summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/67303-0.txt12566
-rw-r--r--old/67303-0.zipbin267879 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/67303-h.zipbin342789 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/67303-h/67303-h.htm16023
-rw-r--r--old/67303-h/images/cover.jpgbin42710 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/67303-h/images/illu-001a.jpgbin7854 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/67303-h/images/illu-001b.jpgbin21198 -> 0 bytes
10 files changed, 17 insertions, 28589 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..5fbeda8
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #67303 (https://www.gutenberg.org/ebooks/67303)
diff --git a/old/67303-0.txt b/old/67303-0.txt
deleted file mode 100644
index df677c6..0000000
--- a/old/67303-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,12566 +0,0 @@
-The Project Gutenberg eBook of Herr, mach' uns frei!, by Gustav
-Hildebrand
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Herr, mach' uns frei!
-
-Author: Gustav Hildebrand
-
-Release Date: February 2, 2022 [eBook #67303]
-
-Language: German
-
-Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HERR, MACH' UNS FREI! ***
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Herr, mach’ uns frei!
-
- [Illustration]
-
- Roman
-
- von
-
- Gustav Hildebrand.
-
- [Illustration]
-
- Leipzig.
-
- Bruno Volger, Verlagsbuchhandlung.
-
- 1908.
-
-
-
-
-1. Kapitel.
-
-
-Der zur Rüste gehende Julitag hatte alle vorangegangenen Tage, so heiß
-sie auch gewesen waren, übertroffen. Vom frühen Morgen ab hatte die
-Sonne von dem wolkenlosen Himmel auf die Erde herabgeschienen. Nun ging
-aber ihre Herrschaft zu Ende, denn der glühende Ball näherte sich dem
-Himmelsrand und seine Strahlen glitten in schräger Richtung über die
-Landschaft.
-
-Auf der alten Poststraße, die von Borna nach Leipzig führte, schritt
-ein junger Mann fürbaß, dessen müder Gang verriet, daß er heute schon
-einen weiten Weg zurückgelegt hatte. Er hatte den leichten Strohhut in
-den Nacken geschoben und lüftete ab und zu das kleine Ränzel, das ihn
-nach so langen Stunden wohl arg drücken mochte.
-
-Ein schmaler Weg kreuzte die Straße, und an dem Schnittpunkt stand
-ein alter Meilenstein. Der Wanderer ging zu ihm hin, stützte sich
-hintenübergelehnt mit beiden Armen auf seinen derben Knotenstock und
-versuchte, die kaum noch leserlichen Buchstaben auf dem verwitterten
-Stein zu entziffern. Nach einigem Bemühen las er mit lauter Stimme:
-»Rehefeld ¼ Meile.«
-
-Eine muntere Melodie pfeifend, hieb der Fremde mit dem Stock ein
-paarmal vergnügt ins Blaue und schlug dann den schmalen Weg ein. Die
-Aussicht auf das nahe Ziel belebte seine Kräfte sichtlich aufs neue.
-Obwohl der Weg nicht bequem zu gehen war, denn hüben und drüben hatten
-schwerbeladene Wagen tiefe Radspuren hinterlassen, und aus dem schmalen
-Grasstreifen in der Mitte ragten zahlreiche, spitze Steine hervor,
-eilte der Wanderer dennoch mit schnellen Schritten vorwärts. Ein
-schwacher Wind hatte sich erhoben, der ihm wohltuende Kühlung spendete,
-und vor dem die mannshohen Halme ihre schweren Häupter leicht hin- und
-herwiegten.
-
-Zu seiner Linken verlor sich das Land in eine unabsehbare Ebene,
-während vorwärts und nach rechts hin ein dichtes Waldstück die
-Fernsicht versperrte.
-
-Nach wenigen Minuten befand er sich inmitten der Fichten, durch die
-der Weg jetzt leicht anstieg. In kurzer Zeit aber wurde der Wald
-wieder lichter und die Bäume hochstämmig, und nach einigen Schritten
-verdoppelter Eile, und nachdem der Weg eine letzte, scharfe Biegung
-nach rechts gemacht hatte, trat der Fremde wieder ins Freie.
-
-Ein herrliches Bild bot sich den entzückten Augen des Wanderers. Zu
-seinen Füßen schlängelte sich in seinem tiefeingeschnittenen Bette
-gleich einem silbernen Streifen der Göselbach dahin, zu dessen beiden
-Seiten zahlreiche, hochstämmige Lindenbäume und Ulmen standen, aus
-deren saftigem Grün die Häuser des Dorfes hervorlugten. Die dunkeln
-Balken in den Giebelwänden hoben sich von dem weißgetünchten Mauerwerk
-scharf ab, und hier und da schlängelte sich aus einem Schornstein schon
-eine dünne Säule blauen Rauches, dessen Ringe sich sanft kräuselten,
-bis sie endlich in der Luft verschwanden. Einige der Häuser waren mit
-Ziegeln gedeckt, bei den meisten aber bestand das Dach aus einer dicken
-Lage Stroh.
-
-Der Hügel, auf dem der Wanderer sich befand, ging nach rechts in die
-weite Ebene über. Das linke Ufer des Flüßchens dagegen erhob sich zu
-einer sanften Lehne, auf deren höchstem Punkt, vielleicht zweihundert
-Fuß über dem schlanken Turme des Kirchleins, ein altes Schloß thronte.
-Es war eine festungsartige Burg mit einem weit hervortretenden
-Mittelbau und zwei dicken, vom Erdboden ab aufgeführten Türmen, von
-denen der westliche, wahrscheinlich infolge Altersschwäche, zur Hälfte
-eingestürzt war.
-
-Jahrhunderte mochten ins Land gezogen sein, seitdem der Grundstein
-dieser Feste gelegt worden war. Wohl hatte das Schloß den Zeiten und
-Wettern seinen Tribut zollen müssen, aber noch immer behauptete es, den
-wildesten Stürmen zum Trotz, seinen Platz, wuchtig und herausfordernd
-zugleich, und die großen, weißen Quader leuchteten noch wie ehedem weit
-in das Land hinein. Wie ein ehrfurchtgebietendes Denkmal alter Zeiten,
-ein stummer Zeuge der Geschehnisse eines halben Jahrtausends grüßte es
-zu dem Wanderer herüber.
-
-Dieser hatte sich an eine der hohen Fichten gelehnt und überließ sich
-ganz dem Zauber des Anblicks, der sich ihm bot.
-
-Seine Blicke glitten hinüber zu dem mächtigen Bauwerk, das als ein
-stolzes Erzeugnis menschlicher Kunst und menschlichen Fleißes, nunmehr
-dem Zerfall entgegenging, wie es den Menschenwerken endlich beschieden
-ist.
-
-Die Phantasie gaukelte dem Fremden die Geschichte des Schlosses in
-lebhaften Bildern vor die Seele. Er sah, wie die mächtigen Bausteine
-von starken Pferden den Berg hinangeschleift wurden, wie die Mauern
-erstanden, und wie endlich der Bischof segnend die Hände über den Bau
-ausbreitete, den die Bewohner des Dorfes mit frischen Blumengewinden
-bräutlich geschmückt hatten. Dann sah er, wie die Tore sich öffneten
-und aus ihnen eine lärmende Schar herauszog, den Schloßherrn mit
-seinen Gästen an der Spitze, und an ihrer Seite ritten Edelfrauen mit
-den Jagdfalken auf den Schultern. Aber weiter eilte sein Geist. Er
-sah wieder ein Häuflein den Abhang herabziehen, diesmal aber nicht
-zur Jagd, oder um die feurigen Rosse im Turnier zu tummeln: von den
-Schildern der Gewappneten glänzte das Kreuzeszeichen, und die Ritter
-schauten mit ernsten Mienen hinauf, wo vom Söller die Frauen feuchten
-Auges die letzten Grüße herabwinkten. Und jeder der Beherzten fragte
-sich leise: »Wer wird wiederkehren?« Doch im nächsten Augenblick
-warfen sie unwillig den Kopf in den Nacken und reckten die gepanzerten
-Glieder, daß die eherne Rüstung klirrte, und die wallenden Federn der
-blanken Helme durcheinander wogten, und sie beeilten sich, die sie
-überkommene Weichheit zurückzudrängen. Seit wann war es denn auch
-Sitte, daß der zum Kampfe ausziehende deutsche Krieger der Weibertränen
-achtete? Galt es doch diesmal, dem heidnischen Sarazen die Herrschaft
-über das heilige Grab mit dem Schwert wieder zu entreißen und an der
-Stelle des Halbmonds die Kreuzesfahne aufzupflanzen.
-
-Jahrhunderte durchmaß des Wanderers Phantasie. Die sonst so friedliche
-Umgebung des Schlosses war niedergestampft, niedergebrannt, verwüstet.
-Rundum breitete sich das Heerlager des Belagerers aus, der sich
-eben anschickte, die Feste zu berennen. Sturmleitern wurden in Eile
-herangeschoben, und Rammbock und Mauerbrecher waren in Tätigkeit.
-Von oben aber wurde siedendes Oel hinabgegossen, und Steinblöcke
-wurden mit wildem Getöse auf die Stürmenden herabgeworfen, während des
-Angreifers Feldkartaune aus ihrem ehernen Leibe schwere Geschosse gegen
-die stellenweise schon wankenden Mauern schleuderte. Da schien mit
-einem Male der Widerstand der Eingeschlossenen gebrochen; die Abwehr
-läßt nach, die Mannen auf dem Mauerrand ziehen sich zurück. Da, --
-Stimmengewirr, Schnauben und Stampfen nicht mehr zu zügelnder Rosse.
-Gedämpfter Kommandoruf wird vernehmbar, und -- nieder rasselt klirrend
-die Zugbrücke. Wie Sturmwind fegt es darüber hinweg: die Belagerten
-machen einen Ausfall. Wenn der Untergang im Buche des Schicksals
-einmal besiegelt, dann wenigstens nicht ruhmlos untergehen, Hörnerruf,
-der erzene Klang der ihren Scheiden entfliehenden Schwerter, und
-dann mit vielstimmigem, drohendem Schlachtruf hinein in die schnell
-gebildeten Haufen der Feinde. Wie Löwen kämpfen die Ritter, und manch
-einem entsinkt das Schwert der Faust; edles Blut färbt den Rasen. Aber
-Söldlinge können solchem Ansturm nicht lange widerstehen: hier und dort
-beginnt der Feind schon zu weichen, und endlich wirft der bleiche Mond
-sein mildes Licht auf den Kampfplatz, den sich die Tapfern, wenn auch
-mit schweren Opfern, ruhmvoll erkämpft, und die Geister der Gefallenen
-setzen auch dann noch erbittert den Strauß fort, wenn die Überlebenden
-längst schon die müden Glieder auf das Lager streckten.
-
-Die feinen Züge des Fremden hatten sich belebt und seine Augen glänzten
-begeistert.
-
-Dann wandte er sich ab und sah hinein in das weite Land. Die Felder
-waren überreich bestanden, ihre Grenzen hoben sich von einander scharf
-ab. Hier und dort bemerkte er eine Windmühle, deren lange Flügel sich
-rastlos drehten, -- fast vermeinte er, ihr Klappern töne herüber; dort
-wieder stand ein einsames Haus, dort lag ein Dorf in weiter Ferne, als
-wenn ein Riesenkind seine Spielwaren aufgebaut habe, und weit hinten
-am Horizont grüßten die Türme von Leipzig, -- der alten Lindenstadt.
-Über dem ganzen herrlichen Bilde aber lag ein Hauch von Frieden und
-segensreicher Arbeit.
-
-Der einsame Beschauer ließ seine trunkenen Blicke von einem zum andern
-gleiten, über all die blühenden Gefilde, die gesegneten Fluren;
-und er seufzte. Denn noch immer befürchtete man die Wiederkehr der
-Scharen Napoleons. Die Wunden, die des verhaßten Korsen blutige Geisel
-geschlagen, waren noch lange nicht verheilt, und die Schrecken der Tage
-von Jena und Friedland zitterten noch sattsam nach in den Seelen der
-Menschen.
-
-Wie lange war es dem Landmann noch beschieden, friedlich seine Felder
-zu bebauen und den reichen Gottessegen einzuernten? Konnte es nicht
-dem Ruhelosen noch einmal gelüsten, sein Schlachtenglück zu erproben
-und Verwüstung und Greuel hineinzutragen in die deutschen Lande, in
-denen eine große Anzahl von Eltern und Kindern an den noch frischen
-Gräbern ihrer Teuern stand, die der Ruhmsucht dieses Weltenstürmers zum
-Opfer gefallen waren! Sind nicht alle Menschen Brüder untereinander,
-und warum läßt ein gerechter Gott Tausende von blühenden Jünglingen
-dahinsinken nach dem Willen eines Einzigen?
-
-Dem Wanderer schauerte, wenn er daran dachte, daß diese Fluren verödet,
-zertreten werden könnten, und er wandte sich langsam zum Gehen.
-
-Noch immer diesen Gedanken nachhängend, stieg er den Hügel hinab und
-befand sich bald zwischen den ersten Häusern von Rehefeld.
-
-Kurz nach dem Betreten des Dorfes fiel sein Blick auf ein kleines,
-altes Haus, das von einem sorgfältig gepflegten, kleinen Garten
-umgeben war. Vor ihm saßen auf der steinernen Bank neben der Tür drei
-Menschen: ein junger Bauernbursche, der den Arm um die Hüften des
-neben ihm sitzenden Mädchens gelegt hatte und eine kleine, gebückte
-Frau, deren hohes Alter mit dem des Hauses wohl fast übereinstimmen
-mochte. Auf ihren Knien hielt sie eine Schüssel, in die sie Kartoffeln
-hineinschälte.
-
-Einer plötzlichen Eingebung folgend, trat der Wanderer an den niedrigen
-Zaun und fragte hinüber, ob er wohl eine kleine Zehrung erhalten könne.
-
-Die drei hatten den Fremden schon beim Näherkommen mit neugierigen
-Blicken betrachtet, seine unerwartete Anrede aber machte sie verlegen.
-Am ehesten fand die Alte Worte. »Wenn der Herr mit einem Trunke
-frischgemolkener Milch fürlieb nehmen würde --«
-
-»Das ist es ja gerade was ich wünsche,« antwortete der Fremde und trat
-durch die Tür in den Garten.
-
-Der Bursche war aufgestanden und bot dem Ankömmling seinen Sitz auf der
-Bank an, den dieser aber mit einem lächelnden Blick auf das errötende
-Mädchen dankend ausschlug.
-
-Unterdessen hatte die Greisin den Napf zu Boden gesetzt und war dann
-mit überraschender Beweglichkeit in das Haus geeilt, um bald darauf mit
-einem Glase Milch und einer Brotschnitte zurückzukehren.
-
-Der Fremde, der sich auf einem Grasstreifen des kleinen Gartens
-niedergestreckt hatte, griff verlangend nach dem dargebotenen Trunk
-und tat einen tiefen Zug davon. Dann brach er das Brot auseinander,
-tauchte es in die Milch und verzehrte das einfache Mahl mit sichtlichem
-Behagen. Die Alte und der Bursche hatten sich wieder zu dem Mädchen
-gesetzt, und nun ruhten aller Augen auf dem Fremden, der sich so
-zwanglos vor ihnen niedergelassen hatte, und jeder von ihnen versuchte
-nach seiner Art zu erraten, welch Standes er wohl sei.
-
-Ein Bauer war er nicht, das sah der Bauer auf den ersten Blick. Er war
-von schlanker Gestalt, noch nicht dreißig Jahre alt und hatte ein von
-der Sonne stark gebräuntes Gesicht. Seine Züge waren vornehm, seine
-Haltung und Art edel. Die Kleider hatten einen Schnitt, wie man ihn
-hier im Dorfe selten sah und waren von feinem Tuche gefertigt. Es war
-schade, daß man die Farbe des Stoffes nicht recht erkennen konnte, eine
-so dicke Staubschicht lag darauf. Der Fremde mochte heute früh weit von
-Rehefeld entfernt aufgebrochen sein. Er war ein Stadtherr, das stand
-fest. Aber was mochte ihn hierher führen? Vielleicht war er auf der
-Reise nach Leipzig, denn das kleine Dörfchen bot für einen Mann wie
-seinesgleichen keine Anziehung.
-
-Mit all diesen Fragen beschäftigten sich die drei Rehefelder eifrig,
-und wenn auch jeder von ihnen viel darum gegeben hätte, zu erfahren,
-was er zu wissen wünschte, so soll doch nicht verhehlt werden, daß sich
-besonders das junge Mädchen im geheimen diese Fragen immer wieder auf
-das eindringlichste stellte, die befriedigenden Antworten darauf ihr
-aber nicht gelingen wollten.
-
-Der junge Bursche rückte wieder an Antonie heran; als er sich aber
-anschickte, sie wie vorhin zu umfangen, deutete das Mädchen ihm durch
-stumme Zeichen an, daß dies in Gegenwart des Fremden wohl nicht
-schicklich sei. Hermann schien jedoch für die verstohlene Äußerung
-jungfräulichen Taktes nicht das genügende Verständnis zu besitzen,
-denn sie sah sich veranlaßt, ihm heimlich einen genügend hörbaren
-Klaps auf die Hand zu geben und dem verdutzt Dreinschauenden obendrein
-verweisende Worte zuzuwispern.
-
-Daß Hermann sie gerade in der Betrachtung des kleinen Medaillons
-gestört hatte, das verstohlen von dem goldenen Armband des Fremden aus
-dem Ärmel hervorlugte, und in dem sie mit echt weiblichem Scharfsinn
-ein schönes Frauenbild vermutete, zu dem wohl zwei schwere Zöpfe
-gehörten, vielleicht von einem solch lieblichen Blond wie die krausen
-Locken, die sich unter dem Hute des Fremden hervorgedrängt hatten und
-nun über der Stirn im leichten Windhauch zitterten, daß Hermann sie aus
-diesen wichtigen Betrachtungen gerissen hatte, sagte sie ihm freilich
-nicht.
-
-Der Fremde hatte den Rest der Milch ausgetrunken, und Antonie beeilte
-sich, ihm das leere Glas abzunehmen.
-
-Wenn die Alte bisher nur einige Male zu dem im Grase Liegenden heimlich
-hinübergeschaut hatte, so schien ihr aber jetzt der richtige Zeitpunkt
-für ein Verhör gekommen.
-
-Eben hatte sie eine große Kartoffel geschält und wie sie diese
-zerschnitt, fielen beide Hälften klatschend in die Schüssel, daß das
-Wasser über den Rand spritzte. Und mit diesem Laut war der Bann ihrer
-Zunge gebrochen.
-
-»Der Herr ist heute wohl lange gewandert?« fragte sie.
-
-Der Angesprochene hatte sich im Grase lang ausgestreckt und den Kopf in
-die Hand gestützt; er schien diese Frage schon längst erwartet zu haben.
-
-»Ja,« sagte er, »so reichlich zehn Stunden bin ich heute unterwegs, und
-die Sonne hat mich von allen Seiten gehörig beschienen.«
-
-»Ei, ei, das ist lange,« versetzte die Greisin, die ihre Kartoffeln
-ganz vergaß, »das kann nicht jedermann tun. Nun dafür hat aber der Herr
-gestern gewiß weidlich geruht.«
-
-»Gestern? Ach nein, gestern war’s so wie heute, fast war der Weg noch
-länger.«
-
-Wieder entstand eine tiefe Pause, und jeder der drei Rehefelder spann
-von neuem seine Gedanken.
-
-Hermann sagte sich, daß dieser Fremde doch ein recht närrischer
-Kauz sein müsse. Man stand im Zeichen der Hundstage, und die liebe
-Sonne meinte es über alle Maßen gut. Darüber durfte man freilich im
-allgemeinen nicht böse sein, denn der Hafer und die Kirschen konnten
-noch ein paar Tage heißen Sonnenscheins gebrauchen. Aber man läuft,
-wenn man’s anders haben kann, bei dieser Hitze doch nicht durch das
-ganze Land. Ja, diese Stadtleute!
-
-Anders dachte Antonie. Das Mädchen, dessen Bild in der goldenen Kapsel
-steckte, würde weit entfernt weilen, und nun ließ die Sehnsucht nach
-der Geliebten ihm keine Ruhe. Er hatte sich also aufgemacht, um sein
-Mädchen zu überraschen. Allerdings, dachte sie weiter, bequemer hätte
-es der Verliebte doch gehabt, wenn er die Reise zu Wagen gemacht haben
-würde.
-
-Über das welke, runzlige Gesicht des alten Mütterchens aber huschte das
-Aufleuchten des Verständnisses.
-
-»Zwei Tage so zu marschieren, ist sehr viel,« sprach sie, »besonders in
-dieser Zeit. Wenn es der junge Herr nun aber einmal getan hat, so ist
-es gewiß das erste Mal, daß er diesen Weg zurücklegt, und er wähnt mit
-Recht, daß der Mensch die Schönheit Gottes herrlicher Natur wandernd
-viel besser genießt, als wenn er in der dumpfigen Postkutsche sitzt
-und nur durch ein kleines Fenster schauen darf. Und obendrein ist es
-doch nicht selten, daß die liebe Reisegesellschaft selbst das bißchen
-Erbauung zerstört, das einem an dem kleinen Fenster vielleicht noch
-überkommt.«
-
-»O, o,« dachten Hermann und Antonie gleichzeitig, »jetzt wird der Herr
-die Mutter aber auslachen.«
-
-Ohne seine bequeme Lage aufzugeben, hatte der Fremde zugehört. Jetzt
-antwortete er, belustigt durch die geschickt verkleidete Neugier der
-Alten:
-
-»Es geht nichts über Lebensweisheit. Freilich habt ihr Recht! Manch
-Schönes habe ich gesehen, was mir im Wagen entgangen wäre; und wenn
-ich, vom vielen Gehen müde, mich am Abend auf das Lager strecke, so
-bin ich früh doch wieder frisch und zu neuer Wanderung gekräftigt.
-Freilich bin ich das Marschieren gewöhnt, schon so manches Jahr wandere
-ich ja in der Welt herum. Aber nach einer Tagesfahrt in solch einem
-Rumpelkasten ist es mir immer gewesen, als wenn ich für ein schlimmes
-Vergehen hätte büßen müssen.«
-
-Antonie fühlte sich sehr enttäuscht, und ihre bisher unerschütterliche
-Zuversicht in ihre Menschenkenntnis geriet arg ins Wanken.
-
-Die Alte hingegen war befriedigt und schmunzelte vor sich hin.
-
-»Da kommt der Herr wohl schon sehr weit her?« hub sie wieder an.
-»Vielleicht aus dem Thüringischen?«
-
-»Gott bewahre,« sagte dieser, »ich komme aus Dresden.«
-
-»Ach, aus dem lieben Dresden,« erwiderte die Greisin. »Ich habe sie
-auch einmal gesehen, die herrlichen Ufer der Elbe. Freilich ist dies
-schon sehr lange her,« setzte sie mit tiefem Aufseufzen hinzu, »damals
-lebte ja noch der selige Herr Oskar von Tiefenbach.«
-
-Mit einem Ruck fuhr der Fremde herum und schaute der Alten scharf ins
-Gesicht. Dann sagte er kurz:
-
-»Ihr seid die Mutter Lehnhardt, nicht wahr?«
-
-Und wie er sich wieder zur Seite wandte, murmelte er: »Aber wie konnte
-ich das denn nicht gleich wissen!«
-
-»Zu dienen, gnädiger Herr,« antwortete die Greisin, »doch woher kennt
-Ihr meinen Namen?«
-
-»Mutter Lehnhardt,« erwiderte der Fremde, »wen der liebe Gott an Jahren
-so gesegnet hat wie Euch, der wird weithin bekannt, ohne daß er davon
-weiß. Aber sagt, wie alt seid Ihr denn eigentlich?«
-
-»Siebenundachtzig sind es nunmehr gewesen, Herr. Eine lange Zeit
-ist’s,« fuhr sie redselig fort, »und wie viel die Augen schauen mußten,
-wie vieles dem Menschen da zustößt, Glück und Leid. Aber der da droben
-weiß es doch immer so einzurichten, daß den trüben Tagen wieder
-Sonnenschein folgt. Und wenn ich nun auf mein Leben zurückschaue, auf
-all die guten und bösen Tage, und ich sollte sagen, welche von ihnen
-die andern überwogen haben, nun, so muß ich gestehen, daß die trüben
-Bilder der Vergangenheit verblichen, verschwunden sind, daß mir aber
-vieles des Fröhlichen, das mir beschieden war, unauslöschlich in die
-Erinnerung eingegraben ist. Nun gebe mir Gott nur noch ein sanftes
-Ende.«
-
-Die heitere Zufriedenheit, die in den einfachen Worten lag, drang dem
-Fremden zum Herzen. Sie klangen von den Lippen der Greisin wie ein
-Gebet. Und als sie geendet und nun mit ineinander gelegten Händen,
-den Blick in die Weite gerichtet, eine Weile unbeweglich verharrte,
-da überkam ihn wieder dieselbe gehobene Stimmung, die er vorhin beim
-Betrachten der Natur empfunden hatte. Dort hatte er die Ruhe geschaut,
-die nach beendetem Tagewerk in der weiten Werkstatt des ewigen
-Schöpfers eingetreten war. Hier sah er einen alten Menschen der ein
-reiches Leben voll Arbeit hinter sich hatte, und der sich nunmehr mit
-müden Schritten dem Ende seiner Pilgerfahrt näherte.
-
-Um das welke, schmale Gesicht der Alten aber woben die letzten Strahlen
-der scheidenden Sonne einen lichten Schein.
-
-»So kann in der zwölften Stunde seines Lebens nur ein glücklicher
-Mensch aussehen,« dachte der Fremde.
-
-»Ach Mutter Lehnhardt,« sagte er, »vorhin hat dort oben auf der Höhe
-der Anblick des Schlosses lange meine Aufmerksamkeit gefesselt. Wollet
-Ihr mir nicht etwas von dem ehrwürdigen Bau erzählen? Ich bitt’ Euch
-drum.«
-
-»Warum nicht, gnädiger Herr,« versetzte die Alte, »wenn Ihr mit meinem
-Geplauder fürlieb nehmet. Ich tu es gern, denn die Erinnerungen an die
-seligen Tage meiner Kindheit steigen dabei wieder in mir herauf.«
-
-Sie setzte den Napf zu Boden; in dem gleichen Augenblick aber sprang
-vom Fensterbrett eine gelbe Katze auf ihren Schoß, die schon ein altes
-Anrecht auf diesen Platz haben mochte. Und während die zitternden Hände
-der Greisin das glänzende Tier liebkosten, erzählte sie die folgende
-Geschichte:
-
-»Meine Vorfahren haben von Alters her zusammen mit den Tiefenbachs
-auf dem Weißen Schlosse gelebt, sie die Herren, wir als Diener. Das
-Amt des Pförtners war es, das meine Väter getreu wahrgenommen und
-das sich immer vom Vater auf den Sohn vererbte. Die Chronik des
-Schlosses spricht zum ersten Mal von einem Lehnhardt, der den Obristen
-Gustav von Tiefenbach während des dreißigjährigen Krieges als Diener
-begleitete und der, nachdem sie heimgekehrt waren und er seiner vielen
-Verwundungen wegen nicht mehr kämpfen und das Roß nicht mehr besteigen
-konnte, Pförtner ward. Hans hat er geheißen und so jeder Sohn bis auf
-meinen seligen Vater herab. Dieser war der letzte Torwart des Weißen
-Schlosses. Die Zeiten waren andere geworden; man schaffte das Amt
-ab. Niemand war damit froher als er, denn Gott hatte ihm keinen Sohn
-beschert und er gönnte keinem Fremden die Würde.
-
-Hanno von Tiefenbach ist der Urahn der Familie, und er war es auch, der
-unter Kaiser Heinrich dem Vierten das Schloß im Anfang des zwölften
-Jahrhunderts erbaute. Die bösen Hussiten spielten der Burg später
-aber sehr übel mit, daß nur noch die Grundmauern stehen blieben, auf
-denen Herr Arnulf gegen 1450 das Schloß in seiner heutigen Gestalt
-aufrichtete. Viel Leid wurde dem Bau im dreißigjährigen Krieg durch die
-Schweden zuteil, die sich aber an seinen unzerstörbaren Mauern tüchtig
-die Köpfe einstießen. Freilich hat seine Festigkeit durch die langen
-Beschießungen, denen er zu dieser Zeit ausgesetzt war, stark gelitten.
-Heute ist das Schloß zwar noch immer bewohnbar, aber wer weiß auf wie
-lange noch.
-
-Diese früheste Vergangenheit, gnädiger Herr, habe ich in den alten
-Aufzeichnungen des Schlosses gelesen, zum Teil hat sie mir auch mein
-Vater erzählt.
-
-Meine Mutter habe ich nicht kennengelernt, Gott nahm ihre Seele für
-die meine. Alle süßen Erinnerungen an meine Jugendzeit sind von dem
-Schlosse unzertrennlich. Mein Vater war, wie man sagte, ein wortkarger,
-in sich gekehrter Mann, dem der Dienst viel Zeit übrig ließ. Aber
-nur die Leute nannten ihn wortkarg, daheim war er gesprächig. Mit
-wehmütiger Freude gedenke ich besonders der langen Winterabende.
-
-Während der Vater um neun Uhr das letzte Abendläuten besorgt und dann
-den letzten Rundgang gemacht hatte, saß ich schon, ungeduldig seiner
-harrend, in der großen Stube. Kein Laut war zu vernehmen, nur die
-Wanduhr, deren Gehäuse bis zur Decke reichte, tickte einförmig, und im
-Kamin knackten und knisterten die schweren Buchenscheite.
-
-Ich spitzte die Ohren. Draußen ging der Vater, schon hörte ich seine
-Tritte. Er prüfte noch einmal den Torriegel und die Verankerung der
-Zugbrücke, die er schon mit dem Anbrechen der Dunkelheit in die Höhe
-gewunden hatte. Bevor er sich aber zur Ruhe begeben durfte, hatte er
-von der Mauer nach dem Dorfe hinab drei Mal ins Horn zu stoßen. Es war
-dies das Zeichen für die drunten, daß Licht und Feuer gelöscht werden
-mußten.
-
-Und dann kam er! Dicht neben dem Tor war unsere Wohnung, die der Vater
-selbst besorgte. Die Speisen erhielten wir aus dem Schlosse.
-
-Ich war ein rechter Wildfang, immer zu tollen Streichen aufgelegt,
-furchtlos und ohne Ruhe. Aber wenn es Abend wurde, und der Vater sich
-zum Erzählen anschickte, dann konnte ich stundenlang sitzen ohne mich
-zu rühren, und meine Augen hingen an den Lippen meines Vaters. Und
-wie konnte er erzählen! Alle Sagen, die sich mit der Geschichte des
-Schlosses verwoben, und die ihm sein Vater berichtet, bekam ich zu
-hören. Die Begebnisse von Jahrhunderten entrollten sich vor mir, und
-ich lernte zuletzt alle verstorbenen Tiefenbachs so gut kennen, daß
-sie mir vertrauter waren, als die Leute im Dorfe. Die Leiber der edeln
-Herren und Frauen ruhten drunten in dem in den Felsen eingehauenen,
-hohen Saal. Dort stand die lange Reihe großer und kleiner metallner
-Särge, über die hinweg es manchmal in wilder Jagd ging, wenn ich mit
-den beiden Burgkatzen dort spielte. Aber die Seelen der Verstorbenen
-hatten mich lieb. Mit Hilfe meiner Einbildung waren sie mir treue
-Spielgefährten, saßen mit mir am Tische, sprachen zu mir und hörten auf
-meine Worte. Und selbst des Nachts in meinen Träumen erschienen sie mir
-noch.
-
-Das war der Winter.
-
-Im Sommer saß ich meist droben in einem der Türme und blickte sinnend
-hinauf zu dem blauen Himmel, oder hinunter auf die bunten Felder
-und blumigen Wiesen. Dann schaute ich um mich, soweit mein Auge
-reichte, und ich dachte, wie schön und wie groß ist doch die Welt!
-Die flinken Schwalben, die den Turm unaufhörlich umkreisten, und
-deren leichtbeschwingtem Fluge ich so gern zuschaute, kamen zu mir.
-Zutraulich setzten sie sich zu meinen Füßen nieder und pickten die
-Krümchen auf, die von meinem Brote auf den Sims herabfielen. Und
-wenn ich sie fragte: wie hoch ist der Himmel? Da schauten sie mich
-mit ihren blanken Augen erstaunt an, zwitscherten so laut, daß es mir
-schien, als belustige sie mein Fragen, zogen von neuem ihre anmutigen
-Kreise, stiegen höher und immer höher und verschwanden endlich in den
-lichtblauen Wellen.«
-
-Ein Hustenanfall hieß die Greisin ihre Worte unterbrechen. Ehe sie aber
-in der Erzählung fortfuhr, sagte sie:
-
-»Zürnen Sie mir nicht, Herr, wenn ich auch von mir selbst berichte,
-aber es würde mir nicht gelingen, vom Schlosse zu sprechen, ohne meine
-eigenen Erlebnisse dabei zu berühren.«
-
-Der Fremde machte eine Handbewegung, die andeutete, daß ihn die
-Erzählung gut unterhalte, und Mutter Lehnhardt fuhr fort:
-
-»So verlebte ich die Jahre meiner Kindheit. Selten kam ich vom Schloß
-in das Dorf hinunter. Dies geschah nur, wenn mein Vater zu mir sagte:
-komm, Kind, heute ist Sonntag, da dürfen wir den Gottesdienst nicht
-versäumen.
-
-Dann gingen wir nebeneinander den Weg hinunter. Im Dorfe sah ich viele
-Menschen im Feiertagsgewand, die ebenfalls zum Gotteshause wanderten,
-und Kinder, die mit einander spielten. Wenn ich an ihnen vorüberging,
-unterbrachen sie ihr Spiel und schauten das fremde Gesicht verwundert
-an. Ihr Zusammensein schien ihnen viel Freude zu machen, aber ich
-beneidete sie nicht. Droben in meiner stillen Einsamkeit, im luftigen
-Erker, tief unter mir die Welt und über meinem Haupte das hohe,
-geheimnisvolle Himmelszelt, dazu das große Schweigen der lebendigen
-Natur, -- dort war es doch viel schöner!
-
-Der Vater hatte mich das Lesen gelehrt, und ich nahm zuweilen ein Buch
-mit hinauf auf den Turm, da das Zimmer mir zu eng wurde. Aber bald
-entsank es meiner Hand. Die schwarzen, eckigen Buchstaben erschienen
-mir steif und tot. Deshalb wollte auch das Lesen an der Stelle, wo
-Alles Leben ausatmete, nicht recht gehen. Das was die Bücher von den
-Menschen sagten, erzählte mir der Vater weit besser, und schwach
-geradezu erschien mir, was ich von Gottes Wunderwerken las. Wie
-armselig waren die Worte in ihnen, obwohl der Vater mir gesagt hatte,
-daß sie ein sehr gelehrter Herr niedergeschrieben habe. Das kleine
-Grashälmchen, das vor mir in der Mauerritze wuchs, die vorbeiziehenden
-Vögel, die bunten Felder, der glitzernde Bach, die dunkeln Wälder und
-über mir die Wolken, die majestätisch ihre Bahnen dahinzogen, sie alle
-führten eine lebendigere Sprache und verkündeten mir mit nicht zu
-übertreffenden Worten das geheimnisvolle Walten des Höchsten.
-
-Aber man muß diese Sprache auch verstehen!
-
-Ein jäher Schlag sollte meinen Freuden ein rasches Ende bereiten. Ich
-war sechzehn Jahre alt.
-
-Mein Vater wurde krank und starb nach wenigen Tagen. Mich nahm man ins
-Schloß, wo ich der alten Beschließerin zur Hand gehen mußte. Aber das
-Arbeiten machte mir Freude. Es ließ mir freilich nicht mehr so viel
-Zeit zum Träumen, half mir aber den schmerzlichen Verlust des innig
-geliebten Vaters leichter ertragen.
-
-Der Herr des Schlosses war zu jener Zeit der greise Herr Leopold von
-Tiefenbach.
-
-Er hatte in Polen zur Seite König Augusts des Starken wiederholt
-gekämpft und war von ihm zum Lohne für seine Tapferkeit in den
-Freiherrnstand erhoben worden, mit der Bestimmung, daß dieser Titel
-sich auf den ältesten Sohn in der Familie vererben solle.
-
-Die edle Gattin des Schloßherrn, die schon lange gestorben war, hatte
-ihm drei Söhne hinterlassen. Dem ältesten, Udo, wurde einmal das
-Schloß. Damit aber auch seine Brüder Oskar und Egbert einen eigenen
-Besitz haben sollten, ließ der Vater unten im Dorfe ein Anwesen
-errichten, für das er von den Bauern die besten Felder kaufte, und
-das von der Zahlung der Abgaben an das Schloß befreit wurde. Schöne
-steinerne Gebäude wurden aufgeführt, und mit allem wurde das Gut
-reichlich versehen. Dann übergab er es einem alten Bauern aus dem Dorfe
-zum Verwalten. Erst nach des Vaters Tode sollten die beiden Brüder den
-Freihof beziehen.
-
-Der Erbe des Majorats hatte sich mittlerweile die junge Gräfin von
-Eckartsberg zur Gattin erkoren. Sie war eine blendend schöne Frau,
-aber so stolz! Hu, es schauerte einem, in ihrer Nähe zu weilen, ein
-solcher Eishauch ging von ihr aus. Sie hatte für uns Leute keinen
-Blick. Der Freiherr sah stillschweigend auf die Schwiegertochter, als
-wenn er im Innern die Wahl seines Sohnes nicht recht billigen könne.
-Aber Herr Udo war von ihrer Schönheit ganz geblendet und gab sich ihrem
-Einflusse willig hin. Schon immer war er ja selbst unfreundlich mit den
-Schloßbediensteten gewesen, jetzt achtete er unser gar nicht mehr.
-
-Sein um zwei Jahre jüngerer Bruder Oskar bildete den schroffsten
-Gegensatz zu ihm. Schon äußerlich ähnelten die Brüder sich nicht.
-Während Udo klein und zierlich war, war Oskar von hohem Wuchs und
-hatte einen kraftvollen Körper. Er war unser aller Liebling und stets
-auf unser Wohl bedacht. Aber zuweilen konnte er doch sehr zornig
-werden! Vor allem duldete er nie den leisesten Widerspruch.
-
-Der jüngste der Brüder, Egbert, war wieder zart und hing mit inniger
-Liebe an Oskar.
-
-Just um dieselbe Zeit, zu der Udo fast täglich nach Eckartsberg
-hinüberritt, um die schöne Gräfin Sophie zu besuchen, faßte Oskar eine
-tiefe Zuneigung zu der Tochter eines der angesehensten Bauern des
-Nachbardorfes Zehmen. Einen glücklichen Ausgang dieses Verhältnisses zu
-finden, war aber sehr schwierig, da sich bisher noch kein Tiefenbach
-ein Mädchen niederer Geburt zur Gattin erwählt hatte.
-
-Aber Herr Oskar war nicht der Mann, sich von der Ausführung eines
-Vorhabens durch Hindernisse zurückhalten zu lassen. Und er sann darüber
-nach, wie er des Vaters Einwilligung zu diesem Schritt erhalten könne.
-So oft er den Vorsatz aber faßte, ihm seine Neigung anzuvertrauen,
-ebenso oft verschob er das Geständnis auf eine günstigere Gelegenheit.
-
-Da kam ihm das Schicksal entgegen.
-
-Das was ich jetzt erzähle, gnädiger Herr, habe ich später wiederholt
-von Herrn Oskar selbst gehört, als er es seiner Tochter, der jetzigen
-Freihoferin mitteilte.
-
-Der Freiherr ließ Oskar eines Tages rufen und forderte von ihm
-Rechenschaft. Der Vater der Geliebten war auf das Schloß gekommen und
-hatte dem Freiherrn mitgeteilt, daß er die Besuche seines Sohnes Oskar,
-so hoch er ihn auch schätze, nicht mehr gestatten dürfe, da andernfalls
-seine Tochter zum Gespött der Leute werden würde. Er brauche es wohl
-kaum auszusprechen, hatte er weiter erklärt, daß die Neigung des
-Herrn von Tiefenbach ihn und seine Familie hoch ehre, aber er müsse es
-als Vater verhindern, daß auf den Namen seiner Tochter auch nur der
-Schein eines Makels falle. Der Herr Baron möge sich nur in seine Lage
-versetzen.
-
-Oskar war der Lieblingssohn des alten Freiherrn, der seinen geraden und
-vornehmen Sinn hoch achtete. Aufmerksam hörte er das Geständnis seines
-Sohnes an, das in der Bitte ausklang, ihm kein Hindernis zu bereiten,
-sondern die viele Liebe und Güte, die er ihm bis jetzt zugewendet,
-durch seine Einwilligung zu dem Herzensbund von neuem zu bezeigen.
-Dabei verfehlten die einfachen Worte, mit denen Oskar den trefflichen
-Charakter der Geliebten schilderte, wie auch die männliche Festigkeit
-gepaart mit kindlicher Unterwerfung, mit der er seine Bitte vorbrachte,
-nicht, einen tiefen Eindruck auf den Freiherrn zu machen.
-
-Er kannte seinen Sohn und wußte, daß er ein echter Tiefenbach war.
-
-Der Vater versammelte darauf seine drei Söhne um sich und sprach über
-Oskars Neigung und Bitte. Er sei weit davon entfernt, seinem Kinde
-dafür zu zürnen, daß es das zu tun begehre, was ihm sein Herz gebiete.
-Denn nicht bloß in Schlössern, sondern auch in Hütten werde der Adel
-der Gesinnung geboren, und er sei davon überzeugt, daß jeder von ihnen
-wisse, was er dem fleckenlosen Wappenschilde des Geschlechtes schulde.
-Wenn er aber nicht ohne weiteres sein Jawort erteilen könne, so wäre es
-deshalb, weil dieser Schritt in der Familie noch nie getan worden sei,
-und er ihm die höchste Bedeutung beimesse. Er müsse erst Rat mit sich
-halten, bevor er einen Entschluß fassen könne. Bis dahin möge Oskar
-sich gedulden und der Liebe seines Vaters vertrauen.
-
-Mit diesen Worten küßte der Freiherr den Sohn auf die Stirn, dem,
-überwältigt von der tiefen Bewegung, die die gütigen Worte bei ihm
-hervorgerufen hatten, die Tränen in die Augen getreten waren.
-
-Wenige Tage darauf standen die Brüder erschüttert an der Leiche
-ihres Vaters. Er hatte einen Ritt über die Felder unternommen. Beim
-überraschenden Auffliegen eines Rebhühnervolkes hatte das Pferd
-gescheut und den alten Herrn abgeworfen. Unglücklicherweise war
-er mit dem linken Fuße im Steigbügel hängen geblieben und von dem
-galoppierenden Pferde eine große Strecke geschleift worden. Und als es
-dann gelang, das Tier aufzuhalten, fand man den Freiherrn entseelt vor.
-
-Ja, Herr,« begann die Greisin nach einer Pause von neuem, »wir fühlten
-uns alle verwaist; es war, als wenn uns der Vater genommen wäre. Eine
-düstere Ahnung sagte den Dienstleuten, daß die gute Zeit für sie
-vorüber sei.
-
-Seitdem die junge Frau an Herrn Udos Seite in das Schloß eingezogen
-war, hatte ich bei ihr den Dienst als Zofe verrichtet. Es war dies eine
-schlimme Zeit für mich! So viele Mühe und Sorgfalt ich auch auf meine
-Arbeiten verwendete, wurde mir von meiner Herrin doch niemals ein Wort
-der Anerkennung zuteil. Zürnende Blicke und Scheltworte empfing ich
-täglich und wenn ich glaubte, daß ich alles getan, um meine Arbeit zur
-Zufriedenheit verrichtet zu haben, erntete ich Tadel. Wie schmerzlich
-trafen mich die kränkenden Worte!
-
-Als sich der Tag des Begräbnisses seinem Ende zuneigte, und die letzten
-Leidtragenden von der Tafel aufgestanden waren und das Schloß verlassen
-hatten, forderte der neue Schloßherr seine Brüder auf, ihn in das
-Zimmer des Vaters zu begleiten.
-
-Schon immer hatte ich gefürchtet, daß Udo und Oskar einmal hart an
-einander geraten würden. Aber zu Lebzeiten des alten Freiherrn vermied
-es Udo, den Bruder zu reizen. Udos Verhalten aber war, seitdem er den
-Einflüsterungen seiner Gemahlin das Ohr lieh, immer herrischer und
-finsterer geworden und das Verhältnis der beiden Brüder zu einander
-immer gespannter.
-
-Heute sollte das von mir längst Vorausgesehene eintreten.
-
-Der Vorfall dieses Abends ist mir, da ich wider Willen Zeuge sein
-mußte, unvergeßlich geblieben.
-
-Nachdem ich der gnädigen Frau Baronin beim Auskleiden behilflich
-gewesen war, war ich dabei, die starken Zöpfe aufzumachen, um das
-Haar zu kämmen und für die Nacht von neuem einzuflechten. Ich hatte
-gerade die letzte Flechte geöffnet und breitete nun das seidenartige
-Haar aus, das ihre blendendweißen Schultern wie ein goldener Mantel
-umfloß. Da hörte ich, wie die Brüder in das anstoßende Zimmer traten.
-Einen Augenblick verharrte die Frau Baronin unbeweglich, sie schien um
-einen Entschluß zu kämpfen. Dann stieß sie mir die Hände zurück und
-sprang zu der hohen Flügeltür, die sie, während die Herren sich Stühle
-heranzogen, leise öffnete. Mit einer weiteren, unerhörbaren Bewegung
-glitt sie sodann zu der Lampe vor dem hohen Spiegel auf dem Putztisch
-und schraubte die Flamme tief herab, damit kein verräterischer
-Lichtschimmer in das Nebenzimmer falle. Darauf näherte sie sich mir,
-beugte sich zu meinem Ohre nieder und raunte mir zu, daß ich mich nicht
-von der Stelle rühren solle. Sie selbst trat an den Türspalt. Ich stand
-dicht hinter ihr und sah die Herren sitzen. Mir war so unsagbar bang
-zu Mute, kaum wagte ich, zu atmen, aus Furcht, daß die Atemzüge meine
-Gegenwart verraten könnten.
-
-Der Freiherr saß am Schreibtisch des Verstorbenen und entnahm diesem
-eine dicke Ledermappe, die er öffnete und deren einzelne Blätter er
-aufmerksam prüfte. Die beiden Brüder schauten ihm zu.
-
-Nach einer Weile sagte Herr Udo:
-
-»Das Testament des Vaters ist so geblieben, wie er es uns früher schon
-einmal vorgelesen hat. Überzeugt Euch davon, hier ist es.«
-
-Mit diesen Worten reichte er es Herrn Oskar. Dieser öffnete das
-Blatt, sah flüchtig darauf und gab es sodann Egbert, der das Papier
-zusammenfaltete und es, ohne einen Blick hineingeworfen zu haben,
-zurück auf den Schreibtisch legte.
-
-»Ihr erkennt also das Testament für richtig an?« fuhr der Freiherr fort.
-
-Die Brüder bejahten.
-
-Eine Pause trat ein, keiner rührte sich. Nur die hastigen Atemzüge der
-Frau Baronin vernahm ich.
-
-Herr Udo hielt seine Augen auf die lederne Mappe gerichtet, als er
-langsam begann:
-
-»Oskar, hast Du Dich schon entschlossen, wann Du die Bewirtschaftung
-des Freihofes übernehmen willst?«
-
-»Ja,« klang es zurück, »noch heute.«
-
-Das Gesicht des Freiherrn blieb bei diesen Worten unbeweglich.
-
-Er wandte sich an den jungen, mädchenhaften Herrn Egbert und sagte:
-
-»Ich brauche es wohl nicht erst auszusprechen, daß Dir, solange Du es
-wünschest, alles in bisheriger Weise zur Verfügung steht.«
-
-Der Angesprochene schien verwirrt durch dieses Anerbieten. Er sah einen
-Augenblick vor sich nieder, dann sagte er:
-
-»Du bist sehr gütig, Bruder. Aber ich gehöre ebenfalls auf den Freihof.«
-
-Der Freiherr blieb regungslos.
-
-»Wie Ihr wollt. Trefft Eure Anordnungen für die Überführung Euers
-Eigentums nach Euerm neuen Heim. -- Noch eine Frage: Glaubt Ihr, noch
-einen Anspruch an mich zu besitzen, oder ist Euch das geworden, was
-nach des Vaters Willen und den Gesetzen Euch geziemt?«
-
-Die Brüder erklärten sich für abgefunden.
-
-Während dieser Worte waren die Herren aufgestanden. Der Freiherr und
-Herr Oskar standen einander gegenüber, hinter diesem stand Herr Egbert.
-
-Sekunden vergingen, ohne daß einer von ihnen das Schweigen brach. Das
-Abschiednehmen schien allen schwer zu fallen.
-
-Ich beobachtete Herrn Oskar; der volle Schein der Lampe fiel auf sein
-Gesicht. Er dachte wohl an den teuern Toten, der an diesem Tische so
-oft gesessen hatte und dessen Wunsch es immer gewesen war, die Brüder
-einträchtig zu sehen.
-
-Seine Blicke schweiften im Zimmer umher und hafteten bisweilen längere
-Zeit auf einem Gegenstand, ehe sie weiter glitten.
-
-Das alte Schreibzeug, gefertigt aus dem wunderlich gewachsenen Gehörn
-eines Rehbocks, das dunkle Eckbrett, auf dem die vielen Pfeifen mit
-tönernen und hölzernen Köpfen sorgfältig gehütet neben einander
-standen, der kunstvoll geschnitzte Tisch, die schweren Stühle und die
-vielen Gegenstände aus Hirschhorn, -- alle schienen ihn vertraulich zu
-grüßen wie einen alten, lieben Bekannten.
-
-Sein bisher düsteres Auge hellte sich auf, als wenn er der Tage
-gedächte, in denen er es als eine Gunst betrachtete, wenn er spielend
-in des Vaters Arbeitszimmer verweilen durfte, während dieser am
-Schreibtische saß.
-
-Da fiel Herrn Oskars Blick hinauf auf das Bild, das dort über dem
-Tische in schlichtem Rahmen hing: das Bild des teuern Vaters, das ihn
-bereits gebeugt unter der Last der Jahre wiedergab. Er sah die Augen
-des Verblichenen auf sich gerichtet, als ob er ihn ermahnen wolle,
-seine Handlungen nicht von Verdruß und Eigensinn beherrschen zu lassen.
-
-Den jungen Mann überkam eine tiefe Wehmut.
-
-Hier standen sie nun, die Brüder, die Söhne des Mannes, der stets
-bestrebt gewesen, wohlzutun, und der den geringsten der Menschen
-nicht von sich gehen lassen mochte, ohne freundlich zu ihm gewesen
-zu sein. Sie standen hier am Scheidewege. Und nach der Stimmung, die
-sie beherrschte, genährt durch ihre ungleichen Naturen, bedeutete ihr
-Auseinandergehen eine Trennung fürs Leben. So wollten sie seine Lehren
-in den Wind schlagen! Und dabei war er gewiß mit einem Gebet für sie
-aus dem Leben gegangen.
-
-Hingerissen von der tiefen Bewegung, die ihn erfüllte, trat Oskar
-mit raschen Schritten auf den Bruder zu, der zwischen Stuhl und
-Schreibtisch stand, und streckte ihm die Hand entgegen.
-
-Der Freiherr richtete sich bei dem plötzlichen Näherkommen des Bruders
-auf und sah ihm unverwandt in die Augen.
-
-Ein heftiges Zittern überfiel mich, denn ich bemerkte, wie das Gesicht
-des Herrn Oskar unter diesem Blicke starr wurde. Langsam sank ihm die
-Hand herab.
-
-Da begann der Freiherr, seine Stimme klang kalt:
-
-»Ich muß mit Dir noch ein Wort sprechen, Oskar, bevor wir scheiden.
-Ich stehe vor Dir, als der Vertreter der Familie, als das Oberhaupt
-eines, wie Du weißt, der ältesten Geschlechter des Landes, dessen
-Wurzeln selbst bis in die Zeit des Werdens der Wettiner hineinragen.
-Die höchsten Ziele, die unsern Vorfahren vor Augen standen, waren
-allzeit die Gunst ihrer gnädigen Landesherren, die Hochhaltung ihres
-fleckenlosen Namens und ein seliges Ende. Und um diese edeln Güter
-kämpften und starben sie. Die Jahrhunderte haben unter den Tiefenbachs
-die verschiedensten Naturen gesehen, aber es hat keinen unter ihnen
-gegeben, bei dessen Erwähnung die Nachkommen erröten müßten. Die
-Ehre stand ihnen über allem. Aus all’ diesem aber ergibt sich von
-selbst, daß die Glieder eines so uralten und stolzen Geschlechts
-heilige Pflichten haben, und daß das Ansehen des Namens sie selbst zu
-Opfern bereit finden muß. Und deshalb, Oskar, halte ich es für meine
-Pflicht, Dich zu ermahnen, daß Du niemals die uns heiligen Traditionen
-vergessen mögest, damit auch die kommenden Geschlechter das Andenken
-ihrer Väter so rein finden, wie wir es vorgefunden haben!«
-
-Der Freiherr hatte die Worte langsam und mit zuweilen scharfer Betonung
-gesprochen. Am Schluß seiner Rede hatte er die Stimme erhoben.
-
-Oskar stand wie eine Bildsäule und starrte dem Bruder ins Gesicht. Er
-hatte die Herrschaft über sich vollkommen verloren, seine breite Brust
-bewegte sich in tiefem Heben und Senken, wie von einer übermächtigen
-Leidenschaft bemeistert. Wiederholt versuchte Oskar zu sprechen, aber
-die Sprache versagte ihm den Dienst. Endlich drangen zwischen den
-bebenden Lippen die abgerissenen Worte hervor:
-
-»Warum das, warum diese seltsamen Ermahnungen, mit denen Du mich, wie
-Du empfinden mußt, tief verletzest? Aber ich will selbst den Kern aus
-seiner Hülle schälen: ein falscher Stolz verbietet Dir, Dich damit
-abzufinden, daß Dein Bruder um sein Weib anderswo freit, als dort, wo
-es bisher für einen Edelmann der Brauch wollte. Ich gebe es zu, daß der
-von mir beabsichtigte Schritt, als erster dieser Art, dem Zuschauenden
-ungewöhnlich erscheinen muß. Aber das zu tun, was man in früheren
-Zeiten zu unterlassen für richtig fand, wird einstmals gute Sitte,
-sofern es nicht mit den göttlichen Gesetzen in Widerspruch steht. So
-will es der Wandel der Zeiten und der Wille der Menschen, der ihren
-Tagen die Prägung gibt, und es wäre töricht, wollte man es versuchen,
-den Lauf des rastlos vorwärts tosenden Weltenstroms aufzuhalten. Mit
-Dir aber von dem zu sprechen, was mir ein Heiligtum ist, hieße, dies
-Heiligtum verunglimpfen. Ich werde meinen Vorsatz ausführen und
-niemand soll es wagen, mich daran zu hindern. Spätere Tiefenbachs mögen
-meine Richter sein!«
-
-Herr Oskar war, während er sprach, ruhiger geworden.
-
-»Und ich verbiete Dir, daß Du den Namen unserer Familie in den Schmutz
-ziehst!« schrie der Freiherr, mit der Faust auf den Tisch schlagend.
-
-»Hüte Dich, mich noch einmal zu reizen,« klang es zurück, »schon viel
-zu weit hast Du dieses frevelnde Spiel getrieben. Ich trage in meinem
-Innern die unumstößliche Überzeugung, daß der Vater meinen Schritt noch
-gebilligt haben würde, und nur der überraschende Tod ihn verhinderte,
-mir seinen Segen zu geben. Ich habe Dir bereits erklärt, daß ich meinen
-Vorsatz ausführen will, und ich werde ihn ausführen!«
-
-»Und wenn es nicht in meiner Macht steht, diesen Schritt zu verhindern,
-so vermag ich doch, mich der Mittäterschaft zu entziehen, indem ich
-alle Bande, die uns bisher fesselten, von diesem Augenblick ab für
-gelöst erachte. Du trittst mit dem Verlassen des Schlosses gleichzeitig
-aus der Familie der Tiefenbachs aus. Du bist nunmehr frei, wirf Dich in
-die Arme einer Dir ...«
-
-»Halt ein, kein Wort weiter!« donnerte Herr Oskar, den die Wut sinnlos
-machte, indem er auf den Bruder eindrang.
-
-»Wenn Du weiter sprichst, so stehe ich für meine Handlungen nicht
-mehr ein! So mißbrauchst Du also den Platz, den Dir unser edler Vater
-soeben abgetreten hat. Wehe Dir, Du Vermessener, der Du noch nicht
-weißt, ob Dir mit Deinem hochmütigen Sproß aus vornehmem Geschlecht
-so glückliche Tage beschieden sein werden, wie mir mit dem Weib aus
-dem Dorfe. Aber,« fuhr er fort, und seine mächtige Stimme dröhnte von
-den hohen Wänden des Gemaches wider, »ich gebe Dir Dein Wort zurück.
-Aufgehoben sei alle Gemeinschaft zwischen uns und unsern Nachkommen,
-und ein Gottesgericht treffe den, der es wagen sollte, diesem Spruche
-zu trotzen!«
-
-Während dieser letzten Worte war die Frau Baronin unbemerkt durch die
-Tür in das Zimmer getreten, das Haar offen und den Nachtmantel von den
-Schultern herabgesunken. Ihr Gesicht war marmorbleich, und ihre Augen
-funkelten vor Zorn.
-
-»Udo!« schrie sie den Freiherrn an, »laß diesen Menschen mit Hunden
-vom Schlosse hetzen! Rühr Dich doch, handle! Hörst Du nicht, wie sie
-in ihren Ställen hungrig kläffen, sie wittern Aas. Mich verlangt es
-danach, sein Schmerzensgeschrei zu hören! So handle doch, -- Memme!«
-
-Und sie brach in ein entsetzliches Lachen aus.
-
-Herr Oskar hatte sich schon zur Tür gewandt um das Zimmer zu verlassen.
-Egbert folgte ihm. Noch einen Augenblick hielt Oskar inne und sagte zu
-dem Bruder:
-
-»Sieh doch, Egbert, dieses Weib ist wahrhaftig eine Teufelin!«
-
-Dann schlug die Tür hinter ihnen krachend zu.
-
-Meine Glieder waren wie gelähmt. Jetzt kam Bewegung in mich. Von einer
-wahnsinnigen Angst erfaßt, stürzte ich den Brüdern nach. Auf der Treppe
-erreichte ich sie und alle Rücksichten, die mir meine Stellung gebot,
-vergessend, hing ich mich an Herrn Oskars Arm und flehte mit bebender
-Stimme:
-
-»Gnädiger Herr, nehmen Sie mich mit fort von hier, und lassen Sie mich
-Ihre niedrigste Magd sein!«
-
-Er blieb stehen und schaute sich nach mir um. Ich fühlte, wie seine
-Hand über meine brennende Stirn strich. Eine dunkle Binde schien sich
-auf meine Augen zu legen. Ich merkte noch, daß er die Arme um mich
-schlang, mich aufhob und mit mir die Treppe hinabstieg; dann verlor ich
-das Bewußtsein.
-
-In derselben Nacht jagte ein heftiger Donnerschlag die Bewohner
-des Dorfes aus den Betten; -- der westliche Turm des Schlosses war
-eingestürzt.
-
-Drei Monate später fand auf dem Freihofe Hochzeit statt. Die Wunde,
-die der Tod des Freiherrn geschlagen, war noch zu frisch, daß man
-laut gejubelt hätte. Aber es war doch ein Ereignis, zu dem die Gäste
-und viele Neugierige von weit und breit zusammenströmten. Und als der
-festliche Spruch verklungen war, den Herr Egbert auf eine fröhliche
-und glückliche Zukunft des Brautpaares ausgebracht hatte, erhob sich
-der Bräutigam von seinem Platze. Unter lautlosem Schweigen sprach er
-mit schlichten Worten aus, wie er der Stimme seines Herzens hätte
-folgen müssen und er fortan nicht bloß unter den Bauern sein Leben
-zubringen wolle, sondern daß er stolz sein würde, als ein rechter
-Bauer genannt zu werden. Der Schritt, den er unternommen, hätte eine
-tiefe Kluft zwischen ihm und denen auf dem Schlosse aufgetan. In
-seiner Brust aber wohne kein Zwiespalt, denn er trage die Überzeugung
-von der Makellosigkeit seines Tuns. Und die Liebe seines Weibes und
-das Vertrauen und die Zuneigung seiner Nächsten würden ihn reich
-entschädigen. --
-
-Nun, Herr Oskar von Tiefenbach fand in seiner Ehe das was er erhofft
-hatte in reichem Maße, denn mit dem jungen Weibe war das Glück auf dem
-Freihof eingezogen. Sie war eine tüchtige Bäuerin und eine zartsinnige
-Lehrmeisterin für ihren Gatten. In wenigen Jahren schien es, als wenn
-Oskar von Tiefenbach nie anderswo als auf einem Bauernhof gewohnt
-habe; er war ein Landmann geworden, der seinen Beruf erkannt hatte und
-reiche Befriedigung in ihm fand. Des Freihofers sicheres und treffendes
-Urteil, seine vielseitige Bildung und nicht zuletzt sein biederer,
-freimütiger Charakter zog alle zu ihm hin, und bald betrachteten ihn
-die Dorfbewohner als einen der ihrigen. Von dem Freiherrn sprach er
-nie, aber ein glühender Haß gegen den Bruder erfüllte seine Seele.
-
-Herr Egbert hatte kurze Zeit nach der Vermählung den Freihof verlassen
-und war zum Hof des Kurfürsten nach Dresden gegangen. Dieser nahm ihn
-als Junker auf, und schon ein Jahr später bat er seinen Bruder und die
-Schwägerin, seiner Hochzeit mit der Tochter des Generals von Zeschau
-beizuwohnen.
-
-Mit Jubel wurde diese Botschaft auf dem Freihofe begrüßt, und Herr
-Oskar und Frau Martha trafen ihre Vorbereitungen zur Reise, auf der ich
-sie begleiten sollte. Bei dieser Gelegenheit sah ich das liebe Dresden,
-und die Erinnerungen an jene Tage sind mir bis in mein hohes Alter
-getreulich gefolgt.
-
-Bald darauf verließ ich den Freihof, um meinem Ferdinand die Hand
-fürs Leben zu reichen. Im darauffolgenden Jahre bescherte mir Gott
-ein wonniges Glück: ich genas eines Knaben, während mein Mann unter
-Sachsens Fahnen gegen den großen Preußenkönig focht. Wenige Wochen
-später drang die Kunde der Niederlage der Sachsen bei Kesselsdorf durch
-das Land. Alles war bestürzt. Ich aber weinte und hielt mein Kind fest
-umschlungen, denn ich hatte meinen Mann verloren und war eine Witwe von
-einundzwanzig Jahren.
-
-Ich ging wieder zu den Tiefenbachs. Die Freihoferin war eben vom
-Wochenbett aufgestanden. Kurz darauf warf eine hitzige Krankheit sie
-hart darnieder. Und während die Arme mit dem Tode rang, gab ich dem
-Neugeborenen und meinem eigenen Kinde die Brust. Da die Krankheit nur
-langsam wich, stillte ich ihr Mädchen auch weiterhin.
-
-Das ist nun freilich schon lange her! Das Mädchen wuchs heran, und
-heute ist Konstanze von Tiefenbach Freihoferin. Sie war schon über die
-Vierzig hinaus, als sie sich vermählte.
-
-Des Herrn Egberts Sohn war gekommen, um die traurige Botschaft zu
-bringen, daß er kurz nacheinander Vater und Mutter hätte begraben
-müssen. Das Leben auf dem Freihof, mehr aber noch die Liebe zu seiner
-Base, bewogen ihn zum bleiben für immer. Ein Knabe und ein Mädchen
-entsprossen ihrer Ehe. Nun ist auch die Freihoferin alt geworden und
-hat ihrem Sohne Max die Sorge um den Hof überlassen.
-
-Mein Sohn hielt es in Rehefeld nicht lange aus. Als junger Bursche
-schnürte er das Ränzel und zog viele Jahre in der Welt umher. Endlich
-war er müde geworden. Er kehrte heim zu seiner Mutter und brachte
-sein Weib mit, ein junges Ding aus dem Norden Italiens, mit großen,
-schwarzen Augen und einem Mund voll blendendweißer Zähne. Sie hatte
-viel Gemüt, aber leidenschaftlich heftig konnte sie sein.
-
-Nun ruhen auch er und sein Weib schon längst unter dem Rasen. Aber
-zurückgelassen haben sie mir doch etwas Liebes. Gelt, Hermann,« sagte
-die Greisin, sich zu dem jungen Mann neben ihr wendend, der bei ihren
-Worten errötete, »Du bist die Freude meines Alters!
-
-Treu habe ich den Tiefenbachs während vieler Jahre gedient und gute
-und böse Zeiten mit ihnen durchlebt. Jetzt esse ich seit Jahren das
-Gnadenbrot, das mir die mildtätige Freihoferin gewährt. Meine Kräfte
-taugen nichts mehr, sie sind dahin. Ich kann den Tiefenbachs nicht mehr
-nützlich sein. Dafür ist Hermann aber an meine Stelle getreten. Er
-waltet auf dem Freihofe als rechte Hand des Herrn Max.«
-
-Die Greisin hatte ihre Erzählung beendet; nun schwieg sie erschöpft.
-
-Die beiden Liebenden saßen eng umschlungen neben einander. So
-ausführlich wie heute, hatte die Mutter lange nicht erzählt.
-
-In Gedanken versunken, schaute der Fremde hinüber zu dem Schlosse, in
-dessen Fenstern sich das letzte Abendrot spiegelte.
-
-»Was ist aus Udo von Tiefenbach und seiner schönen Frau geworden?«
-fragte er.
-
-»Das Verhältnis der beiden Ehegatten zu einander wurde von Jahr zu
-Jahr schlechter. Auch die Geburt eines Sohnes konnte keine Besserung
-herbeiführen. Die Baronin Sophie liebte rauschende Feste, deshalb
-erfüllte sie das stille Schloß mit Lärm. Später ging Herr Udo mit
-seiner Gemahlin während des größten Teils des Jahres auf Reisen.
-
-Eines Tages kehrte er allein zurück. Man sagte, die Baronin sei mit
-einem österreichischen Edelmann auf und davon gegangen. Verbittert und
-weltscheu ist er im hohen Alter gestorben.«
-
-»Und ist der Haß zwischen den beiden Familien nunmehr geschwunden?«
-
-Die Greisin seufzte tief auf. Dann sagte sie:
-
-»Der heutige Freiherr und seine Tochter Maria sind tief betrübt über
-die zerrissenen Bande der Tiefenbachs; in den Leuten auf dem Freihofe
-aber lodert noch der Haß, wie ehedem in Herrn Oskars Brust!«
-
-Schweigend sah der Fremde wieder nach dem Schloß hinüber, auf das
-nunmehr die Dämmerung leichte Schatten warf. Niemand sprach ein Wort.
-Die gelbe Katze in Mutter Lehnhardts Schoß schnurrte nur emsig.
-Plötzlich richtete sich das Tier auf, machte einen hohen Buckel und
-sprang auf die Erde. Die nassen Stellen auf den Steinen sorgfältig
-vermeidend, lief es nach der Tür und verschwand dann im Hause.
-
-Der bisher leichte Wind hatte sich verstärkt. Seine Kühle war während
-des Erzählens unbemerkt geblieben, jetzt aber begann den Fremden zu
-frösteln.
-
-Langsam stand er auf, und mit ihm erhob sich der kleine Kreis. Er zog
-seine Börse, ein Gespinst von feinen Silberfäden, und entnahm ihr ein
-Geldstück.
-
-»Mutter Lehnhardt,« sagte er, »ich bin Euch vielen Dank dafür schuldig,
-daß Ihr meinen Wissensdrang nach der Geschichte des Schlosses und der
-Familie Tiefenbach so erschöpfend befriedigt habt. Nehmt diese Gabe und
-herzlichen Dank obendrein.«
-
-Die Greisin wollte ihm wehren, aber er drückte ihr das Geld in die Hand.
-
-Betroffen sah es die Alte an:
-
-»Herr,« sagte sie, »Ihr habt Euch vergriffen, -- einen Silbertaler ...!«
-
-»Nehmt ihn nur,« entgegnete der Fremde, »und betrachtet ihn aufmerksam,
-denn er trägt das Bildnis unseres allergnädigsten Königs Friedrich
-August.«
-
-Die Greisin verneigte sich tief vor dem Fremden und würde ihm die Hand
-geküßt haben, wenn er sich nicht so schnell zur Tür gewandt hätte.
-
-»Lebt wohl, Mutter Lehnhardt,« sagte er, »wir sehen uns heute nicht zum
-letzten Mal.«
-
-»Ach,« fragte diese erstaunt, »dann führt den Herrn wohl der Weg hinauf
-auf das Schloß?«
-
-Der Fremde war mittlerweile, zum Abschied grüßend, auf die Straße
-getreten und hatte sich zum Weiterschreiten gewandt, als er die Frage
-der Greisin vernahm.
-
-Lächelnd wandte er sich noch einmal um und rief zurück:
-
-»Auf das Schloß nicht, -- auf den Freihof!«
-
-
-
-
-2. Kapitel.
-
-
-Max von Tiefenbach war von einem scharfen Ausritt heimgekehrt, den
-er in der Richtung auf Zehmen zur Besichtigung des Saatenstandes
-unternommen hatte.
-
-Nun stand er auf dem Hofe neben dem warm gewordenen Pferde und
-strich ihm über die Fesseln der Vorderfüße, nachdem er die braunen
-Wickelbänder von ihnen gelöst hatte.
-
-Das Tier schlug mit dem langen Schweife kräftig seine Weichen, um
-sich der Mücken zu erwehren, die es umschwärmten. Sein Herr verfolgte
-aufmerksam diese Anstrengungen und kam ihnen dadurch zu Hilfe, daß er
-selbst hier und da einen dieser Blutsauger abschlug.
-
-Drüben am Stalle stand ein Knecht, der einen Strohwisch drehte, um den
-Braunen damit abzureiben.
-
-Herr von Tiefenbach versetzte dem Pferde einen leichten Schlag auf den
-Schenkel, worauf das Tier hinüber nach dem Stall trabte. Hell klang der
-Hufschlag von dem Pflaster des weiten Hofes wider, dessen Einzelheiten
-in der hereinbrechenden Dunkelheit dem Auge bald verschwanden. Hierauf
-ging der Herr des Freihofs noch einmal durch die Rinderställe und trat
-dann wieder auf den Hof, um sich nach dem Familienhaus zu begeben, als
-er vom Tore her Schritte vernahm, die sich rasch näherten.
-
-Er wandte sich um. Wer konnte das sein? Von den Leuten war vielleicht
-noch ein Verspäteter mit einer letzten Verrichtung des Tages
-beschäftigt, die meisten von ihnen aber saßen schon geraume Zeit
-drinnen in der Stube beim Abendessen. Das Abendläuten hatte eben
-begonnen. Es war neun Uhr.
-
-Der Unbekannte hatte den Mann auf dem Hofe entdeckt und ging auf ihn
-zu. Als er näher an ihn herankam, verlangsamte er die Schritte, bis er
-dicht vor ihm stehen blieb.
-
-»Grüß Dich Gott, Max!« sagte er, indem er dem Angesprochenen die Hand
-darbot.
-
-Dieser trat erstaunt an den Sprecher heran. Die Stimme klang ihm
-bekannt, ohne daß er es vermocht hätte, ihren Besitzer zu erkennen.
-Obwohl die Körpergröße des Fremden noch über das Mittelmaß
-hinausragte, erschien er doch klein neben dem mächtigen Wuchs des Herrn
-von Tiefenbach, der sich deshalb auch herabbeugen mußte, um dem Fremden
-scharf ins Gesicht zu schauen.
-
-»Bernhard! Ist es möglich, Du hier!« rief er erfreut aus, den
-Angekommenen herzlich umarmend. »Willkommen, willkommen auf dem
-Freihofe! Jahrelang habe ich vergebens auf Deinen Besuch gewartet, und
-nun kommst Du so überraschend. Das hast Du recht gemacht, alter Junge!«
-
-»Du hättest eigentlich Ursache, mir zu zürnen, Max,« antwortete der
-Fremde, »nachdem ich Dir für vorigen Sommer meinen Besuch bestimmt
-versprochen hatte. Aber Du weißt, der Soldat ist eben selten in der
-Lage, über seine Zeit zu verfügen; er harrt immer der Oberen Befehle.«
-
-Herr von Tiefenbach hatte seinen Arm schon unter den des Freundes
-geschoben und führte diesen nach der offenen Tür des Hauses. Bevor sie
-eintraten, blieb Max plötzlich stehen und fragte:
-
-»Wirst Du uns aber auch nicht gleich wieder verlassen? Wie lange hast
-Du denn Urlaub?«
-
-»Beruhige Dich, mein Lieber,« antwortete der Angekommene. »Da ich nun
-einmal hier bin, wirst Du mich nicht so bald wieder los.«
-
-Sie waren bei diesen Worten in den dunkeln Hausflur getreten. Max ging
-schnell voraus und öffnete eine Tür, durch die heller Lampenschein
-herausdrang.
-
-»Mutter,« rief er, »einen Gast bringe ich Dir. -- Rate einmal wer es
-ist!«
-
-Der Blick des Fremden fiel in das Zimmer, ein geräumiges Gemach mit
-schweren, altväterischen Möbeln, das von einer Hängelampe erleuchtet
-wurde. In der Mitte des Raumes stand ein großer, runder Tisch, auf
-dessen weißem Tuche das Abendbrot aufgetragen war.
-
-In einem hochlehnigen, mit Leder bezogenem Stuhle saß eine Frau, die
-in einem Buche las, von der Form der auf dem Lande damals im Gebrauche
-befindlichen Andachtbücher. Bei den hastig ausgestoßenen Worten ihres
-Sohnes nahm Frau von Tiefenbach langsam die Brille mit den runden
-Gläsern von der Nase, klappte das Buch zu, erhob sich vom Stuhle
-und schaute auf die Eintretenden. Sie hatte, wie ihr Sohn, die hohe
-Gestalt der Tiefenbachs und schien sich den Siebzigern zu nähern.
-Die leichtgebeugte Haltung des mit tiefschwarzem, glattgestrichenem
-Haar bedeckten Kopfes deutete auf starkes Selbstbewußtsein. Aus
-dem hagern Gesicht ragte die starke Nase scharf hervor, und die
-leichtgeschlossenen Lippen umspielte ein Zug, der eisernen Willen
-gepaart mit Stolz verriet. Beherrscht wurde der Ausdruck dieses
-Gesichts aber durch die tief in ihre Höhlen zurückgesunkenen, grauen
-Augen, die sie auf jeden, mit dem sie sprach, fest zu richten pflegte.
-
-Der freudige Ton, der aus Maxens Worten geklungen hatte, war Frau von
-Tiefenbach nicht entgangen. Sie sah voll Erwartung auf den Fremden,
-dessen Fuß bei ihrem Anblick einen Augenblick gestockt hatte. Dann trat
-der Ankommende auf sie zu und ergriff mit einer tiefen Verbeugung die
-zum Gruße dargebotene Hand.
-
-»Bernhard von Friesen ist es, Mutter, mein alter Freund, von dem ich
-Dir so manches liebe Mal erzählt habe.«
-
-Die Freihoferin ließ einen langen Blick über den jungen Mann gleiten,
-der noch immer in achtungsvoller Haltung vor ihr stand.
-
-»Seien Sie willkommen, Herr von Friesen,« sagte sie. »Sie haben recht
-getan, Ihre Schritte nach Rehefeld zu lenken. Freilich werden Sie
-manches von dem entbehren müssen, was die königliche Residenzstadt
-Ihnen bietet. Aber was der Freihof besitzt, wird er Ihnen geben. Ich
-bin erfreut, meines Sohnes Freund kennen zu lernen!«
-
-Während dieser Begrüßung war es dem Angekommenen noch nicht gelungen,
-sich von dem Bann zu befreien, den die Erscheinung dieser Frau auf ihn
-ausübte. Jetzt aber hörte er aus dem ihm anfangs hart erschienenen
-Klange der Stimme Wärme und Herzlichkeit heraus und er bekam seine
-verlorene Sicherheit schnell wieder.
-
-Mit dem Anstand eines Jünglings von guter Erziehung, dankte er der
-Hausherrin für den herzlichen Willkomm und sprach die Bitte aus,
-ihm wegen seines Eintritts zu dieser ungewohnten Stunde und ohne
-vorausgegangene Anmeldung seines Erscheinens nicht zu zürnen.
-
-Dann setzten sie sich zum Abendessen an den mächtigen Tisch, das in
-angeregter Unterhaltung verlief.
-
-Die beiden jungen Männer tauschten Erinnerungen an die Jahre aus, die
-sie zusammen auf der Fürstenschule des nahegelegenen Grimma in treuer
-Freundschaft verlebt hatten. Seitdem hatten sie sich nicht wieder
-gesehen und nur wenige Briefe gewechselt.
-
-Friesen war nach dem Verlassen der Schule nach Dresden gegangen und
-Offizier geworden. Er hatte bei Jena mitgefochten und dann an allen
-kriegerischen Ereignissen teilgenommen, zu denen Napoleon den ihm
-ergebenen Sachsenkönig drängte.
-
-Er sprach von den Feldzügen, und Frau von Tiefenbach zeigte großes
-Interesse an seiner Erzählung. Sie fragte nach der Stimmung in der
-Hauptstadt und wollte wissen, welche Meinung die Offiziere von der
-politischen Lage hätten, und welcher Geist unter den Truppen herrsche.
-Denn die Unzufriedenheit mit Napoleons Regiment wuchs und breitete sich
-allmählich über das ganze Land aus.
-
-Zuletzt schilderte Friesen die Stimmung, die ihn heute überkommen, als
-er von der Anhöhe herab den segensreichen Frieden betrachtet hatte.
-
-Da unterbrach Max mit einem Male die Unterhaltung, indem er sich mit
-der Frage an seine Mutter wandte:
-
-»Ist Elisabeth denn noch nicht zurück?«
-
-Die Blicke der Freihoferin streiften die Uhr. Dann fuhr sie, ohne auf
-Maxens Frage geantwortet zu haben, in der Unterhaltung fort. Max schien
-dem Schweigen der Mutter eine Antwort entnommen zu haben, denn er
-wiederholte seine Frage nicht und beteiligte sich von neuem lebhaft am
-Gespräch.
-
-Da verkündete die Uhr mit langsamen Schlägen die zehnte Stunde. Die
-Freihoferin brach die Unterhaltung kurz ab und beauftragte Max, den
-Gast in sein Zimmer zu begleiten.
-
-Die Anstrengung, die Friesen während der beiden letzten Tage überwunden
-hatte, machten sich nunmehr geltend. Eine große Müdigkeit hatte sich
-bei ihm eingestellt, die er nur mit Mühe bekämpfte.
-
-Beim Scheine der Kerze führte Max den Freund nach dem für ihn im
-Oberstock hergerichteten Zimmer und ließ ihn alsbald nach Gutenachtgruß
-und dem Wunsche allein, daß der erste Schlaf unter dem Dache des
-Freihofes für ihn recht erquickend sein möge.
-
-Gähnend und mit schon halbgeschlossenen Augen sah sich Friesen in
-dem Raume um. Aber seine Betrachtungen währten nicht lange. Er
-entkleidete sich und streckte den müden Körper auf das breite,
-behagliche Bett. Ein wohliges Gefühl überkam ihn. Da trat noch einmal
-rasch die Geschichte des Weißen Schlosses an seine Seele heran. Bald
-aber drängte sich in die Wirklichkeit die Phantasie. Die Urahnen des
-Tiefenbachschen Geschlechts standen in Reih und Glied salutierend im
-Schloßhofe, während die Mutter Lehnhardt in Holzpantoffeln und mit
-einer kürbisähnlichen Kartoffel unter dem Arm auf einer ungeheuern
-Katze an den alten Haudegen freundlich grüßend vorbeiritt. Dann aber
-verblich auch dieses letzte freundliche Bild, und der traumlose Schlaf
-der Jugend senkte sich auf den Müden herab.
-
- * * * * *
-
-Als Friesen am andern Morgen erwachte, stand die Sonne schon hoch
-am Himmel. Schnell beendete er seine Morgentoilette und schaute zum
-Fenster hinaus. Das Zimmer lag an der Giebelseite des Wohnhauses. Edle
-Weinreben umrankten das Fenster, und ein paar mächtige Birnenbäume
-verwehrten den Sonnenstrahlen den ungehinderten Zutritt. In kurzer
-Entfernung vom Gute rieselte zwischen dunkelgrünen Wiesen der Göselbach
-vorüber, an dessen beiden Ufern dichte Weidengebüsche standen, die,
-vom Winde bewegt, sich tief über das Wasser neigten, als ob die langen
-Ruten darnach trachteten, ihre Spitzen zu benetzen. Darüber hinweg sah
-das Auge weit hinein in die tiefe Ebene.
-
-Friesen ging hinab und trat in das Wohnzimmer, wo er aber niemand
-vorfand. Eine Magd, die ihn bemerkt hatte, deckte alsbald den Tisch
-und trug das Frühstück auf. Dann verließ sie mit einer schüchternen
-Einladung zum zulangen wieder die Stube.
-
-Der würzig duftende Kaffee, die goldgelbe Butter und das frische Brot
-lockten unwiderstehlich, und Friesen hatte genug Appetit, um sich nicht
-vergeblich einladen zu lassen.
-
-Er wollte sich mit dem Essen beeilen, um dann nach Max zu sehen, der
-gewiß schon längst bei der Arbeit war und über den Langschläfer lächeln
-würde.
-
-Das Frühstück mundete vortrefflich, als Friesen mit einem Male ein
-leises Geräusch vernahm, und als er sich rasch umschaute, sah er auf
-der Schwelle der weitgeöffneten Tür ein weibliches Wesen stehen, das
-ihm wahrscheinlich schon eine Weile zugesehen hatte.
-
-Er fühlte sich überrascht und wußte nicht, welche Bezeichnung er
-der plötzlichen Erscheinung geben sollte. War es eine Jungfrau, die
-da vor ihm stand, oder ein hochaufgeschossenes Kind? Er konnte sich
-diese Frage nicht beantworten. So ließ er den Blick unverwandt auf dem
-etwas bleichen, allerliebsten Gesichtchen ruhen, das sich in tiefe
-Sorgenfalten gelegt hatte und sich sichtlich alle erdenkliche Mühe gab,
-seinen bekümmerten Ausdruck festzuhalten.
-
-»Also, so behandelt man Gäste,« scholl es von der Tür her, die im
-nächsten Augenblick zuflog. »Nein, nein, bitte setzen Sie sich wieder
-und lassen Sie sich’s weiter schmecken! Sie müssen schon entschuldigen,
-Herr von Friesen, die arge Vernachlässigung findet ihren Grund aber nur
-darin, daß man auf dem Freihof nicht gewöhnt ist, Gäste zu empfangen.
-Nun ich denke, wir werden an Ihnen darin lernen, um wenigstens
-allmählich so weit zu kommen, daß wir in Zukunft unsere Gäste nicht
-mehr allein sitzen lassen.«
-
-Das Mädchen war, indem es diese Worte hervorgesprudelt hatte, langsam
-näher getreten, während Friesen auf wiederholtes Drängen hin das
-unterbrochene Frühstück fortsetzte.
-
-Nun stand sie ihm gegenüber am Tische. Die beiden Hände aufgestützt
-und den Oberkörper leicht vornübergeneigt, schaute sie ihm mit
-unverhohlener Neugierde in das Gesicht.
-
-Friesen gestand sich, daß ihm gestern Abend, Maxens Mutter gegenüber,
-seine kühle Besonnenheit eine kleine Weile im Stich gelassen hatte;
-unter den Augen dieses Kindes aber, schien sich seine Verlegenheit
-wiederholen zu wollen. Die Ähnlichkeit, besonders aber die blauen Augen
-des Mädchens, konnten ihm keinen Zweifel lassen, daß sie die Schwester
-des Freundes war, von der ja auch Mutter Lehnhardt gesprochen hatte. So
-viel frischer Natürlichkeit und holdem Liebreiz gegenüber, konnte er
-sich nur langsam aus seiner Überraschung erholen, zumal ihn das Mädchen
-noch immer unverwandt musterte. Ihre Augen leuchteten wie die eines
-Kindes, dem eine große Freude geworden ist, aber in den Winkeln des in
-komischer Entrüstung zusammengekniffenen Mundes lauerte der Schalk.
-Jetzt endlich verschwand der gutgespielte Ernst von dem Gesichtchen,
-und das Mädchen brach in ein fröhliches Lachen aus.
-
-Friesen begrüßte diesen Heiterkeitsausbruch als willkommene
-Erleichterung, doch kam ihm der plötzliche Umschlag der Situation
-immerhin ein wenig unvermittelt, und seine Ratlosigkeit wurde
-infolgedessen nicht geringer. Dieses Gefühl mußte sich wahrscheinlich
-auf seinem Gesicht widerspiegeln, denn die Heiterkeit wurde lauter und
-zuletzt so befreiend, daß Friesens Verlegenheit mit einem Schlage wich,
-und er von der Fröhlichkeit angesteckt und mit fortgerissen wurde. Und
-damit war er wieder Herr seiner selbst.
-
-Endlich verklang das fröhliche Lachen, und das Mädchen zog sich einen
-Stuhl heran, um ebenfalls zu frühstücken. Aber obgleich die kleinen,
-weißen Zähne tapfer in die Semmeln bissen, konnte sie nicht schweigen.
-Hundert Fragen zugleich schwebten ihr auf der Zunge, die sämtlich
-verrieten, daß das Kind von alledem, was sich jenseits eines Umkreises
-von drei Meilen von Rehefeld auf der Erde abspielte, herzlich wenig
-kannte. Ihr Wissensdurst war unbegrenzt und die Einfalt ihrer Fragen
-so erfrischend, daß Friesen immer wieder in dieses Kindergesicht
-blicken mußte, um sich von neuem Gewißheit zu verschaffen, daß mit ihm
-nicht ein loses Spiel getrieben wurde. Die Augen voll Erwartung auf
-ihn gerichtet, lauschte das Mädchen seinen Antworten, sie zuweilen
-mit verständnisvollem Nicken oder mit unwilligem Schütteln des Kopfes
-begleitend, das so arg werden konnte, daß der blonde Zopf, der bis zum
-Schürzenband hinabreichte, hin- und herflog.
-
-Friesen mußte unwillkürlich dieses kleine Dorffräulein in seiner
-rührenden Unschuld mit denen ihres Geschlechtes vergleichen, die
-in kunstvoller Perrücke und mit gemalten Gesichtern alle pikanten
-und skandalösen Ereignisse der Residenz vor dem allzu schnellen
-Hinabtauchen in die Vergessenheit glücklich bewahrten und nicht müde
-wurden, solche Vorgänge mit liebevoller Mühe und Beharrlichkeit in die
-kleinsten Einzelheiten zu zerlegen. Unter diesen wäre kein Boden für
-solch ein Pflänzlein, dachte er, es würde bald traurig das Köpfchen
-hängen, und der Seelenfrieden eines so lieblichen Menschenkindes würde
-in kurzer Zeit gestört sein.
-
-Aber Friesen fand nicht viel Zeit zu längeren Betrachtungen, denn die
-Kleine war unermüdlich im Fragen.
-
-Plötzlich brach sie ab, es schien ihr etwas einzufallen. Dann sagte sie
-sehr ernst:
-
-»Aber, Herr von Friesen, wissen Sie denn eigentlich wer ich bin?«
-
-Diese Frage kam wieder so unerwartet und berührte Friesen so komisch,
-daß er nur mit Mühe ein Lächeln zurückhalten konnte. Er zwang sich
-dazu, ebenfalls ernst zu sein und sagte, mit schelmischem Anklang in
-der Stimme, vorwurfsvoll:
-
-»Nein, wie kann ich denn wissen wer Sie sind, wenn Sie mir es nicht
-sagen!«
-
-Das niedliche Geschöpfchen sah seinem Gegenüber noch eine kleine Weile
-in die Augen, dann erfolgte ein neuer Heiterkeitsausbruch der alle
-vorangegangenen übertraf, und in den Friesen wieder mit einstimmte.
-
-Das Mädchen lachte so herzlich, daß ihm Tränen in die Augen traten.
-
-»Nein,« rief sie jubelnd, »so ein Stadtherr. Ist mit mir eine halbe
-Stunde zusammen, spricht fortwährend zu mir und weiß nicht einmal wie
-ich heiße!«
-
-Da überflog ihr Gesichtchen mit einem Male wieder der altkluge, ernste
-Zug, als sie vorwurfsvoll fragte:
-
-»Ja, Herr von Friesen, warum fragen Sie mich denn eigentlich garnicht
-wie ich heiße?«
-
-Jetzt kam ihr Friesen mit der Heiterkeit aber zuvor. Aber diesmal
-lachte nur er. Seine Nachbarin schien nicht zu verstehen, was seine
-Fröhlichkeit herausforderte.
-
-Sie wurde noch um einen Grad ernster und sagte:
-
-»Ich bin nämlich die Elisabeth.«
-
-Und als Friesen mit ihrem zunehmenden Ernst noch ausgelassener wurde,
-wiederholte sie beinahe feierlich:
-
-»Ja gewiß, Herr von Friesen, ich bin Elisabeth von Tiefenbach!«
-
-Der aber, dem diese Beteuerung galt, verlor auch noch den letzten
-Rest von Beherrschung. Er lachte, daß ihm die Tränen über die Wangen
-liefen und machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung, als ob er es
-verhindern wolle, daß das Mädchen weiter spreche. Schließlich stimmte
-auch Elisabeth wieder in die Fröhlichkeit ein, als sich plötzlich die
-Tür öffnete und Max ins Zimmer trat.
-
-Als er die ausgelassene Heiterkeit der beiden sah, blieb er einen
-Augenblick verdutzt stehen.
-
-»Hallo!« rief er »Ihr habt ja recht schnell Freundschaft geschlossen.
-Das gefällt mir!«
-
-Dann schritt er zu dem Freunde.
-
-»Guten Morgen Bernhard. Nun, wie war die erste Nacht auf dem Freihof?«
-
-Aber noch bevor der Angesprochene antworten konnte, rief Elisabeth dem
-Bruder zu:
-
-»Wenn Du es durchaus willst, daß Herr von Friesen seinen Kaffee früh
-allein trinken soll, so gewöhne ihn doch wenigstens nur nach und nach
-daran. Das muß ich gestehen, Max, Du verwöhnst Deinen Freund gleich vom
-ersten Tage ab nicht.«
-
-Max trat zu seiner Schwester, hob sie samt ihrem Stuhle zu sich empor
-und drückte ihr trotz Sträubens einen Kuß auf den Mund. Dann setzte er
-behutsam das Mädchen wieder nieder.
-
-Friesen war Maxens Bewegungen mit den Augen gefolgt und er hatte
-die Gruppe sehr hübsch gefunden: der blonde Riese, dessen Arme dazu
-geschaffen schienen, einen rasenden Stier vor sich niederzuzwingen,
-im Kampf mit dem zierlichen, sich heftig wehrenden Mädchen, dessen
-Gesichtsausdruck trotz ihres Sträubens nur allzudeutlich verriet, wie
-gerne sie die Zärtlichkeit des Bruders ertrug.
-
-»So, Du hast deinen Lohn für die Schelte am frühen Morgen,« sagte Max.
-»Wenn Du aufmerksam gewesen wärst, hätte Bernhard gleich Gesellschaft
-gehabt.«
-
-Die letzten Worte mußte er ihr nachrufen, da das Mädchen schmollend aus
-dem Zimmer schlüpfte.
-
-Max wandte sich an Friesen und fuhr fort:
-
-»Ich hätte schon lange wieder zurück sein können, wenn der Braune nicht
-etwas lahmte. Deshalb mußte ich langsam reiten.«
-
-Dann lud Max den Freund zu einem Spaziergang ein, um ihn mit der
-Umgebung vertraut zu machen. Sie betraten den Hof, um zuerst das Gut in
-allen Einzelheiten kennen zu lernen. Hier fand Friesen die Freihoferin
-vor, die den Hühnern Futter gestreut hatte.
-
-Nach etwa einer Stunde schlenderten die Freunde dem Ufer des Baches
-entlang, bis sie sich endlich unter einem großen Apfelbaum in das
-weiche Gras streckten.
-
-»Du hast mir früher so manches von Deiner Familie erzählt,« begann
-Friesen, »das bei mir unvergessen geblieben ist. Aber ich muß Dir
-beichten,« fügte er lächelnd hinzu, »daß ich seit gestern viel mehr von
-den Tiefenbachs weiß als bisher.«
-
-Und mit kurzen Worten erzählte er seine Begegnung mit Mutter Lehnhardt.
-
-»Da bist Du ja gleich vor die richtige Schmiede gegangen,« scherzte
-Max, »sie ist allerdings der beste Kenner unserer Familiengeschichte.
-
-Bernhard,« fuhr er nachdenklich fort, »laß mich der Erzählung der Alten
-noch ein paar Worte hinzufügen, Du dürftest ohne sie sonst manches
-unverständlich finden.
-
-Meine Mutter ist eine jener äußerlich rauhen Frauennaturen, denen
-man im Leben nicht allzuoft begegnet. Die Jahre sind ohne große
-Ereignisse an ihr vorüber gegangen. Mit nimmermüden Händen hat sie
-geschafft, um unsern Besitzstand zu mehren, aber als die höchste
-ihrer Pflichten hat ihr die Erziehung ihrer Kinder gegolten. Sie
-besitzt einen ungemein scharfen Verstand und viel praktischen Sinn.
-Sentimentale Lebensanschauung ist ihr fremd. Sie liebt das Edle aus
-voller Seele und verabscheut alles Niedrige. Die Mittel, der Freude und
-dem Schmerz auch äußerlich Ausdruck zu geben, die die gütige Natur dem
-Menschen verliehen hat, sind ihr versagt geblieben. Nur selten tritt
-ein flüchtiges Lächeln auf ihre Lippen, um alsbald wieder dem ernsten
-Ausdruck Raum zu geben, der immer auf ihrem Gesichte lagert. Tränen
-sind ihr versagt. Möge sie diesen Verlust niemals bitter empfinden.«
-
-Friesen war des Freundes Worten aufmerksam gefolgt. Nun fand er auch
-die Erklärung für Maxens ernsten Charakter, denn der mütterliche
-Einfluß war unverkennbar.
-
-»Und doch,« fuhr Max fort, »besitzt meine Mutter mehr Gemüt als der
-Fremde bei ihr vermutet. In ihrem tiefsten Herzen liegen Saiten, die
-zuweilen mit Macht tönen und dann so gebieterisch die Mitteilung ihres
-Klanges an die Außenwelt fordern, daß solche Augenblicke für sie
-qualvoll sein müssen. Ihren gefaßten Grundsätzen bleibt sie treu, und
-was meine Mutter einmal beschlossen hat, führt sie mit einem Willen
-durch, der vielleicht an Starrsinn grenzt.
-
-Ihr Liebling ist meine Schwester. Du wirst bei Eurer heutigen Begegnung
-sofort empfunden haben, was für ein Kind dieses achtzehnjährige
-Mädchen noch ist. Das Schicksal hat mit ihr wunderlich geschaltet.
-Die Tiefenbachs sind immer Naturen gewesen, denen eine heitere
-Lebensauffassung fern lag. Elisabeth aber sieht alles in rosigem Licht.
-Sie weiß von der Welt so wenig, daß sie auch ihre Gefahren nicht kennt.
-Eine glückliche Veranlagung läßt sie von jeder Sache nur die lichte
-Seite betrachten. Sie ist eben ein Kind und der Sonnenschein unseres
-Hauses.
-
-Das Schloß und seine Bewohner übten auf Elisabeth schon in frühester
-Jugend eine unerklärliche Anziehung aus. Sie wendete alles auf, der
-Überwachung zu entwischen, um hinauf zu eilen und mit ihrer, nur um
-wenige Jahre älteren Cousine zusammen zu sein. Bitten, Ermahnungen und
-Strafen waren umsonst. Das Kind konnte sich, so sehr es zuweilen auch
-kämpfte, gegen den unwiderstehlichen Drang nicht auflehnen. Die Mutter
-ließ nichts unversucht, um dieser Neigung des Kindes zu begegnen.
-Zuletzt war ihre mütterliche Geduld aber erschöpft, und eines Tages war
-sie so zornig, daß sie die zehnjährige Elisabeth hart schlug.
-
-Es war ergreifend, die Wirkung dieser Strafe an dem Kinde zu
-beobachten. Während es bisher schon bei einem zurechtweisenden Blicke
-der Mutter Tränen hatte, ließ sie die Züchtigung lautlos über sich
-ergehen. Und, welch Wunder, -- sie lief nicht mehr hinauf, sprach
-auch nicht einmal den Wunsch darnach aus. Aber welche Veränderung
-war mit ihr vorgegangen! Ihr munteres Plaudern, ihr heiteres Lachen
-waren verstummt. Ohne daß man eine Absicht merkte, unterblieben die
-stürmischen Beweise der Zärtlichkeit, die Elisabeth sonst immer für
-die Mutter gehabt hatte, und die diese jetzt schmerzlich vermißte.
-Stundenlang konnte das Kind ohne zu ermüden im Grase sitzen und mit
-seinen großen, matten Augen hinaufschauen zu dem alten Gemäuer. Ihr
-ohnehin sehr schwächlicher Körper zehrte immer mehr ab, und ihr
-bleiches Gesicht ward immer schmaler.
-
-Meine Mutter litt fürchterlich. Stumm betrachtete sie Elisabeth, und
-ich konnte in ihren Augen die tiefe Rührung lesen, die sie beherrschte.
-
-So ging es wohl zwei Monate lang. Elisabeth wurde von Tag zu Tag
-bleicher, und ihre Augen wurden glanzvoller. Ihre Bewegungen waren
-müde, ihre Sprache leise. Dabei war sie aber stets freundlich zur
-Mutter, die alles daran setzte, das Kind aufzuheitern, und die durch
-ein schwaches Lächeln auf seinem Gesicht hochbeglückt war. Aber man
-sah, wie der Gram das Kind zu verzehren drohte. Meine Mutter kämpfte
-im Innern einen gewaltigen Kampf. Und sie unterlag ...
-
-Eines Tages saß Elisabeth, wie so oft, im Obstgarten hinter dem Hause.
-Es war ein prächtiger Frühlingstag. Aber das Kind hatte keinen Blick
-für den goldenen Sonnenschein und die schneeweißen Blüten auf den
-Bäumen. Es starrte traumverloren dorthin, wohin es sein unschuldiges
-Herz zog.
-
-Die Mutter war leise zum offenen Fenster getreten und sah hinter der
-Gardine verstohlen hinaus. Mit unendlicher Wehmut hafteten ihre Blicke
-auf Elisabeth. Sie schien darüber nachzudenken, wie jetzt alles in der
-Natur seine Wiederauferstehung feiere und sich zu frischem, blühendem
-Leben entwickele, während ihr heißgeliebtes Kind mit sicheren Schritten
-dem Grabe zueilte. Da wandte sie sich plötzlich mit einem Ruck nach der
-Tür, -- fast schien ihr Fuß sie nicht dahin tragen zu wollen, -- und
-stockend überschritt sie die Schwelle. Dann stand sie bei dem Kinde,
-das, aus seinen süßen Träumen aufgeschreckt, die Mutter verwundert
-ansah. Sie ergriff Elisabeths Hand, führte sie schweigend durch
-den Garten, öffnete das Türchen, das den Austritt nach den Feldern
-gestattet und stellte das erstaunte Mädchen auf die schmale Brücke, die
-über den Bach führt und auf den Weg ausmündet, der nach dem Schlosse
-läuft.
-
-Wie ein Blitz kam dem Kinde die Erklärung für das Gebaren der Mutter.
-Und während diese sich wieder umwandte, eilte Elisabeth, so schnell die
-Füße sie tragen wollten, den Weg hinauf, als wenn sie fürchtete, wieder
-zurückgerufen zu werden.
-
-Mit schleppenden Schritten betrat die Mutter wieder das Zimmer und sank
-in den Stuhl.
-
-Am Abend jenes Tages, Bernhard, sah ich meine Mutter zum ersten Male
-in tiefer Bewegung erzittern, als sich die dünnen Arme des jubelnden
-Kindes ihr liebkosend um den Hals legten ...
-
-Und so ist Elisabeths Verhältnis zu den Leuten da droben bis auf den
-heutigen Tag geblieben. Sie würde das Verbot nicht verstehen, sondern
-es als eine grausame Härte empfinden.
-
-Du weißt, Bernhard, daß sich die Großväter der beiden Familien
-Tiefenbach entzweit haben, nachdem der ältere Bruder die Braut des
-Jüngeren beschimpft hatte. Aus diesem Grunde haben auch die Tiefenbachs
-auf dem Freihofe mit denen auf dem Schlosse, außer ihrem Namen, nichts
-mit einander gemein. Die tiefe Kluft kann niemals überbrückt werden!
-Neben der Liebe zu ihren Kindern, ist die stärkste Empfindung, von der
-meine Mutter beherrscht wird, glühender Haß gegen die droben. Der Vater
-hat ihn dem Kinde mit dem Blute vererbt, und seine letzten Worte auf
-dem Sterbebette waren eine Aufforderung, auch auf ihre Kinder in diesem
-Geiste einzuwirken.
-
-Meiner Mutter zittern die Worte der Beschimpfung noch heute in der
-Seele nach, und ihr Einfluß auf meine Anschauungen hat das seinige
-getan. Die jetzt auf dem Schlosse Wohnenden sind freilich unschuldig
-an der Sünde ihres Vorfahren, dennoch kann ich meine Abneigung gegen
-sie nicht unterdrücken. Sie sind die Nachkommen des Mannes, der meine
-Großeltern tödlich beleidigte, und dessen Worte einen bleibenden
-Schatten auf ihren Lebensweg geworfen haben.
-
-Mag Elisabeth immerhin zu ihnen freundlich sein, Kinder sind nicht dazu
-berufen, die Sorgen der Erwachsenen zu teilen. Sie selbst empfindet
-schon längst, daß die Wiederaussöhnung der beiden Familien unmöglich
-ist, aber ihr ausgeprägtes Zartgefühl läßt sie über ihre Besuche auf
-dem Schlosse schweigen.«
-
-Eine Pause entstand. Dann sagte Max:
-
-»Bernhard, nun erzähle _Du_ mir etwas, ich bin begierig, mehr davon zu
-hören, wie es Dir in den letztverflossenen Jahren gegangen ist.«
-
-»Mein Leben ist,« begann Friesen, »seitdem wir auseinandergegangen
-sind, recht wechselvoll gewesen.
-
-Nach Jena folgte Friedland, wo ein russischer Kamerad so
-unliebenswürdig war, mir seinen Degen in den Leib zu rennen, was
-dem Feldscher Anlaß gab, mein alsbaldiges, sicheres Abtreten von
-dem irdischen Kriegsschauplatz vorauszusagen. Wie sehr er sich zu
-meinem Heile aber geirrt hat, siehst Du, lieber Freund, denn so, wie
-ich in diesem Augenblick neben dir liege, bin ich doch ein nicht zu
-bestreitender Beweis für die Unrichtigkeit seiner voreiligen Ansicht.
-Ich war entschieden noch nicht reif genug für den Eintritt in eine
-bessere Welt und mußte hier noch einmal anfangen. Freilich verurteilte
-mich die Blessur zu einer unfreiwilligen Ruhezeit von mehreren Monaten.
-
-Dann kam eine Periode, die uns allen unendlich öde erschien, da sie
-nur durch den Garnisondienst ausgefüllt wurde. Selbst der Geduldigste
-von uns fand diese Zeit erdrückend langweilig und sehnte Veränderung
-herbei. Da schaffte Napoleon Rat.
-
-Der politische Horizont umdüsterte sich wieder, und alles deutete
-auf einen neuen, herzerfrischenden Krieg. Diesmal sollten wir unter
-Bernadotte gegen die Österreicher kämpfen. Bei Linz schwankte das
-Zünglein der Wage lange, bis sich das Glück endlich für uns entschied.
-Viel heißer aber sollte Wagram werden. Das Bataillon Metzsch, bei
-dem ich damals stand, kämpfte im ersten Treffen. Wie verzweifelt
-schlugen wir uns den ganzen Tag herum, um am Abend doch zurückgehen
-zu müssen. Am nächsten Vormittag standen wir ruhig hinter unserer
-Artillerie. Wahrscheinlich um unser Interesse an der Schlacht rege zu
-halten, schlugen die österreichischen Geschosse unaufhörlich in die
-dichten Reihen. Es fehlte nicht mehr viel, und der brave Erzherzog
-drüben hätte können Viktoria blasen lassen; man sah auf unserm Flügel
-nur noch zurückflutende Truppen. Da erschien der Kaiser bei uns, und
-bald darauf entschied sich das Schicksal des Tages: der Österreicher
-wurde zurückgeworfen. Dann kam eine Anzahl kleiner Scharmützel, die
-sich immer niedlicher gestalteten, so daß die letzten von ihnen gegen
-die vorangegangenen großen Tage sich nur noch wie Friedensübungen
-ausnahmen.«
-
-Max hatte, während der Freund sprach, zuweilen ein Lächeln nicht
-unterdrücken können. Er war noch immer der alte: keck bis zur Kühnheit,
-lustig bis zum Leichtsinn, aber gutmütig und ritterlich dabei. Daß
-Bernhard den Krieg liebte, fand Max ganz natürlich, denn alle die unter
-dem Kaiser kämpften waren ja so.
-
-»Nun, und jetzt ist Dir der Gamaschendienst so langweilig geworden, daß
-Du ihm selbst das Landleben vorziehst?« scherzte Max.
-
-Friesens Gesicht überzog ein lebhaftes Rot. Einen Augenblick schien er
-verlegen, dann sagte er:
-
-»Du irrst, Max, Scherz beiseite. Wie ich vorhin erzählte, sprach ich
-das aus, was mich noch bis vor zwei Jahren bewegte. Früher konnte ich
-nicht genug des Lebens im Feldlager kosten. Allmählich hat sich in
-mir, wie in manchem meiner Kameraden, aber ein Umschwung vollzogen.
-So wie bisher, kann es mit den endlosen Kriegen nicht fortgehen. Ich
-tue meine Pflicht als treuer Soldat meines Königs, dies verhindert
-mich aber nicht, das Gebaren derer zu verurteilen, die nicht aufhören,
-unsagbares Weh über unser Land heraufzubeschwören. Und ich denke, daß
-ein gedeihlicher Frieden auf Jahrzehnte hinaus nunmehr der Wunsch jedes
-ehrlichen Mannes sein muß.«
-
-»Du sprichst mir aus der Seele, Bernhard,« rief Max lebhaft und reichte
-ihm die Hand hin, in die Friesen ohne Besinnen kräftig einschlug. »Das
-sind auch meine Gedanken. Jetzt sollten sie endlich einmal Ruhe halten,
-und jeder sollte sich mit dem bescheiden, was er besitzt. Freilich
-taugt die ganze Franzosenwirtschaft nichts, aber so schnell, wie sie
-über uns gekommen ist, werden wir sie nicht wieder los. Und zuletzt hat
-jedes Ding sein Aber. Wir Sachsen haben dem Kaiser für so manches zu
-danken.
-
-Aber, Bernhard,« fuhr Max nach einer kleinen Weile fort, »wenn es der
-gleichförmige Dienst nicht war, der Dich aus der Hauptstadt forttrieb,
-dann kann es ja nichts Anderes gewesen sein, als der Wunsch, Dein altes
-Versprechen nun endlich einzulösen. Ist es so?«
-
-Wieder bedeckte wie vorhin eine tiefe Röte Friesens Gesicht.
-
-»Max,« begann er langsam, »ich muß Dir leider gestehen, daß mich
-die Gefühle, die Du voraussetzest, allerdings nicht bewogen haben,
-die Residenz zu verlassen, da ich meinen Besuch eigentlich bis zum
-kommenden Jahr aufgeschoben hatte. Aber laß Dir alles erzählen.
-
-Das Kriegsleben hatte uns, trotz seiner Entbehrungen und Strapazen,
-und obgleich man nie wußte, ob der nächste Tag einen noch gesund
-sah, wegen seiner vielen Abwechslungen, die es mit sich brachte,
-gefallen. Wir waren gewöhnt, Zerstreuungen zu finden. Als aber die
-Waffen ruhten, und das Einerlei des Garnisondienstes begann, blieben
-die Zerstreuungen aus. Deshalb waren wir im vergangenen Winter darauf
-bedacht, uns allerhand Kurzweil zu verschaffen. Die Kriegszeiten haben
-die Unternehmungslust der Dresdener Bürger aber erklärlicherweise stark
-herabgedrückt, so daß der Mangel an Einladungen zu den üblichen Bällen
-und sonstigen Unterhaltungen besonders uns jüngeren Offizieren sehr
-empfindlich wurde. Was half es, daß wir versuchten jeder in seinem
-Bekanntenkreise, Stimmung zu machen. Hier und da machte man wohl
-Anstrengungen, um wieder in das Fahrwasser der alten Geselligkeit zu
-gleiten; aber die Versuche fielen schwach aus. Ein rechter Frohsinn
-wollte nicht aufkommen.
-
-Da kam einem von uns eine Idee. Der liebe Sichart, der trotz seiner
-dreiundzwanzig Jahre, und zwar mit einer reizenden, jungen Frau, schon
-verheiratet war, schlug die Gründung eines Klubs vor, dessen Mitglieder
-selbst kleine Festlichkeiten veranstalten sollten. Eine ganze Anzahl
-von uns, meistens Leutnants, traten dem Finkenkasten, wie wir unsern
-Bund tauften, bei. Hauptmann von Einsiedel war der Vorstand. Wir
-Bündler hatten nun nichts Ernsteres zu tun, als zu werben, besonders
-unter verheirateten Kameraden. Mit erstaunlicher Schnelligkeit nahm
-die Mitgliederzahl des Finkenkastens zu; auch einige Bürgerfamilien
-traten bei. Jeder war willkommen. Der Grad der Freude unter den
-Bündlern beim Eintritt eines Mitgliedes richtete sich nach der Anzahl
-der Angehörigen, die der Hinzutretende anmeldete. Geheimrat Vogel
-brachte es auf fünf. Darüber besondere Freude! Und als Oberstleutnant
-von Carlowitz sich mit vier Töchtern und drei weiteren, verwandten
-Damen anmeldete, war der Jubel groß. Nach ihrem Alter fragten wir
-nicht. Der Finkenkasten aber zählte nunmehr sechsunddreißig Herren und
-nahezu noch einmal so viel Damen.
-
-Als wir bei der Gründung des Klubs unsere Meinungen zum besten gaben,
-wieviel Mitglieder er wohl nach einem Monat zählen würde, riet der
-immer zur Tollkühnheit geneigte Sichart auf sechzig. Wir hätten uns
-auch schon mit vierzig zufrieden erklärt, deshalb lachten wir ihn aus
-und meinten, er könne nie genug bekommen. Als nun aber fast das Hundert
-voll geworden war, lachten wir wieder über ihn, weil er so schlecht
-geraten hatte.
-
-Von meiner Tätigkeit schien man sich viel zu versprechen, deshalb wurde
-ich in das Vergnügungskomitee gewählt. Diese Wahl ehrte mich in hohem
-Maße, und ich gab mir das ernstliche Versprechen, mich dem Vertrauen
-der Bündler würdig zu zeigen.
-
-Wir mieteten auf der Meißnerstraße einen gemütlichen Saal und trafen
-Vorbereitungen für das erste Fest, das den Reigen beginnen und deshalb
-besonders glanzvoll veranstaltet werden sollte. Eine Bühne wurde
-errichtet, ein Stück gewählt, die Rollen verteilt und geprobt. Als es
-sich darum handelte, einen von uns als Regisseur zu dingen, kam man
-allgemein auf mich. Außerdem lag mir noch die Darstellung des Helden
-der sehr rührseligen Komödie ob.
-
-Ich hatte herzlich viel Not, den einzelnen Darstellern ihre Rollen
-einzupauken. Mit der ersten Probe war ich nicht sonderlich zufrieden
-und glaubte, meinem überquellenden Herzen damit Luft machen zu müssen,
-daß ich den Eifer der Mitwirkenden rühmte, den sie auf das Studium
-der Rollen verwendet hätten. Die Wahrheit war freilich gerade das
-Gegenteil, denn sie hatten ihre Rollen fast ohne Ausnahme abgelesen.
-Aber niemand schien den Hohn zu fühlen. Sie waren stolz auf ihre
-Leistungen, und jeder drückte mir zum Abschied wohlwollend die Hand.
-
-Nach mancher mühevollen Probe, nach der fast jeder heiser und ich
-obendrein völlig durchnäßt war, schien das Zusammenspiel endlich
-erträglich zu sein. Ich hatte mich vieler Mühe unterzogen, war einige
-Male ins Theater gegangen, lediglich um die Haltung und die Bewegungen
-der Schauspieler zu studieren und empfand plötzlich ein Interesse an
-mancherlei Dingen, an die ich bisher noch nie gedacht hatte, die aber
-für einen rechtschaffenen Regisseur zu wissen unentbehrlich sind. Nun
-wurde es aber hohe Zeit, daß das Fest stattfand, denn mich überfiel
-eine noch nie gekannte Unruhe. Die Glieder zitterten mir wie einem
-Hundertjährigen, und die sämtlichen sechszehn Rollen des Stückes zogen
-allnächtlich an meinem Geist vorüber. Mich überkam, offen gesagt, ein
-gelindes Grausen vor meiner Würde.
-
-Die letzte Probe war endlich gekommen. Alles ging wie am Schnürchen.
-Ich teilte noch einige kritische Ratschläge aus, wie den, die
-Stimme nicht allzu heftig zu erheben, da mancher der Kameraden im
-Feuereifer seine Rolle vergaß und glaubte, daß er noch auf dem
-Schlachtfeld stände. Zu diesen gehörte besonders der junge Sichart,
-der im gewöhnlichen Leben im Regiment mein elfter Hintermann, auf der
-Bühne aber mein Großvater war. Dann prägte ich allen nochmals ein,
-die mannigfachen Liebesscenen recht natürlich darzustellen, da dies
-ihre Wirksamkeit besonders erhöhen würde. Und um es nicht bloß bei
-Ratschlägen zu belassen und den für solche Leistungen weniger gut
-Begabten ein Beispiel zu geben, postierte ich sämtliche Darsteller vor
-die Bühne und spielte ihnen die Stelle meiner Rolle vor, in der ich
-der Geliebten meine Erklärung abgeben und, da sie mich nicht erhören
-durfte, rasen mußte. Alle ohne Ausnahme waren von meinen Leistungen
-entzückt, und Sichart meinte, das Toben brächte ich besonders
-wirkungsvoll zur Darstellung. Es sähe aus, als ob es nicht mehr Spiel
-wäre. Und da ich mich andernfalls über dieses bedenkliche Lob hätte
-ärgern müssen, freute ich mich darüber.
-
-Meine Partnerin war ein allerliebstes Kind von kaum zwanzig Jahren
-und die Schwester der Frau von Sichart. Mir erschien es immer, als ob
-sie ihre Rolle mit hinreißender Natürlichkeit spiele. Wenn ich meine
-Liebesschwüre sprach, machte sie ein beinah feierliches Gesicht, und es
-mochte ihr aufrichtig leid tun, daß sie mir kein Gehör schenken durfte.
-
-Der Abend kam. Das Stück wurde flott gespielt und -- gefiel. Alle
-Zuschauer waren entzückt; meine Partnerin und ich sowie Sichart, mein
-Großvater, waren die Löwen des Tages. Mit dem letzten Fallen des
-Vorhangs rutschte eine Riesenlast von meiner Brust. Länger hätte ich
-aber die Aufregung auch nicht mehr ausgehalten. Ich zitterte wie
-Espenlaub, denn ein Gefühl unsagbarer Angst hatte hinter mir gestanden,
-das ich selbst auf den Schlachtfeldern von Friedland und Wagram nicht
-gekannt hatte.
-
-Aber nun war alles vorbei, und es war über alle Erwartungen gut
-ausgefallen. Von allen Seiten umdrängte man mich, um mich zu
-beglückwünschen, und mit gehobener Stimmung nahm ich die Gratulationen
-entgegen. Schließlich wurde mir es zu viel. Ich suchte Sichart und zog
-ihn in einem anstoßenden Zimmer an einen Tisch nieder, um mit einem
-labenden Trunk das eigene Ich zu belohnen. Wie lange wir dort saßen,
-weiß ich nicht mehr. Ab und zu kamen welche, tranken mit uns und gingen
-wieder. Wir blieben sitzen. Vom Tanzen konnte bald füglich keine Rede
-mehr sein. Sicharts Frau und ihre reizende Schwester, meine holde Braut
-in der Komödie, saßen eine Zeitlang bei uns, und das Plaudern mit ihnen
-bot viel Stoff zu herzlichem Lachen. Dann waren sie mit einem Male
-verschwunden. Ich vermißte sie eigentlich nicht, und von unserer ganzen
-Unterhaltung wußte ich am andern Morgen kein Sterbenswörtchen mehr.
-
-Während mehrerer Stunden hatten unaufhörlich die Pfropfen geknallt,
-als ich endlich aufstand und mit Sichart durch die Zimmer wandelte.
-Dann war ich plötzlich von ihm getrennt und lief, ohne noch zu wissen
-wohin, hierhin und dahin. Später entsann ich mich dunkel, mit vielen
-der Festgäste ein paar Worte gewechselt zu haben, auch mit Sicharts
-Schwägerin. Ich stand dicht vor ihr, hatte wohl auch etwas gesagt, das
-die Heiterkeit der Anwesenden erregt haben mochte. Mit einem Male aber
-lachte niemand mehr, und das Mädchen lief rasch fort.
-
-Kurz darauf kam ich wieder zu mir, nachdem ich eine Zeitlang frische
-Luft geschöpft hatte. Ich traf auch Sichart wieder, der allerdings in
-einem nicht beneidenswerten Zustande war. Vergebens suchte ich nach
-seinen Damen, bis ich die mich befremdende Mitteilung vernahm, daß sie
-bereits nach Hause gefahren seien.
-
-Ich führte den widerstrebenden Freund hinaus und bestieg mit ihm einen
-Wagen. Für den Armen war es wirklich das beste, daß ich ihn nach seinem
-Heim beförderte.
-
-Auf dem Nachhausewege grübelte ich über diejenigen Stunden des heutigen
-Abends nach, deren Verlauf mir dunkel war. Aber keine Erleuchtung
-wollte mir kommen, und ich tröstete mich mit dem armen Sichart, der
-noch viel schlimmer daran war als ich. -- Nun, dieser Abend sollte
-jedenfalls den Grund für meinen Urlaub hergeben.«
-
-Friesen machte eine Pause und sah Max an. Diesen hatte des Freundes
-Erzählung belustigt, zuweilen hatte er bei seinen Worten laut
-aufgelacht.
-
-»Ich kann aber,« warf Max ein, »den Grund für den Urlaub beim besten
-Willen nicht erraten ...«
-
-»Du wirst ihn gleich haben,« versetzte Friesen. »Findest Du nicht, daß
-dieser Abend ganz unterhaltsam gewesen ist?«
-
-»Aber freilich,« lachte Max, »recht lustig ist er gewesen.«
-
-»Ja, recht lustig,« wiederholte Friesen langsam, »Du hast schon recht,
-Max!«
-
-»Am übernächsten Tage gingen viel teilnehmende Menschen in Sicharts
-Haus, um der Witwe ihr Beileid auszusprechen, denn Sichart war sehr
-beliebt gewesen; nun war er tot.«
-
-Max machte eine Gebärde des Erschreckens.
-
-»Das war doch schmerzlich, nicht wahr?« fragte Friesen.
-
-»Das Schicksal des jungen Mannes fordert noch heute meine ganze
-Teilnahme heraus,« antwortete Max. »Aber wie ist denn der Arme so
-schnell gestorben?«
-
-Friesen war bleich geworden. Er tat einen tiefen Atemzug, dann sagte er:
-
-»Er fiel von meiner Hand!«
-
-Max konnte seine Bewegung nicht bemeistern, während Friesen fortfuhr:
-
-»Am späten Morgen nach jenem Feste erschienen zwei Kameraden bei mir.
-Ich lag noch im Bett und wunderte mich, sie schon munter zu sehen. Sie
-waren tiefernst, ihr Kommen mochte ihnen ziemlich schwer fallen. Mit
-kurzen Worten verständigten sie mich davon, daß ich Sicharts Schwägerin
-gestern abend in hohem Grade bloßgestellt hätte, und daß Sichart der
-einzige Mann sei, der ihr zur Seite stände.
-
-Ich will mir das Weitere ersparen, Max; jener vergnügte Abend hat
-jedenfalls meinem Herzen eine Wunde geschlagen, die niemals ganz
-verheilen wird.
-
-Nach dem Duell machte man mir den Prozeß. Ich wurde für zwei Jahre auf
-den Königstein geschickt. Als ich die Hälfte meiner Strafe verbüßt
-hatte, begnadigte mich der König, »in Ansehung seiner mehrfachen
-Auszeichnungen vor dem Feind«. Und als ich mich dann beim Regiment
-zurückmeldete, schickte mich der Oberst mit unbeschränktem Urlaub
-von Dresden fort. Ein paar Wochen habe ich jetzt bei meinem Onkel
-zugebracht, der, wie Du weißt, in Tharandt Oberförster ist. Dann aber
-trieb es mich zu Dir.«
-
-Auf Maxens männlich-schönes Gesicht hatte sich ein Zug tiefsten Ernstes
-gelagert, während sein Auge teilnahmsvoll auf Friesen ruhte. Aber er
-fand keine Worte, seinen Gefühlen Ausdruck zu geben und drückte deshalb
-dem Freunde nur stumm die Hand.
-
-
-
-
-3. Kapitel.
-
-
-Seit Friesens Ankunft auf dem Freihofe waren nun schon einige Wochen
-vergangen, und die Ernte war im vollen Gange. Von frühesten Morgen ab
-war Max draußen auf den Feldern, wohin ihn zuweilen Friesen begleitete.
-Die Freihoferin leitete trotz ihres Alters noch alle weiblichen
-Arbeiten auf dem Gute, und ihre Tätigkeit wurde in den Erntetagen
-stark beansprucht. Am Frühstückstische trafen sich deshalb immer nur
-Elisabeth und Friesen, während die Mittagsmahlzeit alle vereinigte.
-Nach dem Abendessen blieb der kleine Kreis noch ein Stündchen plaudernd
-sitzen, und Friesen hatte oft Gelegenheit, der Freihoferin knappes und
-treffendes Urteil zu bewundern. Ihr scharfer Verstand fand immer das
-Richtige, und ein Phrasenmacher hätte ihr gegenüber schweren Stand
-gehabt, da sie seine Rede augenblicklich und schonungslos zerpflückt
-hätte.
-
-Im Vordergrund des öffentlichen Interesses stand zur damaligen Zeit
-erklärlicherweise die politische Lage Europas. Die vorangegangenen
-Jahrzehnte hatten ja genug Stoff geliefert. Von den Eltern waren die
-glänzenden Waffentaten Preußens unter seinem großen König den Kindern
-überliefert worden, und das jetzige Geschlecht hatte die schrecklichen
-Tage der Pariser Revolution gesehen, nach denen die ganze gebildete
-Welt das Wachsen des jungen Korsen betrachtete. Anfangs konnte man wohl
-ein Lächeln nicht unterdrücken, wenn man von dem Jüngling vernahm, der
-in der französischen Hauptstadt die oberste Gewalt besaß. Wie viele
-waren ihm in den letzten Jahren in dieser Stellung nicht vorangegangen,
-und wie lange würde es dauern, bis auch ihn das Schicksal herunterwarf
-und er klanglos jenen nachfolgte.
-
-Dann wieder horchte man auf, wie es hieß, daß er, zur Unterdrückung
-des Pariser Aufstandes der Königstreuen berufen, keine
-Beschwichtigungsreden an die Aufständischen gehalten, sondern sie ohne
-Wimpernzucken hätte niederkartätschen lassen. Mit wachsendem Interesse
-sah man auf den siebenundzwanzigjährigen, kühnen Obergeneral, der
-trotz der trostlosen Verhältnisse, die die Revolution in seinem Lande
-zurückgelassen hatte, ein Heer zusammenraffte und diese völlig mutlosen
-Truppen in kurzer Zeit sich derartig ergeben machen und für den Krieg
-so zu entflammen wußte, daß sie jeder Gefahr spotteten. Der Soldat
-wuchs unter solcher Leitung und vertraute blind auf seinen Führer.
-
-Dieser fiel nunmehr in Italien ein und schlug in rascher
-Aufeinanderfolge mehrere auf den Schlachtfeldern ergraute
-Feldherren, die sich an der Spitze ihrer kampfgeübten Truppen ihm
-entgegenstellten. Infolgedessen wurde der Einfluß, den dieser Bonaparte
-als erster Konsul in Paris ausübte, immer größer.
-
-Und als dann nach wenigen Jahren der Sieger von Marengo und Hohenlinden
-sich selbst krönte und als Napoleon der Erste zum Kaiser der Franzosen
-ausgerufen wurde, da empfanden es die Völker Europas, daß der Zwerg,
-der noch vor einem Jahrzehnt ihre Spottlust erregt hatte, zu einem
-gewaltigen Riesen herangewachsen war. Man traute seiner Friedfertigkeit
-nicht, und im nördlichen Deutschland sah man mit gemischten Gefühlen
-und untätig zu, wie der unfehlbare Eroberer, über Russen und
-Oesterreicher zugleich, bei Austerlitz einen seiner glänzendsten Siege
-erfocht, und Schmach und Schmerz beschlich die deutsche Mannesbrust,
-wie das alte deutsche Reich, dessen gewaltiger Bau den wildesten
-Stürmen eines Jahrtausends getrotzt hatte, in Trümmer ging.
-
-Eine Bangigkeit überfiel die vom Kriege noch nicht heimgesuchten
-deutschen Staaten, -- die verhängnisvolle Ruhe vor einem Gewittersturm.
-Und dann kam jener unselige Oktobertag, an dem die Nation Friedrichs
-des Großen, das starke, das stolze Preußen tief gedemütigt wurde.
-
-Die darauffolgenden Jahre hatten dann nichts als Tod und Verwüstung
-gebracht. Jetzt schrieb man das Jahr 1811. Was würde wohl noch kommen?
-Wieviel Schmerzliches, wie viel Erniedrigung barg die Zukunft noch in
-ihrem Schoße?
-
-Max vertrat die Meinung, daß Sachsen mit den bestehenden Verhältnissen,
-obwohl sie auch vieles zu wünschen übrig ließen, immerhin noch
-zufrieden sein könne, denn das Land hätte Napoleon doch für manches
-zu danken. Er hatte sein Bündnis nicht zurückgewiesen und es zum
-Königreich gemacht. Und dann: durfte der König den Kaiser nicht seinen
-Freund nennen?
-
-Die Freihoferin hingegen verwarf diese Ansicht. Das am Boden liegend
-Preußen war ein Bruderstaat, war deutsch. Von Napoleon konnte Sachsen
-nicht dauernd Gutes erhoffen, er war und blieb ein Franzose, ein Feind.
-Was halfen Versprechen, wohl auch Geschenke, wie dieses Herzogtum
-Warschau, das, richtig besehen, nur das Unglück des Landes vergrößerte.
-Alle seine Beteuerungen freundschaftlicher Gefühle seien eitel Dunst,
-drüben aber winke eine Hand, die man nicht verschmähen dürfe, die
-Hand des blutverwandten Stammes. Freilich, _wie_ eine Änderung zum
-guten herbeigeführt werden könne, wußte sie nicht. Wie konnte man beim
-Anblick dieses mit schweren Gewitterwolken behangenen politischen
-Himmels auch hoffen; kein freundlicher Stern drang durch das dunkle
-Gewölk.
-
-Aber des Krieges war es für lange Zeit genug, darin waren alle einig.
-
- * * * * *
-
-Friesen schlenderte am Bache entlang, der infolge der andauernden
-Sommerhitze fast versiecht war. Nur ein schmaler Streifen Wassers, in
-einer Rinne in der Mitte des Bettes, hatte sich noch erhalten, und kein
-Fremder hätte vermutet, daß dieses unschuldige Wässerchen zuzeiten ein
-wildschäumender Bach werden konnte, der alles mit fortriß, was sich ihm
-in den Weg stellte und selbst schon Menschenleben gefordert hatte.
-
-Friesen war wieder einmal allein; Max konnte ihm in der jetzigen Zeit
-unmöglich Gesellschaft leisten. Oftmals vertrieb er sich die Stunden
-mit Elisabeth im Spiel, -- anders konnte er die Unterhaltung mit ihr
-nicht nennen. Sie liefen mit einander um die Wette, sprangen im hohen
-Grase herum, oder zogen ihre Schuhe von den Füßen und liefen in das
-seichte Wasser.
-
-Jeden Tag hatte Elisabeth neue Fragen an ihn zu stellen; ihre
-Wißbegierde nach dem Leben in der Stadt war unerschöpflich. Zuweilen
-traf es sich, daß sie etwas von dem, was Friesen ihr am Tage vorher
-erzählt, trotz emsigen Grübelns nicht richtig verstanden hatte und
-deshalb eine neue Erklärung erbat.
-
-Aber bald trug es sich zu, daß Friesen öfters fragte als sie. Das
-Fehlen einer tieferen Kenntnis der Natur in ihrem mannigfachen Kleide
-wurde ihm erst jetzt so richtig klar. Elisabeth hatte diese schwache
-Seite an ihm mit lebhafter Befriedigung entdeckt und war sehr stolz,
-daß sie klüger war als der kluge Stadtherr. Und wie gut sie ihm das
-geheimnisvolle Weben anschaulich machen konnte! Denn dieses Kind
-hatte in dem großen Buche der Natur mit vielem Erfolg gelesen. Ihre
-Kenntnis der Pflanzen, der Insekten, war verblüffend. Mit erstaunlicher
-Sicherheit beschrieb und suchte sie selten vorkommende Gräser und
-machte ihn auf kaum bemerkbare Unterschiede in dem Bau einzelner
-Blüten aufmerksam. Wenn Friesen manchmal einen leisen Zweifel über die
-Richtigkeit ihrer Belehrung aussprach, so war ihr erstes Wort »die
-Mutter«, die sie das alles gelehrt hatte, und von deren Unfehlbarkeit
-sie überzeugt war. Aber seitdem Friesen eines Tages errötend gestehen
-mußte, daß er die Nadeln der Kiefer von denen der Fichte nicht
-unterscheiden könne, wagte er es nicht mehr, ihr zu widersprechen. Sie
-war durch diese Unkenntnis derart überrascht gewesen, daß sie nicht
-einmal ein Lächeln fand, sondern ihm einen Blick tiefsten Bedauerns
-zuwarf, als sei ihr bange um sein gesundes geistiges Vermögen. Eine
-Entschuldigung dieser bewiesenen Schwäche ließ sie nicht gelten. Selbst
-die schüchterne Einwendung sprach nicht für ihn, daß ihm keine Zeit zur
-Betrachtung geblieben sei, wenn er mit eigenen Händen so manche junge
-Kiefer in das auflodernde Lagerfeuer geschoben, oder wenn ihm eine
-starke Fichte Schutz vor den heranfliegenden feindlichen Kugeln gewährt
-habe.
-
-Elisabeth wies seine Rechtfertigungen schonungslos zurück und meinte,
-daß sie es nie begreifen würde, wie man ein Stück Holz ins Feuer werfen
-könne, ohne dabei zu wissen, welcher Art es sei, oder daß man sich
-hinter einen Baum stelle und nicht einmal dessen Namen kenne.
-
-Diese und ähnliche Vorhaltungen leuchteten Friesen zwar nicht recht
-ein, aber er wagte auch keinen Einspruch mehr.
-
-Mit heißen Wangen, die der Eifer erröten ließ, lehrte sie ihm das
-Schauen und Beobachten. Sie verfolgten mit einander das Wachsen des
-Halmes, das Werden und Aufbrechen der Knospe und das Schwellen und
-Treiben der Frucht. Dann wieder führte sie ihn mit blitzenden Augen, an
-der Hand hinter sich her ziehend, durch das Gebüsch zu Vogelnestern,
-in denen niedliche, gefleckte Eier lagen, oder die junge Brut piepsend
-ihre nackten Hälse reckte und die hungrigen Schnäbel weit aufsperrte.
-
-Jeden Vogelruf sollte er kennen; unermüdlich nannte sie ihm den Namen
-des Vogels, dessen Gesang sie eben gehört hatten. Zuweilen ahmte sie
-das Gezwitscher nach, und er mußte raten. Dann wieder rief sie den
-Namen eines der gefiederten Sänger des Waldes, und Friesen hatte, so
-gut es gehen wollte, mit dessen Gesange zu antworten.
-
-Bei allen diesen Unterweisungen lag auf des Mädchens lieblichem Gesicht
-der altkluge Ausdruck, der ihr so vortrefflich stand, und von dem es
-bis zum Lachen doch nur einer ganz kleinen Bewegung der Gesichtsmuskeln
-bedurfte. Lange konnte sie sich auch nicht beherrschen, dann begann sie
-selbst wieder zu fragen, oder neckte ihn. Und, -- hui, flogen beide um
-die Wette unter den Bäumen dahin.
-
-Aber heute war Friesen wieder einmal allein. Elisabeth war, wie so
-manch liebes Mal, verschwunden, und er wußte sie oben auf dem Schlosse.
-
-Langsam war Friesen bis zu dem kunstlosen Stege geschritten, der über
-den Bach führte und aus einem langen Brett bestand, das mit seinen
-Enden hüben und drüben auf dem steinigen Uferrand auflag. Er ging
-langsam und vorsichtig hinüber, denn die Brücke bog sich unter der Last
-und drohte jeden Unvorsichtigen hinab in den Bach zu werfen.
-
-Auf dieser Seite des Baches war er noch nicht gewesen. Er ging weiter
-und betrat einen kleinen Buchenwald, der sich in der Flußniederung
-hinzog. Es waren lauter alte, herrliche Bäume, die hier standen.
-
-Friesen lief unter dem Laubdach hin, zuweilen an einem dichten
-Brombeergebüsch stehen bleibend und nach frühreifen Früchten suchend.
-Dann warf er sich in das schwellende Moos, das wie ein dunkelbraunes
-Sammetpolster unter den Bäumen ausgebreitet war. Eine lange Weile blieb
-er so liegen. Ueber ihm wiegten die Bäume ihre Kronen, durch die an
-einigen Stellen der blaue Himmel hindurchsah. Dann kam ein leichter
-Windstoß, und die Äste rauschten stärker durcheinander.
-
-So gefiel es ihm, -- diese wohltuende Einsamkeit war Balsam, der die
-Wunde in seinem Herzen kühlte.
-
-Endlich sprang er wieder auf und ging nach dem Stege zurück. In
-Gedanken versunken und die Augen gesenkt, schritt er dahin. Da war
-es ihm, als wenn er Rascheln von Laub wie unter menschlichen Tritten
-gehört habe, und fast gleichzeitig klang ein unterdrücktes Kichern.
-
-Friesen sah sich erstaunt um und bemerkte in kurzer Entfernung
-seitwärts des Weges, am Fuße einer mächtigen Buche, zwei
-Frauengestalten, die ebenfalls geruht haben mochten und die sein
-Näherkommen aufgescheucht hatte.
-
-In der kleineren von beiden erkannte er Elisabeth. Von ihr war auch
-zweifellos das unterdrückte Lachen ausgegangen, denn ihr Gesicht
-verriet noch zu deutlich die Freude, die sie empfand, ihn überrascht
-zu haben. Friesen fand kaum Zeit, ihr zuzunicken. Sein Blick war
-zu dem anderen Mädchen geglitten, dessen Arm Elisabeth umschlungen
-hielt. Es war eine hohe, herrlich gebildete Frauengestalt. Aus dem
-feingeschnittenen Gesicht blickte ein sinnendes Augenpaar herüber,
-über dem dunkle Brauen ihre hochgewölbten Bogen gezeichnet hatten.
-Auf dem Kopfe trug sie einen dichten Kranz brauner Zöpfe. Die
-Erscheinung dieses Mädchens bot ein Bild von Anmut und entzückender
-Frauenschönheit.
-
-Friesen zögerte einen Augenblick mit dem Weiterschreiten, und er
-schwankte, ob er sich den Mädchen nähern solle. Dann aber kam ihm
-blitzschnell das Verständnis für die Lage, und die Rücksicht auf
-seine Gastgeber bewog ihn, weiterzugehen. Er grüßte tief hinüber und
-bemerkte, daß das schöne Mädchen errötete und seinen Gruß durch leises
-Neigen des Kopfes erwiderte.
-
-Nach wenigen Minuten befand er sich wieder auf dem jenseitigen Ufer. Da
-hörte er hinter sich eilende Tritte und wie er sich umsah, erkannte er
-Elisabeth, die gerade den Steg überschritt.
-
-»Herr von Friesen?« rief sie von weitem, »laufen Sie doch nicht so
-schnell. Ich will mit Ihnen nach Hause gehen.«
-
-Er blieb stehen und sah ihr lächelnd entgegen. Jetzt kam sie
-angesprungen. Ihre stark geröteten Wangen traten aus dem bleichen
-Gesicht scharf hervor. Als sie ihn erreicht hatte, legte Elisabeth
-vertraulich ihren Arm in den seinen, wie sie es oft tat, wenn sie im
-Walde nebeneinander gingen. Ihre Brust arbeitete infolge des schnellen
-Laufes heftig, und sie mußte lange nach Atem ringen, bevor sie sprechen
-konnte.
-
-»Das war meine Freundin Maria,« sagte sie stolz, »Maria von Tiefenbach.«
-
-»Ach, Ihre Cousine,« entgegnete Friesen achtlos, »die oben im Schlosse
-wohnt?«
-
-Ueberrascht hob Elisabeth den Kopf und sah ihm in das Gesicht.
-
-»Aber, Herr von Friesen, woher kennen Sie denn Maria?«
-
-»Ich habe sie noch nie gesehen, aber schon vor ihr gehört,« antwortete
-er. »Max hat mir erzählt, daß es ein Schloßfräulein gäbe, mit dem unser
-kleiner Wildfang vom Freihofe gute Freundschaft halte.«
-
-Das Mädchen hörte seine Neckerei nicht. Ihr Gesicht zeigte einen
-gespannten Ausdruck, als sie rasch fortfuhr:
-
-»Das hat Ihnen mein Bruder erzählt? Ach bitte, Herr von Friesen,
-sprechen Sie mehr davon. Was hat er alles von Maria gesagt?«
-
-Eine Blutwelle war dem Mädchen ins Gesicht getreten, aus dem Friesen
-zwei bittende Augen entgegenleuchteten.
-
-Der junge Mann war betroffen. Er bereute seine Worte, die die Erregung
-des Mädchens hervorgerufen hatten. Von dem, was Max ihm erzählt hatte,
-durfte er natürlich nicht plaudern, da wäre er ja auf das im Freihofe
-sorgfältig gemiedene Thema gekommen. Da hatte ihm sein Scherzen einen
-argen Streich gespielt, den er sofort wieder gut machen mußte.
-
-So harmlos wie es ihm nur gelingen wollte, antwortete er:
-
-»Max hat mir beiläufig erzählt, daß seine Familie mit den Tiefenbachs
-vom Schlosse verwandt sei, und daß der alte Herr dort oben nur ein
-einziges Töchterchen habe. Das waren ungefähr seine Worte. So, und
-nun habe ich gesagt, was ich weiß, und ich hoffe, daß eine gewisse
-neugierige Fragerin befriedigt sein wird.«
-
-Verstohlen blickte er zur Seite und sah einen Zug tiefer Enttäuschung
-auf Elisabeths Gesicht lagern, während die Augen, die soeben noch voll
-Erwartung auf ihm geruht hatten, gedankenvoll in die Weite schweiften.
-Es schien ihm, als wenn das Mädchen seinen Worten nicht recht glaube,
-und nur ihr hohes Zartgefühl sie davon zurückhalte, weiter in ihn zu
-dringen.
-
-Eine Zeitlang gingen sie schweigsam nebeneinander. Dann aber wünschte
-Friesen das Mädchen auf andere Gedanken zu bringen, und er ahmte mit
-großer Sorgfalt den Ruf des Kuckucks nach. Dieser Versuch mußte jedoch
-nicht besonders glücklich ausgefallen sein, denn er bemerkte, wie sich
-die regungslosen Züge des schmalen Gesichtes wieder belebten, wie
-es dann in den Mundwinkeln zu zucken begann, und wie zuletzt seine
-Nachbarin in herzliches Lachen ausbrach. Friesen aber war froh, das
-Mädchen wieder heiter zu sehen, denn Ernst stand ihrem Gesicht wirklich
-nicht. Im nächsten Augenblick hatte sie wieder vergessen, was ihr Herz
-noch soeben schwer bedrückte. Und fröhlich plaudernd trafen sie als
-Letzte zum Mittagessen ein.
-
- * * * * *
-
-An den folgenden Tagen war Friesen in Maxens Begleitung wiederholt
-ausgeritten. Max hatte im Frühjahr ein paar schöne Wagenpferde gekauft,
-die er auch zugeritten hatte, sodaß sie, obgleich es zwei schwere Gäule
-waren, recht gut unter dem Sattel gingen. Da der Braune noch immer
-etwas lahmte, und die beiden Pferde in diesen Tagen selten vor die
-Kutsche kamen, benutzte er sie abwechselnd auf seinen Ausritten.
-
-Zuweilen begleitete auch Elisabeth die Herren zu Pferde. Sie besaß
-einen prachtvollen Apfelschimmel, ein hochgewachsenes, junges Tier, mit
-langer, weißer Mähne und wallendem Schweife. Vor zwei Jahren hatte Max
-das Tier aus Holstein mitgebracht, und in kurzer Zeit war das Mädchen
-mit der Reitkunst so vertraut, daß ihre Leistungen alle überraschten.
-
-Friesen gewahrte mit Erstaunen die Sicherheit, mit der Elisabeth
-den Schimmel ritt. Das kluge Tier schien stolz zu sein unter seiner
-jungen Reiterin; es spitzte verständnisvoll die Ohren und selbst der
-leichteste Zungenschlag entging ihm nicht. Wenn aber seine Herrin, sich
-herabbeugend, freundlich zu ihm sprach und ihm den glänzenden Hals
-klopfte, da warf es schäumend den Kopf auf und nieder und stampfte
-lebhaft den Boden.
-
-Auf einem dieser Spazierritte lernte Friesen einen jungen Bauern aus
-dem Dorfe kennen, namens Konrad Hartmann, den starke Freundschaftsbande
-an Max fesselten, und der, wie Friesen schnell bemerkte, sich einer
-besonderen Wertschätzung durch die Freihoferin rühmen durfte.
-
-Konrad Hartmann besaß einen kleinen Hof, der am Ende des Dorfes lag,
-und in dessen Nähe, der mündlichen Überlieferung nach, auf einem Hügel
-in früheren Zeiten ein Galgen gestanden haben sollte. Jetzt war davon
-freilich nichts mehr zu sehen, aber der Name war geblieben, denn das
-Hartmannsche Anwesen hieß allgemein der Hof am Rabenstein und sein
-Besitzer kurzweg der Rabensteiner.
-
-Konrad ritt einen struppigen Fuchshengst, ein feuriges Tier edelster
-Rasse, das ihm vor einigen Jahren ein französischer Offizier halb
-geschenkt hatte, dem es darauf ankam, daß das kranke Pferd recht gute
-Pflege erhielt. Unter Konrads sorgfältiger Wartung hatte sich das Tier
-langsam wieder erholt, und nun hing der junge Mann, der weithin den
-Ruf eines ausgezeichneten Reiters genoß, an dem Hengst mit geradezu
-brüderlicher Liebe.
-
-Konrad Hartmann war ein Feuerkopf und so etwa gerade das Gegenteil des
-in seinen Entschließungen schwerfälligen Max. Mit Staunen hörte Friesen
-den einfachen Bauernsohn über die politischen Verhältnisse treffende
-Worte sprechen. Sein Urteil über die zweideutige Rolle, die Sachsen
-seit der Katastrophe von Jena spielte, war vielleicht zu hart und für
-die Leiter der Geschicke des Volkes schonungslos. Aber von seinen
-Plänen über die Befreiung von den unwürdigen Fesseln, die das Land mit
-dem Kaiser verbanden, ging ein Hauch glühender Begeisterung aus und
-alle Gefahr nicht achtender Liebe zu seinem Vaterland. Leider litten
-diese Pläne, wie sich Friesen gestand, an dem großen Fehler, daß sie
-niemals verwirklicht werden konnten, denn Alldeutschland lag gedemütigt
-am Boden, und der Stern des gewaltigen Eroberers hatte noch nie so
-glänzend gestrahlt als in diesen Tagen. Dennoch lauschte Friesen gern
-und mit Aufmerksamkeit Konrads Worten, und es stieg in ihm dunkel die
-Meinung herauf, daß es solcher Männer, wie diesen, leider nicht genug
-gäbe unter dem sächsischen Volk.
-
- * * * * *
-
-Der Sommer war vorüber, der Winter stellte sich ein, -- und Friesen
-weilte noch immer auf dem Freihof und half den ihm so rasch
-liebgewordenen Menschen in dem einsamen, verschneiten Dorfe die langen
-Winterabende kürzen. Nun war auch Weihnachten vorüber. Das alte Jahr
-tauchte hinab in die Ewigkeit und ungewiß, was es bringen würde,
-schaute man dem neuen entgegen.
-
-Da wurde plötzlich die Harmonie der ruhig dahinfließenden Tage auf dem
-Freihofe rauh unterbrochen: Friesen erhielt die schriftliche Ordre,
-sich unverzüglich bei seinem Regimente zu melden. Von den besten
-Wünschen und Hoffnungen auf frohes Wiedersehen in nicht allzuferner
-Zeit begleitet, nahm er schweren Herzens von der trauten Stätte und
-ihren lieben Bewohnern Abschied.
-
-Noch ahnte niemand die schreckenvolle Zeit, der man entgegenging. Aber
-nur allzubald sollte sich der gnädig verhüllende Schleier der Zukunft
-lüften, denn von neuem und diesmal unheilvoller denn je, klangen die
-Kriegstrompeten durch die deutschen Gauen.
-
-Napoleons grenzenloser Hochmut geizte nach neuem Ruhm. Die Taten
-eines Alexanders, eines Karls des Großen standen ihm beständig vor
-der Seele und trieben seinen empfindlichen Ehrgeiz bis ins Maßlose.
-Die Völker zwischen dem Rhein und der Oder lagen zu seinen Füßen,
-und ihre Herrscher buhlten um seine Gunst. Nur Rußland stand noch
-aufrecht und spottete der Eroberungsgelüste des Kaisers. Das Verhältnis
-zwischen ihm und dem Kaiser Alexander war seit dem Wiener Frieden immer
-kälter, zuletzt feindselig geworden, bis endlich Rußlands Forderungen,
-Napoleon solle die französischen Besatzungen aus Pommern und Preußen
-zurückziehen, die Kriegserklärung folgte.
-
-Ganz Europa hallte wider von den ungeheuern Rüstungen der beiden
-mächtigen Gegner.
-
-Der Kaiser hatte schon seit länger als einem Jahre mit den
-Vorbereitungen für diesen Krieg im Geheimen begonnen. Wie er nie
-aufgehört hatte, Preußen zu mißtrauen, sah er dem Zusammenstoße mit
-Rußland wie etwas Unvermeidlichem entgegen. Sein erster Schritt
-war gewesen, die Besserung der sächsischen Heeresverhältnisse bei
-dem Könige von Sachsen auf das eifrigste zu betreiben. Und eine
-gründliche Umgestaltung war hier nach den Erfahrungen der letzten
-Feldzüge allerdings ein unabweisbares Bedürfnis. Vor allem galt es,
-eine Menge veralteter Einrichtungen zu beseitigen und das Heer von
-der ihm anhaftenden Greisenhaftigkeit zu befreien. Eine Anzahl alter,
-unfähiger Generale wurde verabschiedet, und mehrere jüngere, befähigte
-Stabsoffiziere, die die napoleonische Schule gebildet hatte, rückten
-mit einer für die damaligen Verhältnisse unerhörten Schnelligkeit auf.
-
-Das weitere Verlangen des Kaisers ging dahin, in Sachsen einen großen
-befestigten Platz anzulegen, wozu Torgau ausersehen wurde.
-
-Der leitende Minister der auswärtigen Politik Sachsens war zu jener
-Zeit Senfft von Pilsach, der keineswegs wie sein Vorgänger zu den
-knechtischen Bewunderern Napoleons gehörte. Ja, er haßte ihn und trug
-sich mit Gedanken an eine Abschüttelung des französischen Jochs. Mit
-welch segensreichem Erfolge seine Tätigkeit hätte gekrönt sein können,
-wie viel Kummer und Verlust an Menschen, Land und Eigentum Sachsen
-erspart geblieben wäre, wenn die Pläne dieses Mannes nicht von einer
-Niederwerfung Preußens ausgegangen wären, auf dessen Trümmern er
-die Aufrichtung einer sächsisch-polnischen Macht im Herzen Europas
-erträumte. In einer unbegreiflichen Verblendung wähnte er Preußen auf
-alle Zeiten verloren, und aus diesem Grunde liefen seine Gedanken,
-anstatt mit Preußen Verbindung zu suchen, darauf hinaus, seinen
-Niedergang zu beschleunigen.
-
-Um den Osten zu stärken, hatte Napoleon ungeheure Waffenvorräte in dem
-Großherzogtum Warschau angehäuft und die polnischen Reiterregimenter
-umgewandelt und verstärkt, um im Falle des Krieges die lästigen
-Kosakenschwärme von dem französischen Heere fernzuhalten. Weiter war
-die Bildung von Nationalgarden, die Verstärkung von Festungen und deren
-Armierung an der russischen Grenze sowie die Bereithaltung großer
-Mundvorräte in den Magazinen anbefohlen. Schon in der Mitte des Jahres
-1810 war in Dresden ein französischer Stabsoffizier erschienen, um zu
-horchen, ob der Kaiser in jedem Falle auf die sächsische Armee rechnen
-könne.
-
-Die Stimmung in Sachsen war beim Ausbruche des Krieges nicht überall
-dieselbe. Das verjüngte, trefflich geschulte Heer freilich war von
-kriegerischem Geiste beseelt und vertraute blind dem Genius des
-Kaisers. Der Erfolg des Feldzuges erschien im voraus gesichert, und der
-glückliche Ausgang versprach hohen Gewinn für das Land.
-
-Die Bevölkerung teilte jedoch diese hoffnungsvolle Meinung nicht.
-Der Bauer war des unaufhörlichen Kriegführens müde und sehnte sich
-nach bleibender Ruhe. Die vorangegangenen Feldzüge hatten zuviel
-Blut gefordert und das Land ausgesogen und bis an den Rand des Ruins
-gebracht. Aber das sächsische Volk war gewöhnt, seinem Fürsten zu
-folgen und ihm sein ganzes Vertrauen zu schenken. Deshalb legte man
-auch diesmal wieder das Geschick des Landes zuversichtlich in die Hände
-des geliebten Königs.
-
-Und so folgte Sachsen dem mächtigen Strom, der es in einen der
-schrecklichsten Kriege, den die Weltgeschichte kennt, hineinriß, und
-dessen Folgen für das unglückliche Land so verhängnisvoll werden
-sollten.
-
-
-
-
-4. Kapitel.
-
-
-In den ersten Tagen des Monats Mai 1812 benachrichtigte Napoleon
-König Friedrich August durch einen Ordonnanzoffizier von seiner
-baldigen Ankunft in Dresden. Am 13. Mai überschritt der Kaiser in
-Begleitung seiner Gemahlin und umgeben von einem glänzenden Hofstaat
-in der Nähe von Plauen die sächsische Grenze, wo ihm der vom König
-entsandte Oberkammerherr von Friesen und General von Gersdorff namens
-ihres Monarchen ehrfurchtsvoll empfingen. Der König und die Königin
-selbst erwarteten den hohen Gast in Freiberg. Infolge der zahlreichen
-Huldigungen, die dem Kaiser auf der Fahrt von den Behörden dargebracht
-wurden, verzögerte sich seine Ankunft, und die Folge war, daß der
-König sich am Abend kaum zur Ruhe begeben mochte und nur mit vieler
-Mühe bewogen werden konnte, sich einige Stunden Schlafes zu gönnen.
-Gegen Morgen traf das Kaiserpaar in dem Städtchen ein, dessen Bewohner
-während der ganzen Nacht auf den Beinen geblieben waren. Die ersten
-Schimmer des anbrechenden Frührots mischten sich mit der festlichen
-Beleuchtung der Stadt.
-
-Am Abend dieses Tages hielt der Kaiser unter dem Geläute der Glocken
-seinen Einzug in Dresden. Die märchenhafte Beleuchtung dieser schönen
-Stadt und des lieblichen Elbtales während der Kaisertage übertraf
-selbst alle derartigen Schauspiele, womit der verschwenderische,
-prunkliebende Kurfürst August der Starke seine Residenz einst verwöhnt
-hatte.
-
-Außer dem Kaiser und der Kaiserin von Österreich hatten sich zahlreiche
-Fürstlichkeiten, hohe Offiziere und Staatsmänner in der sächsischen
-Landeshauptstadt eingefunden. Glänzende Feste wurden veranstaltet, von
-denen jedes eine rauschende Huldigung des Allgewaltigen zum Mittelpunkt
-hatte. Es waren Tage der verschwenderischsten Prachtentfaltung, des
-höchsten Glanzes.
-
-Die deutschen Fürsten übertrafen sich gegenseitig in der Begierde,
-einen Gunstbeweis von dem Kaiser zu erhalten, und wenn er einen von
-ihnen ausgezeichnet hatte, sah dieser stolz auf die, die sich noch
-immer um einen gnädigen Blick des Gefürchteten bemühten.
-
-Napoleon hatte den Gipfel seiner Macht erklommen.
-
-Nur ein einziger von Deutschlands Fürsten ließ sich von dem Strahlen
-des Kaiserlichen Gestirns nicht blenden; es war der König von Preußen,
-der gebeugt und düster durch die Versammlung schritt. König Friedrich
-August von Sachsen wich seinem Blick aus, und mit Ängstlichkeit mied
-ihn der Kreis der Fürsten. Der Kaiser bemerkte dies mit freudiger
-Genugtuung, die aber bald großem Verdrusse Raum gab, als er hörte,
-welch teilnehmende Hochachtung die Dresdner Bevölkerung dem preußischem
-König entgegenbrachte, während ihn, den Kaiser, überall nur Neugierde
-und das dumpfe Schweigen des Grolls empfing.
-
-Am 29. Mai verließ Napoleon Sachsens Hauptstadt, um das Kommando der
-Armee zu übernehmen. König Friedrich August war, um den Abschied von
-dem erhabenen Gast nicht zu versäumen, so besorgt, daß er nicht wagte,
-zu Bett zu gehen, sondern die Nacht im Stuhle verbrachte. Zuletzt hätte
-er den richtigen Augenblick beinah noch versäumt, doch gelang es ihm,
-dem Kaiser noch bei seinem Hinabschreiten auf der Treppe mit flüchtigen
-Worten Lebewohl zu sagen.
-
-Eine verzehrende Unruhe lastete wie ein schwerer Druck auf dem
-sächsischen Volke. Der Sommer verging, der Herbst nahte und entschwand,
-und bald brauste der Winter mit fürchterlicher Strenge ins Land, und
-man gedachte mit banger Besorgnis derjenigen, die weit entfernt von
-der Heimat in den unendlichen Schneefeldern Rußlands ihr Leben für die
-Laune des verhaßten Despoten wagen mußten.
-
-Anfänglich hatte man genügend Nachrichten von der Armee erhalten: die
-Kunden der Schlacht bei Smolensk und bald darauf des fürchterlichen
-Gemetzels von Borodino bewiesen, daß die Russen sich ihrer Angreifer
-wie Rasende erwehrten. Dann verstummten alle Nachrichten lange Zeit,
-und ihr Ausbleiben verschärfte die Qualen, die die daheim erlitten.
-Plötzlich leuchtete es an dem dunkeln Himmel wieder auf. Ein blendender
-Blitzstrahl durchzuckte ganz Europa: die Kunde des Brandes von Moskau
-drang herüber. Aber die Sorge um den Einzelnen war kaum noch wach,
-in langen, kummervollen Nächten hatte man sich schon für den Verlust
-getröstet, mit der Hoffnung, daß dem teuern Sohn ein schmerzvoller
-Tod erspart geblieben sein möge. Nur schwach glimmte noch in mancher
-Menschenbrust der Funke der Hoffnung auf ein irdisches Wiedersehen.
-
-Nach dieser Nachricht war wieder Grabesstille. Die ungeheure Armee,
-deren lärmender Durchzug tagelang gedauert hatte, mit ihren tausend
-Kanonen und dem nicht endenwollenden Troß, war verschwunden, als wenn
-sie der Erdboden verschlungen hätte. Schmerzvolles Erwarten, atemloses
-Aufhorchen, banges Fragen, -- -- nichts, keine Nachricht. Alles
-still, als wenn tiefster Friede im Lande herrsche! Nur die östlichen
-Winde trugen etwas herüber wie Leichengeruch, als ob sie über einen
-unermeßlich großen Friedhof mit offenen Gräbern gestrichen wären, und
-aus ihrem Heulen und Brausen klang es wie erstickte Schmerzenslaute und
-gestammelte Gebete.
-
-So ging man dem Weihnachtsfeste des Jahres 1812, dem heiligen Feste der
-Liebe und des Friedens entgegen.
-
-Wie hatten doch immer zu dieser Zeit die Herzen höher geschlagen! Noch
-im vorigen Jahre hatte die Freude alle Gemüter bewegt. Wenn auch genug
-des Herzeleids die Welt erfüllte, und die dunkle Zukunft viel Schweres
-in sich bergen mochte, man war vereint, fühlte sich glücklich und war
-zufrieden mit dem Wenigen, was das gefräßige Kriegsungeheuer einem
-gelassen hatte.
-
-Aber in diesem Jahre wollte die Herzen kein wonniges Gefühl erwärmen,
-keine freudige Erwartung erhob die Gemüter.
-
-Alle schlichen scheu umher. Man vermied es, den Nachbar, den Freund zu
-trösten, in der Besorgnis, den eigenen Kummer zu wecken, zu vergrößern.
-Ja man wagte zuletzt nicht mehr, zu fragen, aus tötlicher Angst, daß
-das Entsetzliche sich offenbaren könne.
-
-Ein fürchterlicher Alp lastete auf jeder Menschenbrust, und die Seelen
-durchzitterte tiefster Schmerz.
-
-Da lief plötzlich ein Raunen durch die Gassen der sächsischen Lande.
-Zuerst ging das Gerücht wie ein Windhauch. Jeder lieh ihm das Ohr und
-verstummte jäh vor der entsetzlichen Kunde, unter der sich das Herz
-krümmte. Dann wurde das Gerücht lebhafter, laut, wuchs zum Lärm an und
-donnerte endlich wie eine Lawine vor dem Orkan über das hartgeprüfte
-Volk. Die schwache Hoffnung, die sich im Innern der Stärksten tief
-verborgen noch erhalten hatte, erlosch in einem einzigen Augenblick.
-Tötlicher Schrecken lähmte die Glieder und raubte dem Geist den letzten
-Rest seiner Spannkraft: die riesengroße, stolze Armee war vernichtet!
-Alles was das russische Blei verschont, der Säbel der Kosaken nicht
-niedergehauen, der Huftritt ihrer Rosse nicht zerstampft, bei dem
-Überschreiten des zugefrorenen und halb aufgetauten Dniepr nicht
-umgekommen, oder bei dem gräßlichen Übergang über die Beresina nicht
-zerdrückt, zertreten, zwischen den Eisschollen zerquetscht worden war,
--- lag erstarrt auf den endlosen Eisgefilden. Wie durch ein Wunder,
-hieß es weiter, hätten sich wenige Tausend gerettet, deren Rückzug sich
-so gestaltete, daß er in der Geschichte der Kriegsleiden seinesgleichen
-nicht haben sollte.
-
-Wie ein Feuerstrom ging es von Herz zu Herz; die Unterschiede in den
-Rangstufen der Menschen schienen aufgehoben. Alle waren nur von dem
-einen Gedanken beseelt, den zurückkehrenden Unglücklichen die Hände zu
-reichen. Aber der Wunsch war stärker als die Tat. Große Vorbereitungen
-konnten nicht getroffen werden, die Hast ließ keiner Überlegung
-Zeit, und die Kopflosigkeit zerstörte oft wieder das schon bedacht
-Geschehene. Der Schrecken hatte die Gemüter verwirrt.
-
-Und dann kamen die Trümmer der Armee Napoleons!
-
-Der Hunger hatte die des Weges nur noch Wankenden fürchterlich
-abgemagert. Unter der schlaffen, farblosen Haut ragten die
-Backenknochen, das Bein der Nase aus dem hohlen Gesicht schauerlich
-hervor, und das Haar hing wirr von der Stirn herab. Die Lippen dieser
-Unglücklichen waren ausgetrocknet, und aus den eingefallenen, matten
-Augen drang gänzliche Teilnahmlosigkeit, grinste stiller Wahnsinn.
-Jeder Schein militärischen Ansehens war von ihnen geschwunden. Ihre
-Füße waren oft nur mit Lumpen oder Stroh umwickelt, die spärlichen
-Kleider in Fetzen, und um die Blöße des Körpers notdürftig zu bedecken,
-hatte mancher um die fleischlosen Schultern nur den Rest eines alten
-Mantels oder ein erbetteltes Tuch geschlungen.
-
-So kamen sie daher, ohne Waffen und kaum fähig sich weiter zu
-schleppen, das Zeichen furchtbarer Leiden auf der Stirn und dort, wo
-sie einkehrten, ansteckende Krankheiten verbreitend. Und doch waren es
-die, die kaum vor Jahresfrist in stolzer Siegeszuversicht ausgezogen
-waren.
-
-Die Garde du Corps bestand nur noch aus 7 Offizieren und 4 Mann, und
-von den frischen, kecken Zastrows kehrten 13 Offiziere und 3 Gemeine in
-das Vaterland zurück.
-
-Und er, der unter dem gewaltigen Schlage des Himmels hätte
-zusammenbrechen müssen, prahlte in Dresden Sachsens König gegenüber
-mit seinen unerschöpflichen Hilfsquellen und setzte nach kurzem
-Aufenthalt, einen Gassenhauer trällernd, in einem schnell auf
-Schlittenkufen gestellten Wagen der Königin am 17. Dezember seine
-Weiterreise über Leipzig nach Paris unerkannt fort.
-
- * * * * *
-
-Am 9. Januar 1813 trafen die ersten dieser Unglücklichen in Leipzig
-ein. Ein Teil von ihnen, der auf südlicheren Straßen marschiert
-war, berührte auch Rehefeld. Fast in jedem Dorfe, das diese Trupps
-passierten, mußten einige der Schwächsten zurückbleiben. Die
-Bevölkerung wetteiferte in der Aufnahme und Pflege der Soldaten, ohne
-darauf zu sehen, ob sie einen Deutschen oder einen Franzosen im Hause
-hatten. Alle waren sie Unglückliche!
-
-Mit dem Beginn des neuen Jahres hatte sich reicher Schneefall
-eingestellt, dem starke und anhaltende Kälte folgte. Die
-Jammergestalten konnten sich kaum noch weiterschleppen, denn ringsum
-waren die Straßen verschneit, und der scharfe Nord drang schneidend
-durch die dünnen, zerrissenen Kleider der Ärmsten. Auch die Mutigsten
-von ihnen wollten jetzt nicht mehr weiter und nahmen mit Freudentränen
-die Aufforderung zum Bleiben ohne Zögern an. Fast jedes Haus in
-Rehefeld hatte unter seinem Dache einen der Fremdlinge, und selbst die
-Ärmsten der Bewohner teilten mit ihrem Gaste freudig die kärgliche
-Nahrung. Aber es bedurfte nicht vielem, um die Soldaten zufrieden zu
-sehen. Die Ruhe tat den von langem Marschieren im Schnee wundgewordenen
-Füßen wohl, und es widerfuhr ihnen schon ein großes Glück, wenn sie
-nach langen Qualen und Entbehrungen die starren Glieder auf weichem
-Lager und in wohltuender Wärme ausstrecken konnten.
-
-Da brach, wenige Tage nach ihrem Eintreffen, unter den Angekommenen
-eine Krankheit aus, die sich rasch verbreitete und von der auch einige
-der Dorfbewohner ergriffen wurden.
-
-Die Krankheitserscheinungen waren ernst. Man riet deshalb nicht
-lange, sondern schickte einen Wagen nach Leipzig hinein, um ärztliche
-Hilfe zu holen. Noch an demselben Abend kamen zwei Militärärzte an,
-die sofort mit der Untersuchung der Kranken begannen. Unermüdlich
-gingen sie von Haus zu Haus; überall begegneten ihnen die gleichen
-Krankheitserscheinungen. Nach kurzer Beratung erklärten die Ärzte dem
-sie begleitenden Ortsvorstand, daß die fiebernden Soldaten an Typhus
-erkrankt seien und nicht länger in den Häusern bleiben dürften, sondern
-daß für sie ein paar große Räume als Spital herzurichten seien. In
-seiner Bestürzung eilte der alte Mann auf den Freihof, wo er am ehesten
-Rat und Beistand zu finden hoffte.
-
-Die Tiefenbachs waren noch wach. Sie beherbergten selbst drei Soldaten,
-die ebenfalls von der Krankheit befallen waren und in heftigem Fieber
-lagen.
-
-Max ließ sofort seine Leute wecken und sandte sie im Dorfe herum, um
-einige der Entschlossensten herbeizuholen.
-
-Nach Verlauf einer halben Stunde waren sieben oder acht Bauern
-versammelt. Die Ärzte, die die angebotene Unterkunft auf dem Freihofe
-angenommen hatten, beschrieben die Anforderungen, die an die
-Krankenzimmer gestellt werden müßten und gaben Unterweisungen für die
-Überführung der Kranken.
-
-In kurzer Zeit einigten sich die Männer dahin, daß der große Tanzsaal
-des Gasthofes und das dicht daneben stehende Schulhaus für die Kranken
-eingerichtet werden sollten. Der Lehrer und seine Familie mußten
-während dieser Zeit bei einem Bauern Unterkunft bekommen. Sollten diese
-Räume nicht ausreichen, so würde man den Freiherrn um Aufnahme einiger
-Kranken im Schloß bitten.
-
-Am andern Morgen, als die Sonne blutigrot am Himmel heraufzog, und ihre
-Strahlen die eisige Kälte noch fühlbarer machten, begann man damit, die
-zur Aufnahme der Kranken ausersehenen Räume herzurichten. Von allen
-Seiten brachten die Leute das im Hause Entbehrliche herangetragen;
-dieser die Bretter eines alten, wurmstichigen Bettes, die viele Jahre
-verstaubt und vergessen auf dem Dachboden gestanden hatten, jener einen
-Strohsack, der rasch mit weichem Haferstroh frisch gefüllt worden
-war. Ein Dritter gab zwei wollene Decken, wieder einer ein Deckbett,
-das noch warm war, da es in der verflossenen Nacht ihm selbst gedient
-hatte, und zwei Kissen dazu. Ein anderer erklärte, daß er und sein Weib
-unter Decken nicht frieren würden, und er gab alles, was sie an Betten
-besaßen. Die Hofbesitzer und die großen Häusler trugen fast jeder
-ein vollständiges Bett herbei, und vom Freihof kam ein zweispänniger
-hochaufgepackter Wagen, von dem man vier Bettstellen und ebensoviel
-Strohsäcke und Federbetten ablud. Keiner wollte zurückstehen von der
-Erfüllung des Liebeswerkes und wenn es der Ärmste war. Etwas hatte
-jeder, wars auch nur eine geringe Gabe.
-
-In wenigen Stunden waren die Räume soweit instand gesetzt, daß man
-daran denken konnte, die kranken Soldaten aus den einzelnen Häusern in
-ihr neues Heim zu schaffen.
-
-Man zählte: dreiundzwanzig Kranke sollten es sein, und neunundzwanzig
-Betten standen bereit. Gottlob! Soweit war alles geglückt, das Hospital
-war fertig. Der Tanzsaal allein konnte zwölf Kranke aufnehmen, und die
-übrigen fanden in den beiden Gastzimmern daneben und im Schulzimmer
-Unterkunft.
-
-Gegen Mittag brachte man die Kranken von allen Seiten heran. In Decken
-und Betten gehüllt, wurden sie vorsichtig bis zum Gasthof gefahren; aus
-den näher liegenden Häusern trugen sie die Einwohner dahin.
-
-Alles beteiligte sich daran. Die beiden Ärzte waren vorher emsig von
-einem Haus in das andere geeilt und hatten die letzten Anordnungen für
-den Transport gegeben. Nun standen sie inmitten der frischen Betten und
-überwachten das sorgsame Hineinlegen der Kranken. Ein Neugeborenes kann
-nicht zärtlicher und liebevoller von seiner Mutter in den Arm genommen
-werden, wie mit den Soldaten die Rehefelder verfuhren, und die Kinder
-trugen den mit ihrer Bürde behutsam Dahinschreitenden die wenigen und
-armseligen Kleidungsstücke nach.
-
-Das Mitleid mit den Unglücklichen hatte die ganze Einwohnerschaft
-ergriffen, und man suchte in der Betätigung für die Notleidenden
-einander zu übertreffen.
-
-Unter denen, die sich von den frühesten Morgenstunden ab um das gute
-Gelingen des Werks bemüht hatten war auch Max.
-
-Nachdem er mit seiner Mutter kurz besprochen hatte, was sie an Betten
-und Gerätschaften beisteuern konnten, war er hinüber nach Zehmen
-geritten. Die Militärärzte hatten erklärt, daß sie nicht länger bleiben
-könnten, da ihre Hilfe in dem mit Kranken überfüllten Leipzig nur allzu
-dringend gebraucht würde. Aus diesem Grunde war er zu dem in diesem
-Dorfe wohnenden Arzt geeilt, der freilich schon seit Jahren infolge
-hohen Alters seinen Beruf nicht mehr regelmäßig ausübte, um ihn um
-seinen Beistand für die jetzige Zeit der großen Not zu bitten. Er fand
-den Greis im Bette liegend und krank, so daß dieser ihm nur ein paar
-Ratschläge mit auf den Weg geben konnte und in Aussicht stellte, nach
-einigen Tagen selbst einmal nach den Kranken zu sehen.
-
-
-
-
-5. Kapitel.
-
-
-Als Max gegen Mittag zurückgekehrt war, hörte er, daß die Kranken in
-dem schnell hergerichteten Spitale nunmehr glücklich untergebracht
-seien.
-
-Er konnte einen Ausdruck der Befriedigung darüber nicht unterdrücken,
-und ein Gefühl der Beklemmung wich von ihm bei dem Gedanken, daß die
-Einwohner Rehefelds der unmittelbaren Gefahr der Ansteckung nicht mehr
-ausgesetzt wären.
-
-Max ging nach dem Gasthof, da er wissen wollte wie es nun darin aussah,
-ob man für die Zubereitung der Speisen für die Kranken ausreichend
-gesorgt hatte und schließlich, ob genug Pflegerinnen bestellt wären
-
-Als er über den Platz vor dem Gasthof schritt, standen ein paar
-Geschirre vor dem Hause. Die Pferde hatten die Krippen vor sich und
-fraßen bedächtig, während die Besitzer in der Gaststube weilten. Im
-Hausflur angekommen, unterschied er drinnen einige bekannte Stimmen,
-unter denen er auch die des Gemeindevorstands erkannte, der froh sein
-mochte, der größten Sorge ledig zu sein. Max schritt auf die Tür zu,
-besann sich aber sofort eines anderen und wandte sich wieder um.
-Langsam stieg er die Treppe hinauf, um sich vorher die Unterbringung
-der Kranken anzusehen.
-
-In dem geräumigen Saale waren an den beiden Längsseiten die Betten mit
-geringen Abständen von einander aufgestellt, daß die Kranken mit den
-Füßen nach dem in der Mitte entstandenen, breiten Gang zu lagen. Die
-hölzernen Bettgestelle waren ungleich lang und breit und die Bezüge
-verschiedentlich bunt gestreift oder gewürfelt, wie sie die Bauern
-aus ihren Haushaltungen zusammengetragen hatten. Einige der Kranken
-schliefen, andere lagen wachend in den Kissen, und hier und da warf
-einer in starkem Fieber unruhig den Kopf hin und her.
-
-Drei Frauen gingen geräuschlos ab und zu oder bemühten sich um
-die Kranken. Die erste, die Max am nächsten stand, war eine alte
-Auszüglerin, die gewöhnlich im Dorfe die Kranken wartete, und in einer
-andern erkannte er die Frau des Schullehrers. Die dritte kehrte ihm den
-Rücken zu und beugte sich gerade tief auf das Bett eines Fiebernden
-nieder und hielt diesem ein Glas Wasser an die Lippen.
-
-Max wußte nicht, wer diese Pflegerin war, aber ihre Erscheinung
-fesselte sofort seinen Blick, so daß er die Augen auf der
-hochgewachsenen Gestalt ruhen ließ. Sie trug ein dunkelblaues, eng
-anschließendes und ganz einfach gearbeitetes Wollkleid, und ihr volles
-braunes Haar war mit einem weißen Leinenhäubchen bedeckt. Er sann nach,
-wer die Unbekannte sei, aber keines der Mädchen im Dorfe glich ihr.
-
-Sein Verlangen, ihr ins Gesicht zu sehen, wuchs, als er bemerkte, wie
-geschickt und zugleich schonend die Pflegerin den Kranken aufrichtete,
-das Kopfkissen aufschüttelte und dann den alten französische Soldaten
-wieder sorgfältig darauf bettete. Nun ging das Mädchen von dem Bett weg
-und wandte sich um, und gleichzeitig mit dieser Bewegung begegneten
-ihre Augen seinem Blicke.
-
-Max war derart betroffen, daß er schweigend und wie angewurzelt auf
-seinem Platze stand, und es wollte ihm selbst nicht gelingen, seinen
-Blick von ihr zu wenden. Diese hätte er hier nicht vermutet, und aus
-diesem Grunde konnte er seiner großen Verlegenheit nicht so leicht
-Meister werden. Denn das Mädchen, dem er gegenüberstand, und das unter
-seinem langen Blicke in leichte Verwirrung geriet, war Maria von
-Tiefenbach.
-
-Noch nie hatten sich die beiden so nahe gegenüber gestanden. Sie
-waren fast unbewußt jederzeit von dem gleichen Wunsche beseelt
-gewesen, eine nahe Begegnung zu vermeiden, und schon von weitem
-hatten sie bisher beim Sichtbarwerden des andern unverfänglich einen
-Seitenweg eingeschlagen. Und so war es gekommen, daß ihnen ein dichtes
-Aneinandervorübergehen trotz der engen Verhältnisse im Dorfe bis heute
-erspart geblieben war.
-
-Max hatte die Abneigung gegen die Leute vom Schlosse mit der
-Muttermilch eingesogen, und in späteren Jahren war es wieder die
-Freihoferin gewesen, die dieses unbewußte Gefühl zu einem bewußten und
-trotzigen Haß gegen die Verwandten vertieft hatte. Wie die Mutter, sah
-auch er in den Schloßbewohnern herrische und hochmütige Menschen, die
-den Zweig der Familie, der in das Dorf hinabgestiegen war, verachtete,
-und von denen einer die teuere Verstorbene beschimpft hatte. Deshalb
-war der junge Mann, als er sich dem Mädchen unvermutet und zum ersten
-Male so nahe gegenübersah, betroffen.
-
-Blitzschnell erwog er, wie er jetzt am richtigsten zu handeln habe,
-um die, beide beklemmende Situation zu beenden. Den Rücken wenden und
-hinausgehen, das konnte er nicht, denn er war ja gekommen, um sich zu
-erkundigen, ob es noch an etwas fehle, und diese Absicht mußten die
-beiden anderen Pflegerinnen schon bei seinem Eintreten erkannt haben.
-Dazu hatte er beim Verrichten des ganzen Samariterwerkes allzusehr in
-vorderster Linie gestanden, und vermutlich hatte der Gemeindevorstand
-die Frauen auch schon angewiesen, sich an ihn zu wenden, wenn an
-etwas Mangel einträte. Und dann müßte er alle Höflichkeit unbeachtet
-lassen, die man fremden Menschen und selbst denen schuldig ist, deren
-Gesellschaft man meidet. Sein rücksichtsloses Fortgehen würde die
-Jungfrau tief verletzen.
-
-Und was tat es denn überhaupt wenn er blieb? Standen sie beide
-in diesem Augenblick nicht in einem höhern Dienste, in dem der
-Nächstenliebe? Durfte er jetzt Zwist und Abneigung vorschützen, um mit
-dem Mädchen nicht nebeneinander arbeiten zu müssen? Steht die Pflicht
-zur Barmherzigkeit nicht so unendlich hoch, daß selbst Feinde zusammen
-an ihr arbeiten dürfen? Er würde sich engherzig und klein schelten und
-seiner Standpunkt als niedrig bezeichnen müssen, wenn er hier auswich.
-Deshalb mußte er bleiben. Sein innerer Mensch wurde nicht betroffen,
-der konnte der alte bleiben. Aber die Kraft dem leidenden Nächsten zu
-widmen, auch unter diesen unbequemen Umständen, forderte einfach seine
-Ehre.
-
-Diese Gedanken, die in schnellem Fluge durch Maxens Seele zogen,
-verrieten sich auf seinem Gesicht nur zu deutlich, daß das vor ihm
-stehende Mädchen sie nicht hätte erraten müssen. Aber auch sie kämpfte
-mit ihrer Verlegenheit.
-
-Da überkam den jungen Mann plötzlich die Eingebung, daß er den Anstand
-verletze, wenn er jetzt nicht das peinvolle Schweigen breche. Langsam
-schritt er deshalb auf das Mädchen zu und indem er sich bemühte,
-unbefangen zu bleiben, sagte er:
-
-»Es ist ein schwerer Beruf, den Sie gewählt haben, aber viel Dank wird
-Ihnen dafür werden.«
-
-Sie schwieg eine kurze Weile, dann richtete sie ihre großen, blauen
-Augen fest auf ihn und sagte mit wohllautender, tiefer Stimme:
-
-»Dem leidenden Nächsten zu helfen ist Menschenpflicht. Der beste Lohn
-dafür ist die Befriedigung, die tief im Herzen quillt und die froher
-macht als der Dank.«
-
-»Sie haben recht,« erwiderte Max, »diesen Beweggrund soll auch der
-Mensch für seine guten Taten haben, denn so hat es uns schon der große
-Nazarener gelehrt. Aber haben Sie die Aufgabe, der Sie sich freiwillig
-und gewiß mit vielem Eifer unterziehen wollen, auch nicht unterschätzt?
-Dieser Beruf wird Anstrengungen und Entbehrungen von Ihnen fordern,
-die Sie vielleicht nicht voraussahen, und die fast die Kraft eines
-Mannes erfordern.«
-
-»Lassen Sie das ruhig meine Sorge sein, Herr von Tiefenbach,« fiel
-Maria ihm ins Wort, »ich bin von Jugend auf dazu angehalten, mein Tun
-nicht unüberlegt zu beginnen. Aber weshalb zweifeln Sie daran, daß
-ich nicht ebensogut wie andere Frauen imstande sein werde, diesen
-Unglücklichen Trost und Hilfe zu gewähren? Zu meinem Bedauern habe
-ich bis jetzt keine Gelegenheit gefunden, meine Kraft in Dienste des
-Vaterlands zu gebrauchen und dies zu einer Zeit, zu der es nicht genug
-hilfsbereite Hände geben kann. Jetzt ist mir die Gelegenheit geworden,
-und wenn ich auch tausendmal lieber diese Kranken gesund wüßte, so
-bin ich doch froh, daß sie sich gerade hier befinden und ich mich
-ihrer annehmen kann. Nach der Schwere der Bürde, die einem das Amt
-bringt, fragt man nicht lange, frisch zugreifen und unerschrocken den
-Schwierigkeiten, die sich in den Weg legen, entgegengehen, ist doch
-immer das Richtige. Mag der Mann draußen auf dem Felde der Ehre sein
-Alles einsetzen, uns Frauen soll er in Räumen wie diesen walten lassen,
-damit auch wir Gelegenheit haben, unser Teil beizutragen zu dem großen
-Werke. Wir sind dazu berufen, die geschlagenen Wunden zu heilen und die
-Schmerzen zu lindern, die der unerbittliche Krieg verursacht.«
-
-Das Mädchen hatte die Worte in edelm Feuer gesprochen, und die
-Begeisterung, die in ihr glühte, übergoß ihr schönes Gesicht mit einer
-feinen Röte. Jetzt, nachdem sie geendet, fühlte sie, daß sie vielleicht
-zu viel gesprochen hatte und fast in Erregung gekommen war. Sie
-bereute ihre Worte und verstand es nicht, wie die Begeisterung für ihr
-Vorhaben sie so mit sich fortgerissen hatte.
-
-Max konnte nichts antworten, was hätte er dem Mädchen nach diesen
-Worten auch sagen sollen. Überrascht stand er vor der Jungfrau, bei der
-sich Schönheit mit Anmut und Klugheit mit Gemüt vereinigten.
-
-Maria hatte sich nach ihren Worten wieder abgewandt und war zum Bett
-eines Kranken getreten, der mit heiserer Stimme zu trinken verlangt
-hatte. Behutsam setzte sie ihm das Glas an die Lippen, das er mit
-gierigen Zügen leerte.
-
-Max wechselte mit den anderen Frauen noch ein paar Worte und verließ
-dann den Saal. Nach den Worten des Fräuleins vom Schlosse zu
-urteilen und nach dem, wie er sie hatte walten sehen, würde sie eine
-vortreffliche Pflegerin sein. Wenn die beiden andern ihre Aufgabe
-ebensogut erfüllten, dann waren die Kranken in den besten Händen.
-Deshalb war es ein Gewinn für die Sache, daß sich das Fräulein der
-Pflege angenommen hatte. Und doch wünschte Max das Mädchen vom
-Krankensaale weit weg!
-
-Daß er denen vom Schloß nicht für immer so ausweichen konnte, wie es
-ihm bisher gelungen war, damit hatte er schon gerechnet, daß er aber
-so unerwartet mit einem von ihnen in Berührung treten sollte, und noch
-dazu, wie er voraussah, öfters, das behagte ihm nicht. Obendrein hatte
-dieses Mädchen etwas an sich, das ihn aus seiner gleichmäßigen Ruhe
-bringen konnte. Und von neuem stand ihm die Erscheinung vor Augen. Mit
-welchem Anstand sie ihr Haupt zum Gegengruß geneigt hatte, und in welch
-ruhigem Gleichmaß sie sprach. Noch jetzt, meinte er, hafte der Blick
-aus ihren großen Augen auf ihm.
-
-Ein paarmal während des Tages verfiel Max in tiefes Nachsinnen.
-Unwillkürlich schweiften seine Gedanken von der Arbeit weg, und er
-überraschte sich dabei, daß er die Hände müßig hielt und sich willig
-der Erinnerung an die Begegnung überließ. Des Mädchens hohe Gestalt,
-der lange Blick ihrer Augen die wohllautende Stimme und endlich die
-Sicherheit, die aus ihren Worten klang, hatte einen nachhaltigen
-Eindruck auf den jungen Mann ausgeübt. Er fühlte ein fast unbezähmbares
-Verlangen, einen tiefern Blick in die Seele dieses schönen Mädchens zu
-tun. Aber um dies zu erreichen, hätte er sich ihr mehr nähern müssen,
-als es ihm, der Pflegerin inmitten ihrer Kranken gegenüber, möglich
-war. Und das durfte er nicht!
-
-Maria von Tiefenbach war seine Anverwandte, denn sie waren ja
-Geschwisterkinder. Aber er durfte nicht vergessen, daß sich ein tiefer
-Abgrund zwischen ihnen hinzog, über den hinweg nimmermehr eine Brücke
-geschlagen werden konnte. So lange es die beiden Familien vom Freihofe
-und vom Schlosse geben würde, so lange würde auch die Kluft bestehen.
-Das war für alle Zeiten bestimmt, und niemand durfte sich vermessen, an
-diesem Spruch zu rütteln. So hatte es sein Großvater gewollt, nachdem
-der eigene, hochmütige Bruder die Auserwählte seines Herzens beschimpft
-hatte. Des jungen Freihofers empfindlicher Stolz bäumte sich hoch auf,
-wenn er an das schwere Unrecht dachte, das seiner Großmutter von denen
-droben einst zugefügt worden war.
-
-Und selbst dann, wenn es ihn mit unwiderstehlicher Macht zu dem
-Fräulein hinziehen würde, -- wie wäre es ihm möglich, vor seine Mutter
-zu treten und ihr zu sagen, daß er wieder Freundschaft schließen wolle
-mit den Leuten vom Schlosse? Würde er dergestalt seine alte Mutter
-nicht verraten? Sie, die er mit der zärtlichsten Liebe umgab, die
-ein Kind für seine Mutter nur empfinden kann! Freilich lagen seine
-Gefühle nicht auf der Zunge, denn beider Naturen waren hart und nicht
-für den offenen Austausch von Liebeszeichen geschaffen. Aber wie es
-Max jeden Tag von neuem fühlte, daß ihr rauhes Äußere nur die Glut
-ihrer mütterlichen Empfindungen für ihre beiden Kinder verbarg, wußte
-er, daß die bedingungslose Ehrfurcht und Unterwerfung vor ihr und die
-fast abgöttische Liebe zu seiner Mutter die stärksten seiner Gefühle
-waren, die ihn jemals bewegen konnten und die in seine Seele unlösbar
-hineingewoben waren. Deshalb konnte von einer Annäherung zu den
-Verwandten niemals die Rede sein, wenn nicht seine Mutter selbst den
-Wunsch dazu aussprechen würde. Aber dieser Umschwung würde in ihrer
-Seele nie eintreten. So glühender Haß erlischt nur mit dem Tode dessen,
-der ihn mit sich herumträgt.
-
-Und selbst wenn in seiner Mutter der Wunsch dazu rege würde, dürfte sie
-es dennoch nie tun! Als sie vor Jahren ihm, dem Knaben, die Feindschaft
-zu den Schloßleuten ins Herz gepflanzt, da hatte sie ihm zuletzt
-anvertraut, gleichsam als wolle sie ein blutigrotes, brennendes Siegel
-unter ihre Worte setzen, daß sie ihrem sterbenden Vater unversöhnliche
-Feindschaft denen im Schlosse gegenüber in die Rechte gelobt habe.
-
-Aus allen diesen Gründen unterdrückte Max seinen Wunsch das Fräulein
-näher kennen zu lernen. Vielleicht würde er, wenn es geschah, nur einen
-Widerstreit seiner Empfindungen heraufbeschwören, und es würde ihm dann
-gewiß schwerer werden als heute, das so schnell erwachte Interesse für
-dieses ungewöhnliche Mädchen wieder zu verlieren und den Eindruck zu
-verwischen, den es auf ihn ausgeübt hatte.
-
-Während der folgenden Tage betrat Max wiederholt die Krankenzimmer
-und mußte von neuem Gelegenheit nehmen, mit Maria von Tiefenbach zu
-reden. Sie sprach unbefangen, ihre Stimme dämpfend und begleitete ihre
-Worte mit ausdrucksvollen Bewegungen der Hand. Was sie ihm über den
-Zustand der Kranken zu berichten hatte, sagte sie in knappen Sätzen.
-Teilte sie ihm Erfreuliches mit, so blieb sie dennoch ernst, nur in
-dem aufleuchtenden Blick ihrer Augen konnte Max ihre Freude lesen. War
-hingegen Schmerzliches zu berichten, so erriet er dies schon, bevor
-sie begann, an ihren umflorten Augen. Sie vermied es ängstlich, sich
-ihm gegenüber weich oder erfreut zu zeigen und schien ihm im stillen
-dafür dankbar zu sein, daß er ihr weder tröstende, noch Worte der
-Anerkennung sagte. Selbst als sie ihm eines Morgens mitteilen mußte,
-daß ein junger bayerischer Dragoner, den sie, wie er wußte, Tag und
-Nacht in unermüdlicher Sorgfalt gepflegt, und der ihr durch die endlich
-herannahenden Zeichen seiner Genesung viel Freude bereitet hatte,
-infolge eines plötzlichen Rückfalls in der verflossenen Nacht gestorben
-war, fügte sie ihrer Meldung keine weiteren Worte hinzu.
-
-Max vermochte nicht sein Mitgefühl zu unterdrücken, das in ihm
-emporkam, als er in diesen Augenblicken das Mädchen betrachtete.
-Ihre Wangen waren von den ungewohnten Anstrengungen der letzten Tage,
-besonders aber von den vielen Nachtwachen bleich geworden, und ihre
-Haltung war die eines müden Menschen. Außer den Anzeichen großer
-Abspannung lag auf ihrem Gesicht tiefe Ergriffenheit. Er sah, wie sie
-sich fast Gewalt antun mußte, um bei ihren Worten nicht in Tränen
-auszubrechen.
-
-Mit wachsender Teilnahme stand Max dem Fräulein gegenüber, denn er
-erriet, was in ihrem Innern vorging. Zu gleicher Zeit wußte er aber
-auch, daß sein sehnliches Verlangen, einen Blick hinter das ernste
-Antlitz dieses Mädchens zu tun, sich schon erfüllt hatte.
-
-Da drang ihm plötzlich ein heißer Strom zum Herzen, den zurückzudämmen
-er sich anfangs bemühte, um sich im nächsten Augenblick aber dieser
-Weichheit in willenloser Freude hinzugeben. Denn was sich ihm hier
-offenbarte, war ein edles Frauengemüt! Rasch fand er die Erklärung für
-den großen Schmerz des Mädchens. Mit Hingabe hatte sie den Krieger nun
-fast zwei Wochen hindurch gepflegt, nicht der Anstrengungen achtend,
-die ihre Wangen hohl gemacht hatten. Unsägliche Freude hatte sie
-empfunden, als seine kräftige Natur in dem erbitterten Kampf mit der
-schweren Krankheit endlich die Oberhand gewann, und sie fühlte dadurch
-ihre heißen Bemühungen tausendfach belohnt. Schon sah sie, wie die
-Gesundheit in den erstarkenden Körper wieder einzog, -- da begannen
-gestern Abend die Pulse von neuem zu hämmern, die Temperatur stieg
-bedrohlich und ohne einen Grund dafür erkennen zu lassen, stand wieder
-auf derselben Höhe wie in den Tagen der qualvollsten Zweifel, stieg
-darüber hinaus, -- und dann mußte sie ohnmächtig zusehen, wie der eben
-wieder lebensfroh gewordene Kranke die Augen hilfesuchend auf sie
-richtete und mußte zulassen, daß der dem Tode kaum Entrissene dennoch
-sein Opfer wurde. In einer einzigen Nacht war ihre große Freude zu
-schwerem Kummer geworden.
-
-So, fühlte er, hatte es sich zugetragen, und ihre Seele, die warme
-Nächstenliebe, Aufopferung und tiefes Mitgefühl anfüllte, hatte großen
-Schmerz erlitten.
-
-Da konnte er seine Bewegung nicht mehr meistern: er trat zu der sich
-eben wieder von ihm wendenden Jungfrau, nahm ihre Hand in die seinige
-und sprach ihr mit teilnehmenden und tröstenden Worten sein Mitgefühl
-aus.
-
-Das Fräulein war bei der Berührung ihrer Hand unwillkürlich
-zusammengeschreckt, aber sie hatte sie ihm doch willig überlassen und
-mit Verwunderung seinen Worten zugehört. Eine starke Blutwelle trieb
-wieder nach ihrem Kopfe und färbte ihre blassen Wangen dunkelrot, bis
-hinauf unter die schweren, braunen Zöpfe auf ihrem Haupte.
-
-Langsam entzog sie ihm endlich ihre Hand und trat einen Schritt zur
-Seite. Dann sprach sie:
-
-»Herr von Tiefenbach, ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme. Ich hatte
-sie nicht erwartet und konnte nicht ahnen, daß Sie meinen Schmerz
-erkennen würden. Der Tod dieses mir noch vor wenigen Wochen Unbekannten
-hat mich, wie Sie richtig erraten haben, schwer getroffen und mein
-tiefstes Bedauern wachgerufen. Er liebte das Leben und klammerte sich
-mit bewunderungswürdiger Zähigkeit daran fest. Und wie beglückt und
-dem Schöpfer dankbar er dem neuen Leben entgegenging! -- Doch, Herr
-von Tiefenbach,« fuhr sie nach einer kurzen Pause der Sammlung in
-verändertem Tone fort, »eine Pflegerin darf nicht weich werden, sonst
-taugt sie nicht für ihr Amt. Voll Freude hatte ich dem Verstorbenen in
-seinen schweren Leidenstagen meine Kräfte gewidmet; er sollte nicht
-genesen. Jetzt gehört meine Kraft wieder den Lebenden!« Und mit dem
-stummen Gruße, mit dem sie sich sonst von ihm zu verabschieden pflegte,
-ging das Mädchen zu den Kranken.
-
-Auf Max hatte dieser Vorgang tief eingewirkt. Das, was er bis zu dieser
-Stunde nur empfunden hatte, war mit einem Schlage Überzeugung: in
-diesem schönen Mädchen wohnte eine herrliche Seele, auf deren tiefsten
-Grund er soeben geschaut hatte. Durch die wenigen Worte, die er mit dem
-Fräulein gewechselt, fühlte er sich ihr innerlich nähergerückt. Es war,
-als wenn eine hohe Schranke, die bis heute zwischen ihnen aufgetürmt
-war, von Zauberhand beseitigt worden sei.
-
-Wenn sich im Leben zwei Menschen dabei kennen lernen, daß ihnen ein
-Erlebnis von scheinbar geringer Bedeutung zustößt, das sie aber
-zwingt, sich gegenseitig einen vollen Einblick in das wie durch einen
-Blitzstrahl erhellte eigene Innere zu gewähren, und beide gleichzeitig
-erkennen, daß ihre Empfindungen und Anschauungen in der ihre Herzen
-berührenden Frage übereinstimmen, dann webt das Schicksal auch sogleich
-mit emsiger Hand geheimnisvolle Fäden von einem Herzen zum andern. Die
-Worte der Zurückhaltung und Förmlichkeit erscheinen ihnen nichtssagend
-und armselig, deshalb lassen sie den Zwang fallen und sprechen
-zueinander, als ob sie schon seit Jahren gute Nachbarn wären. Und doch
-waren sie sich noch vor einer Stunde fremd und hatten sich im Leben
-vielleicht noch niemals gesehen. Das kleine Ereignis aber hat beide
-menschlich so nahe gebracht, wie sonst nur Vertraute zueinander stehen.
-Jahrelang wandeln oft zwei Menschen nebeneinander dahin, ohne daß sie
-sich bis ins Innerste des Herzens hinein kennen lernen. Es bedeutet
-mitunter viel, einen Menschen so zu finden, denn die in solchen Stunden
-geschlossene Freundschaft dauert nicht selten bis über das Grab hinaus.
-
-Max fühlte, daß dieser Vorfall imstande sein konnte, von großer
-Bedeutung für sein künftiges Geschick zu werden. Wären sie nicht
-feindliche Geschwisterkinder gewesen, so hätten sie in dem
-angeschlagenen vertraulichen Tone länger zusammen gesprochen, und des
-Mädchens Worte hätten wohl herzlicher geklungen. Aber so hatte, während
-sie miteinander sprachen, neben ihr der Schatten des Familienzwists,
-an seiner Seite der alte Haß gestanden, unter deren Eishauch die
-Herzlichkeit nach dem ersten Aufschäumen frostig wurde und sich alsbald
-in eine kaum zu verbergende Verlegenheit verwandelte. Und dadurch ward
-das aus dem Herzen freudig hervordrängende Gefühl getötet, noch ehe es
-der Mund in Worte prägen konnte.
-
-Und während sich Max unaufhörlich mit dem Begebnis am Morgen dieses
-Tages beschäftigte, zog in seiner Brust, in der bisher im Leben die
-widerstreitenden Gefühle friedlich nebeneinander geschlummert hatten,
-in aller Stille ein Sturm herauf, der den starken Mann wie ein
-schutzloses Bäumchen auf einsamer Höhe schütteln sollte.
-
-Der Anblick, den das Fräulein heute geboten hatte, stand Max in
-plastischer Deutlichkeit vor der Seele. Er sah wieder ihr bleiches
-Gesicht mit den müden Augen und dem Zuge von verhaltenem Schmerz, der
-sich um ihren Mund gelagert hatte, und wenn sie sprach, kostete es
-sie sichtlich Mühe, ihre zuckenden Lippen zu beruhigen. Jedem anderen
-Menschen, dessen Seelenschmerz sich ihm so offenbart hätte, würde
-er in reicherem Maße Trost zugesprochen haben. Das gebot ihm die
-Christenpflicht. Und in welch raschem Flusse gleiten erst die Worte vom
-mitfühlenden Herzen, wenn es gilt, einen edeln Menschen zu trösten, den
-der Kummer durch selbstlose Hingabe an Unglückliche überkommen ist.
-
-Aber wenn immer er einem Leidenden das Herz erschließen durfte,
-hier durfte er es nicht! Diesem gemütvollen, erschütterten und doch
-willensstarken Mädchen gegenüber, zu dem ihn sein empfindsames Herz,
-ohne daß er widerstreben konnte, heute hingedrängt hatte, diesem
-Mädchen gegenüber mußte er seine Brust mit Eisen panzern. Denn sie war
-seine Feindin.
-
-Max fuhr mit der Hand über die Stirn, als wenn er damit alle Unruhe
-verscheuchen könne, die ihn überfallen hatte. Seine Feindin, sagte
-er eben? Ja, war sie denn wirklich seine Feindin? Konnte das blasse,
-schöne Mädchen mit dem reichen Gemüt, das seine Kraft so bereitwillig
-in den Dienst der Leidenden stellte, und das der Tod eines ihrer
-Kranken so mächtig ergriffen hatte, wirklich etwas getan haben, daß ein
-Mensch auf der ganzen weiten Welt sagen durfte: Seht, das ist meine
-Feindin?
-
-Und doch war er es, der sie Feindin nannte! Beging er damit nicht
-ein großes Unrecht? Hatte sie eine Mitschuld an dem ganzen unseligen
-Familienzwist? Warum vergalt man ihr, was ihr Großvater versündigt
-hatte? Mußte er als Christ diese Handlungsweise nicht als eine schwere
-Versündigung an einem unschuldigen Menschen bezeichnen, und warum
-lehnte sich nicht alles Gute in ihm auf gegen eine solche Tat?
-
-Alle diese Fragen drangen zu gleicher Zeit mit Ungestüm auf Max ein,
-und sein sonst so ruhiges Denken geriet in arge Verwirrung. Daran, daß
-die Feindschaft, die die Freihofer gegen die Schloßleute unterhielten,
-berechtigt sei, hatte er noch nicht gezweifelt. Jetzt schien es ihm,
-als wenn eine Binde von seinen Augen fiele. Von allen Seiten kamen ihm
-plötzlich Zweifel über die Richtigkeit seiner tiefen Abneigung. Sie
-drangen auf seine Seele ein und vereinten sich zu der ernsten Anklage:
-Du hast denen droben auf dem Weißen Schlosse schon seit Jahren schweres
-Unrecht getan.
-
-Max wußte nicht, wie ihm geschah. War es möglich, daß er in
-Zweifelsqualen darüber geraten konnte, ob seine Abneigung, sein
-feindseliges Gefühl gegen die Verwandten berechtigt sei?
-
-Während des ganzen Tags war der Freihofer wie ein Träumer
-umhergegangen. Nach dem Mittagessen hatte er sich hinter die
-Wirtschaftsbücher gesetzt, aber die Arbeit wollte nicht vorwärts gehen.
-Der Kopf war ihm zu voll. Wenn er die schwarzen Zahlen betrachtete,
-schien es ihm, als wenn sie lebendig geworden wären, wunderliche Formen
-annähmen und durcheinander tanzten. Schrieb er sie nieder, so mußte er
-genau achtgeben, daß er nicht eine falsche Summe eintrug.
-
-Da wurde er mit einem Male ärgerlich, denn er hatte in dem neuen
-Hauptbuch dem Händler Kornteuer die dreihundert Taler, die dieser
-noch vom Herbst her für Getreide schuldete, ins Haben anstatt ins Soll
-geschrieben.
-
-Ärgerlich warf Max die Feder beiseite, klappte das Tintenfaß heftig
-zu und verließ das Zimmer. Seine Mutter, die am großen runden Tisch
-stand und von einem dicken Ballen Leinwand Stücke abschnitt, um daraus
-Hemden für die kranken Soldaten anzufertigen, hielt die Schere still
-und sah erstaunt dem Sohne nach. Was war es mit ihm? Es war ihrem
-scharfen Blicke nicht entgangen, daß er bereits seit einigen Tagen
-in sich gekehrt und zerstreut war. Abends, wen sie sich um die Lampe
-versammelt hatten, war er einsilbig gewesen. Anfangs hatte er oft und
-mit lebhaften Worten von seinen Kranken gesprochen, jetzt berichtete
-er nur noch kurz von ihnen. War er nicht mehr zufrieden? Was konnte es
-sein, das seinen Blick so versonnen machte?
-
-Aber die Freihoferin war nicht gewöhnt, über kleine Veränderungen im
-Wesen ihres Sohnes lange zu grübeln. Seine Seele lag von Kindheit an
-wie ein offenes Buch vor ihr, in dem sie Tag für Tag las, und sie wußte
-genau, was auf jedem Blatte geschrieben stand. Deshalb ließ sie schnell
-diese Gedanken fallen und wendete die Aufmerksamkeit wieder ihrer
-Arbeit zu.
-
-Max war unterdessen über den Hof gegangen und in die große Scheune
-getreten, wo die Knechte in zwei Runden Weizen ausdroschen. Eine
-kurze Weile hielt er sich dort auf, dann ging er wieder zurück und
-schlenderte durch die Ställe. So lief er lange Zeit durch alle
-Wirtschaftsräume, Arbeit suchend und keine findend. Wenn er eine kleine
-Unregelmäßigkeit entdeckte, ward er ärgerlich und schalt die Mägde.
-
-Im hintersten Stand hatte sich eine Kuh losgemacht und bog gerade zu
-einem Spaziergang in die Stallgasse ein, und wie er den Pferdestall
-betrat, fiel sein Blick auf die tragende Stute, deren Kette so lang
-gesteckt war, daß das Tier mit dem Maule bis zu dem hohen Streustroh
-herunter konnte und dieses fraß. Jeden andern Tag hätte er selbst Hand
-angelegt, um dem Mangel abzuhelfen. Heute rief er mit schallender
-Stimme nach dem Gesinde. Überall fand er zu verbessern und zu tadeln.
-Alles sah er, nicht die kleinste Unregelmäßigkeit entging seinem Auge.
-Und doch waren seine Gedanken nicht bei ihm, immer standen vor seinem
-Geiste die umflorten Augen eines schönen Mädchens.
-
- * * * * *
-
-Der kurze Januartag neigte sich seinem Ende zu. Max stand in der Stube
-an einem der Fenster, die nach der Straße lagen und blickte hinaus auf
-die beschneite Landschaft. Überall, wohin das Auge reichte, nichts als
-Schnee. Auf der Dorfstraße war eben der mit sechs kräftigen Gäulen
-bespannte Schneepflug vorübergegangen und hatte eine breite Bahn
-hinterlassen. Hüben und drüben türmte sich der Schnee hoch auf, der
-auch heute bis zum Nachmittag wieder unaufhörlich gefallen war. Jetzt
-hatte sich ein scharfer Wind erhoben, die oberste feine Schicht des
-Neuschnees vor sich hertreibend. Es war bitterkalt draußen, und der
-Himmel hing voll grauer Wolken. Die schwarzen Äste der breiten Buchen
-waren mit der weißen Masse dicht bedeckt, und jede der Zaunlatten trug
-ein hohes Häubchen davon.
-
-Max beobachtete, wie sich ein einsamer Spatz dicht vor dem Fenster auf
-den Zaun niederließ. Das Tierchen guckte sich mit flinkem Drehen des
-Köpfchens nach allen Seiten ein paarmal um wie aber keiner von seinen,
-augenscheinlich schon zur Ruhe gegangenen Spießgesellen erschien,
-piepste es mit leiser Stimme einmal auf und flog dann davon. Ein
-winziges Häufchen Schnee fiel dabei vom Pfahl herunter.
-
-Weit und breit war nichts Lebendes zu sehen. Die Natur verharrte in
-tiefem Schweigen.
-
-Max sah nichts mehr von dem weißen Bilde. Er hatte den Kopf an die
-Scheiben gelegt und kühlte seine brennende Stirn.
-
-Warum, so fragte er sich heute wohl zum hundertsten Male, läßt man
-die Lebenden entgelten, was die Toten versündigt haben. Dann stürmten
-wieder bittere Vorwürfe auf ihn ein, und in seiner Seele stieg von
-neuem ein müdes Frauenantlitz herauf, das seine von langen Wimpern
-beschatteten Augen stumm auf ihn richtete.
-
-Da wurde der Träumende plötzlich abgelenkt. Vom Freihof ein Stück die
-Straße hinauf, drüben hinter dem schwarzen Dorfteich, stand ein kleines
-Häuschen, aus dessen Schornstein sich eine dünne Säule blauen Rauches
-wand. Dort wohnte eine arme, junge Frau, die kurz vor Weihnachten den
-Mann verloren hatte, mit ihren vier Kindern, von denen die ältesten
-zwei schwer am Keuchhusten litten.
-
-Aus diesem Hause trat soeben eine weibliche Gestalt heraus und lief
-mit eilenden Schritten durch den Schnee herüber nach der Straße. Der
-Wind spielte mit den Zipfeln des wollenen Tuches, das sie um Brust und
-Kopf geschlungen hatte und versuchte, es ihr zu entreißen. Aber sie
-bemerkte seine Anstrengungen und wickelte sich fester in das Tuch. Max
-bemühte sich, die Näherkommende in der sich niedersenkenden Dämmerung
-zu erkennen und trat von neuem dicht an das Fenster. Aber ihr Kopf war
-sorgsam eingehüllt, und das Tuch ließ das Gesicht nicht frei. Jetzt war
-sie am Fenster angekommen und wollte gerade vorübereilen, da riß ihr
-ein heftiger Windstoß das Tuch von der Stirn. Hastig griff sie danach,
-um das Gesicht wieder zu bedecken, -- aber es war zu spät.
-
-Max war mit einem schnellen Schritt vom Fenster verschwunden und
-zur Seite getreten. Aber er konnte die Augen nicht von der Gestalt
-losreißen, durch die Gardine hindurch schaute er dem rasch davon
-eilenden Weibe nach. Der kurze Augenblick, in dem ihr Gesicht unbedeckt
-gewesen war, hatte genügt, sie zu erkennen: es war Maria von Tiefenbach.
