand wohl -wild aufgebäumt, daß er dem Kommenden trotze; – -und doch hatte er, als der Name fiel, tief den Nacken -gebeugt, wie unter einem ungeheuern Faustschlage.</p> - -<p>»Auf,« rief einer aus der Menge, »ziehen wir -zum Lehnhardt!« Zustimmend und mit lauten Worten -der Anerkennung und Bewunderung zog der Haufe lärmend -davon. Zuletzt war niemand mehr geblieben, -denn was sollte man hier? Den Zusammengesunkenen -trösten? Das versuchte keiner.</p> - -<p>Endlich richtete sich Max auf. Alle weichen Empfindungen -flohen ihn in dieser Sekunde; das aber was<span class="pagenum" id="Seite_389">[389]</span> -blieb, und zu Riesengröße anwuchs, war der alte, -nackenzerbrechende Trotz der Tiefenbachs!</p> - -<p>Mit stampfenden Schritten ging er über den Hof -und betrat das Haus.</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak" id="kap26">26. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>In die Mitte der großen Stube hatte man einen -langen Tisch gestellt, und auf diesem ruhte Maria, den -Kopf auf ein Kissen gebettet. Sie trug noch ihr Hochzeitskleid. -Ihre Hände waren auf der Brust ineinandergelegt -und hielten die gepflückten Blumen umschlossen. -Zu ihren Füßen, mit dem Rücken nach der Tür gewendet, -saß steif und unbeweglich die Freihoferin.</p> - -<p>In unnatürlicher Ruhe blieb Max eine kurze Weile -an der Tür stehen und betrachtete die Tote. Langsam -trat er endlich näher. Als die Mutter das Herankommen -des Sohnes vernahm, erhob sie sich stumm und -ohne sich nach ihm umzusehen, als habe sie nunmehr -diesen Platz zu räumen. Dann setzte sie sich an den -runden Tisch auf ihren gewohnten Platz und legte den -Kopf mit dem weißen Haar auf die Arme.</p> - -<p>Max ließ sich auf den Stuhl niederfallen, beugte -den Oberkörper, beide Ellbogen auf die Knie stützend, -vornüber und in einem Traumzustand versinkend, behielt -er die Augen unverwandt auf sein totes Weib gerichtet.</p> - -<p>Sein Inneres war wie versteinert. Das Unglück -in seiner Riesengröße und zerschmetternden Wucht war<span class="pagenum" id="Seite_390">[390]</span> -so urplötzlich über ihn hereingebrochen, daß das Entsetzen -seine Seele umdüstert hatte. Ein Blitzstrahl war -herabgefahren und hatte den starken Mann getroffen -und seinen feinsten Lebensnerv bloßgelegt.</p> - -<p>Wie armselig ist doch in den Augenblicken des -entsetzlichsten Wehs der Mensch! Ob König oder Bettler, -zarte Jungfrau oder lästernder, brutaler Gewaltmensch, -ob naives Gemüt oder weltenumspannender -Geist, – gleichviel: eine Riesenfaust greift hinein in -das Innere und schüttelt das Menschlein zum Erbarmen -und wirft es zuletzt in den Staub!</p> - -<p>Mehrere Stunden hatte der unglückliche Mann -regungslos gesessen, bis sich die Schatten der Nacht auf -die Erde herabsenkten. Und mit ihrem Kommen wurde -es in seiner Seele lichter. Die entschwundenen Sinne -kehrten langsam wieder zurück, und die Fähigkeit, die -Schwere des Unglücks zu ermessen, wurde wieder wach. -Eine unsägliche Bitterkeit bemächtigte sich seiner.</p> - -<p>So schnell also und so schimpflich mußte eine reine -Seele sterben? – Ein Ekel, Mensch zu sein, mußte -jeden überkommen, der dieses Verhängnis und sein Opfer -kannte. Der Schöpfer der Welten schafft die Menschen -im Übermut, damit er sie in lüsterner Grausamkeit -wieder zertrümmere. Seine wahnwitzigen, auf Zerstörung -gerichteten Launen blitzen grell auf und vernichten, -als wenn drunten in der Grube die schlagenden -Wetter aufblitzen, und ihre elementare Kraft den nach -desselben Gottes Gebot im Schweiße seines Angesichts -sich mühenden Menschen wie einen Spielball gegen die -Wände der Grube schleudern und ihn endlich als formlose -Masse liegen lassen. Mit der Geburt in die mißliche -Lage hineingestoßen, umlauert von tückischen<span class="pagenum" id="Seite_391">[391]</span> -Mächten, preisgeben der Not, der Krankheit, dem Schmerze -der Welt, der Verzweiflung, dem Tod, – das ist das -Schicksal der Sterblichen! Der Erbarmungslose aber, -dem seine Geschöpfe nichts weiter sind als ein Spielzeug, -der ein Werk, aus seiner Hand hervorgegangen, -nach einem andern schleudert, um sich an dem Zermalmen -beider zu ergötzen, diese im Rausche schaffende -und zerstörende Kraft, dieser blindwütige Despot nennt -sich selbst der Menschheit Gott, ihr liebender Vater -und Erbarmer! – Haha, – Wahnwitz ist sein Beginnen, -niederste Grausamkeit seine Befriedigung.</p> - -<p>Blühende Gefilde, bereitet unter inbrünstigen Gebeten -und mit frohen Hoffnungen, gedüngt mit sauerm -Schweiß und gehegt mit Daransetzen der besten menschlichen -Kräfte, zerstören jubelnd seine wilden Gewalten, -während sie an den Verfall, an die Trümmer, die -Verwesung, das Chaos nicht rühren. Dem Lasterhaftesten -seiner Menschen, dem Bekümmerten und Elenden, dem -Fluchwürdigen, dem, der dem Schöpfer nachäffend die -Völker sich zerfleischen läßt, daß Tausende von Leben -untergehen, – diesen allen, die den Tod täglich herbeisehnen, -oder die sein Blitz spalten müßte, läßt er das -Leben; – das Schöne aber wirft er in den Staub, -das strotzende Leben vernichtet, die bauende Hoffnung -enttäuscht er. Und die höchste seiner Gaben, die Reinheit, -läßt er schamlos beflecken. Das ist der Gott der -Menschen!</p> - -<p>Der Freihofer schüttelte leise den Kopf. Und das -war sein Hochzeitstag, und das seine Brautnacht! -Wahrlich, es war ein Meisterstück des auf neue Grausamkeiten -sinnenden Schicksals, ein Streich, den alle -Teufel ausgesonnen hatten. Man mußte sie loben, die<span class="pagenum" id="Seite_392">[392]</span> -erfindungsreichen Höllenbewohner, wenn ihr Schelmenwitz -nicht so witzlos, ihr Erfindungsgeist nicht so traurig -wäre. All ihr dunkeln Gewalten, Verhängnis, Schicksal, -Teufel – Gott, zuletzt ist euch der Mensch doch überlegen! -Untergehend belächelt er eure Wut, und das -gefaßte Sterben des schwachen und – gegenüber den -Jahrmillionen eures unheilvollen Wirkens – ephemeren -Geschöpfes müßte Euch die Schamröte in die Schläfen -jagen. Aber hohen Sinn und Edelmut darf man nicht -bei den Unsichtbaren suchen.</p> - -<p>Das also war seine Hochzeitsnacht! Nicht auf -weichem Wonnepfühl, Leib an Leib streckten sie in seliger -Umarmung die Glieder, – zusammengesunken und mit -einer nie wieder heilenden Wunde im Herzen saß der -Bräutigam neben dem harten Lager der schönen Braut. -Zwischen ihnen aber kauerte der unerbittliche Knochenmann -und betrachtete grinsend das hellrote, rauchende -Blut, das von seiner Sense herabtropfte.</p> - -<p>Wie ein gefesselter Löwe gegen seine Ketten, tobte -Max wider die stärkere Macht, die seinem Herzen diese -Wunde geschlagen hatte, und anstatt Schrecken schüttelte -seinen Körper der Zorn.</p> - -<p>An seinem Geiste zog langsam sein ganzes Leben -vorüber, und von dem einförmigen Hintergrund seiner -ohne Stürme verflossenen Lebensjahre hob sich in leuchtenden -Farben die Zeit der Liebe zu Maria ab, seiner -tiefen und starken Liebe, deren Wurzeln sich bis auf den -Grund seines Herzens hinabrankten.</p> - -<p>So unsagbar elend mußte sie an ihrem Ehrentage -zugrunde gehen! Wie hatte sich Maria auf die Hochzeit -gefreut! Viel mehr noch, als sie es ausgesprochen -hatte. Das hatte er oft aus den versonnenen Augen<span class="pagenum" id="Seite_393">[393]</span> -gelesen, die der blanke Spiegel ihrer reinen, unschuldvollen -Mädchenseele gewesen waren. Und nun! Welch -schriller Mißklang, welch unreine Schlußakkorde, die aber -vor der himmlischen Melodie, die ihre Seele droben empfing, -wieder zu den Irdischen flüchten mußten. Den Makel, -den jener Bube ihr zugefügt, hatte ihr guter Engel aber -in dem Augenblick wieder von ihr genommen, als sie -den Tod einem Leben vorzog, dessen Wert für immer -verloren war.</p> - -<p>Doch was für Gedanken kamen ihm da! Nein, -fort mit der Weichheit, denn nichts Mildes, keine Barmherzigkeit -wohnen bei den Mächtigen im Reiche der Seelen. -Und er bäumte sich im Trotz von neuem auf unter dem -entsetzlichen Drucke.