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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-22 05:49:18 -0800 |
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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Herr, mach' uns frei! - -Author: Gustav Hildebrand - -Release Date: February 2, 2022 [eBook #67303] - -Language: German - -Produced by: The Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HERR, MACH' UNS FREI! *** - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Herr, mach’ uns frei! - - [Illustration] - - Roman - - von - - Gustav Hildebrand. - - [Illustration] - - Leipzig. - - Bruno Volger, Verlagsbuchhandlung. - - 1908. - - - - -1. Kapitel. - - -Der zur Rüste gehende Julitag hatte alle vorangegangenen Tage, so heiß -sie auch gewesen waren, übertroffen. Vom frühen Morgen ab hatte die -Sonne von dem wolkenlosen Himmel auf die Erde herabgeschienen. Nun ging -aber ihre Herrschaft zu Ende, denn der glühende Ball näherte sich dem -Himmelsrand und seine Strahlen glitten in schräger Richtung über die -Landschaft. - -Auf der alten Poststraße, die von Borna nach Leipzig führte, schritt -ein junger Mann fürbaß, dessen müder Gang verriet, daß er heute schon -einen weiten Weg zurückgelegt hatte. Er hatte den leichten Strohhut in -den Nacken geschoben und lüftete ab und zu das kleine Ränzel, das ihn -nach so langen Stunden wohl arg drücken mochte. - -Ein schmaler Weg kreuzte die Straße, und an dem Schnittpunkt stand -ein alter Meilenstein. Der Wanderer ging zu ihm hin, stützte sich -hintenübergelehnt mit beiden Armen auf seinen derben Knotenstock und -versuchte, die kaum noch leserlichen Buchstaben auf dem verwitterten -Stein zu entziffern. Nach einigem Bemühen las er mit lauter Stimme: -»Rehefeld ¼ Meile.« - -Eine muntere Melodie pfeifend, hieb der Fremde mit dem Stock ein -paarmal vergnügt ins Blaue und schlug dann den schmalen Weg ein. Die -Aussicht auf das nahe Ziel belebte seine Kräfte sichtlich aufs neue. -Obwohl der Weg nicht bequem zu gehen war, denn hüben und drüben hatten -schwerbeladene Wagen tiefe Radspuren hinterlassen, und aus dem schmalen -Grasstreifen in der Mitte ragten zahlreiche, spitze Steine hervor, -eilte der Wanderer dennoch mit schnellen Schritten vorwärts. Ein -schwacher Wind hatte sich erhoben, der ihm wohltuende Kühlung spendete, -und vor dem die mannshohen Halme ihre schweren Häupter leicht hin- und -herwiegten. - -Zu seiner Linken verlor sich das Land in eine unabsehbare Ebene, -während vorwärts und nach rechts hin ein dichtes Waldstück die -Fernsicht versperrte. - -Nach wenigen Minuten befand er sich inmitten der Fichten, durch die -der Weg jetzt leicht anstieg. In kurzer Zeit aber wurde der Wald -wieder lichter und die Bäume hochstämmig, und nach einigen Schritten -verdoppelter Eile, und nachdem der Weg eine letzte, scharfe Biegung -nach rechts gemacht hatte, trat der Fremde wieder ins Freie. - -Ein herrliches Bild bot sich den entzückten Augen des Wanderers. Zu -seinen Füßen schlängelte sich in seinem tiefeingeschnittenen Bette -gleich einem silbernen Streifen der Göselbach dahin, zu dessen beiden -Seiten zahlreiche, hochstämmige Lindenbäume und Ulmen standen, aus -deren saftigem Grün die Häuser des Dorfes hervorlugten. Die dunkeln -Balken in den Giebelwänden hoben sich von dem weißgetünchten Mauerwerk -scharf ab, und hier und da schlängelte sich aus einem Schornstein schon -eine dünne Säule blauen Rauches, dessen Ringe sich sanft kräuselten, -bis sie endlich in der Luft verschwanden. Einige der Häuser waren mit -Ziegeln gedeckt, bei den meisten aber bestand das Dach aus einer dicken -Lage Stroh. - -Der Hügel, auf dem der Wanderer sich befand, ging nach rechts in die -weite Ebene über. Das linke Ufer des Flüßchens dagegen erhob sich zu -einer sanften Lehne, auf deren höchstem Punkt, vielleicht zweihundert -Fuß über dem schlanken Turme des Kirchleins, ein altes Schloß thronte. -Es war eine festungsartige Burg mit einem weit hervortretenden -Mittelbau und zwei dicken, vom Erdboden ab aufgeführten Türmen, von -denen der westliche, wahrscheinlich infolge Altersschwäche, zur Hälfte -eingestürzt war. - -Jahrhunderte mochten ins Land gezogen sein, seitdem der Grundstein -dieser Feste gelegt worden war. Wohl hatte das Schloß den Zeiten und -Wettern seinen Tribut zollen müssen, aber noch immer behauptete es, den -wildesten Stürmen zum Trotz, seinen Platz, wuchtig und herausfordernd -zugleich, und die großen, weißen Quader leuchteten noch wie ehedem weit -in das Land hinein. Wie ein ehrfurchtgebietendes Denkmal alter Zeiten, -ein stummer Zeuge der Geschehnisse eines halben Jahrtausends grüßte es -zu dem Wanderer herüber. - -Dieser hatte sich an eine der hohen Fichten gelehnt und überließ sich -ganz dem Zauber des Anblicks, der sich ihm bot. - -Seine Blicke glitten hinüber zu dem mächtigen Bauwerk, das als ein -stolzes Erzeugnis menschlicher Kunst und menschlichen Fleißes, nunmehr -dem Zerfall entgegenging, wie es den Menschenwerken endlich beschieden -ist. - -Die Phantasie gaukelte dem Fremden die Geschichte des Schlosses in -lebhaften Bildern vor die Seele. Er sah, wie die mächtigen Bausteine -von starken Pferden den Berg hinangeschleift wurden, wie die Mauern -erstanden, und wie endlich der Bischof segnend die Hände über den Bau -ausbreitete, den die Bewohner des Dorfes mit frischen Blumengewinden -bräutlich geschmückt hatten. Dann sah er, wie die Tore sich öffneten -und aus ihnen eine lärmende Schar herauszog, den Schloßherrn mit -seinen Gästen an der Spitze, und an ihrer Seite ritten Edelfrauen mit -den Jagdfalken auf den Schultern. Aber weiter eilte sein Geist. Er -sah wieder ein Häuflein den Abhang herabziehen, diesmal aber nicht -zur Jagd, oder um die feurigen Rosse im Turnier zu tummeln: von den -Schildern der Gewappneten glänzte das Kreuzeszeichen, und die Ritter -schauten mit ernsten Mienen hinauf, wo vom Söller die Frauen feuchten -Auges die letzten Grüße herabwinkten. Und jeder der Beherzten fragte -sich leise: »Wer wird wiederkehren?« Doch im nächsten Augenblick -warfen sie unwillig den Kopf in den Nacken und reckten die gepanzerten -Glieder, daß die eherne Rüstung klirrte, und die wallenden Federn der -blanken Helme durcheinander wogten, und sie beeilten sich, die sie -überkommene Weichheit zurückzudrängen. Seit wann war es denn auch -Sitte, daß der zum Kampfe ausziehende deutsche Krieger der Weibertränen -achtete? Galt es doch diesmal, dem heidnischen Sarazen die Herrschaft -über das heilige Grab mit dem Schwert wieder zu entreißen und an der -Stelle des Halbmonds die Kreuzesfahne aufzupflanzen. - -Jahrhunderte durchmaß des Wanderers Phantasie. Die sonst so friedliche -Umgebung des Schlosses war niedergestampft, niedergebrannt, verwüstet. -Rundum breitete sich das Heerlager des Belagerers aus, der sich -eben anschickte, die Feste zu berennen. Sturmleitern wurden in Eile -herangeschoben, und Rammbock und Mauerbrecher waren in Tätigkeit. -Von oben aber wurde siedendes Oel hinabgegossen, und Steinblöcke -wurden mit wildem Getöse auf die Stürmenden herabgeworfen, während des -Angreifers Feldkartaune aus ihrem ehernen Leibe schwere Geschosse gegen -die stellenweise schon wankenden Mauern schleuderte. Da schien mit -einem Male der Widerstand der Eingeschlossenen gebrochen; die Abwehr -läßt nach, die Mannen auf dem Mauerrand ziehen sich zurück. Da, -- -Stimmengewirr, Schnauben und Stampfen nicht mehr zu zügelnder Rosse. -Gedämpfter Kommandoruf wird vernehmbar, und -- nieder rasselt klirrend -die Zugbrücke. Wie Sturmwind fegt es darüber hinweg: die Belagerten -machen einen Ausfall. Wenn der Untergang im Buche des Schicksals -einmal besiegelt, dann wenigstens nicht ruhmlos untergehen, Hörnerruf, -der erzene Klang der ihren Scheiden entfliehenden Schwerter, und -dann mit vielstimmigem, drohendem Schlachtruf hinein in die schnell -gebildeten Haufen der Feinde. Wie Löwen kämpfen die Ritter, und manch -einem entsinkt das Schwert der Faust; edles Blut färbt den Rasen. Aber -Söldlinge können solchem Ansturm nicht lange widerstehen: hier und dort -beginnt der Feind schon zu weichen, und endlich wirft der bleiche Mond -sein mildes Licht auf den Kampfplatz, den sich die Tapfern, wenn auch -mit schweren Opfern, ruhmvoll erkämpft, und die Geister der Gefallenen -setzen auch dann noch erbittert den Strauß fort, wenn die Überlebenden -längst schon die müden Glieder auf das Lager streckten. - -Die feinen Züge des Fremden hatten sich belebt und seine Augen glänzten -begeistert. - -Dann wandte er sich ab und sah hinein in das weite Land. Die Felder -waren überreich bestanden, ihre Grenzen hoben sich von einander scharf -ab. Hier und dort bemerkte er eine Windmühle, deren lange Flügel sich -rastlos drehten, -- fast vermeinte er, ihr Klappern töne herüber; dort -wieder stand ein einsames Haus, dort lag ein Dorf in weiter Ferne, als -wenn ein Riesenkind seine Spielwaren aufgebaut habe, und weit hinten -am Horizont grüßten die Türme von Leipzig, -- der alten Lindenstadt. -Über dem ganzen herrlichen Bilde aber lag ein Hauch von Frieden und -segensreicher Arbeit. - -Der einsame Beschauer ließ seine trunkenen Blicke von einem zum andern -gleiten, über all die blühenden Gefilde, die gesegneten Fluren; -und er seufzte. Denn noch immer befürchtete man die Wiederkehr der -Scharen Napoleons. Die Wunden, die des verhaßten Korsen blutige Geisel -geschlagen, waren noch lange nicht verheilt, und die Schrecken der Tage -von Jena und Friedland zitterten noch sattsam nach in den Seelen der -Menschen. - -Wie lange war es dem Landmann noch beschieden, friedlich seine Felder -zu bebauen und den reichen Gottessegen einzuernten? Konnte es nicht -dem Ruhelosen noch einmal gelüsten, sein Schlachtenglück zu erproben -und Verwüstung und Greuel hineinzutragen in die deutschen Lande, in -denen eine große Anzahl von Eltern und Kindern an den noch frischen -Gräbern ihrer Teuern stand, die der Ruhmsucht dieses Weltenstürmers zum -Opfer gefallen waren! Sind nicht alle Menschen Brüder untereinander, -und warum läßt ein gerechter Gott Tausende von blühenden Jünglingen -dahinsinken nach dem Willen eines Einzigen? - -Dem Wanderer schauerte, wenn er daran dachte, daß diese Fluren verödet, -zertreten werden könnten, und er wandte sich langsam zum Gehen. - -Noch immer diesen Gedanken nachhängend, stieg er den Hügel hinab und -befand sich bald zwischen den ersten Häusern von Rehefeld. - -Kurz nach dem Betreten des Dorfes fiel sein Blick auf ein kleines, -altes Haus, das von einem sorgfältig gepflegten, kleinen Garten -umgeben war. Vor ihm saßen auf der steinernen Bank neben der Tür drei -Menschen: ein junger Bauernbursche, der den Arm um die Hüften des -neben ihm sitzenden Mädchens gelegt hatte und eine kleine, gebückte -Frau, deren hohes Alter mit dem des Hauses wohl fast übereinstimmen -mochte. Auf ihren Knien hielt sie eine Schüssel, in die sie Kartoffeln -hineinschälte. - -Einer plötzlichen Eingebung folgend, trat der Wanderer an den niedrigen -Zaun und fragte hinüber, ob er wohl eine kleine Zehrung erhalten könne. - -Die drei hatten den Fremden schon beim Näherkommen mit neugierigen -Blicken betrachtet, seine unerwartete Anrede aber machte sie verlegen. -Am ehesten fand die Alte Worte. »Wenn der Herr mit einem Trunke -frischgemolkener Milch fürlieb nehmen würde --« - -»Das ist es ja gerade was ich wünsche,« antwortete der Fremde und trat -durch die Tür in den Garten. - -Der Bursche war aufgestanden und bot dem Ankömmling seinen Sitz auf der -Bank an, den dieser aber mit einem lächelnden Blick auf das errötende -Mädchen dankend ausschlug. - -Unterdessen hatte die Greisin den Napf zu Boden gesetzt und war dann -mit überraschender Beweglichkeit in das Haus geeilt, um bald darauf mit -einem Glase Milch und einer Brotschnitte zurückzukehren. - -Der Fremde, der sich auf einem Grasstreifen des kleinen Gartens -niedergestreckt hatte, griff verlangend nach dem dargebotenen Trunk -und tat einen tiefen Zug davon. Dann brach er das Brot auseinander, -tauchte es in die Milch und verzehrte das einfache Mahl mit sichtlichem -Behagen. Die Alte und der Bursche hatten sich wieder zu dem Mädchen -gesetzt, und nun ruhten aller Augen auf dem Fremden, der sich so -zwanglos vor ihnen niedergelassen hatte, und jeder von ihnen versuchte -nach seiner Art zu erraten, welch Standes er wohl sei. - -Ein Bauer war er nicht, das sah der Bauer auf den ersten Blick. Er war -von schlanker Gestalt, noch nicht dreißig Jahre alt und hatte ein von -der Sonne stark gebräuntes Gesicht. Seine Züge waren vornehm, seine -Haltung und Art edel. Die Kleider hatten einen Schnitt, wie man ihn -hier im Dorfe selten sah und waren von feinem Tuche gefertigt. Es war -schade, daß man die Farbe des Stoffes nicht recht erkennen konnte, eine -so dicke Staubschicht lag darauf. Der Fremde mochte heute früh weit von -Rehefeld entfernt aufgebrochen sein. Er war ein Stadtherr, das stand -fest. Aber was mochte ihn hierher führen? Vielleicht war er auf der -Reise nach Leipzig, denn das kleine Dörfchen bot für einen Mann wie -seinesgleichen keine Anziehung. - -Mit all diesen Fragen beschäftigten sich die drei Rehefelder eifrig, -und wenn auch jeder von ihnen viel darum gegeben hätte, zu erfahren, -was er zu wissen wünschte, so soll doch nicht verhehlt werden, daß sich -besonders das junge Mädchen im geheimen diese Fragen immer wieder auf -das eindringlichste stellte, die befriedigenden Antworten darauf ihr -aber nicht gelingen wollten. - -Der junge Bursche rückte wieder an Antonie heran; als er sich aber -anschickte, sie wie vorhin zu umfangen, deutete das Mädchen ihm durch -stumme Zeichen an, daß dies in Gegenwart des Fremden wohl nicht -schicklich sei. Hermann schien jedoch für die verstohlene Äußerung -jungfräulichen Taktes nicht das genügende Verständnis zu besitzen, -denn sie sah sich veranlaßt, ihm heimlich einen genügend hörbaren -Klaps auf die Hand zu geben und dem verdutzt Dreinschauenden obendrein -verweisende Worte zuzuwispern. - -Daß Hermann sie gerade in der Betrachtung des kleinen Medaillons -gestört hatte, das verstohlen von dem goldenen Armband des Fremden aus -dem Ärmel hervorlugte, und in dem sie mit echt weiblichem Scharfsinn -ein schönes Frauenbild vermutete, zu dem wohl zwei schwere Zöpfe -gehörten, vielleicht von einem solch lieblichen Blond wie die krausen -Locken, die sich unter dem Hute des Fremden hervorgedrängt hatten und -nun über der Stirn im leichten Windhauch zitterten, daß Hermann sie aus -diesen wichtigen Betrachtungen gerissen hatte, sagte sie ihm freilich -nicht. - -Der Fremde hatte den Rest der Milch ausgetrunken, und Antonie beeilte -sich, ihm das leere Glas abzunehmen. - -Wenn die Alte bisher nur einige Male zu dem im Grase Liegenden heimlich -hinübergeschaut hatte, so schien ihr aber jetzt der richtige Zeitpunkt -für ein Verhör gekommen. - -Eben hatte sie eine große Kartoffel geschält und wie sie diese -zerschnitt, fielen beide Hälften klatschend in die Schüssel, daß das -Wasser über den Rand spritzte. Und mit diesem Laut war der Bann ihrer -Zunge gebrochen. - -»Der Herr ist heute wohl lange gewandert?« fragte sie. - -Der Angesprochene hatte sich im Grase lang ausgestreckt und den Kopf in -die Hand gestützt; er schien diese Frage schon längst erwartet zu haben. - -»Ja,« sagte er, »so reichlich zehn Stunden bin ich heute unterwegs, und -die Sonne hat mich von allen Seiten gehörig beschienen.« - -»Ei, ei, das ist lange,« versetzte die Greisin, die ihre Kartoffeln -ganz vergaß, »das kann nicht jedermann tun. Nun dafür hat aber der Herr -gestern gewiß weidlich geruht.« - -»Gestern? Ach nein, gestern war’s so wie heute, fast war der Weg noch -länger.« - -Wieder entstand eine tiefe Pause, und jeder der drei Rehefelder spann -von neuem seine Gedanken. - -Hermann sagte sich, daß dieser Fremde doch ein recht närrischer -Kauz sein müsse. Man stand im Zeichen der Hundstage, und die liebe -Sonne meinte es über alle Maßen gut. Darüber durfte man freilich im -allgemeinen nicht böse sein, denn der Hafer und die Kirschen konnten -noch ein paar Tage heißen Sonnenscheins gebrauchen. Aber man läuft, -wenn man’s anders haben kann, bei dieser Hitze doch nicht durch das -ganze Land. Ja, diese Stadtleute! - -Anders dachte Antonie. Das Mädchen, dessen Bild in der goldenen Kapsel -steckte, würde weit entfernt weilen, und nun ließ die Sehnsucht nach -der Geliebten ihm keine Ruhe. Er hatte sich also aufgemacht, um sein -Mädchen zu überraschen. Allerdings, dachte sie weiter, bequemer hätte -es der Verliebte doch gehabt, wenn er die Reise zu Wagen gemacht haben -würde. - -Über das welke, runzlige Gesicht des alten Mütterchens aber huschte das -Aufleuchten des Verständnisses. - -»Zwei Tage so zu marschieren, ist sehr viel,« sprach sie, »besonders in -dieser Zeit. Wenn es der junge Herr nun aber einmal getan hat, so ist -es gewiß das erste Mal, daß er diesen Weg zurücklegt, und er wähnt mit -Recht, daß der Mensch die Schönheit Gottes herrlicher Natur wandernd -viel besser genießt, als wenn er in der dumpfigen Postkutsche sitzt -und nur durch ein kleines Fenster schauen darf. Und obendrein ist es -doch nicht selten, daß die liebe Reisegesellschaft selbst das bißchen -Erbauung zerstört, das einem an dem kleinen Fenster vielleicht noch -überkommt.« - -»O, o,« dachten Hermann und Antonie gleichzeitig, »jetzt wird der Herr -die Mutter aber auslachen.« - -Ohne seine bequeme Lage aufzugeben, hatte der Fremde zugehört. Jetzt -antwortete er, belustigt durch die geschickt verkleidete Neugier der -Alten: - -»Es geht nichts über Lebensweisheit. Freilich habt ihr Recht! Manch -Schönes habe ich gesehen, was mir im Wagen entgangen wäre; und wenn -ich, vom vielen Gehen müde, mich am Abend auf das Lager strecke, so -bin ich früh doch wieder frisch und zu neuer Wanderung gekräftigt. -Freilich bin ich das Marschieren gewöhnt, schon so manches Jahr wandere -ich ja in der Welt herum. Aber nach einer Tagesfahrt in solch einem -Rumpelkasten ist es mir immer gewesen, als wenn ich für ein schlimmes -Vergehen hätte büßen müssen.« - -Antonie fühlte sich sehr enttäuscht, und ihre bisher unerschütterliche -Zuversicht in ihre Menschenkenntnis geriet arg ins Wanken. - -Die Alte hingegen war befriedigt und schmunzelte vor sich hin. - -»Da kommt der Herr wohl schon sehr weit her?« hub sie wieder an. -»Vielleicht aus dem Thüringischen?« - -»Gott bewahre,« sagte dieser, »ich komme aus Dresden.« - -»Ach, aus dem lieben Dresden,« erwiderte die Greisin. »Ich habe sie -auch einmal gesehen, die herrlichen Ufer der Elbe. Freilich ist dies -schon sehr lange her,« setzte sie mit tiefem Aufseufzen hinzu, »damals -lebte ja noch der selige Herr Oskar von Tiefenbach.« - -Mit einem Ruck fuhr der Fremde herum und schaute der Alten scharf ins -Gesicht. Dann sagte er kurz: - -»Ihr seid die Mutter Lehnhardt, nicht wahr?« - -Und wie er sich wieder zur Seite wandte, murmelte er: »Aber wie konnte -ich das denn nicht gleich wissen!« - -»Zu dienen, gnädiger Herr,« antwortete die Greisin, »doch woher kennt -Ihr meinen Namen?« - -»Mutter Lehnhardt,« erwiderte der Fremde, »wen der liebe Gott an Jahren -so gesegnet hat wie Euch, der wird weithin bekannt, ohne daß er davon -weiß. Aber sagt, wie alt seid Ihr denn eigentlich?« - -»Siebenundachtzig sind es nunmehr gewesen, Herr. Eine lange Zeit -ist’s,« fuhr sie redselig fort, »und wie viel die Augen schauen mußten, -wie vieles dem Menschen da zustößt, Glück und Leid. Aber der da droben -weiß es doch immer so einzurichten, daß den trüben Tagen wieder -Sonnenschein folgt. Und wenn ich nun auf mein Leben zurückschaue, auf -all die guten und bösen Tage, und ich sollte sagen, welche von ihnen -die andern überwogen haben, nun, so muß ich gestehen, daß die trüben -Bilder der Vergangenheit verblichen, verschwunden sind, daß mir aber -vieles des Fröhlichen, das mir beschieden war, unauslöschlich in die -Erinnerung eingegraben ist. Nun gebe mir Gott nur noch ein sanftes -Ende.« - -Die heitere Zufriedenheit, die in den einfachen Worten lag, drang dem -Fremden zum Herzen. Sie klangen von den Lippen der Greisin wie ein -Gebet. Und als sie geendet und nun mit ineinander gelegten Händen, -den Blick in die Weite gerichtet, eine Weile unbeweglich verharrte, -da überkam ihn wieder dieselbe gehobene Stimmung, die er vorhin beim -Betrachten der Natur empfunden hatte. Dort hatte er die Ruhe geschaut, -die nach beendetem Tagewerk in der weiten Werkstatt des ewigen -Schöpfers eingetreten war. Hier sah er einen alten Menschen der ein -reiches Leben voll Arbeit hinter sich hatte, und der sich nunmehr mit -müden Schritten dem Ende seiner Pilgerfahrt näherte. - -Um das welke, schmale Gesicht der Alten aber woben die letzten Strahlen -der scheidenden Sonne einen lichten Schein. - -»So kann in der zwölften Stunde seines Lebens nur ein glücklicher -Mensch aussehen,« dachte der Fremde. - -»Ach Mutter Lehnhardt,« sagte er, »vorhin hat dort oben auf der Höhe -der Anblick des Schlosses lange meine Aufmerksamkeit gefesselt. Wollet -Ihr mir nicht etwas von dem ehrwürdigen Bau erzählen? Ich bitt’ Euch -drum.« - -»Warum nicht, gnädiger Herr,« versetzte die Alte, »wenn Ihr mit meinem -Geplauder fürlieb nehmet. Ich tu es gern, denn die Erinnerungen an die -seligen Tage meiner Kindheit steigen dabei wieder in mir herauf.« - -Sie setzte den Napf zu Boden; in dem gleichen Augenblick aber sprang -vom Fensterbrett eine gelbe Katze auf ihren Schoß, die schon ein altes -Anrecht auf diesen Platz haben mochte. Und während die zitternden Hände -der Greisin das glänzende Tier liebkosten, erzählte sie die folgende -Geschichte: - -»Meine Vorfahren haben von Alters her zusammen mit den Tiefenbachs -auf dem Weißen Schlosse gelebt, sie die Herren, wir als Diener. Das -Amt des Pförtners war es, das meine Väter getreu wahrgenommen und -das sich immer vom Vater auf den Sohn vererbte. Die Chronik des -Schlosses spricht zum ersten Mal von einem Lehnhardt, der den Obristen -Gustav von Tiefenbach während des dreißigjährigen Krieges als Diener -begleitete und der, nachdem sie heimgekehrt waren und er seiner vielen -Verwundungen wegen nicht mehr kämpfen und das Roß nicht mehr besteigen -konnte, Pförtner ward. Hans hat er geheißen und so jeder Sohn bis auf -meinen seligen Vater herab. Dieser war der letzte Torwart des Weißen -Schlosses. Die Zeiten waren andere geworden; man schaffte das Amt -ab. Niemand war damit froher als er, denn Gott hatte ihm keinen Sohn -beschert und er gönnte keinem Fremden die Würde. - -Hanno von Tiefenbach ist der Urahn der Familie, und er war es auch, der -unter Kaiser Heinrich dem Vierten das Schloß im Anfang des zwölften -Jahrhunderts erbaute. Die bösen Hussiten spielten der Burg später -aber sehr übel mit, daß nur noch die Grundmauern stehen blieben, auf -denen Herr Arnulf gegen 1450 das Schloß in seiner heutigen Gestalt -aufrichtete. Viel Leid wurde dem Bau im dreißigjährigen Krieg durch die -Schweden zuteil, die sich aber an seinen unzerstörbaren Mauern tüchtig -die Köpfe einstießen. Freilich hat seine Festigkeit durch die langen -Beschießungen, denen er zu dieser Zeit ausgesetzt war, stark gelitten. -Heute ist das Schloß zwar noch immer bewohnbar, aber wer weiß auf wie -lange noch. - -Diese früheste Vergangenheit, gnädiger Herr, habe ich in den alten -Aufzeichnungen des Schlosses gelesen, zum Teil hat sie mir auch mein -Vater erzählt. - -Meine Mutter habe ich nicht kennengelernt, Gott nahm ihre Seele für -die meine. Alle süßen Erinnerungen an meine Jugendzeit sind von dem -Schlosse unzertrennlich. Mein Vater war, wie man sagte, ein wortkarger, -in sich gekehrter Mann, dem der Dienst viel Zeit übrig ließ. Aber -nur die Leute nannten ihn wortkarg, daheim war er gesprächig. Mit -wehmütiger Freude gedenke ich besonders der langen Winterabende. - -Während der Vater um neun Uhr das letzte Abendläuten besorgt und dann -den letzten Rundgang gemacht hatte, saß ich schon, ungeduldig seiner -harrend, in der großen Stube. Kein Laut war zu vernehmen, nur die -Wanduhr, deren Gehäuse bis zur Decke reichte, tickte einförmig, und im -Kamin knackten und knisterten die schweren Buchenscheite. - -Ich spitzte die Ohren. Draußen ging der Vater, schon hörte ich seine -Tritte. Er prüfte noch einmal den Torriegel und die Verankerung der -Zugbrücke, die er schon mit dem Anbrechen der Dunkelheit in die Höhe -gewunden hatte. Bevor er sich aber zur Ruhe begeben durfte, hatte er -von der Mauer nach dem Dorfe hinab drei Mal ins Horn zu stoßen. Es war -dies das Zeichen für die drunten, daß Licht und Feuer gelöscht werden -mußten. - -Und dann kam er! Dicht neben dem Tor war unsere Wohnung, die der Vater -selbst besorgte. Die Speisen erhielten wir aus dem Schlosse. - -Ich war ein rechter Wildfang, immer zu tollen Streichen aufgelegt, -furchtlos und ohne Ruhe. Aber wenn es Abend wurde, und der Vater sich -zum Erzählen anschickte, dann konnte ich stundenlang sitzen ohne mich -zu rühren, und meine Augen hingen an den Lippen meines Vaters. Und -wie konnte er erzählen! Alle Sagen, die sich mit der Geschichte des -Schlosses verwoben, und die ihm sein Vater berichtet, bekam ich zu -hören. Die Begebnisse von Jahrhunderten entrollten sich vor mir, und -ich lernte zuletzt alle verstorbenen Tiefenbachs so gut kennen, daß -sie mir vertrauter waren, als die Leute im Dorfe. Die Leiber der edeln -Herren und Frauen ruhten drunten in dem in den Felsen eingehauenen, -hohen Saal. Dort stand die lange Reihe großer und kleiner metallner -Särge, über die hinweg es manchmal in wilder Jagd ging, wenn ich mit -den beiden Burgkatzen dort spielte. Aber die Seelen der Verstorbenen -hatten mich lieb. Mit Hilfe meiner Einbildung waren sie mir treue -Spielgefährten, saßen mit mir am Tische, sprachen zu mir und hörten auf -meine Worte. Und selbst des Nachts in meinen Träumen erschienen sie mir -noch. - -Das war der Winter. - -Im Sommer saß ich meist droben in einem der Türme und blickte sinnend -hinauf zu dem blauen Himmel, oder hinunter auf die bunten Felder -und blumigen Wiesen. Dann schaute ich um mich, soweit mein Auge -reichte, und ich dachte, wie schön und wie groß ist doch die Welt! -Die flinken Schwalben, die den Turm unaufhörlich umkreisten, und -deren leichtbeschwingtem Fluge ich so gern zuschaute, kamen zu mir. -Zutraulich setzten sie sich zu meinen Füßen nieder und pickten die -Krümchen auf, die von meinem Brote auf den Sims herabfielen. Und -wenn ich sie fragte: wie hoch ist der Himmel? Da schauten sie mich -mit ihren blanken Augen erstaunt an, zwitscherten so laut, daß es mir -schien, als belustige sie mein Fragen, zogen von neuem ihre anmutigen -Kreise, stiegen höher und immer höher und verschwanden endlich in den -lichtblauen Wellen.« - -Ein Hustenanfall hieß die Greisin ihre Worte unterbrechen. Ehe sie aber -in der Erzählung fortfuhr, sagte sie: - -»Zürnen Sie mir nicht, Herr, wenn ich auch von mir selbst berichte, -aber es würde mir nicht gelingen, vom Schlosse zu sprechen, ohne meine -eigenen Erlebnisse dabei zu berühren.« - -Der Fremde machte eine Handbewegung, die andeutete, daß ihn die -Erzählung gut unterhalte, und Mutter Lehnhardt fuhr fort: - -»So verlebte ich die Jahre meiner Kindheit. Selten kam ich vom Schloß -in das Dorf hinunter. Dies geschah nur, wenn mein Vater zu mir sagte: -komm, Kind, heute ist Sonntag, da dürfen wir den Gottesdienst nicht -versäumen. - -Dann gingen wir nebeneinander den Weg hinunter. Im Dorfe sah ich viele -Menschen im Feiertagsgewand, die ebenfalls zum Gotteshause wanderten, -und Kinder, die mit einander spielten. Wenn ich an ihnen vorüberging, -unterbrachen sie ihr Spiel und schauten das fremde Gesicht verwundert -an. Ihr Zusammensein schien ihnen viel Freude zu machen, aber ich -beneidete sie nicht. Droben in meiner stillen Einsamkeit, im luftigen -Erker, tief unter mir die Welt und über meinem Haupte das hohe, -geheimnisvolle Himmelszelt, dazu das große Schweigen der lebendigen -Natur, -- dort war es doch viel schöner! - -Der Vater hatte mich das Lesen gelehrt, und ich nahm zuweilen ein Buch -mit hinauf auf den Turm, da das Zimmer mir zu eng wurde. Aber bald -entsank es meiner Hand. Die schwarzen, eckigen Buchstaben erschienen -mir steif und tot. Deshalb wollte auch das Lesen an der Stelle, wo -Alles Leben ausatmete, nicht recht gehen. Das was die Bücher von den -Menschen sagten, erzählte mir der Vater weit besser, und schwach -geradezu erschien mir, was ich von Gottes Wunderwerken las. Wie -armselig waren die Worte in ihnen, obwohl der Vater mir gesagt hatte, -daß sie ein sehr gelehrter Herr niedergeschrieben habe. Das kleine -Grashälmchen, das vor mir in der Mauerritze wuchs, die vorbeiziehenden -Vögel, die bunten Felder, der glitzernde Bach, die dunkeln Wälder und -über mir die Wolken, die majestätisch ihre Bahnen dahinzogen, sie alle -führten eine lebendigere Sprache und verkündeten mir mit nicht zu -übertreffenden Worten das geheimnisvolle Walten des Höchsten. - -Aber man muß diese Sprache auch verstehen! - -Ein jäher Schlag sollte meinen Freuden ein rasches Ende bereiten. Ich -war sechzehn Jahre alt. - -Mein Vater wurde krank und starb nach wenigen Tagen. Mich nahm man ins -Schloß, wo ich der alten Beschließerin zur Hand gehen mußte. Aber das -Arbeiten machte mir Freude. Es ließ mir freilich nicht mehr so viel -Zeit zum Träumen, half mir aber den schmerzlichen Verlust des innig -geliebten Vaters leichter ertragen. - -Der Herr des Schlosses war zu jener Zeit der greise Herr Leopold von -Tiefenbach. - -Er hatte in Polen zur Seite König Augusts des Starken wiederholt -gekämpft und war von ihm zum Lohne für seine Tapferkeit in den -Freiherrnstand erhoben worden, mit der Bestimmung, daß dieser Titel -sich auf den ältesten Sohn in der Familie vererben solle. - -Die edle Gattin des Schloßherrn, die schon lange gestorben war, hatte -ihm drei Söhne hinterlassen. Dem ältesten, Udo, wurde einmal das -Schloß. Damit aber auch seine Brüder Oskar und Egbert einen eigenen -Besitz haben sollten, ließ der Vater unten im Dorfe ein Anwesen -errichten, für das er von den Bauern die besten Felder kaufte, und -das von der Zahlung der Abgaben an das Schloß befreit wurde. Schöne -steinerne Gebäude wurden aufgeführt, und mit allem wurde das Gut -reichlich versehen. Dann übergab er es einem alten Bauern aus dem Dorfe -zum Verwalten. Erst nach des Vaters Tode sollten die beiden Brüder den -Freihof beziehen. - -Der Erbe des Majorats hatte sich mittlerweile die junge Gräfin von -Eckartsberg zur Gattin erkoren. Sie war eine blendend schöne Frau, -aber so stolz! Hu, es schauerte einem, in ihrer Nähe zu weilen, ein -solcher Eishauch ging von ihr aus. Sie hatte für uns Leute keinen -Blick. Der Freiherr sah stillschweigend auf die Schwiegertochter, als -wenn er im Innern die Wahl seines Sohnes nicht recht billigen könne. -Aber Herr Udo war von ihrer Schönheit ganz geblendet und gab sich ihrem -Einflusse willig hin. Schon immer war er ja selbst unfreundlich mit den -Schloßbediensteten gewesen, jetzt achtete er unser gar nicht mehr. - -Sein um zwei Jahre jüngerer Bruder Oskar bildete den schroffsten -Gegensatz zu ihm. Schon äußerlich ähnelten die Brüder sich nicht. -Während Udo klein und zierlich war, war Oskar von hohem Wuchs und -hatte einen kraftvollen Körper. Er war unser aller Liebling und stets -auf unser Wohl bedacht. Aber zuweilen konnte er doch sehr zornig -werden! Vor allem duldete er nie den leisesten Widerspruch. - -Der jüngste der Brüder, Egbert, war wieder zart und hing mit inniger -Liebe an Oskar. - -Just um dieselbe Zeit, zu der Udo fast täglich nach Eckartsberg -hinüberritt, um die schöne Gräfin Sophie zu besuchen, faßte Oskar eine -tiefe Zuneigung zu der Tochter eines der angesehensten Bauern des -Nachbardorfes Zehmen. Einen glücklichen Ausgang dieses Verhältnisses zu -finden, war aber sehr schwierig, da sich bisher noch kein Tiefenbach -ein Mädchen niederer Geburt zur Gattin erwählt hatte. - -Aber Herr Oskar war nicht der Mann, sich von der Ausführung eines -Vorhabens durch Hindernisse zurückhalten zu lassen. Und er sann darüber -nach, wie er des Vaters Einwilligung zu diesem Schritt erhalten könne. -So oft er den Vorsatz aber faßte, ihm seine Neigung anzuvertrauen, -ebenso oft verschob er das Geständnis auf eine günstigere Gelegenheit. - -Da kam ihm das Schicksal entgegen. - -Das was ich jetzt erzähle, gnädiger Herr, habe ich später wiederholt -von Herrn Oskar selbst gehört, als er es seiner Tochter, der jetzigen -Freihoferin mitteilte. - -Der Freiherr ließ Oskar eines Tages rufen und forderte von ihm -Rechenschaft. Der Vater der Geliebten war auf das Schloß gekommen und -hatte dem Freiherrn mitgeteilt, daß er die Besuche seines Sohnes Oskar, -so hoch er ihn auch schätze, nicht mehr gestatten dürfe, da andernfalls -seine Tochter zum Gespött der Leute werden würde. Er brauche es wohl -kaum auszusprechen, hatte er weiter erklärt, daß die Neigung des -Herrn von Tiefenbach ihn und seine Familie hoch ehre, aber er müsse es -als Vater verhindern, daß auf den Namen seiner Tochter auch nur der -Schein eines Makels falle. Der Herr Baron möge sich nur in seine Lage -versetzen. - -Oskar war der Lieblingssohn des alten Freiherrn, der seinen geraden und -vornehmen Sinn hoch achtete. Aufmerksam hörte er das Geständnis seines -Sohnes an, das in der Bitte ausklang, ihm kein Hindernis zu bereiten, -sondern die viele Liebe und Güte, die er ihm bis jetzt zugewendet, -durch seine Einwilligung zu dem Herzensbund von neuem zu bezeigen. -Dabei verfehlten die einfachen Worte, mit denen Oskar den trefflichen -Charakter der Geliebten schilderte, wie auch die männliche Festigkeit -gepaart mit kindlicher Unterwerfung, mit der er seine Bitte vorbrachte, -nicht, einen tiefen Eindruck auf den Freiherrn zu machen. - -Er kannte seinen Sohn und wußte, daß er ein echter Tiefenbach war. - -Der Vater versammelte darauf seine drei Söhne um sich und sprach über -Oskars Neigung und Bitte. Er sei weit davon entfernt, seinem Kinde -dafür zu zürnen, daß es das zu tun begehre, was ihm sein Herz gebiete. -Denn nicht bloß in Schlössern, sondern auch in Hütten werde der Adel -der Gesinnung geboren, und er sei davon überzeugt, daß jeder von ihnen -wisse, was er dem fleckenlosen Wappenschilde des Geschlechtes schulde. -Wenn er aber nicht ohne weiteres sein Jawort erteilen könne, so wäre es -deshalb, weil dieser Schritt in der Familie noch nie getan worden sei, -und er ihm die höchste Bedeutung beimesse. Er müsse erst Rat mit sich -halten, bevor er einen Entschluß fassen könne. Bis dahin möge Oskar -sich gedulden und der Liebe seines Vaters vertrauen. - -Mit diesen Worten küßte der Freiherr den Sohn auf die Stirn, dem, -überwältigt von der tiefen Bewegung, die die gütigen Worte bei ihm -hervorgerufen hatten, die Tränen in die Augen getreten waren. - -Wenige Tage darauf standen die Brüder erschüttert an der Leiche -ihres Vaters. Er hatte einen Ritt über die Felder unternommen. Beim -überraschenden Auffliegen eines Rebhühnervolkes hatte das Pferd -gescheut und den alten Herrn abgeworfen. Unglücklicherweise war -er mit dem linken Fuße im Steigbügel hängen geblieben und von dem -galoppierenden Pferde eine große Strecke geschleift worden. Und als es -dann gelang, das Tier aufzuhalten, fand man den Freiherrn entseelt vor. - -Ja, Herr,« begann die Greisin nach einer Pause von neuem, »wir fühlten -uns alle verwaist; es war, als wenn uns der Vater genommen wäre. Eine -düstere Ahnung sagte den Dienstleuten, daß die gute Zeit für sie -vorüber sei. - -Seitdem die junge Frau an Herrn Udos Seite in das Schloß eingezogen -war, hatte ich bei ihr den Dienst als Zofe verrichtet. Es war dies eine -schlimme Zeit für mich! So viele Mühe und Sorgfalt ich auch auf meine -Arbeiten verwendete, wurde mir von meiner Herrin doch niemals ein Wort -der Anerkennung zuteil. Zürnende Blicke und Scheltworte empfing ich -täglich und wenn ich glaubte, daß ich alles getan, um meine Arbeit zur -Zufriedenheit verrichtet zu haben, erntete ich Tadel. Wie schmerzlich -trafen mich die kränkenden Worte! - -Als sich der Tag des Begräbnisses seinem Ende zuneigte, und die letzten -Leidtragenden von der Tafel aufgestanden waren und das Schloß verlassen -hatten, forderte der neue Schloßherr seine Brüder auf, ihn in das -Zimmer des Vaters zu begleiten. - -Schon immer hatte ich gefürchtet, daß Udo und Oskar einmal hart an -einander geraten würden. Aber zu Lebzeiten des alten Freiherrn vermied -es Udo, den Bruder zu reizen. Udos Verhalten aber war, seitdem er den -Einflüsterungen seiner Gemahlin das Ohr lieh, immer herrischer und -finsterer geworden und das Verhältnis der beiden Brüder zu einander -immer gespannter. - -Heute sollte das von mir längst Vorausgesehene eintreten. - -Der Vorfall dieses Abends ist mir, da ich wider Willen Zeuge sein -mußte, unvergeßlich geblieben. - -Nachdem ich der gnädigen Frau Baronin beim Auskleiden behilflich -gewesen war, war ich dabei, die starken Zöpfe aufzumachen, um das -Haar zu kämmen und für die Nacht von neuem einzuflechten. Ich hatte -gerade die letzte Flechte geöffnet und breitete nun das seidenartige -Haar aus, das ihre blendendweißen Schultern wie ein goldener Mantel -umfloß. Da hörte ich, wie die Brüder in das anstoßende Zimmer traten. -Einen Augenblick verharrte die Frau Baronin unbeweglich, sie schien um -einen Entschluß zu kämpfen. Dann stieß sie mir die Hände zurück und -sprang zu der hohen Flügeltür, die sie, während die Herren sich Stühle -heranzogen, leise öffnete. Mit einer weiteren, unerhörbaren Bewegung -glitt sie sodann zu der Lampe vor dem hohen Spiegel auf dem Putztisch -und schraubte die Flamme tief herab, damit kein verräterischer -Lichtschimmer in das Nebenzimmer falle. Darauf näherte sie sich mir, -beugte sich zu meinem Ohre nieder und raunte mir zu, daß ich mich nicht -von der Stelle rühren solle. Sie selbst trat an den Türspalt. Ich stand -dicht hinter ihr und sah die Herren sitzen. Mir war so unsagbar bang -zu Mute, kaum wagte ich, zu atmen, aus Furcht, daß die Atemzüge meine -Gegenwart verraten könnten. - -Der Freiherr saß am Schreibtisch des Verstorbenen und entnahm diesem -eine dicke Ledermappe, die er öffnete und deren einzelne Blätter er -aufmerksam prüfte. Die beiden Brüder schauten ihm zu. - -Nach einer Weile sagte Herr Udo: - -»Das Testament des Vaters ist so geblieben, wie er es uns früher schon -einmal vorgelesen hat. Überzeugt Euch davon, hier ist es.« - -Mit diesen Worten reichte er es Herrn Oskar. Dieser öffnete das -Blatt, sah flüchtig darauf und gab es sodann Egbert, der das Papier -zusammenfaltete und es, ohne einen Blick hineingeworfen zu haben, -zurück auf den Schreibtisch legte. - -»Ihr erkennt also das Testament für richtig an?« fuhr der Freiherr fort. - -Die Brüder bejahten. - -Eine Pause trat ein, keiner rührte sich. Nur die hastigen Atemzüge der -Frau Baronin vernahm ich. - -Herr Udo hielt seine Augen auf die lederne Mappe gerichtet, als er -langsam begann: - -»Oskar, hast Du Dich schon entschlossen, wann Du die Bewirtschaftung -des Freihofes übernehmen willst?« - -»Ja,« klang es zurück, »noch heute.« - -Das Gesicht des Freiherrn blieb bei diesen Worten unbeweglich. - -Er wandte sich an den jungen, mädchenhaften Herrn Egbert und sagte: - -»Ich brauche es wohl nicht erst auszusprechen, daß Dir, solange Du es -wünschest, alles in bisheriger Weise zur Verfügung steht.« - -Der Angesprochene schien verwirrt durch dieses Anerbieten. Er sah einen -Augenblick vor sich nieder, dann sagte er: - -»Du bist sehr gütig, Bruder. Aber ich gehöre ebenfalls auf den Freihof.« - -Der Freiherr blieb regungslos. - -»Wie Ihr wollt. Trefft Eure Anordnungen für die Überführung Euers -Eigentums nach Euerm neuen Heim. -- Noch eine Frage: Glaubt Ihr, noch -einen Anspruch an mich zu besitzen, oder ist Euch das geworden, was -nach des Vaters Willen und den Gesetzen Euch geziemt?« - -Die Brüder erklärten sich für abgefunden. - -Während dieser Worte waren die Herren aufgestanden. Der Freiherr und -Herr Oskar standen einander gegenüber, hinter diesem stand Herr Egbert. - -Sekunden vergingen, ohne daß einer von ihnen das Schweigen brach. Das -Abschiednehmen schien allen schwer zu fallen. - -Ich beobachtete Herrn Oskar; der volle Schein der Lampe fiel auf sein -Gesicht. Er dachte wohl an den teuern Toten, der an diesem Tische so -oft gesessen hatte und dessen Wunsch es immer gewesen war, die Brüder -einträchtig zu sehen. - -Seine Blicke schweiften im Zimmer umher und hafteten bisweilen längere -Zeit auf einem Gegenstand, ehe sie weiter glitten. - -Das alte Schreibzeug, gefertigt aus dem wunderlich gewachsenen Gehörn -eines Rehbocks, das dunkle Eckbrett, auf dem die vielen Pfeifen mit -tönernen und hölzernen Köpfen sorgfältig gehütet neben einander -standen, der kunstvoll geschnitzte Tisch, die schweren Stühle und die -vielen Gegenstände aus Hirschhorn, -- alle schienen ihn vertraulich zu -grüßen wie einen alten, lieben Bekannten. - -Sein bisher düsteres Auge hellte sich auf, als wenn er der Tage -gedächte, in denen er es als eine Gunst betrachtete, wenn er spielend -in des Vaters Arbeitszimmer verweilen durfte, während dieser am -Schreibtische saß. - -Da fiel Herrn Oskars Blick hinauf auf das Bild, das dort über dem -Tische in schlichtem Rahmen hing: das Bild des teuern Vaters, das ihn -bereits gebeugt unter der Last der Jahre wiedergab. Er sah die Augen -des Verblichenen auf sich gerichtet, als ob er ihn ermahnen wolle, -seine Handlungen nicht von Verdruß und Eigensinn beherrschen zu lassen. - -Den jungen Mann überkam eine tiefe Wehmut. - -Hier standen sie nun, die Brüder, die Söhne des Mannes, der stets -bestrebt gewesen, wohlzutun, und der den geringsten der Menschen -nicht von sich gehen lassen mochte, ohne freundlich zu ihm gewesen -zu sein. Sie standen hier am Scheidewege. Und nach der Stimmung, die -sie beherrschte, genährt durch ihre ungleichen Naturen, bedeutete ihr -Auseinandergehen eine Trennung fürs Leben. So wollten sie seine Lehren -in den Wind schlagen! Und dabei war er gewiß mit einem Gebet für sie -aus dem Leben gegangen. - -Hingerissen von der tiefen Bewegung, die ihn erfüllte, trat Oskar -mit raschen Schritten auf den Bruder zu, der zwischen Stuhl und -Schreibtisch stand, und streckte ihm die Hand entgegen. - -Der Freiherr richtete sich bei dem plötzlichen Näherkommen des Bruders -auf und sah ihm unverwandt in die Augen. - -Ein heftiges Zittern überfiel mich, denn ich bemerkte, wie das Gesicht -des Herrn Oskar unter diesem Blicke starr wurde. Langsam sank ihm die -Hand herab. - -Da begann der Freiherr, seine Stimme klang kalt: - -»Ich muß mit Dir noch ein Wort sprechen, Oskar, bevor wir scheiden. -Ich stehe vor Dir, als der Vertreter der Familie, als das Oberhaupt -eines, wie Du weißt, der ältesten Geschlechter des Landes, dessen -Wurzeln selbst bis in die Zeit des Werdens der Wettiner hineinragen. -Die höchsten Ziele, die unsern Vorfahren vor Augen standen, waren -allzeit die Gunst ihrer gnädigen Landesherren, die Hochhaltung ihres -fleckenlosen Namens und ein seliges Ende. Und um diese edeln Güter -kämpften und starben sie. Die Jahrhunderte haben unter den Tiefenbachs -die verschiedensten Naturen gesehen, aber es hat keinen unter ihnen -gegeben, bei dessen Erwähnung die Nachkommen erröten müßten. Die -Ehre stand ihnen über allem. Aus all’ diesem aber ergibt sich von -selbst, daß die Glieder eines so uralten und stolzen Geschlechts -heilige Pflichten haben, und daß das Ansehen des Namens sie selbst zu -Opfern bereit finden muß. Und deshalb, Oskar, halte ich es für meine -Pflicht, Dich zu ermahnen, daß Du niemals die uns heiligen Traditionen -vergessen mögest, damit auch die kommenden Geschlechter das Andenken -ihrer Väter so rein finden, wie wir es vorgefunden haben!« - -Der Freiherr hatte die Worte langsam und mit zuweilen scharfer Betonung -gesprochen. Am Schluß seiner Rede hatte er die Stimme erhoben. - -Oskar stand wie eine Bildsäule und starrte dem Bruder ins Gesicht. Er -hatte die Herrschaft über sich vollkommen verloren, seine breite Brust -bewegte sich in tiefem Heben und Senken, wie von einer übermächtigen -Leidenschaft bemeistert. Wiederholt versuchte Oskar zu sprechen, aber -die Sprache versagte ihm den Dienst. Endlich drangen zwischen den -bebenden Lippen die abgerissenen Worte hervor: - -»Warum das, warum diese seltsamen Ermahnungen, mit denen Du mich, wie -Du empfinden mußt, tief verletzest? Aber ich will selbst den Kern aus -seiner Hülle schälen: ein falscher Stolz verbietet Dir, Dich damit -abzufinden, daß Dein Bruder um sein Weib anderswo freit, als dort, wo -es bisher für einen Edelmann der Brauch wollte. Ich gebe es zu, daß der -von mir beabsichtigte Schritt, als erster dieser Art, dem Zuschauenden -ungewöhnlich erscheinen muß. Aber das zu tun, was man in früheren -Zeiten zu unterlassen für richtig fand, wird einstmals gute Sitte, -sofern es nicht mit den göttlichen Gesetzen in Widerspruch steht. So -will es der Wandel der Zeiten und der Wille der Menschen, der ihren -Tagen die Prägung gibt, und es wäre töricht, wollte man es versuchen, -den Lauf des rastlos vorwärts tosenden Weltenstroms aufzuhalten. Mit -Dir aber von dem zu sprechen, was mir ein Heiligtum ist, hieße, dies -Heiligtum verunglimpfen. Ich werde meinen Vorsatz ausführen und -niemand soll es wagen, mich daran zu hindern. Spätere Tiefenbachs mögen -meine Richter sein!« - -Herr Oskar war, während er sprach, ruhiger geworden. - -»Und ich verbiete Dir, daß Du den Namen unserer Familie in den Schmutz -ziehst!« schrie der Freiherr, mit der Faust auf den Tisch schlagend. - -»Hüte Dich, mich noch einmal zu reizen,« klang es zurück, »schon viel -zu weit hast Du dieses frevelnde Spiel getrieben. Ich trage in meinem -Innern die unumstößliche Überzeugung, daß der Vater meinen Schritt noch -gebilligt haben würde, und nur der überraschende Tod ihn verhinderte, -mir seinen Segen zu geben. Ich habe Dir bereits erklärt, daß ich meinen -Vorsatz ausführen will, und ich werde ihn ausführen!« - -»Und wenn es nicht in meiner Macht steht, diesen Schritt zu verhindern, -so vermag ich doch, mich der Mittäterschaft zu entziehen, indem ich -alle Bande, die uns bisher fesselten, von diesem Augenblick ab für -gelöst erachte. Du trittst mit dem Verlassen des Schlosses gleichzeitig -aus der Familie der Tiefenbachs aus. Du bist nunmehr frei, wirf Dich in -die Arme einer Dir ...« - -»Halt ein, kein Wort weiter!« donnerte Herr Oskar, den die Wut sinnlos -machte, indem er auf den Bruder eindrang. - -»Wenn Du weiter sprichst, so stehe ich für meine Handlungen nicht -mehr ein! So mißbrauchst Du also den Platz, den Dir unser edler Vater -soeben abgetreten hat. Wehe Dir, Du Vermessener, der Du noch nicht -weißt, ob Dir mit Deinem hochmütigen Sproß aus vornehmem Geschlecht -so glückliche Tage beschieden sein werden, wie mir mit dem Weib aus -dem Dorfe. Aber,« fuhr er fort, und seine mächtige Stimme dröhnte von -den hohen Wänden des Gemaches wider, »ich gebe Dir Dein Wort zurück. -Aufgehoben sei alle Gemeinschaft zwischen uns und unsern Nachkommen, -und ein Gottesgericht treffe den, der es wagen sollte, diesem Spruche -zu trotzen!« - -Während dieser letzten Worte war die Frau Baronin unbemerkt durch die -Tür in das Zimmer getreten, das Haar offen und den Nachtmantel von den -Schultern herabgesunken. Ihr Gesicht war marmorbleich, und ihre Augen -funkelten vor Zorn. - -»Udo!« schrie sie den Freiherrn an, »laß diesen Menschen mit Hunden -vom Schlosse hetzen! Rühr Dich doch, handle! Hörst Du nicht, wie sie -in ihren Ställen hungrig kläffen, sie wittern Aas. Mich verlangt es -danach, sein Schmerzensgeschrei zu hören! So handle doch, -- Memme!« - -Und sie brach in ein entsetzliches Lachen aus. - -Herr Oskar hatte sich schon zur Tür gewandt um das Zimmer zu verlassen. -Egbert folgte ihm. Noch einen Augenblick hielt Oskar inne und sagte zu -dem Bruder: - -»Sieh doch, Egbert, dieses Weib ist wahrhaftig eine Teufelin!« - -Dann schlug die Tür hinter ihnen krachend zu. - -Meine Glieder waren wie gelähmt. Jetzt kam Bewegung in mich. Von einer -wahnsinnigen Angst erfaßt, stürzte ich den Brüdern nach. Auf der Treppe -erreichte ich sie und alle Rücksichten, die mir meine Stellung gebot, -vergessend, hing ich mich an Herrn Oskars Arm und flehte mit bebender -Stimme: - -»Gnädiger Herr, nehmen Sie mich mit fort von hier, und lassen Sie mich -Ihre niedrigste Magd sein!« - -Er blieb stehen und schaute sich nach mir um. Ich fühlte, wie seine -Hand über meine brennende Stirn strich. Eine dunkle Binde schien sich -auf meine Augen zu legen. Ich merkte noch, daß er die Arme um mich -schlang, mich aufhob und mit mir die Treppe hinabstieg; dann verlor ich -das Bewußtsein. - -In derselben Nacht jagte ein heftiger Donnerschlag die Bewohner -des Dorfes aus den Betten; -- der westliche Turm des Schlosses war -eingestürzt. - -Drei Monate später fand auf dem Freihofe Hochzeit statt. Die Wunde, -die der Tod des Freiherrn geschlagen, war noch zu frisch, daß man -laut gejubelt hätte. Aber es war doch ein Ereignis, zu dem die Gäste -und viele Neugierige von weit und breit zusammenströmten. Und als der -festliche Spruch verklungen war, den Herr Egbert auf eine fröhliche -und glückliche Zukunft des Brautpaares ausgebracht hatte, erhob sich -der Bräutigam von seinem Platze. Unter lautlosem Schweigen sprach er -mit schlichten Worten aus, wie er der Stimme seines Herzens hätte -folgen müssen und er fortan nicht bloß unter den Bauern sein Leben -zubringen wolle, sondern daß er stolz sein würde, als ein rechter -Bauer genannt zu werden. Der Schritt, den er unternommen, hätte eine -tiefe Kluft zwischen ihm und denen auf dem Schlosse aufgetan. In -seiner Brust aber wohne kein Zwiespalt, denn er trage die Überzeugung -von der Makellosigkeit seines Tuns. Und die Liebe seines Weibes und -das Vertrauen und die Zuneigung seiner Nächsten würden ihn reich -entschädigen. -- - -Nun, Herr Oskar von Tiefenbach fand in seiner Ehe das was er erhofft -hatte in reichem Maße, denn mit dem jungen Weibe war das Glück auf dem -Freihof eingezogen. Sie war eine tüchtige Bäuerin und eine zartsinnige -Lehrmeisterin für ihren Gatten. In wenigen Jahren schien es, als wenn -Oskar von Tiefenbach nie anderswo als auf einem Bauernhof gewohnt -habe; er war ein Landmann geworden, der seinen Beruf erkannt hatte und -reiche Befriedigung in ihm fand. Des Freihofers sicheres und treffendes -Urteil, seine vielseitige Bildung und nicht zuletzt sein biederer, -freimütiger Charakter zog alle zu ihm hin, und bald betrachteten ihn -die Dorfbewohner als einen der ihrigen. Von dem Freiherrn sprach er -nie, aber ein glühender Haß gegen den Bruder erfüllte seine Seele. - -Herr Egbert hatte kurze Zeit nach der Vermählung den Freihof verlassen -und war zum Hof des Kurfürsten nach Dresden gegangen. Dieser nahm ihn -als Junker auf, und schon ein Jahr später bat er seinen Bruder und die -Schwägerin, seiner Hochzeit mit der Tochter des Generals von Zeschau -beizuwohnen. - -Mit Jubel wurde diese Botschaft auf dem Freihofe begrüßt, und Herr -Oskar und Frau Martha trafen ihre Vorbereitungen zur Reise, auf der ich -sie begleiten sollte. Bei dieser Gelegenheit sah ich das liebe Dresden, -und die Erinnerungen an jene Tage sind mir bis in mein hohes Alter -getreulich gefolgt. - -Bald darauf verließ ich den Freihof, um meinem Ferdinand die Hand -fürs Leben zu reichen. Im darauffolgenden Jahre bescherte mir Gott -ein wonniges Glück: ich genas eines Knaben, während mein Mann unter -Sachsens Fahnen gegen den großen Preußenkönig focht. Wenige Wochen -später drang die Kunde der Niederlage der Sachsen bei Kesselsdorf durch -das Land. Alles war bestürzt. Ich aber weinte und hielt mein Kind fest -umschlungen, denn ich hatte meinen Mann verloren und war eine Witwe von -einundzwanzig Jahren. - -Ich ging wieder zu den Tiefenbachs. Die Freihoferin war eben vom -Wochenbett aufgestanden. Kurz darauf warf eine hitzige Krankheit sie -hart darnieder. Und während die Arme mit dem Tode rang, gab ich dem -Neugeborenen und meinem eigenen Kinde die Brust. Da die Krankheit nur -langsam wich, stillte ich ihr Mädchen auch weiterhin. - -Das ist nun freilich schon lange her! Das Mädchen wuchs heran, und -heute ist Konstanze von Tiefenbach Freihoferin. Sie war schon über die -Vierzig hinaus, als sie sich vermählte. - -Des Herrn Egberts Sohn war gekommen, um die traurige Botschaft zu -bringen, daß er kurz nacheinander Vater und Mutter hätte begraben -müssen. Das Leben auf dem Freihof, mehr aber noch die Liebe zu seiner -Base, bewogen ihn zum bleiben für immer. Ein Knabe und ein Mädchen -entsprossen ihrer Ehe. Nun ist auch die Freihoferin alt geworden und -hat ihrem Sohne Max die Sorge um den Hof überlassen. - -Mein Sohn hielt es in Rehefeld nicht lange aus. Als junger Bursche -schnürte er das Ränzel und zog viele Jahre in der Welt umher. Endlich -war er müde geworden. Er kehrte heim zu seiner Mutter und brachte -sein Weib mit, ein junges Ding aus dem Norden Italiens, mit großen, -schwarzen Augen und einem Mund voll blendendweißer Zähne. Sie hatte -viel Gemüt, aber leidenschaftlich heftig konnte sie sein. - -Nun ruhen auch er und sein Weib schon längst unter dem Rasen. Aber -zurückgelassen haben sie mir doch etwas Liebes. Gelt, Hermann,« sagte -die Greisin, sich zu dem jungen Mann neben ihr wendend, der bei ihren -Worten errötete, »Du bist die Freude meines Alters! - -Treu habe ich den Tiefenbachs während vieler Jahre gedient und gute -und böse Zeiten mit ihnen durchlebt. Jetzt esse ich seit Jahren das -Gnadenbrot, das mir die mildtätige Freihoferin gewährt. Meine Kräfte -taugen nichts mehr, sie sind dahin. Ich kann den Tiefenbachs nicht mehr -nützlich sein. Dafür ist Hermann aber an meine Stelle getreten. Er -waltet auf dem Freihofe als rechte Hand des Herrn Max.« - -Die Greisin hatte ihre Erzählung beendet; nun schwieg sie erschöpft. - -Die beiden Liebenden saßen eng umschlungen neben einander. So -ausführlich wie heute, hatte die Mutter lange nicht erzählt. - -In Gedanken versunken, schaute der Fremde hinüber zu dem Schlosse, in -dessen Fenstern sich das letzte Abendrot spiegelte. - -»Was ist aus Udo von Tiefenbach und seiner schönen Frau geworden?« -fragte er. - -»Das Verhältnis der beiden Ehegatten zu einander wurde von Jahr zu -Jahr schlechter. Auch die Geburt eines Sohnes konnte keine Besserung -herbeiführen. Die Baronin Sophie liebte rauschende Feste, deshalb -erfüllte sie das stille Schloß mit Lärm. Später ging Herr Udo mit -seiner Gemahlin während des größten Teils des Jahres auf Reisen. - -Eines Tages kehrte er allein zurück. Man sagte, die Baronin sei mit -einem österreichischen Edelmann auf und davon gegangen. Verbittert und -weltscheu ist er im hohen Alter gestorben.« - -»Und ist der Haß zwischen den beiden Familien nunmehr geschwunden?« - -Die Greisin seufzte tief auf. Dann sagte sie: - -»Der heutige Freiherr und seine Tochter Maria sind tief betrübt über -die zerrissenen Bande der Tiefenbachs; in den Leuten auf dem Freihofe -aber lodert noch der Haß, wie ehedem in Herrn Oskars Brust!« - -Schweigend sah der Fremde wieder nach dem Schloß hinüber, auf das -nunmehr die Dämmerung leichte Schatten warf. Niemand sprach ein Wort. -Die gelbe Katze in Mutter Lehnhardts Schoß schnurrte nur emsig. -Plötzlich richtete sich das Tier auf, machte einen hohen Buckel und -sprang auf die Erde. Die nassen Stellen auf den Steinen sorgfältig -vermeidend, lief es nach der Tür und verschwand dann im Hause. - -Der bisher leichte Wind hatte sich verstärkt. Seine Kühle war während -des Erzählens unbemerkt geblieben, jetzt aber begann den Fremden zu -frösteln. - -Langsam stand er auf, und mit ihm erhob sich der kleine Kreis. Er zog -seine Börse, ein Gespinst von feinen Silberfäden, und entnahm ihr ein -Geldstück. - -»Mutter Lehnhardt,« sagte er, »ich bin Euch vielen Dank dafür schuldig, -daß Ihr meinen Wissensdrang nach der Geschichte des Schlosses und der -Familie Tiefenbach so erschöpfend befriedigt habt. Nehmt diese Gabe und -herzlichen Dank obendrein.« - -Die Greisin wollte ihm wehren, aber er drückte ihr das Geld in die Hand. - -Betroffen sah es die Alte an: - -»Herr,« sagte sie, »Ihr habt Euch vergriffen, -- einen Silbertaler ...!« - -»Nehmt ihn nur,« entgegnete der Fremde, »und betrachtet ihn aufmerksam, -denn er trägt das Bildnis unseres allergnädigsten Königs Friedrich -August.« - -Die Greisin verneigte sich tief vor dem Fremden und würde ihm die Hand -geküßt haben, wenn er sich nicht so schnell zur Tür gewandt hätte. - -»Lebt wohl, Mutter Lehnhardt,« sagte er, »wir sehen uns heute nicht zum -letzten Mal.« - -»Ach,« fragte diese erstaunt, »dann führt den Herrn wohl der Weg hinauf -auf das Schloß?« - -Der Fremde war mittlerweile, zum Abschied grüßend, auf die Straße -getreten und hatte sich zum Weiterschreiten gewandt, als er die Frage -der Greisin vernahm. - -Lächelnd wandte er sich noch einmal um und rief zurück: - -»Auf das Schloß nicht, -- auf den Freihof!« - - - - -2. Kapitel. - - -Max von Tiefenbach war von einem scharfen Ausritt heimgekehrt, den -er in der Richtung auf Zehmen zur Besichtigung des Saatenstandes -unternommen hatte. - -Nun stand er auf dem Hofe neben dem warm gewordenen Pferde und -strich ihm über die Fesseln der Vorderfüße, nachdem er die braunen -Wickelbänder von ihnen gelöst hatte. - -Das Tier schlug mit dem langen Schweife kräftig seine Weichen, um -sich der Mücken zu erwehren, die es umschwärmten. Sein Herr verfolgte -aufmerksam diese Anstrengungen und kam ihnen dadurch zu Hilfe, daß er -selbst hier und da einen dieser Blutsauger abschlug. - -Drüben am Stalle stand ein Knecht, der einen Strohwisch drehte, um den -Braunen damit abzureiben. - -Herr von Tiefenbach versetzte dem Pferde einen leichten Schlag auf den -Schenkel, worauf das Tier hinüber nach dem Stall trabte. Hell klang der -Hufschlag von dem Pflaster des weiten Hofes wider, dessen Einzelheiten -in der hereinbrechenden Dunkelheit dem Auge bald verschwanden. Hierauf -ging der Herr des Freihofs noch einmal durch die Rinderställe und trat -dann wieder auf den Hof, um sich nach dem Familienhaus zu begeben, als -er vom Tore her Schritte vernahm, die sich rasch näherten. - -Er wandte sich um. Wer konnte das sein? Von den Leuten war vielleicht -noch ein Verspäteter mit einer letzten Verrichtung des Tages -beschäftigt, die meisten von ihnen aber saßen schon geraume Zeit -drinnen in der Stube beim Abendessen. Das Abendläuten hatte eben -begonnen. Es war neun Uhr. - -Der Unbekannte hatte den Mann auf dem Hofe entdeckt und ging auf ihn -zu. Als er näher an ihn herankam, verlangsamte er die Schritte, bis er -dicht vor ihm stehen blieb. - -»Grüß Dich Gott, Max!« sagte er, indem er dem Angesprochenen die Hand -darbot. - -Dieser trat erstaunt an den Sprecher heran. Die Stimme klang ihm -bekannt, ohne daß er es vermocht hätte, ihren Besitzer zu erkennen. -Obwohl die Körpergröße des Fremden noch über das Mittelmaß -hinausragte, erschien er doch klein neben dem mächtigen Wuchs des Herrn -von Tiefenbach, der sich deshalb auch herabbeugen mußte, um dem Fremden -scharf ins Gesicht zu schauen. - -»Bernhard! Ist es möglich, Du hier!« rief er erfreut aus, den -Angekommenen herzlich umarmend. »Willkommen, willkommen auf dem -Freihofe! Jahrelang habe ich vergebens auf Deinen Besuch gewartet, und -nun kommst Du so überraschend. Das hast Du recht gemacht, alter Junge!« - -»Du hättest eigentlich Ursache, mir zu zürnen, Max,« antwortete der -Fremde, »nachdem ich Dir für vorigen Sommer meinen Besuch bestimmt -versprochen hatte. Aber Du weißt, der Soldat ist eben selten in der -Lage, über seine Zeit zu verfügen; er harrt immer der Oberen Befehle.« - -Herr von Tiefenbach hatte seinen Arm schon unter den des Freundes -geschoben und führte diesen nach der offenen Tür des Hauses. Bevor sie -eintraten, blieb Max plötzlich stehen und fragte: - -»Wirst Du uns aber auch nicht gleich wieder verlassen? Wie lange hast -Du denn Urlaub?« - -»Beruhige Dich, mein Lieber,« antwortete der Angekommene. »Da ich nun -einmal hier bin, wirst Du mich nicht so bald wieder los.« - -Sie waren bei diesen Worten in den dunkeln Hausflur getreten. Max ging -schnell voraus und öffnete eine Tür, durch die heller Lampenschein -herausdrang. - -»Mutter,« rief er, »einen Gast bringe ich Dir. -- Rate einmal wer es -ist!« - -Der Blick des Fremden fiel in das Zimmer, ein geräumiges Gemach mit -schweren, altväterischen Möbeln, das von einer Hängelampe erleuchtet -wurde. In der Mitte des Raumes stand ein großer, runder Tisch, auf -dessen weißem Tuche das Abendbrot aufgetragen war. - -In einem hochlehnigen, mit Leder bezogenem Stuhle saß eine Frau, die -in einem Buche las, von der Form der auf dem Lande damals im Gebrauche -befindlichen Andachtbücher. Bei den hastig ausgestoßenen Worten ihres -Sohnes nahm Frau von Tiefenbach langsam die Brille mit den runden -Gläsern von der Nase, klappte das Buch zu, erhob sich vom Stuhle -und schaute auf die Eintretenden. Sie hatte, wie ihr Sohn, die hohe -Gestalt der Tiefenbachs und schien sich den Siebzigern zu nähern. -Die leichtgebeugte Haltung des mit tiefschwarzem, glattgestrichenem -Haar bedeckten Kopfes deutete auf starkes Selbstbewußtsein. Aus -dem hagern Gesicht ragte die starke Nase scharf hervor, und die -leichtgeschlossenen Lippen umspielte ein Zug, der eisernen Willen -gepaart mit Stolz verriet. Beherrscht wurde der Ausdruck dieses -Gesichts aber durch die tief in ihre Höhlen zurückgesunkenen, grauen -Augen, die sie auf jeden, mit dem sie sprach, fest zu richten pflegte. - -Der freudige Ton, der aus Maxens Worten geklungen hatte, war Frau von -Tiefenbach nicht entgangen. Sie sah voll Erwartung auf den Fremden, -dessen Fuß bei ihrem Anblick einen Augenblick gestockt hatte. Dann trat -der Ankommende auf sie zu und ergriff mit einer tiefen Verbeugung die -zum Gruße dargebotene Hand. - -»Bernhard von Friesen ist es, Mutter, mein alter Freund, von dem ich -Dir so manches liebe Mal erzählt habe.« - -Die Freihoferin ließ einen langen Blick über den jungen Mann gleiten, -der noch immer in achtungsvoller Haltung vor ihr stand. - -»Seien Sie willkommen, Herr von Friesen,« sagte sie. »Sie haben recht -getan, Ihre Schritte nach Rehefeld zu lenken. Freilich werden Sie -manches von dem entbehren müssen, was die königliche Residenzstadt -Ihnen bietet. Aber was der Freihof besitzt, wird er Ihnen geben. Ich -bin erfreut, meines Sohnes Freund kennen zu lernen!« - -Während dieser Begrüßung war es dem Angekommenen noch nicht gelungen, -sich von dem Bann zu befreien, den die Erscheinung dieser Frau auf ihn -ausübte. Jetzt aber hörte er aus dem ihm anfangs hart erschienenen -Klange der Stimme Wärme und Herzlichkeit heraus und er bekam seine -verlorene Sicherheit schnell wieder. - -Mit dem Anstand eines Jünglings von guter Erziehung, dankte er der -Hausherrin für den herzlichen Willkomm und sprach die Bitte aus, -ihm wegen seines Eintritts zu dieser ungewohnten Stunde und ohne -vorausgegangene Anmeldung seines Erscheinens nicht zu zürnen. - -Dann setzten sie sich zum Abendessen an den mächtigen Tisch, das in -angeregter Unterhaltung verlief. - -Die beiden jungen Männer tauschten Erinnerungen an die Jahre aus, die -sie zusammen auf der Fürstenschule des nahegelegenen Grimma in treuer -Freundschaft verlebt hatten. Seitdem hatten sie sich nicht wieder -gesehen und nur wenige Briefe gewechselt. - -Friesen war nach dem Verlassen der Schule nach Dresden gegangen und -Offizier geworden. Er hatte bei Jena mitgefochten und dann an allen -kriegerischen Ereignissen teilgenommen, zu denen Napoleon den ihm -ergebenen Sachsenkönig drängte. - -Er sprach von den Feldzügen, und Frau von Tiefenbach zeigte großes -Interesse an seiner Erzählung. Sie fragte nach der Stimmung in der -Hauptstadt und wollte wissen, welche Meinung die Offiziere von der -politischen Lage hätten, und welcher Geist unter den Truppen herrsche. -Denn die Unzufriedenheit mit Napoleons Regiment wuchs und breitete sich -allmählich über das ganze Land aus. - -Zuletzt schilderte Friesen die Stimmung, die ihn heute überkommen, als -er von der Anhöhe herab den segensreichen Frieden betrachtet hatte. - -Da unterbrach Max mit einem Male die Unterhaltung, indem er sich mit -der Frage an seine Mutter wandte: - -»Ist Elisabeth denn noch nicht zurück?« - -Die Blicke der Freihoferin streiften die Uhr. Dann fuhr sie, ohne auf -Maxens Frage geantwortet zu haben, in der Unterhaltung fort. Max schien -dem Schweigen der Mutter eine Antwort entnommen zu haben, denn er -wiederholte seine Frage nicht und beteiligte sich von neuem lebhaft am -Gespräch. - -Da verkündete die Uhr mit langsamen Schlägen die zehnte Stunde. Die -Freihoferin brach die Unterhaltung kurz ab und beauftragte Max, den -Gast in sein Zimmer zu begleiten. - -Die Anstrengung, die Friesen während der beiden letzten Tage überwunden -hatte, machten sich nunmehr geltend. Eine große Müdigkeit hatte sich -bei ihm eingestellt, die er nur mit Mühe bekämpfte. - -Beim Scheine der Kerze führte Max den Freund nach dem für ihn im -Oberstock hergerichteten Zimmer und ließ ihn alsbald nach Gutenachtgruß -und dem Wunsche allein, daß der erste Schlaf unter dem Dache des -Freihofes für ihn recht erquickend sein möge. - -Gähnend und mit schon halbgeschlossenen Augen sah sich Friesen in -dem Raume um. Aber seine Betrachtungen währten nicht lange. Er -entkleidete sich und streckte den müden Körper auf das breite, -behagliche Bett. Ein wohliges Gefühl überkam ihn. Da trat noch einmal -rasch die Geschichte des Weißen Schlosses an seine Seele heran. Bald -aber drängte sich in die Wirklichkeit die Phantasie. Die Urahnen des -Tiefenbachschen Geschlechts standen in Reih und Glied salutierend im -Schloßhofe, während die Mutter Lehnhardt in Holzpantoffeln und mit -einer kürbisähnlichen Kartoffel unter dem Arm auf einer ungeheuern -Katze an den alten Haudegen freundlich grüßend vorbeiritt. Dann aber -verblich auch dieses letzte freundliche Bild, und der traumlose Schlaf -der Jugend senkte sich auf den Müden herab. - - * * * * * - -Als Friesen am andern Morgen erwachte, stand die Sonne schon hoch -am Himmel. Schnell beendete er seine Morgentoilette und schaute zum -Fenster hinaus. Das Zimmer lag an der Giebelseite des Wohnhauses. Edle -Weinreben umrankten das Fenster, und ein paar mächtige Birnenbäume -verwehrten den Sonnenstrahlen den ungehinderten Zutritt. In kurzer -Entfernung vom Gute rieselte zwischen dunkelgrünen Wiesen der Göselbach -vorüber, an dessen beiden Ufern dichte Weidengebüsche standen, die, -vom Winde bewegt, sich tief über das Wasser neigten, als ob die langen -Ruten darnach trachteten, ihre Spitzen zu benetzen. Darüber hinweg sah -das Auge weit hinein in die tiefe Ebene. - -Friesen ging hinab und trat in das Wohnzimmer, wo er aber niemand -vorfand. Eine Magd, die ihn bemerkt hatte, deckte alsbald den Tisch -und trug das Frühstück auf. Dann verließ sie mit einer schüchternen -Einladung zum zulangen wieder die Stube. - -Der würzig duftende Kaffee, die goldgelbe Butter und das frische Brot -lockten unwiderstehlich, und Friesen hatte genug Appetit, um sich nicht -vergeblich einladen zu lassen. - -Er wollte sich mit dem Essen beeilen, um dann nach Max zu sehen, der -gewiß schon längst bei der Arbeit war und über den Langschläfer lächeln -würde. - -Das Frühstück mundete vortrefflich, als Friesen mit einem Male ein -leises Geräusch vernahm, und als er sich rasch umschaute, sah er auf -der Schwelle der weitgeöffneten Tür ein weibliches Wesen stehen, das -ihm wahrscheinlich schon eine Weile zugesehen hatte. - -Er fühlte sich überrascht und wußte nicht, welche Bezeichnung er -der plötzlichen Erscheinung geben sollte. War es eine Jungfrau, die -da vor ihm stand, oder ein hochaufgeschossenes Kind? Er konnte sich -diese Frage nicht beantworten. So ließ er den Blick unverwandt auf dem -etwas bleichen, allerliebsten Gesichtchen ruhen, das sich in tiefe -Sorgenfalten gelegt hatte und sich sichtlich alle erdenkliche Mühe gab, -seinen bekümmerten Ausdruck festzuhalten. - -»Also, so behandelt man Gäste,« scholl es von der Tür her, die im -nächsten Augenblick zuflog. »Nein, nein, bitte setzen Sie sich wieder -und lassen Sie sich’s weiter schmecken! Sie müssen schon entschuldigen, -Herr von Friesen, die arge Vernachlässigung findet ihren Grund aber nur -darin, daß man auf dem Freihof nicht gewöhnt ist, Gäste zu empfangen. -Nun ich denke, wir werden an Ihnen darin lernen, um wenigstens -allmählich so weit zu kommen, daß wir in Zukunft unsere Gäste nicht -mehr allein sitzen lassen.« - -Das Mädchen war, indem es diese Worte hervorgesprudelt hatte, langsam -näher getreten, während Friesen auf wiederholtes Drängen hin das -unterbrochene Frühstück fortsetzte. - -Nun stand sie ihm gegenüber am Tische. Die beiden Hände aufgestützt -und den Oberkörper leicht vornübergeneigt, schaute sie ihm mit -unverhohlener Neugierde in das Gesicht. - -Friesen gestand sich, daß ihm gestern Abend, Maxens Mutter gegenüber, -seine kühle Besonnenheit eine kleine Weile im Stich gelassen hatte; -unter den Augen dieses Kindes aber, schien sich seine Verlegenheit -wiederholen zu wollen. Die Ähnlichkeit, besonders aber die blauen Augen -des Mädchens, konnten ihm keinen Zweifel lassen, daß sie die Schwester -des Freundes war, von der ja auch Mutter Lehnhardt gesprochen hatte. So -viel frischer Natürlichkeit und holdem Liebreiz gegenüber, konnte er -sich nur langsam aus seiner Überraschung erholen, zumal ihn das Mädchen -noch immer unverwandt musterte. Ihre Augen leuchteten wie die eines -Kindes, dem eine große Freude geworden ist, aber in den Winkeln des in -komischer Entrüstung zusammengekniffenen Mundes lauerte der Schalk. -Jetzt endlich verschwand der gutgespielte Ernst von dem Gesichtchen, -und das Mädchen brach in ein fröhliches Lachen aus. - -Friesen begrüßte diesen Heiterkeitsausbruch als willkommene -Erleichterung, doch kam ihm der plötzliche Umschlag der Situation -immerhin ein wenig unvermittelt, und seine Ratlosigkeit wurde -infolgedessen nicht geringer. Dieses Gefühl mußte sich wahrscheinlich -auf seinem Gesicht widerspiegeln, denn die Heiterkeit wurde lauter und -zuletzt so befreiend, daß Friesens Verlegenheit mit einem Schlage wich, -und er von der Fröhlichkeit angesteckt und mit fortgerissen wurde. Und -damit war er wieder Herr seiner selbst. - -Endlich verklang das fröhliche Lachen, und das Mädchen zog sich einen -Stuhl heran, um ebenfalls zu frühstücken. Aber obgleich die kleinen, -weißen Zähne tapfer in die Semmeln bissen, konnte sie nicht schweigen. -Hundert Fragen zugleich schwebten ihr auf der Zunge, die sämtlich -verrieten, daß das Kind von alledem, was sich jenseits eines Umkreises -von drei Meilen von Rehefeld auf der Erde abspielte, herzlich wenig -kannte. Ihr Wissensdurst war unbegrenzt und die Einfalt ihrer Fragen -so erfrischend, daß Friesen immer wieder in dieses Kindergesicht -blicken mußte, um sich von neuem Gewißheit zu verschaffen, daß mit ihm -nicht ein loses Spiel getrieben wurde. Die Augen voll Erwartung auf -ihn gerichtet, lauschte das Mädchen seinen Antworten, sie zuweilen -mit verständnisvollem Nicken oder mit unwilligem Schütteln des Kopfes -begleitend, das so arg werden konnte, daß der blonde Zopf, der bis zum -Schürzenband hinabreichte, hin- und herflog. - -Friesen mußte unwillkürlich dieses kleine Dorffräulein in seiner -rührenden Unschuld mit denen ihres Geschlechtes vergleichen, die -in kunstvoller Perrücke und mit gemalten Gesichtern alle pikanten -und skandalösen Ereignisse der Residenz vor dem allzu schnellen -Hinabtauchen in die Vergessenheit glücklich bewahrten und nicht müde -wurden, solche Vorgänge mit liebevoller Mühe und Beharrlichkeit in die -kleinsten Einzelheiten zu zerlegen. Unter diesen wäre kein Boden für -solch ein Pflänzlein, dachte er, es würde bald traurig das Köpfchen -hängen, und der Seelenfrieden eines so lieblichen Menschenkindes würde -in kurzer Zeit gestört sein. - -Aber Friesen fand nicht viel Zeit zu längeren Betrachtungen, denn die -Kleine war unermüdlich im Fragen. - -Plötzlich brach sie ab, es schien ihr etwas einzufallen. Dann sagte sie -sehr ernst: - -»Aber, Herr von Friesen, wissen Sie denn eigentlich wer ich bin?« - -Diese Frage kam wieder so unerwartet und berührte Friesen so komisch, -daß er nur mit Mühe ein Lächeln zurückhalten konnte. Er zwang sich -dazu, ebenfalls ernst zu sein und sagte, mit schelmischem Anklang in -der Stimme, vorwurfsvoll: - -»Nein, wie kann ich denn wissen wer Sie sind, wenn Sie mir es nicht -sagen!« - -Das niedliche Geschöpfchen sah seinem Gegenüber noch eine kleine Weile -in die Augen, dann erfolgte ein neuer Heiterkeitsausbruch der alle -vorangegangenen übertraf, und in den Friesen wieder mit einstimmte. - -Das Mädchen lachte so herzlich, daß ihm Tränen in die Augen traten. - -»Nein,« rief sie jubelnd, »so ein Stadtherr. Ist mit mir eine halbe -Stunde zusammen, spricht fortwährend zu mir und weiß nicht einmal wie -ich heiße!« - -Da überflog ihr Gesichtchen mit einem Male wieder der altkluge, ernste -Zug, als sie vorwurfsvoll fragte: - -»Ja, Herr von Friesen, warum fragen Sie mich denn eigentlich garnicht -wie ich heiße?« - -Jetzt kam ihr Friesen mit der Heiterkeit aber zuvor. Aber diesmal -lachte nur er. Seine Nachbarin schien nicht zu verstehen, was seine -Fröhlichkeit herausforderte. - -Sie wurde noch um einen Grad ernster und sagte: - -»Ich bin nämlich die Elisabeth.« - -Und als Friesen mit ihrem zunehmenden Ernst noch ausgelassener wurde, -wiederholte sie beinahe feierlich: - -»Ja gewiß, Herr von Friesen, ich bin Elisabeth von Tiefenbach!« - -Der aber, dem diese Beteuerung galt, verlor auch noch den letzten -Rest von Beherrschung. Er lachte, daß ihm die Tränen über die Wangen -liefen und machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung, als ob er es -verhindern wolle, daß das Mädchen weiter spreche. Schließlich stimmte -auch Elisabeth wieder in die Fröhlichkeit ein, als sich plötzlich die -Tür öffnete und Max ins Zimmer trat. - -Als er die ausgelassene Heiterkeit der beiden sah, blieb er einen -Augenblick verdutzt stehen. - -»Hallo!« rief er »Ihr habt ja recht schnell Freundschaft geschlossen. -Das gefällt mir!« - -Dann schritt er zu dem Freunde. - -»Guten Morgen Bernhard. Nun, wie war die erste Nacht auf dem Freihof?« - -Aber noch bevor der Angesprochene antworten konnte, rief Elisabeth dem -Bruder zu: - -»Wenn Du es durchaus willst, daß Herr von Friesen seinen Kaffee früh -allein trinken soll, so gewöhne ihn doch wenigstens nur nach und nach -daran. Das muß ich gestehen, Max, Du verwöhnst Deinen Freund gleich vom -ersten Tage ab nicht.« - -Max trat zu seiner Schwester, hob sie samt ihrem Stuhle zu sich empor -und drückte ihr trotz Sträubens einen Kuß auf den Mund. Dann setzte er -behutsam das Mädchen wieder nieder. - -Friesen war Maxens Bewegungen mit den Augen gefolgt und er hatte -die Gruppe sehr hübsch gefunden: der blonde Riese, dessen Arme dazu -geschaffen schienen, einen rasenden Stier vor sich niederzuzwingen, -im Kampf mit dem zierlichen, sich heftig wehrenden Mädchen, dessen -Gesichtsausdruck trotz ihres Sträubens nur allzudeutlich verriet, wie -gerne sie die Zärtlichkeit des Bruders ertrug. - -»So, Du hast deinen Lohn für die Schelte am frühen Morgen,« sagte Max. -»Wenn Du aufmerksam gewesen wärst, hätte Bernhard gleich Gesellschaft -gehabt.« - -Die letzten Worte mußte er ihr nachrufen, da das Mädchen schmollend aus -dem Zimmer schlüpfte. - -Max wandte sich an Friesen und fuhr fort: - -»Ich hätte schon lange wieder zurück sein können, wenn der Braune nicht -etwas lahmte. Deshalb mußte ich langsam reiten.« - -Dann lud Max den Freund zu einem Spaziergang ein, um ihn mit der -Umgebung vertraut zu machen. Sie betraten den Hof, um zuerst das Gut in -allen Einzelheiten kennen zu lernen. Hier fand Friesen die Freihoferin -vor, die den Hühnern Futter gestreut hatte. - -Nach etwa einer Stunde schlenderten die Freunde dem Ufer des Baches -entlang, bis sie sich endlich unter einem großen Apfelbaum in das -weiche Gras streckten. - -»Du hast mir früher so manches von Deiner Familie erzählt,« begann -Friesen, »das bei mir unvergessen geblieben ist. Aber ich muß Dir -beichten,« fügte er lächelnd hinzu, »daß ich seit gestern viel mehr von -den Tiefenbachs weiß als bisher.« - -Und mit kurzen Worten erzählte er seine Begegnung mit Mutter Lehnhardt. - -»Da bist Du ja gleich vor die richtige Schmiede gegangen,« scherzte -Max, »sie ist allerdings der beste Kenner unserer Familiengeschichte. - -Bernhard,« fuhr er nachdenklich fort, »laß mich der Erzählung der Alten -noch ein paar Worte hinzufügen, Du dürftest ohne sie sonst manches -unverständlich finden. - -Meine Mutter ist eine jener äußerlich rauhen Frauennaturen, denen -man im Leben nicht allzuoft begegnet. Die Jahre sind ohne große -Ereignisse an ihr vorüber gegangen. Mit nimmermüden Händen hat sie -geschafft, um unsern Besitzstand zu mehren, aber als die höchste -ihrer Pflichten hat ihr die Erziehung ihrer Kinder gegolten. Sie -besitzt einen ungemein scharfen Verstand und viel praktischen Sinn. -Sentimentale Lebensanschauung ist ihr fremd. Sie liebt das Edle aus -voller Seele und verabscheut alles Niedrige. Die Mittel, der Freude und -dem Schmerz auch äußerlich Ausdruck zu geben, die die gütige Natur dem -Menschen verliehen hat, sind ihr versagt geblieben. Nur selten tritt -ein flüchtiges Lächeln auf ihre Lippen, um alsbald wieder dem ernsten -Ausdruck Raum zu geben, der immer auf ihrem Gesichte lagert. Tränen -sind ihr versagt. Möge sie diesen Verlust niemals bitter empfinden.« - -Friesen war des Freundes Worten aufmerksam gefolgt. Nun fand er auch -die Erklärung für Maxens ernsten Charakter, denn der mütterliche -Einfluß war unverkennbar. - -»Und doch,« fuhr Max fort, »besitzt meine Mutter mehr Gemüt als der -Fremde bei ihr vermutet. In ihrem tiefsten Herzen liegen Saiten, die -zuweilen mit Macht tönen und dann so gebieterisch die Mitteilung ihres -Klanges an die Außenwelt fordern, daß solche Augenblicke für sie -qualvoll sein müssen. Ihren gefaßten Grundsätzen bleibt sie treu, und -was meine Mutter einmal beschlossen hat, führt sie mit einem Willen -durch, der vielleicht an Starrsinn grenzt. - -Ihr Liebling ist meine Schwester. Du wirst bei Eurer heutigen Begegnung -sofort empfunden haben, was für ein Kind dieses achtzehnjährige -Mädchen noch ist. Das Schicksal hat mit ihr wunderlich geschaltet. -Die Tiefenbachs sind immer Naturen gewesen, denen eine heitere -Lebensauffassung fern lag. Elisabeth aber sieht alles in rosigem Licht. -Sie weiß von der Welt so wenig, daß sie auch ihre Gefahren nicht kennt. -Eine glückliche Veranlagung läßt sie von jeder Sache nur die lichte -Seite betrachten. Sie ist eben ein Kind und der Sonnenschein unseres -Hauses. - -Das Schloß und seine Bewohner übten auf Elisabeth schon in frühester -Jugend eine unerklärliche Anziehung aus. Sie wendete alles auf, der -Überwachung zu entwischen, um hinauf zu eilen und mit ihrer, nur um -wenige Jahre älteren Cousine zusammen zu sein. Bitten, Ermahnungen und -Strafen waren umsonst. Das Kind konnte sich, so sehr es zuweilen auch -kämpfte, gegen den unwiderstehlichen Drang nicht auflehnen. Die Mutter -ließ nichts unversucht, um dieser Neigung des Kindes zu begegnen. -Zuletzt war ihre mütterliche Geduld aber erschöpft, und eines Tages war -sie so zornig, daß sie die zehnjährige Elisabeth hart schlug. - -Es war ergreifend, die Wirkung dieser Strafe an dem Kinde zu -beobachten. Während es bisher schon bei einem zurechtweisenden Blicke -der Mutter Tränen hatte, ließ sie die Züchtigung lautlos über sich -ergehen. Und, welch Wunder, -- sie lief nicht mehr hinauf, sprach -auch nicht einmal den Wunsch darnach aus. Aber welche Veränderung -war mit ihr vorgegangen! Ihr munteres Plaudern, ihr heiteres Lachen -waren verstummt. Ohne daß man eine Absicht merkte, unterblieben die -stürmischen Beweise der Zärtlichkeit, die Elisabeth sonst immer für -die Mutter gehabt hatte, und die diese jetzt schmerzlich vermißte. -Stundenlang konnte das Kind ohne zu ermüden im Grase sitzen und mit -seinen großen, matten Augen hinaufschauen zu dem alten Gemäuer. Ihr -ohnehin sehr schwächlicher Körper zehrte immer mehr ab, und ihr -bleiches Gesicht ward immer schmaler. - -Meine Mutter litt fürchterlich. Stumm betrachtete sie Elisabeth, und -ich konnte in ihren Augen die tiefe Rührung lesen, die sie beherrschte. - -So ging es wohl zwei Monate lang. Elisabeth wurde von Tag zu Tag -bleicher, und ihre Augen wurden glanzvoller. Ihre Bewegungen waren -müde, ihre Sprache leise. Dabei war sie aber stets freundlich zur -Mutter, die alles daran setzte, das Kind aufzuheitern, und die durch -ein schwaches Lächeln auf seinem Gesicht hochbeglückt war. Aber man -sah, wie der Gram das Kind zu verzehren drohte. Meine Mutter kämpfte -im Innern einen gewaltigen Kampf. Und sie unterlag ... - -Eines Tages saß Elisabeth, wie so oft, im Obstgarten hinter dem Hause. -Es war ein prächtiger Frühlingstag. Aber das Kind hatte keinen Blick -für den goldenen Sonnenschein und die schneeweißen Blüten auf den -Bäumen. Es starrte traumverloren dorthin, wohin es sein unschuldiges -Herz zog. - -Die Mutter war leise zum offenen Fenster getreten und sah hinter der -Gardine verstohlen hinaus. Mit unendlicher Wehmut hafteten ihre Blicke -auf Elisabeth. Sie schien darüber nachzudenken, wie jetzt alles in der -Natur seine Wiederauferstehung feiere und sich zu frischem, blühendem -Leben entwickele, während ihr heißgeliebtes Kind mit sicheren Schritten -dem Grabe zueilte. Da wandte sie sich plötzlich mit einem Ruck nach der -Tür, -- fast schien ihr Fuß sie nicht dahin tragen zu wollen, -- und -stockend überschritt sie die Schwelle. Dann stand sie bei dem Kinde, -das, aus seinen süßen Träumen aufgeschreckt, die Mutter verwundert -ansah. Sie ergriff Elisabeths Hand, führte sie schweigend durch -den Garten, öffnete das Türchen, das den Austritt nach den Feldern -gestattet und stellte das erstaunte Mädchen auf die schmale Brücke, die -über den Bach führt und auf den Weg ausmündet, der nach dem Schlosse -läuft. - -Wie ein Blitz kam dem Kinde die Erklärung für das Gebaren der Mutter. -Und während diese sich wieder umwandte, eilte Elisabeth, so schnell die -Füße sie tragen wollten, den Weg hinauf, als wenn sie fürchtete, wieder -zurückgerufen zu werden. - -Mit schleppenden Schritten betrat die Mutter wieder das Zimmer und sank -in den Stuhl. - -Am Abend jenes Tages, Bernhard, sah ich meine Mutter zum ersten Male -in tiefer Bewegung erzittern, als sich die dünnen Arme des jubelnden -Kindes ihr liebkosend um den Hals legten ... - -Und so ist Elisabeths Verhältnis zu den Leuten da droben bis auf den -heutigen Tag geblieben. Sie würde das Verbot nicht verstehen, sondern -es als eine grausame Härte empfinden. - -Du weißt, Bernhard, daß sich die Großväter der beiden Familien -Tiefenbach entzweit haben, nachdem der ältere Bruder die Braut des -Jüngeren beschimpft hatte. Aus diesem Grunde haben auch die Tiefenbachs -auf dem Freihofe mit denen auf dem Schlosse, außer ihrem Namen, nichts -mit einander gemein. Die tiefe Kluft kann niemals überbrückt werden! -Neben der Liebe zu ihren Kindern, ist die stärkste Empfindung, von der -meine Mutter beherrscht wird, glühender Haß gegen die droben. Der Vater -hat ihn dem Kinde mit dem Blute vererbt, und seine letzten Worte auf -dem Sterbebette waren eine Aufforderung, auch auf ihre Kinder in diesem -Geiste einzuwirken. - -Meiner Mutter zittern die Worte der Beschimpfung noch heute in der -Seele nach, und ihr Einfluß auf meine Anschauungen hat das seinige -getan. Die jetzt auf dem Schlosse Wohnenden sind freilich unschuldig -an der Sünde ihres Vorfahren, dennoch kann ich meine Abneigung gegen -sie nicht unterdrücken. Sie sind die Nachkommen des Mannes, der meine -Großeltern tödlich beleidigte, und dessen Worte einen bleibenden -Schatten auf ihren Lebensweg geworfen haben. - -Mag Elisabeth immerhin zu ihnen freundlich sein, Kinder sind nicht dazu -berufen, die Sorgen der Erwachsenen zu teilen. Sie selbst empfindet -schon längst, daß die Wiederaussöhnung der beiden Familien unmöglich -ist, aber ihr ausgeprägtes Zartgefühl läßt sie über ihre Besuche auf -dem Schlosse schweigen.