-
-Diese überraschende Entdeckung ließ die während des ganzen Tages in
-seiner Seele im Schlummer gelegene Erregung mit einem Schlage hoch
-auflodern.
-
-Das Mädchen, das seinen Geist in den letzten Wochen und besonders seit
-ihrer Begegnung am Morgen des heutigen Tages unaufhörlich beschäftigt
-hatte, befand sich jetzt plötzlich vor ihm, um freilich flüchtigen
-Fußes seinen Blicken alsbald wieder zu entschwinden.
-
-Da wurde dem jungen Mann seltsam zumute, und wie im März unter dem
-linden Hauche der Frühlingswinde die Eisdecke auf den Bächen schmilzt,
-so brach in diesem Augenblick sein ohnehin schwacher Widerstand jäh
-zusammen, und in seiner Seele stieg das heiße Verlangen herauf, dem
-Mädchen nachzueilen und es zu zwingen, vor ihm stehen zu bleiben. War
-es Freude, sie, deren Bild ihn nie verließ, so überraschend vor sich zu
-sehen, oder war es Angst um ihre Gesundheit, die auf dem Spiele stand,
-wenn das Mädchen, nachdem sie wahrscheinlich ein paar Stunden bei den
-Kindern der Tagelöhnerin geweilt hatte, ins Schulhaus hinuntereilte, um
-wieder eine Nacht bei ihren Kranken zu durchwachen?
-
-Max stand von neuem am Fenster und sah mit klopfendem Herzen dem
-Mädchen nach. Die Wange an das Holz des Rahmens gepreßt, bohrte er
-die Augen in die zunehmende Dämmerung hinein, um die Umrisse der
-Verschwindenden noch zu erkennen. Da machte er eine unwillkürliche
-Bewegung und stieß mit dem Arm an einen Menschen. Mit einem Ruck wandte
-er sich um, -- und sah sich seiner Mutter gegenüber. Hoch aufgerichtet,
-in steifer Haltung, die Züge wie in Stein gemeißelt, verharrte die
-Freihoferin.
-
-In tiefem Schweigen standen sich Mutter und Sohn gegenüber, jedes die
-Augen fest auf die des anderen gerichtet. Keines rührte sich, kein Wort
-klang, kein Versuch, auch nur die Lippen zu bewegen. Ein lähmendes
-Stillschweigen, das jetzt nach den Augenblicken hoher Erregung Max das
-Blut in den Adern fast stocken machte.
-
-Lange konnte der Sohn den Blick seiner Mutter aber nicht ertragen, und
-er senkte die Augen zu Boden. Die Aufwallung, die sich vor wenigen
-Sekunden seiner bemächtigt hatte, verflüchtete langsam. Es war ihm, als
-wenn der Schwindel, der ihn gepackt hatte, nun wieder von ihm wich.
-Seine Pulse flogen nicht mehr wie vorhin, merkwürdig rasch kam unter
-dem Blicke des stummen Weibes ihm gegenüber seine kühle Überlegung
-zurück.
-
-Was hatte sich zugetragen? Er konnte sich auf diese Frage nicht
-so rasch die Erklärung geben. Das Fräulein vom Schloß war draußen
-vorübergegangen, das sich wahrscheinlich zu den kranken Soldaten
-begab, und wohin es auch gehörte, nachdem es doch einmal den Beruf
-der Pflegerin bei ihnen erwählt hatte. Und er war hart an das Fenster
-getreten, um ihre Gestalt mit den Blicken zu erfassen -- --?
-
-Mit leisem Kopfschütteln beantwortete er sich diese Frage, eine andere
-Antwort wußte er nicht.
-
-Was hatte ihn aus seiner Ruhe so jäh aufgejagt? Ihn, Max von
-Tiefenbach, den jungen Freihofbauern, der von seiner Mutter so viel
-kühlen Verstand geerbt hatte, und den man so oft um sein inneres
-Gleichgewicht beneidete?
-
-Max suchte vergeblich nach einer Antwort hierauf. Sollte er nahe daran
-gewesen sein, durch zwei blaue Mädchenaugen zum törichten Jungen zu
-werden, der stundenlang schmachtend um das Haus seiner Herzenskönigin
-schleicht, um einen Blick von ihr zu erhaschen?
-
-Er riß den Gedanken unwillig ab, um ihn nicht weiter verfolgen zu
-können. Da merkte er, daß ihm die Röte in die Schläfen stieg, und das
-versetzte ihn in Zorn. Er machte eine heftige Bewegung zum Halse, der
-wie zugeschnürt war. Mit Anstrengung gelang es ihm, sich zu räuspern,
-aber den Blick vom Boden zu erheben vermochte er nicht.
-
-Warum hatten auch die hoffärtigen Leute droben seine Großeltern
-einstens tödlich beleidigt! Solch eine Schmach darf nie vergessen
-werden, und wer lebte, mußte entweder die Schuld der Eltern bezahlen
-oder die Schmach vergelten. Ja! Die Mutter war im Recht, wenn sie
-ihnen mit Feindschaft begegnete. Unversöhnlicher Haß mußte jederzeit
-im Herzen lodern, in allen Winkeln der Räume seines Besitztumes
-lauern, von den Dachbalken herabblinzeln, über den Firsten der Gebäude
-schweben, und durch alle Arbeit und alles Leben auf dem Freihofe
-mußte sein Klang zittern. Das hatte schon sein Großvater mit seiner
-Verwünschung besiegelt.
-
-Jetzt konnte Max den Blick wieder erheben und seine Mutter ansehen.
-Diese stand noch immer stumm vor ihm, die stahlgrauen Augen mit hartem
-Ausdruck auf den Sohn gerichtet.
-
-Da überlief die Greisin ein heftiges Zittern; umsonst versuchte sie
-ein paarmal, zu sprechen, bis sie endlich mit gepreßter Stimme, rauh
-hervorstieß:
-
-»Ich habe es ihm in der Sterbestunde geloben müssen, Max!«
-
-Nach diesen Worten wandte sie sich ab, raffte Brille und Gebetbuch vom
-Tische auf und verließ das Zimmer.
-
-Eine kurze Weile blieb Max auf seinem Platze stehen und sah nach
-der Tür, durch die die Freihoferin verschwunden war. Dann machte er
-eine kraftvolle Bewegung, gleichsam, als ob er eine drückende Fessel
-sprengen müsse und ging dröhnend im Zimmer auf und ab.
-
-
-
-
-6. Kapitel.
-
-
-Die Bewohner Rehefelds waren eine fromme Gemeinde, die von ihrem
-geistlichen Herrn wohl behütet wurde. Pastor Reinerz war auf dem Dorfe
-alt geworden, und fast alle Einwohner, bis auf die Hinzugezogenen,
-hatte er dereinst aus der Taufe gehoben und ihnen bei der Konfirmation
-das heilige Abendmahl gereicht. Manchen Eltern hatte er ihr Liebstes
-mit in die Grube senken helfen, manch einem jungen Weibe durch seinen
-tröstlichen Zuspruch den herben Verlust des teuern Gatten erleichtert
-und, ach, im Laufe der vielen Jahre so vielen jungen Burschen und
-Mädchen die unvergänglichen Begriffe von Tugend und Sitte, Glauben und
-Ehrenhaftigkeit unausreißbar in die Seele gepflanzt. Er kannte alle wie
-sie im Dorf herumliefen bis ins Innerste ihres Herzens hinein. Und wenn
-sie auch heranwuchsen, seinem Einfluß entgingen sie doch nie. Wollte
-er einmal an einem von ihnen irre werden, so kehrte er im Vorübergehen
-bei ihm ein, senkte seine forschenden Augen unter den buschigen Brauen
-in die seines Gemeindekindes und wußte wieder, wie es um dieses stand.
-Wenn ab und zu einmal ein Schäflein vom rechten Wege abgekommen war und
-sich verirrt hatte in den anfangs so bequemen Schlingpfaden des Bösen,
--- er führte es wieder zurück und kettete es von neuem an sich.
-
-Wie war es doch damals mit Andreas und dem Anger-Liesel gewesen?
-
-Das Liesel war ein blutjunges, tugendsames Weib, war die Frau des
-schönen Andreas und trällerte vom Morgen bis zum Abend wie eine Lerche
-umher und saß jauchzend am Lager eines lieblichen Töchterchens. Sie
-waren arme, aber sehr brave Menschen und arbeiteten fleißig.
-
-Da überfiel den Andreas mit einem Male ein böser Geist, und er wurde
-erst arbeitsscheu, dann leichtsinnig. Er ging oft in die Schenke, saß
-stundenlang darin und vertrank und verspielte all seinen Lohn. In die
-Kirche kam er nie mehr, und dem Pastor wußte er immer geschickt aus
-dem Wege zu gehen. Da tauchte das Gerücht auf, daß der Andreas es mit
-der rothaarigen Magd vom Obergut halte. Die halben Nächte blieb er
-von Hause fort, und wenn er dann endlich mürrisch heimkehrte, hatte
-er für das am Bettchen ihres Kindes weinende Liesel nur Scheltworte.
-An das Kind wendete er nicht einen Blick. Das junge Weib ließ aber in
-seiner treuen Liebe zu dem Manne nicht nach und arbeitete mit doppelten
-Kräften, um den Verlust, den sein Nichtstun mit sich brachte, so gut
-es ihr gelingen wollte wieder auszugleichen. Mit rührender Sorgfalt
-bemühte sie sich, über seine Lieblosigkeit zu ihr hinwegzusehen. Weit
-öfter als sonst richtete sie es behaglich für ihn ein, wie sie von
-früher her wußte, daß er’s gern mochte. Immer wieder bereitete sie ihm
-seine Lieblingsspeisen, derweilen sie sich Salz aufs Brot tat, um Geld
-für sein Mahl zu haben. Aber alles das half nichts. Ihr Mann wurde
-immer liebloser zu ihr.
-
-An einem schönen Frühlingstage, es war am Ostersonnabend, trat Andreas
-vor seine Frau hin und verlangte von ihr alles Geld, das sie besitze,
-um damit in die weite Welt zu gehen. Das junge Weib aber wurde bleich
-wie der Tod. Dann warf sie sich vor ihm nieder und beschwor ihn und
-flehte ihn an, wieder ihr guter Andreas zu sein. Mit krampfhaften
-Armen umklammerte sie seine Knie und sah mit einem Blick so voll Liebe
-und tödlicher Angst zu ihm auf, der jeden andern zur Umkehr gebracht
-haben würde. Dem Andreas aber drang das herzbrechende Schluchzen und
-das tiefe Weh seines Weibes nicht zum Herzen. Mit einer rohen Bewegung
-riß er sich von der Knieenden los, daß das junge Weib in schwerem Fall
-dumpf auf den Boden schlug. Dann ergriff er rasch das Beutelchen, in
-dem er ihre kleinen Ersparnisse wußte und eilte aus dem Hause. Wie er
-aber auf die Straße hinaustrat, erschrak er doch etwas, denn vor ihm
-stand Pastor Reinerz. Mit einem scheuen Gruße wollte er an dem Greise
-vorübergehen; der aber hielt ihn auf.
-
-»Ah, sieh da, der Andreas,« sagte der alte Herr freundlich. »Nun,
-das trifft sich ja sehr gut. Ich war gerade im Begriff, Dich und das
-Liesel einmal zu besuchen. Aber da fällt mir ja ein: heute ist doch
-Reinmachetag. Da wollen wir das Liesel nicht bei ihrem Geschäft stören.
-Du gehst aber auf ein Stündchen mit zu mir. Wenn sich so alte Freunde,
-wie wir beide es sind, so lange nicht gesehen haben, haben sie sich
-mancherlei zu erzählen.«
-
-Andreas wollte trotzig vorbei, doch ein Blick aus des Alten Augen zwang
-ihn an seine Seite. Ruhig, aber ohne hinzusehen, ließ er es geschehen,
-daß Reinerz ihm im Weiterschreiten all die Namen der Blumen und Gräser
-nannte, die in einem großen Strauße vereinigt waren, den er auf den
-Frühlingswiesen gepflückt hatte.
-
-Der schwere Sturz hatte das Liesel auf ein paar Sekunden ihrer
-Besinnung beraubt. Als sie wieder aus der Ohnmacht erwachte, schaute
-sie verstört um sich: ihr Mann war verschwunden. In namenloser Angst
-stürzte sie zum Fenster, um zu sehen, ob sie ihn entdecke. Da bemerkte
-sie zu ihrer großen Überraschung, daß er an der Seite des Pastors ging
-und mit diesem eben in das Pfarrhaus eintrat. Von wahnsinniger Angst
-getrieben, warf sie ein Tuch um die Schultern, streifte die Schuhe an
-und eilte, so schnell sie ihre Füße trugen, zum Pfarrhause. Und wie sie
-den Hausflur betrat, hörte sie drinnen im Zimmer den geistlichen Herrn
-in seiner gütigen Art auf ihren Mann einreden, der dabei ganz still
-blieb.
-
-Mit einem Male vernahm sie, wie der Andreas aufbrauste. Das Redenhören
-hätte er nun satt. Er gebe überhaupt auf die ganze Kirche nichts, und
-wo die Liebe zu seiner Frau hin sei, wisse er nicht; sie wäre verweht
-in alle Winde -- -- --
-
-Da griff sich das junge Weib draußen im Hausflur mit beiden Händen
-jäh zum Herzen, und das rotglühende Gesicht in dem lauschend
-vorgebeugten Kopfe wurde in einem Augenblick fahl. Die Lippen wie
-im Traume bewegend, wandte sie sich nach der Tür und verließ mit
-leisen Schritten die Pfarre. Wie ein Gespenst schritt sie an den ihr
-entgegenkommenden, verwunderten Leuten vorüber, ihrem Häuschen zu. In
-der Stube angekommen, setzte sie sich müde auf die Bank am Ofen, die
-Füße, (übereinandergeschlagen) von denen die Lederschuhe herabglitten
-und auf die Diele fielen, und richtete den Blick dumpf vor sich nieder.
-Das in seinem Bettchen ruhig schlafende Kind sah sie nicht. So blieb
-sie unbeweglich.
-
-Von Zeit zu Zeit murmelte sie: »Er liebt dich nicht mehr. Alles ist
-nun aus! Andreas, -- dein Andreas liebt dich nicht mehr!«
-
-Wie lange sie so saß, wußte sie nicht; nur das eine wußte sie, daß der
-helle Glanz in ihrem Innern in dieser Stunde auf immer erloschen war.
-Sie wollte schreien, aber die Kehle war ihr zugeschnürt. Weinen wollte
-sie, aber ihre Augen blieben trocken. Sie hatte keine Tränen.
-
-Da hört sie mit einem Male schleichende Tritte im Hause, die Tür tut
-sich auf, -- ihr Mann steht auf der Schwelle.
-
-Das Liesel schaut voll Entsetzen hin, weil sie glaubt, sein Geist komme
-zu ihr. Dann tut sie einen heftigen Schrei:
-
-»Andreas -- -- --!« und bleibt wie gelähmt sitzen.
-
-Der Mann aber auf der Schwelle, wie er das totenblasse Weib erblickt
-hat, ist wie eingewurzelt. Er kann nicht loskommen von diesem Platze.
-Da endlich lösen sich die Füße vom Boden. Mit weit vorgeneigtem Körper
-und erhobenen Armen kommt er, tief gebückt, näher, die Augen mit einem
-Ausdruck unaussprechlicher Reue starr auf das Liesel gerichtet. Die
-aber streckt die Hände nach ihm aus, um ihn zu erfassen; -- da sinkt
-er vor seinem Weibe auf den Boden nieder und umfaßt ihre bloßen Füße,
-spricht aber kein Wort, sondern sie fühlt nur, wie er wieder und wieder
-seine heißen Lippen darauf drückt.
-
-»Um Gottes willen, Andreas, was tust Du da,« schreit das Liesel auf und
-will den Mann emporziehen. Der aber läßt sich nicht aufrichten, sondern
-verharrt in seiner Haltung, vor ihr liegend. Und zwischen seinen
-aufeinandergebissenen Zähnen drängt es sich hervor:
-
-»Nein, Liesel, wenn Du vorhin meine Knie umklammert hieltest, so bin
-ich nicht einmal wert, Dir jetzt die Füße zu küssen!«
-
-Dann saßen sie eng zusammengeschmiegt, Wange an Wange, lange
-beieinander, wie in den Tagen ihres höchsten Glücks. Vom Kirchlein
-schallte das Abendläuten herein, und ihre Tränen flossen jetzt
-reichlich.
-
-Seit diesem Tage schmückt das Liesel an jedem Ostersonnabend die Tür
-zur Stube des Pfarrherrn mit Blumen.
-
-
-
-
-7. Kapitel.
-
-
-Die Kirche von Rehefeld war ein aus Sandsteinen errichteter, ziemlich
-großer Bau, durch dessen hohe, in spitze Bogen auslaufende Fenster
-das Licht ungehinderten Zutritt in das Innere fand. Hatte man die
-Schwelle einer der beiden Türen in der vordern und hintern Giebelwand
-überschritten, so führte, noch ehe man in das Innere der Kirche
-gelangte, auf der nördlichen Längsseite ein schmaler Gang um das
-Kirchenschiff herum bis zur andern Eingangstür. Von diesem Gang aus
-betraten die Tiefenbachs die für jede Familie getrennt eingerichtete
-Andachtsstube. In früherer Zeit war hier nur _ein_ Raum gewesen. Als
-aber der Freihof gebaut wurde, war das große Zimmer durch eine Wand in
-zwei Räume geteilt worden, und Herr Udo von Tiefenbach ließ später,
-nachdem seine Brüder ins Dorf hinabgezogen waren, den Gang durch eine
-Tür teilen, die zwischen den Eingängen der Andachtsstuben angebracht
-war, und die gleichsam eine sichtbare Scheidewand zwischen den Familien
-darstellte und verhinderte, daß die Schloßbewohner, die den Gang nur
-von der hintern Kirchentür aus betraten und die Freihofer, die durch
-die Vordertür gingen, sich sahen.
-
-In der Mitte des Dachfirstes ritt ein hoher, spitzer Turm, in dem
-die Glocke hing. Das schwärzliche Ziegeldach war fast ganz mit Moos
-überwuchert und bezeugte das hohe Alter des Gotteshauses.
-
-Rund um die Kirche dehnte sich der Friedhof aus. Kleine, niedrige Hügel
-deckten die irdischen Reste der teuern Entschlafenen. Die meisten
-Gräber wurden durch schlichte, zum Teil schon verwitterte Holzkreuze
-geschmückt, auf denen die Namen der Verstorbenen kurz vermerkt standen.
-Hier und da gab es auch Gräber, die sorgfältiger hergerichtet und mit
-steinernen Liebeszeichen versehen waren.
-
-Die Rehefelder versäumten nicht gern die sonntägliche Andacht. Auch an
-dem heutigen Sonntag war das Kirchlein wieder dicht angefüllt mit der
-Schar der Andächtigen. Draußen war es noch immer kalt, und am Himmel
-hingen dicke, graue Ballen, zwischen denen die Sonne zeitweilig auf
-kurze Minuten hindurchschien. Dann fielen die goldenen Strahlen auf
-das weite Schneefeld, daß die Krystalle wie Millionen ausgestreuter
-Diamanten glitzerten.
-
-Als Max und Elisabeth in der Kirche angekommen waren und den Gang
-betreten hatten, war Maria von Tiefenbach gerade in ihr Betstübchen
-eingetreten.
-
-Das Hauptlied war verklungen, als Pastor Reinerz auf der Kanzel
-erschien.
-
-Man konnte sich keine würdigere Erscheinung eines Seelenhirten denken,
-als ihn. Er hatte einen schweren Körper und breite Schultern, auf denen
-ein wahres Löwenhaupt saß. Der massige Kopf war mit einer üppigen Fülle
-silberner Locken bedeckt, die bis auf die Schultern herabhingen und
-bei raschen Bewegungen um den Kopf wallten. Von gleicher Farbe war
-der breite, prächtige Bart, der bis weit über die schneeigen Bäffchen
-hinabreichte, so daß sie nur dann sichtbar wurden, wenn Reinerz das
-Haupt zur Seite wandte. Seine Haltung war trotz des Alters aufrecht,
-sein Gang schwer. Die väterlich blickenden, lebendigen Augen leuchteten
-in hellem Glanze und mochten die Ursache sein, daß auf diesem
-Greisenantlitz neben dem Ausdruck von Milde und Herzensgüte jederzeit
-ein Schimmer jugendlichen Feuers strahlte.
-
-Pastor Reinerz knüpfte seine heutige Predigt an das Los jener
-Unglücklichen im Schulhause. Er hatte das Gleichnis vom barmherzigen
-Samariter gewählt, und mit Tönen, die den Zuhörern zum innersten Herzen
-drangen, sang er das ewige Hohelied der Liebe. Von der liebenden
-Mutter, dem unermüdlich treusorgenden Vater, seien die Armen einst
-durch alle Fährnisse der Kindheit geleitet worden. Neben den fröhlichen
-Tagen hätten die Eltern auch viele bange Stunden durchlebt, und manche
-Mutter habe in schweren Zeiten der Krankheit dem schon die Hand darnach
-ausstreckenden Unerbittlichen ihr Kind durch entsagungsvolle Pflege
-wieder abgerungen und ihm damit gleichsam zum zweitenmale das Leben
-geschenkt. Mit reicher Freude im Herzen hätten die Eltern die zarten
-Knaben zu Jünglingen heranwachsen sehen, bis dann mit einem Schlage
-die Freude jäh zu Leide ward, als der Kriegsruf erklang und den Sohn
-seinen Eltern, den Gatten seinem Weibe, den Vater seinen Kindern entriß
-und die Zurückbleibenden mit großer Sorge erfüllte. Nun säßen die
-Verlassenen daheim, manche von ihnen gewiß ohne tröstenden Zuspruch,
-einsam mit ihrem Schmerze. Sie wüßten nicht, ob der Teure noch am Leben
-wäre, oder ob sein von den Kriegsleiden geschwächter Körper nicht
-vielleicht mit schwerer Krankheit ringe. Unter heißen Tränen des Dankes
-würden sie die Hand küssen, die seiner in Liebe gepflegt, oder die ihm
-das brechende Auge zudrückte. Und die wahre Nächstenliebe frage nicht,
-ob Freund ob Feind. Sie alle seien leidende, unglückliche Menschen und
-bedürften in reichstem Maße der Hilfe. Seine Gemeinde solle nie müde
-werden, mit dem Unglücklichen ihr Brot zu teilen. Und wenn eines von
-ihnen argwöhne, daß es schwach und lau werde bei seinem Samariterwerk,
-so sollten sich die Väter, die Mütter und Gattinnen in das Los derer
-hineinversetzen, die von peinvoller Angst erfaßt mit dem aufsteigenden
-Morgen voll Sehnsucht auf ein Lebenszeichen warteten, und die am Abend
-immer wieder ihre Hoffnung getäuscht sähen.
-
-Pastor Reinerz hatte eine der empfindlichsten Stellen im Menschenherzen
-berührt: die Sorge und Angst um das Leben eines teuern Angehörigen.
-Das Mitgefühl der Zuhörer war geweckt, und in Vieler Augen hatten sich
-Tränen gestohlen.
-
-Mit den letzten Worten, mit denen der würdige Greis seine Predigt
-beendigte, richtete er noch den zündenden Ruf an seine Gemeinde, die
-christliche Liebe, die der mächtige Beweggrund dafür sei, den leidenden
-Fremdlingen Gutes zu tun, auch täglich untereinander zu üben. Und er
-legte ihnen ans Herz, vorhandenen Zwist zu begraben, sich auszusöhnen
-und einander in verzeihender Liebe zu begegnen. Dann genössen die
-Menschen schon hienieden das Vorgefühl der ihrer harrenden ewigen
-Freuden und erwiesen sich als getreue Nachfolger Christi und wert der
-einstigen Einkehr in sein himmlisches Reich. --
-
-Das Schlußlied war verklungen, und die Besucher verließen das
-Gotteshaus.
-
-Als Max zusammen mit Elisabeth aus der Andachtsstube hinaustrat, fiel
-sein Blick auf die weit geöffnete Tür, die den Gang teilte, und die er
-noch nie anders als geschlossen gesehen hatte. Aber seine Überraschung
-wuchs, denn vor ihm stand Maria von Tiefenbach, die sie beide erwartet
-haben mußte. Ängstlich griff Elisabeth nach der Hand des Bruders, als
-ob sie ihn auf dieser Stelle festhalten wolle, während sie erstaunt auf
-ihre Freundin schaute.
-
-Max hatte einen Augenblick betroffen stillgestanden, jetzt aber machte
-er eine hastige Bewegung zum Gehen. Da vertrat ihm Maria gelassen den
-Weg, so daß sich beide dicht gegenüberstanden. Eine Sekunde tiefen
-Schweigens verstrich, dann begann Maria ohne Verwirrung und mit
-Festigkeit:
-
-»Unter dem tiefen Eindruck stehend, den die unmittelbar zum Herzen
-gehenden Worte unseres verehrten Herrn Pastors auf mich hervorgerufen
-haben, kann ich nicht anders, als annehmen, daß die Predigt auch auf
-Sie, Herr von Tiefenbach, eine große Wirkung ausgeübt hat. Noch nie
-in meinem Leben haben mich von der Kanzel herabgesprochene Worte
-so wundersam ergriffen, wie heute, Worte, die in meinem Innern das
-sehnliche Verlangen wachgerufen haben, meinen Teil dazu beitragen, daß
-der Wille dessen, der die Sünden der Welt trug, erfüllt werde. Deshalb
-will ich den Augenblick nutzen, bevor mit der hohen Stimmung auch mein
-Mut dahinschwindet.
-
-Ich bin ein schwaches Mädchen, das plötzlich die wunderbare Kraft in
-sich spürt, sich Ihnen hier gegenüber zu stellen. Aber Sie haben mir
-vor wenigen Tagen durch Ihren freundlichen Trostzuspruch verraten,
-daß Sie ein edles Herz besitzen. Dieses Bewußtsein und eine Stimme in
-meinem Innern, die mir so zu handeln gebietet, stärken meinen Mut.
-
-Etwas Unnatürliches ist es, daß Menschen in Feindschaft leben, die
-einander nie etwas zu Leide taten. Und deshalb frage ich Sie, Herr
-Vetter, sind Sie bereit, Ihre Bemühungen mit den meinigen zu vereinen,
-um unsere Eltern miteinander auszusöhnen?«
-
-Die dem Mädchen innewohnende, ruhige Sicherheit hatte sie während
-dieser Rede nicht verlassen, und ihre Stimme hatte nicht einen
-Augenblick gebebt. Jetzt schwieg sie und wartete auf Maxens Antwort,
-ihre Augen forschend auf seinem Gesichte ruhen lassend.
-
-Der junge Mann stand vor Überraschung unbeweglich und starrte sprachlos
-in das schöne Frauenantlitz, in dem kein sichtbares Merkmal die in
-Marias Innern langsam aufsteigende, große Erregung andeutete.
-
-Da erhob sie ihre Stimme von neuem, die gerade noch so wohl lautete wie
-vorhin, obwohl sie jetzt leise zitterte:
-
-»Von einem unserer Familie wurde damals das böse Wort gesprochen,
-deshalb muß auch von uns aus das erste versöhnliche Wort fallen. Mein
-Großvater hat dereinst in unbegreiflicher Verblendung die Seelen
-guter Menschen tief betrübt und erzürnt. Er kann uns hierüber keine
-Rechenschaft mehr ablegen, denn er steht schon längst vor einem höhern
-Richter. Kein Unrecht, das begangen wird, ist jedoch so groß, daß es
-nicht wieder gutgemacht werden könnte. Aber dem bittenden Munde darf
-auch das Wort, der heischenden Hand der Druck nicht versagt werden.
-Das Werk, das wir verrichten können, führt zu Herrlichem hinaus, denn
-es gilt, die Kluft zwischen den Herzen unserer Eltern zu überbrücken.
-Um das zu erreichen tut es aber not, daß zuerst wir beide allen Groll
-vergessen. Und so tue ich, als die Enkelin jenes Mannes, mit Freuden
-den ersten Schritt zur Versöhnung, indem ich Sie, Herr Vetter, bitte,
-das Unrecht meines Großvaters seiner Enkelin nicht mehr zu entgelten,
-sondern mir fürs Leben Ihre Freundschaft zu schenken.«
-
-Marias Stimme hatte sich mehr und mehr gesteigert. Eine liebliche
-Röte war in ihre Wangen getreten, und die Augen glänzten gleichsam
-als Widerschein der sie erfüllenden, feierlichen Stimmung. Und um die
-Freundschaft im Augenblick der Versöhnung zu besiegeln, streckte sie
-dem Vetter ihre Hand entgegen.
-
-Der aber rührte sich nicht, um die dargebotene Hand zu ergreifen. Er
-suchte nach Worten, mit denen er dem Mädchen sagen wollte, daß von
-einer Versöhnung zwischen ihnen niemals die Rede sein könne, aber sein
-Mund blieb stumm.
-
-Endlich, nach atemlosem Harren während einer tiefbangen Sekunde,
-erlosch der Glanz in Marias Augen, und die rosigen Wangen wurden blaß.
-Langsam, wie einst die Rechte des Herrn Oskar, als er seinem Bruder
-Udo zum letzten Male gegenüberstand, sank die ausgestreckte Hand herab.
-
-Jetzt drängten sich auch die Worte im Überschwall auf Maxens Zunge;
-aber noch bevor es ihm gelang, sie auszusprechen, geschah etwas
-Unerwartetes:
-
-Maria richtete sich hoch auf. Mit einem Ruck warf sie den Kopf in den
-Nacken und trat ungestüm auf Max zu, daß dieser unwillkürlich soweit
-zurückwich, bis seine Schultern die Mauer berührten. Ihr flammendes
-Gesicht befand sich dicht vor ihm, und ihre blitzenden Augen bohrten
-sich in die seinigen. In hoher Erregung stieß sie die Worte hervor:
-
-»So soll für alle Zeiten Feindschaft zwischen uns bestehen? Soll das
-herrliche Evangelium der Liebe, das Christus den Menschen hinterlassen
-hat, für uns nicht gepredigt sein?«
-
-Aber Maxens Mund blieb dem vor Leidenschaft bebenden Mädchen gegenüber
-stumm, nur auf seinem Gesicht lag eine Zurückweisung.
-
-Da trat Maria noch näher an ihn heran, ihr Busen hob und senkte sich
-in hastiger Aufeinanderfolge. Max sah auf ihrem Gesicht den heftigen
-Kampf, der in ihr tobte. Die feingeschnittenen Nasenflügel zitterten
-vor Zorn, und er fühlte ihren heißen Atem auf seiner Wange.
-
-Scheu schob er sich einen Schritt an der Mauer hin, um sich zu
-entfernen. Da schrie das Mädchen im Schmerz laut auf, und während es
-noch schien, als wenn sie die Worte auf den Lippen zurückhalten könne,
-brach es schon von dem bebenden Munde:
-
-»Und wenn ich nun mit der ganzen Kraft meiner Seele -- -- Dich liebte,
-Max!?«
-
-Einen Augenblick lang lehnte der junge Mann den Kopf an die Mauer und
-schloß, von heftigem Schwindel erfaßt, die Augen. Dann hob er die Lider
-ließ einen Blick eisiger Kälte auf das Mädchen niederfallen und sagte
-in rauhem Tone:
-
-»Unsere Familien haben für alle Zeiten nie wieder etwas mit einander
-gemein!«
-
-Darauf wandte er sich trotzig ab und schritt dem Ausgang zu, seine
-verstört blickende Schwester an der Hand mit sich ziehend.
-
-Die Zurückbleibende verfolgte die Geschwister mit den Augen, bis sie
-verschwunden waren. Langsam, und ohne daß sie wußte was sie tat, trat
-Maria wieder in ihr Betstübchen. Eine Weile blieb sie mit steifem
-Körper mitten darin stehen, dann brachen der Zitternden die Knie. Sie
-bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und legte es auf den Sitz eines
-der schwarzen Stühle. Und während das wilde Schluchzen hervorbrach, das
-ihr die Brust zu zersprengen drohte, schlangen sich zwei weiche Arme um
-ihren Hals, und die beiden Mädchen weinten lange zusammen.
-
-
-
-
-8. Kapitel.
-
-
-Wenige Tage später wurden die Tiefenbachs durch einen Brief Friesens
-überrascht, in dem er schrieb, daß er, wenn auch ein wenig mitgenommen,
-so doch ohne Schaden an Seele und Körper aus Rußland zurückgekehrt
-sei. Gleichzeitig kündete er seinen Besuch an, und bald darauf traf er
-auch in Rehefeld ein und wurde auf dem Freihofe wie ein alter, lieber
-Freund begrüßt. Trotzdem er an allen größeren Schlachten, in denen die
-Sachsen gekämpft, teilgenommen hatte, war er unverwundet geblieben.
-Aber der entsetzlichen Kälte hatte er, wie so viele tausend Andere,
-doch seinen Tribut zollen müssen: beide Füße waren ihm erfroren.
-Deshalb konnte er nur mit Mühe kleine Fußwanderungen unternehmen.
-
-Was er von den überstandenen Leiden der Armee erzählte, war so
-fürchterlich, daß man glauben konnte, eine überhitzte Phantasie trage
-das Entsetzlichste von Elend und Jammer zusammen.
-
-Die Soldaten hatten vor dem Sterben jegliche Bangigkeit verloren.
-Täglich hofften sie, daß ein baldiger Tod sie von ihren nicht
-endenwollenden Leiden erlösen würde, und wenn die Unglücklichen
-am Abend vor Hunger und Mattigkeit zusammenbrachen, trösteten sie
-einander, daß der morgende Tag die ersehnte Erlösung bringen müsse.
-Eine große Anzahl suchte das Ende freiwillig und fand es nur zu leicht.
-Die noch in Reih und Glied sich Haltenden liefen willenlos vorwärts.
-Wer vor Müdigkeit oder Schwäche zusammensank, blieb liegen; keiner
-kümmerte sich um den andern. Zu beiden Seiten der Straße lagen die
-Zurückbleibenden.
-
-Mit dem Rücken an einen dicken Baumstamm gelehnt, saß auf einem
-Stein ein eisgrauer französischer Oberst. Er hatte in gänzlicher
-Umnachtung seiner Sinne die dürftigen Reste seiner Uniform abgelegt
-und saß nun in der schneidenden Kälte entkleidet und sang mit
-versagender Stimme religiöse Lieder. An einer andern Stelle lag,
-zur Seite eines gestürzten, von Zeit Zeit noch zuckenden Pferdes,
-ein toter preußischer Kürassier. Die Köpfe der beiden Kameraden
-waren eng aneindergeschmiegt. Ein Stück davon stand aufrecht an
-einem zerbrochenen Pulverkarren ein Trainsoldat, beide Arme auf den
-Munitionskasten gestützt und darauf den Kopf gelegt, als wenn er
-schliefe. Einige Soldaten traten hinzu, um das Holz für ihr Biwakfeuer
-zu holen. Da stieß einer von ihnen den Schlafenden an, daß dieser
-seinen Halt verlor und, ohne seine Stellung aufzugeben, mit den Armen
-unter dem Kopf der Länge nach hinschlug. Er war tot und so steif
-gefroren wie ein Pfahl.
-
-Um einen verbrannten Holzstoß, von dem nur noch die Aschereste übrig
-geblieben waren, lag und saß in wunderlichen Stellungen und in Gruppen
-vereinigt etwa ein Dutzend sächsischer Grenadiere. Mit dem verglommenen
-Wachtfeuer war auch ihr Lebensfunke erloschen. In der Asche eines
-andern Feuers lag ein Soldat, dessen beschmutzte und zerrissene
-Uniform, soweit sie noch vorhanden war, nicht mehr erkennen ließ, woher
-der Mann stammte. Er mußte sich am Abend vorher verzweiflungsvoll
-in die Flammen geworfen haben. Sein Kopf war schwarz wie Holzkohle
-und dort, wo ihn das Feuer erfaßt hatte, war das Fleisch bis auf die
-Knochen verbrannt.
-
-Wer aus dem Zuge der Marschierenden heraustrat, fand oft nicht
-mehr Willen und Kraft wieder vorwärts zu gehen. Wer sich auf den
-Grabenrand setzte, um nur wenige Minuten auszuruhen, wurde leicht von
-der unwiderstehlichen Müdigkeit überwältigt und verfiel in bleiernen
-Schlaf, aus dem er nicht wieder erwachte.
-
-Der Hunger war gräßlich. Zuerst wurden die gestürzten Pferde verzehrt,
-später tötete man die lebenden und aß sie auf. Ihr Blut wurde begierig
-aufgesogen, um den brennenden Durst zu stillen. Als es keine Pferde
-mehr gab, aß man die ekelerregendsten Dinge. Wasser war selten zu
-bekommen, deshalb verschluckte man Schnee, der den Durst nur noch
-steigerte.
-
-Der Kälte konnten sich die Unglücklichen kaum noch erwehren, da die
-Uniformen zu dünn waren und bald zerfetzten. Wer eine Decke, ein Tuch,
-selbst Frauenkleider bekommen konnte, schlang sie um die Blößen. Die
-Schuhe zerweichten in dem tiefen Schnee, durch den man täglich waten
-mußte. Dann wurden die mit brandigen Wunden bedeckten Füße mit Lumpen
-umhüllt und diese mit Stricken festgehalten.
-
-Während der Nacht steigerte sich die Kälte. Wer am Wachtfeuer lag, dem
-konnte es passieren, daß die Schuhe verbrannten, während ihm am anderen
-Morgen Ohren, Nase und Wangen erfroren waren. Gar mancher von denen,
-die sich am Abend niederlegten, stand nicht wieder auf.
-
-Auf den weiten Schneefeldern Rußlands lag die Blüte der Völker Europas
-im ewigen Schlaf! Lautlos deckte sie das flockige Leichentuch zu und
-begrub Freund und Feind unter sich. Viele tausend lebensfroher und
-kraftstrotzender Männer haben dort frühzeitig ihr Knie gebeugt vor
-der Majestät des Todes, und dem Zuge der Lebenden jagten Krankheit,
-Mutlosigkeit und Verzweiflung wie wilde Furien hinterdrein und
-peitschten die Unglücklichen so grausam, daß ihre Reihen immer lichter
-wurden.
-
-Friesen befand sich in großer Verstimmung gegen den Kaiser, dem er alle
-Schuld an dem fürchterlichen Elend zuschob. Er erzählte, wie sich in
-Dresden insgeheim unter den Offizieren eine Partei gebildet habe, die
-nichts anderes bezwecke, als den König vom Kaiser Napoleon loszureißen.
-Der Monarch solle, so wünschten diese Patrioten, die Fesseln brechen,
-die ihn an den Kaiser ketteten. Sie wollten ihm freie Wahl schaffen, ob
-er weiterhin dem Kaiser seine Unterstützung gewähren, oder ob er seine
-Truppen von den Franzosen zurückziehen wolle.
-
-Den Bemühungen dieser Partei wurde aber wenig Beachtung geschenkt.
-Der König selbst war weit davon entfernt, in dem Gottesgericht in
-Rußland eine Mahnung zu erkennen und sein Verhalten gegen den Kaiser
-ernstlich zu prüfen. Er war in großer Sorge, daß sein Schmerzenskind,
-das Herzogtum Warschau, in der hereinbrechenden Verwirrung ihm
-verloren gehen könne. Deshalb erließ er in Polen Aufrufe, die sich
-aber bald als nutzlos erwiesen, und die in dem Minister Senfft den
-nicht zur Ausführung gekommenen Gedanken reifen ließen, England für die
-Aufrechterhaltung des Herzogtums zu interessieren.
-
-Die Erkenntnis aber, daß König und Regierung seit Jahren eine falsche
-Politik getrieben hatten, deren verhängnisvolle Folgen sich in nicht
-zu ferner Zeit erweisen würden, schlug in dem sächsischen Volke immer
-tiefer Wurzel. Hier und da erhoben Männer, die mit seherischem Blick
-in die Zukunft schauten, warnend ihre Stimmen und verlangten, daß der
-König die Kriegsmüdigkeit des Landes Napoleon auf das entschiedenste
-darstellen solle.
-
- * * * * *
-
-Niemand im Dorfe beobachtete die politischen Vorgänge mit so großer
-Aufmerksamkeit, wie Konrad Hartmann. Jede Nachricht, die er über den
-Kaiser und die Ereignisse in Dresden bekam, erregte sein Interesse,
-und um Neuigkeiten zu erfahren, ritt er zuweilen weit über Land in die
-Nachbardörfer oder fuhr im leichten Schlitten nach Leipzig hinein. Es
-war ja Winter, und deshalb bot der Hof nur wenig Arbeit. In der Scheune
-waltete der alte Knecht, und die Sorge um die Wartung des Viehs ließ
-sich die Mutter einmal nicht nehmen.
-
-Besonders begierig war Konrad Hartmann darauf, Nachrichten aus
-Berlin zu erhalten. Dort gährte es gewaltig, denn man ahnte, daß der
-Jahreswechsel einen Wendepunkt von ungeheurer Wichtigkeit für die
-Geschicke der geknechteten Völker bedeute. Seitdem der preußische
-General York am 30. Dezember in Tauroggen den Neutralitätsvertrag mit
-den Russen abgeschlossen hatte, waren viele unerschrockene Männer im
-verborgenen an der Arbeit, Stimmung für eine Erhebung Preußens zu
-machen.
-
-Da faßte Konrad den Gedanken, nach Dresden zu gehen, um sich der
-nationalen Bewegung anzuschließen, die, wie er wußte, auch schon dort
-Wurzel geschlagen hatte. Freilich war die Begeisterung an der Elbe
-nur wie ein mattbrennendes Talglicht, im Vergleich zu den kaum noch
-niederzuhaltenden Flammen in Preußens Hauptstadt.
-
-Dem Sachsen der damaligen Zeit wird nicht mit Unrecht der Vorwurf
-gemacht, daß trotz fortwährender Vorstellungen aus Berlin, die
-Erkenntnis des günstigen Zeitpunkts einer Erhebung und eines
-Zusammenschlusses der deutschen Stämme nur mit dem Geschwindigkeitsmaß
-der Schnecke in ihm reifte. Und als das sächsische Volk endlich
-und viel zu spät von der Einsicht durchdrungen war, daß es nunmehr
-an der Zeit sei, das unwürdige Joch abzuschütteln und sich von den
-Sklavenketten zu befreien, da fanden die Rufe, die es an seine Führer
-richtete, kein Gehör. König und Regierung überboten sich darin, dem
-Kaiser ihre Ergebenheit zu versichern und sich in der Ausführung seiner
-nur schlecht in Wünsche gekleideten Befehle zu überstürzen.
-
-Konrad hatte in den letzten Tagen über die Stimmung in Dresden genaue
-Nachrichten erhalten. Er wußte auch, daß die sächsische Polizei,
-verstärkt durch eine große Anzahl französischer Geheimagenten, scharf
-aufpaßte und schon manchen Patrioten hinter feste Mauern gebracht hatte.
-
-Die Unsicherheit in der Hauptstadt bewog ihn zuletzt, vorläufig noch
-abzuwarten, wie sich die nationalen Kreise in Dresden der Berliner
-Bewegung gegenüber verhalten würden.
-
-Zudem bewahrte Konrad ein tiefes Geheimnis in seiner Brust, das er noch
-keinem Menschen offenbart hatte, und das ihn so im Bann hielt, daß,
-je länger er es mit sich herumtrug, sein Geist von den politischen
-Vorgängen immer mehr und mehr abgelenkt wurde. Durch das öftere
-Verweilen auf dem Freihofe während seiner Kindheit, war er mit allen
-seinen Bewohnern und insbesondere mit Elisabeth in enge Berührung
-getreten. Die liebliche Zartheit des Mädchens hatten ihn, den sonst
-nur für bäuerische Derbheit und strotzende Gesundheit bis an die
-Grenze des Ungeschlachten empfindsamen Sohn des Bauern von Rabenstein,
-wundersamerweise in Fesseln geschlagen. Er konnte sich keine
-Rechenschaft darüber geben, wie es kam, daß dieses zierliche Geschöpf
-mit der ausgelassenen Lustigkeit und dem Lachen eines übermütigen
-Kindes einen solchen Eindruck auf ihn machte, da er doch von Natur aus
-einer ernsten Lebensauffassung zuneigte.
-
-Seit länger als einem Jahre schon war er aber davon überzeugt, daß
-das Gefühl, das er für Elisabeth empfand, nichts anderes war, als
-eine tiefe, sein ganzes Herz ausfüllende Liebe. Den Gedanken, sie zu
-seinem Weibe zu machen, hatte er, so oft er sich auch in seine Seele
-gestohlen, immer wieder zurückgedrängt. Eine Bäuerin, wie sie auf dem
-Rabensteiner Hof schalten mußte, besonders wenn seine Mutter nicht mehr
-war, konnte aus dem Mädchen nie werden; das wußte er. Allein diese
-Einsicht war es nicht, die ihn hinderte, Elisabeth als Weib neben sich
-zu träumen und auch nicht der Umstand, daß es für den Besitzer eines
-kleinen Hofes eine Vermessenheit war, auf dem größten Gute weit und
-breit anzuklopfen und um die einzige Tochter zu bitten.
-
-Das, was ihn bisher seine Liebe als aussichtslos hatte erscheinen
-lassen, waren vielmehr die quälenden Zweifel, ob das zarte Pflänzchen
-im Schatten des knorrigen Eichbaums auch gedeihen werde, ob das
-kindliche Mädchen mit dem lebhaften, silberhellen Lachen an der Seite
-des in sich gekehrten Mannes glücklich werden könne. An ihm solle es
-ja gewiß nicht fehlen! Er war bereit, die Steine von ihrem Erdenpfade
-aufzulesen, daß ihr zarter Fuß sich nicht verletze, und seine Arme
-waren stark genug, sein Weib zu umfangen und so hoch empor zu heben,
-daß der Strom des Mühsals unter ihr hinwegflösse und kein irdisches
-Weh bis zu ihr heraufreiche. Aber der allzeit ohne Überschwang
-denkende Mann verhehlte sich dabei nicht, daß ihre Naturen doch recht
-verschieden waren.
-
-Um seinem gequälten Herzen Ruhe zu verschaffen, beschloß Konrad, sich
-seiner Mutter zu entdecken.
-
-Eines Abends saßen wieder Mutter und Sohn wie immer einander gegenüber.
-Sie drehte unermüdlich den blonden Flachs über die schnurrende Spindel
-und betrachtete mit scharfem Auge den sich hurtig abwickelnden Faden.
-Konrad hatte den Kopf in beide Hände gestützt und las in einem Buche
-mit vergilbten Blättern in starkem Schweinsledereinband, wie sich in
-grauer Vorzeit die Bewohner Athens der gleich Heuschreckenschwärmen
-gegen sie heranziehenden Scharen der Perser erwehrten. Schon an die
-fünfzig Male hatte der Jüngling wohl diese Schilderung gelesen und
-wie oft geseufzt, wenn er daran dachte, was vor mehr als zweitausend
-Jahren ein kleines Volk vollbracht hatte. Heute war alle Begeisterung
-tot. In dumpfem Brüten schritten starke Völker ihre Straße dahin, die
-Füße mit klirrenden Ketten gefesselt und auf dem Rücken die Peitsche
-des Eroberers fühlend. Hier und da nur sah man, wie einem in dem
-großen Zuge das Auge rollte, vernahm man ingrimmige Verwünschungen und
-ohnmächtiges Zähneknirschen.
-
-Unwillkürlich stieß Konrad das Buch von sich und versank in tiefes
-Sinnen.
-
-Aber nicht mehr im grauen Altertum weilten seine Gedanken. Er sah
-vielmehr eine lichte Mädchengestalt mit zwei langen, aschblonden
-Zöpfen, die durch die raschen Bewegungen lustig um die Schultern ihrer
-Herrin flogen, hörte nur zwei trippelnde Füßchen und ein glockenreines
-Lachen. Da atmete Konrad tief auf, daß seine Mutter den Blick von dem
-schnurrenden Rade erhob und forschend auf den Sohn richtete.
-
-Lange Minuten blieben ihre Augen auf ihm haften, unterdessen sie das
-Spinnrad vergaß, daß es nur noch langsam weiterlief, bis es endlich
-stillstand.
-
-Ihre Gedanken flogen vom Sohn zurück zu seinem verstorbenen Vater, dem
-er immer ähnlicher wurde. Derselbe starke Wille, den jener besessen,
-zeigte sich bei ihm immer deutlicher. Ein Hindernis in der Ausführung
-seiner Pläne hatte der Vater nicht gekannt. Starrköpfig war er durchs
-Leben gegangen mit seinem abstoßenden Wesen und dem doch so trefflichen
-Herzen. Die Leute mochten ihn nicht gern, weil er so arg mit Worten
-geizte; deshalb vermieden sie seine Begegnung. Immer mehr insichgekehrt
-wurde er, bis er zuletzt menschenscheu geworden war.
-
-Jetzt hob Konrad den Kopf von den beiden Fäusten, die ihn stützten, und
-seine Augen begegneten denen der Mutter.
-
-»Mutter,« sagte er, »warum siehst Du mich so starr an?«
-
-»Du hast schwer geseufzt, mein Junge,« antwortete sie, »was fehlt Dir?«
-
-Da sah Konrad von seiner Mutter weg und ließ den Blick wieder vor sich
-hinfallen.
-
-»So, also geseufzt habe ich? Das tun, wie man spricht, gern
-Verliebte -- -- --, nun, da sage ichs nur gleich frei heraus, Mutter,
-ja ich bin verliebt!«
-
-Und mit fliegendem Atem, gleichsam als dränge es ihn, nun, nachdem das
-Geheimnis offenbart war, seine Seele von allem, was sie bedrückte, zu
-entlasten, sprach er von seiner tiefen Liebe zu der Schwester seines
-Freundes.
-
-Ohne ein Zeichen der Überraschung zu geben, hatte die Mutter dem Sohne
-zugehört. Nun sagte sie leise:
-
-»Ich habe dies alles ja schon längst gewußt, Konrad. Denn an Deinem
-Vater habe ich es gelernt, in der Seele eines verschlossenen Menschen
-zu lesen. Hast Du dem Mädchen Deine Liebe gestanden?«
-
-»Sie ahnt nichts. Und hätte ich es tun können? Bedenke doch, welch ein
-Kind Elisabeth noch ist. Sie würde es kaum für Ernst genommen haben,
-wenn ich gesprochen hätte.«
-
-»Du hast recht,« versetzte die Mutter, »dem Kinde darfst Du vorerst
-nichts davon sagen. Aber mit Elisabeths Mutter mußt Du alsbald
-sprechen, das wird verständig sein. Die Freihoferin ist eine kluge Frau
-und schätzt Dich.«
-
-Hier schwieg Konrad eine Weile. Dann sprach er mit benommener Stimme:
-
-»Aber denkst Du, Mutter, daß ich es tun darf? Es ist ein gewagtes Ding,
-den Rabensteiner Hof mit dem Freihof zu versippen!«
-
-»Du Narr,« fuhr da die Alte auf und machte eine heftige Bewegung,
-daß sie die untätig im Schoß liegenden Hände auseinanderriß, und
-sie beinahe den Spinnrocken noch umgestoßen hätte. »Wohin ist denn
-Dein Stolz? Denkst Du, daß die Alte auf dem Freihofe ihr Kind
-dem verschachern wird, der ihm die meisten Hufe und das weiteste
-Ackerland bietet? Sie würde Dir’s danken, wenn sie wüßte, wie Du sie
-einschätzest. Freilich ist der Besitz am Rabenstein nicht groß und
-nicht zu vergleichen mit dem der Tiefenbachs. Doch wissen’s alle,«
-setzte sie mit Befriedigung hinzu, »daß es eine saubere Wirtschaft
-ist, und daß unser kleines Land zu den besten der Umgebung gehört.
-Aber, papperlapapp, was reden wir da für unnützes Zeug. Du wirst
-rasch handeln, wie Du es sonst tust. Geh alsbald hinab zur Mutter des
-Mädchens, das Du liebst, und schütte ihr Dein Herz aus.«
-
-Darauf blieben die beiden noch eine Weile beieinander sitzen. Die
-Mutter wandte sich von neuem zum Spinnrad, ordnete mit flinker Hand
-die leicht in Verwirrung gekommenen Fäden und legte die volle Strähne
-wieder fest auf das sich unruhig bewegende Rad. Bald darauf schnurrte
-dies wieder lustig, und die Alte sah wie vorhin aufmerksam auf den sich
-abwickelnden Faden.
-
-Konrad aber betrachtete mit zerstreuten Blicken die leicht
-vornübergebeugte Gestalt seiner Mutter und wollte bemerken, daß der
-Knoten, der von dem schlicht zurückgestrichenen, grauweißen Haar auf
-dem Hinterkopfe gewunden war, eigentlich recht klein geworden war, und
-daß die Linien des sich ihm von der Seite darbietenden Gesichts und
-des Halses doch sehr scharf hervortraten. Aber so recht zum Bewußtsein
-kam ihm dies nicht. Sein Blick richtete sich nach innen, und er vergaß
-seine Umgebung.
-
-Da stand er plötzlich vom Tische auf, klappte das Buch mit der
-Beschreibung der Freiheitskämpfe des Griechenvolks im Altertum
-nachdrücklich zu und stellte es auf das Wandbrett, wo auch die andern
-Bände seiner kleinen Hausbibliothek standen. Dann nahm er noch einmal
-die gequetschte und mit nasser Leinwand umwickelte Pfote des am Ofen
-schlafenden Spitzes in die Hand und war befriedigt, daß er sie nicht
-heiß fand. Sodann verließ er mit einem kurzen Gutenachtgruß das Zimmer.
-
-
-
-
-9. Kapitel.
-
-
-Noch immer hielt die grimmige Kälte an, und der Schnee lag hoch
-aufgeweht auf der weiten Fläche. Ein Tag nach dem andern schlich trübe
-und grau dahin; kein freundlicher Sonnenstrahl schien auf die Erde
-herab. Die Leute kamen während des kurzen Tages kaum einmal aus ihren
-Häusern heraus. Das bißchen Arbeit, das in der Scheune verrichtet
-werden mußte, wurde am Vormittag getan. Im übrigen aber ließ man die
-sonst so arbeitsamen Hände ruhen, saß nebeneinander auf der geräumigen
-Bank, rund um den behagliche Wärme verbreitenden Ofen, und sah durch
-die leicht mit Eisblumen geschmückten Fensterscheiben hinaus in
-die winterliche Landschaft. Der Abend brachte endlich wieder eine
-Unterbrechung: man eilte in die Ställe und besorgte das Vieh. Dann aber
-saßen sie wieder beisammen und sprachen von der alten Ernte und von der
-neuen, vom Kriege und von Weihnachten, zählten zum hundertsten Male
-auf, wer im verflossenen Jahre im Dorfe und in der Umgebung, soweit
-man sie kannte, gestorben und wem ein kleines Kindlein beschert worden
-war. Zuletzt kamen sie bei der Politik an, die seit Menschendenken den
-Männern einen bequemen und ausgiebigen Gesprächsstoff geliefert hat.
-
-Wenn nur der Kaiser seine neue Armee erst wieder aus Paris würde
-heranführen, dann mochte man Untertan aller Herren Länder sein,
-bloß kein Russe, denn denen würde er die Leiden seiner Soldaten
-schon vergelten. Übrigens würde nicht eher dauernder Friede im Lande
-herrschen, ehe nicht der Kaiser die Preußen wieder einmal empfindlich
-gestraft haben würde. In Berlin sollte es ja recht schön zugehen. Auf
-jedem Schneehaufen lägen erschlagene Offiziere und Bürger, und der
-König Friedrich Wilhelm hätte einen italienischen Zigeuner überredet,
-daß er den Kaiser vergiften solle.
-
-Wie friedlich war’s dagegen doch in Dresden! Dort gab es kein Lärmen,
-aufhetzendes Gerede oder Fäusteballen. Und tat dies doch einmal einer,
-so verschwand er, wie es sich geziemte, ohne Geräusch und spurlos von
-der Bildfläche. Ja, in dem lieben, guten Dresden herrschte eben wie
-immer Ordnung! Die Minister waren so klug, sich Watte in die Ohren zu
-stopfen, wenn ihnen von geheimen Boten aus Berlin etwas zugeflüstert
-wurde, und der gute König ließ das im vergangenen Jahre vor Ankunft
-des Kaisers im Innern neu hergerichtete Schloß wieder sauber machen
-und zählte ungeduldig die Tage bis zu der vermeintlichen Wiederkunft
-des kaiserlichen Freundes. Also nach dieser Seite hin war im Lande der
-Ausblick erfreulich ...
-
-So erzählten sich die biedern Rehefelder Abend für Abend die
-haarsträubendsten Geschichten von den Dingen, die mit dem kommenden
-Lenze anheben sollten. Und wie es sich auf diesem abgelegenen Dörfchen
-zutrug, genau so geschah es allüberall unter den Untertanen des Königs,
-der die grüne Raute im Schilde führt. Die beginnenden Wehen der großen
-Zeit wurden allerwärts in den deutschen Landen verspürt, nur innerhalb
-der weißgrünen Grenzpfähle merkte man nichts von ihnen. Das am Himmel
-leise heraufkommende Morgenrot der deutschen Freiheit sahen sie nicht,
-erst mußte das ganze Firmament blutigrot leuchten, als Widerschein der
-urgewaltig auflodernden Flammen. Und dann war es zu spät.
-
-Die Schneewolken hingen tief herab und machten die kurzen, lichtarmen
-Wintertage traurig und düster. Weit finsterer war es aber in den Köpfen
-vieler Menschen.
-
- * * * * *
-
-Die Freihoferin saß, vor sich hinbrütend, auf ihrem gewohnten Platze am
-runden Tische, als es an der Tür klopfte, und gleich darauf Konrad ins
-Zimmer trat.
-
-Frau von Tiefenbach fuhr aus ihren Gedanken auf und sah zerstreut auf
-den Ankommenden.
-
-»Guten Tag, Bäuerin,« grüßte Konrad und zog mit umständlicher Bewegung
-die Tür hinter sich fest ins Schloß.
-
-»Willkommen, Konrad,« klang es zurück. »Es ist mir lieb, Gesellschaft
-zu bekommen, denn die Kinder sind mit dem Schlitten draußen. Kurz nach
-Mittag sind sie fortgefahren, und ich erwarte sie bald zurück. Wie geht
-es der Mutter?«
-
-»Ich danke für die gute Nachfrage, sie ist wohlauf und läßt Grüße
-bestellen.«
-
-Mit diesen Worten war der Rabensteiner, der alten Frau zunickend, zu
-dem mächtigen Ofen getreten und legte mit Behagen die erstarrten Hände
-daran.
-
-Dann blieb es eine kurze Weile still. Draußen begann sich allmählich
-die Dämmerung herabzusenken und erfüllte das Zimmer mit unsicherm Licht.
-
-Die Freihoferin sah nach dem Fenster, dann warf sie, als das Schweigen
-andauerte, einen raschen Blick zu dem Mann hinüber, der sich stumm
-am Ofen zu schaffen machte und nicht von den großen, braunen Kacheln
-aufschaute.
-
-Noch immer die Hände reibend, hob Konrad endlich an:
-
-»Wie lange wird’s noch so gehen? So lange ich denken kann, hatten wir
-noch keinen solchen anhaltenden Winter. Wenn es doch bald besser werden
-wollte. Ich wünschte, der viele Schnee verschwände mit einem Male.«
-
-»Ich fürchte mich vor einem plötzlichen Temperaturwechsel bei solch
-einem Schneereichtum,« versetzte Frau von Tiefenbach. »Schnelles
-Tauwetter bringt zuweilen Gefahren.«
-
-»Das ist freilich richtig,« antwortete Konrad einsilbig.
-
-Eine Pause entstand.
-
-»Was man von Berlin hört, ist recht erfreulich,« begann er wieder.
-»Gebt acht, wenn uns Heil widerfahren soll, kommt es von der Spree her.
-Bei uns sind doch alle nur Nachtmützen.«
-
-»Du hast Recht, Konrad. Hierzulande ist man schläfrig und denkfaul.
-Soviel Schnee draußen liegt, so viel müßiges Geschwätz ist in der Leute
-Mund. Aber vernünftig denken oder gar erst handeln tut keiner.«
-
-Der am Ofen gab keine Antwort, aber er rieb und knetete seine Hände,
-daß die Finger krachten.
-
-Wieder gab es eine Pause.
-
-Die Erwartung der Freihoferin stieg immer höher, aber sie verriet mit
-keinem Zeichen ihre Ungeduld. Nur mußte sie mehr als einmal verstohlen
-hinübersehen, nach dem jungen Mann, der ihr heute so seltsam erschien.
-
-Da wandte sich Konrad plötzlich um und trat zum Tische. Mit einer
-ungeduldigen Bewegung zog er einen der schweren Stühle vor sich hin,
-beugte sich weit über die hohe Lehne und sah der Freihoferin mit
-unsicherm Blick in das Gesicht.
-
-Langsam und mit belegter Stimme, gleichsam die Worte abzählend, sprach
-er dann:
-
-»Bäuerin, ich muß Euch um etwas fragen. Seit mehr als einem Jahr schon
-liegt es mir auf der Brust und preßt mir fast das Herz ab. Jetzt kann
-ich es aber nimmer ertragen. Sagt, Freihoferin, wollt Ihr mir Euer
-Liebstes, das Ihr habt, anvertrauen? Ich verspreche Euch -- --«
-
-Hier brach Konrad ab. Er wollte zwar mehr sprechen, aber die Worte
-erstarben ihm auf der Zunge, bei dem Anblick, den die Frau vor ihm bot.
-
-Das Gesicht starr wie aus Stein, die Lippen, aus denen jeder
-Blutstropfen gewichen war, fest aufeinandergepreßt, und den Blick auf
-den Boden geheftet, saß die Freihoferin unbeweglich im Stuhle, den
-einen Arm schwer auf den Tisch stützend.
-
-Zwei, drei Sekunden vergingen in diesem Schweigen. Dann schob Konrad
-den Oberkörper weit vornüber, daß sein Mund sich dicht vor dem Gesicht
-der Freihoferin befand. Er wußte die Veränderung der Greisin nicht zu
-deuten, deshalb begann er von neuem und stieß mit gepreßter Stimme die
-Worte hervor:
-
-»Ich besitze nicht viel, was ich Euerm Kinde bieten könnte. Ihr wißt,
-der Rabensteiner Hof ist eng und sein Ertrag klein. Aber wenn’s Euch
-gefällt zu hören, so verrate ichs Euch, der Mutter, daß ich Euer Kind
-liebe aus der tiefsten Stelle meines Herzens heraus und daß ich sein
-Leben und Glück behüten würde wie einen kostbaren Schatz, den mir die
-Engel vom Himmel herab in mein Heim getragen haben!«
-
-In überschäumender Leidenschaft hatte der Mann diese Worte
-ausgesprochen und seine ehrlichen Augen fest auf die Freihoferin
-gerichtet.
-
-Aber die Greisin rührte sich nicht, hob nicht einmal den Blick, um ihn
-dem Bittenden zu gönnen.
-
-Da schlug der junge Mann die Augen nieder und langsam, als ob es ihm
-Schmerzen bereite, richtete er sich aus seiner vornübergebeugten
-Haltung auf und trat einen Schritt zurück.
-
-Dann sprach er mit unsäglich bitterm Auflachen:
-
-»Da hätte mich die Mutter nicht zu schelten brauchen, als ich die
-Befürchtung aussprach, daß zum Brautwerber auf dem Freihofe der
-Rabensteiner zu gering sein würde!«
-
-Bei diesen Worten machte die Freihoferin eine matte Bewegung, als wenn
-sie Konrad am Weitersprechen hindern wollte. Doch der warf trotzig den
-Kopf in den Nacken, griff nach der Mütze und wandte sich zur Tür. Da
-drangen ihm in scharfem Tone die Worte ins Ohr:
-
-»Konrad, bleib und setze Dich zu mir!«
-
-Diese Aufforderung hatte so gebieterisch geklungen, daß der junge Mann
-nicht wagte, sich zu entfernen. Er trat wieder zum Tische und nahm der
-Greisin gegenüber Platz.
-
-Noch immer in tiefer Bewegung, aber äußerlich gefaßt, begann die
-Freihoferin:
-
-»Ich habe Deinen Vater gekannt, Konrad, er war ein Ehrenmann. Deine
-Mutter ist meine Freundin, und Dich habe ich schon liebgewonnen, wie Du
-als Knabe im Ziegenbockwägelchen durchs Dorf kutschiertest. Ich kenne
-Dich besser als Du meinst und wüßte für meine Tochter weit und breit
-keinen bessern Freier als Dich. Und doch kannst Du nicht mein Eidam
-sein, wie es überhaupt niemand werden kann.«
-
-Die Freihoferin lehnte sich in den Stuhl zurück, als wenn sie einer
-Schwächeanwandlung folgen müsse. Nach einigen Augenblicken aber raffte
-sie sich wieder auf und sprach mit leiser Stimme:
-
-»Höre zu, Konrad, was ich Dir sage. Du und kein anderer wärst mein
-Tochtermann geworden, wenn nicht eine höhere Macht, der wir uns demütig
-beugen müssen, es anders wollte. Was ich Dir jetzt anvertraue, weiß
-nur ich, und niemand ahnt das Entsetzliche. Ich allein wollte den Gram
-bewahren, bis es offenkundig werden muß. Dir gegenüber aber muß ich
-reden. Es kann Dir wie allen andern nicht verborgen geblieben sein, daß
-Elisabeth eine schwache Gesundheit besitzt und seit Jahren kränkelt.
-Sie ist aber leidender als sie und alle, die sie kennen, ahnen. Meinem
-Blick ist es nicht entgangen, daß ihre von allen Ärzten als unheilbar
-bezeichnete Krankheit in den letzten beiden Jahren rasche Fortschritte
-gemacht hat, und eine innere Stimme raunt mir schon zu, daß ich das
-Kind nicht mehr lange besitzen werde. O, -- mir bangt so unsagbar vor
-dem Herbste -- -- --«
-
-Die Freihoferin hielt inne, um ihre Bewegung niederzukämpfen. Dann
-wollte sie weiter sprechen, aber ihre Stimme versagte. Sie lehnte ihr
-Haupt wieder an die Stuhllehne zurück und bedeckte das Gesicht mit der
-Hand.
-
-Konrad hatte der Greisin lautlos zugehört; jedes ihrer Worte fühlte er
-wie einen Keulenschlag. Sein ganzer Himmel brach über ihm zusammen. In
-diesem Augenblick erst überkam ihn die Erkenntnis, mit welch inniger
-Liebe sein Herz schon an dem Mädchen gehangen hatte, jetzt, wo er das
-Kleinod verlor, noch ehe er es besessen hatte. Noch vor einer Stunde
-war sein Herz von seligen Hoffnungen erfüllt gewesen. Sein geistiges
-Auge hatte ihm eine blumige Wiese vorgezaubert, auf der er ruhte. Und
-wie sein Blick sich labte an den glänzenden Gaben des Himmels, da kam
-das Glück, ein betörend schönes Weib, lachend auf ihn zugeschritten
-und bot ihm schon von fern die Hand. -- So hatte es in seinem Innern
-ausgesehen, als er dieses Zimmer betrat. Und jetzt? Wie war doch mit
-einem Male alles in ihm ganz anders! Das Jauchzen war verstummt, der
-Sonnenglanz verblichen. Die grauen Schneewolken draußen hingen tief
-herab, daß sie seine Stirn zu berühren schienen. Blüten und Blumen
-waren verschwunden, und weit in der Ferne schritt flüchtigen Fußes das
-Glück, -- -- es war an ihm vorübergegangen!
-
-Da fiel sein Auge auf die in den Stuhl zurückgesunkene Greisin, und
-langsam schloß sich die frische Wunde seines Herzens, verstummte sein
-Weh vor dem gewaltigen Schmerz, der diese Mutter durchwühlte. Durfte
-er klagen angesichts dieses Weibes, das seit langen Monaten sein Kind
-dahinschwinden sah, und dem ein untrügliches Gefühl seinen nahen Tod
-grausam angekündigt hatte?
-
-Erschüttert sah Konrad auf die Freihoferin. Aber er wußte nicht, wie er
-sie trösten sollte, denn solch einen Schmerz können Worte nicht mildern.
-
-Und mühsam erhob sich der Jüngling und ging mit leisen Schritten zur
-Tür und verließ geräuschlos das Zimmer.
-
- * * * * *
-
-Wenige Stunden später waren die beiden Männer mit Elisabeth
-zurückgekehrt, und bald darauf vereinten sich alle zur Abendmahlzeit.
-Während des Essens herrschte die fröhlichste Stimmung. Elisabeth war
-ausgelassen wie selten. Sie sprühte vor Lustigkeit, und ihr fröhliches
-Lachen übte seine Wirkung auf die kleine Tischgesellschaft aus. Nur die
-Freihoferin blieb ernst und schaute mit besorgten Blicken auf das ihr
-gegenübersitzende Mädchen.
-
-Der Ausflug vom Nachmittag wurde besprochen, und Elisabeth erzählte
-der Mutter, daß sie auf der Bornaschen Straße ein gutes Stück
-hinausgefahren und dann über Göltzschen zurückgekehrt seien. Die
-Pferde hätten wacker ausgegriffen, und es sei eine Lust gewesen, so
-pfeilschnell durch die herrliche Winterlandschaft zu fliegen.
-
-»Auf der Rückfahrt,« plauderte sie mit Lebhaftigkeit, »mußte Max die
-Zügel natürlich meinen Händen überlassen, und während er mit Herrn
-von Friesen hinter mir wieder über die ganz langweilige Politik
-sprach, reifte mit einem Male in meiner Seele ein schwarzer Plan.
-Ich hatte es nämlich schon wiederholt versucht, die beiden von ihrem
-Gesprächsstoff abzulenken, denn sie sollten von etwas reden, das ich
-gern höre. Aber mein Drängen war immer vergeblich gewesen. Da riß
-mir endlich die Geduld und ich beschloß, mitten in ihre Unterhaltung
-hinein ganz überraschend einen dicken Punkt zu machen. Und wie wir den
-Tanzberg kaum im Rücken hatten, und die Gäule die abfallende Straße
-hinuntertrabten, da war ich mit mir im reinen über das Mittel, mit dem
-ich die ungalanten Herren an die Pflichten der Ritterlichkeit mahnen
-wollte. Du weißt, liebe Mutter, an der Stelle, wo im Sommer die großen
-Brombeersträucher blühen, macht die Straße einen scharfen Knick. Dort
-sollte der Schauplatz der Katastrophe sein. Leider war kein Publikum
-zu der Vorstellung erschienen. Links also sind die Sträucher, und
-rechts der Straße hat der Wind den Schnee hochaufgeweht. Ich halte die
-Zügel etwas straffer, um die scharfe Biegung nicht allzuschnell zu
-nehmen. Kaum sind wir aber bei ihr angekommen, und die Pferde wenden
-nach links, da reiße ich die Gäule scharf in die neue Richtung hinein,
-daß die Tiere fast umkehren und stehen bleiben. Natürlich ist diese
-Bewegung für den Schlitten viel zu hastig, er kann sie nicht mitmachen,
-sondern schleudert im Halbkreis herum und wirft sich, seinen Inhalt
-sorgfältig ausschüttend, blitzschnell auf die Seite. In demselben
-Augenblick aber, wo ich merke, daß der zuverlässige Kutscherbock unter
-meinen Füßen seine horizontale Lage aufgeben will, trenne ich mich von
-dem launischen Gefährt und springe wie eine Katze dem Handpferd auf den
-Rücken. Von diesem Platze aus beherrschte ich das Gesichtsfeld ganz
-prächtig und konnte jede Bewegung, die die bis zum letzten Augenblick
-politisierenden Herren in der nächsten Sekunde machten, auf’s
-eingehendste studieren.«
-
-Hier konnte die Erzählerin ihre Fröhlichkeit nicht mehr zurückhalten.
-Die Komik des Vorgangs stand ihr wieder mit so lebhafter Deutlichkeit
-vor Augen, daß sie mit ihrem bisher mühsam zurückgehaltenen Lachen laut
-herausbrach und ihre Heiterkeit die Männer mit fortriß, denn auch sie
-stimmten in das Gelächter fröhlich ein.
-
-Elisabeth aber hatte das Lachen so angestrengt, daß sie erst wieder
-eine kurze Weile Atem schöpfen mußte, ehe sie weiter sprechen konnte.
-Dann aber fuhr sie mit unverminderter Lebhaftigkeit fort:
-
-»Liebe Mutter, Du kannst Dir mit Zuhilfenahme Deiner ganzen Phantasie
-keinen rechten Begriff davon machen, wie die beiden Herren, jeder auf
-seine Art, sich der plötzlich veränderten Sachlage anpaßten. Das eine
-muß ich bei allen beiden anerkennen: sie beratschlagten nicht erst
-lange, was zu tun sei, sondern zogen vor, rasch zu handeln.
-
-Stumm schoß Herr von Friesen mit einem eleganten Wuppdich kopfüber
-auf den Punkt des Schneehaufens los, wo er am höchsten aufgeweht war
-und verschwand sofort darin. Leider sprang mein teurer Bruder nicht
-ebenso graziös wie sein Freund. Ich mußte, ohne daß ich es wollte, des
-Anblicks gedenken, den die sich sträubenden Kälber darbieten, wenn sie
-der Viehmakler mit dem Hermann auf den Wagen hebt. Mit gespreizten
-Armen und Beinen näherte sich Max in raschem Tempo der seiner geduldig
-harrenden Schneewehe und bohrte sich, den Kopf voran, in sie hinein.
-Während Herr von Friesen für längere Zeit bis auf einen Stiefel ganz
-unsichtbar war, fand sich auch Max erst nach gründlichem Suchen darin
-wieder heraus und krabbelte mit den Gliedmaßen so komisch, daß er
-aussah wie ein dicker, schwarzer Käfer in einer Schüssel steifer
-Sahne. Kurzum, meine beiden ritterlichen Gefährten taten in diesen
-Augenblicken viel, nur von der Politik sprachen sie nicht mehr.«
-
-Die beiden Freunde waren durch die in erzwungenem Ernste gemachte
-Schilderung des Erlebnisses wiederholt zu erneuter Lustigkeit angeregt
-worden. Auch Elisabeth mußte ihrer Heiterkeit wieder freien Lauf
-lassen; sie beugte den Kopf hintenüber und wollte sich vor Lachen
-ausschütten. Das bleiche Gesichtchen mit den schmalen Wangen und den
-großen, glänzenden Augen strahlte vor Lebensfreude und ungebundenem
-Frohsinn.
-
-Da dämpfte plötzlich Elisabeth ihr lautes Lachen. Sie beugte den Kopf
-auf die Brust, und gleichzeitig wurde ihr zarter Körper durch einen
-schweren Hustenanfall aufs heftigste erschüttert. Mit einem Schlage
-war die sprudelnde Heiterkeit von dem kleinen Kreise gewichen, und
-unwillkürlich richteten sich aller Blicke mit Bangigkeit auf das unter
-den unaufhörlichen Hustenstößen augenscheinlich schwer leidende
-Mädchen. Noch ein kurzer, heftigerer Anfall, dann bekam Elisabeth
-wieder Ruhe. Sie tastete mit der Hand zum Hals, als wenn sie dort
-etwas beenge und schluckte einige Male hinunter. Darauf lehnte sie
-sich erschöpft zurück. In den Mundwinkeln des Mädchens aber wurden ein
-paar große, rote Tropfen sichtbar, die langsam am Kinn und am Halse
-hinabrollten.
-
-Da stieß die Freihoferin heftig den Stuhl zurück und stand im nächsten
-Augenblick neben dem schwer atmenden Kinde. Wie eine Feder hob die
-Greisin das Mädchen auf, preßte es an ihre Brust und trug es hastig zur
-Stube hinaus.
-
-
-
-
-10. Kapitel.
-
-
-In tiefem Blau prangte seit einigen Tagen der Himmel, und aus Südosten
-blies ein lauer Wind.
-
-Wie durch einen Zauberschlag war das Bild, das die Natur geboten,
-verändert: der Schnee war unter den warmen Sonnenstrahlen verschwunden.
-Anfangs ging es langsam, bis die obere Schicht zu schmelzen begann und
-die ersten Wasserläufe entstanden. Als aber die Luft wärmer wurde und
-der feurige Sonnenball seinen Kreislauf einige Male wiederholt hatte,
-ohne daß ihn neidische Wolken verbargen, da trat starkes Tauwetter
-ein. Das Wasser konnte nicht so rasch in die Erde einsickern. Die
-Straßen weichten auf und wurden grundlos, und auf den Äckern und
-Wiesen bildeten sich große Teiche, auf denen die Enten laut schnatternd
-umherschwammen und die liebe Dorfjugend jubelnd Papierschiffe treiben
-ließ. Der sonst zwischen seinen hochaufgeschütteten Ufern so friedlich
-dahingleitende Göselbach war stark angeschwollen. Seit diesem Morgen
-aber war er zum Strom geworden, dessen schäumende Wasser in raschem
-Laufe dahinschossen.
-
-Auf dem Freihofe war die schwere Beklemmung, die Elisabeths plötzliche
-Erkrankung hervorgerufen hatte, langsam wieder gewichen. Der schnell
-herbeigeholte Arzt hatte der Kranken Bettruhe verordnet, und wie ein
-folgsames Kind schluckte sie Eisstückchen, die die nicht von dem Bette
-weichende Freihoferin ihr reichte. Nach ein paar Tagen war das Mädchen
-wieder wohlauf und hatte das Bett verlassen. Sie versicherte, daß
-ihr nichts mehr fehle bis auf eine bleierne Mattigkeit, die in den
-Gliedern läge. Aber auch dies hielt nicht lange an, dann war sie wieder
-lustig und beweglich wie vorher. Sie tollte mit Friesen, als wenn
-nichts geschehen wäre, über die spärlichen Schneereste hinweg und war
-unermüdlich, ihn zu necken. Ihre Erfindungsgabe half ihr immer wieder,
-neue, harmlose Streiche ersinnen, die sie ihm spielte.
-
-Mit großer Besorgnis beobachtete die Freihoferin den Zustand ihres
-Kindes. Anfangs hatte sie wohl zuweilen ihre Stimme mahnend erhoben
-und dem Mädchen schnelle Bewegungen und Umherspringen untersagt, bald
-aber sah sie ein, daß ihre Mahnungen nicht fruchteten, da sie nur zu
-schnell vergessen wurden. Denn alle Bewegungen, die das Mädchen tat,
-waren rasch, und die große Lebhaftigkeit, die einen Teil ihres Wesens
-ausmachte, konnte sie unmöglich unterdrücken.
-
- * * * * *
-
-Max hatte mit Friesen für den Nachmittag einen Ausritt verabredet, dem
-auch Elisabeth sich anzuschließen wünschte. Der Widerstand der Mutter
-war bald besiegt, und so trabte denn die kleine Kavalkade fröhlich vom
-Hofe fort, hinein in den lachenden Sonnenschein. Friesen hatte eines
-der im vorigen Jahre gekauften Kutschpferde bestiegen, einen dicken
-Wallach, dem ab und zu einmal der Sattel aufgelegt wurde, während Max
-seinen Braunen ritt.
-
-Elisabeths hochbeiniger Schimmel konnte sich nicht lange dem ruhigen
-Schritt der beiden andern Pferde anpassen, er drängte unausgesetzt in
-die Zügel und tänzelte nebenher, den langen Schweif mutwillig hinüber
-und herüber schlagend. Aber Elisabeth war eine gute Reiterin, die die
-Launen des Tieres wohl kannte. Mit kurzem Zügelruck, den sie schnell
-wiederholte, verwies sie das Tier zur Ruhe, so daß der Schimmel alsbald
-die Zügel freigab, in ruhigen Gang fiel und den leisesten Hilfen der
-Reiterin wie ein Hündchen folgte.
-
-Als die kleine Schar außerhalb des Dorfes angekommen war und die Straße
-verlassen konnte, lenkte sie hinüber auf ein sich lang hinziehendes
-Rasenstück, auf dem nur noch vereinzelt kleine Pfützen stehen geblieben
-waren. Im leichten Trab sprengten sie weiter, die Wangen von mildem
-Windhauch umfächelt.
-
-In einiger Entfernung vor den Reitern wand sich ein ziemlich breiter
-Wassergraben über ihren Weg. Elisabeth hatte das Hindernis kaum
-erblickt, als sie auch schon vorschlug, darüber hinwegzusetzen. Im Nu
-hatten ihre Begleiter angenommen. Man ließ den Gäulen die Zügel, und in
-kurzem Galopp ging es dem Graben zu.
-
-Max hatte sofort bereut, sich zum Mittun bereit erklärt zu haben, denn
-er argwöhnte, daß sein schwerer Brauner ihn im Stich lassen würde. Aber
-nun konnte er sich nicht mehr ausschließen, denn Elisabeth hätte ihn
-grausam verspottet.
-
-Friesen blieb dicht neben Max, während der Platz zwischen beiden leer
-geworden war. Elisabeth hielt nämlich den Schimmel kräftig zurück, um
-zu verhindern, daß er über die Linie hinausschösse, denn sie wollte
-an dem Hindernis als Letzte ankommen. So gewannen die Herren einen
-geraumen Vorsprung.
-
-Jetzt waren die Reiter nur noch eine kurze Strecke von dem Graben
-entfernt und ließen die Tiere laufen. In der nächsten Sekunde waren sie
-am Wasser. Max sprang zuerst, fast in demselben Augenblick sprang auch
-Friesen und kam dicht hinter dem Graben nieder. Maxens Brauner sprang
-aber zu kurz und schlug mit den hinteren Hufen laut klatschend ins
-Wasser, daß die schmutzige Flüssigkeit hochaufspritzte und Pferd und
-Reiter reichlich übergoß.
-
-Aber schon ertönte von hinten her ein helles Auflachen und gleich
-darauf setzte Elisabeths Schimmel in leichtem Sprunge, behend wie eine
-Gemse über den Graben und kam weit vor Friesens Wallach sicher nieder.
-
-»So sieht ein richtiger Sprung aus, Ihr Herren,« rief das Mädchen mit
-lauter Stimme über die Schulter zurück, während der Schimmel mit
-großer Geschwindigkeit weiterstürmte.
-
-Max tat eine kräftige Verwünschung über die Schwerfälligkeit seines
-Pferdes und zwinkerte ärgerlich mit den Augen. Dann gab er dem Gaul
-wütend die Sporen, daß er einen wilden Satz machte, der ihn aus dem
-Wasser herausbrachte, um sich mit ein paar weiteren Sprüngen aus dem
-weichen Boden vollends herauszuarbeiten. Die Zügel auf den Hals des
-Tieres fallen lassend, trocknete er sich, das Taschentuch mit beiden
-Händen erfassend, das triefende Gesicht ab.
-
-Friesen hatte nur ein paar Tropfen auf die Wange bekommen, die er jetzt
-laut lachend mit dem Zeigefinger abwischte und fortschleuderte.
-
-»Ich werde mich hüten, mit dieser behäbigen Dame noch einmal einen
-solchen Graben zu nehmen,« knurrte Max, der nun endlich Gesicht und
-Hals wieder trocken hatte. »Hast Du gesehen, wie sie sprang? Ja? Gerade
-so wie ein Walroß, und ich kann noch von Glück reden, daß ich nicht
-heruntersegelte; bald wäre es freilich geschehen.«
-
-Während dieser Worte hatten sie ihre Pferde wieder langsam in Bewegung
-gesetzt und trabten nun in der eingeschlagenen Richtung weiter.
-Elisabeth war ein großes Stück vorausgeeilt. Dann war sie umgekehrt und
-nun ritt sie in weiten Kreisen um die Männer herum. In kecker Haltung
-saß sie auf dem Tiere, es zu immer größerer Eile antreibend.
-
-Während die beiden Reiter ihre Pferde ruhig laufen ließen, betrachteten
-sie mit Vergnügen das in Windeseile dahinfliegende Mädchen. Die
-Entdeckung, daß Elisabeth eine vortreffliche Reiterin war, hatte
-Friesen schon längst gemacht. Heute wurde ihm ein neuer Beweis hierfür.
-Elisabeth behielt auch in dieser scharfen Gangart das Tier vollständig
-in ihrer Gewalt, und die Reiter konnten deutlich wahrnehmen, wie der
-Schimmel dem Zügel augenblicklich folgte. Ohne die Schnelligkeit zu
-vermindern, umkreiste Elisabeth noch immer die beiden Freunde, alle
-Hindernisse nehmend, die im Wege lagen. Ihre Augen leuchteten vor
-Freude, und eine Locke des blonden Haares hatte sich gelöst und wehte
-der Reiterin um die jetzt von einer leichten Röte bedeckte Stirn.
-
-Soeben war sie wieder in kurzer Entfernung vor den Herren vorbeigejagt
-und hatte ihnen ein Scherzwort herüber gerufen, als Maxens Pferd
-plötzlich vor einer auffliegenden Krähe scheute. Noch immer gereizt
-durch die Unbeholfenheit des Tieres beim Sprunge, nahm es Max fest in
-die Zügel und zwang es mit eisernem Schenkeldruck zur Ruhe. In diesem
-Augenblick stieß Friesen, der Elisabeth nicht aus den Augen gelassen
-hatte, einen unterdrückten Schrei aus. Max fuhr auf und suchte seine
-Schwester mit dem Blick, die sich gerade in geraumer Entfernung
-rechtsseitwärts von ihnen befand. Aber er konnte nichts entdecken, was
-dem Freunde Grund zur Besorgnis geben mochte. Da sagte Friesen kurz:
-
-»Sie hat den Sitz verloren und bemüht sich, den Schimmel in Schritt zu
-bringen.«
-
-Die Reiter blieben stehen und schauten mit angestrengter Aufmerksamkeit
-dem sich ihnen von rückwärts her nähernden Mädchen entgegen.
-
-»Der Schimmel hat kleine Launen, ist aber im ganzen harmlos,«
-entgegnete Max, »und Elisabeth kennt sich mit ihm aus.«
-
-Da stürmte auch schon das Tier mit seiner Reiterin in kurzer Entfernung
-an ihnen vorüber. Elisabeths Fuß hatte zwar noch fest im Bügel geruht,
-aber es gab für die Beiden keinen Zweifel mehr, daß sie die Gewalt
-über das Tier vollständig verloren hatte. Mit seiner ganzen schwachen
-Kraft riß das Mädchen an den Zügeln, doch umsonst, die leichte Kandare
-klemmte zwischen den aufeinandergebissenen Zähnen des durchgehenden
-Pferdes. Plötzlich sprang der Schimmel aus der bisherigen Richtung
-heraus und jagte eine sanft ansteigende, weite Lehne hinauf, dicht an
-den letzten Häusern des Dorfes vorbei.
-
-Wie gelähmt blieben die Reiter stehen, dem davonstürmenden Pferde
-entsetzt nachschauend. Aber nur einen Augenblick dauerte ihre
-Bestürzung. Kein Wort wurde ausgetauscht, aber sie wußten beide, daß es
-eine Jagd auf Leben und Tod sein würde, um das Mädchen zu retten, denn
-der rasende Lauf des scheugewordenen Pferdes führte in gerader Richtung
-auf den hochangeschwollenen Bach zu.
-
-Da fuhr Max wild auf und hieb dem heftig erschreckenden Braunen die
-Sporen tief in die Seiten, daß das Tier von Schmerz gepeinigt sich
-auf den Hinterbeinen erhob und senkrecht aufstieg, um dann wie toll
-davonzurasen, hinterdrein Friesen. Die beiden Pferde schlugen sofort
-eine hohe Geschwindigkeit an, und so ging es in wilder Jagd dem in
-nicht zu großer Entfernung vor ihnen galoppierenden Schimmel nach.
-Stumm ritten die beiden Männer nebeneinander, keinen Blick von dem
-davoneilenden Pferde verlierend und mit allen Sinnen auf den Gang
-ihrer Tiere achtend. Maxens Brauner schien wieder gut machen zu wollen,
-was er vorhin versäumt hatte: mit mächtigen Sprüngen setzte er über den
-weichen Boden hinweg, so daß Friesen Mühe hatte, an seiner Seite zu
-bleiben.
-
-Aber Max achtete nicht darauf, daß der Braune sein Bestes bot, er
-verlangte noch mehr von ihm. Von neuem setzte er dem Tiere die Sporen
-in die Seiten, daß dieses in der Tat in eine erhöhtere Schnelligkeit
-fiel und nunmehr wie ein Pfeil dahinschoß. Mit Genugtuung bemerkte Max,
-daß sich die Entfernung zwischen ihm und Elisabeth langsam verringerte.
-Friesens Wallach konnte dieses Tempo nicht einhalten und blieb um
-einige Längen zurück. Max gewahrte Friesens Zurückbleiben, aber was
-kümmerte es ihn; seine weit aufgerissenen Augen hingen, ohne abzuirren,
-an der zarten Mädchengestalt auf dem vor ihm weiterstürmenden Pferde.
-Der Zwischenraum wurde merklich kürzer, denn der Braune hielt das
-scharfe Tempo gut inne und verkürzte nicht um eine Handbreite seine
-weitausgreifenden Sprünge.
-
-Aber immer mehr forderte der Reiter von seinem Tiere. Wieder gab er
-ihm die Sporen zu fühlen, bis er zuletzt das Eisen auf den Flanken
-ruhen ließ und durch unausgesetztes Drohen mit den scharfen Spitzen
-den Gaul zum Einhalten seiner hohen Schnelligkeit anstachelte. Alles
-was in dem Pferde war, forderte sein Reiter in diesen Augenblicken von
-ihm. Und wenn das Tier dabei zugrunde ging, was tats? Galt es doch ein
-Menschenleben zu retten, und dieser Mensch -- war seine Schwester! Zum
-Glück näherte er sich ihr bei diesem Tempo von Sekunde zu Sekunde, und
-noch in großer Entfernung vor dem reißenden Wasserlaufe mußte er sie
-eingeholt haben.
-
-Die ruhige Überlegung drohte den jungen Mann zu verlassen, wenn er
-blitzschnell die Möglichkeit erwog, daß sein Pferd diese Schnelligkeit
-nicht aushalten könnte. Seine Augen schätzten fortwährend forschend den
-Abstand, und mit großer Befriedigung stellte er fest, daß Elisabeths
-Vorsprung sich immer mehr verringerte und er sehr bald an ihrer Seite
-sein mußte. Er überlegte: von links wollte er anreiten, um die rechte
-Hand frei zu haben und wenn er erst einmal die Zügel des störrischen
-Schimmels in seiner Faust haben würde, dann -- -- -- -- -- --, was Max
-von Tiefenbach in der Faust hielt, das war ihm sicher, das gehörte ihm!
-
-Aber der Braune durfte nicht um einen Zentimeter nachlassen, er mußte
-ohne Unterlaß das Eisen kosten. Und von neuem jagte Max dem Tiere
-die Stacheln in das Fleisch, daß es in wildem Schmerze wie unsinnig
-weiterraste.
-
-Max spannte alle Sinne aufs äußerste an. Da, allmächtiger Gott,
-täuschte er sich, oder war es Wirklichkeit, -- der Braune verkürzte
-die Sprünge? Sein Auge durchmaß den Zwischenraum, und es war keine
-Täuschung, er war in den letzten Sekunden größer geworden. Ein wilder
-Fluch entfuhr ihm. Sollte er jetzt, wo er in wenigen Sekunden an seiner
-Schwester Seite sein konnte, zurückbleiben und zusehen müssen, wie
-diese dem unabwendbaren Tode entgegeneilte? Da zerriß wie ein greller
-Blitzstrahl ein banger Gedanke das Gespinst seiner sich stürmisch
-jagenden Betrachtungen. Wie unter einem heftigen körperlichen Schmerz
-zuckte Max zusammen und die angstvollen Worte entfuhren ihm: »Um des
-Himmels willen, die Mutter!«
-
-Wütend fuhr da der Mann auf:
-
-»Verwünschte Kanaille, willst Du mich im Stiche lassen? Warte ich will
-Dir Lust machen.«
-
-Und von neuem bohrte er die Sporen tief in die Flanken. Aber das Pferd
-bäumte nicht mehr angstvoll auf wie vorhin und machte seine Sprünge
-nicht größer. Pfeifend schossen ihm die Atemstöße aus den geblähten
-Nüstern und das kurzabgerissene Schnauben hätte zu jeder anderen Zeit
-Max zum Absteigen veranlaßt. In diesem Augenblick aber hörte und sah er
-nichts von der großen Erschöpfung des so schnelles Laufen ungewohnten,
-schweren Tieres, das schon viel mehr ausgegeben hatte, als von ihm
-gefordert werden durfte.
-
-Mit steigendem Entsetzen bemerkte er, wie der Schimmel immer größeren
-Vorsprung gewann. Alle Empfindungen, die bei dieser Wahrnehmung auf
-ihn einstürmten, verwandelten sich in Zorn, der sich gegen das jetzt
-wiederholt strauchelnde Pferd richtete. Von Wut gepackt trieb er ihm
-zwei-, dreimal die Eisen in die Seiten. Das gequälte Tier bäumte hoch
-auf, -- da riß des Reiters eiserne Faust es nieder und dann bohrten
-sich wieder und wieder die Sporen in sein Fleisch. Mit Schenkel und
-Eisen bearbeitete Max ohne Erbarmen das Tier, daß es von neuem ein
-schnelleres Tempo anschlug. Aber es entging ihm nicht, daß der Braune
-die Geschwindigkeit von vorhin nicht mehr erreichte und daß die
-Entfernung sich mit jedem Sprung vergrößerte.
-
-Da kam auch Friesens Wallach wieder heran, der in gleichbleibender
-Schnelligkeit weitergeritten und der trotz der vielen Versuche seines
-Reiters in keine schärfere Gangart gefallen war. Langsam rückte Friesen
-vor. Max bemühte sich, einen kleinen Vorsprung zu behalten, aber der
-Wallach kam näher. Schon standen die beiden Tiere Gurt an Gurt, dann
-glitt Friesen ein Stück vor und behielt ein Tempo, in dem der Braune
-nur schwer folgen konnte.
-
-Die Reiter sahen jetzt, wie der Schimmel die Anhöhe erreicht hatte.
-Elisabeths Gestalt war noch einen Augenblick sichtbar, und die beiden
-Freunde erkannten deutlich, daß ihr Oberkörper vornübergesunken war und
-daß das Mädchen beide Arme um den Hals des Pferdes geschlungen hatte.
-Dann entschwand sie ihren Blicken.
-
-Max war vor Schrecken seiner Sinne nicht mehr mächtig. Er nahm seinen
-Reitstock und schlug damit wiederholt den Braunen wuchtig zwischen die
-Ohren, womit er nur erreichte, daß das Pferd dicht hinter Friesens
-Wallach blieb.
-
- * * * * *
-
-Konrad Hartmann war auf seinem Hofe beschäftigt. Die nackten Füße in
-Lederpantoffeln steckend, kniete er gerade vor einem Wagen und legte
-um eine zersprungene Nabe ein Stück schmalen Eisenbandes. Drüben am
-Pferdestalle stand seine Mutter, die mit weitem Wurfe Maiskörner unter
-die stattliche Schar Hühner schleuderte.
-
-Am Abend jenes Tages, an dem Konrad die erschütterte Freihoferin leise
-verlassen hatte, war es in der Wohnstube auf dem Rabensteiner Hof noch
-viel stiller als sonst zugegangen. Der Sohn hatte eine Weile an dem
-hölzernen Pfeifenkopfe weitergeschnitzt. Lange hatte dies aber nicht
-gedauert, dann mochte ihm die Beschäftigung nicht mehr zugesagt haben.
-Er hatte auf das Bücherbrett gegriffen und die Helden des grauen
-Altertums wieder einmal vor seinem Geiste aufmarschieren lassen.
-
-Sonst vergaß er beim Lesen jener Zeiten alles, was sich um ihm herum
-zutrug. Mit leuchtenden Augen verfolgte er dann das gewaltige Ringen
-der Völker und die erbitterten Kämpfe mit dem überlegenen Gegner um
-die Freiheit des Stammes. An diesem Abend aber hatten seine Gedanken
-nicht mitten unter den Helden geweilt, und es begab sich zum ersten
-Mal, daß das Interesse an den Großtaten Jener verblich, und sich
-dafür etwas anderes in seine Seele schlich und allen Raum darin für
-sich beanspruchte. Zeitiger als andere Tage hatte Konrad das Bett
-aufgesucht. Die Mutter aber war geblieben und hatte mit Wehmut lange,
-lange auf die Stelle geschaut, wo ihr Sohn gesessen hatte. -- --
-
-Wieder hatte sich Konrad gebückt und mit aufmerksamen Blicken und
-wiederholtem Betasten den geflickten Schaden geprüft. Da stieß die
-Rabensteinerin einen lauten Schrei des Entsetzens aus. Konrad fuhr
-erschreckt in die Höhe und blickte auf seine Mutter.
-
-Mit vorgeneigtem Oberkörper stand diese inmitten der die Körner
-geschäftig aufpickenden Hühner und sah in großer Erregung durch
-das weitgeöffnete hintere Hoftor, das unmittelbar auf die Wiesen
-hinausführte. Hastig folgte Konrad dem Auge seiner Mutter, und in
-demselben Augenblick war sein von der emsigen Arbeit stark gerötetes
-Gesicht bis in die Lippen hinein bleich geworden. Einen Herzschlag lang
-schauten Mutter und Sohn mit dem Ausdruck des Entsetzens nach den
-Wiesen, über die in wilden Sprüngen ein durchgehendes Reitpferd hinweg
-setzte, auf dessen Rücken die zusammengesunkene Gestalt eines jungen
-Mädchens zu erkennen war.
-
-Noch war der die kühle Besonnenheit sonst nie verlierende junge Mann
-wie gelähmt, da riß sich die Mutter von dem erschreckenden Anblick los
-und rief dem Sohne zu:
-
-»Konrad, was stehst Du wie ein Pfahl? Nicht einen Augenblick hast Du zu
-verlieren!«
-
-Der aber antwortete nicht, sondern starrte regungslos ins Weite.
-
-Da flammte in dem gutmütigen Gesicht des Weibes helle Zornesröte auf.
-Mit ein paar Sprüngen stand sie neben dem Sohn, riß an seiner Schulter
-und schrie ihm ins Ohr:
-
-»Deine gesunden Knochen sind Dir wohl zu lieb? Junge, weißt Du denn
-nicht, wessen Leben es gilt, he?«
-
-Der Gescholtene aber zuckte verzweifelnd die Achseln und sagte dumpf:
-
-»Sie ist schon zu nahe am Wasser, ich schaff’s nicht mehr, -- -- es ist
-zu spät!«
-
-Da lachte das Weib schrill auf und schrie:
-
-»Du Hasenfuß!«
-
-Im nächsten Augenblick sprang sie in den offenstehenden Stall, und
-Konrad hörte, wie die Kette am Stande des Fuchses niederrasselte.
-Dann dröhnte das Stampfen des Pferdes von dem steinernen Belag der
-Stallgasse wider, und mit lautem Wiehern trat das Tier ins Freie.
-Konrad, der sich noch immer nicht von dem Anblick losgerissen hatte,
-merkte das Pferd auf sich zukommen. Mechanisch und ohne hinzusehen hob
-er die Arme und griff mit beiden Händen in die dichte Mähne des immer
-weiterschreitenden Pferdes.
-
-»Vorwärts!« rief da die Rabensteinerin und führte einen derben Schlag
-auf den Schenkel des Fuchses, daß dieser einen schnellen Gang anschlug.
-
-Konrad hielt sich an dem krausen Mähnenhaar fest, die Augen nicht
-von der Gestalt auf dem galoppierenden Schimmel abwendend. Er mußte
-laufen, um mit dem sich rasch vorwärts bewegenden Gaule gleichen
-Schritt zu halten, bis der Gang zu schnell wurde. Da, ein gewaltiger
-Ruck und Schwung, -- und er saß auf dem Rücken des Tieres. Im nächsten
-Augenblick trabte der Hengst zu dem hintern Hoftor hinaus.
-
-Die Rabensteinerin aber eilte, so schnell ihre Füße sie tragen wollten,
-die Treppe des Hauses hinauf auf den Dachboden. Und dann stand das
-Weib an der Dachluke, hielt die schwielige Hand, um das Auge vor den
-Sonnenstrahlen zu schützen, an die Stirn und schaute hinaus auf die
-Wiesen.
-
- * * * * *
-
-Gleichzeitig mit dem Verschwinden des Schimmels hinter der Bodenwelle
-hatte sich in das Herz des noch immer auf Rettung hoffenden Max die
-grausame Ueberzeugung gestohlen, daß das Schicksal seiner Schwester
-nunmehr besiegelt sei. Dieser Gedanke drängte ihm das Blut zu Kopfe,
-daß die Schläfen zerspringen wollten. Er keuchte unter der Last,
-die sich auf seine Brust herabgesenkt hatte und fuhr fort, den
-ausgepumpten Braunen zum schnelleren Laufen zu zwingen. Aber er merkte
-mit untrüglicher Gewißheit, daß der Gaul nur noch wenige Minuten
-laufen würde, um dann niederzustürzen. Auch Friesen konnte trotz der
-heftigsten Bemühungen nichts mehr aus dem Wallach herausholen. So
-sprengten die beiden Männer in immer mehr nachlassender Geschwindigkeit
-nebeneinander dahin, wissend, daß das unglückliche Mädchen in kurzer
-Zeit am Wasser angekommen sein würde.
-
-Da erklang mit einem Male hinter ihnen das Schnauben und Stampfen eines
-weit ausgreifenden Pferdes. Jeder der beiden Freunde vernahm es und
-glaubte an Täuschung. Aber das Geräusch drang schnell näher und immer
-näher und ließ keinen Zweifel mehr zu, daß ein Reiter den Hufen ihrer
-Rosse folgte. Doch der sie beide in diesen bangen Sekunden nur allein
-bewegende Gedanke: Vorwärts! ließ sie nicht hinter sich schauen. Neuer
-Mut und neue Hoffnung erfüllte sie plötzlich bei dem Erkennen der ihnen
-werdenden Hilfe, und mit Anstrengung versuchten sie nochmals, ihre
-Tiere zum schärferem Laufen zu bringen.
-
-Jetzt befand sich der Herbeieilende unmittelbar hinter ihnen. Noch
-ein paar Sprünge seines Pferdes und die Tiere liefen einen Augenblick
-nebeneinander. Dann schoß der Neue wie eine Schwalbe über sie hinaus,
-die beiden Zurückbleibenden mit einem Hagel von Erde und Steinen
-überschüttend, die unter den Hufen des flüchtigen Pferdes hochauf
-flogen. Eine kurze Weile konnten sie den Enteilenden noch sehen, dann
-tauchte er hinter derselben Bodenerhöhung hinab, hinter der auch
-Elisabeth verschwunden war.
-
-Das Vorbeireiten dieses Helfers war ihnen, ob der schwindelnden
-Schnelligkeit seines Pferdes, wie ein Traum gewesen. Kaum daß sie sein
-Nahen vernommen, hatte er sie auch schon eingeholt, war prasselnd und
-dröhnend an ihnen vorübergeflogen und ihren Augen wieder entschwunden
--- wie ein Reiter aus dem Gefolge des wilden Jägers.
-
-In der kurzen Zeitspanne aber, in der der Hinzugekommene mit ihnen
-auf gleicher Höhe ritt, hatten die Freunde ihn erkannt: es war Konrad
-Hartmann. Barhäuptig und mit bloßen Füßen hatte die schmächtige Gestalt
-zusammengekauert fast auf dem Halse des ungesattelten fuchsigen
-Hengstes gehockt, den Kopf zu den Pferdeohren hinabgebeugt und die
-Augen starr darüber hinweggerichtet. Seine linke Hand war mit einer
-Strähne des Mähnenhaares umwickelt gewesen, während die Finger der
-rechten das edle Tier leise am Halse liebkosten. Sonst keine Hilfe,
-kein Antreiben; als wenn er es wüßte, daß es ein Menschenleben zu
-retten gelte, hatte der Hengst ausgegriffen und sie zurückgelassen.
-
-Max und Friesen gaben nunmehr jeden Versuch auf, ihre Tiere weiter
-anzutreiben. Sie waren schon froh, daß diese sie in kleinen Sprüngen
-weitertrugen, der Anhöhe zu, von der aus sie alles sehen würden.
-Langsam kamen sie dem Punkte näher. Max bemühte sich, ruhig zu bleiben,
-aber sein Herz klopfte hörbar und er keuchte schwer vor Anstrengung und
-Erregung. Noch ein paar Sprünge der dem Umsinken nahen Gäule, und sie
-standen auf der Höhe.
-
-Etwa sechshundert Schritte vor ihnen zog der in der Sonne glitzernde,
-hochgehende Bach vorüber und unmittelbar vor ihm sahen sie, wie
-Elisabeth, von Konrad gestützt, den Versuch machte, einige Schritte zu
-gehen. Ihre Pferde standen abseits.
-
-In Windeseile sprangen sie von den Gäulen, ließen die nach Luft
-haschenden Tiere stehen und eilten die Lehne hinab. In wenigen Minuten
-hatten sie das Ufer erreicht.
-
-Elisabeth lagerte auf einem mit Moos überwucherten großen Stein, sich
-auf den Ellenbogen stützend und sah den beiden Männern mit schwachem
-Lächeln entgegen. Ihr Gesicht war totenbleich, und um ihre Schläfen
-spielten zerzauste Locken. Konrad stand neben dem Mädchen.
-
-Mit großen Schritten eilte Max zu seiner Schwester, kniete nieder,
-schloß das Mädchen in tiefer Erregung in die Arme und blieb eine Weile
-mit ihr stumm Brust an Brust. Dann löste er sanft die Umarmung und
-wandte sich zu Konrad. Seine Augen liefen fast über.
-
-Der aber schlug den Blick zu Boden und machte eine Bewegung mit der
-Hand, als wenn es sich um eine leichte Sache handele.
-
-»Warum willst Du meinem Dank wehren, Konrad?« sprach Max mit vor
-Bewegung zitternder Stimme, »der Geber darf sich dem Dank des
-Beschenkten nicht entziehen, sonst macht er diesem die Annahme der Gabe
-allzuschwer.« Dann legte Max seine Hände auf Konrads Schultern, beugte
-sich tief herab, daß er ihm in die Augen sah und fuhr fort:
-
-»Wir sind seit unserer Kindheit Freunde, und ich habe immer gewußt, was
-ich an Dir besaß. Heute hast Du mir aber einen Dienst erwiesen, für
-den Dir zu danken meine Worte zu schwach sind. Ich bleibe für immer
-Dein Schuldner. Unser Freundschaftsbund, Konrad, ist durch diese Tat
-besiegelt fürs Leben!«
-
-Dann reichten sich die Männer schweigend die Hände, worauf sich Max
-abwandte, um seiner ihn zu übermannen drohenden Ergriffenheit Herr zu
-werden.
-
-Elisabeth aber richtete sich höher auf und sprach leise:
-
-»Konrad, bitte komm zu mir.« Und wie dieser zu der Sitzenden getreten
-war, legte Elisabeth ihre Hand in die seinige, sah ihn mit allem von
-ihr ausgehenden Liebreiz ins Gesicht und sagte mit schmeichelnder
-Stimme:
-
-»Die Mutter, Max und Du! Sprich, Konrad, willst Du von heute an mein
-Bruder sein?«
-
-Da erfüllte das Herz des also Angesprochenen eine tiefe Bewegung, und
-auf seinem Gesicht begann ein wunderliches Spiel. Das Mädchen aber
-schlang den Arm um seinen Hals, zog den Mann zu sich herab und drückte
-ihre Lippen auf den zuckenden Mund.
-
-
-
-
-11. Kapitel.
-
-
-Der Frühling des Jahres 1813 war mit jener Pracht und Lieblichkeit ins
-Land gezogen, die alljährlich nach den dunkeln und rauhen Wintertagen
-wieder die Menschen erquicken und ihre Herzen lauter schlagen lassen.
-Die Sonne tat in kurzer Zeit Wunder; aller orten begann es zu sprießen.
-Die Wiesen bedeckten sich in wenige Tagen mit saftigem Grün, und
-zwischen den frisch aufgeschossenen Halmen der Gräser hoben die ersten
-Veilchen schüchtern ihre Köpfchen. Die Menschen kamen wieder aus den
-Häusern heraus, in die sie der diesmal so anhaltende und strenge Winter
-lange gebannt hatte. Mit durstigen Zügen atmeten sie die warme und
-würzige Luft, ließen die Augen weiden an dem geheimnisvollen, die
-Seele erhebenden Erwachen der Natur und lauschten frohen Herzens den
-muntern Weisen der zurückgekehrten Singvögel. Nun war es Gott sei Dank
-vorüber mit dem Untätigsein, und die Hände konnten wieder schaffen und
-die emsige Arbeit beginnen, deren Segen im Herbst ausgeschüttet wird.
-
-Neuer Lebensmut kehrt in diesen Tagen in die Menschenbrust zurück,
-und wenn es einen Schwachen und Kranken gibt, den der dunkle Winter
-hart niederdrückte, daß sein Lebenslichtlein nur noch trüb brannte und
-armselig flackerte, -- mit den belebenden Sonnenstrahlen zieht auch
-wieder Hoffnung in sein Herz, und er fühlt, wie sich geheimnisvolle
-Kräfte in seinem Innern regen.
-
-Auf dem Freihofe herrschte emsige Tätigkeit; vom Morgen bis zum Abend
-wurde rastlos gearbeitet. Draußen auf den Feldern zog der Pflug tiefe
-Furchen in die verjüngte Erde und lockerte den schwärzlichen, duftenden
-Ackerboden, der einlud, das Saatkorn ihm anzuvertrauen.
-
-Max hatte die Hände voll zu tun und war jeden Tag der Erste und Letzte
-bei der Arbeit. Mit Erstaunen sah Friesen auf die Geschäftigkeit, die
-sich um ihn herum plötzlich entfaltet hatte, und eine Sehnsucht zog in
-ihm herauf, zu seinem Regiment zurückzukehren. Er wollte nicht allein
-untätig sein, zumal die Rüstungen überall aufs neue begannen.
-
-Wie wenn die allerersten Strahlen der noch hinter den Bergen
-verborgenen Sonne über die dunkle Erde dahingleiten und die schlafende
-Natur wachküssen, so zog mit leisen Schwingen ein wundersames Ahnen
-in die Gemüter der Völker des mittleren Europas, daß auch für ihre
-Geschicke nun endlich der Frühling angebrochen sei. Und sie machten
-sich auf, das Feld zu bestellen und den Samen der Freiheit zu pflanzen,
-auf daß ihnen, wenn der Sommer zur Rüste ging, eine stattliche Ernte
-beschieden sei. Das aus der Wolke niederströmende, die Saat des
-Landmanns befruchtende Element hieß bei ihnen Begeisterung, die Jung
-und Alt durchlohte, und der Sonnenschein, der beim Reifen der Frucht
-nicht fehlen darf, sollte das Glänzen der blanken Waffen und das
-Blitzen der Feuerrohre sein. Auf deutschem Boden mußte der gewaltige,
-für alle Völker entscheidende Kampf stattfinden, und in das Rauschen
-der deutschen Eichenwälder sollte sich der kriegerische Lärm der
-Schlachten mischen, -- bis die letzte Brust durchschossen, das letzte
-Schwert zerhauen war, oder bis die berauschenden und jubelnden Klänge
-der Siegeslieder die Dankbarkeit für die endliche Erlösung von schwerem
-Joch himmelwärts trügen.
-
-Aber alsbald, wenn auch mit großem Mißmut, erkannte Friesen, daß der
-Zustand seiner Füße es ihm noch nicht erlaubte, seinen Dienst als
-Soldat wieder aufzunehmen. Sie schmerzten bei anhaltendem Laufen noch
-immer und verlangten gebieterisch weitere Schonung. So mußte er denn
-seinen Plan wieder fallen lassen und die Gastfreundschaft des Freihofes
-weiter annehmen.
-
-Bisweilen begleitete er Max zu Pferde, wenn dieser auf die ausgedehnten
-Felder hinausritt, weit öfter aber leistete er Elisabeth Gesellschaft
-oder begleitete sie auf kurzen Spaziergängen.
-
-Den Schimmel hatte das Mädchen seit jenem Tage nicht wieder bestiegen.
-Durch die Aufregung infolge des wilden Rittes hatte ihre schwache
-Gesundheit doch einen gewaltigen Stoß erlitten, so daß sie nach dem
-Vorfall noch mehrere Tage das Bett hüten mußte und dann nur ganz
-allmählich ins Freie gehen durfte. Es war ihr recht lieb, daß sie
-Friesen bei diesen Ausgängen zum Begleiter hatte, denn sie konnte nicht
-anders, als langsam und auf seinen Arm gestützt vorwärtsschreiten.
-Hätte sie diese Tage ohne Friesens zerstreuende Gesellschaft zubringen
-müssen, so wäre Elisabeth, da sie sonst gewohnt war, wie ein Wirbelwind
-umherzutollen, der leidende Zustand leicht zur drückenden Last geworden.
-
-So fand sie sich in ihre Lage mit bewundernswürdiger Ergebung und
-Geduld. Kein Wort der Sehnsucht nach dem Wohlbefinden, dessen sie sich
-bisher erfreut hatte, verlor sie. Sie vermied es, über ihre Krankheit
-zu sprechen, und doch bemerkte es jedermann nur zu gut, wie genau sie
-die Schwere der Krankheit erkannte.
-
-Fast immer peinigte das Mädchen ein böser Husten, der sich zuweilen
-zu solcher Heftigkeit steigerte, daß der Kreis ihrer Freunde Qualen
-erlitt. Dabei war sie immer gleichmäßig freundlich gegen alle. Zur
-Mutter, der man es äußerlich freilich fast kaum anmerkte wie sie litt,
-war das Kind von rührender Zärtlichkeit.
-
-Auf das Schloß aber kam Elisabeth in dieser Zeit nicht. Zudem versah
-Maria von Tiefenbach noch im Schulhaus ihren Pflegedienst, denn noch
-immer waren einige kranke Soldaten im Dorfe.
-
-Max hatte es in den letzten Wochen vermieden, das Schulhaus zu
-betreten. Seine Gegenwart daselbst war jetzt auch nicht mehr
-erforderlich wie in den ersten Tagen, als man die Krankenzimmer
-eingerichtet hatte. Und wenn es dennoch nötig wurde, nach dem Rechten
-zu sehen, beauftragte er Hermann Lehnhardt, seinen Verwalter, mit
-diesen Geschäften.
-
- * * * * *
-
-Es war an einem der mittleren Apriltage.
-
-Elisabeth war am Vormittag -- seit langer Zeit zum ersten Mal --
-auf dem Schlosse gewesen, um noch einmal mit Maria von Tiefenbach
-zusammen zu sein, bevor diese nach Schloß Eckartsberg abreiste, wohin
-sie plötzlich gerufen worden war, um die nach ihr verlangende, schwer
-erkrankte Schwester ihres Vaters zu pflegen. Der Abschied war beiden
-Mädchen recht schwer gefallen, doch schieden sie mit der tröstenden
-Hoffnung, sich in kurzer Zeit wiederzusehen.
-
-Nach dem Mittagessen stand Elisabeth mit Friesen auf dem Hofe und
-schaute den drolligen Sprüngen junger Ziegenböcke zu. Das Gesicht des
-jungen Mädchens sah aus wie aus Wachs gebildet. Mit müdem Lächeln
-betrachtete sie das muntere Spiel der Tiere, als sie plötzlich
-zusammenbrach und eine große Menge Blutes aushustete.
-
-Von dieser Stunde ab durfte Elisabeth das Bett nicht mehr verlassen.
-Auch jetzt half Friesen dem erschöpften Mädchen die Zeit kürzen, indem
-er von seinen Kriegszügen erzählte, oder mit ihr von ihren gemeinsamen,
-kleinen Erlebnissen plauderte, oder aus Büchern heitern Inhalts vorlas.
-Die Freihoferin war Tag und Nacht um ihr Kind besorgt und verrichtete
-ganz allein die Obliegenheiten der Pflegerin. Wenn sie sich von
-Elisabeth betrachtet wußte, war sie bemüht, unbefangen erscheinen, war
-aber die Aufmerksamkeit der Kranken von ihr abgelenkt, dann ruhte
-das mütterliche Auge mit unsagbar zärtlicher Liebe auf dem Kinde. In
-solchen Augenblicken war der sonst herbe Zug von den Lippen der Greisin
-verschwunden, und ihr Antlitz wurde verschönt durch den Ausdruck eines
-gewaltigen Schmerzes gepaart mit überquellender Mutterliebe.
-
- * * * * *
-
-Draußen in der weiten Natur schritt der holdselige Jüngling Frühling
-durch die Gefilde, und wo sein Fuß gegangen war, erblühte alles zum
-neuen Leben. Drinnen aber in der stillen Stube des Wohnhauses auf dem
-Freihofe, welkte langsam ein junges Menschenleben dahin. Jetzt gab es
-keinen mehr, der noch gehofft, niemand, der nicht die Schatten gesehen
-hätte, die aus dem Reiche der Finsternis heraufwallten und sich auf dem
-Antlitz der sanftmütigen Dulderin niederließen.
-
-Große Stille herrschte auf dem Gute. Alle wußten, daß in dem Hause
-eine Seele weilte, die sich anschickte, das sterbliche Kleid, das
-sie in dieser Irdischkeit getragen, abzulegen und in die Ewigkeit
-zurückzukehren.
-
-Elisabeth war aller Liebling gewesen. Die meisten Dienstleute waren
-schon seit langen Jahren auf dem Freihof. Sie hatten das zarte Kind
-aufwachsen sehen, hatten es oft geliebkost, und deshalb meinte jeder
-ein Anrecht auf sie geltend machen zu dürfen. Von Kindheit an hatte
-Elisabeth, als wenn sie berufen sei eine Sendung zu erfüllen, zwischen
-der schweigsamen Mutter, von der nichts als Kälte auszugehen schien,
-und dem Gesinde gestanden. Max war nicht so geartet, daß er die Rolle
-des freundlichen Vermittlers hätte übernehmen können. Er hatte zuviel
-von der Mutter, und wenn die Leute auch wußten, daß er ein warmes
-Herz für sie besaß, so fürchteten sie doch seine leicht aufwallende
-Heftigkeit. Elisabeth war der gute Hausgeist. Sie hatte es verstanden,
-sich jeden zum Freunde zu machen. Deshalb war sie für die Leute nicht
-eigentlich die Tochter der Herrin gewesen, sondern das Kind, das, wo
-es auch erschien, Klingen und Sonnenschein verbreitete. Elisabeth
-war zu gleicher Zeit überall. Sah man ihren blonden Kopf mit den
-strahlenden Kinderaugen nicht, so hörte man sie scherzen und trällern.
-In den Ställen kannte sie jeden ihrer vierbeinigen Freunde ganz genau
-und in den Scheunen und ausgedehnten Dachböden wußte das Mädchen die
-geheimnisvollsten Winkel. Niemand war davor sicher, von ihr nicht jeden
-Augenblick überrascht zu werden. Ihre Lieblingsbeschäftigung aber
-bestand darin, mit Anbruch der Dämmerung in den Häuschen der Tagelöhner
-einzukehren. Dort hockte sie besonders gern, spielte mit den Kindern,
-aß von deren Butterbroden und stob endlich davon, wenn die Mutter der
-Kleinen sie bedeutete, daß auf dem Freihofe die Zeit des Abendessens
-gekommen sei.
-
-Nun aber, wo das Mädchen niemandem mehr hinterdrein folgte, keinen mehr
-neckte, man ihr fröhliches Lachen nirgends mehr vernahm und die dicken
-Zöpfe nicht mehr um ihre Schultern fliegen sah, jetzt fehlte sie jedem
-von ihnen, den Kleinen wie den Großen.
-
-Mit Engelsgeduld trug sie die quälende Krankheit. Nach jedem neuen
-Hustenanfall strich sie mit ihrer schmalen, abgezehrten Hand
-liebkosend über die der Mutter und sprach tröstend von ihrem baldigen
-Gesundwerden. Und doch wußte Elisabeth während sie diese Worte sprach,
-daß sie nie wieder durch die Räume des Freihofes huschen würde, und
-Friesen hatte die Ueberzeugung, daß das Mädchen nur um der Mutter
-willen von ihrer Genesung redete.
-
-Das letzte Drittel des Aprils war herangekommen. Elisabeth fühlte
-sich heute wohler. Das Gesicht des Kindes war in den letzten Wochen
-immer schmaler, die Augen dagegen waren unnatürlich groß geworden.
-Und dabei strahlten sie in seltsamem Glanze. Die Wangen waren bleich,
-nur die Stellen auf den stark hervortretenden Backenknochen blieben
-unaufhörlich fieberhaft gerötet.
-
-Max war frühzeitig nach Leipzig hineingefahren, um eine
-Grenzstreitigkeit mit einem Nachbarn vor Gericht zu schlichten. Seine
-Rückkehr sollte erst am Abend des nächsten Tages erfolgen.
-
-Es war am Vormittag, als Friesen, wie er es oft tat, Elisabeth
-vorlas. Das Mädchen saß in Decken gehüllt in einem großen Armstuhl,
-Friesen vor ihr. Mit träumerischem Blick betrachtete Elisabeth das
-edel geschnittene Gesicht des Lesenden. Ihr Gedankengang mußte sie
-weitabgeführt haben, denn schon längst hörte sie nicht mehr die
-gesprochenen Worte.
-
-Da klopfte es. Elisabeth fuhr aus ihren Träumen auf, während Friesen
-im Lesen inne hielt. Gleich darauf trat der Postbote ins Zimmer und
-brachte einen Brief an den Oberleutnant Bernhard von Friesen. Der
-junge Mann griff hastig nach dem Papier. Es trug den großen Stempel
-seines Regiments. Mit leise zitternden Fingern löste er das Siegel und
-durchflog die wenigen Zeilen mit den Augen. Betroffen ließ er den Blick
-sinken und schaute vor sich nieder. Wie er nach einer kurzen Weile die
-Augen wieder erhob, erschrak er vor dem Ausdruck, der auf Elisabeths
-Gesicht lag. Das Lächeln war verschwunden und an seine Stelle war der
-Ausdruck unsagbarer Angst getreten.
-
-Friesen überkam eine tiefe Ergriffenheit, denn er erriet die Gedanken
-des Mädchens. Ihr feines Empfinden hatte sie ahnen lassen, was in dem
-Brief stand und sie war über seinen Inhalt aufs heftigste erschrocken.
-Doch in demselben Augenblick zog ein Klingen und Brausen in seinem
-Innern herauf, ein niegekanntes Gefühl hoher Glückseligkeit, freilich
-vermischt mit tiefer Wehmut. Da sah er, wie ein paar tränengefüllter,
-glänzender Augen auf ihn gerichtet waren und einem plötzlichen Drange
-folgend, sprang der junge Mann vom Stuhle auf, ließ sich vor dem
-Mädchen nieder und lehnte sein Haupt an ihre Knie; zwei zitternde Hände
-tasteten nach ihm. Er nahm die eine, preßte seinen Mund darauf, und
-dann perlte eine Träne auf sie nieder. Die andere Hand aber berührte
-den Scheitel des Mannes und strich unaufhörlich liebkosend über Haar
-und Wangen.
-
-Lange verharrten so die zwei, die sich gefunden hatten, um sich in
-wenigen Stunden wieder zu trennen.
-
-Endlich sprach das Mädchen mit leiser Stimme:
-
-»Mein lieber Freund! Ich liebe Dich ja schon, ach, so lange, aber ich
-wußte es nicht. Nun wir aber für immer von einander scheiden müssen,
-spricht die Stimme in meiner Brust eine vernehmliche Sprache. Ach,
-laß es mich, das süße Wort einmal noch aussprechen: Bernhard, mein
-Bernhard, -- -- ich habe Dich lieb!«
-
-Da überlief den Knieenden eine heftige Erschütterung und schüttelte
-seinen Körper wie im Fieber.
-
-Dann aber hob er den Kopf auf, sah Elisabeth mit wonnetrunkenem Blick
-in die Augen und sprach:
-
-»Mein Lieb! Du Inniggeliebte meiner Seele! Jetzt weiß ich es auch, was
-mich so unwiderstehlich an dieses stille Dorf fesselte. Du hast mich
-wieder hierhergezogen, denn Du thronst schon seit dem ersten Anblick
-in meinem Herzen. Ich liebe Dich mit meiner ganzen Kraft, Du süßes
-Mädchen!«
-
-Nun schwiegen sie wieder, und der Knieende lehnte von neuem seine Stirn
-an die ihn liebkosende Kranke. So leerten die beiden Menschen in reinem
-Genießen den goldenen Becher irdischer Liebe, die bereits von einem
-Schimmer verklärt wurde, der aus der Ewigkeit herüberdrang, bis zum
-Grund. In wenigen Stunden genossen sie das ganze Glück, das andern in
-der Spanne vieler Jahre beschieden ist.
-
-Und so fand die eintretende Freihoferin die Liebenden -- -- --
-
- * * * * *
-
-Es verhielt sich so wie Elisabeth geahnt hatte: Friesen hatte den
-Befehl seines Regiments erhalten, unmittelbar nach Empfang des
-Briefes sich nach Leipzig zu begeben und von dort mit einem Transport
-Reservemannschaften nach Dresden zurückzukehren. Die Ordre war in so
-gemessenen Worten gehalten, daß ihm nichts anderes übrig blieb, als
-sofort abzureisen. Hätte er Maxens Rückkehr abwarten wollen, so wäre
-sein Eintreffen um zwei Tage verzögert worden. Er beschloß daher, noch
-im Laufe des Nachmittags Rehefeld zu verlassen.
-
-Die wenigen Stunden bis dahin verbrachten die Liebenden im trautesten
-Alleinsein. Sie nannten sich wiederholentlich bei ihren Vornamen
-und waren entzückt von deren Klange, auch sprachen sie zum letzten
-Mal von den Erinnerungen an alles das, was sie mit einander erlebt
-hatten. Dabei tauschten sie liebende Blicke aus, und ein leiser
-Händedruck verriet dem andern, was die Lippen auszusprechen scheu
-vermieden. Keine Überschwänglichkeit, kein heftiges Aufwallen der
-Gefühle. Ihre schon längst im innersten Herzen schlummernde Liebe,
-deren sie sich erst angesichts des Scheidens für immer bewußt geworden
-waren, war in demselben Augenblick, in dem sie sich offenbarte, schon
-geläutert gewesen. Sie war zu zart, als daß sie laute Beteuerungen und
-eindringliche Beweise ertragen hätte. Wie zwei alte Menschen, die auf
-ein reiches Leben von Sorgen und Glück nebeneinander zurückblicken und
-die nun ihren Lebensabend zusammen beschließen -- ohne aufwallende
-Zärtlichkeiten aber mit ihrer ewigfrischen, jungen Liebe in der welken
-Brust, so saßen Friesen und Elisabeth Hand in Hand nebeneinander. Ihre
-Liebe gehörte nicht mehr dieser Welt an, dafür war sie zu groß, und
-ihre Blicke suchten schon das unbekannte Land, dessen Freuden gemeinsam
-zu genießen sie sich in der letzten Stunde vor ihrer Wanderung dahin
-hinieden gefunden hatten.
-
-Dann kam der Augenblick des Abschieds. Friesen kniete zum letzten Mal
-vor dem Mädchen nieder, das sich zu ihm hinabbeugte und ihre Lippen auf
-seinen Scheitel drückte. Einen Kuß auf die welke Stirn, dann trat der
-junge Mann zurück. Langsam schritt er zur Tür, legte die Hand auf den
-Drücker und warf einen langen Blick zurück, der mehr enthielt als Worte
-hätten sagen können. Lächelnden Antlitzes blickte Elisabeth zu dem
-Scheidenden hinüber. Noch ein stummer Wink, -- und der Platz an der Tür
-war leer.
-
-Lange Minuten schaute das Mädchen mit verhaltenem Atem unverwandt auf
-die Stelle. Dann kehrte sie die Augen ab, schauerte zusammen, als wenn
-es sie fröstle, schmiegte den Kopf an die Brust der Mutter und sprach
-mit versagender Stimme:
-
-»Ich bin so müde. Nun möchte ich schlafen gehen!«
-
- * * * * *
-
-Als aber die goldene Sonne untergegangen war und die grauen Schatten
-der Abenddämmerung sich auf die Erde herabsenkten, da hielt es die
-Freihoferin im Zimmer nicht mehr aus. Sie warf ein Tuch um die
-Schultern, vertraute die Obhut über die Schlummernde der alten
-Beschließerin an und eilte hinaus in die köstliche Luft des Lenzabends.
-
-Am Abendhimmel war ein glühendes Rot heraufgezogen, dessen leuchtende
-Farben jetzt langsam wieder verblaßten. Feierlicher Frieden erfüllte
-die Natur. Die gefiederten Sänger waren zur Ruhe gegangen, nur das
-Zirpen der Grillen tönte noch aus dem Grase hervor. Einsam funkelte der
-Abendstern auf die Erde herab, und langsam begann der helle Schein, der
-über der Stelle stand, wo die Sonne hinabgesunken war, zu verbleichen.
-Von fernher klang noch einmal verhallendes Hundegebell herüber, dann
-erstarb es, und tiefe Stille herrschte weit in der Runde.
-
-Die Greisin aber gewahrte nicht diesen Frieden, in ihrer Brust tobte
-wilder Schmerz. Sie wußte nicht, wohin sie sich wenden sollte.
-Mechanisch schritt sie auf der Straße weiter, vorüber an den
-friedlichen Wohnungen glücklicher Menschen.
-
-Da blieb sie mit einem Male stehen. Sie sah sich um und erkannte, daß
-sie sich vor dem Schulhaus befand. Und plötzlich überkam das Weib das
-heiße Verlangen, hineinzutreten unter die Elenden, die noch darin
-weilten, vielleicht milderte sich angesichts des vielen Wehs der
-gewaltige Schmerz in der eigenen Brust.
-
-Schon überschritt sie die Schwelle und stand gleich darauf in dem
-großen Krankenzimmer, dem eine in der Mitte hängende Lampe mattes Licht
-spendete. Erstaunt sahen die wachen Kranken auf den späten Besuch. Die
-Frau des Lehrers hatte die Nachtwache. Sie berichtete der Freihoferin,
-daß fast alle ihrer Schützlinge auf dem Wege der Genesung seien.
-Zu Besorgnissen gäbe keiner von ihnen Anlaß, bis auf einen jungen
-Rheinländer, dessen Hinscheiden noch in dieser Nacht erfolgen würde.
-
-Der junge Mann lag allein in einem kleinen halbdunkeln Raum nebenan,
-in den man durch die offenstehende Tür vom großen Krankenzimmer aus
-gelangte. Als die beiden Frauen eintraten, wendete der in hohem Fieber
-Liegende den Kopf nach der Tür und richtete seine großen, dunkeln Augen
-auf sie.
-
-Müde ließ sich die Freihoferin neben dem Bett auf einen Stuhl nieder,
-währenddessen die Pflegerin wieder in das Zimmer zurückging.
-
-Es war ein junger Bursche von zartem Körper, der infolge der Krankheit
-stark abgemagert war. Das bleiche Gesicht mit den Fieberrosen auf
-den Wangen umrahmte eine Fülle tiefschwarzen Haares. Apathisch lag
-der Kranke in den Kissen. Sein Gesicht trug bereits die Spuren des
-beginnenden Verfalls, nur die Augen glänzten in unnatürlichem Feuer und
-kreisten unausgesetzt in ihren Höhlen.
-
-Da erhob die Greisin ihre Stimme und sprach in gedämpftem Tone:
-
-»Wie befindet Ihr Euch, mein Sohn; kann ich Euch mit etwas helfen?«
-
-Der Kranke heftete die Augen auf die Sprechende und antwortete mit
-Anstrengung:
-
-»Ich danke Euch, Frau, mir kann niemand helfen, mit mir gehts zum Ende.«
-
-Und wieder kreisten rastlos die Augen.
-
-Die Freihoferin sah vor sich nieder, drückte die Hände fest ineinander
-und dachte daran, ob der Kranke daheim auch eine Mutter habe.
-
-Da wandte sich dieser plötzlich wieder zu ihr und und sagte mit
-abgerissenen Worten:
-
-»Hört mich an, vielleicht hat Euch der Himmel zu mir gesandt, daß Ihr
-mir eine fürchterliche Last von der Brust nehmen sollt. Sagt, gibt es
-eine Sünde in der Welt, die nicht verziehen werden kann?«
-
-Die Freihoferin neigte das Haupt und antwortete:
-
-»Gott ist allgütig, er lässet keinen Reuigen von sich gehen!«
-
-Aber der Kranke schüttelte unwillig den Kopf und erwiderte:
-
-»Nein, das will ich nicht hören. Die Tat, die ich begangen, kann _Gott_
-mir nicht anrechnen. Aber sprecht, kann eine Mutter verzeihen, wenn ihr
-Kind sie -- verriet?«
-
-Die Greisin wurde um einen Schein bleicher. Behutsam strich sie eine
-schwarze Haarwelle von der heißen Stirn des Kranken und sagte in ihrem
-weichesten Tone:
-
-»Wollt Ihr mir Euer Herz nicht erleichtern, mein Sohn? Sagt, was euch
-bedrückt, vielleicht kann ich Euch trösten.«
-
-Da schöpfte der Kranke tief Atem und begann mit unsicherer Stimme:
-
-»Meine Mutter stammt aus einem alten, reichen Patriziergeschlecht zu
-Geldern. Als sie zur Jungfrau erblüht war, warben viele vornehme Männer
-um sie. Sie schenkte ihre Gunst aber einem armen Offizier. Das machte
-den Bruder unwillig und er verwies seiner Schwester ihre Neigung. Und
-als sie sagte, daß sie niemand, als nur dem eigenen Herzen folgen
-würde, da packte den Hochmütigen der Zorn und er beschimpfte die
-Schwester und ihre Liebe. Nun war meine Mutter ein sanftes Mädchen, daß
-dem Bruder wohl verziehen hätte, daß er sie geschmäht. Als dieser aber
-den tugendsamen Mann ihres Herzens beschimpfte, da wallte in ihr heiße
-Entrüstung auf, und sie tat einen Schwur, daß sie dies dem Frevler nie
-verzeihen würde. Ich wuchs heran, und unter dem Einfluß meiner Mutter
-teilte ich deren Verachtung gegen die Verwandten. Mein Vater blieb bei
-Jena, und dem hochmütigen Kaufherrn entrissen die rauhen Kriegszeiten
-seinen ganzen Reichtum und machten ihn bettelarm, daß er Hand an sein
-Leben legte. Er hinterließ eine gelähmte Frau und eine einzige Tochter,
-die nun mit ihren feinen Händen, die nie Arbeit verrichtet hatten, für
-ihrer beiden Unterhalt sorgen mußte. So lernte ich das Mädchen kennen.
-
-Zuerst erfüllte mich tiefes Mitleid mit dem traurigen Schicksal der
-Frauen. Dann aber überkam mich eine edle Leidenschaft zu Karoline,
-meiner Base, die ich nicht aus meinem Herzen zu bannen vermochte. Ich
-lief hin zu meiner Mutter, gestand ihr meine Liebe und bat sie, den
-Schimpf, den der Verstorbene ihr angetan, nicht den schuldlosen Frauen
-entgelten zu lassen.
-
-Nun hatte aber meine Mutter den Haß gegen die Anverwandten wie einen
-bösen Wurm in ihrem Innern immer mehr anwachsen lassen, und diese
-unselige Leidenschaft hatte sie hart gemacht. Deshalb verbot sie mir
-meine Liebe und zieh mich des Undanks gegen sich. Aber ich konnte von
-dem Mädchen nicht lassen. Ich warf mich vor der Mutter nieder und
-flehte mit gerungenen Händen um ihren Segen. Da verwünschte mich meine
-Mutter und sagte, daß sie von stundab kein Kind mehr besäße. Und so
-verließ ich das traute, mütterliche Haus als Ausgestoßener, aber mit
-dem Trost im innersten Herzen, nicht gegen das göttliche Gebot gefehlt
-zu haben.
-
-Ich nahm Karoline zur Gattin. Und als nach Jahresfrist ein das Zimmer
-mit himmlischem Glanze erfüllender Engel uns ein Töchterchen gebracht
-hatte und kaum wieder entschwunden war, drängte sich der grausame Tod
-durch die Tür und raubte uns die ihr Leiden gottergeben tragende Mutter
-meiner jungen Frau.
-
-Kurze Zeit später rollte der Klang der Werbetrommel auch durch das
-Rheinland; der Kaiser bedurfte vieler Soldaten, die nach Rußland
-hinein marschieren sollten. Ich horchte nicht nach ihr hin, denn ich
-arbeitete angestrengt für unsern Unterhalt. Da riß man mich fort von
-Weib und Kind, und ich mußte mitmarschieren. Ich war schwach und litt
-fürchterlich unter den ungewohnten Anstrengungen und Entbehrungen.
-Endlich kehrten wir wieder um. Ich war so elend, daß ich kaum noch
-folgen konnte und blieb wiederholt liegen. Aber der Gedanke an mein
-verlassenes Weib, an das unschuldige, süße Kind riß mich in die Höhe,
-und ich wankte immer wieder weiter. So kam ich hierher, um nur wenige
-hundert Meilen von meinen Teuern entfernt zu sterben. O, das Schicksal
-ist unerbittlich grausam!«
-
-Der Kranke schloß die Augen und stöhnte laut auf unter dem gewaltigen
-Schmerz, der seine Seele erfüllte.
-
-Aber nur eine kurze Weile hielt diese Schwäche an. Mit ungeheuerer
-Anstrengung richtete er sich in den Kissen auf und lenkte die bereits
-verglasenden Augen von neuem auf das an seiner Seite sitzende, tief
-gebeugte Weib.
-
-»Hört, Frau,« keuchte der Sterbende, »was glaubt Ihr, wird sich meine
-Mutter meines armen Weibes und seines Kindes in Liebe erbarmen?«
-
-Mit eiserner Anspannung seiner letzten Kräfte hielt er sich auf den
-Ellenbogen gestützt aufrecht und sah forschend der Freihoferin ins
-Gesicht. Diese aber rührte sich nicht, ihre Züge waren steinern.
-
-»Ihr überlegt?« fuhr er hastig fort, und der Atem drang pfeifend aus
-seinem Munde, während den abgezehrten Körper heftige Fieberschauer
-erzittern ließen. »Ja, überlegts Euch reiflich, doch tuts rasch, bitt’
-ich Euch, sonst möchte Euer Spruch mir zu spät kommen!«
-
-Aber die Greisin antwortete nicht, noch immer verharrte sie regungslos.
-
-Da drohte dem Jüngling, die Kraft auszugehn. Mit übermenschlichem
-Willen widerstand er der Schwäche und stieß hervor:
-
-»Beim ewigen Gott, Weib, sprecht! Vielleicht habt auch Ihr ein Kind,
-dem einstmals ein Mensch das Sterben mit ein paar Worten erleichtern
-könnte -- -- --«
-
-In diesem Augenblick neigte sich die Freihoferin rasch über den
-Liegenden und sprach mit kaum vernehmlicher Stimme:
-
-»Eure Mutter wird sich der armen Verlassenen erbarmen, mein Sohn!«
-
-Der Getröstete aber war mit diesen Worten nicht zufrieden. Noch einen
-letzten Anlauf nahm er zum Leben. Warnend erhob er den Zeigefinger, und
-drohend entfuhr es den blutlosen Lippen:
-
-»Weib, wollt Ihr Euer Gewissen noch im Alter mit einer Lüge belasten?
-Ihr vergeßt, daß meine Mutter einen Schwur tat -- -- --«
-
-Da beugte sich die Greisin tiefer zu ihm herab und sprach so leise, als
-wenn sie selbst ihre Worte nicht hören wolle:
-
-»Und Eure Mutter wird ihrem Kinde dennoch verzeihen!«
-
-Da entquoll dem Munde des Sterbenden ein befreiender Seufzer, und er
-sank wieder in die Kissen zurück. Seine Augen irrten nicht mehr unstät
-umher, sondern waren jetzt ruhig aufwärts gerichtet.
-
-
-
-
-12. Kapitel.
-
-
-Max war in mißmutiger Stimmung heimgekehrt. Der Prozeß war noch nicht
-entschieden und drohte allem Anschein nach keinen günstigen Ausgang
-für ihn zu nehmen. Und doch war Max von seinem Rechte überzeugt und
-verstand nicht, wie die Richter daran zweifeln konnten, daß das saftige
-Stück Wiese dicht an der Gemarkung von Zehmen ihm zugesprochen werden
-müsse. Friesens unerwartete Abreise hatte seine Verstimmung vergrößert,
-die selbst dann noch nicht ganz wich, als er die Kunde vernahm, daß
-seines Freundes und Elisabeths Herzen sich gefunden hatten.
-
-Den Zustand der Schwester fand Max viel besser als er vor seiner
-Abreise gewesen war. Und seltsam, Elisabeth schien auch in der Tat
-nicht mehr so zu leiden, wie in den letzten Tagen. Der Husten war
-weniger heftig und schmerzhaft; sie verspürte Lust zum Essen und
-versuchte sogar wieder, mit dem Bruder zu scherzen.
-
-Auf dem Hofe fand Max neuen Verdruß. Ein schwerbeladener Wagen war auf
-eine weiche Stelle gekommen, wodurch das eine Hinterrad tief in den
-Boden eingesunken war. Vergebens schlug der Knecht mit der Peitsche
-auf die Pferde ein, aber die starken Ackergäule brachten trotz aller
-Anstrengung den Wagen nicht vorwärts. Mit zusammengezogenen Brauen
-stand Max abseits und schaute auf Hermann Lehnhardt, der im Verein mit
-zwei Knechten bemüht war, das Hinterteil des Wagens aus der tiefen
-Radspur herauszuheben. Aber sie sahen das Vergebliche ihres Versuchs
-gar bald ein, und schon wollte einer der Knechte forteilen, um eine
-Winde herbeizuholen, als ihn ein unwilliger Ruf zurückhielt. Im
-nächsten Augenblick bückte sich der junge Freihofer unter den Wagen und
-stemmte auf der herabgesunkenen Seite die Schulter an; -- ein Knirschen
-und Knacken, das Hinterteil des Wagens hob sich, und dann stand das Rad
-wieder auf festem Boden. Ruhig, nur das Gesicht vor Anstrengung stark
-gerötet, trat der Freihofer zurück.
-
-Nach diesem erfuhr er, daß der erst vor kurzem gekaufte, junge
-Zuchtstier sich gestern von der Kette losgemacht habe und auf den
-gerade mit einem Bund Heu in den Stall eintretenden Knecht losgerannt
-sei. Zum Glück war es diesem aber noch gelungen, die Stalltür hinter
-sich zuzuwerfen und so zu verhindern, daß das Tier auf den Hof
-stürmen und Schaden anrichten konnte. Allerdings war nun der Mann auf
-diese Weise mit dem aufgeregten Tier in dem interessanten Halbdunkel
-des Stalles allein geblieben. Und da hatte er, weil der Stier ihn
-hart bedrängte, die Heugabel ergriffen und mit ihrem eisernen Ende
-den Zudringlichen ein paarmal sorgfältig auf den mächtigen Schädel
-geschlagen, daß es vernehmbar gedröhnt hatte. Diese recht verständliche
-Mißbilligung seines Tuns hatte denn auch dem verdutzten vierbeinigen
-Sausewind eingeleuchtet, denn er ließ daraufhin von dem wehrhaften
-Knecht ab und konnte von diesem wieder in seinen Stand geführt und
-gehörig festgemacht werden. Als aber kurze Zeit darauf Hermann den
-Stier besah, stellte sich heraus, daß zwei der langen Gabelzinken dem
-Tier tief in das Fleisch des Nackens gedrungen waren. Trotzdem Hermann
-die beiden blutenden Wunden alsbald ausgewaschen und Vorsorge getroffen
-hatte, daß die erhitzte Stelle während der Nacht mit nassen Tüchern
-gekühlt wurde, zeigte die Umgebung jetzt starke Schwellung. Zudem war
-dem Stier die Freßlust vergangen, denn er hatte heute noch kein Futter
-angerührt.
-
-Max verdroß dieser Vorfall sehr. Er schalt laut auf den Knecht, der so
-ungeschickt gewesen sei, den Stier zu verletzen. Denn wenn es nicht
-gelang, die drohende Eiterung der, wie es schien, verunreinigten Wunden
-zu verhindern, konnte das wertvolle Tier an der Verletzung zugrunde
-gehen.
-
-Hermann trat achselzuckend von dem Stier zurück und meinte, der Mann
-wäre gut und es träfe ihn eigentlich keine Schuld, da der Stier die
-Kette zerrissen habe. Ein Mensch, der seine Geistesgegenwart weniger
-gut bewahrt hätte, hätte dem blind draufgehenden Vieh vielleicht die
-Gabel in die Brust gestoßen, was noch schlimmer gewesen wäre.
-
-Da wurde Max zornig, und er gab seinem Verwalter zu verstehen, daß er
-es angemessener fände, wenn er die Sache seines Herrn besser verträte,
-anstatt den ungeschickten und kopflos gewordenen Knecht herauszureden.
-
-Diese Worte verdrossen nun wieder Hermann gewaltig, der in bestem
-Bewußtsein, das Interesse seines Brotherrn jederzeit wie sein eigenes
-zu wahren, den Vorwurf für ungerecht fand.
-
-Er begehrte hart auf und deutete darauf hin, daß der Mann eine Frau
-und zwei kleine Kinder habe, und es ihm keiner verdenken könne, wenn
-er sein bedrohtes Leben verteidige sogut er könne. Er, Hermann, würde
-in solchem Falle ebenso handeln, ohne in diesen Augenblicken danach zu
-fragen, ob das Tier dabei totgeschlagen werde.
-
-Max war die Zornesröte ins Gesicht gestiegen. Aber er dämpfte seine
-Stimme, als er den Verwalter heftig anfuhr:
-
-»Was führt Ihr da für eine Sprache, Hermann! Wißt Ihr denn nicht, zu
-wem Ihr redet, oder habt Ihr den ganzen Tag in der Schenke gesessen?
-Ich habe mich doch geirrt, wenn ich Euch bisher vertraut habe, denn Ihr
-verdientet mein Vertrauen nicht.«
-
-Während dieses Wortwechsels hatten sich die beiden Männer der Stalltür
-genähert und waren zuletzt auf den Hof getreten, wo gerade die ersten
-Geschirre vom Felde nach Feierabend zurückgekehrt waren.
-
-Hermann war bei den letzten Worten Maxens wie unter einem heftigen
-Schmerz zusammengezuckt. In seiner Brust schlummerten zwei Temperamente
-nebeneinander. Die ruhige Gemütsanlage besaß er von seinem Vater,
-dem getreuen Sohn, der mehr als ein halbes Jahrhundert im Dienst
-der Tiefenbachs gestandenen Mutter Lehnhardt, und Gutmütigkeit war
-daher sein ausgesprochenster Charakterzug. Ganz tief drinnen aber
-in seinem Herzen glimmte wie ein winziger Funke wilde Heftigkeit.
-Diese Eigenschaft besaß er von seiner Mutter, dem Weibe vom Ufer der
-Etsch, mit den leidenschaftlichen, schwarzen Augen und den herrlichen
-Elfenbeinzähnen. Und dieser in tiefer Verborgenheit schlummernde Funke
-sollte jetzt zur hochaufschlagenden Flamme angefacht werden.
-
-Max war vor dem Verwalter aus dem Stall gegangen. Kaum hatte er
-seine letzten Worte ausgesprochen, war Hermann mit einem Satz auf
-ihn zugesprungen, daß er dicht vor seinem Herrn stand. Seine Augen
-funkelten vor Erregung und seine Fäuste waren geballt.
-
-»Wie,« keuchte er, »könnt Ihr meine Redlichkeit in Zweifel ziehen? Und
-wenn ich einen Ton anschlug, den Ihr für unangemessen fandet und den
-ich selbst noch nicht an mir gekannt habe, so seid nur Ihr mit Euren
-verletzenden Worten es gewesen, der mich dazu herausforderte. Ihr
-müßt nicht denken, daß ich wie ein Hund die Hand lecke, die nach mir
-schlägt!«
-
-Max hatte die in höchster Erregung hervorgestoßenen Worte des
-Verwalters mit scheinbarer Ruhe angehört, aber in seinem Innern hatte
-er gebebt. Beinahe hätte ihn der Zorn übermannt, doch war es ihm mit
-ungeheurer Überwindung gelungen, seiner Leidenschaft Herr zu bleiben.
-
-Er trat einen Schritt zurück, um durch eine zufällige Berührung den
-Wütenden nicht noch mehr zu reizen und sagte, sich zur Ruhe zwingend,
-mit leise zitternder Stimme:
-
-»Es ist gut für jetzt, Lehnhardt. Verlaßt von dieser Stelle aus den Hof
-und geht nach Hause. Morgen sprechen wir uns weiter.«
-
-Und mit diesen Worten wandte sich Max um und gab einem der die Pferde
-ausspannenden Knechte die Weisung, zusammen mit dem Großknecht heute
-Abend nach dem Rechten zu sehen.
-
-Aber auf den noch immer in drohender Haltung Stehenden übte Maxens
-kühle Besonnenheit keine beruhigende Wirkung aus, vielmehr schürte die
-Ruhe des Gegners nur noch die Flamme seines Zorns an und machte ihn vor
-Wut sinnlos.
-
-»Bauer! --« schrie Hermann mit überschnappender Stimme, »Ihr habt an
-meiner Ehrlichkeit gezweifelt. Wollt Ihr Euer Wort zurücknehmen, oder
-es gibt ein Unglück -- --!«
-
-Max war blaß geworden. Stumm und ohne einen Entschluß zu finden, stand
-er vor dem Wütenden.
-
-Da zuckte Lehnhardts Faust, -- in demselben Augenblick fuhr Max
-herum, riß dem nächsten Knecht die Peitsche aus der Hand, und noch
-bevor Hermann den Schlag führen konnte, wickelte sich schon der
-Peitschenriemen um seinen Körper.
-
-Es trifft sich oft im Leben, daß Menschen, deren Zorn aus geringfügiger
-Ursache hoch aufwallt, ihre Besonnenheit ebensoschnell wiedererhalten,
-wie sie ihnen verloren ging. Sei es nun, daß es der Leidenschaft an
-innerer Kraft gebricht, sich nach dem ersten Aufbäumen längere Zeit auf
-der unnatürlichen Höhe zu halten, sei es, daß die dem Aufblitzen der
-Gluten wie der Donner folgende Katastrophe die heftige Gemütserregung
-ihrer Stützen beraubt, -- gleichviel; der emporgeloderte Zorn bricht
-sehr oft jäh in sich zusammen, und die weit über Maß in Anspruch
-genommen gewesenen Kräfte sinken tief hinab. Der vordem verdunkelte
-Blick ist zur Beurteilung der Sachlage mit einem Male wunderbar
-geschärft; kühle Ueberlegung stellt sich ein, und eine ausdrucksvolle
-Stimme im Innern hebt zu sprechen an, die unerbittlich die eigene
-Schuld feststellt oder den Vorwurf ausspricht, daß dem Menschen die
-Kraft zur Beherrschung der Leidenschaft gefehlt habe. Zuweilen reißt
-der Niedersturz die geistige Spannkraft ebenso tief mit hinab, wie sie
-vorher emporgeschnellt war, und der Zornbebende, der mit funkelnden
-Augen und angespannten Fibern wie eine Vereinigung ungeheurer Willens-
-und Körperkraft erschien, bietet hinterher mit seinem gebrochenen Blick
-und der schlaffen Haltung ein klägliches Bild.
-
-So war auch Hermanns Zorn urplötzlich verrauscht. Als Max die Peitsche
-in der Faust hielt und zum Schlage ausholte, durchschoß Lehnhardt
-die Erkenntnis, unbesonnen gehandelt zu haben. Die Beleidigung für
-ihn war gesprochen und darüber sich zu entrüsten, wäre sein gutes
-Recht gewesen. Aber seinen Herrn zu bedrohen --, damit hatte ihm der
-Zorn, der ihn aller Besinnung beraubt hatte, einen Streich gespielt.
-Mit der blitzschnell überkommenen Nüchternheit hatte Hermann, noch
-bevor er unter dem Peitschenhiebe zusammenzuckte, auch den Entschluß
-gefaßt, den Freihofer nicht noch einmal zu reizen, sondern ruhig
-vom Hof zu gehen. Aber in seinem bisher besonnen gebliebenen Gegner
-waren jetzt die Riegel gelöst, die seinen Zorn zurückgehalten hatten.
-In dem Augenblick, in dem Lehnhardt sich zum Gehen wandte, traf ihn
-die Peitsche von neuem; ja, Maxens Wut verlangte nach einem dritten
-Schlage. Aber er bekam die Peitsche nicht frei, da sich der Riemen
-um Lehnhardts Füße geschlungen hatte. In schäumendem Zorn riß Max den
-Peitschenstock zurück, -- da verlor Lehnhardt das Gleichgewicht und
-fiel heftig auf den gekrümmten linken Arm.
-
-Jetzt hielt Max im Schlage inne, als er den Mann am Boden liegen sah,
-warf die schon wieder erhobene Peitsche auf die Erde und ging in den
-Stall zurück.
-
-Hermann Lehnhardt blieb einige Sekunden auf dem steinernen Pflaster
-vor dem Stalle liegen. Dann stand er mühsam auf, unterstützte mit der
-rechten Hand den augenscheinlich verletzten linken Arm und verließ,
-ohne sich noch einmal umzusehen, den Freihof.
-
- * * * * *
-
-Mit besonderer Sorgfalt hatte Max anschließend an diesen Vorfall die
-abendliche Runde durch den Hof gemacht, weit mehr aus dem Grunde Zeit
-zu gewinnen, um seine ungeheure Erregung verflüchten zu lassen, als den
-fehlenden Verwalter zu ersetzen.
-
-Ruhiger geworden, betrat er eine Stunde später die Wohnstube, wo
-die Mutter schon an dem gedeckten Tisch saß und ihn zum Abendessen
-erwartete.
-
-Mit kurzem Gruß und indem er es vermied, dem Blick der Mutter zu
-begegnen, nahm er ihr gegenüber Platz.
-
-»Wie geht es Elisabeth,« fragte Max, »ich wäre gern noch einmal zu ihr
-gekommen -- --«
-
-»Sie befand sich auch am Abend ziemlich wohl,« antwortete die
-Freihoferin »und schläft jetzt. Störe sie nicht.«
-
-Das Mahl verlief schweigsam, keiner von beiden empfand Lust zu
-sprechen.
-
-Endlich schob die Mutter den Teller zurück und erhob sich, um ihren
-allabendlichen Platz am Krankenbett einzunehmen.
-
-Da stand auch Max auf, räusperte sich heftig und stieß heraus:
-
-»Mutter, ich habe den Hermann heute Abend vom Hofe weisen müssen.«
-
-Die Alte hatte sich an das Fenster gestellt und schaute schweigend in
-die Dunkelheit hinaus. Bei des Sohnes Worten wandte sie sich langsam um
-und versetzte:
-
-»Ich habe es gehört.«
-
-»Es ist nicht das erste Mal gewesen, daß ich mich über ihn sehr ärgern
-mußte. Er hat viel Gutes, aber sein Wesen gefiel mir trotz alledem
-nicht. Er wollte nur immer allein anordnen und unterließ oft mich zu
-fragen, bevor er wichtige Dinge ausführte. Hinterher erst erfuhr ich’s.
-Aber man kann ja nicht überall sein. Ich werde ihn in der ersten Zeit
-recht vermissen, dann wird es aber umso besser gehen. Was meinst Du
-darüber?«
-
-»Du wirst wissen was Du tust,« entgegnete die Freihoferin kurz.
-
-In Max regte sich der Unmut bei diesen Worten, und er wäre gern
-aufgefahren, aber es war ja seine Mutter die so sprach, und er hatte es
-von Jugend auf nicht anders gekannt, als sich ihr unterzuordnen. Noch
-niemals war es ihm in den Sinn gekommen, sich gegen sie aufzulehnen.
-Deshalb unterdrückte er seine Verstimmung und sagte nur:
-
-»Es war anders nicht möglich, ich mußte ihn fortschicken.«
-
-»Du bist der Herr auf dem Freihofe,« klang es zurück.
-
-Diese Teilnahmlosigkeit reizte Max von neuem, und sein Ton hatte einen
-schlecht unterdrückten, scharfen Klang, als er hervorstieß:
-
-»Und züchtigen mußte ich ihn, das hatte er verdient!«
-
-»Ich gebe es zu, denn der Knecht darf sich nicht gegen seinen Herrn
-auflehnen,« lautete die rasche Antwort.
-
-Max verstand seine Mutter nicht recht. Forschend sah er ihr ins
-Gesicht, in dem sich kein Muskel bewegte. Da wandte sich der junge
-Freihofer ab und verließ das Zimmer.
-
-Die Greisin blieb in steifer Haltung am Fenster stehen und blickte
-sinnend durch die Scheiben. Mit einem Male stieß sie das Fenster
-hastig auf und rief den Mann an, der unter den Bäumen des Obstgartens
-herumlief. Es war der Großknecht, ein älterer Mann, der schon seit
-länger als zwanzig Jahren auf dem Freihofe war.
-
-»Anton!« rief die Freihoferin zum Fenster hinausgebeugt in halblautem
-Tone. Der Angerufene sah sich um und kam herbei.
-
-»Hat die Mutter Lehnhardt schon ihr Deputat für den Mai?« fragte sie
-leise.
-
-»Für den Mai?« antwortete Anton, »für den Mai, Bäuerin? Nein, wir sind
-ja noch im April.«
-
-»Dann tragt ihr’s noch heute Abend hinauf,« versetzte die Greisin.
-Darauf schloß sie das Fenster wieder und der Knecht lief den Weg
-zurück. In demselben Augenblicke aber, in dem er um die Scheunenecke
-biegen wollte, klang es hinter ihm her:
-
-»Anton! Die Mutter Lehnhardt bekommt fortan nicht mehr ein Quart,
-sondern einen Halben Kartoffeln und anstatt der einen Speckseite zwei!«
-
-Klirrend schloß sich das Fenster.
-
-Ein paar Sekunden blieb der Mann stehen, die Augen dorthin gerichtet,
-wo die Gestalt der Freihoferin eben verschwunden war. Endlich ging er
-davon, sein Gesicht zu einem gutmütigen Grinsen verziehend.
-
- * * * * *
-
-Einige Tage waren darüber hingegangen. Der Regen floß in Strömen vom
-Himmel herab, und Max, dessen Gegenwart draußen notwendig gewesen war,
-war gegen Mittag, naß wie eine Katze zurückgekommen. Am Nachmittag
-mußte er am Schreibtisch arbeiten. Der Regen hatte endlich aufgehört,
-und ein heftiger Sturm hatte sich erhoben, unter dessen Stößen die
-Fensterscheiben klirrten. Max war in seine Bücher vertieft, als sich
-die Tür auftat und Pastor Reinerz ins Zimmer trat.
-
-Beim Anblick des Greises konnte sich Max einer leichten Verlegenheit
-nicht erwehren, denn er meinte zu erraten, was diesen zu ihm führe.
-
-»Grüß Euch Gott, Herr Max,« begann der alte Herr nach einem warmen
-Händedruck, und noch bevor Max ihm geantwortet hatte, schob er sich
-einen Stuhl näher zum Schreibtisch und setzte sich neben den unsicher
-Dreinschauenden.
-
-»Ich komme von Eurer Schwester, der es besser geht als ich zu hoffen
-wagte, und nun wollte ich an der Tür nicht vorübergehen, ohne
-Euch einen Gruß gesagt zu haben,« hob Reinerz an, während Maxens
-Beklommenheit bei den ruhigen Worten zu weichen begann.
-
-»Das Kind besitzt einen hohen Schatz, den es uns allen voraus hat. Sie
-ist nämlich einer jener seltenen Menschen, die keinen Feind haben,«
-plauderte der Greis.
-
-»Damit mögt Ihr recht haben, Herr Pastor« entgegnete Max. »Ich wüßte
-auch wahrhaftig nicht, wer dem Kinde gram sein sollte.«
-
-»Ja, ein Günstling des Schicksals ist der, bei dem solches zutrifft,«
-sprach Reinerz und strich liebkosend mit den Fingern die weißen Fäden
-des langen Bartes. »Viel Feind, viel Ehr, sagt das Volk. Nun, das
-ist nicht unrichtig. Wie viele Menschen gibt es aber schon, denen
-die Feinde mit dem Amt zu gleicher Zeit beschert werden. Es ist ein
-nur Wenigen beschiedenes Glück, sagen zu können: ich besitze keinen
-Widersacher.«
-
-»Das ist wahr,« antwortete Max, »wenn Ihr sagt, daß manchem mit dem
-Amt auch Feinde erstehen, ja sie sind bereits da, bevor das nicht
-selten dornenvolle Amt einen einzigen Freund verschaffte. Dafür heißt
-leben kämpfen. Bald gesellen sich zu dem anstürmenden Schicksal auch
-feindlich gesinnte Mitmenschen, gegen die zu streiten bisweilen recht
-aufreibend ist. Glücklich ist der, dem ein stiller Winkel abseits des
-Planes, auf dem täglich die Kräfte gemessen werden, beschieden wurde.
-Er ist der Begünstigte, der, den das Schicksal liebt.«
-
-»Ja, ja, mein junger Freund, geradeso, wie Ihr es schildert, ist der
-Lauf der Welt,« versetzte der Greis. »Aber es genügt nicht allein,
-an einer geschützten Stelle zu stehen, wo die Wetter nicht brausen.
-Wer der Gunst des Schicksals gegenüber blind ist, der verläßt seinen
-schirmenden Unterstand. Er begibt sich in die Gefahr und kommt nicht
-selten darin um. Das weise Sichbescheiden auf den schmalen Raum, worauf
-man gestellt wurde und den vielleicht nur verblichene Sonnenstrahlen
-trafen, ist die große Lebenskunst, die nur wenige verstehen, und an
-deren Erfüllung täglich Hunderttausende scheitern. Eure Schwester ist
-einer jener klugen Menschen, denen ihr Haus nicht zu eng wurde. Sie
-begnügte sich mit dem Stückchen Boden, das das Schicksal ihr zugedacht
-hat. Das aber bebaute sie emsig und hatte die Freude, viele herrliche
-Blumen um sich herum gedeihen zu sehen. Nun, diese Blumen sind Eurer
-Schwester edle Tugenden und Eigenschaften, und die Menschen, die sich
-an dem Anblicke der Blumen ergötzen, sind Elisabeths Freunde.«
-
-Der Greis hielt im Sprechen inne, blickte eine Weile vor sich nieder
-und richtete dann seine durchdringenden Augen auf Max, der die eben
-entschwundene Beklommenheit unter diesem Blick wieder herannahen
-fühlte. Dann fuhr Pastor Reinerz ruhig fort:
-
-»Aber nicht nur Eurer Schwester sollte heute mein Besuch gelten, es
-verlangte mich auch, Euch selbst zu sprechen. Ihr werdet fühlen, was
-mich heute zu Euch führt, Max. Vielleicht habt Ihr den alten Reinerz
-auch schon erwartet.«
-
-Max hatte die Augen von dem Gesichte des Greises weggewendet und
-sah zum Fenster hinaus. Bei den letzten Worten Reinerz warf er
-den Gänsekiel, mit dessen Fahne er bisher gespielt hatte, auf den
-Schreibtisch.
-
-»Wo zwei Menschen im heftigen Zorn voneinander geschieden sind ist es
-gut, daß ein gemeinsamer Freund zwischen sie tritt, um ihren Groll zu
-besänftigen und sie wieder mit einander auszusöhnen. Der Wunsch, dieser
-gute Vermittler zu sein, hat mich zu Euch geführt.«
-
-Pastor Reinerz konnte nicht weiter sprechen. Max hatte schon wiederholt
-den Versuch gemacht den Redenden zu unterbrechen, war aber durch die
-abwehrende Handbewegung des Greises daran gehindert worden. Jetzt fuhr
-es Max heraus:
-
-»Ihr seid gütig, Herr Pastor, aber es ist nicht möglich, daß ich von
-Euerm freundlichen Anerbieten Gebrauch machen kann. Einer Vermittlung
-zwischen einem meiner Leute und mir bedarf es niemals. Wer mich
-beleidigt hat tut am besten, den Weg zu mir selbst einzuschlagen.
-Aber in diesem Fall wäre der Versuch Lehnhardts, meine Verzeihung zu
-erhalten, verfrüht. Der Unmut ist noch nicht von mir gewichen, deshalb
-müßte ich ihn, wenn er heute oder morgen zu mir käme, abweisen. Er hat
-zu schwer gefehlt. Und nun würde ich’s Euch danken, wenn Ihr von etwas
-anderem sprechen wolltet.«
-
-Aber der Greis war der Meinung, daß hierüber noch lange nicht genug
-gesprochen worden sei, deshalb begann er wieder:
-
-»Es ist heute noch so, wie es vor hundert und aberhundert Jahren schon
-war. Wenn zwischen zweien ein Streit entbrannt ist, fühlt sich selten
-einer von beiden im Unrecht. Ich will mich ja auch garnicht der Aufgabe
-unterziehen, zu ergründen, nach welcher Seite sich in diesem Fall das
-Recht neigt. Denn ich bin nicht gekommen, den Richter zwischen Euch
-und dem Hermann zu spielen, sondern als Freund zu vermitteln.«
-
-»Ich wünsche aber keinen Vermittler,« unterbrach Max ungeduldig den
-Sprecher. Doch ließ sich dieser nicht beirren, sondern fuhr fort:
-
-»Wer will es hindern, daß die Leidenschaft, die sonst immer im festen
-Zügel liegt, nicht einmal durchbricht und ihres Meisters spottet.
-Du lieber Gott, es ist ja so überaus schwer einen Vorwurf dafür zu
-machen. Der Leidenschaftslose hat freilich leichtes Urteil über den
-Temperamentvollen. Eins aber muß man von dem Mann fordern dürfen: daß
-er dann, wenn die Wogen des Zornes sich geglättet haben bereit ist, die
-Schuld, die er beim Ausbruch seiner Heftigkeit auf sich lud, wieder
-einzulösen. Auch Ihr habt gefehlt und tätet gut, wenn Ihr mit mildem
-Auge die Schuld des Andern betrachten wolltet.«
-
-Max hatte nur mit großer Beherrschung seine Ungeduld verbergen können.
-Jetzt erhob er sich hastig, trat einen Schritt zurück und sprach in
-entschiedenem Tone:
-
-»Herr Pastor, ich kann begreifen, wenn Ihr es als Eure Aufgabe
-betrachtet zu schlichten, wo Streit entbrannt ist. Es gibt aber
-keine Streitenden, wo das sich auflehnende Gesinde von seinem Herrn
-gezüchtigt werden muß. Ihr werdet den Vorfall soweit kennen, daß Ihr
-auch wißt, wie lange Zeit ich mich beherrschte, bevor mich der gerechte
-Zorn übermannte.«
-
-Langsam erhob sich auch Pastor Reinerz und sprach:
-
-»Ich hätte geglaubt, Euch versöhnlicher gestimmt zu finden. Seht, Max,
-ich bin ein alter Mann, der in seiner Jugend auch ein rechter Hitzkopf
-gewesen ist. Deshalb weiß ich es nur zu gut, wie leicht der Zorn die
-kühle Überlegung zur Seite drängt. Sagt, wäre es Euch nicht möglich,
-das Unrecht, soweit es Euch trifft, wieder gut zu machen?«
-
-Da begehrte Max heftig auf:
-
-»Mein Unrecht? Was für ein Unrecht beging ich denn?«
-
-»Das Unrecht, daß Ihr Hermann Lehnhardt reiztet, so daß er sich vergaß
-und daß Ihr Euch vom Zorn hinreißen ließet.«
-
-»Nun, und Ihr vergeßt ganz, daß der Knecht den Arm erhob gegen seinen
-Herrn.«
-
-»Das eben war die Folge Eures Zweifels an seiner Ehrlichkeit,«
-versetzte der Greis ruhig. »Hermann Lehnhardt ist ein schwerblütiger
-Bauer, den manches gleichgültig läßt, was einem andern das Blut in die
-Schläfen jagen würde. Aber wie so viele seinesgleichen kann er auch
-heftig in Zorn geraten, daß ihn die Überlegung vollständig verläßt.
-Ihr wißt, der gute Ruf ist ein Kleinod, das sich unsere Bevölkerung,
-gottlob, mit Stolz bewahrt. Ihr habt Euern Verwalter aber der
-Unredlichkeit verdächtigt -- --«
-
-»Nun ists genug, Herr Pastor,« unterbrach Max den Sprecher mit
-Festigkeit, »ich habe jetzt keine Geduld mehr, Euch länger zuzuhören.«
-
-»Ihr vergrößert durch Eure Halsstarrigkeit aber nur das Unrecht, das
-Ihr begangen habt,« antwortete erregt der Greis.
-
-»Dann werde ich die Folgen zu tragen wissen,« entgegnete der Freihofer
-herrisch.
-
-Stumm standen sich die beiden Männer gegenüber und tauchten ihre
-Blicke ineinander. Eine dumpfe Ahnung raunte jedem von Ihnen zu,
-daß die Erinnerung an diesen Augenblick in ihnen noch einmal mit
-aller Lebendigkeit heraufkommen würde. Das aber konnte keiner von
-beiden ahnen, daß jene Stunde, in der sie sich wie heute Auge in Auge
-gegenüberstehen und dieses Vorfalls erinnern sollten, zermalmenden
-Schmerz mit sich gebracht haben würde.
-
-
-
-
-13. Kapitel.
-
-
-Es war am späten Nachmittag, als vom untern Eingang her auf
-schaumbedecktem Pferde ein Reiter die Dorfgasse hinaufsprengte, ein
-junger Bursche von etwa achtzehn Jahren. Er mußte einen tollen Ritt
-hinter sich haben, denn der schweißtriefende Gaul schnaubte heftig
-und stolperte fast über seine Beine. Trotzdem verminderte der Reiter
-die Geschwindigkeit nicht. Das Dorf war wie ausgestorben, da alles
-draußen auf den Feldern zu tun hatte. Die Wenigen, die aber noch in den
-Häusern zurückgeblieben waren, wurden von dem klappernden Hufschlag
-aufgescheucht und sprangen an die Fenster, um nach dem vorbeistürmenden
-Reiter zu sehen.
-
-Als der Bursche in der Nähe der Kirche angekommen war, sah er drüben
-von der Anhöhe einen Wagen herabkommen, auf dem einige Knechte saßen.
-Er hielt sein Pferd an und rief mit lauter Stimme hinüber:
-
-»Heda, Ihr Leute, wo wohnen hier die Tiefenbachs?«
-
-»Reitet noch ein kurzes Stück,« klang es zurück, »dort oben, wo Ihr die
-beiden großen, mit Ziegeln bedeckten Scheunen seht.«
-
-Er wandte den Blick in die bezeichnete Richtung und trabte weiter. Wie
-er nahe an den Hof herangekommen war, sah er vor dem Hoftor auf der
-Straße einen Mann von hünenhaftem Wuchse stehen. Der Reiter trieb sein
-Pferd heran und blieb vor jenem halten.
-
-Mit seinem Haselstock auf das Gut zeigend, fragte er:
-
-»Ist das der Hof, auf dem die Tiefenbachs sitzen?«
-
-Der Angesprochene sah den Reiter verwundert an und antwortete:
-
-»Das ist der Freihof, und ich bin Max von Tiefenbach.«
-
-Da flog ein Zug der Befriedigung über das glühende Gesicht des
-Burschen. Eilends riß er das Wams auf, griff hinein und zog ein
-zusammengefaltetes Papier hervor, das er dem vor ihm Stehenden reichte.
-
-»Hier, nehmt und beeilt Euch! Der das geschrieben hat sagte, es gelte,
-einer Sterbenden noch etwas Liebes zu erweisen, und daraufhin bin ich
-geritten, als wenn ich zum Tode meiner Mutter noch zurecht kommen
-müsse.«
-
-Hastig griff Max nach dem Papier, riß es auseinander und las seinen
-Inhalt. Und während er las, preßte er die Lippen so heftig aufeinander,
-daß sie weiß wurden. Langsam sank endlich die Hand mit dem Schreiben
-herab, während er den Blick zu Boden richtete.
-
-Aber die Stimme des Reiters riß ihn aus seinem Brüten:
-
-»Diese Börse soll ich Euch aushändigen,« sprach er, »sie enthält die
-ganze Barschaft meines Auftraggebers, und hier ist seine goldene
-Repetieruhr. Sonst hat er mir nichts aufgetragen.«
-
-Max kämpfte seine Bewegung nieder und antwortete:
-
-»Gebt her die Uhr. Den Beutel behaltet für Euern Ritt, denn auf diesem
-Gaule werdet Ihr wohl kaum wieder zum Dorfe hinauskommen. Sattelt ab
-und laßt Euch zu essen geben.«
-
-Mit diesen Worten wandte er dem Reiter den Rücken und ging eilends nach
-dem Wohnhause. Der Bursche sprang vom Pferde, liebkoste das völlig
-erschöpfte Tier und zog es langsam auf den Hof.
-
- * * * * *
-
-In verschwenderischer Fülle drangen die schrägen Sonnenstrahlen des
-scheidenden Tages in Elisabeths Zimmer und erfüllten es mit goldenem
-Glanze. Die Kranke lag im Bett und hielt die Hand der neben ihr
-sitzenden Mutter in der ihrigen. Ihr Gesicht trug den Ausdruck schweren
-Leidens und war eingerahmt von dem üppigen Blondhaar. Keines von ihnen
-sprach ein Wort.
-
-Da öffnete sich die Tür, und Max trat ins Zimmer. Mit leisen Schritten
-näherte er sich dem Bett und berührte mit der Hand schmeichelnd die
-Wange des Mädchens.
-
-»Ich habe etwas für Dich, meine kleine Liesbeth,« sagte er und hob die
-Hand mit dem Papier hoch auf.
-
-Die Kranke betrachtete eine kurze Weile in hoher Spannung das Gesicht
-des Bruders. Dann überlief ihren Körper ein Zittern und sie flüsterte:
-
-»Max, lieber Max, wäre es möglich?«
-
-Und mit gedämpfter Stimme las dieser die folgenden wenigen Zeilen:
-
- Meine inniggeliebte, süße Braut!
-
- Während ich diese Worte niederschreibe, fließt mein warmes
- Herzblut unter mir dahin, und ich merke, daß es mit mir
- rasch zu Ende geht. Ich benutze die kurzen Minuten, die ich
- noch zu leben habe, um Dir, Du Gute, meine letzten Grüße zu
- sagen. -- Als ich nach Leipzig kam, packte auch mich die
- Begeisterung, die in dieser Stadt herrscht. Ich wandte der
- schwankenden sächsischen Sache den Rücken und verband mich den
- schwarzweißen Farben. Heute habe ich unter Blüchers Leitung
- um das Dorf Großgörschen gekämpft. Nachdem ich schon kleine
- Verletzungen erlitten hatte, wurde mir zuletzt die linke
- Schulter und Brust von einem französischen Säbel zerhauen.
- Ich zürne ihm nicht, nein, ich danke ihm dafür! Es wäre ein
- freudenloses Leben gewesen --! Mein letzter Herzschlag gehört
- Dir, Du inniggeliebtes Mädchen. Schon überkommt mich eine
- unwiderstehliche Müdigkeit; mit dem Gedanken an Dich will ich
- einschlafen. Habe Dank für Deine Liebe, die mich so glücklich
- macht, daß ich dem Sterben entgegenlächeln kann. Einen innigen
- Kuß drücke ich auf die Blumen, die ich Dir sende. Auf baldiges
- Wiedersehen, mein süßes Lieb, -- -- über den Sternen!
-
- Dein bis in den Tod getreuer
- Bernhard von Friesen.
-
-Elisabeths Gesicht strahlte in überirdischem Glanze. Schneller als
-sie es im Leben erreicht hätte, sollte sie mit dem Geliebten im Tode
-vereinigt sein. Ihre Augen suchten das Himmelsblau, in dem vielleicht
-in diesem Augenblick seine Seele zu den lichten Höhen schwebte. Dann
-richtete sie die strahlenden Augen auf die Mutter und den Bruder,
-ergriff die Hände ihrer Lieben und sprach:
-
-»Ach, Mutter, ich hätte nicht gedacht, daß das Sterben so schön sei!«
-
-Just um diese Stunde begann mit schwerem, unhörbarem Flügelschlage der
-Todesengel über dem Freihof seine Kreise zu ziehen -- -- --
-
-Max hatte das Zimmer leise wieder verlassen, derweilen Elisabeth mit
-geschlossenen Augen ruhte. Die dem Briefe beigelegenen, an einem
-Stengel vereinigten zwei Himmelschlüssel standen in einem Wasserglas
-neben dem Bett. Da öffnete plötzlich das Mädchen die Augen und tauschte
-wortlos einen langen Blick mit der Mutter. Dann fühlte diese, wie die
-heiße, kleine Hand sich auf die ihrige legte und sie sanft an sich zog.
-
-»Mein liebes, herzensgutes Mütterchen,« sagte die Kranke leise, »ich
-fühle, daß meine Zeit gekommen ist. Aber ich muß, bevor ich von Dir
-scheide, Dir ein Geheimnis anvertrauen, das mich tief traurig gemacht
-hat, das mich aber zuweilen auch im innersten Herzen mit seliger Lust
-erfüllte: Maria von Tiefenbach, meine Cousine, und Max lieben einander.«
-
-Und mühsam erzählte Elisabeth den Vorfall in der Kirche und schloß:
-
-»Als zuletzt Maria in ihrer tiefen Not die Worte ausrief, daß Max ihre
-Liebe besitze, blieb mein Bruder anfangs stumm, dann wurde er rauh
-zu ihr. Aber ich habe es dennoch gefühlt, daß seine Hand, die in der
-meinen lag, zitterte, wie die eines geängstigten Kindes. Ach, Mutter,
-wenn die beiden glücklich werden könnten -- --«
-
-Die Freihoferin saß weit vornübergebeugt zur Seite der Kranken. Ihr
-welkes Gesicht zeigte deutlich die Spuren der großen Anstrengungen der
-letzten Wochen. In diesem Augenblick aber sah es erschreckend fahl aus.
-Von neuem trafen sich die Blicke von Mutter und Kind, das seine Augen
-ängstlich forschend auf das starre Antlitz der Mutter gerichtet hatte.
-Aber nur einen Herzschlag lang währte diese Spannung. Dann überflog die
-Züge des Mädchens ein sonniges Leuchten und sie bat:
-
-»Bitte, gib mir meine Blumen, liebe Mutter.«
-
-Die Freihoferin griff nach dem Stengel, wobei ihre Hand so heftig
-zitterte, daß sie einige Male an dem Glase vorbeitastete und reichte
-dem Kinde wortlos die gelben Frühlingszeichen.
-
-Die Kranke lächelte beglückt, drückte die Blumen an die Lippen und bald
-ließen die regelmäßigen Atemzüge erkennen, daß der Schlaf ihre Sinne
-umfangen hatte.
-
-Kurz darauf kam Max wieder in die Kammer und setzte sich neben seine
-Mutter. Die Dämmerung brach herein, die Abendschatten sanken herab, und
-langsam zog der Mond herauf. Ein zitternder Strahl fiel auf das Bett
-und umspielte zwei zarte, weiße Hände, in denen eine welke Blume lag.
-
-Bleiern schlichen die Stunden dahin. Endlich verkündete der helle Ton
-von der Kirche her die Mitternachtstunde.
-
-Keiner der beiden Menschen, die an dem Lager der Schlafenden weilten,
-unterbrach die hehre Stille, die in dem Raume herrschte. Stumm saßen
-sie nebeneinander und schauten voll Andacht in das friedliche
-Engelsantlitz vor ihnen. Dann war der Mond seinen Pfad weiter
-gewandelt, und undurchdringliche Finsternis erfüllte das Zimmer.
-
-Am Morgenhimmel zogen die ersten lichten Schimmer leise herauf, als Max
-unter der leichten Berührung von der Hand seiner Mutter aufschreckte.
-
-»Es ist Zeit zu beten, Max,« sagte die Freihoferin mit heiserer Stimme.
-Darauf knieten sie an dem Bette nieder und sprachen in lautem Gebet
-einander Mut und Trost zu, während die lichtumflossene Gestalt, die zu
-Häupten der tiefaufatmenden Sterbenden harrte, die lebensmüde Seele
-empfing und hinaufgeleitete zu dem Lande der gestillten Sehnsucht und
-des Friedens.
-
- * * * * *
-
-Wie ein Lauffeuer hatte die Kunde von Elisabeths Tode das Dorf
-durcheilt. Doch setzte noch niemand seinen Fuß auf den Freihof, in
-der Besorgnis, daß seine Tröstungen in den gewaltigen Schmerz hinein
-schal klingen möchten. Auf dem Hofe schien alles Leben erstorben, so
-geräuschlos vollzog sich das notwendige Werk, das verrichtet werden
-mußte. Max bekam keiner zu sehen, er blieb in der Nähe der Mutter, die,
-wie er deutlich empfand, furchtbar litt.
-
-So saßen sie beide in der großen Wohnstube kein Wort sprechend, nur die
-Gegenwart des andern als Trost empfindend.
-
-Da klangen schwere Männertritte draußen im Hausflur. Gleich darauf tat
-sich die Tür auf, und ein Mann trat auf die Schwelle. Die Freihoferin
-und Max hatten sich umgewandt und starrten wie auf eine Erscheinung
-nach der Tür. Der Mann, mit dem hohen, schlanken Wuchse und der
-leichtgebeugten Haltung, der noch immer auf der Schwelle stand und
-dessen dunkles Haupthaar und Bart Silberfäden durchzogen, war der
-Schloßherr vom Weißen Schlosse, der Freiherr Arnold von Tiefenbach. Als
-er eine Weile unverwandt auf Mutter und Sohn geblickt hatte, zog er die
-Tür hinter sich zu und trat in das Zimmer. Die Freihoferin, die mit dem
-Rücken nach ihm saß, hatte sich wieder umgewandt und sah mit hartem
-Ausdruck vor sich hin. Langsam ging Herr Arnold auf sie zu und blieb
-dicht vor der Greisin stehen.
-
-Eine kurze Zeit tiefen Schweigens verstrich. Dann sagte der Angekommene
-in bittendem Tone:
-
-»Wirst Du mir es wehren, Base, wenn mich darnach verlangt, von der
-Gestorbenen Abschied zu nehmen? Nicht nur Dir ist Dein Kind genommen.
-Auch an mein Herz hat das Entsetzen gegriffen und ihm eine blutige
-Wunde geschlagen.«
-
-Der alte, gebeugte Man schwieg, als wenn er auf eine Antwort warte.
-Dann fuhr er fort:
-
-»Base, höre mich ruhig an, um der teuern Toten willen, die meine Worte
-unterstützen würde, dürfte sie noch unter uns weilen. Ich stehe als
-Bittender vor Dir, laß mich nicht unerhört von dieser Schwelle gehen.
-Denke, ich nähme allen Frieden und alles künftige Glück von diesem
-Hause mit fort, wenn Du mich abwiesest. Der tiefe Schmerz schlingt um
-uns ein unzerreißbares Band und bringt unsere Herzen näher aneinander.
-Und so bitte ich Dich denn, Base, -- -- gib Frieden! Laß Ruhe einziehen
-in meine alte Brust und in Dein gequältes, tief erschüttertes Herz.
-Laß uns nicht richten über die Toten, sie haben ihre Rechenschaft
-längst abgelegt und vielleicht auch Verzeihung erhalten; gewähre auch
-Du Verzeihung. Ein Hauch, der nichts mit der Irdischkeit gemeint
-hat, umweht uns in diesem Augenblick und mahnt eindringlich, jeder
-Schuld bloß zu sein, wenn die Stimme endlich auch uns ruft. So komm
-denn, Base, schlag ein. Nimm diese Freundeshand, die Du so lange
-zurückgestoßen und laß uns Versöhnung feiern an der Leiche Deines
-Kindes!«
-
-Max saß in einem hohen Lehnstuhl mit Armstützen. Seine Augen hingen an
-dem schmerzerfüllten Antlitz des Freiherrn, dessen Rede er mit Bewegung
-angehört hatte. Jetzt sah er voll quälender Erwartung auf seine Mutter.
-Konnte sie diesen Worten noch Widerstand entgegensetzen, den Worten,
-die alle Feindschaft in seiner Brust töteten und den heißen Wunsch nach
-Versöhnung jäh heraufkommen ließen?
-
-Aber die Mutter rührte sich nicht, sondern blickte noch immer
-unverwandt zu Boden.
-
-Da wurde der alte Freiherr weich.
-
-»Constanze,« flehte er, »auf diesen Armen hab’ ich Dein Kind oft
-getragen. Es nannte mich Vater und erzählte viele Male mit glänzenden
-Augen von seiner Mutter, die bei den Menschen als hart gelte und
-doch ein nach Liebe flehendes Herz besitze. Komm, denke Du könntest
-mit Deiner Verzeihung Deinem Kinde eine Wohnung inmitten der Seligen
-errichten. Gib Frieden, Constanze!«
-
-Mit fliegendem Atem sah Max hinüber. Ihm war, als könnte die Mutter
-nicht eine Sekunde länger zögern. Ihre schwere seelische Erschütterung
-war offenbar, und die Worte seines Onkels waren in ihrer Wehmut und
-Sehnsucht nach Schlichtung des alten Familienzerwürfnisses hinreißend.
-
-Aber die Freihoferin blieb stumm und sah mit zusammengekniffenem Munde
-hartnäckig vor sich nieder.
-
-Da ergriff der Freiherr von neuem das Wort und sprach:
-
-»Du hast Dein Kind unaussprechlich geliebt, ich weiß es; mit allen
-Fasern hingst Du an seinem schwachen Leben. Denke, es wäre ein geheimer
-Wunsch Elisabeths gewesen, unsere Familien in Frieden zu wissen. So
-lange sie lebte, hätte sie niemals eine solche Bitte ausgesprochen,
-denn die Scheu, der Mutter weh zu tun, würde das Kind daran gehindert
-haben. Aber wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wo der Mensch den
-irdischen Staub abschüttelt, um die letzte Reise anzutreten, dann darf
-er das Siegel an seinem Munde zerbrechen. Vielleicht ist die teure
-Tote noch von dem Wunsch erfüllt gewesen, die Mutter zu bitten, den
-unseligen Zwist ihr mit ins Grab zu geben und sie besaß nur nicht mehr
-die Kraft, die Bitte auszusprechen -- --«
-
-Maxens Blicke hingen unverwandt an der Mutter. Er bemerkte, wie ihr
-Körper schwankte, und eine innere Stimme sagte ihm, daß, wenn je, jetzt
-der Augenblick gekommen sei, wo der Widerstand der Mutter zerbrechen
-mußte. Er hätte aufspringen mögen, um sich zu den Füßen seiner Mutter
-niederzuwerfen und ausrufen: »Mutter, sei barmherzig, und gewähre Dir
-und uns allen Frieden!« Aber das durfte er nicht wagen! Die Wandlung in
-ihrem Innern mußte von anderen bewirkt werden. Die Bitten des Sohnes
-hätten ihren Widerstand nur wiederaufrichten und stärken können. Der
-junge Mann, dessen Pulse hämmerten, mußte an sich halten, damit er
-dem Freiherrn nicht zurief, daß er seine Bitten wiederholen und Worte
-finden möge, deren Wärme den Zutritt zu dem schwer zugänglichen Herzen
-erzwingen müßten. Doch Worte voll Liebe und Weichheit müßten es sein,
-denn nur diese Eigenschaften waren geeignet seine Mutter zu rühren.
-
-Aber der Mann mit den gramvollen Zügen, der gewiß noch nie so wie jetzt
-zu einem Weibe gesprochen hatte, besaß keine Kraft mehr zu bitten.
-Sein Gesicht verfinsterte sich, und die Stimme zitterte leise vor
-bezwungenem Unmut als er wieder begann:
-
-»Constanze, achtest Du mein graues Haar nicht _mehr_? Willst du mich
-wie einen Schulbuben vor Dir demütigen?«
-
-Keine Antwort. Nichts, als eisiges Schweigen. Das Weib saß
-vornübergesunken und wie leblos im Stuhle.
-
-Max wartete noch mit angstvoller Spannung auf Worte seines Onkels,
-so wie er sie vorhin gesprochen hatte. Da klang es von dessen Munde
-schneidend und streng:
-
-»Ich habe geglaubt, Du besäßest für den Kummer anderer Menschen
-wenigstens einen kleinen Raum in Deinem Herzen. Nun aber weiß ich,
-daß deine Brust von Stein ist. Ich gebe es auf, künftig noch auf die
-Verwirklichung meines Lieblingstraumes hinzuwirken. Von Menschen wird
-Dein Handeln nicht mehr gerichtet werden, aber sieh zu, daß Dir die
-Worte nicht fehlen, wenn Du einst vor dem Throne des allmächtigen
-Gottes Dein Tun verteidigen mußt!«
-
-Diese Worte klangen wie Donnerschläge, und Max sah, daß seine Mutter,
-als der schneidende Klang ertönte, sich aus ihrer zusammengesunkenen
-Haltung aufrichtete und das Kinn heftig auf den Hals preßte, wie
-sie es zu tun pflegte, wenn sie dem Schicksal ihren eisernen Willen
-entgegensetzte. Nun war die Möglichkeit, die Mutter umzustimmen, für
-immer dahin. So weich wie vor wenigen Sekunden hatte er sie noch nie
-gesehen.
-
-Jetzt wandte sich der Freiherr von der Greisin ab und trat zu ihm hin.
-
-»Max,« sprach er und war bemüht, den scharfen Ton in seiner Stimme zu
-mildern, »willst Du nicht wenigstens zu mir halten, auf daß in dieser
-Stunde eine Brücke aufgerichtet werde, die spätere Tiefenbachs betreten
-können? Wollen _wir_ Freunde werden?«
-
-Die Blicke des jungen Mannes hatten während dieser Worte auf seiner
-Mutter geruht und tiefes Mitleid erfüllte ihn, als er daran dachte,
-welchen Schmerz er ihr zufügen würde, wenn er die dargebotene Hand
-annahm und wie vereinsamt die Mutter dann im Leben stünde.
-
-Noch sah der Freiherr erwartungsvoll auf den jungen Neffen nieder, bis
-sich ihre Augen begegneten. Da schlug Max den Blick zu Boden und warf
-gleichzeitig den Oberkörper mit einer unwilligen Bewegung heftig gegen
-die Lehne, daß der schwere Stuhl ein Stück zurückfuhr.
-
-Der Freiherr aber wandte sich betrübt um und ging, ohne noch einen
-einzigen Blick zurückzuwerfen, aus dem Zimmer. Max hörte, wie er seine
-Schritte nach Elisabeths Kammer lenkte und nach wenigen Minuten durch
-den hintern Ausgang das Haus verließ.
-
-Eine kurze Zeit saßen Mutter und Sohn ohne zu sprechen, beisammen. Max
-empfand dieses Schweigen wie eine ungeheure Last und er wäre der Mutter
-dankbar gewesen, wenn sie in diesem Augenblick ein paar freundliche
-Worte zu ihm gesprochen hätte, deren er so sehr bedurfte. Statt dessen
-erhob sich endlich die Mutter und ging mit langsamen Schritten nach
-der Tür. Max sah es und fühlte einen heftigen Schmerz in der Brust.
-Plötzlich stockte ihr Fuß, und es schien, als wenn sie zu dem Sohne
-kommen wolle. Aber nur einen Augenblick hatte dies Zögern gewährt. Dann
-ging sie entschlossen weiter und ließ Max allein in der Stube zurück.
-
-Da kam das Gefühl einer unerträglichen Vereinsamung über den jungen
-Mann, und er fühlte sich von der Mutter und allen verlassen. In
-demselben Augenblick, wo ihm die Kraft schwand, und er seiner Mutter
-für einen im Leben ohnehin nur selten von ihrer Seite empfangenen
-Zuspruch die Hände geküßt hätte, ging sie von ihm. Noch nie war ihm so
-schwer ums Herz gewesen, und gerade jetzt stand er allein.
-
-Der gute Engel des Hauses war dahingegangen! Der unselige Zwist
-zwischen den nahen Verwandten, der über dem Freihof wie eine
-drückende, schwarze Wolke hing, in allen seinen Räumen gespenstisch
-schwebte und in den Herzen seiner Bewohner nur selten rechte Freude
-hatte aufkommen lassen, dieses Verhängnis, das am Schicksalswege
-der Tiefenbachs unheildrohend kauerte, sollte aber nicht von ihnen
-weichen. Den edeln Mann, der sich dem Hause als Freund angeboten,
-hatte das Schweigen der Mutter für immer vom Freihof gescheucht, und
-mit ihm war sein Lebensglück dahingegangen! Ja, heraus damit aus
-dem gequälten Herzen; jetzt durfte er ohne zu erröten gestehen, daß
-die Gluten der Leidenschaft für Maria von Tiefenbach sein Innerstes
-aufwühlten und allen Frieden von ihm nahmen. Denn was ihn nur daran
-verhindert, vor dem herrlichen Mädchen damals in der Kirche, als ihre
-Seele verzweifelnd ihr tiefstes Geheimnis hinausschrie, niederzuknien
-und ihr seine innigste Gegenliebe zu gestehen, das wußte er jetzt.
-Nichts anderes hatte ihm die unbegreifliche Kraft gespendet, seine
-Leidenschaft im Herzen zu verschließen, als die Liebe und Ehrfurcht
-zu seiner Mutter. Damals fühlte er noch, mit welch starken Banden,
-die er unzerreißbar wähnte, er mit seiner Mutter verbunden war. Der
-wütendsten Anstrengungen, ihn von ihr zu reißen, hätte er mit Hohn
-gespottet. Jetzt aber, wenige Monate später, war es so ganz anders:
-der mächtige Anker, der ihn bisher davor schützte, daß die wild auf
-ihn einstürmenden Wogen sein Lebensschifflein mit sich fortrissen und
-hinaustrieben auf das Meer des Unfriedens und der Ruhelosigkeit, war
-geborsten.
-
-So sollte also der alte Groll auch fernerhin auf ihm lasten! Der
-edle Freund war für die Freihofer auf immer verloren, und sein
-verheißungsvoll aufleuchtendes Glück war in Scherben gegangen, -- wohl,
-das mußte er ertragen lernen! Was ihn schwer niederdrückte, war also
-geblieben, das aber, was ihm hold und besitzenswert erschien, hatte ihn
-verlassen. Und jetzt verließ auch sie noch ihn -- seine Mutter?
-
-Da warf der riesenstarke Mann die Arme auf den Tisch, barg das Gesicht
-in ihnen und schluchzte wie ein Kind.
-
- * * * * *
-
-Der Freiherr war in gebeugter Haltung langsam den Weg zum Schloß
-hinaufgegangen.
-
-Eine halbe Stunde später tat sich das Gattertor wieder auf, und ein
-berittener Bote trabte auf lustig wieherndem Rößlein den Schloßberg
-herunter. Er hatte Ungeduld, auf die Straße zu kommen und lenkte
-deshalb das Tier querfeldein. Über Gräben, Hecken und rieselndes Wasser
-flog der Gaul wie ein Reh hinweg, bis er zuletzt in weitem Sprunge über
-den Straßengraben setzte.
-
-Und dann jagte der Reiter mit verhängten Zügeln auf der Straße dahin,
-die nach Eckartsberg führte.
-
-
-
-
-14. Kapitel.
-
-
-Es war eine wunderbare, märchenschöne Maiennacht. Kein Wölkchen stand
-am Himmel. Gegen zehn Uhr war der Vollmond heraufgezogen und übergoß
-die ganze Landschaft mit seinem milden, weißen Licht. Der Himmel sah
-aus wie eine riesige, tiefdunkelblaue Sammetdecke, auf der Myriaden
-von Sternen gleich glitzernden Steinen ausgestreut waren. Die Luft
-war so klar und durchsichtig, daß die funkelnden Himmelskörper dem
-Auge viel näher erschienen, und die Umrisse der Häuser und Bäume waren
-scharf zu erkennen. Kein Laut erscholl weithin, der die feierliche
-Stille unterbrochen hätte. Nur dort, wo der leichte Windhauch von den
-bunten Wiesen her den balsamischen Duft der jungen Gräser und Blumen
-hintrug, rauschte es geheimnisvoll in den Bäumen. Leise bewegten sich
-die schlanken Zweige der in frischem Weiß leuchtenden Birken, und die
-zitternden jungen Blätter lispelten ohne zu ermüden und priesen die
-Pracht des in seiner siegenden Schönheit ins Land gezogenen Lenzes.
-
-Auf einem der breitästigen, blühenden Lindenbäume, die rund um den
-Brunnen vor der Schenke standen, saß mit feurigen Augen ein Eulenpaar,
-das in seiner hohlen, klagenden Sprache glühende Liebesschwüre
-austauschte, während der Wind leise die Wipfel bewegte, daß sein
-Rauschen wie eine Erzählung klang von all den Menschen, die unter den
-Bäumen schon als Kinder gespielt und die sich endlich lebensmüde in
-ihrem Schatten ausgeruht hatten.
-
-Rastlos floß unterdessen das Wasser aus der hölzernen Röhre in den
-geräumigen Steintrog.
-
-Aus den Wohnungen der Menschen drang kein Laut. Sorge und Kummer
-hatten ihre Macht über sie verloren und manchmal lächelte wohl einer
-der Schläfer, weil ihm der gütige Traumgott freundliche Bilder vor die
-Seele gezaubert hatte.
-
-Frieden ringsum!
-
-Alle Gegenstände waren von dem silbernen Licht des Mondes umflossen.
-Ein wunderbares Schweigen lag auf dem friedlichen Dorfe, in das hinein
-der Brunnen seine alten, dumpfen Lieder sang. Und über der schlafenden
-Erde zogen die Gestirne lautlos ihre unveränderlichen, ewigen Bahnen.
-
- * * * * *
-
-Vom Schloßberg kam eine schlanke Gestalt herab, die um Kopf und
-Schultern ein leichtes Tuch gelegt hatte. Ohne zu zögern, lief sie
-über die blumigen Wiesen an den blühenden Haselnußbüschen vorbei, bis
-sie endlich an dem schmalen Stege angekommen war, der über den Bach in
-den Obstgarten des Freihofes führte. Dort blieb sie stehen und lehnte
-sich an einen Baum, neben der schwachen Brücke. Das Weib tat ein paar
-tiefe Atemzüge, schob das Tuch vom Kopf zurück, daß es auf den Nacken
-herunterfiel und strich mit ihrer Hand über die Stirn. Der Mond schien
-der Einsamen voll ins Gesicht: es war Maria von Tiefenbach.
-
-Ihre Augen flogen verlangend hinüber über das leise murmelnde Wasser.
-Dann schaute sie wieder zurück nach dem Weg, den sie gekommen war
-und nach dem Schloß, dessen letzter Turm hoch hinaufragte zu dem
-leuchtenden Firmament.
-
-Maria hüllte den Kopf wieder ein und schritt dann vorsichtig über den
-Steg, den sie zum ersten Mal in ihrem Leben betrat.
-
-Kaum aber stand sie unter dem nächsten Baum auf dem jenseitigen Ufer,
-als aus dem Schatten des Wohnhauses mit mächtigen Sprüngen Sultan
-der Hofhund auf sie zustürzte. Winselnd sprang das treue Tier an dem
-Mädchen hinauf, warf sich vor ihr nieder, wälzte sich im Grase und
-wiederholte dann seine ausgelassenen Sprünge. Mit wehmütigem Lächeln
-kniete Maria ins Gras, streckte die Hand aus, griff in das zottige Fell
-des Hundes und zog ihn liebkosend an sich heran, wie sie es so oft
-getan, wenn Elisabeth ihn mit aufs Schloß gebracht hatte.
-
-»Du Armer,« sagte sie leise. »Nicht nur den Menschen, auch Dir fehlt
-die Tote. Jetzt ist auf dem Hofe wohl keine Hand mehr bereit, Dich
-zu streicheln. Ja,« setzte das Mädchen seufzend hinzu, »es weiß noch
-keiner richtig, wie viel er verloren hat!«
-
-Dann klopfte sie dem Tier noch einmal den Rücken und ging nach der
-hintern Tür des Hauses.
-
-Die örtlichen Verhältnisse des Freihofes waren Maria so bekannt, als
-ob sie von Jugend auf hier gewohnt hätte. Hatte sie den Fuß auch noch
-nie an diesen Ort gesetzt, so kannte sie doch die Einrichtung des Hofes
-aus den tausend kleinen Erzählungen Elisabeths ganz genau, und von dem
-Vater wußte das Mädchen, daß man die Tote in ihrer Kammer aufgebahrt
-hatte. Maria legte die Hand auf den eisernen Drücker und öffnete
-behutsam die Tür, die ohne das geringste Geräusch unter ihrem Drucke
-wich.
-
-Eine undurchdringliche Finsternis gähnte ihr entgegen. Durch die offene
-Tür warf aber der Mond sein milchweißes Licht und beleuchtete ein
-großes Stück Wand nahe dem Eingang. Die Aeste und Blätter der Bäume des
-Obstgartens zeichneten sich auf der beschienenen Fläche ab, und wenn
-der milde Luftzug die Bäume bewegte, huschten die verworrenen Figuren
-durcheinander und wichen vor dem Mädchen zurück, um sich ihm alsbald
-wieder zu nähern. Wie eine Unzahl schattenhafter Wesen, die ihr Spiel
-mit ihr trieben und versuchten, sie hineinzuziehen, um sie im nächsten
-Augenblick wieder über die Schwelle zurückzudrängen.
-
-Da überfiel das tapfere Mädchen eine große Bangigkeit. Und mit
-einem Male überkam sie die Bedeutung für den Schritt, den sie zu
-tun beabsichtigte. Aber nur eine einzige Sekunde währte dieser
-Schwächeanfall. Dann richtete Maria sich auf, machte gegen die
-gespenstischen Bilder eine unwillige Bewegung mit der Hand und betrat
-vorsichtig den dunkeln Hausflur. Unhörbar lief sie auf den Zehenspitzen
-weiter.
-
-Als sie bei der ersten Tür vorbeischritt, sagte sie leise: »Das ist
-die Wäschekammer.« Bei der zweiten Tür flüsterte sie: »Hier schläft
-die Beschließerin.« Vor der nächsten Tür blieb Maria aufatmend stehen.
-Ihr Herz klopfte zum Zerspringen bei der Erwägung, ob es ihr vergönnt
-sein würde, von der toten Freundin Abschied zu nehmen, oder ob sie, nur
-durch ein dünnes Brett von ihr getrennt, wieder umkehren müsse.
-
-Bebend tastete Maria nach der Klinke und gewahrte zu ihrer unsäglichen
-Freude, daß die Tür nicht verschlossen war. Geräuschlos öffnete sie
-und glitt in das Zimmer, aus dem ihr ein betäubender Blumenduft
-entgegenschlug. Dichte Dunkelheit umfing sie.
-
-Allmählich gewöhnte sich ihr Auge an die Finsternis, die ihr, nach der
-großen Helligkeit im Freien, anfangs pechschwarz erschienen war. Sie
-bemerkte, daß in dem obern Teil der beiden geschlossenen Fensterladen
-zwei kleine Löcher in Form von Herzen eingeschnitten waren, durch die
-einzelne Mondstrahlen hereinfielen und das Zimmer notdürftig erhellten.
-
-In der Mitte des kleinen Raumes stand auf einer mit schwarzem Tuch
-umkleideten Bahre der offene Sarg, um den herum eine große Menge von
-Blumen und Kränzen aufgehäuft war, daß er fast unter ihnen verschwand.
-Zu Häupten breitete eine hohe Fächerpalme an weitragenden Stengeln ihre
-umfangreichen Blätter aus. Neben ihr standen zahlreiche hochstämmige,
-blühende Gewächse, so daß der obere Teil des Sarges von einem
-Blütenhain umgeben war.
-
-Das Herz brechend schwer, trat Maria zur Linken der Toten an den Sarg
-heran. Ihre Augen durchbohrten mit Anstrengung die dichte Finsternis
-und blieben auf dem Antlitz ruhen, dessen Züge, je länger sie darauf
-schaute, immer deutlicher hervortraten, bis sie zuletzt das alte, liebe
-Gesicht der verstorbenen Freundin genau erkannte. Wie ein schlafendes
-Kind ruhte Elisabeth auf den weißen Polstern, bekleidet mit einem
-dunkelblauen, mit weißen Kanten besetzten Musselinkleid, das das
-Mädchen oftmals getragen, wenn sie wie ein Irrwisch durch die Scheunen
-und Ställe des Freihofes flog und das die kindliche Lieblichkeit der
-Jungfrau erhöht hatte.
-
-Der Tod hatte auf dem Gesicht keine verheerenden Spuren hinterlassen.
-Er war ihr ein willkommener Erlöser gewesen, dem sie mit frohem Lächeln
-entgegengesehen hatte. Ein beglückender Gedanke mußte sie im Augenblick
-des Scheidens der Seele bewegt haben, von dem ein milder Abglanz auf
-dem Gesicht zurückgeblieben war. Heiter, wie sie im Leben gewesen, war
-sie hinübergeschlummert. Und neben dem Ausdruck unstillbarer, freudiger
-Sehnsucht lagerte ein verklärender Hauch von Frieden auf dem schmalen
-Kindergesicht.
-
-Maria sah erschüttert auf die Tote, die ihr im Leben Freundin und
-Schwester zugleich gewesen war. Nie konnte ein reineres und treueres
-Herz jemals wieder in Liebe so für sie schlagen, wie das der Toten,
-das nun stillstand. Elisabeths sonnige Lebensauffassung, die sich
-in einer nie versiegenden Fröhlichkeit kundtat, hatte sie, die
-Ernste, Sinnende, oft erheitert, wenn ihr Gemüt von düsteren Wolken
-umlagert gewesen war. Und die tiefe Liebe und Anhänglichkeit, die die
-Freundin ihr entgegengebracht, hatte sie immer als ein Gnadengeschenk
-betrachtet, für das sie dem Himmel nicht genug danken konnte. Nun
-war es vorbei mit diesem Glück! Der Augenblick war gekommen, dessen
-Herannahen sie schon seit geraumer Zeit mit wachsender Angst bemerkt
-und vor dem sie gezittert hatte.
-
-Maria ließ den Kopf sinken, und ein Gedanke stieg in diesem Augenblick
-in ihrer Seele auf, den niederzukämpfen sie sich vergeblich bemühte und
-der sich ihr mit solcher Heftigkeit aufdrängte, daß sie schließlich
-mit glutroten Wangen davon abstand, ihn länger zu meistern: noch immer
-hatte sich in ihrem Herzen die geheime Hoffnung behauptet, daß eine
-so reiche Liebe, wie sie für ihren Vetter empfand, endlich doch über
-alle Mühsale triumphieren müsse, und die Stütze ihrer Zuversicht war
-Elisabeth gewesen. Darüber freilich, wie das Kind mit seiner schwachen
-Kraft und seinem gänzlich mangelnden Einfluß auf die Entschließungen
-seiner Mutter sie aus der Wirrnis hinausführen sollte, hatte sie nie
-nachgedacht. Sie selbst schalt sich in ruhigen Stunden töricht ob
-ihrer Hoffnung, daß in dem Herzen der unerbittlichen Tante jemals
-eine Wandlung vor sich gehen könne. Und die scharfe und kalte Absage,
-die ihr Max in demselben Augenblick erteilte, in dem die tötliche
-Angst, ihn auf immer zu verlieren, den leidenschaftlichen Ausbruch bei
-ihr bewirkte, hatte sie belehrt, daß sie die Stimme in ihrem Busen
-verstummen lassen müsse.
