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-The Project Gutenberg EBook of Der Spanier, by Gustav Falke
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
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-
-Title: Der Spanier
- Novelle
-
-Author: Gustav Falke
-
-Illustrator: Carl Weidemeyer
-
-Release Date: October 27, 2019 [EBook #60583]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPANIER ***
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-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive)
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- DER SPANIER
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- NOVELLE VON
- GUSTAV FALKE
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- [Illustration]
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- 1910
- G. GROTE'SCHE
- VERLAGSBUCHHANDLUNG·BERLIN
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- Übersetzungsrecht wird vorbehalten
- Buchschmuck von Carl Weidemeyer
- Druck von Poeschel & Trepte, Leipzig
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-DER SPANIER
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-[Illustration]
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-1. KAPITEL.
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-Auf und ab flog die Schaukel, und Blanche, in weißem Kleide, ganz in Sonne
-gehüllt, stand aufrecht darin und konnte sich nicht genug tun. Immer höher!
-Immer höher! War das eine Lust!
-
-Die Schaukel kreischte in den Angeln, und Blanche fand eine zeitlang an
-dieser barbarischen Musik Vergnügen.
-
-Wie eine lichte Elfe flog sie zwischen all dem Sonnenschein auf und ab,
-beständig von weißen Taubenflügeln umspielt. Die dummen und gierigen
-Geschöpfe flatterten immer wieder von der Dachtraufe, oder der Laube,
-oder dem Taubenschlag auf die Erde, um dort nach irgend etwas, was ihren
-Schnabel reizte, zu picken, und alsbald, von der vorübersausenden Schaukel
-erschreckt, wieder lärmend aufzuschwirren. Es waren ihrer zwanzig, alle
-schneeweiß mit roten Füßen und roten Schnäbeln, und leuchteten in der
-Frühlingssonne, wie Blanche in ihrem weißen Kleide. Der ganze Frühling war
-weiß und leuchtete. Aus dem Garten schimmerten die schneeigen Kronen der
-vielen Obstbäume, und die hohe Bretterwand der Schaukel gegenüber war ganz
-und gar mit Pfirsichblüten bedeckt; ein zartes Rosa, wie auf den Wangen der
-kleinen Blanche.
-
-Wie schön waren doch diese Tage! Es war nicht mehr das erste Knospen, das
-die Vorfrühlingstage so unendlich reizvoll macht, die Vorfrühlingstage, wo
-man still, mit einem erwartungsvollen Lächeln, durch den Garten geht, zart
-und zärtlich die kleinen winzigen Knospenkinder anblickt und fast behutsam
-auftritt, als könnte man irgend etwas stören, und die ganze erwartete
-Seligkeit könnte ausbleiben; es war jetzt nichts mehr zu erwarten, es war
-schon alles da, der ganze, volle Frühling. Wie in einem Rausch hatte sich
-die Natur erschlossen; ein Blühen und Duften war es, und die Luft schwirrte
-von den Flügeln der kleinen Insekten, die um die Honigtüten summten, und
-den Blütenstaub von Blume zu Blume trugen. Und über dem Allen wölbte sich
-ein reiner, lichtblauer Himmel, durch den nur ein einziges weißes Wölkchen
-wie in seliger Verträumtheit dahin schwamm.
-
-Über dem Pfirsichspalier tauchte jetzt ein blonder Knabenkopf auf, ein
-längliches, blasses Gesicht mit einer Pagenfrisur.
-
-»Lux! Lux! komm schnell einmal herüber!« rief Blanche. »Ich habe dir etwas
-Neues zu erzählen!«
-
-Sofort verschwand der Pagenkopf wieder, und Blanche sprang aus der
-Schaukel. Ohne sich zu besinnen, lief sie durch die Pforte eines niedrigen,
-grün gestrichenen Holzgitters, das Hof und Spielplatz gegen den Garten
-abschloß, und ging dann ein wenig langsamer einen schmalen Steig hinunter,
-den zu beiden Seiten die schlanken Stämmchen junger blühender Pflaumenbäume
-einfaßten. Dahinter erstreckten sich rechts und links sauber abgezirkelte
-Gemüsebeete, gegen den Steig von einer schmalen Blumenrabatte begrenzt, auf
-der gelbe Tazetten, weiße Narzissen und blaue Iriskelche still in der Sonne
-standen und sich von einigen gewöhnlichen Kohlweißlingen den Hof machen
-ließen.
-
-Bei einem alten Dornbusch, dessen phantastisch gewundene Äste weit
-ausgriffen und eine roh aus Holz gezimmerte Bank überschatteten, und in
-dessen weißem Blütendach unzählige Sperlinge zankten, bog der Steig nach
-rechts um und lief hart an der Grenze des Gartens weiter. Hier befand sich
-in einer wohlgepflegten Ligusterhecke eine schmale Pforte, durch welche die
-Nachbarkinder miteinander verkehrten. An ihr erschien nun Lux mit fragenden
-Augen und etwas erhitztem Gesicht; er hatte laufen müssen, um gleichzeitig
-mit Blanche einzutreffen, denn der Nachbargarten, mehr Zier- und
-Lustanlage, hatte gewundenere Wege.
-
-Blanche winkte mit einem kurzen Ruck ihres hübschen Köpfchens den Knaben
-herüber, und er trat durch die schmale Pforte an ihre Seite. Sie gaben sich
-stumm die Hände, sahen sich einen Augenblick mit Wohlgefallen an und gingen
-dann Hand in Hand tiefer in den Garten hinein. Sie gewahrten nicht, daß
-sich nebenan ein schlanker, ernster Mann mit schwarzem Vollbart ein wenig
-aus einem niedrigen Strandstuhl vorbeugte, das Buch, in dem er gelesen
-hatte, einen Augenblick auf den Knien ruhen ließ, und ihnen mit einem
-leisen Lächeln in den sinnenden Augen nachblickte.
-
-Der Weg führte die Kinder in eine parkartige Anlage, wo dann ein schmales,
-schnellfließendes Bächlein die Grenze des Besitzes bildete. Jenseits dehnte
-sich eine schöne, von hohen Bäumen umsäumte Wiese aus; die gehörte zu einem
-Bauernhof, dessen Gebäude unter und zwischen den dichten, dunkellaubigen
-Baumwipfeln sichtbar wurden.
-
-An diesem Bächlein ließen sich die Kinder nieder. Es stand hier, auf
-einer kleinen künstlichen Erhöhung des Ufers, ein fünfeckiger, mit Stroh
-bedeckter Pavillon. Seine drei Bänke boten einen behaglichen Ruhesitz und
-einen beschaulichen Blick auf das grüne Wiesenbild, dem jetzt die ersten
-Hundeblumen ihre unzähligen goldenen Sterne eingestickt hatten. Aber nicht
-auf eine dieser einladenden Bänke setzten sich Blanche und Lux, sondern
-auf ein paar rohe Holzstufen, die zum Wasser hinabführten. Und nicht eher
-begann Blanche die Spannung ihres Freundes zu lösen, als bis sie es sich
-auf diesem primitiven Sitz völlig bequem gemacht hatte.
-
-»Rate mal, was wir bekommen,« begann sie kindlich und lebhaft.
-
-»Einen Bernhardiner,« rief Lux, der den Lieblingswunsch seiner kleinen
-Freundin wohl kannte.
-
-»Nein, ganz etwas anderes!«
-
-»Was schöneres noch?«
-
-»Du rätst es doch nicht. Besuch bekommen wir. Und rate mal von wem.«
-
-Lux sah sie hilflos an.
-
-»Von einem Spanier!« trumpfte Blanche heraus und legte den Kopf ein wenig
-zurück, um sich an der Wirkung ihrer Worte zu weiden.
-
-»Ein Spanier?« fragte Lux voller Verwunderung. »Wie heißt er?«
-
-»Den Namen habe ich vergessen. Aber er ist der Sohn von Papas
-Geschäftsfreund und soll hier die Schule besuchen.«
-
-Lux schwieg und sah aufs Wasser, das in kleinen, hastigen Wellen vorüber
-lief. Es war seine Art, zu verstummen, wenn ihn etwas innerlich sehr
-bewegte.
-
-»Ist er schon groß?« fragte er langsam.
-
-»Er ist ein halbes Jahr älter als du,« sagte Blanche. »Ich freue mich
-furchtbar darauf. Denke dir, wie nett wir dann zusammen spielen können.«
-
-»Spricht er denn deutsch?«
-
-»Ich glaube. Aber wenn nicht, so wird er es doch lernen. Wie könnte er
-sonst hier die Schule besuchen.«
-
-Lux unterdrückte einen kleinen Seufzer. Er wußte selbst nicht, warum er
-sich zu dem neuen Kameraden nicht freuen konnte.
-
-»Die Schule hat doch schon angefangen,« sagte er.
-
-»Das macht nichts. Er soll erst zu Michaelis eintreten, bis dahin soll er
-sich hier einleben und an uns gewöhnen, sagt Mama.«
-
-»So kommt er bald?«
-
-»In acht Tagen. Denke, wie schön!«
-
-Lux stand langsam auf.
-
-»Du scheinst dich gar nicht ein bischen zu freuen,« sagte Blanche
-vorwurfsvoll.
-
-»O doch!« stieß Lux hastig heraus und errötete heftig. »Ich freue mich
-schon. Ich habe nur so eine Angst, -- daß ich nicht spanisch verstehe.
-Und dann sind Spanier immer so wild, weißt du. Es sind doch ganz andere
-Menschen als wir. Sie sind ganz braun, glaube ich.«
-
-»Das tut doch nichts!«
-
-»O nein, im Gegenteil,« versicherte Lux.
-
-Blanche war sitzen geblieben, neigte sich ein wenig nach vorn und ließ ihr
-schönes blondes Haar übers Gesicht fallen. Wie ein Nixchen sah ihr Bild aus
-dem Wasser zurück, und sie ergötzte sich in unschuldiger Eitelkeit daran.
-
-»Fall nicht ins Wasser,« warnte Lux besorgt.
-
-»Und wenn?« fragte sie. »Es ist nicht tief hier. Du meinst wohl, ich
-ertrinke wieder wie damals. Aber dazu bin ich doch schon zu groß.«
-
-»Damals wärst du freilich bald ertrunken,« sagte er mit einem leisen
-Schauder in der Stimme. »Aber Papa war in der Nähe und konnte dich retten.«
-
-»Heute käme ich allein wieder ans Land. Soll ich mal?«
-
-Sie streckte die schlanken, weiß bestrumpften Beine aus, als wollte sie
-direkt in den Bach steigen.
-
-»Du bist imstande, es zu tun.«
-
-Blanche lachte selbstbewußt, als wäre sie noch zu ganz anderen Streichen
-fähig, erhob sich aber doch und meinte: »Ich finde es langweilig hier, ich
-gehe wieder schaukeln.«
-
-Nicht mehr Hand in Hand, sondern Lux in einigem Abstand hinter dem Mädchen,
-gingen sie wieder den Steig hinauf. Ein leiser Windstoß fuhr durch die
-Zweige der Obstbäume und streute einen leichten Schnee weißer Blütenblätter
-über Blanche aus; sie schüttelte sich lachend und sprang, wie fliehend, ein
-paar lustige Sätze voraus.
-
-Bei dem Heckenpförtchen zögerte sie ein wenig.
-
-»Kommst du mit?« fragte sie halb über die Schulter zurück.
-
-Der Knabe besann sich.
-
-»Ich muß zu Papa,« sagte er.
-
-Sie nickte ihm leicht zu und setzte ihren Weg fort, während er unschlüssig
-das Pförtchen öffnete und ihr noch einen schnellen Blick nachwarf, bevor
-er hindurch schritt. Er sah suchend umher, entdeckte den Vater auf seinem
-Strandstuhl und lief zu ihm.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-2. KAPITEL.
-
-
-Dr. Irmler war ein wohlhabender Privatdozent, der alle seine Zeit, die ihm
-seine Studien ließen, der Erziehung seines einzigen Sohnes widmete. Seine
-Frau war früh gestorben, und das Kind, ein schöner blonder Knabe, den die
-Eltern im Übermaß ihres Glückes Lux getauft hatten, war nun das einzige
-Licht in seinem verdüsterten Leben. Er hatte seine Frau sehr lieb gehabt,
-hatte lange um die Schöne und Herzensfeine geworben und sah sich nun, kaum
-im Besitz des erstrebten Glückes, desselben wieder grausam beraubt. Er war
-ganz zerschmettert, und nur der Gedanke an seinen Sohn hielt ihn noch am
-Leben. Er zog sich mit ihm und einer alten Haushälterin aus dem lauten
-Getriebe der großen Stadt in ländliche Stille und Einsamkeit zurück.
-
-In seinem Gartenhäuschen, von dessen Terrasse aus er den Anblick
-strohbedeckter Bauernhäuser, mit bunten Rindern bevölkerten Weidelandes und
-die Schönheit alter Buchen- und Eichenstände genoß, umgab ihn ein Friede,
-der seinem kranken Gemüt wohltat, und eine Ruhe, die ihm bald zum Bedürfnis
-wurde. Mit der stillen Freude und dem ernsthaften Interesse des Gelehrten
-widmete er sich seinem Garten, der eine Fülle auserlesener Blumen und
-Sträucher aufwies, und dem das fließende Grenzbächlein und die baumreiche
-Umgebung auch einen landschaftlichen Reiz verliehen.
-
-Hier liebte er es an schönen Tagen, sich in den Schatten selbstgepflanzter
-Obstbäume mit einem Buch zurückzuziehen und sich dabei eines schlichten,
-niedrigen Strandstuhles zu bedienen, in dem einst, im letzten Sommer ihrer
-kurzen Ehe, die geliebte Frau am Strande der Ostsee täglich geruht hatte.
-Wie glücklich wäre sie gewesen, inmitten dieser Gartenfreude mit ihrer
-zarten Blumenseele walten und wirken zu dürfen. Warum hatte er nicht schon
-früher das Opfer gebracht und war mit ihr der großen Stadt entflohen?
-Damals meinte er, die Nähe der Bibliothek und anderer Bildungsmittel nicht
-entbehren zu können; und jetzt ging es doch, und er fühlte sich sogar
-wohler und zufriedener dabei. Und nötigenfalls konnte er in einer kleinen
-Stunde in der Stadt sein, der er immer so bald als möglich wieder entfloh.
-
-Ein Trost war ihm, daß nun wenigstens Lux die Wohltat dieses ländlichen
-Aufenthaltes genoß, und daß der zarte, ganz der Mutter ähnliche Knabe in
-der gesunden Luft gut gedieh und sich zusehends kräftigte. Daß er ihn, ohne
-es zu wollen, ein wenig verzärtelte, kam ihm nicht zum Bewußtsein; war es
-doch natürlich, daß er alle seine Liebe jetzt dem Sohne zuwandte.
-
-Wohl dachte er manchmal, ob nicht die alte Haushälterin, eine verständige,
-herzenstüchtige Person, vielleicht etwas zu nachgiebig gegen den
-Gutherzigen und Einschmeichlerischen wäre. Auch ginge Lux, der ohne
-gleichaltrige Nachbarskinder einsam zwischen ihm, dem stillen, viel
-arbeitenden Gelehrten und einer alten Frau aufwuchs, der Vorteile einer
-härteren Knabenzucht verlustig. Aber er sah keinen Weg, es zu ändern; denn
-nie hätte er sich entschlossen, den Knaben von sich zu geben, und ihn in
-ein Erziehungsinstitut zu tun.
-
-Da war es für ihn von besonderem Interesse, als es hieß, das
-Nachbargrundstück sei verkauft worden, und es wolle sich ein reicher
-Kaufmann dort eine Villa bauen. Das konnte einen Verlust für ihn bedeuten,
-aber auch einen Gewinn. Der Friede seiner ländlichen Beschaulichkeit
-brauchte nicht notwendig dadurch gestört zu werden, wohl aber die Stille
-und Einsamkeit; vielleicht nahte eine laute Kinderschar mit den neuen
-Nachbarn. Für Lux könnte das freilich Nutzen bringen. Und er wünschte sich
-zuletzt, der Kaufmann möchte nicht ohne Kinder sein, und zwar möchten es
-Knaben sein, die im Alter zu seinem Sohne paßten.
-
-Da war er denn zuerst wirklich enttäuscht, als er hörte, jenes Ehepaar
-besäße nur ein einziges Töchterlein von drei Jahren, tröstete sich aber
-dann bei dem Gedanken, daß er von einem so kleinen Wesen viel Störung
-seines Haus- und Gartenfriedens nicht zu gewärtigen haben würde.
-
-Das Vermessen und Graben und Bauen auf dem Nachbargrundstück begann.
-Dr. Irmler machte von weitem die Bekanntschaft des Bauherrn, eines noch
-jüngeren Mannes von sympathischem Aussehen, der fleißig kam, um nach dem
-Rechten zu sehen, und sah auch einmal an seinem Arm die junge Frau. Die
-Leute gefielen ihm wohl, soweit die äußere Erscheinung nicht täuschte, und
-da er sah, daß mit Geschmack und ohne Kärglichkeit gebaut wurde, und daß
-ein tüchtiger Fachmann die gärtnerischen Anlagen leitete, söhnte er sich
-mit dem Gedanken, so nahe Nachbarschaft zu bekommen, aus und versprach sich
-sogar mancherlei Gutes davon, denn er gehörte zu den Leuten, die das Böse
-und Widerwärtige weniger in ihre Rechnung stellen, weil sie mit ihren
-Gedanken immer nur im Guten und Reinen leben.
-
-Der Bau, der bei günstiger Jahreszeit rüstig gefördert worden war, stand im
-September zum Beziehen fertig da. Es dauerte nicht lange, da rückten auch
-schon die Besitzer ein, um noch ein paar Wochen des schönen Spätsommers in
-dem neuen Gartenheim genießen zu können.