« - -Eine Pause entstand. Dann sagte Max: - -»Bernhard, nun erzähle _Du_ mir etwas, ich bin begierig, mehr davon zu -hören, wie es Dir in den letztverflossenen Jahren gegangen ist.« - -»Mein Leben ist,« begann Friesen, »seitdem wir auseinandergegangen -sind, recht wechselvoll gewesen. - -Nach Jena folgte Friedland, wo ein russischer Kamerad so -unliebenswürdig war, mir seinen Degen in den Leib zu rennen, was -dem Feldscher Anlaß gab, mein alsbaldiges, sicheres Abtreten von -dem irdischen Kriegsschauplatz vorauszusagen. Wie sehr er sich zu -meinem Heile aber geirrt hat, siehst Du, lieber Freund, denn so, wie -ich in diesem Augenblick neben dir liege, bin ich doch ein nicht zu -bestreitender Beweis für die Unrichtigkeit seiner voreiligen Ansicht. -Ich war entschieden noch nicht reif genug für den Eintritt in eine -bessere Welt und mußte hier noch einmal anfangen. Freilich verurteilte -mich die Blessur zu einer unfreiwilligen Ruhezeit von mehreren Monaten. - -Dann kam eine Periode, die uns allen unendlich öde erschien, da sie -nur durch den Garnisondienst ausgefüllt wurde. Selbst der Geduldigste -von uns fand diese Zeit erdrückend langweilig und sehnte Veränderung -herbei. Da schaffte Napoleon Rat. - -Der politische Horizont umdüsterte sich wieder, und alles deutete -auf einen neuen, herzerfrischenden Krieg. Diesmal sollten wir unter -Bernadotte gegen die Österreicher kämpfen. Bei Linz schwankte das -Zünglein der Wage lange, bis sich das Glück endlich für uns entschied. -Viel heißer aber sollte Wagram werden. Das Bataillon Metzsch, bei -dem ich damals stand, kämpfte im ersten Treffen. Wie verzweifelt -schlugen wir uns den ganzen Tag herum, um am Abend doch zurückgehen -zu müssen. Am nächsten Vormittag standen wir ruhig hinter unserer -Artillerie. Wahrscheinlich um unser Interesse an der Schlacht rege zu -halten, schlugen die österreichischen Geschosse unaufhörlich in die -dichten Reihen. Es fehlte nicht mehr viel, und der brave Erzherzog -drüben hätte können Viktoria blasen lassen; man sah auf unserm Flügel -nur noch zurückflutende Truppen. Da erschien der Kaiser bei uns, und -bald darauf entschied sich das Schicksal des Tages: der Österreicher -wurde zurückgeworfen. Dann kam eine Anzahl kleiner Scharmützel, die -sich immer niedlicher gestalteten, so daß die letzten von ihnen gegen -die vorangegangenen großen Tage sich nur noch wie Friedensübungen -ausnahmen.« - -Max hatte, während der Freund sprach, zuweilen ein Lächeln nicht -unterdrücken können. Er war noch immer der alte: keck bis zur Kühnheit, -lustig bis zum Leichtsinn, aber gutmütig und ritterlich dabei. Daß -Bernhard den Krieg liebte, fand Max ganz natürlich, denn alle die unter -dem Kaiser kämpften waren ja so. - -»Nun, und jetzt ist Dir der Gamaschendienst so langweilig geworden, daß -Du ihm selbst das Landleben vorziehst?« scherzte Max. - -Friesens Gesicht überzog ein lebhaftes Rot. Einen Augenblick schien er -verlegen, dann sagte er: - -»Du irrst, Max, Scherz beiseite. Wie ich vorhin erzählte, sprach ich -das aus, was mich noch bis vor zwei Jahren bewegte. Früher konnte ich -nicht genug des Lebens im Feldlager kosten. Allmählich hat sich in -mir, wie in manchem meiner Kameraden, aber ein Umschwung vollzogen. -So wie bisher, kann es mit den endlosen Kriegen nicht fortgehen. Ich -tue meine Pflicht als treuer Soldat meines Königs, dies verhindert -mich aber nicht, das Gebaren derer zu verurteilen, die nicht aufhören, -unsagbares Weh über unser Land heraufzubeschwören. Und ich denke, daß -ein gedeihlicher Frieden auf Jahrzehnte hinaus nunmehr der Wunsch jedes -ehrlichen Mannes sein muß.« - -»Du sprichst mir aus der Seele, Bernhard,« rief Max lebhaft und reichte -ihm die Hand hin, in die Friesen ohne Besinnen kräftig einschlug. »Das -sind auch meine Gedanken. Jetzt sollten sie endlich einmal Ruhe halten, -und jeder sollte sich mit dem bescheiden, was er besitzt. Freilich -taugt die ganze Franzosenwirtschaft nichts, aber so schnell, wie sie -über uns gekommen ist, werden wir sie nicht wieder los. Und zuletzt hat -jedes Ding sein Aber. Wir Sachsen haben dem Kaiser für so manches zu -danken. - -Aber, Bernhard,« fuhr Max nach einer kleinen Weile fort, »wenn es der -gleichförmige Dienst nicht war, der Dich aus der Hauptstadt forttrieb, -dann kann es ja nichts Anderes gewesen sein, als der Wunsch, Dein altes -Versprechen nun endlich einzulösen. Ist es so?« - -Wieder bedeckte wie vorhin eine tiefe Röte Friesens Gesicht. - -»Max,« begann er langsam, »ich muß Dir leider gestehen, daß mich -die Gefühle, die Du voraussetzest, allerdings nicht bewogen haben, -die Residenz zu verlassen, da ich meinen Besuch eigentlich bis zum -kommenden Jahr aufgeschoben hatte. Aber laß Dir alles erzählen. - -Das Kriegsleben hatte uns, trotz seiner Entbehrungen und Strapazen, -und obgleich man nie wußte, ob der nächste Tag einen noch gesund -sah, wegen seiner vielen Abwechslungen, die es mit sich brachte, -gefallen. Wir waren gewöhnt, Zerstreuungen zu finden. Als aber die -Waffen ruhten, und das Einerlei des Garnisondienstes begann, blieben -die Zerstreuungen aus. Deshalb waren wir im vergangenen Winter darauf -bedacht, uns allerhand Kurzweil zu verschaffen. Die Kriegszeiten haben -die Unternehmungslust der Dresdener Bürger aber erklärlicherweise stark -herabgedrückt, so daß der Mangel an Einladungen zu den üblichen Bällen -und sonstigen Unterhaltungen besonders uns jüngeren Offizieren sehr -empfindlich wurde. Was half es, daß wir versuchten jeder in seinem -Bekanntenkreise, Stimmung zu machen. Hier und da machte man wohl -Anstrengungen, um wieder in das Fahrwasser der alten Geselligkeit zu -gleiten; aber die Versuche fielen schwach aus. Ein rechter Frohsinn -wollte nicht aufkommen. - -Da kam einem von uns eine Idee. Der liebe Sichart, der trotz seiner -dreiundzwanzig Jahre, und zwar mit einer reizenden, jungen Frau, schon -verheiratet war, schlug die Gründung eines Klubs vor, dessen Mitglieder -selbst kleine Festlichkeiten veranstalten sollten. Eine ganze Anzahl -von uns, meistens Leutnants, traten dem Finkenkasten, wie wir unsern -Bund tauften, bei. Hauptmann von Einsiedel war der Vorstand. Wir -Bündler hatten nun nichts Ernsteres zu tun, als zu werben, besonders -unter verheirateten Kameraden. Mit erstaunlicher Schnelligkeit nahm -die Mitgliederzahl des Finkenkastens zu; auch einige Bürgerfamilien -traten bei. Jeder war willkommen. Der Grad der Freude unter den -Bündlern beim Eintritt eines Mitgliedes richtete sich nach der Anzahl -der Angehörigen, die der Hinzutretende anmeldete. Geheimrat Vogel -brachte es auf fünf. Darüber besondere Freude! Und als Oberstleutnant -von Carlowitz sich mit vier Töchtern und drei weiteren, verwandten -Damen anmeldete, war der Jubel groß. Nach ihrem Alter fragten wir -nicht. Der Finkenkasten aber zählte nunmehr sechsunddreißig Herren und -nahezu noch einmal so viel Damen. - -Als wir bei der Gründung des Klubs unsere Meinungen zum besten gaben, -wieviel Mitglieder er wohl nach einem Monat zählen würde, riet der -immer zur Tollkühnheit geneigte Sichart auf sechzig. Wir hätten uns -auch schon mit vierzig zufrieden erklärt, deshalb lachten wir ihn aus -und meinten, er könne nie genug bekommen. Als nun aber fast das Hundert -voll geworden war, lachten wir wieder über ihn, weil er so schlecht -geraten hatte. - -Von meiner Tätigkeit schien man sich viel zu versprechen, deshalb wurde -ich in das Vergnügungskomitee gewählt. Diese Wahl ehrte mich in hohem -Maße, und ich gab mir das ernstliche Versprechen, mich dem Vertrauen -der Bündler würdig zu zeigen. - -Wir mieteten auf der Meißnerstraße einen gemütlichen Saal und trafen -Vorbereitungen für das erste Fest, das den Reigen beginnen und deshalb -besonders glanzvoll veranstaltet werden sollte. Eine Bühne wurde -errichtet, ein Stück gewählt, die Rollen verteilt und geprobt. Als es -sich darum handelte, einen von uns als Regisseur zu dingen, kam man -allgemein auf mich. Außerdem lag mir noch die Darstellung des Helden -der sehr rührseligen Komödie ob. - -Ich hatte herzlich viel Not, den einzelnen Darstellern ihre Rollen -einzupauken. Mit der ersten Probe war ich nicht sonderlich zufrieden -und glaubte, meinem überquellenden Herzen damit Luft machen zu müssen, -daß ich den Eifer der Mitwirkenden rühmte, den sie auf das Studium -der Rollen verwendet hätten. Die Wahrheit war freilich gerade das -Gegenteil, denn sie hatten ihre Rollen fast ohne Ausnahme abgelesen. -Aber niemand schien den Hohn zu fühlen. Sie waren stolz auf ihre -Leistungen, und jeder drückte mir zum Abschied wohlwollend die Hand. - -Nach mancher mühevollen Probe, nach der fast jeder heiser und ich -obendrein völlig durchnäßt war, schien das Zusammenspiel endlich -erträglich zu sein. Ich hatte mich vieler Mühe unterzogen, war einige -Male ins Theater gegangen, lediglich um die Haltung und die Bewegungen -der Schauspieler zu studieren und empfand plötzlich ein Interesse an -mancherlei Dingen, an die ich bisher noch nie gedacht hatte, die aber -für einen rechtschaffenen Regisseur zu wissen unentbehrlich sind. Nun -wurde es aber hohe Zeit, daß das Fest stattfand, denn mich überfiel -eine noch nie gekannte Unruhe. Die Glieder zitterten mir wie einem -Hundertjährigen, und die sämtlichen sechszehn Rollen des Stückes zogen -allnächtlich an meinem Geist vorüber. Mich überkam, offen gesagt, ein -gelindes Grausen vor meiner Würde. - -Die letzte Probe war endlich gekommen. Alles ging wie am Schnürchen. -Ich teilte noch einige kritische Ratschläge aus, wie den, die -Stimme nicht allzu heftig zu erheben, da mancher der Kameraden im -Feuereifer seine Rolle vergaß und glaubte, daß er noch auf dem -Schlachtfeld stände. Zu diesen gehörte besonders der junge Sichart, -der im gewöhnlichen Leben im Regiment mein elfter Hintermann, auf der -Bühne aber mein Großvater war. Dann prägte ich allen nochmals ein, -die mannigfachen Liebesscenen recht natürlich darzustellen, da dies -ihre Wirksamkeit besonders erhöhen würde. Und um es nicht bloß bei -Ratschlägen zu belassen und den für solche Leistungen weniger gut -Begabten ein Beispiel zu geben, postierte ich sämtliche Darsteller vor -die Bühne und spielte ihnen die Stelle meiner Rolle vor, in der ich -der Geliebten meine Erklärung abgeben und, da sie mich nicht erhören -durfte, rasen mußte. Alle ohne Ausnahme waren von meinen Leistungen -entzückt, und Sichart meinte, das Toben brächte ich besonders -wirkungsvoll zur Darstellung. Es sähe aus, als ob es nicht mehr Spiel -wäre. Und da ich mich andernfalls über dieses bedenkliche Lob hätte -ärgern müssen, freute ich mich darüber. - -Meine Partnerin war ein allerliebstes Kind von kaum zwanzig Jahren -und die Schwester der Frau von Sichart. Mir erschien es immer, als ob -sie ihre Rolle mit hinreißender Natürlichkeit spiele. Wenn ich meine -Liebesschwüre sprach, machte sie ein beinah feierliches Gesicht, und es -mochte ihr aufrichtig leid tun, daß sie mir kein Gehör schenken durfte. - -Der Abend kam. Das Stück wurde flott gespielt und -- gefiel. Alle -Zuschauer waren entzückt; meine Partnerin und ich sowie Sichart, mein -Großvater, waren die Löwen des Tages. Mit dem letzten Fallen des -Vorhangs rutschte eine Riesenlast von meiner Brust. Länger hätte ich -aber die Aufregung auch nicht mehr ausgehalten. Ich zitterte wie -Espenlaub, denn ein Gefühl unsagbarer Angst hatte hinter mir gestanden, -das ich selbst auf den Schlachtfeldern von Friedland und Wagram nicht -gekannt hatte. - -Aber nun war alles vorbei, und es war über alle Erwartungen gut -ausgefallen. Von allen Seiten umdrängte man mich, um mich zu -beglückwünschen, und mit gehobener Stimmung nahm ich die Gratulationen -entgegen. Schließlich wurde mir es zu viel. Ich suchte Sichart und zog -ihn in einem anstoßenden Zimmer an einen Tisch nieder, um mit einem -labenden Trunk das eigene Ich zu belohnen. Wie lange wir dort saßen, -weiß ich nicht mehr. Ab und zu kamen welche, tranken mit uns und gingen -wieder. Wir blieben sitzen. Vom Tanzen konnte bald füglich keine Rede -mehr sein. Sicharts Frau und ihre reizende Schwester, meine holde Braut -in der Komödie, saßen eine Zeitlang bei uns, und das Plaudern mit ihnen -bot viel Stoff zu herzlichem Lachen. Dann waren sie mit einem Male -verschwunden. Ich vermißte sie eigentlich nicht, und von unserer ganzen -Unterhaltung wußte ich am andern Morgen kein Sterbenswörtchen mehr. - -Während mehrerer Stunden hatten unaufhörlich die Pfropfen geknallt, -als ich endlich aufstand und mit Sichart durch die Zimmer wandelte. -Dann war ich plötzlich von ihm getrennt und lief, ohne noch zu wissen -wohin, hierhin und dahin. Später entsann ich mich dunkel, mit vielen -der Festgäste ein paar Worte gewechselt zu haben, auch mit Sicharts -Schwägerin. Ich stand dicht vor ihr, hatte wohl auch etwas gesagt, das -die Heiterkeit der Anwesenden erregt haben mochte. Mit einem Male aber -lachte niemand mehr, und das Mädchen lief rasch fort. - -Kurz darauf kam ich wieder zu mir, nachdem ich eine Zeitlang frische -Luft geschöpft hatte. Ich traf auch Sichart wieder, der allerdings in -einem nicht beneidenswerten Zustande war. Vergebens suchte ich nach -seinen Damen, bis ich die mich befremdende Mitteilung vernahm, daß sie -bereits nach Hause gefahren seien. - -Ich führte den widerstrebenden Freund hinaus und bestieg mit ihm einen -Wagen. Für den Armen war es wirklich das beste, daß ich ihn nach seinem -Heim beförderte. - -Auf dem Nachhausewege grübelte ich über diejenigen Stunden des heutigen -Abends nach, deren Verlauf mir dunkel war. Aber keine Erleuchtung -wollte mir kommen, und ich tröstete mich mit dem armen Sichart, der -noch viel schlimmer daran war als ich. -- Nun, dieser Abend sollte -jedenfalls den Grund für meinen Urlaub hergeben.« - -Friesen machte eine Pause und sah Max an. Diesen hatte des Freundes -Erzählung belustigt, zuweilen hatte er bei seinen Worten laut -aufgelacht. - -»Ich kann aber,« warf Max ein, »den Grund für den Urlaub beim besten -Willen nicht erraten ...« - -»Du wirst ihn gleich haben,« versetzte Friesen. »Findest Du nicht, daß -dieser Abend ganz unterhaltsam gewesen ist?« - -»Aber freilich,« lachte Max, »recht lustig ist er gewesen.« - -»Ja, recht lustig,« wiederholte Friesen langsam, »Du hast schon recht, -Max!« - -»Am übernächsten Tage gingen viel teilnehmende Menschen in Sicharts -Haus, um der Witwe ihr Beileid auszusprechen, denn Sichart war sehr -beliebt gewesen; nun war er tot.« - -Max machte eine Gebärde des Erschreckens. - -»Das war doch schmerzlich, nicht wahr?« fragte Friesen. - -»Das Schicksal des jungen Mannes fordert noch heute meine ganze -Teilnahme heraus,« antwortete Max. »Aber wie ist denn der Arme so -schnell gestorben?« - -Friesen war bleich geworden. Er tat einen tiefen Atemzug, dann sagte er: - -»Er fiel von meiner Hand!« - -Max konnte seine Bewegung nicht bemeistern, während Friesen fortfuhr: - -»Am späten Morgen nach jenem Feste erschienen zwei Kameraden bei mir. -Ich lag noch im Bett und wunderte mich, sie schon munter zu sehen. Sie -waren tiefernst, ihr Kommen mochte ihnen ziemlich schwer fallen. Mit -kurzen Worten verständigten sie mich davon, daß ich Sicharts Schwägerin -gestern abend in hohem Grade bloßgestellt hätte, und daß Sichart der -einzige Mann sei, der ihr zur Seite stände. - -Ich will mir das Weitere ersparen, Max; jener vergnügte Abend hat -jedenfalls meinem Herzen eine Wunde geschlagen, die niemals ganz -verheilen wird. - -Nach dem Duell machte man mir den Prozeß. Ich wurde für zwei Jahre auf -den Königstein geschickt. Als ich die Hälfte meiner Strafe verbüßt -hatte, begnadigte mich der König, »in Ansehung seiner mehrfachen -Auszeichnungen vor dem Feind«. Und als ich mich dann beim Regiment -zurückmeldete, schickte mich der Oberst mit unbeschränktem Urlaub -von Dresden fort. Ein paar Wochen habe ich jetzt bei meinem Onkel -zugebracht, der, wie Du weißt, in Tharandt Oberförster ist. Dann aber -trieb es mich zu Dir.« - -Auf Maxens männlich-schönes Gesicht hatte sich ein Zug tiefsten Ernstes -gelagert, während sein Auge teilnahmsvoll auf Friesen ruhte. Aber er -fand keine Worte, seinen Gefühlen Ausdruck zu geben und drückte deshalb -dem Freunde nur stumm die Hand. - - - - -3. Kapitel. - - -Seit Friesens Ankunft auf dem Freihofe waren nun schon einige Wochen -vergangen, und die Ernte war im vollen Gange. Von frühesten Morgen ab -war Max draußen auf den Feldern, wohin ihn zuweilen Friesen begleitete. -Die Freihoferin leitete trotz ihres Alters noch alle weiblichen -Arbeiten auf dem Gute, und ihre Tätigkeit wurde in den Erntetagen -stark beansprucht. Am Frühstückstische trafen sich deshalb immer nur -Elisabeth und Friesen, während die Mittagsmahlzeit alle vereinigte. -Nach dem Abendessen blieb der kleine Kreis noch ein Stündchen plaudernd -sitzen, und Friesen hatte oft Gelegenheit, der Freihoferin knappes und -treffendes Urteil zu bewundern. Ihr scharfer Verstand fand immer das -Richtige, und ein Phrasenmacher hätte ihr gegenüber schweren Stand -gehabt, da sie seine Rede augenblicklich und schonungslos zerpflückt -hätte. - -Im Vordergrund des öffentlichen Interesses stand zur damaligen Zeit -erklärlicherweise die politische Lage Europas. Die vorangegangenen -Jahrzehnte hatten ja genug Stoff geliefert. Von den Eltern waren die -glänzenden Waffentaten Preußens unter seinem großen König den Kindern -überliefert worden, und das jetzige Geschlecht hatte die schrecklichen -Tage der Pariser Revolution gesehen, nach denen die ganze gebildete -Welt das Wachsen des jungen Korsen betrachtete. Anfangs konnte man wohl -ein Lächeln nicht unterdrücken, wenn man von dem Jüngling vernahm, der -in der französischen Hauptstadt die oberste Gewalt besaß. Wie viele -waren ihm in den letzten Jahren in dieser Stellung nicht vorangegangen, -und wie lange würde es dauern, bis auch ihn das Schicksal herunterwarf -und er klanglos jenen nachfolgte. - -Dann wieder horchte man auf, wie es hieß, daß er, zur Unterdrückung -des Pariser Aufstandes der Königstreuen berufen, keine -Beschwichtigungsreden an die Aufständischen gehalten, sondern sie ohne -Wimpernzucken hätte niederkartätschen lassen. Mit wachsendem Interesse -sah man auf den siebenundzwanzigjährigen, kühnen Obergeneral, der -trotz der trostlosen Verhältnisse, die die Revolution in seinem Lande -zurückgelassen hatte, ein Heer zusammenraffte und diese völlig mutlosen -Truppen in kurzer Zeit sich derartig ergeben machen und für den Krieg -so zu entflammen wußte, daß sie jeder Gefahr spotteten. Der Soldat -wuchs unter solcher Leitung und vertraute blind auf seinen Führer. - -Dieser fiel nunmehr in Italien ein und schlug in rascher -Aufeinanderfolge mehrere auf den Schlachtfeldern ergraute -Feldherren, die sich an der Spitze ihrer kampfgeübten Truppen ihm -entgegenstellten. Infolgedessen wurde der Einfluß, den dieser Bonaparte -als erster Konsul in Paris ausübte, immer größer. - -Und als dann nach wenigen Jahren der Sieger von Marengo und Hohenlinden -sich selbst krönte und als Napoleon der Erste zum Kaiser der Franzosen -ausgerufen wurde, da empfanden es die Völker Europas, daß der Zwerg, -der noch vor einem Jahrzehnt ihre Spottlust erregt hatte, zu einem -gewaltigen Riesen herangewachsen war. Man traute seiner Friedfertigkeit -nicht, und im nördlichen Deutschland sah man mit gemischten Gefühlen -und untätig zu, wie der unfehlbare Eroberer, über Russen und -Oesterreicher zugleich, bei Austerlitz einen seiner glänzendsten Siege -erfocht, und Schmach und Schmerz beschlich die deutsche Mannesbrust, -wie das alte deutsche Reich, dessen gewaltiger Bau den wildesten -Stürmen eines Jahrtausends getrotzt hatte, in Trümmer ging. - -Eine Bangigkeit überfiel die vom Kriege noch nicht heimgesuchten -deutschen Staaten, -- die verhängnisvolle Ruhe vor einem Gewittersturm. -Und dann kam jener unselige Oktobertag, an dem die Nation Friedrichs -des Großen, das starke, das stolze Preußen tief gedemütigt wurde. - -Die darauffolgenden Jahre hatten dann nichts als Tod und Verwüstung -gebracht. Jetzt schrieb man das Jahr 1811. Was würde wohl noch kommen? -Wieviel Schmerzliches, wie viel Erniedrigung barg die Zukunft noch in -ihrem Schoße? - -Max vertrat die Meinung, daß Sachsen mit den bestehenden Verhältnissen, -obwohl sie auch vieles zu wünschen übrig ließen, immerhin noch -zufrieden sein könne, denn das Land hätte Napoleon doch für manches -zu danken. Er hatte sein Bündnis nicht zurückgewiesen und es zum -Königreich gemacht. Und dann: durfte der König den Kaiser nicht seinen -Freund nennen? - -Die Freihoferin hingegen verwarf diese Ansicht. Das am Boden liegend -Preußen war ein Bruderstaat, war deutsch. Von Napoleon konnte Sachsen -nicht dauernd Gutes erhoffen, er war und blieb ein Franzose, ein Feind. -Was halfen Versprechen, wohl auch Geschenke, wie dieses Herzogtum -Warschau, das, richtig besehen, nur das Unglück des Landes vergrößerte. -Alle seine Beteuerungen freundschaftlicher Gefühle seien eitel Dunst, -drüben aber winke eine Hand, die man nicht verschmähen dürfe, die -Hand des blutverwandten Stammes. Freilich, _wie_ eine Änderung zum -guten herbeigeführt werden könne, wußte sie nicht. Wie konnte man beim -Anblick dieses mit schweren Gewitterwolken behangenen politischen -Himmels auch hoffen; kein freundlicher Stern drang durch das dunkle -Gewölk. - -Aber des Krieges war es für lange Zeit genug, darin waren alle einig. - - * * * * * - -Friesen schlenderte am Bache entlang, der infolge der andauernden -Sommerhitze fast versiecht war. Nur ein schmaler Streifen Wassers, in -einer Rinne in der Mitte des Bettes, hatte sich noch erhalten, und kein -Fremder hätte vermutet, daß dieses unschuldige Wässerchen zuzeiten ein -wildschäumender Bach werden konnte, der alles mit fortriß, was sich ihm -in den Weg stellte und selbst schon Menschenleben gefordert hatte. - -Friesen war wieder einmal allein; Max konnte ihm in der jetzigen Zeit -unmöglich Gesellschaft leisten. Oftmals vertrieb er sich die Stunden -mit Elisabeth im Spiel, -- anders konnte er die Unterhaltung mit ihr -nicht nennen. Sie liefen mit einander um die Wette, sprangen im hohen -Grase herum, oder zogen ihre Schuhe von den Füßen und liefen in das -seichte Wasser. - -Jeden Tag hatte Elisabeth neue Fragen an ihn zu stellen; ihre -Wißbegierde nach dem Leben in der Stadt war unerschöpflich. Zuweilen -traf es sich, daß sie etwas von dem, was Friesen ihr am Tage vorher -erzählt, trotz emsigen Grübelns nicht richtig verstanden hatte und -deshalb eine neue Erklärung erbat. - -Aber bald trug es sich zu, daß Friesen öfters fragte als sie. Das -Fehlen einer tieferen Kenntnis der Natur in ihrem mannigfachen Kleide -wurde ihm erst jetzt so richtig klar. Elisabeth hatte diese schwache -Seite an ihm mit lebhafter Befriedigung entdeckt und war sehr stolz, -daß sie klüger war als der kluge Stadtherr. Und wie gut sie ihm das -geheimnisvolle Weben anschaulich machen konnte! Denn dieses Kind -hatte in dem großen Buche der Natur mit vielem Erfolg gelesen. Ihre -Kenntnis der Pflanzen, der Insekten, war verblüffend. Mit erstaunlicher -Sicherheit beschrieb und suchte sie selten vorkommende Gräser und -machte ihn auf kaum bemerkbare Unterschiede in dem Bau einzelner -Blüten aufmerksam. Wenn Friesen manchmal einen leisen Zweifel über die -Richtigkeit ihrer Belehrung aussprach, so war ihr erstes Wort »die -Mutter«, die sie das alles gelehrt hatte, und von deren Unfehlbarkeit -sie überzeugt war. Aber seitdem Friesen eines Tages errötend gestehen -mußte, daß er die Nadeln der Kiefer von denen der Fichte nicht -unterscheiden könne, wagte er es nicht mehr, ihr zu widersprechen. Sie -war durch diese Unkenntnis derart überrascht gewesen, daß sie nicht -einmal ein Lächeln fand, sondern ihm einen Blick tiefsten Bedauerns -zuwarf, als sei ihr bange um sein gesundes geistiges Vermögen. Eine -Entschuldigung dieser bewiesenen Schwäche ließ sie nicht gelten. Selbst -die schüchterne Einwendung sprach nicht für ihn, daß ihm keine Zeit zur -Betrachtung geblieben sei, wenn er mit eigenen Händen so manche junge -Kiefer in das auflodernde Lagerfeuer geschoben, oder wenn ihm eine -starke Fichte Schutz vor den heranfliegenden feindlichen Kugeln gewährt -habe. - -Elisabeth wies seine Rechtfertigungen schonungslos zurück und meinte, -daß sie es nie begreifen würde, wie man ein Stück Holz ins Feuer werfen -könne, ohne dabei zu wissen, welcher Art es sei, oder daß man sich -hinter einen Baum stelle und nicht einmal dessen Namen kenne. - -Diese und ähnliche Vorhaltungen leuchteten Friesen zwar nicht recht -ein, aber er wagte auch keinen Einspruch mehr. - -Mit heißen Wangen, die der Eifer erröten ließ, lehrte sie ihm das -Schauen und Beobachten. Sie verfolgten mit einander das Wachsen des -Halmes, das Werden und Aufbrechen der Knospe und das Schwellen und -Treiben der Frucht. Dann wieder führte sie ihn mit blitzenden Augen, an -der Hand hinter sich her ziehend, durch das Gebüsch zu Vogelnestern, -in denen niedliche, gefleckte Eier lagen, oder die junge Brut piepsend -ihre nackten Hälse reckte und die hungrigen Schnäbel weit aufsperrte. - -Jeden Vogelruf sollte er kennen; unermüdlich nannte sie ihm den Namen -des Vogels, dessen Gesang sie eben gehört hatten. Zuweilen ahmte sie -das Gezwitscher nach, und er mußte raten. Dann wieder rief sie den -Namen eines der gefiederten Sänger des Waldes, und Friesen hatte, so -gut es gehen wollte, mit dessen Gesange zu antworten. - -Bei allen diesen Unterweisungen lag auf des Mädchens lieblichem Gesicht -der altkluge Ausdruck, der ihr so vortrefflich stand, und von dem es -bis zum Lachen doch nur einer ganz kleinen Bewegung der Gesichtsmuskeln -bedurfte. Lange konnte sie sich auch nicht beherrschen, dann begann sie -selbst wieder zu fragen, oder neckte ihn. Und, -- hui, flogen beide um -die Wette unter den Bäumen dahin. - -Aber heute war Friesen wieder einmal allein. Elisabeth war, wie so -manch liebes Mal, verschwunden, und er wußte sie oben auf dem Schlosse. - -Langsam war Friesen bis zu dem kunstlosen Stege geschritten, der über -den Bach führte und aus einem langen Brett bestand, das mit seinen -Enden hüben und drüben auf dem steinigen Uferrand auflag. Er ging -langsam und vorsichtig hinüber, denn die Brücke bog sich unter der Last -und drohte jeden Unvorsichtigen hinab in den Bach zu werfen. - -Auf dieser Seite des Baches war er noch nicht gewesen. Er ging weiter -und betrat einen kleinen Buchenwald, der sich in der Flußniederung -hinzog. Es waren lauter alte, herrliche Bäume, die hier standen. - -Friesen lief unter dem Laubdach hin, zuweilen an einem dichten -Brombeergebüsch stehen bleibend und nach frühreifen Früchten suchend. -Dann warf er sich in das schwellende Moos, das wie ein dunkelbraunes -Sammetpolster unter den Bäumen ausgebreitet war. Eine lange Weile blieb -er so liegen. Ueber ihm wiegten die Bäume ihre Kronen, durch die an -einigen Stellen der blaue Himmel hindurchsah. Dann kam ein leichter -Windstoß, und die Äste rauschten stärker durcheinander. - -So gefiel es ihm, -- diese wohltuende Einsamkeit war Balsam, der die -Wunde in seinem Herzen kühlte. - -Endlich sprang er wieder auf und ging nach dem Stege zurück. In -Gedanken versunken und die Augen gesenkt, schritt er dahin. Da war -es ihm, als wenn er Rascheln von Laub wie unter menschlichen Tritten -gehört habe, und fast gleichzeitig klang ein unterdrücktes Kichern. - -Friesen sah sich erstaunt um und bemerkte in kurzer Entfernung -seitwärts des Weges, am Fuße einer mächtigen Buche, zwei -Frauengestalten, die ebenfalls geruht haben mochten und die sein -Näherkommen aufgescheucht hatte. - -In der kleineren von beiden erkannte er Elisabeth. Von ihr war auch -zweifellos das unterdrückte Lachen ausgegangen, denn ihr Gesicht -verriet noch zu deutlich die Freude, die sie empfand, ihn überrascht -zu haben. Friesen fand kaum Zeit, ihr zuzunicken. Sein Blick war -zu dem anderen Mädchen geglitten, dessen Arm Elisabeth umschlungen -hielt. Es war eine hohe, herrlich gebildete Frauengestalt. Aus dem -feingeschnittenen Gesicht blickte ein sinnendes Augenpaar herüber, -über dem dunkle Brauen ihre hochgewölbten Bogen gezeichnet hatten. -Auf dem Kopfe trug sie einen dichten Kranz brauner Zöpfe. Die -Erscheinung dieses Mädchens bot ein Bild von Anmut und entzückender -Frauenschönheit. - -Friesen zögerte einen Augenblick mit dem Weiterschreiten, und er -schwankte, ob er sich den Mädchen nähern solle. Dann aber kam ihm -blitzschnell das Verständnis für die Lage, und die Rücksicht auf -seine Gastgeber bewog ihn, weiterzugehen. Er grüßte tief hinüber und -bemerkte, daß das schöne Mädchen errötete und seinen Gruß durch leises -Neigen des Kopfes erwiderte. - -Nach wenigen Minuten befand er sich wieder auf dem jenseitigen Ufer. Da -hörte er hinter sich eilende Tritte und wie er sich umsah, erkannte er -Elisabeth, die gerade den Steg überschritt. - -»Herr von Friesen?« rief sie von weitem, »laufen Sie doch nicht so -schnell. Ich will mit Ihnen nach Hause gehen.« - -Er blieb stehen und sah ihr lächelnd entgegen. Jetzt kam sie -angesprungen. Ihre stark geröteten Wangen traten aus dem bleichen -Gesicht scharf hervor. Als sie ihn erreicht hatte, legte Elisabeth -vertraulich ihren Arm in den seinen, wie sie es oft tat, wenn sie im -Walde nebeneinander gingen. Ihre Brust arbeitete infolge des schnellen -Laufes heftig, und sie mußte lange nach Atem ringen, bevor sie sprechen -konnte. - -»Das war meine Freundin Maria,« sagte sie stolz, »Maria von Tiefenbach.« - -»Ach, Ihre Cousine,« entgegnete Friesen achtlos, »die oben im Schlosse -wohnt?« - -Ueberrascht hob Elisabeth den Kopf und sah ihm in das Gesicht. - -»Aber, Herr von Friesen, woher kennen Sie denn Maria?« - -»Ich habe sie noch nie gesehen, aber schon vor ihr gehört,« antwortete -er. »Max hat mir erzählt, daß es ein Schloßfräulein gäbe, mit dem unser -kleiner Wildfang vom Freihofe gute Freundschaft halte.« - -Das Mädchen hörte seine Neckerei nicht. Ihr Gesicht zeigte einen -gespannten Ausdruck, als sie rasch fortfuhr: - -»Das hat Ihnen mein Bruder erzählt? Ach bitte, Herr von Friesen, -sprechen Sie mehr davon. Was hat er alles von Maria gesagt?« - -Eine Blutwelle war dem Mädchen ins Gesicht getreten, aus dem Friesen -zwei bittende Augen entgegenleuchteten. - -Der junge Mann war betroffen. Er bereute seine Worte, die die Erregung -des Mädchens hervorgerufen hatten. Von dem, was Max ihm erzählt hatte, -durfte er natürlich nicht plaudern, da wäre er ja auf das im Freihofe -sorgfältig gemiedene Thema gekommen. Da hatte ihm sein Scherzen einen -argen Streich gespielt, den er sofort wieder gut machen mußte. - -So harmlos wie es ihm nur gelingen wollte, antwortete er: - -»Max hat mir beiläufig erzählt, daß seine Familie mit den Tiefenbachs -vom Schlosse verwandt sei, und daß der alte Herr dort oben nur ein -einziges Töchterchen habe. Das waren ungefähr seine Worte. So, und -nun habe ich gesagt, was ich weiß, und ich hoffe, daß eine gewisse -neugierige Fragerin befriedigt sein wird.« - -Verstohlen blickte er zur Seite und sah einen Zug tiefer Enttäuschung -auf Elisabeths Gesicht lagern, während die Augen, die soeben noch voll -Erwartung auf ihm geruht hatten, gedankenvoll in die Weite schweiften. -Es schien ihm, als wenn das Mädchen seinen Worten nicht recht glaube, -und nur ihr hohes Zartgefühl sie davon zurückhalte, weiter in ihn zu -dringen. - -Eine Zeitlang gingen sie schweigsam nebeneinander. Dann aber wünschte -Friesen das Mädchen auf andere Gedanken zu bringen, und er ahmte mit -großer Sorgfalt den Ruf des Kuckucks nach. Dieser Versuch mußte jedoch -nicht besonders glücklich ausgefallen sein, denn er bemerkte, wie sich -die regungslosen Züge des schmalen Gesichtes wieder belebten, wie -es dann in den Mundwinkeln zu zucken begann, und wie zuletzt seine -Nachbarin in herzliches Lachen ausbrach. Friesen aber war froh, das -Mädchen wieder heiter zu sehen, denn Ernst stand ihrem Gesicht wirklich -nicht. Im nächsten Augenblick hatte sie wieder vergessen, was ihr Herz -noch soeben schwer bedrückte. Und fröhlich plaudernd trafen sie als -Letzte zum Mittagessen ein. - - * * * * * - -An den folgenden Tagen war Friesen in Maxens Begleitung wiederholt -ausgeritten. Max hatte im Frühjahr ein paar schöne Wagenpferde gekauft, -die er auch zugeritten hatte, sodaß sie, obgleich es zwei schwere Gäule -waren, recht gut unter dem Sattel gingen. Da der Braune noch immer -etwas lahmte, und die beiden Pferde in diesen Tagen selten vor die -Kutsche kamen, benutzte er sie abwechselnd auf seinen Ausritten. - -Zuweilen begleitete auch Elisabeth die Herren zu Pferde. Sie besaß -einen prachtvollen Apfelschimmel, ein hochgewachsenes, junges Tier, mit -langer, weißer Mähne und wallendem Schweife. Vor zwei Jahren hatte Max -das Tier aus Holstein mitgebracht, und in kurzer Zeit war das Mädchen -mit der Reitkunst so vertraut, daß ihre Leistungen alle überraschten. - -Friesen gewahrte mit Erstaunen die Sicherheit, mit der Elisabeth -den Schimmel ritt. Das kluge Tier schien stolz zu sein unter seiner -jungen Reiterin; es spitzte verständnisvoll die Ohren und selbst der -leichteste Zungenschlag entging ihm nicht. Wenn aber seine Herrin, sich -herabbeugend, freundlich zu ihm sprach und ihm den glänzenden Hals -klopfte, da warf es schäumend den Kopf auf und nieder und stampfte -lebhaft den Boden. - -Auf einem dieser Spazierritte lernte Friesen einen jungen Bauern aus -dem Dorfe kennen, namens Konrad Hartmann, den starke Freundschaftsbande -an Max fesselten, und der, wie Friesen schnell bemerkte, sich einer -besonderen Wertschätzung durch die Freihoferin rühmen durfte. - -Konrad Hartmann besaß einen kleinen Hof, der am Ende des Dorfes lag, -und in dessen Nähe, der mündlichen Überlieferung nach, auf einem Hügel -in früheren Zeiten ein Galgen gestanden haben sollte. Jetzt war davon -freilich nichts mehr zu sehen, aber der Name war geblieben, denn das -Hartmannsche Anwesen hieß allgemein der Hof am Rabenstein und sein -Besitzer kurzweg der Rabensteiner. - -Konrad ritt einen struppigen Fuchshengst, ein feuriges Tier edelster -Rasse, das ihm vor einigen Jahren ein französischer Offizier halb -geschenkt hatte, dem es darauf ankam, daß das kranke Pferd recht gute -Pflege erhielt. Unter Konrads sorgfältiger Wartung hatte sich das Tier -langsam wieder erholt, und nun hing der junge Mann, der weithin den -Ruf eines ausgezeichneten Reiters genoß, an dem Hengst mit geradezu -brüderlicher Liebe. - -Konrad Hartmann war ein Feuerkopf und so etwa gerade das Gegenteil des -in seinen Entschließungen schwerfälligen Max. Mit Staunen hörte Friesen -den einfachen Bauernsohn über die politischen Verhältnisse treffende -Worte sprechen. Sein Urteil über die zweideutige Rolle, die Sachsen -seit der Katastrophe von Jena spielte, war vielleicht zu hart und für -die Leiter der Geschicke des Volkes schonungslos. Aber von seinen -Plänen über die Befreiung von den unwürdigen Fesseln, die das Land mit -dem Kaiser verbanden, ging ein Hauch glühender Begeisterung aus und -alle Gefahr nicht achtender Liebe zu seinem Vaterland. Leider litten -diese Pläne, wie sich Friesen gestand, an dem großen Fehler, daß sie -niemals verwirklicht werden konnten, denn Alldeutschland lag gedemütigt -am Boden, und der Stern des gewaltigen Eroberers hatte noch nie so -glänzend gestrahlt als in diesen Tagen. Dennoch lauschte Friesen gern -und mit Aufmerksamkeit Konrads Worten, und es stieg in ihm dunkel die -Meinung herauf, daß es solcher Männer, wie diesen, leider nicht genug -gäbe unter dem sächsischen Volk. - - * * * * * - -Der Sommer war vorüber, der Winter stellte sich ein, -- und Friesen -weilte noch immer auf dem Freihof und half den ihm so rasch -liebgewordenen Menschen in dem einsamen, verschneiten Dorfe die langen -Winterabende kürzen. Nun war auch Weihnachten vorüber. Das alte Jahr -tauchte hinab in die Ewigkeit und ungewiß, was es bringen würde, -schaute man dem neuen entgegen. - -Da wurde plötzlich die Harmonie der ruhig dahinfließenden Tage auf dem -Freihofe rauh unterbrochen: Friesen erhielt die schriftliche Ordre, -sich unverzüglich bei seinem Regimente zu melden. Von den besten -Wünschen und Hoffnungen auf frohes Wiedersehen in nicht allzuferner -Zeit begleitet, nahm er schweren Herzens von der trauten Stätte und -ihren lieben Bewohnern Abschied. - -Noch ahnte niemand die schreckenvolle Zeit, der man entgegenging. Aber -nur allzubald sollte sich der gnädig verhüllende Schleier der Zukunft -lüften, denn von neuem und diesmal unheilvoller denn je, klangen die -Kriegstrompeten durch die deutschen Gauen. - -Napoleons grenzenloser Hochmut geizte nach neuem Ruhm. Die Taten -eines Alexanders, eines Karls des Großen standen ihm beständig vor -der Seele und trieben seinen empfindlichen Ehrgeiz bis ins Maßlose. -Die Völker zwischen dem Rhein und der Oder lagen zu seinen Füßen, -und ihre Herrscher buhlten um seine Gunst. Nur Rußland stand noch -aufrecht und spottete der Eroberungsgelüste des Kaisers. Das Verhältnis -zwischen ihm und dem Kaiser Alexander war seit dem Wiener Frieden immer -kälter, zuletzt feindselig geworden, bis endlich Rußlands Forderungen, -Napoleon solle die französischen Besatzungen aus Pommern und Preußen -zurückziehen, die Kriegserklärung folgte. - -Ganz Europa hallte wider von den ungeheuern Rüstungen der beiden -mächtigen Gegner. - -Der Kaiser hatte schon seit länger als einem Jahre mit den -Vorbereitungen für diesen Krieg im Geheimen begonnen. Wie er nie -aufgehört hatte, Preußen zu mißtrauen, sah er dem Zusammenstoße mit -Rußland wie etwas Unvermeidlichem entgegen. Sein erster Schritt -war gewesen, die Besserung der sächsischen Heeresverhältnisse bei -dem Könige von Sachsen auf das eifrigste zu betreiben. Und eine -gründliche Umgestaltung war hier nach den Erfahrungen der letzten -Feldzüge allerdings ein unabweisbares Bedürfnis. Vor allem galt es, -eine Menge veralteter Einrichtungen zu beseitigen und das Heer von -der ihm anhaftenden Greisenhaftigkeit zu befreien. Eine Anzahl alter, -unfähiger Generale wurde verabschiedet, und mehrere jüngere, befähigte -Stabsoffiziere, die die napoleonische Schule gebildet hatte, rückten -mit einer für die damaligen Verhältnisse unerhörten Schnelligkeit auf. - -Das weitere Verlangen des Kaisers ging dahin, in Sachsen einen großen -befestigten Platz anzulegen, wozu Torgau ausersehen wurde. - -Der leitende Minister der auswärtigen Politik Sachsens war zu jener -Zeit Senfft von Pilsach, der keineswegs wie sein Vorgänger zu den -knechtischen Bewunderern Napoleons gehörte. Ja, er haßte ihn und trug -sich mit Gedanken an eine Abschüttelung des französischen Jochs. Mit -welch segensreichem Erfolge seine Tätigkeit hätte gekrönt sein können, -wie viel Kummer und Verlust an Menschen, Land und Eigentum Sachsen -erspart geblieben wäre, wenn die Pläne dieses Mannes nicht von einer -Niederwerfung Preußens ausgegangen wären, auf dessen Trümmern er -die Aufrichtung einer sächsisch-polnischen Macht im Herzen Europas -erträumte. In einer unbegreiflichen Verblendung wähnte er Preußen auf -alle Zeiten verloren, und aus diesem Grunde liefen seine Gedanken, -anstatt mit Preußen Verbindung zu suchen, darauf hinaus, seinen -Niedergang zu beschleunigen. - -Um den Osten zu stärken, hatte Napoleon ungeheure Waffenvorräte in dem -Großherzogtum Warschau angehäuft und die polnischen Reiterregimenter -umgewandelt und verstärkt, um im Falle des Krieges die lästigen -Kosakenschwärme von dem französischen Heere fernzuhalten. Weiter war -die Bildung von Nationalgarden, die Verstärkung von Festungen und deren -Armierung an der russischen Grenze sowie die Bereithaltung großer -Mundvorräte in den Magazinen anbefohlen. Schon in der Mitte des Jahres -1810 war in Dresden ein französischer Stabsoffizier erschienen, um zu -horchen, ob der Kaiser in jedem Falle auf die sächsische Armee rechnen -könne. - -Die Stimmung in Sachsen war beim Ausbruche des Krieges nicht überall -dieselbe. Das verjüngte, trefflich geschulte Heer freilich war von -kriegerischem Geiste beseelt und vertraute blind dem Genius des -Kaisers. Der Erfolg des Feldzuges erschien im voraus gesichert, und der -glückliche Ausgang versprach hohen Gewinn für das Land. - -Die Bevölkerung teilte jedoch diese hoffnungsvolle Meinung nicht. -Der Bauer war des unaufhörlichen Kriegführens müde und sehnte sich -nach bleibender Ruhe. Die vorangegangenen Feldzüge hatten zuviel -Blut gefordert und das Land ausgesogen und bis an den Rand des Ruins -gebracht. Aber das sächsische Volk war gewöhnt, seinem Fürsten zu -folgen und ihm sein ganzes Vertrauen zu schenken. Deshalb legte man -auch diesmal wieder das Geschick des Landes zuversichtlich in die Hände -des geliebten Königs. - -Und so folgte Sachsen dem mächtigen Strom, der es in einen der -schrecklichsten Kriege, den die Weltgeschichte kennt, hineinriß, und -dessen Folgen für das unglückliche Land so verhängnisvoll werden -sollten. - - - - -4. Kapitel. - - -In den ersten Tagen des Monats Mai 1812 benachrichtigte Napoleon -König Friedrich August durch einen Ordonnanzoffizier von seiner -baldigen Ankunft in Dresden. Am 13. Mai überschritt der Kaiser in -Begleitung seiner Gemahlin und umgeben von einem glänzenden Hofstaat -in der Nähe von Plauen die sächsische Grenze, wo ihm der vom König -entsandte Oberkammerherr von Friesen und General von Gersdorff namens -ihres Monarchen ehrfurchtsvoll empfingen. Der König und die Königin -selbst erwarteten den hohen Gast in Freiberg. Infolge der zahlreichen -Huldigungen, die dem Kaiser auf der Fahrt von den Behörden dargebracht -wurden, verzögerte sich seine Ankunft, und die Folge war, daß der -König sich am Abend kaum zur Ruhe begeben mochte und nur mit vieler -Mühe bewogen werden konnte, sich einige Stunden Schlafes zu gönnen. -Gegen Morgen traf das Kaiserpaar in dem Städtchen ein, dessen Bewohner -während der ganzen Nacht auf den Beinen geblieben waren. Die ersten -Schimmer des anbrechenden Frührots mischten sich mit der festlichen -Beleuchtung der Stadt. - -Am Abend dieses Tages hielt der Kaiser unter dem Geläute der Glocken -seinen Einzug in Dresden. Die märchenhafte Beleuchtung dieser schönen -Stadt und des lieblichen Elbtales während der Kaisertage übertraf -selbst alle derartigen Schauspiele, womit der verschwenderische, -prunkliebende Kurfürst August der Starke seine Residenz einst verwöhnt -hatte. - -Außer dem Kaiser und der Kaiserin von Österreich hatten sich zahlreiche -Fürstlichkeiten, hohe Offiziere und Staatsmänner in der sächsischen -Landeshauptstadt eingefunden. Glänzende Feste wurden veranstaltet, von -denen jedes eine rauschende Huldigung des Allgewaltigen zum Mittelpunkt -hatte. Es waren Tage der verschwenderischsten Prachtentfaltung, des -höchsten Glanzes. - -Die deutschen Fürsten übertrafen sich gegenseitig in der Begierde, -einen Gunstbeweis von dem Kaiser zu erhalten, und wenn er einen von -ihnen ausgezeichnet hatte, sah dieser stolz auf die, die sich noch -immer um einen gnädigen Blick des Gefürchteten bemühten. - -Napoleon hatte den Gipfel seiner Macht erklommen. - -Nur ein einziger von Deutschlands Fürsten ließ sich von dem Strahlen -des Kaiserlichen Gestirns nicht blenden; es war der König von Preußen, -der gebeugt und düster durch die Versammlung schritt. König Friedrich -August von Sachsen wich seinem Blick aus, und mit Ängstlichkeit mied -ihn der Kreis der Fürsten. Der Kaiser bemerkte dies mit freudiger -Genugtuung, die aber bald großem Verdrusse Raum gab, als er hörte, -welch teilnehmende Hochachtung die Dresdner Bevölkerung dem preußischem -König entgegenbrachte, während ihn, den Kaiser, überall nur Neugierde -und das dumpfe Schweigen des Grolls empfing. - -Am 29. Mai verließ Napoleon Sachsens Hauptstadt, um das Kommando der -Armee zu übernehmen. König Friedrich August war, um den Abschied von -dem erhabenen Gast nicht zu versäumen, so besorgt, daß er nicht wagte, -zu Bett zu gehen, sondern die Nacht im Stuhle verbrachte. Zuletzt hätte -er den richtigen Augenblick beinah noch versäumt, doch gelang es ihm, -dem Kaiser noch bei seinem Hinabschreiten auf der Treppe mit flüchtigen -Worten Lebewohl zu sagen. - -Eine verzehrende Unruhe lastete wie ein schwerer Druck auf dem -sächsischen Volke. Der Sommer verging, der Herbst nahte und entschwand, -und bald brauste der Winter mit fürchterlicher Strenge ins Land, und -man gedachte mit banger Besorgnis derjenigen, die weit entfernt von -der Heimat in den unendlichen Schneefeldern Rußlands ihr Leben für die -Laune des verhaßten Despoten wagen mußten. - -Anfänglich hatte man genügend Nachrichten von der Armee erhalten: die -Kunden der Schlacht bei Smolensk und bald darauf des fürchterlichen -Gemetzels von Borodino bewiesen, daß die Russen sich ihrer Angreifer -wie Rasende erwehrten. Dann verstummten alle Nachrichten lange Zeit, -und ihr Ausbleiben verschärfte die Qualen, die die daheim erlitten. -Plötzlich leuchtete es an dem dunkeln Himmel wieder auf. Ein blendender -Blitzstrahl durchzuckte ganz Europa: die Kunde des Brandes von Moskau -drang herüber. Aber die Sorge um den Einzelnen war kaum noch wach, -in langen, kummervollen Nächten hatte man sich schon für den Verlust -getröstet, mit der Hoffnung, daß dem teuern Sohn ein schmerzvoller -Tod erspart geblieben sein möge. Nur schwach glimmte noch in mancher -Menschenbrust der Funke der Hoffnung auf ein irdisches Wiedersehen. - -Nach dieser Nachricht war wieder Grabesstille. Die ungeheure Armee, -deren lärmender Durchzug tagelang gedauert hatte, mit ihren tausend -Kanonen und dem nicht endenwollenden Troß, war verschwunden, als wenn -sie der Erdboden verschlungen hätte. Schmerzvolles Erwarten, atemloses -Aufhorchen, banges Fragen, -- -- nichts, keine Nachricht. Alles -still, als wenn tiefster Friede im Lande herrsche! Nur die östlichen -Winde trugen etwas herüber wie Leichengeruch, als ob sie über einen -unermeßlich großen Friedhof mit offenen Gräbern gestrichen wären, und -aus ihrem Heulen und Brausen klang es wie erstickte Schmerzenslaute und -gestammelte Gebete. - -So ging man dem Weihnachtsfeste des Jahres 1812, dem heiligen Feste der -Liebe und des Friedens entgegen. - -Wie hatten doch immer zu dieser Zeit die Herzen höher geschlagen! Noch -im vorigen Jahre hatte die Freude alle Gemüter bewegt. Wenn auch genug -des Herzeleids die Welt erfüllte, und die dunkle Zukunft viel Schweres -in sich bergen mochte, man war vereint, fühlte sich glücklich und war -zufrieden mit dem Wenigen, was das gefräßige Kriegsungeheuer einem -gelassen hatte. - -Aber in diesem Jahre wollte die Herzen kein wonniges Gefühl erwärmen, -keine freudige Erwartung erhob die Gemüter. - -Alle schlichen scheu umher. Man vermied es, den Nachbar, den Freund zu -trösten, in der Besorgnis, den eigenen Kummer zu wecken, zu vergrößern. -Ja man wagte zuletzt nicht mehr, zu fragen, aus tötlicher Angst, daß -das Entsetzliche sich offenbaren könne. - -Ein fürchterlicher Alp lastete auf jeder Menschenbrust, und die Seelen -durchzitterte tiefster Schmerz. - -Da lief plötzlich ein Raunen durch die Gassen der sächsischen Lande. -Zuerst ging das Gerücht wie ein Windhauch. Jeder lieh ihm das Ohr und -verstummte jäh vor der entsetzlichen Kunde, unter der sich das Herz -krümmte. Dann wurde das Gerücht lebhafter, laut, wuchs zum Lärm an und -donnerte endlich wie eine Lawine vor dem Orkan über das hartgeprüfte -Volk. Die schwache Hoffnung, die sich im Innern der Stärksten tief -verborgen noch erhalten hatte, erlosch in einem einzigen Augenblick. -Tötlicher Schrecken lähmte die Glieder und raubte dem Geist den letzten -Rest seiner Spannkraft: die riesengroße, stolze Armee war vernichtet! -Alles was das russische Blei verschont, der Säbel der Kosaken nicht -niedergehauen, der Huftritt ihrer Rosse nicht zerstampft, bei dem -Überschreiten des zugefrorenen und halb aufgetauten Dniepr nicht -umgekommen, oder bei dem gräßlichen Übergang über die Beresina nicht -zerdrückt, zertreten, zwischen den Eisschollen zerquetscht worden war, --- lag erstarrt auf den endlosen Eisgefilden. Wie durch ein Wunder, -hieß es weiter, hätten sich wenige Tausend gerettet, deren Rückzug sich -so gestaltete, daß er in der Geschichte der Kriegsleiden seinesgleichen -nicht haben sollte. - -Wie ein Feuerstrom ging es von Herz zu Herz; die Unterschiede in den -Rangstufen der Menschen schienen aufgehoben. Alle waren nur von dem -einen Gedanken beseelt, den zurückkehrenden Unglücklichen die Hände zu -reichen. Aber der Wunsch war stärker als die Tat. Große Vorbereitungen -konnten nicht getroffen werden, die Hast ließ keiner Überlegung -Zeit, und die Kopflosigkeit zerstörte oft wieder das schon bedacht -Geschehene. Der Schrecken hatte die Gemüter verwirrt. - -Und dann kamen die Trümmer der Armee Napoleons! - -Der Hunger hatte die des Weges nur noch Wankenden fürchterlich -abgemagert. Unter der schlaffen, farblosen Haut ragten die -Backenknochen, das Bein der Nase aus dem hohlen Gesicht schauerlich -hervor, und das Haar hing wirr von der Stirn herab. Die Lippen dieser -Unglücklichen waren ausgetrocknet, und aus den eingefallenen, matten -Augen drang gänzliche Teilnahmlosigkeit, grinste stiller Wahnsinn. -Jeder Schein militärischen Ansehens war von ihnen geschwunden. Ihre -Füße waren oft nur mit Lumpen oder Stroh umwickelt, die spärlichen -Kleider in Fetzen, und um die Blöße des Körpers notdürftig zu bedecken, -hatte mancher um die fleischlosen Schultern nur den Rest eines alten -Mantels oder ein erbetteltes Tuch geschlungen. - -So kamen sie daher, ohne Waffen und kaum fähig sich weiter zu -schleppen, das Zeichen furchtbarer Leiden auf der Stirn und dort, wo -sie einkehrten, ansteckende Krankheiten verbreitend. Und doch waren es -die, die kaum vor Jahresfrist in stolzer Siegeszuversicht ausgezogen -waren. - -Die Garde du Corps bestand nur noch aus 7 Offizieren und 4 Mann, und -von den frischen, kecken Zastrows kehrten 13 Offiziere und 3 Gemeine in -das Vaterland zurück. - -Und er, der unter dem gewaltigen Schlage des Himmels hätte -zusammenbrechen müssen, prahlte in Dresden Sachsens König gegenüber -mit seinen unerschöpflichen Hilfsquellen und setzte nach kurzem -Aufenthalt, einen Gassenhauer trällernd, in einem schnell auf -Schlittenkufen gestellten Wagen der Königin am 17. Dezember seine -Weiterreise über Leipzig nach Paris unerkannt fort. - - * * * * * - -Am 9. Januar 1813 trafen die ersten dieser Unglücklichen in Leipzig -ein. Ein Teil von ihnen, der auf südlicheren Straßen marschiert -war, berührte auch Rehefeld. Fast in jedem Dorfe, das diese Trupps -passierten, mußten einige der Schwächsten zurückbleiben. Die -Bevölkerung wetteiferte in der Aufnahme und Pflege der Soldaten, ohne -darauf zu sehen, ob sie einen Deutschen oder einen Franzosen im Hause -hatten. Alle waren sie Unglückliche! - -Mit dem Beginn des neuen Jahres hatte sich reicher Schneefall -eingestellt, dem starke und anhaltende Kälte folgte. Die -Jammergestalten konnten sich kaum noch weiterschleppen, denn ringsum -waren die Straßen verschneit, und der scharfe Nord drang schneidend -durch die dünnen, zerrissenen Kleider der Ärmsten. Auch die Mutigsten -von ihnen wollten jetzt nicht mehr weiter und nahmen mit Freudentränen -die Aufforderung zum Bleiben ohne Zögern an. Fast jedes Haus in -Rehefeld hatte unter seinem Dache einen der Fremdlinge, und selbst die -Ärmsten der Bewohner teilten mit ihrem Gaste freudig die kärgliche -Nahrung. Aber es bedurfte nicht vielem, um die Soldaten zufrieden zu -sehen. Die Ruhe tat den von langem Marschieren im Schnee wundgewordenen -Füßen wohl, und es widerfuhr ihnen schon ein großes Glück, wenn sie -nach langen Qualen und Entbehrungen die starren Glieder auf weichem -Lager und in wohltuender Wärme ausstrecken konnten. - -Da brach, wenige Tage nach ihrem Eintreffen, unter den Angekommenen -eine Krankheit aus, die sich rasch verbreitete und von der auch einige -der Dorfbewohner ergriffen wurden. - -Die Krankheitserscheinungen waren ernst. Man riet deshalb nicht -lange, sondern schickte einen Wagen nach Leipzig hinein, um ärztliche -Hilfe zu holen. Noch an demselben Abend kamen zwei Militärärzte an, -die sofort mit der Untersuchung der Kranken begannen. Unermüdlich -gingen sie von Haus zu Haus; überall begegneten ihnen die gleichen -Krankheitserscheinungen. Nach kurzer Beratung erklärten die Ärzte dem -sie begleitenden Ortsvorstand, daß die fiebernden Soldaten an Typhus -erkrankt seien und nicht länger in den Häusern bleiben dürften, sondern -daß für sie ein paar große Räume als Spital herzurichten seien. In -seiner Bestürzung eilte der alte Mann auf den Freihof, wo er am ehesten -Rat und Beistand zu finden hoffte. - -Die Tiefenbachs waren noch wach. Sie beherbergten selbst drei Soldaten, -die ebenfalls von der Krankheit befallen waren und in heftigem Fieber -lagen. - -Max ließ sofort seine Leute wecken und sandte sie im Dorfe herum, um -einige der Entschlossensten herbeizuholen. - -Nach Verlauf einer halben Stunde waren sieben oder acht Bauern -versammelt. Die Ärzte, die die angebotene Unterkunft auf dem Freihofe -angenommen hatten, beschrieben die Anforderungen, die an die -Krankenzimmer gestellt werden müßten und gaben Unterweisungen für die -Überführung der Kranken. - -In kurzer Zeit einigten sich die Männer dahin, daß der große Tanzsaal -des Gasthofes und das dicht daneben stehende Schulhaus für die Kranken -eingerichtet werden sollten. Der Lehrer und seine Familie mußten -während dieser Zeit bei einem Bauern Unterkunft bekommen. Sollten diese -Räume nicht ausreichen, so würde man den Freiherrn um Aufnahme einiger -Kranken im Schloß bitten. - -Am andern Morgen, als die Sonne blutigrot am Himmel heraufzog, und ihre -Strahlen die eisige Kälte noch fühlbarer machten, begann man damit, die -zur Aufnahme der Kranken ausersehenen Räume herzurichten. Von allen -Seiten brachten die Leute das im Hause Entbehrliche herangetragen; -dieser die Bretter eines alten, wurmstichigen Bettes, die viele Jahre -verstaubt und vergessen auf dem Dachboden gestanden hatten, jener einen -Strohsack, der rasch mit weichem Haferstroh frisch gefüllt worden -war. Ein Dritter gab zwei wollene Decken, wieder einer ein Deckbett, -das noch warm war, da es in der verflossenen Nacht ihm selbst gedient -hatte, und zwei Kissen dazu. Ein anderer erklärte, daß er und sein Weib -unter Decken nicht frieren würden, und er gab alles, was sie an Betten -besaßen. Die Hofbesitzer und die großen Häusler trugen fast jeder -ein vollständiges Bett herbei, und vom Freihof kam ein zweispänniger -hochaufgepackter Wagen, von dem man vier Bettstellen und ebensoviel -Strohsäcke und Federbetten ablud. Keiner wollte zurückstehen von der -Erfüllung des Liebeswerkes und wenn es der Ärmste war. Etwas hatte -jeder, wars auch nur eine geringe Gabe. - -In wenigen Stunden waren die Räume soweit instand gesetzt, daß man -daran denken konnte, die kranken Soldaten aus den einzelnen Häusern in -ihr neues Heim zu schaffen. - -Man zählte: dreiundzwanzig Kranke sollten es sein, und neunundzwanzig -Betten standen bereit. Gottlob! Soweit war alles geglückt, das Hospital -war fertig. Der Tanzsaal allein konnte zwölf Kranke aufnehmen, und die -übrigen fanden in den beiden Gastzimmern daneben und im Schulzimmer -Unterkunft. - -Gegen Mittag brachte man die Kranken von allen Seiten heran. In Decken -und Betten gehüllt, wurden sie vorsichtig bis zum Gasthof gefahren; aus -den näher liegenden Häusern trugen sie die Einwohner dahin. - -Alles beteiligte sich daran. Die beiden Ärzte waren vorher emsig von -einem Haus in das andere geeilt und hatten die letzten Anordnungen für -den Transport gegeben. Nun standen sie inmitten der frischen Betten und -überwachten das sorgsame Hineinlegen der Kranken. Ein Neugeborenes kann -nicht zärtlicher und liebevoller von seiner Mutter in den Arm genommen -werden, wie mit den Soldaten die Rehefelder verfuhren, und die Kinder -trugen den mit ihrer Bürde behutsam Dahinschreitenden die wenigen und -armseligen Kleidungsstücke nach. - -Das Mitleid mit den Unglücklichen hatte die ganze Einwohnerschaft -ergriffen, und man suchte in der Betätigung für die Notleidenden -einander zu übertreffen. - -Unter denen, die sich von den frühesten Morgenstunden ab um das gute -Gelingen des Werks bemüht hatten war auch Max. - -Nachdem er mit seiner Mutter kurz besprochen hatte, was sie an Betten -und Gerätschaften beisteuern konnten, war er hinüber nach Zehmen -geritten. Die Militärärzte hatten erklärt, daß sie nicht länger bleiben -könnten, da ihre Hilfe in dem mit Kranken überfüllten Leipzig nur allzu -dringend gebraucht würde. Aus diesem Grunde war er zu dem in diesem -Dorfe wohnenden Arzt geeilt, der freilich schon seit Jahren infolge -hohen Alters seinen Beruf nicht mehr regelmäßig ausübte, um ihn um -seinen Beistand für die jetzige Zeit der großen Not zu bitten. Er fand -den Greis im Bette liegend und krank, so daß dieser ihm nur ein paar -Ratschläge mit auf den Weg geben konnte und in Aussicht stellte, nach -einigen Tagen selbst einmal nach den Kranken zu sehen. - - - - -5. Kapitel. - - -Als Max gegen Mittag zurückgekehrt war, hörte er, daß die Kranken in -dem schnell hergerichteten Spitale nunmehr glücklich untergebracht -seien. - -Er konnte einen Ausdruck der Befriedigung darüber nicht unterdrücken, -und ein Gefühl der Beklemmung wich von ihm bei dem Gedanken, daß die -Einwohner Rehefelds der unmittelbaren Gefahr der Ansteckung nicht mehr -ausgesetzt wären. - -Max ging nach dem Gasthof, da er wissen wollte wie es nun darin aussah, -ob man für die Zubereitung der Speisen für die Kranken ausreichend -gesorgt hatte und schließlich, ob genug Pflegerinnen bestellt wären - -Als er über den Platz vor dem Gasthof schritt, standen ein paar -Geschirre vor dem Hause. Die Pferde hatten die Krippen vor sich und -fraßen bedächtig, während die Besitzer in der Gaststube weilten. Im -Hausflur angekommen, unterschied er drinnen einige bekannte Stimmen, -unter denen er auch die des Gemeindevorstands erkannte, der froh sein -mochte, der größten Sorge ledig zu sein. Max schritt auf die Tür zu, -besann sich aber sofort eines anderen und wandte sich wieder um. -Langsam stieg er die Treppe hinauf, um sich vorher die Unterbringung -der Kranken anzusehen. - -In dem geräumigen Saale waren an den beiden Längsseiten die Betten mit -geringen Abständen von einander aufgestellt, daß die Kranken mit den -Füßen nach dem in der Mitte entstandenen, breiten Gang zu lagen. Die -hölzernen Bettgestelle waren ungleich lang und breit und die Bezüge -verschiedentlich bunt gestreift oder gewürfelt, wie sie die Bauern -aus ihren Haushaltungen zusammengetragen hatten. Einige der Kranken -schliefen, andere lagen wachend in den Kissen, und hier und da warf -einer in starkem Fieber unruhig den Kopf hin und her. - -Drei Frauen gingen geräuschlos ab und zu oder bemühten sich um -die Kranken. Die erste, die Max am nächsten stand, war eine alte -Auszüglerin, die gewöhnlich im Dorfe die Kranken wartete, und in einer -andern erkannte er die Frau des Schullehrers. Die dritte kehrte ihm den -Rücken zu und beugte sich gerade tief auf das Bett eines Fiebernden -nieder und hielt diesem ein Glas Wasser an die Lippen. - -Max wußte nicht, wer diese Pflegerin war, aber ihre Erscheinung -fesselte sofort seinen Blick, so daß er die Augen auf der -hochgewachsenen Gestalt ruhen ließ. Sie trug ein dunkelblaues, eng -anschließendes und ganz einfach gearbeitetes Wollkleid, und ihr volles -braunes Haar war mit einem weißen Leinenhäubchen bedeckt. Er sann nach, -wer die Unbekannte sei, aber keines der Mädchen im Dorfe glich ihr. - -Sein Verlangen, ihr ins Gesicht zu sehen, wuchs, als er bemerkte, wie -geschickt und zugleich schonend die Pflegerin den Kranken aufrichtete, -das Kopfkissen aufschüttelte und dann den alten französische Soldaten -wieder sorgfältig darauf bettete. Nun ging das Mädchen von dem Bett weg -und wandte sich um, und gleichzeitig mit dieser Bewegung begegneten -ihre Augen seinem Blicke. - -Max war derart betroffen, daß er schweigend und wie angewurzelt auf -seinem Platze stand, und es wollte ihm selbst nicht gelingen, seinen -Blick von ihr zu wenden. Diese hätte er hier nicht vermutet, und aus -diesem Grunde konnte er seiner großen Verlegenheit nicht so leicht -Meister werden. Denn das Mädchen, dem er gegenüberstand, und das unter -seinem langen Blicke in leichte Verwirrung geriet, war Maria von -Tiefenbach. - -Noch nie hatten sich die beiden so nahe gegenüber gestanden. Sie -waren fast unbewußt jederzeit von dem gleichen Wunsche beseelt -gewesen, eine nahe Begegnung zu vermeiden, und schon von weitem -hatten sie bisher beim Sichtbarwerden des andern unverfänglich einen -Seitenweg eingeschlagen. Und so war es gekommen, daß ihnen ein dichtes -Aneinandervorübergehen trotz der engen Verhältnisse im Dorfe bis heute -erspart geblieben war. - -Max hatte die Abneigung gegen die Leute vom Schlosse mit der -Muttermilch eingesogen, und in späteren Jahren war es wieder die -Freihoferin gewesen, die dieses unbewußte Gefühl zu einem bewußten und -trotzigen Haß gegen die Verwandten vertieft hatte. Wie die Mutter, sah -auch er in den Schloßbewohnern herrische und hochmütige Menschen, die -den Zweig der Familie, der in das Dorf hinabgestiegen war, verachtete, -und von denen einer die teuere Verstorbene beschimpft hatte. Deshalb -war der junge Mann, als er sich dem Mädchen unvermutet und zum ersten -Male so nahe gegenübersah, betroffen. - -Blitzschnell erwog er, wie er jetzt am richtigsten zu handeln habe, -um die, beide beklemmende Situation zu beenden. Den Rücken wenden und -hinausgehen, das konnte er nicht, denn er war ja gekommen, um sich zu -erkundigen, ob es noch an etwas fehle, und diese Absicht mußten die -beiden anderen Pflegerinnen schon bei seinem Eintreten erkannt haben. -Dazu hatte er beim Verrichten des ganzen Samariterwerkes allzusehr in -vorderster Linie gestanden, und vermutlich hatte der Gemeindevorstand -die Frauen auch schon angewiesen, sich an ihn zu wenden, wenn an -etwas Mangel einträte. Und dann müßte er alle Höflichkeit unbeachtet -lassen, die man fremden Menschen und selbst denen schuldig ist, deren -Gesellschaft man meidet. Sein rücksichtsloses Fortgehen würde die -Jungfrau tief verletzen. - -Und was tat es denn überhaupt wenn er blieb? Standen sie beide -in diesem Augenblick nicht in einem höhern Dienste, in dem der -Nächstenliebe? Durfte er jetzt Zwist und Abneigung vorschützen, um mit -dem Mädchen nicht nebeneinander arbeiten zu müssen? Steht die Pflicht -zur Barmherzigkeit nicht so unendlich hoch, daß selbst Feinde zusammen -an ihr arbeiten dürfen? Er würde sich engherzig und klein schelten und -seiner Standpunkt als niedrig bezeichnen müssen, wenn er hier auswich. -Deshalb mußte er bleiben. Sein innerer Mensch wurde nicht betroffen, -der konnte der alte bleiben. Aber die Kraft dem leidenden Nächsten zu -widmen, auch unter diesen unbequemen Umständen, forderte einfach seine -Ehre. - -Diese Gedanken, die in schnellem Fluge durch Maxens Seele zogen, -verrieten sich auf seinem Gesicht nur zu deutlich, daß das vor ihm -stehende Mädchen sie nicht hätte erraten müssen. Aber auch sie kämpfte -mit ihrer Verlegenheit. - -Da überkam den jungen Mann plötzlich die Eingebung, daß er den Anstand -verletze, wenn er jetzt nicht das peinvolle Schweigen breche. Langsam -schritt er deshalb auf das Mädchen zu und indem er sich bemühte, -unbefangen zu bleiben, sagte er: - -»Es ist ein schwerer Beruf, den Sie gewählt haben, aber viel Dank wird -Ihnen dafür werden.« - -Sie schwieg eine kurze Weile, dann richtete sie ihre großen, blauen -Augen fest auf ihn und sagte mit wohllautender, tiefer Stimme: - -»Dem leidenden Nächsten zu helfen ist Menschenpflicht. Der beste Lohn -dafür ist die Befriedigung, die tief im Herzen quillt und die froher -macht als der Dank.« - -»Sie haben recht,« erwiderte Max, »diesen Beweggrund soll auch der -Mensch für seine guten Taten haben, denn so hat es uns schon der große -Nazarener gelehrt. Aber haben Sie die Aufgabe, der Sie sich freiwillig -und gewiß mit vielem Eifer unterziehen wollen, auch nicht unterschätzt? -Dieser Beruf wird Anstrengungen und Entbehrungen von Ihnen fordern, -die Sie vielleicht nicht voraussahen, und die fast die Kraft eines -Mannes erfordern.« - -»Lassen Sie das ruhig meine Sorge sein, Herr von Tiefenbach,« fiel -Maria ihm ins Wort, »ich bin von Jugend auf dazu angehalten, mein Tun -nicht unüberlegt zu beginnen. Aber weshalb zweifeln Sie daran, daß -ich nicht ebensogut wie andere Frauen imstande sein werde, diesen -Unglücklichen Trost und Hilfe zu gewähren? Zu meinem Bedauern habe -ich bis jetzt keine Gelegenheit gefunden, meine Kraft in Dienste des -Vaterlands zu gebrauchen und dies zu einer Zeit, zu der es nicht genug -hilfsbereite Hände geben kann. Jetzt ist mir die Gelegenheit geworden, -und wenn ich auch tausendmal lieber diese Kranken gesund wüßte, so -bin ich doch froh, daß sie sich gerade hier befinden und ich mich -ihrer annehmen kann. Nach der Schwere der Bürde, die einem das Amt -bringt, fragt man nicht lange, frisch zugreifen und unerschrocken den -Schwierigkeiten, die sich in den Weg legen, entgegengehen, ist doch -immer das Richtige. Mag der Mann draußen auf dem Felde der Ehre sein -Alles einsetzen, uns Frauen soll er in Räumen wie diesen walten lassen, -damit auch wir Gelegenheit haben, unser Teil beizutragen zu dem großen -Werke. Wir sind dazu berufen, die geschlagenen Wunden zu heilen und die -Schmerzen zu lindern, die der unerbittliche Krieg verursacht.« - -Das Mädchen hatte die Worte in edelm Feuer gesprochen, und die -Begeisterung, die in ihr glühte, übergoß ihr schönes Gesicht mit einer -feinen Röte. Jetzt, nachdem sie geendet, fühlte sie, daß sie vielleicht -zu viel gesprochen hatte und fast in Erregung gekommen war. Sie -bereute ihre Worte und verstand es nicht, wie die Begeisterung für ihr -Vorhaben sie so mit sich fortgerissen hatte. - -Max konnte nichts antworten, was hätte er dem Mädchen nach diesen -Worten auch sagen sollen. Überrascht stand er vor der Jungfrau, bei der -sich Schönheit mit Anmut und Klugheit mit Gemüt vereinigten. - -Maria hatte sich nach ihren Worten wieder abgewandt und war zum Bett -eines Kranken getreten, der mit heiserer Stimme zu trinken verlangt -hatte. Behutsam setzte sie ihm das Glas an die Lippen, das er mit -gierigen Zügen leerte. - -Max wechselte mit den anderen Frauen noch ein paar Worte und verließ -dann den Saal. Nach den Worten des Fräuleins vom Schlosse zu -urteilen und nach dem, wie er sie hatte walten sehen, würde sie eine -vortreffliche Pflegerin sein. Wenn die beiden andern ihre Aufgabe -ebensogut erfüllten, dann waren die Kranken in den besten Händen. -Deshalb war es ein Gewinn für die Sache, daß sich das Fräulein der -Pflege angenommen hatte. Und doch wünschte Max das Mädchen vom -Krankensaale weit weg! - -Daß er denen vom Schloß nicht für immer so ausweichen konnte, wie es -ihm bisher gelungen war, damit hatte er schon gerechnet, daß er aber -so unerwartet mit einem von ihnen in Berührung treten sollte, und noch -dazu, wie er voraussah, öfters, das behagte ihm nicht. Obendrein hatte -dieses Mädchen etwas an sich, das ihn aus seiner gleichmäßigen Ruhe -bringen konnte. Und von neuem stand ihm die Erscheinung vor Augen. Mit -welchem Anstand sie ihr Haupt zum Gegengruß geneigt hatte, und in welch -ruhigem Gleichmaß sie sprach. Noch jetzt, meinte er, hafte der Blick -aus ihren großen Augen auf ihm. - -Ein paarmal während des Tages verfiel Max in tiefes Nachsinnen. -Unwillkürlich schweiften seine Gedanken von der Arbeit weg, und er -überraschte sich dabei, daß er die Hände müßig hielt und sich willig -der Erinnerung an die Begegnung überließ. Des Mädchens hohe Gestalt, -der lange Blick ihrer Augen die wohllautende Stimme und endlich die -Sicherheit, die aus ihren Worten klang, hatte einen nachhaltigen -Eindruck auf den jungen Mann ausgeübt. Er fühlte ein fast unbezähmbares -Verlangen, einen tiefern Blick in die Seele dieses schönen Mädchens zu -tun. Aber um dies zu erreichen, hätte er sich ihr mehr nähern müssen, -als es ihm, der Pflegerin inmitten ihrer Kranken gegenüber, möglich -war. Und das durfte er nicht! - -Maria von Tiefenbach war seine Anverwandte, denn sie waren ja -Geschwisterkinder. Aber er durfte nicht vergessen, daß sich ein tiefer -Abgrund zwischen ihnen hinzog, über den hinweg nimmermehr eine Brücke -geschlagen werden konnte. So lange es die beiden Familien vom Freihofe -und vom Schlosse geben würde, so lange würde auch die Kluft bestehen. -Das war für alle Zeiten bestimmt, und niemand durfte sich vermessen, an -diesem Spruch zu rütteln. So hatte es sein Großvater gewollt, nachdem -der eigene, hochmütige Bruder die Auserwählte seines Herzens beschimpft -hatte. Des jungen Freihofers empfindlicher Stolz bäumte sich hoch auf, -wenn er an das schwere Unrecht dachte, das seiner Großmutter von denen -droben einst zugefügt worden war. - -Und selbst dann, wenn es ihn mit unwiderstehlicher Macht zu dem -Fräulein hinziehen würde, -- wie wäre es ihm möglich, vor seine Mutter -zu treten und ihr zu sagen, daß er wieder Freundschaft schließen wolle -mit den Leuten vom Schlosse? Würde er dergestalt seine alte Mutter -nicht verraten? Sie, die er mit der zärtlichsten Liebe umgab, die -ein Kind für seine Mutter nur empfinden kann! Freilich lagen seine -Gefühle nicht auf der Zunge, denn beider Naturen waren hart und nicht -für den offenen Austausch von Liebeszeichen geschaffen. Aber wie es -Max jeden Tag von neuem fühlte, daß ihr rauhes Äußere nur die Glut -ihrer mütterlichen Empfindungen für ihre beiden Kinder verbarg, wußte -er, daß die bedingungslose Ehrfurcht und Unterwerfung vor ihr und die -fast abgöttische Liebe zu seiner Mutter die stärksten seiner Gefühle -waren, die ihn jemals bewegen konnten und die in seine Seele unlösbar -hineingewoben waren. Deshalb konnte von einer Annäherung zu den -Verwandten niemals die Rede sein, wenn nicht seine Mutter selbst den -Wunsch dazu aussprechen würde. Aber dieser Umschwung würde in ihrer -Seele nie eintreten. So glühender Haß erlischt nur mit dem Tode dessen, -der ihn mit sich herumträgt. - -Und selbst wenn in seiner Mutter der Wunsch dazu rege würde, dürfte sie -es dennoch nie tun! Als sie vor Jahren ihm, dem Knaben, die Feindschaft -zu den Schloßleuten ins Herz gepflanzt, da hatte sie ihm zuletzt -anvertraut, gleichsam als wolle sie ein blutigrotes, brennendes Siegel -unter ihre Worte setzen, daß sie ihrem sterbenden Vater unversöhnliche -Feindschaft denen im Schlosse gegenüber in die Rechte gelobt habe. - -Aus allen diesen Gründen unterdrückte Max seinen Wunsch das Fräulein -näher kennen zu lernen. Vielleicht würde er, wenn es geschah, nur einen -Widerstreit seiner Empfindungen heraufbeschwören, und es würde ihm dann -gewiß schwerer werden als heute, das so schnell erwachte Interesse für -dieses ungewöhnliche Mädchen wieder zu verlieren und den Eindruck zu -verwischen, den es auf ihn ausgeübt hatte. - -Während der folgenden Tage betrat Max wiederholt die Krankenzimmer -und mußte von neuem Gelegenheit nehmen, mit Maria von Tiefenbach zu -reden. Sie sprach unbefangen, ihre Stimme dämpfend und begleitete ihre -Worte mit ausdrucksvollen Bewegungen der Hand. Was sie ihm über den -Zustand der Kranken zu berichten hatte, sagte sie in knappen Sätzen. -Teilte sie ihm Erfreuliches mit, so blieb sie dennoch ernst, nur in -dem aufleuchtenden Blick ihrer Augen konnte Max ihre Freude lesen. War -hingegen Schmerzliches zu berichten, so erriet er dies schon, bevor -sie begann, an ihren umflorten Augen. Sie vermied es ängstlich, sich -ihm gegenüber weich oder erfreut zu zeigen und schien ihm im stillen -dafür dankbar zu sein, daß er ihr weder tröstende, noch Worte der -Anerkennung sagte. Selbst als sie ihm eines Morgens mitteilen mußte, -daß ein junger bayerischer Dragoner, den sie, wie er wußte, Tag und -Nacht in unermüdlicher Sorgfalt gepflegt, und der ihr durch die endlich -herannahenden Zeichen seiner Genesung viel Freude bereitet hatte, -infolge eines plötzlichen Rückfalls in der verflossenen Nacht gestorben -war, fügte sie ihrer Meldung keine weiteren Worte hinzu. - -Max vermochte nicht sein Mitgefühl zu unterdrücken, das in ihm -emporkam, als er in diesen Augenblicken das Mädchen betrachtete. -Ihre Wangen waren von den ungewohnten Anstrengungen der letzten Tage, -besonders aber von den vielen Nachtwachen bleich geworden, und ihre -Haltung war die eines müden Menschen. Außer den Anzeichen großer -Abspannung lag auf ihrem Gesicht tiefe Ergriffenheit. Er sah, wie sie -sich fast Gewalt antun mußte, um bei ihren Worten nicht in Tränen -auszubrechen. - -Mit wachsender Teilnahme stand Max dem Fräulein gegenüber, denn er -erriet, was in ihrem Innern vorging. Zu gleicher Zeit wußte er aber -auch, daß sein sehnliches Verlangen, einen Blick hinter das ernste -Antlitz dieses Mädchens zu tun, sich schon erfüllt hatte. - -Da drang ihm plötzlich ein heißer Strom zum Herzen, den zurückzudämmen -er sich anfangs bemühte, um sich im nächsten Augenblick aber dieser -Weichheit in willenloser Freude hinzugeben. Denn was sich ihm hier -offenbarte, war ein edles Frauengemüt! Rasch fand er die Erklärung für -den großen Schmerz des Mädchens. Mit Hingabe hatte sie den Krieger nun -fast zwei Wochen hindurch gepflegt, nicht der Anstrengungen achtend, -die ihre Wangen hohl gemacht hatten. Unsägliche Freude hatte sie -empfunden, als seine kräftige Natur in dem erbitterten Kampf mit der -schweren Krankheit endlich die Oberhand gewann, und sie fühlte dadurch -ihre heißen Bemühungen tausendfach belohnt. Schon sah sie, wie die -Gesundheit in den erstarkenden Körper wieder einzog, -- da begannen -gestern Abend die Pulse von neuem zu hämmern, die Temperatur stieg -bedrohlich und ohne einen Grund dafür erkennen zu lassen, stand wieder -auf derselben Höhe wie in den Tagen der qualvollsten Zweifel, stieg -darüber hinaus, -- und dann mußte sie ohnmächtig zusehen, wie der eben -wieder lebensfroh gewordene Kranke die Augen hilfesuchend auf sie -richtete und mußte zulassen, daß der dem Tode kaum Entrissene dennoch -sein Opfer wurde. In einer einzigen Nacht war ihre große Freude zu -schwerem Kummer geworden. - -So, fühlte er, hatte es sich zugetragen, und ihre Seele, die warme -Nächstenliebe, Aufopferung und tiefes Mitgefühl anfüllte, hatte großen -Schmerz erlitten. - -Da konnte er seine Bewegung nicht mehr meistern: er trat zu der sich -eben wieder von ihm wendenden Jungfrau, nahm ihre Hand in die seinige -und sprach ihr mit teilnehmenden und tröstenden Worten sein Mitgefühl -aus. - -Das Fräulein war bei der Berührung ihrer Hand unwillkürlich -zusammengeschreckt, aber sie hatte sie ihm doch willig überlassen und -mit Verwunderung seinen Worten zugehört. Eine starke Blutwelle trieb -wieder nach ihrem Kopfe und färbte ihre blassen Wangen dunkelrot, bis -hinauf unter die schweren, braunen Zöpfe auf ihrem Haupte. - -Langsam entzog sie ihm endlich ihre Hand und trat einen Schritt zur -Seite. Dann sprach sie: - -»Herr von Tiefenbach, ich danke Ihnen für Ihre Teilnahme. Ich hatte -sie nicht erwartet und konnte nicht ahnen, daß Sie meinen Schmerz -erkennen würden. Der Tod dieses mir noch vor wenigen Wochen Unbekannten -hat mich, wie Sie richtig erraten haben, schwer getroffen und mein -tiefstes Bedauern wachgerufen. Er liebte das Leben und klammerte sich -mit bewunderungswürdiger Zähigkeit daran fest. Und wie beglückt und -dem Schöpfer dankbar er dem neuen Leben entgegenging! -- Doch, Herr -von Tiefenbach,« fuhr sie nach einer kurzen Pause der Sammlung in -verändertem Tone fort, »eine Pflegerin darf nicht weich werden, sonst -taugt sie nicht für ihr Amt. Voll Freude hatte ich dem Verstorbenen in -seinen schweren Leidenstagen meine Kräfte gewidmet; er sollte nicht -genesen. Jetzt gehört meine Kraft wieder den Lebenden!