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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Der Spanier - Novelle - -Author: Gustav Falke - -Illustrator: Carl Weidemeyer - -Release Date: October 27, 2019 [EBook #60583] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPANIER *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - - - - - - - - - - DER SPANIER - - NOVELLE VON - GUSTAV FALKE - - [Illustration] - - 1910 - G. GROTE'SCHE - VERLAGSBUCHHANDLUNG·BERLIN - - - - - Übersetzungsrecht wird vorbehalten - Buchschmuck von Carl Weidemeyer - Druck von Poeschel & Trepte, Leipzig - - - - -DER SPANIER - - - - -[Illustration] - - - - -1. KAPITEL. - - -Auf und ab flog die Schaukel, und Blanche, in weißem Kleide, ganz in Sonne -gehüllt, stand aufrecht darin und konnte sich nicht genug tun. Immer höher! -Immer höher! War das eine Lust! - -Die Schaukel kreischte in den Angeln, und Blanche fand eine zeitlang an -dieser barbarischen Musik Vergnügen. - -Wie eine lichte Elfe flog sie zwischen all dem Sonnenschein auf und ab, -beständig von weißen Taubenflügeln umspielt. Die dummen und gierigen -Geschöpfe flatterten immer wieder von der Dachtraufe, oder der Laube, -oder dem Taubenschlag auf die Erde, um dort nach irgend etwas, was ihren -Schnabel reizte, zu picken, und alsbald, von der vorübersausenden Schaukel -erschreckt, wieder lärmend aufzuschwirren. Es waren ihrer zwanzig, alle -schneeweiß mit roten Füßen und roten Schnäbeln, und leuchteten in der -Frühlingssonne, wie Blanche in ihrem weißen Kleide. Der ganze Frühling war -weiß und leuchtete. Aus dem Garten schimmerten die schneeigen Kronen der -vielen Obstbäume, und die hohe Bretterwand der Schaukel gegenüber war ganz -und gar mit Pfirsichblüten bedeckt; ein zartes Rosa, wie auf den Wangen der -kleinen Blanche. - -Wie schön waren doch diese Tage! Es war nicht mehr das erste Knospen, das -die Vorfrühlingstage so unendlich reizvoll macht, die Vorfrühlingstage, wo -man still, mit einem erwartungsvollen Lächeln, durch den Garten geht, zart -und zärtlich die kleinen winzigen Knospenkinder anblickt und fast behutsam -auftritt, als könnte man irgend etwas stören, und die ganze erwartete -Seligkeit könnte ausbleiben; es war jetzt nichts mehr zu erwarten, es war -schon alles da, der ganze, volle Frühling. Wie in einem Rausch hatte sich -die Natur erschlossen; ein Blühen und Duften war es, und die Luft schwirrte -von den Flügeln der kleinen Insekten, die um die Honigtüten summten, und -den Blütenstaub von Blume zu Blume trugen. Und über dem Allen wölbte sich -ein reiner, lichtblauer Himmel, durch den nur ein einziges weißes Wölkchen -wie in seliger Verträumtheit dahin schwamm. - -Über dem Pfirsichspalier tauchte jetzt ein blonder Knabenkopf auf, ein -längliches, blasses Gesicht mit einer Pagenfrisur. - -»Lux! Lux! komm schnell einmal herüber!« rief Blanche. »Ich habe dir etwas -Neues zu erzählen!« - -Sofort verschwand der Pagenkopf wieder, und Blanche sprang aus der -Schaukel. Ohne sich zu besinnen, lief sie durch die Pforte eines niedrigen, -grün gestrichenen Holzgitters, das Hof und Spielplatz gegen den Garten -abschloß, und ging dann ein wenig langsamer einen schmalen Steig hinunter, -den zu beiden Seiten die schlanken Stämmchen junger blühender Pflaumenbäume -einfaßten. Dahinter erstreckten sich rechts und links sauber abgezirkelte -Gemüsebeete, gegen den Steig von einer schmalen Blumenrabatte begrenzt, auf -der gelbe Tazetten, weiße Narzissen und blaue Iriskelche still in der Sonne -standen und sich von einigen gewöhnlichen Kohlweißlingen den Hof machen -ließen. - -Bei einem alten Dornbusch, dessen phantastisch gewundene Äste weit -ausgriffen und eine roh aus Holz gezimmerte Bank überschatteten, und in -dessen weißem Blütendach unzählige Sperlinge zankten, bog der Steig nach -rechts um und lief hart an der Grenze des Gartens weiter. Hier befand sich -in einer wohlgepflegten Ligusterhecke eine schmale Pforte, durch welche die -Nachbarkinder miteinander verkehrten. An ihr erschien nun Lux mit fragenden -Augen und etwas erhitztem Gesicht; er hatte laufen müssen, um gleichzeitig -mit Blanche einzutreffen, denn der Nachbargarten, mehr Zier- und -Lustanlage, hatte gewundenere Wege. - -Blanche winkte mit einem kurzen Ruck ihres hübschen Köpfchens den Knaben -herüber, und er trat durch die schmale Pforte an ihre Seite. Sie gaben sich -stumm die Hände, sahen sich einen Augenblick mit Wohlgefallen an und gingen -dann Hand in Hand tiefer in den Garten hinein. Sie gewahrten nicht, daß -sich nebenan ein schlanker, ernster Mann mit schwarzem Vollbart ein wenig -aus einem niedrigen Strandstuhl vorbeugte, das Buch, in dem er gelesen -hatte, einen Augenblick auf den Knien ruhen ließ, und ihnen mit einem -leisen Lächeln in den sinnenden Augen nachblickte. - -Der Weg führte die Kinder in eine parkartige Anlage, wo dann ein schmales, -schnellfließendes Bächlein die Grenze des Besitzes bildete. Jenseits dehnte -sich eine schöne, von hohen Bäumen umsäumte Wiese aus; die gehörte zu einem -Bauernhof, dessen Gebäude unter und zwischen den dichten, dunkellaubigen -Baumwipfeln sichtbar wurden. - -An diesem Bächlein ließen sich die Kinder nieder. Es stand hier, auf -einer kleinen künstlichen Erhöhung des Ufers, ein fünfeckiger, mit Stroh -bedeckter Pavillon. Seine drei Bänke boten einen behaglichen Ruhesitz und -einen beschaulichen Blick auf das grüne Wiesenbild, dem jetzt die ersten -Hundeblumen ihre unzähligen goldenen Sterne eingestickt hatten. Aber nicht -auf eine dieser einladenden Bänke setzten sich Blanche und Lux, sondern -auf ein paar rohe Holzstufen, die zum Wasser hinabführten. Und nicht eher -begann Blanche die Spannung ihres Freundes zu lösen, als bis sie es sich -auf diesem primitiven Sitz völlig bequem gemacht hatte. - -»Rate mal, was wir bekommen,« begann sie kindlich und lebhaft. - -»Einen Bernhardiner,« rief Lux, der den Lieblingswunsch seiner kleinen -Freundin wohl kannte. - -»Nein, ganz etwas anderes!« - -»Was schöneres noch?« - -»Du rätst es doch nicht. Besuch bekommen wir. Und rate mal von wem.« - -Lux sah sie hilflos an. - -»Von einem Spanier!« trumpfte Blanche heraus und legte den Kopf ein wenig -zurück, um sich an der Wirkung ihrer Worte zu weiden. - -»Ein Spanier?« fragte Lux voller Verwunderung. »Wie heißt er?« - -»Den Namen habe ich vergessen. Aber er ist der Sohn von Papas -Geschäftsfreund und soll hier die Schule besuchen.« - -Lux schwieg und sah aufs Wasser, das in kleinen, hastigen Wellen vorüber -lief. Es war seine Art, zu verstummen, wenn ihn etwas innerlich sehr -bewegte. - -»Ist er schon groß?« fragte er langsam. - -»Er ist ein halbes Jahr älter als du,« sagte Blanche. »Ich freue mich -furchtbar darauf. Denke dir, wie nett wir dann zusammen spielen können.« - -»Spricht er denn deutsch?« - -»Ich glaube. Aber wenn nicht, so wird er es doch lernen. Wie könnte er -sonst hier die Schule besuchen.« - -Lux unterdrückte einen kleinen Seufzer. Er wußte selbst nicht, warum er -sich zu dem neuen Kameraden nicht freuen konnte. - -»Die Schule hat doch schon angefangen,« sagte er. - -»Das macht nichts. Er soll erst zu Michaelis eintreten, bis dahin soll er -sich hier einleben und an uns gewöhnen, sagt Mama.« - -»So kommt er bald?« - -»In acht Tagen. Denke, wie schön!« - -Lux stand langsam auf. - -»Du scheinst dich gar nicht ein bischen zu freuen,« sagte Blanche -vorwurfsvoll. - -»O doch!« stieß Lux hastig heraus und errötete heftig. »Ich freue mich -schon. Ich habe nur so eine Angst, -- daß ich nicht spanisch verstehe. -Und dann sind Spanier immer so wild, weißt du. Es sind doch ganz andere -Menschen als wir. Sie sind ganz braun, glaube ich.« - -»Das tut doch nichts!« - -»O nein, im Gegenteil,« versicherte Lux. - -Blanche war sitzen geblieben, neigte sich ein wenig nach vorn und ließ ihr -schönes blondes Haar übers Gesicht fallen. Wie ein Nixchen sah ihr Bild aus -dem Wasser zurück, und sie ergötzte sich in unschuldiger Eitelkeit daran. - -»Fall nicht ins Wasser,« warnte Lux besorgt. - -»Und wenn?« fragte sie. »Es ist nicht tief hier. Du meinst wohl, ich -ertrinke wieder wie damals. Aber dazu bin ich doch schon zu groß.« - -»Damals wärst du freilich bald ertrunken,« sagte er mit einem leisen -Schauder in der Stimme. »Aber Papa war in der Nähe und konnte dich retten.« - -»Heute käme ich allein wieder ans Land. Soll ich mal?« - -Sie streckte die schlanken, weiß bestrumpften Beine aus, als wollte sie -direkt in den Bach steigen. - -»Du bist imstande, es zu tun.« - -Blanche lachte selbstbewußt, als wäre sie noch zu ganz anderen Streichen -fähig, erhob sich aber doch und meinte: »Ich finde es langweilig hier, ich -gehe wieder schaukeln.« - -Nicht mehr Hand in Hand, sondern Lux in einigem Abstand hinter dem Mädchen, -gingen sie wieder den Steig hinauf. Ein leiser Windstoß fuhr durch die -Zweige der Obstbäume und streute einen leichten Schnee weißer Blütenblätter -über Blanche aus; sie schüttelte sich lachend und sprang, wie fliehend, ein -paar lustige Sätze voraus. - -Bei dem Heckenpförtchen zögerte sie ein wenig. - -»Kommst du mit?« fragte sie halb über die Schulter zurück. - -Der Knabe besann sich. - -»Ich muß zu Papa,« sagte er. - -Sie nickte ihm leicht zu und setzte ihren Weg fort, während er unschlüssig -das Pförtchen öffnete und ihr noch einen schnellen Blick nachwarf, bevor -er hindurch schritt. Er sah suchend umher, entdeckte den Vater auf seinem -Strandstuhl und lief zu ihm. - - - - -[Illustration] - - - - -2. KAPITEL. - - -Dr. Irmler war ein wohlhabender Privatdozent, der alle seine Zeit, die ihm -seine Studien ließen, der Erziehung seines einzigen Sohnes widmete. Seine -Frau war früh gestorben, und das Kind, ein schöner blonder Knabe, den die -Eltern im Übermaß ihres Glückes Lux getauft hatten, war nun das einzige -Licht in seinem verdüsterten Leben. Er hatte seine Frau sehr lieb gehabt, -hatte lange um die Schöne und Herzensfeine geworben und sah sich nun, kaum -im Besitz des erstrebten Glückes, desselben wieder grausam beraubt. Er war -ganz zerschmettert, und nur der Gedanke an seinen Sohn hielt ihn noch am -Leben. Er zog sich mit ihm und einer alten Haushälterin aus dem lauten -Getriebe der großen Stadt in ländliche Stille und Einsamkeit zurück. - -In seinem Gartenhäuschen, von dessen Terrasse aus er den Anblick -strohbedeckter Bauernhäuser, mit bunten Rindern bevölkerten Weidelandes und -die Schönheit alter Buchen- und Eichenstände genoß, umgab ihn ein Friede, -der seinem kranken Gemüt wohltat, und eine Ruhe, die ihm bald zum Bedürfnis -wurde. Mit der stillen Freude und dem ernsthaften Interesse des Gelehrten -widmete er sich seinem Garten, der eine Fülle auserlesener Blumen und -Sträucher aufwies, und dem das fließende Grenzbächlein und die baumreiche -Umgebung auch einen landschaftlichen Reiz verliehen. - -Hier liebte er es an schönen Tagen, sich in den Schatten selbstgepflanzter -Obstbäume mit einem Buch zurückzuziehen und sich dabei eines schlichten, -niedrigen Strandstuhles zu bedienen, in dem einst, im letzten Sommer ihrer -kurzen Ehe, die geliebte Frau am Strande der Ostsee täglich geruht hatte. -Wie glücklich wäre sie gewesen, inmitten dieser Gartenfreude mit ihrer -zarten Blumenseele walten und wirken zu dürfen. Warum hatte er nicht schon -früher das Opfer gebracht und war mit ihr der großen Stadt entflohen? -Damals meinte er, die Nähe der Bibliothek und anderer Bildungsmittel nicht -entbehren zu können; und jetzt ging es doch, und er fühlte sich sogar -wohler und zufriedener dabei. Und nötigenfalls konnte er in einer kleinen -Stunde in der Stadt sein, der er immer so bald als möglich wieder entfloh. - -Ein Trost war ihm, daß nun wenigstens Lux die Wohltat dieses ländlichen -Aufenthaltes genoß, und daß der zarte, ganz der Mutter ähnliche Knabe in -der gesunden Luft gut gedieh und sich zusehends kräftigte. Daß er ihn, ohne -es zu wollen, ein wenig verzärtelte, kam ihm nicht zum Bewußtsein; war es -doch natürlich, daß er alle seine Liebe jetzt dem Sohne zuwandte. - -Wohl dachte er manchmal, ob nicht die alte Haushälterin, eine verständige, -herzenstüchtige Person, vielleicht etwas zu nachgiebig gegen den -Gutherzigen und Einschmeichlerischen wäre. Auch ginge Lux, der ohne -gleichaltrige Nachbarskinder einsam zwischen ihm, dem stillen, viel -arbeitenden Gelehrten und einer alten Frau aufwuchs, der Vorteile einer -härteren Knabenzucht verlustig. Aber er sah keinen Weg, es zu ändern; denn -nie hätte er sich entschlossen, den Knaben von sich zu geben, und ihn in -ein Erziehungsinstitut zu tun. - -Da war es für ihn von besonderem Interesse, als es hieß, das -Nachbargrundstück sei verkauft worden, und es wolle sich ein reicher -Kaufmann dort eine Villa bauen. Das konnte einen Verlust für ihn bedeuten, -aber auch einen Gewinn. Der Friede seiner ländlichen Beschaulichkeit -brauchte nicht notwendig dadurch gestört zu werden, wohl aber die Stille -und Einsamkeit; vielleicht nahte eine laute Kinderschar mit den neuen -Nachbarn. Für Lux könnte das freilich Nutzen bringen. Und er wünschte sich -zuletzt, der Kaufmann möchte nicht ohne Kinder sein, und zwar möchten es -Knaben sein, die im Alter zu seinem Sohne paßten. - -Da war er denn zuerst wirklich enttäuscht, als er hörte, jenes Ehepaar -besäße nur ein einziges Töchterlein von drei Jahren, tröstete sich aber -dann bei dem Gedanken, daß er von einem so kleinen Wesen viel Störung -seines Haus- und Gartenfriedens nicht zu gewärtigen haben würde. - -Das Vermessen und Graben und Bauen auf dem Nachbargrundstück begann. -Dr. Irmler machte von weitem die Bekanntschaft des Bauherrn, eines noch -jüngeren Mannes von sympathischem Aussehen, der fleißig kam, um nach dem -Rechten zu sehen, und sah auch einmal an seinem Arm die junge Frau. Die -Leute gefielen ihm wohl, soweit die äußere Erscheinung nicht täuschte, und -da er sah, daß mit Geschmack und ohne Kärglichkeit gebaut wurde, und daß -ein tüchtiger Fachmann die gärtnerischen Anlagen leitete, söhnte er sich -mit dem Gedanken, so nahe Nachbarschaft zu bekommen, aus und versprach sich -sogar mancherlei Gutes davon, denn er gehörte zu den Leuten, die das Böse -und Widerwärtige weniger in ihre Rechnung stellen, weil sie mit ihren -Gedanken immer nur im Guten und Reinen leben. - -Der Bau, der bei günstiger Jahreszeit rüstig gefördert worden war, stand im -September zum Beziehen fertig da. Es dauerte nicht lange, da rückten auch -schon die Besitzer ein, um noch ein paar Wochen des schönen Spätsommers in -dem neuen Gartenheim genießen zu können. - -Dr. Irmler empfing ihren Besuch an einem freundlichen Sonntag. - -»Da wir nur das Eine haben, entschuldigen Sie wohl, daß wir uns Ihnen -gleich vollzählig vorstellen,« sagte die junge Frau mit einer gewinnenden, -liebenswürdigen Schlichtheit. - -»Gib auch hübsch dein Händchen, Blanche.