</p> - -<p>Man sagt, daß Gott die Menschen ihre Missetaten -sühnen läßt, wenn das Maß gefüllt ist. Aber warum -ließ er deshalb gerade sie zerschmettern? Sie, die -Sündenreine, Edle, die den anspruchsvollsten Anforderungen -des Schöpfers an seine Kreaturen glänzend gerecht -wurde und die wert gewesen wäre, das Schoßkind der -Gottheit zu sein? Das war keine Großtat! Laßt, -Menschen, den wildesten Leidenschaften die Zügel schießen, -züchtet die niedersten Begierden in der befruchtenden Treibhausluft -Eurer ärgsten Sittenlosigkeit und spottet aller -Sühne und Vergeltung! Dann wird Euch beim Sterben -das befriedigende Bewußtsein werden, Eure Tage würdig -benutzt zu haben, und die Posaunen des jüngsten Gerichts -werden Euch nicht schrecken, sondern wie blecherne -Kindertrompeten klingen, mit denen die Frucht Eurer -Wollust einst spielte. Denn das Walten des Gottes ist -blind! Er wütet gegen sein getreustes Abbild und läßt -den Verächter seiner Gebote unangetastet die Straße ziehen!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_394">[394]</span></p> - -<p>Max krampfte die Hände ineinander: wenn es ihm -doch vergönnt sein möchte, jenem Tier in Menschengestalt -noch einmal zu begegnen, die Seligkeit tauschte er -willig dagegen ein! Den gräßlichsten Tod würde er -für ihn ersinnen! Und doch, welches beseligende Bewußtsein -gewährt wieder der Trost, daß jeder Flecken -von Marias Reinheit getilgt ist, seitdem ihr Geist seinen -Aufflug zu den verklärenden Strahlen des ewigen Lichts -angetreten hatte.</p> - -<p>Max fuhr bei diesen Betrachtungen zusammen. -Warum gehorchten ihm seine Sinne nicht? Weshalb -drängten sich dem Widerstrebenden Gedanken wie diese -immer wieder auf? – Ach, es waren die treuen Gefährten -seiner Kinderzeit!</p> - -<p>Als er noch ein Knabe war, war vor dem Schlafengehen -sein Lieblingsplatz zu den Füßen der Mutter, die -die schlummernde Elisabeth auf den Armen hielt, während -er den Kopf an der Mutter Knie gelegt hatte und ihren -Worten lauschte, mit denen sie dem Knaben von der -Liebe und Güte des Schöpfers und Erhalters der Welten -erzählte. Damals, ja damals konnte er noch aus inbrünstigem -Herzen sein Abendgebet sprechen und auf die -alles umfangende Liebe des ewigen Gottes vertrauen.</p> - -<p>»Und hast Du nicht noch gestern vor dem Einschlafen -Deine Hände nach Kinderart gefaltet und aus -Deinem übervollen Herzen ein Gebet gestammelt?« tönte -plötzlich eine ernste Stimme an sein Ohr.</p> - -<p>Max fuhr erschrocken auf und sah sich nach allen -Seiten um. Draußen war undurchdringliche Nacht. -Auch im Zimmer herrschte Finsternis, nur auf dem -runden Tische stand vor der schlafenden Mutter eine -kleine, zinnerne Öllampe, deren rußige Flamme einen<span class="pagenum" id="Seite_395">[395]</span> -schwachen Lichtschimmer verbreitete. Aber es war niemand -bei ihm, der die eben vernommenen Worte gesprochen -hätte. Also war es die Stimme in seinem Innern gewesen, -die zu ihm geredet hatte. Und wenn er ehrlich -sein wollte, – war er nicht bei ihrem mahnenden Klange -erschreckt zusammengefahren? Ja, war denn in seiner -Brust noch ein Gewissen rege? Und wenn es noch nicht -erstorben war, brauchte er dieser Stimme noch sein -Ohr zu leihen, angesichts des bejammernswerten Opfers -göttlicher Raserei?</p> - -<p>Eine neue, gewaltige Zornwelle trieb von seinem -Herzen zu den Schläfen und machte ihn heiß aufbegehren, -und die Hände fuhren in die Luft, als wollten sie etwas -ergreifen, was sie zerreißen könnten.</p> - -<p>Da überfiel ihn eine übermächtige Müdigkeit, -gegen die sich sein Wille einen Augenblick unwillig -auflehnte, um sich dann sträubend zu unterwerfen. Seine -Arme erschlafften und sanken herab, und er neigte den -Kopf auf die Brust. Die übermenschliche Anstrengung -seiner Sinne und die tiefe Erschütterung infolge -des gewaltigen Schlages hatten zu stark an den Kräften -des Mannes gezehrt. Jetzt war sein Widerstand für -eine Weile überwunden, und ein mitleidiger Schlummer -senkte sich auf ihn herab, der ihn seine unglückliche Lage -vergessen ließ und seinen müden Geist hinüber in das -wunderbare Land der Träume führte.</p> - -<p>Mit einem unvergeßlichen Erlebnis aus seiner Kindheit -Tagen begann das Spiel seiner Phantasie.</p> - -<p>Es war ein linder Frühlingsmorgen. Die Schneeglöckchen -und Veilchen blühten im Garten unter den hohen -Obstbäumen, und der weiche Windhauch trug ihren süßen -Duft in alle Räume des Wohnhauses auf dem Freihofe.<span class="pagenum" id="Seite_396">[396]</span> -Er war noch ein Knabe und saß in der Stube am -Fenster, als die Mutter sonntäglich gekleidet in das -Zimmer trat und sprach:</p> - -<p>»Jetzt habe ich Dein Schwesterchen in den Garten -getragen, wo sie in dem warmen Sonnenschein süß schläft. -Die alte Katharine sitzt neben dem Korbe und hütet -Elisabeths Schlummer. So, und und wollen wir zur -Kirche gehen.« Und bei diesen Worten faßte ihn die -Mutter an der Hand und sie verließen den Hof.</p> - -<p>Dieser Tag war für ihn von hoher Bedeutung gewesen, -denn es war das erste Mal, daß ihn die Mutter zum -Kirchgang mitnahm. Das hohe Gotteshaus und die -Menge der Andächtigen in ihrem Sonntagsschmuck und -den Ernst auf den Zügen, machten einen tiefen Eindruck -auf den Knaben, und als der Gesang der Gemeinde -feierlich anhob, zog eine hohe Weihe in seine Kinderseele. -Und so war der Tag für ihn ein Ereignis -geworden, dessen Erinnerungen im Leben nie verblassen -sollten.</p> - -<p>Bis hierher war das Traumbild einer langentschwundenen -Wirklichkeit entnommen; jetzt begann die -Phantasie ihre Malereien.</p> - -<p>Er sah Pastor Reinerz auf der Kanzel stehen und -vernahm seine Worte, die von den Leiden Lazarus -erzählten, dieses Schwergeprüften, der in all seinem -Unglück nicht die Zuversicht auf die göttliche Barmherzigkeit -verlor und selbst dann nicht aufhörte Gott zu preisen, -als sich seine Leiden bis ins unerträgliche gesteigert -hatten. Vor des Knaben Augen aber erschien während -der Worte des Geistlichen die Gestalt des in seinem -Glauben unerschütterlichen Mannes. Er sah vor dem -Altar einen elenden Greis in spärliche Lumpen gehüllt<span class="pagenum" id="Seite_397">[397]</span> -liegen, die die Blöße des abgezehrten und über und -über mit eiternden Wunden behafteten Körpers nicht -bedeckten, Schmerz und Entbehrung hatten tiefe Linien -in das Gesicht gegraben, dessen Züge den immerwährenden -Kampf der Versuchung mit dem felsenfesten Vertrauen -erkennen ließen.</p> - -<p>Da wurde der Ausdruck auf dem Gesichte des -Armen friedlich, und seine Augen leuchteten in überirdischem -Glanze. Der Knabe sah zur Decke der Kirche -empor, doch das Dach des Gotteshauses war verschwunden, -und die Blicke schweiften in die sonnendurchgoldigte, -blaue Luft, bis hinauf in die Wohnungen der -Seelen. Und vor seinen staunenden Augen erschien eine -unübersehbare Menge strahlender Engel in weißen Gewändern, -die aus Dunst und Wolkenschleiern hervorschwebten -und, sich umfangend, einen weiten Halbkreis -bildeten. Mit glockenreinen Stimmen begannen sie einen -wunderbaren, himmlischen Gesang, dessen Weise sanft -auf die Erde herabströmte und die Brust des Knaben -anfüllte, daß seine Seele in heiligem Schauer erbebte. -Da öffnete sich plötzlich der Himmel, und von goldenem -Lichte umflutet erschien das Haupt des Gekreuzigten -unter der Dornenkrone, mit dem Ausdruck unendlicher -Liebe in den Zügen. Durch das Lied der Engel aber -klang laut eine Stimme, und die Worte tönten hernieder: -Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die Krone -des Lebens geben! In diesem Augenblick entfloh die -Seele des Kranken ihrer armseligen Hülle und schwebte, -von den Engeln geleitet, aufwärts, immer höher, bis -endlich alle den Blicken entschwanden.</p> - -<p>Der unglückliche Mann in der einsamen Stube -erwachte und schlug beide Fäuste vor die Stirn, denn<span class="pagenum" id="Seite_398">[398]</span> -sein Herz war zerrissen und blutete aus tausend Wunden. -Seine Seele aber wußte in dem verzweifelten Kampf, -den sie bestand, nicht, wohin sie sich wenden sollte; -hilfesuchend irrten die Augen des Mannes umher.