« Und mit dem -stummen Gruße, mit dem sie sich sonst von ihm zu verabschieden pflegte, -ging das Mädchen zu den Kranken. - -Auf Max hatte dieser Vorgang tief eingewirkt. Das, was er bis zu dieser -Stunde nur empfunden hatte, war mit einem Schlage Überzeugung: in -diesem schönen Mädchen wohnte eine herrliche Seele, auf deren tiefsten -Grund er soeben geschaut hatte. Durch die wenigen Worte, die er mit dem -Fräulein gewechselt, fühlte er sich ihr innerlich nähergerückt. Es war, -als wenn eine hohe Schranke, die bis heute zwischen ihnen aufgetürmt -war, von Zauberhand beseitigt worden sei. - -Wenn sich im Leben zwei Menschen dabei kennen lernen, daß ihnen ein -Erlebnis von scheinbar geringer Bedeutung zustößt, das sie aber -zwingt, sich gegenseitig einen vollen Einblick in das wie durch einen -Blitzstrahl erhellte eigene Innere zu gewähren, und beide gleichzeitig -erkennen, daß ihre Empfindungen und Anschauungen in der ihre Herzen -berührenden Frage übereinstimmen, dann webt das Schicksal auch sogleich -mit emsiger Hand geheimnisvolle Fäden von einem Herzen zum andern. Die -Worte der Zurückhaltung und Förmlichkeit erscheinen ihnen nichtssagend -und armselig, deshalb lassen sie den Zwang fallen und sprechen -zueinander, als ob sie schon seit Jahren gute Nachbarn wären. Und doch -waren sie sich noch vor einer Stunde fremd und hatten sich im Leben -vielleicht noch niemals gesehen. Das kleine Ereignis aber hat beide -menschlich so nahe gebracht, wie sonst nur Vertraute zueinander stehen. -Jahrelang wandeln oft zwei Menschen nebeneinander dahin, ohne daß sie -sich bis ins Innerste des Herzens hinein kennen lernen. Es bedeutet -mitunter viel, einen Menschen so zu finden, denn die in solchen Stunden -geschlossene Freundschaft dauert nicht selten bis über das Grab hinaus. - -Max fühlte, daß dieser Vorfall imstande sein konnte, von großer -Bedeutung für sein künftiges Geschick zu werden. Wären sie nicht -feindliche Geschwisterkinder gewesen, so hätten sie in dem -angeschlagenen vertraulichen Tone länger zusammen gesprochen, und des -Mädchens Worte hätten wohl herzlicher geklungen. Aber so hatte, während -sie miteinander sprachen, neben ihr der Schatten des Familienzwists, -an seiner Seite der alte Haß gestanden, unter deren Eishauch die -Herzlichkeit nach dem ersten Aufschäumen frostig wurde und sich alsbald -in eine kaum zu verbergende Verlegenheit verwandelte. Und dadurch ward -das aus dem Herzen freudig hervordrängende Gefühl getötet, noch ehe es -der Mund in Worte prägen konnte. - -Und während sich Max unaufhörlich mit dem Begebnis am Morgen dieses -Tages beschäftigte, zog in seiner Brust, in der bisher im Leben die -widerstreitenden Gefühle friedlich nebeneinander geschlummert hatten, -in aller Stille ein Sturm herauf, der den starken Mann wie ein -schutzloses Bäumchen auf einsamer Höhe schütteln sollte. - -Der Anblick, den das Fräulein heute geboten hatte, stand Max in -plastischer Deutlichkeit vor der Seele. Er sah wieder ihr bleiches -Gesicht mit den müden Augen und dem Zuge von verhaltenem Schmerz, der -sich um ihren Mund gelagert hatte, und wenn sie sprach, kostete es -sie sichtlich Mühe, ihre zuckenden Lippen zu beruhigen. Jedem anderen -Menschen, dessen Seelenschmerz sich ihm so offenbart hätte, würde -er in reicherem Maße Trost zugesprochen haben. Das gebot ihm die -Christenpflicht. Und in welch raschem Flusse gleiten erst die Worte vom -mitfühlenden Herzen, wenn es gilt, einen edeln Menschen zu trösten, den -der Kummer durch selbstlose Hingabe an Unglückliche überkommen ist. - -Aber wenn immer er einem Leidenden das Herz erschließen durfte, -hier durfte er es nicht! Diesem gemütvollen, erschütterten und doch -willensstarken Mädchen gegenüber, zu dem ihn sein empfindsames Herz, -ohne daß er widerstreben konnte, heute hingedrängt hatte, diesem -Mädchen gegenüber mußte er seine Brust mit Eisen panzern. Denn sie war -seine Feindin. - -Max fuhr mit der Hand über die Stirn, als wenn er damit alle Unruhe -verscheuchen könne, die ihn überfallen hatte. Seine Feindin, sagte -er eben? Ja, war sie denn wirklich seine Feindin? Konnte das blasse, -schöne Mädchen mit dem reichen Gemüt, das seine Kraft so bereitwillig -in den Dienst der Leidenden stellte, und das der Tod eines ihrer -Kranken so mächtig ergriffen hatte, wirklich etwas getan haben, daß ein -Mensch auf der ganzen weiten Welt sagen durfte: Seht, das ist meine -Feindin? - -Und doch war er es, der sie Feindin nannte! Beging er damit nicht -ein großes Unrecht? Hatte sie eine Mitschuld an dem ganzen unseligen -Familienzwist? Warum vergalt man ihr, was ihr Großvater versündigt -hatte? Mußte er als Christ diese Handlungsweise nicht als eine schwere -Versündigung an einem unschuldigen Menschen bezeichnen, und warum -lehnte sich nicht alles Gute in ihm auf gegen eine solche Tat? - -Alle diese Fragen drangen zu gleicher Zeit mit Ungestüm auf Max ein, -und sein sonst so ruhiges Denken geriet in arge Verwirrung. Daran, daß -die Feindschaft, die die Freihofer gegen die Schloßleute unterhielten, -berechtigt sei, hatte er noch nicht gezweifelt. Jetzt schien es ihm, -als wenn eine Binde von seinen Augen fiele. Von allen Seiten kamen ihm -plötzlich Zweifel über die Richtigkeit seiner tiefen Abneigung. Sie -drangen auf seine Seele ein und vereinten sich zu der ernsten Anklage: -Du hast denen droben auf dem Weißen Schlosse schon seit Jahren schweres -Unrecht getan. - -Max wußte nicht, wie ihm geschah. War es möglich, daß er in -Zweifelsqualen darüber geraten konnte, ob seine Abneigung, sein -feindseliges Gefühl gegen die Verwandten berechtigt sei? - -Während des ganzen Tags war der Freihofer wie ein Träumer -umhergegangen. Nach dem Mittagessen hatte er sich hinter die -Wirtschaftsbücher gesetzt, aber die Arbeit wollte nicht vorwärts gehen. -Der Kopf war ihm zu voll. Wenn er die schwarzen Zahlen betrachtete, -schien es ihm, als wenn sie lebendig geworden wären, wunderliche Formen -annähmen und durcheinander tanzten. Schrieb er sie nieder, so mußte er -genau achtgeben, daß er nicht eine falsche Summe eintrug. - -Da wurde er mit einem Male ärgerlich, denn er hatte in dem neuen -Hauptbuch dem Händler Kornteuer die dreihundert Taler, die dieser -noch vom Herbst her für Getreide schuldete, ins Haben anstatt ins Soll -geschrieben. - -Ärgerlich warf Max die Feder beiseite, klappte das Tintenfaß heftig -zu und verließ das Zimmer. Seine Mutter, die am großen runden Tisch -stand und von einem dicken Ballen Leinwand Stücke abschnitt, um daraus -Hemden für die kranken Soldaten anzufertigen, hielt die Schere still -und sah erstaunt dem Sohne nach. Was war es mit ihm? Es war ihrem -scharfen Blicke nicht entgangen, daß er bereits seit einigen Tagen -in sich gekehrt und zerstreut war. Abends, wen sie sich um die Lampe -versammelt hatten, war er einsilbig gewesen. Anfangs hatte er oft und -mit lebhaften Worten von seinen Kranken gesprochen, jetzt berichtete -er nur noch kurz von ihnen. War er nicht mehr zufrieden? Was konnte es -sein, das seinen Blick so versonnen machte? - -Aber die Freihoferin war nicht gewöhnt, über kleine Veränderungen im -Wesen ihres Sohnes lange zu grübeln. Seine Seele lag von Kindheit an -wie ein offenes Buch vor ihr, in dem sie Tag für Tag las, und sie wußte -genau, was auf jedem Blatte geschrieben stand. Deshalb ließ sie schnell -diese Gedanken fallen und wendete die Aufmerksamkeit wieder ihrer -Arbeit zu. - -Max war unterdessen über den Hof gegangen und in die große Scheune -getreten, wo die Knechte in zwei Runden Weizen ausdroschen. Eine -kurze Weile hielt er sich dort auf, dann ging er wieder zurück und -schlenderte durch die Ställe. So lief er lange Zeit durch alle -Wirtschaftsräume, Arbeit suchend und keine findend. Wenn er eine kleine -Unregelmäßigkeit entdeckte, ward er ärgerlich und schalt die Mägde. - -Im hintersten Stand hatte sich eine Kuh losgemacht und bog gerade zu -einem Spaziergang in die Stallgasse ein, und wie er den Pferdestall -betrat, fiel sein Blick auf die tragende Stute, deren Kette so lang -gesteckt war, daß das Tier mit dem Maule bis zu dem hohen Streustroh -herunter konnte und dieses fraß. Jeden andern Tag hätte er selbst Hand -angelegt, um dem Mangel abzuhelfen. Heute rief er mit schallender -Stimme nach dem Gesinde. Überall fand er zu verbessern und zu tadeln. -Alles sah er, nicht die kleinste Unregelmäßigkeit entging seinem Auge. -Und doch waren seine Gedanken nicht bei ihm, immer standen vor seinem -Geiste die umflorten Augen eines schönen Mädchens. - - * * * * * - -Der kurze Januartag neigte sich seinem Ende zu. Max stand in der Stube -an einem der Fenster, die nach der Straße lagen und blickte hinaus auf -die beschneite Landschaft. Überall, wohin das Auge reichte, nichts als -Schnee. Auf der Dorfstraße war eben der mit sechs kräftigen Gäulen -bespannte Schneepflug vorübergegangen und hatte eine breite Bahn -hinterlassen. Hüben und drüben türmte sich der Schnee hoch auf, der -auch heute bis zum Nachmittag wieder unaufhörlich gefallen war. Jetzt -hatte sich ein scharfer Wind erhoben, die oberste feine Schicht des -Neuschnees vor sich hertreibend. Es war bitterkalt draußen, und der -Himmel hing voll grauer Wolken. Die schwarzen Äste der breiten Buchen -waren mit der weißen Masse dicht bedeckt, und jede der Zaunlatten trug -ein hohes Häubchen davon. - -Max beobachtete, wie sich ein einsamer Spatz dicht vor dem Fenster auf -den Zaun niederließ. Das Tierchen guckte sich mit flinkem Drehen des -Köpfchens nach allen Seiten ein paarmal um wie aber keiner von seinen, -augenscheinlich schon zur Ruhe gegangenen Spießgesellen erschien, -piepste es mit leiser Stimme einmal auf und flog dann davon. Ein -winziges Häufchen Schnee fiel dabei vom Pfahl herunter. - -Weit und breit war nichts Lebendes zu sehen. Die Natur verharrte in -tiefem Schweigen. - -Max sah nichts mehr von dem weißen Bilde. Er hatte den Kopf an die -Scheiben gelegt und kühlte seine brennende Stirn. - -Warum, so fragte er sich heute wohl zum hundertsten Male, läßt man -die Lebenden entgelten, was die Toten versündigt haben. Dann stürmten -wieder bittere Vorwürfe auf ihn ein, und in seiner Seele stieg von -neuem ein müdes Frauenantlitz herauf, das seine von langen Wimpern -beschatteten Augen stumm auf ihn richtete. - -Da wurde der Träumende plötzlich abgelenkt. Vom Freihof ein Stück die -Straße hinauf, drüben hinter dem schwarzen Dorfteich, stand ein kleines -Häuschen, aus dessen Schornstein sich eine dünne Säule blauen Rauches -wand. Dort wohnte eine arme, junge Frau, die kurz vor Weihnachten den -Mann verloren hatte, mit ihren vier Kindern, von denen die ältesten -zwei schwer am Keuchhusten litten. - -Aus diesem Hause trat soeben eine weibliche Gestalt heraus und lief -mit eilenden Schritten durch den Schnee herüber nach der Straße. Der -Wind spielte mit den Zipfeln des wollenen Tuches, das sie um Brust und -Kopf geschlungen hatte und versuchte, es ihr zu entreißen. Aber sie -bemerkte seine Anstrengungen und wickelte sich fester in das Tuch. Max -bemühte sich, die Näherkommende in der sich niedersenkenden Dämmerung -zu erkennen und trat von neuem dicht an das Fenster. Aber ihr Kopf war -sorgsam eingehüllt, und das Tuch ließ das Gesicht nicht frei. Jetzt war -sie am Fenster angekommen und wollte gerade vorübereilen, da riß ihr -ein heftiger Windstoß das Tuch von der Stirn. Hastig griff sie danach, -um das Gesicht wieder zu bedecken, -- aber es war zu spät. - -Max war mit einem schnellen Schritt vom Fenster verschwunden und -zur Seite getreten. Aber er konnte die Augen nicht von der Gestalt -losreißen, durch die Gardine hindurch schaute er dem rasch davon -eilenden Weibe nach. Der kurze Augenblick, in dem ihr Gesicht unbedeckt -gewesen war, hatte genügt, sie zu erkennen: es war Maria von Tiefenbach. - -Diese überraschende Entdeckung ließ die während des ganzen Tages in -seiner Seele im Schlummer gelegene Erregung mit einem Schlage hoch -auflodern. - -Das Mädchen, das seinen Geist in den letzten Wochen und besonders seit -ihrer Begegnung am Morgen des heutigen Tages unaufhörlich beschäftigt -hatte, befand sich jetzt plötzlich vor ihm, um freilich flüchtigen -Fußes seinen Blicken alsbald wieder zu entschwinden. - -Da wurde dem jungen Mann seltsam zumute, und wie im März unter dem -linden Hauche der Frühlingswinde die Eisdecke auf den Bächen schmilzt, -so brach in diesem Augenblick sein ohnehin schwacher Widerstand jäh -zusammen, und in seiner Seele stieg das heiße Verlangen herauf, dem -Mädchen nachzueilen und es zu zwingen, vor ihm stehen zu bleiben. War -es Freude, sie, deren Bild ihn nie verließ, so überraschend vor sich zu -sehen, oder war es Angst um ihre Gesundheit, die auf dem Spiele stand, -wenn das Mädchen, nachdem sie wahrscheinlich ein paar Stunden bei den -Kindern der Tagelöhnerin geweilt hatte, ins Schulhaus hinuntereilte, um -wieder eine Nacht bei ihren Kranken zu durchwachen? - -Max stand von neuem am Fenster und sah mit klopfendem Herzen dem -Mädchen nach. Die Wange an das Holz des Rahmens gepreßt, bohrte er -die Augen in die zunehmende Dämmerung hinein, um die Umrisse der -Verschwindenden noch zu erkennen. Da machte er eine unwillkürliche -Bewegung und stieß mit dem Arm an einen Menschen. Mit einem Ruck wandte -er sich um, -- und sah sich seiner Mutter gegenüber. Hoch aufgerichtet, -in steifer Haltung, die Züge wie in Stein gemeißelt, verharrte die -Freihoferin. - -In tiefem Schweigen standen sich Mutter und Sohn gegenüber, jedes die -Augen fest auf die des anderen gerichtet. Keines rührte sich, kein Wort -klang, kein Versuch, auch nur die Lippen zu bewegen. Ein lähmendes -Stillschweigen, das jetzt nach den Augenblicken hoher Erregung Max das -Blut in den Adern fast stocken machte. - -Lange konnte der Sohn den Blick seiner Mutter aber nicht ertragen, und -er senkte die Augen zu Boden. Die Aufwallung, die sich vor wenigen -Sekunden seiner bemächtigt hatte, verflüchtete langsam. Es war ihm, als -wenn der Schwindel, der ihn gepackt hatte, nun wieder von ihm wich. -Seine Pulse flogen nicht mehr wie vorhin, merkwürdig rasch kam unter -dem Blicke des stummen Weibes ihm gegenüber seine kühle Überlegung -zurück. - -Was hatte sich zugetragen? Er konnte sich auf diese Frage nicht -so rasch die Erklärung geben. Das Fräulein vom Schloß war draußen -vorübergegangen, das sich wahrscheinlich zu den kranken Soldaten -begab, und wohin es auch gehörte, nachdem es doch einmal den Beruf -der Pflegerin bei ihnen erwählt hatte. Und er war hart an das Fenster -getreten, um ihre Gestalt mit den Blicken zu erfassen -- --? - -Mit leisem Kopfschütteln beantwortete er sich diese Frage, eine andere -Antwort wußte er nicht. - -Was hatte ihn aus seiner Ruhe so jäh aufgejagt? Ihn, Max von -Tiefenbach, den jungen Freihofbauern, der von seiner Mutter so viel -kühlen Verstand geerbt hatte, und den man so oft um sein inneres -Gleichgewicht beneidete? - -Max suchte vergeblich nach einer Antwort hierauf. Sollte er nahe daran -gewesen sein, durch zwei blaue Mädchenaugen zum törichten Jungen zu -werden, der stundenlang schmachtend um das Haus seiner Herzenskönigin -schleicht, um einen Blick von ihr zu erhaschen? - -Er riß den Gedanken unwillig ab, um ihn nicht weiter verfolgen zu -können. Da merkte er, daß ihm die Röte in die Schläfen stieg, und das -versetzte ihn in Zorn. Er machte eine heftige Bewegung zum Halse, der -wie zugeschnürt war. Mit Anstrengung gelang es ihm, sich zu räuspern, -aber den Blick vom Boden zu erheben vermochte er nicht. - -Warum hatten auch die hoffärtigen Leute droben seine Großeltern -einstens tödlich beleidigt! Solch eine Schmach darf nie vergessen -werden, und wer lebte, mußte entweder die Schuld der Eltern bezahlen -oder die Schmach vergelten. Ja! Die Mutter war im Recht, wenn sie -ihnen mit Feindschaft begegnete. Unversöhnlicher Haß mußte jederzeit -im Herzen lodern, in allen Winkeln der Räume seines Besitztumes -lauern, von den Dachbalken herabblinzeln, über den Firsten der Gebäude -schweben, und durch alle Arbeit und alles Leben auf dem Freihofe -mußte sein Klang zittern. Das hatte schon sein Großvater mit seiner -Verwünschung besiegelt. - -Jetzt konnte Max den Blick wieder erheben und seine Mutter ansehen. -Diese stand noch immer stumm vor ihm, die stahlgrauen Augen mit hartem -Ausdruck auf den Sohn gerichtet. - -Da überlief die Greisin ein heftiges Zittern; umsonst versuchte sie -ein paarmal, zu sprechen, bis sie endlich mit gepreßter Stimme, rauh -hervorstieß: - -»Ich habe es ihm in der Sterbestunde geloben müssen, Max!« - -Nach diesen Worten wandte sie sich ab, raffte Brille und Gebetbuch vom -Tische auf und verließ das Zimmer. - -Eine kurze Weile blieb Max auf seinem Platze stehen und sah nach -der Tür, durch die die Freihoferin verschwunden war. Dann machte er -eine kraftvolle Bewegung, gleichsam, als ob er eine drückende Fessel -sprengen müsse und ging dröhnend im Zimmer auf und ab. - - - - -6. Kapitel. - - -Die Bewohner Rehefelds waren eine fromme Gemeinde, die von ihrem -geistlichen Herrn wohl behütet wurde. Pastor Reinerz war auf dem Dorfe -alt geworden, und fast alle Einwohner, bis auf die Hinzugezogenen, -hatte er dereinst aus der Taufe gehoben und ihnen bei der Konfirmation -das heilige Abendmahl gereicht. Manchen Eltern hatte er ihr Liebstes -mit in die Grube senken helfen, manch einem jungen Weibe durch seinen -tröstlichen Zuspruch den herben Verlust des teuern Gatten erleichtert -und, ach, im Laufe der vielen Jahre so vielen jungen Burschen und -Mädchen die unvergänglichen Begriffe von Tugend und Sitte, Glauben und -Ehrenhaftigkeit unausreißbar in die Seele gepflanzt. Er kannte alle wie -sie im Dorf herumliefen bis ins Innerste ihres Herzens hinein. Und wenn -sie auch heranwuchsen, seinem Einfluß entgingen sie doch nie. Wollte -er einmal an einem von ihnen irre werden, so kehrte er im Vorübergehen -bei ihm ein, senkte seine forschenden Augen unter den buschigen Brauen -in die seines Gemeindekindes und wußte wieder, wie es um dieses stand. -Wenn ab und zu einmal ein Schäflein vom rechten Wege abgekommen war und -sich verirrt hatte in den anfangs so bequemen Schlingpfaden des Bösen, --- er führte es wieder zurück und kettete es von neuem an sich. - -Wie war es doch damals mit Andreas und dem Anger-Liesel gewesen? - -Das Liesel war ein blutjunges, tugendsames Weib, war die Frau des -schönen Andreas und trällerte vom Morgen bis zum Abend wie eine Lerche -umher und saß jauchzend am Lager eines lieblichen Töchterchens. Sie -waren arme, aber sehr brave Menschen und arbeiteten fleißig. - -Da überfiel den Andreas mit einem Male ein böser Geist, und er wurde -erst arbeitsscheu, dann leichtsinnig. Er ging oft in die Schenke, saß -stundenlang darin und vertrank und verspielte all seinen Lohn. In die -Kirche kam er nie mehr, und dem Pastor wußte er immer geschickt aus -dem Wege zu gehen. Da tauchte das Gerücht auf, daß der Andreas es mit -der rothaarigen Magd vom Obergut halte. Die halben Nächte blieb er -von Hause fort, und wenn er dann endlich mürrisch heimkehrte, hatte -er für das am Bettchen ihres Kindes weinende Liesel nur Scheltworte. -An das Kind wendete er nicht einen Blick. Das junge Weib ließ aber in -seiner treuen Liebe zu dem Manne nicht nach und arbeitete mit doppelten -Kräften, um den Verlust, den sein Nichtstun mit sich brachte, so gut -es ihr gelingen wollte wieder auszugleichen. Mit rührender Sorgfalt -bemühte sie sich, über seine Lieblosigkeit zu ihr hinwegzusehen. Weit -öfter als sonst richtete sie es behaglich für ihn ein, wie sie von -früher her wußte, daß er’s gern mochte. Immer wieder bereitete sie ihm -seine Lieblingsspeisen, derweilen sie sich Salz aufs Brot tat, um Geld -für sein Mahl zu haben. Aber alles das half nichts. Ihr Mann wurde -immer liebloser zu ihr. - -An einem schönen Frühlingstage, es war am Ostersonnabend, trat Andreas -vor seine Frau hin und verlangte von ihr alles Geld, das sie besitze, -um damit in die weite Welt zu gehen. Das junge Weib aber wurde bleich -wie der Tod. Dann warf sie sich vor ihm nieder und beschwor ihn und -flehte ihn an, wieder ihr guter Andreas zu sein. Mit krampfhaften -Armen umklammerte sie seine Knie und sah mit einem Blick so voll Liebe -und tödlicher Angst zu ihm auf, der jeden andern zur Umkehr gebracht -haben würde. Dem Andreas aber drang das herzbrechende Schluchzen und -das tiefe Weh seines Weibes nicht zum Herzen. Mit einer rohen Bewegung -riß er sich von der Knieenden los, daß das junge Weib in schwerem Fall -dumpf auf den Boden schlug. Dann ergriff er rasch das Beutelchen, in -dem er ihre kleinen Ersparnisse wußte und eilte aus dem Hause. Wie er -aber auf die Straße hinaustrat, erschrak er doch etwas, denn vor ihm -stand Pastor Reinerz. Mit einem scheuen Gruße wollte er an dem Greise -vorübergehen; der aber hielt ihn auf. - -»Ah, sieh da, der Andreas,« sagte der alte Herr freundlich. »Nun, -das trifft sich ja sehr gut. Ich war gerade im Begriff, Dich und das -Liesel einmal zu besuchen. Aber da fällt mir ja ein: heute ist doch -Reinmachetag. Da wollen wir das Liesel nicht bei ihrem Geschäft stören. -Du gehst aber auf ein Stündchen mit zu mir. Wenn sich so alte Freunde, -wie wir beide es sind, so lange nicht gesehen haben, haben sie sich -mancherlei zu erzählen.« - -Andreas wollte trotzig vorbei, doch ein Blick aus des Alten Augen zwang -ihn an seine Seite. Ruhig, aber ohne hinzusehen, ließ er es geschehen, -daß Reinerz ihm im Weiterschreiten all die Namen der Blumen und Gräser -nannte, die in einem großen Strauße vereinigt waren, den er auf den -Frühlingswiesen gepflückt hatte. - -Der schwere Sturz hatte das Liesel auf ein paar Sekunden ihrer -Besinnung beraubt. Als sie wieder aus der Ohnmacht erwachte, schaute -sie verstört um sich: ihr Mann war verschwunden. In namenloser Angst -stürzte sie zum Fenster, um zu sehen, ob sie ihn entdecke. Da bemerkte -sie zu ihrer großen Überraschung, daß er an der Seite des Pastors ging -und mit diesem eben in das Pfarrhaus eintrat. Von wahnsinniger Angst -getrieben, warf sie ein Tuch um die Schultern, streifte die Schuhe an -und eilte, so schnell sie ihre Füße trugen, zum Pfarrhause. Und wie sie -den Hausflur betrat, hörte sie drinnen im Zimmer den geistlichen Herrn -in seiner gütigen Art auf ihren Mann einreden, der dabei ganz still -blieb. - -Mit einem Male vernahm sie, wie der Andreas aufbrauste. Das Redenhören -hätte er nun satt. Er gebe überhaupt auf die ganze Kirche nichts, und -wo die Liebe zu seiner Frau hin sei, wisse er nicht; sie wäre verweht -in alle Winde -- -- -- - -Da griff sich das junge Weib draußen im Hausflur mit beiden Händen -jäh zum Herzen, und das rotglühende Gesicht in dem lauschend -vorgebeugten Kopfe wurde in einem Augenblick fahl. Die Lippen wie -im Traume bewegend, wandte sie sich nach der Tür und verließ mit -leisen Schritten die Pfarre. Wie ein Gespenst schritt sie an den ihr -entgegenkommenden, verwunderten Leuten vorüber, ihrem Häuschen zu. In -der Stube angekommen, setzte sie sich müde auf die Bank am Ofen, die -Füße, (übereinandergeschlagen) von denen die Lederschuhe herabglitten -und auf die Diele fielen, und richtete den Blick dumpf vor sich nieder. -Das in seinem Bettchen ruhig schlafende Kind sah sie nicht. So blieb -sie unbeweglich. - -Von Zeit zu Zeit murmelte sie: »Er liebt dich nicht mehr. Alles ist -nun aus! Andreas, -- dein Andreas liebt dich nicht mehr!« - -Wie lange sie so saß, wußte sie nicht; nur das eine wußte sie, daß der -helle Glanz in ihrem Innern in dieser Stunde auf immer erloschen war. -Sie wollte schreien, aber die Kehle war ihr zugeschnürt. Weinen wollte -sie, aber ihre Augen blieben trocken. Sie hatte keine Tränen. - -Da hört sie mit einem Male schleichende Tritte im Hause, die Tür tut -sich auf, -- ihr Mann steht auf der Schwelle. - -Das Liesel schaut voll Entsetzen hin, weil sie glaubt, sein Geist komme -zu ihr. Dann tut sie einen heftigen Schrei: - -»Andreas -- -- --!« und bleibt wie gelähmt sitzen. - -Der Mann aber auf der Schwelle, wie er das totenblasse Weib erblickt -hat, ist wie eingewurzelt. Er kann nicht loskommen von diesem Platze. -Da endlich lösen sich die Füße vom Boden. Mit weit vorgeneigtem Körper -und erhobenen Armen kommt er, tief gebückt, näher, die Augen mit einem -Ausdruck unaussprechlicher Reue starr auf das Liesel gerichtet. Die -aber streckt die Hände nach ihm aus, um ihn zu erfassen; -- da sinkt -er vor seinem Weibe auf den Boden nieder und umfaßt ihre bloßen Füße, -spricht aber kein Wort, sondern sie fühlt nur, wie er wieder und wieder -seine heißen Lippen darauf drückt. - -»Um Gottes willen, Andreas, was tust Du da,« schreit das Liesel auf und -will den Mann emporziehen. Der aber läßt sich nicht aufrichten, sondern -verharrt in seiner Haltung, vor ihr liegend. Und zwischen seinen -aufeinandergebissenen Zähnen drängt es sich hervor: - -»Nein, Liesel, wenn Du vorhin meine Knie umklammert hieltest, so bin -ich nicht einmal wert, Dir jetzt die Füße zu küssen!« - -Dann saßen sie eng zusammengeschmiegt, Wange an Wange, lange -beieinander, wie in den Tagen ihres höchsten Glücks. Vom Kirchlein -schallte das Abendläuten herein, und ihre Tränen flossen jetzt -reichlich. - -Seit diesem Tage schmückt das Liesel an jedem Ostersonnabend die Tür -zur Stube des Pfarrherrn mit Blumen. - - - - -7. Kapitel. - - -Die Kirche von Rehefeld war ein aus Sandsteinen errichteter, ziemlich -großer Bau, durch dessen hohe, in spitze Bogen auslaufende Fenster -das Licht ungehinderten Zutritt in das Innere fand. Hatte man die -Schwelle einer der beiden Türen in der vordern und hintern Giebelwand -überschritten, so führte, noch ehe man in das Innere der Kirche -gelangte, auf der nördlichen Längsseite ein schmaler Gang um das -Kirchenschiff herum bis zur andern Eingangstür. Von diesem Gang aus -betraten die Tiefenbachs die für jede Familie getrennt eingerichtete -Andachtsstube. In früherer Zeit war hier nur _ein_ Raum gewesen. Als -aber der Freihof gebaut wurde, war das große Zimmer durch eine Wand in -zwei Räume geteilt worden, und Herr Udo von Tiefenbach ließ später, -nachdem seine Brüder ins Dorf hinabgezogen waren, den Gang durch eine -Tür teilen, die zwischen den Eingängen der Andachtsstuben angebracht -war, und die gleichsam eine sichtbare Scheidewand zwischen den Familien -darstellte und verhinderte, daß die Schloßbewohner, die den Gang nur -von der hintern Kirchentür aus betraten und die Freihofer, die durch -die Vordertür gingen, sich sahen. - -In der Mitte des Dachfirstes ritt ein hoher, spitzer Turm, in dem -die Glocke hing. Das schwärzliche Ziegeldach war fast ganz mit Moos -überwuchert und bezeugte das hohe Alter des Gotteshauses. - -Rund um die Kirche dehnte sich der Friedhof aus. Kleine, niedrige Hügel -deckten die irdischen Reste der teuern Entschlafenen. Die meisten -Gräber wurden durch schlichte, zum Teil schon verwitterte Holzkreuze -geschmückt, auf denen die Namen der Verstorbenen kurz vermerkt standen. -Hier und da gab es auch Gräber, die sorgfältiger hergerichtet und mit -steinernen Liebeszeichen versehen waren. - -Die Rehefelder versäumten nicht gern die sonntägliche Andacht. Auch an -dem heutigen Sonntag war das Kirchlein wieder dicht angefüllt mit der -Schar der Andächtigen. Draußen war es noch immer kalt, und am Himmel -hingen dicke, graue Ballen, zwischen denen die Sonne zeitweilig auf -kurze Minuten hindurchschien. Dann fielen die goldenen Strahlen auf -das weite Schneefeld, daß die Krystalle wie Millionen ausgestreuter -Diamanten glitzerten. - -Als Max und Elisabeth in der Kirche angekommen waren und den Gang -betreten hatten, war Maria von Tiefenbach gerade in ihr Betstübchen -eingetreten. - -Das Hauptlied war verklungen, als Pastor Reinerz auf der Kanzel -erschien. - -Man konnte sich keine würdigere Erscheinung eines Seelenhirten denken, -als ihn. Er hatte einen schweren Körper und breite Schultern, auf denen -ein wahres Löwenhaupt saß. Der massige Kopf war mit einer üppigen Fülle -silberner Locken bedeckt, die bis auf die Schultern herabhingen und -bei raschen Bewegungen um den Kopf wallten. Von gleicher Farbe war -der breite, prächtige Bart, der bis weit über die schneeigen Bäffchen -hinabreichte, so daß sie nur dann sichtbar wurden, wenn Reinerz das -Haupt zur Seite wandte. Seine Haltung war trotz des Alters aufrecht, -sein Gang schwer. Die väterlich blickenden, lebendigen Augen leuchteten -in hellem Glanze und mochten die Ursache sein, daß auf diesem -Greisenantlitz neben dem Ausdruck von Milde und Herzensgüte jederzeit -ein Schimmer jugendlichen Feuers strahlte. - -Pastor Reinerz knüpfte seine heutige Predigt an das Los jener -Unglücklichen im Schulhause. Er hatte das Gleichnis vom barmherzigen -Samariter gewählt, und mit Tönen, die den Zuhörern zum innersten Herzen -drangen, sang er das ewige Hohelied der Liebe. Von der liebenden -Mutter, dem unermüdlich treusorgenden Vater, seien die Armen einst -durch alle Fährnisse der Kindheit geleitet worden. Neben den fröhlichen -Tagen hätten die Eltern auch viele bange Stunden durchlebt, und manche -Mutter habe in schweren Zeiten der Krankheit dem schon die Hand darnach -ausstreckenden Unerbittlichen ihr Kind durch entsagungsvolle Pflege -wieder abgerungen und ihm damit gleichsam zum zweitenmale das Leben -geschenkt. Mit reicher Freude im Herzen hätten die Eltern die zarten -Knaben zu Jünglingen heranwachsen sehen, bis dann mit einem Schlage -die Freude jäh zu Leide ward, als der Kriegsruf erklang und den Sohn -seinen Eltern, den Gatten seinem Weibe, den Vater seinen Kindern entriß -und die Zurückbleibenden mit großer Sorge erfüllte. Nun säßen die -Verlassenen daheim, manche von ihnen gewiß ohne tröstenden Zuspruch, -einsam mit ihrem Schmerze. Sie wüßten nicht, ob der Teure noch am Leben -wäre, oder ob sein von den Kriegsleiden geschwächter Körper nicht -vielleicht mit schwerer Krankheit ringe. Unter heißen Tränen des Dankes -würden sie die Hand küssen, die seiner in Liebe gepflegt, oder die ihm -das brechende Auge zudrückte. Und die wahre Nächstenliebe frage nicht, -ob Freund ob Feind. Sie alle seien leidende, unglückliche Menschen und -bedürften in reichstem Maße der Hilfe. Seine Gemeinde solle nie müde -werden, mit dem Unglücklichen ihr Brot zu teilen. Und wenn eines von -ihnen argwöhne, daß es schwach und lau werde bei seinem Samariterwerk, -so sollten sich die Väter, die Mütter und Gattinnen in das Los derer -hineinversetzen, die von peinvoller Angst erfaßt mit dem aufsteigenden -Morgen voll Sehnsucht auf ein Lebenszeichen warteten, und die am Abend -immer wieder ihre Hoffnung getäuscht sähen. - -Pastor Reinerz hatte eine der empfindlichsten Stellen im Menschenherzen -berührt: die Sorge und Angst um das Leben eines teuern Angehörigen. -Das Mitgefühl der Zuhörer war geweckt, und in Vieler Augen hatten sich -Tränen gestohlen. - -Mit den letzten Worten, mit denen der würdige Greis seine Predigt -beendigte, richtete er noch den zündenden Ruf an seine Gemeinde, die -christliche Liebe, die der mächtige Beweggrund dafür sei, den leidenden -Fremdlingen Gutes zu tun, auch täglich untereinander zu üben. Und er -legte ihnen ans Herz, vorhandenen Zwist zu begraben, sich auszusöhnen -und einander in verzeihender Liebe zu begegnen. Dann genössen die -Menschen schon hienieden das Vorgefühl der ihrer harrenden ewigen -Freuden und erwiesen sich als getreue Nachfolger Christi und wert der -einstigen Einkehr in sein himmlisches Reich. -- - -Das Schlußlied war verklungen, und die Besucher verließen das -Gotteshaus. - -Als Max zusammen mit Elisabeth aus der Andachtsstube hinaustrat, fiel -sein Blick auf die weit geöffnete Tür, die den Gang teilte, und die er -noch nie anders als geschlossen gesehen hatte. Aber seine Überraschung -wuchs, denn vor ihm stand Maria von Tiefenbach, die sie beide erwartet -haben mußte. Ängstlich griff Elisabeth nach der Hand des Bruders, als -ob sie ihn auf dieser Stelle festhalten wolle, während sie erstaunt auf -ihre Freundin schaute. - -Max hatte einen Augenblick betroffen stillgestanden, jetzt aber machte -er eine hastige Bewegung zum Gehen. Da vertrat ihm Maria gelassen den -Weg, so daß sich beide dicht gegenüberstanden. Eine Sekunde tiefen -Schweigens verstrich, dann begann Maria ohne Verwirrung und mit -Festigkeit: - -»Unter dem tiefen Eindruck stehend, den die unmittelbar zum Herzen -gehenden Worte unseres verehrten Herrn Pastors auf mich hervorgerufen -haben, kann ich nicht anders, als annehmen, daß die Predigt auch auf -Sie, Herr von Tiefenbach, eine große Wirkung ausgeübt hat. Noch nie -in meinem Leben haben mich von der Kanzel herabgesprochene Worte -so wundersam ergriffen, wie heute, Worte, die in meinem Innern das -sehnliche Verlangen wachgerufen haben, meinen Teil dazu beitragen, daß -der Wille dessen, der die Sünden der Welt trug, erfüllt werde. Deshalb -will ich den Augenblick nutzen, bevor mit der hohen Stimmung auch mein -Mut dahinschwindet. - -Ich bin ein schwaches Mädchen, das plötzlich die wunderbare Kraft in -sich spürt, sich Ihnen hier gegenüber zu stellen. Aber Sie haben mir -vor wenigen Tagen durch Ihren freundlichen Trostzuspruch verraten, -daß Sie ein edles Herz besitzen. Dieses Bewußtsein und eine Stimme in -meinem Innern, die mir so zu handeln gebietet, stärken meinen Mut. - -Etwas Unnatürliches ist es, daß Menschen in Feindschaft leben, die -einander nie etwas zu Leide taten. Und deshalb frage ich Sie, Herr -Vetter, sind Sie bereit, Ihre Bemühungen mit den meinigen zu vereinen, -um unsere Eltern miteinander auszusöhnen?« - -Die dem Mädchen innewohnende, ruhige Sicherheit hatte sie während -dieser Rede nicht verlassen, und ihre Stimme hatte nicht einen -Augenblick gebebt. Jetzt schwieg sie und wartete auf Maxens Antwort, -ihre Augen forschend auf seinem Gesichte ruhen lassend. - -Der junge Mann stand vor Überraschung unbeweglich und starrte sprachlos -in das schöne Frauenantlitz, in dem kein sichtbares Merkmal die in -Marias Innern langsam aufsteigende, große Erregung andeutete. - -Da erhob sie ihre Stimme von neuem, die gerade noch so wohl lautete wie -vorhin, obwohl sie jetzt leise zitterte: - -»Von einem unserer Familie wurde damals das böse Wort gesprochen, -deshalb muß auch von uns aus das erste versöhnliche Wort fallen. Mein -Großvater hat dereinst in unbegreiflicher Verblendung die Seelen -guter Menschen tief betrübt und erzürnt. Er kann uns hierüber keine -Rechenschaft mehr ablegen, denn er steht schon längst vor einem höhern -Richter. Kein Unrecht, das begangen wird, ist jedoch so groß, daß es -nicht wieder gutgemacht werden könnte. Aber dem bittenden Munde darf -auch das Wort, der heischenden Hand der Druck nicht versagt werden. -Das Werk, das wir verrichten können, führt zu Herrlichem hinaus, denn -es gilt, die Kluft zwischen den Herzen unserer Eltern zu überbrücken. -Um das zu erreichen tut es aber not, daß zuerst wir beide allen Groll -vergessen. Und so tue ich, als die Enkelin jenes Mannes, mit Freuden -den ersten Schritt zur Versöhnung, indem ich Sie, Herr Vetter, bitte, -das Unrecht meines Großvaters seiner Enkelin nicht mehr zu entgelten, -sondern mir fürs Leben Ihre Freundschaft zu schenken.« - -Marias Stimme hatte sich mehr und mehr gesteigert. Eine liebliche -Röte war in ihre Wangen getreten, und die Augen glänzten gleichsam -als Widerschein der sie erfüllenden, feierlichen Stimmung. Und um die -Freundschaft im Augenblick der Versöhnung zu besiegeln, streckte sie -dem Vetter ihre Hand entgegen. - -Der aber rührte sich nicht, um die dargebotene Hand zu ergreifen. Er -suchte nach Worten, mit denen er dem Mädchen sagen wollte, daß von -einer Versöhnung zwischen ihnen niemals die Rede sein könne, aber sein -Mund blieb stumm. - -Endlich, nach atemlosem Harren während einer tiefbangen Sekunde, -erlosch der Glanz in Marias Augen, und die rosigen Wangen wurden blaß. -Langsam, wie einst die Rechte des Herrn Oskar, als er seinem Bruder -Udo zum letzten Male gegenüberstand, sank die ausgestreckte Hand herab. - -Jetzt drängten sich auch die Worte im Überschwall auf Maxens Zunge; -aber noch bevor es ihm gelang, sie auszusprechen, geschah etwas -Unerwartetes: - -Maria richtete sich hoch auf. Mit einem Ruck warf sie den Kopf in den -Nacken und trat ungestüm auf Max zu, daß dieser unwillkürlich soweit -zurückwich, bis seine Schultern die Mauer berührten. Ihr flammendes -Gesicht befand sich dicht vor ihm, und ihre blitzenden Augen bohrten -sich in die seinigen. In hoher Erregung stieß sie die Worte hervor: - -»So soll für alle Zeiten Feindschaft zwischen uns bestehen? Soll das -herrliche Evangelium der Liebe, das Christus den Menschen hinterlassen -hat, für uns nicht gepredigt sein?« - -Aber Maxens Mund blieb dem vor Leidenschaft bebenden Mädchen gegenüber -stumm, nur auf seinem Gesicht lag eine Zurückweisung. - -Da trat Maria noch näher an ihn heran, ihr Busen hob und senkte sich -in hastiger Aufeinanderfolge. Max sah auf ihrem Gesicht den heftigen -Kampf, der in ihr tobte. Die feingeschnittenen Nasenflügel zitterten -vor Zorn, und er fühlte ihren heißen Atem auf seiner Wange. - -Scheu schob er sich einen Schritt an der Mauer hin, um sich zu -entfernen. Da schrie das Mädchen im Schmerz laut auf, und während es -noch schien, als wenn sie die Worte auf den Lippen zurückhalten könne, -brach es schon von dem bebenden Munde: - -»Und wenn ich nun mit der ganzen Kraft meiner Seele -- -- Dich liebte, -Max!?« - -Einen Augenblick lang lehnte der junge Mann den Kopf an die Mauer und -schloß, von heftigem Schwindel erfaßt, die Augen. Dann hob er die Lider -ließ einen Blick eisiger Kälte auf das Mädchen niederfallen und sagte -in rauhem Tone: - -»Unsere Familien haben für alle Zeiten nie wieder etwas mit einander -gemein!« - -Darauf wandte er sich trotzig ab und schritt dem Ausgang zu, seine -verstört blickende Schwester an der Hand mit sich ziehend. - -Die Zurückbleibende verfolgte die Geschwister mit den Augen, bis sie -verschwunden waren. Langsam, und ohne daß sie wußte was sie tat, trat -Maria wieder in ihr Betstübchen. Eine Weile blieb sie mit steifem -Körper mitten darin stehen, dann brachen der Zitternden die Knie. Sie -bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und legte es auf den Sitz eines -der schwarzen Stühle. Und während das wilde Schluchzen hervorbrach, das -ihr die Brust zu zersprengen drohte, schlangen sich zwei weiche Arme um -ihren Hals, und die beiden Mädchen weinten lange zusammen. - - - - -8. Kapitel. - - -Wenige Tage später wurden die Tiefenbachs durch einen Brief Friesens -überrascht, in dem er schrieb, daß er, wenn auch ein wenig mitgenommen, -so doch ohne Schaden an Seele und Körper aus Rußland zurückgekehrt -sei. Gleichzeitig kündete er seinen Besuch an, und bald darauf traf er -auch in Rehefeld ein und wurde auf dem Freihofe wie ein alter, lieber -Freund begrüßt. Trotzdem er an allen größeren Schlachten, in denen die -Sachsen gekämpft, teilgenommen hatte, war er unverwundet geblieben. -Aber der entsetzlichen Kälte hatte er, wie so viele tausend Andere, -doch seinen Tribut zollen müssen: beide Füße waren ihm erfroren. -Deshalb konnte er nur mit Mühe kleine Fußwanderungen unternehmen. - -Was er von den überstandenen Leiden der Armee erzählte, war so -fürchterlich, daß man glauben konnte, eine überhitzte Phantasie trage -das Entsetzlichste von Elend und Jammer zusammen. - -Die Soldaten hatten vor dem Sterben jegliche Bangigkeit verloren. -Täglich hofften sie, daß ein baldiger Tod sie von ihren nicht -endenwollenden Leiden erlösen würde, und wenn die Unglücklichen -am Abend vor Hunger und Mattigkeit zusammenbrachen, trösteten sie -einander, daß der morgende Tag die ersehnte Erlösung bringen müsse. -Eine große Anzahl suchte das Ende freiwillig und fand es nur zu leicht. -Die noch in Reih und Glied sich Haltenden liefen willenlos vorwärts. -Wer vor Müdigkeit oder Schwäche zusammensank, blieb liegen; keiner -kümmerte sich um den andern. Zu beiden Seiten der Straße lagen die -Zurückbleibenden. - -Mit dem Rücken an einen dicken Baumstamm gelehnt, saß auf einem -Stein ein eisgrauer französischer Oberst. Er hatte in gänzlicher -Umnachtung seiner Sinne die dürftigen Reste seiner Uniform abgelegt -und saß nun in der schneidenden Kälte entkleidet und sang mit -versagender Stimme religiöse Lieder. An einer andern Stelle lag, -zur Seite eines gestürzten, von Zeit Zeit noch zuckenden Pferdes, -ein toter preußischer Kürassier. Die Köpfe der beiden Kameraden -waren eng aneindergeschmiegt. Ein Stück davon stand aufrecht an -einem zerbrochenen Pulverkarren ein Trainsoldat, beide Arme auf den -Munitionskasten gestützt und darauf den Kopf gelegt, als wenn er -schliefe. Einige Soldaten traten hinzu, um das Holz für ihr Biwakfeuer -zu holen. Da stieß einer von ihnen den Schlafenden an, daß dieser -seinen Halt verlor und, ohne seine Stellung aufzugeben, mit den Armen -unter dem Kopf der Länge nach hinschlug. Er war tot und so steif -gefroren wie ein Pfahl. - -Um einen verbrannten Holzstoß, von dem nur noch die Aschereste übrig -geblieben waren, lag und saß in wunderlichen Stellungen und in Gruppen -vereinigt etwa ein Dutzend sächsischer Grenadiere. Mit dem verglommenen -Wachtfeuer war auch ihr Lebensfunke erloschen. In der Asche eines -andern Feuers lag ein Soldat, dessen beschmutzte und zerrissene -Uniform, soweit sie noch vorhanden war, nicht mehr erkennen ließ, woher -der Mann stammte. Er mußte sich am Abend vorher verzweiflungsvoll -in die Flammen geworfen haben. Sein Kopf war schwarz wie Holzkohle -und dort, wo ihn das Feuer erfaßt hatte, war das Fleisch bis auf die -Knochen verbrannt. - -Wer aus dem Zuge der Marschierenden heraustrat, fand oft nicht -mehr Willen und Kraft wieder vorwärts zu gehen. Wer sich auf den -Grabenrand setzte, um nur wenige Minuten auszuruhen, wurde leicht von -der unwiderstehlichen Müdigkeit überwältigt und verfiel in bleiernen -Schlaf, aus dem er nicht wieder erwachte. - -Der Hunger war gräßlich. Zuerst wurden die gestürzten Pferde verzehrt, -später tötete man die lebenden und aß sie auf. Ihr Blut wurde begierig -aufgesogen, um den brennenden Durst zu stillen. Als es keine Pferde -mehr gab, aß man die ekelerregendsten Dinge. Wasser war selten zu -bekommen, deshalb verschluckte man Schnee, der den Durst nur noch -steigerte. - -Der Kälte konnten sich die Unglücklichen kaum noch erwehren, da die -Uniformen zu dünn waren und bald zerfetzten. Wer eine Decke, ein Tuch, -selbst Frauenkleider bekommen konnte, schlang sie um die Blößen. Die -Schuhe zerweichten in dem tiefen Schnee, durch den man täglich waten -mußte. Dann wurden die mit brandigen Wunden bedeckten Füße mit Lumpen -umhüllt und diese mit Stricken festgehalten. - -Während der Nacht steigerte sich die Kälte. Wer am Wachtfeuer lag, dem -konnte es passieren, daß die Schuhe verbrannten, während ihm am anderen -Morgen Ohren, Nase und Wangen erfroren waren. Gar mancher von denen, -die sich am Abend niederlegten, stand nicht wieder auf. - -Auf den weiten Schneefeldern Rußlands lag die Blüte der Völker Europas -im ewigen Schlaf! Lautlos deckte sie das flockige Leichentuch zu und -begrub Freund und Feind unter sich. Viele tausend lebensfroher und -kraftstrotzender Männer haben dort frühzeitig ihr Knie gebeugt vor -der Majestät des Todes, und dem Zuge der Lebenden jagten Krankheit, -Mutlosigkeit und Verzweiflung wie wilde Furien hinterdrein und -peitschten die Unglücklichen so grausam, daß ihre Reihen immer lichter -wurden. - -Friesen befand sich in großer Verstimmung gegen den Kaiser, dem er alle -Schuld an dem fürchterlichen Elend zuschob. Er erzählte, wie sich in -Dresden insgeheim unter den Offizieren eine Partei gebildet habe, die -nichts anderes bezwecke, als den König vom Kaiser Napoleon loszureißen. -Der Monarch solle, so wünschten diese Patrioten, die Fesseln brechen, -die ihn an den Kaiser ketteten. Sie wollten ihm freie Wahl schaffen, ob -er weiterhin dem Kaiser seine Unterstützung gewähren, oder ob er seine -Truppen von den Franzosen zurückziehen wolle. - -Den Bemühungen dieser Partei wurde aber wenig Beachtung geschenkt. -Der König selbst war weit davon entfernt, in dem Gottesgericht in -Rußland eine Mahnung zu erkennen und sein Verhalten gegen den Kaiser -ernstlich zu prüfen. Er war in großer Sorge, daß sein Schmerzenskind, -das Herzogtum Warschau, in der hereinbrechenden Verwirrung ihm -verloren gehen könne. Deshalb erließ er in Polen Aufrufe, die sich -aber bald als nutzlos erwiesen, und die in dem Minister Senfft den -nicht zur Ausführung gekommenen Gedanken reifen ließen, England für die -Aufrechterhaltung des Herzogtums zu interessieren. - -Die Erkenntnis aber, daß König und Regierung seit Jahren eine falsche -Politik getrieben hatten, deren verhängnisvolle Folgen sich in nicht -zu ferner Zeit erweisen würden, schlug in dem sächsischen Volke immer -tiefer Wurzel. Hier und da erhoben Männer, die mit seherischem Blick -in die Zukunft schauten, warnend ihre Stimmen und verlangten, daß der -König die Kriegsmüdigkeit des Landes Napoleon auf das entschiedenste -darstellen solle. - - * * * * * - -Niemand im Dorfe beobachtete die politischen Vorgänge mit so großer -Aufmerksamkeit, wie Konrad Hartmann. Jede Nachricht, die er über den -Kaiser und die Ereignisse in Dresden bekam, erregte sein Interesse, -und um Neuigkeiten zu erfahren, ritt er zuweilen weit über Land in die -Nachbardörfer oder fuhr im leichten Schlitten nach Leipzig hinein. Es -war ja Winter, und deshalb bot der Hof nur wenig Arbeit. In der Scheune -waltete der alte Knecht, und die Sorge um die Wartung des Viehs ließ -sich die Mutter einmal nicht nehmen. - -Besonders begierig war Konrad Hartmann darauf, Nachrichten aus -Berlin zu erhalten. Dort gährte es gewaltig, denn man ahnte, daß der -Jahreswechsel einen Wendepunkt von ungeheurer Wichtigkeit für die -Geschicke der geknechteten Völker bedeute. Seitdem der preußische -General York am 30. Dezember in Tauroggen den Neutralitätsvertrag mit -den Russen abgeschlossen hatte, waren viele unerschrockene Männer im -verborgenen an der Arbeit, Stimmung für eine Erhebung Preußens zu -machen. - -Da faßte Konrad den Gedanken, nach Dresden zu gehen, um sich der -nationalen Bewegung anzuschließen, die, wie er wußte, auch schon dort -Wurzel geschlagen hatte. Freilich war die Begeisterung an der Elbe -nur wie ein mattbrennendes Talglicht, im Vergleich zu den kaum noch -niederzuhaltenden Flammen in Preußens Hauptstadt. - -Dem Sachsen der damaligen Zeit wird nicht mit Unrecht der Vorwurf -gemacht, daß trotz fortwährender Vorstellungen aus Berlin, die -Erkenntnis des günstigen Zeitpunkts einer Erhebung und eines -Zusammenschlusses der deutschen Stämme nur mit dem Geschwindigkeitsmaß -der Schnecke in ihm reifte. Und als das sächsische Volk endlich -und viel zu spät von der Einsicht durchdrungen war, daß es nunmehr -an der Zeit sei, das unwürdige Joch abzuschütteln und sich von den -Sklavenketten zu befreien, da fanden die Rufe, die es an seine Führer -richtete, kein Gehör. König und Regierung überboten sich darin, dem -Kaiser ihre Ergebenheit zu versichern und sich in der Ausführung seiner -nur schlecht in Wünsche gekleideten Befehle zu überstürzen. - -Konrad hatte in den letzten Tagen über die Stimmung in Dresden genaue -Nachrichten erhalten. Er wußte auch, daß die sächsische Polizei, -verstärkt durch eine große Anzahl französischer Geheimagenten, scharf -aufpaßte und schon manchen Patrioten hinter feste Mauern gebracht hatte. - -Die Unsicherheit in der Hauptstadt bewog ihn zuletzt, vorläufig noch -abzuwarten, wie sich die nationalen Kreise in Dresden der Berliner -Bewegung gegenüber verhalten würden. - -Zudem bewahrte Konrad ein tiefes Geheimnis in seiner Brust, das er noch -keinem Menschen offenbart hatte, und das ihn so im Bann hielt, daß, -je länger er es mit sich herumtrug, sein Geist von den politischen -Vorgängen immer mehr und mehr abgelenkt wurde. Durch das öftere -Verweilen auf dem Freihofe während seiner Kindheit, war er mit allen -seinen Bewohnern und insbesondere mit Elisabeth in enge Berührung -getreten. Die liebliche Zartheit des Mädchens hatten ihn, den sonst -nur für bäuerische Derbheit und strotzende Gesundheit bis an die -Grenze des Ungeschlachten empfindsamen Sohn des Bauern von Rabenstein, -wundersamerweise in Fesseln geschlagen. Er konnte sich keine -Rechenschaft darüber geben, wie es kam, daß dieses zierliche Geschöpf -mit der ausgelassenen Lustigkeit und dem Lachen eines übermütigen -Kindes einen solchen Eindruck auf ihn machte, da er doch von Natur aus -einer ernsten Lebensauffassung zuneigte. - -Seit länger als einem Jahre schon war er aber davon überzeugt, daß -das Gefühl, das er für Elisabeth empfand, nichts anderes war, als -eine tiefe, sein ganzes Herz ausfüllende Liebe. Den Gedanken, sie zu -seinem Weibe zu machen, hatte er, so oft er sich auch in seine Seele -gestohlen, immer wieder zurückgedrängt. Eine Bäuerin, wie sie auf dem -Rabensteiner Hof schalten mußte, besonders wenn seine Mutter nicht mehr -war, konnte aus dem Mädchen nie werden; das wußte er. Allein diese -Einsicht war es nicht, die ihn hinderte, Elisabeth als Weib neben sich -zu träumen und auch nicht der Umstand, daß es für den Besitzer eines -kleinen Hofes eine Vermessenheit war, auf dem größten Gute weit und -breit anzuklopfen und um die einzige Tochter zu bitten. - -Das, was ihn bisher seine Liebe als aussichtslos hatte erscheinen -lassen, waren vielmehr die quälenden Zweifel, ob das zarte Pflänzchen -im Schatten des knorrigen Eichbaums auch gedeihen werde, ob das -kindliche Mädchen mit dem lebhaften, silberhellen Lachen an der Seite -des in sich gekehrten Mannes glücklich werden könne. An ihm solle es -ja gewiß nicht fehlen! Er war bereit, die Steine von ihrem Erdenpfade -aufzulesen, daß ihr zarter Fuß sich nicht verletze, und seine Arme -waren stark genug, sein Weib zu umfangen und so hoch empor zu heben, -daß der Strom des Mühsals unter ihr hinwegflösse und kein irdisches -Weh bis zu ihr heraufreiche. Aber der allzeit ohne Überschwang -denkende Mann verhehlte sich dabei nicht, daß ihre Naturen doch recht -verschieden waren. - -Um seinem gequälten Herzen Ruhe zu verschaffen, beschloß Konrad, sich -seiner Mutter zu entdecken. - -Eines Abends saßen wieder Mutter und Sohn wie immer einander gegenüber. -Sie drehte unermüdlich den blonden Flachs über die schnurrende Spindel -und betrachtete mit scharfem Auge den sich hurtig abwickelnden Faden. -Konrad hatte den Kopf in beide Hände gestützt und las in einem Buche -mit vergilbten Blättern in starkem Schweinsledereinband, wie sich in -grauer Vorzeit die Bewohner Athens der gleich Heuschreckenschwärmen -gegen sie heranziehenden Scharen der Perser erwehrten. Schon an die -fünfzig Male hatte der Jüngling wohl diese Schilderung gelesen und -wie oft geseufzt, wenn er daran dachte, was vor mehr als zweitausend -Jahren ein kleines Volk vollbracht hatte. Heute war alle Begeisterung -tot. In dumpfem Brüten schritten starke Völker ihre Straße dahin, die -Füße mit klirrenden Ketten gefesselt und auf dem Rücken die Peitsche -des Eroberers fühlend. Hier und da nur sah man, wie einem in dem -großen Zuge das Auge rollte, vernahm man ingrimmige Verwünschungen und -ohnmächtiges Zähneknirschen. - -Unwillkürlich stieß Konrad das Buch von sich und versank in tiefes -Sinnen. - -Aber nicht mehr im grauen Altertum weilten seine Gedanken. Er sah -vielmehr eine lichte Mädchengestalt mit zwei langen, aschblonden -Zöpfen, die durch die raschen Bewegungen lustig um die Schultern ihrer -Herrin flogen, hörte nur zwei trippelnde Füßchen und ein glockenreines -Lachen. Da atmete Konrad tief auf, daß seine Mutter den Blick von dem -schnurrenden Rade erhob und forschend auf den Sohn richtete. - -Lange Minuten blieben ihre Augen auf ihm haften, unterdessen sie das -Spinnrad vergaß, daß es nur noch langsam weiterlief, bis es endlich -stillstand. - -Ihre Gedanken flogen vom Sohn zurück zu seinem verstorbenen Vater, dem -er immer ähnlicher wurde. Derselbe starke Wille, den jener besessen, -zeigte sich bei ihm immer deutlicher. Ein Hindernis in der Ausführung -seiner Pläne hatte der Vater nicht gekannt. Starrköpfig war er durchs -Leben gegangen mit seinem abstoßenden Wesen und dem doch so trefflichen -Herzen. Die Leute mochten ihn nicht gern, weil er so arg mit Worten -geizte; deshalb vermieden sie seine Begegnung. Immer mehr insichgekehrt -wurde er, bis er zuletzt menschenscheu geworden war. - -Jetzt hob Konrad den Kopf von den beiden Fäusten, die ihn stützten, und -seine Augen begegneten denen der Mutter. - -»Mutter,« sagte er, »warum siehst Du mich so starr an?« - -»Du hast schwer geseufzt, mein Junge,« antwortete sie, »was fehlt Dir?« - -Da sah Konrad von seiner Mutter weg und ließ den Blick wieder vor sich -hinfallen. - -»So, also geseufzt habe ich? Das tun, wie man spricht, gern -Verliebte -- -- --, nun, da sage ichs nur gleich frei heraus, Mutter, -ja ich bin verliebt!« - -Und mit fliegendem Atem, gleichsam als dränge es ihn, nun, nachdem das -Geheimnis offenbart war, seine Seele von allem, was sie bedrückte, zu -entlasten, sprach er von seiner tiefen Liebe zu der Schwester seines -Freundes. - -Ohne ein Zeichen der Überraschung zu geben, hatte die Mutter dem Sohne -zugehört. Nun sagte sie leise: - -»Ich habe dies alles ja schon längst gewußt, Konrad. Denn an Deinem -Vater habe ich es gelernt, in der Seele eines verschlossenen Menschen -zu lesen. Hast Du dem Mädchen Deine Liebe gestanden?« - -»Sie ahnt nichts. Und hätte ich es tun können? Bedenke doch, welch ein -Kind Elisabeth noch ist. Sie würde es kaum für Ernst genommen haben, -wenn ich gesprochen hätte.« - -»Du hast recht,« versetzte die Mutter, »dem Kinde darfst Du vorerst -nichts davon sagen. Aber mit Elisabeths Mutter mußt Du alsbald -sprechen, das wird verständig sein. Die Freihoferin ist eine kluge Frau -und schätzt Dich.« - -Hier schwieg Konrad eine Weile. Dann sprach er mit benommener Stimme: - -»Aber denkst Du, Mutter, daß ich es tun darf? Es ist ein gewagtes Ding, -den Rabensteiner Hof mit dem Freihof zu versippen!« - -»Du Narr,« fuhr da die Alte auf und machte eine heftige Bewegung, -daß sie die untätig im Schoß liegenden Hände auseinanderriß, und -sie beinahe den Spinnrocken noch umgestoßen hätte. »Wohin ist denn -Dein Stolz? Denkst Du, daß die Alte auf dem Freihofe ihr Kind -dem verschachern wird, der ihm die meisten Hufe und das weiteste -Ackerland bietet? Sie würde Dir’s danken, wenn sie wüßte, wie Du sie -einschätzest. Freilich ist der Besitz am Rabenstein nicht groß und -nicht zu vergleichen mit dem der Tiefenbachs. Doch wissen’s alle,« -setzte sie mit Befriedigung hinzu, »daß es eine saubere Wirtschaft -ist, und daß unser kleines Land zu den besten der Umgebung gehört. -Aber, papperlapapp, was reden wir da für unnützes Zeug. Du wirst -rasch handeln, wie Du es sonst tust. Geh alsbald hinab zur Mutter des -Mädchens, das Du liebst, und schütte ihr Dein Herz aus.« - -Darauf blieben die beiden noch eine Weile beieinander sitzen. Die -Mutter wandte sich von neuem zum Spinnrad, ordnete mit flinker Hand -die leicht in Verwirrung gekommenen Fäden und legte die volle Strähne -wieder fest auf das sich unruhig bewegende Rad. Bald darauf schnurrte -dies wieder lustig, und die Alte sah wie vorhin aufmerksam auf den sich -abwickelnden Faden. - -Konrad aber betrachtete mit zerstreuten Blicken die leicht -vornübergebeugte Gestalt seiner Mutter und wollte bemerken, daß der -Knoten, der von dem schlicht zurückgestrichenen, grauweißen Haar auf -dem Hinterkopfe gewunden war, eigentlich recht klein geworden war, und -daß die Linien des sich ihm von der Seite darbietenden Gesichts und -des Halses doch sehr scharf hervortraten. Aber so recht zum Bewußtsein -kam ihm dies nicht. Sein Blick richtete sich nach innen, und er vergaß -seine Umgebung. - -Da stand er plötzlich vom Tische auf, klappte das Buch mit der -Beschreibung der Freiheitskämpfe des Griechenvolks im Altertum -nachdrücklich zu und stellte es auf das Wandbrett, wo auch die andern -Bände seiner kleinen Hausbibliothek standen. Dann nahm er noch einmal -die gequetschte und mit nasser Leinwand umwickelte Pfote des am Ofen -schlafenden Spitzes in die Hand und war befriedigt, daß er sie nicht -heiß fand. Sodann verließ er mit einem kurzen Gutenachtgruß das Zimmer. - - - - -9. Kapitel. - - -Noch immer hielt die grimmige Kälte an, und der Schnee lag hoch -aufgeweht auf der weiten Fläche. Ein Tag nach dem andern schlich trübe -und grau dahin; kein freundlicher Sonnenstrahl schien auf die Erde -herab. Die Leute kamen während des kurzen Tages kaum einmal aus ihren -Häusern heraus. Das bißchen Arbeit, das in der Scheune verrichtet -werden mußte, wurde am Vormittag getan. Im übrigen aber ließ man die -sonst so arbeitsamen Hände ruhen, saß nebeneinander auf der geräumigen -Bank, rund um den behagliche Wärme verbreitenden Ofen, und sah durch -die leicht mit Eisblumen geschmückten Fensterscheiben hinaus in -die winterliche Landschaft. Der Abend brachte endlich wieder eine -Unterbrechung: man eilte in die Ställe und besorgte das Vieh. Dann aber -saßen sie wieder beisammen und sprachen von der alten Ernte und von der -neuen, vom Kriege und von Weihnachten, zählten zum hundertsten Male -auf, wer im verflossenen Jahre im Dorfe und in der Umgebung, soweit -man sie kannte, gestorben und wem ein kleines Kindlein beschert worden -war. Zuletzt kamen sie bei der Politik an, die seit Menschendenken den -Männern einen bequemen und ausgiebigen Gesprächsstoff geliefert hat. - -Wenn nur der Kaiser seine neue Armee erst wieder aus Paris würde -heranführen, dann mochte man Untertan aller Herren Länder sein, -bloß kein Russe, denn denen würde er die Leiden seiner Soldaten -schon vergelten. Übrigens würde nicht eher dauernder Friede im Lande -herrschen, ehe nicht der Kaiser die Preußen wieder einmal empfindlich -gestraft haben würde. In Berlin sollte es ja recht schön zugehen. Auf -jedem Schneehaufen lägen erschlagene Offiziere und Bürger, und der -König Friedrich Wilhelm hätte einen italienischen Zigeuner überredet, -daß er den Kaiser vergiften solle. - -Wie friedlich war’s dagegen doch in Dresden! Dort gab es kein Lärmen, -aufhetzendes Gerede oder Fäusteballen. Und tat dies doch einmal einer, -so verschwand er, wie es sich geziemte, ohne Geräusch und spurlos von -der Bildfläche. Ja, in dem lieben, guten Dresden herrschte eben wie -immer Ordnung! Die Minister waren so klug, sich Watte in die Ohren zu -stopfen, wenn ihnen von geheimen Boten aus Berlin etwas zugeflüstert -wurde, und der gute König ließ das im vergangenen Jahre vor Ankunft -des Kaisers im Innern neu hergerichtete Schloß wieder sauber machen -und zählte ungeduldig die Tage bis zu der vermeintlichen Wiederkunft -des kaiserlichen Freundes. Also nach dieser Seite hin war im Lande der -Ausblick erfreulich ... - -So erzählten sich die biedern Rehefelder Abend für Abend die -haarsträubendsten Geschichten von den Dingen, die mit dem kommenden -Lenze anheben sollten. Und wie es sich auf diesem abgelegenen Dörfchen -zutrug, genau so geschah es allüberall unter den Untertanen des Königs, -der die grüne Raute im Schilde führt. Die beginnenden Wehen der großen -Zeit wurden allerwärts in den deutschen Landen verspürt, nur innerhalb -der weißgrünen Grenzpfähle merkte man nichts von ihnen. Das am Himmel -leise heraufkommende Morgenrot der deutschen Freiheit sahen sie nicht, -erst mußte das ganze Firmament blutigrot leuchten, als Widerschein der -urgewaltig auflodernden Flammen. Und dann war es zu spät. - -Die Schneewolken hingen tief herab und machten die kurzen, lichtarmen -Wintertage traurig und düster. Weit finsterer war es aber in den Köpfen -vieler Menschen. - - * * * * * - -Die Freihoferin saß, vor sich hinbrütend, auf ihrem gewohnten Platze am -runden Tische, als es an der Tür klopfte, und gleich darauf Konrad ins -Zimmer trat. - -Frau von Tiefenbach fuhr aus ihren Gedanken auf und sah zerstreut auf -den Ankommenden. - -»Guten Tag, Bäuerin,« grüßte Konrad und zog mit umständlicher Bewegung -die Tür hinter sich fest ins Schloß. - -»Willkommen, Konrad,« klang es zurück. »Es ist mir lieb, Gesellschaft -zu bekommen, denn die Kinder sind mit dem Schlitten draußen. Kurz nach -Mittag sind sie fortgefahren, und ich erwarte sie bald zurück. Wie geht -es der Mutter?« - -»Ich danke für die gute Nachfrage, sie ist wohlauf und läßt Grüße -bestellen.« - -Mit diesen Worten war der Rabensteiner, der alten Frau zunickend, zu -dem mächtigen Ofen getreten und legte mit Behagen die erstarrten Hände -daran. - -Dann blieb es eine kurze Weile still. Draußen begann sich allmählich -die Dämmerung herabzusenken und erfüllte das Zimmer mit unsicherm Licht. - -Die Freihoferin sah nach dem Fenster, dann warf sie, als das Schweigen -andauerte, einen raschen Blick zu dem Mann hinüber, der sich stumm -am Ofen zu schaffen machte und nicht von den großen, braunen Kacheln -aufschaute. - -Noch immer die Hände reibend, hob Konrad endlich an: - -»Wie lange wird’s noch so gehen? So lange ich denken kann, hatten wir -noch keinen solchen anhaltenden Winter. Wenn es doch bald besser werden -wollte. Ich wünschte, der viele Schnee verschwände mit einem Male.« - -»Ich fürchte mich vor einem plötzlichen Temperaturwechsel bei solch -einem Schneereichtum,« versetzte Frau von Tiefenbach. »Schnelles -Tauwetter bringt zuweilen Gefahren.« - -»Das ist freilich richtig,« antwortete Konrad einsilbig. - -Eine Pause entstand. - -»Was man von Berlin hört, ist recht erfreulich,« begann er wieder. -»Gebt acht, wenn uns Heil widerfahren soll, kommt es von der Spree her. -Bei uns sind doch alle nur Nachtmützen.« - -»Du hast Recht, Konrad. Hierzulande ist man schläfrig und denkfaul. -Soviel Schnee draußen liegt, so viel müßiges Geschwätz ist in der Leute -Mund. Aber vernünftig denken oder gar erst handeln tut keiner.« - -Der am Ofen gab keine Antwort, aber er rieb und knetete seine Hände, -daß die Finger krachten. - -Wieder gab es eine Pause. - -Die Erwartung der Freihoferin stieg immer höher, aber sie verriet mit -keinem Zeichen ihre Ungeduld. Nur mußte sie mehr als einmal verstohlen -hinübersehen, nach dem jungen Mann, der ihr heute so seltsam erschien. - -Da wandte sich Konrad plötzlich um und trat zum Tische. Mit einer -ungeduldigen Bewegung zog er einen der schweren Stühle vor sich hin, -beugte sich weit über die hohe Lehne und sah der Freihoferin mit -unsicherm Blick in das Gesicht. - -Langsam und mit belegter Stimme, gleichsam die Worte abzählend, sprach -er dann: - -»Bäuerin, ich muß Euch um etwas fragen. Seit mehr als einem Jahr schon -liegt es mir auf der Brust und preßt mir fast das Herz ab. Jetzt kann -ich es aber nimmer ertragen. Sagt, Freihoferin, wollt Ihr mir Euer -Liebstes, das Ihr habt, anvertrauen? Ich verspreche Euch -- --« - -Hier brach Konrad ab. Er wollte zwar mehr sprechen, aber die Worte -erstarben ihm auf der Zunge, bei dem Anblick, den die Frau vor ihm bot. - -Das Gesicht starr wie aus Stein, die Lippen, aus denen jeder -Blutstropfen gewichen war, fest aufeinandergepreßt, und den Blick auf -den Boden geheftet, saß die Freihoferin unbeweglich im Stuhle, den -einen Arm schwer auf den Tisch stützend. - -Zwei, drei Sekunden vergingen in diesem Schweigen. Dann schob Konrad -den Oberkörper weit vornüber, daß sein Mund sich dicht vor dem Gesicht -der Freihoferin befand. Er wußte die Veränderung der Greisin nicht zu -deuten, deshalb begann er von neuem und stieß mit gepreßter Stimme die -Worte hervor: - -»Ich besitze nicht viel, was ich Euerm Kinde bieten könnte. Ihr wißt, -der Rabensteiner Hof ist eng und sein Ertrag klein. Aber wenn’s Euch -gefällt zu hören, so verrate ichs Euch, der Mutter, daß ich Euer Kind -liebe aus der tiefsten Stelle meines Herzens heraus und daß ich sein -Leben und Glück behüten würde wie einen kostbaren Schatz, den mir die -Engel vom Himmel herab in mein Heim getragen haben!« - -In überschäumender Leidenschaft hatte der Mann diese Worte -ausgesprochen und seine ehrlichen Augen fest auf die Freihoferin -gerichtet. - -Aber die Greisin rührte sich nicht, hob nicht einmal den Blick, um ihn -dem Bittenden zu gönnen. - -Da schlug der junge Mann die Augen nieder und langsam, als ob es ihm -Schmerzen bereite, richtete er sich aus seiner vornübergebeugten -Haltung auf und trat einen Schritt zurück. - -Dann sprach er mit unsäglich bitterm Auflachen: - -»Da hätte mich die Mutter nicht zu schelten brauchen, als ich die -Befürchtung aussprach, daß zum Brautwerber auf dem Freihofe der -Rabensteiner zu gering sein würde!« - -Bei diesen Worten machte die Freihoferin eine matte Bewegung, als wenn -sie Konrad am Weitersprechen hindern wollte. Doch der warf trotzig den -Kopf in den Nacken, griff nach der Mütze und wandte sich zur Tür. Da -drangen ihm in scharfem Tone die Worte ins Ohr: - -»Konrad, bleib und setze Dich zu mir!« - -Diese Aufforderung hatte so gebieterisch geklungen, daß der junge Mann -nicht wagte, sich zu entfernen. Er trat wieder zum Tische und nahm der -Greisin gegenüber Platz. - -Noch immer in tiefer Bewegung, aber äußerlich gefaßt, begann die -Freihoferin: - -»Ich habe Deinen Vater gekannt, Konrad, er war ein Ehrenmann. Deine -Mutter ist meine Freundin, und Dich habe ich schon liebgewonnen, wie Du -als Knabe im Ziegenbockwägelchen durchs Dorf kutschiertest. Ich kenne -Dich besser als Du meinst und wüßte für meine Tochter weit und breit -keinen bessern Freier als Dich. Und doch kannst Du nicht mein Eidam -sein, wie es überhaupt niemand werden kann.« - -Die Freihoferin lehnte sich in den Stuhl zurück, als wenn sie einer -Schwächeanwandlung folgen müsse. Nach einigen Augenblicken aber raffte -sie sich wieder auf und sprach mit leiser Stimme: - -»Höre zu, Konrad, was ich Dir sage. Du und kein anderer wärst mein -Tochtermann geworden, wenn nicht eine höhere Macht, der wir uns demütig -beugen müssen, es anders wollte. Was ich Dir jetzt anvertraue, weiß -nur ich, und niemand ahnt das Entsetzliche. Ich allein wollte den Gram -bewahren, bis es offenkundig werden muß. Dir gegenüber aber muß ich -reden. Es kann Dir wie allen andern nicht verborgen geblieben sein, daß -Elisabeth eine schwache Gesundheit besitzt und seit Jahren kränkelt. -Sie ist aber leidender als sie und alle, die sie kennen, ahnen. Meinem -Blick ist es nicht entgangen, daß ihre von allen Ärzten als unheilbar -bezeichnete Krankheit in den letzten beiden Jahren rasche Fortschritte -gemacht hat, und eine innere Stimme raunt mir schon zu, daß ich das -Kind nicht mehr lange besitzen werde. O, -- mir bangt so unsagbar vor -dem Herbste -- -- --« - -Die Freihoferin hielt inne, um ihre Bewegung niederzukämpfen. Dann -wollte sie weiter sprechen, aber ihre Stimme versagte. Sie lehnte ihr -Haupt wieder an die Stuhllehne zurück und bedeckte das Gesicht mit der -Hand. - -Konrad hatte der Greisin lautlos zugehört; jedes ihrer Worte fühlte er -wie einen Keulenschlag. Sein ganzer Himmel brach über ihm zusammen. In -diesem Augenblick erst überkam ihn die Erkenntnis, mit welch inniger -Liebe sein Herz schon an dem Mädchen gehangen hatte, jetzt, wo er das -Kleinod verlor, noch ehe er es besessen hatte. Noch vor einer Stunde -war sein Herz von seligen Hoffnungen erfüllt gewesen. Sein geistiges -Auge hatte ihm eine blumige Wiese vorgezaubert, auf der er ruhte. Und -wie sein Blick sich labte an den glänzenden Gaben des Himmels, da kam -das Glück, ein betörend schönes Weib, lachend auf ihn zugeschritten -und bot ihm schon von fern die Hand. -- So hatte es in seinem Innern -ausgesehen, als er dieses Zimmer betrat. Und jetzt? Wie war doch mit -einem Male alles in ihm ganz anders! Das Jauchzen war verstummt, der -Sonnenglanz verblichen. Die grauen Schneewolken draußen hingen tief -herab, daß sie seine Stirn zu berühren schienen. Blüten und Blumen -waren verschwunden, und weit in der Ferne schritt flüchtigen Fußes das -Glück, -- -- es war an ihm vorübergegangen! - -Da fiel sein Auge auf die in den Stuhl zurückgesunkene Greisin, und -langsam schloß sich die frische Wunde seines Herzens, verstummte sein -Weh vor dem gewaltigen Schmerz, der diese Mutter durchwühlte. Durfte -er klagen angesichts dieses Weibes, das seit langen Monaten sein Kind -dahinschwinden sah, und dem ein untrügliches Gefühl seinen nahen Tod -grausam angekündigt hatte? - -Erschüttert sah Konrad auf die Freihoferin. Aber er wußte nicht, wie er -sie trösten sollte, denn solch einen Schmerz können Worte nicht mildern. - -Und mühsam erhob sich der Jüngling und ging mit leisen Schritten zur -Tür und verließ geräuschlos das Zimmer. - - * * * * * - -Wenige Stunden später waren die beiden Männer mit Elisabeth -zurückgekehrt, und bald darauf vereinten sich alle zur Abendmahlzeit. -Während des Essens herrschte die fröhlichste Stimmung. Elisabeth war -ausgelassen wie selten. Sie sprühte vor Lustigkeit, und ihr fröhliches -Lachen übte seine Wirkung auf die kleine Tischgesellschaft aus. Nur die -Freihoferin blieb ernst und schaute mit besorgten Blicken auf das ihr -gegenübersitzende Mädchen. - -Der Ausflug vom Nachmittag wurde besprochen, und Elisabeth erzählte -der Mutter, daß sie auf der Bornaschen Straße ein gutes Stück -hinausgefahren und dann über Göltzschen zurückgekehrt seien. Die -Pferde hätten wacker ausgegriffen, und es sei eine Lust gewesen, so -pfeilschnell durch die herrliche Winterlandschaft zu fliegen. - -»Auf der Rückfahrt,« plauderte sie mit Lebhaftigkeit, »mußte Max die -Zügel natürlich meinen Händen überlassen, und während er mit Herrn -von Friesen hinter mir wieder über die ganz langweilige Politik -sprach, reifte mit einem Male in meiner Seele ein schwarzer Plan. -Ich hatte es nämlich schon wiederholt versucht, die beiden von ihrem -Gesprächsstoff abzulenken, denn sie sollten von etwas reden, das ich -gern höre. Aber mein Drängen war immer vergeblich gewesen. Da riß -mir endlich die Geduld und ich beschloß, mitten in ihre Unterhaltung -hinein ganz überraschend einen dicken Punkt zu machen. Und wie wir den -Tanzberg kaum im Rücken hatten, und die Gäule die abfallende Straße -hinuntertrabten, da war ich mit mir im reinen über das Mittel, mit dem -ich die ungalanten Herren an die Pflichten der Ritterlichkeit mahnen -wollte. Du weißt, liebe Mutter, an der Stelle, wo im Sommer die großen -Brombeersträucher blühen, macht die Straße einen scharfen Knick. Dort -sollte der Schauplatz der Katastrophe sein. Leider war kein Publikum -zu der Vorstellung erschienen. Links also sind die Sträucher, und -rechts der Straße hat der Wind den Schnee hochaufgeweht. Ich halte die -Zügel etwas straffer, um die scharfe Biegung nicht allzuschnell zu -nehmen. Kaum sind wir aber bei ihr angekommen, und die Pferde wenden -nach links, da reiße ich die Gäule scharf in die neue Richtung hinein, -daß die Tiere fast umkehren und stehen bleiben. Natürlich ist diese -Bewegung für den Schlitten viel zu hastig, er kann sie nicht mitmachen, -sondern schleudert im Halbkreis herum und wirft sich, seinen Inhalt -sorgfältig ausschüttend, blitzschnell auf die Seite. In demselben -Augenblick aber, wo ich merke, daß der zuverlässige Kutscherbock unter -meinen Füßen seine horizontale Lage aufgeben will, trenne ich mich von -dem launischen Gefährt und springe wie eine Katze dem Handpferd auf den -Rücken. Von diesem Platze aus beherrschte ich das Gesichtsfeld ganz -prächtig und konnte jede Bewegung, die die bis zum letzten Augenblick -politisierenden Herren in der nächsten Sekunde machten, auf’s -eingehendste studieren.« - -Hier konnte die Erzählerin ihre Fröhlichkeit nicht mehr zurückhalten. -Die Komik des Vorgangs stand ihr wieder mit so lebhafter Deutlichkeit -vor Augen, daß sie mit ihrem bisher mühsam zurückgehaltenen Lachen laut -herausbrach und ihre Heiterkeit die Männer mit fortriß, denn auch sie -stimmten in das Gelächter fröhlich ein. - -Elisabeth aber hatte das Lachen so angestrengt, daß sie erst wieder -eine kurze Weile Atem schöpfen mußte, ehe sie weiter sprechen konnte. -Dann aber fuhr sie mit unverminderter Lebhaftigkeit fort: - -»Liebe Mutter, Du kannst Dir mit Zuhilfenahme Deiner ganzen Phantasie -keinen rechten Begriff davon machen, wie die beiden Herren, jeder auf -seine Art, sich der plötzlich veränderten Sachlage anpaßten. Das eine -muß ich bei allen beiden anerkennen: sie beratschlagten nicht erst -lange, was zu tun sei, sondern zogen vor, rasch zu handeln. - -Stumm schoß Herr von Friesen mit einem eleganten Wuppdich kopfüber -auf den Punkt des Schneehaufens los, wo er am höchsten aufgeweht war -und verschwand sofort darin. Leider sprang mein teurer Bruder nicht -ebenso graziös wie sein Freund. Ich mußte, ohne daß ich es wollte, des -Anblicks gedenken, den die sich sträubenden Kälber darbieten, wenn sie -der Viehmakler mit dem Hermann auf den Wagen hebt. Mit gespreizten -Armen und Beinen näherte sich Max in raschem Tempo der seiner geduldig -harrenden Schneewehe und bohrte sich, den Kopf voran, in sie hinein. -Während Herr von Friesen für längere Zeit bis auf einen Stiefel ganz -unsichtbar war, fand sich auch Max erst nach gründlichem Suchen darin -wieder heraus und krabbelte mit den Gliedmaßen so komisch, daß er -aussah wie ein dicker, schwarzer Käfer in einer Schüssel steifer -Sahne. Kurzum, meine beiden ritterlichen Gefährten taten in diesen -Augenblicken viel, nur von der Politik sprachen sie nicht mehr.« - -Die beiden Freunde waren durch die in erzwungenem Ernste gemachte -Schilderung des Erlebnisses wiederholt zu erneuter Lustigkeit angeregt -worden. Auch Elisabeth mußte ihrer Heiterkeit wieder freien Lauf -lassen; sie beugte den Kopf hintenüber und wollte sich vor Lachen -ausschütten. Das bleiche Gesichtchen mit den schmalen Wangen und den -großen, glänzenden Augen strahlte vor Lebensfreude und ungebundenem -Frohsinn. - -Da dämpfte plötzlich Elisabeth ihr lautes Lachen. Sie beugte den Kopf -auf die Brust, und gleichzeitig wurde ihr zarter Körper durch einen -schweren Hustenanfall aufs heftigste erschüttert. Mit einem Schlage -war die sprudelnde Heiterkeit von dem kleinen Kreise gewichen, und -unwillkürlich richteten sich aller Blicke mit Bangigkeit auf das unter -den unaufhörlichen Hustenstößen augenscheinlich schwer leidende -Mädchen. Noch ein kurzer, heftigerer Anfall, dann bekam Elisabeth -wieder Ruhe. Sie tastete mit der Hand zum Hals, als wenn sie dort -etwas beenge und schluckte einige Male hinunter. Darauf lehnte sie -sich erschöpft zurück. In den Mundwinkeln des Mädchens aber wurden ein -paar große, rote Tropfen sichtbar, die langsam am Kinn und am Halse -hinabrollten. - -Da stieß die Freihoferin heftig den Stuhl zurück und stand im nächsten -Augenblick neben dem schwer atmenden Kinde. Wie eine Feder hob die -Greisin das Mädchen auf, preßte es an ihre Brust und trug es hastig zur -Stube hinaus. - - - - -10. Kapitel. - - -In tiefem Blau prangte seit einigen Tagen der Himmel, und aus Südosten -blies ein lauer Wind. - -Wie durch einen Zauberschlag war das Bild, das die Natur geboten, -verändert: der Schnee war unter den warmen Sonnenstrahlen verschwunden. -Anfangs ging es langsam, bis die obere Schicht zu schmelzen begann und -die ersten Wasserläufe entstanden. Als aber die Luft wärmer wurde und -der feurige Sonnenball seinen Kreislauf einige Male wiederholt hatte, -ohne daß ihn neidische Wolken verbargen, da trat starkes Tauwetter -ein. Das Wasser konnte nicht so rasch in die Erde einsickern. Die -Straßen weichten auf und wurden grundlos, und auf den Äckern und -Wiesen bildeten sich große Teiche, auf denen die Enten laut schnatternd -umherschwammen und die liebe Dorfjugend jubelnd Papierschiffe treiben -ließ. Der sonst zwischen seinen hochaufgeschütteten Ufern so friedlich -dahingleitende Göselbach war stark angeschwollen. Seit diesem Morgen -aber war er zum Strom geworden, dessen schäumende Wasser in raschem -Laufe dahinschossen. - -Auf dem Freihofe war die schwere Beklemmung, die Elisabeths plötzliche -Erkrankung hervorgerufen hatte, langsam wieder gewichen. Der schnell -herbeigeholte Arzt hatte der Kranken Bettruhe verordnet, und wie ein -folgsames Kind schluckte sie Eisstückchen, die die nicht von dem Bette -weichende Freihoferin ihr reichte. Nach ein paar Tagen war das Mädchen -wieder wohlauf und hatte das Bett verlassen. Sie versicherte, daß -ihr nichts mehr fehle bis auf eine bleierne Mattigkeit, die in den -Gliedern läge. Aber auch dies hielt nicht lange an, dann war sie wieder -lustig und beweglich wie vorher. Sie tollte mit Friesen, als wenn -nichts geschehen wäre, über die spärlichen Schneereste hinweg und war -unermüdlich, ihn zu necken. Ihre Erfindungsgabe half ihr immer wieder, -neue, harmlose Streiche ersinnen, die sie ihm spielte. - -Mit großer Besorgnis beobachtete die Freihoferin den Zustand ihres -Kindes. Anfangs hatte sie wohl zuweilen ihre Stimme mahnend erhoben -und dem Mädchen schnelle Bewegungen und Umherspringen untersagt, bald -aber sah sie ein, daß ihre Mahnungen nicht fruchteten, da sie nur zu -schnell vergessen wurden. Denn alle Bewegungen, die das Mädchen tat, -waren rasch, und die große Lebhaftigkeit, die einen Teil ihres Wesens -ausmachte, konnte sie unmöglich unterdrücken. - - * * * * * - -Max hatte mit Friesen für den Nachmittag einen Ausritt verabredet, dem -auch Elisabeth sich anzuschließen wünschte. Der Widerstand der Mutter -war bald besiegt, und so trabte denn die kleine Kavalkade fröhlich vom -Hofe fort, hinein in den lachenden Sonnenschein. Friesen hatte eines -der im vorigen Jahre gekauften Kutschpferde bestiegen, einen dicken -Wallach, dem ab und zu einmal der Sattel aufgelegt wurde, während Max -seinen Braunen ritt. - -Elisabeths hochbeiniger Schimmel konnte sich nicht lange dem ruhigen -Schritt der beiden andern Pferde anpassen, er drängte unausgesetzt in -die Zügel und tänzelte nebenher, den langen Schweif mutwillig hinüber -und herüber schlagend. Aber Elisabeth war eine gute Reiterin, die die -Launen des Tieres wohl kannte. Mit kurzem Zügelruck, den sie schnell -wiederholte, verwies sie das Tier zur Ruhe, so daß der Schimmel alsbald -die Zügel freigab, in ruhigen Gang fiel und den leisesten Hilfen der -Reiterin wie ein Hündchen folgte. - -Als die kleine Schar außerhalb des Dorfes angekommen war und die Straße -verlassen konnte, lenkte sie hinüber auf ein sich lang hinziehendes -Rasenstück, auf dem nur noch vereinzelt kleine Pfützen stehen geblieben -waren. Im leichten Trab sprengten sie weiter, die Wangen von mildem -Windhauch umfächelt. - -In einiger Entfernung vor den Reitern wand sich ein ziemlich breiter -Wassergraben über ihren Weg. Elisabeth hatte das Hindernis kaum -erblickt, als sie auch schon vorschlug, darüber hinwegzusetzen. Im Nu -hatten ihre Begleiter angenommen. Man ließ den Gäulen die Zügel, und in -kurzem Galopp ging es dem Graben zu. - -Max hatte sofort bereut, sich zum Mittun bereit erklärt zu haben, denn -er argwöhnte, daß sein schwerer Brauner ihn im Stich lassen würde. Aber -nun konnte er sich nicht mehr ausschließen, denn Elisabeth hätte ihn -grausam verspottet. - -Friesen blieb dicht neben Max, während der Platz zwischen beiden leer -geworden war. Elisabeth hielt nämlich den Schimmel kräftig zurück, um -zu verhindern, daß er über die Linie hinausschösse, denn sie wollte -an dem Hindernis als Letzte ankommen. So gewannen die Herren einen -geraumen Vorsprung. - -Jetzt waren die Reiter nur noch eine kurze Strecke von dem Graben -entfernt und ließen die Tiere laufen. In der nächsten Sekunde waren sie -am Wasser. Max sprang zuerst, fast in demselben Augenblick sprang auch -Friesen und kam dicht hinter dem Graben nieder. Maxens Brauner sprang -aber zu kurz und schlug mit den hinteren Hufen laut klatschend ins -Wasser, daß die schmutzige Flüssigkeit hochaufspritzte und Pferd und -Reiter reichlich übergoß. - -Aber schon ertönte von hinten her ein helles Auflachen und gleich -darauf setzte Elisabeths Schimmel in leichtem Sprunge, behend wie eine -Gemse über den Graben und kam weit vor Friesens Wallach sicher nieder. - -»So sieht ein richtiger Sprung aus, Ihr Herren,« rief das Mädchen mit -lauter Stimme über die Schulter zurück, während der Schimmel mit -großer Geschwindigkeit weiterstürmte. - -Max tat eine kräftige Verwünschung über die Schwerfälligkeit seines -Pferdes und zwinkerte ärgerlich mit den Augen. Dann gab er dem Gaul -wütend die Sporen, daß er einen wilden Satz machte, der ihn aus dem -Wasser herausbrachte, um sich mit ein paar weiteren Sprüngen aus dem -weichen Boden vollends herauszuarbeiten. Die Zügel auf den Hals des -Tieres fallen lassend, trocknete er sich, das Taschentuch mit beiden -Händen erfassend, das triefende Gesicht ab. - -Friesen hatte nur ein paar Tropfen auf die Wange bekommen, die er jetzt -laut lachend mit dem Zeigefinger abwischte und fortschleuderte. - -»Ich werde mich hüten, mit dieser behäbigen Dame noch einmal einen -solchen Graben zu nehmen,« knurrte Max, der nun endlich Gesicht und -Hals wieder trocken hatte. »Hast Du gesehen, wie sie sprang? Ja? Gerade -so wie ein Walroß, und ich kann noch von Glück reden, daß ich nicht -heruntersegelte; bald wäre es freilich geschehen.« - -Während dieser Worte hatten sie ihre Pferde wieder langsam in Bewegung -gesetzt und trabten nun in der eingeschlagenen Richtung weiter. -Elisabeth war ein großes Stück vorausgeeilt. Dann war sie umgekehrt und -nun ritt sie in weiten Kreisen um die Männer herum. In kecker Haltung -saß sie auf dem Tiere, es zu immer größerer Eile antreibend. - -Während die beiden Reiter ihre Pferde ruhig laufen ließen, betrachteten -sie mit Vergnügen das in Windeseile dahinfliegende Mädchen. Die -Entdeckung, daß Elisabeth eine vortreffliche Reiterin war, hatte -Friesen schon längst gemacht. Heute wurde ihm ein neuer Beweis hierfür. -Elisabeth behielt auch in dieser scharfen Gangart das Tier vollständig -in ihrer Gewalt, und die Reiter konnten deutlich wahrnehmen, wie der -Schimmel dem Zügel augenblicklich folgte. Ohne die Schnelligkeit zu -vermindern, umkreiste Elisabeth noch immer die beiden Freunde, alle -Hindernisse nehmend, die im Wege lagen. Ihre Augen leuchteten vor -Freude, und eine Locke des blonden Haares hatte sich gelöst und wehte -der Reiterin um die jetzt von einer leichten Röte bedeckte Stirn. - -Soeben war sie wieder in kurzer Entfernung vor den Herren vorbeigejagt -und hatte ihnen ein Scherzwort herüber gerufen, als Maxens Pferd -plötzlich vor einer auffliegenden Krähe scheute. Noch immer gereizt -durch die Unbeholfenheit des Tieres beim Sprunge, nahm es Max fest in -die Zügel und zwang es mit eisernem Schenkeldruck zur Ruhe. In diesem -Augenblick stieß Friesen, der Elisabeth nicht aus den Augen gelassen -hatte, einen unterdrückten Schrei aus. Max fuhr auf und suchte seine -Schwester mit dem Blick, die sich gerade in geraumer Entfernung -rechtsseitwärts von ihnen befand. Aber er konnte nichts entdecken, was -dem Freunde Grund zur Besorgnis geben mochte. Da sagte Friesen kurz: - -»Sie hat den Sitz verloren und bemüht sich, den Schimmel in Schritt zu -bringen.« - -Die Reiter blieben stehen und schauten mit angestrengter Aufmerksamkeit -dem sich ihnen von rückwärts her nähernden Mädchen entgegen. - -»Der Schimmel hat kleine Launen, ist aber im ganzen harmlos,« -entgegnete Max, »und Elisabeth kennt sich mit ihm aus.« - -Da stürmte auch schon das Tier mit seiner Reiterin in kurzer Entfernung -an ihnen vorüber. Elisabeths Fuß hatte zwar noch fest im Bügel geruht, -aber es gab für die Beiden keinen Zweifel mehr, daß sie die Gewalt -über das Tier vollständig verloren hatte. Mit seiner ganzen schwachen -Kraft riß das Mädchen an den Zügeln, doch umsonst, die leichte Kandare -klemmte zwischen den aufeinandergebissenen Zähnen des durchgehenden -Pferdes. Plötzlich sprang der Schimmel aus der bisherigen Richtung -heraus und jagte eine sanft ansteigende, weite Lehne hinauf, dicht an -den letzten Häusern des Dorfes vorbei. - -Wie gelähmt blieben die Reiter stehen, dem davonstürmenden Pferde -entsetzt nachschauend. Aber nur einen Augenblick dauerte ihre -Bestürzung. Kein Wort wurde ausgetauscht, aber sie wußten beide, daß es -eine Jagd auf Leben und Tod sein würde, um das Mädchen zu retten, denn -der rasende Lauf des scheugewordenen Pferdes führte in gerader Richtung -auf den hochangeschwollenen Bach zu. - -Da fuhr Max wild auf und hieb dem heftig erschreckenden Braunen die -Sporen tief in die Seiten, daß das Tier von Schmerz gepeinigt sich -auf den Hinterbeinen erhob und senkrecht aufstieg, um dann wie toll -davonzurasen, hinterdrein Friesen. Die beiden Pferde schlugen sofort -eine hohe Geschwindigkeit an, und so ging es in wilder Jagd dem in -nicht zu großer Entfernung vor ihnen galoppierenden Schimmel nach. -Stumm ritten die beiden Männer nebeneinander, keinen Blick von dem -davoneilenden Pferde verlierend und mit allen Sinnen auf den Gang -ihrer Tiere achtend. Maxens Brauner schien wieder gut machen zu wollen, -was er vorhin versäumt hatte: mit mächtigen Sprüngen setzte er über den -weichen Boden hinweg, so daß Friesen Mühe hatte, an seiner Seite zu -bleiben. - -Aber Max achtete nicht darauf, daß der Braune sein Bestes bot, er -verlangte noch mehr von ihm. Von neuem setzte er dem Tiere die Sporen -in die Seiten, daß dieses in der Tat in eine erhöhtere Schnelligkeit -fiel und nunmehr wie ein Pfeil dahinschoß. Mit Genugtuung bemerkte Max, -daß sich die Entfernung zwischen ihm und Elisabeth langsam verringerte. -Friesens Wallach konnte dieses Tempo nicht einhalten und blieb um -einige Längen zurück. Max gewahrte Friesens Zurückbleiben, aber was -kümmerte es ihn; seine weit aufgerissenen Augen hingen, ohne abzuirren, -an der zarten Mädchengestalt auf dem vor ihm weiterstürmenden Pferde. -Der Zwischenraum wurde merklich kürzer, denn der Braune hielt das -scharfe Tempo gut inne und verkürzte nicht um eine Handbreite seine -weitausgreifenden Sprünge. - -Aber immer mehr forderte der Reiter von seinem Tiere. Wieder gab er -ihm die Sporen zu fühlen, bis er zuletzt das Eisen auf den Flanken -ruhen ließ und durch unausgesetztes Drohen mit den scharfen Spitzen -den Gaul zum Einhalten seiner hohen Schnelligkeit anstachelte. Alles -was in dem Pferde war, forderte sein Reiter in diesen Augenblicken von -ihm. Und wenn das Tier dabei zugrunde ging, was tats? Galt es doch ein -Menschenleben zu retten, und dieser Mensch -- war seine Schwester! Zum -Glück näherte er sich ihr bei diesem Tempo von Sekunde zu Sekunde, und -noch in großer Entfernung vor dem reißenden Wasserlaufe mußte er sie -eingeholt haben. - -Die ruhige Überlegung drohte den jungen Mann zu verlassen, wenn er -blitzschnell die Möglichkeit erwog, daß sein Pferd diese Schnelligkeit -nicht aushalten könnte. Seine Augen schätzten fortwährend forschend den -Abstand, und mit großer Befriedigung stellte er fest, daß Elisabeths -Vorsprung sich immer mehr verringerte und er sehr bald an ihrer Seite -sein mußte. Er überlegte: von links wollte er anreiten, um die rechte -Hand frei zu haben und wenn er erst einmal die Zügel des störrischen -Schimmels in seiner Faust haben würde, dann -- -- -- -- -- --, was Max -von Tiefenbach in der Faust hielt, das war ihm sicher, das gehörte ihm! - -Aber der Braune durfte nicht um einen Zentimeter nachlassen, er mußte -ohne Unterlaß das Eisen kosten. Und von neuem jagte Max dem Tiere -die Stacheln in das Fleisch, daß es in wildem Schmerze wie unsinnig -weiterraste. - -Max spannte alle Sinne aufs äußerste an. Da, allmächtiger Gott, -täuschte er sich, oder war es Wirklichkeit, -- der Braune verkürzte -die Sprünge? Sein Auge durchmaß den Zwischenraum, und es war keine -Täuschung, er war in den letzten Sekunden größer geworden. Ein wilder -Fluch entfuhr ihm. Sollte er jetzt, wo er in wenigen Sekunden an seiner -Schwester Seite sein konnte, zurückbleiben und zusehen müssen, wie -diese dem unabwendbaren Tode entgegeneilte? Da zerriß wie ein greller -Blitzstrahl ein banger Gedanke das Gespinst seiner sich stürmisch -jagenden Betrachtungen. Wie unter einem heftigen körperlichen Schmerz -zuckte Max zusammen und die angstvollen Worte entfuhren ihm: »Um des -Himmels willen, die Mutter!« - -Wütend fuhr da der Mann auf: - -»Verwünschte Kanaille, willst Du mich im Stiche lassen? Warte ich will -Dir Lust machen.