« - -Dr. Irmler hielt das kleine Händchen einen Augenblick in der seinen und -dachte, »welch ein schönes Kind!« - -In der Tat war das kleine Wesen von holdem Liebreiz. Lange, seidenweiche -Haare von einem seltenen Blond umrahmten ein Engelsgesichtchen, aus dem -eine unbefangene Schelmerei lächelte; sie spielte um den kleinen zierlichen -Mund und blitzte aus den hellen blauen Augen. - -Er verglich das Gesichtchen mit dem der Mutter und stellte eine Ähnlichkeit -fest. - -»Siehst du, Rudi,« sagte die junge Frau, und zu Dr. Irmler gewandt, setzte -sie hinzu: - -»Er bildet sich nämlich ein, das Kind hätte alles Gute von ihm.« - -Es entstand ein kleiner scherzhaft geführter Streit, den die Mutter mit der -Anerkennung beschloß, daß die kleine Blanche in der Tat viel von dem -Wesen ihres Vaters habe und eigentlich »ein kleiner Racker« sei; »aber ein -süßer,« fügte sie hinzu und zog die Kleine zärtlich an sich. - -Inzwischen war Lux herbeigerufen worden und näherte sich den Fremden mit -knabenhafter Scheu. Auf die kleine Blanche warf er einen verschämten Blick -und reichte ihr auf Aufforderung seine kühlen Fingerspitzen. Sie hingegen -begrüßte ihn mit großen unbefangenen Augen und einem zutraulichen Lächeln, -das aber gar keinen Eindruck auf ihn zu machen schien; er zog sich vielmehr -hinter den Stuhl seines Vaters zurück. Dr. Irmler holte ihn jedoch wieder -hervor, zog ihn an seine Seite, und legte fast unbewußt den Arm um seinen -Nacken. So geborgen, musterte Lux etwas dreister die kleine Nachbarin. Wie -niedlich ihr das weiße Atlashäubchen stand, unter dem das goldene Haar so -reich hervorquoll. Und wie hübsch sie angezogen war. Ein blaues Jäckchen -mit weißem Seidenfutter war jedenfalls noch ganz neu. Und wie unbefangen -sie sich gab, als ob sie hier zuhause wäre. Das wollte ihn eigentlich -ärgern, aber es kam nicht dazu, weil sie eben so niedlich war. - -Als sich der Besuch verabschiedete, gab er der Kleinen aus eigenem Antriebe -die Hand. - -»Ist sie nicht süß, Papa?« sagte er ganz enthusiastisch, als sie allein -waren. - -»Gefällt sie dir?« fragte Dr. Irmler belustigt. - -Lux antwortete nicht. Aber den Rest des Tages trieb er sich im Garten -umher, und zwar an der Heckenseite, und warf suchende Blicke in den -Nachbargarten. Einmal hörte er ihre Stimme, die kam aber von daher, wo in -der Nähe des Hauses die beiden Grundstücke durch die hohe Spalierplanke -getrennt waren, an der Dr. Irmler seine herrlichen Pfirsiche zog. - -Wäre doch ein Loch in der Planke, dachte Lux. Aber sie war so solide -gefugt, daß sie nicht ein Ritzchen zum Durchgucken bot. - -»Ach was!« tröstete er sich, »du wirst das kleine niedliche Mädchen oft -genug sehen.« - -In der Tat sah er es fast täglich im Garten, so lange das schöne Wetter -anhielt. Dr. Irmler hatte seinen Gegenbesuch gemacht, und es hatte sich -schnell ein nachbarliches Verhältnis angebahnt. Freilich beschränkte es -sich auf einen teilnehmenden Verkehr über den Zaun hinüber, und der Herbst -kam, ohne daß eine größere Annäherung, auch nicht zwischen den Kindern, -stattgefunden hatte. - -Die Eltern der kleinen Blanche waren noch zu sehr mit sich selbst -beschäftigt. Vieles war noch zu vervollkommnen, und mit dem Fertigen -mußte man sich näher vertraut machen, um es zu besitzen. Neue Wege wurden -angelegt, ein Pavillon am Bach erbaut, und hier und da noch ein Obstbaum -oder ein Ziergesträuch gepflanzt, soweit es die Jahreszeit erlaubte. Mit -Eifer beschickte Frau Elisabeth manches selbst im Garten, wobei sie einmal -wegen eines jungen Obstbäumchens, mit dem sie nicht recht hin wußte, Dr. -Irmlers freundlichen Rat in Anspruch nahm. - -So vergingen geschäftige Wochen, und man hatte für die Nachbarn nicht viel -Zeit übrig. Blanche war fast nie allein im Garten. Entweder war die Mutter -bei ihr, oder das Kindermädchen, und Lux konnte nur von weitem seine kleine -Freundin bewundern, da niemand ihn rief. - -Da sollte der rauhe Herbst das Band, das der schöne Sommer nur -lose verschlungen hatte, fester knüpfen. Mit Heftigkeit setzten die -Oktoberstürme ein, es wurde früh kalt und naß, die jungen Bäumchen standen -bald kahl, und der Bach hinterm Garten kräuselte nicht mehr friedlich seine -klaren Wellen, sondern eilte hastig, wie erzürnt, vorüber und führte viel -welkes Laub mit sich. Mit Erstaunen sahen die neuen Anwohner, wie schnell -ein einziger, anhaltender Platzregen das schmale Bett des Bächleins mit -schäumenden, gurgelnden Wassermassen füllte, und wie das zum reißenden -Strom gewordene, über seine Ufer getretene, die Weidenböschungen nicht -achtende, die drüben liegenden Wiesen zu einem kleinen See machte, auf dem -tausend winzige Wellchen zitterten, und aus dem hier und da ein Hügelchen, -wie eine einsame Grasinsel melancholisch herausragte. - -Ein solches Schauspiel war der kleinen Blanche, die in der letzten Zeit -schon einige selbständige Entdeckungsreisen gemacht hatte, verhängnisvoll -geworden. Die Gefahr nicht kennend, hatte sie sich zu nahe gewagt, war auf -dem schlüpferigen Boden ausgeglitten und wurde schon von dem wirbelnden -Wasser, in dem sie sich vergeblich festen Fuß zu fassen bemühte, -fortgerissen, als Dr. Irmler, von ihrem erstickten Schrei aufgeschreckt, -sie erblickte. Er war im Begriff gewesen, zwischen dem Bach und seinem -kleinen Karpfenteich einen niedrigen Erdwall aufzuwerfen, da das Wasser den -trennenden Steig zu überfluten drohte. Irgend ein Rettungsinstrument, eine -Stange, ein Haken, war nicht zur Hand. Eine Harke schon hätte genügt, -aber sein Spaten erwies sich zu kurz. Schnell entschlossen eilte er die -überfluteten Stufen hinab in das wogende Wasser, das ihm bis an die Brust -stieg, und erhaschte die schon bewußtlose Blanche an ihrem Kleidchen, als -sie gerade an der Treppe vorbei trieb. Auf dem Trocknen kam sie schnell -wieder zu sich, schlug die Augen auf und fing an, jämmerlich zu weinen. -Das triefende Kind auf den Armen, selbst triefend, lief er durch den ganzen -Garten, umsonst eine Stelle in der Ligusterhecke suchend, wo er hätte -durchbrechen können, um das Nachbarhaus schneller zu erreichen. - -Die erschreckte Mutter nahm ihr Töchterchen mit Jammern und Klagen und -überströmendem Dank gegen den Retter in Empfang. Die Kleine wurde eiligst -ins warme Bett gebracht, das sie aber am Nachmittage schon wieder verlassen -wollte; sie war diesmal mit dem Schrecken davongekommen, und auch Dr. -Irmler hatte außer einem mehrtägigen Schnupfen weiter keine Nachteile -von diesem unfreiwilligen Bade. Wohl aber diente dieser Vorfall dazu, die -Nachbarn noch näher zueinander zu führen und ein Verhältnis einzuleiten, -das sich dann mehr und mehr zur Freundschaft auswuchs. Daß der Zugang -zum Bach mit einer schützenden Pforte gesichert wurde, versteht sich von -selbst. Auch wurde es Blanche auf das strengste verboten, je wieder allein -ans Wasser zu gehen. - -Lux, der mit kindlichem Erschrecken von dem Unglück der kleinen Nachbarin -gehört hatte, zeigte nichts von dem Glücksgefühl, das ihn erfüllte, als er -von dem guten Ausgang hörte und Blanche am anderen Tage wieder im Garten -sah. Er hütete ängstlich sein keusches Geheimnis, das zärtliche Gefühl, -das er für sie empfand. Wurde nur ihr Name genannt, schlug sein Knabenherz -schon höher, und hörte er ihre Stimme von drüben herüberschallen, blieb er -wohl erst im wunderlichen Schrecken stehen, bis er sich verschämt getraute, -nach ihr auszuschauen. Wie glücklich war er daher, als von diesem Tage an -die Beziehungen zum Nachbarhause inniger wurden. - -Blanche war von ihrer Mutter angehalten worden, dem Herrn Doktor zu danken -und nach seinem Befinden zu fragen. Sie hatte es ohne Scheu getan. »Was -macht denn dein Schnupfen?« hatte sie kindlich gefragt und hatte sich sehr -befriedigt mit einem geschenkten, rotbackigen Apfel wieder zurückgezogen. -Dieser Apfel steigerte ihr Zutrauen und vermehrte ihre kindliche -Begehrlichkeit. - -Der »Onkel Doktor«, wie sie ihn bald nannte, hatte eine reiche Ernte von -seinen älteren, gutgepflegten Obstbäumen im Keller, während die jungen -Bäumchen im eigenen Garten ja erst tragen sollten. Da suchte denn Blanche -oft ein Gespräch mit dem »Onkel« anzuknüpfen, immer mit dem Gedanken an -einen Apfel; und da Dr. Irmler darauf hielt, daß Lux täglich sein Obst -bekam, so fiel manche saftige Frucht auch in ihre kleine Hand. - -Den größten Gewinn hatte Lux von dieser Annäherung: Nicht nur, daß sein -Vater an Blanche Gefallen fand, und das lachende, sonnige Kind manchmal -über die Hecke herüber in seinen Garten hob, auch die Mutter seiner -kleinen Freundin tat sich gegen Lux auf, in dem Gefühl, dem Retter ihres -Töchterchens ihre Erkenntlichkeit nicht besser zeigen zu können, als indem -sie lieb und gütig mit seinem Knaben war. - -Es kam dazu, daß auch die Väter Gefallen aneinander fanden und sich -schätzen und ergänzen lernten, der ernste stille Gelehrte und der lebhafte, -kluge und welterfahrene Kaufmann. Da gab es denn nach Feierabend manche -Stunde traulichen Beisammenseins in anregendem Gespräch. Die Kinder -spielten bald täglich zusammen; und schließlich wurde als äußeres Zeichen -eines so nahen Verkehrs ein Zugangspförtchen von einem zum anderen Garten -in der Ligusterhecke angebracht. - -Wie Blanche zu Dr. Irmler Onkel sagte, so nannte nun auch Lux die Eltern -seiner kleinen Freundin Onkel und Tante und hatte besonders ein Herz für -die immer freundliche und heitere Tante. Ohne Mutter aufgewachsen, nur von -der alten grobknochigen Magdalene betreut, war es ihm ein nie gekanntes -Gefühl, als zum ersten Male ein weicher Frauenarm sich mit Zärtlichkeit -um ihn legte und ihn mütterlich an sich zog, und als eine weiche, schlanke -Hand ihn streichelte. Die Hände der alten Hüterin waren hart und knochig, -und die Liebe, die sie zu ihm im Herzen trug, war spröde und gab sich -nur gelegentlich in kleinen Zügen zu erkennen. Ach, wie gut hatte es doch -Blanche dagegen! Er beneidete sie. Doch mißgönnte er es ihr darum nicht, -denn wer verdiente mehr eine solche Mutter, als Blanche. Dr. Irmler merkte -wohl, was in der Seele seines Knaben vorging und dankte Frau Elisabeth in -seinem Herzen dafür. - -So wuchsen denn die Kinder fast wie Bruder und Schwester miteinander auf, -und die Jahre gingen dahin. Die neugepflanzten Obstbäume gediehen und -ragten jedes Jahr höher und früchteschwerer über den bunten Flor der Blumen -und Stauden empor, die Ligusterhecke, fleißig gepflegt und unter der -Zucht der Schere gehalten, wurde immer breiter und dichter, und das kleine -Pförtchen darin stand oft tagelang offen. - -Dann brachte die Schulpflicht den Kindern eine Einschränkung ihrer -köstlichen Freiheit. Lux war der erste, der die Schulmappe auf den Rücken -nehmen mußte. Er gewann an Ansehen bei Blanche. Sie war stolz auf einen -Freund, der schon lesen lernte und Buchstaben malen konnte, und sie war -gelehrig im Nachahmen dessen, was er frisch aus dem Unterricht mit nach -Hause brachte. So lernte sie mit ihm und von ihm. - -»Was haben wir heute auf?« - -Mit dieser Frage stürmte sie ihm schon entgegen, wenn er aus der Schule -nachhause kam. - -»Eine Seite ei schreiben und die Wörter auf Seite 10 buchstabieren.« - -»Weiter nichts? Ach wie leicht ist das doch alles? Ich dachte mir die -Schule viel schwerer.« - -Dieses kindliche, spielende Lernen, das die verständigen Eltern nicht -gestört, sondern gern unterstützt und gefördert hatten, hörte nun freilich -auf, als Blanche selbst in die Schule kam. Ach, wie groß war da zuerst -die Enttäuschung! Ein kleines Mädchen hatte ja ganz andere Bücher als ein -Knabe. Und alles war anders. Nun konnten sie nicht mehr zusammen arbeiten; -jeder saß für sich und mühte sich, und waren sie fertig, konnten sie es -nicht einmal miteinander vergleichen. Blanche konnte wohl ihre Arbeit dem -Freund zeigen; aber dann ereignete es sich oft, daß die Lehrerin anders -gesagt hatte, als wie Lux es zu verstehen meinte, und daß Blanche irre -wurde. Dann mußte Frau Elisabeth alles wieder ins Gleiche bringen. - -»Lux ist ein kluger kleiner Kerl, aber gib du nur immer recht acht, was die -Lehrerin sagt. Das ist für dich maßgebend. Knaben lernen manches anders als -kleine Mädchen.« - -Seitdem betrachtete Blanche ihren Freund mit anderen Augen. Er war ja ein -Knabe. Und die Jahre vergingen und brachten es mit sich, daß ihre -Spiele eine andere Färbung und Gestalt annahmen. Aber sie hielten -treue Kameradschaft und hatten sich gern. Lux war der Stille, Besonnene -geblieben, Blanche immer aufgeweckter, munterer und kecker geworden. -Hübsch war jedes von ihnen, und jedes schlank und blond, und Lux in seinem -vierzehnten Jahre nur eben einen halben Kopf größer als die dreizehnjährige -Blanche. - - - - -[Illustration] - - - - -3. KAPITEL. - - -Eines Tages brachte der Vater den kleinen Manuel Negros aus der Stadt -mit; er war ganz braun und hatte tief schwarze, glattanliegende, glänzende -Haare. - -»Wie klein er ist,« dachte Blanche. »Und ich meine, er ist noch ein halbes -Jahr älter als Lux.« - -Aber interessant war er. Und was er schon für Manieren hatte. Wie ein -junger Graf. - -Und diese Augen! Große schwarze, für gewöhnlich etwas verschleierte Augen, -die aber wieder ordentlich leuchten und funkeln konnten. - -Was Lux wohl zu dem neuen Kameraden sagen würde? Ob er ihm wohl »über« -wäre? Sehr stark sah der Spanier nicht aus; er war nicht größer als sie -selbst, höchstens eben so groß und war doch fast zwei ganze Jahre älter. - -Er hatte ihr zur Begrüßung die Hand gegeben, und sie hatte zögernd ihre -weiße Mädchenhand in die fremde, braune Knabenhand gelegt. - -»Guten Tag,« hatte er dabei mit gezierter, fremder Aussprache gesagt. - -Ob er denn schon deutsch sprechen könnte? Ein wenig, wie es schien. Das -war schön. So konnte man sich doch verständlich machen. Und wie drollig es -klang, wenn er sprach. Wie er das R rollte und jede Silbe betonte. - -Lux, der nicht ohne Beklemmung seiner Ankunft entgegengesehen hatte, fand -ihn sehr nett und atmete erleichtert auf. Der reichte ihm ja nur bis an die -Nasenspitze. - -Der kleine Fremde war ein wenig verlegen und musterte fast scheu den -größeren, blonden Knaben. Lux schlug einen gönnerhaften Ton an und -meinte, er solle sich nur nicht fürchten, sie würden schon gut miteinander -auskommen. - -»O nein, nicht fürchten,« sagte Manuel, und über sein feines, braunes -Gesicht lief ein hübsches Lächeln, und die dunklen Augen leuchteten auf. -»Ich spreche nur so schlecht die deutsche Sprache.