</p> - -<p>Da hob die Freihoferin, das erste Mal seitdem -sie sich an den Tisch gesetzt hatte, den Kopf und sah -sich in dem Halbdunkel entgeistert um. Endlich kehrte -ihr das Verständnis für die Umgebung zurück, und die -harten Züge der Greisin verzogen sich schmerzlich. Schon -wollte sie das Haupt wieder auf die Arme niederlegen, -da begegneten ihre Augen dem hilfeflehenden Blick ihres -Kindes. Sie machte eine verzweifelte Anstrengung, sich -zu erheben, aber ihr Körper sagte dem Willen den Dienst -auf. Gebrochen beugte sie sich unter dem gewaltigen -Schmerz, den diese Augen ihr bereiteten, und in das -gramerfüllte Gesicht schoß der Ausdruck, der ein Menschenantlitz -furchtbar entstellt: der qualvolle Ausdruck ohnmächtiger -Liebe. Stumm machte sie mit der Hand -eine matte Bewegung nach ihrem Kinde, dann sank der -Kopf der Greisin wieder auf die Arme herab.</p> - -<p>Während aber draußen im Dunkel der Nacht, nur -wenige Stunden entfernt, auf den herbstlichen Feldern -Hunderttausende mit der Waffe in der Faust in leichtem -Schlummer dem anbrechenden Morgen entgegenharrten, -um den grausigen Kampf fortzusetzen, schlugen in der -Brust des schwergeprüften Mannes die Flammen der -Verzweiflung noch einmal hoch auf. Gut und Böse -rangen zum letzten Male erbittert miteinander, dieses -unterstützt von den wildschäumenden Furien des Schmerzes -und Trotzes, jenes gekräftigt durch den mahnenden Zuspruch -des leise wiedererwachenden Gewissens.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_399">[399]</span></p> - -<p>Hatte Max vorhin sein Schicksal verflucht und -gegen das Walten der Vorsehung gerast, so versagte ihm -jetzt hierzu die Kraft; sein Trotz war gebrochen. Aber -sein Inneres war eine Beute entfesselter Gewalten, über -die zu gebieten er nicht imstande war. Kalter Schweiß -trat auf seine Stirn. Er preßte die Hände auf die -hämmernden Schläfen, um sie vor dem Zerspringen zu -schützen, und sein Körper wand sich wie unter Peitschenhieben.</p> - -<p>Endlich, nach furchtbar qualvollen Stunden, ging -der Kampf zu Ende. Dem Lager, gegen das er stritt, -nahte Hilfe, die es unbesiegbar verstärkte, so daß er sich -unterwerfen mußte. Kraftlos entglitt den für ihn -streitenden Mächten die Wehr. Und wenn er jetzt noch -genug Stärke besessen, um selbst für sich zu kämpfen, -er hätte dennoch die Faust sinken lassen müssen, denn -die, um derentwillen er sich gegen die höhere Macht -aufgelehnt und für die er mit seiner ganzen Kraft nach -Rache an dem Schicksal geschrien hatte, wandte sich -selbst gegen ihn, – Maria!</p> - -<p>Er sah sich in dem hohen Erkerzimmer des Schlosses, -wie er es am Morgen dieses unheilvollen Tages betreten -hatte um die Braut in Empfang zu nehmen, -fühlte den Schlag ihres von finstern Ahnungen gequälten -Herzens an dem seinen und vernahm ihre flehende Stimme, -gleichsam als ob sie das alles, was sich eingestellt, vorausgesehen -hätte:</p> - -<p>»Wie es auch kommen mag, Geliebter meines -Herzens, laß uns in unerschütterlichem Vertrauen auf -Gott bauen!«</p> - -<p>Gegen diese Macht konnte er fürder nicht streiten, -und demütig beugte er vor ihr das Haupt. Die Eisrinde,<span class="pagenum" id="Seite_400">[400]</span> -die seine Brust gepanzert hatte, schmolz unter -dem warmen Hauche, der von diesen innigen Worten -ausströmte, und der Pfeil, den er vorhin von der überstraff -gespannten Sehne schnellen ließ, wandte sich gegen -seinen Schützen. Der hoffärtige Zorn und der ingrimmige -Trotz stahlen sich heimlich von ihm fort, und Demut -und kindliche Unterwerfung unter den Willen des Lenkers -der Geschicke zogen in seine Brust ein. Gott hatte ihn -bis heute mit der verschwenderischsten Fülle seiner Gaben -überschüttet, denn sein Lebenspfad war sonnig gewesen. -Nun schickte der Himmel die Prüfung, – und er unterlag. -Ja, das Aufschrecken aus dem wohligen Leben -war rauh, es war ein herzspaltender Schwerthieb gegen -ihn geführt worden, – aber es war doch auch eine -Prüfung auf seinen Glauben, die keinem Sterblichen -erspart bleibt.</p> - -<p>Max beugte sich tief hinab, denn er empfand -brennende Scham im Herzen.</p> - -<p>Und dann dachte er der teuern Toten. So hatte -er sein Versprechen ihr gehalten, das er mit Druck und -Kuß besiegelt hatte! Ihre Worte waren für ihn, kaum -verklungen, – vergessen. Er schloß die schmerzenden -Augen und bedeckte sie mit den Händen. Aber ob er -der Erscheinung auch fliehen wollte, das schmerzerfüllte -Antlitz Marias stieg vor seinem Geiste herauf. Kein -Vorwurf stand darauf geschrieben, aber der umflorte -Blick aus ihren kummervollen Augen traf ihn -wuchtiger als die schwerste Anklage. Der ganze ungeheure -Schmerz, das entsetzliche Weh bäumten sich in ihm -auf, rissen den Unglücklichen gewaltsam in die Höhe -und warfen ihn willenlos vor der Leiche nieder. Tieferschüttert -tastete er mit den Händen nach dem glaubensstarken<span class="pagenum" id="Seite_401">[401]</span> -Mädchen, und dem bebenden Munde entrangen -sich die Worte: »Hehrer Geist meiner Maria, verlaß -mich nicht in dieser Stunde!«</p> - -<p>Die furchtbare Last löste sich langsam von seiner -Brust und schwand in einem reichlich fließenden Tränenstrom -dahin. »Vergib mir, Geliebte,« flüsterte er, -»gewähre mir Deine Verzeihung, wie ich sie von dem -Allbarmherzigen zu erhalten hoffe!«</p> - -<p>Lange verharrte er so auf den Knien, das Gesicht -in den Falten des Kleides der Toten verborgen. Draußen -auf der Straße erklangen Tritte, und einzelne Stimmen -wurden vernehmbar. Obwohl sie nur flüsterten, hätte -ein Aufhorchender im Zimmer erkennen können, daß -entgegen der Abmachung Angehörige die ausmarschierenden -Männer begleiteten. Aber es dauerte geraume Zeit, -bis der Knieende das immer mehr anschwellende Stimmengemurmel -vernahm, so weltenfern waren seine Gedanken -entrückt gewesen. –</p> - -<p>Jetzt kehrte sein Geist in die Wirklichkeit zurück. -Er vernahm, wie die Mutter aufstand und hinter seinem -Rücken auf den Strümpfen aus dem Zimmer ging. Nach -einer Weile trat sie wieder ein, legte leise sein Gewehr und -den schweren Säbel aus dem Nachlaß seines Großvaters auf -den kleinen Tisch an der Wand, stellte die flackernde Lampe -dazu und setzte sich wieder geräuschlos auf ihren Stuhl.</p> - -<p>Max erhob sich. Seine Haltung war aufrecht, -seine Bewegungen elastisch. Neue Kraft rollte ihm in den -Adern, und seine Augen glänzten wieder, als er Maria -betrachtete. Sie war gestorben wie ein tapferer Streiter -auf der Walstatt. Ihr unter des Vaterlandes Schmach -gleichfalls gepreßtes Herz hatte sich nun im Kampfe um -ihr höchstes Gut verblutet. Sie war zuerst erlegen;<span class="pagenum" id="Seite_402">[402]</span> -wie lange würde es dauern, bis das Los ihn traf? -Draußen standen schon die Kameraden und harrten -seiner ungeduldig. Er durfte sie nicht warten lassen. -Schnell also Abschied genommen von der unvergeßlichen -Toten, mochten die Zurückbleibenden sie zum letzten -Schlummer betten. Seine Kraft gehörte dem Leben, -sein Leben bis zum letzten Hauche dem Vaterland! So -handelte er auch, wie er wußte, nach Marias Wunsch. -Und dem Walten der Vorsehung, gegen das er frevelhaft -aufbegehrt hatte, hatte er sich gläubig ergeben. -Nun gab es hier für ihn nichts mehr zu tun.</p> - -<p>Er ging zu dem Wandtische, warf den Tornister -mit Wäsche und Mundvorrat auf den Rücken, schnallte -den Säbel um die Hüften und legte den Riemen des -Gewehres über die Schulter. Jetzt war er gerüstet und -bereit, den Weg zu betreten, den viele andere deutsche -Männer schon vor ihm gegangen waren.</p> - -<p>Doch bevor er sich zum gehen wandte, warf er -noch einen letzten Blick zurück auf sein Weib. Wie -friedlich sie doch schlief! Kein Zug des Gesichts deutete -auf Schmerz, den sie im Tode erlitten hätte. Sie war -mit dem Gedanken an ihn und dem festen Vertrauen -auf des Allmächtigen verzeihende Liebe von hinnen gegangen. -Und so hatte auch für ihn das Schrecknis -seine zerschmetternde Wirkung verloren. Ihr Auge blickte -aus Himmelshöhen liebend auf ihn herab, und ihre -Seele umschwebte ihn schützend auf allen Wegen. Mit -dieser erhebenden Zuversicht konnte er froh und leichten -Herzens ins Feld ziehen.