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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-01-27 13:52:36 -0800 |
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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Der Spanier - Novelle - -Author: Gustav Falke - -Illustrator: Carl Weidemeyer - -Release Date: October 27, 2019 [EBook #60583] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPANIER *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - - - - - - - - - - DER SPANIER - - NOVELLE VON - GUSTAV FALKE - - [Illustration] - - 1910 - G. GROTE'SCHE - VERLAGSBUCHHANDLUNG·BERLIN - - - - - Übersetzungsrecht wird vorbehalten - Buchschmuck von Carl Weidemeyer - Druck von Poeschel & Trepte, Leipzig - - - - -DER SPANIER - - - - -[Illustration] - - - - -1. KAPITEL. - - -Auf und ab flog die Schaukel, und Blanche, in weißem Kleide, ganz in Sonne -gehüllt, stand aufrecht darin und konnte sich nicht genug tun. Immer höher! -Immer höher! War das eine Lust! - -Die Schaukel kreischte in den Angeln, und Blanche fand eine zeitlang an -dieser barbarischen Musik Vergnügen. - -Wie eine lichte Elfe flog sie zwischen all dem Sonnenschein auf und ab, -beständig von weißen Taubenflügeln umspielt. Die dummen und gierigen -Geschöpfe flatterten immer wieder von der Dachtraufe, oder der Laube, -oder dem Taubenschlag auf die Erde, um dort nach irgend etwas, was ihren -Schnabel reizte, zu picken, und alsbald, von der vorübersausenden Schaukel -erschreckt, wieder lärmend aufzuschwirren. Es waren ihrer zwanzig, alle -schneeweiß mit roten Füßen und roten Schnäbeln, und leuchteten in der -Frühlingssonne, wie Blanche in ihrem weißen Kleide. Der ganze Frühling war -weiß und leuchtete. Aus dem Garten schimmerten die schneeigen Kronen der -vielen Obstbäume, und die hohe Bretterwand der Schaukel gegenüber war ganz -und gar mit Pfirsichblüten bedeckt; ein zartes Rosa, wie auf den Wangen der -kleinen Blanche. - -Wie schön waren doch diese Tage! Es war nicht mehr das erste Knospen, das -die Vorfrühlingstage so unendlich reizvoll macht, die Vorfrühlingstage, wo -man still, mit einem erwartungsvollen Lächeln, durch den Garten geht, zart -und zärtlich die kleinen winzigen Knospenkinder anblickt und fast behutsam -auftritt, als könnte man irgend etwas stören, und die ganze erwartete -Seligkeit könnte ausbleiben; es war jetzt nichts mehr zu erwarten, es war -schon alles da, der ganze, volle Frühling. Wie in einem Rausch hatte sich -die Natur erschlossen; ein Blühen und Duften war es, und die Luft schwirrte -von den Flügeln der kleinen Insekten, die um die Honigtüten summten, und -den Blütenstaub von Blume zu Blume trugen. Und über dem Allen wölbte sich -ein reiner, lichtblauer Himmel, durch den nur ein einziges weißes Wölkchen -wie in seliger Verträumtheit dahin schwamm. - -Über dem Pfirsichspalier tauchte jetzt ein blonder Knabenkopf auf, ein -längliches, blasses Gesicht mit einer Pagenfrisur. - -»Lux! Lux! komm schnell einmal herüber!« rief Blanche. »Ich habe dir etwas -Neues zu erzählen!« - -Sofort verschwand der Pagenkopf wieder, und Blanche sprang aus der -Schaukel. Ohne sich zu besinnen, lief sie durch die Pforte eines niedrigen, -grün gestrichenen Holzgitters, das Hof und Spielplatz gegen den Garten -abschloß, und ging dann ein wenig langsamer einen schmalen Steig hinunter, -den zu beiden Seiten die schlanken Stämmchen junger blühender Pflaumenbäume -einfaßten. Dahinter erstreckten sich rechts und links sauber abgezirkelte -Gemüsebeete, gegen den Steig von einer schmalen Blumenrabatte begrenzt, auf -der gelbe Tazetten, weiße Narzissen und blaue Iriskelche still in der Sonne -standen und sich von einigen gewöhnlichen Kohlweißlingen den Hof machen -ließen. - -Bei einem alten Dornbusch, dessen phantastisch gewundene Äste weit -ausgriffen und eine roh aus Holz gezimmerte Bank überschatteten, und in -dessen weißem Blütendach unzählige Sperlinge zankten, bog der Steig nach -rechts um und lief hart an der Grenze des Gartens weiter. Hier befand sich -in einer wohlgepflegten Ligusterhecke eine schmale Pforte, durch welche die -Nachbarkinder miteinander verkehrten. An ihr erschien nun Lux mit fragenden -Augen und etwas erhitztem Gesicht; er hatte laufen müssen, um gleichzeitig -mit Blanche einzutreffen, denn der Nachbargarten, mehr Zier- und -Lustanlage, hatte gewundenere Wege. - -Blanche winkte mit einem kurzen Ruck ihres hübschen Köpfchens den Knaben -herüber, und er trat durch die schmale Pforte an ihre Seite. Sie gaben sich -stumm die Hände, sahen sich einen Augenblick mit Wohlgefallen an und gingen -dann Hand in Hand tiefer in den Garten hinein. Sie gewahrten nicht, daß -sich nebenan ein schlanker, ernster Mann mit schwarzem Vollbart ein wenig -aus einem niedrigen Strandstuhl vorbeugte, das Buch, in dem er gelesen -hatte, einen Augenblick auf den Knien ruhen ließ, und ihnen mit einem -leisen Lächeln in den sinnenden Augen nachblickte. - -Der Weg führte die Kinder in eine parkartige Anlage, wo dann ein schmales, -schnellfließendes Bächlein die Grenze des Besitzes bildete. Jenseits dehnte -sich eine schöne, von hohen Bäumen umsäumte Wiese aus; die gehörte zu einem -Bauernhof, dessen Gebäude unter und zwischen den dichten, dunkellaubigen -Baumwipfeln sichtbar wurden. - -An diesem Bächlein ließen sich die Kinder nieder. Es stand hier, auf -einer kleinen künstlichen Erhöhung des Ufers, ein fünfeckiger, mit Stroh -bedeckter Pavillon. Seine drei Bänke boten einen behaglichen Ruhesitz und -einen beschaulichen Blick auf das grüne Wiesenbild, dem jetzt die ersten -Hundeblumen ihre unzähligen goldenen Sterne eingestickt hatten. Aber nicht -auf eine dieser einladenden Bänke setzten sich Blanche und Lux, sondern -auf ein paar rohe Holzstufen, die zum Wasser hinabführten. Und nicht eher -begann Blanche die Spannung ihres Freundes zu lösen, als bis sie es sich -auf diesem primitiven Sitz völlig bequem gemacht hatte. - -»Rate mal, was wir bekommen,« begann sie kindlich und lebhaft. - -»Einen Bernhardiner,« rief Lux, der den Lieblingswunsch seiner kleinen -Freundin wohl kannte. - -»Nein, ganz etwas anderes!« - -»Was schöneres noch?« - -»Du rätst es doch nicht. Besuch bekommen wir. Und rate mal von wem.« - -Lux sah sie hilflos an. - -»Von einem Spanier!« trumpfte Blanche heraus und legte den Kopf ein wenig -zurück, um sich an der Wirkung ihrer Worte zu weiden. - -»Ein Spanier?« fragte Lux voller Verwunderung. »Wie heißt er?« - -»Den Namen habe ich vergessen. Aber er ist der Sohn von Papas -Geschäftsfreund und soll hier die Schule besuchen.« - -Lux schwieg und sah aufs Wasser, das in kleinen, hastigen Wellen vorüber -lief. Es war seine Art, zu verstummen, wenn ihn etwas innerlich sehr -bewegte. - -»Ist er schon groß?« fragte er langsam. - -»Er ist ein halbes Jahr älter als du,« sagte Blanche. »Ich freue mich -furchtbar darauf. Denke dir, wie nett wir dann zusammen spielen können.« - -»Spricht er denn deutsch?« - -»Ich glaube. Aber wenn nicht, so wird er es doch lernen. Wie könnte er -sonst hier die Schule besuchen.« - -Lux unterdrückte einen kleinen Seufzer. Er wußte selbst nicht, warum er -sich zu dem neuen Kameraden nicht freuen konnte. - -»Die Schule hat doch schon angefangen,« sagte er. - -»Das macht nichts. Er soll erst zu Michaelis eintreten, bis dahin soll er -sich hier einleben und an uns gewöhnen, sagt Mama.« - -»So kommt er bald?« - -»In acht Tagen. Denke, wie schön!« - -Lux stand langsam auf. - -»Du scheinst dich gar nicht ein bischen zu freuen,« sagte Blanche -vorwurfsvoll. - -»O doch!« stieß Lux hastig heraus und errötete heftig. »Ich freue mich -schon. Ich habe nur so eine Angst, -- daß ich nicht spanisch verstehe. -Und dann sind Spanier immer so wild, weißt du. Es sind doch ganz andere -Menschen als wir. Sie sind ganz braun, glaube ich.« - -»Das tut doch nichts!« - -»O nein, im Gegenteil,« versicherte Lux. - -Blanche war sitzen geblieben, neigte sich ein wenig nach vorn und ließ ihr -schönes blondes Haar übers Gesicht fallen. Wie ein Nixchen sah ihr Bild aus -dem Wasser zurück, und sie ergötzte sich in unschuldiger Eitelkeit daran. - -»Fall nicht ins Wasser,« warnte Lux besorgt. - -»Und wenn?« fragte sie. »Es ist nicht tief hier. Du meinst wohl, ich -ertrinke wieder wie damals. Aber dazu bin ich doch schon zu groß.« - -»Damals wärst du freilich bald ertrunken,« sagte er mit einem leisen -Schauder in der Stimme. »Aber Papa war in der Nähe und konnte dich retten.« - -»Heute käme ich allein wieder ans Land. Soll ich mal?« - -Sie streckte die schlanken, weiß bestrumpften Beine aus, als wollte sie -direkt in den Bach steigen. - -»Du bist imstande, es zu tun.« - -Blanche lachte selbstbewußt, als wäre sie noch zu ganz anderen Streichen -fähig, erhob sich aber doch und meinte: »Ich finde es langweilig hier, ich -gehe wieder schaukeln.« - -Nicht mehr Hand in Hand, sondern Lux in einigem Abstand hinter dem Mädchen, -gingen sie wieder den Steig hinauf. Ein leiser Windstoß fuhr durch die -Zweige der Obstbäume und streute einen leichten Schnee weißer Blütenblätter -über Blanche aus; sie schüttelte sich lachend und sprang, wie fliehend, ein -paar lustige Sätze voraus. - -Bei dem Heckenpförtchen zögerte sie ein wenig. - -»Kommst du mit?« fragte sie halb über die Schulter zurück. - -Der Knabe besann sich. - -»Ich muß zu Papa,« sagte er. - -Sie nickte ihm leicht zu und setzte ihren Weg fort, während er unschlüssig -das Pförtchen öffnete und ihr noch einen schnellen Blick nachwarf, bevor -er hindurch schritt. Er sah suchend umher, entdeckte den Vater auf seinem -Strandstuhl und lief zu ihm. - - - - -[Illustration] - - - - -2. KAPITEL. - - -Dr. Irmler war ein wohlhabender Privatdozent, der alle seine Zeit, die ihm -seine Studien ließen, der Erziehung seines einzigen Sohnes widmete. Seine -Frau war früh gestorben, und das Kind, ein schöner blonder Knabe, den die -Eltern im Übermaß ihres Glückes Lux getauft hatten, war nun das einzige -Licht in seinem verdüsterten Leben. Er hatte seine Frau sehr lieb gehabt, -hatte lange um die Schöne und Herzensfeine geworben und sah sich nun, kaum -im Besitz des erstrebten Glückes, desselben wieder grausam beraubt. Er war -ganz zerschmettert, und nur der Gedanke an seinen Sohn hielt ihn noch am -Leben. Er zog sich mit ihm und einer alten Haushälterin aus dem lauten -Getriebe der großen Stadt in ländliche Stille und Einsamkeit zurück. - -In seinem Gartenhäuschen, von dessen Terrasse aus er den Anblick -strohbedeckter Bauernhäuser, mit bunten Rindern bevölkerten Weidelandes und -die Schönheit alter Buchen- und Eichenstände genoß, umgab ihn ein Friede, -der seinem kranken Gemüt wohltat, und eine Ruhe, die ihm bald zum Bedürfnis -wurde. Mit der stillen Freude und dem ernsthaften Interesse des Gelehrten -widmete er sich seinem Garten, der eine Fülle auserlesener Blumen und -Sträucher aufwies, und dem das fließende Grenzbächlein und die baumreiche -Umgebung auch einen landschaftlichen Reiz verliehen. - -Hier liebte er es an schönen Tagen, sich in den Schatten selbstgepflanzter -Obstbäume mit einem Buch zurückzuziehen und sich dabei eines schlichten, -niedrigen Strandstuhles zu bedienen, in dem einst, im letzten Sommer ihrer -kurzen Ehe, die geliebte Frau am Strande der Ostsee täglich geruht hatte. -Wie glücklich wäre sie gewesen, inmitten dieser Gartenfreude mit ihrer -zarten Blumenseele walten und wirken zu dürfen. Warum hatte er nicht schon -früher das Opfer gebracht und war mit ihr der großen Stadt entflohen? -Damals meinte er, die Nähe der Bibliothek und anderer Bildungsmittel nicht -entbehren zu können; und jetzt ging es doch, und er fühlte sich sogar -wohler und zufriedener dabei. Und nötigenfalls konnte er in einer kleinen -Stunde in der Stadt sein, der er immer so bald als möglich wieder entfloh. - -Ein Trost war ihm, daß nun wenigstens Lux die Wohltat dieses ländlichen -Aufenthaltes genoß, und daß der zarte, ganz der Mutter ähnliche Knabe in -der gesunden Luft gut gedieh und sich zusehends kräftigte. Daß er ihn, ohne -es zu wollen, ein wenig verzärtelte, kam ihm nicht zum Bewußtsein; war es -doch natürlich, daß er alle seine Liebe jetzt dem Sohne zuwandte. - -Wohl dachte er manchmal, ob nicht die alte Haushälterin, eine verständige, -herzenstüchtige Person, vielleicht etwas zu nachgiebig gegen den -Gutherzigen und Einschmeichlerischen wäre. Auch ginge Lux, der ohne -gleichaltrige Nachbarskinder einsam zwischen ihm, dem stillen, viel -arbeitenden Gelehrten und einer alten Frau aufwuchs, der Vorteile einer -härteren Knabenzucht verlustig. Aber er sah keinen Weg, es zu ändern; denn -nie hätte er sich entschlossen, den Knaben von sich zu geben, und ihn in -ein Erziehungsinstitut zu tun. - -Da war es für ihn von besonderem Interesse, als es hieß, das -Nachbargrundstück sei verkauft worden, und es wolle sich ein reicher -Kaufmann dort eine Villa bauen. Das konnte einen Verlust für ihn bedeuten, -aber auch einen Gewinn. Der Friede seiner ländlichen Beschaulichkeit -brauchte nicht notwendig dadurch gestört zu werden, wohl aber die Stille -und Einsamkeit; vielleicht nahte eine laute Kinderschar mit den neuen -Nachbarn. Für Lux könnte das freilich Nutzen bringen. Und er wünschte sich -zuletzt, der Kaufmann möchte nicht ohne Kinder sein, und zwar möchten es -Knaben sein, die im Alter zu seinem Sohne paßten. - -Da war er denn zuerst wirklich enttäuscht, als er hörte, jenes Ehepaar -besäße nur ein einziges Töchterlein von drei Jahren, tröstete sich aber -dann bei dem Gedanken, daß er von einem so kleinen Wesen viel Störung -seines Haus- und Gartenfriedens nicht zu gewärtigen haben würde. - -Das Vermessen und Graben und Bauen auf dem Nachbargrundstück begann. -Dr. Irmler machte von weitem die Bekanntschaft des Bauherrn, eines noch -jüngeren Mannes von sympathischem Aussehen, der fleißig kam, um nach dem -Rechten zu sehen, und sah auch einmal an seinem Arm die junge Frau. Die -Leute gefielen ihm wohl, soweit die äußere Erscheinung nicht täuschte, und -da er sah, daß mit Geschmack und ohne Kärglichkeit gebaut wurde, und daß -ein tüchtiger Fachmann die gärtnerischen Anlagen leitete, söhnte er sich -mit dem Gedanken, so nahe Nachbarschaft zu bekommen, aus und versprach sich -sogar mancherlei Gutes davon, denn er gehörte zu den Leuten, die das Böse -und Widerwärtige weniger in ihre Rechnung stellen, weil sie mit ihren -Gedanken immer nur im Guten und Reinen leben. - -Der Bau, der bei günstiger Jahreszeit rüstig gefördert worden war, stand im -September zum Beziehen fertig da. Es dauerte nicht lange, da rückten auch -schon die Besitzer ein, um noch ein paar Wochen des schönen Spätsommers in -dem neuen Gartenheim genießen zu können. - -Dr. Irmler empfing ihren Besuch an einem freundlichen Sonntag. - -»Da wir nur das Eine haben, entschuldigen Sie wohl, daß wir uns Ihnen -gleich vollzählig vorstellen,« sagte die junge Frau mit einer gewinnenden, -liebenswürdigen Schlichtheit. - -»Gib auch hübsch dein Händchen, Blanche.« - -Dr. Irmler hielt das kleine Händchen einen Augenblick in der seinen und -dachte, »welch ein schönes Kind!« - -In der Tat war das kleine Wesen von holdem Liebreiz. Lange, seidenweiche -Haare von einem seltenen Blond umrahmten ein Engelsgesichtchen, aus dem -eine unbefangene Schelmerei lächelte; sie spielte um den kleinen zierlichen -Mund und blitzte aus den hellen blauen Augen. - -Er verglich das Gesichtchen mit dem der Mutter und stellte eine Ähnlichkeit -fest. - -»Siehst du, Rudi,« sagte die junge Frau, und zu Dr. Irmler gewandt, setzte -sie hinzu: - -»Er bildet sich nämlich ein, das Kind hätte alles Gute von ihm.« - -Es entstand ein kleiner scherzhaft geführter Streit, den die Mutter mit der -Anerkennung beschloß, daß die kleine Blanche in der Tat viel von dem -Wesen ihres Vaters habe und eigentlich »ein kleiner Racker« sei; »aber ein -süßer,« fügte sie hinzu und zog die Kleine zärtlich an sich. - -Inzwischen war Lux herbeigerufen worden und näherte sich den Fremden mit -knabenhafter Scheu. Auf die kleine Blanche warf er einen verschämten Blick -und reichte ihr auf Aufforderung seine kühlen Fingerspitzen. Sie hingegen -begrüßte ihn mit großen unbefangenen Augen und einem zutraulichen Lächeln, -das aber gar keinen Eindruck auf ihn zu machen schien; er zog sich vielmehr -hinter den Stuhl seines Vaters zurück. Dr. Irmler holte ihn jedoch wieder -hervor, zog ihn an seine Seite, und legte fast unbewußt den Arm um seinen -Nacken. So geborgen, musterte Lux etwas dreister die kleine Nachbarin. Wie -niedlich ihr das weiße Atlashäubchen stand, unter dem das goldene Haar so -reich hervorquoll. Und wie hübsch sie angezogen war. Ein blaues Jäckchen -mit weißem Seidenfutter war jedenfalls noch ganz neu. Und wie unbefangen -sie sich gab, als ob sie hier zuhause wäre. Das wollte ihn eigentlich -ärgern, aber es kam nicht dazu, weil sie eben so niedlich war. - -Als sich der Besuch verabschiedete, gab er der Kleinen aus eigenem Antriebe -die Hand. - -»Ist sie nicht süß, Papa?« sagte er ganz enthusiastisch, als sie allein -waren. - -»Gefällt sie dir?« fragte Dr. Irmler belustigt. - -Lux antwortete nicht. Aber den Rest des Tages trieb er sich im Garten -umher, und zwar an der Heckenseite, und warf suchende Blicke in den -Nachbargarten. Einmal hörte er ihre Stimme, die kam aber von daher, wo in -der Nähe des Hauses die beiden Grundstücke durch die hohe Spalierplanke -getrennt waren, an der Dr. Irmler seine herrlichen Pfirsiche zog. - -Wäre doch ein Loch in der Planke, dachte Lux. Aber sie war so solide -gefugt, daß sie nicht ein Ritzchen zum Durchgucken bot. - -»Ach was!« tröstete er sich, »du wirst das kleine niedliche Mädchen oft -genug sehen.« - -In der Tat sah er es fast täglich im Garten, so lange das schöne Wetter -anhielt. Dr. Irmler hatte seinen Gegenbesuch gemacht, und es hatte sich -schnell ein nachbarliches Verhältnis angebahnt. Freilich beschränkte es -sich auf einen teilnehmenden Verkehr über den Zaun hinüber, und der Herbst -kam, ohne daß eine größere Annäherung, auch nicht zwischen den Kindern, -stattgefunden hatte. - -Die Eltern der kleinen Blanche waren noch zu sehr mit sich selbst -beschäftigt. Vieles war noch zu vervollkommnen, und mit dem Fertigen -mußte man sich näher vertraut machen, um es zu besitzen. Neue Wege wurden -angelegt, ein Pavillon am Bach erbaut, und hier und da noch ein Obstbaum -oder ein Ziergesträuch gepflanzt, soweit es die Jahreszeit erlaubte. Mit -Eifer beschickte Frau Elisabeth manches selbst im Garten, wobei sie einmal -wegen eines jungen Obstbäumchens, mit dem sie nicht recht hin wußte, Dr. -Irmlers freundlichen Rat in Anspruch nahm. - -So vergingen geschäftige Wochen, und man hatte für die Nachbarn nicht viel -Zeit übrig. Blanche war fast nie allein im Garten. Entweder war die Mutter -bei ihr, oder das Kindermädchen, und Lux konnte nur von weitem seine kleine -Freundin bewundern, da niemand ihn rief. - -Da sollte der rauhe Herbst das Band, das der schöne Sommer nur -lose verschlungen hatte, fester knüpfen. Mit Heftigkeit setzten die -Oktoberstürme ein, es wurde früh kalt und naß, die jungen Bäumchen standen -bald kahl, und der Bach hinterm Garten kräuselte nicht mehr friedlich seine -klaren Wellen, sondern eilte hastig, wie erzürnt, vorüber und führte viel -welkes Laub mit sich. Mit Erstaunen sahen die neuen Anwohner, wie schnell -ein einziger, anhaltender Platzregen das schmale Bett des Bächleins mit -schäumenden, gurgelnden Wassermassen füllte, und wie das zum reißenden -Strom gewordene, über seine Ufer getretene, die Weidenböschungen nicht -achtende, die drüben liegenden Wiesen zu einem kleinen See machte, auf dem -tausend winzige Wellchen zitterten, und aus dem hier und da ein Hügelchen, -wie eine einsame Grasinsel melancholisch herausragte. - -Ein solches Schauspiel war der kleinen Blanche, die in der letzten Zeit -schon einige selbständige Entdeckungsreisen gemacht hatte, verhängnisvoll -geworden. Die Gefahr nicht kennend, hatte sie sich zu nahe gewagt, war auf -dem schlüpferigen Boden ausgeglitten und wurde schon von dem wirbelnden -Wasser, in dem sie sich vergeblich festen Fuß zu fassen bemühte, -fortgerissen, als Dr. Irmler, von ihrem erstickten Schrei aufgeschreckt, -sie erblickte. Er war im Begriff gewesen, zwischen dem Bach und seinem -kleinen Karpfenteich einen niedrigen Erdwall aufzuwerfen, da das Wasser den -trennenden Steig zu überfluten drohte. Irgend ein Rettungsinstrument, eine -Stange, ein Haken, war nicht zur Hand. Eine Harke schon hätte genügt, -aber sein Spaten erwies sich zu kurz. Schnell entschlossen eilte er die -überfluteten Stufen hinab in das wogende Wasser, das ihm bis an die Brust -stieg, und erhaschte die schon bewußtlose Blanche an ihrem Kleidchen, als -sie gerade an der Treppe vorbei trieb. Auf dem Trocknen kam sie schnell -wieder zu sich, schlug die Augen auf und fing an, jämmerlich zu weinen. -Das triefende Kind auf den Armen, selbst triefend, lief er durch den ganzen -Garten, umsonst eine Stelle in der Ligusterhecke suchend, wo er hätte -durchbrechen können, um das Nachbarhaus schneller zu erreichen. - -Die erschreckte Mutter nahm ihr Töchterchen mit Jammern und Klagen und -überströmendem Dank gegen den Retter in Empfang. Die Kleine wurde eiligst -ins warme Bett gebracht, das sie aber am Nachmittage schon wieder verlassen -wollte; sie war diesmal mit dem Schrecken davongekommen, und auch Dr. -Irmler hatte außer einem mehrtägigen Schnupfen weiter keine Nachteile -von diesem unfreiwilligen Bade. Wohl aber diente dieser Vorfall dazu, die -Nachbarn noch näher zueinander zu führen und ein Verhältnis einzuleiten, -das sich dann mehr und mehr zur Freundschaft auswuchs. Daß der Zugang -zum Bach mit einer schützenden Pforte gesichert wurde, versteht sich von -selbst. Auch wurde es Blanche auf das strengste verboten, je wieder allein -ans Wasser zu gehen. - -Lux, der mit kindlichem Erschrecken von dem Unglück der kleinen Nachbarin -gehört hatte, zeigte nichts von dem Glücksgefühl, das ihn erfüllte, als er -von dem guten Ausgang hörte und Blanche am anderen Tage wieder im Garten -sah. Er hütete ängstlich sein keusches Geheimnis, das zärtliche Gefühl, -das er für sie empfand. Wurde nur ihr Name genannt, schlug sein Knabenherz -schon höher, und hörte er ihre Stimme von drüben herüberschallen, blieb er -wohl erst im wunderlichen Schrecken stehen, bis er sich verschämt getraute, -nach ihr auszuschauen. Wie glücklich war er daher, als von diesem Tage an -die Beziehungen zum Nachbarhause inniger wurden. - -Blanche war von ihrer Mutter angehalten worden, dem Herrn Doktor zu danken -und nach seinem Befinden zu fragen. Sie hatte es ohne Scheu getan. »Was -macht denn dein Schnupfen?« hatte sie kindlich gefragt und hatte sich sehr -befriedigt mit einem geschenkten, rotbackigen Apfel wieder zurückgezogen. -Dieser Apfel steigerte ihr Zutrauen und vermehrte ihre kindliche -Begehrlichkeit. - -Der »Onkel Doktor«, wie sie ihn bald nannte, hatte eine reiche Ernte von -seinen älteren, gutgepflegten Obstbäumen im Keller, während die jungen -Bäumchen im eigenen Garten ja erst tragen sollten. Da suchte denn Blanche -oft ein Gespräch mit dem »Onkel« anzuknüpfen, immer mit dem Gedanken an -einen Apfel; und da Dr. Irmler darauf hielt, daß Lux täglich sein Obst -bekam, so fiel manche saftige Frucht auch in ihre kleine Hand. - -Den größten Gewinn hatte Lux von dieser Annäherung: Nicht nur, daß sein -Vater an Blanche Gefallen fand, und das lachende, sonnige Kind manchmal -über die Hecke herüber in seinen Garten hob, auch die Mutter seiner -kleinen Freundin tat sich gegen Lux auf, in dem Gefühl, dem Retter ihres -Töchterchens ihre Erkenntlichkeit nicht besser zeigen zu können, als indem -sie lieb und gütig mit seinem Knaben war. - -Es kam dazu, daß auch die Väter Gefallen aneinander fanden und sich -schätzen und ergänzen lernten, der ernste stille Gelehrte und der lebhafte, -kluge und welterfahrene Kaufmann. Da gab es denn nach Feierabend manche -Stunde traulichen Beisammenseins in anregendem Gespräch. Die Kinder -spielten bald täglich zusammen; und schließlich wurde als äußeres Zeichen -eines so nahen Verkehrs ein Zugangspförtchen von einem zum anderen Garten -in der Ligusterhecke angebracht. - -Wie Blanche zu Dr. Irmler Onkel sagte, so nannte nun auch Lux die Eltern -seiner kleinen Freundin Onkel und Tante und hatte besonders ein Herz für -die immer freundliche und heitere Tante. Ohne Mutter aufgewachsen, nur von -der alten grobknochigen Magdalene betreut, war es ihm ein nie gekanntes -Gefühl, als zum ersten Male ein weicher Frauenarm sich mit Zärtlichkeit -um ihn legte und ihn mütterlich an sich zog, und als eine weiche, schlanke -Hand ihn streichelte. Die Hände der alten Hüterin waren hart und knochig, -und die Liebe, die sie zu ihm im Herzen trug, war spröde und gab sich -nur gelegentlich in kleinen Zügen zu erkennen. Ach, wie gut hatte es doch -Blanche dagegen! Er beneidete sie. Doch mißgönnte er es ihr darum nicht, -denn wer verdiente mehr eine solche Mutter, als Blanche. Dr. Irmler merkte -wohl, was in der Seele seines Knaben vorging und dankte Frau Elisabeth in -seinem Herzen dafür. - -So wuchsen denn die Kinder fast wie Bruder und Schwester miteinander auf, -und die Jahre gingen dahin. Die neugepflanzten Obstbäume gediehen und -ragten jedes Jahr höher und früchteschwerer über den bunten Flor der Blumen -und Stauden empor, die Ligusterhecke, fleißig gepflegt und unter der -Zucht der Schere gehalten, wurde immer breiter und dichter, und das kleine -Pförtchen darin stand oft tagelang offen. - -Dann brachte die Schulpflicht den Kindern eine Einschränkung ihrer -köstlichen Freiheit. Lux war der erste, der die Schulmappe auf den Rücken -nehmen mußte. Er gewann an Ansehen bei Blanche. Sie war stolz auf einen -Freund, der schon lesen lernte und Buchstaben malen konnte, und sie war -gelehrig im Nachahmen dessen, was er frisch aus dem Unterricht mit nach -Hause brachte. So lernte sie mit ihm und von ihm. - -»Was haben wir heute auf?« - -Mit dieser Frage stürmte sie ihm schon entgegen, wenn er aus der Schule -nachhause kam. - -»Eine Seite ei schreiben und die Wörter auf Seite 10 buchstabieren.« - -»Weiter nichts? Ach wie leicht ist das doch alles? Ich dachte mir die -Schule viel schwerer.« - -Dieses kindliche, spielende Lernen, das die verständigen Eltern nicht -gestört, sondern gern unterstützt und gefördert hatten, hörte nun freilich -auf, als Blanche selbst in die Schule kam. Ach, wie groß war da zuerst -die Enttäuschung! Ein kleines Mädchen hatte ja ganz andere Bücher als ein -Knabe. Und alles war anders. Nun konnten sie nicht mehr zusammen arbeiten; -jeder saß für sich und mühte sich, und waren sie fertig, konnten sie es -nicht einmal miteinander vergleichen. Blanche konnte wohl ihre Arbeit dem -Freund zeigen; aber dann ereignete es sich oft, daß die Lehrerin anders -gesagt hatte, als wie Lux es zu verstehen meinte, und daß Blanche irre -wurde. Dann mußte Frau Elisabeth alles wieder ins Gleiche bringen. - -»Lux ist ein kluger kleiner Kerl, aber gib du nur immer recht acht, was die -Lehrerin sagt. Das ist für dich maßgebend. Knaben lernen manches anders als -kleine Mädchen.« - -Seitdem betrachtete Blanche ihren Freund mit anderen Augen. Er war ja ein -Knabe. Und die Jahre vergingen und brachten es mit sich, daß ihre -Spiele eine andere Färbung und Gestalt annahmen. Aber sie hielten -treue Kameradschaft und hatten sich gern. Lux war der Stille, Besonnene -geblieben, Blanche immer aufgeweckter, munterer und kecker geworden. -Hübsch war jedes von ihnen, und jedes schlank und blond, und Lux in seinem -vierzehnten Jahre nur eben einen halben Kopf größer als die dreizehnjährige -Blanche. - - - - -[Illustration] - - - - -3. KAPITEL. - - -Eines Tages brachte der Vater den kleinen Manuel Negros aus der Stadt -mit; er war ganz braun und hatte tief schwarze, glattanliegende, glänzende -Haare. - -»Wie klein er ist,« dachte Blanche. »Und ich meine, er ist noch ein halbes -Jahr älter als Lux.« - -Aber interessant war er. Und was er schon für Manieren hatte. Wie ein -junger Graf. - -Und diese Augen! Große schwarze, für gewöhnlich etwas verschleierte Augen, -die aber wieder ordentlich leuchten und funkeln konnten. - -Was Lux wohl zu dem neuen Kameraden sagen würde? Ob er ihm wohl »über« -wäre? Sehr stark sah der Spanier nicht aus; er war nicht größer als sie -selbst, höchstens eben so groß und war doch fast zwei ganze Jahre älter. - -Er hatte ihr zur Begrüßung die Hand gegeben, und sie hatte zögernd ihre -weiße Mädchenhand in die fremde, braune Knabenhand gelegt. - -»Guten Tag,« hatte er dabei mit gezierter, fremder Aussprache gesagt. - -Ob er denn schon deutsch sprechen könnte? Ein wenig, wie es schien. Das -war schön. So konnte man sich doch verständlich machen. Und wie drollig es -klang, wenn er sprach. Wie er das R rollte und jede Silbe betonte. - -Lux, der nicht ohne Beklemmung seiner Ankunft entgegengesehen hatte, fand -ihn sehr nett und atmete erleichtert auf. Der reichte ihm ja nur bis an die -Nasenspitze. - -Der kleine Fremde war ein wenig verlegen und musterte fast scheu den -größeren, blonden Knaben. Lux schlug einen gönnerhaften Ton an und -meinte, er solle sich nur nicht fürchten, sie würden schon gut miteinander -auskommen. - -»O nein, nicht fürchten,« sagte Manuel, und über sein feines, braunes -Gesicht lief ein hübsches Lächeln, und die dunklen Augen leuchteten auf. -»Ich spreche nur so schlecht die deutsche Sprache.« - -Lux und Blanche beruhigten ihn aus einem Munde, er spräche schon sehr nett, -und sie verständen alles, was er sage. - -»Findest Du ihn nicht auch niedlich?« fragte Blanche auf dem Schulweg. - -»Ich finde ihn sehr nett,« bestätigte Lux. - -»Ja, nicht wahr?« - -»Klein ist er ja nur.« - -»Ich hätte ihn mir ja auch ganz anders gedacht.« - -»Wie denn?« - -»Ja, anders, ganz anders.« - -Lux gab sich mit dieser Erklärung zufrieden und schwieg. - -»Adieu Blanche!« - -»Adieu Lux!