« - -Und von neuem bohrte er die Sporen tief in die Flanken. Aber das Pferd -bäumte nicht mehr angstvoll auf wie vorhin und machte seine Sprünge -nicht größer. Pfeifend schossen ihm die Atemstöße aus den geblähten -Nüstern und das kurzabgerissene Schnauben hätte zu jeder anderen Zeit -Max zum Absteigen veranlaßt. In diesem Augenblick aber hörte und sah er -nichts von der großen Erschöpfung des so schnelles Laufen ungewohnten, -schweren Tieres, das schon viel mehr ausgegeben hatte, als von ihm -gefordert werden durfte. - -Mit steigendem Entsetzen bemerkte er, wie der Schimmel immer größeren -Vorsprung gewann. Alle Empfindungen, die bei dieser Wahrnehmung auf -ihn einstürmten, verwandelten sich in Zorn, der sich gegen das jetzt -wiederholt strauchelnde Pferd richtete. Von Wut gepackt trieb er ihm -zwei-, dreimal die Eisen in die Seiten. Das gequälte Tier bäumte hoch -auf, -- da riß des Reiters eiserne Faust es nieder und dann bohrten -sich wieder und wieder die Sporen in sein Fleisch. Mit Schenkel und -Eisen bearbeitete Max ohne Erbarmen das Tier, daß es von neuem ein -schnelleres Tempo anschlug. Aber es entging ihm nicht, daß der Braune -die Geschwindigkeit von vorhin nicht mehr erreichte und daß die -Entfernung sich mit jedem Sprung vergrößerte. - -Da kam auch Friesens Wallach wieder heran, der in gleichbleibender -Schnelligkeit weitergeritten und der trotz der vielen Versuche seines -Reiters in keine schärfere Gangart gefallen war. Langsam rückte Friesen -vor. Max bemühte sich, einen kleinen Vorsprung zu behalten, aber der -Wallach kam näher. Schon standen die beiden Tiere Gurt an Gurt, dann -glitt Friesen ein Stück vor und behielt ein Tempo, in dem der Braune -nur schwer folgen konnte. - -Die Reiter sahen jetzt, wie der Schimmel die Anhöhe erreicht hatte. -Elisabeths Gestalt war noch einen Augenblick sichtbar, und die beiden -Freunde erkannten deutlich, daß ihr Oberkörper vornübergesunken war und -daß das Mädchen beide Arme um den Hals des Pferdes geschlungen hatte. -Dann entschwand sie ihren Blicken. - -Max war vor Schrecken seiner Sinne nicht mehr mächtig. Er nahm seinen -Reitstock und schlug damit wiederholt den Braunen wuchtig zwischen die -Ohren, womit er nur erreichte, daß das Pferd dicht hinter Friesens -Wallach blieb. - - * * * * * - -Konrad Hartmann war auf seinem Hofe beschäftigt. Die nackten Füße in -Lederpantoffeln steckend, kniete er gerade vor einem Wagen und legte -um eine zersprungene Nabe ein Stück schmalen Eisenbandes. Drüben am -Pferdestalle stand seine Mutter, die mit weitem Wurfe Maiskörner unter -die stattliche Schar Hühner schleuderte. - -Am Abend jenes Tages, an dem Konrad die erschütterte Freihoferin leise -verlassen hatte, war es in der Wohnstube auf dem Rabensteiner Hof noch -viel stiller als sonst zugegangen. Der Sohn hatte eine Weile an dem -hölzernen Pfeifenkopfe weitergeschnitzt. Lange hatte dies aber nicht -gedauert, dann mochte ihm die Beschäftigung nicht mehr zugesagt haben. -Er hatte auf das Bücherbrett gegriffen und die Helden des grauen -Altertums wieder einmal vor seinem Geiste aufmarschieren lassen. - -Sonst vergaß er beim Lesen jener Zeiten alles, was sich um ihm herum -zutrug. Mit leuchtenden Augen verfolgte er dann das gewaltige Ringen -der Völker und die erbitterten Kämpfe mit dem überlegenen Gegner um -die Freiheit des Stammes. An diesem Abend aber hatten seine Gedanken -nicht mitten unter den Helden geweilt, und es begab sich zum ersten -Mal, daß das Interesse an den Großtaten Jener verblich, und sich -dafür etwas anderes in seine Seele schlich und allen Raum darin für -sich beanspruchte. Zeitiger als andere Tage hatte Konrad das Bett -aufgesucht. Die Mutter aber war geblieben und hatte mit Wehmut lange, -lange auf die Stelle geschaut, wo ihr Sohn gesessen hatte. -- -- - -Wieder hatte sich Konrad gebückt und mit aufmerksamen Blicken und -wiederholtem Betasten den geflickten Schaden geprüft. Da stieß die -Rabensteinerin einen lauten Schrei des Entsetzens aus. Konrad fuhr -erschreckt in die Höhe und blickte auf seine Mutter. - -Mit vorgeneigtem Oberkörper stand diese inmitten der die Körner -geschäftig aufpickenden Hühner und sah in großer Erregung durch -das weitgeöffnete hintere Hoftor, das unmittelbar auf die Wiesen -hinausführte. Hastig folgte Konrad dem Auge seiner Mutter, und in -demselben Augenblick war sein von der emsigen Arbeit stark gerötetes -Gesicht bis in die Lippen hinein bleich geworden. Einen Herzschlag lang -schauten Mutter und Sohn mit dem Ausdruck des Entsetzens nach den -Wiesen, über die in wilden Sprüngen ein durchgehendes Reitpferd hinweg -setzte, auf dessen Rücken die zusammengesunkene Gestalt eines jungen -Mädchens zu erkennen war. - -Noch war der die kühle Besonnenheit sonst nie verlierende junge Mann -wie gelähmt, da riß sich die Mutter von dem erschreckenden Anblick los -und rief dem Sohne zu: - -»Konrad, was stehst Du wie ein Pfahl? Nicht einen Augenblick hast Du zu -verlieren!« - -Der aber antwortete nicht, sondern starrte regungslos ins Weite. - -Da flammte in dem gutmütigen Gesicht des Weibes helle Zornesröte auf. -Mit ein paar Sprüngen stand sie neben dem Sohn, riß an seiner Schulter -und schrie ihm ins Ohr: - -»Deine gesunden Knochen sind Dir wohl zu lieb? Junge, weißt Du denn -nicht, wessen Leben es gilt, he?« - -Der Gescholtene aber zuckte verzweifelnd die Achseln und sagte dumpf: - -»Sie ist schon zu nahe am Wasser, ich schaff’s nicht mehr, -- -- es ist -zu spät!« - -Da lachte das Weib schrill auf und schrie: - -»Du Hasenfuß!« - -Im nächsten Augenblick sprang sie in den offenstehenden Stall, und -Konrad hörte, wie die Kette am Stande des Fuchses niederrasselte. -Dann dröhnte das Stampfen des Pferdes von dem steinernen Belag der -Stallgasse wider, und mit lautem Wiehern trat das Tier ins Freie. -Konrad, der sich noch immer nicht von dem Anblick losgerissen hatte, -merkte das Pferd auf sich zukommen. Mechanisch und ohne hinzusehen hob -er die Arme und griff mit beiden Händen in die dichte Mähne des immer -weiterschreitenden Pferdes. - -»Vorwärts!« rief da die Rabensteinerin und führte einen derben Schlag -auf den Schenkel des Fuchses, daß dieser einen schnellen Gang anschlug. - -Konrad hielt sich an dem krausen Mähnenhaar fest, die Augen nicht -von der Gestalt auf dem galoppierenden Schimmel abwendend. Er mußte -laufen, um mit dem sich rasch vorwärts bewegenden Gaule gleichen -Schritt zu halten, bis der Gang zu schnell wurde. Da, ein gewaltiger -Ruck und Schwung, -- und er saß auf dem Rücken des Tieres. Im nächsten -Augenblick trabte der Hengst zu dem hintern Hoftor hinaus. - -Die Rabensteinerin aber eilte, so schnell ihre Füße sie tragen wollten, -die Treppe des Hauses hinauf auf den Dachboden. Und dann stand das -Weib an der Dachluke, hielt die schwielige Hand, um das Auge vor den -Sonnenstrahlen zu schützen, an die Stirn und schaute hinaus auf die -Wiesen. - - * * * * * - -Gleichzeitig mit dem Verschwinden des Schimmels hinter der Bodenwelle -hatte sich in das Herz des noch immer auf Rettung hoffenden Max die -grausame Ueberzeugung gestohlen, daß das Schicksal seiner Schwester -nunmehr besiegelt sei. Dieser Gedanke drängte ihm das Blut zu Kopfe, -daß die Schläfen zerspringen wollten. Er keuchte unter der Last, -die sich auf seine Brust herabgesenkt hatte und fuhr fort, den -ausgepumpten Braunen zum schnelleren Laufen zu zwingen. Aber er merkte -mit untrüglicher Gewißheit, daß der Gaul nur noch wenige Minuten -laufen würde, um dann niederzustürzen. Auch Friesen konnte trotz der -heftigsten Bemühungen nichts mehr aus dem Wallach herausholen. So -sprengten die beiden Männer in immer mehr nachlassender Geschwindigkeit -nebeneinander dahin, wissend, daß das unglückliche Mädchen in kurzer -Zeit am Wasser angekommen sein würde. - -Da erklang mit einem Male hinter ihnen das Schnauben und Stampfen eines -weit ausgreifenden Pferdes. Jeder der beiden Freunde vernahm es und -glaubte an Täuschung. Aber das Geräusch drang schnell näher und immer -näher und ließ keinen Zweifel mehr zu, daß ein Reiter den Hufen ihrer -Rosse folgte. Doch der sie beide in diesen bangen Sekunden nur allein -bewegende Gedanke: Vorwärts! ließ sie nicht hinter sich schauen. Neuer -Mut und neue Hoffnung erfüllte sie plötzlich bei dem Erkennen der ihnen -werdenden Hilfe, und mit Anstrengung versuchten sie nochmals, ihre -Tiere zum schärferem Laufen zu bringen. - -Jetzt befand sich der Herbeieilende unmittelbar hinter ihnen. Noch -ein paar Sprünge seines Pferdes und die Tiere liefen einen Augenblick -nebeneinander. Dann schoß der Neue wie eine Schwalbe über sie hinaus, -die beiden Zurückbleibenden mit einem Hagel von Erde und Steinen -überschüttend, die unter den Hufen des flüchtigen Pferdes hochauf -flogen. Eine kurze Weile konnten sie den Enteilenden noch sehen, dann -tauchte er hinter derselben Bodenerhöhung hinab, hinter der auch -Elisabeth verschwunden war. - -Das Vorbeireiten dieses Helfers war ihnen, ob der schwindelnden -Schnelligkeit seines Pferdes, wie ein Traum gewesen. Kaum daß sie sein -Nahen vernommen, hatte er sie auch schon eingeholt, war prasselnd und -dröhnend an ihnen vorübergeflogen und ihren Augen wieder entschwunden --- wie ein Reiter aus dem Gefolge des wilden Jägers. - -In der kurzen Zeitspanne aber, in der der Hinzugekommene mit ihnen -auf gleicher Höhe ritt, hatten die Freunde ihn erkannt: es war Konrad -Hartmann. Barhäuptig und mit bloßen Füßen hatte die schmächtige Gestalt -zusammengekauert fast auf dem Halse des ungesattelten fuchsigen -Hengstes gehockt, den Kopf zu den Pferdeohren hinabgebeugt und die -Augen starr darüber hinweggerichtet. Seine linke Hand war mit einer -Strähne des Mähnenhaares umwickelt gewesen, während die Finger der -rechten das edle Tier leise am Halse liebkosten. Sonst keine Hilfe, -kein Antreiben; als wenn er es wüßte, daß es ein Menschenleben zu -retten gelte, hatte der Hengst ausgegriffen und sie zurückgelassen. - -Max und Friesen gaben nunmehr jeden Versuch auf, ihre Tiere weiter -anzutreiben. Sie waren schon froh, daß diese sie in kleinen Sprüngen -weitertrugen, der Anhöhe zu, von der aus sie alles sehen würden. -Langsam kamen sie dem Punkte näher. Max bemühte sich, ruhig zu bleiben, -aber sein Herz klopfte hörbar und er keuchte schwer vor Anstrengung und -Erregung. Noch ein paar Sprünge der dem Umsinken nahen Gäule, und sie -standen auf der Höhe. - -Etwa sechshundert Schritte vor ihnen zog der in der Sonne glitzernde, -hochgehende Bach vorüber und unmittelbar vor ihm sahen sie, wie -Elisabeth, von Konrad gestützt, den Versuch machte, einige Schritte zu -gehen. Ihre Pferde standen abseits. - -In Windeseile sprangen sie von den Gäulen, ließen die nach Luft -haschenden Tiere stehen und eilten die Lehne hinab. In wenigen Minuten -hatten sie das Ufer erreicht. - -Elisabeth lagerte auf einem mit Moos überwucherten großen Stein, sich -auf den Ellenbogen stützend und sah den beiden Männern mit schwachem -Lächeln entgegen. Ihr Gesicht war totenbleich, und um ihre Schläfen -spielten zerzauste Locken. Konrad stand neben dem Mädchen. - -Mit großen Schritten eilte Max zu seiner Schwester, kniete nieder, -schloß das Mädchen in tiefer Erregung in die Arme und blieb eine Weile -mit ihr stumm Brust an Brust. Dann löste er sanft die Umarmung und -wandte sich zu Konrad. Seine Augen liefen fast über. - -Der aber schlug den Blick zu Boden und machte eine Bewegung mit der -Hand, als wenn es sich um eine leichte Sache handele. - -»Warum willst Du meinem Dank wehren, Konrad?« sprach Max mit vor -Bewegung zitternder Stimme, »der Geber darf sich dem Dank des -Beschenkten nicht entziehen, sonst macht er diesem die Annahme der Gabe -allzuschwer.« Dann legte Max seine Hände auf Konrads Schultern, beugte -sich tief herab, daß er ihm in die Augen sah und fuhr fort: - -»Wir sind seit unserer Kindheit Freunde, und ich habe immer gewußt, was -ich an Dir besaß. Heute hast Du mir aber einen Dienst erwiesen, für -den Dir zu danken meine Worte zu schwach sind. Ich bleibe für immer -Dein Schuldner. Unser Freundschaftsbund, Konrad, ist durch diese Tat -besiegelt fürs Leben!« - -Dann reichten sich die Männer schweigend die Hände, worauf sich Max -abwandte, um seiner ihn zu übermannen drohenden Ergriffenheit Herr zu -werden. - -Elisabeth aber richtete sich höher auf und sprach leise: - -»Konrad, bitte komm zu mir.« Und wie dieser zu der Sitzenden getreten -war, legte Elisabeth ihre Hand in die seinige, sah ihn mit allem von -ihr ausgehenden Liebreiz ins Gesicht und sagte mit schmeichelnder -Stimme: - -»Die Mutter, Max und Du! Sprich, Konrad, willst Du von heute an mein -Bruder sein?« - -Da erfüllte das Herz des also Angesprochenen eine tiefe Bewegung, und -auf seinem Gesicht begann ein wunderliches Spiel. Das Mädchen aber -schlang den Arm um seinen Hals, zog den Mann zu sich herab und drückte -ihre Lippen auf den zuckenden Mund. - - - - -11. Kapitel. - - -Der Frühling des Jahres 1813 war mit jener Pracht und Lieblichkeit ins -Land gezogen, die alljährlich nach den dunkeln und rauhen Wintertagen -wieder die Menschen erquicken und ihre Herzen lauter schlagen lassen. -Die Sonne tat in kurzer Zeit Wunder; aller orten begann es zu sprießen. -Die Wiesen bedeckten sich in wenige Tagen mit saftigem Grün, und -zwischen den frisch aufgeschossenen Halmen der Gräser hoben die ersten -Veilchen schüchtern ihre Köpfchen. Die Menschen kamen wieder aus den -Häusern heraus, in die sie der diesmal so anhaltende und strenge Winter -lange gebannt hatte. Mit durstigen Zügen atmeten sie die warme und -würzige Luft, ließen die Augen weiden an dem geheimnisvollen, die -Seele erhebenden Erwachen der Natur und lauschten frohen Herzens den -muntern Weisen der zurückgekehrten Singvögel. Nun war es Gott sei Dank -vorüber mit dem Untätigsein, und die Hände konnten wieder schaffen und -die emsige Arbeit beginnen, deren Segen im Herbst ausgeschüttet wird. - -Neuer Lebensmut kehrt in diesen Tagen in die Menschenbrust zurück, -und wenn es einen Schwachen und Kranken gibt, den der dunkle Winter -hart niederdrückte, daß sein Lebenslichtlein nur noch trüb brannte und -armselig flackerte, -- mit den belebenden Sonnenstrahlen zieht auch -wieder Hoffnung in sein Herz, und er fühlt, wie sich geheimnisvolle -Kräfte in seinem Innern regen. - -Auf dem Freihofe herrschte emsige Tätigkeit; vom Morgen bis zum Abend -wurde rastlos gearbeitet. Draußen auf den Feldern zog der Pflug tiefe -Furchen in die verjüngte Erde und lockerte den schwärzlichen, duftenden -Ackerboden, der einlud, das Saatkorn ihm anzuvertrauen. - -Max hatte die Hände voll zu tun und war jeden Tag der Erste und Letzte -bei der Arbeit. Mit Erstaunen sah Friesen auf die Geschäftigkeit, die -sich um ihn herum plötzlich entfaltet hatte, und eine Sehnsucht zog in -ihm herauf, zu seinem Regiment zurückzukehren. Er wollte nicht allein -untätig sein, zumal die Rüstungen überall aufs neue begannen. - -Wie wenn die allerersten Strahlen der noch hinter den Bergen -verborgenen Sonne über die dunkle Erde dahingleiten und die schlafende -Natur wachküssen, so zog mit leisen Schwingen ein wundersames Ahnen -in die Gemüter der Völker des mittleren Europas, daß auch für ihre -Geschicke nun endlich der Frühling angebrochen sei. Und sie machten -sich auf, das Feld zu bestellen und den Samen der Freiheit zu pflanzen, -auf daß ihnen, wenn der Sommer zur Rüste ging, eine stattliche Ernte -beschieden sei. Das aus der Wolke niederströmende, die Saat des -Landmanns befruchtende Element hieß bei ihnen Begeisterung, die Jung -und Alt durchlohte, und der Sonnenschein, der beim Reifen der Frucht -nicht fehlen darf, sollte das Glänzen der blanken Waffen und das -Blitzen der Feuerrohre sein. Auf deutschem Boden mußte der gewaltige, -für alle Völker entscheidende Kampf stattfinden, und in das Rauschen -der deutschen Eichenwälder sollte sich der kriegerische Lärm der -Schlachten mischen, -- bis die letzte Brust durchschossen, das letzte -Schwert zerhauen war, oder bis die berauschenden und jubelnden Klänge -der Siegeslieder die Dankbarkeit für die endliche Erlösung von schwerem -Joch himmelwärts trügen. - -Aber alsbald, wenn auch mit großem Mißmut, erkannte Friesen, daß der -Zustand seiner Füße es ihm noch nicht erlaubte, seinen Dienst als -Soldat wieder aufzunehmen. Sie schmerzten bei anhaltendem Laufen noch -immer und verlangten gebieterisch weitere Schonung. So mußte er denn -seinen Plan wieder fallen lassen und die Gastfreundschaft des Freihofes -weiter annehmen. - -Bisweilen begleitete er Max zu Pferde, wenn dieser auf die ausgedehnten -Felder hinausritt, weit öfter aber leistete er Elisabeth Gesellschaft -oder begleitete sie auf kurzen Spaziergängen. - -Den Schimmel hatte das Mädchen seit jenem Tage nicht wieder bestiegen. -Durch die Aufregung infolge des wilden Rittes hatte ihre schwache -Gesundheit doch einen gewaltigen Stoß erlitten, so daß sie nach dem -Vorfall noch mehrere Tage das Bett hüten mußte und dann nur ganz -allmählich ins Freie gehen durfte. Es war ihr recht lieb, daß sie -Friesen bei diesen Ausgängen zum Begleiter hatte, denn sie konnte nicht -anders, als langsam und auf seinen Arm gestützt vorwärtsschreiten. -Hätte sie diese Tage ohne Friesens zerstreuende Gesellschaft zubringen -müssen, so wäre Elisabeth, da sie sonst gewohnt war, wie ein Wirbelwind -umherzutollen, der leidende Zustand leicht zur drückenden Last geworden. - -So fand sie sich in ihre Lage mit bewundernswürdiger Ergebung und -Geduld. Kein Wort der Sehnsucht nach dem Wohlbefinden, dessen sie sich -bisher erfreut hatte, verlor sie. Sie vermied es, über ihre Krankheit -zu sprechen, und doch bemerkte es jedermann nur zu gut, wie genau sie -die Schwere der Krankheit erkannte. - -Fast immer peinigte das Mädchen ein böser Husten, der sich zuweilen -zu solcher Heftigkeit steigerte, daß der Kreis ihrer Freunde Qualen -erlitt. Dabei war sie immer gleichmäßig freundlich gegen alle. Zur -Mutter, der man es äußerlich freilich fast kaum anmerkte wie sie litt, -war das Kind von rührender Zärtlichkeit. - -Auf das Schloß aber kam Elisabeth in dieser Zeit nicht. Zudem versah -Maria von Tiefenbach noch im Schulhaus ihren Pflegedienst, denn noch -immer waren einige kranke Soldaten im Dorfe. - -Max hatte es in den letzten Wochen vermieden, das Schulhaus zu -betreten. Seine Gegenwart daselbst war jetzt auch nicht mehr -erforderlich wie in den ersten Tagen, als man die Krankenzimmer -eingerichtet hatte. Und wenn es dennoch nötig wurde, nach dem Rechten -zu sehen, beauftragte er Hermann Lehnhardt, seinen Verwalter, mit -diesen Geschäften. - - * * * * * - -Es war an einem der mittleren Apriltage. - -Elisabeth war am Vormittag -- seit langer Zeit zum ersten Mal -- -auf dem Schlosse gewesen, um noch einmal mit Maria von Tiefenbach -zusammen zu sein, bevor diese nach Schloß Eckartsberg abreiste, wohin -sie plötzlich gerufen worden war, um die nach ihr verlangende, schwer -erkrankte Schwester ihres Vaters zu pflegen. Der Abschied war beiden -Mädchen recht schwer gefallen, doch schieden sie mit der tröstenden -Hoffnung, sich in kurzer Zeit wiederzusehen. - -Nach dem Mittagessen stand Elisabeth mit Friesen auf dem Hofe und -schaute den drolligen Sprüngen junger Ziegenböcke zu. Das Gesicht des -jungen Mädchens sah aus wie aus Wachs gebildet. Mit müdem Lächeln -betrachtete sie das muntere Spiel der Tiere, als sie plötzlich -zusammenbrach und eine große Menge Blutes aushustete. - -Von dieser Stunde ab durfte Elisabeth das Bett nicht mehr verlassen. -Auch jetzt half Friesen dem erschöpften Mädchen die Zeit kürzen, indem -er von seinen Kriegszügen erzählte, oder mit ihr von ihren gemeinsamen, -kleinen Erlebnissen plauderte, oder aus Büchern heitern Inhalts vorlas. -Die Freihoferin war Tag und Nacht um ihr Kind besorgt und verrichtete -ganz allein die Obliegenheiten der Pflegerin. Wenn sie sich von -Elisabeth betrachtet wußte, war sie bemüht, unbefangen erscheinen, war -aber die Aufmerksamkeit der Kranken von ihr abgelenkt, dann ruhte -das mütterliche Auge mit unsagbar zärtlicher Liebe auf dem Kinde. In -solchen Augenblicken war der sonst herbe Zug von den Lippen der Greisin -verschwunden, und ihr Antlitz wurde verschönt durch den Ausdruck eines -gewaltigen Schmerzes gepaart mit überquellender Mutterliebe. - - * * * * * - -Draußen in der weiten Natur schritt der holdselige Jüngling Frühling -durch die Gefilde, und wo sein Fuß gegangen war, erblühte alles zum -neuen Leben. Drinnen aber in der stillen Stube des Wohnhauses auf dem -Freihofe, welkte langsam ein junges Menschenleben dahin. Jetzt gab es -keinen mehr, der noch gehofft, niemand, der nicht die Schatten gesehen -hätte, die aus dem Reiche der Finsternis heraufwallten und sich auf dem -Antlitz der sanftmütigen Dulderin niederließen. - -Große Stille herrschte auf dem Gute. Alle wußten, daß in dem Hause -eine Seele weilte, die sich anschickte, das sterbliche Kleid, das -sie in dieser Irdischkeit getragen, abzulegen und in die Ewigkeit -zurückzukehren. - -Elisabeth war aller Liebling gewesen. Die meisten Dienstleute waren -schon seit langen Jahren auf dem Freihof. Sie hatten das zarte Kind -aufwachsen sehen, hatten es oft geliebkost, und deshalb meinte jeder -ein Anrecht auf sie geltend machen zu dürfen. Von Kindheit an hatte -Elisabeth, als wenn sie berufen sei eine Sendung zu erfüllen, zwischen -der schweigsamen Mutter, von der nichts als Kälte auszugehen schien, -und dem Gesinde gestanden. Max war nicht so geartet, daß er die Rolle -des freundlichen Vermittlers hätte übernehmen können. Er hatte zuviel -von der Mutter, und wenn die Leute auch wußten, daß er ein warmes -Herz für sie besaß, so fürchteten sie doch seine leicht aufwallende -Heftigkeit. Elisabeth war der gute Hausgeist. Sie hatte es verstanden, -sich jeden zum Freunde zu machen. Deshalb war sie für die Leute nicht -eigentlich die Tochter der Herrin gewesen, sondern das Kind, das, wo -es auch erschien, Klingen und Sonnenschein verbreitete. Elisabeth -war zu gleicher Zeit überall. Sah man ihren blonden Kopf mit den -strahlenden Kinderaugen nicht, so hörte man sie scherzen und trällern. -In den Ställen kannte sie jeden ihrer vierbeinigen Freunde ganz genau -und in den Scheunen und ausgedehnten Dachböden wußte das Mädchen die -geheimnisvollsten Winkel. Niemand war davor sicher, von ihr nicht jeden -Augenblick überrascht zu werden. Ihre Lieblingsbeschäftigung aber -bestand darin, mit Anbruch der Dämmerung in den Häuschen der Tagelöhner -einzukehren. Dort hockte sie besonders gern, spielte mit den Kindern, -aß von deren Butterbroden und stob endlich davon, wenn die Mutter der -Kleinen sie bedeutete, daß auf dem Freihofe die Zeit des Abendessens -gekommen sei. - -Nun aber, wo das Mädchen niemandem mehr hinterdrein folgte, keinen mehr -neckte, man ihr fröhliches Lachen nirgends mehr vernahm und die dicken -Zöpfe nicht mehr um ihre Schultern fliegen sah, jetzt fehlte sie jedem -von ihnen, den Kleinen wie den Großen. - -Mit Engelsgeduld trug sie die quälende Krankheit. Nach jedem neuen -Hustenanfall strich sie mit ihrer schmalen, abgezehrten Hand -liebkosend über die der Mutter und sprach tröstend von ihrem baldigen -Gesundwerden. Und doch wußte Elisabeth während sie diese Worte sprach, -daß sie nie wieder durch die Räume des Freihofes huschen würde, und -Friesen hatte die Ueberzeugung, daß das Mädchen nur um der Mutter -willen von ihrer Genesung redete. - -Das letzte Drittel des Aprils war herangekommen. Elisabeth fühlte -sich heute wohler. Das Gesicht des Kindes war in den letzten Wochen -immer schmaler, die Augen dagegen waren unnatürlich groß geworden. -Und dabei strahlten sie in seltsamem Glanze. Die Wangen waren bleich, -nur die Stellen auf den stark hervortretenden Backenknochen blieben -unaufhörlich fieberhaft gerötet. - -Max war frühzeitig nach Leipzig hineingefahren, um eine -Grenzstreitigkeit mit einem Nachbarn vor Gericht zu schlichten. Seine -Rückkehr sollte erst am Abend des nächsten Tages erfolgen. - -Es war am Vormittag, als Friesen, wie er es oft tat, Elisabeth -vorlas. Das Mädchen saß in Decken gehüllt in einem großen Armstuhl, -Friesen vor ihr. Mit träumerischem Blick betrachtete Elisabeth das -edel geschnittene Gesicht des Lesenden. Ihr Gedankengang mußte sie -weitabgeführt haben, denn schon längst hörte sie nicht mehr die -gesprochenen Worte. - -Da klopfte es. Elisabeth fuhr aus ihren Träumen auf, während Friesen -im Lesen inne hielt. Gleich darauf trat der Postbote ins Zimmer und -brachte einen Brief an den Oberleutnant Bernhard von Friesen. Der -junge Mann griff hastig nach dem Papier. Es trug den großen Stempel -seines Regiments. Mit leise zitternden Fingern löste er das Siegel und -durchflog die wenigen Zeilen mit den Augen. Betroffen ließ er den Blick -sinken und schaute vor sich nieder. Wie er nach einer kurzen Weile die -Augen wieder erhob, erschrak er vor dem Ausdruck, der auf Elisabeths -Gesicht lag. Das Lächeln war verschwunden und an seine Stelle war der -Ausdruck unsagbarer Angst getreten. - -Friesen überkam eine tiefe Ergriffenheit, denn er erriet die Gedanken -des Mädchens. Ihr feines Empfinden hatte sie ahnen lassen, was in dem -Brief stand und sie war über seinen Inhalt aufs heftigste erschrocken. -Doch in demselben Augenblick zog ein Klingen und Brausen in seinem -Innern herauf, ein niegekanntes Gefühl hoher Glückseligkeit, freilich -vermischt mit tiefer Wehmut. Da sah er, wie ein paar tränengefüllter, -glänzender Augen auf ihn gerichtet waren und einem plötzlichen Drange -folgend, sprang der junge Mann vom Stuhle auf, ließ sich vor dem -Mädchen nieder und lehnte sein Haupt an ihre Knie; zwei zitternde Hände -tasteten nach ihm. Er nahm die eine, preßte seinen Mund darauf, und -dann perlte eine Träne auf sie nieder. Die andere Hand aber berührte -den Scheitel des Mannes und strich unaufhörlich liebkosend über Haar -und Wangen. - -Lange verharrten so die zwei, die sich gefunden hatten, um sich in -wenigen Stunden wieder zu trennen. - -Endlich sprach das Mädchen mit leiser Stimme: - -»Mein lieber Freund! Ich liebe Dich ja schon, ach, so lange, aber ich -wußte es nicht. Nun wir aber für immer von einander scheiden müssen, -spricht die Stimme in meiner Brust eine vernehmliche Sprache. Ach, -laß es mich, das süße Wort einmal noch aussprechen: Bernhard, mein -Bernhard, -- -- ich habe Dich lieb!« - -Da überlief den Knieenden eine heftige Erschütterung und schüttelte -seinen Körper wie im Fieber. - -Dann aber hob er den Kopf auf, sah Elisabeth mit wonnetrunkenem Blick -in die Augen und sprach: - -»Mein Lieb! Du Inniggeliebte meiner Seele! Jetzt weiß ich es auch, was -mich so unwiderstehlich an dieses stille Dorf fesselte. Du hast mich -wieder hierhergezogen, denn Du thronst schon seit dem ersten Anblick -in meinem Herzen. Ich liebe Dich mit meiner ganzen Kraft, Du süßes -Mädchen!« - -Nun schwiegen sie wieder, und der Knieende lehnte von neuem seine Stirn -an die ihn liebkosende Kranke. So leerten die beiden Menschen in reinem -Genießen den goldenen Becher irdischer Liebe, die bereits von einem -Schimmer verklärt wurde, der aus der Ewigkeit herüberdrang, bis zum -Grund. In wenigen Stunden genossen sie das ganze Glück, das andern in -der Spanne vieler Jahre beschieden ist. - -Und so fand die eintretende Freihoferin die Liebenden -- -- -- - - * * * * * - -Es verhielt sich so wie Elisabeth geahnt hatte: Friesen hatte den -Befehl seines Regiments erhalten, unmittelbar nach Empfang des -Briefes sich nach Leipzig zu begeben und von dort mit einem Transport -Reservemannschaften nach Dresden zurückzukehren. Die Ordre war in so -gemessenen Worten gehalten, daß ihm nichts anderes übrig blieb, als -sofort abzureisen. Hätte er Maxens Rückkehr abwarten wollen, so wäre -sein Eintreffen um zwei Tage verzögert worden. Er beschloß daher, noch -im Laufe des Nachmittags Rehefeld zu verlassen. - -Die wenigen Stunden bis dahin verbrachten die Liebenden im trautesten -Alleinsein. Sie nannten sich wiederholentlich bei ihren Vornamen -und waren entzückt von deren Klange, auch sprachen sie zum letzten -Mal von den Erinnerungen an alles das, was sie mit einander erlebt -hatten. Dabei tauschten sie liebende Blicke aus, und ein leiser -Händedruck verriet dem andern, was die Lippen auszusprechen scheu -vermieden. Keine Überschwänglichkeit, kein heftiges Aufwallen der -Gefühle. Ihre schon längst im innersten Herzen schlummernde Liebe, -deren sie sich erst angesichts des Scheidens für immer bewußt geworden -waren, war in demselben Augenblick, in dem sie sich offenbarte, schon -geläutert gewesen. Sie war zu zart, als daß sie laute Beteuerungen und -eindringliche Beweise ertragen hätte. Wie zwei alte Menschen, die auf -ein reiches Leben von Sorgen und Glück nebeneinander zurückblicken und -die nun ihren Lebensabend zusammen beschließen -- ohne aufwallende -Zärtlichkeiten aber mit ihrer ewigfrischen, jungen Liebe in der welken -Brust, so saßen Friesen und Elisabeth Hand in Hand nebeneinander. Ihre -Liebe gehörte nicht mehr dieser Welt an, dafür war sie zu groß, und -ihre Blicke suchten schon das unbekannte Land, dessen Freuden gemeinsam -zu genießen sie sich in der letzten Stunde vor ihrer Wanderung dahin -hinieden gefunden hatten. - -Dann kam der Augenblick des Abschieds. Friesen kniete zum letzten Mal -vor dem Mädchen nieder, das sich zu ihm hinabbeugte und ihre Lippen auf -seinen Scheitel drückte. Einen Kuß auf die welke Stirn, dann trat der -junge Mann zurück. Langsam schritt er zur Tür, legte die Hand auf den -Drücker und warf einen langen Blick zurück, der mehr enthielt als Worte -hätten sagen können. Lächelnden Antlitzes blickte Elisabeth zu dem -Scheidenden hinüber. Noch ein stummer Wink, -- und der Platz an der Tür -war leer. - -Lange Minuten schaute das Mädchen mit verhaltenem Atem unverwandt auf -die Stelle. Dann kehrte sie die Augen ab, schauerte zusammen, als wenn -es sie fröstle, schmiegte den Kopf an die Brust der Mutter und sprach -mit versagender Stimme: - -»Ich bin so müde. Nun möchte ich schlafen gehen!« - - * * * * * - -Als aber die goldene Sonne untergegangen war und die grauen Schatten -der Abenddämmerung sich auf die Erde herabsenkten, da hielt es die -Freihoferin im Zimmer nicht mehr aus. Sie warf ein Tuch um die -Schultern, vertraute die Obhut über die Schlummernde der alten -Beschließerin an und eilte hinaus in die köstliche Luft des Lenzabends. - -Am Abendhimmel war ein glühendes Rot heraufgezogen, dessen leuchtende -Farben jetzt langsam wieder verblaßten. Feierlicher Frieden erfüllte -die Natur. Die gefiederten Sänger waren zur Ruhe gegangen, nur das -Zirpen der Grillen tönte noch aus dem Grase hervor. Einsam funkelte der -Abendstern auf die Erde herab, und langsam begann der helle Schein, der -über der Stelle stand, wo die Sonne hinabgesunken war, zu verbleichen. -Von fernher klang noch einmal verhallendes Hundegebell herüber, dann -erstarb es, und tiefe Stille herrschte weit in der Runde. - -Die Greisin aber gewahrte nicht diesen Frieden, in ihrer Brust tobte -wilder Schmerz. Sie wußte nicht, wohin sie sich wenden sollte. -Mechanisch schritt sie auf der Straße weiter, vorüber an den -friedlichen Wohnungen glücklicher Menschen. - -Da blieb sie mit einem Male stehen. Sie sah sich um und erkannte, daß -sie sich vor dem Schulhaus befand. Und plötzlich überkam das Weib das -heiße Verlangen, hineinzutreten unter die Elenden, die noch darin -weilten, vielleicht milderte sich angesichts des vielen Wehs der -gewaltige Schmerz in der eigenen Brust. - -Schon überschritt sie die Schwelle und stand gleich darauf in dem -großen Krankenzimmer, dem eine in der Mitte hängende Lampe mattes Licht -spendete. Erstaunt sahen die wachen Kranken auf den späten Besuch. Die -Frau des Lehrers hatte die Nachtwache. Sie berichtete der Freihoferin, -daß fast alle ihrer Schützlinge auf dem Wege der Genesung seien. -Zu Besorgnissen gäbe keiner von ihnen Anlaß, bis auf einen jungen -Rheinländer, dessen Hinscheiden noch in dieser Nacht erfolgen würde. - -Der junge Mann lag allein in einem kleinen halbdunkeln Raum nebenan, -in den man durch die offenstehende Tür vom großen Krankenzimmer aus -gelangte. Als die beiden Frauen eintraten, wendete der in hohem Fieber -Liegende den Kopf nach der Tür und richtete seine großen, dunkeln Augen -auf sie. - -Müde ließ sich die Freihoferin neben dem Bett auf einen Stuhl nieder, -währenddessen die Pflegerin wieder in das Zimmer zurückging. - -Es war ein junger Bursche von zartem Körper, der infolge der Krankheit -stark abgemagert war. Das bleiche Gesicht mit den Fieberrosen auf -den Wangen umrahmte eine Fülle tiefschwarzen Haares. Apathisch lag -der Kranke in den Kissen. Sein Gesicht trug bereits die Spuren des -beginnenden Verfalls, nur die Augen glänzten in unnatürlichem Feuer und -kreisten unausgesetzt in ihren Höhlen. - -Da erhob die Greisin ihre Stimme und sprach in gedämpftem Tone: - -»Wie befindet Ihr Euch, mein Sohn; kann ich Euch mit etwas helfen?« - -Der Kranke heftete die Augen auf die Sprechende und antwortete mit -Anstrengung: - -»Ich danke Euch, Frau, mir kann niemand helfen, mit mir gehts zum Ende.« - -Und wieder kreisten rastlos die Augen. - -Die Freihoferin sah vor sich nieder, drückte die Hände fest ineinander -und dachte daran, ob der Kranke daheim auch eine Mutter habe. - -Da wandte sich dieser plötzlich wieder zu ihr und und sagte mit -abgerissenen Worten: - -»Hört mich an, vielleicht hat Euch der Himmel zu mir gesandt, daß Ihr -mir eine fürchterliche Last von der Brust nehmen sollt. Sagt, gibt es -eine Sünde in der Welt, die nicht verziehen werden kann?« - -Die Freihoferin neigte das Haupt und antwortete: - -»Gott ist allgütig, er lässet keinen Reuigen von sich gehen!« - -Aber der Kranke schüttelte unwillig den Kopf und erwiderte: - -»Nein, das will ich nicht hören. Die Tat, die ich begangen, kann _Gott_ -mir nicht anrechnen. Aber sprecht, kann eine Mutter verzeihen, wenn ihr -Kind sie -- verriet?« - -Die Greisin wurde um einen Schein bleicher. Behutsam strich sie eine -schwarze Haarwelle von der heißen Stirn des Kranken und sagte in ihrem -weichesten Tone: - -»Wollt Ihr mir Euer Herz nicht erleichtern, mein Sohn? Sagt, was euch -bedrückt, vielleicht kann ich Euch trösten.« - -Da schöpfte der Kranke tief Atem und begann mit unsicherer Stimme: - -»Meine Mutter stammt aus einem alten, reichen Patriziergeschlecht zu -Geldern. Als sie zur Jungfrau erblüht war, warben viele vornehme Männer -um sie. Sie schenkte ihre Gunst aber einem armen Offizier. Das machte -den Bruder unwillig und er verwies seiner Schwester ihre Neigung. Und -als sie sagte, daß sie niemand, als nur dem eigenen Herzen folgen -würde, da packte den Hochmütigen der Zorn und er beschimpfte die -Schwester und ihre Liebe. Nun war meine Mutter ein sanftes Mädchen, daß -dem Bruder wohl verziehen hätte, daß er sie geschmäht. Als dieser aber -den tugendsamen Mann ihres Herzens beschimpfte, da wallte in ihr heiße -Entrüstung auf, und sie tat einen Schwur, daß sie dies dem Frevler nie -verzeihen würde. Ich wuchs heran, und unter dem Einfluß meiner Mutter -teilte ich deren Verachtung gegen die Verwandten. Mein Vater blieb bei -Jena, und dem hochmütigen Kaufherrn entrissen die rauhen Kriegszeiten -seinen ganzen Reichtum und machten ihn bettelarm, daß er Hand an sein -Leben legte. Er hinterließ eine gelähmte Frau und eine einzige Tochter, -die nun mit ihren feinen Händen, die nie Arbeit verrichtet hatten, für -ihrer beiden Unterhalt sorgen mußte. So lernte ich das Mädchen kennen. - -Zuerst erfüllte mich tiefes Mitleid mit dem traurigen Schicksal der -Frauen. Dann aber überkam mich eine edle Leidenschaft zu Karoline, -meiner Base, die ich nicht aus meinem Herzen zu bannen vermochte. Ich -lief hin zu meiner Mutter, gestand ihr meine Liebe und bat sie, den -Schimpf, den der Verstorbene ihr angetan, nicht den schuldlosen Frauen -entgelten zu lassen. - -Nun hatte aber meine Mutter den Haß gegen die Anverwandten wie einen -bösen Wurm in ihrem Innern immer mehr anwachsen lassen, und diese -unselige Leidenschaft hatte sie hart gemacht. Deshalb verbot sie mir -meine Liebe und zieh mich des Undanks gegen sich. Aber ich konnte von -dem Mädchen nicht lassen. Ich warf mich vor der Mutter nieder und -flehte mit gerungenen Händen um ihren Segen. Da verwünschte mich meine -Mutter und sagte, daß sie von stundab kein Kind mehr besäße. Und so -verließ ich das traute, mütterliche Haus als Ausgestoßener, aber mit -dem Trost im innersten Herzen, nicht gegen das göttliche Gebot gefehlt -zu haben. - -Ich nahm Karoline zur Gattin. Und als nach Jahresfrist ein das Zimmer -mit himmlischem Glanze erfüllender Engel uns ein Töchterchen gebracht -hatte und kaum wieder entschwunden war, drängte sich der grausame Tod -durch die Tür und raubte uns die ihr Leiden gottergeben tragende Mutter -meiner jungen Frau. - -Kurze Zeit später rollte der Klang der Werbetrommel auch durch das -Rheinland; der Kaiser bedurfte vieler Soldaten, die nach Rußland -hinein marschieren sollten. Ich horchte nicht nach ihr hin, denn ich -arbeitete angestrengt für unsern Unterhalt. Da riß man mich fort von -Weib und Kind, und ich mußte mitmarschieren. Ich war schwach und litt -fürchterlich unter den ungewohnten Anstrengungen und Entbehrungen. -Endlich kehrten wir wieder um. Ich war so elend, daß ich kaum noch -folgen konnte und blieb wiederholt liegen. Aber der Gedanke an mein -verlassenes Weib, an das unschuldige, süße Kind riß mich in die Höhe, -und ich wankte immer wieder weiter. So kam ich hierher, um nur wenige -hundert Meilen von meinen Teuern entfernt zu sterben. O, das Schicksal -ist unerbittlich grausam!« - -Der Kranke schloß die Augen und stöhnte laut auf unter dem gewaltigen -Schmerz, der seine Seele erfüllte. - -Aber nur eine kurze Weile hielt diese Schwäche an. Mit ungeheuerer -Anstrengung richtete er sich in den Kissen auf und lenkte die bereits -verglasenden Augen von neuem auf das an seiner Seite sitzende, tief -gebeugte Weib. - -»Hört, Frau,« keuchte der Sterbende, »was glaubt Ihr, wird sich meine -Mutter meines armen Weibes und seines Kindes in Liebe erbarmen?« - -Mit eiserner Anspannung seiner letzten Kräfte hielt er sich auf den -Ellenbogen gestützt aufrecht und sah forschend der Freihoferin ins -Gesicht. Diese aber rührte sich nicht, ihre Züge waren steinern. - -»Ihr überlegt?« fuhr er hastig fort, und der Atem drang pfeifend aus -seinem Munde, während den abgezehrten Körper heftige Fieberschauer -erzittern ließen. »Ja, überlegts Euch reiflich, doch tuts rasch, bitt’ -ich Euch, sonst möchte Euer Spruch mir zu spät kommen!« - -Aber die Greisin antwortete nicht, noch immer verharrte sie regungslos. - -Da drohte dem Jüngling, die Kraft auszugehn. Mit übermenschlichem -Willen widerstand er der Schwäche und stieß hervor: - -»Beim ewigen Gott, Weib, sprecht! Vielleicht habt auch Ihr ein Kind, -dem einstmals ein Mensch das Sterben mit ein paar Worten erleichtern -könnte -- -- --« - -In diesem Augenblick neigte sich die Freihoferin rasch über den -Liegenden und sprach mit kaum vernehmlicher Stimme: - -»Eure Mutter wird sich der armen Verlassenen erbarmen, mein Sohn!« - -Der Getröstete aber war mit diesen Worten nicht zufrieden. Noch einen -letzten Anlauf nahm er zum Leben. Warnend erhob er den Zeigefinger, und -drohend entfuhr es den blutlosen Lippen: - -»Weib, wollt Ihr Euer Gewissen noch im Alter mit einer Lüge belasten? -Ihr vergeßt, daß meine Mutter einen Schwur tat -- -- --« - -Da beugte sich die Greisin tiefer zu ihm herab und sprach so leise, als -wenn sie selbst ihre Worte nicht hören wolle: - -»Und Eure Mutter wird ihrem Kinde dennoch verzeihen!« - -Da entquoll dem Munde des Sterbenden ein befreiender Seufzer, und er -sank wieder in die Kissen zurück. Seine Augen irrten nicht mehr unstät -umher, sondern waren jetzt ruhig aufwärts gerichtet. - - - - -12. Kapitel. - - -Max war in mißmutiger Stimmung heimgekehrt. Der Prozeß war noch nicht -entschieden und drohte allem Anschein nach keinen günstigen Ausgang -für ihn zu nehmen. Und doch war Max von seinem Rechte überzeugt und -verstand nicht, wie die Richter daran zweifeln konnten, daß das saftige -Stück Wiese dicht an der Gemarkung von Zehmen ihm zugesprochen werden -müsse. Friesens unerwartete Abreise hatte seine Verstimmung vergrößert, -die selbst dann noch nicht ganz wich, als er die Kunde vernahm, daß -seines Freundes und Elisabeths Herzen sich gefunden hatten. - -Den Zustand der Schwester fand Max viel besser als er vor seiner -Abreise gewesen war. Und seltsam, Elisabeth schien auch in der Tat -nicht mehr so zu leiden, wie in den letzten Tagen. Der Husten war -weniger heftig und schmerzhaft; sie verspürte Lust zum Essen und -versuchte sogar wieder, mit dem Bruder zu scherzen. - -Auf dem Hofe fand Max neuen Verdruß. Ein schwerbeladener Wagen war auf -eine weiche Stelle gekommen, wodurch das eine Hinterrad tief in den -Boden eingesunken war. Vergebens schlug der Knecht mit der Peitsche -auf die Pferde ein, aber die starken Ackergäule brachten trotz aller -Anstrengung den Wagen nicht vorwärts. Mit zusammengezogenen Brauen -stand Max abseits und schaute auf Hermann Lehnhardt, der im Verein mit -zwei Knechten bemüht war, das Hinterteil des Wagens aus der tiefen -Radspur herauszuheben. Aber sie sahen das Vergebliche ihres Versuchs -gar bald ein, und schon wollte einer der Knechte forteilen, um eine -Winde herbeizuholen, als ihn ein unwilliger Ruf zurückhielt. Im -nächsten Augenblick bückte sich der junge Freihofer unter den Wagen und -stemmte auf der herabgesunkenen Seite die Schulter an; -- ein Knirschen -und Knacken, das Hinterteil des Wagens hob sich, und dann stand das Rad -wieder auf festem Boden. Ruhig, nur das Gesicht vor Anstrengung stark -gerötet, trat der Freihofer zurück. - -Nach diesem erfuhr er, daß der erst vor kurzem gekaufte, junge -Zuchtstier sich gestern von der Kette losgemacht habe und auf den -gerade mit einem Bund Heu in den Stall eintretenden Knecht losgerannt -sei. Zum Glück war es diesem aber noch gelungen, die Stalltür hinter -sich zuzuwerfen und so zu verhindern, daß das Tier auf den Hof -stürmen und Schaden anrichten konnte. Allerdings war nun der Mann auf -diese Weise mit dem aufgeregten Tier in dem interessanten Halbdunkel -des Stalles allein geblieben. Und da hatte er, weil der Stier ihn -hart bedrängte, die Heugabel ergriffen und mit ihrem eisernen Ende -den Zudringlichen ein paarmal sorgfältig auf den mächtigen Schädel -geschlagen, daß es vernehmbar gedröhnt hatte. Diese recht verständliche -Mißbilligung seines Tuns hatte denn auch dem verdutzten vierbeinigen -Sausewind eingeleuchtet, denn er ließ daraufhin von dem wehrhaften -Knecht ab und konnte von diesem wieder in seinen Stand geführt und -gehörig festgemacht werden. Als aber kurze Zeit darauf Hermann den -Stier besah, stellte sich heraus, daß zwei der langen Gabelzinken dem -Tier tief in das Fleisch des Nackens gedrungen waren. Trotzdem Hermann -die beiden blutenden Wunden alsbald ausgewaschen und Vorsorge getroffen -hatte, daß die erhitzte Stelle während der Nacht mit nassen Tüchern -gekühlt wurde, zeigte die Umgebung jetzt starke Schwellung. Zudem war -dem Stier die Freßlust vergangen, denn er hatte heute noch kein Futter -angerührt. - -Max verdroß dieser Vorfall sehr. Er schalt laut auf den Knecht, der so -ungeschickt gewesen sei, den Stier zu verletzen. Denn wenn es nicht -gelang, die drohende Eiterung der, wie es schien, verunreinigten Wunden -zu verhindern, konnte das wertvolle Tier an der Verletzung zugrunde -gehen. - -Hermann trat achselzuckend von dem Stier zurück und meinte, der Mann -wäre gut und es träfe ihn eigentlich keine Schuld, da der Stier die -Kette zerrissen habe. Ein Mensch, der seine Geistesgegenwart weniger -gut bewahrt hätte, hätte dem blind draufgehenden Vieh vielleicht die -Gabel in die Brust gestoßen, was noch schlimmer gewesen wäre. - -Da wurde Max zornig, und er gab seinem Verwalter zu verstehen, daß er -es angemessener fände, wenn er die Sache seines Herrn besser verträte, -anstatt den ungeschickten und kopflos gewordenen Knecht herauszureden. - -Diese Worte verdrossen nun wieder Hermann gewaltig, der in bestem -Bewußtsein, das Interesse seines Brotherrn jederzeit wie sein eigenes -zu wahren, den Vorwurf für ungerecht fand. - -Er begehrte hart auf und deutete darauf hin, daß der Mann eine Frau -und zwei kleine Kinder habe, und es ihm keiner verdenken könne, wenn -er sein bedrohtes Leben verteidige sogut er könne. Er, Hermann, würde -in solchem Falle ebenso handeln, ohne in diesen Augenblicken danach zu -fragen, ob das Tier dabei totgeschlagen werde. - -Max war die Zornesröte ins Gesicht gestiegen. Aber er dämpfte seine -Stimme, als er den Verwalter heftig anfuhr: - -»Was führt Ihr da für eine Sprache, Hermann! Wißt Ihr denn nicht, zu -wem Ihr redet, oder habt Ihr den ganzen Tag in der Schenke gesessen? -Ich habe mich doch geirrt, wenn ich Euch bisher vertraut habe, denn Ihr -verdientet mein Vertrauen nicht.« - -Während dieses Wortwechsels hatten sich die beiden Männer der Stalltür -genähert und waren zuletzt auf den Hof getreten, wo gerade die ersten -Geschirre vom Felde nach Feierabend zurückgekehrt waren. - -Hermann war bei den letzten Worten Maxens wie unter einem heftigen -Schmerz zusammengezuckt. In seiner Brust schlummerten zwei Temperamente -nebeneinander. Die ruhige Gemütsanlage besaß er von seinem Vater, -dem getreuen Sohn, der mehr als ein halbes Jahrhundert im Dienst -der Tiefenbachs gestandenen Mutter Lehnhardt, und Gutmütigkeit war -daher sein ausgesprochenster Charakterzug. Ganz tief drinnen aber -in seinem Herzen glimmte wie ein winziger Funke wilde Heftigkeit. -Diese Eigenschaft besaß er von seiner Mutter, dem Weibe vom Ufer der -Etsch, mit den leidenschaftlichen, schwarzen Augen und den herrlichen -Elfenbeinzähnen. Und dieser in tiefer Verborgenheit schlummernde Funke -sollte jetzt zur hochaufschlagenden Flamme angefacht werden. - -Max war vor dem Verwalter aus dem Stall gegangen. Kaum hatte er -seine letzten Worte ausgesprochen, war Hermann mit einem Satz auf -ihn zugesprungen, daß er dicht vor seinem Herrn stand. Seine Augen -funkelten vor Erregung und seine Fäuste waren geballt. - -»Wie,« keuchte er, »könnt Ihr meine Redlichkeit in Zweifel ziehen? Und -wenn ich einen Ton anschlug, den Ihr für unangemessen fandet und den -ich selbst noch nicht an mir gekannt habe, so seid nur Ihr mit Euren -verletzenden Worten es gewesen, der mich dazu herausforderte. Ihr -müßt nicht denken, daß ich wie ein Hund die Hand lecke, die nach mir -schlägt!« - -Max hatte die in höchster Erregung hervorgestoßenen Worte des -Verwalters mit scheinbarer Ruhe angehört, aber in seinem Innern hatte -er gebebt. Beinahe hätte ihn der Zorn übermannt, doch war es ihm mit -ungeheurer Überwindung gelungen, seiner Leidenschaft Herr zu bleiben. - -Er trat einen Schritt zurück, um durch eine zufällige Berührung den -Wütenden nicht noch mehr zu reizen und sagte, sich zur Ruhe zwingend, -mit leise zitternder Stimme: - -»Es ist gut für jetzt, Lehnhardt. Verlaßt von dieser Stelle aus den Hof -und geht nach Hause. Morgen sprechen wir uns weiter.« - -Und mit diesen Worten wandte sich Max um und gab einem der die Pferde -ausspannenden Knechte die Weisung, zusammen mit dem Großknecht heute -Abend nach dem Rechten zu sehen. - -Aber auf den noch immer in drohender Haltung Stehenden übte Maxens -kühle Besonnenheit keine beruhigende Wirkung aus, vielmehr schürte die -Ruhe des Gegners nur noch die Flamme seines Zorns an und machte ihn vor -Wut sinnlos. - -»Bauer! --« schrie Hermann mit überschnappender Stimme, »Ihr habt an -meiner Ehrlichkeit gezweifelt. Wollt Ihr Euer Wort zurücknehmen, oder -es gibt ein Unglück -- --!« - -Max war blaß geworden. Stumm und ohne einen Entschluß zu finden, stand -er vor dem Wütenden. - -Da zuckte Lehnhardts Faust, -- in demselben Augenblick fuhr Max -herum, riß dem nächsten Knecht die Peitsche aus der Hand, und noch -bevor Hermann den Schlag führen konnte, wickelte sich schon der -Peitschenriemen um seinen Körper. - -Es trifft sich oft im Leben, daß Menschen, deren Zorn aus geringfügiger -Ursache hoch aufwallt, ihre Besonnenheit ebensoschnell wiedererhalten, -wie sie ihnen verloren ging. Sei es nun, daß es der Leidenschaft an -innerer Kraft gebricht, sich nach dem ersten Aufbäumen längere Zeit auf -der unnatürlichen Höhe zu halten, sei es, daß die dem Aufblitzen der -Gluten wie der Donner folgende Katastrophe die heftige Gemütserregung -ihrer Stützen beraubt, -- gleichviel; der emporgeloderte Zorn bricht -sehr oft jäh in sich zusammen, und die weit über Maß in Anspruch -genommen gewesenen Kräfte sinken tief hinab. Der vordem verdunkelte -Blick ist zur Beurteilung der Sachlage mit einem Male wunderbar -geschärft; kühle Ueberlegung stellt sich ein, und eine ausdrucksvolle -Stimme im Innern hebt zu sprechen an, die unerbittlich die eigene -Schuld feststellt oder den Vorwurf ausspricht, daß dem Menschen die -Kraft zur Beherrschung der Leidenschaft gefehlt habe. Zuweilen reißt -der Niedersturz die geistige Spannkraft ebenso tief mit hinab, wie sie -vorher emporgeschnellt war, und der Zornbebende, der mit funkelnden -Augen und angespannten Fibern wie eine Vereinigung ungeheurer Willens- -und Körperkraft erschien, bietet hinterher mit seinem gebrochenen Blick -und der schlaffen Haltung ein klägliches Bild. - -So war auch Hermanns Zorn urplötzlich verrauscht. Als Max die Peitsche -in der Faust hielt und zum Schlage ausholte, durchschoß Lehnhardt -die Erkenntnis, unbesonnen gehandelt zu haben. Die Beleidigung für -ihn war gesprochen und darüber sich zu entrüsten, wäre sein gutes -Recht gewesen. Aber seinen Herrn zu bedrohen --, damit hatte ihm der -Zorn, der ihn aller Besinnung beraubt hatte, einen Streich gespielt. -Mit der blitzschnell überkommenen Nüchternheit hatte Hermann, noch -bevor er unter dem Peitschenhiebe zusammenzuckte, auch den Entschluß -gefaßt, den Freihofer nicht noch einmal zu reizen, sondern ruhig -vom Hof zu gehen. Aber in seinem bisher besonnen gebliebenen Gegner -waren jetzt die Riegel gelöst, die seinen Zorn zurückgehalten hatten. -In dem Augenblick, in dem Lehnhardt sich zum Gehen wandte, traf ihn -die Peitsche von neuem; ja, Maxens Wut verlangte nach einem dritten -Schlage. Aber er bekam die Peitsche nicht frei, da sich der Riemen -um Lehnhardts Füße geschlungen hatte. In schäumendem Zorn riß Max den -Peitschenstock zurück, -- da verlor Lehnhardt das Gleichgewicht und -fiel heftig auf den gekrümmten linken Arm. - -Jetzt hielt Max im Schlage inne, als er den Mann am Boden liegen sah, -warf die schon wieder erhobene Peitsche auf die Erde und ging in den -Stall zurück. - -Hermann Lehnhardt blieb einige Sekunden auf dem steinernen Pflaster -vor dem Stalle liegen. Dann stand er mühsam auf, unterstützte mit der -rechten Hand den augenscheinlich verletzten linken Arm und verließ, -ohne sich noch einmal umzusehen, den Freihof. - - * * * * * - -Mit besonderer Sorgfalt hatte Max anschließend an diesen Vorfall die -abendliche Runde durch den Hof gemacht, weit mehr aus dem Grunde Zeit -zu gewinnen, um seine ungeheure Erregung verflüchten zu lassen, als den -fehlenden Verwalter zu ersetzen. - -Ruhiger geworden, betrat er eine Stunde später die Wohnstube, wo -die Mutter schon an dem gedeckten Tisch saß und ihn zum Abendessen -erwartete. - -Mit kurzem Gruß und indem er es vermied, dem Blick der Mutter zu -begegnen, nahm er ihr gegenüber Platz. - -»Wie geht es Elisabeth,« fragte Max, »ich wäre gern noch einmal zu ihr -gekommen -- --« - -»Sie befand sich auch am Abend ziemlich wohl,« antwortete die -Freihoferin »und schläft jetzt. Störe sie nicht.« - -Das Mahl verlief schweigsam, keiner von beiden empfand Lust zu -sprechen. - -Endlich schob die Mutter den Teller zurück und erhob sich, um ihren -allabendlichen Platz am Krankenbett einzunehmen. - -Da stand auch Max auf, räusperte sich heftig und stieß heraus: - -»Mutter, ich habe den Hermann heute Abend vom Hofe weisen müssen.« - -Die Alte hatte sich an das Fenster gestellt und schaute schweigend in -die Dunkelheit hinaus. Bei des Sohnes Worten wandte sie sich langsam um -und versetzte: - -»Ich habe es gehört.« - -»Es ist nicht das erste Mal gewesen, daß ich mich über ihn sehr ärgern -mußte. Er hat viel Gutes, aber sein Wesen gefiel mir trotz alledem -nicht. Er wollte nur immer allein anordnen und unterließ oft mich zu -fragen, bevor er wichtige Dinge ausführte. Hinterher erst erfuhr ich’s. -Aber man kann ja nicht überall sein. Ich werde ihn in der ersten Zeit -recht vermissen, dann wird es aber umso besser gehen. Was meinst Du -darüber?« - -»Du wirst wissen was Du tust,« entgegnete die Freihoferin kurz. - -In Max regte sich der Unmut bei diesen Worten, und er wäre gern -aufgefahren, aber es war ja seine Mutter die so sprach, und er hatte es -von Jugend auf nicht anders gekannt, als sich ihr unterzuordnen. Noch -niemals war es ihm in den Sinn gekommen, sich gegen sie aufzulehnen. -Deshalb unterdrückte er seine Verstimmung und sagte nur: - -»Es war anders nicht möglich, ich mußte ihn fortschicken.« - -»Du bist der Herr auf dem Freihofe,« klang es zurück. - -Diese Teilnahmlosigkeit reizte Max von neuem, und sein Ton hatte einen -schlecht unterdrückten, scharfen Klang, als er hervorstieß: - -»Und züchtigen mußte ich ihn, das hatte er verdient!« - -»Ich gebe es zu, denn der Knecht darf sich nicht gegen seinen Herrn -auflehnen,« lautete die rasche Antwort. - -Max verstand seine Mutter nicht recht. Forschend sah er ihr ins -Gesicht, in dem sich kein Muskel bewegte. Da wandte sich der junge -Freihofer ab und verließ das Zimmer. - -Die Greisin blieb in steifer Haltung am Fenster stehen und blickte -sinnend durch die Scheiben. Mit einem Male stieß sie das Fenster -hastig auf und rief den Mann an, der unter den Bäumen des Obstgartens -herumlief. Es war der Großknecht, ein älterer Mann, der schon seit -länger als zwanzig Jahren auf dem Freihofe war. - -»Anton!« rief die Freihoferin zum Fenster hinausgebeugt in halblautem -Tone. Der Angerufene sah sich um und kam herbei. - -»Hat die Mutter Lehnhardt schon ihr Deputat für den Mai?« fragte sie -leise. - -»Für den Mai?« antwortete Anton, »für den Mai, Bäuerin? Nein, wir sind -ja noch im April.« - -»Dann tragt ihr’s noch heute Abend hinauf,« versetzte die Greisin. -Darauf schloß sie das Fenster wieder und der Knecht lief den Weg -zurück. In demselben Augenblicke aber, in dem er um die Scheunenecke -biegen wollte, klang es hinter ihm her: - -»Anton! Die Mutter Lehnhardt bekommt fortan nicht mehr ein Quart, -sondern einen Halben Kartoffeln und anstatt der einen Speckseite zwei!« - -Klirrend schloß sich das Fenster. - -Ein paar Sekunden blieb der Mann stehen, die Augen dorthin gerichtet, -wo die Gestalt der Freihoferin eben verschwunden war. Endlich ging er -davon, sein Gesicht zu einem gutmütigen Grinsen verziehend. - - * * * * * - -Einige Tage waren darüber hingegangen. Der Regen floß in Strömen vom -Himmel herab, und Max, dessen Gegenwart draußen notwendig gewesen war, -war gegen Mittag, naß wie eine Katze zurückgekommen. Am Nachmittag -mußte er am Schreibtisch arbeiten. Der Regen hatte endlich aufgehört, -und ein heftiger Sturm hatte sich erhoben, unter dessen Stößen die -Fensterscheiben klirrten. Max war in seine Bücher vertieft, als sich -die Tür auftat und Pastor Reinerz ins Zimmer trat. - -Beim Anblick des Greises konnte sich Max einer leichten Verlegenheit -nicht erwehren, denn er meinte zu erraten, was diesen zu ihm führe. - -»Grüß Euch Gott, Herr Max,« begann der alte Herr nach einem warmen -Händedruck, und noch bevor Max ihm geantwortet hatte, schob er sich -einen Stuhl näher zum Schreibtisch und setzte sich neben den unsicher -Dreinschauenden. - -»Ich komme von Eurer Schwester, der es besser geht als ich zu hoffen -wagte, und nun wollte ich an der Tür nicht vorübergehen, ohne -Euch einen Gruß gesagt zu haben,« hob Reinerz an, während Maxens -Beklommenheit bei den ruhigen Worten zu weichen begann. - -»Das Kind besitzt einen hohen Schatz, den es uns allen voraus hat. Sie -ist nämlich einer jener seltenen Menschen, die keinen Feind haben,« -plauderte der Greis. - -»Damit mögt Ihr recht haben, Herr Pastor« entgegnete Max. »Ich wüßte -auch wahrhaftig nicht, wer dem Kinde gram sein sollte.« - -»Ja, ein Günstling des Schicksals ist der, bei dem solches zutrifft,« -sprach Reinerz und strich liebkosend mit den Fingern die weißen Fäden -des langen Bartes. »Viel Feind, viel Ehr, sagt das Volk. Nun, das -ist nicht unrichtig. Wie viele Menschen gibt es aber schon, denen -die Feinde mit dem Amt zu gleicher Zeit beschert werden. Es ist ein -nur Wenigen beschiedenes Glück, sagen zu können: ich besitze keinen -Widersacher.« - -»Das ist wahr,« antwortete Max, »wenn Ihr sagt, daß manchem mit dem -Amt auch Feinde erstehen, ja sie sind bereits da, bevor das nicht -selten dornenvolle Amt einen einzigen Freund verschaffte. Dafür heißt -leben kämpfen. Bald gesellen sich zu dem anstürmenden Schicksal auch -feindlich gesinnte Mitmenschen, gegen die zu streiten bisweilen recht -aufreibend ist. Glücklich ist der, dem ein stiller Winkel abseits des -Planes, auf dem täglich die Kräfte gemessen werden, beschieden wurde. -Er ist der Begünstigte, der, den das Schicksal liebt.« - -»Ja, ja, mein junger Freund, geradeso, wie Ihr es schildert, ist der -Lauf der Welt,« versetzte der Greis. »Aber es genügt nicht allein, -an einer geschützten Stelle zu stehen, wo die Wetter nicht brausen. -Wer der Gunst des Schicksals gegenüber blind ist, der verläßt seinen -schirmenden Unterstand. Er begibt sich in die Gefahr und kommt nicht -selten darin um. Das weise Sichbescheiden auf den schmalen Raum, worauf -man gestellt wurde und den vielleicht nur verblichene Sonnenstrahlen -trafen, ist die große Lebenskunst, die nur wenige verstehen, und an -deren Erfüllung täglich Hunderttausende scheitern. Eure Schwester ist -einer jener klugen Menschen, denen ihr Haus nicht zu eng wurde. Sie -begnügte sich mit dem Stückchen Boden, das das Schicksal ihr zugedacht -hat. Das aber bebaute sie emsig und hatte die Freude, viele herrliche -Blumen um sich herum gedeihen zu sehen. Nun, diese Blumen sind Eurer -Schwester edle Tugenden und Eigenschaften, und die Menschen, die sich -an dem Anblicke der Blumen ergötzen, sind Elisabeths Freunde.« - -Der Greis hielt im Sprechen inne, blickte eine Weile vor sich nieder -und richtete dann seine durchdringenden Augen auf Max, der die eben -entschwundene Beklommenheit unter diesem Blick wieder herannahen -fühlte. Dann fuhr Pastor Reinerz ruhig fort: - -»Aber nicht nur Eurer Schwester sollte heute mein Besuch gelten, es -verlangte mich auch, Euch selbst zu sprechen. Ihr werdet fühlen, was -mich heute zu Euch führt, Max. Vielleicht habt Ihr den alten Reinerz -auch schon erwartet.« - -Max hatte die Augen von dem Gesichte des Greises weggewendet und -sah zum Fenster hinaus. Bei den letzten Worten Reinerz warf er -den Gänsekiel, mit dessen Fahne er bisher gespielt hatte, auf den -Schreibtisch. - -»Wo zwei Menschen im heftigen Zorn voneinander geschieden sind ist es -gut, daß ein gemeinsamer Freund zwischen sie tritt, um ihren Groll zu -besänftigen und sie wieder mit einander auszusöhnen. Der Wunsch, dieser -gute Vermittler zu sein, hat mich zu Euch geführt.« - -Pastor Reinerz konnte nicht weiter sprechen. Max hatte schon wiederholt -den Versuch gemacht den Redenden zu unterbrechen, war aber durch die -abwehrende Handbewegung des Greises daran gehindert worden. Jetzt fuhr -es Max heraus: - -»Ihr seid gütig, Herr Pastor, aber es ist nicht möglich, daß ich von -Euerm freundlichen Anerbieten Gebrauch machen kann. Einer Vermittlung -zwischen einem meiner Leute und mir bedarf es niemals. Wer mich -beleidigt hat tut am besten, den Weg zu mir selbst einzuschlagen. -Aber in diesem Fall wäre der Versuch Lehnhardts, meine Verzeihung zu -erhalten, verfrüht. Der Unmut ist noch nicht von mir gewichen, deshalb -müßte ich ihn, wenn er heute oder morgen zu mir käme, abweisen. Er hat -zu schwer gefehlt. Und nun würde ich’s Euch danken, wenn Ihr von etwas -anderem sprechen wolltet.« - -Aber der Greis war der Meinung, daß hierüber noch lange nicht genug -gesprochen worden sei, deshalb begann er wieder: - -»Es ist heute noch so, wie es vor hundert und aberhundert Jahren schon -war. Wenn zwischen zweien ein Streit entbrannt ist, fühlt sich selten -einer von beiden im Unrecht. Ich will mich ja auch garnicht der Aufgabe -unterziehen, zu ergründen, nach welcher Seite sich in diesem Fall das -Recht neigt. Denn ich bin nicht gekommen, den Richter zwischen Euch -und dem Hermann zu spielen, sondern als Freund zu vermitteln.« - -»Ich wünsche aber keinen Vermittler,« unterbrach Max ungeduldig den -Sprecher. Doch ließ sich dieser nicht beirren, sondern fuhr fort: - -»Wer will es hindern, daß die Leidenschaft, die sonst immer im festen -Zügel liegt, nicht einmal durchbricht und ihres Meisters spottet. -Du lieber Gott, es ist ja so überaus schwer einen Vorwurf dafür zu -machen. Der Leidenschaftslose hat freilich leichtes Urteil über den -Temperamentvollen. Eins aber muß man von dem Mann fordern dürfen: daß -er dann, wenn die Wogen des Zornes sich geglättet haben bereit ist, die -Schuld, die er beim Ausbruch seiner Heftigkeit auf sich lud, wieder -einzulösen. Auch Ihr habt gefehlt und tätet gut, wenn Ihr mit mildem -Auge die Schuld des Andern betrachten wolltet.« - -Max hatte nur mit großer Beherrschung seine Ungeduld verbergen können. -Jetzt erhob er sich hastig, trat einen Schritt zurück und sprach in -entschiedenem Tone: - -»Herr Pastor, ich kann begreifen, wenn Ihr es als Eure Aufgabe -betrachtet zu schlichten, wo Streit entbrannt ist. Es gibt aber -keine Streitenden, wo das sich auflehnende Gesinde von seinem Herrn -gezüchtigt werden muß. Ihr werdet den Vorfall soweit kennen, daß Ihr -auch wißt, wie lange Zeit ich mich beherrschte, bevor mich der gerechte -Zorn übermannte.« - -Langsam erhob sich auch Pastor Reinerz und sprach: - -»Ich hätte geglaubt, Euch versöhnlicher gestimmt zu finden. Seht, Max, -ich bin ein alter Mann, der in seiner Jugend auch ein rechter Hitzkopf -gewesen ist. Deshalb weiß ich es nur zu gut, wie leicht der Zorn die -kühle Überlegung zur Seite drängt. Sagt, wäre es Euch nicht möglich, -das Unrecht, soweit es Euch trifft, wieder gut zu machen?« - -Da begehrte Max heftig auf: - -»Mein Unrecht? Was für ein Unrecht beging ich denn?« - -»Das Unrecht, daß Ihr Hermann Lehnhardt reiztet, so daß er sich vergaß -und daß Ihr Euch vom Zorn hinreißen ließet.« - -»Nun, und Ihr vergeßt ganz, daß der Knecht den Arm erhob gegen seinen -Herrn.« - -»Das eben war die Folge Eures Zweifels an seiner Ehrlichkeit,« -versetzte der Greis ruhig. »Hermann Lehnhardt ist ein schwerblütiger -Bauer, den manches gleichgültig läßt, was einem andern das Blut in die -Schläfen jagen würde. Aber wie so viele seinesgleichen kann er auch -heftig in Zorn geraten, daß ihn die Überlegung vollständig verläßt. -Ihr wißt, der gute Ruf ist ein Kleinod, das sich unsere Bevölkerung, -gottlob, mit Stolz bewahrt. Ihr habt Euern Verwalter aber der -Unredlichkeit verdächtigt -- --« - -»Nun ists genug, Herr Pastor,« unterbrach Max den Sprecher mit -Festigkeit, »ich habe jetzt keine Geduld mehr, Euch länger zuzuhören.« - -»Ihr vergrößert durch Eure Halsstarrigkeit aber nur das Unrecht, das -Ihr begangen habt,« antwortete erregt der Greis. - -»Dann werde ich die Folgen zu tragen wissen,« entgegnete der Freihofer -herrisch. - -Stumm standen sich die beiden Männer gegenüber und tauchten ihre -Blicke ineinander. Eine dumpfe Ahnung raunte jedem von Ihnen zu, -daß die Erinnerung an diesen Augenblick in ihnen noch einmal mit -aller Lebendigkeit heraufkommen würde. Das aber konnte keiner von -beiden ahnen, daß jene Stunde, in der sie sich wie heute Auge in Auge -gegenüberstehen und dieses Vorfalls erinnern sollten, zermalmenden -Schmerz mit sich gebracht haben würde. - - - - -13. Kapitel. - - -Es war am späten Nachmittag, als vom untern Eingang her auf -schaumbedecktem Pferde ein Reiter die Dorfgasse hinaufsprengte, ein -junger Bursche von etwa achtzehn Jahren. Er mußte einen tollen Ritt -hinter sich haben, denn der schweißtriefende Gaul schnaubte heftig -und stolperte fast über seine Beine. Trotzdem verminderte der Reiter -die Geschwindigkeit nicht. Das Dorf war wie ausgestorben, da alles -draußen auf den Feldern zu tun hatte. Die Wenigen, die aber noch in den -Häusern zurückgeblieben waren, wurden von dem klappernden Hufschlag -aufgescheucht und sprangen an die Fenster, um nach dem vorbeistürmenden -Reiter zu sehen. - -Als der Bursche in der Nähe der Kirche angekommen war, sah er drüben -von der Anhöhe einen Wagen herabkommen, auf dem einige Knechte saßen. -Er hielt sein Pferd an und rief mit lauter Stimme hinüber: - -»Heda, Ihr Leute, wo wohnen hier die Tiefenbachs?« - -»Reitet noch ein kurzes Stück,« klang es zurück, »dort oben, wo Ihr die -beiden großen, mit Ziegeln bedeckten Scheunen seht.« - -Er wandte den Blick in die bezeichnete Richtung und trabte weiter. Wie -er nahe an den Hof herangekommen war, sah er vor dem Hoftor auf der -Straße einen Mann von hünenhaftem Wuchse stehen. Der Reiter trieb sein -Pferd heran und blieb vor jenem halten. - -Mit seinem Haselstock auf das Gut zeigend, fragte er: - -»Ist das der Hof, auf dem die Tiefenbachs sitzen?« - -Der Angesprochene sah den Reiter verwundert an und antwortete: - -»Das ist der Freihof, und ich bin Max von Tiefenbach.« - -Da flog ein Zug der Befriedigung über das glühende Gesicht des -Burschen. Eilends riß er das Wams auf, griff hinein und zog ein -zusammengefaltetes Papier hervor, das er dem vor ihm Stehenden reichte. - -»Hier, nehmt und beeilt Euch! Der das geschrieben hat sagte, es gelte, -einer Sterbenden noch etwas Liebes zu erweisen, und daraufhin bin ich -geritten, als wenn ich zum Tode meiner Mutter noch zurecht kommen -müsse.« - -Hastig griff Max nach dem Papier, riß es auseinander und las seinen -Inhalt. Und während er las, preßte er die Lippen so heftig aufeinander, -daß sie weiß wurden. Langsam sank endlich die Hand mit dem Schreiben -herab, während er den Blick zu Boden richtete. - -Aber die Stimme des Reiters riß ihn aus seinem Brüten: - -»Diese Börse soll ich Euch aushändigen,« sprach er, »sie enthält die -ganze Barschaft meines Auftraggebers, und hier ist seine goldene -Repetieruhr. Sonst hat er mir nichts aufgetragen.« - -Max kämpfte seine Bewegung nieder und antwortete: - -»Gebt her die Uhr. Den Beutel behaltet für Euern Ritt, denn auf diesem -Gaule werdet Ihr wohl kaum wieder zum Dorfe hinauskommen. Sattelt ab -und laßt Euch zu essen geben.« - -Mit diesen Worten wandte er dem Reiter den Rücken und ging eilends nach -dem Wohnhause. Der Bursche sprang vom Pferde, liebkoste das völlig -erschöpfte Tier und zog es langsam auf den Hof. - - * * * * * - -In verschwenderischer Fülle drangen die schrägen Sonnenstrahlen des -scheidenden Tages in Elisabeths Zimmer und erfüllten es mit goldenem -Glanze. Die Kranke lag im Bett und hielt die Hand der neben ihr -sitzenden Mutter in der ihrigen. Ihr Gesicht trug den Ausdruck schweren -Leidens und war eingerahmt von dem üppigen Blondhaar. Keines von ihnen -sprach ein Wort. - -Da öffnete sich die Tür, und Max trat ins Zimmer. Mit leisen Schritten -näherte er sich dem Bett und berührte mit der Hand schmeichelnd die -Wange des Mädchens. - -»Ich habe etwas für Dich, meine kleine Liesbeth,« sagte er und hob die -Hand mit dem Papier hoch auf. - -Die Kranke betrachtete eine kurze Weile in hoher Spannung das Gesicht -des Bruders. Dann überlief ihren Körper ein Zittern und sie flüsterte: - -»Max, lieber Max, wäre es möglich?« - -Und mit gedämpfter Stimme las dieser die folgenden wenigen Zeilen: - - Meine inniggeliebte, süße Braut! - - Während ich diese Worte niederschreibe, fließt mein warmes - Herzblut unter mir dahin, und ich merke, daß es mit mir - rasch zu Ende geht. Ich benutze die kurzen Minuten, die ich - noch zu leben habe, um Dir, Du Gute, meine letzten Grüße zu - sagen. -- Als ich nach Leipzig kam, packte auch mich die - Begeisterung, die in dieser Stadt herrscht. Ich wandte der - schwankenden sächsischen Sache den Rücken und verband mich den - schwarzweißen Farben. Heute habe ich unter Blüchers Leitung - um das Dorf Großgörschen gekämpft. Nachdem ich schon kleine - Verletzungen erlitten hatte, wurde mir zuletzt die linke - Schulter und Brust von einem französischen Säbel zerhauen. - Ich zürne ihm nicht, nein, ich danke ihm dafür! Es wäre ein - freudenloses Leben gewesen --! Mein letzter Herzschlag gehört - Dir, Du inniggeliebtes Mädchen. Schon überkommt mich eine - unwiderstehliche Müdigkeit; mit dem Gedanken an Dich will ich - einschlafen. Habe Dank für Deine Liebe, die mich so glücklich - macht, daß ich dem Sterben entgegenlächeln kann. Einen innigen - Kuß drücke ich auf die Blumen, die ich Dir sende. Auf baldiges - Wiedersehen, mein süßes Lieb, -- -- über den Sternen! - - Dein bis in den Tod getreuer - Bernhard von Friesen. - -Elisabeths Gesicht strahlte in überirdischem Glanze. Schneller als -sie es im Leben erreicht hätte, sollte sie mit dem Geliebten im Tode -vereinigt sein. Ihre Augen suchten das Himmelsblau, in dem vielleicht -in diesem Augenblick seine Seele zu den lichten Höhen schwebte. Dann -richtete sie die strahlenden Augen auf die Mutter und den Bruder, -ergriff die Hände ihrer Lieben und sprach: - -»Ach, Mutter, ich hätte nicht gedacht, daß das Sterben so schön sei!« - -Just um diese Stunde begann mit schwerem, unhörbarem Flügelschlage der -Todesengel über dem Freihof seine Kreise zu ziehen -- -- -- - -Max hatte das Zimmer leise wieder verlassen, derweilen Elisabeth mit -geschlossenen Augen ruhte. Die dem Briefe beigelegenen, an einem -Stengel vereinigten zwei Himmelschlüssel standen in einem Wasserglas -neben dem Bett. Da öffnete plötzlich das Mädchen die Augen und tauschte -wortlos einen langen Blick mit der Mutter. Dann fühlte diese, wie die -heiße, kleine Hand sich auf die ihrige legte und sie sanft an sich zog. - -»Mein liebes, herzensgutes Mütterchen,« sagte die Kranke leise, »ich -fühle, daß meine Zeit gekommen ist. Aber ich muß, bevor ich von Dir -scheide, Dir ein Geheimnis anvertrauen, das mich tief traurig gemacht -hat, das mich aber zuweilen auch im innersten Herzen mit seliger Lust -erfüllte: Maria von Tiefenbach, meine Cousine, und Max lieben einander.« - -Und mühsam erzählte Elisabeth den Vorfall in der Kirche und schloß: - -»Als zuletzt Maria in ihrer tiefen Not die Worte ausrief, daß Max ihre -Liebe besitze, blieb mein Bruder anfangs stumm, dann wurde er rauh -zu ihr. Aber ich habe es dennoch gefühlt, daß seine Hand, die in der -meinen lag, zitterte, wie die eines geängstigten Kindes. Ach, Mutter, -wenn die beiden glücklich werden könnten -- --« - -Die Freihoferin saß weit vornübergebeugt zur Seite der Kranken. Ihr -welkes Gesicht zeigte deutlich die Spuren der großen Anstrengungen der -letzten Wochen. In diesem Augenblick aber sah es erschreckend fahl aus. -Von neuem trafen sich die Blicke von Mutter und Kind, das seine Augen -ängstlich forschend auf das starre Antlitz der Mutter gerichtet hatte. -Aber nur einen Herzschlag lang währte diese Spannung. Dann überflog die -Züge des Mädchens ein sonniges Leuchten und sie bat: - -»Bitte, gib mir meine Blumen, liebe Mutter.« - -Die Freihoferin griff nach dem Stengel, wobei ihre Hand so heftig -zitterte, daß sie einige Male an dem Glase vorbeitastete und reichte -dem Kinde wortlos die gelben Frühlingszeichen. - -Die Kranke lächelte beglückt, drückte die Blumen an die Lippen und bald -ließen die regelmäßigen Atemzüge erkennen, daß der Schlaf ihre Sinne -umfangen hatte. - -Kurz darauf kam Max wieder in die Kammer und setzte sich neben seine -Mutter. Die Dämmerung brach herein, die Abendschatten sanken herab, und -langsam zog der Mond herauf. Ein zitternder Strahl fiel auf das Bett -und umspielte zwei zarte, weiße Hände, in denen eine welke Blume lag. - -Bleiern schlichen die Stunden dahin. Endlich verkündete der helle Ton -von der Kirche her die Mitternachtstunde. - -Keiner der beiden Menschen, die an dem Lager der Schlafenden weilten, -unterbrach die hehre Stille, die in dem Raume herrschte. Stumm saßen -sie nebeneinander und schauten voll Andacht in das friedliche -Engelsantlitz vor ihnen. Dann war der Mond seinen Pfad weiter -gewandelt, und undurchdringliche Finsternis erfüllte das Zimmer. - -Am Morgenhimmel zogen die ersten lichten Schimmer leise herauf, als Max -unter der leichten Berührung von der Hand seiner Mutter aufschreckte. - -»Es ist Zeit zu beten, Max,« sagte die Freihoferin mit heiserer Stimme. -Darauf knieten sie an dem Bette nieder und sprachen in lautem Gebet -einander Mut und Trost zu, während die lichtumflossene Gestalt, die zu -Häupten der tiefaufatmenden Sterbenden harrte, die lebensmüde Seele -empfing und hinaufgeleitete zu dem Lande der gestillten Sehnsucht und -des Friedens. - - * * * * * - -Wie ein Lauffeuer hatte die Kunde von Elisabeths Tode das Dorf -durcheilt. Doch setzte noch niemand seinen Fuß auf den Freihof, in -der Besorgnis, daß seine Tröstungen in den gewaltigen Schmerz hinein -schal klingen möchten. Auf dem Hofe schien alles Leben erstorben, so -geräuschlos vollzog sich das notwendige Werk, das verrichtet werden -mußte. Max bekam keiner zu sehen, er blieb in der Nähe der Mutter, die, -wie er deutlich empfand, furchtbar litt. - -So saßen sie beide in der großen Wohnstube kein Wort sprechend, nur die -Gegenwart des andern als Trost empfindend. - -Da klangen schwere Männertritte draußen im Hausflur. Gleich darauf tat -sich die Tür auf, und ein Mann trat auf die Schwelle. Die Freihoferin -und Max hatten sich umgewandt und starrten wie auf eine Erscheinung -nach der Tür. Der Mann, mit dem hohen, schlanken Wuchse und der -leichtgebeugten Haltung, der noch immer auf der Schwelle stand und -dessen dunkles Haupthaar und Bart Silberfäden durchzogen, war der -Schloßherr vom Weißen Schlosse, der Freiherr Arnold von Tiefenbach. Als -er eine Weile unverwandt auf Mutter und Sohn geblickt hatte, zog er die -Tür hinter sich zu und trat in das Zimmer. Die Freihoferin, die mit dem -Rücken nach ihm saß, hatte sich wieder umgewandt und sah mit hartem -Ausdruck vor sich hin. Langsam ging Herr Arnold auf sie zu und blieb -dicht vor der Greisin stehen. - -Eine kurze Zeit tiefen Schweigens verstrich. Dann sagte der Angekommene -in bittendem Tone: - -»Wirst Du mir es wehren, Base, wenn mich darnach verlangt, von der -Gestorbenen Abschied zu nehmen? Nicht nur Dir ist Dein Kind genommen. -Auch an mein Herz hat das Entsetzen gegriffen und ihm eine blutige -Wunde geschlagen.« - -Der alte, gebeugte Man schwieg, als wenn er auf eine Antwort warte. -Dann fuhr er fort: - -»Base, höre mich ruhig an, um der teuern Toten willen, die meine Worte -unterstützen würde, dürfte sie noch unter uns weilen. Ich stehe als -Bittender vor Dir, laß mich nicht unerhört von dieser Schwelle gehen. -Denke, ich nähme allen Frieden und alles künftige Glück von diesem -Hause mit fort, wenn Du mich abwiesest. Der tiefe Schmerz schlingt um -uns ein unzerreißbares Band und bringt unsere Herzen näher aneinander. -Und so bitte ich Dich denn, Base, -- -- gib Frieden! Laß Ruhe einziehen -in meine alte Brust und in Dein gequältes, tief erschüttertes Herz. -Laß uns nicht richten über die Toten, sie haben ihre Rechenschaft -längst abgelegt und vielleicht auch Verzeihung erhalten; gewähre auch -Du Verzeihung. Ein Hauch, der nichts mit der Irdischkeit gemeint -hat, umweht uns in diesem Augenblick und mahnt eindringlich, jeder -Schuld bloß zu sein, wenn die Stimme endlich auch uns ruft. So komm -denn, Base, schlag ein. Nimm diese Freundeshand, die Du so lange -zurückgestoßen und laß uns Versöhnung feiern an der Leiche Deines -Kindes!« - -Max saß in einem hohen Lehnstuhl mit Armstützen. Seine Augen hingen an -dem schmerzerfüllten Antlitz des Freiherrn, dessen Rede er mit Bewegung -angehört hatte. Jetzt sah er voll quälender Erwartung auf seine Mutter. -Konnte sie diesen Worten noch Widerstand entgegensetzen, den Worten, -die alle Feindschaft in seiner Brust töteten und den heißen Wunsch nach -Versöhnung jäh heraufkommen ließen? - -Aber die Mutter rührte sich nicht, sondern blickte noch immer -unverwandt zu Boden. - -Da wurde der alte Freiherr weich. - -»Constanze,« flehte er, »auf diesen Armen hab’ ich Dein Kind oft -getragen. Es nannte mich Vater und erzählte viele Male mit glänzenden -Augen von seiner Mutter, die bei den Menschen als hart gelte und -doch ein nach Liebe flehendes Herz besitze. Komm, denke Du könntest -mit Deiner Verzeihung Deinem Kinde eine Wohnung inmitten der Seligen -errichten. Gib Frieden, Constanze!« - -Mit fliegendem Atem sah Max hinüber. Ihm war, als könnte die Mutter -nicht eine Sekunde länger zögern. Ihre schwere seelische Erschütterung -war offenbar, und die Worte seines Onkels waren in ihrer Wehmut und -Sehnsucht nach Schlichtung des alten Familienzerwürfnisses hinreißend. - -Aber die Freihoferin blieb stumm und sah mit zusammengekniffenem Munde -hartnäckig vor sich nieder. - -Da ergriff der Freiherr von neuem das Wort und sprach: - -»Du hast Dein Kind unaussprechlich geliebt, ich weiß es; mit allen -Fasern hingst Du an seinem schwachen Leben. Denke, es wäre ein geheimer -Wunsch Elisabeths gewesen, unsere Familien in Frieden zu wissen. So -lange sie lebte, hätte sie niemals eine solche Bitte ausgesprochen, -denn die Scheu, der Mutter weh zu tun, würde das Kind daran gehindert -haben. Aber wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wo der Mensch den -irdischen Staub abschüttelt, um die letzte Reise anzutreten, dann darf -er das Siegel an seinem Munde zerbrechen. Vielleicht ist die teure -Tote noch von dem Wunsch erfüllt gewesen, die Mutter zu bitten, den -unseligen Zwist ihr mit ins Grab zu geben und sie besaß nur nicht mehr -die Kraft, die Bitte auszusprechen -- --« - -Maxens Blicke hingen unverwandt an der Mutter. Er bemerkte, wie ihr -Körper schwankte, und eine innere Stimme sagte ihm, daß, wenn je, jetzt -der Augenblick gekommen sei, wo der Widerstand der Mutter zerbrechen -mußte. Er hätte aufspringen mögen, um sich zu den Füßen seiner Mutter -niederzuwerfen und ausrufen: »Mutter, sei barmherzig, und gewähre Dir -und uns allen Frieden!« Aber das durfte er nicht wagen! Die Wandlung in -ihrem Innern mußte von anderen bewirkt werden. Die Bitten des Sohnes -hätten ihren Widerstand nur wiederaufrichten und stärken können. Der -junge Mann, dessen Pulse hämmerten, mußte an sich halten, damit er -dem Freiherrn nicht zurief, daß er seine Bitten wiederholen und Worte -finden möge, deren Wärme den Zutritt zu dem schwer zugänglichen Herzen -erzwingen müßten. Doch Worte voll Liebe und Weichheit müßten es sein, -denn nur diese Eigenschaften waren geeignet seine Mutter zu rühren. - -Aber der Mann mit den gramvollen Zügen, der gewiß noch nie so wie jetzt -zu einem Weibe gesprochen hatte, besaß keine Kraft mehr zu bitten. -Sein Gesicht verfinsterte sich, und die Stimme zitterte leise vor -bezwungenem Unmut als er wieder begann: - -»Constanze, achtest Du mein graues Haar nicht _mehr_? Willst du mich -wie einen Schulbuben vor Dir demütigen?« - -Keine Antwort. Nichts, als eisiges Schweigen. Das Weib saß -vornübergesunken und wie leblos im Stuhle. - -Max wartete noch mit angstvoller Spannung auf Worte seines Onkels, -so wie er sie vorhin gesprochen hatte. Da klang es von dessen Munde -schneidend und streng: - -»Ich habe geglaubt, Du besäßest für den Kummer anderer Menschen -wenigstens einen kleinen Raum in Deinem Herzen. Nun aber weiß ich, -daß deine Brust von Stein ist. Ich gebe es auf, künftig noch auf die -Verwirklichung meines Lieblingstraumes hinzuwirken. Von Menschen wird -Dein Handeln nicht mehr gerichtet werden, aber sieh zu, daß Dir die -Worte nicht fehlen, wenn Du einst vor dem Throne des allmächtigen -Gottes Dein Tun verteidigen mußt!« - -Diese Worte klangen wie Donnerschläge, und Max sah, daß seine Mutter, -als der schneidende Klang ertönte, sich aus ihrer zusammengesunkenen -Haltung aufrichtete und das Kinn heftig auf den Hals preßte, wie -sie es zu tun pflegte, wenn sie dem Schicksal ihren eisernen Willen -entgegensetzte. Nun war die Möglichkeit, die Mutter umzustimmen, für -immer dahin. So weich wie vor wenigen Sekunden hatte er sie noch nie -gesehen. - -Jetzt wandte sich der Freiherr von der Greisin ab und trat zu ihm hin. - -»Max,« sprach er und war bemüht, den scharfen Ton in seiner Stimme zu -mildern, »willst Du nicht wenigstens zu mir halten, auf daß in dieser -Stunde eine Brücke aufgerichtet werde, die spätere Tiefenbachs betreten -können? Wollen _wir_ Freunde werden?