-
-Alles das hatte sich Maria ja schon oft gesagt, und doch wollte die
-Stimme nicht schweigen, sehnte und hoffte ihr gequältes Herz in
-Bangigkeit weiter. Jetzt begriff sie mit einem Male, daß, solange
-Elisabeth gelebt, sie auch hatte weiterhoffen dürfen, denn die
-Freundschaft Elisabeths war das unsichtbare Band gewesen, das sie mit
-dem Freihof verknüpft hatte. Jetzt aber versagte dem beredten Mund
-in ihrem Innern die Sprache, und eine zermalmende Hoffnungslosigkeit
-überkam sie. Max von Tiefenbach war von jetzt ab für sie unabänderlich
-verloren!
-
-Und langsam zogen die geheimsten Gedanken des Mädchens an seiner Seele
-vorüber. Sie sah sich zärtlich an den Geliebten geschmiegt, ihre Stirn
-war an seine Brust gelehnt. Innig hielt er sie umfangen, und mit
-unsagbar beglückenden Worten hatte er ihr seine Liebe gestanden und
-dann ihren Kopf aufgehoben und ihre Lippen und Augen geküßt. Niemand in
-der weiten Umgebung besaß eine so hohe Gestalt, daß er neben Maria von
-Tiefenbach sich hätte behaupten können, nur er; und keinen anderen Mann
-würde Marias stolzer Sinn jemals den Besitz ihres herrlichen Körpers,
-wie die Natur ihr ihn gütig verliehen hatte, einräumen. Die heiligen
-Flammen keuscher Mädchenliebe durchloderten ihren Busen im Wachen wie
-im Schlummer, -- mit der treuen Freundin aber zugleich begrub man auch
-ihre Liebe. -- -- --
-
-Maria von Tiefenbach vergaß in diesem Augenblick ganz den Ort, an dem
-sie weilte. Sie kniete neben der Bahre nieder, neigte den Kopf darauf
-und weinte zum Herzbrechen. Und so verharrte sie lange Zeit, während
-die Tränen reichlich flossen und der wilde Sturm in ihrem Innern an
-Heftigkeit langsam nachließ.
-
-Da überkam sie plötzlich der Gedanke, wie unsagbar schwer vor allem
-Elisabeths Mutter unter dem Verlust leiden müsse. Und wie der edle
-Mensch dann wenn er des Nächsten gewaltigen Schmerz sieht, den eignen
-Schmerz unter seinem Mitleid für eine Weile vergißt, empfand auch Maria
-tiefes Mitgefühl für die unglückliche Mutter. Ihre Tränen versiegten,
-und indem sie sich aufrichtete, die gefalteten Hände erhob und an die
-Lippen preßte, betete sie mit bebender Stimme:
-
-»Du Allgütiger, Tröster und Erbarmer! Erbarme Dich auch der Mutter
-dieses Kindes, spende ihr reichen Trost in diesem schweren Herzeleid
-und laß sie Ruhe und Frieden finden!«
-
-Langsam sanken die Hände herab, und Maria fühlte ihre seelische
-Kraft wieder erstarken. Mit der Tröstung, die sie auf das Weib
-herabgefleht, das sich ihr so unversöhnlich feindselig gegenüberstellte
-und zweifellos die Schuld trug, daß ihr zartes Liebesglück in der
-Knospe vernichtet wurde, war auch in ihre Brust Trost eingezogen. Der
-herbe Schmerz hatte sich gemildert und war vor dem Mitleid keusch
-zurückgewichen.
-
-Ihre Gedanken aber wollten sich nicht von der Freihoferin abwenden.
-Immer deutlicher stieg das Bild dieser schwergeprüften Mutter in ihrer
-Seele herauf, daß sie meinte, sie vor sich zu sehen. Maria sah im
-Geiste ein Paar runzliger Wangen, einen zusammengekniffenen Mund und
-fühlte fast den langen Blick aus den tiefliegenden Augen. Sie hatte
-die Freihoferin immer nur von fern gesehen, jetzt aber gewahrte sie
-zu ihrem Erstaunen, wie tief das Bild der Greisin in ihrer Seele
-eingegraben war. Die hohe Stirn wurde von grauem Haar begrenzt, das, in
-der Mitte geteilt, in dünnen Strähnen zu den Ohren herablief. Neben dem
-herben Ausdruck lagerte auf dem Gesicht gewaltiger Schmerz.
-
-Maria empfand, wie ihre Einbildungskraft aufs höchste erregt war. Sie
-fuhr mit der Hand über die Augen um das Trugbild zu verscheuchen. Aber
-die Erscheinung wollte nicht weichen, denn noch immer sah sie zwischen
-Blüten und Blättern das fahle Gesicht Elisabeths Mutter.
-
-Ihre Augen schmerzten schon, doch konnte sie nicht wegschauen. Den
-Atem zurückhaltend, versuchte sie erneut mit den Augen die Dunkelheit
-zu durchdringen, während Schweißperlen auf ihre Stirn traten. Da, --
-hatte sich das Bild nicht soeben bewegt? Nein, es war nicht möglich,
-die hohe Aufregung und der Ort hatten ihre Sinne überreizt. »Großer
-Gott -- -- --!« schrie das Mädchen plötzlich auf. Dann erstarben
-ihr die Worte auf der Zunge, und sie duckte sich nieder wie in der
-Erwartung eines heftigen Schlages. Denn in diesem Augenblick waren
-die tödlichen Zweifel geschwunden, -- sie wußte sich der Freihoferin
-gegenüber.
-
-Noch einige Sekunden hingen diese vier Augen aneinander, dann
-schwankten drüben Blätter und Zweige, bogen sich zurück und schlugen,
-während das Gesicht verschwand, wieder zusammen. Geräuschlos rückte ein
-Stuhl, und die Freihoferin trat aus der Hecke von Blumen und Gewächsen
-hervor. Sie zündete die Kerzen eines auf dem Tische stehenden,
-schweren, dreiarmigen Silberleuchters an, wandte sich zur Tür und
-deutete mit einer schroffen Bewegung, als wolle sie die Grabesstille
-des Raumes nicht unterbrechen, dem noch immer mit den Zeichen des
-Schreckens in hilfloser Haltung knieenden Mädchens stumm an, ihr zu
-folgen.
-
- * * * * *
-
-Max saß im dunkeln Wohnzimmer wieder wie gestern beim Erscheinen des
-Freiherrn in dem mächtigen Armstuhl, dessen hohe, mit gepunztem Leder
-überzogene Lehne noch ein Stück über seinen Kopf hinausragte. In dieser
-Nacht würde er den Schlaf nicht finden, deshalb suchte er das Lager
-nicht erst auf.
-
-In seiner Seele lag eine Welt in Trümmern, und der Himmel, der sich
-über ihm wölbte, war bleifarben und hing tief herab. In den letzten
-Tagen war er um Jahre älter geworden. Das Schicksal hatte ihm einen
-empfindlichen Schlag versetzt. Seinen Nacken zu beugen, war es freilich
-nicht im stande gewesen, aber seinen unbändigen Trotz, mit dem er
-die entstellte Fratze, die, wohin er auch immer ging, vor seinen
-Augen stand, auflachend verscheuchen wollte, hatte er noch nicht
-wiedergefunden. Aber gemach! Er wußte, daß er die beschämende Schwäche
-in wenigen Tagen würde niedergerungen haben, denn die Tiefenbachs
-hatten zu allen Zeiten Stiernacken besessen.
-
-Da hörte er Tritte im Hausgang, die in die tiefe Stille hineinklangen.
-Die Mutter wußte er am Sarg der Toten, die sie in der letzten Nacht
-nicht verlassen würde. Er erkannte ihren Schritt, der schleppend
-näherkam. Aber, horch, was war das? War das nicht der Schall der Tritte
-_zweier_ Menschen? Unwillkürlich richtete er sich auf und lauschte.
-Da öffnete sich schon die Tür, und heller Kerzenschein drang in das
-Zimmer.
-
-Schwerfällig trat die Greisin ein und stellte den Leuchter auf den
-großen, runden Tisch. Max aber achtete nicht der wankenden Mutter,
-seine Augen waren voll Ueberraschung auf die Tür gerichtet, in der
-soeben eine fremde Frauengestalt erschienen war. Eine Sekunde starrte
-er atemlos auf die im Halbdunkel stehende Erscheinung auf der Schwelle,
-deren Gesicht er nicht zu erkennen vermochte. Da griff plötzlich eine
-kalte Hand nach seinem Herzen und preßte es heftig -- er hatte die
-Fremde erkannt.
-
-Schon wollte ihn die Überraschung ganz gefangen nehmen, da erhob sich
-in seinem Innern ein Sturm, und seine Sinne arbeiteten fieberhaft an
-der Deutung dieses Rätsels. Wie ein Blitz fiel die Erleuchtung in
-seine Seele: Maria von Tiefenbach hat sich in das Haus gestohlen, um
-von ihrer gestorbenen Freundin Abschied zu nehmen. Die am Totenbett
-weilende Mutter will in ihrem Haß die edeln Gefühle des Mädchens nicht
-gelten lassen und bringt es hierher, damit sie in seiner Gegenwart
-Marias Teilnahme schroff zurückweise, um durch verletzende Worte dem
-sie beunruhigenden Herannahen der Schloßleute für immer zu begegnen.
-
-Da schlug die heiße Flamme des Unwillens in Maxens Herzen über seine
-Mutter jäh auf. Er raste wie im Fieber und erhob sich halb vom Stuhl,
-um bei ihren ersten verletzenden Worten aufzuspringen. Noch verließ ihn
-die Besinnung nicht, noch war er sich bewußt, daß er sich vor seiner
-Mutter befand, die er von Kindesbeinen an so verehrt und geliebt hatte,
-wie ein Sohn seine Mutter nur lieben kann und die er noch bis gestern
-für unfehlbar gehalten hatte. Auf sein Lebensglück um ihretwillen
-verzichten und es zersplittern zu lassen, das vermochte er zu ertragen.
-Die aber verletzen, deren Bild er fortan unauslöschbar im Herzen
-tragen würde, obwohl sie die Enkelin jenes Mannes war, der seine
-Großmutter beschimpfte, diesem hochherzigen Mädchen wehzutun, nein,
-beim ewigen Himmel, das durfte sie nicht! Mochte die Scholle erbeben,
-auf der ihm die Mutter das Leben gegeben, wenn er sich jetzt gegen
-sie wandte, mochte das Dach des väterlichen Hauses niederstürzend ihn
-begraben und die Menschen einst mit Entsetzen im weiten Bogen das Grab
-meiden, das die Unnatur barg, die gegen den Schoß raste, der sie gebar.
-Er würde trotzen! Zusehen aber, und müßig dabei bleiben, wenn Maria von
-Tiefenbach von der Mutter gedemütigt wurde, das konnte er nicht! Alle
-Sinne aufs äußerste angespannt, starrte Max auf seine Mutter.
-
-Das Mädchen war in der Tür in vornübergeneigter Haltung stehen
-geblieben, während die Freihoferin an das nach dem Garten hinausgehende
-Fenster getreten war und sich müde zurücklehnte. Kein Laut kündigte
-an, daß sich in diesem Zimmer drei Menschen befanden, deren Herzen zum
-Zerspringen schlugen.
-
-Ein paar Sekunden atemraubender Stille verstrichen, dann machte die
-Freihoferin eine Bewegung, als wenn sie die letzte Kraft zusammenraffe
-und begann zu sprechen. Ihre Stimme klang nicht so voll wie sonst, aber
-ruhig und eisig:
-
-»Baronesse! Um des traurigen Ereignisses willen, das zu ertragen uns
-eine höhere Fügung auferlegt hat, kann ich Ihnen nicht zürnen, wenn
-Sie Ihren Fuß über die Schwelle dieses Hauses setzten, das Ihnen sonst
-verschlossen bleiben muß. Sie haben sie gekannt, meine -- verstorbene
-Tochter -- --«
-
-Bei den letzten Worten war die Stimme rauh geworden und brach
-plötzlich ab. Der Körper der Sprechenden war wieder gegen das Fenster
-zurückgesunken, ihre Augenlider waren halb herabgefallen. Sie versuchte
-und versuchte wieder weiterzusprechen, -- umsonst. Ein heftiges Zittern
-überlief die hohe Gestalt der Greisin, und der zum Sprechen geöffnete
-Mund schloß sich und blieb stumm.
-
-O, ihr rätselvollen, unergründlichen Tiefen des Frauenherzens!
-
-Eine kurze Weile tödlichen Schweigens verstrich, währenddessen ein
-erbitterter Kampf, der Abschluß einer siebzigjährigen, unaufhörlich
-genährten Feindschaft, blitzschnell entschieden wurde. Und dann
-klang es, demütig bittend, von den zuckenden Lippen der Tochter des
-beschimpften Weibes:
-
-»Maria, willst Du mir eine liebende Tochter, meinem Sohn eine treue
-Gattin sein?«
-
-Wenn die Natur sich in wildem Aufruhr befindet, und die sonst friedlich
-schlummernden Elemente entfesselt sind, wenn von dem dräuenden Himmel
-Wolkenbäche herniederstürzen, in den zusammengeballten, schwarzen
-Luftgebilden Blitze mit rasender Aufeinanderfolge aufzucken, denen das
-Krachen der Donner hinterhergrollt und der Orkan heulend durch die
-Gassen peitscht, dann ereignet es sich zuweilen, daß einem letzten, den
-Himmel in zwei unermeßliche Hälften zerreißenden Aufleuchten und einem
-gräßlichen Donnerschlage tiefe Ruhe folgt.
-
-Also geschah es in der großen Wohnstube mit dem schweren,
-altväterischen Hausrat auf dem Freihofe. Der ungeheure Sturm war wie
-durch einen Zauberspruch gebändigt, und tiefe Stille war ihm gefolgt.
-Während die Greisin bis an die Wand am Fenster zurückgesunken war,
-war das Mädchen von der Tür aus mit ein paar heftigen Schritten zu dem
-Tisch geeilt und starrte, mit beiden Armen sich schwer aufstützend,
-unverwandt auf das Weib am Fenster.
-
-Max, der zum Aufspringen bereit gesessen hatte, war in den Stuhl
-hineingesunken, daß der große Körper in dem schwerfälligen Möbel
-aussah wie der eines Kindes. Er war nicht im stande klar zu denken;
-hundert Begriffe drangen von allen Seiten und zu gleicher Zeit auf ihn
-ein, jagten wie das wilde Heer in sinnverwirrender Geschwindigkeit an
-seinem geistigen Auge vorüber und tanzten dann in tollem Wirbel um ihn
-herum, bis sie ihn endlich in eine ungeheure Tiefe mit hinabrissen.
-Das Vermögen, zu beurteilen wo er sich befand, verließ ihn, und die
-Erinnerung an das soeben Erlebte verblich. Ein Zustand höchster
-geistiger Abspannung nach all den wilden Stürmen in den letzten
-Tagen war über ihn gekommen, der so gewaltig war, daß selbst Max von
-Tiefenbachs Kraft ihm nicht widerstehen konnte. Wie wenn ein schwer
-getroffener Stier röchelnd zusammenbricht, wenn der Wirbelsturm in
-einem einzigen Augenblick einen mannsdicken Eichbaum knickt, daß er
-krachend zu Boden stürzt, so hilflos brach Maxens Widerstand zusammen.
-Seine Blicke irrten im Zimmer umher, glitten verständnislos von einem
-zum andern, ohne den beklommenen Eindruck der Seele zu vermitteln. Sein
-Hirn war wie ausgeblasen. Er hatte das verschwommene Empfinden, als
-wenn sich etwas Ungeheuerliches zugetragen hätte und bemühte sich mit
-aller Kraft, seine Sinne wieder in die Gewalt zu bekommen. Vergebens,
-die Seele sagte ihm in diesem Augenblick den Gehorsam auf und ließ ihm
-nur das Erkennen seiner Ohnmacht.
-
-Mit riesengroßer Willenskraft riß er das Wenige, das ihm geblieben, an
-sich und war bemüht, wie ein Kind das Nächstliegende zu überdenken.
-Dies war seine Hand; worauf sie lag, die Armlehne eines Stuhles, das
-ein Knopf seines Rockes. Dann versuchte er darüber nachzuforschen,
-was sich hier zugetragen hatte. Er strengte seinen Geist mit
-übermenschlicher Kraft an, daß er einen heftig bohrenden Schmerz im
-Gehirn empfand, der ihm den Schädel zersprengen wollte. Worte waren
-gesprochen worden. Von wem, worüber? Vergebens versuchte er gegen die
-Schwäche anzukämpfen, die wie ein granitner Felsen vor ihm lagerte, an
-dem sein Willen zersplitterte wie ein Knabensäbel.
-
-Plötzlich horchte er auf. Vom Fenster her drangen schwach Worte an sein
-Ohr:
-
-»Aber warum küßt Ihr Euch nicht, meine Kinder?«
-
-Wer war das, der da so sprach? Wer hatte das gesprochen? War das nicht
-die Stimme der Mutter? Seiner _Mutter_? Nein! vom Küssen ging die Rede,
-und seine Mutter sprach nie vom Küssen! Aber vorhin war die Mutter doch
-in der Stube gewesen und hatte gesprochen. Und wie sie geendet, hatte
-es sich wie eine schwarze Binde auf seine Augen gelegt, und der Kopf
-hatte ihm geschmerzt wie infolge eines heftigen Sturzes. War nicht noch
-jemand hier gewesen? Ja, die Mutter war mit dem brennenden Leuchter
-eingetreten und hinter ihr hatte er in dem ungewissen Halbdunkel noch
-einen Menschen gesehen, -- ein Weib. Wer aber war dieses Weib?
-
-Und abermals versuchte Max mit aller Kraft seine Gedanken zu zwingen,
-ihm wieder dienstbar zu sein.
-
-Da tönte wiederum die Stimme von vorhin, und jetzt erkannte er sie
-untrüglich als die seiner Mutter. Aber weich klang sie, wie der Sohn
-sie noch nie gehört hatte:
-
-»Als ich jung war, küßte man sich in solchen Augenblicken!«
-
-Und wie das Sonnenlicht durch dunkles Gewölk bricht, ebenso siegreich
-stieg bei diesen Worten die Erinnerung an das in den letzten Minuten
-Vorgefallene in Max herauf.
-
-Blitzschnell und mit bewunderungswürdiger Schärfe arbeitete jetzt
-Maxens Hirn und gab ihm die Deutung dessen, was ihm soeben noch als
-Rätsel erschienen war.
-
-Er knüpfte wieder dort an, wo ihn vorhin das klare Denkvermögen
-verlassen hatte: Maria war unbemerkt in das Haus gekommen, um an
-Elisabeths Sarge noch einmal zu beten, und von dort hatte die Mutter
-das Mädchen mit hierhergebracht.
-
-Max kämpfte mit der Erschütterung, die der überraschende Wandel der
-Gesinnung seiner Mutter auf ihn ausgeübt hatte. Aber er kannte seine
-Mutter nur zu gut, daß ihm jetzt die Beweggründe für ihr Tun nicht bis
-zur Ueberzeugung hätten verständlich sein müssen: der erzene Panzer
-um ihr Herz war zersprungen. Sie war entschlossen, die Schuld für die
-Nichteinlösung des ihrem sterbenden Vater gegebenen Wortes auf sich
-zu nehmen und über den Haß, den sie seither im Busen wachgehalten und
-genährt, triumphierte die Liebe. Eingedenk des Versprechens und mit dem
-halsstarrigen Trotze, der ein geistiges Familiengut der Tiefenbachs
-war, und den die bäuerliche Linie noch weit stärker besaß als die auf
-dem Schlosse, hatte sie sich den Haß gegen die Verwandten zu einem
-Stück ihrer Lebensaufgabe gemacht. Und, ach, wie seltsam! Wie doch die
-Leidenschaften, die sich fliehen müßten, dicht beieinander wohnen;
-denn mit der Stärke zu hassen, hatte die Vorsehung diesem Weibe auch
-das unstillbare Verlangen Liebe zu geben und zu empfangen in die Seele
-gepflanzt. Wie oft mußte ihr das Hassen schwer geworden sein, wenn sie
-sah, wie das Kind, an dessen Besitz ihr Herz mit allen Fasern geknüpft
-war, ein Stück seiner Liebe den Gehaßten schenkte.
-
-Es war Max offenbar, daß die Liebe _eines_ Kindes seiner Mutter
-nicht genug war. Wem unter einem rauhen Aeußern ein von Liebe so
-überquellendes Herz schlägt, der darf sich füglich darnach sehnen,
-mit mehr als einem Teuern auf das Innigste verbunden zu sein. Deshalb
-bat sie jetzt das Mädchen, an dem die Verstorbene mit ganzer Seele
-gehangen, die leergewordene Stelle in ihrem Herzen einzunehmen und
-die Liebe, die sie für die Tochter empfunden hatte, fortan ihr, der
-Mutter zu schenken. -- Oder sollte seine Zuneigung zu Maria auf die
-Mutter eingewirkt haben? Nein, das war es nicht, denn seine Liebe war
-ja sein tiefes Geheimnis gewesen, von dem die Mutter nichts hatte ahnen
-können -- --
-
-Das Glück, das in dem Augenblick, wo Max verzweifelnd alles verloren
-wähnte, ihm zuteil ward, war so riesengroß, daß ihm schwindelte und
-er unwillkürlich die Hand auf die Augen legte. Da hörte er einen
-fliegenden Atem an seiner Seite, so nahe, daß der warme Hauch seine
-Stirn streifte. Und wie er aufschaute, blickte er in das von Angst
-entstellte Gesicht seiner Mutter, die ihn mit weitaufgerissenen Augen
-flehend ansah. Es war die brustzuschnürende tödliche Angst, daß in
-dem Augenblick, in dem der Himmel ihr Herz weich werden ließ und sie
-geglaubt hatte, das Leben der von der Toten geliebten Freundin an sich
-ketten zu können, diese Hoffnung in Scherben gehe. Denn sie hatte
-gewähnt, Max liebe Maria, -- und nun -- --?
-
-Und zum drittenmale hörte der regungslos im Stuhle Sitzende die Stimme.
-Diesmal klang sie gepreßt und die Worte waren abgerissen:
-
-»Max, Dein Vater küßte mich, als wir uns verlobten!«
-
-Da überfiel den Sohn ein unendliches Mitgefühl und er griff mit beiden
-Händen nach seiner Mutter, um sie an sich zu ziehen. Die aber wich
-zurück und wandte den Blick nach der Gestalt am Tische in der Mitte des
-Zimmers.
-
-Max folgte ihrem Blick und gewahrte das in all seinem überwältigenden,
-mit Schmerz und Überraschung vermischtem Glück von ihm vergessene
-Mädchen, das, die Augen zu Boden geschlagen, dem Umsinken nahe vor ihm
-stand. Eine Sekunde lang herrschte noch Schweigen in der Stube. Nur
-der Holzwurm tickte in dem hohen Eichengetäfel an den Wänden, und die
-flackernden Flammen der Kerzen warfen wunderlich geformte Schatten
-darauf, die geisterhaft hin- und herhuschten. Dann wurde die Stille
-plötzlich unterbrochen. Max erhob sich lärmend aus dem Stuhl, ging mit
-den polternden Schritten eines Trunkenen zum Tisch und schlug die Arme
-um die Schultern des bebenden Mädchens.
-
-Einen langen Blick warf die Freihoferin noch auf die beiden Menschen,
--- dann verließ sie geräuschlos das Zimmer -- --
-
-Freut Euch, Ihr guten Geister, die Ihr auf dem Freihof und auf dem
-Weißen Schlosse allnächtlich Euer Wesen treibt! Kommt hervor aus den
-dunkeln Winkeln und Ecken, steigt herab von den Dachbalken und tretet
-heraus aus den Verstecken, in denen Ihr Euch am Tage verborgen haltet.
-Lärmt heut ausgelassener denn je und treibt Euern närrischen Spuk in
-dieser Nacht lustiger wie zuvor. Die gute Tote würde es Euch danken,
-wenn Ihr so tätet, und läge sie nicht in ihrem hölzernen Schrein, dann
-käme sie heute gewiß zu Euch, um im lustigen Spiel mit herumzutollen.
-
-Und in dem großen Saale auf dem Weißen Schlosse, durch dessen hohe
-Bogenfenster das Mondlicht glänzte, regten sich mit einem Male die
-Bilder in ihren goldenen Rahmen. Die alten Herren des Tiefenbachschen
-Geschlechts in blitzenden Rüstungen, mit Arm- und Beinschienen, den
-eisernen Helm mit hochgeschlagenem Visier auf dem Haupt und zur Seite
-den klirrenden Pallasch, oder in sammeten Wämsern mit geschlitzten und
-rot ausgefütterten Ärmeln, mit steifem, breitem Halskragen und eckigem
-Barett angetan, oder mit goldstrotzenden Staatsgewändern bekleidet,
-dazu den federgeschmückten Hut und an der Seite den leichten Degen,
--- die Damen in geschürzten und bauschigen Gewändern von bunter Seide
-und mit Courschleppen versehen, etliche mit dem Reifrock, geschmückt
-mit schweren, goldenen Ketten, die gepuderten Gesichter mit dem roten
-Tupf auf den Wangen unter der hochtoupierten Coiffure in wunderlichsten
-Formen, oder eingerahmt von der Dormeuse, -- sie alle bekamen Leben
-und stiegen herab auf das spiegelblanke Parkett.
-
-Die Herren machten tiefe Verbeugungen zur Begrüßung, die die alten
-Damen mit gnädigem Kopfneigen, die jungen aber mit holdem Erröten und
-zierlichem Knixe erwiderten, worauf sie einander in fröhlicher Erregung
-stumm die Hände schüttelten. Alle aber trugen einen freudigen Zug auf
-den sonst so starren Gesichtern.
-
-Auf den Gängen und Treppen des Wohnhauses im Freihofe aber begann
-ein Summen und Zischeln, ein Wispern und Flüstern; es trippelte und
-huschte treppauf, treppab, und des Kicherns und Ausgelassenseins war
-kein Ende. Die Kecksten der Hausgeisterchen eilten auf den Zehenspitzen
-zu der Tür der Wohnstube. Einer kletterte auf die Schultern eines
-andern und guckte voll Eifer durch das Schlüsselloch. Und wie er den
-Neugierigen herunterrief was er sah, hob das kaum verstummte Kichern
-von neuem an. Sie klatschten in übermütiger Laune in die Hände, und die
-Ausgelassensten schossen Purzelbäume.
-
-Auf dem mit rosigen Blüten übersäten Apfelbaume dicht unter den
-Fenstern der Wohnstube jauchzte und schluchzte eine Nachtigall -- -- --
-
-Und während die beiden Liebenden einander fest umschlungen hielten und
-sich unter Tränen und glückseligem Lächeln die süßesten Schmeichelworte
-zuflüsterten, saß eine alte, verhärmte Mutter zusammengesunken am
-Totenlager ihres Lieblingskindes, die wildhämmernde Stirn auf die
-harte Kante des Sarges gepreßt, die brennenden Augen weit geöffnet, --
-tränenlos. Und sie stammelte mit erstickter Stimme:
-
-»Hab ich’s so recht gemacht, -- mein Sonnenschein?«
-
-
-
-
-15. Kapitel.
-
-
-An dem politischen Himmel waren von neuem schwere Gewitterwolken
-heraufgezogen. Wie ein donnernder Orkan, der alles vor sich
-niederwirft, waren die Wirkungen der kriegerischen Ereignisse des
-letzten Jahres über Deutschland gekommen, und nun türmten sich schon
-wieder neue Ungewitter auf.
-
-Das große Kriegstheater, auf dem sich jüngst so manches blutige
-Schauspiel abgespielt hatte, zitterte in seinen Grundfesten, und wie
-vor zwei Jahren machten die Völker gewaltige Anstrengungen, um sich zu
-dem ungeheuern Kampfe zu rüsten. Eine dumpfe Ahnung schwebte in der
-Luft: es würde der Entscheidungskampf sein, der Befreiungskrieg der
-deutschen Stämme von fremdem, schmachvollem Joch.
-
-Vom Westen her zogen langsam die neugeschaffenen französischen Armeen
-heran. Wohl waren es nicht die kampferprobten, siegesgewohnten
-Kriegsscharen wie bisher; in der Mehrzahl füllten junge Männer die
-Reihen, deren Dienste man früher abgelehnt hatte. Aber der Riesengeist
-des Schlachtenkaisers führte sie, auf dessen zermalmendes Genie seine
-Soldaten blind schworen, und dem gegenüber trotz aller kriegsfreudigen
-Stimmung seine Feinde ihrer Bangigkeit nicht völlig Herr werden konnten.
-
-In Sachsen wogte die Stimmung noch immer auf und nieder. Einig war
-sich das Volk nur in dem Gedanken, daß man von Polen, nach dem der
-König angstvoll ausschaute, nichts wissen wollte. Er und seine Minister
-harrten sehnsüchtig auf die Ankunft Napoleons, während das Volk mit
-klopfendem Herzen über die Grenze sah, wo der preußische Nationalstolz
-wieder erwachte und ein erhebendes Schauspiel anhob.
-
-Hier und da begann auch in Sachsen die Begeisterung emporzuflackern;
-aber das Feuer war matt, man konnte sich kaum die Hände daran wärmen.
-Von der himmelwärts schlagenden Begeisterung, dem Zorn und Rachedurst,
-die in den preußischen Herzen alle Bedenken zum Schweigen brachten,
-war in Sachsen nichts zu spüren. Wohl hatte man nicht die Demütigungen
-erlitten, die Preußens König und Volk auferlegt worden waren. Statt der
-Mißhandlungen hatte das Land Gunstbeweise und Schmeicheleien vom Kaiser
-erfahren. Leider empfanden die weiten Kreise aber nicht, daß Napoleons
-Großmut nichts anderes gewesen war als die Klugheit, sich im Herzen
-Deutschlands die Sympathien eines Volkes zu sichern, um andere deutsche
-Stämme desto ungestörter bekämpfen zu können.
-
-In der Schlacht bei Jena neben Preußen fechtend, hatte sich Kurfürst
-Friedrich August bald darauf Napoleon unterworfen und als Lohn dafür
-die Erhebung zum König freudigen Herzens entgegengenommen. Von diesem
-Augenblick an war Sachsens Herrscher ein willenloses Werkzeug in der
-Hand des Gewaltigen. Er war ihm weniger ergeben aus Dankbarkeit, als
-aus Furcht; und mit seinem König jubelte das Land dem Kaiser zu.
-
-Das Volk entriß sich endlich zuerst dem Taumel; König und Regierung
-aber bewahrten ihre Anhänglichkeit fort. Und als schließlich die
-Staatsmänner die Stimmung im Volke nicht mehr verkennen konnten,
-als sie Scham darüber empfanden, daß nur Sachsen mit Deutschlands
-Feinden wider alle deutschen Stämme stand und ihre Verehrung gegen
-Napoleon sich in Haß kehrte, da blieb der König allein auf der Seite
-seines kaiserlichen Gönners. Selbst als alles verloren war, und die
-aufgelöste französische Armee in wilder Flucht durch die Straßen
-Leipzigs zurückflutete, erklärte der aus seinem Schlupfwinkel im Keller
-herbeigeholte sächsische König dem russischen General Toll mit bleichem
-Gesicht, daß sein hoher Verbündeter Leipzig sicherlich nur deshalb
-verlasse, um mit seiner Armee auf freiem Felde zu manövrieren. --
-
-In Dresden hatte unterdessen der Marschall Davout infolge Sprengens der
-Elbbrücke unter der Bevölkerung maßlose Erbitterung erregt, und der
-Kommandant von Torgau, General Thielmann, war in die russische Armee
-eingetreten, da er die vom König befohlene Auslieferung der Festung an
-die Franzosen als entehrende Schmach empfand.
-
-Noch war Napoleon mit seiner Hauptmacht unterwegs, da wurde dem König
-beim Heranrücken der Russen der Boden seines Landes unter den Füßen
-heiß. Er zog sich nach Regensburg zurück und ging bald darauf nach
-Prag, von wo aus er mit dem Wiener Kabinett Unterhandlungen pflog,
-deren Spitze sich allerdings gegen die Franzosen richtete, und die
-er aus Klugheit eingeleitet hatte, um es nicht mit beiden Teilen zu
-verderben. Da erschien plötzlich der Kaiser in Dresden, nachdem ihm das
-alte Kriegsglück bei Großgörschen wieder gelächelt hatte.
-
-In hellem Zorn entbot er König Friedrich August zu sich. Bei der
-Kunde des Sieges Napoleons brach die mühsam behauptete Fassung
-des Königs zusammen. Er eilte nach seiner Hauptstadt und empfing
-zerknirscht die Vorwürfe des Kaisers. Alle Demütigungen, die Friedrich
-Wilhelm von Preußen erlitten hatte, bedeuteten nichts im Vergleich
-zu der Erniedrigung, der sich Sachsens König in diesen Tagen
-unterwerfen mußte. Aber auch dieses Schicksal war nicht imstande, dem
-dreiundsechzigjährigen König die Augen zu öffnen, sondern vertiefte in
-ihm nur das Gefühl der Unterwürfigkeit vor Napoleon.
-
-Einer von den Männern, die die politische Lauheit ihres Volkes von
-vornherein ergrimmte, und denen die Scham über das unwürdige Gebahren
-von König und Regierung ins Herz brannte, war Konrad Hartmann. Mit
-Freude vernahm er von der gewaltigen Erhebung des preußischen Volks
-und er konnte eine Anwandlung von Neid nicht unterdrücken, wenn er
-diese Begeisterung und Opferwilligkeit mit der schwankenden Haltung
-der breiten Kreise der sächsischen Bevölkerung verglich. Denn aus
-dem menschlichen Hingezogenfühlen zu diesem, den Sachsen durch seine
-unerschrockene Erhebung hohe Achtung einflößenden deutschen Stamme,
-aus den eingebildeten Gefühlen der Dankbarkeit und der Anbetung des
-Genies, der stillen Eitelkeit, daß der von der ganzen Welt bewunderte
-Franzosenkaiser sich offen als Freund des sächsischen Volkes bekannte
-und endlich der gewohnten, alles gutheißenden Ergebenheit zu dem König,
--- aus all diesen widerstreitenden Empfindungen heraus wollte in
-Sachsen noch immer nicht überall die Erkenntnis des wahren Standes der
-Dinge heraufkommen.
-
-Konrad hatte schon mehrfach versucht, gleichgesinnte Männer zu finden.
-Bei Max hatte er zuerst angeklopft, obwohl er von früher her dessen
-Gesinnung kannte. Es war auch diesmal nicht möglich gewesen, den
-Freund für seine Ideen zu gewinnen. Zwar verfolgte Max den Gang der
-Ereignisse mit Aufmerksamkeit, aber dem Plan Konrads, im Stillen
-für eine gewaltige Kundgebung gegen die laue Regierung zu arbeiten,
-konnte er nimmermehr zustimmen. Das aristokratische Gefühl, das er
-mit dem Blut empfangen hatte, beherrschte ihn so stark, daß er jeden
-Plan zu einem Unternehmen, den Entschlüssen der Regierung gewaltsam
-entgegenzutreten, verwarf. Er war nicht umsonst der Nachkomme eines
-Geschlechts, das jahrhundertelang für die Autorität der Staatsregierung
-durch dick und dünn geritten war und dem der Wille des Landesherrn
-allzeit als oberstes Gesetz gegolten hatte. Wenn er auch nicht an die
-Unfehlbarkeit der Monarchen glaubte, so war es nach seiner Überzeugung
-doch besser, wenn sich ein Volk selbst dann, wenn seine Geschicke
-durch die irrige Politik seines Königs drückend wurden, dem Lose
-willig fügte, als durch eigene Versuche eine Änderung der Verhältnisse
-herbeizuführen. Das hohe Gefühl der Verantwortlichkeit gegenüber der
-Vorsehung, die sie eingesetzt, hatte die Herrschenden auf Sachsens
-Thron zu allen Zeiten den richtigen Augenblick erkennen lassen, zu dem
-sie das Steuer des Staatsschiffes wirksam gebrauchen und seinen Kurs
-ändern mußten.
-
-Konrad hatte mit großer Beredtsamkeit auf die vielen Fehler
-hingewiesen, die in den letzten Jahren in Dresden gemacht worden waren,
-ohne daß es seinen Worten gelungen wäre, den Freund umzustimmen.
-
-Dann ging der Rabensteiner zu andern, bei denen er Erhörung hoffte.
-Aber auch hier machten seine Worte keinen großen Eindruck. Des Krieges
-waren sie alle müde, aber sie begriffen es nicht, wie einer so kühn
-sein konnte daran zu denken, daß das Volk einen Einfluß auf die
-Beendigung des Krieges gewinnen könne. Für solche Sachen hatte man ja
-die Regierung. Und wenn diese, die das Elend des Landes sicherlich
-genau kannte, nicht imstande war eine Änderung herbeizuführen, wie
-sollte es dann der einzelne Bauer können?
-
-Drüben in Preußen lag die Sache ja ganz anders. Dort handelte der König
-gemeinsam mit seinen Untertanen.
-
-Und die Sprecher schlugen mit der schwieligen Bauernfaust krachend auf
-den Tisch und schwuren, daß sie nun genug hätten von den ewigen Kriegen
-und daß sie, wenn man nach ihnen riefe, bereit seien, die Blutsauger zu
-Paaren zu treiben, -- freilich müsse man, fügten sie kleinlaut hinzu,
-doch erst abwarten, ob denn der König dies auch so haben wolle.
-
-Mit Ingrimm lachte Konrad diesen Helden dann ins Gesicht und
-versicherte ihnen, daß sie, wenn sie darauf warten wollten, nie im
-Leben ein Schießeisen in die Hände zu nehmen brauchten; die Schrecken
-des Krieges mit seinen Verlusten an Blut und Gut würden dann aber auch
-niemals enden.
-
-Bei den Besitzenden hatte Konrad nichts ausgerichtet. Sie bangten
-vielzusehr um ihre Habe und hätten sich ihr Eigentum eher stückweise
-unter den Händen wegreißen lassen, als sich dazu aufzuraffen, dem
-unersättlichen Angreifer entschlossen entgegenzutreten.
-
-Hierauf ging der Unermüdliche zu den Besitzlosen, zu denen, die um ihr
-tägliches Brot hart arbeiteten. Denn auch diese litten schwer unter
-den Kriegszeiten. Er sprach von der mit Füßen getretenen Ehre des
-Volks. Das verstanden sie nicht. Dann erzählte er, wie schön es doch
-wäre, wenn die Franzosen das Land verließen und nicht wiederkehrten.
-Das gefiel ihnen. Zuletzt malte er die Segnungen gedeihlicher
-Friedensarbeit aus. Wie das arg verwüstete Land wieder aufblühen würde,
-der Wohlstand zurückkehre und auch für sie wieder bessere Zeiten
-anbrechen müßten. Da schmunzelten die also Angesprochenen, hielten
-den Pflug an, oder machten den krummen Rücken gerade und stellten den
-Fuß auf den Spaten und erkundigten sich, ob der Mittelknecht dann
-wieder dreißig Taler bekäme statt der zwanzig wie jetzt, und ob das
-Besserwerden schon von der nächsten Woche ab losgehe, oder wann sonst.
-Wenn die Franzosen gingen. -- Ob die bald gingen? -- Die gehen nicht
-von selbst, wir müssen sie zum Lande hinauswerfen. -- Staunen! -- Aber
-ihr Kaiser, der Napoleon, was mit dem werden solle? -- Der muß mitsamt
-seinem Heere fortgejagt werden. -- --
-
-Da wurden die Gesichter lang und länger, und mitleidige Blicke trafen
-Konrad. Schade um ihn! Der Rabensteiner war bisher ein Mann gewesen,
-vor dem man Achtung haben mußte, weil er alle Dinge kannte; aber jetzt
-war es aus mit ihm. Er hatte immerfort in dicken Büchern gelesen und
-sich dabei überstudiert. So war er, der Alleswissende, im Kopfe schwach
-geworden und sah den Mond für ein Käsekäulchen an. Und mit lautem hüh
-wurden die Gäule wieder angetrieben, daß der scharfe Zahn des Pfluges
-das Erdreich von neuem aufriß, und das Grabscheit stichelte fleißig
-weiter, um die nutzlos geopferte Zeit wieder einzuholen.
-
-So erging es Konrad überall. Ob Herr, ob Knecht, der Gesichtskreis
-beider hörte unmittelbar hinter den Abschlußrainen ihrer Wiesen und
-Felder auf, und mit hartnäckigem Bauernstarrsinn horchten sie an seinen
-Worten vorbei.
-
-Nun lief Konrad auf die Nachbardörfer wo er einen Gleichgesinnten
-wußte, vielleicht hatte dieser mehr Erfolg. Aber er erlebte eine
-Enttäuschung über die andere. Überall wo er fragte, vernahm er dieselbe
-Antwort: es ist unmöglich, die Leute für die Sache zu gewinnen.
-
-Da reifte, gleichsam wie das Weizenkorn in der Erde unter den
-belebenden Strahlen der Frühlingssonne, zwischen den bittern Gefühlen
-über die Gleichgültigkeit und Stumpfheit seiner Landsleute und dem
-die Brust beengenden Haß gegen die Bedrücker, in der Seele des jungen
-Mannes langsam der Entschluß, die Sorge für seinen Hof der Mutter
-allein zu überlassen und in das preußische Heer als Freiwilliger
-einzutreten.
-
-Die Ausführung dieses Planes sollte aber sobald nicht verwirklicht
-werden. Konrads Mutter wurde von einer tückischen Krankheit hart
-darniedergeworfen und rang während mehrerer Wochen mit dem Tode. Und
-als endlich die Gefahr für ihr Leben vorüber war, genas sie sehr
-langsam, und Konrad mußte während dieser ganzen Zeit so angestrengt
-schaffen, daß er sich nicht wenig verwunderte, wieviel Arbeit seine
-Mutter doch bisher still verrichtet hatte.
-
-Der Sommer des Jahres 1813 ging ins Land. Die für Napoleon siegreichen
-Schlachten bei Bautzen und Dresden wurden geschlagen und stärkten
-seinen Kriegsruhm von neuem. Fast zur gleichen Zeit aber wurden die
-hervorragendsten Generale des Kaisers von preußischen Armeen besiegt,
-so daß die zuversichtliche Stimmung in den Reihen der Franzosen arg
-litt, während die Siegeshoffnung der Verbündeten immer mehr wuchs.
-
-Aus allen Teilen des sächsischen Landes kamen jetzt Nachrichten
-über Sympathiekundgebungen für die verbündeten Truppen. In Dresden
-wurden die Stimmen, die noch für den Kaiser waren, niedergeschrieen,
-und mit Frohlocken sprach man die Tatsache weiter, daß eine ganze
-Anzahl Leipziger Studenten als Freiwillige zu den preußischen Fahnen
-geeilt sei. Napoleons Zorn wandte sich deshalb gegen diese verhaßte
-Stadt. Er legte ihr eine Brandschatzung auf und erklärte sie in
-Belagerungszustand.
-
-Für den König aber und seine Minister schien die wachsende Begeisterung
-im Lande überhaupt nicht zu bestehen. Mehr den je fand Friedrich August
-das Verhältnis zu Napoleon natürlich und heilbringend für sich und
-sein geprüftes Volk. Den niedrigsten Tiefstand von Entfremdetsein mit
-den Ereignissen dieser bedeutungsvollen Tage aber erreichten Sachsens
-Regierende um die Mitte des Monats August.
-
-In unglaublicher Verblendung wurde nämlich der General von Gersdorff
-beauftragt, dem Kaiser eine Note zu überreichen, worin der König bat,
-die von Napoleon schon in Aussicht gestellte Gebietsvergrößerung
-Sachsens um 500000 Seelen ihm beim Friedensschlusse mit den besiegten
-Preußen und Russen dergestalt zu gewähren, daß ein Teil Schlesiens mit
-Sprottau und der Festung Glogau an Sachsen falle, um eine unmittelbare
-Verbindung mit dem Herzogtum Warschau herzustellen. Und selbst dann
-war der suggestive Einfluß Napoleons auf den König von Sachsen noch
-ebenso gewaltig, als die Niederlagen der Franzosen bei Großbeeren, Kulm
-und Dennewitz in den Straßen der sächsischen Hauptstadt ausgerufen
-wurden und der Jubel der Bevölkerung das düstere Schloß der Wettiner
-umtoste.
-
-In den größeren Städten des Landes bekannte man sich jetzt offen für
-die Verbündeten, und als in der Nacht zum 23. September der Major von
-Bünau mit einem sächsischen Bataillon König bei Oranienbaum zu den
-Preußen überging, schwoll die Abneigung gegen die Franzosen so an, daß
-die Wogen der Begeisterung über die Ufer hinausrollten und sich bis
-in die kleinsten Ortschaften des Landes ergossen. Mit Wut sah man auf
-die Ausschreitungen einzelner schlecht in der Mannszucht stehenden
-französischen Regimenter und bemerkte mit Freude, daß die Anzahl ihrer
-Fahnenflüchtigen wuchs, die in hellen Haufen dem Rheine zuwanderten.
-
-Konrad war unterdessen nicht müßig gewesen. Er hatte nicht
-nachgelassen, für den Eintritt in preußische Dienste Stimmung zu
-machen, und seinen unermüdlichen Anstrengungen war es zuletzt gelungen,
-im Dorfe ein paar Gesinnungsverwandte zu finden.
-
- * * * * *
-
-Auf dem Freihofe war es in diesem Sommer ziemlich still zugegangen,
-denn es war ja noch immer Trauer im Hause. Die Ernte war zwar
-gut gewesen, aber man hatte nicht viel davon hereingebracht. Die
-wiederholten Truppendurchzüge, mit denen die Gegend vom Tage von
-Großgörschen ab überschwemmt wurde, hatten viel davon aufgezehrt.
-Fast den ganzen Hafer hatte Max, gerade als er sich goldig färbte, an
-französische Reiterregimenter auf dem Halme verkaufen müssen. Nicht
-viel anders war es ihm mit dem Roggen gegangen, von dem er in diesem
-Jahre so viel besaß, und den Weizen hatte er schon im Frühjahr einem
-der herumreisenden Regierungsagenten versprochen, der ihn bei jeder
-Begegnung obendrein an die in Aussicht gestellten zweitausend Scheffel
-Kartoffeln erinnerte.
-
-Von allen Seiten war mit gutem Gelde bezahlt worden, auch von den
-Franzosen. Später aber gaben diese nur noch Anweisungen auf die
-Regierungskasse in Leipzig, die kaum imstande war, alle Anforderungen
-zu befriedigen. Zuletzt kamen auch Einbußen. Die Einquartierungen
-wollten nicht enden, und die französischen Kommissare feilschten um
-das Vieh wie die schlimmsten Juden, und man mußte höllisch aufpassen,
-daß mit der schlecht bezahlten Kuh nicht auch das Kalb aus dem Stalle
-verschwand. Das Federvieh konnte nicht mehr herausgelassen werden. Wenn
-man den Rücken wandte, streckten sich sechs Hände zugleich nach der
-dürrsten Henne aus. Die französischen Soldaten waren oft betrunken und
-begingen dann Ausschreitungen.
-
-Als Max eines Abends in den durch eine Lampe notdürftig erleuchteten,
-kleinen Rinderstall trat, kam er gerade zur rechten Zeit, um eine
-sich heftig sträubende Magd aus den Armen eines hochgewachsenen
-französischen Korporals zu befreien. Wie ein Vampyr hing der Kerl an
-dem zitternden Mädchen, das ihn nicht abschütteln konnte, obwohl es die
-ganze Kraft seiner starken Arme aufs äußerste anspannte. In zornigem
-Tone herrschte Max den Franzosen an, worauf dieser, ohne das Mädchen
-aus den Armen zu lassen und erzürnt ob der Störung, ihn frech musterte.
-Da überkam den jungen Gutsherrn vom Freihofe ein gesunder Zorn. Mit
-einem langen Schritte trat er hinzu, faßte den Soldaten mit der Faust
-am Rockkragen, riß ihn vom Mädchen weg, schüttelte ihn wie eine Katze
-ein paar mal hin und her, daß dem liebestrotzenden Marssohne Hören und
-Sehen verging und warf ihn dann mit solcher Kraft gegen die Stalltür,
-daß deren Zapfen sich in der Mauer lösten, und er im Verein mit dem
-obendrein zersplitternden, alten Holzgitter prasselnd hinaus auf den
-Hof flog.
-
-Die Freihoferin war seit Elisabeths Tode noch wortkarger geworden.
-Um die Wirtschaft kümmerte sie sich nicht mehr sonderlich viel. Am
-liebsten saß sie in der großen Stube am hintern Fenster und sah hinaus
-im den Obstgarten. Dort konnte sie lange sinnen und schweigsam den Ort
-betrachten, wo Elisabeth als Kind immer gespielt hatte.
-
-Maria kam täglich zu ihr. Mit dem feinen Takte, den man in hohem Grade
-bei edeln Frauen findet, hatte sie jeden Zärtlichkeitsbeweis der
-Mutter ihres Verlobten gegenüber unterlassen. Die Nichte war ihrer
-Tante vom ersten Tage ab mit ruhiger Sicherheit begegnet, als wenn sie
-schon seit Jahren um sie herum wäre. Nichts erschien ihr auffällig
-und ohne sich in der Ausführung ihrer Dienste zu übereilen, war sie
-voll Aufmerksamkeit bemüht, die Wünsche der Greisin von ihrem Gesicht
-abzulesen, das freilich nur wenig von dem verriet, was in ihrem Innern
-vorging. Das zurückhaltende Benehmen Marias gefiel der Freihoferin.
-In kurzer Zeit hatte ihr scharfer Verstand das Wesen der jungen
-Nichte erkannt, und mit geheimem Entzücken entdeckte sie neben den
-herrlichsten weiblichen Tugenden ein Herz voll Liebe, das auch für sie
-schlug. Und als eines Abends Maria vor der Greisin stand, um Abschied
-zu nehmen, fühlte die feine, weiße Hand, die sonst nur flüchtig in der
-von vielen blauen Adern durchzogenen geruht hatte, sich festgehalten.
-Langsam erhob sich die Greisin vom Stuhle, weidete sich ein paar
-Augenblicke mit Entzücken an der Schönheit des in großer Verwirrung
-errötenden Mädchens und zog es endlich an die Brust und küßte es
-wiederholt. Da öffnete sich die Tür, und unbemerkt von beiden erschien
-Max auf der Schwelle, um seine Braut abzuholen, damit er sie, wie
-allabendlich, über die Wiesen begleite. Ein Sekunde lang schaute er mit
-großen Augen auf die Gruppe, dann verließ er leise wieder das Zimmer.
-
-Von diesem Tage ab erschien die Freihoferin den Leuten getrösteter.
-Der herbe Leidenszug war von ihrem Gesicht verschwunden und hatte dem
-Ausdruck eines geklärten Schmerzes, wie der Mensch ihn zur Schau trägt,
-wenn er sich mit Würde in sein Schicksal zu finden weiß, Raum gegeben.
-Nun ging sie auch wieder öfters als in den letzten Wochen über den Hof,
-hinüber nach den Scheunen und Ställen. Aber ihr Gang war nicht mehr so
-sicher wie bisher, und das spärliche, glattgestrichene Haar, das noch
-vor wenigen Jahren tiefschwarz war, lag auf dem Kopfe wie in mattem
-Silberglanze leuchtende Seide.
-
-Die Hochzeit der jungen Leute sollte nach der Ernte sein. Die
-Vorbereitungen hierzu wurden auf das eifrigste betrieben, als sie ganz
-unerwartet jäh unterbrochen werden mußten: Marias Vater erlitt einen
-Schlaganfall, der den alten Herrn todkrank machte. Seine kräftige Natur
-raffte sich jedoch bald wieder auf, als der Anfall sich wiederholte und
-er ihm erlag. Marias Schmerz war zum Herzbrechen, und erschüttert stand
-Max an der Leiche des teuern Toten, der ihm mit väterlicher Liebe und
-Güte zugetan gewesen war.
-
-Wie bei Elisabeth war die Freihoferin von dem Krankenbette nicht
-gewichen, und in den letzten lichten Stunden des Verstorbenen hatten
-sich die beiden alten Menschen gefunden, und die Aussöhnung, die nach
-der Verlobung stattgefunden hatte, war im innersten Herzen besiegelt
-worden. Mit fester Stimme segnete der Freiherr die Kinder. Darauf
-wandte er sich an die Greisin, die mit ineinandergeschlungenen Händen,
-den Kopf auf die Brust geneigt, wortlos am Bette stand. Der Sterbende
-griff nach ihrer Hand und zog die vom Schmerze, dem keine Worte
-Ausdruck geben können, Überwältigte sanft an sich. Da versagte der
-Freihoferin die Kraft. Ihre Knie beugten sich, und langsam sank sie
-neben dem Bette nieder und barg das Haupt in den Händen. Als aber die
-tastende, zitternde Hand sanft über ihr welkes Antlitz strich, wehrte
-ihr die Greisin, und aus den Händen heraus klang ihre bebende Stimme:
-
-»Arnold, ich verdiene Deine Liebe und Güte nicht, ich, die Dir im Leben
-so schweres Herzeleid zugefügt hat.«
-
-Der alte Mann aber sprach mild:
-
-»Die bösen Zeiten sind vorüber, Constanze; möge die Erinnerung an sie
-recht bald in das graue Meer der Vergessenheit hinabsinken. Ich nehme
-alle Schuld, die begangen worden ist, mit ins Grab und das, was ich
-zurücklasse, sei Liebe und Frieden. Ein starkes Geschlecht mag aus der
-Vereinigung unserer Kinder erwachsen, und auf immerdar sollen unsere
-Familien unauflösbar miteinander verschmolzen sein. Dir aber, wünsche
-ich, mögen die Kinder Deinen Lebensabend sonnig gestalten, denn Du hast
-ja am meisten gelitten.«
-
-Darauf entgegnete die Freihoferin nichts, aber sie küßte wiederholt und
-voll Inbrunst die Hand des Sterbenden.
-
-
-
-
-16. Kapitel.
-
-
-Es war an einem Septembertage, als Konrad Hartmann Max mit seinem
-Besuche überraschte. Die beiden Freunde hatten sich in der letzten Zeit
-selten gesehen. Konrad hatte nicht aufgehört, die franzosenfeindliche
-Stimmung in alle Häuser zu tragen und war seiner Aufgabe mit einem
-solchen Eifer nachgekommen, daß ihm keine freie Minute übrig blieb. Max
-war tagsüber in der Wirtschaft stark in Anspruch genommen gewesen, in
-den übrigen Stunden aber hatte er das Haus selten verlassen.
-
-Zu dem kleinen Kreise, den er mit der Mutter und Maria bildete, hatte
-sich als viertes Mitglied Marias wiedergenesene Tante hinzugesellt,
-die bis zur Hochzeit und Übersiedlung Marias nach dem Freihofe auf dem
-Weißen Schlosse das Zepter führte.
-
-Nach Bauernart sprach Konrad, ehe er mit dem herausrückte was ihn
-hergeführt, erst vom Wetter, dann von der Ernte und davon, daß die
-Rüben im vorigen Jahre viel besser standen als heuer. Dann kam das Vieh
-an die Reihe, bis er plötzlich mitten in der Rede abriß und scheinbar
-harmlos hinwarf:
-
-»Anfang Oktober gehe ich fort und schließe mich den Preußen an.«
-
-Konrad war während der Unterhaltung unruhig in der Stube auf- und
-abgegangen, während Max am Tische saß und durch das Fenster das
-Anspannen zweier Pferde auf dem Hofe beobachtete.
-
-Als Konrad geendet, fuhr Max herum und ließ seine Augen forschend auf
-dem Gesicht des Freundes ruhen, gleichsam um dessen geheimste Gedanken
-zu erraten. Und je länger er ihn betrachtete, je überzeugender kam
-ihm die Gewißheit, daß der Freund seine Worte in unerschütterlichem
-Ernste gesprochen hatte. Aber es war ihm nicht möglich, sich mit dem
-Gedanken so schnell vertraut zu machen, daß Konrad wirklich schweren
-Kriegsdienst tun solle. Mit ungläubigen Blicken, beinahe lächelnd,
-betrachtete er die schwache Gestalt des Freundes, und noch nie war ihm
-dessen Wuchs so knabenhaft erschienen als in diesem Augenblick. Da
-begegneten Konrads Augen den seinigen, und blitzschnell verstand dieser
-die stumme Sprache, die sie führten.
-
-Eine heftige Blutwelle schoß ihm in das Gesicht, und es dauerte eine
-kurze Weile, bevor er sprechen konnte. Und dann hatte die sonst so
-sichere Stimme allen Klang verloren und zitterte leise und verriet die
-tiefe Bewegung ihres Besitzers.
-
-»Max, glaubst Du, daß sie mich zurückweisen, wenn ich mich bei der
-Armee der Verbündeten als Freiwilliger melde?«
-
-Max hatte eine leichte Entgegnung auf den Lippen. Da kam ihm der noch
-nie gehörte Ton zum Bewußtsein und er fühlte die Augen des Freundes in
-qualvoller Unruhe auf sich gerichtet, als wenn von seinem Spruche das
-Gelingen des Planes abhinge. Da erschrak er bei dem Gedanken, daß er
-eben im Begriff gewesen war, Konrad wehzutun. Es war bei ihm ja auch
-weniger der Zweifel in die Tüchtigkeit des Freundes zum Waffentragen
-als vielmehr sein zäher Widerspruch gegen alle Unternehmungen des
-sächsischen Volkes die darauf hinausgingen, sich gegen die Politik der
-Regierung aufzulehnen.
-
-Deshalb sagte er begütigend:
-
-»In den preußischen Regimentern wird bei dem Strome von
-Kriegsfreiwilligen jeden Alters sich ganz bestimmt eine große Anzahl
-solcher befinden, deren schwacher Körper obendrein an schwere Arbeit
-nicht gewöhnt ist.« Und als er sah, wie die Besorgnis aus dem Gesichte
-Konrads zu weichen begann, setzte Max hinzu:
-
-»Deine außergewöhnliche Gewandtheit zu Pferde wird man ja bald
-erkennen, und Du kannst sicher sein, daß sie Dir vortreffliche Dienste
-leisten wird.«
-
-»Gebe Gott, daß Du recht hast,« antwortete Konrad, »denn ich
-beabsichtige, mich um die Aufnahme in ein Husarenregiment zu bewerben.
-Aber Max, nur um Dir dies zu erzählen, bin ich nicht hierhergekommen;
--- ich kann es noch immer nicht glauben, daß Du zurückbleiben könntest,
-wenn Du uns gehen siehst.«
-
-Da wandte Max das Gesicht erneut zu Konrad und sagte mit schlecht
-verbissenem Lächeln:
-
-»Soll ich mich mit meinem Körpergewicht von dritthalb Zentnern etwa
-auch für ein Husarenregiment einschreiben lassen?«
-
-»Keine Scherze, Max,« bat Konrad, der seine ganze Sicherheit
-wiedergewonnen hatte, »die Zeit ist zu ernst zum scherzen. Wenn mich
-nicht so feste Bande an Dich fesselten, würde ich nicht hier stehen und
-noch einmal versuchen, Dich zum Mitgehen zu bewegen.
-
-Du wünschest sehnlichst friedliche Zeiten herbei. Gut, das weiß ich,
-aber glaubst du vielleicht, daß der Frieden kommt, wenn die Regierungen
-einzelner deutschen Staaten sich darin überbieten, dem fremden Eroberer
-zu lobhudeln, anstatt dem Beispiele ihrer Bruderstämme zu folgen, bei
-denen einsichtsvolle und beherzte Männer die lange genug am Boden
-schleifenden Zügel des in toller Fahrt dahinjagenden Staatskarrens mit
-Verachtung der Gefahr in die Höhe reißen?«
-
-Max war während der Worte des Freundes ernst geworden. Jetzt antwortete
-er:
-
-»Dein leicht erregbares Blut spielt Dir einen Streich, Konrad. Du
-siehst nicht die Steine, die am Wege liegen, bis Du ihre scharfen
-Kanten spürst und Dir die Füße an ihnen wundgestoßen hast. Wir Sachsen
-haben immer mit dem besten Erfolge die Geschicke des Landes in die
-Hände unserer Fürsten gelegt. Ob die abwartende Haltung des Königs und
-der Minister uns nicht doch noch zum Segen gereicht, wissen wir heute
-nicht. Ruft uns die Stimme des Königs gegen Napoleon, dann wird ihm von
-seinem Volke dieselbe Hingebung zuteil, wie sie Friedrich Wilhelm von
-seinen Untertanen empfängt. Aber gegen den Willen des Königs darf sich
-ein Volk erst dann auflehnen, wenn es sich überzeugt hat, daß seine
-Existenz bedroht ist, oder daß es schweren Schaden erlitte, wenn die
-eingeschlagene Straße weiter verfolgt würde.«
-
-Bis hierher hatte Konrad an sich gehalten, jetzt brach er los:
-
-»Wie weit willst Du denn die Probe ausdehnen? Wann ist für Dich der
-gegebene Augenblick gekommen, zu dem die Nation eine Abkehr von der
-Politik des Landesherrn mit Recht fordern darf? Sieh Dich um, Max!
-Aus allen Teilen des Landes des langmütigen Sachsenvolkes kommen
-Nachrichten von heftigen Einsprüchen gegen die Stellung der Regierung.
-Das ist der sich erhebende Sturm, der vor dem Hereinbrechen des
-Gewitters über die Fluren braust. Nur zu lange haben wir der Führung
-blind vertraut; jetzt schrecken wir auf und sehen mit Entsetzen, daß
-dicht vor unsern Füßen ein tiefer Abgrund gähnt. Wie kannst Du noch
-von den heiligen Untertanenpflichten gegen den König sprechen, wenn
-dieser uns von der Höhe des Ansehens und der Achtung, die wir bei
-unsern Nachbarn genossen, tief hinabgeführt hat in Niederungen, wohin
-uns nichts als höhnische Zurufe und verächtliche Blicke begleiteten.
-Unser Land ist ausgesogen und dem Ruin nahegebracht, und seine besten
-Söhne liegen ruhmlos in fremder Erde oder kämpfen schimpflich gegen
-die heldenmütigen Verteidiger deutscher Ehre und deutschen Bodens.
-Unaussprechlicher Jammer ist in die Wohnungen unseres guten Volkes
-eingekehrt; Armut schwingt die Geißel, und Not und Sorge hocken am Herd
-und blasen die spärlichen Feuer aus. Dafür lodern aber die gefräßigen
-Flammen anderwärts hell auf: zwanzig Dörfer brannten zwischen
-Königswartha und Görlitz in den Tagen, wo um Bautzen gekämpft wurde,
-und ihr blutigroter Schein am Nachthimmel leuchtete den Entmenschten,
-die sich Freunde unseres Landes nennen, als sie den Bauern das
-letzte Stück Vieh aus den Händen rissen, das ihm von dem in Trümmern
-liegenden Besitz seiner Väter geblieben war. Die schlimmsten Gräuel
-des dreißigjährigen Krieges steigen wieder herauf wenn man vernimmt,
-daß Tausende von Bauern aus den niedergebrannten Dörfern in die Wälder
-flüchten mußten, um das nackte Leben zu retten. Und wenn am Sonntag
-die geängstigten und schwergeprüften Landleute sich in den Kirchen
-wiederfinden, dann müssen sie vernehmen, wie von den Kanzeln herab der
-Segen des Allmächtigen für die Waffen des _Beschützers_ des Landes
-erfleht wird. Max, ich sage Dir, hüte Dich, daß Du aus Liebe und Treue
-gegen den König nicht zum Verräter an Deinem Volke wirst!«
-
-Hier schwieg Konrad, um den Freund sprechen zu lassen. Der aber
-antwortete nicht. Wie eine Bildsäule saß er im Stuhle und starrte vor
-sich nieder.
-
-»Jahrhundertelang,« fuhr Konrad bitter fort, »lagen die deutschen
-Stämme gegen einander in Streit, wie die Nachkommen einer Mutter, die
-sich gegenseitig verderben. Einer gewaltigen Arena glich das deutsche
-Land, und die Völker Europas saßen auf den Stufen und schauten mit
-vergnügten Mienen auf die Kämpfenden. Zu allen Zeiten wurde ein Grund
-gefunden, der es ermöglichte, daß man eine lange Reihe von Jahren
-gedeihlichen Friedens vermeiden konnte. Krieg und Verwüstung war die
-Losung! Heute verlangt es der König, daß in der großen Zeit einer
-einmütigen Erhebung gegen die Feinde Deutschlands sein Volk die Waffen
-gegen die befreundeten Nachbarn erhebe, um den Blutdurst des Anführers
-eines jahrhundertealten Feindes allen Deutschtums zu stillen. So
-vertilgen wir einander mit Ingrimm selbst, bis endlich an den Ufern der
-deutschen Ströme fremde Laute erklingen und fremde Sitten gepflegt
-werden, und man von uns sprechen wird, wie von einer untergegangenen
-Stadt; -- -- ein neues Glied im Totentanze der Völker! Heute helfen
-wir unsere Stammesbrüder niederwerfen und sehen in unbegreiflicher
-Verblendung nicht voraus, daß sich der Fuß des Siegers auch seinem
-Helfer auf den Nacken setzen wird.
-
-Was wirst Du einstmals empfinden, Max, wenn Du siehst, wie Deine
-Töchter mit niedergeschlagenen Augen Unfreien zum Altare folgen! Und
-was wirst Du antworten, wenn sich Dein Sohn mit blitzenden Augen vor
-Dich hinstellt und fragt: Vater, ist es wahr, daß es einstens welche
-gegeben hat, die die große Sache mit kleinlichen Bedenken bekämpften,
-bis es zu spät war? Und das sage ich Dir, Max, Kinder sind zuweilen
-unerbittlich strenge Richter für die Taten ihrer Väter!«
-
-Max hatte während der ganzen Rede Konrads stillgeschwiegen. Auch jetzt,
-nachdem dieser geendet, blieb er stumm sitzen, den mächtigen Oberkörper
-fast auf dem Tische liegend und mit beiden Ellbogen stützend. Ein paar
-Sekunden verstrichen, ohne daß einer der beiden Männer ein Wort sprach.
-Da endlich unterbrach Max das Schweigen und fast wie im Selbstgespräch
-sagte er mit halblauter Stimme, die gezwungen ruhig klang:
-
-»Ich kann es keinem erlauben zu behaupten, daß ich ihm nachstünde in
-der Liebe zu meinem Volk und meinem Vaterlande. Ich habe es bereits
-ausgesprochen, daß ich bereit bin, zum richtigen Zeitpunkt mein Leben
-in die Schanze zu schlagen. Bis dahin bin ich bemüht, das Elend und
-die Not meiner Mitmenschen zu mildern, soweit es in meiner Macht
-steht -- --«
-
-»Max,« unterbrach hier Konrad ungeduldig, »verzeihe mir, wenn ich Dich
-verletze. Aber auch Du hast, wie so viele andere, in den Augenblicken
-der höchsten Not nichts als Worte. Das Vaterland liegt auf den
-Tod darnieder und krümmt sich unter den schweren Schlägen, die es
-erschüttern. Einige Wenige nur sind es, die ihm beispringen, die großen
-Massen aber stehen dumpfbrütend zur Seite und lassen es verbluten. Daß
-Du für die Schwachen, für die Frauen und Kinder Deinen Leib einsetzen
-würdest, glaube ich Dir, denn nur ein Hundsfott handelt anders. Aber
-wenn je, dann ist es jetzt Zeit, den Worten Taten folgen zu lassen,
-heraus mit der Plempe, wer gut sächsisch denkt, auf daß wir nicht mehr
-das Gespött von Millionen guter Deutschen bilden. Wer jetzt, in den
-Tagen der großen Wehen noch lau ist, auf den wird einst das kommende
-Geschlecht mit Fingern zeigen.«
-
-Da machte der breit am Tisch sitzende Mann eine plötzliche Bewegung,
-erhob sich und ging mit dröhnenden Schritten auf den Sprechenden zu,
-bis er dicht vor ihm stand. Sein Gesicht war gerötet, und seine breite
-Brust erzitterte unter den schweren Atemstößen.
-
-»Konrad,« stieß er hervor, und bezwang seine große Erregung, daß er
-nicht laut aufschrie, »bedenke, was Du sprichst? Du führest große Worte
-im Munde; hüte Dich, daß die Wogen, die Du aufpeitschest, nicht über
-Deinem Kopfe zusammenschlagen. Es klingt ein brausender Klang durch
-Deine Rede, aber es wäre entsetzlich, wenn den, der sich begeistern
-ließe, nur ein Trugbild narrte. Welche Schuld können die Männer auf
-sich laden, die einen großen Sturm im Lande entfachen! Der Kaiser
-würde, wenn es ihm gelänge, die Heere seiner Gegner niederzuwerfen,
-unser Land grausam strafen. Edler Freiheitsdrang und kühner Wagemut
-würden tiefste Demütigung gebären, und die dem Volke auferlegten Opfer
-müßten alles bisher Erlittene weit übertreffen. Die einmal entfesselten
-Gewalten sind nicht mehr niederzuhalten. Sind erst die Leidenschaften
-geweckt, dann sind die Menschen blind und wüten, wenn der Plan
-fehlschlägt, gegeneinander, sich selbst zerfleischend.«
-
-»Still, still,« fiel Konrad dem Freund in die Rede, »du bist im Irrtum,
-wenn Du glaubst, daß ich jetzt noch für eine lärmende Erhebung gegen
-die in unseres Volkes Mitte weilenden Zwingscharen Stimmung machen
-wolle. Ich will, wie ich Dir schon sagte, mich dem preußischen Heere
-anschließen und versuchen, noch eine Anzahl warmherziger Männer für
-diesen Plan zu gewinnen. Und so, wolle es Gott, möge man in vielen
-andern sächsischen Ortschaften auch denken. Aber ohne Lärm muß dies
-geschehen, sonst wird unser Vorhaben vereitelt, denn wir sind rings von
-Spionen umgeben, die der uns Sachsen längst nicht mehr trauende Kaiser
-unterhält. Du befürchtest, daß die Armeen der Verbündeten den Franzosen
-zuletzt wieder unterliegen müßten? O, Du Kleingläubiger! Komm, zieh mit
-uns und hilf die Reihen der deutschen Streiter vergrößern, auf jedes
-Mannes Faust und Auge kommt es an. Die unerschütterliche Zuversicht
-aber laß in Deine Seele einziehen: Männer von dem unbeugsamen Willen
-zu siegen oder zu sterben, wie sie den wallenden schwarzweißen Fahnen
-nachfolgen, können wohl geschlagen, nie aber besiegt werden, denn sie
-kämpfen ja alle für ihre verlorenen höchsten Güter. Gebiete deshalb
-der beschwichtigenden Stimme in Deinem Busen Schweigen, sie will
-Dir den Mannesmut ersticken! Du milderst Elend und Not, die um dich
-herum grinsen? Gewiß, das tust Du, und das habt Ihr Tiefenbachs im
-Verborgenen immer getan. Ja, Du tust noch mehr! Dein nüchtern denkender
-Kopf hat schon manchen glücklichen Ausweg gefunden, und Dein Rat
-wird von jedermann hoch geschätzt. Keine Mühe verdrießt Dich, wenn
-es gilt, das Gemeinwohl im Dorfe zu fördern. So verleihen Dir Herz
-und Verstand Eigenschaften, daß Du Dich trotz Deiner jungen Jahre wie
-keiner sonst großen Ansehens erfreust, weit in der Landschaft. Aber ist
-das das Höchste, mit dem Nächsten das Brot teilen und ihm, wenn er in
-Bedrängnis, mit gutem Rat zur Seite stehen? Dazu bedarf es doch keiner
-hohen Eigenschaften! Dein Ziel muß weiter draußen liegen.
-
-Ich will Dir sagen, Max, was besser ist als treu mit dem Volke die
-Straße dahinziehen: Du mußt es führen! Dein Blick soll weithinaus
-schauen. Wo steinigte Abhänge und fruchtbare Täler liegen, mußt
-Du wissen, Gefilde, die die belebenden Sonnenstrahlen täglich
-umschmeicheln und verlorene Plätze, wo kalte Nebel ziehen und schwere
-Stürme jahraus jahrein daheim sind, dürfen Dir nicht verborgen sein!
-Dort, wohin heute die Deinen gelangen, mußt Du schon gestern geweilt
-haben, und wenn ihr Zug am Kreuzweg ankommt, betrittst Du als erster
-den richtigen Pfad, der nach Deinen besten menschlichen Erwägungen
-von den Dir Hinterdreinziehenden zu ihrem Heile begangen wird. Stell’
-Dich darum jetzt an unsere Spitze, denn Du bist unser geborener
-Führer. Laß Deine Beredtsamkeit auf die Männer wirken und reiße die
-Zögernden durch Dein Beispiel mit fort. Schwing Dich hoch hinauf,
-betrachte von den Zinnen der Geschichte die Völkerstraßen und urteile
-dann, ob Entschlossenheit und Draufgehen oder Ergebenheit und täglich
-erneutes Weiterquälen für das Heil eines Volkes besser sind. Der
-gemeine Mann ist zaghaft und beschränkt, er betrachtet jedes Abweichen
-vom Althergebrachten als einen Sprung ins Dunkle und berechnet die
-Möglichkeit des Wachsens oder Verminderns seines Besitzes an den
-zitternden Fingern, indem er den Gewinn mit eins, den Verlust aber mit
-vier multipliziert. Lehre Du ihn, daß es Augenblicke gibt, in denen man
-sein Leben und die gesamte Habe auf das kippende Brett setzen muß, und
-daß zu allen Zeiten diejenigen Völker aus Wirbelwind und Wogen endlich
-ihre Schiffe in sturmfreies Wasser brachten, die mit Verachtung der
-Totesnöte das Erz des Kieles durch Flut und Brandung hindurchtrieben.
-Mag auch die Wimper zucken und die nervigste Faust zittern, -- den
-hohen Einsatz lohnt der hohe Gewinn!«
-
-Konrad hielt einen Augenblick inne und neigte seinen Kopf vor, als wenn
-er etwas Geheimnisvolles zu sagen habe. Dann fuhr er mit veränderter
-Stimme, die Worte abreißend, hastig fort:
-
-»Darum handle, Max, ehe es zu spät ist! Mir folgen ihrer sechs, nicht
-mehr, Dir alle. Dein Einfluß ist gewaltig, der meinige schwach. Der
-Rabensteiner mit seiner Hundehütte von Hof kann schon etwas wagen,
-sagen sie. Geh, zeige ihnen, daß Du, der Freihofer, der größte Bauer
-weit in der Runde, Deinen Hof im Stiche läßt, um des Vaterlandes
-willen. Lehre den Starrköpfen, daß die höchsten Ziele eines Volkes
-nichts zu tun haben mit der kleinlichen Sorge um Nahrung für Weib und
-Kind für den nächsten Tag. Rüttle sie auf und stachle schonungslos
-ihren Ehrgeiz an, auf daß in ihren Herzen die edelsten Mannestugenden
-wach werden und sie sich darauf besinnen, daß ein tatenloses Volk
-in Ketten sich aus den abscheulichsten Kreaturen unter der Sonne
-zusammensetzt. Geh in die Häuser und zwinge die Männer unter deinen
-Willen. Wirb für die große Idee, ich werde Dir treulich helfen. Mache
-Helden aus den Säumigen und Bedenklichen und führe sie denen zu, die
-ihr Blut verspritzen für die Freiheit der deutschen Erde!«
-
-Max hatte in zusammengesunkener Haltung, das Kinn herabgesenkt, den
-glühenden Worten des Freundes gelauscht. Ihm war, als wenn eine
-berückende Musik sein Ohr träfe, deren Klang er noch nie vernommen.
-Die schmeichelnden Tonwellen umstrickten seine Seele und brachten die
-feinsten Saiten in ihr zum Klingen.
-
-Da richtete er seinen riesenhaften Körper mit einem Ruck zu seiner
-ganzen Höhe auf, und die Brust weitete sich, als wenn neues Leben in
-sie einzöge. Der blondhaarige Kopf mit dem ausdrucksvollen Gesicht und
-dem starken Nacken war dieser Bewegung gefolgt und stand stolz auf den
-breiten Schultern und unbeugsam von diesem Augenblick an, -- bis ans
-Ende! Es war ein Bild strotzender Kraft und sieghafter Mannesschönheit.
-
-Nicht mit ungestümer Bewegung, sondern langsam und etwas ungelenk, um
-das im Innern entfachte Feuer niederzuhalten, streckte er seine Hand
-aus und sagte mit leisem Beben in der Stimme:
-
-»Konrad, schlag ein! Du hast recht, der Taten bedarf es, denn Worte
-sind jetzt nichts anderes als das Bekenntnis der Feigheit. Die zwölfte
-Stunde des gewaltigen Dramas ist angebrochen, und wir müssen uns
-beeilen, denn niemand vermag den unerbittlich vorwärtsrückenden Zeiger
-an der Weltenuhr aufzuhalten. Der Lässigkeit wird die Geschichte unser
-Volk einst zeihen, handeln wir und tragen wir dazu bei, daß ihm der
-Schimpf der Feigheit erspart bleibe!«
-
-»Max!« schrie Konrad jubelnd auf und seine Augen liefen ihm über, »ich
-wußte es, daß Du uns nicht ziehen lassen konntest. Hier meine Hand. Mag
-unser Schicksal da droben beschlossen sein, wie es will, wir folgen
-unserm Herzen; ob in Nacht oder in Sonnenschein!«
-
-
-
-
-17. Kapitel.
-
-
-Von diesem Tage an begann in Rehefeld ein geheimnisvolles, emsiges
-Treiben. Zuerst hatte Max mit klopfendem Herzen daheim seine Absicht
-ausgesprochen. Die Mutter war, nachdem er geendet, recht still
-geblieben und hatte nur mehreremal leise genickt, als wenn es sich für
-sie um eine schon längst beschlossene Sache handele. Maria aber war auf
-Max zugeeilt und hatte in stürmischer Bewegung ihre Arme um seinen Hals
-geworfen.
-
-»Ich hätte Dich nicht verstanden, Geliebter,« sagte sie, sich zärtlich
-an ihn schmiegend und das Haupt an seiner Brust bergend, »wenn Du
-zuhause geblieben wärst.«
-
-Da regte sich inmitten der ernsten Stimmung der Schalk in Maxens Brust
-und er fragte in scheinbar vorwurfsvollem Tone:
-
-»So spricht meine holde Braut? Ich hätte gehofft, sie würde Einspruch
-gegen meine Absicht erheben und mich bestimmen, bei ihr zu bleiben.
-Erkaltet die Glut eines Mädchenherzens so rasch?«
-
-Vergebens aber wartete er auf eine Antwort. Und als er nach mehreren
-Sekunden den fest an seine Brust gepreßten Kopf mit einiger Mühe aufhob
-und zurückbeugte, um Maria ins Gesicht zu sehen, da zeigte es sich,
-daß dieses Antlitz in holdseligem Lächeln tief errötet war. Aber das
-Herz des Mädchens erfüllte nicht eitel Wonne, sondern wie so oft im
-menschlichen Leben wohnten auch in diesem Herzen jetzt die beiden
-Geschwister Freude und Schmerz dicht beieinander. Denn es darf nicht
-verschwiegen werden, daß an den langen, dunkeln Wimpern ihrer Augen ein
-paar glitzernde Perlen hingen.
-
-In wehmütiger Freude beugte sich Max nieder und küßte leise diese
-Tränen fort.
-
-Die Vorbereitungen zur Hochzeit aber wurden nun wieder aufgenommen
-und mit vermehrtem Eifer fortgesetzt, denn noch vor dem Ausmarsch der
-kleinen Schar sollte ihr Bund den kirchlichen Segen empfangen.
-
- * * * * *
-
-Die beiden Freunde waren unermüdlich im Werben, und nach wenigen Tagen
-hatten sich dreizehn Männer gefunden, die die Schmach des Landes
-nunmehr so bitter empfanden, daß alle Bedenken gegen die Ausführung des
-Planes überstimmt wurden.
-
-Max war ein beredter Anwalt für die Idee; wo seine Worte nicht
-überzeugen wollten, siegte zuletzt sein Beispiel. Das ganze Dorf geriet
-in helle Aufregung, und in allen Häusern sprach man von dem Vorhaben.
-Anfangs war es nicht leicht gewesen, mit den Männern darüber zu reden.
-Ihre geistige Schwerfälligkeit verhinderte, daß sie den so schnell
-veränderten, politischen Verhältnissen ebenso rasch folgen konnten.
-Die Niederlagen der französischen Generale und die dadurch schwierig
-gewordene Stellung Napoleons in Dresden waren zu überraschend gekommen,
-und die breiten Volksmassen hatte zu sehr der Gedanke durchdrungen, daß
-es heller Wahnsinn wäre, gegen die Macht des Gefürchteten anzukämpfen.
-Denn von dem Tage ab, wo die Heere der Verbündeten gegen den Kaiser
-losmarschierten, galt es in den störrischen Bauernschädeln für
-unausbleiblich, daß der Mächtige alle feindlichen Armeen in kurzer Zeit
-über den Haufen werfen würde. Als dann die Niederlagen der Franzosen
-eintraten, wurden die Getäuschten fast unwillig, weil ihre Voraussage
-nicht stimmte.
-
-Großgörschen hatte ihre Sehergabe als untrüglich anerkannt, und
-Bautzen hatte sie glänzend bestätigt. Dazwischen passierte allerdings
-Großbeeren, aber dort war ja der Kaiser nicht selbst gewesen, und die
-Schuld der Niederlage traf den Marschall Oudinot. Wenn auch einmal ein
-General unterlag, was tats, der Kaiser würde alles wieder einbringen.
-Dafür strahlten seine Sterne bei Dresden wieder um so heller; selbst
-die Unterlegenen sprachen ja mit Bewunderung von dem Sieger.
-
-Dann kam Vandammes Niederlage und Gefangennahme bei Kulm. Das war
-wieder gegen die Weissagung, durfte aber nicht allzuernst genommen
-werden, denn er war ja keiner von den großen Generalen der alten
-Schule. Da trat aber wenige Tage später ein Ereignis ein, das aller
-Zuversicht einen gewaltigen Stoß versetzte: General Bülow hatte eine
-starke französische Armee, die nach Preußens Hauptstadt vordringen
-wollte, wenige Meilen vor Berlin bei Dennewitz gänzlich geschlagen, und
-der Führer dieser Armee war der ruhmreichste der Feldherren Napoleons,
--- der Marschall Ney.
-
-Da schwiegen die Eigensinnigen, nahmen die Pfeife aus dem Munde,
-spuckten aus und kratzten sich die Köpfe.
-
-Nun lag der angeschossene Löwe knurrend in Dresden und hieb mit
-seiner Tatze wütend nach den ihm keine Ruhe gönnenden Feinden. Jeder
-Schlag dieser fürchterlichen Pranke saß zwar, aber es waren keine
-eigentlichen Siege, wenigstens keine solchen, wie man sie von einem
-Schlachtengewinner von seinem Range erwartete. Denn das staunende
-Europa war anspruchsvoll geworden und gab seinen Leistungen strenge
-Zensuren. Und bei alledem wuchs des Kaisers Verlegenheit in der
-sächsischen Königsstadt sichtlich.
-
-So stand es im Anfang des Monats Oktober, gerade in den Tagen, in denen
-Max und Konrad ihre Tätigkeit entfalteten.
-
-Die Stimmung in den meisten Städten Sachsens wurde zu dieser Zeit
-derart franzosenfeindlich, daß es gefährlich war, sich noch offen für
-die Bedrücker zu bekennen. Aber der schwerfällige Sinn des sächsischen
-Bauern war nicht dazu geschaffen, seine Bedenken gegen einen Aufstand
-wider die Franzosen binnen wenigen Tagen aufzugeben, obwohl nicht nur
-zahlreiche eigene Landsleute dafür Stimmung machten, sondern auch die
-im Lande stehenden preußischen und russischen Truppen unaufhörlich
-dazu anfeuerten. Der Bauer wollte erst Garantien dafür haben, daß
-Napoleon nicht mehr mächtig genug war, eine Erhebung des Volkes mit
-drakonischer Strenge zu vergelten. Denn die Leiden der letzten Jahre
-waren gerade für dieses unglückliche Land über alle Maßen schwer
-gewesen und hatten die frohe Hoffnung auf ein endliches Zerschmettern
-der Kraft dieses Riesen in der Brust der Menschen bis auf ein winziges
-Fünkchen ersterben lassen.
-
-Dies war die Stimmung, die die bäuerliche Bevölkerung Sachsens
-erfüllte, als sie endlich einsah, daß das Staatsschiff mit vollen
-Segeln auf die Brandung zusteuerte und mit Mann und Maus unterzugehen
-drohte.
-
-Allmählich machte sich denn auch der Umschwung der Gesinnung auf dem
-platten Lande geltend und nicht zuletzt unter den Einwohnern Rehefelds.
-Die Landbevölkerung begann von neuem zu hoffen und vergaß die bisher
-gewahrte, ängstliche Vorsicht. Die Bedenken für den Verlust von Haus
-und Hof traten immer mehr in den Hintergrund, und Begeisterung zog in
-die Gemüter ein. Der Drang nach Freiheit wuchs ins Riesengroße und
-erfüllte zuletzt Aller Herzen.
-
-Wenn es in diesen Tagen trotzdem nicht zu einer allgemeinen Erhebung
-in Sachsen kam, so war nicht die mit Eifer beschwichtigende Regierung
-schuld, als vielmehr der Umstand, daß große Teile des Landes sich noch
-in den Händen der Franzosen befanden, daß ferner eine erhebliche Anzahl
-ungeduldiger sächsischer Männer in die immer weiter nach der Elbe
-zu vordringenden preußischen Regimenter als Freiwillige eintrat und
-endlich, daß die, die fremde Zwingherrschaft niederwerfende Schlacht
-auf den Fluren bei Leipzig unerwartet schnell hereinbrach.
-
-Wie ein großes Ereignis wirkte die Aufgabe Dresdens, das der Kaiser
-hatte stark verschanzen und sonst auch für seinen Winteraufenthalt
-hatte herrichten lassen. Eine weit über Deutschland hinaus sichtbare,
-leuchtende Flammenschrift erschien an dem tiefschwarzen Firmament und
-verkündete, daß sich jetzt das Ende vorbereite.
-
- * * * * *
-
-In Rehefeld herrschte in diesen Tagen unbestritten Maxens Geist. Er
-wußte alle Bedenken zu beschwichtigen und entfachte ein solches Feuer
-der Begeisterung in aller Brust, daß die Männer ruhelos zum Ausmarsch
-drängten, und die Frauen diesen Entschluß nicht nur durch Worte,
-sondern auch in tiefster Seele guthießen.
-
-Noch eine Woche wollte man warten, bis sich die französischen Armeen
-bei Leipzig gesammelt haben würden, und der jetzt von ihnen versperrte
-Weg zu den Verbündeten freigeworden war. Denn die Franzosen waren sehr
-mißtrauisch geworden, und niemand durfte bei Vermeidung von Festnahme
-in diesen Tagen ohne einen Reisepaß mehrere Meilen über Land gehen.
-
-Die Zeit bis dahin brachte man damit zu, sich im kriegerischen Handwerk
-zu üben. Ein Gewehr schweren Kalibers war für jeden vorhanden.
-Denjenigen, die selbst keines besaßen, wurde von mehreren Seiten
-zugleich ein solches angeboten, wie überhaupt die Gebefreudigkeit,
-namentlich bei denen die daheim blieben, mit der Begeisterung zusammen
-erwacht war. Auch Geld und Wertgegenstände wurden den Freiwilligen
-ausgehändigt, um sie ihrem zukünftigen Regimente zu überbringen. Wie
-drüben über der Grenze, waren auch hier die Zurückbleibenden bemüht,
-die große Sache, wenn nicht mit Blut, so doch mit Gut zu unterstützen.
-
-Auch ein paar Seitengewehre und Säbel, deren Existenz bisher außer den
-Eigentümern ein anderer kaum geahnt hatte, tauchten auf und wurden auf
-dem Wetzstein scharf geschliffen.
-
-Diejenigen, die schon früher einmal die Waffe getragen hatten,
-erklärten die Handgriffe, und der Schmied, der in dem Bataillon aus
-dem Winckel bei Jena mitgefochten hatte, stellte die Streiter in Reih
-und Glied, ließ sie marschieren und einschwenken und die Gewehre laden
-und Salven abgeben. Max, als der Größte, marschierte natürlich voran,
-während Konrad, wie es ihm zukam, als linker Flügelmann exerzierte.
-Alles erfolgte so, wie es in wenigen Tagen in Wirklichkeit geschehen
-sollte. Und wenn auch der oder jener, wie bei einer Anzahl von der
-Arbeit weggerufenen Bauern unausbleiblich, noch reichlich ungeschickt
-war, so glich er diesen Mangel durch Eifer und guten Willen wieder aus.
-
-Sobald aber die künftigen Verteidiger des Vaterlandes endlich ermüdet
-wieder ins Dorf zogen, dann trat flugs eine andere Schar zusammen und
-übte genau so, wie sie es vorher stundenlang beobachtet hatte. Leider
-besaßen diese keine Gewehre, aber sie waren genügsam und verfügten
-über hinreichend genug Phantasie, um eine eigens zu diesem Zwecke
-ausgesuchte, besonders schön gewachsene Haselrute oder schließlich auch
-einen invaliden Rutenbesen als wahrhaftes Schießgewehr anzusehen. Das
-war die liebe Jugend von Rehefeld.
-
-Der Schullehrer hatte, um seine sonst außer allem Zweifel stehende
-Autorität zu retten, in diesen Tagen darauf verzichtet, seine Lämmer
-täglich um sich zu versammeln. Und so hatten diese denn vollauf Muße,
-ihren sich im Schweiße des Angesichts abmühenden Vätern und Brüdern
-aufmerksam zuzuschauen. Waren diese aber endlich abgetreten, so liefen
-flink die bisherigen Zuschauer zusammen, und dieselbe Kleestoppel,
-deren Boden soeben noch unter dem schweren Bauernstiefel gedröhnt
-hatte, stampften jetzt die Tritte der barfüßigen Jungen.
-
-Der Platz des Freihofbauern auf dem rechten Flügel des Gliedes galt
-als besonders erstrebenswert und wurde sehr begehrt, und um das
-Amt des die Schar kommandierenden Schmieds fanden wahre Schlachten
-statt. Keine künstlichen, wie sie das Exerzieren mit sich brachte,
-sondern Schlachten ohne alle strategischen Vorbereitungen, aber
-mit anerkennenswerter Erbitterung. So plagte und prügelte man sich
-abwechselnd in heiliger Begeisterung, bis die Sonne sank und alle
-endlich den von herbstlichen Abendnebeln umflossenen Häusern zustrebten.
-
-Dann betrat der seine Sache mit vollem Ernst auffassende, junge Krieger
-mit erhitzten Wangen und zerzaustem Schopfe die niedrige Stube und sah
-geringschätzig auf die Schwester, die gerade ihrer Puppe das Nachtlager
-herrichtete. Kurz vor dem Schlafengehen und als er schon bis auf das
-Hemd entkleidet war, gedachte einer von ihnen aber noch einmal seiner
-kriegerischen Pflichten, indem er der Mutter zeigte, wie der Bauer vom
-Freihof den Ausfall mache. Dabei warf er das Körpergewicht wuchtig auf
-den vorgestellten linken Fuß und vollführte mit beiden Armen einen
-fürchterlichen Stoß, der auch ohne die eigentlich dazu notwendige
-Flinte ganz gegen Erwarten über alle Maßen gut ausfiel, daß der von der
-Wucht des Stoßes getroffene kleinere Bruder, der in seine Butterbemme
-vergnüglich hineinbeißend dem älteren arglos und voll Bewunderung
-zugeschaut hatte, heulend gegen die Wand flog.
-
-Eine Viertelstunde später lagen die beiden rosigen Kleinen in tiefem
-Schlafe, und die Mutter beugte sich schweigend darüber, und ein Himmel
-von Freude und Glückseligkeit brach aus ihren Augen.
-
-Genau eine Woche darauf aber begannen die mörderischen Tage von
-Leipzig, und als am Abend des letzten Tages der Mond wieder heraufzog,
-genau so wie heute, da düngte der Gatte dieser Mutter und Vater dieser
-Kinder den heimatlichen Boden mit seinem Herzblut. Sein glühender Durst
-nach Freiheit war gestillt worden.
-
-Schlaft süß, Ihr unschuldigen, vaterlosen Kleinen! Lächle wieder du
-junges, verlassenes Weib! Einer von den leuchtenden Sternen droben, die
-mild auf dich herabschauen, ist der Deinige!
-
-
-
-
-18. Kapitel.
-
-
-Eines der am weitesten auf der Höhe gelegenen Güter Rehefelds war das
-des Bauern Frank. Es war ein mittelgroßes Anwesen mit reichlichem
-Viehstand und alten, aber noch recht gut erhaltenen Gebäuden. Ein
-früherer Besitzer hatte sich inmitten der beiden Ställe und gegenüber
-der großen Scheune ein niedliches Wohnhaus herrichten lassen, das dem
-ganzen Besitz ein ungemein freundliches Ansehen verlieh.
-
-Es war nicht streng nach der Bauweise der alten sächsischen
-Bauernhäuser gebaut worden, war aber mit guter Raumverteilung
-eingerichtet und bestand aus dem etwas erhöhten Unterbau und einem
-freundlichen, hellen Oberstock, den ein weitüberragendes, dickes
-Strohdach schirmte. Vor der Haustür befand sich eine kleine Terrasse,
-die von einem von zwei Säulen getragenen Lattenrost überdacht
-wurde, und von der hüben und drüben einige Stufen hinabführten.
-Um die hölzernen Säulen wanden sich dicke, schwärzliche Ranken
-Jelänger-jelieber und Heckenkirsche, deren grüne Zweige über das ganze
-Dach ausbreitet und zu einem unentwirrbaren Durcheinander verwachsen
-waren und die so tief herabhingen, daß der Raum zwischen den Säulen
-von Blättern und Blüten beinah ausgefüllt wurde. Im Sommer glich die
-Terrasse einer dichten Laube, die selbst im heißesten Sonnenbrand
-Schatten und erquickende Kühle spendete.
-
-Das Haus war sorgfältig mit Kalk verputzt und wurde öfters getüncht.
-Dann hoben sich die schwarzangestrichenen, recht- und spitzwinklig
-zueinander stehenden Balken von den blendendweißen Flächen scharf
-ab, und wenn man sich zu diesem freundlichen Hintergrund die grüne,
-über und über blühende Laube vor der Mitte des Hauses hinzudenkt,
-so erhält man eine Vorstellung von dem in Bauart und lebendiger
-Farbenzusammenstellung gleich harmonischen Bild, welches dieses Haus
-bot, das den die Straße ziehenden Fuhrleuten immer wieder von neuem
-gefiel und das von der sanften Anhöhe herab den das Dorf berührenden
-Wandersmann freundlich grüßte.
-
-Noch vor wenigen Jahren hatte dieses Gut ein altes Ehepaar besessen,
-dem das Schicksal von seinen Kindern nur eine Enkeltochter gelassen
-hatte. Der Bauer Honigmann war in den Siebzigern, gesund und kräftig,
-als er eines Morgens, das erste Mal in seinem Leben, die Neigung
-verspürte, im Bett liegen zu bleiben. Tags darauf war er tot. Niemand
-hatte ihn jemals krank gesehen, und auch der Arzt wußte nicht zu
-sagen, an welcher Krankheit er gestorben war. Die Leute aber meinten,
-Honigmann sei eigentlich garnicht gestorben, sondern hätte nur
-aufgehört zu leben.
-
-Die Fürsorge für die hübsche Marianne fiel nun der schon lebensmüden
-Bäuerin allein zu. Marianne hatte kurz vorher ihren neunzehnten
-Geburtstag gefeiert. Sie war ein braunäugiges, dunkellockiges Geschöpf
-und schlank und biegsam wie die schönste Tanne aus den Musterforsten
-des Freiherrn von Tiefenbach. Immer ruhig, freundlich und gewinnenden
-Gemüts, zuweilen wohl auch ein wenig übermütig, hatte jedermann im
-Dorfe das Mädchen gern, und viele der Bauernburschen wären glücklich
-gewesen, Mariannens Hand und Herz zu besitzen, vorzugsweise die Hand.
-Denn außer einem hübschen und guten Weibe mußte dem Erwählten ja auch
-der saubere und unverschuldete Hof zufallen.
-
-Aus diesem Grunde drängte sich täglich eine große Anzahl
-Heiratslustiger an das Mädchen heran, die alle heiß bemüht waren,
-sich gegenseitig den Rang abzulaufen. Und so wurde denn der für Gemüt
-und Verstand in gleicher Weise begehrliche Preis von einer Wolke von
-Anbetern unaufhörlich umlagert, die selbst aus den Nachbardörfern
-sich einstellten, wie etwa ein Sirupstopf von einer großen Anzahl von
-Fliegen umschwärmt wird.
-
-Marianne aber war ein kluges Mädchen. Sie war zu dem einen nicht
-freundlicher wie zu dem andern und verdarb es deshalb mit keinem.
-Meinte einmal einer der jugendlichen Heißsporne, daß er den richtigen
-Pfad gefunden habe in dem Labyrinth der Gänge, die zu ihrem Herzen
-führten, so mußte er am nächsten Tage die sehr betrübliche Erfahrung
-machen, daß Marianne genau dieselbe Freundlichkeit, über die er gestern
-hochbeglückt war, heute einem andern erwies. Mancher der jungen
-Männer wollte schier verzweifeln, wenn er das Heer seiner Nebenbuhler
-überdachte, und manche festgefugte, auf Leben und Tod geschlossene
-Freundschaft ging in diesen Tagen aus dem Leim.
-
-Gleichzeitig empfand aber wieder jeder der Beharrlichen als kühlenden
-Balsam auf die Wunde im Herzen die Ueberzeugung, daß augenblicklich
-keiner von den Vielen dem allgemein zugestrebten Ziele näher stand
-als er selbst, um freilich in der nächsten Stunde bei dem Gedanken zu
-erbleichen, Marianne könne mittlerweile die Werbungen eines im stillen
-Bevorzugten erhört haben.
-
-So ganz spurlos aber, wie es schien, ging der tägliche Sturm auf
-Mariannens Herz doch nicht an ihr vorüber. Mit großem Interesse
-beobachtete das Mädchen die sich ihr nähernden jungen Männer, die es
-auf mancherlei Weise versuchten, die begehrenswerte Braut heimzuführen.
-Die einen marschierten geradenwegs auf ihr Ziel zu. Sie sprachen,
-wie es in solchen Fällen wohl allgemein üblich, von unverbrüchlicher
-Liebe und Treue; dieser tat es stammelnd, jener mit anerkennenswertem
-Zungenschlag. Ja der Schulzensohn ging sogar soweit, daß er die,
-noch vom Geständnis seiner Liebe her auf dem Herzen ruhende Hand --
-also der während einer Liebesbeteuerung allerorts als allein richtig
-anerkannten Haltung --, daß er die beteuernde Hand aufhob, die
-Schwurfinger ausstreckte und mit rollenden Augen versicherte, im Falle
-der Nichterhörung von der Stelle aus in den Dorfteich zu gehen. Nun,
-Erhörung fand er zwar nicht, ob er aber, wie bestimmt zugesagt, weiter
-als bis zum Rand des Teichs gegangen war, entzog sich jedermanns
-Kenntnis. Als unbestreitbare Tatsache mußte es jedenfalls gelten, daß
-er Leipzig mitmachte und kurz nach der Rückkehr aus Frankreich eine
-ältliche aber wohlbegüterte Witwe in Göhren heiratete.
-
-Ferner gab es vereinzelte, die schworen, daß es ihnen beileibe nicht
-auf den Hof ankäme, sie, Marianne, wäre ihnen wie sie gehe und stehe
-gerade recht. Sie wollten den Hof überhaupt nicht haben, meinten sie,
-nur das Mädchen. Nun ging es jedoch nicht gut an, daß Marianne diesen
-Verächtern irdischer Habe zuliebe auf den schmucken Besitz ihres
-Großvaters Honigmann verzichtete. Lieber verschloß sie sich deshalb
-diesen Werbungen.
-
-Die also Geschilderten waren die Gefährlichen unter den Anbetern.
-Glücklicherweise aber waren sie in der Minderzahl.
-
-Ungleich harmloser gestaltete sich das Gespräch mit einem der
-schüchternen Verehrer. Diese sprachen fast alle sehr wenig, ja bei
-manchem beschränkte sich die Rede auf einen schüchternen Gruß. Dafür
-war aber infolge der zurückgetretenen Töne das Herz zum bersten voll,
-und die Augen mußten in diesem Falle den Dienst der widerspenstigen
-Zunge übernehmen.
-
-Einer erzählte von daheim; wieviel jede der Kühe Milch gäbe, daß die
-Schweinezucht in den letzten Jahren immer profitabler geworden sei, wie
-auf dem Hofe des Vaters musterhafte Ordnung herrsche und er selbst in
-allen Tugenden eines männlichen Wesens im allgemeinen und eines Bauern
-im besondern von früh ab unterwiesen sei. Ein anderer sprach davon, was
-er tun würde, wenn er auf einer eigenen Scholle säße. Zuhause könne
-er seine Pläne nicht zur Tat machen, denn sie seien bekanntlich vier
-Söhne und unter vieren gäbe es täglich Katzbalgereien. Mit einer Frau
-nur allein auf einem Hofe sitzen, müsse herrlich sein. Da herrsche doch
-immer Frieden und Eintracht -- -- --
-
-Der Letzte endlich redete keinerlei Anzüglichkeiten. Dafür machte
-er soviel Spaß, daß die Maid zuweilen vor Heiterkeit bis zu Tränen
-gerührt war. Er hoffte, auf der luftigen Brücke, die der Humor über
-Hindernisse errichtet, den gefährlichen Abgrund bis zu Mariannens Herz
-zu überschreiten, ohne hineinzufallen. Dieser gewiegte Diplomat hieß
-Emil und war der Sohn eines kleinen Bauern.
-
-Er war flink wie ein Wiesel und gelenkig wie eine Katze. Dabei lag
-ihm sehr daran, von der kleinen Klitsche daheim sobald als möglich
-wegzukommen. Lange Jahre war er das einzige Kind gewesen. Da starb die
-Mutter. Sein Vater heiratete kurz darauf ein blutarmes, junges Ding,
-das seinem Gatten die Mitgift nach und nach in Gestalt kugelrunder,
-pauspackiger Kindlein einbrachte. Von diesem Augenblick an war daheim
-nichts mehr zu hoffen. Die kleinen Geschwister taten vorderhand noch
-nichts besseres, als daß sie mit beängstigend gutem Appetit aßen. Wenn
-die Familie bei Tische saß, mußte Emil jeden dieser ewig hungrigen
-Esser unwillkürlich mit einer Raupe mit sieben Köpfen vergleichen, die
-sich eben daran macht, eine Kohlstaude kahlzufressen. Und mit Grausen
-sagte er sich, daß das bescheidene Besitztum seines Vaters diese
-unersättlichen Schlünde niemals werde stopfen können. Und er berechnete
-nüchternen Verstandes, daß der dürre Hof gerade dann aufgezehrt
-sein würde, wenn das letzte der jetzt noch im Nichts schlummernden
-Geschwister flügge war. Da ging er hin und stellte seine angeborene
-Kunstfertigkeit in den Dienst des Werbens um wohlversorgte Hoftöchter.
-
-Wen die Burschen und Mädchen an den warmen Sommerabenden im
-Mondenschein, fein säuberlich in zwei getrennte Lager geschieden, auf
-dem Anger saßen, Scherzreden und Neckereien hinüber und herüberflogen
-und alle Spaßmacher endlich ihren Witz ausgegeben hatten, dann stand
-Emil auf. Zwar sprach er seiner anstoßenden Zunge wegen herzlich wenig,
-aber das Lachen der Zuschauer erklang nach seinen Leistungen bald
-wieder von neuem.
-
-Nun waren seine Hanswurstspäße freilich nicht mehr neu und hatten
-schon manch liebes Mal Stoff zu harmloser Heiterkeit gegeben; aber das
-Völkchen war ja so bescheiden in seinen Ansprüchen an Unterhaltung und
-wollte um jeden Preis fröhlich sein.
-
-Zuerst schlug er also das Rad mit solcher Behendigkeit und Ausdauer,
-daß er die Anerkennung herausforderte. Dann ging er zu wunderlichen
-Gliederverrenkungen über, die die Lachlust empfindlich reizten. Selbst
-der Ernsthafteste aber konnte sich der Heiterkeit nicht mehr enthalten,
-wenn Emil wie ein Känguruh in possierlichen Sprüngen umherhüpfte.
-Dazwischenhinein überschlug er sich mehrere Male als Zugabe oder lief
-minutenlang und mit größerer Sicherheit auf den Händen, als manchem der
-Zuschauer auf den Beinen möglich war. Alles dies tat er stumm. Die
-karge Belohnung, die er sich in den kurzen Ruhepausen gönnte, bestand
-einzig und allein darin, daß er mit dem Ärmel den Schweiß von der
-tropfenden Stirn wischte. Zum Schluß stellte sich Emil auf den Kopf
-und verharrte in dieser Haltung unbeweglich wie ein Pfahl solange, bis
-die Zuschauer erklärten, diese Vorführung sei langweilig, und einer
-der Burschen ihn umwarf. Dann setzte er sich stillschweigend in den
-Hintergrund und beobachtete forschend die vom Mondenschein erhellten
-Gesichter der Mädchen auf die Wirkung seiner Vorführungen hin. Mit
-besonderer Sorgfalt studierte er die Züge der rehaugigen Enkelin des
-alten Honigmanns.
-
-Marianne aber dachte: ach, was soll Dir ein Mann, der unausgesetzt
-durch die Luft wirbelt, und wenn er einmal auf die Erde kommt, steht er
-verkehrt.
-
-Da machte sie in ihrem Herzchen kurz entschlossen einen dicken Strich
-durch seinen Namen.
-
-Jeder empfindsame Leser, den diese Zeilen erreichen, wird das Resultat
-betrüblich finden und sich einer wehmütigen Regung nicht verschließen
-können. So viel wahrhafte Kunst an ein Trugbild verschwendet -- -- --
-
-Armer Emil!
-
-Marianne hatte lange geschwankt, welchen der Anbeter sie endlich
-erhören würde. Denn wenn auch die meisten von ihnen ihr gleichgültig
-blieben, so waren es doch immerhin einige der Burschen, die dem Mädchen
-recht gut gefielen. Gewissenhaft durchlief sie in ihrer stillen Kammer
-im Geiste die noch gebliebene, stattliche Anzahl der Bewerber, merzte
-von neuem aus, bis denn schließlich zwei übrig blieben, von denen sie
-einen zu erhören beschloß.
-
-Der erste von diesen war Berthold Frank, der jüngste Sohn vom
-Oberhofbauern. Er war ein hübscher Bursche mit hellblauen Augen und
-schwarzem Schnurrbart, dessen Spitzen am Sonntag sorgfältig gedreht
-waren. Er war nicht allzuhoch gewachsen, aber sein Körper war gedrungen
-und seine Bewegungen verrieten große Kraft. Mit seinem hübschen Äußern
-verband sich ein Auftreten, das allen Mädchen wohlgefiel, denn er war
-geweckt und verstand es, verbindliche Reden zu führen; darin glich
-ihm kein zweiter der Burschen. Und doch konnte Frank sich vieler
-Eroberungen eigentlich nicht recht rühmen, weil man wußte, daß er
-streitsüchtig war und sich zuweilen betrank.
-
-Daheim auf dem Obergut herrschte polnische Wirtschaft. Die Mutter war
-in der Stadt aufgewachsen und hatte nie verstehen gelernt, worauf es in
-ihrer Stellung ankam. Den Besitz zusammenhalten und mehren konnte sie
-nicht. In einer großen Anzahl von feinen Kanälen floß der saure Gewinn
-vom Hofe wieder fort und sickerte ihr geradezu durch die Finger. Für
-die sparsame Verwendung der Nahrungsmittel und die weise Einschränkung
-der Bedürfnisse des Haushalts hatte sie kein Verständnis. Täglich wurde
-weit mehr gekocht als gegessen wurde; was übrig blieb, bekam das Vieh.
-Das Essen war ohne Sorgfalt zubereitet und befriedigte nicht. Dann
-schlich das Gesinde in die offene Vorratskammer und in den Milchkeller
-und tat sich dort gütlich. Der Bauer trank und wenn er in später Nacht
-nach Hause kam, prügelte er sein Weib. Stand der Wagen des Kornhändlers
-auf dem Hofe, so war er nicht beim Aufladen der Säcke zugegen, sondern
-saß wetternd im Gasthof, oder schlief oben in der Kammer seinen Rausch
-aus. Und so kam es, daß manches aus dem Gut hinausging von dem er
-nichts wußte.
-
-In dieser Umgebung wuchsen die drei Jungen auf. Von Anfang an war
-niemand da, der sie zur regelmäßigen Arbeit angehalten hätte, und als
-sie sehend wurden und das Leben einzuschätzen vermochten, wollten sie
-nicht begreifen, warum gerade nur sie allein die Last des Tages tragen
-sollten. Dazu hatte die Mutter die Kinder von früh auf verwöhnt, indem
-sie alle ihre Wünsche erfüllte und ihnen vorredete, sie könnten das so
-haben, dafür seien sie die Söhne des reichen Oberhofbauern.
-
-Und so war es aus all diesen Gründen nicht verwunderlich, daß das
-Gerücht immer mehr Wahrscheinlichkeit gewann, auf dem Oberhof stehe es
-schlecht, und der Bauer sei bis über die Ohren verschuldet. Berthold
-kannte ganz genau die Schwierigkeiten, die es dem Vater bereitete, wenn
-er an jedem Quartalsersten die fälligen Hypothekenzinsen, aufbringen
-mußte, und er sah voraus, daß ihm einst als Erbe nicht mehr zufallen
-würde, als ein paar vertrocknete Dachschindeln. Und da er wohl die
-Kraft, nicht aber den Willen besaß mit fester Faust in das Wespennest
-hineinzugreifen und er das einzige Mittel, das den Oberhof noch retten
-konnte, die Arbeit, verschmähte, so beschloß er, sich anderswo ein
-behagliches Nest zu suchen. Warum sollte er sich schinden? Tat es der
-Vater, oder machten es etwa seine Brüder? Und gesetzt den Fall, es wäre
-ihm gelungen -- aber nur ihm, denn die beiden Brüder waren Dummköpfe --
-den Oberhof vor dem Ruin zu retten, was hatte er davon? Er konnte doch
-nicht als Miteigentümer auf dem Hofe sitzen, der dem ältesten Bruder
-Christian zufallen würde.
-
-Also steckte er die Hände in die Hosentaschen, pfiff eine Melodie von
-der letzten Tanzmusik her und ging mitten am Nachmittag zum vordern
-Hoftor hinaus, um zu versuchen ob es ihm gelingen würde, bei der Erbin
-des Lindengutes einige von seinen stets vorrätigen Schmeichelreden
-anzubringen.
-
-Und man konnte es nicht anders sagen, Berthold Frank war ein hübscher
-Bursche mit gefälligen Manieren, der zuletzt wegen seiner Aussichten
-auf den Besitz des Lindengutes manchen grimmen Neider besaß.
-
-Der andere Bewerber, der sich zusammen mit Berthold Frank in den Besitz
-von Mariannens flatterndem Herzchen teilte, war Gottfried, der Knecht
-auf dem Lindengute.
-
-Stolz war das Mädchen nicht! Es war ihm gleichgültig, ob sein künftiger
-Gatte auf einem großen Hof aufgewachsen war, oder ob er aus einem armen
-Häuschen kam. Denn wenn sich Marianne auch durch ein glänzendes Äußere
-leicht blenden ließ, so hätte sie ihrer inneren Stimme entgegen doch
-niemals, um seiner äußeren Vorzüge willen, einem ungeliebten Mann die
-Hand reichen können. Deshalb hatte sie die stummen und bescheidenen
-Werbungen Gottfrieds auch nicht zurückgewiesen, sondern ihn eher noch
-dazu ermutigt.
-
-Gottfried war wohl fast in allen Eigenschaften das gerade Gegenteil von
-dem Jüngsten vom Oberhof. Er war ein stiller, in sich gekehrter Mensch
-und von einer Arbeitskraft, für die der Lindenhof fast zu klein war.
-
-Vor nahezu dreißig Jahren war eine junge Magd auf dem Lindengut
-gewesen, mit strotzenden Wangen und lachenden Schelmenaugen. Sie besaß
-einen allzeit fröhlichen Sinn, und ihr blühender Leib war gerade
-gewachsen wie eine Gerte. Sie war laut gewesen bei der Arbeit, wo
-sie weilte, hörte man den kunstlosen Sang ihrer glockenreinen Stimme,
-und weit mehr als nötig war, tönte von dem frischen Munde jauchzendes
-Lachen. Da wurde mit einem Male, schier über Nacht, das Mädchen still.
-Zuletzt war sie scheu geworden und hielt die Augen niedergeschlagen.
-Ihr fröhlicher Sinn war von ihr gewichen, und das erquickende Lachen
-war verstummt. Immer schwerer wurde ihre Seele bedrückt, bis sich
-endlich ihr Gemüt umdüsterte und sie, fast selbst noch ein Kind, in der
-Andreasnacht unter Verzweiflungsqualen und den doch so beseligenden
-Ahnungen von Mutterglück einem rosigen Knaben das Leben gab.
-
-Und als von ihrer schweren Stunde an gerechnet drei Tage verflossen
-waren, trug man die junge Mutter hinaus und bettete ihren blühenden
-Leib, der nun all seine Wärme verloren hatte, zwischen die Schollen
-des Friedhofs. Ein winziges Häufchen Sand zeigte die Stelle an, wo man
-ein in der Blüte geknicktes Leben voll sprudelnder Fröhlichkeit, voll
-Singsang und Lachen dem Erdenschoße still wieder zurückgegeben hatte.
-
-Den verlassenen Knaben aber legte der Bauer Honigmann seiner Frau
-wortlos in den Schoß, die für ihn redlich sorgte, auf daß die Seele
-des Kindes die mit in die Grube gebettete Liebe der Mutter nicht allzu
-schmerzlich vermisse. Einen einzigen Kuß hatte die junge Mutter ihrem
-Kinde auf die Stirn gedrückt, dann war sie in den Gottesfrieden hinüber
-geschlummert. Der Knabe aber hatte bei der Taufe den Namen Gottfried
-erhalten.
-
-Gottfried hatte schon frühzeitig damit begonnen, seinen Wohltätern
-das zu vergelten, was sie an ihm getan. Aufgewachsen in der wahren
-Frömmigkeit der Bäuerin, hatte der Knabe unter den unübertrefflichen
-Anleitung Honigmanns die Arbeiten auf dem Hofe gelernt. Schon mit
-vierzehn Jahren schaffte er so viel wie ein Knecht und als er die
-Zwanzig erreicht hatte, bot sich für ihn auf dem Lindengute fast nicht
-mehr genug Gelegenheit zur Betätigung seines Eifers. Der alte Mann
-aber, dem die Arbeit selbst noch Lebenbedürfnis war, wurde zuweilen
-ärgerlich, wenn er sah, wie der junge Knecht ihm die Arbeit aus den
-Händen riß. Dabei war Gottfried wortkarg, und seine Bewegungen waren
-eckig und unbeholfen.
-
-Mit den Altersgenossen pflegte er nicht viel Umgang, da er ein wenig
-unterhaltsamer Geselle war. Den Keim hierzu hatte er bereits mit in die
-Welt gebracht, denn die schweren Gewissensqualen der Mutter waren nicht
-ohne Einfluß auf die Frucht in ihrem Schoße geblieben.
-
-Marianne fühlte sich zu Gottfried hingezogen. Zwar gestand sich das
-Kind, daß der Knecht nicht das Abbild eines herrlichen Jünglings
-sei, wie es ihr in ihren Mädchenträumen immer erschienen war; aber
-einem unbewußten Drange folgend mußte sie zugeben, daß ein gutes und
-treues Herz in seiner Brust schlüge, und sie an seiner Seite recht
-wohl glücklich werden könne. Ein Leben ohne Jubel und Tanz, aber treu
-behütet und die Brust angefüllt mit Frieden und sonnigem Glanz.
-
-So dachte Marianne in den Stunden stiller Einkehr. Waren diese aber
-vergangen, dann zog ihr leichtfüßiger, junger Sinn sie zu den lustigen
-Burschen. Und wenn sie dann einen Vergleich anstellte zwischen dem
-ernsten Gottfried mit den plumpen Bewegungen und den unschönen Zügen
-und dem in männlicher Kraft und Schönheit strahlenden Berthold Frank,
-dem die bunte Halsschleife mit den flatternden Bändern so gut zu
-Gesicht stand und der jederzeit so unterhaltsam plauderte, dann vergaß
-das Mädchen alles, was sie an dem einfachen Knecht schätzte. Und sie
-war blind und sah nicht die schweren Fehler des anderen.
-
-Die Warnungen der Großmutter machten keinen Eindruck auf das Mädchen.
-Und so hielt denn endlich nach der Ernte Berthold Frank vom Oberhof
-seinen Einzug auf das Lindengut. Gottfried hatte kurze Zeit darauf
-zwar die Absicht ausgesprochen, nach Knauthain zu übersiedeln, wo ein
-entfernter Verwandter seiner Mutter lebte, aber Frank hatte erklärt,
-daraus würde nichts, und so war Gottfried geblieben. Frank ahnte nicht,
-was seinen Knecht vom Hofe forttrieb; eins aber wußte er: daß er
-niemals wieder einen so unverdrossenen und arbeitsfreudigen Besorger
-seiner eigenen Pflichten in der Wirtschaft bekommen würde.
-
-Mit Berthold Franks, des trunksüchtigen Oberhofbauern Sohnes Einzug
-auf dem Lindengut war der Frieden, der solange an dieser Stätte
-regiert hatte, gewichen. Denn zu derselben Stunde, in der der festlich
-geschmückte Hochzeitswagen von vier starken Braunen gezogen unter dem
-Jubel der Gäste und dem brausenden Tusch der Musikanten durch das
-weitgeöffnete Tor auf dem Hof rollte, schlichen in grauen Gewändern
-und mit hämischen Blicken unbemerkt zwei Frauengestalten durch die in
-schmalem Spalt offenstehende Hintertür auf das ehemalige Besitztum des
-alten Honigmanns; ihre Namen aber waren Kummer und Gram.
-
-Im ersten Jahre tat der junge Bauer seine Pflicht wie es ihm zukam, und
-es schien, als ob der Besitz eines blühenden, fröhlichen Weibes und
-des schmucken Lindengutes alle Bedenken zunichte mache, die manchen im
-Dorfe bei dieser Verbindung überkommen waren. Aber die Sünden der Väter
-rächen sich sattsam an den Kindern, und Berthold Frank war ein echter
-Sohn des seit Jahren in wüstem Taumel dahinlebenden Oberhofbauern.
-
-Solange Mariannens Großmutter lebte, nahm sich Frank höllisch zusammen.
-Denn der Hof gehörte noch nicht ihm, und durch einen Federstrich konnte
-sie zu Gunsten seiner Kinder ihr Testament umstoßen und ihm harte
-Einschränkungen durch die Obrigkeit auferlegen. Bei aller Frömmigkeit
-und Milde wohnte nämlich in dem müden Körper der alten Bäuerin eine
-streitbare Natur, und ihre Zunge war flink und nannte das Kind gleich
-beim richtigen Namen. Da starb die Alte, und der Hof fiel ihm endgültig
-zu.
-
-Von diesem Zeitpunkt ab war Frank wie ausgewechselt. Sein viel
-umneidetes Heim verlor für ihn den Reiz; im Wirtshaus bei Würfelspiel
-und wüsten Gelagen war ihm wohler. Spät in der Nacht kehrte er dann
-angetrunken nach Hause zurück, schalt sein Weib und hob endlich die
-Hand gegen sie auf. Am Tage schlief er seinen Rausch aus, war froh,
-einen rechtschaffenen, gottesfürchtigen Knecht zu besitzen und ging
-damit beruhigt wieder ins Wirtshaus. Mit einem grausamen Ruck fühlte
-Marianne die Binde von ihren Augen weggezogen, und ein freudenloses,
-unwürdige Leben rollte sich vor ihren entsetzten Blicken auf.
-
-Gottfried arbeitete für zwei und war in der letzten Zeit noch stiller
-geworden. Zuweilen traf es sich, daß Marianne in der Blütenlaube vor
-dem Hauseingange stand, das neugeborene Kind auf dem Arme, während
-er auf dem Hofe schaffte. Da sah er ihr verhärmtes Gesicht, umrahmt
-von grünem Blattwerk sich zugewendet, und ihre Augen begegneten mit
-tieftraurigem Ausdruck den seinigen und führten eine stumme und doch
-so beredte Anklage gegen sich selbst. Gottfried aber konnte den Blick
-dieser umflorten Augen nicht aushalten. Schwerfällig wandte er sich
-ab und faßte mit unsichern Händen von neuem nach seiner Arbeit. Denn
-das Schicksal des Weibes, das er mit voller Inbrunst seines einfachen,
-vortrefflichen Gemütes geliebt hatte, ging ihm zu Herzen und bereitete
-ihm Schmerz.
-
-Da brausten wie auf Sturmesflügeln die flammenden Proteste einzelner
-Patrioten, die die schmachvolle Haltung ihres Vaterlandes nicht
-mehr mit anzusehen vermochten, über die sächsischen Fluren. Von den
-Hauptstädten ausgehend, sprang der Brand auf das platte Land über, und
-zuletzt glich das Königreich einem einzigen Flammenmeer. Das bängliche
-Ausharren in der von den Verbündeten schon längst übelgedeuteten
-Stellung zu den Franzosen und die ergebene Haltung vor dem Kaiser, ein
-Gemisch von Bewunderung, Furcht und dumpfem Dahinleben, verschwanden
-mit einem Schlage. Jäh kam die Erkenntnis und ließ das Unwürdige der
-in den letzten Monaten bewahrten Gleichgültigkeit mit Scham bemerken.
-Wer konnte müßig bleiben, wenn alles in den heiligen Kampf zog? Und
-war es nicht unsinnig, daß von der Beteiligung an der Niederwerfung
-desjenigen, der seit acht Jahren Entsetzen und Not über die Länder
-deutscher Zunge heraufbeschworen hatte, gerade das Volk zurückbleiben
-wollte, dessen Land der Kriegswütige zum Tummelplatz seiner Heere und
-zur Schlachtenbühne Europas ausersehen hatte?
-
-Gottfried war einer der Ersten, die sich Konrad Hartmann anschlossen,
-dessen Worte ihn begeistert hatten. Als er aber von seinem Vorhaben dem
-Bauern Frank erzählte, wurde dieser zornig und schalt auf die Sache,
-insbesondere auf die Männer, die ihr vorstanden. Es kam ihm recht wenig
-gelegen, seinen zuverlässigen Knecht zu verlieren; andererseits bot ihm
-dieser Vorfall aber willkommene Gelegenheit, seiner alten Abneigung
-gegen den Freihofer in gehässigster Weise Ausdruck zu geben.
-
-Max hatte von jeher mit seiner Meinung über die schlechte Wirtschaft
-auf dem Oberhofe nicht zurückgehalten und auch dann, als Berthold Frank
-Lindengutbauer geworden war, gab er seine kühle Haltung gegen ihn nicht
-auf. Und gerade dies letztere hatte den eingebildeten Frank ungemein
-verdrossen und eine feindselige Haltung gegen Max annehmen lassen. Zwar
-hatte er es nie gewagt, gegen den angesehenen und reichen Besitzer des
-Freihofes etwas zu unternehmen. Jetzt aber reifte in seiner Seele ein
-teuflischer Entschluß. Wenn er mit seiner Ausführung vielleicht auch
-manchen andern hart traf, -- was tats? Wen er nur ihn, den Gehaßten
-damit vernichten konnte.
-
-Franks Stellung zu dem Plane der kühnen Männer entsprach ganz seinem
-Charakter. Mit höhnischen Worten erklärte er die Idee für unsinnig und
-bezeichnete die Männer, die an der Spitze standen, als Tollhäusler
-und Verbrecher. Öfters als sonst saß Frank in diesen Tagen bis zum
-Morgen in der Schenke und bekämpfte mit schreiender Stimme und wilden
-Bewegungen den geplanten Auszug. Dazwischenhinein versicherte er mit
-geheimnisvollem Lachen immer wieder von neuem, er glaube garnicht
-daran, daß es noch soweit kommen werde und schlug zur Bekräftigung
-seiner Worte mit der derben Faust auf den Tisch, daß dieser dröhnte und
-die Gläser tanzten.
-
-
-
-
-19. Kapitel.
-
-
-Hermann Lehnhardt hatte den verletzten Arm bisher noch immer in der
-Binde getragen. Nun aber ließ er diese daheim und schob die Hand
-zwischen die Knöpfe seiner Jacke. Der schwierige Bruch des Ellenbogens
-war nach langen Wochen zwar wieder geheilt, hatte aber in dem Arm eine
-große Schwäche zurückgelassen, so daß er ihn noch nicht gebrauchen
-konnte. Bis zur völligen Heilung wohnte er mit seiner Frau und dem
-hübschen Buben, den ihm Antonie geschenkt hatte, bei seiner Großmutter.
-
-Kurz nach dem schlimmen Vorfall war eines Tages in dem Hause der Mutter
-Lehnhardt der neue Verwalter des Freihofs erschienen und hatte sich
-im Auftrage seines Herrn einer Summe Geldes entledigen wollen, die
-für den Arzt bestimmt gewesen war. Da war Hermann aufgesprungen und
-ohne ein Wort zu sprechen, hatte er blitzenden Auges und in drohender
-Haltung mit der gesunden Hand nach der Tür gewiesen, durch die der
-Abgesandte denn auch ohne Widerrede alsbald verschwand. Seitdem war die
-Verbindung mit dem Freihofe durchgeschnitten. Traf es sich aber, daß
-die Freihoferin der Mutter Lehnhardt draußen begegnete, so begrüßten
-sich die beiden Alten ebenso herzlich wie bisher, den Vorfall jedoch
-berührten sie nicht.
-
-Als Hermann Lehnhardt eines Tages, wie er es oft tat, über die Wiesen
-geschlendert war und dann an der hintern Seite der Höfe entlang ging,
-stand der Lindenbauer an seinen schadhaften Zaun gelehnt und sah ihm
-entgegen. Natürlich schlug Frank sofort wieder sein Lieblingsthema an
-und wetterte gegen das Vorhaben der Männer, die lieber daheim bleiben
-sollten, damit ihre Frauen und Kinder nicht betteln zu gehen brauchten,
-anstatt den Preußen die Kastanien aus dem Feuer holen zu helfen.
-Hermann Lehnhardt schwieg zu diesen Worten und sah geflissentlich
-an Frank vorbei. Der aber hätte es gern gehört, wenn Lehnhardt ihm
-beigestimmt. Als dieser hierzu nun trotz seiner Anzapfungen keine
-Anstalt machte, konnte sich Frank nicht enthalten, ihn in ärgerlichem
-Tone zu fragen:
-
-»Nun, Ihr seid wohl gar einer vom feindlichen Lager?«
-
-»Ach,« antwortete Lehnhardt ausweichend und ließ den Blick sehnsüchtig
-über die Fluren schweifen, »Ihr wißt ja, daß ich nicht mit ausziehe,
-warum quält Ihr Euch deshalb mit mir herum?«
-
-Aber der dringliche Frager war von dieser Antwort nicht befriedigt. Es
-hatte ein Ton durch Lehnhardts Worte geklungen, der ihm nicht gefiel.
-Deshalb kniff er die verschwommenen Augen halb zu und warf mit listigem
-Lächeln scheinbar achtlos hin:
-
-»Ich hörte jüngst, daß Ihr nahe daran wäret, voll Demut die Hand wieder
-zu drücken, die Euch zum Krüppel machte -- -- --«
-
-Da fuhr Lehnhardt voll Wildheit herum, das Gesicht wie von Flammen
-umspielt, während aus den soeben noch träumerischen Augen glühender Haß
-brach.
-
-»So, Bauer,« schrie er, »das habt Ihr gehört? Da sagt Euern Zuträgern
-nur, daß ihnen dies im Rausch beigekommen sei!« Und sich nach
-rechtsseitwärts wendend, hob er die Faust auf und drohte nach der
-Stelle hinüber, wo die stattlichen Ziegeldächer des Freihofes über die
-ihn umgebenden niedrigen Häuser herausragten:
-
-»Wir rechnen noch miteinander ab -- --!«
-
-Mehr konnte er nicht sprechen, denn eine unbeschreibliche Wut schnürte
-ihm die Kehle zu. Er wandte sich kurz ab und ging stumm weiter.
-
-Frank war betroffen. Der plötzliche Wutausbruch Lehnhardts und der
-unverfälschte Naturlaut des wildesten Hasses in dessen Stimme,
-hielt seine Zunge noch im Bann. Dann aber blitzte es in dem fahlen,
-aufgedunsenen Gesicht auf, und ein breites Lachen scholl dem
-Davongehenden nach.
-
-»Laßt den feinen Burschen nur mir, Lehnhardt,« klang es zwischendurch,
-»ich habe einen kostbaren Spaß für ihn ausgedacht. Hahaha!«
-
- * * * * *
-
-Es war ein trüber Tag gewesen. Gegen Abend fiel starker Regen, und der
-Wind jagte heulend über die Felder. In den Häusern wurden die Fenster
-verwahrt, die der immer mehr anwachsende Sturm scharf berannte, und
-in den Ställen, wo das Vieh unruhig wurde, schloß man sorgfältig die
-Türen. In gewaltigen Stößen wütete der Sturm gegen die Häuser, riß
-große Äste von den Bäumen und trieb den unaufhörlichen Regen vor sich
-her, daß die dicken Tropfen klatschend an die Fensterscheiben schlugen.
-Eine undurchdringliche Finsternis herrschte im Freien. Es war, als
-ob der Himmel von einer einzigen schwarzen Wolke bedeckt sei. Kein
-Stern, nicht einmal eine helle Stelle war am Himmel sichtbar. Die
-Elemente schienen ihrem Meister entschlüpft zu sein. Mit erbitterter
-Wut kämpften sie gegeneinander und gegen alles, was die menschliche
-Hand mühevoll errichtet oder die gütig schaffende Natur auf den Fluren
-erzeugt hatte.
-
-Das Dorf schien wie ausgestorben. Niemand war jetzt noch im Freien, und
-selbst die vierbeinigen Hüter des Hauses waren schutzsuchend in ihre
-Hütten gekrochen und winselten leise, den Kopf auf die ausgestreckten
-Vorderpfoten gelegt.
-
-Auf der Dorfstraße schritt um die Mitternachtstunde vorsichtig ein
-Mann dahin. Wie ein Schatten hob sich die Gestalt zuweilen von den
-weißgetünchten Häusergiebeln ab, um sogleich wieder in die gähnende
-Finsternis hineinzutauchen. Wütend peitschte der strömende Regen
-des einsamen Wanderers Gesicht, und der Sturm eilte dem Naß als
-Bundesgenosse zu Hilfe und drang so heftig auf den Menschen ein, daß
-dieser von Zeit zu Zeit hinter einem dicken Baumstamm Schutz suchen
-mußte und es ihm nur mit großer Mühe gelang, vorwärts zu kommen. In
-den Häusern ruhten die Bewohner schon längst im tiefen Schlafe. Nur
-hie und da brannte noch eine Lampe, die einen schwachen Lichtschein
-durch das Fenster auf die Straße warf. Sobald der Gesell einen solchen
-Lichtkreis betrat, beschleunigte er die Schritte, bis die Dunkelheit
-ihn wieder aufnahm. Es schien, als ob der Unbekannte es scheu vermeide,
-daß ein menschliches Auge ihn auf seiner nächtlichen Wanderung entdecke.
-
-Als er am äußersten Ende des Dorfes angelangt war, blieb er plötzlich
-vor dem Rabensteiner Hofe stehen. An einen Baum gelehnt, betrachtete
-er das einstöckige Haus, dessen Fenster dunkel waren und aus dem kein
-Laut herausdrang. Mit vorsichtigen Schritten näherte er sich der Tür
-neben dem großen Tor und versuchte, sie zu öffnen. Da schlug der
-wachsame Hofhund an, daß er schnell wieder die Hand vom Drücker nahm.
-Das bellende Tier war aus der Hütte gesprungen und zerrte wütend an
-der Kette. Aber seine mächtige Stimme klang nur schwach, sie wurde
-übertönt von dem Heulen und Brausen des Sturmwinds. Als wenn die wilden
-Geister der Luft ein tolles Bankett feierten, zu dem die Elemente eine
-schauerliche Musik aufspielten.
-
-Da sprang der Mann über den Graben, in dem das Wasser wie in einem
-Flußbett dahinschoß und ging an der äußeren Seite des Hauses entlang.
-Aus dem oberen Fenster unter der Spitze der hinteren Giebelwand drang
-ein schwacher Lichtschimmer heraus. Emsig bückte sich der Einsame,
-las einige herabgefallene Zweige auf und versuchte, sie gegen das
-Fenster zu werfen. Aber der Sturm vereitelte diese Anstrengungen,
-indem er die leichten Wurfgeschosse, sobald sie die Hand des Schützen
-verlassen hatten, in eine andere Richtung fortriß. Als der Mann
-die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen erkannte, ließ er die Augen
-ratsuchend umherschweifen, bis sie endlich auf einem dicken Baum
-haften blieben, der wenige Schritte von ihm entfernt stand. In diesem
-Augenblick glänzten seine Augen vor Befriedigung. Entschlossen trat
-er an den Baum heran und kletterte mit großer Anstrengung den starken
-Stamm hinauf. Dann kroch er auf einem bis fast an das Haus reichenden
-Ast soweit vor, daß er mit der Hand das Fenster erreichen konnte. Kaum
-hatte er das Glas berührt, als Konrad Hartmann am Fenster erschien.
-Er öffnete den Flügel, beugte sich ein wenig vor und versuchte
-mit angestrengter Aufmerksamkeit, die Dunkelheit mit dem Augen zu
-durchdringen.
-
-»Still, Rabensteiner, daß man uns nicht hört. Niemand darf uns heute
-Nacht beisammen sehen!« sprach der auf dem Aste Liegende mit leiser
-Stimme, die in dem Sturm fast unterging.
-
-Jetzt hatte Konrad den Mann erkannt.
-
-»Teufel,« antwortete er ebenso leise, »Gottfried seid Ihrs? Was in
-aller Welt treibt Euch in diesem fürchterlichen Wetter ins Freie, und
-warum klettert Ihr mitten in der Nacht auf die Bäume?«
-
-»Es droht uns allen schweres Unheil, sage ich, Rabensteiner, aber
-besonders Euch und dem Freihofer. Es ist ein Schurke in unserer Mitte,
-der Verrat üben will.«
-
-Da beugte sich Konrad Hartmann weit vor, daß ihm die schweren Tropfen
-auf Kopf und Wangen fielen, und der Sturm sich in sein Haar wühlte.
-Aber er merkte dies nicht. Doch war sein Gesicht um einen Schein
-bleicher geworden, als er mit gepreßter Stimme sprach:
-
-»Ein Verräter, sagt Ihr, Gottfried? Ja, seid Ihr denn von Sinnen? Ein
-Verräter im Dorfe?«
-
-»Es ist so wie ich sagte,« raunte dieser zurück. »Hört und überlegt
-rasch was zu tun ist. Der, den ich Verräter nannte, ist der
-Lindengutbauer. Er hat den Verrat zwar noch nicht geübt, wird es aber
-schon morgen tun. Ihr wißt, wie er seit Wochen gegen uns gesprochen
-hat, auch ist Euch bekannt, daß er den Tiefenbach wie ein giftiges
-Gewürm haßt und ihm gern Übles anhängen möchte. Nun also: Heute
-am Vormittag höre ich ein Gespräch mit an, das Frank mit Hermann
-Lehnhardt führt und worin er ihn gegen den Freihofer aufreizte. Und als
-dann Lehnhardt voll Erbitterung verspricht, diesem einen Denkzettel
-anzuhängen, ruft der Bauer ihm nach, daß er selbst dies besorgen wolle.
-Darauf ging er ins Wirtshaus. Heute am Abend kam er schwerbetrunken
-heim, vergriff sich wieder an seinem Weibe, das ihm, den Kleinen im
-Arm, weinend entgegentrat und schlug darauf den ganzen Hausrat in
-der Stube kurz und klein. Dabei tat er die lästerlichsten Flüche
-und schwor, morgen in der Frühe nach Zehmen zu fahren, wo er unsere
-Absicht, zu den Preußen zu gehen, dem dort befehligenden französischen
-Kommandeur mitteilen wolle. Ihr wißt, Rabensteiner, wie kurzen Prozeß
-die Franzosen mit aufständischen Bauern machen. Statt zu den Preußen,
-wandern wir bestenfalls in eine Festung. Aber den Anführer stellt man
-sicher vor den Sandhaufen.«
-
-Konrad hatte in seiner vorgebeugten Haltung unbeweglich verharrt. Jetzt
-sagte er lebhaft:
-
-»Wir müssen sofort zu Frank eilen und mit ihm reden.«
-
-»Das wäre umsonst,« antwortete Gottfried, »er liegt schwer betrunken
-daheim.«
-
-»Dann aber morgen in aller Frühe, noch ehe er von Hause fortgeht.«
-
-»Es nützt Euch alles nichts,« versetzte Gottfried bitter und bestimmt,
-»so wie ich den Bauern kenne, führt er seinen Vorsatz aus. Schon um den
-Tiefenbach zu vernichten, tut er’s.«
-
-»Ja, aber,« fuhr Konrad auf, »wir müssen auf jeden Fall diesen Verrat
-verhindern. Der Freihofer könnte zwar noch in dieser Nacht fliehen,
-aber alle andern lassen sich nicht so schnell benachrichtigen, und der
-Name Rehefeld wäre für alle Zeiten geschändet. Was meint Ihr denn,
-Gottfried, was da am besten zu tun ist?«
-
-Da hob dieser seinen Körper ein Stück in die Höhe, daß sein Mund an
-Konrads Ohr lag und flüsterte diesem ein paar Worte zu. In demselben
-Augenblick fuhr Konrad erschreckt zurück, als wenn er einen heftigen
-Schmerz verspüre.
-
-»Gibt es einen andern Ausweg, Bauer?« fragte Gottfried.
-
-Konrad sah eine lange Weile mit finsterm Blicke vor sich nieder, dann
-sagte er mit dumpfer Stimme und mit Nachdruck:
-
-»Nein, es gibt keinen andern!«
-
-Da kam wieder Bewegung in den Liegenden und er schob sich behutsam auf
-dem Ast zurück.
-
-»Frank ist riesenstark,« rief Konrad dem schon Hinabkletternden noch zu.
-
-»Geht schlafen, Rabensteiner,« gab dieser zurück, »die Nacht ist
-gräßlich!«
-
-Damit verschwand er in der Dunkelheit.
-
-Eine Sekunde lang sah Konrad auf die Stelle, wo Gottfried verschwunden
-war. Dann schloß er das Fenster und gleich darauf verlöschte das Licht
-in der Kammer.
-
- * * * * *
-
-Die Macht des Unwetters hatte ihren Höhepunkt erreicht. Der Sturm
-schüttelte und riß mit tausend Händen an allem, was sich ihm
-entgegenstellte, und wie Keulenschläge fielen seine Stöße auf die
-Dächer. Ächzend bogen sich die stärksten Stämme der Bäume unter seiner
-Wut, und aus des Himmels Schleusen strömte es wie eine Unzahl tosender
-Sturzbäche auf die geängstigte Erde herab. Ein Höllenkonzert von
-zehntausend Teufeln!
-
-In der Unterstube auf dem Lindenhofe tickte die große Kastenuhr laut
-und einförmig. Auf der Bank vor dem Ofen lag der Bauer laut schnarchend
-ausgestreckt auf dem Rücken, die beiden Arme unter dem Kopfe
-verschränkt. Die undurchdringliche Nacht hüllte alle Gegenstände in
-ihren schwarzen Mantel. Da tauchte neben dem Schläfer ein Schatten auf,
-und im nächsten Augenblick umschlossen zwei große Fäuste den Hals des
-Liegenden wie eiserne Klammern. Frank zog blitzschnell den rechten Arm
-unter dem Kopf hervor und führte damit einen furchtbaren Hieb durch die
-Luft. Dann lag er wieder so bewegungslos wie vorher; nur der Arm hing
-schlaff herab und pendelte noch eine Weile hin und her, bis er ruhig
-herunterhing. Aber die Finger der auf dem Fußboden auftreffenden Hand
-hatte der Krampf gekrümmt wie Krallen. Noch ein, zwei Sekunden, dann
-lockerte sich der eiserne Griff, und die Gestalt verschwand unhörbar in
-der Finsternis wie eine nächtliche Erscheinung.
-
-Die große Uhr tickte in gleichmäßigem Schlage weiter, aber der Bauer
-hatte aufgehört zu schnarchen. --
-
- * * * * *
-
-Am andern Morgen hatte sich das Unwetter gelegt. Der Himmel war hell,
-und der matte Glanz der mit den Wolken kämpfenden Sonne strahlte
-friedlich auf die Verheerungen herab, die der Sturm während der Nacht
-an Gebäuden und Bäumen angerichtet hatte.
-
-Da lief plötzlich die Kunde von Mund zu Mund, den Bauern Frank habe in
-der Nacht der Schlag gerührt, er sei tot.
-
-Und vor der Bank am Ofen in der Unterstube des Lindengutes lag eine
-alte Frau auf den Knien, die mit gerungenen Händen um den Sohn weinte.
-Droben aber in seiner Kammer saß mit zusammengekniffenen Lippen, mit
-steinernen Zügen und trockenen Augen ein junges Weib, auf dem Schoße
-das schlummernde Kind, und blickte hart vor sich nieder.
-
-Als einige Tage darauf Gottfried das Lindengut verließ, um mit den
-andern Männern auszumarschieren, da traf ihn ein flehentlicher Blick,
-der zum Bleiben einlud. Aber ihm grauste vor diesem Blick und er wandte
-sich ab.
-
-Wieder einige Tage später standen die kampfesfrohen Männer von Rehefeld
-in Reih und Glied eines in der Reserve gebliebenen Regiments vom
-Korps des Generals von Kleist. Als aber am Montag des 18. Oktober
-mittags 2 Uhr dieses preußische Korps von Güldengossa her den großen
-Bajonettangriff auf das vom Marschall Victor verteidigte Probstheida
-unternehmen mußte, da wurden auch die Reserven vorgezogen. Und einer
-der Ersten, die von den beiden verderbenspeienden Batterien am
-Eingang des Dorfes zerschmettert wurden, war Gottfried, der ehemalige
-Schützling des alten Ehepaares Honigmann, der getreue Knecht auf dem
-Lindengute.
-
-
-
-
-20. Kapitel.
-
-
-Schon seit einigen Tagen hatten die Rehefelder von Norden her
-Geschützdonner gehört, der bewies, daß Heeresteile der Verbündeten
-endlich mit französischen Truppen ins Gefecht geraten waren, die ja im
-großen Bogen die Ortschaften vor Leipzig besetzt hielten und sich auf
-einen verzweifelten Kampf eingerichtet hatten. Auch waren Fuhrleuten
-auf der weiten Ebene hinter dem Tanzberg fremde Reiter aufgefallen,
-dergleichen noch niemand gesehen hatte, und die mit ihren wilden,
-struppigen Gesichtern und der fabelhaften Sicherheit, mit der sie
-auf den kleinen, häßlichen Pferden umherjagten, einen merkwürdigen
-Anblick boten. Es waren dies die ersten russischen Kosaken, die in
-dieser Gegend auftauchten und die dort, wo sie auftrafen, stahlen und
-brandschatzten und sich weit ärger betrugen, als die französischen
-Soldaten es getan hatten.
-
-Ferner ging ein Gerücht herum, dessen Richtigkeit sich bald
-herausstellte, und das die Gährung in der sächsischen Armee
-kennzeichnete. Man erkannte, daß die Freudigkeit, mit der diese Truppen
-unter den Schwingen der französischen Adler gefochten hatten, nunmehr
-vollständig geschwunden war, und daß die Soldaten eine Erbitterung
-beseelte, die den Uebergang des größten Teiles der sächsischen Armee zu
-den Verbündeten am Vormittag des 18. Oktober vorbereitete.
-
-Nach dieser Kunde hatte Napoleon vor den Toren Leipzigs eine große
-Heerschau über seine Truppen abgehalten, an der auch die sächsischen
-Regimenter teilnahmen. Während die Franzosen in gewohnter Weise dem
-die Front abreitenden Kaiser zujubelten, empfingen ihn die Reihen
-der Sachsen mit eisigem Schweigen. Napoleon versammelte hierauf die
-Offiziere und Unteroffiziere des Korps Regnier, in dessen Verband
-sich die Sachsen befanden, um sich und hielt eine zündende Ansprache,
-deren Bedeutung durch Caulaincourts mangelhafte Verdeutschung aber
-verloren ging. Die Frage, ob der Kaiser in der Schlacht darauf rechnen
-könne, daß sie ihrem König die gelobte Treue halten würden, bejahten
-die Sachsen freilich einmütig. Als aber General Regnier sie um ein
-Zeichen der Ergebenheit bat, gingen sie, von den wütenden Blicken
-Napoleons begleitet, stumm auseinander. Auch der Umstand, daß während
-dieser Szene eine große Anzahl Soldaten für das Kreuz der Ehrenlegion
-aufgeschrieben wurde, machte keinen Eindruck.
-
-Die Ortschaften nördlich Rehefeld bis über Leipzig hinaus waren mit
-französischen Truppen dicht belegt, und vom Schloßberg aus konnte man
-ihre Vorposten bei Göhren erkennen.
-
-Die Wolken hatten nach hartnäckigem Streite mit der Sonne die
-Herrschaft endgültig behauptet, und als Fortsetzung des Unwetters der
-vergangenen Nacht begann dichter Regen zu fallen. Da fuhren gegen
-Mittag von Borna her etwa 10 Wagen ins Dorf, deren Beladung aus Pulver
-und Geschützmunition bestand. Als Begleitung dieser Kolonne waren
-einige französische Infanteristen mitgekommen; Mannschaften und Pferde
-waren furchtbar erschöpft. Deshalb beschloß der führende Offizier, im
-Dorfe einen längeren Halt zu machen.
-
-Er ließ die Wagen auf dem Stoppelfelde dicht neben dem Weißen Schlosse
-auffahren und die Pferde in den Ställen im Dorfe unterbringen. Da es
-rätlich erschien, das Pulver vor dem dichten Sprühregen zu schützen,
-kam der Offizier, begleitet vom Ortsvorstand, auf den Freihof geritten,
-und bat in höflichen Worten, ihm zu diesem Zwecke den Turm des
-Schlosses zur Verfügung zu stellen. Max begab sich, dem eisernen Druck,
-der hinter dieser höflichen Aufforderung stand gehorchend, an Ort und
-Stelle und öffnete die große Tür, die wohl zu einer Zeit, in der das
-Schloß keine Belagerung mehr auszuhalten hatte, eingebaut worden war.
-In früheren Jahren war der weite Raum im Turme zur Aufspeicherung von
-Getreidevorräten benutzt worden. Jetzt stand er leer und bot genug
-Platz zur Unterbringung der Pulversäcke und Munitionskästen.
-
-Stickige Moderluft empfing die Eintretenden, und mit großer
-Aufmerksamkeit betrachtete der Franzose die mehrere Ellen starken
-Mauern, an deren Festigkeit in früheren Jahrhunderten der wilde Ansturm
-manches Belagerers abgeprallt war.
-
-Eine Stunde später waren die zweihundertfünfzig Zentner Pulver im
-Turme untergebracht, und ein vor der Tür aufgepflanzter Doppelposten
-bewachte die Säcke und das mörderische Blei, das dazu bestimmt war,
-gewiß schon am nächsten Tage seine verheerende Wirkung in die Reihen
-der verbündeten Truppen hineinzutragen.
-
-In den Gemütern der Dörfler herrschte scheinbar große Ruhe. Aber wer
-ungesehen einen Blick in manches der Häuser hätte tun können, würde
-mit Staunen eine fieberhafte Tätigkeit wahrgenommen haben. Denn am
-übernächsten Morgen sollte der Ausmarsch stattfinden, zu dem die
-letzten Vorbereitungen getroffen wurden.
-
-Das Wohl ihres Besitzes, gleichviel ob es ein Bauerngut oder ein
-ärmliches Häuschen war, lag den Davonziehenden am Herzen, und den
-Zurückbleibenden wurde noch mancher treffliche Rat erteilt und für das
-kommende Frühjahr manche Aufgabe übertragen.
-
-So verstrichen die Stunden, und als am späten Nachmittag der Regen
-nachließ, versammelte sich eine große Anzahl Schaulustiger um die
-fremden Wagen, die in peinlicher Ordnung am Fuße des Schlosses
-standen. Viele Blicke gingen auf die Schildwachen am Turm und auf das
-Eingangstor: die Augen der Frauen und Kinder mit Neugierde, die der
-Männer mit schlecht verhehlter Erbitterung.
-
-Kurz darnach hatte sich plötzlich die große Schankstube des Gasthofes
-dicht angefüllt, und laute Rufe der Entrüstung wurden dort ausgestoßen,
-daß man ruhig mit ansehen müsse, wie die viele Munition im Dorfe
-aufgespeichert werde. Niemand hatte heute ein rechtes Vergnügen am
-Biertrinken. Die Deckel klapperten lange nicht so laut wie sonst an
-Wintersonnabenden, und als die neunte Stunde herangekommen war, hatten
-die Letzten den Gasthof verlassen. Nur an dem Tische dicht bei der Tür
-saß noch ein Gast, der nachdenklich in sein halbgeleertes Bierglas
-schaute. Es war Johann, der Schafhirt der Gemeinde.
-
-Vor etwa siebzehn Jahren hatten eines Tages Fuhrleute, die vom
-Erzgebirge herkommend ihre schweren, mit Leinen und Klöppeleien
-beladenen Wagen zur Neujahrsmesse nach Leipzig führten, einen
-vierjährigen Knaben mit ins Dorf gebracht. Sie hatten das Kind
-unterwegs gefunden und ein paar Tage mit sich geführt. Aber das
-Wetter wurde empfindlich kalt, und der nur mit einem dünnen Röckchen
-bekleidete Junge fror entsetzlich. Deshalb gab einer von ihnen das
-Kind in die Obhut einer armen Frau, mit dem Versprechen, es bei der
-Rückkehr wieder mitzunehmen. Die Frau nahm sich des Kleinen an, aber
-der Fuhrmann kam nicht wieder. Und als die Summe, die sie für das Kind
-bekommen hatte, zu Ende war, erklärte das Weib der Ortsobrigkeit, daß
-sie von dem geringen Verdienst ihres Mannes neben den vier hungrigen
-Mäulern ihrer eignen Kinder, nicht auch noch das des fremden Jungen
-stopfen könne. Daraufhin mußte wohl oder übel die Gemeinde für den
-Fremdling sorgen, der niemand gehörte, und von dem kein Mensch wußte,
-ob er Heide oder Christ war. Auch seinen Namen kannte man nicht, und
-da Nachforschungen keinen Erfolg hatten und aus dem, wie es schien,
-geistig etwas zurückgebliebenen Jungen nichts herauszubringen war,
-nannte man ihn Johann und gab ihn einem Bauern in Pension.
-
-Dieser schob den Jungen nach einem Vierteljahr wieder ab, indem er ihn
-mit der Kleinmagd kurzerhand zum Nachbar schickte. Der Zweite verfuhr
-wie der Erste, und so ging Johann reihum und lernte dergestalt viele
-Haushaltungen kennen und viele Menschen und den Inhalt verschieden
-gearteter Kochtöpfe und Suppenschüsseln.
-
-Zu Klagen bot der Bursche keinen Anlaß. Er war gutmütig und blieb
-ein beschränkter, einfältiger Tropf, was mit einer großen Wunde am
-Hinterkopfe zusammenhängen mochte, die der Junge gehabt, als ihn
-der fremde Mann zur einstweiligen Aufbewahrung abgegeben hatte. Nun
-war aber schon längst Gras über die Geschichte seines unerwarteten
-Auftauchens im Dorfe und über die Wunde eine dicke, rote Narbe
-gewachsen, vor der die strohgelben, wie Schweinsborsten in die Höhe
-strebenden Haare Johanns ehrerbietig Halt machten, und die den auch
-im übrigen keine Schönheiten aufweisenden Kopf in gleicher Weise
-verzierte, wie ein dicker Regenwurm einen gelben Kürbis. -- Genug,
-Johann war niemandes Feind!
-
-Als er ein gutgenährter Bursche von fünfzehn Jahren war, wurde er der
-Nachfolger des eisgrauen Schafhüters, nachdem man diesen eines Tages
-inmitten seiner Herde entseelt aufgefunden hatte.
-
-Diese Rangerhöhung vom schlichten Kostgänger zum Inhaber eines unter
-der lieben Jugend mit Ansehen verbundenen Amtes, wurde von den sich in
-die Unterhaltung Johanns teilenden Bauern ungefragt gutgeheißen und
-von dem Erwählten selbst mit einer an ihm noch nicht gekannten Würde
-entgegengenommen. Denn weil der Schafhüter nicht auf Gnadenbissen
-angewiesen war, sondern ihm freier Unterhalt im Gemeindehause von
-Rechts wegen zustand, war allen geholfen. Mit der Fähigkeit, ernstlich
-zu arbeiten, hätte es bei ihm für alle Zeiten gehapert, aber dem Posten
-als Befehlshaber dieser vierbeinigen Garde war der Bursche vollauf
-gewachsen.
-
-Noch immer saß Johann still auf seinem Platze und guckte nachdenklich
-in sein Glas.
-
-Der Gastwirt stand hinter dem Schanktisch und war mit müden Bewegungen
-dabei, die leeren Biergläser in einem mit Wasser gefüllten,
-hölzernen Schaff zu spülen. Er war ein kleiner, dicker Mann, dem das
-schwarze, gestickte Käppchen mit der roten Quaste würdig auf dem
-kurzgeschnittenen, weißen Haar saß. Den kugelrunden Bauch umspannte
-gerade auf der Stelle, wo er den größten Umfang, hatte das Band
-einer frischgewaschnen blauen Schürze und teilte ihn mit derselben
-gewissenhaften Genauigkeit in eine nördliche und südliche Hemisphäre,
-wie dies der Äquator mit der Mutter Erde freundlicherweise und
-unverdrossen noch bis auf den heutigen Tag tut.
-
-Während des Gläserspülens flogen die schläfrigen Augen des gutmütigen
-Alten von Zeit zu Zeit prüfend hinüber zu dem zurückgebliebenen Gast,
-der noch immer keine Anstalten zu gehen machte.
-
-»Na, Johann,« rief der Wirt endlich dem Schafhirten zu, »ich dächte, Du
-gingest jetzt auch heim. Du träumst wohl schon von dem Dutzend Klößen,
-das Du morgen Mittag wieder essen wirst?«
-
-Der Angesprochene aber sah den verschmitzt lächelnden Wirt mit großem
-Ernst an und fragte:
-
-»Vater Böhme, habt Ihr’s gehört, wie der Bauer vom Rabenstein heut
-Abend gesagt hat, jeder müsse jetzt dem Vaterlande einen Dienst
-leisten?«
-
-»Ja, so ähnlich hat’s schon geklungen, was er gesagt hat, der
-treffliche Konrad, aber Dich, Johann, hat er damit nicht gemeint.
-Zerbrich’ Dir den Kopf nicht darüber.«
-
-Der aber blieb hartnäckig bei der Sache und fragte von neuem:
-
-»Vater Böhme, habt Ihr schon Euern Dienst getan?«
-
-»Noch nicht, Johann. Aber wenn die Männer ausmarschiert sein werden,
-dann wissen es schon diejenigen Frauen, die es bedürfen, daß an jedem
-Sonnabend nach Feierabend beim Vater Böhme ein großer Topf Fleischsuppe
-für sie bereitstehen wird.«
-
-»Vater Böhme, nicht wahr, das ist eine Sünde, wenn einer jetzt für das
-Vaterland garnichts tut?«
-
-Der alte Mann blickte verwundert auf den Schafhirten und schüttelte
-leise mit dem Kopfe. Dann stemmte er die Arme breit auf den Tisch, daß
-der Bauch fest am Holze lag und antwortete:
-
-»Wer in den Augenblicken der höchsten Not nicht wenigstens im Geiste
-für die gute Sache ist, der versündigt sich allerdings an seinem Volke.
-Aber jetzt geh heim, Johann!«
-
-Dem Burschen war zwar der eigentliche Sinn dieser Worte dunkel
-geblieben, so viel aber hatte er davon begriffen, daß er jetzt wußte,
-daß sein Plan gut war. Mit dem zufriedenen Ausdruck eines Mannes, der
-in einer schwierigen Frage mit sich ins reine gekommen ist, stand er
-auf und verließ, den Gutenachtgruß vergessend, den Gasthof.
-
-
-
-
-21. Kapitel.
-
-
-Es war ein kühler Oktoberabend. Die Wolken jagten in dicke Haufen
-geballt über die Mondscheibe hinweg, und über den zahlreichen Pfützen
-schwebten graue Dunststreifen.
-
-Etwa zweihundert Schritte von dem Turme entfernt, der die Munition
-barg und so, daß der Wind keine Funken hinübertreiben konnte, brannte
-ein mächtiges Feuer von großen Holzscheiten. Rund um den Holzstoß
-war ein Graben ausgehoben, auf dessen Rand ein Fuhrmann saß, der die
-Pferdewache hatte. Er war in einen weiten, schwarzen Mantel gehüllt,
-dessen Falten seinen Körper ungeheuerlich groß erscheinen ließen; auf
-seinen Knien lag ein alter, breiter Reitersäbel. In geringer Entfernung
-dahinter, in einer Talwelle, brannte ein zweites Feuer, um das die
-übrigen Fuhrleute, gleichfalls in die Mäntel gewickelt, im Schlafe
-lagen. In engem Halbkreis standen, mit dem Rücken gegen das Feuer, die
-an Pflockleinen festgemachten Pferde. Sie hielten die Köpfe gesenkt und
-wie die Männer schienen auch sie zu schlafen. Von Zeit zu Zeit stampfte
-einer der Gäule mit den Hufen den weichen Boden und trat soweit zur
-Seite, daß er an seinen Nachbar anstieß, oder eines der Tiere hob den
-Kopf, prustete laut und schüttelte müde die Mähne.
-
-Ein drittes Feuer hatten drüben an der Straße die französischen
-Soldaten angezündet, die den Transport begleiteten.
-
-Der einsame Fuhrmann ergriff einen von seinen Ästen befreiten Stamm
-einer jungen Kiefer und schob ein paar abseits liegende Scheite näher
-zu den Flammen, als er mit einem Mal einen jungen Burschen neben sich
-bemerkte, der seine Bemühungen aufmerksam betrachtete. Blitzschnell
-hielt der Fuhrmann in seinem Beginnen inne, wandte sich zu dem
-Erschienenen und schrie:
-
-»Holla, Du Teufelsbraten, Dich hat gewiß die Erde ausgespien! Warum
-schleichst Du so hinterrücks heran? Soll ich Dich mit meinem Schürbaum
-hineinfegen in Dein flammiges Element?«
-
-Und er hob den Stamm und holte mit einer drohenden Gebärde aus, als
-wolle er seine Worte zur Tat machen.
-
-Der Angekommene aber stand dem Erregten so ruhig gegenüber, als wenn
-ihn dessen Drohung nicht im geringsten anfechte. Die Hände in den
-Taschen seines langen, grauen Kittels verborgen, sah er gelassen in die
-zornfunkelnden Augen und hielt den Blick mit großem Gleichmut aus.
-
-So verstrich eine Sekunde. Dann wandte sich der Fuhrmann ab, spuckte in
-weitem Bogen in die Flammen, warf mit tiefem Lachen den Baum zur Erde
-und setzte sich zugleich nieder.
-
-Noch immer laut lachend rief er:
-
-»Da hat mich doch dieser Einfaltspinsel zum Angsthasen gemacht. Ich
-kann’s aber auch auf den Tod nicht leiden, wenn’s einer darauf anlegt,
-mich zu erschrecken. Komm, Du Schlingel, setze Dich zu mir und hilf
-mir die Langweile bannen. Hast eine beneidenswerte Gemütsruhe an Dir,
-Bursche. Hahaha, steht da wie ein Pfahl, und doch hätt’ ich ihn beinahe
-totgeschlagen.«
-
-Der Angesprochene setzte sich bedächtig zur Seite des Fuhrmanns nieder
-und ließ mit Behagen die wohltuende Wärme des Feuers auf sich wirken.
-Unterdessen brachte der Fuhrmann aus der Tasche seines Mantels eine
-kurze Pfeife mit selbstgeschnitztem Kopfe hervor, nahm einen brennenden
-Spahn und zündete sie an.
-
-»Wer bist Du denn, Du maulfauler Geselle?« hob er endlich an.
-
-»Ich bin Johann, der Schafhirt von Rehefeld,« antwortete der Gefragte
-mit einem Anflug von bewußtem Stolz.
-
-Der Fuhrmann spuckte zweimal kurz nacheinander aus, warf wieder einen
-langen Blick auf den Burschen an seiner Seite und sagte mit Ausdruck:
-
-»Je länger ich Dich betrachte, mein Freund, umso aufdringlicher kommt
-mir die Ueberzeugung, daß keines Deiner allergrößten Schafe dümmer
-sein kann als ich vorhin gewesen bin. Aufrichtig gesagt, ich hätte mir
-selbst leid getan, wenn ich Dich totgeschlagen hätte.«
-
-»Mir auch,« versicherte Johann einsilbig, denn er dachte nur an das,
-was er zu tun entschlossen war.
-
-Der Fuhrmann nahm die Pfeife aus dem Munde, spuckte bedächtig in die
-Glut und warf einen neuen, verstohlenen Blick zur Seite. Dann versetzte
-er:
-
-»Bursche, Du bist entweder ein mit allen Salben geschmierter Windhund,
-oder ein ausgemachter Narr!«
-
-Johann hatte aber kein Interesse daran, was der fremde Mann von
-ihm dachte. Sein armseliges Hirn hatte einen Plan ausgesonnen, so
-groß, wie ihm noch keiner geworden war und der seine ganze geistige
-Kraft alarmiert hatte. Freilich war sein Hirn von der Mutter Natur
-recht stiefmütterlich bedacht worden, dafür regte sich aber in ihm
-alle jene instinktive Verschmitztheit und Schlauheit, die die mit
-feinen Verstandeskräften nicht sonderlich ausgerüsteten Menschen in
-bedeutungsvollen Augenblicken überkommen. Jetzt empfand er es auch,
-daß dieser Mann neben ihm seinen ganzen herrlichen Plan vereiteln
-konnte, und daß es nur von seiner Geschicklichkeit abhinge, ihn nicht
-argwöhnisch zu machen.
-
-»Ihr habt am Abend die Pferde aus den warmen Ställen gezogen,« sagte
-er, »Ihr wollt doch nicht etwa zur Nacht aufbrechen?«
-
-»Daß Dir der leibhaftige Gottseibeiuns das Genick umdrehe,« antwortete
-der Fuhrmann, »bist Du etwa von den Preußen als Spion hergeschickt,
-he?« Bei diesen lautgesprochenen Worten nahm der Fuhrmann die Pfeife
-aus dem Munde und sah den Schafhirten scharf an, als wolle er im Grunde
-seiner Seele lesen.
-
-Dieser aber bewahrte seine gutgespielte Harmlosigkeit, kicherte leise
-vor sich hin und versetzte:
-
-»Hab’s noch nicht probiert mit diesem saubern Handwerk. Soll ja viel
-einbringen, aber bisweilen auch den Hals kosten. Und was tut der Mensch
-dann ohne Kopf? Seinen klingenden Lohn kann er nicht mehr genießen und
-bleibt obendrein ein Krüppel zeitlebens.«
-
-Der Fuhrmann hatte wieder beruhigt ausgespuckt und lachte jetzt laut
-auf.
-
-»Du gefällst mir, Bursche,« rief er und schlug Johann derb auf das
-Knie. »Du hast recht, es ist ein bißchen windig mit dieser Karriere.
-Sonst hätte ich mich selbst schon längst damit befaßt.«
-
-»Seht,« begann Johann von neuem und sah aufmerksam in die Flammen
-»warum sollte ich auch meinen Beruf mit diesem vertauschen? Tät’ ichs,
-so würden mich selbst die ärgsten Spitzbuben verachten, daß ich den
-Stand derjenigen so tief herabsetze, die sich freiwillig oder gezwungen
-dazu hergeben, die nun einmal vorhandenen Gefangenhäuser zu bevölkern.
-Und ein rechtschaffener Bettler würde lieber einem armen Mann sein
-letztes Huhn stehlen, als daß er auf das Klimpern des Sündenlohnes in
-meiner Tasche hin die Hand hohl machte. Lieber bleibe ich also Knecht.«
-
-»Ich merk’s, Du bist ein Galgenvogel,« unterbrach der Fuhrmann den
-Sprecher, »aber fahr fort in Deiner Rede.«
-
-Johann ließ sich durch den Einwurf nicht beirren, sondern begann von
-neuem und recht geheimnisvoll:
-
-»Ich sagte, ich sei ein Knecht? Das ist eigentlich nicht richtig, denn
-niemand darf sich so frei fühlen, wie ich es bin. Die Arbeit ist ein
-Joch, das den Menschen auf eine Stufe mit dem Stier stellt, der neben
-dem Pferd vor dem Pfluge einhergeht. Die Arbeit macht den Menschen
-häßlich, zeichnet ihm harte Linien ins Gesicht, verdirbt seine gerade
-Haltung und den leichten Gang und schafft grobe Hände. Und warum lassen
-die Menschen trotz alledem und alledem nicht von ihr ab? Weil mit der
-Arbeit die Sucht nach dem Gewinn in das Herz einzieht! Hat die Arbeit
-dem Menschen erst einmal so viel eingebracht, was dem Wert eines
-Stückchens Fingernagel gleichkommt, wie man sich’s täglich abbeißt,
-dann hat auch schon der böse Geist die arme Seele gepackt, und sie
-verzehrt sich vor Sehnsucht nach immer reicherem Gewinn. Und wo ist die
-Grenze, an der angekommen der Mensch aufhörte zu streben und aufhörte
-auf mehr zu hoffen? Es gibt keine! Und darum sage ich: in der Arbeit
-sitzt der Teufel!«
-
-»Hm,« begann der Fuhrmann zögernd, »meine Mutter sprach vor vielen
-Jahren freilich anders, doch war sie eine einfache, ungelehrte Frau,
-und zudem war damals die Einsicht noch nicht so tief in das Volk
-eingedrungen wie heutzutage. Doch erzähle weiter, mir sprichst Du
-jedenfalls aus der Seele.«
-
-»Seht mich an,« fuhr der Schafhirt fort, »wie reich ich bin! Und doch
-hasse ich die Arbeit und gebe mich nie dazu her. Frühmorgens, mit dem
-ersten Sonnenstrahl, springe ich vom Lager auf und treibe meine Herde
-hinaus auf die grünen Fluren. Dort bin ich mit den Tieren allein in
-traulicher Einsamkeit, die kein lästiger Mensch stört. Ein Teil der
-Herde grast, ein anderer steht um mich herum und hört mir zu, wie ich
-auf meiner Schalmei blase, derweilen der wachsame Spitz die Tiere
-bellend umkreist. Ich habe nur nötig, hierhin zu gehen, gleich folgt
-mir alles nach, meine Schritte dorthin zu lenken, um die Schar wieder
-zur Umkehr zu bringen. Sie sind meine Untertanen, und ich bin ihr
-König. Der Himmel ist mein Baldachin, der moosgeschwellte, blumige Sitz
-mein Thron, und die Hirtenpfeife ist mein Zepter. Sagt, kann man mich
-hiernach noch einen Knecht nennen?«
-
-»Du hast Dir jedenfalls ein Metier erwählt, das für Dich paßt,«
-antwortete der Fuhrmann, ohne des Schafhirten Frage zu beachten. »Für
-mich wäre es aber nichts, denn mich würde schon am ersten Tage die
-Langweile mit Stumpf und Stiel auffressen. Du bist ein Träumer, ich
-hingegen bin ein ruheloser Stürmer, ein Reptil mit hundert Gelenken,
-die sich unaufhörlich bewegen. Nun hör mich an, und sage mir, wie Dir
-mein Leben gefällt, das ebenso ruhelos ist und reich an wilden Szenen,
-wie Deine Tage ohne Aufregung und in ihrer Gleichförmigkeit zermalmend
-dahinfließen.
-
-Wir Fuhrleute sind ein rauhes, liederliches Volk und fürchten Gott
-und den Teufel nicht. Wir vom Troß der Armee haben das bessere Teil
-erwählt. Denn während vorn zerrissene Leiber auf den Rasen stürzen,
-befinden wir uns weit hinten allen Gefahren für Leib und Leben entrückt
-und spielen unterdessen Meister und Sieger. Und zu alledem sind wir ein
-unentbehrlicher Teil des Ganzen, wichtiger zuweilen, als die Hälfte
-der Streitmacht und von dieser hochgeschätzt und immer gern gesehen.
-Keine Schlacht kann ohne uns geschlagen werden, denn wir schaffen
-ihnen das mordgierige Blei und das Pulver herbei, und was frommte
-dem Heere der schönste Sieg, wenn nach der Schlacht unsere Räder
-den Erschöpften und Hungrigen nicht die gehörige Atzung zuführten!
-Heute hier, morgen dort, einmal im Überfluß, dann wieder darbend, das
-was begehrlich erscheint entweder durch Bitten und Versprechungen
-willfährig machend -- betörend, oder mit herzhaftem Griff an sich
-reißend, um es nach dem Genusse wieder wegzuwerfen -- --, so treiben
-wir im Regen und Sonnenschein, jahraus jahrein, bergauf talab singend
-und peitschenknallend unsere Pferde durch die Welt, wir, die Männer der
-Straßen!«
-
-»Sagt doch einmal,« warf Johann eingeschüchtert ein, »Ihr seid Eurer
-Sprache nach ein Deutscher. Wie kommt es denn nun, daß Ihr gerade den
-Franzosen Pulver und Blei nachfahrt? Sie benutzen es doch nur dazu, um
-Eure Landsleute damit zu verderben. Der Rabensteiner hat gesagt, es
-dürfe kein deutscher Mann den Feinden des Vaterlandes dienen.«
-
-»Ach was, Firlefanz,« antwortete der Fuhrmann, »ich gehe mit dem,
-der am besten zahlt. Und dann, Bursche, ist es doch mehr Ehre den
-siegreichen Heeren des großen Franzosenkaisers hinterdrein zu ziehen,
-als beispielsweise den preußischen Regimentern, die doch in der
-Mehrzahl nur aus zusammengelaufenem Pack bestehen.«
-
-»Ja, aber der Rabensteiner hat gesagt,« erwiderte Johann halsstarrig,
-»daß -- -- --«
-
-»Hol Dich der Henker mit Deinem verdammten Rabensteiner,« schrie der
-Fuhrmann auf und spuckte zornig ins Feuer, »sorg lieber dafür, daß
-Du Dir einstmals eine bessere Gruft ausgesucht hast, als sie Dir der
-Rabenstein bietet. Was schiert mich das Vaterland! Heute hier, morgen
-dort. Wo man trinkt und liebt ist mein Vaterland!«
-
-Er stopfte aus einer getrockneten Schweinsblase neuen Tabak in seine
-Pfeife, zündete sie an und stieß den Rauch in mächtigen Wolken aus dem
-Munde. Dann begann er wieder:
-
-»Du vorwitziger Gelbschnabel hast eben nicht den leisesten Begriff, wie
-lustig das Leben unter den Flügeln der siegreichen Adler ist. Laß Dir
-davon erzählen. Übrigens wirst Du wohl vom Hörensagen wissen, daß es
-gerade bei den Preußen nicht in Saus und Braus hergeht!
-
-Tagelang sehen wir von der Armee kein Käppi und schalten nach unserm
-eignen Willen. Den Bauer machen wir willfährig und zwingen ihn, die
-fetteste Sau im Stalle zu einem Frühstück für uns abzustechen. Rauben
-dürfen wir beileibe nicht, aber, wie’s so kommt, etwas bleibt immer
-an den allzeit klebrigen Fingern hängen. Und köstlichen Spaß gibt’s
-bisweilen auch. Merk auf, Bursche!
-
-Im verflossenen Monat war’s, da zogen wir in langsamen Märschen mit
-schwerbeladenen Proviantwagen durch thüringisches Gebiet. Der Tag
-war heiß, denn die Septembersonne brannte seit dem frühen Morgen
-recht empfindlich auf uns hernieder. Der Weg wurde uns sauer, und
-wir hatten noch weit bis ins nächste Dorf. Da tauchte ein einzelnes
-Bauernhaus auf, das unsern Blicken bisher durch eine Waldecke verborgen
-geblieben war. Erschöpft kamen wir an und wetterten nach Speis’ und
-Trank. Im nächsten Augenblick erschien eine runzlige, alte Vettel auf
-der Haustürschwelle, die heulend versicherte, daß die Soldaten all
-ihre bewegliche Habe zerstört oder mitgenommen hätten, und sie den
-vorangezogenen Fuhrleuten die letzten Kartoffeln hätte geben müssen,
-von denen sie sich selbst das Mittagsmahl bereiten wollte.
-
-Ich sah durch das Fenster in die Stube und erkannte sofort, daß in
-diesem Hause nichts mehr zu holen war, in dem selbst die Mäuse, statt
-Futter zu finden, sich nur Blutblasen an die Pfoten gelaufen haben
-würden.
-
-Ich war erbost, denn mich plagte Hunger und Durst. Da kam mir mit
-einem Male ein köstlicher Gedanke: sollen wir hier nichts bekommen,
-so müssen wir doch unsern Spaß haben! Ich raun’ meinem Kameraden ein
-paar Worte zu, daß er laut auflacht. Aber schon bin ich entschlossen
-und mach’s kurz. Mit festem Griff fasse ich die zaundürre Hexe trotz
-allen Keifens und Widerstrebens um den Leib, und hoppdihopp, sitzt sie
-rittlings auf dem breiten Rücken des Handpferdes. Starr vor Schrecken
-klemmt sie auf dem Gaul wie eine Wäscheklammer auf der Leine und rührt
-sich nicht. Da fliegt, wie aus der Kanone geschossen, der Bauer aus
-dem Hause heraus, der die unfreiwillige Prüfung seines Ehegespons auf
-ihre Reitfertigkeit wahrscheinlich schon von drinnen beobachtet hatte.
-Seine spärlichen, weißen Haare hingen wirr um den kahlen Schädel, und
-während ich auf den Bock gesprungen war, hob er die Hände zu mir empor
-und wimmerte wie eine sterbende Katze um sein Weib. Ich aber treibe die
-Pferde an; -- er greift nach den Zügeln, um die Gäule zurückzuhalten.
-Da habe ich auch schon den blanken Säbel in der Hand und lasse die
-flache Klinge auf seine Arme niederfallen.
-
-Wie Schilfrohr knickte der morsche Röhrenknochen des fleischlosen
-rechten Unterarmes um und hing zu Boden, wie ein zerbrochener
-Rührlöffel. Ich schlage kräftig auf die Pferde ein, daß die
-wahrscheinlich von der Peitsche getroffene Alte heulend in die Höhe
-fährt, und in rascher Bewegung rollt der Wagen die Straße entlang.
-Da kommt wieder Leben in den in wunderlicher Haltung auf dem Pferde
-hockenden Reiter, und bald flehend, bald zischend vor Galle begehrt die
-Bäuerin, sie herunterzulassen.
-
-Es war ein ausgezeichneter Spaß, der uns über Hunger und Durst
-reichlich hinwegtröstete. Etwa zwei Stunden führten wir das Weibsbild
-hoch zu Roß mit uns. Dann kam ein französischer Offizier angeritten,
-der uns das Pläsier verbot und die Alte unnützerweise durch ein des
-Weges kommendes Gespann wieder zurückbringen ließ.
-
-Ein paar Tage später bin ich in Verlegenheit. Meine Sacktücher sind zu
-Ende gegangen, weshalb ich genötigt bin, den Schweiß immerzu mit dem
-Rockärmel von der Stirn zu wischen, und meine Füße steckten barfuß in
-den Stiefeln. Da halte ich in einem elenden Dorfe vor einem niedrigen
-Hause, in dem sich, wie es schien, keine lebende Seele befand. Ich
-zweifelte, ob da drinnen für mich etwas sein könne, gehe aber doch
-hinein.
-
-Die vordere Tür im Hausflur war verschlossen. Ich öffne die hintere
-und komme in eine sehr ärmlich aussehende Küche. Wie ich aber auf die
-Türschwelle trete, da frohlockt’s in mir, denn eine Anzahl bunter und
-weißer Leinwandstücke liegt auf dem Tische durcheinander. Das war’s
-ja gerade, was ich suchte. Ich eile also darauf zu und fange an, den
-Vorrat hurtig im meine Taschen zu stopfen. Da höre ich heftiges Atmen
-und wie ich mich umwende, sehe ich in einem Bett eine junge Frau
-liegen. Mit fliegenden Worten beschwört sie mich, davon abzustehen. Sie
-sei seit gestern Mutter und die Leinwand wäre zu Hemden und Windeln für
-den um einen ganzen Monat zu früh erschienenen Erdenbürger bestimmt.
-Die Nachbarin wäre soeben noch bei ihr gewesen und sei nur für kurze
-Zeit fortgegangen, um nach den eigenen Kindern zu sehen.
-
-Ich aber überlege nicht lange. Meine Not ist groß, und der Säugling mag
-sehen wo er bleibt. Ich kehre mich also nicht an das Rufen der Mutter,
-sondern raffe zusammen was ich bekomme. Ihr Geschrei wird aber ärger,
-und ich bin besorgt, daß man sie auf der Straße hören könne. Nun weiß
-ich aber, wie schwer es ist, einem zeternden Frauenzimmer mit Erfolg
-das Maul zu verbieten. Da fällt mein Blick auf den Ofen, ein zweiter
-auf das trinkende Kind an ihrer Brust. Ich springe hinzu, reiße ihr die
-hungrige Brut weg und lege sie dicht vor dem Tische auf den Fußboden
-nieder. Dann ziehe ich den eisernen Topf mit kochendem Wasser aus der
-Röhre und setze ihn so auf die Kante des Tisches, daß er beständig
-zwischen Stehenbleiben und Umkippen schwankt und suche mir nunmehr in
-aller Gemütsruhe die besten Leinenstücke aus. Das dünne Zeug werfe ich
-zurück, da es mir nicht viel nützen konnte.
-
-Du hättest sehen sollen, Junge, wie jetzt das Weib schwieg, denn ein
-kleiner Stoß von mir an den Tisch hätte den Topf zum Umkippen gebracht,
--- -- und darunter lag der schmatzende, quäkende Wurm.
-
-Der Mutter hatte der Schrecken gewaltig eingeheizt. Ihr Gesicht war
-grau geworden und mit kreisrunden Augen und ohne alle Bewegung schaute
-sie auf ihr Junges, als wenn es von ihrer ruhigen Haltung abhinge, daß
-der unaufhörlich schwankende Topf stehen bleibe.
-
-Als ich dann von der Straße neugierig durch das Fenster schaute, sah
-ich, wie das Weib wie eine aufgezogene Puppe zum Ofen ging, das Kind
-aufhob und gleich darauf mit ihm umfiel.«
-
-Der Fuhrmann brach hier kurz ab und blickte erstaunt auf den neben
-ihm Sitzenden. Johann war zusammengesunken, seine Augen waren starr
-vor sich niedergerichtet und die Zähne fest aufeinandergebissen. Der
-Körper des jungen Mannes bebte, und es kostete ihm sichtlich viel Mühe,
-ruhig zu bleiben.
-
-Da stieß der Fuhrmann mit einem wilden Fluche den Säbel auf den Boden,
-daß das Eisen klirrte und sagte drohend, aber mit gewaltsam gedämpfter
-Stimme:
-
-»Du gefällst mir nicht, Bursche! Bringe mich nicht in Versuchung,
-mit dem Korb meines Säbels Dir Deinen windschiefen Hirnkasten
-einzuschlagen!«
-
-Bei diesen Worten kam Johann rasch die Ueberlegung zurück. Die
-tierische Wut, die den seine Leidenschaften nicht beherrschenden,
-geistesschwachen Jüngling während der letzten Worte der Erzählung des
-Fuhrmanns so urplötzlich gepackt hatte, wich von ihm und die Besinnung
-kam wieder. Er hatte sich in seinen Plan so verbissen, daß der Gedanke
-an die Möglichkeit des Scheiterns alle andern Regungen in seiner Seele
-zum Schweigen brachte.
-
-Mit geheucheltem Erstaunen drückte er dem Erzähler seine Verwunderung
-über dessen Zornesausbruch aus und mit zwinkernden Augen und listigem
-Schmunzeln rieb er sich die Hände und kicherte wieder still vor sich
-hin.
-
-»Das muß ich schon gestehen,« beeilte er sich hinzuzufügen, »Euer
-Beruf ist kurzweiliger als der meinige, wenn Ihr öfters solche lustige
-Streiche vollführt.«
-
-Dabei schossen seine Blicke verstohlen zu dem Mann an seiner Seite, um
-zu ergründen, ob dessen Argwohn verflogen sei.
-
-Der Fuhrmann aber rührte sich nicht. Die Pfeife lag in seinem Schoße,
-und der Blick war finster in die Nacht hinaus gerichtet.
-
-Eine geraume Weile verstrich in beiderseitigem Schweigen. Dann legte
-der Fuhrmann den noch immer mit der Faust umklammerten Säbel wieder
-auf die Knie, während sich seine Augen mit sinnendem Ausdruck auf die
-züngelnden blauen, gelben und roten Flammen des niedrigbrennenden
-Feuers hefteten.
-
-»Es gab eine Zeit,« begann er wie im Selbstgespräch und mit so
-veränderter Stimme, daß Johann bei dem weichem Klange plötzlich
-aufhorchte und angestrengt nachsann, ob er diese Stimme nicht schon
-einmal gehört habe, »es gab eine Zeit, zu der ich die Achtung aller
-die mich kannten genoß, und der Name Laurentius Kräutlein einen guten
-Klang hatte. Damals war ich an Jahren noch ein junger Mann und an
-Herzenseinfalt ein Kind. Ich genoß auf Erden die Wonnen des Paradieses.
-Da griff das grausame Schicksal jäh zu und zerbrach mir mein sonniges
-Glück. In einer einzigen Stunde verdorrten Blüten und Blätter, und ich
-ward zum ruhelosen, rauhen Mann, den die bösen Mächte um Heimat und
-Glück betrogen. Und darum sage ich: -- es gibt keinen Gott.«
-
-Des armen Johanns aber hatte sich bei diesen Worten des Mannes, die
-eine furchtbare Anklage an das Schicksal enthielten, eine tiefe Regung
-bemächtigt. Und mit fliegendem Atem versetzte er:
-
-»Der Pastor Reinerz aber sagt immer: Es gibt einen Gott, und dieser
-läßt sich nicht spotten!«
-
-Da fuhr der Fuhrmann zornig auf, und alle Weichheit war wieder von ihm
-gewichen, als er herausbrach:
-
-»Halte Dein lästerliches Schandmaul, Du Rabenaas, es gibt keinen, sage
-ich,« dabei drohend den Säbel von den Knien hebend. Und nach einigen
-Sekunden fuhr er beruhigter fort:
-
-»Merk auf, junger Mann. Ich werde Dir meinen Lebensgang erzählen,
-und Du sollst urteilen. Kannst Du aber, wenn ich geendet, für das
-Bestehen der Gottheit noch sprechen, dann werfe ich mich freiwillig
-in die Flammen dieses Feuers. -- Ich bin im Bayrischen geboren. Meine
-Kindheit gestaltete sich so tieftraurig, daß ich ihrer nur mit Wehmut
-gedenken kann. So viel wie andere Kinder gespielt und gelacht haben,
-habe ich geweint. Alle im Hause schalten und schlugen mich, und wer
-an mir vorüberging, stieß heimlich nach mir. Mein Vater war ein Hund!
-Väter, die ihre Kinder, noch bevor sie geboren sind, im Stich lassen,
-sind immer Hunde. Mag der gräßlichste Tod für ihn bestimmt sein und er
-jahrelang sterben!
-
-Meine Mutter war ein engelgutes, schüchternes Wesen von schwachem
-Körper. Sie litt unsägliche Qualen unter den täglichen Boshaftigkeiten
-ihrer lieben Verwandten, auf deren Hilfe sie leider angewiesen war.
-Ihr ganzes Glück war ich, und ich entsinne mich noch recht lebendig,
-wie inbrünstig sie mich als Knaben manche Nacht im Bette an sich
-drückte, wobei die bittersten Tränen aus ihren Augen auf mein Gesicht
-niedertropften. Zum Glück starb sie bald, und ich verließ kurz darauf
-die Gegend und ließ mich nach manchen ziellosen Wanderungen im
-sächsischen Erzgebirge nieder. Dort erlernte ich die Klöppelei und war
-in wenigen Jahren ein sehr geübter Arbeiter, dessen Erzeugnisse ob
-ihrer Feinheit und Sauberkeit geschätzt wurden. Ich war fleißig und
-sparsam und brachte mir eine hübsche Summe Geldes auf die Seite. Ich
-war auch angesehen und geachtet, -- aber glücklich war ich nicht! Der
-Stachel, der in der Kindheit in mein Herz getrieben wurde, besaß einen
-starken Widerhaken und verhinderte, daß wahre Zufriedenheit über mich
-kam. Auch fromm bin ich zu dieser Zeit gewesen und an keinem Abend
-schlief ich ein, ohne das Kindergebet gesprochen zu haben, wie es mich
-meine Mutter gelehrt hatte.
-
-Da lernte ich ein armes Mädchen kennen, das aus Böhmen eingewandert
-war. Nach kurzer Zeit gestanden wir uns unsere gegenseitige Liebe und
-heirateten bald darauf. Meine Freude war unbeschreiblich und mir war
-von dieser Stunde an die Brust mit reinem, innigem Glück erfüllt,
-das die traurigen Erinnerungen an die Kindheit langsam aus der Seele
-verdrängte.
-
-Wir erstanden etwas abseits vom Dorfe, dicht an der Landstraße
-ein kleines Häuschen, mit schmuckem Garten und einem ansehnlichen
-Hühnervolk und lebten so zufrieden, daß wir unser Glück gegen alle
-Schätze der Welt nicht eingetauscht hätten. Mein junges Weib war
-heitern Gemüts, das mich ernst Veranlagten fröhlich machte. Durch das
-Haus und den Garten scholl ihre Stimme und ihr lustiges Lachen. Ihre
-Lippen waren voll und kirschrot, und ihre dicken, dunkeln Zöpfe trug
-sie auf dem Kopfe wie eine Krone. Das herrlichste an ihr aber waren die
-pechschwarzen Augen, aus denen Freude und Lebenslust blitzten und die
-in mir die ungeheure Glut entfacht hatten.
-
-Und als nach Jahresfrist uns in einer weichen Sommernacht ein Sohn
-geboren wurde, da stand ich wunschlos auf dieser Welt. Ich mußte
-allein sein mit meinem Glück. Leise verließ ich mein schlafendes Weib
-auf kurze Zeit, ging ins Freie und brach in reichfließende Tränen der
-Freude aus. Nicht mehr Herr meiner Gefühle, sank ich in die Knie und
-lehnte den Kopf an die Hinterwand meines Hauses. Ich dankte Gott
-für die Fülle seiner Gaben und gedachte in unendlicher Liebe meiner
-verstorbenen Mutter. Auf das kleine Haus, das meine Teuern barg, hatte
-sich das Glück herabgesenkt, das zwei wackere Helfer geschmiedet
-hatten: Arbeit und Liebe. Die sturmfesten Stützen des schirmenden
-Daches verdankte ich dem Ertrage meiner Hände Arbeit, und das was den
-Eingang treulich hütete und den Glanz im Innern bereitete, war die
-Liebe.«
-
-Hier unterbrach der Fuhrmann seine Erzählung. Noch immer war der Mond
-von Wolken umlagert. Der Wind hatte sich etwas erhoben und blies in das
-Feuer, daß die Flammen seitwärts schlugen. Durch die Postenkette ging
-einer der Fuhrleute, der von der am nächsten stehenden Schildwache an
-der Straße angerufen wurde. Der Wind trug leise den Klang der Worte
-herüber, die gewechselt wurden.
-
-»Parole?« tönte die Frage, und »Jena!« lautete die gedämpfte Antwort.
-
-Jetzt wandte sich der Erzähler wieder zu dem Schafhirten und fuhr fort:
-
-»Die Schwäche meiner Frau war ihre Putzsucht. Sie liebte es, sich
-mit bunten Flicken zu schmücken und konnte lange die Wirkung solchen
-Aufputzes im Spiegel betrachten. Ich habe sie nie darum gescholten,
-denn Eitelkeit ist die Zwillingsschwester der Keuschheit. Ich war froh
-darüber, daß sie sich solch harmlose Freude bereitete, denn unser
-Leben floß recht ruhig dahin. Bisweilen hatte ich aber die Empfindung,
-daß Franziska ihrer Schwäche manchen Groschen opferte, der bei unsern
-knappen Mitteln besser für etwas Anderes ausgegeben worden wäre.
-
-Fünf Jahre waren seit unserer Verheiratung verstrichen, als mich eines
-Sonntags auf dem Heimwege vom Kirchgang mein Nachbar Werner am Arm nahm
-und mir verstohlen zuraunte:
-
-»Laurentius, gib Acht auf Dein Weib!«
-
-Ich war so überrascht und erzürnt durch diese Worte, daß ich den
-Sprecher am liebsten ins Gesicht geschlagen hätte, wen mir nicht
-alsbald das Bewußtsein gekommen wäre, daß Werner, wenn er auch nur
-ein armer Weber war, das größte Vertrauen von jedem im Dorfe genoß.
-Fassungslos starrte ich ihm in die Augen um darin zu lesen, ob er sich
-einen grausamen Scherz bereite, oder ob er so schlecht wäre, Mißtrauen
-in mir gegen mein reines Weib zu erwecken.
-
-Je länger ich ihn aber anschaute, umso eindringlicher kam mir die
-Überzeugung, daß dieses in Ehren ergraute Haupt keine schlimme Tat auf
-sich laden könne, und ich wurde verwirrt unter dem wohlmeinenden Blick
-dieser ehrlichen Augen. Wie ein Rasender stürmte ich nach meinem Hause.
-
-Da sah ich von der Schwelle aus ein liebliches Bild: Franziska
-hielt den Knaben fest in ihren Armen, jauchzte vor Freude und küßte
-wieder und immer wieder das lächelnde Kind. Noch nie war mir ihr
-wohlgebildeter, schmiegsamer Leib so lebensfrisch und anziehend
-erschienen, und niemals hatte das Mutterglück ihr Gesicht so verklärt,
-wie in diesem Augenblick. Eine warme Welle trieb mir zum Herzen, und
-ich bat ihr im Stillen das bittere Unrecht ab, das ich ihr getan und
-entschuldigte Nachbar Werners Verdacht mit unseligem Irrtum.
-
-Wenn mir nun auch manches aus den letzten Wochen an Franziska ungewohnt
-erschien, so fühlte ich doch im innersten Herzen, daß eins geblieben
-war: die Liebe zu mir und dem Kinde. Mochte sie mit ihrer Schwäche
-auch manchmal Ursache zu Gerede unter den Leuten geben, im Grunde war
-es doch etwas anderes, das diesen Menschen die Zungen schärfte: sie
-gönnten mir mein Weib und mein friedliches Heim nicht. Gerüchte tauchen
-plötzlich auf und zerflattern wieder wie Sternschnuppen, und der Mann
-hat sein Weib nie geliebt, den die erste Warnung wider sie in Harnisch
-bringt! -- Aber ich nahm mir vor, auf die Eindämmung ihrer immer mehr
-wachsenden Gefallsucht ernst hinzuarbeiten.
-
-Der Herbst war ins Land gekommen, und bald fegten die ersten
-winterlichen Schauer über die verödeten Fluren. Es war Sonnabend und
-ich war, wie ich es an diesem Tage immer zu tun pflegte, nach dem
-zwei Stunden entfernten Annaberg gegangen, um meine Arbeit der Woche
-abzuliefern. Hierbei war ich länger als sonst aufgehalten worden und
-besorgte deshalb rasch die gewohnten Einkäufe. Wohlgemut schritt ich
-auf der Landstraße hin, mein Bündel im Arm und die Gedanken daheim bei
-meinen Lieben.
-
-Es war kurz vor der Dämmerung, als ich durch ein Dorf kam, das gerade
-auf der Hälfte des Weges lag. Da sehe ich drüben am Mühlgraben
-Menschen zusammenlaufen. Ich eile hinüber, um nach der Ursache des
-Geschreis zu fragen. Kaum aber bin ich dort angekommen, gewahre ich
-einen etwa achtjährigen Knaben in den Fluten des breiten Grabens, den
-die Wasser im Wechsel niedertauchen und dann wieder auf kurze Zeit
-an die Oberfläche heraufbringen. Der Kleine zappelte und sträubte
-sich herzhaft gegen das tückische Element. Aber es war umsonst,
-daß das bedrohte Leben sich der gefährlichen Umarmung zu entziehen
-versuchte. Nach ein paarmal Untertauchen würde der Knabe nicht wieder
-heraufkommen, und dann nahm ihn der stille, schwarze Teich auf und
-bettete den kleinen Leichnam in seinen tiefen, weichen Schlamm. Wohl
-hatte der Gedanke meine Seele durchzuckt, hineinzuspringen und den
-Versuch zu machen, den Ertrinkenden zu retten. Aber dieser Versuch
-mußte aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem Leben gebüßt werden, denn
-das Wasser war übermannstief, ich war des Schwimmens nicht kundig, und
-die Wirbel hätten meinen schweren Körper viel eher hinabgezogen wie den
-leichten Knaben. Zudem hatte man ja selbst Weib und Kind daheim, die
-ihres Ernährers harrten -- -- und ich wandte mich ab.
-
-Da zerriß der wilde Wehruf eines Weibes die Luft: »Mein Kind! Um
-Gotteswillen, mein einziges Kind!««
-
-Der Fuhrmann hielt eine Sekunde in der Erzählung inne, so mächtig
-packte ihn die Erinnerung. Dann fuhr er fort:
-
-»Der Klang dieser Worte drang mir ins Herz wie glühender Stahl. Ruhig,
-aber schnell wie das Aufleuchten des Sonnenlichts zwischen dunkeln
-Wolken, stellte ich mir vor: -- wenn dieses verzweifelte Weib Deine
-Mutter, der Kämpfende Dein Bruder wäre! Dieser Gedanke ließ die
-Bedenken gegen den, das eigene Leben gefährdenden Versuch der Rettung
-verblassen. Dann wieder drang es auf mich ein: -- wie nun, wenn dies
-Dein geliebtes Kind wäre ...! und es schien mir, als wenn plötzlich
-mein Herzschlag stocke. -- Was aber würdest Du tun, schrie es mir wild
-ins Ohr, wenn Dein Weib hier stünde und in tödlicher Angst nach einem
-Retter riefe ...!
-
-»Platz da!« schrie ich mit dem ganzen Aufgebot meiner Stimme und
-drängte mich wieder zum Rande des Grabens. Die Menschen wichen zurück,
-Mütze und Rock flogen zur Erde, und dann sprang ich kopfüber in die
-eisige Flut. Die plötzliche Kälte raubte mir den Atem, die Wasser
-rissen mich mit sich fort, und die Todesnähe hemmte mir die ruhige
-Ueberlegung. Zweimal schlägt es über mir zusammen, dann komme ich
-herauf und tue instinktiv wieder einen tiefen Atemzug, -- von neuem
-umfängt mich die Finsternis, und wieder unterscheidet endlich mein
-Auge in der Dämmerung verschwommen die Gestalten der Menschen am Ufer.
-Da streift die Hand einen Körper. Ich erkenne den Knaben, packe fest
-zu, und die Wirbel reißen mich zum letzten Male hinunter. Mit der
-Verzweiflung des Ertrinkenden halte ich mich und den Knaben darauf eine
-kurze Weile über Wasser und ergreife dann die mir entgegengehaltene
-Stange, an der wir ans Ufer gezogen werden.
-
-Während die Menge Knaben und Mutter umgibt, werfe ich flugs mein Gewand
-über und mache mich auf und davon. Noch höre ich die jubelnden Worte:
-er lebt, er hat die Augen aufgeschlagen? Ich aber wickle mich, so
-gut es eben geht, in meinen dünnen Rock und laufe, als wenn der Böse
-hinter mir wäre. Endlich komme ich an meinem Hause an, die Glieder fast
-erstarrt vor Kälte.
-
-Doch, was ist das? Kein Licht? Mein Weib empfängt mich nicht? -- Sie
-ist ausgegangen! -- Aber wohin? Warum? Jetzt zu dieser Zeit pflegt
-sie doch niemals das Haus zu verlassen! Die vordere Haustür ist
-verschlossen. Ich klinke die Hintertür auf und trete ein.
-
-»Franziska!« rufe ich, »Fränzchen, mein liebes Fränzchen, ich bin
-wieder da -- --!« klingt mein angstvoller Ruf aus dem plötzlich
-bebenden Munde. -- Nichts rührt sich, niemand antwortet mir. Ich
-stolpere nach der Stube und mache mit zitternden Händen Licht. Und wie
-der schwache Schein der Kerze den Raum erhellt, sehe ich ringsum eine
-Verwüstung, als wenn Räuber darin gehaust hätten. Alle Schubfächer der
-Kommode, des Tisches sind geöffnet; der Deckel der großen Lade ist
-zurückgeschlagen und der Inhalt auf dem Fußboden ausgebreitet. Weiße
-und rote Gewänder, bunte Stoffe und Schürzen, aufgerollte Bänder,
-künstliche Rosen und Jasmin wild durcheinander. Sind das alles Kleider
-von Franziska? denke ich. Da erscheint mir dies und jenes bekannt,
-manches davon aber hatte sie mir verborgen gehalten. Meine Gedanken
-werden wirr. Was um Christiwillen bedeutet das, und wo ist dein Weib?
-
-Indem fällt mein Blick auf ein Stück Papier, das neben dem Leuchter
-auf dem Tische liegt. Ich hatte das Gefühl, als wenn mir das Herz
-still stehe, nehme den Zettel in die Hand und lese bei dem flackernden
-Kerzenscheine:
-
- Lieber Laurenz! Du mußt mich gehen lassen und darfst mir nicht
- böse sein. Du bist ein herzensguter Mann, aber ich würde
- sterben bei diesem Leben. Ich habe mich jahrelang beherrscht
- und wollte meinen leichten Sinn unterdrücken, aber meine Kraft
- reichte dazu nicht aus. Ich habe, bevor Du mich kanntest,
- trotz meiner Jugend schon lustig in den Tag hineingelebt und
- kehre nun wieder zu diesem Leben zurück. Vier Jahre lang habe
- ich Dir die Treue gehalten, seit ein paar Monaten aber bin ich
- des Nachts manchmal aus dem Haus geschlichen, wenn Du von der
- Arbeit ermüdet fest schliefst. Das Glück und die Ruhe in Deinem
- Hause würden mich noch töten. Mich verlangt’s nach Freiheit und
- wirbelndem Tanz!
-
- Leb’ wohl und küsse unser Kind, das Du gewiß zu einem guten
- Menschen erziehen wirst.
-
- Franziska.
-
-Den Zettel in den wie vom Starrkrampf zusammengepreßten Fingern
-festhaltend, sank ich neben dem Tische nieder. Das Schicksal hatte mich
-an der Wurzel allen Lebens getroffen. Mechanisch glitten meine Hände
-über die bunten und weichen Stoffe, die ich streichelte wie ein Kind
-sein liebstes Spielzeug. Da vernehme ich hinter mir ein leises Geräusch
-und erkenne im Halbdunkel mein Kind, das vom Schlummer erwacht ist,
-sich erhebt und noch schlaftrunken lächelnd sich mir nähert. In diesem
-Augenblick vollzieht die Natur in meinem Innern einen urplötzlichen
-Umsturz. Gutes verwandelt sich in Böses, Weichherzigkeit in Grausamkeit
-und Gelassenheit in wilde Wut. Ich will gegen das Schicksal wüten, und
--- wende mich gegen meinen Knaben. Ein Stück von diesem verruchten
-Weibe! ruft eine Stimme in mir, und die wilden Flammen des Zornes
-schlagen hochauf und stürzen mich in Raserei.
-
-Ich springe in die Höhe, -- da hält der Knabe den Schritt an. Sein
-leuchtendes Auge verliert den Glanz vor dem Ausdruck im Gesichte seines
-Vaters. Angstvoll wendet er sich ab, um davonzueilen, -- da trifft ihn
-ein fürchterlicher Fußtritt, der den Körper des Kindes wie einen Ball
-fortwirft bis hin zum Ofen, auf dessen steinernem Untersatze der Kopf
-dumpf aufschlägt.
-
-Einen Augenblick sehe ich auf den Knaben mit der blutenden Wunde am
-Hinterkopfe, dann packen mich alle bösen Geister. Ich reiße die Kerze
-vom Tische, springe hierhin, dorthin und entzünde alles was brennbar
-ist in der Stube. Schon lodern die gefräßigen Flammen neben mir empor
-und lecken an mir hinauf, und ich prüfe, welches der feurigste Herd
-ist, daß ich ihn zu meinem Ruhbett erwähle, -- -- da kommt der Dämon
-der Feigheit über mich! Ich stürze durch Qualm und Glut und wie ich
-meine Sinne wiederfinde, hocke ich draußen auf der Straße im Graben und
-schaue auf mein Haus, aus dessen Fenstern dichter Rauch und Flammen
-herausschlagen. Auf der Straße aber höre ich schwere Wagen daherrollen,
-dazu die lauten Stimmen der Fuhrleute. Schon hat der Vorderste von
-ihnen die Feuersäule entdeckt, läßt die Pferde im Stich und eilt auf
-das Haus zu. Ich aber drehe mich um und jage wie von Furien gepeitscht
-über die Stoppeln. Und seit dieser Stunde bin ich der, der ich bin!«
-
-Der Fuhrmann hatte seine Erzählung beendet und sah gedankenvoll in die
-hüpfenden, niedrigen Flammen des Feuers.
-
-»Mein Haus ist zerstört,« sagte er langsam, »und mein Sohn verbrannt
-und unter den Trümmern begraben. Ich bin bereit jede Vergeltung für
-meine Tat zu tragen. Und doch, -- zehn Jahre meines Lebens und diese
-meine Rechte gäbe ich darum, wenn ich die Tat ungeschehen machen
-könnte -- --«
-
-Einige Minuten verstrichen. Da ergriff der Fuhrmann den Baumstamm und
-stieß ihn mit solcher Kraft zwischen die schwelenden Scheite, daß die
-glühenden Funken knisternd hochaufsprühten.
-
-»So, Du Großmaul« schrie er Johann zu, »willst Du es jetzt noch sagen:
-es gibt einen Gott?«
-
-Der Angesprochene aber vernahm diese Worte nicht. Wie ein Steinbild
-saß er auf dem Grabenrand und hielt die Augen halb geschlossen. Die
-nächste Umgebung entwich dem Kreis seiner Gedanken, aber die bis zu
-dieser Stunde in engen Banden gehaltene Kraft der Erinnerung befreite
-sich mit einem einzigen Kraftausbruch von ihren bisherigen Fesseln, und
-sein Geist eilte zurück bis in seine Kindheit. Vor seiner Seele stieg
-das Bild eines jungen Weibes herauf mit roten, schwellenden Lippen,
-tiefdunkeln Augen und einem Kranze glatter Flechten, die wie eine Krone
-auf der Stirn ruhten. Auch den Klang ihrer fröhlichen Lieder vernahm
-er und er fühlte deutlich, wie die roten Lippen seinen Mund küßten.
-Neben diesem Bilde malte die Erinnerung mit zauberhafter Deutlichkeit
-das eines Mannes mit ernsten Zügen, dessen Augen voll Liebe und
-unaussprechlichem Glück auf das Kind gerichtet waren. Mit wunderbarer
-Schärfe traten noch andere glückliche Erinnerungen an die Kindheit aus
-dem bisher undurchdringlichen Dunkel heraus, bis zuletzt der düstere
-Anblick der Stube im elterlichen Hause im Scheine einer Wachskerze
-heraufstieg, und ihn aus einem entstellten Männerantlitz zwei drohende
-Augen trafen -- -- --
-
-Der Schafhirt sprang in die Höhe und taumelte wie ein Berauschter ein
-paar Schritte zur Seite.
-
-»Haha,« lachte der Fuhrmann, »nicht wahr, mein Bürschchen, jetzt ist
-Dir der Appetit zum beten vergangen?«
-
-Da warf der Schafhirt dem Manne einen langen Blick zu, als wenn er
-diesen Anblick mit dem Bilde in seiner Seele vergleichen wolle, -- und
-er wandte langsam die Augen ab. Mechanisch kehrte er sich um und ging
-schwerfällig auf dem Wege weiter, der zum Turm führte.
-
-»Heh!« rief der Fuhrmann dem Jüngling zu, »dort habt Ihr nichts zu
-suchen. Geht links hinüber, sage ich Euch!«
-
-Aber schon trugen den Schafhirten die Füße nicht mehr weiter. Er
-strauchelte und fiel neben dem Wege zwischen die blätterlosen Ruten
-eines Haselnußstrauches. Und dann glitten seine Hände zuckend über
-den Boden, und die starren Finger krampften sich hinein, als wenn ein
-Schwindelnder Halt sucht, und den Mund preßte er fest auf Erde und
-Moos, um das wilde Schluchzen zu ersticken, das ihm das Herz schier
-zersprengen wollte.
-
-
-
-
-22. Kapitel.
-
-
-Vor der schmalen Eingangstür des Pulverturmes, mit dem Rücken gegen
-das Mauerwerk, standen in dunkler Nacht zwei Schildwachen in eifrigem
-Gespräch. Der eine der Männer mochte fünfundvierzig Jahre zählen und
-war hochgewachsen und breitschulterig. Sein verwettertes Gesicht
-mit den klugen und ausdrucksvollen Zügen erhielt durch den den Mund
-vollständig bedeckenden, buschigen Schnauzbart, dessen lange Spitzen
-wie die Kiele starker Rabenfedern von der Oberlippe abstanden, einen
-Stich ins Martialische. Wie selten auf einem Antlitz, war auf diesem
-die stärkste Charaktereigenschaft seines Trägers scharf ausgeprägt,
-denn die blitzenden Augen und die scharfgekrümmte, starke Adlernase
-verrieten eine außergewöhnliche Kühnheit. Er trug die Uniform der Alten
-Garde, und seine Brust war mit zahlreichen Kriegsmedaillen und Kreuzen
-geschmückt.