</p> - -<p>Neu erwachter Lebensmut schwellte seine Brust, -und während er sich über die Tote beugte und zum -letzten Male die weiße Hand drückte, sprach er:</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_403">[403]</span></p> - -<p>»Schlafe wohl, Du Reine, und sei auch fortan -mein guter Engel!«</p> - -<p>Entschlossen wandte er sich ab und schritt nach der -Tür. In demselben Augenblick vernahm er ein Geräusch, -wie vom schnellen Zurückstoßen eines Stuhles stammend, -dem das heftige Poltern des umstürzenden Gerätes unmittelbar -folgte. Und dann gellte ein durchbohrender -Schrei durch das Zimmer, der Angstschrei eines todeswunden -Mutterherzens:</p> - -<p>»Max!«</p> - -<p>Wie angewurzelt blieb sein Fuß auf dem Boden -haften, während er sich blitzschnell umwandte. Die schon -nach der Tür ausgestreckte Hand sank herab, und er -konnte sich einer tiefen Rührung nicht erwehren, als er -die zusammengesunkene Gestalt seiner Mutter gewahrte. -Wie war sie doch in dieser einen Nacht hinfällig geworden! -Diese gebeugte Haltung, das entstellte Gesicht, -der gequälte Blick! Schwankte sie nicht? Mit ein paar -raschen Schritten stand Max an ihrer Seite und bewahrte -die Greisin vor dem Umsinken.</p> - -<p>»Mutter,« rief er zärtlich, »wie konnte ich auch -Dich vergessen! Verzeihe dem Ungestümen, der nicht -schnell genug dem Vaterhaus den Rücken wenden kann!« -Während dieser Worte hielt Max sie mit beiden Armen -umschlungen, und die Freihoferin lehnte sich müde an -des Sohnes Schulter.</p> - -<p>»Geh dorthin, wohin Dich Dein Gewissen ruft,« -sagte die Greisin mit leiser Stimme, »hier ist nicht mehr -Raum für Dich!«</p> - -<p>So standen sie einige Minuten stumm beieinander. -Max wußte, wie sich das Herz seiner Mutter zusammenkrampfte, -denn er kannte sie nur zu gut. Elisabeths<span class="pagenum" id="Seite_404">[404]</span> -Hinscheiden hatte ihr eine tiefe Wunde geschlagen, die sich -kaum geschlossen hatte. Nun traf sie des erschütternden -Unglücks Schlag und riß die alte Wunde wieder auf. -Zu gleicher Zeit ging auch er noch von ihr, und sie -blieb ganz allein zurück. Die kaum gewonnene Tochter, -der sie schon nach kurzer Zeit ihre ganze Liebe geschenkt, -ja an die sich die rasch Alternde angeschmiegt hatte, -sollte ihr ein Trost sein, wenn er selbst gegangen war. -Vielleicht hatte sie davon geträumt, wie neues, junges -Leben auf dem Freihofe erblühen und die seit Elisabeths -Tode einsam gewordenen Zimmer des Wohnhauses erklingen -sollten von fröhlichen Worten, Singen, – Kinderlachen -– – – Ach, es verlangte sie nur allzusehr -darnach, wenn sie auch an der Fröhlichkeit scheinbar -nicht teilnahm. Sie, der die Liebe nur eines Kindes -zu wenig war, besaß jetzt keines mehr. Niemand würde -ihr, wenn der Krieg ihn behielt, Trost in den letzten Tagen -sein und keine liebende Hand ihr einst die Augen zudrücken!</p> - -<p>Da hob die Freihoferin den Kopf auf, daß Max -voll in das gramdurchfurchte Gesicht blicken konnte.</p> - -<p>»Mein teurer Sohn,« sprach sie mit wiedergewonnener -Fassung, während ihre Augen aber in rührender -Bangigkeit auf ihm ruhten, »noch einmal: Ziehe dahin! -Aber laß Dein Herz nicht anfechten. Wie groß auch -die Prüfung sei, sie kommt von ihm, gegen dessen -Willen wir uns nicht auflehnen dürfen.«</p> - -<p>»Sei beruhigt, liebe Mutter,« rief Max fast mit -einem Ton des Frohlockens. »Ich darf es nicht verhehlen, -daß ich nahe daran war, der Anfechtung zu -unterliegen, aber diese da stand mir bei. Und nun bin -ich dagegen gewappnet für alle Zeiten!«</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_405">[405]</span></p> - -<p>Ein Seufzer der Erleichterung entfloh den Lippen -der Freihoferin. Sie richtete sich in die Höhe, legte die -Hände auf das Haupt des zu ihren Füßen niederknieenden -Sohnes und segnete ihn. Dann aber war -ihre Kraft zu Ende. Sie warf sich an seine Brust, -und was ihr bisher im Leben versagt geblieben war, -gewährte der Greisin das Schicksal in dieser schweren -Stunde als Trost: reichliche Tränen flossen ihr über die -Wangen. Max empfand dieses Geschenk als eine Himmelsgabe -und beugte sich herab und küßte die Zähren sanft -von dem welken Gesicht.</p> - -<p>Da schlug aus dem Gemurmel vor dem Hause -eine Stimme an Maxens Ohr, bei deren Klang er zuerst -zusammenzuckte. Dann aber eilte er, einer plötzlichen -Eingebung folgend, hinaus und trat wenige -Sekunden darauf wieder ins Zimmer, einen sich sträubenden -Mann an der Hand führend, den er bis zum -Stuhle seiner Mutter geleitete.</p> - -<p>»Hermann,« sprach er, »ich will Dir jetzt Deinen -Edelmut, mit dem Du mir vergolten hast, was ich Dir -zufügte, angemessen lohnen, indem ich Dir das Höchste -anvertraue, was ich besitze. Hier ist meine Mutter, -seid ihr, Du und Dein Weib, fortan Kinder. Pflegt -sie, schenkt ihr Eure Liebe, und lasset ihr Herz über -Euch aufgehen. Nenne Dich von diesem Augenblick an -ihren Sohn, es gibt keinen Würdigerern als Dich!«</p> - -<p>Mit diesen Worten legte er die Hände beider ineinander -und drückte einen Kuß auf die Stirn der -Weinenden. Dann riß er das Gewehr an sich, streifte -noch einmal mit dem Blick das Zimmer und stürmte -hinaus, während der klagende Wehruf hinter ihm herklang: -»Mein Sohn, mein Sohn – –!«</p> -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum" id="Seite_406">[406]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="kap27">27. Kapitel.</h2> -</div> - -<p>Vor dem Freihofe standen etwa dreißig Menschen; -außer den Fortziehenden und einigen ihrer Angehörigen -ein paar Neugierige. Eine halb verdeckte Laterne huschte -hin und her, und das Gespräch wurde leise geführt. -Die Männer, die während der Nacht Wache gehalten, -hatten nichts Verdächtiges wahrgenommen. Nur einer -erzählte, daß er gegen Morgen vorsichtig ein Stück auf -der Straße hinausgelaufen wäre, und da sei es ihm -gewesen, als wenn er einigemale entferntes Pferdeschnauben -durch die schweigende Nacht vernommen habe. Der Beobachter -meinte, das könne wohl von einer französischen -Patrouille herrühren. Aber der Wahrnehmung wurde -kein Glauben beigemessen, denn der Erzähler galt als -ängstlich, und seine gereizte Phantasie hatte das Rascheln -von Laub im Winde für Rosseschnauben gehalten.</p> - -<p>Eins aber war beunruhigend, die Tatsache nämlich, -daß der Rabensteiner noch nicht zurückgekehrt war. Seit -gestern abend harrte man seiner in banger Erwartung, -bis zur Stunde aber vergebens. Daß er mit aller -Vorsicht vorgegangen sein würde, wußte man von dem -Besonnenen, und reiten konnte er, wenn’s not tat, wie -der Teufel. Sollte er den Franzosen in die Hände -gefallen sein und von ihnen etwa als Spion betrachtet -werden? Sein Schicksal fand viel Besorgnis, und nur -der Gedanke war tröstlich, daß er die Preußen glücklich -erreicht habe, der Franzosen wegen aber nicht zurückkönne.</p> - -<p>Viele Worte wurden nicht gewechselt, die meisten -standen stumm beieinander.</p> - -<p>Auch die Kirchengutbäuerin hatte es sich nicht -nehmen lassen, ihren Friedrich zu begleiten. Während<span class="pagenum" id="Seite_407">[407]</span> -der halben Nacht hatte sie an seinem Bette gesessen und -ihn mit zärtlichen Empfindungen betrachtet und sich gewundert, -daß er so ruhig schlafen konnte. Sein Lederränzel -fand er am Morgen mit Lebensmitteln so vollgestopft, -daß die Nähte zu zerreißen drohten und er -mehrere Tage von dem Inhalt zehren konnte. Ja, ihre -mütterliche Sorge ging so weit, daß sie ihrem Jungen, -wie er zum Fortgehen gerüstet vor ihr stand, in die -Tasche seines faltigen Rockes eine große Papierdüte -gefüllt mit Kamillentee schob, mit dem sie alle Krankheiten -erfolgreich zu kurieren pflegte. An die Gefahren, -denen ihr Einziger entgegenging, dachte das besorgte -Mutterherz in diesem Augenblick weniger als je, nur -daran, daß er sie verlassen und sich ihrer Obhut entziehen -wollte. Und das konnte sie bis zur letzten -Minute noch nicht glauben. Denn er war ja von -Kindesbeinen auf gewöhnt, die Mutter für alle seine -Angelegenheiten bis ins kleinste sorgen zu lassen, und -sie wußte, daß er darin hilflos geblieben war.