-
-Dr. Irmler empfing ihren Besuch an einem freundlichen Sonntag.
-
-»Da wir nur das Eine haben, entschuldigen Sie wohl, daß wir uns Ihnen
-gleich vollzählig vorstellen,« sagte die junge Frau mit einer gewinnenden,
-liebenswürdigen Schlichtheit.
-
-»Gib auch hübsch dein Händchen, Blanche.«
-
-Dr. Irmler hielt das kleine Händchen einen Augenblick in der seinen und
-dachte, »welch ein schönes Kind!«
-
-In der Tat war das kleine Wesen von holdem Liebreiz. Lange, seidenweiche
-Haare von einem seltenen Blond umrahmten ein Engelsgesichtchen, aus dem
-eine unbefangene Schelmerei lächelte; sie spielte um den kleinen zierlichen
-Mund und blitzte aus den hellen blauen Augen.
-
-Er verglich das Gesichtchen mit dem der Mutter und stellte eine Ähnlichkeit
-fest.
-
-»Siehst du, Rudi,« sagte die junge Frau, und zu Dr. Irmler gewandt, setzte
-sie hinzu:
-
-»Er bildet sich nämlich ein, das Kind hätte alles Gute von ihm.«
-
-Es entstand ein kleiner scherzhaft geführter Streit, den die Mutter mit der
-Anerkennung beschloß, daß die kleine Blanche in der Tat viel von dem
-Wesen ihres Vaters habe und eigentlich »ein kleiner Racker« sei; »aber ein
-süßer,« fügte sie hinzu und zog die Kleine zärtlich an sich.
-
-Inzwischen war Lux herbeigerufen worden und näherte sich den Fremden mit
-knabenhafter Scheu. Auf die kleine Blanche warf er einen verschämten Blick
-und reichte ihr auf Aufforderung seine kühlen Fingerspitzen. Sie hingegen
-begrüßte ihn mit großen unbefangenen Augen und einem zutraulichen Lächeln,
-das aber gar keinen Eindruck auf ihn zu machen schien; er zog sich vielmehr
-hinter den Stuhl seines Vaters zurück. Dr. Irmler holte ihn jedoch wieder
-hervor, zog ihn an seine Seite, und legte fast unbewußt den Arm um seinen
-Nacken. So geborgen, musterte Lux etwas dreister die kleine Nachbarin. Wie
-niedlich ihr das weiße Atlashäubchen stand, unter dem das goldene Haar so
-reich hervorquoll. Und wie hübsch sie angezogen war. Ein blaues Jäckchen
-mit weißem Seidenfutter war jedenfalls noch ganz neu. Und wie unbefangen
-sie sich gab, als ob sie hier zuhause wäre. Das wollte ihn eigentlich
-ärgern, aber es kam nicht dazu, weil sie eben so niedlich war.
-
-Als sich der Besuch verabschiedete, gab er der Kleinen aus eigenem Antriebe
-die Hand.
-
-»Ist sie nicht süß, Papa?« sagte er ganz enthusiastisch, als sie allein
-waren.
-
-»Gefällt sie dir?« fragte Dr. Irmler belustigt.
-
-Lux antwortete nicht. Aber den Rest des Tages trieb er sich im Garten
-umher, und zwar an der Heckenseite, und warf suchende Blicke in den
-Nachbargarten. Einmal hörte er ihre Stimme, die kam aber von daher, wo in
-der Nähe des Hauses die beiden Grundstücke durch die hohe Spalierplanke
-getrennt waren, an der Dr. Irmler seine herrlichen Pfirsiche zog.
-
-Wäre doch ein Loch in der Planke, dachte Lux. Aber sie war so solide
-gefugt, daß sie nicht ein Ritzchen zum Durchgucken bot.
-
-»Ach was!« tröstete er sich, »du wirst das kleine niedliche Mädchen oft
-genug sehen.«
-
-In der Tat sah er es fast täglich im Garten, so lange das schöne Wetter
-anhielt. Dr. Irmler hatte seinen Gegenbesuch gemacht, und es hatte sich
-schnell ein nachbarliches Verhältnis angebahnt. Freilich beschränkte es
-sich auf einen teilnehmenden Verkehr über den Zaun hinüber, und der Herbst
-kam, ohne daß eine größere Annäherung, auch nicht zwischen den Kindern,
-stattgefunden hatte.
-
-Die Eltern der kleinen Blanche waren noch zu sehr mit sich selbst
-beschäftigt. Vieles war noch zu vervollkommnen, und mit dem Fertigen
-mußte man sich näher vertraut machen, um es zu besitzen. Neue Wege wurden
-angelegt, ein Pavillon am Bach erbaut, und hier und da noch ein Obstbaum
-oder ein Ziergesträuch gepflanzt, soweit es die Jahreszeit erlaubte. Mit
-Eifer beschickte Frau Elisabeth manches selbst im Garten, wobei sie einmal
-wegen eines jungen Obstbäumchens, mit dem sie nicht recht hin wußte, Dr.
-Irmlers freundlichen Rat in Anspruch nahm.
-
-So vergingen geschäftige Wochen, und man hatte für die Nachbarn nicht viel
-Zeit übrig. Blanche war fast nie allein im Garten. Entweder war die Mutter
-bei ihr, oder das Kindermädchen, und Lux konnte nur von weitem seine kleine
-Freundin bewundern, da niemand ihn rief.
-
-Da sollte der rauhe Herbst das Band, das der schöne Sommer nur
-lose verschlungen hatte, fester knüpfen. Mit Heftigkeit setzten die
-Oktoberstürme ein, es wurde früh kalt und naß, die jungen Bäumchen standen
-bald kahl, und der Bach hinterm Garten kräuselte nicht mehr friedlich seine
-klaren Wellen, sondern eilte hastig, wie erzürnt, vorüber und führte viel
-welkes Laub mit sich. Mit Erstaunen sahen die neuen Anwohner, wie schnell
-ein einziger, anhaltender Platzregen das schmale Bett des Bächleins mit
-schäumenden, gurgelnden Wassermassen füllte, und wie das zum reißenden
-Strom gewordene, über seine Ufer getretene, die Weidenböschungen nicht
-achtende, die drüben liegenden Wiesen zu einem kleinen See machte, auf dem
-tausend winzige Wellchen zitterten, und aus dem hier und da ein Hügelchen,
-wie eine einsame Grasinsel melancholisch herausragte.
-
-Ein solches Schauspiel war der kleinen Blanche, die in der letzten Zeit
-schon einige selbständige Entdeckungsreisen gemacht hatte, verhängnisvoll
-geworden. Die Gefahr nicht kennend, hatte sie sich zu nahe gewagt, war auf
-dem schlüpferigen Boden ausgeglitten und wurde schon von dem wirbelnden
-Wasser, in dem sie sich vergeblich festen Fuß zu fassen bemühte,
-fortgerissen, als Dr. Irmler, von ihrem erstickten Schrei aufgeschreckt,
-sie erblickte. Er war im Begriff gewesen, zwischen dem Bach und seinem
-kleinen Karpfenteich einen niedrigen Erdwall aufzuwerfen, da das Wasser den
-trennenden Steig zu überfluten drohte. Irgend ein Rettungsinstrument, eine
-Stange, ein Haken, war nicht zur Hand. Eine Harke schon hätte genügt,
-aber sein Spaten erwies sich zu kurz. Schnell entschlossen eilte er die
-überfluteten Stufen hinab in das wogende Wasser, das ihm bis an die Brust
-stieg, und erhaschte die schon bewußtlose Blanche an ihrem Kleidchen, als
-sie gerade an der Treppe vorbei trieb. Auf dem Trocknen kam sie schnell
-wieder zu sich, schlug die Augen auf und fing an, jämmerlich zu weinen.
-Das triefende Kind auf den Armen, selbst triefend, lief er durch den ganzen
-Garten, umsonst eine Stelle in der Ligusterhecke suchend, wo er hätte
-durchbrechen können, um das Nachbarhaus schneller zu erreichen.
-
-Die erschreckte Mutter nahm ihr Töchterchen mit Jammern und Klagen und
-überströmendem Dank gegen den Retter in Empfang. Die Kleine wurde eiligst
-ins warme Bett gebracht, das sie aber am Nachmittage schon wieder verlassen
-wollte; sie war diesmal mit dem Schrecken davongekommen, und auch Dr.
-Irmler hatte außer einem mehrtägigen Schnupfen weiter keine Nachteile
-von diesem unfreiwilligen Bade. Wohl aber diente dieser Vorfall dazu, die
-Nachbarn noch näher zueinander zu führen und ein Verhältnis einzuleiten,
-das sich dann mehr und mehr zur Freundschaft auswuchs. Daß der Zugang
-zum Bach mit einer schützenden Pforte gesichert wurde, versteht sich von
-selbst. Auch wurde es Blanche auf das strengste verboten, je wieder allein
-ans Wasser zu gehen.
-
-Lux, der mit kindlichem Erschrecken von dem Unglück der kleinen Nachbarin
-gehört hatte, zeigte nichts von dem Glücksgefühl, das ihn erfüllte, als er
-von dem guten Ausgang hörte und Blanche am anderen Tage wieder im Garten
-sah. Er hütete ängstlich sein keusches Geheimnis, das zärtliche Gefühl,
-das er für sie empfand. Wurde nur ihr Name genannt, schlug sein Knabenherz
-schon höher, und hörte er ihre Stimme von drüben herüberschallen, blieb er
-wohl erst im wunderlichen Schrecken stehen, bis er sich verschämt getraute,
-nach ihr auszuschauen. Wie glücklich war er daher, als von diesem Tage an
-die Beziehungen zum Nachbarhause inniger wurden.
-
-Blanche war von ihrer Mutter angehalten worden, dem Herrn Doktor zu danken
-und nach seinem Befinden zu fragen. Sie hatte es ohne Scheu getan. »Was
-macht denn dein Schnupfen?« hatte sie kindlich gefragt und hatte sich sehr
-befriedigt mit einem geschenkten, rotbackigen Apfel wieder zurückgezogen.
-Dieser Apfel steigerte ihr Zutrauen und vermehrte ihre kindliche
-Begehrlichkeit.
-
-Der »Onkel Doktor«, wie sie ihn bald nannte, hatte eine reiche Ernte von
-seinen älteren, gutgepflegten Obstbäumen im Keller, während die jungen
-Bäumchen im eigenen Garten ja erst tragen sollten. Da suchte denn Blanche
-oft ein Gespräch mit dem »Onkel« anzuknüpfen, immer mit dem Gedanken an
-einen Apfel; und da Dr. Irmler darauf hielt, daß Lux täglich sein Obst
-bekam, so fiel manche saftige Frucht auch in ihre kleine Hand.
-
-Den größten Gewinn hatte Lux von dieser Annäherung: Nicht nur, daß sein
-Vater an Blanche Gefallen fand, und das lachende, sonnige Kind manchmal
-über die Hecke herüber in seinen Garten hob, auch die Mutter seiner
-kleinen Freundin tat sich gegen Lux auf, in dem Gefühl, dem Retter ihres
-Töchterchens ihre Erkenntlichkeit nicht besser zeigen zu können, als indem
-sie lieb und gütig mit seinem Knaben war.
-
-Es kam dazu, daß auch die Väter Gefallen aneinander fanden und sich
-schätzen und ergänzen lernten, der ernste stille Gelehrte und der lebhafte,
-kluge und welterfahrene Kaufmann. Da gab es denn nach Feierabend manche
-Stunde traulichen Beisammenseins in anregendem Gespräch. Die Kinder
-spielten bald täglich zusammen; und schließlich wurde als äußeres Zeichen
-eines so nahen Verkehrs ein Zugangspförtchen von einem zum anderen Garten
-in der Ligusterhecke angebracht.
-
-Wie Blanche zu Dr. Irmler Onkel sagte, so nannte nun auch Lux die Eltern
-seiner kleinen Freundin Onkel und Tante und hatte besonders ein Herz für
-die immer freundliche und heitere Tante. Ohne Mutter aufgewachsen, nur von
-der alten grobknochigen Magdalene betreut, war es ihm ein nie gekanntes
-Gefühl, als zum ersten Male ein weicher Frauenarm sich mit Zärtlichkeit
-um ihn legte und ihn mütterlich an sich zog, und als eine weiche, schlanke
-Hand ihn streichelte. Die Hände der alten Hüterin waren hart und knochig,
-und die Liebe, die sie zu ihm im Herzen trug, war spröde und gab sich
-nur gelegentlich in kleinen Zügen zu erkennen. Ach, wie gut hatte es doch
-Blanche dagegen! Er beneidete sie. Doch mißgönnte er es ihr darum nicht,
-denn wer verdiente mehr eine solche Mutter, als Blanche. Dr. Irmler merkte
-wohl, was in der Seele seines Knaben vorging und dankte Frau Elisabeth in
-seinem Herzen dafür.
-
-So wuchsen denn die Kinder fast wie Bruder und Schwester miteinander auf,
-und die Jahre gingen dahin. Die neugepflanzten Obstbäume gediehen und
-ragten jedes Jahr höher und früchteschwerer über den bunten Flor der Blumen
-und Stauden empor, die Ligusterhecke, fleißig gepflegt und unter der
-Zucht der Schere gehalten, wurde immer breiter und dichter, und das kleine
-Pförtchen darin stand oft tagelang offen.
-
-Dann brachte die Schulpflicht den Kindern eine Einschränkung ihrer
-köstlichen Freiheit. Lux war der erste, der die Schulmappe auf den Rücken
-nehmen mußte. Er gewann an Ansehen bei Blanche. Sie war stolz auf einen
-Freund, der schon lesen lernte und Buchstaben malen konnte, und sie war
-gelehrig im Nachahmen dessen, was er frisch aus dem Unterricht mit nach
-Hause brachte. So lernte sie mit ihm und von ihm.
-
-»Was haben wir heute auf?«
-
-Mit dieser Frage stürmte sie ihm schon entgegen, wenn er aus der Schule
-nachhause kam.
-
-»Eine Seite ei schreiben und die Wörter auf Seite 10 buchstabieren.«
-
-»Weiter nichts? Ach wie leicht ist das doch alles? Ich dachte mir die
-Schule viel schwerer.«
-
-Dieses kindliche, spielende Lernen, das die verständigen Eltern nicht
-gestört, sondern gern unterstützt und gefördert hatten, hörte nun freilich
-auf, als Blanche selbst in die Schule kam. Ach, wie groß war da zuerst
-die Enttäuschung! Ein kleines Mädchen hatte ja ganz andere Bücher als ein
-Knabe. Und alles war anders. Nun konnten sie nicht mehr zusammen arbeiten;
-jeder saß für sich und mühte sich, und waren sie fertig, konnten sie es
-nicht einmal miteinander vergleichen. Blanche konnte wohl ihre Arbeit dem
-Freund zeigen; aber dann ereignete es sich oft, daß die Lehrerin anders
-gesagt hatte, als wie Lux es zu verstehen meinte, und daß Blanche irre
-wurde. Dann mußte Frau Elisabeth alles wieder ins Gleiche bringen.
-
-»Lux ist ein kluger kleiner Kerl, aber gib du nur immer recht acht, was die
-Lehrerin sagt. Das ist für dich maßgebend. Knaben lernen manches anders als
-kleine Mädchen.«
-
-Seitdem betrachtete Blanche ihren Freund mit anderen Augen. Er war ja ein
-Knabe. Und die Jahre vergingen und brachten es mit sich, daß ihre
-Spiele eine andere Färbung und Gestalt annahmen. Aber sie hielten
-treue Kameradschaft und hatten sich gern. Lux war der Stille, Besonnene
-geblieben, Blanche immer aufgeweckter, munterer und kecker geworden.
-Hübsch war jedes von ihnen, und jedes schlank und blond, und Lux in seinem
-vierzehnten Jahre nur eben einen halben Kopf größer als die dreizehnjährige
-Blanche.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-3. KAPITEL.
-
-
-Eines Tages brachte der Vater den kleinen Manuel Negros aus der Stadt
-mit; er war ganz braun und hatte tief schwarze, glattanliegende, glänzende
-Haare.
-
-»Wie klein er ist,« dachte Blanche. »Und ich meine, er ist noch ein halbes
-Jahr älter als Lux.«
-
-Aber interessant war er. Und was er schon für Manieren hatte. Wie ein
-junger Graf.
-
-Und diese Augen! Große schwarze, für gewöhnlich etwas verschleierte Augen,
-die aber wieder ordentlich leuchten und funkeln konnten.
-
-Was Lux wohl zu dem neuen Kameraden sagen würde? Ob er ihm wohl »über«
-wäre? Sehr stark sah der Spanier nicht aus; er war nicht größer als sie
-selbst, höchstens eben so groß und war doch fast zwei ganze Jahre älter.
-
-Er hatte ihr zur Begrüßung die Hand gegeben, und sie hatte zögernd ihre
-weiße Mädchenhand in die fremde, braune Knabenhand gelegt.
-
-»Guten Tag,« hatte er dabei mit gezierter, fremder Aussprache gesagt.
-
-Ob er denn schon deutsch sprechen könnte? Ein wenig, wie es schien. Das
-war schön. So konnte man sich doch verständlich machen. Und wie drollig es
-klang, wenn er sprach. Wie er das R rollte und jede Silbe betonte.
-
-Lux, der nicht ohne Beklemmung seiner Ankunft entgegengesehen hatte, fand
-ihn sehr nett und atmete erleichtert auf. Der reichte ihm ja nur bis an die
-Nasenspitze.