« - -Die Blicke des jungen Mannes hatten während dieser Worte auf seiner -Mutter geruht und tiefes Mitleid erfüllte ihn, als er daran dachte, -welchen Schmerz er ihr zufügen würde, wenn er die dargebotene Hand -annahm und wie vereinsamt die Mutter dann im Leben stünde. - -Noch sah der Freiherr erwartungsvoll auf den jungen Neffen nieder, bis -sich ihre Augen begegneten. Da schlug Max den Blick zu Boden und warf -gleichzeitig den Oberkörper mit einer unwilligen Bewegung heftig gegen -die Lehne, daß der schwere Stuhl ein Stück zurückfuhr. - -Der Freiherr aber wandte sich betrübt um und ging, ohne noch einen -einzigen Blick zurückzuwerfen, aus dem Zimmer. Max hörte, wie er seine -Schritte nach Elisabeths Kammer lenkte und nach wenigen Minuten durch -den hintern Ausgang das Haus verließ. - -Eine kurze Zeit saßen Mutter und Sohn ohne zu sprechen, beisammen. Max -empfand dieses Schweigen wie eine ungeheure Last und er wäre der Mutter -dankbar gewesen, wenn sie in diesem Augenblick ein paar freundliche -Worte zu ihm gesprochen hätte, deren er so sehr bedurfte. Statt dessen -erhob sich endlich die Mutter und ging mit langsamen Schritten nach -der Tür. Max sah es und fühlte einen heftigen Schmerz in der Brust. -Plötzlich stockte ihr Fuß, und es schien, als wenn sie zu dem Sohne -kommen wolle. Aber nur einen Augenblick hatte dies Zögern gewährt. Dann -ging sie entschlossen weiter und ließ Max allein in der Stube zurück. - -Da kam das Gefühl einer unerträglichen Vereinsamung über den jungen -Mann, und er fühlte sich von der Mutter und allen verlassen. In -demselben Augenblick, wo ihm die Kraft schwand, und er seiner Mutter -für einen im Leben ohnehin nur selten von ihrer Seite empfangenen -Zuspruch die Hände geküßt hätte, ging sie von ihm. Noch nie war ihm so -schwer ums Herz gewesen, und gerade jetzt stand er allein. - -Der gute Engel des Hauses war dahingegangen! Der unselige Zwist -zwischen den nahen Verwandten, der über dem Freihof wie eine -drückende, schwarze Wolke hing, in allen seinen Räumen gespenstisch -schwebte und in den Herzen seiner Bewohner nur selten rechte Freude -hatte aufkommen lassen, dieses Verhängnis, das am Schicksalswege -der Tiefenbachs unheildrohend kauerte, sollte aber nicht von ihnen -weichen. Den edeln Mann, der sich dem Hause als Freund angeboten, -hatte das Schweigen der Mutter für immer vom Freihof gescheucht, und -mit ihm war sein Lebensglück dahingegangen! Ja, heraus damit aus -dem gequälten Herzen; jetzt durfte er ohne zu erröten gestehen, daß -die Gluten der Leidenschaft für Maria von Tiefenbach sein Innerstes -aufwühlten und allen Frieden von ihm nahmen. Denn was ihn nur daran -verhindert, vor dem herrlichen Mädchen damals in der Kirche, als ihre -Seele verzweifelnd ihr tiefstes Geheimnis hinausschrie, niederzuknien -und ihr seine innigste Gegenliebe zu gestehen, das wußte er jetzt. -Nichts anderes hatte ihm die unbegreifliche Kraft gespendet, seine -Leidenschaft im Herzen zu verschließen, als die Liebe und Ehrfurcht -zu seiner Mutter. Damals fühlte er noch, mit welch starken Banden, -die er unzerreißbar wähnte, er mit seiner Mutter verbunden war. Der -wütendsten Anstrengungen, ihn von ihr zu reißen, hätte er mit Hohn -gespottet. Jetzt aber, wenige Monate später, war es so ganz anders: -der mächtige Anker, der ihn bisher davor schützte, daß die wild auf -ihn einstürmenden Wogen sein Lebensschifflein mit sich fortrissen und -hinaustrieben auf das Meer des Unfriedens und der Ruhelosigkeit, war -geborsten. - -So sollte also der alte Groll auch fernerhin auf ihm lasten! Der -edle Freund war für die Freihofer auf immer verloren, und sein -verheißungsvoll aufleuchtendes Glück war in Scherben gegangen, -- wohl, -das mußte er ertragen lernen! Was ihn schwer niederdrückte, war also -geblieben, das aber, was ihm hold und besitzenswert erschien, hatte ihn -verlassen. Und jetzt verließ auch sie noch ihn -- seine Mutter? - -Da warf der riesenstarke Mann die Arme auf den Tisch, barg das Gesicht -in ihnen und schluchzte wie ein Kind. - - * * * * * - -Der Freiherr war in gebeugter Haltung langsam den Weg zum Schloß -hinaufgegangen. - -Eine halbe Stunde später tat sich das Gattertor wieder auf, und ein -berittener Bote trabte auf lustig wieherndem Rößlein den Schloßberg -herunter. Er hatte Ungeduld, auf die Straße zu kommen und lenkte -deshalb das Tier querfeldein. Über Gräben, Hecken und rieselndes Wasser -flog der Gaul wie ein Reh hinweg, bis er zuletzt in weitem Sprunge über -den Straßengraben setzte. - -Und dann jagte der Reiter mit verhängten Zügeln auf der Straße dahin, -die nach Eckartsberg führte. - - - - -14. Kapitel. - - -Es war eine wunderbare, märchenschöne Maiennacht. Kein Wölkchen stand -am Himmel. Gegen zehn Uhr war der Vollmond heraufgezogen und übergoß -die ganze Landschaft mit seinem milden, weißen Licht. Der Himmel sah -aus wie eine riesige, tiefdunkelblaue Sammetdecke, auf der Myriaden -von Sternen gleich glitzernden Steinen ausgestreut waren. Die Luft -war so klar und durchsichtig, daß die funkelnden Himmelskörper dem -Auge viel näher erschienen, und die Umrisse der Häuser und Bäume waren -scharf zu erkennen. Kein Laut erscholl weithin, der die feierliche -Stille unterbrochen hätte. Nur dort, wo der leichte Windhauch von den -bunten Wiesen her den balsamischen Duft der jungen Gräser und Blumen -hintrug, rauschte es geheimnisvoll in den Bäumen. Leise bewegten sich -die schlanken Zweige der in frischem Weiß leuchtenden Birken, und die -zitternden jungen Blätter lispelten ohne zu ermüden und priesen die -Pracht des in seiner siegenden Schönheit ins Land gezogenen Lenzes. - -Auf einem der breitästigen, blühenden Lindenbäume, die rund um den -Brunnen vor der Schenke standen, saß mit feurigen Augen ein Eulenpaar, -das in seiner hohlen, klagenden Sprache glühende Liebesschwüre -austauschte, während der Wind leise die Wipfel bewegte, daß sein -Rauschen wie eine Erzählung klang von all den Menschen, die unter den -Bäumen schon als Kinder gespielt und die sich endlich lebensmüde in -ihrem Schatten ausgeruht hatten. - -Rastlos floß unterdessen das Wasser aus der hölzernen Röhre in den -geräumigen Steintrog. - -Aus den Wohnungen der Menschen drang kein Laut. Sorge und Kummer -hatten ihre Macht über sie verloren und manchmal lächelte wohl einer -der Schläfer, weil ihm der gütige Traumgott freundliche Bilder vor die -Seele gezaubert hatte. - -Frieden ringsum! - -Alle Gegenstände waren von dem silbernen Licht des Mondes umflossen. -Ein wunderbares Schweigen lag auf dem friedlichen Dorfe, in das hinein -der Brunnen seine alten, dumpfen Lieder sang. Und über der schlafenden -Erde zogen die Gestirne lautlos ihre unveränderlichen, ewigen Bahnen. - - * * * * * - -Vom Schloßberg kam eine schlanke Gestalt herab, die um Kopf und -Schultern ein leichtes Tuch gelegt hatte. Ohne zu zögern, lief sie -über die blumigen Wiesen an den blühenden Haselnußbüschen vorbei, bis -sie endlich an dem schmalen Stege angekommen war, der über den Bach in -den Obstgarten des Freihofes führte. Dort blieb sie stehen und lehnte -sich an einen Baum, neben der schwachen Brücke. Das Weib tat ein paar -tiefe Atemzüge, schob das Tuch vom Kopf zurück, daß es auf den Nacken -herunterfiel und strich mit ihrer Hand über die Stirn. Der Mond schien -der Einsamen voll ins Gesicht: es war Maria von Tiefenbach. - -Ihre Augen flogen verlangend hinüber über das leise murmelnde Wasser. -Dann schaute sie wieder zurück nach dem Weg, den sie gekommen war -und nach dem Schloß, dessen letzter Turm hoch hinaufragte zu dem -leuchtenden Firmament. - -Maria hüllte den Kopf wieder ein und schritt dann vorsichtig über den -Steg, den sie zum ersten Mal in ihrem Leben betrat. - -Kaum aber stand sie unter dem nächsten Baum auf dem jenseitigen Ufer, -als aus dem Schatten des Wohnhauses mit mächtigen Sprüngen Sultan -der Hofhund auf sie zustürzte. Winselnd sprang das treue Tier an dem -Mädchen hinauf, warf sich vor ihr nieder, wälzte sich im Grase und -wiederholte dann seine ausgelassenen Sprünge. Mit wehmütigem Lächeln -kniete Maria ins Gras, streckte die Hand aus, griff in das zottige Fell -des Hundes und zog ihn liebkosend an sich heran, wie sie es so oft -getan, wenn Elisabeth ihn mit aufs Schloß gebracht hatte. - -»Du Armer,« sagte sie leise. »Nicht nur den Menschen, auch Dir fehlt -die Tote. Jetzt ist auf dem Hofe wohl keine Hand mehr bereit, Dich -zu streicheln. Ja,« setzte das Mädchen seufzend hinzu, »es weiß noch -keiner richtig, wie viel er verloren hat!« - -Dann klopfte sie dem Tier noch einmal den Rücken und ging nach der -hintern Tür des Hauses. - -Die örtlichen Verhältnisse des Freihofes waren Maria so bekannt, als -ob sie von Jugend auf hier gewohnt hätte. Hatte sie den Fuß auch noch -nie an diesen Ort gesetzt, so kannte sie doch die Einrichtung des Hofes -aus den tausend kleinen Erzählungen Elisabeths ganz genau, und von dem -Vater wußte das Mädchen, daß man die Tote in ihrer Kammer aufgebahrt -hatte. Maria legte die Hand auf den eisernen Drücker und öffnete -behutsam die Tür, die ohne das geringste Geräusch unter ihrem Drucke -wich. - -Eine undurchdringliche Finsternis gähnte ihr entgegen. Durch die offene -Tür warf aber der Mond sein milchweißes Licht und beleuchtete ein -großes Stück Wand nahe dem Eingang. Die Aeste und Blätter der Bäume des -Obstgartens zeichneten sich auf der beschienenen Fläche ab, und wenn -der milde Luftzug die Bäume bewegte, huschten die verworrenen Figuren -durcheinander und wichen vor dem Mädchen zurück, um sich ihm alsbald -wieder zu nähern. Wie eine Unzahl schattenhafter Wesen, die ihr Spiel -mit ihr trieben und versuchten, sie hineinzuziehen, um sie im nächsten -Augenblick wieder über die Schwelle zurückzudrängen. - -Da überfiel das tapfere Mädchen eine große Bangigkeit. Und mit -einem Male überkam sie die Bedeutung für den Schritt, den sie zu -tun beabsichtigte. Aber nur eine einzige Sekunde währte dieser -Schwächeanfall. Dann richtete Maria sich auf, machte gegen die -gespenstischen Bilder eine unwillige Bewegung mit der Hand und betrat -vorsichtig den dunkeln Hausflur. Unhörbar lief sie auf den Zehenspitzen -weiter. - -Als sie bei der ersten Tür vorbeischritt, sagte sie leise: »Das ist -die Wäschekammer.« Bei der zweiten Tür flüsterte sie: »Hier schläft -die Beschließerin.« Vor der nächsten Tür blieb Maria aufatmend stehen. -Ihr Herz klopfte zum Zerspringen bei der Erwägung, ob es ihr vergönnt -sein würde, von der toten Freundin Abschied zu nehmen, oder ob sie, nur -durch ein dünnes Brett von ihr getrennt, wieder umkehren müsse. - -Bebend tastete Maria nach der Klinke und gewahrte zu ihrer unsäglichen -Freude, daß die Tür nicht verschlossen war. Geräuschlos öffnete sie -und glitt in das Zimmer, aus dem ihr ein betäubender Blumenduft -entgegenschlug. Dichte Dunkelheit umfing sie. - -Allmählich gewöhnte sich ihr Auge an die Finsternis, die ihr, nach der -großen Helligkeit im Freien, anfangs pechschwarz erschienen war. Sie -bemerkte, daß in dem obern Teil der beiden geschlossenen Fensterladen -zwei kleine Löcher in Form von Herzen eingeschnitten waren, durch die -einzelne Mondstrahlen hereinfielen und das Zimmer notdürftig erhellten. - -In der Mitte des kleinen Raumes stand auf einer mit schwarzem Tuch -umkleideten Bahre der offene Sarg, um den herum eine große Menge von -Blumen und Kränzen aufgehäuft war, daß er fast unter ihnen verschwand. -Zu Häupten breitete eine hohe Fächerpalme an weitragenden Stengeln ihre -umfangreichen Blätter aus. Neben ihr standen zahlreiche hochstämmige, -blühende Gewächse, so daß der obere Teil des Sarges von einem -Blütenhain umgeben war. - -Das Herz brechend schwer, trat Maria zur Linken der Toten an den Sarg -heran. Ihre Augen durchbohrten mit Anstrengung die dichte Finsternis -und blieben auf dem Antlitz ruhen, dessen Züge, je länger sie darauf -schaute, immer deutlicher hervortraten, bis sie zuletzt das alte, liebe -Gesicht der verstorbenen Freundin genau erkannte. Wie ein schlafendes -Kind ruhte Elisabeth auf den weißen Polstern, bekleidet mit einem -dunkelblauen, mit weißen Kanten besetzten Musselinkleid, das das -Mädchen oftmals getragen, wenn sie wie ein Irrwisch durch die Scheunen -und Ställe des Freihofes flog und das die kindliche Lieblichkeit der -Jungfrau erhöht hatte. - -Der Tod hatte auf dem Gesicht keine verheerenden Spuren hinterlassen. -Er war ihr ein willkommener Erlöser gewesen, dem sie mit frohem Lächeln -entgegengesehen hatte. Ein beglückender Gedanke mußte sie im Augenblick -des Scheidens der Seele bewegt haben, von dem ein milder Abglanz auf -dem Gesicht zurückgeblieben war. Heiter, wie sie im Leben gewesen, war -sie hinübergeschlummert. Und neben dem Ausdruck unstillbarer, freudiger -Sehnsucht lagerte ein verklärender Hauch von Frieden auf dem schmalen -Kindergesicht. - -Maria sah erschüttert auf die Tote, die ihr im Leben Freundin und -Schwester zugleich gewesen war. Nie konnte ein reineres und treueres -Herz jemals wieder in Liebe so für sie schlagen, wie das der Toten, -das nun stillstand. Elisabeths sonnige Lebensauffassung, die sich -in einer nie versiegenden Fröhlichkeit kundtat, hatte sie, die -Ernste, Sinnende, oft erheitert, wenn ihr Gemüt von düsteren Wolken -umlagert gewesen war. Und die tiefe Liebe und Anhänglichkeit, die die -Freundin ihr entgegengebracht, hatte sie immer als ein Gnadengeschenk -betrachtet, für das sie dem Himmel nicht genug danken konnte. Nun -war es vorbei mit diesem Glück! Der Augenblick war gekommen, dessen -Herannahen sie schon seit geraumer Zeit mit wachsender Angst bemerkt -und vor dem sie gezittert hatte. - -Maria ließ den Kopf sinken, und ein Gedanke stieg in diesem Augenblick -in ihrer Seele auf, den niederzukämpfen sie sich vergeblich bemühte und -der sich ihr mit solcher Heftigkeit aufdrängte, daß sie schließlich -mit glutroten Wangen davon abstand, ihn länger zu meistern: noch immer -hatte sich in ihrem Herzen die geheime Hoffnung behauptet, daß eine -so reiche Liebe, wie sie für ihren Vetter empfand, endlich doch über -alle Mühsale triumphieren müsse, und die Stütze ihrer Zuversicht war -Elisabeth gewesen. Darüber freilich, wie das Kind mit seiner schwachen -Kraft und seinem gänzlich mangelnden Einfluß auf die Entschließungen -seiner Mutter sie aus der Wirrnis hinausführen sollte, hatte sie nie -nachgedacht. Sie selbst schalt sich in ruhigen Stunden töricht ob -ihrer Hoffnung, daß in dem Herzen der unerbittlichen Tante jemals -eine Wandlung vor sich gehen könne. Und die scharfe und kalte Absage, -die ihr Max in demselben Augenblick erteilte, in dem die tötliche -Angst, ihn auf immer zu verlieren, den leidenschaftlichen Ausbruch bei -ihr bewirkte, hatte sie belehrt, daß sie die Stimme in ihrem Busen -verstummen lassen müsse. - -Alles das hatte sich Maria ja schon oft gesagt, und doch wollte die -Stimme nicht schweigen, sehnte und hoffte ihr gequältes Herz in -Bangigkeit weiter. Jetzt begriff sie mit einem Male, daß, solange -Elisabeth gelebt, sie auch hatte weiterhoffen dürfen, denn die -Freundschaft Elisabeths war das unsichtbare Band gewesen, das sie mit -dem Freihof verknüpft hatte. Jetzt aber versagte dem beredten Mund -in ihrem Innern die Sprache, und eine zermalmende Hoffnungslosigkeit -überkam sie. Max von Tiefenbach war von jetzt ab für sie unabänderlich -verloren! - -Und langsam zogen die geheimsten Gedanken des Mädchens an seiner Seele -vorüber. Sie sah sich zärtlich an den Geliebten geschmiegt, ihre Stirn -war an seine Brust gelehnt. Innig hielt er sie umfangen, und mit -unsagbar beglückenden Worten hatte er ihr seine Liebe gestanden und -dann ihren Kopf aufgehoben und ihre Lippen und Augen geküßt. Niemand in -der weiten Umgebung besaß eine so hohe Gestalt, daß er neben Maria von -Tiefenbach sich hätte behaupten können, nur er; und keinen anderen Mann -würde Marias stolzer Sinn jemals den Besitz ihres herrlichen Körpers, -wie die Natur ihr ihn gütig verliehen hatte, einräumen. Die heiligen -Flammen keuscher Mädchenliebe durchloderten ihren Busen im Wachen wie -im Schlummer, -- mit der treuen Freundin aber zugleich begrub man auch -ihre Liebe. -- -- -- - -Maria von Tiefenbach vergaß in diesem Augenblick ganz den Ort, an dem -sie weilte. Sie kniete neben der Bahre nieder, neigte den Kopf darauf -und weinte zum Herzbrechen. Und so verharrte sie lange Zeit, während -die Tränen reichlich flossen und der wilde Sturm in ihrem Innern an -Heftigkeit langsam nachließ. - -Da überkam sie plötzlich der Gedanke, wie unsagbar schwer vor allem -Elisabeths Mutter unter dem Verlust leiden müsse. Und wie der edle -Mensch dann wenn er des Nächsten gewaltigen Schmerz sieht, den eignen -Schmerz unter seinem Mitleid für eine Weile vergißt, empfand auch Maria -tiefes Mitgefühl für die unglückliche Mutter. Ihre Tränen versiegten, -und indem sie sich aufrichtete, die gefalteten Hände erhob und an die -Lippen preßte, betete sie mit bebender Stimme: - -»Du Allgütiger, Tröster und Erbarmer! Erbarme Dich auch der Mutter -dieses Kindes, spende ihr reichen Trost in diesem schweren Herzeleid -und laß sie Ruhe und Frieden finden!« - -Langsam sanken die Hände herab, und Maria fühlte ihre seelische -Kraft wieder erstarken. Mit der Tröstung, die sie auf das Weib -herabgefleht, das sich ihr so unversöhnlich feindselig gegenüberstellte -und zweifellos die Schuld trug, daß ihr zartes Liebesglück in der -Knospe vernichtet wurde, war auch in ihre Brust Trost eingezogen. Der -herbe Schmerz hatte sich gemildert und war vor dem Mitleid keusch -zurückgewichen. - -Ihre Gedanken aber wollten sich nicht von der Freihoferin abwenden. -Immer deutlicher stieg das Bild dieser schwergeprüften Mutter in ihrer -Seele herauf, daß sie meinte, sie vor sich zu sehen. Maria sah im -Geiste ein Paar runzliger Wangen, einen zusammengekniffenen Mund und -fühlte fast den langen Blick aus den tiefliegenden Augen. Sie hatte -die Freihoferin immer nur von fern gesehen, jetzt aber gewahrte sie -zu ihrem Erstaunen, wie tief das Bild der Greisin in ihrer Seele -eingegraben war. Die hohe Stirn wurde von grauem Haar begrenzt, das, in -der Mitte geteilt, in dünnen Strähnen zu den Ohren herablief. Neben dem -herben Ausdruck lagerte auf dem Gesicht gewaltiger Schmerz. - -Maria empfand, wie ihre Einbildungskraft aufs höchste erregt war. Sie -fuhr mit der Hand über die Augen um das Trugbild zu verscheuchen. Aber -die Erscheinung wollte nicht weichen, denn noch immer sah sie zwischen -Blüten und Blättern das fahle Gesicht Elisabeths Mutter. - -Ihre Augen schmerzten schon, doch konnte sie nicht wegschauen. Den -Atem zurückhaltend, versuchte sie erneut mit den Augen die Dunkelheit -zu durchdringen, während Schweißperlen auf ihre Stirn traten. Da, -- -hatte sich das Bild nicht soeben bewegt? Nein, es war nicht möglich, -die hohe Aufregung und der Ort hatten ihre Sinne überreizt. »Großer -Gott -- -- --!« schrie das Mädchen plötzlich auf. Dann erstarben -ihr die Worte auf der Zunge, und sie duckte sich nieder wie in der -Erwartung eines heftigen Schlages. Denn in diesem Augenblick waren -die tödlichen Zweifel geschwunden, -- sie wußte sich der Freihoferin -gegenüber. - -Noch einige Sekunden hingen diese vier Augen aneinander, dann -schwankten drüben Blätter und Zweige, bogen sich zurück und schlugen, -während das Gesicht verschwand, wieder zusammen. Geräuschlos rückte ein -Stuhl, und die Freihoferin trat aus der Hecke von Blumen und Gewächsen -hervor. Sie zündete die Kerzen eines auf dem Tische stehenden, -schweren, dreiarmigen Silberleuchters an, wandte sich zur Tür und -deutete mit einer schroffen Bewegung, als wolle sie die Grabesstille -des Raumes nicht unterbrechen, dem noch immer mit den Zeichen des -Schreckens in hilfloser Haltung knieenden Mädchens stumm an, ihr zu -folgen. - - * * * * * - -Max saß im dunkeln Wohnzimmer wieder wie gestern beim Erscheinen des -Freiherrn in dem mächtigen Armstuhl, dessen hohe, mit gepunztem Leder -überzogene Lehne noch ein Stück über seinen Kopf hinausragte. In dieser -Nacht würde er den Schlaf nicht finden, deshalb suchte er das Lager -nicht erst auf. - -In seiner Seele lag eine Welt in Trümmern, und der Himmel, der sich -über ihm wölbte, war bleifarben und hing tief herab. In den letzten -Tagen war er um Jahre älter geworden. Das Schicksal hatte ihm einen -empfindlichen Schlag versetzt. Seinen Nacken zu beugen, war es freilich -nicht im stande gewesen, aber seinen unbändigen Trotz, mit dem er -die entstellte Fratze, die, wohin er auch immer ging, vor seinen -Augen stand, auflachend verscheuchen wollte, hatte er noch nicht -wiedergefunden. Aber gemach! Er wußte, daß er die beschämende Schwäche -in wenigen Tagen würde niedergerungen haben, denn die Tiefenbachs -hatten zu allen Zeiten Stiernacken besessen. - -Da hörte er Tritte im Hausgang, die in die tiefe Stille hineinklangen. -Die Mutter wußte er am Sarg der Toten, die sie in der letzten Nacht -nicht verlassen würde. Er erkannte ihren Schritt, der schleppend -näherkam. Aber, horch, was war das? War das nicht der Schall der Tritte -_zweier_ Menschen? Unwillkürlich richtete er sich auf und lauschte. -Da öffnete sich schon die Tür, und heller Kerzenschein drang in das -Zimmer. - -Schwerfällig trat die Greisin ein und stellte den Leuchter auf den -großen, runden Tisch. Max aber achtete nicht der wankenden Mutter, -seine Augen waren voll Ueberraschung auf die Tür gerichtet, in der -soeben eine fremde Frauengestalt erschienen war. Eine Sekunde starrte -er atemlos auf die im Halbdunkel stehende Erscheinung auf der Schwelle, -deren Gesicht er nicht zu erkennen vermochte. Da griff plötzlich eine -kalte Hand nach seinem Herzen und preßte es heftig -- er hatte die -Fremde erkannt. - -Schon wollte ihn die Überraschung ganz gefangen nehmen, da erhob sich -in seinem Innern ein Sturm, und seine Sinne arbeiteten fieberhaft an -der Deutung dieses Rätsels. Wie ein Blitz fiel die Erleuchtung in -seine Seele: Maria von Tiefenbach hat sich in das Haus gestohlen, um -von ihrer gestorbenen Freundin Abschied zu nehmen. Die am Totenbett -weilende Mutter will in ihrem Haß die edeln Gefühle des Mädchens nicht -gelten lassen und bringt es hierher, damit sie in seiner Gegenwart -Marias Teilnahme schroff zurückweise, um durch verletzende Worte dem -sie beunruhigenden Herannahen der Schloßleute für immer zu begegnen. - -Da schlug die heiße Flamme des Unwillens in Maxens Herzen über seine -Mutter jäh auf. Er raste wie im Fieber und erhob sich halb vom Stuhl, -um bei ihren ersten verletzenden Worten aufzuspringen. Noch verließ ihn -die Besinnung nicht, noch war er sich bewußt, daß er sich vor seiner -Mutter befand, die er von Kindesbeinen an so verehrt und geliebt hatte, -wie ein Sohn seine Mutter nur lieben kann und die er noch bis gestern -für unfehlbar gehalten hatte. Auf sein Lebensglück um ihretwillen -verzichten und es zersplittern zu lassen, das vermochte er zu ertragen. -Die aber verletzen, deren Bild er fortan unauslöschbar im Herzen -tragen würde, obwohl sie die Enkelin jenes Mannes war, der seine -Großmutter beschimpfte, diesem hochherzigen Mädchen wehzutun, nein, -beim ewigen Himmel, das durfte sie nicht! Mochte die Scholle erbeben, -auf der ihm die Mutter das Leben gegeben, wenn er sich jetzt gegen -sie wandte, mochte das Dach des väterlichen Hauses niederstürzend ihn -begraben und die Menschen einst mit Entsetzen im weiten Bogen das Grab -meiden, das die Unnatur barg, die gegen den Schoß raste, der sie gebar. -Er würde trotzen! Zusehen aber, und müßig dabei bleiben, wenn Maria von -Tiefenbach von der Mutter gedemütigt wurde, das konnte er nicht! Alle -Sinne aufs äußerste angespannt, starrte Max auf seine Mutter. - -Das Mädchen war in der Tür in vornübergeneigter Haltung stehen -geblieben, während die Freihoferin an das nach dem Garten hinausgehende -Fenster getreten war und sich müde zurücklehnte. Kein Laut kündigte -an, daß sich in diesem Zimmer drei Menschen befanden, deren Herzen zum -Zerspringen schlugen. - -Ein paar Sekunden atemraubender Stille verstrichen, dann machte die -Freihoferin eine Bewegung, als wenn sie die letzte Kraft zusammenraffe -und begann zu sprechen. Ihre Stimme klang nicht so voll wie sonst, aber -ruhig und eisig: - -»Baronesse! Um des traurigen Ereignisses willen, das zu ertragen uns -eine höhere Fügung auferlegt hat, kann ich Ihnen nicht zürnen, wenn -Sie Ihren Fuß über die Schwelle dieses Hauses setzten, das Ihnen sonst -verschlossen bleiben muß. Sie haben sie gekannt, meine -- verstorbene -Tochter -- --« - -Bei den letzten Worten war die Stimme rauh geworden und brach -plötzlich ab. Der Körper der Sprechenden war wieder gegen das Fenster -zurückgesunken, ihre Augenlider waren halb herabgefallen. Sie versuchte -und versuchte wieder weiterzusprechen, -- umsonst. Ein heftiges Zittern -überlief die hohe Gestalt der Greisin, und der zum Sprechen geöffnete -Mund schloß sich und blieb stumm. - -O, ihr rätselvollen, unergründlichen Tiefen des Frauenherzens! - -Eine kurze Weile tödlichen Schweigens verstrich, währenddessen ein -erbitterter Kampf, der Abschluß einer siebzigjährigen, unaufhörlich -genährten Feindschaft, blitzschnell entschieden wurde. Und dann -klang es, demütig bittend, von den zuckenden Lippen der Tochter des -beschimpften Weibes: - -»Maria, willst Du mir eine liebende Tochter, meinem Sohn eine treue -Gattin sein?« - -Wenn die Natur sich in wildem Aufruhr befindet, und die sonst friedlich -schlummernden Elemente entfesselt sind, wenn von dem dräuenden Himmel -Wolkenbäche herniederstürzen, in den zusammengeballten, schwarzen -Luftgebilden Blitze mit rasender Aufeinanderfolge aufzucken, denen das -Krachen der Donner hinterhergrollt und der Orkan heulend durch die -Gassen peitscht, dann ereignet es sich zuweilen, daß einem letzten, den -Himmel in zwei unermeßliche Hälften zerreißenden Aufleuchten und einem -gräßlichen Donnerschlage tiefe Ruhe folgt. - -Also geschah es in der großen Wohnstube mit dem schweren, -altväterischen Hausrat auf dem Freihofe. Der ungeheure Sturm war wie -durch einen Zauberspruch gebändigt, und tiefe Stille war ihm gefolgt. -Während die Greisin bis an die Wand am Fenster zurückgesunken war, -war das Mädchen von der Tür aus mit ein paar heftigen Schritten zu dem -Tisch geeilt und starrte, mit beiden Armen sich schwer aufstützend, -unverwandt auf das Weib am Fenster. - -Max, der zum Aufspringen bereit gesessen hatte, war in den Stuhl -hineingesunken, daß der große Körper in dem schwerfälligen Möbel -aussah wie der eines Kindes. Er war nicht im stande klar zu denken; -hundert Begriffe drangen von allen Seiten und zu gleicher Zeit auf ihn -ein, jagten wie das wilde Heer in sinnverwirrender Geschwindigkeit an -seinem geistigen Auge vorüber und tanzten dann in tollem Wirbel um ihn -herum, bis sie ihn endlich in eine ungeheure Tiefe mit hinabrissen. -Das Vermögen, zu beurteilen wo er sich befand, verließ ihn, und die -Erinnerung an das soeben Erlebte verblich. Ein Zustand höchster -geistiger Abspannung nach all den wilden Stürmen in den letzten -Tagen war über ihn gekommen, der so gewaltig war, daß selbst Max von -Tiefenbachs Kraft ihm nicht widerstehen konnte. Wie wenn ein schwer -getroffener Stier röchelnd zusammenbricht, wenn der Wirbelsturm in -einem einzigen Augenblick einen mannsdicken Eichbaum knickt, daß er -krachend zu Boden stürzt, so hilflos brach Maxens Widerstand zusammen. -Seine Blicke irrten im Zimmer umher, glitten verständnislos von einem -zum andern, ohne den beklommenen Eindruck der Seele zu vermitteln. Sein -Hirn war wie ausgeblasen. Er hatte das verschwommene Empfinden, als -wenn sich etwas Ungeheuerliches zugetragen hätte und bemühte sich mit -aller Kraft, seine Sinne wieder in die Gewalt zu bekommen. Vergebens, -die Seele sagte ihm in diesem Augenblick den Gehorsam auf und ließ ihm -nur das Erkennen seiner Ohnmacht. - -Mit riesengroßer Willenskraft riß er das Wenige, das ihm geblieben, an -sich und war bemüht, wie ein Kind das Nächstliegende zu überdenken. -Dies war seine Hand; worauf sie lag, die Armlehne eines Stuhles, das -ein Knopf seines Rockes. Dann versuchte er darüber nachzuforschen, -was sich hier zugetragen hatte. Er strengte seinen Geist mit -übermenschlicher Kraft an, daß er einen heftig bohrenden Schmerz im -Gehirn empfand, der ihm den Schädel zersprengen wollte. Worte waren -gesprochen worden. Von wem, worüber? Vergebens versuchte er gegen die -Schwäche anzukämpfen, die wie ein granitner Felsen vor ihm lagerte, an -dem sein Willen zersplitterte wie ein Knabensäbel. - -Plötzlich horchte er auf. Vom Fenster her drangen schwach Worte an sein -Ohr: - -»Aber warum küßt Ihr Euch nicht, meine Kinder?« - -Wer war das, der da so sprach? Wer hatte das gesprochen? War das nicht -die Stimme der Mutter? Seiner _Mutter_? Nein! vom Küssen ging die Rede, -und seine Mutter sprach nie vom Küssen! Aber vorhin war die Mutter doch -in der Stube gewesen und hatte gesprochen. Und wie sie geendet, hatte -es sich wie eine schwarze Binde auf seine Augen gelegt, und der Kopf -hatte ihm geschmerzt wie infolge eines heftigen Sturzes. War nicht noch -jemand hier gewesen? Ja, die Mutter war mit dem brennenden Leuchter -eingetreten und hinter ihr hatte er in dem ungewissen Halbdunkel noch -einen Menschen gesehen, -- ein Weib. Wer aber war dieses Weib? - -Und abermals versuchte Max mit aller Kraft seine Gedanken zu zwingen, -ihm wieder dienstbar zu sein. - -Da tönte wiederum die Stimme von vorhin, und jetzt erkannte er sie -untrüglich als die seiner Mutter. Aber weich klang sie, wie der Sohn -sie noch nie gehört hatte: - -»Als ich jung war, küßte man sich in solchen Augenblicken!« - -Und wie das Sonnenlicht durch dunkles Gewölk bricht, ebenso siegreich -stieg bei diesen Worten die Erinnerung an das in den letzten Minuten -Vorgefallene in Max herauf. - -Blitzschnell und mit bewunderungswürdiger Schärfe arbeitete jetzt -Maxens Hirn und gab ihm die Deutung dessen, was ihm soeben noch als -Rätsel erschienen war. - -Er knüpfte wieder dort an, wo ihn vorhin das klare Denkvermögen -verlassen hatte: Maria war unbemerkt in das Haus gekommen, um an -Elisabeths Sarge noch einmal zu beten, und von dort hatte die Mutter -das Mädchen mit hierhergebracht. - -Max kämpfte mit der Erschütterung, die der überraschende Wandel der -Gesinnung seiner Mutter auf ihn ausgeübt hatte. Aber er kannte seine -Mutter nur zu gut, daß ihm jetzt die Beweggründe für ihr Tun nicht bis -zur Ueberzeugung hätten verständlich sein müssen: der erzene Panzer -um ihr Herz war zersprungen. Sie war entschlossen, die Schuld für die -Nichteinlösung des ihrem sterbenden Vater gegebenen Wortes auf sich -zu nehmen und über den Haß, den sie seither im Busen wachgehalten und -genährt, triumphierte die Liebe. Eingedenk des Versprechens und mit dem -halsstarrigen Trotze, der ein geistiges Familiengut der Tiefenbachs -war, und den die bäuerliche Linie noch weit stärker besaß als die auf -dem Schlosse, hatte sie sich den Haß gegen die Verwandten zu einem -Stück ihrer Lebensaufgabe gemacht. Und, ach, wie seltsam! Wie doch die -Leidenschaften, die sich fliehen müßten, dicht beieinander wohnen; -denn mit der Stärke zu hassen, hatte die Vorsehung diesem Weibe auch -das unstillbare Verlangen Liebe zu geben und zu empfangen in die Seele -gepflanzt. Wie oft mußte ihr das Hassen schwer geworden sein, wenn sie -sah, wie das Kind, an dessen Besitz ihr Herz mit allen Fasern geknüpft -war, ein Stück seiner Liebe den Gehaßten schenkte. - -Es war Max offenbar, daß die Liebe _eines_ Kindes seiner Mutter -nicht genug war. Wem unter einem rauhen Aeußern ein von Liebe so -überquellendes Herz schlägt, der darf sich füglich darnach sehnen, -mit mehr als einem Teuern auf das Innigste verbunden zu sein. Deshalb -bat sie jetzt das Mädchen, an dem die Verstorbene mit ganzer Seele -gehangen, die leergewordene Stelle in ihrem Herzen einzunehmen und -die Liebe, die sie für die Tochter empfunden hatte, fortan ihr, der -Mutter zu schenken. -- Oder sollte seine Zuneigung zu Maria auf die -Mutter eingewirkt haben? Nein, das war es nicht, denn seine Liebe war -ja sein tiefes Geheimnis gewesen, von dem die Mutter nichts hatte ahnen -können -- -- - -Das Glück, das in dem Augenblick, wo Max verzweifelnd alles verloren -wähnte, ihm zuteil ward, war so riesengroß, daß ihm schwindelte und -er unwillkürlich die Hand auf die Augen legte. Da hörte er einen -fliegenden Atem an seiner Seite, so nahe, daß der warme Hauch seine -Stirn streifte. Und wie er aufschaute, blickte er in das von Angst -entstellte Gesicht seiner Mutter, die ihn mit weitaufgerissenen Augen -flehend ansah. Es war die brustzuschnürende tödliche Angst, daß in -dem Augenblick, in dem der Himmel ihr Herz weich werden ließ und sie -geglaubt hatte, das Leben der von der Toten geliebten Freundin an sich -ketten zu können, diese Hoffnung in Scherben gehe. Denn sie hatte -gewähnt, Max liebe Maria, -- und nun -- --? - -Und zum drittenmale hörte der regungslos im Stuhle Sitzende die Stimme. -Diesmal klang sie gepreßt und die Worte waren abgerissen: - -»Max, Dein Vater küßte mich, als wir uns verlobten!« - -Da überfiel den Sohn ein unendliches Mitgefühl und er griff mit beiden -Händen nach seiner Mutter, um sie an sich zu ziehen. Die aber wich -zurück und wandte den Blick nach der Gestalt am Tische in der Mitte des -Zimmers. - -Max folgte ihrem Blick und gewahrte das in all seinem überwältigenden, -mit Schmerz und Überraschung vermischtem Glück von ihm vergessene -Mädchen, das, die Augen zu Boden geschlagen, dem Umsinken nahe vor ihm -stand. Eine Sekunde lang herrschte noch Schweigen in der Stube. Nur -der Holzwurm tickte in dem hohen Eichengetäfel an den Wänden, und die -flackernden Flammen der Kerzen warfen wunderlich geformte Schatten -darauf, die geisterhaft hin- und herhuschten. Dann wurde die Stille -plötzlich unterbrochen. Max erhob sich lärmend aus dem Stuhl, ging mit -den polternden Schritten eines Trunkenen zum Tisch und schlug die Arme -um die Schultern des bebenden Mädchens. - -Einen langen Blick warf die Freihoferin noch auf die beiden Menschen, --- dann verließ sie geräuschlos das Zimmer -- -- - -Freut Euch, Ihr guten Geister, die Ihr auf dem Freihof und auf dem -Weißen Schlosse allnächtlich Euer Wesen treibt! Kommt hervor aus den -dunkeln Winkeln und Ecken, steigt herab von den Dachbalken und tretet -heraus aus den Verstecken, in denen Ihr Euch am Tage verborgen haltet. -Lärmt heut ausgelassener denn je und treibt Euern närrischen Spuk in -dieser Nacht lustiger wie zuvor. Die gute Tote würde es Euch danken, -wenn Ihr so tätet, und läge sie nicht in ihrem hölzernen Schrein, dann -käme sie heute gewiß zu Euch, um im lustigen Spiel mit herumzutollen. - -Und in dem großen Saale auf dem Weißen Schlosse, durch dessen hohe -Bogenfenster das Mondlicht glänzte, regten sich mit einem Male die -Bilder in ihren goldenen Rahmen. Die alten Herren des Tiefenbachschen -Geschlechts in blitzenden Rüstungen, mit Arm- und Beinschienen, den -eisernen Helm mit hochgeschlagenem Visier auf dem Haupt und zur Seite -den klirrenden Pallasch, oder in sammeten Wämsern mit geschlitzten und -rot ausgefütterten Ärmeln, mit steifem, breitem Halskragen und eckigem -Barett angetan, oder mit goldstrotzenden Staatsgewändern bekleidet, -dazu den federgeschmückten Hut und an der Seite den leichten Degen, --- die Damen in geschürzten und bauschigen Gewändern von bunter Seide -und mit Courschleppen versehen, etliche mit dem Reifrock, geschmückt -mit schweren, goldenen Ketten, die gepuderten Gesichter mit dem roten -Tupf auf den Wangen unter der hochtoupierten Coiffure in wunderlichsten -Formen, oder eingerahmt von der Dormeuse, -- sie alle bekamen Leben -und stiegen herab auf das spiegelblanke Parkett. - -Die Herren machten tiefe Verbeugungen zur Begrüßung, die die alten -Damen mit gnädigem Kopfneigen, die jungen aber mit holdem Erröten und -zierlichem Knixe erwiderten, worauf sie einander in fröhlicher Erregung -stumm die Hände schüttelten. Alle aber trugen einen freudigen Zug auf -den sonst so starren Gesichtern. - -Auf den Gängen und Treppen des Wohnhauses im Freihofe aber begann -ein Summen und Zischeln, ein Wispern und Flüstern; es trippelte und -huschte treppauf, treppab, und des Kicherns und Ausgelassenseins war -kein Ende. Die Kecksten der Hausgeisterchen eilten auf den Zehenspitzen -zu der Tür der Wohnstube. Einer kletterte auf die Schultern eines -andern und guckte voll Eifer durch das Schlüsselloch. Und wie er den -Neugierigen herunterrief was er sah, hob das kaum verstummte Kichern -von neuem an. Sie klatschten in übermütiger Laune in die Hände, und die -Ausgelassensten schossen Purzelbäume. - -Auf dem mit rosigen Blüten übersäten Apfelbaume dicht unter den -Fenstern der Wohnstube jauchzte und schluchzte eine Nachtigall -- -- -- - -Und während die beiden Liebenden einander fest umschlungen hielten und -sich unter Tränen und glückseligem Lächeln die süßesten Schmeichelworte -zuflüsterten, saß eine alte, verhärmte Mutter zusammengesunken am -Totenlager ihres Lieblingskindes, die wildhämmernde Stirn auf die -harte Kante des Sarges gepreßt, die brennenden Augen weit geöffnet, -- -tränenlos. Und sie stammelte mit erstickter Stimme: - -»Hab ich’s so recht gemacht, -- mein Sonnenschein?« - - - - -15. Kapitel. - - -An dem politischen Himmel waren von neuem schwere Gewitterwolken -heraufgezogen. Wie ein donnernder Orkan, der alles vor sich -niederwirft, waren die Wirkungen der kriegerischen Ereignisse des -letzten Jahres über Deutschland gekommen, und nun türmten sich schon -wieder neue Ungewitter auf. - -Das große Kriegstheater, auf dem sich jüngst so manches blutige -Schauspiel abgespielt hatte, zitterte in seinen Grundfesten, und wie -vor zwei Jahren machten die Völker gewaltige Anstrengungen, um sich zu -dem ungeheuern Kampfe zu rüsten. Eine dumpfe Ahnung schwebte in der -Luft: es würde der Entscheidungskampf sein, der Befreiungskrieg der -deutschen Stämme von fremdem, schmachvollem Joch. - -Vom Westen her zogen langsam die neugeschaffenen französischen Armeen -heran. Wohl waren es nicht die kampferprobten, siegesgewohnten -Kriegsscharen wie bisher; in der Mehrzahl füllten junge Männer die -Reihen, deren Dienste man früher abgelehnt hatte. Aber der Riesengeist -des Schlachtenkaisers führte sie, auf dessen zermalmendes Genie seine -Soldaten blind schworen, und dem gegenüber trotz aller kriegsfreudigen -Stimmung seine Feinde ihrer Bangigkeit nicht völlig Herr werden konnten. - -In Sachsen wogte die Stimmung noch immer auf und nieder. Einig war -sich das Volk nur in dem Gedanken, daß man von Polen, nach dem der -König angstvoll ausschaute, nichts wissen wollte. Er und seine Minister -harrten sehnsüchtig auf die Ankunft Napoleons, während das Volk mit -klopfendem Herzen über die Grenze sah, wo der preußische Nationalstolz -wieder erwachte und ein erhebendes Schauspiel anhob. - -Hier und da begann auch in Sachsen die Begeisterung emporzuflackern; -aber das Feuer war matt, man konnte sich kaum die Hände daran wärmen. -Von der himmelwärts schlagenden Begeisterung, dem Zorn und Rachedurst, -die in den preußischen Herzen alle Bedenken zum Schweigen brachten, -war in Sachsen nichts zu spüren. Wohl hatte man nicht die Demütigungen -erlitten, die Preußens König und Volk auferlegt worden waren. Statt der -Mißhandlungen hatte das Land Gunstbeweise und Schmeicheleien vom Kaiser -erfahren. Leider empfanden die weiten Kreise aber nicht, daß Napoleons -Großmut nichts anderes gewesen war als die Klugheit, sich im Herzen -Deutschlands die Sympathien eines Volkes zu sichern, um andere deutsche -Stämme desto ungestörter bekämpfen zu können. - -In der Schlacht bei Jena neben Preußen fechtend, hatte sich Kurfürst -Friedrich August bald darauf Napoleon unterworfen und als Lohn dafür -die Erhebung zum König freudigen Herzens entgegengenommen. Von diesem -Augenblick an war Sachsens Herrscher ein willenloses Werkzeug in der -Hand des Gewaltigen. Er war ihm weniger ergeben aus Dankbarkeit, als -aus Furcht; und mit seinem König jubelte das Land dem Kaiser zu. - -Das Volk entriß sich endlich zuerst dem Taumel; König und Regierung -aber bewahrten ihre Anhänglichkeit fort. Und als schließlich die -Staatsmänner die Stimmung im Volke nicht mehr verkennen konnten, -als sie Scham darüber empfanden, daß nur Sachsen mit Deutschlands -Feinden wider alle deutschen Stämme stand und ihre Verehrung gegen -Napoleon sich in Haß kehrte, da blieb der König allein auf der Seite -seines kaiserlichen Gönners. Selbst als alles verloren war, und die -aufgelöste französische Armee in wilder Flucht durch die Straßen -Leipzigs zurückflutete, erklärte der aus seinem Schlupfwinkel im Keller -herbeigeholte sächsische König dem russischen General Toll mit bleichem -Gesicht, daß sein hoher Verbündeter Leipzig sicherlich nur deshalb -verlasse, um mit seiner Armee auf freiem Felde zu manövrieren. -- - -In Dresden hatte unterdessen der Marschall Davout infolge Sprengens der -Elbbrücke unter der Bevölkerung maßlose Erbitterung erregt, und der -Kommandant von Torgau, General Thielmann, war in die russische Armee -eingetreten, da er die vom König befohlene Auslieferung der Festung an -die Franzosen als entehrende Schmach empfand. - -Noch war Napoleon mit seiner Hauptmacht unterwegs, da wurde dem König -beim Heranrücken der Russen der Boden seines Landes unter den Füßen -heiß. Er zog sich nach Regensburg zurück und ging bald darauf nach -Prag, von wo aus er mit dem Wiener Kabinett Unterhandlungen pflog, -deren Spitze sich allerdings gegen die Franzosen richtete, und die -er aus Klugheit eingeleitet hatte, um es nicht mit beiden Teilen zu -verderben. Da erschien plötzlich der Kaiser in Dresden, nachdem ihm das -alte Kriegsglück bei Großgörschen wieder gelächelt hatte. - -In hellem Zorn entbot er König Friedrich August zu sich. Bei der -Kunde des Sieges Napoleons brach die mühsam behauptete Fassung -des Königs zusammen. Er eilte nach seiner Hauptstadt und empfing -zerknirscht die Vorwürfe des Kaisers. Alle Demütigungen, die Friedrich -Wilhelm von Preußen erlitten hatte, bedeuteten nichts im Vergleich -zu der Erniedrigung, der sich Sachsens König in diesen Tagen -unterwerfen mußte. Aber auch dieses Schicksal war nicht imstande, dem -dreiundsechzigjährigen König die Augen zu öffnen, sondern vertiefte in -ihm nur das Gefühl der Unterwürfigkeit vor Napoleon. - -Einer von den Männern, die die politische Lauheit ihres Volkes von -vornherein ergrimmte, und denen die Scham über das unwürdige Gebahren -von König und Regierung ins Herz brannte, war Konrad Hartmann. Mit -Freude vernahm er von der gewaltigen Erhebung des preußischen Volks -und er konnte eine Anwandlung von Neid nicht unterdrücken, wenn er -diese Begeisterung und Opferwilligkeit mit der schwankenden Haltung -der breiten Kreise der sächsischen Bevölkerung verglich. Denn aus -dem menschlichen Hingezogenfühlen zu diesem, den Sachsen durch seine -unerschrockene Erhebung hohe Achtung einflößenden deutschen Stamme, -aus den eingebildeten Gefühlen der Dankbarkeit und der Anbetung des -Genies, der stillen Eitelkeit, daß der von der ganzen Welt bewunderte -Franzosenkaiser sich offen als Freund des sächsischen Volkes bekannte -und endlich der gewohnten, alles gutheißenden Ergebenheit zu dem König, --- aus all diesen widerstreitenden Empfindungen heraus wollte in -Sachsen noch immer nicht überall die Erkenntnis des wahren Standes der -Dinge heraufkommen. - -Konrad hatte schon mehrfach versucht, gleichgesinnte Männer zu finden. -Bei Max hatte er zuerst angeklopft, obwohl er von früher her dessen -Gesinnung kannte. Es war auch diesmal nicht möglich gewesen, den -Freund für seine Ideen zu gewinnen. Zwar verfolgte Max den Gang der -Ereignisse mit Aufmerksamkeit, aber dem Plan Konrads, im Stillen -für eine gewaltige Kundgebung gegen die laue Regierung zu arbeiten, -konnte er nimmermehr zustimmen. Das aristokratische Gefühl, das er -mit dem Blut empfangen hatte, beherrschte ihn so stark, daß er jeden -Plan zu einem Unternehmen, den Entschlüssen der Regierung gewaltsam -entgegenzutreten, verwarf. Er war nicht umsonst der Nachkomme eines -Geschlechts, das jahrhundertelang für die Autorität der Staatsregierung -durch dick und dünn geritten war und dem der Wille des Landesherrn -allzeit als oberstes Gesetz gegolten hatte. Wenn er auch nicht an die -Unfehlbarkeit der Monarchen glaubte, so war es nach seiner Überzeugung -doch besser, wenn sich ein Volk selbst dann, wenn seine Geschicke -durch die irrige Politik seines Königs drückend wurden, dem Lose -willig fügte, als durch eigene Versuche eine Änderung der Verhältnisse -herbeizuführen. Das hohe Gefühl der Verantwortlichkeit gegenüber der -Vorsehung, die sie eingesetzt, hatte die Herrschenden auf Sachsens -Thron zu allen Zeiten den richtigen Augenblick erkennen lassen, zu dem -sie das Steuer des Staatsschiffes wirksam gebrauchen und seinen Kurs -ändern mußten. - -Konrad hatte mit großer Beredtsamkeit auf die vielen Fehler -hingewiesen, die in den letzten Jahren in Dresden gemacht worden waren, -ohne daß es seinen Worten gelungen wäre, den Freund umzustimmen. - -Dann ging der Rabensteiner zu andern, bei denen er Erhörung hoffte. -Aber auch hier machten seine Worte keinen großen Eindruck. Des Krieges -waren sie alle müde, aber sie begriffen es nicht, wie einer so kühn -sein konnte daran zu denken, daß das Volk einen Einfluß auf die -Beendigung des Krieges gewinnen könne. Für solche Sachen hatte man ja -die Regierung. Und wenn diese, die das Elend des Landes sicherlich -genau kannte, nicht imstande war eine Änderung herbeizuführen, wie -sollte es dann der einzelne Bauer können? - -Drüben in Preußen lag die Sache ja ganz anders. Dort handelte der König -gemeinsam mit seinen Untertanen. - -Und die Sprecher schlugen mit der schwieligen Bauernfaust krachend auf -den Tisch und schwuren, daß sie nun genug hätten von den ewigen Kriegen -und daß sie, wenn man nach ihnen riefe, bereit seien, die Blutsauger zu -Paaren zu treiben, -- freilich müsse man, fügten sie kleinlaut hinzu, -doch erst abwarten, ob denn der König dies auch so haben wolle. - -Mit Ingrimm lachte Konrad diesen Helden dann ins Gesicht und -versicherte ihnen, daß sie, wenn sie darauf warten wollten, nie im -Leben ein Schießeisen in die Hände zu nehmen brauchten; die Schrecken -des Krieges mit seinen Verlusten an Blut und Gut würden dann aber auch -niemals enden. - -Bei den Besitzenden hatte Konrad nichts ausgerichtet. Sie bangten -vielzusehr um ihre Habe und hätten sich ihr Eigentum eher stückweise -unter den Händen wegreißen lassen, als sich dazu aufzuraffen, dem -unersättlichen Angreifer entschlossen entgegenzutreten. - -Hierauf ging der Unermüdliche zu den Besitzlosen, zu denen, die um ihr -tägliches Brot hart arbeiteten. Denn auch diese litten schwer unter -den Kriegszeiten. Er sprach von der mit Füßen getretenen Ehre des -Volks. Das verstanden sie nicht. Dann erzählte er, wie schön es doch -wäre, wenn die Franzosen das Land verließen und nicht wiederkehrten. -Das gefiel ihnen. Zuletzt malte er die Segnungen gedeihlicher -Friedensarbeit aus. Wie das arg verwüstete Land wieder aufblühen würde, -der Wohlstand zurückkehre und auch für sie wieder bessere Zeiten -anbrechen müßten. Da schmunzelten die also Angesprochenen, hielten -den Pflug an, oder machten den krummen Rücken gerade und stellten den -Fuß auf den Spaten und erkundigten sich, ob der Mittelknecht dann -wieder dreißig Taler bekäme statt der zwanzig wie jetzt, und ob das -Besserwerden schon von der nächsten Woche ab losgehe, oder wann sonst. -Wenn die Franzosen gingen. -- Ob die bald gingen? -- Die gehen nicht -von selbst, wir müssen sie zum Lande hinauswerfen. -- Staunen! -- Aber -ihr Kaiser, der Napoleon, was mit dem werden solle? -- Der muß mitsamt -seinem Heere fortgejagt werden. -- -- - -Da wurden die Gesichter lang und länger, und mitleidige Blicke trafen -Konrad. Schade um ihn! Der Rabensteiner war bisher ein Mann gewesen, -vor dem man Achtung haben mußte, weil er alle Dinge kannte; aber jetzt -war es aus mit ihm. Er hatte immerfort in dicken Büchern gelesen und -sich dabei überstudiert. So war er, der Alleswissende, im Kopfe schwach -geworden und sah den Mond für ein Käsekäulchen an. Und mit lautem hüh -wurden die Gäule wieder angetrieben, daß der scharfe Zahn des Pfluges -das Erdreich von neuem aufriß, und das Grabscheit stichelte fleißig -weiter, um die nutzlos geopferte Zeit wieder einzuholen. - -So erging es Konrad überall. Ob Herr, ob Knecht, der Gesichtskreis -beider hörte unmittelbar hinter den Abschlußrainen ihrer Wiesen und -Felder auf, und mit hartnäckigem Bauernstarrsinn horchten sie an seinen -Worten vorbei. - -Nun lief Konrad auf die Nachbardörfer wo er einen Gleichgesinnten -wußte, vielleicht hatte dieser mehr Erfolg. Aber er erlebte eine -Enttäuschung über die andere. Überall wo er fragte, vernahm er dieselbe -Antwort: es ist unmöglich, die Leute für die Sache zu gewinnen. - -Da reifte, gleichsam wie das Weizenkorn in der Erde unter den -belebenden Strahlen der Frühlingssonne, zwischen den bittern Gefühlen -über die Gleichgültigkeit und Stumpfheit seiner Landsleute und dem -die Brust beengenden Haß gegen die Bedrücker, in der Seele des jungen -Mannes langsam der Entschluß, die Sorge für seinen Hof der Mutter -allein zu überlassen und in das preußische Heer als Freiwilliger -einzutreten. - -Die Ausführung dieses Planes sollte aber sobald nicht verwirklicht -werden. Konrads Mutter wurde von einer tückischen Krankheit hart -darniedergeworfen und rang während mehrerer Wochen mit dem Tode. Und -als endlich die Gefahr für ihr Leben vorüber war, genas sie sehr -langsam, und Konrad mußte während dieser ganzen Zeit so angestrengt -schaffen, daß er sich nicht wenig verwunderte, wieviel Arbeit seine -Mutter doch bisher still verrichtet hatte. - -Der Sommer des Jahres 1813 ging ins Land. Die für Napoleon siegreichen -Schlachten bei Bautzen und Dresden wurden geschlagen und stärkten -seinen Kriegsruhm von neuem. Fast zur gleichen Zeit aber wurden die -hervorragendsten Generale des Kaisers von preußischen Armeen besiegt, -so daß die zuversichtliche Stimmung in den Reihen der Franzosen arg -litt, während die Siegeshoffnung der Verbündeten immer mehr wuchs. - -Aus allen Teilen des sächsischen Landes kamen jetzt Nachrichten -über Sympathiekundgebungen für die verbündeten Truppen. In Dresden -wurden die Stimmen, die noch für den Kaiser waren, niedergeschrieen, -und mit Frohlocken sprach man die Tatsache weiter, daß eine ganze -Anzahl Leipziger Studenten als Freiwillige zu den preußischen Fahnen -geeilt sei. Napoleons Zorn wandte sich deshalb gegen diese verhaßte -Stadt. Er legte ihr eine Brandschatzung auf und erklärte sie in -Belagerungszustand. - -Für den König aber und seine Minister schien die wachsende Begeisterung -im Lande überhaupt nicht zu bestehen. Mehr den je fand Friedrich August -das Verhältnis zu Napoleon natürlich und heilbringend für sich und -sein geprüftes Volk. Den niedrigsten Tiefstand von Entfremdetsein mit -den Ereignissen dieser bedeutungsvollen Tage aber erreichten Sachsens -Regierende um die Mitte des Monats August. - -In unglaublicher Verblendung wurde nämlich der General von Gersdorff -beauftragt, dem Kaiser eine Note zu überreichen, worin der König bat, -die von Napoleon schon in Aussicht gestellte Gebietsvergrößerung -Sachsens um 500000 Seelen ihm beim Friedensschlusse mit den besiegten -Preußen und Russen dergestalt zu gewähren, daß ein Teil Schlesiens mit -Sprottau und der Festung Glogau an Sachsen falle, um eine unmittelbare -Verbindung mit dem Herzogtum Warschau herzustellen. Und selbst dann -war der suggestive Einfluß Napoleons auf den König von Sachsen noch -ebenso gewaltig, als die Niederlagen der Franzosen bei Großbeeren, Kulm -und Dennewitz in den Straßen der sächsischen Hauptstadt ausgerufen -wurden und der Jubel der Bevölkerung das düstere Schloß der Wettiner -umtoste. - -In den größeren Städten des Landes bekannte man sich jetzt offen für -die Verbündeten, und als in der Nacht zum 23. September der Major von -Bünau mit einem sächsischen Bataillon König bei Oranienbaum zu den -Preußen überging, schwoll die Abneigung gegen die Franzosen so an, daß -die Wogen der Begeisterung über die Ufer hinausrollten und sich bis -in die kleinsten Ortschaften des Landes ergossen. Mit Wut sah man auf -die Ausschreitungen einzelner schlecht in der Mannszucht stehenden -französischen Regimenter und bemerkte mit Freude, daß die Anzahl ihrer -Fahnenflüchtigen wuchs, die in hellen Haufen dem Rheine zuwanderten. - -Konrad war unterdessen nicht müßig gewesen. Er hatte nicht -nachgelassen, für den Eintritt in preußische Dienste Stimmung zu -machen, und seinen unermüdlichen Anstrengungen war es zuletzt gelungen, -im Dorfe ein paar Gesinnungsverwandte zu finden. - - * * * * * - -Auf dem Freihofe war es in diesem Sommer ziemlich still zugegangen, -denn es war ja noch immer Trauer im Hause. Die Ernte war zwar -gut gewesen, aber man hatte nicht viel davon hereingebracht. Die -wiederholten Truppendurchzüge, mit denen die Gegend vom Tage von -Großgörschen ab überschwemmt wurde, hatten viel davon aufgezehrt. -Fast den ganzen Hafer hatte Max, gerade als er sich goldig färbte, an -französische Reiterregimenter auf dem Halme verkaufen müssen. Nicht -viel anders war es ihm mit dem Roggen gegangen, von dem er in diesem -Jahre so viel besaß, und den Weizen hatte er schon im Frühjahr einem -der herumreisenden Regierungsagenten versprochen, der ihn bei jeder -Begegnung obendrein an die in Aussicht gestellten zweitausend Scheffel -Kartoffeln erinnerte. - -Von allen Seiten war mit gutem Gelde bezahlt worden, auch von den -Franzosen. Später aber gaben diese nur noch Anweisungen auf die -Regierungskasse in Leipzig, die kaum imstande war, alle Anforderungen -zu befriedigen. Zuletzt kamen auch Einbußen. Die Einquartierungen -wollten nicht enden, und die französischen Kommissare feilschten um -das Vieh wie die schlimmsten Juden, und man mußte höllisch aufpassen, -daß mit der schlecht bezahlten Kuh nicht auch das Kalb aus dem Stalle -verschwand. Das Federvieh konnte nicht mehr herausgelassen werden. Wenn -man den Rücken wandte, streckten sich sechs Hände zugleich nach der -dürrsten Henne aus. Die französischen Soldaten waren oft betrunken und -begingen dann Ausschreitungen. - -Als Max eines Abends in den durch eine Lampe notdürftig erleuchteten, -kleinen Rinderstall trat, kam er gerade zur rechten Zeit, um eine -sich heftig sträubende Magd aus den Armen eines hochgewachsenen -französischen Korporals zu befreien. Wie ein Vampyr hing der Kerl an -dem zitternden Mädchen, das ihn nicht abschütteln konnte, obwohl es die -ganze Kraft seiner starken Arme aufs äußerste anspannte. In zornigem -Tone herrschte Max den Franzosen an, worauf dieser, ohne das Mädchen -aus den Armen zu lassen und erzürnt ob der Störung, ihn frech musterte. -Da überkam den jungen Gutsherrn vom Freihofe ein gesunder Zorn. Mit -einem langen Schritte trat er hinzu, faßte den Soldaten mit der Faust -am Rockkragen, riß ihn vom Mädchen weg, schüttelte ihn wie eine Katze -ein paar mal hin und her, daß dem liebestrotzenden Marssohne Hören und -Sehen verging und warf ihn dann mit solcher Kraft gegen die Stalltür, -daß deren Zapfen sich in der Mauer lösten, und er im Verein mit dem -obendrein zersplitternden, alten Holzgitter prasselnd hinaus auf den -Hof flog. - -Die Freihoferin war seit Elisabeths Tode noch wortkarger geworden. -Um die Wirtschaft kümmerte sie sich nicht mehr sonderlich viel. Am -liebsten saß sie in der großen Stube am hintern Fenster und sah hinaus -im den Obstgarten. Dort konnte sie lange sinnen und schweigsam den Ort -betrachten, wo Elisabeth als Kind immer gespielt hatte. - -Maria kam täglich zu ihr. Mit dem feinen Takte, den man in hohem Grade -bei edeln Frauen findet, hatte sie jeden Zärtlichkeitsbeweis der -Mutter ihres Verlobten gegenüber unterlassen. Die Nichte war ihrer -Tante vom ersten Tage ab mit ruhiger Sicherheit begegnet, als wenn sie -schon seit Jahren um sie herum wäre. Nichts erschien ihr auffällig -und ohne sich in der Ausführung ihrer Dienste zu übereilen, war sie -voll Aufmerksamkeit bemüht, die Wünsche der Greisin von ihrem Gesicht -abzulesen, das freilich nur wenig von dem verriet, was in ihrem Innern -vorging. Das zurückhaltende Benehmen Marias gefiel der Freihoferin. -In kurzer Zeit hatte ihr scharfer Verstand das Wesen der jungen -Nichte erkannt, und mit geheimem Entzücken entdeckte sie neben den -herrlichsten weiblichen Tugenden ein Herz voll Liebe, das auch für sie -schlug. Und als eines Abends Maria vor der Greisin stand, um Abschied -zu nehmen, fühlte die feine, weiße Hand, die sonst nur flüchtig in der -von vielen blauen Adern durchzogenen geruht hatte, sich festgehalten. -Langsam erhob sich die Greisin vom Stuhle, weidete sich ein paar -Augenblicke mit Entzücken an der Schönheit des in großer Verwirrung -errötenden Mädchens und zog es endlich an die Brust und küßte es -wiederholt. Da öffnete sich die Tür, und unbemerkt von beiden erschien -Max auf der Schwelle, um seine Braut abzuholen, damit er sie, wie -allabendlich, über die Wiesen begleite. Ein Sekunde lang schaute er mit -großen Augen auf die Gruppe, dann verließ er leise wieder das Zimmer. - -Von diesem Tage ab erschien die Freihoferin den Leuten getrösteter. -Der herbe Leidenszug war von ihrem Gesicht verschwunden und hatte dem -Ausdruck eines geklärten Schmerzes, wie der Mensch ihn zur Schau trägt, -wenn er sich mit Würde in sein Schicksal zu finden weiß, Raum gegeben. -Nun ging sie auch wieder öfters als in den letzten Wochen über den Hof, -hinüber nach den Scheunen und Ställen. Aber ihr Gang war nicht mehr so -sicher wie bisher, und das spärliche, glattgestrichene Haar, das noch -vor wenigen Jahren tiefschwarz war, lag auf dem Kopfe wie in mattem -Silberglanze leuchtende Seide. - -Die Hochzeit der jungen Leute sollte nach der Ernte sein. Die -Vorbereitungen hierzu wurden auf das eifrigste betrieben, als sie ganz -unerwartet jäh unterbrochen werden mußten: Marias Vater erlitt einen -Schlaganfall, der den alten Herrn todkrank machte. Seine kräftige Natur -raffte sich jedoch bald wieder auf, als der Anfall sich wiederholte und -er ihm erlag. Marias Schmerz war zum Herzbrechen, und erschüttert stand -Max an der Leiche des teuern Toten, der ihm mit väterlicher Liebe und -Güte zugetan gewesen war. - -Wie bei Elisabeth war die Freihoferin von dem Krankenbette nicht -gewichen, und in den letzten lichten Stunden des Verstorbenen hatten -sich die beiden alten Menschen gefunden, und die Aussöhnung, die nach -der Verlobung stattgefunden hatte, war im innersten Herzen besiegelt -worden. Mit fester Stimme segnete der Freiherr die Kinder. Darauf -wandte er sich an die Greisin, die mit ineinandergeschlungenen Händen, -den Kopf auf die Brust geneigt, wortlos am Bette stand. Der Sterbende -griff nach ihrer Hand und zog die vom Schmerze, dem keine Worte -Ausdruck geben können, Überwältigte sanft an sich. Da versagte der -Freihoferin die Kraft. Ihre Knie beugten sich, und langsam sank sie -neben dem Bette nieder und barg das Haupt in den Händen. Als aber die -tastende, zitternde Hand sanft über ihr welkes Antlitz strich, wehrte -ihr die Greisin, und aus den Händen heraus klang ihre bebende Stimme: - -»Arnold, ich verdiene Deine Liebe und Güte nicht, ich, die Dir im Leben -so schweres Herzeleid zugefügt hat.« - -Der alte Mann aber sprach mild: - -»Die bösen Zeiten sind vorüber, Constanze; möge die Erinnerung an sie -recht bald in das graue Meer der Vergessenheit hinabsinken. Ich nehme -alle Schuld, die begangen worden ist, mit ins Grab und das, was ich -zurücklasse, sei Liebe und Frieden. Ein starkes Geschlecht mag aus der -Vereinigung unserer Kinder erwachsen, und auf immerdar sollen unsere -Familien unauflösbar miteinander verschmolzen sein. Dir aber, wünsche -ich, mögen die Kinder Deinen Lebensabend sonnig gestalten, denn Du hast -ja am meisten gelitten.« - -Darauf entgegnete die Freihoferin nichts, aber sie küßte wiederholt und -voll Inbrunst die Hand des Sterbenden. - - - - -16. Kapitel. - - -Es war an einem Septembertage, als Konrad Hartmann Max mit seinem -Besuche überraschte. Die beiden Freunde hatten sich in der letzten Zeit -selten gesehen. Konrad hatte nicht aufgehört, die franzosenfeindliche -Stimmung in alle Häuser zu tragen und war seiner Aufgabe mit einem -solchen Eifer nachgekommen, daß ihm keine freie Minute übrig blieb. Max -war tagsüber in der Wirtschaft stark in Anspruch genommen gewesen, in -den übrigen Stunden aber hatte er das Haus selten verlassen. - -Zu dem kleinen Kreise, den er mit der Mutter und Maria bildete, hatte -sich als viertes Mitglied Marias wiedergenesene Tante hinzugesellt, -die bis zur Hochzeit und Übersiedlung Marias nach dem Freihofe auf dem -Weißen Schlosse das Zepter führte. - -Nach Bauernart sprach Konrad, ehe er mit dem herausrückte was ihn -hergeführt, erst vom Wetter, dann von der Ernte und davon, daß die -Rüben im vorigen Jahre viel besser standen als heuer. Dann kam das Vieh -an die Reihe, bis er plötzlich mitten in der Rede abriß und scheinbar -harmlos hinwarf: - -»Anfang Oktober gehe ich fort und schließe mich den Preußen an.« - -Konrad war während der Unterhaltung unruhig in der Stube auf- und -abgegangen, während Max am Tische saß und durch das Fenster das -Anspannen zweier Pferde auf dem Hofe beobachtete. - -Als Konrad geendet, fuhr Max herum und ließ seine Augen forschend auf -dem Gesicht des Freundes ruhen, gleichsam um dessen geheimste Gedanken -zu erraten. Und je länger er ihn betrachtete, je überzeugender kam -ihm die Gewißheit, daß der Freund seine Worte in unerschütterlichem -Ernste gesprochen hatte. Aber es war ihm nicht möglich, sich mit dem -Gedanken so schnell vertraut zu machen, daß Konrad wirklich schweren -Kriegsdienst tun solle. Mit ungläubigen Blicken, beinahe lächelnd, -betrachtete er die schwache Gestalt des Freundes, und noch nie war ihm -dessen Wuchs so knabenhaft erschienen als in diesem Augenblick. Da -begegneten Konrads Augen den seinigen, und blitzschnell verstand dieser -die stumme Sprache, die sie führten. - -Eine heftige Blutwelle schoß ihm in das Gesicht, und es dauerte eine -kurze Weile, bevor er sprechen konnte. Und dann hatte die sonst so -sichere Stimme allen Klang verloren und zitterte leise und verriet die -tiefe Bewegung ihres Besitzers. - -»Max, glaubst Du, daß sie mich zurückweisen, wenn ich mich bei der -Armee der Verbündeten als Freiwilliger melde?« - -Max hatte eine leichte Entgegnung auf den Lippen. Da kam ihm der noch -nie gehörte Ton zum Bewußtsein und er fühlte die Augen des Freundes in -qualvoller Unruhe auf sich gerichtet, als wenn von seinem Spruche das -Gelingen des Planes abhinge. Da erschrak er bei dem Gedanken, daß er -eben im Begriff gewesen war, Konrad wehzutun. Es war bei ihm ja auch -weniger der Zweifel in die Tüchtigkeit des Freundes zum Waffentragen -als vielmehr sein zäher Widerspruch gegen alle Unternehmungen des -sächsischen Volkes die darauf hinausgingen, sich gegen die Politik der -Regierung aufzulehnen. - -Deshalb sagte er begütigend: - -»In den preußischen Regimentern wird bei dem Strome von -Kriegsfreiwilligen jeden Alters sich ganz bestimmt eine große Anzahl -solcher befinden, deren schwacher Körper obendrein an schwere Arbeit -nicht gewöhnt ist.« Und als er sah, wie die Besorgnis aus dem Gesichte -Konrads zu weichen begann, setzte Max hinzu: - -»Deine außergewöhnliche Gewandtheit zu Pferde wird man ja bald -erkennen, und Du kannst sicher sein, daß sie Dir vortreffliche Dienste -leisten wird.« - -»Gebe Gott, daß Du recht hast,« antwortete Konrad, »denn ich -beabsichtige, mich um die Aufnahme in ein Husarenregiment zu bewerben. -Aber Max, nur um Dir dies zu erzählen, bin ich nicht hierhergekommen; --- ich kann es noch immer nicht glauben, daß Du zurückbleiben könntest, -wenn Du uns gehen siehst.« - -Da wandte Max das Gesicht erneut zu Konrad und sagte mit schlecht -verbissenem Lächeln: - -»Soll ich mich mit meinem Körpergewicht von dritthalb Zentnern etwa -auch für ein Husarenregiment einschreiben lassen?« - -»Keine Scherze, Max,« bat Konrad, der seine ganze Sicherheit -wiedergewonnen hatte, »die Zeit ist zu ernst zum scherzen. Wenn mich -nicht so feste Bande an Dich fesselten, würde ich nicht hier stehen und -noch einmal versuchen, Dich zum Mitgehen zu bewegen. - -Du wünschest sehnlichst friedliche Zeiten herbei. Gut, das weiß ich, -aber glaubst du vielleicht, daß der Frieden kommt, wenn die Regierungen -einzelner deutschen Staaten sich darin überbieten, dem fremden Eroberer -zu lobhudeln, anstatt dem Beispiele ihrer Bruderstämme zu folgen, bei -denen einsichtsvolle und beherzte Männer die lange genug am Boden -schleifenden Zügel des in toller Fahrt dahinjagenden Staatskarrens mit -Verachtung der Gefahr in die Höhe reißen?« - -Max war während der Worte des Freundes ernst geworden. Jetzt antwortete -er: - -»Dein leicht erregbares Blut spielt Dir einen Streich, Konrad. Du -siehst nicht die Steine, die am Wege liegen, bis Du ihre scharfen -Kanten spürst und Dir die Füße an ihnen wundgestoßen hast. Wir Sachsen -haben immer mit dem besten Erfolge die Geschicke des Landes in die -Hände unserer Fürsten gelegt. Ob die abwartende Haltung des Königs und -der Minister uns nicht doch noch zum Segen gereicht, wissen wir heute -nicht. Ruft uns die Stimme des Königs gegen Napoleon, dann wird ihm von -seinem Volke dieselbe Hingebung zuteil, wie sie Friedrich Wilhelm von -seinen Untertanen empfängt. Aber gegen den Willen des Königs darf sich -ein Volk erst dann auflehnen, wenn es sich überzeugt hat, daß seine -Existenz bedroht ist, oder daß es schweren Schaden erlitte, wenn die -eingeschlagene Straße weiter verfolgt würde.« - -Bis hierher hatte Konrad an sich gehalten, jetzt brach er los: - -»Wie weit willst Du denn die Probe ausdehnen? Wann ist für Dich der -gegebene Augenblick gekommen, zu dem die Nation eine Abkehr von der -Politik des Landesherrn mit Recht fordern darf? Sieh Dich um, Max! -Aus allen Teilen des Landes des langmütigen Sachsenvolkes kommen -Nachrichten von heftigen Einsprüchen gegen die Stellung der Regierung. -Das ist der sich erhebende Sturm, der vor dem Hereinbrechen des -Gewitters über die Fluren braust. Nur zu lange haben wir der Führung -blind vertraut; jetzt schrecken wir auf und sehen mit Entsetzen, daß -dicht vor unsern Füßen ein tiefer Abgrund gähnt. Wie kannst Du noch -von den heiligen Untertanenpflichten gegen den König sprechen, wenn -dieser uns von der Höhe des Ansehens und der Achtung, die wir bei -unsern Nachbarn genossen, tief hinabgeführt hat in Niederungen, wohin -uns nichts als höhnische Zurufe und verächtliche Blicke begleiteten. -Unser Land ist ausgesogen und dem Ruin nahegebracht, und seine besten -Söhne liegen ruhmlos in fremder Erde oder kämpfen schimpflich gegen -die heldenmütigen Verteidiger deutscher Ehre und deutschen Bodens. -Unaussprechlicher Jammer ist in die Wohnungen unseres guten Volkes -eingekehrt; Armut schwingt die Geißel, und Not und Sorge hocken am Herd -und blasen die spärlichen Feuer aus. Dafür lodern aber die gefräßigen -Flammen anderwärts hell auf: zwanzig Dörfer brannten zwischen -Königswartha und Görlitz in den Tagen, wo um Bautzen gekämpft wurde, -und ihr blutigroter Schein am Nachthimmel leuchtete den Entmenschten, -die sich Freunde unseres Landes nennen, als sie den Bauern das -letzte Stück Vieh aus den Händen rissen, das ihm von dem in Trümmern -liegenden Besitz seiner Väter geblieben war. Die schlimmsten Gräuel -des dreißigjährigen Krieges steigen wieder herauf wenn man vernimmt, -daß Tausende von Bauern aus den niedergebrannten Dörfern in die Wälder -flüchten mußten, um das nackte Leben zu retten. Und wenn am Sonntag -die geängstigten und schwergeprüften Landleute sich in den Kirchen -wiederfinden, dann müssen sie vernehmen, wie von den Kanzeln herab der -Segen des Allmächtigen für die Waffen des _Beschützers_ des Landes -erfleht wird. Max, ich sage Dir, hüte Dich, daß Du aus Liebe und Treue -gegen den König nicht zum Verräter an Deinem Volke wirst!« - -Hier schwieg Konrad, um den Freund sprechen zu lassen. Der aber -antwortete nicht. Wie eine Bildsäule saß er im Stuhle und starrte vor -sich nieder. - -»Jahrhundertelang,« fuhr Konrad bitter fort, »lagen die deutschen -Stämme gegen einander in Streit, wie die Nachkommen einer Mutter, die -sich gegenseitig verderben. Einer gewaltigen Arena glich das deutsche -Land, und die Völker Europas saßen auf den Stufen und schauten mit -vergnügten Mienen auf die Kämpfenden. Zu allen Zeiten wurde ein Grund -gefunden, der es ermöglichte, daß man eine lange Reihe von Jahren -gedeihlichen Friedens vermeiden konnte. Krieg und Verwüstung war die -Losung! Heute verlangt es der König, daß in der großen Zeit einer -einmütigen Erhebung gegen die Feinde Deutschlands sein Volk die Waffen -gegen die befreundeten Nachbarn erhebe, um den Blutdurst des Anführers -eines jahrhundertealten Feindes allen Deutschtums zu stillen. So -vertilgen wir einander mit Ingrimm selbst, bis endlich an den Ufern der -deutschen Ströme fremde Laute erklingen und fremde Sitten gepflegt -werden, und man von uns sprechen wird, wie von einer untergegangenen -Stadt; -- -- ein neues Glied im Totentanze der Völker! Heute helfen -wir unsere Stammesbrüder niederwerfen und sehen in unbegreiflicher -Verblendung nicht voraus, daß sich der Fuß des Siegers auch seinem -Helfer auf den Nacken setzen wird. - -Was wirst Du einstmals empfinden, Max, wenn Du siehst, wie Deine -Töchter mit niedergeschlagenen Augen Unfreien zum Altare folgen! Und -was wirst Du antworten, wenn sich Dein Sohn mit blitzenden Augen vor -Dich hinstellt und fragt: Vater, ist es wahr, daß es einstens welche -gegeben hat, die die große Sache mit kleinlichen Bedenken bekämpften, -bis es zu spät war? Und das sage ich Dir, Max, Kinder sind zuweilen -unerbittlich strenge Richter für die Taten ihrer Väter!« - -Max hatte während der ganzen Rede Konrads stillgeschwiegen. Auch jetzt, -nachdem dieser geendet, blieb er stumm sitzen, den mächtigen Oberkörper -fast auf dem Tische liegend und mit beiden Ellbogen stützend. Ein paar -Sekunden verstrichen, ohne daß einer der beiden Männer ein Wort sprach. -Da endlich unterbrach Max das Schweigen und fast wie im Selbstgespräch -sagte er mit halblauter Stimme, die gezwungen ruhig klang: - -»Ich kann es keinem erlauben zu behaupten, daß ich ihm nachstünde in -der Liebe zu meinem Volk und meinem Vaterlande. Ich habe es bereits -ausgesprochen, daß ich bereit bin, zum richtigen Zeitpunkt mein Leben -in die Schanze zu schlagen. Bis dahin bin ich bemüht, das Elend und -die Not meiner Mitmenschen zu mildern, soweit es in meiner Macht -steht -- --« - -»Max,« unterbrach hier Konrad ungeduldig, »verzeihe mir, wenn ich Dich -verletze. Aber auch Du hast, wie so viele andere, in den Augenblicken -der höchsten Not nichts als Worte. Das Vaterland liegt auf den -Tod darnieder und krümmt sich unter den schweren Schlägen, die es -erschüttern. Einige Wenige nur sind es, die ihm beispringen, die großen -Massen aber stehen dumpfbrütend zur Seite und lassen es verbluten. Daß -Du für die Schwachen, für die Frauen und Kinder Deinen Leib einsetzen -würdest, glaube ich Dir, denn nur ein Hundsfott handelt anders. Aber -wenn je, dann ist es jetzt Zeit, den Worten Taten folgen zu lassen, -heraus mit der Plempe, wer gut sächsisch denkt, auf daß wir nicht mehr -das Gespött von Millionen guter Deutschen bilden. Wer jetzt, in den -Tagen der großen Wehen noch lau ist, auf den wird einst das kommende -Geschlecht mit Fingern zeigen.« - -Da machte der breit am Tisch sitzende Mann eine plötzliche Bewegung, -erhob sich und ging mit dröhnenden Schritten auf den Sprechenden zu, -bis er dicht vor ihm stand. Sein Gesicht war gerötet, und seine breite -Brust erzitterte unter den schweren Atemstößen. - -»Konrad,« stieß er hervor, und bezwang seine große Erregung, daß er -nicht laut aufschrie, »bedenke, was Du sprichst? Du führest große Worte -im Munde; hüte Dich, daß die Wogen, die Du aufpeitschest, nicht über -Deinem Kopfe zusammenschlagen. Es klingt ein brausender Klang durch -Deine Rede, aber es wäre entsetzlich, wenn den, der sich begeistern -ließe, nur ein Trugbild narrte. Welche Schuld können die Männer auf -sich laden, die einen großen Sturm im Lande entfachen! Der Kaiser -würde, wenn es ihm gelänge, die Heere seiner Gegner niederzuwerfen, -unser Land grausam strafen. Edler Freiheitsdrang und kühner Wagemut -würden tiefste Demütigung gebären, und die dem Volke auferlegten Opfer -müßten alles bisher Erlittene weit übertreffen. Die einmal entfesselten -Gewalten sind nicht mehr niederzuhalten. Sind erst die Leidenschaften -geweckt, dann sind die Menschen blind und wüten, wenn der Plan -fehlschlägt, gegeneinander, sich selbst zerfleischend.« - -»Still, still,« fiel Konrad dem Freund in die Rede, »du bist im Irrtum, -wenn Du glaubst, daß ich jetzt noch für eine lärmende Erhebung gegen -die in unseres Volkes Mitte weilenden Zwingscharen Stimmung machen -wolle. Ich will, wie ich Dir schon sagte, mich dem preußischen Heere -anschließen und versuchen, noch eine Anzahl warmherziger Männer für -diesen Plan zu gewinnen. Und so, wolle es Gott, möge man in vielen -andern sächsischen Ortschaften auch denken. Aber ohne Lärm muß dies -geschehen, sonst wird unser Vorhaben vereitelt, denn wir sind rings von -Spionen umgeben, die der uns Sachsen längst nicht mehr trauende Kaiser -unterhält. Du befürchtest, daß die Armeen der Verbündeten den Franzosen -zuletzt wieder unterliegen müßten? O, Du Kleingläubiger! Komm, zieh mit -uns und hilf die Reihen der deutschen Streiter vergrößern, auf jedes -Mannes Faust und Auge kommt es an. Die unerschütterliche Zuversicht -aber laß in Deine Seele einziehen: Männer von dem unbeugsamen Willen -zu siegen oder zu sterben, wie sie den wallenden schwarzweißen Fahnen -nachfolgen, können wohl geschlagen, nie aber besiegt werden, denn sie -kämpfen ja alle für ihre verlorenen höchsten Güter. Gebiete deshalb -der beschwichtigenden Stimme in Deinem Busen Schweigen, sie will -Dir den Mannesmut ersticken! Du milderst Elend und Not, die um dich -herum grinsen? Gewiß, das tust Du, und das habt Ihr Tiefenbachs im -Verborgenen immer getan. Ja, Du tust noch mehr! Dein nüchtern denkender -Kopf hat schon manchen glücklichen Ausweg gefunden, und Dein Rat -wird von jedermann hoch geschätzt. Keine Mühe verdrießt Dich, wenn -es gilt, das Gemeinwohl im Dorfe zu fördern. So verleihen Dir Herz -und Verstand Eigenschaften, daß Du Dich trotz Deiner jungen Jahre wie -keiner sonst großen Ansehens erfreust, weit in der Landschaft. Aber ist -das das Höchste, mit dem Nächsten das Brot teilen und ihm, wenn er in -Bedrängnis, mit gutem Rat zur Seite stehen? Dazu bedarf es doch keiner -hohen Eigenschaften! Dein Ziel muß weiter draußen liegen. - -Ich will Dir sagen, Max, was besser ist als treu mit dem Volke die -Straße dahinziehen: Du mußt es führen! Dein Blick soll weithinaus -schauen. Wo steinigte Abhänge und fruchtbare Täler liegen, mußt -Du wissen, Gefilde, die die belebenden Sonnenstrahlen täglich -umschmeicheln und verlorene Plätze, wo kalte Nebel ziehen und schwere -Stürme jahraus jahrein daheim sind, dürfen Dir nicht verborgen sein! -Dort, wohin heute die Deinen gelangen, mußt Du schon gestern geweilt -haben, und wenn ihr Zug am Kreuzweg ankommt, betrittst Du als erster -den richtigen Pfad, der nach Deinen besten menschlichen Erwägungen -von den Dir Hinterdreinziehenden zu ihrem Heile begangen wird. Stell’ -Dich darum jetzt an unsere Spitze, denn Du bist unser geborener -Führer. Laß Deine Beredtsamkeit auf die Männer wirken und reiße die -Zögernden durch Dein Beispiel mit fort. Schwing Dich hoch hinauf, -betrachte von den Zinnen der Geschichte die Völkerstraßen und urteile -dann, ob Entschlossenheit und Draufgehen oder Ergebenheit und täglich -erneutes Weiterquälen für das Heil eines Volkes besser sind. Der -gemeine Mann ist zaghaft und beschränkt, er betrachtet jedes Abweichen -vom Althergebrachten als einen Sprung ins Dunkle und berechnet die -Möglichkeit des Wachsens oder Verminderns seines Besitzes an den -zitternden Fingern, indem er den Gewinn mit eins, den Verlust aber mit -vier multipliziert. Lehre Du ihn, daß es Augenblicke gibt, in denen man -sein Leben und die gesamte Habe auf das kippende Brett setzen muß, und -daß zu allen Zeiten diejenigen Völker aus Wirbelwind und Wogen endlich -ihre Schiffe in sturmfreies Wasser brachten, die mit Verachtung der -Totesnöte das Erz des Kieles durch Flut und Brandung hindurchtrieben. -Mag auch die Wimper zucken und die nervigste Faust zittern, -- den -hohen Einsatz lohnt der hohe Gewinn!« - -Konrad hielt einen Augenblick inne und neigte seinen Kopf vor, als wenn -er etwas Geheimnisvolles zu sagen habe. Dann fuhr er mit veränderter -Stimme, die Worte abreißend, hastig fort: - -»Darum handle, Max, ehe es zu spät ist! Mir folgen ihrer sechs, nicht -mehr, Dir alle. Dein Einfluß ist gewaltig, der meinige schwach. Der -Rabensteiner mit seiner Hundehütte von Hof kann schon etwas wagen, -sagen sie. Geh, zeige ihnen, daß Du, der Freihofer, der größte Bauer -weit in der Runde, Deinen Hof im Stiche läßt, um des Vaterlandes -willen. Lehre den Starrköpfen, daß die höchsten Ziele eines Volkes -nichts zu tun haben mit der kleinlichen Sorge um Nahrung für Weib und -Kind für den nächsten Tag. Rüttle sie auf und stachle schonungslos -ihren Ehrgeiz an, auf daß in ihren Herzen die edelsten Mannestugenden -wach werden und sie sich darauf besinnen, daß ein tatenloses Volk -in Ketten sich aus den abscheulichsten Kreaturen unter der Sonne -zusammensetzt. Geh in die Häuser und zwinge die Männer unter deinen -Willen. Wirb für die große Idee, ich werde Dir treulich helfen. Mache -Helden aus den Säumigen und Bedenklichen und führe sie denen zu, die -ihr Blut verspritzen für die Freiheit der deutschen Erde!« - -Max hatte in zusammengesunkener Haltung, das Kinn herabgesenkt, den -glühenden Worten des Freundes gelauscht. Ihm war, als wenn eine -berückende Musik sein Ohr träfe, deren Klang er noch nie vernommen. -Die schmeichelnden Tonwellen umstrickten seine Seele und brachten die -feinsten Saiten in ihr zum Klingen. - -Da richtete er seinen riesenhaften Körper mit einem Ruck zu seiner -ganzen Höhe auf, und die Brust weitete sich, als wenn neues Leben in -sie einzöge. Der blondhaarige Kopf mit dem ausdrucksvollen Gesicht und -dem starken Nacken war dieser Bewegung gefolgt und stand stolz auf den -breiten Schultern und unbeugsam von diesem Augenblick an, -- bis ans -Ende! Es war ein Bild strotzender Kraft und sieghafter Mannesschönheit. - -Nicht mit ungestümer Bewegung, sondern langsam und etwas ungelenk, um -das im Innern entfachte Feuer niederzuhalten, streckte er seine Hand -aus und sagte mit leisem Beben in der Stimme: - -»Konrad, schlag ein! Du hast recht, der Taten bedarf es, denn Worte -sind jetzt nichts anderes als das Bekenntnis der Feigheit. Die zwölfte -Stunde des gewaltigen Dramas ist angebrochen, und wir müssen uns -beeilen, denn niemand vermag den unerbittlich vorwärtsrückenden Zeiger -an der Weltenuhr aufzuhalten. Der Lässigkeit wird die Geschichte unser -Volk einst zeihen, handeln wir und tragen wir dazu bei, daß ihm der -Schimpf der Feigheit erspart bleibe!« - -»Max!« schrie Konrad jubelnd auf und seine Augen liefen ihm über, »ich -wußte es, daß Du uns nicht ziehen lassen konntest. Hier meine Hand. Mag -unser Schicksal da droben beschlossen sein, wie es will, wir folgen -unserm Herzen; ob in Nacht oder in Sonnenschein!« - - - - -17. Kapitel. - - -Von diesem Tage an begann in Rehefeld ein geheimnisvolles, emsiges -Treiben. Zuerst hatte Max mit klopfendem Herzen daheim seine Absicht -ausgesprochen. Die Mutter war, nachdem er geendet, recht still -geblieben und hatte nur mehreremal leise genickt, als wenn es sich für -sie um eine schon längst beschlossene Sache handele. Maria aber war auf -Max zugeeilt und hatte in stürmischer Bewegung ihre Arme um seinen Hals -geworfen. - -»Ich hätte Dich nicht verstanden, Geliebter,« sagte sie, sich zärtlich -an ihn schmiegend und das Haupt an seiner Brust bergend, »wenn Du -zuhause geblieben wärst.« - -Da regte sich inmitten der ernsten Stimmung der Schalk in Maxens Brust -und er fragte in scheinbar vorwurfsvollem Tone: - -»So spricht meine holde Braut? Ich hätte gehofft, sie würde Einspruch -gegen meine Absicht erheben und mich bestimmen, bei ihr zu bleiben. -Erkaltet die Glut eines Mädchenherzens so rasch?