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-<title>The Project Gutenberg eBook of
-Der Spanier
-by
-Gustav Falke</title>
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Der Spanier, by Gustav Falke
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Der Spanier
- Novelle
-
-Author: Gustav Falke
-
-Illustrator: Carl Weidemeyer
-
-Release Date: October 27, 2019 [EBook #60583]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPANIER ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
-<h1>DER SPANIER</h1>
-
-<p class="ce fsl">NOVELLE VON<br />
-GUSTAV FALKE</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/signeti.jpg" alt="" /></p>
-
-<p class="ce mt6">1910<br />
-G. GROTE'SCHE<br />
-VERLAGSBUCHHANDLUNG·BERLIN</p>
-
-
-<p class="ce">Übersetzungsrecht wird vorbehalten<br />
-Buchschmuck von Carl Weidemeyer<br />
-Druck von Poeschel &amp; Trepte, Leipzig</p>
-
-
-
-
-<p class="pb ce fsl mt6">DER SPANIER</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a>
-<img src="images/p001i.jpg" alt="" /><br />
-
-1. KAPITEL.</h2>
-
-
-<p>Auf und ab flog die Schaukel, und Blanche,
-in weißem Kleide, ganz in Sonne gehüllt,
-stand aufrecht darin und konnte sich nicht
-genug tun. Immer höher! Immer höher!
-War das eine Lust!</p>
-
-<p>Die Schaukel kreischte in den Angeln,
-und Blanche fand eine zeitlang an dieser
-barbarischen Musik Vergnügen.</p>
-
-<p>Wie eine lichte Elfe flog sie zwischen
-all dem Sonnenschein auf und ab, beständig
-von weißen Taubenflügeln umspielt.
-Die dummen und gierigen Geschöpfe flatterten
-immer wieder von der Dachtraufe,
-oder der Laube, oder dem Taubenschlag
-auf die Erde, um dort nach irgend etwas,
-was ihren Schnabel reizte, zu picken,
-<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a>
-und alsbald, von der vorübersausenden
-Schaukel erschreckt, wieder lärmend aufzuschwirren.
-Es waren ihrer zwanzig, alle
-schneeweiß mit roten Füßen und roten
-Schnäbeln, und leuchteten in der Frühlingssonne,
-wie Blanche in ihrem weißen Kleide.
-Der ganze Frühling war weiß und leuchtete.
-Aus dem Garten schimmerten die
-schneeigen Kronen der vielen Obstbäume,
-und die hohe Bretterwand der Schaukel
-gegenüber war ganz und gar mit Pfirsichblüten
-bedeckt; ein zartes Rosa, wie auf den
-Wangen der kleinen Blanche.</p>
-
-<p>Wie schön waren doch diese Tage! Es
-war nicht mehr das erste Knospen, das die
-Vorfrühlingstage so unendlich reizvoll macht,
-die Vorfrühlingstage, wo man still, mit einem
-erwartungsvollen Lächeln, durch den Garten
-geht, zart und zärtlich die kleinen winzigen
-Knospenkinder anblickt und fast behutsam
-auftritt, als könnte man irgend etwas stören,
-und die ganze erwartete Seligkeit könnte
-ausbleiben; es war jetzt nichts mehr zu
-<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a>
-erwarten, es war schon alles da, der ganze,
-volle Frühling. Wie in einem Rausch hatte
-sich die Natur erschlossen; ein Blühen
-und Duften war es, und die Luft schwirrte
-von den Flügeln der kleinen Insekten, die
-um die Honigtüten summten, und den
-Blütenstaub von Blume zu Blume trugen.
-Und über dem Allen wölbte sich ein reiner,
-lichtblauer Himmel, durch den nur ein einziges
-weißes Wölkchen wie in seliger Verträumtheit
-dahin schwamm.</p>
-
-<p>Über dem Pfirsichspalier tauchte jetzt ein
-blonder Knabenkopf auf, ein längliches,
-blasses Gesicht mit einer Pagenfrisur.</p>
-
-<p>»Lux! Lux! komm schnell einmal herüber!«
-rief Blanche. »Ich habe dir etwas
-Neues zu erzählen!«</p>
-
-<p>Sofort verschwand der Pagenkopf wieder,
-und Blanche sprang aus der Schaukel.
-Ohne sich zu besinnen, lief sie durch die
-Pforte eines niedrigen, grün gestrichenen
-Holzgitters, das Hof und Spielplatz gegen
-den Garten abschloß, und ging dann ein
-<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a>
-wenig langsamer einen schmalen Steig hinunter,
-den zu beiden Seiten die schlanken
-Stämmchen junger blühender Pflaumenbäume
-einfaßten. Dahinter erstreckten sich
-rechts und links sauber abgezirkelte Gemüsebeete,
-gegen den Steig von einer schmalen
-Blumenrabatte begrenzt, auf der gelbe Tazetten,
-weiße Narzissen und blaue Iriskelche
-still in der Sonne standen und sich von
-einigen gewöhnlichen Kohlweißlingen den
-Hof machen ließen.</p>
-
-<p>Bei einem alten Dornbusch, dessen phantastisch
-gewundene Äste weit ausgriffen und
-eine roh aus Holz gezimmerte Bank überschatteten,
-und in dessen weißem Blütendach
-unzählige Sperlinge zankten, bog der
-Steig nach rechts um und lief hart an der
-Grenze des Gartens weiter. Hier befand
-sich in einer wohlgepflegten Ligusterhecke
-eine schmale Pforte, durch welche die Nachbarkinder
-miteinander verkehrten. An ihr
-erschien nun Lux mit fragenden Augen
-und etwas erhitztem Gesicht; er hatte laufen
-<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
-müssen, um gleichzeitig mit Blanche
-einzutreffen, denn der Nachbargarten, mehr
-Zier- und Lustanlage, hatte gewundenere
-Wege.</p>
-
-<p>Blanche winkte mit einem kurzen Ruck
-ihres hübschen Köpfchens den Knaben herüber,
-und er trat durch die schmale Pforte
-an ihre Seite. Sie gaben sich stumm die
-Hände, sahen sich einen Augenblick mit
-Wohlgefallen an und gingen dann Hand
-in Hand tiefer in den Garten hinein. Sie
-gewahrten nicht, daß sich nebenan ein
-schlanker, ernster Mann mit schwarzem Vollbart
-ein wenig aus einem niedrigen Strandstuhl
-vorbeugte, das Buch, in dem er gelesen
-hatte, einen Augenblick auf den
-Knien ruhen ließ, und ihnen mit einem
-leisen Lächeln in den sinnenden Augen
-nachblickte.</p>
-
-<p>Der Weg führte die Kinder in eine parkartige
-Anlage, wo dann ein schmales, schnellfließendes
-Bächlein die Grenze des Besitzes
-bildete. Jenseits dehnte sich eine schöne, von
-<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a>
-hohen Bäumen umsäumte Wiese aus; die
-gehörte zu einem Bauernhof, dessen Gebäude
-unter und zwischen den dichten, dunkellaubigen
-Baumwipfeln sichtbar wurden.</p>
-
-<p>An diesem Bächlein ließen sich die Kinder
-nieder. Es stand hier, auf einer kleinen
-künstlichen Erhöhung des Ufers, ein fünfeckiger,
-mit Stroh bedeckter Pavillon. Seine
-drei Bänke boten einen behaglichen Ruhesitz
-und einen beschaulichen Blick auf das
-grüne Wiesenbild, dem jetzt die ersten
-Hundeblumen ihre unzähligen goldenen
-Sterne eingestickt hatten. Aber nicht auf
-eine dieser einladenden Bänke setzten sich
-Blanche und Lux, sondern auf ein paar rohe
-Holzstufen, die zum Wasser hinabführten.