-
-Der kleine Fremde war ein wenig verlegen und musterte fast scheu den
-größeren, blonden Knaben. Lux schlug einen gönnerhaften Ton an und
-meinte, er solle sich nur nicht fürchten, sie würden schon gut miteinander
-auskommen.
-
-»O nein, nicht fürchten,« sagte Manuel, und über sein feines, braunes
-Gesicht lief ein hübsches Lächeln, und die dunklen Augen leuchteten auf.
-»Ich spreche nur so schlecht die deutsche Sprache.«
-
-Lux und Blanche beruhigten ihn aus einem Munde, er spräche schon sehr nett,
-und sie verständen alles, was er sage.
-
-»Findest Du ihn nicht auch niedlich?« fragte Blanche auf dem Schulweg.
-
-»Ich finde ihn sehr nett,« bestätigte Lux.
-
-»Ja, nicht wahr?«
-
-»Klein ist er ja nur.«
-
-»Ich hätte ihn mir ja auch ganz anders gedacht.«
-
-»Wie denn?«
-
-»Ja, anders, ganz anders.«
-
-Lux gab sich mit dieser Erklärung zufrieden und schwieg.
-
-»Adieu Blanche!«
-
-»Adieu Lux!«
-
-Sie gaben sich die Hände und schlugen jeder einen anderen Weg nach ihrer
-Schule ein, beide mit allen Gedanken bei dem kleinen Manuel Negros.
-
-Der streifte indessen im Garten herum, machte von weitem die stumme
-Bekanntschaft des Dr. Irmler und setzte sich im Pavillon auf die Bank
-und dachte an Blanche. Der Abschied von seinem Vater war ihm wohl schwer
-gefallen, doch war er nicht das erste Mal in der Fremde. Er war schon ein
-halbes Jahr in Paris gewesen und wußte, daß auch dieses Jahr in Deutschland
-nicht allzu langsam vorübergehen würde. Dann würde sein Vater ihn wieder
-mit hinübernehmen in die Heimat.
-
-Unter afrikanischer Sonne war er aufgewachsen, in der Fremden-Kolonie von
-Tanger, der marrokkanischen Stadt, und er sehnte sich dahin zurück, wo der
-Himmel heller, die Luft wärmer, die Menschen lebhafter und die Tage bunter
-und lauter waren.
-
-Hier aber war Blanche!
-
-Er hatte schon viele, viele kleine Mädchen gesehen und hatte zuhause eine
-kleine Spielgenossin gehabt, ein arabisches Mädchen namens Nushat, die ein
-paar Jahre älter war als er, und an der er leidenschaftlich hing, und von
-der er sich nur mit Tränen hatte trennen können. Aber sie war drüben, und
-wenn er wieder nachhause kommen würde, wäre sie erwachsen und vielleicht
-gar nicht mehr da.
-
-Mit Blanche sollte er nun unter einem Dache leben, an einem Tische sitzen,
-in diesem Garten mit ihr spielen, jeden Tag. Sollte hier in diesem Pavillon
-mit ihr sitzen. Viele kleine Mädchen hatte er schon gesehen, aber noch
-keine Blanche. Sie hatte ja goldene Haare, wie das reinste Gold leuchteten
-sie. Und ihre Haut war wie der zarte Sammet weißer Rosenblätter. Und wie
-niedlich sie lachte, und wie lustig ihre Augen waren.
-
-Ja, hier würde er schon aushalten. Der große Junge von nebenan war auch
-freundlich zu ihm gewesen, wenn auch etwas schweigsam. Und er hatte einen
-so forschenden Blick: Wer bist du eigentlich? Aber mit ihm hatte er ja
-nichts zu schaffen, nur mit Blanche und ihren Eltern. Und die Erwachsenen
-würden schon gut zu ihm sein. Wären sie es nicht, so würde er es einfach
-seinem Vater schreiben, und der würde nicht dulden, daß man ihn schlecht
-behandele. Nein, da hatte er keine Sorge. Und sie waren ja auch gleich
-so freundlich zu ihm gewesen, vor allem die Hausfrau. Die hatte ihm den
-Scheitel gestreichelt, und er hatte ihr die Hand geküßt, und sie hatte
-darauf gelächelt. Dann hatte sie ihn selbst nach oben in sein Zimmer
-geführt. Das war ein hübscher, freundlicher Raum mit einem Fenster nach dem
-Garten hinaus. Von hier aus konnte er über alle Beete und Bäume hinwegsehen
-bis an das Wäldchen, das sich in einiger Entfernung hinzog und dem Blick,
-der bis dahin ungehindert über Wiesen und Kornfelder flog, Halt gebot. Und
-von hier aus hatte er, als er seinen Koffer auspackte, Blanche durch den
-Garten springen, an der kleinen Pforte in der Ligusterhecke stehen bleiben
-und mit dem großen Nachbarjungen sprechen sehen.
-
-Während seine Gedanken auch jetzt bei Blanche waren, spielten seine Augen
-mit den blanken Wellen des Bächleins, das mit leisem Glucksen flink vorüber
-lief. So ein laufendes Wasser hatten sie zuhause nicht. Da waren nur
-Brunnen und Zisternen und kleine schnell austrocknende Rinnsale. Aber wenn
-er an den Hafen hinunter ging, da hatte er freilich das Meer, das große
-blaue mittelländische Meer.
-
-Ach, das Meer! Er sah es vor sich. Unter strahlendem Himmel dehnte es sich
-aus, weit, weit, bis an den silbernen Horizont, wo es sich mit dem Himmel
-in einer zitternden Umarmung vereinte. Und die Wellen, wenn sie sich dem
-Strande näherten, schmückten sich mit silbernen Kronen, jauchzten auf,
-donnerten laut ihre trotzigen Grüße dem Lande zu, das den Stürmenden
-zurücktrotzte, mit dem schimmernden Gebiß seiner gelben Küste, mit der
-harten Stirn des aufgetürmten Gebirges. Wolken lagen auf dem höchsten
-Gipfel des Atlas und bleicher Schnee. Hinter den Bergen aber dehnte sich,
-unendlich wie das Meer, die Wüste mit ihren gelben Sandwogen. Dorthin war
-er nie gekommen, aber er kannte ihre Schrecken aus den Erzählungen Nushats
-und der Kameeltreiber, und es gelüstete ihm nicht danach. Aber das große
-blaue Meer, das zwischen zwei Erdteilen auf- und abwogte, liebte er. Und
-er sah die Heimat vor sich liegen und hörte als ihren Gruß den Donner der
-Brandung vor dem Hafen von Tanger. Weiße, würfelförmige Häuser mit flachen
-Dächern, sich terrassenförmig übereinander lagernd, steigen die steilen
-Uferhöhen hinan und leuchten wie der Schaum des Meeres. Es scheint von
-weitem, als hätte der Sturm eine Handvoll schneeiger Flocken aus dem Gischt
-der Brandung hier an die Felsen geschleudert. Dazwischen schimmern grüne
-Gärten auf, und aus einem lockt das leise, tiefe Lachen der braunen Nushat.
-
-Als sie an Bord des Schiffes fuhren, das seinen Vater nach Europa
-hinüberbringen sollte, war Nushat mit im Boot und hielt ihn mit ihren
-braunen Armen umschlungen; die Brandung ging unter heftigem Winde höher als
-sonst, und sie hatten beide ein wenig Furcht, wenn sie von dem Kamm einer
-großen Welle mit einmal in die Tiefe schossen, und der nächste Wasserberg
-alles zu verschlingen drohte. Nur vor den kühnen, unbekümmerten Gesichtern
-der Ruderer schämte er sich, seine Furcht zu zeigen. Die standen aufrecht,
-sechs Gestalten aus Bronze, feuerten sich mit lauten Rufen an und
-schüttelten sich höchstens einmal, wenn der überspritzende Gischt es gar
-zu gut meinte. Auch vor dem Vater, der sich gar nicht zu fürchten schien,
-schämte er sich. Nushat mußte es ihm wohl angemerkt haben, denn sie
-hielt ihn fest umschlungen und drückte ihn ein paarmal wie beruhigend
-und tröstend an sich, wobei sie indes leise zitterte. Und ihre schmalen,
-braunen Hände waren ganz kalt.
-
-Wie gern hätte er sie zum Abschied noch umarmt. Aber das Boot tanzte auf
-und ab an der Schiffstreppe, und sie hatten alle genug zu tun, sich auf den
-Füßen zu halten, um nicht ins Wasser zu fallen. Er hatte ihr nur noch vom
-Bord aus zuwinken können, und hatte gewinkt, so lange er sie unter den
-Zurückfahrenden noch erkennen konnte.
-
-Doch alles das war jetzt wie hinter silbernen Schleiern und zog schnell wie
-die glitzernden Wellen an seinem Geiste vorüber, während das weiße Bild der
-kleinen Blanche wie die Sonne selbst fest und unverrückbar im Mittelpunkt
-seiner traumhaften Gedanken stand.
-
-Da flog ein Steinchen neben ihm auf die Bank und schreckte ihn auf.
-Sogleich ertönte ein silbernes Lachen, und Blanche kam zögernd den Steig
-herunter.
-
-»Frei!« rief sie ihm zu, und ihre Augen blitzten unternehmungslustig,
-während ihr ganzer Körper noch unter der Zügelung einer leisen Scheu stand.
-
-Der Knabe erhob sich und ging ihr entgegen. Da übermannte sie vollends
-die Verlegenheit, und sie wurde blutrot, als sie ihm die Hand bot. Er aber
-neigte sich schnell und drückte ihr einen Kuß darauf. Sie hatte ihn auch
-ihrer Mutter die Hand küssen sehen und dachte, das tut man in seiner Heimat
-so. Aber den ganzen Tag fühlte sie die Stelle brennen, die seine Lippen
-flüchtig berührt hatten.
-
-Sie gingen wieder in den Pavillon zurück und setzten sich auf die Bank,
-und sie saß wie eine kleine Dame neben ihm, steif und kerzengrade, und sie
-führten eine kümmerliche Unterhaltung miteinander, mit ja und nein und
-wie und was? Aber ihre Augen, wenn sie nicht am Boden hinirrten oder wie
-abwesend in die Weite sahen, ruhten mit einem stillen Leuchten auf ihren
-Gesichtern.
-
-»Sieh mal,« sagte Blanche nach einer neuen Verlegenheitspause und stand
-auf und ging ein paar Schritte dem Nußgebüsch zu, das die gegenüberliegende
-Ecke des Gartens ausfüllte. Sie schlug einige Zweige auseinander, und es
-entstand ein Eingang, durch den man in das Innere gelangen konnte. Er sah
-hinein und sah in den schattigen Raum ein Bänkchen aus Moos und Erde und
-eine muldenartige Vertiefung, der man es ansah, daß sie oft als Lagerplatz
-diente.
-
-»Es ist so mollig drin,« sagte Blanche und schlüpfte vorauf. Er folgte ihr
-und befreite mit klopfendem Herzen ihr loses Haar, das sich in den Zweigen
-verfangen hatte. Es herrschte ein märchenhaftes Licht in dem grünen Hause;
-die goldenen Sonnenstrahlen fanden hier und da Zugang und spielten nun auf
-dem schwarzen Boden Haschen. Zwei schlanke, junge Birkenstämme standen wie
-silberne Säulen in dem Sälchen dieses heimlichen Palastes, dessen Dach sie
-durchbrachen und mit ihren feinen, hängenden Zweigen überschatteten.
-
-Blanche nötigte Manuel, auf der kleinen Moosbank Platz zu nehmen. Sie
-konnten so eben nebeneinander sitzen.
-
-»Hast du dir selber diese Höhle gemacht?« fragte er.
-
-»Lux hat sie mir gemacht.«
-
-»Spielt ihr oft zusammen?«
-
-»Gewiß, jeden Tag.«
-
-»Und dann sitzt ihr hier zusammen?«
-
-»Manchmal.«
-
-Und nach einer kleinen, peinlichen Pause setzte sie hinzu:
-
-»Er erzählt mir dann Geschichten.«
-
-Aber er sagte wieder nichts darauf.
-
-»Weißt du auch Geschichten?«
-
-»Ich weiß nicht,« antwortete er zögernd und nachdenklich. »Nushat hat mir
-oft Geschichten erzählt, aber ich weiß nicht, ob ich sie dir noch erzählen
-kann.«
-
-»Nushat? Wer ist das?«
-
-Und er erzählte ihr von Nushat und von seiner Heimat, und sie wollte gar
-keine anderen Geschichten weiter von ihm hören.
-
-Dies war ja alles wie ein Märchen. Es war wie aus tausend und einer Nacht.
-Die Dattelpalmen ragten hoch in blaue Luft, riesenhafte Kakteen breiteten
-ihre schwammigen, glänzenden und stacheligen Blätter aus, und Rosen,
-Kamelien und Oleander blühten und dufteten, reicher als hier die Veilchen
-und Primeln. Kameele zogen schwer bepackt durch die Straßen, und Araber und
-Neger und Kabylen, Leute von denen sie nie gehört hatte, begleiteten die
-Karawanen durch die Wüste. Große Schiffe schaukelten im Hafen, und nur
-auf den sich überstürzenden Wogen einer beständigen Brandung konnte man
-zwischen ihnen und dem seltsamen Lande verkehren. Und hier war nun Manuel
-aufgewachsen. Und seine Augen leuchteten, wenn er davon erzählte, und seine
-Stimme wurde wärmer, wenn er den Namen Nushat nannte.
-
-Blanche sah den Erzähler bewundernd an. Sein gebrochenes Deutsch brachte
-sie nicht ein einziges Mal zum Lachen. Und Manuel, unter den bewundernden
-Blicken seiner kleiner Nachbarin, wurde immer redseliger.
-
-Währenddessen stand eine schlanke Knabengestalt am Heckenpförtchen, die
-Hand unschlüssig auf der Klinke. Lux kam eine Stunde später aus der Schule
-als Blanche. Auf dem ganzen Weg hatte er an den fremden Knaben gedacht, der
-jetzt bei den Eltern seiner kleinen Freundin wohnte. Noch so lange, lange
-Zeit wohnen sollte. Ja, während des Unterrichts selbst hatte er seine
-Gedanken nicht zügeln können. Nun stand er am Pförtchen und wagte auf
-einmal nicht, in den Nachbargarten hinüberzugehen; Blanche war schon
-seit einer Stunde frei, und sie würde nun mit dem fremden Knaben zusammen
-spielen. Was sollte er nun noch dabei?
-
-Aber er trat doch ein, beklommenen Herzens, und schlug gleich den kürzeren
-Weg ein, der ans Wasser hinunter führte. Da hörte er Manuels Stimme.
-Verwundert stand er still, da er die Beiden nicht im Pavillon sah. Er
-horchte. Dann schlug er das Gesträuch hastig auseinander, und der helle
-Tag flutete in die grüne Dämmerung hinein. Da saß Blanche mit dem fremden
-Knaben, eng zusammen geschmiegt, auf der kleinen Moosbank und sah den
-Störer mit großen, erstaunten Augen an, als erkenne sie ihn nicht gleich.
-
-Für einen Dritten war drinnen nicht Platz; Lux hatte dieses Bänkchen nur
-für sich und Blanche berechnet.
-
-»Willst du nicht hereinkommen?« rief Blanche.
-
-»Alle drei können wir ja doch nicht darin sitzen,« sagte er und blieb
-draußen stehen. Da standen sie auf und kamen heraus und waren freundlich
-mit ihm. Er aber blieb unlustig und wortkarg und wußte nichts mit ihnen
-anzufangen.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-4. KAPITEL.
-
-
-Am anderen Tage berichtete Blanche ihm auf dem Schulwege, was Manuel ihr
-von seiner Heimat erzählt hatte. Sie war so lebhaft dabei, daß Lux dachte,
-sie übertriebe, und nur verärgert zuhörte. Und die Folge war, daß er am
-Mittag nicht in den Garten kam. Sie sollte nur allein mit dem spanischen
-Affen spielen; er fand ihn unausstehlich.
-
-In Wahrheit aber imponierte ihm der über seine Jahre hinaus gewandte
-Manuel, und er fühlte zornig seine Unfähigkeit, ihm entgegenzutreten.
-Manuel sprach außer seiner Muttersprache ziemlich gut französisch und wußte
-sich mit jedem Tage besser mit der deutschen Sprache abzufinden. Lux quälte
-sich in der Klasse noch mit den Anfängen der alten und neuen Sprachen und
-konnte noch in keiner drei zusammenhängende Sätze sprechen. Manuels
-tiefere Stimme hatte schon einen Anflug von Männlichkeit gegen Luxens helle
-Knabenstimme. Manuel verstand es auch, eine tadellose Verbeugung zu machen
-und küßte Blanche die Hand. Sie hatte es endlich nicht länger bei sich
-behalten können und hatte Lux dieses zarte Geheimnis anvertraut.
-
-Die Hand küssen? Wie dumm! Nie würde er sich zu dieser Albernheit
-verstehen. Aber Manuel brauchte ja auch Pomade. Sein glattes, schwarzes
-Haar glänzte ordentlich wie ein Spiegel und verpestete die ganze Luft, wenn
-er sich neu gesalbt hatte. Lux konnte das nicht leiden, während Blanche den
-leisen, feinen, süßlichen Toilettenduft liebte.
-
-Eines Tages, o Schrecken, hatte Manuel sogar geraucht. Mit Neid und
-widerwilliger Bewunderung fand Lux es empörend, während Blanche tat, als
-wäre es selbstverständlich, daß Knaben in seinem Alter rauchten.
-
-»In Spanien rauchen sie alle,« sagte sie.
-
-Frau Elisabeth aber untersagte dem Knaben das Rauchen, und als er erklärte,
-er habe schon oft geraucht und sein Vater wisse es, bat sie ihn, es ihr zur
-Liebe zu unterlassen, so lange er in ihrem Hause weile.