« - -Lux und Blanche beruhigten ihn aus einem Munde, er spräche schon sehr nett, -und sie verständen alles, was er sage. - -»Findest Du ihn nicht auch niedlich?« fragte Blanche auf dem Schulweg. - -»Ich finde ihn sehr nett,« bestätigte Lux. - -»Ja, nicht wahr?« - -»Klein ist er ja nur.« - -»Ich hätte ihn mir ja auch ganz anders gedacht.« - -»Wie denn?« - -»Ja, anders, ganz anders.« - -Lux gab sich mit dieser Erklärung zufrieden und schwieg. - -»Adieu Blanche!« - -»Adieu Lux!« - -Sie gaben sich die Hände und schlugen jeder einen anderen Weg nach ihrer -Schule ein, beide mit allen Gedanken bei dem kleinen Manuel Negros. - -Der streifte indessen im Garten herum, machte von weitem die stumme -Bekanntschaft des Dr. Irmler und setzte sich im Pavillon auf die Bank -und dachte an Blanche. Der Abschied von seinem Vater war ihm wohl schwer -gefallen, doch war er nicht das erste Mal in der Fremde. Er war schon ein -halbes Jahr in Paris gewesen und wußte, daß auch dieses Jahr in Deutschland -nicht allzu langsam vorübergehen würde. Dann würde sein Vater ihn wieder -mit hinübernehmen in die Heimat. - -Unter afrikanischer Sonne war er aufgewachsen, in der Fremden-Kolonie von -Tanger, der marrokkanischen Stadt, und er sehnte sich dahin zurück, wo der -Himmel heller, die Luft wärmer, die Menschen lebhafter und die Tage bunter -und lauter waren. - -Hier aber war Blanche! - -Er hatte schon viele, viele kleine Mädchen gesehen und hatte zuhause eine -kleine Spielgenossin gehabt, ein arabisches Mädchen namens Nushat, die ein -paar Jahre älter war als er, und an der er leidenschaftlich hing, und von -der er sich nur mit Tränen hatte trennen können. Aber sie war drüben, und -wenn er wieder nachhause kommen würde, wäre sie erwachsen und vielleicht -gar nicht mehr da. - -Mit Blanche sollte er nun unter einem Dache leben, an einem Tische sitzen, -in diesem Garten mit ihr spielen, jeden Tag. Sollte hier in diesem Pavillon -mit ihr sitzen. Viele kleine Mädchen hatte er schon gesehen, aber noch -keine Blanche. Sie hatte ja goldene Haare, wie das reinste Gold leuchteten -sie. Und ihre Haut war wie der zarte Sammet weißer Rosenblätter. Und wie -niedlich sie lachte, und wie lustig ihre Augen waren. - -Ja, hier würde er schon aushalten. Der große Junge von nebenan war auch -freundlich zu ihm gewesen, wenn auch etwas schweigsam. Und er hatte einen -so forschenden Blick: Wer bist du eigentlich? Aber mit ihm hatte er ja -nichts zu schaffen, nur mit Blanche und ihren Eltern. Und die Erwachsenen -würden schon gut zu ihm sein. Wären sie es nicht, so würde er es einfach -seinem Vater schreiben, und der würde nicht dulden, daß man ihn schlecht -behandele. Nein, da hatte er keine Sorge. Und sie waren ja auch gleich -so freundlich zu ihm gewesen, vor allem die Hausfrau. Die hatte ihm den -Scheitel gestreichelt, und er hatte ihr die Hand geküßt, und sie hatte -darauf gelächelt. Dann hatte sie ihn selbst nach oben in sein Zimmer -geführt. Das war ein hübscher, freundlicher Raum mit einem Fenster nach dem -Garten hinaus. Von hier aus konnte er über alle Beete und Bäume hinwegsehen -bis an das Wäldchen, das sich in einiger Entfernung hinzog und dem Blick, -der bis dahin ungehindert über Wiesen und Kornfelder flog, Halt gebot. Und -von hier aus hatte er, als er seinen Koffer auspackte, Blanche durch den -Garten springen, an der kleinen Pforte in der Ligusterhecke stehen bleiben -und mit dem großen Nachbarjungen sprechen sehen. - -Während seine Gedanken auch jetzt bei Blanche waren, spielten seine Augen -mit den blanken Wellen des Bächleins, das mit leisem Glucksen flink vorüber -lief. So ein laufendes Wasser hatten sie zuhause nicht. Da waren nur -Brunnen und Zisternen und kleine schnell austrocknende Rinnsale. Aber wenn -er an den Hafen hinunter ging, da hatte er freilich das Meer, das große -blaue mittelländische Meer. - -Ach, das Meer! Er sah es vor sich. Unter strahlendem Himmel dehnte es sich -aus, weit, weit, bis an den silbernen Horizont, wo es sich mit dem Himmel -in einer zitternden Umarmung vereinte. Und die Wellen, wenn sie sich dem -Strande näherten, schmückten sich mit silbernen Kronen, jauchzten auf, -donnerten laut ihre trotzigen Grüße dem Lande zu, das den Stürmenden -zurücktrotzte, mit dem schimmernden Gebiß seiner gelben Küste, mit der -harten Stirn des aufgetürmten Gebirges. Wolken lagen auf dem höchsten -Gipfel des Atlas und bleicher Schnee. Hinter den Bergen aber dehnte sich, -unendlich wie das Meer, die Wüste mit ihren gelben Sandwogen. Dorthin war -er nie gekommen, aber er kannte ihre Schrecken aus den Erzählungen Nushats -und der Kameeltreiber, und es gelüstete ihm nicht danach. Aber das große -blaue Meer, das zwischen zwei Erdteilen auf- und abwogte, liebte er. Und -er sah die Heimat vor sich liegen und hörte als ihren Gruß den Donner der -Brandung vor dem Hafen von Tanger. Weiße, würfelförmige Häuser mit flachen -Dächern, sich terrassenförmig übereinander lagernd, steigen die steilen -Uferhöhen hinan und leuchten wie der Schaum des Meeres. Es scheint von -weitem, als hätte der Sturm eine Handvoll schneeiger Flocken aus dem Gischt -der Brandung hier an die Felsen geschleudert. Dazwischen schimmern grüne -Gärten auf, und aus einem lockt das leise, tiefe Lachen der braunen Nushat. - -Als sie an Bord des Schiffes fuhren, das seinen Vater nach Europa -hinüberbringen sollte, war Nushat mit im Boot und hielt ihn mit ihren -braunen Armen umschlungen; die Brandung ging unter heftigem Winde höher als -sonst, und sie hatten beide ein wenig Furcht, wenn sie von dem Kamm einer -großen Welle mit einmal in die Tiefe schossen, und der nächste Wasserberg -alles zu verschlingen drohte. Nur vor den kühnen, unbekümmerten Gesichtern -der Ruderer schämte er sich, seine Furcht zu zeigen. Die standen aufrecht, -sechs Gestalten aus Bronze, feuerten sich mit lauten Rufen an und -schüttelten sich höchstens einmal, wenn der überspritzende Gischt es gar -zu gut meinte. Auch vor dem Vater, der sich gar nicht zu fürchten schien, -schämte er sich. Nushat mußte es ihm wohl angemerkt haben, denn sie -hielt ihn fest umschlungen und drückte ihn ein paarmal wie beruhigend -und tröstend an sich, wobei sie indes leise zitterte. Und ihre schmalen, -braunen Hände waren ganz kalt. - -Wie gern hätte er sie zum Abschied noch umarmt. Aber das Boot tanzte auf -und ab an der Schiffstreppe, und sie hatten alle genug zu tun, sich auf den -Füßen zu halten, um nicht ins Wasser zu fallen. Er hatte ihr nur noch vom -Bord aus zuwinken können, und hatte gewinkt, so lange er sie unter den -Zurückfahrenden noch erkennen konnte. - -Doch alles das war jetzt wie hinter silbernen Schleiern und zog schnell wie -die glitzernden Wellen an seinem Geiste vorüber, während das weiße Bild der -kleinen Blanche wie die Sonne selbst fest und unverrückbar im Mittelpunkt -seiner traumhaften Gedanken stand. - -Da flog ein Steinchen neben ihm auf die Bank und schreckte ihn auf. -Sogleich ertönte ein silbernes Lachen, und Blanche kam zögernd den Steig -herunter. - -»Frei!« rief sie ihm zu, und ihre Augen blitzten unternehmungslustig, -während ihr ganzer Körper noch unter der Zügelung einer leisen Scheu stand. - -Der Knabe erhob sich und ging ihr entgegen. Da übermannte sie vollends -die Verlegenheit, und sie wurde blutrot, als sie ihm die Hand bot. Er aber -neigte sich schnell und drückte ihr einen Kuß darauf. Sie hatte ihn auch -ihrer Mutter die Hand küssen sehen und dachte, das tut man in seiner Heimat -so. Aber den ganzen Tag fühlte sie die Stelle brennen, die seine Lippen -flüchtig berührt hatten. - -Sie gingen wieder in den Pavillon zurück und setzten sich auf die Bank, -und sie saß wie eine kleine Dame neben ihm, steif und kerzengrade, und sie -führten eine kümmerliche Unterhaltung miteinander, mit ja und nein und -wie und was? Aber ihre Augen, wenn sie nicht am Boden hinirrten oder wie -abwesend in die Weite sahen, ruhten mit einem stillen Leuchten auf ihren -Gesichtern. - -»Sieh mal,« sagte Blanche nach einer neuen Verlegenheitspause und stand -auf und ging ein paar Schritte dem Nußgebüsch zu, das die gegenüberliegende -Ecke des Gartens ausfüllte. Sie schlug einige Zweige auseinander, und es -entstand ein Eingang, durch den man in das Innere gelangen konnte. Er sah -hinein und sah in den schattigen Raum ein Bänkchen aus Moos und Erde und -eine muldenartige Vertiefung, der man es ansah, daß sie oft als Lagerplatz -diente. - -»Es ist so mollig drin,« sagte Blanche und schlüpfte vorauf. Er folgte ihr -und befreite mit klopfendem Herzen ihr loses Haar, das sich in den Zweigen -verfangen hatte. Es herrschte ein märchenhaftes Licht in dem grünen Hause; -die goldenen Sonnenstrahlen fanden hier und da Zugang und spielten nun auf -dem schwarzen Boden Haschen. Zwei schlanke, junge Birkenstämme standen wie -silberne Säulen in dem Sälchen dieses heimlichen Palastes, dessen Dach sie -durchbrachen und mit ihren feinen, hängenden Zweigen überschatteten. - -Blanche nötigte Manuel, auf der kleinen Moosbank Platz zu nehmen. Sie -konnten so eben nebeneinander sitzen. - -»Hast du dir selber diese Höhle gemacht?« fragte er. - -»Lux hat sie mir gemacht.« - -»Spielt ihr oft zusammen?« - -»Gewiß, jeden Tag.« - -»Und dann sitzt ihr hier zusammen?« - -»Manchmal.« - -Und nach einer kleinen, peinlichen Pause setzte sie hinzu: - -»Er erzählt mir dann Geschichten.« - -Aber er sagte wieder nichts darauf. - -»Weißt du auch Geschichten?« - -»Ich weiß nicht,« antwortete er zögernd und nachdenklich. »Nushat hat mir -oft Geschichten erzählt, aber ich weiß nicht, ob ich sie dir noch erzählen -kann.« - -»Nushat? Wer ist das?« - -Und er erzählte ihr von Nushat und von seiner Heimat, und sie wollte gar -keine anderen Geschichten weiter von ihm hören. - -Dies war ja alles wie ein Märchen. Es war wie aus tausend und einer Nacht. -Die Dattelpalmen ragten hoch in blaue Luft, riesenhafte Kakteen breiteten -ihre schwammigen, glänzenden und stacheligen Blätter aus, und Rosen, -Kamelien und Oleander blühten und dufteten, reicher als hier die Veilchen -und Primeln. Kameele zogen schwer bepackt durch die Straßen, und Araber und -Neger und Kabylen, Leute von denen sie nie gehört hatte, begleiteten die -Karawanen durch die Wüste. Große Schiffe schaukelten im Hafen, und nur -auf den sich überstürzenden Wogen einer beständigen Brandung konnte man -zwischen ihnen und dem seltsamen Lande verkehren. Und hier war nun Manuel -aufgewachsen. Und seine Augen leuchteten, wenn er davon erzählte, und seine -Stimme wurde wärmer, wenn er den Namen Nushat nannte. - -Blanche sah den Erzähler bewundernd an. Sein gebrochenes Deutsch brachte -sie nicht ein einziges Mal zum Lachen. Und Manuel, unter den bewundernden -Blicken seiner kleiner Nachbarin, wurde immer redseliger. - -Währenddessen stand eine schlanke Knabengestalt am Heckenpförtchen, die -Hand unschlüssig auf der Klinke. Lux kam eine Stunde später aus der Schule -als Blanche. Auf dem ganzen Weg hatte er an den fremden Knaben gedacht, der -jetzt bei den Eltern seiner kleinen Freundin wohnte. Noch so lange, lange -Zeit wohnen sollte. Ja, während des Unterrichts selbst hatte er seine -Gedanken nicht zügeln können. Nun stand er am Pförtchen und wagte auf -einmal nicht, in den Nachbargarten hinüberzugehen; Blanche war schon -seit einer Stunde frei, und sie würde nun mit dem fremden Knaben zusammen -spielen. Was sollte er nun noch dabei? - -Aber er trat doch ein, beklommenen Herzens, und schlug gleich den kürzeren -Weg ein, der ans Wasser hinunter führte. Da hörte er Manuels Stimme. -Verwundert stand er still, da er die Beiden nicht im Pavillon sah. Er -horchte. Dann schlug er das Gesträuch hastig auseinander, und der helle -Tag flutete in die grüne Dämmerung hinein. Da saß Blanche mit dem fremden -Knaben, eng zusammen geschmiegt, auf der kleinen Moosbank und sah den -Störer mit großen, erstaunten Augen an, als erkenne sie ihn nicht gleich. - -Für einen Dritten war drinnen nicht Platz; Lux hatte dieses Bänkchen nur -für sich und Blanche berechnet. - -»Willst du nicht hereinkommen?« rief Blanche. - -»Alle drei können wir ja doch nicht darin sitzen,« sagte er und blieb -draußen stehen. Da standen sie auf und kamen heraus und waren freundlich -mit ihm. Er aber blieb unlustig und wortkarg und wußte nichts mit ihnen -anzufangen. - - - - -[Illustration] - - - - -4. KAPITEL. - - -Am anderen Tage berichtete Blanche ihm auf dem Schulwege, was Manuel ihr -von seiner Heimat erzählt hatte. Sie war so lebhaft dabei, daß Lux dachte, -sie übertriebe, und nur verärgert zuhörte. Und die Folge war, daß er am -Mittag nicht in den Garten kam. Sie sollte nur allein mit dem spanischen -Affen spielen; er fand ihn unausstehlich. - -In Wahrheit aber imponierte ihm der über seine Jahre hinaus gewandte -Manuel, und er fühlte zornig seine Unfähigkeit, ihm entgegenzutreten. -Manuel sprach außer seiner Muttersprache ziemlich gut französisch und wußte -sich mit jedem Tage besser mit der deutschen Sprache abzufinden. Lux quälte -sich in der Klasse noch mit den Anfängen der alten und neuen Sprachen und -konnte noch in keiner drei zusammenhängende Sätze sprechen. Manuels -tiefere Stimme hatte schon einen Anflug von Männlichkeit gegen Luxens helle -Knabenstimme. Manuel verstand es auch, eine tadellose Verbeugung zu machen -und küßte Blanche die Hand. Sie hatte es endlich nicht länger bei sich -behalten können und hatte Lux dieses zarte Geheimnis anvertraut. - -Die Hand küssen? Wie dumm! Nie würde er sich zu dieser Albernheit -verstehen. Aber Manuel brauchte ja auch Pomade. Sein glattes, schwarzes -Haar glänzte ordentlich wie ein Spiegel und verpestete die ganze Luft, wenn -er sich neu gesalbt hatte. Lux konnte das nicht leiden, während Blanche den -leisen, feinen, süßlichen Toilettenduft liebte. - -Eines Tages, o Schrecken, hatte Manuel sogar geraucht. Mit Neid und -widerwilliger Bewunderung fand Lux es empörend, während Blanche tat, als -wäre es selbstverständlich, daß Knaben in seinem Alter rauchten. - -»In Spanien rauchen sie alle,« sagte sie. - -Frau Elisabeth aber untersagte dem Knaben das Rauchen, und als er erklärte, -er habe schon oft geraucht und sein Vater wisse es, bat sie ihn, es ihr zur -Liebe zu unterlassen, so lange er in ihrem Hause weile. - -»Ich werde es lassen,« versprach Manuel, und er warf ohne Zögern seinen -ganzen Zigarettenvorrat in den Bach. - -»Er ist ein kleiner Gentleman,« sagte die Mutter, und Blanche plapperte -es ihr nach, obgleich sie keinen klaren Begriff hatte, was ein Gentleman -eigentlich sei. Daß Lux es nicht sei, stand bei ihr fest. - -Der arme Lux! Mit jedem Tage mehr empfand er den fremden Knaben als einen -Eindringling, der ihn aus seinem Paradiese vertrieben hatte. Blanche teilte -zwar kindlich ihr Herz zwischen ihrem alten und ihrem neuen Freunde, aber -er sah nur den Anteil, der Manuel zufiel, und er sprach in verächtlichen -Ausdrücken von dem Spanier und schalt ihn einen Gecken. - -Den schwersten Schlag erhielt sein Stolz, als er hörte, daß Manuel zuhause -einen Pony habe und reiten könne. Er weigerte sich, das zu glauben, bis -Manuel heftig wurde und es ihm beweisen wollte, wenn er nur ein Pferd -hätte. - -»So kleine Ponys haben wir hier nicht,« sagte Lux. - -»Doch!