-
-Der andere der beiden Männer war ein blutjunges, schmächtiges
-Bürschlein mit bleichem und schmalem Gesicht.
-
-»Ich sage Dir,« sprach mit tiefer Stimme der alte Gardist, »Du hast
-ein Leben begonnen, das reich an Ehren ist. Der Ruhm, der sich an
-den Flug der Kaiserlichen Adler heftet, berauscht alle bis auf den
-letzten Soldaten seiner Armee und bewirkt, daß sich Alter und Jugend,
-Vornehm und Niedrig willig ihm beugen. Das Schicksal hat uns wunderbar
-zusammengeführt: ihn, den Kriegsgott und uns, die Söhne der großen
-Nation! Ein bedeutsamer Sieg steht uns bevor; die Kanonen, die Du heute
-hörtest, verkündeten aufs neue seine Unsterblichkeit. Leipzig müssen
-wir gewinnen, mein Sohn, und wenn den altersschwachen Gott der Christen
-des Kaisers Arme selbst herunterreißen müßten!«
-
-»Sagt mir doch,« klang zögernd die mädchenhafte Stimme des jungen
-Soldaten, »warum seid denn Ihr nicht bei Euerm Regiment?«
-
-»Ach,« versetzte der Gardist mißmutig und verzog das Gesicht, als wenn
-er Essig im Munde habe, so daß der gewaltige Schnurrbart in heftige
-Bewegung geriet »Bei Lützen sprang mir ein Granatsplitter ins Bein,
-daß ich kampfunfähig wurde und mehrere Monate im Spital zubringen
-mußte. Vor wenigen Tagen erst gab man mich frei, und ich schloß mich
-diesem Munitionstransport an, denn ich brannte vor Begierde, wieder
-zu meinem Regimente zu stoßen. Von den elf Blessuren, die ich bisher
-erlitt, ist es die letzte gewesen, während deren Heilung ich vor
-Ungeduld bald gestorben bin.«
-
-»Man sagt,« begann der Jüngling von neuem, »daß der Kaiser sich seine
-Generale selbst heranbilde, und daß der Lehrer keinem seiner Schüler
-einen starken Einfluß auf die Heranführung der Armeen zum Kampfe
-einräume.«
-
-»Das ist wahr,« antwortete der Gardist und zwirbelte seinen
-Schnurrbart. »Die Pläne zu allen großen Schlachten sind in dem Hirn
-unseres genialen Meisters erdacht worden. Deshalb gebührt auch ihm der
-größte Teil von dem Ruhme seiner Siege. Seine Marschälle sind nichts
-anderes als Ausübende seiner Befehle. Vielfach früher gemeine Soldaten,
-sind sie aus der hohen Schule des großen Kaisers hervorgegangen. Der
-wahre Meister lehret die Gehilfen selbst. Und wen einmal der Korse für
-vollgewichtig fand, der zählt in Zukunft zu des Imperators Paladinen!«
-
-»Ihr habt den Kaiser recht sehr in Euer Herz geschlossen, merke ich,«
-sprach der Jüngling. »Ihr müßt doch eine gewaltig hohe Meinung von ihm
-haben.«
-
-Der alte Soldat wandte sich um, daß er dem andern den Anblick seiner
-breiten Brust bot und ließ seine blitzenden Augen spöttisch auf dem
-Milchgesicht ruhen.
-
-»Junger Kamerad,« versetzte er endlich, »Du kommst mir vor, wie ein
-frisch dem Mutterleibe entstiegenes Böcklein, das in den wärmenden
-Sonnenstrahlen seine possierlichen Sprünge macht. Deine Worte klingen
-wie das Lallen eines Kindes. Noch ganz andere Männer als ich huldigen
-unserm großen Kaiser, dem die Meinung der Menschen nichts an seinem
-Ruhme schmälern oder hinzufügen kann. Seine welterschütternden Taten
-fordern bei Freund und Feind hohe Ehrfurcht heraus. Sie sind in dem
-Buche der Geschichte auf ewig unvergänglich eingegraben, und noch in
-den spätesten Tagen wird man mit Bewunderung seinen Namen nennen. Er
-ist der Erste, aller Zeiten Ersten, vor seinem Stirnerunzeln zittert
-eine Welt, und wie das Schicksal von Europas Völkern in seiner Faust er
-hält, brächt’ er im Rasen selbst den morschen Erdenball zum bersten.«
-
-»Vergebt,« begann nach einer geraumen Weile Stillschweigens der junge
-Soldat schüchtern, »wenn ich Euern Unmut herausforderte. Ich bin
-ja, wie Ihr wißt, keiner Eurer Landsleute, zudem bin ich jung und
-unerfahren, und in unser stilles Schwarzwaldtal ist zum Glück nur wenig
-von dem Kriegslärmen gedrungen. Ich kann Eure blinde Anbetung des
-Kaisers nicht recht verstehen, aber Eure Rede flößt mir Achtung vor
-ihm ein. Und wenn ihr sagt, »der Kaiser!«, so sprecht Ihr diese Worte
-in einem Tone, den ich bisher noch nicht vernommen habe, und jedesmal
-ist es mir dabei den Rücken hinabgerieselt. Zugegeben, Napoleon ist
-ein großer Kriegsmann, der bei jedem Menschen ein starkes Gefühl
-herausfordert, sei dies nun Liebe, Bewunderung oder Haß. Sagt mir aber
-doch, bitt’ ich Euch, welche Bewandnis es damit hat, wenn Ihr sagt »der
-Kaiser!«.«
-
-Das Gewehr an die Schulter gelehnt, griff der alte Gardist mit beiden
-Händen langsam an den Schnurrbart und richtete, ihn wiederholt
-blitzschnell durch die Finger drehend, eine wahre Revolution in den
-beiden Haarbüscheln an. Aber nur eine Sekunde dauerte diese Verwirrung,
-dann glätteten, drehten und strichen die zerstörenden Finger das stolze
-Symbol seiner Männlichkeit in eine noch ansehnlichere Form als der
-Bart vorher besessen hatte, und ein paar letzte Striche verliehen den
-Büscheln einen kühnen Schwung, und die dicken Enden ragten aufs neue
-spitzig in die Luft. Mit dem Gesichtsausdruck des Geschmeichelten
-blickte der Franzose einen Augenblick sinnend ins Leere. Dann warf er
-seine nachlässige Haltung ab, richtete sich auf und begann die folgende
-kleine Erzählung:
-
-»Es war bei Austerlitz. Die Schlacht war im vollen Gange, und die
-Russen und Österreicher boten alle Kraft auf, dem gewaltigen Stoße
-unserer Sturmkolonnen standzuhalten. Die Alte Garde stand mit Gewehr
-bei Fuß rückwärts auf einer Anhöhe, jedes Winks gewärtig, um etwa
-einem bedrohten Flügel zu Hilfe zu kommen. Wir Auserlesenen der
-großen Armee kennen schon dieses Verweilen in der Reserve, denn wir
-sind gewöhnt, in den Augenblicken, wo die Schlachten ihren Höhepunkt
-erreichen, einzugreifen und aufs neue mit dem Lorbeer des Sieges
-unsere Adler zu schmücken. Von unserm Platze aus konnten wir das ganze
-Schlachtengefilde überblicken.
-
-Die ungeheure Fläche war ein einziges Schneefeld, auf das die
-Wintersonne herniederglänzte. Millionen von Eiskrystallen glitzerten in
-den goldenen Sonnenstrahlen, und der Donner der ersten Kanonenschüsse
-der Russen zerriß die Luft und rollte majestätisch zu uns herüber, die
-erhabene Ruhe der Natur jäh erschreckend.
-
-In kurzer Zeit aber wurde das Bild lebendiger.
-
-In weitem Halbkreise bot sich dem Auge der Anblick der Dörfer dar, aus
-deren Häusern hier und da schon die Flammen schlugen. Verhaue waren zu
-sehen, Hecken, hinter denen es wie in einem Ameisenhaufen kribbelte,
-langgedehnte Feuerlinien, von Rauch fast verhüllt, anstürmende
-Regimenter und sich zur Schlacht entwickelnde Divisionen.
-
-Eins bemerkten wir schlachtenkundigen Veteranen des Krieges sehr bald:
-das Ringen war zum Stillstand gekommen. Zudem war es bekannt, daß wir
-uns in der Minderzahl befanden. Also konnte es wohl einem Neuling etwas
-bänglich zu Mute werden, zumal sich unser Aufenthalt auf der sanft in
-das Tal hinabführenden Lehne immer ungünstiger gestaltete. Denn nicht
-nur eine ganze Anzahl verirrter Flintenkugeln schlug mitten in unsere
-Reihen ein, sondern es schwirrten auch Granaten dicht über unsere Köpfe
-hinweg, mit denen sich die russische Artillerie auf uns einzuschießen
-begann. Wir aber standen schweigend und ohne mit den Wimpern zu zucken
-und betrachteten scheinbar gleichgültig das weite Schlachtfeld. Aber in
-der Brust eines Jeden von uns stieg eine quälende Unruhe herauf und das
-wilde Verlangen, anstatt in dieser Totenstarre, zu der wir verurteilt
-waren, auszuharren, vorwärts zu stürmen.
-
-Dicht vor unserem Bataillon hielt zu Pferd der Marschall mit seinen
-Adjutanten. Wie aus Stein gemeißelt saß er auf dem Pferde und blickte
-unausgesetzt nach einem großen Reiterhaufen in geraumer Entfernung
-vor uns, von dem unaufhörlich einzelne Reiter ab und zu ritten.
-Auch unsere Blicke wurden auf diese Stelle hingezogen, von der eine
-magnetische Kraft auszugehen schien. Und je länger wir untätig standen,
-je lauter der Schlachtenlärm heraufdrang, und je gefahrvoller unsere
-Stellung wurde, um so sehnsüchtiger hingen unsere Augen an diesen
-Reitern. Die Unruhe in unserer Brust war auf das höchste gestiegen.
-
-Da löste sich mit einem Male wieder ein Reiter von dem großen Haufen
-und stürmte in verwegenem Galopp über die Hecken und Gräben hinweg
-auf unsere Stellung zu. Ein Aufatmen ging durch die Reihen! Wie eine
-Windsbraut fegte der Reiter die Anhöhe herauf. Es war, wie man beim
-Näherkommen erkennen konnte, ein Major vom Großen Hauptquartier, ein
-noch junger Mann mit vornehmen Gesichtszügen und hohen Auszeichnungen
-auf der Brust. Dicht vor dem Marschall riß er mitten in der Karriere
-so gewaltig in die Zügel, daß das feurige Roß fast auf die Hinterhufe
-niederbrach. Dann legte er mit edelm Anstand die Hand an die Mütze und
-sprach langsam und mit laut vernehmbarer Stimme:
-
-»Befehl des Kaisers! Die Kaiserliche Garde soll das Dorf im Zentrum der
-Schlachtlinie nehmen und um jeden Preis halten!«
-
-Bei diesen Worten streckte der Offizier den Arm aus und bezeichnete ein
-fast gänzlich zusammengeschossenes, langgestrecktes Dorf, aus dessen
-Häusern dichte Rauchwolken drangen und von dem soeben stark gelichtete
-französische Kolonnen zurückfluteten, die vom Dorfe aus mit heftigem
-Gewehrfeuer verfolgt wurden.
-
-Hierauf salutierte der kaiserliche Adjutant von neuem, riß das Pferd
-herum und stürmte, wie er gekommen, wieder die Anhöhe hinab. Kaum
-war er aber hundert Schritte weit geritten, da bäumte plötzlich der
-prächtige Rappe hochauf und begrub, sich überschlagend, den Reiter
-unter seinem Leibe. Infolge der Heftigkeit des Sturzes rollte das Pferd
-über den Offizier hinweg, stieß, auf dem Rücken liegend, die im Krampf
-gekrümmten Beine ein paarmal heftig in die Luft und fiel dann langsam
-auf die Seite neben seinen Reiter, der unbeweglich auf dem gefrorenen
-Schnee lag.
-
-Da wandte der Marschall sein Pferd herum, und durch unsere Reihen
-scholl ein unterdrücktes Jauchzen. Sein Gesicht war dunkelrot, und
-seine Augen glühten vor innerm Feuer. Die Kommandeure sprengten auf
-ihn zu, ritten wieder zurück, und wenige Minuten später erschollen die
-Kommandos, und die Bataillone setzten sich stumm in Marsch. Alles dies
-geschah ruhig und ohne Aufregung, wie daheim auf den Übungsplätzen.
-
-Mit beflügelten Schritten eilten wir abwärts, an dem auf dem Rücken
-lang ausgestreckten Adjutanten vorbei, dessen gebrochener Blick nach
-oben gerichtet war, und erreichten bald die Stelle, wo der bewegliche
-Reiterschwarm hielt. Hier waren Offiziere jeden Ranges und aller
-Waffen. An der Spitze des Haufens sah man die Uniform des Kaiserlichen
-Stabes und etwa fünfzig Schritte vor ihnen befanden sich zu Fuß drei
-oder vier einzelne Offiziere, unter ihnen der Kaiser.
-
-Der Gewaltige hielt ein großes Fernrohr vor die Augen und blickte
-aufmerksam auf das Schlachtfeld. Nach einer kurzen Weile nahm er das
-Glas herunter und beugte sich über einige Karten, die auf einem am
-Boden liegenden Baumstamm ausgebreitet waren. In diesem Augenblick
-ritt ein Regiment Grenadiere zu Pferde in leichtem Trabe vorüber.
-Ein hundertstimmiges Vivat brauste durch die Luft; der Kaiser rührte
-sich nicht. Da erhoben sich die Stimmen noch lauter, und die Soldaten
-riefen: Nun werden wir den Petersburger Damen wieder eine Gelegenheit
-zum weinen geben. Der Kaiser blieb unbeweglich. Er richtete sich nicht
-für einen Augenblick auf, sondern blieb über die Karten gebeugt, und es
-schien, als wenn er den tosenden Beifall, der den betäubenden Lärm der
-Schlacht fast übertönte, garnicht vernehme.
-
-In gleichmäßigem Takte, die Zunge im Bann, schritten wir vorüber. Denn
-die Kaiserliche Garde pflegt ihre Pflicht stumm zu tun!
-
-Schnell nährten wir uns dem brennenden Dorfe. Ohne einen Schuß
-abzugeben, marschierten wir vorwärts, in den infernalischen Hagel
-von Blei hinein. Das Etagenfeuer, womit wir empfangen wurden, wütete
-fürchterlich in unsern Reihen und riß gewaltige Lücken in die
-dichten Sturmkolonnen. Aber unsern Mut konnten die Verluste nicht
-erschüttern. Die Reihen schlossen sich fester zusammen, und die Plätze
-der Gefallenen wurden im Augenblick ausgefüllt. Plötzlich schien es,
-als wenn die Verteidiger Verstärkung erhielten, denn das Feuer nahm
-an Heftigkeit zu. Man konnte nicht mehr das Knattern der einzelnen
-Schüsse unterscheiden. Grollendem Donner gleich hallte es herüber, und
-das Pfeifen und Zischen der Kugeln wuchs zur sinneraubenden Musik an:
-wir bissen die Zähne zusammen und marschierten weiter. Da schlugen
-plötzlich von halblinks her Kartätschen in uns ein und rissen ganze
-Reihen nieder: -- wir senkten den Blick zu Boden und marschierten
-weiter. Eins nur war jetzt die Losung: Vorwärts! Jedes Halten oder gar
-Zurückweichen war gleichbedeutend mit Vernichtung.
-
-An den weißen Uniformen hinter den Mauern erkannten wir, daß es
-Österreicher waren. Nun, wir nahmen uns vor, mit ihnen fürchterlich
-abzurechnen!
-
-Noch immer bewegten wir uns beim Schlage der Trommeln im Schritt
-vorwärts, die Adler voran, wie eine granitne Mauer, ein Wald von
-Bajonetten. Da ertönten plötzlich die Hornsignale. Wir durcheilten
-die kurze Entfernung bis zum Dorfe laufend und warfen uns auf
-die feindlichen Schützen, die im letzten Augenblick das Schießen
-eingestellt hatten und uns mit erhobenen Gewehren erwarteten. Mit
-lautem Schlachtruf stießen wir aufeinander; hüben wie drüben herrschte
-fürchterliche Erbitterung.
-
-Die braven Weißjacken mußten natürlich schon in der Entfernung die
-Uniform der Alten Garde erkannt haben und hatten sich daraufhin auf
-einen verzweifelten Kampf gefaßt gemacht. So standen sie denn auch wie
-eine Felswand und wehrten sich wie Rasende. Aber _diesem_ Ansturm war
-ihre Kraft nicht gewachsen!«
-
-Der alte Gardist räusperte sich und hielt einen Augenblick inne. Dann
-fuhr er mit großem Nachdruck fort:
-
-»Junger Kamerad! Ich habe in achtundzwanzig Schlachten gestanden
-und weiß, mit welcher Erbitterung zuweilen gestritten wird. Noch
-niemals, außer vielleicht bei Eylau gegen die Preußen, habe ich es
-aber wieder erlebt, daß mit solcher Wut gefochten wurde, wie wir und
-die österreichischen Regimenter bei Austerlitz kämpften. Kolben und
-Bajonett wüteten furchtbar in ihren Reihen, und die weißen Koller
-färbten sich in kurzer Zeit blutigrot. Sie schienen in den Erdboden
-gewurzelt, und es genügte nicht, ihnen den Tod zu geben; jeder
-Erschlagene mußte noch umgeworfen werden, und der Gesichtsausdruck der
-Toten war ein grimmes Bedauern, daß sie nicht wieder aufstehen und
-weiterkämpfen konnten.
-
-Unterdessen hatte die Schlacht weitergetobt und auf der ganzen Linie
-hatten unsere Regimenter den Angriff erfolgreich vorwärts getragen.
-Das alle Kriegskundigen überstrahlende Genie des Kaisers feierte an
-diesem Tage einen seiner glänzendsten Triumphe! Er wußte, daß er
-sich auf sich selbst und auf seine Truppen verlassen konnte. Deshalb
-hatte er den rechten Flügel der Aufstellung nur schwach besetzt. Die
-Verbündeten trauten einem Napoleon wirklich den Fehler zu, daß er seine
-Rückzugslinie nicht genügend decken würde. So liefen die Russen wie
-Mäuse in die Falle und schickten große Massen auf diesen sumpfigen Teil
-des Schlachtfeldes, bis ihre Regimenter zwischen zwei große Seen und
-dem wasserreichen Goldbach eingekeilt waren.
-
-In diesem Augenblick wurden sie von den Truppen des Herzogs von
-Auerstädt angegriffen. Kaum hatte der Kaiser die durch den Marschall
-Davout gefährdete Lage der Russen und Österreicher erkannt, als er die
-ganze Garde und die Regimenter des Marschalls Soult von der Hochfläche
-herab in den Rücken des Feindes warf. Von der furchtbaren Blutarbeit,
-die zu dieser Minute begann, habe ich Dir, junger Kamerad, soeben
-erzählt. Die feindlichen Truppen entzogen sich zuletzt dem Gemetzel
-und ergriffen die Flucht. Ein Teil von ihnen geriet in die Sümpfe, der
-andere gedachte auf der Fläche zwischen den beiden Seen zu entkommen.
-Hier brachen aber unsere Reiterregimenter in ihre Flanke und hieben
-schonungslos auf die Fliehenden ein.
-
-Wir hatten unterdessen unsere Arbeit getan. Ausruhend standen wir nun
-auf einem Hügel seitwärts des in rauchenden Trümmern liegenden Dorfes
-und wischten mit den Fingern das tropfende Blut von den Bajonetten. Da
-sahen wir, wie einige Tausend Russen über den großen, zugefrorenen See
-flüchteten. Gerade als sie die Mitte erreicht hatten, ließ der Kaiser
-durch die Gardeartillerie das Eis einschießen. Unter gewaltigem Krachen
-barst die Eisdecke des Sees, und mit gellenden Hilferufen versanken
-Tausende von Flüchtigen mit Pferden, Wagen und Geschützen langsam in
-der eisigen Flut.
-
-Die darauffolgende Nacht wurde bei grimmiger Kälte im Freien zugebracht.
-
-Am andern Tage stand die Alte Garde schon frühzeitig auf den
-Biwakplätzen bereit, den Kaiser zu erwarten, -- die Adler vor den
-Bataillonen. Eine Stunde verstrich in fieberhafter Ungeduld, denn
-wir ahnten, daß sich heute für uns Bedeutendes ereignen würde. Keine
-Blutarbeit wie gestern, aber doch würde es ein großer Tag sein. Endlich
-sahen wir von der Ferne her den bekannten großen Reiterschwarm langsam
-auf uns zu reiten. Der Marschall gab das Zeichen zum Präsentieren,
-und einige Sekunden später nährte sich der Kaiser, von nur wenigen
-Generalen begleitet, im Galopp unserm Bataillon, während der große
-Haufen in respektvoller Entfernung zurückblieb.
-
-Als der Kaiser vor unserer Mitte angekommen war, hielt er das Pferd an
-und ließ die Augen eine Weile stumm auf uns ruhen. In diesem Schweigen
-standen die alten, schlachtenerprobten Soldaten vor ihrem Kaiser. Kein
-Laut wurde vernommen, aber Tausende von Herzen schlugen hörbar in der
-Brust, und Männer, von denen die meisten in ebensoviel mörderischen
-Schlachten, wie Du Milchbart Jahre zählst, dem Tod gleichgültig ins
-Gesicht gesehen hatten, zitterten in diesem Augenblicke wie Knaben.
-
-Da erhob sich der Kaiser, der uns zu dieser Stunde wie ein Gott
-erschien, in den Bügeln und begann mit weithin schallender Stimme zu
-sprechen. Er nannte uns die Männer der Pyramiden, Granitkolonnen von
-Marengo, er erinnerte sich unserer Tapferkeit bei Hohenlinden und
-sprach sein blindes Vertrauen zu seiner Alten Garde aus, bis er seine
-zündende Ansprache mit den Worten schloß: Grenadiere der Alten Garde,
-ich bin zufrieden mit Euch!
-
-Darauf ritt er zu dem nächsten Adler, schlang den Arm um den Schaft und
-küßte den alten Sergeanten, der das Siegeszeichen trug, auf die Wange.
-
-Bei diesem Beginnen vergaßen die Truppen die eiserne Disziplin; die
-Größe des Augenblicks riß alle hin. Tränen entstürzten den Augen der
-Männer, und der vieltausendstimmige Ruf zerriß das große Schweigen: Es
-lebe der Kaiser.
-
-Mit diesem Jubel können die Huldigungen, die treue Untertanen ihrem
-Fürsten, Soldaten anderer Nationen ihrem Führer darbringen, nicht
-verglichen werden; er entlud sich mit elementarer Kraft und einem
-Donnerton, gleich dem furchtbaren Ausbruch eines Vulkans. Jeder der
-Soldaten wußte, daß er diesem Manne ganz gehörte und daß er sich willig
-für ihn in Stücke hauen lassen würde. Denn dieser geheimnisvolle
-Seelenzwinger galt uns alles: Heimat, Familie, -- Gott!
-
-Einen Augenblick noch sah der Kaiser mit Wohlgefallen auf die immer
-wieder in laute Rufe ausbrechenden Bataillone. Dann wandte er langsam
-das Pferd und sprengte, von dem Donnerrollen der nicht endenwollenden
-Huldigungen begleitet, hinüber zu den Vierecken der jungen Garde.
-
-Siehst Du, mein junger Freund,« schloß der alte Gardist mit gehobener
-Stimme, »das ist der Kaiser!«
-
-Eine lange Weile verstrich, der Jüngling stand noch immer sprachlos.
-Das eben Gehörte hatte ihn so mächtig ergriffen, daß er die Herrschaft
-über seine Gefühle noch nicht wiedererlangt hatte. Endlich riß er sich
-von den vor seine Seele gezauberten Bildern mit einem gewaltigen Ruck
-los und rief erregt aus, während sein schlanker Körper bebte:
-
-»Pfui, wie ich ihn hasse, Euern Kaiser!«
-
-Mit einem lauten Zeichen des Unwillens und großen Erstaunens sah der
-Gardist offenen Mundes auf den Kameraden. Dann schüttelte er den Kopf
-und sprach mißbilligend:
-
-»Mäßige Dich, Knabe, Du sprichst im Fieber!«
-
-»Nein,« rief der Jüngling leidenschaftlich, »nein und abermals nein,
-ich rede nicht im Fieber, denn meine Gedanken sind klar wie die
-Eurigen. Aber ich wiederhole es, ich hasse Napoleon!«
-
-»Du bist noch ein halbes Kind,« versetzte der Gardist, »und hast das
-Schürzenband Deiner Mutter zu zeitig losgelassen. Ein anstürmendes
-Bataillon ist etwas Anderes als ein Schwarm augenklappernder
-Betschwestern, und der Krieg ist kein lustiger Zeitvertreib für
-großgewachsene Knaben, sondern ein ernstes Geschäft für Männer. Dem
-Feldherrn gebührt Ehre und Bewunderung! Schiltst Du Gott, daß er
-täglich Zwietracht unter die Menschen sät und sie erbittert gegen
-einander wüten läßt? Das, was einem Geisel dünkt, empfindet der Andere
-als Wohltat. Der Kaiser kämpft für die Herrlichkeit, für die Größe und
-für den Ruhm Frankreichs!«
-
-»Ihr seid verblendet,« antwortete der Jüngling ruhiger aber mit edelm
-Feuer. »Was Ihr bei ihm für hohe Ziele haltet, ist nichts weiter
-als Blutdurst und maßloser Ehrgeiz. O, welch furchtbares Verbrechen
-ist doch der Krieg! Die härteste Geisel, die über der Menschheit
-geschwungen werden kann, viel entsetzlicher als verheerende Hungersnot
-und Pest. Alles was göttlich ist im Menschen wird erstickt, und
-die bösen Leidenschaften kommen allein zur Entfaltung. Das Land
-ist verwüstet, zertreten die Frucht der Felder, niedergebrannt die
-Wohnungen der Bürger und Landbewohner, und in die Brust der Menschen
-ist herzzerreißender Jammer eingezogen. Die obersten Gesetze der
-Gottheit werden mit Füßen getreten, und mit ihrer gütigen Langmut
-treibt man frevelndes Spiel. Und wie segensreich, wie herrlich
-ist doch der Frieden! Heiter schreitet der Bauer, der Städter zum
-gedeihlichen Tagewerk. In bunter Pracht liegen die Fluren, die
-Schätze des Ackerbodens, und die Früchte des Baumes reifen im
-goldenen Sonnenstrahl. Stillfrohlockend betrachtet der Landmann
-die sich herabneigenden, körnerreichen Ähren, die wohlgenährten,
-glänzenden Tiere. Unter fröhlichem Scherzen und Singen rollen die
-hochaufgetürmten, schwankenden Wagen langsam auf den heimischen Hof,
-und die Scheunen und Keller vermögen den Segen kaum zu bergen.
-
-Und wenn dann nach getanem Tagewerk im Glanze der rötlich untergehenden
-Sonne der Gatte, der Vater um sich schaut, und die Blicke auf seinem
-fröhlichen, liebevollem Weib inmitten ihrer blühenden Kinder ruhen,
-da sieht er in ihren Augen ein wundersames Leuchten. Und während die
-Mutter in überquellender Liebe und Glückseligkeit die Kleinen an den
-Busen drückt, hebt in seinem Innern ein geheimnisvolles Jauchzen
-und Klingen an: -- der Gotteslohn für ein Leben weiser Mäßigung und
-unverdrossener Arbeit im Schutze des Friedens!«
-
-Der alte Gardist hatte den warmen Worten des Jünglings mit Andacht
-gelauscht. Als dieser geendet, sah er zu Boden und sprach mit einem
-Anflug von Weichheit:
-
-»Du hast die empfindsamste Saite in meinem Herzen berührt, Knabe. Denn
-wisse, auch ich habe ein liebes Weib und zwei herzige Kinder zu Hause.
-Sie sind mein Stolz und meine Freude und sollen mir einstmals Licht und
-Trost sein, wenn der Schnee des Alters meine Schläfen bedeckt und ich
-ihnen von dem großen Kaiser und unsern Ruhmestaten getreulich berichten
-werde. Das Bild des Friedens aber, das Du mir in gleißenden Farbentönen
-gemalt hast, ist so berückend schön, daß ich die Augen schließen muß,
-um es nicht mehr zu sehen, -- -- es möchte mir die Freude am Kriege
-vergällen! Das eine aber sage mir, Du wunderlicher Tropf: wie kommst
-Du in die Gemeinschaft des rauhen Kriegsmannes, wenn der Krieg Dir ein
-Greuel ist?«
-
-Der Jüngling sah bei dieser Frage hinauf zum Nachthimmel, wo kleine
-dunkle Wolkenfetzen noch immer über den Mond hinwegjagten, und er
-seufzte tief auf.
-
-Mit einem Klange voll Schmerz vermischt mit Wehmut sprach er:
-
-»Ja, darüber bin ich Euch nach meinen voraufgegangenen Worten
-Rechenschaft schuldig, und Ihr sollt sie mit wenigen Sätzen haben.
-
-Meine Heimat ist Baden. In einem tief eingeschnittenen Tale, dessen
-Hänge mit düsteren Tannen bewachsen sind, von der Kinzig durchbraust,
-weilt mein Liebstes auf Erden. Die Eltern sind mir frühzeitig
-gestorben. Dafür hat mir des Allmächtigen Güte ein anderes treues
-Herz geschenkt: ein seelenvolles Mädchen, das ich meine Braut nenne.
-Sie bewohnt zusammen mit ihrer Mutter ein kleines Häuschen, und
-die beiden Frauen ernähren sich rechtschaffen mit dem Flechten von
-Stroh. Erst im vorigen Jahre starb der Vater; er war Holzfäller und
-wurde von einem stürzenden Baume erschlagen. Unsern Herzen viel zu
-früh ist er dahingegangen, leider aber auch zu früh für die äußern
-Lebensbedingungen der Frauen, denn auf dem Häuschen lag noch eine
-Schuld von achtzig Talern, auf deren Rückzahlung der herzlose Gläubiger
-mit drohenden Worten drängte. Anstelle des friedlichen Gleichmaßes
-der Tage von früher, herrschte schwere Sorge in dem kleinen Hause,
-denn man sah voraus, daß der Unhold die Frauen aus ihrem lieben Besitz
-treiben würde. Die Mutter hätte das nicht überlebt! Ich selbst war arm
-und verdiente mit meiner Hände Arbeit nur das Notdürftigste. Helle
-Verzweiflung hatte sich meiner bemächtigt; da sandte Gott Hilfe.
-
-Der Lärm der Kriegstrommel hallte bis in unser stilles Tal. Dreihundert
-Franken zahlt der Franzosenkaiser jedem Freiwilligen, war in dem Aufruf
-zu lesen, der an der Tür des Gemeindehauses angeschlagen war. Im Nu war
-mein Plan gefaßt. So hoch war gerade die Summe, die der böse Gläubiger
-erhalten mußte. Die beiden Frauen weinten heftig und beschworen mich,
-von diesem Gedanken abzustehen, aber ich blieb fest. Ich ließ mich
-anwerben, und das Häuschen gehörte ihnen. Heimlich bei Nacht und Nebel
-verließ ich das Dorf, um ihnen den Abschied nicht allzuschwer zu
-machen. Vor wenigen Tagen erhielt ich die ersten Zeilen der Geliebten
-woraus ihr gutes und treues Herz zu mir spricht.
-
-Seht, so bin ich hierher gekommen. Ich verabscheue den Krieg, aber ich
-durfte ihn nicht meiden. Gott wollte es so!«
-
-Während der letzten Worte des Jünglings hatte sich auf dem schmalen
-Wege, der zum Turm führte, den Schildwachen ein Mann genähert, der ganz
-plötzlich aus dem Dunkel der Nacht aufgetaucht war. Jetzt stand er vor
-ihnen.
-
-»Die Wagen sollen beladen werden. Wenn die Wolken den Mond etwas frei
-lassen, fahren wir ab.«
-
-»Wer seid Ihr,« fragte der Gardist, den Mann mit argwöhnischen Augen
-betrachtend.
-
-»Kennt Ihr mich denn nicht?« antwortete dieser, »ich bin ja einer der
-Fuhrleute. Dort der Kräutlein ist mein Vater.«
-
-»Der Kräutlein?« versetzte der Gardist erstaunt. »Ich kenne doch den
-Kräutlein schon länger als zehn Jahre, aber nie habe ich gehört, daß er
-einen Sohn besitze.«
-
-»Laurentius Kräutlein aus Niederstopfenheim im Bayrischen ist
-wahrhaftig mein Vater,« wiederholte der Sprecher. Und wie er sah,
-daß der Gardist ihn noch immer ungläubig betrachtete, fügte er mit
-angstgepreßter Stimme hinzu: »Das schwöre ich Euch, so wahr ich selig
-werden will und bei dem Andenken an meine -- unglückliche Mutter!«
-
-»Es ist gut,« sagte der Gardist, »tut was Euers Amtes ist.« Bei diesen
-Worten streifte er den Lederriemen ab, an dem der Schlüssel um seinen
-Hals hing und übergab ihn dem Fremden. Dieser ergriff hastig den
-schweren Schlüssel, drehte ihn im Schloß um, öffnete die Tür ein Stück
-und tat einen Schritt vorwärts.
-
-In diesem Augenblick senkte der Gardist das Bajonett und forderte die
-Parole.
-
-Keiner der beiden Soldaten ahnte, was für einen unbeschreiblichen Sturm
-diese Aufforderung in der Seele des Burschen blitzschnell entfesselt
-hatte. Er verstand nicht, was die Schildwache von ihm verlangte, seine
-Klugheit gebot ihm aber, nicht darnach zu fragen, denn mit solchem Wort
-mußte er sich sofort verraten. Als Spion würde man ihn packen und am
-nächsten Morgen vor der erstbesten Gartenmauer niederknallen, -- das
-wußte er. Aber, wennschon, das war ja nicht das Schlimmste. Doch sein
-Plan, sein wunderschöner Plan, den er bisher so vortrefflich hatte
-ausführen können; sollte er in der letzten Sekunde, einen Schritt vom
-Ziel entfernt, noch scheitern? Das Blut staute in seinem Hirn, und sein
-Schädel drohte zu zerspringen.
-
-Da huschte eine Erinnerung an seiner Seele vorüber: als vorhin in
-der Dunkelheit Schritte ertönten, hatte da die Schildwache an der
-Straße nicht dasselbe gefragt? Parole? Ja, beim Himmel, so hatte es
-geklungen! Und was hatte der Unbekannte darauf geantwortet? Ein neuer,
-siedendheißer Strom schoß ihm zu Kopfe, und vor seinen Augen begann es
-zu flimmern.
-
-Dieser ganze Vorgang hatte sich in dem Hirn des Burschen so
-blitzschnell abgespielt, daß die Schildwachen noch keine Veranlassung
-hatten, Verdacht zu schöpfen. Jetzt stieß der Zögernde die schwere
-Bohlentür heftig auf, sagte mit heiserer Stimme »Jena!« und stolperte,
-als das Gewehr des Gardisten den Eingang freigab, in die schwarze,
-gähnende Finsternis hinein.
-
-Der junge Soldat war durch das Erscheinen des Fremden aus seinen lieben
-Erinnerungen herausgerissen worden. Jetzt versenkte er sich von neuem
-darein.
-
-»Gebe Gott,« seufzte er, »daß der Krieg recht bald endige, mein Lieb
-daheim bekommt vor Angst und Gram blasse Wangen.«
-
-»Mein junger Freund,« versetzte der Gardist mahnend, »wie aber dann,
-wenn Ihr nicht wieder heimkommt? Im Kriege ist einem ein plötzlicher
-Tod ja weit näher als in Friedenszeiten.«
-
-Der Jüngling fuhr verstört auf und blickte den alten Soldaten mit
-angstvollen Augen an:
-
-»Geht,« stieß er hervor, »seid nicht so grausam. Ihr habt mir da einen
-schönen Schreck eingejagt. Nein, wie könnte ich denn sterben? Ich will
-ja noch Hochzeit feiern und glücklich sein. Ihr dürft nicht so garstig
-sprechen!«
-
-»Nun, nun,« beschwichtigte jener gutmütig, dem die Unruhe des Jünglings
-nicht entgangen war, »freilich sollt ihr noch lange leben. Ich will es
-doch auch, denn ich muß ja noch meinen Enkeln von den Taten des großen
-Kaisers künden.«
-
-Über den Köpfen der beiden Schildwachen hatte in diesem Augenblick ein
-gespenstisches Rauschen und Flattern begonnen. Allerlei Nachtgevögel
-war durch eine unbekannte Ursache aufgeschreckt worden. Die Tiere
-hatten ihre Löcher im Mauerwerk verlassen und flogen mit hastigen
-Flügelschlägen am Turm auf und nieder. Nur ein Käuzchen saß noch in
-seinem Spalt und rief durchdringend zweimal rasch nacheinander: Kommit,
-Kommit!
-
-Der alte Gardist hob den Kopf, um nach dem Mahner zu sehen und sagte
-mit belegter Stimme:
-
-»Das ist der Totenvogel!«
-
-Da konnte der Jüngling aber seine Erregung nicht mehr meistern.
-Er griff hastig in die Tasche seines Uniformrocks und brachte ein
-zerknittertes Blatt Papier hervor. Mühsam las er dann im Mondenlicht
-mit lauter Stimme:
-
-»-- -- -- ich flehe allabendlich die heilige Jungfrau für Dich an.
-Mein Gebet dringt bis zu den Stufen des Allerhöchsten. Er wird Dich
-beschützen. Glaube mir das, Geliebter meines Herzens -- -- --!«
-
-»Hört Ihr,« jubelte der Jüngling, »ich werde wohlbehalten zu ihr
-zurückkehren -- --«
-
-In diesem Augenblick trat ein Ereignis ein, durch das die Menschen
-weit in der Runde erschreckt wurden: an der östlichen Seite des
-Schlosses sprühten Myriaden von Funken hochauf, und aus Nebel und
-undurchdringlichem Rauch stieg eine riesengroße Feuergarbe kerzengleich
-zum Himmel empor, begleitet von einem gräßlichen Donnerschlage. Der
-Boden erzitterte wie bei einem Erdbeben, und Steine und Erdschollen
-wurden mit solcher Kraft in die Höhe geworfen, als wenn der weite
-Himmelsbogen gesprengt werden solle. Unter gewaltigem Getöse fielen die
-aufgewirbelten Steinmassen wieder zu Boden. Dann war es totenstill wie
-zuvor. Nur ein Regen von Staub und Asche rieselte langsam auf die Erde
-herab, und die Luft erfüllte starker Schwefelgeruch.
-
-Unten aber, am Fuße der Bodensenkung, wo die Schar der Fuhrleute
-schlief, wurde es lebendig. Laute Rufe erschollen. Sie rissen die
-brennenden Scheite aus dem Feuer, eilten die Anhöhe hinan und
-beleuchteten den Platz. Aber sie fanden sich nicht zurecht, es war
-alles ganz anders als vor ihrem Schlafe. Der dicke, steinerne Turm,
-der ihr Pulver barg, war verschwunden, der Fuhrmann, der hier oben die
-Wache gehalten hatte, das Feuer, die Wagen, die beiden Schildwachen,
--- -- alles war verschwunden. Die hohen Bäume, die in der Nähe
-gestanden hatten, waren dicht über dem Erdboden abgeknickt und weit
-fortgeführt. Nur hier und da lag ein weißer Sandsteinquader aus dem
-Gefüge des Turmes. Sonst war nichts zu sehen.
-
-Es war, als wenn ein Gigant aufgestanden wäre, der mit einem eisernen
-Besen alles hinweggefegt hätte.
-
-
-
-
-23. Kapitel.
-
-
-Der Sonntagmorgen brach an. Schon zu früher Stunde eilten die
-Dorfbewohner ins Freie und betrachteten mit Neugierde und Grausen das
-Bild der Verwüstung.
-
-Der letzte der beiden Schloßtürme war von seinem Platze verschwunden.
-Alle Steine, die ihn gebildet, lagen weit verstreut auf der Erde,
-und selbst die tiefen Grundmauern hatte die zerstörende Kraft des
-Pulvers zerrissen. Der anstoßende Flügel des Schlosses war in sich
-zusammengestürzt, und die Mauern des weiter nach dem Mittelbau zu
-gelegenen Teils durchzogen vom Dach bis zum Boden herab breite Risse.
-Seit jener Nacht, in der der westliche Turm einstürzte und Oskar von
-Tiefenbach mit seinem Bruder Egbert das Schloß verlassen hatte, um
-den Freihof zu beziehen, war dieser Flügel des Schlosses allmählich
-zerfallen. Nun lag auch das letzte Wahrzeichen des alten Baues in
-Trümmern, und nur ein kleiner Teil war noch bewohnbar.
-
-Aber soweit bekannt, waren Leute aus dem Dorfe der verheerenden
-Explosion nicht zum Opfer gefallen, und in die ehrfürchtige Scheu
-vor der furchtbaren Gewalt der Elemente mischte sich innerliches
-Frohlocken. Was tat es, daß der steinerne Riese nicht mehr war!
-Allzulange hätte er der zerstörenden Zeit doch nicht mehr standhalten
-können, nachdem an vielen Stellen der Mauerfraß den Turm schon sehr
-geschwächt hatte. So war er denn von seinem Platze gewichen wie ein
-heldenmütiger Krieger, der in der Schlacht fällt. Die dritthalbhundert
-Zentner Pulver und Geschosse, die in seinem weiten Bauche
-aufgespeichert waren, hatten sich mit einem einzigen Schlage entzündet,
-anstatt in mörderischer Feldschlacht hundertfachen Tod in die Reihen
-der deutschen Kämpfer zu tragen. -- Gottlob!
-
-Auf welche Weise die Entzündung erfolgt sein mochte, wußte niemand. Die
-französischen Schildwachen hatten mit einer dichten Postenkette rund
-um das Schloß scharf Wache gehalten, so daß es wohl keinem gelungen
-sein konnte, sich zwischen ihnen hindurchzuschleichen. Außerdem hatte
-vor der Tür des Turmes ja noch ein Doppelposten gestanden, wodurch es
-unmöglich gewesen war, zu dem Pulver zu gelangen. Man glaubte deshalb
-an eine Selbstentzündung der Sprengstoffe aus unbekannten Gründen.
-
-Noch in der Nacht hatten sich die Fuhrleute auf die Pferde geschwungen
-und waren, von den französischen Soldaten begleitet, zum Dorf
-hinausgeritten, auf Leipzig zu. Vermutlich hatten sie geglaubt, der
-weithin vernehmbare Donnerschlag der Explosion könne feindliche Truppen
-herbeiziehen, die ja zufolge Nachrichten der Landleute in geringer
-Entfernung vom Dorfe stehen sollten.
-
-Lange konnten die Rehefelder aber nicht an der Trümmerstätte verweilen.
-Heute war ja der letzte Tag, an dem sich die kühnen Männer noch im
-Kreise ihrer Lieben befanden, morgen mit Tagesgrauen wollten sie das
-Dorf verlassen. Deshalb sollte heute Vormittag, nachdem die Tiefenbachs
-sich vor dem Altar Treue fürs Leben gelobt hatten, die Einsegnung der
-Davonziehenden stattfinden.
-
- * * * * *
-
-Max hatte mit beklommenem Mute sein Hochzeitsgewand angetan. Nur wenige
-Stunden sollte es ihm vergönnt sein, sein junges Weib an seiner Seite
-zu wissen, dann riß ihn das Schicksal von ihr fort, -- hinein in den
-opfervollen Kampf. Würde er sie wiedersehen? War es recht von ihm, wenn
-er schon am Morgen nach dem Hochzeitstage sein Weib verließ? Hatte
-er richtig gehandelt, als er sich Konrad mit Leib und Seele verband,
-als er den Plan faßte, wider den alten Feind mit zu Felde zu ziehen?
-Gab es nicht eine große Anzahl anderer Männer im Lande, die niemand
-zurückließen, dem ihr Scheiden großen Schmerz bereitete? Mußte es denn
-wirklich sein, daß er sein eben angetrautes Weib allein ließ, um für
-die Freiheit der deutschen Stämme zu streiten?
-
-Solche Anfechtungen überkamen den Mann zu dieser Stunde und bedrückten
-ihn schwer. Kein tröstender Gedanke, wie er sich auch nach ihn
-abmühte, wollte ihm als Retter in schwerer Not erstehen, und in
-seiner Niedergeschlagenheit mutete es ihn an wie ein Rätsel, wenn er
-daran dachte, daß ihn bisher diese Bedenken nicht heimgesucht hatten.
-Noch bis gestern war er bei dem Gedanken an den Ausmarsch freudig
-erregt gewesen, aber heute, an seinem Hochzeitstage, war es ihm doch
-wunderlich ums Herz.
-
-Da erinnerte er sich plötzlich der Worte der Geliebten, die sie in
-jener Stunde gesprochen, als er ihr seine Absicht, mit auszuziehen,
-kundgetan: ich hätte Dich nicht verstanden, wenn Du hier geblieben
-wärst! Jetzt wich die Verzagtheit von ihm, und sein bänglicher Mut
-richtete sich auf. Das freudige Gefühl, das ihn in den letzten Wochen
-nicht verlassen hatte, beseelte ihn aufs neue. Ein warmer Strahl brach
-aus seinem Auge, als er die Worte Marias leise vor sich hin sprach,
-und Stolz schwellte seine Brust bei dem Gedanken an sein hochherziges,
-tapferes Mädchen.
-
-Rasch und ungeduldig beendete er seinen Anzug und schlug mit hastigen
-Schritten den Weg nach dem Schlosse ein.
-
-Ihre Hochzeit sollte ohne laute Feier stattfinden, denn der Ernst des
-Tages ließ keine sprudelnde Fröhlichkeit aufkommen.
-
-Als Max das Schloß betreten hatte, wurde er von Marias Tante empfangen,
-die ihn davon benachrichtigte, daß ihn die Braut schon erwarte. Schnell
-begab sich Max nach der Geliebten Zimmer. Schon streckte er die Hand
-aus, die Tür zu öffnen, da hörte er Maria drinnen mit ihrer herrlichen
-Altstimme dieselbe schwermütige Weise anstimmen, die die Mädchen im
-Dorfe in diesen Tagen so oft sangen:
-
- Eng im Glanz des Mondenschein
- Hielt die Liebste er umschlungen,
- Leis zu ihren Schelmerein
- Hat Frau Nachtigall gesungen.
-
- Stehe still, o Wonnezeit,
- Holde Zeit der Lust und Freude!
- Doch wie schnell weicht Seligkeit,
- Kehrt sich Lust zu bitter’m Leide.
-
- Starr im Glanz des Mondenschein
- Ruht er auf dem Feld der Ehre,
- Leis vom Aug’ des Mägdelein
- Löst sich eine blut’ge Zähre.
-
-Max überkam bei dem Klange dieses Liedes eine Anwandlung unendlicher
-Wehmut. Er glaubte aus den Tönen den Trennungsschmerz herauszuhören,
-den Maria fühlte. Leise öffnete er die Tür, -- da stockte sein Fuß auf
-der Schwelle, denn das liebliche Bild, das sich ihm bot, hielt ihn im
-Bann.
-
-In dem geräumigen Erkerzimmer mit den schweren, eichenen Möbeln aus
-einer längst vergangenen Zeit, stand Maria an eine den Erker tragende,
-geschnitzte Säule gelehnt, nahe beim Fenster im bräutlichen Schmuck.
-Sie trug ein schlichtes, weißes Wollenkleid, das sich weich anschmiegte
-und das herrliche Ebenmaß ihres jungfräulichen Körpers ahnen ließ. Von
-der rechten Schulter wand sich nach der Mitte der Brust eine frische
-Ranke von Myrthenblüten, und die glänzenden, braunen Zöpfe, die, wie
-Maria es liebte, rund auf dem Scheitel aufgesteckt waren, trugen eine
-zierlich geflochtene Myrthenkrone. Mit dem Arm hatte sie leicht die
-Säule umschlungen, während ihre Augen sinnend hinaus in die Weite
-gerichtet waren. Das feingeschnittene Profil und die edle Linie des
-Halses, den das Kleid freiließ, zeichneten sich von dem lichtvollen
-Hintergrunde rein ab. Ein goldener Morgenstrahl der Oktobersonne drang
-durch die Butzenscheiben im oberen Teile des breiten Fensters und küßte
-ihren braunen Scheitel. Von der Erscheinung der zu herrlichster Pracht
-sich erschließenden Mädchenblüte ging eine reine Harmonie aus, und
-das Gesicht der Jungfrau verkündete schmerzliche Innigkeit, die nach
-Seelenstärke begehrte.
-
-Max stand lautlos und hielt den Blick unverrückt auf Maria gerichtet,
-um die Erinnerung an dieses wunderbare Bild seinem Herzen tief
-einzuprägen. Mehrere Sekunden blieben seine Augen an der Erscheinung
-hängen, -- da wandte Maria sich von ungefähr um und machte dabei eine
-leichte Bewegung des Erschreckens, als sie die männliche Gestalt auf
-der Schwelle gewahrte. Im nächsten Augenblick aber und noch bevor Max
-seine Erstarrung abschütteln konnte, flog Maria auf ihn zu und schlang
-leidenschaftlich die Arme um seinen Hals.
-
-»Geliebter,« sagte sie mit fliegendem Atem, »ach, wie froh ich bin,
-daß Du endlich bei mir bist. Ich habe mich um Deinetwillen so sehr
-geängstigt!« Und das klopfende Herz, das Max an dem seinen fühlte,
-bestätigte ihm die Wahrheit ihrer Worte.
-
-Max trat in das Zimmer, küßte seine Braut zärtlich und sprach: »Hat
-der Schmerz des Abschieds mein Lieb schon sobald heimgesucht? Sei mein
-tapferes Mädchen wie immer und vertraue dem gütigen Geschick, daß es
-uns ein Wiedersehen feiern lassen wird.«
-
-»Wiedersehen? Ach! Wo werden wir uns wiedersehen?« sprach Maria leise
-und gedankenvoll, den Blick zu Boden geschlagen. »Aber Du irrst,
-Geliebter,« fuhr sie alsbald lebhafter fort, »der Schmerz der Trennung
-ist es nicht gewesen, der mir so viel Schrecken eingeflößt hat, sondern
-ein böser Traum, der mich am frühen Morgen heimsuchte.«
-
-Mit diesen Worten waren sie zum Erker geschritten und ließen sich nun,
-die Arme einander um die Schultern gelegt, auf der Ruhbank am Fenster
-nieder.
-
-»Gegen Mitternacht,« begann Maria, »vernahm ich plötzlich im Schlafe
-eine ungeheure Erschütterung, gleich dem Krachen eines Kanonenschusses,
-der in kurzer Entfernung von mir abgefeuert wurde. Die Fenster
-klirrten, und es war einen Augenblick, als ob die schwankenden
-Wände über mir zusammenstürzen wollten. Da trat nach einer bangen
-Viertelstunde die Tante ins Zimmer und erzählte, daß der Schloßturm,
-in dem das französische Pulver lagerte, in die Luft geflogen sei.
-Heute morgen habe ich versucht, den Ostflügel zu betreten. Aber man
-kann nicht weit darin vordringen, denn die Gänge sind verschüttet und
-die Mauern eingestürzt. Viel Schaden ist damit nicht angerichtet; der
-Flügel war ja schon wegen seiner Baufälligkeit seit langem nicht mehr
-bewohnt und geräumt. Daß der alte, verwitterte Geselle ein solches Ende
-finden mußte! Gerade er, glaubte ich, würde am längsten trotzen.
-
-Lange mußte ich über den rasch fortschreitenden Verfall des Schlosses
-unserer Väter nachdenken, bis ich endlich wieder den Schlummer fand.
-Da fuhr ich mit einem Male von neuem auf. Diesmal aber war ein
-schrecklicher Traum die Ursache.«
-
-»Träume sind leichte Gesellen,« tröstete Max. »Unstät und ohne Skrupel
-um die Wahrheit dessen, was sie künden, führen sie ein wahrhaftes
-Zigeunerleben. Bald bei diesem, schnell wieder bei jenem, statten sie
-den Menschen ihre schattenhaften Besuche ab, wispern dem Unglücklichen
-berauschende Worte ins Ohr, die ihm märchenhaftes Glück prophezeien,
-oder gaukeln ihm die lieblichsten Bilder vor die Seele, während sie
-den, dem ein froheres Erdenlos zuteil ward, mit bösen Vorstellungen
-schrecken und seinem fröhlichen Sinn die Quelle abgraben. Erwacht dann
-jener vom Schlummer, so bemerkt er mißmutig, daß ein schöner Traum
-ihn geäfft, der sein Elend mit einem goldenen Mäntelchen umkleidet
-hatte, und schlägt dieser die Augen zum Morgenlicht auf, so beschleicht
-ihn blasse Furcht, und der Schwache überträgt die Schrecknisse
-seiner Phantasie nur allzuwillig auf das Leben des Alltags. Träume
-sind Seifenblasen, mein Lieb! Ihre Oberfläche ist schillernd und
-versprechend, im Innern aber sind sie hohl. Und will man sie schärfer
-ins Auge fassen, zerspringen sie, und nichts bleibt mehr übrig von
-ihnen als der winzige Tropfen, der herabfällt, und den der durstige
-Sand begierig aufsaugt.«
-
-»Mein Bräutigam,« versetzte Maria mit leise wieder aufkommender
-Fassung. »Du Lieber, Guter, wie vortrefflich Du Dich doch aufs Trösten
-verstehst! Sieh, wenn Du bei mir bist, ist mir nie bange. Wenn Du aber
-fern von mir weilst, dann schleichen leicht trübe Ahnungen mir in die
-Seele, und meine Phantasie nimmt geschäftig die Fäden auf und spinnt
-sie ineinander. Und der bunte Teppich, den sie also gewoben, zeigt
-zuweilen gar kein freundliches Bild.«
-
-Maria hielt im Sprechen inne, und eine Glutwelle färbte ihr Gesicht
-purpurn, als sie mit stockender Stimme leise bat: »Max, -- küsse mich!«
-
-Bewegt beugte sich Max nieder und drückte in ehrfurchtsvoller Scheu die
-Lippen auf Marias reine Stirn.
-
-Mit unendlicher Zärtlichkeit schlang das Mädchen seinen Arm um den Hals
-des geliebten Mannes und legte die Stirn an seine Wange.
-
-»Ach, Max,« fuhr sie fort, »der böse Traum hat mich aber auch
-allzusehr erschreckt. -- Ich sah Dich in schwerer Gefahr. Du saßest
-in schwankendem Boot und strengtest alle Deine Kräfte aufs äußerste
-an, das Ufer des Sees zu erreichen. Aber der Sturm tobte mit
-unbeschreiblicher Heftigkeit, und die Wellen gingen so hoch, daß das
-tanzende Schifflein oft meinen Augen entschwand. Ich stand am Rande
-des Ufers und schrie in meiner Seelenangst laut auf und rang in
-Verzweiflung die Hände, denn ich sah, wie die Kraft der entfesselten
-Elemente Deiner übermenschlichen Anstrengungen spottete. Der Raum
-zwischen Dir und mir ward immer größer, und die Wellenberge, die
-mich von Dir schieden, türmten sich immer höher auf. Da machte ich
-im Schlafe eine heftige Bewegung und erwachte, in Schweiß gebadet.
-Rosiges Morgenlicht erfüllte das Zimmer und rief mir zu, daß ich ja
-nur geträumt habe. Aber meine Sinne waren noch lange im Banne der
-nächtlichen Erscheinung. Und als ich dann die brennende Stirn mit
-frischem Wasser kühlte und dabei wie von selbst die Augen schloß, --
-gleich war er wieder da, der schlimme Spuk und erschreckte meine Seele
-aufs neue. Ach Max,« bat das Mädchen flehend, -- »küsse mich wieder!«
-
-Max war von Marias qualvoller Angst gerührt. Mit überschäumender
-Herzlichkeit küßte er sie und preßte ihren Kopf zärtlich an seine Brust
-und sprach ihr begütigende Trostworte zu.
-
-»Du lieber Mann, Beherrscher meiner Seele, wie lieb ich Dich doch
-habe!« sagte Maria, sich eng an ihn schmiegend. »Aber nicht wahr,«
-fügte sie rasch hinzu, indem sie ihm mit Innigkeit und neu erwachter
-Stärke in die Augen sah, »wie es auch kommen mag, Geliebter meines
-Herzens, laß uns in unerschütterlichem Vertrauen auf Gott bauen!«
-
-»Ja, wir wollen unsere Zukunft in seine Hände legen,« antwortete Max
-und erhob sich. »Aber jetzt komm mein Lieb, reiße Dich heraus aus
-den ängstigenden Vorstellungen, die Deine Seele bedrücken. Laß uns
-miteinander fröhlich sein, den heute ist ja unser Hochzeitstag! Und nun
-gehen wir zur Kirche, auf daß der Himmel um seinen Segen für unsern
-Bund angefleht werde.«
-
-»Ach, Du tust recht daran, Geliebter,« antwortete Maria, »mir diesen
-schönen Gedanken in die Seele zurückzurufen. Ja, heute ist mein
-Hochzeitstag,« sagte sie leise wie im Selbstgespräch, während ihr
-Blick wieder durch das Fenster in das weite Land hinein schweifte und
-sich träumerisch verlor. Das Mädchen vergaß den Ort und ihre Umgebung
-für einen Augenblick. Ihre Lippen lispelten leise Worte, und auf dem
-Gesicht spielte ein sonniges Leuchten. Da verschwand plötzlich der Zug
-des Glückes von ihrem Antlitz, und der verstörte Ausdruck geheimer
-Angst trat wieder an seine Stelle. Mit einem leidenschaftlichen
-Aufschrei warf Maria wie bei Maxens Eintreten die Arme um seinen Hals
-und flehte zitternd wie ein Kind und mit bebender Stimme:
-
-»Trübe Ahnungen beschleichen mir die Brust; Max, -- -- küß mich noch
-einmal!«
-
-Da kam dem starken Mann doch eine tiefere Rührung an, als sich
-in bewegten Augenblicken sonst bei ihm einzustellen pflegte. Mit
-zitternden Händen griff er nach dem Mädchen, drückte die heftige
-Schauernde an sich und bedeckte Stirn, Augen und Mund mit ungezählten
-Küssen.
-
- * * * * *
-
-Wenn in späteren Jahren die um die Zeit unserer Erzählung jungen Männer
-als Greise von der Einsegnung der dreizehn Freiwilligen erzählten, dann
-unterließen sie nie, hinzuzufügen: keiner aus dem Dorfe fehlte; der
-schwerkranke Sägemüller ließ sich von seinen zwei mitausmarschierenden
-Söhnen im Bett in die Kirche tragen, und drei Tage darauf starb er.
-
-Das Gotteshaus war mit Andächtigen dicht gefüllt. In allen Gängen, rund
-um den Altar und in den offenen Türen und Fenstern standen oder saßen
-sie. Die Mütter hielten die Kleinsten auf dem Arm, und alle verharrten
-in andächtigem Schweigen. Eine hohe Feststimmung hatte sich auf die
-einfachen Menschen herabgesenkt, von denen jeder einzelne stolz auf
-die Männer schaute, die in einer Reihe dicht vor den Stufen des Altars
-Platz genommen hatten.
-
-Feierlich begann die Glocke auf dem Turm des Kirchleins zu läuten,
-und die Worte, die der metallne Mund rief, hielten bedeutungsvolle
-Zwiesprache mit der Stimme im Busen eines jeden der Andächtigen. Leise
-setzte zu einem feierlichen Präludium die Orgel ein, bis endlich die
-herrliche Melodie des Hauptliedes des heutigen Gottesdienstes durch
-die Kirche brauste. Ein paar gedrängte Augenblicke, und dann fielen
-die Stimmen ein. Alle Kümmernis, die diese Menschen bedrückte, und
-alle Bitten nach Tröstung und göttlicher Hilfe ergossen sich aus ihren
-Herzen in die Worte des Psalms: Alles was Odem hat, lobe den Herrn!
-
-Da erschien Pastor Reinerz am Altar. Er hatte eine schwere Krankheit
-hinter sich und übte heute zum ersten Male wieder sein Amt aus. Mühsam
-waren seine Schritte, mit denen er die Stufen hinaufging. Als er aber
-wieder an seinem lieben Platze stand, den er vor vierzig Jahren das
-erste Mal betreten hatte, als er die Melodie seines Lieblingschorales
-vernahm, und als er um sich schaute und die dichtgedrängte Menge
-gewahrte, da wurde ihm, ach, so warm ums Herz. Seine Augen blitzten vor
-Freude, und die bleichen Wangen und seine Stirn überzog eine feine Röte.
-
-Nachdem das Lied zu Ende gesungen war, traten Max und Maria zum
-Altar. Hochaufgerichtet stand hinter ihnen die Freihoferin und neben
-ihr Marias Tante. Als Trauzeugen dienten die Base Marias und Konrad
-Hartmann.
-
-Auf dem lieblichen Antlitz der Braut lagen Demut und Ergebung. Und als
-Pastor Reinerz von ihr zu wissen verlangte, ob sie gewillt sei, ihren
-Vetter Max von Tiefenbach zu ehelichen und fürderhin Freud und Leid mit
-ihm zu teilen, da klang aus ihrem Munde ein freudiges Ja. Aller Augen
-hingen an der holden Erscheinung, und schon jetzt wurde mancher Blick
-feucht beim Anblick der Braut eines morgen ausziehenden Kriegers, und
-mancher Mund flüsterte: Du armes, armes Weib!
-
-Als die Trauungszeremonie beendet war, sprach Pastor Reinerz vom Altar
-aus die Predigt.
-
-Wenn einem aus der Gemeinde etwas das Herz bedrückte, dann wußte er,
-daß er in der Sonntagspredigt Trost und Erbauung erhalten würde. Pastor
-Reinerz war kein glänzender Kanzelredner. Seine Worte flossen ihm
-nicht von den Lippen, sondern rangen sich zuweilen mühsam von seinem
-Munde. Aber er sprach eindrucksvoll und öffnete mit seinen Worten den
-innersten Schrein der Menschen und übte eine tiefe Wirkung aus. Seine
-Art zu sprechen war überraschend einfach, und gerade deshalb klang die
-Predigt im Innern der Zuhörer noch lange nach. Heute hatte er einen
-Stoff, den er meisterhaft zu behandeln verstand.
-
-Er sprach von der schweren Prüfung, die dem Lande noch immer auferlegt
-sei, von dem gewaltigen Ringen der Völker um Freiheit und Heimaterde
-und führte die atemlos Lauschenden allmählich bis zu den Geschehnissen
-der jüngsten Tage. Ein Sturm der Begeisterung fege durch das Land, man
-erwache aus einem verhängnisvollen Schlummer, und überall schicke man
-sich in letzter Stunde an, das Versäumte gutzumachen. Auch hier in der
-Gemeinde seien mutige Männer aufgestanden, die in diesen großen Tagen
-nicht müßig bleiben wollten.
-
-Bei diesen Worten lief eine leise Bewegung durch die dichtgedrängten
-Zuhörer, den man fühlte, daß jetzt der Höhepunkt der Feier nahe.
-
-Mit einem kurzen Gebet, in dem er die Geschicke des Landes und des
-sächsischen Volkes der Gnade des Allbarmherzigen empfahl, schloß Pastor
-Reinerz seine Predigt.
-
-Dann erhoben sich die Dreizehn, traten enganeinandergeschart zum Altar
-und knieten auf den Stufen nieder, um den Segen zu empfangen.
-
-Ein heißer Strahl ergoß sich in die Brust eines jeden der Versammelten,
-und man drängte sich und hob die Köpfe, um die Knieenden nicht aus den
-Augen zu verlieren. Es war ein erhebender Augenblick!
-
-Mancher verbarg seine Rührung, in Vieler Augen aber glänzten Tränen.
-Sie gingen ja, um für das Vaterland zu streiten, das war das Tröstende,
-aber -- sie gingen! Keiner verspürte das Verlangen, sie zurückzuhalten,
-aber weinen mußte man sie lassen. War doch manche alte Mutter, manches
-junge Weib, manches zarte Kind unter den Versammelten, die verlassen
-wurden!
-
-Markig, doch aus tiefer Bewegung heraus, klangen die Worte des
-Geistlichen, und das Ergriffensein ihres verehrten Pfarrers teilte
-sich der Gemeinde mit; die Weiber schluchzten und die Kinder weinten.
-Die Erschütterung wuchs, und reichliche Tränen flossen, als er die
-Männer segnete. Wie darauf Pastor Reinerz aber davon sprach, daß die
-vaterlosen Kindlein Gott am nächsten stünden, da brach plötzlich die
-bebende Stimme des Greises, und der Jammer übermannte die Versammelten,
-und das Schluchzen wurde so stark, daß der Geistliche wohl minutenlang
-nicht weitersprechen konnte. Zugleich mit dem Schmerz erfüllten aber
-heiliger Zorn und Empörung gegen die Bedrücker Aller Brust, und aus den
-Seelen der Hartgeprüften rang sich zum Himmel empor der flehentliche
-Schrei: »_Herr, mach’ uns frei!_«
-
-Dann erklang die Orgel von neuem, und die Gemeinde stimmte mit Inbrunst
-das Lied an: »Befiehl Du Deine Wege, und was dein Herz nur kränkt, der
-der allertreusten Pflege des, der den Weltkreis lenkt --«
-
-Hierauf leerte sich langsam das Gotteshaus.
-
-
-
-
-24. Kapitel.
-
-
-Die Männer hatten sich zu einer letzten Besprechung nach dem
-Gottesdienst in die Schenke verabredet, da der übrige Teil des Tages
-den Angehörigen gewidmet sein sollte.
-
-Max hatte die Seinen nach dem Freihofe zurückbegleitet und fand, als
-er nach kurzer Zeit in die Wirtsstube trat, alle schon versammelt.
-Das halbe Dorf war auf den Beinen und umlagerte den Gasthof, und die
-Neugierigsten unter der Jugend umdrängten die Fenster und versuchten
-zu erfahren, was drinnen beschlossen wurde. Auch lief das Gerücht
-herum, daß eine französische Patrouille von fünf Reitern außerhalb des
-Dorfes gesehen worden sei und den Schauplatz der Verwüstung besichtigt
-hätte. Sodann seien die Reiter beim Schwedenloch abgesessen und hätten
-dort auch ihre Pferde gefüttert. Die Zaghaften unter den Einwohnern
-aber sagten, Pferde in der Nähe des Schwedenloches wären keine gute
-Vorbedeutung, und die den Lebenden von Mund zu Mund überlieferte
-Erzählung des Ursprungs dieser Stätte wurde wieder aufgewärmt.
-
-Mit dem Schwedenloch verhielt es sich nun folgendermaßen.
-
-Vor etwa zweihundert Jahren war, vom Erzgebirge her kommend, ein
-unbekannter Mann im Dorfe erschienen. Der Fremde behauptete, er sei
-ein großer Bergverständiger und habe schon manchem dadurch zu Reichtum
-verholfen, daß er auf seinem Besitz eine schwere Silberader entdeckte.
-Die Gegend um Rehefeld erscheine ihm versprechend, und er werde
-versuchen, hier nach Silber zu graben.
-
-Darüber lachten die Bauern, weil sie dachten, der Fremde sei ein
-Spaßmacher. Aber dieser verfügte über eine gute Zunge, und als er zu
-ihnen von dem Reichtum sprach, den selbst ein kleiner Silberbergbau
-abwerfe und mit lebendigen Worten die freudige Überraschung zu
-schildern verstand, die in andern Gegenden die hartnäckigsten Zweifler
-angesichts der reichen Ausbeute der von ihm gegrabenen Schächte nach
-kurzer Zeit überkommen sei, da wurden die Bauern nachdenklich. Das
-Lachen verschwand von ihren Gesichtern, und sie kraulten sich bedächtig
-hinter den Ohren, und einer fragte den andern, ob er sich mit ein paar
-Hundert Talern etwa beteiligen würde. Anfänglich schien niemand dazu
-geneigt. Als aber der Schätzesucher hoch und teuer beschwor, daß sich
-das Geld über Nacht zwanzig- und dreißigfach verzinsen könne, und er
-davon sprach, bei längerem Weigern das Kapital auf den umliegenden
-Dörfern aufzubringen, da wurden die Rehefelder neidisch auf die von
-Gröbern und Zehmen, und in wenigen Tagen war die verlangte Summe
-beisammen.
-
-Nun fing der fremde Mann an zu bohren. Aber einige Ellen tief traf er
-auf Sandstein, und die Bauern empfanden so etwas wie Enttäuschung.
-Der Fremde aber meinte, dies sei recht und gut, denn er habe gerade
-unter so weichem Gestein schon die reichsten Silberadern gefunden; und
-er bohrte fröhlich weiter. Die Arbeit ging langsam von statten, und
-die Geldgeber wollten schon allmählich verzweifeln, da berührte der
-Bohrer wieder Sand, und die bereits gelästerten Prophezeihungen des
-Schatzgräbers gingen mit neuer Hoffnung und unter ehrfürchtigem Nicken
-von Mund zu Mund.
-
-Immer tiefer drang das Eisen des Bohrers hinab. Das Loch in der
-Sandsteinschicht wurde weitgemacht und rund ausgehauen, die Erde in
-dem neuen Schacht abgegraben und durch einen Göpel herausgebracht,
-und die Wände wurden verschalt und abgesteift. Mit der Miene
-gediegener Sachverständigen guckten die Bauern von oben in das immer
-tiefer werdende Loch hinunter und freuten sich, als sie eines Tages
-entdeckten, daß es drunten so finster geworden war, daß sie nicht mehr
-bis auf den Grund sehen konnten. Nun fing es doch endlich an, ein
-richtiges Bergwerk zu werden.
-
-Keinen andern Gesprächstoff kannte man mehr, als Bergbauwissenschaft,
-und man erörterte ernsthaft, ob nicht neben Silber auch Kohlen in
-der Nähe zu finden seien. Nur der alte Lederhannes, der die Leute im
-Dorfe versohlte, lachte und spottete über das Beginnen. Auf der Erde,
-meinte er, wäre dem Bauern vom Himmelsvater die Arbeit zugewiesen;
-um das, was im Bauche der Erde verborgen sei, brauche er sich nicht
-zu kümmern. Aber die Rehefelder zuckten die Achseln und sagten, mit
-siebzig Jahren -- so alt war der Spötter -- werde der menschliche Geist
-mürbe und brüchig, wie dem Hannes seine Stiefelsohlen lebtags gewesen
-seien.
-
-Die Sandberge rund um den Schacht wuchsen mächtig an, denn seine Tiefe
-betrug nun schon an die hundert Ellen. Doch mit jeder Elle tieferen
-Hinabdringens wurden die Gesichter der Bauern länger, aber noch immer
-wollte sich kein Erz zeigen. Zudem fragte der Lederhannes höhnisch,
-was sie mit dem vielen Sand anfangen und ob sie ihn nicht probeweise
-von dem gelehrten Manne zu einem Düngemittel für die Saatfelder
-verarbeiten lassen wollten. Der Fremde hatte aber schon zweimal wieder
-von den Bauern Geld verlangt, das sie ihm mit Rücksicht auf die bereits
-hineingesteckten Tausende auch gegeben hatten.
-
-Einige Monate hatte der schöne Wahn vorgehalten, dann brach er,
-gleichzeitig mit dem Schachte, plötzlich in sich zusammen. Als eines
-Morgens die Arbeiter die Einsteigleitern betreten hatten, um sich zum
-gewohnten Tagewerke hinabzubegeben, da vernahmen sie in der Tiefe
-dumpfes Rauschen. Ein paar Beherzte stiegen hinunter und fanden,
-daß die Sohle des Schachtes tief hinabgesunken war und unter Wasser
-stand. An mehreren Stellen hatte sich die Verschalung gelöst und war
-hinuntergestürzt. Da gerieten die Bauern in helle Verzweiflung und
-fragten nach dem Anstifter des Unglücksunternehmens. Der aber war und
-blieb verschwunden. Wahrscheinlich hatte er den Schaden vorausgesehen
-und sich in weiser Vorsicht rechtzeitig aus dem Staube gemacht. Nun
-erfuhren die Beteiligten zu dem Schaden noch reichlichen Spott, und sie
-zogen es vor, den Verlust und die Enttäuschung klaglos zu tragen.
-
-Den Schacht aber überließ man seinem Schicksale. Die Steigleitern
-wurden zwar gerettet, wie man aber auch die Verschalung losreißen
-wollte erwies sich dieses Vorhaben als sehr gefährlich für die
-Arbeiter, und man ließ davon ab. Dann deckte man das Loch zu und ging
-mit Eifer an die willkommene Ausbeutung des Steinbruches, bis sich
-endlich der Schacht oben trichterförmig erweitert hatte. Zuletzt wollte
-niemand mehr von den schwierig zu gewinnenden Steinen etwas wissen. Und
-als die Deckbretter verfault und hinabgestürzt waren, weigerte sich
-jeder, sie zu erneuern. Man umgab den oberen Rand des Steinbruches mit
-einer hölzernen Einfassung, um einen in der Dunkelheit von dem in der
-Nähe vorüberführenden Wege etwa Abkommenden vor dem Hinabstürzen zu
-bewahren. Von dem schwedischen Hauptmann aber, dessen wildgewordenes
-Roß im Verlaufe des dreißigjährigen Krieges mit seinem Reiter über die
-Barriere hinwegsprang und den niemand wiedersah, hatte der Schacht
-seinen Namen erhalten.
-
-Man ahnte, daß das Schwedenloch bodenlos sei, und jedermann vermied es,
-in seiner Nähe zu verweilen. Die jungen Mädchen aus dem Dorfe erzählten
-sich an den langen Winterabenden schauerliche Geschichten von dem
-Orte, und seit jener stürmischen Neujahrsnacht, in der ein von Zehmen
-zurückkehrender Knecht kreidebleich im Gasthof erschienen war und
-aussagte, am Steinbruche jage ein schwarzer Reiter auf feurigem Rosse
-umher, wurde der Ort selbst von den Erwachsenen mit Scheu gemieden.
-
- * * * * *
-
-Als Max in der dichtgefüllten Wirtsstube erschien, verstummte das in
-trägem Flusse sich dahinwindende Gespräch sofort gänzlich, und alle
-sahen auf ihn und waren begierig darauf, die letzten Abmachungen
-zu hören. Die Ausmarschierenden hatten sich an einem langen Tische
-niedergelassen, in dessen Mitte und zwar so, daß sie das Zimmer
-übersahen, Max und Konrad saßen. Freundlich schien die Oktobersonne
-durch die Fenster und spielte auf den ernsten Gesichtern der Männer.
-
-Der Abmarsch sollte am nächsten Morgen frühzeitig und in aller Stille
-erfolgen. Wenn die Kirchturmuhr die fünfte Stunde verkündete, mußte
-jeder am Freihofe eingetroffen sein, von wo es dann ohne Aufenthalt
-weiterging. Niemand außer den fortziehenden Männern sollte die
-Dorfgasse betreten, denn man konnte nicht wissen, ob nicht französische
-Patrouillen in der Nähe herumspionierten, denen das Dorf infolge
-Auffliegens ihres großen Pulvervorrats vielleicht verdächtig erschien.
-
-Die Kunde, daß französische Reiter am Schwedenloch gesehen worden
-seien, bestärkte die Männer in ihrer Vorsicht, und als einige
-zurückbleibende Bauern sich erboten, einander ablösend während der
-Nacht die Dorfausgänge zu beobachten, wurde dieser Vorschlag allgemein
-gutgeheißen. Zuletzt erklärte der Rabensteiner, sogleich nach dieser
-Besprechung auf dem Wege nach Gröbern soweit vorwärts reiten zu
-wollen, bis er auf die preußischen Vorposten stoße. Sollte er in dieser
-Gegend aber französische Uniformen sehen, so würde er versuchen,
-über Göhren seinen Zweck zu erreichen. Auf alle Fälle mußte man
-genau wissen, welche Richtung morgen früh einzuschlagen war. Überall
-schwärmten kleine französische Reiterhaufen herum, deshalb war große
-Vorsicht geboten. In der Nacht abzumarschieren, erschien ihnen nicht
-ratsam, da die Franzosen infolge der großen Nähe des Feindes sehr auf
-der Hut sein würden.
-
-Die letzten Anordnungen waren getroffen und die Männer nahe daran,
-aufzubrechen, als plötzlich die unmittelbar auf die Straße führende Tür
-des Gastzimmers aufgerissen wurde. Überrascht fuhren die Versammelten
-in die Höhe und blickten auf die offene Tür, in deren Rahmen sich
-noch immer nichts zeigte. Da erschien plötzlich auf der Schwelle
-eine wunderliche Gestalt, in der man nach genauem Hinschauen Mutter
-Lehnhardt erkannte.
-
-Sie trug ein seltsam aufgeputztes Kleid von Lilafarbe, das ehemals
-kostbar gewesen sein mußte. Heute aber war sein Glanz verblichen. In
-nichts ähnelte es der Form, in der die Frauen zur Zeit die Kleider
-trugen, und die über und über zerknitterte und an manchen Stellen
-zerschlissene Seide ließ erkennen, daß das Kleid vielleicht Jahrzehnte
-unbenutzt in einer Ecke des Schrankes gehangen hatte. Den Kopf der
-Greisin bedeckte ein gleichfalls zerknitterter Filzhut von uralter
-Form, mit verblaßten, bunten Bändern, von denen zwei an den Wangen
-herabliefen und unter dem Kinn zu einer Schleife verknüpft waren.
-
-Keiner der Anwesenden konnte sich entsinnen, Mutter Lehnhardt jemals
-anders als in einem selbstgefertigten Rock von grobem Stoff und der
-üblichen Jacke einfacher Dorfleute gesehen zu haben. So gekleidet,
-erkannte man sie schon von fern. In dem Aufputze, in dem sie aber jetzt
-dicht vor ihnen stand, mußten sie scharf hinsehen, um die Alte zu
-erkennen.
-
-Anfangs drängte sich ein Lächeln auf manche Lippe, denn die Erscheinung
-forderte den Spott heraus. Das Kleid war ehedem sicherlich nicht für
-seine heutige Trägerin angefertigt worden, denn es war für diese
-einfache Frau viel zu kostbar. Man kannte die Vergangenheit der Greisin
-zu gut, um nicht richtig zu vermuten, daß das Kleid einstmals von
-einer Schloßherrin getragen wurde, und daß es später, als es nicht
-mehr mit der Zeit ging, verschenkt worden war. Der Schnitt erregte
-Kopfschütteln, und die Männer begriffen nicht, wie man an dieser Form
-einst hatte Gefallen finden können.
-
-Die Anwandlung von Heiterkeit aber währte nicht lange, dann verschwand
-das Lächeln von den Gesichtern vor dem ernsten, ja feierlichen
-Ausdruck, der auf den Zügen der Greisin lag. Eine Sekunde lang blieb
-die schmächtige Gestalt auf der Schwelle stehen und ließ die klaren
-Augen flink über die Versammlung gleiten. Es schien, als wenn sie sich
-an der Überraschung weide. Dann griff die Hand der Alten entschlossen
-in das Kleid, raffte es auf, daß es nicht den Fußboden streife, und so
-betrat sie mit ihren gewohnten Trippelschritten die Gaststube, bis sie
-an dem langen Tische der Ausmarschierenden stehen blieb.
-
-»Ei, sieh da, der Herr Max,« sprach sie, »und alle die mutigen
-Burschen. Will’s Gott, so sitzt Ihr nach Jahresfrist wieder so wie
-heute beisammen.«
-
-Sie hielt mit eifrigem Kopfnicken inne, um alsbald lebhaft fortzufahren:
-
-»Doch dürft Ihr nicht denken, daß ich gekommen wäre, um Eure
-kostbare Zeit zu verschwatzen. Aber die Erzählung geht, daß drüben
-im Preußischen alle, selbst der Arme zu den Kosten des Krieges sein
-Scherflein beitrage. Und deshalb will auch ich der guten Sache mein
-Opfer bringen.«
-
-Die Greisin suchte die Tasche des Kleides und entnahm ihr ein kleines
-Papier, das die zitternden Finger mühsam entfalteten und legte den
-Inhalt dann dicht vor Max auf den Tisch. Es waren zwei goldene Ringe.
-
-»Das sind meine einzigen Schätze,« begann sie wieder, »nehmt sie mit,
-Herr Max, mir können sie nichts mehr nützen. Es ist der Ring meines
-Seligen, den man mir, nachdem er bei Kesselsdorf gefallen war, sandte
-und der meinige. Jenen habe ich nun mehr als siebzig Jahre gut verwahrt
-gehalten, und nur wenn die alten Erinnerungen allzustark heraufstiegen,
-habe ich ihn hervorgeholt und mit ihm geplaudert, als ob es mein guter
-Mann selbst wäre. Den meinen habe ich erst heute nach dem Gottesdienst
-vom Finger gezogen. Bevor ich beide Ringe in das Papier schlug, habe
-ich sie noch einmal geküßt, sie waren ja das Unterpfand einer jungen
-Liebe. Nehmt sie mit, ich bitt’ Euch darum!«
-
-Niemand sprach darauf ein Wort, keiner der Männer fand eine Erwiderung.
-Sie alle hielten die Blicke niedergeschlagen und betrachteten die
-Ringe. Der eine davon hatte, wie es schien, noch sein ursprüngliches
-Gewicht und war groß, wie eben ein Ring sein muß, der an der Faust
-eines Bauernburschen sitzt. Der andere aber war dünn wie Blech, so
-hatte sich das Edelmetall an den Fingern der Greisin während der vielen
-Jahre abgewetzt.
-
-Da unterbrach Max das Schweigen:
-
-»Mutter Lehnhardt,« sagte er, »Ihr reißt einen kostbaren Schatz von
-Euerm Herzen, bedenkt es wohl, bevor Ihr Euch für immer davon trennt.«
-
-Die Greisin machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und erwiderte:
-
-»Das Gold möge sich in Stahl verwandeln, mit dem unsere Jugend sich und
-ihren Kindern ein freies Vaterland schaffe. Mein Seliger wird mir’s im
-Traume zuflüstern, daß ich richtig gehandelt habe. Er war ja selbst ein
-Feuerkopf.«
-
-»Nun denn,« antwortete Max, »zurückweisen darf ich Eure reiche Spende
-um der guten Sache willen nicht. Wir nehmen aus dem Dorfe manche Gabe
-mit uns; laßt es Euch aber versichert sein, Mutter Lehnhardt, daß wir
-die Eurige als die kostbarste schätzen.«
-
-Die Alte nickte freundlich, sah sich im Kreise der Männer noch einmal
-um und trippelte dann mit einem »Behüt’ Euch Gott« wieder der Tür zu.
-
-Friedrich, der zwanzigjährige, hochgewachsene und breitschultrige
-Sohn der Kirchengutbäuerin, der morgen früh mit ausmarschierte, saß
-der Tür am nächsten. Mit unbeholfener Eilfertigkeit sprang er hinzu
-und öffnete. Mutter Lehnhardt zögerte aber eine kleine Weile, als
-wenn ihr das Hinabsteigen der Stufen viel Mühe mache. Da bückte sich
-der große Junge, hob die Greisin wie eine Feder auf und ging mit ihr
-vorsichtig die Stufen hinab. Stirn an Stirn lagen die beiden Gesichter
-aneinander, das welke des langsam absterbenden Menschen neben dem
-blühenden des kraftstrotzenden Jünglings. Und zärtlich, wie eine Mutter
-ihr noch hilfloses Kind, streichelte während des Hinabschreitens die
-runzlige Hand der Greisin seine vollen Wangen.
-
-Zu ebener Erde angelangt, setzte Friedrich seine leichte Last behutsam
-nieder, und weil er die Blicke der Männer von drinnen und der vor dem
-Gasthof Weilenden auf sich gerichtet fühlte, wurde er sehr verlegen,
-und eine dunkle Röte überzog ein hübsches Gesicht. Da stand nun der
-junge Riese mit dem glattgescheitelten Blondhaar und den zu kurzen
-Jackenärmeln des Sonntagsgewands, aus denen die starken Handgelenke
-und die derben Fäuste weit herausragten, nicht wissend, wohin er seine
-Augen richten sollte.
-
-»Wie sein seliger Großvater, als er noch ein junges Blut war,« sagte
-Mutter Lehnhardt, Friedrich mit versonnenem Lächeln betrachtend.
-
-Dann hob die Alte mit großer Sorgfalt das Kleid auf und lief mit
-kleinen und flinken Schritten über den Dorfplatz.
-
-
-
-
-25. Kapitel.
-
-
-Die Männer hatten den Gasthof nunmehr verlassen, denn es drängte sie,
-heimzukehren. Deshalb geizten sie mit der Minute.
-
-Maxens Sehnsucht nach Maria war aufs höchste gestiegen. Bevor er aber
-nach Hause zurückkehrte, gab er Konrad das Geleit bis zum Rabensteiner
-Hof. Zuletzt verabredeten sie noch eine kurze Besprechung auf dem
-Freihofe nach Konrads Rückkehr. Hierauf trennte sich Max unter guten
-Wünschen von dem Freunde und ging rasch den Weg zurück.
-
-Marias liebliche Erscheinung, wie er sie an diesem Morgen im Erker
-gesehen hatte, stand ihm lebendig vor der Seele, und der heiße Wunsch,
-sein junges Weib ans Herz zu drücken, beflügelte seine Schritte. Schon
-während des Aufenthalts im Gasthofe hatte ihn einmal eine geheime
-Unruhe bedrückt, und er wäre am liebsten aufgesprungen und nach Hause
-geeilt. Nun sollte er aber in wenigen Minuten bei ihr sein, ihre
-klangvolle Stimme vernehmen, ihren warmen Odem an seiner Wange fühlen
-und in ihre lieben, treuen Augen schauen.
-
-Verwundert blickte sich Max während seines beschleunigten Laufes um,
-denn das Oberdorf war wie ausgestorben. Da sah er den spitzen Giebel
-seiner großen Scheune auftauchen, und nach ein paar weitausgreifenden
-Schritten gelangte er an die Biegung der Dorfstraße, von wo aus er
-das Hoftor sehen konnte. Doch -- was war das? Was bedeutete die große
-Menschenansammlung vor dem Freihofe? Ein Alp senkte sich auf seine
-Brust, daß er nur schwer zu atmen vermochte. Unwillkürlich seinen Lauf
-beschleunigend, flog er zuletzt die Straße hinab. Da kam er bei den
-ersten Herumstehenden vorüber und rief ihnen zu:
-
-»Was ist’s, warum seid Ihr alle hier versammelt?«
-
-Aber er nahm sich nicht die Zeit, ihre Antwort abzuwarten, so rastlos
-trugen ihn die Füße weiter. Die Gefragten schienen ob der überhobenen
-Antwort erleichtert, denn sie hatten scheu an ihm vorbeigesehen. Je
-mehr der Freihofer sich aber seinem Besitze näherte, umso dichter
-standen die Menschen. Stumm wichen sie zurück und bildeten eine Gasse,
-durch die er bis zu dem geschlossenen Hoftor stürmte.
-
-Hier angekommen, versagten ihm die Füße wie gelähmt den Dienst, und er
-wandte sich zu der Menge. Eine verzehrende Angst machte ihn heimlich
-beben, aber er war zu stolz, sie erkennen zu lassen. Deshalb fuhr er
-die Nächststehenden mit Trotz in der Stimme an:
-
-»Warum haltet Ihr hier Maulaffen feil? Geht heim und lobt Eure Weiber
-für den Sonntagsschmaus, den sie Euch auftischen!«
-
-Die so unsanft Angeredeten erwiderten nichts, aber sie vermieden
-es, daß ihre Augen seinem Blick begegneten. Qualvoll verstrich eine
-Sekunde eisigen Schweigens, das angesichts der dichtgedrängten Menschen
-unnatürlich erschien und das die deutlich auf das Gesicht des Mannes am
-Hoftor geschriebene Angst bis zur Unerträglichkeit steigerte. Da faßte
-einen aus der Menge das Erbarmen mit dem Gefolterten und er rief ihm zu:
-
-»Freihofer, bereitet Euch auf Entsetzliches vor; es ist ein Unglück
-geschehen!«
-
-Diese wohlgemeinten Worte riefen eine unerwartete Wirkung hervor: aus
-der tödlichen Angst des Bemitleideten schlugen die Flammen blinder Wut,
-und er schrie:
-
-»Daß Du ersticken mögest an Deinem Unkenruf. Mit solchen Worten
-schreckt man Memmen. Ich sage Euch, es spukt nur in Euern Köpfen, sonst
-ist es nichts!«
-
-Eine neue Pause, angefüllt mit demselben entsetzlichen Schweigen von
-vorhin schien wieder einzutreten. Wer vermochte es, diesen Mann daran
-zu hindern, daß er, wie es ihm ein verzehrendes Angstgefühl gebot, sich
-gegen die Kenntnis eines furchtbaren Geschehnisses sträubte, obgleich
-er dessen Wahrheit ahnte.
-
-Da kam Bewegung in den Kreis. Zwei Arme teilten die Menge, und ein Mann
-trat aus ihr heraus und stellte sich dem jungen Bauern gegenüber, -- es
-war Pastor Reinerz, angetan mit langschößigen Bauernrock.
-
-Max empfand in diesem Augenblick das Nähertreten dieses Mannes wie das
-eines Gegners. Die aller Fesseln befreiten, wild mit einander ringenden
-Leidenschaften rissen sich um die Herrschaft über ihn, und je nachdem,
-ob es der dem Wahnsinn zutreibenden Angst oder der schäumend machenden
-Wut gelang, zu siegen, konnte der Unglückliche sich auf den Greis
-stürzen, oder im nächsten Augenblick unter dem zermalmenden Drucke des
-Jammers zusammenbrechen.
-
-Doch alsbald sollte der Kampf im Innern des Freihofers entschieden
-sein; Pastor Reinerz begann zu sprechen, und bei seinen Worten
-glätteten sich die aufgepeitschten Wogen. Der Feuerstrom des Zorns, der
-seine Ufer schon überflutet hatte, schäumte jetzt wieder in sein Bett
-zurück und ließ die Angst, die unaussprechliche Angst anwachsen, daß
-der Freihofer wähnte, um Brust und Hals legten sich ihm Eisenklammern.
-
-»Der Gott, der Himmel und Erde erschaffen,« begann Pastor Reinerz,
-»bestimmt auch den Lauf der Menschengeschicke, und wir sollen nicht mit
-ihm hadern, wenn sein unerforschlicher Wille uns von der Höhe irdischen
-Glücks hinab in die Tiefen des Schmerzes und der Verzweiflung stürzt.
-Denn der Mensch ist aus des Meisters Hand hervorgegangen, und sein
-winziger Geist begreift nicht den Geist seines Schöpfers. Wir stehen
-erschüttert vor diesem entsetzlichen Schlag, der uns alle getroffen
-hat. Aber es gebührt uns nicht, uns aufzulehnen; neigen wir in Demut
-das Haupt und vertrauen wir unverändert auf die Liebe des himmlischen
-Vaters. Was der ewige Gott, unbegreiflich für uns Menschen, diesmal zu
-sich berufen hat, ist ein blühendes, junges Leben -- -- --«
-
-Der Freihofer hatte bisher mit Aufbietung seiner ganzen Willenskraft
-eine ihn zu übermannen drohende Schwächeanwandlung bekämpft, bei diesen
-Worten aber brach seine Beherrschung jäh zusammen. Er grub die Zähne in
-die Unterlippe, daß das Blut erschien und taumelte gegen das Hoftor.
-
-»Meine Seele ist noch aufs tiefste erschüttert,« fuhr Pastor Reinerz
-fort, »denn gerade ich mußte Zeuge des Verbrechens sein, denn einem
-schändlichen Verbrechen, Freihofer, ist Euer Weib zum Opfer gefallen.«
-
-Max machte eine zuckende Bewegung, aber es war, als ob der Schlag, der
-gegen ihn geführt worden war, ihm die Kraft, zu verzweifeln, gelähmt
-habe.
-
-Da wandte sich Pastor Reinerz von dem bis ins innerste Mark Getroffenen
-ab und sprach zu der Menge:
-
-»Hört mich an, Leute, denn Ihr kennt den Hergang nur flüchtig. Die
-milden Strahlen der Sonne bewogen mich, nachdem ich von der Kirche
-heimgekehrt war, einen lang entbehrten Spaziergang in die freie Natur
-zu machen. Einsam ging ich über die herbstlichen Felder, derweilen
-Ihr im Gasthof versammelt wart und sog mit tiefen Zügen die erwärmte
-Luft ein. Kein Laut störte die sonntägliche Stille. Da wurde ich
-plötzlich aus meinen Gedanken wachgerüttelt. In geraumer Entfernung von
-mir sah ich in dem hohen Grase etwas Weißes bald aufleuchten und bald
-wieder verschwinden. Ich strengte meine Augen an und erkannte in der
-weiblichen Gestalt Maria, die kaum vor einer Stunde von mir angetraute
-Gattin des Bauern vom Freihofe. Zeitweilig sich niederbückend,
-schlenderte sie umher, um die letzten Feldblumen zu einem Strauße zu
-sammeln. Schon wollte ich meine Schritte zu ihr hinlenken, da fiel
-mein Blick auf einen zweiten Menschen, -- und das Blut stockte mir in
-den Adern! Vom Schwedenloche herabkommend, wo ein paar Reiter in der
-Nähe ihrer grasenden Pferde weilten, nahte sich ein hochgewachsener
-französischer Offizier, das junge Weib von hinten her beschleichend.
-Ich biete meine ganze Stimme auf und rufe: Maria! ohne daß sie meine
-Warnung hörte. Ein zweites, ein drittes Mal klingt mein Ruf, da hatte
-sie mich vernommen. Sich umschauend, fällt ihr Blick auf den Mann, der
-sich ihr bis auf wenige Schritte genähert hat. Sie erschrickt, wendet
-sich um und enteilt flüchtigen Fußes der schon drohenden Berührung
-des Elenden. Aber die Flucht nach dem Dorfe ist ihr verlegt. Wie ein
-gehetztes Wild fliegt sie nach der andern Seite, -- da schneidet ihr
-der Verfolger, der sich im raschen Laufe seinem Opfer nähert, den Weg
-ab. In demselben Augenblick, in dem die Verzweifelte die Unmöglichkeit
-eines Entrinnens erkennt, stürzt sie nach dem nahen Schwedenloch,
-um durch einen Sprung von dessen Rand sich vor dem Schlimmsten zu
-bewahren, -- da treten ihr die Soldaten entgegen. Und als die Gehetzte
-die Schnelligkeit ihres Laufs unwillkürlich etwas verringert, um so
-vielleicht doch einen rettenden Ausweg zu erspähen, da packt sie die
-rohe Faust des Entmenschten am Handgelenk. Ein verzweifelter Aufschrei,
--- dann entschwanden die Ringenden, zu Boden fallend, meinen Augen, und
-nur das hohe Riedgras bewegte leise die Spitzen.
-
-Eine verspätete Lerche flog auf und trug in weiten Kreisen ihren Sang
-der Sonne entgegen.
-
-Mich alten Mann aber überfällt ein wahnsinniges Entsetzen und ich eile,
-so schnell mich die Füße tragen wollen, vorwärts. Doch bald zwingt mich
-einer der Soldaten stehen zu bleiben, und wie ich dennoch weiterdränge,
-wirft mich ein Kolbenstoß vor die Brust besinnungslos nieder.
-
-Als ich aus meiner kurzen Ohnmacht erwachte, sah ich Maria aufrecht
-stehen. Zu ihrer Seite befand sich der Franzose, dessen Bestialität
-noch einmal aufzublitzen schien, denn er legte die Arme um das Mädchen
-und versuchte, es zu küssen. In dem Augenblick aber, in dem sein
-Mund sich ihrem Gesichte näherte, grub sie die Zähne in den Hals des
-Lüsternen, daß dieser das Weib mit einem wilden Fluche freiließ und
-nach der blutenden Stelle tastete. Wohl tut einer der Elenden, die
-entfernt standen, einen Schritt nach dem ruhig dahinschreitenden Weibe,
-wie die Hyäne, die darnach lechzt, was der gesättigte Blutdurst des
-Tigers verschmäht. Aber ein königlicher Blick scheucht ihn zurück, und
-bald stand Maria am Rande des Steinbruchs. Ein paar Sekunden verharrte
-sie unbeweglich, das Haupt auf die ineinander gelegten Hände gebeugt.
-Dann wandte sie noch einmal den Blick und ließ das Auge über die Fluren
-schweifen, hinüber nach dem Dorfe. Ich sprang auf und winkte und rief.
-Sie erkannte mich, nickte mir zu, nahm den Strauß aus den Falten des
-Busens, führte ihn noch einmal zum Munde und legte ihn nieder, und
-dann --,« hier schwieg der Greis.
-
-Die Männer hatten während seiner Erzählung wiederholt laute
-Verwünschungen ausgestoßen, und manche Faust hatte sich unwillkürlich
-geballt.
-
-Pastor Reinerz aber fuhr fort:
-
-»Die Soldaten gaben mir jetzt den Weg frei, und ich lief nach der
-Stelle, an der ich Maria zum letzten Male gesehen hatte. Als ich
-erschöpft dort ankam, bot sich meinem Blicke nichts weiter von ihr,
-als die Blumen. Ich beugte mich über den Abgrund, der gerade dort am
-steilsten abfällt und gewahrte, etwa dreißig Ellen unter mir, dort,
-wo der große Trichter in den Schacht ausläuft, an einem niedrigen,
-verkrüppelten Baumstamm einen menschlichen Körper hängen. Voll Freude
-und Schrecken zugleich, daß der schwache Stumpf der Last nachgeben
-könne, schaute ich mich nach einem Helfer um. Da bemerkte ich schon
-einen Mann, der wie von ungefähr über die Felder schritt. Ich schrie
-und machte verzweifelte Bewegungen. Im eiligen Laufe kam er heran, und
-während ich ihn mit fliegenden Worten unterrichtete, schaute er hinab.
-Bange Sekunden verstrichen; endlich rief er: Ich wags! Rasch streifte
-er die Schuhe von den Füßen und dann stieg der Verwegene hinunter.
-
-Ich wußte es, daß er den Zorn des Himmels herausforderte, denn es war
-ein Frevel, den Versuch zu unternehmen; ich erkannte das Unsinnige
-seiner Tat, denn der Einsatz galt nicht einem Menschenleben, sondern
-es war das aussichtslose Spiel mit einem Leben um einen Leichnam, --
-und doch ließ ich es zu!
-
-Der Weg, den der Tollkühne zurückzulegen hatte, ist Euch vom Schauen
-her bekannt; es hat bisher noch keiner versucht, ihn zu betreten.
-Hände und Füße gebrauchend, klomm er langsam hinunter, jeden Vorsprung
-weise benutzend, und wo ein solcher nicht vorhanden war, das Fleisch
-der Finger und Zehen in die Ritzen der Steinwand pressend. Ein
-Ausgleiten weihte ihn rettungslos dem entsetzlichen Tode des Absturzes.
-Langausgestreckt am Rande liegend, schaute ich dem immer tiefer
-Gelangenden nach, während kalter Schweiß mir auf die Stirn trat und
-mein Herz in lauten Schlägen arbeitete. Mehr als einmal strauchelte
-er, mehr als einmal löste sich ein Stein von der Wand, den er sich als
-Halt erkoren hatte, unter seinen Füßen, so daß es unabwendbar schien,
-daß der Retter in die Tiefe stürze. Dann fiel mein Auge wieder auf
-den schwachen Stamm, der sich unter der Last soweit bog, daß er jeden
-Augenblick brechen konnte. Mir wollte das Herz stille stehn bei dem
-Gedanken, daß das Rettungswerk umsonst versucht worden sei.
-
-Endlich, nach Minuten furchtbarer Qual, langte der Mann am Ziele an.
-Vorsichtig näherte er sich der Stelle, schlang den linken Arm um den
-leblosen Körper und trat nun, nur die Rechte noch benutzend, mit
-seiner schweren Bürde den Aufstieg an. Ach, und wie viel schwieriger
-gestaltete sich dieser als der Abstieg! Durch Gestrüpp, das aus der
-Felswand drängt, und über Geröll bahnte er sich den Weg. Ich verlor
-fast die Sinne und mußte die Augen schließen, denn die Bilder meiner
-Phantasie waren gräßlich. Da erscheint nach todesbangem Harren
-ein Kopf über dem Rande, das Haar wirr, und das Gesicht entstellt
-vor Anstrengung und Erregung. Ich fasse die Schultern, um ihn
-heraufzuziehen. Doch was frommte die schwache Kraft eines mit der
-Ohnmacht kämpfenden Greises! Schon schien es, als wenn Leben und Tod
-in gemeinsamer Umarmung im letzten Augenblick des Rettungswerks und
-schon fast in sicherer Hut, mit einander in die begehrliche Tiefe
-hinabstürzen müßten. Da machte der Keuchende eine letzte, verzweifelte
-Anstrengung, und es gelang unsern vereinten Bemühungen, daß er sich auf
-den Rand schob und damit in Sicherheit brachte.
-
-Eine geraume Zeit ruhten dann beide Körper so nebeneinander, daß man
-nicht angeben konnte, welcher von beiden noch Leben barg, und es
-hatte den Anschein, als ob der genasführte Tod seine ihm schon sicher
-erschienene Beute in schäumender Wut noch jetzt an sich reißen wolle.
-Bleich lag der Wackere auf dem Rasen; Gesicht, Hände und Füße hatten
-ihm das scharfe Gestein und das Dornengestrüpp blutig gerissen. Endlich
-kehrten seine Lebensgeister wieder zurück. Er wischte sich erschöpft
-Schweiß und Blut vom Gesicht und taumelte davon.«
-
-Hier machte der Sprecher eine lange Pause. Dann hob er wieder an:
-
-»Ja, Max von Tiefenbach, Dein Weib ist tot, aber unvergänglich ist die
-Schrift, womit ihr Andenken uns allen in das Herz eingegraben ist.
-Vereinen wir uns in christlicher Liebe, und rechten wir nicht mit der
-Unglücklichen wegen des Schrittes, den sie tat. Denn an der Schwelle
-des Todes machen die Vorwürfe Halt und was die Verblichene darüber
-hinwegbegleitet, sind Wehmut und herzinniges Mitleid!«
-
-Max stand zusammengesunken mit dem Rücken an das Tor gelehnt, beide
-Hände gegen dieses gestützt. Sein Kopf war herabgefallen, und das
-Gesicht war fahl.
-
-Den Blick auf dem Boden ruhen lassend, keuchte er jetzt:
-
-»Ihr habt eins vergessen, Pastor, nennt den Namen jenes Mannes, den Ihr
-bisher verschwiegt.«
-
-»Den Namen dieses Edeln soll keiner erfahren! Seine Worte, bevor er
-ging, lauteten: wenn ich einen Lohn für meine Tat fordern darf, so
-bestehe er darin, daß man verschweige, wer dieses tote Weib seinem
-Gatten wiedergegeben hat! Ihr werdet deshalb begreifen, -- --«
-
-»Den Namen will ich wissen!« schrie der Freihofer heiser und hob
-zugleich den Kopf und richtete seine Augen starr auf die des Pastors
-Reinerz.
-
-Ein paar Sekunden tauchten die Blicke beider Männer in einander.
-Mahnend, -- drohend drang es aus den grauen Augen des Alten. Und Max
-trat blitzschnell die Erinnerung an einen Tag vor die Seele, an dem er
-diese Augen so wie in dieser Sekunde hatte leuchten sehen. Er wußte es,
-was kommen würde, aber eine furchtbare Grausamkeit gegen sich selbst
-zerfleischte sein Inneres, und es frohlockte in seinem Herzen, wenn er
-daran dachte, daß sein gewaltiger Schmerz sich noch vergrößern könne.
-
-»Ich will ihn wissen, den Namen!« schrie er noch einmal, »sprecht!«
-
-Da richtete sich Reinerz auf, und die Greisengestalt wuchs noch mehr
-bei seinen Worten:
-
-»Freihofer!« sprach er mit erhobener Stimme, »ja, Ihr habt das Recht
-darauf, zu wissen, wer Euer Weib umfangen hat, und wenn es auch nur im
-Tode geschehen ist. Der Mann also, der unbedenklich sein Leben daran
-setzte, Euch den Leichnam der geliebten Toten wiederzubringen, auf daß
-er da drunten in der Tiefe nicht eine Beute von allerlei Getier werde,
-sondern damit Ihr Euerm armen Weibe ein christlich Begräbnis könnt
-zuteil werden lassen, dieser Mann, Freihofbauer, war -- -- Hermann
-Lehnhardt!«
-
-»Der Lehnhardt?« schrien zehn Stimmen zugleich, »der mit seinem
-Arm -- --?«
-
-Da erhoben sich aber auch schon winkende Hände, um die Unvorsichtigen
-daran zu erinnern, daß es nicht angemessen sei, den Schmerz des
-gebrochenen Mannes noch zu vergrößern. Der aber stand wieder mit
-niedergesunkenem Haupte. In Reinerzens Augen lesend, was folgen mußte,
-hatte sein halsstarriger Widerstand wohl wild aufgebäumt, daß er dem
-Kommenden trotze; -- und doch hatte er, als der Name fiel, tief den
-Nacken gebeugt, wie unter einem ungeheuern Faustschlage.
-
-»Auf,« rief einer aus der Menge, »ziehen wir zum Lehnhardt!« Zustimmend
-und mit lauten Worten der Anerkennung und Bewunderung zog der Haufe
-lärmend davon. Zuletzt war niemand mehr geblieben, denn was sollte man
-hier? Den Zusammengesunkenen trösten? Das versuchte keiner.
-
-Endlich richtete sich Max auf. Alle weichen Empfindungen flohen ihn in
-dieser Sekunde; das aber was blieb, und zu Riesengröße anwuchs, war
-der alte, nackenzerbrechende Trotz der Tiefenbachs!
-
-Mit stampfenden Schritten ging er über den Hof und betrat das Haus.
-
-
-
-
-26. Kapitel.
-
-
-In die Mitte der großen Stube hatte man einen langen Tisch gestellt,
-und auf diesem ruhte Maria, den Kopf auf ein Kissen gebettet.
-Sie trug noch ihr Hochzeitskleid. Ihre Hände waren auf der Brust
-ineinandergelegt und hielten die gepflückten Blumen umschlossen. Zu
-ihren Füßen, mit dem Rücken nach der Tür gewendet, saß steif und
-unbeweglich die Freihoferin.
-
-In unnatürlicher Ruhe blieb Max eine kurze Weile an der Tür stehen und
-betrachtete die Tote. Langsam trat er endlich näher. Als die Mutter das
-Herankommen des Sohnes vernahm, erhob sie sich stumm und ohne sich nach
-ihm umzusehen, als habe sie nunmehr diesen Platz zu räumen. Dann setzte
-sie sich an den runden Tisch auf ihren gewohnten Platz und legte den
-Kopf mit dem weißen Haar auf die Arme.
-
-Max ließ sich auf den Stuhl niederfallen, beugte den Oberkörper, beide
-Ellbogen auf die Knie stützend, vornüber und in einem Traumzustand
-versinkend, behielt er die Augen unverwandt auf sein totes Weib
-gerichtet.
-
-Sein Inneres war wie versteinert. Das Unglück in seiner Riesengröße und
-zerschmetternden Wucht war so urplötzlich über ihn hereingebrochen,
-daß das Entsetzen seine Seele umdüstert hatte. Ein Blitzstrahl war
-herabgefahren und hatte den starken Mann getroffen und seinen feinsten
-Lebensnerv bloßgelegt.
-
-Wie armselig ist doch in den Augenblicken des entsetzlichsten Wehs der
-Mensch! Ob König oder Bettler, zarte Jungfrau oder lästernder, brutaler
-Gewaltmensch, ob naives Gemüt oder weltenumspannender Geist, --
-gleichviel: eine Riesenfaust greift hinein in das Innere und schüttelt
-das Menschlein zum Erbarmen und wirft es zuletzt in den Staub!
-
-Mehrere Stunden hatte der unglückliche Mann regungslos gesessen, bis
-sich die Schatten der Nacht auf die Erde herabsenkten. Und mit ihrem
-Kommen wurde es in seiner Seele lichter. Die entschwundenen Sinne
-kehrten langsam wieder zurück, und die Fähigkeit, die Schwere des
-Unglücks zu ermessen, wurde wieder wach. Eine unsägliche Bitterkeit
-bemächtigte sich seiner.
-
-So schnell also und so schimpflich mußte eine reine Seele sterben? --
-Ein Ekel, Mensch zu sein, mußte jeden überkommen, der dieses Verhängnis
-und sein Opfer kannte. Der Schöpfer der Welten schafft die Menschen
-im Übermut, damit er sie in lüsterner Grausamkeit wieder zertrümmere.
-Seine wahnwitzigen, auf Zerstörung gerichteten Launen blitzen grell
-auf und vernichten, als wenn drunten in der Grube die schlagenden
-Wetter aufblitzen, und ihre elementare Kraft den nach desselben Gottes
-Gebot im Schweiße seines Angesichts sich mühenden Menschen wie einen
-Spielball gegen die Wände der Grube schleudern und ihn endlich als
-formlose Masse liegen lassen. Mit der Geburt in die mißliche Lage
-hineingestoßen, umlauert von tückischen Mächten, preisgeben der Not,
-der Krankheit, dem Schmerze der Welt, der Verzweiflung, dem Tod, --
-das ist das Schicksal der Sterblichen! Der Erbarmungslose aber, dem
-seine Geschöpfe nichts weiter sind als ein Spielzeug, der ein Werk,
-aus seiner Hand hervorgegangen, nach einem andern schleudert, um sich
-an dem Zermalmen beider zu ergötzen, diese im Rausche schaffende und
-zerstörende Kraft, dieser blindwütige Despot nennt sich selbst der
-Menschheit Gott, ihr liebender Vater und Erbarmer! -- Haha, -- Wahnwitz
-ist sein Beginnen, niederste Grausamkeit seine Befriedigung.
-
-Blühende Gefilde, bereitet unter inbrünstigen Gebeten und mit frohen
-Hoffnungen, gedüngt mit sauerm Schweiß und gehegt mit Daransetzen der
-besten menschlichen Kräfte, zerstören jubelnd seine wilden Gewalten,
-während sie an den Verfall, an die Trümmer, die Verwesung, das Chaos
-nicht rühren. Dem Lasterhaftesten seiner Menschen, dem Bekümmerten und
-Elenden, dem Fluchwürdigen, dem, der dem Schöpfer nachäffend die Völker
-sich zerfleischen läßt, daß Tausende von Leben untergehen, -- diesen
-allen, die den Tod täglich herbeisehnen, oder die sein Blitz spalten
-müßte, läßt er das Leben; -- das Schöne aber wirft er in den Staub, das
-strotzende Leben vernichtet, die bauende Hoffnung enttäuscht er. Und
-die höchste seiner Gaben, die Reinheit, läßt er schamlos beflecken. Das
-ist der Gott der Menschen!
-
-Der Freihofer schüttelte leise den Kopf. Und das war sein Hochzeitstag,
-und das seine Brautnacht! Wahrlich, es war ein Meisterstück des auf
-neue Grausamkeiten sinnenden Schicksals, ein Streich, den alle Teufel
-ausgesonnen hatten. Man mußte sie loben, die erfindungsreichen
-Höllenbewohner, wenn ihr Schelmenwitz nicht so witzlos, ihr
-Erfindungsgeist nicht so traurig wäre. All ihr dunkeln Gewalten,
-Verhängnis, Schicksal, Teufel -- Gott, zuletzt ist euch der Mensch doch
-überlegen! Untergehend belächelt er eure Wut, und das gefaßte Sterben
-des schwachen und -- gegenüber den Jahrmillionen eures unheilvollen
-Wirkens -- ephemeren Geschöpfes müßte Euch die Schamröte in die
-Schläfen jagen. Aber hohen Sinn und Edelmut darf man nicht bei den
-Unsichtbaren suchen.
-
-Das also war seine Hochzeitsnacht! Nicht auf weichem Wonnepfühl,
-Leib an Leib streckten sie in seliger Umarmung die Glieder, --
-zusammengesunken und mit einer nie wieder heilenden Wunde im Herzen saß
-der Bräutigam neben dem harten Lager der schönen Braut. Zwischen ihnen
-aber kauerte der unerbittliche Knochenmann und betrachtete grinsend das
-hellrote, rauchende Blut, das von seiner Sense herabtropfte.
-
-Wie ein gefesselter Löwe gegen seine Ketten, tobte Max wider die
-stärkere Macht, die seinem Herzen diese Wunde geschlagen hatte, und
-anstatt Schrecken schüttelte seinen Körper der Zorn.
-
-An seinem Geiste zog langsam sein ganzes Leben vorüber, und von dem
-einförmigen Hintergrund seiner ohne Stürme verflossenen Lebensjahre
-hob sich in leuchtenden Farben die Zeit der Liebe zu Maria ab, seiner
-tiefen und starken Liebe, deren Wurzeln sich bis auf den Grund seines
-Herzens hinabrankten.
-
-So unsagbar elend mußte sie an ihrem Ehrentage zugrunde gehen! Wie
-hatte sich Maria auf die Hochzeit gefreut! Viel mehr noch, als
-sie es ausgesprochen hatte. Das hatte er oft aus den versonnenen
-Augen gelesen, die der blanke Spiegel ihrer reinen, unschuldvollen
-Mädchenseele gewesen waren. Und nun! Welch schriller Mißklang, welch
-unreine Schlußakkorde, die aber vor der himmlischen Melodie, die ihre
-Seele droben empfing, wieder zu den Irdischen flüchten mußten. Den
-Makel, den jener Bube ihr zugefügt, hatte ihr guter Engel aber in dem
-Augenblick wieder von ihr genommen, als sie den Tod einem Leben vorzog,
-dessen Wert für immer verloren war.
-
-Doch was für Gedanken kamen ihm da! Nein, fort mit der Weichheit,
-denn nichts Mildes, keine Barmherzigkeit wohnen bei den Mächtigen im
-Reiche der Seelen. Und er bäumte sich im Trotz von neuem auf unter dem
-entsetzlichen Drucke.
-
-Man sagt, daß Gott die Menschen ihre Missetaten sühnen läßt, wenn das
-Maß gefüllt ist. Aber warum ließ er deshalb gerade sie zerschmettern?
-Sie, die Sündenreine, Edle, die den anspruchsvollsten Anforderungen
-des Schöpfers an seine Kreaturen glänzend gerecht wurde und die wert
-gewesen wäre, das Schoßkind der Gottheit zu sein? Das war keine
-Großtat! Laßt, Menschen, den wildesten Leidenschaften die Zügel
-schießen, züchtet die niedersten Begierden in der befruchtenden
-Treibhausluft Eurer ärgsten Sittenlosigkeit und spottet aller Sühne und
-Vergeltung! Dann wird Euch beim Sterben das befriedigende Bewußtsein
-werden, Eure Tage würdig benutzt zu haben, und die Posaunen des
-jüngsten Gerichts werden Euch nicht schrecken, sondern wie blecherne
-Kindertrompeten klingen, mit denen die Frucht Eurer Wollust einst
-spielte. Denn das Walten des Gottes ist blind! Er wütet gegen sein
-getreustes Abbild und läßt den Verächter seiner Gebote unangetastet die
-Straße ziehen!
-
-Max krampfte die Hände ineinander: wenn es ihm doch vergönnt sein
-möchte, jenem Tier in Menschengestalt noch einmal zu begegnen, die
-Seligkeit tauschte er willig dagegen ein! Den gräßlichsten Tod würde
-er für ihn ersinnen! Und doch, welches beseligende Bewußtsein gewährt
-wieder der Trost, daß jeder Flecken von Marias Reinheit getilgt ist,
-seitdem ihr Geist seinen Aufflug zu den verklärenden Strahlen des
-ewigen Lichts angetreten hatte.
-
-Max fuhr bei diesen Betrachtungen zusammen. Warum gehorchten ihm seine
-Sinne nicht? Weshalb drängten sich dem Widerstrebenden Gedanken wie
-diese immer wieder auf? -- Ach, es waren die treuen Gefährten seiner
-Kinderzeit!
-
-Als er noch ein Knabe war, war vor dem Schlafengehen sein
-Lieblingsplatz zu den Füßen der Mutter, die die schlummernde Elisabeth
-auf den Armen hielt, während er den Kopf an der Mutter Knie gelegt
-hatte und ihren Worten lauschte, mit denen sie dem Knaben von der Liebe
-und Güte des Schöpfers und Erhalters der Welten erzählte. Damals, ja
-damals konnte er noch aus inbrünstigem Herzen sein Abendgebet sprechen
-und auf die alles umfangende Liebe des ewigen Gottes vertrauen.
-
-»Und hast Du nicht noch gestern vor dem Einschlafen Deine Hände
-nach Kinderart gefaltet und aus Deinem übervollen Herzen ein Gebet
-gestammelt?« tönte plötzlich eine ernste Stimme an sein Ohr.
-
-Max fuhr erschrocken auf und sah sich nach allen Seiten um. Draußen
-war undurchdringliche Nacht. Auch im Zimmer herrschte Finsternis, nur
-auf dem runden Tische stand vor der schlafenden Mutter eine kleine,
-zinnerne Öllampe, deren rußige Flamme einen schwachen Lichtschimmer
-verbreitete. Aber es war niemand bei ihm, der die eben vernommenen
-Worte gesprochen hätte. Also war es die Stimme in seinem Innern
-gewesen, die zu ihm geredet hatte. Und wenn er ehrlich sein wollte, --
-war er nicht bei ihrem mahnenden Klange erschreckt zusammengefahren?
-Ja, war denn in seiner Brust noch ein Gewissen rege? Und wenn es noch
-nicht erstorben war, brauchte er dieser Stimme noch sein Ohr zu leihen,
-angesichts des bejammernswerten Opfers göttlicher Raserei?
-
-Eine neue, gewaltige Zornwelle trieb von seinem Herzen zu den Schläfen
-und machte ihn heiß aufbegehren, und die Hände fuhren in die Luft, als
-wollten sie etwas ergreifen, was sie zerreißen könnten.
-
-Da überfiel ihn eine übermächtige Müdigkeit, gegen die sich sein
-Wille einen Augenblick unwillig auflehnte, um sich dann sträubend zu
-unterwerfen. Seine Arme erschlafften und sanken herab, und er neigte
-den Kopf auf die Brust. Die übermenschliche Anstrengung seiner Sinne
-und die tiefe Erschütterung infolge des gewaltigen Schlages hatten zu
-stark an den Kräften des Mannes gezehrt. Jetzt war sein Widerstand für
-eine Weile überwunden, und ein mitleidiger Schlummer senkte sich auf
-ihn herab, der ihn seine unglückliche Lage vergessen ließ und seinen
-müden Geist hinüber in das wunderbare Land der Träume führte.
-
-Mit einem unvergeßlichen Erlebnis aus seiner Kindheit Tagen begann das
-Spiel seiner Phantasie.
-
-Es war ein linder Frühlingsmorgen. Die Schneeglöckchen und Veilchen
-blühten im Garten unter den hohen Obstbäumen, und der weiche Windhauch
-trug ihren süßen Duft in alle Räume des Wohnhauses auf dem Freihofe.
-Er war noch ein Knabe und saß in der Stube am Fenster, als die Mutter
-sonntäglich gekleidet in das Zimmer trat und sprach:
-
-»Jetzt habe ich Dein Schwesterchen in den Garten getragen, wo sie in
-dem warmen Sonnenschein süß schläft. Die alte Katharine sitzt neben dem
-Korbe und hütet Elisabeths Schlummer. So, und und wollen wir zur Kirche
-gehen.« Und bei diesen Worten faßte ihn die Mutter an der Hand und sie
-verließen den Hof.
-
-Dieser Tag war für ihn von hoher Bedeutung gewesen, denn es war
-das erste Mal, daß ihn die Mutter zum Kirchgang mitnahm. Das hohe
-Gotteshaus und die Menge der Andächtigen in ihrem Sonntagsschmuck und
-den Ernst auf den Zügen, machten einen tiefen Eindruck auf den Knaben,
-und als der Gesang der Gemeinde feierlich anhob, zog eine hohe Weihe in
-seine Kinderseele. Und so war der Tag für ihn ein Ereignis geworden,
-dessen Erinnerungen im Leben nie verblassen sollten.
-
-Bis hierher war das Traumbild einer langentschwundenen Wirklichkeit
-entnommen; jetzt begann die Phantasie ihre Malereien.
-
-Er sah Pastor Reinerz auf der Kanzel stehen und vernahm seine Worte,
-die von den Leiden Lazarus erzählten, dieses Schwergeprüften,
-der in all seinem Unglück nicht die Zuversicht auf die göttliche
-Barmherzigkeit verlor und selbst dann nicht aufhörte Gott zu preisen,
-als sich seine Leiden bis ins unerträgliche gesteigert hatten. Vor
-des Knaben Augen aber erschien während der Worte des Geistlichen die
-Gestalt des in seinem Glauben unerschütterlichen Mannes. Er sah vor dem
-Altar einen elenden Greis in spärliche Lumpen gehüllt liegen, die die
-Blöße des abgezehrten und über und über mit eiternden Wunden behafteten
-Körpers nicht bedeckten, Schmerz und Entbehrung hatten tiefe Linien
-in das Gesicht gegraben, dessen Züge den immerwährenden Kampf der
-Versuchung mit dem felsenfesten Vertrauen erkennen ließen.
-
-Da wurde der Ausdruck auf dem Gesichte des Armen friedlich, und seine
-Augen leuchteten in überirdischem Glanze. Der Knabe sah zur Decke der
-Kirche empor, doch das Dach des Gotteshauses war verschwunden, und die
-Blicke schweiften in die sonnendurchgoldigte, blaue Luft, bis hinauf
-in die Wohnungen der Seelen. Und vor seinen staunenden Augen erschien
-eine unübersehbare Menge strahlender Engel in weißen Gewändern, die
-aus Dunst und Wolkenschleiern hervorschwebten und, sich umfangend,
-einen weiten Halbkreis bildeten. Mit glockenreinen Stimmen begannen
-sie einen wunderbaren, himmlischen Gesang, dessen Weise sanft auf die
-Erde herabströmte und die Brust des Knaben anfüllte, daß seine Seele
-in heiligem Schauer erbebte. Da öffnete sich plötzlich der Himmel, und
-von goldenem Lichte umflutet erschien das Haupt des Gekreuzigten unter
-der Dornenkrone, mit dem Ausdruck unendlicher Liebe in den Zügen. Durch
-das Lied der Engel aber klang laut eine Stimme, und die Worte tönten
-hernieder: Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die Krone des
-Lebens geben! In diesem Augenblick entfloh die Seele des Kranken ihrer
-armseligen Hülle und schwebte, von den Engeln geleitet, aufwärts, immer
-höher, bis endlich alle den Blicken entschwanden.
-
-Der unglückliche Mann in der einsamen Stube erwachte und schlug beide
-Fäuste vor die Stirn, denn sein Herz war zerrissen und blutete aus
-tausend Wunden. Seine Seele aber wußte in dem verzweifelten Kampf, den
-sie bestand, nicht, wohin sie sich wenden sollte; hilfesuchend irrten
-die Augen des Mannes umher.
-
-Da hob die Freihoferin, das erste Mal seitdem sie sich an den Tisch
-gesetzt hatte, den Kopf und sah sich in dem Halbdunkel entgeistert um.
-Endlich kehrte ihr das Verständnis für die Umgebung zurück, und die
-harten Züge der Greisin verzogen sich schmerzlich. Schon wollte sie
-das Haupt wieder auf die Arme niederlegen, da begegneten ihre Augen
-dem hilfeflehenden Blick ihres Kindes. Sie machte eine verzweifelte
-Anstrengung, sich zu erheben, aber ihr Körper sagte dem Willen den
-Dienst auf. Gebrochen beugte sie sich unter dem gewaltigen Schmerz, den
-diese Augen ihr bereiteten, und in das gramerfüllte Gesicht schoß der
-Ausdruck, der ein Menschenantlitz furchtbar entstellt: der qualvolle
-Ausdruck ohnmächtiger Liebe. Stumm machte sie mit der Hand eine matte
-Bewegung nach ihrem Kinde, dann sank der Kopf der Greisin wieder auf
-die Arme herab.
-
-Während aber draußen im Dunkel der Nacht, nur wenige Stunden entfernt,
-auf den herbstlichen Feldern Hunderttausende mit der Waffe in der Faust
-in leichtem Schlummer dem anbrechenden Morgen entgegenharrten, um den
-grausigen Kampf fortzusetzen, schlugen in der Brust des schwergeprüften
-Mannes die Flammen der Verzweiflung noch einmal hoch auf. Gut und Böse
-rangen zum letzten Male erbittert miteinander, dieses unterstützt von
-den wildschäumenden Furien des Schmerzes und Trotzes, jenes gekräftigt
-durch den mahnenden Zuspruch des leise wiedererwachenden Gewissens.
-
-Hatte Max vorhin sein Schicksal verflucht und gegen das Walten der
-Vorsehung gerast, so versagte ihm jetzt hierzu die Kraft; sein Trotz
-war gebrochen. Aber sein Inneres war eine Beute entfesselter Gewalten,
-über die zu gebieten er nicht imstande war. Kalter Schweiß trat auf
-seine Stirn. Er preßte die Hände auf die hämmernden Schläfen, um sie
-vor dem Zerspringen zu schützen, und sein Körper wand sich wie unter
-Peitschenhieben.
-
-Endlich, nach furchtbar qualvollen Stunden, ging der Kampf zu Ende.
-Dem Lager, gegen das er stritt, nahte Hilfe, die es unbesiegbar
-verstärkte, so daß er sich unterwerfen mußte. Kraftlos entglitt den
-für ihn streitenden Mächten die Wehr. Und wenn er jetzt noch genug
-Stärke besessen, um selbst für sich zu kämpfen, er hätte dennoch die
-Faust sinken lassen müssen, denn die, um derentwillen er sich gegen die
-höhere Macht aufgelehnt und für die er mit seiner ganzen Kraft nach
-Rache an dem Schicksal geschrien hatte, wandte sich selbst gegen ihn,
--- Maria!
-
-Er sah sich in dem hohen Erkerzimmer des Schlosses, wie er es am Morgen
-dieses unheilvollen Tages betreten hatte um die Braut in Empfang zu
-nehmen, fühlte den Schlag ihres von finstern Ahnungen gequälten Herzens
-an dem seinen und vernahm ihre flehende Stimme, gleichsam als ob sie
-das alles, was sich eingestellt, vorausgesehen hätte:
-
-»Wie es auch kommen mag, Geliebter meines Herzens, laß uns in
-unerschütterlichem Vertrauen auf Gott bauen!«
-
-Gegen diese Macht konnte er fürder nicht streiten, und demütig beugte
-er vor ihr das Haupt. Die Eisrinde, die seine Brust gepanzert hatte,
-schmolz unter dem warmen Hauche, der von diesen innigen Worten
-ausströmte, und der Pfeil, den er vorhin von der überstraff gespannten
-Sehne schnellen ließ, wandte sich gegen seinen Schützen. Der hoffärtige
-Zorn und der ingrimmige Trotz stahlen sich heimlich von ihm fort,
-und Demut und kindliche Unterwerfung unter den Willen des Lenkers
-der Geschicke zogen in seine Brust ein. Gott hatte ihn bis heute mit
-der verschwenderischsten Fülle seiner Gaben überschüttet, denn sein
-Lebenspfad war sonnig gewesen. Nun schickte der Himmel die Prüfung,
--- und er unterlag. Ja, das Aufschrecken aus dem wohligen Leben war
-rauh, es war ein herzspaltender Schwerthieb gegen ihn geführt worden,
--- aber es war doch auch eine Prüfung auf seinen Glauben, die keinem
-Sterblichen erspart bleibt.
-
-Max beugte sich tief hinab, denn er empfand brennende Scham im Herzen.
-
-Und dann dachte er der teuern Toten. So hatte er sein Versprechen ihr
-gehalten, das er mit Druck und Kuß besiegelt hatte! Ihre Worte waren
-für ihn, kaum verklungen, -- vergessen. Er schloß die schmerzenden
-Augen und bedeckte sie mit den Händen. Aber ob er der Erscheinung auch
-fliehen wollte, das schmerzerfüllte Antlitz Marias stieg vor seinem
-Geiste herauf. Kein Vorwurf stand darauf geschrieben, aber der umflorte
-Blick aus ihren kummervollen Augen traf ihn wuchtiger als die schwerste
-Anklage. Der ganze ungeheure Schmerz, das entsetzliche Weh bäumten sich
-in ihm auf, rissen den Unglücklichen gewaltsam in die Höhe und warfen
-ihn willenlos vor der Leiche nieder. Tieferschüttert tastete er mit
-den Händen nach dem glaubensstarken Mädchen, und dem bebenden Munde
-entrangen sich die Worte: »Hehrer Geist meiner Maria, verlaß mich nicht
-in dieser Stunde!«
-
-Die furchtbare Last löste sich langsam von seiner Brust und schwand in
-einem reichlich fließenden Tränenstrom dahin. »Vergib mir, Geliebte,«
-flüsterte er, »gewähre mir Deine Verzeihung, wie ich sie von dem
-Allbarmherzigen zu erhalten hoffe!«
-
-Lange verharrte er so auf den Knien, das Gesicht in den Falten des
-Kleides der Toten verborgen. Draußen auf der Straße erklangen Tritte,
-und einzelne Stimmen wurden vernehmbar. Obwohl sie nur flüsterten,
-hätte ein Aufhorchender im Zimmer erkennen können, daß entgegen der
-Abmachung Angehörige die ausmarschierenden Männer begleiteten. Aber es
-dauerte geraume Zeit, bis der Knieende das immer mehr anschwellende
-Stimmengemurmel vernahm, so weltenfern waren seine Gedanken entrückt
-gewesen. --
-
-Jetzt kehrte sein Geist in die Wirklichkeit zurück. Er vernahm, wie
-die Mutter aufstand und hinter seinem Rücken auf den Strümpfen aus dem
-Zimmer ging. Nach einer Weile trat sie wieder ein, legte leise sein
-Gewehr und den schweren Säbel aus dem Nachlaß seines Großvaters auf den
-kleinen Tisch an der Wand, stellte die flackernde Lampe dazu und setzte
-sich wieder geräuschlos auf ihren Stuhl.
-
-Max erhob sich. Seine Haltung war aufrecht, seine Bewegungen elastisch.
-Neue Kraft rollte ihm in den Adern, und seine Augen glänzten wieder,
-als er Maria betrachtete. Sie war gestorben wie ein tapferer Streiter
-auf der Walstatt. Ihr unter des Vaterlandes Schmach gleichfalls
-gepreßtes Herz hatte sich nun im Kampfe um ihr höchstes Gut verblutet.
-Sie war zuerst erlegen; wie lange würde es dauern, bis das Los
-ihn traf? Draußen standen schon die Kameraden und harrten seiner
-ungeduldig. Er durfte sie nicht warten lassen. Schnell also Abschied
-genommen von der unvergeßlichen Toten, mochten die Zurückbleibenden
-sie zum letzten Schlummer betten. Seine Kraft gehörte dem Leben, sein
-Leben bis zum letzten Hauche dem Vaterland! So handelte er auch, wie er
-wußte, nach Marias Wunsch. Und dem Walten der Vorsehung, gegen das er
-frevelhaft aufbegehrt hatte, hatte er sich gläubig ergeben. Nun gab es
-hier für ihn nichts mehr zu tun.
-
-Er ging zu dem Wandtische, warf den Tornister mit Wäsche und Mundvorrat
-auf den Rücken, schnallte den Säbel um die Hüften und legte den Riemen
-des Gewehres über die Schulter. Jetzt war er gerüstet und bereit,
-den Weg zu betreten, den viele andere deutsche Männer schon vor ihm
-gegangen waren.
-
-Doch bevor er sich zum gehen wandte, warf er noch einen letzten Blick
-zurück auf sein Weib. Wie friedlich sie doch schlief! Kein Zug des
-Gesichts deutete auf Schmerz, den sie im Tode erlitten hätte. Sie war
-mit dem Gedanken an ihn und dem festen Vertrauen auf des Allmächtigen
-verzeihende Liebe von hinnen gegangen. Und so hatte auch für ihn das
-Schrecknis seine zerschmetternde Wirkung verloren. Ihr Auge blickte
-aus Himmelshöhen liebend auf ihn herab, und ihre Seele umschwebte ihn
-schützend auf allen Wegen. Mit dieser erhebenden Zuversicht konnte er
-froh und leichten Herzens ins Feld ziehen.
-
-Neu erwachter Lebensmut schwellte seine Brust, und während er sich über
-die Tote beugte und zum letzten Male die weiße Hand drückte, sprach er:
-
-»Schlafe wohl, Du Reine, und sei auch fortan mein guter Engel!«
-
-Entschlossen wandte er sich ab und schritt nach der Tür. In demselben
-Augenblick vernahm er ein Geräusch, wie vom schnellen Zurückstoßen
-eines Stuhles stammend, dem das heftige Poltern des umstürzenden
-Gerätes unmittelbar folgte. Und dann gellte ein durchbohrender Schrei
-durch das Zimmer, der Angstschrei eines todeswunden Mutterherzens:
-
-»Max!«
-
-Wie angewurzelt blieb sein Fuß auf dem Boden haften, während er sich
-blitzschnell umwandte. Die schon nach der Tür ausgestreckte Hand sank
-herab, und er konnte sich einer tiefen Rührung nicht erwehren, als
-er die zusammengesunkene Gestalt seiner Mutter gewahrte. Wie war sie
-doch in dieser einen Nacht hinfällig geworden! Diese gebeugte Haltung,
-das entstellte Gesicht, der gequälte Blick! Schwankte sie nicht? Mit
-ein paar raschen Schritten stand Max an ihrer Seite und bewahrte die
-Greisin vor dem Umsinken.
-
-»Mutter,« rief er zärtlich, »wie konnte ich auch Dich vergessen!
-Verzeihe dem Ungestümen, der nicht schnell genug dem Vaterhaus den
-Rücken wenden kann!« Während dieser Worte hielt Max sie mit beiden
-Armen umschlungen, und die Freihoferin lehnte sich müde an des Sohnes
-Schulter.
-
-»Geh dorthin, wohin Dich Dein Gewissen ruft,« sagte die Greisin mit
-leiser Stimme, »hier ist nicht mehr Raum für Dich!«
-
-So standen sie einige Minuten stumm beieinander. Max wußte, wie sich
-das Herz seiner Mutter zusammenkrampfte, denn er kannte sie nur zu gut.
-Elisabeths Hinscheiden hatte ihr eine tiefe Wunde geschlagen, die sich
-kaum geschlossen hatte. Nun traf sie des erschütternden Unglücks Schlag
-und riß die alte Wunde wieder auf. Zu gleicher Zeit ging auch er noch
-von ihr, und sie blieb ganz allein zurück. Die kaum gewonnene Tochter,
-der sie schon nach kurzer Zeit ihre ganze Liebe geschenkt, ja an die
-sich die rasch Alternde angeschmiegt hatte, sollte ihr ein Trost sein,
-wenn er selbst gegangen war. Vielleicht hatte sie davon geträumt, wie
-neues, junges Leben auf dem Freihofe erblühen und die seit Elisabeths
-Tode einsam gewordenen Zimmer des Wohnhauses erklingen sollten von
-fröhlichen Worten, Singen, -- Kinderlachen -- -- -- Ach, es verlangte
-sie nur allzusehr darnach, wenn sie auch an der Fröhlichkeit scheinbar
-nicht teilnahm. Sie, der die Liebe nur eines Kindes zu wenig war, besaß
-jetzt keines mehr. Niemand würde ihr, wenn der Krieg ihn behielt, Trost
-in den letzten Tagen sein und keine liebende Hand ihr einst die Augen
-zudrücken!
-
-Da hob die Freihoferin den Kopf auf, daß Max voll in das
-gramdurchfurchte Gesicht blicken konnte.
-
-»Mein teurer Sohn,« sprach sie mit wiedergewonnener Fassung, während
-ihre Augen aber in rührender Bangigkeit auf ihm ruhten, »noch einmal:
-Ziehe dahin! Aber laß Dein Herz nicht anfechten. Wie groß auch die
-Prüfung sei, sie kommt von ihm, gegen dessen Willen wir uns nicht
-auflehnen dürfen.«
-
-»Sei beruhigt, liebe Mutter,« rief Max fast mit einem Ton des
-Frohlockens. »Ich darf es nicht verhehlen, daß ich nahe daran war, der
-Anfechtung zu unterliegen, aber diese da stand mir bei. Und nun bin ich
-dagegen gewappnet für alle Zeiten!«
-
-Ein Seufzer der Erleichterung entfloh den Lippen der Freihoferin. Sie
-richtete sich in die Höhe, legte die Hände auf das Haupt des zu ihren
-Füßen niederknieenden Sohnes und segnete ihn. Dann aber war ihre Kraft
-zu Ende. Sie warf sich an seine Brust, und was ihr bisher im Leben
-versagt geblieben war, gewährte der Greisin das Schicksal in dieser
-schweren Stunde als Trost: reichliche Tränen flossen ihr über die
-Wangen. Max empfand dieses Geschenk als eine Himmelsgabe und beugte
-sich herab und küßte die Zähren sanft von dem welken Gesicht.
-
-Da schlug aus dem Gemurmel vor dem Hause eine Stimme an Maxens Ohr,
-bei deren Klang er zuerst zusammenzuckte. Dann aber eilte er, einer
-plötzlichen Eingebung folgend, hinaus und trat wenige Sekunden darauf
-wieder ins Zimmer, einen sich sträubenden Mann an der Hand führend, den
-er bis zum Stuhle seiner Mutter geleitete.
-
-»Hermann,« sprach er, »ich will Dir jetzt Deinen Edelmut, mit dem Du
-mir vergolten hast, was ich Dir zufügte, angemessen lohnen, indem ich
-Dir das Höchste anvertraue, was ich besitze. Hier ist meine Mutter,
-seid ihr, Du und Dein Weib, fortan Kinder. Pflegt sie, schenkt ihr Eure
-Liebe, und lasset ihr Herz über Euch aufgehen. Nenne Dich von diesem
-Augenblick an ihren Sohn, es gibt keinen Würdigerern als Dich!«
-
-Mit diesen Worten legte er die Hände beider ineinander und drückte
-einen Kuß auf die Stirn der Weinenden. Dann riß er das Gewehr an sich,
-streifte noch einmal mit dem Blick das Zimmer und stürmte hinaus,
-während der klagende Wehruf hinter ihm herklang: »Mein Sohn, mein
-Sohn -- --!«
-
-
-
-
-27. Kapitel.
-
-
-Vor dem Freihofe standen etwa dreißig Menschen; außer den Fortziehenden
-und einigen ihrer Angehörigen ein paar Neugierige. Eine halb verdeckte
-Laterne huschte hin und her, und das Gespräch wurde leise geführt.
-Die Männer, die während der Nacht Wache gehalten, hatten nichts
-Verdächtiges wahrgenommen. Nur einer erzählte, daß er gegen Morgen
-vorsichtig ein Stück auf der Straße hinausgelaufen wäre, und da sei es
-ihm gewesen, als wenn er einigemale entferntes Pferdeschnauben durch
-die schweigende Nacht vernommen habe. Der Beobachter meinte, das könne
-wohl von einer französischen Patrouille herrühren. Aber der Wahrnehmung
-wurde kein Glauben beigemessen, denn der Erzähler galt als ängstlich,
-und seine gereizte Phantasie hatte das Rascheln von Laub im Winde für
-Rosseschnauben gehalten.
-
-Eins aber war beunruhigend, die Tatsache nämlich, daß der Rabensteiner
-noch nicht zurückgekehrt war. Seit gestern abend harrte man seiner
-in banger Erwartung, bis zur Stunde aber vergebens. Daß er mit aller
-Vorsicht vorgegangen sein würde, wußte man von dem Besonnenen, und
-reiten konnte er, wenn’s not tat, wie der Teufel. Sollte er den
-Franzosen in die Hände gefallen sein und von ihnen etwa als Spion
-betrachtet werden? Sein Schicksal fand viel Besorgnis, und nur der
-Gedanke war tröstlich, daß er die Preußen glücklich erreicht habe, der
-Franzosen wegen aber nicht zurückkönne.
-
-Viele Worte wurden nicht gewechselt, die meisten standen stumm
-beieinander.
-
-Auch die Kirchengutbäuerin hatte es sich nicht nehmen lassen, ihren
-Friedrich zu begleiten. Während der halben Nacht hatte sie an seinem
-Bette gesessen und ihn mit zärtlichen Empfindungen betrachtet und
-sich gewundert, daß er so ruhig schlafen konnte. Sein Lederränzel
-fand er am Morgen mit Lebensmitteln so vollgestopft, daß die Nähte zu
-zerreißen drohten und er mehrere Tage von dem Inhalt zehren konnte.
-Ja, ihre mütterliche Sorge ging so weit, daß sie ihrem Jungen, wie er
-zum Fortgehen gerüstet vor ihr stand, in die Tasche seines faltigen
-Rockes eine große Papierdüte gefüllt mit Kamillentee schob, mit dem
-sie alle Krankheiten erfolgreich zu kurieren pflegte. An die Gefahren,
-denen ihr Einziger entgegenging, dachte das besorgte Mutterherz in
-diesem Augenblick weniger als je, nur daran, daß er sie verlassen und
-sich ihrer Obhut entziehen wollte. Und das konnte sie bis zur letzten
-Minute noch nicht glauben. Denn er war ja von Kindesbeinen auf gewöhnt,
-die Mutter für alle seine Angelegenheiten bis ins kleinste sorgen zu
-lassen, und sie wußte, daß er darin hilflos geblieben war.
-
-Friedrich hatte sich dieser Bevormundung stets willig unterworfen, in
-dieser Stunde aber fühlte sich der Stolz des jungen Kriegers doch etwas
-verletzt, und er beschloß insgeheim, sich des Kamillentees draußen vor
-dem Dorfe zu entledigen.
-
-Die unermüdlich wiederholten Fragen, ob er sich auch wirklich gesund
-fühle und ob nicht noch etwas einzupacken sei, beantwortete er
-zerstreut und war froh, als die Mutter auf sein Drängen zum Abschied
-endlich ihr wollenes Umschlagetuch um die Schultern schlang und mit
-ihm auf die Straße trat. Schweigend ging er neben ihr her, während sie
-in einemfort auf ihn einsprach. Er solle es nicht zu toll treiben,
-sagte sie, und sich nicht immer vordrängen, die andern wollten auch
-zeigen, wer sie wären. Bald aber redete sie wieder vom väterlichen
-Hof. Daß sie mit dem alten Großknecht nun allein regieren müsse, was
-ja, solange es Winter sei, nicht allzuviel sagen wolle. Wenn aber das
-Frühjahr käme, dann solle er ans Heimkehren denken. Gerade im kommenden
-Jahre sei seine Anwesenheit ja so sehr vonnöten, denn für die beiden
-steifgewordenen Braunen müßten junge Pferde in den Stall, und die
-ganze weite Koppel hinter dem Berg, die so lange verlassen lag, sollte
-endlich gepflügt und mit Roggen bestellt werden. Schließlich sei auch
-der Anbau an den Rinderstall nun nicht mehr hinauszuschieben. Friedrich
-brummte nur bisweilen ein Ja oder Nein in den plätschernden Redefluß,
-und damit war die Mutter schon zufrieden.
-
-Keiner der Männer fehlte mehr, als sich endlich auch der Freihofer
-einfand. Rasch wurde er von dem Ausbleiben Konrads unterrichtet, worauf
-er die Achseln zuckte und zum sofortigen Aufbruch antrieb. Hier und da
-eine letzte Umarmung, ein wortloser Druck der Hand.
-
-»Denke einmal daran,« klang allen vernehmbar die hohe Stimme der
-Kirchengutbäuerin, »vierzehn Tage vor Weihnachten wird Deine
-Lieblingsschecke wieder kalben; hoffentlich geht es so gut ab wie das
-letzte Mal. Halte Dich immer hübsch warm, zwei frische Sacktücher
-stecken noch im Ranzen.«
-
-Friedrich wurde feuerrot; zum Glück konnte es in der Dunkelheit keiner
-sehen. Er schloß der Mutter mit einem Kusse den Mund und ließ sich von
-ihr noch einmal herzen. Dann riß er sich los und eilte den schon einige
-Schritte Vorangehenden nach.
-
-»Ich würde noch ein Stück mit Dir gehen, Junge,« klang es ihm
-hinterdrein, »aber Ihr lauft mir zu schnell, und ich bin in Pantoffeln.
-Ziehe die roten Müffchen nicht aus!« -- --
-
-Aber der Ermahnte hörte die Stimme nicht mehr, soweit waren die Männer
-schon entfernt. Rüstig schritten sie auf der Straße dahin und näherten
-sich dem oberen Dorfausgang. Bald befand sich die zusammenhängende
-Reihe der weißen Giebel hinter ihnen, und nur noch einzelne Häuser
-lagen neben und vor ihnen.
-
-Vom Osten her stieg ein fahles Licht herauf, und man konnte schon
-ein kurzes Stück weit die Gegend erkennen. Ueber den Wiesen hingen
-unbeweglich breite Nebelschwaden von wunderlichen Formen. Die Luft war
-empfindlich kühl, und an dem rasch heller werdenden Himmel verblichen
-die letzten Sterne. Der erste Hahnenschrei klang hinter ihnen aus
-dem Dorfe herauf, sonst aber hüllte sich die Natur noch in lautloses
-Schweigen.
-
-Wie weit sie zu marschieren hatten, bis sie bei der ersten preußischen
-Vorposten ankamen, wußten sie nicht. Aber weiter als eine halbe Meile
-entfernt konnten sie nicht stehen.
-
-Die Augen scharf offen haltend, marschierten die Männer, um ihre Tritte
-unhörbar zu machen, jetzt auf den mit Gras bewachsenen Rändern der
-Straße, die langsam anstieg, um unmittelbar hinter dem Schwedenloch
-wieder hinabzuführen. Auf der Höhe angekommen, wollten sie einen
-schmalen Feldweg einschlagen, der rechtsseitwärts der Straße entlang
-lief. Bis dahin aber mußten sie der Straße folgen, denn die Wiesen zur
-rechten Hand waren sumpfig.
-
-Nur wenige Worte im Flüstertone wechselnd und das Geräusch des tiefen
-Atmens dämpfend, liefen sie im Gleichtritt hintereinander her. Nur
-noch wenige Schritte, und sie hatten die Höhe, -- da sprang mit einem
-Male der am weitesten vorausgehende Schmied hinter einen Baum am Rande
-der Straße, und gleichzeitig sahen die Männer in kurzer Entfernung vor
-sich blitzende Bajonette. Wie gebannt standen sie still; sie waren
-überrascht worden. In demselben Augenblick aber schallte eine drohende
-Stimme durch die Stille, und die deutsch gesprochenen Worte ließen die
-Aussprache des Franzosen erkennen:
-
-»Halt, Verräter!«
-
-Jetzt wuchs auch aus den das Schwedenloch auf der einen Seite
-umsäumenden Büschen ein Haufen von etwa zwanzig französischen Soldaten
-hervor, hinter denen im Nebel einige Pferde matt erkennbar waren.
-
-Die Gewehre von den Schultern reißend, drängten sich die Männer
-zusammen. Drohend und jeden Augenblick zum gegenseitigen
-Aufeinanderstürzen bereit, standen sich die beiden Haufen gegenüber.
-Ein Windstoß fegte die Nebelwand zurück, so daß es in dem mittlerweile
-schnell angewachsenen Zwielicht nicht mehr schwer war, das Gelände, auf
-dem man sich befand, genau zu übersehen und die Vorteile abzuschätzen,
-die es beiden Parteien bot.
-
-Die Franzosen waren in der Uebermacht, aber sie standen auf dem
-abfallenden Boden, neben dem die Straße wie ein natürlicher Wall
-hinlief. Dieser Umstand verstärkte die eigene Stellung. Mochten sie
-es versuchen, den Rand zu erklimmen, manch einem würde bei diesem
-Unternehmen der von nervigen Bauernfäusten geschwungene Kolben den
-Schädel einschlagen!
-
-Noch standen Freund und Feind tatlos; da sprang der Freihofer auf einen
-über Nacht draußen stehengebliebenen, hohen Aufsatzwagen zu und rannte
-ihn mit solcher Kraft auf einen mächtigen Eichbaum, daß die Deichsel
-krachend zersplitterte. Noch ein Ruck, dann zerriß das die Deichsel
-umringelnde, eiserne Band, und die Kette mit dem oberen Ende um das
-Handgelenk schlingend, hielt er den Stumpf wie eine schwere Keule, die
-in seiner mächtigen Faust eine furchtbare Waffe sein mußte.
-
-»Heran!« knirschte er, von grenzenloser Wut gepackt, »und sorgt,
-daß Euch das letzte Stündlein nicht zu kurz sei für Euer kleinstes
-Stoßgebet!«
-
-Dies hatte sich blitzschnell abgespielt und ohne daß die Franzosen
-gewagt hätten, sich auf ihn zu stürzen. Da erscholl die rauhe Stimme
-von vorhin wieder:
-
-»Schlagt mir keiner diesen tollen Hund tot, lebendig soll er am Aste
-baumeln.«
-
-Und gleichzeitig trat der Sprecher, ein Offizier von riesenhaftem
-Wuchse, ein paar Schritte weiter vor und hob den Säbel, um das Zeichen
-zum Angriff zu geben. In diesem Augenblick schrie der ihm zunächst
-stehende Schmied schrill auf:
-
-»Freihofer, das ist der Mörder Deines Weibes!«
-
-Wie eine vernichtende Anklage, die einem furchtbaren Gericht
-vorausgeht, erklangen diese Worte und warfen in die Seele vieler der
-Anwesenden jäh das Verständnis für ihren Sinn. Das farblose Gesicht mit
-dem brutalen Ausdruck des französischen Anführers wurde um einen Schein
-bleicher; langsam sank der erhobene Säbel herab, und das Kommando zum
-Angriff erstarb ihm auf der Zunge. Starr ließ er seine schwarzen,
-stechenden Augen auf den gerichtet, den er instinktiv als seinen
-Todfeind empfand.
-
-Der Freihofer aber stand wie ein Steinbild auf seinem Platze. In seinem
-Gesicht spielte kein Muskel. Der Kopf war weit vorwärts geneigt,
-wie bei Menschen, die mit Anstrengung aller Sinne ins Weite sehen.
-Mit rasender Geschwindigkeit traten Reinerzens gestrige Worte, mit
-denen er jenen Elenden beschrieb, jetzt wieder an seinen Geist heran.
-Die Beschreibung stimmte just mit der Erscheinung dieses Franzosen
-überein, -- aber war es kein Irrtum? Sollte ihm sein Wunsch, für dessen
-Erfüllung er gern sterben würde, wirklich gewährt werden? Da blitzte es
-in den Augen des noch Zweifelnden hell auf, und sein suchender Blick
-blieb auf der linken Halsseite des Franzosen haften, wo dicht unter dem
-Ohre ein oval geschnittenes Stück Leinwand aufgeklebt war.
-
-Von dem Franzosen aber war die Beklemmung wieder gewichen, und
-ein verächtliches Lächeln umspielte seine Lippen. In Aufwallung
-grenzenlosen Übermutes, der aus dem Vollgefühl seiner ungeheuern Stärke
-herauswuchs, richtete er sich hoch auf und warf herausfordernd den Kopf
-zurück. Sich noch einmal an seine Leute zurückwendend, befahl er ihnen,
-sich nicht eher auf die Gegner zu werfen, bis er ihnen das Zeichen dazu
-gebe. Darauf riß er den Säbel wieder herauf und schrie:
-
-»Komm herab, deutsches Schwein, wenn Du den Mut hast mit mir zu
-kämpfen!«
-
-Max stand noch wie vorher unbeweglich. Bei diesen Worten aber kam
-wieder Leben in ihn. Seine umklammernde Rechte ließ den Wagenbaum los,
-daß dieser dumpf aufschlagend und mit Kettengeklirr zu Boden fiel,
-und dann sprang er mit beiden Füßen zugleich von der Böschung hinab.
-Der lange Jahre in der Scheide gebliebene Säbel seines Großvaters
-blitzte gerade noch rechtzeitig auf, um den ersten Hieb des Franzosen
-abzuwehren, der mit fürchterlicher Erbitterung auf ihn eindrang.
-Hageldicht sausten die Schläge des kampfgeübten Soldaten herab, daß
-Max seine ganze Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit aufbieten mußte,
-um sich ihrer zu erwehren. Nach wenigen Gängen zeigte sich aber schon
-der Vorteil der überlegenen Kaltblütigkeit, mit der er focht, und der
-Franzose war einige Male nahe daran, seine hitzige Kampfesweise zu
-büßen. In respektvoller Entfernung standen die beiden Parteien dahinter
-und sahen auf ihre kämpfenden Führer, deren Klingen ohne Unterbrechung
-aufzuckten.
-
-Da klang durch den hellen Erzklang der aufeinanderschlagenden Säbel
-ein Mißton. Man vernahm, wie etwas durch die Luft flatterte und dann
-klirrend niederfiel. Der Franzose erhob sich ein Stück aus seiner
-weit ausgelegten Haltung, warf einen raschen Blick voll Ingrimm auf
-den stehengebliebenen Stumpf seines Säbels und hob in demselben
-Augenblick instinktiv wieder die zerbrochene Waffe, als wenn er damit
-den unvermeidlichen Todesstreich abwehren könne. Mit hochgeschwungener
-Klinge holte Max zum furchtbaren Schlage aus. Unwillkürlich duckte
-sich der Wehrlose nieder, -- da klirrte, von seines Gegners Hand
-geschleudert, dessen Säbel neben ihm zur Erde, und als der Franzose die
-Augen hob, stand ihm dieser mit herabgesunkenem Arme und ohne Waffe
-gegenüber.
-
-Verständnislos starrte er dem Gegner ins Gesicht, den nur eine
-unerklärliche Anwandlung von Großmut zu dieser Tat bewogen haben
-konnte. Aber nur während der kurzen Spanne Zeit, die zwischen zwei
-Pulsschlägen liegt, blieb ihm dieser Trost. Dann bemerkte der Franzose,
-wie die Augen des andern blitzschnell die nur wenige Schritte
-betragende Entfernung maßen, die zwischen ihnen und dem Rande des ihm
-seit gestern bekannten Abgrundes lag. Er dachte daran, wer dieser Mann
-ihm gegenüber war, der seine unnatürliche Ruhe in diesem Augenblick
-bewahrte, -- und alles Blut wich aus seinem Gesicht. Sollte er jetzt
-seinen Leuten das Zeichen zum Angriff geben? -- -- -- Nein, in
-Dreiteufelsnamen nein! Dann wäre auf die eisigen Züge dieses Verhaßten
-ein höhnisches Lächeln getreten, das ihn der Feigheit geziehen hätte.
-Deshalb scheuchte er auch mit einem wilden Fluche einen seiner Leute
-zurück, der herbeigesprungen war und ihm seinen eigenen Säbel darbot.
-
-Max hatte den Blick wieder auf den Gegner gerichtet und alsbald
-erkannt, daß dieser seinen blitzschnell gefaßten Plan erraten hatte.
-Eine Sekunde lang standen sie sich einander gegenüber; dann begann das
-gräßliche Ringen, -- es war der Kampf zweier Riesen! Der Körper des
-Franzosen war kraftvoll und wie aus Stahl geschmiedet, dazu war er
-sehnig und geschmeidig wie ein Leopard; der Deutsche war fast ebenso
-hoch gewachsen, aber seine Schultern waren breiter, und er glich einem
-verwundeten Bären, der sich zum Angriff aufgerichtet hat.
-
-Max hatte schon während des Fechtens eine an sich noch nie gekannte
-Ruhe gespürt, jetzt aber fühlte er seine Kaltblütigkeit noch verstärkt.
-Sein Hirn arbeitete in ruhigem Gleichmaß, als wenn er daheim auf
-dem Hofe stünde und das Herauslassen des Viehes aus den Ställen zum
-Austrieb auf die Weide leite. Und doch hatte er die tiefe Empfindung,
-als ob dieser Kampf sein Leben fordern müsse -- -- Da griffen beide
-nach einander, der Franzose mit dem blitzartigen Prankenschlag des
-Raubtieres, Max dagegen faßte tastend nach den Ellenbogen des Gegners.
-
-Von neuem stockte während einer Sekunde alle Bewegung, als wenn die
-Männer sich wie im Spiel berührt hätten. -- Da, -- ein fürchterlicher
-Ruck! Max versuchte, sich vor dem Fall zu bewahren, umsonst; dröhnend
-stürzte er zu Boden und riß seinen festumklammerten Gegner mit sich
-nieder. Mit einer schnellen Bewegung gelang es ihm, den Franzosen unter
-sich zu bekommen, aber schon rollten sie wieder über den Rasen und
-hielten sich im nächsten Augenblick, auf die Knie erhoben, umschlungen.
-Da spannte der junge Bauer seine ganze Kraft an und drückte den sich
-heftig sträubenden Franzosen so hintenüber, daß es den Anschein hatte,
-als wenn dessen Wirbelsäule davon zerbrechen müsse. Langsam fiel der
-Franzose auf den Rücken, -- um den auf ihn Stürzenden aber sofort
-wieder zu entgleiten. So rangen sie während mehrerer Sekunden in
-unverminderter Erbitterung. Mit der Geschmeidigkeit einer Katze entzog
-sich der Franzose allen ihn zu erdrücken drohenden Umarmungen, und
-vermöge seiner blitzschnellen Bewegungen gelang es ihm, wiederholt die
-Oberhand über seinen Gegner zu bekommen. Und während dieses Ringens
-rollten sie die feuchte Rasenlehne ein Stück hinab, daß ein paar
-französische Soldaten sich zwischen den Ringenden und den Rand des
-Steinbruches aufstellten, um sie vor dem Hinunterstürzen zu bewahren.
-
-Noch einmal wildes Schlagen des Rasens mit den Füßen, ein
-Zubodendrücken mit umklammernden Armen, Entweichen, Aufrichten und
-Niederstürzen, -- dann sprang einer von ihnen auf die Füße: es
-war der Deutsche. Im nächsten Augenblick mußte auch der Franzose
-aufschnellen; aber es gelang ihm nicht mehr. Zwei Hände hielten den
-wild um sich Schlagenden mit eisernem Griffe fest, um ihn gleich
-darauf mit einer furchtbaren Kraftanstrengung in die Höhe zu reißen.
-Alle Muskeln bis zum zerspringen angespannt, hielt der Freihofer den
-Körper seines Feindes über seinem Haupte, währenddessen es aussah,
-als ob er unter der ungeheuern Last und infolge des überschnellen
-Aufrichtens hintenüberbrechen müsse. Aber nur einen Augenblick währte
-diese Spannung, dann hatte er die Herrschaft über seinen Körper
-wiedergewonnen. Mit übermenschlicher Kraft stieß er den Franzosen von
-sich, der, über die Köpfe seiner Leute hinwegfliegend, hinter dem Rande
-des Steinbruches lautlos verschwand. Ein dumpfes Aufschlagen drang
-herauf, ein Geräusch, wie von dem Rutschen eines schweren, weichen
-Gegenstandes auf dem Gestein, dann war alles still. Den Lauschenden
-aber stockte der Atem unter der blitzschnell sich ihnen aufdrängenden
-Vorstellung, daß der ihren Augen soeben Entschwundene ins Bodenlose
-stürze.
-
-Noch hielt das Fürchterliche alle gelähmt, als von fernher der
-Hufschlag eines auf der Straße herangaloppierenden Pferdes erklang.
-Und mit diesem Laute kehrte Aller Besonnenheit in die Wirklichkeit
-zurück. Ihres Führers plötzlich beraubt, von dem Schrecken noch halb
-betäubt und durch das Nahen des vermutlichen Feindes kopflos gemacht,
-eilten die Franzosen zu den Pferden und sprengten querfeldein in den
-Nebel hinein. Der letzte von ihnen, ein junger Bursche, dem kaum der
-erste Flaum auf den Lippen sproß, hob rasch, bevor er davoneilte, die
-Mündung seines Gewehres und schoß ohne zu zielen aufs Geratewohl ab.
-Ein dumpfer Knall, ein schwacher Feuerstrom, wie von verdorbenem Pulver
-herrührend, dann wandte auch er sich zur Flucht. Beim Aufblitzen des
-Schusses griff der Freihofer hastig nach der Brust, während sich auf
-seine Augen gleichzeitig undurchdringliche Dunkelheit senkte. Aus der
-ihn umgebenden Nacht aber trat ein liebliches Bild vor seine Seele:
-
-Er stand an einem reißenden Fluß. Das Ufer, auf dem er sich befand,
-glich einem unfruchtbaren Ödeland, drüben aber breitete sich ein
-prächtiger Garten aus mit maienfrischem Rasen und herrlichen Blumen.
-Ueber den Fluß führte eine Brücke, an deren Ende auf dem jenseitigen
-Ufer Maria stand, die ihm winkte und jubelte und rief. Da trat ein
-seliges Lächeln auf das Antlitz des Freihofers; er breitete die Arme
-aus und fiel langsam vornüber auf den Rasen.
-
-Erschrocken sprangen die Freunde hinzu, richteten den Gefallenen auf
-und entblößten seine Brust. Ein kleines, kreisrundes Loch wurde auf der
-Haut sichtbar, gerade auf der Stelle des Herzens. Da legten sie ihn,
-ohne ein Wort zu sprechen, behutsam auf dem Rücken in das Gras, und
-jeder vermied es, dem andern ins Gesicht zu sehen.
-
-Durch den Lärm waren die Leute in den nächstliegenden Häusern längst
-erwacht, bei dem Knall des Schusses aber eilten einige voll Unruhe
-herbei. Unter diesen befand sich auch Mutter Lehnhardt. Bestürzt
-betrachteten die Ankommenden den am Boden Liegenden und traten dann
-wortlos zur Seite. Die Greisin aber setzte sich neben dem Verwundeten
-nieder und zog seinen Kopf auf ihren Schoß.
-
-Im Osten hatte sich unterdessen der Himmel blutigrot gefärbt, und die
-ersten Sonnenstrahlen waren über die noch schlummernde Erde geglitten.
-Jetzt ward auch der glühende Ball am Himmelsrande sichtbar, der rasch
-heraufwuchs und sein flutendes Licht auf die Fluren ergoß. Der Nebel
-zerriß, und die weite Landschaft wurde erkennbar. Der junge Tag brach
-an mit seiner ganzen, sieghaften Schönheit, und alles erwachte zu neuem
-Leben. Nur der Mann auf dem Rasen machte seine letzte Rechnung auf
-Erden!
-
-Noch einmal schweifte sein Blick in die Weite.
-
-Drüben stand in goldigem Glanze das Schloß seiner Väter. Aber
-seine trutzigen Mauern waren zerfallen, und kein verjüngender
-Sonnenaufgang gab ihm seine Festigkeit wieder. Nur ein kleiner Teil,
-die vorspringende Mitte, stand noch, und die weißen Quader leuchteten
-wie einst über das Land. Aber ach, wie lange würde es dauern, dann
-stürzten auch die letzten Mauern zusammen, und ein wüster Trümmerhaufen
-bezeichnete die Stätte, auf der einst in Pracht und scheinbarer
-Unvergänglichkeit auf felsigem Grunde ein stolzes Menschenwerk
-gestanden hatte.
-
-Jahrhunderte hatte der Bau ins Land ziehen sehen. Lieblicher
-Sonnenschein hatte ihn unzähligemale umschmeichelt, brausende
-Naturgewalten drohend umbrandet. Zeiten segensreichen Friedens
-waren an ihm vorübergegangen, und auf wildes Kriegsgetümmel und
-ohnmächtige Wut seiner Angreifer hatte der steinerne Koloß mit stummer
-Verachtung herabgesehen. Nun war auch seine Zeit abgelaufen, und der
-vorgeschrittene Verfall führte die eindringliche Sprache, daß auf
-Erden alles vergänglich ist! Nach einer Reihe von Jahren, früher oder
-später, aber einmal doch, werden auch die letzten, stummen Zeugen
-entschwundener Pracht und menschlichen Fleißes nicht mehr sein. Die
-noch nicht zertrümmerten Steine werden Häuser bauen helfen, in denen
-Menschenfreud und Menschenleid geboren wird, lacht und weint und
-stirbt, und die geborstenen Säulen und Quader zerfallen endlich in
-Staub und vermischen sich wieder mit der Erde, von der sie gekommen
-sind, und deren mütterlicher Umarmung sie sich nur zu lange entzogen
-hatten. Dann geht die Pflugschar wieder über das Land und wirft die
-köstlich duftende Ackerkrume auf, und saurer Schweiß tränkt den Boden.
-Bis endlich auf dem Rasen Spiel und Sang anheben, und die Halme sich
-biegen unter den Füßen der Tanzenden. So in stetem Auf- und Niedergang,
-Geburt, Hinaufeilen auf den Gipfelpunkt des Lebens, mühsames
-Hinabklimmen oder Hinabsturz -- und Tod: das ist das wechselvolle,
-geheimnisumwobene Spiel des Werdens und Vergehens alles Irdischen,
-das sind die urewig gleichen Menschenschicksale! Eine zermalmende
-Traurigkeit beschleicht bei dieser Betrachtung das Gemüt, gegen
-die menschlicher Witz sich vergebens sträubt und menschliche Kraft
-ohnmächtig ankämpft. In diesem Leid tröstet und erquickt allein der aus
-starkem Herzen quellende Glaube an die Barmherzigkeit und Ewigkeit der
-Himmel!
-
-Und dann gedachte der junge Tiefenbach seines Geschlechts. In langen
-Reihen standen in sturmfesten Kellergewölben des Schlosses die Särge
-seiner Ahnen. Viele von ihnen waren wohl mit dem Schwerte in der Faust
-gestorben und schlummerten in unbekannter Erde. Er war der letzte
-Sproß. Jung war er und kraftvoll, und doch rüstete er sich schon zur
-Wanderung nach jenem unbekannten Land, aus dem niemand wiederkehrt. Nun
-stand der Name Tiefenbach nur noch auf zwei alten, müden Augen -- -- --
-
-Aber er ging gern von hinnen, denn er ging nach einem gewonnenen Streit
-gegen den Feind des Landes und den Beflecker seiner Ehre. Das ist für
-Menschen, die beim Heimgange eines Teuern großen Schmerz erlitten,
-das Köstliche, daß sie in jenen unbekannten Gefilden von einer ihrer
-harrenden, liebenden Seele an die Hand genommen werden.
-
-So mußte er denn früher scheiden als er gedacht; aber noch waren
-es ihrer zwölf, die die Reihen der für die Freiheit Kämpfenden
-verstärkten. Und bei diesem tröstenden Gedanken trat wieder das
-glückliche Lächeln auf die Züge des schwer Atmenden, und eine neue
-Ohnmacht umfing seine Sinne.
-
-Jetzt tauchte auch der galoppierende Reiter vor einer Biegung der
-Straße auf und näherte sich rasch der Gruppe. Es war Konrad Hartmann.
-
-Schon von weitem winkte und rief er. Hastig sprang er vom Pferde
-und fragte die schweigend Herumstehenden mit lauten Worten nach der
-Ursache des Schusses, den er schon in weiter Ferne vernommen hatte. Mit
-fliegendem Atem wurde er unterrichtet. Da fielen seine Augen auf den
-wie in friedlicher Ruhe schlummernden Freund. Ein einziger Blick, und
-er hatte alles verstanden. In heftigem Schmerze griff er mit beiden
-Händen nach der Stirn und blieb eine Sekunde lang mit verhülltem
-Antlitz stehen. Dann eilte er zu dem Liegenden, faßte ihn an der
-Schulter und rüttelte sie und schrie dem Ohnmächtigen ins Ohr:
-
-»Vernimm erst noch, was ich Dir sage, mein Freund, es mag Dir eine
-erquickende Zehrung auf die Reise sein!«
-
-Der Angerufene schlug langsam die Augen auf und sah den Freund
-verständnisvoll an.
-
-»Die Sache steht gut,« rief Konrad ihm zu, »heute oder morgen werden
-die deutschen Hörner beim Blasen der Siegesfanfaren zerspringen. Der
-Blücher haut die Franzosen in Fetzen. Hörst Du’s, Max, der Blücher! Und
-in den sächsischen Regimentern ist ein Tumult ausgebrochen. Sie wollen
-nicht mehr für den Kaiser fechten, sondern zu den Preußen übergehen!«
-
-Da erstrahlten die schon brechenden Augen noch einmal in sonnigem
-Leuchten, und der Sterbende nahm die rasch entfliehenden Kräfte
-zusammen und sprach mit leiser, vernehmbarer Stimme:
-
-»Der Freihof gehört dem Hermann, und -- sagt’s der Mutter, -- der
-Schimpf ist getilgt!«
-
-Dann fiel der während der letzten Worte mühsam gehobene Kopf wieder in
-Mutter Lehnhardts Schoß zurück, und ein tiefer Seufzer entrang sich den
-bleichen Lippen. Konrad ließ sich neben dem Freunde auf das Knie nieder
-und drückte ihm leise die Augen zu, während die Umstehenden in tiefer
-Ergriffenheit die Blicke zu Boden schlugen.
-
- * * * * *
-
-Vorwärts, soweit das Auge reichte, dehnte sich die weite Ebene von
-Leipzig aus. Obwohl die Erde von dem Flammenkuß des leuchtenden
-Tagesgestirns eben erst erwacht war, stiegen pyramidengleich schon
-durchsichtige Staubwolken zum Himmel empor, deren düsteres Grau,
-durchglänzt von dem leuchtenden Gold der Sonnenstrahlen, sich mit
-der tiefblauen Färbung des Äthers vermählte. Das waren die ersten
-Anzeichen, daß der Aufmarsch der Regimenter von Freund und Feind zur
-Schlacht nach dem gestrigen Tage der Ruhe begonnen hatte. Als wenn
-ein ungeheures Wesen seine tausendfach gegliederten, tausend Arme zu
-gleicher Zeit rege. Zum letzten Male rauschte der Vorhang des großen
-Schlachtentheaters in die Höhe, -- morgen fiel er, und hinter ihm
-sank einer der gewaltigsten Abschnitte deutscher Geschichte hinab in
-das Meer der Weltgeschichte! Die eisernen Würfel rollten um alles
-über die zerstampften, blutgetränkten Gefilde Leipzigs und warfen für
-Deutschland achtzehn Augen. Einer der Großen der Erde wurde von dem
-wandelbaren Geschick, nachdem es den beispiellosen, sieghaften Aufflug
-seines Genies lange Zeit wunderbar behütet hatte, in diesen Tagen
-verlassen.
-
-Aber selbst sein Volk vermag ihm bei dem Heraufsteigen seiner Manen nur
-Bewunderung gemischt mit Grausen zu zollen; eine höhere Empfindung kann
-das menschliche Herz für ihn nicht bewegen. Sein Lebensschiff trieb auf
-einer Woge von Blut und bittern Tränen. Denn er war ein Zerstörender,
-Niederreißender. Der aber, dessen Lebensfaden Klotho kaum zwei Jahre
-darauf zu spinnen begann, und dessen Genius später in Deutschland
-wie ein leuchtendes Phänomen langsam emporstieg, bis es, wie einst
-jenes, über die ganze Erde hinweg gesehen ward, dieser Große war ein
-Aufbauender, Schaffender! Anfangs alle bis auf seinen König zum Gegner,
-schlug die Stimmung infolge seines weitschauenden Wirkens und seiner
-kühnen und von glänzendem Gelingen gekrönten Taten allmählich um, und
-aus den heftigsten seiner Widersacher von einst wurden unwandelbare
-Verehrer seines Kurses. Aus einem Wirrwarr sich heftig befehdender
-Kräfte erstarkte unter seinem Einfluß ein bewußtes Streben nach
-nationalen Hochzielen, und der nie ganz ausgeklungene, märchenschöne
-Traum trat endlich in plastischer Schärfe wieder vor die Seele des
-ungestüm seine Verwirklichung fordernden deutschen Volkes: der große,
-der gewaltige, -- der Kaisergedanke!
-
-Und als nach Jahren brausender Gährung der einstmalige Tummelplatz
-hoher Ideen und doch gleichzeitig engherziger Empfindungen ihm für
-sein Riesenwerk hinreichend bestellt erschien, da schweißte der
-Titan mit weit über Europas Grenzen hinaus hallenden Hammerschlägen
-das zerstückelte Deutschland zusammen. Hinter dem schwärzlich sich
-ballenden Rauche der dröhnenden Kanonen stieg die schimmernde
-Morgenröte des neuen deutschen Reiches verheißungsvoll empor, und
-in das Wimmern und Ächzen der Verwundeten, in das Seufzen und Beten
-der Sterbenden mischten sich Posaunentöne, feierlicher Glockenklang
-und der stürmische Jubel der Ueberlebenden, denn Deutschland hatte,
-ja es hatte wieder -- einen Kaiser! Zweimal führte der Erzfeind im
-Schilde, Deutschland zu zersplittern und zu vernichten, und zweimal
-ging es siegreich und schließlich geeint und in seinen höchsten
-Idealen erstarkt aus dem aufgezwungenen Kampfe hervor. Wie später auf
-Frankreichs Boden, gingen damals auf dem grünen Plane vor Sachsens
-alter Lindenstadt Tausende deutscher Männer und Jünglinge freudig in
-den Tod. Sie starben, um kommenden Geschlechtern die Freiheit und
-Unabhängigkeit des Heimatbodens zu sichern.
-
-Heil, dreimal Heil, dir mein deutsches Vaterland, zu solchen
-Heldensöhnen! --
-
-Da sprang der Rabensteiner auf. Sein Gesicht war mit hellem Rot
-übergossen, und sein Auge glühte in edlem Feuer:
-
-»Was steht Ihr noch länger müßig? Hebt den Leichnam auf, tragt ihn
-hinab ins Trauerhaus und tröstet die tiefgebeugte Mutter. Dann aber
-eilet von Hof zu Hof, von Haus zu Haus und fordert die Männer, die
-Frauen und Kinder auf zur Totenschau, auf daß mit Tränen der Wehmut und
-des Stolzes reichlich genetzt werde der gemeinsame Hügel, unter dem
-zwei Helden schlummern, die für ihre Ehre und die deutsche Freiheit in
-den Tod gingen.«
-
-Dann stellte er sich vor die Männer:
-
-»Euerm Führer war es als Ersten vergönnt, für die heilige Sache sein
-Herzblut dahinzugeben. Wohlan, Freunde,« fügte er frohlockend hinzu,
-»so laßt es nun mich sein, der Euch den Weg weist, zu den siegenden
-Fahnen der deutschen Brüder!«
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Sonst
- wurde die teilweise uneinheitliche Schreibweise, insbesonde der
- großen Umlaute, wie im Original beibehalten.
-
- Korrekturen:
-
- S. 231: bekommenen → beklommenen
- ohne den {beklommenen} Eindruck der Seele
-
- S. 325: Sternschuppen → Sternschnuppen
- zerflattern wieder wie {Sternschnuppen}
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HERR, MACH' UNS FREI! ***
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the
-United States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for an eBook, except by following
-the terms of the trademark license, including paying royalties for use
-of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
-copies of this eBook, complying with the trademark license is very
-easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
-of derivative works, reports, performances and research. Project
-Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may
-do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected
-by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
-license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country other than the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you will have to check the laws of the country where
- you are located before using this eBook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm website
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that:
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of
-the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set
-forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation's website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without
-widespread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This website includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
diff --git a/old/67303-0.zip b/old/67303-0.zip
deleted file mode 100644
index 8c22396..0000000
--- a/old/67303-0.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/67303-h.zip b/old/67303-h.zip
deleted file mode 100644
index 2c84b20..0000000
--- a/old/67303-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/67303-h/67303-h.htm b/old/67303-h/67303-h.htm
deleted file mode 100644
index fe53630..0000000
--- a/old/67303-h/67303-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,16023 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
- "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de">
- <head>
- <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" />
- <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" />
- <title>
- Herr, mach’ uns frei!, by Gustav Hildebrand&mdash;A Project Gutenberg eBook
- </title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
- <style type="text/css">
-
-body {
- margin-left: 10%;
- margin-right: 10%;
-}
-
-h1, h2 {
- text-align: center; /* all headings centered */
- clear: both;
-}
-
-p {
- margin-top: .51em;
- text-align: justify;
- margin-bottom: .49em;
- text-indent: 1em;
-}
-
-.h2 {
- text-align: center;
- text-indent: 0;
- font-size: x-large;
- font-weight: bold;
-}
-
-.p2 {margin-top: 2em;}
-
-hr.chap {
- width: 65%;
- margin-top: 2em;
- margin-bottom: 2em;
- margin-left: 17.5%;
- margin-right: 17.5%;
- clear: both;
-}
-
-@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} }
-
-div.tb {
- margin-top: 2em;
- margin-bottom: 2em;
- text-align: center;
-}
-
-div.tb sup, sub {
- padding-left: 1em;
- padding-right: 1em;
-}
-
-div.chapter {page-break-before: always;}
-h2.nobreak {page-break-before: avoid;}
-
-.pagenum {
- position: absolute;
- left: 92%;
- font-size: smaller;
- text-align: right;
- font-style: normal;
- font-weight: normal;
- font-variant: normal;
-} /* page numbers */
-
-.letter {
- margin-left: 5%;
- margin-right: 5%;
-}
-
-.center {
- text-align: center;
- text-indent: 0;
-}
-
-.mright {
- text-align: right;
- margin-right: 1em;
-}
-
-.smaller { font-size: smaller; }
-
-.gesperrt {
- font-style: italic;
-}
-
-/* Images */
-
-img {
- max-width: 100%;
- height: auto;
-}
-
-.figcenter {
- margin: auto;
- text-align: center;
- page-break-inside: avoid;
- max-width: 100%;
-}
-
-/* Poetry */
-.poetry-container {text-align: center;}
-.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;}
-.poetry .stanza {margin: 1em auto;}
-.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;}
-/* large inline blocks don't split well on paged devices */
-@media print { .poetry {display: block;} }
-.x-ebookmaker .poetry {display: block;}
-/* Poetry indents */
-.poetry .indent0 {text-indent: -3em;}
-
-/* Transcriber's notes */
-.transnote {
- background-color: #E6E6FA;
- color: black;
- font-size:smaller;
- padding:0.5em;
- margin-bottom:5em;
-}
-
-.transnote p {
- text-indent: 0;
-}
-
-.corr p {
- margin-left: 2em;
- text-indent: -1em;
-}
-
- </style>
- </head>
-<body>
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<p style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of <span lang='de' xml:lang='de'>Herr, mach' uns frei!</span>, by Gustav Hildebrand</p>
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
-at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
-are not located in the United States, you will have to check the laws of the
-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: <span lang='de' xml:lang='de'>Herr, mach' uns frei!</span></p>
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Gustav Hildebrand</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Release Date: February 2, 2022 [eBook #67303]</p>
-<p style='display:block; text-indent:0; margin:1em 0'>Language: German</p>
- <p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em; text-align:left'>Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</p>
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>HERR, MACH' UNS FREI!</span> ***</div>
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>Herr, mach’ uns frei!</h1>
-
-<div class="figcenter" id="illu-001a">
- <img src="images/illu-001a.jpg" alt="Dekoration" />
-</div>
-
-<p class="center">Roman</p>
-
-<p class="center smaller">von</p>
-
-<p class="h2">Gustav Hildebrand.</p>
-
-<div class="figcenter" id="illu-001b">
- <img src="images/illu-001b.jpg" alt="Signet" />
-</div>
-
-<p class="center p2">Leipzig.</p>
-
-<p class="center"><b>Bruno Volger, Verlagsbuchhandlung.</b></p>
-
-<p class="center smaller">1908.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_3">[3]</span></p>
-<h2 class="nobreak" id="kap01">1. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Der zur Rüste gehende Julitag hatte alle vorangegangenen
-Tage, so heiß sie auch gewesen waren, übertroffen.
-Vom frühen Morgen ab hatte die Sonne von
-dem wolkenlosen Himmel auf die Erde herabgeschienen.
-Nun ging aber ihre Herrschaft zu Ende, denn der glühende
-Ball näherte sich dem Himmelsrand und seine Strahlen
-glitten in schräger Richtung über die Landschaft.</p>
-
-<p>Auf der alten Poststraße, die von Borna nach
-Leipzig führte, schritt ein junger Mann fürbaß, dessen
-müder Gang verriet, daß er heute schon einen weiten
-Weg zurückgelegt hatte. Er hatte den leichten Strohhut
-in den Nacken geschoben und lüftete ab und zu das kleine
-Ränzel, das ihn nach so langen Stunden wohl arg
-drücken mochte.</p>
-
-<p>Ein schmaler Weg kreuzte die Straße, und an dem
-Schnittpunkt stand ein alter Meilenstein. Der Wanderer
-ging zu ihm hin, stützte sich hintenübergelehnt mit beiden
-Armen auf seinen derben Knotenstock und versuchte, die
-kaum noch leserlichen Buchstaben auf dem verwitterten
-Stein zu entziffern. Nach einigem Bemühen las er
-mit lauter Stimme: »Rehefeld ¼&nbsp;Meile.«</p>
-
-<p>Eine muntere Melodie pfeifend, hieb der Fremde
-mit dem Stock ein paarmal vergnügt ins Blaue und
-schlug dann den schmalen Weg ein. Die Aussicht auf das<span class="pagenum" id="Seite_4">[4]</span>
-nahe Ziel belebte seine Kräfte sichtlich aufs neue. Obwohl
-der Weg nicht bequem zu gehen war, denn hüben
-und drüben hatten schwerbeladene Wagen tiefe Radspuren
-hinterlassen, und aus dem schmalen Grasstreifen
-in der Mitte ragten zahlreiche, spitze Steine hervor, eilte
-der Wanderer dennoch mit schnellen Schritten vorwärts.
-Ein schwacher Wind hatte sich erhoben, der ihm wohltuende
-Kühlung spendete, und vor dem die mannshohen
-Halme ihre schweren Häupter leicht hin- und herwiegten.</p>
-
-<p>Zu seiner Linken verlor sich das Land in eine
-unabsehbare Ebene, während vorwärts und nach rechts
-hin ein dichtes Waldstück die Fernsicht versperrte.</p>
-
-<p>Nach wenigen Minuten befand er sich inmitten der
-Fichten, durch die der Weg jetzt leicht anstieg. In kurzer
-Zeit aber wurde der Wald wieder lichter und die Bäume
-hochstämmig, und nach einigen Schritten verdoppelter
-Eile, und nachdem der Weg eine letzte, scharfe Biegung
-nach rechts gemacht hatte, trat der Fremde wieder ins
-Freie.</p>
-
-<p>Ein herrliches Bild bot sich den entzückten Augen
-des Wanderers. Zu seinen Füßen schlängelte sich in
-seinem tiefeingeschnittenen Bette gleich einem silbernen
-Streifen der Göselbach dahin, zu dessen beiden Seiten
-zahlreiche, hochstämmige Lindenbäume und Ulmen standen,
-aus deren saftigem Grün die Häuser des Dorfes hervorlugten.
-Die dunkeln Balken in den Giebelwänden hoben
-sich von dem weißgetünchten Mauerwerk scharf ab, und
-hier und da schlängelte sich aus einem Schornstein schon
-eine dünne Säule blauen Rauches, dessen Ringe sich
-sanft kräuselten, bis sie endlich in der Luft verschwanden.
-Einige der Häuser waren mit Ziegeln gedeckt, bei den
-meisten aber bestand das Dach aus einer dicken Lage Stroh.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[5]</span></p>
-
-<p>Der Hügel, auf dem der Wanderer sich befand,
-ging nach rechts in die weite Ebene über. Das linke
-Ufer des Flüßchens dagegen erhob sich zu einer sanften
-Lehne, auf deren höchstem Punkt, vielleicht zweihundert
-Fuß über dem schlanken Turme des Kirchleins, ein altes
-Schloß thronte. Es war eine festungsartige Burg mit
-einem weit hervortretenden Mittelbau und zwei dicken,
-vom Erdboden ab aufgeführten Türmen, von denen der
-westliche, wahrscheinlich infolge Altersschwäche, zur Hälfte
-eingestürzt war.</p>
-
-<p>Jahrhunderte mochten ins Land gezogen sein, seitdem
-der Grundstein dieser Feste gelegt worden war. Wohl
-hatte das Schloß den Zeiten und Wettern seinen Tribut
-zollen müssen, aber noch immer behauptete es, den wildesten
-Stürmen zum Trotz, seinen Platz, wuchtig und
-herausfordernd zugleich, und die großen, weißen Quader
-leuchteten noch wie ehedem weit in das Land hinein.
-Wie ein ehrfurchtgebietendes Denkmal alter Zeiten, ein
-stummer Zeuge der Geschehnisse eines halben Jahrtausends
-grüßte es zu dem Wanderer herüber.</p>
-
-<p>Dieser hatte sich an eine der hohen Fichten gelehnt
-und überließ sich ganz dem Zauber des Anblicks, der
-sich ihm bot.</p>
-
-<p>Seine Blicke glitten hinüber zu dem mächtigen
-Bauwerk, das als ein stolzes Erzeugnis menschlicher
-Kunst und menschlichen Fleißes, nunmehr dem Zerfall
-entgegenging, wie es den Menschenwerken endlich beschieden
-ist.</p>
-
-<p>Die Phantasie gaukelte dem Fremden die Geschichte
-des Schlosses in lebhaften Bildern vor die Seele. Er
-sah, wie die mächtigen Bausteine von starken Pferden
-den Berg hinangeschleift wurden, wie die Mauern erstanden,<span class="pagenum" id="Seite_6">[6]</span>
-und wie endlich der Bischof segnend die Hände
-über den Bau ausbreitete, den die Bewohner des Dorfes
-mit frischen Blumengewinden bräutlich geschmückt hatten.
-Dann sah er, wie die Tore sich öffneten und aus ihnen
-eine lärmende Schar herauszog, den Schloßherrn mit
-seinen Gästen an der Spitze, und an ihrer Seite ritten
-Edelfrauen mit den Jagdfalken auf den Schultern. Aber
-weiter eilte sein Geist. Er sah wieder ein Häuflein den
-Abhang herabziehen, diesmal aber nicht zur Jagd, oder
-um die feurigen Rosse im Turnier zu tummeln: von
-den Schildern der Gewappneten glänzte das Kreuzeszeichen,
-und die Ritter schauten mit ernsten Mienen hinauf,
-wo vom Söller die Frauen feuchten Auges die
-letzten Grüße herabwinkten. Und jeder der Beherzten
-fragte sich leise: »Wer wird wiederkehren?« Doch im
-nächsten Augenblick warfen sie unwillig den Kopf in den
-Nacken und reckten die gepanzerten Glieder, daß die
-eherne Rüstung klirrte, und die wallenden Federn der
-blanken Helme durcheinander wogten, und sie beeilten
-sich, die sie überkommene Weichheit zurückzudrängen.
-Seit wann war es denn auch Sitte, daß der zum Kampfe
-ausziehende deutsche Krieger der Weibertränen achtete?
-Galt es doch diesmal, dem heidnischen Sarazen die
-Herrschaft über das heilige Grab mit dem Schwert
-wieder zu entreißen und an der Stelle des Halbmonds
-die Kreuzesfahne aufzupflanzen.</p>
-
-<p>Jahrhunderte durchmaß des Wanderers Phantasie.
-Die sonst so friedliche Umgebung des Schlosses war
-niedergestampft, niedergebrannt, verwüstet. Rundum
-breitete sich das Heerlager des Belagerers aus, der sich
-eben anschickte, die Feste zu berennen. Sturmleitern
-wurden in Eile herangeschoben, und Rammbock und<span class="pagenum" id="Seite_7">[7]</span>
-Mauerbrecher waren in Tätigkeit. Von oben aber wurde
-siedendes Oel hinabgegossen, und Steinblöcke wurden mit
-wildem Getöse auf die Stürmenden herabgeworfen, während
-des Angreifers Feldkartaune aus ihrem ehernen
-Leibe schwere Geschosse gegen die stellenweise schon wankenden
-Mauern schleuderte. Da schien mit einem Male
-der Widerstand der Eingeschlossenen gebrochen; die Abwehr
-läßt nach, die Mannen auf dem Mauerrand ziehen
-sich zurück. Da, &ndash; Stimmengewirr, Schnauben und
-Stampfen nicht mehr zu zügelnder Rosse. Gedämpfter
-Kommandoruf wird vernehmbar, und &ndash; nieder rasselt
-klirrend die Zugbrücke. Wie Sturmwind fegt es darüber
-hinweg: die Belagerten machen einen Ausfall.
-Wenn der Untergang im Buche des Schicksals einmal
-besiegelt, dann wenigstens nicht ruhmlos untergehen,
-Hörnerruf, der erzene Klang der ihren Scheiden entfliehenden
-Schwerter, und dann mit vielstimmigem, drohendem
-Schlachtruf hinein in die schnell gebildeten
-Haufen der Feinde. Wie Löwen kämpfen die Ritter,
-und manch einem entsinkt das Schwert der Faust; edles
-Blut färbt den Rasen. Aber Söldlinge können solchem
-Ansturm nicht lange widerstehen: hier und dort beginnt
-der Feind schon zu weichen, und endlich wirft der bleiche
-Mond sein mildes Licht auf den Kampfplatz, den sich
-die Tapfern, wenn auch mit schweren Opfern, ruhmvoll
-erkämpft, und die Geister der Gefallenen setzen auch dann
-noch erbittert den Strauß fort, wenn die Überlebenden
-längst schon die müden Glieder auf das Lager streckten.</p>
-
-<p>Die feinen Züge des Fremden hatten sich belebt
-und seine Augen glänzten begeistert.</p>
-
-<p>Dann wandte er sich ab und sah hinein in das
-weite Land. Die Felder waren überreich bestanden, ihre<span class="pagenum" id="Seite_8">[8]</span>
-Grenzen hoben sich von einander scharf ab. Hier und
-dort bemerkte er eine Windmühle, deren lange Flügel
-sich rastlos drehten, &ndash; fast vermeinte er, ihr Klappern
-töne herüber; dort wieder stand ein einsames Haus,
-dort lag ein Dorf in weiter Ferne, als wenn ein Riesenkind
-seine Spielwaren aufgebaut habe, und weit hinten
-am Horizont grüßten die Türme von Leipzig, &ndash; der
-alten Lindenstadt. Über dem ganzen herrlichen Bilde
-aber lag ein Hauch von Frieden und segensreicher Arbeit.</p>
-
-<p>Der einsame Beschauer ließ seine trunkenen Blicke
-von einem zum andern gleiten, über all die blühenden
-Gefilde, die gesegneten Fluren; und er seufzte. Denn
-noch immer befürchtete man die Wiederkehr der Scharen
-Napoleons. Die Wunden, die des verhaßten Korsen
-blutige Geisel geschlagen, waren noch lange nicht verheilt,
-und die Schrecken der Tage von Jena und Friedland
-zitterten noch sattsam nach in den Seelen der Menschen.</p>
-
-<p>Wie lange war es dem Landmann noch beschieden,
-friedlich seine Felder zu bebauen und den reichen Gottessegen
-einzuernten? Konnte es nicht dem Ruhelosen noch
-einmal gelüsten, sein Schlachtenglück zu erproben und
-Verwüstung und Greuel hineinzutragen in die deutschen
-Lande, in denen eine große Anzahl von Eltern und Kindern
-an den noch frischen Gräbern ihrer Teuern stand, die
-der Ruhmsucht dieses Weltenstürmers zum Opfer gefallen
-waren! Sind nicht alle Menschen Brüder untereinander,
-und warum läßt ein gerechter Gott Tausende von
-blühenden Jünglingen dahinsinken nach dem Willen eines
-Einzigen?</p>
-
-<p>Dem Wanderer schauerte, wenn er daran dachte,
-daß diese Fluren verödet, zertreten werden könnten, und
-er wandte sich langsam zum Gehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_9">[9]</span></p>
-
-<p>Noch immer diesen Gedanken nachhängend, stieg er
-den Hügel hinab und befand sich bald zwischen den ersten
-Häusern von Rehefeld.</p>
-
-<p>Kurz nach dem Betreten des Dorfes fiel sein Blick
-auf ein kleines, altes Haus, das von einem sorgfältig
-gepflegten, kleinen Garten umgeben war. Vor ihm
-saßen auf der steinernen Bank neben der Tür drei
-Menschen: ein junger Bauernbursche, der den Arm um
-die Hüften des neben ihm sitzenden Mädchens gelegt hatte
-und eine kleine, gebückte Frau, deren hohes Alter mit
-dem des Hauses wohl fast übereinstimmen mochte. Auf
-ihren Knien hielt sie eine Schüssel, in die sie Kartoffeln
-hineinschälte.</p>
-
-<p>Einer plötzlichen Eingebung folgend, trat der Wanderer
-an den niedrigen Zaun und fragte hinüber, ob
-er wohl eine kleine Zehrung erhalten könne.</p>
-
-<p>Die drei hatten den Fremden schon beim Näherkommen
-mit neugierigen Blicken betrachtet, seine unerwartete
-Anrede aber machte sie verlegen. Am ehesten
-fand die Alte Worte. »Wenn der Herr mit einem
-Trunke frischgemolkener Milch fürlieb nehmen würde&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Das ist es ja gerade was ich wünsche,« antwortete
-der Fremde und trat durch die Tür in den Garten.</p>
-
-<p>Der Bursche war aufgestanden und bot dem Ankömmling
-seinen Sitz auf der Bank an, den dieser aber
-mit einem lächelnden Blick auf das errötende Mädchen
-dankend ausschlug.</p>
-
-<p>Unterdessen hatte die Greisin den Napf zu Boden
-gesetzt und war dann mit überraschender Beweglichkeit
-in das Haus geeilt, um bald darauf mit einem Glase
-Milch und einer Brotschnitte zurückzukehren.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[10]</span></p>
-
-<p>Der Fremde, der sich auf einem Grasstreifen des
-kleinen Gartens niedergestreckt hatte, griff verlangend
-nach dem dargebotenen Trunk und tat einen tiefen Zug
-davon. Dann brach er das Brot auseinander, tauchte
-es in die Milch und verzehrte das einfache Mahl mit
-sichtlichem Behagen. Die Alte und der Bursche hatten
-sich wieder zu dem Mädchen gesetzt, und nun ruhten
-aller Augen auf dem Fremden, der sich so zwanglos
-vor ihnen niedergelassen hatte, und jeder von ihnen versuchte
-nach seiner Art zu erraten, welch Standes er
-wohl sei.</p>
-
-<p>Ein Bauer war er nicht, das sah der Bauer auf
-den ersten Blick. Er war von schlanker Gestalt, noch
-nicht dreißig Jahre alt und hatte ein von der Sonne
-stark gebräuntes Gesicht. Seine Züge waren vornehm,
-seine Haltung und Art edel. Die Kleider hatten einen
-Schnitt, wie man ihn hier im Dorfe selten sah und
-waren von feinem Tuche gefertigt. Es war schade, daß
-man die Farbe des Stoffes nicht recht erkennen konnte,
-eine so dicke Staubschicht lag darauf. Der Fremde mochte
-heute früh weit von Rehefeld entfernt aufgebrochen sein.
-Er war ein Stadtherr, das stand fest. Aber was mochte
-ihn hierher führen? Vielleicht war er auf der Reise
-nach Leipzig, denn das kleine Dörfchen bot für einen
-Mann wie seinesgleichen keine Anziehung.</p>
-
-<p>Mit all diesen Fragen beschäftigten sich die drei
-Rehefelder eifrig, und wenn auch jeder von ihnen viel
-darum gegeben hätte, zu erfahren, was er zu wissen
-wünschte, so soll doch nicht verhehlt werden, daß sich
-besonders das junge Mädchen im geheimen diese Fragen
-immer wieder auf das eindringlichste stellte, die befriedigenden
-Antworten darauf ihr aber nicht gelingen wollten.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[11]</span></p>
-
-<p>Der junge Bursche rückte wieder an Antonie heran;
-als er sich aber anschickte, sie wie vorhin zu umfangen,
-deutete das Mädchen ihm durch stumme Zeichen an, daß
-dies in Gegenwart des Fremden wohl nicht schicklich sei.
-Hermann schien jedoch für die verstohlene Äußerung
-jungfräulichen Taktes nicht das genügende Verständnis
-zu besitzen, denn sie sah sich veranlaßt, ihm heimlich
-einen genügend hörbaren Klaps auf die Hand zu geben
-und dem verdutzt Dreinschauenden obendrein verweisende
-Worte zuzuwispern.</p>
-
-<p>Daß Hermann sie gerade in der Betrachtung des
-kleinen Medaillons gestört hatte, das verstohlen von
-dem goldenen Armband des Fremden aus dem Ärmel
-hervorlugte, und in dem sie mit echt weiblichem Scharfsinn
-ein schönes Frauenbild vermutete, zu dem wohl zwei
-schwere Zöpfe gehörten, vielleicht von einem solch lieblichen
-Blond wie die krausen Locken, die sich unter dem
-Hute des Fremden hervorgedrängt hatten und nun über
-der Stirn im leichten Windhauch zitterten, daß Hermann
-sie aus diesen wichtigen Betrachtungen gerissen hatte, sagte
-sie ihm freilich nicht.</p>
-
-<p>Der Fremde hatte den Rest der Milch ausgetrunken,
-und Antonie beeilte sich, ihm das leere Glas abzunehmen.</p>
-
-<p>Wenn die Alte bisher nur einige Male zu dem
-im Grase Liegenden heimlich hinübergeschaut hatte, so
-schien ihr aber jetzt der richtige Zeitpunkt für ein Verhör
-gekommen.</p>
-
-<p>Eben hatte sie eine große Kartoffel geschält und wie
-sie diese zerschnitt, fielen beide Hälften klatschend in die
-Schüssel, daß das Wasser über den Rand spritzte. Und
-mit diesem Laut war der Bann ihrer Zunge gebrochen.</p>
-
-<p>»Der Herr ist heute wohl lange gewandert?« fragte sie.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_12">[12]</span></p>
-
-<p>Der Angesprochene hatte sich im Grase lang ausgestreckt
-und den Kopf in die Hand gestützt; er schien
-diese Frage schon längst erwartet zu haben.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte er, »so reichlich zehn Stunden bin ich
-heute unterwegs, und die Sonne hat mich von allen
-Seiten gehörig beschienen.«</p>
-
-<p>»Ei, ei, das ist lange,« versetzte die Greisin, die
-ihre Kartoffeln ganz vergaß, »das kann nicht jedermann
-tun. Nun dafür hat aber der Herr gestern gewiß weidlich
-geruht.«</p>
-
-<p>»Gestern? Ach nein, gestern war’s so wie heute,
-fast war der Weg noch länger.«</p>
-
-<p>Wieder entstand eine tiefe Pause, und jeder der
-drei Rehefelder spann von neuem seine Gedanken.</p>
-
-<p>Hermann sagte sich, daß dieser Fremde doch ein recht
-närrischer Kauz sein müsse. Man stand im Zeichen der
-Hundstage, und die liebe Sonne meinte es über alle
-Maßen gut. Darüber durfte man freilich im allgemeinen
-nicht böse sein, denn der Hafer und die Kirschen konnten
-noch ein paar Tage heißen Sonnenscheins gebrauchen.
-Aber man läuft, wenn man’s anders haben kann, bei
-dieser Hitze doch nicht durch das ganze Land. Ja, diese
-Stadtleute!</p>
-
-<p>Anders dachte Antonie. Das Mädchen, dessen Bild
-in der goldenen Kapsel steckte, würde weit entfernt weilen,
-und nun ließ die Sehnsucht nach der Geliebten ihm
-keine Ruhe. Er hatte sich also aufgemacht, um sein
-Mädchen zu überraschen. Allerdings, dachte sie weiter,
-bequemer hätte es der Verliebte doch gehabt, wenn er die
-Reise zu Wagen gemacht haben würde.</p>
-
-<p>Über das welke, runzlige Gesicht des alten Mütterchens
-aber huschte das Aufleuchten des Verständnisses.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_13">[13]</span></p>
-
-<p>»Zwei Tage so zu marschieren, ist sehr viel,« sprach
-sie, »besonders in dieser Zeit. Wenn es der junge Herr
-nun aber einmal getan hat, so ist es gewiß das erste
-Mal, daß er diesen Weg zurücklegt, und er wähnt mit
-Recht, daß der Mensch die Schönheit Gottes herrlicher
-Natur wandernd viel besser genießt, als wenn er in der
-dumpfigen Postkutsche sitzt und nur durch ein kleines
-Fenster schauen darf. Und obendrein ist es doch nicht
-selten, daß die liebe Reisegesellschaft selbst das bißchen
-Erbauung zerstört, das einem an dem kleinen Fenster
-vielleicht noch überkommt.«</p>
-
-<p>»O, o,« dachten Hermann und Antonie gleichzeitig,
-»jetzt wird der Herr die Mutter aber auslachen.«</p>
-
-<p>Ohne seine bequeme Lage aufzugeben, hatte der
-Fremde zugehört. Jetzt antwortete er, belustigt durch
-die geschickt verkleidete Neugier der Alten:</p>
-
-<p>»Es geht nichts über Lebensweisheit. Freilich
-habt ihr Recht! Manch Schönes habe ich gesehen, was
-mir im Wagen entgangen wäre; und wenn ich, vom
-vielen Gehen müde, mich am Abend auf das Lager
-strecke, so bin ich früh doch wieder frisch und zu neuer
-Wanderung gekräftigt. Freilich bin ich das Marschieren
-gewöhnt, schon so manches Jahr wandere ich ja in der
-Welt herum. Aber nach einer Tagesfahrt in solch einem
-Rumpelkasten ist es mir immer gewesen, als wenn ich
-für ein schlimmes Vergehen hätte büßen müssen.«</p>
-
-<p>Antonie fühlte sich sehr enttäuscht, und ihre bisher
-unerschütterliche Zuversicht in ihre Menschenkenntnis geriet
-arg ins Wanken.</p>
-
-<p>Die Alte hingegen war befriedigt und schmunzelte
-vor sich hin.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_14">[14]</span></p>
-
-<p>»Da kommt der Herr wohl schon sehr weit her?«
-hub sie wieder an. »Vielleicht aus dem Thüringischen?«</p>
-
-<p>»Gott bewahre,« sagte dieser, »ich komme aus
-Dresden.«</p>
-
-<p>»Ach, aus dem lieben Dresden,« erwiderte die
-Greisin. »Ich habe sie auch einmal gesehen, die herrlichen
-Ufer der Elbe. Freilich ist dies schon sehr lange
-her,« setzte sie mit tiefem Aufseufzen hinzu, »damals
-lebte ja noch der selige Herr Oskar von Tiefenbach.«</p>
-
-<p>Mit einem Ruck fuhr der Fremde herum und
-schaute der Alten scharf ins Gesicht. Dann sagte er kurz:</p>
-
-<p>»Ihr seid die Mutter Lehnhardt, nicht wahr?«</p>
-
-<p>Und wie er sich wieder zur Seite wandte, murmelte
-er: »Aber wie konnte ich das denn nicht gleich wissen!«</p>
-
-<p>»Zu dienen, gnädiger Herr,« antwortete die Greisin,
-»doch woher kennt Ihr meinen Namen?«</p>
-
-<p>»Mutter Lehnhardt,« erwiderte der Fremde, »wen
-der liebe Gott an Jahren so gesegnet hat wie Euch, der
-wird weithin bekannt, ohne daß er davon weiß. Aber
-sagt, wie alt seid Ihr denn eigentlich?«</p>
-
-<p>»Siebenundachtzig sind es nunmehr gewesen, Herr.
-Eine lange Zeit ist’s,« fuhr sie redselig fort, »und wie
-viel die Augen schauen mußten, wie vieles dem Menschen
-da zustößt, Glück und Leid. Aber der da droben weiß
-es doch immer so einzurichten, daß den trüben Tagen
-wieder Sonnenschein folgt. Und wenn ich nun auf mein
-Leben zurückschaue, auf all die guten und bösen Tage,
-und ich sollte sagen, welche von ihnen die andern überwogen
-haben, nun, so muß ich gestehen, daß die trüben
-Bilder der Vergangenheit verblichen, verschwunden sind,
-daß mir aber vieles des Fröhlichen, das mir beschieden<span class="pagenum" id="Seite_15">[15]</span>
-war, unauslöschlich in die Erinnerung eingegraben ist.
-Nun gebe mir Gott nur noch ein sanftes Ende.«</p>
-
-<p>Die heitere Zufriedenheit, die in den einfachen
-Worten lag, drang dem Fremden zum Herzen. Sie
-klangen von den Lippen der Greisin wie ein Gebet.
-Und als sie geendet und nun mit ineinander gelegten
-Händen, den Blick in die Weite gerichtet, eine Weile
-unbeweglich verharrte, da überkam ihn wieder dieselbe
-gehobene Stimmung, die er vorhin beim Betrachten der
-Natur empfunden hatte. Dort hatte er die Ruhe geschaut,
-die nach beendetem Tagewerk in der weiten Werkstatt
-des ewigen Schöpfers eingetreten war. Hier sah
-er einen alten Menschen der ein reiches Leben voll Arbeit
-hinter sich hatte, und der sich nunmehr mit müden
-Schritten dem Ende seiner Pilgerfahrt näherte.</p>
-
-<p>Um das welke, schmale Gesicht der Alten aber
-woben die letzten Strahlen der scheidenden Sonne einen
-lichten Schein.</p>
-
-<p>»So kann in der zwölften Stunde seines Lebens
-nur ein glücklicher Mensch aussehen,« dachte der Fremde.</p>
-
-<p>»Ach Mutter Lehnhardt,« sagte er, »vorhin hat
-dort oben auf der Höhe der Anblick des Schlosses
-lange meine Aufmerksamkeit gefesselt. Wollet Ihr mir
-nicht etwas von dem ehrwürdigen Bau erzählen? Ich
-bitt’ Euch drum.«</p>
-
-<p>»Warum nicht, gnädiger Herr,« versetzte die Alte,
-»wenn Ihr mit meinem Geplauder fürlieb nehmet. Ich
-tu es gern, denn die Erinnerungen an die seligen
-Tage meiner Kindheit steigen dabei wieder in mir
-herauf.«</p>
-
-<p>Sie setzte den Napf zu Boden; in dem gleichen
-Augenblick aber sprang vom Fensterbrett eine gelbe Katze<span class="pagenum" id="Seite_16">[16]</span>
-auf ihren Schoß, die schon ein altes Anrecht auf diesen
-Platz haben mochte. Und während die zitternden Hände
-der Greisin das glänzende Tier liebkosten, erzählte sie
-die folgende Geschichte:</p>
-
-<p>»Meine Vorfahren haben von Alters her zusammen
-mit den Tiefenbachs auf dem Weißen Schlosse gelebt,
-sie die Herren, wir als Diener. Das Amt des Pförtners
-war es, das meine Väter getreu wahrgenommen und
-das sich immer vom Vater auf den Sohn vererbte. Die
-Chronik des Schlosses spricht zum ersten Mal von
-einem Lehnhardt, der den Obristen Gustav von Tiefenbach
-während des dreißigjährigen Krieges als Diener
-begleitete und der, nachdem sie heimgekehrt waren und
-er seiner vielen Verwundungen wegen nicht mehr kämpfen
-und das Roß nicht mehr besteigen konnte, Pförtner
-ward. Hans hat er geheißen und so jeder Sohn bis
-auf meinen seligen Vater herab. Dieser war der letzte
-Torwart des Weißen Schlosses. Die Zeiten waren andere
-geworden; man schaffte das Amt ab. Niemand war
-damit froher als er, denn Gott hatte ihm keinen Sohn
-beschert und er gönnte keinem Fremden die Würde.</p>
-
-<p>Hanno von Tiefenbach ist der Urahn der Familie,
-und er war es auch, der unter Kaiser Heinrich dem
-Vierten das Schloß im Anfang des zwölften Jahrhunderts
-erbaute. Die bösen Hussiten spielten der Burg
-später aber sehr übel mit, daß nur noch die Grundmauern
-stehen blieben, auf denen Herr Arnulf gegen
-1450 das Schloß in seiner heutigen Gestalt aufrichtete.