-
-»Ich werde es lassen,« versprach Manuel, und er warf ohne Zögern seinen
-ganzen Zigarettenvorrat in den Bach.
-
-»Er ist ein kleiner Gentleman,« sagte die Mutter, und Blanche plapperte
-es ihr nach, obgleich sie keinen klaren Begriff hatte, was ein Gentleman
-eigentlich sei. Daß Lux es nicht sei, stand bei ihr fest.
-
-Der arme Lux! Mit jedem Tage mehr empfand er den fremden Knaben als einen
-Eindringling, der ihn aus seinem Paradiese vertrieben hatte. Blanche teilte
-zwar kindlich ihr Herz zwischen ihrem alten und ihrem neuen Freunde, aber
-er sah nur den Anteil, der Manuel zufiel, und er sprach in verächtlichen
-Ausdrücken von dem Spanier und schalt ihn einen Gecken.
-
-Den schwersten Schlag erhielt sein Stolz, als er hörte, daß Manuel zuhause
-einen Pony habe und reiten könne. Er weigerte sich, das zu glauben, bis
-Manuel heftig wurde und es ihm beweisen wollte, wenn er nur ein Pferd
-hätte.
-
-»So kleine Ponys haben wir hier nicht,« sagte Lux.
-
-»Doch!« behauptete Blanche. »Ich habe gesehen, daß der Bauer einen Pony
-hat.«
-
-»Es ist gar kein Pony,« eiferte Lux. »Das ist nur ein etwas kleineres
-Pferd.«
-
-»Das ist einerlei,« rief Manuel und wollte sogleich zum Bauern. »Er will
-immer alles nicht glauben, was ich sage. Ich bin kein Lügner! Ich sage
-immer die Wahrheit!« Er funkelte Lux mit seinen schwarzen Augen böse an.
-
-»Er soll sehen, daß ich reiten kann. Er soll nicht immer sagen, es ist
-nicht so. Ich will es ihm zeigen.« Der Beleidigte wollte sich gar nicht
-beruhigen.
-
-Da gingen sie zum Bauern und steckten sich hinter den Knecht und baten, ob
-Manuel nicht einmal auf dem Pony reiten dürfe.
-
-Sie hätten gar keinen Pony, war die Antwort.
-
-»Seht ihr!« triumphierte Lux.
-
-»Ich meine das kleine rote Pferd,« erklärte Blanche.
-
-Dem Pferde wäre nicht zu trauen, sagte der Knecht.
-
-»Nicht bös! nicht bös!« behauptete Manuel. »Ich habe selbst Pferd.«
-
-Dem Knecht schien der kleine selbstbewußte Manuel Spaß zu machen. Auch
-mochte es mit der Bösartigkeit des Pferdes nicht so arg sein. Genug, Manuel
-setzte es durch, daß er seinen Willen bekam.
-
-»Es kennt mich schon,« sagte er, als das kleine hübsche Tier sich ruhig von
-ihm streicheln ließ. Der Knecht führte es auf den Hof und hob Manuel auf
-seinen Rücken. »Loslassen!« kommandierte der. Und Blanche und Lux schrien
-auch heftig: »Loslassen! loslassen!«
-
-»Aber nur Schritt,« sagte der Knecht, der dem Kleinen jedoch angesehen
-haben mochte, daß er nicht zum ersten Male auf einem Pferderücken saß.
-
-Blanche strahlte den kleinen Reiter ordentlich an mit ihren großen Augen
-und ihrem lachenden Gesicht. Lux stand mit rotem Kopf daneben und ärgerte
-sich, daß das Pferd überhaupt von der Stelle ging.
-
-Jetzt fing es sogar gemächlich an zu traben und trug seinen Reiter zweimal
-um den ganzen Hofplatz. Manuel feuerte es mit lauten Zurufen an und schlug
-ihm beständig mit den Hacken in die Weichen, bis es unruhig wurde. Da griff
-der Knecht nach dem Zügel und gab nicht nach, er mußte herunter vom Pferd.
-
-Lux sagte kein Wort, und sie gingen fast stumm nebeneinander heim. Blanche
-ärgerte sich über ihn, obgleich sie seine Verstimmung wohl verstand. Sie
-hätte so gern gesehen, daß sie alle drei als gute Freunde zusammen hielten,
-und nun konnten die Knaben sich nicht miteinander stellen. Und da sie
-dunkel empfand, daß es ihretwegen war, wurde sie befangen und unsicher.
-
-Von diesem Tage an haßte Lux den fremden Knaben.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-5. KAPITEL.
-
-
-Dr. Irmler, der schon lange eine kleine Studienreise vorbereitet hatte,
-packte jetzt seinen Koffer für eine kurze Italienfahrt. Länger als vierzehn
-Tage gedachte er keineswegs weg zu bleiben. Aber auch während dieses
-Zeitraumes wäre es ihm ein drückender Gedanke gewesen, Lux allein in der
-Obhut der alten Hausverwalterin zu lassen. Er mußte sich sagen, daß er
-bei ihr auf das Beste aufgehoben sei, was ihre Gewissenhaftigkeit und
-ihre Zuneigung für den Knaben betraf; allein sie war alt, manchen Zufällen
-höherer Jahre bereits ausgesetzt und nicht mehr immer Herr ihrer physischen
-Kräfte. Ein zweiter Dienstbote war auf so kurze Zeit nicht zu beschaffen
-und wäre auch wenig nützlicher gewesen, als die Hilfe eines kleinen
-Schulmädchens, das statt dessen der Alten zur persönlichen Dienstleistung
-beigegeben wurde. Dieses aber konnte weiter keine Beruhigung bieten, was
-Luxens Pflege und persönliche Sicherheit anging.
-
-Daß Dr. Irmler um seinen einzigen Knaben besorgt war, konnte ihm keiner
-verdenken. Ihm war aus einem großen, wenn auch kurzen Glück nur dieses
-eine Pfand einer seltenen Liebesgemeinschaft geblieben. Dazu kam, daß
-die beabsichtigte Reise ihn wieder an jenen Ort führen würde, wo er die
-glücklichsten Tage seines Lebens mit der Verstorbenen zusammen verlebt, wo
-er sie zum ersten Male gesehen und sich sogleich in sie verliebt hatte. Das
-war in Venedig gewesen, während einer Überfahrt nach dem Lido, wo sie auf
-überfülltem Boot in drangvoller Enge ihm gegenüber gesessen hatte, so daß
-er dem Zauber ihrer blonden Schönheit, wollend oder nicht wollend, geduldig
-standhalten mußte. Alles dieses lebte in der Erinnerung wieder auf und
-machte ihn besonders weich und bewegt und erschwerte ihm die Trennung
-von dem Knaben. Doch die Reise mußte gemacht werden, und so ging er kurz
-entschlossen und herzlich dankbar auf Frau Elisabeths Vorschlag ein, die
-Lux solange zu sich ins Haus nehmen wollte.
-
-Einigermaßen verwundert war er, daß Lux diese Lösung nicht erfreuter
-aufnahm; war doch der Knabe bisher in der Nachbarvilla auf das vertrauteste
-aus- und eingegangen und hing mit einer etwas scheuen, aber echten
-Zuneigung an der »Tante«! Und daß es nicht nur die Tante war, der die
-Anhänglichkeit galt, das war ihm als aufmerksamer Vater auch nicht
-entgangen, und er hatte sich des guten Einvernehmens, das zwischen Lux und
-Blanche herrschte, aufrichtig gefreut. Hätte die Vorbereitung zu der Reise
-ihn nicht in Anspruch genommen, so wäre ihm die Verstimmung, die zwischen
-den Kindern herrschte, gewiß nicht verborgen geblieben; jetzt war er
-nicht wenig erstaunt, statt eines jubelnden Einverständnisses ein bloßes
-Sichfügen bei Lux anzutreffen.
-
-»Freust du dich nicht?« fragte er.
-
-»O doch,« antwortete der Knabe mehr hastig als freudig.
-
-»Fehlt dir etwas?«
-
-Dr. Irmler sah besorgt in das etwas blasse Gesicht, das ihm einen Grad
-schmäler und zarter erscheinen wollte.
-
-»Du kommst ja bald wieder,« erwiderte Lux auf die besorgte Frage, konnte
-aber einer plötzlichen Gemütsbewegung nicht Herr werden und brach in ein
-heftiges Schluchzen aus.
-
-Bestürzt schloß der Vater den Knaben in seine Arme und tröstete ihn. Die
-vierzehn Tage würden ja schnell vorübergehen. Bei der Tante hätte er es
-gewiß gut. Er hätte die Gespielen immer um sich, und Frau Elisabeth würde
-schon für manche kleine Zerstreuung sorgen.
-
-Frau Elisabeth tat das ihre, Lux heiter zu stimmen. »Laß den Papa nur
-reisen,« sagte sie fröhlich, »wir wollen uns schon ohne ihn vergnügte Tage
-machen. Blanche und Manuel freuen sich auch schon darauf. Das soll aber
-hübsch werden.«
-
-Lux beruhigte sich denn auch bald.
-
-Frau Elisabeth freute sich, eine Gelegenheit zu haben, dem einstigen Retter
-ihres Kindes einmal ihre Dankbarkeit durch eine wirkliche Gegenleistung
-zu zeigen. Und noch ein anderes bewegte sie: ihren mütterlichen Augen
-war nicht entgangen, daß Blanche sich in der letzten Zeit mehr dem neuen
-Hausgenossen zuwandte und ihren alten Spielkameraden vernachlässigte. Doch
-hatte sie kaum Veranlassung gehabt, sich hinein zu mengen. Auch war sie
-klug genug, zu wissen, daß das unter Umständen mehr schaden als nützen
-konnte. Sie selbst hatte in ihrer Jugend durch zudringliche Störung
-kindlicher Neigung ihren ersten seelischen Schmerz erlitten. Ein
-freundschaftliches Gefühl von unbewußter Innigkeit war ihr als etwas
-Besonderes und eigentlich Unziemliches hingestellt und durch unüberlegte,
-alberne Neckereien aus einem harmlosen, stillen Glücksgefühl zu etwas
-Quälendem und Beschämendem gemacht worden.
-
-Dessen hatte sie sich erinnert, und hatte die Freundschaft zwischen Lux und
-Blanche weder gefördert noch gehindert, sondern hatte sie gewähren lassen.
-
-Ein etwas wachsameres Auge hatte sie auf Manuel gehabt, dessen frühreife
-Manieren und südländische Lebendigkeit Blanche sehr zu imponieren schienen.
-Doch hatte sie hinlänglich Beweise von dem graden und ritterlichen
-Charakter des kleinen neuen Hausgenossen, um einen nachteiligen Einfluß auf
-ihr Töchterchen zu befürchten. Dennoch war es ihr lieb, den Beiden jetzt
-Lux auf längere Zeit zu engerem Verkehr zugesellen zu können. Lux, obgleich
-nur um ein Jahr jünger, war doch um mindestens drei Jahre kindlicher als
-der kleine Afrikaner. Der war in einem reichen Hause aufgewachsen, wo
-unterwürfige farbige Diener den Herrensohn früh verwöhnten. Nachher,
-in Paris, fern von der Heimat und den Eltern, war Manuel erst recht
-selbständig geworden und hatte sich manche Manieren der Erwachsenen
-angeeignet. Seine Höflichkeit des Handküssens hatte Frau Elisabeth zuerst
-bei einem so jungen Knaben befremdet, doch lag so viel Natürlichkeit
-und Ritterlichkeit darin, daß sie nicht für berechtigt hielt, ihm diesen
-Handkuß zu verbieten. Nur als sie gewahrte, daß er anfing, auch Blanche
-in dieser Weise zu begrüßen, erhob sie Einspruch; solches wäre hierzulande
-unter Kindern nicht Sitte, die schüttelten sich herzhaft die Hände, und das
-wäre auch ein hübscher Gruß. Manuel nahm diese Belehrung mit bescheidenem
-Lächeln auf, und sie sah ihn nie wieder ihrem Töchterchen die Hand küssen.
-Daß er es trotzdem oft tat, wenn die Kinder unter sich waren, wußte sie
-nicht. Und Lux, der es einmal als ungewollter Zeuge gesehen hatte, hütete
-sich, diese schlimmste Ursache seiner kindlichen Betrübnis zu verraten. Er
-hätte sich geschämt, davon zu sprechen. Aber seinem Herzen tat es weh.
-
-Wohl hundert Mal nahm er sich vor, es dem anderen nachzutun, aber nie
-brachte er es über sich; unschlüssig überlegte er: küßt du ihr nun die
-Hand, oder begnügst dich mit einem Händedruck? Und vor lauter Überlegung
-fiel denn auch wohl noch dieser Händedruck nur schwach und gleichsam
-versuchsweise aus; zum Befremden der wenig nachdenklichen Blanche.
-
-»Was hat er nur? Hab ich ihm etwas getan? Komischer Junge.«
-
-Damit war es für sie abgetan. Sie merkte gar nicht, daß Lux ihr
-gleichgültiger wurde. Manuel machte ihr mehr Spaß.
-
-»Der Lux ist jetzt immer so langweilig,« sagte sie.
-
-Trotzdem freute sie sich aufrichtig, daß Lux auf ein paar Wochen zu ihnen
-ins Haus kommen sollte.
-
-Zu dritt war es am Ende noch lustiger. Was wollten sie alles aufstellen!
-Obendrein standen die Ferien vor der Tür, und das war immer eine schöne
-Zeit. Die Mutter hatte schon, wie alljährlich in dieser Sommerzeit,
-Ausflüge mit ihnen geplant. Da sollten die beiden Jungen aber Augen machen!
-
-Lux war wohl schon einmal mit gewesen, wenn auch nicht so gar weit.
-Aber Manuel kannte noch nichts von der Gegend. Wenn sie dann zusammen im
-Eisenbahnwagen sitzen würden, natürlich am Fenster, und alles flöge so
-lustig schnell an ihnen vorüber, und sie würde es ihm zeigen: das ist
-Neudorf und das ist Birkendorf und das ist Bentheim, und in dem Walde
-dahinten sind wir mal mit Papa gewesen; und wenn sie dann durch die Heide
-liefen, oder noch schöner am Seestrande, barfuß, und die Wellen so kühl und
-erquickend heranrollten und bis an die Knöchel herauf schäumten, wie schön
-würde das sein. Und das Schanzen aufwerfen und Burgen aufbauen! Und das
-Bootfahren!
-
-Ob Manuel wohl Angst vor dem Wasser hätte? Sie hatte es. Nur ein ganz klein
-wenig.
-
-Aber Manuel war ja doch über das Meer gekommen. Und die große Stadt in
-Afrika, wo er zuhause war, lag ja unmittelbar am Meer. Am Ende würde sie
-ihm gar nichts Neues zeigen können.
-
-Das betrübte sie etwas. Was war sie doch für ein Dummchen gegen ihn. Aber
-dafür war er ja auch ein Knabe und war fast zwei Jahre älter als sie. In
-zwei Jahren würde sie auch noch viel lernen und sehen und erleben. Doch
-die Einsicht in ihre Unwissenheit hielt nie lange vor. Später! später! Das
-würde alles schon kommen, wie es kommen sollte.
-
-Manuel lebte wie Blanche in den Tag hinein, und genoß mit Behagen die
-Freiheit, deren Ende freilich mit dem Schulanfang immer näher rückte. Doch
-waren es Wochen, die ihm noch gegönnt waren. Inzwischen las er leichte,
-deutsche Bücher, die Frau Elisabeth ihm gab, und schrieb jede Woche seinem
-Vater einen deutschen Brief, dessen Inhalt sich immer ziemlich gleich
-blieb; ungelenke, mit dem Ausdruck und mehr noch mit der Orthographie
-ringende Briefe. Schnelle Fortschritte machte er im Sprechen; und zwar
-verdankte er diese raschen Erfolge weniger Frau Elisabeth und den anderen
-Hausgenossen, als seiner kleinen Freundin Blanche, deren Plappermaul nie
-lange still stand.
-
-Er hatte in einem Brief an den Vater begeisterte Schilderungen von Blanche
-gemacht, die der vielbeschäftigte und viel reisende Kaufherr und Lebemann
-mit einem flüchtigen Lächeln gelesen haben mochte; ihm aber waren sie
-Ausdruck seines Heiligsten: Blanche war für sein ungestümes Knabenherz
-alles, ersetzte ihm Heimat und Elternhaus.
-
-Er hielt ein abgelegtes blaues Haarband und ein altes Schreibheft von ihr
-als köstliche Besitztümer verwahrt. Das kleine Heiligenbild über seinem
-Bett hörte oft ihren Namen, wenn er sie in sein Gebet einschloß, oder
-in Gedanken an sie verloren, halblaut diesen schönen Namen stammelte,
-in dessen romanischem Klang ihn Verwandtes grüßte, und in dem so viel
-Reinheit, Jugend und Süße lag.
-
-Blanche!
-
-Er kannte eine halbe Strophe eines französischen Liedes, in der dieser Name
-vorkam, und er wurde nicht müde, sie vor sich hin zu trillern.
-
-»Blanche, petite Blanche!«
-
-Auf dem Schulweg trug er ihr die Mappe bis zum kleinen Bahnhof, von wo aus
-sie der Zug in einer Viertelstunde in die Stadt führte. Sonst hatte Lux ihr
-die Mappe getragen, konnte es aber nicht ändern, daß Manuel ihm nun
-immer zuvorkam. Dieser ging übrigens nicht mit auf den Perron, sondern
-verabschiedete sich schon vorher; denn sie trafen auf dem Bahnhof noch
-einige andere Knaben und Mädchen, die in die Schule fuhren, und deren
-Anstarren ihm unangenehm war. War man denn als Ausländer ein wildes Tier
-für diese dummen deutschen Kinder? Eine häßliche Unsitte, dieses Anglotzen
-eines Fremden. Daß er dunkler war als sie, sahen sie doch mit einem halben
-Blick. Und was war denn sonst an ihm, was ihre Aufmerksamkeit immer aufs
-neue wieder erregen konnte? Er wußte ja nicht, daß Blanche es war, die mit
-ihren Erzählungen diese Unart nährte.