« behauptete Blanche. »Ich habe gesehen, daß der Bauer einen Pony -hat.« - -»Es ist gar kein Pony,« eiferte Lux. »Das ist nur ein etwas kleineres -Pferd.« - -»Das ist einerlei,« rief Manuel und wollte sogleich zum Bauern. »Er will -immer alles nicht glauben, was ich sage. Ich bin kein Lügner! Ich sage -immer die Wahrheit!« Er funkelte Lux mit seinen schwarzen Augen böse an. - -»Er soll sehen, daß ich reiten kann. Er soll nicht immer sagen, es ist -nicht so. Ich will es ihm zeigen.« Der Beleidigte wollte sich gar nicht -beruhigen. - -Da gingen sie zum Bauern und steckten sich hinter den Knecht und baten, ob -Manuel nicht einmal auf dem Pony reiten dürfe. - -Sie hätten gar keinen Pony, war die Antwort. - -»Seht ihr!« triumphierte Lux. - -»Ich meine das kleine rote Pferd,« erklärte Blanche. - -Dem Pferde wäre nicht zu trauen, sagte der Knecht. - -»Nicht bös! nicht bös!« behauptete Manuel. »Ich habe selbst Pferd.« - -Dem Knecht schien der kleine selbstbewußte Manuel Spaß zu machen. Auch -mochte es mit der Bösartigkeit des Pferdes nicht so arg sein. Genug, Manuel -setzte es durch, daß er seinen Willen bekam. - -»Es kennt mich schon,« sagte er, als das kleine hübsche Tier sich ruhig von -ihm streicheln ließ. Der Knecht führte es auf den Hof und hob Manuel auf -seinen Rücken. »Loslassen!« kommandierte der. Und Blanche und Lux schrien -auch heftig: »Loslassen! loslassen!« - -»Aber nur Schritt,« sagte der Knecht, der dem Kleinen jedoch angesehen -haben mochte, daß er nicht zum ersten Male auf einem Pferderücken saß. - -Blanche strahlte den kleinen Reiter ordentlich an mit ihren großen Augen -und ihrem lachenden Gesicht. Lux stand mit rotem Kopf daneben und ärgerte -sich, daß das Pferd überhaupt von der Stelle ging. - -Jetzt fing es sogar gemächlich an zu traben und trug seinen Reiter zweimal -um den ganzen Hofplatz. Manuel feuerte es mit lauten Zurufen an und schlug -ihm beständig mit den Hacken in die Weichen, bis es unruhig wurde. Da griff -der Knecht nach dem Zügel und gab nicht nach, er mußte herunter vom Pferd. - -Lux sagte kein Wort, und sie gingen fast stumm nebeneinander heim. Blanche -ärgerte sich über ihn, obgleich sie seine Verstimmung wohl verstand. Sie -hätte so gern gesehen, daß sie alle drei als gute Freunde zusammen hielten, -und nun konnten die Knaben sich nicht miteinander stellen. Und da sie -dunkel empfand, daß es ihretwegen war, wurde sie befangen und unsicher. - -Von diesem Tage an haßte Lux den fremden Knaben. - - - - -[Illustration] - - - - -5. KAPITEL. - - -Dr. Irmler, der schon lange eine kleine Studienreise vorbereitet hatte, -packte jetzt seinen Koffer für eine kurze Italienfahrt. Länger als vierzehn -Tage gedachte er keineswegs weg zu bleiben. Aber auch während dieses -Zeitraumes wäre es ihm ein drückender Gedanke gewesen, Lux allein in der -Obhut der alten Hausverwalterin zu lassen. Er mußte sich sagen, daß er -bei ihr auf das Beste aufgehoben sei, was ihre Gewissenhaftigkeit und -ihre Zuneigung für den Knaben betraf; allein sie war alt, manchen Zufällen -höherer Jahre bereits ausgesetzt und nicht mehr immer Herr ihrer physischen -Kräfte. Ein zweiter Dienstbote war auf so kurze Zeit nicht zu beschaffen -und wäre auch wenig nützlicher gewesen, als die Hilfe eines kleinen -Schulmädchens, das statt dessen der Alten zur persönlichen Dienstleistung -beigegeben wurde. Dieses aber konnte weiter keine Beruhigung bieten, was -Luxens Pflege und persönliche Sicherheit anging. - -Daß Dr. Irmler um seinen einzigen Knaben besorgt war, konnte ihm keiner -verdenken. Ihm war aus einem großen, wenn auch kurzen Glück nur dieses -eine Pfand einer seltenen Liebesgemeinschaft geblieben. Dazu kam, daß -die beabsichtigte Reise ihn wieder an jenen Ort führen würde, wo er die -glücklichsten Tage seines Lebens mit der Verstorbenen zusammen verlebt, wo -er sie zum ersten Male gesehen und sich sogleich in sie verliebt hatte. Das -war in Venedig gewesen, während einer Überfahrt nach dem Lido, wo sie auf -überfülltem Boot in drangvoller Enge ihm gegenüber gesessen hatte, so daß -er dem Zauber ihrer blonden Schönheit, wollend oder nicht wollend, geduldig -standhalten mußte. Alles dieses lebte in der Erinnerung wieder auf und -machte ihn besonders weich und bewegt und erschwerte ihm die Trennung -von dem Knaben. Doch die Reise mußte gemacht werden, und so ging er kurz -entschlossen und herzlich dankbar auf Frau Elisabeths Vorschlag ein, die -Lux solange zu sich ins Haus nehmen wollte. - -Einigermaßen verwundert war er, daß Lux diese Lösung nicht erfreuter -aufnahm; war doch der Knabe bisher in der Nachbarvilla auf das vertrauteste -aus- und eingegangen und hing mit einer etwas scheuen, aber echten -Zuneigung an der »Tante«! Und daß es nicht nur die Tante war, der die -Anhänglichkeit galt, das war ihm als aufmerksamer Vater auch nicht -entgangen, und er hatte sich des guten Einvernehmens, das zwischen Lux und -Blanche herrschte, aufrichtig gefreut. Hätte die Vorbereitung zu der Reise -ihn nicht in Anspruch genommen, so wäre ihm die Verstimmung, die zwischen -den Kindern herrschte, gewiß nicht verborgen geblieben; jetzt war er -nicht wenig erstaunt, statt eines jubelnden Einverständnisses ein bloßes -Sichfügen bei Lux anzutreffen. - -»Freust du dich nicht?« fragte er. - -»O doch,« antwortete der Knabe mehr hastig als freudig. - -»Fehlt dir etwas?« - -Dr. Irmler sah besorgt in das etwas blasse Gesicht, das ihm einen Grad -schmäler und zarter erscheinen wollte. - -»Du kommst ja bald wieder,« erwiderte Lux auf die besorgte Frage, konnte -aber einer plötzlichen Gemütsbewegung nicht Herr werden und brach in ein -heftiges Schluchzen aus. - -Bestürzt schloß der Vater den Knaben in seine Arme und tröstete ihn. Die -vierzehn Tage würden ja schnell vorübergehen. Bei der Tante hätte er es -gewiß gut. Er hätte die Gespielen immer um sich, und Frau Elisabeth würde -schon für manche kleine Zerstreuung sorgen. - -Frau Elisabeth tat das ihre, Lux heiter zu stimmen. »Laß den Papa nur -reisen,« sagte sie fröhlich, »wir wollen uns schon ohne ihn vergnügte Tage -machen. Blanche und Manuel freuen sich auch schon darauf. Das soll aber -hübsch werden.« - -Lux beruhigte sich denn auch bald. - -Frau Elisabeth freute sich, eine Gelegenheit zu haben, dem einstigen Retter -ihres Kindes einmal ihre Dankbarkeit durch eine wirkliche Gegenleistung -zu zeigen. Und noch ein anderes bewegte sie: ihren mütterlichen Augen -war nicht entgangen, daß Blanche sich in der letzten Zeit mehr dem neuen -Hausgenossen zuwandte und ihren alten Spielkameraden vernachlässigte. Doch -hatte sie kaum Veranlassung gehabt, sich hinein zu mengen. Auch war sie -klug genug, zu wissen, daß das unter Umständen mehr schaden als nützen -konnte. Sie selbst hatte in ihrer Jugend durch zudringliche Störung -kindlicher Neigung ihren ersten seelischen Schmerz erlitten. Ein -freundschaftliches Gefühl von unbewußter Innigkeit war ihr als etwas -Besonderes und eigentlich Unziemliches hingestellt und durch unüberlegte, -alberne Neckereien aus einem harmlosen, stillen Glücksgefühl zu etwas -Quälendem und Beschämendem gemacht worden. - -Dessen hatte sie sich erinnert, und hatte die Freundschaft zwischen Lux und -Blanche weder gefördert noch gehindert, sondern hatte sie gewähren lassen. - -Ein etwas wachsameres Auge hatte sie auf Manuel gehabt, dessen frühreife -Manieren und südländische Lebendigkeit Blanche sehr zu imponieren schienen. -Doch hatte sie hinlänglich Beweise von dem graden und ritterlichen -Charakter des kleinen neuen Hausgenossen, um einen nachteiligen Einfluß auf -ihr Töchterchen zu befürchten. Dennoch war es ihr lieb, den Beiden jetzt -Lux auf längere Zeit zu engerem Verkehr zugesellen zu können. Lux, obgleich -nur um ein Jahr jünger, war doch um mindestens drei Jahre kindlicher als -der kleine Afrikaner. Der war in einem reichen Hause aufgewachsen, wo -unterwürfige farbige Diener den Herrensohn früh verwöhnten. Nachher, -in Paris, fern von der Heimat und den Eltern, war Manuel erst recht -selbständig geworden und hatte sich manche Manieren der Erwachsenen -angeeignet. Seine Höflichkeit des Handküssens hatte Frau Elisabeth zuerst -bei einem so jungen Knaben befremdet, doch lag so viel Natürlichkeit -und Ritterlichkeit darin, daß sie nicht für berechtigt hielt, ihm diesen -Handkuß zu verbieten. Nur als sie gewahrte, daß er anfing, auch Blanche -in dieser Weise zu begrüßen, erhob sie Einspruch; solches wäre hierzulande -unter Kindern nicht Sitte, die schüttelten sich herzhaft die Hände, und das -wäre auch ein hübscher Gruß. Manuel nahm diese Belehrung mit bescheidenem -Lächeln auf, und sie sah ihn nie wieder ihrem Töchterchen die Hand küssen. -Daß er es trotzdem oft tat, wenn die Kinder unter sich waren, wußte sie -nicht. Und Lux, der es einmal als ungewollter Zeuge gesehen hatte, hütete -sich, diese schlimmste Ursache seiner kindlichen Betrübnis zu verraten. Er -hätte sich geschämt, davon zu sprechen. Aber seinem Herzen tat es weh. - -Wohl hundert Mal nahm er sich vor, es dem anderen nachzutun, aber nie -brachte er es über sich; unschlüssig überlegte er: küßt du ihr nun die -Hand, oder begnügst dich mit einem Händedruck? Und vor lauter Überlegung -fiel denn auch wohl noch dieser Händedruck nur schwach und gleichsam -versuchsweise aus; zum Befremden der wenig nachdenklichen Blanche. - -»Was hat er nur? Hab ich ihm etwas getan? Komischer Junge.« - -Damit war es für sie abgetan. Sie merkte gar nicht, daß Lux ihr -gleichgültiger wurde. Manuel machte ihr mehr Spaß. - -»Der Lux ist jetzt immer so langweilig,« sagte sie. - -Trotzdem freute sie sich aufrichtig, daß Lux auf ein paar Wochen zu ihnen -ins Haus kommen sollte. - -Zu dritt war es am Ende noch lustiger. Was wollten sie alles aufstellen! -Obendrein standen die Ferien vor der Tür, und das war immer eine schöne -Zeit. Die Mutter hatte schon, wie alljährlich in dieser Sommerzeit, -Ausflüge mit ihnen geplant. Da sollten die beiden Jungen aber Augen machen! - -Lux war wohl schon einmal mit gewesen, wenn auch nicht so gar weit. -Aber Manuel kannte noch nichts von der Gegend. Wenn sie dann zusammen im -Eisenbahnwagen sitzen würden, natürlich am Fenster, und alles flöge so -lustig schnell an ihnen vorüber, und sie würde es ihm zeigen: das ist -Neudorf und das ist Birkendorf und das ist Bentheim, und in dem Walde -dahinten sind wir mal mit Papa gewesen; und wenn sie dann durch die Heide -liefen, oder noch schöner am Seestrande, barfuß, und die Wellen so kühl und -erquickend heranrollten und bis an die Knöchel herauf schäumten, wie schön -würde das sein. Und das Schanzen aufwerfen und Burgen aufbauen! Und das -Bootfahren! - -Ob Manuel wohl Angst vor dem Wasser hätte? Sie hatte es. Nur ein ganz klein -wenig. - -Aber Manuel war ja doch über das Meer gekommen. Und die große Stadt in -Afrika, wo er zuhause war, lag ja unmittelbar am Meer. Am Ende würde sie -ihm gar nichts Neues zeigen können. - -Das betrübte sie etwas. Was war sie doch für ein Dummchen gegen ihn. Aber -dafür war er ja auch ein Knabe und war fast zwei Jahre älter als sie. In -zwei Jahren würde sie auch noch viel lernen und sehen und erleben. Doch -die Einsicht in ihre Unwissenheit hielt nie lange vor. Später! später! Das -würde alles schon kommen, wie es kommen sollte. - -Manuel lebte wie Blanche in den Tag hinein, und genoß mit Behagen die -Freiheit, deren Ende freilich mit dem Schulanfang immer näher rückte. Doch -waren es Wochen, die ihm noch gegönnt waren. Inzwischen las er leichte, -deutsche Bücher, die Frau Elisabeth ihm gab, und schrieb jede Woche seinem -Vater einen deutschen Brief, dessen Inhalt sich immer ziemlich gleich -blieb; ungelenke, mit dem Ausdruck und mehr noch mit der Orthographie -ringende Briefe. Schnelle Fortschritte machte er im Sprechen; und zwar -verdankte er diese raschen Erfolge weniger Frau Elisabeth und den anderen -Hausgenossen, als seiner kleinen Freundin Blanche, deren Plappermaul nie -lange still stand. - -Er hatte in einem Brief an den Vater begeisterte Schilderungen von Blanche -gemacht, die der vielbeschäftigte und viel reisende Kaufherr und Lebemann -mit einem flüchtigen Lächeln gelesen haben mochte; ihm aber waren sie -Ausdruck seines Heiligsten: Blanche war für sein ungestümes Knabenherz -alles, ersetzte ihm Heimat und Elternhaus. - -Er hielt ein abgelegtes blaues Haarband und ein altes Schreibheft von ihr -als köstliche Besitztümer verwahrt. Das kleine Heiligenbild über seinem -Bett hörte oft ihren Namen, wenn er sie in sein Gebet einschloß, oder -in Gedanken an sie verloren, halblaut diesen schönen Namen stammelte, -in dessen romanischem Klang ihn Verwandtes grüßte, und in dem so viel -Reinheit, Jugend und Süße lag. - -Blanche! - -Er kannte eine halbe Strophe eines französischen Liedes, in der dieser Name -vorkam, und er wurde nicht müde, sie vor sich hin zu trillern. - -»Blanche, petite Blanche!