« - -Vergebens aber wartete er auf eine Antwort. Und als er nach mehreren -Sekunden den fest an seine Brust gepreßten Kopf mit einiger Mühe aufhob -und zurückbeugte, um Maria ins Gesicht zu sehen, da zeigte es sich, -daß dieses Antlitz in holdseligem Lächeln tief errötet war. Aber das -Herz des Mädchens erfüllte nicht eitel Wonne, sondern wie so oft im -menschlichen Leben wohnten auch in diesem Herzen jetzt die beiden -Geschwister Freude und Schmerz dicht beieinander. Denn es darf nicht -verschwiegen werden, daß an den langen, dunkeln Wimpern ihrer Augen ein -paar glitzernde Perlen hingen. - -In wehmütiger Freude beugte sich Max nieder und küßte leise diese -Tränen fort. - -Die Vorbereitungen zur Hochzeit aber wurden nun wieder aufgenommen -und mit vermehrtem Eifer fortgesetzt, denn noch vor dem Ausmarsch der -kleinen Schar sollte ihr Bund den kirchlichen Segen empfangen. - - * * * * * - -Die beiden Freunde waren unermüdlich im Werben, und nach wenigen Tagen -hatten sich dreizehn Männer gefunden, die die Schmach des Landes -nunmehr so bitter empfanden, daß alle Bedenken gegen die Ausführung des -Planes überstimmt wurden. - -Max war ein beredter Anwalt für die Idee; wo seine Worte nicht -überzeugen wollten, siegte zuletzt sein Beispiel. Das ganze Dorf geriet -in helle Aufregung, und in allen Häusern sprach man von dem Vorhaben. -Anfangs war es nicht leicht gewesen, mit den Männern darüber zu reden. -Ihre geistige Schwerfälligkeit verhinderte, daß sie den so schnell -veränderten, politischen Verhältnissen ebenso rasch folgen konnten. -Die Niederlagen der französischen Generale und die dadurch schwierig -gewordene Stellung Napoleons in Dresden waren zu überraschend gekommen, -und die breiten Volksmassen hatte zu sehr der Gedanke durchdrungen, daß -es heller Wahnsinn wäre, gegen die Macht des Gefürchteten anzukämpfen. -Denn von dem Tage ab, wo die Heere der Verbündeten gegen den Kaiser -losmarschierten, galt es in den störrischen Bauernschädeln für -unausbleiblich, daß der Mächtige alle feindlichen Armeen in kurzer Zeit -über den Haufen werfen würde. Als dann die Niederlagen der Franzosen -eintraten, wurden die Getäuschten fast unwillig, weil ihre Voraussage -nicht stimmte. - -Großgörschen hatte ihre Sehergabe als untrüglich anerkannt, und -Bautzen hatte sie glänzend bestätigt. Dazwischen passierte allerdings -Großbeeren, aber dort war ja der Kaiser nicht selbst gewesen, und die -Schuld der Niederlage traf den Marschall Oudinot. Wenn auch einmal ein -General unterlag, was tats, der Kaiser würde alles wieder einbringen. -Dafür strahlten seine Sterne bei Dresden wieder um so heller; selbst -die Unterlegenen sprachen ja mit Bewunderung von dem Sieger. - -Dann kam Vandammes Niederlage und Gefangennahme bei Kulm. Das war -wieder gegen die Weissagung, durfte aber nicht allzuernst genommen -werden, denn er war ja keiner von den großen Generalen der alten -Schule. Da trat aber wenige Tage später ein Ereignis ein, das aller -Zuversicht einen gewaltigen Stoß versetzte: General Bülow hatte eine -starke französische Armee, die nach Preußens Hauptstadt vordringen -wollte, wenige Meilen vor Berlin bei Dennewitz gänzlich geschlagen, und -der Führer dieser Armee war der ruhmreichste der Feldherren Napoleons, --- der Marschall Ney. - -Da schwiegen die Eigensinnigen, nahmen die Pfeife aus dem Munde, -spuckten aus und kratzten sich die Köpfe. - -Nun lag der angeschossene Löwe knurrend in Dresden und hieb mit -seiner Tatze wütend nach den ihm keine Ruhe gönnenden Feinden. Jeder -Schlag dieser fürchterlichen Pranke saß zwar, aber es waren keine -eigentlichen Siege, wenigstens keine solchen, wie man sie von einem -Schlachtengewinner von seinem Range erwartete. Denn das staunende -Europa war anspruchsvoll geworden und gab seinen Leistungen strenge -Zensuren. Und bei alledem wuchs des Kaisers Verlegenheit in der -sächsischen Königsstadt sichtlich. - -So stand es im Anfang des Monats Oktober, gerade in den Tagen, in denen -Max und Konrad ihre Tätigkeit entfalteten. - -Die Stimmung in den meisten Städten Sachsens wurde zu dieser Zeit -derart franzosenfeindlich, daß es gefährlich war, sich noch offen für -die Bedrücker zu bekennen. Aber der schwerfällige Sinn des sächsischen -Bauern war nicht dazu geschaffen, seine Bedenken gegen einen Aufstand -wider die Franzosen binnen wenigen Tagen aufzugeben, obwohl nicht nur -zahlreiche eigene Landsleute dafür Stimmung machten, sondern auch die -im Lande stehenden preußischen und russischen Truppen unaufhörlich -dazu anfeuerten. Der Bauer wollte erst Garantien dafür haben, daß -Napoleon nicht mehr mächtig genug war, eine Erhebung des Volkes mit -drakonischer Strenge zu vergelten. Denn die Leiden der letzten Jahre -waren gerade für dieses unglückliche Land über alle Maßen schwer -gewesen und hatten die frohe Hoffnung auf ein endliches Zerschmettern -der Kraft dieses Riesen in der Brust der Menschen bis auf ein winziges -Fünkchen ersterben lassen. - -Dies war die Stimmung, die die bäuerliche Bevölkerung Sachsens -erfüllte, als sie endlich einsah, daß das Staatsschiff mit vollen -Segeln auf die Brandung zusteuerte und mit Mann und Maus unterzugehen -drohte. - -Allmählich machte sich denn auch der Umschwung der Gesinnung auf dem -platten Lande geltend und nicht zuletzt unter den Einwohnern Rehefelds. -Die Landbevölkerung begann von neuem zu hoffen und vergaß die bisher -gewahrte, ängstliche Vorsicht. Die Bedenken für den Verlust von Haus -und Hof traten immer mehr in den Hintergrund, und Begeisterung zog in -die Gemüter ein. Der Drang nach Freiheit wuchs ins Riesengroße und -erfüllte zuletzt Aller Herzen. - -Wenn es in diesen Tagen trotzdem nicht zu einer allgemeinen Erhebung -in Sachsen kam, so war nicht die mit Eifer beschwichtigende Regierung -schuld, als vielmehr der Umstand, daß große Teile des Landes sich noch -in den Händen der Franzosen befanden, daß ferner eine erhebliche Anzahl -ungeduldiger sächsischer Männer in die immer weiter nach der Elbe -zu vordringenden preußischen Regimenter als Freiwillige eintrat und -endlich, daß die, die fremde Zwingherrschaft niederwerfende Schlacht -auf den Fluren bei Leipzig unerwartet schnell hereinbrach. - -Wie ein großes Ereignis wirkte die Aufgabe Dresdens, das der Kaiser -hatte stark verschanzen und sonst auch für seinen Winteraufenthalt -hatte herrichten lassen. Eine weit über Deutschland hinaus sichtbare, -leuchtende Flammenschrift erschien an dem tiefschwarzen Firmament und -verkündete, daß sich jetzt das Ende vorbereite. - - * * * * * - -In Rehefeld herrschte in diesen Tagen unbestritten Maxens Geist. Er -wußte alle Bedenken zu beschwichtigen und entfachte ein solches Feuer -der Begeisterung in aller Brust, daß die Männer ruhelos zum Ausmarsch -drängten, und die Frauen diesen Entschluß nicht nur durch Worte, -sondern auch in tiefster Seele guthießen. - -Noch eine Woche wollte man warten, bis sich die französischen Armeen -bei Leipzig gesammelt haben würden, und der jetzt von ihnen versperrte -Weg zu den Verbündeten freigeworden war. Denn die Franzosen waren sehr -mißtrauisch geworden, und niemand durfte bei Vermeidung von Festnahme -in diesen Tagen ohne einen Reisepaß mehrere Meilen über Land gehen. - -Die Zeit bis dahin brachte man damit zu, sich im kriegerischen Handwerk -zu üben. Ein Gewehr schweren Kalibers war für jeden vorhanden. -Denjenigen, die selbst keines besaßen, wurde von mehreren Seiten -zugleich ein solches angeboten, wie überhaupt die Gebefreudigkeit, -namentlich bei denen die daheim blieben, mit der Begeisterung zusammen -erwacht war. Auch Geld und Wertgegenstände wurden den Freiwilligen -ausgehändigt, um sie ihrem zukünftigen Regimente zu überbringen. Wie -drüben über der Grenze, waren auch hier die Zurückbleibenden bemüht, -die große Sache, wenn nicht mit Blut, so doch mit Gut zu unterstützen. - -Auch ein paar Seitengewehre und Säbel, deren Existenz bisher außer den -Eigentümern ein anderer kaum geahnt hatte, tauchten auf und wurden auf -dem Wetzstein scharf geschliffen. - -Diejenigen, die schon früher einmal die Waffe getragen hatten, -erklärten die Handgriffe, und der Schmied, der in dem Bataillon aus -dem Winckel bei Jena mitgefochten hatte, stellte die Streiter in Reih -und Glied, ließ sie marschieren und einschwenken und die Gewehre laden -und Salven abgeben. Max, als der Größte, marschierte natürlich voran, -während Konrad, wie es ihm zukam, als linker Flügelmann exerzierte. -Alles erfolgte so, wie es in wenigen Tagen in Wirklichkeit geschehen -sollte. Und wenn auch der oder jener, wie bei einer Anzahl von der -Arbeit weggerufenen Bauern unausbleiblich, noch reichlich ungeschickt -war, so glich er diesen Mangel durch Eifer und guten Willen wieder aus. - -Sobald aber die künftigen Verteidiger des Vaterlandes endlich ermüdet -wieder ins Dorf zogen, dann trat flugs eine andere Schar zusammen und -übte genau so, wie sie es vorher stundenlang beobachtet hatte. Leider -besaßen diese keine Gewehre, aber sie waren genügsam und verfügten -über hinreichend genug Phantasie, um eine eigens zu diesem Zwecke -ausgesuchte, besonders schön gewachsene Haselrute oder schließlich auch -einen invaliden Rutenbesen als wahrhaftes Schießgewehr anzusehen. Das -war die liebe Jugend von Rehefeld. - -Der Schullehrer hatte, um seine sonst außer allem Zweifel stehende -Autorität zu retten, in diesen Tagen darauf verzichtet, seine Lämmer -täglich um sich zu versammeln. Und so hatten diese denn vollauf Muße, -ihren sich im Schweiße des Angesichts abmühenden Vätern und Brüdern -aufmerksam zuzuschauen. Waren diese aber endlich abgetreten, so liefen -flink die bisherigen Zuschauer zusammen, und dieselbe Kleestoppel, -deren Boden soeben noch unter dem schweren Bauernstiefel gedröhnt -hatte, stampften jetzt die Tritte der barfüßigen Jungen. - -Der Platz des Freihofbauern auf dem rechten Flügel des Gliedes galt -als besonders erstrebenswert und wurde sehr begehrt, und um das -Amt des die Schar kommandierenden Schmieds fanden wahre Schlachten -statt. Keine künstlichen, wie sie das Exerzieren mit sich brachte, -sondern Schlachten ohne alle strategischen Vorbereitungen, aber -mit anerkennenswerter Erbitterung. So plagte und prügelte man sich -abwechselnd in heiliger Begeisterung, bis die Sonne sank und alle -endlich den von herbstlichen Abendnebeln umflossenen Häusern zustrebten. - -Dann betrat der seine Sache mit vollem Ernst auffassende, junge Krieger -mit erhitzten Wangen und zerzaustem Schopfe die niedrige Stube und sah -geringschätzig auf die Schwester, die gerade ihrer Puppe das Nachtlager -herrichtete. Kurz vor dem Schlafengehen und als er schon bis auf das -Hemd entkleidet war, gedachte einer von ihnen aber noch einmal seiner -kriegerischen Pflichten, indem er der Mutter zeigte, wie der Bauer vom -Freihof den Ausfall mache. Dabei warf er das Körpergewicht wuchtig auf -den vorgestellten linken Fuß und vollführte mit beiden Armen einen -fürchterlichen Stoß, der auch ohne die eigentlich dazu notwendige -Flinte ganz gegen Erwarten über alle Maßen gut ausfiel, daß der von der -Wucht des Stoßes getroffene kleinere Bruder, der in seine Butterbemme -vergnüglich hineinbeißend dem älteren arglos und voll Bewunderung -zugeschaut hatte, heulend gegen die Wand flog. - -Eine Viertelstunde später lagen die beiden rosigen Kleinen in tiefem -Schlafe, und die Mutter beugte sich schweigend darüber, und ein Himmel -von Freude und Glückseligkeit brach aus ihren Augen. - -Genau eine Woche darauf aber begannen die mörderischen Tage von -Leipzig, und als am Abend des letzten Tages der Mond wieder heraufzog, -genau so wie heute, da düngte der Gatte dieser Mutter und Vater dieser -Kinder den heimatlichen Boden mit seinem Herzblut. Sein glühender Durst -nach Freiheit war gestillt worden. - -Schlaft süß, Ihr unschuldigen, vaterlosen Kleinen! Lächle wieder du -junges, verlassenes Weib! Einer von den leuchtenden Sternen droben, die -mild auf dich herabschauen, ist der Deinige! - - - - -18. Kapitel. - - -Eines der am weitesten auf der Höhe gelegenen Güter Rehefelds war das -des Bauern Frank. Es war ein mittelgroßes Anwesen mit reichlichem -Viehstand und alten, aber noch recht gut erhaltenen Gebäuden. Ein -früherer Besitzer hatte sich inmitten der beiden Ställe und gegenüber -der großen Scheune ein niedliches Wohnhaus herrichten lassen, das dem -ganzen Besitz ein ungemein freundliches Ansehen verlieh. - -Es war nicht streng nach der Bauweise der alten sächsischen -Bauernhäuser gebaut worden, war aber mit guter Raumverteilung -eingerichtet und bestand aus dem etwas erhöhten Unterbau und einem -freundlichen, hellen Oberstock, den ein weitüberragendes, dickes -Strohdach schirmte. Vor der Haustür befand sich eine kleine Terrasse, -die von einem von zwei Säulen getragenen Lattenrost überdacht -wurde, und von der hüben und drüben einige Stufen hinabführten. -Um die hölzernen Säulen wanden sich dicke, schwärzliche Ranken -Jelänger-jelieber und Heckenkirsche, deren grüne Zweige über das ganze -Dach ausbreitet und zu einem unentwirrbaren Durcheinander verwachsen -waren und die so tief herabhingen, daß der Raum zwischen den Säulen -von Blättern und Blüten beinah ausgefüllt wurde. Im Sommer glich die -Terrasse einer dichten Laube, die selbst im heißesten Sonnenbrand -Schatten und erquickende Kühle spendete. - -Das Haus war sorgfältig mit Kalk verputzt und wurde öfters getüncht. -Dann hoben sich die schwarzangestrichenen, recht- und spitzwinklig -zueinander stehenden Balken von den blendendweißen Flächen scharf -ab, und wenn man sich zu diesem freundlichen Hintergrund die grüne, -über und über blühende Laube vor der Mitte des Hauses hinzudenkt, -so erhält man eine Vorstellung von dem in Bauart und lebendiger -Farbenzusammenstellung gleich harmonischen Bild, welches dieses Haus -bot, das den die Straße ziehenden Fuhrleuten immer wieder von neuem -gefiel und das von der sanften Anhöhe herab den das Dorf berührenden -Wandersmann freundlich grüßte. - -Noch vor wenigen Jahren hatte dieses Gut ein altes Ehepaar besessen, -dem das Schicksal von seinen Kindern nur eine Enkeltochter gelassen -hatte. Der Bauer Honigmann war in den Siebzigern, gesund und kräftig, -als er eines Morgens, das erste Mal in seinem Leben, die Neigung -verspürte, im Bett liegen zu bleiben. Tags darauf war er tot. Niemand -hatte ihn jemals krank gesehen, und auch der Arzt wußte nicht zu -sagen, an welcher Krankheit er gestorben war. Die Leute aber meinten, -Honigmann sei eigentlich garnicht gestorben, sondern hätte nur -aufgehört zu leben. - -Die Fürsorge für die hübsche Marianne fiel nun der schon lebensmüden -Bäuerin allein zu. Marianne hatte kurz vorher ihren neunzehnten -Geburtstag gefeiert. Sie war ein braunäugiges, dunkellockiges Geschöpf -und schlank und biegsam wie die schönste Tanne aus den Musterforsten -des Freiherrn von Tiefenbach. Immer ruhig, freundlich und gewinnenden -Gemüts, zuweilen wohl auch ein wenig übermütig, hatte jedermann im -Dorfe das Mädchen gern, und viele der Bauernburschen wären glücklich -gewesen, Mariannens Hand und Herz zu besitzen, vorzugsweise die Hand. -Denn außer einem hübschen und guten Weibe mußte dem Erwählten ja auch -der saubere und unverschuldete Hof zufallen. - -Aus diesem Grunde drängte sich täglich eine große Anzahl -Heiratslustiger an das Mädchen heran, die alle heiß bemüht waren, -sich gegenseitig den Rang abzulaufen. Und so wurde denn der für Gemüt -und Verstand in gleicher Weise begehrliche Preis von einer Wolke von -Anbetern unaufhörlich umlagert, die selbst aus den Nachbardörfern -sich einstellten, wie etwa ein Sirupstopf von einer großen Anzahl von -Fliegen umschwärmt wird. - -Marianne aber war ein kluges Mädchen. Sie war zu dem einen nicht -freundlicher wie zu dem andern und verdarb es deshalb mit keinem. -Meinte einmal einer der jugendlichen Heißsporne, daß er den richtigen -Pfad gefunden habe in dem Labyrinth der Gänge, die zu ihrem Herzen -führten, so mußte er am nächsten Tage die sehr betrübliche Erfahrung -machen, daß Marianne genau dieselbe Freundlichkeit, über die er gestern -hochbeglückt war, heute einem andern erwies. Mancher der jungen -Männer wollte schier verzweifeln, wenn er das Heer seiner Nebenbuhler -überdachte, und manche festgefugte, auf Leben und Tod geschlossene -Freundschaft ging in diesen Tagen aus dem Leim. - -Gleichzeitig empfand aber wieder jeder der Beharrlichen als kühlenden -Balsam auf die Wunde im Herzen die Ueberzeugung, daß augenblicklich -keiner von den Vielen dem allgemein zugestrebten Ziele näher stand -als er selbst, um freilich in der nächsten Stunde bei dem Gedanken zu -erbleichen, Marianne könne mittlerweile die Werbungen eines im stillen -Bevorzugten erhört haben. - -So ganz spurlos aber, wie es schien, ging der tägliche Sturm auf -Mariannens Herz doch nicht an ihr vorüber. Mit großem Interesse -beobachtete das Mädchen die sich ihr nähernden jungen Männer, die es -auf mancherlei Weise versuchten, die begehrenswerte Braut heimzuführen. -Die einen marschierten geradenwegs auf ihr Ziel zu. Sie sprachen, -wie es in solchen Fällen wohl allgemein üblich, von unverbrüchlicher -Liebe und Treue; dieser tat es stammelnd, jener mit anerkennenswertem -Zungenschlag. Ja der Schulzensohn ging sogar soweit, daß er die, -noch vom Geständnis seiner Liebe her auf dem Herzen ruhende Hand -- -also der während einer Liebesbeteuerung allerorts als allein richtig -anerkannten Haltung --, daß er die beteuernde Hand aufhob, die -Schwurfinger ausstreckte und mit rollenden Augen versicherte, im Falle -der Nichterhörung von der Stelle aus in den Dorfteich zu gehen. Nun, -Erhörung fand er zwar nicht, ob er aber, wie bestimmt zugesagt, weiter -als bis zum Rand des Teichs gegangen war, entzog sich jedermanns -Kenntnis. Als unbestreitbare Tatsache mußte es jedenfalls gelten, daß -er Leipzig mitmachte und kurz nach der Rückkehr aus Frankreich eine -ältliche aber wohlbegüterte Witwe in Göhren heiratete. - -Ferner gab es vereinzelte, die schworen, daß es ihnen beileibe nicht -auf den Hof ankäme, sie, Marianne, wäre ihnen wie sie gehe und stehe -gerade recht. Sie wollten den Hof überhaupt nicht haben, meinten sie, -nur das Mädchen. Nun ging es jedoch nicht gut an, daß Marianne diesen -Verächtern irdischer Habe zuliebe auf den schmucken Besitz ihres -Großvaters Honigmann verzichtete. Lieber verschloß sie sich deshalb -diesen Werbungen. - -Die also Geschilderten waren die Gefährlichen unter den Anbetern. -Glücklicherweise aber waren sie in der Minderzahl. - -Ungleich harmloser gestaltete sich das Gespräch mit einem der -schüchternen Verehrer. Diese sprachen fast alle sehr wenig, ja bei -manchem beschränkte sich die Rede auf einen schüchternen Gruß. Dafür -war aber infolge der zurückgetretenen Töne das Herz zum bersten voll, -und die Augen mußten in diesem Falle den Dienst der widerspenstigen -Zunge übernehmen. - -Einer erzählte von daheim; wieviel jede der Kühe Milch gäbe, daß die -Schweinezucht in den letzten Jahren immer profitabler geworden sei, wie -auf dem Hofe des Vaters musterhafte Ordnung herrsche und er selbst in -allen Tugenden eines männlichen Wesens im allgemeinen und eines Bauern -im besondern von früh ab unterwiesen sei. Ein anderer sprach davon, was -er tun würde, wenn er auf einer eigenen Scholle säße. Zuhause könne -er seine Pläne nicht zur Tat machen, denn sie seien bekanntlich vier -Söhne und unter vieren gäbe es täglich Katzbalgereien. Mit einer Frau -nur allein auf einem Hofe sitzen, müsse herrlich sein. Da herrsche doch -immer Frieden und Eintracht -- -- -- - -Der Letzte endlich redete keinerlei Anzüglichkeiten. Dafür machte -er soviel Spaß, daß die Maid zuweilen vor Heiterkeit bis zu Tränen -gerührt war. Er hoffte, auf der luftigen Brücke, die der Humor über -Hindernisse errichtet, den gefährlichen Abgrund bis zu Mariannens Herz -zu überschreiten, ohne hineinzufallen. Dieser gewiegte Diplomat hieß -Emil und war der Sohn eines kleinen Bauern. - -Er war flink wie ein Wiesel und gelenkig wie eine Katze. Dabei lag -ihm sehr daran, von der kleinen Klitsche daheim sobald als möglich -wegzukommen. Lange Jahre war er das einzige Kind gewesen. Da starb die -Mutter. Sein Vater heiratete kurz darauf ein blutarmes, junges Ding, -das seinem Gatten die Mitgift nach und nach in Gestalt kugelrunder, -pauspackiger Kindlein einbrachte. Von diesem Augenblick an war daheim -nichts mehr zu hoffen. Die kleinen Geschwister taten vorderhand noch -nichts besseres, als daß sie mit beängstigend gutem Appetit aßen. Wenn -die Familie bei Tische saß, mußte Emil jeden dieser ewig hungrigen -Esser unwillkürlich mit einer Raupe mit sieben Köpfen vergleichen, die -sich eben daran macht, eine Kohlstaude kahlzufressen. Und mit Grausen -sagte er sich, daß das bescheidene Besitztum seines Vaters diese -unersättlichen Schlünde niemals werde stopfen können. Und er berechnete -nüchternen Verstandes, daß der dürre Hof gerade dann aufgezehrt -sein würde, wenn das letzte der jetzt noch im Nichts schlummernden -Geschwister flügge war. Da ging er hin und stellte seine angeborene -Kunstfertigkeit in den Dienst des Werbens um wohlversorgte Hoftöchter. - -Wen die Burschen und Mädchen an den warmen Sommerabenden im -Mondenschein, fein säuberlich in zwei getrennte Lager geschieden, auf -dem Anger saßen, Scherzreden und Neckereien hinüber und herüberflogen -und alle Spaßmacher endlich ihren Witz ausgegeben hatten, dann stand -Emil auf. Zwar sprach er seiner anstoßenden Zunge wegen herzlich wenig, -aber das Lachen der Zuschauer erklang nach seinen Leistungen bald -wieder von neuem. - -Nun waren seine Hanswurstspäße freilich nicht mehr neu und hatten -schon manch liebes Mal Stoff zu harmloser Heiterkeit gegeben; aber das -Völkchen war ja so bescheiden in seinen Ansprüchen an Unterhaltung und -wollte um jeden Preis fröhlich sein. - -Zuerst schlug er also das Rad mit solcher Behendigkeit und Ausdauer, -daß er die Anerkennung herausforderte. Dann ging er zu wunderlichen -Gliederverrenkungen über, die die Lachlust empfindlich reizten. Selbst -der Ernsthafteste aber konnte sich der Heiterkeit nicht mehr enthalten, -wenn Emil wie ein Känguruh in possierlichen Sprüngen umherhüpfte. -Dazwischenhinein überschlug er sich mehrere Male als Zugabe oder lief -minutenlang und mit größerer Sicherheit auf den Händen, als manchem der -Zuschauer auf den Beinen möglich war. Alles dies tat er stumm. Die -karge Belohnung, die er sich in den kurzen Ruhepausen gönnte, bestand -einzig und allein darin, daß er mit dem Ärmel den Schweiß von der -tropfenden Stirn wischte. Zum Schluß stellte sich Emil auf den Kopf -und verharrte in dieser Haltung unbeweglich wie ein Pfahl solange, bis -die Zuschauer erklärten, diese Vorführung sei langweilig, und einer -der Burschen ihn umwarf. Dann setzte er sich stillschweigend in den -Hintergrund und beobachtete forschend die vom Mondenschein erhellten -Gesichter der Mädchen auf die Wirkung seiner Vorführungen hin. Mit -besonderer Sorgfalt studierte er die Züge der rehaugigen Enkelin des -alten Honigmanns. - -Marianne aber dachte: ach, was soll Dir ein Mann, der unausgesetzt -durch die Luft wirbelt, und wenn er einmal auf die Erde kommt, steht er -verkehrt. - -Da machte sie in ihrem Herzchen kurz entschlossen einen dicken Strich -durch seinen Namen. - -Jeder empfindsame Leser, den diese Zeilen erreichen, wird das Resultat -betrüblich finden und sich einer wehmütigen Regung nicht verschließen -können. So viel wahrhafte Kunst an ein Trugbild verschwendet -- -- -- - -Armer Emil! - -Marianne hatte lange geschwankt, welchen der Anbeter sie endlich -erhören würde. Denn wenn auch die meisten von ihnen ihr gleichgültig -blieben, so waren es doch immerhin einige der Burschen, die dem Mädchen -recht gut gefielen. Gewissenhaft durchlief sie in ihrer stillen Kammer -im Geiste die noch gebliebene, stattliche Anzahl der Bewerber, merzte -von neuem aus, bis denn schließlich zwei übrig blieben, von denen sie -einen zu erhören beschloß. - -Der erste von diesen war Berthold Frank, der jüngste Sohn vom -Oberhofbauern. Er war ein hübscher Bursche mit hellblauen Augen und -schwarzem Schnurrbart, dessen Spitzen am Sonntag sorgfältig gedreht -waren. Er war nicht allzuhoch gewachsen, aber sein Körper war gedrungen -und seine Bewegungen verrieten große Kraft. Mit seinem hübschen Äußern -verband sich ein Auftreten, das allen Mädchen wohlgefiel, denn er war -geweckt und verstand es, verbindliche Reden zu führen; darin glich -ihm kein zweiter der Burschen. Und doch konnte Frank sich vieler -Eroberungen eigentlich nicht recht rühmen, weil man wußte, daß er -streitsüchtig war und sich zuweilen betrank. - -Daheim auf dem Obergut herrschte polnische Wirtschaft. Die Mutter war -in der Stadt aufgewachsen und hatte nie verstehen gelernt, worauf es in -ihrer Stellung ankam. Den Besitz zusammenhalten und mehren konnte sie -nicht. In einer großen Anzahl von feinen Kanälen floß der saure Gewinn -vom Hofe wieder fort und sickerte ihr geradezu durch die Finger. Für -die sparsame Verwendung der Nahrungsmittel und die weise Einschränkung -der Bedürfnisse des Haushalts hatte sie kein Verständnis. Täglich wurde -weit mehr gekocht als gegessen wurde; was übrig blieb, bekam das Vieh. -Das Essen war ohne Sorgfalt zubereitet und befriedigte nicht. Dann -schlich das Gesinde in die offene Vorratskammer und in den Milchkeller -und tat sich dort gütlich. Der Bauer trank und wenn er in später Nacht -nach Hause kam, prügelte er sein Weib. Stand der Wagen des Kornhändlers -auf dem Hofe, so war er nicht beim Aufladen der Säcke zugegen, sondern -saß wetternd im Gasthof, oder schlief oben in der Kammer seinen Rausch -aus. Und so kam es, daß manches aus dem Gut hinausging von dem er -nichts wußte. - -In dieser Umgebung wuchsen die drei Jungen auf. Von Anfang an war -niemand da, der sie zur regelmäßigen Arbeit angehalten hätte, und als -sie sehend wurden und das Leben einzuschätzen vermochten, wollten sie -nicht begreifen, warum gerade nur sie allein die Last des Tages tragen -sollten. Dazu hatte die Mutter die Kinder von früh auf verwöhnt, indem -sie alle ihre Wünsche erfüllte und ihnen vorredete, sie könnten das so -haben, dafür seien sie die Söhne des reichen Oberhofbauern. - -Und so war es aus all diesen Gründen nicht verwunderlich, daß das -Gerücht immer mehr Wahrscheinlichkeit gewann, auf dem Oberhof stehe es -schlecht, und der Bauer sei bis über die Ohren verschuldet. Berthold -kannte ganz genau die Schwierigkeiten, die es dem Vater bereitete, wenn -er an jedem Quartalsersten die fälligen Hypothekenzinsen, aufbringen -mußte, und er sah voraus, daß ihm einst als Erbe nicht mehr zufallen -würde, als ein paar vertrocknete Dachschindeln. Und da er wohl die -Kraft, nicht aber den Willen besaß mit fester Faust in das Wespennest -hineinzugreifen und er das einzige Mittel, das den Oberhof noch retten -konnte, die Arbeit, verschmähte, so beschloß er, sich anderswo ein -behagliches Nest zu suchen. Warum sollte er sich schinden? Tat es der -Vater, oder machten es etwa seine Brüder? Und gesetzt den Fall, es wäre -ihm gelungen -- aber nur ihm, denn die beiden Brüder waren Dummköpfe -- -den Oberhof vor dem Ruin zu retten, was hatte er davon? Er konnte doch -nicht als Miteigentümer auf dem Hofe sitzen, der dem ältesten Bruder -Christian zufallen würde. - -Also steckte er die Hände in die Hosentaschen, pfiff eine Melodie von -der letzten Tanzmusik her und ging mitten am Nachmittag zum vordern -Hoftor hinaus, um zu versuchen ob es ihm gelingen würde, bei der Erbin -des Lindengutes einige von seinen stets vorrätigen Schmeichelreden -anzubringen. - -Und man konnte es nicht anders sagen, Berthold Frank war ein hübscher -Bursche mit gefälligen Manieren, der zuletzt wegen seiner Aussichten -auf den Besitz des Lindengutes manchen grimmen Neider besaß. - -Der andere Bewerber, der sich zusammen mit Berthold Frank in den Besitz -von Mariannens flatterndem Herzchen teilte, war Gottfried, der Knecht -auf dem Lindengute. - -Stolz war das Mädchen nicht! Es war ihm gleichgültig, ob sein künftiger -Gatte auf einem großen Hof aufgewachsen war, oder ob er aus einem armen -Häuschen kam. Denn wenn sich Marianne auch durch ein glänzendes Äußere -leicht blenden ließ, so hätte sie ihrer inneren Stimme entgegen doch -niemals, um seiner äußeren Vorzüge willen, einem ungeliebten Mann die -Hand reichen können. Deshalb hatte sie die stummen und bescheidenen -Werbungen Gottfrieds auch nicht zurückgewiesen, sondern ihn eher noch -dazu ermutigt. - -Gottfried war wohl fast in allen Eigenschaften das gerade Gegenteil von -dem Jüngsten vom Oberhof. Er war ein stiller, in sich gekehrter Mensch -und von einer Arbeitskraft, für die der Lindenhof fast zu klein war. - -Vor nahezu dreißig Jahren war eine junge Magd auf dem Lindengut -gewesen, mit strotzenden Wangen und lachenden Schelmenaugen. Sie besaß -einen allzeit fröhlichen Sinn, und ihr blühender Leib war gerade -gewachsen wie eine Gerte. Sie war laut gewesen bei der Arbeit, wo -sie weilte, hörte man den kunstlosen Sang ihrer glockenreinen Stimme, -und weit mehr als nötig war, tönte von dem frischen Munde jauchzendes -Lachen. Da wurde mit einem Male, schier über Nacht, das Mädchen still. -Zuletzt war sie scheu geworden und hielt die Augen niedergeschlagen. -Ihr fröhlicher Sinn war von ihr gewichen, und das erquickende Lachen -war verstummt. Immer schwerer wurde ihre Seele bedrückt, bis sich -endlich ihr Gemüt umdüsterte und sie, fast selbst noch ein Kind, in der -Andreasnacht unter Verzweiflungsqualen und den doch so beseligenden -Ahnungen von Mutterglück einem rosigen Knaben das Leben gab. - -Und als von ihrer schweren Stunde an gerechnet drei Tage verflossen -waren, trug man die junge Mutter hinaus und bettete ihren blühenden -Leib, der nun all seine Wärme verloren hatte, zwischen die Schollen -des Friedhofs. Ein winziges Häufchen Sand zeigte die Stelle an, wo man -ein in der Blüte geknicktes Leben voll sprudelnder Fröhlichkeit, voll -Singsang und Lachen dem Erdenschoße still wieder zurückgegeben hatte. - -Den verlassenen Knaben aber legte der Bauer Honigmann seiner Frau -wortlos in den Schoß, die für ihn redlich sorgte, auf daß die Seele -des Kindes die mit in die Grube gebettete Liebe der Mutter nicht allzu -schmerzlich vermisse. Einen einzigen Kuß hatte die junge Mutter ihrem -Kinde auf die Stirn gedrückt, dann war sie in den Gottesfrieden hinüber -geschlummert. Der Knabe aber hatte bei der Taufe den Namen Gottfried -erhalten. - -Gottfried hatte schon frühzeitig damit begonnen, seinen Wohltätern -das zu vergelten, was sie an ihm getan. Aufgewachsen in der wahren -Frömmigkeit der Bäuerin, hatte der Knabe unter den unübertrefflichen -Anleitung Honigmanns die Arbeiten auf dem Hofe gelernt. Schon mit -vierzehn Jahren schaffte er so viel wie ein Knecht und als er die -Zwanzig erreicht hatte, bot sich für ihn auf dem Lindengute fast nicht -mehr genug Gelegenheit zur Betätigung seines Eifers. Der alte Mann -aber, dem die Arbeit selbst noch Lebenbedürfnis war, wurde zuweilen -ärgerlich, wenn er sah, wie der junge Knecht ihm die Arbeit aus den -Händen riß. Dabei war Gottfried wortkarg, und seine Bewegungen waren -eckig und unbeholfen. - -Mit den Altersgenossen pflegte er nicht viel Umgang, da er ein wenig -unterhaltsamer Geselle war. Den Keim hierzu hatte er bereits mit in die -Welt gebracht, denn die schweren Gewissensqualen der Mutter waren nicht -ohne Einfluß auf die Frucht in ihrem Schoße geblieben. - -Marianne fühlte sich zu Gottfried hingezogen. Zwar gestand sich das -Kind, daß der Knecht nicht das Abbild eines herrlichen Jünglings -sei, wie es ihr in ihren Mädchenträumen immer erschienen war; aber -einem unbewußten Drange folgend mußte sie zugeben, daß ein gutes und -treues Herz in seiner Brust schlüge, und sie an seiner Seite recht -wohl glücklich werden könne. Ein Leben ohne Jubel und Tanz, aber treu -behütet und die Brust angefüllt mit Frieden und sonnigem Glanz. - -So dachte Marianne in den Stunden stiller Einkehr. Waren diese aber -vergangen, dann zog ihr leichtfüßiger, junger Sinn sie zu den lustigen -Burschen. Und wenn sie dann einen Vergleich anstellte zwischen dem -ernsten Gottfried mit den plumpen Bewegungen und den unschönen Zügen -und dem in männlicher Kraft und Schönheit strahlenden Berthold Frank, -dem die bunte Halsschleife mit den flatternden Bändern so gut zu -Gesicht stand und der jederzeit so unterhaltsam plauderte, dann vergaß -das Mädchen alles, was sie an dem einfachen Knecht schätzte. Und sie -war blind und sah nicht die schweren Fehler des anderen. - -Die Warnungen der Großmutter machten keinen Eindruck auf das Mädchen. -Und so hielt denn endlich nach der Ernte Berthold Frank vom Oberhof -seinen Einzug auf das Lindengut. Gottfried hatte kurze Zeit darauf -zwar die Absicht ausgesprochen, nach Knauthain zu übersiedeln, wo ein -entfernter Verwandter seiner Mutter lebte, aber Frank hatte erklärt, -daraus würde nichts, und so war Gottfried geblieben. Frank ahnte nicht, -was seinen Knecht vom Hofe forttrieb; eins aber wußte er: daß er -niemals wieder einen so unverdrossenen und arbeitsfreudigen Besorger -seiner eigenen Pflichten in der Wirtschaft bekommen würde. - -Mit Berthold Franks, des trunksüchtigen Oberhofbauern Sohnes Einzug -auf dem Lindengut war der Frieden, der solange an dieser Stätte -regiert hatte, gewichen. Denn zu derselben Stunde, in der der festlich -geschmückte Hochzeitswagen von vier starken Braunen gezogen unter dem -Jubel der Gäste und dem brausenden Tusch der Musikanten durch das -weitgeöffnete Tor auf dem Hof rollte, schlichen in grauen Gewändern -und mit hämischen Blicken unbemerkt zwei Frauengestalten durch die in -schmalem Spalt offenstehende Hintertür auf das ehemalige Besitztum des -alten Honigmanns; ihre Namen aber waren Kummer und Gram. - -Im ersten Jahre tat der junge Bauer seine Pflicht wie es ihm zukam, und -es schien, als ob der Besitz eines blühenden, fröhlichen Weibes und -des schmucken Lindengutes alle Bedenken zunichte mache, die manchen im -Dorfe bei dieser Verbindung überkommen waren. Aber die Sünden der Väter -rächen sich sattsam an den Kindern, und Berthold Frank war ein echter -Sohn des seit Jahren in wüstem Taumel dahinlebenden Oberhofbauern. - -Solange Mariannens Großmutter lebte, nahm sich Frank höllisch zusammen. -Denn der Hof gehörte noch nicht ihm, und durch einen Federstrich konnte -sie zu Gunsten seiner Kinder ihr Testament umstoßen und ihm harte -Einschränkungen durch die Obrigkeit auferlegen. Bei aller Frömmigkeit -und Milde wohnte nämlich in dem müden Körper der alten Bäuerin eine -streitbare Natur, und ihre Zunge war flink und nannte das Kind gleich -beim richtigen Namen. Da starb die Alte, und der Hof fiel ihm endgültig -zu. - -Von diesem Zeitpunkt ab war Frank wie ausgewechselt. Sein viel -umneidetes Heim verlor für ihn den Reiz; im Wirtshaus bei Würfelspiel -und wüsten Gelagen war ihm wohler. Spät in der Nacht kehrte er dann -angetrunken nach Hause zurück, schalt sein Weib und hob endlich die -Hand gegen sie auf. Am Tage schlief er seinen Rausch aus, war froh, -einen rechtschaffenen, gottesfürchtigen Knecht zu besitzen und ging -damit beruhigt wieder ins Wirtshaus. Mit einem grausamen Ruck fühlte -Marianne die Binde von ihren Augen weggezogen, und ein freudenloses, -unwürdige Leben rollte sich vor ihren entsetzten Blicken auf. - -Gottfried arbeitete für zwei und war in der letzten Zeit noch stiller -geworden. Zuweilen traf es sich, daß Marianne in der Blütenlaube vor -dem Hauseingange stand, das neugeborene Kind auf dem Arme, während -er auf dem Hofe schaffte. Da sah er ihr verhärmtes Gesicht, umrahmt -von grünem Blattwerk sich zugewendet, und ihre Augen begegneten mit -tieftraurigem Ausdruck den seinigen und führten eine stumme und doch -so beredte Anklage gegen sich selbst. Gottfried aber konnte den Blick -dieser umflorten Augen nicht aushalten. Schwerfällig wandte er sich -ab und faßte mit unsichern Händen von neuem nach seiner Arbeit. Denn -das Schicksal des Weibes, das er mit voller Inbrunst seines einfachen, -vortrefflichen Gemütes geliebt hatte, ging ihm zu Herzen und bereitete -ihm Schmerz. - -Da brausten wie auf Sturmesflügeln die flammenden Proteste einzelner -Patrioten, die die schmachvolle Haltung ihres Vaterlandes nicht -mehr mit anzusehen vermochten, über die sächsischen Fluren. Von den -Hauptstädten ausgehend, sprang der Brand auf das platte Land über, und -zuletzt glich das Königreich einem einzigen Flammenmeer. Das bängliche -Ausharren in der von den Verbündeten schon längst übelgedeuteten -Stellung zu den Franzosen und die ergebene Haltung vor dem Kaiser, ein -Gemisch von Bewunderung, Furcht und dumpfem Dahinleben, verschwanden -mit einem Schlage. Jäh kam die Erkenntnis und ließ das Unwürdige der -in den letzten Monaten bewahrten Gleichgültigkeit mit Scham bemerken. -Wer konnte müßig bleiben, wenn alles in den heiligen Kampf zog? Und -war es nicht unsinnig, daß von der Beteiligung an der Niederwerfung -desjenigen, der seit acht Jahren Entsetzen und Not über die Länder -deutscher Zunge heraufbeschworen hatte, gerade das Volk zurückbleiben -wollte, dessen Land der Kriegswütige zum Tummelplatz seiner Heere und -zur Schlachtenbühne Europas ausersehen hatte? - -Gottfried war einer der Ersten, die sich Konrad Hartmann anschlossen, -dessen Worte ihn begeistert hatten. Als er aber von seinem Vorhaben dem -Bauern Frank erzählte, wurde dieser zornig und schalt auf die Sache, -insbesondere auf die Männer, die ihr vorstanden. Es kam ihm recht wenig -gelegen, seinen zuverlässigen Knecht zu verlieren; andererseits bot ihm -dieser Vorfall aber willkommene Gelegenheit, seiner alten Abneigung -gegen den Freihofer in gehässigster Weise Ausdruck zu geben. - -Max hatte von jeher mit seiner Meinung über die schlechte Wirtschaft -auf dem Oberhofe nicht zurückgehalten und auch dann, als Berthold Frank -Lindengutbauer geworden war, gab er seine kühle Haltung gegen ihn nicht -auf. Und gerade dies letztere hatte den eingebildeten Frank ungemein -verdrossen und eine feindselige Haltung gegen Max annehmen lassen. Zwar -hatte er es nie gewagt, gegen den angesehenen und reichen Besitzer des -Freihofes etwas zu unternehmen. Jetzt aber reifte in seiner Seele ein -teuflischer Entschluß. Wenn er mit seiner Ausführung vielleicht auch -manchen andern hart traf, -- was tats? Wen er nur ihn, den Gehaßten -damit vernichten konnte. - -Franks Stellung zu dem Plane der kühnen Männer entsprach ganz seinem -Charakter. Mit höhnischen Worten erklärte er die Idee für unsinnig und -bezeichnete die Männer, die an der Spitze standen, als Tollhäusler -und Verbrecher. Öfters als sonst saß Frank in diesen Tagen bis zum -Morgen in der Schenke und bekämpfte mit schreiender Stimme und wilden -Bewegungen den geplanten Auszug. Dazwischenhinein versicherte er mit -geheimnisvollem Lachen immer wieder von neuem, er glaube garnicht -daran, daß es noch soweit kommen werde und schlug zur Bekräftigung -seiner Worte mit der derben Faust auf den Tisch, daß dieser dröhnte und -die Gläser tanzten. - - - - -19. Kapitel. - - -Hermann Lehnhardt hatte den verletzten Arm bisher noch immer in der -Binde getragen. Nun aber ließ er diese daheim und schob die Hand -zwischen die Knöpfe seiner Jacke. Der schwierige Bruch des Ellenbogens -war nach langen Wochen zwar wieder geheilt, hatte aber in dem Arm eine -große Schwäche zurückgelassen, so daß er ihn noch nicht gebrauchen -konnte. Bis zur völligen Heilung wohnte er mit seiner Frau und dem -hübschen Buben, den ihm Antonie geschenkt hatte, bei seiner Großmutter. - -Kurz nach dem schlimmen Vorfall war eines Tages in dem Hause der Mutter -Lehnhardt der neue Verwalter des Freihofs erschienen und hatte sich -im Auftrage seines Herrn einer Summe Geldes entledigen wollen, die -für den Arzt bestimmt gewesen war. Da war Hermann aufgesprungen und -ohne ein Wort zu sprechen, hatte er blitzenden Auges und in drohender -Haltung mit der gesunden Hand nach der Tür gewiesen, durch die der -Abgesandte denn auch ohne Widerrede alsbald verschwand. Seitdem war die -Verbindung mit dem Freihofe durchgeschnitten. Traf es sich aber, daß -die Freihoferin der Mutter Lehnhardt draußen begegnete, so begrüßten -sich die beiden Alten ebenso herzlich wie bisher, den Vorfall jedoch -berührten sie nicht. - -Als Hermann Lehnhardt eines Tages, wie er es oft tat, über die Wiesen -geschlendert war und dann an der hintern Seite der Höfe entlang ging, -stand der Lindenbauer an seinen schadhaften Zaun gelehnt und sah ihm -entgegen. Natürlich schlug Frank sofort wieder sein Lieblingsthema an -und wetterte gegen das Vorhaben der Männer, die lieber daheim bleiben -sollten, damit ihre Frauen und Kinder nicht betteln zu gehen brauchten, -anstatt den Preußen die Kastanien aus dem Feuer holen zu helfen. -Hermann Lehnhardt schwieg zu diesen Worten und sah geflissentlich -an Frank vorbei. Der aber hätte es gern gehört, wenn Lehnhardt ihm -beigestimmt. Als dieser hierzu nun trotz seiner Anzapfungen keine -Anstalt machte, konnte sich Frank nicht enthalten, ihn in ärgerlichem -Tone zu fragen: - -»Nun, Ihr seid wohl gar einer vom feindlichen Lager?« - -»Ach,« antwortete Lehnhardt ausweichend und ließ den Blick sehnsüchtig -über die Fluren schweifen, »Ihr wißt ja, daß ich nicht mit ausziehe, -warum quält Ihr Euch deshalb mit mir herum?« - -Aber der dringliche Frager war von dieser Antwort nicht befriedigt. Es -hatte ein Ton durch Lehnhardts Worte geklungen, der ihm nicht gefiel. -Deshalb kniff er die verschwommenen Augen halb zu und warf mit listigem -Lächeln scheinbar achtlos hin: - -»Ich hörte jüngst, daß Ihr nahe daran wäret, voll Demut die Hand wieder -zu drücken, die Euch zum Krüppel machte -- -- --« - -Da fuhr Lehnhardt voll Wildheit herum, das Gesicht wie von Flammen -umspielt, während aus den soeben noch träumerischen Augen glühender Haß -brach. - -»So, Bauer,« schrie er, »das habt Ihr gehört? Da sagt Euern Zuträgern -nur, daß ihnen dies im Rausch beigekommen sei!« Und sich nach -rechtsseitwärts wendend, hob er die Faust auf und drohte nach der -Stelle hinüber, wo die stattlichen Ziegeldächer des Freihofes über die -ihn umgebenden niedrigen Häuser herausragten: - -»Wir rechnen noch miteinander ab -- --!« - -Mehr konnte er nicht sprechen, denn eine unbeschreibliche Wut schnürte -ihm die Kehle zu. Er wandte sich kurz ab und ging stumm weiter. - -Frank war betroffen. Der plötzliche Wutausbruch Lehnhardts und der -unverfälschte Naturlaut des wildesten Hasses in dessen Stimme, -hielt seine Zunge noch im Bann. Dann aber blitzte es in dem fahlen, -aufgedunsenen Gesicht auf, und ein breites Lachen scholl dem -Davongehenden nach. - -»Laßt den feinen Burschen nur mir, Lehnhardt,« klang es zwischendurch, -»ich habe einen kostbaren Spaß für ihn ausgedacht. Hahaha!« - - * * * * * - -Es war ein trüber Tag gewesen. Gegen Abend fiel starker Regen, und der -Wind jagte heulend über die Felder. In den Häusern wurden die Fenster -verwahrt, die der immer mehr anwachsende Sturm scharf berannte, und -in den Ställen, wo das Vieh unruhig wurde, schloß man sorgfältig die -Türen. In gewaltigen Stößen wütete der Sturm gegen die Häuser, riß -große Äste von den Bäumen und trieb den unaufhörlichen Regen vor sich -her, daß die dicken Tropfen klatschend an die Fensterscheiben schlugen. -Eine undurchdringliche Finsternis herrschte im Freien. Es war, als -ob der Himmel von einer einzigen schwarzen Wolke bedeckt sei. Kein -Stern, nicht einmal eine helle Stelle war am Himmel sichtbar. Die -Elemente schienen ihrem Meister entschlüpft zu sein. Mit erbitterter -Wut kämpften sie gegeneinander und gegen alles, was die menschliche -Hand mühevoll errichtet oder die gütig schaffende Natur auf den Fluren -erzeugt hatte. - -Das Dorf schien wie ausgestorben. Niemand war jetzt noch im Freien, und -selbst die vierbeinigen Hüter des Hauses waren schutzsuchend in ihre -Hütten gekrochen und winselten leise, den Kopf auf die ausgestreckten -Vorderpfoten gelegt. - -Auf der Dorfstraße schritt um die Mitternachtstunde vorsichtig ein -Mann dahin. Wie ein Schatten hob sich die Gestalt zuweilen von den -weißgetünchten Häusergiebeln ab, um sogleich wieder in die gähnende -Finsternis hineinzutauchen. Wütend peitschte der strömende Regen -des einsamen Wanderers Gesicht, und der Sturm eilte dem Naß als -Bundesgenosse zu Hilfe und drang so heftig auf den Menschen ein, daß -dieser von Zeit zu Zeit hinter einem dicken Baumstamm Schutz suchen -mußte und es ihm nur mit großer Mühe gelang, vorwärts zu kommen. In -den Häusern ruhten die Bewohner schon längst im tiefen Schlafe. Nur -hie und da brannte noch eine Lampe, die einen schwachen Lichtschein -durch das Fenster auf die Straße warf. Sobald der Gesell einen solchen -Lichtkreis betrat, beschleunigte er die Schritte, bis die Dunkelheit -ihn wieder aufnahm. Es schien, als ob der Unbekannte es scheu vermeide, -daß ein menschliches Auge ihn auf seiner nächtlichen Wanderung entdecke. - -Als er am äußersten Ende des Dorfes angelangt war, blieb er plötzlich -vor dem Rabensteiner Hofe stehen. An einen Baum gelehnt, betrachtete -er das einstöckige Haus, dessen Fenster dunkel waren und aus dem kein -Laut herausdrang. Mit vorsichtigen Schritten näherte er sich der Tür -neben dem großen Tor und versuchte, sie zu öffnen. Da schlug der -wachsame Hofhund an, daß er schnell wieder die Hand vom Drücker nahm. -Das bellende Tier war aus der Hütte gesprungen und zerrte wütend an -der Kette. Aber seine mächtige Stimme klang nur schwach, sie wurde -übertönt von dem Heulen und Brausen des Sturmwinds. Als wenn die wilden -Geister der Luft ein tolles Bankett feierten, zu dem die Elemente eine -schauerliche Musik aufspielten. - -Da sprang der Mann über den Graben, in dem das Wasser wie in einem -Flußbett dahinschoß und ging an der äußeren Seite des Hauses entlang. -Aus dem oberen Fenster unter der Spitze der hinteren Giebelwand drang -ein schwacher Lichtschimmer heraus. Emsig bückte sich der Einsame, -las einige herabgefallene Zweige auf und versuchte, sie gegen das -Fenster zu werfen. Aber der Sturm vereitelte diese Anstrengungen, -indem er die leichten Wurfgeschosse, sobald sie die Hand des Schützen -verlassen hatten, in eine andere Richtung fortriß. Als der Mann -die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen erkannte, ließ er die Augen -ratsuchend umherschweifen, bis sie endlich auf einem dicken Baum -haften blieben, der wenige Schritte von ihm entfernt stand. In diesem -Augenblick glänzten seine Augen vor Befriedigung. Entschlossen trat -er an den Baum heran und kletterte mit großer Anstrengung den starken -Stamm hinauf. Dann kroch er auf einem bis fast an das Haus reichenden -Ast soweit vor, daß er mit der Hand das Fenster erreichen konnte. Kaum -hatte er das Glas berührt, als Konrad Hartmann am Fenster erschien. -Er öffnete den Flügel, beugte sich ein wenig vor und versuchte -mit angestrengter Aufmerksamkeit, die Dunkelheit mit dem Augen zu -durchdringen. - -»Still, Rabensteiner, daß man uns nicht hört. Niemand darf uns heute -Nacht beisammen sehen!« sprach der auf dem Aste Liegende mit leiser -Stimme, die in dem Sturm fast unterging. - -Jetzt hatte Konrad den Mann erkannt. - -»Teufel,« antwortete er ebenso leise, »Gottfried seid Ihrs? Was in -aller Welt treibt Euch in diesem fürchterlichen Wetter ins Freie, und -warum klettert Ihr mitten in der Nacht auf die Bäume?« - -»Es droht uns allen schweres Unheil, sage ich, Rabensteiner, aber -besonders Euch und dem Freihofer. Es ist ein Schurke in unserer Mitte, -der Verrat üben will.« - -Da beugte sich Konrad Hartmann weit vor, daß ihm die schweren Tropfen -auf Kopf und Wangen fielen, und der Sturm sich in sein Haar wühlte. -Aber er merkte dies nicht. Doch war sein Gesicht um einen Schein -bleicher geworden, als er mit gepreßter Stimme sprach: - -»Ein Verräter, sagt Ihr, Gottfried? Ja, seid Ihr denn von Sinnen? Ein -Verräter im Dorfe?« - -»Es ist so wie ich sagte,« raunte dieser zurück. »Hört und überlegt -rasch was zu tun ist. Der, den ich Verräter nannte, ist der -Lindengutbauer. Er hat den Verrat zwar noch nicht geübt, wird es aber -schon morgen tun. Ihr wißt, wie er seit Wochen gegen uns gesprochen -hat, auch ist Euch bekannt, daß er den Tiefenbach wie ein giftiges -Gewürm haßt und ihm gern Übles anhängen möchte. Nun also: Heute -am Vormittag höre ich ein Gespräch mit an, das Frank mit Hermann -Lehnhardt führt und worin er ihn gegen den Freihofer aufreizte. Und als -dann Lehnhardt voll Erbitterung verspricht, diesem einen Denkzettel -anzuhängen, ruft der Bauer ihm nach, daß er selbst dies besorgen wolle. -Darauf ging er ins Wirtshaus. Heute am Abend kam er schwerbetrunken -heim, vergriff sich wieder an seinem Weibe, das ihm, den Kleinen im -Arm, weinend entgegentrat und schlug darauf den ganzen Hausrat in -der Stube kurz und klein. Dabei tat er die lästerlichsten Flüche -und schwor, morgen in der Frühe nach Zehmen zu fahren, wo er unsere -Absicht, zu den Preußen zu gehen, dem dort befehligenden französischen -Kommandeur mitteilen wolle. Ihr wißt, Rabensteiner, wie kurzen Prozeß -die Franzosen mit aufständischen Bauern machen. Statt zu den Preußen, -wandern wir bestenfalls in eine Festung. Aber den Anführer stellt man -sicher vor den Sandhaufen.« - -Konrad hatte in seiner vorgebeugten Haltung unbeweglich verharrt. Jetzt -sagte er lebhaft: - -»Wir müssen sofort zu Frank eilen und mit ihm reden.« - -»Das wäre umsonst,« antwortete Gottfried, »er liegt schwer betrunken -daheim.« - -»Dann aber morgen in aller Frühe, noch ehe er von Hause fortgeht.« - -»Es nützt Euch alles nichts,« versetzte Gottfried bitter und bestimmt, -»so wie ich den Bauern kenne, führt er seinen Vorsatz aus. Schon um den -Tiefenbach zu vernichten, tut er’s.« - -»Ja, aber,« fuhr Konrad auf, »wir müssen auf jeden Fall diesen Verrat -verhindern. Der Freihofer könnte zwar noch in dieser Nacht fliehen, -aber alle andern lassen sich nicht so schnell benachrichtigen, und der -Name Rehefeld wäre für alle Zeiten geschändet. Was meint Ihr denn, -Gottfried, was da am besten zu tun ist?« - -Da hob dieser seinen Körper ein Stück in die Höhe, daß sein Mund an -Konrads Ohr lag und flüsterte diesem ein paar Worte zu. In demselben -Augenblick fuhr Konrad erschreckt zurück, als wenn er einen heftigen -Schmerz verspüre. - -»Gibt es einen andern Ausweg, Bauer?« fragte Gottfried. - -Konrad sah eine lange Weile mit finsterm Blicke vor sich nieder, dann -sagte er mit dumpfer Stimme und mit Nachdruck: - -»Nein, es gibt keinen andern!« - -Da kam wieder Bewegung in den Liegenden und er schob sich behutsam auf -dem Ast zurück. - -»Frank ist riesenstark,« rief Konrad dem schon Hinabkletternden noch zu. - -»Geht schlafen, Rabensteiner,« gab dieser zurück, »die Nacht ist -gräßlich!« - -Damit verschwand er in der Dunkelheit. - -Eine Sekunde lang sah Konrad auf die Stelle, wo Gottfried verschwunden -war. Dann schloß er das Fenster und gleich darauf verlöschte das Licht -in der Kammer. - - * * * * * - -Die Macht des Unwetters hatte ihren Höhepunkt erreicht. Der Sturm -schüttelte und riß mit tausend Händen an allem, was sich ihm -entgegenstellte, und wie Keulenschläge fielen seine Stöße auf die -Dächer. Ächzend bogen sich die stärksten Stämme der Bäume unter seiner -Wut, und aus des Himmels Schleusen strömte es wie eine Unzahl tosender -Sturzbäche auf die geängstigte Erde herab. Ein Höllenkonzert von -zehntausend Teufeln! - -In der Unterstube auf dem Lindenhofe tickte die große Kastenuhr laut -und einförmig. Auf der Bank vor dem Ofen lag der Bauer laut schnarchend -ausgestreckt auf dem Rücken, die beiden Arme unter dem Kopfe -verschränkt. Die undurchdringliche Nacht hüllte alle Gegenstände in -ihren schwarzen Mantel. Da tauchte neben dem Schläfer ein Schatten auf, -und im nächsten Augenblick umschlossen zwei große Fäuste den Hals des -Liegenden wie eiserne Klammern. Frank zog blitzschnell den rechten Arm -unter dem Kopf hervor und führte damit einen furchtbaren Hieb durch die -Luft. Dann lag er wieder so bewegungslos wie vorher; nur der Arm hing -schlaff herab und pendelte noch eine Weile hin und her, bis er ruhig -herunterhing. Aber die Finger der auf dem Fußboden auftreffenden Hand -hatte der Krampf gekrümmt wie Krallen. Noch ein, zwei Sekunden, dann -lockerte sich der eiserne Griff, und die Gestalt verschwand unhörbar in -der Finsternis wie eine nächtliche Erscheinung. - -Die große Uhr tickte in gleichmäßigem Schlage weiter, aber der Bauer -hatte aufgehört zu schnarchen. -- - - * * * * * - -Am andern Morgen hatte sich das Unwetter gelegt. Der Himmel war hell, -und der matte Glanz der mit den Wolken kämpfenden Sonne strahlte -friedlich auf die Verheerungen herab, die der Sturm während der Nacht -an Gebäuden und Bäumen angerichtet hatte. - -Da lief plötzlich die Kunde von Mund zu Mund, den Bauern Frank habe in -der Nacht der Schlag gerührt, er sei tot. - -Und vor der Bank am Ofen in der Unterstube des Lindengutes lag eine -alte Frau auf den Knien, die mit gerungenen Händen um den Sohn weinte. -Droben aber in seiner Kammer saß mit zusammengekniffenen Lippen, mit -steinernen Zügen und trockenen Augen ein junges Weib, auf dem Schoße -das schlummernde Kind, und blickte hart vor sich nieder. - -Als einige Tage darauf Gottfried das Lindengut verließ, um mit den -andern Männern auszumarschieren, da traf ihn ein flehentlicher Blick, -der zum Bleiben einlud. Aber ihm grauste vor diesem Blick und er wandte -sich ab. - -Wieder einige Tage später standen die kampfesfrohen Männer von Rehefeld -in Reih und Glied eines in der Reserve gebliebenen Regiments vom -Korps des Generals von Kleist. Als aber am Montag des 18. Oktober -mittags 2 Uhr dieses preußische Korps von Güldengossa her den großen -Bajonettangriff auf das vom Marschall Victor verteidigte Probstheida -unternehmen mußte, da wurden auch die Reserven vorgezogen. Und einer -der Ersten, die von den beiden verderbenspeienden Batterien am -Eingang des Dorfes zerschmettert wurden, war Gottfried, der ehemalige -Schützling des alten Ehepaares Honigmann, der getreue Knecht auf dem -Lindengute. - - - - -20. Kapitel. - - -Schon seit einigen Tagen hatten die Rehefelder von Norden her -Geschützdonner gehört, der bewies, daß Heeresteile der Verbündeten -endlich mit französischen Truppen ins Gefecht geraten waren, die ja im -großen Bogen die Ortschaften vor Leipzig besetzt hielten und sich auf -einen verzweifelten Kampf eingerichtet hatten. Auch waren Fuhrleuten -auf der weiten Ebene hinter dem Tanzberg fremde Reiter aufgefallen, -dergleichen noch niemand gesehen hatte, und die mit ihren wilden, -struppigen Gesichtern und der fabelhaften Sicherheit, mit der sie -auf den kleinen, häßlichen Pferden umherjagten, einen merkwürdigen -Anblick boten. Es waren dies die ersten russischen Kosaken, die in -dieser Gegend auftauchten und die dort, wo sie auftrafen, stahlen und -brandschatzten und sich weit ärger betrugen, als die französischen -Soldaten es getan hatten. - -Ferner ging ein Gerücht herum, dessen Richtigkeit sich bald -herausstellte, und das die Gährung in der sächsischen Armee -kennzeichnete. Man erkannte, daß die Freudigkeit, mit der diese Truppen -unter den Schwingen der französischen Adler gefochten hatten, nunmehr -vollständig geschwunden war, und daß die Soldaten eine Erbitterung -beseelte, die den Uebergang des größten Teiles der sächsischen Armee zu -den Verbündeten am Vormittag des 18. Oktober vorbereitete. - -Nach dieser Kunde hatte Napoleon vor den Toren Leipzigs eine große -Heerschau über seine Truppen abgehalten, an der auch die sächsischen -Regimenter teilnahmen. Während die Franzosen in gewohnter Weise dem -die Front abreitenden Kaiser zujubelten, empfingen ihn die Reihen -der Sachsen mit eisigem Schweigen. Napoleon versammelte hierauf die -Offiziere und Unteroffiziere des Korps Regnier, in dessen Verband -sich die Sachsen befanden, um sich und hielt eine zündende Ansprache, -deren Bedeutung durch Caulaincourts mangelhafte Verdeutschung aber -verloren ging. Die Frage, ob der Kaiser in der Schlacht darauf rechnen -könne, daß sie ihrem König die gelobte Treue halten würden, bejahten -die Sachsen freilich einmütig. Als aber General Regnier sie um ein -Zeichen der Ergebenheit bat, gingen sie, von den wütenden Blicken -Napoleons begleitet, stumm auseinander. Auch der Umstand, daß während -dieser Szene eine große Anzahl Soldaten für das Kreuz der Ehrenlegion -aufgeschrieben wurde, machte keinen Eindruck. - -Die Ortschaften nördlich Rehefeld bis über Leipzig hinaus waren mit -französischen Truppen dicht belegt, und vom Schloßberg aus konnte man -ihre Vorposten bei Göhren erkennen. - -Die Wolken hatten nach hartnäckigem Streite mit der Sonne die -Herrschaft endgültig behauptet, und als Fortsetzung des Unwetters der -vergangenen Nacht begann dichter Regen zu fallen. Da fuhren gegen -Mittag von Borna her etwa 10 Wagen ins Dorf, deren Beladung aus Pulver -und Geschützmunition bestand. Als Begleitung dieser Kolonne waren -einige französische Infanteristen mitgekommen; Mannschaften und Pferde -waren furchtbar erschöpft. Deshalb beschloß der führende Offizier, im -Dorfe einen längeren Halt zu machen. - -Er ließ die Wagen auf dem Stoppelfelde dicht neben dem Weißen Schlosse -auffahren und die Pferde in den Ställen im Dorfe unterbringen. Da es -rätlich erschien, das Pulver vor dem dichten Sprühregen zu schützen, -kam der Offizier, begleitet vom Ortsvorstand, auf den Freihof geritten, -und bat in höflichen Worten, ihm zu diesem Zwecke den Turm des -Schlosses zur Verfügung zu stellen. Max begab sich, dem eisernen Druck, -der hinter dieser höflichen Aufforderung stand gehorchend, an Ort und -Stelle und öffnete die große Tür, die wohl zu einer Zeit, in der das -Schloß keine Belagerung mehr auszuhalten hatte, eingebaut worden war. -In früheren Jahren war der weite Raum im Turme zur Aufspeicherung von -Getreidevorräten benutzt worden. Jetzt stand er leer und bot genug -Platz zur Unterbringung der Pulversäcke und Munitionskästen. - -Stickige Moderluft empfing die Eintretenden, und mit großer -Aufmerksamkeit betrachtete der Franzose die mehrere Ellen starken -Mauern, an deren Festigkeit in früheren Jahrhunderten der wilde Ansturm -manches Belagerers abgeprallt war. - -Eine Stunde später waren die zweihundertfünfzig Zentner Pulver im -Turme untergebracht, und ein vor der Tür aufgepflanzter Doppelposten -bewachte die Säcke und das mörderische Blei, das dazu bestimmt war, -gewiß schon am nächsten Tage seine verheerende Wirkung in die Reihen -der verbündeten Truppen hineinzutragen. - -In den Gemütern der Dörfler herrschte scheinbar große Ruhe. Aber wer -ungesehen einen Blick in manches der Häuser hätte tun können, würde -mit Staunen eine fieberhafte Tätigkeit wahrgenommen haben. Denn am -übernächsten Morgen sollte der Ausmarsch stattfinden, zu dem die -letzten Vorbereitungen getroffen wurden. - -Das Wohl ihres Besitzes, gleichviel ob es ein Bauerngut oder ein -ärmliches Häuschen war, lag den Davonziehenden am Herzen, und den -Zurückbleibenden wurde noch mancher treffliche Rat erteilt und für das -kommende Frühjahr manche Aufgabe übertragen. - -So verstrichen die Stunden, und als am späten Nachmittag der Regen -nachließ, versammelte sich eine große Anzahl Schaulustiger um die -fremden Wagen, die in peinlicher Ordnung am Fuße des Schlosses -standen. Viele Blicke gingen auf die Schildwachen am Turm und auf das -Eingangstor: die Augen der Frauen und Kinder mit Neugierde, die der -Männer mit schlecht verhehlter Erbitterung. - -Kurz darnach hatte sich plötzlich die große Schankstube des Gasthofes -dicht angefüllt, und laute Rufe der Entrüstung wurden dort ausgestoßen, -daß man ruhig mit ansehen müsse, wie die viele Munition im Dorfe -aufgespeichert werde. Niemand hatte heute ein rechtes Vergnügen am -Biertrinken. Die Deckel klapperten lange nicht so laut wie sonst an -Wintersonnabenden, und als die neunte Stunde herangekommen war, hatten -die Letzten den Gasthof verlassen. Nur an dem Tische dicht bei der Tür -saß noch ein Gast, der nachdenklich in sein halbgeleertes Bierglas -schaute. Es war Johann, der Schafhirt der Gemeinde. - -Vor etwa siebzehn Jahren hatten eines Tages Fuhrleute, die vom -Erzgebirge herkommend ihre schweren, mit Leinen und Klöppeleien -beladenen Wagen zur Neujahrsmesse nach Leipzig führten, einen -vierjährigen Knaben mit ins Dorf gebracht. Sie hatten das Kind -unterwegs gefunden und ein paar Tage mit sich geführt. Aber das -Wetter wurde empfindlich kalt, und der nur mit einem dünnen Röckchen -bekleidete Junge fror entsetzlich. Deshalb gab einer von ihnen das -Kind in die Obhut einer armen Frau, mit dem Versprechen, es bei der -Rückkehr wieder mitzunehmen. Die Frau nahm sich des Kleinen an, aber -der Fuhrmann kam nicht wieder. Und als die Summe, die sie für das Kind -bekommen hatte, zu Ende war, erklärte das Weib der Ortsobrigkeit, daß -sie von dem geringen Verdienst ihres Mannes neben den vier hungrigen -Mäulern ihrer eignen Kinder, nicht auch noch das des fremden Jungen -stopfen könne. Daraufhin mußte wohl oder übel die Gemeinde für den -Fremdling sorgen, der niemand gehörte, und von dem kein Mensch wußte, -ob er Heide oder Christ war. Auch seinen Namen kannte man nicht, und -da Nachforschungen keinen Erfolg hatten und aus dem, wie es schien, -geistig etwas zurückgebliebenen Jungen nichts herauszubringen war, -nannte man ihn Johann und gab ihn einem Bauern in Pension. - -Dieser schob den Jungen nach einem Vierteljahr wieder ab, indem er ihn -mit der Kleinmagd kurzerhand zum Nachbar schickte. Der Zweite verfuhr -wie der Erste, und so ging Johann reihum und lernte dergestalt viele -Haushaltungen kennen und viele Menschen und den Inhalt verschieden -gearteter Kochtöpfe und Suppenschüsseln. - -Zu Klagen bot der Bursche keinen Anlaß. Er war gutmütig und blieb -ein beschränkter, einfältiger Tropf, was mit einer großen Wunde am -Hinterkopfe zusammenhängen mochte, die der Junge gehabt, als ihn -der fremde Mann zur einstweiligen Aufbewahrung abgegeben hatte. Nun -war aber schon längst Gras über die Geschichte seines unerwarteten -Auftauchens im Dorfe und über die Wunde eine dicke, rote Narbe -gewachsen, vor der die strohgelben, wie Schweinsborsten in die Höhe -strebenden Haare Johanns ehrerbietig Halt machten, und die den auch -im übrigen keine Schönheiten aufweisenden Kopf in gleicher Weise -verzierte, wie ein dicker Regenwurm einen gelben Kürbis. -- Genug, -Johann war niemandes Feind! - -Als er ein gutgenährter Bursche von fünfzehn Jahren war, wurde er der -Nachfolger des eisgrauen Schafhüters, nachdem man diesen eines Tages -inmitten seiner Herde entseelt aufgefunden hatte. - -Diese Rangerhöhung vom schlichten Kostgänger zum Inhaber eines unter -der lieben Jugend mit Ansehen verbundenen Amtes, wurde von den sich in -die Unterhaltung Johanns teilenden Bauern ungefragt gutgeheißen und -von dem Erwählten selbst mit einer an ihm noch nicht gekannten Würde -entgegengenommen. Denn weil der Schafhüter nicht auf Gnadenbissen -angewiesen war, sondern ihm freier Unterhalt im Gemeindehause von -Rechts wegen zustand, war allen geholfen. Mit der Fähigkeit, ernstlich -zu arbeiten, hätte es bei ihm für alle Zeiten gehapert, aber dem Posten -als Befehlshaber dieser vierbeinigen Garde war der Bursche vollauf -gewachsen. - -Noch immer saß Johann still auf seinem Platze und guckte nachdenklich -in sein Glas. - -Der Gastwirt stand hinter dem Schanktisch und war mit müden Bewegungen -dabei, die leeren Biergläser in einem mit Wasser gefüllten, -hölzernen Schaff zu spülen. Er war ein kleiner, dicker Mann, dem das -schwarze, gestickte Käppchen mit der roten Quaste würdig auf dem -kurzgeschnittenen, weißen Haar saß. Den kugelrunden Bauch umspannte -gerade auf der Stelle, wo er den größten Umfang, hatte das Band -einer frischgewaschnen blauen Schürze und teilte ihn mit derselben -gewissenhaften Genauigkeit in eine nördliche und südliche Hemisphäre, -wie dies der Äquator mit der Mutter Erde freundlicherweise und -unverdrossen noch bis auf den heutigen Tag tut. - -Während des Gläserspülens flogen die schläfrigen Augen des gutmütigen -Alten von Zeit zu Zeit prüfend hinüber zu dem zurückgebliebenen Gast, -der noch immer keine Anstalten zu gehen machte. - -»Na, Johann,« rief der Wirt endlich dem Schafhirten zu, »ich dächte, Du -gingest jetzt auch heim. Du träumst wohl schon von dem Dutzend Klößen, -das Du morgen Mittag wieder essen wirst?« - -Der Angesprochene aber sah den verschmitzt lächelnden Wirt mit großem -Ernst an und fragte: - -»Vater Böhme, habt Ihr’s gehört, wie der Bauer vom Rabenstein heut -Abend gesagt hat, jeder müsse jetzt dem Vaterlande einen Dienst -leisten?« - -»Ja, so ähnlich hat’s schon geklungen, was er gesagt hat, der -treffliche Konrad, aber Dich, Johann, hat er damit nicht gemeint. -Zerbrich’ Dir den Kopf nicht darüber.« - -Der aber blieb hartnäckig bei der Sache und fragte von neuem: - -»Vater Böhme, habt Ihr schon Euern Dienst getan?« - -»Noch nicht, Johann. Aber wenn die Männer ausmarschiert sein werden, -dann wissen es schon diejenigen Frauen, die es bedürfen, daß an jedem -Sonnabend nach Feierabend beim Vater Böhme ein großer Topf Fleischsuppe -für sie bereitstehen wird.« - -»Vater Böhme, nicht wahr, das ist eine Sünde, wenn einer jetzt für das -Vaterland garnichts tut?« - -Der alte Mann blickte verwundert auf den Schafhirten und schüttelte -leise mit dem Kopfe. Dann stemmte er die Arme breit auf den Tisch, daß -der Bauch fest am Holze lag und antwortete: - -»Wer in den Augenblicken der höchsten Not nicht wenigstens im Geiste -für die gute Sache ist, der versündigt sich allerdings an seinem Volke. -Aber jetzt geh heim, Johann!« - -Dem Burschen war zwar der eigentliche Sinn dieser Worte dunkel -geblieben, so viel aber hatte er davon begriffen, daß er jetzt wußte, -daß sein Plan gut war. Mit dem zufriedenen Ausdruck eines Mannes, der -in einer schwierigen Frage mit sich ins reine gekommen ist, stand er -auf und verließ, den Gutenachtgruß vergessend, den Gasthof. - - - - -21. Kapitel. - - -Es war ein kühler Oktoberabend. Die Wolken jagten in dicke Haufen -geballt über die Mondscheibe hinweg, und über den zahlreichen Pfützen -schwebten graue Dunststreifen. - -Etwa zweihundert Schritte von dem Turme entfernt, der die Munition -barg und so, daß der Wind keine Funken hinübertreiben konnte, brannte -ein mächtiges Feuer von großen Holzscheiten. Rund um den Holzstoß -war ein Graben ausgehoben, auf dessen Rand ein Fuhrmann saß, der die -Pferdewache hatte. Er war in einen weiten, schwarzen Mantel gehüllt, -dessen Falten seinen Körper ungeheuerlich groß erscheinen ließen; auf -seinen Knien lag ein alter, breiter Reitersäbel. In geringer Entfernung -dahinter, in einer Talwelle, brannte ein zweites Feuer, um das die -übrigen Fuhrleute, gleichfalls in die Mäntel gewickelt, im Schlafe -lagen. In engem Halbkreis standen, mit dem Rücken gegen das Feuer, die -an Pflockleinen festgemachten Pferde. Sie hielten die Köpfe gesenkt und -wie die Männer schienen auch sie zu schlafen. Von Zeit zu Zeit stampfte -einer der Gäule mit den Hufen den weichen Boden und trat soweit zur -Seite, daß er an seinen Nachbar anstieß, oder eines der Tiere hob den -Kopf, prustete laut und schüttelte müde die Mähne. - -Ein drittes Feuer hatten drüben an der Straße die französischen -Soldaten angezündet, die den Transport begleiteten. - -Der einsame Fuhrmann ergriff einen von seinen Ästen befreiten Stamm -einer jungen Kiefer und schob ein paar abseits liegende Scheite näher -zu den Flammen, als er mit einem Mal einen jungen Burschen neben sich -bemerkte, der seine Bemühungen aufmerksam betrachtete. Blitzschnell -hielt der Fuhrmann in seinem Beginnen inne, wandte sich zu dem -Erschienenen und schrie: - -»Holla, Du Teufelsbraten, Dich hat gewiß die Erde ausgespien! Warum -schleichst Du so hinterrücks heran? Soll ich Dich mit meinem Schürbaum -hineinfegen in Dein flammiges Element?« - -Und er hob den Stamm und holte mit einer drohenden Gebärde aus, als -wolle er seine Worte zur Tat machen. - -Der Angekommene aber stand dem Erregten so ruhig gegenüber, als wenn -ihn dessen Drohung nicht im geringsten anfechte. Die Hände in den -Taschen seines langen, grauen Kittels verborgen, sah er gelassen in die -zornfunkelnden Augen und hielt den Blick mit großem Gleichmut aus. - -So verstrich eine Sekunde. Dann wandte sich der Fuhrmann ab, spuckte in -weitem Bogen in die Flammen, warf mit tiefem Lachen den Baum zur Erde -und setzte sich zugleich nieder. - -Noch immer laut lachend rief er: - -»Da hat mich doch dieser Einfaltspinsel zum Angsthasen gemacht. Ich -kann’s aber auch auf den Tod nicht leiden, wenn’s einer darauf anlegt, -mich zu erschrecken. Komm, Du Schlingel, setze Dich zu mir und hilf -mir die Langweile bannen. Hast eine beneidenswerte Gemütsruhe an Dir, -Bursche. Hahaha, steht da wie ein Pfahl, und doch hätt’ ich ihn beinahe -totgeschlagen.« - -Der Angesprochene setzte sich bedächtig zur Seite des Fuhrmanns nieder -und ließ mit Behagen die wohltuende Wärme des Feuers auf sich wirken. -Unterdessen brachte der Fuhrmann aus der Tasche seines Mantels eine -kurze Pfeife mit selbstgeschnitztem Kopfe hervor, nahm einen brennenden -Spahn und zündete sie an. - -»Wer bist Du denn, Du maulfauler Geselle?« hob er endlich an. - -»Ich bin Johann, der Schafhirt von Rehefeld,« antwortete der Gefragte -mit einem Anflug von bewußtem Stolz. - -Der Fuhrmann spuckte zweimal kurz nacheinander aus, warf wieder einen -langen Blick auf den Burschen an seiner Seite und sagte mit Ausdruck: - -»Je länger ich Dich betrachte, mein Freund, umso aufdringlicher kommt -mir die Ueberzeugung, daß keines Deiner allergrößten Schafe dümmer -sein kann als ich vorhin gewesen bin. Aufrichtig gesagt, ich hätte mir -selbst leid getan, wenn ich Dich totgeschlagen hätte.« - -»Mir auch,« versicherte Johann einsilbig, denn er dachte nur an das, -was er zu tun entschlossen war. - -Der Fuhrmann nahm die Pfeife aus dem Munde, spuckte bedächtig in die -Glut und warf einen neuen, verstohlenen Blick zur Seite. Dann versetzte -er: - -»Bursche, Du bist entweder ein mit allen Salben geschmierter Windhund, -oder ein ausgemachter Narr!« - -Johann hatte aber kein Interesse daran, was der fremde Mann von -ihm dachte. Sein armseliges Hirn hatte einen Plan ausgesonnen, so -groß, wie ihm noch keiner geworden war und der seine ganze geistige -Kraft alarmiert hatte. Freilich war sein Hirn von der Mutter Natur -recht stiefmütterlich bedacht worden, dafür regte sich aber in ihm -alle jene instinktive Verschmitztheit und Schlauheit, die die mit -feinen Verstandeskräften nicht sonderlich ausgerüsteten Menschen in -bedeutungsvollen Augenblicken überkommen. Jetzt empfand er es auch, -daß dieser Mann neben ihm seinen ganzen herrlichen Plan vereiteln -konnte, und daß es nur von seiner Geschicklichkeit abhinge, ihn nicht -argwöhnisch zu machen. - -»Ihr habt am Abend die Pferde aus den warmen Ställen gezogen,« sagte -er, »Ihr wollt doch nicht etwa zur Nacht aufbrechen?« - -»Daß Dir der leibhaftige Gottseibeiuns das Genick umdrehe,« antwortete -der Fuhrmann, »bist Du etwa von den Preußen als Spion hergeschickt, -he?« Bei diesen lautgesprochenen Worten nahm der Fuhrmann die Pfeife -aus dem Munde und sah den Schafhirten scharf an, als wolle er im Grunde -seiner Seele lesen. - -Dieser aber bewahrte seine gutgespielte Harmlosigkeit, kicherte leise -vor sich hin und versetzte: - -»Hab’s noch nicht probiert mit diesem saubern Handwerk. Soll ja viel -einbringen, aber bisweilen auch den Hals kosten. Und was tut der Mensch -dann ohne Kopf? Seinen klingenden Lohn kann er nicht mehr genießen und -bleibt obendrein ein Krüppel zeitlebens.« - -Der Fuhrmann hatte wieder beruhigt ausgespuckt und lachte jetzt laut -auf. - -»Du gefällst mir, Bursche,« rief er und schlug Johann derb auf das -Knie. »Du hast recht, es ist ein bißchen windig mit dieser Karriere. -Sonst hätte ich mich selbst schon längst damit befaßt.« - -»Seht,« begann Johann von neuem und sah aufmerksam in die Flammen -»warum sollte ich auch meinen Beruf mit diesem vertauschen? Tät’ ichs, -so würden mich selbst die ärgsten Spitzbuben verachten, daß ich den -Stand derjenigen so tief herabsetze, die sich freiwillig oder gezwungen -dazu hergeben, die nun einmal vorhandenen Gefangenhäuser zu bevölkern. -Und ein rechtschaffener Bettler würde lieber einem armen Mann sein -letztes Huhn stehlen, als daß er auf das Klimpern des Sündenlohnes in -meiner Tasche hin die Hand hohl machte. Lieber bleibe ich also Knecht.« - -»Ich merk’s, Du bist ein Galgenvogel,« unterbrach der Fuhrmann den -Sprecher, »aber fahr fort in Deiner Rede.« - -Johann ließ sich durch den Einwurf nicht beirren, sondern begann von -neuem und recht geheimnisvoll: - -»Ich sagte, ich sei ein Knecht? Das ist eigentlich nicht richtig, denn -niemand darf sich so frei fühlen, wie ich es bin. Die Arbeit ist ein -Joch, das den Menschen auf eine Stufe mit dem Stier stellt, der neben -dem Pferd vor dem Pfluge einhergeht. Die Arbeit macht den Menschen -häßlich, zeichnet ihm harte Linien ins Gesicht, verdirbt seine gerade -Haltung und den leichten Gang und schafft grobe Hände. Und warum lassen -die Menschen trotz alledem und alledem nicht von ihr ab? Weil mit der -Arbeit die Sucht nach dem Gewinn in das Herz einzieht! Hat die Arbeit -dem Menschen erst einmal so viel eingebracht, was dem Wert eines -Stückchens Fingernagel gleichkommt, wie man sich’s täglich abbeißt, -dann hat auch schon der böse Geist die arme Seele gepackt, und sie -verzehrt sich vor Sehnsucht nach immer reicherem Gewinn. Und wo ist die -Grenze, an der angekommen der Mensch aufhörte zu streben und aufhörte -auf mehr zu hoffen? Es gibt keine! Und darum sage ich: in der Arbeit -sitzt der Teufel!« - -»Hm,« begann der Fuhrmann zögernd, »meine Mutter sprach vor vielen -Jahren freilich anders, doch war sie eine einfache, ungelehrte Frau, -und zudem war damals die Einsicht noch nicht so tief in das Volk -eingedrungen wie heutzutage. Doch erzähle weiter, mir sprichst Du -jedenfalls aus der Seele.« - -»Seht mich an,« fuhr der Schafhirt fort, »wie reich ich bin! Und doch -hasse ich die Arbeit und gebe mich nie dazu her. Frühmorgens, mit dem -ersten Sonnenstrahl, springe ich vom Lager auf und treibe meine Herde -hinaus auf die grünen Fluren. Dort bin ich mit den Tieren allein in -traulicher Einsamkeit, die kein lästiger Mensch stört. Ein Teil der -Herde grast, ein anderer steht um mich herum und hört mir zu, wie ich -auf meiner Schalmei blase, derweilen der wachsame Spitz die Tiere -bellend umkreist. Ich habe nur nötig, hierhin zu gehen, gleich folgt -mir alles nach, meine Schritte dorthin zu lenken, um die Schar wieder -zur Umkehr zu bringen. Sie sind meine Untertanen, und ich bin ihr -König. Der Himmel ist mein Baldachin, der moosgeschwellte, blumige Sitz -mein Thron, und die Hirtenpfeife ist mein Zepter. Sagt, kann man mich -hiernach noch einen Knecht nennen?« - -»Du hast Dir jedenfalls ein Metier erwählt, das für Dich paßt,« -antwortete der Fuhrmann, ohne des Schafhirten Frage zu beachten. »Für -mich wäre es aber nichts, denn mich würde schon am ersten Tage die -Langweile mit Stumpf und Stiel auffressen. Du bist ein Träumer, ich -hingegen bin ein ruheloser Stürmer, ein Reptil mit hundert Gelenken, -die sich unaufhörlich bewegen. Nun hör mich an, und sage mir, wie Dir -mein Leben gefällt, das ebenso ruhelos ist und reich an wilden Szenen, -wie Deine Tage ohne Aufregung und in ihrer Gleichförmigkeit zermalmend -dahinfließen. - -Wir Fuhrleute sind ein rauhes, liederliches Volk und fürchten Gott -und den Teufel nicht. Wir vom Troß der Armee haben das bessere Teil -erwählt. Denn während vorn zerrissene Leiber auf den Rasen stürzen, -befinden wir uns weit hinten allen Gefahren für Leib und Leben entrückt -und spielen unterdessen Meister und Sieger. Und zu alledem sind wir ein -unentbehrlicher Teil des Ganzen, wichtiger zuweilen, als die Hälfte -der Streitmacht und von dieser hochgeschätzt und immer gern gesehen. -Keine Schlacht kann ohne uns geschlagen werden, denn wir schaffen -ihnen das mordgierige Blei und das Pulver herbei, und was frommte -dem Heere der schönste Sieg, wenn nach der Schlacht unsere Räder -den Erschöpften und Hungrigen nicht die gehörige Atzung zuführten! -Heute hier, morgen dort, einmal im Überfluß, dann wieder darbend, das -was begehrlich erscheint entweder durch Bitten und Versprechungen -willfährig machend -- betörend, oder mit herzhaftem Griff an sich -reißend, um es nach dem Genusse wieder wegzuwerfen -- --, so treiben -wir im Regen und Sonnenschein, jahraus jahrein, bergauf talab singend -und peitschenknallend unsere Pferde durch die Welt, wir, die Männer der -Straßen!« - -»Sagt doch einmal,« warf Johann eingeschüchtert ein, »Ihr seid Eurer -Sprache nach ein Deutscher. Wie kommt es denn nun, daß Ihr gerade den -Franzosen Pulver und Blei nachfahrt? Sie benutzen es doch nur dazu, um -Eure Landsleute damit zu verderben. Der Rabensteiner hat gesagt, es -dürfe kein deutscher Mann den Feinden des Vaterlandes dienen.« - -»Ach was, Firlefanz,« antwortete der Fuhrmann, »ich gehe mit dem, -der am besten zahlt. Und dann, Bursche, ist es doch mehr Ehre den -siegreichen Heeren des großen Franzosenkaisers hinterdrein zu ziehen, -als beispielsweise den preußischen Regimentern, die doch in der -Mehrzahl nur aus zusammengelaufenem Pack bestehen.« - -»Ja, aber der Rabensteiner hat gesagt,« erwiderte Johann halsstarrig, -»daß -- -- --« - -»Hol Dich der Henker mit Deinem verdammten Rabensteiner,« schrie der -Fuhrmann auf und spuckte zornig ins Feuer, »sorg lieber dafür, daß -Du Dir einstmals eine bessere Gruft ausgesucht hast, als sie Dir der -Rabenstein bietet. Was schiert mich das Vaterland! Heute hier, morgen -dort. Wo man trinkt und liebt ist mein Vaterland!« - -Er stopfte aus einer getrockneten Schweinsblase neuen Tabak in seine -Pfeife, zündete sie an und stieß den Rauch in mächtigen Wolken aus dem -Munde. Dann begann er wieder: - -»Du vorwitziger Gelbschnabel hast eben nicht den leisesten Begriff, wie -lustig das Leben unter den Flügeln der siegreichen Adler ist. Laß Dir -davon erzählen. Übrigens wirst Du wohl vom Hörensagen wissen, daß es -gerade bei den Preußen nicht in Saus und Braus hergeht! - -Tagelang sehen wir von der Armee kein Käppi und schalten nach unserm -eignen Willen. Den Bauer machen wir willfährig und zwingen ihn, die -fetteste Sau im Stalle zu einem Frühstück für uns abzustechen. Rauben -dürfen wir beileibe nicht, aber, wie’s so kommt, etwas bleibt immer -an den allzeit klebrigen Fingern hängen. Und köstlichen Spaß gibt’s -bisweilen auch. Merk auf, Bursche! - -Im verflossenen Monat war’s, da zogen wir in langsamen Märschen mit -schwerbeladenen Proviantwagen durch thüringisches Gebiet. Der Tag -war heiß, denn die Septembersonne brannte seit dem frühen Morgen -recht empfindlich auf uns hernieder. Der Weg wurde uns sauer, und -wir hatten noch weit bis ins nächste Dorf. Da tauchte ein einzelnes -Bauernhaus auf, das unsern Blicken bisher durch eine Waldecke verborgen -geblieben war. Erschöpft kamen wir an und wetterten nach Speis’ und -Trank. Im nächsten Augenblick erschien eine runzlige, alte Vettel auf -der Haustürschwelle, die heulend versicherte, daß die Soldaten all -ihre bewegliche Habe zerstört oder mitgenommen hätten, und sie den -vorangezogenen Fuhrleuten die letzten Kartoffeln hätte geben müssen, -von denen sie sich selbst das Mittagsmahl bereiten wollte. - -Ich sah durch das Fenster in die Stube und erkannte sofort, daß in -diesem Hause nichts mehr zu holen war, in dem selbst die Mäuse, statt -Futter zu finden, sich nur Blutblasen an die Pfoten gelaufen haben -würden. - -Ich war erbost, denn mich plagte Hunger und Durst. Da kam mir mit -einem Male ein köstlicher Gedanke: sollen wir hier nichts bekommen, -so müssen wir doch unsern Spaß haben! Ich raun’ meinem Kameraden ein -paar Worte zu, daß er laut auflacht. Aber schon bin ich entschlossen -und mach’s kurz. Mit festem Griff fasse ich die zaundürre Hexe trotz -allen Keifens und Widerstrebens um den Leib, und hoppdihopp, sitzt sie -rittlings auf dem breiten Rücken des Handpferdes. Starr vor Schrecken -klemmt sie auf dem Gaul wie eine Wäscheklammer auf der Leine und rührt -sich nicht. Da fliegt, wie aus der Kanone geschossen, der Bauer aus -dem Hause heraus, der die unfreiwillige Prüfung seines Ehegespons auf -ihre Reitfertigkeit wahrscheinlich schon von drinnen beobachtet hatte. -Seine spärlichen, weißen Haare hingen wirr um den kahlen Schädel, und -während ich auf den Bock gesprungen war, hob er die Hände zu mir empor -und wimmerte wie eine sterbende Katze um sein Weib. Ich aber treibe die -Pferde an; -- er greift nach den Zügeln, um die Gäule zurückzuhalten. -Da habe ich auch schon den blanken Säbel in der Hand und lasse die -flache Klinge auf seine Arme niederfallen. - -Wie Schilfrohr knickte der morsche Röhrenknochen des fleischlosen -rechten Unterarmes um und hing zu Boden, wie ein zerbrochener -Rührlöffel. Ich schlage kräftig auf die Pferde ein, daß die -wahrscheinlich von der Peitsche getroffene Alte heulend in die Höhe -fährt, und in rascher Bewegung rollt der Wagen die Straße entlang. -Da kommt wieder Leben in den in wunderlicher Haltung auf dem Pferde -hockenden Reiter, und bald flehend, bald zischend vor Galle begehrt die -Bäuerin, sie herunterzulassen. - -Es war ein ausgezeichneter Spaß, der uns über Hunger und Durst -reichlich hinwegtröstete. Etwa zwei Stunden führten wir das Weibsbild -hoch zu Roß mit uns. Dann kam ein französischer Offizier angeritten, -der uns das Pläsier verbot und die Alte unnützerweise durch ein des -Weges kommendes Gespann wieder zurückbringen ließ. - -Ein paar Tage später bin ich in Verlegenheit. Meine Sacktücher sind zu -Ende gegangen, weshalb ich genötigt bin, den Schweiß immerzu mit dem -Rockärmel von der Stirn zu wischen, und meine Füße steckten barfuß in -den Stiefeln. Da halte ich in einem elenden Dorfe vor einem niedrigen -Hause, in dem sich, wie es schien, keine lebende Seele befand. Ich -zweifelte, ob da drinnen für mich etwas sein könne, gehe aber doch -hinein. - -Die vordere Tür im Hausflur war verschlossen. Ich öffne die hintere -und komme in eine sehr ärmlich aussehende Küche. Wie ich aber auf die -Türschwelle trete, da frohlockt’s in mir, denn eine Anzahl bunter und -weißer Leinwandstücke liegt auf dem Tische durcheinander. Das war’s -ja gerade, was ich suchte. Ich eile also darauf zu und fange an, den -Vorrat hurtig im meine Taschen zu stopfen. Da höre ich heftiges Atmen -und wie ich mich umwende, sehe ich in einem Bett eine junge Frau -liegen. Mit fliegenden Worten beschwört sie mich, davon abzustehen. Sie -sei seit gestern Mutter und die Leinwand wäre zu Hemden und Windeln für -den um einen ganzen Monat zu früh erschienenen Erdenbürger bestimmt. -Die Nachbarin wäre soeben noch bei ihr gewesen und sei nur für kurze -Zeit fortgegangen, um nach den eigenen Kindern zu sehen. - -Ich aber überlege nicht lange. Meine Not ist groß, und der Säugling mag -sehen wo er bleibt. Ich kehre mich also nicht an das Rufen der Mutter, -sondern raffe zusammen was ich bekomme. Ihr Geschrei wird aber ärger, -und ich bin besorgt, daß man sie auf der Straße hören könne. Nun weiß -ich aber, wie schwer es ist, einem zeternden Frauenzimmer mit Erfolg -das Maul zu verbieten. Da fällt mein Blick auf den Ofen, ein zweiter -auf das trinkende Kind an ihrer Brust. Ich springe hinzu, reiße ihr die -hungrige Brut weg und lege sie dicht vor dem Tische auf den Fußboden -nieder. Dann ziehe ich den eisernen Topf mit kochendem Wasser aus der -Röhre und setze ihn so auf die Kante des Tisches, daß er beständig -zwischen Stehenbleiben und Umkippen schwankt und suche mir nunmehr in -aller Gemütsruhe die besten Leinenstücke aus. Das dünne Zeug werfe ich -zurück, da es mir nicht viel nützen konnte. - -Du hättest sehen sollen, Junge, wie jetzt das Weib schwieg, denn ein -kleiner Stoß von mir an den Tisch hätte den Topf zum Umkippen gebracht, --- -- und darunter lag der schmatzende, quäkende Wurm. - -Der Mutter hatte der Schrecken gewaltig eingeheizt. Ihr Gesicht war -grau geworden und mit kreisrunden Augen und ohne alle Bewegung schaute -sie auf ihr Junges, als wenn es von ihrer ruhigen Haltung abhinge, daß -der unaufhörlich schwankende Topf stehen bleibe. - -Als ich dann von der Straße neugierig durch das Fenster schaute, sah -ich, wie das Weib wie eine aufgezogene Puppe zum Ofen ging, das Kind -aufhob und gleich darauf mit ihm umfiel.« - -Der Fuhrmann brach hier kurz ab und blickte erstaunt auf den neben -ihm Sitzenden. Johann war zusammengesunken, seine Augen waren starr -vor sich niedergerichtet und die Zähne fest aufeinandergebissen. Der -Körper des jungen Mannes bebte, und es kostete ihm sichtlich viel Mühe, -ruhig zu bleiben. - -Da stieß der Fuhrmann mit einem wilden Fluche den Säbel auf den Boden, -daß das Eisen klirrte und sagte drohend, aber mit gewaltsam gedämpfter -Stimme: - -»Du gefällst mir nicht, Bursche! Bringe mich nicht in Versuchung, -mit dem Korb meines Säbels Dir Deinen windschiefen Hirnkasten -einzuschlagen!« - -Bei diesen Worten kam Johann rasch die Ueberlegung zurück. Die -tierische Wut, die den seine Leidenschaften nicht beherrschenden, -geistesschwachen Jüngling während der letzten Worte der Erzählung des -Fuhrmanns so urplötzlich gepackt hatte, wich von ihm und die Besinnung -kam wieder. Er hatte sich in seinen Plan so verbissen, daß der Gedanke -an die Möglichkeit des Scheiterns alle andern Regungen in seiner Seele -zum Schweigen brachte. - -Mit geheucheltem Erstaunen drückte er dem Erzähler seine Verwunderung -über dessen Zornesausbruch aus und mit zwinkernden Augen und listigem -Schmunzeln rieb er sich die Hände und kicherte wieder still vor sich -hin. - -»Das muß ich schon gestehen,« beeilte er sich hinzuzufügen, »Euer -Beruf ist kurzweiliger als der meinige, wenn Ihr öfters solche lustige -Streiche vollführt.« - -Dabei schossen seine Blicke verstohlen zu dem Mann an seiner Seite, um -zu ergründen, ob dessen Argwohn verflogen sei. - -Der Fuhrmann aber rührte sich nicht. Die Pfeife lag in seinem Schoße, -und der Blick war finster in die Nacht hinaus gerichtet. - -Eine geraume Weile verstrich in beiderseitigem Schweigen. Dann legte -der Fuhrmann den noch immer mit der Faust umklammerten Säbel wieder -auf die Knie, während sich seine Augen mit sinnendem Ausdruck auf die -züngelnden blauen, gelben und roten Flammen des niedrigbrennenden -Feuers hefteten. - -»Es gab eine Zeit,« begann er wie im Selbstgespräch und mit so -veränderter Stimme, daß Johann bei dem weichem Klange plötzlich -aufhorchte und angestrengt nachsann, ob er diese Stimme nicht schon -einmal gehört habe, »es gab eine Zeit, zu der ich die Achtung aller -die mich kannten genoß, und der Name Laurentius Kräutlein einen guten -Klang hatte. Damals war ich an Jahren noch ein junger Mann und an -Herzenseinfalt ein Kind. Ich genoß auf Erden die Wonnen des Paradieses. -Da griff das grausame Schicksal jäh zu und zerbrach mir mein sonniges -Glück. In einer einzigen Stunde verdorrten Blüten und Blätter, und ich -ward zum ruhelosen, rauhen Mann, den die bösen Mächte um Heimat und -Glück betrogen. Und darum sage ich: -- es gibt keinen Gott.« - -Des armen Johanns aber hatte sich bei diesen Worten des Mannes, die -eine furchtbare Anklage an das Schicksal enthielten, eine tiefe Regung -bemächtigt. Und mit fliegendem Atem versetzte er: - -»Der Pastor Reinerz aber sagt immer: Es gibt einen Gott, und dieser -läßt sich nicht spotten!