-
-Keinem, keinem hätte er ein Wort über Blanche gesagt; ganz allein
-ihm gehörte sie und den Heiligen, deren Schutz er sie mit kindlicher
-Frömmigkeit empfahl. Was ging es andere an, was er über Blanche dachte, was
-er für sie empfand; nur ihr selbst es mit tausend kleinen Aufmerksamkeiten
-und Artigkeiten zu zeigen, war er beflissen. Ihre Mutter hatte ihm den
-Handkuß untersagt; aber was ihm alte Gewohnheit war, konnte er nicht sobald
-lassen und tat es jetzt heimlich und mit dem Bewußtsein einer verbotenen
-Huldigung. Dieses war das einzige, was er sich vorzuwerfen hatte. Er
-hätte sonst nie eine Lüge über seine Lippen gebracht; in diesem Falle aber
-entschuldigte er sich vor seinem Herzen.
-
-Blanche! Blanche! jubelte dieses heiße Knabenherz, wenn sie ihm
-entgegenkam, schlank, schwebend, ganz Licht in dem Strahlenkranz ihrer
-goldenen Haare, und ihm schon von weitem ihre feine schlanke Hand mit den
-etwas langen Fingern entgegenstreckte.
-
-Blanche!
-
-Und dann sollte er diese Hand wieder fahren lassen, ohne sie zu küssen?
-Mochte es nicht Sitte sein in diesem kühlen Lande, und mochte der blasse
-Lux nie die Hand der kleinen Blanche küssen, ihm sollte man es nicht
-wehren. Und bei der Vorstellung, daß auch Lux diese Hand küssen könne, zog
-sich eine feine Falte zwischen den schwarzen Augenbrauen zusammen.
-
-Manuel war denn auch der einzige, der sich nicht auf Lux freute. Mochte
-er doch zum Spielen herüberkommen. Aber daß er nun auch das Zimmer mit
-ihm teilen sollte, gefiel ihm nicht. Frau Elisabeth hatte es ihm schon
-angekündigt. Freilich nur in Form einer Frage, ob er wohl auf vierzehn Tage
-Lux bei sich aufnehmen wolle. Gewiß wollte er, er durfte doch nicht nein
-sagen, aber erfreut war er nicht. Nicht, daß er den Nachbarssohn fürchtete;
-aber Lux würde die wenigen Stunden, die Manuel bisher mit Blanche allein
-sein durfte, stören. Und das war Grund genug, ihn zu hassen.
-
-Doch der Tag rückte heran, an dem Lux übersiedeln sollte. Dr. Irmler hatte
-seinen Koffer gepackt und kam nun am Abend vor seiner Abreise mit Lux
-herüber, um sich zu verabschieden und seinen Knaben in die Hände der
-verehrten Pflegerin abzuliefern. Man saß nach dem Tee in der offenen
-Veranda in angeregtem Gespräch über Italien, das beiden Gatten nicht fremd
-war, und die Kinder durften dabei sein und sich still verhalten. Manuel
-und Blanche wären lieber noch in den Garten gegangen, aber Lux wollte sich
-begreiflicherweise in der letzten Stunde nicht vom Vater trennen und stand
-an dessen Seite, von seinem Arm umschlungen.
-
-Manuel dachte an seinen Vater. So zärtlich hatte der ihn nie umfaßt.
-Selten, daß er einen Kuß von ihm bekommen hatte. Auch als er sich zuletzt
-auf dem Bahnhof von ihm verabschiedete, hatte er ihm nur die Hand gegeben
-und sie fast geschäftsmäßig geschüttelt.
-
-Ein tiefes Heimweh nach Liebe und Mutterarmen packte ihn. Wie lange hatte
-er sie entbehren müssen. Seine Mutter, von der er fast nie sprach, war eine
-träge, indolente Südländerin, und der Vater ging ganz in seinen Geschäften
-auf. Ein einziges Briefchen erst hatte er von der Mutter bekommen, der das
-Schreiben eine körperliche und mehr noch geistige Anstrengung war. Wohl
-liebte er sie und er hätte sie nicht leiden sehen können, aber die Trägheit
-ihres Gefühlslebens hatte auch die Äußerungen seiner Neigung mehr und
-mehr erschlaffen lassen. Nur Nushat war es, an die Manuel mit Zärtlichkeit
-dachte. Sie allein hatte wohl einmal ihren Arm um seinen Hals gelegt und
-hatte ihm sanfte Worte gesagt. Die braune Tochter Arabiens stand plötzlich
-vor seinen Augen und verdunkelte sogar die lichte Blanche, so daß er
-sich gänzlich fremd und verlassen in diesem Kreise vorkam, und mit einem
-feindlichen Gefühl als stiller und übelwollender Beobachter in seiner Ecke
-sitzen blieb.
-
-Lux aber war nicht nur bei seinem Vater Liebkind an diesem Abend, sondern
-auch Frau Elisabeth und ihr Gatte waren geflissentlich freundlich und
-aufmunternd zu ihm, um ihm die Trennung leichter zu machen und ihm gleich
-zu zeigen, daß sie es gut mit ihm meinten, und er hier wohl geborgen sei.
-Und auch Blanche, dem Beispiel ihrer Eltern folgend, war freundlicher gegen
-Lux, als sonst wohl in der letzten Zeit.
-
-Nachher, als Dr. Irmler Lux den Gute Nachtkuß gab und in sein eigenes Heim
-hinüberging, war Lux wieder dem Weinen nahe; doch er beherrschte sich und
-stieg still mit Manuel in ihr gemeinsames Stübchen hinauf.
-
-Still kleideten sie sich aus. Jeder war mit seinen Gedanken beschäftigt,
-und wollte von dem anderen nichts, als unbehelligt gelassen werden.
-
-»Soll ich auslöschen?« fragte Manuel.
-
-»Ja, bitte.«
-
-Es wurde dunkel in der kleinen Kammer und still, nur das feine, hastige
-Ticken zweier Taschenuhren erfüllte als einziges, leises Geräusch den Raum,
-und ab und an knarrte eine der Bettstellen.
-
-Manuel konnte nicht einschlafen. Zum ersten Mal hatte er sein Nachtgebet
-leise hergesagt und den lieben Namen Blanche nicht ausgesprochen. Seine
-Gedanken waren zerstreut, halb drüben in der Heimat und nur zur Hälfte
-hier, wo er sich zum ersten Male fremd und verlassen vorkam. Lux schlief
-schon lange, mit ruhigen, leisen Atemzügen, als Manuel noch wach lag, das
-Gesicht in die Kissen drückte und leidenschaftlich weinte.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-6. KAPITEL.
-
-
-Dr. Irmler war am anderen Morgen abgereist. Sie hatten ihn alle an die Bahn
-gebracht, und die beiden Herren waren zusammen abgefahren, der eine nach
-Italien, der andere ins Kontor.
-
-Frau Elisabeth kehrte mit den Kindern auf einem längeren Umweg zurück.
-Es war zugleich der erste Ferientag, und Blanche war in ausgelassenster
-Stimmung.
-
-»Lach doch mal!« rief sie und neckte Lux mit einem herzhaften Stoß, so
-daß er taumelte und fast in einen Graben gefallen wäre. Er wurde rot vor
-Schreck und auch ein wenig vor Ärger und lachte gezwungen.
-
-Die Mutter verwies ihr so derbe Späße. Lux wäre noch nicht aufgelegt zum
-Scherzen.
-
-»O doch,« sagte er. Und um Blanche eine Beschämung zu ersparen, bezwang
-er sich und war auch bald von ihrer Lustigkeit angesteckt. Da wandte Frau
-Elisabeth sich an Manuel.
-
-»So ernst?« fragte sie. »Woran denkst du?«
-
-»Wie schön das Reisen ist!« sagte er, »und wie schön es gewesen wäre, wenn
-ich hätte mitfahren können.«
-
-»Gefällt es dir nicht mehr bei uns?«
-
-»O doch!«
-
-Sie sah ihn erröten und drang nicht weiter in ihn. Er hat Heimweh bekommen.
-Das wird sich wieder geben.
-
-»Wir wollen recht vergnügt in den Ferien sein,« sagte sie, und was an ihr
-lag, tat sie dazu. Es kam, wie Blanche es vorausgesehen: sie machten zwei,
-drei Mal in der Woche kleinere oder größere Ausflüge in die Umgebung, wobei
-sie es nicht verschmähten, mit dem Rucksack auf dem Rücken zu marschieren,
-den Wanderstab in der Hand.
-
-Frau Elisabeths frische Stimme wußte immer ein Lied anzugeben, das den
-Weg würzte. Manuel konnte natürlich nur zuhören oder einzelne Takte
-mittrillern. Doch fand sich bei solchem Singen die Gelegenheit, auch
-ihn zum Auskramen seiner kleinen spanischen und französischen Lieder
-zu bewegen. Ohne gerade musikalisch zu sein, besaß er doch ein gutes
-Gedächtnis für volkstümliche Weisen; selbst ein arabisches Liedchen konnte
-er zum Besten geben. Es war ein ländliches Liedchen, dessen Text auch
-ihm vielleicht nur leere Worte blieben, aber er sang mit einer solchen
-Ergriffenheit und mit einem zitternden Heimweh, daß Frau Elisabeth ein
-gerührtes Lächeln nicht unterdrücken konnte, und Blanche und Lux ihn ganz
-verwundert anstarrten, so daß er tief errötete und mit einem gewinnenden
-Lächeln der Verlegenheit sagte: »Ich kann nicht singen.«
-
-Frau Elisabeth hatte eine feine, erzieherische Art, jedem eine kleine
-Pflicht aufzuerlegen; der eine mußte den Proviant tragen, der Andere den
-Quartiermacher spielen, der Dritte in ein Wanderbüchlein einschreiben, was
-ihnen des Aufzeichnens wert erschien. Sie selbst behielt sich die Führung
-und die Kasse vor.
-
-So wußte sie ein gemeinsames Band zu schlingen, das wieder fester
-verknüpfte, was sich schon leise zu lockern drohte.
-
-Manuel vergaß sein Heimweh, und Lux empfand die Trennung vom Vater bald
-nicht mehr als Leid, sondern als eine fröhliche Abwechselung. Dazu trugen
-die häufigen Briefe und Karten Dr. Irmlers vieles bei; fast von jeder
-Station kam wenigstens ein kurzer, an Lux adressierter Kartengruß.
-Im übrigen hielten längere, ausführliche Briefe an Frau Elisabeth die
-Zurückgebliebenen mit dem Abwesenden in steter Verbindung. Die Briefe des
-Reisenden, der vom schönsten Wetter begünstigt dem Lande der Sonne und
-Schönheit zueilte, atmeten Heiterkeit und Lebensfreude, und ein neuerliches
-Schreiben versprach dem Sohne und den Freunden allerlei Erfreuliches und
-Ergötzliches mit heim zu bringen.
-
-So fühlte sich denn Lux im freien Genuß der Gegenwart und in stiller
-Hoffnung auf die Zukunft im ganzen glücklich, zumal Blanche, die nicht
-mehr unter dem überwiegenden Einfluß Manuels stand, sich ihm wieder mehr
-zuwandte. Das wurde dann die Ursache, daß Manuel, dessen Eifersucht diese
-Wandlung wohl bemerkte, der Vergangenheit und seinem Heimweh wieder kräftig
-entzogen wurde und sich wieder leidenschaftlich dem Tage zuwandte. Ein
-stilles Ringen begann jetzt unter den beiden Knaben um das Mädchen, das
-fortfuhr, seine Gunst gleichmäßig zu verteilen.
-
-Lux war schon zufrieden, wenn er nicht hinter Manuel zurückstehen brauchte;
-der war nun einmal da, und ein Anteil von Blanches Freundschaft war ihm
-nicht zu verweigern. Nur wachte Lux eifersüchtig darüber, daß ehrlich
-geteilt wurde. Anders Manuel, der anspruchsvoller am liebsten die kleine
-Freundin für sich allein gehabt hätte, und die alte Eifersucht und den
-alten Groll auf Lux wieder aufkeimen fühlte. Und sonderbarer Weise kam er,
-ohne daß Blanche es wollte, nur durch eigene Schuld, wenn auch unbewußt,
-ein wenig ins Hintertreffen. Wetteiferten sie auf den Ausflügen, sich durch
-kleine Gefälligkeiten und knabenhafte Galanterien beliebt zu machen, so kam
-Lux ihm oft zuvor, weil es nicht in Manuels Natur lag, über Blanche
-Frau Elisabeth zu vernachlässigen. Schon als der ältere fühlte er sich
-verpflichtet, ihr Ritterdienste zu leisten, während der jüngere Lux an
-dergleichen Artigkeiten nicht dachte und nur für Blanche da war.
-
-Da schlug denn jenem oft das Herz, wenn er neben Frau Elisabeth herging,
-ihren Mantel trug, oder sich ihrer Unterhaltung widmete und sehen mußte,
-wie Lux und Blanche fröhlich vorauf sprangen, auch wohl einmal wieder, wie
-in früheren Tagen, Hand in Hand.
-
-Frau Elisabeth ließ das Betragen des ritterlichen Knaben nicht ohne
-Anerkennung, indem sie ihn ihrem Töchterchen als Beispiel hinstellte, wozu
-die unbekümmerte Blanche reichlich Gelegenheit gab.
-
-»Du könntest dich deiner Mutter auch einmal gefällig erweisen,« sagte sie.
-
-»Mutti, was soll ich denn tun?«, rief Blanche stürmisch, die Arme
-schmeichelnd um ihren Hals legend. Aber dabei blieb es denn auch. Manuel
-doch war stolz auf Frau Elisabeths Lob, und trug dafür die Qualen der
-Eifersucht heroisch weiter.
-
-Anders aber gab er sich zuhause, bei den Spielen im Garten, wo die Kinder
-unter sich waren. Da trachtete er, das Versäumte nachzuholen, und forderte
-sein vorenthaltenes Teil mit Zinsen ein. Blanche, die ganz nach Lust und
-Laune handelte, und keinen eigentlich bevorzugte, fühlte sich dann manchmal
-von seinem heftigen Wesen befremdet, und hielt sich ein wenig zurück, ohne
-zu ahnen, wie weh sie ihm tat und wie sehr sie ihn reizte.
-
-Ihr Name erschien schon lange wieder in seinen Gebeten, und er stammelte
-ihn halb laut aus sehnsüchtigen und kranken Träumen heraus.
-
-Und eines Nachts, als ein Traum ihm gezeigt hatte, wie Blanche Hand in
-Hand mit Lux Blumen pflückte, während er abseits stand und nicht zu ihnen
-konnte, saß er, erwacht, aufrecht im Bett und starrte voll Zorn, Haß und
-Kummer durch das Dunkel auf Lux, der ruhig in seinen Kissen lag. Manuels
-Fäuste ballten sich, und seine Zähne preßten sich wild aufeinander. Hätte
-Lux Licht gemacht, er hätte sich vor diesem Gesicht entsetzt, das durchaus
-nicht mehr kindlich aussah, sondern mit dem Ausdruck einer fast männlichen
-Energie heißen Haß und tiefschneidendes Weh verband.
-
-Lux wachte freilich, und auch seine Gedanken beschäftigten sich mit Manuel.
-Er sah ihn auch, obgleich nur undeutlich, aufrecht im Bett sitzen, wenn der
-Vorhang, hinter dem das Fenster offen stand, von einem stärkeren Luftzug
-getroffen sich leise hin und her bewegte und das Dunkel ein wenig
-aufhellte. Auch suchte Lux nach einem Wort, ihn anzureden, aber er fand
-keines; denn was ihn zu reden trieb, beschäftigte auch wieder so sehr seine
-Gedanken, daß er damit nicht fertig wurde.
-
-Manuel hatte im Schlaf laut und leidenschaftlich Blanches Namen gerufen.
-
-»Blanche! Blanche!«
-
-Zweimal hatte der geliebte Name mit einem wehen Laut durch das Dunkel
-und durch die Stille gezittert. Etwas Fremdes, nicht Gekanntes klang dem
-erschreckten Lux daraus entgegen.
-
-»Blanche! Blanche!«
-
-»Was hast du? Was ist dir?«, wollte Lux rufen, aber etwas lähmte seine
-Zunge, benahm ihm den Atem. Fast unheimlich klang dieses zweimalige Rufen.
-
-Und jetzt wurde wieder Manuels Stimme laut.
-
-»Lux! -- Lux! -- schläfst du?«
-
-»Nein, was willst du?«
-
-Manuel gab keine Antwort.
-
-»Willst du was?« fragte Lux noch einmal dringlicher.
-
-»Ja.«
-
-Und dann rang sich jedes Wort langsam und leise, aber leidenschaftlich von
-den zuckenden Knabenlippen.
-
-»Ich liebe Blanche. Sie soll nicht immer nur mit dir freundlich sein. Ich
-halte das nicht aus. Ich will es nicht.«
-
-Im Dunkel der Nacht saß der Knabe aufrecht in seinem Bett und stammelte
-dieses Bekenntnis, und es war Lux, dem er es vorstammelte, Lux, der am Tage
-der letzte gewesen wäre, dem er es anvertraut hätte. Aber er mußte sein
-übervolles Gemüt entladen, war froh, daß er Lux nicht dabei sehen konnte,
-sprach wie zu einem Fremden, fühlte, wie bei jedem Wort die Tränen höher in
-ihm aufstiegen, und zitterte am ganzen Leibe vor Erregung.