-Und nicht eher begann Blanche die Spannung
-ihres Freundes zu lösen, als bis sie
-es sich auf diesem primitiven Sitz völlig
-bequem gemacht hatte.</p>
-
-<p>»Rate mal, was wir bekommen,« begann
-sie kindlich und lebhaft.</p>
-
-<p>»Einen Bernhardiner,« rief Lux, der den
-<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
-Lieblingswunsch seiner kleinen Freundin
-wohl kannte.</p>
-
-<p>»Nein, ganz etwas anderes!«</p>
-
-<p>»Was schöneres noch?«</p>
-
-<p>»Du rätst es doch nicht. Besuch bekommen
-wir. Und rate mal von wem.«</p>
-
-<p>Lux sah sie hilflos an.</p>
-
-<p>»Von einem Spanier!« trumpfte Blanche
-heraus und legte den Kopf ein wenig zurück,
-um sich an der Wirkung ihrer Worte
-zu weiden.</p>
-
-<p>»Ein Spanier?« fragte Lux voller Verwunderung.
-»Wie heißt er?«</p>
-
-<p>»Den Namen habe ich vergessen. Aber
-er ist der Sohn von Papas Geschäftsfreund
-und soll hier die Schule besuchen.«</p>
-
-<p>Lux schwieg und sah aufs Wasser, das
-in kleinen, hastigen Wellen vorüber lief. Es
-war seine Art, zu verstummen, wenn ihn
-etwas innerlich sehr bewegte.</p>
-
-<p>»Ist er schon groß?« fragte er langsam.</p>
-
-<p>»Er ist ein halbes Jahr älter als du,« sagte
-Blanche. »Ich freue mich furchtbar darauf.
-<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a>
-Denke dir, wie nett wir dann zusammen
-spielen können.«</p>
-
-<p>»Spricht er denn deutsch?«</p>
-
-<p>»Ich glaube. Aber wenn nicht, so wird
-er es doch lernen. Wie könnte er sonst
-hier die Schule besuchen.«</p>
-
-<p>Lux unterdrückte einen kleinen Seufzer.
-Er wußte selbst nicht, warum er sich zu
-dem neuen Kameraden nicht freuen konnte.</p>
-
-<p>»Die Schule hat doch schon angefangen,«
-sagte er.</p>
-
-<p>»Das macht nichts. Er soll erst zu Michaelis
-eintreten, bis dahin soll er sich
-hier einleben und an uns gewöhnen, sagt
-Mama.«</p>
-
-<p>»So kommt er bald?«</p>
-
-<p>»In acht Tagen. Denke, wie schön!«</p>
-
-<p>Lux stand langsam auf.</p>
-
-<p>»Du scheinst dich gar nicht ein bischen
-zu freuen,« sagte Blanche vorwurfsvoll.</p>
-
-<p>»O doch!« stieß Lux hastig heraus und
-errötete heftig. »Ich freue mich schon. Ich
-habe nur so eine Angst, &ndash; daß ich nicht
-<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-spanisch verstehe. Und dann sind Spanier
-immer so wild, weißt du. Es sind doch
-ganz andere Menschen als wir. Sie sind
-ganz braun, glaube ich.«</p>
-
-<p>»Das tut doch nichts!«</p>
-
-<p>»O nein, im Gegenteil,« versicherte Lux.</p>
-
-<p>Blanche war sitzen geblieben, neigte sich
-ein wenig nach vorn und ließ ihr schönes
-blondes Haar übers Gesicht fallen. Wie ein
-Nixchen sah ihr Bild aus dem Wasser zurück,
-und sie ergötzte sich in unschuldiger
-Eitelkeit daran.</p>
-
-<p>»Fall nicht ins Wasser,« warnte Lux besorgt.</p>
-
-<p>»Und wenn?« fragte sie. »Es ist nicht
-tief hier. Du meinst wohl, ich ertrinke wieder
-wie damals. Aber dazu bin ich doch
-schon zu groß.«</p>
-
-<p>»Damals wärst du freilich bald ertrunken,«
-sagte er mit einem leisen Schauder in der
-Stimme. »Aber Papa war in der Nähe und
-konnte dich retten.«</p>
-
-<p>»Heute käme ich allein wieder ans Land.
-Soll ich mal?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-Sie streckte die schlanken, weiß bestrumpften
-Beine aus, als wollte sie direkt in den
-Bach steigen.</p>
-
-<p>»Du bist imstande, es zu tun.«</p>
-
-<p>Blanche lachte selbstbewußt, als wäre sie
-noch zu ganz anderen Streichen fähig,
-erhob sich aber doch und meinte: »Ich
-finde es langweilig hier, ich gehe wieder
-schaukeln.«</p>
-
-<p>Nicht mehr Hand in Hand, sondern Lux
-in einigem Abstand hinter dem Mädchen,
-gingen sie wieder den Steig hinauf. Ein
-leiser Windstoß fuhr durch die Zweige der
-Obstbäume und streute einen leichten Schnee
-weißer Blütenblätter über Blanche aus; sie
-schüttelte sich lachend und sprang, wie
-fliehend, ein paar lustige Sätze voraus.</p>
-
-<p>Bei dem Heckenpförtchen zögerte sie ein
-wenig.</p>
-
-<p>»Kommst du mit?« fragte sie halb über
-die Schulter zurück.</p>
-
-<p>Der Knabe besann sich.</p>
-
-<p>»Ich muß zu Papa,« sagte er.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-Sie nickte ihm leicht zu und setzte ihren
-Weg fort, während er unschlüssig das Pförtchen
-öffnete und ihr noch einen schnellen
-Blick nachwarf, bevor er hindurch schritt.
-Er sah suchend umher, entdeckte den Vater
-auf seinem Strandstuhl und lief zu ihm.</p>
-
-
-
-
-<h2><img src="images/p011i.jpg" alt="" /><br />
-
-2. KAPITEL.</h2>
-
-
-<p>Dr. Irmler war ein wohlhabender Privatdozent,
-der alle seine Zeit, die ihm seine
-Studien ließen, der Erziehung seines einzigen
-Sohnes widmete. Seine Frau war früh
-gestorben, und das Kind, ein schöner blonder
-Knabe, den die Eltern im Übermaß
-ihres Glückes Lux getauft hatten, war nun das
-einzige Licht in seinem verdüsterten Leben.
-Er hatte seine Frau sehr lieb gehabt, hatte
-lange um die Schöne und Herzensfeine geworben
-und sah sich nun, kaum im Besitz
-des erstrebten Glückes, desselben wieder
-grausam beraubt. Er war ganz zerschmettert,
-<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-und nur der Gedanke an seinen Sohn hielt
-ihn noch am Leben. Er zog sich mit ihm
-und einer alten Haushälterin aus dem lauten
-Getriebe der großen Stadt in ländliche Stille
-und Einsamkeit zurück.</p>
-
-<p>In seinem Gartenhäuschen, von dessen
-Terrasse aus er den Anblick strohbedeckter
-Bauernhäuser, mit bunten Rindern bevölkerten
-Weidelandes und die Schönheit alter Buchen-
-und Eichenstände genoß, umgab ihn ein
-Friede, der seinem kranken Gemüt wohltat,
-und eine Ruhe, die ihm bald zum Bedürfnis
-wurde. Mit der stillen Freude und
-dem ernsthaften Interesse des Gelehrten
-widmete er sich seinem Garten, der eine
-Fülle auserlesener Blumen und Sträucher
-aufwies, und dem das fließende Grenzbächlein
-und die baumreiche Umgebung auch einen
-landschaftlichen Reiz verliehen.</p>
-
-<p>Hier liebte er es an schönen Tagen, sich
-in den Schatten selbstgepflanzter Obstbäume
-mit einem Buch zurückzuziehen und sich
-dabei eines schlichten, niedrigen Strandstuhles
-<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-zu bedienen, in dem einst, im letzten
-Sommer ihrer kurzen Ehe, die geliebte Frau
-am Strande der Ostsee täglich geruht hatte.