« - -Auf dem Schulweg trug er ihr die Mappe bis zum kleinen Bahnhof, von wo aus -sie der Zug in einer Viertelstunde in die Stadt führte. Sonst hatte Lux ihr -die Mappe getragen, konnte es aber nicht ändern, daß Manuel ihm nun -immer zuvorkam. Dieser ging übrigens nicht mit auf den Perron, sondern -verabschiedete sich schon vorher; denn sie trafen auf dem Bahnhof noch -einige andere Knaben und Mädchen, die in die Schule fuhren, und deren -Anstarren ihm unangenehm war. War man denn als Ausländer ein wildes Tier -für diese dummen deutschen Kinder? Eine häßliche Unsitte, dieses Anglotzen -eines Fremden. Daß er dunkler war als sie, sahen sie doch mit einem halben -Blick. Und was war denn sonst an ihm, was ihre Aufmerksamkeit immer aufs -neue wieder erregen konnte? Er wußte ja nicht, daß Blanche es war, die mit -ihren Erzählungen diese Unart nährte. - -Keinem, keinem hätte er ein Wort über Blanche gesagt; ganz allein -ihm gehörte sie und den Heiligen, deren Schutz er sie mit kindlicher -Frömmigkeit empfahl. Was ging es andere an, was er über Blanche dachte, was -er für sie empfand; nur ihr selbst es mit tausend kleinen Aufmerksamkeiten -und Artigkeiten zu zeigen, war er beflissen. Ihre Mutter hatte ihm den -Handkuß untersagt; aber was ihm alte Gewohnheit war, konnte er nicht sobald -lassen und tat es jetzt heimlich und mit dem Bewußtsein einer verbotenen -Huldigung. Dieses war das einzige, was er sich vorzuwerfen hatte. Er -hätte sonst nie eine Lüge über seine Lippen gebracht; in diesem Falle aber -entschuldigte er sich vor seinem Herzen. - -Blanche! Blanche! jubelte dieses heiße Knabenherz, wenn sie ihm -entgegenkam, schlank, schwebend, ganz Licht in dem Strahlenkranz ihrer -goldenen Haare, und ihm schon von weitem ihre feine schlanke Hand mit den -etwas langen Fingern entgegenstreckte. - -Blanche! - -Und dann sollte er diese Hand wieder fahren lassen, ohne sie zu küssen? -Mochte es nicht Sitte sein in diesem kühlen Lande, und mochte der blasse -Lux nie die Hand der kleinen Blanche küssen, ihm sollte man es nicht -wehren. Und bei der Vorstellung, daß auch Lux diese Hand küssen könne, zog -sich eine feine Falte zwischen den schwarzen Augenbrauen zusammen. - -Manuel war denn auch der einzige, der sich nicht auf Lux freute. Mochte -er doch zum Spielen herüberkommen. Aber daß er nun auch das Zimmer mit -ihm teilen sollte, gefiel ihm nicht. Frau Elisabeth hatte es ihm schon -angekündigt. Freilich nur in Form einer Frage, ob er wohl auf vierzehn Tage -Lux bei sich aufnehmen wolle. Gewiß wollte er, er durfte doch nicht nein -sagen, aber erfreut war er nicht. Nicht, daß er den Nachbarssohn fürchtete; -aber Lux würde die wenigen Stunden, die Manuel bisher mit Blanche allein -sein durfte, stören. Und das war Grund genug, ihn zu hassen. - -Doch der Tag rückte heran, an dem Lux übersiedeln sollte. Dr. Irmler hatte -seinen Koffer gepackt und kam nun am Abend vor seiner Abreise mit Lux -herüber, um sich zu verabschieden und seinen Knaben in die Hände der -verehrten Pflegerin abzuliefern. Man saß nach dem Tee in der offenen -Veranda in angeregtem Gespräch über Italien, das beiden Gatten nicht fremd -war, und die Kinder durften dabei sein und sich still verhalten. Manuel -und Blanche wären lieber noch in den Garten gegangen, aber Lux wollte sich -begreiflicherweise in der letzten Stunde nicht vom Vater trennen und stand -an dessen Seite, von seinem Arm umschlungen. - -Manuel dachte an seinen Vater. So zärtlich hatte der ihn nie umfaßt. -Selten, daß er einen Kuß von ihm bekommen hatte. Auch als er sich zuletzt -auf dem Bahnhof von ihm verabschiedete, hatte er ihm nur die Hand gegeben -und sie fast geschäftsmäßig geschüttelt. - -Ein tiefes Heimweh nach Liebe und Mutterarmen packte ihn. Wie lange hatte -er sie entbehren müssen. Seine Mutter, von der er fast nie sprach, war eine -träge, indolente Südländerin, und der Vater ging ganz in seinen Geschäften -auf. Ein einziges Briefchen erst hatte er von der Mutter bekommen, der das -Schreiben eine körperliche und mehr noch geistige Anstrengung war. Wohl -liebte er sie und er hätte sie nicht leiden sehen können, aber die Trägheit -ihres Gefühlslebens hatte auch die Äußerungen seiner Neigung mehr und -mehr erschlaffen lassen. Nur Nushat war es, an die Manuel mit Zärtlichkeit -dachte. Sie allein hatte wohl einmal ihren Arm um seinen Hals gelegt und -hatte ihm sanfte Worte gesagt. Die braune Tochter Arabiens stand plötzlich -vor seinen Augen und verdunkelte sogar die lichte Blanche, so daß er -sich gänzlich fremd und verlassen in diesem Kreise vorkam, und mit einem -feindlichen Gefühl als stiller und übelwollender Beobachter in seiner Ecke -sitzen blieb. - -Lux aber war nicht nur bei seinem Vater Liebkind an diesem Abend, sondern -auch Frau Elisabeth und ihr Gatte waren geflissentlich freundlich und -aufmunternd zu ihm, um ihm die Trennung leichter zu machen und ihm gleich -zu zeigen, daß sie es gut mit ihm meinten, und er hier wohl geborgen sei. -Und auch Blanche, dem Beispiel ihrer Eltern folgend, war freundlicher gegen -Lux, als sonst wohl in der letzten Zeit. - -Nachher, als Dr. Irmler Lux den Gute Nachtkuß gab und in sein eigenes Heim -hinüberging, war Lux wieder dem Weinen nahe; doch er beherrschte sich und -stieg still mit Manuel in ihr gemeinsames Stübchen hinauf. - -Still kleideten sie sich aus. Jeder war mit seinen Gedanken beschäftigt, -und wollte von dem anderen nichts, als unbehelligt gelassen werden. - -»Soll ich auslöschen?« fragte Manuel. - -»Ja, bitte.« - -Es wurde dunkel in der kleinen Kammer und still, nur das feine, hastige -Ticken zweier Taschenuhren erfüllte als einziges, leises Geräusch den Raum, -und ab und an knarrte eine der Bettstellen. - -Manuel konnte nicht einschlafen. Zum ersten Mal hatte er sein Nachtgebet -leise hergesagt und den lieben Namen Blanche nicht ausgesprochen. Seine -Gedanken waren zerstreut, halb drüben in der Heimat und nur zur Hälfte -hier, wo er sich zum ersten Male fremd und verlassen vorkam. Lux schlief -schon lange, mit ruhigen, leisen Atemzügen, als Manuel noch wach lag, das -Gesicht in die Kissen drückte und leidenschaftlich weinte. - - - - -[Illustration] - - - - -6. KAPITEL. - - -Dr. Irmler war am anderen Morgen abgereist. Sie hatten ihn alle an die Bahn -gebracht, und die beiden Herren waren zusammen abgefahren, der eine nach -Italien, der andere ins Kontor. - -Frau Elisabeth kehrte mit den Kindern auf einem längeren Umweg zurück. -Es war zugleich der erste Ferientag, und Blanche war in ausgelassenster -Stimmung. - -»Lach doch mal!« rief sie und neckte Lux mit einem herzhaften Stoß, so -daß er taumelte und fast in einen Graben gefallen wäre. Er wurde rot vor -Schreck und auch ein wenig vor Ärger und lachte gezwungen. - -Die Mutter verwies ihr so derbe Späße. Lux wäre noch nicht aufgelegt zum -Scherzen. - -»O doch,« sagte er. Und um Blanche eine Beschämung zu ersparen, bezwang -er sich und war auch bald von ihrer Lustigkeit angesteckt. Da wandte Frau -Elisabeth sich an Manuel. - -»So ernst?« fragte sie. »Woran denkst du?« - -»Wie schön das Reisen ist!« sagte er, »und wie schön es gewesen wäre, wenn -ich hätte mitfahren können.« - -»Gefällt es dir nicht mehr bei uns?« - -»O doch!« - -Sie sah ihn erröten und drang nicht weiter in ihn. Er hat Heimweh bekommen. -Das wird sich wieder geben. - -»Wir wollen recht vergnügt in den Ferien sein,« sagte sie, und was an ihr -lag, tat sie dazu. Es kam, wie Blanche es vorausgesehen: sie machten zwei, -drei Mal in der Woche kleinere oder größere Ausflüge in die Umgebung, wobei -sie es nicht verschmähten, mit dem Rucksack auf dem Rücken zu marschieren, -den Wanderstab in der Hand. - -Frau Elisabeths frische Stimme wußte immer ein Lied anzugeben, das den -Weg würzte. Manuel konnte natürlich nur zuhören oder einzelne Takte -mittrillern. Doch fand sich bei solchem Singen die Gelegenheit, auch -ihn zum Auskramen seiner kleinen spanischen und französischen Lieder -zu bewegen. Ohne gerade musikalisch zu sein, besaß er doch ein gutes -Gedächtnis für volkstümliche Weisen; selbst ein arabisches Liedchen konnte -er zum Besten geben. Es war ein ländliches Liedchen, dessen Text auch -ihm vielleicht nur leere Worte blieben, aber er sang mit einer solchen -Ergriffenheit und mit einem zitternden Heimweh, daß Frau Elisabeth ein -gerührtes Lächeln nicht unterdrücken konnte, und Blanche und Lux ihn ganz -verwundert anstarrten, so daß er tief errötete und mit einem gewinnenden -Lächeln der Verlegenheit sagte: »Ich kann nicht singen.« - -Frau Elisabeth hatte eine feine, erzieherische Art, jedem eine kleine -Pflicht aufzuerlegen; der eine mußte den Proviant tragen, der Andere den -Quartiermacher spielen, der Dritte in ein Wanderbüchlein einschreiben, was -ihnen des Aufzeichnens wert erschien. Sie selbst behielt sich die Führung -und die Kasse vor. - -So wußte sie ein gemeinsames Band zu schlingen, das wieder fester -verknüpfte, was sich schon leise zu lockern drohte. - -Manuel vergaß sein Heimweh, und Lux empfand die Trennung vom Vater bald -nicht mehr als Leid, sondern als eine fröhliche Abwechselung. Dazu trugen -die häufigen Briefe und Karten Dr. Irmlers vieles bei; fast von jeder -Station kam wenigstens ein kurzer, an Lux adressierter Kartengruß. -Im übrigen hielten längere, ausführliche Briefe an Frau Elisabeth die -Zurückgebliebenen mit dem Abwesenden in steter Verbindung. Die Briefe des -Reisenden, der vom schönsten Wetter begünstigt dem Lande der Sonne und -Schönheit zueilte, atmeten Heiterkeit und Lebensfreude, und ein neuerliches -Schreiben versprach dem Sohne und den Freunden allerlei Erfreuliches und -Ergötzliches mit heim zu bringen. - -So fühlte sich denn Lux im freien Genuß der Gegenwart und in stiller -Hoffnung auf die Zukunft im ganzen glücklich, zumal Blanche, die nicht -mehr unter dem überwiegenden Einfluß Manuels stand, sich ihm wieder mehr -zuwandte. Das wurde dann die Ursache, daß Manuel, dessen Eifersucht diese -Wandlung wohl bemerkte, der Vergangenheit und seinem Heimweh wieder kräftig -entzogen wurde und sich wieder leidenschaftlich dem Tage zuwandte. Ein -stilles Ringen begann jetzt unter den beiden Knaben um das Mädchen, das -fortfuhr, seine Gunst gleichmäßig zu verteilen. - -Lux war schon zufrieden, wenn er nicht hinter Manuel zurückstehen brauchte; -der war nun einmal da, und ein Anteil von Blanches Freundschaft war ihm -nicht zu verweigern. Nur wachte Lux eifersüchtig darüber, daß ehrlich -geteilt wurde. Anders Manuel, der anspruchsvoller am liebsten die kleine -Freundin für sich allein gehabt hätte, und die alte Eifersucht und den -alten Groll auf Lux wieder aufkeimen fühlte. Und sonderbarer Weise kam er, -ohne daß Blanche es wollte, nur durch eigene Schuld, wenn auch unbewußt, -ein wenig ins Hintertreffen. Wetteiferten sie auf den Ausflügen, sich durch -kleine Gefälligkeiten und knabenhafte Galanterien beliebt zu machen, so kam -Lux ihm oft zuvor, weil es nicht in Manuels Natur lag, über Blanche -Frau Elisabeth zu vernachlässigen. Schon als der ältere fühlte er sich -verpflichtet, ihr Ritterdienste zu leisten, während der jüngere Lux an -dergleichen Artigkeiten nicht dachte und nur für Blanche da war. - -Da schlug denn jenem oft das Herz, wenn er neben Frau Elisabeth herging, -ihren Mantel trug, oder sich ihrer Unterhaltung widmete und sehen mußte, -wie Lux und Blanche fröhlich vorauf sprangen, auch wohl einmal wieder, wie -in früheren Tagen, Hand in Hand. - -Frau Elisabeth ließ das Betragen des ritterlichen Knaben nicht ohne -Anerkennung, indem sie ihn ihrem Töchterchen als Beispiel hinstellte, wozu -die unbekümmerte Blanche reichlich Gelegenheit gab. - -»Du könntest dich deiner Mutter auch einmal gefällig erweisen,« sagte sie. - -»Mutti, was soll ich denn tun?«, rief Blanche stürmisch, die Arme -schmeichelnd um ihren Hals legend. Aber dabei blieb es denn auch. Manuel -doch war stolz auf Frau Elisabeths Lob, und trug dafür die Qualen der -Eifersucht heroisch weiter. - -Anders aber gab er sich zuhause, bei den Spielen im Garten, wo die Kinder -unter sich waren. Da trachtete er, das Versäumte nachzuholen, und forderte -sein vorenthaltenes Teil mit Zinsen ein. Blanche, die ganz nach Lust und -Laune handelte, und keinen eigentlich bevorzugte, fühlte sich dann manchmal -von seinem heftigen Wesen befremdet, und hielt sich ein wenig zurück, ohne -zu ahnen, wie weh sie ihm tat und wie sehr sie ihn reizte. - -Ihr Name erschien schon lange wieder in seinen Gebeten, und er stammelte -ihn halb laut aus sehnsüchtigen und kranken Träumen heraus. - -Und eines Nachts, als ein Traum ihm gezeigt hatte, wie Blanche Hand in -Hand mit Lux Blumen pflückte, während er abseits stand und nicht zu ihnen -konnte, saß er, erwacht, aufrecht im Bett und starrte voll Zorn, Haß und -Kummer durch das Dunkel auf Lux, der ruhig in seinen Kissen lag. Manuels -Fäuste ballten sich, und seine Zähne preßten sich wild aufeinander. Hätte -Lux Licht gemacht, er hätte sich vor diesem Gesicht entsetzt, das durchaus -nicht mehr kindlich aussah, sondern mit dem Ausdruck einer fast männlichen -Energie heißen Haß und tiefschneidendes Weh verband. - -Lux wachte freilich, und auch seine Gedanken beschäftigten sich mit Manuel. -Er sah ihn auch, obgleich nur undeutlich, aufrecht im Bett sitzen, wenn der -Vorhang, hinter dem das Fenster offen stand, von einem stärkeren Luftzug -getroffen sich leise hin und her bewegte und das Dunkel ein wenig -aufhellte. Auch suchte Lux nach einem Wort, ihn anzureden, aber er fand -keines; denn was ihn zu reden trieb, beschäftigte auch wieder so sehr seine -Gedanken, daß er damit nicht fertig wurde. - -Manuel hatte im Schlaf laut und leidenschaftlich Blanches Namen gerufen. - -»Blanche! Blanche!« - -Zweimal hatte der geliebte Name mit einem wehen Laut durch das Dunkel -und durch die Stille gezittert. Etwas Fremdes, nicht Gekanntes klang dem -erschreckten Lux daraus entgegen. - -»Blanche! Blanche!« - -»Was hast du? Was ist dir?«, wollte Lux rufen, aber etwas lähmte seine -Zunge, benahm ihm den Atem. Fast unheimlich klang dieses zweimalige Rufen. - -Und jetzt wurde wieder Manuels Stimme laut. - -»Lux! -- Lux! -- schläfst du?« - -»Nein, was willst du?« - -Manuel gab keine Antwort. - -»Willst du was?« fragte Lux noch einmal dringlicher. - -»Ja.« - -Und dann rang sich jedes Wort langsam und leise, aber leidenschaftlich von -den zuckenden Knabenlippen. - -»Ich liebe Blanche. Sie soll nicht immer nur mit dir freundlich sein. Ich -halte das nicht aus. Ich will es nicht.