-Viel Leid wurde dem Bau im dreißigjährigen Krieg
-durch die Schweden zuteil, die sich aber an seinen unzerstörbaren
-Mauern tüchtig die Köpfe einstießen. Freilich
-hat seine Festigkeit durch die langen Beschießungen,<span class="pagenum" id="Seite_17">[17]</span>
-denen er zu dieser Zeit ausgesetzt war, stark gelitten.
-Heute ist das Schloß zwar noch immer bewohnbar, aber wer
-weiß auf wie lange noch.</p>
-
-<p>Diese früheste Vergangenheit, gnädiger Herr, habe
-ich in den alten Aufzeichnungen des Schlosses gelesen,
-zum Teil hat sie mir auch mein Vater erzählt.</p>
-
-<p>Meine Mutter habe ich nicht kennengelernt, Gott
-nahm ihre Seele für die meine. Alle süßen Erinnerungen
-an meine Jugendzeit sind von dem Schlosse unzertrennlich.
-Mein Vater war, wie man sagte, ein wortkarger, in
-sich gekehrter Mann, dem der Dienst viel Zeit übrig
-ließ. Aber nur die Leute nannten ihn wortkarg, daheim
-war er gesprächig. Mit wehmütiger Freude gedenke ich
-besonders der langen Winterabende.</p>
-
-<p>Während der Vater um neun Uhr das letzte Abendläuten
-besorgt und dann den letzten Rundgang gemacht
-hatte, saß ich schon, ungeduldig seiner harrend, in der
-großen Stube. Kein Laut war zu vernehmen, nur die
-Wanduhr, deren Gehäuse bis zur Decke reichte, tickte
-einförmig, und im Kamin knackten und knisterten die
-schweren Buchenscheite.</p>
-
-<p>Ich spitzte die Ohren. Draußen ging der Vater,
-schon hörte ich seine Tritte. Er prüfte noch einmal
-den Torriegel und die Verankerung der Zugbrücke, die
-er schon mit dem Anbrechen der Dunkelheit in die Höhe
-gewunden hatte. Bevor er sich aber zur Ruhe begeben
-durfte, hatte er von der Mauer nach dem Dorfe hinab
-drei Mal ins Horn zu stoßen. Es war dies das Zeichen für
-die drunten, daß Licht und Feuer gelöscht werden mußten.</p>
-
-<p>Und dann kam er! Dicht neben dem Tor war unsere
-Wohnung, die der Vater selbst besorgte. Die Speisen
-erhielten wir aus dem Schlosse.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_18">[18]</span></p>
-
-<p>Ich war ein rechter Wildfang, immer zu tollen
-Streichen aufgelegt, furchtlos und ohne Ruhe. Aber
-wenn es Abend wurde, und der Vater sich zum Erzählen
-anschickte, dann konnte ich stundenlang sitzen ohne mich
-zu rühren, und meine Augen hingen an den Lippen
-meines Vaters. Und wie konnte er erzählen! Alle Sagen,
-die sich mit der Geschichte des Schlosses verwoben, und
-die ihm sein Vater berichtet, bekam ich zu hören. Die
-Begebnisse von Jahrhunderten entrollten sich vor mir,
-und ich lernte zuletzt alle verstorbenen Tiefenbachs so gut
-kennen, daß sie mir vertrauter waren, als die Leute im
-Dorfe. Die Leiber der edeln Herren und Frauen ruhten
-drunten in dem in den Felsen eingehauenen, hohen
-Saal. Dort stand die lange Reihe großer und kleiner
-metallner Särge, über die hinweg es manchmal in wilder
-Jagd ging, wenn ich mit den beiden Burgkatzen dort
-spielte. Aber die Seelen der Verstorbenen hatten mich
-lieb. Mit Hilfe meiner Einbildung waren sie mir treue
-Spielgefährten, saßen mit mir am Tische, sprachen zu
-mir und hörten auf meine Worte. Und selbst des Nachts
-in meinen Träumen erschienen sie mir noch.</p>
-
-<p>Das war der Winter.</p>
-
-<p>Im Sommer saß ich meist droben in einem der
-Türme und blickte sinnend hinauf zu dem blauen Himmel,
-oder hinunter auf die bunten Felder und blumigen Wiesen.
-Dann schaute ich um mich, soweit mein Auge reichte,
-und ich dachte, wie schön und wie groß ist doch die
-Welt! Die flinken Schwalben, die den Turm unaufhörlich
-umkreisten, und deren leichtbeschwingtem Fluge
-ich so gern zuschaute, kamen zu mir. Zutraulich setzten
-sie sich zu meinen Füßen nieder und pickten die Krümchen
-auf, die von meinem Brote auf den Sims herabfielen.<span class="pagenum" id="Seite_19">[19]</span>
-Und wenn ich sie fragte: wie hoch ist der Himmel?
-Da schauten sie mich mit ihren blanken Augen erstaunt
-an, zwitscherten so laut, daß es mir schien, als belustige
-sie mein Fragen, zogen von neuem ihre anmutigen Kreise,
-stiegen höher und immer höher und verschwanden endlich
-in den lichtblauen Wellen.«</p>
-
-<p>Ein Hustenanfall hieß die Greisin ihre Worte unterbrechen.
-Ehe sie aber in der Erzählung fortfuhr,
-sagte sie:</p>
-
-<p>»Zürnen Sie mir nicht, Herr, wenn ich auch von
-mir selbst berichte, aber es würde mir nicht gelingen,
-vom Schlosse zu sprechen, ohne meine eigenen Erlebnisse
-dabei zu berühren.«</p>
-
-<p>Der Fremde machte eine Handbewegung, die andeutete,
-daß ihn die Erzählung gut unterhalte, und Mutter
-Lehnhardt fuhr fort:</p>
-
-<p>»So verlebte ich die Jahre meiner Kindheit. Selten
-kam ich vom Schloß in das Dorf hinunter. Dies geschah
-nur, wenn mein Vater zu mir sagte: komm,
-Kind, heute ist Sonntag, da dürfen wir den Gottesdienst
-nicht versäumen.</p>
-
-<p>Dann gingen wir nebeneinander den Weg hinunter.
-Im Dorfe sah ich viele Menschen im Feiertagsgewand,
-die ebenfalls zum Gotteshause wanderten, und Kinder,
-die mit einander spielten. Wenn ich an ihnen vorüberging,
-unterbrachen sie ihr Spiel und schauten das fremde
-Gesicht verwundert an. Ihr Zusammensein schien ihnen
-viel Freude zu machen, aber ich beneidete sie nicht.
-Droben in meiner stillen Einsamkeit, im luftigen Erker,
-tief unter mir die Welt und über meinem Haupte das
-hohe, geheimnisvolle Himmelszelt, dazu das große Schweigen
-der lebendigen Natur, &ndash; dort war es doch viel schöner!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_20">[20]</span></p>
-
-<p>Der Vater hatte mich das Lesen gelehrt, und ich
-nahm zuweilen ein Buch mit hinauf auf den Turm,
-da das Zimmer mir zu eng wurde. Aber bald entsank es
-meiner Hand. Die schwarzen, eckigen Buchstaben erschienen
-mir steif und tot. Deshalb wollte auch das Lesen an
-der Stelle, wo Alles Leben ausatmete, nicht recht gehen.
-Das was die Bücher von den Menschen sagten, erzählte
-mir der Vater weit besser, und schwach geradezu
-erschien mir, was ich von Gottes Wunderwerken las.
-Wie armselig waren die Worte in ihnen, obwohl der
-Vater mir gesagt hatte, daß sie ein sehr gelehrter Herr
-niedergeschrieben habe. Das kleine Grashälmchen, das
-vor mir in der Mauerritze wuchs, die vorbeiziehenden
-Vögel, die bunten Felder, der glitzernde Bach, die dunkeln
-Wälder und über mir die Wolken, die majestätisch
-ihre Bahnen dahinzogen, sie alle führten eine lebendigere
-Sprache und verkündeten mir mit nicht zu übertreffenden
-Worten das geheimnisvolle Walten des
-Höchsten.</p>
-
-<p>Aber man muß diese Sprache auch verstehen!</p>
-
-<p>Ein jäher Schlag sollte meinen Freuden ein rasches
-Ende bereiten. Ich war sechzehn Jahre alt.</p>
-
-<p>Mein Vater wurde krank und starb nach wenigen
-Tagen. Mich nahm man ins Schloß, wo ich der alten
-Beschließerin zur Hand gehen mußte. Aber das Arbeiten
-machte mir Freude. Es ließ mir freilich nicht mehr so
-viel Zeit zum Träumen, half mir aber den schmerzlichen
-Verlust des innig geliebten Vaters leichter ertragen.</p>
-
-<p>Der Herr des Schlosses war zu jener Zeit der
-greise Herr Leopold von Tiefenbach.</p>
-
-<p>Er hatte in Polen zur Seite König Augusts des
-Starken wiederholt gekämpft und war von ihm zum<span class="pagenum" id="Seite_21">[21]</span>
-Lohne für seine Tapferkeit in den Freiherrnstand erhoben
-worden, mit der Bestimmung, daß dieser Titel sich auf
-den ältesten Sohn in der Familie vererben solle.</p>
-
-<p>Die edle Gattin des Schloßherrn, die schon lange
-gestorben war, hatte ihm drei Söhne hinterlassen. Dem
-ältesten, Udo, wurde einmal das Schloß. Damit aber
-auch seine Brüder Oskar und Egbert einen eigenen
-Besitz haben sollten, ließ der Vater unten im Dorfe ein
-Anwesen errichten, für das er von den Bauern die
-besten Felder kaufte, und das von der Zahlung der Abgaben
-an das Schloß befreit wurde. Schöne steinerne
-Gebäude wurden aufgeführt, und mit allem wurde das Gut
-reichlich versehen. Dann übergab er es einem alten
-Bauern aus dem Dorfe zum Verwalten. Erst nach des
-Vaters Tode sollten die beiden Brüder den Freihof beziehen.</p>
-
-<p>Der Erbe des Majorats hatte sich mittlerweile die
-junge Gräfin von Eckartsberg zur Gattin erkoren. Sie
-war eine blendend schöne Frau, aber so stolz! Hu,
-es schauerte einem, in ihrer Nähe zu weilen, ein solcher
-Eishauch ging von ihr aus. Sie hatte für uns Leute
-keinen Blick. Der Freiherr sah stillschweigend auf die
-Schwiegertochter, als wenn er im Innern die Wahl
-seines Sohnes nicht recht billigen könne. Aber Herr Udo
-war von ihrer Schönheit ganz geblendet und gab sich
-ihrem Einflusse willig hin. Schon immer war er ja
-selbst unfreundlich mit den Schloßbediensteten gewesen,
-jetzt achtete er unser gar nicht mehr.</p>
-
-<p>Sein um zwei Jahre jüngerer Bruder Oskar bildete
-den schroffsten Gegensatz zu ihm. Schon äußerlich
-ähnelten die Brüder sich nicht. Während Udo klein und
-zierlich war, war Oskar von hohem Wuchs und hatte<span class="pagenum" id="Seite_22">[22]</span>
-einen kraftvollen Körper. Er war unser aller Liebling
-und stets auf unser Wohl bedacht. Aber zuweilen konnte
-er doch sehr zornig werden! Vor allem duldete er nie
-den leisesten Widerspruch.</p>
-
-<p>Der jüngste der Brüder, Egbert, war wieder zart
-und hing mit inniger Liebe an Oskar.</p>
-
-<p>Just um dieselbe Zeit, zu der Udo fast täglich
-nach Eckartsberg hinüberritt, um die schöne Gräfin
-Sophie zu besuchen, faßte Oskar eine tiefe Zuneigung
-zu der Tochter eines der angesehensten Bauern des
-Nachbardorfes Zehmen. Einen glücklichen Ausgang dieses
-Verhältnisses zu finden, war aber sehr schwierig, da sich
-bisher noch kein Tiefenbach ein Mädchen niederer Geburt
-zur Gattin erwählt hatte.</p>
-
-<p>Aber Herr Oskar war nicht der Mann, sich von
-der Ausführung eines Vorhabens durch Hindernisse
-zurückhalten zu lassen. Und er sann darüber nach, wie
-er des Vaters Einwilligung zu diesem Schritt erhalten
-könne. So oft er den Vorsatz aber faßte, ihm seine
-Neigung anzuvertrauen, ebenso oft verschob er das Geständnis
-auf eine günstigere Gelegenheit.</p>
-
-<p>Da kam ihm das Schicksal entgegen.</p>
-
-<p>Das was ich jetzt erzähle, gnädiger Herr, habe
-ich später wiederholt von Herrn Oskar selbst gehört, als
-er es seiner Tochter, der jetzigen Freihoferin mitteilte.</p>
-
-<p>Der Freiherr ließ Oskar eines Tages rufen und
-forderte von ihm Rechenschaft. Der Vater der Geliebten
-war auf das Schloß gekommen und hatte dem Freiherrn
-mitgeteilt, daß er die Besuche seines Sohnes
-Oskar, so hoch er ihn auch schätze, nicht mehr gestatten
-dürfe, da andernfalls seine Tochter zum Gespött
-der Leute werden würde. Er brauche es wohl kaum<span class="pagenum" id="Seite_23">[23]</span>
-auszusprechen, hatte er weiter erklärt, daß die Neigung
-des Herrn von Tiefenbach ihn und seine Familie hoch
-ehre, aber er müsse es als Vater verhindern, daß auf
-den Namen seiner Tochter auch nur der Schein eines
-Makels falle. Der Herr Baron möge sich nur in seine
-Lage versetzen.</p>
-
-<p>Oskar war der Lieblingssohn des alten Freiherrn,
-der seinen geraden und vornehmen Sinn hoch achtete.
-Aufmerksam hörte er das Geständnis seines Sohnes an,
-das in der Bitte ausklang, ihm kein Hindernis zu bereiten,
-sondern die viele Liebe und Güte, die er ihm bis
-jetzt zugewendet, durch seine Einwilligung zu dem Herzensbund
-von neuem zu bezeigen. Dabei verfehlten die
-einfachen Worte, mit denen Oskar den trefflichen Charakter
-der Geliebten schilderte, wie auch die männliche
-Festigkeit gepaart mit kindlicher Unterwerfung, mit der
-er seine Bitte vorbrachte, nicht, einen tiefen Eindruck
-auf den Freiherrn zu machen.</p>
-
-<p>Er kannte seinen Sohn und wußte, daß er ein
-echter Tiefenbach war.</p>
-
-<p>Der Vater versammelte darauf seine drei Söhne
-um sich und sprach über Oskars Neigung und Bitte.
-Er sei weit davon entfernt, seinem Kinde dafür zu
-zürnen, daß es das zu tun begehre, was ihm sein Herz
-gebiete. Denn nicht bloß in Schlössern, sondern auch
-in Hütten werde der Adel der Gesinnung geboren, und
-er sei davon überzeugt, daß jeder von ihnen wisse, was
-er dem fleckenlosen Wappenschilde des Geschlechtes schulde.
-Wenn er aber nicht ohne weiteres sein Jawort erteilen
-könne, so wäre es deshalb, weil dieser Schritt in der
-Familie noch nie getan worden sei, und er ihm die
-höchste Bedeutung beimesse. Er müsse erst Rat mit<span class="pagenum" id="Seite_24">[24]</span>
-sich halten, bevor er einen Entschluß fassen könne. Bis
-dahin möge Oskar sich gedulden und der Liebe seines
-Vaters vertrauen.</p>
-
-<p>Mit diesen Worten küßte der Freiherr den Sohn
-auf die Stirn, dem, überwältigt von der tiefen Bewegung,
-die die gütigen Worte bei ihm hervorgerufen hatten,
-die Tränen in die Augen getreten waren.</p>
-
-<p>Wenige Tage darauf standen die Brüder erschüttert
-an der Leiche ihres Vaters. Er hatte einen Ritt über
-die Felder unternommen. Beim überraschenden Auffliegen
-eines Rebhühnervolkes hatte das Pferd gescheut
-und den alten Herrn abgeworfen. Unglücklicherweise
-war er mit dem linken Fuße im Steigbügel hängen geblieben
-und von dem galoppierenden Pferde eine große
-Strecke geschleift worden. Und als es dann gelang,
-das Tier aufzuhalten, fand man den Freiherrn entseelt
-vor.</p>
-
-<p>Ja, Herr,« begann die Greisin nach einer Pause
-von neuem, »wir fühlten uns alle verwaist; es war,
-als wenn uns der Vater genommen wäre. Eine düstere
-Ahnung sagte den Dienstleuten, daß die gute Zeit für
-sie vorüber sei.</p>
-
-<p>Seitdem die junge Frau an Herrn Udos Seite in
-das Schloß eingezogen war, hatte ich bei ihr den Dienst
-als Zofe verrichtet. Es war dies eine schlimme Zeit
-für mich! So viele Mühe und Sorgfalt ich auch auf
-meine Arbeiten verwendete, wurde mir von meiner
-Herrin doch niemals ein Wort der Anerkennung zuteil.
-Zürnende Blicke und Scheltworte empfing ich täglich
-und wenn ich glaubte, daß ich alles getan, um meine
-Arbeit zur Zufriedenheit verrichtet zu haben, erntete ich
-Tadel. Wie schmerzlich trafen mich die kränkenden Worte!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_25">[25]</span></p>
-
-<p>Als sich der Tag des Begräbnisses seinem Ende
-zuneigte, und die letzten Leidtragenden von der Tafel
-aufgestanden waren und das Schloß verlassen hatten,
-forderte der neue Schloßherr seine Brüder auf, ihn in
-das Zimmer des Vaters zu begleiten.</p>
-
-<p>Schon immer hatte ich gefürchtet, daß Udo und
-Oskar einmal hart an einander geraten würden. Aber
-zu Lebzeiten des alten Freiherrn vermied es Udo, den
-Bruder zu reizen. Udos Verhalten aber war, seitdem
-er den Einflüsterungen seiner Gemahlin das Ohr lieh,
-immer herrischer und finsterer geworden und das Verhältnis
-der beiden Brüder zu einander immer gespannter.</p>
-
-<p>Heute sollte das von mir längst Vorausgesehene
-eintreten.</p>
-
-<p>Der Vorfall dieses Abends ist mir, da ich wider
-Willen Zeuge sein mußte, unvergeßlich geblieben.</p>
-
-<p>Nachdem ich der gnädigen Frau Baronin beim
-Auskleiden behilflich gewesen war, war ich dabei, die
-starken Zöpfe aufzumachen, um das Haar zu kämmen
-und für die Nacht von neuem einzuflechten. Ich hatte
-gerade die letzte Flechte geöffnet und breitete nun das
-seidenartige Haar aus, das ihre blendendweißen Schultern
-wie ein goldener Mantel umfloß. Da hörte ich,
-wie die Brüder in das anstoßende Zimmer traten.
-Einen Augenblick verharrte die Frau Baronin unbeweglich,
-sie schien um einen Entschluß zu kämpfen.
-Dann stieß sie mir die Hände zurück und sprang zu
-der hohen Flügeltür, die sie, während die Herren sich
-Stühle heranzogen, leise öffnete. Mit einer weiteren,
-unerhörbaren Bewegung glitt sie sodann zu der Lampe
-vor dem hohen Spiegel auf dem Putztisch und
-schraubte die Flamme tief herab, damit kein verräterischer<span class="pagenum" id="Seite_26">[26]</span>
-Lichtschimmer in das Nebenzimmer falle. Darauf näherte
-sie sich mir, beugte sich zu meinem Ohre nieder und
-raunte mir zu, daß ich mich nicht von der Stelle rühren
-solle. Sie selbst trat an den Türspalt. Ich stand dicht
-hinter ihr und sah die Herren sitzen. Mir war so unsagbar
-bang zu Mute, kaum wagte ich, zu atmen, aus
-Furcht, daß die Atemzüge meine Gegenwart verraten
-könnten.</p>
-
-<p>Der Freiherr saß am Schreibtisch des Verstorbenen
-und entnahm diesem eine dicke Ledermappe, die er öffnete
-und deren einzelne Blätter er aufmerksam prüfte. Die
-beiden Brüder schauten ihm zu.</p>
-
-<p>Nach einer Weile sagte Herr Udo:</p>
-
-<p>»Das Testament des Vaters ist so geblieben, wie
-er es uns früher schon einmal vorgelesen hat. Überzeugt
-Euch davon, hier ist es.«</p>
-
-<p>Mit diesen Worten reichte er es Herrn Oskar.
-Dieser öffnete das Blatt, sah flüchtig darauf und gab
-es sodann Egbert, der das Papier zusammenfaltete und
-es, ohne einen Blick hineingeworfen zu haben, zurück
-auf den Schreibtisch legte.</p>
-
-<p>»Ihr erkennt also das Testament für richtig an?«
-fuhr der Freiherr fort.</p>
-
-<p>Die Brüder bejahten.</p>
-
-<p>Eine Pause trat ein, keiner rührte sich. Nur die
-hastigen Atemzüge der Frau Baronin vernahm ich.</p>
-
-<p>Herr Udo hielt seine Augen auf die lederne Mappe
-gerichtet, als er langsam begann:</p>
-
-<p>»Oskar, hast Du Dich schon entschlossen, wann
-Du die Bewirtschaftung des Freihofes übernehmen
-willst?«</p>
-
-<p>»Ja,« klang es zurück, »noch heute.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[27]</span></p>
-
-<p>Das Gesicht des Freiherrn blieb bei diesen Worten
-unbeweglich.</p>
-
-<p>Er wandte sich an den jungen, mädchenhaften
-Herrn Egbert und sagte:</p>
-
-<p>»Ich brauche es wohl nicht erst auszusprechen, daß
-Dir, solange Du es wünschest, alles in bisheriger Weise
-zur Verfügung steht.«</p>
-
-<p>Der Angesprochene schien verwirrt durch dieses Anerbieten.
-Er sah einen Augenblick vor sich nieder, dann
-sagte er:</p>
-
-<p>»Du bist sehr gütig, Bruder. Aber ich gehöre
-ebenfalls auf den Freihof.«</p>
-
-<p>Der Freiherr blieb regungslos.</p>
-
-<p>»Wie Ihr wollt. Trefft Eure Anordnungen für
-die Überführung Euers Eigentums nach Euerm neuen
-Heim. &ndash; Noch eine Frage: Glaubt Ihr, noch einen
-Anspruch an mich zu besitzen, oder ist Euch das geworden,
-was nach des Vaters Willen und den Gesetzen
-Euch geziemt?«</p>
-
-<p>Die Brüder erklärten sich für abgefunden.</p>
-
-<p>Während dieser Worte waren die Herren aufgestanden.
-Der Freiherr und Herr Oskar standen einander
-gegenüber, hinter diesem stand Herr Egbert.</p>
-
-<p>Sekunden vergingen, ohne daß einer von ihnen das
-Schweigen brach. Das Abschiednehmen schien allen
-schwer zu fallen.</p>
-
-<p>Ich beobachtete Herrn Oskar; der volle Schein der
-Lampe fiel auf sein Gesicht. Er dachte wohl an den
-teuern Toten, der an diesem Tische so oft gesessen hatte
-und dessen Wunsch es immer gewesen war, die Brüder
-einträchtig zu sehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[28]</span></p>
-
-<p>Seine Blicke schweiften im Zimmer umher und
-hafteten bisweilen längere Zeit auf einem Gegenstand,
-ehe sie weiter glitten.</p>
-
-<p>Das alte Schreibzeug, gefertigt aus dem wunderlich
-gewachsenen Gehörn eines Rehbocks, das dunkle Eckbrett,
-auf dem die vielen Pfeifen mit tönernen und
-hölzernen Köpfen sorgfältig gehütet neben einander standen,
-der kunstvoll geschnitzte Tisch, die schweren Stühle
-und die vielen Gegenstände aus Hirschhorn, &ndash; alle
-schienen ihn vertraulich zu grüßen wie einen alten,
-lieben Bekannten.</p>
-
-<p>Sein bisher düsteres Auge hellte sich auf, als
-wenn er der Tage gedächte, in denen er es als eine
-Gunst betrachtete, wenn er spielend in des Vaters
-Arbeitszimmer verweilen durfte, während dieser am
-Schreibtische saß.</p>
-
-<p>Da fiel Herrn Oskars Blick hinauf auf das Bild,
-das dort über dem Tische in schlichtem Rahmen hing:
-das Bild des teuern Vaters, das ihn bereits gebeugt
-unter der Last der Jahre wiedergab. Er sah die Augen
-des Verblichenen auf sich gerichtet, als ob er ihn ermahnen
-wolle, seine Handlungen nicht von Verdruß
-und Eigensinn beherrschen zu lassen.</p>
-
-<p>Den jungen Mann überkam eine tiefe Wehmut.</p>
-
-<p>Hier standen sie nun, die Brüder, die Söhne des
-Mannes, der stets bestrebt gewesen, wohlzutun, und der
-den geringsten der Menschen nicht von sich gehen lassen
-mochte, ohne freundlich zu ihm gewesen zu sein. Sie standen
-hier am Scheidewege. Und nach der Stimmung, die sie
-beherrschte, genährt durch ihre ungleichen Naturen, bedeutete
-ihr Auseinandergehen eine Trennung fürs Leben.
-So wollten sie seine Lehren in den Wind schlagen!<span class="pagenum" id="Seite_29">[29]</span>
-Und dabei war er gewiß mit einem Gebet für sie aus
-dem Leben gegangen.</p>
-
-<p>Hingerissen von der tiefen Bewegung, die ihn erfüllte,
-trat Oskar mit raschen Schritten auf den Bruder
-zu, der zwischen Stuhl und Schreibtisch stand, und
-streckte ihm die Hand entgegen.</p>
-
-<p>Der Freiherr richtete sich bei dem plötzlichen Näherkommen
-des Bruders auf und sah ihm unverwandt in
-die Augen.</p>
-
-<p>Ein heftiges Zittern überfiel mich, denn ich bemerkte,
-wie das Gesicht des Herrn Oskar unter diesem
-Blicke starr wurde. Langsam sank ihm die Hand herab.</p>
-
-<p>Da begann der Freiherr, seine Stimme klang kalt:</p>
-
-<p>»Ich muß mit Dir noch ein Wort sprechen, Oskar,
-bevor wir scheiden. Ich stehe vor Dir, als der Vertreter
-der Familie, als das Oberhaupt eines, wie Du
-weißt, der ältesten Geschlechter des Landes, dessen Wurzeln
-selbst bis in die Zeit des Werdens der Wettiner
-hineinragen. Die höchsten Ziele, die unsern Vorfahren
-vor Augen standen, waren allzeit die Gunst ihrer gnädigen
-Landesherren, die Hochhaltung ihres fleckenlosen Namens
-und ein seliges Ende. Und um diese edeln Güter kämpften
-und starben sie. Die Jahrhunderte haben unter den
-Tiefenbachs die verschiedensten Naturen gesehen, aber
-es hat keinen unter ihnen gegeben, bei dessen Erwähnung
-die Nachkommen erröten müßten. Die Ehre stand
-ihnen über allem. Aus all’ diesem aber ergibt sich von
-selbst, daß die Glieder eines so uralten und stolzen
-Geschlechts heilige Pflichten haben, und daß das Ansehen
-des Namens sie selbst zu Opfern bereit finden muß.
-Und deshalb, Oskar, halte ich es für meine Pflicht,
-Dich zu ermahnen, daß Du niemals die uns heiligen<span class="pagenum" id="Seite_30">[30]</span>
-Traditionen vergessen mögest, damit auch die kommenden
-Geschlechter das Andenken ihrer Väter so rein
-finden, wie wir es vorgefunden haben!«</p>
-
-<p>Der Freiherr hatte die Worte langsam und mit
-zuweilen scharfer Betonung gesprochen. Am Schluß
-seiner Rede hatte er die Stimme erhoben.</p>
-
-<p>Oskar stand wie eine Bildsäule und starrte dem
-Bruder ins Gesicht. Er hatte die Herrschaft über sich
-vollkommen verloren, seine breite Brust bewegte sich
-in tiefem Heben und Senken, wie von einer übermächtigen
-Leidenschaft bemeistert. Wiederholt versuchte Oskar
-zu sprechen, aber die Sprache versagte ihm den Dienst.
-Endlich drangen zwischen den bebenden Lippen die abgerissenen
-Worte hervor:</p>
-
-<p>»Warum das, warum diese seltsamen Ermahnungen,
-mit denen Du mich, wie Du empfinden mußt, tief verletzest?
-Aber ich will selbst den Kern aus seiner
-Hülle schälen: ein falscher Stolz verbietet Dir, Dich
-damit abzufinden, daß Dein Bruder um sein Weib anderswo
-freit, als dort, wo es bisher für einen Edelmann
-der Brauch wollte. Ich gebe es zu, daß der von
-mir beabsichtigte Schritt, als erster dieser Art, dem
-Zuschauenden ungewöhnlich erscheinen muß. Aber das
-zu tun, was man in früheren Zeiten zu unterlassen
-für richtig fand, wird einstmals gute Sitte, sofern
-es nicht mit den göttlichen Gesetzen in Widerspruch
-steht. So will es der Wandel der Zeiten und der
-Wille der Menschen, der ihren Tagen die Prägung
-gibt, und es wäre töricht, wollte man es versuchen,
-den Lauf des rastlos vorwärts tosenden Weltenstroms
-aufzuhalten. Mit Dir aber von dem zu sprechen, was
-mir ein Heiligtum ist, hieße, dies Heiligtum verunglimpfen.<span class="pagenum" id="Seite_31">[31]</span>
-Ich werde meinen Vorsatz ausführen und
-niemand soll es wagen, mich daran zu hindern. Spätere
-Tiefenbachs mögen meine Richter sein!«</p>
-
-<p>Herr Oskar war, während er sprach, ruhiger geworden.</p>
-
-<p>»Und ich verbiete Dir, daß Du den Namen unserer
-Familie in den Schmutz ziehst!« schrie der Freiherr, mit
-der Faust auf den Tisch schlagend.</p>
-
-<p>»Hüte Dich, mich noch einmal zu reizen,« klang
-es zurück, »schon viel zu weit hast Du dieses frevelnde
-Spiel getrieben. Ich trage in meinem Innern die unumstößliche
-Überzeugung, daß der Vater meinen Schritt
-noch gebilligt haben würde, und nur der überraschende
-Tod ihn verhinderte, mir seinen Segen zu geben. Ich
-habe Dir bereits erklärt, daß ich meinen Vorsatz ausführen
-will, und ich werde ihn ausführen!«</p>
-
-<p>»Und wenn es nicht in meiner Macht steht, diesen
-Schritt zu verhindern, so vermag ich doch, mich der Mittäterschaft
-zu entziehen, indem ich alle Bande, die uns
-bisher fesselten, von diesem Augenblick ab für gelöst
-erachte. Du trittst mit dem Verlassen des Schlosses
-gleichzeitig aus der Familie der Tiefenbachs aus. Du
-bist nunmehr frei, wirf Dich in die Arme einer Dir&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Halt ein, kein Wort weiter!« donnerte Herr
-Oskar, den die Wut sinnlos machte, indem er auf den
-Bruder eindrang.</p>
-
-<p>»Wenn Du weiter sprichst, so stehe ich für meine
-Handlungen nicht mehr ein! So mißbrauchst Du also
-den Platz, den Dir unser edler Vater soeben abgetreten
-hat. Wehe Dir, Du Vermessener, der Du noch nicht
-weißt, ob Dir mit Deinem hochmütigen Sproß aus
-vornehmem Geschlecht so glückliche Tage beschieden sein<span class="pagenum" id="Seite_32">[32]</span>
-werden, wie mir mit dem Weib aus dem Dorfe.
-Aber,« fuhr er fort, und seine mächtige Stimme dröhnte
-von den hohen Wänden des Gemaches wider, »ich
-gebe Dir Dein Wort zurück. Aufgehoben sei alle Gemeinschaft
-zwischen uns und unsern Nachkommen, und
-ein Gottesgericht treffe den, der es wagen sollte, diesem
-Spruche zu trotzen!«</p>
-
-<p>Während dieser letzten Worte war die Frau Baronin
-unbemerkt durch die Tür in das Zimmer getreten,
-das Haar offen und den Nachtmantel von den
-Schultern herabgesunken. Ihr Gesicht war marmorbleich,
-und ihre Augen funkelten vor Zorn.</p>
-
-<p>»Udo!« schrie sie den Freiherrn an, »laß diesen
-Menschen mit Hunden vom Schlosse hetzen! Rühr Dich
-doch, handle! Hörst Du nicht, wie sie in ihren Ställen
-hungrig kläffen, sie wittern Aas. Mich verlangt es
-danach, sein Schmerzensgeschrei zu hören! So handle
-doch, &ndash; Memme!«</p>
-
-<p>Und sie brach in ein entsetzliches Lachen aus.</p>
-
-<p>Herr Oskar hatte sich schon zur Tür gewandt um
-das Zimmer zu verlassen. Egbert folgte ihm. Noch
-einen Augenblick hielt Oskar inne und sagte zu dem
-Bruder:</p>
-
-<p>»Sieh doch, Egbert, dieses Weib ist wahrhaftig
-eine Teufelin!«</p>
-
-<p>Dann schlug die Tür hinter ihnen krachend zu.</p>
-
-<p>Meine Glieder waren wie gelähmt. Jetzt kam
-Bewegung in mich. Von einer wahnsinnigen Angst erfaßt,
-stürzte ich den Brüdern nach. Auf der Treppe
-erreichte ich sie und alle Rücksichten, die mir meine
-Stellung gebot, vergessend, hing ich mich an Herrn
-Oskars Arm und flehte mit bebender Stimme:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_33">[33]</span></p>
-
-<p>»Gnädiger Herr, nehmen Sie mich mit fort von
-hier, und lassen Sie mich Ihre niedrigste Magd sein!«</p>
-
-<p>Er blieb stehen und schaute sich nach mir um.
-Ich fühlte, wie seine Hand über meine brennende Stirn
-strich. Eine dunkle Binde schien sich auf meine Augen
-zu legen. Ich merkte noch, daß er die Arme um mich
-schlang, mich aufhob und mit mir die Treppe hinabstieg;
-dann verlor ich das Bewußtsein.</p>
-
-<p>In derselben Nacht jagte ein heftiger Donnerschlag
-die Bewohner des Dorfes aus den Betten; &ndash; der westliche
-Turm des Schlosses war eingestürzt.</p>
-
-<p>Drei Monate später fand auf dem Freihofe Hochzeit
-statt. Die Wunde, die der Tod des Freiherrn
-geschlagen, war noch zu frisch, daß man laut gejubelt
-hätte. Aber es war doch ein Ereignis, zu dem die
-Gäste und viele Neugierige von weit und breit zusammenströmten.
-Und als der festliche Spruch verklungen war,
-den Herr Egbert auf eine fröhliche und glückliche Zukunft
-des Brautpaares ausgebracht hatte, erhob sich der
-Bräutigam von seinem Platze. Unter lautlosem Schweigen
-sprach er mit schlichten Worten aus, wie er der Stimme
-seines Herzens hätte folgen müssen und er fortan nicht
-bloß unter den Bauern sein Leben zubringen wolle,
-sondern daß er stolz sein würde, als ein rechter Bauer
-genannt zu werden. Der Schritt, den er unternommen,
-hätte eine tiefe Kluft zwischen ihm und denen auf dem
-Schlosse aufgetan. In seiner Brust aber wohne kein
-Zwiespalt, denn er trage die Überzeugung von der
-Makellosigkeit seines Tuns. Und die Liebe seines Weibes
-und das Vertrauen und die Zuneigung seiner Nächsten
-würden ihn reich entschädigen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_34">[34]</span></p>
-
-<p>Nun, Herr Oskar von Tiefenbach fand in seiner
-Ehe das was er erhofft hatte in reichem Maße, denn
-mit dem jungen Weibe war das Glück auf dem Freihof
-eingezogen. Sie war eine tüchtige Bäuerin und eine
-zartsinnige Lehrmeisterin für ihren Gatten. In wenigen
-Jahren schien es, als wenn Oskar von Tiefenbach nie
-anderswo als auf einem Bauernhof gewohnt habe; er
-war ein Landmann geworden, der seinen Beruf erkannt
-hatte und reiche Befriedigung in ihm fand. Des Freihofers
-sicheres und treffendes Urteil, seine vielseitige Bildung und
-nicht zuletzt sein biederer, freimütiger Charakter zog
-alle zu ihm hin, und bald betrachteten ihn die Dorfbewohner
-als einen der ihrigen. Von dem Freiherrn
-sprach er nie, aber ein glühender Haß gegen den Bruder
-erfüllte seine Seele.</p>
-
-<p>Herr Egbert hatte kurze Zeit nach der Vermählung
-den Freihof verlassen und war zum Hof des Kurfürsten
-nach Dresden gegangen. Dieser nahm ihn als Junker
-auf, und schon ein Jahr später bat er seinen Bruder
-und die Schwägerin, seiner Hochzeit mit der Tochter
-des Generals von Zeschau beizuwohnen.</p>
-
-<p>Mit Jubel wurde diese Botschaft auf dem Freihofe
-begrüßt, und Herr Oskar und Frau Martha trafen
-ihre Vorbereitungen zur Reise, auf der ich sie begleiten
-sollte. Bei dieser Gelegenheit sah ich das liebe Dresden,
-und die Erinnerungen an jene Tage sind mir bis
-in mein hohes Alter getreulich gefolgt.</p>
-
-<p>Bald darauf verließ ich den Freihof, um meinem
-Ferdinand die Hand fürs Leben zu reichen. Im darauffolgenden
-Jahre bescherte mir Gott ein wonniges Glück:
-ich genas eines Knaben, während mein Mann unter
-Sachsens Fahnen gegen den großen Preußenkönig focht.<span class="pagenum" id="Seite_35">[35]</span>
-Wenige Wochen später drang die Kunde der Niederlage
-der Sachsen bei Kesselsdorf durch das Land. Alles
-war bestürzt. Ich aber weinte und hielt mein Kind
-fest umschlungen, denn ich hatte meinen Mann verloren
-und war eine Witwe von einundzwanzig Jahren.</p>
-
-<p>Ich ging wieder zu den Tiefenbachs. Die Freihoferin
-war eben vom Wochenbett aufgestanden. Kurz
-darauf warf eine hitzige Krankheit sie hart darnieder.
-Und während die Arme mit dem Tode rang, gab ich
-dem Neugeborenen und meinem eigenen Kinde die Brust.
-Da die Krankheit nur langsam wich, stillte ich ihr
-Mädchen auch weiterhin.</p>
-
-<p>Das ist nun freilich schon lange her! Das Mädchen
-wuchs heran, und heute ist Konstanze von Tiefenbach
-Freihoferin. Sie war schon über die Vierzig hinaus,
-als sie sich vermählte.</p>
-
-<p>Des Herrn Egberts Sohn war gekommen, um die
-traurige Botschaft zu bringen, daß er kurz nacheinander
-Vater und Mutter hätte begraben müssen. Das Leben
-auf dem Freihof, mehr aber noch die Liebe zu
-seiner Base, bewogen ihn zum bleiben für immer. Ein
-Knabe und ein Mädchen entsprossen ihrer Ehe. Nun
-ist auch die Freihoferin alt geworden und hat ihrem
-Sohne Max die Sorge um den Hof überlassen.</p>
-
-<p>Mein Sohn hielt es in Rehefeld nicht lange aus.
-Als junger Bursche schnürte er das Ränzel und zog
-viele Jahre in der Welt umher. Endlich war er müde
-geworden. Er kehrte heim zu seiner Mutter und brachte
-sein Weib mit, ein junges Ding aus dem Norden
-Italiens, mit großen, schwarzen Augen und einem
-Mund voll blendendweißer Zähne. Sie hatte viel
-Gemüt, aber leidenschaftlich heftig konnte sie sein.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_36">[36]</span></p>
-
-<p>Nun ruhen auch er und sein Weib schon längst
-unter dem Rasen. Aber zurückgelassen haben sie mir
-doch etwas Liebes. Gelt, Hermann,« sagte die Greisin, sich
-zu dem jungen Mann neben ihr wendend, der bei ihren
-Worten errötete, »Du bist die Freude meines Alters!</p>
-
-<p>Treu habe ich den Tiefenbachs während vieler
-Jahre gedient und gute und böse Zeiten mit ihnen
-durchlebt. Jetzt esse ich seit Jahren das Gnadenbrot,
-das mir die mildtätige Freihoferin gewährt. Meine
-Kräfte taugen nichts mehr, sie sind dahin. Ich kann
-den Tiefenbachs nicht mehr nützlich sein. Dafür ist
-Hermann aber an meine Stelle getreten. Er waltet auf
-dem Freihofe als rechte Hand des Herrn Max.«</p>
-
-<p>Die Greisin hatte ihre Erzählung beendet; nun
-schwieg sie erschöpft.</p>
-
-<p>Die beiden Liebenden saßen eng umschlungen neben
-einander. So ausführlich wie heute, hatte die Mutter
-lange nicht erzählt.</p>
-
-<p>In Gedanken versunken, schaute der Fremde hinüber
-zu dem Schlosse, in dessen Fenstern sich das letzte
-Abendrot spiegelte.</p>
-
-<p>»Was ist aus Udo von Tiefenbach und seiner
-schönen Frau geworden?« fragte er.</p>
-
-<p>»Das Verhältnis der beiden Ehegatten zu einander
-wurde von Jahr zu Jahr schlechter. Auch die Geburt
-eines Sohnes konnte keine Besserung herbeiführen. Die
-Baronin Sophie liebte rauschende Feste, deshalb erfüllte
-sie das stille Schloß mit Lärm. Später ging Herr
-Udo mit seiner Gemahlin während des größten Teils
-des Jahres auf Reisen.</p>
-
-<p>Eines Tages kehrte er allein zurück. Man sagte,
-die Baronin sei mit einem österreichischen Edelmann<span class="pagenum" id="Seite_37">[37]</span>
-auf und davon gegangen. Verbittert und weltscheu ist
-er im hohen Alter gestorben.«</p>
-
-<p>»Und ist der Haß zwischen den beiden Familien
-nunmehr geschwunden?«</p>
-
-<p>Die Greisin seufzte tief auf. Dann sagte sie:</p>
-
-<p>»Der heutige Freiherr und seine Tochter Maria
-sind tief betrübt über die zerrissenen Bande der Tiefenbachs;
-in den Leuten auf dem Freihofe aber lodert
-noch der Haß, wie ehedem in Herrn Oskars Brust!«</p>
-
-<p>Schweigend sah der Fremde wieder nach dem
-Schloß hinüber, auf das nunmehr die Dämmerung leichte
-Schatten warf. Niemand sprach ein Wort. Die gelbe
-Katze in Mutter Lehnhardts Schoß schnurrte nur emsig.
-Plötzlich richtete sich das Tier auf, machte einen hohen
-Buckel und sprang auf die Erde. Die nassen Stellen
-auf den Steinen sorgfältig vermeidend, lief es nach
-der Tür und verschwand dann im Hause.</p>
-
-<p>Der bisher leichte Wind hatte sich verstärkt. Seine
-Kühle war während des Erzählens unbemerkt geblieben,
-jetzt aber begann den Fremden zu frösteln.</p>
-
-<p>Langsam stand er auf, und mit ihm erhob sich der
-kleine Kreis. Er zog seine Börse, ein Gespinst von
-feinen Silberfäden, und entnahm ihr ein Geldstück.</p>
-
-<p>»Mutter Lehnhardt,« sagte er, »ich bin Euch
-vielen Dank dafür schuldig, daß Ihr meinen Wissensdrang
-nach der Geschichte des Schlosses und der Familie
-Tiefenbach so erschöpfend befriedigt habt. Nehmt diese
-Gabe und herzlichen Dank obendrein.«</p>
-
-<p>Die Greisin wollte ihm wehren, aber er drückte ihr
-das Geld in die Hand.</p>
-
-<p>Betroffen sah es die Alte an:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_38">[38]</span></p>
-
-<p>»Herr,« sagte sie, »Ihr habt Euch vergriffen, &ndash;
-einen Silbertaler&nbsp;…!«</p>
-
-<p>»Nehmt ihn nur,« entgegnete der Fremde, »und
-betrachtet ihn aufmerksam, denn er trägt das Bildnis
-unseres allergnädigsten Königs Friedrich August.«</p>
-
-<p>Die Greisin verneigte sich tief vor dem Fremden
-und würde ihm die Hand geküßt haben, wenn er sich
-nicht so schnell zur Tür gewandt hätte.</p>
-
-<p>»Lebt wohl, Mutter Lehnhardt,« sagte er, »wir
-sehen uns heute nicht zum letzten Mal.«</p>
-
-<p>»Ach,« fragte diese erstaunt, »dann führt den Herrn
-wohl der Weg hinauf auf das Schloß?«</p>
-
-<p>Der Fremde war mittlerweile, zum Abschied grüßend,
-auf die Straße getreten und hatte sich zum Weiterschreiten
-gewandt, als er die Frage der Greisin vernahm.</p>
-
-<p>Lächelnd wandte er sich noch einmal um und rief
-zurück:</p>
-
-<p>»Auf das Schloß nicht, &ndash; auf den Freihof!«</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap02">2. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Max von Tiefenbach war von einem scharfen Ausritt
-heimgekehrt, den er in der Richtung auf Zehmen
-zur Besichtigung des Saatenstandes unternommen hatte.</p>
-
-<p>Nun stand er auf dem Hofe neben dem warm
-gewordenen Pferde und strich ihm über die Fesseln der
-Vorderfüße, nachdem er die braunen Wickelbänder von
-ihnen gelöst hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_39">[39]</span></p>
-
-<p>Das Tier schlug mit dem langen Schweife kräftig
-seine Weichen, um sich der Mücken zu erwehren, die es
-umschwärmten. Sein Herr verfolgte aufmerksam diese
-Anstrengungen und kam ihnen dadurch zu Hilfe, daß
-er selbst hier und da einen dieser Blutsauger abschlug.</p>
-
-<p>Drüben am Stalle stand ein Knecht, der einen
-Strohwisch drehte, um den Braunen damit abzureiben.</p>
-
-<p>Herr von Tiefenbach versetzte dem Pferde einen
-leichten Schlag auf den Schenkel, worauf das Tier hinüber
-nach dem Stall trabte. Hell klang der Hufschlag
-von dem Pflaster des weiten Hofes wider, dessen Einzelheiten
-in der hereinbrechenden Dunkelheit dem Auge bald
-verschwanden. Hierauf ging der Herr des Freihofs noch
-einmal durch die Rinderställe und trat dann wieder auf
-den Hof, um sich nach dem Familienhaus zu begeben,
-als er vom Tore her Schritte vernahm, die sich rasch
-näherten.</p>
-
-<p>Er wandte sich um. Wer konnte das sein? Von
-den Leuten war vielleicht noch ein Verspäteter mit einer
-letzten Verrichtung des Tages beschäftigt, die meisten
-von ihnen aber saßen schon geraume Zeit drinnen in
-der Stube beim Abendessen. Das Abendläuten hatte
-eben begonnen. Es war neun Uhr.</p>
-
-<p>Der Unbekannte hatte den Mann auf dem Hofe
-entdeckt und ging auf ihn zu. Als er näher an ihn
-herankam, verlangsamte er die Schritte, bis er dicht vor
-ihm stehen blieb.</p>
-
-<p>»Grüß Dich Gott, Max!« sagte er, indem er dem
-Angesprochenen die Hand darbot.</p>
-
-<p>Dieser trat erstaunt an den Sprecher heran. Die
-Stimme klang ihm bekannt, ohne daß er es vermocht
-hätte, ihren Besitzer zu erkennen. Obwohl die Körpergröße<span class="pagenum" id="Seite_40">[40]</span>
-des Fremden noch über das Mittelmaß hinausragte,
-erschien er doch klein neben dem mächtigen Wuchs
-des Herrn von Tiefenbach, der sich deshalb auch herabbeugen
-mußte, um dem Fremden scharf ins Gesicht zu
-schauen.</p>
-
-<p>»Bernhard! Ist es möglich, Du hier!« rief er
-erfreut aus, den Angekommenen herzlich umarmend.
-»Willkommen, willkommen auf dem Freihofe! Jahrelang
-habe ich vergebens auf Deinen Besuch gewartet,
-und nun kommst Du so überraschend. Das hast Du
-recht gemacht, alter Junge!«</p>
-
-<p>»Du hättest eigentlich Ursache, mir zu zürnen,
-Max,« antwortete der Fremde, »nachdem ich Dir für
-vorigen Sommer meinen Besuch bestimmt versprochen
-hatte. Aber Du weißt, der Soldat ist eben selten in
-der Lage, über seine Zeit zu verfügen; er harrt immer
-der Oberen Befehle.«</p>
-
-<p>Herr von Tiefenbach hatte seinen Arm schon unter
-den des Freundes geschoben und führte diesen nach der
-offenen Tür des Hauses. Bevor sie eintraten, blieb
-Max plötzlich stehen und fragte:</p>
-
-<p>»Wirst Du uns aber auch nicht gleich wieder verlassen?
-Wie lange hast Du denn Urlaub?«</p>
-
-<p>»Beruhige Dich, mein Lieber,« antwortete der Angekommene.
-»Da ich nun einmal hier bin, wirst Du
-mich nicht so bald wieder los.«</p>
-
-<p>Sie waren bei diesen Worten in den dunkeln
-Hausflur getreten. Max ging schnell voraus und öffnete
-eine Tür, durch die heller Lampenschein herausdrang.</p>
-
-<p>»Mutter,« rief er, »einen Gast bringe ich Dir. &ndash;
-Rate einmal wer es ist!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_41">[41]</span></p>
-
-<p>Der Blick des Fremden fiel in das Zimmer, ein
-geräumiges Gemach mit schweren, altväterischen Möbeln,
-das von einer Hängelampe erleuchtet wurde. In der
-Mitte des Raumes stand ein großer, runder Tisch, auf
-dessen weißem Tuche das Abendbrot aufgetragen war.</p>
-
-<p>In einem hochlehnigen, mit Leder bezogenem Stuhle
-saß eine Frau, die in einem Buche las, von der Form
-der auf dem Lande damals im Gebrauche befindlichen
-Andachtbücher. Bei den hastig ausgestoßenen Worten
-ihres Sohnes nahm Frau von Tiefenbach langsam die
-Brille mit den runden Gläsern von der Nase, klappte
-das Buch zu, erhob sich vom Stuhle und schaute auf
-die Eintretenden. Sie hatte, wie ihr Sohn, die hohe
-Gestalt der Tiefenbachs und schien sich den Siebzigern
-zu nähern. Die leichtgebeugte Haltung des mit tiefschwarzem,
-glattgestrichenem Haar bedeckten Kopfes deutete
-auf starkes Selbstbewußtsein. Aus dem hagern
-Gesicht ragte die starke Nase scharf hervor, und die leichtgeschlossenen
-Lippen umspielte ein Zug, der eisernen
-Willen gepaart mit Stolz verriet. Beherrscht wurde
-der Ausdruck dieses Gesichts aber durch die tief in ihre
-Höhlen zurückgesunkenen, grauen Augen, die sie auf jeden,
-mit dem sie sprach, fest zu richten pflegte.</p>
-
-<p>Der freudige Ton, der aus Maxens Worten geklungen
-hatte, war Frau von Tiefenbach nicht entgangen.
-Sie sah voll Erwartung auf den Fremden, dessen Fuß
-bei ihrem Anblick einen Augenblick gestockt hatte. Dann
-trat der Ankommende auf sie zu und ergriff mit einer
-tiefen Verbeugung die zum Gruße dargebotene Hand.</p>
-
-<p>»Bernhard von Friesen ist es, Mutter, mein alter
-Freund, von dem ich Dir so manches liebe Mal erzählt
-habe.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[42]</span></p>
-
-<p>Die Freihoferin ließ einen langen Blick über den
-jungen Mann gleiten, der noch immer in achtungsvoller
-Haltung vor ihr stand.</p>
-
-<p>»Seien Sie willkommen, Herr von Friesen,« sagte
-sie. »Sie haben recht getan, Ihre Schritte nach Rehefeld
-zu lenken. Freilich werden Sie manches von dem entbehren
-müssen, was die königliche Residenzstadt Ihnen
-bietet. Aber was der Freihof besitzt, wird er Ihnen
-geben. Ich bin erfreut, meines Sohnes Freund kennen
-zu lernen!«</p>
-
-<p>Während dieser Begrüßung war es dem Angekommenen
-noch nicht gelungen, sich von dem Bann zu
-befreien, den die Erscheinung dieser Frau auf ihn ausübte.
-Jetzt aber hörte er aus dem ihm anfangs hart
-erschienenen Klange der Stimme Wärme und Herzlichkeit
-heraus und er bekam seine verlorene Sicherheit schnell
-wieder.</p>
-
-<p>Mit dem Anstand eines Jünglings von guter Erziehung,
-dankte er der Hausherrin für den herzlichen
-Willkomm und sprach die Bitte aus, ihm wegen seines
-Eintritts zu dieser ungewohnten Stunde und ohne vorausgegangene
-Anmeldung seines Erscheinens nicht zu
-zürnen.</p>
-
-<p>Dann setzten sie sich zum Abendessen an den mächtigen
-Tisch, das in angeregter Unterhaltung verlief.</p>
-
-<p>Die beiden jungen Männer tauschten Erinnerungen
-an die Jahre aus, die sie zusammen auf der Fürstenschule
-des nahegelegenen Grimma in treuer Freundschaft
-verlebt hatten. Seitdem hatten sie sich nicht wieder gesehen
-und nur wenige Briefe gewechselt.</p>
-
-<p>Friesen war nach dem Verlassen der Schule nach
-Dresden gegangen und Offizier geworden. Er hatte bei<span class="pagenum" id="Seite_43">[43]</span>
-Jena mitgefochten und dann an allen kriegerischen Ereignissen
-teilgenommen, zu denen Napoleon den ihm
-ergebenen Sachsenkönig drängte.</p>
-
-<p>Er sprach von den Feldzügen, und Frau von Tiefenbach
-zeigte großes Interesse an seiner Erzählung. Sie
-fragte nach der Stimmung in der Hauptstadt und wollte
-wissen, welche Meinung die Offiziere von der politischen
-Lage hätten, und welcher Geist unter den Truppen
-herrsche. Denn die Unzufriedenheit mit Napoleons
-Regiment wuchs und breitete sich allmählich über das
-ganze Land aus.</p>
-
-<p>Zuletzt schilderte Friesen die Stimmung, die ihn
-heute überkommen, als er von der Anhöhe herab den
-segensreichen Frieden betrachtet hatte.</p>
-
-<p>Da unterbrach Max mit einem Male die Unterhaltung,
-indem er sich mit der Frage an seine Mutter
-wandte:</p>
-
-<p>»Ist Elisabeth denn noch nicht zurück?«</p>
-
-<p>Die Blicke der Freihoferin streiften die Uhr. Dann
-fuhr sie, ohne auf Maxens Frage geantwortet zu haben,
-in der Unterhaltung fort. Max schien dem Schweigen
-der Mutter eine Antwort entnommen zu haben, denn
-er wiederholte seine Frage nicht und beteiligte sich von
-neuem lebhaft am Gespräch.</p>
-
-<p>Da verkündete die Uhr mit langsamen Schlägen
-die zehnte Stunde. Die Freihoferin brach die Unterhaltung
-kurz ab und beauftragte Max, den Gast in
-sein Zimmer zu begleiten.</p>
-
-<p>Die Anstrengung, die Friesen während der beiden
-letzten Tage überwunden hatte, machten sich nunmehr
-geltend. Eine große Müdigkeit hatte sich bei ihm eingestellt,
-die er nur mit Mühe bekämpfte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_44">[44]</span></p>
-
-<p>Beim Scheine der Kerze führte Max den Freund
-nach dem für ihn im Oberstock hergerichteten Zimmer
-und ließ ihn alsbald nach Gutenachtgruß und dem
-Wunsche allein, daß der erste Schlaf unter dem Dache
-des Freihofes für ihn recht erquickend sein möge.</p>
-
-<p>Gähnend und mit schon halbgeschlossenen Augen sah
-sich Friesen in dem Raume um. Aber seine Betrachtungen
-währten nicht lange. Er entkleidete sich und
-streckte den müden Körper auf das breite, behagliche
-Bett. Ein wohliges Gefühl überkam ihn. Da trat noch
-einmal rasch die Geschichte des Weißen Schlosses an
-seine Seele heran. Bald aber drängte sich in die Wirklichkeit
-die Phantasie. Die Urahnen des Tiefenbachschen
-Geschlechts standen in Reih und Glied salutierend im
-Schloßhofe, während die Mutter Lehnhardt in Holzpantoffeln
-und mit einer kürbisähnlichen Kartoffel unter
-dem Arm auf einer ungeheuern Katze an den alten
-Haudegen freundlich grüßend vorbeiritt. Dann aber
-verblich auch dieses letzte freundliche Bild, und der traumlose
-Schlaf der Jugend senkte sich auf den Müden
-herab.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Als Friesen am andern Morgen erwachte, stand
-die Sonne schon hoch am Himmel. Schnell beendete
-er seine Morgentoilette und schaute zum Fenster hinaus.
-Das Zimmer lag an der Giebelseite des Wohnhauses.
-Edle Weinreben umrankten das Fenster, und ein paar
-mächtige Birnenbäume verwehrten den Sonnenstrahlen
-den ungehinderten Zutritt. In kurzer Entfernung vom
-Gute rieselte zwischen dunkelgrünen Wiesen der Göselbach
-vorüber, an dessen beiden Ufern dichte Weidengebüsche<span class="pagenum" id="Seite_45">[45]</span>
-standen, die, vom Winde bewegt, sich tief über das Wasser
-neigten, als ob die langen Ruten darnach trachteten,
-ihre Spitzen zu benetzen. Darüber hinweg sah das
-Auge weit hinein in die tiefe Ebene.</p>
-
-<p>Friesen ging hinab und trat in das Wohnzimmer,
-wo er aber niemand vorfand. Eine Magd, die ihn
-bemerkt hatte, deckte alsbald den Tisch und trug das
-Frühstück auf. Dann verließ sie mit einer schüchternen
-Einladung zum zulangen wieder die Stube.</p>
-
-<p>Der würzig duftende Kaffee, die goldgelbe Butter und
-das frische Brot lockten unwiderstehlich, und Friesen hatte
-genug Appetit, um sich nicht vergeblich einladen zu
-lassen.</p>
-
-<p>Er wollte sich mit dem Essen beeilen, um dann
-nach Max zu sehen, der gewiß schon längst bei der
-Arbeit war und über den Langschläfer lächeln würde.</p>
-
-<p>Das Frühstück mundete vortrefflich, als Friesen
-mit einem Male ein leises Geräusch vernahm, und
-als er sich rasch umschaute, sah er auf der Schwelle
-der weitgeöffneten Tür ein weibliches Wesen stehen,
-das ihm wahrscheinlich schon eine Weile zugesehen
-hatte.</p>
-
-<p>Er fühlte sich überrascht und wußte nicht, welche
-Bezeichnung er der plötzlichen Erscheinung geben sollte.
-War es eine Jungfrau, die da vor ihm stand, oder ein
-hochaufgeschossenes Kind? Er konnte sich diese Frage
-nicht beantworten. So ließ er den Blick unverwandt
-auf dem etwas bleichen, allerliebsten Gesichtchen ruhen,
-das sich in tiefe Sorgenfalten gelegt hatte und sich sichtlich
-alle erdenkliche Mühe gab, seinen bekümmerten Ausdruck
-festzuhalten.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_46">[46]</span></p>
-
-<p>»Also, so behandelt man Gäste,« scholl es von der
-Tür her, die im nächsten Augenblick zuflog. »Nein,
-nein, bitte setzen Sie sich wieder und lassen Sie sich’s
-weiter schmecken! Sie müssen schon entschuldigen, Herr
-von Friesen, die arge Vernachlässigung findet ihren
-Grund aber nur darin, daß man auf dem Freihof nicht
-gewöhnt ist, Gäste zu empfangen. Nun ich denke,
-wir werden an Ihnen darin lernen, um wenigstens allmählich
-so weit zu kommen, daß wir in Zukunft unsere
-Gäste nicht mehr allein sitzen lassen.«</p>
-
-<p>Das Mädchen war, indem es diese Worte hervorgesprudelt
-hatte, langsam näher getreten, während Friesen
-auf wiederholtes Drängen hin das unterbrochene Frühstück
-fortsetzte.</p>
-
-<p>Nun stand sie ihm gegenüber am Tische. Die
-beiden Hände aufgestützt und den Oberkörper leicht vornübergeneigt,
-schaute sie ihm mit unverhohlener Neugierde
-in das Gesicht.</p>
-
-<p>Friesen gestand sich, daß ihm gestern Abend, Maxens
-Mutter gegenüber, seine kühle Besonnenheit eine kleine
-Weile im Stich gelassen hatte; unter den Augen dieses
-Kindes aber, schien sich seine Verlegenheit wiederholen
-zu wollen. Die Ähnlichkeit, besonders aber die blauen
-Augen des Mädchens, konnten ihm keinen Zweifel lassen,
-daß sie die Schwester des Freundes war, von der ja
-auch Mutter Lehnhardt gesprochen hatte. So viel frischer
-Natürlichkeit und holdem Liebreiz gegenüber, konnte er
-sich nur langsam aus seiner Überraschung erholen, zumal
-ihn das Mädchen noch immer unverwandt musterte.
-Ihre Augen leuchteten wie die eines Kindes, dem eine
-große Freude geworden ist, aber in den Winkeln des
-in komischer Entrüstung zusammengekniffenen Mundes<span class="pagenum" id="Seite_47">[47]</span>
-lauerte der Schalk. Jetzt endlich verschwand der gutgespielte
-Ernst von dem Gesichtchen, und das Mädchen
-brach in ein fröhliches Lachen aus.</p>
-
-<p>Friesen begrüßte diesen Heiterkeitsausbruch als willkommene
-Erleichterung, doch kam ihm der plötzliche Umschlag
-der Situation immerhin ein wenig unvermittelt,
-und seine Ratlosigkeit wurde infolgedessen nicht geringer.
-Dieses Gefühl mußte sich wahrscheinlich auf seinem Gesicht
-widerspiegeln, denn die Heiterkeit wurde lauter
-und zuletzt so befreiend, daß Friesens Verlegenheit mit
-einem Schlage wich, und er von der Fröhlichkeit angesteckt
-und mit fortgerissen wurde. Und damit war er
-wieder Herr seiner selbst.</p>
-
-<p>Endlich verklang das fröhliche Lachen, und das
-Mädchen zog sich einen Stuhl heran, um ebenfalls zu
-frühstücken. Aber obgleich die kleinen, weißen Zähne
-tapfer in die Semmeln bissen, konnte sie nicht schweigen.
-Hundert Fragen zugleich schwebten ihr auf der Zunge,
-die sämtlich verrieten, daß das Kind von alledem, was
-sich jenseits eines Umkreises von drei Meilen von Rehefeld
-auf der Erde abspielte, herzlich wenig kannte. Ihr
-Wissensdurst war unbegrenzt und die Einfalt ihrer Fragen
-so erfrischend, daß Friesen immer wieder in dieses Kindergesicht
-blicken mußte, um sich von neuem Gewißheit zu
-verschaffen, daß mit ihm nicht ein loses Spiel getrieben
-wurde. Die Augen voll Erwartung auf ihn gerichtet,
-lauschte das Mädchen seinen Antworten, sie zuweilen mit
-verständnisvollem Nicken oder mit unwilligem Schütteln
-des Kopfes begleitend, das so arg werden konnte, daß
-der blonde Zopf, der bis zum Schürzenband hinabreichte,
-hin- und herflog.</p>
-
-<p>Friesen mußte unwillkürlich dieses kleine Dorffräulein<span class="pagenum" id="Seite_48">[48]</span>
-in seiner rührenden Unschuld mit denen ihres Geschlechtes
-vergleichen, die in kunstvoller Perrücke und mit gemalten
-Gesichtern alle pikanten und skandalösen Ereignisse der
-Residenz vor dem allzu schnellen Hinabtauchen in die
-Vergessenheit glücklich bewahrten und nicht müde wurden,
-solche Vorgänge mit liebevoller Mühe und Beharrlichkeit
-in die kleinsten Einzelheiten zu zerlegen. Unter diesen
-wäre kein Boden für solch ein Pflänzlein, dachte er, es
-würde bald traurig das Köpfchen hängen, und der Seelenfrieden
-eines so lieblichen Menschenkindes würde in
-kurzer Zeit gestört sein.</p>
-
-<p>Aber Friesen fand nicht viel Zeit zu längeren Betrachtungen,
-denn die Kleine war unermüdlich im Fragen.</p>
-
-<p>Plötzlich brach sie ab, es schien ihr etwas einzufallen.
-Dann sagte sie sehr ernst:</p>
-
-<p>»Aber, Herr von Friesen, wissen Sie denn eigentlich
-wer ich bin?«</p>
-
-<p>Diese Frage kam wieder so unerwartet und berührte
-Friesen so komisch, daß er nur mit Mühe ein
-Lächeln zurückhalten konnte. Er zwang sich dazu, ebenfalls
-ernst zu sein und sagte, mit schelmischem Anklang in
-der Stimme, vorwurfsvoll:</p>
-
-<p>»Nein, wie kann ich denn wissen wer Sie sind,
-wenn Sie mir es nicht sagen!«</p>
-
-<p>Das niedliche Geschöpfchen sah seinem Gegenüber
-noch eine kleine Weile in die Augen, dann erfolgte
-ein neuer Heiterkeitsausbruch der alle vorangegangenen
-übertraf, und in den Friesen wieder mit
-einstimmte.</p>
-
-<p>Das Mädchen lachte so herzlich, daß ihm Tränen
-in die Augen traten.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_49">[49]</span></p>
-
-<p>»Nein,« rief sie jubelnd, »so ein Stadtherr. Ist
-mit mir eine halbe Stunde zusammen, spricht fortwährend
-zu mir und weiß nicht einmal wie ich heiße!«</p>
-
-<p>Da überflog ihr Gesichtchen mit einem Male wieder
-der altkluge, ernste Zug, als sie vorwurfsvoll fragte:</p>
-
-<p>»Ja, Herr von Friesen, warum fragen Sie mich denn
-eigentlich garnicht wie ich heiße?«</p>
-
-<p>Jetzt kam ihr Friesen mit der Heiterkeit aber zuvor.
-Aber diesmal lachte nur er. Seine Nachbarin
-schien nicht zu verstehen, was seine Fröhlichkeit herausforderte.</p>
-
-<p>Sie wurde noch um einen Grad ernster und sagte:</p>
-
-<p>»Ich bin nämlich die Elisabeth.«</p>
-
-<p>Und als Friesen mit ihrem zunehmenden Ernst
-noch ausgelassener wurde, wiederholte sie beinahe feierlich:</p>
-
-<p>»Ja gewiß, Herr von Friesen, ich bin Elisabeth
-von Tiefenbach!«</p>
-
-<p>Der aber, dem diese Beteuerung galt, verlor auch
-noch den letzten Rest von Beherrschung. Er lachte, daß
-ihm die Tränen über die Wangen liefen und machte mit
-der Hand eine abwehrende Bewegung, als ob er es
-verhindern wolle, daß das Mädchen weiter spreche.
-Schließlich stimmte auch Elisabeth wieder in die Fröhlichkeit
-ein, als sich plötzlich die Tür öffnete und Max ins
-Zimmer trat.</p>
-
-<p>Als er die ausgelassene Heiterkeit der beiden sah,
-blieb er einen Augenblick verdutzt stehen.</p>
-
-<p>»Hallo!« rief er »Ihr habt ja recht schnell Freundschaft
-geschlossen. Das gefällt mir!«</p>
-
-<p>Dann schritt er zu dem Freunde.</p>
-
-<p>»Guten Morgen Bernhard. Nun, wie war die
-erste Nacht auf dem Freihof?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_50">[50]</span></p>
-
-<p>Aber noch bevor der Angesprochene antworten
-konnte, rief Elisabeth dem Bruder zu:</p>
-
-<p>»Wenn Du es durchaus willst, daß Herr von
-Friesen seinen Kaffee früh allein trinken soll, so gewöhne
-ihn doch wenigstens nur nach und nach daran. Das
-muß ich gestehen, Max, Du verwöhnst Deinen Freund
-gleich vom ersten Tage ab nicht.«</p>
-
-<p>Max trat zu seiner Schwester, hob sie samt ihrem
-Stuhle zu sich empor und drückte ihr trotz Sträubens
-einen Kuß auf den Mund. Dann setzte er behutsam
-das Mädchen wieder nieder.</p>
-
-<p>Friesen war Maxens Bewegungen mit den Augen
-gefolgt und er hatte die Gruppe sehr hübsch gefunden:
-der blonde Riese, dessen Arme dazu geschaffen schienen,
-einen rasenden Stier vor sich niederzuzwingen, im Kampf
-mit dem zierlichen, sich heftig wehrenden Mädchen, dessen
-Gesichtsausdruck trotz ihres Sträubens nur allzudeutlich
-verriet, wie gerne sie die Zärtlichkeit des Bruders ertrug.</p>
-
-<p>»So, Du hast deinen Lohn für die Schelte am frühen
-Morgen,« sagte Max. »Wenn Du aufmerksam gewesen
-wärst, hätte Bernhard gleich Gesellschaft gehabt.«</p>
-
-<p>Die letzten Worte mußte er ihr nachrufen, da das
-Mädchen schmollend aus dem Zimmer schlüpfte.</p>
-
-<p>Max wandte sich an Friesen und fuhr fort:</p>
-
-<p>»Ich hätte schon lange wieder zurück sein können,
-wenn der Braune nicht etwas lahmte. Deshalb mußte
-ich langsam reiten.«</p>
-
-<p>Dann lud Max den Freund zu einem Spaziergang
-ein, um ihn mit der Umgebung vertraut zu machen.
-Sie betraten den Hof, um zuerst das Gut in allen Einzelheiten
-kennen zu lernen. Hier fand Friesen die Freihoferin
-vor, die den Hühnern Futter gestreut hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_51">[51]</span></p>
-
-<p>Nach etwa einer Stunde schlenderten die Freunde
-dem Ufer des Baches entlang, bis sie sich endlich unter
-einem großen Apfelbaum in das weiche Gras streckten.</p>
-
-<p>»Du hast mir früher so manches von Deiner Familie
-erzählt,« begann Friesen, »das bei mir unvergessen geblieben
-ist. Aber ich muß Dir beichten,« fügte er lächelnd
-hinzu, »daß ich seit gestern viel mehr von den Tiefenbachs
-weiß als bisher.«</p>
-
-<p>Und mit kurzen Worten erzählte er seine Begegnung
-mit Mutter Lehnhardt.</p>
-
-<p>»Da bist Du ja gleich vor die richtige Schmiede
-gegangen,« scherzte Max, »sie ist allerdings der beste
-Kenner unserer Familiengeschichte.</p>
-
-<p>Bernhard,« fuhr er nachdenklich fort, »laß mich
-der Erzählung der Alten noch ein paar Worte hinzufügen,
-Du dürftest ohne sie sonst manches unverständlich
-finden.</p>
-
-<p>Meine Mutter ist eine jener äußerlich rauhen
-Frauennaturen, denen man im Leben nicht allzuoft begegnet.
-Die Jahre sind ohne große Ereignisse an ihr
-vorüber gegangen. Mit nimmermüden Händen hat sie
-geschafft, um unsern Besitzstand zu mehren, aber als die
-höchste ihrer Pflichten hat ihr die Erziehung ihrer Kinder
-gegolten. Sie besitzt einen ungemein scharfen Verstand
-und viel praktischen Sinn. Sentimentale Lebensanschauung
-ist ihr fremd. Sie liebt das Edle aus voller
-Seele und verabscheut alles Niedrige. Die Mittel, der
-Freude und dem Schmerz auch äußerlich Ausdruck zu
-geben, die die gütige Natur dem Menschen verliehen
-hat, sind ihr versagt geblieben. Nur selten tritt ein
-flüchtiges Lächeln auf ihre Lippen, um alsbald wieder
-dem ernsten Ausdruck Raum zu geben, der immer auf<span class="pagenum" id="Seite_52">[52]</span>
-ihrem Gesichte lagert. Tränen sind ihr versagt. Möge
-sie diesen Verlust niemals bitter empfinden.«</p>
-
-<p>Friesen war des Freundes Worten aufmerksam gefolgt.
-Nun fand er auch die Erklärung für Maxens
-ernsten Charakter, denn der mütterliche Einfluß war unverkennbar.</p>
-
-<p>»Und doch,« fuhr Max fort, »besitzt meine Mutter
-mehr Gemüt als der Fremde bei ihr vermutet. In ihrem
-tiefsten Herzen liegen Saiten, die zuweilen mit Macht tönen
-und dann so gebieterisch die Mitteilung ihres Klanges
-an die Außenwelt fordern, daß solche Augenblicke für
-sie qualvoll sein müssen. Ihren gefaßten Grundsätzen
-bleibt sie treu, und was meine Mutter einmal beschlossen
-hat, führt sie mit einem Willen durch, der vielleicht an
-Starrsinn grenzt.</p>
-
-<p>Ihr Liebling ist meine Schwester. Du wirst bei
-Eurer heutigen Begegnung sofort empfunden haben, was
-für ein Kind dieses achtzehnjährige Mädchen noch ist.
-Das Schicksal hat mit ihr wunderlich geschaltet. Die
-Tiefenbachs sind immer Naturen gewesen, denen eine
-heitere Lebensauffassung fern lag. Elisabeth aber sieht
-alles in rosigem Licht. Sie weiß von der Welt so
-wenig, daß sie auch ihre Gefahren nicht kennt. Eine
-glückliche Veranlagung läßt sie von jeder Sache nur
-die lichte Seite betrachten. Sie ist eben ein Kind und
-der Sonnenschein unseres Hauses.</p>
-
-<p>Das Schloß und seine Bewohner übten auf Elisabeth
-schon in frühester Jugend eine unerklärliche Anziehung aus.
-Sie wendete alles auf, der Überwachung zu entwischen, um
-hinauf zu eilen und mit ihrer, nur um wenige Jahre älteren
-Cousine zusammen zu sein. Bitten, Ermahnungen und
-Strafen waren umsonst. Das Kind konnte sich, so sehr<span class="pagenum" id="Seite_53">[53]</span>
-es zuweilen auch kämpfte, gegen den unwiderstehlichen
-Drang nicht auflehnen. Die Mutter ließ nichts unversucht,
-um dieser Neigung des Kindes zu begegnen. Zuletzt
-war ihre mütterliche Geduld aber erschöpft, und
-eines Tages war sie so zornig, daß sie die zehnjährige
-Elisabeth hart schlug.</p>
-
-<p>Es war ergreifend, die Wirkung dieser Strafe an
-dem Kinde zu beobachten. Während es bisher schon bei
-einem zurechtweisenden Blicke der Mutter Tränen hatte,
-ließ sie die Züchtigung lautlos über sich ergehen. Und,
-welch Wunder, &ndash; sie lief nicht mehr hinauf, sprach
-auch nicht einmal den Wunsch darnach aus. Aber welche
-Veränderung war mit ihr vorgegangen! Ihr munteres
-Plaudern, ihr heiteres Lachen waren verstummt. Ohne
-daß man eine Absicht merkte, unterblieben die stürmischen
-Beweise der Zärtlichkeit, die Elisabeth sonst immer für
-die Mutter gehabt hatte, und die diese jetzt schmerzlich
-vermißte. Stundenlang konnte das Kind ohne zu ermüden
-im Grase sitzen und mit seinen großen, matten
-Augen hinaufschauen zu dem alten Gemäuer. Ihr ohnehin
-sehr schwächlicher Körper zehrte immer mehr ab,
-und ihr bleiches Gesicht ward immer schmaler.</p>
-
-<p>Meine Mutter litt fürchterlich. Stumm betrachtete
-sie Elisabeth, und ich konnte in ihren Augen die tiefe
-Rührung lesen, die sie beherrschte.</p>
-
-<p>So ging es wohl zwei Monate lang. Elisabeth
-wurde von Tag zu Tag bleicher, und ihre Augen wurden
-glanzvoller. Ihre Bewegungen waren müde, ihre Sprache
-leise. Dabei war sie aber stets freundlich zur Mutter,
-die alles daran setzte, das Kind aufzuheitern, und die
-durch ein schwaches Lächeln auf seinem Gesicht hochbeglückt
-war. Aber man sah, wie der Gram das Kind<span class="pagenum" id="Seite_54">[54]</span>
-zu verzehren drohte. Meine Mutter kämpfte im Innern
-einen gewaltigen Kampf. Und sie unterlag&nbsp;…</p>
-
-<p>Eines Tages saß Elisabeth, wie so oft, im Obstgarten
-hinter dem Hause. Es war ein prächtiger Frühlingstag.
-Aber das Kind hatte keinen Blick für den goldenen
-Sonnenschein und die schneeweißen Blüten auf den
-Bäumen. Es starrte traumverloren dorthin, wohin es
-sein unschuldiges Herz zog.</p>
-
-<p>Die Mutter war leise zum offenen Fenster getreten
-und sah hinter der Gardine verstohlen hinaus.
-Mit unendlicher Wehmut hafteten ihre Blicke auf Elisabeth.
-Sie schien darüber nachzudenken, wie jetzt alles
-in der Natur seine Wiederauferstehung feiere und sich
-zu frischem, blühendem Leben entwickele, während ihr
-heißgeliebtes Kind mit sicheren Schritten dem Grabe
-zueilte. Da wandte sie sich plötzlich mit einem Ruck
-nach der Tür, &ndash; fast schien ihr Fuß sie nicht dahin
-tragen zu wollen, &ndash; und stockend überschritt sie die
-Schwelle. Dann stand sie bei dem Kinde, das, aus
-seinen süßen Träumen aufgeschreckt, die Mutter verwundert
-ansah. Sie ergriff Elisabeths Hand, führte sie
-schweigend durch den Garten, öffnete das Türchen, das
-den Austritt nach den Feldern gestattet und stellte das
-erstaunte Mädchen auf die schmale Brücke, die über den
-Bach führt und auf den Weg ausmündet, der nach dem
-Schlosse läuft.</p>
-
-<p>Wie ein Blitz kam dem Kinde die Erklärung für
-das Gebaren der Mutter. Und während diese sich
-wieder umwandte, eilte Elisabeth, so schnell die Füße
-sie tragen wollten, den Weg hinauf, als wenn sie
-fürchtete, wieder zurückgerufen zu werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_55">[55]</span></p>
-
-<p>Mit schleppenden Schritten betrat die Mutter wieder
-das Zimmer und sank in den Stuhl.</p>
-
-<p>Am Abend jenes Tages, Bernhard, sah ich meine
-Mutter zum ersten Male in tiefer Bewegung erzittern,
-als sich die dünnen Arme des jubelnden Kindes ihr
-liebkosend um den Hals legten&nbsp;…</p>
-
-<p>Und so ist Elisabeths Verhältnis zu den Leuten
-da droben bis auf den heutigen Tag geblieben. Sie
-würde das Verbot nicht verstehen, sondern es als eine
-grausame Härte empfinden.</p>
-
-<p>Du weißt, Bernhard, daß sich die Großväter der
-beiden Familien Tiefenbach entzweit haben, nachdem der
-ältere Bruder die Braut des Jüngeren beschimpft hatte.
-Aus diesem Grunde haben auch die Tiefenbachs auf
-dem Freihofe mit denen auf dem Schlosse, außer ihrem
-Namen, nichts mit einander gemein. Die tiefe Kluft
-kann niemals überbrückt werden! Neben der Liebe zu
-ihren Kindern, ist die stärkste Empfindung, von der meine
-Mutter beherrscht wird, glühender Haß gegen die droben.
-Der Vater hat ihn dem Kinde mit dem Blute vererbt,
-und seine letzten Worte auf dem Sterbebette waren eine
-Aufforderung, auch auf ihre Kinder in diesem Geiste
-einzuwirken.</p>
-
-<p>Meiner Mutter zittern die Worte der Beschimpfung
-noch heute in der Seele nach, und ihr Einfluß auf
-meine Anschauungen hat das seinige getan. Die jetzt
-auf dem Schlosse Wohnenden sind freilich unschuldig
-an der Sünde ihres Vorfahren, dennoch kann ich meine
-Abneigung gegen sie nicht unterdrücken. Sie sind die
-Nachkommen des Mannes, der meine Großeltern tödlich
-beleidigte, und dessen Worte einen bleibenden Schatten
-auf ihren Lebensweg geworfen haben.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_56">[56]</span></p>
-
-<p>Mag Elisabeth immerhin zu ihnen freundlich sein,
-Kinder sind nicht dazu berufen, die Sorgen der Erwachsenen
-zu teilen. Sie selbst empfindet schon längst,
-daß die Wiederaussöhnung der beiden Familien unmöglich
-ist, aber ihr ausgeprägtes Zartgefühl läßt sie
-über ihre Besuche auf dem Schlosse schweigen.«</p>
-
-<p>Eine Pause entstand. Dann sagte Max:</p>
-
-<p>»Bernhard, nun erzähle <em class="gesperrt">Du</em> mir etwas, ich bin
-begierig, mehr davon zu hören, wie es Dir in den
-letztverflossenen Jahren gegangen ist.«</p>
-
-<p>»Mein Leben ist,« begann Friesen, »seitdem wir
-auseinandergegangen sind, recht wechselvoll gewesen.</p>
-
-<p>Nach Jena folgte Friedland, wo ein russischer
-Kamerad so unliebenswürdig war, mir seinen Degen
-in den Leib zu rennen, was dem Feldscher Anlaß
-gab, mein alsbaldiges, sicheres Abtreten von dem irdischen
-Kriegsschauplatz vorauszusagen. Wie sehr er sich zu
-meinem Heile aber geirrt hat, siehst Du, lieber Freund,
-denn so, wie ich in diesem Augenblick neben dir liege,
-bin ich doch ein nicht zu bestreitender Beweis für die
-Unrichtigkeit seiner voreiligen Ansicht. Ich war entschieden
-noch nicht reif genug für den Eintritt in eine
-bessere Welt und mußte hier noch einmal anfangen.
-Freilich verurteilte mich die Blessur zu einer unfreiwilligen
-Ruhezeit von mehreren Monaten.</p>
-
-<p>Dann kam eine Periode, die uns allen unendlich
-öde erschien, da sie nur durch den Garnisondienst ausgefüllt
-wurde. Selbst der Geduldigste von uns fand
-diese Zeit erdrückend langweilig und sehnte Veränderung
-herbei. Da schaffte Napoleon Rat.</p>
-
-<p>Der politische Horizont umdüsterte sich wieder, und
-alles deutete auf einen neuen, herzerfrischenden Krieg.<span class="pagenum" id="Seite_57">[57]</span>
-Diesmal sollten wir unter Bernadotte gegen die Österreicher
-kämpfen. Bei Linz schwankte das Zünglein der
-Wage lange, bis sich das Glück endlich für uns entschied.
-Viel heißer aber sollte Wagram werden. Das
-Bataillon Metzsch, bei dem ich damals stand, kämpfte
-im ersten Treffen. Wie verzweifelt schlugen wir uns
-den ganzen Tag herum, um am Abend doch zurückgehen
-zu müssen. Am nächsten Vormittag standen wir
-ruhig hinter unserer Artillerie. Wahrscheinlich um unser
-Interesse an der Schlacht rege zu halten, schlugen die
-österreichischen Geschosse unaufhörlich in die dichten
-Reihen. Es fehlte nicht mehr viel, und der brave Erzherzog
-drüben hätte können Viktoria blasen lassen; man
-sah auf unserm Flügel nur noch zurückflutende Truppen.
-Da erschien der Kaiser bei uns, und bald darauf entschied
-sich das Schicksal des Tages: der Österreicher
-wurde zurückgeworfen. Dann kam eine Anzahl kleiner
-Scharmützel, die sich immer niedlicher gestalteten, so daß
-die letzten von ihnen gegen die vorangegangenen großen
-Tage sich nur noch wie Friedensübungen ausnahmen.«</p>
-
-<p>Max hatte, während der Freund sprach, zuweilen
-ein Lächeln nicht unterdrücken können. Er war noch
-immer der alte: keck bis zur Kühnheit, lustig bis zum
-Leichtsinn, aber gutmütig und ritterlich dabei. Daß
-Bernhard den Krieg liebte, fand Max ganz natürlich,
-denn alle die unter dem Kaiser kämpften waren ja so.</p>
-
-<p>»Nun, und jetzt ist Dir der Gamaschendienst so
-langweilig geworden, daß Du ihm selbst das Landleben
-vorziehst?« scherzte Max.</p>
-
-<p>Friesens Gesicht überzog ein lebhaftes Rot. Einen
-Augenblick schien er verlegen, dann sagte er:</p>
-
-<p>»Du irrst, Max, Scherz beiseite. Wie ich vorhin<span class="pagenum" id="Seite_58">[58]</span>
-erzählte, sprach ich das aus, was mich noch bis vor
-zwei Jahren bewegte. Früher konnte ich nicht genug
-des Lebens im Feldlager kosten. Allmählich hat sich in
-mir, wie in manchem meiner Kameraden, aber ein Umschwung
-vollzogen. So wie bisher, kann es mit den
-endlosen Kriegen nicht fortgehen. Ich tue meine Pflicht
-als treuer Soldat meines Königs, dies verhindert mich
-aber nicht, das Gebaren derer zu verurteilen, die nicht
-aufhören, unsagbares Weh über unser Land heraufzubeschwören.
-Und ich denke, daß ein gedeihlicher Frieden
-auf Jahrzehnte hinaus nunmehr der Wunsch jedes ehrlichen
-Mannes sein muß.«</p>
-
-<p>»Du sprichst mir aus der Seele, Bernhard,« rief
-Max lebhaft und reichte ihm die Hand hin, in die
-Friesen ohne Besinnen kräftig einschlug. »Das sind
-auch meine Gedanken. Jetzt sollten sie endlich einmal
-Ruhe halten, und jeder sollte sich mit dem bescheiden,
-was er besitzt. Freilich taugt die ganze Franzosenwirtschaft
-nichts, aber so schnell, wie sie über uns gekommen
-ist, werden wir sie nicht wieder los. Und zuletzt
-hat jedes Ding sein Aber. Wir Sachsen haben
-dem Kaiser für so manches zu danken.</p>
-
-<p>Aber, Bernhard,« fuhr Max nach einer kleinen
-Weile fort, »wenn es der gleichförmige Dienst nicht
-war, der Dich aus der Hauptstadt forttrieb, dann kann
-es ja nichts Anderes gewesen sein, als der Wunsch,
-Dein altes Versprechen nun endlich einzulösen. Ist
-es so?«</p>
-
-<p>Wieder bedeckte wie vorhin eine tiefe Röte Friesens
-Gesicht.</p>
-
-<p>»Max,« begann er langsam, »ich muß Dir leider
-gestehen, daß mich die Gefühle, die Du voraussetzest,<span class="pagenum" id="Seite_59">[59]</span>
-allerdings nicht bewogen haben, die Residenz zu verlassen,
-da ich meinen Besuch eigentlich bis zum kommenden
-Jahr aufgeschoben hatte. Aber laß Dir alles erzählen.</p>
-
-<p>Das Kriegsleben hatte uns, trotz seiner Entbehrungen
-und Strapazen, und obgleich man nie wußte,
-ob der nächste Tag einen noch gesund sah, wegen seiner
-vielen Abwechslungen, die es mit sich brachte, gefallen.
-Wir waren gewöhnt, Zerstreuungen zu finden. Als
-aber die Waffen ruhten, und das Einerlei des Garnisondienstes
-begann, blieben die Zerstreuungen aus. Deshalb
-waren wir im vergangenen Winter darauf bedacht,
-uns allerhand Kurzweil zu verschaffen. Die Kriegszeiten
-haben die Unternehmungslust der Dresdener Bürger
-aber erklärlicherweise stark herabgedrückt, so daß der Mangel
-an Einladungen zu den üblichen Bällen und sonstigen
-Unterhaltungen besonders uns jüngeren Offizieren sehr
-empfindlich wurde. Was half es, daß wir versuchten
-jeder in seinem Bekanntenkreise, Stimmung zu machen.
-Hier und da machte man wohl Anstrengungen, um wieder
-in das Fahrwasser der alten Geselligkeit zu gleiten; aber
-die Versuche fielen schwach aus. Ein rechter Frohsinn
-wollte nicht aufkommen.</p>
-
-<p>Da kam einem von uns eine Idee. Der liebe
-Sichart, der trotz seiner dreiundzwanzig Jahre, und zwar
-mit einer reizenden, jungen Frau, schon verheiratet war,
-schlug die Gründung eines Klubs vor, dessen Mitglieder
-selbst kleine Festlichkeiten veranstalten sollten. Eine
-ganze Anzahl von uns, meistens Leutnants, traten dem
-Finkenkasten, wie wir unsern Bund tauften, bei. Hauptmann
-von Einsiedel war der Vorstand. Wir Bündler
-hatten nun nichts Ernsteres zu tun, als zu werben, besonders
-unter verheirateten Kameraden. Mit erstaunlicher<span class="pagenum" id="Seite_60">[60]</span>
-Schnelligkeit nahm die Mitgliederzahl des Finkenkastens
-zu; auch einige Bürgerfamilien traten bei. Jeder
-war willkommen. Der Grad der Freude unter den
-Bündlern beim Eintritt eines Mitgliedes richtete sich
-nach der Anzahl der Angehörigen, die der Hinzutretende
-anmeldete. Geheimrat Vogel brachte es auf fünf. Darüber
-besondere Freude! Und als Oberstleutnant von
-Carlowitz sich mit vier Töchtern und drei weiteren, verwandten
-Damen anmeldete, war der Jubel groß. Nach
-ihrem Alter fragten wir nicht. Der Finkenkasten aber
-zählte nunmehr sechsunddreißig Herren und nahezu noch
-einmal so viel Damen.</p>
-
-<p>Als wir bei der Gründung des Klubs unsere
-Meinungen zum besten gaben, wieviel Mitglieder er
-wohl nach einem Monat zählen würde, riet der immer
-zur Tollkühnheit geneigte Sichart auf sechzig. Wir hätten
-uns auch schon mit vierzig zufrieden erklärt, deshalb
-lachten wir ihn aus und meinten, er könne nie genug
-bekommen. Als nun aber fast das Hundert voll geworden
-war, lachten wir wieder über ihn, weil er so
-schlecht geraten hatte.</p>
-
-<p>Von meiner Tätigkeit schien man sich viel zu versprechen,
-deshalb wurde ich in das Vergnügungskomitee
-gewählt. Diese Wahl ehrte mich in hohem Maße,
-und ich gab mir das ernstliche Versprechen, mich dem
-Vertrauen der Bündler würdig zu zeigen.</p>
-
-<p>Wir mieteten auf der Meißnerstraße einen gemütlichen
-Saal und trafen Vorbereitungen für das erste
-Fest, das den Reigen beginnen und deshalb besonders
-glanzvoll veranstaltet werden sollte. Eine Bühne wurde
-errichtet, ein Stück gewählt, die Rollen verteilt und
-geprobt. Als es sich darum handelte, einen von uns<span class="pagenum" id="Seite_61">[61]</span>
-als Regisseur zu dingen, kam man allgemein auf mich.
-Außerdem lag mir noch die Darstellung des Helden der
-sehr rührseligen Komödie ob.</p>
-
-<p>Ich hatte herzlich viel Not, den einzelnen Darstellern
-ihre Rollen einzupauken. Mit der ersten Probe
-war ich nicht sonderlich zufrieden und glaubte, meinem
-überquellenden Herzen damit Luft machen zu müssen,
-daß ich den Eifer der Mitwirkenden rühmte, den sie
-auf das Studium der Rollen verwendet hätten. Die
-Wahrheit war freilich gerade das Gegenteil, denn sie
-hatten ihre Rollen fast ohne Ausnahme abgelesen.
-Aber niemand schien den Hohn zu fühlen. Sie waren
-stolz auf ihre Leistungen, und jeder drückte mir zum
-Abschied wohlwollend die Hand.</p>
-
-<p>Nach mancher mühevollen Probe, nach der fast
-jeder heiser und ich obendrein völlig durchnäßt war,
-schien das Zusammenspiel endlich erträglich zu sein.
-Ich hatte mich vieler Mühe unterzogen, war einige
-Male ins Theater gegangen, lediglich um die Haltung
-und die Bewegungen der Schauspieler zu studieren und
-empfand plötzlich ein Interesse an mancherlei Dingen,
-an die ich bisher noch nie gedacht hatte, die aber für
-einen rechtschaffenen Regisseur zu wissen unentbehrlich
-sind. Nun wurde es aber hohe Zeit, daß das Fest
-stattfand, denn mich überfiel eine noch nie gekannte Unruhe.
-Die Glieder zitterten mir wie einem Hundertjährigen,
-und die sämtlichen sechszehn Rollen des Stückes
-zogen allnächtlich an meinem Geist vorüber. Mich überkam,
-offen gesagt, ein gelindes Grausen vor meiner
-Würde.</p>
-
-<p>Die letzte Probe war endlich gekommen. Alles
-ging wie am Schnürchen. Ich teilte noch einige kritische<span class="pagenum" id="Seite_62">[62]</span>
-Ratschläge aus, wie den, die Stimme nicht allzu heftig
-zu erheben, da mancher der Kameraden im Feuereifer
-seine Rolle vergaß und glaubte, daß er noch auf dem
-Schlachtfeld stände. Zu diesen gehörte besonders der
-junge Sichart, der im gewöhnlichen Leben im Regiment
-mein elfter Hintermann, auf der Bühne aber mein
-Großvater war. Dann prägte ich allen nochmals ein,
-die mannigfachen Liebesscenen recht natürlich darzustellen,
-da dies ihre Wirksamkeit besonders erhöhen würde.
-Und um es nicht bloß bei Ratschlägen zu belassen und
-den für solche Leistungen weniger gut Begabten ein
-Beispiel zu geben, postierte ich sämtliche Darsteller vor
-die Bühne und spielte ihnen die Stelle meiner Rolle
-vor, in der ich der Geliebten meine Erklärung abgeben
-und, da sie mich nicht erhören durfte, rasen mußte.
-Alle ohne Ausnahme waren von meinen Leistungen
-entzückt, und Sichart meinte, das Toben brächte ich besonders
-wirkungsvoll zur Darstellung. Es sähe aus,
-als ob es nicht mehr Spiel wäre. Und da ich mich
-andernfalls über dieses bedenkliche Lob hätte ärgern
-müssen, freute ich mich darüber.</p>
-
-<p>Meine Partnerin war ein allerliebstes Kind von
-kaum zwanzig Jahren und die Schwester der Frau von
-Sichart. Mir erschien es immer, als ob sie ihre Rolle mit
-hinreißender Natürlichkeit spiele. Wenn ich meine Liebesschwüre
-sprach, machte sie ein beinah feierliches Gesicht,
-und es mochte ihr aufrichtig leid tun, daß sie mir kein
-Gehör schenken durfte.</p>
-
-<p>Der Abend kam. Das Stück wurde flott gespielt
-und &ndash; gefiel. Alle Zuschauer waren entzückt; meine
-Partnerin und ich sowie Sichart, mein Großvater, waren
-die Löwen des Tages. Mit dem letzten Fallen des<span class="pagenum" id="Seite_63">[63]</span>
-Vorhangs rutschte eine Riesenlast von meiner Brust.
-Länger hätte ich aber die Aufregung auch nicht mehr
-ausgehalten. Ich zitterte wie Espenlaub, denn ein Gefühl
-unsagbarer Angst hatte hinter mir gestanden, das
-ich selbst auf den Schlachtfeldern von Friedland und
-Wagram nicht gekannt hatte.</p>
-
-<p>Aber nun war alles vorbei, und es war über alle
-Erwartungen gut ausgefallen. Von allen Seiten umdrängte
-man mich, um mich zu beglückwünschen, und
-mit gehobener Stimmung nahm ich die Gratulationen
-entgegen. Schließlich wurde mir es zu viel. Ich suchte
-Sichart und zog ihn in einem anstoßenden Zimmer an
-einen Tisch nieder, um mit einem labenden Trunk das
-eigene Ich zu belohnen. Wie lange wir dort saßen,
-weiß ich nicht mehr. Ab und zu kamen welche, tranken
-mit uns und gingen wieder. Wir blieben sitzen. Vom
-Tanzen konnte bald füglich keine Rede mehr sein.
-Sicharts Frau und ihre reizende Schwester, meine holde
-Braut in der Komödie, saßen eine Zeitlang bei uns,
-und das Plaudern mit ihnen bot viel Stoff zu herzlichem
-Lachen. Dann waren sie mit einem Male verschwunden.
-Ich vermißte sie eigentlich nicht, und von
-unserer ganzen Unterhaltung wußte ich am andern Morgen
-kein Sterbenswörtchen mehr.</p>
-
-<p>Während mehrerer Stunden hatten unaufhörlich
-die Pfropfen geknallt, als ich endlich aufstand und mit
-Sichart durch die Zimmer wandelte. Dann war ich
-plötzlich von ihm getrennt und lief, ohne noch zu wissen
-wohin, hierhin und dahin. Später entsann ich mich
-dunkel, mit vielen der Festgäste ein paar Worte gewechselt
-zu haben, auch mit Sicharts Schwägerin. Ich
-stand dicht vor ihr, hatte wohl auch etwas gesagt, das<span class="pagenum" id="Seite_64">[64]</span>
-die Heiterkeit der Anwesenden erregt haben mochte. Mit
-einem Male aber lachte niemand mehr, und das Mädchen
-lief rasch fort.</p>
-
-<p>Kurz darauf kam ich wieder zu mir, nachdem ich
-eine Zeitlang frische Luft geschöpft hatte. Ich traf auch
-Sichart wieder, der allerdings in einem nicht beneidenswerten
-Zustande war. Vergebens suchte ich nach seinen
-Damen, bis ich die mich befremdende Mitteilung vernahm,
-daß sie bereits nach Hause gefahren seien.</p>
-
-<p>Ich führte den widerstrebenden Freund hinaus und
-bestieg mit ihm einen Wagen. Für den Armen war
-es wirklich das beste, daß ich ihn nach seinem Heim
-beförderte.</p>
-
-<p>Auf dem Nachhausewege grübelte ich über diejenigen
-Stunden des heutigen Abends nach, deren Verlauf mir
-dunkel war. Aber keine Erleuchtung wollte mir kommen,
-und ich tröstete mich mit dem armen Sichart, der noch
-viel schlimmer daran war als ich. &ndash; Nun, dieser Abend
-sollte jedenfalls den Grund für meinen Urlaub hergeben.«</p>
-
-<p>Friesen machte eine Pause und sah Max an.
-Diesen hatte des Freundes Erzählung belustigt, zuweilen
-hatte er bei seinen Worten laut aufgelacht.</p>
-
-<p>»Ich kann aber,« warf Max ein, »den Grund
-für den Urlaub beim besten Willen nicht erraten&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Du wirst ihn gleich haben,« versetzte Friesen.
-»Findest Du nicht, daß dieser Abend ganz unterhaltsam
-gewesen ist?«</p>
-
-<p>»Aber freilich,« lachte Max, »recht lustig ist er
-gewesen.«</p>
-
-<p>»Ja, recht lustig,« wiederholte Friesen langsam,
-»Du hast schon recht, Max!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_65">[65]</span></p>
-
-<p>»Am übernächsten Tage gingen viel teilnehmende
-Menschen in Sicharts Haus, um der Witwe ihr Beileid
-auszusprechen, denn Sichart war sehr beliebt gewesen;
-nun war er tot.«</p>
-
-<p>Max machte eine Gebärde des Erschreckens.</p>
-
-<p>»Das war doch schmerzlich, nicht wahr?« fragte
-Friesen.</p>
-
-<p>»Das Schicksal des jungen Mannes fordert noch
-heute meine ganze Teilnahme heraus,« antwortete Max.
-»Aber wie ist denn der Arme so schnell gestorben?«</p>
-
-<p>Friesen war bleich geworden. Er tat einen tiefen
-Atemzug, dann sagte er:</p>
-
-<p>»Er fiel von meiner Hand!«</p>
-
-<p>Max konnte seine Bewegung nicht bemeistern, während
-Friesen fortfuhr:</p>
-
-<p>»Am späten Morgen nach jenem Feste erschienen
-zwei Kameraden bei mir. Ich lag noch im Bett und
-wunderte mich, sie schon munter zu sehen. Sie waren
-tiefernst, ihr Kommen mochte ihnen ziemlich schwer fallen.
-Mit kurzen Worten verständigten sie mich davon, daß
-ich Sicharts Schwägerin gestern abend in hohem Grade
-bloßgestellt hätte, und daß Sichart der einzige Mann
-sei, der ihr zur Seite stände.</p>
-
-<p>Ich will mir das Weitere ersparen, Max; jener
-vergnügte Abend hat jedenfalls meinem Herzen eine
-Wunde geschlagen, die niemals ganz verheilen wird.</p>
-
-<p>Nach dem Duell machte man mir den Prozeß.
-Ich wurde für zwei Jahre auf den Königstein geschickt.
-Als ich die Hälfte meiner Strafe verbüßt hatte, begnadigte
-mich der König, »in Ansehung seiner mehrfachen
-Auszeichnungen vor dem Feind«. Und als ich
-mich dann beim Regiment zurückmeldete, schickte mich<span class="pagenum" id="Seite_66">[66]</span>
-der Oberst mit unbeschränktem Urlaub von Dresden
-fort. Ein paar Wochen habe ich jetzt bei meinem Onkel
-zugebracht, der, wie Du weißt, in Tharandt Oberförster
-ist. Dann aber trieb es mich zu Dir.«</p>
-
-<p>Auf Maxens männlich-schönes Gesicht hatte sich
-ein Zug tiefsten Ernstes gelagert, während sein Auge
-teilnahmsvoll auf Friesen ruhte. Aber er fand keine
-Worte, seinen Gefühlen Ausdruck zu geben und drückte
-deshalb dem Freunde nur stumm die Hand.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap03">3. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Seit Friesens Ankunft auf dem Freihofe waren
-nun schon einige Wochen vergangen, und die Ernte war
-im vollen Gange. Von frühesten Morgen ab war Max
-draußen auf den Feldern, wohin ihn zuweilen Friesen
-begleitete. Die Freihoferin leitete trotz ihres Alters
-noch alle weiblichen Arbeiten auf dem Gute, und ihre
-Tätigkeit wurde in den Erntetagen stark beansprucht.
-Am Frühstückstische trafen sich deshalb immer nur
-Elisabeth und Friesen, während die Mittagsmahlzeit
-alle vereinigte. Nach dem Abendessen blieb der kleine
-Kreis noch ein Stündchen plaudernd sitzen, und Friesen
-hatte oft Gelegenheit, der Freihoferin knappes und
-treffendes Urteil zu bewundern. Ihr scharfer Verstand
-fand immer das Richtige, und ein Phrasenmacher hätte
-ihr gegenüber schweren Stand gehabt, da sie seine Rede
-augenblicklich und schonungslos zerpflückt hätte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_67">[67]</span></p>
-
-<p>Im Vordergrund des öffentlichen Interesses stand
-zur damaligen Zeit erklärlicherweise die politische Lage
-Europas. Die vorangegangenen Jahrzehnte hatten ja
-genug Stoff geliefert. Von den Eltern waren die
-glänzenden Waffentaten Preußens unter seinem großen
-König den Kindern überliefert worden, und das jetzige
-Geschlecht hatte die schrecklichen Tage der Pariser Revolution
-gesehen, nach denen die ganze gebildete Welt
-das Wachsen des jungen Korsen betrachtete. Anfangs
-konnte man wohl ein Lächeln nicht unterdrücken, wenn
-man von dem Jüngling vernahm, der in der französischen
-Hauptstadt die oberste Gewalt besaß. Wie viele waren
-ihm in den letzten Jahren in dieser Stellung nicht vorangegangen,
-und wie lange würde es dauern, bis auch
-ihn das Schicksal herunterwarf und er klanglos jenen
-nachfolgte.</p>
-
-<p>Dann wieder horchte man auf, wie es hieß, daß
-er, zur Unterdrückung des Pariser Aufstandes der
-Königstreuen berufen, keine Beschwichtigungsreden an
-die Aufständischen gehalten, sondern sie ohne Wimpernzucken
-hätte niederkartätschen lassen. Mit wachsendem
-Interesse sah man auf den siebenundzwanzigjährigen,
-kühnen Obergeneral, der trotz der trostlosen Verhältnisse,
-die die Revolution in seinem Lande zurückgelassen hatte,
-ein Heer zusammenraffte und diese völlig mutlosen
-Truppen in kurzer Zeit sich derartig ergeben machen
-und für den Krieg so zu entflammen wußte, daß sie
-jeder Gefahr spotteten. Der Soldat wuchs unter solcher
-Leitung und vertraute blind auf seinen Führer.</p>
-
-<p>Dieser fiel nunmehr in Italien ein und schlug in
-rascher Aufeinanderfolge mehrere auf den Schlachtfeldern
-ergraute Feldherren, die sich an der Spitze<span class="pagenum" id="Seite_68">[68]</span>
-ihrer kampfgeübten Truppen ihm entgegenstellten. Infolgedessen
-wurde der Einfluß, den dieser Bonaparte
-als erster Konsul in Paris ausübte, immer größer.</p>
-
-<p>Und als dann nach wenigen Jahren der Sieger
-von Marengo und Hohenlinden sich selbst krönte und
-als Napoleon der Erste zum Kaiser der Franzosen
-ausgerufen wurde, da empfanden es die Völker Europas,
-daß der Zwerg, der noch vor einem Jahrzehnt ihre
-Spottlust erregt hatte, zu einem gewaltigen Riesen herangewachsen
-war. Man traute seiner Friedfertigkeit
-nicht, und im nördlichen Deutschland sah man mit gemischten
-Gefühlen und untätig zu, wie der unfehlbare
-Eroberer, über Russen und Oesterreicher zugleich, bei
-Austerlitz einen seiner glänzendsten Siege erfocht, und
-Schmach und Schmerz beschlich die deutsche Mannesbrust,
-wie das alte deutsche Reich, dessen gewaltiger
-Bau den wildesten Stürmen eines Jahrtausends getrotzt
-hatte, in Trümmer ging.</p>
-
-<p>Eine Bangigkeit überfiel die vom Kriege noch
-nicht heimgesuchten deutschen Staaten, &ndash; die verhängnisvolle
-Ruhe vor einem Gewittersturm. Und dann
-kam jener unselige Oktobertag, an dem die Nation
-Friedrichs des Großen, das starke, das stolze Preußen
-tief gedemütigt wurde.</p>
-
-<p>Die darauffolgenden Jahre hatten dann nichts als
-Tod und Verwüstung gebracht. Jetzt schrieb man das
-Jahr 1811. Was würde wohl noch kommen? Wieviel
-Schmerzliches, wie viel Erniedrigung barg die Zukunft
-noch in ihrem Schoße?</p>
-
-<p>Max vertrat die Meinung, daß Sachsen mit den
-bestehenden Verhältnissen, obwohl sie auch vieles zu
-wünschen übrig ließen, immerhin noch zufrieden sein<span class="pagenum" id="Seite_69">[69]</span>
-könne, denn das Land hätte Napoleon doch für manches
-zu danken. Er hatte sein Bündnis nicht zurückgewiesen
-und es zum Königreich gemacht. Und dann: durfte der
-König den Kaiser nicht seinen Freund nennen?</p>
-
-<p>Die Freihoferin hingegen verwarf diese Ansicht.
-Das am Boden liegend Preußen war ein Bruderstaat,
-war deutsch. Von Napoleon konnte Sachsen nicht
-dauernd Gutes erhoffen, er war und blieb ein Franzose,
-ein Feind. Was halfen Versprechen, wohl auch Geschenke,
-wie dieses Herzogtum Warschau, das, richtig
-besehen, nur das Unglück des Landes vergrößerte. Alle
-seine Beteuerungen freundschaftlicher Gefühle seien eitel
-Dunst, drüben aber winke eine Hand, die man nicht
-verschmähen dürfe, die Hand des blutverwandten Stammes.
-Freilich, <em class="gesperrt">wie</em> eine Änderung zum guten herbeigeführt
-werden könne, wußte sie nicht. Wie konnte man beim
-Anblick dieses mit schweren Gewitterwolken behangenen
-politischen Himmels auch hoffen; kein freundlicher Stern
-drang durch das dunkle Gewölk.</p>
-
-<p>Aber des Krieges war es für lange Zeit genug,
-darin waren alle einig.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Friesen schlenderte am Bache entlang, der infolge
-der andauernden Sommerhitze fast versiecht war. Nur
-ein schmaler Streifen Wassers, in einer Rinne in der
-Mitte des Bettes, hatte sich noch erhalten, und kein
-Fremder hätte vermutet, daß dieses unschuldige Wässerchen
-zuzeiten ein wildschäumender Bach werden konnte,
-der alles mit fortriß, was sich ihm in den Weg stellte
-und selbst schon Menschenleben gefordert hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_70">[70]</span></p>
-
-<p>Friesen war wieder einmal allein; Max konnte
-ihm in der jetzigen Zeit unmöglich Gesellschaft leisten.
-Oftmals vertrieb er sich die Stunden mit Elisabeth im
-Spiel, &ndash; anders konnte er die Unterhaltung mit ihr
-nicht nennen. Sie liefen mit einander um die Wette,
-sprangen im hohen Grase herum, oder zogen ihre
-Schuhe von den Füßen und liefen in das seichte Wasser.</p>
-
-<p>Jeden Tag hatte Elisabeth neue Fragen an ihn
-zu stellen; ihre Wißbegierde nach dem Leben in der
-Stadt war unerschöpflich. Zuweilen traf es sich, daß
-sie etwas von dem, was Friesen ihr am Tage vorher
-erzählt, trotz emsigen Grübelns nicht richtig verstanden
-hatte und deshalb eine neue Erklärung erbat.</p>
-
-<p>Aber bald trug es sich zu, daß Friesen öfters fragte
-als sie. Das Fehlen einer tieferen Kenntnis der Natur
-in ihrem mannigfachen Kleide wurde ihm erst jetzt so
-richtig klar. Elisabeth hatte diese schwache Seite an ihm
-mit lebhafter Befriedigung entdeckt und war sehr stolz,
-daß sie klüger war als der kluge Stadtherr. Und wie
-gut sie ihm das geheimnisvolle Weben anschaulich
-machen konnte! Denn dieses Kind hatte in dem großen Buche
-der Natur mit vielem Erfolg gelesen. Ihre Kenntnis
-der Pflanzen, der Insekten, war verblüffend. Mit erstaunlicher
-Sicherheit beschrieb und suchte sie selten vorkommende
-Gräser und machte ihn auf kaum bemerkbare
-Unterschiede in dem Bau einzelner Blüten aufmerksam.
-Wenn Friesen manchmal einen leisen Zweifel über die
-Richtigkeit ihrer Belehrung aussprach, so war ihr erstes
-Wort »die Mutter«, die sie das alles gelehrt hatte,
-und von deren Unfehlbarkeit sie überzeugt war. Aber
-seitdem Friesen eines Tages errötend gestehen mußte,
-daß er die Nadeln der Kiefer von denen der Fichte<span class="pagenum" id="Seite_71">[71]</span>
-nicht unterscheiden könne, wagte er es nicht mehr, ihr
-zu widersprechen. Sie war durch diese Unkenntnis
-derart überrascht gewesen, daß sie nicht einmal ein
-Lächeln fand, sondern ihm einen Blick tiefsten Bedauerns
-zuwarf, als sei ihr bange um sein gesundes geistiges
-Vermögen. Eine Entschuldigung dieser bewiesenen
-Schwäche ließ sie nicht gelten. Selbst die schüchterne
-Einwendung sprach nicht für ihn, daß ihm keine Zeit
-zur Betrachtung geblieben sei, wenn er mit eigenen
-Händen so manche junge Kiefer in das auflodernde
-Lagerfeuer geschoben, oder wenn ihm eine starke Fichte
-Schutz vor den heranfliegenden feindlichen Kugeln gewährt
-habe.</p>
-
-<p>Elisabeth wies seine Rechtfertigungen schonungslos
-zurück und meinte, daß sie es nie begreifen würde, wie
-man ein Stück Holz ins Feuer werfen könne, ohne
-dabei zu wissen, welcher Art es sei, oder daß man sich
-hinter einen Baum stelle und nicht einmal dessen Namen
-kenne.</p>
-
-<p>Diese und ähnliche Vorhaltungen leuchteten Friesen
-zwar nicht recht ein, aber er wagte auch keinen Einspruch
-mehr.</p>
-
-<p>Mit heißen Wangen, die der Eifer erröten ließ,
-lehrte sie ihm das Schauen und Beobachten. Sie verfolgten
-mit einander das Wachsen des Halmes, das
-Werden und Aufbrechen der Knospe und das Schwellen
-und Treiben der Frucht. Dann wieder führte sie ihn
-mit blitzenden Augen, an der Hand hinter sich her ziehend,
-durch das Gebüsch zu Vogelnestern, in denen niedliche,
-gefleckte Eier lagen, oder die junge Brut piepsend ihre
-nackten Hälse reckte und die hungrigen Schnäbel weit
-aufsperrte.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[72]</span></p>
-
-<p>Jeden Vogelruf sollte er kennen; unermüdlich nannte
-sie ihm den Namen des Vogels, dessen Gesang sie eben
-gehört hatten. Zuweilen ahmte sie das Gezwitscher
-nach, und er mußte raten. Dann wieder rief sie den
-Namen eines der gefiederten Sänger des Waldes, und
-Friesen hatte, so gut es gehen wollte, mit dessen Gesange
-zu antworten.</p>
-
-<p>Bei allen diesen Unterweisungen lag auf des
-Mädchens lieblichem Gesicht der altkluge Ausdruck, der
-ihr so vortrefflich stand, und von dem es bis zum
-Lachen doch nur einer ganz kleinen Bewegung der Gesichtsmuskeln
-bedurfte. Lange konnte sie sich auch nicht
-beherrschen, dann begann sie selbst wieder zu fragen,
-oder neckte ihn. Und, &ndash; hui, flogen beide um die
-Wette unter den Bäumen dahin.</p>
-
-<p>Aber heute war Friesen wieder einmal allein.
-Elisabeth war, wie so manch liebes Mal, verschwunden,
-und er wußte sie oben auf dem Schlosse.</p>
-
-<p>Langsam war Friesen bis zu dem kunstlosen Stege
-geschritten, der über den Bach führte und aus einem
-langen Brett bestand, das mit seinen Enden hüben und
-drüben auf dem steinigen Uferrand auflag. Er ging
-langsam und vorsichtig hinüber, denn die Brücke bog
-sich unter der Last und drohte jeden Unvorsichtigen
-hinab in den Bach zu werfen.</p>
-
-<p>Auf dieser Seite des Baches war er noch nicht
-gewesen. Er ging weiter und betrat einen kleinen
-Buchenwald, der sich in der Flußniederung hinzog. Es
-waren lauter alte, herrliche Bäume, die hier standen.</p>
-
-<p>Friesen lief unter dem Laubdach hin, zuweilen an
-einem dichten Brombeergebüsch stehen bleibend und nach
-frühreifen Früchten suchend. Dann warf er sich in<span class="pagenum" id="Seite_73">[73]</span>
-das schwellende Moos, das wie ein dunkelbraunes
-Sammetpolster unter den Bäumen ausgebreitet war.
-Eine lange Weile blieb er so liegen. Ueber ihm wiegten
-die Bäume ihre Kronen, durch die an einigen Stellen
-der blaue Himmel hindurchsah. Dann kam ein leichter
-Windstoß, und die Äste rauschten stärker durcheinander.</p>
-
-<p>So gefiel es ihm, &ndash; diese wohltuende Einsamkeit
-war Balsam, der die Wunde in seinem Herzen kühlte.</p>
-
-<p>Endlich sprang er wieder auf und ging nach dem
-Stege zurück. In Gedanken versunken und die Augen
-gesenkt, schritt er dahin. Da war es ihm, als wenn
-er Rascheln von Laub wie unter menschlichen Tritten
-gehört habe, und fast gleichzeitig klang ein unterdrücktes
-Kichern.</p>
-
-<p>Friesen sah sich erstaunt um und bemerkte in
-kurzer Entfernung seitwärts des Weges, am Fuße einer
-mächtigen Buche, zwei Frauengestalten, die ebenfalls
-geruht haben mochten und die sein Näherkommen aufgescheucht
-hatte.</p>
-
-<p>In der kleineren von beiden erkannte er Elisabeth.
-Von ihr war auch zweifellos das unterdrückte Lachen
-ausgegangen, denn ihr Gesicht verriet noch zu deutlich
-die Freude, die sie empfand, ihn überrascht zu haben.
-Friesen fand kaum Zeit, ihr zuzunicken. Sein Blick
-war zu dem anderen Mädchen geglitten, dessen Arm
-Elisabeth umschlungen hielt. Es war eine hohe,
-herrlich gebildete Frauengestalt. Aus dem feingeschnittenen
-Gesicht blickte ein sinnendes Augenpaar herüber, über
-dem dunkle Brauen ihre hochgewölbten Bogen gezeichnet
-hatten. Auf dem Kopfe trug sie einen dichten Kranz
-brauner Zöpfe. Die Erscheinung dieses Mädchens bot
-ein Bild von Anmut und entzückender Frauenschönheit.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_74">[74]</span></p>
-
-<p>Friesen zögerte einen Augenblick mit dem Weiterschreiten,
-und er schwankte, ob er sich den Mädchen
-nähern solle. Dann aber kam ihm blitzschnell das Verständnis
-für die Lage, und die Rücksicht auf seine
-Gastgeber bewog ihn, weiterzugehen. Er grüßte tief
-hinüber und bemerkte, daß das schöne Mädchen errötete
-und seinen Gruß durch leises Neigen des Kopfes
-erwiderte.</p>
-
-<p>Nach wenigen Minuten befand er sich wieder auf dem
-jenseitigen Ufer. Da hörte er hinter sich eilende Tritte
-und wie er sich umsah, erkannte er Elisabeth, die gerade
-den Steg überschritt.</p>
-
-<p>»Herr von Friesen?« rief sie von weitem, »laufen
-Sie doch nicht so schnell. Ich will mit Ihnen nach
-Hause gehen.«</p>
-
-<p>Er blieb stehen und sah ihr lächelnd entgegen.
-Jetzt kam sie angesprungen. Ihre stark geröteten Wangen
-traten aus dem bleichen Gesicht scharf hervor. Als sie
-ihn erreicht hatte, legte Elisabeth vertraulich ihren Arm
-in den seinen, wie sie es oft tat, wenn sie im Walde
-nebeneinander gingen. Ihre Brust arbeitete infolge
-des schnellen Laufes heftig, und sie mußte lange nach
-Atem ringen, bevor sie sprechen konnte.</p>
-
-<p>»Das war meine Freundin Maria,« sagte sie stolz,
-»Maria von Tiefenbach.«</p>
-
-<p>»Ach, Ihre Cousine,« entgegnete Friesen achtlos,
-»die oben im Schlosse wohnt?«</p>
-
-<p>Ueberrascht hob Elisabeth den Kopf und sah ihm
-in das Gesicht.</p>
-
-<p>»Aber, Herr von Friesen, woher kennen Sie denn
-Maria?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[75]</span></p>
-
-<p>»Ich habe sie noch nie gesehen, aber schon vor
-ihr gehört,« antwortete er. »Max hat mir erzählt, daß
-es ein Schloßfräulein gäbe, mit dem unser kleiner
-Wildfang vom Freihofe gute Freundschaft halte.«</p>
-
-<p>Das Mädchen hörte seine Neckerei nicht. Ihr
-Gesicht zeigte einen gespannten Ausdruck, als sie rasch
-fortfuhr:</p>
-
-<p>»Das hat Ihnen mein Bruder erzählt? Ach bitte,
-Herr von Friesen, sprechen Sie mehr davon. Was hat
-er alles von Maria gesagt?«</p>
-
-<p>Eine Blutwelle war dem Mädchen ins Gesicht getreten,
-aus dem Friesen zwei bittende Augen entgegenleuchteten.</p>
-
-<p>Der junge Mann war betroffen. Er bereute seine
-Worte, die die Erregung des Mädchens hervorgerufen
-hatten. Von dem, was Max ihm erzählt hatte, durfte
-er natürlich nicht plaudern, da wäre er ja auf das im
-Freihofe sorgfältig gemiedene Thema gekommen. Da
-hatte ihm sein Scherzen einen argen Streich gespielt, den
-er sofort wieder gut machen mußte.</p>
-
-<p>So harmlos wie es ihm nur gelingen wollte,
-antwortete er:</p>
-
-<p>»Max hat mir beiläufig erzählt, daß seine Familie
-mit den Tiefenbachs vom Schlosse verwandt sei, und
-daß der alte Herr dort oben nur ein einziges Töchterchen
-habe. Das waren ungefähr seine Worte. So, und
-nun habe ich gesagt, was ich weiß, und ich hoffe, daß
-eine gewisse neugierige Fragerin befriedigt sein wird.«</p>
-
-<p>Verstohlen blickte er zur Seite und sah einen Zug
-tiefer Enttäuschung auf Elisabeths Gesicht lagern, während
-die Augen, die soeben noch voll Erwartung auf ihm
-geruht hatten, gedankenvoll in die Weite schweiften.<span class="pagenum" id="Seite_76">[76]</span>
-Es schien ihm, als wenn das Mädchen seinen Worten
-nicht recht glaube, und nur ihr hohes Zartgefühl sie
-davon zurückhalte, weiter in ihn zu dringen.</p>
-
-<p>Eine Zeitlang gingen sie schweigsam nebeneinander.
-Dann aber wünschte Friesen das Mädchen auf andere
-Gedanken zu bringen, und er ahmte mit großer Sorgfalt
-den Ruf des Kuckucks nach. Dieser Versuch mußte
-jedoch nicht besonders glücklich ausgefallen sein, denn
-er bemerkte, wie sich die regungslosen Züge des schmalen
-Gesichtes wieder belebten, wie es dann in den Mundwinkeln
-zu zucken begann, und wie zuletzt seine Nachbarin
-in herzliches Lachen ausbrach. Friesen aber war
-froh, das Mädchen wieder heiter zu sehen, denn Ernst
-stand ihrem Gesicht wirklich nicht. Im nächsten Augenblick
-hatte sie wieder vergessen, was ihr Herz noch soeben
-schwer bedrückte. Und fröhlich plaudernd trafen sie als
-Letzte zum Mittagessen ein.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>An den folgenden Tagen war Friesen in Maxens
-Begleitung wiederholt ausgeritten. Max hatte im Frühjahr
-ein paar schöne Wagenpferde gekauft, die er auch
-zugeritten hatte, sodaß sie, obgleich es zwei schwere
-Gäule waren, recht gut unter dem Sattel gingen. Da
-der Braune noch immer etwas lahmte, und die beiden
-Pferde in diesen Tagen selten vor die Kutsche kamen,
-benutzte er sie abwechselnd auf seinen Ausritten.</p>
-
-<p>Zuweilen begleitete auch Elisabeth die Herren zu
-Pferde. Sie besaß einen prachtvollen Apfelschimmel,
-ein hochgewachsenes, junges Tier, mit langer, weißer
-Mähne und wallendem Schweife. Vor zwei Jahren
-hatte Max das Tier aus Holstein mitgebracht, und in<span class="pagenum" id="Seite_77">[77]</span>
-kurzer Zeit war das Mädchen mit der Reitkunst so
-vertraut, daß ihre Leistungen alle überraschten.</p>
-
-<p>Friesen gewahrte mit Erstaunen die Sicherheit, mit
-der Elisabeth den Schimmel ritt. Das kluge Tier
-schien stolz zu sein unter seiner jungen Reiterin; es
-spitzte verständnisvoll die Ohren und selbst der leichteste
-Zungenschlag entging ihm nicht. Wenn aber seine
-Herrin, sich herabbeugend, freundlich zu ihm sprach und
-ihm den glänzenden Hals klopfte, da warf es schäumend
-den Kopf auf und nieder und stampfte lebhaft den
-Boden.</p>
-
-<p>Auf einem dieser Spazierritte lernte Friesen einen
-jungen Bauern aus dem Dorfe kennen, namens Konrad
-Hartmann, den starke Freundschaftsbande an Max
-fesselten, und der, wie Friesen schnell bemerkte, sich
-einer besonderen Wertschätzung durch die Freihoferin
-rühmen durfte.</p>
-
-<p>Konrad Hartmann besaß einen kleinen Hof, der
-am Ende des Dorfes lag, und in dessen Nähe, der
-mündlichen Überlieferung nach, auf einem Hügel in
-früheren Zeiten ein Galgen gestanden haben sollte. Jetzt
-war davon freilich nichts mehr zu sehen, aber der Name
-war geblieben, denn das Hartmannsche Anwesen hieß
-allgemein der Hof am Rabenstein und sein Besitzer
-kurzweg der Rabensteiner.</p>
-
-<p>Konrad ritt einen struppigen Fuchshengst, ein
-feuriges Tier edelster Rasse, das ihm vor einigen Jahren
-ein französischer Offizier halb geschenkt hatte, dem es
-darauf ankam, daß das kranke Pferd recht gute Pflege
-erhielt. Unter Konrads sorgfältiger Wartung hatte sich
-das Tier langsam wieder erholt, und nun hing der
-junge Mann, der weithin den Ruf eines ausgezeichneten<span class="pagenum" id="Seite_78">[78]</span>
-Reiters genoß, an dem Hengst mit geradezu brüderlicher
-Liebe.</p>
-
-<p>Konrad Hartmann war ein Feuerkopf und so etwa
-gerade das Gegenteil des in seinen Entschließungen
-schwerfälligen Max. Mit Staunen hörte Friesen den
-einfachen Bauernsohn über die politischen Verhältnisse
-treffende Worte sprechen. Sein Urteil über die zweideutige
-Rolle, die Sachsen seit der Katastrophe von
-Jena spielte, war vielleicht zu hart und für die Leiter
-der Geschicke des Volkes schonungslos. Aber von seinen
-Plänen über die Befreiung von den unwürdigen Fesseln,
-die das Land mit dem Kaiser verbanden, ging ein Hauch
-glühender Begeisterung aus und alle Gefahr nicht achtender
-Liebe zu seinem Vaterland. Leider litten diese Pläne,
-wie sich Friesen gestand, an dem großen Fehler, daß
-sie niemals verwirklicht werden konnten, denn Alldeutschland
-lag gedemütigt am Boden, und der Stern
-des gewaltigen Eroberers hatte noch nie so glänzend
-gestrahlt als in diesen Tagen. Dennoch lauschte Friesen
-gern und mit Aufmerksamkeit Konrads Worten, und es
-stieg in ihm dunkel die Meinung herauf, daß es
-solcher Männer, wie diesen, leider nicht genug gäbe unter
-dem sächsischen Volk.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Der Sommer war vorüber, der Winter stellte sich
-ein, &ndash; und Friesen weilte noch immer auf dem Freihof
-und half den ihm so rasch liebgewordenen Menschen
-in dem einsamen, verschneiten Dorfe die langen Winterabende
-kürzen. Nun war auch Weihnachten vorüber.
-Das alte Jahr tauchte hinab in die Ewigkeit und ungewiß,
-was es bringen würde, schaute man dem neuen
-entgegen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[79]</span></p>
-
-<p>Da wurde plötzlich die Harmonie der ruhig dahinfließenden
-Tage auf dem Freihofe rauh unterbrochen:
-Friesen erhielt die schriftliche Ordre, sich unverzüglich
-bei seinem Regimente zu melden. Von den besten
-Wünschen und Hoffnungen auf frohes Wiedersehen in
-nicht allzuferner Zeit begleitet, nahm er schweren Herzens
-von der trauten Stätte und ihren lieben Bewohnern
-Abschied.</p>
-
-<p>Noch ahnte niemand die schreckenvolle Zeit, der
-man entgegenging. Aber nur allzubald sollte sich der
-gnädig verhüllende Schleier der Zukunft lüften, denn
-von neuem und diesmal unheilvoller denn je, klangen
-die Kriegstrompeten durch die deutschen Gauen.</p>
-
-<p>Napoleons grenzenloser Hochmut geizte nach neuem
-Ruhm. Die Taten eines Alexanders, eines Karls des
-Großen standen ihm beständig vor der Seele und trieben
-seinen empfindlichen Ehrgeiz bis ins Maßlose. Die
-Völker zwischen dem Rhein und der Oder lagen zu
-seinen Füßen, und ihre Herrscher buhlten um seine Gunst.
-Nur Rußland stand noch aufrecht und spottete der Eroberungsgelüste
-des Kaisers. Das Verhältnis zwischen
-ihm und dem Kaiser Alexander war seit dem Wiener
-Frieden immer kälter, zuletzt feindselig geworden, bis
-endlich Rußlands Forderungen, Napoleon solle die französischen
-Besatzungen aus Pommern und Preußen zurückziehen,
-die Kriegserklärung folgte.</p>
-
-<p>Ganz Europa hallte wider von den ungeheuern
-Rüstungen der beiden mächtigen Gegner.</p>
-
-<p>Der Kaiser hatte schon seit länger als einem Jahre
-mit den Vorbereitungen für diesen Krieg im Geheimen
-begonnen. Wie er nie aufgehört hatte, Preußen zu
-mißtrauen, sah er dem Zusammenstoße mit Rußland<span class="pagenum" id="Seite_80">[80]</span>
-wie etwas Unvermeidlichem entgegen. Sein erster Schritt
-war gewesen, die Besserung der sächsischen Heeresverhältnisse
-bei dem Könige von Sachsen auf das eifrigste
-zu betreiben. Und eine gründliche Umgestaltung war
-hier nach den Erfahrungen der letzten Feldzüge allerdings
-ein unabweisbares Bedürfnis. Vor allem galt
-es, eine Menge veralteter Einrichtungen zu beseitigen
-und das Heer von der ihm anhaftenden Greisenhaftigkeit
-zu befreien. Eine Anzahl alter, unfähiger Generale
-wurde verabschiedet, und mehrere jüngere, befähigte Stabsoffiziere,
-die die napoleonische Schule gebildet hatte,
-rückten mit einer für die damaligen Verhältnisse unerhörten
-Schnelligkeit auf.</p>
-
-<p>Das weitere Verlangen des Kaisers ging dahin, in
-Sachsen einen großen befestigten Platz anzulegen, wozu
-Torgau ausersehen wurde.</p>
-
-<p>Der leitende Minister der auswärtigen Politik
-Sachsens war zu jener Zeit Senfft von Pilsach, der
-keineswegs wie sein Vorgänger zu den knechtischen Bewunderern
-Napoleons gehörte. Ja, er haßte ihn und
-trug sich mit Gedanken an eine Abschüttelung des
-französischen Jochs. Mit welch segensreichem Erfolge
-seine Tätigkeit hätte gekrönt sein können, wie viel Kummer
-und Verlust an Menschen, Land und Eigentum Sachsen
-erspart geblieben wäre, wenn die Pläne dieses Mannes
-nicht von einer Niederwerfung Preußens ausgegangen
-wären, auf dessen Trümmern er die Aufrichtung einer
-sächsisch-polnischen Macht im Herzen Europas erträumte.
-In einer unbegreiflichen Verblendung wähnte er Preußen
-auf alle Zeiten verloren, und aus diesem Grunde liefen
-seine Gedanken, anstatt mit Preußen Verbindung zu
-suchen, darauf hinaus, seinen Niedergang zu beschleunigen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_81">[81]</span></p>
-
-<p>Um den Osten zu stärken, hatte Napoleon ungeheure
-Waffenvorräte in dem Großherzogtum Warschau
-angehäuft und die polnischen Reiterregimenter umgewandelt
-und verstärkt, um im Falle des Krieges die
-lästigen Kosakenschwärme von dem französischen Heere
-fernzuhalten. Weiter war die Bildung von Nationalgarden,
-die Verstärkung von Festungen und deren Armierung
-an der russischen Grenze sowie die Bereithaltung
-großer Mundvorräte in den Magazinen anbefohlen.
-Schon in der Mitte des Jahres 1810 war in Dresden
-ein französischer Stabsoffizier erschienen, um zu horchen,
-ob der Kaiser in jedem Falle auf die sächsische Armee
-rechnen könne.</p>
-
-<p>Die Stimmung in Sachsen war beim Ausbruche
-des Krieges nicht überall dieselbe. Das verjüngte,
-trefflich geschulte Heer freilich war von kriegerischem
-Geiste beseelt und vertraute blind dem Genius des
-Kaisers. Der Erfolg des Feldzuges erschien im voraus
-gesichert, und der glückliche Ausgang versprach hohen
-Gewinn für das Land.</p>
-
-<p>Die Bevölkerung teilte jedoch diese hoffnungsvolle
-Meinung nicht. Der Bauer war des unaufhörlichen
-Kriegführens müde und sehnte sich nach bleibender Ruhe.
-Die vorangegangenen Feldzüge hatten zuviel Blut gefordert
-und das Land ausgesogen und bis an den Rand
-des Ruins gebracht. Aber das sächsische Volk war gewöhnt,
-seinem Fürsten zu folgen und ihm sein ganzes
-Vertrauen zu schenken. Deshalb legte man auch diesmal
-wieder das Geschick des Landes zuversichtlich in
-die Hände des geliebten Königs.</p>
-
-<p>Und so folgte Sachsen dem mächtigen Strom, der<span class="pagenum" id="Seite_82">[82]</span>
-es in einen der schrecklichsten Kriege, den die Weltgeschichte
-kennt, hineinriß, und dessen Folgen für das unglückliche
-Land so verhängnisvoll werden sollten.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap04">4. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>In den ersten Tagen des Monats Mai 1812 benachrichtigte
-Napoleon König Friedrich August durch
-einen Ordonnanzoffizier von seiner baldigen Ankunft in
-Dresden. Am 13. Mai überschritt der Kaiser in Begleitung
-seiner Gemahlin und umgeben von einem glänzenden
-Hofstaat in der Nähe von Plauen die sächsische
-Grenze, wo ihm der vom König entsandte Oberkammerherr
-von Friesen und General von Gersdorff namens
-ihres Monarchen ehrfurchtsvoll empfingen. Der König
-und die Königin selbst erwarteten den hohen Gast in
-Freiberg. Infolge der zahlreichen Huldigungen, die dem
-Kaiser auf der Fahrt von den Behörden dargebracht
-wurden, verzögerte sich seine Ankunft, und die Folge
-war, daß der König sich am Abend kaum zur Ruhe
-begeben mochte und nur mit vieler Mühe bewogen werden
-konnte, sich einige Stunden Schlafes zu gönnen.
-Gegen Morgen traf das Kaiserpaar in dem Städtchen
-ein, dessen Bewohner während der ganzen Nacht auf
-den Beinen geblieben waren. Die ersten Schimmer des
-anbrechenden Frührots mischten sich mit der festlichen
-Beleuchtung der Stadt.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_83">[83]</span></p>
-
-<p>Am Abend dieses Tages hielt der Kaiser unter
-dem Geläute der Glocken seinen Einzug in Dresden.
-Die märchenhafte Beleuchtung dieser schönen Stadt und
-des lieblichen Elbtales während der Kaisertage übertraf
-selbst alle derartigen Schauspiele, womit der verschwenderische,
-prunkliebende Kurfürst August der Starke seine
-Residenz einst verwöhnt hatte.</p>
-
-<p>Außer dem Kaiser und der Kaiserin von Österreich
-hatten sich zahlreiche Fürstlichkeiten, hohe Offiziere
-und Staatsmänner in der sächsischen Landeshauptstadt
-eingefunden. Glänzende Feste wurden veranstaltet, von
-denen jedes eine rauschende Huldigung des Allgewaltigen
-zum Mittelpunkt hatte. Es waren Tage der verschwenderischsten
-Prachtentfaltung, des höchsten Glanzes.</p>
-
-<p>Die deutschen Fürsten übertrafen sich gegenseitig
-in der Begierde, einen Gunstbeweis von dem Kaiser zu
-erhalten, und wenn er einen von ihnen ausgezeichnet
-hatte, sah dieser stolz auf die, die sich noch immer um
-einen gnädigen Blick des Gefürchteten bemühten.</p>
-
-<p>Napoleon hatte den Gipfel seiner Macht erklommen.</p>
-
-<p>Nur ein einziger von Deutschlands Fürsten ließ
-sich von dem Strahlen des Kaiserlichen Gestirns nicht
-blenden; es war der König von Preußen, der gebeugt
-und düster durch die Versammlung schritt. König
-Friedrich August von Sachsen wich seinem Blick aus,
-und mit Ängstlichkeit mied ihn der Kreis der Fürsten.
-Der Kaiser bemerkte dies mit freudiger Genugtuung,
-die aber bald großem Verdrusse Raum gab, als er
-hörte, welch teilnehmende Hochachtung die Dresdner
-Bevölkerung dem preußischem König entgegenbrachte,
-während ihn, den Kaiser, überall nur Neugierde und
-das dumpfe Schweigen des Grolls empfing.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_84">[84]</span></p>
-
-<p>Am 29. Mai verließ Napoleon Sachsens Hauptstadt,
-um das Kommando der Armee zu übernehmen.
-König Friedrich August war, um den Abschied von dem
-erhabenen Gast nicht zu versäumen, so besorgt, daß er
-nicht wagte, zu Bett zu gehen, sondern die Nacht im
-Stuhle verbrachte. Zuletzt hätte er den richtigen Augenblick
-beinah noch versäumt, doch gelang es ihm, dem
-Kaiser noch bei seinem Hinabschreiten auf der Treppe
-mit flüchtigen Worten Lebewohl zu sagen.</p>
-
-<p>Eine verzehrende Unruhe lastete wie ein schwerer
-Druck auf dem sächsischen Volke. Der Sommer verging,
-der Herbst nahte und entschwand, und bald brauste der
-Winter mit fürchterlicher Strenge ins Land, und man
-gedachte mit banger Besorgnis derjenigen, die weit entfernt
-von der Heimat in den unendlichen Schneefeldern
-Rußlands ihr Leben für die Laune des verhaßten Despoten
-wagen mußten.</p>
-
-<p>Anfänglich hatte man genügend Nachrichten von
-der Armee erhalten: die Kunden der Schlacht bei
-Smolensk und bald darauf des fürchterlichen Gemetzels
-von Borodino bewiesen, daß die Russen sich ihrer Angreifer
-wie Rasende erwehrten. Dann verstummten alle
-Nachrichten lange Zeit, und ihr Ausbleiben verschärfte
-die Qualen, die die daheim erlitten. Plötzlich leuchtete
-es an dem dunkeln Himmel wieder auf. Ein blendender
-Blitzstrahl durchzuckte ganz Europa: die Kunde des
-Brandes von Moskau drang herüber. Aber die Sorge
-um den Einzelnen war kaum noch wach, in langen,
-kummervollen Nächten hatte man sich schon für den
-Verlust getröstet, mit der Hoffnung, daß dem teuern
-Sohn ein schmerzvoller Tod erspart geblieben sein möge.<span class="pagenum" id="Seite_85">[85]</span>
-Nur schwach glimmte noch in mancher Menschenbrust
-der Funke der Hoffnung auf ein irdisches Wiedersehen.</p>
-
-<p>Nach dieser Nachricht war wieder Grabesstille.
-Die ungeheure Armee, deren lärmender Durchzug tagelang
-gedauert hatte, mit ihren tausend Kanonen und
-dem nicht endenwollenden Troß, war verschwunden, als
-wenn sie der Erdboden verschlungen hätte. Schmerzvolles
-Erwarten, atemloses Aufhorchen, banges Fragen,
-&ndash;&nbsp;&ndash; nichts, keine Nachricht. Alles still, als wenn
-tiefster Friede im Lande herrsche! Nur die östlichen
-Winde trugen etwas herüber wie Leichengeruch, als ob
-sie über einen unermeßlich großen Friedhof mit offenen
-Gräbern gestrichen wären, und aus ihrem Heulen und
-Brausen klang es wie erstickte Schmerzenslaute und gestammelte
-Gebete.</p>
-
-<p>So ging man dem Weihnachtsfeste des Jahres
-1812, dem heiligen Feste der Liebe und des Friedens
-entgegen.</p>
-
-<p>Wie hatten doch immer zu dieser Zeit die Herzen
-höher geschlagen! Noch im vorigen Jahre hatte die
-Freude alle Gemüter bewegt. Wenn auch genug des
-Herzeleids die Welt erfüllte, und die dunkle Zukunft
-viel Schweres in sich bergen mochte, man war vereint,
-fühlte sich glücklich und war zufrieden mit dem Wenigen,
-was das gefräßige Kriegsungeheuer einem gelassen hatte.</p>
-
-<p>Aber in diesem Jahre wollte die Herzen kein
-wonniges Gefühl erwärmen, keine freudige Erwartung
-erhob die Gemüter.</p>
-
-<p>Alle schlichen scheu umher. Man vermied es, den
-Nachbar, den Freund zu trösten, in der Besorgnis, den
-eigenen Kummer zu wecken, zu vergrößern. Ja man<span class="pagenum" id="Seite_86">[86]</span>
-wagte zuletzt nicht mehr, zu fragen, aus tötlicher Angst,
-daß das Entsetzliche sich offenbaren könne.</p>
-
-<p>Ein fürchterlicher Alp lastete auf jeder Menschenbrust,
-und die Seelen durchzitterte tiefster Schmerz.</p>
-
-<p>Da lief plötzlich ein Raunen durch die Gassen der
-sächsischen Lande. Zuerst ging das Gerücht wie ein
-Windhauch. Jeder lieh ihm das Ohr und verstummte
-jäh vor der entsetzlichen Kunde, unter der sich das
-Herz krümmte. Dann wurde das Gerücht lebhafter,
-laut, wuchs zum Lärm an und donnerte endlich wie
-eine Lawine vor dem Orkan über das hartgeprüfte
-Volk. Die schwache Hoffnung, die sich im Innern der
-Stärksten tief verborgen noch erhalten hatte, erlosch in
-einem einzigen Augenblick. Tötlicher Schrecken lähmte
-die Glieder und raubte dem Geist den letzten Rest
-seiner Spannkraft: die riesengroße, stolze Armee war
-vernichtet! Alles was das russische Blei verschont, der
-Säbel der Kosaken nicht niedergehauen, der Huftritt
-ihrer Rosse nicht zerstampft, bei dem Überschreiten des
-zugefrorenen und halb aufgetauten Dniepr nicht umgekommen,
-oder bei dem gräßlichen Übergang über die
-Beresina nicht zerdrückt, zertreten, zwischen den Eisschollen
-zerquetscht worden war, &ndash; lag erstarrt auf den
-endlosen Eisgefilden. Wie durch ein Wunder, hieß es
-weiter, hätten sich wenige Tausend gerettet, deren Rückzug
-sich so gestaltete, daß er in der Geschichte der
-Kriegsleiden seinesgleichen nicht haben sollte.</p>
-
-<p>Wie ein Feuerstrom ging es von Herz zu Herz;
-die Unterschiede in den Rangstufen der Menschen schienen
-aufgehoben. Alle waren nur von dem einen Gedanken
-beseelt, den zurückkehrenden Unglücklichen die Hände zu
-reichen. Aber der Wunsch war stärker als die Tat.<span class="pagenum" id="Seite_87">[87]</span>
-Große Vorbereitungen konnten nicht getroffen werden,
-die Hast ließ keiner Überlegung Zeit, und die Kopflosigkeit
-zerstörte oft wieder das schon bedacht Geschehene.
-Der Schrecken hatte die Gemüter verwirrt.</p>
-
-<p>Und dann kamen die Trümmer der Armee Napoleons!</p>
-
-<p>Der Hunger hatte die des Weges nur noch Wankenden
-fürchterlich abgemagert. Unter der schlaffen, farblosen
-Haut ragten die Backenknochen, das Bein der Nase aus
-dem hohlen Gesicht schauerlich hervor, und das Haar
-hing wirr von der Stirn herab. Die Lippen dieser
-Unglücklichen waren ausgetrocknet, und aus den eingefallenen,
-matten Augen drang gänzliche Teilnahmlosigkeit,
-grinste stiller Wahnsinn. Jeder Schein
-militärischen Ansehens war von ihnen geschwunden.
-Ihre Füße waren oft nur mit Lumpen oder Stroh
-umwickelt, die spärlichen Kleider in Fetzen, und
-um die Blöße des Körpers notdürftig zu bedecken,
-hatte mancher um die fleischlosen Schultern nur den
-Rest eines alten Mantels oder ein erbetteltes Tuch
-geschlungen.</p>
-
-<p>So kamen sie daher, ohne Waffen und kaum fähig
-sich weiter zu schleppen, das Zeichen furchtbarer Leiden
-auf der Stirn und dort, wo sie einkehrten, ansteckende
-Krankheiten verbreitend. Und doch waren es die, die
-kaum vor Jahresfrist in stolzer Siegeszuversicht ausgezogen
-waren.</p>
-
-<p>Die Garde du Corps bestand nur noch aus
-7 Offizieren und 4 Mann, und von den frischen, kecken
-Zastrows kehrten 13 Offiziere und 3 Gemeine in das
-Vaterland zurück.</p>
-
-<p>Und er, der unter dem gewaltigen Schlage des Himmels
-hätte zusammenbrechen müssen, prahlte in Dresden<span class="pagenum" id="Seite_88">[88]</span>
-Sachsens König gegenüber mit seinen unerschöpflichen
-Hilfsquellen und setzte nach kurzem Aufenthalt, einen
-Gassenhauer trällernd, in einem schnell auf Schlittenkufen
-gestellten Wagen der Königin am 17. Dezember
-seine Weiterreise über Leipzig nach Paris unerkannt
-fort.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Am 9. Januar 1813 trafen die ersten dieser Unglücklichen
-in Leipzig ein. Ein Teil von ihnen, der auf
-südlicheren Straßen marschiert war, berührte auch Rehefeld.
-Fast in jedem Dorfe, das diese Trupps passierten,
-mußten einige der Schwächsten zurückbleiben. Die Bevölkerung
-wetteiferte in der Aufnahme und Pflege der
-Soldaten, ohne darauf zu sehen, ob sie einen Deutschen
-oder einen Franzosen im Hause hatten. Alle waren sie
-Unglückliche!</p>
-
-<p>Mit dem Beginn des neuen Jahres hatte sich reicher
-Schneefall eingestellt, dem starke und anhaltende Kälte
-folgte. Die Jammergestalten konnten sich kaum noch
-weiterschleppen, denn ringsum waren die Straßen verschneit,
-und der scharfe Nord drang schneidend durch die
-dünnen, zerrissenen Kleider der Ärmsten. Auch die
-Mutigsten von ihnen wollten jetzt nicht mehr weiter und
-nahmen mit Freudentränen die Aufforderung zum Bleiben
-ohne Zögern an. Fast jedes Haus in Rehefeld hatte
-unter seinem Dache einen der Fremdlinge, und selbst
-die Ärmsten der Bewohner teilten mit ihrem Gaste
-freudig die kärgliche Nahrung. Aber es bedurfte nicht
-vielem, um die Soldaten zufrieden zu sehen. Die Ruhe
-tat den von langem Marschieren im Schnee wundgewordenen
-Füßen wohl, und es widerfuhr ihnen schon<span class="pagenum" id="Seite_89">[89]</span>
-ein großes Glück, wenn sie nach langen Qualen und
-Entbehrungen die starren Glieder auf weichem Lager
-und in wohltuender Wärme ausstrecken konnten.</p>
-
-<p>Da brach, wenige Tage nach ihrem Eintreffen,
-unter den Angekommenen eine Krankheit aus, die sich
-rasch verbreitete und von der auch einige der Dorfbewohner
-ergriffen wurden.</p>
-
-<p>Die Krankheitserscheinungen waren ernst. Man
-riet deshalb nicht lange, sondern schickte einen Wagen
-nach Leipzig hinein, um ärztliche Hilfe zu holen. Noch
-an demselben Abend kamen zwei Militärärzte an, die
-sofort mit der Untersuchung der Kranken begannen.
-Unermüdlich gingen sie von Haus zu Haus; überall
-begegneten ihnen die gleichen Krankheitserscheinungen.
-Nach kurzer Beratung erklärten die Ärzte dem sie begleitenden
-Ortsvorstand, daß die fiebernden Soldaten an
-Typhus erkrankt seien und nicht länger in den Häusern
-bleiben dürften, sondern daß für sie ein paar große
-Räume als Spital herzurichten seien. In seiner Bestürzung
-eilte der alte Mann auf den Freihof, wo er
-am ehesten Rat und Beistand zu finden hoffte.</p>
-
-<p>Die Tiefenbachs waren noch wach. Sie beherbergten
-selbst drei Soldaten, die ebenfalls von der
-Krankheit befallen waren und in heftigem Fieber lagen.</p>
-
-<p>Max ließ sofort seine Leute wecken und sandte sie
-im Dorfe herum, um einige der Entschlossensten herbeizuholen.</p>
-
-<p>Nach Verlauf einer halben Stunde waren sieben
-oder acht Bauern versammelt. Die Ärzte, die die angebotene
-Unterkunft auf dem Freihofe angenommen
-hatten, beschrieben die Anforderungen, die an die Krankenzimmer<span class="pagenum" id="Seite_90">[90]</span>
-gestellt werden müßten und gaben Unterweisungen
-für die Überführung der Kranken.</p>
-
-<p>In kurzer Zeit einigten sich die Männer dahin,
-daß der große Tanzsaal des Gasthofes und das dicht
-daneben stehende Schulhaus für die Kranken eingerichtet
-werden sollten. Der Lehrer und seine Familie mußten
-während dieser Zeit bei einem Bauern Unterkunft bekommen.
-Sollten diese Räume nicht ausreichen, so würde
-man den Freiherrn um Aufnahme einiger Kranken im
-Schloß bitten.</p>
-
-<p>Am andern Morgen, als die Sonne blutigrot am
-Himmel heraufzog, und ihre Strahlen die eisige Kälte
-noch fühlbarer machten, begann man damit, die zur Aufnahme
-der Kranken ausersehenen Räume herzurichten.
-Von allen Seiten brachten die Leute das im Hause
-Entbehrliche herangetragen; dieser die Bretter eines alten,
-wurmstichigen Bettes, die viele Jahre verstaubt und vergessen
-auf dem Dachboden gestanden hatten, jener einen
-Strohsack, der rasch mit weichem Haferstroh frisch gefüllt
-worden war. Ein Dritter gab zwei wollene Decken,
-wieder einer ein Deckbett, das noch warm war, da es
-in der verflossenen Nacht ihm selbst gedient hatte, und
-zwei Kissen dazu. Ein anderer erklärte, daß er und
-sein Weib unter Decken nicht frieren würden, und er gab
-alles, was sie an Betten besaßen. Die Hofbesitzer und
-die großen Häusler trugen fast jeder ein vollständiges
-Bett herbei, und vom Freihof kam ein zweispänniger
-hochaufgepackter Wagen, von dem man vier Bettstellen
-und ebensoviel Strohsäcke und Federbetten ablud. Keiner
-wollte zurückstehen von der Erfüllung des Liebeswerkes
-und wenn es der Ärmste war. Etwas hatte jeder, wars
-auch nur eine geringe Gabe.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_91">[91]</span></p>
-
-<p>In wenigen Stunden waren die Räume soweit
-instand gesetzt, daß man daran denken konnte, die kranken
-Soldaten aus den einzelnen Häusern in ihr neues Heim
-zu schaffen.</p>
-
-<p>Man zählte: dreiundzwanzig Kranke sollten es sein,
-und neunundzwanzig Betten standen bereit. Gottlob!
-Soweit war alles geglückt, das Hospital war fertig.
-Der Tanzsaal allein konnte zwölf Kranke aufnehmen,
-und die übrigen fanden in den beiden Gastzimmern daneben
-und im Schulzimmer Unterkunft.</p>
-
-<p>Gegen Mittag brachte man die Kranken von allen
-Seiten heran. In Decken und Betten gehüllt, wurden
-sie vorsichtig bis zum Gasthof gefahren; aus den näher
-liegenden Häusern trugen sie die Einwohner dahin.</p>
-
-<p>Alles beteiligte sich daran. Die beiden Ärzte waren
-vorher emsig von einem Haus in das andere geeilt
-und hatten die letzten Anordnungen für den Transport
-gegeben. Nun standen sie inmitten der frischen
-Betten und überwachten das sorgsame Hineinlegen der
-Kranken. Ein Neugeborenes kann nicht zärtlicher und
-liebevoller von seiner Mutter in den Arm genommen
-werden, wie mit den Soldaten die Rehefelder verfuhren,
-und die Kinder trugen den mit ihrer Bürde behutsam
-Dahinschreitenden die wenigen und armseligen Kleidungsstücke
-nach.</p>
-
-<p>Das Mitleid mit den Unglücklichen hatte die ganze
-Einwohnerschaft ergriffen, und man suchte in der Betätigung
-für die Notleidenden einander zu übertreffen.</p>
-
-<p>Unter denen, die sich von den frühesten Morgenstunden
-ab um das gute Gelingen des Werks bemüht
-hatten war auch Max.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_92">[92]</span></p>
-
-<p>Nachdem er mit seiner Mutter kurz besprochen hatte,
-was sie an Betten und Gerätschaften beisteuern konnten,
-war er hinüber nach Zehmen geritten. Die Militärärzte
-hatten erklärt, daß sie nicht länger bleiben könnten,
-da ihre Hilfe in dem mit Kranken überfüllten Leipzig
-nur allzu dringend gebraucht würde. Aus diesem Grunde
-war er zu dem in diesem Dorfe wohnenden Arzt geeilt, der
-freilich schon seit Jahren infolge hohen Alters seinen
-Beruf nicht mehr regelmäßig ausübte, um ihn um seinen
-Beistand für die jetzige Zeit der großen Not zu bitten.
-Er fand den Greis im Bette liegend und krank, so daß
-dieser ihm nur ein paar Ratschläge mit auf den Weg
-geben konnte und in Aussicht stellte, nach einigen Tagen
-selbst einmal nach den Kranken zu sehen.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap05">5. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Als Max gegen Mittag zurückgekehrt war, hörte
-er, daß die Kranken in dem schnell hergerichteten Spitale
-nunmehr glücklich untergebracht seien.</p>
-
-<p>Er konnte einen Ausdruck der Befriedigung darüber
-nicht unterdrücken, und ein Gefühl der Beklemmung
-wich von ihm bei dem Gedanken, daß die Einwohner
-Rehefelds der unmittelbaren Gefahr der Ansteckung nicht
-mehr ausgesetzt wären.</p>
-
-<p>Max ging nach dem Gasthof, da er wissen wollte
-wie es nun darin aussah, ob man für die Zubereitung
-der Speisen für die Kranken ausreichend gesorgt hatte
-und schließlich, ob genug Pflegerinnen bestellt wären</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_93">[93]</span></p>
-
-<p>Als er über den Platz vor dem Gasthof schritt,
-standen ein paar Geschirre vor dem Hause. Die Pferde
-hatten die Krippen vor sich und fraßen bedächtig,
-während die Besitzer in der Gaststube weilten. Im
-Hausflur angekommen, unterschied er drinnen einige
-bekannte Stimmen, unter denen er auch die des Gemeindevorstands
-erkannte, der froh sein mochte, der
-größten Sorge ledig zu sein. Max schritt auf die Tür
-zu, besann sich aber sofort eines anderen und wandte
-sich wieder um. Langsam stieg er die Treppe hinauf,
-um sich vorher die Unterbringung der Kranken anzusehen.</p>
-
-<p>In dem geräumigen Saale waren an den beiden
-Längsseiten die Betten mit geringen Abständen von
-einander aufgestellt, daß die Kranken mit den Füßen
-nach dem in der Mitte entstandenen, breiten Gang zu
-lagen. Die hölzernen Bettgestelle waren ungleich lang
-und breit und die Bezüge verschiedentlich bunt gestreift
-oder gewürfelt, wie sie die Bauern aus ihren Haushaltungen
-zusammengetragen hatten. Einige der Kranken
-schliefen, andere lagen wachend in den Kissen, und hier
-und da warf einer in starkem Fieber unruhig den
-Kopf hin und her.</p>
-
-<p>Drei Frauen gingen geräuschlos ab und zu oder
-bemühten sich um die Kranken. Die erste, die Max
-am nächsten stand, war eine alte Auszüglerin, die gewöhnlich
-im Dorfe die Kranken wartete, und in einer
-andern erkannte er die Frau des Schullehrers. Die
-dritte kehrte ihm den Rücken zu und beugte sich gerade
-tief auf das Bett eines Fiebernden nieder und hielt
-diesem ein Glas Wasser an die Lippen.</p>
-
-<p>Max wußte nicht, wer diese Pflegerin war, aber
-ihre Erscheinung fesselte sofort seinen Blick, so daß er<span class="pagenum" id="Seite_94">[94]</span>
-die Augen auf der hochgewachsenen Gestalt ruhen ließ.
-Sie trug ein dunkelblaues, eng anschließendes und ganz
-einfach gearbeitetes Wollkleid, und ihr volles braunes
-Haar war mit einem weißen Leinenhäubchen bedeckt.
-Er sann nach, wer die Unbekannte sei, aber keines der
-Mädchen im Dorfe glich ihr.</p>
-
-<p>Sein Verlangen, ihr ins Gesicht zu sehen, wuchs,
-als er bemerkte, wie geschickt und zugleich schonend die
-Pflegerin den Kranken aufrichtete, das Kopfkissen aufschüttelte
-und dann den alten französische Soldaten
-wieder sorgfältig darauf bettete. Nun ging das Mädchen
-von dem Bett weg und wandte sich um, und gleichzeitig
-mit dieser Bewegung begegneten ihre Augen seinem
-Blicke.</p>
-
-<p>Max war derart betroffen, daß er schweigend und
-wie angewurzelt auf seinem Platze stand, und es wollte
-ihm selbst nicht gelingen, seinen Blick von ihr zu wenden.
-Diese hätte er hier nicht vermutet, und aus diesem
-Grunde konnte er seiner großen Verlegenheit nicht so
-leicht Meister werden. Denn das Mädchen, dem er
-gegenüberstand, und das unter seinem langen Blicke in
-leichte Verwirrung geriet, war Maria von Tiefenbach.</p>
-
-<p>Noch nie hatten sich die beiden so nahe gegenüber
-gestanden. Sie waren fast unbewußt jederzeit von
-dem gleichen Wunsche beseelt gewesen, eine nahe Begegnung
-zu vermeiden, und schon von weitem hatten
-sie bisher beim Sichtbarwerden des andern unverfänglich
-einen Seitenweg eingeschlagen. Und so war es gekommen,
-daß ihnen ein dichtes Aneinandervorübergehen trotz der
-engen Verhältnisse im Dorfe bis heute erspart geblieben war.</p>
-
-<p>Max hatte die Abneigung gegen die Leute vom
-Schlosse mit der Muttermilch eingesogen, und in späteren<span class="pagenum" id="Seite_95">[95]</span>
-Jahren war es wieder die Freihoferin gewesen, die
-dieses unbewußte Gefühl zu einem bewußten und
-trotzigen Haß gegen die Verwandten vertieft hatte. Wie
-die Mutter, sah auch er in den Schloßbewohnern
-herrische und hochmütige Menschen, die den Zweig der
-Familie, der in das Dorf hinabgestiegen war, verachtete,
-und von denen einer die teuere Verstorbene beschimpft
-hatte. Deshalb war der junge Mann, als er sich dem
-Mädchen unvermutet und zum ersten Male so nahe
-gegenübersah, betroffen.</p>
-
-<p>Blitzschnell erwog er, wie er jetzt am richtigsten
-zu handeln habe, um die, beide beklemmende Situation
-zu beenden. Den Rücken wenden und hinausgehen,
-das konnte er nicht, denn er war ja gekommen, um sich
-zu erkundigen, ob es noch an etwas fehle, und diese
-Absicht mußten die beiden anderen Pflegerinnen schon
-bei seinem Eintreten erkannt haben. Dazu hatte er beim
-Verrichten des ganzen Samariterwerkes allzusehr in
-vorderster Linie gestanden, und vermutlich hatte der
-Gemeindevorstand die Frauen auch schon angewiesen,
-sich an ihn zu wenden, wenn an etwas Mangel einträte.
-Und dann müßte er alle Höflichkeit unbeachtet
-lassen, die man fremden Menschen und selbst denen
-schuldig ist, deren Gesellschaft man meidet. Sein rücksichtsloses
-Fortgehen würde die Jungfrau tief verletzen.</p>
-
-<p>Und was tat es denn überhaupt wenn er blieb?
-Standen sie beide in diesem Augenblick nicht in einem
-höhern Dienste, in dem der Nächstenliebe? Durfte er
-jetzt Zwist und Abneigung vorschützen, um mit dem
-Mädchen nicht nebeneinander arbeiten zu müssen? Steht
-die Pflicht zur Barmherzigkeit nicht so unendlich hoch,
-daß selbst Feinde zusammen an ihr arbeiten dürfen?<span class="pagenum" id="Seite_96">[96]</span>
-Er würde sich engherzig und klein schelten und seiner
-Standpunkt als niedrig bezeichnen müssen, wenn er hier
-auswich. Deshalb mußte er bleiben. Sein innerer
-Mensch wurde nicht betroffen, der konnte der alte bleiben.
-Aber die Kraft dem leidenden Nächsten zu widmen,
-auch unter diesen unbequemen Umständen, forderte einfach
-seine Ehre.</p>
-
-<p>Diese Gedanken, die in schnellem Fluge durch
-Maxens Seele zogen, verrieten sich auf seinem Gesicht
-nur zu deutlich, daß das vor ihm stehende Mädchen sie
-nicht hätte erraten müssen. Aber auch sie kämpfte mit
-ihrer Verlegenheit.</p>
-
-<p>Da überkam den jungen Mann plötzlich die Eingebung,
-daß er den Anstand verletze, wenn er jetzt nicht
-das peinvolle Schweigen breche. Langsam schritt er
-deshalb auf das Mädchen zu und indem er sich bemühte,
-unbefangen zu bleiben, sagte er:</p>
-
-<p>»Es ist ein schwerer Beruf, den Sie gewählt
-haben, aber viel Dank wird Ihnen dafür werden.«</p>
-
-<p>Sie schwieg eine kurze Weile, dann richtete sie ihre
-großen, blauen Augen fest auf ihn und sagte mit wohllautender,
-tiefer Stimme:</p>
-
-<p>»Dem leidenden Nächsten zu helfen ist Menschenpflicht.
-Der beste Lohn dafür ist die Befriedigung, die
-tief im Herzen quillt und die froher macht als der
-Dank.«</p>
-
-<p>»Sie haben recht,« erwiderte Max, »diesen Beweggrund
-soll auch der Mensch für seine guten Taten
-haben, denn so hat es uns schon der große Nazarener
-gelehrt. Aber haben Sie die Aufgabe, der Sie sich
-freiwillig und gewiß mit vielem Eifer unterziehen wollen,
-auch nicht unterschätzt? Dieser Beruf wird Anstrengungen<span class="pagenum" id="Seite_97">[97]</span>
-und Entbehrungen von Ihnen fordern, die Sie vielleicht
-nicht voraussahen, und die fast die Kraft eines Mannes
-erfordern.«</p>
-
-<p>»Lassen Sie das ruhig meine Sorge sein, Herr
-von Tiefenbach,« fiel Maria ihm ins Wort, »ich bin
-von Jugend auf dazu angehalten, mein Tun nicht
-unüberlegt zu beginnen. Aber weshalb zweifeln Sie
-daran, daß ich nicht ebensogut wie andere Frauen imstande
-sein werde, diesen Unglücklichen Trost und Hilfe
-zu gewähren? Zu meinem Bedauern habe ich bis jetzt
-keine Gelegenheit gefunden, meine Kraft in Dienste des
-Vaterlands zu gebrauchen und dies zu einer Zeit, zu
-der es nicht genug hilfsbereite Hände geben kann.
-Jetzt ist mir die Gelegenheit geworden, und wenn ich
-auch tausendmal lieber diese Kranken gesund wüßte, so
-bin ich doch froh, daß sie sich gerade hier befinden und
-ich mich ihrer annehmen kann. Nach der Schwere der
-Bürde, die einem das Amt bringt, fragt man nicht
-lange, frisch zugreifen und unerschrocken den Schwierigkeiten,
-die sich in den Weg legen, entgegengehen, ist
-doch immer das Richtige. Mag der Mann draußen
-auf dem Felde der Ehre sein Alles einsetzen, uns
-Frauen soll er in Räumen wie diesen walten lassen,
-damit auch wir Gelegenheit haben, unser Teil beizutragen
-zu dem großen Werke. Wir sind dazu berufen,
-die geschlagenen Wunden zu heilen und die Schmerzen
-zu lindern, die der unerbittliche Krieg verursacht.«</p>
-
-<p>Das Mädchen hatte die Worte in edelm Feuer
-gesprochen, und die Begeisterung, die in ihr glühte, übergoß
-ihr schönes Gesicht mit einer feinen Röte. Jetzt,
-nachdem sie geendet, fühlte sie, daß sie vielleicht
-zu viel gesprochen hatte und fast in Erregung gekommen<span class="pagenum" id="Seite_98">[98]</span>
-war. Sie bereute ihre Worte und verstand es nicht,
-wie die Begeisterung für ihr Vorhaben sie so mit sich
-fortgerissen hatte.</p>
-
-<p>Max konnte nichts antworten, was hätte er dem
-Mädchen nach diesen Worten auch sagen sollen. Überrascht
-stand er vor der Jungfrau, bei der sich Schönheit
-mit Anmut und Klugheit mit Gemüt vereinigten.</p>
-
-<p>Maria hatte sich nach ihren Worten wieder abgewandt
-und war zum Bett eines Kranken getreten, der
-mit heiserer Stimme zu trinken verlangt hatte. Behutsam
-setzte sie ihm das Glas an die Lippen, das er
-mit gierigen Zügen leerte.</p>
-
-<p>Max wechselte mit den anderen Frauen noch ein
-paar Worte und verließ dann den Saal. Nach den
-Worten des Fräuleins vom Schlosse zu urteilen und
-nach dem, wie er sie hatte walten sehen, würde sie
-eine vortreffliche Pflegerin sein. Wenn die beiden
-andern ihre Aufgabe ebensogut erfüllten, dann waren
-die Kranken in den besten Händen. Deshalb war es
-ein Gewinn für die Sache, daß sich das Fräulein der
-Pflege angenommen hatte. Und doch wünschte Max
-das Mädchen vom Krankensaale weit weg!</p>
-
-<p>Daß er denen vom Schloß nicht für immer so
-ausweichen konnte, wie es ihm bisher gelungen war,
-damit hatte er schon gerechnet, daß er aber so unerwartet
-mit einem von ihnen in Berührung treten sollte,
-und noch dazu, wie er voraussah, öfters, das behagte
-ihm nicht. Obendrein hatte dieses Mädchen etwas an
-sich, das ihn aus seiner gleichmäßigen Ruhe bringen
-konnte. Und von neuem stand ihm die Erscheinung vor
-Augen. Mit welchem Anstand sie ihr Haupt zum
-Gegengruß geneigt hatte, und in welch ruhigem Gleichmaß<span class="pagenum" id="Seite_99">[99]</span>
-sie sprach. Noch jetzt, meinte er, hafte der Blick
-aus ihren großen Augen auf ihm.</p>
-
-<p>Ein paarmal während des Tages verfiel Max in
-tiefes Nachsinnen. Unwillkürlich schweiften seine Gedanken
-von der Arbeit weg, und er überraschte sich
-dabei, daß er die Hände müßig hielt und sich willig
-der Erinnerung an die Begegnung überließ. Des
-Mädchens hohe Gestalt, der lange Blick ihrer Augen
-die wohllautende Stimme und endlich die Sicherheit,
-die aus ihren Worten klang, hatte einen nachhaltigen
-Eindruck auf den jungen Mann ausgeübt. Er fühlte
-ein fast unbezähmbares Verlangen, einen tiefern Blick
-in die Seele dieses schönen Mädchens zu tun. Aber
-um dies zu erreichen, hätte er sich ihr mehr nähern
-müssen, als es ihm, der Pflegerin inmitten ihrer Kranken
-gegenüber, möglich war. Und das durfte er nicht!</p>
-
-<p>Maria von Tiefenbach war seine Anverwandte,
-denn sie waren ja Geschwisterkinder. Aber er durfte
-nicht vergessen, daß sich ein tiefer Abgrund zwischen
-ihnen hinzog, über den hinweg nimmermehr eine Brücke
-geschlagen werden konnte. So lange es die beiden
-Familien vom Freihofe und vom Schlosse geben würde,
-so lange würde auch die Kluft bestehen. Das war für
-alle Zeiten bestimmt, und niemand durfte sich vermessen,
-an diesem Spruch zu rütteln. So hatte es sein
-Großvater gewollt, nachdem der eigene, hochmütige
-Bruder die Auserwählte seines Herzens beschimpft
-hatte. Des jungen Freihofers empfindlicher Stolz
-bäumte sich hoch auf, wenn er an das schwere Unrecht
-dachte, das seiner Großmutter von denen droben
-einst zugefügt worden war.</p>
-
-<p>Und selbst dann, wenn es ihn mit unwiderstehlicher<span class="pagenum" id="Seite_100">[100]</span>
-Macht zu dem Fräulein hinziehen würde, &ndash; wie
-wäre es ihm möglich, vor seine Mutter zu treten und
-ihr zu sagen, daß er wieder Freundschaft schließen
-wolle mit den Leuten vom Schlosse? Würde er dergestalt
-seine alte Mutter nicht verraten? Sie, die er
-mit der zärtlichsten Liebe umgab, die ein Kind für
-seine Mutter nur empfinden kann! Freilich lagen seine
-Gefühle nicht auf der Zunge, denn beider Naturen
-waren hart und nicht für den offenen Austausch von
-Liebeszeichen geschaffen. Aber wie es Max jeden Tag
-von neuem fühlte, daß ihr rauhes Äußere nur die
-Glut ihrer mütterlichen Empfindungen für ihre beiden
-Kinder verbarg, wußte er, daß die bedingungslose Ehrfurcht
-und Unterwerfung vor ihr und die fast abgöttische
-Liebe zu seiner Mutter die stärksten seiner Gefühle
-waren, die ihn jemals bewegen konnten und die in
-seine Seele unlösbar hineingewoben waren. Deshalb
-konnte von einer Annäherung zu den Verwandten niemals
-die Rede sein, wenn nicht seine Mutter selbst den
-Wunsch dazu aussprechen würde. Aber dieser Umschwung
-würde in ihrer Seele nie eintreten. So glühender
-Haß erlischt nur mit dem Tode dessen, der ihn mit
-sich herumträgt.</p>
-
-<p>Und selbst wenn in seiner Mutter der Wunsch dazu
-rege würde, dürfte sie es dennoch nie tun! Als sie vor
-Jahren ihm, dem Knaben, die Feindschaft zu den
-Schloßleuten ins Herz gepflanzt, da hatte sie ihm zuletzt
-anvertraut, gleichsam als wolle sie ein blutigrotes,
-brennendes Siegel unter ihre Worte setzen, daß sie
-ihrem sterbenden Vater unversöhnliche Feindschaft denen
-im Schlosse gegenüber in die Rechte gelobt habe.</p>
-
-<p>Aus allen diesen Gründen unterdrückte Max seinen<span class="pagenum" id="Seite_101">[101]</span>
-Wunsch das Fräulein näher kennen zu lernen.
-Vielleicht würde er, wenn es geschah, nur einen Widerstreit
-seiner Empfindungen heraufbeschwören, und es
-würde ihm dann gewiß schwerer werden als heute, das
-so schnell erwachte Interesse für dieses ungewöhnliche
-Mädchen wieder zu verlieren und den Eindruck zu
-verwischen, den es auf ihn ausgeübt hatte.</p>
-
-<p>Während der folgenden Tage betrat Max wiederholt
-die Krankenzimmer und mußte von neuem Gelegenheit
-nehmen, mit Maria von Tiefenbach zu reden.
-Sie sprach unbefangen, ihre Stimme dämpfend und begleitete
-ihre Worte mit ausdrucksvollen Bewegungen der
-Hand. Was sie ihm über den Zustand der Kranken
-zu berichten hatte, sagte sie in knappen Sätzen. Teilte
-sie ihm Erfreuliches mit, so blieb sie dennoch ernst, nur
-in dem aufleuchtenden Blick ihrer Augen konnte Max
-ihre Freude lesen. War hingegen Schmerzliches zu berichten,
-so erriet er dies schon, bevor sie begann, an
-ihren umflorten Augen. Sie vermied es ängstlich, sich
-ihm gegenüber weich oder erfreut zu zeigen und schien
-ihm im stillen dafür dankbar zu sein, daß er ihr weder
-tröstende, noch Worte der Anerkennung sagte. Selbst
-als sie ihm eines Morgens mitteilen mußte, daß ein
-junger bayerischer Dragoner, den sie, wie er wußte,
-Tag und Nacht in unermüdlicher Sorgfalt gepflegt, und
-der ihr durch die endlich herannahenden Zeichen seiner
-Genesung viel Freude bereitet hatte, infolge eines plötzlichen
-Rückfalls in der verflossenen Nacht gestorben
-war, fügte sie ihrer Meldung keine weiteren Worte
-hinzu.</p>
-
-<p>Max vermochte nicht sein Mitgefühl zu unterdrücken,
-das in ihm emporkam, als er in diesen Augenblicken<span class="pagenum" id="Seite_102">[102]</span>
-das Mädchen betrachtete. Ihre Wangen waren
-von den ungewohnten Anstrengungen der letzten Tage,
-besonders aber von den vielen Nachtwachen bleich geworden,
-und ihre Haltung war die eines müden
-Menschen. Außer den Anzeichen großer Abspannung
-lag auf ihrem Gesicht tiefe Ergriffenheit. Er sah, wie
-sie sich fast Gewalt antun mußte, um bei ihren Worten
-nicht in Tränen auszubrechen.</p>
-
-<p>Mit wachsender Teilnahme stand Max dem Fräulein
-gegenüber, denn er erriet, was in ihrem Innern
-vorging. Zu gleicher Zeit wußte er aber auch, daß
-sein sehnliches Verlangen, einen Blick hinter das ernste
-Antlitz dieses Mädchens zu tun, sich schon erfüllt hatte.</p>
-
-<p>Da drang ihm plötzlich ein heißer Strom zum
-Herzen, den zurückzudämmen er sich anfangs bemühte,
-um sich im nächsten Augenblick aber dieser Weichheit
-in willenloser Freude hinzugeben. Denn was sich ihm
-hier offenbarte, war ein edles Frauengemüt! Rasch fand
-er die Erklärung für den großen Schmerz des Mädchens.
-Mit Hingabe hatte sie den Krieger nun fast zwei
-Wochen hindurch gepflegt, nicht der Anstrengungen
-achtend, die ihre Wangen hohl gemacht hatten. Unsägliche
-Freude hatte sie empfunden, als seine kräftige
-Natur in dem erbitterten Kampf mit der schweren
-Krankheit endlich die Oberhand gewann, und sie fühlte
-dadurch ihre heißen Bemühungen tausendfach belohnt.
-Schon sah sie, wie die Gesundheit in den erstarkenden
-Körper wieder einzog, &ndash; da begannen gestern Abend
-die Pulse von neuem zu hämmern, die Temperatur stieg
-bedrohlich und ohne einen Grund dafür erkennen zu lassen,
-stand wieder auf derselben Höhe wie in den Tagen der<span class="pagenum" id="Seite_103">[103]</span>
-qualvollsten Zweifel, stieg darüber hinaus, &ndash; und dann
-mußte sie ohnmächtig zusehen, wie der eben wieder
-lebensfroh gewordene Kranke die Augen hilfesuchend auf
-sie richtete und mußte zulassen, daß der dem Tode
-kaum Entrissene dennoch sein Opfer wurde. In einer
-einzigen Nacht war ihre große Freude zu schwerem
-Kummer geworden.</p>
-
-<p>So, fühlte er, hatte es sich zugetragen, und ihre
-Seele, die warme Nächstenliebe, Aufopferung und tiefes
-Mitgefühl anfüllte, hatte großen Schmerz erlitten.</p>
-
-<p>Da konnte er seine Bewegung nicht mehr meistern:
-er trat zu der sich eben wieder von ihm wendenden
-Jungfrau, nahm ihre Hand in die seinige und sprach
-ihr mit teilnehmenden und tröstenden Worten sein Mitgefühl
-aus.</p>
-
-<p>Das Fräulein war bei der Berührung ihrer Hand
-unwillkürlich zusammengeschreckt, aber sie hatte sie ihm
-doch willig überlassen und mit Verwunderung seinen
-Worten zugehört. Eine starke Blutwelle trieb wieder
-nach ihrem Kopfe und färbte ihre blassen Wangen dunkelrot,
-bis hinauf unter die schweren, braunen Zöpfe auf
-ihrem Haupte.</p>
-
-<p>Langsam entzog sie ihm endlich ihre Hand und trat
-einen Schritt zur Seite. Dann sprach sie:</p>
-
-<p>»Herr von Tiefenbach, ich danke Ihnen für Ihre
-Teilnahme. Ich hatte sie nicht erwartet und konnte nicht
-ahnen, daß Sie meinen Schmerz erkennen würden. Der
-Tod dieses mir noch vor wenigen Wochen Unbekannten
-hat mich, wie Sie richtig erraten haben, schwer getroffen
-und mein tiefstes Bedauern wachgerufen. Er
-liebte das Leben und klammerte sich mit bewunderungswürdiger
-Zähigkeit daran fest. Und wie beglückt und<span class="pagenum" id="Seite_104">[104]</span>
-dem Schöpfer dankbar er dem neuen Leben entgegenging!
-&ndash; Doch, Herr von Tiefenbach,« fuhr sie nach
-einer kurzen Pause der Sammlung in verändertem Tone
-fort, »eine Pflegerin darf nicht weich werden, sonst
-taugt sie nicht für ihr Amt. Voll Freude hatte ich dem
-Verstorbenen in seinen schweren Leidenstagen meine
-Kräfte gewidmet; er sollte nicht genesen. Jetzt gehört
-meine Kraft wieder den Lebenden!« Und mit dem
-stummen Gruße, mit dem sie sich sonst von ihm zu verabschieden
-pflegte, ging das Mädchen zu den Kranken.</p>
-
-<p>Auf Max hatte dieser Vorgang tief eingewirkt.
-Das, was er bis zu dieser Stunde nur empfunden
-hatte, war mit einem Schlage Überzeugung: in diesem
-schönen Mädchen wohnte eine herrliche Seele, auf deren
-tiefsten Grund er soeben geschaut hatte. Durch die
-wenigen Worte, die er mit dem Fräulein gewechselt,
-fühlte er sich ihr innerlich nähergerückt. Es war, als
-wenn eine hohe Schranke, die bis heute zwischen
-ihnen aufgetürmt war, von Zauberhand beseitigt
-worden sei.</p>
-
-<p>Wenn sich im Leben zwei Menschen dabei kennen
-lernen, daß ihnen ein Erlebnis von scheinbar geringer
-Bedeutung zustößt, das sie aber zwingt, sich gegenseitig
-einen vollen Einblick in das wie durch einen Blitzstrahl
-erhellte eigene Innere zu gewähren, und beide gleichzeitig
-erkennen, daß ihre Empfindungen und Anschauungen
-in der ihre Herzen berührenden Frage
-übereinstimmen, dann webt das Schicksal auch sogleich
-mit emsiger Hand geheimnisvolle Fäden von einem
-Herzen zum andern. Die Worte der Zurückhaltung und
-Förmlichkeit erscheinen ihnen nichtssagend und armselig,
-deshalb lassen sie den Zwang fallen und sprechen zueinander,<span class="pagenum" id="Seite_105">[105]</span>
-als ob sie schon seit Jahren gute Nachbarn
-wären. Und doch waren sie sich noch vor einer Stunde
-fremd und hatten sich im Leben vielleicht noch niemals
-gesehen. Das kleine Ereignis aber hat beide menschlich
-so nahe gebracht, wie sonst nur Vertraute zueinander
-stehen. Jahrelang wandeln oft zwei Menschen nebeneinander
-dahin, ohne daß sie sich bis ins Innerste des
-Herzens hinein kennen lernen. Es bedeutet mitunter
-viel, einen Menschen so zu finden, denn die in solchen
-Stunden geschlossene Freundschaft dauert nicht selten bis
-über das Grab hinaus.</p>
-
-<p>Max fühlte, daß dieser Vorfall imstande sein konnte,
-von großer Bedeutung für sein künftiges Geschick zu
-werden. Wären sie nicht feindliche Geschwisterkinder gewesen,
-so hätten sie in dem angeschlagenen vertraulichen Tone
-länger zusammen gesprochen, und des Mädchens Worte
-hätten wohl herzlicher geklungen. Aber so hatte,
-während sie miteinander sprachen, neben ihr der Schatten
-des Familienzwists, an seiner Seite der alte Haß gestanden,
-unter deren Eishauch die Herzlichkeit nach dem
-ersten Aufschäumen frostig wurde und sich alsbald in
-eine kaum zu verbergende Verlegenheit verwandelte. Und
-dadurch ward das aus dem Herzen freudig hervordrängende
-Gefühl getötet, noch ehe es der Mund in Worte
-prägen konnte.</p>
-
-<p>Und während sich Max unaufhörlich mit dem Begebnis
-am Morgen dieses Tages beschäftigte, zog in
-seiner Brust, in der bisher im Leben die widerstreitenden
-Gefühle friedlich nebeneinander geschlummert hatten, in aller
-Stille ein Sturm herauf, der den starken Mann wie ein
-schutzloses Bäumchen auf einsamer Höhe schütteln sollte.</p>
-
-<p>Der Anblick, den das Fräulein heute geboten hatte,<span class="pagenum" id="Seite_106">[106]</span>
-stand Max in plastischer Deutlichkeit vor der Seele.
-Er sah wieder ihr bleiches Gesicht mit den müden
-Augen und dem Zuge von verhaltenem Schmerz, der
-sich um ihren Mund gelagert hatte, und wenn sie sprach,
-kostete es sie sichtlich Mühe, ihre zuckenden Lippen zu
-beruhigen. Jedem anderen Menschen, dessen Seelenschmerz
-sich ihm so offenbart hätte, würde er in reicherem
-Maße Trost zugesprochen haben. Das gebot ihm
-die Christenpflicht. Und in welch raschem Flusse gleiten
-erst die Worte vom mitfühlenden Herzen, wenn es gilt,
-einen edeln Menschen zu trösten, den der Kummer durch
-selbstlose Hingabe an Unglückliche überkommen ist.</p>
-
-<p>Aber wenn immer er einem Leidenden das Herz
-erschließen durfte, hier durfte er es nicht! Diesem gemütvollen,
-erschütterten und doch willensstarken Mädchen
-gegenüber, zu dem ihn sein empfindsames Herz, ohne
-daß er widerstreben konnte, heute hingedrängt hatte,
-diesem Mädchen gegenüber mußte er seine Brust mit
-Eisen panzern. Denn sie war seine Feindin.</p>
-
-<p>Max fuhr mit der Hand über die Stirn, als
-wenn er damit alle Unruhe verscheuchen könne, die ihn
-überfallen hatte. Seine Feindin, sagte er eben? Ja,
-war sie denn wirklich seine Feindin? Konnte das blasse,
-schöne Mädchen mit dem reichen Gemüt, das seine
-Kraft so bereitwillig in den Dienst der Leidenden stellte,
-und das der Tod eines ihrer Kranken so mächtig ergriffen
-hatte, wirklich etwas getan haben, daß ein
-Mensch auf der ganzen weiten Welt sagen durfte: Seht,
-das ist meine Feindin?</p>
-
-<p>Und doch war er es, der sie Feindin nannte! Beging
-er damit nicht ein großes Unrecht? Hatte sie eine
-Mitschuld an dem ganzen unseligen Familienzwist?<span class="pagenum" id="Seite_107">[107]</span>
-Warum vergalt man ihr, was ihr Großvater versündigt
-hatte? Mußte er als Christ diese Handlungsweise nicht
-als eine schwere Versündigung an einem unschuldigen
-Menschen bezeichnen, und warum lehnte sich nicht alles
-Gute in ihm auf gegen eine solche Tat?</p>
-
-<p>Alle diese Fragen drangen zu gleicher Zeit mit
-Ungestüm auf Max ein, und sein sonst so ruhiges
-Denken geriet in arge Verwirrung. Daran, daß die
-Feindschaft, die die Freihofer gegen die Schloßleute
-unterhielten, berechtigt sei, hatte er noch nicht gezweifelt.
-Jetzt schien es ihm, als wenn eine Binde von seinen
-Augen fiele. Von allen Seiten kamen ihm plötzlich
-Zweifel über die Richtigkeit seiner tiefen Abneigung.
-Sie drangen auf seine Seele ein und vereinten sich zu
-der ernsten Anklage: Du hast denen droben auf dem
-Weißen Schlosse schon seit Jahren schweres Unrecht
-getan.</p>
-
-<p>Max wußte nicht, wie ihm geschah. War es
-möglich, daß er in Zweifelsqualen darüber geraten
-konnte, ob seine Abneigung, sein feindseliges Gefühl
-gegen die Verwandten berechtigt sei?</p>
-
-<p>Während des ganzen Tags war der Freihofer wie
-ein Träumer umhergegangen. Nach dem Mittagessen
-hatte er sich hinter die Wirtschaftsbücher gesetzt, aber
-die Arbeit wollte nicht vorwärts gehen. Der Kopf war
-ihm zu voll. Wenn er die schwarzen Zahlen betrachtete,
-schien es ihm, als wenn sie lebendig geworden
-wären, wunderliche Formen annähmen und durcheinander
-tanzten. Schrieb er sie nieder, so mußte er genau
-achtgeben, daß er nicht eine falsche Summe eintrug.</p>
-
-<p>Da wurde er mit einem Male ärgerlich, denn er
-hatte in dem neuen Hauptbuch dem Händler Kornteuer<span class="pagenum" id="Seite_108">[108]</span>
-die dreihundert Taler, die dieser noch vom Herbst her für
-Getreide schuldete, ins Haben anstatt ins Soll geschrieben.</p>
-
-<p>Ärgerlich warf Max die Feder beiseite, klappte
-das Tintenfaß heftig zu und verließ das Zimmer.
-Seine Mutter, die am großen runden Tisch stand und
-von einem dicken Ballen Leinwand Stücke abschnitt,
-um daraus Hemden für die kranken Soldaten anzufertigen,
-hielt die Schere still und sah erstaunt dem
-Sohne nach. Was war es mit ihm? Es war ihrem
-scharfen Blicke nicht entgangen, daß er bereits seit
-einigen Tagen in sich gekehrt und zerstreut war. Abends,
-wen sie sich um die Lampe versammelt hatten, war
-er einsilbig gewesen. Anfangs hatte er oft und mit lebhaften
-Worten von seinen Kranken gesprochen, jetzt berichtete
-er nur noch kurz von ihnen. War er nicht
-mehr zufrieden? Was konnte es sein, das seinen Blick
-so versonnen machte?</p>
-
-<p>Aber die Freihoferin war nicht gewöhnt, über
-kleine Veränderungen im Wesen ihres Sohnes lange
-zu grübeln. Seine Seele lag von Kindheit an wie ein
-offenes Buch vor ihr, in dem sie Tag für Tag las, und
-sie wußte genau, was auf jedem Blatte geschrieben stand.
-Deshalb ließ sie schnell diese Gedanken fallen und
-wendete die Aufmerksamkeit wieder ihrer Arbeit zu.</p>
-
-<p>Max war unterdessen über den Hof gegangen und
-in die große Scheune getreten, wo die Knechte in zwei
-Runden Weizen ausdroschen. Eine kurze Weile hielt
-er sich dort auf, dann ging er wieder zurück und
-schlenderte durch die Ställe. So lief er lange Zeit
-durch alle Wirtschaftsräume, Arbeit suchend und keine
-findend. Wenn er eine kleine Unregelmäßigkeit entdeckte,
-ward er ärgerlich und schalt die Mägde.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_109">[109]</span></p>
-
-<p>Im hintersten Stand hatte sich eine Kuh losgemacht
-und bog gerade zu einem Spaziergang in die
-Stallgasse ein, und wie er den Pferdestall betrat, fiel
-sein Blick auf die tragende Stute, deren Kette so lang
-gesteckt war, daß das Tier mit dem Maule bis zu
-dem hohen Streustroh herunter konnte und dieses
-fraß. Jeden andern Tag hätte er selbst Hand
-angelegt, um dem Mangel abzuhelfen. Heute rief er
-mit schallender Stimme nach dem Gesinde. Überall
-fand er zu verbessern und zu tadeln. Alles sah er,
-nicht die kleinste Unregelmäßigkeit entging seinem Auge.
-Und doch waren seine Gedanken nicht bei ihm, immer
-standen vor seinem Geiste die umflorten Augen eines
-schönen Mädchens.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Der kurze Januartag neigte sich seinem Ende zu.
-Max stand in der Stube an einem der Fenster, die
-nach der Straße lagen und blickte hinaus auf die beschneite
-Landschaft. Überall, wohin das Auge reichte,
-nichts als Schnee. Auf der Dorfstraße war eben der
-mit sechs kräftigen Gäulen bespannte Schneepflug vorübergegangen
-und hatte eine breite Bahn hinterlassen.
-Hüben und drüben türmte sich der Schnee hoch auf,
-der auch heute bis zum Nachmittag wieder unaufhörlich
-gefallen war. Jetzt hatte sich ein scharfer Wind
-erhoben, die oberste feine Schicht des Neuschnees vor
-sich hertreibend. Es war bitterkalt draußen, und der
-Himmel hing voll grauer Wolken. Die schwarzen Äste
-der breiten Buchen waren mit der weißen Masse dicht
-bedeckt, und jede der Zaunlatten trug ein hohes Häubchen
-davon.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_110">[110]</span></p>
-
-<p>Max beobachtete, wie sich ein einsamer Spatz dicht
-vor dem Fenster auf den Zaun niederließ. Das Tierchen
-guckte sich mit flinkem Drehen des Köpfchens nach
-allen Seiten ein paarmal um wie aber keiner von
-seinen, augenscheinlich schon zur Ruhe gegangenen
-Spießgesellen erschien, piepste es mit leiser Stimme einmal
-auf und flog dann davon. Ein winziges Häufchen
-Schnee fiel dabei vom Pfahl herunter.</p>
-
-<p>Weit und breit war nichts Lebendes zu sehen. Die
-Natur verharrte in tiefem Schweigen.</p>
-
-<p>Max sah nichts mehr von dem weißen Bilde. Er
-hatte den Kopf an die Scheiben gelegt und kühlte seine
-brennende Stirn.</p>
-
-<p>Warum, so fragte er sich heute wohl zum hundertsten
-Male, läßt man die Lebenden entgelten, was die
-Toten versündigt haben. Dann stürmten wieder bittere
-Vorwürfe auf ihn ein, und in seiner Seele stieg von
-neuem ein müdes Frauenantlitz herauf, das seine von
-langen Wimpern beschatteten Augen stumm auf ihn
-richtete.</p>
-
-<p>Da wurde der Träumende plötzlich abgelenkt.
-Vom Freihof ein Stück die Straße hinauf, drüben
-hinter dem schwarzen Dorfteich, stand ein kleines Häuschen,
-aus dessen Schornstein sich eine dünne Säule
-blauen Rauches wand. Dort wohnte eine arme, junge
-Frau, die kurz vor Weihnachten den Mann verloren
-hatte, mit ihren vier Kindern, von denen die ältesten
-zwei schwer am Keuchhusten litten.</p>
-
-<p>Aus diesem Hause trat soeben eine weibliche Gestalt
-heraus und lief mit eilenden Schritten durch den
-Schnee herüber nach der Straße. Der Wind spielte
-mit den Zipfeln des wollenen Tuches, das sie um<span class="pagenum" id="Seite_111">[111]</span>
-Brust und Kopf geschlungen hatte und versuchte, es
-ihr zu entreißen. Aber sie bemerkte seine Anstrengungen
-und wickelte sich fester in das Tuch. Max bemühte
-sich, die Näherkommende in der sich niedersenkenden
-Dämmerung zu erkennen und trat von neuem dicht
-an das Fenster. Aber ihr Kopf war sorgsam eingehüllt,
-und das Tuch ließ das Gesicht nicht frei. Jetzt
-war sie am Fenster angekommen und wollte gerade vorübereilen,
-da riß ihr ein heftiger Windstoß das Tuch
-von der Stirn. Hastig griff sie danach, um das Gesicht
-wieder zu bedecken, &ndash; aber es war zu spät.</p>
-
-<p>Max war mit einem schnellen Schritt vom Fenster
-verschwunden und zur Seite getreten. Aber er konnte
-die Augen nicht von der Gestalt losreißen, durch die
-Gardine hindurch schaute er dem rasch davon eilenden
-Weibe nach. Der kurze Augenblick, in dem ihr Gesicht
-unbedeckt gewesen war, hatte genügt, sie zu erkennen: es
-war Maria von Tiefenbach.</p>
-
-<p>Diese überraschende Entdeckung ließ die während
-des ganzen Tages in seiner Seele im Schlummer gelegene
-Erregung mit einem Schlage hoch auflodern.</p>
-
-<p>Das Mädchen, das seinen Geist in den letzten
-Wochen und besonders seit ihrer Begegnung am Morgen
-des heutigen Tages unaufhörlich beschäftigt hatte, befand
-sich jetzt plötzlich vor ihm, um freilich flüchtigen Fußes
-seinen Blicken alsbald wieder zu entschwinden.</p>
-
-<p>Da wurde dem jungen Mann seltsam zumute, und
-wie im März unter dem linden Hauche der Frühlingswinde
-die Eisdecke auf den Bächen schmilzt, so brach
-in diesem Augenblick sein ohnehin schwacher Widerstand
-jäh zusammen, und in seiner Seele stieg das heiße Verlangen
-herauf, dem Mädchen nachzueilen und es zu<span class="pagenum" id="Seite_112">[112]</span>
-zwingen, vor ihm stehen zu bleiben. War es Freude,
-sie, deren Bild ihn nie verließ, so überraschend vor sich
-zu sehen, oder war es Angst um ihre Gesundheit, die
-auf dem Spiele stand, wenn das Mädchen, nachdem sie
-wahrscheinlich ein paar Stunden bei den Kindern der
-Tagelöhnerin geweilt hatte, ins Schulhaus hinuntereilte,
-um wieder eine Nacht bei ihren Kranken zu durchwachen?</p>
-
-<p>Max stand von neuem am Fenster und sah mit
-klopfendem Herzen dem Mädchen nach. Die Wange
-an das Holz des Rahmens gepreßt, bohrte er die
-Augen in die zunehmende Dämmerung hinein, um die
-Umrisse der Verschwindenden noch zu erkennen. Da
-machte er eine unwillkürliche Bewegung und stieß mit dem
-Arm an einen Menschen. Mit einem Ruck wandte er sich
-um, &ndash; und sah sich seiner Mutter
-gegenüber. Hoch aufgerichtet, in steifer Haltung, die
-Züge wie in Stein gemeißelt, verharrte die Freihoferin.</p>
-
-<p>In tiefem Schweigen standen sich Mutter und
-Sohn gegenüber, jedes die Augen fest auf die des anderen
-gerichtet. Keines rührte sich, kein Wort klang,
-kein Versuch, auch nur die Lippen zu bewegen. Ein
-lähmendes Stillschweigen, das jetzt nach den Augenblicken
-hoher Erregung Max das Blut in den Adern fast stocken
-machte.</p>
-
-<p>Lange konnte der Sohn den Blick seiner Mutter
-aber nicht ertragen, und er senkte die Augen zu Boden.
-Die Aufwallung, die sich vor wenigen Sekunden seiner
-bemächtigt hatte, verflüchtete langsam. Es war ihm,
-als wenn der Schwindel, der ihn gepackt hatte, nun
-wieder von ihm wich. Seine Pulse flogen nicht mehr
-wie vorhin, merkwürdig rasch kam unter dem Blicke<span class="pagenum" id="Seite_113">[113]</span>
-des stummen Weibes ihm gegenüber seine kühle Überlegung
-zurück.</p>
-
-<p>Was hatte sich zugetragen? Er konnte sich auf
-diese Frage nicht so rasch die Erklärung geben. Das
-Fräulein vom Schloß war draußen vorübergegangen,
-das sich wahrscheinlich zu den kranken Soldaten begab,
-und wohin es auch gehörte, nachdem es doch einmal
-den Beruf der Pflegerin bei ihnen erwählt hatte. Und
-er war hart an das Fenster getreten, um ihre Gestalt
-mit den Blicken zu erfassen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>Mit leisem Kopfschütteln beantwortete er sich diese
-Frage, eine andere Antwort wußte er nicht.</p>
-
-<p>Was hatte ihn aus seiner Ruhe so jäh aufgejagt?
-Ihn, Max von Tiefenbach, den jungen Freihofbauern,
-der von seiner Mutter so viel kühlen Verstand geerbt
-hatte, und den man so oft um sein inneres Gleichgewicht
-beneidete?</p>
-
-<p>Max suchte vergeblich nach einer Antwort hierauf.
-Sollte er nahe daran gewesen sein, durch zwei blaue
-Mädchenaugen zum törichten Jungen zu werden,
-der stundenlang schmachtend um das Haus seiner
-Herzenskönigin schleicht, um einen Blick von ihr zu erhaschen?</p>
-
-<p>Er riß den Gedanken unwillig ab, um ihn nicht
-weiter verfolgen zu können. Da merkte er, daß ihm
-die Röte in die Schläfen stieg, und das versetzte ihn in
-Zorn. Er machte eine heftige Bewegung zum Halse,
-der wie zugeschnürt war. Mit Anstrengung gelang es
-ihm, sich zu räuspern, aber den Blick vom Boden zu
-erheben vermochte er nicht.</p>
-
-<p>Warum hatten auch die hoffärtigen Leute droben
-seine Großeltern einstens tödlich beleidigt! Solch eine<span class="pagenum" id="Seite_114">[114]</span>
-Schmach darf nie vergessen werden, und wer lebte,
-mußte entweder die Schuld der Eltern bezahlen oder
-die Schmach vergelten. Ja! Die Mutter war im Recht,
-wenn sie ihnen mit Feindschaft begegnete. Unversöhnlicher
-Haß mußte jederzeit im Herzen lodern, in
-allen Winkeln der Räume seines Besitztumes lauern,
-von den Dachbalken herabblinzeln, über den Firsten
-der Gebäude schweben, und durch alle Arbeit und alles
-Leben auf dem Freihofe mußte sein Klang zittern.
-Das hatte schon sein Großvater mit seiner Verwünschung
-besiegelt.</p>
-
-<p>Jetzt konnte Max den Blick wieder erheben und
-seine Mutter ansehen. Diese stand noch immer stumm
-vor ihm, die stahlgrauen Augen mit hartem Ausdruck
-auf den Sohn gerichtet.</p>
-
-<p>Da überlief die Greisin ein heftiges Zittern; umsonst
-versuchte sie ein paarmal, zu sprechen, bis sie
-endlich mit gepreßter Stimme, rauh hervorstieß:</p>
-
-<p>»Ich habe es ihm in der Sterbestunde geloben
-müssen, Max!«</p>
-
-<p>Nach diesen Worten wandte sie sich ab, raffte
-Brille und Gebetbuch vom Tische auf und verließ das
-Zimmer.</p>
-
-<p>Eine kurze Weile blieb Max auf seinem Platze
-stehen und sah nach der Tür, durch die die Freihoferin
-verschwunden war. Dann machte er eine kraftvolle
-Bewegung, gleichsam, als ob er eine drückende Fessel
-sprengen müsse und ging dröhnend im Zimmer auf
-und ab.</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_115">[115]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="kap06">6. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Die Bewohner Rehefelds waren eine fromme Gemeinde,
-die von ihrem geistlichen Herrn wohl behütet
-wurde. Pastor Reinerz war auf dem Dorfe alt geworden,
-und fast alle Einwohner, bis auf die Hinzugezogenen,
-hatte er dereinst aus der Taufe gehoben und
-ihnen bei der Konfirmation das heilige Abendmahl gereicht.
-Manchen Eltern hatte er ihr Liebstes mit in
-die Grube senken helfen, manch einem jungen Weibe
-durch seinen tröstlichen Zuspruch den herben Verlust des
-teuern Gatten erleichtert und, ach, im Laufe der vielen
-Jahre so vielen jungen Burschen und Mädchen die
-unvergänglichen Begriffe von Tugend und Sitte, Glauben
-und Ehrenhaftigkeit unausreißbar in die Seele gepflanzt.
-Er kannte alle wie sie im Dorf herumliefen bis ins
-Innerste ihres Herzens hinein. Und wenn sie auch
-heranwuchsen, seinem Einfluß entgingen sie doch nie.
-Wollte er einmal an einem von ihnen irre werden, so
-kehrte er im Vorübergehen bei ihm ein, senkte seine
-forschenden Augen unter den buschigen Brauen in die
-seines Gemeindekindes und wußte wieder, wie es um
-dieses stand. Wenn ab und zu einmal ein Schäflein
-vom rechten Wege abgekommen war und sich verirrt
-hatte in den anfangs so bequemen Schlingpfaden des
-Bösen, &ndash; er führte es wieder zurück und kettete es
-von neuem an sich.</p>
-
-<p>Wie war es doch damals mit Andreas und dem
-Anger-Liesel gewesen?</p>
-
-<p>Das Liesel war ein blutjunges, tugendsames Weib,
-war die Frau des schönen Andreas und trällerte vom<span class="pagenum" id="Seite_116">[116]</span>
-Morgen bis zum Abend wie eine Lerche umher und
-saß jauchzend am Lager eines lieblichen Töchterchens.
-Sie waren arme, aber sehr brave Menschen und arbeiteten
-fleißig.</p>
-
-<p>Da überfiel den Andreas mit einem Male ein
-böser Geist, und er wurde erst arbeitsscheu, dann leichtsinnig.
-Er ging oft in die Schenke, saß stundenlang
-darin und vertrank und verspielte all seinen Lohn. In
-die Kirche kam er nie mehr, und dem Pastor wußte er
-immer geschickt aus dem Wege zu gehen. Da tauchte
-das Gerücht auf, daß der Andreas es mit der rothaarigen
-Magd vom Obergut halte. Die halben Nächte
-blieb er von Hause fort, und wenn er dann endlich
-mürrisch heimkehrte, hatte er für das am Bettchen ihres
-Kindes weinende Liesel nur Scheltworte. An das
-Kind wendete er nicht einen Blick. Das junge Weib
-ließ aber in seiner treuen Liebe zu dem Manne nicht
-nach und arbeitete mit doppelten Kräften, um den Verlust,
-den sein Nichtstun mit sich brachte, so gut es ihr gelingen
-wollte wieder auszugleichen. Mit rührender
-Sorgfalt bemühte sie sich, über seine Lieblosigkeit zu ihr
-hinwegzusehen. Weit öfter als sonst richtete sie es
-behaglich für ihn ein, wie sie von früher her wußte,
-daß er’s gern mochte. Immer wieder bereitete sie ihm
-seine Lieblingsspeisen, derweilen sie sich Salz aufs Brot
-tat, um Geld für sein Mahl zu haben. Aber alles das
-half nichts. Ihr Mann wurde immer liebloser zu ihr.</p>
-
-<p>An einem schönen Frühlingstage, es war am
-Ostersonnabend, trat Andreas vor seine Frau hin und
-verlangte von ihr alles Geld, das sie besitze, um damit
-in die weite Welt zu gehen. Das junge Weib aber
-wurde bleich wie der Tod. Dann warf sie sich vor<span class="pagenum" id="Seite_117">[117]</span>
-ihm nieder und beschwor ihn und flehte ihn an, wieder
-ihr guter Andreas zu sein. Mit krampfhaften Armen
-umklammerte sie seine Knie und sah mit einem Blick
-so voll Liebe und tödlicher Angst zu ihm auf, der jeden
-andern zur Umkehr gebracht haben würde. Dem Andreas
-aber drang das herzbrechende Schluchzen und
-das tiefe Weh seines Weibes nicht zum Herzen. Mit
-einer rohen Bewegung riß er sich von der Knieenden
-los, daß das junge Weib in schwerem Fall dumpf auf
-den Boden schlug. Dann ergriff er rasch das Beutelchen,
-in dem er ihre kleinen Ersparnisse wußte und eilte aus
-dem Hause. Wie er aber auf die Straße hinaustrat,
-erschrak er doch etwas, denn vor ihm stand Pastor
-Reinerz. Mit einem scheuen Gruße wollte er an dem
-Greise vorübergehen; der aber hielt ihn auf.</p>
-
-<p>»Ah, sieh da, der Andreas,« sagte der alte Herr
-freundlich. »Nun, das trifft sich ja sehr gut. Ich war
-gerade im Begriff, Dich und das Liesel einmal zu besuchen.
-Aber da fällt mir ja ein: heute ist doch Reinmachetag.
-Da wollen wir das Liesel nicht bei ihrem
-Geschäft stören. Du gehst aber auf ein Stündchen mit
-zu mir. Wenn sich so alte Freunde, wie wir beide es
-sind, so lange nicht gesehen haben, haben sie sich mancherlei
-zu erzählen.«</p>
-
-<p>Andreas wollte trotzig vorbei, doch ein Blick aus
-des Alten Augen zwang ihn an seine Seite. Ruhig,
-aber ohne hinzusehen, ließ er es geschehen, daß Reinerz
-ihm im Weiterschreiten all die Namen der Blumen und
-Gräser nannte, die in einem großen Strauße vereinigt
-waren, den er auf den Frühlingswiesen gepflückt hatte.</p>
-
-<p>Der schwere Sturz hatte das Liesel auf ein paar
-Sekunden ihrer Besinnung beraubt. Als sie wieder aus<span class="pagenum" id="Seite_118">[118]</span>
-der Ohnmacht erwachte, schaute sie verstört um sich:
-ihr Mann war verschwunden. In namenloser Angst
-stürzte sie zum Fenster, um zu sehen, ob sie ihn entdecke.