« - -Da fuhr der Fuhrmann zornig auf, und alle Weichheit war wieder von ihm -gewichen, als er herausbrach: - -»Halte Dein lästerliches Schandmaul, Du Rabenaas, es gibt keinen, sage -ich,« dabei drohend den Säbel von den Knien hebend. Und nach einigen -Sekunden fuhr er beruhigter fort: - -»Merk auf, junger Mann. Ich werde Dir meinen Lebensgang erzählen, -und Du sollst urteilen. Kannst Du aber, wenn ich geendet, für das -Bestehen der Gottheit noch sprechen, dann werfe ich mich freiwillig -in die Flammen dieses Feuers. -- Ich bin im Bayrischen geboren. Meine -Kindheit gestaltete sich so tieftraurig, daß ich ihrer nur mit Wehmut -gedenken kann. So viel wie andere Kinder gespielt und gelacht haben, -habe ich geweint. Alle im Hause schalten und schlugen mich, und wer -an mir vorüberging, stieß heimlich nach mir. Mein Vater war ein Hund! -Väter, die ihre Kinder, noch bevor sie geboren sind, im Stich lassen, -sind immer Hunde. Mag der gräßlichste Tod für ihn bestimmt sein und er -jahrelang sterben! - -Meine Mutter war ein engelgutes, schüchternes Wesen von schwachem -Körper. Sie litt unsägliche Qualen unter den täglichen Boshaftigkeiten -ihrer lieben Verwandten, auf deren Hilfe sie leider angewiesen war. -Ihr ganzes Glück war ich, und ich entsinne mich noch recht lebendig, -wie inbrünstig sie mich als Knaben manche Nacht im Bette an sich -drückte, wobei die bittersten Tränen aus ihren Augen auf mein Gesicht -niedertropften. Zum Glück starb sie bald, und ich verließ kurz darauf -die Gegend und ließ mich nach manchen ziellosen Wanderungen im -sächsischen Erzgebirge nieder. Dort erlernte ich die Klöppelei und war -in wenigen Jahren ein sehr geübter Arbeiter, dessen Erzeugnisse ob -ihrer Feinheit und Sauberkeit geschätzt wurden. Ich war fleißig und -sparsam und brachte mir eine hübsche Summe Geldes auf die Seite. Ich -war auch angesehen und geachtet, -- aber glücklich war ich nicht! Der -Stachel, der in der Kindheit in mein Herz getrieben wurde, besaß einen -starken Widerhaken und verhinderte, daß wahre Zufriedenheit über mich -kam. Auch fromm bin ich zu dieser Zeit gewesen und an keinem Abend -schlief ich ein, ohne das Kindergebet gesprochen zu haben, wie es mich -meine Mutter gelehrt hatte. - -Da lernte ich ein armes Mädchen kennen, das aus Böhmen eingewandert -war. Nach kurzer Zeit gestanden wir uns unsere gegenseitige Liebe und -heirateten bald darauf. Meine Freude war unbeschreiblich und mir war -von dieser Stunde an die Brust mit reinem, innigem Glück erfüllt, -das die traurigen Erinnerungen an die Kindheit langsam aus der Seele -verdrängte. - -Wir erstanden etwas abseits vom Dorfe, dicht an der Landstraße -ein kleines Häuschen, mit schmuckem Garten und einem ansehnlichen -Hühnervolk und lebten so zufrieden, daß wir unser Glück gegen alle -Schätze der Welt nicht eingetauscht hätten. Mein junges Weib war -heitern Gemüts, das mich ernst Veranlagten fröhlich machte. Durch das -Haus und den Garten scholl ihre Stimme und ihr lustiges Lachen. Ihre -Lippen waren voll und kirschrot, und ihre dicken, dunkeln Zöpfe trug -sie auf dem Kopfe wie eine Krone. Das herrlichste an ihr aber waren die -pechschwarzen Augen, aus denen Freude und Lebenslust blitzten und die -in mir die ungeheure Glut entfacht hatten. - -Und als nach Jahresfrist uns in einer weichen Sommernacht ein Sohn -geboren wurde, da stand ich wunschlos auf dieser Welt. Ich mußte -allein sein mit meinem Glück. Leise verließ ich mein schlafendes Weib -auf kurze Zeit, ging ins Freie und brach in reichfließende Tränen der -Freude aus. Nicht mehr Herr meiner Gefühle, sank ich in die Knie und -lehnte den Kopf an die Hinterwand meines Hauses. Ich dankte Gott -für die Fülle seiner Gaben und gedachte in unendlicher Liebe meiner -verstorbenen Mutter. Auf das kleine Haus, das meine Teuern barg, hatte -sich das Glück herabgesenkt, das zwei wackere Helfer geschmiedet -hatten: Arbeit und Liebe. Die sturmfesten Stützen des schirmenden -Daches verdankte ich dem Ertrage meiner Hände Arbeit, und das was den -Eingang treulich hütete und den Glanz im Innern bereitete, war die -Liebe.« - -Hier unterbrach der Fuhrmann seine Erzählung. Noch immer war der Mond -von Wolken umlagert. Der Wind hatte sich etwas erhoben und blies in das -Feuer, daß die Flammen seitwärts schlugen. Durch die Postenkette ging -einer der Fuhrleute, der von der am nächsten stehenden Schildwache an -der Straße angerufen wurde. Der Wind trug leise den Klang der Worte -herüber, die gewechselt wurden. - -»Parole?« tönte die Frage, und »Jena!« lautete die gedämpfte Antwort. - -Jetzt wandte sich der Erzähler wieder zu dem Schafhirten und fuhr fort: - -»Die Schwäche meiner Frau war ihre Putzsucht. Sie liebte es, sich -mit bunten Flicken zu schmücken und konnte lange die Wirkung solchen -Aufputzes im Spiegel betrachten. Ich habe sie nie darum gescholten, -denn Eitelkeit ist die Zwillingsschwester der Keuschheit. Ich war froh -darüber, daß sie sich solch harmlose Freude bereitete, denn unser -Leben floß recht ruhig dahin. Bisweilen hatte ich aber die Empfindung, -daß Franziska ihrer Schwäche manchen Groschen opferte, der bei unsern -knappen Mitteln besser für etwas Anderes ausgegeben worden wäre. - -Fünf Jahre waren seit unserer Verheiratung verstrichen, als mich eines -Sonntags auf dem Heimwege vom Kirchgang mein Nachbar Werner am Arm nahm -und mir verstohlen zuraunte: - -»Laurentius, gib Acht auf Dein Weib!« - -Ich war so überrascht und erzürnt durch diese Worte, daß ich den -Sprecher am liebsten ins Gesicht geschlagen hätte, wen mir nicht -alsbald das Bewußtsein gekommen wäre, daß Werner, wenn er auch nur -ein armer Weber war, das größte Vertrauen von jedem im Dorfe genoß. -Fassungslos starrte ich ihm in die Augen um darin zu lesen, ob er sich -einen grausamen Scherz bereite, oder ob er so schlecht wäre, Mißtrauen -in mir gegen mein reines Weib zu erwecken. - -Je länger ich ihn aber anschaute, umso eindringlicher kam mir die -Überzeugung, daß dieses in Ehren ergraute Haupt keine schlimme Tat auf -sich laden könne, und ich wurde verwirrt unter dem wohlmeinenden Blick -dieser ehrlichen Augen. Wie ein Rasender stürmte ich nach meinem Hause. - -Da sah ich von der Schwelle aus ein liebliches Bild: Franziska -hielt den Knaben fest in ihren Armen, jauchzte vor Freude und küßte -wieder und immer wieder das lächelnde Kind. Noch nie war mir ihr -wohlgebildeter, schmiegsamer Leib so lebensfrisch und anziehend -erschienen, und niemals hatte das Mutterglück ihr Gesicht so verklärt, -wie in diesem Augenblick. Eine warme Welle trieb mir zum Herzen, und -ich bat ihr im Stillen das bittere Unrecht ab, das ich ihr getan und -entschuldigte Nachbar Werners Verdacht mit unseligem Irrtum. - -Wenn mir nun auch manches aus den letzten Wochen an Franziska ungewohnt -erschien, so fühlte ich doch im innersten Herzen, daß eins geblieben -war: die Liebe zu mir und dem Kinde. Mochte sie mit ihrer Schwäche -auch manchmal Ursache zu Gerede unter den Leuten geben, im Grunde war -es doch etwas anderes, das diesen Menschen die Zungen schärfte: sie -gönnten mir mein Weib und mein friedliches Heim nicht. Gerüchte tauchen -plötzlich auf und zerflattern wieder wie Sternschnuppen, und der Mann -hat sein Weib nie geliebt, den die erste Warnung wider sie in Harnisch -bringt! -- Aber ich nahm mir vor, auf die Eindämmung ihrer immer mehr -wachsenden Gefallsucht ernst hinzuarbeiten. - -Der Herbst war ins Land gekommen, und bald fegten die ersten -winterlichen Schauer über die verödeten Fluren. Es war Sonnabend und -ich war, wie ich es an diesem Tage immer zu tun pflegte, nach dem -zwei Stunden entfernten Annaberg gegangen, um meine Arbeit der Woche -abzuliefern. Hierbei war ich länger als sonst aufgehalten worden und -besorgte deshalb rasch die gewohnten Einkäufe. Wohlgemut schritt ich -auf der Landstraße hin, mein Bündel im Arm und die Gedanken daheim bei -meinen Lieben. - -Es war kurz vor der Dämmerung, als ich durch ein Dorf kam, das gerade -auf der Hälfte des Weges lag. Da sehe ich drüben am Mühlgraben -Menschen zusammenlaufen. Ich eile hinüber, um nach der Ursache des -Geschreis zu fragen. Kaum aber bin ich dort angekommen, gewahre ich -einen etwa achtjährigen Knaben in den Fluten des breiten Grabens, den -die Wasser im Wechsel niedertauchen und dann wieder auf kurze Zeit -an die Oberfläche heraufbringen. Der Kleine zappelte und sträubte -sich herzhaft gegen das tückische Element. Aber es war umsonst, -daß das bedrohte Leben sich der gefährlichen Umarmung zu entziehen -versuchte. Nach ein paarmal Untertauchen würde der Knabe nicht wieder -heraufkommen, und dann nahm ihn der stille, schwarze Teich auf und -bettete den kleinen Leichnam in seinen tiefen, weichen Schlamm. Wohl -hatte der Gedanke meine Seele durchzuckt, hineinzuspringen und den -Versuch zu machen, den Ertrinkenden zu retten. Aber dieser Versuch -mußte aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem Leben gebüßt werden, denn -das Wasser war übermannstief, ich war des Schwimmens nicht kundig, und -die Wirbel hätten meinen schweren Körper viel eher hinabgezogen wie den -leichten Knaben. Zudem hatte man ja selbst Weib und Kind daheim, die -ihres Ernährers harrten -- -- und ich wandte mich ab. - -Da zerriß der wilde Wehruf eines Weibes die Luft: »Mein Kind! Um -Gotteswillen, mein einziges Kind!«« - -Der Fuhrmann hielt eine Sekunde in der Erzählung inne, so mächtig -packte ihn die Erinnerung. Dann fuhr er fort: - -»Der Klang dieser Worte drang mir ins Herz wie glühender Stahl. Ruhig, -aber schnell wie das Aufleuchten des Sonnenlichts zwischen dunkeln -Wolken, stellte ich mir vor: -- wenn dieses verzweifelte Weib Deine -Mutter, der Kämpfende Dein Bruder wäre! Dieser Gedanke ließ die -Bedenken gegen den, das eigene Leben gefährdenden Versuch der Rettung -verblassen. Dann wieder drang es auf mich ein: -- wie nun, wenn dies -Dein geliebtes Kind wäre ...! und es schien mir, als wenn plötzlich -mein Herzschlag stocke. -- Was aber würdest Du tun, schrie es mir wild -ins Ohr, wenn Dein Weib hier stünde und in tödlicher Angst nach einem -Retter riefe ...! - -»Platz da!« schrie ich mit dem ganzen Aufgebot meiner Stimme und -drängte mich wieder zum Rande des Grabens. Die Menschen wichen zurück, -Mütze und Rock flogen zur Erde, und dann sprang ich kopfüber in die -eisige Flut. Die plötzliche Kälte raubte mir den Atem, die Wasser -rissen mich mit sich fort, und die Todesnähe hemmte mir die ruhige -Ueberlegung. Zweimal schlägt es über mir zusammen, dann komme ich -herauf und tue instinktiv wieder einen tiefen Atemzug, -- von neuem -umfängt mich die Finsternis, und wieder unterscheidet endlich mein -Auge in der Dämmerung verschwommen die Gestalten der Menschen am Ufer. -Da streift die Hand einen Körper. Ich erkenne den Knaben, packe fest -zu, und die Wirbel reißen mich zum letzten Male hinunter. Mit der -Verzweiflung des Ertrinkenden halte ich mich und den Knaben darauf eine -kurze Weile über Wasser und ergreife dann die mir entgegengehaltene -Stange, an der wir ans Ufer gezogen werden. - -Während die Menge Knaben und Mutter umgibt, werfe ich flugs mein Gewand -über und mache mich auf und davon. Noch höre ich die jubelnden Worte: -er lebt, er hat die Augen aufgeschlagen? Ich aber wickle mich, so -gut es eben geht, in meinen dünnen Rock und laufe, als wenn der Böse -hinter mir wäre. Endlich komme ich an meinem Hause an, die Glieder fast -erstarrt vor Kälte. - -Doch, was ist das? Kein Licht? Mein Weib empfängt mich nicht? -- Sie -ist ausgegangen! -- Aber wohin? Warum? Jetzt zu dieser Zeit pflegt -sie doch niemals das Haus zu verlassen! Die vordere Haustür ist -verschlossen. Ich klinke die Hintertür auf und trete ein. - -»Franziska!« rufe ich, »Fränzchen, mein liebes Fränzchen, ich bin -wieder da -- --!« klingt mein angstvoller Ruf aus dem plötzlich -bebenden Munde. -- Nichts rührt sich, niemand antwortet mir. Ich -stolpere nach der Stube und mache mit zitternden Händen Licht. Und wie -der schwache Schein der Kerze den Raum erhellt, sehe ich ringsum eine -Verwüstung, als wenn Räuber darin gehaust hätten. Alle Schubfächer der -Kommode, des Tisches sind geöffnet; der Deckel der großen Lade ist -zurückgeschlagen und der Inhalt auf dem Fußboden ausgebreitet. Weiße -und rote Gewänder, bunte Stoffe und Schürzen, aufgerollte Bänder, -künstliche Rosen und Jasmin wild durcheinander. Sind das alles Kleider -von Franziska? denke ich. Da erscheint mir dies und jenes bekannt, -manches davon aber hatte sie mir verborgen gehalten. Meine Gedanken -werden wirr. Was um Christiwillen bedeutet das, und wo ist dein Weib? - -Indem fällt mein Blick auf ein Stück Papier, das neben dem Leuchter -auf dem Tische liegt. Ich hatte das Gefühl, als wenn mir das Herz -still stehe, nehme den Zettel in die Hand und lese bei dem flackernden -Kerzenscheine: - - Lieber Laurenz! Du mußt mich gehen lassen und darfst mir nicht - böse sein. Du bist ein herzensguter Mann, aber ich würde - sterben bei diesem Leben. Ich habe mich jahrelang beherrscht - und wollte meinen leichten Sinn unterdrücken, aber meine Kraft - reichte dazu nicht aus. Ich habe, bevor Du mich kanntest, - trotz meiner Jugend schon lustig in den Tag hineingelebt und - kehre nun wieder zu diesem Leben zurück. Vier Jahre lang habe - ich Dir die Treue gehalten, seit ein paar Monaten aber bin ich - des Nachts manchmal aus dem Haus geschlichen, wenn Du von der - Arbeit ermüdet fest schliefst. Das Glück und die Ruhe in Deinem - Hause würden mich noch töten. Mich verlangt’s nach Freiheit und - wirbelndem Tanz! - - Leb’ wohl und küsse unser Kind, das Du gewiß zu einem guten - Menschen erziehen wirst. - - Franziska. - -Den Zettel in den wie vom Starrkrampf zusammengepreßten Fingern -festhaltend, sank ich neben dem Tische nieder. Das Schicksal hatte mich -an der Wurzel allen Lebens getroffen. Mechanisch glitten meine Hände -über die bunten und weichen Stoffe, die ich streichelte wie ein Kind -sein liebstes Spielzeug. Da vernehme ich hinter mir ein leises Geräusch -und erkenne im Halbdunkel mein Kind, das vom Schlummer erwacht ist, -sich erhebt und noch schlaftrunken lächelnd sich mir nähert. In diesem -Augenblick vollzieht die Natur in meinem Innern einen urplötzlichen -Umsturz. Gutes verwandelt sich in Böses, Weichherzigkeit in Grausamkeit -und Gelassenheit in wilde Wut. Ich will gegen das Schicksal wüten, und --- wende mich gegen meinen Knaben. Ein Stück von diesem verruchten -Weibe! ruft eine Stimme in mir, und die wilden Flammen des Zornes -schlagen hochauf und stürzen mich in Raserei. - -Ich springe in die Höhe, -- da hält der Knabe den Schritt an. Sein -leuchtendes Auge verliert den Glanz vor dem Ausdruck im Gesichte seines -Vaters. Angstvoll wendet er sich ab, um davonzueilen, -- da trifft ihn -ein fürchterlicher Fußtritt, der den Körper des Kindes wie einen Ball -fortwirft bis hin zum Ofen, auf dessen steinernem Untersatze der Kopf -dumpf aufschlägt. - -Einen Augenblick sehe ich auf den Knaben mit der blutenden Wunde am -Hinterkopfe, dann packen mich alle bösen Geister. Ich reiße die Kerze -vom Tische, springe hierhin, dorthin und entzünde alles was brennbar -ist in der Stube. Schon lodern die gefräßigen Flammen neben mir empor -und lecken an mir hinauf, und ich prüfe, welches der feurigste Herd -ist, daß ich ihn zu meinem Ruhbett erwähle, -- -- da kommt der Dämon -der Feigheit über mich! Ich stürze durch Qualm und Glut und wie ich -meine Sinne wiederfinde, hocke ich draußen auf der Straße im Graben und -schaue auf mein Haus, aus dessen Fenstern dichter Rauch und Flammen -herausschlagen. Auf der Straße aber höre ich schwere Wagen daherrollen, -dazu die lauten Stimmen der Fuhrleute. Schon hat der Vorderste von -ihnen die Feuersäule entdeckt, läßt die Pferde im Stich und eilt auf -das Haus zu. Ich aber drehe mich um und jage wie von Furien gepeitscht -über die Stoppeln. Und seit dieser Stunde bin ich der, der ich bin!« - -Der Fuhrmann hatte seine Erzählung beendet und sah gedankenvoll in die -hüpfenden, niedrigen Flammen des Feuers. - -»Mein Haus ist zerstört,« sagte er langsam, »und mein Sohn verbrannt -und unter den Trümmern begraben. Ich bin bereit jede Vergeltung für -meine Tat zu tragen. Und doch, -- zehn Jahre meines Lebens und diese -meine Rechte gäbe ich darum, wenn ich die Tat ungeschehen machen -könnte -- --« - -Einige Minuten verstrichen. Da ergriff der Fuhrmann den Baumstamm und -stieß ihn mit solcher Kraft zwischen die schwelenden Scheite, daß die -glühenden Funken knisternd hochaufsprühten. - -»So, Du Großmaul« schrie er Johann zu, »willst Du es jetzt noch sagen: -es gibt einen Gott?« - -Der Angesprochene aber vernahm diese Worte nicht. Wie ein Steinbild -saß er auf dem Grabenrand und hielt die Augen halb geschlossen. Die -nächste Umgebung entwich dem Kreis seiner Gedanken, aber die bis zu -dieser Stunde in engen Banden gehaltene Kraft der Erinnerung befreite -sich mit einem einzigen Kraftausbruch von ihren bisherigen Fesseln, und -sein Geist eilte zurück bis in seine Kindheit. Vor seiner Seele stieg -das Bild eines jungen Weibes herauf mit roten, schwellenden Lippen, -tiefdunkeln Augen und einem Kranze glatter Flechten, die wie eine Krone -auf der Stirn ruhten. Auch den Klang ihrer fröhlichen Lieder vernahm -er und er fühlte deutlich, wie die roten Lippen seinen Mund küßten. -Neben diesem Bilde malte die Erinnerung mit zauberhafter Deutlichkeit -das eines Mannes mit ernsten Zügen, dessen Augen voll Liebe und -unaussprechlichem Glück auf das Kind gerichtet waren. Mit wunderbarer -Schärfe traten noch andere glückliche Erinnerungen an die Kindheit aus -dem bisher undurchdringlichen Dunkel heraus, bis zuletzt der düstere -Anblick der Stube im elterlichen Hause im Scheine einer Wachskerze -heraufstieg, und ihn aus einem entstellten Männerantlitz zwei drohende -Augen trafen -- -- -- - -Der Schafhirt sprang in die Höhe und taumelte wie ein Berauschter ein -paar Schritte zur Seite. - -»Haha,« lachte der Fuhrmann, »nicht wahr, mein Bürschchen, jetzt ist -Dir der Appetit zum beten vergangen?« - -Da warf der Schafhirt dem Manne einen langen Blick zu, als wenn er -diesen Anblick mit dem Bilde in seiner Seele vergleichen wolle, -- und -er wandte langsam die Augen ab. Mechanisch kehrte er sich um und ging -schwerfällig auf dem Wege weiter, der zum Turm führte. - -»Heh!« rief der Fuhrmann dem Jüngling zu, »dort habt Ihr nichts zu -suchen. Geht links hinüber, sage ich Euch!« - -Aber schon trugen den Schafhirten die Füße nicht mehr weiter. Er -strauchelte und fiel neben dem Wege zwischen die blätterlosen Ruten -eines Haselnußstrauches. Und dann glitten seine Hände zuckend über -den Boden, und die starren Finger krampften sich hinein, als wenn ein -Schwindelnder Halt sucht, und den Mund preßte er fest auf Erde und -Moos, um das wilde Schluchzen zu ersticken, das ihm das Herz schier -zersprengen wollte. - - - - -22. Kapitel. - - -Vor der schmalen Eingangstür des Pulverturmes, mit dem Rücken gegen -das Mauerwerk, standen in dunkler Nacht zwei Schildwachen in eifrigem -Gespräch. Der eine der Männer mochte fünfundvierzig Jahre zählen und -war hochgewachsen und breitschulterig. Sein verwettertes Gesicht -mit den klugen und ausdrucksvollen Zügen erhielt durch den den Mund -vollständig bedeckenden, buschigen Schnauzbart, dessen lange Spitzen -wie die Kiele starker Rabenfedern von der Oberlippe abstanden, einen -Stich ins Martialische. Wie selten auf einem Antlitz, war auf diesem -die stärkste Charaktereigenschaft seines Trägers scharf ausgeprägt, -denn die blitzenden Augen und die scharfgekrümmte, starke Adlernase -verrieten eine außergewöhnliche Kühnheit. Er trug die Uniform der Alten -Garde, und seine Brust war mit zahlreichen Kriegsmedaillen und Kreuzen -geschmückt. - -Der andere der beiden Männer war ein blutjunges, schmächtiges -Bürschlein mit bleichem und schmalem Gesicht. - -»Ich sage Dir,« sprach mit tiefer Stimme der alte Gardist, »Du hast -ein Leben begonnen, das reich an Ehren ist. Der Ruhm, der sich an -den Flug der Kaiserlichen Adler heftet, berauscht alle bis auf den -letzten Soldaten seiner Armee und bewirkt, daß sich Alter und Jugend, -Vornehm und Niedrig willig ihm beugen. Das Schicksal hat uns wunderbar -zusammengeführt: ihn, den Kriegsgott und uns, die Söhne der großen -Nation! Ein bedeutsamer Sieg steht uns bevor; die Kanonen, die Du heute -hörtest, verkündeten aufs neue seine Unsterblichkeit. Leipzig müssen -wir gewinnen, mein Sohn, und wenn den altersschwachen Gott der Christen -des Kaisers Arme selbst herunterreißen müßten!« - -»Sagt mir doch,« klang zögernd die mädchenhafte Stimme des jungen -Soldaten, »warum seid denn Ihr nicht bei Euerm Regiment?« - -»Ach,« versetzte der Gardist mißmutig und verzog das Gesicht, als wenn -er Essig im Munde habe, so daß der gewaltige Schnurrbart in heftige -Bewegung geriet »Bei Lützen sprang mir ein Granatsplitter ins Bein, -daß ich kampfunfähig wurde und mehrere Monate im Spital zubringen -mußte. Vor wenigen Tagen erst gab man mich frei, und ich schloß mich -diesem Munitionstransport an, denn ich brannte vor Begierde, wieder -zu meinem Regimente zu stoßen. Von den elf Blessuren, die ich bisher -erlitt, ist es die letzte gewesen, während deren Heilung ich vor -Ungeduld bald gestorben bin.« - -»Man sagt,« begann der Jüngling von neuem, »daß der Kaiser sich seine -Generale selbst heranbilde, und daß der Lehrer keinem seiner Schüler -einen starken Einfluß auf die Heranführung der Armeen zum Kampfe -einräume.« - -»Das ist wahr,« antwortete der Gardist und zwirbelte seinen -Schnurrbart. »Die Pläne zu allen großen Schlachten sind in dem Hirn -unseres genialen Meisters erdacht worden. Deshalb gebührt auch ihm der -größte Teil von dem Ruhme seiner Siege. Seine Marschälle sind nichts -anderes als Ausübende seiner Befehle. Vielfach früher gemeine Soldaten, -sind sie aus der hohen Schule des großen Kaisers hervorgegangen. Der -wahre Meister lehret die Gehilfen selbst. Und wen einmal der Korse für -vollgewichtig fand, der zählt in Zukunft zu des Imperators Paladinen!« - -»Ihr habt den Kaiser recht sehr in Euer Herz geschlossen, merke ich,« -sprach der Jüngling. »Ihr müßt doch eine gewaltig hohe Meinung von ihm -haben.« - -Der alte Soldat wandte sich um, daß er dem andern den Anblick seiner -breiten Brust bot und ließ seine blitzenden Augen spöttisch auf dem -Milchgesicht ruhen. - -»Junger Kamerad,« versetzte er endlich, »Du kommst mir vor, wie ein -frisch dem Mutterleibe entstiegenes Böcklein, das in den wärmenden -Sonnenstrahlen seine possierlichen Sprünge macht. Deine Worte klingen -wie das Lallen eines Kindes. Noch ganz andere Männer als ich huldigen -unserm großen Kaiser, dem die Meinung der Menschen nichts an seinem -Ruhme schmälern oder hinzufügen kann. Seine welterschütternden Taten -fordern bei Freund und Feind hohe Ehrfurcht heraus. Sie sind in dem -Buche der Geschichte auf ewig unvergänglich eingegraben, und noch in -den spätesten Tagen wird man mit Bewunderung seinen Namen nennen. Er -ist der Erste, aller Zeiten Ersten, vor seinem Stirnerunzeln zittert -eine Welt, und wie das Schicksal von Europas Völkern in seiner Faust er -hält, brächt’ er im Rasen selbst den morschen Erdenball zum bersten.« - -»Vergebt,« begann nach einer geraumen Weile Stillschweigens der junge -Soldat schüchtern, »wenn ich Euern Unmut herausforderte. Ich bin -ja, wie Ihr wißt, keiner Eurer Landsleute, zudem bin ich jung und -unerfahren, und in unser stilles Schwarzwaldtal ist zum Glück nur wenig -von dem Kriegslärmen gedrungen. Ich kann Eure blinde Anbetung des -Kaisers nicht recht verstehen, aber Eure Rede flößt mir Achtung vor -ihm ein. Und wenn ihr sagt, »der Kaiser!«, so sprecht Ihr diese Worte -in einem Tone, den ich bisher noch nicht vernommen habe, und jedesmal -ist es mir dabei den Rücken hinabgerieselt. Zugegeben, Napoleon ist -ein großer Kriegsmann, der bei jedem Menschen ein starkes Gefühl -herausfordert, sei dies nun Liebe, Bewunderung oder Haß. Sagt mir aber -doch, bitt’ ich Euch, welche Bewandnis es damit hat, wenn Ihr sagt »der -Kaiser!«.« - -Das Gewehr an die Schulter gelehnt, griff der alte Gardist mit beiden -Händen langsam an den Schnurrbart und richtete, ihn wiederholt -blitzschnell durch die Finger drehend, eine wahre Revolution in den -beiden Haarbüscheln an. Aber nur eine Sekunde dauerte diese Verwirrung, -dann glätteten, drehten und strichen die zerstörenden Finger das stolze -Symbol seiner Männlichkeit in eine noch ansehnlichere Form als der -Bart vorher besessen hatte, und ein paar letzte Striche verliehen den -Büscheln einen kühnen Schwung, und die dicken Enden ragten aufs neue -spitzig in die Luft. Mit dem Gesichtsausdruck des Geschmeichelten -blickte der Franzose einen Augenblick sinnend ins Leere. Dann warf er -seine nachlässige Haltung ab, richtete sich auf und begann die folgende -kleine Erzählung: - -»Es war bei Austerlitz. Die Schlacht war im vollen Gange, und die -Russen und Österreicher boten alle Kraft auf, dem gewaltigen Stoße -unserer Sturmkolonnen standzuhalten. Die Alte Garde stand mit Gewehr -bei Fuß rückwärts auf einer Anhöhe, jedes Winks gewärtig, um etwa -einem bedrohten Flügel zu Hilfe zu kommen. Wir Auserlesenen der -großen Armee kennen schon dieses Verweilen in der Reserve, denn wir -sind gewöhnt, in den Augenblicken, wo die Schlachten ihren Höhepunkt -erreichen, einzugreifen und aufs neue mit dem Lorbeer des Sieges -unsere Adler zu schmücken. Von unserm Platze aus konnten wir das ganze -Schlachtengefilde überblicken. - -Die ungeheure Fläche war ein einziges Schneefeld, auf das die -Wintersonne herniederglänzte. Millionen von Eiskrystallen glitzerten in -den goldenen Sonnenstrahlen, und der Donner der ersten Kanonenschüsse -der Russen zerriß die Luft und rollte majestätisch zu uns herüber, die -erhabene Ruhe der Natur jäh erschreckend. - -In kurzer Zeit aber wurde das Bild lebendiger. - -In weitem Halbkreise bot sich dem Auge der Anblick der Dörfer dar, aus -deren Häusern hier und da schon die Flammen schlugen. Verhaue waren zu -sehen, Hecken, hinter denen es wie in einem Ameisenhaufen kribbelte, -langgedehnte Feuerlinien, von Rauch fast verhüllt, anstürmende -Regimenter und sich zur Schlacht entwickelnde Divisionen. - -Eins bemerkten wir schlachtenkundigen Veteranen des Krieges sehr bald: -das Ringen war zum Stillstand gekommen. Zudem war es bekannt, daß wir -uns in der Minderzahl befanden. Also konnte es wohl einem Neuling etwas -bänglich zu Mute werden, zumal sich unser Aufenthalt auf der sanft in -das Tal hinabführenden Lehne immer ungünstiger gestaltete. Denn nicht -nur eine ganze Anzahl verirrter Flintenkugeln schlug mitten in unsere -Reihen ein, sondern es schwirrten auch Granaten dicht über unsere Köpfe -hinweg, mit denen sich die russische Artillerie auf uns einzuschießen -begann. Wir aber standen schweigend und ohne mit den Wimpern zu zucken -und betrachteten scheinbar gleichgültig das weite Schlachtfeld. Aber in -der Brust eines Jeden von uns stieg eine quälende Unruhe herauf und das -wilde Verlangen, anstatt in dieser Totenstarre, zu der wir verurteilt -waren, auszuharren, vorwärts zu stürmen. - -Dicht vor unserem Bataillon hielt zu Pferd der Marschall mit seinen -Adjutanten. Wie aus Stein gemeißelt saß er auf dem Pferde und blickte -unausgesetzt nach einem großen Reiterhaufen in geraumer Entfernung -vor uns, von dem unaufhörlich einzelne Reiter ab und zu ritten. -Auch unsere Blicke wurden auf diese Stelle hingezogen, von der eine -magnetische Kraft auszugehen schien. Und je länger wir untätig standen, -je lauter der Schlachtenlärm heraufdrang, und je gefahrvoller unsere -Stellung wurde, um so sehnsüchtiger hingen unsere Augen an diesen -Reitern. Die Unruhe in unserer Brust war auf das höchste gestiegen. - -Da löste sich mit einem Male wieder ein Reiter von dem großen Haufen -und stürmte in verwegenem Galopp über die Hecken und Gräben hinweg -auf unsere Stellung zu. Ein Aufatmen ging durch die Reihen! Wie eine -Windsbraut fegte der Reiter die Anhöhe herauf. Es war, wie man beim -Näherkommen erkennen konnte, ein Major vom Großen Hauptquartier, ein -noch junger Mann mit vornehmen Gesichtszügen und hohen Auszeichnungen -auf der Brust. Dicht vor dem Marschall riß er mitten in der Karriere -so gewaltig in die Zügel, daß das feurige Roß fast auf die Hinterhufe -niederbrach. Dann legte er mit edelm Anstand die Hand an die Mütze und -sprach langsam und mit laut vernehmbarer Stimme: - -»Befehl des Kaisers! Die Kaiserliche Garde soll das Dorf im Zentrum der -Schlachtlinie nehmen und um jeden Preis halten!« - -Bei diesen Worten streckte der Offizier den Arm aus und bezeichnete ein -fast gänzlich zusammengeschossenes, langgestrecktes Dorf, aus dessen -Häusern dichte Rauchwolken drangen und von dem soeben stark gelichtete -französische Kolonnen zurückfluteten, die vom Dorfe aus mit heftigem -Gewehrfeuer verfolgt wurden. - -Hierauf salutierte der kaiserliche Adjutant von neuem, riß das Pferd -herum und stürmte, wie er gekommen, wieder die Anhöhe hinab. Kaum -war er aber hundert Schritte weit geritten, da bäumte plötzlich der -prächtige Rappe hochauf und begrub, sich überschlagend, den Reiter -unter seinem Leibe. Infolge der Heftigkeit des Sturzes rollte das Pferd -über den Offizier hinweg, stieß, auf dem Rücken liegend, die im Krampf -gekrümmten Beine ein paarmal heftig in die Luft und fiel dann langsam -auf die Seite neben seinen Reiter, der unbeweglich auf dem gefrorenen -Schnee lag. - -Da wandte der Marschall sein Pferd herum, und durch unsere Reihen -scholl ein unterdrücktes Jauchzen. Sein Gesicht war dunkelrot, und -seine Augen glühten vor innerm Feuer. Die Kommandeure sprengten auf -ihn zu, ritten wieder zurück, und wenige Minuten später erschollen die -Kommandos, und die Bataillone setzten sich stumm in Marsch. Alles dies -geschah ruhig und ohne Aufregung, wie daheim auf den Übungsplätzen. - -Mit beflügelten Schritten eilten wir abwärts, an dem auf dem Rücken -lang ausgestreckten Adjutanten vorbei, dessen gebrochener Blick nach -oben gerichtet war, und erreichten bald die Stelle, wo der bewegliche -Reiterschwarm hielt. Hier waren Offiziere jeden Ranges und aller -Waffen. An der Spitze des Haufens sah man die Uniform des Kaiserlichen -Stabes und etwa fünfzig Schritte vor ihnen befanden sich zu Fuß drei -oder vier einzelne Offiziere, unter ihnen der Kaiser. - -Der Gewaltige hielt ein großes Fernrohr vor die Augen und blickte -aufmerksam auf das Schlachtfeld. Nach einer kurzen Weile nahm er das -Glas herunter und beugte sich über einige Karten, die auf einem am -Boden liegenden Baumstamm ausgebreitet waren. In diesem Augenblick -ritt ein Regiment Grenadiere zu Pferde in leichtem Trabe vorüber. -Ein hundertstimmiges Vivat brauste durch die Luft; der Kaiser rührte -sich nicht. Da erhoben sich die Stimmen noch lauter, und die Soldaten -riefen: Nun werden wir den Petersburger Damen wieder eine Gelegenheit -zum weinen geben. Der Kaiser blieb unbeweglich. Er richtete sich nicht -für einen Augenblick auf, sondern blieb über die Karten gebeugt, und es -schien, als wenn er den tosenden Beifall, der den betäubenden Lärm der -Schlacht fast übertönte, garnicht vernehme. - -In gleichmäßigem Takte, die Zunge im Bann, schritten wir vorüber. Denn -die Kaiserliche Garde pflegt ihre Pflicht stumm zu tun! - -Schnell nährten wir uns dem brennenden Dorfe. Ohne einen Schuß -abzugeben, marschierten wir vorwärts, in den infernalischen Hagel -von Blei hinein. Das Etagenfeuer, womit wir empfangen wurden, wütete -fürchterlich in unsern Reihen und riß gewaltige Lücken in die -dichten Sturmkolonnen. Aber unsern Mut konnten die Verluste nicht -erschüttern. Die Reihen schlossen sich fester zusammen, und die Plätze -der Gefallenen wurden im Augenblick ausgefüllt. Plötzlich schien es, -als wenn die Verteidiger Verstärkung erhielten, denn das Feuer nahm -an Heftigkeit zu. Man konnte nicht mehr das Knattern der einzelnen -Schüsse unterscheiden. Grollendem Donner gleich hallte es herüber, und -das Pfeifen und Zischen der Kugeln wuchs zur sinneraubenden Musik an: -wir bissen die Zähne zusammen und marschierten weiter. Da schlugen -plötzlich von halblinks her Kartätschen in uns ein und rissen ganze -Reihen nieder: -- wir senkten den Blick zu Boden und marschierten -weiter. Eins nur war jetzt die Losung: Vorwärts! Jedes Halten oder gar -Zurückweichen war gleichbedeutend mit Vernichtung. - -An den weißen Uniformen hinter den Mauern erkannten wir, daß es -Österreicher waren. Nun, wir nahmen uns vor, mit ihnen fürchterlich -abzurechnen! - -Noch immer bewegten wir uns beim Schlage der Trommeln im Schritt -vorwärts, die Adler voran, wie eine granitne Mauer, ein Wald von -Bajonetten. Da ertönten plötzlich die Hornsignale. Wir durcheilten -die kurze Entfernung bis zum Dorfe laufend und warfen uns auf -die feindlichen Schützen, die im letzten Augenblick das Schießen -eingestellt hatten und uns mit erhobenen Gewehren erwarteten. Mit -lautem Schlachtruf stießen wir aufeinander; hüben wie drüben herrschte -fürchterliche Erbitterung. - -Die braven Weißjacken mußten natürlich schon in der Entfernung die -Uniform der Alten Garde erkannt haben und hatten sich daraufhin auf -einen verzweifelten Kampf gefaßt gemacht. So standen sie denn auch wie -eine Felswand und wehrten sich wie Rasende. Aber _diesem_ Ansturm war -ihre Kraft nicht gewachsen!« - -Der alte Gardist räusperte sich und hielt einen Augenblick inne. Dann -fuhr er mit großem Nachdruck fort: - -»Junger Kamerad! Ich habe in achtundzwanzig Schlachten gestanden -und weiß, mit welcher Erbitterung zuweilen gestritten wird. Noch -niemals, außer vielleicht bei Eylau gegen die Preußen, habe ich es -aber wieder erlebt, daß mit solcher Wut gefochten wurde, wie wir und -die österreichischen Regimenter bei Austerlitz kämpften. Kolben und -Bajonett wüteten furchtbar in ihren Reihen, und die weißen Koller -färbten sich in kurzer Zeit blutigrot. Sie schienen in den Erdboden -gewurzelt, und es genügte nicht, ihnen den Tod zu geben; jeder -Erschlagene mußte noch umgeworfen werden, und der Gesichtsausdruck der -Toten war ein grimmes Bedauern, daß sie nicht wieder aufstehen und -weiterkämpfen konnten. - -Unterdessen hatte die Schlacht weitergetobt und auf der ganzen Linie -hatten unsere Regimenter den Angriff erfolgreich vorwärts getragen. -Das alle Kriegskundigen überstrahlende Genie des Kaisers feierte an -diesem Tage einen seiner glänzendsten Triumphe! Er wußte, daß er -sich auf sich selbst und auf seine Truppen verlassen konnte. Deshalb -hatte er den rechten Flügel der Aufstellung nur schwach besetzt. Die -Verbündeten trauten einem Napoleon wirklich den Fehler zu, daß er seine -Rückzugslinie nicht genügend decken würde. So liefen die Russen wie -Mäuse in die Falle und schickten große Massen auf diesen sumpfigen Teil -des Schlachtfeldes, bis ihre Regimenter zwischen zwei große Seen und -dem wasserreichen Goldbach eingekeilt waren. - -In diesem Augenblick wurden sie von den Truppen des Herzogs von -Auerstädt angegriffen. Kaum hatte der Kaiser die durch den Marschall -Davout gefährdete Lage der Russen und Österreicher erkannt, als er die -ganze Garde und die Regimenter des Marschalls Soult von der Hochfläche -herab in den Rücken des Feindes warf. Von der furchtbaren Blutarbeit, -die zu dieser Minute begann, habe ich Dir, junger Kamerad, soeben -erzählt. Die feindlichen Truppen entzogen sich zuletzt dem Gemetzel -und ergriffen die Flucht. Ein Teil von ihnen geriet in die Sümpfe, der -andere gedachte auf der Fläche zwischen den beiden Seen zu entkommen. -Hier brachen aber unsere Reiterregimenter in ihre Flanke und hieben -schonungslos auf die Fliehenden ein. - -Wir hatten unterdessen unsere Arbeit getan. Ausruhend standen wir nun -auf einem Hügel seitwärts des in rauchenden Trümmern liegenden Dorfes -und wischten mit den Fingern das tropfende Blut von den Bajonetten. Da -sahen wir, wie einige Tausend Russen über den großen, zugefrorenen See -flüchteten. Gerade als sie die Mitte erreicht hatten, ließ der Kaiser -durch die Gardeartillerie das Eis einschießen. Unter gewaltigem Krachen -barst die Eisdecke des Sees, und mit gellenden Hilferufen versanken -Tausende von Flüchtigen mit Pferden, Wagen und Geschützen langsam in -der eisigen Flut. - -Die darauffolgende Nacht wurde bei grimmiger Kälte im Freien zugebracht. - -Am andern Tage stand die Alte Garde schon frühzeitig auf den -Biwakplätzen bereit, den Kaiser zu erwarten, -- die Adler vor den -Bataillonen. Eine Stunde verstrich in fieberhafter Ungeduld, denn -wir ahnten, daß sich heute für uns Bedeutendes ereignen würde. Keine -Blutarbeit wie gestern, aber doch würde es ein großer Tag sein. Endlich -sahen wir von der Ferne her den bekannten großen Reiterschwarm langsam -auf uns zu reiten. Der Marschall gab das Zeichen zum Präsentieren, -und einige Sekunden später nährte sich der Kaiser, von nur wenigen -Generalen begleitet, im Galopp unserm Bataillon, während der große -Haufen in respektvoller Entfernung zurückblieb. - -Als der Kaiser vor unserer Mitte angekommen war, hielt er das Pferd an -und ließ die Augen eine Weile stumm auf uns ruhen. In diesem Schweigen -standen die alten, schlachtenerprobten Soldaten vor ihrem Kaiser. Kein -Laut wurde vernommen, aber Tausende von Herzen schlugen hörbar in der -Brust, und Männer, von denen die meisten in ebensoviel mörderischen -Schlachten, wie Du Milchbart Jahre zählst, dem Tod gleichgültig ins -Gesicht gesehen hatten, zitterten in diesem Augenblicke wie Knaben. - -Da erhob sich der Kaiser, der uns zu dieser Stunde wie ein Gott -erschien, in den Bügeln und begann mit weithin schallender Stimme zu -sprechen. Er nannte uns die Männer der Pyramiden, Granitkolonnen von -Marengo, er erinnerte sich unserer Tapferkeit bei Hohenlinden und -sprach sein blindes Vertrauen zu seiner Alten Garde aus, bis er seine -zündende Ansprache mit den Worten schloß: Grenadiere der Alten Garde, -ich bin zufrieden mit Euch! - -Darauf ritt er zu dem nächsten Adler, schlang den Arm um den Schaft und -küßte den alten Sergeanten, der das Siegeszeichen trug, auf die Wange. - -Bei diesem Beginnen vergaßen die Truppen die eiserne Disziplin; die -Größe des Augenblicks riß alle hin. Tränen entstürzten den Augen der -Männer, und der vieltausendstimmige Ruf zerriß das große Schweigen: Es -lebe der Kaiser. - -Mit diesem Jubel können die Huldigungen, die treue Untertanen ihrem -Fürsten, Soldaten anderer Nationen ihrem Führer darbringen, nicht -verglichen werden; er entlud sich mit elementarer Kraft und einem -Donnerton, gleich dem furchtbaren Ausbruch eines Vulkans. Jeder der -Soldaten wußte, daß er diesem Manne ganz gehörte und daß er sich willig -für ihn in Stücke hauen lassen würde. Denn dieser geheimnisvolle -Seelenzwinger galt uns alles: Heimat, Familie, -- Gott! - -Einen Augenblick noch sah der Kaiser mit Wohlgefallen auf die immer -wieder in laute Rufe ausbrechenden Bataillone. Dann wandte er langsam -das Pferd und sprengte, von dem Donnerrollen der nicht endenwollenden -Huldigungen begleitet, hinüber zu den Vierecken der jungen Garde. - -Siehst Du, mein junger Freund,« schloß der alte Gardist mit gehobener -Stimme, »das ist der Kaiser!« - -Eine lange Weile verstrich, der Jüngling stand noch immer sprachlos. -Das eben Gehörte hatte ihn so mächtig ergriffen, daß er die Herrschaft -über seine Gefühle noch nicht wiedererlangt hatte. Endlich riß er sich -von den vor seine Seele gezauberten Bildern mit einem gewaltigen Ruck -los und rief erregt aus, während sein schlanker Körper bebte: - -»Pfui, wie ich ihn hasse, Euern Kaiser!« - -Mit einem lauten Zeichen des Unwillens und großen Erstaunens sah der -Gardist offenen Mundes auf den Kameraden. Dann schüttelte er den Kopf -und sprach mißbilligend: - -»Mäßige Dich, Knabe, Du sprichst im Fieber!« - -»Nein,« rief der Jüngling leidenschaftlich, »nein und abermals nein, -ich rede nicht im Fieber, denn meine Gedanken sind klar wie die -Eurigen. Aber ich wiederhole es, ich hasse Napoleon!« - -»Du bist noch ein halbes Kind,« versetzte der Gardist, »und hast das -Schürzenband Deiner Mutter zu zeitig losgelassen. Ein anstürmendes -Bataillon ist etwas Anderes als ein Schwarm augenklappernder -Betschwestern, und der Krieg ist kein lustiger Zeitvertreib für -großgewachsene Knaben, sondern ein ernstes Geschäft für Männer. Dem -Feldherrn gebührt Ehre und Bewunderung! Schiltst Du Gott, daß er -täglich Zwietracht unter die Menschen sät und sie erbittert gegen -einander wüten läßt? Das, was einem Geisel dünkt, empfindet der Andere -als Wohltat. Der Kaiser kämpft für die Herrlichkeit, für die Größe und -für den Ruhm Frankreichs!« - -»Ihr seid verblendet,« antwortete der Jüngling ruhiger aber mit edelm -Feuer. »Was Ihr bei ihm für hohe Ziele haltet, ist nichts weiter -als Blutdurst und maßloser Ehrgeiz. O, welch furchtbares Verbrechen -ist doch der Krieg! Die härteste Geisel, die über der Menschheit -geschwungen werden kann, viel entsetzlicher als verheerende Hungersnot -und Pest. Alles was göttlich ist im Menschen wird erstickt, und -die bösen Leidenschaften kommen allein zur Entfaltung. Das Land -ist verwüstet, zertreten die Frucht der Felder, niedergebrannt die -Wohnungen der Bürger und Landbewohner, und in die Brust der Menschen -ist herzzerreißender Jammer eingezogen. Die obersten Gesetze der -Gottheit werden mit Füßen getreten, und mit ihrer gütigen Langmut -treibt man frevelndes Spiel. Und wie segensreich, wie herrlich -ist doch der Frieden! Heiter schreitet der Bauer, der Städter zum -gedeihlichen Tagewerk. In bunter Pracht liegen die Fluren, die -Schätze des Ackerbodens, und die Früchte des Baumes reifen im -goldenen Sonnenstrahl. Stillfrohlockend betrachtet der Landmann -die sich herabneigenden, körnerreichen Ähren, die wohlgenährten, -glänzenden Tiere. Unter fröhlichem Scherzen und Singen rollen die -hochaufgetürmten, schwankenden Wagen langsam auf den heimischen Hof, -und die Scheunen und Keller vermögen den Segen kaum zu bergen. - -Und wenn dann nach getanem Tagewerk im Glanze der rötlich untergehenden -Sonne der Gatte, der Vater um sich schaut, und die Blicke auf seinem -fröhlichen, liebevollem Weib inmitten ihrer blühenden Kinder ruhen, -da sieht er in ihren Augen ein wundersames Leuchten. Und während die -Mutter in überquellender Liebe und Glückseligkeit die Kleinen an den -Busen drückt, hebt in seinem Innern ein geheimnisvolles Jauchzen -und Klingen an: -- der Gotteslohn für ein Leben weiser Mäßigung und -unverdrossener Arbeit im Schutze des Friedens!« - -Der alte Gardist hatte den warmen Worten des Jünglings mit Andacht -gelauscht. Als dieser geendet, sah er zu Boden und sprach mit einem -Anflug von Weichheit: - -»Du hast die empfindsamste Saite in meinem Herzen berührt, Knabe. Denn -wisse, auch ich habe ein liebes Weib und zwei herzige Kinder zu Hause. -Sie sind mein Stolz und meine Freude und sollen mir einstmals Licht und -Trost sein, wenn der Schnee des Alters meine Schläfen bedeckt und ich -ihnen von dem großen Kaiser und unsern Ruhmestaten getreulich berichten -werde. Das Bild des Friedens aber, das Du mir in gleißenden Farbentönen -gemalt hast, ist so berückend schön, daß ich die Augen schließen muß, -um es nicht mehr zu sehen, -- -- es möchte mir die Freude am Kriege -vergällen! Das eine aber sage mir, Du wunderlicher Tropf: wie kommst -Du in die Gemeinschaft des rauhen Kriegsmannes, wenn der Krieg Dir ein -Greuel ist?« - -Der Jüngling sah bei dieser Frage hinauf zum Nachthimmel, wo kleine -dunkle Wolkenfetzen noch immer über den Mond hinwegjagten, und er -seufzte tief auf. - -Mit einem Klange voll Schmerz vermischt mit Wehmut sprach er: - -»Ja, darüber bin ich Euch nach meinen voraufgegangenen Worten -Rechenschaft schuldig, und Ihr sollt sie mit wenigen Sätzen haben. - -Meine Heimat ist Baden. In einem tief eingeschnittenen Tale, dessen -Hänge mit düsteren Tannen bewachsen sind, von der Kinzig durchbraust, -weilt mein Liebstes auf Erden. Die Eltern sind mir frühzeitig -gestorben. Dafür hat mir des Allmächtigen Güte ein anderes treues -Herz geschenkt: ein seelenvolles Mädchen, das ich meine Braut nenne. -Sie bewohnt zusammen mit ihrer Mutter ein kleines Häuschen, und -die beiden Frauen ernähren sich rechtschaffen mit dem Flechten von -Stroh. Erst im vorigen Jahre starb der Vater; er war Holzfäller und -wurde von einem stürzenden Baume erschlagen. Unsern Herzen viel zu -früh ist er dahingegangen, leider aber auch zu früh für die äußern -Lebensbedingungen der Frauen, denn auf dem Häuschen lag noch eine -Schuld von achtzig Talern, auf deren Rückzahlung der herzlose Gläubiger -mit drohenden Worten drängte. Anstelle des friedlichen Gleichmaßes -der Tage von früher, herrschte schwere Sorge in dem kleinen Hause, -denn man sah voraus, daß der Unhold die Frauen aus ihrem lieben Besitz -treiben würde. Die Mutter hätte das nicht überlebt! Ich selbst war arm -und verdiente mit meiner Hände Arbeit nur das Notdürftigste. Helle -Verzweiflung hatte sich meiner bemächtigt; da sandte Gott Hilfe. - -Der Lärm der Kriegstrommel hallte bis in unser stilles Tal. Dreihundert -Franken zahlt der Franzosenkaiser jedem Freiwilligen, war in dem Aufruf -zu lesen, der an der Tür des Gemeindehauses angeschlagen war. Im Nu war -mein Plan gefaßt. So hoch war gerade die Summe, die der böse Gläubiger -erhalten mußte. Die beiden Frauen weinten heftig und beschworen mich, -von diesem Gedanken abzustehen, aber ich blieb fest. Ich ließ mich -anwerben, und das Häuschen gehörte ihnen. Heimlich bei Nacht und Nebel -verließ ich das Dorf, um ihnen den Abschied nicht allzuschwer zu -machen. Vor wenigen Tagen erhielt ich die ersten Zeilen der Geliebten -woraus ihr gutes und treues Herz zu mir spricht. - -Seht, so bin ich hierher gekommen. Ich verabscheue den Krieg, aber ich -durfte ihn nicht meiden. Gott wollte es so!« - -Während der letzten Worte des Jünglings hatte sich auf dem schmalen -Wege, der zum Turm führte, den Schildwachen ein Mann genähert, der ganz -plötzlich aus dem Dunkel der Nacht aufgetaucht war. Jetzt stand er vor -ihnen. - -»Die Wagen sollen beladen werden. Wenn die Wolken den Mond etwas frei -lassen, fahren wir ab.« - -»Wer seid Ihr,« fragte der Gardist, den Mann mit argwöhnischen Augen -betrachtend. - -»Kennt Ihr mich denn nicht?« antwortete dieser, »ich bin ja einer der -Fuhrleute. Dort der Kräutlein ist mein Vater.« - -»Der Kräutlein?« versetzte der Gardist erstaunt. »Ich kenne doch den -Kräutlein schon länger als zehn Jahre, aber nie habe ich gehört, daß er -einen Sohn besitze.« - -»Laurentius Kräutlein aus Niederstopfenheim im Bayrischen ist -wahrhaftig mein Vater,« wiederholte der Sprecher. Und wie er sah, -daß der Gardist ihn noch immer ungläubig betrachtete, fügte er mit -angstgepreßter Stimme hinzu: »Das schwöre ich Euch, so wahr ich selig -werden will und bei dem Andenken an meine -- unglückliche Mutter!« - -»Es ist gut,« sagte der Gardist, »tut was Euers Amtes ist.« Bei diesen -Worten streifte er den Lederriemen ab, an dem der Schlüssel um seinen -Hals hing und übergab ihn dem Fremden. Dieser ergriff hastig den -schweren Schlüssel, drehte ihn im Schloß um, öffnete die Tür ein Stück -und tat einen Schritt vorwärts. - -In diesem Augenblick senkte der Gardist das Bajonett und forderte die -Parole. - -Keiner der beiden Soldaten ahnte, was für einen unbeschreiblichen Sturm -diese Aufforderung in der Seele des Burschen blitzschnell entfesselt -hatte. Er verstand nicht, was die Schildwache von ihm verlangte, seine -Klugheit gebot ihm aber, nicht darnach zu fragen, denn mit solchem Wort -mußte er sich sofort verraten. Als Spion würde man ihn packen und am -nächsten Morgen vor der erstbesten Gartenmauer niederknallen, -- das -wußte er. Aber, wennschon, das war ja nicht das Schlimmste. Doch sein -Plan, sein wunderschöner Plan, den er bisher so vortrefflich hatte -ausführen können; sollte er in der letzten Sekunde, einen Schritt vom -Ziel entfernt, noch scheitern? Das Blut staute in seinem Hirn, und sein -Schädel drohte zu zerspringen. - -Da huschte eine Erinnerung an seiner Seele vorüber: als vorhin in -der Dunkelheit Schritte ertönten, hatte da die Schildwache an der -Straße nicht dasselbe gefragt? Parole? Ja, beim Himmel, so hatte es -geklungen! Und was hatte der Unbekannte darauf geantwortet? Ein neuer, -siedendheißer Strom schoß ihm zu Kopfe, und vor seinen Augen begann es -zu flimmern. - -Dieser ganze Vorgang hatte sich in dem Hirn des Burschen so -blitzschnell abgespielt, daß die Schildwachen noch keine Veranlassung -hatten, Verdacht zu schöpfen. Jetzt stieß der Zögernde die schwere -Bohlentür heftig auf, sagte mit heiserer Stimme »Jena!« und stolperte, -als das Gewehr des Gardisten den Eingang freigab, in die schwarze, -gähnende Finsternis hinein. - -Der junge Soldat war durch das Erscheinen des Fremden aus seinen lieben -Erinnerungen herausgerissen worden. Jetzt versenkte er sich von neuem -darein. - -»Gebe Gott,« seufzte er, »daß der Krieg recht bald endige, mein Lieb -daheim bekommt vor Angst und Gram blasse Wangen.« - -»Mein junger Freund,« versetzte der Gardist mahnend, »wie aber dann, -wenn Ihr nicht wieder heimkommt? Im Kriege ist einem ein plötzlicher -Tod ja weit näher als in Friedenszeiten.« - -Der Jüngling fuhr verstört auf und blickte den alten Soldaten mit -angstvollen Augen an: - -»Geht,« stieß er hervor, »seid nicht so grausam. Ihr habt mir da einen -schönen Schreck eingejagt. Nein, wie könnte ich denn sterben? Ich will -ja noch Hochzeit feiern und glücklich sein. Ihr dürft nicht so garstig -sprechen!« - -»Nun, nun,« beschwichtigte jener gutmütig, dem die Unruhe des Jünglings -nicht entgangen war, »freilich sollt ihr noch lange leben. Ich will es -doch auch, denn ich muß ja noch meinen Enkeln von den Taten des großen -Kaisers künden.« - -Über den Köpfen der beiden Schildwachen hatte in diesem Augenblick ein -gespenstisches Rauschen und Flattern begonnen. Allerlei Nachtgevögel -war durch eine unbekannte Ursache aufgeschreckt worden. Die Tiere -hatten ihre Löcher im Mauerwerk verlassen und flogen mit hastigen -Flügelschlägen am Turm auf und nieder. Nur ein Käuzchen saß noch in -seinem Spalt und rief durchdringend zweimal rasch nacheinander: Kommit, -Kommit! - -Der alte Gardist hob den Kopf, um nach dem Mahner zu sehen und sagte -mit belegter Stimme: - -»Das ist der Totenvogel!« - -Da konnte der Jüngling aber seine Erregung nicht mehr meistern. -Er griff hastig in die Tasche seines Uniformrocks und brachte ein -zerknittertes Blatt Papier hervor. Mühsam las er dann im Mondenlicht -mit lauter Stimme: - -»-- -- -- ich flehe allabendlich die heilige Jungfrau für Dich an. -Mein Gebet dringt bis zu den Stufen des Allerhöchsten. Er wird Dich -beschützen. Glaube mir das, Geliebter meines Herzens -- -- --!« - -»Hört Ihr,« jubelte der Jüngling, »ich werde wohlbehalten zu ihr -zurückkehren -- --« - -In diesem Augenblick trat ein Ereignis ein, durch das die Menschen -weit in der Runde erschreckt wurden: an der östlichen Seite des -Schlosses sprühten Myriaden von Funken hochauf, und aus Nebel und -undurchdringlichem Rauch stieg eine riesengroße Feuergarbe kerzengleich -zum Himmel empor, begleitet von einem gräßlichen Donnerschlage. Der -Boden erzitterte wie bei einem Erdbeben, und Steine und Erdschollen -wurden mit solcher Kraft in die Höhe geworfen, als wenn der weite -Himmelsbogen gesprengt werden solle. Unter gewaltigem Getöse fielen die -aufgewirbelten Steinmassen wieder zu Boden. Dann war es totenstill wie -zuvor. Nur ein Regen von Staub und Asche rieselte langsam auf die Erde -herab, und die Luft erfüllte starker Schwefelgeruch. - -Unten aber, am Fuße der Bodensenkung, wo die Schar der Fuhrleute -schlief, wurde es lebendig. Laute Rufe erschollen. Sie rissen die -brennenden Scheite aus dem Feuer, eilten die Anhöhe hinan und -beleuchteten den Platz. Aber sie fanden sich nicht zurecht, es war -alles ganz anders als vor ihrem Schlafe. Der dicke, steinerne Turm, -der ihr Pulver barg, war verschwunden, der Fuhrmann, der hier oben die -Wache gehalten hatte, das Feuer, die Wagen, die beiden Schildwachen, --- -- alles war verschwunden. Die hohen Bäume, die in der Nähe -gestanden hatten, waren dicht über dem Erdboden abgeknickt und weit -fortgeführt. Nur hier und da lag ein weißer Sandsteinquader aus dem -Gefüge des Turmes. Sonst war nichts zu sehen. - -Es war, als wenn ein Gigant aufgestanden wäre, der mit einem eisernen -Besen alles hinweggefegt hätte. - - - - -23. Kapitel. - - -Der Sonntagmorgen brach an. Schon zu früher Stunde eilten die -Dorfbewohner ins Freie und betrachteten mit Neugierde und Grausen das -Bild der Verwüstung. - -Der letzte der beiden Schloßtürme war von seinem Platze verschwunden. -Alle Steine, die ihn gebildet, lagen weit verstreut auf der Erde, -und selbst die tiefen Grundmauern hatte die zerstörende Kraft des -Pulvers zerrissen. Der anstoßende Flügel des Schlosses war in sich -zusammengestürzt, und die Mauern des weiter nach dem Mittelbau zu -gelegenen Teils durchzogen vom Dach bis zum Boden herab breite Risse. -Seit jener Nacht, in der der westliche Turm einstürzte und Oskar von -Tiefenbach mit seinem Bruder Egbert das Schloß verlassen hatte, um -den Freihof zu beziehen, war dieser Flügel des Schlosses allmählich -zerfallen. Nun lag auch das letzte Wahrzeichen des alten Baues in -Trümmern, und nur ein kleiner Teil war noch bewohnbar. - -Aber soweit bekannt, waren Leute aus dem Dorfe der verheerenden -Explosion nicht zum Opfer gefallen, und in die ehrfürchtige Scheu -vor der furchtbaren Gewalt der Elemente mischte sich innerliches -Frohlocken. Was tat es, daß der steinerne Riese nicht mehr war! -Allzulange hätte er der zerstörenden Zeit doch nicht mehr standhalten -können, nachdem an vielen Stellen der Mauerfraß den Turm schon sehr -geschwächt hatte. So war er denn von seinem Platze gewichen wie ein -heldenmütiger Krieger, der in der Schlacht fällt. Die dritthalbhundert -Zentner Pulver und Geschosse, die in seinem weiten Bauche -aufgespeichert waren, hatten sich mit einem einzigen Schlage entzündet, -anstatt in mörderischer Feldschlacht hundertfachen Tod in die Reihen -der deutschen Kämpfer zu tragen. -- Gottlob! - -Auf welche Weise die Entzündung erfolgt sein mochte, wußte niemand. Die -französischen Schildwachen hatten mit einer dichten Postenkette rund -um das Schloß scharf Wache gehalten, so daß es wohl keinem gelungen -sein konnte, sich zwischen ihnen hindurchzuschleichen. Außerdem hatte -vor der Tür des Turmes ja noch ein Doppelposten gestanden, wodurch es -unmöglich gewesen war, zu dem Pulver zu gelangen. Man glaubte deshalb -an eine Selbstentzündung der Sprengstoffe aus unbekannten Gründen. - -Noch in der Nacht hatten sich die Fuhrleute auf die Pferde geschwungen -und waren, von den französischen Soldaten begleitet, zum Dorf -hinausgeritten, auf Leipzig zu. Vermutlich hatten sie geglaubt, der -weithin vernehmbare Donnerschlag der Explosion könne feindliche Truppen -herbeiziehen, die ja zufolge Nachrichten der Landleute in geringer -Entfernung vom Dorfe stehen sollten. - -Lange konnten die Rehefelder aber nicht an der Trümmerstätte verweilen. -Heute war ja der letzte Tag, an dem sich die kühnen Männer noch im -Kreise ihrer Lieben befanden, morgen mit Tagesgrauen wollten sie das -Dorf verlassen. Deshalb sollte heute Vormittag, nachdem die Tiefenbachs -sich vor dem Altar Treue fürs Leben gelobt hatten, die Einsegnung der -Davonziehenden stattfinden. - - * * * * * - -Max hatte mit beklommenem Mute sein Hochzeitsgewand angetan. Nur wenige -Stunden sollte es ihm vergönnt sein, sein junges Weib an seiner Seite -zu wissen, dann riß ihn das Schicksal von ihr fort, -- hinein in den -opfervollen Kampf. Würde er sie wiedersehen? War es recht von ihm, wenn -er schon am Morgen nach dem Hochzeitstage sein Weib verließ? Hatte -er richtig gehandelt, als er sich Konrad mit Leib und Seele verband, -als er den Plan faßte, wider den alten Feind mit zu Felde zu ziehen? -Gab es nicht eine große Anzahl anderer Männer im Lande, die niemand -zurückließen, dem ihr Scheiden großen Schmerz bereitete? Mußte es denn -wirklich sein, daß er sein eben angetrautes Weib allein ließ, um für -die Freiheit der deutschen Stämme zu streiten? - -Solche Anfechtungen überkamen den Mann zu dieser Stunde und bedrückten -ihn schwer. Kein tröstender Gedanke, wie er sich auch nach ihn -abmühte, wollte ihm als Retter in schwerer Not erstehen, und in -seiner Niedergeschlagenheit mutete es ihn an wie ein Rätsel, wenn er -daran dachte, daß ihn bisher diese Bedenken nicht heimgesucht hatten. -Noch bis gestern war er bei dem Gedanken an den Ausmarsch freudig -erregt gewesen, aber heute, an seinem Hochzeitstage, war es ihm doch -wunderlich ums Herz. - -Da erinnerte er sich plötzlich der Worte der Geliebten, die sie in -jener Stunde gesprochen, als er ihr seine Absicht, mit auszuziehen, -kundgetan: ich hätte Dich nicht verstanden, wenn Du hier geblieben -wärst! Jetzt wich die Verzagtheit von ihm, und sein bänglicher Mut -richtete sich auf. Das freudige Gefühl, das ihn in den letzten Wochen -nicht verlassen hatte, beseelte ihn aufs neue. Ein warmer Strahl brach -aus seinem Auge, als er die Worte Marias leise vor sich hin sprach, -und Stolz schwellte seine Brust bei dem Gedanken an sein hochherziges, -tapferes Mädchen. - -Rasch und ungeduldig beendete er seinen Anzug und schlug mit hastigen -Schritten den Weg nach dem Schlosse ein. - -Ihre Hochzeit sollte ohne laute Feier stattfinden, denn der Ernst des -Tages ließ keine sprudelnde Fröhlichkeit aufkommen. - -Als Max das Schloß betreten hatte, wurde er von Marias Tante empfangen, -die ihn davon benachrichtigte, daß ihn die Braut schon erwarte. Schnell -begab sich Max nach der Geliebten Zimmer. Schon streckte er die Hand -aus, die Tür zu öffnen, da hörte er Maria drinnen mit ihrer herrlichen -Altstimme dieselbe schwermütige Weise anstimmen, die die Mädchen im -Dorfe in diesen Tagen so oft sangen: - - Eng im Glanz des Mondenschein - Hielt die Liebste er umschlungen, - Leis zu ihren Schelmerein - Hat Frau Nachtigall gesungen. - - Stehe still, o Wonnezeit, - Holde Zeit der Lust und Freude! - Doch wie schnell weicht Seligkeit, - Kehrt sich Lust zu bitter’m Leide. - - Starr im Glanz des Mondenschein - Ruht er auf dem Feld der Ehre, - Leis vom Aug’ des Mägdelein - Löst sich eine blut’ge Zähre. - -Max überkam bei dem Klange dieses Liedes eine Anwandlung unendlicher -Wehmut. Er glaubte aus den Tönen den Trennungsschmerz herauszuhören, -den Maria fühlte. Leise öffnete er die Tür, -- da stockte sein Fuß auf -der Schwelle, denn das liebliche Bild, das sich ihm bot, hielt ihn im -Bann. - -In dem geräumigen Erkerzimmer mit den schweren, eichenen Möbeln aus -einer längst vergangenen Zeit, stand Maria an eine den Erker tragende, -geschnitzte Säule gelehnt, nahe beim Fenster im bräutlichen Schmuck. -Sie trug ein schlichtes, weißes Wollenkleid, das sich weich anschmiegte -und das herrliche Ebenmaß ihres jungfräulichen Körpers ahnen ließ. Von -der rechten Schulter wand sich nach der Mitte der Brust eine frische -Ranke von Myrthenblüten, und die glänzenden, braunen Zöpfe, die, wie -Maria es liebte, rund auf dem Scheitel aufgesteckt waren, trugen eine -zierlich geflochtene Myrthenkrone. Mit dem Arm hatte sie leicht die -Säule umschlungen, während ihre Augen sinnend hinaus in die Weite -gerichtet waren. Das feingeschnittene Profil und die edle Linie des -Halses, den das Kleid freiließ, zeichneten sich von dem lichtvollen -Hintergrunde rein ab. Ein goldener Morgenstrahl der Oktobersonne drang -durch die Butzenscheiben im oberen Teile des breiten Fensters und küßte -ihren braunen Scheitel. Von der Erscheinung der zu herrlichster Pracht -sich erschließenden Mädchenblüte ging eine reine Harmonie aus, und -das Gesicht der Jungfrau verkündete schmerzliche Innigkeit, die nach -Seelenstärke begehrte. - -Max stand lautlos und hielt den Blick unverrückt auf Maria gerichtet, -um die Erinnerung an dieses wunderbare Bild seinem Herzen tief -einzuprägen. Mehrere Sekunden blieben seine Augen an der Erscheinung -hängen, -- da wandte Maria sich von ungefähr um und machte dabei eine -leichte Bewegung des Erschreckens, als sie die männliche Gestalt auf -der Schwelle gewahrte. Im nächsten Augenblick aber und noch bevor Max -seine Erstarrung abschütteln konnte, flog Maria auf ihn zu und schlang -leidenschaftlich die Arme um seinen Hals. - -»Geliebter,« sagte sie mit fliegendem Atem, »ach, wie froh ich bin, -daß Du endlich bei mir bist. Ich habe mich um Deinetwillen so sehr -geängstigt!« Und das klopfende Herz, das Max an dem seinen fühlte, -bestätigte ihm die Wahrheit ihrer Worte. - -Max trat in das Zimmer, küßte seine Braut zärtlich und sprach: »Hat -der Schmerz des Abschieds mein Lieb schon sobald heimgesucht? Sei mein -tapferes Mädchen wie immer und vertraue dem gütigen Geschick, daß es -uns ein Wiedersehen feiern lassen wird.« - -»Wiedersehen? Ach! Wo werden wir uns wiedersehen?« sprach Maria leise -und gedankenvoll, den Blick zu Boden geschlagen. »Aber Du irrst, -Geliebter,« fuhr sie alsbald lebhafter fort, »der Schmerz der Trennung -ist es nicht gewesen, der mir so viel Schrecken eingeflößt hat, sondern -ein böser Traum, der mich am frühen Morgen heimsuchte.« - -Mit diesen Worten waren sie zum Erker geschritten und ließen sich nun, -die Arme einander um die Schultern gelegt, auf der Ruhbank am Fenster -nieder. - -»Gegen Mitternacht,« begann Maria, »vernahm ich plötzlich im Schlafe -eine ungeheure Erschütterung, gleich dem Krachen eines Kanonenschusses, -der in kurzer Entfernung von mir abgefeuert wurde. Die Fenster -klirrten, und es war einen Augenblick, als ob die schwankenden -Wände über mir zusammenstürzen wollten. Da trat nach einer bangen -Viertelstunde die Tante ins Zimmer und erzählte, daß der Schloßturm, -in dem das französische Pulver lagerte, in die Luft geflogen sei. -Heute morgen habe ich versucht, den Ostflügel zu betreten. Aber man -kann nicht weit darin vordringen, denn die Gänge sind verschüttet und -die Mauern eingestürzt. Viel Schaden ist damit nicht angerichtet; der -Flügel war ja schon wegen seiner Baufälligkeit seit langem nicht mehr -bewohnt und geräumt. Daß der alte, verwitterte Geselle ein solches Ende -finden mußte! Gerade er, glaubte ich, würde am längsten trotzen. - -Lange mußte ich über den rasch fortschreitenden Verfall des Schlosses -unserer Väter nachdenken, bis ich endlich wieder den Schlummer fand. -Da fuhr ich mit einem Male von neuem auf. Diesmal aber war ein -schrecklicher Traum die Ursache.« - -»Träume sind leichte Gesellen,« tröstete Max. »Unstät und ohne Skrupel -um die Wahrheit dessen, was sie künden, führen sie ein wahrhaftes -Zigeunerleben. Bald bei diesem, schnell wieder bei jenem, statten sie -den Menschen ihre schattenhaften Besuche ab, wispern dem Unglücklichen -berauschende Worte ins Ohr, die ihm märchenhaftes Glück prophezeien, -oder gaukeln ihm die lieblichsten Bilder vor die Seele, während sie -den, dem ein froheres Erdenlos zuteil ward, mit bösen Vorstellungen -schrecken und seinem fröhlichen Sinn die Quelle abgraben. Erwacht dann -jener vom Schlummer, so bemerkt er mißmutig, daß ein schöner Traum -ihn geäfft, der sein Elend mit einem goldenen Mäntelchen umkleidet -hatte, und schlägt dieser die Augen zum Morgenlicht auf, so beschleicht -ihn blasse Furcht, und der Schwache überträgt die Schrecknisse -seiner Phantasie nur allzuwillig auf das Leben des Alltags. Träume -sind Seifenblasen, mein Lieb! Ihre Oberfläche ist schillernd und -versprechend, im Innern aber sind sie hohl. Und will man sie schärfer -ins Auge fassen, zerspringen sie, und nichts bleibt mehr übrig von -ihnen als der winzige Tropfen, der herabfällt, und den der durstige -Sand begierig aufsaugt.« - -»Mein Bräutigam,« versetzte Maria mit leise wieder aufkommender -Fassung. »Du Lieber, Guter, wie vortrefflich Du Dich doch aufs Trösten -verstehst! Sieh, wenn Du bei mir bist, ist mir nie bange. Wenn Du aber -fern von mir weilst, dann schleichen leicht trübe Ahnungen mir in die -Seele, und meine Phantasie nimmt geschäftig die Fäden auf und spinnt -sie ineinander. Und der bunte Teppich, den sie also gewoben, zeigt -zuweilen gar kein freundliches Bild.« - -Maria hielt im Sprechen inne, und eine Glutwelle färbte ihr Gesicht -purpurn, als sie mit stockender Stimme leise bat: »Max, -- küsse mich!« - -Bewegt beugte sich Max nieder und drückte in ehrfurchtsvoller Scheu die -Lippen auf Marias reine Stirn. - -Mit unendlicher Zärtlichkeit schlang das Mädchen seinen Arm um den Hals -des geliebten Mannes und legte die Stirn an seine Wange. - -»Ach, Max,« fuhr sie fort, »der böse Traum hat mich aber auch -allzusehr erschreckt. -- Ich sah Dich in schwerer Gefahr. Du saßest -in schwankendem Boot und strengtest alle Deine Kräfte aufs äußerste -an, das Ufer des Sees zu erreichen. Aber der Sturm tobte mit -unbeschreiblicher Heftigkeit, und die Wellen gingen so hoch, daß das -tanzende Schifflein oft meinen Augen entschwand. Ich stand am Rande -des Ufers und schrie in meiner Seelenangst laut auf und rang in -Verzweiflung die Hände, denn ich sah, wie die Kraft der entfesselten -Elemente Deiner übermenschlichen Anstrengungen spottete. Der Raum -zwischen Dir und mir ward immer größer, und die Wellenberge, die -mich von Dir schieden, türmten sich immer höher auf. Da machte ich -im Schlafe eine heftige Bewegung und erwachte, in Schweiß gebadet. -Rosiges Morgenlicht erfüllte das Zimmer und rief mir zu, daß ich ja -nur geträumt habe. Aber meine Sinne waren noch lange im Banne der -nächtlichen Erscheinung. Und als ich dann die brennende Stirn mit -frischem Wasser kühlte und dabei wie von selbst die Augen schloß, -- -gleich war er wieder da, der schlimme Spuk und erschreckte meine Seele -aufs neue. Ach Max,« bat das Mädchen flehend, -- »küsse mich wieder!« - -Max war von Marias qualvoller Angst gerührt. Mit überschäumender -Herzlichkeit küßte er sie und preßte ihren Kopf zärtlich an seine Brust -und sprach ihr begütigende Trostworte zu. - -»Du lieber Mann, Beherrscher meiner Seele, wie lieb ich Dich doch -habe!« sagte Maria, sich eng an ihn schmiegend. »Aber nicht wahr,« -fügte sie rasch hinzu, indem sie ihm mit Innigkeit und neu erwachter -Stärke in die Augen sah, »wie es auch kommen mag, Geliebter meines -Herzens, laß uns in unerschütterlichem Vertrauen auf Gott bauen!« - -»Ja, wir wollen unsere Zukunft in seine Hände legen,« antwortete Max -und erhob sich. »Aber jetzt komm mein Lieb, reiße Dich heraus aus -den ängstigenden Vorstellungen, die Deine Seele bedrücken. Laß uns -miteinander fröhlich sein, den heute ist ja unser Hochzeitstag! Und nun -gehen wir zur Kirche, auf daß der Himmel um seinen Segen für unsern -Bund angefleht werde.« - -»Ach, Du tust recht daran, Geliebter,« antwortete Maria, »mir diesen -schönen Gedanken in die Seele zurückzurufen. Ja, heute ist mein -Hochzeitstag,« sagte sie leise wie im Selbstgespräch, während ihr -Blick wieder durch das Fenster in das weite Land hinein schweifte und -sich träumerisch verlor. Das Mädchen vergaß den Ort und ihre Umgebung -für einen Augenblick. Ihre Lippen lispelten leise Worte, und auf dem -Gesicht spielte ein sonniges Leuchten. Da verschwand plötzlich der Zug -des Glückes von ihrem Antlitz, und der verstörte Ausdruck geheimer -Angst trat wieder an seine Stelle. Mit einem leidenschaftlichen -Aufschrei warf Maria wie bei Maxens Eintreten die Arme um seinen Hals -und flehte zitternd wie ein Kind und mit bebender Stimme: - -»Trübe Ahnungen beschleichen mir die Brust; Max, -- -- küß mich noch -einmal!« - -Da kam dem starken Mann doch eine tiefere Rührung an, als sich -in bewegten Augenblicken sonst bei ihm einzustellen pflegte. Mit -zitternden Händen griff er nach dem Mädchen, drückte die heftige -Schauernde an sich und bedeckte Stirn, Augen und Mund mit ungezählten -Küssen. - - * * * * * - -Wenn in späteren Jahren die um die Zeit unserer Erzählung jungen Männer -als Greise von der Einsegnung der dreizehn Freiwilligen erzählten, dann -unterließen sie nie, hinzuzufügen: keiner aus dem Dorfe fehlte; der -schwerkranke Sägemüller ließ sich von seinen zwei mitausmarschierenden -Söhnen im Bett in die Kirche tragen, und drei Tage darauf starb er. - -Das Gotteshaus war mit Andächtigen dicht gefüllt. In allen Gängen, rund -um den Altar und in den offenen Türen und Fenstern standen oder saßen -sie. Die Mütter hielten die Kleinsten auf dem Arm, und alle verharrten -in andächtigem Schweigen. Eine hohe Feststimmung hatte sich auf die -einfachen Menschen herabgesenkt, von denen jeder einzelne stolz auf -die Männer schaute, die in einer Reihe dicht vor den Stufen des Altars -Platz genommen hatten. - -Feierlich begann die Glocke auf dem Turm des Kirchleins zu läuten, -und die Worte, die der metallne Mund rief, hielten bedeutungsvolle -Zwiesprache mit der Stimme im Busen eines jeden der Andächtigen. Leise -setzte zu einem feierlichen Präludium die Orgel ein, bis endlich die -herrliche Melodie des Hauptliedes des heutigen Gottesdienstes durch -die Kirche brauste. Ein paar gedrängte Augenblicke, und dann fielen -die Stimmen ein. Alle Kümmernis, die diese Menschen bedrückte, und -alle Bitten nach Tröstung und göttlicher Hilfe ergossen sich aus ihren -Herzen in die Worte des Psalms: Alles was Odem hat, lobe den Herrn! - -Da erschien Pastor Reinerz am Altar. Er hatte eine schwere Krankheit -hinter sich und übte heute zum ersten Male wieder sein Amt aus. Mühsam -waren seine Schritte, mit denen er die Stufen hinaufging. Als er aber -wieder an seinem lieben Platze stand, den er vor vierzig Jahren das -erste Mal betreten hatte, als er die Melodie seines Lieblingschorales -vernahm, und als er um sich schaute und die dichtgedrängte Menge -gewahrte, da wurde ihm, ach, so warm ums Herz. Seine Augen blitzten vor -Freude, und die bleichen Wangen und seine Stirn überzog eine feine Röte. - -Nachdem das Lied zu Ende gesungen war, traten Max und Maria zum -Altar. Hochaufgerichtet stand hinter ihnen die Freihoferin und neben -ihr Marias Tante. Als Trauzeugen dienten die Base Marias und Konrad -Hartmann. - -Auf dem lieblichen Antlitz der Braut lagen Demut und Ergebung. Und als -Pastor Reinerz von ihr zu wissen verlangte, ob sie gewillt sei, ihren -Vetter Max von Tiefenbach zu ehelichen und fürderhin Freud und Leid mit -ihm zu teilen, da klang aus ihrem Munde ein freudiges Ja. Aller Augen -hingen an der holden Erscheinung, und schon jetzt wurde mancher Blick -feucht beim Anblick der Braut eines morgen ausziehenden Kriegers, und -mancher Mund flüsterte: Du armes, armes Weib! - -Als die Trauungszeremonie beendet war, sprach Pastor Reinerz vom Altar -aus die Predigt. - -Wenn einem aus der Gemeinde etwas das Herz bedrückte, dann wußte er, -daß er in der Sonntagspredigt Trost und Erbauung erhalten würde. Pastor -Reinerz war kein glänzender Kanzelredner. Seine Worte flossen ihm -nicht von den Lippen, sondern rangen sich zuweilen mühsam von seinem -Munde. Aber er sprach eindrucksvoll und öffnete mit seinen Worten den -innersten Schrein der Menschen und übte eine tiefe Wirkung aus. Seine -Art zu sprechen war überraschend einfach, und gerade deshalb klang die -Predigt im Innern der Zuhörer noch lange nach. Heute hatte er einen -Stoff, den er meisterhaft zu behandeln verstand. - -Er sprach von der schweren Prüfung, die dem Lande noch immer auferlegt -sei, von dem gewaltigen Ringen der Völker um Freiheit und Heimaterde -und führte die atemlos Lauschenden allmählich bis zu den Geschehnissen -der jüngsten Tage. Ein Sturm der Begeisterung fege durch das Land, man -erwache aus einem verhängnisvollen Schlummer, und überall schicke man -sich in letzter Stunde an, das Versäumte gutzumachen. Auch hier in der -Gemeinde seien mutige Männer aufgestanden, die in diesen großen Tagen -nicht müßig bleiben wollten. - -Bei diesen Worten lief eine leise Bewegung durch die dichtgedrängten -Zuhörer, den man fühlte, daß jetzt der Höhepunkt der Feier nahe. - -Mit einem kurzen Gebet, in dem er die Geschicke des Landes und des -sächsischen Volkes der Gnade des Allbarmherzigen empfahl, schloß Pastor -Reinerz seine Predigt. - -Dann erhoben sich die Dreizehn, traten enganeinandergeschart zum Altar -und knieten auf den Stufen nieder, um den Segen zu empfangen. - -Ein heißer Strahl ergoß sich in die Brust eines jeden der Versammelten, -und man drängte sich und hob die Köpfe, um die Knieenden nicht aus den -Augen zu verlieren. Es war ein erhebender Augenblick! - -Mancher verbarg seine Rührung, in Vieler Augen aber glänzten Tränen. -Sie gingen ja, um für das Vaterland zu streiten, das war das Tröstende, -aber -- sie gingen! Keiner verspürte das Verlangen, sie zurückzuhalten, -aber weinen mußte man sie lassen. War doch manche alte Mutter, manches -junge Weib, manches zarte Kind unter den Versammelten, die verlassen -wurden! - -Markig, doch aus tiefer Bewegung heraus, klangen die Worte des -Geistlichen, und das Ergriffensein ihres verehrten Pfarrers teilte -sich der Gemeinde mit; die Weiber schluchzten und die Kinder weinten. -Die Erschütterung wuchs, und reichliche Tränen flossen, als er die -Männer segnete. Wie darauf Pastor Reinerz aber davon sprach, daß die -vaterlosen Kindlein Gott am nächsten stünden, da brach plötzlich die -bebende Stimme des Greises, und der Jammer übermannte die Versammelten, -und das Schluchzen wurde so stark, daß der Geistliche wohl minutenlang -nicht weitersprechen konnte. Zugleich mit dem Schmerz erfüllten aber -heiliger Zorn und Empörung gegen die Bedrücker Aller Brust, und aus den -Seelen der Hartgeprüften rang sich zum Himmel empor der flehentliche -Schrei: »_Herr, mach’ uns frei!_« - -Dann erklang die Orgel von neuem, und die Gemeinde stimmte mit Inbrunst -das Lied an: »Befiehl Du Deine Wege, und was dein Herz nur kränkt, der -der allertreusten Pflege des, der den Weltkreis lenkt --« - -Hierauf leerte sich langsam das Gotteshaus. - - - - -24. Kapitel. - - -Die Männer hatten sich zu einer letzten Besprechung nach dem -Gottesdienst in die Schenke verabredet, da der übrige Teil des Tages -den Angehörigen gewidmet sein sollte. - -Max hatte die Seinen nach dem Freihofe zurückbegleitet und fand, als -er nach kurzer Zeit in die Wirtsstube trat, alle schon versammelt. -Das halbe Dorf war auf den Beinen und umlagerte den Gasthof, und die -Neugierigsten unter der Jugend umdrängten die Fenster und versuchten -zu erfahren, was drinnen beschlossen wurde. Auch lief das Gerücht -herum, daß eine französische Patrouille von fünf Reitern außerhalb des -Dorfes gesehen worden sei und den Schauplatz der Verwüstung besichtigt -hätte. Sodann seien die Reiter beim Schwedenloch abgesessen und hätten -dort auch ihre Pferde gefüttert. Die Zaghaften unter den Einwohnern -aber sagten, Pferde in der Nähe des Schwedenloches wären keine gute -Vorbedeutung, und die den Lebenden von Mund zu Mund überlieferte -Erzählung des Ursprungs dieser Stätte wurde wieder aufgewärmt. - -Mit dem Schwedenloch verhielt es sich nun folgendermaßen. - -Vor etwa zweihundert Jahren war, vom Erzgebirge her kommend, ein -unbekannter Mann im Dorfe erschienen. Der Fremde behauptete, er sei -ein großer Bergverständiger und habe schon manchem dadurch zu Reichtum -verholfen, daß er auf seinem Besitz eine schwere Silberader entdeckte. -Die Gegend um Rehefeld erscheine ihm versprechend, und er werde -versuchen, hier nach Silber zu graben. - -Darüber lachten die Bauern, weil sie dachten, der Fremde sei ein -Spaßmacher. Aber dieser verfügte über eine gute Zunge, und als er zu -ihnen von dem Reichtum sprach, den selbst ein kleiner Silberbergbau -abwerfe und mit lebendigen Worten die freudige Überraschung zu -schildern verstand, die in andern Gegenden die hartnäckigsten Zweifler -angesichts der reichen Ausbeute der von ihm gegrabenen Schächte nach -kurzer Zeit überkommen sei, da wurden die Bauern nachdenklich. Das -Lachen verschwand von ihren Gesichtern, und sie kraulten sich bedächtig -hinter den Ohren, und einer fragte den andern, ob er sich mit ein paar -Hundert Talern etwa beteiligen würde. Anfänglich schien niemand dazu -geneigt. Als aber der Schätzesucher hoch und teuer beschwor, daß sich -das Geld über Nacht zwanzig- und dreißigfach verzinsen könne, und er -davon sprach, bei längerem Weigern das Kapital auf den umliegenden -Dörfern aufzubringen, da wurden die Rehefelder neidisch auf die von -Gröbern und Zehmen, und in wenigen Tagen war die verlangte Summe -beisammen. - -Nun fing der fremde Mann an zu bohren. Aber einige Ellen tief traf er -auf Sandstein, und die Bauern empfanden so etwas wie Enttäuschung. -Der Fremde aber meinte, dies sei recht und gut, denn er habe gerade -unter so weichem Gestein schon die reichsten Silberadern gefunden; und -er bohrte fröhlich weiter. Die Arbeit ging langsam von statten, und -die Geldgeber wollten schon allmählich verzweifeln, da berührte der -Bohrer wieder Sand, und die bereits gelästerten Prophezeihungen des -Schatzgräbers gingen mit neuer Hoffnung und unter ehrfürchtigem Nicken -von Mund zu Mund. - -Immer tiefer drang das Eisen des Bohrers hinab. Das Loch in der -Sandsteinschicht wurde weitgemacht und rund ausgehauen, die Erde in -dem neuen Schacht abgegraben und durch einen Göpel herausgebracht, -und die Wände wurden verschalt und abgesteift. Mit der Miene -gediegener Sachverständigen guckten die Bauern von oben in das immer -tiefer werdende Loch hinunter und freuten sich, als sie eines Tages -entdeckten, daß es drunten so finster geworden war, daß sie nicht mehr -bis auf den Grund sehen konnten. Nun fing es doch endlich an, ein -richtiges Bergwerk zu werden. - -Keinen andern Gesprächstoff kannte man mehr, als Bergbauwissenschaft, -und man erörterte ernsthaft, ob nicht neben Silber auch Kohlen in -der Nähe zu finden seien. Nur der alte Lederhannes, der die Leute im -Dorfe versohlte, lachte und spottete über das Beginnen. Auf der Erde, -meinte er, wäre dem Bauern vom Himmelsvater die Arbeit zugewiesen; -um das, was im Bauche der Erde verborgen sei, brauche er sich nicht -zu kümmern. Aber die Rehefelder zuckten die Achseln und sagten, mit -siebzig Jahren -- so alt war der Spötter -- werde der menschliche Geist -mürbe und brüchig, wie dem Hannes seine Stiefelsohlen lebtags gewesen -seien. - -Die Sandberge rund um den Schacht wuchsen mächtig an, denn seine Tiefe -betrug nun schon an die hundert Ellen. Doch mit jeder Elle tieferen -Hinabdringens wurden die Gesichter der Bauern länger, aber noch immer -wollte sich kein Erz zeigen. Zudem fragte der Lederhannes höhnisch, -was sie mit dem vielen Sand anfangen und ob sie ihn nicht probeweise -von dem gelehrten Manne zu einem Düngemittel für die Saatfelder -verarbeiten lassen wollten. Der Fremde hatte aber schon zweimal wieder -von den Bauern Geld verlangt, das sie ihm mit Rücksicht auf die bereits -hineingesteckten Tausende auch gegeben hatten. - -Einige Monate hatte der schöne Wahn vorgehalten, dann brach er, -gleichzeitig mit dem Schachte, plötzlich in sich zusammen. Als eines -Morgens die Arbeiter die Einsteigleitern betreten hatten, um sich zum -gewohnten Tagewerke hinabzubegeben, da vernahmen sie in der Tiefe -dumpfes Rauschen. Ein paar Beherzte stiegen hinunter und fanden, -daß die Sohle des Schachtes tief hinabgesunken war und unter Wasser -stand. An mehreren Stellen hatte sich die Verschalung gelöst und war -hinuntergestürzt. Da gerieten die Bauern in helle Verzweiflung und -fragten nach dem Anstifter des Unglücksunternehmens. Der aber war und -blieb verschwunden. Wahrscheinlich hatte er den Schaden vorausgesehen -und sich in weiser Vorsicht rechtzeitig aus dem Staube gemacht. Nun -erfuhren die Beteiligten zu dem Schaden noch reichlichen Spott, und sie -zogen es vor, den Verlust und die Enttäuschung klaglos zu tragen. - -Den Schacht aber überließ man seinem Schicksale. Die Steigleitern -wurden zwar gerettet, wie man aber auch die Verschalung losreißen -wollte erwies sich dieses Vorhaben als sehr gefährlich für die -Arbeiter, und man ließ davon ab. Dann deckte man das Loch zu und ging -mit Eifer an die willkommene Ausbeutung des Steinbruches, bis sich -endlich der Schacht oben trichterförmig erweitert hatte. Zuletzt wollte -niemand mehr von den schwierig zu gewinnenden Steinen etwas wissen. Und -als die Deckbretter verfault und hinabgestürzt waren, weigerte sich -jeder, sie zu erneuern. Man umgab den oberen Rand des Steinbruches mit -einer hölzernen Einfassung, um einen in der Dunkelheit von dem in der -Nähe vorüberführenden Wege etwa Abkommenden vor dem Hinabstürzen zu -bewahren. Von dem schwedischen Hauptmann aber, dessen wildgewordenes -Roß im Verlaufe des dreißigjährigen Krieges mit seinem Reiter über die -Barriere hinwegsprang und den niemand wiedersah, hatte der Schacht -seinen Namen erhalten. - -Man ahnte, daß das Schwedenloch bodenlos sei, und jedermann vermied es, -in seiner Nähe zu verweilen. Die jungen Mädchen aus dem Dorfe erzählten -sich an den langen Winterabenden schauerliche Geschichten von dem -Orte, und seit jener stürmischen Neujahrsnacht, in der ein von Zehmen -zurückkehrender Knecht kreidebleich im Gasthof erschienen war und -aussagte, am Steinbruche jage ein schwarzer Reiter auf feurigem Rosse -umher, wurde der Ort selbst von den Erwachsenen mit Scheu gemieden. - - * * * * * - -Als Max in der dichtgefüllten Wirtsstube erschien, verstummte das in -trägem Flusse sich dahinwindende Gespräch sofort gänzlich, und alle -sahen auf ihn und waren begierig darauf, die letzten Abmachungen -zu hören. Die Ausmarschierenden hatten sich an einem langen Tische -niedergelassen, in dessen Mitte und zwar so, daß sie das Zimmer -übersahen, Max und Konrad saßen. Freundlich schien die Oktobersonne -durch die Fenster und spielte auf den ernsten Gesichtern der Männer. - -Der Abmarsch sollte am nächsten Morgen frühzeitig und in aller Stille -erfolgen. Wenn die Kirchturmuhr die fünfte Stunde verkündete, mußte -jeder am Freihofe eingetroffen sein, von wo es dann ohne Aufenthalt -weiterging. Niemand außer den fortziehenden Männern sollte die -Dorfgasse betreten, denn man konnte nicht wissen, ob nicht französische -Patrouillen in der Nähe herumspionierten, denen das Dorf infolge -Auffliegens ihres großen Pulvervorrats vielleicht verdächtig erschien. - -Die Kunde, daß französische Reiter am Schwedenloch gesehen worden -seien, bestärkte die Männer in ihrer Vorsicht, und als einige -zurückbleibende Bauern sich erboten, einander ablösend während der -Nacht die Dorfausgänge zu beobachten, wurde dieser Vorschlag allgemein -gutgeheißen. Zuletzt erklärte der Rabensteiner, sogleich nach dieser -Besprechung auf dem Wege nach Gröbern soweit vorwärts reiten zu -wollen, bis er auf die preußischen Vorposten stoße. Sollte er in dieser -Gegend aber französische Uniformen sehen, so würde er versuchen, -über Göhren seinen Zweck zu erreichen. Auf alle Fälle mußte man -genau wissen, welche Richtung morgen früh einzuschlagen war. Überall -schwärmten kleine französische Reiterhaufen herum, deshalb war große -Vorsicht geboten. In der Nacht abzumarschieren, erschien ihnen nicht -ratsam, da die Franzosen infolge der großen Nähe des Feindes sehr auf -der Hut sein würden. - -Die letzten Anordnungen waren getroffen und die Männer nahe daran, -aufzubrechen, als plötzlich die unmittelbar auf die Straße führende Tür -des Gastzimmers aufgerissen wurde. Überrascht fuhren die Versammelten -in die Höhe und blickten auf die offene Tür, in deren Rahmen sich -noch immer nichts zeigte. Da erschien plötzlich auf der Schwelle -eine wunderliche Gestalt, in der man nach genauem Hinschauen Mutter -Lehnhardt erkannte. - -Sie trug ein seltsam aufgeputztes Kleid von Lilafarbe, das ehemals -kostbar gewesen sein mußte. Heute aber war sein Glanz verblichen. In -nichts ähnelte es der Form, in der die Frauen zur Zeit die Kleider -trugen, und die über und über zerknitterte und an manchen Stellen -zerschlissene Seide ließ erkennen, daß das Kleid vielleicht Jahrzehnte -unbenutzt in einer Ecke des Schrankes gehangen hatte. Den Kopf der -Greisin bedeckte ein gleichfalls zerknitterter Filzhut von uralter -Form, mit verblaßten, bunten Bändern, von denen zwei an den Wangen -herabliefen und unter dem Kinn zu einer Schleife verknüpft waren. - -Keiner der Anwesenden konnte sich entsinnen, Mutter Lehnhardt jemals -anders als in einem selbstgefertigten Rock von grobem Stoff und der -üblichen Jacke einfacher Dorfleute gesehen zu haben. So gekleidet, -erkannte man sie schon von fern. In dem Aufputze, in dem sie aber jetzt -dicht vor ihnen stand, mußten sie scharf hinsehen, um die Alte zu -erkennen. - -Anfangs drängte sich ein Lächeln auf manche Lippe, denn die Erscheinung -forderte den Spott heraus. Das Kleid war ehedem sicherlich nicht für -seine heutige Trägerin angefertigt worden, denn es war für diese -einfache Frau viel zu kostbar. Man kannte die Vergangenheit der Greisin -zu gut, um nicht richtig zu vermuten, daß das Kleid einstmals von -einer Schloßherrin getragen wurde, und daß es später, als es nicht -mehr mit der Zeit ging, verschenkt worden war. Der Schnitt erregte -Kopfschütteln, und die Männer begriffen nicht, wie man an dieser Form -einst hatte Gefallen finden können. - -Die Anwandlung von Heiterkeit aber währte nicht lange, dann verschwand -das Lächeln von den Gesichtern vor dem ernsten, ja feierlichen -Ausdruck, der auf den Zügen der Greisin lag. Eine Sekunde lang blieb -die schmächtige Gestalt auf der Schwelle stehen und ließ die klaren -Augen flink über die Versammlung gleiten. Es schien, als wenn sie sich -an der Überraschung weide. Dann griff die Hand der Alten entschlossen -in das Kleid, raffte es auf, daß es nicht den Fußboden streife, und so -betrat sie mit ihren gewohnten Trippelschritten die Gaststube, bis sie -an dem langen Tische der Ausmarschierenden stehen blieb. - -»Ei, sieh da, der Herr Max,« sprach sie, »und alle die mutigen -Burschen. Will’s Gott, so sitzt Ihr nach Jahresfrist wieder so wie -heute beisammen.