-Wie glücklich wäre sie gewesen, inmitten
-dieser Gartenfreude mit ihrer zarten Blumenseele
-walten und wirken zu dürfen. Warum
-hatte er nicht schon früher das Opfer gebracht
-und war mit ihr der großen Stadt
-entflohen? Damals meinte er, die Nähe der
-Bibliothek und anderer Bildungsmittel nicht
-entbehren zu können; und jetzt ging es
-doch, und er fühlte sich sogar wohler und
-zufriedener dabei. Und nötigenfalls konnte
-er in einer kleinen Stunde in der Stadt
-sein, der er immer so bald als möglich
-wieder entfloh.</p>
-
-<p>Ein Trost war ihm, daß nun wenigstens
-Lux die Wohltat dieses ländlichen Aufenthaltes
-genoß, und daß der zarte, ganz
-der Mutter ähnliche Knabe in der gesunden
-Luft gut gedieh und sich zusehends
-kräftigte. Daß er ihn, ohne es zu wollen,
-ein wenig verzärtelte, kam ihm nicht zum
-<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-Bewußtsein; war es doch natürlich, daß
-er alle seine Liebe jetzt dem Sohne zuwandte.</p>
-
-<p>Wohl dachte er manchmal, ob nicht die
-alte Haushälterin, eine verständige, herzenstüchtige
-Person, vielleicht etwas zu nachgiebig
-gegen den Gutherzigen und Einschmeichlerischen
-wäre. Auch ginge Lux, der
-ohne gleichaltrige Nachbarskinder einsam
-zwischen ihm, dem stillen, viel arbeitenden
-Gelehrten und einer alten Frau aufwuchs,
-der Vorteile einer härteren Knabenzucht
-verlustig. Aber er sah keinen Weg, es zu
-ändern; denn nie hätte er sich entschlossen,
-den Knaben von sich zu geben, und ihn
-in ein Erziehungsinstitut zu tun.</p>
-
-<p>Da war es für ihn von besonderem Interesse,
-als es hieß, das Nachbargrundstück
-sei verkauft worden, und es wolle
-sich ein reicher Kaufmann dort eine Villa
-bauen. Das konnte einen Verlust für ihn
-bedeuten, aber auch einen Gewinn. Der Friede
-seiner ländlichen Beschaulichkeit brauchte
-<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-nicht notwendig dadurch gestört zu werden,
-wohl aber die Stille und Einsamkeit; vielleicht
-nahte eine laute Kinderschar mit den
-neuen Nachbarn. Für Lux könnte das freilich
-Nutzen bringen. Und er wünschte sich
-zuletzt, der Kaufmann möchte nicht ohne
-Kinder sein, und zwar möchten es Knaben
-sein, die im Alter zu seinem Sohne
-paßten.</p>
-
-<p>Da war er denn zuerst wirklich enttäuscht,
-als er hörte, jenes Ehepaar besäße nur ein
-einziges Töchterlein von drei Jahren, tröstete
-sich aber dann bei dem Gedanken, daß er
-von einem so kleinen Wesen viel Störung
-seines Haus- und Gartenfriedens nicht zu
-gewärtigen haben würde.</p>
-
-<p>Das Vermessen und Graben und Bauen
-auf dem Nachbargrundstück begann. Dr. Irmler
-machte von weitem die Bekanntschaft
-des Bauherrn, eines noch jüngeren Mannes
-von sympathischem Aussehen, der fleißig
-kam, um nach dem Rechten zu sehen, und
-sah auch einmal an seinem Arm die junge
-<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-Frau. Die Leute gefielen ihm wohl, soweit
-die äußere Erscheinung nicht täuschte, und
-da er sah, daß mit Geschmack und ohne
-Kärglichkeit gebaut wurde, und daß ein
-tüchtiger Fachmann die gärtnerischen Anlagen
-leitete, söhnte er sich mit dem Gedanken,
-so nahe Nachbarschaft zu bekommen,
-aus und versprach sich sogar mancherlei
-Gutes davon, denn er gehörte zu
-den Leuten, die das Böse und Widerwärtige
-weniger in ihre Rechnung stellen, weil
-sie mit ihren Gedanken immer nur im
-Guten und Reinen leben.</p>
-
-<p>Der Bau, der bei günstiger Jahreszeit
-rüstig gefördert worden war, stand im September
-zum Beziehen fertig da. Es dauerte
-nicht lange, da rückten auch schon die Besitzer
-ein, um noch ein paar Wochen des
-schönen Spätsommers in dem neuen Gartenheim
-genießen zu können.</p>
-
-<p>Dr. Irmler empfing ihren Besuch an einem
-freundlichen Sonntag.</p>
-
-<p>»Da wir nur das Eine haben, entschuldigen
-<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-Sie wohl, daß wir uns Ihnen gleich
-vollzählig vorstellen,« sagte die junge Frau
-mit einer gewinnenden, liebenswürdigen
-Schlichtheit.</p>
-
-<p>»Gib auch hübsch dein Händchen,
-Blanche.«</p>
-
-<p>Dr. Irmler hielt das kleine Händchen
-einen Augenblick in der seinen und dachte,
-»welch ein schönes Kind!«</p>
-
-<p>In der Tat war das kleine Wesen von
-holdem Liebreiz. Lange, seidenweiche Haare
-von einem seltenen Blond umrahmten ein
-Engelsgesichtchen, aus dem eine unbefangene
-Schelmerei lächelte; sie spielte um
-den kleinen zierlichen Mund und blitzte
-aus den hellen blauen Augen.</p>
-
-<p>Er verglich das Gesichtchen mit dem
-der Mutter und stellte eine Ähnlichkeit fest.</p>
-
-<p>»Siehst du, Rudi,« sagte die junge Frau,
-und zu Dr. Irmler gewandt, setzte sie hinzu:</p>
-
-<p>»Er bildet sich nämlich ein, das Kind
-hätte alles Gute von ihm.«</p>
-
-<p>Es entstand ein kleiner scherzhaft geführter
-<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-Streit, den die Mutter mit der Anerkennung
-beschloß, daß die kleine Blanche
-in der Tat viel von dem Wesen ihres Vaters
-habe und eigentlich »ein kleiner Racker« sei;
-»aber ein süßer,« fügte sie hinzu und zog die
-Kleine zärtlich an sich.</p>
-
-<p>Inzwischen war Lux herbeigerufen worden
-und näherte sich den Fremden mit knabenhafter
-Scheu. Auf die kleine Blanche warf
-er einen verschämten Blick und reichte ihr
-auf Aufforderung seine kühlen Fingerspitzen.
-Sie hingegen begrüßte ihn mit großen unbefangenen
-Augen und einem zutraulichen
-Lächeln, das aber gar keinen Eindruck auf
-ihn zu machen schien; er zog sich vielmehr
-hinter den Stuhl seines Vaters zurück.
-Dr. Irmler holte ihn jedoch wieder hervor,
-zog ihn an seine Seite, und legte fast
-unbewußt den Arm um seinen Nacken.