-
-Eine lange Stille folgte Manuels Worten, während nur sein unterdrücktes
-Schluchzen zu vernehmen war.
-
-Ich liebe Blanche! Lux hätte nie für sein Empfinden für Blanche diesen
-Ausdruck gefunden. Er war aufs neue erschreckt, beängstigt, von etwas
-Fremdem verwirrt.
-
-»Blanche ist doch auch gegen dich freundlich,« sagte er. Er konnte Manuels
-Weinen nicht länger hören und hätte ihn gern getröstet.
-
-»Wir kennen uns doch auch schon viel länger, Blanche und ich,« fuhr er
-fort. »Deswegen ist sie doch nicht weniger freundlich mit dir. -- Laß doch
-das Weinen. -- Ich will es ihr sagen, daß sie freundlicher mit dir sein
-soll!«
-
-»Nein!« rief Manuel, schrie es fast. »Daß du es ihr nicht sagst. Ich
-glaube, ich könnte dich töten, wenn du es tust.«
-
-»Dummes Zeug!« brummte Lux, der solche Leidenschaft nicht verstand und sich
-ärgerlich auf die andere Seite legte.
-
-»Lux! du! Lux!«
-
-»Was denn?«
-
-»Daß du es ihr nicht sagst!«
-
-»Mir ist es gleich. Du kannst es ihr ja selbst sagen. Aber jetzt möchte ich
-gern schlafen.«
-
-Seine Müdigkeit überwog wirklich seine Teilnahme für Manuel und auch für
-Blanche. Es dauerte nicht lange, da schwebten wieder seine leisen, feinen
-Atemzüge durch das Zimmer.
-
-Manuel aber lag noch lange wach und betete zum ungezählten Male zur Mutter
-Gottes, sie möchte ihm das Herz der kleinen Blanche zuwenden.
-
-Die Folge dieses nächtlichen Zwiegespräches war eine weitere Entfremdung
-zwischen den Knaben. Lux betrachtete Manuel jetzt mit ganz anderen Augen.
-Er fühlte etwas wie Neid. So viel er von Blanche hielt, seinen Schlaf
-hatte sie ihm noch nie gestört. Und nun gar diese Tränen, dieser
-leidenschaftliche Ausbruch Manuels in der Nacht. Er schämte sich und schalt
-sich, daß er nicht auch so empfand. Manuel war freilich auch schon älter
-als er und in vielem reifer. Lux war ehrlich genug, es anzuerkennen, und
-hatte Respekt vor ihm. Aber das wurmte ihn wieder; er hätte ihn lieber
-verachtet. Sein Selbstgefühl bäumte sich auf, und er besann sich darauf,
-daß er ältere Rechte als Manuel hatte, der nur ein Eindringling war. Und
-zugleich erwachten Gedanken in ihm, die bisher geschlummert hatten.
-
-»Ich liebe Blanche auch. Er soll nicht glauben, daß er es allein ist.« Und
-er wurde mißtrauisch und beobachtete die beiden.
-
-Manuel haßte Lux nur umsomehr, als er ihn jetzt zu fürchten hatte. Oh,
-daß er sich ihm in jener Nacht in seiner Seelennacktheit gezeigt hatte!
-Er schämte sich vor ihm und suchte seinem Blick auszuweichen, wurde
-argwöhnisch und belauerte Blanche, ob sie wohl etwas wisse. Ganz im
-tiefsten Innern war dabei der heimliche Wunsch rege, sie möchte es wissen;
-er würde Lux jetzt nicht mehr deshalb töten.
-
-»Du hast doch nichts gesagt?« fragte er ihn zwei Tage später und zwang sich
-zu einem Ton freundlicher Vertraulichkeit.
-
-»Was denn?« fragte Lux mit verstellter Gleichgültigkeit.
-
-Manuel ärgerte sich.
-
-»Das weißt du recht gut.«
-
-»Ach das.«
-
-Der Ton war womöglich noch gleichgültiger.
-
-»Ich will es aber wissen!«
-
-Manuel wurde heftig.
-
-»Frage sie doch selbst,« gab Lux zur Antwort.
-
-Zornig ging Manuel weg.
-
-An diesem Tage kam ein Brief Dr. Irmlers, der eine Verlängerung seiner
-Reise um höchstens acht Tage ankündigte und hoffte, daß Lux den Freunden
-nicht lästig werden würde. Die Veranlassung zu diesem Schreiben aber war
-diese:
-
-Er ist in Rom, kommt abends spät aus einer kleinen Gesellschaft, hört in
-einer einsamen menschenleeren Straße plötzlich einen Schrei ganz in seiner
-Nähe und steht im nächsten Augenblick vor einem entseelten Körper, der
-quer über den Bürgersteig liegt. Ein Schatten fliegt über die Straße, ein
-geisterblasses Gesicht wendet sich noch einmal um, und er meint im ersten
-Augenblicke nichts als zwei große schwarze, weit aufgerissene Augen in
-diesem Gesicht zu erkennen. Aber schon nahen Schritte, er wird bei der
-Leiche gesehen, verdächtigt, und muß mit auf die Wache. Hier gelingt es ihm
-bald, seine Unschuld glaubhaft zu machen. Indessen kann man ihn nicht
-ganz freigeben, da er den Mörder gesehen haben will und eine ungefähre
-Beschreibung von ihm zu liefern imstande ist. Des einzigen Zeugen muß
-man sich versichern, zumal seine Angaben viel Wahrscheinlichkeit für sich
-haben. Seine Beschreibung paßt auf einen jungen Burschen, den man mit dem
-Getöteten befreundet weiß, und von dem es bekannt ist, daß er sich mit
-jenem gleichzeitig um ein hübsches und braves Bürgermädchen bewarb.
-
-Vor die Frage gestellt, glaubt Dr. Irmler sich noch anderer Merkzeichen
-entsinnen zu können, als nur der dunklen Augen. Und alles zeigt auf
-jenen Freund hin. Dieser wird gefunden, festgenommen und dem Zeugen
-gegenübergestellt, der ihn zu erkennen glaubt. Ein anfängliches Leugnen
-zieht die Sache hin, aber der Unglückliche entschließt sich zuletzt zu
-einem Geständnis. Und wirklich ist die unselige Eifersucht das Motiv seiner
-Tat.
-
-Diese Begebenheit hatte Dr. Irmler mehrere Tage gekostet, während welcher
-er nicht fähig war, seinen Studien nachzugehen. So war noch manches
-nachzuholen und eine Verlängerung seines Aufenthaltes erwünscht.
-
-Er möchte sich nicht beeilen und sich nicht sorgen, schrieb Frau Elisabeth
-zurück. Lux wäre gut aufgehoben, und sie hätten ihn alle gern bei sich.
-
-»Daß dieses hitzköpfige Volk doch immer gleich zum Messer greifen muß!«
-sagte ihr Gatte beim Tee, als er von dem Inhalt des Briefes erfuhr. »Und
-wenn es dann noch wenigstens zum ehrlichen Zweikampf schreitet. Aber ein
-feiger Meuchelmord aus solchem Beweggrunde, noch dazu an einem Freund, will
-einem schier unverständlich sein.«
-
-»Es ist schrecklich,« erwiderte Frau Elisabeth, »wie die Leidenschaft alles
-verdunkelt, alle Begriffe von gut und böse auslöscht und den Menschen zum
-blinden Werkzeug seiner Triebe macht. Ich erinnere mich eines ähnlichen
-Falles aus meiner Heimat, wo ein sonst liebenswürdiges Schwesternpaar sich
-um einen jungen Mann heftig entzweite; beide getäuscht, suchten sie statt
-Trost in der Versöhnung Trost im Tod. Man fand beide Leichen am blühenden
-Sommerrain des kleinen Flusses, von den mitleidigen Wellen sanft
-nebeneinander hingebettet.«
-
-So erzählte Frau Elisabeth in tiefer Ergriffenheit. Den Kindern enthielt
-sie diesen Teil des Briefes vor. Es schien ihr nicht ratsam, die jungen
-Seelen schon mit solchen Dingen zu beschweren; sie würden früh genug die
-Tragik des Lebens kennen oder doch wenigstens ahnen lernen. Sie sagte ihnen
-nur, daß Dr. Irmlers Studien seine Anwesenheit in Rom noch für einige Tage
-verlange.
-
-Lux selbst war zufrieden. Die Tage gingen abwechselungsreich hin, und die
-leichten Schatten, die die Verstimmung zwischen ihm und Manuel auf ihre
-Freuden warf, bedrückten ihn nicht allzusehr.
-
-Manuel jedoch war keineswegs erfreut über Luxens verlängerten Aufenthalt.
-Acht Tage noch! Wäre doch die Zeit bald um!
-
-Blanche aber rief einfach: »Wie schön!« obgleich es ihr keinen großen
-Kummer gemacht hätte, Lux schon jetzt an seinen Vater zurückzugeben.
-
-Nun mußte es geschehen, daß Frau Elisabeth um diese Zeit von heftigen
-Kopfschmerzen anhaltend geplagt wurde, so daß sie sich den Kindern nicht so
-viel wie sonst widmen konnte. Sie überließ sie um so ruhiger sich
-selbst, als es ihr bisher erschienen war, daß sie in guter Kameradschaft
-miteinander verkehrten.
-
-Aus dieser Ruhe sollte sie eines Tages aufgestört werden. Die Spannung
-zwischen den beiden Knaben hatte sich wie ein böses Geschwür weiter
-gefressen, das nun unerwartet aufbrach.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-7. KAPITEL.
-
-
-Blanches Geburtstag sollte, wie alljährlich, festlich gefeiert werden. Ja,
-man plante diesmal etwas ganz Besonderes. Das beständige schöne Wetter
-ließ das Gelingen eines kleinen Gartenfestes erhoffen. Ketten von Lampions
-sollten gezogen und eine italienische Nacht unter nordischem Himmel
-hergezaubert werden. Wochenlang hatte man sich schon darauf gefreut,
-und diese gemeinsame Vorfreude war immer wieder das Band gewesen,
-Auseinanderstrebendes zusammen zu halten.
-
-Nun war der festliche Tag da, und alles stand in Erwartung eines besonderen
-Freudentages früher auf als sonst. Schon am Morgen kam eine Cousine
-Blanches, während die anderen kleinen Gäste sich erst am Nachmittag
-einfanden. Es war ihrer ein großer Kreis geladen worden, auch Knaben, damit
-es den Mädchen nicht an Tänzern fehle. Alle kleinen Freundinnen kamen in
-weißen Kleidern mit bunten Schleifen und Schärpen und brachten Blumen und
-Schokolade und kleine Geschenke mit. Alle gaben sie Frau Elisabeth mit
-einem zierlichen Knicks die Hand und schauten sich dann mit großen Augen
-im Kreise um. Die Knaben traten selbstbewußt auf, und konnten doch eine
-lächerliche Verlegenheit und Unbeholfenheit nicht verbergen; sie waren in
-der Minderzahl und hätten offenbar lieber unter sich Pferd oder Räuber und
-Soldat gespielt, als sich hier sittsam und kavaliermäßig zu betragen. Sie
-hielten sich zu Lux und Manuel und staunten diesen ebenso an, wie es die
-kleinen Mädchen taten.
-
-»Wie braun er ist,« flüsterten sie untereinander.
-
-»Er kommt nachher in unsere Schule.«
-
-»Aber klein ist er nur.«
-
-»Ist er nett?«, fragten sie Lux leise, und Lux sagte: »Sehr nett.«
-
-Daß er ziemlich gut deutsch sprach, merkten sie bald, und ebenso, daß er
-ihnen allen an Sicherheit des Betragens überlegen war. Lux war einer von
-ihnen, aber Manuel war etwas Besonderes.
-
-Manuel merkte wohl, daß er Eindruck machte, und fühlte sich geschmeichelt,
-denn er dachte an Blanche dabei. Ihr wollte er gefallen.
-
-Blanche aber war anfangs noch viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt;
-sie war nicht ohne mädchenhafte Eitelkeit und wollte in ihrem neuen
-Geburtstagskleide auch gefallen. Sie sah in der Tat reizend aus. Ihre
-zarte, sonnige Elfenschönheit war vom Glanz heiterer Freude umstrahlt. Dazu
-kam das Bewußtsein, Hauptperson zu sein, und die Überlegenheit der kleinen
-Wirtin, die sich bei sich zuhause fühlt und glücklich ist, ihren Gästen
-etwas bieten zu können.
-
-Es war ein liebliches Bild, die vielen hellen, mit farbigen Bändern
-geschmückten Kindergestalten sich im Garten tummeln zu sehen. Die Blumen
-auf den Beeten jedoch, vor allem die in vollem Flor stehenden Rosen,
-scheuten solche Nachbarschaft nicht, sondern behaupteten sich in schönster
-Pracht. Auch die kleinen bunten Papierlaternen, die ganz regungslos in der
-stillen Luft hingen und sich auf den Abend zu freuen schienen, wo sie
-ihr Licht leuchten lassen sollten, kamen schon jetzt in ihrem bunten
-Farbenschmuck zu hohen Ehren. Wenn sie erst brennen würden, das mußte schön
-sein. Doch damit sollte es noch ein wenig Zeit haben. Es waren lange, helle
-Abende, und die Illumination war als Abschluß des Festes gedacht.
-
-Allerlei Spiele vertrieben indessen die Zeit. Man spielte Haschen, von
-Baum zu Baum und Topf schlagen. Wie gerufen fanden sich ein paar
-Straßenmusikanten vor dem Hause ein; man holte sie herein und improvisierte
-auf kurz geschorenem Rasen ein lustiges Tänzchen zu keineswegs
-wohlklingender Musik. Aber wer tanzen will, dem ist leicht geblasen. Die
-geschmeichelten Künstler befleißigten sich, ihr Bestes zu leisten, und
-namentlich die Klarinette gab sich alle Mühe, in diesem herrschaftlichen
-Kreise ehrenvoll zu bestehen.
-
-Als sich die Leute nach drei Tänzen wieder verabschieden wollten, wollte
-man sie nicht weglassen. Noch einmal! noch einmal! Die kleinen Tänzer waren
-unersättlich.
-
-Da besprach sich Frau Elisabeth mit den Musikanten, daß sie für eine
-hinreichende Entschädigung noch ein halbes Stündchen bleiben und sich
-zum Schluß an die Spitze einer Polonaise stellen möchten, die sich mit
-brennenden Papierlaternen unter den leuchtenden Lampiongewinden durch den
-Garten bewegen sollte. Als sie einwilligten, entstand allgemeiner Jubel,
-und man war einig, ein so schönes Fest noch nicht gefeiert zu haben.
-
-Nun waren die anderen Knaben fast alle schlechte Tänzer. Auch Lux stand
-hierin hinter Manuel zurück. Dieser war der einzige, der eigentlich tanzen
-konnte, während die Kunst der anderen nicht viel mehr als ein munteres
-Hüpfen war. Das genügte ja nun für diese kleine Gesellschaft vollkommen.
-Aber die Dämchen waren doch froh, wenn der bewunderte Spanier ihnen seine
-Aufmerksamkeit schenkte. Die schien nun freilich einzig dem Geburtstagskind
-zu gelten. Schon längst hatte Lux das mit Verdruß bemerkt. Gerade den
-Spielkameraden gegenüber ärgerte es ihn. Was mußten sie denken. Seine
-Versuche, Manuel aus dem Sattel zu heben, schlugen alle fehl; Blanche
-schien nur für diesen da zu sein, oder sie war zu schwach oder zu
-ungewandt, sich seinem Einfluß zu entziehen.
-
-Das nächtliche Geständnis Manuels hatte Lux die Augen geöffnet und seinen
-eigenen Gefühlen für Blanche die Unbefangenheit geraubt. Er hatte sie auch
-lieb, Manuel sollte sie nicht für sich allein haben.
-
-Und wie hübsch war Blanche heute. So war sie ihm noch nie erschienen. Er
-hätte sie bei der Hand nehmen mögen wie früher: komm Blanche, wir wollen
-allein spielen. Alle die anderen Mädchen beachtete er nicht. Da war eine
-Größere mit stillen, klugen Augen, die immer Lux suchten. Aber er merkte es
-nicht und sandte seine Blicke nach Blanche aus.
-
-Mit einem Male war Blanche verschwunden. Wo war sie? Und jetzt fehlte auch
-Manuel.
-
-Vergeblich sah er sich nach den beiden um; die Gesellschaft war groß genug,
-daß sie sich ungesehen hatten entfernen können. Lux wollte Gewißheit haben
-und suchte den ganzen Garten ab. Schon gab er die Hoffnung auf, sie zu
-finden, als sein Fuß stockte.
-
-Waren das nicht Stimmen?
-
-Aus dem Nußgebüsch am Bach?
-
-Ein Flüstern?
-
-»Blanche, süße, liebe Blanche!«
-
-Ein Griff, und Lux riß die Sträucher auseinander.
-
-Da saßen sie auf der niedrigen Rasenbank, und die glühende Blanche empfing
-die ersten, stürmischen Küsse des wilden, leidenschaftlichen Knaben.
-
-Mit einem Schrei schreckte Lux die Selbstvergessenen auf, stürzte sich auf
-sie und riß Manuel weg, stieß den Erschrockenen, daß er taumelte und zu
-Boden stürzte.
-
-»Lux! Lux!« rief Blanche angstvoll.
-
-Manuel war wie eine Katze wieder aufgesprungen, und mit zornfunkelnden
-Augen standen sich die beiden Knaben gegenüber.
-
-»Das sag ich nach,« keuchte Lux, atemlos vor Aufregung.