« - -Im Dunkel der Nacht saß der Knabe aufrecht in seinem Bett und stammelte -dieses Bekenntnis, und es war Lux, dem er es vorstammelte, Lux, der am Tage -der letzte gewesen wäre, dem er es anvertraut hätte. Aber er mußte sein -übervolles Gemüt entladen, war froh, daß er Lux nicht dabei sehen konnte, -sprach wie zu einem Fremden, fühlte, wie bei jedem Wort die Tränen höher in -ihm aufstiegen, und zitterte am ganzen Leibe vor Erregung. - -Eine lange Stille folgte Manuels Worten, während nur sein unterdrücktes -Schluchzen zu vernehmen war. - -Ich liebe Blanche! Lux hätte nie für sein Empfinden für Blanche diesen -Ausdruck gefunden. Er war aufs neue erschreckt, beängstigt, von etwas -Fremdem verwirrt. - -»Blanche ist doch auch gegen dich freundlich,« sagte er. Er konnte Manuels -Weinen nicht länger hören und hätte ihn gern getröstet. - -»Wir kennen uns doch auch schon viel länger, Blanche und ich,« fuhr er -fort. »Deswegen ist sie doch nicht weniger freundlich mit dir. -- Laß doch -das Weinen. -- Ich will es ihr sagen, daß sie freundlicher mit dir sein -soll!« - -»Nein!« rief Manuel, schrie es fast. »Daß du es ihr nicht sagst. Ich -glaube, ich könnte dich töten, wenn du es tust.« - -»Dummes Zeug!« brummte Lux, der solche Leidenschaft nicht verstand und sich -ärgerlich auf die andere Seite legte. - -»Lux! du! Lux!« - -»Was denn?« - -»Daß du es ihr nicht sagst!« - -»Mir ist es gleich. Du kannst es ihr ja selbst sagen. Aber jetzt möchte ich -gern schlafen.« - -Seine Müdigkeit überwog wirklich seine Teilnahme für Manuel und auch für -Blanche. Es dauerte nicht lange, da schwebten wieder seine leisen, feinen -Atemzüge durch das Zimmer. - -Manuel aber lag noch lange wach und betete zum ungezählten Male zur Mutter -Gottes, sie möchte ihm das Herz der kleinen Blanche zuwenden. - -Die Folge dieses nächtlichen Zwiegespräches war eine weitere Entfremdung -zwischen den Knaben. Lux betrachtete Manuel jetzt mit ganz anderen Augen. -Er fühlte etwas wie Neid. So viel er von Blanche hielt, seinen Schlaf -hatte sie ihm noch nie gestört. Und nun gar diese Tränen, dieser -leidenschaftliche Ausbruch Manuels in der Nacht. Er schämte sich und schalt -sich, daß er nicht auch so empfand. Manuel war freilich auch schon älter -als er und in vielem reifer. Lux war ehrlich genug, es anzuerkennen, und -hatte Respekt vor ihm. Aber das wurmte ihn wieder; er hätte ihn lieber -verachtet. Sein Selbstgefühl bäumte sich auf, und er besann sich darauf, -daß er ältere Rechte als Manuel hatte, der nur ein Eindringling war. Und -zugleich erwachten Gedanken in ihm, die bisher geschlummert hatten. - -»Ich liebe Blanche auch. Er soll nicht glauben, daß er es allein ist.« Und -er wurde mißtrauisch und beobachtete die beiden. - -Manuel haßte Lux nur umsomehr, als er ihn jetzt zu fürchten hatte. Oh, -daß er sich ihm in jener Nacht in seiner Seelennacktheit gezeigt hatte! -Er schämte sich vor ihm und suchte seinem Blick auszuweichen, wurde -argwöhnisch und belauerte Blanche, ob sie wohl etwas wisse. Ganz im -tiefsten Innern war dabei der heimliche Wunsch rege, sie möchte es wissen; -er würde Lux jetzt nicht mehr deshalb töten. - -»Du hast doch nichts gesagt?« fragte er ihn zwei Tage später und zwang sich -zu einem Ton freundlicher Vertraulichkeit. - -»Was denn?« fragte Lux mit verstellter Gleichgültigkeit. - -Manuel ärgerte sich. - -»Das weißt du recht gut.« - -»Ach das.« - -Der Ton war womöglich noch gleichgültiger. - -»Ich will es aber wissen!« - -Manuel wurde heftig. - -»Frage sie doch selbst,« gab Lux zur Antwort. - -Zornig ging Manuel weg. - -An diesem Tage kam ein Brief Dr. Irmlers, der eine Verlängerung seiner -Reise um höchstens acht Tage ankündigte und hoffte, daß Lux den Freunden -nicht lästig werden würde. Die Veranlassung zu diesem Schreiben aber war -diese: - -Er ist in Rom, kommt abends spät aus einer kleinen Gesellschaft, hört in -einer einsamen menschenleeren Straße plötzlich einen Schrei ganz in seiner -Nähe und steht im nächsten Augenblick vor einem entseelten Körper, der -quer über den Bürgersteig liegt. Ein Schatten fliegt über die Straße, ein -geisterblasses Gesicht wendet sich noch einmal um, und er meint im ersten -Augenblicke nichts als zwei große schwarze, weit aufgerissene Augen in -diesem Gesicht zu erkennen. Aber schon nahen Schritte, er wird bei der -Leiche gesehen, verdächtigt, und muß mit auf die Wache. Hier gelingt es ihm -bald, seine Unschuld glaubhaft zu machen. Indessen kann man ihn nicht -ganz freigeben, da er den Mörder gesehen haben will und eine ungefähre -Beschreibung von ihm zu liefern imstande ist. Des einzigen Zeugen muß -man sich versichern, zumal seine Angaben viel Wahrscheinlichkeit für sich -haben. Seine Beschreibung paßt auf einen jungen Burschen, den man mit dem -Getöteten befreundet weiß, und von dem es bekannt ist, daß er sich mit -jenem gleichzeitig um ein hübsches und braves Bürgermädchen bewarb. - -Vor die Frage gestellt, glaubt Dr. Irmler sich noch anderer Merkzeichen -entsinnen zu können, als nur der dunklen Augen. Und alles zeigt auf -jenen Freund hin. Dieser wird gefunden, festgenommen und dem Zeugen -gegenübergestellt, der ihn zu erkennen glaubt. Ein anfängliches Leugnen -zieht die Sache hin, aber der Unglückliche entschließt sich zuletzt zu -einem Geständnis. Und wirklich ist die unselige Eifersucht das Motiv seiner -Tat. - -Diese Begebenheit hatte Dr. Irmler mehrere Tage gekostet, während welcher -er nicht fähig war, seinen Studien nachzugehen. So war noch manches -nachzuholen und eine Verlängerung seines Aufenthaltes erwünscht. - -Er möchte sich nicht beeilen und sich nicht sorgen, schrieb Frau Elisabeth -zurück. Lux wäre gut aufgehoben, und sie hätten ihn alle gern bei sich. - -»Daß dieses hitzköpfige Volk doch immer gleich zum Messer greifen muß!« -sagte ihr Gatte beim Tee, als er von dem Inhalt des Briefes erfuhr. »Und -wenn es dann noch wenigstens zum ehrlichen Zweikampf schreitet. Aber ein -feiger Meuchelmord aus solchem Beweggrunde, noch dazu an einem Freund, will -einem schier unverständlich sein.« - -»Es ist schrecklich,« erwiderte Frau Elisabeth, »wie die Leidenschaft alles -verdunkelt, alle Begriffe von gut und böse auslöscht und den Menschen zum -blinden Werkzeug seiner Triebe macht. Ich erinnere mich eines ähnlichen -Falles aus meiner Heimat, wo ein sonst liebenswürdiges Schwesternpaar sich -um einen jungen Mann heftig entzweite; beide getäuscht, suchten sie statt -Trost in der Versöhnung Trost im Tod. Man fand beide Leichen am blühenden -Sommerrain des kleinen Flusses, von den mitleidigen Wellen sanft -nebeneinander hingebettet.« - -So erzählte Frau Elisabeth in tiefer Ergriffenheit. Den Kindern enthielt -sie diesen Teil des Briefes vor. Es schien ihr nicht ratsam, die jungen -Seelen schon mit solchen Dingen zu beschweren; sie würden früh genug die -Tragik des Lebens kennen oder doch wenigstens ahnen lernen. Sie sagte ihnen -nur, daß Dr. Irmlers Studien seine Anwesenheit in Rom noch für einige Tage -verlange. - -Lux selbst war zufrieden. Die Tage gingen abwechselungsreich hin, und die -leichten Schatten, die die Verstimmung zwischen ihm und Manuel auf ihre -Freuden warf, bedrückten ihn nicht allzusehr. - -Manuel jedoch war keineswegs erfreut über Luxens verlängerten Aufenthalt. -Acht Tage noch! Wäre doch die Zeit bald um! - -Blanche aber rief einfach: »Wie schön!« obgleich es ihr keinen großen -Kummer gemacht hätte, Lux schon jetzt an seinen Vater zurückzugeben. - -Nun mußte es geschehen, daß Frau Elisabeth um diese Zeit von heftigen -Kopfschmerzen anhaltend geplagt wurde, so daß sie sich den Kindern nicht so -viel wie sonst widmen konnte. Sie überließ sie um so ruhiger sich -selbst, als es ihr bisher erschienen war, daß sie in guter Kameradschaft -miteinander verkehrten. - -Aus dieser Ruhe sollte sie eines Tages aufgestört werden. Die Spannung -zwischen den beiden Knaben hatte sich wie ein böses Geschwür weiter -gefressen, das nun unerwartet aufbrach. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -7. KAPITEL. - - -Blanches Geburtstag sollte, wie alljährlich, festlich gefeiert werden. Ja, -man plante diesmal etwas ganz Besonderes. Das beständige schöne Wetter -ließ das Gelingen eines kleinen Gartenfestes erhoffen. Ketten von Lampions -sollten gezogen und eine italienische Nacht unter nordischem Himmel -hergezaubert werden. Wochenlang hatte man sich schon darauf gefreut, -und diese gemeinsame Vorfreude war immer wieder das Band gewesen, -Auseinanderstrebendes zusammen zu halten. - -Nun war der festliche Tag da, und alles stand in Erwartung eines besonderen -Freudentages früher auf als sonst. Schon am Morgen kam eine Cousine -Blanches, während die anderen kleinen Gäste sich erst am Nachmittag -einfanden. Es war ihrer ein großer Kreis geladen worden, auch Knaben, damit -es den Mädchen nicht an Tänzern fehle. Alle kleinen Freundinnen kamen in -weißen Kleidern mit bunten Schleifen und Schärpen und brachten Blumen und -Schokolade und kleine Geschenke mit. Alle gaben sie Frau Elisabeth mit -einem zierlichen Knicks die Hand und schauten sich dann mit großen Augen -im Kreise um. Die Knaben traten selbstbewußt auf, und konnten doch eine -lächerliche Verlegenheit und Unbeholfenheit nicht verbergen; sie waren in -der Minderzahl und hätten offenbar lieber unter sich Pferd oder Räuber und -Soldat gespielt, als sich hier sittsam und kavaliermäßig zu betragen. Sie -hielten sich zu Lux und Manuel und staunten diesen ebenso an, wie es die -kleinen Mädchen taten. - -»Wie braun er ist,« flüsterten sie untereinander. - -»Er kommt nachher in unsere Schule.« - -»Aber klein ist er nur.« - -»Ist er nett?«, fragten sie Lux leise, und Lux sagte: »Sehr nett.« - -Daß er ziemlich gut deutsch sprach, merkten sie bald, und ebenso, daß er -ihnen allen an Sicherheit des Betragens überlegen war. Lux war einer von -ihnen, aber Manuel war etwas Besonderes. - -Manuel merkte wohl, daß er Eindruck machte, und fühlte sich geschmeichelt, -denn er dachte an Blanche dabei. Ihr wollte er gefallen. - -Blanche aber war anfangs noch viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt; -sie war nicht ohne mädchenhafte Eitelkeit und wollte in ihrem neuen -Geburtstagskleide auch gefallen. Sie sah in der Tat reizend aus. Ihre -zarte, sonnige Elfenschönheit war vom Glanz heiterer Freude umstrahlt. Dazu -kam das Bewußtsein, Hauptperson zu sein, und die Überlegenheit der kleinen -Wirtin, die sich bei sich zuhause fühlt und glücklich ist, ihren Gästen -etwas bieten zu können. - -Es war ein liebliches Bild, die vielen hellen, mit farbigen Bändern -geschmückten Kindergestalten sich im Garten tummeln zu sehen. Die Blumen -auf den Beeten jedoch, vor allem die in vollem Flor stehenden Rosen, -scheuten solche Nachbarschaft nicht, sondern behaupteten sich in schönster -Pracht. Auch die kleinen bunten Papierlaternen, die ganz regungslos in der -stillen Luft hingen und sich auf den Abend zu freuen schienen, wo sie -ihr Licht leuchten lassen sollten, kamen schon jetzt in ihrem bunten -Farbenschmuck zu hohen Ehren. Wenn sie erst brennen würden, das mußte schön -sein. Doch damit sollte es noch ein wenig Zeit haben. Es waren lange, helle -Abende, und die Illumination war als Abschluß des Festes gedacht. - -Allerlei Spiele vertrieben indessen die Zeit. Man spielte Haschen, von -Baum zu Baum und Topf schlagen. Wie gerufen fanden sich ein paar -Straßenmusikanten vor dem Hause ein; man holte sie herein und improvisierte -auf kurz geschorenem Rasen ein lustiges Tänzchen zu keineswegs -wohlklingender Musik. Aber wer tanzen will, dem ist leicht geblasen. Die -geschmeichelten Künstler befleißigten sich, ihr Bestes zu leisten, und -namentlich die Klarinette gab sich alle Mühe, in diesem herrschaftlichen -Kreise ehrenvoll zu bestehen. - -Als sich die Leute nach drei Tänzen wieder verabschieden wollten, wollte -man sie nicht weglassen. Noch einmal! noch einmal! Die kleinen Tänzer waren -unersättlich. - -Da besprach sich Frau Elisabeth mit den Musikanten, daß sie für eine -hinreichende Entschädigung noch ein halbes Stündchen bleiben und sich -zum Schluß an die Spitze einer Polonaise stellen möchten, die sich mit -brennenden Papierlaternen unter den leuchtenden Lampiongewinden durch den -Garten bewegen sollte. Als sie einwilligten, entstand allgemeiner Jubel, -und man war einig, ein so schönes Fest noch nicht gefeiert zu haben. - -Nun waren die anderen Knaben fast alle schlechte Tänzer. Auch Lux stand -hierin hinter Manuel zurück. Dieser war der einzige, der eigentlich tanzen -konnte, während die Kunst der anderen nicht viel mehr als ein munteres -Hüpfen war. Das genügte ja nun für diese kleine Gesellschaft vollkommen. -Aber die Dämchen waren doch froh, wenn der bewunderte Spanier ihnen seine -Aufmerksamkeit schenkte. Die schien nun freilich einzig dem Geburtstagskind -zu gelten. Schon längst hatte Lux das mit Verdruß bemerkt. Gerade den -Spielkameraden gegenüber ärgerte es ihn. Was mußten sie denken. Seine -Versuche, Manuel aus dem Sattel zu heben, schlugen alle fehl; Blanche -schien nur für diesen da zu sein, oder sie war zu schwach oder zu -ungewandt, sich seinem Einfluß zu entziehen. - -Das nächtliche Geständnis Manuels hatte Lux die Augen geöffnet und seinen -eigenen Gefühlen für Blanche die Unbefangenheit geraubt. Er hatte sie auch -lieb, Manuel sollte sie nicht für sich allein haben. - -Und wie hübsch war Blanche heute. So war sie ihm noch nie erschienen. Er -hätte sie bei der Hand nehmen mögen wie früher: komm Blanche, wir wollen -allein spielen. Alle die anderen Mädchen beachtete er nicht. Da war eine -Größere mit stillen, klugen Augen, die immer Lux suchten. Aber er merkte es -nicht und sandte seine Blicke nach Blanche aus. - -Mit einem Male war Blanche verschwunden. Wo war sie? Und jetzt fehlte auch -Manuel. - -Vergeblich sah er sich nach den beiden um; die Gesellschaft war groß genug, -daß sie sich ungesehen hatten entfernen können. Lux wollte Gewißheit haben -und suchte den ganzen Garten ab. Schon gab er die Hoffnung auf, sie zu -finden, als sein Fuß stockte. - -Waren das nicht Stimmen? - -Aus dem Nußgebüsch am Bach? - -Ein Flüstern? - -»Blanche, süße, liebe Blanche!« - -Ein Griff, und Lux riß die Sträucher auseinander. - -Da saßen sie auf der niedrigen Rasenbank, und die glühende Blanche empfing -die ersten, stürmischen Küsse des wilden, leidenschaftlichen Knaben. - -Mit einem Schrei schreckte Lux die Selbstvergessenen auf, stürzte sich auf -sie und riß Manuel weg, stieß den Erschrockenen, daß er taumelte und zu -Boden stürzte. - -»Lux! Lux!