-So geborgen, musterte Lux etwas dreister
-die kleine Nachbarin. Wie niedlich ihr das
-weiße Atlashäubchen stand, unter dem das
-goldene Haar so reich hervorquoll. Und
-<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-wie hübsch sie angezogen war. Ein blaues
-Jäckchen mit weißem Seidenfutter war jedenfalls
-noch ganz neu. Und wie unbefangen
-sie sich gab, als ob sie hier
-zuhause wäre. Das wollte ihn eigentlich
-ärgern, aber es kam nicht dazu, weil sie
-eben so niedlich war.</p>
-
-<p>Als sich der Besuch verabschiedete, gab
-er der Kleinen aus eigenem Antriebe die
-Hand.</p>
-
-<p>»Ist sie nicht süß, Papa?« sagte er ganz
-enthusiastisch, als sie allein waren.</p>
-
-<p>»Gefällt sie dir?« fragte Dr. Irmler belustigt.</p>
-
-<p>Lux antwortete nicht. Aber den Rest des
-Tages trieb er sich im Garten umher, und
-zwar an der Heckenseite, und warf suchende
-Blicke in den Nachbargarten. Einmal hörte
-er ihre Stimme, die kam aber von daher,
-wo in der Nähe des Hauses die beiden
-Grundstücke durch die hohe Spalierplanke
-getrennt waren, an der Dr. Irmler seine
-herrlichen Pfirsiche zog.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-Wäre doch ein Loch in der Planke,
-dachte Lux. Aber sie war so solide gefugt,
-daß sie nicht ein Ritzchen zum Durchgucken
-bot.</p>
-
-<p>»Ach was!« tröstete er sich, »du wirst
-das kleine niedliche Mädchen oft genug
-sehen.«</p>
-
-<p>In der Tat sah er es fast täglich im
-Garten, so lange das schöne Wetter anhielt.
-Dr. Irmler hatte seinen Gegenbesuch gemacht,
-und es hatte sich schnell ein nachbarliches
-Verhältnis angebahnt. Freilich beschränkte
-es sich auf einen teilnehmenden
-Verkehr über den Zaun hinüber, und der
-Herbst kam, ohne daß eine größere Annäherung,
-auch nicht zwischen den Kindern,
-stattgefunden hatte.</p>
-
-<p>Die Eltern der kleinen Blanche waren
-noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt.
-Vieles war noch zu vervollkommnen, und
-mit dem Fertigen mußte man sich näher
-vertraut machen, um es zu besitzen. Neue
-Wege wurden angelegt, ein Pavillon am
-<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-Bach erbaut, und hier und da noch ein
-Obstbaum oder ein Ziergesträuch gepflanzt,
-soweit es die Jahreszeit erlaubte. Mit Eifer
-beschickte Frau Elisabeth manches selbst
-im Garten, wobei sie einmal wegen eines
-jungen Obstbäumchens, mit dem sie nicht
-recht hin wußte, Dr. Irmlers freundlichen
-Rat in Anspruch nahm.</p>
-
-<p>So vergingen geschäftige Wochen, und
-man hatte für die Nachbarn nicht viel Zeit
-übrig. Blanche war fast nie allein im
-Garten. Entweder war die Mutter bei ihr,
-oder das Kindermädchen, und Lux konnte
-nur von weitem seine kleine Freundin bewundern,
-da niemand ihn rief.</p>
-
-<p>Da sollte der rauhe Herbst das Band,
-das der schöne Sommer nur lose verschlungen
-hatte, fester knüpfen. Mit Heftigkeit
-setzten die Oktoberstürme ein, es wurde
-früh kalt und naß, die jungen Bäumchen
-standen bald kahl, und der Bach hinterm
-Garten kräuselte nicht mehr friedlich seine
-klaren Wellen, sondern eilte hastig, wie erzürnt,
-<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-vorüber und führte viel welkes Laub
-mit sich. Mit Erstaunen sahen die neuen
-Anwohner, wie schnell ein einziger, anhaltender
-Platzregen das schmale Bett des
-Bächleins mit schäumenden, gurgelnden
-Wassermassen füllte, und wie das zum
-reißenden Strom gewordene, über seine
-Ufer getretene, die Weidenböschungen nicht
-achtende, die drüben liegenden Wiesen zu
-einem kleinen See machte, auf dem tausend
-winzige Wellchen zitterten, und aus dem
-hier und da ein Hügelchen, wie eine einsame
-Grasinsel melancholisch herausragte.</p>
-
-<p>Ein solches Schauspiel war der kleinen
-Blanche, die in der letzten Zeit schon
-einige selbständige Entdeckungsreisen gemacht
-hatte, verhängnisvoll geworden. Die
-Gefahr nicht kennend, hatte sie sich zu
-nahe gewagt, war auf dem schlüpferigen
-Boden ausgeglitten und wurde schon von
-dem wirbelnden Wasser, in dem sie sich
-vergeblich festen Fuß zu fassen bemühte,
-fortgerissen, als Dr. Irmler, von ihrem
-<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-erstickten Schrei aufgeschreckt, sie erblickte.
-Er war im Begriff gewesen, zwischen
-dem Bach und seinem kleinen Karpfenteich
-einen niedrigen Erdwall aufzuwerfen, da
-das Wasser den trennenden Steig zu überfluten
-drohte. Irgend ein Rettungsinstrument,
-eine Stange, ein Haken, war nicht
-zur Hand. Eine Harke schon hätte genügt,
-aber sein Spaten erwies sich zu kurz.
-Schnell entschlossen eilte er die überfluteten
-Stufen hinab in das wogende Wasser, das
-ihm bis an die Brust stieg, und erhaschte
-die schon bewußtlose Blanche an ihrem
-Kleidchen, als sie gerade an der Treppe
-vorbei trieb. Auf dem Trocknen kam sie
-schnell wieder zu sich, schlug die Augen
-auf und fing an, jämmerlich zu weinen.
-Das triefende Kind auf den Armen, selbst
-triefend, lief er durch den ganzen Garten,
-umsonst eine Stelle in der Ligusterhecke
-suchend, wo er hätte durchbrechen können,
-um das Nachbarhaus schneller zu erreichen.</p>
-
-<p>Die erschreckte Mutter nahm ihr Töchterchen
-<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-mit Jammern und Klagen und überströmendem
-Dank gegen den Retter in Empfang.
-Die Kleine wurde eiligst ins warme
-Bett gebracht, das sie aber am Nachmittage
-schon wieder verlassen wollte; sie war
-diesmal mit dem Schrecken davongekommen,
-und auch Dr. Irmler hatte außer einem
-mehrtägigen Schnupfen weiter keine Nachteile
-von diesem unfreiwilligen Bade. Wohl
-aber diente dieser Vorfall dazu, die Nachbarn
-noch näher zueinander zu führen und
-ein Verhältnis einzuleiten, das sich dann
-mehr und mehr zur Freundschaft auswuchs.
-Daß der Zugang zum Bach mit einer schützenden
-Pforte gesichert wurde, versteht sich
-von selbst. Auch wurde es Blanche auf das
-strengste verboten, je wieder allein ans Wasser
-zu gehen.</p>
-
-<p>Lux, der mit kindlichem Erschrecken von
-dem Unglück der kleinen Nachbarin gehört
-hatte, zeigte nichts von dem Glücksgefühl,
-das ihn erfüllte, als er von dem
-guten Ausgang hörte und Blanche am anderen
-<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-Tage wieder im Garten sah. Er hütete ängstlich
-sein keusches Geheimnis, das zärtliche
-Gefühl, das er für sie empfand. Wurde nur
-ihr Name genannt, schlug sein Knabenherz
-schon höher, und hörte er ihre Stimme
-von drüben herüberschallen, blieb er wohl
-erst im wunderlichen Schrecken stehen, bis
-er sich verschämt getraute, nach ihr auszuschauen.
-Wie glücklich war er daher, als
-von diesem Tage an die Beziehungen zum
-Nachbarhause inniger wurden.</p>
-
-<p>Blanche war von ihrer Mutter angehalten
-worden, dem Herrn Doktor zu danken und
-nach seinem Befinden zu fragen. Sie hatte
-es ohne Scheu getan. »Was macht denn
-dein Schnupfen?« hatte sie kindlich gefragt
-und hatte sich sehr befriedigt mit einem
-geschenkten, rotbackigen Apfel wieder zurückgezogen.