-
-Ein Blick grenzenloser Verachtung traf ihn aus Manuels schwarzen Augen.
-
-»Wage das nicht!«
-
-»Alles, alles sage ich nach,« zischte Lux.
-
-Wie ein wildes Tier schäumte Manuel auf.
-
-»Manuel! Lux! Manuel!«
-
-Vergeblich versuchte Blanche sich zwischen sie zu werfen. Der Augenblick
-war jetzt da, wo diese beiden Knaben, in deren Seelen sich langsam der Haß
-angesammelt hatte, aneinander geraten mußten. Wie zwei Panther fielen
-sie sich an, packten sich und rangen miteinander, nur von dem einen Trieb
-beseelt, den andern unter sich zu bringen.
-
-Es war Zufall, daß Manuel unterlag. Er stolperte und rutschte aus, fiel auf
-den Rücken und riß Lux über sich.
-
-Mit weit aufgerissenen Augen, zitternd, keines Wortes mächtig, starrte
-Blanche auf die kämpfenden Knaben, schrie nicht auf, als Manuel fiel,
-starrte nur in zitterndem Schweigen auf den Kampf. Selbst der Gedanke, es
-ist deinetwegen, verblaßte.
-
-Wenn sie sich nur nicht weh tun!
-
-Diese fürchterlichen Knaben!
-
-Wie wild sie immer gleich sind!
-
-Sie kennt Lux kaum wieder. Wie verrückt hämmert er auf Manuel los. Sie kann
-es nicht mehr mit ansehen und stürzt hinaus.
-
-Da folgt ihr ein kurzer Schrei.
-
-Lux taumelt ihr nach, die Hand auf der Brust.
-
-»Blanche!«
-
-Es klingt röchelnd, aus tiefster Angst heraus. Totenblaß ist Lux, taumelt
-hinter sich, dreht sich um, greift in die Luft und fällt mit einem dumpfen
-Aufschlag zu Boden.
-
-Blut!
-
-Es rinnt über seine Bluse, ein feiner, roter Streifen.
-
-Da kreischt sie laut auf und stürzt weg, und ihr Kreischen schreckt die
-Tanzenden auf und macht die Musik verstummen.
-
-Hinter ihr teilt sich das Gesträuch, und Manuel, das Messer noch in der
-krampfhaft geballten Faust, steht starr vor Lux. Aller Haß, aller Zorn ist
-aus den schwarzen Augen verschwunden; entsetzt, mit leeren Blicken sehen
-sie wie auf etwas Rätselhaftes.
-
-So findet man die beiden Knaben. Die Musikanten, der ganze Kinderschwarm,
-alles drängt sich herzu.
-
-Lux atmet noch. Sein Gesicht ist schneeweiß, und die geschlossenen Lippen
-zucken.
-
-Einer der Musikanten, der Fagottbläser, ein großer Mensch mit einem roten
-Gesicht, nimmt ihn auf die Arme und trägt ihn ins Haus.
-
-Frau Elisabeth, mit dem willenlosen Manuel an der Hand, folgt. Sie
-schickt die kleinen Gäste nach Hause, und das schöne Fest findet ein jähes
-schreckliches Ende.
-
-Kein Wort ist aus Manuel herauszubringen, so sehr auch Frau Elisabeth
-in ihn dringt. Aber er wirft sich ihr zu Füßen und bleibt unter heftigem
-Schluchzen liegen, bis man ihn gerührt, erschüttert, aufhebt und auf sein
-Bett legt.
-
-Als der Vater vom Kontor nach Hause kam, hatte Blanche bereits alles
-gebeichtet, unter strömenden Tränen. Die Gatten verharrten in dumpfem
-Schweigen gegeneinander. Wie sollten sie sich über das unselige Geschehnis
-auslassen. Erst nach und nach sprachen sie sich aus. Sie gedachten jenes
-römischen Briefes als einer Warnung, die sie nicht verstanden hatten, und
-machten sich Vorwürfe. Hätte nicht ein solches Beispiel, wohin ungebändigte
-Leidenschaft führt, auf Manuel Eindruck machen und das Schreckliche
-verhüten können?
-
-Eine Depesche eilte nach Rom, und schon am dritten Tage saß Dr. Irmler
-gebrochen am Bett seines Knaben. Man hatte Lux noch nicht umbetten können;
-doch gab der Arzt Hoffnung, daß es sich in den nächsten Tagen ermöglichen
-ließe. Direkte Lebensgefahr war nicht vorhanden, aber der Kranke bedurfte
-der sorgsamsten Pflege und äußersten Schonung. Der linke Lungenflügel war
-durch den Stich der kurzen Taschenmesserklinge verletzt worden. Die Heilung
-war sicher, wenn sie in Ruhe, ohne Störung vor sich gehen konnte.
-
-Dr. Irmler, so dicht vor den Verlust seines einzigen Glückes gestellt,
-wollte doch die Selbstanklagen der Freunde nicht gelten lassen und war weit
-davon entfernt, ihnen irgend einen Vorwurf zu machen. Wie hätten sie ein
-solches Unglück verhüten wollen? Was hätte sie bei der großen Jugend der
-Kinder auf die rechte Spur führen sollen, auf den Gedanken, daß sich hier
-in diesen jungen Seelen eine Tragödie vorbereite?
-
-Manuel war freilich als leidenschaftliches Kind bekannt, aber doch auch
-als ein edelveranlagter Charakter wiederholt erprobt worden. Sein tiefer
-Schmerz jetzt, sein völliges Zusammenbrechen entwaffnete jeden Zorn und
-rührte die Herzen. Man empfand tiefes Mitleid mit ihm und verschonte den
-Beklagenswerten mit unnützen Vorwürfen.
-
-Frau Elisabeth hatte ihn auf seinem Zimmer aufgesucht, nachdem sie von
-Blanche gehört, wie alles gekommen. Er lag mit dem Kopf auf dem Tisch und
-wagte nicht aufzusehen. Sie trat an ihn heran, legte ihre Hand leise auf
-seinen dunklen Scheitel und sagte ernst, doch ohne Vorwurf:
-
-»Ich weiß nun alles, Manuel. Wir wollen Gott danken, daß es nicht schlimmer
-ausgelaufen ist.«
-
-Er tastete nach ihren Händen, überströmte sie mit Tränen und bedeckte sie
-wieder und wieder mit Küssen. Sie ließ es ruhig geschehen; es würde ihm gut
-tun. Endlich entzog sie sich ihm leise.
-
-»Fasse dich nun, mein Junge,« sagte sie fast zärtlich. »Wir haben dir alles
-verziehen. Du wirst zu deinem Vater zurück müssen, und alles, was gewesen,
-wird wieder gut werden. Und nun gib mir die Hand und versprich mir, daß du
-immer dein Herz und deine Hand hüten willst.«
-
-Er gab ihr leidenschaftlich die Hand und wollte sich wieder über die ihre
-neigen, doch sie faßte ihm mit der Linken unters Kinn, hob sein Gesicht ein
-wenig zu sich empor und küßte ihn mütterlich auf die Stirne.
-
-Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, hörte sie ihn wieder laut
-aufschluchzen. Sie glaubte diese Knabenseele zu verstehen: Manuels Tränen
-galten ebenso sehr Blanche, von der er sich jetzt trennen sollte, als
-Lux und der Reue. Das erste heiße Feuer in einer erwachenden Kinderseele;
-helle, hohe Flammen, heftig auflodernd, als wollten sie die Welt in Brand
-stecken, und dann ein ebenso jähes Erlöschen.
-
-Um Blanche und Lux war sie ein wenig in Sorge, welchen Einfluß dieses
-Erlebnis auf ihre jungen Seelen haben würde. Auch dachte sie darüber nach,
-wie weit sie Blanche Vorwürfe zu machen hätte. Jedes Wort zu viel könnte
-schaden statt nützen. Blanche war doch noch ein ganzes Kind, harmlos,
-wenig fest, und leicht zu bestimmen. Frau Elisabeth wußte schon die Antwort
-voraus, als sie sie fragte, wie sie dazu gekommen wäre, ihre Gäste einfach
-zu verlassen und mit Manuel zu gehen.
-
-»Er wollte es ja durchaus.«
-
-»Und du weißt nicht, daß sich das nicht schickt? Wäret ihr bei den anderen
-geblieben, so wäre alles nicht geschehen. Das war sehr unrecht von dir. Du
-siehst, was für ein Unglück aus solchen Kindereien entstehen kann.«
-
-Frau Elisabeth hielt es für das richtigste, Blanche gegenüber diesen
-Ausdruck zu gebrauchen: Kindereien. Blanche freilich war wenig geneigt, es
-als Kindereien zu nehmen. Sie kam sich sogar sehr wichtig vor. Schade, daß
-noch Ferien waren; am liebsten wäre sie morgen in die Schule gegangen, um
-zu hören, was die Freundinnen sagten.
-
-Natürlich tat Lux ihr furchtbar leid. Und wie traurig Dr. Irmler aussah.
-Aber Lux würde ja nicht sterben. Sie wußte, was der Arzt gesagt hatte.
-Und sie wollte auch jeden Abend beten, daß der liebe Gott Lux doch wieder
-gesund werden ließe.
-
-Am meisten waren ihre Gedanken natürlich bei Manuel. Der kam nicht von
-seinem Zimmer, und sie sah und hörte nichts von ihm. Sie wollte die Mutter
-nach ihm fragen, wagte es aber dann doch nicht. So spionierte sie herum, ob
-sie nicht irgendwo etwas von ihm erhaschen könne.
-
-Sie war in Angst um ihn. Ob er wohl bestraft werden würde? Er durfte nicht
-stechen. Lux hatte allerdings angefangen. Was ging es den überhaupt an? Und
-wie hatte er auf Manuel losgeprügelt. Der konnte sich ja garnicht anders
-wehren, noch dazu, da er gefallen war und unter Lux lag.
-
-Vier Tage später fuhr ihr Vater mit dem kleinen Spanier weg, ohne daß
-Blanche ihn wieder gesehen hatte. Manuel ist wieder zu seinem Papa
-gefahren, hieß es, er läßt dich freundlich grüßen.
-
-Das fand sie empörend. So abzureisen, ohne ihr Adieu gesagt zu haben!
-
-Ob er nie wieder kommen würde?
-
-Sie wagte nicht, danach zu fragen. Aber sie sagte sich, daß sie ihn zum
-letzten Mal gesehen hatte, daß er für immer weg war.
-
-Und nicht das kleinste Andenken an ihn besaß sie. Sie wußte, er hatte ein
-altes Schreibheft von ihr, ein paar Haarbänder und ein Stückchen von ihrer
-roten Geburtstagsschärpe, das er sich selbst abgeschnitten hatte. Aber sie
-besaß nichts von ihm, gar nichts. Zum Geburtstag hatte er ihr einen Kasten
-mit feinsten Bonbons geschenkt. Sie hatte sich sehr gefreut, aber die
-Freundinnen hatten nachher die meisten aufgenascht. Ein paar waren noch
-nachgeblieben, die wollte sie aufheben. Eine Stunde später aber erschien
-es ihr doch pietätvoller, sie so zu verwenden, wie Manuel es gewollt hatte.
-Und sie setzte sich ans Fenster, nahm das Kästchen vor sich auf den
-Schoß und schob einen Bonbon nach dem anderen in ihren kleinen Mund und
-zerlutschte ihn mit Hingebung. Ihre Gedanken waren dabei gar nicht einmal
-bei Manuel, sondern ganz bei der Sache: der schmeckte nach Himbeeren, der
-nach Pfeffermünz, und das war Kakaobutter!
-
-Und ihre Blicke schweiften dabei träumerisch über den Garten bis zu den
-hohen Bäumen, die die Wiese jenseits des Bächleins einfaßten und auf deren
-Wipfeln die leuchtende Sonne eines ersten heißen Augusttages lag.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-8. KAPITEL.
-
-
-Manuel war abgereist, und Lux war umgebettet worden. Blanche war wieder
-allein im Hause, in dem das Leben wie früher verlief, nur um ein weniges
-gedämpfter. Sie war zu lange durch die Spielkameraden verwöhnt worden und
-langweilte sich nun manchmal. Mit Lux würde sie wohl sobald nicht spielen
-können. Zwar war er außer Gefahr und ging der Genesung entgegen. Aber es
-ging langsam. Er mußte wohl noch ein paar Wochen ruhig im Bette verbringen.
-Sie hörte täglich von ihm, aus dem Gespräch der Eltern, und einmal hatte
-er sie auch grüßen lassen. Ihr Verlangen, ihn zu sehen, war nicht übermäßig
-groß; es war mehr Neugierde, die sie gern befriedigt hätte, als eigentliche
-Teilnahme. Er würde schon wieder besser werden, und dann würden sie im
-Garten wieder zusammentreffen, und sie würde sich erst ein wenig vor ihm
-schämen, und dann würde alles wie früher sein.
-
-Als Lux soweit war, daß er Besuch empfangen durfte, schickte Frau Elisabeth
-Blanche mit ein paar Blumen hinüber. Es war Blanche fürchterlich, und sie
-hätte am liebsten nein gesagt: doch trotzen durfte sie nicht.
-
-Sie ging also zu Irmlers, konnte es aber nicht über sich gewinnen, zu Lux
-hineinzugehen. Sie gab die Blumen der alten Magdalene und log, ihre Mutter
-habe gemeint, sie solle Lux lieber noch nicht guten Tag sagen. Natürlich
-mußte die Unwahrheit herauskommen, und Frau Elisabeth war sehr böse und
-schickte sie zur Strafe auf ihr Zimmer.
-
-Jetzt vertrotzte sich Blanche.
-
-»Wenn sie mich wieder hinschicken, gehe ich nicht.«
-
-Frau Elisabeth war solche Widersetzlichkeit bei ihr nicht gewohnt. Sie war
-überrascht und überlegte, ob es nur kindischer Trotz sei, oder ob andere
-Beweggründe dahinter stecken könnten. Berechtigte Auflehnung mit Gewalt zu
-brechen, gehörte nicht zu ihren Erziehungsgrundsätzen. Drum sagte sie nur:
-
-»Ich wundere mich über dich, Blanche, und bin sehr traurig. Ich hoffe,
-du besinnst dich und siehst ein, daß der arme Lux ein Anrecht auf ein
-freundliches Wort von dir hat.«
-
-Diese Worte machten wohl einigen Eindruck auf Blanche, aber brachen doch
-ihren Trotz nicht.
-
-»Ich wünsche, daß du jetzt hinüber gehst,« befahl Frau Elisabeth nach ein
-paar Tagen. »Hier sind Orangen, die werden Lux erfreuen. Komm, ich werde
-dich begleiten.«
-
-Sie nahm Blanche bei der Hand und ging mit ihr ins Nachbarhaus. Das Kind
-war blaß und schwankte zwischen Trotz und Tränen. Die alte Magdalene
-lächelte gutmütig und rief:
-
-»Ei, wird der Lux sich aber freuen, daß du kommst. Und die schönen Orangen!
-Da geh nur gleich zu ihm hinein. Gerade Orangen sind so gut für ihn.«
-
-Das war freilich alles mit Überlegung gesagt und mit Frau Elisabeth unter
-einer Decke gespielt. Aber es ermunterte Blanche doch und machte ihr
-einigen Mut, als ihre Mutter sie nun einfach ins Krankenzimmer schob und
-die Türe hinter ihr schloß.
-
-Da stand sie, ihr Körbchen Orangen in der Hand, mitten im Zimmer und sah
-verlegen und hilflos auf Lux, der sie mit großen Augen anleuchtete. Sie
-hätte kein Wort herausgebracht, wenn nicht er das Schweigen gebrochen
-hätte.
-
-»Blanche! Du?« rief er.
-
-Es lag ebenso viel Überraschung als Freude darin.
-
-Da trat sie näher, und ihre Stimme zitterte, als sie sagte:
-
-»Ich wollte doch mal sehen, wie es dir geht.«
-
-»Danke, ganz gut! Der Doktor meint, ich würde wohl bald wieder aufstehen
-dürfen.«
-
-Sie sagte nichts darauf, sondern stand mit ihrem Körbchen dicht vor seinem
-Bett, und sah ihn mit verlegenem Lächeln neugierig an, musterte das Bett,
-die Wand, die Bilder daran, und dachte endlich an die Orangen.
-
-»Die soll ich dir geben,« sagte sie.
-
-»O wie schön!« rief Lux. »Danke, Blanche!«
-
-Und er nahm das Körbchen und stellte es vor sich auf die Decke.
-
-»Willst du dich nicht hinsetzen?« fragte er.
-
-Sie setzte sich auf einen Stuhl vor seinem Bett und sah bald das Körbchen,
-bald den Kranken an, während Luxens Augen still auf ihrem Gesicht ruhten,
-mit einem gespannten Ausdruck, als erwarte er ein Wort von ihr.
-
-Es war merkwürdig, wie wenig sie sich zu sagen hatten. Endlich fragte sie:
-
-»Tut es noch weh?«
-
-»Manchmal. Aber nur ein ganz klein wenig.«
-
-Sie wurde mit einmal blutrot. Es war ihr, als müsse sie sich schämen, als
-wäre sie selbst es, die ihn gestochen hätte. Wie dumm! Sie konnte doch
-nichts dafür.
-
-Er aber dachte: »Warum wird sie so rot? Es ist doch nicht ihre Schuld.«
-
-In diesem Augenblick wurde die Tür leise aufgemacht und gleich wieder
-geschlossen. Blanche nahm das als Zeichen, abbrechen zu müssen. Sie erhob
-sich und gab ihm ungelenk die Hand.
-
-»Adieu, Lux!«
-
-»Adieu, Blanche! Ich danke dir auch. Willst du so gut sein und sie auf den
-Tisch stellen?«
-
-Sie stellte die Orangen auf den Tisch und nickte ihm noch einmal zu.