« - -Sie gaben sich die Hände und schlugen jeder einen anderen Weg nach ihrer -Schule ein, beide mit allen Gedanken bei dem kleinen Manuel Negros. - -Der streifte indessen im Garten herum, machte von weitem die stumme -Bekanntschaft des Dr. Irmler und setzte sich im Pavillon auf die Bank -und dachte an Blanche. Der Abschied von seinem Vater war ihm wohl schwer -gefallen, doch war er nicht das erste Mal in der Fremde. Er war schon ein -halbes Jahr in Paris gewesen und wußte, daß auch dieses Jahr in Deutschland -nicht allzu langsam vorübergehen würde. Dann würde sein Vater ihn wieder -mit hinübernehmen in die Heimat. - -Unter afrikanischer Sonne war er aufgewachsen, in der Fremden-Kolonie von -Tanger, der marrokkanischen Stadt, und er sehnte sich dahin zurück, wo der -Himmel heller, die Luft wärmer, die Menschen lebhafter und die Tage bunter -und lauter waren. - -Hier aber war Blanche! - -Er hatte schon viele, viele kleine Mädchen gesehen und hatte zuhause eine -kleine Spielgenossin gehabt, ein arabisches Mädchen namens Nushat, die ein -paar Jahre älter war als er, und an der er leidenschaftlich hing, und von -der er sich nur mit Tränen hatte trennen können. Aber sie war drüben, und -wenn er wieder nachhause kommen würde, wäre sie erwachsen und vielleicht -gar nicht mehr da. - -Mit Blanche sollte er nun unter einem Dache leben, an einem Tische sitzen, -in diesem Garten mit ihr spielen, jeden Tag. Sollte hier in diesem Pavillon -mit ihr sitzen. Viele kleine Mädchen hatte er schon gesehen, aber noch -keine Blanche. Sie hatte ja goldene Haare, wie das reinste Gold leuchteten -sie. Und ihre Haut war wie der zarte Sammet weißer Rosenblätter. Und wie -niedlich sie lachte, und wie lustig ihre Augen waren. - -Ja, hier würde er schon aushalten. Der große Junge von nebenan war auch -freundlich zu ihm gewesen, wenn auch etwas schweigsam. Und er hatte einen -so forschenden Blick: Wer bist du eigentlich? Aber mit ihm hatte er ja -nichts zu schaffen, nur mit Blanche und ihren Eltern. Und die Erwachsenen -würden schon gut zu ihm sein. Wären sie es nicht, so würde er es einfach -seinem Vater schreiben, und der würde nicht dulden, daß man ihn schlecht -behandele. Nein, da hatte er keine Sorge. Und sie waren ja auch gleich -so freundlich zu ihm gewesen, vor allem die Hausfrau. Die hatte ihm den -Scheitel gestreichelt, und er hatte ihr die Hand geküßt, und sie hatte -darauf gelächelt. Dann hatte sie ihn selbst nach oben in sein Zimmer -geführt. Das war ein hübscher, freundlicher Raum mit einem Fenster nach dem -Garten hinaus. Von hier aus konnte er über alle Beete und Bäume hinwegsehen -bis an das Wäldchen, das sich in einiger Entfernung hinzog und dem Blick, -der bis dahin ungehindert über Wiesen und Kornfelder flog, Halt gebot. Und -von hier aus hatte er, als er seinen Koffer auspackte, Blanche durch den -Garten springen, an der kleinen Pforte in der Ligusterhecke stehen bleiben -und mit dem großen Nachbarjungen sprechen sehen. - -Während seine Gedanken auch jetzt bei Blanche waren, spielten seine Augen -mit den blanken Wellen des Bächleins, das mit leisem Glucksen flink vorüber -lief. So ein laufendes Wasser hatten sie zuhause nicht. Da waren nur -Brunnen und Zisternen und kleine schnell austrocknende Rinnsale. Aber wenn -er an den Hafen hinunter ging, da hatte er freilich das Meer, das große -blaue mittelländische Meer. - -Ach, das Meer! Er sah es vor sich. Unter strahlendem Himmel dehnte es sich -aus, weit, weit, bis an den silbernen Horizont, wo es sich mit dem Himmel -in einer zitternden Umarmung vereinte. Und die Wellen, wenn sie sich dem -Strande näherten, schmückten sich mit silbernen Kronen, jauchzten auf, -donnerten laut ihre trotzigen Grüße dem Lande zu, das den Stürmenden -zurücktrotzte, mit dem schimmernden Gebiß seiner gelben Küste, mit der -harten Stirn des aufgetürmten Gebirges. Wolken lagen auf dem höchsten -Gipfel des Atlas und bleicher Schnee. Hinter den Bergen aber dehnte sich, -unendlich wie das Meer, die Wüste mit ihren gelben Sandwogen. Dorthin war -er nie gekommen, aber er kannte ihre Schrecken aus den Erzählungen Nushats -und der Kameeltreiber, und es gelüstete ihm nicht danach. Aber das große -blaue Meer, das zwischen zwei Erdteilen auf- und abwogte, liebte er. Und -er sah die Heimat vor sich liegen und hörte als ihren Gruß den Donner der -Brandung vor dem Hafen von Tanger. Weiße, würfelförmige Häuser mit flachen -Dächern, sich terrassenförmig übereinander lagernd, steigen die steilen -Uferhöhen hinan und leuchten wie der Schaum des Meeres. Es scheint von -weitem, als hätte der Sturm eine Handvoll schneeiger Flocken aus dem Gischt -der Brandung hier an die Felsen geschleudert. Dazwischen schimmern grüne -Gärten auf, und aus einem lockt das leise, tiefe Lachen der braunen Nushat. - -Als sie an Bord des Schiffes fuhren, das seinen Vater nach Europa -hinüberbringen sollte, war Nushat mit im Boot und hielt ihn mit ihren -braunen Armen umschlungen; die Brandung ging unter heftigem Winde höher als -sonst, und sie hatten beide ein wenig Furcht, wenn sie von dem Kamm einer -großen Welle mit einmal in die Tiefe schossen, und der nächste Wasserberg -alles zu verschlingen drohte. Nur vor den kühnen, unbekümmerten Gesichtern -der Ruderer schämte er sich, seine Furcht zu zeigen. Die standen aufrecht, -sechs Gestalten aus Bronze, feuerten sich mit lauten Rufen an und -schüttelten sich höchstens einmal, wenn der überspritzende Gischt es gar -zu gut meinte. Auch vor dem Vater, der sich gar nicht zu fürchten schien, -schämte er sich. Nushat mußte es ihm wohl angemerkt haben, denn sie -hielt ihn fest umschlungen und drückte ihn ein paarmal wie beruhigend -und tröstend an sich, wobei sie indes leise zitterte. Und ihre schmalen, -braunen Hände waren ganz kalt. - -Wie gern hätte er sie zum Abschied noch umarmt. Aber das Boot tanzte auf -und ab an der Schiffstreppe, und sie hatten alle genug zu tun, sich auf den -Füßen zu halten, um nicht ins Wasser zu fallen. Er hatte ihr nur noch vom -Bord aus zuwinken können, und hatte gewinkt, so lange er sie unter den -Zurückfahrenden noch erkennen konnte. - -Doch alles das war jetzt wie hinter silbernen Schleiern und zog schnell wie -die glitzernden Wellen an seinem Geiste vorüber, während das weiße Bild der -kleinen Blanche wie die Sonne selbst fest und unverrückbar im Mittelpunkt -seiner traumhaften Gedanken stand. - -Da flog ein Steinchen neben ihm auf die Bank und schreckte ihn auf. -Sogleich ertönte ein silbernes Lachen, und Blanche kam zögernd den Steig -herunter. - -»Frei!« rief sie ihm zu, und ihre Augen blitzten unternehmungslustig, -während ihr ganzer Körper noch unter der Zügelung einer leisen Scheu stand. - -Der Knabe erhob sich und ging ihr entgegen. Da übermannte sie vollends -die Verlegenheit, und sie wurde blutrot, als sie ihm die Hand bot. Er aber -neigte sich schnell und drückte ihr einen Kuß darauf. Sie hatte ihn auch -ihrer Mutter die Hand küssen sehen und dachte, das tut man in seiner Heimat -so. Aber den ganzen Tag fühlte sie die Stelle brennen, die seine Lippen -flüchtig berührt hatten. - -Sie gingen wieder in den Pavillon zurück und setzten sich auf die Bank, -und sie saß wie eine kleine Dame neben ihm, steif und kerzengrade, und sie -führten eine kümmerliche Unterhaltung miteinander, mit ja und nein und -wie und was? Aber ihre Augen, wenn sie nicht am Boden hinirrten oder wie -abwesend in die Weite sahen, ruhten mit einem stillen Leuchten auf ihren -Gesichtern. - -»Sieh mal,« sagte Blanche nach einer neuen Verlegenheitspause und stand -auf und ging ein paar Schritte dem Nußgebüsch zu, das die gegenüberliegende -Ecke des Gartens ausfüllte. Sie schlug einige Zweige auseinander, und es -entstand ein Eingang, durch den man in das Innere gelangen konnte. Er sah -hinein und sah in den schattigen Raum ein Bänkchen aus Moos und Erde und -eine muldenartige Vertiefung, der man es ansah, daß sie oft als Lagerplatz -diente. - -»Es ist so mollig drin,« sagte Blanche und schlüpfte vorauf. Er folgte ihr -und befreite mit klopfendem Herzen ihr loses Haar, das sich in den Zweigen -verfangen hatte. Es herrschte ein märchenhaftes Licht in dem grünen Hause; -die goldenen Sonnenstrahlen fanden hier und da Zugang und spielten nun auf -dem schwarzen Boden Haschen. Zwei schlanke, junge Birkenstämme standen wie -silberne Säulen in dem Sälchen dieses heimlichen Palastes, dessen Dach sie -durchbrachen und mit ihren feinen, hängenden Zweigen überschatteten. - -Blanche nötigte Manuel, auf der kleinen Moosbank Platz zu nehmen. Sie -konnten so eben nebeneinander sitzen. - -»Hast du dir selber diese Höhle gemacht?« fragte er. - -»Lux hat sie mir gemacht.« - -»Spielt ihr oft zusammen?« - -»Gewiß, jeden Tag.« - -»Und dann sitzt ihr hier zusammen?« - -»Manchmal.« - -Und nach einer kleinen, peinlichen Pause setzte sie hinzu: - -»Er erzählt mir dann Geschichten.« - -Aber er sagte wieder nichts darauf. - -»Weißt du auch Geschichten?« - -»Ich weiß nicht,« antwortete er zögernd und nachdenklich. »Nushat hat mir -oft Geschichten erzählt, aber ich weiß nicht, ob ich sie dir noch erzählen -kann.« - -»Nushat? Wer ist das?« - -Und er erzählte ihr von Nushat und von seiner Heimat, und sie wollte gar -keine anderen Geschichten weiter von ihm hören. - -Dies war ja alles wie ein Märchen. Es war wie aus tausend und einer Nacht. -Die Dattelpalmen ragten hoch in blaue Luft, riesenhafte Kakteen breiteten -ihre schwammigen, glänzenden und stacheligen Blätter aus, und Rosen, -Kamelien und Oleander blühten und dufteten, reicher als hier die Veilchen -und Primeln. Kameele zogen schwer bepackt durch die Straßen, und Araber und -Neger und Kabylen, Leute von denen sie nie gehört hatte, begleiteten die -Karawanen durch die Wüste. Große Schiffe schaukelten im Hafen, und nur -auf den sich überstürzenden Wogen einer beständigen Brandung konnte man -zwischen ihnen und dem seltsamen Lande verkehren. Und hier war nun Manuel -aufgewachsen. Und seine Augen leuchteten, wenn er davon erzählte, und seine -Stimme wurde wärmer, wenn er den Namen Nushat nannte. - -Blanche sah den Erzähler bewundernd an. Sein gebrochenes Deutsch brachte -sie nicht ein einziges Mal zum Lachen. Und Manuel, unter den bewundernden -Blicken seiner kleiner Nachbarin, wurde immer redseliger. - -Währenddessen stand eine schlanke Knabengestalt am Heckenpförtchen, die -Hand unschlüssig auf der Klinke. Lux kam eine Stunde später aus der Schule -als Blanche. Auf dem ganzen Weg hatte er an den fremden Knaben gedacht, der -jetzt bei den Eltern seiner kleinen Freundin wohnte. Noch so lange, lange -Zeit wohnen sollte. Ja, während des Unterrichts selbst hatte er seine -Gedanken nicht zügeln können. Nun stand er am Pförtchen und wagte auf -einmal nicht, in den Nachbargarten hinüberzugehen; Blanche war schon -seit einer Stunde frei, und sie würde nun mit dem fremden Knaben zusammen -spielen. Was sollte er nun noch dabei? - -Aber er trat doch ein, beklommenen Herzens, und schlug gleich den kürzeren -Weg ein, der ans Wasser hinunter führte. Da hörte er Manuels Stimme. -Verwundert stand er still, da er die Beiden nicht im Pavillon sah. Er -horchte. Dann schlug er das Gesträuch hastig auseinander, und der helle -Tag flutete in die grüne Dämmerung hinein. Da saß Blanche mit dem fremden -Knaben, eng zusammen geschmiegt, auf der kleinen Moosbank und sah den -Störer mit großen, erstaunten Augen an, als erkenne sie ihn nicht gleich. - -Für einen Dritten war drinnen nicht Platz; Lux hatte dieses Bänkchen nur -für sich und Blanche berechnet. - -»Willst du nicht hereinkommen?« rief Blanche. - -»Alle drei können wir ja doch nicht darin sitzen,« sagte er und blieb -draußen stehen. Da standen sie auf und kamen heraus und waren freundlich -mit ihm. Er aber blieb unlustig und wortkarg und wußte nichts mit ihnen -anzufangen. - - - - -[Illustration] - - - - -4. KAPITEL. - - -Am anderen Tage berichtete Blanche ihm auf dem Schulwege, was Manuel ihr -von seiner Heimat erzählt hatte. Sie war so lebhaft dabei, daß Lux dachte, -sie übertriebe, und nur verärgert zuhörte. Und die Folge war, daß er am -Mittag nicht in den Garten kam. Sie sollte nur allein mit dem spanischen -Affen spielen; er fand ihn unausstehlich. - -In Wahrheit aber imponierte ihm der über seine Jahre hinaus gewandte -Manuel, und er fühlte zornig seine Unfähigkeit, ihm entgegenzutreten. -Manuel sprach außer seiner Muttersprache ziemlich gut französisch und wußte -sich mit jedem Tage besser mit der deutschen Sprache abzufinden. Lux quälte -sich in der Klasse noch mit den Anfängen der alten und neuen Sprachen und -konnte noch in keiner drei zusammenhängende Sätze sprechen. Manuels -tiefere Stimme hatte schon einen Anflug von Männlichkeit gegen Luxens helle -Knabenstimme. Manuel verstand es auch, eine tadellose Verbeugung zu machen -und küßte Blanche die Hand. Sie hatte es endlich nicht länger bei sich -behalten können und hatte Lux dieses zarte Geheimnis anvertraut. - -Die Hand küssen? Wie dumm! Nie würde er sich zu dieser Albernheit -verstehen. Aber Manuel brauchte ja auch Pomade. Sein glattes, schwarzes -Haar glänzte ordentlich wie ein Spiegel und verpestete die ganze Luft, wenn -er sich neu gesalbt hatte. Lux konnte das nicht leiden, während Blanche den -leisen, feinen, süßlichen Toilettenduft liebte. - -Eines Tages, o Schrecken, hatte Manuel sogar geraucht. Mit Neid und -widerwilliger Bewunderung fand Lux es empörend, während Blanche tat, als -wäre es selbstverständlich, daß Knaben in seinem Alter rauchten. - -»In Spanien rauchen sie alle,« sagte sie. - -Frau Elisabeth aber untersagte dem Knaben das Rauchen, und als er erklärte, -er habe schon oft geraucht und sein Vater wisse es, bat sie ihn, es ihr zur -Liebe zu unterlassen, so lange er in ihrem Hause weile. - -»Ich werde es lassen,« versprach Manuel, und er warf ohne Zögern seinen -ganzen Zigarettenvorrat in den Bach. - -»Er ist ein kleiner Gentleman,« sagte die Mutter, und Blanche plapperte -es ihr nach, obgleich sie keinen klaren Begriff hatte, was ein Gentleman -eigentlich sei. Daß Lux es nicht sei, stand bei ihr fest. - -Der arme Lux! Mit jedem Tage mehr empfand er den fremden Knaben als einen -Eindringling, der ihn aus seinem Paradiese vertrieben hatte. Blanche teilte -zwar kindlich ihr Herz zwischen ihrem alten und ihrem neuen Freunde, aber -er sah nur den Anteil, der Manuel zufiel, und er sprach in verächtlichen -Ausdrücken von dem Spanier und schalt ihn einen Gecken. - -Den schwersten Schlag erhielt sein Stolz, als er hörte, daß Manuel zuhause -einen Pony habe und reiten könne. Er weigerte sich, das zu glauben, bis -Manuel heftig wurde und es ihm beweisen wollte, wenn er nur ein Pferd -hätte. - -»So kleine Ponys haben wir hier nicht,« sagte Lux. - -»Doch!« behauptete Blanche. »Ich habe gesehen, daß der Bauer einen Pony -hat.« - -»Es ist gar kein Pony,« eiferte Lux. »Das ist nur ein etwas kleineres -Pferd.« - -»Das ist einerlei,« rief Manuel und wollte sogleich zum Bauern. »Er will -immer alles nicht glauben, was ich sage. Ich bin kein Lügner! Ich sage -immer die Wahrheit!« Er funkelte Lux mit seinen schwarzen Augen böse an. - -»Er soll sehen, daß ich reiten kann. Er soll nicht immer sagen, es ist -nicht so. Ich will es ihm zeigen.« Der Beleidigte wollte sich gar nicht -beruhigen. - -Da gingen sie zum Bauern und steckten sich hinter den Knecht und baten, ob -Manuel nicht einmal auf dem Pony reiten dürfe. - -Sie hätten gar keinen Pony, war die Antwort. - -»Seht ihr!« triumphierte Lux. - -»Ich meine das kleine rote Pferd,« erklärte Blanche. - -Dem Pferde wäre nicht zu trauen, sagte der Knecht. - -»Nicht bös! nicht bös!« behauptete Manuel. »Ich habe selbst Pferd.« - -Dem Knecht schien der kleine selbstbewußte Manuel Spaß zu machen. Auch -mochte es mit der Bösartigkeit des Pferdes nicht so arg sein. Genug, Manuel -setzte es durch, daß er seinen Willen bekam. - -»Es kennt mich schon,« sagte er, als das kleine hübsche Tier sich ruhig von -ihm streicheln ließ. Der Knecht führte es auf den Hof und hob Manuel auf -seinen Rücken. »Loslassen!« kommandierte der. Und Blanche und Lux schrien -auch heftig: »Loslassen! loslassen!« - -»Aber nur Schritt,« sagte der Knecht, der dem Kleinen jedoch angesehen -haben mochte, daß er nicht zum ersten Male auf einem Pferderücken saß. - -Blanche strahlte den kleinen Reiter ordentlich an mit ihren großen Augen -und ihrem lachenden Gesicht. Lux stand mit rotem Kopf daneben und ärgerte -sich, daß das Pferd überhaupt von der Stelle ging. - -Jetzt fing es sogar gemächlich an zu traben und trug seinen Reiter zweimal -um den ganzen Hofplatz. Manuel feuerte es mit lauten Zurufen an und schlug -ihm beständig mit den Hacken in die Weichen, bis es unruhig wurde. Da griff -der Knecht nach dem Zügel und gab nicht nach, er mußte herunter vom Pferd. - -Lux sagte kein Wort, und sie gingen fast stumm nebeneinander heim. Blanche -ärgerte sich über ihn, obgleich sie seine Verstimmung wohl verstand. Sie -hätte so gern gesehen, daß sie alle drei als gute Freunde zusammen hielten, -und nun konnten die Knaben sich nicht miteinander stellen. Und da sie -dunkel empfand, daß es ihretwegen war, wurde sie befangen und unsicher. - -Von diesem Tage an haßte Lux den fremden Knaben. - - - - -[Illustration] - - - - -5. KAPITEL. - - -Dr. Irmler, der schon lange eine kleine Studienreise vorbereitet hatte, -packte jetzt seinen Koffer für eine kurze Italienfahrt. Länger als vierzehn -Tage gedachte er keineswegs weg zu bleiben. Aber auch während dieses -Zeitraumes wäre es ihm ein drückender Gedanke gewesen, Lux allein in der -Obhut der alten Hausverwalterin zu lassen. Er mußte sich sagen, daß er -bei ihr auf das Beste aufgehoben sei, was ihre Gewissenhaftigkeit und -ihre Zuneigung für den Knaben betraf; allein sie war alt, manchen Zufällen -höherer Jahre bereits ausgesetzt und nicht mehr immer Herr ihrer physischen -Kräfte. Ein zweiter Dienstbote war auf so kurze Zeit nicht zu beschaffen -und wäre auch wenig nützlicher gewesen, als die Hilfe eines kleinen -Schulmädchens, das statt dessen der Alten zur persönlichen Dienstleistung -beigegeben wurde. Dieses aber konnte weiter keine Beruhigung bieten, was -Luxens Pflege und persönliche Sicherheit anging. - -Daß Dr. Irmler um seinen einzigen Knaben besorgt war, konnte ihm keiner -verdenken. Ihm war aus einem großen, wenn auch kurzen Glück nur dieses -eine Pfand einer seltenen Liebesgemeinschaft geblieben. Dazu kam, daß -die beabsichtigte Reise ihn wieder an jenen Ort führen würde, wo er die -glücklichsten Tage seines Lebens mit der Verstorbenen zusammen verlebt, wo -er sie zum ersten Male gesehen und sich sogleich in sie verliebt hatte. Das -war in Venedig gewesen, während einer Überfahrt nach dem Lido, wo sie auf -überfülltem Boot in drangvoller Enge ihm gegenüber gesessen hatte, so daß -er dem Zauber ihrer blonden Schönheit, wollend oder nicht wollend, geduldig -standhalten mußte. Alles dieses lebte in der Erinnerung wieder auf und -machte ihn besonders weich und bewegt und erschwerte ihm die Trennung -von dem Knaben. Doch die Reise mußte gemacht werden, und so ging er kurz -entschlossen und herzlich dankbar auf Frau Elisabeths Vorschlag ein, die -Lux solange zu sich ins Haus nehmen wollte. - -Einigermaßen verwundert war er, daß Lux diese Lösung nicht erfreuter -aufnahm; war doch der Knabe bisher in der Nachbarvilla auf das vertrauteste -aus- und eingegangen und hing mit einer etwas scheuen, aber echten -Zuneigung an der »Tante«! Und daß es nicht nur die Tante war, der die -Anhänglichkeit galt, das war ihm als aufmerksamer Vater auch nicht -entgangen, und er hatte sich des guten Einvernehmens, das zwischen Lux und -Blanche herrschte, aufrichtig gefreut. Hätte die Vorbereitung zu der Reise -ihn nicht in Anspruch genommen, so wäre ihm die Verstimmung, die zwischen -den Kindern herrschte, gewiß nicht verborgen geblieben; jetzt war er -nicht wenig erstaunt, statt eines jubelnden Einverständnisses ein bloßes -Sichfügen bei Lux anzutreffen. - -»Freust du dich nicht?« fragte er. - -»O doch,« antwortete der Knabe mehr hastig als freudig. - -»Fehlt dir etwas?« - -Dr. Irmler sah besorgt in das etwas blasse Gesicht, das ihm einen Grad -schmäler und zarter erscheinen wollte. - -»Du kommst ja bald wieder,« erwiderte Lux auf die besorgte Frage, konnte -aber einer plötzlichen Gemütsbewegung nicht Herr werden und brach in ein -heftiges Schluchzen aus. - -Bestürzt schloß der Vater den Knaben in seine Arme und tröstete ihn. Die -vierzehn Tage würden ja schnell vorübergehen. Bei der Tante hätte er es -gewiß gut. Er hätte die Gespielen immer um sich, und Frau Elisabeth würde -schon für manche kleine Zerstreuung sorgen. - -Frau Elisabeth tat das ihre, Lux heiter zu stimmen. »Laß den Papa nur -reisen,« sagte sie fröhlich, »wir wollen uns schon ohne ihn vergnügte Tage -machen. Blanche und Manuel freuen sich auch schon darauf. Das soll aber -hübsch werden.« - -Lux beruhigte sich denn auch bald. - -Frau Elisabeth freute sich, eine Gelegenheit zu haben, dem einstigen Retter -ihres Kindes einmal ihre Dankbarkeit durch eine wirkliche Gegenleistung -zu zeigen. Und noch ein anderes bewegte sie: ihren mütterlichen Augen -war nicht entgangen, daß Blanche sich in der letzten Zeit mehr dem neuen -Hausgenossen zuwandte und ihren alten Spielkameraden vernachlässigte. Doch -hatte sie kaum Veranlassung gehabt, sich hinein zu mengen. Auch war sie -klug genug, zu wissen, daß das unter Umständen mehr schaden als nützen -konnte. Sie selbst hatte in ihrer Jugend durch zudringliche Störung -kindlicher Neigung ihren ersten seelischen Schmerz erlitten. Ein -freundschaftliches Gefühl von unbewußter Innigkeit war ihr als etwas -Besonderes und eigentlich Unziemliches hingestellt und durch unüberlegte, -alberne Neckereien aus einem harmlosen, stillen Glücksgefühl zu etwas -Quälendem und Beschämendem gemacht worden. - -Dessen hatte sie sich erinnert, und hatte die Freundschaft zwischen Lux und -Blanche weder gefördert noch gehindert, sondern hatte sie gewähren lassen. - -Ein etwas wachsameres Auge hatte sie auf Manuel gehabt, dessen frühreife -Manieren und südländische Lebendigkeit Blanche sehr zu imponieren schienen. -Doch hatte sie hinlänglich Beweise von dem graden und ritterlichen -Charakter des kleinen neuen Hausgenossen, um einen nachteiligen Einfluß auf -ihr Töchterchen zu befürchten. Dennoch war es ihr lieb, den Beiden jetzt -Lux auf längere Zeit zu engerem Verkehr zugesellen zu können. Lux, obgleich -nur um ein Jahr jünger, war doch um mindestens drei Jahre kindlicher als -der kleine Afrikaner. Der war in einem reichen Hause aufgewachsen, wo -unterwürfige farbige Diener den Herrensohn früh verwöhnten. Nachher, -in Paris, fern von der Heimat und den Eltern, war Manuel erst recht -selbständig geworden und hatte sich manche Manieren der Erwachsenen -angeeignet. Seine Höflichkeit des Handküssens hatte Frau Elisabeth zuerst -bei einem so jungen Knaben befremdet, doch lag so viel Natürlichkeit -und Ritterlichkeit darin, daß sie nicht für berechtigt hielt, ihm diesen -Handkuß zu verbieten. Nur als sie gewahrte, daß er anfing, auch Blanche -in dieser Weise zu begrüßen, erhob sie Einspruch; solches wäre hierzulande -unter Kindern nicht Sitte, die schüttelten sich herzhaft die Hände, und das -wäre auch ein hübscher Gruß. Manuel nahm diese Belehrung mit bescheidenem -Lächeln auf, und sie sah ihn nie wieder ihrem Töchterchen die Hand küssen. -Daß er es trotzdem oft tat, wenn die Kinder unter sich waren, wußte sie -nicht. Und Lux, der es einmal als ungewollter Zeuge gesehen hatte, hütete -sich, diese schlimmste Ursache seiner kindlichen Betrübnis zu verraten. Er -hätte sich geschämt, davon zu sprechen. Aber seinem Herzen tat es weh. - -Wohl hundert Mal nahm er sich vor, es dem anderen nachzutun, aber nie -brachte er es über sich; unschlüssig überlegte er: küßt du ihr nun die -Hand, oder begnügst dich mit einem Händedruck? Und vor lauter Überlegung -fiel denn auch wohl noch dieser Händedruck nur schwach und gleichsam -versuchsweise aus; zum Befremden der wenig nachdenklichen Blanche. - -»Was hat er nur? Hab ich ihm etwas getan? Komischer Junge.« - -Damit war es für sie abgetan. Sie merkte gar nicht, daß Lux ihr -gleichgültiger wurde. Manuel machte ihr mehr Spaß. - -»Der Lux ist jetzt immer so langweilig,« sagte sie. - -Trotzdem freute sie sich aufrichtig, daß Lux auf ein paar Wochen zu ihnen -ins Haus kommen sollte. - -Zu dritt war es am Ende noch lustiger. Was wollten sie alles aufstellen! -Obendrein standen die Ferien vor der Tür, und das war immer eine schöne -Zeit. Die Mutter hatte schon, wie alljährlich in dieser Sommerzeit, -Ausflüge mit ihnen geplant. Da sollten die beiden Jungen aber Augen machen! - -Lux war wohl schon einmal mit gewesen, wenn auch nicht so gar weit. -Aber Manuel kannte noch nichts von der Gegend. Wenn sie dann zusammen im -Eisenbahnwagen sitzen würden, natürlich am Fenster, und alles flöge so -lustig schnell an ihnen vorüber, und sie würde es ihm zeigen: das ist -Neudorf und das ist Birkendorf und das ist Bentheim, und in dem Walde -dahinten sind wir mal mit Papa gewesen; und wenn sie dann durch die Heide -liefen, oder noch schöner am Seestrande, barfuß, und die Wellen so kühl und -erquickend heranrollten und bis an die Knöchel herauf schäumten, wie schön -würde das sein. Und das Schanzen aufwerfen und Burgen aufbauen! Und das -Bootfahren! - -Ob Manuel wohl Angst vor dem Wasser hätte? Sie hatte es. Nur ein ganz klein -wenig. - -Aber Manuel war ja doch über das Meer gekommen. Und die große Stadt in -Afrika, wo er zuhause war, lag ja unmittelbar am Meer. Am Ende würde sie -ihm gar nichts Neues zeigen können. - -Das betrübte sie etwas. Was war sie doch für ein Dummchen gegen ihn. Aber -dafür war er ja auch ein Knabe und war fast zwei Jahre älter als sie. In -zwei Jahren würde sie auch noch viel lernen und sehen und erleben. Doch -die Einsicht in ihre Unwissenheit hielt nie lange vor. Später! später! Das -würde alles schon kommen, wie es kommen sollte. - -Manuel lebte wie Blanche in den Tag hinein, und genoß mit Behagen die -Freiheit, deren Ende freilich mit dem Schulanfang immer näher rückte. Doch -waren es Wochen, die ihm noch gegönnt waren. Inzwischen las er leichte, -deutsche Bücher, die Frau Elisabeth ihm gab, und schrieb jede Woche seinem -Vater einen deutschen Brief, dessen Inhalt sich immer ziemlich gleich -blieb; ungelenke, mit dem Ausdruck und mehr noch mit der Orthographie -ringende Briefe. Schnelle Fortschritte machte er im Sprechen; und zwar -verdankte er diese raschen Erfolge weniger Frau Elisabeth und den anderen -Hausgenossen, als seiner kleinen Freundin Blanche, deren Plappermaul nie -lange still stand. - -Er hatte in einem Brief an den Vater begeisterte Schilderungen von Blanche -gemacht, die der vielbeschäftigte und viel reisende Kaufherr und Lebemann -mit einem flüchtigen Lächeln gelesen haben mochte; ihm aber waren sie -Ausdruck seines Heiligsten: Blanche war für sein ungestümes Knabenherz -alles, ersetzte ihm Heimat und Elternhaus. - -Er hielt ein abgelegtes blaues Haarband und ein altes Schreibheft von ihr -als köstliche Besitztümer verwahrt. Das kleine Heiligenbild über seinem -Bett hörte oft ihren Namen, wenn er sie in sein Gebet einschloß, oder -in Gedanken an sie verloren, halblaut diesen schönen Namen stammelte, -in dessen romanischem Klang ihn Verwandtes grüßte, und in dem so viel -Reinheit, Jugend und Süße lag. - -Blanche! - -Er kannte eine halbe Strophe eines französischen Liedes, in der dieser Name -vorkam, und er wurde nicht müde, sie vor sich hin zu trillern. - -»Blanche, petite Blanche!« - -Auf dem Schulweg trug er ihr die Mappe bis zum kleinen Bahnhof, von wo aus -sie der Zug in einer Viertelstunde in die Stadt führte. Sonst hatte Lux ihr -die Mappe getragen, konnte es aber nicht ändern, daß Manuel ihm nun -immer zuvorkam. Dieser ging übrigens nicht mit auf den Perron, sondern -verabschiedete sich schon vorher; denn sie trafen auf dem Bahnhof noch -einige andere Knaben und Mädchen, die in die Schule fuhren, und deren -Anstarren ihm unangenehm war. War man denn als Ausländer ein wildes Tier -für diese dummen deutschen Kinder? Eine häßliche Unsitte, dieses Anglotzen -eines Fremden. Daß er dunkler war als sie, sahen sie doch mit einem halben -Blick. Und was war denn sonst an ihm, was ihre Aufmerksamkeit immer aufs -neue wieder erregen konnte? Er wußte ja nicht, daß Blanche es war, die mit -ihren Erzählungen diese Unart nährte. - -Keinem, keinem hätte er ein Wort über Blanche gesagt; ganz allein -ihm gehörte sie und den Heiligen, deren Schutz er sie mit kindlicher -Frömmigkeit empfahl. Was ging es andere an, was er über Blanche dachte, was -er für sie empfand; nur ihr selbst es mit tausend kleinen Aufmerksamkeiten -und Artigkeiten zu zeigen, war er beflissen. Ihre Mutter hatte ihm den -Handkuß untersagt; aber was ihm alte Gewohnheit war, konnte er nicht sobald -lassen und tat es jetzt heimlich und mit dem Bewußtsein einer verbotenen -Huldigung. Dieses war das einzige, was er sich vorzuwerfen hatte. Er -hätte sonst nie eine Lüge über seine Lippen gebracht; in diesem Falle aber -entschuldigte er sich vor seinem Herzen. - -Blanche! Blanche! jubelte dieses heiße Knabenherz, wenn sie ihm -entgegenkam, schlank, schwebend, ganz Licht in dem Strahlenkranz ihrer -goldenen Haare, und ihm schon von weitem ihre feine schlanke Hand mit den -etwas langen Fingern entgegenstreckte. - -Blanche! - -Und dann sollte er diese Hand wieder fahren lassen, ohne sie zu küssen? -Mochte es nicht Sitte sein in diesem kühlen Lande, und mochte der blasse -Lux nie die Hand der kleinen Blanche küssen, ihm sollte man es nicht -wehren. Und bei der Vorstellung, daß auch Lux diese Hand küssen könne, zog -sich eine feine Falte zwischen den schwarzen Augenbrauen zusammen. - -Manuel war denn auch der einzige, der sich nicht auf Lux freute. Mochte -er doch zum Spielen herüberkommen. Aber daß er nun auch das Zimmer mit -ihm teilen sollte, gefiel ihm nicht. Frau Elisabeth hatte es ihm schon -angekündigt. Freilich nur in Form einer Frage, ob er wohl auf vierzehn Tage -Lux bei sich aufnehmen wolle. Gewiß wollte er, er durfte doch nicht nein -sagen, aber erfreut war er nicht. Nicht, daß er den Nachbarssohn fürchtete; -aber Lux würde die wenigen Stunden, die Manuel bisher mit Blanche allein -sein durfte, stören. Und das war Grund genug, ihn zu hassen. - -Doch der Tag rückte heran, an dem Lux übersiedeln sollte. Dr. Irmler hatte -seinen Koffer gepackt und kam nun am Abend vor seiner Abreise mit Lux -herüber, um sich zu verabschieden und seinen Knaben in die Hände der -verehrten Pflegerin abzuliefern. Man saß nach dem Tee in der offenen -Veranda in angeregtem Gespräch über Italien, das beiden Gatten nicht fremd -war, und die Kinder durften dabei sein und sich still verhalten. Manuel -und Blanche wären lieber noch in den Garten gegangen, aber Lux wollte sich -begreiflicherweise in der letzten Stunde nicht vom Vater trennen und stand -an dessen Seite, von seinem Arm umschlungen. - -Manuel dachte an seinen Vater. So zärtlich hatte der ihn nie umfaßt. -Selten, daß er einen Kuß von ihm bekommen hatte. Auch als er sich zuletzt -auf dem Bahnhof von ihm verabschiedete, hatte er ihm nur die Hand gegeben -und sie fast geschäftsmäßig geschüttelt. - -Ein tiefes Heimweh nach Liebe und Mutterarmen packte ihn. Wie lange hatte -er sie entbehren müssen. Seine Mutter, von der er fast nie sprach, war eine -träge, indolente Südländerin, und der Vater ging ganz in seinen Geschäften -auf. Ein einziges Briefchen erst hatte er von der Mutter bekommen, der das -Schreiben eine körperliche und mehr noch geistige Anstrengung war. Wohl -liebte er sie und er hätte sie nicht leiden sehen können, aber die Trägheit -ihres Gefühlslebens hatte auch die Äußerungen seiner Neigung mehr und -mehr erschlaffen lassen. Nur Nushat war es, an die Manuel mit Zärtlichkeit -dachte. Sie allein hatte wohl einmal ihren Arm um seinen Hals gelegt und -hatte ihm sanfte Worte gesagt. Die braune Tochter Arabiens stand plötzlich -vor seinen Augen und verdunkelte sogar die lichte Blanche, so daß er -sich gänzlich fremd und verlassen in diesem Kreise vorkam, und mit einem -feindlichen Gefühl als stiller und übelwollender Beobachter in seiner Ecke -sitzen blieb. - -Lux aber war nicht nur bei seinem Vater Liebkind an diesem Abend, sondern -auch Frau Elisabeth und ihr Gatte waren geflissentlich freundlich und -aufmunternd zu ihm, um ihm die Trennung leichter zu machen und ihm gleich -zu zeigen, daß sie es gut mit ihm meinten, und er hier wohl geborgen sei. -Und auch Blanche, dem Beispiel ihrer Eltern folgend, war freundlicher gegen -Lux, als sonst wohl in der letzten Zeit. - -Nachher, als Dr. Irmler Lux den Gute Nachtkuß gab und in sein eigenes Heim -hinüberging, war Lux wieder dem Weinen nahe; doch er beherrschte sich und -stieg still mit Manuel in ihr gemeinsames Stübchen hinauf. - -Still kleideten sie sich aus. Jeder war mit seinen Gedanken beschäftigt, -und wollte von dem anderen nichts, als unbehelligt gelassen werden. - -»Soll ich auslöschen?