-Dieser Apfel steigerte ihr Zutrauen
-und vermehrte ihre kindliche Begehrlichkeit.</p>
-
-<p>Der »Onkel Doktor«, wie sie ihn bald
-nannte, hatte eine reiche Ernte von seinen
-<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-älteren, gutgepflegten Obstbäumen im Keller,
-während die jungen Bäumchen im eigenen
-Garten ja erst tragen sollten. Da suchte
-denn Blanche oft ein Gespräch mit dem
-»Onkel« anzuknüpfen, immer mit dem Gedanken
-an einen Apfel; und da Dr. Irmler
-darauf hielt, daß Lux täglich sein Obst bekam,
-so fiel manche saftige Frucht auch
-in ihre kleine Hand.</p>
-
-<p>Den größten Gewinn hatte Lux von dieser
-Annäherung: Nicht nur, daß sein Vater an
-Blanche Gefallen fand, und das lachende,
-sonnige Kind manchmal über die Hecke
-herüber in seinen Garten hob, auch die
-Mutter seiner kleinen Freundin tat sich
-gegen Lux auf, in dem Gefühl, dem
-Retter ihres Töchterchens ihre Erkenntlichkeit
-nicht besser zeigen zu können,
-als indem sie lieb und gütig mit seinem
-Knaben war.</p>
-
-<p>Es kam dazu, daß auch die Väter Gefallen
-aneinander fanden und sich schätzen
-und ergänzen lernten, der ernste stille Gelehrte
-<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-und der lebhafte, kluge und welterfahrene
-Kaufmann. Da gab es denn nach
-Feierabend manche Stunde traulichen Beisammenseins
-in anregendem Gespräch. Die
-Kinder spielten bald täglich zusammen; und
-schließlich wurde als äußeres Zeichen eines
-so nahen Verkehrs ein Zugangspförtchen
-von einem zum anderen Garten in der
-Ligusterhecke angebracht.</p>
-
-<p>Wie Blanche zu Dr. Irmler Onkel sagte,
-so nannte nun auch Lux die Eltern seiner
-kleinen Freundin Onkel und Tante und
-hatte besonders ein Herz für die immer
-freundliche und heitere Tante. Ohne Mutter
-aufgewachsen, nur von der alten grobknochigen
-Magdalene betreut, war es ihm
-ein nie gekanntes Gefühl, als zum ersten
-Male ein weicher Frauenarm sich mit Zärtlichkeit
-um ihn legte und ihn mütterlich
-an sich zog, und als eine weiche, schlanke
-Hand ihn streichelte. Die Hände der alten
-Hüterin waren hart und knochig, und die
-Liebe, die sie zu ihm im Herzen trug, war
-<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-spröde und gab sich nur gelegentlich in
-kleinen Zügen zu erkennen. Ach, wie gut
-hatte es doch Blanche dagegen! Er beneidete
-sie. Doch mißgönnte er es ihr darum
-nicht, denn wer verdiente mehr eine solche
-Mutter, als Blanche. Dr. Irmler merkte
-wohl, was in der Seele seines Knaben vorging
-und dankte Frau Elisabeth in seinem
-Herzen dafür.</p>
-
-<p>So wuchsen denn die Kinder fast wie
-Bruder und Schwester miteinander auf, und
-die Jahre gingen dahin. Die neugepflanzten
-Obstbäume gediehen und ragten jedes Jahr
-höher und früchteschwerer über den bunten
-Flor der Blumen und Stauden empor, die
-Ligusterhecke, fleißig gepflegt und unter
-der Zucht der Schere gehalten, wurde immer
-breiter und dichter, und das kleine
-Pförtchen darin stand oft tagelang offen.</p>
-
-<p>Dann brachte die Schulpflicht den Kindern
-eine Einschränkung ihrer köstlichen
-Freiheit. Lux war der erste, der die Schulmappe
-auf den Rücken nehmen mußte. Er
-<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-gewann an Ansehen bei Blanche. Sie war
-stolz auf einen Freund, der schon lesen
-lernte und Buchstaben malen konnte, und
-sie war gelehrig im Nachahmen dessen,
-was er frisch aus dem Unterricht mit nach
-Hause brachte. So lernte sie mit ihm und
-von ihm.</p>
-
-<p>»Was haben wir heute auf?«</p>
-
-<p>Mit dieser Frage stürmte sie ihm schon
-entgegen, wenn er aus der Schule nachhause
-kam.</p>
-
-<p>»Eine Seite ei schreiben und die Wörter
-auf Seite 10 buchstabieren.«</p>
-
-<p>»Weiter nichts? Ach wie leicht ist das
-doch alles? Ich dachte mir die Schule viel
-schwerer.«</p>
-
-<p>Dieses kindliche, spielende Lernen, das
-die verständigen Eltern nicht gestört, sondern
-gern unterstützt und gefördert hatten, hörte
-nun freilich auf, als Blanche selbst in die
-Schule kam. Ach, wie groß war da zuerst
-die Enttäuschung! Ein kleines Mädchen
-hatte ja ganz andere Bücher als ein Knabe.
-<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
-Und alles war anders. Nun konnten sie
-nicht mehr zusammen arbeiten; jeder saß
-für sich und mühte sich, und waren sie
-fertig, konnten sie es nicht einmal miteinander
-vergleichen. Blanche konnte wohl
-ihre Arbeit dem Freund zeigen; aber dann
-ereignete es sich oft, daß die Lehrerin anders
-gesagt hatte, als wie Lux es zu verstehen
-meinte, und daß Blanche irre wurde. Dann
-mußte Frau Elisabeth alles wieder ins Gleiche
-bringen.</p>
-
-<p>»Lux ist ein kluger kleiner Kerl, aber gib
-du nur immer recht acht, was die Lehrerin
-sagt. Das ist für dich maßgebend. Knaben
-lernen manches anders als kleine Mädchen.«</p>
-
-<p>Seitdem betrachtete Blanche ihren Freund
-mit anderen Augen. Er war ja ein Knabe.
-Und die Jahre vergingen und brachten es
-mit sich, daß ihre Spiele eine andere Färbung
-und Gestalt annahmen. Aber sie hielten
-treue Kameradschaft und hatten sich gern.