« - -Sie hielt mit eifrigem Kopfnicken inne, um alsbald lebhaft fortzufahren: - -»Doch dürft Ihr nicht denken, daß ich gekommen wäre, um Eure -kostbare Zeit zu verschwatzen. Aber die Erzählung geht, daß drüben -im Preußischen alle, selbst der Arme zu den Kosten des Krieges sein -Scherflein beitrage. Und deshalb will auch ich der guten Sache mein -Opfer bringen.« - -Die Greisin suchte die Tasche des Kleides und entnahm ihr ein kleines -Papier, das die zitternden Finger mühsam entfalteten und legte den -Inhalt dann dicht vor Max auf den Tisch. Es waren zwei goldene Ringe. - -»Das sind meine einzigen Schätze,« begann sie wieder, »nehmt sie mit, -Herr Max, mir können sie nichts mehr nützen. Es ist der Ring meines -Seligen, den man mir, nachdem er bei Kesselsdorf gefallen war, sandte -und der meinige. Jenen habe ich nun mehr als siebzig Jahre gut verwahrt -gehalten, und nur wenn die alten Erinnerungen allzustark heraufstiegen, -habe ich ihn hervorgeholt und mit ihm geplaudert, als ob es mein guter -Mann selbst wäre. Den meinen habe ich erst heute nach dem Gottesdienst -vom Finger gezogen. Bevor ich beide Ringe in das Papier schlug, habe -ich sie noch einmal geküßt, sie waren ja das Unterpfand einer jungen -Liebe. Nehmt sie mit, ich bitt’ Euch darum!« - -Niemand sprach darauf ein Wort, keiner der Männer fand eine Erwiderung. -Sie alle hielten die Blicke niedergeschlagen und betrachteten die -Ringe. Der eine davon hatte, wie es schien, noch sein ursprüngliches -Gewicht und war groß, wie eben ein Ring sein muß, der an der Faust -eines Bauernburschen sitzt. Der andere aber war dünn wie Blech, so -hatte sich das Edelmetall an den Fingern der Greisin während der vielen -Jahre abgewetzt. - -Da unterbrach Max das Schweigen: - -»Mutter Lehnhardt,« sagte er, »Ihr reißt einen kostbaren Schatz von -Euerm Herzen, bedenkt es wohl, bevor Ihr Euch für immer davon trennt.« - -Die Greisin machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und erwiderte: - -»Das Gold möge sich in Stahl verwandeln, mit dem unsere Jugend sich und -ihren Kindern ein freies Vaterland schaffe. Mein Seliger wird mir’s im -Traume zuflüstern, daß ich richtig gehandelt habe. Er war ja selbst ein -Feuerkopf.« - -»Nun denn,« antwortete Max, »zurückweisen darf ich Eure reiche Spende -um der guten Sache willen nicht. Wir nehmen aus dem Dorfe manche Gabe -mit uns; laßt es Euch aber versichert sein, Mutter Lehnhardt, daß wir -die Eurige als die kostbarste schätzen.« - -Die Alte nickte freundlich, sah sich im Kreise der Männer noch einmal -um und trippelte dann mit einem »Behüt’ Euch Gott« wieder der Tür zu. - -Friedrich, der zwanzigjährige, hochgewachsene und breitschultrige -Sohn der Kirchengutbäuerin, der morgen früh mit ausmarschierte, saß -der Tür am nächsten. Mit unbeholfener Eilfertigkeit sprang er hinzu -und öffnete. Mutter Lehnhardt zögerte aber eine kleine Weile, als -wenn ihr das Hinabsteigen der Stufen viel Mühe mache. Da bückte sich -der große Junge, hob die Greisin wie eine Feder auf und ging mit ihr -vorsichtig die Stufen hinab. Stirn an Stirn lagen die beiden Gesichter -aneinander, das welke des langsam absterbenden Menschen neben dem -blühenden des kraftstrotzenden Jünglings. Und zärtlich, wie eine Mutter -ihr noch hilfloses Kind, streichelte während des Hinabschreitens die -runzlige Hand der Greisin seine vollen Wangen. - -Zu ebener Erde angelangt, setzte Friedrich seine leichte Last behutsam -nieder, und weil er die Blicke der Männer von drinnen und der vor dem -Gasthof Weilenden auf sich gerichtet fühlte, wurde er sehr verlegen, -und eine dunkle Röte überzog ein hübsches Gesicht. Da stand nun der -junge Riese mit dem glattgescheitelten Blondhaar und den zu kurzen -Jackenärmeln des Sonntagsgewands, aus denen die starken Handgelenke -und die derben Fäuste weit herausragten, nicht wissend, wohin er seine -Augen richten sollte. - -»Wie sein seliger Großvater, als er noch ein junges Blut war,« sagte -Mutter Lehnhardt, Friedrich mit versonnenem Lächeln betrachtend. - -Dann hob die Alte mit großer Sorgfalt das Kleid auf und lief mit -kleinen und flinken Schritten über den Dorfplatz. - - - - -25. Kapitel. - - -Die Männer hatten den Gasthof nunmehr verlassen, denn es drängte sie, -heimzukehren. Deshalb geizten sie mit der Minute. - -Maxens Sehnsucht nach Maria war aufs höchste gestiegen. Bevor er aber -nach Hause zurückkehrte, gab er Konrad das Geleit bis zum Rabensteiner -Hof. Zuletzt verabredeten sie noch eine kurze Besprechung auf dem -Freihofe nach Konrads Rückkehr. Hierauf trennte sich Max unter guten -Wünschen von dem Freunde und ging rasch den Weg zurück. - -Marias liebliche Erscheinung, wie er sie an diesem Morgen im Erker -gesehen hatte, stand ihm lebendig vor der Seele, und der heiße Wunsch, -sein junges Weib ans Herz zu drücken, beflügelte seine Schritte. Schon -während des Aufenthalts im Gasthofe hatte ihn einmal eine geheime -Unruhe bedrückt, und er wäre am liebsten aufgesprungen und nach Hause -geeilt. Nun sollte er aber in wenigen Minuten bei ihr sein, ihre -klangvolle Stimme vernehmen, ihren warmen Odem an seiner Wange fühlen -und in ihre lieben, treuen Augen schauen. - -Verwundert blickte sich Max während seines beschleunigten Laufes um, -denn das Oberdorf war wie ausgestorben. Da sah er den spitzen Giebel -seiner großen Scheune auftauchen, und nach ein paar weitausgreifenden -Schritten gelangte er an die Biegung der Dorfstraße, von wo aus er -das Hoftor sehen konnte. Doch -- was war das? Was bedeutete die große -Menschenansammlung vor dem Freihofe? Ein Alp senkte sich auf seine -Brust, daß er nur schwer zu atmen vermochte. Unwillkürlich seinen Lauf -beschleunigend, flog er zuletzt die Straße hinab. Da kam er bei den -ersten Herumstehenden vorüber und rief ihnen zu: - -»Was ist’s, warum seid Ihr alle hier versammelt?« - -Aber er nahm sich nicht die Zeit, ihre Antwort abzuwarten, so rastlos -trugen ihn die Füße weiter. Die Gefragten schienen ob der überhobenen -Antwort erleichtert, denn sie hatten scheu an ihm vorbeigesehen. Je -mehr der Freihofer sich aber seinem Besitze näherte, umso dichter -standen die Menschen. Stumm wichen sie zurück und bildeten eine Gasse, -durch die er bis zu dem geschlossenen Hoftor stürmte. - -Hier angekommen, versagten ihm die Füße wie gelähmt den Dienst, und er -wandte sich zu der Menge. Eine verzehrende Angst machte ihn heimlich -beben, aber er war zu stolz, sie erkennen zu lassen. Deshalb fuhr er -die Nächststehenden mit Trotz in der Stimme an: - -»Warum haltet Ihr hier Maulaffen feil? Geht heim und lobt Eure Weiber -für den Sonntagsschmaus, den sie Euch auftischen!« - -Die so unsanft Angeredeten erwiderten nichts, aber sie vermieden -es, daß ihre Augen seinem Blick begegneten. Qualvoll verstrich eine -Sekunde eisigen Schweigens, das angesichts der dichtgedrängten Menschen -unnatürlich erschien und das die deutlich auf das Gesicht des Mannes am -Hoftor geschriebene Angst bis zur Unerträglichkeit steigerte. Da faßte -einen aus der Menge das Erbarmen mit dem Gefolterten und er rief ihm zu: - -»Freihofer, bereitet Euch auf Entsetzliches vor; es ist ein Unglück -geschehen!« - -Diese wohlgemeinten Worte riefen eine unerwartete Wirkung hervor: aus -der tödlichen Angst des Bemitleideten schlugen die Flammen blinder Wut, -und er schrie: - -»Daß Du ersticken mögest an Deinem Unkenruf. Mit solchen Worten -schreckt man Memmen. Ich sage Euch, es spukt nur in Euern Köpfen, sonst -ist es nichts!« - -Eine neue Pause, angefüllt mit demselben entsetzlichen Schweigen von -vorhin schien wieder einzutreten. Wer vermochte es, diesen Mann daran -zu hindern, daß er, wie es ihm ein verzehrendes Angstgefühl gebot, sich -gegen die Kenntnis eines furchtbaren Geschehnisses sträubte, obgleich -er dessen Wahrheit ahnte. - -Da kam Bewegung in den Kreis. Zwei Arme teilten die Menge, und ein Mann -trat aus ihr heraus und stellte sich dem jungen Bauern gegenüber, -- es -war Pastor Reinerz, angetan mit langschößigen Bauernrock. - -Max empfand in diesem Augenblick das Nähertreten dieses Mannes wie das -eines Gegners. Die aller Fesseln befreiten, wild mit einander ringenden -Leidenschaften rissen sich um die Herrschaft über ihn, und je nachdem, -ob es der dem Wahnsinn zutreibenden Angst oder der schäumend machenden -Wut gelang, zu siegen, konnte der Unglückliche sich auf den Greis -stürzen, oder im nächsten Augenblick unter dem zermalmenden Drucke des -Jammers zusammenbrechen. - -Doch alsbald sollte der Kampf im Innern des Freihofers entschieden -sein; Pastor Reinerz begann zu sprechen, und bei seinen Worten -glätteten sich die aufgepeitschten Wogen. Der Feuerstrom des Zorns, der -seine Ufer schon überflutet hatte, schäumte jetzt wieder in sein Bett -zurück und ließ die Angst, die unaussprechliche Angst anwachsen, daß -der Freihofer wähnte, um Brust und Hals legten sich ihm Eisenklammern. - -»Der Gott, der Himmel und Erde erschaffen,« begann Pastor Reinerz, -»bestimmt auch den Lauf der Menschengeschicke, und wir sollen nicht mit -ihm hadern, wenn sein unerforschlicher Wille uns von der Höhe irdischen -Glücks hinab in die Tiefen des Schmerzes und der Verzweiflung stürzt. -Denn der Mensch ist aus des Meisters Hand hervorgegangen, und sein -winziger Geist begreift nicht den Geist seines Schöpfers. Wir stehen -erschüttert vor diesem entsetzlichen Schlag, der uns alle getroffen -hat. Aber es gebührt uns nicht, uns aufzulehnen; neigen wir in Demut -das Haupt und vertrauen wir unverändert auf die Liebe des himmlischen -Vaters. Was der ewige Gott, unbegreiflich für uns Menschen, diesmal zu -sich berufen hat, ist ein blühendes, junges Leben -- -- --« - -Der Freihofer hatte bisher mit Aufbietung seiner ganzen Willenskraft -eine ihn zu übermannen drohende Schwächeanwandlung bekämpft, bei diesen -Worten aber brach seine Beherrschung jäh zusammen. Er grub die Zähne in -die Unterlippe, daß das Blut erschien und taumelte gegen das Hoftor. - -»Meine Seele ist noch aufs tiefste erschüttert,« fuhr Pastor Reinerz -fort, »denn gerade ich mußte Zeuge des Verbrechens sein, denn einem -schändlichen Verbrechen, Freihofer, ist Euer Weib zum Opfer gefallen.« - -Max machte eine zuckende Bewegung, aber es war, als ob der Schlag, der -gegen ihn geführt worden war, ihm die Kraft, zu verzweifeln, gelähmt -habe. - -Da wandte sich Pastor Reinerz von dem bis ins innerste Mark Getroffenen -ab und sprach zu der Menge: - -»Hört mich an, Leute, denn Ihr kennt den Hergang nur flüchtig. Die -milden Strahlen der Sonne bewogen mich, nachdem ich von der Kirche -heimgekehrt war, einen lang entbehrten Spaziergang in die freie Natur -zu machen. Einsam ging ich über die herbstlichen Felder, derweilen -Ihr im Gasthof versammelt wart und sog mit tiefen Zügen die erwärmte -Luft ein. Kein Laut störte die sonntägliche Stille. Da wurde ich -plötzlich aus meinen Gedanken wachgerüttelt. In geraumer Entfernung von -mir sah ich in dem hohen Grase etwas Weißes bald aufleuchten und bald -wieder verschwinden. Ich strengte meine Augen an und erkannte in der -weiblichen Gestalt Maria, die kaum vor einer Stunde von mir angetraute -Gattin des Bauern vom Freihofe. Zeitweilig sich niederbückend, -schlenderte sie umher, um die letzten Feldblumen zu einem Strauße zu -sammeln. Schon wollte ich meine Schritte zu ihr hinlenken, da fiel -mein Blick auf einen zweiten Menschen, -- und das Blut stockte mir in -den Adern! Vom Schwedenloche herabkommend, wo ein paar Reiter in der -Nähe ihrer grasenden Pferde weilten, nahte sich ein hochgewachsener -französischer Offizier, das junge Weib von hinten her beschleichend. -Ich biete meine ganze Stimme auf und rufe: Maria! ohne daß sie meine -Warnung hörte. Ein zweites, ein drittes Mal klingt mein Ruf, da hatte -sie mich vernommen. Sich umschauend, fällt ihr Blick auf den Mann, der -sich ihr bis auf wenige Schritte genähert hat. Sie erschrickt, wendet -sich um und enteilt flüchtigen Fußes der schon drohenden Berührung -des Elenden. Aber die Flucht nach dem Dorfe ist ihr verlegt. Wie ein -gehetztes Wild fliegt sie nach der andern Seite, -- da schneidet ihr -der Verfolger, der sich im raschen Laufe seinem Opfer nähert, den Weg -ab. In demselben Augenblick, in dem die Verzweifelte die Unmöglichkeit -eines Entrinnens erkennt, stürzt sie nach dem nahen Schwedenloch, -um durch einen Sprung von dessen Rand sich vor dem Schlimmsten zu -bewahren, -- da treten ihr die Soldaten entgegen. Und als die Gehetzte -die Schnelligkeit ihres Laufs unwillkürlich etwas verringert, um so -vielleicht doch einen rettenden Ausweg zu erspähen, da packt sie die -rohe Faust des Entmenschten am Handgelenk. Ein verzweifelter Aufschrei, --- dann entschwanden die Ringenden, zu Boden fallend, meinen Augen, und -nur das hohe Riedgras bewegte leise die Spitzen. - -Eine verspätete Lerche flog auf und trug in weiten Kreisen ihren Sang -der Sonne entgegen. - -Mich alten Mann aber überfällt ein wahnsinniges Entsetzen und ich eile, -so schnell mich die Füße tragen wollen, vorwärts. Doch bald zwingt mich -einer der Soldaten stehen zu bleiben, und wie ich dennoch weiterdränge, -wirft mich ein Kolbenstoß vor die Brust besinnungslos nieder. - -Als ich aus meiner kurzen Ohnmacht erwachte, sah ich Maria aufrecht -stehen. Zu ihrer Seite befand sich der Franzose, dessen Bestialität -noch einmal aufzublitzen schien, denn er legte die Arme um das Mädchen -und versuchte, es zu küssen. In dem Augenblick aber, in dem sein -Mund sich ihrem Gesichte näherte, grub sie die Zähne in den Hals des -Lüsternen, daß dieser das Weib mit einem wilden Fluche freiließ und -nach der blutenden Stelle tastete. Wohl tut einer der Elenden, die -entfernt standen, einen Schritt nach dem ruhig dahinschreitenden Weibe, -wie die Hyäne, die darnach lechzt, was der gesättigte Blutdurst des -Tigers verschmäht. Aber ein königlicher Blick scheucht ihn zurück, und -bald stand Maria am Rande des Steinbruchs. Ein paar Sekunden verharrte -sie unbeweglich, das Haupt auf die ineinander gelegten Hände gebeugt. -Dann wandte sie noch einmal den Blick und ließ das Auge über die Fluren -schweifen, hinüber nach dem Dorfe. Ich sprang auf und winkte und rief. -Sie erkannte mich, nickte mir zu, nahm den Strauß aus den Falten des -Busens, führte ihn noch einmal zum Munde und legte ihn nieder, und -dann --,« hier schwieg der Greis. - -Die Männer hatten während seiner Erzählung wiederholt laute -Verwünschungen ausgestoßen, und manche Faust hatte sich unwillkürlich -geballt. - -Pastor Reinerz aber fuhr fort: - -»Die Soldaten gaben mir jetzt den Weg frei, und ich lief nach der -Stelle, an der ich Maria zum letzten Male gesehen hatte. Als ich -erschöpft dort ankam, bot sich meinem Blicke nichts weiter von ihr, -als die Blumen. Ich beugte mich über den Abgrund, der gerade dort am -steilsten abfällt und gewahrte, etwa dreißig Ellen unter mir, dort, -wo der große Trichter in den Schacht ausläuft, an einem niedrigen, -verkrüppelten Baumstamm einen menschlichen Körper hängen. Voll Freude -und Schrecken zugleich, daß der schwache Stumpf der Last nachgeben -könne, schaute ich mich nach einem Helfer um. Da bemerkte ich schon -einen Mann, der wie von ungefähr über die Felder schritt. Ich schrie -und machte verzweifelte Bewegungen. Im eiligen Laufe kam er heran, und -während ich ihn mit fliegenden Worten unterrichtete, schaute er hinab. -Bange Sekunden verstrichen; endlich rief er: Ich wags! Rasch streifte -er die Schuhe von den Füßen und dann stieg der Verwegene hinunter. - -Ich wußte es, daß er den Zorn des Himmels herausforderte, denn es war -ein Frevel, den Versuch zu unternehmen; ich erkannte das Unsinnige -seiner Tat, denn der Einsatz galt nicht einem Menschenleben, sondern -es war das aussichtslose Spiel mit einem Leben um einen Leichnam, -- -und doch ließ ich es zu! - -Der Weg, den der Tollkühne zurückzulegen hatte, ist Euch vom Schauen -her bekannt; es hat bisher noch keiner versucht, ihn zu betreten. -Hände und Füße gebrauchend, klomm er langsam hinunter, jeden Vorsprung -weise benutzend, und wo ein solcher nicht vorhanden war, das Fleisch -der Finger und Zehen in die Ritzen der Steinwand pressend. Ein -Ausgleiten weihte ihn rettungslos dem entsetzlichen Tode des Absturzes. -Langausgestreckt am Rande liegend, schaute ich dem immer tiefer -Gelangenden nach, während kalter Schweiß mir auf die Stirn trat und -mein Herz in lauten Schlägen arbeitete. Mehr als einmal strauchelte -er, mehr als einmal löste sich ein Stein von der Wand, den er sich als -Halt erkoren hatte, unter seinen Füßen, so daß es unabwendbar schien, -daß der Retter in die Tiefe stürze. Dann fiel mein Auge wieder auf -den schwachen Stamm, der sich unter der Last soweit bog, daß er jeden -Augenblick brechen konnte. Mir wollte das Herz stille stehn bei dem -Gedanken, daß das Rettungswerk umsonst versucht worden sei. - -Endlich, nach Minuten furchtbarer Qual, langte der Mann am Ziele an. -Vorsichtig näherte er sich der Stelle, schlang den linken Arm um den -leblosen Körper und trat nun, nur die Rechte noch benutzend, mit -seiner schweren Bürde den Aufstieg an. Ach, und wie viel schwieriger -gestaltete sich dieser als der Abstieg! Durch Gestrüpp, das aus der -Felswand drängt, und über Geröll bahnte er sich den Weg. Ich verlor -fast die Sinne und mußte die Augen schließen, denn die Bilder meiner -Phantasie waren gräßlich. Da erscheint nach todesbangem Harren -ein Kopf über dem Rande, das Haar wirr, und das Gesicht entstellt -vor Anstrengung und Erregung. Ich fasse die Schultern, um ihn -heraufzuziehen. Doch was frommte die schwache Kraft eines mit der -Ohnmacht kämpfenden Greises! Schon schien es, als wenn Leben und Tod -in gemeinsamer Umarmung im letzten Augenblick des Rettungswerks und -schon fast in sicherer Hut, mit einander in die begehrliche Tiefe -hinabstürzen müßten. Da machte der Keuchende eine letzte, verzweifelte -Anstrengung, und es gelang unsern vereinten Bemühungen, daß er sich auf -den Rand schob und damit in Sicherheit brachte. - -Eine geraume Zeit ruhten dann beide Körper so nebeneinander, daß man -nicht angeben konnte, welcher von beiden noch Leben barg, und es -hatte den Anschein, als ob der genasführte Tod seine ihm schon sicher -erschienene Beute in schäumender Wut noch jetzt an sich reißen wolle. -Bleich lag der Wackere auf dem Rasen; Gesicht, Hände und Füße hatten -ihm das scharfe Gestein und das Dornengestrüpp blutig gerissen. Endlich -kehrten seine Lebensgeister wieder zurück. Er wischte sich erschöpft -Schweiß und Blut vom Gesicht und taumelte davon.« - -Hier machte der Sprecher eine lange Pause. Dann hob er wieder an: - -»Ja, Max von Tiefenbach, Dein Weib ist tot, aber unvergänglich ist die -Schrift, womit ihr Andenken uns allen in das Herz eingegraben ist. -Vereinen wir uns in christlicher Liebe, und rechten wir nicht mit der -Unglücklichen wegen des Schrittes, den sie tat. Denn an der Schwelle -des Todes machen die Vorwürfe Halt und was die Verblichene darüber -hinwegbegleitet, sind Wehmut und herzinniges Mitleid!« - -Max stand zusammengesunken mit dem Rücken an das Tor gelehnt, beide -Hände gegen dieses gestützt. Sein Kopf war herabgefallen, und das -Gesicht war fahl. - -Den Blick auf dem Boden ruhen lassend, keuchte er jetzt: - -»Ihr habt eins vergessen, Pastor, nennt den Namen jenes Mannes, den Ihr -bisher verschwiegt.« - -»Den Namen dieses Edeln soll keiner erfahren! Seine Worte, bevor er -ging, lauteten: wenn ich einen Lohn für meine Tat fordern darf, so -bestehe er darin, daß man verschweige, wer dieses tote Weib seinem -Gatten wiedergegeben hat! Ihr werdet deshalb begreifen, -- --« - -»Den Namen will ich wissen!« schrie der Freihofer heiser und hob -zugleich den Kopf und richtete seine Augen starr auf die des Pastors -Reinerz. - -Ein paar Sekunden tauchten die Blicke beider Männer in einander. -Mahnend, -- drohend drang es aus den grauen Augen des Alten. Und Max -trat blitzschnell die Erinnerung an einen Tag vor die Seele, an dem er -diese Augen so wie in dieser Sekunde hatte leuchten sehen. Er wußte es, -was kommen würde, aber eine furchtbare Grausamkeit gegen sich selbst -zerfleischte sein Inneres, und es frohlockte in seinem Herzen, wenn er -daran dachte, daß sein gewaltiger Schmerz sich noch vergrößern könne. - -»Ich will ihn wissen, den Namen!« schrie er noch einmal, »sprecht!« - -Da richtete sich Reinerz auf, und die Greisengestalt wuchs noch mehr -bei seinen Worten: - -»Freihofer!« sprach er mit erhobener Stimme, »ja, Ihr habt das Recht -darauf, zu wissen, wer Euer Weib umfangen hat, und wenn es auch nur im -Tode geschehen ist. Der Mann also, der unbedenklich sein Leben daran -setzte, Euch den Leichnam der geliebten Toten wiederzubringen, auf daß -er da drunten in der Tiefe nicht eine Beute von allerlei Getier werde, -sondern damit Ihr Euerm armen Weibe ein christlich Begräbnis könnt -zuteil werden lassen, dieser Mann, Freihofbauer, war -- -- Hermann -Lehnhardt!« - -»Der Lehnhardt?« schrien zehn Stimmen zugleich, »der mit seinem -Arm -- --?« - -Da erhoben sich aber auch schon winkende Hände, um die Unvorsichtigen -daran zu erinnern, daß es nicht angemessen sei, den Schmerz des -gebrochenen Mannes noch zu vergrößern. Der aber stand wieder mit -niedergesunkenem Haupte. In Reinerzens Augen lesend, was folgen mußte, -hatte sein halsstarriger Widerstand wohl wild aufgebäumt, daß er dem -Kommenden trotze; -- und doch hatte er, als der Name fiel, tief den -Nacken gebeugt, wie unter einem ungeheuern Faustschlage. - -»Auf,« rief einer aus der Menge, »ziehen wir zum Lehnhardt!« Zustimmend -und mit lauten Worten der Anerkennung und Bewunderung zog der Haufe -lärmend davon. Zuletzt war niemand mehr geblieben, denn was sollte man -hier? Den Zusammengesunkenen trösten? Das versuchte keiner. - -Endlich richtete sich Max auf. Alle weichen Empfindungen flohen ihn in -dieser Sekunde; das aber was blieb, und zu Riesengröße anwuchs, war -der alte, nackenzerbrechende Trotz der Tiefenbachs! - -Mit stampfenden Schritten ging er über den Hof und betrat das Haus. - - - - -26. Kapitel. - - -In die Mitte der großen Stube hatte man einen langen Tisch gestellt, -und auf diesem ruhte Maria, den Kopf auf ein Kissen gebettet. -Sie trug noch ihr Hochzeitskleid. Ihre Hände waren auf der Brust -ineinandergelegt und hielten die gepflückten Blumen umschlossen. Zu -ihren Füßen, mit dem Rücken nach der Tür gewendet, saß steif und -unbeweglich die Freihoferin. - -In unnatürlicher Ruhe blieb Max eine kurze Weile an der Tür stehen und -betrachtete die Tote. Langsam trat er endlich näher. Als die Mutter das -Herankommen des Sohnes vernahm, erhob sie sich stumm und ohne sich nach -ihm umzusehen, als habe sie nunmehr diesen Platz zu räumen. Dann setzte -sie sich an den runden Tisch auf ihren gewohnten Platz und legte den -Kopf mit dem weißen Haar auf die Arme. - -Max ließ sich auf den Stuhl niederfallen, beugte den Oberkörper, beide -Ellbogen auf die Knie stützend, vornüber und in einem Traumzustand -versinkend, behielt er die Augen unverwandt auf sein totes Weib -gerichtet. - -Sein Inneres war wie versteinert. Das Unglück in seiner Riesengröße und -zerschmetternden Wucht war so urplötzlich über ihn hereingebrochen, -daß das Entsetzen seine Seele umdüstert hatte. Ein Blitzstrahl war -herabgefahren und hatte den starken Mann getroffen und seinen feinsten -Lebensnerv bloßgelegt. - -Wie armselig ist doch in den Augenblicken des entsetzlichsten Wehs der -Mensch! Ob König oder Bettler, zarte Jungfrau oder lästernder, brutaler -Gewaltmensch, ob naives Gemüt oder weltenumspannender Geist, -- -gleichviel: eine Riesenfaust greift hinein in das Innere und schüttelt -das Menschlein zum Erbarmen und wirft es zuletzt in den Staub! - -Mehrere Stunden hatte der unglückliche Mann regungslos gesessen, bis -sich die Schatten der Nacht auf die Erde herabsenkten. Und mit ihrem -Kommen wurde es in seiner Seele lichter. Die entschwundenen Sinne -kehrten langsam wieder zurück, und die Fähigkeit, die Schwere des -Unglücks zu ermessen, wurde wieder wach. Eine unsägliche Bitterkeit -bemächtigte sich seiner. - -So schnell also und so schimpflich mußte eine reine Seele sterben? -- -Ein Ekel, Mensch zu sein, mußte jeden überkommen, der dieses Verhängnis -und sein Opfer kannte. Der Schöpfer der Welten schafft die Menschen -im Übermut, damit er sie in lüsterner Grausamkeit wieder zertrümmere. -Seine wahnwitzigen, auf Zerstörung gerichteten Launen blitzen grell -auf und vernichten, als wenn drunten in der Grube die schlagenden -Wetter aufblitzen, und ihre elementare Kraft den nach desselben Gottes -Gebot im Schweiße seines Angesichts sich mühenden Menschen wie einen -Spielball gegen die Wände der Grube schleudern und ihn endlich als -formlose Masse liegen lassen. Mit der Geburt in die mißliche Lage -hineingestoßen, umlauert von tückischen Mächten, preisgeben der Not, -der Krankheit, dem Schmerze der Welt, der Verzweiflung, dem Tod, -- -das ist das Schicksal der Sterblichen! Der Erbarmungslose aber, dem -seine Geschöpfe nichts weiter sind als ein Spielzeug, der ein Werk, -aus seiner Hand hervorgegangen, nach einem andern schleudert, um sich -an dem Zermalmen beider zu ergötzen, diese im Rausche schaffende und -zerstörende Kraft, dieser blindwütige Despot nennt sich selbst der -Menschheit Gott, ihr liebender Vater und Erbarmer! -- Haha, -- Wahnwitz -ist sein Beginnen, niederste Grausamkeit seine Befriedigung. - -Blühende Gefilde, bereitet unter inbrünstigen Gebeten und mit frohen -Hoffnungen, gedüngt mit sauerm Schweiß und gehegt mit Daransetzen der -besten menschlichen Kräfte, zerstören jubelnd seine wilden Gewalten, -während sie an den Verfall, an die Trümmer, die Verwesung, das Chaos -nicht rühren. Dem Lasterhaftesten seiner Menschen, dem Bekümmerten und -Elenden, dem Fluchwürdigen, dem, der dem Schöpfer nachäffend die Völker -sich zerfleischen läßt, daß Tausende von Leben untergehen, -- diesen -allen, die den Tod täglich herbeisehnen, oder die sein Blitz spalten -müßte, läßt er das Leben; -- das Schöne aber wirft er in den Staub, das -strotzende Leben vernichtet, die bauende Hoffnung enttäuscht er. Und -die höchste seiner Gaben, die Reinheit, läßt er schamlos beflecken. Das -ist der Gott der Menschen! - -Der Freihofer schüttelte leise den Kopf. Und das war sein Hochzeitstag, -und das seine Brautnacht! Wahrlich, es war ein Meisterstück des auf -neue Grausamkeiten sinnenden Schicksals, ein Streich, den alle Teufel -ausgesonnen hatten. Man mußte sie loben, die erfindungsreichen -Höllenbewohner, wenn ihr Schelmenwitz nicht so witzlos, ihr -Erfindungsgeist nicht so traurig wäre. All ihr dunkeln Gewalten, -Verhängnis, Schicksal, Teufel -- Gott, zuletzt ist euch der Mensch doch -überlegen! Untergehend belächelt er eure Wut, und das gefaßte Sterben -des schwachen und -- gegenüber den Jahrmillionen eures unheilvollen -Wirkens -- ephemeren Geschöpfes müßte Euch die Schamröte in die -Schläfen jagen. Aber hohen Sinn und Edelmut darf man nicht bei den -Unsichtbaren suchen. - -Das also war seine Hochzeitsnacht! Nicht auf weichem Wonnepfühl, -Leib an Leib streckten sie in seliger Umarmung die Glieder, -- -zusammengesunken und mit einer nie wieder heilenden Wunde im Herzen saß -der Bräutigam neben dem harten Lager der schönen Braut. Zwischen ihnen -aber kauerte der unerbittliche Knochenmann und betrachtete grinsend das -hellrote, rauchende Blut, das von seiner Sense herabtropfte. - -Wie ein gefesselter Löwe gegen seine Ketten, tobte Max wider die -stärkere Macht, die seinem Herzen diese Wunde geschlagen hatte, und -anstatt Schrecken schüttelte seinen Körper der Zorn. - -An seinem Geiste zog langsam sein ganzes Leben vorüber, und von dem -einförmigen Hintergrund seiner ohne Stürme verflossenen Lebensjahre -hob sich in leuchtenden Farben die Zeit der Liebe zu Maria ab, seiner -tiefen und starken Liebe, deren Wurzeln sich bis auf den Grund seines -Herzens hinabrankten. - -So unsagbar elend mußte sie an ihrem Ehrentage zugrunde gehen! Wie -hatte sich Maria auf die Hochzeit gefreut! Viel mehr noch, als -sie es ausgesprochen hatte. Das hatte er oft aus den versonnenen -Augen gelesen, die der blanke Spiegel ihrer reinen, unschuldvollen -Mädchenseele gewesen waren. Und nun! Welch schriller Mißklang, welch -unreine Schlußakkorde, die aber vor der himmlischen Melodie, die ihre -Seele droben empfing, wieder zu den Irdischen flüchten mußten. Den -Makel, den jener Bube ihr zugefügt, hatte ihr guter Engel aber in dem -Augenblick wieder von ihr genommen, als sie den Tod einem Leben vorzog, -dessen Wert für immer verloren war. - -Doch was für Gedanken kamen ihm da! Nein, fort mit der Weichheit, -denn nichts Mildes, keine Barmherzigkeit wohnen bei den Mächtigen im -Reiche der Seelen. Und er bäumte sich im Trotz von neuem auf unter dem -entsetzlichen Drucke. - -Man sagt, daß Gott die Menschen ihre Missetaten sühnen läßt, wenn das -Maß gefüllt ist. Aber warum ließ er deshalb gerade sie zerschmettern? -Sie, die Sündenreine, Edle, die den anspruchsvollsten Anforderungen -des Schöpfers an seine Kreaturen glänzend gerecht wurde und die wert -gewesen wäre, das Schoßkind der Gottheit zu sein? Das war keine -Großtat! Laßt, Menschen, den wildesten Leidenschaften die Zügel -schießen, züchtet die niedersten Begierden in der befruchtenden -Treibhausluft Eurer ärgsten Sittenlosigkeit und spottet aller Sühne und -Vergeltung! Dann wird Euch beim Sterben das befriedigende Bewußtsein -werden, Eure Tage würdig benutzt zu haben, und die Posaunen des -jüngsten Gerichts werden Euch nicht schrecken, sondern wie blecherne -Kindertrompeten klingen, mit denen die Frucht Eurer Wollust einst -spielte. Denn das Walten des Gottes ist blind! Er wütet gegen sein -getreustes Abbild und läßt den Verächter seiner Gebote unangetastet die -Straße ziehen! - -Max krampfte die Hände ineinander: wenn es ihm doch vergönnt sein -möchte, jenem Tier in Menschengestalt noch einmal zu begegnen, die -Seligkeit tauschte er willig dagegen ein! Den gräßlichsten Tod würde -er für ihn ersinnen! Und doch, welches beseligende Bewußtsein gewährt -wieder der Trost, daß jeder Flecken von Marias Reinheit getilgt ist, -seitdem ihr Geist seinen Aufflug zu den verklärenden Strahlen des -ewigen Lichts angetreten hatte. - -Max fuhr bei diesen Betrachtungen zusammen. Warum gehorchten ihm seine -Sinne nicht? Weshalb drängten sich dem Widerstrebenden Gedanken wie -diese immer wieder auf? -- Ach, es waren die treuen Gefährten seiner -Kinderzeit! - -Als er noch ein Knabe war, war vor dem Schlafengehen sein -Lieblingsplatz zu den Füßen der Mutter, die die schlummernde Elisabeth -auf den Armen hielt, während er den Kopf an der Mutter Knie gelegt -hatte und ihren Worten lauschte, mit denen sie dem Knaben von der Liebe -und Güte des Schöpfers und Erhalters der Welten erzählte. Damals, ja -damals konnte er noch aus inbrünstigem Herzen sein Abendgebet sprechen -und auf die alles umfangende Liebe des ewigen Gottes vertrauen. - -»Und hast Du nicht noch gestern vor dem Einschlafen Deine Hände -nach Kinderart gefaltet und aus Deinem übervollen Herzen ein Gebet -gestammelt?« tönte plötzlich eine ernste Stimme an sein Ohr. - -Max fuhr erschrocken auf und sah sich nach allen Seiten um. Draußen -war undurchdringliche Nacht. Auch im Zimmer herrschte Finsternis, nur -auf dem runden Tische stand vor der schlafenden Mutter eine kleine, -zinnerne Öllampe, deren rußige Flamme einen schwachen Lichtschimmer -verbreitete. Aber es war niemand bei ihm, der die eben vernommenen -Worte gesprochen hätte. Also war es die Stimme in seinem Innern -gewesen, die zu ihm geredet hatte. Und wenn er ehrlich sein wollte, -- -war er nicht bei ihrem mahnenden Klange erschreckt zusammengefahren? -Ja, war denn in seiner Brust noch ein Gewissen rege? Und wenn es noch -nicht erstorben war, brauchte er dieser Stimme noch sein Ohr zu leihen, -angesichts des bejammernswerten Opfers göttlicher Raserei? - -Eine neue, gewaltige Zornwelle trieb von seinem Herzen zu den Schläfen -und machte ihn heiß aufbegehren, und die Hände fuhren in die Luft, als -wollten sie etwas ergreifen, was sie zerreißen könnten. - -Da überfiel ihn eine übermächtige Müdigkeit, gegen die sich sein -Wille einen Augenblick unwillig auflehnte, um sich dann sträubend zu -unterwerfen. Seine Arme erschlafften und sanken herab, und er neigte -den Kopf auf die Brust. Die übermenschliche Anstrengung seiner Sinne -und die tiefe Erschütterung infolge des gewaltigen Schlages hatten zu -stark an den Kräften des Mannes gezehrt. Jetzt war sein Widerstand für -eine Weile überwunden, und ein mitleidiger Schlummer senkte sich auf -ihn herab, der ihn seine unglückliche Lage vergessen ließ und seinen -müden Geist hinüber in das wunderbare Land der Träume führte. - -Mit einem unvergeßlichen Erlebnis aus seiner Kindheit Tagen begann das -Spiel seiner Phantasie. - -Es war ein linder Frühlingsmorgen. Die Schneeglöckchen und Veilchen -blühten im Garten unter den hohen Obstbäumen, und der weiche Windhauch -trug ihren süßen Duft in alle Räume des Wohnhauses auf dem Freihofe. -Er war noch ein Knabe und saß in der Stube am Fenster, als die Mutter -sonntäglich gekleidet in das Zimmer trat und sprach: - -»Jetzt habe ich Dein Schwesterchen in den Garten getragen, wo sie in -dem warmen Sonnenschein süß schläft. Die alte Katharine sitzt neben dem -Korbe und hütet Elisabeths Schlummer. So, und und wollen wir zur Kirche -gehen.« Und bei diesen Worten faßte ihn die Mutter an der Hand und sie -verließen den Hof. - -Dieser Tag war für ihn von hoher Bedeutung gewesen, denn es war -das erste Mal, daß ihn die Mutter zum Kirchgang mitnahm. Das hohe -Gotteshaus und die Menge der Andächtigen in ihrem Sonntagsschmuck und -den Ernst auf den Zügen, machten einen tiefen Eindruck auf den Knaben, -und als der Gesang der Gemeinde feierlich anhob, zog eine hohe Weihe in -seine Kinderseele. Und so war der Tag für ihn ein Ereignis geworden, -dessen Erinnerungen im Leben nie verblassen sollten. - -Bis hierher war das Traumbild einer langentschwundenen Wirklichkeit -entnommen; jetzt begann die Phantasie ihre Malereien. - -Er sah Pastor Reinerz auf der Kanzel stehen und vernahm seine Worte, -die von den Leiden Lazarus erzählten, dieses Schwergeprüften, -der in all seinem Unglück nicht die Zuversicht auf die göttliche -Barmherzigkeit verlor und selbst dann nicht aufhörte Gott zu preisen, -als sich seine Leiden bis ins unerträgliche gesteigert hatten. Vor -des Knaben Augen aber erschien während der Worte des Geistlichen die -Gestalt des in seinem Glauben unerschütterlichen Mannes. Er sah vor dem -Altar einen elenden Greis in spärliche Lumpen gehüllt liegen, die die -Blöße des abgezehrten und über und über mit eiternden Wunden behafteten -Körpers nicht bedeckten, Schmerz und Entbehrung hatten tiefe Linien -in das Gesicht gegraben, dessen Züge den immerwährenden Kampf der -Versuchung mit dem felsenfesten Vertrauen erkennen ließen. - -Da wurde der Ausdruck auf dem Gesichte des Armen friedlich, und seine -Augen leuchteten in überirdischem Glanze. Der Knabe sah zur Decke der -Kirche empor, doch das Dach des Gotteshauses war verschwunden, und die -Blicke schweiften in die sonnendurchgoldigte, blaue Luft, bis hinauf -in die Wohnungen der Seelen. Und vor seinen staunenden Augen erschien -eine unübersehbare Menge strahlender Engel in weißen Gewändern, die -aus Dunst und Wolkenschleiern hervorschwebten und, sich umfangend, -einen weiten Halbkreis bildeten. Mit glockenreinen Stimmen begannen -sie einen wunderbaren, himmlischen Gesang, dessen Weise sanft auf die -Erde herabströmte und die Brust des Knaben anfüllte, daß seine Seele -in heiligem Schauer erbebte. Da öffnete sich plötzlich der Himmel, und -von goldenem Lichte umflutet erschien das Haupt des Gekreuzigten unter -der Dornenkrone, mit dem Ausdruck unendlicher Liebe in den Zügen. Durch -das Lied der Engel aber klang laut eine Stimme, und die Worte tönten -hernieder: Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die Krone des -Lebens geben! In diesem Augenblick entfloh die Seele des Kranken ihrer -armseligen Hülle und schwebte, von den Engeln geleitet, aufwärts, immer -höher, bis endlich alle den Blicken entschwanden. - -Der unglückliche Mann in der einsamen Stube erwachte und schlug beide -Fäuste vor die Stirn, denn sein Herz war zerrissen und blutete aus -tausend Wunden. Seine Seele aber wußte in dem verzweifelten Kampf, den -sie bestand, nicht, wohin sie sich wenden sollte; hilfesuchend irrten -die Augen des Mannes umher. - -Da hob die Freihoferin, das erste Mal seitdem sie sich an den Tisch -gesetzt hatte, den Kopf und sah sich in dem Halbdunkel entgeistert um. -Endlich kehrte ihr das Verständnis für die Umgebung zurück, und die -harten Züge der Greisin verzogen sich schmerzlich. Schon wollte sie -das Haupt wieder auf die Arme niederlegen, da begegneten ihre Augen -dem hilfeflehenden Blick ihres Kindes. Sie machte eine verzweifelte -Anstrengung, sich zu erheben, aber ihr Körper sagte dem Willen den -Dienst auf. Gebrochen beugte sie sich unter dem gewaltigen Schmerz, den -diese Augen ihr bereiteten, und in das gramerfüllte Gesicht schoß der -Ausdruck, der ein Menschenantlitz furchtbar entstellt: der qualvolle -Ausdruck ohnmächtiger Liebe. Stumm machte sie mit der Hand eine matte -Bewegung nach ihrem Kinde, dann sank der Kopf der Greisin wieder auf -die Arme herab. - -Während aber draußen im Dunkel der Nacht, nur wenige Stunden entfernt, -auf den herbstlichen Feldern Hunderttausende mit der Waffe in der Faust -in leichtem Schlummer dem anbrechenden Morgen entgegenharrten, um den -grausigen Kampf fortzusetzen, schlugen in der Brust des schwergeprüften -Mannes die Flammen der Verzweiflung noch einmal hoch auf. Gut und Böse -rangen zum letzten Male erbittert miteinander, dieses unterstützt von -den wildschäumenden Furien des Schmerzes und Trotzes, jenes gekräftigt -durch den mahnenden Zuspruch des leise wiedererwachenden Gewissens. - -Hatte Max vorhin sein Schicksal verflucht und gegen das Walten der -Vorsehung gerast, so versagte ihm jetzt hierzu die Kraft; sein Trotz -war gebrochen. Aber sein Inneres war eine Beute entfesselter Gewalten, -über die zu gebieten er nicht imstande war. Kalter Schweiß trat auf -seine Stirn. Er preßte die Hände auf die hämmernden Schläfen, um sie -vor dem Zerspringen zu schützen, und sein Körper wand sich wie unter -Peitschenhieben. - -Endlich, nach furchtbar qualvollen Stunden, ging der Kampf zu Ende. -Dem Lager, gegen das er stritt, nahte Hilfe, die es unbesiegbar -verstärkte, so daß er sich unterwerfen mußte. Kraftlos entglitt den -für ihn streitenden Mächten die Wehr. Und wenn er jetzt noch genug -Stärke besessen, um selbst für sich zu kämpfen, er hätte dennoch die -Faust sinken lassen müssen, denn die, um derentwillen er sich gegen die -höhere Macht aufgelehnt und für die er mit seiner ganzen Kraft nach -Rache an dem Schicksal geschrien hatte, wandte sich selbst gegen ihn, --- Maria! - -Er sah sich in dem hohen Erkerzimmer des Schlosses, wie er es am Morgen -dieses unheilvollen Tages betreten hatte um die Braut in Empfang zu -nehmen, fühlte den Schlag ihres von finstern Ahnungen gequälten Herzens -an dem seinen und vernahm ihre flehende Stimme, gleichsam als ob sie -das alles, was sich eingestellt, vorausgesehen hätte: - -»Wie es auch kommen mag, Geliebter meines Herzens, laß uns in -unerschütterlichem Vertrauen auf Gott bauen!« - -Gegen diese Macht konnte er fürder nicht streiten, und demütig beugte -er vor ihr das Haupt. Die Eisrinde, die seine Brust gepanzert hatte, -schmolz unter dem warmen Hauche, der von diesen innigen Worten -ausströmte, und der Pfeil, den er vorhin von der überstraff gespannten -Sehne schnellen ließ, wandte sich gegen seinen Schützen. Der hoffärtige -Zorn und der ingrimmige Trotz stahlen sich heimlich von ihm fort, -und Demut und kindliche Unterwerfung unter den Willen des Lenkers -der Geschicke zogen in seine Brust ein. Gott hatte ihn bis heute mit -der verschwenderischsten Fülle seiner Gaben überschüttet, denn sein -Lebenspfad war sonnig gewesen. Nun schickte der Himmel die Prüfung, --- und er unterlag. Ja, das Aufschrecken aus dem wohligen Leben war -rauh, es war ein herzspaltender Schwerthieb gegen ihn geführt worden, --- aber es war doch auch eine Prüfung auf seinen Glauben, die keinem -Sterblichen erspart bleibt. - -Max beugte sich tief hinab, denn er empfand brennende Scham im Herzen. - -Und dann dachte er der teuern Toten. So hatte er sein Versprechen ihr -gehalten, das er mit Druck und Kuß besiegelt hatte! Ihre Worte waren -für ihn, kaum verklungen, -- vergessen. Er schloß die schmerzenden -Augen und bedeckte sie mit den Händen. Aber ob er der Erscheinung auch -fliehen wollte, das schmerzerfüllte Antlitz Marias stieg vor seinem -Geiste herauf. Kein Vorwurf stand darauf geschrieben, aber der umflorte -Blick aus ihren kummervollen Augen traf ihn wuchtiger als die schwerste -Anklage. Der ganze ungeheure Schmerz, das entsetzliche Weh bäumten sich -in ihm auf, rissen den Unglücklichen gewaltsam in die Höhe und warfen -ihn willenlos vor der Leiche nieder. Tieferschüttert tastete er mit -den Händen nach dem glaubensstarken Mädchen, und dem bebenden Munde -entrangen sich die Worte: »Hehrer Geist meiner Maria, verlaß mich nicht -in dieser Stunde!« - -Die furchtbare Last löste sich langsam von seiner Brust und schwand in -einem reichlich fließenden Tränenstrom dahin. »Vergib mir, Geliebte,« -flüsterte er, »gewähre mir Deine Verzeihung, wie ich sie von dem -Allbarmherzigen zu erhalten hoffe!« - -Lange verharrte er so auf den Knien, das Gesicht in den Falten des -Kleides der Toten verborgen. Draußen auf der Straße erklangen Tritte, -und einzelne Stimmen wurden vernehmbar. Obwohl sie nur flüsterten, -hätte ein Aufhorchender im Zimmer erkennen können, daß entgegen der -Abmachung Angehörige die ausmarschierenden Männer begleiteten. Aber es -dauerte geraume Zeit, bis der Knieende das immer mehr anschwellende -Stimmengemurmel vernahm, so weltenfern waren seine Gedanken entrückt -gewesen. -- - -Jetzt kehrte sein Geist in die Wirklichkeit zurück. Er vernahm, wie -die Mutter aufstand und hinter seinem Rücken auf den Strümpfen aus dem -Zimmer ging. Nach einer Weile trat sie wieder ein, legte leise sein -Gewehr und den schweren Säbel aus dem Nachlaß seines Großvaters auf den -kleinen Tisch an der Wand, stellte die flackernde Lampe dazu und setzte -sich wieder geräuschlos auf ihren Stuhl. - -Max erhob sich. Seine Haltung war aufrecht, seine Bewegungen elastisch. -Neue Kraft rollte ihm in den Adern, und seine Augen glänzten wieder, -als er Maria betrachtete. Sie war gestorben wie ein tapferer Streiter -auf der Walstatt. Ihr unter des Vaterlandes Schmach gleichfalls -gepreßtes Herz hatte sich nun im Kampfe um ihr höchstes Gut verblutet. -Sie war zuerst erlegen; wie lange würde es dauern, bis das Los -ihn traf? Draußen standen schon die Kameraden und harrten seiner -ungeduldig. Er durfte sie nicht warten lassen. Schnell also Abschied -genommen von der unvergeßlichen Toten, mochten die Zurückbleibenden -sie zum letzten Schlummer betten. Seine Kraft gehörte dem Leben, sein -Leben bis zum letzten Hauche dem Vaterland! So handelte er auch, wie er -wußte, nach Marias Wunsch. Und dem Walten der Vorsehung, gegen das er -frevelhaft aufbegehrt hatte, hatte er sich gläubig ergeben. Nun gab es -hier für ihn nichts mehr zu tun. - -Er ging zu dem Wandtische, warf den Tornister mit Wäsche und Mundvorrat -auf den Rücken, schnallte den Säbel um die Hüften und legte den Riemen -des Gewehres über die Schulter. Jetzt war er gerüstet und bereit, -den Weg zu betreten, den viele andere deutsche Männer schon vor ihm -gegangen waren. - -Doch bevor er sich zum gehen wandte, warf er noch einen letzten Blick -zurück auf sein Weib. Wie friedlich sie doch schlief! Kein Zug des -Gesichts deutete auf Schmerz, den sie im Tode erlitten hätte. Sie war -mit dem Gedanken an ihn und dem festen Vertrauen auf des Allmächtigen -verzeihende Liebe von hinnen gegangen. Und so hatte auch für ihn das -Schrecknis seine zerschmetternde Wirkung verloren. Ihr Auge blickte -aus Himmelshöhen liebend auf ihn herab, und ihre Seele umschwebte ihn -schützend auf allen Wegen. Mit dieser erhebenden Zuversicht konnte er -froh und leichten Herzens ins Feld ziehen. - -Neu erwachter Lebensmut schwellte seine Brust, und während er sich über -die Tote beugte und zum letzten Male die weiße Hand drückte, sprach er: - -»Schlafe wohl, Du Reine, und sei auch fortan mein guter Engel!« - -Entschlossen wandte er sich ab und schritt nach der Tür. In demselben -Augenblick vernahm er ein Geräusch, wie vom schnellen Zurückstoßen -eines Stuhles stammend, dem das heftige Poltern des umstürzenden -Gerätes unmittelbar folgte. Und dann gellte ein durchbohrender Schrei -durch das Zimmer, der Angstschrei eines todeswunden Mutterherzens: - -»Max!« - -Wie angewurzelt blieb sein Fuß auf dem Boden haften, während er sich -blitzschnell umwandte. Die schon nach der Tür ausgestreckte Hand sank -herab, und er konnte sich einer tiefen Rührung nicht erwehren, als -er die zusammengesunkene Gestalt seiner Mutter gewahrte. Wie war sie -doch in dieser einen Nacht hinfällig geworden! Diese gebeugte Haltung, -das entstellte Gesicht, der gequälte Blick! Schwankte sie nicht? Mit -ein paar raschen Schritten stand Max an ihrer Seite und bewahrte die -Greisin vor dem Umsinken. - -»Mutter,« rief er zärtlich, »wie konnte ich auch Dich vergessen! -Verzeihe dem Ungestümen, der nicht schnell genug dem Vaterhaus den -Rücken wenden kann!« Während dieser Worte hielt Max sie mit beiden -Armen umschlungen, und die Freihoferin lehnte sich müde an des Sohnes -Schulter. - -»Geh dorthin, wohin Dich Dein Gewissen ruft,« sagte die Greisin mit -leiser Stimme, »hier ist nicht mehr Raum für Dich!« - -So standen sie einige Minuten stumm beieinander. Max wußte, wie sich -das Herz seiner Mutter zusammenkrampfte, denn er kannte sie nur zu gut. -Elisabeths Hinscheiden hatte ihr eine tiefe Wunde geschlagen, die sich -kaum geschlossen hatte. Nun traf sie des erschütternden Unglücks Schlag -und riß die alte Wunde wieder auf. Zu gleicher Zeit ging auch er noch -von ihr, und sie blieb ganz allein zurück. Die kaum gewonnene Tochter, -der sie schon nach kurzer Zeit ihre ganze Liebe geschenkt, ja an die -sich die rasch Alternde angeschmiegt hatte, sollte ihr ein Trost sein, -wenn er selbst gegangen war. Vielleicht hatte sie davon geträumt, wie -neues, junges Leben auf dem Freihofe erblühen und die seit Elisabeths -Tode einsam gewordenen Zimmer des Wohnhauses erklingen sollten von -fröhlichen Worten, Singen, -- Kinderlachen -- -- -- Ach, es verlangte -sie nur allzusehr darnach, wenn sie auch an der Fröhlichkeit scheinbar -nicht teilnahm. Sie, der die Liebe nur eines Kindes zu wenig war, besaß -jetzt keines mehr. Niemand würde ihr, wenn der Krieg ihn behielt, Trost -in den letzten Tagen sein und keine liebende Hand ihr einst die Augen -zudrücken! - -Da hob die Freihoferin den Kopf auf, daß Max voll in das -gramdurchfurchte Gesicht blicken konnte. - -»Mein teurer Sohn,« sprach sie mit wiedergewonnener Fassung, während -ihre Augen aber in rührender Bangigkeit auf ihm ruhten, »noch einmal: -Ziehe dahin! Aber laß Dein Herz nicht anfechten. Wie groß auch die -Prüfung sei, sie kommt von ihm, gegen dessen Willen wir uns nicht -auflehnen dürfen.« - -»Sei beruhigt, liebe Mutter,« rief Max fast mit einem Ton des -Frohlockens. »Ich darf es nicht verhehlen, daß ich nahe daran war, der -Anfechtung zu unterliegen, aber diese da stand mir bei. Und nun bin ich -dagegen gewappnet für alle Zeiten!« - -Ein Seufzer der Erleichterung entfloh den Lippen der Freihoferin. Sie -richtete sich in die Höhe, legte die Hände auf das Haupt des zu ihren -Füßen niederknieenden Sohnes und segnete ihn. Dann aber war ihre Kraft -zu Ende. Sie warf sich an seine Brust, und was ihr bisher im Leben -versagt geblieben war, gewährte der Greisin das Schicksal in dieser -schweren Stunde als Trost: reichliche Tränen flossen ihr über die -Wangen. Max empfand dieses Geschenk als eine Himmelsgabe und beugte -sich herab und küßte die Zähren sanft von dem welken Gesicht. - -Da schlug aus dem Gemurmel vor dem Hause eine Stimme an Maxens Ohr, -bei deren Klang er zuerst zusammenzuckte. Dann aber eilte er, einer -plötzlichen Eingebung folgend, hinaus und trat wenige Sekunden darauf -wieder ins Zimmer, einen sich sträubenden Mann an der Hand führend, den -er bis zum Stuhle seiner Mutter geleitete. - -»Hermann,« sprach er, »ich will Dir jetzt Deinen Edelmut, mit dem Du -mir vergolten hast, was ich Dir zufügte, angemessen lohnen, indem ich -Dir das Höchste anvertraue, was ich besitze. Hier ist meine Mutter, -seid ihr, Du und Dein Weib, fortan Kinder. Pflegt sie, schenkt ihr Eure -Liebe, und lasset ihr Herz über Euch aufgehen. Nenne Dich von diesem -Augenblick an ihren Sohn, es gibt keinen Würdigerern als Dich!« - -Mit diesen Worten legte er die Hände beider ineinander und drückte -einen Kuß auf die Stirn der Weinenden. Dann riß er das Gewehr an sich, -streifte noch einmal mit dem Blick das Zimmer und stürmte hinaus, -während der klagende Wehruf hinter ihm herklang: »Mein Sohn, mein -Sohn -- --!« - - - - -27. Kapitel. - - -Vor dem Freihofe standen etwa dreißig Menschen; außer den Fortziehenden -und einigen ihrer Angehörigen ein paar Neugierige. Eine halb verdeckte -Laterne huschte hin und her, und das Gespräch wurde leise geführt. -Die Männer, die während der Nacht Wache gehalten, hatten nichts -Verdächtiges wahrgenommen. Nur einer erzählte, daß er gegen Morgen -vorsichtig ein Stück auf der Straße hinausgelaufen wäre, und da sei es -ihm gewesen, als wenn er einigemale entferntes Pferdeschnauben durch -die schweigende Nacht vernommen habe. Der Beobachter meinte, das könne -wohl von einer französischen Patrouille herrühren. Aber der Wahrnehmung -wurde kein Glauben beigemessen, denn der Erzähler galt als ängstlich, -und seine gereizte Phantasie hatte das Rascheln von Laub im Winde für -Rosseschnauben gehalten. - -Eins aber war beunruhigend, die Tatsache nämlich, daß der Rabensteiner -noch nicht zurückgekehrt war. Seit gestern abend harrte man seiner -in banger Erwartung, bis zur Stunde aber vergebens. Daß er mit aller -Vorsicht vorgegangen sein würde, wußte man von dem Besonnenen, und -reiten konnte er, wenn’s not tat, wie der Teufel. Sollte er den -Franzosen in die Hände gefallen sein und von ihnen etwa als Spion -betrachtet werden? Sein Schicksal fand viel Besorgnis, und nur der -Gedanke war tröstlich, daß er die Preußen glücklich erreicht habe, der -Franzosen wegen aber nicht zurückkönne. - -Viele Worte wurden nicht gewechselt, die meisten standen stumm -beieinander. - -Auch die Kirchengutbäuerin hatte es sich nicht nehmen lassen, ihren -Friedrich zu begleiten. Während der halben Nacht hatte sie an seinem -Bette gesessen und ihn mit zärtlichen Empfindungen betrachtet und -sich gewundert, daß er so ruhig schlafen konnte. Sein Lederränzel -fand er am Morgen mit Lebensmitteln so vollgestopft, daß die Nähte zu -zerreißen drohten und er mehrere Tage von dem Inhalt zehren konnte. -Ja, ihre mütterliche Sorge ging so weit, daß sie ihrem Jungen, wie er -zum Fortgehen gerüstet vor ihr stand, in die Tasche seines faltigen -Rockes eine große Papierdüte gefüllt mit Kamillentee schob, mit dem -sie alle Krankheiten erfolgreich zu kurieren pflegte. An die Gefahren, -denen ihr Einziger entgegenging, dachte das besorgte Mutterherz in -diesem Augenblick weniger als je, nur daran, daß er sie verlassen und -sich ihrer Obhut entziehen wollte. Und das konnte sie bis zur letzten -Minute noch nicht glauben. Denn er war ja von Kindesbeinen auf gewöhnt, -die Mutter für alle seine Angelegenheiten bis ins kleinste sorgen zu -lassen, und sie wußte, daß er darin hilflos geblieben war. - -Friedrich hatte sich dieser Bevormundung stets willig unterworfen, in -dieser Stunde aber fühlte sich der Stolz des jungen Kriegers doch etwas -verletzt, und er beschloß insgeheim, sich des Kamillentees draußen vor -dem Dorfe zu entledigen. - -Die unermüdlich wiederholten Fragen, ob er sich auch wirklich gesund -fühle und ob nicht noch etwas einzupacken sei, beantwortete er -zerstreut und war froh, als die Mutter auf sein Drängen zum Abschied -endlich ihr wollenes Umschlagetuch um die Schultern schlang und mit -ihm auf die Straße trat. Schweigend ging er neben ihr her, während sie -in einemfort auf ihn einsprach. Er solle es nicht zu toll treiben, -sagte sie, und sich nicht immer vordrängen, die andern wollten auch -zeigen, wer sie wären. Bald aber redete sie wieder vom väterlichen -Hof. Daß sie mit dem alten Großknecht nun allein regieren müsse, was -ja, solange es Winter sei, nicht allzuviel sagen wolle. Wenn aber das -Frühjahr käme, dann solle er ans Heimkehren denken. Gerade im kommenden -Jahre sei seine Anwesenheit ja so sehr vonnöten, denn für die beiden -steifgewordenen Braunen müßten junge Pferde in den Stall, und die -ganze weite Koppel hinter dem Berg, die so lange verlassen lag, sollte -endlich gepflügt und mit Roggen bestellt werden. Schließlich sei auch -der Anbau an den Rinderstall nun nicht mehr hinauszuschieben. Friedrich -brummte nur bisweilen ein Ja oder Nein in den plätschernden Redefluß, -und damit war die Mutter schon zufrieden. - -Keiner der Männer fehlte mehr, als sich endlich auch der Freihofer -einfand. Rasch wurde er von dem Ausbleiben Konrads unterrichtet, worauf -er die Achseln zuckte und zum sofortigen Aufbruch antrieb. Hier und da -eine letzte Umarmung, ein wortloser Druck der Hand. - -»Denke einmal daran,« klang allen vernehmbar die hohe Stimme der -Kirchengutbäuerin, »vierzehn Tage vor Weihnachten wird Deine -Lieblingsschecke wieder kalben; hoffentlich geht es so gut ab wie das -letzte Mal. Halte Dich immer hübsch warm, zwei frische Sacktücher -stecken noch im Ranzen.« - -Friedrich wurde feuerrot; zum Glück konnte es in der Dunkelheit keiner -sehen. Er schloß der Mutter mit einem Kusse den Mund und ließ sich von -ihr noch einmal herzen. Dann riß er sich los und eilte den schon einige -Schritte Vorangehenden nach. - -»Ich würde noch ein Stück mit Dir gehen, Junge,« klang es ihm -hinterdrein, »aber Ihr lauft mir zu schnell, und ich bin in Pantoffeln. -Ziehe die roten Müffchen nicht aus!« -- -- - -Aber der Ermahnte hörte die Stimme nicht mehr, soweit waren die Männer -schon entfernt. Rüstig schritten sie auf der Straße dahin und näherten -sich dem oberen Dorfausgang. Bald befand sich die zusammenhängende -Reihe der weißen Giebel hinter ihnen, und nur noch einzelne Häuser -lagen neben und vor ihnen. - -Vom Osten her stieg ein fahles Licht herauf, und man konnte schon -ein kurzes Stück weit die Gegend erkennen. Ueber den Wiesen hingen -unbeweglich breite Nebelschwaden von wunderlichen Formen. Die Luft war -empfindlich kühl, und an dem rasch heller werdenden Himmel verblichen -die letzten Sterne. Der erste Hahnenschrei klang hinter ihnen aus -dem Dorfe herauf, sonst aber hüllte sich die Natur noch in lautloses -Schweigen. - -Wie weit sie zu marschieren hatten, bis sie bei der ersten preußischen -Vorposten ankamen, wußten sie nicht. Aber weiter als eine halbe Meile -entfernt konnten sie nicht stehen. - -Die Augen scharf offen haltend, marschierten die Männer, um ihre Tritte -unhörbar zu machen, jetzt auf den mit Gras bewachsenen Rändern der -Straße, die langsam anstieg, um unmittelbar hinter dem Schwedenloch -wieder hinabzuführen. Auf der Höhe angekommen, wollten sie einen -schmalen Feldweg einschlagen, der rechtsseitwärts der Straße entlang -lief. Bis dahin aber mußten sie der Straße folgen, denn die Wiesen zur -rechten Hand waren sumpfig. - -Nur wenige Worte im Flüstertone wechselnd und das Geräusch des tiefen -Atmens dämpfend, liefen sie im Gleichtritt hintereinander her. Nur -noch wenige Schritte, und sie hatten die Höhe, -- da sprang mit einem -Male der am weitesten vorausgehende Schmied hinter einen Baum am Rande -der Straße, und gleichzeitig sahen die Männer in kurzer Entfernung vor -sich blitzende Bajonette. Wie gebannt standen sie still; sie waren -überrascht worden. In demselben Augenblick aber schallte eine drohende -Stimme durch die Stille, und die deutsch gesprochenen Worte ließen die -Aussprache des Franzosen erkennen: - -»Halt, Verräter!« - -Jetzt wuchs auch aus den das Schwedenloch auf der einen Seite -umsäumenden Büschen ein Haufen von etwa zwanzig französischen Soldaten -hervor, hinter denen im Nebel einige Pferde matt erkennbar waren. - -Die Gewehre von den Schultern reißend, drängten sich die Männer -zusammen. Drohend und jeden Augenblick zum gegenseitigen -Aufeinanderstürzen bereit, standen sich die beiden Haufen gegenüber. -Ein Windstoß fegte die Nebelwand zurück, so daß es in dem mittlerweile -schnell angewachsenen Zwielicht nicht mehr schwer war, das Gelände, auf -dem man sich befand, genau zu übersehen und die Vorteile abzuschätzen, -die es beiden Parteien bot. - -Die Franzosen waren in der Uebermacht, aber sie standen auf dem -abfallenden Boden, neben dem die Straße wie ein natürlicher Wall -hinlief. Dieser Umstand verstärkte die eigene Stellung. Mochten sie -es versuchen, den Rand zu erklimmen, manch einem würde bei diesem -Unternehmen der von nervigen Bauernfäusten geschwungene Kolben den -Schädel einschlagen! - -Noch standen Freund und Feind tatlos; da sprang der Freihofer auf einen -über Nacht draußen stehengebliebenen, hohen Aufsatzwagen zu und rannte -ihn mit solcher Kraft auf einen mächtigen Eichbaum, daß die Deichsel -krachend zersplitterte. Noch ein Ruck, dann zerriß das die Deichsel -umringelnde, eiserne Band, und die Kette mit dem oberen Ende um das -Handgelenk schlingend, hielt er den Stumpf wie eine schwere Keule, die -in seiner mächtigen Faust eine furchtbare Waffe sein mußte. - -»Heran!« knirschte er, von grenzenloser Wut gepackt, »und sorgt, -daß Euch das letzte Stündlein nicht zu kurz sei für Euer kleinstes -Stoßgebet!« - -Dies hatte sich blitzschnell abgespielt und ohne daß die Franzosen -gewagt hätten, sich auf ihn zu stürzen. Da erscholl die rauhe Stimme -von vorhin wieder: - -»Schlagt mir keiner diesen tollen Hund tot, lebendig soll er am Aste -baumeln.« - -Und gleichzeitig trat der Sprecher, ein Offizier von riesenhaftem -Wuchse, ein paar Schritte weiter vor und hob den Säbel, um das Zeichen -zum Angriff zu geben. In diesem Augenblick schrie der ihm zunächst -stehende Schmied schrill auf: - -»Freihofer, das ist der Mörder Deines Weibes!« - -Wie eine vernichtende Anklage, die einem furchtbaren Gericht -vorausgeht, erklangen diese Worte und warfen in die Seele vieler der -Anwesenden jäh das Verständnis für ihren Sinn. Das farblose Gesicht mit -dem brutalen Ausdruck des französischen Anführers wurde um einen Schein -bleicher; langsam sank der erhobene Säbel herab, und das Kommando zum -Angriff erstarb ihm auf der Zunge. Starr ließ er seine schwarzen, -stechenden Augen auf den gerichtet, den er instinktiv als seinen -Todfeind empfand. - -Der Freihofer aber stand wie ein Steinbild auf seinem Platze. In seinem -Gesicht spielte kein Muskel. Der Kopf war weit vorwärts geneigt, -wie bei Menschen, die mit Anstrengung aller Sinne ins Weite sehen. -Mit rasender Geschwindigkeit traten Reinerzens gestrige Worte, mit -denen er jenen Elenden beschrieb, jetzt wieder an seinen Geist heran. -Die Beschreibung stimmte just mit der Erscheinung dieses Franzosen -überein, -- aber war es kein Irrtum? Sollte ihm sein Wunsch, für dessen -Erfüllung er gern sterben würde, wirklich gewährt werden? Da blitzte es -in den Augen des noch Zweifelnden hell auf, und sein suchender Blick -blieb auf der linken Halsseite des Franzosen haften, wo dicht unter dem -Ohre ein oval geschnittenes Stück Leinwand aufgeklebt war. - -Von dem Franzosen aber war die Beklemmung wieder gewichen, und -ein verächtliches Lächeln umspielte seine Lippen. In Aufwallung -grenzenlosen Übermutes, der aus dem Vollgefühl seiner ungeheuern Stärke -herauswuchs, richtete er sich hoch auf und warf herausfordernd den Kopf -zurück. Sich noch einmal an seine Leute zurückwendend, befahl er ihnen, -sich nicht eher auf die Gegner zu werfen, bis er ihnen das Zeichen dazu -gebe. Darauf riß er den Säbel wieder herauf und schrie: - -»Komm herab, deutsches Schwein, wenn Du den Mut hast mit mir zu -kämpfen!« - -Max stand noch wie vorher unbeweglich. Bei diesen Worten aber kam -wieder Leben in ihn. Seine umklammernde Rechte ließ den Wagenbaum los, -daß dieser dumpf aufschlagend und mit Kettengeklirr zu Boden fiel, -und dann sprang er mit beiden Füßen zugleich von der Böschung hinab. -Der lange Jahre in der Scheide gebliebene Säbel seines Großvaters -blitzte gerade noch rechtzeitig auf, um den ersten Hieb des Franzosen -abzuwehren, der mit fürchterlicher Erbitterung auf ihn eindrang. -Hageldicht sausten die Schläge des kampfgeübten Soldaten herab, daß -Max seine ganze Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit aufbieten mußte, -um sich ihrer zu erwehren. Nach wenigen Gängen zeigte sich aber schon -der Vorteil der überlegenen Kaltblütigkeit, mit der er focht, und der -Franzose war einige Male nahe daran, seine hitzige Kampfesweise zu -büßen. In respektvoller Entfernung standen die beiden Parteien dahinter -und sahen auf ihre kämpfenden Führer, deren Klingen ohne Unterbrechung -aufzuckten. - -Da klang durch den hellen Erzklang der aufeinanderschlagenden Säbel -ein Mißton. Man vernahm, wie etwas durch die Luft flatterte und dann -klirrend niederfiel. Der Franzose erhob sich ein Stück aus seiner -weit ausgelegten Haltung, warf einen raschen Blick voll Ingrimm auf -den stehengebliebenen Stumpf seines Säbels und hob in demselben -Augenblick instinktiv wieder die zerbrochene Waffe, als wenn er damit -den unvermeidlichen Todesstreich abwehren könne. Mit hochgeschwungener -Klinge holte Max zum furchtbaren Schlage aus. Unwillkürlich duckte -sich der Wehrlose nieder, -- da klirrte, von seines Gegners Hand -geschleudert, dessen Säbel neben ihm zur Erde, und als der Franzose die -Augen hob, stand ihm dieser mit herabgesunkenem Arme und ohne Waffe -gegenüber. - -Verständnislos starrte er dem Gegner ins Gesicht, den nur eine -unerklärliche Anwandlung von Großmut zu dieser Tat bewogen haben -konnte. Aber nur während der kurzen Spanne Zeit, die zwischen zwei -Pulsschlägen liegt, blieb ihm dieser Trost. Dann bemerkte der Franzose, -wie die Augen des andern blitzschnell die nur wenige Schritte -betragende Entfernung maßen, die zwischen ihnen und dem Rande des ihm -seit gestern bekannten Abgrundes lag. Er dachte daran, wer dieser Mann -ihm gegenüber war, der seine unnatürliche Ruhe in diesem Augenblick -bewahrte, -- und alles Blut wich aus seinem Gesicht. Sollte er jetzt -seinen Leuten das Zeichen zum Angriff geben? -- -- -- Nein, in -Dreiteufelsnamen nein! Dann wäre auf die eisigen Züge dieses Verhaßten -ein höhnisches Lächeln getreten, das ihn der Feigheit geziehen hätte. -Deshalb scheuchte er auch mit einem wilden Fluche einen seiner Leute -zurück, der herbeigesprungen war und ihm seinen eigenen Säbel darbot. - -Max hatte den Blick wieder auf den Gegner gerichtet und alsbald -erkannt, daß dieser seinen blitzschnell gefaßten Plan erraten hatte. -Eine Sekunde lang standen sie sich einander gegenüber; dann begann das -gräßliche Ringen, -- es war der Kampf zweier Riesen! Der Körper des -Franzosen war kraftvoll und wie aus Stahl geschmiedet, dazu war er -sehnig und geschmeidig wie ein Leopard; der Deutsche war fast ebenso -hoch gewachsen, aber seine Schultern waren breiter, und er glich einem -verwundeten Bären, der sich zum Angriff aufgerichtet hat. - -Max hatte schon während des Fechtens eine an sich noch nie gekannte -Ruhe gespürt, jetzt aber fühlte er seine Kaltblütigkeit noch verstärkt. -Sein Hirn arbeitete in ruhigem Gleichmaß, als wenn er daheim auf -dem Hofe stünde und das Herauslassen des Viehes aus den Ställen zum -Austrieb auf die Weide leite. Und doch hatte er die tiefe Empfindung, -als ob dieser Kampf sein Leben fordern müsse -- -- Da griffen beide -nach einander, der Franzose mit dem blitzartigen Prankenschlag des -Raubtieres, Max dagegen faßte tastend nach den Ellenbogen des Gegners. - -Von neuem stockte während einer Sekunde alle Bewegung, als wenn die -Männer sich wie im Spiel berührt hätten. -- Da, -- ein fürchterlicher -Ruck! Max versuchte, sich vor dem Fall zu bewahren, umsonst; dröhnend -stürzte er zu Boden und riß seinen festumklammerten Gegner mit sich -nieder. Mit einer schnellen Bewegung gelang es ihm, den Franzosen unter -sich zu bekommen, aber schon rollten sie wieder über den Rasen und -hielten sich im nächsten Augenblick, auf die Knie erhoben, umschlungen. -Da spannte der junge Bauer seine ganze Kraft an und drückte den sich -heftig sträubenden Franzosen so hintenüber, daß es den Anschein hatte, -als wenn dessen Wirbelsäule davon zerbrechen müsse. Langsam fiel der -Franzose auf den Rücken, -- um den auf ihn Stürzenden aber sofort -wieder zu entgleiten. So rangen sie während mehrerer Sekunden in -unverminderter Erbitterung. Mit der Geschmeidigkeit einer Katze entzog -sich der Franzose allen ihn zu erdrücken drohenden Umarmungen, und -vermöge seiner blitzschnellen Bewegungen gelang es ihm, wiederholt die -Oberhand über seinen Gegner zu bekommen. Und während dieses Ringens -rollten sie die feuchte Rasenlehne ein Stück hinab, daß ein paar -französische Soldaten sich zwischen den Ringenden und den Rand des -Steinbruches aufstellten, um sie vor dem Hinunterstürzen zu bewahren. - -Noch einmal wildes Schlagen des Rasens mit den Füßen, ein -Zubodendrücken mit umklammernden Armen, Entweichen, Aufrichten und -Niederstürzen, -- dann sprang einer von ihnen auf die Füße: es -war der Deutsche. Im nächsten Augenblick mußte auch der Franzose -aufschnellen; aber es gelang ihm nicht mehr. Zwei Hände hielten den -wild um sich Schlagenden mit eisernem Griffe fest, um ihn gleich -darauf mit einer furchtbaren Kraftanstrengung in die Höhe zu reißen. -Alle Muskeln bis zum zerspringen angespannt, hielt der Freihofer den -Körper seines Feindes über seinem Haupte, währenddessen es aussah, -als ob er unter der ungeheuern Last und infolge des überschnellen -Aufrichtens hintenüberbrechen müsse. Aber nur einen Augenblick währte -diese Spannung, dann hatte er die Herrschaft über seinen Körper -wiedergewonnen. Mit übermenschlicher Kraft stieß er den Franzosen von -sich, der, über die Köpfe seiner Leute hinwegfliegend, hinter dem Rande -des Steinbruches lautlos verschwand. Ein dumpfes Aufschlagen drang -herauf, ein Geräusch, wie von dem Rutschen eines schweren, weichen -Gegenstandes auf dem Gestein, dann war alles still. Den Lauschenden -aber stockte der Atem unter der blitzschnell sich ihnen aufdrängenden -Vorstellung, daß der ihren Augen soeben Entschwundene ins Bodenlose -stürze. - -Noch hielt das Fürchterliche alle gelähmt, als von fernher der -Hufschlag eines auf der Straße herangaloppierenden Pferdes erklang. -Und mit diesem Laute kehrte Aller Besonnenheit in die Wirklichkeit -zurück. Ihres Führers plötzlich beraubt, von dem Schrecken noch halb -betäubt und durch das Nahen des vermutlichen Feindes kopflos gemacht, -eilten die Franzosen zu den Pferden und sprengten querfeldein in den -Nebel hinein. Der letzte von ihnen, ein junger Bursche, dem kaum der -erste Flaum auf den Lippen sproß, hob rasch, bevor er davoneilte, die -Mündung seines Gewehres und schoß ohne zu zielen aufs Geratewohl ab. -Ein dumpfer Knall, ein schwacher Feuerstrom, wie von verdorbenem Pulver -herrührend, dann wandte auch er sich zur Flucht. Beim Aufblitzen des -Schusses griff der Freihofer hastig nach der Brust, während sich auf -seine Augen gleichzeitig undurchdringliche Dunkelheit senkte. Aus der -ihn umgebenden Nacht aber trat ein liebliches Bild vor seine Seele: - -Er stand an einem reißenden Fluß. Das Ufer, auf dem er sich befand, -glich einem unfruchtbaren Ödeland, drüben aber breitete sich ein -prächtiger Garten aus mit maienfrischem Rasen und herrlichen Blumen. -Ueber den Fluß führte eine Brücke, an deren Ende auf dem jenseitigen -Ufer Maria stand, die ihm winkte und jubelte und rief. Da trat ein -seliges Lächeln auf das Antlitz des Freihofers; er breitete die Arme -aus und fiel langsam vornüber auf den Rasen. - -Erschrocken sprangen die Freunde hinzu, richteten den Gefallenen auf -und entblößten seine Brust. Ein kleines, kreisrundes Loch wurde auf der -Haut sichtbar, gerade auf der Stelle des Herzens. Da legten sie ihn, -ohne ein Wort zu sprechen, behutsam auf dem Rücken in das Gras, und -jeder vermied es, dem andern ins Gesicht zu sehen. - -Durch den Lärm waren die Leute in den nächstliegenden Häusern längst -erwacht, bei dem Knall des Schusses aber eilten einige voll Unruhe -herbei. Unter diesen befand sich auch Mutter Lehnhardt. Bestürzt -betrachteten die Ankommenden den am Boden Liegenden und traten dann -wortlos zur Seite. Die Greisin aber setzte sich neben dem Verwundeten -nieder und zog seinen Kopf auf ihren Schoß. - -Im Osten hatte sich unterdessen der Himmel blutigrot gefärbt, und die -ersten Sonnenstrahlen waren über die noch schlummernde Erde geglitten. -Jetzt ward auch der glühende Ball am Himmelsrande sichtbar, der rasch -heraufwuchs und sein flutendes Licht auf die Fluren ergoß. Der Nebel -zerriß, und die weite Landschaft wurde erkennbar. Der junge Tag brach -an mit seiner ganzen, sieghaften Schönheit, und alles erwachte zu neuem -Leben. Nur der Mann auf dem Rasen machte seine letzte Rechnung auf -Erden! - -Noch einmal schweifte sein Blick in die Weite. - -Drüben stand in goldigem Glanze das Schloß seiner Väter. Aber -seine trutzigen Mauern waren zerfallen, und kein verjüngender -Sonnenaufgang gab ihm seine Festigkeit wieder. Nur ein kleiner Teil, -die vorspringende Mitte, stand noch, und die weißen Quader leuchteten -wie einst über das Land. Aber ach, wie lange würde es dauern, dann -stürzten auch die letzten Mauern zusammen, und ein wüster Trümmerhaufen -bezeichnete die Stätte, auf der einst in Pracht und scheinbarer -Unvergänglichkeit auf felsigem Grunde ein stolzes Menschenwerk -gestanden hatte. - -Jahrhunderte hatte der Bau ins Land ziehen sehen. Lieblicher -Sonnenschein hatte ihn unzähligemale umschmeichelt, brausende -Naturgewalten drohend umbrandet. Zeiten segensreichen Friedens -waren an ihm vorübergegangen, und auf wildes Kriegsgetümmel und -ohnmächtige Wut seiner Angreifer hatte der steinerne Koloß mit stummer -Verachtung herabgesehen. Nun war auch seine Zeit abgelaufen, und der -vorgeschrittene Verfall führte die eindringliche Sprache, daß auf -Erden alles vergänglich ist! Nach einer Reihe von Jahren, früher oder -später, aber einmal doch, werden auch die letzten, stummen Zeugen -entschwundener Pracht und menschlichen Fleißes nicht mehr sein. Die -noch nicht zertrümmerten Steine werden Häuser bauen helfen, in denen -Menschenfreud und Menschenleid geboren wird, lacht und weint und -stirbt, und die geborstenen Säulen und Quader zerfallen endlich in -Staub und vermischen sich wieder mit der Erde, von der sie gekommen -sind, und deren mütterlicher Umarmung sie sich nur zu lange entzogen -hatten. Dann geht die Pflugschar wieder über das Land und wirft die -köstlich duftende Ackerkrume auf, und saurer Schweiß tränkt den Boden. -Bis endlich auf dem Rasen Spiel und Sang anheben, und die Halme sich -biegen unter den Füßen der Tanzenden. So in stetem Auf- und Niedergang, -Geburt, Hinaufeilen auf den Gipfelpunkt des Lebens, mühsames -Hinabklimmen oder Hinabsturz -- und Tod: das ist das wechselvolle, -geheimnisumwobene Spiel des Werdens und Vergehens alles Irdischen, -das sind die urewig gleichen Menschenschicksale! Eine zermalmende -Traurigkeit beschleicht bei dieser Betrachtung das Gemüt, gegen -die menschlicher Witz sich vergebens sträubt und menschliche Kraft -ohnmächtig ankämpft. In diesem Leid tröstet und erquickt allein der aus -starkem Herzen quellende Glaube an die Barmherzigkeit und Ewigkeit der -Himmel! - -Und dann gedachte der junge Tiefenbach seines Geschlechts. In langen -Reihen standen in sturmfesten Kellergewölben des Schlosses die Särge -seiner Ahnen. Viele von ihnen waren wohl mit dem Schwerte in der Faust -gestorben und schlummerten in unbekannter Erde. Er war der letzte -Sproß. Jung war er und kraftvoll, und doch rüstete er sich schon zur -Wanderung nach jenem unbekannten Land, aus dem niemand wiederkehrt. Nun -stand der Name Tiefenbach nur noch auf zwei alten, müden Augen -- -- -- - -Aber er ging gern von hinnen, denn er ging nach einem gewonnenen Streit -gegen den Feind des Landes und den Beflecker seiner Ehre. Das ist für -Menschen, die beim Heimgange eines Teuern großen Schmerz erlitten, -das Köstliche, daß sie in jenen unbekannten Gefilden von einer ihrer -harrenden, liebenden Seele an die Hand genommen werden. - -So mußte er denn früher scheiden als er gedacht; aber noch waren -es ihrer zwölf, die die Reihen der für die Freiheit Kämpfenden -verstärkten. Und bei diesem tröstenden Gedanken trat wieder das -glückliche Lächeln auf die Züge des schwer Atmenden, und eine neue -Ohnmacht umfing seine Sinne. - -Jetzt tauchte auch der galoppierende Reiter vor einer Biegung der -Straße auf und näherte sich rasch der Gruppe. Es war Konrad Hartmann. - -Schon von weitem winkte und rief er. Hastig sprang er vom Pferde -und fragte die schweigend Herumstehenden mit lauten Worten nach der -Ursache des Schusses, den er schon in weiter Ferne vernommen hatte. Mit -fliegendem Atem wurde er unterrichtet. Da fielen seine Augen auf den -wie in friedlicher Ruhe schlummernden Freund. Ein einziger Blick, und -er hatte alles verstanden. In heftigem Schmerze griff er mit beiden -Händen nach der Stirn und blieb eine Sekunde lang mit verhülltem -Antlitz stehen. Dann eilte er zu dem Liegenden, faßte ihn an der -Schulter und rüttelte sie und schrie dem Ohnmächtigen ins Ohr: - -»Vernimm erst noch, was ich Dir sage, mein Freund, es mag Dir eine -erquickende Zehrung auf die Reise sein!« - -Der Angerufene schlug langsam die Augen auf und sah den Freund -verständnisvoll an. - -»Die Sache steht gut,« rief Konrad ihm zu, »heute oder morgen werden -die deutschen Hörner beim Blasen der Siegesfanfaren zerspringen. Der -Blücher haut die Franzosen in Fetzen. Hörst Du’s, Max, der Blücher! Und -in den sächsischen Regimentern ist ein Tumult ausgebrochen. Sie wollen -nicht mehr für den Kaiser fechten, sondern zu den Preußen übergehen!« - -Da erstrahlten die schon brechenden Augen noch einmal in sonnigem -Leuchten, und der Sterbende nahm die rasch entfliehenden Kräfte -zusammen und sprach mit leiser, vernehmbarer Stimme: - -»Der Freihof gehört dem Hermann, und -- sagt’s der Mutter, -- der -Schimpf ist getilgt!« - -Dann fiel der während der letzten Worte mühsam gehobene Kopf wieder in -Mutter Lehnhardts Schoß zurück, und ein tiefer Seufzer entrang sich den -bleichen Lippen. Konrad ließ sich neben dem Freunde auf das Knie nieder -und drückte ihm leise die Augen zu, während die Umstehenden in tiefer -Ergriffenheit die Blicke zu Boden schlugen. - - * * * * * - -Vorwärts, soweit das Auge reichte, dehnte sich die weite Ebene von -Leipzig aus. Obwohl die Erde von dem Flammenkuß des leuchtenden -Tagesgestirns eben erst erwacht war, stiegen pyramidengleich schon -durchsichtige Staubwolken zum Himmel empor, deren düsteres Grau, -durchglänzt von dem leuchtenden Gold der Sonnenstrahlen, sich mit -der tiefblauen Färbung des Äthers vermählte. Das waren die ersten -Anzeichen, daß der Aufmarsch der Regimenter von Freund und Feind zur -Schlacht nach dem gestrigen Tage der Ruhe begonnen hatte. Als wenn -ein ungeheures Wesen seine tausendfach gegliederten, tausend Arme zu -gleicher Zeit rege. Zum letzten Male rauschte der Vorhang des großen -Schlachtentheaters in die Höhe, -- morgen fiel er, und hinter ihm -sank einer der gewaltigsten Abschnitte deutscher Geschichte hinab in -das Meer der Weltgeschichte! Die eisernen Würfel rollten um alles -über die zerstampften, blutgetränkten Gefilde Leipzigs und warfen für -Deutschland achtzehn Augen. Einer der Großen der Erde wurde von dem -wandelbaren Geschick, nachdem es den beispiellosen, sieghaften Aufflug -seines Genies lange Zeit wunderbar behütet hatte, in diesen Tagen -verlassen. - -Aber selbst sein Volk vermag ihm bei dem Heraufsteigen seiner Manen nur -Bewunderung gemischt mit Grausen zu zollen; eine höhere Empfindung kann -das menschliche Herz für ihn nicht bewegen. Sein Lebensschiff trieb auf -einer Woge von Blut und bittern Tränen. Denn er war ein Zerstörender, -Niederreißender. Der aber, dessen Lebensfaden Klotho kaum zwei Jahre -darauf zu spinnen begann, und dessen Genius später in Deutschland -wie ein leuchtendes Phänomen langsam emporstieg, bis es, wie einst -jenes, über die ganze Erde hinweg gesehen ward, dieser Große war ein -Aufbauender, Schaffender! Anfangs alle bis auf seinen König zum Gegner, -schlug die Stimmung infolge seines weitschauenden Wirkens und seiner -kühnen und von glänzendem Gelingen gekrönten Taten allmählich um, und -aus den heftigsten seiner Widersacher von einst wurden unwandelbare -Verehrer seines Kurses. Aus einem Wirrwarr sich heftig befehdender -Kräfte erstarkte unter seinem Einfluß ein bewußtes Streben nach -nationalen Hochzielen, und der nie ganz ausgeklungene, märchenschöne -Traum trat endlich in plastischer Schärfe wieder vor die Seele des -ungestüm seine Verwirklichung fordernden deutschen Volkes: der große, -der gewaltige, -- der Kaisergedanke! - -Und als nach Jahren brausender Gährung der einstmalige Tummelplatz -hoher Ideen und doch gleichzeitig engherziger Empfindungen ihm für -sein Riesenwerk hinreichend bestellt erschien, da schweißte der -Titan mit weit über Europas Grenzen hinaus hallenden Hammerschlägen -das zerstückelte Deutschland zusammen. Hinter dem schwärzlich sich -ballenden Rauche der dröhnenden Kanonen stieg die schimmernde -Morgenröte des neuen deutschen Reiches verheißungsvoll empor, und -in das Wimmern und Ächzen der Verwundeten, in das Seufzen und Beten -der Sterbenden mischten sich Posaunentöne, feierlicher Glockenklang -und der stürmische Jubel der Ueberlebenden, denn Deutschland hatte, -ja es hatte wieder -- einen Kaiser! Zweimal führte der Erzfeind im -Schilde, Deutschland zu zersplittern und zu vernichten, und zweimal -ging es siegreich und schließlich geeint und in seinen höchsten -Idealen erstarkt aus dem aufgezwungenen Kampfe hervor. Wie später auf -Frankreichs Boden, gingen damals auf dem grünen Plane vor Sachsens -alter Lindenstadt Tausende deutscher Männer und Jünglinge freudig in -den Tod. Sie starben, um kommenden Geschlechtern die Freiheit und -Unabhängigkeit des Heimatbodens zu sichern. - -Heil, dreimal Heil, dir mein deutsches Vaterland, zu solchen -Heldensöhnen! -- - -Da sprang der Rabensteiner auf. Sein Gesicht war mit hellem Rot -übergossen, und sein Auge glühte in edlem Feuer: - -»Was steht Ihr noch länger müßig? Hebt den Leichnam auf, tragt ihn -hinab ins Trauerhaus und tröstet die tiefgebeugte Mutter. Dann aber -eilet von Hof zu Hof, von Haus zu Haus und fordert die Männer, die -Frauen und Kinder auf zur Totenschau, auf daß mit Tränen der Wehmut und -des Stolzes reichlich genetzt werde der gemeinsame Hügel, unter dem -zwei Helden schlummern, die für ihre Ehre und die deutsche Freiheit in -den Tod gingen.« - -Dann stellte er sich vor die Männer: - -»Euerm Führer war es als Ersten vergönnt, für die heilige Sache sein -Herzblut dahinzugeben. Wohlan, Freunde,« fügte er frohlockend hinzu, -»so laßt es nun mich sein, der Euch den Weg weist, zu den siegenden -Fahnen der deutschen Brüder!« - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Sonst - wurde die teilweise uneinheitliche Schreibweise, insbesonde der - großen Umlaute, wie im Original beibehalten. - - Korrekturen: - - S. 231: bekommenen → beklommenen - ohne den {beklommenen} Eindruck der Seele - - S. 325: Sternschuppen → Sternschnuppen - zerflattern wieder wie {Sternschnuppen} - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HERR, MACH' UNS FREI! *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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