« fragte Manuel. - -»Ja, bitte.« - -Es wurde dunkel in der kleinen Kammer und still, nur das feine, hastige -Ticken zweier Taschenuhren erfüllte als einziges, leises Geräusch den Raum, -und ab und an knarrte eine der Bettstellen. - -Manuel konnte nicht einschlafen. Zum ersten Mal hatte er sein Nachtgebet -leise hergesagt und den lieben Namen Blanche nicht ausgesprochen. Seine -Gedanken waren zerstreut, halb drüben in der Heimat und nur zur Hälfte -hier, wo er sich zum ersten Male fremd und verlassen vorkam. Lux schlief -schon lange, mit ruhigen, leisen Atemzügen, als Manuel noch wach lag, das -Gesicht in die Kissen drückte und leidenschaftlich weinte. - - - - -[Illustration] - - - - -6. KAPITEL. - - -Dr. Irmler war am anderen Morgen abgereist. Sie hatten ihn alle an die Bahn -gebracht, und die beiden Herren waren zusammen abgefahren, der eine nach -Italien, der andere ins Kontor. - -Frau Elisabeth kehrte mit den Kindern auf einem längeren Umweg zurück. -Es war zugleich der erste Ferientag, und Blanche war in ausgelassenster -Stimmung. - -»Lach doch mal!« rief sie und neckte Lux mit einem herzhaften Stoß, so -daß er taumelte und fast in einen Graben gefallen wäre. Er wurde rot vor -Schreck und auch ein wenig vor Ärger und lachte gezwungen. - -Die Mutter verwies ihr so derbe Späße. Lux wäre noch nicht aufgelegt zum -Scherzen. - -»O doch,« sagte er. Und um Blanche eine Beschämung zu ersparen, bezwang -er sich und war auch bald von ihrer Lustigkeit angesteckt. Da wandte Frau -Elisabeth sich an Manuel. - -»So ernst?« fragte sie. »Woran denkst du?« - -»Wie schön das Reisen ist!« sagte er, »und wie schön es gewesen wäre, wenn -ich hätte mitfahren können.« - -»Gefällt es dir nicht mehr bei uns?« - -»O doch!« - -Sie sah ihn erröten und drang nicht weiter in ihn. Er hat Heimweh bekommen. -Das wird sich wieder geben. - -»Wir wollen recht vergnügt in den Ferien sein,« sagte sie, und was an ihr -lag, tat sie dazu. Es kam, wie Blanche es vorausgesehen: sie machten zwei, -drei Mal in der Woche kleinere oder größere Ausflüge in die Umgebung, wobei -sie es nicht verschmähten, mit dem Rucksack auf dem Rücken zu marschieren, -den Wanderstab in der Hand. - -Frau Elisabeths frische Stimme wußte immer ein Lied anzugeben, das den -Weg würzte. Manuel konnte natürlich nur zuhören oder einzelne Takte -mittrillern. Doch fand sich bei solchem Singen die Gelegenheit, auch -ihn zum Auskramen seiner kleinen spanischen und französischen Lieder -zu bewegen. Ohne gerade musikalisch zu sein, besaß er doch ein gutes -Gedächtnis für volkstümliche Weisen; selbst ein arabisches Liedchen konnte -er zum Besten geben. Es war ein ländliches Liedchen, dessen Text auch -ihm vielleicht nur leere Worte blieben, aber er sang mit einer solchen -Ergriffenheit und mit einem zitternden Heimweh, daß Frau Elisabeth ein -gerührtes Lächeln nicht unterdrücken konnte, und Blanche und Lux ihn ganz -verwundert anstarrten, so daß er tief errötete und mit einem gewinnenden -Lächeln der Verlegenheit sagte: »Ich kann nicht singen.« - -Frau Elisabeth hatte eine feine, erzieherische Art, jedem eine kleine -Pflicht aufzuerlegen; der eine mußte den Proviant tragen, der Andere den -Quartiermacher spielen, der Dritte in ein Wanderbüchlein einschreiben, was -ihnen des Aufzeichnens wert erschien. Sie selbst behielt sich die Führung -und die Kasse vor. - -So wußte sie ein gemeinsames Band zu schlingen, das wieder fester -verknüpfte, was sich schon leise zu lockern drohte. - -Manuel vergaß sein Heimweh, und Lux empfand die Trennung vom Vater bald -nicht mehr als Leid, sondern als eine fröhliche Abwechselung. Dazu trugen -die häufigen Briefe und Karten Dr. Irmlers vieles bei; fast von jeder -Station kam wenigstens ein kurzer, an Lux adressierter Kartengruß. -Im übrigen hielten längere, ausführliche Briefe an Frau Elisabeth die -Zurückgebliebenen mit dem Abwesenden in steter Verbindung. Die Briefe des -Reisenden, der vom schönsten Wetter begünstigt dem Lande der Sonne und -Schönheit zueilte, atmeten Heiterkeit und Lebensfreude, und ein neuerliches -Schreiben versprach dem Sohne und den Freunden allerlei Erfreuliches und -Ergötzliches mit heim zu bringen. - -So fühlte sich denn Lux im freien Genuß der Gegenwart und in stiller -Hoffnung auf die Zukunft im ganzen glücklich, zumal Blanche, die nicht -mehr unter dem überwiegenden Einfluß Manuels stand, sich ihm wieder mehr -zuwandte. Das wurde dann die Ursache, daß Manuel, dessen Eifersucht diese -Wandlung wohl bemerkte, der Vergangenheit und seinem Heimweh wieder kräftig -entzogen wurde und sich wieder leidenschaftlich dem Tage zuwandte. Ein -stilles Ringen begann jetzt unter den beiden Knaben um das Mädchen, das -fortfuhr, seine Gunst gleichmäßig zu verteilen. - -Lux war schon zufrieden, wenn er nicht hinter Manuel zurückstehen brauchte; -der war nun einmal da, und ein Anteil von Blanches Freundschaft war ihm -nicht zu verweigern. Nur wachte Lux eifersüchtig darüber, daß ehrlich -geteilt wurde. Anders Manuel, der anspruchsvoller am liebsten die kleine -Freundin für sich allein gehabt hätte, und die alte Eifersucht und den -alten Groll auf Lux wieder aufkeimen fühlte. Und sonderbarer Weise kam er, -ohne daß Blanche es wollte, nur durch eigene Schuld, wenn auch unbewußt, -ein wenig ins Hintertreffen. Wetteiferten sie auf den Ausflügen, sich durch -kleine Gefälligkeiten und knabenhafte Galanterien beliebt zu machen, so kam -Lux ihm oft zuvor, weil es nicht in Manuels Natur lag, über Blanche -Frau Elisabeth zu vernachlässigen. Schon als der ältere fühlte er sich -verpflichtet, ihr Ritterdienste zu leisten, während der jüngere Lux an -dergleichen Artigkeiten nicht dachte und nur für Blanche da war. - -Da schlug denn jenem oft das Herz, wenn er neben Frau Elisabeth herging, -ihren Mantel trug, oder sich ihrer Unterhaltung widmete und sehen mußte, -wie Lux und Blanche fröhlich vorauf sprangen, auch wohl einmal wieder, wie -in früheren Tagen, Hand in Hand. - -Frau Elisabeth ließ das Betragen des ritterlichen Knaben nicht ohne -Anerkennung, indem sie ihn ihrem Töchterchen als Beispiel hinstellte, wozu -die unbekümmerte Blanche reichlich Gelegenheit gab. - -»Du könntest dich deiner Mutter auch einmal gefällig erweisen,« sagte sie. - -»Mutti, was soll ich denn tun?«, rief Blanche stürmisch, die Arme -schmeichelnd um ihren Hals legend. Aber dabei blieb es denn auch. Manuel -doch war stolz auf Frau Elisabeths Lob, und trug dafür die Qualen der -Eifersucht heroisch weiter. - -Anders aber gab er sich zuhause, bei den Spielen im Garten, wo die Kinder -unter sich waren. Da trachtete er, das Versäumte nachzuholen, und forderte -sein vorenthaltenes Teil mit Zinsen ein. Blanche, die ganz nach Lust und -Laune handelte, und keinen eigentlich bevorzugte, fühlte sich dann manchmal -von seinem heftigen Wesen befremdet, und hielt sich ein wenig zurück, ohne -zu ahnen, wie weh sie ihm tat und wie sehr sie ihn reizte. - -Ihr Name erschien schon lange wieder in seinen Gebeten, und er stammelte -ihn halb laut aus sehnsüchtigen und kranken Träumen heraus. - -Und eines Nachts, als ein Traum ihm gezeigt hatte, wie Blanche Hand in -Hand mit Lux Blumen pflückte, während er abseits stand und nicht zu ihnen -konnte, saß er, erwacht, aufrecht im Bett und starrte voll Zorn, Haß und -Kummer durch das Dunkel auf Lux, der ruhig in seinen Kissen lag. Manuels -Fäuste ballten sich, und seine Zähne preßten sich wild aufeinander. Hätte -Lux Licht gemacht, er hätte sich vor diesem Gesicht entsetzt, das durchaus -nicht mehr kindlich aussah, sondern mit dem Ausdruck einer fast männlichen -Energie heißen Haß und tiefschneidendes Weh verband. - -Lux wachte freilich, und auch seine Gedanken beschäftigten sich mit Manuel. -Er sah ihn auch, obgleich nur undeutlich, aufrecht im Bett sitzen, wenn der -Vorhang, hinter dem das Fenster offen stand, von einem stärkeren Luftzug -getroffen sich leise hin und her bewegte und das Dunkel ein wenig -aufhellte. Auch suchte Lux nach einem Wort, ihn anzureden, aber er fand -keines; denn was ihn zu reden trieb, beschäftigte auch wieder so sehr seine -Gedanken, daß er damit nicht fertig wurde. - -Manuel hatte im Schlaf laut und leidenschaftlich Blanches Namen gerufen. - -»Blanche! Blanche!« - -Zweimal hatte der geliebte Name mit einem wehen Laut durch das Dunkel -und durch die Stille gezittert. Etwas Fremdes, nicht Gekanntes klang dem -erschreckten Lux daraus entgegen. - -»Blanche! Blanche!« - -»Was hast du? Was ist dir?«, wollte Lux rufen, aber etwas lähmte seine -Zunge, benahm ihm den Atem. Fast unheimlich klang dieses zweimalige Rufen. - -Und jetzt wurde wieder Manuels Stimme laut. - -»Lux! -- Lux! -- schläfst du?« - -»Nein, was willst du?« - -Manuel gab keine Antwort. - -»Willst du was?« fragte Lux noch einmal dringlicher. - -»Ja.« - -Und dann rang sich jedes Wort langsam und leise, aber leidenschaftlich von -den zuckenden Knabenlippen. - -»Ich liebe Blanche. Sie soll nicht immer nur mit dir freundlich sein. Ich -halte das nicht aus. Ich will es nicht.« - -Im Dunkel der Nacht saß der Knabe aufrecht in seinem Bett und stammelte -dieses Bekenntnis, und es war Lux, dem er es vorstammelte, Lux, der am Tage -der letzte gewesen wäre, dem er es anvertraut hätte. Aber er mußte sein -übervolles Gemüt entladen, war froh, daß er Lux nicht dabei sehen konnte, -sprach wie zu einem Fremden, fühlte, wie bei jedem Wort die Tränen höher in -ihm aufstiegen, und zitterte am ganzen Leibe vor Erregung. - -Eine lange Stille folgte Manuels Worten, während nur sein unterdrücktes -Schluchzen zu vernehmen war. - -Ich liebe Blanche! Lux hätte nie für sein Empfinden für Blanche diesen -Ausdruck gefunden. Er war aufs neue erschreckt, beängstigt, von etwas -Fremdem verwirrt. - -»Blanche ist doch auch gegen dich freundlich,« sagte er. Er konnte Manuels -Weinen nicht länger hören und hätte ihn gern getröstet. - -»Wir kennen uns doch auch schon viel länger, Blanche und ich,« fuhr er -fort. »Deswegen ist sie doch nicht weniger freundlich mit dir. -- Laß doch -das Weinen. -- Ich will es ihr sagen, daß sie freundlicher mit dir sein -soll!« - -»Nein!« rief Manuel, schrie es fast. »Daß du es ihr nicht sagst. Ich -glaube, ich könnte dich töten, wenn du es tust.« - -»Dummes Zeug!« brummte Lux, der solche Leidenschaft nicht verstand und sich -ärgerlich auf die andere Seite legte. - -»Lux! du! Lux!« - -»Was denn?« - -»Daß du es ihr nicht sagst!« - -»Mir ist es gleich. Du kannst es ihr ja selbst sagen. Aber jetzt möchte ich -gern schlafen.« - -Seine Müdigkeit überwog wirklich seine Teilnahme für Manuel und auch für -Blanche. Es dauerte nicht lange, da schwebten wieder seine leisen, feinen -Atemzüge durch das Zimmer. - -Manuel aber lag noch lange wach und betete zum ungezählten Male zur Mutter -Gottes, sie möchte ihm das Herz der kleinen Blanche zuwenden. - -Die Folge dieses nächtlichen Zwiegespräches war eine weitere Entfremdung -zwischen den Knaben. Lux betrachtete Manuel jetzt mit ganz anderen Augen. -Er fühlte etwas wie Neid. So viel er von Blanche hielt, seinen Schlaf -hatte sie ihm noch nie gestört. Und nun gar diese Tränen, dieser -leidenschaftliche Ausbruch Manuels in der Nacht. Er schämte sich und schalt -sich, daß er nicht auch so empfand. Manuel war freilich auch schon älter -als er und in vielem reifer. Lux war ehrlich genug, es anzuerkennen, und -hatte Respekt vor ihm. Aber das wurmte ihn wieder; er hätte ihn lieber -verachtet. Sein Selbstgefühl bäumte sich auf, und er besann sich darauf, -daß er ältere Rechte als Manuel hatte, der nur ein Eindringling war. Und -zugleich erwachten Gedanken in ihm, die bisher geschlummert hatten. - -»Ich liebe Blanche auch. Er soll nicht glauben, daß er es allein ist.« Und -er wurde mißtrauisch und beobachtete die beiden. - -Manuel haßte Lux nur umsomehr, als er ihn jetzt zu fürchten hatte. Oh, -daß er sich ihm in jener Nacht in seiner Seelennacktheit gezeigt hatte! -Er schämte sich vor ihm und suchte seinem Blick auszuweichen, wurde -argwöhnisch und belauerte Blanche, ob sie wohl etwas wisse. Ganz im -tiefsten Innern war dabei der heimliche Wunsch rege, sie möchte es wissen; -er würde Lux jetzt nicht mehr deshalb töten. - -»Du hast doch nichts gesagt?« fragte er ihn zwei Tage später und zwang sich -zu einem Ton freundlicher Vertraulichkeit. - -»Was denn?« fragte Lux mit verstellter Gleichgültigkeit. - -Manuel ärgerte sich. - -»Das weißt du recht gut.« - -»Ach das.« - -Der Ton war womöglich noch gleichgültiger. - -»Ich will es aber wissen!« - -Manuel wurde heftig. - -»Frage sie doch selbst,« gab Lux zur Antwort. - -Zornig ging Manuel weg. - -An diesem Tage kam ein Brief Dr. Irmlers, der eine Verlängerung seiner -Reise um höchstens acht Tage ankündigte und hoffte, daß Lux den Freunden -nicht lästig werden würde. Die Veranlassung zu diesem Schreiben aber war -diese: - -Er ist in Rom, kommt abends spät aus einer kleinen Gesellschaft, hört in -einer einsamen menschenleeren Straße plötzlich einen Schrei ganz in seiner -Nähe und steht im nächsten Augenblick vor einem entseelten Körper, der -quer über den Bürgersteig liegt. Ein Schatten fliegt über die Straße, ein -geisterblasses Gesicht wendet sich noch einmal um, und er meint im ersten -Augenblicke nichts als zwei große schwarze, weit aufgerissene Augen in -diesem Gesicht zu erkennen. Aber schon nahen Schritte, er wird bei der -Leiche gesehen, verdächtigt, und muß mit auf die Wache. Hier gelingt es ihm -bald, seine Unschuld glaubhaft zu machen. Indessen kann man ihn nicht -ganz freigeben, da er den Mörder gesehen haben will und eine ungefähre -Beschreibung von ihm zu liefern imstande ist. Des einzigen Zeugen muß -man sich versichern, zumal seine Angaben viel Wahrscheinlichkeit für sich -haben. Seine Beschreibung paßt auf einen jungen Burschen, den man mit dem -Getöteten befreundet weiß, und von dem es bekannt ist, daß er sich mit -jenem gleichzeitig um ein hübsches und braves Bürgermädchen bewarb. - -Vor die Frage gestellt, glaubt Dr. Irmler sich noch anderer Merkzeichen -entsinnen zu können, als nur der dunklen Augen. Und alles zeigt auf -jenen Freund hin. Dieser wird gefunden, festgenommen und dem Zeugen -gegenübergestellt, der ihn zu erkennen glaubt. Ein anfängliches Leugnen -zieht die Sache hin, aber der Unglückliche entschließt sich zuletzt zu -einem Geständnis. Und wirklich ist die unselige Eifersucht das Motiv seiner -Tat. - -Diese Begebenheit hatte Dr. Irmler mehrere Tage gekostet, während welcher -er nicht fähig war, seinen Studien nachzugehen. So war noch manches -nachzuholen und eine Verlängerung seines Aufenthaltes erwünscht. - -Er möchte sich nicht beeilen und sich nicht sorgen, schrieb Frau Elisabeth -zurück. Lux wäre gut aufgehoben, und sie hätten ihn alle gern bei sich. - -»Daß dieses hitzköpfige Volk doch immer gleich zum Messer greifen muß!« -sagte ihr Gatte beim Tee, als er von dem Inhalt des Briefes erfuhr. »Und -wenn es dann noch wenigstens zum ehrlichen Zweikampf schreitet. Aber ein -feiger Meuchelmord aus solchem Beweggrunde, noch dazu an einem Freund, will -einem schier unverständlich sein.« - -»Es ist schrecklich,« erwiderte Frau Elisabeth, »wie die Leidenschaft alles -verdunkelt, alle Begriffe von gut und böse auslöscht und den Menschen zum -blinden Werkzeug seiner Triebe macht. Ich erinnere mich eines ähnlichen -Falles aus meiner Heimat, wo ein sonst liebenswürdiges Schwesternpaar sich -um einen jungen Mann heftig entzweite; beide getäuscht, suchten sie statt -Trost in der Versöhnung Trost im Tod. Man fand beide Leichen am blühenden -Sommerrain des kleinen Flusses, von den mitleidigen Wellen sanft -nebeneinander hingebettet.« - -So erzählte Frau Elisabeth in tiefer Ergriffenheit. Den Kindern enthielt -sie diesen Teil des Briefes vor. Es schien ihr nicht ratsam, die jungen -Seelen schon mit solchen Dingen zu beschweren; sie würden früh genug die -Tragik des Lebens kennen oder doch wenigstens ahnen lernen. Sie sagte ihnen -nur, daß Dr. Irmlers Studien seine Anwesenheit in Rom noch für einige Tage -verlange. - -Lux selbst war zufrieden. Die Tage gingen abwechselungsreich hin, und die -leichten Schatten, die die Verstimmung zwischen ihm und Manuel auf ihre -Freuden warf, bedrückten ihn nicht allzusehr. - -Manuel jedoch war keineswegs erfreut über Luxens verlängerten Aufenthalt. -Acht Tage noch! Wäre doch die Zeit bald um! - -Blanche aber rief einfach: »Wie schön!« obgleich es ihr keinen großen -Kummer gemacht hätte, Lux schon jetzt an seinen Vater zurückzugeben. - -Nun mußte es geschehen, daß Frau Elisabeth um diese Zeit von heftigen -Kopfschmerzen anhaltend geplagt wurde, so daß sie sich den Kindern nicht so -viel wie sonst widmen konnte. Sie überließ sie um so ruhiger sich -selbst, als es ihr bisher erschienen war, daß sie in guter Kameradschaft -miteinander verkehrten. - -Aus dieser Ruhe sollte sie eines Tages aufgestört werden. Die Spannung -zwischen den beiden Knaben hatte sich wie ein böses Geschwür weiter -gefressen, das nun unerwartet aufbrach. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -7. KAPITEL. - - -Blanches Geburtstag sollte, wie alljährlich, festlich gefeiert werden. Ja, -man plante diesmal etwas ganz Besonderes. Das beständige schöne Wetter -ließ das Gelingen eines kleinen Gartenfestes erhoffen. Ketten von Lampions -sollten gezogen und eine italienische Nacht unter nordischem Himmel -hergezaubert werden. Wochenlang hatte man sich schon darauf gefreut, -und diese gemeinsame Vorfreude war immer wieder das Band gewesen, -Auseinanderstrebendes zusammen zu halten. - -Nun war der festliche Tag da, und alles stand in Erwartung eines besonderen -Freudentages früher auf als sonst. Schon am Morgen kam eine Cousine -Blanches, während die anderen kleinen Gäste sich erst am Nachmittag -einfanden. Es war ihrer ein großer Kreis geladen worden, auch Knaben, damit -es den Mädchen nicht an Tänzern fehle. Alle kleinen Freundinnen kamen in -weißen Kleidern mit bunten Schleifen und Schärpen und brachten Blumen und -Schokolade und kleine Geschenke mit. Alle gaben sie Frau Elisabeth mit -einem zierlichen Knicks die Hand und schauten sich dann mit großen Augen -im Kreise um. Die Knaben traten selbstbewußt auf, und konnten doch eine -lächerliche Verlegenheit und Unbeholfenheit nicht verbergen; sie waren in -der Minderzahl und hätten offenbar lieber unter sich Pferd oder Räuber und -Soldat gespielt, als sich hier sittsam und kavaliermäßig zu betragen. Sie -hielten sich zu Lux und Manuel und staunten diesen ebenso an, wie es die -kleinen Mädchen taten. - -»Wie braun er ist,« flüsterten sie untereinander. - -»Er kommt nachher in unsere Schule.« - -»Aber klein ist er nur.« - -»Ist er nett?«, fragten sie Lux leise, und Lux sagte: »Sehr nett.« - -Daß er ziemlich gut deutsch sprach, merkten sie bald, und ebenso, daß er -ihnen allen an Sicherheit des Betragens überlegen war. Lux war einer von -ihnen, aber Manuel war etwas Besonderes. - -Manuel merkte wohl, daß er Eindruck machte, und fühlte sich geschmeichelt, -denn er dachte an Blanche dabei. Ihr wollte er gefallen. - -Blanche aber war anfangs noch viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt; -sie war nicht ohne mädchenhafte Eitelkeit und wollte in ihrem neuen -Geburtstagskleide auch gefallen. Sie sah in der Tat reizend aus. Ihre -zarte, sonnige Elfenschönheit war vom Glanz heiterer Freude umstrahlt. Dazu -kam das Bewußtsein, Hauptperson zu sein, und die Überlegenheit der kleinen -Wirtin, die sich bei sich zuhause fühlt und glücklich ist, ihren Gästen -etwas bieten zu können. - -Es war ein liebliches Bild, die vielen hellen, mit farbigen Bändern -geschmückten Kindergestalten sich im Garten tummeln zu sehen. Die Blumen -auf den Beeten jedoch, vor allem die in vollem Flor stehenden Rosen, -scheuten solche Nachbarschaft nicht, sondern behaupteten sich in schönster -Pracht. Auch die kleinen bunten Papierlaternen, die ganz regungslos in der -stillen Luft hingen und sich auf den Abend zu freuen schienen, wo sie -ihr Licht leuchten lassen sollten, kamen schon jetzt in ihrem bunten -Farbenschmuck zu hohen Ehren. Wenn sie erst brennen würden, das mußte schön -sein. Doch damit sollte es noch ein wenig Zeit haben. Es waren lange, helle -Abende, und die Illumination war als Abschluß des Festes gedacht. - -Allerlei Spiele vertrieben indessen die Zeit. Man spielte Haschen, von -Baum zu Baum und Topf schlagen. Wie gerufen fanden sich ein paar -Straßenmusikanten vor dem Hause ein; man holte sie herein und improvisierte -auf kurz geschorenem Rasen ein lustiges Tänzchen zu keineswegs -wohlklingender Musik. Aber wer tanzen will, dem ist leicht geblasen. Die -geschmeichelten Künstler befleißigten sich, ihr Bestes zu leisten, und -namentlich die Klarinette gab sich alle Mühe, in diesem herrschaftlichen -Kreise ehrenvoll zu bestehen. - -Als sich die Leute nach drei Tänzen wieder verabschieden wollten, wollte -man sie nicht weglassen. Noch einmal! noch einmal! Die kleinen Tänzer waren -unersättlich. - -Da besprach sich Frau Elisabeth mit den Musikanten, daß sie für eine -hinreichende Entschädigung noch ein halbes Stündchen bleiben und sich -zum Schluß an die Spitze einer Polonaise stellen möchten, die sich mit -brennenden Papierlaternen unter den leuchtenden Lampiongewinden durch den -Garten bewegen sollte. Als sie einwilligten, entstand allgemeiner Jubel, -und man war einig, ein so schönes Fest noch nicht gefeiert zu haben. - -Nun waren die anderen Knaben fast alle schlechte Tänzer. Auch Lux stand -hierin hinter Manuel zurück. Dieser war der einzige, der eigentlich tanzen -konnte, während die Kunst der anderen nicht viel mehr als ein munteres -Hüpfen war. Das genügte ja nun für diese kleine Gesellschaft vollkommen. -Aber die Dämchen waren doch froh, wenn der bewunderte Spanier ihnen seine -Aufmerksamkeit schenkte. Die schien nun freilich einzig dem Geburtstagskind -zu gelten. Schon längst hatte Lux das mit Verdruß bemerkt. Gerade den -Spielkameraden gegenüber ärgerte es ihn. Was mußten sie denken. Seine -Versuche, Manuel aus dem Sattel zu heben, schlugen alle fehl; Blanche -schien nur für diesen da zu sein, oder sie war zu schwach oder zu -ungewandt, sich seinem Einfluß zu entziehen. - -Das nächtliche Geständnis Manuels hatte Lux die Augen geöffnet und seinen -eigenen Gefühlen für Blanche die Unbefangenheit geraubt. Er hatte sie auch -lieb, Manuel sollte sie nicht für sich allein haben. - -Und wie hübsch war Blanche heute. So war sie ihm noch nie erschienen. Er -hätte sie bei der Hand nehmen mögen wie früher: komm Blanche, wir wollen -allein spielen. Alle die anderen Mädchen beachtete er nicht. Da war eine -Größere mit stillen, klugen Augen, die immer Lux suchten. Aber er merkte es -nicht und sandte seine Blicke nach Blanche aus. - -Mit einem Male war Blanche verschwunden. Wo war sie? Und jetzt fehlte auch -Manuel. - -Vergeblich sah er sich nach den beiden um; die Gesellschaft war groß genug, -daß sie sich ungesehen hatten entfernen können. Lux wollte Gewißheit haben -und suchte den ganzen Garten ab. Schon gab er die Hoffnung auf, sie zu -finden, als sein Fuß stockte. - -Waren das nicht Stimmen? - -Aus dem Nußgebüsch am Bach? - -Ein Flüstern? - -»Blanche, süße, liebe Blanche!« - -Ein Griff, und Lux riß die Sträucher auseinander. - -Da saßen sie auf der niedrigen Rasenbank, und die glühende Blanche empfing -die ersten, stürmischen Küsse des wilden, leidenschaftlichen Knaben. - -Mit einem Schrei schreckte Lux die Selbstvergessenen auf, stürzte sich auf -sie und riß Manuel weg, stieß den Erschrockenen, daß er taumelte und zu -Boden stürzte. - -»Lux! Lux!« rief Blanche angstvoll. - -Manuel war wie eine Katze wieder aufgesprungen, und mit zornfunkelnden -Augen standen sich die beiden Knaben gegenüber. - -»Das sag ich nach,« keuchte Lux, atemlos vor Aufregung. - -Ein Blick grenzenloser Verachtung traf ihn aus Manuels schwarzen Augen. - -»Wage das nicht!« - -»Alles, alles sage ich nach,« zischte Lux. - -Wie ein wildes Tier schäumte Manuel auf. - -»Manuel! Lux! Manuel!« - -Vergeblich versuchte Blanche sich zwischen sie zu werfen. Der Augenblick -war jetzt da, wo diese beiden Knaben, in deren Seelen sich langsam der Haß -angesammelt hatte, aneinander geraten mußten. Wie zwei Panther fielen -sie sich an, packten sich und rangen miteinander, nur von dem einen Trieb -beseelt, den andern unter sich zu bringen. - -Es war Zufall, daß Manuel unterlag. Er stolperte und rutschte aus, fiel auf -den Rücken und riß Lux über sich. - -Mit weit aufgerissenen Augen, zitternd, keines Wortes mächtig, starrte -Blanche auf die kämpfenden Knaben, schrie nicht auf, als Manuel fiel, -starrte nur in zitterndem Schweigen auf den Kampf. Selbst der Gedanke, es -ist deinetwegen, verblaßte. - -Wenn sie sich nur nicht weh tun! - -Diese fürchterlichen Knaben! - -Wie wild sie immer gleich sind! - -Sie kennt Lux kaum wieder. Wie verrückt hämmert er auf Manuel los. Sie kann -es nicht mehr mit ansehen und stürzt hinaus. - -Da folgt ihr ein kurzer Schrei. - -Lux taumelt ihr nach, die Hand auf der Brust. - -»Blanche!« - -Es klingt röchelnd, aus tiefster Angst heraus. Totenblaß ist Lux, taumelt -hinter sich, dreht sich um, greift in die Luft und fällt mit einem dumpfen -Aufschlag zu Boden. - -Blut! - -Es rinnt über seine Bluse, ein feiner, roter Streifen. - -Da kreischt sie laut auf und stürzt weg, und ihr Kreischen schreckt die -Tanzenden auf und macht die Musik verstummen. - -Hinter ihr teilt sich das Gesträuch, und Manuel, das Messer noch in der -krampfhaft geballten Faust, steht starr vor Lux. Aller Haß, aller Zorn ist -aus den schwarzen Augen verschwunden; entsetzt, mit leeren Blicken sehen -sie wie auf etwas Rätselhaftes. - -So findet man die beiden Knaben. Die Musikanten, der ganze Kinderschwarm, -alles drängt sich herzu. - -Lux atmet noch. Sein Gesicht ist schneeweiß, und die geschlossenen Lippen -zucken. - -Einer der Musikanten, der Fagottbläser, ein großer Mensch mit einem roten -Gesicht, nimmt ihn auf die Arme und trägt ihn ins Haus. - -Frau Elisabeth, mit dem willenlosen Manuel an der Hand, folgt. Sie -schickt die kleinen Gäste nach Hause, und das schöne Fest findet ein jähes -schreckliches Ende. - -Kein Wort ist aus Manuel herauszubringen, so sehr auch Frau Elisabeth -in ihn dringt. Aber er wirft sich ihr zu Füßen und bleibt unter heftigem -Schluchzen liegen, bis man ihn gerührt, erschüttert, aufhebt und auf sein -Bett legt. - -Als der Vater vom Kontor nach Hause kam, hatte Blanche bereits alles -gebeichtet, unter strömenden Tränen. Die Gatten verharrten in dumpfem -Schweigen gegeneinander. Wie sollten sie sich über das unselige Geschehnis -auslassen. Erst nach und nach sprachen sie sich aus. Sie gedachten jenes -römischen Briefes als einer Warnung, die sie nicht verstanden hatten, und -machten sich Vorwürfe. Hätte nicht ein solches Beispiel, wohin ungebändigte -Leidenschaft führt, auf Manuel Eindruck machen und das Schreckliche -verhüten können? - -Eine Depesche eilte nach Rom, und schon am dritten Tage saß Dr. Irmler -gebrochen am Bett seines Knaben. Man hatte Lux noch nicht umbetten können; -doch gab der Arzt Hoffnung, daß es sich in den nächsten Tagen ermöglichen -ließe. Direkte Lebensgefahr war nicht vorhanden, aber der Kranke bedurfte -der sorgsamsten Pflege und äußersten Schonung. Der linke Lungenflügel war -durch den Stich der kurzen Taschenmesserklinge verletzt worden. Die Heilung -war sicher, wenn sie in Ruhe, ohne Störung vor sich gehen konnte. - -Dr. Irmler, so dicht vor den Verlust seines einzigen Glückes gestellt, -wollte doch die Selbstanklagen der Freunde nicht gelten lassen und war weit -davon entfernt, ihnen irgend einen Vorwurf zu machen. Wie hätten sie ein -solches Unglück verhüten wollen? Was hätte sie bei der großen Jugend der -Kinder auf die rechte Spur führen sollen, auf den Gedanken, daß sich hier -in diesen jungen Seelen eine Tragödie vorbereite? - -Manuel war freilich als leidenschaftliches Kind bekannt, aber doch auch -als ein edelveranlagter Charakter wiederholt erprobt worden. Sein tiefer -Schmerz jetzt, sein völliges Zusammenbrechen entwaffnete jeden Zorn und -rührte die Herzen. Man empfand tiefes Mitleid mit ihm und verschonte den -Beklagenswerten mit unnützen Vorwürfen. - -Frau Elisabeth hatte ihn auf seinem Zimmer aufgesucht, nachdem sie von -Blanche gehört, wie alles gekommen. Er lag mit dem Kopf auf dem Tisch und -wagte nicht aufzusehen. Sie trat an ihn heran, legte ihre Hand leise auf -seinen dunklen Scheitel und sagte ernst, doch ohne Vorwurf: - -»Ich weiß nun alles, Manuel. Wir wollen Gott danken, daß es nicht schlimmer -ausgelaufen ist.« - -Er tastete nach ihren Händen, überströmte sie mit Tränen und bedeckte sie -wieder und wieder mit Küssen. Sie ließ es ruhig geschehen; es würde ihm gut -tun. Endlich entzog sie sich ihm leise. - -»Fasse dich nun, mein Junge,« sagte sie fast zärtlich. »Wir haben dir alles -verziehen. Du wirst zu deinem Vater zurück müssen, und alles, was gewesen, -wird wieder gut werden. Und nun gib mir die Hand und versprich mir, daß du -immer dein Herz und deine Hand hüten willst.« - -Er gab ihr leidenschaftlich die Hand und wollte sich wieder über die ihre -neigen, doch sie faßte ihm mit der Linken unters Kinn, hob sein Gesicht ein -wenig zu sich empor und küßte ihn mütterlich auf die Stirne. - -Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, hörte sie ihn wieder laut -aufschluchzen. Sie glaubte diese Knabenseele zu verstehen: Manuels Tränen -galten ebenso sehr Blanche, von der er sich jetzt trennen sollte, als -Lux und der Reue. Das erste heiße Feuer in einer erwachenden Kinderseele; -helle, hohe Flammen, heftig auflodernd, als wollten sie die Welt in Brand -stecken, und dann ein ebenso jähes Erlöschen. - -Um Blanche und Lux war sie ein wenig in Sorge, welchen Einfluß dieses -Erlebnis auf ihre jungen Seelen haben würde. Auch dachte sie darüber nach, -wie weit sie Blanche Vorwürfe zu machen hätte. Jedes Wort zu viel könnte -schaden statt nützen. Blanche war doch noch ein ganzes Kind, harmlos, -wenig fest, und leicht zu bestimmen. Frau Elisabeth wußte schon die Antwort -voraus, als sie sie fragte, wie sie dazu gekommen wäre, ihre Gäste einfach -zu verlassen und mit Manuel zu gehen. - -»Er wollte es ja durchaus.« - -»Und du weißt nicht, daß sich das nicht schickt? Wäret ihr bei den anderen -geblieben, so wäre alles nicht geschehen. Das war sehr unrecht von dir. Du -siehst, was für ein Unglück aus solchen Kindereien entstehen kann.