-
-»Adieu, Lux!«
-
-Dann schloß sich die Tür hinter ihr.
-
-»Nun, hat Lux sich nicht gefreut?« fragte Frau Elisabeth.
-
-»Ja, sehr,« antwortete Blanche.
-
-»Siehst du? Und du wolltest nicht zu ihm gehen.«
-
-»Das wollte ich schon, aber nicht so schnell.«
-
-Blanche war froh, den ersten Besuch hinter sich zu haben; nun würde es ihr
-leichter werden, wieder hinzugehen. Ob er wirklich nur wenig Schmerzen mehr
-hätte? Er sah doch noch sehr blaß aus. Das tat er freilich immer. Aber doch
-nicht so furchtbar blaß wie jetzt. Ob er wohl ganz wieder besser würde? So
-ganz und gar wie früher?
-
-Dr. Irmler sagte abends zu ihrer Mutter, daß Lux sich sehr über den Besuch
-von Blanche gefreut habe, und er sagte es auch ihr selbst:
-
-»Komm nur recht oft, Lux wird sich immer freuen. Er liegt so allein.«
-
-Sie war fast glücklich. Wenn er sich wirklich freute, wollte sie ja gern zu
-ihm gehen; meinetwegen jeden Tag.
-
-»Vielleicht nimmst du ein Buch mit,« sagte Frau Elisabeth.
-
-Und sie ging am nächsten Tag mit einem Buch zu ihm.
-
-»Soll ich dir etwas vorlesen?« fragte sie.
-
-»Wenn du willst!«
-
-Seine Augen leuchteten auf und sprangen von ihrem Gesicht auf das Buch
-über.
-
-Sie sah die Frage in seinem Blick.
-
-»Andersens Märchen,« sagte sie. »Magst du das auch hören?«
-
-»Ja, gern. Lies nur, was du willst, Blanche; es ist alles hübsch.«
-
-Er legte sich in die Kissen zurück, und sie blätterte noch ein wenig,
-obgleich sie sich schon für die Geschichte von der kleinen Seejungfrau
-entschieden hatte, und fing endlich an:
-
-»Weit hinaus im Meere ist das Wasser so blau wie die Blätter der prächtigen
-Kornblume und so klar wie das reinste Glas, aber es ist außerordentlich
-tief, tiefer als irgend ein Ankertau reicht. Viele Kirchtürme müßten
-übereinander gestellt werden, um vom Grunde bis über das Wasser hervor zu
-reichen. Dort wohnt das Meervolk.«
-
-Ihre Stimme war wie das Klingen kleiner Wellen, wie ihr leises Rauschen
-und Plätschern am Strande. Und ihr eigenes Bild verfloß ihm mit dem der
-jüngsten Meertochter.
-
-»Sie war doch die Schönste von allen, ihre Haut war so durchsichtig und
-zart wie ein Rosenblatt, ihre Augen so blau wie das tiefste Meer, aber
-wie alle die anderen hatte sie keine Füße, der Körper ging in einen
-Fischschwanz aus.«
-
-Und Blanche saß so vor seinem Bett, daß er ihre Füße nicht sah, und er
-lächelte ganz heimlich bei dem Gedanken und schloß die Augen.
-
-Sobald sie ihre fünfzehn Jahre erreicht hatte, sollte die kleine
-Meerprinzessin Erlaubnis haben, aus dem Meere empor zu tauchen, im
-Mondschein auf der Klippe zu sitzen und die großen Schiffe sich anzusehen,
-die vorbei segeln.
-
-Blanche war nun vierzehn. Ein Jahr noch, so dachten sie beide, obgleich
-Blanche doch keine Meerjungfrau war, die sich sehnte, empor zu tauchen und
-auf Klippen zu sitzen. Aber je weiter sie lasen, je mehr nahm Blanche die
-Gestalt der jüngsten Prinzessin an, sowohl für Lux, wie für sich selbst.
-
-So knüpfte das Buch ein neues Band zwischen ihnen. Lux hatte nicht
-geglaubt, daß er noch soviel Geschmack an Märchen fände. Und gerade diese
-kannte er ja alle schon. Aber wie neu klangen sie aus dem Munde der
-kleinen Blanche, die mit geröteten Wangen und leuchtenden Augen auch das
-Nebensächlichste mit so großer Wichtigkeit und herzlicher Betonung las. Sie
-hatte einen lieblichen, singenden Klang in der Stimme und las so sicher und
-fließend und versprach sich nicht ein einziges Mal. Doch! Als sie las,
-wie die Störche nach Afrika zogen, da versprach sie sich sogar zweimal
-hintereinander. Das machte, sie dachte dabei an Manuel und an dessen
-Heimat, an die Brandung in dem Hafen von Tanger und an die braune Nushat.
-Und dabei versprach sie sich, und Lux mußte lachen.
-
-Aber Manuels Name wurde nie wieder zwischen ihnen genannt.
-
-Schade, daß die Ferien zu Ende gingen. Blanche würde nun nicht jeden Tag
-kommen können. Die Schule nahm viele Stunden des Tages in Anspruch, die
-Schule und die Hausarbeiten. Aber Lux würde ja auch bald ganz gesund sein,
-und dann würden sie wieder zusammen im Garten spielen.
-
-Und dann kam sie das letzte Mal mit dem Buch, und Lux bat: »Lies noch mal
-das Märchen von der Nachtigall.«
-
-Und sie las noch einmal das Märchen von der Nachtigall, und Lux hörte fast
-die ganze Geschichte mit geschlossenen Augen an, während ein glückliches
-Lächeln auf seinem Gesicht lag.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-9. KAPITEL.
-
-
-Frau Elisabeth war sehr froh, daß Blanche so bald vergaß, und legte es ihr
-nicht als Oberflächlichkeit aus. Das Kind lebt dem Tage und soll ihm leben.
-Seine kleinen Leiden überwindet es schnell und öffnet mit jedem neuen Tag
-sich wieder der Sonne; wie die Blume am Abend ihren Kelch schließt und ihn
-am Morgen in Reinheit und Frische wieder auftut. Und sie meinte, man solle
-das Kind in diesem auf das nächste, auf die Gegenwart gerichteten Wesen
-nicht stören und man solle froh sein, wenn ihm der Tag alles ist und das
-Gestern nichts mehr gilt. Die Wandlung kommt leise von selbst, und stete
-Sorge für eine rechte Gemütsbildung verhindert die Oberflächlichkeit.
-
-Für Lux war sie in dieser Beziehung nicht bange. Ihre eigene Beobachtung
-und viele kleine Züge, die Dr. Irmler ihr erzählt hatte, sprachen dafür,
-daß er ein reiches Innenleben führte.
-
-Wenn Lux mit keinem Wort nach Manuel fragte, so war es nur Scheu, einen
-Namen zu nennen, der in jedermann schmerzliche Erinnerung erwecken mußte.
-Hörte er doch auch von den Erwachsenen Manuels nie erwähnen, so daß es war,
-als wäre sein vorübergehender Aufenthalt unter ihnen nur ein Traum gewesen.
-
-Nun war Manuel keineswegs so vergessen, als es den Anschein hatte. Blanches
-Vater blieb nach wie vor in Geschäftsverbindung mit Herrn Negros, und es
-kam Nachricht von dem weiteren Ergehen des kleinen Spaniers auf dem Weg
-über das Kontor ins Haus. Ja von ihm selbst gelangte ein für seine Jahre
-reifer und doch auch wieder kindlicher Brief in Frau Elisabeths Hände:
-
-»Ich denke jeden Tag und jede Nacht an Sie und an Blanche und an Lux und
-bete für sie alle. Und ich bin sehr böse auf mich, daß ich ihnen so weh
-getan habe und daß ich nun nie mehr zu ihnen zurück kann. Grüßen Sie
-Blanche, ich werde sie nie vergessen. Und grüßen Sie auch Lux. Er soll mir
-schreiben, daß er mir nicht mehr böse ist. Ich habe auch hier gute Menschen
-gefunden, aber ich werde Sie nie vergessen können.«
-
-Sie schrieb ihm gütig zurück und bestellte ihm Grüße von Blanche und auch
-von Lux, der noch nicht selbst schreiben dürfe, aber es ginge ihm besser,
-und er dächte nur noch freundlich an ihn.
-
-Ob sie recht daran tat, den Kindern Manuels Grüße vorzuenthalten? Sie
-überlegte lange und kam zu dem Entschlusse, daß es besser sei.
-Blanche schloß sich eben in alter Weise wieder an Lux an, in harmloser
-Kameradschaft; das wollte sie nicht stören.
-
-Es war in den ersten Tagen des September, daß Lux zum ersten Male in den
-Garten gehen durfte. Er war völlig wiederhergestellt. Aber er trug noch die
-Farbe des Krankenzimmers. Doch der Spätsommer war so schön, wie er selten
-war, und die Sonne hatte noch Kraft genug, kranke Wangen zu bräunen. Die
-Bäume standen still und früchteschwer, auf den Beeten dufteten Goldlack
-und Levkojen, und Dalien und Georginen blühten üppig und farbenprächtig am
-Wege.
-
-Hand in Hand gingen Lux und Blanche auf den sonnigen Steigen durch all die
-reife, satte Sommerpracht zu ihrem Lieblingsplätzchen. Hier schwellten
-am Strauch die grünen Haselnüsse. Kaum merklich stockte ihr Fuß, und sie
-gingen verstummend vorüber.
-
-Das Bächlein, das im Hochsommer oft ein armseliges Rinnsal gewesen, lief
-wasserreich vorbei und lockte sie. Sie setzten sich auf die Stufen, die
-hinabführten, und sahen bis auf den klaren Grund. Da lag, halb übersandet,
-ein verrostetes, offenes Taschenmesser. Sie sahen es beide zugleich.
-
-»Das ist es!« rief Blanche und reckte den Hals noch weiter vor.
-
-»Soll ich es holen?« fragte sie.
-
-»Ich darf es nicht!« sagte Lux. »Aber laß es doch. Was willst du damit?«
-
-»Nein, ich hole es.«
-
-Sie legte Schuhe und Strümpfe ab, und watete in das klare Wasser hinein;
-es ging ihr fast bis an die Knie. Sie streifte die Ärmel hoch, als sie sich
-nach dem Messer bückte, und ihr goldenes Haar fiel ihr wie ein goldener
-Schleier vors Gesicht.
-
-Sie bemühte sich, das Messer zu schließen; doch vergeblich.
-
-»Gib her,« sagte Lux, tat, als ob er es auch versuche, besann sich einen
-Augenblick und schleuderte es weit weg.
-
-»Du kannst dir Blutvergiftung damit zuziehen,« sagte er.
-
-Sie sah ihn unwillig an, beruhigte sich aber doch; was wollte sie auch mit
-dem alten verrosteten Messer.
-
-»Möchtest du wohl, daß Manuel wieder kommt?« wollte sie fragen, dachte aber
-noch rechtzeitig, daß sie ihn das kaum fragen dürfe. Er aber, als hätte er
-ihre unterlassene Frage dennoch verstanden, sagte:
-
-»Es ist doch viel besser so, -- jetzt -- --«
-
-»Aber nett war er doch,« sagte Blanche nachdenklich.
-
-Durch den Garten zitterten die dumpfen Töne eines Gong.
-
-Langsam erhoben sie sich und gingen dem Hause zu, diesmal nicht Hand in
-Hand.
-
-Blanche schlenderte etwas vorauf. Unter einem jungen Apfelbaum blieb sie
-stehen.
-
-»Sieh mal!« rief sie bewundernd und wandte sich halb zurück.
-
-An einem niederhängenden Zweig saß an der äußersten Spitze ein schöner,
-wachsglänzender, rotbackiger Frühapfel.
-
-Sie streckte die Hand danach aus, blieb einen Augenblick so auf den
-Zehenspitzen stehen, und drehte leise an der schönen Frucht.
-
-Plötzlich löste sich der Apfel und blieb in ihrer Hand.
-
-»Ach!« rief sie und errötete vor Schreck.
-
-Doch schnell entschlossen gab sie den Apfel Lux.
-
-»Da!«
-
-Sollte er ihn zurückweisen?
-
-Zögernd nahm er ihn und ließ ihn ohne ein Wort in seine Tasche
-verschwinden.
-
-»Blanche! Blanche!« klang die helle Stimme Frau Elisabeths vom Hause her.
-
-»Gleich!« rief Blanche zurück. »Ich komme schon! Adieu, Lux!«
-
-Sie nickte ihm zu und sprang leicht den Steig herauf.
-
-Lux blieb an der kleinen Pforte zurück und sah ihr nach; die Hand in
-der Tasche spielte dabei mit dem Apfel. Ein leises Leuchten lag auf dem
-schmalen, blassen Knabengesicht; und Lux wandte sich nicht eher weg,
-als bis das weiße Kleid der zierlichen Blanche in der Nähe des Hauses
-verschwand, in dessen Fenstern des Mittags rote Rosen blühten.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
- Gedruckt in Leipzig
- bei Poeschel & Trepte
-
-
-
-
-In dieser Sammlung sind ferner erschienen:
-
-
- =Marie von Bunsen=, _Allerhand Briefe, Novellen und Skizzen._
- Geh. 2 M., geb. 3 M.
-
- =Ludwig Ganghofer=, _Das Kaser-Mandl._ Eine Erzählung. Illustriert von
- Carl Röhling. 10. Tausend. Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M.
-
- =F. Hugin=, _Hahn Berta_. Eine Erzählung. 4. Tausend. Kart. 2 M.,
- geb. 3 M.
-
- =Wilhelm Raabe=, _Halb Mähr, halb mehr._ Zwei Erzählungen. Illustriert
- von Carl Röhling. 12. Tausend. Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M.
-
- =Ernst von Wildenbruch=, _Das edle Blut._ Eine Erzählung. Illustriert
- von C. Röhling. 106. Tausend. Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M.
-
- -- _Claudias Garten._ Eine Legende. Illustr. von C. Röhling. 17. Aufl.
- Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M.
-
- -- _Die Danaide._ Eine Erzählung. Illustriert von H. Vogel. 7. Tausend.
- Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M.
-
- -- _Franceska von Rimini._ Novelle. Neue Ausgabe. Kart 2.20 M., geb. in
- Leinw. 3 M., geb. in Leder 5.50 M.
-
- -- _Unter der Geißel._ Eine Erzählung. 8. Tausend. Kart. 2.20 M.,
- geb. 3 M.
-
- -- _Kindertränen._ Zwei Erzählungen. Mit Buchschmuck von Heinrich
- Vogeler-Worpswede. 66. Tausend. Kart. 1.50 M., geb. 2.20 M.
-
- -- _Der Meister von Tanagra._ Eine Künstlergeschichte aus Alt-Hellas.
- Illustriert von Franz Stassen. 10. Aufl. Kart. 2.20 M., geb. 3 M.
-
- -- _Neid._ Eine Erzählung. 26. Tausend. Kart. 2.20 M., geb. 3 M.
-
- -- _Die letzte Partie._ Zwei Erzählungen. Kart. 2.20 M., geb. 3 M.
-
- -- _Semiramis._ Eine Erzählung. 8. Tausend. Kart. 3 M., geb. 3.60 M.
-
- -- _Vice-Mama._ Eine Erzählung. 21. Tausend. Kart. 3 M., geb. 3.60 M.
-
- * * * * *
-
-
-Bücher von Gustav Falke
-
-(Verlag von Alfred Janssen in Hamburg)
-
- =Romane=
-
- _Aus dem Durchschnitt._ Geb. 3 M.
- _Die Kinder aus Ohlsens Gang._ Geb. 4.50 M.
- _Der Mann im Nebel._ Geb. 3.50 M.
-
- =Gedichtbücher=
-
- _Mynheer der Tod._ Geb. 4 M.
- _Tanz und Andacht._ Geb. 4 M.
- _Neue Fahrt._ Geb. 4 M.
- _Zwischen zwei Nächten._ Geb. 3 M.
- _Mit dem Leben._ Geb. 3 M.
- _Hohe Sommertage._ Geb. 3 M.
- _Frohe Fracht._ Geb. 3 M.
- _Der gestiefelte Kater._ Dichtung in XI Gesängen. Geb. 3 M.
- _Die Auswahl._ Gedichte. Geb. 5 M.
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Die Verlagswerbung wurde vom Buchanfang an das Buchende verschoben, der
-Schmutztitel wurde entfernt.
-
-Symbole für abweichende Schriftarten:
-
- _gesperrt_ : =fett= .
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich
-uneinheitlicher Schreibweisen, mit folgenden Ausnahmen,
-
- Seite 6:
- "«," geändert in ",«"
- (»Einen Bernhardiner,« rief Lux)
-
- Seite 40:
- "glitzerden" geändert in "glitzernden"
- (schnell wie die glitzernden Wellen)
-
- Seite 46:
- "«," geändert in ",«"
- (»Alle drei können wir ja doch nicht darin sitzen,« sagte er)
-
- Seite 49:
- "erkärte" geändert in "erklärte"
- (als er erklärte, er habe schon oft geraucht)
-
- Seite 63:
- "keinen" geändert in "kleinen"
- (als seiner kleinen Freundin Blanche, deren Plappermaul)
-
- Seite 66:
- "entgegegenkam" geändert in "entgegenkam"
- (wenn sie ihm entgegenkam, schlank, schwebend)
-
- Seite 72:
- "bewang" geändert in "bezwang"
- (eine Beschämung zu ersparen, bezwang er sich)
-
- Seite 77:
- "einal" geändert in "einmal"
- (deiner Mutter auch einmal gefällig erweisen)]
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Spanier, by Gustav Falke
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPANIER ***
-
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-work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
-Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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