</p> - -<p>Friedrich hatte sich dieser Bevormundung stets willig -unterworfen, in dieser Stunde aber fühlte sich der Stolz -des jungen Kriegers doch etwas verletzt, und er beschloß -insgeheim, sich des Kamillentees draußen vor dem Dorfe -zu entledigen.</p> - -<p>Die unermüdlich wiederholten Fragen, ob er sich -auch wirklich gesund fühle und ob nicht noch etwas -einzupacken sei, beantwortete er zerstreut und war froh, -als die Mutter auf sein Drängen zum Abschied endlich -ihr wollenes Umschlagetuch um die Schultern schlang -und mit ihm auf die Straße trat. Schweigend ging -er neben ihr her, während sie in einemfort auf ihn -einsprach. Er solle es nicht zu toll treiben, sagte sie,<span class="pagenum" id="Seite_408">[408]</span> -und sich nicht immer vordrängen, die andern wollten -auch zeigen, wer sie wären. Bald aber redete sie wieder -vom väterlichen Hof. Daß sie mit dem alten Großknecht -nun allein regieren müsse, was ja, solange es Winter -sei, nicht allzuviel sagen wolle. Wenn aber das -Frühjahr käme, dann solle er ans Heimkehren denken. -Gerade im kommenden Jahre sei seine Anwesenheit ja -so sehr vonnöten, denn für die beiden steifgewordenen -Braunen müßten junge Pferde in den Stall, und die -ganze weite Koppel hinter dem Berg, die so lange verlassen -lag, sollte endlich gepflügt und mit Roggen bestellt -werden. Schließlich sei auch der Anbau an den Rinderstall -nun nicht mehr hinauszuschieben. Friedrich brummte -nur bisweilen ein Ja oder Nein in den plätschernden -Redefluß, und damit war die Mutter schon zufrieden.</p> - -<p>Keiner der Männer fehlte mehr, als sich endlich -auch der Freihofer einfand. Rasch wurde er von dem -Ausbleiben Konrads unterrichtet, worauf er die Achseln -zuckte und zum sofortigen Aufbruch antrieb. Hier und -da eine letzte Umarmung, ein wortloser Druck der Hand.</p> - -<p>»Denke einmal daran,« klang allen vernehmbar -die hohe Stimme der Kirchengutbäuerin, »vierzehn Tage -vor Weihnachten wird Deine Lieblingsschecke wieder -kalben; hoffentlich geht es so gut ab wie das letzte Mal. -Halte Dich immer hübsch warm, zwei frische Sacktücher -stecken noch im Ranzen.«</p> - -<p>Friedrich wurde feuerrot; zum Glück konnte es in -der Dunkelheit keiner sehen. Er schloß der Mutter mit -einem Kusse den Mund und ließ sich von ihr noch -einmal herzen. Dann riß er sich los und eilte den -schon einige Schritte Vorangehenden nach.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_409">[409]</span></p> - -<p>»Ich würde noch ein Stück mit Dir gehen, Junge,« -klang es ihm hinterdrein, »aber Ihr lauft mir zu schnell, -und ich bin in Pantoffeln. Ziehe die roten Müffchen -nicht aus!« – –</p> - -<p>Aber der Ermahnte hörte die Stimme nicht mehr, -soweit waren die Männer schon entfernt. Rüstig schritten -sie auf der Straße dahin und näherten sich dem oberen -Dorfausgang. Bald befand sich die zusammenhängende -Reihe der weißen Giebel hinter ihnen, und nur noch -einzelne Häuser lagen neben und vor ihnen.</p> - -<p>Vom Osten her stieg ein fahles Licht herauf, und -man konnte schon ein kurzes Stück weit die Gegend -erkennen. Ueber den Wiesen hingen unbeweglich breite -Nebelschwaden von wunderlichen Formen. Die Luft war -empfindlich kühl, und an dem rasch heller werdenden -Himmel verblichen die letzten Sterne. Der erste Hahnenschrei -klang hinter ihnen aus dem Dorfe herauf, sonst -aber hüllte sich die Natur noch in lautloses Schweigen.</p> - -<p>Wie weit sie zu marschieren hatten, bis sie bei der -ersten preußischen Vorposten ankamen, wußten sie nicht. -Aber weiter als eine halbe Meile entfernt konnten sie -nicht stehen.</p> - -<p>Die Augen scharf offen haltend, marschierten die -Männer, um ihre Tritte unhörbar zu machen, jetzt auf -den mit Gras bewachsenen Rändern der Straße, die -langsam anstieg, um unmittelbar hinter dem Schwedenloch -wieder hinabzuführen. Auf der Höhe angekommen, -wollten sie einen schmalen Feldweg einschlagen, der rechtsseitwärts -der Straße entlang lief. Bis dahin aber -mußten sie der Straße folgen, denn die Wiesen zur -rechten Hand waren sumpfig.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_410">[410]</span></p> - -<p>Nur wenige Worte im Flüstertone wechselnd und -das Geräusch des tiefen Atmens dämpfend, liefen sie im -Gleichtritt hintereinander her. Nur noch wenige Schritte, -und sie hatten die Höhe, – da sprang mit einem Male -der am weitesten vorausgehende Schmied hinter einen -Baum am Rande der Straße, und gleichzeitig sahen die -Männer in kurzer Entfernung vor sich blitzende Bajonette. -Wie gebannt standen sie still; sie waren überrascht worden. -In demselben Augenblick aber schallte eine drohende -Stimme durch die Stille, und die deutsch gesprochenen -Worte ließen die Aussprache des Franzosen erkennen:</p> - -<p>»Halt, Verräter!«</p> - -<p>Jetzt wuchs auch aus den das Schwedenloch auf -der einen Seite umsäumenden Büschen ein Haufen von -etwa zwanzig französischen Soldaten hervor, hinter denen -im Nebel einige Pferde matt erkennbar waren.</p> - -<p>Die Gewehre von den Schultern reißend, drängten -sich die Männer zusammen. Drohend und jeden Augenblick -zum gegenseitigen Aufeinanderstürzen bereit, standen -sich die beiden Haufen gegenüber. Ein Windstoß fegte -die Nebelwand zurück, so daß es in dem mittlerweile -schnell angewachsenen Zwielicht nicht mehr schwer war, -das Gelände, auf dem man sich befand, genau zu übersehen -und die Vorteile abzuschätzen, die es beiden Parteien -bot.</p> - -<p>Die Franzosen waren in der Uebermacht, aber sie -standen auf dem abfallenden Boden, neben dem die -Straße wie ein natürlicher Wall hinlief. Dieser Umstand -verstärkte die eigene Stellung. Mochten sie es -versuchen, den Rand zu erklimmen, manch einem würde -bei diesem Unternehmen der von nervigen Bauernfäusten -geschwungene Kolben den Schädel einschlagen!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_411">[411]</span></p> - -<p>Noch standen Freund und Feind tatlos; da sprang -der Freihofer auf einen über Nacht draußen stehengebliebenen, -hohen Aufsatzwagen zu und rannte ihn mit -solcher Kraft auf einen mächtigen Eichbaum, daß die -Deichsel krachend zersplitterte. Noch ein Ruck, dann -zerriß das die Deichsel umringelnde, eiserne Band, und die -Kette mit dem oberen Ende um das Handgelenk schlingend, -hielt er den Stumpf wie eine schwere Keule, die in -seiner mächtigen Faust eine furchtbare Waffe sein mußte.</p> - -<p>»Heran!« knirschte er, von grenzenloser Wut gepackt, -»und sorgt, daß Euch das letzte Stündlein nicht -zu kurz sei für Euer kleinstes Stoßgebet!«</p> - -<p>Dies hatte sich blitzschnell abgespielt und ohne daß -die Franzosen gewagt hätten, sich auf ihn zu stürzen. -Da erscholl die rauhe Stimme von vorhin wieder:</p> - -<p>»Schlagt mir keiner diesen tollen Hund tot, lebendig -soll er am Aste baumeln.«</p> - -<p>Und gleichzeitig trat der Sprecher, ein Offizier von -riesenhaftem Wuchse, ein paar Schritte weiter vor und -hob den Säbel, um das Zeichen zum Angriff zu geben. -In diesem Augenblick schrie der ihm zunächst stehende -Schmied schrill auf:</p> - -<p>»Freihofer, das ist der Mörder Deines Weibes!«</p> - -<p>Wie eine vernichtende Anklage, die einem furchtbaren -Gericht vorausgeht, erklangen diese Worte und -warfen in die Seele vieler der Anwesenden jäh -das Verständnis für ihren Sinn. Das farblose Gesicht -mit dem brutalen Ausdruck des französischen Anführers -wurde um einen Schein bleicher; langsam sank der erhobene -Säbel herab, und das Kommando zum Angriff -erstarb ihm auf der Zunge. Starr ließ er seine<span class="pagenum" id="Seite_412">[412]</span> -schwarzen, stechenden Augen auf den gerichtet, den er -instinktiv als seinen Todfeind empfand.</p> - -<p>Der Freihofer aber stand wie ein Steinbild auf -seinem Platze. In seinem Gesicht spielte kein Muskel. -Der Kopf war weit vorwärts geneigt, wie bei Menschen, -die mit Anstrengung aller Sinne ins Weite sehen. -Mit rasender Geschwindigkeit traten Reinerzens gestrige -Worte, mit denen er jenen Elenden beschrieb, jetzt -wieder an seinen Geist heran. Die Beschreibung stimmte -just mit der Erscheinung dieses Franzosen überein, – -aber war es kein Irrtum? Sollte ihm sein Wunsch, -für dessen Erfüllung er gern sterben würde, wirklich gewährt -werden? Da blitzte es in den Augen des noch Zweifelnden -hell auf, und sein suchender Blick blieb auf der -linken Halsseite des Franzosen haften, wo dicht unter -dem Ohre ein oval geschnittenes Stück Leinwand aufgeklebt -war.