« - -Frau Elisabeth hielt es für das richtigste, Blanche gegenüber diesen -Ausdruck zu gebrauchen: Kindereien. Blanche freilich war wenig geneigt, es -als Kindereien zu nehmen. Sie kam sich sogar sehr wichtig vor. Schade, daß -noch Ferien waren; am liebsten wäre sie morgen in die Schule gegangen, um -zu hören, was die Freundinnen sagten. - -Natürlich tat Lux ihr furchtbar leid. Und wie traurig Dr. Irmler aussah. -Aber Lux würde ja nicht sterben. Sie wußte, was der Arzt gesagt hatte. -Und sie wollte auch jeden Abend beten, daß der liebe Gott Lux doch wieder -gesund werden ließe. - -Am meisten waren ihre Gedanken natürlich bei Manuel. Der kam nicht von -seinem Zimmer, und sie sah und hörte nichts von ihm. Sie wollte die Mutter -nach ihm fragen, wagte es aber dann doch nicht. So spionierte sie herum, ob -sie nicht irgendwo etwas von ihm erhaschen könne. - -Sie war in Angst um ihn. Ob er wohl bestraft werden würde? Er durfte nicht -stechen. Lux hatte allerdings angefangen. Was ging es den überhaupt an? Und -wie hatte er auf Manuel losgeprügelt. Der konnte sich ja garnicht anders -wehren, noch dazu, da er gefallen war und unter Lux lag. - -Vier Tage später fuhr ihr Vater mit dem kleinen Spanier weg, ohne daß -Blanche ihn wieder gesehen hatte. Manuel ist wieder zu seinem Papa -gefahren, hieß es, er läßt dich freundlich grüßen. - -Das fand sie empörend. So abzureisen, ohne ihr Adieu gesagt zu haben! - -Ob er nie wieder kommen würde? - -Sie wagte nicht, danach zu fragen. Aber sie sagte sich, daß sie ihn zum -letzten Mal gesehen hatte, daß er für immer weg war. - -Und nicht das kleinste Andenken an ihn besaß sie. Sie wußte, er hatte ein -altes Schreibheft von ihr, ein paar Haarbänder und ein Stückchen von ihrer -roten Geburtstagsschärpe, das er sich selbst abgeschnitten hatte. Aber sie -besaß nichts von ihm, gar nichts. Zum Geburtstag hatte er ihr einen Kasten -mit feinsten Bonbons geschenkt. Sie hatte sich sehr gefreut, aber die -Freundinnen hatten nachher die meisten aufgenascht. Ein paar waren noch -nachgeblieben, die wollte sie aufheben. Eine Stunde später aber erschien -es ihr doch pietätvoller, sie so zu verwenden, wie Manuel es gewollt hatte. -Und sie setzte sich ans Fenster, nahm das Kästchen vor sich auf den -Schoß und schob einen Bonbon nach dem anderen in ihren kleinen Mund und -zerlutschte ihn mit Hingebung. Ihre Gedanken waren dabei gar nicht einmal -bei Manuel, sondern ganz bei der Sache: der schmeckte nach Himbeeren, der -nach Pfeffermünz, und das war Kakaobutter! - -Und ihre Blicke schweiften dabei träumerisch über den Garten bis zu den -hohen Bäumen, die die Wiese jenseits des Bächleins einfaßten und auf deren -Wipfeln die leuchtende Sonne eines ersten heißen Augusttages lag. - - - - -[Illustration] - - - - -8. KAPITEL. - - -Manuel war abgereist, und Lux war umgebettet worden. Blanche war wieder -allein im Hause, in dem das Leben wie früher verlief, nur um ein weniges -gedämpfter. Sie war zu lange durch die Spielkameraden verwöhnt worden und -langweilte sich nun manchmal. Mit Lux würde sie wohl sobald nicht spielen -können. Zwar war er außer Gefahr und ging der Genesung entgegen. Aber es -ging langsam. Er mußte wohl noch ein paar Wochen ruhig im Bette verbringen. -Sie hörte täglich von ihm, aus dem Gespräch der Eltern, und einmal hatte -er sie auch grüßen lassen. Ihr Verlangen, ihn zu sehen, war nicht übermäßig -groß; es war mehr Neugierde, die sie gern befriedigt hätte, als eigentliche -Teilnahme. Er würde schon wieder besser werden, und dann würden sie im -Garten wieder zusammentreffen, und sie würde sich erst ein wenig vor ihm -schämen, und dann würde alles wie früher sein. - -Als Lux soweit war, daß er Besuch empfangen durfte, schickte Frau Elisabeth -Blanche mit ein paar Blumen hinüber. Es war Blanche fürchterlich, und sie -hätte am liebsten nein gesagt: doch trotzen durfte sie nicht. - -Sie ging also zu Irmlers, konnte es aber nicht über sich gewinnen, zu Lux -hineinzugehen. Sie gab die Blumen der alten Magdalene und log, ihre Mutter -habe gemeint, sie solle Lux lieber noch nicht guten Tag sagen. Natürlich -mußte die Unwahrheit herauskommen, und Frau Elisabeth war sehr böse und -schickte sie zur Strafe auf ihr Zimmer. - -Jetzt vertrotzte sich Blanche. - -»Wenn sie mich wieder hinschicken, gehe ich nicht.« - -Frau Elisabeth war solche Widersetzlichkeit bei ihr nicht gewohnt. Sie war -überrascht und überlegte, ob es nur kindischer Trotz sei, oder ob andere -Beweggründe dahinter stecken könnten. Berechtigte Auflehnung mit Gewalt zu -brechen, gehörte nicht zu ihren Erziehungsgrundsätzen. Drum sagte sie nur: - -»Ich wundere mich über dich, Blanche, und bin sehr traurig. Ich hoffe, -du besinnst dich und siehst ein, daß der arme Lux ein Anrecht auf ein -freundliches Wort von dir hat.« - -Diese Worte machten wohl einigen Eindruck auf Blanche, aber brachen doch -ihren Trotz nicht. - -»Ich wünsche, daß du jetzt hinüber gehst,« befahl Frau Elisabeth nach ein -paar Tagen. »Hier sind Orangen, die werden Lux erfreuen. Komm, ich werde -dich begleiten.« - -Sie nahm Blanche bei der Hand und ging mit ihr ins Nachbarhaus. Das Kind -war blaß und schwankte zwischen Trotz und Tränen. Die alte Magdalene -lächelte gutmütig und rief: - -»Ei, wird der Lux sich aber freuen, daß du kommst. Und die schönen Orangen! -Da geh nur gleich zu ihm hinein. Gerade Orangen sind so gut für ihn.« - -Das war freilich alles mit Überlegung gesagt und mit Frau Elisabeth unter -einer Decke gespielt. Aber es ermunterte Blanche doch und machte ihr -einigen Mut, als ihre Mutter sie nun einfach ins Krankenzimmer schob und -die Türe hinter ihr schloß. - -Da stand sie, ihr Körbchen Orangen in der Hand, mitten im Zimmer und sah -verlegen und hilflos auf Lux, der sie mit großen Augen anleuchtete. Sie -hätte kein Wort herausgebracht, wenn nicht er das Schweigen gebrochen -hätte. - -»Blanche! Du?« rief er. - -Es lag ebenso viel Überraschung als Freude darin. - -Da trat sie näher, und ihre Stimme zitterte, als sie sagte: - -»Ich wollte doch mal sehen, wie es dir geht.« - -»Danke, ganz gut! Der Doktor meint, ich würde wohl bald wieder aufstehen -dürfen.« - -Sie sagte nichts darauf, sondern stand mit ihrem Körbchen dicht vor seinem -Bett, und sah ihn mit verlegenem Lächeln neugierig an, musterte das Bett, -die Wand, die Bilder daran, und dachte endlich an die Orangen. - -»Die soll ich dir geben,« sagte sie. - -»O wie schön!« rief Lux. »Danke, Blanche!« - -Und er nahm das Körbchen und stellte es vor sich auf die Decke. - -»Willst du dich nicht hinsetzen?« fragte er. - -Sie setzte sich auf einen Stuhl vor seinem Bett und sah bald das Körbchen, -bald den Kranken an, während Luxens Augen still auf ihrem Gesicht ruhten, -mit einem gespannten Ausdruck, als erwarte er ein Wort von ihr. - -Es war merkwürdig, wie wenig sie sich zu sagen hatten. Endlich fragte sie: - -»Tut es noch weh?« - -»Manchmal. Aber nur ein ganz klein wenig.« - -Sie wurde mit einmal blutrot. Es war ihr, als müsse sie sich schämen, als -wäre sie selbst es, die ihn gestochen hätte. Wie dumm! Sie konnte doch -nichts dafür. - -Er aber dachte: »Warum wird sie so rot? Es ist doch nicht ihre Schuld.« - -In diesem Augenblick wurde die Tür leise aufgemacht und gleich wieder -geschlossen. Blanche nahm das als Zeichen, abbrechen zu müssen. Sie erhob -sich und gab ihm ungelenk die Hand. - -»Adieu, Lux!« - -»Adieu, Blanche! Ich danke dir auch. Willst du so gut sein und sie auf den -Tisch stellen?« - -Sie stellte die Orangen auf den Tisch und nickte ihm noch einmal zu. - -»Adieu, Lux!« - -Dann schloß sich die Tür hinter ihr. - -»Nun, hat Lux sich nicht gefreut?« fragte Frau Elisabeth. - -»Ja, sehr,« antwortete Blanche. - -»Siehst du? Und du wolltest nicht zu ihm gehen.« - -»Das wollte ich schon, aber nicht so schnell.« - -Blanche war froh, den ersten Besuch hinter sich zu haben; nun würde es ihr -leichter werden, wieder hinzugehen. Ob er wirklich nur wenig Schmerzen mehr -hätte? Er sah doch noch sehr blaß aus. Das tat er freilich immer. Aber doch -nicht so furchtbar blaß wie jetzt. Ob er wohl ganz wieder besser würde? So -ganz und gar wie früher? - -Dr. Irmler sagte abends zu ihrer Mutter, daß Lux sich sehr über den Besuch -von Blanche gefreut habe, und er sagte es auch ihr selbst: - -»Komm nur recht oft, Lux wird sich immer freuen. Er liegt so allein.« - -Sie war fast glücklich. Wenn er sich wirklich freute, wollte sie ja gern zu -ihm gehen; meinetwegen jeden Tag. - -»Vielleicht nimmst du ein Buch mit,« sagte Frau Elisabeth. - -Und sie ging am nächsten Tag mit einem Buch zu ihm. - -»Soll ich dir etwas vorlesen?« fragte sie. - -»Wenn du willst!« - -Seine Augen leuchteten auf und sprangen von ihrem Gesicht auf das Buch -über. - -Sie sah die Frage in seinem Blick. - -»Andersens Märchen,« sagte sie. »Magst du das auch hören?« - -»Ja, gern. Lies nur, was du willst, Blanche; es ist alles hübsch.« - -Er legte sich in die Kissen zurück, und sie blätterte noch ein wenig, -obgleich sie sich schon für die Geschichte von der kleinen Seejungfrau -entschieden hatte, und fing endlich an: - -»Weit hinaus im Meere ist das Wasser so blau wie die Blätter der prächtigen -Kornblume und so klar wie das reinste Glas, aber es ist außerordentlich -tief, tiefer als irgend ein Ankertau reicht. Viele Kirchtürme müßten -übereinander gestellt werden, um vom Grunde bis über das Wasser hervor zu -reichen. Dort wohnt das Meervolk.« - -Ihre Stimme war wie das Klingen kleiner Wellen, wie ihr leises Rauschen -und Plätschern am Strande. Und ihr eigenes Bild verfloß ihm mit dem der -jüngsten Meertochter. - -»Sie war doch die Schönste von allen, ihre Haut war so durchsichtig und -zart wie ein Rosenblatt, ihre Augen so blau wie das tiefste Meer, aber -wie alle die anderen hatte sie keine Füße, der Körper ging in einen -Fischschwanz aus.« - -Und Blanche saß so vor seinem Bett, daß er ihre Füße nicht sah, und er -lächelte ganz heimlich bei dem Gedanken und schloß die Augen. - -Sobald sie ihre fünfzehn Jahre erreicht hatte, sollte die kleine -Meerprinzessin Erlaubnis haben, aus dem Meere empor zu tauchen, im -Mondschein auf der Klippe zu sitzen und die großen Schiffe sich anzusehen, -die vorbei segeln. - -Blanche war nun vierzehn. Ein Jahr noch, so dachten sie beide, obgleich -Blanche doch keine Meerjungfrau war, die sich sehnte, empor zu tauchen und -auf Klippen zu sitzen. Aber je weiter sie lasen, je mehr nahm Blanche die -Gestalt der jüngsten Prinzessin an, sowohl für Lux, wie für sich selbst. - -So knüpfte das Buch ein neues Band zwischen ihnen. Lux hatte nicht -geglaubt, daß er noch soviel Geschmack an Märchen fände. Und gerade diese -kannte er ja alle schon. Aber wie neu klangen sie aus dem Munde der -kleinen Blanche, die mit geröteten Wangen und leuchtenden Augen auch das -Nebensächlichste mit so großer Wichtigkeit und herzlicher Betonung las. Sie -hatte einen lieblichen, singenden Klang in der Stimme und las so sicher und -fließend und versprach sich nicht ein einziges Mal. Doch! Als sie las, -wie die Störche nach Afrika zogen, da versprach sie sich sogar zweimal -hintereinander. Das machte, sie dachte dabei an Manuel und an dessen -Heimat, an die Brandung in dem Hafen von Tanger und an die braune Nushat. -Und dabei versprach sie sich, und Lux mußte lachen. - -Aber Manuels Name wurde nie wieder zwischen ihnen genannt. - -Schade, daß die Ferien zu Ende gingen. Blanche würde nun nicht jeden Tag -kommen können. Die Schule nahm viele Stunden des Tages in Anspruch, die -Schule und die Hausarbeiten. Aber Lux würde ja auch bald ganz gesund sein, -und dann würden sie wieder zusammen im Garten spielen. - -Und dann kam sie das letzte Mal mit dem Buch, und Lux bat: »Lies noch mal -das Märchen von der Nachtigall.« - -Und sie las noch einmal das Märchen von der Nachtigall, und Lux hörte fast -die ganze Geschichte mit geschlossenen Augen an, während ein glückliches -Lächeln auf seinem Gesicht lag. - - - - -[Illustration] - - - - -9. KAPITEL. - - -Frau Elisabeth war sehr froh, daß Blanche so bald vergaß, und legte es ihr -nicht als Oberflächlichkeit aus. Das Kind lebt dem Tage und soll ihm leben. -Seine kleinen Leiden überwindet es schnell und öffnet mit jedem neuen Tag -sich wieder der Sonne; wie die Blume am Abend ihren Kelch schließt und ihn -am Morgen in Reinheit und Frische wieder auftut. Und sie meinte, man solle -das Kind in diesem auf das nächste, auf die Gegenwart gerichteten Wesen -nicht stören und man solle froh sein, wenn ihm der Tag alles ist und das -Gestern nichts mehr gilt. Die Wandlung kommt leise von selbst, und stete -Sorge für eine rechte Gemütsbildung verhindert die Oberflächlichkeit. - -Für Lux war sie in dieser Beziehung nicht bange. Ihre eigene Beobachtung -und viele kleine Züge, die Dr. Irmler ihr erzählt hatte, sprachen dafür, -daß er ein reiches Innenleben führte. - -Wenn Lux mit keinem Wort nach Manuel fragte, so war es nur Scheu, einen -Namen zu nennen, der in jedermann schmerzliche Erinnerung erwecken mußte. -Hörte er doch auch von den Erwachsenen Manuels nie erwähnen, so daß es war, -als wäre sein vorübergehender Aufenthalt unter ihnen nur ein Traum gewesen. - -Nun war Manuel keineswegs so vergessen, als es den Anschein hatte. Blanches -Vater blieb nach wie vor in Geschäftsverbindung mit Herrn Negros, und es -kam Nachricht von dem weiteren Ergehen des kleinen Spaniers auf dem Weg -über das Kontor ins Haus. Ja von ihm selbst gelangte ein für seine Jahre -reifer und doch auch wieder kindlicher Brief in Frau Elisabeths Hände: - -»Ich denke jeden Tag und jede Nacht an Sie und an Blanche und an Lux und -bete für sie alle. Und ich bin sehr böse auf mich, daß ich ihnen so weh -getan habe und daß ich nun nie mehr zu ihnen zurück kann. Grüßen Sie -Blanche, ich werde sie nie vergessen. Und grüßen Sie auch Lux. Er soll mir -schreiben, daß er mir nicht mehr böse ist. Ich habe auch hier gute Menschen -gefunden, aber ich werde Sie nie vergessen können.« - -Sie schrieb ihm gütig zurück und bestellte ihm Grüße von Blanche und auch -von Lux, der noch nicht selbst schreiben dürfe, aber es ginge ihm besser, -und er dächte nur noch freundlich an ihn. - -Ob sie recht daran tat, den Kindern Manuels Grüße vorzuenthalten? Sie -überlegte lange und kam zu dem Entschlusse, daß es besser sei. -Blanche schloß sich eben in alter Weise wieder an Lux an, in harmloser -Kameradschaft; das wollte sie nicht stören. - -Es war in den ersten Tagen des September, daß Lux zum ersten Male in den -Garten gehen durfte. Er war völlig wiederhergestellt. Aber er trug noch die -Farbe des Krankenzimmers. Doch der Spätsommer war so schön, wie er selten -war, und die Sonne hatte noch Kraft genug, kranke Wangen zu bräunen. Die -Bäume standen still und früchteschwer, auf den Beeten dufteten Goldlack -und Levkojen, und Dalien und Georginen blühten üppig und farbenprächtig am -Wege. - -Hand in Hand gingen Lux und Blanche auf den sonnigen Steigen durch all die -reife, satte Sommerpracht zu ihrem Lieblingsplätzchen. Hier schwellten -am Strauch die grünen Haselnüsse. Kaum merklich stockte ihr Fuß, und sie -gingen verstummend vorüber. - -Das Bächlein, das im Hochsommer oft ein armseliges Rinnsal gewesen, lief -wasserreich vorbei und lockte sie. Sie setzten sich auf die Stufen, die -hinabführten, und sahen bis auf den klaren Grund. Da lag, halb übersandet, -ein verrostetes, offenes Taschenmesser. Sie sahen es beide zugleich. - -»Das ist es!« rief Blanche und reckte den Hals noch weiter vor. - -»Soll ich es holen?« fragte sie. - -»Ich darf es nicht!« sagte Lux. »Aber laß es doch. Was willst du damit?« - -»Nein, ich hole es.« - -Sie legte Schuhe und Strümpfe ab, und watete in das klare Wasser hinein; -es ging ihr fast bis an die Knie. Sie streifte die Ärmel hoch, als sie sich -nach dem Messer bückte, und ihr goldenes Haar fiel ihr wie ein goldener -Schleier vors Gesicht. - -Sie bemühte sich, das Messer zu schließen; doch vergeblich. - -»Gib her,« sagte Lux, tat, als ob er es auch versuche, besann sich einen -Augenblick und schleuderte es weit weg. - -»Du kannst dir Blutvergiftung damit zuziehen,« sagte er. - -Sie sah ihn unwillig an, beruhigte sich aber doch; was wollte sie auch mit -dem alten verrosteten Messer. - -»Möchtest du wohl, daß Manuel wieder kommt?« wollte sie fragen, dachte aber -noch rechtzeitig, daß sie ihn das kaum fragen dürfe. Er aber, als hätte er -ihre unterlassene Frage dennoch verstanden, sagte: - -»Es ist doch viel besser so, -- jetzt -- --« - -»Aber nett war er doch,« sagte Blanche nachdenklich. - -Durch den Garten zitterten die dumpfen Töne eines Gong. - -Langsam erhoben sie sich und gingen dem Hause zu, diesmal nicht Hand in -Hand. - -Blanche schlenderte etwas vorauf. Unter einem jungen Apfelbaum blieb sie -stehen. - -»Sieh mal!« rief sie bewundernd und wandte sich halb zurück. - -An einem niederhängenden Zweig saß an der äußersten Spitze ein schöner, -wachsglänzender, rotbackiger Frühapfel. - -Sie streckte die Hand danach aus, blieb einen Augenblick so auf den -Zehenspitzen stehen, und drehte leise an der schönen Frucht. - -Plötzlich löste sich der Apfel und blieb in ihrer Hand. - -»Ach!« rief sie und errötete vor Schreck. - -Doch schnell entschlossen gab sie den Apfel Lux. - -»Da!« - -Sollte er ihn zurückweisen? - -Zögernd nahm er ihn und ließ ihn ohne ein Wort in seine Tasche -verschwinden. - -»Blanche! Blanche!« klang die helle Stimme Frau Elisabeths vom Hause her. - -»Gleich!« rief Blanche zurück. »Ich komme schon! Adieu, Lux!« - -Sie nickte ihm zu und sprang leicht den Steig herauf. - -Lux blieb an der kleinen Pforte zurück und sah ihr nach; die Hand in -der Tasche spielte dabei mit dem Apfel. Ein leises Leuchten lag auf dem -schmalen, blassen Knabengesicht; und Lux wandte sich nicht eher weg, -als bis das weiße Kleid der zierlichen Blanche in der Nähe des Hauses -verschwand, in dessen Fenstern des Mittags rote Rosen blühten. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - Gedruckt in Leipzig - bei Poeschel & Trepte - - - - -In dieser Sammlung sind ferner erschienen: - - - =Marie von Bunsen=, _Allerhand Briefe, Novellen und Skizzen._ - Geh. 2 M., geb. 3 M. - - =Ludwig Ganghofer=, _Das Kaser-Mandl._ Eine Erzählung. Illustriert von - Carl Röhling. 10. Tausend. Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M. - - =F. Hugin=, _Hahn Berta_. Eine Erzählung. 4. Tausend. Kart. 2 M., - geb. 3 M. - - =Wilhelm Raabe=, _Halb Mähr, halb mehr._ Zwei Erzählungen. Illustriert - von Carl Röhling. 12. Tausend. Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M. - - =Ernst von Wildenbruch=, _Das edle Blut._ Eine Erzählung. Illustriert - von C. Röhling. 106. Tausend. Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M. - - -- _Claudias Garten._ Eine Legende. Illustr. von C. Röhling. 17. Aufl. - Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M. - - -- _Die Danaide._ Eine Erzählung. Illustriert von H. Vogel. 7. Tausend. - Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M. - - -- _Franceska von Rimini._ Novelle. Neue Ausgabe. Kart 2.20 M., geb. in - Leinw. 3 M., geb. in Leder 5.50 M. - - -- _Unter der Geißel._ Eine Erzählung. 8. Tausend. Kart. 2.20 M., - geb. 3 M. - - -- _Kindertränen._ Zwei Erzählungen. Mit Buchschmuck von Heinrich - Vogeler-Worpswede. 66. Tausend. Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M. - - -- _Der Meister von Tanagra._ Eine Künstlergeschichte aus Alt-Hellas. - Illustriert von Franz Stassen. 10. Aufl. Kart. 2.20 M., geb. 3 M. - - -- _Neid._ Eine Erzählung. 26. Tausend. Kart. 2.20 M., geb. 3 M. - - -- _Die letzte Partie._ Zwei Erzählungen. Kart. 2.20 M., geb. 3 M. - - -- _Semiramis._ Eine Erzählung. 8. Tausend. Kart. 3 M., geb. 3.60 M. - - -- _Vice-Mama._ Eine Erzählung. 21. Tausend. Kart. 3 M., geb. 3.60 M. - - * * * * * - - -Bücher von Gustav Falke - -(Verlag von Alfred Janssen in Hamburg) - - =Romane= - - _Aus dem Durchschnitt._ Geb. 3 M. - _Die Kinder aus Ohlsens Gang._ Geb. 4.50 M. - _Der Mann im Nebel._ Geb. 3.50 M. - - =Gedichtbücher= - - _Mynheer der Tod._ Geb. 4 M. - _Tanz und Andacht._ Geb. 4 M. - _Neue Fahrt._ Geb. 4 M. - _Zwischen zwei Nächten._ Geb. 3 M. - _Mit dem Leben._ Geb. 3 M. - _Hohe Sommertage._ Geb. 3 M. - _Frohe Fracht._ Geb. 3 M. - _Der gestiefelte Kater._ Dichtung in XI Gesängen. Geb. 3 M. - _Die Auswahl._ Gedichte. Geb. 5 M. - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Die Verlagswerbung wurde vom Buchanfang an das Buchende verschoben, der -Schmutztitel wurde entfernt. - -Symbole für abweichende Schriftarten: - - _gesperrt_ : =fett= . - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich -uneinheitlicher Schreibweisen, mit folgenden Ausnahmen, - - Seite 6: - "«," geändert in ",«" - (»Einen Bernhardiner,« rief Lux) - - Seite 40: - "glitzerden" geändert in "glitzernden" - (schnell wie die glitzernden Wellen) - - Seite 46: - "«," geändert in ",«" - (»Alle drei können wir ja doch nicht darin sitzen,« sagte er) - - Seite 49: - "erkärte" geändert in "erklärte" - (als er erklärte, er habe schon oft geraucht) - - Seite 63: - "keinen" geändert in "kleinen" - (als seiner kleinen Freundin Blanche, deren Plappermaul) - - Seite 66: - "entgegegenkam" geändert in "entgegenkam" - (wenn sie ihm entgegenkam, schlank, schwebend) - - Seite 72: - "bewang" geändert in "bezwang" - (eine Beschämung zu ersparen, bezwang er sich) - - Seite 77: - "einal" geändert in "einmal" - (deiner Mutter auch einmal gefällig erweisen)] - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Spanier, by Gustav Falke - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPANIER *** - -***** This file should be named 60583-8.txt or 60583-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/5/8/60583/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit http://pglaf.org - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. -To donate, please visit: http://pglaf.org/donate - - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic -works. - -Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/60583-8.zip b/old/60583-8.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 8a3066f..0000000 --- a/old/60583-8.zip +++ /dev/null diff --git a/old/60583-h.zip b/old/60583-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 80dbe1b..0000000 --- a/old/60583-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/60583-h/60583-h.htm b/old/60583-h/60583-h.htm deleted file mode 100644 index e1a825c..0000000 --- a/old/60583-h/60583-h.htm +++ /dev/null @@ -1,4161 +0,0 @@ - - -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> - -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - -<head> -<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=iso-8859-1" /> -<meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - -<title>The Project Gutenberg eBook of -Der Spanier -by -Gustav Falke</title> - -<link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> -<style type="text/css"> - -body {margin-left: 10%; margin-right: 10%;} - -h1 {font-size: 250%; text-align: center; font-weight: normal; margin-top: 2em; line-height: 1.5; page-break-before: always;} -h2 {font-size: 125%; text-align: center; font-weight: bold; margin-top: 6em; margin-bottom: 1.5em; line-height: 2; page-break-before: always;} -h3 {font-size: 110%; text-align: center; font-weight: bold; margin-top: 4em; margin-bottom: 1em; line-height: 1.5; page-break-before: always;} - -p {text-indent: 1em; text-align: justify; margin-top: 0.75em; margin-bottom: 0.75em;} - -hr {width: 25%; margin-top: 2em; margin-bottom: 1.5em; page-break-before: avoid;} - -img {padding: 0;} - -.ce {text-align: center; text-indent: 0;} -.ci {margin-left: 5%; margin-right: 5%; text-indent: 0;} -.ge {font-style: normal; letter-spacing: .12em; padding-left: .12em;} -.in0 {text-indent: 0;} -.nd {text-decoration: none;} -.pb {page-break-before: always;} - -.fsl {font-size: 125%;} - -.mt2 {margin-top: 2em;} -.mt6 {margin-top: 6em;} - -.tdl {text-align: left; padding-left: 2em; text-indent: -2em;} - -a[title].pagenum {position: absolute; right:3%;} - -a[title].pagenum:after { - content: attr(title); - border: 1px solid silver; - display: inline; - font-size: x-small; - text-align: right; - color: #808080; - background-color: inherit; - font-style: normal; - padding: 1px 4px 1px 4px; - font-variant: normal; - font-weight: normal; - text-decoration: none; - text-indent: 0; - letter-spacing: 0; -} - -</style> -</head> - - -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Der Spanier, by Gustav Falke - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Der Spanier - Novelle - -Author: Gustav Falke - -Illustrator: Carl Weidemeyer - -Release Date: October 27, 2019 [EBook #60583] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPANIER *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - - - - - - -</pre> - - - -<h1>DER SPANIER</h1> - -<p class="ce fsl">NOVELLE VON<br /> -GUSTAV FALKE</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/signeti.jpg" alt="" /></p> - -<p class="ce mt6">1910<br /> -G. GROTE'SCHE<br /> -VERLAGSBUCHHANDLUNG·BERLIN</p> - - -<p class="ce">Übersetzungsrecht wird vorbehalten<br /> -Buchschmuck von Carl Weidemeyer<br /> -Druck von Poeschel & Trepte, Leipzig</p> - - - - -<p class="pb ce fsl mt6">DER SPANIER</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a> -<img src="images/p001i.jpg" alt="" /><br /> - -1. KAPITEL.</h2> - - -<p>Auf und ab flog die Schaukel, und Blanche, -in weißem Kleide, ganz in Sonne gehüllt, -stand aufrecht darin und konnte sich nicht -genug tun. Immer höher! Immer höher! -War das eine Lust!</p> - -<p>Die Schaukel kreischte in den Angeln, -und Blanche fand eine zeitlang an dieser -barbarischen Musik Vergnügen.</p> - -<p>Wie eine lichte Elfe flog sie zwischen -all dem Sonnenschein auf und ab, beständig -von weißen Taubenflügeln umspielt. -Die dummen und gierigen Geschöpfe flatterten -immer wieder von der Dachtraufe, -oder der Laube, oder dem Taubenschlag -auf die Erde, um dort nach irgend etwas, -was ihren Schnabel reizte, zu picken, -<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a> -und alsbald, von der vorübersausenden -Schaukel erschreckt, wieder lärmend aufzuschwirren. -Es waren ihrer zwanzig, alle -schneeweiß mit roten Füßen und roten -Schnäbeln, und leuchteten in der Frühlingssonne, -wie Blanche in ihrem weißen Kleide. -Der ganze Frühling war weiß und leuchtete. -Aus dem Garten schimmerten die -schneeigen Kronen der vielen Obstbäume, -und die hohe Bretterwand der Schaukel -gegenüber war ganz und gar mit Pfirsichblüten -bedeckt; ein zartes Rosa, wie auf den -Wangen der kleinen Blanche.</p> - -<p>Wie schön waren doch diese Tage! Es -war nicht mehr das erste Knospen, das die -Vorfrühlingstage so unendlich reizvoll macht, -die Vorfrühlingstage, wo man still, mit einem -erwartungsvollen Lächeln, durch den Garten -geht, zart und zärtlich die kleinen winzigen -Knospenkinder anblickt und fast behutsam -auftritt, als könnte man irgend etwas stören, -und die ganze erwartete Seligkeit könnte -ausbleiben; es war jetzt nichts mehr zu -<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a> -erwarten, es war schon alles da, der ganze, -volle Frühling. Wie in einem Rausch hatte -sich die Natur erschlossen; ein Blühen -und Duften war es, und die Luft schwirrte -von den Flügeln der kleinen Insekten, die -um die Honigtüten summten, und den -Blütenstaub von Blume zu Blume trugen. -Und über dem Allen wölbte sich ein reiner, -lichtblauer Himmel, durch den nur ein einziges -weißes Wölkchen wie in seliger Verträumtheit -dahin schwamm.</p> - -<p>Über dem Pfirsichspalier tauchte jetzt ein -blonder Knabenkopf auf, ein längliches, -blasses Gesicht mit einer Pagenfrisur.</p> - -<p>»Lux! Lux! komm schnell einmal herüber!« -rief Blanche. »Ich habe dir etwas -Neues zu erzählen!«</p> - -<p>Sofort verschwand der Pagenkopf wieder, -und Blanche sprang aus der Schaukel. -Ohne sich zu besinnen, lief sie durch die -Pforte eines niedrigen, grün gestrichenen -Holzgitters, das Hof und Spielplatz gegen -den Garten abschloß, und ging dann ein -<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a> -wenig langsamer einen schmalen Steig hinunter, -den zu beiden Seiten die schlanken -Stämmchen junger blühender Pflaumenbäume -einfaßten. Dahinter erstreckten sich -rechts und links sauber abgezirkelte Gemüsebeete, -gegen den Steig von einer schmalen -Blumenrabatte begrenzt, auf der gelbe Tazetten, -weiße Narzissen und blaue Iriskelche -still in der Sonne standen und sich von -einigen gewöhnlichen Kohlweißlingen den -Hof machen ließen.</p> - -<p>Bei einem alten Dornbusch, dessen phantastisch -gewundene Äste weit ausgriffen und -eine roh aus Holz gezimmerte Bank überschatteten, -und in dessen weißem Blütendach -unzählige Sperlinge zankten, bog der -Steig nach rechts um und lief hart an der -Grenze des Gartens weiter. Hier befand -sich in einer wohlgepflegten Ligusterhecke -eine schmale Pforte, durch welche die Nachbarkinder -miteinander verkehrten. An ihr -erschien nun Lux mit fragenden Augen -und etwas erhitztem Gesicht; er hatte laufen -<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a> -müssen, um gleichzeitig mit Blanche -einzutreffen, denn der Nachbargarten, mehr -Zier- und Lustanlage, hatte gewundenere -Wege.</p> - -<p>Blanche winkte mit einem kurzen Ruck -ihres hübschen Köpfchens den Knaben herüber, -und er trat durch die schmale Pforte -an ihre Seite. Sie gaben sich stumm die -Hände, sahen sich einen Augenblick mit -Wohlgefallen an und gingen dann Hand -in Hand tiefer in den Garten hinein. Sie -gewahrten nicht, daß sich nebenan ein -schlanker, ernster Mann mit schwarzem Vollbart -ein wenig aus einem niedrigen Strandstuhl -vorbeugte, das Buch, in dem er gelesen -hatte, einen Augenblick auf den -Knien ruhen ließ, und ihnen mit einem -leisen Lächeln in den sinnenden Augen -nachblickte.</p> - -<p>Der Weg führte die Kinder in eine parkartige -Anlage, wo dann ein schmales, schnellfließendes -Bächlein die Grenze des Besitzes -bildete. Jenseits dehnte sich eine schöne, von -<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a> -hohen Bäumen umsäumte Wiese aus; die -gehörte zu einem Bauernhof, dessen Gebäude -unter und zwischen den dichten, dunkellaubigen -Baumwipfeln sichtbar wurden.</p> - -<p>An diesem Bächlein ließen sich die Kinder -nieder. Es stand hier, auf einer kleinen -künstlichen Erhöhung des Ufers, ein fünfeckiger, -mit Stroh bedeckter Pavillon. Seine -drei Bänke boten einen behaglichen Ruhesitz -und einen beschaulichen Blick auf das -grüne Wiesenbild, dem jetzt die ersten -Hundeblumen ihre unzähligen goldenen -Sterne eingestickt hatten. Aber nicht auf -eine dieser einladenden Bänke setzten sich -Blanche und Lux, sondern auf ein paar rohe -Holzstufen, die zum Wasser hinabführten. -Und nicht eher begann Blanche die Spannung -ihres Freundes zu lösen, als bis sie -es sich auf diesem primitiven Sitz völlig -bequem gemacht hatte.</p> - -<p>»Rate mal, was wir bekommen,« begann -sie kindlich und lebhaft.</p> - -<p>»Einen Bernhardiner,« rief Lux, der den -<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a> -Lieblingswunsch seiner kleinen Freundin -wohl kannte.</p> - -<p>»Nein, ganz etwas anderes!«</p> - -<p>»Was schöneres noch?«</p> - -<p>»Du rätst es doch nicht. Besuch bekommen -wir. Und rate mal von wem.«</p> - -<p>Lux sah sie hilflos an.</p> - -<p>»Von einem Spanier!« trumpfte Blanche -heraus und legte den Kopf ein wenig zurück, -um sich an der Wirkung ihrer Worte -zu weiden.</p> - -<p>»Ein Spanier?« fragte Lux voller Verwunderung. -»Wie heißt er?«</p> - -<p>»Den Namen habe ich vergessen. Aber -er ist der Sohn von Papas Geschäftsfreund -und soll hier die Schule besuchen.