-Lux war der Stille, Besonnene geblieben,
-Blanche immer aufgeweckter, munterer und
-<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-kecker geworden. Hübsch war jedes von
-ihnen, und jedes schlank und blond, und
-Lux in seinem vierzehnten Jahre nur eben
-einen halben Kopf größer als die dreizehnjährige
-Blanche.</p>
-
-
-
-
-<h2><img src="images/p031i.jpg" alt="" /><br />
-
-3. KAPITEL.</h2>
-
-
-<p>Eines Tages brachte der Vater den kleinen
-Manuel Negros aus der Stadt mit; er war
-ganz braun und hatte tief schwarze, glattanliegende,
-glänzende Haare.</p>
-
-<p>»Wie klein er ist,« dachte Blanche. »Und
-ich meine, er ist noch ein halbes Jahr älter
-als Lux.«</p>
-
-<p>Aber interessant war er. Und was er
-schon für Manieren hatte. Wie ein junger
-Graf.</p>
-
-<p>Und diese Augen! Große schwarze, für
-gewöhnlich etwas verschleierte Augen, die
-aber wieder ordentlich leuchten und funkeln
-konnten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-Was Lux wohl zu dem neuen Kameraden
-sagen würde? Ob er ihm wohl »über«
-wäre? Sehr stark sah der Spanier nicht aus;
-er war nicht größer als sie selbst, höchstens
-eben so groß und war doch fast zwei ganze
-Jahre älter.</p>
-
-<p>Er hatte ihr zur Begrüßung die Hand
-gegeben, und sie hatte zögernd ihre weiße
-Mädchenhand in die fremde, braune Knabenhand
-gelegt.</p>
-
-<p>»Guten Tag,« hatte er dabei mit gezierter,
-fremder Aussprache gesagt.</p>
-
-<p>Ob er denn schon deutsch sprechen
-könnte? Ein wenig, wie es schien. Das war
-schön. So konnte man sich doch verständlich
-machen. Und wie drollig es klang,
-wenn er sprach. Wie er das R rollte und
-jede Silbe betonte.</p>
-
-<p>Lux, der nicht ohne Beklemmung seiner
-Ankunft entgegengesehen hatte, fand ihn
-sehr nett und atmete erleichtert auf. Der
-reichte ihm ja nur bis an die Nasenspitze.</p>
-
-<p>Der kleine Fremde war ein wenig verlegen
-<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-und musterte fast scheu den größeren,
-blonden Knaben. Lux schlug einen gönnerhaften
-Ton an und meinte, er solle sich
-nur nicht fürchten, sie würden schon gut
-miteinander auskommen.</p>
-
-<p>»O nein, nicht fürchten,« sagte Manuel,
-und über sein feines, braunes Gesicht lief
-ein hübsches Lächeln, und die dunklen
-Augen leuchteten auf. »Ich spreche nur so
-schlecht die deutsche Sprache.«</p>
-
-<p>Lux und Blanche beruhigten ihn aus
-einem Munde, er spräche schon sehr nett,
-und sie verständen alles, was er sage.</p>
-
-<p>»Findest Du ihn nicht auch niedlich?«
-fragte Blanche auf dem Schulweg.</p>
-
-<p>»Ich finde ihn sehr nett,« bestätigte
-Lux.</p>
-
-<p>»Ja, nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Klein ist er ja nur.«</p>
-
-<p>»Ich hätte ihn mir ja auch ganz anders
-gedacht.«</p>
-
-<p>»Wie denn?«</p>
-
-<p>»Ja, anders, ganz anders.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-Lux gab sich mit dieser Erklärung zufrieden
-und schwieg.</p>
-
-<p>»Adieu Blanche!«</p>
-
-<p>»Adieu Lux!«</p>
-
-<p>Sie gaben sich die Hände und schlugen
-jeder einen anderen Weg nach ihrer Schule
-ein, beide mit allen Gedanken bei dem
-kleinen Manuel Negros.</p>
-
-<p>Der streifte indessen im Garten herum,
-machte von weitem die stumme Bekanntschaft
-des Dr. Irmler und setzte sich im
-Pavillon auf die Bank und dachte an Blanche.
-Der Abschied von seinem Vater war ihm
-wohl schwer gefallen, doch war er nicht
-das erste Mal in der Fremde. Er war schon
-ein halbes Jahr in Paris gewesen und wußte,
-daß auch dieses Jahr in Deutschland nicht
-allzu langsam vorübergehen würde. Dann
-würde sein Vater ihn wieder mit hinübernehmen
-in die Heimat.</p>
-
-<p>Unter afrikanischer Sonne war er aufgewachsen,
-in der Fremden-Kolonie von
-Tanger, der marrokkanischen Stadt, und er
-<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-sehnte sich dahin zurück, wo der Himmel
-heller, die Luft wärmer, die Menschen lebhafter
-und die Tage bunter und lauter waren.</p>
-
-<p>Hier aber war Blanche!</p>
-
-<p>Er hatte schon viele, viele kleine Mädchen
-gesehen und hatte zuhause eine kleine
-Spielgenossin gehabt, ein arabisches Mädchen
-namens Nushat, die ein paar Jahre
-älter war als er, und an der er leidenschaftlich
-hing, und von der er sich nur mit
-Tränen hatte trennen können. Aber sie war
-drüben, und wenn er wieder nachhause
-kommen würde, wäre sie erwachsen und
-vielleicht gar nicht mehr da.</p>
-
-<p>Mit Blanche sollte er nun unter einem
-Dache leben, an einem Tische sitzen, in
-diesem Garten mit ihr spielen, jeden Tag.
-Sollte hier in diesem Pavillon mit ihr
-sitzen. Viele kleine Mädchen hatte er schon
-gesehen, aber noch keine Blanche. Sie hatte
-ja goldene Haare, wie das reinste Gold
-leuchteten sie. Und ihre Haut war wie der
-zarte Sammet weißer Rosenblätter. Und wie
-<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-niedlich sie lachte, und wie lustig ihre
-Augen waren.</p>
-
-<p>Ja, hier würde er schon aushalten. Der
-große Junge von nebenan war auch freundlich
-zu ihm gewesen, wenn auch etwas
-schweigsam. Und er hatte einen so forschenden
-Blick: Wer bist du eigentlich? Aber mit
-ihm hatte er ja nichts zu schaffen, nur mit
-Blanche und ihren Eltern. Und die Erwachsenen
-würden schon gut zu ihm sein.
-Wären sie es nicht, so würde er es einfach
-seinem Vater schreiben, und der würde
-nicht dulden, daß man ihn schlecht behandele.
-Nein, da hatte er keine Sorge. Und
-sie waren ja auch gleich so freundlich zu
-ihm gewesen, vor allem die Hausfrau. Die
-hatte ihm den Scheitel gestreichelt, und er
-hatte ihr die Hand geküßt, und sie hatte
-darauf gelächelt. Dann hatte sie ihn selbst
-nach oben in sein Zimmer geführt. Das war
-ein hübscher, freundlicher Raum mit einem
-Fenster nach dem Garten hinaus. Von hier
-aus konnte er über alle Beete und Bäume
-<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-hinwegsehen bis an das Wäldchen, das sich
-in einiger Entfernung hinzog und dem Blick,
-der bis dahin ungehindert über Wiesen und
-Kornfelder flog, Halt gebot. Und von hier
-aus hatte er, als er seinen Koffer auspackte,
-Blanche durch den Garten springen, an
-der kleinen Pforte in der Ligusterhecke
-stehen bleiben und mit dem großen Nachbarjungen
-sprechen sehen.</p>
-
-<p>Während seine Gedanken auch jetzt bei
-Blanche waren, spielten seine Augen mit
-den blanken Wellen des Bächleins, das mit
-leisem Glucksen flink vorüber lief. So ein
-laufendes Wasser hatten sie zuhause nicht.
-Da waren nur Brunnen und Zisternen und
-kleine schnell austrocknende Rinnsale. Aber
-wenn er an den Hafen hinunter ging, da
-hatte er freilich das Meer, das große blaue
-mittelländische Meer.</p>
-
-<p>Ach, das Meer! Er sah es vor sich. Unter
-strahlendem Himmel dehnte es sich aus,
-weit, weit, bis an den silbernen Horizont,
-wo es sich mit dem Himmel in einer zitternden
-<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-Umarmung vereinte. Und die Wellen,
-wenn sie sich dem Strande näherten, schmückten
-sich mit silbernen Kronen, jauchzten
-auf, donnerten laut ihre trotzigen Grüße
-dem Lande zu, das den Stürmenden zurücktrotzte,
-mit dem schimmernden Gebiß seiner
-gelben Küste, mit der harten Stirn des aufgetürmten
-Gebirges. Wolken lagen auf dem
-höchsten Gipfel des Atlas und bleicher
-Schnee. Hinter den Bergen aber dehnte
-sich, unendlich wie das Meer, die Wüste mit
-ihren gelben Sandwogen. Dorthin war er
-nie gekommen, aber er kannte ihre Schrecken
-aus den Erzählungen Nushats und der Kameeltreiber,
-und es gelüstete ihm nicht danach.