</p> - -<p>Von dem Franzosen aber war die Beklemmung -wieder gewichen, und ein verächtliches Lächeln umspielte -seine Lippen. In Aufwallung grenzenlosen Übermutes, -der aus dem Vollgefühl seiner ungeheuern -Stärke herauswuchs, richtete er sich hoch auf und warf -herausfordernd den Kopf zurück. Sich noch einmal an -seine Leute zurückwendend, befahl er ihnen, sich nicht -eher auf die Gegner zu werfen, bis er ihnen das -Zeichen dazu gebe. Darauf riß er den Säbel wieder -herauf und schrie:</p> - -<p>»Komm herab, deutsches Schwein, wenn Du den -Mut hast mit mir zu kämpfen!«</p> - -<p>Max stand noch wie vorher unbeweglich. Bei -diesen Worten aber kam wieder Leben in ihn. Seine -umklammernde Rechte ließ den Wagenbaum los, daß dieser<span class="pagenum" id="Seite_413">[413]</span> -dumpf aufschlagend und mit Kettengeklirr zu Boden -fiel, und dann sprang er mit beiden Füßen zugleich -von der Böschung hinab. Der lange Jahre in der -Scheide gebliebene Säbel seines Großvaters blitzte gerade -noch rechtzeitig auf, um den ersten Hieb des Franzosen -abzuwehren, der mit fürchterlicher Erbitterung auf -ihn eindrang. Hageldicht sausten die Schläge des -kampfgeübten Soldaten herab, daß Max seine ganze -Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit aufbieten mußte, um -sich ihrer zu erwehren. Nach wenigen Gängen zeigte -sich aber schon der Vorteil der überlegenen Kaltblütigkeit, -mit der er focht, und der Franzose war einige -Male nahe daran, seine hitzige Kampfesweise zu büßen. -In respektvoller Entfernung standen die beiden Parteien -dahinter und sahen auf ihre kämpfenden Führer, deren -Klingen ohne Unterbrechung aufzuckten.</p> - -<p>Da klang durch den hellen Erzklang der aufeinanderschlagenden -Säbel ein Mißton. Man vernahm, -wie etwas durch die Luft flatterte und dann klirrend -niederfiel. Der Franzose erhob sich ein Stück aus seiner -weit ausgelegten Haltung, warf einen raschen Blick voll -Ingrimm auf den stehengebliebenen Stumpf seines -Säbels und hob in demselben Augenblick instinktiv -wieder die zerbrochene Waffe, als wenn er damit den -unvermeidlichen Todesstreich abwehren könne. Mit hochgeschwungener -Klinge holte Max zum furchtbaren Schlage -aus. Unwillkürlich duckte sich der Wehrlose nieder, – -da klirrte, von seines Gegners Hand geschleudert, dessen -Säbel neben ihm zur Erde, und als der Franzose die -Augen hob, stand ihm dieser mit herabgesunkenem Arme -und ohne Waffe gegenüber.</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_414">[414]</span></p> - -<p>Verständnislos starrte er dem Gegner ins Gesicht, -den nur eine unerklärliche Anwandlung von Großmut -zu dieser Tat bewogen haben konnte. Aber nur -während der kurzen Spanne Zeit, die zwischen zwei -Pulsschlägen liegt, blieb ihm dieser Trost. Dann bemerkte -der Franzose, wie die Augen des andern blitzschnell -die nur wenige Schritte betragende Entfernung -maßen, die zwischen ihnen und dem Rande des ihm seit -gestern bekannten Abgrundes lag. Er dachte daran, -wer dieser Mann ihm gegenüber war, der seine unnatürliche -Ruhe in diesem Augenblick bewahrte, – und -alles Blut wich aus seinem Gesicht. Sollte er jetzt -seinen Leuten das Zeichen zum Angriff geben? – – – -Nein, in Dreiteufelsnamen nein! Dann wäre auf die -eisigen Züge dieses Verhaßten ein höhnisches Lächeln -getreten, das ihn der Feigheit geziehen hätte. Deshalb -scheuchte er auch mit einem wilden Fluche einen seiner -Leute zurück, der herbeigesprungen war und ihm seinen -eigenen Säbel darbot.</p> - -<p>Max hatte den Blick wieder auf den Gegner gerichtet -und alsbald erkannt, daß dieser seinen blitzschnell -gefaßten Plan erraten hatte. Eine Sekunde lang standen -sie sich einander gegenüber; dann begann das gräßliche -Ringen, – es war der Kampf zweier Riesen! Der -Körper des Franzosen war kraftvoll und wie aus Stahl -geschmiedet, dazu war er sehnig und geschmeidig wie ein -Leopard; der Deutsche war fast ebenso hoch gewachsen, -aber seine Schultern waren breiter, und er glich einem -verwundeten Bären, der sich zum Angriff aufgerichtet hat.</p> - -<p>Max hatte schon während des Fechtens eine an -sich noch nie gekannte Ruhe gespürt, jetzt aber fühlte -er seine Kaltblütigkeit noch verstärkt. Sein Hirn arbeitete<span class="pagenum" id="Seite_415">[415]</span> -in ruhigem Gleichmaß, als wenn er daheim -auf dem Hofe stünde und das Herauslassen des -Viehes aus den Ställen zum Austrieb auf die Weide -leite. Und doch hatte er die tiefe Empfindung, als -ob dieser Kampf sein Leben fordern müsse – – Da -griffen beide nach einander, der Franzose mit dem blitzartigen -Prankenschlag des Raubtieres, Max dagegen -faßte tastend nach den Ellenbogen des Gegners.</p> - -<p>Von neuem stockte während einer Sekunde alle Bewegung, -als wenn die Männer sich wie im Spiel berührt -hätten. – Da, – ein fürchterlicher Ruck! Max -versuchte, sich vor dem Fall zu bewahren, umsonst; -dröhnend stürzte er zu Boden und riß seinen festumklammerten -Gegner mit sich nieder. Mit einer schnellen -Bewegung gelang es ihm, den Franzosen unter sich zu -bekommen, aber schon rollten sie wieder über den Rasen -und hielten sich im nächsten Augenblick, auf die Knie erhoben, -umschlungen. Da spannte der junge Bauer seine -ganze Kraft an und drückte den sich heftig sträubenden -Franzosen so hintenüber, daß es den Anschein hatte, -als wenn dessen Wirbelsäule davon zerbrechen müsse. -Langsam fiel der Franzose auf den Rücken, – um den -auf ihn Stürzenden aber sofort wieder zu entgleiten. -So rangen sie während mehrerer Sekunden in unverminderter -Erbitterung. Mit der Geschmeidigkeit einer -Katze entzog sich der Franzose allen ihn zu erdrücken -drohenden Umarmungen, und vermöge seiner blitzschnellen -Bewegungen gelang es ihm, wiederholt die Oberhand -über seinen Gegner zu bekommen. Und während dieses -Ringens rollten sie die feuchte Rasenlehne ein Stück -hinab, daß ein paar französische Soldaten sich zwischen<span class="pagenum" id="Seite_416">[416]</span> -den Ringenden und den Rand des Steinbruches aufstellten, -um sie vor dem Hinunterstürzen zu bewahren.</p> - -<p>Noch einmal wildes Schlagen des Rasens mit den -Füßen, ein Zubodendrücken mit umklammernden Armen, -Entweichen, Aufrichten und Niederstürzen, – dann sprang -einer von ihnen auf die Füße: es war der Deutsche. -Im nächsten Augenblick mußte auch der Franzose aufschnellen; -aber es gelang ihm nicht mehr. Zwei Hände -hielten den wild um sich Schlagenden mit eisernem -Griffe fest, um ihn gleich darauf mit einer furchtbaren -Kraftanstrengung in die Höhe zu reißen. Alle Muskeln -bis zum zerspringen angespannt, hielt der Freihofer den -Körper seines Feindes über seinem Haupte, währenddessen -es aussah, als ob er unter der ungeheuern -Last und infolge des überschnellen Aufrichtens -hintenüberbrechen müsse. Aber nur einen Augenblick -währte diese Spannung, dann hatte er die Herrschaft -über seinen Körper wiedergewonnen. Mit übermenschlicher -Kraft stieß er den Franzosen von sich, der, über die -Köpfe seiner Leute hinwegfliegend, hinter dem Rande -des Steinbruches lautlos verschwand. Ein dumpfes -Aufschlagen drang herauf, ein Geräusch, wie von dem -Rutschen eines schweren, weichen Gegenstandes auf dem -Gestein, dann war alles still. Den Lauschenden aber -stockte der Atem unter der blitzschnell sich ihnen aufdrängenden -Vorstellung, daß der ihren Augen soeben -Entschwundene ins Bodenlose stürze.