«</p> - -<p>Lux schwieg und sah aufs Wasser, das -in kleinen, hastigen Wellen vorüber lief. Es -war seine Art, zu verstummen, wenn ihn -etwas innerlich sehr bewegte.</p> - -<p>»Ist er schon groß?« fragte er langsam.</p> - -<p>»Er ist ein halbes Jahr älter als du,« sagte -Blanche. »Ich freue mich furchtbar darauf. -<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a> -Denke dir, wie nett wir dann zusammen -spielen können.«</p> - -<p>»Spricht er denn deutsch?«</p> - -<p>»Ich glaube. Aber wenn nicht, so wird -er es doch lernen. Wie könnte er sonst -hier die Schule besuchen.«</p> - -<p>Lux unterdrückte einen kleinen Seufzer. -Er wußte selbst nicht, warum er sich zu -dem neuen Kameraden nicht freuen konnte.</p> - -<p>»Die Schule hat doch schon angefangen,« -sagte er.</p> - -<p>»Das macht nichts. Er soll erst zu Michaelis -eintreten, bis dahin soll er sich -hier einleben und an uns gewöhnen, sagt -Mama.«</p> - -<p>»So kommt er bald?«</p> - -<p>»In acht Tagen. Denke, wie schön!«</p> - -<p>Lux stand langsam auf.</p> - -<p>»Du scheinst dich gar nicht ein bischen -zu freuen,« sagte Blanche vorwurfsvoll.</p> - -<p>»O doch!« stieß Lux hastig heraus und -errötete heftig. »Ich freue mich schon. Ich -habe nur so eine Angst, – daß ich nicht -<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -spanisch verstehe. Und dann sind Spanier -immer so wild, weißt du. Es sind doch -ganz andere Menschen als wir. Sie sind -ganz braun, glaube ich.«</p> - -<p>»Das tut doch nichts!«</p> - -<p>»O nein, im Gegenteil,« versicherte Lux.</p> - -<p>Blanche war sitzen geblieben, neigte sich -ein wenig nach vorn und ließ ihr schönes -blondes Haar übers Gesicht fallen. Wie ein -Nixchen sah ihr Bild aus dem Wasser zurück, -und sie ergötzte sich in unschuldiger -Eitelkeit daran.</p> - -<p>»Fall nicht ins Wasser,« warnte Lux besorgt.</p> - -<p>»Und wenn?« fragte sie. »Es ist nicht -tief hier. Du meinst wohl, ich ertrinke wieder -wie damals. Aber dazu bin ich doch -schon zu groß.«</p> - -<p>»Damals wärst du freilich bald ertrunken,« -sagte er mit einem leisen Schauder in der -Stimme. »Aber Papa war in der Nähe und -konnte dich retten.«</p> - -<p>»Heute käme ich allein wieder ans Land. -Soll ich mal?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a> -Sie streckte die schlanken, weiß bestrumpften -Beine aus, als wollte sie direkt in den -Bach steigen.</p> - -<p>»Du bist imstande, es zu tun.«</p> - -<p>Blanche lachte selbstbewußt, als wäre sie -noch zu ganz anderen Streichen fähig, -erhob sich aber doch und meinte: »Ich -finde es langweilig hier, ich gehe wieder -schaukeln.«</p> - -<p>Nicht mehr Hand in Hand, sondern Lux -in einigem Abstand hinter dem Mädchen, -gingen sie wieder den Steig hinauf. Ein -leiser Windstoß fuhr durch die Zweige der -Obstbäume und streute einen leichten Schnee -weißer Blütenblätter über Blanche aus; sie -schüttelte sich lachend und sprang, wie -fliehend, ein paar lustige Sätze voraus.</p> - -<p>Bei dem Heckenpförtchen zögerte sie ein -wenig.</p> - -<p>»Kommst du mit?« fragte sie halb über -die Schulter zurück.</p> - -<p>Der Knabe besann sich.</p> - -<p>»Ich muß zu Papa,« sagte er.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -Sie nickte ihm leicht zu und setzte ihren -Weg fort, während er unschlüssig das Pförtchen -öffnete und ihr noch einen schnellen -Blick nachwarf, bevor er hindurch schritt. -Er sah suchend umher, entdeckte den Vater -auf seinem Strandstuhl und lief zu ihm.</p> - - - - -<h2><img src="images/p011i.jpg" alt="" /><br /> - -2. KAPITEL.</h2> - - -<p>Dr. Irmler war ein wohlhabender Privatdozent, -der alle seine Zeit, die ihm seine -Studien ließen, der Erziehung seines einzigen -Sohnes widmete. Seine Frau war früh -gestorben, und das Kind, ein schöner blonder -Knabe, den die Eltern im Übermaß -ihres Glückes Lux getauft hatten, war nun das -einzige Licht in seinem verdüsterten Leben. -Er hatte seine Frau sehr lieb gehabt, hatte -lange um die Schöne und Herzensfeine geworben -und sah sich nun, kaum im Besitz -des erstrebten Glückes, desselben wieder -grausam beraubt. Er war ganz zerschmettert, -<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -und nur der Gedanke an seinen Sohn hielt -ihn noch am Leben. Er zog sich mit ihm -und einer alten Haushälterin aus dem lauten -Getriebe der großen Stadt in ländliche Stille -und Einsamkeit zurück.</p> - -<p>In seinem Gartenhäuschen, von dessen -Terrasse aus er den Anblick strohbedeckter -Bauernhäuser, mit bunten Rindern bevölkerten -Weidelandes und die Schönheit alter Buchen- -und Eichenstände genoß, umgab ihn ein -Friede, der seinem kranken Gemüt wohltat, -und eine Ruhe, die ihm bald zum Bedürfnis -wurde. Mit der stillen Freude und -dem ernsthaften Interesse des Gelehrten -widmete er sich seinem Garten, der eine -Fülle auserlesener Blumen und Sträucher -aufwies, und dem das fließende Grenzbächlein -und die baumreiche Umgebung auch einen -landschaftlichen Reiz verliehen.</p> - -<p>Hier liebte er es an schönen Tagen, sich -in den Schatten selbstgepflanzter Obstbäume -mit einem Buch zurückzuziehen und sich -dabei eines schlichten, niedrigen Strandstuhles -<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -zu bedienen, in dem einst, im letzten -Sommer ihrer kurzen Ehe, die geliebte Frau -am Strande der Ostsee täglich geruht hatte. -Wie glücklich wäre sie gewesen, inmitten -dieser Gartenfreude mit ihrer zarten Blumenseele -walten und wirken zu dürfen. Warum -hatte er nicht schon früher das Opfer gebracht -und war mit ihr der großen Stadt -entflohen? Damals meinte er, die Nähe der -Bibliothek und anderer Bildungsmittel nicht -entbehren zu können; und jetzt ging es -doch, und er fühlte sich sogar wohler und -zufriedener dabei. Und nötigenfalls konnte -er in einer kleinen Stunde in der Stadt -sein, der er immer so bald als möglich -wieder entfloh.</p> - -<p>Ein Trost war ihm, daß nun wenigstens -Lux die Wohltat dieses ländlichen Aufenthaltes -genoß, und daß der zarte, ganz -der Mutter ähnliche Knabe in der gesunden -Luft gut gedieh und sich zusehends -kräftigte. Daß er ihn, ohne es zu wollen, -ein wenig verzärtelte, kam ihm nicht zum -<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -Bewußtsein; war es doch natürlich, daß -er alle seine Liebe jetzt dem Sohne zuwandte.</p> - -<p>Wohl dachte er manchmal, ob nicht die -alte Haushälterin, eine verständige, herzenstüchtige -Person, vielleicht etwas zu nachgiebig -gegen den Gutherzigen und Einschmeichlerischen -wäre. Auch ginge Lux, der -ohne gleichaltrige Nachbarskinder einsam -zwischen ihm, dem stillen, viel arbeitenden -Gelehrten und einer alten Frau aufwuchs, -der Vorteile einer härteren Knabenzucht -verlustig. Aber er sah keinen Weg, es zu -ändern; denn nie hätte er sich entschlossen, -den Knaben von sich zu geben, und ihn -in ein Erziehungsinstitut zu tun.</p> - -<p>Da war es für ihn von besonderem Interesse, -als es hieß, das Nachbargrundstück -sei verkauft worden, und es wolle -sich ein reicher Kaufmann dort eine Villa -bauen. Das konnte einen Verlust für ihn -bedeuten, aber auch einen Gewinn. Der Friede -seiner ländlichen Beschaulichkeit brauchte -<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -nicht notwendig dadurch gestört zu werden, -wohl aber die Stille und Einsamkeit; vielleicht -nahte eine laute Kinderschar mit den -neuen Nachbarn. Für Lux könnte das freilich -Nutzen bringen. Und er wünschte sich -zuletzt, der Kaufmann möchte nicht ohne -Kinder sein, und zwar möchten es Knaben -sein, die im Alter zu seinem Sohne -paßten.</p> - -<p>Da war er denn zuerst wirklich enttäuscht, -als er hörte, jenes Ehepaar besäße nur ein -einziges Töchterlein von drei Jahren, tröstete -sich aber dann bei dem Gedanken, daß er -von einem so kleinen Wesen viel Störung -seines Haus- und Gartenfriedens nicht zu -gewärtigen haben würde.</p> - -<p>Das Vermessen und Graben und Bauen -auf dem Nachbargrundstück begann. Dr. Irmler -machte von weitem die Bekanntschaft -des Bauherrn, eines noch jüngeren Mannes -von sympathischem Aussehen, der fleißig -kam, um nach dem Rechten zu sehen, und -sah auch einmal an seinem Arm die junge -<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -Frau. Die Leute gefielen ihm wohl, soweit -die äußere Erscheinung nicht täuschte, und -da er sah, daß mit Geschmack und ohne -Kärglichkeit gebaut wurde, und daß ein -tüchtiger Fachmann die gärtnerischen Anlagen -leitete, söhnte er sich mit dem Gedanken, -so nahe Nachbarschaft zu bekommen, -aus und versprach sich sogar mancherlei -Gutes davon, denn er gehörte zu -den Leuten, die das Böse und Widerwärtige -weniger in ihre Rechnung stellen, weil -sie mit ihren Gedanken immer nur im -Guten und Reinen leben.</p> - -<p>Der Bau, der bei günstiger Jahreszeit -rüstig gefördert worden war, stand im September -zum Beziehen fertig da. Es dauerte -nicht lange, da rückten auch schon die Besitzer -ein, um noch ein paar Wochen des -schönen Spätsommers in dem neuen Gartenheim -genießen zu können.</p> - -<p>Dr. Irmler empfing ihren Besuch an einem -freundlichen Sonntag.</p> - -<p>»Da wir nur das Eine haben, entschuldigen -<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -Sie wohl, daß wir uns Ihnen gleich -vollzählig vorstellen,« sagte die junge Frau -mit einer gewinnenden, liebenswürdigen -Schlichtheit.</p> - -<p>»Gib auch hübsch dein Händchen, -Blanche.«</p> - -<p>Dr. Irmler hielt das kleine Händchen -einen Augenblick in der seinen und dachte, -»welch ein schönes Kind!«</p> - -<p>In der Tat war das kleine Wesen von -holdem Liebreiz. Lange, seidenweiche Haare -von einem seltenen Blond umrahmten ein -Engelsgesichtchen, aus dem eine unbefangene -Schelmerei lächelte; sie spielte um -den kleinen zierlichen Mund und blitzte -aus den hellen blauen Augen.</p> - -<p>Er verglich das Gesichtchen mit dem -der Mutter und stellte eine Ähnlichkeit fest.</p> - -<p>»Siehst du, Rudi,« sagte die junge Frau, -und zu Dr. Irmler gewandt, setzte sie hinzu:</p> - -<p>»Er bildet sich nämlich ein, das Kind -hätte alles Gute von ihm.«</p> - -<p>Es entstand ein kleiner scherzhaft geführter -<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -Streit, den die Mutter mit der Anerkennung -beschloß, daß die kleine Blanche -in der Tat viel von dem Wesen ihres Vaters -habe und eigentlich »ein kleiner Racker« sei; -»aber ein süßer,« fügte sie hinzu und zog die -Kleine zärtlich an sich.</p> - -<p>Inzwischen war Lux herbeigerufen worden -und näherte sich den Fremden mit knabenhafter -Scheu. Auf die kleine Blanche warf -er einen verschämten Blick und reichte ihr -auf Aufforderung seine kühlen Fingerspitzen. -Sie hingegen begrüßte ihn mit großen unbefangenen -Augen und einem zutraulichen -Lächeln, das aber gar keinen Eindruck auf -ihn zu machen schien; er zog sich vielmehr -hinter den Stuhl seines Vaters zurück. -Dr. Irmler holte ihn jedoch wieder hervor, -zog ihn an seine Seite, und legte fast -unbewußt den Arm um seinen Nacken. -So geborgen, musterte Lux etwas dreister -die kleine Nachbarin. Wie niedlich ihr das -weiße Atlashäubchen stand, unter dem das -goldene Haar so reich hervorquoll. Und -<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -wie hübsch sie angezogen war. Ein blaues -Jäckchen mit weißem Seidenfutter war jedenfalls -noch ganz neu. Und wie unbefangen -sie sich gab, als ob sie hier -zuhause wäre. Das wollte ihn eigentlich -ärgern, aber es kam nicht dazu, weil sie -eben so niedlich war.</p> - -<p>Als sich der Besuch verabschiedete, gab -er der Kleinen aus eigenem Antriebe die -Hand.</p> - -<p>»Ist sie nicht süß, Papa?« sagte er ganz -enthusiastisch, als sie allein waren.</p> - -<p>»Gefällt sie dir?« fragte Dr. Irmler belustigt.</p> - -<p>Lux antwortete nicht. Aber den Rest des -Tages trieb er sich im Garten umher, und -zwar an der Heckenseite, und warf suchende -Blicke in den Nachbargarten. Einmal hörte -er ihre Stimme, die kam aber von daher, -wo in der Nähe des Hauses die beiden -Grundstücke durch die hohe Spalierplanke -getrennt waren, an der Dr. Irmler seine -herrlichen Pfirsiche zog.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -Wäre doch ein Loch in der Planke, -dachte Lux. Aber sie war so solide gefugt, -daß sie nicht ein Ritzchen zum Durchgucken -bot.</p> - -<p>»Ach was!« tröstete er sich, »du wirst -das kleine niedliche Mädchen oft genug -sehen.«</p> - -<p>In der Tat sah er es fast täglich im -Garten, so lange das schöne Wetter anhielt. -Dr. Irmler hatte seinen Gegenbesuch gemacht, -und es hatte sich schnell ein nachbarliches -Verhältnis angebahnt. Freilich beschränkte -es sich auf einen teilnehmenden -Verkehr über den Zaun hinüber, und der -Herbst kam, ohne daß eine größere Annäherung, -auch nicht zwischen den Kindern, -stattgefunden hatte.</p> - -<p>Die Eltern der kleinen Blanche waren -noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt. -Vieles war noch zu vervollkommnen, und -mit dem Fertigen mußte man sich näher -vertraut machen, um es zu besitzen. Neue -Wege wurden angelegt, ein Pavillon am -<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -Bach erbaut, und hier und da noch ein -Obstbaum oder ein Ziergesträuch gepflanzt, -soweit es die Jahreszeit erlaubte. Mit Eifer -beschickte Frau Elisabeth manches selbst -im Garten, wobei sie einmal wegen eines -jungen Obstbäumchens, mit dem sie nicht -recht hin wußte, Dr. Irmlers freundlichen -Rat in Anspruch nahm.</p> - -<p>So vergingen geschäftige Wochen, und -man hatte für die Nachbarn nicht viel Zeit -übrig. Blanche war fast nie allein im -Garten. Entweder war die Mutter bei ihr, -oder das Kindermädchen, und Lux konnte -nur von weitem seine kleine Freundin bewundern, -da niemand ihn rief.</p> - -<p>Da sollte der rauhe Herbst das Band, -das der schöne Sommer nur lose verschlungen -hatte, fester knüpfen. Mit Heftigkeit -setzten die Oktoberstürme ein, es wurde -früh kalt und naß, die jungen Bäumchen -standen bald kahl, und der Bach hinterm -Garten kräuselte nicht mehr friedlich seine -klaren Wellen, sondern eilte hastig, wie erzürnt, -<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -vorüber und führte viel welkes Laub -mit sich. Mit Erstaunen sahen die neuen -Anwohner, wie schnell ein einziger, anhaltender -Platzregen das schmale Bett des -Bächleins mit schäumenden, gurgelnden -Wassermassen füllte, und wie das zum -reißenden Strom gewordene, über seine -Ufer getretene, die Weidenböschungen nicht -achtende, die drüben liegenden Wiesen zu -einem kleinen See machte, auf dem tausend -winzige Wellchen zitterten, und aus dem -hier und da ein Hügelchen, wie eine einsame -Grasinsel melancholisch herausragte.</p> - -<p>Ein solches Schauspiel war der kleinen -Blanche, die in der letzten Zeit schon -einige selbständige Entdeckungsreisen gemacht -hatte, verhängnisvoll geworden. Die -Gefahr nicht kennend, hatte sie sich zu -nahe gewagt, war auf dem schlüpferigen -Boden ausgeglitten und wurde schon von -dem wirbelnden Wasser, in dem sie sich -vergeblich festen Fuß zu fassen bemühte, -fortgerissen, als Dr. Irmler, von ihrem -<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -erstickten Schrei aufgeschreckt, sie erblickte. -Er war im Begriff gewesen, zwischen -dem Bach und seinem kleinen Karpfenteich -einen niedrigen Erdwall aufzuwerfen, da -das Wasser den trennenden Steig zu überfluten -drohte. Irgend ein Rettungsinstrument, -eine Stange, ein Haken, war nicht -zur Hand. Eine Harke schon hätte genügt, -aber sein Spaten erwies sich zu kurz. -Schnell entschlossen eilte er die überfluteten -Stufen hinab in das wogende Wasser, das -ihm bis an die Brust stieg, und erhaschte -die schon bewußtlose Blanche an ihrem -Kleidchen, als sie gerade an der Treppe -vorbei trieb. Auf dem Trocknen kam sie -schnell wieder zu sich, schlug die Augen -auf und fing an, jämmerlich zu weinen. -Das triefende Kind auf den Armen, selbst -triefend, lief er durch den ganzen Garten, -umsonst eine Stelle in der Ligusterhecke -suchend, wo er hätte durchbrechen können, -um das Nachbarhaus schneller zu erreichen.</p> - -<p>Die erschreckte Mutter nahm ihr Töchterchen -<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> -mit Jammern und Klagen und überströmendem -Dank gegen den Retter in Empfang. -Die Kleine wurde eiligst ins warme -Bett gebracht, das sie aber am Nachmittage -schon wieder verlassen wollte; sie war -diesmal mit dem Schrecken davongekommen, -und auch Dr. Irmler hatte außer einem -mehrtägigen Schnupfen weiter keine Nachteile -von diesem unfreiwilligen Bade. Wohl -aber diente dieser Vorfall dazu, die Nachbarn -noch näher zueinander zu führen und -ein Verhältnis einzuleiten, das sich dann -mehr und mehr zur Freundschaft auswuchs. -Daß der Zugang zum Bach mit einer schützenden -Pforte gesichert wurde, versteht sich -von selbst. Auch wurde es Blanche auf das -strengste verboten, je wieder allein ans Wasser -zu gehen.</p> - -<p>Lux, der mit kindlichem Erschrecken von -dem Unglück der kleinen Nachbarin gehört -hatte, zeigte nichts von dem Glücksgefühl, -das ihn erfüllte, als er von dem -guten Ausgang hörte und Blanche am anderen -<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -Tage wieder im Garten sah. Er hütete ängstlich -sein keusches Geheimnis, das zärtliche -Gefühl, das er für sie empfand. Wurde nur -ihr Name genannt, schlug sein Knabenherz -schon höher, und hörte er ihre Stimme -von drüben herüberschallen, blieb er wohl -erst im wunderlichen Schrecken stehen, bis -er sich verschämt getraute, nach ihr auszuschauen. -Wie glücklich war er daher, als -von diesem Tage an die Beziehungen zum -Nachbarhause inniger wurden.</p> - -<p>Blanche war von ihrer Mutter angehalten -worden, dem Herrn Doktor zu danken und -nach seinem Befinden zu fragen. Sie hatte -es ohne Scheu getan. »Was macht denn -dein Schnupfen?« hatte sie kindlich gefragt -und hatte sich sehr befriedigt mit einem -geschenkten, rotbackigen Apfel wieder zurückgezogen. -Dieser Apfel steigerte ihr Zutrauen -und vermehrte ihre kindliche Begehrlichkeit.</p> - -<p>Der »Onkel Doktor«, wie sie ihn bald -nannte, hatte eine reiche Ernte von seinen -<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -älteren, gutgepflegten Obstbäumen im Keller, -während die jungen Bäumchen im eigenen -Garten ja erst tragen sollten. Da suchte -denn Blanche oft ein Gespräch mit dem -»Onkel« anzuknüpfen, immer mit dem Gedanken -an einen Apfel; und da Dr. Irmler -darauf hielt, daß Lux täglich sein Obst bekam, -so fiel manche saftige Frucht auch -in ihre kleine Hand.</p> - -<p>Den größten Gewinn hatte Lux von dieser -Annäherung: Nicht nur, daß sein Vater an -Blanche Gefallen fand, und das lachende, -sonnige Kind manchmal über die Hecke -herüber in seinen Garten hob, auch die -Mutter seiner kleinen Freundin tat sich -gegen Lux auf, in dem Gefühl, dem -Retter ihres Töchterchens ihre Erkenntlichkeit -nicht besser zeigen zu können, -als indem sie lieb und gütig mit seinem -Knaben war.</p> - -<p>Es kam dazu, daß auch die Väter Gefallen -aneinander fanden und sich schätzen -und ergänzen lernten, der ernste stille Gelehrte -<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -und der lebhafte, kluge und welterfahrene -Kaufmann. Da gab es denn nach -Feierabend manche Stunde traulichen Beisammenseins -in anregendem Gespräch. Die -Kinder spielten bald täglich zusammen; und -schließlich wurde als äußeres Zeichen eines -so nahen Verkehrs ein Zugangspförtchen -von einem zum anderen Garten in der -Ligusterhecke angebracht.</p> - -<p>Wie Blanche zu Dr. Irmler Onkel sagte, -so nannte nun auch Lux die Eltern seiner -kleinen Freundin Onkel und Tante und -hatte besonders ein Herz für die immer -freundliche und heitere Tante. Ohne Mutter -aufgewachsen, nur von der alten grobknochigen -Magdalene betreut, war es ihm -ein nie gekanntes Gefühl, als zum ersten -Male ein weicher Frauenarm sich mit Zärtlichkeit -um ihn legte und ihn mütterlich -an sich zog, und als eine weiche, schlanke -Hand ihn streichelte. Die Hände der alten -Hüterin waren hart und knochig, und die -Liebe, die sie zu ihm im Herzen trug, war -<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a> -spröde und gab sich nur gelegentlich in -kleinen Zügen zu erkennen. Ach, wie gut -hatte es doch Blanche dagegen! Er beneidete -sie. Doch mißgönnte er es ihr darum -nicht, denn wer verdiente mehr eine solche -Mutter, als Blanche. Dr. Irmler merkte -wohl, was in der Seele seines Knaben vorging -und dankte Frau Elisabeth in seinem -Herzen dafür.</p> - -<p>So wuchsen denn die Kinder fast wie -Bruder und Schwester miteinander auf, und -die Jahre gingen dahin. Die neugepflanzten -Obstbäume gediehen und ragten jedes Jahr -höher und früchteschwerer über den bunten -Flor der Blumen und Stauden empor, die -Ligusterhecke, fleißig gepflegt und unter -der Zucht der Schere gehalten, wurde immer -breiter und dichter, und das kleine -Pförtchen darin stand oft tagelang offen.</p> - -<p>Dann brachte die Schulpflicht den Kindern -eine Einschränkung ihrer köstlichen -Freiheit. Lux war der erste, der die Schulmappe -auf den Rücken nehmen mußte. Er -<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -gewann an Ansehen bei Blanche. Sie war -stolz auf einen Freund, der schon lesen -lernte und Buchstaben malen konnte, und -sie war gelehrig im Nachahmen dessen, -was er frisch aus dem Unterricht mit nach -Hause brachte. So lernte sie mit ihm und -von ihm.</p> - -<p>»Was haben wir heute auf?«</p> - -<p>Mit dieser Frage stürmte sie ihm schon -entgegen, wenn er aus der Schule nachhause -kam.</p> - -<p>»Eine Seite ei schreiben und die Wörter -auf Seite 10 buchstabieren.«</p> - -<p>»Weiter nichts? Ach wie leicht ist das -doch alles? Ich dachte mir die Schule viel -schwerer.«</p> - -<p>Dieses kindliche, spielende Lernen, das -die verständigen Eltern nicht gestört, sondern -gern unterstützt und gefördert hatten, hörte -nun freilich auf, als Blanche selbst in die -Schule kam. Ach, wie groß war da zuerst -die Enttäuschung! Ein kleines Mädchen -hatte ja ganz andere Bücher als ein Knabe. -<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a> -Und alles war anders. Nun konnten sie -nicht mehr zusammen arbeiten; jeder saß -für sich und mühte sich, und waren sie -fertig, konnten sie es nicht einmal miteinander -vergleichen. Blanche konnte wohl -ihre Arbeit dem Freund zeigen; aber dann -ereignete es sich oft, daß die Lehrerin anders -gesagt hatte, als wie Lux es zu verstehen -meinte, und daß Blanche irre wurde. Dann -mußte Frau Elisabeth alles wieder ins Gleiche -bringen.</p> - -<p>»Lux ist ein kluger kleiner Kerl, aber gib -du nur immer recht acht, was die Lehrerin -sagt. Das ist für dich maßgebend. Knaben -lernen manches anders als kleine Mädchen.«</p> - -<p>Seitdem betrachtete Blanche ihren Freund -mit anderen Augen. Er war ja ein Knabe. -Und die Jahre vergingen und brachten es -mit sich, daß ihre Spiele eine andere Färbung -und Gestalt annahmen. Aber sie hielten -treue Kameradschaft und hatten sich gern. -Lux war der Stille, Besonnene geblieben, -Blanche immer aufgeweckter, munterer und -<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -kecker geworden. Hübsch war jedes von -ihnen, und jedes schlank und blond, und -Lux in seinem vierzehnten Jahre nur eben -einen halben Kopf größer als die dreizehnjährige -Blanche.</p> - - - - -<h2><img src="images/p031i.jpg" alt="" /><br /> - -3. KAPITEL.</h2> - - -<p>Eines Tages brachte der Vater den kleinen -Manuel Negros aus der Stadt mit; er war -ganz braun und hatte tief schwarze, glattanliegende, -glänzende Haare.</p> - -<p>»Wie klein er ist,« dachte Blanche. »Und -ich meine, er ist noch ein halbes Jahr älter -als Lux.«</p> - -<p>Aber interessant war er. Und was er -schon für Manieren hatte. Wie ein junger -Graf.</p> - -<p>Und diese Augen! Große schwarze, für -gewöhnlich etwas verschleierte Augen, die -aber wieder ordentlich leuchten und funkeln -konnten.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -Was Lux wohl zu dem neuen Kameraden -sagen würde? Ob er ihm wohl »über« -wäre? Sehr stark sah der Spanier nicht aus; -er war nicht größer als sie selbst, höchstens -eben so groß und war doch fast zwei ganze -Jahre älter.</p> - -<p>Er hatte ihr zur Begrüßung die Hand -gegeben, und sie hatte zögernd ihre weiße -Mädchenhand in die fremde, braune Knabenhand -gelegt.</p> - -<p>»Guten Tag,« hatte er dabei mit gezierter, -fremder Aussprache gesagt.</p> - -<p>Ob er denn schon deutsch sprechen -könnte? Ein wenig, wie es schien. Das war -schön. So konnte man sich doch verständlich -machen. Und wie drollig es klang, -wenn er sprach. Wie er das R rollte und -jede Silbe betonte.</p> - -<p>Lux, der nicht ohne Beklemmung seiner -Ankunft entgegengesehen hatte, fand ihn -sehr nett und atmete erleichtert auf. Der -reichte ihm ja nur bis an die Nasenspitze.</p> - -<p>Der kleine Fremde war ein wenig verlegen -<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -und musterte fast scheu den größeren, -blonden Knaben. Lux schlug einen gönnerhaften -Ton an und meinte, er solle sich -nur nicht fürchten, sie würden schon gut -miteinander auskommen.</p> - -<p>»O nein, nicht fürchten,« sagte Manuel, -und über sein feines, braunes Gesicht lief -ein hübsches Lächeln, und die dunklen -Augen leuchteten auf. »Ich spreche nur so -schlecht die deutsche Sprache.«</p> - -<p>Lux und Blanche beruhigten ihn aus -einem Munde, er spräche schon sehr nett, -und sie verständen alles, was er sage.</p> - -<p>»Findest Du ihn nicht auch niedlich?« -fragte Blanche auf dem Schulweg.</p> - -<p>»Ich finde ihn sehr nett,« bestätigte -Lux.</p> - -<p>»Ja, nicht wahr?«</p> - -<p>»Klein ist er ja nur.«</p> - -<p>»Ich hätte ihn mir ja auch ganz anders -gedacht.«</p> - -<p>»Wie denn?«</p> - -<p>»Ja, anders, ganz anders.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -Lux gab sich mit dieser Erklärung zufrieden -und schwieg.</p> - -<p>»Adieu Blanche!«</p> - -<p>»Adieu Lux!«</p> - -<p>Sie gaben sich die Hände und schlugen -jeder einen anderen Weg nach ihrer Schule -ein, beide mit allen Gedanken bei dem -kleinen Manuel Negros.</p> - -<p>Der streifte indessen im Garten herum, -machte von weitem die stumme Bekanntschaft -des Dr. Irmler und setzte sich im -Pavillon auf die Bank und dachte an Blanche. -Der Abschied von seinem Vater war ihm -wohl schwer gefallen, doch war er nicht -das erste Mal in der Fremde. Er war schon -ein halbes Jahr in Paris gewesen und wußte, -daß auch dieses Jahr in Deutschland nicht -allzu langsam vorübergehen würde. Dann -würde sein Vater ihn wieder mit hinübernehmen -in die Heimat.</p> - -<p>Unter afrikanischer Sonne war er aufgewachsen, -in der Fremden-Kolonie von -Tanger, der marrokkanischen Stadt, und er -<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -sehnte sich dahin zurück, wo der Himmel -heller, die Luft wärmer, die Menschen lebhafter -und die Tage bunter und lauter waren.</p> - -<p>Hier aber war Blanche!</p> - -<p>Er hatte schon viele, viele kleine Mädchen -gesehen und hatte zuhause eine kleine -Spielgenossin gehabt, ein arabisches Mädchen -namens Nushat, die ein paar Jahre -älter war als er, und an der er leidenschaftlich -hing, und von der er sich nur mit -Tränen hatte trennen können. Aber sie war -drüben, und wenn er wieder nachhause -kommen würde, wäre sie erwachsen und -vielleicht gar nicht mehr da.</p> - -<p>Mit Blanche sollte er nun unter einem -Dache leben, an einem Tische sitzen, in -diesem Garten mit ihr spielen, jeden Tag. -Sollte hier in diesem Pavillon mit ihr -sitzen. Viele kleine Mädchen hatte er schon -gesehen, aber noch keine Blanche. Sie hatte -ja goldene Haare, wie das reinste Gold -leuchteten sie. Und ihre Haut war wie der -zarte Sammet weißer Rosenblätter. Und wie -<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -niedlich sie lachte, und wie lustig ihre -Augen waren.</p> - -<p>Ja, hier würde er schon aushalten. Der -große Junge von nebenan war auch freundlich -zu ihm gewesen, wenn auch etwas -schweigsam. Und er hatte einen so forschenden -Blick: Wer bist du eigentlich? Aber mit -ihm hatte er ja nichts zu schaffen, nur mit -Blanche und ihren Eltern. Und die Erwachsenen -würden schon gut zu ihm sein. -Wären sie es nicht, so würde er es einfach -seinem Vater schreiben, und der würde -nicht dulden, daß man ihn schlecht behandele. -Nein, da hatte er keine Sorge. Und -sie waren ja auch gleich so freundlich zu -ihm gewesen, vor allem die Hausfrau. Die -hatte ihm den Scheitel gestreichelt, und er -hatte ihr die Hand geküßt, und sie hatte -darauf gelächelt. Dann hatte sie ihn selbst -nach oben in sein Zimmer geführt. Das war -ein hübscher, freundlicher Raum mit einem -Fenster nach dem Garten hinaus. Von hier -aus konnte er über alle Beete und Bäume -<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -hinwegsehen bis an das Wäldchen, das sich -in einiger Entfernung hinzog und dem Blick, -der bis dahin ungehindert über Wiesen und -Kornfelder flog, Halt gebot. Und von hier -aus hatte er, als er seinen Koffer auspackte, -Blanche durch den Garten springen, an -der kleinen Pforte in der Ligusterhecke -stehen bleiben und mit dem großen Nachbarjungen -sprechen sehen.</p> - -<p>Während seine Gedanken auch jetzt bei -Blanche waren, spielten seine Augen mit -den blanken Wellen des Bächleins, das mit -leisem Glucksen flink vorüber lief. So ein -laufendes Wasser hatten sie zuhause nicht. -Da waren nur Brunnen und Zisternen und -kleine schnell austrocknende Rinnsale. Aber -wenn er an den Hafen hinunter ging, da -hatte er freilich das Meer, das große blaue -mittelländische Meer.</p> - -<p>Ach, das Meer! Er sah es vor sich. Unter -strahlendem Himmel dehnte es sich aus, -weit, weit, bis an den silbernen Horizont, -wo es sich mit dem Himmel in einer zitternden -<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a> -Umarmung vereinte. Und die Wellen, -wenn sie sich dem Strande näherten, schmückten -sich mit silbernen Kronen, jauchzten -auf, donnerten laut ihre trotzigen Grüße -dem Lande zu, das den Stürmenden zurücktrotzte, -mit dem schimmernden Gebiß seiner -gelben Küste, mit der harten Stirn des aufgetürmten -Gebirges. Wolken lagen auf dem -höchsten Gipfel des Atlas und bleicher -Schnee. Hinter den Bergen aber dehnte -sich, unendlich wie das Meer, die Wüste mit -ihren gelben Sandwogen. Dorthin war er -nie gekommen, aber er kannte ihre Schrecken -aus den Erzählungen Nushats und der Kameeltreiber, -und es gelüstete ihm nicht danach. -Aber das große blaue Meer, das zwischen -zwei Erdteilen auf- und abwogte, -liebte er. Und er sah die Heimat vor sich -liegen und hörte als ihren Gruß den Donner -der Brandung vor dem Hafen von -Tanger. Weiße, würfelförmige Häuser mit -flachen Dächern, sich terrassenförmig übereinander -lagernd, steigen die steilen Uferhöhen -<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -hinan und leuchten wie der Schaum -des Meeres. Es scheint von weitem, als hätte -der Sturm eine Handvoll schneeiger Flocken -aus dem Gischt der Brandung hier an die -Felsen geschleudert. Dazwischen schimmern -grüne Gärten auf, und aus einem lockt das -leise, tiefe Lachen der braunen Nushat.