-Aber das große blaue Meer, das zwischen
-zwei Erdteilen auf- und abwogte,
-liebte er. Und er sah die Heimat vor sich
-liegen und hörte als ihren Gruß den Donner
-der Brandung vor dem Hafen von
-Tanger. Weiße, würfelförmige Häuser mit
-flachen Dächern, sich terrassenförmig übereinander
-lagernd, steigen die steilen Uferhöhen
-<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-hinan und leuchten wie der Schaum
-des Meeres. Es scheint von weitem, als hätte
-der Sturm eine Handvoll schneeiger Flocken
-aus dem Gischt der Brandung hier an die
-Felsen geschleudert. Dazwischen schimmern
-grüne Gärten auf, und aus einem lockt das
-leise, tiefe Lachen der braunen Nushat.</p>
-
-<p>Als sie an Bord des Schiffes fuhren, das
-seinen Vater nach Europa hinüberbringen
-sollte, war Nushat mit im Boot und hielt
-ihn mit ihren braunen Armen umschlungen;
-die Brandung ging unter heftigem Winde
-höher als sonst, und sie hatten beide ein
-wenig Furcht, wenn sie von dem Kamm
-einer großen Welle mit einmal in die Tiefe
-schossen, und der nächste Wasserberg alles zu
-verschlingen drohte. Nur vor den kühnen,
-unbekümmerten Gesichtern der Ruderer
-schämte er sich, seine Furcht zu zeigen. Die
-standen aufrecht, sechs Gestalten aus Bronze,
-feuerten sich mit lauten Rufen an und
-schüttelten sich höchstens einmal, wenn der
-überspritzende Gischt es gar zu gut meinte.
-<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-Auch vor dem Vater, der sich gar nicht zu
-fürchten schien, schämte er sich. Nushat
-mußte es ihm wohl angemerkt haben, denn
-sie hielt ihn fest umschlungen und drückte
-ihn ein paarmal wie beruhigend und tröstend
-an sich, wobei sie indes leise zitterte.
-Und ihre schmalen, braunen Hände waren
-ganz kalt.</p>
-
-<p>Wie gern hätte er sie zum Abschied noch
-umarmt. Aber das Boot tanzte auf und ab
-an der Schiffstreppe, und sie hatten alle
-genug zu tun, sich auf den Füßen zu halten,
-um nicht ins Wasser zu fallen. Er hatte ihr
-nur noch vom Bord aus zuwinken können,
-und hatte gewinkt, so lange er sie unter den
-Zurückfahrenden noch erkennen konnte.</p>
-
-<p>Doch alles das war jetzt wie hinter silbernen
-Schleiern und zog schnell wie die
-glitzernden Wellen an seinem Geiste vorüber,
-während das weiße Bild der kleinen Blanche
-wie die Sonne selbst fest und unverrückbar
-im Mittelpunkt seiner traumhaften Gedanken
-stand.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-Da flog ein Steinchen neben ihm auf
-die Bank und schreckte ihn auf. Sogleich
-ertönte ein silbernes Lachen, und Blanche
-kam zögernd den Steig herunter.</p>
-
-<p>»Frei!« rief sie ihm zu, und ihre Augen
-blitzten unternehmungslustig, während ihr
-ganzer Körper noch unter der Zügelung
-einer leisen Scheu stand.</p>
-
-<p>Der Knabe erhob sich und ging ihr entgegen.
-Da übermannte sie vollends die Verlegenheit,
-und sie wurde blutrot, als sie
-ihm die Hand bot. Er aber neigte sich
-schnell und drückte ihr einen Kuß darauf.
-Sie hatte ihn auch ihrer Mutter die Hand
-küssen sehen und dachte, das tut man in
-seiner Heimat so. Aber den ganzen Tag
-fühlte sie die Stelle brennen, die seine Lippen
-flüchtig berührt hatten.</p>
-
-<p>Sie gingen wieder in den Pavillon zurück
-und setzten sich auf die Bank, und
-sie saß wie eine kleine Dame neben ihm,
-steif und kerzengrade, und sie führten eine
-kümmerliche Unterhaltung miteinander, mit
-<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-ja und nein und wie und was? Aber ihre
-Augen, wenn sie nicht am Boden hinirrten
-oder wie abwesend in die Weite sahen,
-ruhten mit einem stillen Leuchten auf ihren
-Gesichtern.</p>
-
-<p>»Sieh mal,« sagte Blanche nach einer
-neuen Verlegenheitspause und stand auf
-und ging ein paar Schritte dem Nußgebüsch
-zu, das die gegenüberliegende Ecke
-des Gartens ausfüllte. Sie schlug einige
-Zweige auseinander, und es entstand ein
-Eingang, durch den man in das Innere gelangen
-konnte. Er sah hinein und sah in
-den schattigen Raum ein Bänkchen aus
-Moos und Erde und eine muldenartige Vertiefung,
-der man es ansah, daß sie oft als
-Lagerplatz diente.</p>
-
-<p>»Es ist so mollig drin,« sagte Blanche
-und schlüpfte vorauf. Er folgte ihr und befreite
-mit klopfendem Herzen ihr loses Haar,
-das sich in den Zweigen verfangen hatte.
-Es herrschte ein märchenhaftes Licht in dem
-grünen Hause; die goldenen Sonnenstrahlen
-<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-fanden hier und da Zugang und spielten
-nun auf dem schwarzen Boden Haschen.
-Zwei schlanke, junge Birkenstämme standen
-wie silberne Säulen in dem Sälchen
-dieses heimlichen Palastes, dessen Dach sie
-durchbrachen und mit ihren feinen, hängenden
-Zweigen überschatteten.</p>
-
-<p>Blanche nötigte Manuel, auf der kleinen
-Moosbank Platz zu nehmen. Sie konnten so
-eben nebeneinander sitzen.</p>
-
-<p>»Hast du dir selber diese Höhle gemacht?«
-fragte er.</p>
-
-<p>»Lux hat sie mir gemacht.«</p>
-
-<p>»Spielt ihr oft zusammen?«</p>
-
-<p>»Gewiß, jeden Tag.«</p>
-
-<p>»Und dann sitzt ihr hier zusammen?«</p>
-
-<p>»Manchmal.«</p>
-
-<p>Und nach einer kleinen, peinlichen Pause
-setzte sie hinzu:</p>
-
-<p>»Er erzählt mir dann Geschichten.«</p>
-
-<p>Aber er sagte wieder nichts darauf.</p>
-
-<p>»Weißt du auch Geschichten?«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht,« antwortete er zögernd
-<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-und nachdenklich. »Nushat hat mir oft Geschichten
-erzählt, aber ich weiß nicht, ob
-ich sie dir noch erzählen kann.«</p>
-
-<p>»Nushat? Wer ist das?«</p>
-
-<p>Und er erzählte ihr von Nushat und von
-seiner Heimat, und sie wollte gar keine
-anderen Geschichten weiter von ihm hören.</p>
-
-<p>Dies war ja alles wie ein Märchen. Es war
-wie aus tausend und einer Nacht. Die Dattelpalmen
-ragten hoch in blaue Luft, riesenhafte
-Kakteen breiteten ihre schwammigen, glänzenden
-und stacheligen Blätter aus, und Rosen,
-Kamelien und Oleander blühten und dufteten,
-reicher als hier die Veilchen und Primeln.
-Kameele zogen schwer bepackt durch
-die Straßen, und Araber und Neger und
-Kabylen, Leute von denen sie nie gehört
-hatte, begleiteten die Karawanen durch die
-Wüste. Große Schiffe schaukelten im Hafen,
-und nur auf den sich überstürzenden Wogen
-einer beständigen Brandung konnte man
-zwischen ihnen und dem seltsamen Lande
-verkehren. Und hier war nun Manuel aufgewachsen.