-Da bemerkte sie zu ihrer großen Überraschung, daß er
-an der Seite des Pastors ging und mit diesem eben
-in das Pfarrhaus eintrat. Von wahnsinniger Angst
-getrieben, warf sie ein Tuch um die Schultern, streifte
-die Schuhe an und eilte, so schnell sie ihre Füße
-trugen, zum Pfarrhause. Und wie sie den Hausflur
-betrat, hörte sie drinnen im Zimmer den geistlichen
-Herrn in seiner gütigen Art auf ihren Mann einreden,
-der dabei ganz still blieb.</p>
-
-<p>Mit einem Male vernahm sie, wie der Andreas
-aufbrauste. Das Redenhören hätte er nun satt. Er
-gebe überhaupt auf die ganze Kirche nichts, und wo
-die Liebe zu seiner Frau hin sei, wisse er nicht; sie
-wäre verweht in alle Winde&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Da griff sich das junge Weib draußen im Hausflur
-mit beiden Händen jäh zum Herzen, und das rotglühende
-Gesicht in dem lauschend vorgebeugten Kopfe wurde in
-einem Augenblick fahl. Die Lippen wie im Traume bewegend,
-wandte sie sich nach der Tür und verließ mit
-leisen Schritten die Pfarre. Wie ein Gespenst schritt
-sie an den ihr entgegenkommenden, verwunderten Leuten
-vorüber, ihrem Häuschen zu. In der Stube angekommen,
-setzte sie sich müde auf die Bank am Ofen, die Füße,
-(übereinandergeschlagen) von denen die Lederschuhe
-herabglitten und auf die Diele fielen, und richtete den
-Blick dumpf vor sich nieder. Das in seinem Bettchen
-ruhig schlafende Kind sah sie nicht. So blieb sie unbeweglich.</p>
-
-<p>Von Zeit zu Zeit murmelte sie: »Er liebt dich<span class="pagenum" id="Seite_119">[119]</span>
-nicht mehr. Alles ist nun aus! Andreas, &ndash; dein
-Andreas liebt dich nicht mehr!«</p>
-
-<p>Wie lange sie so saß, wußte sie nicht; nur das
-eine wußte sie, daß der helle Glanz in ihrem Innern
-in dieser Stunde auf immer erloschen war. Sie wollte
-schreien, aber die Kehle war ihr zugeschnürt. Weinen
-wollte sie, aber ihre Augen blieben trocken. Sie hatte
-keine Tränen.</p>
-
-<p>Da hört sie mit einem Male schleichende Tritte
-im Hause, die Tür tut sich auf, &ndash; ihr Mann steht
-auf der Schwelle.</p>
-
-<p>Das Liesel schaut voll Entsetzen hin, weil sie
-glaubt, sein Geist komme zu ihr. Dann tut sie einen
-heftigen Schrei:</p>
-
-<p>»Andreas&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;!« und bleibt wie gelähmt sitzen.</p>
-
-<p>Der Mann aber auf der Schwelle, wie er das
-totenblasse Weib erblickt hat, ist wie eingewurzelt. Er
-kann nicht loskommen von diesem Platze. Da endlich
-lösen sich die Füße vom Boden. Mit weit vorgeneigtem
-Körper und erhobenen Armen kommt er, tief gebückt,
-näher, die Augen mit einem Ausdruck unaussprechlicher
-Reue starr auf das Liesel gerichtet. Die aber streckt
-die Hände nach ihm aus, um ihn zu erfassen; &ndash; da
-sinkt er vor seinem Weibe auf den Boden nieder und
-umfaßt ihre bloßen Füße, spricht aber kein Wort,
-sondern sie fühlt nur, wie er wieder und wieder seine
-heißen Lippen darauf drückt.</p>
-
-<p>»Um Gottes willen, Andreas, was tust Du da,«
-schreit das Liesel auf und will den Mann emporziehen.
-Der aber läßt sich nicht aufrichten, sondern verharrt in
-seiner Haltung, vor ihr liegend. Und zwischen seinen
-aufeinandergebissenen Zähnen drängt es sich hervor:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[120]</span></p>
-
-<p>»Nein, Liesel, wenn Du vorhin meine Knie umklammert
-hieltest, so bin ich nicht einmal wert, Dir jetzt
-die Füße zu küssen!«</p>
-
-<p>Dann saßen sie eng zusammengeschmiegt, Wange
-an Wange, lange beieinander, wie in den Tagen ihres
-höchsten Glücks. Vom Kirchlein schallte das Abendläuten
-herein, und ihre Tränen flossen jetzt reichlich.</p>
-
-<p>Seit diesem Tage schmückt das Liesel an jedem
-Ostersonnabend die Tür zur Stube des Pfarrherrn mit
-Blumen.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap07">7. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Die Kirche von Rehefeld war ein aus Sandsteinen
-errichteter, ziemlich großer Bau, durch dessen hohe, in
-spitze Bogen auslaufende Fenster das Licht ungehinderten
-Zutritt in das Innere fand. Hatte man die Schwelle
-einer der beiden Türen in der vordern und hintern
-Giebelwand überschritten, so führte, noch ehe man in
-das Innere der Kirche gelangte, auf der nördlichen
-Längsseite ein schmaler Gang um das Kirchenschiff
-herum bis zur andern Eingangstür. Von diesem Gang
-aus betraten die Tiefenbachs die für jede Familie getrennt
-eingerichtete Andachtsstube. In früherer Zeit
-war hier nur <em class="gesperrt">ein</em> Raum gewesen. Als aber der Freihof
-gebaut wurde, war das große Zimmer durch eine
-Wand in zwei Räume geteilt worden, und Herr Udo
-von Tiefenbach ließ später, nachdem seine Brüder ins
-Dorf hinabgezogen waren, den Gang durch eine Tür
-teilen, die zwischen den Eingängen der Andachtsstuben<span class="pagenum" id="Seite_121">[121]</span>
-angebracht war, und die gleichsam eine sichtbare Scheidewand
-zwischen den Familien darstellte und verhinderte,
-daß die Schloßbewohner, die den Gang nur von der
-hintern Kirchentür aus betraten und die Freihofer, die
-durch die Vordertür gingen, sich sahen.</p>
-
-<p>In der Mitte des Dachfirstes ritt ein hoher, spitzer
-Turm, in dem die Glocke hing. Das schwärzliche
-Ziegeldach war fast ganz mit Moos überwuchert und
-bezeugte das hohe Alter des Gotteshauses.</p>
-
-<p>Rund um die Kirche dehnte sich der Friedhof aus.
-Kleine, niedrige Hügel deckten die irdischen Reste der
-teuern Entschlafenen. Die meisten Gräber wurden
-durch schlichte, zum Teil schon verwitterte Holzkreuze
-geschmückt, auf denen die Namen der Verstorbenen kurz
-vermerkt standen. Hier und da gab es auch Gräber,
-die sorgfältiger hergerichtet und mit steinernen Liebeszeichen
-versehen waren.</p>
-
-<p>Die Rehefelder versäumten nicht gern die sonntägliche
-Andacht. Auch an dem heutigen Sonntag war
-das Kirchlein wieder dicht angefüllt mit der Schar der
-Andächtigen. Draußen war es noch immer kalt, und
-am Himmel hingen dicke, graue Ballen, zwischen denen
-die Sonne zeitweilig auf kurze Minuten hindurchschien.
-Dann fielen die goldenen Strahlen auf das weite
-Schneefeld, daß die Krystalle wie Millionen ausgestreuter
-Diamanten glitzerten.</p>
-
-<p>Als Max und Elisabeth in der Kirche angekommen
-waren und den Gang betreten hatten, war Maria von
-Tiefenbach gerade in ihr Betstübchen eingetreten.</p>
-
-<p>Das Hauptlied war verklungen, als Pastor Reinerz
-auf der Kanzel erschien.</p>
-
-<p>Man konnte sich keine würdigere Erscheinung eines<span class="pagenum" id="Seite_122">[122]</span>
-Seelenhirten denken, als ihn. Er hatte einen
-schweren Körper und breite Schultern, auf denen ein
-wahres Löwenhaupt saß. Der massige Kopf war mit
-einer üppigen Fülle silberner Locken bedeckt, die
-bis auf die Schultern herabhingen und bei raschen
-Bewegungen um den Kopf wallten. Von gleicher Farbe
-war der breite, prächtige Bart, der bis weit über die
-schneeigen Bäffchen hinabreichte, so daß sie nur dann
-sichtbar wurden, wenn Reinerz das Haupt zur Seite
-wandte. Seine Haltung war trotz des Alters aufrecht,
-sein Gang schwer. Die väterlich blickenden, lebendigen
-Augen leuchteten in hellem Glanze und mochten die
-Ursache sein, daß auf diesem Greisenantlitz neben dem
-Ausdruck von Milde und Herzensgüte jederzeit ein
-Schimmer jugendlichen Feuers strahlte.</p>
-
-<p>Pastor Reinerz knüpfte seine heutige Predigt an
-das Los jener Unglücklichen im Schulhause. Er hatte
-das Gleichnis vom barmherzigen Samariter gewählt,
-und mit Tönen, die den Zuhörern zum innersten Herzen
-drangen, sang er das ewige Hohelied der Liebe. Von
-der liebenden Mutter, dem unermüdlich treusorgenden
-Vater, seien die Armen einst durch alle Fährnisse der
-Kindheit geleitet worden. Neben den fröhlichen Tagen
-hätten die Eltern auch viele bange Stunden durchlebt,
-und manche Mutter habe in schweren Zeiten der Krankheit
-dem schon die Hand darnach ausstreckenden Unerbittlichen
-ihr Kind durch entsagungsvolle Pflege wieder
-abgerungen und ihm damit gleichsam zum zweitenmale
-das Leben geschenkt. Mit reicher Freude im Herzen
-hätten die Eltern die zarten Knaben zu Jünglingen
-heranwachsen sehen, bis dann mit einem Schlage die
-Freude jäh zu Leide ward, als der Kriegsruf erklang<span class="pagenum" id="Seite_123">[123]</span>
-und den Sohn seinen Eltern, den Gatten seinem Weibe,
-den Vater seinen Kindern entriß und die Zurückbleibenden
-mit großer Sorge erfüllte. Nun säßen die Verlassenen
-daheim, manche von ihnen gewiß ohne tröstenden Zuspruch,
-einsam mit ihrem Schmerze. Sie wüßten nicht,
-ob der Teure noch am Leben wäre, oder ob sein von
-den Kriegsleiden geschwächter Körper nicht vielleicht mit
-schwerer Krankheit ringe. Unter heißen Tränen des
-Dankes würden sie die Hand küssen, die seiner in Liebe
-gepflegt, oder die ihm das brechende Auge zudrückte.
-Und die wahre Nächstenliebe frage nicht, ob Freund
-ob Feind. Sie alle seien leidende, unglückliche Menschen
-und bedürften in reichstem Maße der Hilfe. Seine
-Gemeinde solle nie müde werden, mit dem Unglücklichen
-ihr Brot zu teilen. Und wenn eines von ihnen argwöhne,
-daß es schwach und lau werde bei seinem
-Samariterwerk, so sollten sich die Väter, die Mütter
-und Gattinnen in das Los derer hineinversetzen, die
-von peinvoller Angst erfaßt mit dem aufsteigenden
-Morgen voll Sehnsucht auf ein Lebenszeichen warteten,
-und die am Abend immer wieder ihre Hoffnung getäuscht
-sähen.</p>
-
-<p>Pastor Reinerz hatte eine der empfindlichsten
-Stellen im Menschenherzen berührt: die Sorge und
-Angst um das Leben eines teuern Angehörigen. Das
-Mitgefühl der Zuhörer war geweckt, und in Vieler
-Augen hatten sich Tränen gestohlen.</p>
-
-<p>Mit den letzten Worten, mit denen der würdige
-Greis seine Predigt beendigte, richtete er noch den
-zündenden Ruf an seine Gemeinde, die christliche Liebe,
-die der mächtige Beweggrund dafür sei, den leidenden
-Fremdlingen Gutes zu tun, auch täglich untereinander
-zu üben. Und er legte ihnen ans Herz, vorhandenen<span class="pagenum" id="Seite_124">[124]</span>
-Zwist zu begraben, sich auszusöhnen und einander in
-verzeihender Liebe zu begegnen. Dann genössen die
-Menschen schon hienieden das Vorgefühl der ihrer
-harrenden ewigen Freuden und erwiesen sich als getreue
-Nachfolger Christi und wert der einstigen Einkehr in
-sein himmlisches Reich.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das Schlußlied war verklungen, und die Besucher
-verließen das Gotteshaus.</p>
-
-<p>Als Max zusammen mit Elisabeth aus der Andachtsstube
-hinaustrat, fiel sein Blick auf die weit geöffnete
-Tür, die den Gang teilte, und die er noch nie anders
-als geschlossen gesehen hatte. Aber seine Überraschung
-wuchs, denn vor ihm stand Maria von Tiefenbach, die
-sie beide erwartet haben mußte. Ängstlich griff Elisabeth
-nach der Hand des Bruders, als ob sie ihn auf dieser
-Stelle festhalten wolle, während sie erstaunt auf ihre
-Freundin schaute.</p>
-
-<p>Max hatte einen Augenblick betroffen stillgestanden,
-jetzt aber machte er eine hastige Bewegung zum Gehen.
-Da vertrat ihm Maria gelassen den Weg, so daß sich
-beide dicht gegenüberstanden. Eine Sekunde tiefen
-Schweigens verstrich, dann begann Maria ohne Verwirrung
-und mit Festigkeit:</p>
-
-<p>»Unter dem tiefen Eindruck stehend, den die unmittelbar
-zum Herzen gehenden Worte unseres verehrten
-Herrn Pastors auf mich hervorgerufen haben, kann ich
-nicht anders, als annehmen, daß die Predigt auch auf
-Sie, Herr von Tiefenbach, eine große Wirkung ausgeübt
-hat. Noch nie in meinem Leben haben mich von
-der Kanzel herabgesprochene Worte so wundersam ergriffen,
-wie heute, Worte, die in meinem Innern das
-sehnliche Verlangen wachgerufen haben, meinen Teil<span class="pagenum" id="Seite_125">[125]</span>
-dazu beitragen, daß der Wille dessen, der die Sünden
-der Welt trug, erfüllt werde. Deshalb will ich den
-Augenblick nutzen, bevor mit der hohen Stimmung auch
-mein Mut dahinschwindet.</p>
-
-<p>Ich bin ein schwaches Mädchen, das plötzlich die
-wunderbare Kraft in sich spürt, sich Ihnen hier gegenüber
-zu stellen. Aber Sie haben mir vor wenigen
-Tagen durch Ihren freundlichen Trostzuspruch verraten,
-daß Sie ein edles Herz besitzen. Dieses Bewußtsein
-und eine Stimme in meinem Innern, die mir so zu
-handeln gebietet, stärken meinen Mut.</p>
-
-<p>Etwas Unnatürliches ist es, daß Menschen in
-Feindschaft leben, die einander nie etwas zu Leide
-taten. Und deshalb frage ich Sie, Herr Vetter, sind
-Sie bereit, Ihre Bemühungen mit den meinigen zu
-vereinen, um unsere Eltern miteinander auszusöhnen?«</p>
-
-<p>Die dem Mädchen innewohnende, ruhige Sicherheit
-hatte sie während dieser Rede nicht verlassen, und ihre
-Stimme hatte nicht einen Augenblick gebebt. Jetzt schwieg
-sie und wartete auf Maxens Antwort, ihre Augen
-forschend auf seinem Gesichte ruhen lassend.</p>
-
-<p>Der junge Mann stand vor Überraschung unbeweglich
-und starrte sprachlos in das schöne Frauenantlitz,
-in dem kein sichtbares Merkmal die in Marias
-Innern langsam aufsteigende, große Erregung andeutete.</p>
-
-<p>Da erhob sie ihre Stimme von neuem, die gerade
-noch so wohl lautete wie vorhin, obwohl sie jetzt leise
-zitterte:</p>
-
-<p>»Von einem unserer Familie wurde damals das
-böse Wort gesprochen, deshalb muß auch von uns aus
-das erste versöhnliche Wort fallen. Mein Großvater<span class="pagenum" id="Seite_126">[126]</span>
-hat dereinst in unbegreiflicher Verblendung die
-Seelen guter Menschen tief betrübt und erzürnt. Er
-kann uns hierüber keine Rechenschaft mehr ablegen,
-denn er steht schon längst vor einem höhern Richter.
-Kein Unrecht, das begangen wird, ist jedoch so groß,
-daß es nicht wieder gutgemacht werden könnte. Aber
-dem bittenden Munde darf auch das Wort, der heischenden
-Hand der Druck nicht versagt werden. Das Werk, das
-wir verrichten können, führt zu Herrlichem hinaus, denn
-es gilt, die Kluft zwischen den Herzen unserer Eltern zu
-überbrücken. Um das zu erreichen tut es aber not,
-daß zuerst wir beide allen Groll vergessen. Und so
-tue ich, als die Enkelin jenes Mannes, mit Freuden den
-ersten Schritt zur Versöhnung, indem ich Sie, Herr
-Vetter, bitte, das Unrecht meines Großvaters seiner
-Enkelin nicht mehr zu entgelten, sondern mir fürs Leben
-Ihre Freundschaft zu schenken.«</p>
-
-<p>Marias Stimme hatte sich mehr und mehr gesteigert.
-Eine liebliche Röte war in ihre Wangen getreten,
-und die Augen glänzten gleichsam als Widerschein
-der sie erfüllenden, feierlichen Stimmung. Und um die
-Freundschaft im Augenblick der Versöhnung zu besiegeln,
-streckte sie dem Vetter ihre Hand entgegen.</p>
-
-<p>Der aber rührte sich nicht, um die dargebotene
-Hand zu ergreifen. Er suchte nach Worten, mit denen
-er dem Mädchen sagen wollte, daß von einer Versöhnung
-zwischen ihnen niemals die Rede sein könne, aber sein
-Mund blieb stumm.</p>
-
-<p>Endlich, nach atemlosem Harren während einer
-tiefbangen Sekunde, erlosch der Glanz in Marias Augen,
-und die rosigen Wangen wurden blaß. Langsam, wie
-einst die Rechte des Herrn Oskar, als er seinem Bruder<span class="pagenum" id="Seite_127">[127]</span>
-Udo zum letzten Male gegenüberstand, sank die ausgestreckte
-Hand herab.</p>
-
-<p>Jetzt drängten sich auch die Worte im Überschwall
-auf Maxens Zunge; aber noch bevor es ihm gelang, sie
-auszusprechen, geschah etwas Unerwartetes:</p>
-
-<p>Maria richtete sich hoch auf. Mit einem Ruck
-warf sie den Kopf in den Nacken und trat ungestüm
-auf Max zu, daß dieser unwillkürlich soweit zurückwich,
-bis seine Schultern die Mauer berührten. Ihr flammendes
-Gesicht befand sich dicht vor ihm, und ihre blitzenden
-Augen bohrten sich in die seinigen. In hoher Erregung
-stieß sie die Worte hervor:</p>
-
-<p>»So soll für alle Zeiten Feindschaft zwischen uns
-bestehen? Soll das herrliche Evangelium der Liebe,
-das Christus den Menschen hinterlassen hat, für uns
-nicht gepredigt sein?«</p>
-
-<p>Aber Maxens Mund blieb dem vor Leidenschaft
-bebenden Mädchen gegenüber stumm, nur auf seinem
-Gesicht lag eine Zurückweisung.</p>
-
-<p>Da trat Maria noch näher an ihn heran, ihr
-Busen hob und senkte sich in hastiger Aufeinanderfolge.
-Max sah auf ihrem Gesicht den heftigen Kampf, der
-in ihr tobte. Die feingeschnittenen Nasenflügel zitterten
-vor Zorn, und er fühlte ihren heißen Atem auf seiner
-Wange.</p>
-
-<p>Scheu schob er sich einen Schritt an der Mauer
-hin, um sich zu entfernen. Da schrie das Mädchen im
-Schmerz laut auf, und während es noch schien, als
-wenn sie die Worte auf den Lippen zurückhalten könne,
-brach es schon von dem bebenden Munde:</p>
-
-<p>»Und wenn ich nun mit der ganzen Kraft meiner
-Seele &ndash;&nbsp;&ndash; Dich liebte, Max!?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_128">[128]</span></p>
-
-<p>Einen Augenblick lang lehnte der junge Mann
-den Kopf an die Mauer und schloß, von heftigem
-Schwindel erfaßt, die Augen. Dann hob er die Lider
-ließ einen Blick eisiger Kälte auf das Mädchen niederfallen
-und sagte in rauhem Tone:</p>
-
-<p>»Unsere Familien haben für alle Zeiten nie wieder
-etwas mit einander gemein!«</p>
-
-<p>Darauf wandte er sich trotzig ab und schritt dem
-Ausgang zu, seine verstört blickende Schwester an der
-Hand mit sich ziehend.</p>
-
-<p>Die Zurückbleibende verfolgte die Geschwister mit
-den Augen, bis sie verschwunden waren. Langsam,
-und ohne daß sie wußte was sie tat, trat Maria
-wieder in ihr Betstübchen. Eine Weile blieb sie mit
-steifem Körper mitten darin stehen, dann brachen der
-Zitternden die Knie. Sie bedeckte das Gesicht mit beiden
-Händen und legte es auf den Sitz eines der schwarzen
-Stühle. Und während das wilde Schluchzen hervorbrach,
-das ihr die Brust zu zersprengen drohte, schlangen
-sich zwei weiche Arme um ihren Hals, und die beiden
-Mädchen weinten lange zusammen.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap08">8. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Wenige Tage später wurden die Tiefenbachs durch
-einen Brief Friesens überrascht, in dem er schrieb, daß
-er, wenn auch ein wenig mitgenommen, so doch ohne
-Schaden an Seele und Körper aus Rußland zurückgekehrt
-sei. Gleichzeitig kündete er seinen Besuch an,
-und bald darauf traf er auch in Rehefeld ein und<span class="pagenum" id="Seite_129">[129]</span>
-wurde auf dem Freihofe wie ein alter, lieber Freund
-begrüßt. Trotzdem er an allen größeren Schlachten,
-in denen die Sachsen gekämpft, teilgenommen hatte,
-war er unverwundet geblieben. Aber der entsetzlichen
-Kälte hatte er, wie so viele tausend Andere, doch seinen
-Tribut zollen müssen: beide Füße waren ihm erfroren.
-Deshalb konnte er nur mit Mühe kleine Fußwanderungen
-unternehmen.</p>
-
-<p>Was er von den überstandenen Leiden der Armee
-erzählte, war so fürchterlich, daß man glauben konnte,
-eine überhitzte Phantasie trage das Entsetzlichste von
-Elend und Jammer zusammen.</p>
-
-<p>Die Soldaten hatten vor dem Sterben jegliche
-Bangigkeit verloren. Täglich hofften sie, daß ein baldiger
-Tod sie von ihren nicht endenwollenden Leiden
-erlösen würde, und wenn die Unglücklichen am Abend
-vor Hunger und Mattigkeit zusammenbrachen, trösteten
-sie einander, daß der morgende Tag die ersehnte Erlösung
-bringen müsse. Eine große Anzahl suchte das
-Ende freiwillig und fand es nur zu leicht. Die noch
-in Reih und Glied sich Haltenden liefen willenlos vorwärts.
-Wer vor Müdigkeit oder Schwäche zusammensank,
-blieb liegen; keiner kümmerte sich um den andern.
-Zu beiden Seiten der Straße lagen die Zurückbleibenden.</p>
-
-<p>Mit dem Rücken an einen dicken Baumstamm
-gelehnt, saß auf einem Stein ein eisgrauer französischer
-Oberst. Er hatte in gänzlicher Umnachtung seiner
-Sinne die dürftigen Reste seiner Uniform abgelegt und
-saß nun in der schneidenden Kälte entkleidet und sang
-mit versagender Stimme religiöse Lieder. An einer
-andern Stelle lag, zur Seite eines gestürzten, von Zeit
-Zeit noch zuckenden Pferdes, ein toter preußischer<span class="pagenum" id="Seite_130">[130]</span>
-Kürassier. Die Köpfe der beiden Kameraden waren
-eng aneindergeschmiegt. Ein Stück davon stand aufrecht
-an einem zerbrochenen Pulverkarren ein Trainsoldat,
-beide Arme auf den Munitionskasten gestützt und darauf
-den Kopf gelegt, als wenn er schliefe. Einige Soldaten
-traten hinzu, um das Holz für ihr Biwakfeuer zu
-holen. Da stieß einer von ihnen den Schlafenden an,
-daß dieser seinen Halt verlor und, ohne seine Stellung
-aufzugeben, mit den Armen unter dem Kopf der Länge
-nach hinschlug. Er war tot und so steif gefroren wie
-ein Pfahl.</p>
-
-<p>Um einen verbrannten Holzstoß, von dem nur noch
-die Aschereste übrig geblieben waren, lag und saß in
-wunderlichen Stellungen und in Gruppen vereinigt
-etwa ein Dutzend sächsischer Grenadiere. Mit dem
-verglommenen Wachtfeuer war auch ihr Lebensfunke
-erloschen. In der Asche eines andern Feuers lag ein
-Soldat, dessen beschmutzte und zerrissene Uniform, soweit
-sie noch vorhanden war, nicht mehr erkennen ließ, woher
-der Mann stammte. Er mußte sich am Abend vorher
-verzweiflungsvoll in die Flammen geworfen haben.
-Sein Kopf war schwarz wie Holzkohle und dort, wo
-ihn das Feuer erfaßt hatte, war das Fleisch bis auf
-die Knochen verbrannt.</p>
-
-<p>Wer aus dem Zuge der Marschierenden heraustrat,
-fand oft nicht mehr Willen und Kraft wieder
-vorwärts zu gehen. Wer sich auf den Grabenrand
-setzte, um nur wenige Minuten auszuruhen, wurde leicht
-von der unwiderstehlichen Müdigkeit überwältigt und
-verfiel in bleiernen Schlaf, aus dem er nicht wieder
-erwachte.</p>
-
-<p>Der Hunger war gräßlich. Zuerst wurden die<span class="pagenum" id="Seite_131">[131]</span>
-gestürzten Pferde verzehrt, später tötete man die lebenden
-und aß sie auf. Ihr Blut wurde begierig aufgesogen,
-um den brennenden Durst zu stillen. Als es keine
-Pferde mehr gab, aß man die ekelerregendsten Dinge.
-Wasser war selten zu bekommen, deshalb verschluckte
-man Schnee, der den Durst nur noch steigerte.</p>
-
-<p>Der Kälte konnten sich die Unglücklichen kaum noch
-erwehren, da die Uniformen zu dünn waren und bald
-zerfetzten. Wer eine Decke, ein Tuch, selbst Frauenkleider
-bekommen konnte, schlang sie um die Blößen.
-Die Schuhe zerweichten in dem tiefen Schnee, durch
-den man täglich waten mußte. Dann wurden die mit
-brandigen Wunden bedeckten Füße mit Lumpen umhüllt
-und diese mit Stricken festgehalten.</p>
-
-<p>Während der Nacht steigerte sich die Kälte. Wer
-am Wachtfeuer lag, dem konnte es passieren, daß die
-Schuhe verbrannten, während ihm am anderen Morgen
-Ohren, Nase und Wangen erfroren waren. Gar mancher
-von denen, die sich am Abend niederlegten, stand
-nicht wieder auf.</p>
-
-<p>Auf den weiten Schneefeldern Rußlands lag die
-Blüte der Völker Europas im ewigen Schlaf! Lautlos
-deckte sie das flockige Leichentuch zu und begrub Freund
-und Feind unter sich. Viele tausend lebensfroher
-und kraftstrotzender Männer haben dort frühzeitig ihr
-Knie gebeugt vor der Majestät des Todes, und dem
-Zuge der Lebenden jagten Krankheit, Mutlosigkeit und
-Verzweiflung wie wilde Furien hinterdrein und peitschten
-die Unglücklichen so grausam, daß ihre Reihen immer
-lichter wurden.</p>
-
-<p>Friesen befand sich in großer Verstimmung gegen
-den Kaiser, dem er alle Schuld an dem fürchterlichen<span class="pagenum" id="Seite_132">[132]</span>
-Elend zuschob. Er erzählte, wie sich in Dresden insgeheim
-unter den Offizieren eine Partei gebildet habe,
-die nichts anderes bezwecke, als den König vom Kaiser
-Napoleon loszureißen. Der Monarch solle, so wünschten
-diese Patrioten, die Fesseln brechen, die ihn an den
-Kaiser ketteten. Sie wollten ihm freie Wahl schaffen,
-ob er weiterhin dem Kaiser seine Unterstützung gewähren,
-oder ob er seine Truppen von den Franzosen zurückziehen
-wolle.</p>
-
-<p>Den Bemühungen dieser Partei wurde aber wenig
-Beachtung geschenkt. Der König selbst war weit davon
-entfernt, in dem Gottesgericht in Rußland eine Mahnung
-zu erkennen und sein Verhalten gegen den Kaiser
-ernstlich zu prüfen. Er war in großer Sorge, daß
-sein Schmerzenskind, das Herzogtum Warschau, in der
-hereinbrechenden Verwirrung ihm verloren gehen könne.
-Deshalb erließ er in Polen Aufrufe, die sich aber bald
-als nutzlos erwiesen, und die in dem Minister Senfft
-den nicht zur Ausführung gekommenen Gedanken reifen
-ließen, England für die Aufrechterhaltung des Herzogtums
-zu interessieren.</p>
-
-<p>Die Erkenntnis aber, daß König und Regierung
-seit Jahren eine falsche Politik getrieben hatten, deren
-verhängnisvolle Folgen sich in nicht zu ferner Zeit erweisen
-würden, schlug in dem sächsischen Volke immer
-tiefer Wurzel. Hier und da erhoben Männer, die mit
-seherischem Blick in die Zukunft schauten, warnend ihre
-Stimmen und verlangten, daß der König die Kriegsmüdigkeit
-des Landes Napoleon auf das entschiedenste
-darstellen solle.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_133">[133]</span></p>
-
-<p>Niemand im Dorfe beobachtete die politischen Vorgänge
-mit so großer Aufmerksamkeit, wie Konrad Hartmann.
-Jede Nachricht, die er über den Kaiser und die
-Ereignisse in Dresden bekam, erregte sein Interesse, und
-um Neuigkeiten zu erfahren, ritt er zuweilen weit über
-Land in die Nachbardörfer oder fuhr im leichten Schlitten
-nach Leipzig hinein. Es war ja Winter, und deshalb
-bot der Hof nur wenig Arbeit. In der Scheune waltete
-der alte Knecht, und die Sorge um die Wartung des
-Viehs ließ sich die Mutter einmal nicht nehmen.</p>
-
-<p>Besonders begierig war Konrad Hartmann darauf,
-Nachrichten aus Berlin zu erhalten. Dort gährte es
-gewaltig, denn man ahnte, daß der Jahreswechsel einen
-Wendepunkt von ungeheurer Wichtigkeit für die Geschicke
-der geknechteten Völker bedeute. Seitdem der
-preußische General York am 30. Dezember in Tauroggen
-den Neutralitätsvertrag mit den Russen abgeschlossen
-hatte, waren viele unerschrockene Männer im verborgenen
-an der Arbeit, Stimmung für eine Erhebung Preußens
-zu machen.</p>
-
-<p>Da faßte Konrad den Gedanken, nach Dresden zu
-gehen, um sich der nationalen Bewegung anzuschließen,
-die, wie er wußte, auch schon dort Wurzel geschlagen
-hatte. Freilich war die Begeisterung an der Elbe nur
-wie ein mattbrennendes Talglicht, im Vergleich zu den
-kaum noch niederzuhaltenden Flammen in Preußens
-Hauptstadt.</p>
-
-<p>Dem Sachsen der damaligen Zeit wird nicht mit
-Unrecht der Vorwurf gemacht, daß trotz fortwährender
-Vorstellungen aus Berlin, die Erkenntnis des günstigen
-Zeitpunkts einer Erhebung und eines Zusammenschlusses
-der deutschen Stämme nur mit dem Geschwindigkeitsmaß<span class="pagenum" id="Seite_134">[134]</span>
-der Schnecke in ihm reifte. Und als das sächsische
-Volk endlich und viel zu spät von der Einsicht durchdrungen
-war, daß es nunmehr an der Zeit sei, das
-unwürdige Joch abzuschütteln und sich von den Sklavenketten
-zu befreien, da fanden die Rufe, die es an seine
-Führer richtete, kein Gehör. König und Regierung
-überboten sich darin, dem Kaiser ihre Ergebenheit zu
-versichern und sich in der Ausführung seiner nur schlecht
-in Wünsche gekleideten Befehle zu überstürzen.</p>
-
-<p>Konrad hatte in den letzten Tagen über die Stimmung
-in Dresden genaue Nachrichten erhalten. Er wußte
-auch, daß die sächsische Polizei, verstärkt durch eine
-große Anzahl französischer Geheimagenten, scharf aufpaßte
-und schon manchen Patrioten hinter feste Mauern
-gebracht hatte.</p>
-
-<p>Die Unsicherheit in der Hauptstadt bewog ihn zuletzt,
-vorläufig noch abzuwarten, wie sich die nationalen
-Kreise in Dresden der Berliner Bewegung gegenüber
-verhalten würden.</p>
-
-<p>Zudem bewahrte Konrad ein tiefes Geheimnis in
-seiner Brust, das er noch keinem Menschen offenbart
-hatte, und das ihn so im Bann hielt, daß, je länger
-er es mit sich herumtrug, sein Geist von den politischen
-Vorgängen immer mehr und mehr abgelenkt wurde.
-Durch das öftere Verweilen auf dem Freihofe während
-seiner Kindheit, war er mit allen seinen Bewohnern
-und insbesondere mit Elisabeth in enge Berührung getreten.
-Die liebliche Zartheit des Mädchens hatten ihn,
-den sonst nur für bäuerische Derbheit und strotzende
-Gesundheit bis an die Grenze des Ungeschlachten empfindsamen
-Sohn des Bauern von Rabenstein, wundersamerweise
-in Fesseln geschlagen. Er konnte sich keine<span class="pagenum" id="Seite_135">[135]</span>
-Rechenschaft darüber geben, wie es kam, daß dieses
-zierliche Geschöpf mit der ausgelassenen Lustigkeit und
-dem Lachen eines übermütigen Kindes einen solchen
-Eindruck auf ihn machte, da er doch von Natur aus
-einer ernsten Lebensauffassung zuneigte.</p>
-
-<p>Seit länger als einem Jahre schon war er aber
-davon überzeugt, daß das Gefühl, das er für Elisabeth
-empfand, nichts anderes war, als eine tiefe, sein ganzes
-Herz ausfüllende Liebe. Den Gedanken, sie zu seinem
-Weibe zu machen, hatte er, so oft er sich auch in seine
-Seele gestohlen, immer wieder zurückgedrängt. Eine
-Bäuerin, wie sie auf dem Rabensteiner Hof schalten
-mußte, besonders wenn seine Mutter nicht mehr war,
-konnte aus dem Mädchen nie werden; das wußte er.
-Allein diese Einsicht war es nicht, die ihn hinderte,
-Elisabeth als Weib neben sich zu träumen und auch
-nicht der Umstand, daß es für den Besitzer eines
-kleinen Hofes eine Vermessenheit war, auf dem größten
-Gute weit und breit anzuklopfen und um die einzige Tochter
-zu bitten.</p>
-
-<p>Das, was ihn bisher seine Liebe als aussichtslos
-hatte erscheinen lassen, waren vielmehr die quälenden
-Zweifel, ob das zarte Pflänzchen im Schatten des
-knorrigen Eichbaums auch gedeihen werde, ob das kindliche
-Mädchen mit dem lebhaften, silberhellen Lachen an
-der Seite des in sich gekehrten Mannes glücklich werden
-könne. An ihm solle es ja gewiß nicht fehlen! Er war
-bereit, die Steine von ihrem Erdenpfade aufzulesen, daß
-ihr zarter Fuß sich nicht verletze, und seine Arme waren
-stark genug, sein Weib zu umfangen und so hoch empor
-zu heben, daß der Strom des Mühsals unter ihr hinwegflösse
-und kein irdisches Weh bis zu ihr heraufreiche.<span class="pagenum" id="Seite_136">[136]</span>
-Aber der allzeit ohne Überschwang denkende Mann verhehlte
-sich dabei nicht, daß ihre Naturen doch recht verschieden
-waren.</p>
-
-<p>Um seinem gequälten Herzen Ruhe zu verschaffen,
-beschloß Konrad, sich seiner Mutter zu entdecken.</p>
-
-<p>Eines Abends saßen wieder Mutter und Sohn
-wie immer einander gegenüber. Sie drehte unermüdlich
-den blonden Flachs über die schnurrende Spindel und
-betrachtete mit scharfem Auge den sich hurtig abwickelnden
-Faden. Konrad hatte den Kopf in beide
-Hände gestützt und las in einem Buche mit vergilbten
-Blättern in starkem Schweinsledereinband, wie sich in
-grauer Vorzeit die Bewohner Athens der gleich Heuschreckenschwärmen
-gegen sie heranziehenden Scharen der
-Perser erwehrten. Schon an die fünfzig Male hatte
-der Jüngling wohl diese Schilderung gelesen und wie
-oft geseufzt, wenn er daran dachte, was vor mehr als
-zweitausend Jahren ein kleines Volk vollbracht hatte.
-Heute war alle Begeisterung tot. In dumpfem Brüten
-schritten starke Völker ihre Straße dahin, die Füße
-mit klirrenden Ketten gefesselt und auf dem
-Rücken die Peitsche des Eroberers fühlend. Hier und
-da nur sah man, wie einem in dem großen Zuge das
-Auge rollte, vernahm man ingrimmige Verwünschungen
-und ohnmächtiges Zähneknirschen.</p>
-
-<p>Unwillkürlich stieß Konrad das Buch von sich und
-versank in tiefes Sinnen.</p>
-
-<p>Aber nicht mehr im grauen Altertum weilten seine
-Gedanken. Er sah vielmehr eine lichte Mädchengestalt
-mit zwei langen, aschblonden Zöpfen, die durch die
-raschen Bewegungen lustig um die Schultern ihrer
-Herrin flogen, hörte nur zwei trippelnde Füßchen und<span class="pagenum" id="Seite_137">[137]</span>
-ein glockenreines Lachen. Da atmete Konrad tief auf,
-daß seine Mutter den Blick von dem schnurrenden Rade
-erhob und forschend auf den Sohn richtete.</p>
-
-<p>Lange Minuten blieben ihre Augen auf ihm haften,
-unterdessen sie das Spinnrad vergaß, daß es nur noch
-langsam weiterlief, bis es endlich stillstand.</p>
-
-<p>Ihre Gedanken flogen vom Sohn zurück zu seinem
-verstorbenen Vater, dem er immer ähnlicher wurde.
-Derselbe starke Wille, den jener besessen, zeigte sich bei
-ihm immer deutlicher. Ein Hindernis in der Ausführung
-seiner Pläne hatte der Vater nicht gekannt.
-Starrköpfig war er durchs Leben gegangen mit seinem
-abstoßenden Wesen und dem doch so trefflichen Herzen.
-Die Leute mochten ihn nicht gern, weil er so arg mit
-Worten geizte; deshalb vermieden sie seine Begegnung.
-Immer mehr insichgekehrt wurde er, bis er zuletzt
-menschenscheu geworden war.</p>
-
-<p>Jetzt hob Konrad den Kopf von den beiden
-Fäusten, die ihn stützten, und seine Augen begegneten
-denen der Mutter.</p>
-
-<p>»Mutter,« sagte er, »warum siehst Du mich so
-starr an?«</p>
-
-<p>»Du hast schwer geseufzt, mein Junge,« antwortete
-sie, »was fehlt Dir?«</p>
-
-<p>Da sah Konrad von seiner Mutter weg und ließ
-den Blick wieder vor sich hinfallen.</p>
-
-<p>»So, also geseufzt habe ich? Das tun, wie man
-spricht, gern Verliebte&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;, nun, da sage ichs
-nur gleich frei heraus, Mutter, ja ich bin verliebt!«</p>
-
-<p>Und mit fliegendem Atem, gleichsam als dränge
-es ihn, nun, nachdem das Geheimnis offenbart war,
-seine Seele von allem, was sie bedrückte, zu entlasten,<span class="pagenum" id="Seite_138">[138]</span>
-sprach er von seiner tiefen Liebe zu der Schwester
-seines Freundes.</p>
-
-<p>Ohne ein Zeichen der Überraschung zu geben,
-hatte die Mutter dem Sohne zugehört. Nun sagte
-sie leise:</p>
-
-<p>»Ich habe dies alles ja schon längst gewußt,
-Konrad. Denn an Deinem Vater habe ich es gelernt,
-in der Seele eines verschlossenen Menschen zu lesen.
-Hast Du dem Mädchen Deine Liebe gestanden?«</p>
-
-<p>»Sie ahnt nichts. Und hätte ich es tun können?
-Bedenke doch, welch ein Kind Elisabeth noch ist. Sie
-würde es kaum für Ernst genommen haben, wenn ich
-gesprochen hätte.«</p>
-
-<p>»Du hast recht,« versetzte die Mutter, »dem Kinde
-darfst Du vorerst nichts davon sagen. Aber mit Elisabeths
-Mutter mußt Du alsbald sprechen, das wird
-verständig sein. Die Freihoferin ist eine kluge Frau
-und schätzt Dich.«</p>
-
-<p>Hier schwieg Konrad eine Weile. Dann sprach er
-mit benommener Stimme:</p>
-
-<p>»Aber denkst Du, Mutter, daß ich es tun darf?
-Es ist ein gewagtes Ding, den Rabensteiner Hof mit
-dem Freihof zu versippen!«</p>
-
-<p>»Du Narr,« fuhr da die Alte auf und machte
-eine heftige Bewegung, daß sie die untätig im Schoß
-liegenden Hände auseinanderriß, und sie beinahe den
-Spinnrocken noch umgestoßen hätte. »Wohin ist denn
-Dein Stolz? Denkst Du, daß die Alte auf dem Freihofe
-ihr Kind dem verschachern wird, der ihm die
-meisten Hufe und das weiteste Ackerland bietet? Sie
-würde Dir’s danken, wenn sie wüßte, wie Du sie einschätzest.
-Freilich ist der Besitz am Rabenstein nicht<span class="pagenum" id="Seite_139">[139]</span>
-groß und nicht zu vergleichen mit dem der Tiefenbachs.
-Doch wissen’s alle,« setzte sie mit Befriedigung hinzu,
-»daß es eine saubere Wirtschaft ist, und daß unser
-kleines Land zu den besten der Umgebung gehört. Aber,
-papperlapapp, was reden wir da für unnützes Zeug.
-Du wirst rasch handeln, wie Du es sonst tust. Geh
-alsbald hinab zur Mutter des Mädchens, das Du liebst,
-und schütte ihr Dein Herz aus.«</p>
-
-<p>Darauf blieben die beiden noch eine Weile beieinander
-sitzen. Die Mutter wandte sich von neuem
-zum Spinnrad, ordnete mit flinker Hand die leicht in
-Verwirrung gekommenen Fäden und legte die volle
-Strähne wieder fest auf das sich unruhig bewegende
-Rad. Bald darauf schnurrte dies wieder lustig, und die
-Alte sah wie vorhin aufmerksam auf den sich abwickelnden
-Faden.</p>
-
-<p>Konrad aber betrachtete mit zerstreuten Blicken die
-leicht vornübergebeugte Gestalt seiner Mutter und wollte
-bemerken, daß der Knoten, der von dem schlicht zurückgestrichenen,
-grauweißen Haar auf dem Hinterkopfe gewunden
-war, eigentlich recht klein geworden war, und
-daß die Linien des sich ihm von der Seite darbietenden
-Gesichts und des Halses doch sehr scharf hervortraten.
-Aber so recht zum Bewußtsein kam ihm dies
-nicht. Sein Blick richtete sich nach innen, und er vergaß
-seine Umgebung.</p>
-
-<p>Da stand er plötzlich vom Tische auf, klappte das
-Buch mit der Beschreibung der Freiheitskämpfe des
-Griechenvolks im Altertum nachdrücklich zu und stellte
-es auf das Wandbrett, wo auch die andern Bände
-seiner kleinen Hausbibliothek standen. Dann nahm er
-noch einmal die gequetschte und mit nasser Leinwand<span class="pagenum" id="Seite_140">[140]</span>
-umwickelte Pfote des am Ofen schlafenden Spitzes in
-die Hand und war befriedigt, daß er sie nicht heiß
-fand. Sodann verließ er mit einem kurzen Gutenachtgruß
-das Zimmer.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap09">9. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Noch immer hielt die grimmige Kälte an, und der
-Schnee lag hoch aufgeweht auf der weiten Fläche. Ein
-Tag nach dem andern schlich trübe und grau dahin;
-kein freundlicher Sonnenstrahl schien auf die Erde herab.
-Die Leute kamen während des kurzen Tages kaum
-einmal aus ihren Häusern heraus. Das bißchen Arbeit,
-das in der Scheune verrichtet werden mußte, wurde am
-Vormittag getan. Im übrigen aber ließ man die sonst
-so arbeitsamen Hände ruhen, saß nebeneinander auf
-der geräumigen Bank, rund um den behagliche Wärme
-verbreitenden Ofen, und sah durch die leicht mit Eisblumen
-geschmückten Fensterscheiben hinaus in die winterliche
-Landschaft. Der Abend brachte endlich wieder eine
-Unterbrechung: man eilte in die Ställe und besorgte
-das Vieh. Dann aber saßen sie wieder beisammen und
-sprachen von der alten Ernte und von der neuen, vom
-Kriege und von Weihnachten, zählten zum hundertsten
-Male auf, wer im verflossenen Jahre im Dorfe und
-in der Umgebung, soweit man sie kannte, gestorben und
-wem ein kleines Kindlein beschert worden war. Zuletzt
-kamen sie bei der Politik an, die seit Menschendenken<span class="pagenum" id="Seite_141">[141]</span>
-den Männern einen bequemen und ausgiebigen Gesprächsstoff
-geliefert hat.</p>
-
-<p>Wenn nur der Kaiser seine neue Armee erst wieder
-aus Paris würde heranführen, dann mochte man Untertan
-aller Herren Länder sein, bloß kein Russe, denn
-denen würde er die Leiden seiner Soldaten schon vergelten.
-Übrigens würde nicht eher dauernder Friede
-im Lande herrschen, ehe nicht der Kaiser die Preußen
-wieder einmal empfindlich gestraft haben würde. In
-Berlin sollte es ja recht schön zugehen. Auf jedem
-Schneehaufen lägen erschlagene Offiziere und Bürger,
-und der König Friedrich Wilhelm hätte einen italienischen
-Zigeuner überredet, daß er den Kaiser vergiften
-solle.</p>
-
-<p>Wie friedlich war’s dagegen doch in Dresden!
-Dort gab es kein Lärmen, aufhetzendes Gerede oder
-Fäusteballen. Und tat dies doch einmal einer, so verschwand
-er, wie es sich geziemte, ohne Geräusch und
-spurlos von der Bildfläche. Ja, in dem lieben, guten
-Dresden herrschte eben wie immer Ordnung! Die Minister
-waren so klug, sich Watte in die Ohren zu stopfen,
-wenn ihnen von geheimen Boten aus Berlin etwas
-zugeflüstert wurde, und der gute König ließ das im
-vergangenen Jahre vor Ankunft des Kaisers im Innern
-neu hergerichtete Schloß wieder sauber machen und
-zählte ungeduldig die Tage bis zu der vermeintlichen
-Wiederkunft des kaiserlichen Freundes. Also nach
-dieser Seite hin war im Lande der Ausblick erfreulich&nbsp;…</p>
-
-<p>So erzählten sich die biedern Rehefelder Abend
-für Abend die haarsträubendsten Geschichten von den
-Dingen, die mit dem kommenden Lenze anheben sollten.<span class="pagenum" id="Seite_142">[142]</span>
-Und wie es sich auf diesem abgelegenen Dörfchen zutrug,
-genau so geschah es allüberall unter den Untertanen
-des Königs, der die grüne Raute im Schilde
-führt. Die beginnenden Wehen der großen Zeit wurden
-allerwärts in den deutschen Landen verspürt, nur innerhalb
-der weißgrünen Grenzpfähle merkte man nichts
-von ihnen. Das am Himmel leise heraufkommende
-Morgenrot der deutschen Freiheit sahen sie nicht, erst
-mußte das ganze Firmament blutigrot leuchten, als
-Widerschein der urgewaltig auflodernden Flammen. Und
-dann war es zu spät.</p>
-
-<p>Die Schneewolken hingen tief herab und machten
-die kurzen, lichtarmen Wintertage traurig und düster.
-Weit finsterer war es aber in den Köpfen vieler
-Menschen.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Die Freihoferin saß, vor sich hinbrütend, auf ihrem
-gewohnten Platze am runden Tische, als es an der Tür
-klopfte, und gleich darauf Konrad ins Zimmer trat.</p>
-
-<p>Frau von Tiefenbach fuhr aus ihren Gedanken
-auf und sah zerstreut auf den Ankommenden.</p>
-
-<p>»Guten Tag, Bäuerin,« grüßte Konrad und zog
-mit umständlicher Bewegung die Tür hinter sich fest
-ins Schloß.</p>
-
-<p>»Willkommen, Konrad,« klang es zurück. »Es ist
-mir lieb, Gesellschaft zu bekommen, denn die Kinder
-sind mit dem Schlitten draußen. Kurz nach Mittag
-sind sie fortgefahren, und ich erwarte sie bald zurück.
-Wie geht es der Mutter?«</p>
-
-<p>»Ich danke für die gute Nachfrage, sie ist wohlauf
-und läßt Grüße bestellen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[143]</span></p>
-
-<p>Mit diesen Worten war der Rabensteiner, der
-alten Frau zunickend, zu dem mächtigen Ofen getreten
-und legte mit Behagen die erstarrten Hände daran.</p>
-
-<p>Dann blieb es eine kurze Weile still. Draußen
-begann sich allmählich die Dämmerung herabzusenken
-und erfüllte das Zimmer mit unsicherm Licht.</p>
-
-<p>Die Freihoferin sah nach dem Fenster, dann warf
-sie, als das Schweigen andauerte, einen raschen
-Blick zu dem Mann hinüber, der sich stumm
-am Ofen zu schaffen machte und nicht von den großen,
-braunen Kacheln aufschaute.</p>
-
-<p>Noch immer die Hände reibend, hob Konrad endlich
-an:</p>
-
-<p>»Wie lange wird’s noch so gehen? So lange ich
-denken kann, hatten wir noch keinen solchen anhaltenden
-Winter. Wenn es doch bald besser werden wollte. Ich
-wünschte, der viele Schnee verschwände mit einem
-Male.«</p>
-
-<p>»Ich fürchte mich vor einem plötzlichen Temperaturwechsel
-bei solch einem Schneereichtum,« versetzte Frau
-von Tiefenbach. »Schnelles Tauwetter bringt zuweilen
-Gefahren.«</p>
-
-<p>»Das ist freilich richtig,« antwortete Konrad
-einsilbig.</p>
-
-<p>Eine Pause entstand.</p>
-
-<p>»Was man von Berlin hört, ist recht erfreulich,«
-begann er wieder. »Gebt acht, wenn uns Heil widerfahren
-soll, kommt es von der Spree her. Bei uns
-sind doch alle nur Nachtmützen.«</p>
-
-<p>»Du hast Recht, Konrad. Hierzulande ist man
-schläfrig und denkfaul. Soviel Schnee draußen liegt,
-so viel müßiges Geschwätz ist in der Leute Mund.<span class="pagenum" id="Seite_144">[144]</span>
-Aber vernünftig denken oder gar erst handeln tut
-keiner.«</p>
-
-<p>Der am Ofen gab keine Antwort, aber er rieb
-und knetete seine Hände, daß die Finger krachten.</p>
-
-<p>Wieder gab es eine Pause.</p>
-
-<p>Die Erwartung der Freihoferin stieg immer höher,
-aber sie verriet mit keinem Zeichen ihre Ungeduld.
-Nur mußte sie mehr als einmal verstohlen hinübersehen,
-nach dem jungen Mann, der ihr heute so seltsam
-erschien.</p>
-
-<p>Da wandte sich Konrad plötzlich um und trat zum
-Tische. Mit einer ungeduldigen Bewegung zog er
-einen der schweren Stühle vor sich hin, beugte sich
-weit über die hohe Lehne und sah der Freihoferin mit
-unsicherm Blick in das Gesicht.</p>
-
-<p>Langsam und mit belegter Stimme, gleichsam die
-Worte abzählend, sprach er dann:</p>
-
-<p>»Bäuerin, ich muß Euch um etwas fragen. Seit
-mehr als einem Jahr schon liegt es mir auf der Brust
-und preßt mir fast das Herz ab. Jetzt kann ich es
-aber nimmer ertragen. Sagt, Freihoferin, wollt Ihr
-mir Euer Liebstes, das Ihr habt, anvertrauen? Ich
-verspreche Euch&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Hier brach Konrad ab. Er wollte zwar mehr
-sprechen, aber die Worte erstarben ihm auf der Zunge,
-bei dem Anblick, den die Frau vor ihm bot.</p>
-
-<p>Das Gesicht starr wie aus Stein, die Lippen, aus
-denen jeder Blutstropfen gewichen war, fest aufeinandergepreßt,
-und den Blick auf den Boden geheftet, saß die
-Freihoferin unbeweglich im Stuhle, den einen Arm
-schwer auf den Tisch stützend.</p>
-
-<p>Zwei, drei Sekunden vergingen in diesem Schweigen.<span class="pagenum" id="Seite_145">[145]</span>
-Dann schob Konrad den Oberkörper weit vornüber,
-daß sein Mund sich dicht vor dem Gesicht der
-Freihoferin befand. Er wußte die Veränderung der
-Greisin nicht zu deuten, deshalb begann er von neuem
-und stieß mit gepreßter Stimme die Worte hervor:</p>
-
-<p>»Ich besitze nicht viel, was ich Euerm Kinde bieten
-könnte. Ihr wißt, der Rabensteiner Hof ist eng und sein
-Ertrag klein. Aber wenn’s Euch gefällt zu hören, so
-verrate ichs Euch, der Mutter, daß ich Euer Kind liebe
-aus der tiefsten Stelle meines Herzens heraus und
-daß ich sein Leben und Glück behüten würde wie einen
-kostbaren Schatz, den mir die Engel vom Himmel herab
-in mein Heim getragen haben!«</p>
-
-<p>In überschäumender Leidenschaft hatte der Mann
-diese Worte ausgesprochen und seine ehrlichen Augen
-fest auf die Freihoferin gerichtet.</p>
-
-<p>Aber die Greisin rührte sich nicht, hob nicht einmal
-den Blick, um ihn dem Bittenden zu gönnen.</p>
-
-<p>Da schlug der junge Mann die Augen nieder und
-langsam, als ob es ihm Schmerzen bereite, richtete er
-sich aus seiner vornübergebeugten Haltung auf und trat
-einen Schritt zurück.</p>
-
-<p>Dann sprach er mit unsäglich bitterm Auflachen:</p>
-
-<p>»Da hätte mich die Mutter nicht zu schelten
-brauchen, als ich die Befürchtung aussprach, daß zum
-Brautwerber auf dem Freihofe der Rabensteiner zu
-gering sein würde!«</p>
-
-<p>Bei diesen Worten machte die Freihoferin eine
-matte Bewegung, als wenn sie Konrad am Weitersprechen
-hindern wollte. Doch der warf trotzig den Kopf in
-den Nacken, griff nach der Mütze und wandte sich zur<span class="pagenum" id="Seite_146">[146]</span>
-Tür. Da drangen ihm in scharfem Tone die Worte
-ins Ohr:</p>
-
-<p>»Konrad, bleib und setze Dich zu mir!«</p>
-
-<p>Diese Aufforderung hatte so gebieterisch geklungen,
-daß der junge Mann nicht wagte, sich zu entfernen.
-Er trat wieder zum Tische und nahm der Greisin gegenüber
-Platz.</p>
-
-<p>Noch immer in tiefer Bewegung, aber äußerlich
-gefaßt, begann die Freihoferin:</p>
-
-<p>»Ich habe Deinen Vater gekannt, Konrad, er war
-ein Ehrenmann. Deine Mutter ist meine Freundin,
-und Dich habe ich schon liebgewonnen, wie Du als
-Knabe im Ziegenbockwägelchen durchs Dorf kutschiertest.
-Ich kenne Dich besser als Du meinst und wüßte für
-meine Tochter weit und breit keinen bessern Freier als
-Dich. Und doch kannst Du nicht mein Eidam sein, wie
-es überhaupt niemand werden kann.«</p>
-
-<p>Die Freihoferin lehnte sich in den Stuhl zurück,
-als wenn sie einer Schwächeanwandlung folgen müsse.
-Nach einigen Augenblicken aber raffte sie sich wieder
-auf und sprach mit leiser Stimme:</p>
-
-<p>»Höre zu, Konrad, was ich Dir sage. Du und
-kein anderer wärst mein Tochtermann geworden, wenn
-nicht eine höhere Macht, der wir uns demütig beugen
-müssen, es anders wollte. Was ich Dir jetzt anvertraue,
-weiß nur ich, und niemand ahnt das Entsetzliche.
-Ich allein wollte den Gram bewahren, bis es offenkundig
-werden muß. Dir gegenüber aber muß ich reden.
-Es kann Dir wie allen andern nicht verborgen geblieben
-sein, daß Elisabeth eine schwache Gesundheit besitzt und
-seit Jahren kränkelt. Sie ist aber leidender als sie
-und alle, die sie kennen, ahnen. Meinem Blick ist es<span class="pagenum" id="Seite_147">[147]</span>
-nicht entgangen, daß ihre von allen Ärzten als unheilbar
-bezeichnete Krankheit in den letzten beiden Jahren
-rasche Fortschritte gemacht hat, und eine innere Stimme
-raunt mir schon zu, daß ich das Kind nicht mehr lange
-besitzen werde. O, &ndash; mir bangt so unsagbar vor dem
-Herbste&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Die Freihoferin hielt inne, um ihre Bewegung
-niederzukämpfen. Dann wollte sie weiter sprechen, aber
-ihre Stimme versagte. Sie lehnte ihr Haupt wieder
-an die Stuhllehne zurück und bedeckte das Gesicht mit
-der Hand.</p>
-
-<p>Konrad hatte der Greisin lautlos zugehört; jedes
-ihrer Worte fühlte er wie einen Keulenschlag. Sein
-ganzer Himmel brach über ihm zusammen. In diesem
-Augenblick erst überkam ihn die Erkenntnis, mit welch
-inniger Liebe sein Herz schon an dem Mädchen gehangen
-hatte, jetzt, wo er das Kleinod verlor, noch ehe er es
-besessen hatte. Noch vor einer Stunde war sein Herz
-von seligen Hoffnungen erfüllt gewesen. Sein geistiges
-Auge hatte ihm eine blumige Wiese vorgezaubert, auf
-der er ruhte. Und wie sein Blick sich labte an den
-glänzenden Gaben des Himmels, da kam das Glück,
-ein betörend schönes Weib, lachend auf ihn zugeschritten
-und bot ihm schon von fern die Hand. &ndash; So hatte
-es in seinem Innern ausgesehen, als er dieses Zimmer
-betrat. Und jetzt? Wie war doch mit einem Male
-alles in ihm ganz anders! Das Jauchzen war verstummt,
-der Sonnenglanz verblichen. Die grauen
-Schneewolken draußen hingen tief herab, daß sie seine
-Stirn zu berühren schienen. Blüten und Blumen
-waren verschwunden, und weit in der Ferne schritt<span class="pagenum" id="Seite_148">[148]</span>
-flüchtigen Fußes das Glück, &ndash;&nbsp;&ndash; es war an ihm
-vorübergegangen!</p>
-
-<p>Da fiel sein Auge auf die in den Stuhl zurückgesunkene
-Greisin, und langsam schloß sich die frische
-Wunde seines Herzens, verstummte sein Weh vor dem
-gewaltigen Schmerz, der diese Mutter durchwühlte.
-Durfte er klagen angesichts dieses Weibes, das seit
-langen Monaten sein Kind dahinschwinden sah, und dem
-ein untrügliches Gefühl seinen nahen Tod grausam angekündigt
-hatte?</p>
-
-<p>Erschüttert sah Konrad auf die Freihoferin. Aber
-er wußte nicht, wie er sie trösten sollte, denn solch
-einen Schmerz können Worte nicht mildern.</p>
-
-<p>Und mühsam erhob sich der Jüngling und ging
-mit leisen Schritten zur Tür und verließ geräuschlos
-das Zimmer.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Wenige Stunden später waren die beiden Männer
-mit Elisabeth zurückgekehrt, und bald darauf vereinten
-sich alle zur Abendmahlzeit. Während des Essens
-herrschte die fröhlichste Stimmung. Elisabeth war ausgelassen
-wie selten. Sie sprühte vor Lustigkeit, und ihr
-fröhliches Lachen übte seine Wirkung auf die kleine
-Tischgesellschaft aus. Nur die Freihoferin blieb ernst
-und schaute mit besorgten Blicken auf das ihr gegenübersitzende
-Mädchen.</p>
-
-<p>Der Ausflug vom Nachmittag wurde besprochen,
-und Elisabeth erzählte der Mutter, daß sie auf der
-Bornaschen Straße ein gutes Stück hinausgefahren
-und dann über Göltzschen zurückgekehrt seien. Die
-Pferde hätten wacker ausgegriffen, und es sei eine Lust<span class="pagenum" id="Seite_149">[149]</span>
-gewesen, so pfeilschnell durch die herrliche Winterlandschaft
-zu fliegen.</p>
-
-<p>»Auf der Rückfahrt,« plauderte sie mit Lebhaftigkeit,
-»mußte Max die Zügel natürlich meinen Händen
-überlassen, und während er mit Herrn von Friesen
-hinter mir wieder über die ganz langweilige Politik
-sprach, reifte mit einem Male in meiner Seele ein
-schwarzer Plan. Ich hatte es nämlich schon wiederholt
-versucht, die beiden von ihrem Gesprächsstoff abzulenken,
-denn sie sollten von etwas reden, das ich gern
-höre. Aber mein Drängen war immer vergeblich gewesen.
-Da riß mir endlich die Geduld und ich beschloß,
-mitten in ihre Unterhaltung hinein ganz überraschend
-einen dicken Punkt zu machen. Und wie wir
-den Tanzberg kaum im Rücken hatten, und die Gäule
-die abfallende Straße hinuntertrabten, da war ich mit mir
-im reinen über das Mittel, mit dem ich die ungalanten
-Herren an die Pflichten der Ritterlichkeit mahnen wollte.
-Du weißt, liebe Mutter, an der Stelle, wo im Sommer
-die großen Brombeersträucher blühen, macht die Straße
-einen scharfen Knick. Dort sollte der Schauplatz der
-Katastrophe sein. Leider war kein Publikum zu der
-Vorstellung erschienen. Links also sind die Sträucher,
-und rechts der Straße hat der Wind den Schnee hochaufgeweht.
-Ich halte die Zügel etwas straffer, um die
-scharfe Biegung nicht allzuschnell zu nehmen. Kaum
-sind wir aber bei ihr angekommen, und die Pferde
-wenden nach links, da reiße ich die Gäule scharf in
-die neue Richtung hinein, daß die Tiere fast umkehren
-und stehen bleiben. Natürlich ist diese Bewegung für
-den Schlitten viel zu hastig, er kann sie nicht mitmachen,
-sondern schleudert im Halbkreis herum und<span class="pagenum" id="Seite_150">[150]</span>
-wirft sich, seinen Inhalt sorgfältig ausschüttend, blitzschnell
-auf die Seite. In demselben Augenblick aber,
-wo ich merke, daß der zuverlässige Kutscherbock unter
-meinen Füßen seine horizontale Lage aufgeben will,
-trenne ich mich von dem launischen Gefährt und springe
-wie eine Katze dem Handpferd auf den Rücken. Von
-diesem Platze aus beherrschte ich das Gesichtsfeld ganz
-prächtig und konnte jede Bewegung, die die bis zum
-letzten Augenblick politisierenden Herren in der nächsten
-Sekunde machten, auf’s eingehendste studieren.«</p>
-
-<p>Hier konnte die Erzählerin ihre Fröhlichkeit nicht
-mehr zurückhalten. Die Komik des Vorgangs stand ihr
-wieder mit so lebhafter Deutlichkeit vor Augen, daß sie
-mit ihrem bisher mühsam zurückgehaltenen Lachen laut
-herausbrach und ihre Heiterkeit die Männer mit
-fortriß, denn auch sie stimmten in das Gelächter fröhlich
-ein.</p>
-
-<p>Elisabeth aber hatte das Lachen so angestrengt,
-daß sie erst wieder eine kurze Weile Atem schöpfen
-mußte, ehe sie weiter sprechen konnte. Dann aber fuhr
-sie mit unverminderter Lebhaftigkeit fort:</p>
-
-<p>»Liebe Mutter, Du kannst Dir mit Zuhilfenahme
-Deiner ganzen Phantasie keinen rechten Begriff davon
-machen, wie die beiden Herren, jeder auf seine Art,
-sich der plötzlich veränderten Sachlage anpaßten. Das
-eine muß ich bei allen beiden anerkennen: sie beratschlagten
-nicht erst lange, was zu tun sei, sondern zogen
-vor, rasch zu handeln.</p>
-
-<p>Stumm schoß Herr von Friesen mit einem eleganten
-Wuppdich kopfüber auf den Punkt des Schneehaufens
-los, wo er am höchsten aufgeweht war und
-verschwand sofort darin. Leider sprang mein teurer<span class="pagenum" id="Seite_151">[151]</span>
-Bruder nicht ebenso graziös wie sein Freund. Ich
-mußte, ohne daß ich es wollte, des Anblicks gedenken,
-den die sich sträubenden Kälber darbieten, wenn sie der
-Viehmakler mit dem Hermann auf den Wagen hebt.
-Mit gespreizten Armen und Beinen näherte sich Max
-in raschem Tempo der seiner geduldig harrenden Schneewehe
-und bohrte sich, den Kopf voran, in sie
-hinein. Während Herr von Friesen für längere
-Zeit bis auf einen Stiefel ganz unsichtbar war, fand
-sich auch Max erst nach gründlichem Suchen darin
-wieder heraus und krabbelte mit den Gliedmaßen so
-komisch, daß er aussah wie ein dicker, schwarzer
-Käfer in einer Schüssel steifer Sahne. Kurzum,
-meine beiden ritterlichen Gefährten taten in diesen
-Augenblicken viel, nur von der Politik sprachen sie
-nicht mehr.«</p>
-
-<p>Die beiden Freunde waren durch die in erzwungenem
-Ernste gemachte Schilderung des Erlebnisses wiederholt
-zu erneuter Lustigkeit angeregt worden. Auch
-Elisabeth mußte ihrer Heiterkeit wieder freien Lauf
-lassen; sie beugte den Kopf hintenüber und wollte sich
-vor Lachen ausschütten. Das bleiche Gesichtchen mit
-den schmalen Wangen und den großen, glänzenden
-Augen strahlte vor Lebensfreude und ungebundenem
-Frohsinn.</p>
-
-<p>Da dämpfte plötzlich Elisabeth ihr lautes Lachen.
-Sie beugte den Kopf auf die Brust, und gleichzeitig
-wurde ihr zarter Körper durch einen schweren Hustenanfall
-aufs heftigste erschüttert. Mit einem Schlage
-war die sprudelnde Heiterkeit von dem kleinen Kreise
-gewichen, und unwillkürlich richteten sich aller Blicke
-mit Bangigkeit auf das unter den unaufhörlichen<span class="pagenum" id="Seite_152">[152]</span>
-Hustenstößen augenscheinlich schwer leidende Mädchen.
-Noch ein kurzer, heftigerer Anfall, dann bekam Elisabeth
-wieder Ruhe. Sie tastete mit der Hand zum
-Hals, als wenn sie dort etwas beenge und schluckte
-einige Male hinunter. Darauf lehnte sie sich erschöpft
-zurück. In den Mundwinkeln des Mädchens aber wurden
-ein paar große, rote Tropfen sichtbar, die langsam
-am Kinn und am Halse hinabrollten.</p>
-
-<p>Da stieß die Freihoferin heftig den Stuhl zurück
-und stand im nächsten Augenblick neben dem schwer
-atmenden Kinde. Wie eine Feder hob die Greisin das
-Mädchen auf, preßte es an ihre Brust und trug es
-hastig zur Stube hinaus.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap10">10. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>In tiefem Blau prangte seit einigen Tagen der
-Himmel, und aus Südosten blies ein lauer Wind.</p>
-
-<p>Wie durch einen Zauberschlag war das Bild, das
-die Natur geboten, verändert: der Schnee war unter
-den warmen Sonnenstrahlen verschwunden. Anfangs
-ging es langsam, bis die obere Schicht zu schmelzen
-begann und die ersten Wasserläufe entstanden. Als
-aber die Luft wärmer wurde und der feurige Sonnenball
-seinen Kreislauf einige Male wiederholt hatte, ohne
-daß ihn neidische Wolken verbargen, da trat starkes
-Tauwetter ein. Das Wasser konnte nicht so rasch in
-die Erde einsickern. Die Straßen weichten auf und<span class="pagenum" id="Seite_153">[153]</span>
-wurden grundlos, und auf den Äckern und Wiesen
-bildeten sich große Teiche, auf denen die Enten laut
-schnatternd umherschwammen und die liebe Dorfjugend
-jubelnd Papierschiffe treiben ließ. Der sonst zwischen
-seinen hochaufgeschütteten Ufern so friedlich dahingleitende
-Göselbach war stark angeschwollen. Seit diesem Morgen
-aber war er zum Strom geworden, dessen schäumende
-Wasser in raschem Laufe dahinschossen.</p>
-
-<p>Auf dem Freihofe war die schwere Beklemmung,
-die Elisabeths plötzliche Erkrankung hervorgerufen hatte,
-langsam wieder gewichen. Der schnell herbeigeholte
-Arzt hatte der Kranken Bettruhe verordnet, und wie ein
-folgsames Kind schluckte sie Eisstückchen, die die nicht
-von dem Bette weichende Freihoferin ihr reichte. Nach
-ein paar Tagen war das Mädchen wieder wohlauf und
-hatte das Bett verlassen. Sie versicherte, daß ihr nichts
-mehr fehle bis auf eine bleierne Mattigkeit, die in den
-Gliedern läge. Aber auch dies hielt nicht lange an,
-dann war sie wieder lustig und beweglich wie vorher.
-Sie tollte mit Friesen, als wenn nichts geschehen wäre,
-über die spärlichen Schneereste hinweg und war unermüdlich,
-ihn zu necken. Ihre Erfindungsgabe half ihr
-immer wieder, neue, harmlose Streiche ersinnen, die sie
-ihm spielte.</p>
-
-<p>Mit großer Besorgnis beobachtete die Freihoferin
-den Zustand ihres Kindes. Anfangs hatte sie wohl
-zuweilen ihre Stimme mahnend erhoben und dem
-Mädchen schnelle Bewegungen und Umherspringen untersagt,
-bald aber sah sie ein, daß ihre Mahnungen nicht
-fruchteten, da sie nur zu schnell vergessen wurden.
-Denn alle Bewegungen, die das Mädchen tat, waren<span class="pagenum" id="Seite_154">[154]</span>
-rasch, und die große Lebhaftigkeit, die einen Teil ihres
-Wesens ausmachte, konnte sie unmöglich unterdrücken.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Max hatte mit Friesen für den Nachmittag einen
-Ausritt verabredet, dem auch Elisabeth sich anzuschließen
-wünschte. Der Widerstand der Mutter war bald besiegt,
-und so trabte denn die kleine Kavalkade fröhlich
-vom Hofe fort, hinein in den lachenden Sonnenschein.
-Friesen hatte eines der im vorigen Jahre gekauften
-Kutschpferde bestiegen, einen dicken Wallach, dem ab
-und zu einmal der Sattel aufgelegt wurde, während
-Max seinen Braunen ritt.</p>
-
-<p>Elisabeths hochbeiniger Schimmel konnte sich nicht
-lange dem ruhigen Schritt der beiden andern Pferde
-anpassen, er drängte unausgesetzt in die Zügel und
-tänzelte nebenher, den langen Schweif mutwillig hinüber
-und herüber schlagend. Aber Elisabeth war eine
-gute Reiterin, die die Launen des Tieres wohl kannte.
-Mit kurzem Zügelruck, den sie schnell wiederholte, verwies
-sie das Tier zur Ruhe, so daß der Schimmel alsbald
-die Zügel freigab, in ruhigen Gang fiel und
-den leisesten Hilfen der Reiterin wie ein Hündchen
-folgte.</p>
-
-<p>Als die kleine Schar außerhalb des Dorfes angekommen
-war und die Straße verlassen konnte, lenkte
-sie hinüber auf ein sich lang hinziehendes Rasenstück,
-auf dem nur noch vereinzelt kleine Pfützen stehen geblieben
-waren. Im leichten Trab sprengten sie weiter,
-die Wangen von mildem Windhauch umfächelt.</p>
-
-<p>In einiger Entfernung vor den Reitern wand sich<span class="pagenum" id="Seite_155">[155]</span>
-ein ziemlich breiter Wassergraben über ihren Weg.
-Elisabeth hatte das Hindernis kaum erblickt, als sie
-auch schon vorschlug, darüber hinwegzusetzen. Im Nu
-hatten ihre Begleiter angenommen. Man ließ den
-Gäulen die Zügel, und in kurzem Galopp ging es dem
-Graben zu.</p>
-
-<p>Max hatte sofort bereut, sich zum Mittun bereit
-erklärt zu haben, denn er argwöhnte, daß sein schwerer
-Brauner ihn im Stich lassen würde. Aber nun konnte
-er sich nicht mehr ausschließen, denn Elisabeth hätte ihn
-grausam verspottet.</p>
-
-<p>Friesen blieb dicht neben Max, während der Platz
-zwischen beiden leer geworden war. Elisabeth hielt
-nämlich den Schimmel kräftig zurück, um zu verhindern,
-daß er über die Linie hinausschösse, denn sie wollte
-an dem Hindernis als Letzte ankommen. So gewannen
-die Herren einen geraumen Vorsprung.</p>
-
-<p>Jetzt waren die Reiter nur noch eine kurze Strecke
-von dem Graben entfernt und ließen die Tiere laufen.
-In der nächsten Sekunde waren sie am Wasser. Max
-sprang zuerst, fast in demselben Augenblick sprang auch
-Friesen und kam dicht hinter dem Graben nieder.
-Maxens Brauner sprang aber zu kurz und schlug mit den
-hinteren Hufen laut klatschend ins Wasser, daß die
-schmutzige Flüssigkeit hochaufspritzte und Pferd und
-Reiter reichlich übergoß.</p>
-
-<p>Aber schon ertönte von hinten her ein helles Auflachen
-und gleich darauf setzte Elisabeths Schimmel in
-leichtem Sprunge, behend wie eine Gemse über den Graben
-und kam weit vor Friesens Wallach sicher nieder.</p>
-
-<p>»So sieht ein richtiger Sprung aus, Ihr Herren,«
-rief das Mädchen mit lauter Stimme über die Schulter<span class="pagenum" id="Seite_156">[156]</span>
-zurück, während der Schimmel mit großer Geschwindigkeit
-weiterstürmte.</p>
-
-<p>Max tat eine kräftige Verwünschung über die
-Schwerfälligkeit seines Pferdes und zwinkerte ärgerlich
-mit den Augen. Dann gab er dem Gaul wütend die
-Sporen, daß er einen wilden Satz machte, der ihn aus
-dem Wasser herausbrachte, um sich mit ein paar weiteren
-Sprüngen aus dem weichen Boden vollends herauszuarbeiten.
-Die Zügel auf den Hals des Tieres
-fallen lassend, trocknete er sich, das Taschentuch mit
-beiden Händen erfassend, das triefende Gesicht ab.</p>
-
-<p>Friesen hatte nur ein paar Tropfen auf die Wange
-bekommen, die er jetzt laut lachend mit dem Zeigefinger
-abwischte und fortschleuderte.</p>
-
-<p>»Ich werde mich hüten, mit dieser behäbigen Dame
-noch einmal einen solchen Graben zu nehmen,« knurrte
-Max, der nun endlich Gesicht und Hals wieder trocken
-hatte. »Hast Du gesehen, wie sie sprang? Ja? Gerade
-so wie ein Walroß, und ich kann noch von Glück reden,
-daß ich nicht heruntersegelte; bald wäre es freilich geschehen.«</p>
-
-<p>Während dieser Worte hatten sie ihre Pferde
-wieder langsam in Bewegung gesetzt und trabten nun
-in der eingeschlagenen Richtung weiter. Elisabeth war
-ein großes Stück vorausgeeilt. Dann war sie umgekehrt
-und nun ritt sie in weiten Kreisen um die
-Männer herum. In kecker Haltung saß sie auf dem
-Tiere, es zu immer größerer Eile antreibend.</p>
-
-<p>Während die beiden Reiter ihre Pferde ruhig
-laufen ließen, betrachteten sie mit Vergnügen das in
-Windeseile dahinfliegende Mädchen. Die Entdeckung,
-daß Elisabeth eine vortreffliche Reiterin war, hatte<span class="pagenum" id="Seite_157">[157]</span>
-Friesen schon längst gemacht. Heute wurde ihm ein
-neuer Beweis hierfür. Elisabeth behielt auch in dieser
-scharfen Gangart das Tier vollständig in ihrer Gewalt,
-und die Reiter konnten deutlich wahrnehmen, wie der
-Schimmel dem Zügel augenblicklich folgte. Ohne die
-Schnelligkeit zu vermindern, umkreiste Elisabeth noch
-immer die beiden Freunde, alle Hindernisse nehmend,
-die im Wege lagen. Ihre Augen leuchteten vor Freude,
-und eine Locke des blonden Haares hatte sich gelöst
-und wehte der Reiterin um die jetzt von einer leichten
-Röte bedeckte Stirn.</p>
-
-<p>Soeben war sie wieder in kurzer Entfernung vor
-den Herren vorbeigejagt und hatte ihnen ein Scherzwort
-herüber gerufen, als Maxens Pferd plötzlich vor
-einer auffliegenden Krähe scheute. Noch immer gereizt
-durch die Unbeholfenheit des Tieres beim Sprunge,
-nahm es Max fest in die Zügel und zwang es mit
-eisernem Schenkeldruck zur Ruhe. In diesem Augenblick
-stieß Friesen, der Elisabeth nicht aus den Augen gelassen
-hatte, einen unterdrückten Schrei aus. Max fuhr
-auf und suchte seine Schwester mit dem Blick, die sich
-gerade in geraumer Entfernung rechtsseitwärts von
-ihnen befand. Aber er konnte nichts entdecken, was
-dem Freunde Grund zur Besorgnis geben mochte. Da
-sagte Friesen kurz:</p>
-
-<p>»Sie hat den Sitz verloren und bemüht sich, den
-Schimmel in Schritt zu bringen.«</p>
-
-<p>Die Reiter blieben stehen und schauten mit angestrengter
-Aufmerksamkeit dem sich ihnen von rückwärts
-her nähernden Mädchen entgegen.</p>
-
-<p>»Der Schimmel hat kleine Launen, ist aber im<span class="pagenum" id="Seite_158">[158]</span>
-ganzen harmlos,« entgegnete Max, »und Elisabeth
-kennt sich mit ihm aus.«</p>
-
-<p>Da stürmte auch schon das Tier mit seiner Reiterin
-in kurzer Entfernung an ihnen vorüber. Elisabeths
-Fuß hatte zwar noch fest im Bügel geruht, aber es
-gab für die Beiden keinen Zweifel mehr, daß sie die Gewalt
-über das Tier vollständig verloren hatte. Mit
-seiner ganzen schwachen Kraft riß das Mädchen an den
-Zügeln, doch umsonst, die leichte Kandare klemmte
-zwischen den aufeinandergebissenen Zähnen des durchgehenden
-Pferdes. Plötzlich sprang der Schimmel aus
-der bisherigen Richtung heraus und jagte eine sanft
-ansteigende, weite Lehne hinauf, dicht an den letzten
-Häusern des Dorfes vorbei.</p>
-
-<p>Wie gelähmt blieben die Reiter stehen, dem davonstürmenden
-Pferde entsetzt nachschauend. Aber nur einen
-Augenblick dauerte ihre Bestürzung. Kein Wort wurde
-ausgetauscht, aber sie wußten beide, daß es eine Jagd
-auf Leben und Tod sein würde, um das Mädchen zu
-retten, denn der rasende Lauf des scheugewordenen
-Pferdes führte in gerader Richtung auf den hochangeschwollenen
-Bach zu.</p>
-
-<p>Da fuhr Max wild auf und hieb dem heftig erschreckenden
-Braunen die Sporen tief in die Seiten,
-daß das Tier von Schmerz gepeinigt sich auf den
-Hinterbeinen erhob und senkrecht aufstieg, um dann wie
-toll davonzurasen, hinterdrein Friesen. Die beiden
-Pferde schlugen sofort eine hohe Geschwindigkeit an,
-und so ging es in wilder Jagd dem in nicht zu großer
-Entfernung vor ihnen galoppierenden Schimmel nach.
-Stumm ritten die beiden Männer nebeneinander, keinen
-Blick von dem davoneilenden Pferde verlierend und mit<span class="pagenum" id="Seite_159">[159]</span>
-allen Sinnen auf den Gang ihrer Tiere achtend. Maxens
-Brauner schien wieder gut machen zu wollen, was
-er vorhin versäumt hatte: mit mächtigen Sprüngen
-setzte er über den weichen Boden hinweg, so daß
-Friesen Mühe hatte, an seiner Seite zu bleiben.</p>
-
-<p>Aber Max achtete nicht darauf, daß der Braune
-sein Bestes bot, er verlangte noch mehr von ihm. Von
-neuem setzte er dem Tiere die Sporen in die Seiten,
-daß dieses in der Tat in eine erhöhtere Schnelligkeit
-fiel und nunmehr wie ein Pfeil dahinschoß. Mit Genugtuung
-bemerkte Max, daß sich die Entfernung
-zwischen ihm und Elisabeth langsam verringerte. Friesens
-Wallach konnte dieses Tempo nicht einhalten und blieb
-um einige Längen zurück. Max gewahrte Friesens
-Zurückbleiben, aber was kümmerte es ihn; seine weit
-aufgerissenen Augen hingen, ohne abzuirren, an der
-zarten Mädchengestalt auf dem vor ihm weiterstürmenden
-Pferde. Der Zwischenraum wurde merklich kürzer,
-denn der Braune hielt das scharfe Tempo gut inne und
-verkürzte nicht um eine Handbreite seine weitausgreifenden
-Sprünge.</p>
-
-<p>Aber immer mehr forderte der Reiter von seinem
-Tiere. Wieder gab er ihm die Sporen zu fühlen, bis
-er zuletzt das Eisen auf den Flanken ruhen ließ und
-durch unausgesetztes Drohen mit den scharfen Spitzen
-den Gaul zum Einhalten seiner hohen Schnelligkeit anstachelte.
-Alles was in dem Pferde war, forderte
-sein Reiter in diesen Augenblicken von ihm. Und wenn
-das Tier dabei zugrunde ging, was tats? Galt es doch
-ein Menschenleben zu retten, und dieser Mensch &ndash; war
-seine Schwester! Zum Glück näherte er sich ihr bei
-diesem Tempo von Sekunde zu Sekunde, und noch in<span class="pagenum" id="Seite_160">[160]</span>
-großer Entfernung vor dem reißenden Wasserlaufe
-mußte er sie eingeholt haben.</p>
-
-<p>Die ruhige Überlegung drohte den jungen Mann
-zu verlassen, wenn er blitzschnell die Möglichkeit erwog,
-daß sein Pferd diese Schnelligkeit nicht aushalten könnte.
-Seine Augen schätzten fortwährend forschend den Abstand,
-und mit großer Befriedigung stellte er fest, daß
-Elisabeths Vorsprung sich immer mehr verringerte und
-er sehr bald an ihrer Seite sein mußte. Er überlegte:
-von links wollte er anreiten, um die rechte Hand frei
-zu haben und wenn er erst einmal die Zügel des
-störrischen Schimmels in seiner Faust haben würde,
-dann&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;, was Max von Tiefenbach
-in der Faust hielt, das war ihm sicher, das gehörte
-ihm!</p>
-
-<p>Aber der Braune durfte nicht um einen Zentimeter
-nachlassen, er mußte ohne Unterlaß das Eisen
-kosten. Und von neuem jagte Max dem Tiere die
-Stacheln in das Fleisch, daß es in wildem Schmerze
-wie unsinnig weiterraste.</p>
-
-<p>Max spannte alle Sinne aufs äußerste an. Da,
-allmächtiger Gott, täuschte er sich, oder war es Wirklichkeit,
-&ndash; der Braune verkürzte die Sprünge? Sein
-Auge durchmaß den Zwischenraum, und es war keine
-Täuschung, er war in den letzten Sekunden größer geworden.
-Ein wilder Fluch entfuhr ihm. Sollte er jetzt, wo
-er in wenigen Sekunden an seiner Schwester Seite sein
-konnte, zurückbleiben und zusehen müssen, wie diese dem
-unabwendbaren Tode entgegeneilte? Da zerriß wie ein
-greller Blitzstrahl ein banger Gedanke das Gespinst
-seiner sich stürmisch jagenden Betrachtungen. Wie unter
-einem heftigen körperlichen Schmerz zuckte Max zusammen<span class="pagenum" id="Seite_161">[161]</span>
-und die angstvollen Worte entfuhren ihm: »Um
-des Himmels willen, die Mutter!«</p>
-
-<p>Wütend fuhr da der Mann auf:</p>
-
-<p>»Verwünschte Kanaille, willst Du mich im Stiche
-lassen? Warte ich will Dir Lust machen.«</p>
-
-<p>Und von neuem bohrte er die Sporen tief in die
-Flanken. Aber das Pferd bäumte nicht mehr angstvoll
-auf wie vorhin und machte seine Sprünge nicht größer.
-Pfeifend schossen ihm die Atemstöße aus den geblähten
-Nüstern und das kurzabgerissene Schnauben hätte zu jeder
-anderen Zeit Max zum Absteigen veranlaßt. In diesem
-Augenblick aber hörte und sah er nichts von der großen Erschöpfung
-des so schnelles Laufen ungewohnten, schweren
-Tieres, das schon viel mehr ausgegeben hatte, als von ihm
-gefordert werden durfte.</p>
-
-<p>Mit steigendem Entsetzen bemerkte er, wie der
-Schimmel immer größeren Vorsprung gewann. Alle
-Empfindungen, die bei dieser Wahrnehmung auf ihn
-einstürmten, verwandelten sich in Zorn, der sich gegen das
-jetzt wiederholt strauchelnde Pferd richtete. Von Wut
-gepackt trieb er ihm zwei-, dreimal die Eisen in die
-Seiten. Das gequälte Tier bäumte hoch auf, &ndash; da
-riß des Reiters eiserne Faust es nieder und dann
-bohrten sich wieder und wieder die Sporen in sein
-Fleisch. Mit Schenkel und Eisen bearbeitete Max ohne
-Erbarmen das Tier, daß es von neuem ein schnelleres
-Tempo anschlug. Aber es entging ihm nicht, daß der
-Braune die Geschwindigkeit von vorhin nicht mehr erreichte
-und daß die Entfernung sich mit jedem Sprung
-vergrößerte.</p>
-
-<p>Da kam auch Friesens Wallach wieder heran, der<span class="pagenum" id="Seite_162">[162]</span>
-in gleichbleibender Schnelligkeit weitergeritten und
-der trotz der vielen Versuche seines Reiters in keine
-schärfere Gangart gefallen war. Langsam rückte Friesen
-vor. Max bemühte sich, einen kleinen Vorsprung zu
-behalten, aber der Wallach kam näher. Schon standen
-die beiden Tiere Gurt an Gurt, dann glitt Friesen ein
-Stück vor und behielt ein Tempo, in dem der Braune
-nur schwer folgen konnte.</p>
-
-<p>Die Reiter sahen jetzt, wie der Schimmel die Anhöhe
-erreicht hatte. Elisabeths Gestalt war noch einen
-Augenblick sichtbar, und die beiden Freunde erkannten
-deutlich, daß ihr Oberkörper vornübergesunken war und
-daß das Mädchen beide Arme um den Hals des Pferdes
-geschlungen hatte. Dann entschwand sie ihren Blicken.</p>
-
-<p>Max war vor Schrecken seiner Sinne nicht
-mehr mächtig. Er nahm seinen Reitstock und schlug
-damit wiederholt den Braunen wuchtig zwischen die
-Ohren, womit er nur erreichte, daß das Pferd dicht
-hinter Friesens Wallach blieb.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Konrad Hartmann war auf seinem Hofe beschäftigt.
-Die nackten Füße in Lederpantoffeln steckend, kniete er
-gerade vor einem Wagen und legte um eine zersprungene
-Nabe ein Stück schmalen Eisenbandes. Drüben am
-Pferdestalle stand seine Mutter, die mit weitem Wurfe
-Maiskörner unter die stattliche Schar Hühner
-schleuderte.</p>
-
-<p>Am Abend jenes Tages, an dem Konrad die erschütterte
-Freihoferin leise verlassen hatte, war es in
-der Wohnstube auf dem Rabensteiner Hof noch viel
-stiller als sonst zugegangen. Der Sohn hatte eine<span class="pagenum" id="Seite_163">[163]</span>
-Weile an dem hölzernen Pfeifenkopfe weitergeschnitzt.
-Lange hatte dies aber nicht gedauert, dann mochte ihm
-die Beschäftigung nicht mehr zugesagt haben. Er hatte
-auf das Bücherbrett gegriffen und die Helden des grauen
-Altertums wieder einmal vor seinem Geiste aufmarschieren
-lassen.</p>
-
-<p>Sonst vergaß er beim Lesen jener Zeiten alles, was
-sich um ihm herum zutrug. Mit leuchtenden Augen verfolgte
-er dann das gewaltige Ringen der Völker und die
-erbitterten Kämpfe mit dem überlegenen Gegner um die
-Freiheit des Stammes. An diesem Abend aber hatten
-seine Gedanken nicht mitten unter den Helden geweilt,
-und es begab sich zum ersten Mal, daß das Interesse
-an den Großtaten Jener verblich, und sich dafür etwas
-anderes in seine Seele schlich und allen Raum darin
-für sich beanspruchte. Zeitiger als andere Tage hatte
-Konrad das Bett aufgesucht. Die Mutter aber war
-geblieben und hatte mit Wehmut lange, lange auf die
-Stelle geschaut, wo ihr Sohn gesessen hatte.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wieder hatte sich Konrad gebückt und mit aufmerksamen
-Blicken und wiederholtem Betasten den geflickten
-Schaden geprüft. Da stieß die Rabensteinerin einen
-lauten Schrei des Entsetzens aus. Konrad fuhr erschreckt
-in die Höhe und blickte auf seine Mutter.</p>
-
-<p>Mit vorgeneigtem Oberkörper stand diese inmitten
-der die Körner geschäftig aufpickenden Hühner und sah
-in großer Erregung durch das weitgeöffnete hintere Hoftor,
-das unmittelbar auf die Wiesen hinausführte. Hastig
-folgte Konrad dem Auge seiner Mutter, und in demselben
-Augenblick war sein von der emsigen Arbeit stark
-gerötetes Gesicht bis in die Lippen hinein bleich geworden.
-Einen Herzschlag lang schauten Mutter und Sohn mit<span class="pagenum" id="Seite_164">[164]</span>
-dem Ausdruck des Entsetzens nach den Wiesen, über die
-in wilden Sprüngen ein durchgehendes Reitpferd hinweg
-setzte, auf dessen Rücken die zusammengesunkene Gestalt
-eines jungen Mädchens zu erkennen war.</p>
-
-<p>Noch war der die kühle Besonnenheit sonst nie
-verlierende junge Mann wie gelähmt, da riß sich die
-Mutter von dem erschreckenden Anblick los und rief
-dem Sohne zu:</p>
-
-<p>»Konrad, was stehst Du wie ein Pfahl? Nicht
-einen Augenblick hast Du zu verlieren!«</p>
-
-<p>Der aber antwortete nicht, sondern starrte regungslos
-ins Weite.</p>
-
-<p>Da flammte in dem gutmütigen Gesicht des Weibes
-helle Zornesröte auf. Mit ein paar Sprüngen stand sie
-neben dem Sohn, riß an seiner Schulter und schrie
-ihm ins Ohr:</p>
-
-<p>»Deine gesunden Knochen sind Dir wohl zu lieb?
-Junge, weißt Du denn nicht, wessen Leben es gilt, he?«</p>
-
-<p>Der Gescholtene aber zuckte verzweifelnd die Achseln
-und sagte dumpf:</p>
-
-<p>»Sie ist schon zu nahe am Wasser, ich schaff’s nicht
-mehr, &ndash;&nbsp;&ndash; es ist zu spät!«</p>
-
-<p>Da lachte das Weib schrill auf und schrie:</p>
-
-<p>»Du Hasenfuß!«</p>
-
-<p>Im nächsten Augenblick sprang sie in den offenstehenden
-Stall, und Konrad hörte, wie die Kette am
-Stande des Fuchses niederrasselte. Dann dröhnte das
-Stampfen des Pferdes von dem steinernen Belag der
-Stallgasse wider, und mit lautem Wiehern trat das
-Tier ins Freie. Konrad, der sich noch immer nicht von
-dem Anblick losgerissen hatte, merkte das Pferd auf sich
-zukommen. Mechanisch und ohne hinzusehen hob er die<span class="pagenum" id="Seite_165">[165]</span>
-Arme und griff mit beiden Händen in die dichte Mähne
-des immer weiterschreitenden Pferdes.</p>
-
-<p>»Vorwärts!« rief da die Rabensteinerin und führte
-einen derben Schlag auf den Schenkel des Fuchses, daß
-dieser einen schnellen Gang anschlug.</p>
-
-<p>Konrad hielt sich an dem krausen Mähnenhaar fest,
-die Augen nicht von der Gestalt auf dem galoppierenden
-Schimmel abwendend. Er mußte laufen, um mit dem
-sich rasch vorwärts bewegenden Gaule gleichen Schritt
-zu halten, bis der Gang zu schnell wurde. Da, ein
-gewaltiger Ruck und Schwung, &ndash; und er saß auf dem
-Rücken des Tieres. Im nächsten Augenblick trabte der
-Hengst zu dem hintern Hoftor hinaus.</p>
-
-<p>Die Rabensteinerin aber eilte, so schnell ihre Füße
-sie tragen wollten, die Treppe des Hauses hinauf auf
-den Dachboden. Und dann stand das Weib an der
-Dachluke, hielt die schwielige Hand, um das Auge vor
-den Sonnenstrahlen zu schützen, an die Stirn und schaute
-hinaus auf die Wiesen.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Gleichzeitig mit dem Verschwinden des Schimmels
-hinter der Bodenwelle hatte sich in das Herz des noch
-immer auf Rettung hoffenden Max die grausame
-Ueberzeugung gestohlen, daß das Schicksal seiner
-Schwester nunmehr besiegelt sei. Dieser Gedanke drängte
-ihm das Blut zu Kopfe, daß die Schläfen zerspringen
-wollten. Er keuchte unter der Last, die sich auf seine
-Brust herabgesenkt hatte und fuhr fort, den ausgepumpten
-Braunen zum schnelleren Laufen zu zwingen. Aber er
-merkte mit untrüglicher Gewißheit, daß der Gaul nur<span class="pagenum" id="Seite_166">[166]</span>
-noch wenige Minuten laufen würde, um dann niederzustürzen.
-Auch Friesen konnte trotz der heftigsten Bemühungen
-nichts mehr aus dem Wallach herausholen.
-So sprengten die beiden Männer in immer mehr nachlassender
-Geschwindigkeit nebeneinander dahin, wissend,
-daß das unglückliche Mädchen in kurzer Zeit am Wasser
-angekommen sein würde.</p>
-
-<p>Da erklang mit einem Male hinter ihnen das
-Schnauben und Stampfen eines weit ausgreifenden
-Pferdes. Jeder der beiden Freunde vernahm es und
-glaubte an Täuschung. Aber das Geräusch drang schnell
-näher und immer näher und ließ keinen Zweifel mehr zu,
-daß ein Reiter den Hufen ihrer Rosse folgte. Doch der
-sie beide in diesen bangen Sekunden nur allein bewegende
-Gedanke: Vorwärts! ließ sie nicht hinter sich schauen.
-Neuer Mut und neue Hoffnung erfüllte sie plötzlich bei
-dem Erkennen der ihnen werdenden Hilfe, und mit
-Anstrengung versuchten sie nochmals, ihre Tiere zum
-schärferem Laufen zu bringen.</p>
-
-<p>Jetzt befand sich der Herbeieilende unmittelbar hinter
-ihnen. Noch ein paar Sprünge seines Pferdes und
-die Tiere liefen einen Augenblick nebeneinander.
-Dann schoß der Neue wie eine Schwalbe über sie hinaus,
-die beiden Zurückbleibenden mit einem Hagel von
-Erde und Steinen überschüttend, die unter den Hufen
-des flüchtigen Pferdes hochauf flogen. Eine kurze Weile
-konnten sie den Enteilenden noch sehen, dann tauchte er
-hinter derselben Bodenerhöhung hinab, hinter der auch
-Elisabeth verschwunden war.</p>
-
-<p>Das Vorbeireiten dieses Helfers war ihnen, ob der
-schwindelnden Schnelligkeit seines Pferdes, wie ein Traum
-gewesen. Kaum daß sie sein Nahen vernommen, hatte er<span class="pagenum" id="Seite_167">[167]</span>
-sie auch schon eingeholt, war prasselnd und dröhnend an
-ihnen vorübergeflogen und ihren Augen wieder entschwunden
-&ndash; wie ein Reiter aus dem Gefolge des
-wilden Jägers.</p>
-
-<p>In der kurzen Zeitspanne aber, in der der Hinzugekommene
-mit ihnen auf gleicher Höhe ritt, hatten die
-Freunde ihn erkannt: es war Konrad Hartmann. Barhäuptig
-und mit bloßen Füßen hatte die schmächtige
-Gestalt zusammengekauert fast auf dem Halse des ungesattelten
-fuchsigen Hengstes gehockt, den Kopf zu den
-Pferdeohren hinabgebeugt und die Augen starr darüber
-hinweggerichtet. Seine linke Hand war mit einer Strähne
-des Mähnenhaares umwickelt gewesen, während die Finger
-der rechten das edle Tier leise am Halse liebkosten. Sonst
-keine Hilfe, kein Antreiben; als wenn er es wüßte, daß
-es ein Menschenleben zu retten gelte, hatte der Hengst
-ausgegriffen und sie zurückgelassen.</p>
-
-<p>Max und Friesen gaben nunmehr jeden Versuch
-auf, ihre Tiere weiter anzutreiben. Sie waren schon
-froh, daß diese sie in kleinen Sprüngen weitertrugen,
-der Anhöhe zu, von der aus sie alles sehen würden.
-Langsam kamen sie dem Punkte näher. Max bemühte
-sich, ruhig zu bleiben, aber sein Herz klopfte hörbar und
-er keuchte schwer vor Anstrengung und Erregung. Noch
-ein paar Sprünge der dem Umsinken nahen Gäule, und
-sie standen auf der Höhe.</p>
-
-<p>Etwa sechshundert Schritte vor ihnen zog der in
-der Sonne glitzernde, hochgehende Bach vorüber und
-unmittelbar vor ihm sahen sie, wie Elisabeth, von Konrad
-gestützt, den Versuch machte, einige Schritte zu gehen.
-Ihre Pferde standen abseits.</p>
-
-<p>In Windeseile sprangen sie von den Gäulen, ließen<span class="pagenum" id="Seite_168">[168]</span>
-die nach Luft haschenden Tiere stehen und eilten die
-Lehne hinab. In wenigen Minuten hatten sie das Ufer
-erreicht.</p>
-
-<p>Elisabeth lagerte auf einem mit Moos überwucherten
-großen Stein, sich auf den Ellenbogen stützend und sah
-den beiden Männern mit schwachem Lächeln entgegen.
-Ihr Gesicht war totenbleich, und um ihre Schläfen spielten
-zerzauste Locken. Konrad stand neben dem Mädchen.</p>
-
-<p>Mit großen Schritten eilte Max zu seiner Schwester,
-kniete nieder, schloß das Mädchen in tiefer Erregung
-in die Arme und blieb eine Weile mit ihr stumm Brust
-an Brust. Dann löste er sanft die Umarmung und
-wandte sich zu Konrad. Seine Augen liefen fast über.</p>
-
-<p>Der aber schlug den Blick zu Boden und machte
-eine Bewegung mit der Hand, als wenn es sich um eine
-leichte Sache handele.</p>
-
-<p>»Warum willst Du meinem Dank wehren, Konrad?«
-sprach Max mit vor Bewegung zitternder Stimme,
-»der Geber darf sich dem Dank des Beschenkten nicht
-entziehen, sonst macht er diesem die Annahme der Gabe
-allzuschwer.« Dann legte Max seine Hände auf Konrads
-Schultern, beugte sich tief herab, daß er ihm in die
-Augen sah und fuhr fort:</p>
-
-<p>»Wir sind seit unserer Kindheit Freunde, und ich
-habe immer gewußt, was ich an Dir besaß. Heute hast
-Du mir aber einen Dienst erwiesen, für den Dir zu danken
-meine Worte zu schwach sind. Ich bleibe für immer
-Dein Schuldner. Unser Freundschaftsbund, Konrad, ist
-durch diese Tat besiegelt fürs Leben!«</p>
-
-<p>Dann reichten sich die Männer schweigend die
-Hände, worauf sich Max abwandte, um seiner ihn zu
-übermannen drohenden Ergriffenheit Herr zu werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_169">[169]</span></p>
-
-<p>Elisabeth aber richtete sich höher auf und sprach leise:</p>
-
-<p>»Konrad, bitte komm zu mir.« Und wie dieser zu
-der Sitzenden getreten war, legte Elisabeth ihre Hand
-in die seinige, sah ihn mit allem von ihr ausgehenden
-Liebreiz ins Gesicht und sagte mit schmeichelnder Stimme:</p>
-
-<p>»Die Mutter, Max und Du! Sprich, Konrad,
-willst Du von heute an mein Bruder sein?«</p>
-
-<p>Da erfüllte das Herz des also Angesprochenen eine
-tiefe Bewegung, und auf seinem Gesicht begann ein
-wunderliches Spiel. Das Mädchen aber schlang den
-Arm um seinen Hals, zog den Mann zu sich herab und
-drückte ihre Lippen auf den zuckenden Mund.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap11">11. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Der Frühling des Jahres 1813 war mit jener
-Pracht und Lieblichkeit ins Land gezogen, die alljährlich nach
-den dunkeln und rauhen Wintertagen wieder die Menschen
-erquicken und ihre Herzen lauter schlagen lassen. Die
-Sonne tat in kurzer Zeit Wunder; aller orten begann
-es zu sprießen. Die Wiesen bedeckten sich in wenige
-Tagen mit saftigem Grün, und zwischen den frisch
-aufgeschossenen Halmen der Gräser hoben die ersten
-Veilchen schüchtern ihre Köpfchen. Die Menschen kamen
-wieder aus den Häusern heraus, in die sie der diesmal
-so anhaltende und strenge Winter lange gebannt hatte.
-Mit durstigen Zügen atmeten sie die warme und würzige<span class="pagenum" id="Seite_170">[170]</span>
-Luft, ließen die Augen weiden an dem geheimnisvollen,
-die Seele erhebenden Erwachen der Natur und lauschten
-frohen Herzens den muntern Weisen der zurückgekehrten
-Singvögel. Nun war es Gott sei Dank vorüber mit
-dem Untätigsein, und die Hände konnten wieder schaffen
-und die emsige Arbeit beginnen, deren Segen im Herbst
-ausgeschüttet wird.</p>
-
-<p>Neuer Lebensmut kehrt in diesen Tagen in die
-Menschenbrust zurück, und wenn es einen Schwachen
-und Kranken gibt, den der dunkle Winter hart niederdrückte,
-daß sein Lebenslichtlein nur noch trüb brannte
-und armselig flackerte, &ndash; mit den belebenden Sonnenstrahlen
-zieht auch wieder Hoffnung in sein Herz, und
-er fühlt, wie sich geheimnisvolle Kräfte in seinem
-Innern regen.</p>
-
-<p>Auf dem Freihofe herrschte emsige Tätigkeit; vom
-Morgen bis zum Abend wurde rastlos gearbeitet. Draußen
-auf den Feldern zog der Pflug tiefe Furchen in die
-verjüngte Erde und lockerte den schwärzlichen, duftenden
-Ackerboden, der einlud, das Saatkorn ihm anzuvertrauen.</p>
-
-<p>Max hatte die Hände voll zu tun und war jeden
-Tag der Erste und Letzte bei der Arbeit. Mit
-Erstaunen sah Friesen auf die Geschäftigkeit, die sich
-um ihn herum plötzlich entfaltet hatte, und eine Sehnsucht
-zog in ihm herauf, zu seinem Regiment zurückzukehren.
-Er wollte nicht allein untätig sein, zumal
-die Rüstungen überall aufs neue begannen.</p>
-
-<p>Wie wenn die allerersten Strahlen der noch hinter
-den Bergen verborgenen Sonne über die dunkle Erde
-dahingleiten und die schlafende Natur wachküssen, so
-zog mit leisen Schwingen ein wundersames Ahnen in
-die Gemüter der Völker des mittleren Europas, daß<span class="pagenum" id="Seite_171">[171]</span>
-auch für ihre Geschicke nun endlich der Frühling angebrochen
-sei. Und sie machten sich auf, das Feld zu
-bestellen und den Samen der Freiheit zu pflanzen, auf
-daß ihnen, wenn der Sommer zur Rüste ging, eine
-stattliche Ernte beschieden sei. Das aus der Wolke
-niederströmende, die Saat des Landmanns befruchtende
-Element hieß bei ihnen Begeisterung, die Jung und
-Alt durchlohte, und der Sonnenschein, der beim Reifen
-der Frucht nicht fehlen darf, sollte das Glänzen der
-blanken Waffen und das Blitzen der Feuerrohre sein.
-Auf deutschem Boden mußte der gewaltige, für alle
-Völker entscheidende Kampf stattfinden, und in das
-Rauschen der deutschen Eichenwälder sollte sich der
-kriegerische Lärm der Schlachten mischen, &ndash; bis die
-letzte Brust durchschossen, das letzte Schwert zerhauen
-war, oder bis die berauschenden und jubelnden Klänge
-der Siegeslieder die Dankbarkeit für die endliche Erlösung
-von schwerem Joch himmelwärts trügen.</p>
-
-<p>Aber alsbald, wenn auch mit großem Mißmut,
-erkannte Friesen, daß der Zustand seiner Füße es ihm
-noch nicht erlaubte, seinen Dienst als Soldat wieder
-aufzunehmen. Sie schmerzten bei anhaltendem Laufen
-noch immer und verlangten gebieterisch weitere Schonung.
-So mußte er denn seinen Plan wieder fallen lassen
-und die Gastfreundschaft des Freihofes weiter annehmen.</p>
-
-<p>Bisweilen begleitete er Max zu Pferde, wenn
-dieser auf die ausgedehnten Felder hinausritt, weit
-öfter aber leistete er Elisabeth Gesellschaft oder begleitete
-sie auf kurzen Spaziergängen.</p>
-
-<p>Den Schimmel hatte das Mädchen seit jenem
-Tage nicht wieder bestiegen. Durch die Aufregung infolge
-des wilden Rittes hatte ihre schwache Gesundheit<span class="pagenum" id="Seite_172">[172]</span>
-doch einen gewaltigen Stoß erlitten, so daß sie nach dem
-Vorfall noch mehrere Tage das Bett hüten mußte und
-dann nur ganz allmählich ins Freie gehen durfte. Es
-war ihr recht lieb, daß sie Friesen bei diesen Ausgängen
-zum Begleiter hatte, denn sie konnte nicht anders,
-als langsam und auf seinen Arm gestützt vorwärtsschreiten.
-Hätte sie diese Tage ohne Friesens zerstreuende
-Gesellschaft zubringen müssen, so wäre Elisabeth,
-da sie sonst gewohnt war, wie ein Wirbelwind umherzutollen,
-der leidende Zustand leicht zur drückenden Last
-geworden.</p>
-
-<p>So fand sie sich in ihre Lage mit bewundernswürdiger
-Ergebung und Geduld. Kein Wort der Sehnsucht
-nach dem Wohlbefinden, dessen sie sich bisher erfreut
-hatte, verlor sie. Sie vermied es, über ihre Krankheit
-zu sprechen, und doch bemerkte es jedermann nur zu
-gut, wie genau sie die Schwere der Krankheit erkannte.</p>
-
-<p>Fast immer peinigte das Mädchen ein böser Husten,
-der sich zuweilen zu solcher Heftigkeit steigerte, daß der
-Kreis ihrer Freunde Qualen erlitt. Dabei war sie immer
-gleichmäßig freundlich gegen alle. Zur Mutter, der man
-es äußerlich freilich fast kaum anmerkte wie sie litt,
-war das Kind von rührender Zärtlichkeit.</p>
-
-<p>Auf das Schloß aber kam Elisabeth in dieser Zeit
-nicht. Zudem versah Maria von Tiefenbach noch im
-Schulhaus ihren Pflegedienst, denn noch immer waren
-einige kranke Soldaten im Dorfe.</p>
-
-<p>Max hatte es in den letzten Wochen vermieden,
-das Schulhaus zu betreten. Seine Gegenwart daselbst
-war jetzt auch nicht mehr erforderlich wie in den ersten
-Tagen, als man die Krankenzimmer eingerichtet hatte.<span class="pagenum" id="Seite_173">[173]</span>
-Und wenn es dennoch nötig wurde, nach dem Rechten
-zu sehen, beauftragte er Hermann Lehnhardt, seinen Verwalter,
-mit diesen Geschäften.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Es war an einem der mittleren Apriltage.</p>
-
-<p>Elisabeth war am Vormittag &ndash; seit langer Zeit
-zum ersten Mal &ndash; auf dem Schlosse gewesen, um noch
-einmal mit Maria von Tiefenbach zusammen zu sein,
-bevor diese nach Schloß Eckartsberg abreiste, wohin sie
-plötzlich gerufen worden war, um die nach ihr verlangende,
-schwer erkrankte Schwester ihres Vaters zu
-pflegen. Der Abschied war beiden Mädchen recht schwer
-gefallen, doch schieden sie mit der tröstenden Hoffnung,
-sich in kurzer Zeit wiederzusehen.</p>
-
-<p>Nach dem Mittagessen stand Elisabeth mit Friesen
-auf dem Hofe und schaute den drolligen Sprüngen junger
-Ziegenböcke zu. Das Gesicht des jungen Mädchens sah
-aus wie aus Wachs gebildet. Mit müdem Lächeln betrachtete
-sie das muntere Spiel der Tiere, als sie plötzlich
-zusammenbrach und eine große Menge Blutes aushustete.</p>
-
-<p>Von dieser Stunde ab durfte Elisabeth das Bett
-nicht mehr verlassen. Auch jetzt half Friesen dem erschöpften
-Mädchen die Zeit kürzen, indem er von seinen
-Kriegszügen erzählte, oder mit ihr von ihren gemeinsamen,
-kleinen Erlebnissen plauderte, oder aus Büchern
-heitern Inhalts vorlas. Die Freihoferin war Tag und
-Nacht um ihr Kind besorgt und verrichtete ganz allein
-die Obliegenheiten der Pflegerin. Wenn sie sich von
-Elisabeth betrachtet wußte, war sie bemüht, unbefangen
-erscheinen, war aber die Aufmerksamkeit der Kranken<span class="pagenum" id="Seite_174">[174]</span>
-von ihr abgelenkt, dann ruhte das mütterliche Auge mit
-unsagbar zärtlicher Liebe auf dem Kinde. In solchen
-Augenblicken war der sonst herbe Zug von den Lippen
-der Greisin verschwunden, und ihr Antlitz wurde verschönt
-durch den Ausdruck eines gewaltigen Schmerzes
-gepaart mit überquellender Mutterliebe.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Draußen in der weiten Natur schritt der holdselige
-Jüngling Frühling durch die Gefilde, und wo
-sein Fuß gegangen war, erblühte alles zum neuen Leben.
-Drinnen aber in der stillen Stube des Wohnhauses auf
-dem Freihofe, welkte langsam ein junges Menschenleben
-dahin. Jetzt gab es keinen mehr, der noch gehofft, niemand,
-der nicht die Schatten gesehen hätte, die aus
-dem Reiche der Finsternis heraufwallten und sich auf
-dem Antlitz der sanftmütigen Dulderin niederließen.</p>
-
-<p>Große Stille herrschte auf dem Gute. Alle wußten,
-daß in dem Hause eine Seele weilte, die sich anschickte,
-das sterbliche Kleid, das sie in dieser Irdischkeit
-getragen, abzulegen und in die Ewigkeit zurückzukehren.</p>
-
-<p>Elisabeth war aller Liebling gewesen. Die meisten
-Dienstleute waren schon seit langen Jahren auf dem
-Freihof. Sie hatten das zarte Kind aufwachsen sehen,
-hatten es oft geliebkost, und deshalb meinte jeder ein
-Anrecht auf sie geltend machen zu dürfen. Von Kindheit
-an hatte Elisabeth, als wenn sie berufen sei eine Sendung
-zu erfüllen, zwischen der schweigsamen Mutter, von der
-nichts als Kälte auszugehen schien, und dem Gesinde
-gestanden. Max war nicht so geartet, daß er die Rolle
-des freundlichen Vermittlers hätte übernehmen können.<span class="pagenum" id="Seite_175">[175]</span>
-Er hatte zuviel von der Mutter, und wenn die Leute
-auch wußten, daß er ein warmes Herz für sie besaß,
-so fürchteten sie doch seine leicht aufwallende Heftigkeit.
-Elisabeth war der gute Hausgeist. Sie hatte es verstanden,
-sich jeden zum Freunde zu machen. Deshalb
-war sie für die Leute nicht eigentlich die Tochter der
-Herrin gewesen, sondern das Kind, das, wo es auch
-erschien, Klingen und Sonnenschein verbreitete. Elisabeth
-war zu gleicher Zeit überall. Sah man ihren blonden
-Kopf mit den strahlenden Kinderaugen nicht, so hörte
-man sie scherzen und trällern. In den Ställen kannte
-sie jeden ihrer vierbeinigen Freunde ganz genau und in
-den Scheunen und ausgedehnten Dachböden wußte das
-Mädchen die geheimnisvollsten Winkel. Niemand war
-davor sicher, von ihr nicht jeden Augenblick überrascht zu
-werden. Ihre Lieblingsbeschäftigung aber bestand darin,
-mit Anbruch der Dämmerung in den Häuschen der
-Tagelöhner einzukehren. Dort hockte sie besonders gern,
-spielte mit den Kindern, aß von deren Butterbroden
-und stob endlich davon, wenn die Mutter der Kleinen
-sie bedeutete, daß auf dem Freihofe die Zeit des Abendessens
-gekommen sei.</p>
-
-<p>Nun aber, wo das Mädchen niemandem mehr
-hinterdrein folgte, keinen mehr neckte, man ihr fröhliches
-Lachen nirgends mehr vernahm und die dicken Zöpfe
-nicht mehr um ihre Schultern fliegen sah, jetzt fehlte
-sie jedem von ihnen, den Kleinen wie den Großen.</p>
-
-<p>Mit Engelsgeduld trug sie die quälende Krankheit.
-Nach jedem neuen Hustenanfall strich sie mit ihrer
-schmalen, abgezehrten Hand liebkosend über die der
-Mutter und sprach tröstend von ihrem baldigen Gesundwerden.
-Und doch wußte Elisabeth während sie diese<span class="pagenum" id="Seite_176">[176]</span>
-Worte sprach, daß sie nie wieder durch die Räume des
-Freihofes huschen würde, und Friesen hatte die Ueberzeugung,
-daß das Mädchen nur um der Mutter willen
-von ihrer Genesung redete.</p>
-
-<p>Das letzte Drittel des Aprils war herangekommen.
-Elisabeth fühlte sich heute wohler. Das Gesicht des
-Kindes war in den letzten Wochen immer schmaler, die
-Augen dagegen waren unnatürlich groß geworden. Und
-dabei strahlten sie in seltsamem Glanze. Die Wangen waren
-bleich, nur die Stellen auf den stark hervortretenden
-Backenknochen blieben unaufhörlich fieberhaft gerötet.</p>
-
-<p>Max war frühzeitig nach Leipzig hineingefahren,
-um eine Grenzstreitigkeit mit einem Nachbarn vor Gericht
-zu schlichten. Seine Rückkehr sollte erst am Abend des
-nächsten Tages erfolgen.</p>
-
-<p>Es war am Vormittag, als Friesen, wie er es oft
-tat, Elisabeth vorlas. Das Mädchen saß in Decken
-gehüllt in einem großen Armstuhl, Friesen vor ihr. Mit
-träumerischem Blick betrachtete Elisabeth das edel geschnittene
-Gesicht des Lesenden. Ihr Gedankengang
-mußte sie weitabgeführt haben, denn schon längst hörte
-sie nicht mehr die gesprochenen Worte.</p>
-
-<p>Da klopfte es. Elisabeth fuhr aus ihren Träumen
-auf, während Friesen im Lesen inne hielt. Gleich darauf
-trat der Postbote ins Zimmer und brachte einen
-Brief an den Oberleutnant Bernhard von Friesen. Der
-junge Mann griff hastig nach dem Papier. Es trug
-den großen Stempel seines Regiments. Mit leise
-zitternden Fingern löste er das Siegel und durchflog
-die wenigen Zeilen mit den Augen. Betroffen ließ er
-den Blick sinken und schaute vor sich nieder. Wie er
-nach einer kurzen Weile die Augen wieder erhob, erschrak<span class="pagenum" id="Seite_177">[177]</span>
-er vor dem Ausdruck, der auf Elisabeths Gesicht lag.
-Das Lächeln war verschwunden und an seine Stelle
-war der Ausdruck unsagbarer Angst getreten.</p>
-
-<p>Friesen überkam eine tiefe Ergriffenheit, denn er
-erriet die Gedanken des Mädchens. Ihr feines Empfinden
-hatte sie ahnen lassen, was in dem Brief stand
-und sie war über seinen Inhalt aufs heftigste erschrocken.
-Doch in demselben Augenblick zog ein Klingen und
-Brausen in seinem Innern herauf, ein niegekanntes Gefühl
-hoher Glückseligkeit, freilich vermischt mit tiefer
-Wehmut. Da sah er, wie ein paar tränengefüllter,
-glänzender Augen auf ihn gerichtet waren und einem
-plötzlichen Drange folgend, sprang der junge Mann vom
-Stuhle auf, ließ sich vor dem Mädchen nieder und
-lehnte sein Haupt an ihre Knie; zwei zitternde Hände
-tasteten nach ihm. Er nahm die eine, preßte seinen
-Mund darauf, und dann perlte eine Träne auf sie nieder.
-Die andere Hand aber berührte den Scheitel des
-Mannes und strich unaufhörlich liebkosend über Haar
-und Wangen.</p>
-
-<p>Lange verharrten so die zwei, die sich gefunden
-hatten, um sich in wenigen Stunden wieder zu trennen.</p>
-
-<p>Endlich sprach das Mädchen mit leiser Stimme:</p>
-
-<p>»Mein lieber Freund! Ich liebe Dich ja schon,
-ach, so lange, aber ich wußte es nicht. Nun wir aber
-für immer von einander scheiden müssen, spricht die
-Stimme in meiner Brust eine vernehmliche Sprache.
-Ach, laß es mich, das süße Wort einmal noch aussprechen:
-Bernhard, mein Bernhard, &ndash;&nbsp;&ndash; ich habe
-Dich lieb!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_178">[178]</span></p>
-
-<p>Da überlief den Knieenden eine heftige Erschütterung
-und schüttelte seinen Körper wie im Fieber.</p>
-
-<p>Dann aber hob er den Kopf auf, sah Elisabeth
-mit wonnetrunkenem Blick in die Augen und sprach:</p>
-
-<p>»Mein Lieb! Du Inniggeliebte meiner Seele!
-Jetzt weiß ich es auch, was mich so unwiderstehlich an
-dieses stille Dorf fesselte. Du hast mich wieder hierhergezogen,
-denn Du thronst schon seit dem ersten Anblick
-in meinem Herzen. Ich liebe Dich mit meiner
-ganzen Kraft, Du süßes Mädchen!«</p>
-
-<p>Nun schwiegen sie wieder, und der Knieende lehnte
-von neuem seine Stirn an die ihn liebkosende Kranke.
-So leerten die beiden Menschen in reinem Genießen
-den goldenen Becher irdischer Liebe, die bereits von
-einem Schimmer verklärt wurde, der aus der Ewigkeit
-herüberdrang, bis zum Grund. In wenigen Stunden
-genossen sie das ganze Glück, das andern in der Spanne
-vieler Jahre beschieden ist.</p>
-
-<p>Und so fand die eintretende Freihoferin die Liebenden&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Es verhielt sich so wie Elisabeth geahnt hatte:
-Friesen hatte den Befehl seines Regiments erhalten, unmittelbar
-nach Empfang des Briefes sich nach Leipzig
-zu begeben und von dort mit einem Transport Reservemannschaften
-nach Dresden zurückzukehren. Die Ordre
-war in so gemessenen Worten gehalten, daß ihm nichts
-anderes übrig blieb, als sofort abzureisen. Hätte er
-Maxens Rückkehr abwarten wollen, so wäre sein Eintreffen
-um zwei Tage verzögert worden. Er beschloß<span class="pagenum" id="Seite_179">[179]</span>
-daher, noch im Laufe des Nachmittags Rehefeld zu
-verlassen.</p>
-
-<p>Die wenigen Stunden bis dahin verbrachten die
-Liebenden im trautesten Alleinsein. Sie nannten sich
-wiederholentlich bei ihren Vornamen und waren entzückt
-von deren Klange, auch sprachen sie zum letzten Mal
-von den Erinnerungen an alles das, was sie mit einander
-erlebt hatten. Dabei tauschten sie liebende Blicke
-aus, und ein leiser Händedruck verriet dem andern, was
-die Lippen auszusprechen scheu vermieden. Keine Überschwänglichkeit,
-kein heftiges Aufwallen der Gefühle.
-Ihre schon längst im innersten Herzen schlummernde
-Liebe, deren sie sich erst angesichts des Scheidens für
-immer bewußt geworden waren, war in demselben
-Augenblick, in dem sie sich offenbarte, schon geläutert
-gewesen. Sie war zu zart, als daß sie laute Beteuerungen
-und eindringliche Beweise ertragen hätte. Wie
-zwei alte Menschen, die auf ein reiches Leben von Sorgen
-und Glück nebeneinander zurückblicken und die nun
-ihren Lebensabend zusammen beschließen &ndash; ohne aufwallende
-Zärtlichkeiten aber mit ihrer ewigfrischen,
-jungen Liebe in der welken Brust, so saßen Friesen
-und Elisabeth Hand in Hand nebeneinander. Ihre
-Liebe gehörte nicht mehr dieser Welt an, dafür war sie
-zu groß, und ihre Blicke suchten schon das unbekannte
-Land, dessen Freuden gemeinsam zu genießen sie sich in
-der letzten Stunde vor ihrer Wanderung dahin hinieden
-gefunden hatten.</p>
-
-<p>Dann kam der Augenblick des Abschieds. Friesen
-kniete zum letzten Mal vor dem Mädchen nieder, das
-sich zu ihm hinabbeugte und ihre Lippen auf seinen<span class="pagenum" id="Seite_180">[180]</span>
-Scheitel drückte. Einen Kuß auf die welke Stirn, dann
-trat der junge Mann zurück. Langsam schritt er zur
-Tür, legte die Hand auf den Drücker und warf einen
-langen Blick zurück, der mehr enthielt als Worte hätten
-sagen können. Lächelnden Antlitzes blickte Elisabeth zu
-dem Scheidenden hinüber. Noch ein stummer Wink, &ndash;
-und der Platz an der Tür war leer.</p>
-
-<p>Lange Minuten schaute das Mädchen mit verhaltenem
-Atem unverwandt auf die Stelle. Dann kehrte
-sie die Augen ab, schauerte zusammen, als wenn es sie
-fröstle, schmiegte den Kopf an die Brust der Mutter
-und sprach mit versagender Stimme:</p>
-
-<p>»Ich bin so müde. Nun möchte ich schlafen
-gehen!«</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Als aber die goldene Sonne untergegangen war
-und die grauen Schatten der Abenddämmerung sich auf
-die Erde herabsenkten, da hielt es die Freihoferin im
-Zimmer nicht mehr aus. Sie warf ein Tuch um die
-Schultern, vertraute die Obhut über die Schlummernde
-der alten Beschließerin an und eilte hinaus in die köstliche
-Luft des Lenzabends.</p>
-
-<p>Am Abendhimmel war ein glühendes Rot heraufgezogen,
-dessen leuchtende Farben jetzt langsam wieder
-verblaßten. Feierlicher Frieden erfüllte die Natur. Die
-gefiederten Sänger waren zur Ruhe gegangen, nur das
-Zirpen der Grillen tönte noch aus dem Grase hervor.
-Einsam funkelte der Abendstern auf die Erde herab, und
-langsam begann der helle Schein, der über der Stelle
-stand, wo die Sonne hinabgesunken war, zu verbleichen.
-Von fernher klang noch einmal verhallendes Hundegebell<span class="pagenum" id="Seite_181">[181]</span>
-herüber, dann erstarb es, und tiefe Stille herrschte
-weit in der Runde.</p>
-
-<p>Die Greisin aber gewahrte nicht diesen Frieden,
-in ihrer Brust tobte wilder Schmerz. Sie wußte nicht,
-wohin sie sich wenden sollte. Mechanisch schritt sie auf
-der Straße weiter, vorüber an den friedlichen Wohnungen
-glücklicher Menschen.</p>
-
-<p>Da blieb sie mit einem Male stehen. Sie sah sich
-um und erkannte, daß sie sich vor dem Schulhaus befand.
-Und plötzlich überkam das Weib das heiße Verlangen,
-hineinzutreten unter die Elenden, die noch darin
-weilten, vielleicht milderte sich angesichts des vielen
-Wehs der gewaltige Schmerz in der eigenen Brust.</p>
-
-<p>Schon überschritt sie die Schwelle und stand gleich
-darauf in dem großen Krankenzimmer, dem eine in
-der Mitte hängende Lampe mattes Licht spendete. Erstaunt
-sahen die wachen Kranken auf den späten Besuch.
-Die Frau des Lehrers hatte die Nachtwache. Sie berichtete
-der Freihoferin, daß fast alle ihrer Schützlinge
-auf dem Wege der Genesung seien. Zu Besorgnissen
-gäbe keiner von ihnen Anlaß, bis auf einen jungen
-Rheinländer, dessen Hinscheiden noch in dieser Nacht
-erfolgen würde.</p>
-
-<p>Der junge Mann lag allein in einem kleinen halbdunkeln
-Raum nebenan, in den man durch die offenstehende
-Tür vom großen Krankenzimmer aus gelangte.
-Als die beiden Frauen eintraten, wendete der in hohem
-Fieber Liegende den Kopf nach der Tür und richtete
-seine großen, dunkeln Augen auf sie.</p>
-
-<p>Müde ließ sich die Freihoferin neben dem Bett
-auf einen Stuhl nieder, währenddessen die Pflegerin
-wieder in das Zimmer zurückging.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_182">[182]</span></p>
-
-<p>Es war ein junger Bursche von zartem Körper,
-der infolge der Krankheit stark abgemagert war. Das
-bleiche Gesicht mit den Fieberrosen auf den Wangen umrahmte
-eine Fülle tiefschwarzen Haares. Apathisch lag
-der Kranke in den Kissen. Sein Gesicht trug bereits
-die Spuren des beginnenden Verfalls, nur die Augen
-glänzten in unnatürlichem Feuer und kreisten unausgesetzt
-in ihren Höhlen.</p>
-
-<p>Da erhob die Greisin ihre Stimme und sprach in
-gedämpftem Tone:</p>
-
-<p>»Wie befindet Ihr Euch, mein Sohn; kann ich Euch
-mit etwas helfen?«</p>
-
-<p>Der Kranke heftete die Augen auf die Sprechende
-und antwortete mit Anstrengung:</p>
-
-<p>»Ich danke Euch, Frau, mir kann niemand helfen,
-mit mir gehts zum Ende.«</p>
-
-<p>Und wieder kreisten rastlos die Augen.</p>
-
-<p>Die Freihoferin sah vor sich nieder, drückte die
-Hände fest ineinander und dachte daran, ob der Kranke
-daheim auch eine Mutter habe.</p>
-
-<p>Da wandte sich dieser plötzlich wieder zu ihr und
-und sagte mit abgerissenen Worten:</p>
-
-<p>»Hört mich an, vielleicht hat Euch der Himmel zu
-mir gesandt, daß Ihr mir eine fürchterliche Last von
-der Brust nehmen sollt. Sagt, gibt es eine Sünde in
-der Welt, die nicht verziehen werden kann?«</p>
-
-<p>Die Freihoferin neigte das Haupt und antwortete:</p>
-
-<p>»Gott ist allgütig, er lässet keinen Reuigen von
-sich gehen!«</p>
-
-<p>Aber der Kranke schüttelte unwillig den Kopf und
-erwiderte:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[183]</span></p>
-
-<p>»Nein, das will ich nicht hören. Die Tat, die
-ich begangen, kann <em class="gesperrt">Gott</em> mir nicht anrechnen. Aber
-sprecht, kann eine Mutter verzeihen, wenn ihr Kind sie
-&ndash; verriet?«</p>
-
-<p>Die Greisin wurde um einen Schein bleicher.
-Behutsam strich sie eine schwarze Haarwelle von der
-heißen Stirn des Kranken und sagte in ihrem weichesten
-Tone:</p>
-
-<p>»Wollt Ihr mir Euer Herz nicht erleichtern, mein
-Sohn? Sagt, was euch bedrückt, vielleicht kann ich
-Euch trösten.«</p>
-
-<p>Da schöpfte der Kranke tief Atem und begann mit
-unsicherer Stimme:</p>
-
-<p>»Meine Mutter stammt aus einem alten, reichen
-Patriziergeschlecht zu Geldern. Als sie zur Jungfrau
-erblüht war, warben viele vornehme Männer um sie.
-Sie schenkte ihre Gunst aber einem armen Offizier.
-Das machte den Bruder unwillig und er verwies seiner
-Schwester ihre Neigung. Und als sie sagte, daß sie
-niemand, als nur dem eigenen Herzen folgen würde, da
-packte den Hochmütigen der Zorn und er beschimpfte
-die Schwester und ihre Liebe. Nun war meine Mutter
-ein sanftes Mädchen, daß dem Bruder wohl verziehen
-hätte, daß er sie geschmäht. Als dieser aber den tugendsamen
-Mann ihres Herzens beschimpfte, da wallte in
-ihr heiße Entrüstung auf, und sie tat einen Schwur,
-daß sie dies dem Frevler nie verzeihen würde. Ich
-wuchs heran, und unter dem Einfluß meiner Mutter
-teilte ich deren Verachtung gegen die Verwandten. Mein
-Vater blieb bei Jena, und dem hochmütigen Kaufherrn
-entrissen die rauhen Kriegszeiten seinen ganzen Reichtum
-und machten ihn bettelarm, daß er Hand an sein<span class="pagenum" id="Seite_184">[184]</span>
-Leben legte. Er hinterließ eine gelähmte Frau und
-eine einzige Tochter, die nun mit ihren feinen Händen, die
-nie Arbeit verrichtet hatten, für ihrer beiden Unterhalt
-sorgen mußte. So lernte ich das Mädchen kennen.</p>
-
-<p>Zuerst erfüllte mich tiefes Mitleid mit dem traurigen
-Schicksal der Frauen. Dann aber überkam mich eine
-edle Leidenschaft zu Karoline, meiner Base, die ich
-nicht aus meinem Herzen zu bannen vermochte. Ich
-lief hin zu meiner Mutter, gestand ihr meine Liebe und
-bat sie, den Schimpf, den der Verstorbene ihr angetan,
-nicht den schuldlosen Frauen entgelten zu lassen.</p>
-
-<p>Nun hatte aber meine Mutter den Haß gegen die
-Anverwandten wie einen bösen Wurm in ihrem Innern
-immer mehr anwachsen lassen, und diese unselige Leidenschaft
-hatte sie hart gemacht. Deshalb verbot sie mir
-meine Liebe und zieh mich des Undanks gegen sich.
-Aber ich konnte von dem Mädchen nicht lassen. Ich
-warf mich vor der Mutter nieder und flehte mit gerungenen
-Händen um ihren Segen. Da verwünschte
-mich meine Mutter und sagte, daß sie von stundab
-kein Kind mehr besäße. Und so verließ ich das traute,
-mütterliche Haus als Ausgestoßener, aber mit dem Trost
-im innersten Herzen, nicht gegen das göttliche Gebot gefehlt
-zu haben.</p>
-
-<p>Ich nahm Karoline zur Gattin. Und als nach
-Jahresfrist ein das Zimmer mit himmlischem Glanze
-erfüllender Engel uns ein Töchterchen gebracht hatte
-und kaum wieder entschwunden war, drängte sich der
-grausame Tod durch die Tür und raubte uns die ihr
-Leiden gottergeben tragende Mutter meiner jungen
-Frau.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_185">[185]</span></p>
-
-<p>Kurze Zeit später rollte der Klang der Werbetrommel
-auch durch das Rheinland; der Kaiser bedurfte
-vieler Soldaten, die nach Rußland hinein marschieren
-sollten. Ich horchte nicht nach ihr hin, denn ich arbeitete
-angestrengt für unsern Unterhalt. Da riß man mich
-fort von Weib und Kind, und ich mußte mitmarschieren.
-Ich war schwach und litt fürchterlich unter den ungewohnten
-Anstrengungen und Entbehrungen. Endlich
-kehrten wir wieder um. Ich war so elend, daß ich
-kaum noch folgen konnte und blieb wiederholt liegen.
-Aber der Gedanke an mein verlassenes Weib, an das
-unschuldige, süße Kind riß mich in die Höhe, und ich
-wankte immer wieder weiter. So kam ich hierher, um
-nur wenige hundert Meilen von meinen Teuern entfernt
-zu sterben. O, das Schicksal ist unerbittlich
-grausam!«</p>
-
-<p>Der Kranke schloß die Augen und stöhnte laut auf
-unter dem gewaltigen Schmerz, der seine Seele erfüllte.</p>
-
-<p>Aber nur eine kurze Weile hielt diese Schwäche an.
-Mit ungeheuerer Anstrengung richtete er sich in den
-Kissen auf und lenkte die bereits verglasenden Augen
-von neuem auf das an seiner Seite sitzende, tief gebeugte
-Weib.</p>
-
-<p>»Hört, Frau,« keuchte der Sterbende, »was glaubt
-Ihr, wird sich meine Mutter meines armen Weibes
-und seines Kindes in Liebe erbarmen?«</p>
-
-<p>Mit eiserner Anspannung seiner letzten Kräfte
-hielt er sich auf den Ellenbogen gestützt aufrecht und
-sah forschend der Freihoferin ins Gesicht. Diese aber
-rührte sich nicht, ihre Züge waren steinern.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_186">[186]</span></p>
-
-<p>»Ihr überlegt?« fuhr er hastig fort, und der
-Atem drang pfeifend aus seinem Munde, während den
-abgezehrten Körper heftige Fieberschauer erzittern ließen.
-»Ja, überlegts Euch reiflich, doch tuts rasch, bitt’ ich
-Euch, sonst möchte Euer Spruch mir zu spät kommen!«</p>
-
-<p>Aber die Greisin antwortete nicht, noch immer verharrte
-sie regungslos.</p>
-
-<p>Da drohte dem Jüngling, die Kraft auszugehn.
-Mit übermenschlichem Willen widerstand er der Schwäche
-und stieß hervor:</p>
-
-<p>»Beim ewigen Gott, Weib, sprecht! Vielleicht
-habt auch Ihr ein Kind, dem einstmals ein Mensch
-das Sterben mit ein paar Worten erleichtern
-könnte&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>In diesem Augenblick neigte sich die Freihoferin
-rasch über den Liegenden und sprach mit kaum vernehmlicher
-Stimme:</p>
-
-<p>»Eure Mutter wird sich der armen Verlassenen
-erbarmen, mein Sohn!«</p>
-
-<p>Der Getröstete aber war mit diesen Worten nicht
-zufrieden. Noch einen letzten Anlauf nahm er zum
-Leben. Warnend erhob er den Zeigefinger, und drohend
-entfuhr es den blutlosen Lippen:</p>
-
-<p>»Weib, wollt Ihr Euer Gewissen noch im Alter
-mit einer Lüge belasten? Ihr vergeßt, daß meine
-Mutter einen Schwur tat&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Da beugte sich die Greisin tiefer zu ihm herab
-und sprach so leise, als wenn sie selbst ihre Worte nicht
-hören wolle:</p>
-
-<p>»Und Eure Mutter wird ihrem Kinde dennoch
-verzeihen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[187]</span></p>
-
-<p>Da entquoll dem Munde des Sterbenden ein befreiender
-Seufzer, und er sank wieder in die Kissen zurück.
-Seine Augen irrten nicht mehr unstät umher,
-sondern waren jetzt ruhig aufwärts gerichtet.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap12">12. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Max war in mißmutiger Stimmung heimgekehrt.
-Der Prozeß war noch nicht entschieden und drohte
-allem Anschein nach keinen günstigen Ausgang für ihn
-zu nehmen. Und doch war Max von seinem Rechte
-überzeugt und verstand nicht, wie die Richter daran
-zweifeln konnten, daß das saftige Stück Wiese dicht
-an der Gemarkung von Zehmen ihm zugesprochen
-werden müsse. Friesens unerwartete Abreise hatte seine
-Verstimmung vergrößert, die selbst dann noch nicht
-ganz wich, als er die Kunde vernahm, daß seines Freundes
-und Elisabeths Herzen sich gefunden hatten.</p>
-
-<p>Den Zustand der Schwester fand Max viel besser
-als er vor seiner Abreise gewesen war. Und seltsam,
-Elisabeth schien auch in der Tat nicht mehr so zu leiden,
-wie in den letzten Tagen. Der Husten war weniger
-heftig und schmerzhaft; sie verspürte Lust zum Essen
-und versuchte sogar wieder, mit dem Bruder zu
-scherzen.</p>
-
-<p>Auf dem Hofe fand Max neuen Verdruß. Ein
-schwerbeladener Wagen war auf eine weiche Stelle gekommen,
-wodurch das eine Hinterrad tief in den Boden<span class="pagenum" id="Seite_188">[188]</span>
-eingesunken war. Vergebens schlug der Knecht mit der
-Peitsche auf die Pferde ein, aber die starken Ackergäule
-brachten trotz aller Anstrengung den Wagen nicht vorwärts.
-Mit zusammengezogenen Brauen stand Max
-abseits und schaute auf Hermann Lehnhardt, der im
-Verein mit zwei Knechten bemüht war, das Hinterteil
-des Wagens aus der tiefen Radspur herauszuheben.
-Aber sie sahen das Vergebliche ihres Versuchs gar bald
-ein, und schon wollte einer der Knechte forteilen, um
-eine Winde herbeizuholen, als ihn ein unwilliger Ruf
-zurückhielt. Im nächsten Augenblick bückte sich der
-junge Freihofer unter den Wagen und stemmte auf der
-herabgesunkenen Seite die Schulter an; &ndash; ein Knirschen
-und Knacken, das Hinterteil des Wagens hob sich, und
-dann stand das Rad wieder auf festem Boden. Ruhig,
-nur das Gesicht vor Anstrengung stark gerötet, trat der
-Freihofer zurück.</p>
-
-<p>Nach diesem erfuhr er, daß der erst vor kurzem
-gekaufte, junge Zuchtstier sich gestern von der Kette losgemacht
-habe und auf den gerade mit einem Bund Heu
-in den Stall eintretenden Knecht losgerannt sei. Zum
-Glück war es diesem aber noch gelungen, die Stalltür
-hinter sich zuzuwerfen und so zu verhindern, daß das
-Tier auf den Hof stürmen und Schaden anrichten
-konnte. Allerdings war nun der Mann auf diese
-Weise mit dem aufgeregten Tier in dem interessanten
-Halbdunkel des Stalles allein geblieben. Und da hatte
-er, weil der Stier ihn hart bedrängte, die Heugabel
-ergriffen und mit ihrem eisernen Ende den Zudringlichen
-ein paarmal sorgfältig auf den mächtigen Schädel
-geschlagen, daß es vernehmbar gedröhnt hatte. Diese
-recht verständliche Mißbilligung seines Tuns hatte denn<span class="pagenum" id="Seite_189">[189]</span>
-auch dem verdutzten vierbeinigen Sausewind eingeleuchtet,
-denn er ließ daraufhin von dem wehrhaften Knecht ab
-und konnte von diesem wieder in seinen Stand geführt
-und gehörig festgemacht werden. Als aber kurze Zeit
-darauf Hermann den Stier besah, stellte sich heraus,
-daß zwei der langen Gabelzinken dem Tier tief in das
-Fleisch des Nackens gedrungen waren. Trotzdem Hermann
-die beiden blutenden Wunden alsbald ausgewaschen
-und Vorsorge getroffen hatte, daß die erhitzte
-Stelle während der Nacht mit nassen Tüchern gekühlt
-wurde, zeigte die Umgebung jetzt starke Schwellung. Zudem
-war dem Stier die Freßlust vergangen, denn er
-hatte heute noch kein Futter angerührt.</p>
-
-<p>Max verdroß dieser Vorfall sehr. Er schalt laut
-auf den Knecht, der so ungeschickt gewesen sei, den
-Stier zu verletzen. Denn wenn es nicht gelang, die
-drohende Eiterung der, wie es schien, verunreinigten
-Wunden zu verhindern, konnte das wertvolle Tier an
-der Verletzung zugrunde gehen.</p>
-
-<p>Hermann trat achselzuckend von dem Stier zurück
-und meinte, der Mann wäre gut und es träfe ihn
-eigentlich keine Schuld, da der Stier die Kette zerrissen
-habe. Ein Mensch, der seine Geistesgegenwart weniger
-gut bewahrt hätte, hätte dem blind draufgehenden Vieh
-vielleicht die Gabel in die Brust gestoßen, was noch
-schlimmer gewesen wäre.</p>
-
-<p>Da wurde Max zornig, und er gab seinem Verwalter
-zu verstehen, daß er es angemessener fände,
-wenn er die Sache seines Herrn besser verträte, anstatt
-den ungeschickten und kopflos gewordenen Knecht herauszureden.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_190">[190]</span></p>
-
-<p>Diese Worte verdrossen nun wieder Hermann gewaltig,
-der in bestem Bewußtsein, das Interesse seines
-Brotherrn jederzeit wie sein eigenes zu wahren, den
-Vorwurf für ungerecht fand.</p>
-
-<p>Er begehrte hart auf und deutete darauf hin, daß
-der Mann eine Frau und zwei kleine Kinder habe,
-und es ihm keiner verdenken könne, wenn er sein bedrohtes
-Leben verteidige sogut er könne. Er, Hermann,
-würde in solchem Falle ebenso handeln, ohne in diesen
-Augenblicken danach zu fragen, ob das Tier dabei
-totgeschlagen werde.</p>
-
-<p>Max war die Zornesröte ins Gesicht gestiegen.
-Aber er dämpfte seine Stimme, als er den Verwalter
-heftig anfuhr:</p>
-
-<p>»Was führt Ihr da für eine Sprache, Hermann!
-Wißt Ihr denn nicht, zu wem Ihr redet, oder habt
-Ihr den ganzen Tag in der Schenke gesessen? Ich
-habe mich doch geirrt, wenn ich Euch bisher vertraut
-habe, denn Ihr verdientet mein Vertrauen nicht.«</p>
-
-<p>Während dieses Wortwechsels hatten sich die beiden
-Männer der Stalltür genähert und waren zuletzt auf
-den Hof getreten, wo gerade die ersten Geschirre vom
-Felde nach Feierabend zurückgekehrt waren.</p>
-
-<p>Hermann war bei den letzten Worten Maxens
-wie unter einem heftigen Schmerz zusammengezuckt. In
-seiner Brust schlummerten zwei Temperamente nebeneinander.
-Die ruhige Gemütsanlage besaß er von
-seinem Vater, dem getreuen Sohn, der mehr als ein
-halbes Jahrhundert im Dienst der Tiefenbachs gestandenen
-Mutter Lehnhardt, und Gutmütigkeit war
-daher sein ausgesprochenster Charakterzug. Ganz tief
-drinnen aber in seinem Herzen glimmte wie ein winziger<span class="pagenum" id="Seite_191">[191]</span>
-Funke wilde Heftigkeit. Diese Eigenschaft besaß er von
-seiner Mutter, dem Weibe vom Ufer der Etsch, mit
-den leidenschaftlichen, schwarzen Augen und den herrlichen
-Elfenbeinzähnen. Und dieser in tiefer Verborgenheit
-schlummernde Funke sollte jetzt zur hochaufschlagenden
-Flamme angefacht werden.</p>
-
-<p>Max war vor dem Verwalter aus dem Stall gegangen.
-Kaum hatte er seine letzten Worte ausgesprochen,
-war Hermann mit einem Satz auf ihn zugesprungen,
-daß er dicht vor seinem Herrn stand. Seine Augen
-funkelten vor Erregung und seine Fäuste waren
-geballt.</p>
-
-<p>»Wie,« keuchte er, »könnt Ihr meine Redlichkeit in
-Zweifel ziehen? Und wenn ich einen Ton anschlug, den
-Ihr für unangemessen fandet und den ich selbst noch
-nicht an mir gekannt habe, so seid nur Ihr mit
-Euren verletzenden Worten es gewesen, der mich dazu
-herausforderte. Ihr müßt nicht denken, daß ich wie
-ein Hund die Hand lecke, die nach mir schlägt!«</p>
-
-<p>Max hatte die in höchster Erregung hervorgestoßenen
-Worte des Verwalters mit scheinbarer Ruhe angehört,
-aber in seinem Innern hatte er gebebt. Beinahe hätte
-ihn der Zorn übermannt, doch war es ihm mit ungeheurer
-Überwindung gelungen, seiner Leidenschaft Herr
-zu bleiben.</p>
-
-<p>Er trat einen Schritt zurück, um durch eine zufällige
-Berührung den Wütenden nicht noch mehr zu
-reizen und sagte, sich zur Ruhe zwingend, mit leise
-zitternder Stimme:</p>
-
-<p>»Es ist gut für jetzt, Lehnhardt. Verlaßt von dieser
-Stelle aus den Hof und geht nach Hause. Morgen
-sprechen wir uns weiter.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_192">[192]</span></p>
-
-<p>Und mit diesen Worten wandte sich Max um und
-gab einem der die Pferde ausspannenden Knechte die
-Weisung, zusammen mit dem Großknecht heute Abend
-nach dem Rechten zu sehen.</p>
-
-<p>Aber auf den noch immer in drohender Haltung
-Stehenden übte Maxens kühle Besonnenheit keine beruhigende
-Wirkung aus, vielmehr schürte die Ruhe des
-Gegners nur noch die Flamme seines Zorns an und
-machte ihn vor Wut sinnlos.</p>
-
-<p>»Bauer! &ndash;« schrie Hermann mit überschnappender
-Stimme, »Ihr habt an meiner Ehrlichkeit gezweifelt.
-Wollt Ihr Euer Wort zurücknehmen, oder es gibt ein
-Unglück&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;!«</p>
-
-<p>Max war blaß geworden. Stumm und ohne einen
-Entschluß zu finden, stand er vor dem Wütenden.</p>
-
-<p>Da zuckte Lehnhardts Faust, &ndash; in demselben
-Augenblick fuhr Max herum, riß dem nächsten Knecht
-die Peitsche aus der Hand, und noch bevor Hermann
-den Schlag führen konnte, wickelte sich schon der Peitschenriemen
-um seinen Körper.</p>
-
-<p>Es trifft sich oft im Leben, daß Menschen, deren
-Zorn aus geringfügiger Ursache hoch aufwallt, ihre Besonnenheit
-ebensoschnell wiedererhalten, wie sie ihnen
-verloren ging. Sei es nun, daß es der Leidenschaft
-an innerer Kraft gebricht, sich nach dem ersten Aufbäumen
-längere Zeit auf der unnatürlichen Höhe zu
-halten, sei es, daß die dem Aufblitzen der Gluten wie
-der Donner folgende Katastrophe die heftige Gemütserregung
-ihrer Stützen beraubt, &ndash; gleichviel; der
-emporgeloderte Zorn bricht sehr oft jäh in sich zusammen,
-und die weit über Maß in Anspruch genommen<span class="pagenum" id="Seite_193">[193]</span>
-gewesenen Kräfte sinken tief hinab. Der vordem verdunkelte
-Blick ist zur Beurteilung der Sachlage mit
-einem Male wunderbar geschärft; kühle Ueberlegung stellt
-sich ein, und eine ausdrucksvolle Stimme im Innern
-hebt zu sprechen an, die unerbittlich die eigene Schuld
-feststellt oder den Vorwurf ausspricht, daß dem Menschen
-die Kraft zur Beherrschung der Leidenschaft gefehlt
-habe. Zuweilen reißt der Niedersturz die geistige Spannkraft
-ebenso tief mit hinab, wie sie vorher emporgeschnellt
-war, und der Zornbebende, der mit funkelnden Augen
-und angespannten Fibern wie eine Vereinigung ungeheurer
-Willens- und Körperkraft erschien, bietet hinterher
-mit seinem gebrochenen Blick und der schlaffen Haltung
-ein klägliches Bild.</p>
-
-<p>So war auch Hermanns Zorn urplötzlich verrauscht.
-Als Max die Peitsche in der Faust hielt und zum
-Schlage ausholte, durchschoß Lehnhardt die Erkenntnis,
-unbesonnen gehandelt zu haben. Die Beleidigung für
-ihn war gesprochen und darüber sich zu entrüsten, wäre
-sein gutes Recht gewesen. Aber seinen Herrn zu bedrohen&nbsp;&ndash;,
-damit hatte ihm der Zorn, der ihn aller
-Besinnung beraubt hatte, einen Streich gespielt. Mit
-der blitzschnell überkommenen Nüchternheit hatte Hermann,
-noch bevor er unter dem Peitschenhiebe zusammenzuckte,
-auch den Entschluß gefaßt, den Freihofer nicht noch
-einmal zu reizen, sondern ruhig vom Hof zu gehen.
-Aber in seinem bisher besonnen gebliebenen Gegner
-waren jetzt die Riegel gelöst, die seinen Zorn zurückgehalten
-hatten. In dem Augenblick, in dem Lehnhardt
-sich zum Gehen wandte, traf ihn die Peitsche von neuem;
-ja, Maxens Wut verlangte nach einem dritten Schlage.<span class="pagenum" id="Seite_194">[194]</span>
-Aber er bekam die Peitsche nicht frei, da sich der Riemen
-um Lehnhardts Füße geschlungen hatte. In schäumendem
-Zorn riß Max den Peitschenstock zurück, &ndash; da verlor
-Lehnhardt das Gleichgewicht und fiel heftig auf den gekrümmten
-linken Arm.</p>
-
-<p>Jetzt hielt Max im Schlage inne, als er den Mann
-am Boden liegen sah, warf die schon wieder erhobene
-Peitsche auf die Erde und ging in den Stall zurück.</p>
-
-<p>Hermann Lehnhardt blieb einige Sekunden auf
-dem steinernen Pflaster vor dem Stalle liegen. Dann
-stand er mühsam auf, unterstützte mit der rechten Hand
-den augenscheinlich verletzten linken Arm und verließ,
-ohne sich noch einmal umzusehen, den Freihof.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Mit besonderer Sorgfalt hatte Max anschließend
-an diesen Vorfall die abendliche Runde durch den Hof
-gemacht, weit mehr aus dem Grunde Zeit zu gewinnen,
-um seine ungeheure Erregung verflüchten zu lassen, als
-den fehlenden Verwalter zu ersetzen.</p>
-
-<p>Ruhiger geworden, betrat er eine Stunde später
-die Wohnstube, wo die Mutter schon an dem gedeckten
-Tisch saß und ihn zum Abendessen erwartete.</p>
-
-<p>Mit kurzem Gruß und indem er es vermied, dem
-Blick der Mutter zu begegnen, nahm er ihr gegenüber
-Platz.</p>
-
-<p>»Wie geht es Elisabeth,« fragte Max, »ich wäre
-gern noch einmal zu ihr gekommen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sie befand sich auch am Abend ziemlich wohl,«
-antwortete die Freihoferin »und schläft jetzt. Störe sie
-nicht.«</p>
-
-<p>Das Mahl verlief schweigsam, keiner von beiden
-empfand Lust zu sprechen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_195">[195]</span></p>
-
-<p>Endlich schob die Mutter den Teller zurück und
-erhob sich, um ihren allabendlichen Platz am Krankenbett
-einzunehmen.</p>
-
-<p>Da stand auch Max auf, räusperte sich heftig und
-stieß heraus:</p>
-
-<p>»Mutter, ich habe den Hermann heute Abend vom
-Hofe weisen müssen.«</p>
-
-<p>Die Alte hatte sich an das Fenster gestellt und
-schaute schweigend in die Dunkelheit hinaus. Bei des
-Sohnes Worten wandte sie sich langsam um und versetzte:</p>
-
-<p>»Ich habe es gehört.«</p>
-
-<p>»Es ist nicht das erste Mal gewesen, daß ich mich
-über ihn sehr ärgern mußte. Er hat viel Gutes, aber
-sein Wesen gefiel mir trotz alledem nicht. Er wollte
-nur immer allein anordnen und unterließ oft mich zu
-fragen, bevor er wichtige Dinge ausführte. Hinterher
-erst erfuhr ich’s. Aber man kann ja nicht überall sein.
-Ich werde ihn in der ersten Zeit recht vermissen, dann
-wird es aber umso besser gehen. Was meinst Du
-darüber?«</p>
-
-<p>»Du wirst wissen was Du tust,« entgegnete die
-Freihoferin kurz.</p>
-
-<p>In Max regte sich der Unmut bei diesen Worten,
-und er wäre gern aufgefahren, aber es war ja seine
-Mutter die so sprach, und er hatte es von Jugend auf
-nicht anders gekannt, als sich ihr unterzuordnen. Noch
-niemals war es ihm in den Sinn gekommen, sich gegen
-sie aufzulehnen. Deshalb unterdrückte er seine Verstimmung
-und sagte nur:</p>
-
-<p>»Es war anders nicht möglich, ich mußte ihn
-fortschicken.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_196">[196]</span></p>
-
-<p>»Du bist der Herr auf dem Freihofe,« klang es
-zurück.</p>
-
-<p>Diese Teilnahmlosigkeit reizte Max von neuem, und
-sein Ton hatte einen schlecht unterdrückten, scharfen
-Klang, als er hervorstieß:</p>
-
-<p>»Und züchtigen mußte ich ihn, das hatte er verdient!«</p>
-
-<p>»Ich gebe es zu, denn der Knecht darf sich nicht
-gegen seinen Herrn auflehnen,« lautete die rasche
-Antwort.</p>
-
-<p>Max verstand seine Mutter nicht recht. Forschend
-sah er ihr ins Gesicht, in dem sich kein Muskel bewegte.
-Da wandte sich der junge Freihofer ab und
-verließ das Zimmer.</p>
-
-<p>Die Greisin blieb in steifer Haltung am Fenster
-stehen und blickte sinnend durch die Scheiben. Mit
-einem Male stieß sie das Fenster hastig auf und rief
-den Mann an, der unter den Bäumen des Obstgartens
-herumlief. Es war der Großknecht, ein älterer Mann,
-der schon seit länger als zwanzig Jahren auf dem Freihofe
-war.</p>
-
-<p>»Anton!« rief die Freihoferin zum Fenster hinausgebeugt
-in halblautem Tone. Der Angerufene sah sich
-um und kam herbei.</p>
-
-<p>»Hat die Mutter Lehnhardt schon ihr Deputat für
-den Mai?« fragte sie leise.</p>
-
-<p>»Für den Mai?« antwortete Anton, »für den
-Mai, Bäuerin? Nein, wir sind ja noch im April.«</p>
-
-<p>»Dann tragt ihr’s noch heute Abend hinauf,« versetzte
-die Greisin. Darauf schloß sie das Fenster wieder
-und der Knecht lief den Weg zurück. In demselben
-Augenblicke aber, in dem er um die Scheunenecke biegen
-wollte, klang es hinter ihm her:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_197">[197]</span></p>
-
-<p>»Anton! Die Mutter Lehnhardt bekommt fortan
-nicht mehr ein Quart, sondern einen Halben Kartoffeln
-und anstatt der einen Speckseite zwei!«</p>
-
-<p>Klirrend schloß sich das Fenster.</p>
-
-<p>Ein paar Sekunden blieb der Mann stehen, die
-Augen dorthin gerichtet, wo die Gestalt der Freihoferin
-eben verschwunden war. Endlich ging er davon, sein
-Gesicht zu einem gutmütigen Grinsen verziehend.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Einige Tage waren darüber hingegangen. Der
-Regen floß in Strömen vom Himmel herab, und Max,
-dessen Gegenwart draußen notwendig gewesen war, war
-gegen Mittag, naß wie eine Katze zurückgekommen. Am
-Nachmittag mußte er am Schreibtisch arbeiten. Der
-Regen hatte endlich aufgehört, und ein heftiger Sturm
-hatte sich erhoben, unter dessen Stößen die Fensterscheiben
-klirrten. Max war in seine Bücher vertieft,
-als sich die Tür auftat und Pastor Reinerz ins
-Zimmer trat.</p>
-
-<p>Beim Anblick des Greises konnte sich Max einer
-leichten Verlegenheit nicht erwehren, denn er meinte zu
-erraten, was diesen zu ihm führe.</p>
-
-<p>»Grüß Euch Gott, Herr Max,« begann der alte
-Herr nach einem warmen Händedruck, und noch bevor
-Max ihm geantwortet hatte, schob er sich einen Stuhl
-näher zum Schreibtisch und setzte sich neben den unsicher
-Dreinschauenden.</p>
-
-<p>»Ich komme von Eurer Schwester, der es besser
-geht als ich zu hoffen wagte, und nun wollte ich an
-der Tür nicht vorübergehen, ohne Euch einen Gruß<span class="pagenum" id="Seite_198">[198]</span>
-gesagt zu haben,« hob Reinerz an, während Maxens
-Beklommenheit bei den ruhigen Worten zu weichen
-begann.</p>
-
-<p>»Das Kind besitzt einen hohen Schatz, den es uns
-allen voraus hat. Sie ist nämlich einer jener seltenen
-Menschen, die keinen Feind haben,« plauderte der Greis.</p>
-
-<p>»Damit mögt Ihr recht haben, Herr Pastor« entgegnete
-Max. »Ich wüßte auch wahrhaftig nicht, wer
-dem Kinde gram sein sollte.«</p>
-
-<p>»Ja, ein Günstling des Schicksals ist der, bei dem
-solches zutrifft,« sprach Reinerz und strich liebkosend
-mit den Fingern die weißen Fäden des langen Bartes.
-»Viel Feind, viel Ehr, sagt das Volk. Nun, das ist
-nicht unrichtig. Wie viele Menschen gibt es aber schon,
-denen die Feinde mit dem Amt zu gleicher Zeit
-beschert werden. Es ist ein nur Wenigen beschiedenes
-Glück, sagen zu können: ich besitze keinen Widersacher.«</p>
-
-<p>»Das ist wahr,« antwortete Max, »wenn Ihr
-sagt, daß manchem mit dem Amt auch Feinde erstehen,
-ja sie sind bereits da, bevor das nicht selten
-dornenvolle Amt einen einzigen Freund verschaffte. Dafür
-heißt leben kämpfen. Bald gesellen sich zu dem
-anstürmenden Schicksal auch feindlich gesinnte Mitmenschen,
-gegen die zu streiten bisweilen recht aufreibend ist.
-Glücklich ist der, dem ein stiller Winkel abseits des
-Planes, auf dem täglich die Kräfte gemessen werden,
-beschieden wurde. Er ist der Begünstigte, der, den
-das Schicksal liebt.«</p>
-
-<p>»Ja, ja, mein junger Freund, geradeso, wie
-Ihr es schildert, ist der Lauf der Welt,« versetzte der
-Greis. »Aber es genügt nicht allein, an einer geschützten<span class="pagenum" id="Seite_199">[199]</span>
-Stelle zu stehen, wo die Wetter nicht brausen. Wer
-der Gunst des Schicksals gegenüber blind ist, der verläßt
-seinen schirmenden Unterstand. Er begibt sich in
-die Gefahr und kommt nicht selten darin um. Das
-weise Sichbescheiden auf den schmalen Raum, worauf
-man gestellt wurde und den vielleicht nur verblichene
-Sonnenstrahlen trafen, ist die große Lebenskunst, die
-nur wenige verstehen, und an deren Erfüllung täglich
-Hunderttausende scheitern. Eure Schwester ist einer
-jener klugen Menschen, denen ihr Haus nicht zu eng
-wurde. Sie begnügte sich mit dem Stückchen Boden,
-das das Schicksal ihr zugedacht hat. Das aber bebaute
-sie emsig und hatte die Freude, viele herrliche Blumen
-um sich herum gedeihen zu sehen. Nun, diese Blumen
-sind Eurer Schwester edle Tugenden und Eigenschaften,
-und die Menschen, die sich an dem Anblicke der Blumen
-ergötzen, sind Elisabeths Freunde.«</p>
-
-<p>Der Greis hielt im Sprechen inne, blickte eine
-Weile vor sich nieder und richtete dann seine durchdringenden
-Augen auf Max, der die eben entschwundene
-Beklommenheit unter diesem Blick wieder herannahen
-fühlte. Dann fuhr Pastor Reinerz ruhig fort:</p>
-
-<p>»Aber nicht nur Eurer Schwester sollte heute mein
-Besuch gelten, es verlangte mich auch, Euch selbst zu
-sprechen. Ihr werdet fühlen, was mich heute zu Euch
-führt, Max. Vielleicht habt Ihr den alten Reinerz auch
-schon erwartet.«</p>
-
-<p>Max hatte die Augen von dem Gesichte des Greises
-weggewendet und sah zum Fenster hinaus. Bei den
-letzten Worten Reinerz warf er den Gänsekiel, mit
-dessen Fahne er bisher gespielt hatte, auf den Schreibtisch.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_200">[200]</span></p>
-
-<p>»Wo zwei Menschen im heftigen Zorn voneinander
-geschieden sind ist es gut, daß ein gemeinsamer Freund
-zwischen sie tritt, um ihren Groll zu besänftigen und
-sie wieder mit einander auszusöhnen. Der Wunsch,
-dieser gute Vermittler zu sein, hat mich zu Euch geführt.«</p>
-
-<p>Pastor Reinerz konnte nicht weiter sprechen. Max
-hatte schon wiederholt den Versuch gemacht den Redenden
-zu unterbrechen, war aber durch die abwehrende Handbewegung
-des Greises daran gehindert worden. Jetzt
-fuhr es Max heraus:</p>
-
-<p>»Ihr seid gütig, Herr Pastor, aber es ist nicht
-möglich, daß ich von Euerm freundlichen Anerbieten
-Gebrauch machen kann. Einer Vermittlung zwischen
-einem meiner Leute und mir bedarf es niemals. Wer
-mich beleidigt hat tut am besten, den Weg zu mir selbst
-einzuschlagen. Aber in diesem Fall wäre der Versuch
-Lehnhardts, meine Verzeihung zu erhalten, verfrüht.
-Der Unmut ist noch nicht von mir gewichen, deshalb
-müßte ich ihn, wenn er heute oder morgen zu mir
-käme, abweisen. Er hat zu schwer gefehlt. Und nun
-würde ich’s Euch danken, wenn Ihr von etwas anderem
-sprechen wolltet.«</p>
-
-<p>Aber der Greis war der Meinung, daß hierüber
-noch lange nicht genug gesprochen worden sei, deshalb
-begann er wieder:</p>
-
-<p>»Es ist heute noch so, wie es vor hundert und
-aberhundert Jahren schon war. Wenn zwischen zweien
-ein Streit entbrannt ist, fühlt sich selten einer von
-beiden im Unrecht. Ich will mich ja auch garnicht der
-Aufgabe unterziehen, zu ergründen, nach welcher Seite
-sich in diesem Fall das Recht neigt. Denn ich bin<span class="pagenum" id="Seite_201">[201]</span>
-nicht gekommen, den Richter zwischen Euch und dem
-Hermann zu spielen, sondern als Freund zu vermitteln.«</p>
-
-<p>»Ich wünsche aber keinen Vermittler,« unterbrach
-Max ungeduldig den Sprecher. Doch ließ sich dieser
-nicht beirren, sondern fuhr fort:</p>
-
-<p>»Wer will es hindern, daß die Leidenschaft, die
-sonst immer im festen Zügel liegt, nicht einmal durchbricht
-und ihres Meisters spottet. Du lieber Gott, es
-ist ja so überaus schwer einen Vorwurf dafür zu
-machen. Der Leidenschaftslose hat freilich leichtes Urteil
-über den Temperamentvollen. Eins aber muß man von
-dem Mann fordern dürfen: daß er dann, wenn die
-Wogen des Zornes sich geglättet haben bereit ist, die
-Schuld, die er beim Ausbruch seiner Heftigkeit auf sich
-lud, wieder einzulösen. Auch Ihr habt gefehlt und
-tätet gut, wenn Ihr mit mildem Auge die Schuld des
-Andern betrachten wolltet.«</p>
-
-<p>Max hatte nur mit großer Beherrschung seine Ungeduld
-verbergen können. Jetzt erhob er sich hastig,
-trat einen Schritt zurück und sprach in entschiedenem
-Tone:</p>
-
-<p>»Herr Pastor, ich kann begreifen, wenn Ihr es
-als Eure Aufgabe betrachtet zu schlichten, wo Streit
-entbrannt ist. Es gibt aber keine Streitenden, wo das
-sich auflehnende Gesinde von seinem Herrn gezüchtigt
-werden muß. Ihr werdet den Vorfall soweit kennen,
-daß Ihr auch wißt, wie lange Zeit ich mich beherrschte,
-bevor mich der gerechte Zorn übermannte.«</p>
-
-<p>Langsam erhob sich auch Pastor Reinerz und
-sprach:</p>
-
-<p>»Ich hätte geglaubt, Euch versöhnlicher gestimmt
-zu finden. Seht, Max, ich bin ein alter Mann, der<span class="pagenum" id="Seite_202">[202]</span>
-in seiner Jugend auch ein rechter Hitzkopf gewesen ist.
-Deshalb weiß ich es nur zu gut, wie leicht der Zorn
-die kühle Überlegung zur Seite drängt. Sagt, wäre es
-Euch nicht möglich, das Unrecht, soweit es Euch trifft,
-wieder gut zu machen?«</p>
-
-<p>Da begehrte Max heftig auf:</p>
-
-<p>»Mein Unrecht? Was für ein Unrecht beging
-ich denn?«</p>
-
-<p>»Das Unrecht, daß Ihr Hermann Lehnhardt reiztet,
-so daß er sich vergaß und daß Ihr Euch vom Zorn
-hinreißen ließet.«</p>
-
-<p>»Nun, und Ihr vergeßt ganz, daß der Knecht den
-Arm erhob gegen seinen Herrn.«</p>
-
-<p>»Das eben war die Folge Eures Zweifels an seiner
-Ehrlichkeit,« versetzte der Greis ruhig. »Hermann
-Lehnhardt ist ein schwerblütiger Bauer, den manches
-gleichgültig läßt, was einem andern das Blut in die
-Schläfen jagen würde. Aber wie so viele seinesgleichen
-kann er auch heftig in Zorn geraten, daß ihn die Überlegung
-vollständig verläßt. Ihr wißt, der gute Ruf ist
-ein Kleinod, das sich unsere Bevölkerung, gottlob, mit
-Stolz bewahrt. Ihr habt Euern Verwalter aber der
-Unredlichkeit verdächtigt&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nun ists genug, Herr Pastor,« unterbrach Max
-den Sprecher mit Festigkeit, »ich habe jetzt keine Geduld
-mehr, Euch länger zuzuhören.«</p>
-
-<p>»Ihr vergrößert durch Eure Halsstarrigkeit aber
-nur das Unrecht, das Ihr begangen habt,« antwortete
-erregt der Greis.</p>
-
-<p>»Dann werde ich die Folgen zu tragen wissen,«
-entgegnete der Freihofer herrisch.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_203">[203]</span></p>
-
-<p>Stumm standen sich die beiden Männer gegenüber
-und tauchten ihre Blicke ineinander. Eine dumpfe
-Ahnung raunte jedem von Ihnen zu, daß die Erinnerung
-an diesen Augenblick in ihnen noch einmal mit aller
-Lebendigkeit heraufkommen würde. Das aber konnte
-keiner von beiden ahnen, daß jene Stunde, in der sie
-sich wie heute Auge in Auge gegenüberstehen und dieses
-Vorfalls erinnern sollten, zermalmenden Schmerz mit
-sich gebracht haben würde.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap13">13. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Es war am späten Nachmittag, als vom untern
-Eingang her auf schaumbedecktem Pferde ein Reiter die
-Dorfgasse hinaufsprengte, ein junger Bursche von etwa
-achtzehn Jahren. Er mußte einen tollen Ritt hinter sich
-haben, denn der schweißtriefende Gaul schnaubte heftig
-und stolperte fast über seine Beine. Trotzdem verminderte
-der Reiter die Geschwindigkeit nicht. Das Dorf war
-wie ausgestorben, da alles draußen auf den Feldern zu
-tun hatte. Die Wenigen, die aber noch in den Häusern
-zurückgeblieben waren, wurden von dem klappernden
-Hufschlag aufgescheucht und sprangen an die Fenster,
-um nach dem vorbeistürmenden Reiter zu sehen.</p>
-
-<p>Als der Bursche in der Nähe der Kirche angekommen
-war, sah er drüben von der Anhöhe einen
-Wagen herabkommen, auf dem einige Knechte saßen.
-Er hielt sein Pferd an und rief mit lauter Stimme
-hinüber:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_204">[204]</span></p>
-
-<p>»Heda, Ihr Leute, wo wohnen hier die Tiefenbachs?«</p>
-
-<p>»Reitet noch ein kurzes Stück,« klang es zurück,
-»dort oben, wo Ihr die beiden großen, mit Ziegeln bedeckten
-Scheunen seht.«</p>
-
-<p>Er wandte den Blick in die bezeichnete Richtung
-und trabte weiter. Wie er nahe an den Hof herangekommen
-war, sah er vor dem Hoftor auf der Straße
-einen Mann von hünenhaftem Wuchse stehen. Der
-Reiter trieb sein Pferd heran und blieb vor jenem
-halten.</p>
-
-<p>Mit seinem Haselstock auf das Gut zeigend, fragte er:</p>
-
-<p>»Ist das der Hof, auf dem die Tiefenbachs sitzen?«</p>
-
-<p>Der Angesprochene sah den Reiter verwundert an
-und antwortete:</p>
-
-<p>»Das ist der Freihof, und ich bin Max von Tiefenbach.«</p>
-
-<p>Da flog ein Zug der Befriedigung über das
-glühende Gesicht des Burschen. Eilends riß er das
-Wams auf, griff hinein und zog ein zusammengefaltetes
-Papier hervor, das er dem vor ihm Stehenden reichte.</p>
-
-<p>»Hier, nehmt und beeilt Euch! Der das geschrieben
-hat sagte, es gelte, einer Sterbenden noch etwas Liebes
-zu erweisen, und daraufhin bin ich geritten, als wenn
-ich zum Tode meiner Mutter noch zurecht kommen müsse.«</p>
-
-<p>Hastig griff Max nach dem Papier, riß es auseinander
-und las seinen Inhalt. Und während er las,
-preßte er die Lippen so heftig aufeinander, daß sie weiß
-wurden. Langsam sank endlich die Hand mit dem
-Schreiben herab, während er den Blick zu Boden richtete.</p>
-
-<p>Aber die Stimme des Reiters riß ihn aus seinem
-Brüten:</p>
-
-<p>»Diese Börse soll ich Euch aushändigen,« sprach
-er, »sie enthält die ganze Barschaft meines Auftraggebers,<span class="pagenum" id="Seite_205">[205]</span>
-und hier ist seine goldene Repetieruhr. Sonst hat
-er mir nichts aufgetragen.«</p>
-
-<p>Max kämpfte seine Bewegung nieder und antwortete:</p>
-
-<p>»Gebt her die Uhr. Den Beutel behaltet für Euern
-Ritt, denn auf diesem Gaule werdet Ihr wohl kaum
-wieder zum Dorfe hinauskommen. Sattelt ab und laßt
-Euch zu essen geben.«</p>
-
-<p>Mit diesen Worten wandte er dem Reiter den
-Rücken und ging eilends nach dem Wohnhause. Der
-Bursche sprang vom Pferde, liebkoste das völlig erschöpfte
-Tier und zog es langsam auf den Hof.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>In verschwenderischer Fülle drangen die schrägen
-Sonnenstrahlen des scheidenden Tages in Elisabeths
-Zimmer und erfüllten es mit goldenem Glanze. Die
-Kranke lag im Bett und hielt die Hand der neben ihr
-sitzenden Mutter in der ihrigen. Ihr Gesicht trug den
-Ausdruck schweren Leidens und war eingerahmt von
-dem üppigen Blondhaar. Keines von ihnen sprach ein
-Wort.</p>
-
-<p>Da öffnete sich die Tür, und Max trat ins Zimmer.
-Mit leisen Schritten näherte er sich dem Bett und berührte
-mit der Hand schmeichelnd die Wange des Mädchens.</p>
-
-<p>»Ich habe etwas für Dich, meine kleine Liesbeth,«
-sagte er und hob die Hand mit dem Papier hoch auf.</p>
-
-<p>Die Kranke betrachtete eine kurze Weile in hoher
-Spannung das Gesicht des Bruders. Dann überlief
-ihren Körper ein Zittern und sie flüsterte:</p>
-
-<p>»Max, lieber Max, wäre es möglich?«</p>
-
-<p>Und mit gedämpfter Stimme las dieser die folgenden
-wenigen Zeilen:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[206]</span></p>
-
-<div class="letter">
-<p class="center">
-Meine inniggeliebte, süße Braut!
-</p>
-
-<p>Während ich diese Worte niederschreibe, fließt mein
-warmes Herzblut unter mir dahin, und ich merke, daß
-es mit mir rasch zu Ende geht. Ich benutze die kurzen
-Minuten, die ich noch zu leben habe, um Dir, Du
-Gute, meine letzten Grüße zu sagen. &ndash; Als ich nach
-Leipzig kam, packte auch mich die Begeisterung, die in
-dieser Stadt herrscht. Ich wandte der schwankenden
-sächsischen Sache den Rücken und verband mich den
-schwarzweißen Farben. Heute habe ich unter Blüchers
-Leitung um das Dorf Großgörschen gekämpft. Nachdem
-ich schon kleine Verletzungen erlitten hatte, wurde mir
-zuletzt die linke Schulter und Brust von einem französischen
-Säbel zerhauen. Ich zürne ihm nicht, nein, ich danke
-ihm dafür! Es wäre ein freudenloses Leben gewesen&nbsp;&ndash;!
-Mein letzter Herzschlag gehört Dir, Du inniggeliebtes
-Mädchen. Schon überkommt mich eine unwiderstehliche
-Müdigkeit; mit dem Gedanken an Dich will ich einschlafen.
-Habe Dank für Deine Liebe, die mich so
-glücklich macht, daß ich dem Sterben entgegenlächeln
-kann. Einen innigen Kuß drücke ich auf die Blumen,
-die ich Dir sende. Auf baldiges Wiedersehen, mein
-süßes Lieb, &ndash;&nbsp;&ndash; über den Sternen!</p>
-
-<p class="center">
-Dein bis in den Tod getreuer<br />
-Bernhard von Friesen.
-</p>
-</div>
-
-<p>Elisabeths Gesicht strahlte in überirdischem Glanze.
-Schneller als sie es im Leben erreicht hätte, sollte sie
-mit dem Geliebten im Tode vereinigt sein. Ihre Augen
-suchten das Himmelsblau, in dem vielleicht in diesem
-Augenblick seine Seele zu den lichten Höhen schwebte.
-Dann richtete sie die strahlenden Augen auf die Mutter<span class="pagenum" id="Seite_207">[207]</span>
-und den Bruder, ergriff die Hände ihrer Lieben und
-sprach:</p>
-
-<p>»Ach, Mutter, ich hätte nicht gedacht, daß das
-Sterben so schön sei!«</p>
-
-<p>Just um diese Stunde begann mit schwerem, unhörbarem
-Flügelschlage der Todesengel über dem Freihof
-seine Kreise zu ziehen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Max hatte das Zimmer leise wieder verlassen, derweilen
-Elisabeth mit geschlossenen Augen ruhte. Die
-dem Briefe beigelegenen, an einem Stengel vereinigten
-zwei Himmelschlüssel standen in einem Wasserglas neben
-dem Bett. Da öffnete plötzlich das Mädchen die Augen
-und tauschte wortlos einen langen Blick mit der Mutter.
-Dann fühlte diese, wie die heiße, kleine Hand sich auf
-die ihrige legte und sie sanft an sich zog.</p>
-
-<p>»Mein liebes, herzensgutes Mütterchen,« sagte die
-Kranke leise, »ich fühle, daß meine Zeit gekommen ist.
-Aber ich muß, bevor ich von Dir scheide, Dir ein Geheimnis
-anvertrauen, das mich tief traurig gemacht hat,
-das mich aber zuweilen auch im innersten Herzen mit
-seliger Lust erfüllte: Maria von Tiefenbach, meine
-Cousine, und Max lieben einander.«</p>
-
-<p>Und mühsam erzählte Elisabeth den Vorfall in
-der Kirche und schloß:</p>
-
-<p>»Als zuletzt Maria in ihrer tiefen Not die Worte
-ausrief, daß Max ihre Liebe besitze, blieb mein Bruder
-anfangs stumm, dann wurde er rauh zu ihr. Aber
-ich habe es dennoch gefühlt, daß seine Hand, die in
-der meinen lag, zitterte, wie die eines geängstigten
-Kindes. Ach, Mutter, wenn die beiden glücklich werden
-könnten&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_208">[208]</span></p>
-
-<p>Die Freihoferin saß weit vornübergebeugt zur
-Seite der Kranken. Ihr welkes Gesicht zeigte deutlich
-die Spuren der großen Anstrengungen der letzten Wochen.
-In diesem Augenblick aber sah es erschreckend fahl aus.
-Von neuem trafen sich die Blicke von Mutter und
-Kind, das seine Augen ängstlich forschend auf das starre
-Antlitz der Mutter gerichtet hatte. Aber nur einen
-Herzschlag lang währte diese Spannung. Dann überflog
-die Züge des Mädchens ein sonniges Leuchten
-und sie bat:</p>
-
-<p>»Bitte, gib mir meine Blumen, liebe Mutter.«</p>
-
-<p>Die Freihoferin griff nach dem Stengel, wobei ihre
-Hand so heftig zitterte, daß sie einige Male an dem
-Glase vorbeitastete und reichte dem Kinde wortlos die
-gelben Frühlingszeichen.</p>
-
-<p>Die Kranke lächelte beglückt, drückte die Blumen
-an die Lippen und bald ließen die regelmäßigen Atemzüge
-erkennen, daß der Schlaf ihre Sinne umfangen
-hatte.</p>
-
-<p>Kurz darauf kam Max wieder in die Kammer und
-setzte sich neben seine Mutter. Die Dämmerung brach
-herein, die Abendschatten sanken herab, und langsam zog
-der Mond herauf. Ein zitternder Strahl fiel auf das
-Bett und umspielte zwei zarte, weiße Hände, in denen
-eine welke Blume lag.</p>
-
-<p>Bleiern schlichen die Stunden dahin. Endlich verkündete
-der helle Ton von der Kirche her die Mitternachtstunde.</p>
-
-<p>Keiner der beiden Menschen, die an dem Lager
-der Schlafenden weilten, unterbrach die hehre Stille,
-die in dem Raume herrschte. Stumm saßen sie nebeneinander
-und schauten voll Andacht in das friedliche<span class="pagenum" id="Seite_209">[209]</span>
-Engelsantlitz vor ihnen. Dann war der Mond seinen
-Pfad weiter gewandelt, und undurchdringliche Finsternis
-erfüllte das Zimmer.</p>
-
-<p>Am Morgenhimmel zogen die ersten lichten Schimmer
-leise herauf, als Max unter der leichten Berührung
-von der Hand seiner Mutter aufschreckte.</p>
-
-<p>»Es ist Zeit zu beten, Max,« sagte die Freihoferin
-mit heiserer Stimme. Darauf knieten sie an dem Bette
-nieder und sprachen in lautem Gebet einander Mut und
-Trost zu, während die lichtumflossene Gestalt, die zu
-Häupten der tiefaufatmenden Sterbenden harrte, die
-lebensmüde Seele empfing und hinaufgeleitete zu
-dem Lande der gestillten Sehnsucht und des Friedens.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Wie ein Lauffeuer hatte die Kunde von Elisabeths
-Tode das Dorf durcheilt. Doch setzte noch niemand
-seinen Fuß auf den Freihof, in der Besorgnis, daß
-seine Tröstungen in den gewaltigen Schmerz hinein
-schal klingen möchten. Auf dem Hofe schien alles Leben
-erstorben, so geräuschlos vollzog sich das notwendige
-Werk, das verrichtet werden mußte. Max bekam keiner
-zu sehen, er blieb in der Nähe der Mutter, die, wie
-er deutlich empfand, furchtbar litt.</p>
-
-<p>So saßen sie beide in der großen Wohnstube kein
-Wort sprechend, nur die Gegenwart des andern als
-Trost empfindend.</p>
-
-<p>Da klangen schwere Männertritte draußen im
-Hausflur. Gleich darauf tat sich die Tür auf, und ein
-Mann trat auf die Schwelle. Die Freihoferin und
-Max hatten sich umgewandt und starrten wie auf eine
-Erscheinung nach der Tür. Der Mann, mit dem hohen,<span class="pagenum" id="Seite_210">[210]</span>
-schlanken Wuchse und der leichtgebeugten Haltung, der
-noch immer auf der Schwelle stand und dessen dunkles
-Haupthaar und Bart Silberfäden durchzogen, war der
-Schloßherr vom Weißen Schlosse, der Freiherr Arnold
-von Tiefenbach. Als er eine Weile unverwandt auf
-Mutter und Sohn geblickt hatte, zog er die Tür hinter
-sich zu und trat in das Zimmer. Die Freihoferin, die
-mit dem Rücken nach ihm saß, hatte sich wieder umgewandt
-und sah mit hartem Ausdruck vor sich hin.
-Langsam ging Herr Arnold auf sie zu und blieb dicht
-vor der Greisin stehen.</p>
-
-<p>Eine kurze Zeit tiefen Schweigens verstrich. Dann
-sagte der Angekommene in bittendem Tone:</p>
-
-<p>»Wirst Du mir es wehren, Base, wenn mich darnach
-verlangt, von der Gestorbenen Abschied zu nehmen?
-Nicht nur Dir ist Dein Kind genommen. Auch an
-mein Herz hat das Entsetzen gegriffen und ihm eine
-blutige Wunde geschlagen.«</p>
-
-<p>Der alte, gebeugte Man schwieg, als wenn er auf
-eine Antwort warte. Dann fuhr er fort:</p>
-
-<p>»Base, höre mich ruhig an, um der teuern Toten
-willen, die meine Worte unterstützen würde, dürfte sie
-noch unter uns weilen. Ich stehe als Bittender vor
-Dir, laß mich nicht unerhört von dieser Schwelle gehen.
-Denke, ich nähme allen Frieden und alles künftige Glück
-von diesem Hause mit fort, wenn Du mich abwiesest.
-Der tiefe Schmerz schlingt um uns ein unzerreißbares
-Band und bringt unsere Herzen näher aneinander.
-Und so bitte ich Dich denn, Base, &ndash;&nbsp;&ndash; gib Frieden!
-Laß Ruhe einziehen in meine alte Brust und in Dein
-gequältes, tief erschüttertes Herz. Laß uns nicht richten<span class="pagenum" id="Seite_211">[211]</span>
-über die Toten, sie haben ihre Rechenschaft längst abgelegt
-und vielleicht auch Verzeihung erhalten; gewähre
-auch Du Verzeihung. Ein Hauch, der nichts mit der
-Irdischkeit gemeint hat, umweht uns in diesem Augenblick
-und mahnt eindringlich, jeder Schuld bloß zu sein,
-wenn die Stimme endlich auch uns ruft. So komm
-denn, Base, schlag ein. Nimm diese Freundeshand, die
-Du so lange zurückgestoßen und laß uns Versöhnung
-feiern an der Leiche Deines Kindes!«</p>
-
-<p>Max saß in einem hohen Lehnstuhl mit Armstützen.
-Seine Augen hingen an dem schmerzerfüllten Antlitz
-des Freiherrn, dessen Rede er mit Bewegung angehört
-hatte. Jetzt sah er voll quälender Erwartung auf seine
-Mutter. Konnte sie diesen Worten noch Widerstand
-entgegensetzen, den Worten, die alle Feindschaft in
-seiner Brust töteten und den heißen Wunsch nach Versöhnung
-jäh heraufkommen ließen?</p>
-
-<p>Aber die Mutter rührte sich nicht, sondern blickte
-noch immer unverwandt zu Boden.</p>
-
-<p>Da wurde der alte Freiherr weich.</p>
-
-<p>»Constanze,« flehte er, »auf diesen Armen hab’ ich
-Dein Kind oft getragen. Es nannte mich Vater und
-erzählte viele Male mit glänzenden Augen von seiner
-Mutter, die bei den Menschen als hart gelte und doch
-ein nach Liebe flehendes Herz besitze. Komm, denke
-Du könntest mit Deiner Verzeihung Deinem Kinde eine
-Wohnung inmitten der Seligen errichten. Gib Frieden,
-Constanze!«</p>
-
-<p>Mit fliegendem Atem sah Max hinüber. Ihm war,
-als könnte die Mutter nicht eine Sekunde länger zögern.
-Ihre schwere seelische Erschütterung war offenbar, und<span class="pagenum" id="Seite_212">[212]</span>
-die Worte seines Onkels waren in ihrer Wehmut und
-Sehnsucht nach Schlichtung des alten Familienzerwürfnisses
-hinreißend.</p>
-
-<p>Aber die Freihoferin blieb stumm und sah mit zusammengekniffenem
-Munde hartnäckig vor sich nieder.</p>
-
-<p>Da ergriff der Freiherr von neuem das Wort und
-sprach:</p>
-
-<p>»Du hast Dein Kind unaussprechlich geliebt, ich
-weiß es; mit allen Fasern hingst Du an seinem schwachen
-Leben. Denke, es wäre ein geheimer Wunsch Elisabeths
-gewesen, unsere Familien in Frieden zu wissen. So
-lange sie lebte, hätte sie niemals eine solche Bitte ausgesprochen,
-denn die Scheu, der Mutter weh zu tun,
-würde das Kind daran gehindert haben. Aber wenn
-der Zeitpunkt gekommen ist, wo der Mensch den irdischen
-Staub abschüttelt, um die letzte Reise anzutreten, dann
-darf er das Siegel an seinem Munde zerbrechen. Vielleicht
-ist die teure Tote noch von dem Wunsch erfüllt
-gewesen, die Mutter zu bitten, den unseligen Zwist ihr
-mit ins Grab zu geben und sie besaß nur nicht mehr
-die Kraft, die Bitte auszusprechen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Maxens Blicke hingen unverwandt an der Mutter.
-Er bemerkte, wie ihr Körper schwankte, und eine innere
-Stimme sagte ihm, daß, wenn je, jetzt der Augenblick
-gekommen sei, wo der Widerstand der Mutter zerbrechen
-mußte. Er hätte aufspringen mögen, um sich zu den
-Füßen seiner Mutter niederzuwerfen und ausrufen:
-»Mutter, sei barmherzig, und gewähre Dir und uns allen
-Frieden!« Aber das durfte er nicht wagen! Die
-Wandlung in ihrem Innern mußte von anderen bewirkt
-werden. Die Bitten des Sohnes hätten ihren Widerstand
-nur wiederaufrichten und stärken können. Der<span class="pagenum" id="Seite_213">[213]</span>
-junge Mann, dessen Pulse hämmerten, mußte an sich
-halten, damit er dem Freiherrn nicht zurief, daß er
-seine Bitten wiederholen und Worte finden möge, deren
-Wärme den Zutritt zu dem schwer zugänglichen Herzen
-erzwingen müßten. Doch Worte voll Liebe und Weichheit
-müßten es sein, denn nur diese Eigenschaften waren
-geeignet seine Mutter zu rühren.</p>
-
-<p>Aber der Mann mit den gramvollen Zügen, der
-gewiß noch nie so wie jetzt zu einem Weibe gesprochen
-hatte, besaß keine Kraft mehr zu bitten. Sein Gesicht verfinsterte
-sich, und die Stimme zitterte leise vor bezwungenem
-Unmut als er wieder begann:</p>
-
-<p>»Constanze, achtest Du mein graues Haar nicht
-<em class="gesperrt">mehr</em>? Willst du mich wie einen Schulbuben vor
-Dir demütigen?«</p>
-
-<p>Keine Antwort. Nichts, als eisiges Schweigen.
-Das Weib saß vornübergesunken und wie leblos im
-Stuhle.</p>
-
-<p>Max wartete noch mit angstvoller Spannung
-auf Worte seines Onkels, so wie er sie vorhin gesprochen
-hatte. Da klang es von dessen Munde
-schneidend und streng:</p>
-
-<p>»Ich habe geglaubt, Du besäßest für den Kummer
-anderer Menschen wenigstens einen kleinen Raum in
-Deinem Herzen. Nun aber weiß ich, daß deine Brust
-von Stein ist. Ich gebe es auf, künftig noch auf die
-Verwirklichung meines Lieblingstraumes hinzuwirken.
-Von Menschen wird Dein Handeln nicht mehr gerichtet
-werden, aber sieh zu, daß Dir die Worte nicht fehlen,
-wenn Du einst vor dem Throne des allmächtigen
-Gottes Dein Tun verteidigen mußt!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_214">[214]</span></p>
-
-<p>Diese Worte klangen wie Donnerschläge, und Max
-sah, daß seine Mutter, als der schneidende Klang
-ertönte, sich aus ihrer zusammengesunkenen Haltung
-aufrichtete und das Kinn heftig auf den Hals preßte,
-wie sie es zu tun pflegte, wenn sie dem Schicksal ihren
-eisernen Willen entgegensetzte. Nun war die Möglichkeit,
-die Mutter umzustimmen, für immer dahin. So weich
-wie vor wenigen Sekunden hatte er sie noch nie gesehen.</p>
-
-<p>Jetzt wandte sich der Freiherr von der Greisin ab
-und trat zu ihm hin.</p>
-
-<p>»Max,« sprach er und war bemüht, den scharfen
-Ton in seiner Stimme zu mildern, »willst Du nicht
-wenigstens zu mir halten, auf daß in dieser Stunde
-eine Brücke aufgerichtet werde, die spätere Tiefenbachs
-betreten können? Wollen <em class="gesperrt">wir</em> Freunde
-werden?«</p>
-
-<p>Die Blicke des jungen Mannes hatten während
-dieser Worte auf seiner Mutter geruht und tiefes Mitleid
-erfüllte ihn, als er daran dachte, welchen Schmerz
-er ihr zufügen würde, wenn er die dargebotene Hand
-annahm und wie vereinsamt die Mutter dann im
-Leben stünde.</p>
-
-<p>Noch sah der Freiherr erwartungsvoll auf den
-jungen Neffen nieder, bis sich ihre Augen begegneten.
-Da schlug Max den Blick zu Boden und warf gleichzeitig den
-Oberkörper mit einer unwilligen Bewegung heftig gegen
-die Lehne, daß der schwere Stuhl ein Stück zurückfuhr.</p>
-
-<p>Der Freiherr aber wandte sich betrübt um und
-ging, ohne noch einen einzigen Blick zurückzuwerfen, aus
-dem Zimmer. Max hörte, wie er seine Schritte nach<span class="pagenum" id="Seite_215">[215]</span>
-Elisabeths Kammer lenkte und nach wenigen Minuten
-durch den hintern Ausgang das Haus verließ.</p>
-
-<p>Eine kurze Zeit saßen Mutter und Sohn ohne zu
-sprechen, beisammen. Max empfand dieses Schweigen
-wie eine ungeheure Last und er wäre der Mutter
-dankbar gewesen, wenn sie in diesem Augenblick ein
-paar freundliche Worte zu ihm gesprochen hätte, deren
-er so sehr bedurfte. Statt dessen erhob sich endlich die
-Mutter und ging mit langsamen Schritten nach der
-Tür. Max sah es und fühlte einen heftigen Schmerz
-in der Brust. Plötzlich stockte ihr Fuß, und es schien,
-als wenn sie zu dem Sohne kommen wolle. Aber nur
-einen Augenblick hatte dies Zögern gewährt. Dann
-ging sie entschlossen weiter und ließ Max allein in der
-Stube zurück.</p>
-
-<p>Da kam das Gefühl einer unerträglichen Vereinsamung
-über den jungen Mann, und er fühlte sich von
-der Mutter und allen verlassen. In demselben Augenblick,
-wo ihm die Kraft schwand, und er seiner Mutter
-für einen im Leben ohnehin nur selten von ihrer Seite
-empfangenen Zuspruch die Hände geküßt hätte, ging sie von
-ihm. Noch nie war ihm so schwer ums Herz gewesen, und
-gerade jetzt stand er allein.</p>
-
-<p>Der gute Engel des Hauses war dahingegangen!
-Der unselige Zwist zwischen den nahen Verwandten,
-der über dem Freihof wie eine drückende, schwarze Wolke
-hing, in allen seinen Räumen gespenstisch schwebte und
-in den Herzen seiner Bewohner nur selten rechte Freude
-hatte aufkommen lassen, dieses Verhängnis, das am
-Schicksalswege der Tiefenbachs unheildrohend kauerte,
-sollte aber nicht von ihnen weichen. Den edeln Mann,<span class="pagenum" id="Seite_216">[216]</span>
-der sich dem Hause als Freund angeboten, hatte das
-Schweigen der Mutter für immer vom Freihof gescheucht,
-und mit ihm war sein Lebensglück dahingegangen!
-Ja, heraus damit aus dem gequälten Herzen;
-jetzt durfte er ohne zu erröten gestehen, daß die Gluten
-der Leidenschaft für Maria von Tiefenbach sein Innerstes
-aufwühlten und allen Frieden von ihm nahmen. Denn was
-ihn nur daran verhindert, vor dem herrlichen Mädchen
-damals in der Kirche, als ihre Seele verzweifelnd ihr
-tiefstes Geheimnis hinausschrie, niederzuknien und ihr
-seine innigste Gegenliebe zu gestehen, das wußte er jetzt.
-Nichts anderes hatte ihm die unbegreifliche Kraft gespendet,
-seine Leidenschaft im Herzen zu verschließen,
-als die Liebe und Ehrfurcht zu seiner Mutter. Damals
-fühlte er noch, mit welch starken Banden, die er unzerreißbar
-wähnte, er mit seiner Mutter verbunden
-war. Der wütendsten Anstrengungen, ihn von ihr zu
-reißen, hätte er mit Hohn gespottet. Jetzt aber,
-wenige Monate später, war es so ganz anders: der
-mächtige Anker, der ihn bisher davor schützte, daß die
-wild auf ihn einstürmenden Wogen sein Lebensschifflein
-mit sich fortrissen und hinaustrieben auf das Meer des
-Unfriedens und der Ruhelosigkeit, war geborsten.</p>
-
-<p>So sollte also der alte Groll auch fernerhin
-auf ihm lasten! Der edle Freund war für die Freihofer
-auf immer verloren, und sein verheißungsvoll aufleuchtendes
-Glück war in Scherben gegangen, &ndash; wohl,
-das mußte er ertragen lernen! Was ihn schwer niederdrückte,
-war also geblieben, das aber, was ihm hold
-und besitzenswert erschien, hatte ihn verlassen. Und
-jetzt verließ auch sie noch ihn &ndash; seine Mutter?</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_217">[217]</span></p>
-
-<p>Da warf der riesenstarke Mann die Arme auf den
-Tisch, barg das Gesicht in ihnen und schluchzte wie
-ein Kind.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Der Freiherr war in gebeugter Haltung langsam
-den Weg zum Schloß hinaufgegangen.</p>
-
-<p>Eine halbe Stunde später tat sich das Gattertor
-wieder auf, und ein berittener Bote trabte auf lustig
-wieherndem Rößlein den Schloßberg herunter. Er hatte
-Ungeduld, auf die Straße zu kommen und lenkte deshalb
-das Tier querfeldein. Über Gräben, Hecken und
-rieselndes Wasser flog der Gaul wie ein Reh hinweg,
-bis er zuletzt in weitem Sprunge über den Straßengraben
-setzte.</p>
-
-<p>Und dann jagte der Reiter mit verhängten Zügeln
-auf der Straße dahin, die nach Eckartsberg führte.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap14">14. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Es war eine wunderbare, märchenschöne Maiennacht.
-Kein Wölkchen stand am Himmel. Gegen zehn
-Uhr war der Vollmond heraufgezogen und übergoß die
-ganze Landschaft mit seinem milden, weißen Licht. Der
-Himmel sah aus wie eine riesige, tiefdunkelblaue
-Sammetdecke, auf der Myriaden von Sternen gleich
-glitzernden Steinen ausgestreut waren. Die Luft war<span class="pagenum" id="Seite_218">[218]</span>
-so klar und durchsichtig, daß die funkelnden Himmelskörper
-dem Auge viel näher erschienen, und die Umrisse
-der Häuser und Bäume waren scharf zu erkennen.
-Kein Laut erscholl weithin, der die feierliche Stille
-unterbrochen hätte. Nur dort, wo der leichte Windhauch
-von den bunten Wiesen her den balsamischen
-Duft der jungen Gräser und Blumen hintrug, rauschte
-es geheimnisvoll in den Bäumen. Leise bewegten sich
-die schlanken Zweige der in frischem Weiß leuchtenden
-Birken, und die zitternden jungen Blätter lispelten ohne
-zu ermüden und priesen die Pracht des in seiner siegenden
-Schönheit ins Land gezogenen Lenzes.</p>
-
-<p>Auf einem der breitästigen, blühenden Lindenbäume,
-die rund um den Brunnen vor der Schenke
-standen, saß mit feurigen Augen ein Eulenpaar, das in
-seiner hohlen, klagenden Sprache glühende Liebesschwüre
-austauschte, während der Wind leise die Wipfel bewegte,
-daß sein Rauschen wie eine Erzählung klang
-von all den Menschen, die unter den Bäumen schon als
-Kinder gespielt und die sich endlich lebensmüde in ihrem
-Schatten ausgeruht hatten.</p>
-
-<p>Rastlos floß unterdessen das Wasser aus der
-hölzernen Röhre in den geräumigen Steintrog.</p>
-
-<p>Aus den Wohnungen der Menschen drang kein
-Laut. Sorge und Kummer hatten ihre Macht über sie
-verloren und manchmal lächelte wohl einer der Schläfer,
-weil ihm der gütige Traumgott freundliche Bilder vor
-die Seele gezaubert hatte.</p>
-
-<p>Frieden ringsum!</p>
-
-<p>Alle Gegenstände waren von dem silbernen Licht
-des Mondes umflossen. Ein wunderbares Schweigen
-lag auf dem friedlichen Dorfe, in das hinein der<span class="pagenum" id="Seite_219">[219]</span>
-Brunnen seine alten, dumpfen Lieder sang. Und über
-der schlafenden Erde zogen die Gestirne lautlos ihre
-unveränderlichen, ewigen Bahnen.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Vom Schloßberg kam eine schlanke Gestalt herab,
-die um Kopf und Schultern ein leichtes Tuch gelegt
-hatte. Ohne zu zögern, lief sie über die blumigen
-Wiesen an den blühenden Haselnußbüschen vorbei, bis
-sie endlich an dem schmalen Stege angekommen war,
-der über den Bach in den Obstgarten des Freihofes
-führte. Dort blieb sie stehen und lehnte sich an einen
-Baum, neben der schwachen Brücke. Das Weib tat ein
-paar tiefe Atemzüge, schob das Tuch vom Kopf zurück,
-daß es auf den Nacken herunterfiel und strich mit ihrer
-Hand über die Stirn. Der Mond schien der Einsamen
-voll ins Gesicht: es war Maria von Tiefenbach.</p>
-
-<p>Ihre Augen flogen verlangend hinüber über das
-leise murmelnde Wasser. Dann schaute sie wieder zurück
-nach dem Weg, den sie gekommen war und nach dem
-Schloß, dessen letzter Turm hoch hinaufragte zu dem
-leuchtenden Firmament.</p>
-
-<p>Maria hüllte den Kopf wieder ein und schritt
-dann vorsichtig über den Steg, den sie zum ersten
-Mal in ihrem Leben betrat.</p>
-
-<p>Kaum aber stand sie unter dem nächsten Baum auf
-dem jenseitigen Ufer, als aus dem Schatten des Wohnhauses
-mit mächtigen Sprüngen Sultan der Hofhund
-auf sie zustürzte. Winselnd sprang das treue Tier an
-dem Mädchen hinauf, warf sich vor ihr nieder, wälzte sich im
-Grase und wiederholte dann seine ausgelassenen Sprünge.<span class="pagenum" id="Seite_220">[220]</span>
-Mit wehmütigem Lächeln kniete Maria ins Gras, streckte die
-Hand aus, griff in das zottige Fell des Hundes und
-zog ihn liebkosend an sich heran, wie sie es so oft getan,
-wenn Elisabeth ihn mit aufs Schloß gebracht hatte.</p>
-
-<p>»Du Armer,« sagte sie leise. »Nicht nur den Menschen,
-auch Dir fehlt die Tote. Jetzt ist auf dem Hofe wohl
-keine Hand mehr bereit, Dich zu streicheln. Ja,« setzte
-das Mädchen seufzend hinzu, »es weiß noch keiner
-richtig, wie viel er verloren hat!«</p>
-
-<p>Dann klopfte sie dem Tier noch einmal den Rücken
-und ging nach der hintern Tür des Hauses.</p>
-
-<p>Die örtlichen Verhältnisse des Freihofes waren
-Maria so bekannt, als ob sie von Jugend auf hier
-gewohnt hätte. Hatte sie den Fuß auch noch nie an
-diesen Ort gesetzt, so kannte sie doch die Einrichtung
-des Hofes aus den tausend kleinen Erzählungen Elisabeths
-ganz genau, und von dem Vater wußte das Mädchen,
-daß man die Tote in ihrer Kammer aufgebahrt hatte.
-Maria legte die Hand auf den eisernen Drücker und
-öffnete behutsam die Tür, die ohne das geringste Geräusch
-unter ihrem Drucke wich.</p>
-
-<p>Eine undurchdringliche Finsternis gähnte ihr entgegen.
-Durch die offene Tür warf aber der Mond
-sein milchweißes Licht und beleuchtete ein großes Stück
-Wand nahe dem Eingang. Die Aeste und Blätter der Bäume
-des Obstgartens zeichneten sich auf der beschienenen Fläche ab,
-und wenn der milde Luftzug die Bäume bewegte, huschten die
-verworrenen Figuren durcheinander und wichen vor dem
-Mädchen zurück, um sich ihm alsbald wieder zu nähern. Wie
-eine Unzahl schattenhafter Wesen, die ihr Spiel mit ihr
-trieben und versuchten, sie hineinzuziehen, um sie im nächsten
-Augenblick wieder über die Schwelle zurückzudrängen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_221">[221]</span></p>
-
-<p>Da überfiel das tapfere Mädchen eine große
-Bangigkeit. Und mit einem Male überkam sie die
-Bedeutung für den Schritt, den sie zu tun beabsichtigte.
-Aber nur eine einzige Sekunde währte dieser Schwächeanfall.
-Dann richtete Maria sich auf, machte gegen die gespenstischen
-Bilder eine unwillige Bewegung mit der
-Hand und betrat vorsichtig den dunkeln Hausflur. Unhörbar
-lief sie auf den Zehenspitzen weiter.</p>
-
-<p>Als sie bei der ersten Tür vorbeischritt, sagte sie
-leise: »Das ist die Wäschekammer.« Bei der zweiten
-Tür flüsterte sie: »Hier schläft die Beschließerin.« Vor der
-nächsten Tür blieb Maria aufatmend stehen. Ihr Herz
-klopfte zum Zerspringen bei der Erwägung, ob es ihr
-vergönnt sein würde, von der toten Freundin Abschied
-zu nehmen, oder ob sie, nur durch ein dünnes Brett
-von ihr getrennt, wieder umkehren müsse.</p>
-
-<p>Bebend tastete Maria nach der Klinke und gewahrte
-zu ihrer unsäglichen Freude, daß die Tür nicht verschlossen
-war. Geräuschlos öffnete sie und glitt in das
-Zimmer, aus dem ihr ein betäubender Blumenduft
-entgegenschlug. Dichte Dunkelheit umfing sie.</p>
-
-<p>Allmählich gewöhnte sich ihr Auge an die Finsternis,
-die ihr, nach der großen Helligkeit im Freien, anfangs
-pechschwarz erschienen war. Sie bemerkte, daß
-in dem obern Teil der beiden geschlossenen Fensterladen
-zwei kleine Löcher in Form von Herzen eingeschnitten
-waren, durch die einzelne Mondstrahlen hereinfielen
-und das Zimmer notdürftig erhellten.</p>
-
-<p>In der Mitte des kleinen Raumes stand auf einer
-mit schwarzem Tuch umkleideten Bahre der offene Sarg,
-um den herum eine große Menge von Blumen und<span class="pagenum" id="Seite_222">[222]</span>
-Kränzen aufgehäuft war, daß er fast unter ihnen verschwand.
-Zu Häupten breitete eine hohe Fächerpalme
-an weitragenden Stengeln ihre umfangreichen Blätter
-aus. Neben ihr standen zahlreiche hochstämmige, blühende
-Gewächse, so daß der obere Teil des Sarges von einem
-Blütenhain umgeben war.</p>
-
-<p>Das Herz brechend schwer, trat Maria zur Linken
-der Toten an den Sarg heran. Ihre Augen durchbohrten
-mit Anstrengung die dichte Finsternis und blieben
-auf dem Antlitz ruhen, dessen Züge, je länger sie darauf
-schaute, immer deutlicher hervortraten, bis sie zuletzt
-das alte, liebe Gesicht der verstorbenen Freundin genau
-erkannte. Wie ein schlafendes Kind ruhte Elisabeth
-auf den weißen Polstern, bekleidet mit einem dunkelblauen,
-mit weißen Kanten besetzten Musselinkleid, das
-das Mädchen oftmals getragen, wenn sie wie ein Irrwisch
-durch die Scheunen und Ställe des Freihofes flog und
-das die kindliche Lieblichkeit der Jungfrau erhöht hatte.</p>
-
-<p>Der Tod hatte auf dem Gesicht keine verheerenden
-Spuren hinterlassen. Er war ihr ein willkommener
-Erlöser gewesen, dem sie mit frohem Lächeln entgegengesehen
-hatte. Ein beglückender Gedanke mußte sie im
-Augenblick des Scheidens der Seele bewegt haben, von
-dem ein milder Abglanz auf dem Gesicht zurückgeblieben
-war. Heiter, wie sie im Leben gewesen, war sie hinübergeschlummert.
-Und neben dem Ausdruck unstillbarer,
-freudiger Sehnsucht lagerte ein verklärender Hauch von
-Frieden auf dem schmalen Kindergesicht.</p>
-
-<p>Maria sah erschüttert auf die Tote, die ihr im
-Leben Freundin und Schwester zugleich gewesen war.