</p> - -<p>Als sie an Bord des Schiffes fuhren, das -seinen Vater nach Europa hinüberbringen -sollte, war Nushat mit im Boot und hielt -ihn mit ihren braunen Armen umschlungen; -die Brandung ging unter heftigem Winde -höher als sonst, und sie hatten beide ein -wenig Furcht, wenn sie von dem Kamm -einer großen Welle mit einmal in die Tiefe -schossen, und der nächste Wasserberg alles zu -verschlingen drohte. Nur vor den kühnen, -unbekümmerten Gesichtern der Ruderer -schämte er sich, seine Furcht zu zeigen. Die -standen aufrecht, sechs Gestalten aus Bronze, -feuerten sich mit lauten Rufen an und -schüttelten sich höchstens einmal, wenn der -überspritzende Gischt es gar zu gut meinte. -<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -Auch vor dem Vater, der sich gar nicht zu -fürchten schien, schämte er sich. Nushat -mußte es ihm wohl angemerkt haben, denn -sie hielt ihn fest umschlungen und drückte -ihn ein paarmal wie beruhigend und tröstend -an sich, wobei sie indes leise zitterte. -Und ihre schmalen, braunen Hände waren -ganz kalt.</p> - -<p>Wie gern hätte er sie zum Abschied noch -umarmt. Aber das Boot tanzte auf und ab -an der Schiffstreppe, und sie hatten alle -genug zu tun, sich auf den Füßen zu halten, -um nicht ins Wasser zu fallen. Er hatte ihr -nur noch vom Bord aus zuwinken können, -und hatte gewinkt, so lange er sie unter den -Zurückfahrenden noch erkennen konnte.</p> - -<p>Doch alles das war jetzt wie hinter silbernen -Schleiern und zog schnell wie die -glitzernden Wellen an seinem Geiste vorüber, -während das weiße Bild der kleinen Blanche -wie die Sonne selbst fest und unverrückbar -im Mittelpunkt seiner traumhaften Gedanken -stand.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -Da flog ein Steinchen neben ihm auf -die Bank und schreckte ihn auf. Sogleich -ertönte ein silbernes Lachen, und Blanche -kam zögernd den Steig herunter.</p> - -<p>»Frei!« rief sie ihm zu, und ihre Augen -blitzten unternehmungslustig, während ihr -ganzer Körper noch unter der Zügelung -einer leisen Scheu stand.</p> - -<p>Der Knabe erhob sich und ging ihr entgegen. -Da übermannte sie vollends die Verlegenheit, -und sie wurde blutrot, als sie -ihm die Hand bot. Er aber neigte sich -schnell und drückte ihr einen Kuß darauf. -Sie hatte ihn auch ihrer Mutter die Hand -küssen sehen und dachte, das tut man in -seiner Heimat so. Aber den ganzen Tag -fühlte sie die Stelle brennen, die seine Lippen -flüchtig berührt hatten.</p> - -<p>Sie gingen wieder in den Pavillon zurück -und setzten sich auf die Bank, und -sie saß wie eine kleine Dame neben ihm, -steif und kerzengrade, und sie führten eine -kümmerliche Unterhaltung miteinander, mit -<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -ja und nein und wie und was? Aber ihre -Augen, wenn sie nicht am Boden hinirrten -oder wie abwesend in die Weite sahen, -ruhten mit einem stillen Leuchten auf ihren -Gesichtern.</p> - -<p>»Sieh mal,« sagte Blanche nach einer -neuen Verlegenheitspause und stand auf -und ging ein paar Schritte dem Nußgebüsch -zu, das die gegenüberliegende Ecke -des Gartens ausfüllte. Sie schlug einige -Zweige auseinander, und es entstand ein -Eingang, durch den man in das Innere gelangen -konnte. Er sah hinein und sah in -den schattigen Raum ein Bänkchen aus -Moos und Erde und eine muldenartige Vertiefung, -der man es ansah, daß sie oft als -Lagerplatz diente.</p> - -<p>»Es ist so mollig drin,« sagte Blanche -und schlüpfte vorauf. Er folgte ihr und befreite -mit klopfendem Herzen ihr loses Haar, -das sich in den Zweigen verfangen hatte. -Es herrschte ein märchenhaftes Licht in dem -grünen Hause; die goldenen Sonnenstrahlen -<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -fanden hier und da Zugang und spielten -nun auf dem schwarzen Boden Haschen. -Zwei schlanke, junge Birkenstämme standen -wie silberne Säulen in dem Sälchen -dieses heimlichen Palastes, dessen Dach sie -durchbrachen und mit ihren feinen, hängenden -Zweigen überschatteten.</p> - -<p>Blanche nötigte Manuel, auf der kleinen -Moosbank Platz zu nehmen. Sie konnten so -eben nebeneinander sitzen.</p> - -<p>»Hast du dir selber diese Höhle gemacht?« -fragte er.</p> - -<p>»Lux hat sie mir gemacht.«</p> - -<p>»Spielt ihr oft zusammen?«</p> - -<p>»Gewiß, jeden Tag.«</p> - -<p>»Und dann sitzt ihr hier zusammen?«</p> - -<p>»Manchmal.«</p> - -<p>Und nach einer kleinen, peinlichen Pause -setzte sie hinzu:</p> - -<p>»Er erzählt mir dann Geschichten.«</p> - -<p>Aber er sagte wieder nichts darauf.</p> - -<p>»Weißt du auch Geschichten?«</p> - -<p>»Ich weiß nicht,« antwortete er zögernd -<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -und nachdenklich. »Nushat hat mir oft Geschichten -erzählt, aber ich weiß nicht, ob -ich sie dir noch erzählen kann.«</p> - -<p>»Nushat? Wer ist das?«</p> - -<p>Und er erzählte ihr von Nushat und von -seiner Heimat, und sie wollte gar keine -anderen Geschichten weiter von ihm hören.</p> - -<p>Dies war ja alles wie ein Märchen. Es war -wie aus tausend und einer Nacht. Die Dattelpalmen -ragten hoch in blaue Luft, riesenhafte -Kakteen breiteten ihre schwammigen, glänzenden -und stacheligen Blätter aus, und Rosen, -Kamelien und Oleander blühten und dufteten, -reicher als hier die Veilchen und Primeln. -Kameele zogen schwer bepackt durch -die Straßen, und Araber und Neger und -Kabylen, Leute von denen sie nie gehört -hatte, begleiteten die Karawanen durch die -Wüste. Große Schiffe schaukelten im Hafen, -und nur auf den sich überstürzenden Wogen -einer beständigen Brandung konnte man -zwischen ihnen und dem seltsamen Lande -verkehren. Und hier war nun Manuel aufgewachsen. -<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -Und seine Augen leuchteten, wenn -er davon erzählte, und seine Stimme wurde -wärmer, wenn er den Namen Nushat nannte.</p> - -<p>Blanche sah den Erzähler bewundernd -an. Sein gebrochenes Deutsch brachte sie -nicht ein einziges Mal zum Lachen. Und -Manuel, unter den bewundernden Blicken -seiner kleiner Nachbarin, wurde immer redseliger.</p> - -<p>Währenddessen stand eine schlanke Knabengestalt -am Heckenpförtchen, die Hand -unschlüssig auf der Klinke. Lux kam eine -Stunde später aus der Schule als Blanche. -Auf dem ganzen Weg hatte er an den fremden -Knaben gedacht, der jetzt bei den Eltern -seiner kleinen Freundin wohnte. Noch -so lange, lange Zeit wohnen sollte. Ja, während -des Unterrichts selbst hatte er seine -Gedanken nicht zügeln können. Nun stand er -am Pförtchen und wagte auf einmal nicht, in -den Nachbargarten hinüberzugehen; Blanche -war schon seit einer Stunde frei, und sie -würde nun mit dem fremden Knaben zusammen -<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -spielen. Was sollte er nun noch -dabei?</p> - -<p>Aber er trat doch ein, beklommenen Herzens, -und schlug gleich den kürzeren Weg -ein, der ans Wasser hinunter führte. Da -hörte er Manuels Stimme. Verwundert stand -er still, da er die Beiden nicht im Pavillon -sah. Er horchte. Dann schlug er das Gesträuch -hastig auseinander, und der helle -Tag flutete in die grüne Dämmerung hinein. -Da saß Blanche mit dem fremden Knaben, -eng zusammen geschmiegt, auf der -kleinen Moosbank und sah den Störer mit -großen, erstaunten Augen an, als erkenne -sie ihn nicht gleich.</p> - -<p>Für einen Dritten war drinnen nicht Platz; -Lux hatte dieses Bänkchen nur für sich und -Blanche berechnet.</p> - -<p>»Willst du nicht hereinkommen?« rief -Blanche.</p> - -<p>»Alle drei können wir ja doch nicht darin -sitzen,« sagte er und blieb draußen stehen. -Da standen sie auf und kamen heraus und -<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -waren freundlich mit ihm. Er aber blieb -unlustig und wortkarg und wußte nichts -mit ihnen anzufangen.</p> - - - - -<h2><img src="images/p047i.jpg" alt="" /><br /> - -4. KAPITEL.</h2> - - -<p>Am anderen Tage berichtete Blanche ihm -auf dem Schulwege, was Manuel ihr von -seiner Heimat erzählt hatte. Sie war so -lebhaft dabei, daß Lux dachte, sie übertriebe, -und nur verärgert zuhörte. Und die -Folge war, daß er am Mittag nicht in den -Garten kam. Sie sollte nur allein mit dem -spanischen Affen spielen; er fand ihn unausstehlich.</p> - -<p>In Wahrheit aber imponierte ihm der -über seine Jahre hinaus gewandte Manuel, -und er fühlte zornig seine Unfähigkeit, ihm -entgegenzutreten. Manuel sprach außer seiner -Muttersprache ziemlich gut französisch -und wußte sich mit jedem Tage besser mit -der deutschen Sprache abzufinden. Lux -<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -quälte sich in der Klasse noch mit den -Anfängen der alten und neuen Sprachen -und konnte noch in keiner drei zusammenhängende -Sätze sprechen. Manuels tiefere -Stimme hatte schon einen Anflug von Männlichkeit -gegen Luxens helle Knabenstimme. -Manuel verstand es auch, eine tadellose Verbeugung -zu machen und küßte Blanche die -Hand. Sie hatte es endlich nicht länger bei -sich behalten können und hatte Lux dieses -zarte Geheimnis anvertraut.</p> - -<p>Die Hand küssen? Wie dumm! Nie -würde er sich zu dieser Albernheit verstehen. -Aber Manuel brauchte ja auch Pomade. Sein -glattes, schwarzes Haar glänzte ordentlich -wie ein Spiegel und verpestete die ganze -Luft, wenn er sich neu gesalbt hatte. Lux -konnte das nicht leiden, während Blanche -den leisen, feinen, süßlichen Toilettenduft -liebte.</p> - -<p>Eines Tages, o Schrecken, hatte Manuel -sogar geraucht. Mit Neid und widerwilliger -Bewunderung fand Lux es empörend, während -<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -Blanche tat, als wäre es selbstverständlich, -daß Knaben in seinem Alter rauchten.</p> - -<p>»In Spanien rauchen sie alle,« sagte sie.</p> - -<p>Frau Elisabeth aber untersagte dem Knaben -das Rauchen, und als er erklärte, er -habe schon oft geraucht und sein Vater -wisse es, bat sie ihn, es ihr zur Liebe zu -unterlassen, so lange er in ihrem Hause weile.</p> - -<p>»Ich werde es lassen,« versprach Manuel, -und er warf ohne Zögern seinen ganzen -Zigarettenvorrat in den Bach.</p> - -<p>»Er ist ein kleiner Gentleman,« sagte die -Mutter, und Blanche plapperte es ihr nach, -obgleich sie keinen klaren Begriff hatte, -was ein Gentleman eigentlich sei. Daß Lux -es nicht sei, stand bei ihr fest.</p> - -<p>Der arme Lux! Mit jedem Tage mehr -empfand er den fremden Knaben als einen -Eindringling, der ihn aus seinem Paradiese -vertrieben hatte. Blanche teilte zwar kindlich -ihr Herz zwischen ihrem alten und ihrem -neuen Freunde, aber er sah nur den Anteil, -der Manuel zufiel, und er sprach in -<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -verächtlichen Ausdrücken von dem Spanier -und schalt ihn einen Gecken.</p> - -<p>Den schwersten Schlag erhielt sein Stolz, -als er hörte, daß Manuel zuhause einen -Pony habe und reiten könne. Er weigerte -sich, das zu glauben, bis Manuel heftig -wurde und es ihm beweisen wollte, wenn -er nur ein Pferd hätte.</p> - -<p>»So kleine Ponys haben wir hier nicht,« -sagte Lux.</p> - -<p>»Doch!« behauptete Blanche. »Ich habe -gesehen, daß der Bauer einen Pony hat.«</p> - -<p>»Es ist gar kein Pony,« eiferte Lux. »Das -ist nur ein etwas kleineres Pferd.«</p> - -<p>»Das ist einerlei,« rief Manuel und wollte sogleich -zum Bauern. »Er will immer alles nicht -glauben, was ich sage. Ich bin kein Lügner! -Ich sage immer die Wahrheit!« Er funkelte -Lux mit seinen schwarzen Augen böse an.</p> - -<p>»Er soll sehen, daß ich reiten kann. Er -soll nicht immer sagen, es ist nicht so. Ich -will es ihm zeigen.« Der Beleidigte wollte -sich gar nicht beruhigen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -Da gingen sie zum Bauern und steckten -sich hinter den Knecht und baten, ob -Manuel nicht einmal auf dem Pony reiten -dürfe.</p> - -<p>Sie hätten gar keinen Pony, war die -Antwort.</p> - -<p>»Seht ihr!« triumphierte Lux.</p> - -<p>»Ich meine das kleine rote Pferd,« erklärte -Blanche.</p> - -<p>Dem Pferde wäre nicht zu trauen, sagte -der Knecht.</p> - -<p>»Nicht bös! nicht bös!« behauptete Manuel. -»Ich habe selbst Pferd.«</p> - -<p>Dem Knecht schien der kleine selbstbewußte -Manuel Spaß zu machen. Auch mochte -es mit der Bösartigkeit des Pferdes nicht so -arg sein. Genug, Manuel setzte es durch, -daß er seinen Willen bekam.</p> - -<p>»Es kennt mich schon,« sagte er, als das -kleine hübsche Tier sich ruhig von ihm -streicheln ließ. Der Knecht führte es auf -den Hof und hob Manuel auf seinen Rücken. -»Loslassen!« kommandierte der. Und Blanche -<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a> -und Lux schrien auch heftig: »Loslassen! -loslassen!«</p> - -<p>»Aber nur Schritt,« sagte der Knecht, der -dem Kleinen jedoch angesehen haben mochte, -daß er nicht zum ersten Male auf einem -Pferderücken saß.</p> - -<p>Blanche strahlte den kleinen Reiter ordentlich -an mit ihren großen Augen und ihrem -lachenden Gesicht. Lux stand mit rotem -Kopf daneben und ärgerte sich, daß das -Pferd überhaupt von der Stelle ging.</p> - -<p>Jetzt fing es sogar gemächlich an zu traben -und trug seinen Reiter zweimal um den -ganzen Hofplatz. Manuel feuerte es mit -lauten Zurufen an und schlug ihm beständig -mit den Hacken in die Weichen, bis -es unruhig wurde. Da griff der Knecht nach -dem Zügel und gab nicht nach, er mußte -herunter vom Pferd.</p> - -<p>Lux sagte kein Wort, und sie gingen fast -stumm nebeneinander heim. Blanche ärgerte -sich über ihn, obgleich sie seine Verstimmung -wohl verstand. Sie hätte so gern gesehen, -<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -daß sie alle drei als gute Freunde -zusammen hielten, und nun konnten die -Knaben sich nicht miteinander stellen. Und -da sie dunkel empfand, daß es ihretwegen -war, wurde sie befangen und unsicher.</p> - -<p>Von diesem Tage an haßte Lux den fremden -Knaben.</p> - - - - -<h2><img src="images/p053i.jpg" alt="" /><br /> - -5. KAPITEL.</h2> - - -<p>Dr. Irmler, der schon lange eine kleine -Studienreise vorbereitet hatte, packte jetzt seinen -Koffer für eine kurze Italienfahrt. Länger -als vierzehn Tage gedachte er keineswegs -weg zu bleiben. Aber auch während dieses -Zeitraumes wäre es ihm ein drückender Gedanke -gewesen, Lux allein in der Obhut -der alten Hausverwalterin zu lassen. Er -mußte sich sagen, daß er bei ihr auf das -Beste aufgehoben sei, was ihre Gewissenhaftigkeit -und ihre Zuneigung für den Knaben -betraf; allein sie war alt, manchen Zufällen -<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -höherer Jahre bereits ausgesetzt und -nicht mehr immer Herr ihrer physischen -Kräfte. Ein zweiter Dienstbote war auf so -kurze Zeit nicht zu beschaffen und wäre -auch wenig nützlicher gewesen, als die Hilfe -eines kleinen Schulmädchens, das statt dessen -der Alten zur persönlichen Dienstleistung -beigegeben wurde. Dieses aber konnte weiter -keine Beruhigung bieten, was Luxens Pflege -und persönliche Sicherheit anging.</p> - -<p>Daß Dr. Irmler um seinen einzigen Knaben -besorgt war, konnte ihm keiner verdenken. -Ihm war aus einem großen, wenn auch -kurzen Glück nur dieses eine Pfand einer -seltenen Liebesgemeinschaft geblieben. Dazu -kam, daß die beabsichtigte Reise ihn wieder -an jenen Ort führen würde, wo er die -glücklichsten Tage seines Lebens mit der -Verstorbenen zusammen verlebt, wo er sie -zum ersten Male gesehen und sich sogleich -in sie verliebt hatte. Das war in Venedig -gewesen, während einer Überfahrt nach dem -Lido, wo sie auf überfülltem Boot in drangvoller -<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -Enge ihm gegenüber gesessen hatte, -so daß er dem Zauber ihrer blonden Schönheit, -wollend oder nicht wollend, geduldig -standhalten mußte. Alles dieses lebte in der -Erinnerung wieder auf und machte ihn besonders -weich und bewegt und erschwerte -ihm die Trennung von dem Knaben. Doch -die Reise mußte gemacht werden, und so -ging er kurz entschlossen und herzlich dankbar -auf Frau Elisabeths Vorschlag ein, die -Lux solange zu sich ins Haus nehmen wollte.</p> - -<p>Einigermaßen verwundert war er, daß -Lux diese Lösung nicht erfreuter aufnahm; -war doch der Knabe bisher in der Nachbarvilla -auf das vertrauteste aus- und eingegangen -und hing mit einer etwas scheuen, -aber echten Zuneigung an der »Tante«! -Und daß es nicht nur die Tante war, der -die Anhänglichkeit galt, das war ihm als -aufmerksamer Vater auch nicht entgangen, -und er hatte sich des guten Einvernehmens, -das zwischen Lux und Blanche -herrschte, aufrichtig gefreut. Hätte die Vorbereitung -<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -zu der Reise ihn nicht in Anspruch -genommen, so wäre ihm die Verstimmung, -die zwischen den Kindern herrschte, gewiß -nicht verborgen geblieben; jetzt war er nicht -wenig erstaunt, statt eines jubelnden Einverständnisses -ein bloßes Sichfügen bei Lux -anzutreffen.</p> - -<p>»Freust du dich nicht?« fragte er.</p> - -<p>»O doch,« antwortete der Knabe mehr -hastig als freudig.</p> - -<p>»Fehlt dir etwas?«</p> - -<p>Dr. Irmler sah besorgt in das etwas -blasse Gesicht, das ihm einen Grad schmäler -und zarter erscheinen wollte.</p> - -<p>»Du kommst ja bald wieder,« erwiderte -Lux auf die besorgte Frage, konnte aber -einer plötzlichen Gemütsbewegung nicht -Herr werden und brach in ein heftiges -Schluchzen aus.</p> - -<p>Bestürzt schloß der Vater den Knaben in -seine Arme und tröstete ihn. Die vierzehn -Tage würden ja schnell vorübergehen. Bei -der Tante hätte er es gewiß gut. Er hätte -<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -die Gespielen immer um sich, und Frau -Elisabeth würde schon für manche kleine -Zerstreuung sorgen.</p> - -<p>Frau Elisabeth tat das ihre, Lux heiter -zu stimmen. »Laß den Papa nur reisen,« -sagte sie fröhlich, »wir wollen uns schon -ohne ihn vergnügte Tage machen. Blanche -und Manuel freuen sich auch schon darauf. -Das soll aber hübsch werden.«</p> - -<p>Lux beruhigte sich denn auch bald.</p> - -<p>Frau Elisabeth freute sich, eine Gelegenheit -zu haben, dem einstigen Retter ihres -Kindes einmal ihre Dankbarkeit durch eine -wirkliche Gegenleistung zu zeigen. Und -noch ein anderes bewegte sie: ihren mütterlichen -Augen war nicht entgangen, daß -Blanche sich in der letzten Zeit mehr dem -neuen Hausgenossen zuwandte und ihren -alten Spielkameraden vernachlässigte. Doch -hatte sie kaum Veranlassung gehabt, sich -hinein zu mengen. Auch war sie klug genug, -zu wissen, daß das unter Umständen mehr -schaden als nützen konnte. Sie selbst hatte -<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -in ihrer Jugend durch zudringliche Störung -kindlicher Neigung ihren ersten seelischen -Schmerz erlitten. Ein freundschaftliches Gefühl -von unbewußter Innigkeit war ihr als -etwas Besonderes und eigentlich Unziemliches -hingestellt und durch unüberlegte, -alberne Neckereien aus einem harmlosen, -stillen Glücksgefühl zu etwas Quälendem -und Beschämendem gemacht worden.</p> - -<p>Dessen hatte sie sich erinnert, und hatte -die Freundschaft zwischen Lux und Blanche -weder gefördert noch gehindert, sondern -hatte sie gewähren lassen.</p> - -<p>Ein etwas wachsameres Auge hatte sie -auf Manuel gehabt, dessen frühreife Manieren -und südländische Lebendigkeit Blanche -sehr zu imponieren schienen. Doch hatte -sie hinlänglich Beweise von dem graden -und ritterlichen Charakter des kleinen neuen -Hausgenossen, um einen nachteiligen Einfluß -auf ihr Töchterchen zu befürchten. -Dennoch war es ihr lieb, den Beiden jetzt -Lux auf längere Zeit zu engerem Verkehr -<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -zugesellen zu können. Lux, obgleich nur -um ein Jahr jünger, war doch um mindestens -drei Jahre kindlicher als der kleine -Afrikaner. Der war in einem reichen Hause -aufgewachsen, wo unterwürfige farbige -Diener den Herrensohn früh verwöhnten. -Nachher, in Paris, fern von der Heimat -und den Eltern, war Manuel erst recht -selbständig geworden und hatte sich manche -Manieren der Erwachsenen angeeignet. Seine -Höflichkeit des Handküssens hatte Frau Elisabeth -zuerst bei einem so jungen Knaben befremdet, -doch lag so viel Natürlichkeit und -Ritterlichkeit darin, daß sie nicht für berechtigt -hielt, ihm diesen Handkuß zu verbieten. -Nur als sie gewahrte, daß er anfing, -auch Blanche in dieser Weise zu begrüßen, -erhob sie Einspruch; solches wäre hierzulande -unter Kindern nicht Sitte, die schüttelten sich -herzhaft die Hände, und das wäre auch ein -hübscher Gruß. Manuel nahm diese Belehrung -mit bescheidenem Lächeln auf, und sie -sah ihn nie wieder ihrem Töchterchen die -<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -Hand küssen. Daß er es trotzdem oft tat, -wenn die Kinder unter sich waren, wußte sie -nicht. Und Lux, der es einmal als ungewollter -Zeuge gesehen hatte, hütete sich, diese -schlimmste Ursache seiner kindlichen Betrübnis -zu verraten. Er hätte sich geschämt, davon -zu sprechen. Aber seinem Herzen tat es weh.</p> - -<p>Wohl hundert Mal nahm er sich vor, es -dem anderen nachzutun, aber nie brachte -er es über sich; unschlüssig überlegte er: -küßt du ihr nun die Hand, oder begnügst -dich mit einem Händedruck? Und vor lauter -Überlegung fiel denn auch wohl noch dieser -Händedruck nur schwach und gleichsam -versuchsweise aus; zum Befremden der wenig -nachdenklichen Blanche.</p> - -<p>»Was hat er nur? Hab ich ihm etwas -getan? Komischer Junge.«</p> - -<p>Damit war es für sie abgetan. Sie merkte -gar nicht, daß Lux ihr gleichgültiger wurde. -Manuel machte ihr mehr Spaß.</p> - -<p>»Der Lux ist jetzt immer so langweilig,« -sagte sie.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -Trotzdem freute sie sich aufrichtig, daß -Lux auf ein paar Wochen zu ihnen ins -Haus kommen sollte.</p> - -<p>Zu dritt war es am Ende noch lustiger. -Was wollten sie alles aufstellen! Obendrein -standen die Ferien vor der Tür, und das -war immer eine schöne Zeit. Die Mutter -hatte schon, wie alljährlich in dieser Sommerzeit, -Ausflüge mit ihnen geplant. Da -sollten die beiden Jungen aber Augen -machen!</p> - -<p>Lux war wohl schon einmal mit gewesen, -wenn auch nicht so gar weit. Aber Manuel -kannte noch nichts von der Gegend. -Wenn sie dann zusammen im Eisenbahnwagen -sitzen würden, natürlich am Fenster, -und alles flöge so lustig schnell an ihnen -vorüber, und sie würde es ihm zeigen: das -ist Neudorf und das ist Birkendorf und das -ist Bentheim, und in dem Walde dahinten -sind wir mal mit Papa gewesen; und wenn -sie dann durch die Heide liefen, oder noch -schöner am Seestrande, barfuß, und die -<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -Wellen so kühl und erquickend heranrollten -und bis an die Knöchel herauf schäumten, -wie schön würde das sein. Und das -Schanzen aufwerfen und Burgen aufbauen! -Und das Bootfahren!</p> - -<p>Ob Manuel wohl Angst vor dem Wasser -hätte? Sie hatte es. Nur ein ganz klein wenig.</p> - -<p>Aber Manuel war ja doch über das Meer -gekommen. Und die große Stadt in Afrika, -wo er zuhause war, lag ja unmittelbar am -Meer. Am Ende würde sie ihm gar nichts -Neues zeigen können.</p> - -<p>Das betrübte sie etwas. Was war sie doch -für ein Dummchen gegen ihn. Aber dafür -war er ja auch ein Knabe und war fast -zwei Jahre älter als sie. In zwei Jahren -würde sie auch noch viel lernen und sehen -und erleben. Doch die Einsicht in ihre Unwissenheit -hielt nie lange vor. Später! später! -Das würde alles schon kommen, wie es -kommen sollte.</p> - -<p>Manuel lebte wie Blanche in den Tag -hinein, und genoß mit Behagen die Freiheit, -<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -deren Ende freilich mit dem Schulanfang -immer näher rückte. Doch waren es Wochen, -die ihm noch gegönnt waren. Inzwischen -las er leichte, deutsche Bücher, -die Frau Elisabeth ihm gab, und schrieb -jede Woche seinem Vater einen deutschen -Brief, dessen Inhalt sich immer ziemlich -gleich blieb; ungelenke, mit dem Ausdruck -und mehr noch mit der Orthographie ringende -Briefe. Schnelle Fortschritte machte -er im Sprechen; und zwar verdankte er -diese raschen Erfolge weniger Frau Elisabeth -und den anderen Hausgenossen, als -seiner kleinen Freundin Blanche, deren Plappermaul -nie lange still stand.</p> - -<p>Er hatte in einem Brief an den Vater -begeisterte Schilderungen von Blanche gemacht, -die der vielbeschäftigte und viel -reisende Kaufherr und Lebemann mit einem -flüchtigen Lächeln gelesen haben mochte; ihm -aber waren sie Ausdruck seines Heiligsten: -Blanche war für sein ungestümes Knabenherz -alles, ersetzte ihm Heimat und Elternhaus.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -Er hielt ein abgelegtes blaues Haarband -und ein altes Schreibheft von ihr als köstliche -Besitztümer verwahrt. Das kleine Heiligenbild -über seinem Bett hörte oft ihren -Namen, wenn er sie in sein Gebet einschloß, -oder in Gedanken an sie verloren, -halblaut diesen schönen Namen stammelte, -in dessen romanischem Klang ihn Verwandtes -grüßte, und in dem so viel Reinheit, -Jugend und Süße lag.</p> - -<p>Blanche!</p> - -<p>Er kannte eine halbe Strophe eines französischen -Liedes, in der dieser Name vorkam, -und er wurde nicht müde, sie vor -sich hin zu trillern.</p> - -<p>»Blanche, petite Blanche!«</p> - -<p>Auf dem Schulweg trug er ihr die Mappe -bis zum kleinen Bahnhof, von wo aus sie -der Zug in einer Viertelstunde in die Stadt -führte. Sonst hatte Lux ihr die Mappe getragen, -konnte es aber nicht ändern, daß -Manuel ihm nun immer zuvorkam. Dieser -ging übrigens nicht mit auf den Perron, -<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -sondern verabschiedete sich schon vorher; -denn sie trafen auf dem Bahnhof noch -einige andere Knaben und Mädchen, die in -die Schule fuhren, und deren Anstarren ihm -unangenehm war. War man denn als Ausländer -ein wildes Tier für diese dummen -deutschen Kinder? Eine häßliche Unsitte, -dieses Anglotzen eines Fremden. Daß er -dunkler war als sie, sahen sie doch mit -einem halben Blick. Und was war denn -sonst an ihm, was ihre Aufmerksamkeit -immer aufs neue wieder erregen konnte? -Er wußte ja nicht, daß Blanche es war, die -mit ihren Erzählungen diese Unart nährte.</p> - -<p>Keinem, keinem hätte er ein Wort über -Blanche gesagt; ganz allein ihm gehörte sie -und den Heiligen, deren Schutz er sie mit -kindlicher Frömmigkeit empfahl. Was ging -es andere an, was er über Blanche dachte, -was er für sie empfand; nur ihr selbst es -mit tausend kleinen Aufmerksamkeiten und -Artigkeiten zu zeigen, war er beflissen. Ihre -Mutter hatte ihm den Handkuß untersagt; -<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -aber was ihm alte Gewohnheit war, konnte -er nicht sobald lassen und tat es jetzt heimlich -und mit dem Bewußtsein einer verbotenen -Huldigung. Dieses war das einzige, -was er sich vorzuwerfen hatte. Er hätte sonst -nie eine Lüge über seine Lippen gebracht; -in diesem Falle aber entschuldigte er sich -vor seinem Herzen.</p> - -<p>Blanche! Blanche! jubelte dieses heiße -Knabenherz, wenn sie ihm entgegenkam, -schlank, schwebend, ganz Licht in dem -Strahlenkranz ihrer goldenen Haare, und -ihm schon von weitem ihre feine schlanke -Hand mit den etwas langen Fingern entgegenstreckte.</p> - -<p>Blanche!</p> - -<p>Und dann sollte er diese Hand wieder -fahren lassen, ohne sie zu küssen? Mochte -es nicht Sitte sein in diesem kühlen Lande, -und mochte der blasse Lux nie die Hand -der kleinen Blanche küssen, ihm sollte man -es nicht wehren. Und bei der Vorstellung, -daß auch Lux diese Hand küssen könne, -<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -zog sich eine feine Falte zwischen den -schwarzen Augenbrauen zusammen.</p> - -<p>Manuel war denn auch der einzige, der -sich nicht auf Lux freute. Mochte er doch -zum Spielen herüberkommen. Aber daß er -nun auch das Zimmer mit ihm teilen sollte, -gefiel ihm nicht. Frau Elisabeth hatte es ihm -schon angekündigt. Freilich nur in Form -einer Frage, ob er wohl auf vierzehn Tage -Lux bei sich aufnehmen wolle. Gewiß wollte -er, er durfte doch nicht nein sagen, aber -erfreut war er nicht. Nicht, daß er den -Nachbarssohn fürchtete; aber Lux würde -die wenigen Stunden, die Manuel bisher mit -Blanche allein sein durfte, stören. Und das -war Grund genug, ihn zu hassen.</p> - -<p>Doch der Tag rückte heran, an dem Lux -übersiedeln sollte. Dr. Irmler hatte seinen -Koffer gepackt und kam nun am Abend vor -seiner Abreise mit Lux herüber, um sich -zu verabschieden und seinen Knaben in die -Hände der verehrten Pflegerin abzuliefern. -Man saß nach dem Tee in der offenen -<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -Veranda in angeregtem Gespräch über Italien, -das beiden Gatten nicht fremd war, und -die Kinder durften dabei sein und sich still -verhalten. Manuel und Blanche wären lieber -noch in den Garten gegangen, aber Lux -wollte sich begreiflicherweise in der letzten -Stunde nicht vom Vater trennen und stand -an dessen Seite, von seinem Arm umschlungen.</p> - -<p>Manuel dachte an seinen Vater. So zärtlich -hatte der ihn nie umfaßt. Selten, daß -er einen Kuß von ihm bekommen hatte. -Auch als er sich zuletzt auf dem Bahnhof -von ihm verabschiedete, hatte er ihm nur -die Hand gegeben und sie fast geschäftsmäßig -geschüttelt.</p> - -<p>Ein tiefes Heimweh nach Liebe und -Mutterarmen packte ihn. Wie lange hatte -er sie entbehren müssen. Seine Mutter, von -der er fast nie sprach, war eine träge, indolente -Südländerin, und der Vater ging ganz -in seinen Geschäften auf. Ein einziges Briefchen -erst hatte er von der Mutter bekommen, -<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -der das Schreiben eine körperliche -und mehr noch geistige Anstrengung war. -Wohl liebte er sie und er hätte sie nicht leiden -sehen können, aber die Trägheit ihres -Gefühlslebens hatte auch die Äußerungen -seiner Neigung mehr und mehr erschlaffen -lassen. Nur Nushat war es, an die Manuel -mit Zärtlichkeit dachte. Sie allein hatte wohl -einmal ihren Arm um seinen Hals gelegt -und hatte ihm sanfte Worte gesagt. Die -braune Tochter Arabiens stand plötzlich vor -seinen Augen und verdunkelte sogar die -lichte Blanche, so daß er sich gänzlich -fremd und verlassen in diesem Kreise vorkam, -und mit einem feindlichen Gefühl als -stiller und übelwollender Beobachter in seiner -Ecke sitzen blieb.</p> - -<p>Lux aber war nicht nur bei seinem Vater -Liebkind an diesem Abend, sondern auch -Frau Elisabeth und ihr Gatte waren geflissentlich -freundlich und aufmunternd zu -ihm, um ihm die Trennung leichter zu -machen und ihm gleich zu zeigen, daß sie -<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -es gut mit ihm meinten, und er hier wohl -geborgen sei. Und auch Blanche, dem Beispiel -ihrer Eltern folgend, war freundlicher -gegen Lux, als sonst wohl in der letzten Zeit.</p> - -<p>Nachher, als Dr. Irmler Lux den Gute -Nachtkuß gab und in sein eigenes Heim -hinüberging, war Lux wieder dem Weinen -nahe; doch er beherrschte sich und stieg -still mit Manuel in ihr gemeinsames Stübchen -hinauf.</p> - -<p>Still kleideten sie sich aus. Jeder war mit -seinen Gedanken beschäftigt, und wollte -von dem anderen nichts, als unbehelligt gelassen -werden.</p> - -<p>»Soll ich auslöschen?« fragte Manuel.</p> - -<p>»Ja, bitte.«</p> - -<p>Es wurde dunkel in der kleinen Kammer -und still, nur das feine, hastige Ticken -zweier Taschenuhren erfüllte als einziges, -leises Geräusch den Raum, und ab und an -knarrte eine der Bettstellen.