</p> - -<p>Noch hielt das Fürchterliche alle gelähmt, als von fernher -der Hufschlag eines auf der Straße herangaloppierenden -Pferdes erklang. Und mit diesem Laute kehrte Aller -Besonnenheit in die Wirklichkeit zurück. Ihres Führers -plötzlich beraubt, von dem Schrecken noch halb betäubt<span class="pagenum" id="Seite_417">[417]</span> -und durch das Nahen des vermutlichen Feindes kopflos -gemacht, eilten die Franzosen zu den Pferden und sprengten -querfeldein in den Nebel hinein. Der letzte von ihnen, -ein junger Bursche, dem kaum der erste Flaum auf den -Lippen sproß, hob rasch, bevor er davoneilte, die -Mündung seines Gewehres und schoß ohne zu zielen -aufs Geratewohl ab. Ein dumpfer Knall, ein schwacher -Feuerstrom, wie von verdorbenem Pulver herrührend, -dann wandte auch er sich zur Flucht. Beim Aufblitzen -des Schusses griff der Freihofer hastig nach der Brust, -während sich auf seine Augen gleichzeitig undurchdringliche -Dunkelheit senkte. Aus der ihn umgebenden Nacht -aber trat ein liebliches Bild vor seine Seele:</p> - -<p>Er stand an einem reißenden Fluß. Das Ufer, -auf dem er sich befand, glich einem unfruchtbaren Ödeland, -drüben aber breitete sich ein prächtiger Garten -aus mit maienfrischem Rasen und herrlichen Blumen. -Ueber den Fluß führte eine Brücke, an deren Ende auf -dem jenseitigen Ufer Maria stand, die ihm winkte und -jubelte und rief. Da trat ein seliges Lächeln auf das -Antlitz des Freihofers; er breitete die Arme aus und -fiel langsam vornüber auf den Rasen.</p> - -<p>Erschrocken sprangen die Freunde hinzu, richteten den -Gefallenen auf und entblößten seine Brust. Ein kleines, -kreisrundes Loch wurde auf der Haut sichtbar, gerade -auf der Stelle des Herzens. Da legten sie ihn, ohne -ein Wort zu sprechen, behutsam auf dem Rücken in das -Gras, und jeder vermied es, dem andern ins Gesicht -zu sehen.</p> - -<p>Durch den Lärm waren die Leute in den nächstliegenden -Häusern längst erwacht, bei dem Knall des<span class="pagenum" id="Seite_418">[418]</span> -Schusses aber eilten einige voll Unruhe herbei. Unter -diesen befand sich auch Mutter Lehnhardt. Bestürzt -betrachteten die Ankommenden den am Boden Liegenden -und traten dann wortlos zur Seite. Die Greisin aber -setzte sich neben dem Verwundeten nieder und zog seinen -Kopf auf ihren Schoß.</p> - -<p>Im Osten hatte sich unterdessen der Himmel -blutigrot gefärbt, und die ersten Sonnenstrahlen waren -über die noch schlummernde Erde geglitten. Jetzt ward -auch der glühende Ball am Himmelsrande sichtbar, der -rasch heraufwuchs und sein flutendes Licht auf die Fluren -ergoß. Der Nebel zerriß, und die weite Landschaft wurde -erkennbar. Der junge Tag brach an mit seiner ganzen, -sieghaften Schönheit, und alles erwachte zu neuem -Leben. Nur der Mann auf dem Rasen machte seine -letzte Rechnung auf Erden!</p> - -<p>Noch einmal schweifte sein Blick in die Weite.</p> - -<p>Drüben stand in goldigem Glanze das Schloß seiner -Väter. Aber seine trutzigen Mauern waren zerfallen, -und kein verjüngender Sonnenaufgang gab ihm seine -Festigkeit wieder. Nur ein kleiner Teil, die vorspringende -Mitte, stand noch, und die weißen Quader leuchteten wie -einst über das Land. Aber ach, wie lange würde es -dauern, dann stürzten auch die letzten Mauern zusammen, -und ein wüster Trümmerhaufen bezeichnete die Stätte, -auf der einst in Pracht und scheinbarer Unvergänglichkeit -auf felsigem Grunde ein stolzes Menschenwerk gestanden -hatte.</p> - -<p>Jahrhunderte hatte der Bau ins Land ziehen sehen. Lieblicher -Sonnenschein hatte ihn unzähligemale umschmeichelt, -brausende Naturgewalten drohend umbrandet. Zeiten<span class="pagenum" id="Seite_419">[419]</span> -segensreichen Friedens waren an ihm vorübergegangen, -und auf wildes Kriegsgetümmel und ohnmächtige Wut -seiner Angreifer hatte der steinerne Koloß mit stummer -Verachtung herabgesehen. Nun war auch seine Zeit -abgelaufen, und der vorgeschrittene Verfall führte die -eindringliche Sprache, daß auf Erden alles vergänglich -ist! Nach einer Reihe von Jahren, früher oder später, -aber einmal doch, werden auch die letzten, stummen Zeugen -entschwundener Pracht und menschlichen Fleißes nicht -mehr sein. Die noch nicht zertrümmerten Steine werden -Häuser bauen helfen, in denen Menschenfreud und -Menschenleid geboren wird, lacht und weint und stirbt, -und die geborstenen Säulen und Quader zerfallen endlich -in Staub und vermischen sich wieder mit der -Erde, von der sie gekommen sind, und deren mütterlicher -Umarmung sie sich nur zu lange entzogen hatten. -Dann geht die Pflugschar wieder über das Land und -wirft die köstlich duftende Ackerkrume auf, und saurer -Schweiß tränkt den Boden. Bis endlich auf dem Rasen -Spiel und Sang anheben, und die Halme sich biegen -unter den Füßen der Tanzenden. So in stetem Auf- -und Niedergang, Geburt, Hinaufeilen auf den Gipfelpunkt -des Lebens, mühsames Hinabklimmen oder Hinabsturz -– und Tod: das ist das wechselvolle, geheimnisumwobene -Spiel des Werdens und Vergehens alles -Irdischen, das sind die urewig gleichen Menschenschicksale! -Eine zermalmende Traurigkeit beschleicht bei dieser -Betrachtung das Gemüt, gegen die menschlicher Witz sich -vergebens sträubt und menschliche Kraft ohnmächtig ankämpft. -In diesem Leid tröstet und erquickt allein -der aus starkem Herzen quellende Glaube an die Barmherzigkeit -und Ewigkeit der Himmel!</p> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_420">[420]</span></p> - -<p>Und dann gedachte der junge Tiefenbach seines -Geschlechts. In langen Reihen standen in sturmfesten -Kellergewölben des Schlosses die Särge seiner Ahnen. -Viele von ihnen waren wohl mit dem Schwerte in der -Faust gestorben und schlummerten in unbekannter Erde. -Er war der letzte Sproß. Jung war er und kraftvoll, -und doch rüstete er sich schon zur Wanderung nach jenem -unbekannten Land, aus dem niemand wiederkehrt. Nun -stand der Name Tiefenbach nur noch auf zwei alten, -müden Augen – – –</p> - -<p>Aber er ging gern von hinnen, denn er ging nach -einem gewonnenen Streit gegen den Feind des Landes -und den Beflecker seiner Ehre. Das ist für Menschen, -die beim Heimgange eines Teuern großen Schmerz erlitten, -das Köstliche, daß sie in jenen unbekannten Gefilden -von einer ihrer harrenden, liebenden Seele an die -Hand genommen werden.</p> - -<p>So mußte er denn früher scheiden als er gedacht; -aber noch waren es ihrer zwölf, die die Reihen der für -die Freiheit Kämpfenden verstärkten. Und bei diesem -tröstenden Gedanken trat wieder das glückliche Lächeln -auf die Züge des schwer Atmenden, und eine neue Ohnmacht -umfing seine Sinne.</p> - -<p>Jetzt tauchte auch der galoppierende Reiter vor -einer Biegung der Straße auf und näherte sich rasch -der Gruppe. Es war Konrad Hartmann.</p> - -<p>Schon von weitem winkte und rief er. Hastig -sprang er vom Pferde und fragte die schweigend Herumstehenden -mit lauten Worten nach der Ursache des -Schusses, den er schon in weiter Ferne vernommen hatte. -Mit fliegendem Atem wurde er unterrichtet. Da fielen -seine Augen auf den wie in friedlicher Ruhe schlummernden<span class="pagenum" id="Seite_421">[421]</span> -Freund. Ein einziger Blick, und er hatte alles verstanden. -In heftigem Schmerze griff er mit beiden -Händen nach der Stirn und blieb eine Sekunde lang -mit verhülltem Antlitz stehen. Dann eilte er zu dem -Liegenden, faßte ihn an der Schulter und rüttelte sie -und schrie dem Ohnmächtigen ins Ohr:</p> - -<p>»Vernimm erst noch, was ich Dir sage, mein -Freund, es mag Dir eine erquickende Zehrung auf die -Reise sein!«</p> - -<p>Der Angerufene schlug langsam die Augen auf und -sah den Freund verständnisvoll an.</p> - -<p>»Die Sache steht gut,« rief Konrad ihm zu, »heute -oder morgen werden die deutschen Hörner beim Blasen -der Siegesfanfaren zerspringen. Der Blücher haut die -Franzosen in Fetzen. Hörst Du’s, Max, der Blücher! -Und in den sächsischen Regimentern ist ein Tumult ausgebrochen. -Sie wollen nicht mehr für den Kaiser fechten, -sondern zu den Preußen übergehen!«</p> - -<p>Da erstrahlten die schon brechenden Augen noch -einmal in sonnigem Leuchten, und der Sterbende nahm -die rasch entfliehenden Kräfte zusammen und sprach mit -leiser, vernehmbarer Stimme:</p> - -<p>»Der Freihof gehört dem Hermann, und – -sagt’s der Mutter, – der Schimpf ist getilgt!«</p> - -<p>Dann fiel der während der letzten Worte mühsam -gehobene Kopf wieder in Mutter Lehnhardts Schoß -zurück, und ein tiefer Seufzer entrang sich den bleichen -Lippen. Konrad ließ sich neben dem Freunde auf das -Knie nieder und drückte ihm leise die Augen zu, während -die Umstehenden in tiefer Ergriffenheit die Blicke zu -Boden schlugen.