« rief Blanche angstvoll. - -Manuel war wie eine Katze wieder aufgesprungen, und mit zornfunkelnden -Augen standen sich die beiden Knaben gegenüber. - -»Das sag ich nach,« keuchte Lux, atemlos vor Aufregung. - -Ein Blick grenzenloser Verachtung traf ihn aus Manuels schwarzen Augen. - -»Wage das nicht!« - -»Alles, alles sage ich nach,« zischte Lux. - -Wie ein wildes Tier schäumte Manuel auf. - -»Manuel! Lux! Manuel!« - -Vergeblich versuchte Blanche sich zwischen sie zu werfen. Der Augenblick -war jetzt da, wo diese beiden Knaben, in deren Seelen sich langsam der Haß -angesammelt hatte, aneinander geraten mußten. Wie zwei Panther fielen -sie sich an, packten sich und rangen miteinander, nur von dem einen Trieb -beseelt, den andern unter sich zu bringen. - -Es war Zufall, daß Manuel unterlag. Er stolperte und rutschte aus, fiel auf -den Rücken und riß Lux über sich. - -Mit weit aufgerissenen Augen, zitternd, keines Wortes mächtig, starrte -Blanche auf die kämpfenden Knaben, schrie nicht auf, als Manuel fiel, -starrte nur in zitterndem Schweigen auf den Kampf. Selbst der Gedanke, es -ist deinetwegen, verblaßte. - -Wenn sie sich nur nicht weh tun! - -Diese fürchterlichen Knaben! - -Wie wild sie immer gleich sind! - -Sie kennt Lux kaum wieder. Wie verrückt hämmert er auf Manuel los. Sie kann -es nicht mehr mit ansehen und stürzt hinaus. - -Da folgt ihr ein kurzer Schrei. - -Lux taumelt ihr nach, die Hand auf der Brust. - -»Blanche!« - -Es klingt röchelnd, aus tiefster Angst heraus. Totenblaß ist Lux, taumelt -hinter sich, dreht sich um, greift in die Luft und fällt mit einem dumpfen -Aufschlag zu Boden. - -Blut! - -Es rinnt über seine Bluse, ein feiner, roter Streifen. - -Da kreischt sie laut auf und stürzt weg, und ihr Kreischen schreckt die -Tanzenden auf und macht die Musik verstummen. - -Hinter ihr teilt sich das Gesträuch, und Manuel, das Messer noch in der -krampfhaft geballten Faust, steht starr vor Lux. Aller Haß, aller Zorn ist -aus den schwarzen Augen verschwunden; entsetzt, mit leeren Blicken sehen -sie wie auf etwas Rätselhaftes. - -So findet man die beiden Knaben. Die Musikanten, der ganze Kinderschwarm, -alles drängt sich herzu. - -Lux atmet noch. Sein Gesicht ist schneeweiß, und die geschlossenen Lippen -zucken. - -Einer der Musikanten, der Fagottbläser, ein großer Mensch mit einem roten -Gesicht, nimmt ihn auf die Arme und trägt ihn ins Haus. - -Frau Elisabeth, mit dem willenlosen Manuel an der Hand, folgt. Sie -schickt die kleinen Gäste nach Hause, und das schöne Fest findet ein jähes -schreckliches Ende. - -Kein Wort ist aus Manuel herauszubringen, so sehr auch Frau Elisabeth -in ihn dringt. Aber er wirft sich ihr zu Füßen und bleibt unter heftigem -Schluchzen liegen, bis man ihn gerührt, erschüttert, aufhebt und auf sein -Bett legt. - -Als der Vater vom Kontor nach Hause kam, hatte Blanche bereits alles -gebeichtet, unter strömenden Tränen. Die Gatten verharrten in dumpfem -Schweigen gegeneinander. Wie sollten sie sich über das unselige Geschehnis -auslassen. Erst nach und nach sprachen sie sich aus. Sie gedachten jenes -römischen Briefes als einer Warnung, die sie nicht verstanden hatten, und -machten sich Vorwürfe. Hätte nicht ein solches Beispiel, wohin ungebändigte -Leidenschaft führt, auf Manuel Eindruck machen und das Schreckliche -verhüten können? - -Eine Depesche eilte nach Rom, und schon am dritten Tage saß Dr. Irmler -gebrochen am Bett seines Knaben. Man hatte Lux noch nicht umbetten können; -doch gab der Arzt Hoffnung, daß es sich in den nächsten Tagen ermöglichen -ließe. Direkte Lebensgefahr war nicht vorhanden, aber der Kranke bedurfte -der sorgsamsten Pflege und äußersten Schonung. Der linke Lungenflügel war -durch den Stich der kurzen Taschenmesserklinge verletzt worden. Die Heilung -war sicher, wenn sie in Ruhe, ohne Störung vor sich gehen konnte. - -Dr. Irmler, so dicht vor den Verlust seines einzigen Glückes gestellt, -wollte doch die Selbstanklagen der Freunde nicht gelten lassen und war weit -davon entfernt, ihnen irgend einen Vorwurf zu machen. Wie hätten sie ein -solches Unglück verhüten wollen? Was hätte sie bei der großen Jugend der -Kinder auf die rechte Spur führen sollen, auf den Gedanken, daß sich hier -in diesen jungen Seelen eine Tragödie vorbereite? - -Manuel war freilich als leidenschaftliches Kind bekannt, aber doch auch -als ein edelveranlagter Charakter wiederholt erprobt worden. Sein tiefer -Schmerz jetzt, sein völliges Zusammenbrechen entwaffnete jeden Zorn und -rührte die Herzen. Man empfand tiefes Mitleid mit ihm und verschonte den -Beklagenswerten mit unnützen Vorwürfen. - -Frau Elisabeth hatte ihn auf seinem Zimmer aufgesucht, nachdem sie von -Blanche gehört, wie alles gekommen. Er lag mit dem Kopf auf dem Tisch und -wagte nicht aufzusehen. Sie trat an ihn heran, legte ihre Hand leise auf -seinen dunklen Scheitel und sagte ernst, doch ohne Vorwurf: - -»Ich weiß nun alles, Manuel. Wir wollen Gott danken, daß es nicht schlimmer -ausgelaufen ist.« - -Er tastete nach ihren Händen, überströmte sie mit Tränen und bedeckte sie -wieder und wieder mit Küssen. Sie ließ es ruhig geschehen; es würde ihm gut -tun. Endlich entzog sie sich ihm leise. - -»Fasse dich nun, mein Junge,« sagte sie fast zärtlich. »Wir haben dir alles -verziehen. Du wirst zu deinem Vater zurück müssen, und alles, was gewesen, -wird wieder gut werden. Und nun gib mir die Hand und versprich mir, daß du -immer dein Herz und deine Hand hüten willst.« - -Er gab ihr leidenschaftlich die Hand und wollte sich wieder über die ihre -neigen, doch sie faßte ihm mit der Linken unters Kinn, hob sein Gesicht ein -wenig zu sich empor und küßte ihn mütterlich auf die Stirne. - -Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, hörte sie ihn wieder laut -aufschluchzen. Sie glaubte diese Knabenseele zu verstehen: Manuels Tränen -galten ebenso sehr Blanche, von der er sich jetzt trennen sollte, als -Lux und der Reue. Das erste heiße Feuer in einer erwachenden Kinderseele; -helle, hohe Flammen, heftig auflodernd, als wollten sie die Welt in Brand -stecken, und dann ein ebenso jähes Erlöschen. - -Um Blanche und Lux war sie ein wenig in Sorge, welchen Einfluß dieses -Erlebnis auf ihre jungen Seelen haben würde. Auch dachte sie darüber nach, -wie weit sie Blanche Vorwürfe zu machen hätte. Jedes Wort zu viel könnte -schaden statt nützen. Blanche war doch noch ein ganzes Kind, harmlos, -wenig fest, und leicht zu bestimmen. Frau Elisabeth wußte schon die Antwort -voraus, als sie sie fragte, wie sie dazu gekommen wäre, ihre Gäste einfach -zu verlassen und mit Manuel zu gehen. - -»Er wollte es ja durchaus.« - -»Und du weißt nicht, daß sich das nicht schickt? Wäret ihr bei den anderen -geblieben, so wäre alles nicht geschehen. Das war sehr unrecht von dir. Du -siehst, was für ein Unglück aus solchen Kindereien entstehen kann.« - -Frau Elisabeth hielt es für das richtigste, Blanche gegenüber diesen -Ausdruck zu gebrauchen: Kindereien. Blanche freilich war wenig geneigt, es -als Kindereien zu nehmen. Sie kam sich sogar sehr wichtig vor. Schade, daß -noch Ferien waren; am liebsten wäre sie morgen in die Schule gegangen, um -zu hören, was die Freundinnen sagten. - -Natürlich tat Lux ihr furchtbar leid. Und wie traurig Dr. Irmler aussah. -Aber Lux würde ja nicht sterben. Sie wußte, was der Arzt gesagt hatte. -Und sie wollte auch jeden Abend beten, daß der liebe Gott Lux doch wieder -gesund werden ließe. - -Am meisten waren ihre Gedanken natürlich bei Manuel. Der kam nicht von -seinem Zimmer, und sie sah und hörte nichts von ihm. Sie wollte die Mutter -nach ihm fragen, wagte es aber dann doch nicht. So spionierte sie herum, ob -sie nicht irgendwo etwas von ihm erhaschen könne. - -Sie war in Angst um ihn. Ob er wohl bestraft werden würde? Er durfte nicht -stechen. Lux hatte allerdings angefangen. Was ging es den überhaupt an? Und -wie hatte er auf Manuel losgeprügelt. Der konnte sich ja garnicht anders -wehren, noch dazu, da er gefallen war und unter Lux lag. - -Vier Tage später fuhr ihr Vater mit dem kleinen Spanier weg, ohne daß -Blanche ihn wieder gesehen hatte. Manuel ist wieder zu seinem Papa -gefahren, hieß es, er läßt dich freundlich grüßen. - -Das fand sie empörend. So abzureisen, ohne ihr Adieu gesagt zu haben! - -Ob er nie wieder kommen würde? - -Sie wagte nicht, danach zu fragen. Aber sie sagte sich, daß sie ihn zum -letzten Mal gesehen hatte, daß er für immer weg war. - -Und nicht das kleinste Andenken an ihn besaß sie. Sie wußte, er hatte ein -altes Schreibheft von ihr, ein paar Haarbänder und ein Stückchen von ihrer -roten Geburtstagsschärpe, das er sich selbst abgeschnitten hatte. Aber sie -besaß nichts von ihm, gar nichts. Zum Geburtstag hatte er ihr einen Kasten -mit feinsten Bonbons geschenkt. Sie hatte sich sehr gefreut, aber die -Freundinnen hatten nachher die meisten aufgenascht. Ein paar waren noch -nachgeblieben, die wollte sie aufheben. Eine Stunde später aber erschien -es ihr doch pietätvoller, sie so zu verwenden, wie Manuel es gewollt hatte. -Und sie setzte sich ans Fenster, nahm das Kästchen vor sich auf den -Schoß und schob einen Bonbon nach dem anderen in ihren kleinen Mund und -zerlutschte ihn mit Hingebung. Ihre Gedanken waren dabei gar nicht einmal -bei Manuel, sondern ganz bei der Sache: der schmeckte nach Himbeeren, der -nach Pfeffermünz, und das war Kakaobutter! - -Und ihre Blicke schweiften dabei träumerisch über den Garten bis zu den -hohen Bäumen, die die Wiese jenseits des Bächleins einfaßten und auf deren -Wipfeln die leuchtende Sonne eines ersten heißen Augusttages lag. - - - - -[Illustration] - - - - -8. KAPITEL. - - -Manuel war abgereist, und Lux war umgebettet worden. Blanche war wieder -allein im Hause, in dem das Leben wie früher verlief, nur um ein weniges -gedämpfter. Sie war zu lange durch die Spielkameraden verwöhnt worden und -langweilte sich nun manchmal. Mit Lux würde sie wohl sobald nicht spielen -können. Zwar war er außer Gefahr und ging der Genesung entgegen. Aber es -ging langsam. Er mußte wohl noch ein paar Wochen ruhig im Bette verbringen. -Sie hörte täglich von ihm, aus dem Gespräch der Eltern, und einmal hatte -er sie auch grüßen lassen. Ihr Verlangen, ihn zu sehen, war nicht übermäßig -groß; es war mehr Neugierde, die sie gern befriedigt hätte, als eigentliche -Teilnahme. Er würde schon wieder besser werden, und dann würden sie im -Garten wieder zusammentreffen, und sie würde sich erst ein wenig vor ihm -schämen, und dann würde alles wie früher sein. - -Als Lux soweit war, daß er Besuch empfangen durfte, schickte Frau Elisabeth -Blanche mit ein paar Blumen hinüber. Es war Blanche fürchterlich, und sie -hätte am liebsten nein gesagt: doch trotzen durfte sie nicht. - -Sie ging also zu Irmlers, konnte es aber nicht über sich gewinnen, zu Lux -hineinzugehen. Sie gab die Blumen der alten Magdalene und log, ihre Mutter -habe gemeint, sie solle Lux lieber noch nicht guten Tag sagen. Natürlich -mußte die Unwahrheit herauskommen, und Frau Elisabeth war sehr böse und -schickte sie zur Strafe auf ihr Zimmer. - -Jetzt vertrotzte sich Blanche. - -»Wenn sie mich wieder hinschicken, gehe ich nicht.« - -Frau Elisabeth war solche Widersetzlichkeit bei ihr nicht gewohnt. Sie war -überrascht und überlegte, ob es nur kindischer Trotz sei, oder ob andere -Beweggründe dahinter stecken könnten. Berechtigte Auflehnung mit Gewalt zu -brechen, gehörte nicht zu ihren Erziehungsgrundsätzen. Drum sagte sie nur: - -»Ich wundere mich über dich, Blanche, und bin sehr traurig. Ich hoffe, -du besinnst dich und siehst ein, daß der arme Lux ein Anrecht auf ein -freundliches Wort von dir hat.« - -Diese Worte machten wohl einigen Eindruck auf Blanche, aber brachen doch -ihren Trotz nicht. - -»Ich wünsche, daß du jetzt hinüber gehst,« befahl Frau Elisabeth nach ein -paar Tagen. »Hier sind Orangen, die werden Lux erfreuen. Komm, ich werde -dich begleiten.« - -Sie nahm Blanche bei der Hand und ging mit ihr ins Nachbarhaus. Das Kind -war blaß und schwankte zwischen Trotz und Tränen. Die alte Magdalene -lächelte gutmütig und rief: - -»Ei, wird der Lux sich aber freuen, daß du kommst. Und die schönen Orangen! -Da geh nur gleich zu ihm hinein. Gerade Orangen sind so gut für ihn.« - -Das war freilich alles mit Überlegung gesagt und mit Frau Elisabeth unter -einer Decke gespielt. Aber es ermunterte Blanche doch und machte ihr -einigen Mut, als ihre Mutter sie nun einfach ins Krankenzimmer schob und -die Türe hinter ihr schloß. - -Da stand sie, ihr Körbchen Orangen in der Hand, mitten im Zimmer und sah -verlegen und hilflos auf Lux, der sie mit großen Augen anleuchtete. Sie -hätte kein Wort herausgebracht, wenn nicht er das Schweigen gebrochen -hätte. - -»Blanche! Du?« rief er. - -Es lag ebenso viel Überraschung als Freude darin. - -Da trat sie näher, und ihre Stimme zitterte, als sie sagte: - -»Ich wollte doch mal sehen, wie es dir geht.« - -»Danke, ganz gut! Der Doktor meint, ich würde wohl bald wieder aufstehen -dürfen.« - -Sie sagte nichts darauf, sondern stand mit ihrem Körbchen dicht vor seinem -Bett, und sah ihn mit verlegenem Lächeln neugierig an, musterte das Bett, -die Wand, die Bilder daran, und dachte endlich an die Orangen. - -»Die soll ich dir geben,« sagte sie. - -»O wie schön!« rief Lux. »Danke, Blanche!« - -Und er nahm das Körbchen und stellte es vor sich auf die Decke. - -»Willst du dich nicht hinsetzen?« fragte er. - -Sie setzte sich auf einen Stuhl vor seinem Bett und sah bald das Körbchen, -bald den Kranken an, während Luxens Augen still auf ihrem Gesicht ruhten, -mit einem gespannten Ausdruck, als erwarte er ein Wort von ihr. - -Es war merkwürdig, wie wenig sie sich zu sagen hatten. Endlich fragte sie: - -»Tut es noch weh?« - -»Manchmal. Aber nur ein ganz klein wenig.« - -Sie wurde mit einmal blutrot. Es war ihr, als müsse sie sich schämen, als -wäre sie selbst es, die ihn gestochen hätte. Wie dumm! Sie konnte doch -nichts dafür. - -Er aber dachte: »Warum wird sie so rot? Es ist doch nicht ihre Schuld.« - -In diesem Augenblick wurde die Tür leise aufgemacht und gleich wieder -geschlossen. Blanche nahm das als Zeichen, abbrechen zu müssen. Sie erhob -sich und gab ihm ungelenk die Hand. - -»Adieu, Lux!