</p> - -<p>Manuel konnte nicht einschlafen. Zum -ersten Mal hatte er sein Nachtgebet leise -<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> -hergesagt und den lieben Namen Blanche -nicht ausgesprochen. Seine Gedanken waren -zerstreut, halb drüben in der Heimat und -nur zur Hälfte hier, wo er sich zum ersten -Male fremd und verlassen vorkam. Lux -schlief schon lange, mit ruhigen, leisen -Atemzügen, als Manuel noch wach lag, das -Gesicht in die Kissen drückte und leidenschaftlich -weinte.</p> - - - - -<h2><img src="images/p071i.jpg" alt="" /><br /> - -6. KAPITEL.</h2> - - -<p>Dr. Irmler war am anderen Morgen abgereist. -Sie hatten ihn alle an die Bahn gebracht, -und die beiden Herren waren zusammen -abgefahren, der eine nach Italien, -der andere ins Kontor.</p> - -<p>Frau Elisabeth kehrte mit den Kindern -auf einem längeren Umweg zurück. Es -war zugleich der erste Ferientag, und -Blanche war in ausgelassenster Stimmung.</p> - -<p>»Lach doch mal!« rief sie und neckte -<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -Lux mit einem herzhaften Stoß, so daß er -taumelte und fast in einen Graben gefallen -wäre. Er wurde rot vor Schreck und auch -ein wenig vor Ärger und lachte gezwungen.</p> - -<p>Die Mutter verwies ihr so derbe Späße. -Lux wäre noch nicht aufgelegt zum Scherzen.</p> - -<p>»O doch,« sagte er. Und um Blanche -eine Beschämung zu ersparen, bezwang er -sich und war auch bald von ihrer Lustigkeit -angesteckt. Da wandte Frau Elisabeth -sich an Manuel.</p> - -<p>»So ernst?« fragte sie. »Woran denkst du?«</p> - -<p>»Wie schön das Reisen ist!« sagte er, -»und wie schön es gewesen wäre, wenn -ich hätte mitfahren können.«</p> - -<p>»Gefällt es dir nicht mehr bei uns?«</p> - -<p>»O doch!«</p> - -<p>Sie sah ihn erröten und drang nicht weiter -in ihn. Er hat Heimweh bekommen. -Das wird sich wieder geben.</p> - -<p>»Wir wollen recht vergnügt in den Ferien -sein,« sagte sie, und was an ihr lag, tat sie -dazu. Es kam, wie Blanche es vorausgesehen: -<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -sie machten zwei, drei Mal in der -Woche kleinere oder größere Ausflüge in -die Umgebung, wobei sie es nicht verschmähten, -mit dem Rucksack auf dem -Rücken zu marschieren, den Wanderstab in -der Hand.</p> - -<p>Frau Elisabeths frische Stimme wußte immer -ein Lied anzugeben, das den Weg -würzte. Manuel konnte natürlich nur zuhören -oder einzelne Takte mittrillern. Doch -fand sich bei solchem Singen die Gelegenheit, -auch ihn zum Auskramen seiner kleinen -spanischen und französischen Lieder zu -bewegen. Ohne gerade musikalisch zu sein, -besaß er doch ein gutes Gedächtnis für -volkstümliche Weisen; selbst ein arabisches -Liedchen konnte er zum Besten geben. Es -war ein ländliches Liedchen, dessen Text -auch ihm vielleicht nur leere Worte blieben, -aber er sang mit einer solchen Ergriffenheit -und mit einem zitternden Heimweh, -daß Frau Elisabeth ein gerührtes Lächeln -nicht unterdrücken konnte, und Blanche und -<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -Lux ihn ganz verwundert anstarrten, so daß -er tief errötete und mit einem gewinnenden -Lächeln der Verlegenheit sagte: »Ich kann -nicht singen.«</p> - -<p>Frau Elisabeth hatte eine feine, erzieherische -Art, jedem eine kleine Pflicht aufzuerlegen; -der eine mußte den Proviant tragen, -der Andere den Quartiermacher spielen, der -Dritte in ein Wanderbüchlein einschreiben, -was ihnen des Aufzeichnens wert erschien. -Sie selbst behielt sich die Führung und die -Kasse vor.</p> - -<p>So wußte sie ein gemeinsames Band zu -schlingen, das wieder fester verknüpfte, was -sich schon leise zu lockern drohte.</p> - -<p>Manuel vergaß sein Heimweh, und Lux -empfand die Trennung vom Vater bald -nicht mehr als Leid, sondern als eine -fröhliche Abwechselung. Dazu trugen die -häufigen Briefe und Karten Dr. Irmlers vieles -bei; fast von jeder Station kam wenigstens -ein kurzer, an Lux adressierter Kartengruß. -Im übrigen hielten längere, ausführliche -<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -Briefe an Frau Elisabeth die Zurückgebliebenen -mit dem Abwesenden in -steter Verbindung. Die Briefe des Reisenden, -der vom schönsten Wetter begünstigt -dem Lande der Sonne und Schönheit zueilte, -atmeten Heiterkeit und Lebensfreude, und -ein neuerliches Schreiben versprach dem -Sohne und den Freunden allerlei Erfreuliches -und Ergötzliches mit heim zu bringen.</p> - -<p>So fühlte sich denn Lux im freien Genuß -der Gegenwart und in stiller Hoffnung auf -die Zukunft im ganzen glücklich, zumal -Blanche, die nicht mehr unter dem überwiegenden -Einfluß Manuels stand, sich ihm -wieder mehr zuwandte. Das wurde dann -die Ursache, daß Manuel, dessen Eifersucht -diese Wandlung wohl bemerkte, der -Vergangenheit und seinem Heimweh wieder -kräftig entzogen wurde und sich wieder leidenschaftlich -dem Tage zuwandte. Ein stilles -Ringen begann jetzt unter den beiden Knaben -um das Mädchen, das fortfuhr, seine -Gunst gleichmäßig zu verteilen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -Lux war schon zufrieden, wenn er nicht -hinter Manuel zurückstehen brauchte; der -war nun einmal da, und ein Anteil von -Blanches Freundschaft war ihm nicht zu -verweigern. Nur wachte Lux eifersüchtig -darüber, daß ehrlich geteilt wurde. Anders -Manuel, der anspruchsvoller am liebsten die -kleine Freundin für sich allein gehabt hätte, -und die alte Eifersucht und den alten Groll -auf Lux wieder aufkeimen fühlte. Und sonderbarer -Weise kam er, ohne daß Blanche -es wollte, nur durch eigene Schuld, wenn -auch unbewußt, ein wenig ins Hintertreffen. -Wetteiferten sie auf den Ausflügen, sich -durch kleine Gefälligkeiten und knabenhafte -Galanterien beliebt zu machen, so kam Lux -ihm oft zuvor, weil es nicht in Manuels -Natur lag, über Blanche Frau Elisabeth zu -vernachlässigen. Schon als der ältere fühlte -er sich verpflichtet, ihr Ritterdienste zu leisten, -während der jüngere Lux an dergleichen -Artigkeiten nicht dachte und nur für Blanche -da war.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -Da schlug denn jenem oft das Herz, wenn -er neben Frau Elisabeth herging, ihren Mantel -trug, oder sich ihrer Unterhaltung widmete -und sehen mußte, wie Lux und Blanche fröhlich -vorauf sprangen, auch wohl einmal wieder, -wie in früheren Tagen, Hand in Hand.</p> - -<p>Frau Elisabeth ließ das Betragen des ritterlichen -Knaben nicht ohne Anerkennung, -indem sie ihn ihrem Töchterchen als Beispiel -hinstellte, wozu die unbekümmerte -Blanche reichlich Gelegenheit gab.</p> - -<p>»Du könntest dich deiner Mutter auch -einmal gefällig erweisen,« sagte sie.</p> - -<p>»Mutti, was soll ich denn tun?«, rief -Blanche stürmisch, die Arme schmeichelnd -um ihren Hals legend. Aber dabei blieb es -denn auch. Manuel doch war stolz auf Frau -Elisabeths Lob, und trug dafür die Qualen -der Eifersucht heroisch weiter.</p> - -<p>Anders aber gab er sich zuhause, bei den -Spielen im Garten, wo die Kinder unter -sich waren. Da trachtete er, das Versäumte -nachzuholen, und forderte sein vorenthaltenes -<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -Teil mit Zinsen ein. Blanche, die ganz nach -Lust und Laune handelte, und keinen eigentlich -bevorzugte, fühlte sich dann manchmal -von seinem heftigen Wesen befremdet, und -hielt sich ein wenig zurück, ohne zu ahnen, -wie weh sie ihm tat und wie sehr sie -ihn reizte.</p> - -<p>Ihr Name erschien schon lange wieder -in seinen Gebeten, und er stammelte ihn -halb laut aus sehnsüchtigen und kranken -Träumen heraus.</p> - -<p>Und eines Nachts, als ein Traum ihm -gezeigt hatte, wie Blanche Hand in Hand -mit Lux Blumen pflückte, während er abseits -stand und nicht zu ihnen konnte, saß -er, erwacht, aufrecht im Bett und starrte -voll Zorn, Haß und Kummer durch das -Dunkel auf Lux, der ruhig in seinen Kissen -lag. Manuels Fäuste ballten sich, und seine -Zähne preßten sich wild aufeinander. Hätte -Lux Licht gemacht, er hätte sich vor diesem -Gesicht entsetzt, das durchaus nicht mehr -kindlich aussah, sondern mit dem Ausdruck -<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -einer fast männlichen Energie heißen Haß -und tiefschneidendes Weh verband.</p> - -<p>Lux wachte freilich, und auch seine Gedanken -beschäftigten sich mit Manuel. Er -sah ihn auch, obgleich nur undeutlich, aufrecht -im Bett sitzen, wenn der Vorhang, -hinter dem das Fenster offen stand, von -einem stärkeren Luftzug getroffen sich leise -hin und her bewegte und das Dunkel ein -wenig aufhellte. Auch suchte Lux nach -einem Wort, ihn anzureden, aber er fand -keines; denn was ihn zu reden trieb, -beschäftigte auch wieder so sehr seine Gedanken, -daß er damit nicht fertig wurde.</p> - -<p>Manuel hatte im Schlaf laut und leidenschaftlich -Blanches Namen gerufen.</p> - -<p>»Blanche! Blanche!«</p> - -<p>Zweimal hatte der geliebte Name mit -einem wehen Laut durch das Dunkel und -durch die Stille gezittert. Etwas Fremdes, -nicht Gekanntes klang dem erschreckten -Lux daraus entgegen.</p> - -<p>»Blanche! Blanche!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a> -»Was hast du? Was ist dir?«, wollte Lux -rufen, aber etwas lähmte seine Zunge, benahm -ihm den Atem. Fast unheimlich klang -dieses zweimalige Rufen.</p> - -<p>Und jetzt wurde wieder Manuels Stimme -laut.</p> - -<p>»Lux! – Lux! – schläfst du?«</p> - -<p>»Nein, was willst du?«</p> - -<p>Manuel gab keine Antwort.</p> - -<p>»Willst du was?« fragte Lux noch einmal -dringlicher.</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>Und dann rang sich jedes Wort langsam -und leise, aber leidenschaftlich von den -zuckenden Knabenlippen.</p> - -<p>»Ich liebe Blanche. Sie soll nicht immer -nur mit dir freundlich sein. Ich halte das -nicht aus. Ich will es nicht.«</p> - -<p>Im Dunkel der Nacht saß der Knabe -aufrecht in seinem Bett und stammelte dieses -Bekenntnis, und es war Lux, dem er es -vorstammelte, Lux, der am Tage der letzte -gewesen wäre, dem er es anvertraut hätte. -<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -Aber er mußte sein übervolles Gemüt entladen, -war froh, daß er Lux nicht dabei -sehen konnte, sprach wie zu einem Fremden, -fühlte, wie bei jedem Wort die Tränen -höher in ihm aufstiegen, und zitterte am -ganzen Leibe vor Erregung.</p> - -<p>Eine lange Stille folgte Manuels Worten, -während nur sein unterdrücktes Schluchzen -zu vernehmen war.</p> - -<p>Ich liebe Blanche! Lux hätte nie für sein -Empfinden für Blanche diesen Ausdruck -gefunden. Er war aufs neue erschreckt, -beängstigt, von etwas Fremdem verwirrt.</p> - -<p>»Blanche ist doch auch gegen dich freundlich,« -sagte er. Er konnte Manuels Weinen -nicht länger hören und hätte ihn gern getröstet.</p> - -<p>»Wir kennen uns doch auch schon viel -länger, Blanche und ich,« fuhr er fort. -»Deswegen ist sie doch nicht weniger -freundlich mit dir. – Laß doch das -Weinen. – Ich will es ihr sagen, daß sie -freundlicher mit dir sein soll!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -»Nein!« rief Manuel, schrie es fast. »Daß -du es ihr nicht sagst. Ich glaube, ich könnte -dich töten, wenn du es tust.«</p> - -<p>»Dummes Zeug!« brummte Lux, der solche -Leidenschaft nicht verstand und sich ärgerlich -auf die andere Seite legte.</p> - -<p>»Lux! du! Lux!«</p> - -<p>»Was denn?«</p> - -<p>»Daß du es ihr nicht sagst!«</p> - -<p>»Mir ist es gleich. Du kannst es ihr ja -selbst sagen. Aber jetzt möchte ich gern -schlafen.«</p> - -<p>Seine Müdigkeit überwog wirklich seine -Teilnahme für Manuel und auch für Blanche. -Es dauerte nicht lange, da schwebten wieder -seine leisen, feinen Atemzüge durch -das Zimmer.</p> - -<p>Manuel aber lag noch lange wach und -betete zum ungezählten Male zur Mutter -Gottes, sie möchte ihm das Herz der kleinen -Blanche zuwenden.</p> - -<p>Die Folge dieses nächtlichen Zwiegespräches -war eine weitere Entfremdung zwischen -<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -den Knaben. Lux betrachtete Manuel -jetzt mit ganz anderen Augen. Er fühlte -etwas wie Neid. So viel er von Blanche -hielt, seinen Schlaf hatte sie ihm noch nie -gestört. Und nun gar diese Tränen, dieser -leidenschaftliche Ausbruch Manuels in der -Nacht. Er schämte sich und schalt sich, daß -er nicht auch so empfand. Manuel war freilich -auch schon älter als er und in vielem -reifer. Lux war ehrlich genug, es anzuerkennen, -und hatte Respekt vor ihm. Aber das -wurmte ihn wieder; er hätte ihn lieber verachtet. -Sein Selbstgefühl bäumte sich auf, -und er besann sich darauf, daß er ältere -Rechte als Manuel hatte, der nur ein Eindringling -war. Und zugleich erwachten Gedanken -in ihm, die bisher geschlummert -hatten.</p> - -<p>»Ich liebe Blanche auch. Er soll nicht -glauben, daß er es allein ist.« Und er wurde -mißtrauisch und beobachtete die beiden.</p> - -<p>Manuel haßte Lux nur umsomehr, als er -ihn jetzt zu fürchten hatte. Oh, daß er sich -<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -ihm in jener Nacht in seiner Seelennacktheit -gezeigt hatte! Er schämte sich vor ihm -und suchte seinem Blick auszuweichen, -wurde argwöhnisch und belauerte Blanche, -ob sie wohl etwas wisse. Ganz im tiefsten -Innern war dabei der heimliche Wunsch -rege, sie möchte es wissen; er würde Lux -jetzt nicht mehr deshalb töten.</p> - -<p>»Du hast doch nichts gesagt?« fragte er -ihn zwei Tage später und zwang sich zu -einem Ton freundlicher Vertraulichkeit.</p> - -<p>»Was denn?« fragte Lux mit verstellter -Gleichgültigkeit.</p> - -<p>Manuel ärgerte sich.</p> - -<p>»Das weißt du recht gut.«</p> - -<p>»Ach das.«</p> - -<p>Der Ton war womöglich noch gleichgültiger.</p> - -<p>»Ich will es aber wissen!«</p> - -<p>Manuel wurde heftig.</p> - -<p>»Frage sie doch selbst,« gab Lux zur -Antwort.</p> - -<p>Zornig ging Manuel weg.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -An diesem Tage kam ein Brief Dr. Irmlers, -der eine Verlängerung seiner Reise um -höchstens acht Tage ankündigte und hoffte, -daß Lux den Freunden nicht lästig werden -würde. Die Veranlassung zu diesem Schreiben -aber war diese:</p> - -<p>Er ist in Rom, kommt abends spät aus -einer kleinen Gesellschaft, hört in einer einsamen -menschenleeren Straße plötzlich einen -Schrei ganz in seiner Nähe und steht im -nächsten Augenblick vor einem entseelten -Körper, der quer über den Bürgersteig liegt. -Ein Schatten fliegt über die Straße, ein -geisterblasses Gesicht wendet sich noch einmal -um, und er meint im ersten Augenblicke -nichts als zwei große schwarze, weit -aufgerissene Augen in diesem Gesicht zu -erkennen. Aber schon nahen Schritte, er -wird bei der Leiche gesehen, verdächtigt, -und muß mit auf die Wache. Hier gelingt -es ihm bald, seine Unschuld glaubhaft zu -machen. Indessen kann man ihn nicht ganz -freigeben, da er den Mörder gesehen haben -<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -will und eine ungefähre Beschreibung von -ihm zu liefern imstande ist. Des einzigen -Zeugen muß man sich versichern, zumal -seine Angaben viel Wahrscheinlichkeit für -sich haben. Seine Beschreibung paßt auf -einen jungen Burschen, den man mit dem -Getöteten befreundet weiß, und von dem -es bekannt ist, daß er sich mit jenem gleichzeitig -um ein hübsches und braves Bürgermädchen -bewarb.</p> - -<p>Vor die Frage gestellt, glaubt Dr. Irmler -sich noch anderer Merkzeichen entsinnen zu -können, als nur der dunklen Augen. Und -alles zeigt auf jenen Freund hin. Dieser -wird gefunden, festgenommen und dem -Zeugen gegenübergestellt, der ihn zu erkennen -glaubt. Ein anfängliches Leugnen -zieht die Sache hin, aber der Unglückliche -entschließt sich zuletzt zu einem Geständnis. -Und wirklich ist die unselige Eifersucht -das Motiv seiner Tat.</p> - -<p>Diese Begebenheit hatte Dr. Irmler mehrere -Tage gekostet, während welcher er nicht -<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -fähig war, seinen Studien nachzugehen. -So war noch manches nachzuholen und -eine Verlängerung seines Aufenthaltes erwünscht.</p> - -<p>Er möchte sich nicht beeilen und sich -nicht sorgen, schrieb Frau Elisabeth zurück. -Lux wäre gut aufgehoben, und sie -hätten ihn alle gern bei sich.</p> - -<p>»Daß dieses hitzköpfige Volk doch immer -gleich zum Messer greifen muß!« sagte ihr -Gatte beim Tee, als er von dem Inhalt des -Briefes erfuhr. »Und wenn es dann noch -wenigstens zum ehrlichen Zweikampf schreitet. -Aber ein feiger Meuchelmord aus solchem -Beweggrunde, noch dazu an einem -Freund, will einem schier unverständlich -sein.«</p> - -<p>»Es ist schrecklich,« erwiderte Frau Elisabeth, -»wie die Leidenschaft alles verdunkelt, -alle Begriffe von gut und böse auslöscht -und den Menschen zum blinden Werkzeug -seiner Triebe macht. Ich erinnere mich eines -ähnlichen Falles aus meiner Heimat, wo -<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a> -ein sonst liebenswürdiges Schwesternpaar -sich um einen jungen Mann heftig entzweite; -beide getäuscht, suchten sie statt -Trost in der Versöhnung Trost im Tod. -Man fand beide Leichen am blühenden -Sommerrain des kleinen Flusses, von den -mitleidigen Wellen sanft nebeneinander hingebettet.«</p> - -<p>So erzählte Frau Elisabeth in tiefer Ergriffenheit. -Den Kindern enthielt sie diesen -Teil des Briefes vor. Es schien ihr nicht -ratsam, die jungen Seelen schon mit solchen -Dingen zu beschweren; sie würden früh genug -die Tragik des Lebens kennen oder doch -wenigstens ahnen lernen. Sie sagte ihnen nur, -daß Dr. Irmlers Studien seine Anwesenheit -in Rom noch für einige Tage verlange.</p> - -<p>Lux selbst war zufrieden. Die Tage -gingen abwechselungsreich hin, und die -leichten Schatten, die die Verstimmung zwischen -ihm und Manuel auf ihre Freuden -warf, bedrückten ihn nicht allzusehr.</p> - -<p>Manuel jedoch war keineswegs erfreut -<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a> -über Luxens verlängerten Aufenthalt. Acht -Tage noch! Wäre doch die Zeit bald um!</p> - -<p>Blanche aber rief einfach: »Wie schön!« -obgleich es ihr keinen großen Kummer -gemacht hätte, Lux schon jetzt an seinen -Vater zurückzugeben.</p> - -<p>Nun mußte es geschehen, daß Frau Elisabeth -um diese Zeit von heftigen Kopfschmerzen -anhaltend geplagt wurde, so daß -sie sich den Kindern nicht so viel wie sonst -widmen konnte. Sie überließ sie um so -ruhiger sich selbst, als es ihr bisher erschienen -war, daß sie in guter Kameradschaft -miteinander verkehrten.</p> - -<p>Aus dieser Ruhe sollte sie eines Tages -aufgestört werden. Die Spannung zwischen -den beiden Knaben hatte sich wie ein böses -Geschwür weiter gefressen, das nun unerwartet -aufbrach.</p> - -<p class="ce"><img src="images/p089i.jpg" alt="" /></p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -<img src="images/p090i.jpg" alt="" /><br /> - -7. KAPITEL.</h2> - - -<p>Blanches Geburtstag sollte, wie alljährlich, -festlich gefeiert werden. Ja, man plante -diesmal etwas ganz Besonderes. Das beständige -schöne Wetter ließ das Gelingen eines -kleinen Gartenfestes erhoffen. Ketten von -Lampions sollten gezogen und eine italienische -Nacht unter nordischem Himmel hergezaubert -werden. Wochenlang hatte man -sich schon darauf gefreut, und diese gemeinsame -Vorfreude war immer wieder das -Band gewesen, Auseinanderstrebendes zusammen -zu halten.</p> - -<p>Nun war der festliche Tag da, und alles -stand in Erwartung eines besonderen Freudentages -früher auf als sonst. Schon am -Morgen kam eine Cousine Blanches, während -die anderen kleinen Gäste sich erst -am Nachmittag einfanden. Es war ihrer -ein großer Kreis geladen worden, auch -<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -Knaben, damit es den Mädchen nicht an -Tänzern fehle. Alle kleinen Freundinnen -kamen in weißen Kleidern mit bunten -Schleifen und Schärpen und brachten Blumen -und Schokolade und kleine Geschenke -mit. Alle gaben sie Frau Elisabeth mit einem -zierlichen Knicks die Hand und schauten -sich dann mit großen Augen im Kreise um. -Die Knaben traten selbstbewußt auf, und -konnten doch eine lächerliche Verlegenheit -und Unbeholfenheit nicht verbergen; sie -waren in der Minderzahl und hätten offenbar -lieber unter sich Pferd oder Räuber und -Soldat gespielt, als sich hier sittsam und kavaliermäßig -zu betragen. Sie hielten sich zu -Lux und Manuel und staunten diesen ebenso -an, wie es die kleinen Mädchen taten.</p> - -<p>»Wie braun er ist,« flüsterten sie untereinander.</p> - -<p>»Er kommt nachher in unsere Schule.«</p> - -<p>»Aber klein ist er nur.«</p> - -<p>»Ist er nett?«, fragten sie Lux leise, und -Lux sagte: »Sehr nett.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -Daß er ziemlich gut deutsch sprach, merkten -sie bald, und ebenso, daß er ihnen allen -an Sicherheit des Betragens überlegen war. -Lux war einer von ihnen, aber Manuel war -etwas Besonderes.</p> - -<p>Manuel merkte wohl, daß er Eindruck -machte, und fühlte sich geschmeichelt, denn -er dachte an Blanche dabei. Ihr wollte er -gefallen.</p> - -<p>Blanche aber war anfangs noch viel zu -sehr mit sich selbst beschäftigt; sie war -nicht ohne mädchenhafte Eitelkeit und wollte -in ihrem neuen Geburtstagskleide auch gefallen. -Sie sah in der Tat reizend aus. Ihre -zarte, sonnige Elfenschönheit war vom Glanz -heiterer Freude umstrahlt. Dazu kam das -Bewußtsein, Hauptperson zu sein, und die -Überlegenheit der kleinen Wirtin, die sich -bei sich zuhause fühlt und glücklich ist, -ihren Gästen etwas bieten zu können.</p> - -<p>Es war ein liebliches Bild, die vielen hellen, -mit farbigen Bändern geschmückten Kindergestalten -sich im Garten tummeln zu sehen. -<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -Die Blumen auf den Beeten jedoch, vor -allem die in vollem Flor stehenden Rosen, -scheuten solche Nachbarschaft nicht, sondern -behaupteten sich in schönster Pracht. -Auch die kleinen bunten Papierlaternen, -die ganz regungslos in der stillen Luft -hingen und sich auf den Abend zu freuen -schienen, wo sie ihr Licht leuchten lassen -sollten, kamen schon jetzt in ihrem bunten -Farbenschmuck zu hohen Ehren. Wenn sie -erst brennen würden, das mußte schön sein. -Doch damit sollte es noch ein wenig Zeit -haben. Es waren lange, helle Abende, und -die Illumination war als Abschluß des -Festes gedacht.</p> - -<p>Allerlei Spiele vertrieben indessen die -Zeit. Man spielte Haschen, von Baum zu -Baum und Topf schlagen. Wie gerufen fanden -sich ein paar Straßenmusikanten vor -dem Hause ein; man holte sie herein und -improvisierte auf kurz geschorenem Rasen -ein lustiges Tänzchen zu keineswegs wohlklingender -Musik. Aber wer tanzen will, -<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -dem ist leicht geblasen. Die geschmeichelten -Künstler befleißigten sich, ihr Bestes zu -leisten, und namentlich die Klarinette gab -sich alle Mühe, in diesem herrschaftlichen -Kreise ehrenvoll zu bestehen.</p> - -<p>Als sich die Leute nach drei Tänzen wieder -verabschieden wollten, wollte man sie -nicht weglassen. Noch einmal! noch einmal! -Die kleinen Tänzer waren unersättlich.</p> - -<p>Da besprach sich Frau Elisabeth mit den -Musikanten, daß sie für eine hinreichende -Entschädigung noch ein halbes Stündchen -bleiben und sich zum Schluß an die Spitze -einer Polonaise stellen möchten, die sich -mit brennenden Papierlaternen unter den -leuchtenden Lampiongewinden durch den -Garten bewegen sollte. Als sie einwilligten, -entstand allgemeiner Jubel, und man war -einig, ein so schönes Fest noch nicht gefeiert -zu haben.</p> - -<p>Nun waren die anderen Knaben fast alle -schlechte Tänzer. Auch Lux stand hierin -hinter Manuel zurück. Dieser war der einzige, -<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -der eigentlich tanzen konnte, während -die Kunst der anderen nicht viel mehr als -ein munteres Hüpfen war. Das genügte ja -nun für diese kleine Gesellschaft vollkommen. -Aber die Dämchen waren doch froh, -wenn der bewunderte Spanier ihnen seine -Aufmerksamkeit schenkte. Die schien nun -freilich einzig dem Geburtstagskind zu gelten. -Schon längst hatte Lux das mit Verdruß -bemerkt. Gerade den Spielkameraden -gegenüber ärgerte es ihn. Was mußten sie -denken. Seine Versuche, Manuel aus dem -Sattel zu heben, schlugen alle fehl; Blanche -schien nur für diesen da zu sein, oder sie -war zu schwach oder zu ungewandt, sich -seinem Einfluß zu entziehen.</p> - -<p>Das nächtliche Geständnis Manuels hatte -Lux die Augen geöffnet und seinen eigenen -Gefühlen für Blanche die Unbefangenheit -geraubt. Er hatte sie auch lieb, Manuel -sollte sie nicht für sich allein haben.</p> - -<p>Und wie hübsch war Blanche heute. So -war sie ihm noch nie erschienen. Er hätte -<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -sie bei der Hand nehmen mögen wie früher: -komm Blanche, wir wollen allein spielen. -Alle die anderen Mädchen beachtete er -nicht. Da war eine Größere mit stillen, -klugen Augen, die immer Lux suchten. Aber -er merkte es nicht und sandte seine Blicke -nach Blanche aus.</p> - -<p>Mit einem Male war Blanche verschwunden. -Wo war sie? Und jetzt fehlte auch -Manuel.</p> - -<p>Vergeblich sah er sich nach den beiden -um; die Gesellschaft war groß genug, daß -sie sich ungesehen hatten entfernen können. -Lux wollte Gewißheit haben und suchte -den ganzen Garten ab. Schon gab er die -Hoffnung auf, sie zu finden, als sein Fuß -stockte.</p> - -<p>Waren das nicht Stimmen?</p> - -<p>Aus dem Nußgebüsch am Bach?</p> - -<p>Ein Flüstern?</p> - -<p>»Blanche, süße, liebe Blanche!«</p> - -<p>Ein Griff, und Lux riß die Sträucher -auseinander.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -Da saßen sie auf der niedrigen Rasenbank, -und die glühende Blanche empfing -die ersten, stürmischen Küsse des wilden, -leidenschaftlichen Knaben.</p> - -<p>Mit einem Schrei schreckte Lux die Selbstvergessenen -auf, stürzte sich auf sie und -riß Manuel weg, stieß den Erschrockenen, -daß er taumelte und zu Boden stürzte.</p> - -<p>»Lux! Lux!« rief Blanche angstvoll.</p> - -<p>Manuel war wie eine Katze wieder aufgesprungen, -und mit zornfunkelnden Augen -standen sich die beiden Knaben gegenüber.</p> - -<p>»Das sag ich nach,« keuchte Lux, atemlos -vor Aufregung.</p> - -<p>Ein Blick grenzenloser Verachtung traf -ihn aus Manuels schwarzen Augen.</p> - -<p>»Wage das nicht!«</p> - -<p>»Alles, alles sage ich nach,« zischte Lux.</p> - -<p>Wie ein wildes Tier schäumte Manuel auf.</p> - -<p>»Manuel! Lux! Manuel!«</p> - -<p>Vergeblich versuchte Blanche sich zwischen -sie zu werfen. Der Augenblick war jetzt -da, wo diese beiden Knaben, in deren Seelen -<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> -sich langsam der Haß angesammelt hatte, -aneinander geraten mußten. Wie zwei Panther -fielen sie sich an, packten sich und rangen -miteinander, nur von dem einen Trieb beseelt, -den andern unter sich zu bringen.</p> - -<p>Es war Zufall, daß Manuel unterlag. Er -stolperte und rutschte aus, fiel auf den Rücken -und riß Lux über sich.</p> - -<p>Mit weit aufgerissenen Augen, zitternd, -keines Wortes mächtig, starrte Blanche auf -die kämpfenden Knaben, schrie nicht auf, -als Manuel fiel, starrte nur in zitterndem -Schweigen auf den Kampf. Selbst der Gedanke, -es ist deinetwegen, verblaßte.</p> - -<p>Wenn sie sich nur nicht weh tun!</p> - -<p>Diese fürchterlichen Knaben!</p> - -<p>Wie wild sie immer gleich sind!</p> - -<p>Sie kennt Lux kaum wieder. Wie verrückt -hämmert er auf Manuel los. Sie kann es -nicht mehr mit ansehen und stürzt hinaus.</p> - -<p>Da folgt ihr ein kurzer Schrei.</p> - -<p>Lux taumelt ihr nach, die Hand auf der -Brust.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -»Blanche!«</p> - -<p>Es klingt röchelnd, aus tiefster Angst -heraus. Totenblaß ist Lux, taumelt hinter -sich, dreht sich um, greift in die Luft -und fällt mit einem dumpfen Aufschlag zu -Boden.</p> - -<p>Blut!</p> - -<p>Es rinnt über seine Bluse, ein feiner, roter -Streifen.</p> - -<p>Da kreischt sie laut auf und stürzt weg, -und ihr Kreischen schreckt die Tanzenden -auf und macht die Musik verstummen.</p> - -<p>Hinter ihr teilt sich das Gesträuch, und -Manuel, das Messer noch in der krampfhaft -geballten Faust, steht starr vor Lux. Aller -Haß, aller Zorn ist aus den schwarzen Augen -verschwunden; entsetzt, mit leeren Blicken -sehen sie wie auf etwas Rätselhaftes.</p> - -<p>So findet man die beiden Knaben. Die -Musikanten, der ganze Kinderschwarm, alles -drängt sich herzu.</p> - -<p>Lux atmet noch. Sein Gesicht ist schneeweiß, -und die geschlossenen Lippen zucken.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -Einer der Musikanten, der Fagottbläser, -ein großer Mensch mit einem roten Gesicht, -nimmt ihn auf die Arme und trägt -ihn ins Haus.</p> - -<p>Frau Elisabeth, mit dem willenlosen Manuel -an der Hand, folgt. Sie schickt die -kleinen Gäste nach Hause, und das schöne -Fest findet ein jähes schreckliches Ende.</p> - -<p>Kein Wort ist aus Manuel herauszubringen, -so sehr auch Frau Elisabeth in ihn dringt. -Aber er wirft sich ihr zu Füßen und bleibt -unter heftigem Schluchzen liegen, bis man -ihn gerührt, erschüttert, aufhebt und auf -sein Bett legt.</p> - -<p>Als der Vater vom Kontor nach Hause -kam, hatte Blanche bereits alles gebeichtet, -unter strömenden Tränen. Die Gatten verharrten -in dumpfem Schweigen gegeneinander. -Wie sollten sie sich über das unselige -Geschehnis auslassen. Erst nach und -nach sprachen sie sich aus. Sie gedachten -jenes römischen Briefes als einer Warnung, -die sie nicht verstanden hatten, und machten -<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> -sich Vorwürfe. Hätte nicht ein solches Beispiel, -wohin ungebändigte Leidenschaft führt, -auf Manuel Eindruck machen und das Schreckliche -verhüten können?</p> - -<p>Eine Depesche eilte nach Rom, und schon -am dritten Tage saß Dr. Irmler gebrochen -am Bett seines Knaben. Man hatte Lux noch -nicht umbetten können; doch gab der Arzt -Hoffnung, daß es sich in den nächsten -Tagen ermöglichen ließe. Direkte Lebensgefahr -war nicht vorhanden, aber der Kranke -bedurfte der sorgsamsten Pflege und äußersten -Schonung. Der linke Lungenflügel war durch -den Stich der kurzen Taschenmesserklinge -verletzt worden. Die Heilung war sicher, -wenn sie in Ruhe, ohne Störung vor sich -gehen konnte.</p> - -<p>Dr. Irmler, so dicht vor den Verlust seines -einzigen Glückes gestellt, wollte doch die -Selbstanklagen der Freunde nicht gelten -lassen und war weit davon entfernt, ihnen -irgend einen Vorwurf zu machen. Wie hätten -sie ein solches Unglück verhüten wollen? -<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a> -Was hätte sie bei der großen Jugend der -Kinder auf die rechte Spur führen sollen, -auf den Gedanken, daß sich hier in diesen -jungen Seelen eine Tragödie vorbereite?</p> - -<p>Manuel war freilich als leidenschaftliches -Kind bekannt, aber doch auch als ein edelveranlagter -Charakter wiederholt erprobt -worden. Sein tiefer Schmerz jetzt, sein -völliges Zusammenbrechen entwaffnete jeden -Zorn und rührte die Herzen. Man empfand -tiefes Mitleid mit ihm und verschonte -den Beklagenswerten mit unnützen Vorwürfen.</p> - -<p>Frau Elisabeth hatte ihn auf seinem Zimmer -aufgesucht, nachdem sie von Blanche gehört, -wie alles gekommen. Er lag mit dem -Kopf auf dem Tisch und wagte nicht aufzusehen. -Sie trat an ihn heran, legte ihre -Hand leise auf seinen dunklen Scheitel und -sagte ernst, doch ohne Vorwurf:</p> - -<p>»Ich weiß nun alles, Manuel. Wir wollen -Gott danken, daß es nicht schlimmer ausgelaufen -ist.