</p> - -<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div> - -<p><span class="pagenum" id="Seite_422">[422]</span></p> - -<p>Vorwärts, soweit das Auge reichte, dehnte sich die -weite Ebene von Leipzig aus. Obwohl die Erde von -dem Flammenkuß des leuchtenden Tagesgestirns eben -erst erwacht war, stiegen pyramidengleich schon durchsichtige -Staubwolken zum Himmel empor, deren düsteres -Grau, durchglänzt von dem leuchtenden Gold der Sonnenstrahlen, -sich mit der tiefblauen Färbung des Äthers -vermählte. Das waren die ersten Anzeichen, daß der -Aufmarsch der Regimenter von Freund und Feind zur -Schlacht nach dem gestrigen Tage der Ruhe begonnen -hatte. Als wenn ein ungeheures Wesen seine tausendfach -gegliederten, tausend Arme zu gleicher Zeit rege. -Zum letzten Male rauschte der Vorhang des großen -Schlachtentheaters in die Höhe, – morgen fiel er, und -hinter ihm sank einer der gewaltigsten Abschnitte deutscher -Geschichte hinab in das Meer der Weltgeschichte! Die -eisernen Würfel rollten um alles über die zerstampften, -blutgetränkten Gefilde Leipzigs und warfen für Deutschland -achtzehn Augen. Einer der Großen der Erde -wurde von dem wandelbaren Geschick, nachdem es den -beispiellosen, sieghaften Aufflug seines Genies lange Zeit -wunderbar behütet hatte, in diesen Tagen verlassen.</p> - -<p>Aber selbst sein Volk vermag ihm bei dem Heraufsteigen -seiner Manen nur Bewunderung gemischt mit -Grausen zu zollen; eine höhere Empfindung kann das -menschliche Herz für ihn nicht bewegen. Sein Lebensschiff -trieb auf einer Woge von Blut und bittern Tränen. -Denn er war ein Zerstörender, Niederreißender. Der -aber, dessen Lebensfaden Klotho kaum zwei Jahre darauf -zu spinnen begann, und dessen Genius später in Deutschland -wie ein leuchtendes Phänomen langsam emporstieg, -bis es, wie einst jenes, über die ganze Erde hinweg<span class="pagenum" id="Seite_423">[423]</span> -gesehen ward, dieser Große war ein Aufbauender, -Schaffender! Anfangs alle bis auf seinen König zum -Gegner, schlug die Stimmung infolge seines weitschauenden -Wirkens und seiner kühnen und von glänzendem Gelingen -gekrönten Taten allmählich um, und aus den -heftigsten seiner Widersacher von einst wurden unwandelbare -Verehrer seines Kurses. Aus einem Wirrwarr -sich heftig befehdender Kräfte erstarkte unter seinem -Einfluß ein bewußtes Streben nach nationalen Hochzielen, -und der nie ganz ausgeklungene, märchenschöne -Traum trat endlich in plastischer Schärfe wieder vor -die Seele des ungestüm seine Verwirklichung fordernden -deutschen Volkes: der große, der gewaltige, – der -Kaisergedanke!</p> - -<p>Und als nach Jahren brausender Gährung der einstmalige -Tummelplatz hoher Ideen und doch gleichzeitig engherziger -Empfindungen ihm für sein Riesenwerk hinreichend -bestellt erschien, da schweißte der Titan mit weit über -Europas Grenzen hinaus hallenden Hammerschlägen das -zerstückelte Deutschland zusammen. Hinter dem schwärzlich -sich ballenden Rauche der dröhnenden Kanonen stieg die -schimmernde Morgenröte des neuen deutschen Reiches -verheißungsvoll empor, und in das Wimmern und -Ächzen der Verwundeten, in das Seufzen und Beten -der Sterbenden mischten sich Posaunentöne, feierlicher -Glockenklang und der stürmische Jubel der Ueberlebenden, -denn Deutschland hatte, ja es hatte wieder – einen -Kaiser! Zweimal führte der Erzfeind im Schilde, -Deutschland zu zersplittern und zu vernichten, und zweimal -ging es siegreich und schließlich geeint und in -seinen höchsten Idealen erstarkt aus dem aufgezwungenen -Kampfe hervor. Wie später auf Frankreichs Boden,<span class="pagenum" id="Seite_424">[424]</span> -gingen damals auf dem grünen Plane vor Sachsens -alter Lindenstadt Tausende deutscher Männer und Jünglinge -freudig in den Tod. Sie starben, um kommenden -Geschlechtern die Freiheit und Unabhängigkeit des -Heimatbodens zu sichern.</p> - -<p>Heil, dreimal Heil, dir mein deutsches Vaterland, -zu solchen Heldensöhnen! –</p> - -<p>Da sprang der Rabensteiner auf. Sein Gesicht -war mit hellem Rot übergossen, und sein Auge glühte -in edlem Feuer:</p> - -<p>»Was steht Ihr noch länger müßig? Hebt den -Leichnam auf, tragt ihn hinab ins Trauerhaus und -tröstet die tiefgebeugte Mutter. Dann aber eilet von -Hof zu Hof, von Haus zu Haus und fordert die -Männer, die Frauen und Kinder auf zur Totenschau, -auf daß mit Tränen der Wehmut und des Stolzes -reichlich genetzt werde der gemeinsame Hügel, unter dem -zwei Helden schlummern, die für ihre Ehre und die -deutsche Freiheit in den Tod gingen.«</p> - -<p>Dann stellte er sich vor die Männer:</p> - -<p>»Euerm Führer war es als Ersten vergönnt, für -die heilige Sache sein Herzblut dahinzugeben. Wohlan, -Freunde,« fügte er frohlockend hinzu, »so laßt es nun -mich sein, der Euch den Weg weist, zu den siegenden -Fahnen der deutschen Brüder!«</p> - -<hr class="chap x-ebookmaker-drop" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Sonst wurde -die teilweise uneinheitliche Schreibweise, insbesonde der großen Umlaute, -wie im Original beibehalten.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 231: bekommenen → beklommenen<br /> -ohne den <a href="#corr231">beklommenen</a> Eindruck der Seele</p> -<p> -S. 325: Sternschuppen → Sternschnuppen<br /> -zerflattern wieder wie <a href="#corr325">Sternschnuppen</a></p> -</div> -</div> - -<div lang='en' xml:lang='en'> -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>HERR, MACH' UNS FREI!</span> ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the trademark -license, especially commercial redistribution. -</div> - -<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> -<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase “Project -Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg™ License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg™ electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg™ electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg™ -electronic works. See paragraph 1.E below. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (“the -Foundation” or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. 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Any alternate format must include the -full Project Gutenberg™ License as specified in paragraph 1.E.1. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg™ works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg™ electronic works -provided that: -</div> - -<div style='margin-left:0.7em;'> - <div style='text-indent:-0.7em'> - • You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg™ works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg™ trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. 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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg™ electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg™ -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any -Defect you cause. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state -visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Please check the Project Gutenberg web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic works -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of -volunteer support. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> -</div> -</body> -</html> diff --git a/old/67303-h/images/cover.jpg b/old/67303-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index f120a70..0000000 --- a/old/67303-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67303-h/images/illu-001a.jpg b/old/67303-h/images/illu-001a.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 93b244c..0000000 --- a/old/67303-h/images/illu-001a.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/67303-h/images/illu-001b.jpg b/old/67303-h/images/illu-001b.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index ea4e0d9..0000000 --- a/old/67303-h/images/illu-001b.jpg +++ /dev/null |