-Nie konnte ein reineres und treueres Herz jemals
-wieder in Liebe so für sie schlagen, wie das der Toten,<span class="pagenum" id="Seite_223">[223]</span>
-das nun stillstand. Elisabeths sonnige Lebensauffassung,
-die sich in einer nie versiegenden Fröhlichkeit kundtat,
-hatte sie, die Ernste, Sinnende, oft erheitert, wenn ihr
-Gemüt von düsteren Wolken umlagert gewesen war.
-Und die tiefe Liebe und Anhänglichkeit, die die Freundin
-ihr entgegengebracht, hatte sie immer als ein Gnadengeschenk
-betrachtet, für das sie dem Himmel nicht genug
-danken konnte. Nun war es vorbei mit diesem Glück!
-Der Augenblick war gekommen, dessen Herannahen sie
-schon seit geraumer Zeit mit wachsender Angst bemerkt
-und vor dem sie gezittert hatte.</p>
-
-<p>Maria ließ den Kopf sinken, und ein Gedanke
-stieg in diesem Augenblick in ihrer Seele auf, den niederzukämpfen
-sie sich vergeblich bemühte und der sich ihr
-mit solcher Heftigkeit aufdrängte, daß sie schließlich mit
-glutroten Wangen davon abstand, ihn länger zu meistern:
-noch immer hatte sich in ihrem Herzen die geheime
-Hoffnung behauptet, daß eine so reiche Liebe, wie sie
-für ihren Vetter empfand, endlich doch über alle Mühsale
-triumphieren müsse, und die Stütze ihrer Zuversicht
-war Elisabeth gewesen. Darüber freilich, wie das Kind
-mit seiner schwachen Kraft und seinem gänzlich mangelnden
-Einfluß auf die Entschließungen seiner Mutter sie
-aus der Wirrnis hinausführen sollte, hatte sie nie
-nachgedacht. Sie selbst schalt sich in ruhigen Stunden
-töricht ob ihrer Hoffnung, daß in dem Herzen der unerbittlichen
-Tante jemals eine Wandlung vor sich gehen
-könne. Und die scharfe und kalte Absage, die ihr Max
-in demselben Augenblick erteilte, in dem die tötliche
-Angst, ihn auf immer zu verlieren, den leidenschaftlichen
-Ausbruch bei ihr bewirkte, hatte sie belehrt, daß sie
-die Stimme in ihrem Busen verstummen lassen müsse.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_224">[224]</span></p>
-
-<p>Alles das hatte sich Maria ja schon oft gesagt,
-und doch wollte die Stimme nicht schweigen, sehnte
-und hoffte ihr gequältes Herz in Bangigkeit weiter.
-Jetzt begriff sie mit einem Male, daß, solange Elisabeth
-gelebt, sie auch hatte weiterhoffen dürfen, denn die
-Freundschaft Elisabeths war das unsichtbare Band gewesen,
-das sie mit dem Freihof verknüpft hatte. Jetzt
-aber versagte dem beredten Mund in ihrem Innern
-die Sprache, und eine zermalmende Hoffnungslosigkeit
-überkam sie. Max von Tiefenbach war von jetzt ab
-für sie unabänderlich verloren!</p>
-
-<p>Und langsam zogen die geheimsten Gedanken des
-Mädchens an seiner Seele vorüber. Sie sah sich zärtlich
-an den Geliebten geschmiegt, ihre Stirn war an
-seine Brust gelehnt. Innig hielt er sie umfangen, und
-mit unsagbar beglückenden Worten hatte er ihr seine
-Liebe gestanden und dann ihren Kopf aufgehoben und
-ihre Lippen und Augen geküßt. Niemand in der weiten
-Umgebung besaß eine so hohe Gestalt, daß er neben
-Maria von Tiefenbach sich hätte behaupten können, nur
-er; und keinen anderen Mann würde Marias stolzer
-Sinn jemals den Besitz ihres herrlichen Körpers,
-wie die Natur ihr ihn gütig verliehen hatte, einräumen.
-Die heiligen Flammen keuscher Mädchenliebe durchloderten
-ihren Busen im Wachen wie im Schlummer, &ndash; mit
-der treuen Freundin aber zugleich begrub man auch ihre
-Liebe.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Maria von Tiefenbach vergaß in diesem Augenblick
-ganz den Ort, an dem sie weilte. Sie kniete
-neben der Bahre nieder, neigte den Kopf darauf und
-weinte zum Herzbrechen. Und so verharrte sie lange<span class="pagenum" id="Seite_225">[225]</span>
-Zeit, während die Tränen reichlich flossen und der
-wilde Sturm in ihrem Innern an Heftigkeit langsam
-nachließ.</p>
-
-<p>Da überkam sie plötzlich der Gedanke, wie unsagbar
-schwer vor allem Elisabeths Mutter unter dem Verlust
-leiden müsse. Und wie der edle Mensch dann wenn er
-des Nächsten gewaltigen Schmerz sieht, den eignen
-Schmerz unter seinem Mitleid für eine Weile vergißt,
-empfand auch Maria tiefes Mitgefühl für die unglückliche
-Mutter. Ihre Tränen versiegten, und indem sie sich
-aufrichtete, die gefalteten Hände erhob und an die Lippen
-preßte, betete sie mit bebender Stimme:</p>
-
-<p>»Du Allgütiger, Tröster und Erbarmer! Erbarme
-Dich auch der Mutter dieses Kindes, spende ihr reichen
-Trost in diesem schweren Herzeleid und laß sie Ruhe
-und Frieden finden!«</p>
-
-<p>Langsam sanken die Hände herab, und Maria fühlte
-ihre seelische Kraft wieder erstarken. Mit der Tröstung,
-die sie auf das Weib herabgefleht, das sich ihr so unversöhnlich
-feindselig gegenüberstellte und zweifellos die
-Schuld trug, daß ihr zartes Liebesglück in der Knospe vernichtet
-wurde, war auch in ihre Brust Trost eingezogen.
-Der herbe Schmerz hatte sich gemildert und war vor
-dem Mitleid keusch zurückgewichen.</p>
-
-<p>Ihre Gedanken aber wollten sich nicht von der
-Freihoferin abwenden. Immer deutlicher stieg das Bild
-dieser schwergeprüften Mutter in ihrer Seele herauf,
-daß sie meinte, sie vor sich zu sehen. Maria sah im
-Geiste ein Paar runzliger Wangen, einen zusammengekniffenen
-Mund und fühlte fast den langen Blick aus den
-tiefliegenden Augen. Sie hatte die Freihoferin immer nur
-von fern gesehen, jetzt aber gewahrte sie zu ihrem Erstaunen,<span class="pagenum" id="Seite_226">[226]</span>
-wie tief das Bild der Greisin in ihrer Seele eingegraben
-war. Die hohe Stirn wurde von grauem Haar begrenzt,
-das, in der Mitte geteilt, in dünnen Strähnen zu
-den Ohren herablief. Neben dem herben Ausdruck
-lagerte auf dem Gesicht gewaltiger Schmerz.</p>
-
-<p>Maria empfand, wie ihre Einbildungskraft aufs
-höchste erregt war. Sie fuhr mit der Hand über die
-Augen um das Trugbild zu verscheuchen. Aber die Erscheinung
-wollte nicht weichen, denn noch immer sah
-sie zwischen Blüten und Blättern das fahle Gesicht
-Elisabeths Mutter.</p>
-
-<p>Ihre Augen schmerzten schon, doch konnte sie nicht
-wegschauen. Den Atem zurückhaltend, versuchte sie erneut
-mit den Augen die Dunkelheit zu durchdringen,
-während Schweißperlen auf ihre Stirn traten. Da, &ndash;
-hatte sich das Bild nicht soeben bewegt? Nein, es war
-nicht möglich, die hohe Aufregung und der Ort hatten
-ihre Sinne überreizt. »Großer Gott&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;!«
-schrie das Mädchen plötzlich auf. Dann erstarben ihr
-die Worte auf der Zunge, und sie duckte sich nieder wie in
-der Erwartung eines heftigen Schlages. Denn in diesem
-Augenblick waren die tödlichen Zweifel geschwunden, &ndash;
-sie wußte sich der Freihoferin gegenüber.</p>
-
-<p>Noch einige Sekunden hingen diese vier Augen
-aneinander, dann schwankten drüben Blätter und Zweige,
-bogen sich zurück und schlugen, während das Gesicht
-verschwand, wieder zusammen. Geräuschlos rückte ein
-Stuhl, und die Freihoferin trat aus der Hecke von
-Blumen und Gewächsen hervor. Sie zündete die Kerzen
-eines auf dem Tische stehenden, schweren, dreiarmigen
-Silberleuchters an, wandte sich zur Tür und deutete
-mit einer schroffen Bewegung, als wolle sie die Grabesstille<span class="pagenum" id="Seite_227">[227]</span>
-des Raumes nicht unterbrechen, dem noch immer
-mit den Zeichen des Schreckens in hilfloser Haltung
-knieenden Mädchens stumm an, ihr zu folgen.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Max saß im dunkeln Wohnzimmer wieder wie
-gestern beim Erscheinen des Freiherrn in dem mächtigen
-Armstuhl, dessen hohe, mit gepunztem Leder überzogene
-Lehne noch ein Stück über seinen Kopf hinausragte. In
-dieser Nacht würde er den Schlaf nicht finden, deshalb
-suchte er das Lager nicht erst auf.</p>
-
-<p>In seiner Seele lag eine Welt in Trümmern, und
-der Himmel, der sich über ihm wölbte, war bleifarben
-und hing tief herab. In den letzten Tagen war er um
-Jahre älter geworden. Das Schicksal hatte ihm einen
-empfindlichen Schlag versetzt. Seinen Nacken zu beugen,
-war es freilich nicht im stande gewesen, aber seinen
-unbändigen Trotz, mit dem er die entstellte Fratze, die,
-wohin er auch immer ging, vor seinen Augen stand,
-auflachend verscheuchen wollte, hatte er noch nicht wiedergefunden.
-Aber gemach! Er wußte, daß er die beschämende
-Schwäche in wenigen Tagen würde niedergerungen
-haben, denn die Tiefenbachs hatten zu allen
-Zeiten Stiernacken besessen.</p>
-
-<p>Da hörte er Tritte im Hausgang, die in die tiefe
-Stille hineinklangen. Die Mutter wußte er am Sarg
-der Toten, die sie in der letzten Nacht nicht verlassen
-würde. Er erkannte ihren Schritt, der schleppend näherkam.
-Aber, horch, was war das? War das nicht der
-Schall der Tritte <em class="gesperrt">zweier</em> Menschen? Unwillkürlich
-richtete er sich auf und lauschte. Da öffnete sich schon
-die Tür, und heller Kerzenschein drang in das Zimmer.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_228">[228]</span></p>
-
-<p>Schwerfällig trat die Greisin ein und stellte den
-Leuchter auf den großen, runden Tisch. Max aber achtete
-nicht der wankenden Mutter, seine Augen waren voll Ueberraschung
-auf die Tür gerichtet, in der soeben eine fremde
-Frauengestalt erschienen war. Eine Sekunde starrte er
-atemlos auf die im Halbdunkel stehende Erscheinung auf
-der Schwelle, deren Gesicht er nicht zu erkennen vermochte.
-Da griff plötzlich eine kalte Hand nach seinem Herzen
-und preßte es heftig &ndash; er hatte die Fremde erkannt.</p>
-
-<p>Schon wollte ihn die Überraschung ganz gefangen
-nehmen, da erhob sich in seinem Innern ein Sturm, und
-seine Sinne arbeiteten fieberhaft an der Deutung dieses
-Rätsels. Wie ein Blitz fiel die Erleuchtung in seine
-Seele: Maria von Tiefenbach hat sich in das Haus
-gestohlen, um von ihrer gestorbenen Freundin Abschied
-zu nehmen. Die am Totenbett weilende Mutter will in
-ihrem Haß die edeln Gefühle des Mädchens nicht gelten
-lassen und bringt es hierher, damit sie in seiner Gegenwart
-Marias Teilnahme schroff zurückweise, um durch
-verletzende Worte dem sie beunruhigenden Herannahen
-der Schloßleute für immer zu begegnen.</p>
-
-<p>Da schlug die heiße Flamme des Unwillens in
-Maxens Herzen über seine Mutter jäh auf. Er raste
-wie im Fieber und erhob sich halb vom Stuhl, um bei
-ihren ersten verletzenden Worten aufzuspringen. Noch
-verließ ihn die Besinnung nicht, noch war er sich bewußt,
-daß er sich vor seiner Mutter befand, die er von
-Kindesbeinen an so verehrt und geliebt hatte, wie ein
-Sohn seine Mutter nur lieben kann und die er noch
-bis gestern für unfehlbar gehalten hatte. Auf sein
-Lebensglück um ihretwillen verzichten und es zersplittern
-zu lassen, das vermochte er zu ertragen. Die aber<span class="pagenum" id="Seite_229">[229]</span>
-verletzen, deren Bild er fortan unauslöschbar im Herzen
-tragen würde, obwohl sie die Enkelin jenes Mannes
-war, der seine Großmutter beschimpfte, diesem hochherzigen
-Mädchen wehzutun, nein, beim ewigen Himmel,
-das durfte sie nicht! Mochte die Scholle erbeben, auf
-der ihm die Mutter das Leben gegeben, wenn er sich
-jetzt gegen sie wandte, mochte das Dach des väterlichen
-Hauses niederstürzend ihn begraben und die Menschen
-einst mit Entsetzen im weiten Bogen das Grab
-meiden, das die Unnatur barg, die gegen den Schoß
-raste, der sie gebar. Er würde trotzen! Zusehen aber,
-und müßig dabei bleiben, wenn Maria von Tiefenbach
-von der Mutter gedemütigt wurde, das konnte er nicht!
-Alle Sinne aufs äußerste angespannt, starrte Max auf
-seine Mutter.</p>
-
-<p>Das Mädchen war in der Tür in vornübergeneigter
-Haltung stehen geblieben, während die Freihoferin an
-das nach dem Garten hinausgehende Fenster getreten
-war und sich müde zurücklehnte. Kein Laut kündigte
-an, daß sich in diesem Zimmer drei Menschen befanden,
-deren Herzen zum Zerspringen schlugen.</p>
-
-<p>Ein paar Sekunden atemraubender Stille verstrichen,
-dann machte die Freihoferin eine Bewegung,
-als wenn sie die letzte Kraft zusammenraffe und begann
-zu sprechen. Ihre Stimme klang nicht so voll wie
-sonst, aber ruhig und eisig:</p>
-
-<p>»Baronesse! Um des traurigen Ereignisses willen,
-das zu ertragen uns eine höhere Fügung auferlegt hat,
-kann ich Ihnen nicht zürnen, wenn Sie Ihren Fuß über
-die Schwelle dieses Hauses setzten, das Ihnen sonst
-verschlossen bleiben muß. Sie haben sie gekannt, meine
-&ndash; verstorbene Tochter&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_230">[230]</span></p>
-
-<p>Bei den letzten Worten war die Stimme rauh geworden
-und brach plötzlich ab. Der Körper der
-Sprechenden war wieder gegen das Fenster zurückgesunken,
-ihre Augenlider waren halb herabgefallen. Sie
-versuchte und versuchte wieder weiterzusprechen, &ndash; umsonst.
-Ein heftiges Zittern überlief die hohe Gestalt der
-Greisin, und der zum Sprechen geöffnete Mund schloß
-sich und blieb stumm.</p>
-
-<p>O, ihr rätselvollen, unergründlichen Tiefen des
-Frauenherzens!</p>
-
-<p>Eine kurze Weile tödlichen Schweigens verstrich,
-währenddessen ein erbitterter Kampf, der Abschluß einer
-siebzigjährigen, unaufhörlich genährten Feindschaft, blitzschnell
-entschieden wurde. Und dann klang es, demütig
-bittend, von den zuckenden Lippen der Tochter des beschimpften
-Weibes:</p>
-
-<p>»Maria, willst Du mir eine liebende Tochter,
-meinem Sohn eine treue Gattin sein?«</p>
-
-<p>Wenn die Natur sich in wildem Aufruhr befindet,
-und die sonst friedlich schlummernden Elemente entfesselt
-sind, wenn von dem dräuenden Himmel Wolkenbäche
-herniederstürzen, in den zusammengeballten, schwarzen
-Luftgebilden Blitze mit rasender Aufeinanderfolge aufzucken,
-denen das Krachen der Donner hinterhergrollt
-und der Orkan heulend durch die Gassen peitscht, dann
-ereignet es sich zuweilen, daß einem letzten, den Himmel
-in zwei unermeßliche Hälften zerreißenden Aufleuchten
-und einem gräßlichen Donnerschlage tiefe Ruhe folgt.</p>
-
-<p>Also geschah es in der großen Wohnstube mit dem
-schweren, altväterischen Hausrat auf dem Freihofe. Der
-ungeheure Sturm war wie durch einen Zauberspruch
-gebändigt, und tiefe Stille war ihm gefolgt. Während<span class="pagenum" id="Seite_231">[231]</span>
-die Greisin bis an die Wand am Fenster zurückgesunken
-war, war das Mädchen von der Tür aus mit ein paar
-heftigen Schritten zu dem Tisch geeilt und starrte, mit
-beiden Armen sich schwer aufstützend, unverwandt auf
-das Weib am Fenster.</p>
-
-<p>Max, der zum Aufspringen bereit gesessen hatte,
-war in den Stuhl hineingesunken, daß der große Körper
-in dem schwerfälligen Möbel aussah wie der eines
-Kindes. Er war nicht im stande klar zu denken;
-hundert Begriffe drangen von allen Seiten und zu
-gleicher Zeit auf ihn ein, jagten wie das wilde Heer
-in sinnverwirrender Geschwindigkeit an seinem geistigen
-Auge vorüber und tanzten dann in tollem Wirbel um
-ihn herum, bis sie ihn endlich in eine ungeheure Tiefe
-mit hinabrissen. Das Vermögen, zu beurteilen wo er
-sich befand, verließ ihn, und die Erinnerung an das
-soeben Erlebte verblich. Ein Zustand höchster geistiger
-Abspannung nach all den wilden Stürmen in den letzten
-Tagen war über ihn gekommen, der so gewaltig war,
-daß selbst Max von Tiefenbachs Kraft ihm nicht widerstehen
-konnte. Wie wenn ein schwer getroffener Stier
-röchelnd zusammenbricht, wenn der Wirbelsturm in einem
-einzigen Augenblick einen mannsdicken Eichbaum knickt,
-daß er krachend zu Boden stürzt, so hilflos brach
-Maxens Widerstand zusammen. Seine Blicke irrten
-im Zimmer umher, glitten verständnislos von einem
-zum andern, ohne den <span id="corr231">beklommenen</span> Eindruck der Seele zu
-vermitteln. Sein Hirn war wie ausgeblasen. Er hatte
-das verschwommene Empfinden, als wenn sich etwas Ungeheuerliches
-zugetragen hätte und bemühte sich mit aller
-Kraft, seine Sinne wieder in die Gewalt zu bekommen.
-Vergebens, die Seele sagte ihm in diesem Augenblick<span class="pagenum" id="Seite_232">[232]</span>
-den Gehorsam auf und ließ ihm nur das Erkennen seiner
-Ohnmacht.</p>
-
-<p>Mit riesengroßer Willenskraft riß er das Wenige,
-das ihm geblieben, an sich und war bemüht, wie ein
-Kind das Nächstliegende zu überdenken. Dies war seine
-Hand; worauf sie lag, die Armlehne eines Stuhles, das
-ein Knopf seines Rockes. Dann versuchte er darüber
-nachzuforschen, was sich hier zugetragen hatte. Er
-strengte seinen Geist mit übermenschlicher Kraft an, daß
-er einen heftig bohrenden Schmerz im Gehirn empfand,
-der ihm den Schädel zersprengen wollte. Worte waren
-gesprochen worden. Von wem, worüber? Vergebens
-versuchte er gegen die Schwäche anzukämpfen, die wie
-ein granitner Felsen vor ihm lagerte, an dem sein Willen
-zersplitterte wie ein Knabensäbel.</p>
-
-<p>Plötzlich horchte er auf. Vom Fenster her drangen
-schwach Worte an sein Ohr:</p>
-
-<p>»Aber warum küßt Ihr Euch nicht, meine Kinder?«</p>
-
-<p>Wer war das, der da so sprach? Wer hatte das
-gesprochen? War das nicht die Stimme der Mutter?
-Seiner <em class="gesperrt">Mutter</em>? Nein! vom Küssen ging die Rede,
-und seine Mutter sprach nie vom Küssen! Aber vorhin
-war die Mutter doch in der Stube gewesen und
-hatte gesprochen. Und wie sie geendet, hatte es sich
-wie eine schwarze Binde auf seine Augen gelegt, und
-der Kopf hatte ihm geschmerzt wie infolge eines heftigen
-Sturzes. War nicht noch jemand hier gewesen? Ja,
-die Mutter war mit dem brennenden Leuchter eingetreten
-und hinter ihr hatte er in dem ungewissen
-Halbdunkel noch einen Menschen gesehen, &ndash; ein Weib.
-Wer aber war dieses Weib?</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[233]</span></p>
-
-<p>Und abermals versuchte Max mit aller Kraft
-seine Gedanken zu zwingen, ihm wieder dienstbar zu sein.</p>
-
-<p>Da tönte wiederum die Stimme von vorhin, und
-jetzt erkannte er sie untrüglich als die seiner Mutter. Aber
-weich klang sie, wie der Sohn sie noch nie gehört hatte:</p>
-
-<p>»Als ich jung war, küßte man sich in solchen
-Augenblicken!«</p>
-
-<p>Und wie das Sonnenlicht durch dunkles Gewölk
-bricht, ebenso siegreich stieg bei diesen Worten die Erinnerung
-an das in den letzten Minuten Vorgefallene
-in Max herauf.</p>
-
-<p>Blitzschnell und mit bewunderungswürdiger Schärfe
-arbeitete jetzt Maxens Hirn und gab ihm die Deutung
-dessen, was ihm soeben noch als Rätsel erschienen war.</p>
-
-<p>Er knüpfte wieder dort an, wo ihn vorhin das
-klare Denkvermögen verlassen hatte: Maria war unbemerkt
-in das Haus gekommen, um an Elisabeths
-Sarge noch einmal zu beten, und von dort hatte die
-Mutter das Mädchen mit hierhergebracht.</p>
-
-<p>Max kämpfte mit der Erschütterung, die der überraschende
-Wandel der Gesinnung seiner Mutter auf ihn
-ausgeübt hatte. Aber er kannte seine Mutter nur zu
-gut, daß ihm jetzt die Beweggründe für ihr Tun nicht
-bis zur Ueberzeugung hätten verständlich sein müssen:
-der erzene Panzer um ihr Herz war zersprungen. Sie
-war entschlossen, die Schuld für die Nichteinlösung des
-ihrem sterbenden Vater gegebenen Wortes auf sich zu
-nehmen und über den Haß, den sie seither im Busen
-wachgehalten und genährt, triumphierte die Liebe. Eingedenk
-des Versprechens und mit dem halsstarrigen
-Trotze, der ein geistiges Familiengut der Tiefenbachs<span class="pagenum" id="Seite_234">[234]</span>
-war, und den die bäuerliche Linie noch weit stärker besaß
-als die auf dem Schlosse, hatte sie sich den Haß
-gegen die Verwandten zu einem Stück ihrer Lebensaufgabe
-gemacht. Und, ach, wie seltsam! Wie doch
-die Leidenschaften, die sich fliehen müßten, dicht beieinander
-wohnen; denn mit der Stärke zu hassen, hatte
-die Vorsehung diesem Weibe auch das unstillbare Verlangen
-Liebe zu geben und zu empfangen in die Seele
-gepflanzt. Wie oft mußte ihr das Hassen schwer geworden
-sein, wenn sie sah, wie das Kind, an dessen
-Besitz ihr Herz mit allen Fasern geknüpft war, ein
-Stück seiner Liebe den Gehaßten schenkte.</p>
-
-<p>Es war Max offenbar, daß die Liebe <em class="gesperrt">eines</em>
-Kindes seiner Mutter nicht genug war. Wem unter einem
-rauhen Aeußern ein von Liebe so überquellendes Herz
-schlägt, der darf sich füglich darnach sehnen, mit mehr
-als einem Teuern auf das Innigste verbunden zu sein.
-Deshalb bat sie jetzt das Mädchen, an dem die Verstorbene
-mit ganzer Seele gehangen, die leergewordene
-Stelle in ihrem Herzen einzunehmen und die Liebe, die
-sie für die Tochter empfunden hatte, fortan ihr, der Mutter
-zu schenken. &ndash; Oder sollte seine Zuneigung zu Maria
-auf die Mutter eingewirkt haben? Nein, das war es nicht,
-denn seine Liebe war ja sein tiefes Geheimnis gewesen,
-von dem die Mutter nichts hatte ahnen können&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Das Glück, das in dem Augenblick, wo Max verzweifelnd
-alles verloren wähnte, ihm zuteil ward, war
-so riesengroß, daß ihm schwindelte und er unwillkürlich
-die Hand auf die Augen legte. Da hörte er einen
-fliegenden Atem an seiner Seite, so nahe, daß der warme
-Hauch seine Stirn streifte. Und wie er aufschaute, blickte
-er in das von Angst entstellte Gesicht seiner Mutter,<span class="pagenum" id="Seite_235">[235]</span>
-die ihn mit weitaufgerissenen Augen flehend ansah. Es
-war die brustzuschnürende tödliche Angst, daß in dem
-Augenblick, in dem der Himmel ihr Herz weich werden
-ließ und sie geglaubt hatte, das Leben der von der
-Toten geliebten Freundin an sich ketten zu können, diese
-Hoffnung in Scherben gehe. Denn sie hatte gewähnt,
-Max liebe Maria, &ndash; und nun&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?</p>
-
-<p>Und zum drittenmale hörte der regungslos im
-Stuhle Sitzende die Stimme. Diesmal klang sie gepreßt
-und die Worte waren abgerissen:</p>
-
-<p>»Max, Dein Vater küßte mich, als wir uns verlobten!«</p>
-
-<p>Da überfiel den Sohn ein unendliches Mitgefühl
-und er griff mit beiden Händen nach seiner Mutter, um
-sie an sich zu ziehen. Die aber wich zurück und wandte
-den Blick nach der Gestalt am Tische in der Mitte des
-Zimmers.</p>
-
-<p>Max folgte ihrem Blick und gewahrte das in all
-seinem überwältigenden, mit Schmerz und Überraschung
-vermischtem Glück von ihm vergessene Mädchen, das, die
-Augen zu Boden geschlagen, dem Umsinken nahe vor ihm
-stand. Eine Sekunde lang herrschte noch Schweigen in der
-Stube. Nur der Holzwurm tickte in dem hohen Eichengetäfel
-an den Wänden, und die flackernden Flammen
-der Kerzen warfen wunderlich geformte Schatten darauf,
-die geisterhaft hin- und herhuschten. Dann wurde die
-Stille plötzlich unterbrochen. Max erhob sich lärmend aus
-dem Stuhl, ging mit den polternden Schritten eines
-Trunkenen zum Tisch und schlug die Arme um die
-Schultern des bebenden Mädchens.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[236]</span></p>
-
-<p>Einen langen Blick warf die Freihoferin noch auf
-die beiden Menschen, &ndash; dann verließ sie geräuschlos
-das Zimmer&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Freut Euch, Ihr guten Geister, die Ihr auf dem
-Freihof und auf dem Weißen Schlosse allnächtlich
-Euer Wesen treibt! Kommt hervor aus den dunkeln
-Winkeln und Ecken, steigt herab von den Dachbalken
-und tretet heraus aus den Verstecken, in denen Ihr
-Euch am Tage verborgen haltet. Lärmt heut ausgelassener
-denn je und treibt Euern närrischen Spuk in
-dieser Nacht lustiger wie zuvor. Die gute Tote würde
-es Euch danken, wenn Ihr so tätet, und läge sie nicht
-in ihrem hölzernen Schrein, dann käme sie heute gewiß
-zu Euch, um im lustigen Spiel mit herumzutollen.</p>
-
-<p>Und in dem großen Saale auf dem Weißen Schlosse,
-durch dessen hohe Bogenfenster das Mondlicht glänzte,
-regten sich mit einem Male die Bilder in ihren goldenen
-Rahmen. Die alten Herren des Tiefenbachschen Geschlechts
-in blitzenden Rüstungen, mit Arm- und Beinschienen,
-den eisernen Helm mit hochgeschlagenem Visier
-auf dem Haupt und zur Seite den klirrenden Pallasch,
-oder in sammeten Wämsern mit geschlitzten und rot ausgefütterten
-Ärmeln, mit steifem, breitem Halskragen und
-eckigem Barett angetan, oder mit goldstrotzenden Staatsgewändern
-bekleidet, dazu den federgeschmückten Hut und
-an der Seite den leichten Degen, &ndash; die Damen in
-geschürzten und bauschigen Gewändern von bunter Seide
-und mit Courschleppen versehen, etliche mit dem Reifrock,
-geschmückt mit schweren, goldenen Ketten, die gepuderten
-Gesichter mit dem roten Tupf auf den Wangen unter
-der hochtoupierten Coiffure in wunderlichsten Formen,<span class="pagenum" id="Seite_237">[237]</span>
-oder eingerahmt von der Dormeuse, &ndash; sie alle bekamen
-Leben und stiegen herab auf das spiegelblanke Parkett.</p>
-
-<p>Die Herren machten tiefe Verbeugungen zur Begrüßung,
-die die alten Damen mit gnädigem Kopfneigen,
-die jungen aber mit holdem Erröten und zierlichem
-Knixe erwiderten, worauf sie einander in fröhlicher Erregung
-stumm die Hände schüttelten. Alle aber trugen
-einen freudigen Zug auf den sonst so starren Gesichtern.</p>
-
-<p>Auf den Gängen und Treppen des Wohnhauses
-im Freihofe aber begann ein Summen und Zischeln,
-ein Wispern und Flüstern; es trippelte und huschte
-treppauf, treppab, und des Kicherns und Ausgelassenseins
-war kein Ende. Die Kecksten der Hausgeisterchen
-eilten auf den Zehenspitzen zu der Tür der Wohnstube.
-Einer kletterte auf die Schultern eines andern und guckte
-voll Eifer durch das Schlüsselloch. Und wie er den
-Neugierigen herunterrief was er sah, hob das kaum
-verstummte Kichern von neuem an. Sie klatschten in
-übermütiger Laune in die Hände, und die Ausgelassensten
-schossen Purzelbäume.</p>
-
-<p>Auf dem mit rosigen Blüten übersäten Apfelbaume
-dicht unter den Fenstern der Wohnstube jauchzte und
-schluchzte eine Nachtigall&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und während die beiden Liebenden einander fest
-umschlungen hielten und sich unter Tränen und glückseligem
-Lächeln die süßesten Schmeichelworte zuflüsterten,
-saß eine alte, verhärmte Mutter zusammengesunken am
-Totenlager ihres Lieblingskindes, die wildhämmernde
-Stirn auf die harte Kante des Sarges gepreßt, die
-brennenden Augen weit geöffnet, &ndash; tränenlos. Und
-sie stammelte mit erstickter Stimme:</p>
-
-<p>»Hab ich’s so recht gemacht, &ndash; mein Sonnenschein?«</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_238">[238]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="kap15">15. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>An dem politischen Himmel waren von neuem
-schwere Gewitterwolken heraufgezogen. Wie ein donnernder
-Orkan, der alles vor sich niederwirft, waren die Wirkungen
-der kriegerischen Ereignisse des letzten Jahres über Deutschland
-gekommen, und nun türmten sich schon wieder neue
-Ungewitter auf.</p>
-
-<p>Das große Kriegstheater, auf dem sich jüngst so
-manches blutige Schauspiel abgespielt hatte, zitterte in
-seinen Grundfesten, und wie vor zwei Jahren machten
-die Völker gewaltige Anstrengungen, um sich zu dem
-ungeheuern Kampfe zu rüsten. Eine dumpfe Ahnung
-schwebte in der Luft: es würde der Entscheidungskampf
-sein, der Befreiungskrieg der deutschen Stämme von
-fremdem, schmachvollem Joch.</p>
-
-<p>Vom Westen her zogen langsam die neugeschaffenen
-französischen Armeen heran. Wohl waren es nicht die
-kampferprobten, siegesgewohnten Kriegsscharen wie bisher;
-in der Mehrzahl füllten junge Männer die Reihen, deren
-Dienste man früher abgelehnt hatte. Aber der Riesengeist
-des Schlachtenkaisers führte sie, auf dessen zermalmendes
-Genie seine Soldaten blind schworen, und
-dem gegenüber trotz aller kriegsfreudigen Stimmung
-seine Feinde ihrer Bangigkeit nicht völlig Herr werden
-konnten.</p>
-
-<p>In Sachsen wogte die Stimmung noch immer auf
-und nieder. Einig war sich das Volk nur in dem Gedanken,
-daß man von Polen, nach dem der König angstvoll
-ausschaute, nichts wissen wollte. Er und seine
-Minister harrten sehnsüchtig auf die Ankunft Napoleons,
-während das Volk mit klopfendem Herzen über die<span class="pagenum" id="Seite_239">[239]</span>
-Grenze sah, wo der preußische Nationalstolz wieder erwachte
-und ein erhebendes Schauspiel anhob.</p>
-
-<p>Hier und da begann auch in Sachsen die Begeisterung
-emporzuflackern; aber das Feuer war matt,
-man konnte sich kaum die Hände daran wärmen. Von
-der himmelwärts schlagenden Begeisterung, dem Zorn
-und Rachedurst, die in den preußischen Herzen alle Bedenken
-zum Schweigen brachten, war in Sachsen nichts
-zu spüren. Wohl hatte man nicht die Demütigungen
-erlitten, die Preußens König und Volk auferlegt worden
-waren. Statt der Mißhandlungen hatte das Land Gunstbeweise
-und Schmeicheleien vom Kaiser erfahren. Leider
-empfanden die weiten Kreise aber nicht, daß Napoleons
-Großmut nichts anderes gewesen war als die Klugheit,
-sich im Herzen Deutschlands die Sympathien eines Volkes
-zu sichern, um andere deutsche Stämme desto ungestörter
-bekämpfen zu können.</p>
-
-<p>In der Schlacht bei Jena neben Preußen fechtend,
-hatte sich Kurfürst Friedrich August bald darauf Napoleon
-unterworfen und als Lohn dafür die Erhebung zum
-König freudigen Herzens entgegengenommen. Von diesem
-Augenblick an war Sachsens Herrscher ein willenloses
-Werkzeug in der Hand des Gewaltigen. Er war ihm
-weniger ergeben aus Dankbarkeit, als aus Furcht; und
-mit seinem König jubelte das Land dem Kaiser zu.</p>
-
-<p>Das Volk entriß sich endlich zuerst dem Taumel;
-König und Regierung aber bewahrten ihre Anhänglichkeit
-fort. Und als schließlich die Staatsmänner die
-Stimmung im Volke nicht mehr verkennen konnten, als
-sie Scham darüber empfanden, daß nur Sachsen mit
-Deutschlands Feinden wider alle deutschen Stämme<span class="pagenum" id="Seite_240">[240]</span>
-stand und ihre Verehrung gegen Napoleon sich in Haß
-kehrte, da blieb der König allein auf der Seite seines
-kaiserlichen Gönners. Selbst als alles verloren war,
-und die aufgelöste französische Armee in wilder Flucht
-durch die Straßen Leipzigs zurückflutete, erklärte der aus
-seinem Schlupfwinkel im Keller herbeigeholte sächsische
-König dem russischen General Toll mit bleichem Gesicht,
-daß sein hoher Verbündeter Leipzig sicherlich nur deshalb
-verlasse, um mit seiner Armee auf freiem Felde
-zu manövrieren.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>In Dresden hatte unterdessen der Marschall Davout
-infolge Sprengens der Elbbrücke unter der Bevölkerung
-maßlose Erbitterung erregt, und der Kommandant von
-Torgau, General Thielmann, war in die russische Armee
-eingetreten, da er die vom König befohlene Auslieferung
-der Festung an die Franzosen als entehrende Schmach
-empfand.</p>
-
-<p>Noch war Napoleon mit seiner Hauptmacht unterwegs,
-da wurde dem König beim Heranrücken der Russen
-der Boden seines Landes unter den Füßen heiß. Er
-zog sich nach Regensburg zurück und ging bald darauf
-nach Prag, von wo aus er mit dem Wiener Kabinett
-Unterhandlungen pflog, deren Spitze sich allerdings
-gegen die Franzosen richtete, und die er aus Klugheit
-eingeleitet hatte, um es nicht mit beiden Teilen zu verderben.
-Da erschien plötzlich der Kaiser in Dresden,
-nachdem ihm das alte Kriegsglück bei Großgörschen
-wieder gelächelt hatte.</p>
-
-<p>In hellem Zorn entbot er König Friedrich August
-zu sich. Bei der Kunde des Sieges Napoleons brach
-die mühsam behauptete Fassung des Königs zusammen.<span class="pagenum" id="Seite_241">[241]</span>
-Er eilte nach seiner Hauptstadt und empfing zerknirscht
-die Vorwürfe des Kaisers. Alle Demütigungen, die
-Friedrich Wilhelm von Preußen erlitten hatte, bedeuteten
-nichts im Vergleich zu der Erniedrigung, der sich
-Sachsens König in diesen Tagen unterwerfen mußte.
-Aber auch dieses Schicksal war nicht imstande, dem
-dreiundsechzigjährigen König die Augen zu öffnen, sondern
-vertiefte in ihm nur das Gefühl der Unterwürfigkeit vor
-Napoleon.</p>
-
-<p>Einer von den Männern, die die politische Lauheit
-ihres Volkes von vornherein ergrimmte, und denen die
-Scham über das unwürdige Gebahren von König und
-Regierung ins Herz brannte, war Konrad Hartmann.
-Mit Freude vernahm er von der gewaltigen Erhebung
-des preußischen Volks und er konnte eine Anwandlung
-von Neid nicht unterdrücken, wenn er diese Begeisterung
-und Opferwilligkeit mit der schwankenden Haltung der
-breiten Kreise der sächsischen Bevölkerung verglich. Denn
-aus dem menschlichen Hingezogenfühlen zu diesem, den
-Sachsen durch seine unerschrockene Erhebung hohe Achtung
-einflößenden deutschen Stamme, aus den eingebildeten
-Gefühlen der Dankbarkeit und der Anbetung des Genies,
-der stillen Eitelkeit, daß der von der ganzen Welt bewunderte
-Franzosenkaiser sich offen als Freund des
-sächsischen Volkes bekannte und endlich der gewohnten,
-alles gutheißenden Ergebenheit zu dem König, &ndash; aus
-all diesen widerstreitenden Empfindungen heraus wollte
-in Sachsen noch immer nicht überall die Erkenntnis
-des wahren Standes der Dinge heraufkommen.</p>
-
-<p>Konrad hatte schon mehrfach versucht, gleichgesinnte
-Männer zu finden. Bei Max hatte er zuerst angeklopft,
-obwohl er von früher her dessen Gesinnung kannte. Es<span class="pagenum" id="Seite_242">[242]</span>
-war auch diesmal nicht möglich gewesen, den Freund
-für seine Ideen zu gewinnen. Zwar verfolgte Max den
-Gang der Ereignisse mit Aufmerksamkeit, aber dem Plan
-Konrads, im Stillen für eine gewaltige Kundgebung
-gegen die laue Regierung zu arbeiten, konnte er nimmermehr
-zustimmen. Das aristokratische Gefühl, das er
-mit dem Blut empfangen hatte, beherrschte ihn so stark,
-daß er jeden Plan zu einem Unternehmen, den Entschlüssen
-der Regierung gewaltsam entgegenzutreten,
-verwarf. Er war nicht umsonst der Nachkomme eines
-Geschlechts, das jahrhundertelang für die Autorität der
-Staatsregierung durch dick und dünn geritten war und
-dem der Wille des Landesherrn allzeit als oberstes
-Gesetz gegolten hatte. Wenn er auch nicht an die Unfehlbarkeit
-der Monarchen glaubte, so war es nach seiner
-Überzeugung doch besser, wenn sich ein Volk selbst dann,
-wenn seine Geschicke durch die irrige Politik seines
-Königs drückend wurden, dem Lose willig fügte, als
-durch eigene Versuche eine Änderung der Verhältnisse
-herbeizuführen. Das hohe Gefühl der Verantwortlichkeit
-gegenüber der Vorsehung, die sie eingesetzt, hatte die
-Herrschenden auf Sachsens Thron zu allen Zeiten den
-richtigen Augenblick erkennen lassen, zu dem sie das
-Steuer des Staatsschiffes wirksam gebrauchen und seinen
-Kurs ändern mußten.</p>
-
-<p>Konrad hatte mit großer Beredtsamkeit auf die
-vielen Fehler hingewiesen, die in den letzten Jahren in
-Dresden gemacht worden waren, ohne daß es seinen
-Worten gelungen wäre, den Freund umzustimmen.</p>
-
-<p>Dann ging der Rabensteiner zu andern, bei denen
-er Erhörung hoffte. Aber auch hier machten seine Worte
-keinen großen Eindruck. Des Krieges waren sie alle<span class="pagenum" id="Seite_243">[243]</span>
-müde, aber sie begriffen es nicht, wie einer so kühn sein
-konnte daran zu denken, daß das Volk einen Einfluß
-auf die Beendigung des Krieges gewinnen könne. Für
-solche Sachen hatte man ja die Regierung. Und wenn
-diese, die das Elend des Landes sicherlich genau kannte,
-nicht imstande war eine Änderung herbeizuführen, wie
-sollte es dann der einzelne Bauer können?</p>
-
-<p>Drüben in Preußen lag die Sache ja ganz anders.
-Dort handelte der König gemeinsam mit seinen Untertanen.</p>
-
-<p>Und die Sprecher schlugen mit der schwieligen
-Bauernfaust krachend auf den Tisch und schwuren, daß
-sie nun genug hätten von den ewigen Kriegen und daß
-sie, wenn man nach ihnen riefe, bereit seien, die Blutsauger
-zu Paaren zu treiben, &ndash; freilich müsse man,
-fügten sie kleinlaut hinzu, doch erst abwarten, ob denn
-der König dies auch so haben wolle.</p>
-
-<p>Mit Ingrimm lachte Konrad diesen Helden dann ins
-Gesicht und versicherte ihnen, daß sie, wenn sie darauf
-warten wollten, nie im Leben ein Schießeisen in die
-Hände zu nehmen brauchten; die Schrecken des Krieges
-mit seinen Verlusten an Blut und Gut würden dann
-aber auch niemals enden.</p>
-
-<p>Bei den Besitzenden hatte Konrad nichts ausgerichtet.
-Sie bangten vielzusehr um ihre Habe und
-hätten sich ihr Eigentum eher stückweise unter den Händen
-wegreißen lassen, als sich dazu aufzuraffen, dem unersättlichen
-Angreifer entschlossen entgegenzutreten.</p>
-
-<p>Hierauf ging der Unermüdliche zu den Besitzlosen,
-zu denen, die um ihr tägliches Brot hart arbeiteten.
-Denn auch diese litten schwer unter den Kriegszeiten. Er
-sprach von der mit Füßen getretenen Ehre des Volks.<span class="pagenum" id="Seite_244">[244]</span>
-Das verstanden sie nicht. Dann erzählte er, wie schön
-es doch wäre, wenn die Franzosen das Land verließen
-und nicht wiederkehrten. Das gefiel ihnen. Zuletzt
-malte er die Segnungen gedeihlicher Friedensarbeit aus.
-Wie das arg verwüstete Land wieder aufblühen würde,
-der Wohlstand zurückkehre und auch für sie wieder
-bessere Zeiten anbrechen müßten. Da schmunzelten die
-also Angesprochenen, hielten den Pflug an, oder machten
-den krummen Rücken gerade und stellten den Fuß auf
-den Spaten und erkundigten sich, ob der Mittelknecht
-dann wieder dreißig Taler bekäme statt der zwanzig wie
-jetzt, und ob das Besserwerden schon von der nächsten
-Woche ab losgehe, oder wann sonst. Wenn die Franzosen
-gingen. &ndash; Ob die bald gingen? &ndash; Die gehen nicht
-von selbst, wir müssen sie zum Lande hinauswerfen. &ndash;
-Staunen! &ndash; Aber ihr Kaiser, der Napoleon, was mit
-dem werden solle? &ndash; Der muß mitsamt seinem Heere
-fortgejagt werden.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Da wurden die Gesichter lang und länger, und
-mitleidige Blicke trafen Konrad. Schade um ihn! Der
-Rabensteiner war bisher ein Mann gewesen, vor dem
-man Achtung haben mußte, weil er alle Dinge kannte;
-aber jetzt war es aus mit ihm. Er hatte immerfort
-in dicken Büchern gelesen und sich dabei überstudiert.
-So war er, der Alleswissende, im Kopfe schwach geworden
-und sah den Mond für ein Käsekäulchen an.
-Und mit lautem hüh wurden die Gäule wieder angetrieben,
-daß der scharfe Zahn des Pfluges das Erdreich
-von neuem aufriß, und das Grabscheit stichelte
-fleißig weiter, um die nutzlos geopferte Zeit wieder
-einzuholen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_245">[245]</span></p>
-
-<p>So erging es Konrad überall. Ob Herr, ob Knecht,
-der Gesichtskreis beider hörte unmittelbar hinter den
-Abschlußrainen ihrer Wiesen und Felder auf, und mit
-hartnäckigem Bauernstarrsinn horchten sie an seinen
-Worten vorbei.</p>
-
-<p>Nun lief Konrad auf die Nachbardörfer wo er
-einen Gleichgesinnten wußte, vielleicht hatte dieser mehr
-Erfolg. Aber er erlebte eine Enttäuschung über die
-andere. Überall wo er fragte, vernahm er dieselbe
-Antwort: es ist unmöglich, die Leute für die Sache zu
-gewinnen.</p>
-
-<p>Da reifte, gleichsam wie das Weizenkorn in der
-Erde unter den belebenden Strahlen der Frühlingssonne,
-zwischen den bittern Gefühlen über die Gleichgültigkeit
-und Stumpfheit seiner Landsleute und dem
-die Brust beengenden Haß gegen die Bedrücker, in der
-Seele des jungen Mannes langsam der Entschluß, die
-Sorge für seinen Hof der Mutter allein zu überlassen
-und in das preußische Heer als Freiwilliger einzutreten.</p>
-
-<p>Die Ausführung dieses Planes sollte aber sobald
-nicht verwirklicht werden. Konrads Mutter wurde von
-einer tückischen Krankheit hart darniedergeworfen und
-rang während mehrerer Wochen mit dem Tode. Und
-als endlich die Gefahr für ihr Leben vorüber war,
-genas sie sehr langsam, und Konrad mußte während
-dieser ganzen Zeit so angestrengt schaffen, daß er sich
-nicht wenig verwunderte, wieviel Arbeit seine Mutter
-doch bisher still verrichtet hatte.</p>
-
-<p>Der Sommer des Jahres 1813 ging ins Land.
-Die für Napoleon siegreichen Schlachten bei Bautzen
-und Dresden wurden geschlagen und stärkten seinen
-Kriegsruhm von neuem. Fast zur gleichen Zeit aber<span class="pagenum" id="Seite_246">[246]</span>
-wurden die hervorragendsten Generale des Kaisers von
-preußischen Armeen besiegt, so daß die zuversichtliche
-Stimmung in den Reihen der Franzosen arg litt,
-während die Siegeshoffnung der Verbündeten immer
-mehr wuchs.</p>
-
-<p>Aus allen Teilen des sächsischen Landes kamen
-jetzt Nachrichten über Sympathiekundgebungen für die
-verbündeten Truppen. In Dresden wurden die Stimmen,
-die noch für den Kaiser waren, niedergeschrieen, und
-mit Frohlocken sprach man die Tatsache weiter, daß
-eine ganze Anzahl Leipziger Studenten als Freiwillige
-zu den preußischen Fahnen geeilt sei. Napoleons Zorn
-wandte sich deshalb gegen diese verhaßte Stadt. Er
-legte ihr eine Brandschatzung auf und erklärte sie in
-Belagerungszustand.</p>
-
-<p>Für den König aber und seine Minister schien die
-wachsende Begeisterung im Lande überhaupt nicht zu
-bestehen. Mehr den je fand Friedrich August das
-Verhältnis zu Napoleon natürlich und heilbringend für
-sich und sein geprüftes Volk. Den niedrigsten Tiefstand
-von Entfremdetsein mit den Ereignissen dieser bedeutungsvollen
-Tage aber erreichten Sachsens Regierende
-um die Mitte des Monats August.</p>
-
-<p>In unglaublicher Verblendung wurde nämlich der
-General von Gersdorff beauftragt, dem Kaiser eine Note
-zu überreichen, worin der König bat, die von Napoleon
-schon in Aussicht gestellte Gebietsvergrößerung Sachsens
-um 500&nbsp;000 Seelen ihm beim Friedensschlusse mit den
-besiegten Preußen und Russen dergestalt zu gewähren,
-daß ein Teil Schlesiens mit Sprottau und der Festung
-Glogau an Sachsen falle, um eine unmittelbare Verbindung
-mit dem Herzogtum Warschau herzustellen.<span class="pagenum" id="Seite_247">[247]</span>
-Und selbst dann war der suggestive Einfluß Napoleons
-auf den König von Sachsen noch ebenso gewaltig, als
-die Niederlagen der Franzosen bei Großbeeren, Kulm
-und Dennewitz in den Straßen der sächsischen Hauptstadt
-ausgerufen wurden und der Jubel der Bevölkerung
-das düstere Schloß der Wettiner umtoste.</p>
-
-<p>In den größeren Städten des Landes bekannte
-man sich jetzt offen für die Verbündeten, und als in
-der Nacht zum 23. September der Major von Bünau
-mit einem sächsischen Bataillon König bei Oranienbaum
-zu den Preußen überging, schwoll die Abneigung gegen
-die Franzosen so an, daß die Wogen der Begeisterung
-über die Ufer hinausrollten und sich bis in die kleinsten
-Ortschaften des Landes ergossen. Mit Wut sah man
-auf die Ausschreitungen einzelner schlecht in der Mannszucht
-stehenden französischen Regimenter und bemerkte mit
-Freude, daß die Anzahl ihrer Fahnenflüchtigen wuchs,
-die in hellen Haufen dem Rheine zuwanderten.</p>
-
-<p>Konrad war unterdessen nicht müßig gewesen. Er
-hatte nicht nachgelassen, für den Eintritt in preußische
-Dienste Stimmung zu machen, und seinen unermüdlichen
-Anstrengungen war es zuletzt gelungen, im Dorfe ein
-paar Gesinnungsverwandte zu finden.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Auf dem Freihofe war es in diesem Sommer
-ziemlich still zugegangen, denn es war ja noch immer
-Trauer im Hause. Die Ernte war zwar gut gewesen,
-aber man hatte nicht viel davon hereingebracht. Die
-wiederholten Truppendurchzüge, mit denen die Gegend
-vom Tage von Großgörschen ab überschwemmt wurde,<span class="pagenum" id="Seite_248">[248]</span>
-hatten viel davon aufgezehrt. Fast den ganzen Hafer
-hatte Max, gerade als er sich goldig färbte, an französische
-Reiterregimenter auf dem Halme verkaufen müssen.
-Nicht viel anders war es ihm mit dem Roggen gegangen,
-von dem er in diesem Jahre so viel besaß, und den
-Weizen hatte er schon im Frühjahr einem der herumreisenden
-Regierungsagenten versprochen, der ihn bei
-jeder Begegnung obendrein an die in Aussicht gestellten
-zweitausend Scheffel Kartoffeln erinnerte.</p>
-
-<p>Von allen Seiten war mit gutem Gelde bezahlt
-worden, auch von den Franzosen. Später aber gaben
-diese nur noch Anweisungen auf die Regierungskasse in
-Leipzig, die kaum imstande war, alle Anforderungen zu
-befriedigen. Zuletzt kamen auch Einbußen. Die Einquartierungen
-wollten nicht enden, und die französischen
-Kommissare feilschten um das Vieh wie die schlimmsten
-Juden, und man mußte höllisch aufpassen, daß mit der
-schlecht bezahlten Kuh nicht auch das Kalb aus dem
-Stalle verschwand. Das Federvieh konnte nicht mehr
-herausgelassen werden. Wenn man den Rücken wandte,
-streckten sich sechs Hände zugleich nach der dürrsten
-Henne aus. Die französischen Soldaten waren oft betrunken
-und begingen dann Ausschreitungen.</p>
-
-<p>Als Max eines Abends in den durch eine Lampe
-notdürftig erleuchteten, kleinen Rinderstall trat, kam er
-gerade zur rechten Zeit, um eine sich heftig sträubende
-Magd aus den Armen eines hochgewachsenen französischen
-Korporals zu befreien. Wie ein Vampyr hing der
-Kerl an dem zitternden Mädchen, das ihn nicht abschütteln
-konnte, obwohl es die ganze Kraft seiner starken
-Arme aufs äußerste anspannte. In zornigem Tone
-herrschte Max den Franzosen an, worauf dieser, ohne<span class="pagenum" id="Seite_249">[249]</span>
-das Mädchen aus den Armen zu lassen und erzürnt ob
-der Störung, ihn frech musterte. Da überkam den
-jungen Gutsherrn vom Freihofe ein gesunder Zorn.
-Mit einem langen Schritte trat er hinzu, faßte den
-Soldaten mit der Faust am Rockkragen, riß ihn vom
-Mädchen weg, schüttelte ihn wie eine Katze ein paar
-mal hin und her, daß dem liebestrotzenden Marssohne
-Hören und Sehen verging und warf ihn dann mit solcher
-Kraft gegen die Stalltür, daß deren Zapfen sich in der
-Mauer lösten, und er im Verein mit dem obendrein
-zersplitternden, alten Holzgitter prasselnd hinaus auf den
-Hof flog.</p>
-
-<p>Die Freihoferin war seit Elisabeths Tode noch
-wortkarger geworden. Um die Wirtschaft kümmerte sie
-sich nicht mehr sonderlich viel. Am liebsten saß sie in
-der großen Stube am hintern Fenster und sah hinaus
-im den Obstgarten. Dort konnte sie lange sinnen und
-schweigsam den Ort betrachten, wo Elisabeth als Kind
-immer gespielt hatte.</p>
-
-<p>Maria kam täglich zu ihr. Mit dem feinen Takte,
-den man in hohem Grade bei edeln Frauen findet,
-hatte sie jeden Zärtlichkeitsbeweis der Mutter ihres
-Verlobten gegenüber unterlassen. Die Nichte war ihrer
-Tante vom ersten Tage ab mit ruhiger Sicherheit begegnet,
-als wenn sie schon seit Jahren um sie herum
-wäre. Nichts erschien ihr auffällig und ohne sich in
-der Ausführung ihrer Dienste zu übereilen, war sie
-voll Aufmerksamkeit bemüht, die Wünsche der Greisin
-von ihrem Gesicht abzulesen, das freilich nur wenig von
-dem verriet, was in ihrem Innern vorging. Das zurückhaltende
-Benehmen Marias gefiel der Freihoferin.
-In kurzer Zeit hatte ihr scharfer Verstand das Wesen<span class="pagenum" id="Seite_250">[250]</span>
-der jungen Nichte erkannt, und mit geheimem Entzücken
-entdeckte sie neben den herrlichsten weiblichen Tugenden
-ein Herz voll Liebe, das auch für sie schlug. Und als
-eines Abends Maria vor der Greisin stand, um Abschied
-zu nehmen, fühlte die feine, weiße Hand, die sonst
-nur flüchtig in der von vielen blauen Adern durchzogenen
-geruht hatte, sich festgehalten. Langsam erhob sich die
-Greisin vom Stuhle, weidete sich ein paar Augenblicke
-mit Entzücken an der Schönheit des in großer Verwirrung
-errötenden Mädchens und zog es endlich an
-die Brust und küßte es wiederholt. Da öffnete sich die
-Tür, und unbemerkt von beiden erschien Max auf der
-Schwelle, um seine Braut abzuholen, damit er sie, wie
-allabendlich, über die Wiesen begleite. Ein Sekunde
-lang schaute er mit großen Augen auf die Gruppe,
-dann verließ er leise wieder das Zimmer.</p>
-
-<p>Von diesem Tage ab erschien die Freihoferin den
-Leuten getrösteter. Der herbe Leidenszug war von ihrem
-Gesicht verschwunden und hatte dem Ausdruck eines geklärten
-Schmerzes, wie der Mensch ihn zur Schau trägt,
-wenn er sich mit Würde in sein Schicksal zu finden
-weiß, Raum gegeben. Nun ging sie auch wieder öfters
-als in den letzten Wochen über den Hof, hinüber nach
-den Scheunen und Ställen. Aber ihr Gang war nicht
-mehr so sicher wie bisher, und das spärliche, glattgestrichene
-Haar, das noch vor wenigen Jahren tiefschwarz
-war, lag auf dem Kopfe wie in mattem Silberglanze
-leuchtende Seide.</p>
-
-<p>Die Hochzeit der jungen Leute sollte nach der
-Ernte sein. Die Vorbereitungen hierzu wurden auf das
-eifrigste betrieben, als sie ganz unerwartet jäh unterbrochen
-werden mußten: Marias Vater erlitt einen<span class="pagenum" id="Seite_251">[251]</span>
-Schlaganfall, der den alten Herrn todkrank machte.
-Seine kräftige Natur raffte sich jedoch bald wieder auf,
-als der Anfall sich wiederholte und er ihm erlag.
-Marias Schmerz war zum Herzbrechen, und erschüttert
-stand Max an der Leiche des teuern Toten, der ihm
-mit väterlicher Liebe und Güte zugetan gewesen war.</p>
-
-<p>Wie bei Elisabeth war die Freihoferin von dem
-Krankenbette nicht gewichen, und in den letzten lichten
-Stunden des Verstorbenen hatten sich die beiden alten
-Menschen gefunden, und die Aussöhnung, die nach der
-Verlobung stattgefunden hatte, war im innersten Herzen
-besiegelt worden. Mit fester Stimme segnete der Freiherr
-die Kinder. Darauf wandte er sich an die Greisin,
-die mit ineinandergeschlungenen Händen, den Kopf auf
-die Brust geneigt, wortlos am Bette stand. Der Sterbende
-griff nach ihrer Hand und zog die vom Schmerze, dem
-keine Worte Ausdruck geben können, Überwältigte sanft
-an sich. Da versagte der Freihoferin die Kraft. Ihre
-Knie beugten sich, und langsam sank sie neben dem
-Bette nieder und barg das Haupt in den Händen. Als
-aber die tastende, zitternde Hand sanft über ihr welkes
-Antlitz strich, wehrte ihr die Greisin, und aus den
-Händen heraus klang ihre bebende Stimme:</p>
-
-<p>»Arnold, ich verdiene Deine Liebe und Güte nicht,
-ich, die Dir im Leben so schweres Herzeleid zugefügt hat.«</p>
-
-<p>Der alte Mann aber sprach mild:</p>
-
-<p>»Die bösen Zeiten sind vorüber, Constanze; möge
-die Erinnerung an sie recht bald in das graue Meer
-der Vergessenheit hinabsinken. Ich nehme alle Schuld,
-die begangen worden ist, mit ins Grab und das, was
-ich zurücklasse, sei Liebe und Frieden. Ein starkes Geschlecht
-mag aus der Vereinigung unserer Kinder erwachsen,<span class="pagenum" id="Seite_252">[252]</span>
-und auf immerdar sollen unsere Familien
-unauflösbar miteinander verschmolzen sein. Dir aber,
-wünsche ich, mögen die Kinder Deinen Lebensabend sonnig
-gestalten, denn Du hast ja am meisten gelitten.«</p>
-
-<p>Darauf entgegnete die Freihoferin nichts, aber sie
-küßte wiederholt und voll Inbrunst die Hand des Sterbenden.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap16">16. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Es war an einem Septembertage, als Konrad
-Hartmann Max mit seinem Besuche überraschte. Die
-beiden Freunde hatten sich in der letzten Zeit selten gesehen.
-Konrad hatte nicht aufgehört, die franzosenfeindliche
-Stimmung in alle Häuser zu tragen und war seiner
-Aufgabe mit einem solchen Eifer nachgekommen, daß ihm
-keine freie Minute übrig blieb. Max war tagsüber
-in der Wirtschaft stark in Anspruch genommen gewesen,
-in den übrigen Stunden aber hatte er das Haus selten
-verlassen.</p>
-
-<p>Zu dem kleinen Kreise, den er mit der Mutter
-und Maria bildete, hatte sich als viertes Mitglied
-Marias wiedergenesene Tante hinzugesellt, die bis zur
-Hochzeit und Übersiedlung Marias nach dem Freihofe
-auf dem Weißen Schlosse das Zepter führte.</p>
-
-<p>Nach Bauernart sprach Konrad, ehe er mit dem
-herausrückte was ihn hergeführt, erst vom Wetter, dann
-von der Ernte und davon, daß die Rüben im vorigen
-Jahre viel besser standen als heuer. Dann kam das
-Vieh an die Reihe, bis er plötzlich mitten in der Rede
-abriß und scheinbar harmlos hinwarf:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_253">[253]</span></p>
-
-<p>»Anfang Oktober gehe ich fort und schließe mich
-den Preußen an.«</p>
-
-<p>Konrad war während der Unterhaltung unruhig
-in der Stube auf- und abgegangen, während Max am
-Tische saß und durch das Fenster das Anspannen zweier
-Pferde auf dem Hofe beobachtete.</p>
-
-<p>Als Konrad geendet, fuhr Max herum und ließ seine
-Augen forschend auf dem Gesicht des Freundes ruhen,
-gleichsam um dessen geheimste Gedanken zu erraten.
-Und je länger er ihn betrachtete, je überzeugender kam
-ihm die Gewißheit, daß der Freund seine Worte in
-unerschütterlichem Ernste gesprochen hatte. Aber es war
-ihm nicht möglich, sich mit dem Gedanken so schnell
-vertraut zu machen, daß Konrad wirklich schweren Kriegsdienst
-tun solle. Mit ungläubigen Blicken, beinahe
-lächelnd, betrachtete er die schwache Gestalt des Freundes,
-und noch nie war ihm dessen Wuchs so knabenhaft erschienen
-als in diesem Augenblick. Da begegneten
-Konrads Augen den seinigen, und blitzschnell verstand
-dieser die stumme Sprache, die sie führten.</p>
-
-<p>Eine heftige Blutwelle schoß ihm in das Gesicht,
-und es dauerte eine kurze Weile, bevor er sprechen
-konnte. Und dann hatte die sonst so sichere Stimme
-allen Klang verloren und zitterte leise und verriet die
-tiefe Bewegung ihres Besitzers.</p>
-
-<p>»Max, glaubst Du, daß sie mich zurückweisen,
-wenn ich mich bei der Armee der Verbündeten als
-Freiwilliger melde?«</p>
-
-<p>Max hatte eine leichte Entgegnung auf den Lippen.
-Da kam ihm der noch nie gehörte Ton zum Bewußtsein
-und er fühlte die Augen des Freundes in qualvoller<span class="pagenum" id="Seite_254">[254]</span>
-Unruhe auf sich gerichtet, als wenn von seinem Spruche
-das Gelingen des Planes abhinge. Da erschrak er bei
-dem Gedanken, daß er eben im Begriff gewesen war,
-Konrad wehzutun. Es war bei ihm ja auch weniger
-der Zweifel in die Tüchtigkeit des Freundes zum
-Waffentragen als vielmehr sein zäher Widerspruch
-gegen alle Unternehmungen des sächsischen Volkes die
-darauf hinausgingen, sich gegen die Politik der Regierung
-aufzulehnen.</p>
-
-<p>Deshalb sagte er begütigend:</p>
-
-<p>»In den preußischen Regimentern wird bei dem
-Strome von Kriegsfreiwilligen jeden Alters sich ganz
-bestimmt eine große Anzahl solcher befinden, deren
-schwacher Körper obendrein an schwere Arbeit nicht gewöhnt
-ist.« Und als er sah, wie die Besorgnis aus
-dem Gesichte Konrads zu weichen begann, setzte Max
-hinzu:</p>
-
-<p>»Deine außergewöhnliche Gewandtheit zu Pferde
-wird man ja bald erkennen, und Du kannst sicher sein,
-daß sie Dir vortreffliche Dienste leisten wird.«</p>
-
-<p>»Gebe Gott, daß Du recht hast,« antwortete Konrad,
-»denn ich beabsichtige, mich um die Aufnahme in ein
-Husarenregiment zu bewerben. Aber Max, nur um Dir
-dies zu erzählen, bin ich nicht hierhergekommen; &ndash; ich
-kann es noch immer nicht glauben, daß Du zurückbleiben
-könntest, wenn Du uns gehen siehst.«</p>
-
-<p>Da wandte Max das Gesicht erneut zu Konrad
-und sagte mit schlecht verbissenem Lächeln:</p>
-
-<p>»Soll ich mich mit meinem Körpergewicht von dritthalb
-Zentnern etwa auch für ein Husarenregiment
-einschreiben lassen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_255">[255]</span></p>
-
-<p>»Keine Scherze, Max,« bat Konrad, der seine
-ganze Sicherheit wiedergewonnen hatte, »die Zeit ist
-zu ernst zum scherzen. Wenn mich nicht so feste Bande
-an Dich fesselten, würde ich nicht hier stehen und noch
-einmal versuchen, Dich zum Mitgehen zu bewegen.</p>
-
-<p>Du wünschest sehnlichst friedliche Zeiten herbei.
-Gut, das weiß ich, aber glaubst du vielleicht, daß der
-Frieden kommt, wenn die Regierungen einzelner deutschen
-Staaten sich darin überbieten, dem fremden Eroberer
-zu lobhudeln, anstatt dem Beispiele ihrer Bruderstämme
-zu folgen, bei denen einsichtsvolle und beherzte Männer
-die lange genug am Boden schleifenden Zügel des in
-toller Fahrt dahinjagenden Staatskarrens mit Verachtung
-der Gefahr in die Höhe reißen?«</p>
-
-<p>Max war während der Worte des Freundes ernst
-geworden. Jetzt antwortete er:</p>
-
-<p>»Dein leicht erregbares Blut spielt Dir einen Streich,
-Konrad. Du siehst nicht die Steine, die am Wege liegen,
-bis Du ihre scharfen Kanten spürst und Dir die Füße
-an ihnen wundgestoßen hast. Wir Sachsen haben immer
-mit dem besten Erfolge die Geschicke des Landes in die
-Hände unserer Fürsten gelegt. Ob die abwartende
-Haltung des Königs und der Minister uns nicht doch
-noch zum Segen gereicht, wissen wir heute nicht. Ruft
-uns die Stimme des Königs gegen Napoleon, dann
-wird ihm von seinem Volke dieselbe Hingebung zuteil,
-wie sie Friedrich Wilhelm von seinen Untertanen empfängt.
-Aber gegen den Willen des Königs darf sich ein Volk
-erst dann auflehnen, wenn es sich überzeugt hat, daß
-seine Existenz bedroht ist, oder daß es schweren Schaden
-erlitte, wenn die eingeschlagene Straße weiter verfolgt
-würde.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_256">[256]</span></p>
-
-<p>Bis hierher hatte Konrad an sich gehalten, jetzt
-brach er los:</p>
-
-<p>»Wie weit willst Du denn die Probe ausdehnen?
-Wann ist für Dich der gegebene Augenblick gekommen,
-zu dem die Nation eine Abkehr von der Politik des
-Landesherrn mit Recht fordern darf? Sieh Dich um,
-Max! Aus allen Teilen des Landes des langmütigen
-Sachsenvolkes kommen Nachrichten von heftigen Einsprüchen
-gegen die Stellung der Regierung. Das ist
-der sich erhebende Sturm, der vor dem Hereinbrechen
-des Gewitters über die Fluren braust. Nur zu lange
-haben wir der Führung blind vertraut; jetzt schrecken
-wir auf und sehen mit Entsetzen, daß dicht vor unsern
-Füßen ein tiefer Abgrund gähnt. Wie kannst Du noch
-von den heiligen Untertanenpflichten gegen den König
-sprechen, wenn dieser uns von der Höhe des Ansehens
-und der Achtung, die wir bei unsern Nachbarn genossen,
-tief hinabgeführt hat in Niederungen, wohin uns nichts
-als höhnische Zurufe und verächtliche Blicke begleiteten.
-Unser Land ist ausgesogen und dem Ruin nahegebracht,
-und seine besten Söhne liegen ruhmlos in fremder Erde
-oder kämpfen schimpflich gegen die heldenmütigen Verteidiger
-deutscher Ehre und deutschen Bodens. Unaussprechlicher
-Jammer ist in die Wohnungen unseres guten
-Volkes eingekehrt; Armut schwingt die Geißel, und Not
-und Sorge hocken am Herd und blasen die spärlichen
-Feuer aus. Dafür lodern aber die gefräßigen Flammen
-anderwärts hell auf: zwanzig Dörfer brannten zwischen
-Königswartha und Görlitz in den Tagen, wo um Bautzen
-gekämpft wurde, und ihr blutigroter Schein am Nachthimmel
-leuchtete den Entmenschten, die sich Freunde
-unseres Landes nennen, als sie den Bauern das letzte<span class="pagenum" id="Seite_257">[257]</span>
-Stück Vieh aus den Händen rissen, das ihm von dem
-in Trümmern liegenden Besitz seiner Väter geblieben
-war. Die schlimmsten Gräuel des dreißigjährigen
-Krieges steigen wieder herauf wenn man vernimmt, daß
-Tausende von Bauern aus den niedergebrannten Dörfern
-in die Wälder flüchten mußten, um das nackte Leben
-zu retten. Und wenn am Sonntag die geängstigten
-und schwergeprüften Landleute sich in den Kirchen wiederfinden,
-dann müssen sie vernehmen, wie von den Kanzeln
-herab der Segen des Allmächtigen für die Waffen des
-<em class="gesperrt">Beschützers</em> des Landes erfleht wird. Max, ich sage
-Dir, hüte Dich, daß Du aus Liebe und Treue gegen
-den König nicht zum Verräter an Deinem Volke wirst!«</p>
-
-<p>Hier schwieg Konrad, um den Freund sprechen zu
-lassen. Der aber antwortete nicht. Wie eine Bildsäule
-saß er im Stuhle und starrte vor sich nieder.</p>
-
-<p>»Jahrhundertelang,« fuhr Konrad bitter fort, »lagen
-die deutschen Stämme gegen einander in Streit, wie die
-Nachkommen einer Mutter, die sich gegenseitig verderben.
-Einer gewaltigen Arena glich das deutsche Land, und
-die Völker Europas saßen auf den Stufen und schauten
-mit vergnügten Mienen auf die Kämpfenden. Zu allen
-Zeiten wurde ein Grund gefunden, der es ermöglichte,
-daß man eine lange Reihe von Jahren gedeihlichen
-Friedens vermeiden konnte. Krieg und Verwüstung
-war die Losung! Heute verlangt es der König, daß in
-der großen Zeit einer einmütigen Erhebung gegen die
-Feinde Deutschlands sein Volk die Waffen gegen die
-befreundeten Nachbarn erhebe, um den Blutdurst des
-Anführers eines jahrhundertealten Feindes allen Deutschtums
-zu stillen. So vertilgen wir einander mit Ingrimm
-selbst, bis endlich an den Ufern der deutschen Ströme fremde<span class="pagenum" id="Seite_258">[258]</span>
-Laute erklingen und fremde Sitten gepflegt werden, und
-man von uns sprechen wird, wie von einer untergegangenen
-Stadt; &ndash;&nbsp;&ndash; ein neues Glied im Totentanze der
-Völker! Heute helfen wir unsere Stammesbrüder niederwerfen
-und sehen in unbegreiflicher Verblendung nicht
-voraus, daß sich der Fuß des Siegers auch seinem Helfer auf
-den Nacken setzen wird.</p>
-
-<p>Was wirst Du einstmals empfinden, Max, wenn
-Du siehst, wie Deine Töchter mit niedergeschlagenen
-Augen Unfreien zum Altare folgen! Und was wirst
-Du antworten, wenn sich Dein Sohn mit blitzenden
-Augen vor Dich hinstellt und fragt: Vater, ist es
-wahr, daß es einstens welche gegeben hat, die die große
-Sache mit kleinlichen Bedenken bekämpften, bis es zu
-spät war? Und das sage ich Dir, Max, Kinder sind
-zuweilen unerbittlich strenge Richter für die Taten ihrer
-Väter!«</p>
-
-<p>Max hatte während der ganzen Rede Konrads
-stillgeschwiegen. Auch jetzt, nachdem dieser geendet, blieb
-er stumm sitzen, den mächtigen Oberkörper fast auf dem
-Tische liegend und mit beiden Ellbogen stützend. Ein
-paar Sekunden verstrichen, ohne daß einer der beiden
-Männer ein Wort sprach. Da endlich unterbrach Max
-das Schweigen und fast wie im Selbstgespräch sagte er
-mit halblauter Stimme, die gezwungen ruhig klang:</p>
-
-<p>»Ich kann es keinem erlauben zu behaupten, daß
-ich ihm nachstünde in der Liebe zu meinem Volk und
-meinem Vaterlande. Ich habe es bereits ausgesprochen,
-daß ich bereit bin, zum richtigen Zeitpunkt mein Leben
-in die Schanze zu schlagen. Bis dahin bin ich bemüht,
-das Elend und die Not meiner Mitmenschen zu mildern,
-soweit es in meiner Macht steht&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_259">[259]</span></p>
-
-<p>»Max,« unterbrach hier Konrad ungeduldig, »verzeihe
-mir, wenn ich Dich verletze. Aber auch Du hast,
-wie so viele andere, in den Augenblicken der höchsten
-Not nichts als Worte. Das Vaterland liegt auf den
-Tod darnieder und krümmt sich unter den schweren
-Schlägen, die es erschüttern. Einige Wenige nur sind
-es, die ihm beispringen, die großen Massen aber stehen
-dumpfbrütend zur Seite und lassen es verbluten. Daß
-Du für die Schwachen, für die Frauen und Kinder
-Deinen Leib einsetzen würdest, glaube ich Dir, denn nur
-ein Hundsfott handelt anders. Aber wenn je, dann ist
-es jetzt Zeit, den Worten Taten folgen zu lassen, heraus
-mit der Plempe, wer gut sächsisch denkt, auf daß wir
-nicht mehr das Gespött von Millionen guter Deutschen
-bilden. Wer jetzt, in den Tagen der großen Wehen
-noch lau ist, auf den wird einst das kommende Geschlecht
-mit Fingern zeigen.«</p>
-
-<p>Da machte der breit am Tisch sitzende Mann eine
-plötzliche Bewegung, erhob sich und ging mit dröhnenden
-Schritten auf den Sprechenden zu, bis er dicht vor ihm
-stand. Sein Gesicht war gerötet, und seine breite Brust
-erzitterte unter den schweren Atemstößen.</p>
-
-<p>»Konrad,« stieß er hervor, und bezwang seine
-große Erregung, daß er nicht laut aufschrie, »bedenke,
-was Du sprichst? Du führest große Worte im Munde;
-hüte Dich, daß die Wogen, die Du aufpeitschest, nicht
-über Deinem Kopfe zusammenschlagen. Es klingt ein
-brausender Klang durch Deine Rede, aber es wäre entsetzlich,
-wenn den, der sich begeistern ließe, nur ein
-Trugbild narrte. Welche Schuld können die Männer
-auf sich laden, die einen großen Sturm im Lande entfachen!
-Der Kaiser würde, wenn es ihm gelänge, die<span class="pagenum" id="Seite_260">[260]</span>
-Heere seiner Gegner niederzuwerfen, unser Land grausam
-strafen. Edler Freiheitsdrang und kühner Wagemut
-würden tiefste Demütigung gebären, und die dem Volke
-auferlegten Opfer müßten alles bisher Erlittene weit
-übertreffen. Die einmal entfesselten Gewalten sind nicht
-mehr niederzuhalten. Sind erst die Leidenschaften geweckt,
-dann sind die Menschen blind und wüten, wenn
-der Plan fehlschlägt, gegeneinander, sich selbst zerfleischend.«</p>
-
-<p>»Still, still,« fiel Konrad dem Freund in die
-Rede, »du bist im Irrtum, wenn Du glaubst, daß ich
-jetzt noch für eine lärmende Erhebung gegen die in
-unseres Volkes Mitte weilenden Zwingscharen Stimmung
-machen wolle. Ich will, wie ich Dir schon sagte, mich
-dem preußischen Heere anschließen und versuchen, noch
-eine Anzahl warmherziger Männer für diesen Plan zu
-gewinnen. Und so, wolle es Gott, möge man in vielen
-andern sächsischen Ortschaften auch denken. Aber ohne
-Lärm muß dies geschehen, sonst wird unser Vorhaben
-vereitelt, denn wir sind rings von Spionen umgeben, die
-der uns Sachsen längst nicht mehr trauende Kaiser unterhält.
-Du befürchtest, daß die Armeen der Verbündeten den
-Franzosen zuletzt wieder unterliegen müßten? O, Du
-Kleingläubiger! Komm, zieh mit uns und hilf die Reihen der
-deutschen Streiter vergrößern, auf jedes Mannes Faust und
-Auge kommt es an. Die unerschütterliche Zuversicht aber
-laß in Deine Seele einziehen: Männer von dem unbeugsamen
-Willen zu siegen oder zu sterben, wie sie den wallenden
-schwarzweißen Fahnen nachfolgen, können wohl geschlagen,
-nie aber besiegt werden, denn sie kämpfen ja alle für
-ihre verlorenen höchsten Güter. Gebiete deshalb der
-beschwichtigenden Stimme in Deinem Busen Schweigen,<span class="pagenum" id="Seite_261">[261]</span>
-sie will Dir den Mannesmut ersticken! Du milderst
-Elend und Not, die um dich herum grinsen? Gewiß, das
-tust Du, und das habt Ihr Tiefenbachs im Verborgenen immer
-getan. Ja, Du tust noch mehr! Dein nüchtern denkender
-Kopf hat schon manchen glücklichen Ausweg gefunden,
-und Dein Rat wird von jedermann hoch geschätzt.
-Keine Mühe verdrießt Dich, wenn es gilt, das Gemeinwohl
-im Dorfe zu fördern. So verleihen Dir Herz
-und Verstand Eigenschaften, daß Du Dich trotz Deiner
-jungen Jahre wie keiner sonst großen Ansehens erfreust,
-weit in der Landschaft. Aber ist das das Höchste, mit
-dem Nächsten das Brot teilen und ihm, wenn er in
-Bedrängnis, mit gutem Rat zur Seite stehen? Dazu
-bedarf es doch keiner hohen Eigenschaften! Dein Ziel
-muß weiter draußen liegen.</p>
-
-<p>Ich will Dir sagen, Max, was besser ist als treu
-mit dem Volke die Straße dahinziehen: Du mußt es
-führen! Dein Blick soll weithinaus schauen. Wo
-steinigte Abhänge und fruchtbare Täler liegen, mußt
-Du wissen, Gefilde, die die belebenden Sonnenstrahlen
-täglich umschmeicheln und verlorene Plätze, wo kalte
-Nebel ziehen und schwere Stürme jahraus jahrein
-daheim sind, dürfen Dir nicht verborgen sein! Dort,
-wohin heute die Deinen gelangen, mußt Du schon
-gestern geweilt haben, und wenn ihr Zug am Kreuzweg
-ankommt, betrittst Du als erster den richtigen Pfad, der
-nach Deinen besten menschlichen Erwägungen von den
-Dir Hinterdreinziehenden zu ihrem Heile begangen
-wird. Stell’ Dich darum jetzt an unsere Spitze, denn
-Du bist unser geborener Führer. Laß Deine Beredtsamkeit
-auf die Männer wirken und reiße die Zögernden durch
-Dein Beispiel mit fort. Schwing Dich hoch hinauf,<span class="pagenum" id="Seite_262">[262]</span>
-betrachte von den Zinnen der Geschichte die Völkerstraßen
-und urteile dann, ob Entschlossenheit und Draufgehen
-oder Ergebenheit und täglich erneutes Weiterquälen
-für das Heil eines Volkes besser sind. Der
-gemeine Mann ist zaghaft und beschränkt, er betrachtet
-jedes Abweichen vom Althergebrachten als einen Sprung
-ins Dunkle und berechnet die Möglichkeit des Wachsens
-oder Verminderns seines Besitzes an den zitternden
-Fingern, indem er den Gewinn mit eins, den Verlust
-aber mit vier multipliziert. Lehre Du ihn, daß es
-Augenblicke gibt, in denen man sein Leben und die gesamte
-Habe auf das kippende Brett setzen muß, und daß
-zu allen Zeiten diejenigen Völker aus Wirbelwind und
-Wogen endlich ihre Schiffe in sturmfreies Wasser
-brachten, die mit Verachtung der Totesnöte das Erz
-des Kieles durch Flut und Brandung hindurchtrieben.
-Mag auch die Wimper zucken und die nervigste Faust
-zittern, &ndash; den hohen Einsatz lohnt der hohe Gewinn!«</p>
-
-<p>Konrad hielt einen Augenblick inne und neigte
-seinen Kopf vor, als wenn er etwas Geheimnisvolles
-zu sagen habe. Dann fuhr er mit veränderter Stimme,
-die Worte abreißend, hastig fort:</p>
-
-<p>»Darum handle, Max, ehe es zu spät ist! Mir
-folgen ihrer sechs, nicht mehr, Dir alle. Dein Einfluß
-ist gewaltig, der meinige schwach. Der Rabensteiner
-mit seiner Hundehütte von Hof kann schon etwas wagen,
-sagen sie. Geh, zeige ihnen, daß Du, der Freihofer, der
-größte Bauer weit in der Runde, Deinen Hof im Stiche
-läßt, um des Vaterlandes willen. Lehre den Starrköpfen,
-daß die höchsten Ziele eines Volkes nichts zu
-tun haben mit der kleinlichen Sorge um Nahrung für
-Weib und Kind für den nächsten Tag. Rüttle sie auf<span class="pagenum" id="Seite_263">[263]</span>
-und stachle schonungslos ihren Ehrgeiz an, auf daß in
-ihren Herzen die edelsten Mannestugenden wach werden
-und sie sich darauf besinnen, daß ein tatenloses Volk
-in Ketten sich aus den abscheulichsten Kreaturen unter
-der Sonne zusammensetzt. Geh in die Häuser und
-zwinge die Männer unter deinen Willen. Wirb für
-die große Idee, ich werde Dir treulich helfen. Mache
-Helden aus den Säumigen und Bedenklichen und führe
-sie denen zu, die ihr Blut verspritzen für die Freiheit
-der deutschen Erde!«</p>
-
-<p>Max hatte in zusammengesunkener Haltung, das
-Kinn herabgesenkt, den glühenden Worten des Freundes
-gelauscht. Ihm war, als wenn eine berückende Musik
-sein Ohr träfe, deren Klang er noch nie vernommen.
-Die schmeichelnden Tonwellen umstrickten seine Seele
-und brachten die feinsten Saiten in ihr zum Klingen.</p>
-
-<p>Da richtete er seinen riesenhaften Körper mit
-einem Ruck zu seiner ganzen Höhe auf, und die Brust
-weitete sich, als wenn neues Leben in sie einzöge. Der
-blondhaarige Kopf mit dem ausdrucksvollen Gesicht und
-dem starken Nacken war dieser Bewegung gefolgt und
-stand stolz auf den breiten Schultern und unbeugsam
-von diesem Augenblick an, &ndash; bis ans Ende! Es war
-ein Bild strotzender Kraft und sieghafter Mannesschönheit.</p>
-
-<p>Nicht mit ungestümer Bewegung, sondern langsam
-und etwas ungelenk, um das im Innern entfachte Feuer
-niederzuhalten, streckte er seine Hand aus und sagte mit
-leisem Beben in der Stimme:</p>
-
-<p>»Konrad, schlag ein! Du hast recht, der Taten
-bedarf es, denn Worte sind jetzt nichts anderes als das
-Bekenntnis der Feigheit. Die zwölfte Stunde des<span class="pagenum" id="Seite_264">[264]</span>
-gewaltigen Dramas ist angebrochen, und wir müssen uns beeilen,
-denn niemand vermag den unerbittlich vorwärtsrückenden
-Zeiger an der Weltenuhr aufzuhalten. Der Lässigkeit
-wird die Geschichte unser Volk einst zeihen, handeln wir
-und tragen wir dazu bei, daß ihm der Schimpf der
-Feigheit erspart bleibe!«</p>
-
-<p>»Max!« schrie Konrad jubelnd auf und seine
-Augen liefen ihm über, »ich wußte es, daß Du
-uns nicht ziehen lassen konntest. Hier meine Hand.
-Mag unser Schicksal da droben beschlossen sein, wie es
-will, wir folgen unserm Herzen; ob in Nacht oder in
-Sonnenschein!«</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap17">17. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Von diesem Tage an begann in Rehefeld ein geheimnisvolles,
-emsiges Treiben. Zuerst hatte Max mit
-klopfendem Herzen daheim seine Absicht ausgesprochen.
-Die Mutter war, nachdem er geendet, recht still geblieben
-und hatte nur mehreremal leise genickt, als wenn
-es sich für sie um eine schon längst beschlossene Sache
-handele. Maria aber war auf Max zugeeilt und hatte
-in stürmischer Bewegung ihre Arme um seinen Hals
-geworfen.</p>
-
-<p>»Ich hätte Dich nicht verstanden, Geliebter,« sagte
-sie, sich zärtlich an ihn schmiegend und das Haupt an
-seiner Brust bergend, »wenn Du zuhause geblieben wärst.«</p>
-
-<p>Da regte sich inmitten der ernsten Stimmung der
-Schalk in Maxens Brust und er fragte in scheinbar vorwurfsvollem
-Tone:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_265">[265]</span></p>
-
-<p>»So spricht meine holde Braut? Ich hätte gehofft,
-sie würde Einspruch gegen meine Absicht erheben
-und mich bestimmen, bei ihr zu bleiben. Erkaltet die
-Glut eines Mädchenherzens so rasch?«</p>
-
-<p>Vergebens aber wartete er auf eine Antwort. Und
-als er nach mehreren Sekunden den fest an seine Brust
-gepreßten Kopf mit einiger Mühe aufhob und zurückbeugte,
-um Maria ins Gesicht zu sehen, da zeigte es sich,
-daß dieses Antlitz in holdseligem Lächeln tief errötet
-war. Aber das Herz des Mädchens erfüllte nicht eitel
-Wonne, sondern wie so oft im menschlichen Leben
-wohnten auch in diesem Herzen jetzt die beiden Geschwister
-Freude und Schmerz dicht beieinander. Denn es darf
-nicht verschwiegen werden, daß an den langen, dunkeln
-Wimpern ihrer Augen ein paar glitzernde Perlen hingen.</p>
-
-<p>In wehmütiger Freude beugte sich Max nieder
-und küßte leise diese Tränen fort.</p>
-
-<p>Die Vorbereitungen zur Hochzeit aber wurden nun
-wieder aufgenommen und mit vermehrtem Eifer fortgesetzt,
-denn noch vor dem Ausmarsch der kleinen Schar
-sollte ihr Bund den kirchlichen Segen empfangen.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Die beiden Freunde waren unermüdlich im Werben,
-und nach wenigen Tagen hatten sich dreizehn Männer
-gefunden, die die Schmach des Landes nunmehr so bitter
-empfanden, daß alle Bedenken gegen die Ausführung
-des Planes überstimmt wurden.</p>
-
-<p>Max war ein beredter Anwalt für die Idee; wo
-seine Worte nicht überzeugen wollten, siegte zuletzt sein
-Beispiel. Das ganze Dorf geriet in helle Aufregung,<span class="pagenum" id="Seite_266">[266]</span>
-und in allen Häusern sprach man von dem Vorhaben.
-Anfangs war es nicht leicht gewesen, mit den Männern
-darüber zu reden. Ihre geistige Schwerfälligkeit verhinderte,
-daß sie den so schnell veränderten, politischen
-Verhältnissen ebenso rasch folgen konnten. Die Niederlagen
-der französischen Generale und die dadurch schwierig
-gewordene Stellung Napoleons in Dresden waren zu
-überraschend gekommen, und die breiten Volksmassen
-hatte zu sehr der Gedanke durchdrungen, daß es heller
-Wahnsinn wäre, gegen die Macht des Gefürchteten anzukämpfen.
-Denn von dem Tage ab, wo die Heere der
-Verbündeten gegen den Kaiser losmarschierten, galt es in
-den störrischen Bauernschädeln für unausbleiblich, daß der
-Mächtige alle feindlichen Armeen in kurzer Zeit über den
-Haufen werfen würde. Als dann die Niederlagen der
-Franzosen eintraten, wurden die Getäuschten fast unwillig,
-weil ihre Voraussage nicht stimmte.</p>
-
-<p>Großgörschen hatte ihre Sehergabe als untrüglich anerkannt,
-und Bautzen hatte sie glänzend bestätigt. Dazwischen
-passierte allerdings Großbeeren, aber dort war ja der Kaiser
-nicht selbst gewesen, und die Schuld der Niederlage traf
-den Marschall Oudinot. Wenn auch einmal ein General
-unterlag, was tats, der Kaiser würde alles wieder einbringen.
-Dafür strahlten seine Sterne bei Dresden
-wieder um so heller; selbst die Unterlegenen sprachen
-ja mit Bewunderung von dem Sieger.</p>
-
-<p>Dann kam Vandammes Niederlage und Gefangennahme
-bei Kulm. Das war wieder gegen die Weissagung,
-durfte aber nicht allzuernst genommen werden, denn
-er war ja keiner von den großen Generalen der alten
-Schule. Da trat aber wenige Tage später ein Ereignis
-ein, das aller Zuversicht einen gewaltigen Stoß versetzte:<span class="pagenum" id="Seite_267">[267]</span>
-General Bülow hatte eine starke französische Armee, die
-nach Preußens Hauptstadt vordringen wollte, wenige
-Meilen vor Berlin bei Dennewitz gänzlich geschlagen,
-und der Führer dieser Armee war der ruhmreichste der
-Feldherren Napoleons, &ndash; der Marschall Ney.</p>
-
-<p>Da schwiegen die Eigensinnigen, nahmen die Pfeife
-aus dem Munde, spuckten aus und kratzten sich die Köpfe.</p>
-
-<p>Nun lag der angeschossene Löwe knurrend in Dresden
-und hieb mit seiner Tatze wütend nach den ihm keine
-Ruhe gönnenden Feinden. Jeder Schlag dieser fürchterlichen
-Pranke saß zwar, aber es waren keine eigentlichen
-Siege, wenigstens keine solchen, wie man sie von einem
-Schlachtengewinner von seinem Range erwartete. Denn
-das staunende Europa war anspruchsvoll geworden und
-gab seinen Leistungen strenge Zensuren. Und bei alledem
-wuchs des Kaisers Verlegenheit in der sächsischen
-Königsstadt sichtlich.</p>
-
-<p>So stand es im Anfang des Monats Oktober,
-gerade in den Tagen, in denen Max und Konrad ihre
-Tätigkeit entfalteten.</p>
-
-<p>Die Stimmung in den meisten Städten Sachsens
-wurde zu dieser Zeit derart franzosenfeindlich, daß es
-gefährlich war, sich noch offen für die Bedrücker zu bekennen.
-Aber der schwerfällige Sinn des sächsischen
-Bauern war nicht dazu geschaffen, seine Bedenken gegen
-einen Aufstand wider die Franzosen binnen wenigen
-Tagen aufzugeben, obwohl nicht nur zahlreiche eigene
-Landsleute dafür Stimmung machten, sondern auch die
-im Lande stehenden preußischen und russischen Truppen
-unaufhörlich dazu anfeuerten. Der Bauer wollte erst
-Garantien dafür haben, daß Napoleon nicht mehr
-mächtig genug war, eine Erhebung des Volkes mit<span class="pagenum" id="Seite_268">[268]</span>
-drakonischer Strenge zu vergelten. Denn die Leiden der
-letzten Jahre waren gerade für dieses unglückliche Land
-über alle Maßen schwer gewesen und hatten die frohe
-Hoffnung auf ein endliches Zerschmettern der Kraft dieses
-Riesen in der Brust der Menschen bis auf ein winziges
-Fünkchen ersterben lassen.</p>
-
-<p>Dies war die Stimmung, die die bäuerliche Bevölkerung
-Sachsens erfüllte, als sie endlich einsah, daß
-das Staatsschiff mit vollen Segeln auf die Brandung
-zusteuerte und mit Mann und Maus unterzugehen
-drohte.</p>
-
-<p>Allmählich machte sich denn auch der Umschwung
-der Gesinnung auf dem platten Lande geltend und nicht
-zuletzt unter den Einwohnern Rehefelds. Die Landbevölkerung
-begann von neuem zu hoffen und vergaß die
-bisher gewahrte, ängstliche Vorsicht. Die Bedenken für
-den Verlust von Haus und Hof traten immer mehr in
-den Hintergrund, und Begeisterung zog in die Gemüter
-ein. Der Drang nach Freiheit wuchs ins Riesengroße
-und erfüllte zuletzt Aller Herzen.</p>
-
-<p>Wenn es in diesen Tagen trotzdem nicht zu einer
-allgemeinen Erhebung in Sachsen kam, so war nicht die
-mit Eifer beschwichtigende Regierung schuld, als vielmehr
-der Umstand, daß große Teile des Landes sich noch in
-den Händen der Franzosen befanden, daß ferner eine
-erhebliche Anzahl ungeduldiger sächsischer Männer in die
-immer weiter nach der Elbe zu vordringenden preußischen
-Regimenter als Freiwillige eintrat und endlich, daß die,
-die fremde Zwingherrschaft niederwerfende Schlacht auf
-den Fluren bei Leipzig unerwartet schnell hereinbrach.</p>
-
-<p>Wie ein großes Ereignis wirkte die Aufgabe
-Dresdens, das der Kaiser hatte stark verschanzen und<span class="pagenum" id="Seite_269">[269]</span>
-sonst auch für seinen Winteraufenthalt hatte herrichten
-lassen. Eine weit über Deutschland hinaus sichtbare,
-leuchtende Flammenschrift erschien an dem tiefschwarzen
-Firmament und verkündete, daß sich jetzt das Ende vorbereite.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>In Rehefeld herrschte in diesen Tagen unbestritten
-Maxens Geist. Er wußte alle Bedenken zu beschwichtigen
-und entfachte ein solches Feuer der Begeisterung in aller
-Brust, daß die Männer ruhelos zum Ausmarsch drängten,
-und die Frauen diesen Entschluß nicht nur durch Worte,
-sondern auch in tiefster Seele guthießen.</p>
-
-<p>Noch eine Woche wollte man warten, bis sich die
-französischen Armeen bei Leipzig gesammelt haben würden,
-und der jetzt von ihnen versperrte Weg zu den Verbündeten
-freigeworden war. Denn die Franzosen waren
-sehr mißtrauisch geworden, und niemand durfte bei Vermeidung
-von Festnahme in diesen Tagen ohne einen
-Reisepaß mehrere Meilen über Land gehen.</p>
-
-<p>Die Zeit bis dahin brachte man damit zu, sich im
-kriegerischen Handwerk zu üben. Ein Gewehr schweren
-Kalibers war für jeden vorhanden. Denjenigen, die
-selbst keines besaßen, wurde von mehreren Seiten zugleich
-ein solches angeboten, wie überhaupt die Gebefreudigkeit,
-namentlich bei denen die daheim blieben, mit der Begeisterung
-zusammen erwacht war. Auch Geld und
-Wertgegenstände wurden den Freiwilligen ausgehändigt,
-um sie ihrem zukünftigen Regimente zu überbringen.
-Wie drüben über der Grenze, waren auch hier die
-Zurückbleibenden bemüht, die große Sache, wenn nicht
-mit Blut, so doch mit Gut zu unterstützen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_270">[270]</span></p>
-
-<p>Auch ein paar Seitengewehre und Säbel, deren
-Existenz bisher außer den Eigentümern ein anderer
-kaum geahnt hatte, tauchten auf und wurden auf dem
-Wetzstein scharf geschliffen.</p>
-
-<p>Diejenigen, die schon früher einmal die Waffe getragen
-hatten, erklärten die Handgriffe, und der Schmied,
-der in dem Bataillon aus dem Winckel bei Jena mitgefochten
-hatte, stellte die Streiter in Reih und Glied,
-ließ sie marschieren und einschwenken und die Gewehre
-laden und Salven abgeben. Max, als der Größte,
-marschierte natürlich voran, während Konrad, wie es
-ihm zukam, als linker Flügelmann exerzierte. Alles erfolgte
-so, wie es in wenigen Tagen in Wirklichkeit geschehen
-sollte. Und wenn auch der oder jener, wie bei
-einer Anzahl von der Arbeit weggerufenen Bauern unausbleiblich,
-noch reichlich ungeschickt war, so glich er
-diesen Mangel durch Eifer und guten Willen wieder aus.</p>
-
-<p>Sobald aber die künftigen Verteidiger des Vaterlandes
-endlich ermüdet wieder ins Dorf zogen, dann
-trat flugs eine andere Schar zusammen und übte
-genau so, wie sie es vorher stundenlang beobachtet hatte.
-Leider besaßen diese keine Gewehre, aber sie waren
-genügsam und verfügten über hinreichend genug Phantasie,
-um eine eigens zu diesem Zwecke ausgesuchte, besonders
-schön gewachsene Haselrute oder schließlich auch einen
-invaliden Rutenbesen als wahrhaftes Schießgewehr anzusehen.
-Das war die liebe Jugend von Rehefeld.</p>
-
-<p>Der Schullehrer hatte, um seine sonst außer allem
-Zweifel stehende Autorität zu retten, in diesen Tagen
-darauf verzichtet, seine Lämmer täglich um sich zu versammeln.
-Und so hatten diese denn vollauf Muße, ihren<span class="pagenum" id="Seite_271">[271]</span>
-sich im Schweiße des Angesichts abmühenden Vätern
-und Brüdern aufmerksam zuzuschauen. Waren diese
-aber endlich abgetreten, so liefen flink die bisherigen
-Zuschauer zusammen, und dieselbe Kleestoppel, deren
-Boden soeben noch unter dem schweren Bauernstiefel
-gedröhnt hatte, stampften jetzt die Tritte der barfüßigen
-Jungen.</p>
-
-<p>Der Platz des Freihofbauern auf dem rechten
-Flügel des Gliedes galt als besonders erstrebenswert
-und wurde sehr begehrt, und um das Amt des die
-Schar kommandierenden Schmieds fanden wahre Schlachten
-statt. Keine künstlichen, wie sie das Exerzieren mit sich
-brachte, sondern Schlachten ohne alle strategischen Vorbereitungen,
-aber mit anerkennenswerter Erbitterung.
-So plagte und prügelte man sich abwechselnd in heiliger
-Begeisterung, bis die Sonne sank und alle endlich den
-von herbstlichen Abendnebeln umflossenen Häusern zustrebten.</p>
-
-<p>Dann betrat der seine Sache mit vollem Ernst auffassende,
-junge Krieger mit erhitzten Wangen und zerzaustem
-Schopfe die niedrige Stube und sah geringschätzig
-auf die Schwester, die gerade ihrer Puppe das
-Nachtlager herrichtete. Kurz vor dem Schlafengehen und
-als er schon bis auf das Hemd entkleidet war, gedachte
-einer von ihnen aber noch einmal seiner kriegerischen
-Pflichten, indem er der Mutter zeigte, wie der Bauer
-vom Freihof den Ausfall mache. Dabei warf er das
-Körpergewicht wuchtig auf den vorgestellten linken Fuß
-und vollführte mit beiden Armen einen fürchterlichen
-Stoß, der auch ohne die eigentlich dazu notwendige
-Flinte ganz gegen Erwarten über alle Maßen gut
-ausfiel, daß der von der Wucht des Stoßes getroffene<span class="pagenum" id="Seite_272">[272]</span>
-kleinere Bruder, der in seine Butterbemme vergnüglich
-hineinbeißend dem älteren arglos und voll Bewunderung
-zugeschaut hatte, heulend gegen die Wand flog.</p>
-
-<p>Eine Viertelstunde später lagen die beiden rosigen
-Kleinen in tiefem Schlafe, und die Mutter beugte sich
-schweigend darüber, und ein Himmel von Freude und
-Glückseligkeit brach aus ihren Augen.</p>
-
-<p>Genau eine Woche darauf aber begannen die mörderischen
-Tage von Leipzig, und als am Abend des letzten
-Tages der Mond wieder heraufzog, genau so wie heute,
-da düngte der Gatte dieser Mutter und Vater dieser
-Kinder den heimatlichen Boden mit seinem Herzblut. Sein
-glühender Durst nach Freiheit war gestillt worden.</p>
-
-<p>Schlaft süß, Ihr unschuldigen, vaterlosen Kleinen!
-Lächle wieder du junges, verlassenes Weib! Einer von
-den leuchtenden Sternen droben, die mild auf dich herabschauen,
-ist der Deinige!</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap18">18. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Eines der am weitesten auf der Höhe gelegenen
-Güter Rehefelds war das des Bauern Frank. Es war
-ein mittelgroßes Anwesen mit reichlichem Viehstand und
-alten, aber noch recht gut erhaltenen Gebäuden. Ein
-früherer Besitzer hatte sich inmitten der beiden Ställe
-und gegenüber der großen Scheune ein niedliches Wohnhaus
-herrichten lassen, das dem ganzen Besitz ein ungemein
-freundliches Ansehen verlieh.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_273">[273]</span></p>
-
-<p>Es war nicht streng nach der Bauweise der alten
-sächsischen Bauernhäuser gebaut worden, war aber mit
-guter Raumverteilung eingerichtet und bestand aus dem
-etwas erhöhten Unterbau und einem freundlichen,
-hellen Oberstock, den ein weitüberragendes, dickes Strohdach
-schirmte. Vor der Haustür befand sich eine kleine
-Terrasse, die von einem von zwei Säulen getragenen
-Lattenrost überdacht wurde, und von der hüben und
-drüben einige Stufen hinabführten. Um die hölzernen
-Säulen wanden sich dicke, schwärzliche Ranken Jelänger-jelieber
-und Heckenkirsche, deren grüne Zweige über das
-ganze Dach ausbreitet und zu einem unentwirrbaren
-Durcheinander verwachsen waren und die so tief herabhingen,
-daß der Raum zwischen den Säulen von Blättern und
-Blüten beinah ausgefüllt wurde. Im Sommer glich
-die Terrasse einer dichten Laube, die selbst im heißesten
-Sonnenbrand Schatten und erquickende Kühle spendete.</p>
-
-<p>Das Haus war sorgfältig mit Kalk verputzt und
-wurde öfters getüncht. Dann hoben sich die schwarzangestrichenen,
-recht- und spitzwinklig zueinander stehenden
-Balken von den blendendweißen Flächen scharf ab, und
-wenn man sich zu diesem freundlichen Hintergrund die
-grüne, über und über blühende Laube vor der
-Mitte des Hauses hinzudenkt, so erhält man eine Vorstellung
-von dem in Bauart und lebendiger Farbenzusammenstellung
-gleich harmonischen Bild, welches dieses
-Haus bot, das den die Straße ziehenden Fuhrleuten
-immer wieder von neuem gefiel und das von der sanften
-Anhöhe herab den das Dorf berührenden Wandersmann
-freundlich grüßte.</p>
-
-<p>Noch vor wenigen Jahren hatte dieses Gut ein
-altes Ehepaar besessen, dem das Schicksal von seinen<span class="pagenum" id="Seite_274">[274]</span>
-Kindern nur eine Enkeltochter gelassen hatte. Der Bauer
-Honigmann war in den Siebzigern, gesund und kräftig,
-als er eines Morgens, das erste Mal in seinem Leben,
-die Neigung verspürte, im Bett liegen zu bleiben. Tags
-darauf war er tot. Niemand hatte ihn jemals krank
-gesehen, und auch der Arzt wußte nicht zu sagen, an
-welcher Krankheit er gestorben war. Die Leute aber
-meinten, Honigmann sei eigentlich garnicht gestorben,
-sondern hätte nur aufgehört zu leben.</p>
-
-<p>Die Fürsorge für die hübsche Marianne fiel nun
-der schon lebensmüden Bäuerin allein zu. Marianne
-hatte kurz vorher ihren neunzehnten Geburtstag gefeiert.
-Sie war ein braunäugiges, dunkellockiges Geschöpf und
-schlank und biegsam wie die schönste Tanne aus den
-Musterforsten des Freiherrn von Tiefenbach. Immer
-ruhig, freundlich und gewinnenden Gemüts, zuweilen
-wohl auch ein wenig übermütig, hatte jedermann im Dorfe
-das Mädchen gern, und viele der Bauernburschen wären
-glücklich gewesen, Mariannens Hand und Herz zu besitzen,
-vorzugsweise die Hand. Denn außer einem hübschen
-und guten Weibe mußte dem Erwählten ja auch der
-saubere und unverschuldete Hof zufallen.</p>
-
-<p>Aus diesem Grunde drängte sich täglich eine große
-Anzahl Heiratslustiger an das Mädchen heran, die alle
-heiß bemüht waren, sich gegenseitig den Rang abzulaufen.
-Und so wurde denn der für Gemüt und Verstand in
-gleicher Weise begehrliche Preis von einer Wolke von
-Anbetern unaufhörlich umlagert, die selbst aus den
-Nachbardörfern sich einstellten, wie etwa ein Sirupstopf
-von einer großen Anzahl von Fliegen umschwärmt wird.</p>
-
-<p>Marianne aber war ein kluges Mädchen. Sie war
-zu dem einen nicht freundlicher wie zu dem andern und<span class="pagenum" id="Seite_275">[275]</span>
-verdarb es deshalb mit keinem. Meinte einmal einer
-der jugendlichen Heißsporne, daß er den richtigen Pfad
-gefunden habe in dem Labyrinth der Gänge, die zu
-ihrem Herzen führten, so mußte er am nächsten Tage
-die sehr betrübliche Erfahrung machen, daß Marianne
-genau dieselbe Freundlichkeit, über die er gestern hochbeglückt
-war, heute einem andern erwies. Mancher der
-jungen Männer wollte schier verzweifeln, wenn er das
-Heer seiner Nebenbuhler überdachte, und manche festgefugte,
-auf Leben und Tod geschlossene Freundschaft
-ging in diesen Tagen aus dem Leim.</p>
-
-<p>Gleichzeitig empfand aber wieder jeder der Beharrlichen
-als kühlenden Balsam auf die Wunde im Herzen
-die Ueberzeugung, daß augenblicklich keiner von den Vielen
-dem allgemein zugestrebten Ziele näher stand als er
-selbst, um freilich in der nächsten Stunde bei dem Gedanken
-zu erbleichen, Marianne könne mittlerweile die
-Werbungen eines im stillen Bevorzugten erhört haben.</p>
-
-<p>So ganz spurlos aber, wie es schien, ging der
-tägliche Sturm auf Mariannens Herz doch nicht an ihr
-vorüber. Mit großem Interesse beobachtete das Mädchen
-die sich ihr nähernden jungen Männer, die es auf
-mancherlei Weise versuchten, die begehrenswerte Braut
-heimzuführen. Die einen marschierten geradenwegs auf
-ihr Ziel zu. Sie sprachen, wie es in solchen Fällen
-wohl allgemein üblich, von unverbrüchlicher Liebe und
-Treue; dieser tat es stammelnd, jener mit anerkennenswertem
-Zungenschlag. Ja der Schulzensohn ging sogar
-soweit, daß er die, noch vom Geständnis seiner Liebe
-her auf dem Herzen ruhende Hand &ndash; also der während
-einer Liebesbeteuerung allerorts als allein richtig anerkannten
-Haltung&nbsp;&ndash;, daß er die beteuernde Hand aufhob,<span class="pagenum" id="Seite_276">[276]</span>
-die Schwurfinger ausstreckte und mit rollenden
-Augen versicherte, im Falle der Nichterhörung von der
-Stelle aus in den Dorfteich zu gehen. Nun, Erhörung
-fand er zwar nicht, ob er aber, wie bestimmt zugesagt,
-weiter als bis zum Rand des Teichs gegangen war,
-entzog sich jedermanns Kenntnis. Als unbestreitbare
-Tatsache mußte es jedenfalls gelten, daß er Leipzig mitmachte
-und kurz nach der Rückkehr aus Frankreich eine
-ältliche aber wohlbegüterte Witwe in Göhren heiratete.</p>
-
-<p>Ferner gab es vereinzelte, die schworen, daß es
-ihnen beileibe nicht auf den Hof ankäme, sie, Marianne,
-wäre ihnen wie sie gehe und stehe gerade recht. Sie
-wollten den Hof überhaupt nicht haben, meinten sie,
-nur das Mädchen. Nun ging es jedoch nicht gut an,
-daß Marianne diesen Verächtern irdischer Habe zuliebe
-auf den schmucken Besitz ihres Großvaters Honigmann
-verzichtete. Lieber verschloß sie sich deshalb diesen
-Werbungen.</p>
-
-<p>Die also Geschilderten waren die Gefährlichen unter
-den Anbetern. Glücklicherweise aber waren sie in der
-Minderzahl.</p>
-
-<p>Ungleich harmloser gestaltete sich das Gespräch mit
-einem der schüchternen Verehrer. Diese sprachen fast
-alle sehr wenig, ja bei manchem beschränkte sich die
-Rede auf einen schüchternen Gruß. Dafür war
-aber infolge der zurückgetretenen Töne das Herz zum
-bersten voll, und die Augen mußten in diesem Falle
-den Dienst der widerspenstigen Zunge übernehmen.</p>
-
-<p>Einer erzählte von daheim; wieviel jede der Kühe
-Milch gäbe, daß die Schweinezucht in den letzten Jahren
-immer profitabler geworden sei, wie auf dem Hofe des
-Vaters musterhafte Ordnung herrsche und er selbst in<span class="pagenum" id="Seite_277">[277]</span>
-allen Tugenden eines männlichen Wesens im allgemeinen
-und eines Bauern im besondern von früh ab unterwiesen
-sei. Ein anderer sprach davon, was er tun würde,
-wenn er auf einer eigenen Scholle säße. Zuhause könne
-er seine Pläne nicht zur Tat machen, denn sie seien bekanntlich
-vier Söhne und unter vieren gäbe es täglich
-Katzbalgereien. Mit einer Frau nur allein auf einem
-Hofe sitzen, müsse herrlich sein. Da herrsche doch
-immer Frieden und Eintracht&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Letzte endlich redete keinerlei Anzüglichkeiten.
-Dafür machte er soviel Spaß, daß die Maid zuweilen
-vor Heiterkeit bis zu Tränen gerührt war. Er hoffte,
-auf der luftigen Brücke, die der Humor über Hindernisse
-errichtet, den gefährlichen Abgrund bis zu Mariannens
-Herz zu überschreiten, ohne hineinzufallen. Dieser gewiegte
-Diplomat hieß Emil und war der Sohn eines
-kleinen Bauern.</p>
-
-<p>Er war flink wie ein Wiesel und gelenkig wie eine
-Katze. Dabei lag ihm sehr daran, von der kleinen
-Klitsche daheim sobald als möglich wegzukommen.
-Lange Jahre war er das einzige Kind gewesen. Da
-starb die Mutter. Sein Vater heiratete kurz darauf
-ein blutarmes, junges Ding, das seinem Gatten die
-Mitgift nach und nach in Gestalt kugelrunder, pauspackiger
-Kindlein einbrachte. Von diesem Augenblick an
-war daheim nichts mehr zu hoffen. Die kleinen Geschwister
-taten vorderhand noch nichts besseres, als daß
-sie mit beängstigend gutem Appetit aßen. Wenn die
-Familie bei Tische saß, mußte Emil jeden dieser ewig
-hungrigen Esser unwillkürlich mit einer Raupe mit
-sieben Köpfen vergleichen, die sich eben daran macht,
-eine Kohlstaude kahlzufressen. Und mit Grausen sagte<span class="pagenum" id="Seite_278">[278]</span>
-er sich, daß das bescheidene Besitztum seines Vaters
-diese unersättlichen Schlünde niemals werde stopfen
-können. Und er berechnete nüchternen Verstandes, daß
-der dürre Hof gerade dann aufgezehrt sein würde, wenn
-das letzte der jetzt noch im Nichts schlummernden Geschwister
-flügge war. Da ging er hin und stellte seine
-angeborene Kunstfertigkeit in den Dienst des Werbens
-um wohlversorgte Hoftöchter.</p>
-
-<p>Wen die Burschen und Mädchen an den warmen
-Sommerabenden im Mondenschein, fein säuberlich in
-zwei getrennte Lager geschieden, auf dem Anger saßen,
-Scherzreden und Neckereien hinüber und herüberflogen
-und alle Spaßmacher endlich ihren Witz ausgegeben
-hatten, dann stand Emil auf. Zwar sprach er seiner
-anstoßenden Zunge wegen herzlich wenig, aber das
-Lachen der Zuschauer erklang nach seinen Leistungen
-bald wieder von neuem.</p>
-
-<p>Nun waren seine Hanswurstspäße freilich nicht mehr
-neu und hatten schon manch liebes Mal Stoff zu harmloser
-Heiterkeit gegeben; aber das Völkchen war ja
-so bescheiden in seinen Ansprüchen an Unterhaltung
-und wollte um jeden Preis fröhlich sein.</p>
-
-<p>Zuerst schlug er also das Rad mit solcher Behendigkeit
-und Ausdauer, daß er die Anerkennung herausforderte.
-Dann ging er zu wunderlichen Gliederverrenkungen
-über, die die Lachlust empfindlich reizten.
-Selbst der Ernsthafteste aber konnte sich der Heiterkeit
-nicht mehr enthalten, wenn Emil wie ein Känguruh in
-possierlichen Sprüngen umherhüpfte. Dazwischenhinein
-überschlug er sich mehrere Male als Zugabe oder lief
-minutenlang und mit größerer Sicherheit auf den Händen,
-als manchem der Zuschauer auf den Beinen möglich<span class="pagenum" id="Seite_279">[279]</span>
-war. Alles dies tat er stumm. Die karge Belohnung,
-die er sich in den kurzen Ruhepausen gönnte, bestand
-einzig und allein darin, daß er mit dem Ärmel den
-Schweiß von der tropfenden Stirn wischte. Zum Schluß
-stellte sich Emil auf den Kopf und verharrte in dieser
-Haltung unbeweglich wie ein Pfahl solange, bis die
-Zuschauer erklärten, diese Vorführung sei langweilig,
-und einer der Burschen ihn umwarf. Dann setzte er sich
-stillschweigend in den Hintergrund und beobachtete forschend
-die vom Mondenschein erhellten Gesichter der Mädchen
-auf die Wirkung seiner Vorführungen hin. Mit besonderer
-Sorgfalt studierte er die Züge der rehaugigen
-Enkelin des alten Honigmanns.</p>
-
-<p>Marianne aber dachte: ach, was soll Dir ein Mann,
-der unausgesetzt durch die Luft wirbelt, und wenn er
-einmal auf die Erde kommt, steht er verkehrt.</p>
-
-<p>Da machte sie in ihrem Herzchen kurz entschlossen
-einen dicken Strich durch seinen Namen.</p>
-
-<p>Jeder empfindsame Leser, den diese Zeilen erreichen,
-wird das Resultat betrüblich finden und sich einer wehmütigen
-Regung nicht verschließen können. So viel
-wahrhafte Kunst an ein Trugbild verschwendet&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Armer Emil!</p>
-
-<p>Marianne hatte lange geschwankt, welchen der
-Anbeter sie endlich erhören würde. Denn wenn auch
-die meisten von ihnen ihr gleichgültig blieben, so waren
-es doch immerhin einige der Burschen, die dem Mädchen
-recht gut gefielen. Gewissenhaft durchlief sie in ihrer
-stillen Kammer im Geiste die noch gebliebene, stattliche
-Anzahl der Bewerber, merzte von neuem aus, bis denn
-schließlich zwei übrig blieben, von denen sie einen zu
-erhören beschloß.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_280">[280]</span></p>
-
-<p>Der erste von diesen war Berthold Frank, der
-jüngste Sohn vom Oberhofbauern. Er war ein hübscher
-Bursche mit hellblauen Augen und schwarzem Schnurrbart,
-dessen Spitzen am Sonntag sorgfältig gedreht
-waren. Er war nicht allzuhoch gewachsen, aber sein
-Körper war gedrungen und seine Bewegungen verrieten
-große Kraft. Mit seinem hübschen Äußern verband
-sich ein Auftreten, das allen Mädchen wohlgefiel, denn
-er war geweckt und verstand es, verbindliche Reden zu
-führen; darin glich ihm kein zweiter der Burschen. Und
-doch konnte Frank sich vieler Eroberungen eigentlich nicht
-recht rühmen, weil man wußte, daß er streitsüchtig war
-und sich zuweilen betrank.</p>
-
-<p>Daheim auf dem Obergut herrschte polnische Wirtschaft.
-Die Mutter war in der Stadt aufgewachsen
-und hatte nie verstehen gelernt, worauf es in ihrer
-Stellung ankam. Den Besitz zusammenhalten und mehren
-konnte sie nicht. In einer großen Anzahl von feinen
-Kanälen floß der saure Gewinn vom Hofe wieder fort
-und sickerte ihr geradezu durch die Finger. Für die
-sparsame Verwendung der Nahrungsmittel und die
-weise Einschränkung der Bedürfnisse des Haushalts hatte
-sie kein Verständnis. Täglich wurde weit mehr gekocht
-als gegessen wurde; was übrig blieb, bekam das Vieh.
-Das Essen war ohne Sorgfalt zubereitet und befriedigte
-nicht. Dann schlich das Gesinde in die offene Vorratskammer
-und in den Milchkeller und tat sich dort gütlich.
-Der Bauer trank und wenn er in später Nacht nach
-Hause kam, prügelte er sein Weib. Stand der Wagen
-des Kornhändlers auf dem Hofe, so war er nicht beim
-Aufladen der Säcke zugegen, sondern saß wetternd im
-Gasthof, oder schlief oben in der Kammer seinen Rausch<span class="pagenum" id="Seite_281">[281]</span>
-aus. Und so kam es, daß manches aus dem Gut hinausging
-von dem er nichts wußte.</p>
-
-<p>In dieser Umgebung wuchsen die drei Jungen auf.
-Von Anfang an war niemand da, der sie zur regelmäßigen
-Arbeit angehalten hätte, und als sie sehend wurden und
-das Leben einzuschätzen vermochten, wollten sie nicht
-begreifen, warum gerade nur sie allein die Last des
-Tages tragen sollten. Dazu hatte die Mutter die Kinder
-von früh auf verwöhnt, indem sie alle ihre Wünsche
-erfüllte und ihnen vorredete, sie könnten das so haben,
-dafür seien sie die Söhne des reichen Oberhofbauern.</p>
-
-<p>Und so war es aus all diesen Gründen nicht
-verwunderlich, daß das Gerücht immer mehr Wahrscheinlichkeit
-gewann, auf dem Oberhof stehe es schlecht,
-und der Bauer sei bis über die Ohren verschuldet.
-Berthold kannte ganz genau die Schwierigkeiten, die es
-dem Vater bereitete, wenn er an jedem Quartalsersten
-die fälligen Hypothekenzinsen, aufbringen mußte, und
-er sah voraus, daß ihm einst als Erbe nicht mehr zufallen
-würde, als ein paar vertrocknete Dachschindeln.
-Und da er wohl die Kraft, nicht aber den Willen besaß
-mit fester Faust in das Wespennest hineinzugreifen und
-er das einzige Mittel, das den Oberhof noch retten
-konnte, die Arbeit, verschmähte, so beschloß er, sich anderswo
-ein behagliches Nest zu suchen. Warum sollte er
-sich schinden? Tat es der Vater, oder machten es etwa
-seine Brüder? Und gesetzt den Fall, es wäre ihm gelungen
-&ndash; aber nur ihm, denn die beiden Brüder waren
-Dummköpfe &ndash; den Oberhof vor dem Ruin zu retten,
-was hatte er davon? Er konnte doch nicht als Miteigentümer
-auf dem Hofe sitzen, der dem ältesten Bruder
-Christian zufallen würde.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_282">[282]</span></p>
-
-<p>Also steckte er die Hände in die Hosentaschen, pfiff
-eine Melodie von der letzten Tanzmusik her und ging
-mitten am Nachmittag zum vordern Hoftor hinaus, um
-zu versuchen ob es ihm gelingen würde, bei der Erbin
-des Lindengutes einige von seinen stets vorrätigen
-Schmeichelreden anzubringen.</p>
-
-<p>Und man konnte es nicht anders sagen, Berthold
-Frank war ein hübscher Bursche mit gefälligen Manieren,
-der zuletzt wegen seiner Aussichten auf den Besitz des
-Lindengutes manchen grimmen Neider besaß.</p>
-
-<p>Der andere Bewerber, der sich zusammen mit
-Berthold Frank in den Besitz von Mariannens flatterndem
-Herzchen teilte, war Gottfried, der Knecht auf dem
-Lindengute.</p>
-
-<p>Stolz war das Mädchen nicht! Es war ihm gleichgültig,
-ob sein künftiger Gatte auf einem großen Hof
-aufgewachsen war, oder ob er aus einem armen Häuschen
-kam. Denn wenn sich Marianne auch durch ein
-glänzendes Äußere leicht blenden ließ, so hätte sie ihrer
-inneren Stimme entgegen doch niemals, um seiner
-äußeren Vorzüge willen, einem ungeliebten Mann die
-Hand reichen können. Deshalb hatte sie die stummen
-und bescheidenen Werbungen Gottfrieds auch nicht zurückgewiesen,
-sondern ihn eher noch dazu ermutigt.</p>
-
-<p>Gottfried war wohl fast in allen Eigenschaften
-das gerade Gegenteil von dem Jüngsten vom Oberhof.
-Er war ein stiller, in sich gekehrter Mensch und von
-einer Arbeitskraft, für die der Lindenhof fast zu klein war.</p>
-
-<p>Vor nahezu dreißig Jahren war eine junge Magd
-auf dem Lindengut gewesen, mit strotzenden Wangen
-und lachenden Schelmenaugen. Sie besaß einen allzeit
-fröhlichen Sinn, und ihr blühender Leib war gerade gewachsen<span class="pagenum" id="Seite_283">[283]</span>
-wie eine Gerte. Sie war laut gewesen bei
-der Arbeit, wo sie weilte, hörte man den kunstlosen Sang
-ihrer glockenreinen Stimme, und weit mehr als nötig
-war, tönte von dem frischen Munde jauchzendes Lachen.
-Da wurde mit einem Male, schier über Nacht, das
-Mädchen still. Zuletzt war sie scheu geworden und hielt
-die Augen niedergeschlagen. Ihr fröhlicher Sinn war
-von ihr gewichen, und das erquickende Lachen war verstummt.
-Immer schwerer wurde ihre Seele bedrückt, bis
-sich endlich ihr Gemüt umdüsterte und sie, fast selbst
-noch ein Kind, in der Andreasnacht unter Verzweiflungsqualen
-und den doch so beseligenden Ahnungen von
-Mutterglück einem rosigen Knaben das Leben gab.</p>
-
-<p>Und als von ihrer schweren Stunde an gerechnet
-drei Tage verflossen waren, trug man die junge Mutter
-hinaus und bettete ihren blühenden Leib, der nun all
-seine Wärme verloren hatte, zwischen die Schollen des
-Friedhofs. Ein winziges Häufchen Sand zeigte die
-Stelle an, wo man ein in der Blüte geknicktes Leben
-voll sprudelnder Fröhlichkeit, voll Singsang und Lachen
-dem Erdenschoße still wieder zurückgegeben hatte.</p>
-
-<p>Den verlassenen Knaben aber legte der Bauer
-Honigmann seiner Frau wortlos in den Schoß, die für
-ihn redlich sorgte, auf daß die Seele des Kindes die
-mit in die Grube gebettete Liebe der Mutter nicht allzu
-schmerzlich vermisse. Einen einzigen Kuß hatte die junge
-Mutter ihrem Kinde auf die Stirn gedrückt, dann war
-sie in den Gottesfrieden hinüber geschlummert. Der
-Knabe aber hatte bei der Taufe den Namen Gottfried
-erhalten.</p>
-
-<p>Gottfried hatte schon frühzeitig damit begonnen,
-seinen Wohltätern das zu vergelten, was sie an ihm<span class="pagenum" id="Seite_284">[284]</span>
-getan. Aufgewachsen in der wahren Frömmigkeit der
-Bäuerin, hatte der Knabe unter den unübertrefflichen
-Anleitung Honigmanns die Arbeiten auf dem Hofe gelernt.
-Schon mit vierzehn Jahren schaffte er so viel
-wie ein Knecht und als er die Zwanzig erreicht hatte,
-bot sich für ihn auf dem Lindengute fast nicht mehr
-genug Gelegenheit zur Betätigung seines Eifers. Der alte
-Mann aber, dem die Arbeit selbst noch Lebenbedürfnis
-war, wurde zuweilen ärgerlich, wenn er sah, wie der
-junge Knecht ihm die Arbeit aus den Händen riß. Dabei
-war Gottfried wortkarg, und seine Bewegungen waren
-eckig und unbeholfen.</p>
-
-<p>Mit den Altersgenossen pflegte er nicht viel Umgang,
-da er ein wenig unterhaltsamer Geselle war. Den
-Keim hierzu hatte er bereits mit in die Welt gebracht,
-denn die schweren Gewissensqualen der Mutter waren
-nicht ohne Einfluß auf die Frucht in ihrem Schoße
-geblieben.</p>
-
-<p>Marianne fühlte sich zu Gottfried hingezogen.
-Zwar gestand sich das Kind, daß der Knecht nicht das
-Abbild eines herrlichen Jünglings sei, wie es ihr in
-ihren Mädchenträumen immer erschienen war; aber einem
-unbewußten Drange folgend mußte sie zugeben, daß ein
-gutes und treues Herz in seiner Brust schlüge, und sie
-an seiner Seite recht wohl glücklich werden könne. Ein
-Leben ohne Jubel und Tanz, aber treu behütet und die
-Brust angefüllt mit Frieden und sonnigem Glanz.</p>
-
-<p>So dachte Marianne in den Stunden stiller Einkehr.
-Waren diese aber vergangen, dann zog ihr leichtfüßiger,
-junger Sinn sie zu den lustigen Burschen.
-Und wenn sie dann einen Vergleich anstellte zwischen
-dem ernsten Gottfried mit den plumpen Bewegungen und<span class="pagenum" id="Seite_285">[285]</span>
-den unschönen Zügen und dem in männlicher
-Kraft und Schönheit strahlenden Berthold Frank, dem
-die bunte Halsschleife mit den flatternden Bändern so
-gut zu Gesicht stand und der jederzeit so unterhaltsam
-plauderte, dann vergaß das Mädchen alles, was
-sie an dem einfachen Knecht schätzte. Und sie war blind
-und sah nicht die schweren Fehler des anderen.</p>
-
-<p>Die Warnungen der Großmutter machten keinen
-Eindruck auf das Mädchen. Und so hielt denn endlich
-nach der Ernte Berthold Frank vom Oberhof seinen
-Einzug auf das Lindengut. Gottfried hatte kurze Zeit
-darauf zwar die Absicht ausgesprochen, nach Knauthain
-zu übersiedeln, wo ein entfernter Verwandter seiner
-Mutter lebte, aber Frank hatte erklärt, daraus würde
-nichts, und so war Gottfried geblieben. Frank ahnte
-nicht, was seinen Knecht vom Hofe forttrieb; eins aber
-wußte er: daß er niemals wieder einen so unverdrossenen
-und arbeitsfreudigen Besorger seiner eigenen Pflichten
-in der Wirtschaft bekommen würde.</p>
-
-<p>Mit Berthold Franks, des trunksüchtigen Oberhofbauern
-Sohnes Einzug auf dem Lindengut war der
-Frieden, der solange an dieser Stätte regiert hatte, gewichen.
-Denn zu derselben Stunde, in der der festlich
-geschmückte Hochzeitswagen von vier starken Braunen
-gezogen unter dem Jubel der Gäste und dem brausenden
-Tusch der Musikanten durch das weitgeöffnete Tor auf
-dem Hof rollte, schlichen in grauen Gewändern
-und mit hämischen Blicken unbemerkt zwei Frauengestalten
-durch die in schmalem Spalt offenstehende Hintertür
-auf das ehemalige Besitztum des alten Honigmanns;
-ihre Namen aber waren Kummer und Gram.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_286">[286]</span></p>
-
-<p>Im ersten Jahre tat der junge Bauer seine Pflicht
-wie es ihm zukam, und es schien, als ob der Besitz
-eines blühenden, fröhlichen Weibes und des schmucken
-Lindengutes alle Bedenken zunichte mache, die manchen
-im Dorfe bei dieser Verbindung überkommen waren.
-Aber die Sünden der Väter rächen sich sattsam an den
-Kindern, und Berthold Frank war ein echter Sohn des
-seit Jahren in wüstem Taumel dahinlebenden Oberhofbauern.</p>
-
-<p>Solange Mariannens Großmutter lebte, nahm sich
-Frank höllisch zusammen. Denn der Hof gehörte noch
-nicht ihm, und durch einen Federstrich konnte sie zu
-Gunsten seiner Kinder ihr Testament umstoßen und ihm
-harte Einschränkungen durch die Obrigkeit auferlegen.
-Bei aller Frömmigkeit und Milde wohnte nämlich in
-dem müden Körper der alten Bäuerin eine streitbare
-Natur, und ihre Zunge war flink und nannte das Kind
-gleich beim richtigen Namen. Da starb die Alte, und
-der Hof fiel ihm endgültig zu.</p>
-
-<p>Von diesem Zeitpunkt ab war Frank wie ausgewechselt.
-Sein viel umneidetes Heim verlor für ihn den
-Reiz; im Wirtshaus bei Würfelspiel und wüsten Gelagen
-war ihm wohler. Spät in der Nacht kehrte er
-dann angetrunken nach Hause zurück, schalt sein Weib
-und hob endlich die Hand gegen sie auf. Am Tage
-schlief er seinen Rausch aus, war froh, einen rechtschaffenen,
-gottesfürchtigen Knecht zu besitzen und ging
-damit beruhigt wieder ins Wirtshaus. Mit einem
-grausamen Ruck fühlte Marianne die Binde von ihren
-Augen weggezogen, und ein freudenloses, unwürdige
-Leben rollte sich vor ihren entsetzten Blicken auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_287">[287]</span></p>
-
-<p>Gottfried arbeitete für zwei und war in der letzten
-Zeit noch stiller geworden. Zuweilen traf es sich, daß
-Marianne in der Blütenlaube vor dem Hauseingange
-stand, das neugeborene Kind auf dem Arme, während
-er auf dem Hofe schaffte. Da sah er ihr verhärmtes
-Gesicht, umrahmt von grünem Blattwerk sich zugewendet,
-und ihre Augen begegneten mit tieftraurigem Ausdruck
-den seinigen und führten eine stumme und doch so beredte
-Anklage gegen sich selbst. Gottfried aber konnte
-den Blick dieser umflorten Augen nicht aushalten.
-Schwerfällig wandte er sich ab und faßte mit unsichern
-Händen von neuem nach seiner Arbeit. Denn das
-Schicksal des Weibes, das er mit voller Inbrunst seines
-einfachen, vortrefflichen Gemütes geliebt hatte, ging ihm
-zu Herzen und bereitete ihm Schmerz.</p>
-
-<p>Da brausten wie auf Sturmesflügeln die flammenden
-Proteste einzelner Patrioten, die die schmachvolle
-Haltung ihres Vaterlandes nicht mehr mit anzusehen
-vermochten, über die sächsischen Fluren. Von den Hauptstädten
-ausgehend, sprang der Brand auf das platte
-Land über, und zuletzt glich das Königreich einem einzigen
-Flammenmeer. Das bängliche Ausharren in der
-von den Verbündeten schon längst übelgedeuteten Stellung
-zu den Franzosen und die ergebene Haltung vor dem
-Kaiser, ein Gemisch von Bewunderung, Furcht und
-dumpfem Dahinleben, verschwanden mit einem Schlage.
-Jäh kam die Erkenntnis und ließ das Unwürdige der
-in den letzten Monaten bewahrten Gleichgültigkeit mit
-Scham bemerken. Wer konnte müßig bleiben, wenn
-alles in den heiligen Kampf zog? Und war es nicht
-unsinnig, daß von der Beteiligung an der Niederwerfung
-desjenigen, der seit acht Jahren Entsetzen und Not über<span class="pagenum" id="Seite_288">[288]</span>
-die Länder deutscher Zunge heraufbeschworen hatte, gerade
-das Volk zurückbleiben wollte, dessen Land der
-Kriegswütige zum Tummelplatz seiner Heere und zur
-Schlachtenbühne Europas ausersehen hatte?</p>
-
-<p>Gottfried war einer der Ersten, die sich Konrad
-Hartmann anschlossen, dessen Worte ihn begeistert hatten.
-Als er aber von seinem Vorhaben dem Bauern Frank
-erzählte, wurde dieser zornig und schalt auf die Sache,
-insbesondere auf die Männer, die ihr vorstanden. Es
-kam ihm recht wenig gelegen, seinen zuverlässigen Knecht
-zu verlieren; andererseits bot ihm dieser Vorfall aber
-willkommene Gelegenheit, seiner alten Abneigung gegen
-den Freihofer in gehässigster Weise Ausdruck zu geben.</p>
-
-<p>Max hatte von jeher mit seiner Meinung über die
-schlechte Wirtschaft auf dem Oberhofe nicht zurückgehalten
-und auch dann, als Berthold Frank Lindengutbauer
-geworden war, gab er seine kühle Haltung gegen
-ihn nicht auf. Und gerade dies letztere hatte den eingebildeten
-Frank ungemein verdrossen und eine feindselige
-Haltung gegen Max annehmen lassen. Zwar
-hatte er es nie gewagt, gegen den angesehenen und
-reichen Besitzer des Freihofes etwas zu unternehmen.
-Jetzt aber reifte in seiner Seele ein teuflischer Entschluß.
-Wenn er mit seiner Ausführung vielleicht auch manchen
-andern hart traf, &ndash; was tats? Wen er nur ihn,
-den Gehaßten damit vernichten konnte.</p>
-
-<p>Franks Stellung zu dem Plane der kühnen Männer
-entsprach ganz seinem Charakter. Mit höhnischen Worten
-erklärte er die Idee für unsinnig und bezeichnete die
-Männer, die an der Spitze standen, als Tollhäusler
-und Verbrecher. Öfters als sonst saß Frank in diesen
-Tagen bis zum Morgen in der Schenke und bekämpfte<span class="pagenum" id="Seite_289">[289]</span>
-mit schreiender Stimme und wilden Bewegungen den
-geplanten Auszug. Dazwischenhinein versicherte er mit
-geheimnisvollem Lachen immer wieder von neuem, er
-glaube garnicht daran, daß es noch soweit kommen
-werde und schlug zur Bekräftigung seiner Worte mit
-der derben Faust auf den Tisch, daß dieser dröhnte und
-die Gläser tanzten.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap19">19. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Hermann Lehnhardt hatte den verletzten Arm bisher
-noch immer in der Binde getragen. Nun aber ließ er
-diese daheim und schob die Hand zwischen die Knöpfe
-seiner Jacke. Der schwierige Bruch des Ellenbogens
-war nach langen Wochen zwar wieder geheilt, hatte
-aber in dem Arm eine große Schwäche zurückgelassen,
-so daß er ihn noch nicht gebrauchen konnte. Bis zur
-völligen Heilung wohnte er mit seiner Frau und dem
-hübschen Buben, den ihm Antonie geschenkt hatte, bei
-seiner Großmutter.</p>
-
-<p>Kurz nach dem schlimmen Vorfall war eines Tages
-in dem Hause der Mutter Lehnhardt der neue Verwalter
-des Freihofs erschienen und hatte sich im Auftrage
-seines Herrn einer Summe Geldes entledigen wollen,
-die für den Arzt bestimmt gewesen war. Da war
-Hermann aufgesprungen und ohne ein Wort zu sprechen,
-hatte er blitzenden Auges und in drohender Haltung<span class="pagenum" id="Seite_290">[290]</span>
-mit der gesunden Hand nach der Tür gewiesen, durch
-die der Abgesandte denn auch ohne Widerrede alsbald
-verschwand. Seitdem war die Verbindung mit dem
-Freihofe durchgeschnitten. Traf es sich aber, daß die
-Freihoferin der Mutter Lehnhardt draußen begegnete,
-so begrüßten sich die beiden Alten ebenso herzlich wie
-bisher, den Vorfall jedoch berührten sie nicht.</p>
-
-<p>Als Hermann Lehnhardt eines Tages, wie er es
-oft tat, über die Wiesen geschlendert war und dann
-an der hintern Seite der Höfe entlang ging, stand der
-Lindenbauer an seinen schadhaften Zaun gelehnt und
-sah ihm entgegen. Natürlich schlug Frank sofort wieder
-sein Lieblingsthema an und wetterte gegen das Vorhaben
-der Männer, die lieber daheim bleiben sollten,
-damit ihre Frauen und Kinder nicht betteln zu gehen
-brauchten, anstatt den Preußen die Kastanien aus dem
-Feuer holen zu helfen. Hermann Lehnhardt schwieg
-zu diesen Worten und sah geflissentlich an Frank vorbei.
-Der aber hätte es gern gehört, wenn Lehnhardt
-ihm beigestimmt. Als dieser hierzu nun trotz seiner
-Anzapfungen keine Anstalt machte, konnte sich Frank
-nicht enthalten, ihn in ärgerlichem Tone zu fragen:</p>
-
-<p>»Nun, Ihr seid wohl gar einer vom feindlichen Lager?«</p>
-
-<p>»Ach,« antwortete Lehnhardt ausweichend und ließ
-den Blick sehnsüchtig über die Fluren schweifen, »Ihr
-wißt ja, daß ich nicht mit ausziehe, warum quält Ihr
-Euch deshalb mit mir herum?«</p>
-
-<p>Aber der dringliche Frager war von dieser Antwort
-nicht befriedigt. Es hatte ein Ton durch Lehnhardts
-Worte geklungen, der ihm nicht gefiel. Deshalb kniff
-er die verschwommenen Augen halb zu und warf mit
-listigem Lächeln scheinbar achtlos hin:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_291">[291]</span></p>
-
-<p>»Ich hörte jüngst, daß Ihr nahe daran wäret,
-voll Demut die Hand wieder zu drücken, die Euch zum
-Krüppel machte&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Da fuhr Lehnhardt voll Wildheit herum, das
-Gesicht wie von Flammen umspielt, während aus den
-soeben noch träumerischen Augen glühender Haß brach.</p>
-
-<p>»So, Bauer,« schrie er, »das habt Ihr gehört?
-Da sagt Euern Zuträgern nur, daß ihnen dies im
-Rausch beigekommen sei!« Und sich nach rechtsseitwärts
-wendend, hob er die Faust auf und drohte nach der
-Stelle hinüber, wo die stattlichen Ziegeldächer des Freihofes
-über die ihn umgebenden niedrigen Häuser herausragten:</p>
-
-<p>»Wir rechnen noch miteinander ab&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;!«</p>
-
-<p>Mehr konnte er nicht sprechen, denn eine unbeschreibliche
-Wut schnürte ihm die Kehle zu. Er wandte
-sich kurz ab und ging stumm weiter.</p>
-
-<p>Frank war betroffen. Der plötzliche Wutausbruch
-Lehnhardts und der unverfälschte Naturlaut des wildesten
-Hasses in dessen Stimme, hielt seine Zunge noch im
-Bann. Dann aber blitzte es in dem fahlen, aufgedunsenen
-Gesicht auf, und ein breites Lachen scholl dem
-Davongehenden nach.</p>
-
-<p>»Laßt den feinen Burschen nur mir, Lehnhardt,«
-klang es zwischendurch, »ich habe einen kostbaren Spaß
-für ihn ausgedacht. Hahaha!«</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Es war ein trüber Tag gewesen. Gegen Abend
-fiel starker Regen, und der Wind jagte heulend über die
-Felder. In den Häusern wurden die Fenster verwahrt,<span class="pagenum" id="Seite_292">[292]</span>
-die der immer mehr anwachsende Sturm scharf berannte,
-und in den Ställen, wo das Vieh unruhig
-wurde, schloß man sorgfältig die Türen. In gewaltigen
-Stößen wütete der Sturm gegen die Häuser, riß große
-Äste von den Bäumen und trieb den unaufhörlichen
-Regen vor sich her, daß die dicken Tropfen klatschend
-an die Fensterscheiben schlugen. Eine undurchdringliche
-Finsternis herrschte im Freien. Es war, als ob der
-Himmel von einer einzigen schwarzen Wolke bedeckt sei.
-Kein Stern, nicht einmal eine helle Stelle war am
-Himmel sichtbar. Die Elemente schienen ihrem Meister
-entschlüpft zu sein. Mit erbitterter Wut kämpften sie
-gegeneinander und gegen alles, was die menschliche
-Hand mühevoll errichtet oder die gütig schaffende Natur
-auf den Fluren erzeugt hatte.</p>
-
-<p>Das Dorf schien wie ausgestorben. Niemand war
-jetzt noch im Freien, und selbst die vierbeinigen Hüter
-des Hauses waren schutzsuchend in ihre Hütten gekrochen
-und winselten leise, den Kopf auf die ausgestreckten
-Vorderpfoten gelegt.</p>
-
-<p>Auf der Dorfstraße schritt um die Mitternachtstunde
-vorsichtig ein Mann dahin. Wie ein Schatten hob sich
-die Gestalt zuweilen von den weißgetünchten Häusergiebeln
-ab, um sogleich wieder in die gähnende Finsternis
-hineinzutauchen. Wütend peitschte der strömende Regen
-des einsamen Wanderers Gesicht, und der Sturm eilte
-dem Naß als Bundesgenosse zu Hilfe und drang so
-heftig auf den Menschen ein, daß dieser von Zeit zu
-Zeit hinter einem dicken Baumstamm Schutz suchen
-mußte und es ihm nur mit großer Mühe gelang, vorwärts
-zu kommen. In den Häusern ruhten die Bewohner
-schon längst im tiefen Schlafe. Nur hie und<span class="pagenum" id="Seite_293">[293]</span>
-da brannte noch eine Lampe, die einen schwachen Lichtschein
-durch das Fenster auf die Straße warf. Sobald
-der Gesell einen solchen Lichtkreis betrat, beschleunigte
-er die Schritte, bis die Dunkelheit ihn wieder aufnahm.
-Es schien, als ob der Unbekannte es scheu vermeide,
-daß ein menschliches Auge ihn auf seiner nächtlichen
-Wanderung entdecke.</p>
-
-<p>Als er am äußersten Ende des Dorfes angelangt
-war, blieb er plötzlich vor dem Rabensteiner Hofe stehen.
-An einen Baum gelehnt, betrachtete er das einstöckige
-Haus, dessen Fenster dunkel waren und aus dem kein
-Laut herausdrang. Mit vorsichtigen Schritten näherte
-er sich der Tür neben dem großen Tor und versuchte,
-sie zu öffnen. Da schlug der wachsame Hofhund an,
-daß er schnell wieder die Hand vom Drücker nahm.
-Das bellende Tier war aus der Hütte gesprungen und
-zerrte wütend an der Kette. Aber seine mächtige Stimme
-klang nur schwach, sie wurde übertönt von dem Heulen
-und Brausen des Sturmwinds. Als wenn die wilden
-Geister der Luft ein tolles Bankett feierten, zu dem die
-Elemente eine schauerliche Musik aufspielten.</p>
-
-<p>Da sprang der Mann über den Graben, in dem
-das Wasser wie in einem Flußbett dahinschoß und ging
-an der äußeren Seite des Hauses entlang. Aus dem
-oberen Fenster unter der Spitze der hinteren Giebelwand
-drang ein schwacher Lichtschimmer heraus. Emsig
-bückte sich der Einsame, las einige herabgefallene Zweige
-auf und versuchte, sie gegen das Fenster zu werfen.
-Aber der Sturm vereitelte diese Anstrengungen, indem
-er die leichten Wurfgeschosse, sobald sie die Hand des
-Schützen verlassen hatten, in eine andere Richtung fortriß.
-Als der Mann die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen<span class="pagenum" id="Seite_294">[294]</span>
-erkannte, ließ er die Augen ratsuchend umherschweifen,
-bis sie endlich auf einem dicken Baum
-haften blieben, der wenige Schritte von ihm entfernt
-stand. In diesem Augenblick glänzten seine Augen vor
-Befriedigung. Entschlossen trat er an den Baum heran
-und kletterte mit großer Anstrengung den starken Stamm
-hinauf. Dann kroch er auf einem bis fast an das
-Haus reichenden Ast soweit vor, daß er mit der Hand
-das Fenster erreichen konnte. Kaum hatte er das Glas
-berührt, als Konrad Hartmann am Fenster erschien.
-Er öffnete den Flügel, beugte sich ein wenig vor und
-versuchte mit angestrengter Aufmerksamkeit, die Dunkelheit
-mit dem Augen zu durchdringen.</p>
-
-<p>»Still, Rabensteiner, daß man uns nicht hört.
-Niemand darf uns heute Nacht beisammen sehen!«
-sprach der auf dem Aste Liegende mit leiser Stimme,
-die in dem Sturm fast unterging.</p>
-
-<p>Jetzt hatte Konrad den Mann erkannt.</p>
-
-<p>»Teufel,« antwortete er ebenso leise, »Gottfried seid
-Ihrs? Was in aller Welt treibt Euch in diesem
-fürchterlichen Wetter ins Freie, und warum klettert Ihr
-mitten in der Nacht auf die Bäume?«</p>
-
-<p>»Es droht uns allen schweres Unheil, sage ich,
-Rabensteiner, aber besonders Euch und dem Freihofer.
-Es ist ein Schurke in unserer Mitte, der Verrat
-üben will.«</p>
-
-<p>Da beugte sich Konrad Hartmann weit vor, daß
-ihm die schweren Tropfen auf Kopf und Wangen fielen,
-und der Sturm sich in sein Haar wühlte. Aber er
-merkte dies nicht. Doch war sein Gesicht um einen
-Schein bleicher geworden, als er mit gepreßter Stimme
-sprach:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_295">[295]</span></p>
-
-<p>»Ein Verräter, sagt Ihr, Gottfried? Ja, seid Ihr
-denn von Sinnen? Ein Verräter im Dorfe?«</p>
-
-<p>»Es ist so wie ich sagte,« raunte dieser zurück. »Hört
-und überlegt rasch was zu tun ist. Der, den ich Verräter
-nannte, ist der Lindengutbauer. Er hat den Verrat
-zwar noch nicht geübt, wird es aber schon morgen
-tun. Ihr wißt, wie er seit Wochen gegen uns gesprochen
-hat, auch ist Euch bekannt, daß er den Tiefenbach
-wie ein giftiges Gewürm haßt und ihm gern Übles
-anhängen möchte. Nun also: Heute am Vormittag
-höre ich ein Gespräch mit an, das Frank mit Hermann
-Lehnhardt führt und worin er ihn gegen den Freihofer
-aufreizte. Und als dann Lehnhardt voll Erbitterung
-verspricht, diesem einen Denkzettel anzuhängen, ruft der
-Bauer ihm nach, daß er selbst dies besorgen wolle.
-Darauf ging er ins Wirtshaus. Heute am Abend kam
-er schwerbetrunken heim, vergriff sich wieder an seinem
-Weibe, das ihm, den Kleinen im Arm, weinend entgegentrat
-und schlug darauf den ganzen Hausrat in der
-Stube kurz und klein. Dabei tat er die lästerlichsten
-Flüche und schwor, morgen in der Frühe nach Zehmen
-zu fahren, wo er unsere Absicht, zu den Preußen zu
-gehen, dem dort befehligenden französischen Kommandeur
-mitteilen wolle. Ihr wißt, Rabensteiner, wie kurzen
-Prozeß die Franzosen mit aufständischen Bauern machen.
-Statt zu den Preußen, wandern wir bestenfalls in eine
-Festung. Aber den Anführer stellt man sicher vor den
-Sandhaufen.«</p>
-
-<p>Konrad hatte in seiner vorgebeugten Haltung unbeweglich
-verharrt. Jetzt sagte er lebhaft:</p>
-
-<p>»Wir müssen sofort zu Frank eilen und mit ihm
-reden.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_296">[296]</span></p>
-
-<p>»Das wäre umsonst,« antwortete Gottfried, »er liegt
-schwer betrunken daheim.«</p>
-
-<p>»Dann aber morgen in aller Frühe, noch ehe er
-von Hause fortgeht.«</p>
-
-<p>»Es nützt Euch alles nichts,« versetzte Gottfried
-bitter und bestimmt, »so wie ich den Bauern kenne, führt
-er seinen Vorsatz aus. Schon um den Tiefenbach zu
-vernichten, tut er’s.«</p>
-
-<p>»Ja, aber,« fuhr Konrad auf, »wir müssen auf
-jeden Fall diesen Verrat verhindern. Der Freihofer
-könnte zwar noch in dieser Nacht fliehen, aber alle
-andern lassen sich nicht so schnell benachrichtigen, und
-der Name Rehefeld wäre für alle Zeiten geschändet.
-Was meint Ihr denn, Gottfried, was da am besten zu
-tun ist?«</p>
-
-<p>Da hob dieser seinen Körper ein Stück in die
-Höhe, daß sein Mund an Konrads Ohr lag und flüsterte
-diesem ein paar Worte zu. In demselben Augenblick
-fuhr Konrad erschreckt zurück, als wenn er einen heftigen
-Schmerz verspüre.</p>
-
-<p>»Gibt es einen andern Ausweg, Bauer?« fragte
-Gottfried.</p>
-
-<p>Konrad sah eine lange Weile mit finsterm Blicke
-vor sich nieder, dann sagte er mit dumpfer Stimme
-und mit Nachdruck:</p>
-
-<p>»Nein, es gibt keinen andern!«</p>
-
-<p>Da kam wieder Bewegung in den Liegenden und er
-schob sich behutsam auf dem Ast zurück.</p>
-
-<p>»Frank ist riesenstark,« rief Konrad dem schon
-Hinabkletternden noch zu.</p>
-
-<p>»Geht schlafen, Rabensteiner,« gab dieser zurück,
-»die Nacht ist gräßlich!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_297">[297]</span></p>
-
-<p>Damit verschwand er in der Dunkelheit.</p>
-
-<p>Eine Sekunde lang sah Konrad auf die Stelle, wo
-Gottfried verschwunden war. Dann schloß er das
-Fenster und gleich darauf verlöschte das Licht in der
-Kammer.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Die Macht des Unwetters hatte ihren Höhepunkt
-erreicht. Der Sturm schüttelte und riß mit tausend
-Händen an allem, was sich ihm entgegenstellte, und wie
-Keulenschläge fielen seine Stöße auf die Dächer. Ächzend
-bogen sich die stärksten Stämme der Bäume unter
-seiner Wut, und aus des Himmels Schleusen strömte es
-wie eine Unzahl tosender Sturzbäche auf die geängstigte
-Erde herab. Ein Höllenkonzert von zehntausend Teufeln!</p>
-
-<p>In der Unterstube auf dem Lindenhofe tickte die
-große Kastenuhr laut und einförmig. Auf der Bank
-vor dem Ofen lag der Bauer laut schnarchend ausgestreckt
-auf dem Rücken, die beiden Arme unter dem
-Kopfe verschränkt. Die undurchdringliche Nacht hüllte
-alle Gegenstände in ihren schwarzen Mantel. Da tauchte
-neben dem Schläfer ein Schatten auf, und im nächsten
-Augenblick umschlossen zwei große Fäuste den Hals des
-Liegenden wie eiserne Klammern. Frank zog blitzschnell
-den rechten Arm unter dem Kopf hervor und führte
-damit einen furchtbaren Hieb durch die Luft. Dann
-lag er wieder so bewegungslos wie vorher; nur der
-Arm hing schlaff herab und pendelte noch eine Weile
-hin und her, bis er ruhig herunterhing. Aber die
-Finger der auf dem Fußboden auftreffenden Hand hatte
-der Krampf gekrümmt wie Krallen. Noch ein, zwei<span class="pagenum" id="Seite_298">[298]</span>
-Sekunden, dann lockerte sich der eiserne Griff, und die
-Gestalt verschwand unhörbar in der Finsternis wie
-eine nächtliche Erscheinung.</p>
-
-<p>Die große Uhr tickte in gleichmäßigem Schlage
-weiter, aber der Bauer hatte aufgehört zu schnarchen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Am andern Morgen hatte sich das Unwetter gelegt.
-Der Himmel war hell, und der matte Glanz der
-mit den Wolken kämpfenden Sonne strahlte friedlich
-auf die Verheerungen herab, die der Sturm während
-der Nacht an Gebäuden und Bäumen angerichtet hatte.</p>
-
-<p>Da lief plötzlich die Kunde von Mund zu Mund,
-den Bauern Frank habe in der Nacht der Schlag gerührt,
-er sei tot.</p>
-
-<p>Und vor der Bank am Ofen in der Unterstube
-des Lindengutes lag eine alte Frau auf den Knien, die
-mit gerungenen Händen um den Sohn weinte. Droben
-aber in seiner Kammer saß mit zusammengekniffenen
-Lippen, mit steinernen Zügen und trockenen Augen ein
-junges Weib, auf dem Schoße das schlummernde Kind,
-und blickte hart vor sich nieder.</p>
-
-<p>Als einige Tage darauf Gottfried das Lindengut
-verließ, um mit den andern Männern auszumarschieren,
-da traf ihn ein flehentlicher Blick, der zum Bleiben
-einlud. Aber ihm grauste vor diesem Blick und er
-wandte sich ab.</p>
-
-<p>Wieder einige Tage später standen die kampfesfrohen
-Männer von Rehefeld in Reih und Glied eines
-in der Reserve gebliebenen Regiments vom Korps des<span class="pagenum" id="Seite_299">[299]</span>
-Generals von Kleist. Als aber am Montag des
-18. Oktober mittags 2 Uhr dieses preußische Korps
-von Güldengossa her den großen Bajonettangriff auf
-das vom Marschall Victor verteidigte Probstheida unternehmen
-mußte, da wurden auch die Reserven vorgezogen.
-Und einer der Ersten, die von den beiden verderbenspeienden
-Batterien am Eingang des Dorfes zerschmettert
-wurden, war Gottfried, der ehemalige Schützling des
-alten Ehepaares Honigmann, der getreue Knecht auf
-dem Lindengute.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap20">20. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Schon seit einigen Tagen hatten die Rehefelder
-von Norden her Geschützdonner gehört, der bewies, daß
-Heeresteile der Verbündeten endlich mit französischen
-Truppen ins Gefecht geraten waren, die ja im großen
-Bogen die Ortschaften vor Leipzig besetzt hielten und
-sich auf einen verzweifelten Kampf eingerichtet hatten.
-Auch waren Fuhrleuten auf der weiten Ebene hinter
-dem Tanzberg fremde Reiter aufgefallen, dergleichen
-noch niemand gesehen hatte, und die mit ihren wilden,
-struppigen Gesichtern und der fabelhaften Sicherheit, mit
-der sie auf den kleinen, häßlichen Pferden umherjagten,
-einen merkwürdigen Anblick boten. Es waren dies die
-ersten russischen Kosaken, die in dieser Gegend auftauchten
-und die dort, wo sie auftrafen, stahlen und brandschatzten<span class="pagenum" id="Seite_300">[300]</span>
-und sich weit ärger betrugen, als die französischen
-Soldaten es getan hatten.</p>
-
-<p>Ferner ging ein Gerücht herum, dessen Richtigkeit
-sich bald herausstellte, und das die Gährung in der
-sächsischen Armee kennzeichnete. Man erkannte, daß die
-Freudigkeit, mit der diese Truppen unter den Schwingen
-der französischen Adler gefochten hatten, nunmehr vollständig
-geschwunden war, und daß die Soldaten eine Erbitterung
-beseelte, die den Uebergang des größten Teiles der
-sächsischen Armee zu den Verbündeten am Vormittag
-des 18. Oktober vorbereitete.</p>
-
-<p>Nach dieser Kunde hatte Napoleon vor den Toren
-Leipzigs eine große Heerschau über seine Truppen abgehalten,
-an der auch die sächsischen Regimenter teilnahmen.
-Während die Franzosen in gewohnter Weise
-dem die Front abreitenden Kaiser zujubelten, empfingen
-ihn die Reihen der Sachsen mit eisigem Schweigen.
-Napoleon versammelte hierauf die Offiziere und Unteroffiziere
-des Korps Regnier, in dessen Verband sich die
-Sachsen befanden, um sich und hielt eine zündende Ansprache,
-deren Bedeutung durch Caulaincourts mangelhafte
-Verdeutschung aber verloren ging. Die Frage,
-ob der Kaiser in der Schlacht darauf rechnen könne,
-daß sie ihrem König die gelobte Treue halten würden,
-bejahten die Sachsen freilich einmütig. Als aber General
-Regnier sie um ein Zeichen der Ergebenheit bat,
-gingen sie, von den wütenden Blicken Napoleons begleitet,
-stumm auseinander. Auch der Umstand, daß während
-dieser Szene eine große Anzahl Soldaten für das
-Kreuz der Ehrenlegion aufgeschrieben wurde, machte
-keinen Eindruck.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_301">[301]</span></p>
-
-<p>Die Ortschaften nördlich Rehefeld bis über Leipzig
-hinaus waren mit französischen Truppen dicht belegt,
-und vom Schloßberg aus konnte man ihre Vorposten
-bei Göhren erkennen.</p>
-
-<p>Die Wolken hatten nach hartnäckigem Streite mit der
-Sonne die Herrschaft endgültig behauptet, und als Fortsetzung
-des Unwetters der vergangenen Nacht begann
-dichter Regen zu fallen. Da fuhren gegen Mittag von
-Borna her etwa 10 Wagen ins Dorf, deren Beladung
-aus Pulver und Geschützmunition bestand. Als Begleitung
-dieser Kolonne waren einige französische Infanteristen
-mitgekommen; Mannschaften und Pferde
-waren furchtbar erschöpft. Deshalb beschloß der führende
-Offizier, im Dorfe einen längeren Halt zu machen.</p>
-
-<p>Er ließ die Wagen auf dem Stoppelfelde dicht
-neben dem Weißen Schlosse auffahren und die Pferde
-in den Ställen im Dorfe unterbringen. Da es rätlich
-erschien, das Pulver vor dem dichten Sprühregen zu
-schützen, kam der Offizier, begleitet vom Ortsvorstand,
-auf den Freihof geritten, und bat in höflichen Worten,
-ihm zu diesem Zwecke den Turm des Schlosses zur
-Verfügung zu stellen. Max begab sich, dem eisernen
-Druck, der hinter dieser höflichen Aufforderung stand
-gehorchend, an Ort und Stelle und öffnete die große
-Tür, die wohl zu einer Zeit, in der das Schloß keine
-Belagerung mehr auszuhalten hatte, eingebaut worden
-war. In früheren Jahren war der weite Raum im
-Turme zur Aufspeicherung von Getreidevorräten benutzt
-worden. Jetzt stand er leer und bot genug Platz zur
-Unterbringung der Pulversäcke und Munitionskästen.</p>
-
-<p>Stickige Moderluft empfing die Eintretenden, und
-mit großer Aufmerksamkeit betrachtete der Franzose die<span class="pagenum" id="Seite_302">[302]</span>
-mehrere Ellen starken Mauern, an deren Festigkeit in
-früheren Jahrhunderten der wilde Ansturm manches Belagerers
-abgeprallt war.</p>
-
-<p>Eine Stunde später waren die zweihundertfünfzig
-Zentner Pulver im Turme untergebracht, und ein vor
-der Tür aufgepflanzter Doppelposten bewachte die Säcke
-und das mörderische Blei, das dazu bestimmt war, gewiß
-schon am nächsten Tage seine verheerende Wirkung
-in die Reihen der verbündeten Truppen hineinzutragen.</p>
-
-<p>In den Gemütern der Dörfler herrschte scheinbar
-große Ruhe. Aber wer ungesehen einen Blick in
-manches der Häuser hätte tun können, würde mit
-Staunen eine fieberhafte Tätigkeit wahrgenommen haben.
-Denn am übernächsten Morgen sollte der Ausmarsch
-stattfinden, zu dem die letzten Vorbereitungen getroffen
-wurden.</p>
-
-<p>Das Wohl ihres Besitzes, gleichviel ob es ein
-Bauerngut oder ein ärmliches Häuschen war, lag den
-Davonziehenden am Herzen, und den Zurückbleibenden
-wurde noch mancher treffliche Rat erteilt und für
-das kommende Frühjahr manche Aufgabe übertragen.</p>
-
-<p>So verstrichen die Stunden, und als am späten
-Nachmittag der Regen nachließ, versammelte sich eine
-große Anzahl Schaulustiger um die fremden Wagen,
-die in peinlicher Ordnung am Fuße des Schlosses
-standen. Viele Blicke gingen auf die Schildwachen am
-Turm und auf das Eingangstor: die Augen der Frauen
-und Kinder mit Neugierde, die der Männer mit schlecht
-verhehlter Erbitterung.</p>
-
-<p>Kurz darnach hatte sich plötzlich die große Schankstube
-des Gasthofes dicht angefüllt, und laute Rufe der
-Entrüstung wurden dort ausgestoßen, daß man ruhig<span class="pagenum" id="Seite_303">[303]</span>
-mit ansehen müsse, wie die viele Munition im Dorfe
-aufgespeichert werde. Niemand hatte heute ein rechtes
-Vergnügen am Biertrinken. Die Deckel klapperten lange
-nicht so laut wie sonst an Wintersonnabenden, und als
-die neunte Stunde herangekommen war, hatten die
-Letzten den Gasthof verlassen. Nur an dem Tische
-dicht bei der Tür saß noch ein Gast, der nachdenklich
-in sein halbgeleertes Bierglas schaute. Es war Johann,
-der Schafhirt der Gemeinde.</p>
-
-<p>Vor etwa siebzehn Jahren hatten eines Tages Fuhrleute,
-die vom Erzgebirge herkommend ihre schweren,
-mit Leinen und Klöppeleien beladenen Wagen zur Neujahrsmesse
-nach Leipzig führten, einen vierjährigen
-Knaben mit ins Dorf gebracht. Sie hatten das Kind
-unterwegs gefunden und ein paar Tage mit sich geführt.
-Aber das Wetter wurde empfindlich kalt, und der nur
-mit einem dünnen Röckchen bekleidete Junge fror entsetzlich.
-Deshalb gab einer von ihnen das Kind in die
-Obhut einer armen Frau, mit dem Versprechen, es bei
-der Rückkehr wieder mitzunehmen. Die Frau nahm
-sich des Kleinen an, aber der Fuhrmann kam nicht
-wieder. Und als die Summe, die sie für das Kind
-bekommen hatte, zu Ende war, erklärte das Weib der
-Ortsobrigkeit, daß sie von dem geringen Verdienst ihres
-Mannes neben den vier hungrigen Mäulern ihrer eignen
-Kinder, nicht auch noch das des fremden Jungen stopfen
-könne. Daraufhin mußte wohl oder übel die Gemeinde
-für den Fremdling sorgen, der niemand gehörte, und
-von dem kein Mensch wußte, ob er Heide oder Christ
-war. Auch seinen Namen kannte man nicht, und da
-Nachforschungen keinen Erfolg hatten und aus dem, wie
-es schien, geistig etwas zurückgebliebenen Jungen nichts<span class="pagenum" id="Seite_304">[304]</span>
-herauszubringen war, nannte man ihn Johann und
-gab ihn einem Bauern in Pension.</p>
-
-<p>Dieser schob den Jungen nach einem Vierteljahr
-wieder ab, indem er ihn mit der Kleinmagd kurzerhand
-zum Nachbar schickte. Der Zweite verfuhr wie
-der Erste, und so ging Johann reihum und lernte dergestalt
-viele Haushaltungen kennen und viele Menschen
-und den Inhalt verschieden gearteter Kochtöpfe und
-Suppenschüsseln.</p>
-
-<p>Zu Klagen bot der Bursche keinen Anlaß. Er war
-gutmütig und blieb ein beschränkter, einfältiger Tropf,
-was mit einer großen Wunde am Hinterkopfe zusammenhängen
-mochte, die der Junge gehabt, als ihn der
-fremde Mann zur einstweiligen Aufbewahrung abgegeben
-hatte. Nun war aber schon längst Gras über die Geschichte
-seines unerwarteten Auftauchens im Dorfe und
-über die Wunde eine dicke, rote Narbe gewachsen, vor
-der die strohgelben, wie Schweinsborsten in die Höhe
-strebenden Haare Johanns ehrerbietig Halt machten,
-und die den auch im übrigen keine Schönheiten aufweisenden
-Kopf in gleicher Weise verzierte, wie ein
-dicker Regenwurm einen gelben Kürbis. &ndash; Genug, Johann
-war niemandes Feind!</p>
-
-<p>Als er ein gutgenährter Bursche von fünfzehn Jahren
-war, wurde er der Nachfolger des eisgrauen Schafhüters,
-nachdem man diesen eines Tages inmitten seiner Herde
-entseelt aufgefunden hatte.</p>
-
-<p>Diese Rangerhöhung vom schlichten Kostgänger
-zum Inhaber eines unter der lieben Jugend mit Ansehen
-verbundenen Amtes, wurde von den sich in die Unterhaltung
-Johanns teilenden Bauern ungefragt gutgeheißen
-und von dem Erwählten selbst mit einer an<span class="pagenum" id="Seite_305">[305]</span>
-ihm noch nicht gekannten Würde entgegengenommen.
-Denn weil der Schafhüter nicht auf Gnadenbissen angewiesen
-war, sondern ihm freier Unterhalt im Gemeindehause
-von Rechts wegen zustand, war allen geholfen.
-Mit der Fähigkeit, ernstlich zu arbeiten, hätte es bei
-ihm für alle Zeiten gehapert, aber dem Posten als Befehlshaber
-dieser vierbeinigen Garde war der Bursche
-vollauf gewachsen.</p>
-
-<p>Noch immer saß Johann still auf seinem Platze
-und guckte nachdenklich in sein Glas.</p>
-
-<p>Der Gastwirt stand hinter dem Schanktisch und
-war mit müden Bewegungen dabei, die leeren Biergläser
-in einem mit Wasser gefüllten, hölzernen Schaff zu
-spülen. Er war ein kleiner, dicker Mann, dem das
-schwarze, gestickte Käppchen mit der roten Quaste
-würdig auf dem kurzgeschnittenen, weißen Haar saß.
-Den kugelrunden Bauch umspannte gerade auf der Stelle,
-wo er den größten Umfang, hatte das Band einer frischgewaschnen
-blauen Schürze und teilte ihn mit derselben
-gewissenhaften Genauigkeit in eine nördliche und südliche
-Hemisphäre, wie dies der Äquator mit der Mutter
-Erde freundlicherweise und unverdrossen noch bis auf
-den heutigen Tag tut.</p>
-
-<p>Während des Gläserspülens flogen die schläfrigen
-Augen des gutmütigen Alten von Zeit zu Zeit prüfend
-hinüber zu dem zurückgebliebenen Gast, der noch immer
-keine Anstalten zu gehen machte.</p>
-
-<p>»Na, Johann,« rief der Wirt endlich dem Schafhirten
-zu, »ich dächte, Du gingest jetzt auch heim. Du
-träumst wohl schon von dem Dutzend Klößen, das Du
-morgen Mittag wieder essen wirst?«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_306">[306]</span></p>
-
-<p>Der Angesprochene aber sah den verschmitzt lächelnden
-Wirt mit großem Ernst an und fragte:</p>
-
-<p>»Vater Böhme, habt Ihr’s gehört, wie der Bauer
-vom Rabenstein heut Abend gesagt hat, jeder müsse jetzt
-dem Vaterlande einen Dienst leisten?«</p>
-
-<p>»Ja, so ähnlich hat’s schon geklungen, was er gesagt
-hat, der treffliche Konrad, aber Dich, Johann, hat
-er damit nicht gemeint. Zerbrich’ Dir den Kopf nicht
-darüber.«</p>
-
-<p>Der aber blieb hartnäckig bei der Sache und fragte
-von neuem:</p>
-
-<p>»Vater Böhme, habt Ihr schon Euern Dienst
-getan?«</p>
-
-<p>»Noch nicht, Johann. Aber wenn die Männer
-ausmarschiert sein werden, dann wissen es schon diejenigen
-Frauen, die es bedürfen, daß an jedem Sonnabend
-nach Feierabend beim Vater Böhme ein großer
-Topf Fleischsuppe für sie bereitstehen wird.«</p>
-
-<p>»Vater Böhme, nicht wahr, das ist eine Sünde,
-wenn einer jetzt für das Vaterland garnichts tut?«</p>
-
-<p>Der alte Mann blickte verwundert auf den Schafhirten
-und schüttelte leise mit dem Kopfe. Dann stemmte
-er die Arme breit auf den Tisch, daß der Bauch fest
-am Holze lag und antwortete:</p>
-
-<p>»Wer in den Augenblicken der höchsten Not nicht
-wenigstens im Geiste für die gute Sache ist, der versündigt
-sich allerdings an seinem Volke. Aber jetzt geh
-heim, Johann!«</p>
-
-<p>Dem Burschen war zwar der eigentliche Sinn
-dieser Worte dunkel geblieben, so viel aber hatte er davon
-begriffen, daß er jetzt wußte, daß sein Plan gut
-war. Mit dem zufriedenen Ausdruck eines Mannes,<span class="pagenum" id="Seite_307">[307]</span>
-der in einer schwierigen Frage mit sich ins reine gekommen
-ist, stand er auf und verließ, den Gutenachtgruß
-vergessend, den Gasthof.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap21">21. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Es war ein kühler Oktoberabend. Die Wolken
-jagten in dicke Haufen geballt über die Mondscheibe
-hinweg, und über den zahlreichen Pfützen schwebten
-graue Dunststreifen.</p>
-
-<p>Etwa zweihundert Schritte von dem Turme entfernt,
-der die Munition barg und so, daß der Wind
-keine Funken hinübertreiben konnte, brannte ein mächtiges
-Feuer von großen Holzscheiten. Rund um den Holzstoß
-war ein Graben ausgehoben, auf dessen Rand ein
-Fuhrmann saß, der die Pferdewache hatte. Er war in
-einen weiten, schwarzen Mantel gehüllt, dessen Falten
-seinen Körper ungeheuerlich groß erscheinen ließen; auf
-seinen Knien lag ein alter, breiter Reitersäbel. In
-geringer Entfernung dahinter, in einer Talwelle, brannte
-ein zweites Feuer, um das die übrigen Fuhrleute, gleichfalls
-in die Mäntel gewickelt, im Schlafe lagen. In
-engem Halbkreis standen, mit dem Rücken gegen das
-Feuer, die an Pflockleinen festgemachten Pferde. Sie
-hielten die Köpfe gesenkt und wie die Männer schienen
-auch sie zu schlafen. Von Zeit zu Zeit stampfte einer
-der Gäule mit den Hufen den weichen Boden und trat
-soweit zur Seite, daß er an seinen Nachbar anstieß,<span class="pagenum" id="Seite_308">[308]</span>
-oder eines der Tiere hob den Kopf, prustete laut und
-schüttelte müde die Mähne.</p>
-
-<p>Ein drittes Feuer hatten drüben an der Straße
-die französischen Soldaten angezündet, die den Transport
-begleiteten.</p>
-
-<p>Der einsame Fuhrmann ergriff einen von seinen
-Ästen befreiten Stamm einer jungen Kiefer und schob
-ein paar abseits liegende Scheite näher zu den Flammen,
-als er mit einem Mal einen jungen Burschen neben
-sich bemerkte, der seine Bemühungen aufmerksam betrachtete.
-Blitzschnell hielt der Fuhrmann in seinem
-Beginnen inne, wandte sich zu dem Erschienenen und schrie:</p>
-
-<p>»Holla, Du Teufelsbraten, Dich hat gewiß die
-Erde ausgespien! Warum schleichst Du so hinterrücks
-heran? Soll ich Dich mit meinem Schürbaum hineinfegen
-in Dein flammiges Element?«</p>
-
-<p>Und er hob den Stamm und holte mit einer
-drohenden Gebärde aus, als wolle er seine Worte zur
-Tat machen.</p>
-
-<p>Der Angekommene aber stand dem Erregten so
-ruhig gegenüber, als wenn ihn dessen Drohung nicht im
-geringsten anfechte. Die Hände in den Taschen seines
-langen, grauen Kittels verborgen, sah er gelassen in die
-zornfunkelnden Augen und hielt den Blick mit großem
-Gleichmut aus.</p>
-
-<p>So verstrich eine Sekunde. Dann wandte sich der
-Fuhrmann ab, spuckte in weitem Bogen in die Flammen,
-warf mit tiefem Lachen den Baum zur Erde und setzte
-sich zugleich nieder.</p>
-
-<p>Noch immer laut lachend rief er:</p>
-
-<p>»Da hat mich doch dieser Einfaltspinsel zum Angsthasen
-gemacht. Ich kann’s aber auch auf den Tod nicht<span class="pagenum" id="Seite_309">[309]</span>
-leiden, wenn’s einer darauf anlegt, mich zu erschrecken.
-Komm, Du Schlingel, setze Dich zu mir und hilf mir
-die Langweile bannen. Hast eine beneidenswerte Gemütsruhe
-an Dir, Bursche. Hahaha, steht da wie ein
-Pfahl, und doch hätt’ ich ihn beinahe totgeschlagen.«</p>
-
-<p>Der Angesprochene setzte sich bedächtig zur Seite
-des Fuhrmanns nieder und ließ mit Behagen die wohltuende
-Wärme des Feuers auf sich wirken. Unterdessen
-brachte der Fuhrmann aus der Tasche seines Mantels
-eine kurze Pfeife mit selbstgeschnitztem Kopfe hervor,
-nahm einen brennenden Spahn und zündete sie an.</p>
-
-<p>»Wer bist Du denn, Du maulfauler Geselle?« hob
-er endlich an.</p>
-
-<p>»Ich bin Johann, der Schafhirt von Rehefeld,«
-antwortete der Gefragte mit einem Anflug von bewußtem
-Stolz.</p>
-
-<p>Der Fuhrmann spuckte zweimal kurz nacheinander
-aus, warf wieder einen langen Blick auf den Burschen
-an seiner Seite und sagte mit Ausdruck:</p>
-
-<p>»Je länger ich Dich betrachte, mein Freund, umso
-aufdringlicher kommt mir die Ueberzeugung, daß keines
-Deiner allergrößten Schafe dümmer sein kann als ich
-vorhin gewesen bin. Aufrichtig gesagt, ich hätte mir
-selbst leid getan, wenn ich Dich totgeschlagen hätte.«</p>
-
-<p>»Mir auch,« versicherte Johann einsilbig, denn er
-dachte nur an das, was er zu tun entschlossen war.</p>
-
-<p>Der Fuhrmann nahm die Pfeife aus dem Munde,
-spuckte bedächtig in die Glut und warf einen neuen,
-verstohlenen Blick zur Seite. Dann versetzte er:</p>
-
-<p>»Bursche, Du bist entweder ein mit allen Salben
-geschmierter Windhund, oder ein ausgemachter Narr!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_310">[310]</span></p>
-
-<p>Johann hatte aber kein Interesse daran, was der
-fremde Mann von ihm dachte. Sein armseliges Hirn
-hatte einen Plan ausgesonnen, so groß, wie ihm noch
-keiner geworden war und der seine ganze geistige Kraft
-alarmiert hatte. Freilich war sein Hirn von der Mutter
-Natur recht stiefmütterlich bedacht worden, dafür regte
-sich aber in ihm alle jene instinktive Verschmitztheit und
-Schlauheit, die die mit feinen Verstandeskräften nicht
-sonderlich ausgerüsteten Menschen in bedeutungsvollen
-Augenblicken überkommen. Jetzt empfand er es auch,
-daß dieser Mann neben ihm seinen ganzen herrlichen
-Plan vereiteln konnte, und daß es nur von seiner Geschicklichkeit
-abhinge, ihn nicht argwöhnisch zu machen.</p>
-
-<p>»Ihr habt am Abend die Pferde aus den warmen
-Ställen gezogen,« sagte er, »Ihr wollt doch nicht etwa
-zur Nacht aufbrechen?«</p>
-
-<p>»Daß Dir der leibhaftige Gottseibeiuns das Genick
-umdrehe,« antwortete der Fuhrmann, »bist Du etwa
-von den Preußen als Spion hergeschickt, he?« Bei
-diesen lautgesprochenen Worten nahm der Fuhrmann
-die Pfeife aus dem Munde und sah den Schafhirten
-scharf an, als wolle er im Grunde seiner Seele lesen.</p>
-
-<p>Dieser aber bewahrte seine gutgespielte Harmlosigkeit,
-kicherte leise vor sich hin und versetzte:</p>
-
-<p>»Hab’s noch nicht probiert mit diesem saubern
-Handwerk. Soll ja viel einbringen, aber bisweilen auch
-den Hals kosten. Und was tut der Mensch dann ohne
-Kopf? Seinen klingenden Lohn kann er nicht mehr
-genießen und bleibt obendrein ein Krüppel zeitlebens.«</p>
-
-<p>Der Fuhrmann hatte wieder beruhigt ausgespuckt
-und lachte jetzt laut auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_311">[311]</span></p>
-
-<p>»Du gefällst mir, Bursche,« rief er und schlug
-Johann derb auf das Knie. »Du hast recht, es ist ein
-bißchen windig mit dieser Karriere. Sonst hätte ich
-mich selbst schon längst damit befaßt.«</p>
-
-<p>»Seht,« begann Johann von neuem und sah aufmerksam
-in die Flammen »warum sollte ich auch meinen
-Beruf mit diesem vertauschen? Tät’ ichs, so würden
-mich selbst die ärgsten Spitzbuben verachten, daß ich
-den Stand derjenigen so tief herabsetze, die sich freiwillig
-oder gezwungen dazu hergeben, die nun einmal vorhandenen
-Gefangenhäuser zu bevölkern. Und ein rechtschaffener
-Bettler würde lieber einem armen Mann sein
-letztes Huhn stehlen, als daß er auf das Klimpern des
-Sündenlohnes in meiner Tasche hin die Hand hohl
-machte. Lieber bleibe ich also Knecht.«</p>
-
-<p>»Ich merk’s, Du bist ein Galgenvogel,« unterbrach
-der Fuhrmann den Sprecher, »aber fahr fort in Deiner
-Rede.«</p>
-
-<p>Johann ließ sich durch den Einwurf nicht beirren,
-sondern begann von neuem und recht geheimnisvoll:</p>
-
-<p>»Ich sagte, ich sei ein Knecht? Das ist eigentlich
-nicht richtig, denn niemand darf sich so frei fühlen, wie
-ich es bin. Die Arbeit ist ein Joch, das den Menschen
-auf eine Stufe mit dem Stier stellt, der neben dem
-Pferd vor dem Pfluge einhergeht. Die Arbeit macht
-den Menschen häßlich, zeichnet ihm harte Linien ins
-Gesicht, verdirbt seine gerade Haltung und den leichten
-Gang und schafft grobe Hände. Und warum lassen die
-Menschen trotz alledem und alledem nicht von ihr ab?
-Weil mit der Arbeit die Sucht nach dem Gewinn in
-das Herz einzieht! Hat die Arbeit dem Menschen erst
-einmal so viel eingebracht, was dem Wert eines Stückchens<span class="pagenum" id="Seite_312">[312]</span>
-Fingernagel gleichkommt, wie man sich’s täglich abbeißt,
-dann hat auch schon der böse Geist die arme Seele gepackt,
-und sie verzehrt sich vor Sehnsucht nach immer
-reicherem Gewinn. Und wo ist die Grenze, an der
-angekommen der Mensch aufhörte zu streben und aufhörte
-auf mehr zu hoffen? Es gibt keine! Und darum
-sage ich: in der Arbeit sitzt der Teufel!«</p>
-
-<p>»Hm,« begann der Fuhrmann zögernd, »meine
-Mutter sprach vor vielen Jahren freilich anders, doch
-war sie eine einfache, ungelehrte Frau, und zudem war
-damals die Einsicht noch nicht so tief in das Volk eingedrungen
-wie heutzutage. Doch erzähle weiter, mir
-sprichst Du jedenfalls aus der Seele.«</p>
-
-<p>»Seht mich an,« fuhr der Schafhirt fort, »wie
-reich ich bin! Und doch hasse ich die Arbeit und gebe
-mich nie dazu her. Frühmorgens, mit dem ersten Sonnenstrahl,
-springe ich vom Lager auf und treibe meine
-Herde hinaus auf die grünen Fluren. Dort bin ich
-mit den Tieren allein in traulicher Einsamkeit, die kein
-lästiger Mensch stört. Ein Teil der Herde grast, ein
-anderer steht um mich herum und hört mir zu, wie ich
-auf meiner Schalmei blase, derweilen der wachsame Spitz
-die Tiere bellend umkreist. Ich habe nur nötig, hierhin
-zu gehen, gleich folgt mir alles nach, meine Schritte
-dorthin zu lenken, um die Schar wieder zur Umkehr zu
-bringen. Sie sind meine Untertanen, und ich bin ihr
-König. Der Himmel ist mein Baldachin, der moosgeschwellte,
-blumige Sitz mein Thron, und die Hirtenpfeife
-ist mein Zepter. Sagt, kann man mich hiernach noch
-einen Knecht nennen?«</p>
-
-<p>»Du hast Dir jedenfalls ein Metier erwählt, das
-für Dich paßt,« antwortete der Fuhrmann, ohne des<span class="pagenum" id="Seite_313">[313]</span>
-Schafhirten Frage zu beachten. »Für mich wäre es
-aber nichts, denn mich würde schon am ersten Tage die
-Langweile mit Stumpf und Stiel auffressen. Du bist
-ein Träumer, ich hingegen bin ein ruheloser Stürmer,
-ein Reptil mit hundert Gelenken, die sich unaufhörlich
-bewegen. Nun hör mich an, und sage mir, wie Dir
-mein Leben gefällt, das ebenso ruhelos ist und reich an
-wilden Szenen, wie Deine Tage ohne Aufregung und
-in ihrer Gleichförmigkeit zermalmend dahinfließen.</p>
-
-<p>Wir Fuhrleute sind ein rauhes, liederliches Volk
-und fürchten Gott und den Teufel nicht. Wir vom Troß
-der Armee haben das bessere Teil erwählt. Denn während
-vorn zerrissene Leiber auf den Rasen stürzen, befinden
-wir uns weit hinten allen Gefahren für Leib und Leben
-entrückt und spielen unterdessen Meister und Sieger. Und
-zu alledem sind wir ein unentbehrlicher Teil des Ganzen,
-wichtiger zuweilen, als die Hälfte der Streitmacht und
-von dieser hochgeschätzt und immer gern gesehen. Keine
-Schlacht kann ohne uns geschlagen werden, denn wir
-schaffen ihnen das mordgierige Blei und das Pulver
-herbei, und was frommte dem Heere der schönste Sieg,
-wenn nach der Schlacht unsere Räder den Erschöpften
-und Hungrigen nicht die gehörige Atzung zuführten!
-Heute hier, morgen dort, einmal im Überfluß, dann
-wieder darbend, das was begehrlich erscheint entweder
-durch Bitten und Versprechungen willfährig machend &ndash;
-betörend, oder mit herzhaftem Griff an sich reißend,
-um es nach dem Genusse wieder wegzuwerfen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;,
-so treiben wir im Regen und Sonnenschein, jahraus
-jahrein, bergauf talab singend und peitschenknallend unsere
-Pferde durch die Welt, wir, die Männer der Straßen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_314">[314]</span></p>
-
-<p>»Sagt doch einmal,« warf Johann eingeschüchtert
-ein, »Ihr seid Eurer Sprache nach ein Deutscher. Wie
-kommt es denn nun, daß Ihr gerade den Franzosen
-Pulver und Blei nachfahrt? Sie benutzen es doch nur
-dazu, um Eure Landsleute damit zu verderben. Der
-Rabensteiner hat gesagt, es dürfe kein deutscher Mann
-den Feinden des Vaterlandes dienen.«</p>
-
-<p>»Ach was, Firlefanz,« antwortete der Fuhrmann,
-»ich gehe mit dem, der am besten zahlt. Und dann,
-Bursche, ist es doch mehr Ehre den siegreichen Heeren
-des großen Franzosenkaisers hinterdrein zu ziehen, als
-beispielsweise den preußischen Regimentern, die doch
-in der Mehrzahl nur aus zusammengelaufenem Pack
-bestehen.«</p>
-
-<p>»Ja, aber der Rabensteiner hat gesagt,« erwiderte
-Johann halsstarrig, »daß&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Hol Dich der Henker mit Deinem verdammten
-Rabensteiner,« schrie der Fuhrmann auf und spuckte
-zornig ins Feuer, »sorg lieber dafür, daß Du Dir
-einstmals eine bessere Gruft ausgesucht hast, als sie Dir
-der Rabenstein bietet. Was schiert mich das Vaterland!
-Heute hier, morgen dort. Wo man trinkt und liebt ist
-mein Vaterland!«</p>
-
-<p>Er stopfte aus einer getrockneten Schweinsblase
-neuen Tabak in seine Pfeife, zündete sie an und stieß
-den Rauch in mächtigen Wolken aus dem Munde.
-Dann begann er wieder:</p>
-
-<p>»Du vorwitziger Gelbschnabel hast eben nicht den
-leisesten Begriff, wie lustig das Leben unter den Flügeln
-der siegreichen Adler ist. Laß Dir davon erzählen.
-Übrigens wirst Du wohl vom Hörensagen wissen, daß<span class="pagenum" id="Seite_315">[315]</span>
-es gerade bei den Preußen nicht in Saus und Braus
-hergeht!</p>
-
-<p>Tagelang sehen wir von der Armee kein Käppi
-und schalten nach unserm eignen Willen. Den Bauer
-machen wir willfährig und zwingen ihn, die fetteste
-Sau im Stalle zu einem Frühstück für uns abzustechen.
-Rauben dürfen wir beileibe nicht, aber, wie’s so kommt,
-etwas bleibt immer an den allzeit klebrigen Fingern
-hängen. Und köstlichen Spaß gibt’s bisweilen auch.
-Merk auf, Bursche!</p>
-
-<p>Im verflossenen Monat war’s, da zogen wir in
-langsamen Märschen mit schwerbeladenen Proviantwagen
-durch thüringisches Gebiet. Der Tag war heiß, denn
-die Septembersonne brannte seit dem frühen Morgen
-recht empfindlich auf uns hernieder. Der Weg wurde
-uns sauer, und wir hatten noch weit bis ins nächste
-Dorf. Da tauchte ein einzelnes Bauernhaus auf, das
-unsern Blicken bisher durch eine Waldecke verborgen
-geblieben war. Erschöpft kamen wir an und wetterten
-nach Speis’ und Trank. Im nächsten Augenblick erschien
-eine runzlige, alte Vettel auf der Haustürschwelle,
-die heulend versicherte, daß die Soldaten all ihre bewegliche
-Habe zerstört oder mitgenommen hätten, und
-sie den vorangezogenen Fuhrleuten die letzten Kartoffeln
-hätte geben müssen, von denen sie sich selbst das Mittagsmahl
-bereiten wollte.</p>
-
-<p>Ich sah durch das Fenster in die Stube und erkannte
-sofort, daß in diesem Hause nichts mehr zu holen
-war, in dem selbst die Mäuse, statt Futter zu finden,
-sich nur Blutblasen an die Pfoten gelaufen haben würden.</p>
-
-<p>Ich war erbost, denn mich plagte Hunger und
-Durst. Da kam mir mit einem Male ein köstlicher Gedanke:<span class="pagenum" id="Seite_316">[316]</span>
-sollen wir hier nichts bekommen, so müssen wir doch
-unsern Spaß haben! Ich raun’ meinem Kameraden
-ein paar Worte zu, daß er laut auflacht. Aber schon
-bin ich entschlossen und mach’s kurz. Mit festem Griff
-fasse ich die zaundürre Hexe trotz allen Keifens und
-Widerstrebens um den Leib, und hoppdihopp, sitzt sie
-rittlings auf dem breiten Rücken des Handpferdes. Starr
-vor Schrecken klemmt sie auf dem Gaul wie eine Wäscheklammer
-auf der Leine und rührt sich nicht. Da fliegt,
-wie aus der Kanone geschossen, der Bauer aus dem
-Hause heraus, der die unfreiwillige Prüfung seines
-Ehegespons auf ihre Reitfertigkeit wahrscheinlich schon
-von drinnen beobachtet hatte. Seine spärlichen, weißen
-Haare hingen wirr um den kahlen Schädel, und während
-ich auf den Bock gesprungen war, hob er die Hände
-zu mir empor und wimmerte wie eine sterbende Katze
-um sein Weib. Ich aber treibe die Pferde an; &ndash; er
-greift nach den Zügeln, um die Gäule zurückzuhalten.
-Da habe ich auch schon den blanken Säbel in der Hand
-und lasse die flache Klinge auf seine Arme niederfallen.</p>
-
-<p>Wie Schilfrohr knickte der morsche Röhrenknochen
-des fleischlosen rechten Unterarmes um und hing zu
-Boden, wie ein zerbrochener Rührlöffel. Ich schlage
-kräftig auf die Pferde ein, daß die wahrscheinlich von
-der Peitsche getroffene Alte heulend in die Höhe fährt,
-und in rascher Bewegung rollt der Wagen die Straße
-entlang. Da kommt wieder Leben in den in wunderlicher
-Haltung auf dem Pferde hockenden Reiter, und
-bald flehend, bald zischend vor Galle begehrt die Bäuerin,
-sie herunterzulassen.</p>
-
-<p>Es war ein ausgezeichneter Spaß, der uns über
-Hunger und Durst reichlich hinwegtröstete. Etwa zwei<span class="pagenum" id="Seite_317">[317]</span>
-Stunden führten wir das Weibsbild hoch zu Roß mit
-uns. Dann kam ein französischer Offizier angeritten,
-der uns das Pläsier verbot und die Alte unnützerweise
-durch ein des Weges kommendes Gespann wieder zurückbringen
-ließ.</p>
-
-<p>Ein paar Tage später bin ich in Verlegenheit.
-Meine Sacktücher sind zu Ende gegangen, weshalb ich
-genötigt bin, den Schweiß immerzu mit dem Rockärmel
-von der Stirn zu wischen, und meine Füße steckten barfuß
-in den Stiefeln. Da halte ich in einem elenden
-Dorfe vor einem niedrigen Hause, in dem sich, wie es
-schien, keine lebende Seele befand. Ich zweifelte, ob
-da drinnen für mich etwas sein könne, gehe aber doch
-hinein.</p>
-
-<p>Die vordere Tür im Hausflur war verschlossen.
-Ich öffne die hintere und komme in eine sehr ärmlich
-aussehende Küche. Wie ich aber auf die Türschwelle
-trete, da frohlockt’s in mir, denn eine Anzahl bunter und
-weißer Leinwandstücke liegt auf dem Tische durcheinander.
-Das war’s ja gerade, was ich suchte. Ich
-eile also darauf zu und fange an, den Vorrat hurtig
-im meine Taschen zu stopfen. Da höre ich heftiges
-Atmen und wie ich mich umwende, sehe ich in einem
-Bett eine junge Frau liegen. Mit fliegenden Worten
-beschwört sie mich, davon abzustehen. Sie sei seit gestern
-Mutter und die Leinwand wäre zu Hemden und
-Windeln für den um einen ganzen Monat zu früh
-erschienenen Erdenbürger bestimmt. Die Nachbarin wäre
-soeben noch bei ihr gewesen und sei nur für kurze Zeit
-fortgegangen, um nach den eigenen Kindern zu sehen.</p>
-
-<p>Ich aber überlege nicht lange. Meine Not ist
-groß, und der Säugling mag sehen wo er bleibt. Ich<span class="pagenum" id="Seite_318">[318]</span>
-kehre mich also nicht an das Rufen der Mutter, sondern
-raffe zusammen was ich bekomme. Ihr Geschrei wird
-aber ärger, und ich bin besorgt, daß man sie auf der
-Straße hören könne. Nun weiß ich aber, wie schwer
-es ist, einem zeternden Frauenzimmer mit Erfolg das
-Maul zu verbieten. Da fällt mein Blick auf den Ofen,
-ein zweiter auf das trinkende Kind an ihrer Brust. Ich
-springe hinzu, reiße ihr die hungrige Brut weg und lege
-sie dicht vor dem Tische auf den Fußboden nieder. Dann
-ziehe ich den eisernen Topf mit kochendem Wasser aus
-der Röhre und setze ihn so auf die Kante des Tisches,
-daß er beständig zwischen Stehenbleiben und Umkippen
-schwankt und suche mir nunmehr in aller Gemütsruhe
-die besten Leinenstücke aus. Das dünne Zeug werfe ich
-zurück, da es mir nicht viel nützen konnte.</p>
-
-<p>Du hättest sehen sollen, Junge, wie jetzt das Weib
-schwieg, denn ein kleiner Stoß von mir an den Tisch
-hätte den Topf zum Umkippen gebracht, &ndash;&nbsp;&ndash; und
-darunter lag der schmatzende, quäkende Wurm.</p>
-
-<p>Der Mutter hatte der Schrecken gewaltig eingeheizt.
-Ihr Gesicht war grau geworden und mit kreisrunden
-Augen und ohne alle Bewegung schaute sie auf ihr Junges,
-als wenn es von ihrer ruhigen Haltung abhinge, daß
-der unaufhörlich schwankende Topf stehen bleibe.</p>
-
-<p>Als ich dann von der Straße neugierig durch das
-Fenster schaute, sah ich, wie das Weib wie eine aufgezogene
-Puppe zum Ofen ging, das Kind aufhob und
-gleich darauf mit ihm umfiel.«</p>
-
-<p>Der Fuhrmann brach hier kurz ab und blickte erstaunt
-auf den neben ihm Sitzenden. Johann war zusammengesunken,
-seine Augen waren starr vor sich
-niedergerichtet und die Zähne fest aufeinandergebissen.<span class="pagenum" id="Seite_319">[319]</span>
-Der Körper des jungen Mannes bebte, und es kostete
-ihm sichtlich viel Mühe, ruhig zu bleiben.</p>
-
-<p>Da stieß der Fuhrmann mit einem wilden Fluche
-den Säbel auf den Boden, daß das Eisen klirrte und
-sagte drohend, aber mit gewaltsam gedämpfter Stimme:</p>
-
-<p>»Du gefällst mir nicht, Bursche! Bringe mich
-nicht in Versuchung, mit dem Korb meines Säbels
-Dir Deinen windschiefen Hirnkasten einzuschlagen!«</p>
-
-<p>Bei diesen Worten kam Johann rasch die Ueberlegung
-zurück. Die tierische Wut, die den seine Leidenschaften
-nicht beherrschenden, geistesschwachen Jüngling
-während der letzten Worte der Erzählung des Fuhrmanns
-so urplötzlich gepackt hatte, wich von ihm und
-die Besinnung kam wieder. Er hatte sich in seinen
-Plan so verbissen, daß der Gedanke an die Möglichkeit
-des Scheiterns alle andern Regungen in seiner Seele zum
-Schweigen brachte.</p>
-
-<p>Mit geheucheltem Erstaunen drückte er dem Erzähler
-seine Verwunderung über dessen Zornesausbruch
-aus und mit zwinkernden Augen und listigem Schmunzeln
-rieb er sich die Hände und kicherte wieder still vor sich hin.</p>
-
-<p>»Das muß ich schon gestehen,« beeilte er sich hinzuzufügen,
-»Euer Beruf ist kurzweiliger als der meinige,
-wenn Ihr öfters solche lustige Streiche vollführt.«</p>
-
-<p>Dabei schossen seine Blicke verstohlen zu dem Mann
-an seiner Seite, um zu ergründen, ob dessen Argwohn
-verflogen sei.</p>
-
-<p>Der Fuhrmann aber rührte sich nicht. Die Pfeife
-lag in seinem Schoße, und der Blick war finster in die
-Nacht hinaus gerichtet.</p>
-
-<p>Eine geraume Weile verstrich in beiderseitigem
-Schweigen. Dann legte der Fuhrmann den noch immer<span class="pagenum" id="Seite_320">[320]</span>
-mit der Faust umklammerten Säbel wieder auf die
-Knie, während sich seine Augen mit sinnendem Ausdruck
-auf die züngelnden blauen, gelben und roten
-Flammen des niedrigbrennenden Feuers hefteten.</p>
-
-<p>»Es gab eine Zeit,« begann er wie im Selbstgespräch
-und mit so veränderter Stimme, daß Johann
-bei dem weichem Klange plötzlich aufhorchte und angestrengt
-nachsann, ob er diese Stimme nicht schon einmal
-gehört habe, »es gab eine Zeit, zu der ich die
-Achtung aller die mich kannten genoß, und der Name
-Laurentius Kräutlein einen guten Klang hatte. Damals
-war ich an Jahren noch ein junger Mann und an
-Herzenseinfalt ein Kind. Ich genoß auf Erden die
-Wonnen des Paradieses. Da griff das grausame
-Schicksal jäh zu und zerbrach mir mein sonniges Glück.
-In einer einzigen Stunde verdorrten Blüten und Blätter,
-und ich ward zum ruhelosen, rauhen Mann, den die
-bösen Mächte um Heimat und Glück betrogen. Und
-darum sage ich: &ndash; es gibt keinen Gott.«</p>
-
-<p>Des armen Johanns aber hatte sich bei diesen Worten
-des Mannes, die eine furchtbare Anklage an das Schicksal
-enthielten, eine tiefe Regung bemächtigt. Und mit
-fliegendem Atem versetzte er:</p>
-
-<p>»Der Pastor Reinerz aber sagt immer: Es gibt
-einen Gott, und dieser läßt sich nicht spotten!«</p>
-
-<p>Da fuhr der Fuhrmann zornig auf, und alle
-Weichheit war wieder von ihm gewichen, als er herausbrach:</p>
-
-<p>»Halte Dein lästerliches Schandmaul, Du Rabenaas,
-es gibt keinen, sage ich,« dabei drohend den Säbel
-von den Knien hebend. Und nach einigen Sekunden
-fuhr er beruhigter fort:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_321">[321]</span></p>
-
-<p>»Merk auf, junger Mann. Ich werde Dir meinen
-Lebensgang erzählen, und Du sollst urteilen. Kannst
-Du aber, wenn ich geendet, für das Bestehen der Gottheit
-noch sprechen, dann werfe ich mich freiwillig in
-die Flammen dieses Feuers. &ndash; Ich bin im Bayrischen
-geboren. Meine Kindheit gestaltete sich so tieftraurig,
-daß ich ihrer nur mit Wehmut gedenken kann. So viel
-wie andere Kinder gespielt und gelacht haben, habe ich
-geweint. Alle im Hause schalten und schlugen mich,
-und wer an mir vorüberging, stieß heimlich nach mir.
-Mein Vater war ein Hund! Väter, die ihre Kinder,
-noch bevor sie geboren sind, im Stich lassen, sind immer
-Hunde. Mag der gräßlichste Tod für ihn bestimmt
-sein und er jahrelang sterben!</p>
-
-<p>Meine Mutter war ein engelgutes, schüchternes
-Wesen von schwachem Körper. Sie litt unsägliche
-Qualen unter den täglichen Boshaftigkeiten ihrer lieben
-Verwandten, auf deren Hilfe sie leider angewiesen war.
-Ihr ganzes Glück war ich, und ich entsinne mich noch
-recht lebendig, wie inbrünstig sie mich als Knaben
-manche Nacht im Bette an sich drückte, wobei die
-bittersten Tränen aus ihren Augen auf mein Gesicht
-niedertropften. Zum Glück starb sie bald, und ich verließ
-kurz darauf die Gegend und ließ mich nach manchen
-ziellosen Wanderungen im sächsischen Erzgebirge nieder.
-Dort erlernte ich die Klöppelei und war in wenigen
-Jahren ein sehr geübter Arbeiter, dessen Erzeugnisse ob
-ihrer Feinheit und Sauberkeit geschätzt wurden. Ich
-war fleißig und sparsam und brachte mir eine hübsche
-Summe Geldes auf die Seite. Ich war auch angesehen
-und geachtet, &ndash; aber glücklich war ich nicht!
-Der Stachel, der in der Kindheit in mein Herz getrieben<span class="pagenum" id="Seite_322">[322]</span>
-wurde, besaß einen starken Widerhaken und verhinderte,
-daß wahre Zufriedenheit über mich kam. Auch
-fromm bin ich zu dieser Zeit gewesen und an keinem
-Abend schlief ich ein, ohne das Kindergebet gesprochen
-zu haben, wie es mich meine Mutter gelehrt hatte.</p>
-
-<p>Da lernte ich ein armes Mädchen kennen, das
-aus Böhmen eingewandert war. Nach kurzer Zeit gestanden
-wir uns unsere gegenseitige Liebe und heirateten
-bald darauf. Meine Freude war unbeschreiblich und
-mir war von dieser Stunde an die Brust mit reinem,
-innigem Glück erfüllt, das die traurigen Erinnerungen
-an die Kindheit langsam aus der Seele verdrängte.</p>
-
-<p>Wir erstanden etwas abseits vom Dorfe, dicht an
-der Landstraße ein kleines Häuschen, mit schmuckem
-Garten und einem ansehnlichen Hühnervolk und lebten
-so zufrieden, daß wir unser Glück gegen alle Schätze
-der Welt nicht eingetauscht hätten. Mein junges Weib
-war heitern Gemüts, das mich ernst Veranlagten fröhlich
-machte. Durch das Haus und den Garten scholl
-ihre Stimme und ihr lustiges Lachen. Ihre Lippen
-waren voll und kirschrot, und ihre dicken, dunkeln Zöpfe
-trug sie auf dem Kopfe wie eine Krone. Das herrlichste
-an ihr aber waren die pechschwarzen Augen,
-aus denen Freude und Lebenslust blitzten und die in
-mir die ungeheure Glut entfacht hatten.</p>
-
-<p>Und als nach Jahresfrist uns in einer weichen
-Sommernacht ein Sohn geboren wurde, da stand ich
-wunschlos auf dieser Welt. Ich mußte allein sein mit
-meinem Glück. Leise verließ ich mein schlafendes Weib
-auf kurze Zeit, ging ins Freie und brach in reichfließende
-Tränen der Freude aus. Nicht mehr Herr
-meiner Gefühle, sank ich in die Knie und lehnte den<span class="pagenum" id="Seite_323">[323]</span>
-Kopf an die Hinterwand meines Hauses. Ich dankte
-Gott für die Fülle seiner Gaben und gedachte in unendlicher
-Liebe meiner verstorbenen Mutter. Auf das
-kleine Haus, das meine Teuern barg, hatte sich das
-Glück herabgesenkt, das zwei wackere Helfer geschmiedet
-hatten: Arbeit und Liebe. Die sturmfesten Stützen des
-schirmenden Daches verdankte ich dem Ertrage meiner
-Hände Arbeit, und das was den Eingang treulich hütete
-und den Glanz im Innern bereitete, war die Liebe.«</p>
-
-<p>Hier unterbrach der Fuhrmann seine Erzählung.
-Noch immer war der Mond von Wolken umlagert.
-Der Wind hatte sich etwas erhoben und blies in das
-Feuer, daß die Flammen seitwärts schlugen. Durch
-die Postenkette ging einer der Fuhrleute, der von der
-am nächsten stehenden Schildwache an der Straße angerufen
-wurde. Der Wind trug leise den Klang der
-Worte herüber, die gewechselt wurden.</p>
-
-<p>»Parole?« tönte die Frage, und »Jena!« lautete
-die gedämpfte Antwort.</p>
-
-<p>Jetzt wandte sich der Erzähler wieder zu dem
-Schafhirten und fuhr fort:</p>
-
-<p>»Die Schwäche meiner Frau war ihre Putzsucht.
-Sie liebte es, sich mit bunten Flicken zu schmücken und
-konnte lange die Wirkung solchen Aufputzes im Spiegel
-betrachten. Ich habe sie nie darum gescholten, denn
-Eitelkeit ist die Zwillingsschwester der Keuschheit. Ich
-war froh darüber, daß sie sich solch harmlose Freude
-bereitete, denn unser Leben floß recht ruhig dahin.
-Bisweilen hatte ich aber die Empfindung, daß Franziska
-ihrer Schwäche manchen Groschen opferte, der bei unsern
-knappen Mitteln besser für etwas Anderes ausgegeben
-worden wäre.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_324">[324]</span></p>
-
-<p>Fünf Jahre waren seit unserer Verheiratung verstrichen,
-als mich eines Sonntags auf dem Heimwege
-vom Kirchgang mein Nachbar Werner am Arm nahm
-und mir verstohlen zuraunte:</p>
-
-<p>»Laurentius, gib Acht auf Dein Weib!«</p>
-
-<p>Ich war so überrascht und erzürnt durch diese
-Worte, daß ich den Sprecher am liebsten ins Gesicht
-geschlagen hätte, wen mir nicht alsbald das Bewußtsein
-gekommen wäre, daß Werner, wenn er auch nur
-ein armer Weber war, das größte Vertrauen von jedem
-im Dorfe genoß. Fassungslos starrte ich ihm in die
-Augen um darin zu lesen, ob er sich einen grausamen
-Scherz bereite, oder ob er so schlecht wäre, Mißtrauen
-in mir gegen mein reines Weib zu erwecken.</p>
-
-<p>Je länger ich ihn aber anschaute, umso eindringlicher
-kam mir die Überzeugung, daß dieses in Ehren
-ergraute Haupt keine schlimme Tat auf sich laden könne,
-und ich wurde verwirrt unter dem wohlmeinenden Blick
-dieser ehrlichen Augen. Wie ein Rasender stürmte ich
-nach meinem Hause.</p>
-
-<p>Da sah ich von der Schwelle aus ein liebliches
-Bild: Franziska hielt den Knaben fest in ihren Armen,
-jauchzte vor Freude und küßte wieder und immer wieder
-das lächelnde Kind. Noch nie war mir ihr wohlgebildeter,
-schmiegsamer Leib so lebensfrisch und anziehend
-erschienen, und niemals hatte das Mutterglück ihr Gesicht
-so verklärt, wie in diesem Augenblick. Eine warme
-Welle trieb mir zum Herzen, und ich bat ihr im Stillen
-das bittere Unrecht ab, das ich ihr getan und entschuldigte
-Nachbar Werners Verdacht mit unseligem
-Irrtum.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_325">[325]</span></p>
-
-<p>Wenn mir nun auch manches aus den letzten
-Wochen an Franziska ungewohnt erschien, so fühlte ich
-doch im innersten Herzen, daß eins geblieben war: die
-Liebe zu mir und dem Kinde. Mochte sie mit ihrer
-Schwäche auch manchmal Ursache zu Gerede unter den
-Leuten geben, im Grunde war es doch etwas anderes,
-das diesen Menschen die Zungen schärfte: sie gönnten
-mir mein Weib und mein friedliches Heim nicht. Gerüchte
-tauchen plötzlich auf und zerflattern wieder wie
-<span id="corr325">Sternschnuppen</span>, und der Mann hat sein Weib nie geliebt,
-den die erste Warnung wider sie in Harnisch
-bringt! &ndash; Aber ich nahm mir vor, auf die Eindämmung
-ihrer immer mehr wachsenden Gefallsucht ernst hinzuarbeiten.</p>
-
-<p>Der Herbst war ins Land gekommen, und bald
-fegten die ersten winterlichen Schauer über die verödeten
-Fluren. Es war Sonnabend und ich war, wie
-ich es an diesem Tage immer zu tun pflegte, nach dem
-zwei Stunden entfernten Annaberg gegangen, um meine
-Arbeit der Woche abzuliefern. Hierbei war ich länger
-als sonst aufgehalten worden und besorgte deshalb rasch
-die gewohnten Einkäufe. Wohlgemut schritt ich auf
-der Landstraße hin, mein Bündel im Arm und die
-Gedanken daheim bei meinen Lieben.</p>
-
-<p>Es war kurz vor der Dämmerung, als ich durch
-ein Dorf kam, das gerade auf der Hälfte des Weges
-lag. Da sehe ich drüben am Mühlgraben Menschen
-zusammenlaufen. Ich eile hinüber, um nach der Ursache
-des Geschreis zu fragen. Kaum aber bin ich dort angekommen,
-gewahre ich einen etwa achtjährigen Knaben
-in den Fluten des breiten Grabens, den die Wasser im
-Wechsel niedertauchen und dann wieder auf kurze Zeit<span class="pagenum" id="Seite_326">[326]</span>
-an die Oberfläche heraufbringen. Der Kleine zappelte
-und sträubte sich herzhaft gegen das tückische Element.