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -Er tastete nach ihren Händen, überströmte -sie mit Tränen und bedeckte sie wieder und -wieder mit Küssen. Sie ließ es ruhig geschehen; -es würde ihm gut tun. Endlich -entzog sie sich ihm leise.</p> - -<p>»Fasse dich nun, mein Junge,« sagte sie -fast zärtlich. »Wir haben dir alles verziehen. -Du wirst zu deinem Vater zurück müssen, -und alles, was gewesen, wird wieder gut -werden. Und nun gib mir die Hand und -versprich mir, daß du immer dein Herz -und deine Hand hüten willst.«</p> - -<p>Er gab ihr leidenschaftlich die Hand und -wollte sich wieder über die ihre neigen, -doch sie faßte ihm mit der Linken unters Kinn, -hob sein Gesicht ein wenig zu sich empor -und küßte ihn mütterlich auf die Stirne.</p> - -<p>Als sie die Tür hinter sich geschlossen -hatte, hörte sie ihn wieder laut aufschluchzen. -Sie glaubte diese Knabenseele zu verstehen: -Manuels Tränen galten ebenso sehr Blanche, -von der er sich jetzt trennen sollte, als -Lux und der Reue. Das erste heiße Feuer -<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a> -in einer erwachenden Kinderseele; helle, hohe -Flammen, heftig auflodernd, als wollten sie -die Welt in Brand stecken, und dann ein -ebenso jähes Erlöschen.</p> - -<p>Um Blanche und Lux war sie ein wenig -in Sorge, welchen Einfluß dieses Erlebnis -auf ihre jungen Seelen haben würde. Auch -dachte sie darüber nach, wie weit sie Blanche -Vorwürfe zu machen hätte. Jedes Wort zu -viel könnte schaden statt nützen. Blanche -war doch noch ein ganzes Kind, harmlos, -wenig fest, und leicht zu bestimmen. Frau -Elisabeth wußte schon die Antwort voraus, -als sie sie fragte, wie sie dazu gekommen -wäre, ihre Gäste einfach zu verlassen -und mit Manuel zu gehen.</p> - -<p>»Er wollte es ja durchaus.«</p> - -<p>»Und du weißt nicht, daß sich das nicht -schickt? Wäret ihr bei den anderen geblieben, -so wäre alles nicht geschehen. Das -war sehr unrecht von dir. Du siehst, was -für ein Unglück aus solchen Kindereien -entstehen kann.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -Frau Elisabeth hielt es für das richtigste, -Blanche gegenüber diesen Ausdruck zu gebrauchen: -Kindereien. Blanche freilich war -wenig geneigt, es als Kindereien zu nehmen. -Sie kam sich sogar sehr wichtig vor. Schade, -daß noch Ferien waren; am liebsten wäre -sie morgen in die Schule gegangen, um -zu hören, was die Freundinnen sagten.</p> - -<p>Natürlich tat Lux ihr furchtbar leid. Und -wie traurig Dr. Irmler aussah. Aber Lux -würde ja nicht sterben. Sie wußte, was der -Arzt gesagt hatte. Und sie wollte auch jeden -Abend beten, daß der liebe Gott Lux doch -wieder gesund werden ließe.</p> - -<p>Am meisten waren ihre Gedanken natürlich -bei Manuel. Der kam nicht von seinem -Zimmer, und sie sah und hörte nichts von -ihm. Sie wollte die Mutter nach ihm fragen, -wagte es aber dann doch nicht. So spionierte -sie herum, ob sie nicht irgendwo -etwas von ihm erhaschen könne.</p> - -<p>Sie war in Angst um ihn. Ob er wohl -bestraft werden würde? Er durfte nicht -<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -stechen. Lux hatte allerdings angefangen. -Was ging es den überhaupt an? Und wie -hatte er auf Manuel losgeprügelt. Der konnte -sich ja garnicht anders wehren, noch dazu, -da er gefallen war und unter Lux lag.</p> - -<p>Vier Tage später fuhr ihr Vater mit dem -kleinen Spanier weg, ohne daß Blanche -ihn wieder gesehen hatte. Manuel ist wieder -zu seinem Papa gefahren, hieß es, er läßt -dich freundlich grüßen.</p> - -<p>Das fand sie empörend. So abzureisen, -ohne ihr Adieu gesagt zu haben!</p> - -<p>Ob er nie wieder kommen würde?</p> - -<p>Sie wagte nicht, danach zu fragen. Aber -sie sagte sich, daß sie ihn zum letzten -Mal gesehen hatte, daß er für immer -weg war.</p> - -<p>Und nicht das kleinste Andenken an ihn -besaß sie. Sie wußte, er hatte ein altes -Schreibheft von ihr, ein paar Haarbänder -und ein Stückchen von ihrer roten Geburtstagsschärpe, -das er sich selbst abgeschnitten -hatte. Aber sie besaß nichts von ihm, gar -<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -nichts. Zum Geburtstag hatte er ihr einen -Kasten mit feinsten Bonbons geschenkt. Sie -hatte sich sehr gefreut, aber die Freundinnen -hatten nachher die meisten aufgenascht. -Ein paar waren noch nachgeblieben, die -wollte sie aufheben. Eine Stunde später aber -erschien es ihr doch pietätvoller, sie so zu -verwenden, wie Manuel es gewollt hatte. -Und sie setzte sich ans Fenster, nahm das -Kästchen vor sich auf den Schoß und schob -einen Bonbon nach dem anderen in ihren -kleinen Mund und zerlutschte ihn mit Hingebung. -Ihre Gedanken waren dabei gar -nicht einmal bei Manuel, sondern ganz bei -der Sache: der schmeckte nach Himbeeren, -der nach Pfeffermünz, und das war Kakaobutter!</p> - -<p>Und ihre Blicke schweiften dabei träumerisch -über den Garten bis zu den hohen -Bäumen, die die Wiese jenseits des Bächleins -einfaßten und auf deren Wipfeln die -leuchtende Sonne eines ersten heißen Augusttages -lag.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -<img src="images/p108i.jpg" alt="" /><br /> - -8. KAPITEL.</h2> - - -<p>Manuel war abgereist, und Lux war umgebettet -worden. Blanche war wieder allein -im Hause, in dem das Leben wie früher verlief, -nur um ein weniges gedämpfter. Sie war -zu lange durch die Spielkameraden verwöhnt -worden und langweilte sich nun manchmal. -Mit Lux würde sie wohl sobald nicht spielen -können. Zwar war er außer Gefahr und -ging der Genesung entgegen. Aber es ging -langsam. Er mußte wohl noch ein paar -Wochen ruhig im Bette verbringen. Sie -hörte täglich von ihm, aus dem Gespräch -der Eltern, und einmal hatte er sie auch -grüßen lassen. Ihr Verlangen, ihn zu sehen, -war nicht übermäßig groß; es war mehr -Neugierde, die sie gern befriedigt hätte, als -eigentliche Teilnahme. Er würde schon -wieder besser werden, und dann würden -sie im Garten wieder zusammentreffen, -<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -und sie würde sich erst ein wenig vor -ihm schämen, und dann würde alles wie -früher sein.</p> - -<p>Als Lux soweit war, daß er Besuch empfangen -durfte, schickte Frau Elisabeth Blanche -mit ein paar Blumen hinüber. Es war Blanche -fürchterlich, und sie hätte am liebsten nein -gesagt: doch trotzen durfte sie nicht.</p> - -<p>Sie ging also zu Irmlers, konnte es aber -nicht über sich gewinnen, zu Lux hineinzugehen. -Sie gab die Blumen der alten -Magdalene und log, ihre Mutter habe gemeint, -sie solle Lux lieber noch nicht -guten Tag sagen. Natürlich mußte die Unwahrheit -herauskommen, und Frau Elisabeth -war sehr böse und schickte sie zur -Strafe auf ihr Zimmer.</p> - -<p>Jetzt vertrotzte sich Blanche.</p> - -<p>»Wenn sie mich wieder hinschicken, gehe -ich nicht.«</p> - -<p>Frau Elisabeth war solche Widersetzlichkeit -bei ihr nicht gewohnt. Sie war überrascht -und überlegte, ob es nur kindischer -<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -Trotz sei, oder ob andere Beweggründe -dahinter stecken könnten. Berechtigte Auflehnung -mit Gewalt zu brechen, gehörte -nicht zu ihren Erziehungsgrundsätzen. Drum -sagte sie nur:</p> - -<p>»Ich wundere mich über dich, Blanche, -und bin sehr traurig. Ich hoffe, du besinnst -dich und siehst ein, daß der arme Lux -ein Anrecht auf ein freundliches Wort von -dir hat.«</p> - -<p>Diese Worte machten wohl einigen Eindruck -auf Blanche, aber brachen doch ihren -Trotz nicht.</p> - -<p>»Ich wünsche, daß du jetzt hinüber gehst,« -befahl Frau Elisabeth nach ein paar Tagen. -»Hier sind Orangen, die werden Lux erfreuen. -Komm, ich werde dich begleiten.«</p> - -<p>Sie nahm Blanche bei der Hand und -ging mit ihr ins Nachbarhaus. Das Kind -war blaß und schwankte zwischen Trotz -und Tränen. Die alte Magdalene lächelte gutmütig -und rief:</p> - -<p>»Ei, wird der Lux sich aber freuen, daß -<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -du kommst. Und die schönen Orangen! -Da geh nur gleich zu ihm hinein. Gerade -Orangen sind so gut für ihn.«</p> - -<p>Das war freilich alles mit Überlegung -gesagt und mit Frau Elisabeth unter einer -Decke gespielt. Aber es ermunterte Blanche -doch und machte ihr einigen Mut, als -ihre Mutter sie nun einfach ins Krankenzimmer -schob und die Türe hinter ihr -schloß.</p> - -<p>Da stand sie, ihr Körbchen Orangen -in der Hand, mitten im Zimmer und sah -verlegen und hilflos auf Lux, der sie mit -großen Augen anleuchtete. Sie hätte kein -Wort herausgebracht, wenn nicht er das -Schweigen gebrochen hätte.</p> - -<p>»Blanche! Du?« rief er.</p> - -<p>Es lag ebenso viel Überraschung als Freude -darin.</p> - -<p>Da trat sie näher, und ihre Stimme zitterte, -als sie sagte:</p> - -<p>»Ich wollte doch mal sehen, wie es dir -geht.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a> -»Danke, ganz gut! Der Doktor meint, ich -würde wohl bald wieder aufstehen dürfen.«</p> - -<p>Sie sagte nichts darauf, sondern stand -mit ihrem Körbchen dicht vor seinem Bett, -und sah ihn mit verlegenem Lächeln neugierig -an, musterte das Bett, die Wand, die -Bilder daran, und dachte endlich an die -Orangen.</p> - -<p>»Die soll ich dir geben,« sagte sie.</p> - -<p>»O wie schön!« rief Lux. »Danke, -Blanche!«</p> - -<p>Und er nahm das Körbchen und stellte -es vor sich auf die Decke.</p> - -<p>»Willst du dich nicht hinsetzen?« fragte er.</p> - -<p>Sie setzte sich auf einen Stuhl vor seinem -Bett und sah bald das Körbchen, bald den -Kranken an, während Luxens Augen still -auf ihrem Gesicht ruhten, mit einem gespannten -Ausdruck, als erwarte er ein Wort -von ihr.</p> - -<p>Es war merkwürdig, wie wenig sie sich -zu sagen hatten. Endlich fragte sie:</p> - -<p>»Tut es noch weh?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -»Manchmal. Aber nur ein ganz klein -wenig.«</p> - -<p>Sie wurde mit einmal blutrot. Es war -ihr, als müsse sie sich schämen, als wäre -sie selbst es, die ihn gestochen hätte. Wie -dumm! Sie konnte doch nichts dafür.</p> - -<p>Er aber dachte: »Warum wird sie so rot? -Es ist doch nicht ihre Schuld.«</p> - -<p>In diesem Augenblick wurde die Tür -leise aufgemacht und gleich wieder geschlossen. -Blanche nahm das als Zeichen, -abbrechen zu müssen. Sie erhob sich und -gab ihm ungelenk die Hand.</p> - -<p>»Adieu, Lux!«</p> - -<p>»Adieu, Blanche! Ich danke dir auch. -Willst du so gut sein und sie auf den Tisch -stellen?«</p> - -<p>Sie stellte die Orangen auf den Tisch -und nickte ihm noch einmal zu.</p> - -<p>»Adieu, Lux!«</p> - -<p>Dann schloß sich die Tür hinter ihr.</p> - -<p>»Nun, hat Lux sich nicht gefreut?« fragte -Frau Elisabeth.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a> -»Ja, sehr,« antwortete Blanche.</p> - -<p>»Siehst du? Und du wolltest nicht zu -ihm gehen.«</p> - -<p>»Das wollte ich schon, aber nicht so schnell.«</p> - -<p>Blanche war froh, den ersten Besuch -hinter sich zu haben; nun würde es ihr -leichter werden, wieder hinzugehen. Ob er -wirklich nur wenig Schmerzen mehr hätte? -Er sah doch noch sehr blaß aus. Das tat -er freilich immer. Aber doch nicht so furchtbar -blaß wie jetzt. Ob er wohl ganz wieder -besser würde? So ganz und gar wie früher?</p> - -<p>Dr. Irmler sagte abends zu ihrer Mutter, -daß Lux sich sehr über den Besuch von -Blanche gefreut habe, und er sagte es auch -ihr selbst:</p> - -<p>»Komm nur recht oft, Lux wird sich -immer freuen. Er liegt so allein.«</p> - -<p>Sie war fast glücklich. Wenn er sich -wirklich freute, wollte sie ja gern zu ihm -gehen; meinetwegen jeden Tag.</p> - -<p>»Vielleicht nimmst du ein Buch mit,« -sagte Frau Elisabeth.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a> -Und sie ging am nächsten Tag mit einem -Buch zu ihm.</p> - -<p>»Soll ich dir etwas vorlesen?« fragte sie.</p> - -<p>»Wenn du willst!«</p> - -<p>Seine Augen leuchteten auf und sprangen -von ihrem Gesicht auf das Buch über.</p> - -<p>Sie sah die Frage in seinem Blick.</p> - -<p>»Andersens Märchen,« sagte sie. »Magst -du das auch hören?«</p> - -<p>»Ja, gern. Lies nur, was du willst, Blanche; -es ist alles hübsch.«</p> - -<p>Er legte sich in die Kissen zurück, und -sie blätterte noch ein wenig, obgleich sie -sich schon für die Geschichte von der kleinen -Seejungfrau entschieden hatte, und fing endlich -an:</p> - -<p>»Weit hinaus im Meere ist das Wasser -so blau wie die Blätter der prächtigen -Kornblume und so klar wie das reinste -Glas, aber es ist außerordentlich tief, tiefer -als irgend ein Ankertau reicht. Viele Kirchtürme -müßten übereinander gestellt werden, -um vom Grunde bis über das Wasser -<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -hervor zu reichen. Dort wohnt das Meervolk.«</p> - -<p>Ihre Stimme war wie das Klingen kleiner -Wellen, wie ihr leises Rauschen und Plätschern -am Strande. Und ihr eigenes Bild -verfloß ihm mit dem der jüngsten Meertochter.</p> - -<p>»Sie war doch die Schönste von allen, -ihre Haut war so durchsichtig und zart wie -ein Rosenblatt, ihre Augen so blau wie das -tiefste Meer, aber wie alle die anderen hatte -sie keine Füße, der Körper ging in einen -Fischschwanz aus.«</p> - -<p>Und Blanche saß so vor seinem Bett, daß -er ihre Füße nicht sah, und er lächelte ganz -heimlich bei dem Gedanken und schloß die -Augen.</p> - -<p>Sobald sie ihre fünfzehn Jahre erreicht -hatte, sollte die kleine Meerprinzessin Erlaubnis -haben, aus dem Meere empor zu -tauchen, im Mondschein auf der Klippe zu -sitzen und die großen Schiffe sich anzusehen, -die vorbei segeln.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -Blanche war nun vierzehn. Ein Jahr noch, -so dachten sie beide, obgleich Blanche doch -keine Meerjungfrau war, die sich sehnte, -empor zu tauchen und auf Klippen zu -sitzen. Aber je weiter sie lasen, je mehr -nahm Blanche die Gestalt der jüngsten Prinzessin -an, sowohl für Lux, wie für sich -selbst.</p> - -<p>So knüpfte das Buch ein neues Band -zwischen ihnen. Lux hatte nicht geglaubt, -daß er noch soviel Geschmack an Märchen -fände. Und gerade diese kannte er ja alle -schon. Aber wie neu klangen sie aus dem -Munde der kleinen Blanche, die mit geröteten -Wangen und leuchtenden Augen auch -das Nebensächlichste mit so großer Wichtigkeit -und herzlicher Betonung las. Sie -hatte einen lieblichen, singenden Klang in -der Stimme und las so sicher und fließend -und versprach sich nicht ein einziges Mal. -Doch! Als sie las, wie die Störche nach -Afrika zogen, da versprach sie sich sogar -zweimal hintereinander. Das machte, sie -<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a> -dachte dabei an Manuel und an dessen -Heimat, an die Brandung in dem Hafen -von Tanger und an die braune Nushat. -Und dabei versprach sie sich, und Lux -mußte lachen.</p> - -<p>Aber Manuels Name wurde nie wieder -zwischen ihnen genannt.</p> - -<p>Schade, daß die Ferien zu Ende gingen. -Blanche würde nun nicht jeden Tag kommen -können. Die Schule nahm viele Stunden -des Tages in Anspruch, die Schule -und die Hausarbeiten. Aber Lux würde -ja auch bald ganz gesund sein, und dann -würden sie wieder zusammen im Garten -spielen.</p> - -<p>Und dann kam sie das letzte Mal mit -dem Buch, und Lux bat: »Lies noch mal -das Märchen von der Nachtigall.«</p> - -<p>Und sie las noch einmal das Märchen -von der Nachtigall, und Lux hörte fast die -ganze Geschichte mit geschlossenen Augen -an, während ein glückliches Lächeln auf -seinem Gesicht lag.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a> -<img src="images/p119i.jpg" alt="" /><br /> - -9. KAPITEL.</h2> - - -<p>Frau Elisabeth war sehr froh, daß Blanche -so bald vergaß, und legte es ihr nicht als -Oberflächlichkeit aus. Das Kind lebt dem -Tage und soll ihm leben. Seine kleinen -Leiden überwindet es schnell und öffnet -mit jedem neuen Tag sich wieder der Sonne; -wie die Blume am Abend ihren Kelch -schließt und ihn am Morgen in Reinheit -und Frische wieder auftut. Und sie meinte, -man solle das Kind in diesem auf das -nächste, auf die Gegenwart gerichteten Wesen -nicht stören und man solle froh sein, -wenn ihm der Tag alles ist und das Gestern -nichts mehr gilt. Die Wandlung kommt leise -von selbst, und stete Sorge für eine rechte -Gemütsbildung verhindert die Oberflächlichkeit.</p> - -<p>Für Lux war sie in dieser Beziehung -nicht bange. Ihre eigene Beobachtung und -<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a> -viele kleine Züge, die Dr. Irmler ihr erzählt -hatte, sprachen dafür, daß er ein reiches -Innenleben führte.</p> - -<p>Wenn Lux mit keinem Wort nach Manuel -fragte, so war es nur Scheu, einen Namen -zu nennen, der in jedermann schmerzliche Erinnerung -erwecken mußte. Hörte er doch -auch von den Erwachsenen Manuels nie erwähnen, -so daß es war, als wäre sein vorübergehender -Aufenthalt unter ihnen nur ein -Traum gewesen.</p> - -<p>Nun war Manuel keineswegs so vergessen, -als es den Anschein hatte. Blanches Vater -blieb nach wie vor in Geschäftsverbindung -mit Herrn Negros, und es kam Nachricht -von dem weiteren Ergehen des kleinen -Spaniers auf dem Weg über das Kontor -ins Haus. Ja von ihm selbst gelangte ein -für seine Jahre reifer und doch auch wieder -kindlicher Brief in Frau Elisabeths -Hände:</p> - -<p>»Ich denke jeden Tag und jede Nacht -an Sie und an Blanche und an Lux und -<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a> -bete für sie alle. Und ich bin sehr böse -auf mich, daß ich ihnen so weh getan habe -und daß ich nun nie mehr zu ihnen zurück -kann. Grüßen Sie Blanche, ich werde -sie nie vergessen. Und grüßen Sie auch Lux. -Er soll mir schreiben, daß er mir nicht mehr -böse ist. Ich habe auch hier gute Menschen -gefunden, aber ich werde Sie nie vergessen -können.«</p> - -<p>Sie schrieb ihm gütig zurück und bestellte -ihm Grüße von Blanche und auch -von Lux, der noch nicht selbst schreiben -dürfe, aber es ginge ihm besser, und er -dächte nur noch freundlich an ihn.</p> - -<p>Ob sie recht daran tat, den Kindern Manuels -Grüße vorzuenthalten? Sie überlegte lange -und kam zu dem Entschlusse, daß es besser -sei. Blanche schloß sich eben in alter Weise -wieder an Lux an, in harmloser Kameradschaft; -das wollte sie nicht stören.</p> - -<p>Es war in den ersten Tagen des September, -daß Lux zum ersten Male in den -Garten gehen durfte. Er war völlig wiederhergestellt. -<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a> -Aber er trug noch die Farbe -des Krankenzimmers. Doch der Spätsommer -war so schön, wie er selten war, und die -Sonne hatte noch Kraft genug, kranke -Wangen zu bräunen. Die Bäume standen -still und früchteschwer, auf den Beeten dufteten -Goldlack und Levkojen, und Dalien -und Georginen blühten üppig und farbenprächtig -am Wege.</p> - -<p>Hand in Hand gingen Lux und Blanche -auf den sonnigen Steigen durch all die -reife, satte Sommerpracht zu ihrem Lieblingsplätzchen. -Hier schwellten am Strauch -die grünen Haselnüsse. Kaum merklich -stockte ihr Fuß, und sie gingen verstummend -vorüber.</p> - -<p>Das Bächlein, das im Hochsommer oft -ein armseliges Rinnsal gewesen, lief wasserreich -vorbei und lockte sie. Sie setzten -sich auf die Stufen, die hinabführten, und -sahen bis auf den klaren Grund. Da lag, -halb übersandet, ein verrostetes, offenes -Taschenmesser. Sie sahen es beide zugleich.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -»Das ist es!« rief Blanche und reckte den -Hals noch weiter vor.</p> - -<p>»Soll ich es holen?« fragte sie.</p> - -<p>»Ich darf es nicht!« sagte Lux. »Aber laß -es doch. Was willst du damit?«</p> - -<p>»Nein, ich hole es.«</p> - -<p>Sie legte Schuhe und Strümpfe ab, und -watete in das klare Wasser hinein; es ging -ihr fast bis an die Knie. Sie streifte die -Ärmel hoch, als sie sich nach dem Messer -bückte, und ihr goldenes Haar fiel ihr wie -ein goldener Schleier vors Gesicht.</p> - -<p>Sie bemühte sich, das Messer zu schließen; -doch vergeblich.</p> - -<p>»Gib her,« sagte Lux, tat, als ob er es -auch versuche, besann sich einen Augenblick -und schleuderte es weit weg.</p> - -<p>»Du kannst dir Blutvergiftung damit zuziehen,« -sagte er.</p> - -<p>Sie sah ihn unwillig an, beruhigte sich -aber doch; was wollte sie auch mit dem -alten verrosteten Messer.</p> - -<p>»Möchtest du wohl, daß Manuel wieder -<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -kommt?« wollte sie fragen, dachte -aber noch rechtzeitig, daß sie ihn das -kaum fragen dürfe. Er aber, als hätte er -ihre unterlassene Frage dennoch verstanden, -sagte:</p> - -<p>»Es ist doch viel besser so, – jetzt – –«</p> - -<p>»Aber nett war er doch,« sagte Blanche -nachdenklich.</p> - -<p>Durch den Garten zitterten die dumpfen -Töne eines Gong.</p> - -<p>Langsam erhoben sie sich und gingen -dem Hause zu, diesmal nicht Hand in -Hand.</p> - -<p>Blanche schlenderte etwas vorauf. Unter -einem jungen Apfelbaum blieb sie -stehen.</p> - -<p>»Sieh mal!« rief sie bewundernd und -wandte sich halb zurück.</p> - -<p>An einem niederhängenden Zweig saß -an der äußersten Spitze ein schöner, wachsglänzender, -rotbackiger Frühapfel.</p> - -<p>Sie streckte die Hand danach aus, blieb -einen Augenblick so auf den Zehenspitzen -<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -stehen, und drehte leise an der schönen -Frucht.</p> - -<p>Plötzlich löste sich der Apfel und blieb -in ihrer Hand.</p> - -<p>»Ach!« rief sie und errötete vor Schreck.</p> - -<p>Doch schnell entschlossen gab sie den -Apfel Lux.</p> - -<p>»Da!«</p> - -<p>Sollte er ihn zurückweisen?</p> - -<p>Zögernd nahm er ihn und ließ ihn ohne -ein Wort in seine Tasche verschwinden.</p> - -<p>»Blanche! Blanche!« klang die helle Stimme -Frau Elisabeths vom Hause her.</p> - -<p>»Gleich!« rief Blanche zurück. »Ich komme -schon! Adieu, Lux!«</p> - -<p>Sie nickte ihm zu und sprang leicht den -Steig herauf.</p> - -<p>Lux blieb an der kleinen Pforte zurück -und sah ihr nach; die Hand in der Tasche -spielte dabei mit dem Apfel. Ein leises -Leuchten lag auf dem schmalen, blassen -Knabengesicht; und Lux wandte sich nicht -eher weg, als bis das weiße Kleid der zierlichen -<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -Blanche in der Nähe des Hauses verschwand, -in dessen Fenstern des Mittags -rote Rosen blühten.</p> - -<p class="ce"><img src="images/p126i.jpg" alt="" /></p> - - -<p class="ce mt6"><a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> -<img src="images/p128i.jpg" alt="" /><br /> - -Gedruckt in Leipzig<br /> -bei Poeschel & Trepte</p> - - - - -<h2>In dieser Sammlung sind ferner erschienen:</h2> - - -<p class="tdl"><b>Marie von Bunsen</b>, <span class="ge">Allerhand Briefe, Novellen -und Skizzen.</span> Geh. 2 M., geb. 3 M.</p> - -<p class="tdl"><b>Ludwig Ganghofer</b>, <span class="ge">Das Kaser-Mandl.</span> Eine -Erzählung. Illustriert von Carl Röhling. 10. Tausend. -Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M.</p> - -<p class="tdl"><b>F. Hugin</b>, <span class="ge">Hahn Berta</span>. Eine Erzählung. 4. Tausend. -Kart. 2 M., geb. 3 M.</p> - -<p class="tdl"><b>Wilhelm Raabe</b>, <span class="ge">Halb Mähr, halb mehr.</span> -Zwei Erzählungen. Illustriert von Carl Röhling. -12. Tausend. Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M.</p> - -<p class="tdl"><b>Ernst von Wildenbruch</b>, <span class="ge">Das edle Blut.</span> Eine -Erzählung. Illustriert von C. Röhling. 106. Tausend. -Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M.</p> - -<p class="tdl">— <span class="ge">Claudias Garten.</span> Eine Legende. Illustr. von -C. Röhling. 17. Aufl. Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M.</p> - -<p class="tdl">— <span class="ge">Die Danaide.</span> Eine Erzählung. Illustriert von -H. Vogel. 7. Tausend. Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M.</p> - -<p class="tdl">— <span class="ge">Franceska von Rimini.</span> Novelle. Neue Ausgabe. -Kart 2.20 M., geb. in Leinw. 3 M., geb. in Leder 5.50 M.</p> - -<p class="tdl">— <span class="ge">Unter der Geißel.</span> Eine Erzählung. 8. Tausend. -Kart. 2.20 M., geb. 3 M.</p> - -<p class="tdl">— <span class="ge">Kindertränen.</span> Zwei Erzählungen. Mit Buchschmuck -von Heinrich Vogeler-Worpswede. 66. Tausend. -Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M.</p> - -<p class="tdl">— <span class="ge">Der Meister von Tanagra.</span> Eine Künstlergeschichte -aus Alt-Hellas. Illustriert von Franz -Stassen. 10. Aufl. Kart. 2.20 M., geb. 3 M.</p> - -<p class="tdl">— <span class="ge">Neid.</span> Eine Erzählung. -26. Tausend. Kart. 2.20 M., geb. 3 M.</p> - -<p class="tdl">— <span class="ge">Die letzte Partie.</span> Zwei Erzählungen. -Kart. 2.20 M., geb. 3 M.</p> - -<p class="tdl">— <span class="ge">Semiramis.</span> Eine Erzählung. 8. Tausend. -Kart. 3 M., geb. 3.60 M.</p> - -<p class="tdl">— <span class="ge">Vice-Mama.</span> Eine Erzählung. 21. Tausend. -Kart. 3 M., geb. 3.60 M.</p> - -<hr /> - -<p class="ce"><span class="fsl">Bücher von Gustav Falke</span><br /> -(Verlag von Alfred Janssen in Hamburg)</p> - -<p class="in0"><b>Romane</b></p> - -<p class="ci"> - <span class="ge">Aus dem Durchschnitt.</span> Geb. 3 M.<br /> - <span class="ge">Die Kinder aus Ohlsens Gang.</span> Geb. 4.50 M.<br /> - <span class="ge">Der Mann im Nebel.</span> Geb. 3.50 M. -</p> - -<p class="in0"><b>Gedichtbücher</b></p> - -<p class="ci"><span class="ge">Mynheer der Tod.</span> Geb. 4 M.<br /> - <span class="ge">Tanz und Andacht.</span> Geb. 4 M.<br /> - <span class="ge">Neue Fahrt.</span> Geb. 4 M.<br /> - <span class="ge">Zwischen zwei Nächten.</span> Geb. 3 M.<br /> - <span class="ge">Mit dem Leben.</span> Geb. 3 M.<br /> - <span class="ge">Hohe Sommertage.</span> Geb. 3 M.<br /> - <span class="ge">Frohe Fracht.</span> Geb. 3 M.<br /> - <span class="ge">Der gestiefelte Kater.</span> Dichtung in XI Gesängen. Geb. 3 M.<br /> - <span class="ge">Die Auswahl.</span> Gedichte. Geb. 5 M. -</p> - -<hr /> - - - - -<h2>Hinweise zur Transkription</h2> - - -<p class="in0">Die Verlagswerbung wurde vom Buchanfang an das Buchende verschoben, -der Schmutztitel wurde entfernt.</p> - -<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, -einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen, mit -folgenden Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_006">6</a>:<br /> -"«," geändert in ",«"<br /> -(»Einen Bernhardiner,« rief Lux)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_040">40</a>:<br /> -"glitzerden" geändert in "glitzernden"<br /> -(schnell wie die glitzernden Wellen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_046">46</a>:<br /> -"«," geändert in ",«"<br /> -(»Alle drei können wir ja doch nicht darin sitzen,« sagte er)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_049">49</a>:<br /> -"erkärte" geändert in "erklärte"<br /> -(als er erklärte, er habe schon oft geraucht)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_063">63</a>:<br /> -"keinen" geändert in "kleinen"<br /> -(als seiner kleinen Freundin Blanche, deren Plappermaul)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_066">66</a>:<br /> -"entgegegenkam" geändert in "entgegenkam"<br /> -(wenn sie ihm entgegenkam, schlank, schwebend)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_072">72</a>:<br /> -"bewang" geändert in "bezwang"<br /> -(eine Beschämung zu ersparen, bezwang er sich)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_077">77</a>:<br /> -"einal" geändert in "einmal"<br /> -(deiner Mutter auch einmal gefällig erweisen)</p> - -<hr /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Spanier, by Gustav Falke - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPANIER *** - -***** This file should be named 60583-h.htm or 60583-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/5/8/60583/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance -with this agreement, and any volunteers associated with the production, -promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, -harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, -that arise directly or indirectly from any of the following which you do -or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm -work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any -Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. - - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of computers -including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit http://pglaf.org - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. -To donate, please visit: http://pglaf.org/donate - - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic -works. - -Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - -</pre> - -</body> -</html> - diff --git a/old/60583-h/images/cover.jpg b/old/60583-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index f0f7355..0000000 --- a/old/60583-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60583-h/images/p001i.jpg b/old/60583-h/images/p001i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 16bfcfd..0000000 --- a/old/60583-h/images/p001i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60583-h/images/p011i.jpg b/old/60583-h/images/p011i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 454d193..0000000 --- a/old/60583-h/images/p011i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60583-h/images/p031i.jpg b/old/60583-h/images/p031i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 15b4034..0000000 --- a/old/60583-h/images/p031i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60583-h/images/p047i.jpg b/old/60583-h/images/p047i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 4ddb2a0..0000000 --- a/old/60583-h/images/p047i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60583-h/images/p053i.jpg b/old/60583-h/images/p053i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index a993290..0000000 --- a/old/60583-h/images/p053i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60583-h/images/p071i.jpg b/old/60583-h/images/p071i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 6eeaa72..0000000 --- a/old/60583-h/images/p071i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60583-h/images/p089i.jpg b/old/60583-h/images/p089i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 0d2df84..0000000 --- a/old/60583-h/images/p089i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60583-h/images/p090i.jpg b/old/60583-h/images/p090i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index e438aff..0000000 --- a/old/60583-h/images/p090i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60583-h/images/p108i.jpg b/old/60583-h/images/p108i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index f489726..0000000 --- a/old/60583-h/images/p108i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60583-h/images/p119i.jpg b/old/60583-h/images/p119i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 5312c78..0000000 --- a/old/60583-h/images/p119i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60583-h/images/p126i.jpg b/old/60583-h/images/p126i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index f37d0f4..0000000 --- a/old/60583-h/images/p126i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60583-h/images/p128i.jpg b/old/60583-h/images/p128i.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 47bbacd..0000000 --- a/old/60583-h/images/p128i.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60583-h/images/signeti.jpg b/old/60583-h/images/signeti.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 9f4cadd..0000000 --- a/old/60583-h/images/signeti.jpg +++ /dev/null |