« - -»Adieu, Blanche! Ich danke dir auch. Willst du so gut sein und sie auf den -Tisch stellen?« - -Sie stellte die Orangen auf den Tisch und nickte ihm noch einmal zu. - -»Adieu, Lux!« - -Dann schloß sich die Tür hinter ihr. - -»Nun, hat Lux sich nicht gefreut?« fragte Frau Elisabeth. - -»Ja, sehr,« antwortete Blanche. - -»Siehst du? Und du wolltest nicht zu ihm gehen.« - -»Das wollte ich schon, aber nicht so schnell.« - -Blanche war froh, den ersten Besuch hinter sich zu haben; nun würde es ihr -leichter werden, wieder hinzugehen. Ob er wirklich nur wenig Schmerzen mehr -hätte? Er sah doch noch sehr blaß aus. Das tat er freilich immer. Aber doch -nicht so furchtbar blaß wie jetzt. Ob er wohl ganz wieder besser würde? So -ganz und gar wie früher? - -Dr. Irmler sagte abends zu ihrer Mutter, daß Lux sich sehr über den Besuch -von Blanche gefreut habe, und er sagte es auch ihr selbst: - -»Komm nur recht oft, Lux wird sich immer freuen. Er liegt so allein.« - -Sie war fast glücklich. Wenn er sich wirklich freute, wollte sie ja gern zu -ihm gehen; meinetwegen jeden Tag. - -»Vielleicht nimmst du ein Buch mit,« sagte Frau Elisabeth. - -Und sie ging am nächsten Tag mit einem Buch zu ihm. - -»Soll ich dir etwas vorlesen?« fragte sie. - -»Wenn du willst!« - -Seine Augen leuchteten auf und sprangen von ihrem Gesicht auf das Buch -über. - -Sie sah die Frage in seinem Blick. - -»Andersens Märchen,« sagte sie. »Magst du das auch hören?« - -»Ja, gern. Lies nur, was du willst, Blanche; es ist alles hübsch.« - -Er legte sich in die Kissen zurück, und sie blätterte noch ein wenig, -obgleich sie sich schon für die Geschichte von der kleinen Seejungfrau -entschieden hatte, und fing endlich an: - -»Weit hinaus im Meere ist das Wasser so blau wie die Blätter der prächtigen -Kornblume und so klar wie das reinste Glas, aber es ist außerordentlich -tief, tiefer als irgend ein Ankertau reicht. Viele Kirchtürme müßten -übereinander gestellt werden, um vom Grunde bis über das Wasser hervor zu -reichen. Dort wohnt das Meervolk.« - -Ihre Stimme war wie das Klingen kleiner Wellen, wie ihr leises Rauschen -und Plätschern am Strande. Und ihr eigenes Bild verfloß ihm mit dem der -jüngsten Meertochter. - -»Sie war doch die Schönste von allen, ihre Haut war so durchsichtig und -zart wie ein Rosenblatt, ihre Augen so blau wie das tiefste Meer, aber -wie alle die anderen hatte sie keine Füße, der Körper ging in einen -Fischschwanz aus.« - -Und Blanche saß so vor seinem Bett, daß er ihre Füße nicht sah, und er -lächelte ganz heimlich bei dem Gedanken und schloß die Augen. - -Sobald sie ihre fünfzehn Jahre erreicht hatte, sollte die kleine -Meerprinzessin Erlaubnis haben, aus dem Meere empor zu tauchen, im -Mondschein auf der Klippe zu sitzen und die großen Schiffe sich anzusehen, -die vorbei segeln. - -Blanche war nun vierzehn. Ein Jahr noch, so dachten sie beide, obgleich -Blanche doch keine Meerjungfrau war, die sich sehnte, empor zu tauchen und -auf Klippen zu sitzen. Aber je weiter sie lasen, je mehr nahm Blanche die -Gestalt der jüngsten Prinzessin an, sowohl für Lux, wie für sich selbst. - -So knüpfte das Buch ein neues Band zwischen ihnen. Lux hatte nicht -geglaubt, daß er noch soviel Geschmack an Märchen fände. Und gerade diese -kannte er ja alle schon. Aber wie neu klangen sie aus dem Munde der -kleinen Blanche, die mit geröteten Wangen und leuchtenden Augen auch das -Nebensächlichste mit so großer Wichtigkeit und herzlicher Betonung las. Sie -hatte einen lieblichen, singenden Klang in der Stimme und las so sicher und -fließend und versprach sich nicht ein einziges Mal. Doch! Als sie las, -wie die Störche nach Afrika zogen, da versprach sie sich sogar zweimal -hintereinander. Das machte, sie dachte dabei an Manuel und an dessen -Heimat, an die Brandung in dem Hafen von Tanger und an die braune Nushat. -Und dabei versprach sie sich, und Lux mußte lachen. - -Aber Manuels Name wurde nie wieder zwischen ihnen genannt. - -Schade, daß die Ferien zu Ende gingen. Blanche würde nun nicht jeden Tag -kommen können. Die Schule nahm viele Stunden des Tages in Anspruch, die -Schule und die Hausarbeiten. Aber Lux würde ja auch bald ganz gesund sein, -und dann würden sie wieder zusammen im Garten spielen. - -Und dann kam sie das letzte Mal mit dem Buch, und Lux bat: »Lies noch mal -das Märchen von der Nachtigall.« - -Und sie las noch einmal das Märchen von der Nachtigall, und Lux hörte fast -die ganze Geschichte mit geschlossenen Augen an, während ein glückliches -Lächeln auf seinem Gesicht lag. - - - - -[Illustration] - - - - -9. KAPITEL. - - -Frau Elisabeth war sehr froh, daß Blanche so bald vergaß, und legte es ihr -nicht als Oberflächlichkeit aus. Das Kind lebt dem Tage und soll ihm leben. -Seine kleinen Leiden überwindet es schnell und öffnet mit jedem neuen Tag -sich wieder der Sonne; wie die Blume am Abend ihren Kelch schließt und ihn -am Morgen in Reinheit und Frische wieder auftut. Und sie meinte, man solle -das Kind in diesem auf das nächste, auf die Gegenwart gerichteten Wesen -nicht stören und man solle froh sein, wenn ihm der Tag alles ist und das -Gestern nichts mehr gilt. Die Wandlung kommt leise von selbst, und stete -Sorge für eine rechte Gemütsbildung verhindert die Oberflächlichkeit. - -Für Lux war sie in dieser Beziehung nicht bange. Ihre eigene Beobachtung -und viele kleine Züge, die Dr. Irmler ihr erzählt hatte, sprachen dafür, -daß er ein reiches Innenleben führte. - -Wenn Lux mit keinem Wort nach Manuel fragte, so war es nur Scheu, einen -Namen zu nennen, der in jedermann schmerzliche Erinnerung erwecken mußte. -Hörte er doch auch von den Erwachsenen Manuels nie erwähnen, so daß es war, -als wäre sein vorübergehender Aufenthalt unter ihnen nur ein Traum gewesen. - -Nun war Manuel keineswegs so vergessen, als es den Anschein hatte. Blanches -Vater blieb nach wie vor in Geschäftsverbindung mit Herrn Negros, und es -kam Nachricht von dem weiteren Ergehen des kleinen Spaniers auf dem Weg -über das Kontor ins Haus. Ja von ihm selbst gelangte ein für seine Jahre -reifer und doch auch wieder kindlicher Brief in Frau Elisabeths Hände: - -»Ich denke jeden Tag und jede Nacht an Sie und an Blanche und an Lux und -bete für sie alle. Und ich bin sehr böse auf mich, daß ich ihnen so weh -getan habe und daß ich nun nie mehr zu ihnen zurück kann. Grüßen Sie -Blanche, ich werde sie nie vergessen. Und grüßen Sie auch Lux. Er soll mir -schreiben, daß er mir nicht mehr böse ist. Ich habe auch hier gute Menschen -gefunden, aber ich werde Sie nie vergessen können.« - -Sie schrieb ihm gütig zurück und bestellte ihm Grüße von Blanche und auch -von Lux, der noch nicht selbst schreiben dürfe, aber es ginge ihm besser, -und er dächte nur noch freundlich an ihn. - -Ob sie recht daran tat, den Kindern Manuels Grüße vorzuenthalten? Sie -überlegte lange und kam zu dem Entschlusse, daß es besser sei. -Blanche schloß sich eben in alter Weise wieder an Lux an, in harmloser -Kameradschaft; das wollte sie nicht stören. - -Es war in den ersten Tagen des September, daß Lux zum ersten Male in den -Garten gehen durfte. Er war völlig wiederhergestellt. Aber er trug noch die -Farbe des Krankenzimmers. Doch der Spätsommer war so schön, wie er selten -war, und die Sonne hatte noch Kraft genug, kranke Wangen zu bräunen. Die -Bäume standen still und früchteschwer, auf den Beeten dufteten Goldlack -und Levkojen, und Dalien und Georginen blühten üppig und farbenprächtig am -Wege. - -Hand in Hand gingen Lux und Blanche auf den sonnigen Steigen durch all die -reife, satte Sommerpracht zu ihrem Lieblingsplätzchen. Hier schwellten -am Strauch die grünen Haselnüsse. Kaum merklich stockte ihr Fuß, und sie -gingen verstummend vorüber. - -Das Bächlein, das im Hochsommer oft ein armseliges Rinnsal gewesen, lief -wasserreich vorbei und lockte sie. Sie setzten sich auf die Stufen, die -hinabführten, und sahen bis auf den klaren Grund. Da lag, halb übersandet, -ein verrostetes, offenes Taschenmesser. Sie sahen es beide zugleich. - -»Das ist es!« rief Blanche und reckte den Hals noch weiter vor. - -»Soll ich es holen?« fragte sie. - -»Ich darf es nicht!« sagte Lux. »Aber laß es doch. Was willst du damit?« - -»Nein, ich hole es.« - -Sie legte Schuhe und Strümpfe ab, und watete in das klare Wasser hinein; -es ging ihr fast bis an die Knie. Sie streifte die Ärmel hoch, als sie sich -nach dem Messer bückte, und ihr goldenes Haar fiel ihr wie ein goldener -Schleier vors Gesicht. - -Sie bemühte sich, das Messer zu schließen; doch vergeblich. - -»Gib her,« sagte Lux, tat, als ob er es auch versuche, besann sich einen -Augenblick und schleuderte es weit weg. - -»Du kannst dir Blutvergiftung damit zuziehen,« sagte er. - -Sie sah ihn unwillig an, beruhigte sich aber doch; was wollte sie auch mit -dem alten verrosteten Messer. - -»Möchtest du wohl, daß Manuel wieder kommt?« wollte sie fragen, dachte aber -noch rechtzeitig, daß sie ihn das kaum fragen dürfe. Er aber, als hätte er -ihre unterlassene Frage dennoch verstanden, sagte: - -»Es ist doch viel besser so, -- jetzt -- --« - -»Aber nett war er doch,« sagte Blanche nachdenklich. - -Durch den Garten zitterten die dumpfen Töne eines Gong. - -Langsam erhoben sie sich und gingen dem Hause zu, diesmal nicht Hand in -Hand. - -Blanche schlenderte etwas vorauf. Unter einem jungen Apfelbaum blieb sie -stehen. - -»Sieh mal!« rief sie bewundernd und wandte sich halb zurück. - -An einem niederhängenden Zweig saß an der äußersten Spitze ein schöner, -wachsglänzender, rotbackiger Frühapfel. - -Sie streckte die Hand danach aus, blieb einen Augenblick so auf den -Zehenspitzen stehen, und drehte leise an der schönen Frucht. - -Plötzlich löste sich der Apfel und blieb in ihrer Hand. - -»Ach!« rief sie und errötete vor Schreck. - -Doch schnell entschlossen gab sie den Apfel Lux. - -»Da!« - -Sollte er ihn zurückweisen? - -Zögernd nahm er ihn und ließ ihn ohne ein Wort in seine Tasche -verschwinden. - -»Blanche! Blanche!« klang die helle Stimme Frau Elisabeths vom Hause her. - -»Gleich!« rief Blanche zurück. »Ich komme schon! Adieu, Lux!« - -Sie nickte ihm zu und sprang leicht den Steig herauf. - -Lux blieb an der kleinen Pforte zurück und sah ihr nach; die Hand in -der Tasche spielte dabei mit dem Apfel. Ein leises Leuchten lag auf dem -schmalen, blassen Knabengesicht; und Lux wandte sich nicht eher weg, -als bis das weiße Kleid der zierlichen Blanche in der Nähe des Hauses -verschwand, in dessen Fenstern des Mittags rote Rosen blühten. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - Gedruckt in Leipzig - bei Poeschel & Trepte - - - - -In dieser Sammlung sind ferner erschienen: - - - =Marie von Bunsen=, _Allerhand Briefe, Novellen und Skizzen._ - Geh. 2 M., geb. 3 M. - - =Ludwig Ganghofer=, _Das Kaser-Mandl._ Eine Erzählung. Illustriert von - Carl Röhling. 10. Tausend. Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M. - - =F. Hugin=, _Hahn Berta_. Eine Erzählung. 4. Tausend. Kart. 2 M., - geb. 3 M. - - =Wilhelm Raabe=, _Halb Mähr, halb mehr._ Zwei Erzählungen. Illustriert - von Carl Röhling. 12. Tausend. Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M. - - =Ernst von Wildenbruch=, _Das edle Blut._ Eine Erzählung. Illustriert - von C. Röhling. 106. Tausend. Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M. - - -- _Claudias Garten._ Eine Legende. Illustr. von C. Röhling. 17. Aufl. - Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M. - - -- _Die Danaide._ Eine Erzählung. Illustriert von H. Vogel. 7. Tausend. - Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M. - - -- _Franceska von Rimini._ Novelle. Neue Ausgabe. Kart 2.20 M., geb. in - Leinw. 3 M., geb. in Leder 5.50 M. - - -- _Unter der Geißel._ Eine Erzählung. 8. Tausend. Kart. 2.20 M., - geb. 3 M. - - -- _Kindertränen._ Zwei Erzählungen. Mit Buchschmuck von Heinrich - Vogeler-Worpswede. 66. Tausend. Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M. - - -- _Der Meister von Tanagra._ Eine Künstlergeschichte aus Alt-Hellas. - Illustriert von Franz Stassen. 10. Aufl. Kart. 2.20 M., geb. 3 M. - - -- _Neid._ Eine Erzählung. 26. Tausend. Kart. 2.20 M., geb. 3 M. - - -- _Die letzte Partie._ Zwei Erzählungen. Kart. 2.20 M., geb. 3 M. - - -- _Semiramis._ Eine Erzählung. 8. Tausend. Kart. 3 M., geb. 3.60 M. - - -- _Vice-Mama._ Eine Erzählung. 21. Tausend. Kart. 3 M., geb. 3.60 M. - - * * * * * - - -Bücher von Gustav Falke - -(Verlag von Alfred Janssen in Hamburg) - - =Romane= - - _Aus dem Durchschnitt._ Geb. 3 M. - _Die Kinder aus Ohlsens Gang._ Geb. 4.50 M. - _Der Mann im Nebel._ Geb. 3.50 M. - - =Gedichtbücher= - - _Mynheer der Tod._ Geb. 4 M. - _Tanz und Andacht._ Geb. 4 M. - _Neue Fahrt._ Geb. 4 M. - _Zwischen zwei Nächten._ Geb. 3 M. - _Mit dem Leben._ Geb. 3 M. - _Hohe Sommertage._ Geb. 3 M. - _Frohe Fracht._ Geb. 3 M. - _Der gestiefelte Kater._ Dichtung in XI Gesängen. Geb. 3 M. - _Die Auswahl._ Gedichte. Geb. 5 M. - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Die Verlagswerbung wurde vom Buchanfang an das Buchende verschoben, der -Schmutztitel wurde entfernt. - -Symbole für abweichende Schriftarten: - - _gesperrt_ : =fett= . - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich -uneinheitlicher Schreibweisen, mit folgenden Ausnahmen, - - Seite 6: - "«," geändert in ",«" - (»Einen Bernhardiner,« rief Lux) - - Seite 40: - "glitzerden" geändert in "glitzernden" - (schnell wie die glitzernden Wellen) - - Seite 46: - "«," geändert in ",«" - (»Alle drei können wir ja doch nicht darin sitzen,« sagte er) - - Seite 49: - "erkärte" geändert in "erklärte" - (als er erklärte, er habe schon oft geraucht) - - Seite 63: - "keinen" geändert in "kleinen" - (als seiner kleinen Freundin Blanche, deren Plappermaul) - - Seite 66: - "entgegegenkam" geändert in "entgegenkam" - (wenn sie ihm entgegenkam, schlank, schwebend) - - Seite 72: - "bewang" geändert in "bezwang" - (eine Beschämung zu ersparen, bezwang er sich) - - Seite 77: - "einal" geändert in "einmal" - (deiner Mutter auch einmal gefällig erweisen)] - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Spanier, by Gustav Falke - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPANIER *** - -***** This file should be named 60583-8.txt or 60583-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/5/8/60583/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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