-Aber es war umsonst, daß das bedrohte Leben sich der
-gefährlichen Umarmung zu entziehen versuchte. Nach
-ein paarmal Untertauchen würde der Knabe nicht wieder
-heraufkommen, und dann nahm ihn der stille, schwarze
-Teich auf und bettete den kleinen Leichnam in seinen
-tiefen, weichen Schlamm. Wohl hatte der Gedanke meine
-Seele durchzuckt, hineinzuspringen und den Versuch zu
-machen, den Ertrinkenden zu retten. Aber dieser Versuch
-mußte aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem Leben
-gebüßt werden, denn das Wasser war übermannstief,
-ich war des Schwimmens nicht kundig, und die Wirbel
-hätten meinen schweren Körper viel eher hinabgezogen
-wie den leichten Knaben. Zudem hatte man ja selbst
-Weib und Kind daheim, die ihres Ernährers harrten &ndash;
-&ndash; und ich wandte mich ab.</p>
-
-<p>Da zerriß der wilde Wehruf eines Weibes die
-Luft: »Mein Kind! Um Gotteswillen, mein einziges
-Kind!««</p>
-
-<p>Der Fuhrmann hielt eine Sekunde in der Erzählung
-inne, so mächtig packte ihn die Erinnerung. Dann fuhr
-er fort:</p>
-
-<p>»Der Klang dieser Worte drang mir ins Herz wie
-glühender Stahl. Ruhig, aber schnell wie das Aufleuchten
-des Sonnenlichts zwischen dunkeln Wolken, stellte
-ich mir vor: &ndash; wenn dieses verzweifelte Weib Deine
-Mutter, der Kämpfende Dein Bruder wäre! Dieser Gedanke
-ließ die Bedenken gegen den, das eigene Leben gefährdenden
-Versuch der Rettung verblassen. Dann wieder
-drang es auf mich ein: &ndash; wie nun, wenn dies Dein geliebtes
-Kind wäre&nbsp;…! und es schien mir, als wenn plötzlich<span class="pagenum" id="Seite_327">[327]</span>
-mein Herzschlag stocke. &ndash; Was aber würdest Du tun,
-schrie es mir wild ins Ohr, wenn Dein Weib hier stünde
-und in tödlicher Angst nach einem Retter riefe&nbsp;…!</p>
-
-<p>»Platz da!« schrie ich mit dem ganzen Aufgebot
-meiner Stimme und drängte mich wieder zum Rande
-des Grabens. Die Menschen wichen zurück, Mütze und
-Rock flogen zur Erde, und dann sprang ich kopfüber in
-die eisige Flut. Die plötzliche Kälte raubte mir den
-Atem, die Wasser rissen mich mit sich fort, und die
-Todesnähe hemmte mir die ruhige Ueberlegung. Zweimal
-schlägt es über mir zusammen, dann komme ich
-herauf und tue instinktiv wieder einen tiefen Atemzug,
-&ndash; von neuem umfängt mich die Finsternis, und wieder
-unterscheidet endlich mein Auge in der Dämmerung
-verschwommen die Gestalten der Menschen am Ufer.
-Da streift die Hand einen Körper. Ich erkenne den
-Knaben, packe fest zu, und die Wirbel reißen mich zum
-letzten Male hinunter. Mit der Verzweiflung des Ertrinkenden
-halte ich mich und den Knaben darauf eine
-kurze Weile über Wasser und ergreife dann die mir
-entgegengehaltene Stange, an der wir ans Ufer gezogen
-werden.</p>
-
-<p>Während die Menge Knaben und Mutter umgibt,
-werfe ich flugs mein Gewand über und mache mich auf
-und davon. Noch höre ich die jubelnden Worte: er
-lebt, er hat die Augen aufgeschlagen? Ich aber wickle
-mich, so gut es eben geht, in meinen dünnen Rock und
-laufe, als wenn der Böse hinter mir wäre. Endlich
-komme ich an meinem Hause an, die Glieder fast erstarrt
-vor Kälte.</p>
-
-<p>Doch, was ist das? Kein Licht? Mein Weib
-empfängt mich nicht? &ndash; Sie ist ausgegangen! &ndash;<span class="pagenum" id="Seite_328">[328]</span>
-Aber wohin? Warum? Jetzt zu dieser Zeit pflegt sie
-doch niemals das Haus zu verlassen! Die vordere
-Haustür ist verschlossen. Ich klinke die Hintertür auf
-und trete ein.</p>
-
-<p>»Franziska!« rufe ich, »Fränzchen, mein liebes
-Fränzchen, ich bin wieder da&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;!« klingt mein
-angstvoller Ruf aus dem plötzlich bebenden Munde. &ndash;
-Nichts rührt sich, niemand antwortet mir. Ich stolpere
-nach der Stube und mache mit zitternden Händen
-Licht. Und wie der schwache Schein der Kerze den
-Raum erhellt, sehe ich ringsum eine Verwüstung, als
-wenn Räuber darin gehaust hätten. Alle Schubfächer
-der Kommode, des Tisches sind geöffnet; der Deckel
-der großen Lade ist zurückgeschlagen und der Inhalt
-auf dem Fußboden ausgebreitet. Weiße und rote Gewänder,
-bunte Stoffe und Schürzen, aufgerollte Bänder,
-künstliche Rosen und Jasmin wild durcheinander. Sind
-das alles Kleider von Franziska? denke ich. Da erscheint
-mir dies und jenes bekannt, manches davon aber
-hatte sie mir verborgen gehalten. Meine Gedanken
-werden wirr. Was um Christiwillen bedeutet das,
-und wo ist dein Weib?</p>
-
-<p>Indem fällt mein Blick auf ein Stück Papier, das
-neben dem Leuchter auf dem Tische liegt. Ich hatte
-das Gefühl, als wenn mir das Herz still stehe, nehme
-den Zettel in die Hand und lese bei dem flackernden
-Kerzenscheine:</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>Lieber Laurenz! Du mußt mich gehen lassen
-und darfst mir nicht böse sein. Du bist ein herzensguter
-Mann, aber ich würde sterben bei diesem Leben.
-Ich habe mich jahrelang beherrscht und wollte meinen
-leichten Sinn unterdrücken, aber meine Kraft reichte dazu<span class="pagenum" id="Seite_329">[329]</span>
-nicht aus. Ich habe, bevor Du mich kanntest, trotz
-meiner Jugend schon lustig in den Tag hineingelebt
-und kehre nun wieder zu diesem Leben zurück. Vier
-Jahre lang habe ich Dir die Treue gehalten, seit ein
-paar Monaten aber bin ich des Nachts manchmal aus
-dem Haus geschlichen, wenn Du von der Arbeit ermüdet
-fest schliefst. Das Glück und die Ruhe in
-Deinem Hause würden mich noch töten. Mich verlangt’s
-nach Freiheit und wirbelndem Tanz!</p>
-
-<p>Leb’ wohl und küsse unser Kind, das Du gewiß
-zu einem guten Menschen erziehen wirst.</p>
-
-<p class="mright">
-Franziska.
-</p>
-</div>
-
-<p>Den Zettel in den wie vom Starrkrampf zusammengepreßten
-Fingern festhaltend, sank ich neben dem Tische
-nieder. Das Schicksal hatte mich an der Wurzel allen
-Lebens getroffen. Mechanisch glitten meine Hände über
-die bunten und weichen Stoffe, die ich streichelte wie
-ein Kind sein liebstes Spielzeug. Da vernehme ich
-hinter mir ein leises Geräusch und erkenne im Halbdunkel
-mein Kind, das vom Schlummer erwacht ist,
-sich erhebt und noch schlaftrunken lächelnd sich mir
-nähert. In diesem Augenblick vollzieht die Natur in
-meinem Innern einen urplötzlichen Umsturz. Gutes
-verwandelt sich in Böses, Weichherzigkeit in Grausamkeit
-und Gelassenheit in wilde Wut. Ich will gegen
-das Schicksal wüten, und &ndash; wende mich gegen meinen
-Knaben. Ein Stück von diesem verruchten Weibe! ruft
-eine Stimme in mir, und die wilden Flammen des
-Zornes schlagen hochauf und stürzen mich in Raserei.</p>
-
-<p>Ich springe in die Höhe, &ndash; da hält der Knabe
-den Schritt an. Sein leuchtendes Auge verliert den
-Glanz vor dem Ausdruck im Gesichte seines Vaters.<span class="pagenum" id="Seite_330">[330]</span>
-Angstvoll wendet er sich ab, um davonzueilen, &ndash;
-da trifft ihn ein fürchterlicher Fußtritt, der den Körper
-des Kindes wie einen Ball fortwirft bis hin zum Ofen,
-auf dessen steinernem Untersatze der Kopf dumpf aufschlägt.</p>
-
-<p>Einen Augenblick sehe ich auf den Knaben mit der
-blutenden Wunde am Hinterkopfe, dann packen mich
-alle bösen Geister. Ich reiße die Kerze vom Tische,
-springe hierhin, dorthin und entzünde alles was brennbar
-ist in der Stube. Schon lodern die gefräßigen
-Flammen neben mir empor und lecken an mir hinauf,
-und ich prüfe, welches der feurigste Herd ist, daß ich
-ihn zu meinem Ruhbett erwähle, &ndash;&nbsp;&ndash; da kommt
-der Dämon der Feigheit über mich! Ich stürze durch
-Qualm und Glut und wie ich meine Sinne wiederfinde,
-hocke ich draußen auf der Straße im Graben und
-schaue auf mein Haus, aus dessen Fenstern dichter
-Rauch und Flammen herausschlagen. Auf der Straße
-aber höre ich schwere Wagen daherrollen, dazu die
-lauten Stimmen der Fuhrleute. Schon hat der Vorderste
-von ihnen die Feuersäule entdeckt, läßt die Pferde
-im Stich und eilt auf das Haus zu. Ich aber drehe
-mich um und jage wie von Furien gepeitscht über die
-Stoppeln. Und seit dieser Stunde bin ich der, der
-ich bin!«</p>
-
-<p>Der Fuhrmann hatte seine Erzählung beendet und
-sah gedankenvoll in die hüpfenden, niedrigen Flammen
-des Feuers.</p>
-
-<p>»Mein Haus ist zerstört,« sagte er langsam, »und
-mein Sohn verbrannt und unter den Trümmern begraben.
-Ich bin bereit jede Vergeltung für meine Tat
-zu tragen. Und doch, &ndash; zehn Jahre meines Lebens<span class="pagenum" id="Seite_331">[331]</span>
-und diese meine Rechte gäbe ich darum, wenn ich die
-Tat ungeschehen machen könnte&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Einige Minuten verstrichen. Da ergriff der Fuhrmann
-den Baumstamm und stieß ihn mit solcher Kraft
-zwischen die schwelenden Scheite, daß die glühenden
-Funken knisternd hochaufsprühten.</p>
-
-<p>»So, Du Großmaul« schrie er Johann zu, »willst
-Du es jetzt noch sagen: es gibt einen Gott?«</p>
-
-<p>Der Angesprochene aber vernahm diese Worte nicht.
-Wie ein Steinbild saß er auf dem Grabenrand und
-hielt die Augen halb geschlossen. Die nächste Umgebung
-entwich dem Kreis seiner Gedanken, aber die bis zu
-dieser Stunde in engen Banden gehaltene Kraft der Erinnerung
-befreite sich mit einem einzigen Kraftausbruch
-von ihren bisherigen Fesseln, und sein Geist eilte zurück
-bis in seine Kindheit. Vor seiner Seele stieg das
-Bild eines jungen Weibes herauf mit roten, schwellenden
-Lippen, tiefdunkeln Augen und einem Kranze glatter
-Flechten, die wie eine Krone auf der Stirn ruhten.
-Auch den Klang ihrer fröhlichen Lieder vernahm er und
-er fühlte deutlich, wie die roten Lippen seinen Mund
-küßten. Neben diesem Bilde malte die Erinnerung mit
-zauberhafter Deutlichkeit das eines Mannes mit ernsten
-Zügen, dessen Augen voll Liebe und unaussprechlichem
-Glück auf das Kind gerichtet waren. Mit wunderbarer
-Schärfe traten noch andere glückliche Erinnerungen an
-die Kindheit aus dem bisher undurchdringlichen Dunkel
-heraus, bis zuletzt der düstere Anblick der Stube im
-elterlichen Hause im Scheine einer Wachskerze heraufstieg,
-und ihn aus einem entstellten Männerantlitz zwei
-drohende Augen trafen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_332">[332]</span></p>
-
-<p>Der Schafhirt sprang in die Höhe und taumelte
-wie ein Berauschter ein paar Schritte zur Seite.</p>
-
-<p>»Haha,« lachte der Fuhrmann, »nicht wahr, mein
-Bürschchen, jetzt ist Dir der Appetit zum beten vergangen?«</p>
-
-<p>Da warf der Schafhirt dem Manne einen langen
-Blick zu, als wenn er diesen Anblick mit dem Bilde
-in seiner Seele vergleichen wolle, &ndash; und er wandte
-langsam die Augen ab. Mechanisch kehrte er sich um
-und ging schwerfällig auf dem Wege weiter, der zum
-Turm führte.</p>
-
-<p>»Heh!« rief der Fuhrmann dem Jüngling zu, »dort
-habt Ihr nichts zu suchen. Geht links hinüber, sage
-ich Euch!«</p>
-
-<p>Aber schon trugen den Schafhirten die Füße nicht
-mehr weiter. Er strauchelte und fiel neben dem Wege
-zwischen die blätterlosen Ruten eines Haselnußstrauches.
-Und dann glitten seine Hände zuckend über den Boden,
-und die starren Finger krampften sich hinein, als wenn
-ein Schwindelnder Halt sucht, und den Mund preßte er
-fest auf Erde und Moos, um das wilde Schluchzen zu
-ersticken, das ihm das Herz schier zersprengen wollte.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap22">22. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Vor der schmalen Eingangstür des Pulverturmes,
-mit dem Rücken gegen das Mauerwerk, standen in dunkler
-Nacht zwei Schildwachen in eifrigem Gespräch. Der
-eine der Männer mochte fünfundvierzig Jahre zählen
-und war hochgewachsen und breitschulterig. Sein verwettertes<span class="pagenum" id="Seite_333">[333]</span>
-Gesicht mit den klugen und ausdrucksvollen
-Zügen erhielt durch den den Mund vollständig bedeckenden,
-buschigen Schnauzbart, dessen lange Spitzen wie die
-Kiele starker Rabenfedern von der Oberlippe abstanden,
-einen Stich ins Martialische. Wie selten auf einem
-Antlitz, war auf diesem die stärkste Charaktereigenschaft
-seines Trägers scharf ausgeprägt, denn die blitzenden
-Augen und die scharfgekrümmte, starke Adlernase verrieten
-eine außergewöhnliche Kühnheit. Er trug die
-Uniform der Alten Garde, und seine Brust war mit
-zahlreichen Kriegsmedaillen und Kreuzen geschmückt.</p>
-
-<p>Der andere der beiden Männer war ein blutjunges,
-schmächtiges Bürschlein mit bleichem und schmalem Gesicht.</p>
-
-<p>»Ich sage Dir,« sprach mit tiefer Stimme der
-alte Gardist, »Du hast ein Leben begonnen, das reich
-an Ehren ist. Der Ruhm, der sich an den Flug der
-Kaiserlichen Adler heftet, berauscht alle bis auf den
-letzten Soldaten seiner Armee und bewirkt, daß sich
-Alter und Jugend, Vornehm und Niedrig willig ihm
-beugen. Das Schicksal hat uns wunderbar zusammengeführt:
-ihn, den Kriegsgott und uns, die Söhne der
-großen Nation! Ein bedeutsamer Sieg steht uns bevor;
-die Kanonen, die Du heute hörtest, verkündeten aufs
-neue seine Unsterblichkeit. Leipzig müssen wir gewinnen,
-mein Sohn, und wenn den altersschwachen Gott der
-Christen des Kaisers Arme selbst herunterreißen müßten!«</p>
-
-<p>»Sagt mir doch,« klang zögernd die mädchenhafte
-Stimme des jungen Soldaten, »warum seid denn Ihr
-nicht bei Euerm Regiment?«</p>
-
-<p>»Ach,« versetzte der Gardist mißmutig und verzog
-das Gesicht, als wenn er Essig im Munde habe, so daß
-der gewaltige Schnurrbart in heftige Bewegung geriet<span class="pagenum" id="Seite_334">[334]</span>
-»Bei Lützen sprang mir ein Granatsplitter ins Bein,
-daß ich kampfunfähig wurde und mehrere Monate im
-Spital zubringen mußte. Vor wenigen Tagen erst gab
-man mich frei, und ich schloß mich diesem Munitionstransport
-an, denn ich brannte vor Begierde, wieder
-zu meinem Regimente zu stoßen. Von den elf Blessuren,
-die ich bisher erlitt, ist es die letzte gewesen, während
-deren Heilung ich vor Ungeduld bald gestorben bin.«</p>
-
-<p>»Man sagt,« begann der Jüngling von neuem,
-»daß der Kaiser sich seine Generale selbst heranbilde,
-und daß der Lehrer keinem seiner Schüler einen starken
-Einfluß auf die Heranführung der Armeen zum Kampfe
-einräume.«</p>
-
-<p>»Das ist wahr,« antwortete der Gardist und zwirbelte
-seinen Schnurrbart. »Die Pläne zu allen großen
-Schlachten sind in dem Hirn unseres genialen Meisters
-erdacht worden. Deshalb gebührt auch ihm der größte
-Teil von dem Ruhme seiner Siege. Seine Marschälle
-sind nichts anderes als Ausübende seiner Befehle. Vielfach
-früher gemeine Soldaten, sind sie aus der hohen
-Schule des großen Kaisers hervorgegangen. Der wahre
-Meister lehret die Gehilfen selbst. Und wen einmal der
-Korse für vollgewichtig fand, der zählt in Zukunft zu
-des Imperators Paladinen!«</p>
-
-<p>»Ihr habt den Kaiser recht sehr in Euer Herz geschlossen,
-merke ich,« sprach der Jüngling. »Ihr müßt
-doch eine gewaltig hohe Meinung von ihm haben.«</p>
-
-<p>Der alte Soldat wandte sich um, daß er dem
-andern den Anblick seiner breiten Brust bot und ließ
-seine blitzenden Augen spöttisch auf dem Milchgesicht
-ruhen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_335">[335]</span></p>
-
-<p>»Junger Kamerad,« versetzte er endlich, »Du kommst
-mir vor, wie ein frisch dem Mutterleibe entstiegenes
-Böcklein, das in den wärmenden Sonnenstrahlen seine
-possierlichen Sprünge macht. Deine Worte klingen wie
-das Lallen eines Kindes. Noch ganz andere Männer
-als ich huldigen unserm großen Kaiser, dem die Meinung
-der Menschen nichts an seinem Ruhme schmälern oder
-hinzufügen kann. Seine welterschütternden Taten fordern
-bei Freund und Feind hohe Ehrfurcht heraus. Sie sind
-in dem Buche der Geschichte auf ewig unvergänglich
-eingegraben, und noch in den spätesten Tagen wird
-man mit Bewunderung seinen Namen nennen. Er ist
-der Erste, aller Zeiten Ersten, vor seinem Stirnerunzeln
-zittert eine Welt, und wie das Schicksal von Europas
-Völkern in seiner Faust er hält, brächt’ er im Rasen selbst
-den morschen Erdenball zum bersten.«</p>
-
-<p>»Vergebt,« begann nach einer geraumen Weile
-Stillschweigens der junge Soldat schüchtern, »wenn ich
-Euern Unmut herausforderte. Ich bin ja, wie Ihr wißt,
-keiner Eurer Landsleute, zudem bin ich jung und unerfahren,
-und in unser stilles Schwarzwaldtal ist zum
-Glück nur wenig von dem Kriegslärmen gedrungen.
-Ich kann Eure blinde Anbetung des Kaisers nicht recht
-verstehen, aber Eure Rede flößt mir Achtung vor ihm
-ein. Und wenn ihr sagt, »der Kaiser!«, so sprecht Ihr
-diese Worte in einem Tone, den ich bisher noch nicht
-vernommen habe, und jedesmal ist es mir dabei den
-Rücken hinabgerieselt. Zugegeben, Napoleon ist ein
-großer Kriegsmann, der bei jedem Menschen ein starkes
-Gefühl herausfordert, sei dies nun Liebe, Bewunderung
-oder Haß. Sagt mir aber doch, bitt’ ich Euch, welche
-Bewandnis es damit hat, wenn Ihr sagt »der Kaiser!«.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_336">[336]</span></p>
-
-<p>Das Gewehr an die Schulter gelehnt, griff der
-alte Gardist mit beiden Händen langsam an den Schnurrbart
-und richtete, ihn wiederholt blitzschnell durch die
-Finger drehend, eine wahre Revolution in den beiden
-Haarbüscheln an. Aber nur eine Sekunde dauerte diese
-Verwirrung, dann glätteten, drehten und strichen die
-zerstörenden Finger das stolze Symbol seiner Männlichkeit
-in eine noch ansehnlichere Form als der Bart vorher
-besessen hatte, und ein paar letzte Striche verliehen
-den Büscheln einen kühnen Schwung, und die dicken
-Enden ragten aufs neue spitzig in die Luft. Mit dem
-Gesichtsausdruck des Geschmeichelten blickte der Franzose
-einen Augenblick sinnend ins Leere. Dann warf er
-seine nachlässige Haltung ab, richtete sich auf und begann
-die folgende kleine Erzählung:</p>
-
-<p>»Es war bei Austerlitz. Die Schlacht war im vollen
-Gange, und die Russen und Österreicher boten alle Kraft
-auf, dem gewaltigen Stoße unserer Sturmkolonnen standzuhalten.
-Die Alte Garde stand mit Gewehr bei Fuß
-rückwärts auf einer Anhöhe, jedes Winks gewärtig, um
-etwa einem bedrohten Flügel zu Hilfe zu kommen.
-Wir Auserlesenen der großen Armee kennen schon dieses
-Verweilen in der Reserve, denn wir sind gewöhnt, in
-den Augenblicken, wo die Schlachten ihren Höhepunkt
-erreichen, einzugreifen und aufs neue mit dem Lorbeer
-des Sieges unsere Adler zu schmücken. Von unserm
-Platze aus konnten wir das ganze Schlachtengefilde
-überblicken.</p>
-
-<p>Die ungeheure Fläche war ein einziges Schneefeld,
-auf das die Wintersonne herniederglänzte. Millionen
-von Eiskrystallen glitzerten in den goldenen Sonnenstrahlen,
-und der Donner der ersten Kanonenschüsse der<span class="pagenum" id="Seite_337">[337]</span>
-Russen zerriß die Luft und rollte majestätisch zu uns
-herüber, die erhabene Ruhe der Natur jäh erschreckend.</p>
-
-<p>In kurzer Zeit aber wurde das Bild lebendiger.</p>
-
-<p>In weitem Halbkreise bot sich dem Auge der Anblick
-der Dörfer dar, aus deren Häusern hier und da
-schon die Flammen schlugen. Verhaue waren zu sehen,
-Hecken, hinter denen es wie in einem Ameisenhaufen
-kribbelte, langgedehnte Feuerlinien, von Rauch fast verhüllt,
-anstürmende Regimenter und sich zur Schlacht
-entwickelnde Divisionen.</p>
-
-<p>Eins bemerkten wir schlachtenkundigen Veteranen
-des Krieges sehr bald: das Ringen war zum Stillstand
-gekommen. Zudem war es bekannt, daß wir uns in
-der Minderzahl befanden. Also konnte es wohl einem
-Neuling etwas bänglich zu Mute werden, zumal sich
-unser Aufenthalt auf der sanft in das Tal hinabführenden
-Lehne immer ungünstiger gestaltete. Denn nicht
-nur eine ganze Anzahl verirrter Flintenkugeln schlug
-mitten in unsere Reihen ein, sondern es schwirrten auch
-Granaten dicht über unsere Köpfe hinweg, mit denen
-sich die russische Artillerie auf uns einzuschießen begann.
-Wir aber standen schweigend und ohne mit den Wimpern
-zu zucken und betrachteten scheinbar gleichgültig das
-weite Schlachtfeld. Aber in der Brust eines Jeden von
-uns stieg eine quälende Unruhe herauf und das wilde
-Verlangen, anstatt in dieser Totenstarre, zu der wir
-verurteilt waren, auszuharren, vorwärts zu stürmen.</p>
-
-<p>Dicht vor unserem Bataillon hielt zu Pferd der
-Marschall mit seinen Adjutanten. Wie aus Stein gemeißelt
-saß er auf dem Pferde und blickte unausgesetzt
-nach einem großen Reiterhaufen in geraumer Entfernung
-vor uns, von dem unaufhörlich einzelne Reiter ab und<span class="pagenum" id="Seite_338">[338]</span>
-zu ritten. Auch unsere Blicke wurden auf diese Stelle
-hingezogen, von der eine magnetische Kraft auszugehen
-schien. Und je länger wir untätig standen, je lauter
-der Schlachtenlärm heraufdrang, und je gefahrvoller
-unsere Stellung wurde, um so sehnsüchtiger hingen unsere
-Augen an diesen Reitern. Die Unruhe in unserer Brust
-war auf das höchste gestiegen.</p>
-
-<p>Da löste sich mit einem Male wieder ein Reiter
-von dem großen Haufen und stürmte in verwegenem
-Galopp über die Hecken und Gräben hinweg auf unsere
-Stellung zu. Ein Aufatmen ging durch die Reihen!
-Wie eine Windsbraut fegte der Reiter die Anhöhe herauf.
-Es war, wie man beim Näherkommen erkennen
-konnte, ein Major vom Großen Hauptquartier, ein noch
-junger Mann mit vornehmen Gesichtszügen und hohen
-Auszeichnungen auf der Brust. Dicht vor dem Marschall
-riß er mitten in der Karriere so gewaltig in die
-Zügel, daß das feurige Roß fast auf die Hinterhufe
-niederbrach. Dann legte er mit edelm Anstand die Hand
-an die Mütze und sprach langsam und mit laut vernehmbarer
-Stimme:</p>
-
-<p>»Befehl des Kaisers! Die Kaiserliche Garde soll
-das Dorf im Zentrum der Schlachtlinie nehmen und
-um jeden Preis halten!«</p>
-
-<p>Bei diesen Worten streckte der Offizier den Arm
-aus und bezeichnete ein fast gänzlich zusammengeschossenes,
-langgestrecktes Dorf, aus dessen Häusern dichte Rauchwolken
-drangen und von dem soeben stark gelichtete
-französische Kolonnen zurückfluteten, die vom Dorfe aus
-mit heftigem Gewehrfeuer verfolgt wurden.</p>
-
-<p>Hierauf salutierte der kaiserliche Adjutant von neuem,
-riß das Pferd herum und stürmte, wie er gekommen,<span class="pagenum" id="Seite_339">[339]</span>
-wieder die Anhöhe hinab. Kaum war er aber hundert
-Schritte weit geritten, da bäumte plötzlich der prächtige
-Rappe hochauf und begrub, sich überschlagend, den
-Reiter unter seinem Leibe. Infolge der Heftigkeit des
-Sturzes rollte das Pferd über den Offizier hinweg, stieß,
-auf dem Rücken liegend, die im Krampf gekrümmten
-Beine ein paarmal heftig in die Luft und fiel dann
-langsam auf die Seite neben seinen Reiter, der unbeweglich
-auf dem gefrorenen Schnee lag.</p>
-
-<p>Da wandte der Marschall sein Pferd herum, und
-durch unsere Reihen scholl ein unterdrücktes Jauchzen.
-Sein Gesicht war dunkelrot, und seine Augen glühten
-vor innerm Feuer. Die Kommandeure sprengten auf
-ihn zu, ritten wieder zurück, und wenige Minuten später
-erschollen die Kommandos, und die Bataillone setzten
-sich stumm in Marsch. Alles dies geschah ruhig und
-ohne Aufregung, wie daheim auf den Übungsplätzen.</p>
-
-<p>Mit beflügelten Schritten eilten wir abwärts, an
-dem auf dem Rücken lang ausgestreckten Adjutanten vorbei,
-dessen gebrochener Blick nach oben gerichtet war,
-und erreichten bald die Stelle, wo der bewegliche Reiterschwarm
-hielt. Hier waren Offiziere jeden Ranges und
-aller Waffen. An der Spitze des Haufens sah man
-die Uniform des Kaiserlichen Stabes und etwa fünfzig
-Schritte vor ihnen befanden sich zu Fuß drei oder vier
-einzelne Offiziere, unter ihnen der Kaiser.</p>
-
-<p>Der Gewaltige hielt ein großes Fernrohr vor die
-Augen und blickte aufmerksam auf das Schlachtfeld.
-Nach einer kurzen Weile nahm er das Glas herunter
-und beugte sich über einige Karten, die auf einem am
-Boden liegenden Baumstamm ausgebreitet waren. In
-diesem Augenblick ritt ein Regiment Grenadiere zu Pferde<span class="pagenum" id="Seite_340">[340]</span>
-in leichtem Trabe vorüber. Ein hundertstimmiges Vivat
-brauste durch die Luft; der Kaiser rührte sich nicht.
-Da erhoben sich die Stimmen noch lauter, und die
-Soldaten riefen: Nun werden wir den Petersburger
-Damen wieder eine Gelegenheit zum weinen geben.
-Der Kaiser blieb unbeweglich. Er richtete sich nicht für
-einen Augenblick auf, sondern blieb über die Karten
-gebeugt, und es schien, als wenn er den tosenden Beifall,
-der den betäubenden Lärm der Schlacht fast übertönte,
-garnicht vernehme.</p>
-
-<p>In gleichmäßigem Takte, die Zunge im Bann,
-schritten wir vorüber. Denn die Kaiserliche Garde
-pflegt ihre Pflicht stumm zu tun!</p>
-
-<p>Schnell nährten wir uns dem brennenden Dorfe.
-Ohne einen Schuß abzugeben, marschierten wir vorwärts,
-in den infernalischen Hagel von Blei hinein. Das
-Etagenfeuer, womit wir empfangen wurden, wütete
-fürchterlich in unsern Reihen und riß gewaltige Lücken
-in die dichten Sturmkolonnen. Aber unsern Mut konnten
-die Verluste nicht erschüttern. Die Reihen schlossen sich
-fester zusammen, und die Plätze der Gefallenen wurden
-im Augenblick ausgefüllt. Plötzlich schien es, als wenn
-die Verteidiger Verstärkung erhielten, denn das Feuer
-nahm an Heftigkeit zu. Man konnte nicht mehr das
-Knattern der einzelnen Schüsse unterscheiden. Grollendem
-Donner gleich hallte es herüber, und das Pfeifen
-und Zischen der Kugeln wuchs zur sinneraubenden Musik
-an: wir bissen die Zähne zusammen und marschierten
-weiter. Da schlugen plötzlich von halblinks her Kartätschen
-in uns ein und rissen ganze Reihen nieder: &ndash;
-wir senkten den Blick zu Boden und marschierten weiter.
-Eins nur war jetzt die Losung: Vorwärts! Jedes<span class="pagenum" id="Seite_341">[341]</span>
-Halten oder gar Zurückweichen war gleichbedeutend mit
-Vernichtung.</p>
-
-<p>An den weißen Uniformen hinter den Mauern erkannten
-wir, daß es Österreicher waren. Nun, wir
-nahmen uns vor, mit ihnen fürchterlich abzurechnen!</p>
-
-<p>Noch immer bewegten wir uns beim Schlage der
-Trommeln im Schritt vorwärts, die Adler voran, wie
-eine granitne Mauer, ein Wald von Bajonetten. Da
-ertönten plötzlich die Hornsignale. Wir durcheilten die
-kurze Entfernung bis zum Dorfe laufend und warfen
-uns auf die feindlichen Schützen, die im letzten Augenblick
-das Schießen eingestellt hatten und uns mit erhobenen
-Gewehren erwarteten. Mit lautem Schlachtruf
-stießen wir aufeinander; hüben wie drüben herrschte
-fürchterliche Erbitterung.</p>
-
-<p>Die braven Weißjacken mußten natürlich schon in
-der Entfernung die Uniform der Alten Garde erkannt
-haben und hatten sich daraufhin auf einen verzweifelten
-Kampf gefaßt gemacht. So standen sie denn auch wie
-eine Felswand und wehrten sich wie Rasende. Aber
-<em class="gesperrt">diesem</em> Ansturm war ihre Kraft nicht gewachsen!«</p>
-
-<p>Der alte Gardist räusperte sich und hielt einen
-Augenblick inne. Dann fuhr er mit großem Nachdruck fort:</p>
-
-<p>»Junger Kamerad! Ich habe in achtundzwanzig
-Schlachten gestanden und weiß, mit welcher Erbitterung
-zuweilen gestritten wird. Noch niemals, außer vielleicht
-bei Eylau gegen die Preußen, habe ich es aber wieder
-erlebt, daß mit solcher Wut gefochten wurde, wie wir und die
-österreichischen Regimenter bei Austerlitz kämpften. Kolben
-und Bajonett wüteten furchtbar in ihren Reihen, und
-die weißen Koller färbten sich in kurzer Zeit blutigrot.
-Sie schienen in den Erdboden gewurzelt, und es genügte<span class="pagenum" id="Seite_342">[342]</span>
-nicht, ihnen den Tod zu geben; jeder Erschlagene mußte
-noch umgeworfen werden, und der Gesichtsausdruck der
-Toten war ein grimmes Bedauern, daß sie nicht wieder
-aufstehen und weiterkämpfen konnten.</p>
-
-<p>Unterdessen hatte die Schlacht weitergetobt und auf
-der ganzen Linie hatten unsere Regimenter den Angriff
-erfolgreich vorwärts getragen. Das alle Kriegskundigen
-überstrahlende Genie des Kaisers feierte an diesem Tage
-einen seiner glänzendsten Triumphe! Er wußte, daß
-er sich auf sich selbst und auf seine Truppen verlassen
-konnte. Deshalb hatte er den rechten Flügel der Aufstellung
-nur schwach besetzt. Die Verbündeten trauten
-einem Napoleon wirklich den Fehler zu, daß er seine
-Rückzugslinie nicht genügend decken würde. So liefen
-die Russen wie Mäuse in die Falle und schickten große
-Massen auf diesen sumpfigen Teil des Schlachtfeldes,
-bis ihre Regimenter zwischen zwei große Seen und dem
-wasserreichen Goldbach eingekeilt waren.</p>
-
-<p>In diesem Augenblick wurden sie von den Truppen
-des Herzogs von Auerstädt angegriffen. Kaum hatte der
-Kaiser die durch den Marschall Davout gefährdete Lage der
-Russen und Österreicher erkannt, als er die ganze Garde
-und die Regimenter des Marschalls Soult von der Hochfläche
-herab in den Rücken des Feindes warf. Von der
-furchtbaren Blutarbeit, die zu dieser Minute begann, habe
-ich Dir, junger Kamerad, soeben erzählt. Die feindlichen
-Truppen entzogen sich zuletzt dem Gemetzel und ergriffen die
-Flucht. Ein Teil von ihnen geriet in die Sümpfe, der
-andere gedachte auf der Fläche zwischen den beiden Seen
-zu entkommen. Hier brachen aber unsere Reiterregimenter
-in ihre Flanke und hieben schonungslos auf die Fliehenden
-ein.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_343">[343]</span></p>
-
-<p>Wir hatten unterdessen unsere Arbeit getan. Ausruhend
-standen wir nun auf einem Hügel seitwärts
-des in rauchenden Trümmern liegenden Dorfes und
-wischten mit den Fingern das tropfende Blut von den
-Bajonetten. Da sahen wir, wie einige Tausend Russen
-über den großen, zugefrorenen See flüchteten. Gerade
-als sie die Mitte erreicht hatten, ließ der Kaiser durch
-die Gardeartillerie das Eis einschießen. Unter gewaltigem
-Krachen barst die Eisdecke des Sees, und mit gellenden
-Hilferufen versanken Tausende von Flüchtigen mit Pferden,
-Wagen und Geschützen langsam in der eisigen Flut.</p>
-
-<p>Die darauffolgende Nacht wurde bei grimmiger
-Kälte im Freien zugebracht.</p>
-
-<p>Am andern Tage stand die Alte Garde schon frühzeitig
-auf den Biwakplätzen bereit, den Kaiser zu erwarten,
-&ndash; die Adler vor den Bataillonen. Eine Stunde verstrich
-in fieberhafter Ungeduld, denn wir ahnten, daß
-sich heute für uns Bedeutendes ereignen würde. Keine
-Blutarbeit wie gestern, aber doch würde es ein großer
-Tag sein. Endlich sahen wir von der Ferne her den
-bekannten großen Reiterschwarm langsam auf uns zu
-reiten. Der Marschall gab das Zeichen zum Präsentieren,
-und einige Sekunden später nährte sich der Kaiser, von
-nur wenigen Generalen begleitet, im Galopp unserm
-Bataillon, während der große Haufen in respektvoller
-Entfernung zurückblieb.</p>
-
-<p>Als der Kaiser vor unserer Mitte angekommen
-war, hielt er das Pferd an und ließ die Augen eine
-Weile stumm auf uns ruhen. In diesem Schweigen
-standen die alten, schlachtenerprobten Soldaten vor ihrem
-Kaiser. Kein Laut wurde vernommen, aber Tausende
-von Herzen schlugen hörbar in der Brust, und Männer,<span class="pagenum" id="Seite_344">[344]</span>
-von denen die meisten in ebensoviel mörderischen
-Schlachten, wie Du Milchbart Jahre zählst, dem Tod
-gleichgültig ins Gesicht gesehen hatten, zitterten in diesem
-Augenblicke wie Knaben.</p>
-
-<p>Da erhob sich der Kaiser, der uns zu dieser Stunde
-wie ein Gott erschien, in den Bügeln und begann mit
-weithin schallender Stimme zu sprechen. Er nannte uns
-die Männer der Pyramiden, Granitkolonnen von Marengo,
-er erinnerte sich unserer Tapferkeit bei Hohenlinden und
-sprach sein blindes Vertrauen zu seiner Alten Garde
-aus, bis er seine zündende Ansprache mit den Worten
-schloß: Grenadiere der Alten Garde, ich bin zufrieden
-mit Euch!</p>
-
-<p>Darauf ritt er zu dem nächsten Adler, schlang den
-Arm um den Schaft und küßte den alten Sergeanten,
-der das Siegeszeichen trug, auf die Wange.</p>
-
-<p>Bei diesem Beginnen vergaßen die Truppen die
-eiserne Disziplin; die Größe des Augenblicks riß alle
-hin. Tränen entstürzten den Augen der Männer, und
-der vieltausendstimmige Ruf zerriß das große Schweigen:
-Es lebe der Kaiser.</p>
-
-<p>Mit diesem Jubel können die Huldigungen, die
-treue Untertanen ihrem Fürsten, Soldaten anderer
-Nationen ihrem Führer darbringen, nicht verglichen
-werden; er entlud sich mit elementarer Kraft und einem
-Donnerton, gleich dem furchtbaren Ausbruch eines Vulkans.
-Jeder der Soldaten wußte, daß er diesem Manne ganz
-gehörte und daß er sich willig für ihn in Stücke hauen
-lassen würde. Denn dieser geheimnisvolle Seelenzwinger
-galt uns alles: Heimat, Familie, &ndash; Gott!</p>
-
-<p>Einen Augenblick noch sah der Kaiser mit Wohlgefallen
-auf die immer wieder in laute Rufe ausbrechenden<span class="pagenum" id="Seite_345">[345]</span>
-Bataillone. Dann wandte er langsam das
-Pferd und sprengte, von dem Donnerrollen der nicht
-endenwollenden Huldigungen begleitet, hinüber zu den
-Vierecken der jungen Garde.</p>
-
-<p>Siehst Du, mein junger Freund,« schloß der alte
-Gardist mit gehobener Stimme, »das ist der Kaiser!«</p>
-
-<p>Eine lange Weile verstrich, der Jüngling stand
-noch immer sprachlos. Das eben Gehörte hatte ihn so
-mächtig ergriffen, daß er die Herrschaft über seine Gefühle
-noch nicht wiedererlangt hatte. Endlich riß er
-sich von den vor seine Seele gezauberten Bildern mit
-einem gewaltigen Ruck los und rief erregt aus, während
-sein schlanker Körper bebte:</p>
-
-<p>»Pfui, wie ich ihn hasse, Euern Kaiser!«</p>
-
-<p>Mit einem lauten Zeichen des Unwillens und
-großen Erstaunens sah der Gardist offenen Mundes auf
-den Kameraden. Dann schüttelte er den Kopf und
-sprach mißbilligend:</p>
-
-<p>»Mäßige Dich, Knabe, Du sprichst im Fieber!«</p>
-
-<p>»Nein,« rief der Jüngling leidenschaftlich, »nein
-und abermals nein, ich rede nicht im Fieber, denn
-meine Gedanken sind klar wie die Eurigen. Aber ich
-wiederhole es, ich hasse Napoleon!«</p>
-
-<p>»Du bist noch ein halbes Kind,« versetzte der
-Gardist, »und hast das Schürzenband Deiner Mutter
-zu zeitig losgelassen. Ein anstürmendes Bataillon ist
-etwas Anderes als ein Schwarm augenklappernder Betschwestern,
-und der Krieg ist kein lustiger Zeitvertreib
-für großgewachsene Knaben, sondern ein ernstes Geschäft
-für Männer. Dem Feldherrn gebührt Ehre
-und Bewunderung! Schiltst Du Gott, daß er täglich
-Zwietracht unter die Menschen sät und sie erbittert<span class="pagenum" id="Seite_346">[346]</span>
-gegen einander wüten läßt? Das, was einem Geisel
-dünkt, empfindet der Andere als Wohltat. Der Kaiser
-kämpft für die Herrlichkeit, für die Größe und für den
-Ruhm Frankreichs!«</p>
-
-<p>»Ihr seid verblendet,« antwortete der Jüngling
-ruhiger aber mit edelm Feuer. »Was Ihr bei ihm für
-hohe Ziele haltet, ist nichts weiter als Blutdurst und
-maßloser Ehrgeiz. O, welch furchtbares Verbrechen ist
-doch der Krieg! Die härteste Geisel, die über der
-Menschheit geschwungen werden kann, viel entsetzlicher
-als verheerende Hungersnot und Pest. Alles was göttlich
-ist im Menschen wird erstickt, und die bösen
-Leidenschaften kommen allein zur Entfaltung. Das Land
-ist verwüstet, zertreten die Frucht der Felder, niedergebrannt
-die Wohnungen der Bürger und Landbewohner,
-und in die Brust der Menschen ist herzzerreißender
-Jammer eingezogen. Die obersten Gesetze der Gottheit
-werden mit Füßen getreten, und mit ihrer gütigen Langmut
-treibt man frevelndes Spiel. Und wie segensreich,
-wie herrlich ist doch der Frieden! Heiter schreitet der
-Bauer, der Städter zum gedeihlichen Tagewerk. In
-bunter Pracht liegen die Fluren, die Schätze des Ackerbodens,
-und die Früchte des Baumes reifen im goldenen
-Sonnenstrahl. Stillfrohlockend betrachtet der Landmann
-die sich herabneigenden, körnerreichen Ähren, die wohlgenährten,
-glänzenden Tiere. Unter fröhlichem Scherzen
-und Singen rollen die hochaufgetürmten, schwankenden
-Wagen langsam auf den heimischen Hof, und die
-Scheunen und Keller vermögen den Segen kaum zu
-bergen.</p>
-
-<p>Und wenn dann nach getanem Tagewerk im Glanze
-der rötlich untergehenden Sonne der Gatte, der Vater<span class="pagenum" id="Seite_347">[347]</span>
-um sich schaut, und die Blicke auf seinem fröhlichen,
-liebevollem Weib inmitten ihrer blühenden Kinder ruhen,
-da sieht er in ihren Augen ein wundersames Leuchten.
-Und während die Mutter in überquellender Liebe und
-Glückseligkeit die Kleinen an den Busen drückt, hebt in
-seinem Innern ein geheimnisvolles Jauchzen und Klingen
-an: &ndash; der Gotteslohn für ein Leben weiser Mäßigung
-und unverdrossener Arbeit im Schutze des Friedens!«</p>
-
-<p>Der alte Gardist hatte den warmen Worten des
-Jünglings mit Andacht gelauscht. Als dieser geendet,
-sah er zu Boden und sprach mit einem Anflug von
-Weichheit:</p>
-
-<p>»Du hast die empfindsamste Saite in meinem Herzen
-berührt, Knabe. Denn wisse, auch ich habe ein liebes
-Weib und zwei herzige Kinder zu Hause. Sie sind
-mein Stolz und meine Freude und sollen mir einstmals
-Licht und Trost sein, wenn der Schnee des Alters
-meine Schläfen bedeckt und ich ihnen von dem großen
-Kaiser und unsern Ruhmestaten getreulich berichten
-werde. Das Bild des Friedens aber, das Du mir in
-gleißenden Farbentönen gemalt hast, ist so berückend
-schön, daß ich die Augen schließen muß, um es nicht
-mehr zu sehen, &ndash;&nbsp;&ndash; es möchte mir die Freude am
-Kriege vergällen! Das eine aber sage mir, Du wunderlicher
-Tropf: wie kommst Du in die Gemeinschaft
-des rauhen Kriegsmannes, wenn der Krieg Dir ein
-Greuel ist?«</p>
-
-<p>Der Jüngling sah bei dieser Frage hinauf zum
-Nachthimmel, wo kleine dunkle Wolkenfetzen noch immer
-über den Mond hinwegjagten, und er seufzte tief auf.</p>
-
-<p>Mit einem Klange voll Schmerz vermischt mit
-Wehmut sprach er:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_348">[348]</span></p>
-
-<p>»Ja, darüber bin ich Euch nach meinen voraufgegangenen
-Worten Rechenschaft schuldig, und Ihr sollt
-sie mit wenigen Sätzen haben.</p>
-
-<p>Meine Heimat ist Baden. In einem tief eingeschnittenen
-Tale, dessen Hänge mit düsteren Tannen
-bewachsen sind, von der Kinzig durchbraust, weilt mein
-Liebstes auf Erden. Die Eltern sind mir frühzeitig
-gestorben. Dafür hat mir des Allmächtigen Güte ein
-anderes treues Herz geschenkt: ein seelenvolles Mädchen,
-das ich meine Braut nenne. Sie bewohnt zusammen
-mit ihrer Mutter ein kleines Häuschen, und die beiden
-Frauen ernähren sich rechtschaffen mit dem Flechten von
-Stroh. Erst im vorigen Jahre starb der Vater; er
-war Holzfäller und wurde von einem stürzenden Baume
-erschlagen. Unsern Herzen viel zu früh ist er dahingegangen,
-leider aber auch zu früh für die äußern
-Lebensbedingungen der Frauen, denn auf dem Häuschen
-lag noch eine Schuld von achtzig Talern, auf deren
-Rückzahlung der herzlose Gläubiger mit drohenden
-Worten drängte. Anstelle des friedlichen Gleichmaßes
-der Tage von früher, herrschte schwere Sorge in dem
-kleinen Hause, denn man sah voraus, daß der Unhold
-die Frauen aus ihrem lieben Besitz treiben würde. Die
-Mutter hätte das nicht überlebt! Ich selbst war arm
-und verdiente mit meiner Hände Arbeit nur das Notdürftigste.
-Helle Verzweiflung hatte sich meiner bemächtigt;
-da sandte Gott Hilfe.</p>
-
-<p>Der Lärm der Kriegstrommel hallte bis in unser
-stilles Tal. Dreihundert Franken zahlt der Franzosenkaiser
-jedem Freiwilligen, war in dem Aufruf zu lesen,
-der an der Tür des Gemeindehauses angeschlagen war.
-Im Nu war mein Plan gefaßt. So hoch war gerade<span class="pagenum" id="Seite_349">[349]</span>
-die Summe, die der böse Gläubiger erhalten mußte.
-Die beiden Frauen weinten heftig und beschworen mich,
-von diesem Gedanken abzustehen, aber ich blieb fest. Ich
-ließ mich anwerben, und das Häuschen gehörte ihnen.
-Heimlich bei Nacht und Nebel verließ ich das Dorf,
-um ihnen den Abschied nicht allzuschwer zu machen. Vor
-wenigen Tagen erhielt ich die ersten Zeilen der Geliebten
-woraus ihr gutes und treues Herz zu mir spricht.</p>
-
-<p>Seht, so bin ich hierher gekommen. Ich verabscheue
-den Krieg, aber ich durfte ihn nicht meiden.
-Gott wollte es so!«</p>
-
-<p>Während der letzten Worte des Jünglings hatte
-sich auf dem schmalen Wege, der zum Turm führte, den
-Schildwachen ein Mann genähert, der ganz plötzlich aus
-dem Dunkel der Nacht aufgetaucht war. Jetzt stand er
-vor ihnen.</p>
-
-<p>»Die Wagen sollen beladen werden. Wenn die
-Wolken den Mond etwas frei lassen, fahren wir ab.«</p>
-
-<p>»Wer seid Ihr,« fragte der Gardist, den Mann
-mit argwöhnischen Augen betrachtend.</p>
-
-<p>»Kennt Ihr mich denn nicht?« antwortete dieser,
-»ich bin ja einer der Fuhrleute. Dort der Kräutlein
-ist mein Vater.«</p>
-
-<p>»Der Kräutlein?« versetzte der Gardist erstaunt.
-»Ich kenne doch den Kräutlein schon länger als zehn
-Jahre, aber nie habe ich gehört, daß er einen Sohn
-besitze.«</p>
-
-<p>»Laurentius Kräutlein aus Niederstopfenheim im
-Bayrischen ist wahrhaftig mein Vater,« wiederholte der
-Sprecher. Und wie er sah, daß der Gardist ihn noch
-immer ungläubig betrachtete, fügte er mit angstgepreßter
-Stimme hinzu: »Das schwöre ich Euch, so wahr ich<span class="pagenum" id="Seite_350">[350]</span>
-selig werden will und bei dem Andenken an meine &ndash;
-unglückliche Mutter!«</p>
-
-<p>»Es ist gut,« sagte der Gardist, »tut was Euers
-Amtes ist.« Bei diesen Worten streifte er den Lederriemen
-ab, an dem der Schlüssel um seinen Hals hing
-und übergab ihn dem Fremden. Dieser ergriff hastig
-den schweren Schlüssel, drehte ihn im Schloß um, öffnete
-die Tür ein Stück und tat einen Schritt vorwärts.</p>
-
-<p>In diesem Augenblick senkte der Gardist das
-Bajonett und forderte die Parole.</p>
-
-<p>Keiner der beiden Soldaten ahnte, was für einen
-unbeschreiblichen Sturm diese Aufforderung in der Seele
-des Burschen blitzschnell entfesselt hatte. Er verstand
-nicht, was die Schildwache von ihm verlangte, seine
-Klugheit gebot ihm aber, nicht darnach zu fragen, denn
-mit solchem Wort mußte er sich sofort verraten. Als
-Spion würde man ihn packen und am nächsten Morgen
-vor der erstbesten Gartenmauer niederknallen, &ndash; das
-wußte er. Aber, wennschon, das war ja nicht das
-Schlimmste. Doch sein Plan, sein wunderschöner Plan,
-den er bisher so vortrefflich hatte ausführen können;
-sollte er in der letzten Sekunde, einen Schritt vom Ziel
-entfernt, noch scheitern? Das Blut staute in seinem
-Hirn, und sein Schädel drohte zu zerspringen.</p>
-
-<p>Da huschte eine Erinnerung an seiner Seele vorüber:
-als vorhin in der Dunkelheit Schritte ertönten, hatte
-da die Schildwache an der Straße nicht dasselbe gefragt?
-Parole? Ja, beim Himmel, so hatte es geklungen!
-Und was hatte der Unbekannte darauf geantwortet?
-Ein neuer, siedendheißer Strom schoß ihm
-zu Kopfe, und vor seinen Augen begann es zu flimmern.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_351">[351]</span></p>
-
-<p>Dieser ganze Vorgang hatte sich in dem Hirn des
-Burschen so blitzschnell abgespielt, daß die Schildwachen
-noch keine Veranlassung hatten, Verdacht zu schöpfen.
-Jetzt stieß der Zögernde die schwere Bohlentür heftig
-auf, sagte mit heiserer Stimme »Jena!« und stolperte,
-als das Gewehr des Gardisten den Eingang freigab,
-in die schwarze, gähnende Finsternis hinein.</p>
-
-<p>Der junge Soldat war durch das Erscheinen des
-Fremden aus seinen lieben Erinnerungen herausgerissen
-worden. Jetzt versenkte er sich von neuem darein.</p>
-
-<p>»Gebe Gott,« seufzte er, »daß der Krieg recht bald
-endige, mein Lieb daheim bekommt vor Angst und Gram
-blasse Wangen.«</p>
-
-<p>»Mein junger Freund,« versetzte der Gardist
-mahnend, »wie aber dann, wenn Ihr nicht wieder heimkommt?
-Im Kriege ist einem ein plötzlicher Tod ja
-weit näher als in Friedenszeiten.«</p>
-
-<p>Der Jüngling fuhr verstört auf und blickte den
-alten Soldaten mit angstvollen Augen an:</p>
-
-<p>»Geht,« stieß er hervor, »seid nicht so grausam.
-Ihr habt mir da einen schönen Schreck eingejagt. Nein,
-wie könnte ich denn sterben? Ich will ja noch Hochzeit
-feiern und glücklich sein. Ihr dürft nicht so garstig
-sprechen!«</p>
-
-<p>»Nun, nun,« beschwichtigte jener gutmütig, dem
-die Unruhe des Jünglings nicht entgangen war, »freilich
-sollt ihr noch lange leben. Ich will es doch auch, denn
-ich muß ja noch meinen Enkeln von den Taten des
-großen Kaisers künden.«</p>
-
-<p>Über den Köpfen der beiden Schildwachen hatte
-in diesem Augenblick ein gespenstisches Rauschen und
-Flattern begonnen. Allerlei Nachtgevögel war durch eine<span class="pagenum" id="Seite_352">[352]</span>
-unbekannte Ursache aufgeschreckt worden. Die Tiere
-hatten ihre Löcher im Mauerwerk verlassen und flogen
-mit hastigen Flügelschlägen am Turm auf und nieder.
-Nur ein Käuzchen saß noch in seinem Spalt und rief
-durchdringend zweimal rasch nacheinander: Kommit,
-Kommit!</p>
-
-<p>Der alte Gardist hob den Kopf, um nach dem
-Mahner zu sehen und sagte mit belegter Stimme:</p>
-
-<p>»Das ist der Totenvogel!«</p>
-
-<p>Da konnte der Jüngling aber seine Erregung nicht
-mehr meistern. Er griff hastig in die Tasche seines
-Uniformrocks und brachte ein zerknittertes Blatt Papier
-hervor. Mühsam las er dann im Mondenlicht mit
-lauter Stimme:</p>
-
-<p>»&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;ich flehe allabendlich die heilige Jungfrau
-für Dich an. Mein Gebet dringt bis zu den
-Stufen des Allerhöchsten. Er wird Dich beschützen.
-Glaube mir das, Geliebter meines Herzens&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;!«</p>
-
-<p>»Hört Ihr,« jubelte der Jüngling, »ich werde wohlbehalten
-zu ihr zurückkehren&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>In diesem Augenblick trat ein Ereignis ein, durch
-das die Menschen weit in der Runde erschreckt wurden:
-an der östlichen Seite des Schlosses sprühten Myriaden
-von Funken hochauf, und aus Nebel und undurchdringlichem
-Rauch stieg eine riesengroße Feuergarbe kerzengleich
-zum Himmel empor, begleitet von einem gräßlichen
-Donnerschlage. Der Boden erzitterte wie bei einem
-Erdbeben, und Steine und Erdschollen wurden mit
-solcher Kraft in die Höhe geworfen, als wenn der weite
-Himmelsbogen gesprengt werden solle. Unter gewaltigem
-Getöse fielen die aufgewirbelten Steinmassen wieder zu
-Boden. Dann war es totenstill wie zuvor. Nur ein<span class="pagenum" id="Seite_353">[353]</span>
-Regen von Staub und Asche rieselte langsam auf die
-Erde herab, und die Luft erfüllte starker Schwefelgeruch.</p>
-
-<p>Unten aber, am Fuße der Bodensenkung, wo die
-Schar der Fuhrleute schlief, wurde es lebendig. Laute
-Rufe erschollen. Sie rissen die brennenden Scheite aus
-dem Feuer, eilten die Anhöhe hinan und beleuchteten
-den Platz. Aber sie fanden sich nicht zurecht, es war
-alles ganz anders als vor ihrem Schlafe. Der dicke,
-steinerne Turm, der ihr Pulver barg, war verschwunden,
-der Fuhrmann, der hier oben die Wache gehalten hatte,
-das Feuer, die Wagen, die beiden Schildwachen, &ndash;&nbsp;&ndash;
-alles war verschwunden. Die hohen Bäume, die in der
-Nähe gestanden hatten, waren dicht über dem Erdboden
-abgeknickt und weit fortgeführt. Nur hier und da lag
-ein weißer Sandsteinquader aus dem Gefüge des Turmes.
-Sonst war nichts zu sehen.</p>
-
-<p>Es war, als wenn ein Gigant aufgestanden wäre,
-der mit einem eisernen Besen alles hinweggefegt hätte.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap23">23. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Der Sonntagmorgen brach an. Schon zu früher
-Stunde eilten die Dorfbewohner ins Freie und betrachteten
-mit Neugierde und Grausen das Bild der
-Verwüstung.</p>
-
-<p>Der letzte der beiden Schloßtürme war von seinem
-Platze verschwunden. Alle Steine, die ihn gebildet,
-lagen weit verstreut auf der Erde, und selbst die tiefen
-Grundmauern hatte die zerstörende Kraft des Pulvers<span class="pagenum" id="Seite_354">[354]</span>
-zerrissen. Der anstoßende Flügel des Schlosses war in
-sich zusammengestürzt, und die Mauern des weiter nach
-dem Mittelbau zu gelegenen Teils durchzogen vom Dach
-bis zum Boden herab breite Risse. Seit jener Nacht,
-in der der westliche Turm einstürzte und Oskar von
-Tiefenbach mit seinem Bruder Egbert das Schloß verlassen
-hatte, um den Freihof zu beziehen, war dieser
-Flügel des Schlosses allmählich zerfallen. Nun lag
-auch das letzte Wahrzeichen des alten Baues in
-Trümmern, und nur ein kleiner Teil war noch bewohnbar.</p>
-
-<p>Aber soweit bekannt, waren Leute aus dem Dorfe
-der verheerenden Explosion nicht zum Opfer gefallen, und
-in die ehrfürchtige Scheu vor der furchtbaren Gewalt
-der Elemente mischte sich innerliches Frohlocken. Was
-tat es, daß der steinerne Riese nicht mehr war! Allzulange
-hätte er der zerstörenden Zeit doch nicht mehr
-standhalten können, nachdem an vielen Stellen der Mauerfraß
-den Turm schon sehr geschwächt hatte. So war er
-denn von seinem Platze gewichen wie ein heldenmütiger
-Krieger, der in der Schlacht fällt. Die dritthalbhundert
-Zentner Pulver und Geschosse, die in seinem weiten
-Bauche aufgespeichert waren, hatten sich mit einem
-einzigen Schlage entzündet, anstatt in mörderischer Feldschlacht
-hundertfachen Tod in die Reihen der deutschen
-Kämpfer zu tragen. &ndash; Gottlob!</p>
-
-<p>Auf welche Weise die Entzündung erfolgt sein
-mochte, wußte niemand. Die französischen Schildwachen
-hatten mit einer dichten Postenkette rund um das
-Schloß scharf Wache gehalten, so daß es wohl keinem
-gelungen sein konnte, sich zwischen ihnen hindurchzuschleichen.
-Außerdem hatte vor der Tür des Turmes<span class="pagenum" id="Seite_355">[355]</span>
-ja noch ein Doppelposten gestanden, wodurch es unmöglich
-gewesen war, zu dem Pulver zu gelangen. Man
-glaubte deshalb an eine Selbstentzündung der Sprengstoffe
-aus unbekannten Gründen.</p>
-
-<p>Noch in der Nacht hatten sich die Fuhrleute auf
-die Pferde geschwungen und waren, von den französischen
-Soldaten begleitet, zum Dorf hinausgeritten, auf Leipzig
-zu. Vermutlich hatten sie geglaubt, der weithin vernehmbare
-Donnerschlag der Explosion könne feindliche
-Truppen herbeiziehen, die ja zufolge Nachrichten der
-Landleute in geringer Entfernung vom Dorfe stehen
-sollten.</p>
-
-<p>Lange konnten die Rehefelder aber nicht an der
-Trümmerstätte verweilen. Heute war ja der letzte Tag,
-an dem sich die kühnen Männer noch im Kreise ihrer
-Lieben befanden, morgen mit Tagesgrauen wollten sie
-das Dorf verlassen. Deshalb sollte heute Vormittag,
-nachdem die Tiefenbachs sich vor dem Altar Treue fürs
-Leben gelobt hatten, die Einsegnung der Davonziehenden
-stattfinden.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Max hatte mit beklommenem Mute sein Hochzeitsgewand
-angetan. Nur wenige Stunden sollte es ihm
-vergönnt sein, sein junges Weib an seiner Seite zu
-wissen, dann riß ihn das Schicksal von ihr fort, &ndash;
-hinein in den opfervollen Kampf. Würde er sie wiedersehen?
-War es recht von ihm, wenn er schon am
-Morgen nach dem Hochzeitstage sein Weib verließ?
-Hatte er richtig gehandelt, als er sich Konrad mit Leib
-und Seele verband, als er den Plan faßte, wider den
-alten Feind mit zu Felde zu ziehen? Gab es nicht<span class="pagenum" id="Seite_356">[356]</span>
-eine große Anzahl anderer Männer im Lande, die niemand
-zurückließen, dem ihr Scheiden großen Schmerz
-bereitete? Mußte es denn wirklich sein, daß er sein
-eben angetrautes Weib allein ließ, um für die Freiheit
-der deutschen Stämme zu streiten?</p>
-
-<p>Solche Anfechtungen überkamen den Mann zu dieser
-Stunde und bedrückten ihn schwer. Kein tröstender Gedanke,
-wie er sich auch nach ihn abmühte, wollte ihm
-als Retter in schwerer Not erstehen, und in seiner
-Niedergeschlagenheit mutete es ihn an wie ein Rätsel,
-wenn er daran dachte, daß ihn bisher diese Bedenken
-nicht heimgesucht hatten. Noch bis gestern war er bei
-dem Gedanken an den Ausmarsch freudig erregt gewesen,
-aber heute, an seinem Hochzeitstage, war es ihm
-doch wunderlich ums Herz.</p>
-
-<p>Da erinnerte er sich plötzlich der Worte der Geliebten,
-die sie in jener Stunde gesprochen, als er ihr
-seine Absicht, mit auszuziehen, kundgetan: ich hätte
-Dich nicht verstanden, wenn Du hier geblieben wärst!
-Jetzt wich die Verzagtheit von ihm, und sein bänglicher
-Mut richtete sich auf. Das freudige Gefühl, das ihn
-in den letzten Wochen nicht verlassen hatte, beseelte ihn
-aufs neue. Ein warmer Strahl brach aus seinem Auge,
-als er die Worte Marias leise vor sich hin sprach,
-und Stolz schwellte seine Brust bei dem Gedanken an
-sein hochherziges, tapferes Mädchen.</p>
-
-<p>Rasch und ungeduldig beendete er seinen Anzug und
-schlug mit hastigen Schritten den Weg nach dem
-Schlosse ein.</p>
-
-<p>Ihre Hochzeit sollte ohne laute Feier stattfinden,
-denn der Ernst des Tages ließ keine sprudelnde Fröhlichkeit
-aufkommen.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_357">[357]</span></p>
-
-<p>Als Max das Schloß betreten hatte, wurde er von
-Marias Tante empfangen, die ihn davon benachrichtigte,
-daß ihn die Braut schon erwarte. Schnell begab sich
-Max nach der Geliebten Zimmer. Schon streckte er die
-Hand aus, die Tür zu öffnen, da hörte er Maria
-drinnen mit ihrer herrlichen Altstimme dieselbe schwermütige
-Weise anstimmen, die die Mädchen im Dorfe
-in diesen Tagen so oft sangen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Eng im Glanz des Mondenschein</div>
- <div class="verse indent0">Hielt die Liebste er umschlungen,</div>
- <div class="verse indent0">Leis zu ihren Schelmerein</div>
- <div class="verse indent0">Hat Frau Nachtigall gesungen.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Stehe still, o Wonnezeit,</div>
- <div class="verse indent0">Holde Zeit der Lust und Freude!</div>
- <div class="verse indent0">Doch wie schnell weicht Seligkeit,</div>
- <div class="verse indent0">Kehrt sich Lust zu bitter’m Leide.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Starr im Glanz des Mondenschein</div>
- <div class="verse indent0">Ruht er auf dem Feld der Ehre,</div>
- <div class="verse indent0">Leis vom Aug’ des Mägdelein</div>
- <div class="verse indent0">Löst sich eine blut’ge Zähre.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Max überkam bei dem Klange dieses Liedes eine
-Anwandlung unendlicher Wehmut. Er glaubte aus den
-Tönen den Trennungsschmerz herauszuhören, den Maria
-fühlte. Leise öffnete er die Tür, &ndash; da stockte sein Fuß
-auf der Schwelle, denn das liebliche Bild, das sich ihm
-bot, hielt ihn im Bann.</p>
-
-<p>In dem geräumigen Erkerzimmer mit den schweren,
-eichenen Möbeln aus einer längst vergangenen Zeit,
-stand Maria an eine den Erker tragende, geschnitzte<span class="pagenum" id="Seite_358">[358]</span>
-Säule gelehnt, nahe beim Fenster im bräutlichen Schmuck.
-Sie trug ein schlichtes, weißes Wollenkleid, das sich
-weich anschmiegte und das herrliche Ebenmaß ihres
-jungfräulichen Körpers ahnen ließ. Von der rechten
-Schulter wand sich nach der Mitte der Brust eine
-frische Ranke von Myrthenblüten, und die glänzenden,
-braunen Zöpfe, die, wie Maria es liebte, rund
-auf dem Scheitel aufgesteckt waren, trugen eine zierlich
-geflochtene Myrthenkrone. Mit dem Arm hatte sie leicht
-die Säule umschlungen, während ihre Augen sinnend
-hinaus in die Weite gerichtet waren. Das feingeschnittene
-Profil und die edle Linie des Halses, den das
-Kleid freiließ, zeichneten sich von dem lichtvollen Hintergrunde
-rein ab. Ein goldener Morgenstrahl der Oktobersonne
-drang durch die Butzenscheiben im oberen Teile des
-breiten Fensters und küßte ihren braunen Scheitel.
-Von der Erscheinung der zu herrlichster Pracht sich erschließenden
-Mädchenblüte ging eine reine Harmonie
-aus, und das Gesicht der Jungfrau verkündete schmerzliche
-Innigkeit, die nach Seelenstärke begehrte.</p>
-
-<p>Max stand lautlos und hielt den Blick unverrückt
-auf Maria gerichtet, um die Erinnerung an dieses
-wunderbare Bild seinem Herzen tief einzuprägen.
-Mehrere Sekunden blieben seine Augen an der Erscheinung
-hängen, &ndash; da wandte Maria sich von ungefähr
-um und machte dabei eine leichte Bewegung des
-Erschreckens, als sie die männliche Gestalt auf der
-Schwelle gewahrte. Im nächsten Augenblick aber und
-noch bevor Max seine Erstarrung abschütteln konnte,
-flog Maria auf ihn zu und schlang leidenschaftlich die
-Arme um seinen Hals.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_359">[359]</span></p>
-
-<p>»Geliebter,« sagte sie mit fliegendem Atem, »ach,
-wie froh ich bin, daß Du endlich bei mir bist. Ich habe
-mich um Deinetwillen so sehr geängstigt!« Und das
-klopfende Herz, das Max an dem seinen fühlte, bestätigte
-ihm die Wahrheit ihrer Worte.</p>
-
-<p>Max trat in das Zimmer, küßte seine Braut zärtlich
-und sprach: »Hat der Schmerz des Abschieds mein
-Lieb schon sobald heimgesucht? Sei mein tapferes
-Mädchen wie immer und vertraue dem gütigen Geschick,
-daß es uns ein Wiedersehen feiern lassen wird.«</p>
-
-<p>»Wiedersehen? Ach! Wo werden wir uns wiedersehen?«
-sprach Maria leise und gedankenvoll, den Blick
-zu Boden geschlagen. »Aber Du irrst, Geliebter,« fuhr
-sie alsbald lebhafter fort, »der Schmerz der Trennung
-ist es nicht gewesen, der mir so viel Schrecken eingeflößt
-hat, sondern ein böser Traum, der mich am frühen
-Morgen heimsuchte.«</p>
-
-<p>Mit diesen Worten waren sie zum Erker geschritten
-und ließen sich nun, die Arme einander um die Schultern
-gelegt, auf der Ruhbank am Fenster nieder.</p>
-
-<p>»Gegen Mitternacht,« begann Maria, »vernahm
-ich plötzlich im Schlafe eine ungeheure Erschütterung,
-gleich dem Krachen eines Kanonenschusses, der in kurzer
-Entfernung von mir abgefeuert wurde. Die Fenster
-klirrten, und es war einen Augenblick, als ob die
-schwankenden Wände über mir zusammenstürzen wollten.
-Da trat nach einer bangen Viertelstunde die Tante ins
-Zimmer und erzählte, daß der Schloßturm, in dem das
-französische Pulver lagerte, in die Luft geflogen sei.
-Heute morgen habe ich versucht, den Ostflügel zu betreten.
-Aber man kann nicht weit darin vordringen,
-denn die Gänge sind verschüttet und die Mauern eingestürzt.<span class="pagenum" id="Seite_360">[360]</span>
-Viel Schaden ist damit nicht angerichtet;
-der Flügel war ja schon wegen seiner Baufälligkeit seit
-langem nicht mehr bewohnt und geräumt. Daß der
-alte, verwitterte Geselle ein solches Ende finden mußte!
-Gerade er, glaubte ich, würde am längsten trotzen.</p>
-
-<p>Lange mußte ich über den rasch fortschreitenden
-Verfall des Schlosses unserer Väter nachdenken, bis ich
-endlich wieder den Schlummer fand. Da fuhr ich mit
-einem Male von neuem auf. Diesmal aber war ein
-schrecklicher Traum die Ursache.«</p>
-
-<p>»Träume sind leichte Gesellen,« tröstete Max. »Unstät
-und ohne Skrupel um die Wahrheit dessen, was sie
-künden, führen sie ein wahrhaftes Zigeunerleben. Bald
-bei diesem, schnell wieder bei jenem, statten sie den
-Menschen ihre schattenhaften Besuche ab, wispern dem
-Unglücklichen berauschende Worte ins Ohr, die ihm
-märchenhaftes Glück prophezeien, oder gaukeln ihm die
-lieblichsten Bilder vor die Seele, während sie den, dem
-ein froheres Erdenlos zuteil ward, mit bösen Vorstellungen
-schrecken und seinem fröhlichen Sinn die Quelle
-abgraben. Erwacht dann jener vom Schlummer, so
-bemerkt er mißmutig, daß ein schöner Traum ihn geäfft,
-der sein Elend mit einem goldenen Mäntelchen umkleidet
-hatte, und schlägt dieser die Augen zum Morgenlicht auf,
-so beschleicht ihn blasse Furcht, und der Schwache überträgt
-die Schrecknisse seiner Phantasie nur allzuwillig
-auf das Leben des Alltags. Träume sind Seifenblasen,
-mein Lieb! Ihre Oberfläche ist schillernd und versprechend,
-im Innern aber sind sie hohl. Und will man sie schärfer
-ins Auge fassen, zerspringen sie, und nichts bleibt mehr
-übrig von ihnen als der winzige Tropfen, der herabfällt,
-und den der durstige Sand begierig aufsaugt.«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_361">[361]</span></p>
-
-<p>»Mein Bräutigam,« versetzte Maria mit leise
-wieder aufkommender Fassung. »Du Lieber, Guter, wie
-vortrefflich Du Dich doch aufs Trösten verstehst! Sieh,
-wenn Du bei mir bist, ist mir nie bange. Wenn Du
-aber fern von mir weilst, dann schleichen leicht trübe
-Ahnungen mir in die Seele, und meine Phantasie nimmt
-geschäftig die Fäden auf und spinnt sie ineinander.
-Und der bunte Teppich, den sie also gewoben, zeigt zuweilen
-gar kein freundliches Bild.«</p>
-
-<p>Maria hielt im Sprechen inne, und eine Glutwelle
-färbte ihr Gesicht purpurn, als sie mit stockender Stimme
-leise bat: »Max, &ndash; küsse mich!«</p>
-
-<p>Bewegt beugte sich Max nieder und drückte in
-ehrfurchtsvoller Scheu die Lippen auf Marias reine Stirn.</p>
-
-<p>Mit unendlicher Zärtlichkeit schlang das Mädchen
-seinen Arm um den Hals des geliebten Mannes und
-legte die Stirn an seine Wange.</p>
-
-<p>»Ach, Max,« fuhr sie fort, »der böse Traum hat
-mich aber auch allzusehr erschreckt. &ndash; Ich sah Dich in
-schwerer Gefahr. Du saßest in schwankendem Boot und
-strengtest alle Deine Kräfte aufs äußerste an, das Ufer
-des Sees zu erreichen. Aber der Sturm tobte mit
-unbeschreiblicher Heftigkeit, und die Wellen gingen so
-hoch, daß das tanzende Schifflein oft meinen Augen
-entschwand. Ich stand am Rande des Ufers und schrie
-in meiner Seelenangst laut auf und rang in Verzweiflung
-die Hände, denn ich sah, wie die Kraft der entfesselten
-Elemente Deiner übermenschlichen Anstrengungen spottete.
-Der Raum zwischen Dir und mir ward immer größer,
-und die Wellenberge, die mich von Dir schieden, türmten
-sich immer höher auf. Da machte ich im Schlafe eine
-heftige Bewegung und erwachte, in Schweiß gebadet.<span class="pagenum" id="Seite_362">[362]</span>
-Rosiges Morgenlicht erfüllte das Zimmer und rief mir
-zu, daß ich ja nur geträumt habe. Aber meine Sinne
-waren noch lange im Banne der nächtlichen Erscheinung.
-Und als ich dann die brennende Stirn mit frischem
-Wasser kühlte und dabei wie von selbst die Augen schloß,
-&ndash; gleich war er wieder da, der schlimme Spuk und
-erschreckte meine Seele aufs neue. Ach Max,« bat das
-Mädchen flehend, &ndash; »küsse mich wieder!«</p>
-
-<p>Max war von Marias qualvoller Angst gerührt.
-Mit überschäumender Herzlichkeit küßte er sie und preßte
-ihren Kopf zärtlich an seine Brust und sprach ihr begütigende
-Trostworte zu.</p>
-
-<p>»Du lieber Mann, Beherrscher meiner Seele, wie
-lieb ich Dich doch habe!« sagte Maria, sich eng an
-ihn schmiegend. »Aber nicht wahr,« fügte sie rasch
-hinzu, indem sie ihm mit Innigkeit und neu erwachter
-Stärke in die Augen sah, »wie es auch kommen mag,
-Geliebter meines Herzens, laß uns in unerschütterlichem
-Vertrauen auf Gott bauen!«</p>
-
-<p>»Ja, wir wollen unsere Zukunft in seine Hände
-legen,« antwortete Max und erhob sich. »Aber jetzt
-komm mein Lieb, reiße Dich heraus aus den ängstigenden
-Vorstellungen, die Deine Seele bedrücken. Laß uns miteinander
-fröhlich sein, den heute ist ja unser Hochzeitstag!
-Und nun gehen wir zur Kirche, auf daß der Himmel
-um seinen Segen für unsern Bund angefleht werde.«</p>
-
-<p>»Ach, Du tust recht daran, Geliebter,« antwortete
-Maria, »mir diesen schönen Gedanken in die Seele zurückzurufen.
-Ja, heute ist mein Hochzeitstag,« sagte sie
-leise wie im Selbstgespräch, während ihr Blick wieder
-durch das Fenster in das weite Land hinein schweifte
-und sich träumerisch verlor. Das Mädchen vergaß den<span class="pagenum" id="Seite_363">[363]</span>
-Ort und ihre Umgebung für einen Augenblick. Ihre
-Lippen lispelten leise Worte, und auf dem Gesicht spielte
-ein sonniges Leuchten. Da verschwand plötzlich der Zug
-des Glückes von ihrem Antlitz, und der verstörte Ausdruck
-geheimer Angst trat wieder an seine Stelle. Mit
-einem leidenschaftlichen Aufschrei warf Maria wie bei
-Maxens Eintreten die Arme um seinen Hals und flehte
-zitternd wie ein Kind und mit bebender Stimme:</p>
-
-<p>»Trübe Ahnungen beschleichen mir die Brust; Max,
-&ndash;&nbsp;&ndash; küß mich noch einmal!«</p>
-
-<p>Da kam dem starken Mann doch eine tiefere Rührung
-an, als sich in bewegten Augenblicken sonst bei ihm einzustellen
-pflegte. Mit zitternden Händen griff er nach dem
-Mädchen, drückte die heftige Schauernde an sich und
-bedeckte Stirn, Augen und Mund mit ungezählten
-Küssen.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Wenn in späteren Jahren die um die Zeit unserer
-Erzählung jungen Männer als Greise von der Einsegnung
-der dreizehn Freiwilligen erzählten, dann unterließen
-sie nie, hinzuzufügen: keiner aus dem Dorfe
-fehlte; der schwerkranke Sägemüller ließ sich von seinen
-zwei mitausmarschierenden Söhnen im Bett in die
-Kirche tragen, und drei Tage darauf starb er.</p>
-
-<p>Das Gotteshaus war mit Andächtigen dicht gefüllt.
-In allen Gängen, rund um den Altar und in
-den offenen Türen und Fenstern standen oder saßen sie.
-Die Mütter hielten die Kleinsten auf dem Arm, und
-alle verharrten in andächtigem Schweigen. Eine hohe
-Feststimmung hatte sich auf die einfachen Menschen
-herabgesenkt, von denen jeder einzelne stolz auf die<span class="pagenum" id="Seite_364">[364]</span>
-Männer schaute, die in einer Reihe dicht vor den
-Stufen des Altars Platz genommen hatten.</p>
-
-<p>Feierlich begann die Glocke auf dem Turm des
-Kirchleins zu läuten, und die Worte, die der metallne
-Mund rief, hielten bedeutungsvolle Zwiesprache mit der
-Stimme im Busen eines jeden der Andächtigen. Leise
-setzte zu einem feierlichen Präludium die Orgel ein, bis
-endlich die herrliche Melodie des Hauptliedes des
-heutigen Gottesdienstes durch die Kirche brauste. Ein
-paar gedrängte Augenblicke, und dann fielen die Stimmen
-ein. Alle Kümmernis, die diese Menschen bedrückte,
-und alle Bitten nach Tröstung und göttlicher Hilfe ergossen
-sich aus ihren Herzen in die Worte des Psalms:
-Alles was Odem hat, lobe den Herrn!</p>
-
-<p>Da erschien Pastor Reinerz am Altar. Er hatte
-eine schwere Krankheit hinter sich und übte heute zum
-ersten Male wieder sein Amt aus. Mühsam waren
-seine Schritte, mit denen er die Stufen hinaufging.
-Als er aber wieder an seinem lieben Platze stand, den
-er vor vierzig Jahren das erste Mal betreten hatte, als
-er die Melodie seines Lieblingschorales vernahm, und
-als er um sich schaute und die dichtgedrängte Menge
-gewahrte, da wurde ihm, ach, so warm ums Herz. Seine
-Augen blitzten vor Freude, und die bleichen Wangen und
-seine Stirn überzog eine feine Röte.</p>
-
-<p>Nachdem das Lied zu Ende gesungen war, traten
-Max und Maria zum Altar. Hochaufgerichtet stand
-hinter ihnen die Freihoferin und neben ihr Marias
-Tante. Als Trauzeugen dienten die Base Marias und
-Konrad Hartmann.</p>
-
-<p>Auf dem lieblichen Antlitz der Braut lagen Demut
-und Ergebung. Und als Pastor Reinerz von ihr zu<span class="pagenum" id="Seite_365">[365]</span>
-wissen verlangte, ob sie gewillt sei, ihren Vetter Max
-von Tiefenbach zu ehelichen und fürderhin Freud und
-Leid mit ihm zu teilen, da klang aus ihrem Munde
-ein freudiges Ja. Aller Augen hingen an der holden
-Erscheinung, und schon jetzt wurde mancher Blick feucht
-beim Anblick der Braut eines morgen ausziehenden
-Kriegers, und mancher Mund flüsterte: Du armes,
-armes Weib!</p>
-
-<p>Als die Trauungszeremonie beendet war, sprach
-Pastor Reinerz vom Altar aus die Predigt.</p>
-
-<p>Wenn einem aus der Gemeinde etwas das Herz
-bedrückte, dann wußte er, daß er in der Sonntagspredigt
-Trost und Erbauung erhalten würde. Pastor
-Reinerz war kein glänzender Kanzelredner. Seine
-Worte flossen ihm nicht von den Lippen, sondern rangen
-sich zuweilen mühsam von seinem Munde. Aber er
-sprach eindrucksvoll und öffnete mit seinen Worten den
-innersten Schrein der Menschen und übte eine tiefe
-Wirkung aus. Seine Art zu sprechen war überraschend
-einfach, und gerade deshalb klang die Predigt im Innern
-der Zuhörer noch lange nach. Heute hatte er einen Stoff,
-den er meisterhaft zu behandeln verstand.</p>
-
-<p>Er sprach von der schweren Prüfung, die dem Lande
-noch immer auferlegt sei, von dem gewaltigen Ringen
-der Völker um Freiheit und Heimaterde und führte die
-atemlos Lauschenden allmählich bis zu den Geschehnissen
-der jüngsten Tage. Ein Sturm der Begeisterung fege
-durch das Land, man erwache aus einem verhängnisvollen
-Schlummer, und überall schicke man sich in letzter
-Stunde an, das Versäumte gutzumachen. Auch hier in
-der Gemeinde seien mutige Männer aufgestanden, die in
-diesen großen Tagen nicht müßig bleiben wollten.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_366">[366]</span></p>
-
-<p>Bei diesen Worten lief eine leise Bewegung durch
-die dichtgedrängten Zuhörer, den man fühlte, daß jetzt
-der Höhepunkt der Feier nahe.</p>
-
-<p>Mit einem kurzen Gebet, in dem er die Geschicke
-des Landes und des sächsischen Volkes der Gnade des
-Allbarmherzigen empfahl, schloß Pastor Reinerz seine
-Predigt.</p>
-
-<p>Dann erhoben sich die Dreizehn, traten enganeinandergeschart
-zum Altar und knieten auf den Stufen
-nieder, um den Segen zu empfangen.</p>
-
-<p>Ein heißer Strahl ergoß sich in die Brust eines
-jeden der Versammelten, und man drängte sich und hob
-die Köpfe, um die Knieenden nicht aus den Augen zu
-verlieren. Es war ein erhebender Augenblick!</p>
-
-<p>Mancher verbarg seine Rührung, in Vieler Augen
-aber glänzten Tränen. Sie gingen ja, um für das
-Vaterland zu streiten, das war das Tröstende, aber &ndash;
-sie gingen! Keiner verspürte das Verlangen, sie zurückzuhalten,
-aber weinen mußte man sie lassen. War doch
-manche alte Mutter, manches junge Weib, manches
-zarte Kind unter den Versammelten, die verlassen wurden!</p>
-
-<p>Markig, doch aus tiefer Bewegung heraus, klangen
-die Worte des Geistlichen, und das Ergriffensein ihres
-verehrten Pfarrers teilte sich der Gemeinde mit; die
-Weiber schluchzten und die Kinder weinten. Die Erschütterung
-wuchs, und reichliche Tränen flossen, als er
-die Männer segnete. Wie darauf Pastor Reinerz aber
-davon sprach, daß die vaterlosen Kindlein Gott am
-nächsten stünden, da brach plötzlich die bebende Stimme
-des Greises, und der Jammer übermannte die Versammelten,
-und das Schluchzen wurde so stark, daß der
-Geistliche wohl minutenlang nicht weitersprechen konnte.<span class="pagenum" id="Seite_367">[367]</span>
-Zugleich mit dem Schmerz erfüllten aber heiliger Zorn
-und Empörung gegen die Bedrücker Aller Brust, und
-aus den Seelen der Hartgeprüften rang sich zum Himmel
-empor der flehentliche Schrei: »<em class="gesperrt">Herr, mach’ uns frei!</em>«</p>
-
-<p>Dann erklang die Orgel von neuem, und die Gemeinde
-stimmte mit Inbrunst das Lied an: »Befiehl
-Du Deine Wege, und was dein Herz nur kränkt, der
-der allertreusten Pflege des, der den Weltkreis lenkt&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Hierauf leerte sich langsam das Gotteshaus.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap24">24. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Die Männer hatten sich zu einer letzten Besprechung
-nach dem Gottesdienst in die Schenke verabredet, da der
-übrige Teil des Tages den Angehörigen gewidmet
-sein sollte.</p>
-
-<p>Max hatte die Seinen nach dem Freihofe zurückbegleitet
-und fand, als er nach kurzer Zeit in die Wirtsstube
-trat, alle schon versammelt. Das halbe Dorf war
-auf den Beinen und umlagerte den Gasthof, und die Neugierigsten
-unter der Jugend umdrängten die Fenster und
-versuchten zu erfahren, was drinnen beschlossen wurde.
-Auch lief das Gerücht herum, daß eine französische Patrouille
-von fünf Reitern außerhalb des Dorfes gesehen worden sei
-und den Schauplatz der Verwüstung besichtigt hätte. Sodann
-seien die Reiter beim Schwedenloch abgesessen und hätten
-dort auch ihre Pferde gefüttert. Die Zaghaften unter<span class="pagenum" id="Seite_368">[368]</span>
-den Einwohnern aber sagten, Pferde in der Nähe des
-Schwedenloches wären keine gute Vorbedeutung, und
-die den Lebenden von Mund zu Mund überlieferte Erzählung
-des Ursprungs dieser Stätte wurde wieder
-aufgewärmt.</p>
-
-<p>Mit dem Schwedenloch verhielt es sich nun
-folgendermaßen.</p>
-
-<p>Vor etwa zweihundert Jahren war, vom Erzgebirge
-her kommend, ein unbekannter Mann im Dorfe erschienen.
-Der Fremde behauptete, er sei ein großer
-Bergverständiger und habe schon manchem dadurch zu
-Reichtum verholfen, daß er auf seinem Besitz eine schwere
-Silberader entdeckte. Die Gegend um Rehefeld erscheine
-ihm versprechend, und er werde versuchen, hier nach
-Silber zu graben.</p>
-
-<p>Darüber lachten die Bauern, weil sie dachten, der
-Fremde sei ein Spaßmacher. Aber dieser verfügte über
-eine gute Zunge, und als er zu ihnen von dem Reichtum
-sprach, den selbst ein kleiner Silberbergbau abwerfe
-und mit lebendigen Worten die freudige Überraschung
-zu schildern verstand, die in andern Gegenden die hartnäckigsten
-Zweifler angesichts der reichen Ausbeute der
-von ihm gegrabenen Schächte nach kurzer Zeit überkommen
-sei, da wurden die Bauern nachdenklich. Das Lachen
-verschwand von ihren Gesichtern, und sie kraulten sich
-bedächtig hinter den Ohren, und einer fragte den andern,
-ob er sich mit ein paar Hundert Talern etwa beteiligen
-würde. Anfänglich schien niemand dazu geneigt. Als
-aber der Schätzesucher hoch und teuer beschwor, daß
-sich das Geld über Nacht zwanzig- und dreißigfach verzinsen
-könne, und er davon sprach, bei längerem Weigern
-das Kapital auf den umliegenden Dörfern aufzubringen,<span class="pagenum" id="Seite_369">[369]</span>
-da wurden die Rehefelder neidisch auf die von Gröbern
-und Zehmen, und in wenigen Tagen war die verlangte
-Summe beisammen.</p>
-
-<p>Nun fing der fremde Mann an zu bohren. Aber
-einige Ellen tief traf er auf Sandstein, und die Bauern
-empfanden so etwas wie Enttäuschung. Der Fremde
-aber meinte, dies sei recht und gut, denn er habe gerade
-unter so weichem Gestein schon die reichsten Silberadern
-gefunden; und er bohrte fröhlich weiter. Die Arbeit
-ging langsam von statten, und die Geldgeber wollten
-schon allmählich verzweifeln, da berührte der Bohrer wieder
-Sand, und die bereits gelästerten Prophezeihungen des
-Schatzgräbers gingen mit neuer Hoffnung und unter
-ehrfürchtigem Nicken von Mund zu Mund.</p>
-
-<p>Immer tiefer drang das Eisen des Bohrers hinab.
-Das Loch in der Sandsteinschicht wurde weitgemacht
-und rund ausgehauen, die Erde in dem neuen Schacht
-abgegraben und durch einen Göpel herausgebracht, und
-die Wände wurden verschalt und abgesteift. Mit der
-Miene gediegener Sachverständigen guckten die Bauern
-von oben in das immer tiefer werdende Loch hinunter
-und freuten sich, als sie eines Tages entdeckten, daß es
-drunten so finster geworden war, daß sie nicht mehr
-bis auf den Grund sehen konnten. Nun fing es doch
-endlich an, ein richtiges Bergwerk zu werden.</p>
-
-<p>Keinen andern Gesprächstoff kannte man mehr,
-als Bergbauwissenschaft, und man erörterte ernsthaft,
-ob nicht neben Silber auch Kohlen in der Nähe zu
-finden seien. Nur der alte Lederhannes, der die Leute
-im Dorfe versohlte, lachte und spottete über das Beginnen.
-Auf der Erde, meinte er, wäre dem Bauern
-vom Himmelsvater die Arbeit zugewiesen; um das, was<span class="pagenum" id="Seite_370">[370]</span>
-im Bauche der Erde verborgen sei, brauche er sich nicht
-zu kümmern. Aber die Rehefelder zuckten die Achseln
-und sagten, mit siebzig Jahren &ndash; so alt war der
-Spötter &ndash; werde der menschliche Geist mürbe und
-brüchig, wie dem Hannes seine Stiefelsohlen lebtags
-gewesen seien.</p>
-
-<p>Die Sandberge rund um den Schacht wuchsen
-mächtig an, denn seine Tiefe betrug nun schon an die
-hundert Ellen. Doch mit jeder Elle tieferen Hinabdringens
-wurden die Gesichter der Bauern länger, aber
-noch immer wollte sich kein Erz zeigen. Zudem fragte
-der Lederhannes höhnisch, was sie mit dem vielen Sand
-anfangen und ob sie ihn nicht probeweise von dem gelehrten
-Manne zu einem Düngemittel für die Saatfelder
-verarbeiten lassen wollten. Der Fremde hatte
-aber schon zweimal wieder von den Bauern Geld verlangt,
-das sie ihm mit Rücksicht auf die bereits hineingesteckten
-Tausende auch gegeben hatten.</p>
-
-<p>Einige Monate hatte der schöne Wahn vorgehalten,
-dann brach er, gleichzeitig mit dem Schachte,
-plötzlich in sich zusammen. Als eines Morgens die
-Arbeiter die Einsteigleitern betreten hatten, um sich zum
-gewohnten Tagewerke hinabzubegeben, da vernahmen sie
-in der Tiefe dumpfes Rauschen. Ein paar Beherzte
-stiegen hinunter und fanden, daß die Sohle des Schachtes
-tief hinabgesunken war und unter Wasser stand. An
-mehreren Stellen hatte sich die Verschalung gelöst und
-war hinuntergestürzt. Da gerieten die Bauern in helle
-Verzweiflung und fragten nach dem Anstifter des Unglücksunternehmens.
-Der aber war und blieb verschwunden.
-Wahrscheinlich hatte er den Schaden vorausgesehen und<span class="pagenum" id="Seite_371">[371]</span>
-sich in weiser Vorsicht rechtzeitig aus dem Staube gemacht.
-Nun erfuhren die Beteiligten zu dem Schaden
-noch reichlichen Spott, und sie zogen es vor, den Verlust
-und die Enttäuschung klaglos zu tragen.</p>
-
-<p>Den Schacht aber überließ man seinem Schicksale.
-Die Steigleitern wurden zwar gerettet, wie man aber auch
-die Verschalung losreißen wollte erwies sich dieses Vorhaben
-als sehr gefährlich für die Arbeiter, und man
-ließ davon ab. Dann deckte man das Loch zu und
-ging mit Eifer an die willkommene Ausbeutung des
-Steinbruches, bis sich endlich der Schacht oben trichterförmig
-erweitert hatte. Zuletzt wollte niemand mehr
-von den schwierig zu gewinnenden Steinen etwas wissen.
-Und als die Deckbretter verfault und hinabgestürzt waren,
-weigerte sich jeder, sie zu erneuern. Man umgab den
-oberen Rand des Steinbruches mit einer hölzernen Einfassung,
-um einen in der Dunkelheit von dem in der
-Nähe vorüberführenden Wege etwa Abkommenden vor
-dem Hinabstürzen zu bewahren. Von dem schwedischen
-Hauptmann aber, dessen wildgewordenes Roß im Verlaufe
-des dreißigjährigen Krieges mit seinem Reiter über
-die Barriere hinwegsprang und den niemand wiedersah,
-hatte der Schacht seinen Namen erhalten.</p>
-
-<p>Man ahnte, daß das Schwedenloch bodenlos sei,
-und jedermann vermied es, in seiner Nähe zu verweilen.
-Die jungen Mädchen aus dem Dorfe erzählten sich an
-den langen Winterabenden schauerliche Geschichten von
-dem Orte, und seit jener stürmischen Neujahrsnacht, in
-der ein von Zehmen zurückkehrender Knecht kreidebleich
-im Gasthof erschienen war und aussagte, am Steinbruche
-jage ein schwarzer Reiter auf feurigem Rosse<span class="pagenum" id="Seite_372">[372]</span>
-umher, wurde der Ort selbst von den Erwachsenen mit
-Scheu gemieden.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p>Als Max in der dichtgefüllten Wirtsstube erschien,
-verstummte das in trägem Flusse sich dahinwindende
-Gespräch sofort gänzlich, und alle sahen auf ihn und
-waren begierig darauf, die letzten Abmachungen zu
-hören. Die Ausmarschierenden hatten sich an einem
-langen Tische niedergelassen, in dessen Mitte und zwar
-so, daß sie das Zimmer übersahen, Max und Konrad
-saßen. Freundlich schien die Oktobersonne durch die
-Fenster und spielte auf den ernsten Gesichtern der
-Männer.</p>
-
-<p>Der Abmarsch sollte am nächsten Morgen frühzeitig
-und in aller Stille erfolgen. Wenn die Kirchturmuhr
-die fünfte Stunde verkündete, mußte jeder am
-Freihofe eingetroffen sein, von wo es dann ohne
-Aufenthalt weiterging. Niemand außer den fortziehenden
-Männern sollte die Dorfgasse betreten, denn man
-konnte nicht wissen, ob nicht französische Patrouillen in
-der Nähe herumspionierten, denen das Dorf infolge
-Auffliegens ihres großen Pulvervorrats vielleicht verdächtig
-erschien.</p>
-
-<p>Die Kunde, daß französische Reiter am Schwedenloch
-gesehen worden seien, bestärkte die Männer in ihrer
-Vorsicht, und als einige zurückbleibende Bauern sich erboten,
-einander ablösend während der Nacht die Dorfausgänge
-zu beobachten, wurde dieser Vorschlag allgemein
-gutgeheißen. Zuletzt erklärte der Rabensteiner,
-sogleich nach dieser Besprechung auf dem Wege nach<span class="pagenum" id="Seite_373">[373]</span>
-Gröbern soweit vorwärts reiten zu wollen, bis er auf
-die preußischen Vorposten stoße. Sollte er in dieser
-Gegend aber französische Uniformen sehen, so würde er
-versuchen, über Göhren seinen Zweck zu erreichen. Auf
-alle Fälle mußte man genau wissen, welche Richtung
-morgen früh einzuschlagen war. Überall schwärmten
-kleine französische Reiterhaufen herum, deshalb war
-große Vorsicht geboten. In der Nacht abzumarschieren,
-erschien ihnen nicht ratsam, da die Franzosen infolge
-der großen Nähe des Feindes sehr auf der Hut sein
-würden.</p>
-
-<p>Die letzten Anordnungen waren getroffen und die
-Männer nahe daran, aufzubrechen, als plötzlich die unmittelbar
-auf die Straße führende Tür des Gastzimmers
-aufgerissen wurde. Überrascht fuhren die Versammelten
-in die Höhe und blickten auf die offene Tür, in deren
-Rahmen sich noch immer nichts zeigte. Da erschien
-plötzlich auf der Schwelle eine wunderliche Gestalt, in
-der man nach genauem Hinschauen Mutter Lehnhardt
-erkannte.</p>
-
-<p>Sie trug ein seltsam aufgeputztes Kleid von Lilafarbe,
-das ehemals kostbar gewesen sein mußte. Heute aber
-war sein Glanz verblichen. In nichts ähnelte es der
-Form, in der die Frauen zur Zeit die Kleider trugen,
-und die über und über zerknitterte und an manchen
-Stellen zerschlissene Seide ließ erkennen, daß das Kleid
-vielleicht Jahrzehnte unbenutzt in einer Ecke des Schrankes
-gehangen hatte. Den Kopf der Greisin bedeckte ein
-gleichfalls zerknitterter Filzhut von uralter Form, mit
-verblaßten, bunten Bändern, von denen zwei an den
-Wangen herabliefen und unter dem Kinn zu einer Schleife
-verknüpft waren.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_374">[374]</span></p>
-
-<p>Keiner der Anwesenden konnte sich entsinnen, Mutter
-Lehnhardt jemals anders als in einem selbstgefertigten
-Rock von grobem Stoff und der üblichen Jacke
-einfacher Dorfleute gesehen zu haben. So gekleidet,
-erkannte man sie schon von fern. In dem Aufputze,
-in dem sie aber jetzt dicht vor ihnen stand, mußten sie
-scharf hinsehen, um die Alte zu erkennen.</p>
-
-<p>Anfangs drängte sich ein Lächeln auf manche Lippe,
-denn die Erscheinung forderte den Spott heraus. Das
-Kleid war ehedem sicherlich nicht für seine heutige Trägerin
-angefertigt worden, denn es war für diese einfache Frau
-viel zu kostbar. Man kannte die Vergangenheit der
-Greisin zu gut, um nicht richtig zu vermuten, daß das Kleid
-einstmals von einer Schloßherrin getragen wurde, und
-daß es später, als es nicht mehr mit der Zeit ging,
-verschenkt worden war. Der Schnitt erregte Kopfschütteln,
-und die Männer begriffen nicht, wie man an dieser
-Form einst hatte Gefallen finden können.</p>
-
-<p>Die Anwandlung von Heiterkeit aber währte nicht
-lange, dann verschwand das Lächeln von den Gesichtern
-vor dem ernsten, ja feierlichen Ausdruck, der auf den
-Zügen der Greisin lag. Eine Sekunde lang blieb die
-schmächtige Gestalt auf der Schwelle stehen und ließ die
-klaren Augen flink über die Versammlung gleiten. Es
-schien, als wenn sie sich an der Überraschung weide. Dann
-griff die Hand der Alten entschlossen in das Kleid, raffte
-es auf, daß es nicht den Fußboden streife, und so betrat
-sie mit ihren gewohnten Trippelschritten die Gaststube,
-bis sie an dem langen Tische der Ausmarschierenden
-stehen blieb.</p>
-
-<p>»Ei, sieh da, der Herr Max,« sprach sie, »und<span class="pagenum" id="Seite_375">[375]</span>
-alle die mutigen Burschen. Will’s Gott, so sitzt Ihr
-nach Jahresfrist wieder so wie heute beisammen.«</p>
-
-<p>Sie hielt mit eifrigem Kopfnicken inne, um alsbald
-lebhaft fortzufahren:</p>
-
-<p>»Doch dürft Ihr nicht denken, daß ich gekommen
-wäre, um Eure kostbare Zeit zu verschwatzen. Aber die
-Erzählung geht, daß drüben im Preußischen alle, selbst
-der Arme zu den Kosten des Krieges sein Scherflein
-beitrage. Und deshalb will auch ich der guten Sache
-mein Opfer bringen.«</p>
-
-<p>Die Greisin suchte die Tasche des Kleides und entnahm
-ihr ein kleines Papier, das die zitternden Finger
-mühsam entfalteten und legte den Inhalt dann dicht vor
-Max auf den Tisch. Es waren zwei goldene Ringe.</p>
-
-<p>»Das sind meine einzigen Schätze,« begann sie
-wieder, »nehmt sie mit, Herr Max, mir können sie
-nichts mehr nützen. Es ist der Ring meines Seligen,
-den man mir, nachdem er bei Kesselsdorf gefallen war,
-sandte und der meinige. Jenen habe ich nun mehr als
-siebzig Jahre gut verwahrt gehalten, und nur wenn die
-alten Erinnerungen allzustark heraufstiegen, habe ich ihn
-hervorgeholt und mit ihm geplaudert, als ob es mein
-guter Mann selbst wäre. Den meinen habe ich erst
-heute nach dem Gottesdienst vom Finger gezogen. Bevor
-ich beide Ringe in das Papier schlug, habe ich sie noch
-einmal geküßt, sie waren ja das Unterpfand einer jungen
-Liebe. Nehmt sie mit, ich bitt’ Euch darum!«</p>
-
-<p>Niemand sprach darauf ein Wort, keiner der Männer
-fand eine Erwiderung. Sie alle hielten die Blicke niedergeschlagen
-und betrachteten die Ringe. Der eine davon
-hatte, wie es schien, noch sein ursprüngliches Gewicht
-und war groß, wie eben ein Ring sein muß, der an<span class="pagenum" id="Seite_376">[376]</span>
-der Faust eines Bauernburschen sitzt. Der andere aber
-war dünn wie Blech, so hatte sich das Edelmetall an
-den Fingern der Greisin während der vielen Jahre
-abgewetzt.</p>
-
-<p>Da unterbrach Max das Schweigen:</p>
-
-<p>»Mutter Lehnhardt,« sagte er, »Ihr reißt einen
-kostbaren Schatz von Euerm Herzen, bedenkt es wohl,
-bevor Ihr Euch für immer davon trennt.«</p>
-
-<p>Die Greisin machte eine abwehrende Bewegung mit
-der Hand und erwiderte:</p>
-
-<p>»Das Gold möge sich in Stahl verwandeln, mit
-dem unsere Jugend sich und ihren Kindern ein freies
-Vaterland schaffe. Mein Seliger wird mir’s im Traume
-zuflüstern, daß ich richtig gehandelt habe. Er war ja
-selbst ein Feuerkopf.«</p>
-
-<p>»Nun denn,« antwortete Max, »zurückweisen darf
-ich Eure reiche Spende um der guten Sache willen nicht.
-Wir nehmen aus dem Dorfe manche Gabe mit uns;
-laßt es Euch aber versichert sein, Mutter Lehnhardt,
-daß wir die Eurige als die kostbarste schätzen.«</p>
-
-<p>Die Alte nickte freundlich, sah sich im Kreise der
-Männer noch einmal um und trippelte dann mit einem
-»Behüt’ Euch Gott« wieder der Tür zu.</p>
-
-<p>Friedrich, der zwanzigjährige, hochgewachsene und
-breitschultrige Sohn der Kirchengutbäuerin, der morgen
-früh mit ausmarschierte, saß der Tür am nächsten. Mit
-unbeholfener Eilfertigkeit sprang er hinzu und öffnete.
-Mutter Lehnhardt zögerte aber eine kleine Weile, als
-wenn ihr das Hinabsteigen der Stufen viel Mühe mache.
-Da bückte sich der große Junge, hob die Greisin wie
-eine Feder auf und ging mit ihr vorsichtig die Stufen
-hinab. Stirn an Stirn lagen die beiden Gesichter aneinander,<span class="pagenum" id="Seite_377">[377]</span>
-das welke des langsam absterbenden Menschen
-neben dem blühenden des kraftstrotzenden Jünglings.
-Und zärtlich, wie eine Mutter ihr noch hilfloses Kind,
-streichelte während des Hinabschreitens die runzlige Hand
-der Greisin seine vollen Wangen.</p>
-
-<p>Zu ebener Erde angelangt, setzte Friedrich seine leichte
-Last behutsam nieder, und weil er die Blicke der Männer
-von drinnen und der vor dem Gasthof Weilenden auf
-sich gerichtet fühlte, wurde er sehr verlegen, und eine dunkle
-Röte überzog ein hübsches Gesicht. Da stand nun der junge
-Riese mit dem glattgescheitelten Blondhaar und den zu
-kurzen Jackenärmeln des Sonntagsgewands, aus denen
-die starken Handgelenke und die derben Fäuste weit herausragten,
-nicht wissend, wohin er seine Augen richten sollte.</p>
-
-<p>»Wie sein seliger Großvater, als er noch ein junges
-Blut war,« sagte Mutter Lehnhardt, Friedrich mit versonnenem
-Lächeln betrachtend.</p>
-
-<p>Dann hob die Alte mit großer Sorgfalt das Kleid
-auf und lief mit kleinen und flinken Schritten über den
-Dorfplatz.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap25">25. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Die Männer hatten den Gasthof nunmehr verlassen,
-denn es drängte sie, heimzukehren. Deshalb geizten sie
-mit der Minute.</p>
-
-<p>Maxens Sehnsucht nach Maria war aufs höchste
-gestiegen. Bevor er aber nach Hause zurückkehrte, gab<span class="pagenum" id="Seite_378">[378]</span>
-er Konrad das Geleit bis zum Rabensteiner Hof. Zuletzt
-verabredeten sie noch eine kurze Besprechung auf
-dem Freihofe nach Konrads Rückkehr. Hierauf trennte
-sich Max unter guten Wünschen von dem Freunde und
-ging rasch den Weg zurück.</p>
-
-<p>Marias liebliche Erscheinung, wie er sie an diesem
-Morgen im Erker gesehen hatte, stand ihm lebendig vor
-der Seele, und der heiße Wunsch, sein junges Weib ans
-Herz zu drücken, beflügelte seine Schritte. Schon während
-des Aufenthalts im Gasthofe hatte ihn einmal eine geheime
-Unruhe bedrückt, und er wäre am liebsten aufgesprungen
-und nach Hause geeilt. Nun sollte er aber
-in wenigen Minuten bei ihr sein, ihre klangvolle Stimme
-vernehmen, ihren warmen Odem an seiner Wange fühlen
-und in ihre lieben, treuen Augen schauen.</p>
-
-<p>Verwundert blickte sich Max während seines beschleunigten
-Laufes um, denn das Oberdorf war wie
-ausgestorben. Da sah er den spitzen Giebel seiner großen
-Scheune auftauchen, und nach ein paar weitausgreifenden
-Schritten gelangte er an die Biegung der Dorfstraße,
-von wo aus er das Hoftor sehen konnte. Doch &ndash; was
-war das? Was bedeutete die große Menschenansammlung
-vor dem Freihofe? Ein Alp senkte sich auf seine
-Brust, daß er nur schwer zu atmen vermochte. Unwillkürlich
-seinen Lauf beschleunigend, flog er zuletzt die Straße
-hinab. Da kam er bei den ersten Herumstehenden vorüber
-und rief ihnen zu:</p>
-
-<p>»Was ist’s, warum seid Ihr alle hier versammelt?«</p>
-
-<p>Aber er nahm sich nicht die Zeit, ihre Antwort
-abzuwarten, so rastlos trugen ihn die Füße weiter. Die
-Gefragten schienen ob der überhobenen Antwort erleichtert,
-denn sie hatten scheu an ihm vorbeigesehen.<span class="pagenum" id="Seite_379">[379]</span>
-Je mehr der Freihofer sich aber seinem Besitze näherte,
-umso dichter standen die Menschen. Stumm wichen sie
-zurück und bildeten eine Gasse, durch die er bis zu dem
-geschlossenen Hoftor stürmte.</p>
-
-<p>Hier angekommen, versagten ihm die Füße wie gelähmt
-den Dienst, und er wandte sich zu der Menge.
-Eine verzehrende Angst machte ihn heimlich beben, aber
-er war zu stolz, sie erkennen zu lassen. Deshalb fuhr
-er die Nächststehenden mit Trotz in der Stimme an:</p>
-
-<p>»Warum haltet Ihr hier Maulaffen feil? Geht heim
-und lobt Eure Weiber für den Sonntagsschmaus, den
-sie Euch auftischen!«</p>
-
-<p>Die so unsanft Angeredeten erwiderten nichts, aber
-sie vermieden es, daß ihre Augen seinem Blick begegneten.
-Qualvoll verstrich eine Sekunde eisigen
-Schweigens, das angesichts der dichtgedrängten Menschen
-unnatürlich erschien und das die deutlich auf das Gesicht
-des Mannes am Hoftor geschriebene Angst bis zur Unerträglichkeit
-steigerte. Da faßte einen aus der Menge
-das Erbarmen mit dem Gefolterten und er rief
-ihm zu:</p>
-
-<p>»Freihofer, bereitet Euch auf Entsetzliches vor; es
-ist ein Unglück geschehen!«</p>
-
-<p>Diese wohlgemeinten Worte riefen eine unerwartete
-Wirkung hervor: aus der tödlichen Angst des Bemitleideten
-schlugen die Flammen blinder Wut, und er
-schrie:</p>
-
-<p>»Daß Du ersticken mögest an Deinem Unkenruf.
-Mit solchen Worten schreckt man Memmen. Ich sage
-Euch, es spukt nur in Euern Köpfen, sonst ist es
-nichts!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_380">[380]</span></p>
-
-<p>Eine neue Pause, angefüllt mit demselben entsetzlichen
-Schweigen von vorhin schien wieder einzutreten.
-Wer vermochte es, diesen Mann daran zu hindern, daß
-er, wie es ihm ein verzehrendes Angstgefühl gebot, sich
-gegen die Kenntnis eines furchtbaren Geschehnisses sträubte,
-obgleich er dessen Wahrheit ahnte.</p>
-
-<p>Da kam Bewegung in den Kreis. Zwei Arme
-teilten die Menge, und ein Mann trat aus ihr heraus und
-stellte sich dem jungen Bauern gegenüber, &ndash; es war
-Pastor Reinerz, angetan mit langschößigen Bauernrock.</p>
-
-<p>Max empfand in diesem Augenblick das Nähertreten
-dieses Mannes wie das eines Gegners. Die aller Fesseln
-befreiten, wild mit einander ringenden Leidenschaften rissen
-sich um die Herrschaft über ihn, und je nachdem, ob es der
-dem Wahnsinn zutreibenden Angst oder der schäumend
-machenden Wut gelang, zu siegen, konnte der Unglückliche
-sich auf den Greis stürzen, oder im nächsten Augenblick
-unter dem zermalmenden Drucke des Jammers zusammenbrechen.</p>
-
-<p>Doch alsbald sollte der Kampf im Innern des
-Freihofers entschieden sein; Pastor Reinerz begann zu
-sprechen, und bei seinen Worten glätteten sich die aufgepeitschten
-Wogen. Der Feuerstrom des Zorns, der
-seine Ufer schon überflutet hatte, schäumte jetzt wieder
-in sein Bett zurück und ließ die Angst, die unaussprechliche
-Angst anwachsen, daß der Freihofer wähnte, um
-Brust und Hals legten sich ihm Eisenklammern.</p>
-
-<p>»Der Gott, der Himmel und Erde erschaffen,« begann
-Pastor Reinerz, »bestimmt auch den Lauf der
-Menschengeschicke, und wir sollen nicht mit ihm hadern,
-wenn sein unerforschlicher Wille uns von der Höhe irdischen
-Glücks hinab in die Tiefen des Schmerzes und der Verzweiflung<span class="pagenum" id="Seite_381">[381]</span>
-stürzt. Denn der Mensch ist aus des Meisters
-Hand hervorgegangen, und sein winziger Geist begreift
-nicht den Geist seines Schöpfers. Wir stehen erschüttert
-vor diesem entsetzlichen Schlag, der uns alle getroffen
-hat. Aber es gebührt uns nicht, uns aufzulehnen;
-neigen wir in Demut das Haupt und vertrauen wir unverändert
-auf die Liebe des himmlischen Vaters. Was
-der ewige Gott, unbegreiflich für uns Menschen, diesmal
-zu sich berufen hat, ist ein blühendes, junges
-Leben&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Der Freihofer hatte bisher mit Aufbietung seiner
-ganzen Willenskraft eine ihn zu übermannen drohende
-Schwächeanwandlung bekämpft, bei diesen Worten aber
-brach seine Beherrschung jäh zusammen. Er grub die
-Zähne in die Unterlippe, daß das Blut erschien und
-taumelte gegen das Hoftor.</p>
-
-<p>»Meine Seele ist noch aufs tiefste erschüttert,« fuhr
-Pastor Reinerz fort, »denn gerade ich mußte Zeuge des
-Verbrechens sein, denn einem schändlichen Verbrechen,
-Freihofer, ist Euer Weib zum Opfer gefallen.«</p>
-
-<p>Max machte eine zuckende Bewegung, aber es
-war, als ob der Schlag, der gegen ihn geführt worden
-war, ihm die Kraft, zu verzweifeln, gelähmt habe.</p>
-
-<p>Da wandte sich Pastor Reinerz von dem bis ins
-innerste Mark Getroffenen ab und sprach zu der Menge:</p>
-
-<p>»Hört mich an, Leute, denn Ihr kennt den Hergang
-nur flüchtig. Die milden Strahlen der Sonne
-bewogen mich, nachdem ich von der Kirche heimgekehrt
-war, einen lang entbehrten Spaziergang in die freie
-Natur zu machen. Einsam ging ich über die herbstlichen
-Felder, derweilen Ihr im Gasthof versammelt wart und
-sog mit tiefen Zügen die erwärmte Luft ein. Kein Laut<span class="pagenum" id="Seite_382">[382]</span>
-störte die sonntägliche Stille. Da wurde ich plötzlich
-aus meinen Gedanken wachgerüttelt. In geraumer Entfernung
-von mir sah ich in dem hohen Grase etwas
-Weißes bald aufleuchten und bald wieder verschwinden.
-Ich strengte meine Augen an und erkannte in der weiblichen
-Gestalt Maria, die kaum vor einer Stunde von
-mir angetraute Gattin des Bauern vom Freihofe. Zeitweilig
-sich niederbückend, schlenderte sie umher, um die
-letzten Feldblumen zu einem Strauße zu sammeln. Schon
-wollte ich meine Schritte zu ihr hinlenken, da fiel mein
-Blick auf einen zweiten Menschen, &ndash; und das Blut
-stockte mir in den Adern! Vom Schwedenloche herabkommend,
-wo ein paar Reiter in der Nähe ihrer
-grasenden Pferde weilten, nahte sich ein hochgewachsener
-französischer Offizier, das junge Weib von hinten her
-beschleichend. Ich biete meine ganze Stimme auf und
-rufe: Maria! ohne daß sie meine Warnung hörte. Ein
-zweites, ein drittes Mal klingt mein Ruf, da hatte sie
-mich vernommen. Sich umschauend, fällt ihr Blick auf
-den Mann, der sich ihr bis auf wenige Schritte genähert
-hat. Sie erschrickt, wendet sich um und enteilt flüchtigen
-Fußes der schon drohenden Berührung des Elenden.
-Aber die Flucht nach dem Dorfe ist ihr verlegt.
-Wie ein gehetztes Wild fliegt sie nach der andern Seite,
-&ndash; da schneidet ihr der Verfolger, der sich im raschen
-Laufe seinem Opfer nähert, den Weg ab. In demselben
-Augenblick, in dem die Verzweifelte die Unmöglichkeit
-eines Entrinnens erkennt, stürzt sie nach dem nahen
-Schwedenloch, um durch einen Sprung von dessen Rand
-sich vor dem Schlimmsten zu bewahren, &ndash; da treten
-ihr die Soldaten entgegen. Und als die Gehetzte die
-Schnelligkeit ihres Laufs unwillkürlich etwas verringert,<span class="pagenum" id="Seite_383">[383]</span>
-um so vielleicht doch einen rettenden Ausweg zu erspähen,
-da packt sie die rohe Faust des Entmenschten
-am Handgelenk. Ein verzweifelter Aufschrei, &ndash; dann entschwanden
-die Ringenden, zu Boden fallend, meinen
-Augen, und nur das hohe Riedgras bewegte leise die
-Spitzen.</p>
-
-<p>Eine verspätete Lerche flog auf und trug in weiten
-Kreisen ihren Sang der Sonne entgegen.</p>
-
-<p>Mich alten Mann aber überfällt ein wahnsinniges
-Entsetzen und ich eile, so schnell mich die Füße tragen
-wollen, vorwärts. Doch bald zwingt mich einer der
-Soldaten stehen zu bleiben, und wie ich dennoch weiterdränge,
-wirft mich ein Kolbenstoß vor die Brust besinnungslos
-nieder.</p>
-
-<p>Als ich aus meiner kurzen Ohnmacht erwachte,
-sah ich Maria aufrecht stehen. Zu ihrer Seite befand
-sich der Franzose, dessen Bestialität noch einmal aufzublitzen
-schien, denn er legte die Arme um das Mädchen
-und versuchte, es zu küssen. In dem Augenblick aber,
-in dem sein Mund sich ihrem Gesichte näherte, grub sie die
-Zähne in den Hals des Lüsternen, daß dieser das Weib
-mit einem wilden Fluche freiließ und nach der blutenden
-Stelle tastete. Wohl tut einer der Elenden, die entfernt
-standen, einen Schritt nach dem ruhig dahinschreitenden
-Weibe, wie die Hyäne, die darnach lechzt, was der gesättigte
-Blutdurst des Tigers verschmäht. Aber ein königlicher
-Blick scheucht ihn zurück, und bald stand Maria am
-Rande des Steinbruchs. Ein paar Sekunden verharrte
-sie unbeweglich, das Haupt auf die ineinander gelegten
-Hände gebeugt. Dann wandte sie noch einmal den Blick
-und ließ das Auge über die Fluren schweifen, hinüber
-nach dem Dorfe. Ich sprang auf und winkte und rief.<span class="pagenum" id="Seite_384">[384]</span>
-Sie erkannte mich, nickte mir zu, nahm den Strauß aus
-den Falten des Busens, führte ihn noch einmal zum
-Munde und legte ihn nieder, und dann&nbsp;&ndash;,« hier schwieg
-der Greis.</p>
-
-<p>Die Männer hatten während seiner Erzählung wiederholt
-laute Verwünschungen ausgestoßen, und manche Faust
-hatte sich unwillkürlich geballt.</p>
-
-<p>Pastor Reinerz aber fuhr fort:</p>
-
-<p>»Die Soldaten gaben mir jetzt den Weg frei, und
-ich lief nach der Stelle, an der ich Maria zum letzten
-Male gesehen hatte. Als ich erschöpft dort ankam, bot
-sich meinem Blicke nichts weiter von ihr, als die Blumen.
-Ich beugte mich über den Abgrund, der gerade dort
-am steilsten abfällt und gewahrte, etwa dreißig Ellen
-unter mir, dort, wo der große Trichter in den Schacht
-ausläuft, an einem niedrigen, verkrüppelten Baumstamm
-einen menschlichen Körper hängen. Voll Freude und
-Schrecken zugleich, daß der schwache Stumpf der Last
-nachgeben könne, schaute ich mich nach einem Helfer um.
-Da bemerkte ich schon einen Mann, der wie von ungefähr
-über die Felder schritt. Ich schrie und machte
-verzweifelte Bewegungen. Im eiligen Laufe kam er
-heran, und während ich ihn mit fliegenden Worten
-unterrichtete, schaute er hinab. Bange Sekunden verstrichen;
-endlich rief er: Ich wags! Rasch streifte er
-die Schuhe von den Füßen und dann stieg der Verwegene
-hinunter.</p>
-
-<p>Ich wußte es, daß er den Zorn des Himmels
-herausforderte, denn es war ein Frevel, den Versuch zu
-unternehmen; ich erkannte das Unsinnige seiner Tat,
-denn der Einsatz galt nicht einem Menschenleben, sondern<span class="pagenum" id="Seite_385">[385]</span>
-es war das aussichtslose Spiel mit einem Leben um
-einen Leichnam, &ndash; und doch ließ ich es zu!</p>
-
-<p>Der Weg, den der Tollkühne zurückzulegen hatte,
-ist Euch vom Schauen her bekannt; es hat bisher noch
-keiner versucht, ihn zu betreten. Hände und Füße gebrauchend,
-klomm er langsam hinunter, jeden Vorsprung
-weise benutzend, und wo ein solcher nicht vorhanden
-war, das Fleisch der Finger und Zehen in die
-Ritzen der Steinwand pressend. Ein Ausgleiten weihte
-ihn rettungslos dem entsetzlichen Tode des Absturzes.
-Langausgestreckt am Rande liegend, schaute ich dem
-immer tiefer Gelangenden nach, während kalter Schweiß
-mir auf die Stirn trat und mein Herz in lauten
-Schlägen arbeitete. Mehr als einmal strauchelte er,
-mehr als einmal löste sich ein Stein von der Wand,
-den er sich als Halt erkoren hatte, unter seinen Füßen,
-so daß es unabwendbar schien, daß der Retter in die
-Tiefe stürze. Dann fiel mein Auge wieder auf den
-schwachen Stamm, der sich unter der Last soweit bog,
-daß er jeden Augenblick brechen konnte. Mir wollte
-das Herz stille stehn bei dem Gedanken, daß das
-Rettungswerk umsonst versucht worden sei.</p>
-
-<p>Endlich, nach Minuten furchtbarer Qual, langte
-der Mann am Ziele an. Vorsichtig näherte er sich der
-Stelle, schlang den linken Arm um den leblosen Körper
-und trat nun, nur die Rechte noch benutzend, mit
-seiner schweren Bürde den Aufstieg an. Ach, und wie
-viel schwieriger gestaltete sich dieser als der Abstieg!
-Durch Gestrüpp, das aus der Felswand drängt, und
-über Geröll bahnte er sich den Weg. Ich verlor fast
-die Sinne und mußte die Augen schließen, denn die
-Bilder meiner Phantasie waren gräßlich. Da erscheint<span class="pagenum" id="Seite_386">[386]</span>
-nach todesbangem Harren ein Kopf über dem Rande,
-das Haar wirr, und das Gesicht entstellt vor Anstrengung
-und Erregung. Ich fasse die Schultern,
-um ihn heraufzuziehen. Doch was frommte die schwache
-Kraft eines mit der Ohnmacht kämpfenden Greises!
-Schon schien es, als wenn Leben und Tod in gemeinsamer
-Umarmung im letzten Augenblick des Rettungswerks
-und schon fast in sicherer Hut, mit einander in
-die begehrliche Tiefe hinabstürzen müßten. Da machte
-der Keuchende eine letzte, verzweifelte Anstrengung, und
-es gelang unsern vereinten Bemühungen, daß er
-sich auf den Rand schob und damit in Sicherheit
-brachte.</p>
-
-<p>Eine geraume Zeit ruhten dann beide Körper so
-nebeneinander, daß man nicht angeben konnte, welcher
-von beiden noch Leben barg, und es hatte den Anschein,
-als ob der genasführte Tod seine ihm schon sicher erschienene
-Beute in schäumender Wut noch jetzt an sich
-reißen wolle. Bleich lag der Wackere auf dem Rasen;
-Gesicht, Hände und Füße hatten ihm das scharfe Gestein
-und das Dornengestrüpp blutig gerissen. Endlich
-kehrten seine Lebensgeister wieder zurück. Er wischte
-sich erschöpft Schweiß und Blut vom Gesicht und taumelte
-davon.«</p>
-
-<p>Hier machte der Sprecher eine lange Pause. Dann
-hob er wieder an:</p>
-
-<p>»Ja, Max von Tiefenbach, Dein Weib ist tot,
-aber unvergänglich ist die Schrift, womit ihr Andenken
-uns allen in das Herz eingegraben ist. Vereinen wir
-uns in christlicher Liebe, und rechten wir nicht mit der
-Unglücklichen wegen des Schrittes, den sie tat. Denn an
-der Schwelle des Todes machen die Vorwürfe Halt und<span class="pagenum" id="Seite_387">[387]</span>
-was die Verblichene darüber hinwegbegleitet, sind Wehmut
-und herzinniges Mitleid!«</p>
-
-<p>Max stand zusammengesunken mit dem Rücken an
-das Tor gelehnt, beide Hände gegen dieses gestützt.
-Sein Kopf war herabgefallen, und das Gesicht
-war fahl.</p>
-
-<p>Den Blick auf dem Boden ruhen lassend, keuchte
-er jetzt:</p>
-
-<p>»Ihr habt eins vergessen, Pastor, nennt den Namen
-jenes Mannes, den Ihr bisher verschwiegt.«</p>
-
-<p>»Den Namen dieses Edeln soll keiner erfahren!
-Seine Worte, bevor er ging, lauteten: wenn ich einen
-Lohn für meine Tat fordern darf, so bestehe er darin,
-daß man verschweige, wer dieses tote Weib seinem
-Gatten wiedergegeben hat! Ihr werdet deshalb begreifen,&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Den Namen will ich wissen!« schrie der Freihofer
-heiser und hob zugleich den Kopf und richtete
-seine Augen starr auf die des Pastors Reinerz.</p>
-
-<p>Ein paar Sekunden tauchten die Blicke beider
-Männer in einander. Mahnend, &ndash; drohend drang es
-aus den grauen Augen des Alten. Und Max trat
-blitzschnell die Erinnerung an einen Tag vor die Seele,
-an dem er diese Augen so wie in dieser Sekunde hatte
-leuchten sehen. Er wußte es, was kommen würde,
-aber eine furchtbare Grausamkeit gegen sich selbst zerfleischte
-sein Inneres, und es frohlockte in seinem
-Herzen, wenn er daran dachte, daß sein gewaltiger
-Schmerz sich noch vergrößern könne.</p>
-
-<p>»Ich will ihn wissen, den Namen!« schrie er noch
-einmal, »sprecht!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_388">[388]</span></p>
-
-<p>Da richtete sich Reinerz auf, und die Greisengestalt
-wuchs noch mehr bei seinen Worten:</p>
-
-<p>»Freihofer!« sprach er mit erhobener Stimme, »ja,
-Ihr habt das Recht darauf, zu wissen, wer Euer Weib
-umfangen hat, und wenn es auch nur im Tode geschehen
-ist. Der Mann also, der unbedenklich sein Leben
-daran setzte, Euch den Leichnam der geliebten Toten
-wiederzubringen, auf daß er da drunten in der Tiefe
-nicht eine Beute von allerlei Getier werde, sondern damit
-Ihr Euerm armen Weibe ein christlich Begräbnis
-könnt zuteil werden lassen, dieser Mann, Freihofbauer,
-war &ndash;&nbsp;&ndash; Hermann Lehnhardt!«</p>
-
-<p>»Der Lehnhardt?« schrien zehn Stimmen zugleich,
-»der mit seinem Arm&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>Da erhoben sich aber auch schon winkende Hände,
-um die Unvorsichtigen daran zu erinnern, daß es nicht
-angemessen sei, den Schmerz des gebrochenen Mannes
-noch zu vergrößern. Der aber stand wieder mit niedergesunkenem
-Haupte. In Reinerzens Augen lesend, was
-folgen mußte, hatte sein halsstarriger Widerstand wohl
-wild aufgebäumt, daß er dem Kommenden trotze; &ndash;
-und doch hatte er, als der Name fiel, tief den Nacken
-gebeugt, wie unter einem ungeheuern Faustschlage.</p>
-
-<p>»Auf,« rief einer aus der Menge, »ziehen wir
-zum Lehnhardt!« Zustimmend und mit lauten Worten
-der Anerkennung und Bewunderung zog der Haufe lärmend
-davon. Zuletzt war niemand mehr geblieben,
-denn was sollte man hier? Den Zusammengesunkenen
-trösten? Das versuchte keiner.</p>
-
-<p>Endlich richtete sich Max auf. Alle weichen Empfindungen
-flohen ihn in dieser Sekunde; das aber was<span class="pagenum" id="Seite_389">[389]</span>
-blieb, und zu Riesengröße anwuchs, war der alte,
-nackenzerbrechende Trotz der Tiefenbachs!</p>
-
-<p>Mit stampfenden Schritten ging er über den Hof
-und betrat das Haus.</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak" id="kap26">26. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>In die Mitte der großen Stube hatte man einen
-langen Tisch gestellt, und auf diesem ruhte Maria, den
-Kopf auf ein Kissen gebettet. Sie trug noch ihr Hochzeitskleid.
-Ihre Hände waren auf der Brust ineinandergelegt
-und hielten die gepflückten Blumen umschlossen.
-Zu ihren Füßen, mit dem Rücken nach der Tür gewendet,
-saß steif und unbeweglich die Freihoferin.</p>
-
-<p>In unnatürlicher Ruhe blieb Max eine kurze Weile
-an der Tür stehen und betrachtete die Tote. Langsam
-trat er endlich näher. Als die Mutter das Herankommen
-des Sohnes vernahm, erhob sie sich stumm und
-ohne sich nach ihm umzusehen, als habe sie nunmehr
-diesen Platz zu räumen. Dann setzte sie sich an den
-runden Tisch auf ihren gewohnten Platz und legte den
-Kopf mit dem weißen Haar auf die Arme.</p>
-
-<p>Max ließ sich auf den Stuhl niederfallen, beugte
-den Oberkörper, beide Ellbogen auf die Knie stützend,
-vornüber und in einem Traumzustand versinkend, behielt
-er die Augen unverwandt auf sein totes Weib gerichtet.</p>
-
-<p>Sein Inneres war wie versteinert. Das Unglück
-in seiner Riesengröße und zerschmetternden Wucht war<span class="pagenum" id="Seite_390">[390]</span>
-so urplötzlich über ihn hereingebrochen, daß das Entsetzen
-seine Seele umdüstert hatte. Ein Blitzstrahl war
-herabgefahren und hatte den starken Mann getroffen
-und seinen feinsten Lebensnerv bloßgelegt.</p>
-
-<p>Wie armselig ist doch in den Augenblicken des
-entsetzlichsten Wehs der Mensch! Ob König oder Bettler,
-zarte Jungfrau oder lästernder, brutaler Gewaltmensch,
-ob naives Gemüt oder weltenumspannender
-Geist, &ndash; gleichviel: eine Riesenfaust greift hinein in
-das Innere und schüttelt das Menschlein zum Erbarmen
-und wirft es zuletzt in den Staub!</p>
-
-<p>Mehrere Stunden hatte der unglückliche Mann
-regungslos gesessen, bis sich die Schatten der Nacht auf
-die Erde herabsenkten. Und mit ihrem Kommen wurde
-es in seiner Seele lichter. Die entschwundenen Sinne
-kehrten langsam wieder zurück, und die Fähigkeit, die
-Schwere des Unglücks zu ermessen, wurde wieder wach.
-Eine unsägliche Bitterkeit bemächtigte sich seiner.</p>
-
-<p>So schnell also und so schimpflich mußte eine reine
-Seele sterben? &ndash; Ein Ekel, Mensch zu sein, mußte
-jeden überkommen, der dieses Verhängnis und sein Opfer
-kannte. Der Schöpfer der Welten schafft die Menschen
-im Übermut, damit er sie in lüsterner Grausamkeit
-wieder zertrümmere. Seine wahnwitzigen, auf Zerstörung
-gerichteten Launen blitzen grell auf und vernichten,
-als wenn drunten in der Grube die schlagenden
-Wetter aufblitzen, und ihre elementare Kraft den nach
-desselben Gottes Gebot im Schweiße seines Angesichts
-sich mühenden Menschen wie einen Spielball gegen die
-Wände der Grube schleudern und ihn endlich als formlose
-Masse liegen lassen. Mit der Geburt in die mißliche
-Lage hineingestoßen, umlauert von tückischen<span class="pagenum" id="Seite_391">[391]</span>
-Mächten, preisgeben der Not, der Krankheit, dem Schmerze
-der Welt, der Verzweiflung, dem Tod, &ndash; das ist das
-Schicksal der Sterblichen! Der Erbarmungslose aber,
-dem seine Geschöpfe nichts weiter sind als ein Spielzeug,
-der ein Werk, aus seiner Hand hervorgegangen,
-nach einem andern schleudert, um sich an dem Zermalmen
-beider zu ergötzen, diese im Rausche schaffende
-und zerstörende Kraft, dieser blindwütige Despot nennt
-sich selbst der Menschheit Gott, ihr liebender Vater
-und Erbarmer! &ndash; Haha, &ndash; Wahnwitz ist sein Beginnen,
-niederste Grausamkeit seine Befriedigung.</p>
-
-<p>Blühende Gefilde, bereitet unter inbrünstigen Gebeten
-und mit frohen Hoffnungen, gedüngt mit sauerm
-Schweiß und gehegt mit Daransetzen der besten menschlichen
-Kräfte, zerstören jubelnd seine wilden Gewalten,
-während sie an den Verfall, an die Trümmer, die
-Verwesung, das Chaos nicht rühren. Dem Lasterhaftesten
-seiner Menschen, dem Bekümmerten und Elenden, dem
-Fluchwürdigen, dem, der dem Schöpfer nachäffend die
-Völker sich zerfleischen läßt, daß Tausende von Leben
-untergehen, &ndash; diesen allen, die den Tod täglich herbeisehnen,
-oder die sein Blitz spalten müßte, läßt er das
-Leben; &ndash; das Schöne aber wirft er in den Staub,
-das strotzende Leben vernichtet, die bauende Hoffnung
-enttäuscht er. Und die höchste seiner Gaben, die Reinheit,
-läßt er schamlos beflecken. Das ist der Gott der
-Menschen!</p>
-
-<p>Der Freihofer schüttelte leise den Kopf. Und das
-war sein Hochzeitstag, und das seine Brautnacht!
-Wahrlich, es war ein Meisterstück des auf neue Grausamkeiten
-sinnenden Schicksals, ein Streich, den alle
-Teufel ausgesonnen hatten. Man mußte sie loben, die<span class="pagenum" id="Seite_392">[392]</span>
-erfindungsreichen Höllenbewohner, wenn ihr Schelmenwitz
-nicht so witzlos, ihr Erfindungsgeist nicht so traurig
-wäre. All ihr dunkeln Gewalten, Verhängnis, Schicksal,
-Teufel &ndash; Gott, zuletzt ist euch der Mensch doch überlegen!
-Untergehend belächelt er eure Wut, und das
-gefaßte Sterben des schwachen und &ndash; gegenüber den
-Jahrmillionen eures unheilvollen Wirkens &ndash; ephemeren
-Geschöpfes müßte Euch die Schamröte in die Schläfen
-jagen. Aber hohen Sinn und Edelmut darf man nicht
-bei den Unsichtbaren suchen.</p>
-
-<p>Das also war seine Hochzeitsnacht! Nicht auf
-weichem Wonnepfühl, Leib an Leib streckten sie in seliger
-Umarmung die Glieder, &ndash; zusammengesunken und mit
-einer nie wieder heilenden Wunde im Herzen saß der
-Bräutigam neben dem harten Lager der schönen Braut.
-Zwischen ihnen aber kauerte der unerbittliche Knochenmann
-und betrachtete grinsend das hellrote, rauchende
-Blut, das von seiner Sense herabtropfte.</p>
-
-<p>Wie ein gefesselter Löwe gegen seine Ketten, tobte
-Max wider die stärkere Macht, die seinem Herzen diese
-Wunde geschlagen hatte, und anstatt Schrecken schüttelte
-seinen Körper der Zorn.</p>
-
-<p>An seinem Geiste zog langsam sein ganzes Leben
-vorüber, und von dem einförmigen Hintergrund seiner
-ohne Stürme verflossenen Lebensjahre hob sich in leuchtenden
-Farben die Zeit der Liebe zu Maria ab, seiner
-tiefen und starken Liebe, deren Wurzeln sich bis auf den
-Grund seines Herzens hinabrankten.</p>
-
-<p>So unsagbar elend mußte sie an ihrem Ehrentage
-zugrunde gehen! Wie hatte sich Maria auf die Hochzeit
-gefreut! Viel mehr noch, als sie es ausgesprochen
-hatte. Das hatte er oft aus den versonnenen Augen<span class="pagenum" id="Seite_393">[393]</span>
-gelesen, die der blanke Spiegel ihrer reinen, unschuldvollen
-Mädchenseele gewesen waren. Und nun! Welch
-schriller Mißklang, welch unreine Schlußakkorde, die aber
-vor der himmlischen Melodie, die ihre Seele droben empfing,
-wieder zu den Irdischen flüchten mußten. Den Makel,
-den jener Bube ihr zugefügt, hatte ihr guter Engel aber
-in dem Augenblick wieder von ihr genommen, als sie
-den Tod einem Leben vorzog, dessen Wert für immer
-verloren war.</p>
-
-<p>Doch was für Gedanken kamen ihm da! Nein,
-fort mit der Weichheit, denn nichts Mildes, keine Barmherzigkeit
-wohnen bei den Mächtigen im Reiche der Seelen.
-Und er bäumte sich im Trotz von neuem auf unter dem
-entsetzlichen Drucke.</p>
-
-<p>Man sagt, daß Gott die Menschen ihre Missetaten
-sühnen läßt, wenn das Maß gefüllt ist. Aber warum
-ließ er deshalb gerade sie zerschmettern? Sie, die
-Sündenreine, Edle, die den anspruchsvollsten Anforderungen
-des Schöpfers an seine Kreaturen glänzend gerecht
-wurde und die wert gewesen wäre, das Schoßkind der
-Gottheit zu sein? Das war keine Großtat! Laßt,
-Menschen, den wildesten Leidenschaften die Zügel schießen,
-züchtet die niedersten Begierden in der befruchtenden Treibhausluft
-Eurer ärgsten Sittenlosigkeit und spottet aller
-Sühne und Vergeltung! Dann wird Euch beim Sterben
-das befriedigende Bewußtsein werden, Eure Tage würdig
-benutzt zu haben, und die Posaunen des jüngsten Gerichts
-werden Euch nicht schrecken, sondern wie blecherne
-Kindertrompeten klingen, mit denen die Frucht Eurer
-Wollust einst spielte. Denn das Walten des Gottes ist
-blind! Er wütet gegen sein getreustes Abbild und läßt
-den Verächter seiner Gebote unangetastet die Straße ziehen!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_394">[394]</span></p>
-
-<p>Max krampfte die Hände ineinander: wenn es ihm
-doch vergönnt sein möchte, jenem Tier in Menschengestalt
-noch einmal zu begegnen, die Seligkeit tauschte er
-willig dagegen ein! Den gräßlichsten Tod würde er
-für ihn ersinnen! Und doch, welches beseligende Bewußtsein
-gewährt wieder der Trost, daß jeder Flecken
-von Marias Reinheit getilgt ist, seitdem ihr Geist seinen
-Aufflug zu den verklärenden Strahlen des ewigen Lichts
-angetreten hatte.</p>
-
-<p>Max fuhr bei diesen Betrachtungen zusammen.
-Warum gehorchten ihm seine Sinne nicht? Weshalb
-drängten sich dem Widerstrebenden Gedanken wie diese
-immer wieder auf? &ndash; Ach, es waren die treuen Gefährten
-seiner Kinderzeit!</p>
-
-<p>Als er noch ein Knabe war, war vor dem Schlafengehen
-sein Lieblingsplatz zu den Füßen der Mutter, die
-die schlummernde Elisabeth auf den Armen hielt, während
-er den Kopf an der Mutter Knie gelegt hatte und ihren
-Worten lauschte, mit denen sie dem Knaben von der
-Liebe und Güte des Schöpfers und Erhalters der Welten
-erzählte. Damals, ja damals konnte er noch aus inbrünstigem
-Herzen sein Abendgebet sprechen und auf die
-alles umfangende Liebe des ewigen Gottes vertrauen.</p>
-
-<p>»Und hast Du nicht noch gestern vor dem Einschlafen
-Deine Hände nach Kinderart gefaltet und aus
-Deinem übervollen Herzen ein Gebet gestammelt?« tönte
-plötzlich eine ernste Stimme an sein Ohr.</p>
-
-<p>Max fuhr erschrocken auf und sah sich nach allen
-Seiten um. Draußen war undurchdringliche Nacht.
-Auch im Zimmer herrschte Finsternis, nur auf dem
-runden Tische stand vor der schlafenden Mutter eine
-kleine, zinnerne Öllampe, deren rußige Flamme einen<span class="pagenum" id="Seite_395">[395]</span>
-schwachen Lichtschimmer verbreitete. Aber es war niemand
-bei ihm, der die eben vernommenen Worte gesprochen
-hätte. Also war es die Stimme in seinem Innern gewesen,
-die zu ihm geredet hatte. Und wenn er ehrlich
-sein wollte, &ndash; war er nicht bei ihrem mahnenden Klange
-erschreckt zusammengefahren? Ja, war denn in seiner
-Brust noch ein Gewissen rege? Und wenn es noch nicht
-erstorben war, brauchte er dieser Stimme noch sein
-Ohr zu leihen, angesichts des bejammernswerten Opfers
-göttlicher Raserei?</p>
-
-<p>Eine neue, gewaltige Zornwelle trieb von seinem
-Herzen zu den Schläfen und machte ihn heiß aufbegehren,
-und die Hände fuhren in die Luft, als wollten sie etwas
-ergreifen, was sie zerreißen könnten.</p>
-
-<p>Da überfiel ihn eine übermächtige Müdigkeit,
-gegen die sich sein Wille einen Augenblick unwillig
-auflehnte, um sich dann sträubend zu unterwerfen. Seine
-Arme erschlafften und sanken herab, und er neigte den
-Kopf auf die Brust. Die übermenschliche Anstrengung
-seiner Sinne und die tiefe Erschütterung infolge
-des gewaltigen Schlages hatten zu stark an den Kräften
-des Mannes gezehrt. Jetzt war sein Widerstand für
-eine Weile überwunden, und ein mitleidiger Schlummer
-senkte sich auf ihn herab, der ihn seine unglückliche Lage
-vergessen ließ und seinen müden Geist hinüber in das
-wunderbare Land der Träume führte.</p>
-
-<p>Mit einem unvergeßlichen Erlebnis aus seiner Kindheit
-Tagen begann das Spiel seiner Phantasie.</p>
-
-<p>Es war ein linder Frühlingsmorgen. Die Schneeglöckchen
-und Veilchen blühten im Garten unter den hohen
-Obstbäumen, und der weiche Windhauch trug ihren süßen
-Duft in alle Räume des Wohnhauses auf dem Freihofe.<span class="pagenum" id="Seite_396">[396]</span>
-Er war noch ein Knabe und saß in der Stube am
-Fenster, als die Mutter sonntäglich gekleidet in das
-Zimmer trat und sprach:</p>
-
-<p>»Jetzt habe ich Dein Schwesterchen in den Garten
-getragen, wo sie in dem warmen Sonnenschein süß schläft.
-Die alte Katharine sitzt neben dem Korbe und hütet
-Elisabeths Schlummer. So, und und wollen wir zur
-Kirche gehen.« Und bei diesen Worten faßte ihn die
-Mutter an der Hand und sie verließen den Hof.</p>
-
-<p>Dieser Tag war für ihn von hoher Bedeutung gewesen,
-denn es war das erste Mal, daß ihn die Mutter zum
-Kirchgang mitnahm. Das hohe Gotteshaus und die
-Menge der Andächtigen in ihrem Sonntagsschmuck und
-den Ernst auf den Zügen, machten einen tiefen Eindruck
-auf den Knaben, und als der Gesang der Gemeinde
-feierlich anhob, zog eine hohe Weihe in seine Kinderseele.
-Und so war der Tag für ihn ein Ereignis
-geworden, dessen Erinnerungen im Leben nie verblassen
-sollten.</p>
-
-<p>Bis hierher war das Traumbild einer langentschwundenen
-Wirklichkeit entnommen; jetzt begann die
-Phantasie ihre Malereien.</p>
-
-<p>Er sah Pastor Reinerz auf der Kanzel stehen und
-vernahm seine Worte, die von den Leiden Lazarus
-erzählten, dieses Schwergeprüften, der in all seinem
-Unglück nicht die Zuversicht auf die göttliche Barmherzigkeit
-verlor und selbst dann nicht aufhörte Gott zu preisen,
-als sich seine Leiden bis ins unerträgliche gesteigert
-hatten. Vor des Knaben Augen aber erschien während
-der Worte des Geistlichen die Gestalt des in seinem
-Glauben unerschütterlichen Mannes. Er sah vor dem
-Altar einen elenden Greis in spärliche Lumpen gehüllt<span class="pagenum" id="Seite_397">[397]</span>
-liegen, die die Blöße des abgezehrten und über und
-über mit eiternden Wunden behafteten Körpers nicht
-bedeckten, Schmerz und Entbehrung hatten tiefe Linien
-in das Gesicht gegraben, dessen Züge den immerwährenden
-Kampf der Versuchung mit dem felsenfesten Vertrauen
-erkennen ließen.</p>
-
-<p>Da wurde der Ausdruck auf dem Gesichte des
-Armen friedlich, und seine Augen leuchteten in überirdischem
-Glanze. Der Knabe sah zur Decke der Kirche
-empor, doch das Dach des Gotteshauses war verschwunden,
-und die Blicke schweiften in die sonnendurchgoldigte,
-blaue Luft, bis hinauf in die Wohnungen der
-Seelen. Und vor seinen staunenden Augen erschien eine
-unübersehbare Menge strahlender Engel in weißen Gewändern,
-die aus Dunst und Wolkenschleiern hervorschwebten
-und, sich umfangend, einen weiten Halbkreis
-bildeten. Mit glockenreinen Stimmen begannen sie einen
-wunderbaren, himmlischen Gesang, dessen Weise sanft
-auf die Erde herabströmte und die Brust des Knaben
-anfüllte, daß seine Seele in heiligem Schauer erbebte.
-Da öffnete sich plötzlich der Himmel, und von goldenem
-Lichte umflutet erschien das Haupt des Gekreuzigten
-unter der Dornenkrone, mit dem Ausdruck unendlicher
-Liebe in den Zügen. Durch das Lied der Engel aber
-klang laut eine Stimme, und die Worte tönten hernieder:
-Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die Krone
-des Lebens geben! In diesem Augenblick entfloh die
-Seele des Kranken ihrer armseligen Hülle und schwebte,
-von den Engeln geleitet, aufwärts, immer höher, bis
-endlich alle den Blicken entschwanden.</p>
-
-<p>Der unglückliche Mann in der einsamen Stube
-erwachte und schlug beide Fäuste vor die Stirn, denn<span class="pagenum" id="Seite_398">[398]</span>
-sein Herz war zerrissen und blutete aus tausend Wunden.
-Seine Seele aber wußte in dem verzweifelten Kampf,
-den sie bestand, nicht, wohin sie sich wenden sollte;
-hilfesuchend irrten die Augen des Mannes umher.</p>
-
-<p>Da hob die Freihoferin, das erste Mal seitdem
-sie sich an den Tisch gesetzt hatte, den Kopf und sah
-sich in dem Halbdunkel entgeistert um. Endlich kehrte
-ihr das Verständnis für die Umgebung zurück, und die
-harten Züge der Greisin verzogen sich schmerzlich. Schon
-wollte sie das Haupt wieder auf die Arme niederlegen,
-da begegneten ihre Augen dem hilfeflehenden Blick ihres
-Kindes. Sie machte eine verzweifelte Anstrengung, sich
-zu erheben, aber ihr Körper sagte dem Willen den Dienst
-auf. Gebrochen beugte sie sich unter dem gewaltigen
-Schmerz, den diese Augen ihr bereiteten, und in das
-gramerfüllte Gesicht schoß der Ausdruck, der ein Menschenantlitz
-furchtbar entstellt: der qualvolle Ausdruck ohnmächtiger
-Liebe. Stumm machte sie mit der Hand
-eine matte Bewegung nach ihrem Kinde, dann sank der
-Kopf der Greisin wieder auf die Arme herab.</p>
-
-<p>Während aber draußen im Dunkel der Nacht, nur
-wenige Stunden entfernt, auf den herbstlichen Feldern
-Hunderttausende mit der Waffe in der Faust in leichtem
-Schlummer dem anbrechenden Morgen entgegenharrten,
-um den grausigen Kampf fortzusetzen, schlugen in der
-Brust des schwergeprüften Mannes die Flammen der
-Verzweiflung noch einmal hoch auf. Gut und Böse
-rangen zum letzten Male erbittert miteinander, dieses
-unterstützt von den wildschäumenden Furien des Schmerzes
-und Trotzes, jenes gekräftigt durch den mahnenden Zuspruch
-des leise wiedererwachenden Gewissens.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_399">[399]</span></p>
-
-<p>Hatte Max vorhin sein Schicksal verflucht und
-gegen das Walten der Vorsehung gerast, so versagte ihm
-jetzt hierzu die Kraft; sein Trotz war gebrochen. Aber
-sein Inneres war eine Beute entfesselter Gewalten, über
-die zu gebieten er nicht imstande war. Kalter Schweiß
-trat auf seine Stirn. Er preßte die Hände auf die
-hämmernden Schläfen, um sie vor dem Zerspringen zu
-schützen, und sein Körper wand sich wie unter Peitschenhieben.</p>
-
-<p>Endlich, nach furchtbar qualvollen Stunden, ging
-der Kampf zu Ende. Dem Lager, gegen das er stritt,
-nahte Hilfe, die es unbesiegbar verstärkte, so daß er sich
-unterwerfen mußte. Kraftlos entglitt den für ihn
-streitenden Mächten die Wehr. Und wenn er jetzt noch
-genug Stärke besessen, um selbst für sich zu kämpfen,
-er hätte dennoch die Faust sinken lassen müssen, denn
-die, um derentwillen er sich gegen die höhere Macht
-aufgelehnt und für die er mit seiner ganzen Kraft nach
-Rache an dem Schicksal geschrien hatte, wandte sich
-selbst gegen ihn, &ndash; Maria!</p>
-
-<p>Er sah sich in dem hohen Erkerzimmer des Schlosses,
-wie er es am Morgen dieses unheilvollen Tages betreten
-hatte um die Braut in Empfang zu nehmen,
-fühlte den Schlag ihres von finstern Ahnungen gequälten
-Herzens an dem seinen und vernahm ihre flehende Stimme,
-gleichsam als ob sie das alles, was sich eingestellt, vorausgesehen
-hätte:</p>
-
-<p>»Wie es auch kommen mag, Geliebter meines
-Herzens, laß uns in unerschütterlichem Vertrauen auf
-Gott bauen!«</p>
-
-<p>Gegen diese Macht konnte er fürder nicht streiten,
-und demütig beugte er vor ihr das Haupt. Die Eisrinde,<span class="pagenum" id="Seite_400">[400]</span>
-die seine Brust gepanzert hatte, schmolz unter
-dem warmen Hauche, der von diesen innigen Worten
-ausströmte, und der Pfeil, den er vorhin von der überstraff
-gespannten Sehne schnellen ließ, wandte sich gegen
-seinen Schützen. Der hoffärtige Zorn und der ingrimmige
-Trotz stahlen sich heimlich von ihm fort, und Demut
-und kindliche Unterwerfung unter den Willen des Lenkers
-der Geschicke zogen in seine Brust ein. Gott hatte ihn
-bis heute mit der verschwenderischsten Fülle seiner Gaben
-überschüttet, denn sein Lebenspfad war sonnig gewesen.
-Nun schickte der Himmel die Prüfung, &ndash; und er unterlag.
-Ja, das Aufschrecken aus dem wohligen Leben
-war rauh, es war ein herzspaltender Schwerthieb gegen
-ihn geführt worden, &ndash; aber es war doch auch eine
-Prüfung auf seinen Glauben, die keinem Sterblichen
-erspart bleibt.</p>
-
-<p>Max beugte sich tief hinab, denn er empfand
-brennende Scham im Herzen.</p>
-
-<p>Und dann dachte er der teuern Toten. So hatte
-er sein Versprechen ihr gehalten, das er mit Druck und
-Kuß besiegelt hatte! Ihre Worte waren für ihn, kaum
-verklungen, &ndash; vergessen. Er schloß die schmerzenden
-Augen und bedeckte sie mit den Händen. Aber ob er
-der Erscheinung auch fliehen wollte, das schmerzerfüllte
-Antlitz Marias stieg vor seinem Geiste herauf. Kein
-Vorwurf stand darauf geschrieben, aber der umflorte
-Blick aus ihren kummervollen Augen traf ihn
-wuchtiger als die schwerste Anklage. Der ganze ungeheure
-Schmerz, das entsetzliche Weh bäumten sich in ihm
-auf, rissen den Unglücklichen gewaltsam in die Höhe
-und warfen ihn willenlos vor der Leiche nieder. Tieferschüttert
-tastete er mit den Händen nach dem glaubensstarken<span class="pagenum" id="Seite_401">[401]</span>
-Mädchen, und dem bebenden Munde entrangen
-sich die Worte: »Hehrer Geist meiner Maria, verlaß
-mich nicht in dieser Stunde!«</p>
-
-<p>Die furchtbare Last löste sich langsam von seiner
-Brust und schwand in einem reichlich fließenden Tränenstrom
-dahin. »Vergib mir, Geliebte,« flüsterte er,
-»gewähre mir Deine Verzeihung, wie ich sie von dem
-Allbarmherzigen zu erhalten hoffe!«</p>
-
-<p>Lange verharrte er so auf den Knien, das Gesicht
-in den Falten des Kleides der Toten verborgen. Draußen
-auf der Straße erklangen Tritte, und einzelne Stimmen
-wurden vernehmbar. Obwohl sie nur flüsterten, hätte
-ein Aufhorchender im Zimmer erkennen können, daß
-entgegen der Abmachung Angehörige die ausmarschierenden
-Männer begleiteten. Aber es dauerte geraume Zeit,
-bis der Knieende das immer mehr anschwellende Stimmengemurmel
-vernahm, so weltenfern waren seine Gedanken
-entrückt gewesen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Jetzt kehrte sein Geist in die Wirklichkeit zurück.
-Er vernahm, wie die Mutter aufstand und hinter seinem
-Rücken auf den Strümpfen aus dem Zimmer ging. Nach
-einer Weile trat sie wieder ein, legte leise sein Gewehr und
-den schweren Säbel aus dem Nachlaß seines Großvaters auf
-den kleinen Tisch an der Wand, stellte die flackernde Lampe
-dazu und setzte sich wieder geräuschlos auf ihren Stuhl.</p>
-
-<p>Max erhob sich. Seine Haltung war aufrecht,
-seine Bewegungen elastisch. Neue Kraft rollte ihm in den
-Adern, und seine Augen glänzten wieder, als er Maria
-betrachtete. Sie war gestorben wie ein tapferer Streiter
-auf der Walstatt. Ihr unter des Vaterlandes Schmach
-gleichfalls gepreßtes Herz hatte sich nun im Kampfe um
-ihr höchstes Gut verblutet. Sie war zuerst erlegen;<span class="pagenum" id="Seite_402">[402]</span>
-wie lange würde es dauern, bis das Los ihn traf?
-Draußen standen schon die Kameraden und harrten
-seiner ungeduldig. Er durfte sie nicht warten lassen.
-Schnell also Abschied genommen von der unvergeßlichen
-Toten, mochten die Zurückbleibenden sie zum letzten
-Schlummer betten. Seine Kraft gehörte dem Leben,
-sein Leben bis zum letzten Hauche dem Vaterland! So
-handelte er auch, wie er wußte, nach Marias Wunsch.
-Und dem Walten der Vorsehung, gegen das er frevelhaft
-aufbegehrt hatte, hatte er sich gläubig ergeben.
-Nun gab es hier für ihn nichts mehr zu tun.</p>
-
-<p>Er ging zu dem Wandtische, warf den Tornister
-mit Wäsche und Mundvorrat auf den Rücken, schnallte
-den Säbel um die Hüften und legte den Riemen des
-Gewehres über die Schulter. Jetzt war er gerüstet und
-bereit, den Weg zu betreten, den viele andere deutsche
-Männer schon vor ihm gegangen waren.</p>
-
-<p>Doch bevor er sich zum gehen wandte, warf er
-noch einen letzten Blick zurück auf sein Weib. Wie
-friedlich sie doch schlief! Kein Zug des Gesichts deutete
-auf Schmerz, den sie im Tode erlitten hätte. Sie war
-mit dem Gedanken an ihn und dem festen Vertrauen
-auf des Allmächtigen verzeihende Liebe von hinnen gegangen.
-Und so hatte auch für ihn das Schrecknis
-seine zerschmetternde Wirkung verloren. Ihr Auge blickte
-aus Himmelshöhen liebend auf ihn herab, und ihre
-Seele umschwebte ihn schützend auf allen Wegen. Mit
-dieser erhebenden Zuversicht konnte er froh und leichten
-Herzens ins Feld ziehen.</p>
-
-<p>Neu erwachter Lebensmut schwellte seine Brust,
-und während er sich über die Tote beugte und zum
-letzten Male die weiße Hand drückte, sprach er:</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_403">[403]</span></p>
-
-<p>»Schlafe wohl, Du Reine, und sei auch fortan
-mein guter Engel!«</p>
-
-<p>Entschlossen wandte er sich ab und schritt nach der
-Tür. In demselben Augenblick vernahm er ein Geräusch,
-wie vom schnellen Zurückstoßen eines Stuhles stammend,
-dem das heftige Poltern des umstürzenden Gerätes unmittelbar
-folgte. Und dann gellte ein durchbohrender
-Schrei durch das Zimmer, der Angstschrei eines todeswunden
-Mutterherzens:</p>
-
-<p>»Max!«</p>
-
-<p>Wie angewurzelt blieb sein Fuß auf dem Boden
-haften, während er sich blitzschnell umwandte. Die schon
-nach der Tür ausgestreckte Hand sank herab, und er
-konnte sich einer tiefen Rührung nicht erwehren, als er
-die zusammengesunkene Gestalt seiner Mutter gewahrte.
-Wie war sie doch in dieser einen Nacht hinfällig geworden!
-Diese gebeugte Haltung, das entstellte Gesicht,
-der gequälte Blick! Schwankte sie nicht? Mit ein paar
-raschen Schritten stand Max an ihrer Seite und bewahrte
-die Greisin vor dem Umsinken.</p>
-
-<p>»Mutter,« rief er zärtlich, »wie konnte ich auch
-Dich vergessen! Verzeihe dem Ungestümen, der nicht
-schnell genug dem Vaterhaus den Rücken wenden kann!«
-Während dieser Worte hielt Max sie mit beiden Armen
-umschlungen, und die Freihoferin lehnte sich müde an
-des Sohnes Schulter.</p>
-
-<p>»Geh dorthin, wohin Dich Dein Gewissen ruft,«
-sagte die Greisin mit leiser Stimme, »hier ist nicht mehr
-Raum für Dich!«</p>
-
-<p>So standen sie einige Minuten stumm beieinander.
-Max wußte, wie sich das Herz seiner Mutter zusammenkrampfte,
-denn er kannte sie nur zu gut. Elisabeths<span class="pagenum" id="Seite_404">[404]</span>
-Hinscheiden hatte ihr eine tiefe Wunde geschlagen, die sich
-kaum geschlossen hatte. Nun traf sie des erschütternden
-Unglücks Schlag und riß die alte Wunde wieder auf.
-Zu gleicher Zeit ging auch er noch von ihr, und sie
-blieb ganz allein zurück. Die kaum gewonnene Tochter,
-der sie schon nach kurzer Zeit ihre ganze Liebe geschenkt,
-ja an die sich die rasch Alternde angeschmiegt hatte,
-sollte ihr ein Trost sein, wenn er selbst gegangen war.
-Vielleicht hatte sie davon geträumt, wie neues, junges
-Leben auf dem Freihofe erblühen und die seit Elisabeths
-Tode einsam gewordenen Zimmer des Wohnhauses erklingen
-sollten von fröhlichen Worten, Singen, &ndash; Kinderlachen
-&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; Ach, es verlangte sie nur allzusehr
-darnach, wenn sie auch an der Fröhlichkeit scheinbar
-nicht teilnahm. Sie, der die Liebe nur eines Kindes
-zu wenig war, besaß jetzt keines mehr. Niemand würde
-ihr, wenn der Krieg ihn behielt, Trost in den letzten Tagen
-sein und keine liebende Hand ihr einst die Augen zudrücken!</p>
-
-<p>Da hob die Freihoferin den Kopf auf, daß Max
-voll in das gramdurchfurchte Gesicht blicken konnte.</p>
-
-<p>»Mein teurer Sohn,« sprach sie mit wiedergewonnener
-Fassung, während ihre Augen aber in rührender
-Bangigkeit auf ihm ruhten, »noch einmal: Ziehe dahin!
-Aber laß Dein Herz nicht anfechten. Wie groß auch
-die Prüfung sei, sie kommt von ihm, gegen dessen
-Willen wir uns nicht auflehnen dürfen.«</p>
-
-<p>»Sei beruhigt, liebe Mutter,« rief Max fast mit
-einem Ton des Frohlockens. »Ich darf es nicht verhehlen,
-daß ich nahe daran war, der Anfechtung zu
-unterliegen, aber diese da stand mir bei. Und nun bin
-ich dagegen gewappnet für alle Zeiten!«</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_405">[405]</span></p>
-
-<p>Ein Seufzer der Erleichterung entfloh den Lippen
-der Freihoferin. Sie richtete sich in die Höhe, legte die
-Hände auf das Haupt des zu ihren Füßen niederknieenden
-Sohnes und segnete ihn. Dann aber war
-ihre Kraft zu Ende. Sie warf sich an seine Brust,
-und was ihr bisher im Leben versagt geblieben war,
-gewährte der Greisin das Schicksal in dieser schweren
-Stunde als Trost: reichliche Tränen flossen ihr über die
-Wangen. Max empfand dieses Geschenk als eine Himmelsgabe
-und beugte sich herab und küßte die Zähren sanft
-von dem welken Gesicht.</p>
-
-<p>Da schlug aus dem Gemurmel vor dem Hause
-eine Stimme an Maxens Ohr, bei deren Klang er zuerst
-zusammenzuckte. Dann aber eilte er, einer plötzlichen
-Eingebung folgend, hinaus und trat wenige
-Sekunden darauf wieder ins Zimmer, einen sich sträubenden
-Mann an der Hand führend, den er bis zum
-Stuhle seiner Mutter geleitete.</p>
-
-<p>»Hermann,« sprach er, »ich will Dir jetzt Deinen
-Edelmut, mit dem Du mir vergolten hast, was ich Dir
-zufügte, angemessen lohnen, indem ich Dir das Höchste
-anvertraue, was ich besitze. Hier ist meine Mutter,
-seid ihr, Du und Dein Weib, fortan Kinder. Pflegt
-sie, schenkt ihr Eure Liebe, und lasset ihr Herz über
-Euch aufgehen. Nenne Dich von diesem Augenblick an
-ihren Sohn, es gibt keinen Würdigerern als Dich!«</p>
-
-<p>Mit diesen Worten legte er die Hände beider ineinander
-und drückte einen Kuß auf die Stirn der
-Weinenden. Dann riß er das Gewehr an sich, streifte
-noch einmal mit dem Blick das Zimmer und stürmte
-hinaus, während der klagende Wehruf hinter ihm herklang:
-»Mein Sohn, mein Sohn&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;!«</p>
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum" id="Seite_406">[406]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="kap27">27. Kapitel.</h2>
-</div>
-
-<p>Vor dem Freihofe standen etwa dreißig Menschen;
-außer den Fortziehenden und einigen ihrer Angehörigen
-ein paar Neugierige. Eine halb verdeckte Laterne huschte
-hin und her, und das Gespräch wurde leise geführt.
-Die Männer, die während der Nacht Wache gehalten,
-hatten nichts Verdächtiges wahrgenommen. Nur einer
-erzählte, daß er gegen Morgen vorsichtig ein Stück auf
-der Straße hinausgelaufen wäre, und da sei es ihm
-gewesen, als wenn er einigemale entferntes Pferdeschnauben
-durch die schweigende Nacht vernommen habe. Der Beobachter
-meinte, das könne wohl von einer französischen
-Patrouille herrühren. Aber der Wahrnehmung wurde
-kein Glauben beigemessen, denn der Erzähler galt als
-ängstlich, und seine gereizte Phantasie hatte das Rascheln
-von Laub im Winde für Rosseschnauben gehalten.</p>
-
-<p>Eins aber war beunruhigend, die Tatsache nämlich,
-daß der Rabensteiner noch nicht zurückgekehrt war. Seit
-gestern abend harrte man seiner in banger Erwartung,
-bis zur Stunde aber vergebens. Daß er mit aller
-Vorsicht vorgegangen sein würde, wußte man von dem
-Besonnenen, und reiten konnte er, wenn’s not tat, wie
-der Teufel. Sollte er den Franzosen in die Hände
-gefallen sein und von ihnen etwa als Spion betrachtet
-werden? Sein Schicksal fand viel Besorgnis, und nur
-der Gedanke war tröstlich, daß er die Preußen glücklich
-erreicht habe, der Franzosen wegen aber nicht zurückkönne.</p>
-
-<p>Viele Worte wurden nicht gewechselt, die meisten
-standen stumm beieinander.</p>
-
-<p>Auch die Kirchengutbäuerin hatte es sich nicht
-nehmen lassen, ihren Friedrich zu begleiten. Während<span class="pagenum" id="Seite_407">[407]</span>
-der halben Nacht hatte sie an seinem Bette gesessen und
-ihn mit zärtlichen Empfindungen betrachtet und sich gewundert,
-daß er so ruhig schlafen konnte. Sein Lederränzel
-fand er am Morgen mit Lebensmitteln so vollgestopft,
-daß die Nähte zu zerreißen drohten und er
-mehrere Tage von dem Inhalt zehren konnte. Ja, ihre
-mütterliche Sorge ging so weit, daß sie ihrem Jungen,
-wie er zum Fortgehen gerüstet vor ihr stand, in die
-Tasche seines faltigen Rockes eine große Papierdüte
-gefüllt mit Kamillentee schob, mit dem sie alle Krankheiten
-erfolgreich zu kurieren pflegte. An die Gefahren,
-denen ihr Einziger entgegenging, dachte das besorgte
-Mutterherz in diesem Augenblick weniger als je, nur
-daran, daß er sie verlassen und sich ihrer Obhut entziehen
-wollte. Und das konnte sie bis zur letzten
-Minute noch nicht glauben. Denn er war ja von
-Kindesbeinen auf gewöhnt, die Mutter für alle seine
-Angelegenheiten bis ins kleinste sorgen zu lassen, und
-sie wußte, daß er darin hilflos geblieben war.</p>
-
-<p>Friedrich hatte sich dieser Bevormundung stets willig
-unterworfen, in dieser Stunde aber fühlte sich der Stolz
-des jungen Kriegers doch etwas verletzt, und er beschloß
-insgeheim, sich des Kamillentees draußen vor dem Dorfe
-zu entledigen.</p>
-
-<p>Die unermüdlich wiederholten Fragen, ob er sich
-auch wirklich gesund fühle und ob nicht noch etwas
-einzupacken sei, beantwortete er zerstreut und war froh,
-als die Mutter auf sein Drängen zum Abschied endlich
-ihr wollenes Umschlagetuch um die Schultern schlang
-und mit ihm auf die Straße trat. Schweigend ging
-er neben ihr her, während sie in einemfort auf ihn
-einsprach. Er solle es nicht zu toll treiben, sagte sie,<span class="pagenum" id="Seite_408">[408]</span>
-und sich nicht immer vordrängen, die andern wollten
-auch zeigen, wer sie wären. Bald aber redete sie wieder
-vom väterlichen Hof. Daß sie mit dem alten Großknecht
-nun allein regieren müsse, was ja, solange es Winter
-sei, nicht allzuviel sagen wolle. Wenn aber das
-Frühjahr käme, dann solle er ans Heimkehren denken.
-Gerade im kommenden Jahre sei seine Anwesenheit ja
-so sehr vonnöten, denn für die beiden steifgewordenen
-Braunen müßten junge Pferde in den Stall, und die
-ganze weite Koppel hinter dem Berg, die so lange verlassen
-lag, sollte endlich gepflügt und mit Roggen bestellt
-werden. Schließlich sei auch der Anbau an den Rinderstall
-nun nicht mehr hinauszuschieben. Friedrich brummte
-nur bisweilen ein Ja oder Nein in den plätschernden
-Redefluß, und damit war die Mutter schon zufrieden.</p>
-
-<p>Keiner der Männer fehlte mehr, als sich endlich
-auch der Freihofer einfand. Rasch wurde er von dem
-Ausbleiben Konrads unterrichtet, worauf er die Achseln
-zuckte und zum sofortigen Aufbruch antrieb. Hier und
-da eine letzte Umarmung, ein wortloser Druck der Hand.</p>
-
-<p>»Denke einmal daran,« klang allen vernehmbar
-die hohe Stimme der Kirchengutbäuerin, »vierzehn Tage
-vor Weihnachten wird Deine Lieblingsschecke wieder
-kalben; hoffentlich geht es so gut ab wie das letzte Mal.
-Halte Dich immer hübsch warm, zwei frische Sacktücher
-stecken noch im Ranzen.«</p>
-
-<p>Friedrich wurde feuerrot; zum Glück konnte es in
-der Dunkelheit keiner sehen. Er schloß der Mutter mit
-einem Kusse den Mund und ließ sich von ihr noch
-einmal herzen. Dann riß er sich los und eilte den
-schon einige Schritte Vorangehenden nach.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_409">[409]</span></p>
-
-<p>»Ich würde noch ein Stück mit Dir gehen, Junge,«
-klang es ihm hinterdrein, »aber Ihr lauft mir zu schnell,
-und ich bin in Pantoffeln. Ziehe die roten Müffchen
-nicht aus!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Aber der Ermahnte hörte die Stimme nicht mehr,
-soweit waren die Männer schon entfernt. Rüstig schritten
-sie auf der Straße dahin und näherten sich dem oberen
-Dorfausgang. Bald befand sich die zusammenhängende
-Reihe der weißen Giebel hinter ihnen, und nur noch
-einzelne Häuser lagen neben und vor ihnen.</p>
-
-<p>Vom Osten her stieg ein fahles Licht herauf, und
-man konnte schon ein kurzes Stück weit die Gegend
-erkennen. Ueber den Wiesen hingen unbeweglich breite
-Nebelschwaden von wunderlichen Formen. Die Luft war
-empfindlich kühl, und an dem rasch heller werdenden
-Himmel verblichen die letzten Sterne. Der erste Hahnenschrei
-klang hinter ihnen aus dem Dorfe herauf, sonst
-aber hüllte sich die Natur noch in lautloses Schweigen.</p>
-
-<p>Wie weit sie zu marschieren hatten, bis sie bei der
-ersten preußischen Vorposten ankamen, wußten sie nicht.
-Aber weiter als eine halbe Meile entfernt konnten sie
-nicht stehen.</p>
-
-<p>Die Augen scharf offen haltend, marschierten die
-Männer, um ihre Tritte unhörbar zu machen, jetzt auf
-den mit Gras bewachsenen Rändern der Straße, die
-langsam anstieg, um unmittelbar hinter dem Schwedenloch
-wieder hinabzuführen. Auf der Höhe angekommen,
-wollten sie einen schmalen Feldweg einschlagen, der rechtsseitwärts
-der Straße entlang lief. Bis dahin aber
-mußten sie der Straße folgen, denn die Wiesen zur
-rechten Hand waren sumpfig.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_410">[410]</span></p>
-
-<p>Nur wenige Worte im Flüstertone wechselnd und
-das Geräusch des tiefen Atmens dämpfend, liefen sie im
-Gleichtritt hintereinander her. Nur noch wenige Schritte,
-und sie hatten die Höhe, &ndash; da sprang mit einem Male
-der am weitesten vorausgehende Schmied hinter einen
-Baum am Rande der Straße, und gleichzeitig sahen die
-Männer in kurzer Entfernung vor sich blitzende Bajonette.
-Wie gebannt standen sie still; sie waren überrascht worden.
-In demselben Augenblick aber schallte eine drohende
-Stimme durch die Stille, und die deutsch gesprochenen
-Worte ließen die Aussprache des Franzosen erkennen:</p>
-
-<p>»Halt, Verräter!«</p>
-
-<p>Jetzt wuchs auch aus den das Schwedenloch auf
-der einen Seite umsäumenden Büschen ein Haufen von
-etwa zwanzig französischen Soldaten hervor, hinter denen
-im Nebel einige Pferde matt erkennbar waren.</p>
-
-<p>Die Gewehre von den Schultern reißend, drängten
-sich die Männer zusammen. Drohend und jeden Augenblick
-zum gegenseitigen Aufeinanderstürzen bereit, standen
-sich die beiden Haufen gegenüber. Ein Windstoß fegte
-die Nebelwand zurück, so daß es in dem mittlerweile
-schnell angewachsenen Zwielicht nicht mehr schwer war,
-das Gelände, auf dem man sich befand, genau zu übersehen
-und die Vorteile abzuschätzen, die es beiden Parteien
-bot.</p>
-
-<p>Die Franzosen waren in der Uebermacht, aber sie
-standen auf dem abfallenden Boden, neben dem die
-Straße wie ein natürlicher Wall hinlief. Dieser Umstand
-verstärkte die eigene Stellung. Mochten sie es
-versuchen, den Rand zu erklimmen, manch einem würde
-bei diesem Unternehmen der von nervigen Bauernfäusten
-geschwungene Kolben den Schädel einschlagen!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_411">[411]</span></p>
-
-<p>Noch standen Freund und Feind tatlos; da sprang
-der Freihofer auf einen über Nacht draußen stehengebliebenen,
-hohen Aufsatzwagen zu und rannte ihn mit
-solcher Kraft auf einen mächtigen Eichbaum, daß die
-Deichsel krachend zersplitterte. Noch ein Ruck, dann
-zerriß das die Deichsel umringelnde, eiserne Band, und die
-Kette mit dem oberen Ende um das Handgelenk schlingend,
-hielt er den Stumpf wie eine schwere Keule, die in
-seiner mächtigen Faust eine furchtbare Waffe sein mußte.</p>
-
-<p>»Heran!« knirschte er, von grenzenloser Wut gepackt,
-»und sorgt, daß Euch das letzte Stündlein nicht
-zu kurz sei für Euer kleinstes Stoßgebet!«</p>
-
-<p>Dies hatte sich blitzschnell abgespielt und ohne daß
-die Franzosen gewagt hätten, sich auf ihn zu stürzen.
-Da erscholl die rauhe Stimme von vorhin wieder:</p>
-
-<p>»Schlagt mir keiner diesen tollen Hund tot, lebendig
-soll er am Aste baumeln.«</p>
-
-<p>Und gleichzeitig trat der Sprecher, ein Offizier von
-riesenhaftem Wuchse, ein paar Schritte weiter vor und
-hob den Säbel, um das Zeichen zum Angriff zu geben.
-In diesem Augenblick schrie der ihm zunächst stehende
-Schmied schrill auf:</p>
-
-<p>»Freihofer, das ist der Mörder Deines Weibes!«</p>
-
-<p>Wie eine vernichtende Anklage, die einem furchtbaren
-Gericht vorausgeht, erklangen diese Worte und
-warfen in die Seele vieler der Anwesenden jäh
-das Verständnis für ihren Sinn. Das farblose Gesicht
-mit dem brutalen Ausdruck des französischen Anführers
-wurde um einen Schein bleicher; langsam sank der erhobene
-Säbel herab, und das Kommando zum Angriff
-erstarb ihm auf der Zunge. Starr ließ er seine<span class="pagenum" id="Seite_412">[412]</span>
-schwarzen, stechenden Augen auf den gerichtet, den er
-instinktiv als seinen Todfeind empfand.</p>
-
-<p>Der Freihofer aber stand wie ein Steinbild auf
-seinem Platze. In seinem Gesicht spielte kein Muskel.
-Der Kopf war weit vorwärts geneigt, wie bei Menschen,
-die mit Anstrengung aller Sinne ins Weite sehen.
-Mit rasender Geschwindigkeit traten Reinerzens gestrige
-Worte, mit denen er jenen Elenden beschrieb, jetzt
-wieder an seinen Geist heran. Die Beschreibung stimmte
-just mit der Erscheinung dieses Franzosen überein, &ndash;
-aber war es kein Irrtum? Sollte ihm sein Wunsch,
-für dessen Erfüllung er gern sterben würde, wirklich gewährt
-werden? Da blitzte es in den Augen des noch Zweifelnden
-hell auf, und sein suchender Blick blieb auf der
-linken Halsseite des Franzosen haften, wo dicht unter
-dem Ohre ein oval geschnittenes Stück Leinwand aufgeklebt
-war.</p>
-
-<p>Von dem Franzosen aber war die Beklemmung
-wieder gewichen, und ein verächtliches Lächeln umspielte
-seine Lippen. In Aufwallung grenzenlosen Übermutes,
-der aus dem Vollgefühl seiner ungeheuern
-Stärke herauswuchs, richtete er sich hoch auf und warf
-herausfordernd den Kopf zurück. Sich noch einmal an
-seine Leute zurückwendend, befahl er ihnen, sich nicht
-eher auf die Gegner zu werfen, bis er ihnen das
-Zeichen dazu gebe. Darauf riß er den Säbel wieder
-herauf und schrie:</p>
-
-<p>»Komm herab, deutsches Schwein, wenn Du den
-Mut hast mit mir zu kämpfen!«</p>
-
-<p>Max stand noch wie vorher unbeweglich. Bei
-diesen Worten aber kam wieder Leben in ihn. Seine
-umklammernde Rechte ließ den Wagenbaum los, daß dieser<span class="pagenum" id="Seite_413">[413]</span>
-dumpf aufschlagend und mit Kettengeklirr zu Boden
-fiel, und dann sprang er mit beiden Füßen zugleich
-von der Böschung hinab. Der lange Jahre in der
-Scheide gebliebene Säbel seines Großvaters blitzte gerade
-noch rechtzeitig auf, um den ersten Hieb des Franzosen
-abzuwehren, der mit fürchterlicher Erbitterung auf
-ihn eindrang. Hageldicht sausten die Schläge des
-kampfgeübten Soldaten herab, daß Max seine ganze
-Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit aufbieten mußte, um
-sich ihrer zu erwehren. Nach wenigen Gängen zeigte
-sich aber schon der Vorteil der überlegenen Kaltblütigkeit,
-mit der er focht, und der Franzose war einige
-Male nahe daran, seine hitzige Kampfesweise zu büßen.
-In respektvoller Entfernung standen die beiden Parteien
-dahinter und sahen auf ihre kämpfenden Führer, deren
-Klingen ohne Unterbrechung aufzuckten.</p>
-
-<p>Da klang durch den hellen Erzklang der aufeinanderschlagenden
-Säbel ein Mißton. Man vernahm,
-wie etwas durch die Luft flatterte und dann klirrend
-niederfiel. Der Franzose erhob sich ein Stück aus seiner
-weit ausgelegten Haltung, warf einen raschen Blick voll
-Ingrimm auf den stehengebliebenen Stumpf seines
-Säbels und hob in demselben Augenblick instinktiv
-wieder die zerbrochene Waffe, als wenn er damit den
-unvermeidlichen Todesstreich abwehren könne. Mit hochgeschwungener
-Klinge holte Max zum furchtbaren Schlage
-aus. Unwillkürlich duckte sich der Wehrlose nieder, &ndash;
-da klirrte, von seines Gegners Hand geschleudert, dessen
-Säbel neben ihm zur Erde, und als der Franzose die
-Augen hob, stand ihm dieser mit herabgesunkenem Arme
-und ohne Waffe gegenüber.</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_414">[414]</span></p>
-
-<p>Verständnislos starrte er dem Gegner ins Gesicht,
-den nur eine unerklärliche Anwandlung von Großmut
-zu dieser Tat bewogen haben konnte. Aber nur
-während der kurzen Spanne Zeit, die zwischen zwei
-Pulsschlägen liegt, blieb ihm dieser Trost. Dann bemerkte
-der Franzose, wie die Augen des andern blitzschnell
-die nur wenige Schritte betragende Entfernung
-maßen, die zwischen ihnen und dem Rande des ihm seit
-gestern bekannten Abgrundes lag. Er dachte daran,
-wer dieser Mann ihm gegenüber war, der seine unnatürliche
-Ruhe in diesem Augenblick bewahrte, &ndash; und
-alles Blut wich aus seinem Gesicht. Sollte er jetzt
-seinen Leuten das Zeichen zum Angriff geben? &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;
-Nein, in Dreiteufelsnamen nein! Dann wäre auf die
-eisigen Züge dieses Verhaßten ein höhnisches Lächeln
-getreten, das ihn der Feigheit geziehen hätte. Deshalb
-scheuchte er auch mit einem wilden Fluche einen seiner
-Leute zurück, der herbeigesprungen war und ihm seinen
-eigenen Säbel darbot.</p>
-
-<p>Max hatte den Blick wieder auf den Gegner gerichtet
-und alsbald erkannt, daß dieser seinen blitzschnell
-gefaßten Plan erraten hatte. Eine Sekunde lang standen
-sie sich einander gegenüber; dann begann das gräßliche
-Ringen, &ndash; es war der Kampf zweier Riesen! Der
-Körper des Franzosen war kraftvoll und wie aus Stahl
-geschmiedet, dazu war er sehnig und geschmeidig wie ein
-Leopard; der Deutsche war fast ebenso hoch gewachsen,
-aber seine Schultern waren breiter, und er glich einem
-verwundeten Bären, der sich zum Angriff aufgerichtet hat.</p>
-
-<p>Max hatte schon während des Fechtens eine an
-sich noch nie gekannte Ruhe gespürt, jetzt aber fühlte
-er seine Kaltblütigkeit noch verstärkt. Sein Hirn arbeitete<span class="pagenum" id="Seite_415">[415]</span>
-in ruhigem Gleichmaß, als wenn er daheim
-auf dem Hofe stünde und das Herauslassen des
-Viehes aus den Ställen zum Austrieb auf die Weide
-leite. Und doch hatte er die tiefe Empfindung, als
-ob dieser Kampf sein Leben fordern müsse &ndash;&nbsp;&ndash; Da
-griffen beide nach einander, der Franzose mit dem blitzartigen
-Prankenschlag des Raubtieres, Max dagegen
-faßte tastend nach den Ellenbogen des Gegners.</p>
-
-<p>Von neuem stockte während einer Sekunde alle Bewegung,
-als wenn die Männer sich wie im Spiel berührt
-hätten. &ndash; Da, &ndash; ein fürchterlicher Ruck! Max
-versuchte, sich vor dem Fall zu bewahren, umsonst;
-dröhnend stürzte er zu Boden und riß seinen festumklammerten
-Gegner mit sich nieder. Mit einer schnellen
-Bewegung gelang es ihm, den Franzosen unter sich zu
-bekommen, aber schon rollten sie wieder über den Rasen
-und hielten sich im nächsten Augenblick, auf die Knie erhoben,
-umschlungen. Da spannte der junge Bauer seine
-ganze Kraft an und drückte den sich heftig sträubenden
-Franzosen so hintenüber, daß es den Anschein hatte,
-als wenn dessen Wirbelsäule davon zerbrechen müsse.
-Langsam fiel der Franzose auf den Rücken, &ndash; um den
-auf ihn Stürzenden aber sofort wieder zu entgleiten.
-So rangen sie während mehrerer Sekunden in unverminderter
-Erbitterung. Mit der Geschmeidigkeit einer
-Katze entzog sich der Franzose allen ihn zu erdrücken
-drohenden Umarmungen, und vermöge seiner blitzschnellen
-Bewegungen gelang es ihm, wiederholt die Oberhand
-über seinen Gegner zu bekommen. Und während dieses
-Ringens rollten sie die feuchte Rasenlehne ein Stück
-hinab, daß ein paar französische Soldaten sich zwischen<span class="pagenum" id="Seite_416">[416]</span>
-den Ringenden und den Rand des Steinbruches aufstellten,
-um sie vor dem Hinunterstürzen zu bewahren.</p>
-
-<p>Noch einmal wildes Schlagen des Rasens mit den
-Füßen, ein Zubodendrücken mit umklammernden Armen,
-Entweichen, Aufrichten und Niederstürzen, &ndash; dann sprang
-einer von ihnen auf die Füße: es war der Deutsche.
-Im nächsten Augenblick mußte auch der Franzose aufschnellen;
-aber es gelang ihm nicht mehr. Zwei Hände
-hielten den wild um sich Schlagenden mit eisernem
-Griffe fest, um ihn gleich darauf mit einer furchtbaren
-Kraftanstrengung in die Höhe zu reißen. Alle Muskeln
-bis zum zerspringen angespannt, hielt der Freihofer den
-Körper seines Feindes über seinem Haupte, währenddessen
-es aussah, als ob er unter der ungeheuern
-Last und infolge des überschnellen Aufrichtens
-hintenüberbrechen müsse. Aber nur einen Augenblick
-währte diese Spannung, dann hatte er die Herrschaft
-über seinen Körper wiedergewonnen. Mit übermenschlicher
-Kraft stieß er den Franzosen von sich, der, über die
-Köpfe seiner Leute hinwegfliegend, hinter dem Rande
-des Steinbruches lautlos verschwand. Ein dumpfes
-Aufschlagen drang herauf, ein Geräusch, wie von dem
-Rutschen eines schweren, weichen Gegenstandes auf dem
-Gestein, dann war alles still. Den Lauschenden aber
-stockte der Atem unter der blitzschnell sich ihnen aufdrängenden
-Vorstellung, daß der ihren Augen soeben
-Entschwundene ins Bodenlose stürze.</p>
-
-<p>Noch hielt das Fürchterliche alle gelähmt, als von fernher
-der Hufschlag eines auf der Straße herangaloppierenden
-Pferdes erklang. Und mit diesem Laute kehrte Aller
-Besonnenheit in die Wirklichkeit zurück. Ihres Führers
-plötzlich beraubt, von dem Schrecken noch halb betäubt<span class="pagenum" id="Seite_417">[417]</span>
-und durch das Nahen des vermutlichen Feindes kopflos
-gemacht, eilten die Franzosen zu den Pferden und sprengten
-querfeldein in den Nebel hinein. Der letzte von ihnen,
-ein junger Bursche, dem kaum der erste Flaum auf den
-Lippen sproß, hob rasch, bevor er davoneilte, die
-Mündung seines Gewehres und schoß ohne zu zielen
-aufs Geratewohl ab. Ein dumpfer Knall, ein schwacher
-Feuerstrom, wie von verdorbenem Pulver herrührend,
-dann wandte auch er sich zur Flucht. Beim Aufblitzen
-des Schusses griff der Freihofer hastig nach der Brust,
-während sich auf seine Augen gleichzeitig undurchdringliche
-Dunkelheit senkte. Aus der ihn umgebenden Nacht
-aber trat ein liebliches Bild vor seine Seele:</p>
-
-<p>Er stand an einem reißenden Fluß. Das Ufer,
-auf dem er sich befand, glich einem unfruchtbaren Ödeland,
-drüben aber breitete sich ein prächtiger Garten
-aus mit maienfrischem Rasen und herrlichen Blumen.
-Ueber den Fluß führte eine Brücke, an deren Ende auf
-dem jenseitigen Ufer Maria stand, die ihm winkte und
-jubelte und rief. Da trat ein seliges Lächeln auf das
-Antlitz des Freihofers; er breitete die Arme aus und
-fiel langsam vornüber auf den Rasen.</p>
-
-<p>Erschrocken sprangen die Freunde hinzu, richteten den
-Gefallenen auf und entblößten seine Brust. Ein kleines,
-kreisrundes Loch wurde auf der Haut sichtbar, gerade
-auf der Stelle des Herzens. Da legten sie ihn, ohne
-ein Wort zu sprechen, behutsam auf dem Rücken in das
-Gras, und jeder vermied es, dem andern ins Gesicht
-zu sehen.</p>
-
-<p>Durch den Lärm waren die Leute in den nächstliegenden
-Häusern längst erwacht, bei dem Knall des<span class="pagenum" id="Seite_418">[418]</span>
-Schusses aber eilten einige voll Unruhe herbei. Unter
-diesen befand sich auch Mutter Lehnhardt. Bestürzt
-betrachteten die Ankommenden den am Boden Liegenden
-und traten dann wortlos zur Seite. Die Greisin aber
-setzte sich neben dem Verwundeten nieder und zog seinen
-Kopf auf ihren Schoß.</p>
-
-<p>Im Osten hatte sich unterdessen der Himmel
-blutigrot gefärbt, und die ersten Sonnenstrahlen waren
-über die noch schlummernde Erde geglitten. Jetzt ward
-auch der glühende Ball am Himmelsrande sichtbar, der
-rasch heraufwuchs und sein flutendes Licht auf die Fluren
-ergoß. Der Nebel zerriß, und die weite Landschaft wurde
-erkennbar. Der junge Tag brach an mit seiner ganzen,
-sieghaften Schönheit, und alles erwachte zu neuem
-Leben. Nur der Mann auf dem Rasen machte seine
-letzte Rechnung auf Erden!</p>
-
-<p>Noch einmal schweifte sein Blick in die Weite.</p>
-
-<p>Drüben stand in goldigem Glanze das Schloß seiner
-Väter. Aber seine trutzigen Mauern waren zerfallen,
-und kein verjüngender Sonnenaufgang gab ihm seine
-Festigkeit wieder. Nur ein kleiner Teil, die vorspringende
-Mitte, stand noch, und die weißen Quader leuchteten wie
-einst über das Land. Aber ach, wie lange würde es
-dauern, dann stürzten auch die letzten Mauern zusammen,
-und ein wüster Trümmerhaufen bezeichnete die Stätte,
-auf der einst in Pracht und scheinbarer Unvergänglichkeit
-auf felsigem Grunde ein stolzes Menschenwerk gestanden
-hatte.</p>
-
-<p>Jahrhunderte hatte der Bau ins Land ziehen sehen. Lieblicher
-Sonnenschein hatte ihn unzähligemale umschmeichelt,
-brausende Naturgewalten drohend umbrandet. Zeiten<span class="pagenum" id="Seite_419">[419]</span>
-segensreichen Friedens waren an ihm vorübergegangen,
-und auf wildes Kriegsgetümmel und ohnmächtige Wut
-seiner Angreifer hatte der steinerne Koloß mit stummer
-Verachtung herabgesehen. Nun war auch seine Zeit
-abgelaufen, und der vorgeschrittene Verfall führte die
-eindringliche Sprache, daß auf Erden alles vergänglich
-ist! Nach einer Reihe von Jahren, früher oder später,
-aber einmal doch, werden auch die letzten, stummen Zeugen
-entschwundener Pracht und menschlichen Fleißes nicht
-mehr sein. Die noch nicht zertrümmerten Steine werden
-Häuser bauen helfen, in denen Menschenfreud und
-Menschenleid geboren wird, lacht und weint und stirbt,
-und die geborstenen Säulen und Quader zerfallen endlich
-in Staub und vermischen sich wieder mit der
-Erde, von der sie gekommen sind, und deren mütterlicher
-Umarmung sie sich nur zu lange entzogen hatten.
-Dann geht die Pflugschar wieder über das Land und
-wirft die köstlich duftende Ackerkrume auf, und saurer
-Schweiß tränkt den Boden. Bis endlich auf dem Rasen
-Spiel und Sang anheben, und die Halme sich biegen
-unter den Füßen der Tanzenden. So in stetem Auf-
-und Niedergang, Geburt, Hinaufeilen auf den Gipfelpunkt
-des Lebens, mühsames Hinabklimmen oder Hinabsturz
-&ndash; und Tod: das ist das wechselvolle, geheimnisumwobene
-Spiel des Werdens und Vergehens alles
-Irdischen, das sind die urewig gleichen Menschenschicksale!
-Eine zermalmende Traurigkeit beschleicht bei dieser
-Betrachtung das Gemüt, gegen die menschlicher Witz sich
-vergebens sträubt und menschliche Kraft ohnmächtig ankämpft.
-In diesem Leid tröstet und erquickt allein
-der aus starkem Herzen quellende Glaube an die Barmherzigkeit
-und Ewigkeit der Himmel!</p>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_420">[420]</span></p>
-
-<p>Und dann gedachte der junge Tiefenbach seines
-Geschlechts. In langen Reihen standen in sturmfesten
-Kellergewölben des Schlosses die Särge seiner Ahnen.
-Viele von ihnen waren wohl mit dem Schwerte in der
-Faust gestorben und schlummerten in unbekannter Erde.
-Er war der letzte Sproß. Jung war er und kraftvoll,
-und doch rüstete er sich schon zur Wanderung nach jenem
-unbekannten Land, aus dem niemand wiederkehrt. Nun
-stand der Name Tiefenbach nur noch auf zwei alten,
-müden Augen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Aber er ging gern von hinnen, denn er ging nach
-einem gewonnenen Streit gegen den Feind des Landes
-und den Beflecker seiner Ehre. Das ist für Menschen,
-die beim Heimgange eines Teuern großen Schmerz erlitten,
-das Köstliche, daß sie in jenen unbekannten Gefilden
-von einer ihrer harrenden, liebenden Seele an die
-Hand genommen werden.</p>
-
-<p>So mußte er denn früher scheiden als er gedacht;
-aber noch waren es ihrer zwölf, die die Reihen der für
-die Freiheit Kämpfenden verstärkten. Und bei diesem
-tröstenden Gedanken trat wieder das glückliche Lächeln
-auf die Züge des schwer Atmenden, und eine neue Ohnmacht
-umfing seine Sinne.</p>
-
-<p>Jetzt tauchte auch der galoppierende Reiter vor
-einer Biegung der Straße auf und näherte sich rasch
-der Gruppe. Es war Konrad Hartmann.</p>
-
-<p>Schon von weitem winkte und rief er. Hastig
-sprang er vom Pferde und fragte die schweigend Herumstehenden
-mit lauten Worten nach der Ursache des
-Schusses, den er schon in weiter Ferne vernommen hatte.
-Mit fliegendem Atem wurde er unterrichtet. Da fielen
-seine Augen auf den wie in friedlicher Ruhe schlummernden<span class="pagenum" id="Seite_421">[421]</span>
-Freund. Ein einziger Blick, und er hatte alles verstanden.
-In heftigem Schmerze griff er mit beiden
-Händen nach der Stirn und blieb eine Sekunde lang
-mit verhülltem Antlitz stehen. Dann eilte er zu dem
-Liegenden, faßte ihn an der Schulter und rüttelte sie
-und schrie dem Ohnmächtigen ins Ohr:</p>
-
-<p>»Vernimm erst noch, was ich Dir sage, mein
-Freund, es mag Dir eine erquickende Zehrung auf die
-Reise sein!«</p>
-
-<p>Der Angerufene schlug langsam die Augen auf und
-sah den Freund verständnisvoll an.</p>
-
-<p>»Die Sache steht gut,« rief Konrad ihm zu, »heute
-oder morgen werden die deutschen Hörner beim Blasen
-der Siegesfanfaren zerspringen. Der Blücher haut die
-Franzosen in Fetzen. Hörst Du’s, Max, der Blücher!
-Und in den sächsischen Regimentern ist ein Tumult ausgebrochen.
-Sie wollen nicht mehr für den Kaiser fechten,
-sondern zu den Preußen übergehen!«</p>
-
-<p>Da erstrahlten die schon brechenden Augen noch
-einmal in sonnigem Leuchten, und der Sterbende nahm
-die rasch entfliehenden Kräfte zusammen und sprach mit
-leiser, vernehmbarer Stimme:</p>
-
-<p>»Der Freihof gehört dem Hermann, und &ndash;
-sagt’s der Mutter, &ndash; der Schimpf ist getilgt!«</p>
-
-<p>Dann fiel der während der letzten Worte mühsam
-gehobene Kopf wieder in Mutter Lehnhardts Schoß
-zurück, und ein tiefer Seufzer entrang sich den bleichen
-Lippen. Konrad ließ sich neben dem Freunde auf das
-Knie nieder und drückte ihm leise die Augen zu, während
-die Umstehenden in tiefer Ergriffenheit die Blicke zu
-Boden schlugen.</p>
-
-<div class="tb"><sup>*</sup><sub>*</sub><sup>*</sup></div>
-
-<p><span class="pagenum" id="Seite_422">[422]</span></p>
-
-<p>Vorwärts, soweit das Auge reichte, dehnte sich die
-weite Ebene von Leipzig aus. Obwohl die Erde von
-dem Flammenkuß des leuchtenden Tagesgestirns eben
-erst erwacht war, stiegen pyramidengleich schon durchsichtige
-Staubwolken zum Himmel empor, deren düsteres
-Grau, durchglänzt von dem leuchtenden Gold der Sonnenstrahlen,
-sich mit der tiefblauen Färbung des Äthers
-vermählte. Das waren die ersten Anzeichen, daß der
-Aufmarsch der Regimenter von Freund und Feind zur
-Schlacht nach dem gestrigen Tage der Ruhe begonnen
-hatte. Als wenn ein ungeheures Wesen seine tausendfach
-gegliederten, tausend Arme zu gleicher Zeit rege.
-Zum letzten Male rauschte der Vorhang des großen
-Schlachtentheaters in die Höhe, &ndash; morgen fiel er, und
-hinter ihm sank einer der gewaltigsten Abschnitte deutscher
-Geschichte hinab in das Meer der Weltgeschichte! Die
-eisernen Würfel rollten um alles über die zerstampften,
-blutgetränkten Gefilde Leipzigs und warfen für Deutschland
-achtzehn Augen. Einer der Großen der Erde
-wurde von dem wandelbaren Geschick, nachdem es den
-beispiellosen, sieghaften Aufflug seines Genies lange Zeit
-wunderbar behütet hatte, in diesen Tagen verlassen.</p>
-
-<p>Aber selbst sein Volk vermag ihm bei dem Heraufsteigen
-seiner Manen nur Bewunderung gemischt mit
-Grausen zu zollen; eine höhere Empfindung kann das
-menschliche Herz für ihn nicht bewegen. Sein Lebensschiff
-trieb auf einer Woge von Blut und bittern Tränen.
-Denn er war ein Zerstörender, Niederreißender. Der
-aber, dessen Lebensfaden Klotho kaum zwei Jahre darauf
-zu spinnen begann, und dessen Genius später in Deutschland
-wie ein leuchtendes Phänomen langsam emporstieg,
-bis es, wie einst jenes, über die ganze Erde hinweg<span class="pagenum" id="Seite_423">[423]</span>
-gesehen ward, dieser Große war ein Aufbauender,
-Schaffender! Anfangs alle bis auf seinen König zum
-Gegner, schlug die Stimmung infolge seines weitschauenden
-Wirkens und seiner kühnen und von glänzendem Gelingen
-gekrönten Taten allmählich um, und aus den
-heftigsten seiner Widersacher von einst wurden unwandelbare
-Verehrer seines Kurses. Aus einem Wirrwarr
-sich heftig befehdender Kräfte erstarkte unter seinem
-Einfluß ein bewußtes Streben nach nationalen Hochzielen,
-und der nie ganz ausgeklungene, märchenschöne
-Traum trat endlich in plastischer Schärfe wieder vor
-die Seele des ungestüm seine Verwirklichung fordernden
-deutschen Volkes: der große, der gewaltige, &ndash; der
-Kaisergedanke!</p>
-
-<p>Und als nach Jahren brausender Gährung der einstmalige
-Tummelplatz hoher Ideen und doch gleichzeitig engherziger
-Empfindungen ihm für sein Riesenwerk hinreichend
-bestellt erschien, da schweißte der Titan mit weit über
-Europas Grenzen hinaus hallenden Hammerschlägen das
-zerstückelte Deutschland zusammen. Hinter dem schwärzlich
-sich ballenden Rauche der dröhnenden Kanonen stieg die
-schimmernde Morgenröte des neuen deutschen Reiches
-verheißungsvoll empor, und in das Wimmern und
-Ächzen der Verwundeten, in das Seufzen und Beten
-der Sterbenden mischten sich Posaunentöne, feierlicher
-Glockenklang und der stürmische Jubel der Ueberlebenden,
-denn Deutschland hatte, ja es hatte wieder &ndash; einen
-Kaiser! Zweimal führte der Erzfeind im Schilde,
-Deutschland zu zersplittern und zu vernichten, und zweimal
-ging es siegreich und schließlich geeint und in
-seinen höchsten Idealen erstarkt aus dem aufgezwungenen
-Kampfe hervor. Wie später auf Frankreichs Boden,<span class="pagenum" id="Seite_424">[424]</span>
-gingen damals auf dem grünen Plane vor Sachsens
-alter Lindenstadt Tausende deutscher Männer und Jünglinge
-freudig in den Tod. Sie starben, um kommenden
-Geschlechtern die Freiheit und Unabhängigkeit des
-Heimatbodens zu sichern.</p>
-
-<p>Heil, dreimal Heil, dir mein deutsches Vaterland,
-zu solchen Heldensöhnen!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Da sprang der Rabensteiner auf. Sein Gesicht
-war mit hellem Rot übergossen, und sein Auge glühte
-in edlem Feuer:</p>
-
-<p>»Was steht Ihr noch länger müßig? Hebt den
-Leichnam auf, tragt ihn hinab ins Trauerhaus und
-tröstet die tiefgebeugte Mutter. Dann aber eilet von
-Hof zu Hof, von Haus zu Haus und fordert die
-Männer, die Frauen und Kinder auf zur Totenschau,
-auf daß mit Tränen der Wehmut und des Stolzes
-reichlich genetzt werde der gemeinsame Hügel, unter dem
-zwei Helden schlummern, die für ihre Ehre und die
-deutsche Freiheit in den Tod gingen.«</p>
-
-<p>Dann stellte er sich vor die Männer:</p>
-
-<p>»Euerm Führer war es als Ersten vergönnt, für
-die heilige Sache sein Herzblut dahinzugeben. Wohlan,
-Freunde,« fügte er frohlockend hinzu, »so laßt es nun
-mich sein, der Euch den Weg weist, zu den siegenden
-Fahnen der deutschen Brüder!«</p>
-
-<hr class="chap x-ebookmaker-drop" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Sonst wurde
-die teilweise uneinheitliche Schreibweise, insbesonde der großen Umlaute,
-wie im Original beibehalten.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 231: bekommenen → beklommenen<br />
-ohne den <a href="#corr231">beklommenen</a> Eindruck der Seele</p>
-<p>
-S. 325: Sternschuppen → Sternschnuppen<br />
-zerflattern wieder wie <a href="#corr325">Sternschnuppen</a></p>
-</div>
-</div>
-
-<div lang='en' xml:lang='en'>
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK <span lang='de' xml:lang='de'>HERR, MACH' UNS FREI!</span> ***</div>
-<div style='text-align:left'>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Updated editions will replace the previous one&#8212;the old editions will
-be renamed.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg&#8482; electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG&#8482;
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for an eBook, except by following
-the terms of the trademark license, including paying royalties for use
-of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
-copies of this eBook, complying with the trademark license is very
-easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
-of derivative works, reports, performances and research. Project
-Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may
-do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected
-by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
-license, especially commercial redistribution.
-</div>
-
-<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br />
-<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br />
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span>
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-To protect the Project Gutenberg&#8482; mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase &#8220;Project
-Gutenberg&#8221;), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg&#8482; License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg&#8482;
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg&#8482; electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg&#8482; electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person
-or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.B. &#8220;Project Gutenberg&#8221; is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg&#8482; electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg&#8482; electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg&#8482;
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (&#8220;the
-Foundation&#8221; or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg&#8482; electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg&#8482; mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg&#8482;
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg&#8482; name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg&#8482; License when
-you share it without charge with others.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg&#8482; work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country other than the United States.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg&#8482; License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg&#8482; work (any work
-on which the phrase &#8220;Project Gutenberg&#8221; appears, or with which the
-phrase &#8220;Project Gutenberg&#8221; is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-</div>
-
-<blockquote>
- <div style='display:block; margin:1em 0'>
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
- other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
- whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
- of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
- at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
- are not located in the United States, you will have to check the laws
- of the country where you are located before using this eBook.
- </div>
-</blockquote>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg&#8482; electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase &#8220;Project
-Gutenberg&#8221; associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg&#8482;
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg&#8482; electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg&#8482; License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg&#8482;
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg&#8482;.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg&#8482; License.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg&#8482; work in a format
-other than &#8220;Plain Vanilla ASCII&#8221; or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg&#8482; website
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original &#8220;Plain
-Vanilla ASCII&#8221; or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg&#8482; License as specified in paragraph 1.E.1.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg&#8482; works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg&#8482; electronic works
-provided that:
-</div>
-
-<div style='margin-left:0.7em;'>
- <div style='text-indent:-0.7em'>
- &#8226; You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg&#8482; works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg&#8482; trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, &#8220;Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation.&#8221;
- </div>
-
- <div style='text-indent:-0.7em'>
- &#8226; You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg&#8482;
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg&#8482;
- works.
- </div>
-
- <div style='text-indent:-0.7em'>
- &#8226; You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
- </div>
-
- <div style='text-indent:-0.7em'>
- &#8226; You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg&#8482; works.
- </div>
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg&#8482; electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of
-the Project Gutenberg&#8482; trademark. Contact the Foundation as set
-forth in Section 3 below.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg&#8482; collection. Despite these efforts, Project Gutenberg&#8482;
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain &#8220;Defects,&#8221; such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the &#8220;Right
-of Replacement or Refund&#8221; described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg&#8482; trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg&#8482; electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you &#8216;AS-IS&#8217;, WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg&#8482; electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg&#8482;
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg&#8482; work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg&#8482; work, and (c) any
-Defect you cause.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-</div>
-
-</div>
-</div>
-</body>
-</html>
diff --git a/old/67303-h/images/cover.jpg b/old/67303-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index f120a70..0000000
--- a/old/67303-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/67303-h/images/illu-001a.jpg b/old/67303-h/images/illu-001a.jpg
deleted file mode 100644
index 93b244c..0000000
--- a/old/67303-h/images/illu-001a.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/67303-h/images/illu-001b.jpg b/old/67303-h/images/illu-001b.jpg
deleted file mode 100644
index ea4e0d9..0000000
--- a/old/67303-h/images/illu-001b.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