-<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-Und seine Augen leuchteten, wenn
-er davon erzählte, und seine Stimme wurde
-wärmer, wenn er den Namen Nushat nannte.</p>
-
-<p>Blanche sah den Erzähler bewundernd
-an. Sein gebrochenes Deutsch brachte sie
-nicht ein einziges Mal zum Lachen. Und
-Manuel, unter den bewundernden Blicken
-seiner kleiner Nachbarin, wurde immer redseliger.</p>
-
-<p>Währenddessen stand eine schlanke Knabengestalt
-am Heckenpförtchen, die Hand
-unschlüssig auf der Klinke. Lux kam eine
-Stunde später aus der Schule als Blanche.
-Auf dem ganzen Weg hatte er an den fremden
-Knaben gedacht, der jetzt bei den Eltern
-seiner kleinen Freundin wohnte. Noch
-so lange, lange Zeit wohnen sollte. Ja, während
-des Unterrichts selbst hatte er seine
-Gedanken nicht zügeln können. Nun stand er
-am Pförtchen und wagte auf einmal nicht, in
-den Nachbargarten hinüberzugehen; Blanche
-war schon seit einer Stunde frei, und sie
-würde nun mit dem fremden Knaben zusammen
-<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-spielen. Was sollte er nun noch
-dabei?</p>
-
-<p>Aber er trat doch ein, beklommenen Herzens,
-und schlug gleich den kürzeren Weg
-ein, der ans Wasser hinunter führte. Da
-hörte er Manuels Stimme. Verwundert stand
-er still, da er die Beiden nicht im Pavillon
-sah. Er horchte. Dann schlug er das Gesträuch
-hastig auseinander, und der helle
-Tag flutete in die grüne Dämmerung hinein.
-Da saß Blanche mit dem fremden Knaben,
-eng zusammen geschmiegt, auf der
-kleinen Moosbank und sah den Störer mit
-großen, erstaunten Augen an, als erkenne
-sie ihn nicht gleich.</p>
-
-<p>Für einen Dritten war drinnen nicht Platz;
-Lux hatte dieses Bänkchen nur für sich und
-Blanche berechnet.</p>
-
-<p>»Willst du nicht hereinkommen?« rief
-Blanche.</p>
-
-<p>»Alle drei können wir ja doch nicht darin
-sitzen,« sagte er und blieb draußen stehen.
-Da standen sie auf und kamen heraus und
-<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-waren freundlich mit ihm. Er aber blieb
-unlustig und wortkarg und wußte nichts
-mit ihnen anzufangen.</p>
-
-
-
-
-<h2><img src="images/p047i.jpg" alt="" /><br />
-
-4. KAPITEL.</h2>
-
-
-<p>Am anderen Tage berichtete Blanche ihm
-auf dem Schulwege, was Manuel ihr von
-seiner Heimat erzählt hatte. Sie war so
-lebhaft dabei, daß Lux dachte, sie übertriebe,
-und nur verärgert zuhörte. Und die
-Folge war, daß er am Mittag nicht in den
-Garten kam. Sie sollte nur allein mit dem
-spanischen Affen spielen; er fand ihn unausstehlich.</p>
-
-<p>In Wahrheit aber imponierte ihm der
-über seine Jahre hinaus gewandte Manuel,
-und er fühlte zornig seine Unfähigkeit, ihm
-entgegenzutreten. Manuel sprach außer seiner
-Muttersprache ziemlich gut französisch
-und wußte sich mit jedem Tage besser mit
-der deutschen Sprache abzufinden. Lux
-<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-quälte sich in der Klasse noch mit den
-Anfängen der alten und neuen Sprachen
-und konnte noch in keiner drei zusammenhängende
-Sätze sprechen. Manuels tiefere
-Stimme hatte schon einen Anflug von Männlichkeit
-gegen Luxens helle Knabenstimme.
-Manuel verstand es auch, eine tadellose Verbeugung
-zu machen und küßte Blanche die
-Hand. Sie hatte es endlich nicht länger bei
-sich behalten können und hatte Lux dieses
-zarte Geheimnis anvertraut.</p>
-
-<p>Die Hand küssen? Wie dumm! Nie
-würde er sich zu dieser Albernheit verstehen.
-Aber Manuel brauchte ja auch Pomade. Sein
-glattes, schwarzes Haar glänzte ordentlich
-wie ein Spiegel und verpestete die ganze
-Luft, wenn er sich neu gesalbt hatte. Lux
-konnte das nicht leiden, während Blanche
-den leisen, feinen, süßlichen Toilettenduft
-liebte.</p>
-
-<p>Eines Tages, o Schrecken, hatte Manuel
-sogar geraucht. Mit Neid und widerwilliger
-Bewunderung fand Lux es empörend, während
-<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-Blanche tat, als wäre es selbstverständlich,
-daß Knaben in seinem Alter rauchten.</p>
-
-<p>»In Spanien rauchen sie alle,« sagte sie.</p>
-
-<p>Frau Elisabeth aber untersagte dem Knaben
-das Rauchen, und als er erklärte, er
-habe schon oft geraucht und sein Vater
-wisse es, bat sie ihn, es ihr zur Liebe zu
-unterlassen, so lange er in ihrem Hause weile.</p>
-
-<p>»Ich werde es lassen,« versprach Manuel,
-und er warf ohne Zögern seinen ganzen
-Zigarettenvorrat in den Bach.</p>
-
-<p>»Er ist ein kleiner Gentleman,« sagte die
-Mutter, und Blanche plapperte es ihr nach,
-obgleich sie keinen klaren Begriff hatte,
-was ein Gentleman eigentlich sei. Daß Lux
-es nicht sei, stand bei ihr fest.</p>
-
-<p>Der arme Lux! Mit jedem Tage mehr
-empfand er den fremden Knaben als einen
-Eindringling, der ihn aus seinem Paradiese
-vertrieben hatte. Blanche teilte zwar kindlich
-ihr Herz zwischen ihrem alten und ihrem
-neuen Freunde, aber er sah nur den Anteil,
-der Manuel zufiel, und er sprach in
-<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-verächtlichen Ausdrücken von dem Spanier
-und schalt ihn einen Gecken.</p>
-
-<p>Den schwersten Schlag erhielt sein Stolz,
-als er hörte, daß Manuel zuhause einen
-Pony habe und reiten könne. Er weigerte
-sich, das zu glauben, bis Manuel heftig
-wurde und es ihm beweisen wollte, wenn
-er nur ein Pferd hätte.</p>
-
-<p>»So kleine Ponys haben wir hier nicht,«
-sagte Lux.</p>
-
-<p>»Doch!« behauptete Blanche. »Ich habe
-gesehen, daß der Bauer einen Pony hat.«</p>
-
-<p>»Es ist gar kein Pony,« eiferte Lux. »Das
-ist nur ein etwas kleineres Pferd.«</p>
-
-<p>»Das ist einerlei,« rief Manuel und wollte sogleich
-zum Bauern. »Er will immer alles nicht
-glauben, was ich sage. Ich bin kein Lügner!
-Ich sage immer die Wahrheit!« Er funkelte
-Lux mit seinen schwarzen Augen böse an.</p>
-
-<p>»Er soll sehen, daß ich reiten kann. Er
-soll nicht immer sagen, es ist nicht so. Ich
-will es ihm zeigen.« Der Beleidigte wollte
-sich gar nicht beruhigen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-Da gingen sie zum Bauern und steckten
-sich hinter den Knecht und baten, ob
-Manuel nicht einmal auf dem Pony reiten
-dürfe.</p>
-
-<p>Sie hätten gar keinen Pony, war die
-Antwort.</p>
-
-<p>»Seht ihr!« triumphierte Lux.</p>
-
-<p>»Ich meine das kleine rote Pferd,« erklärte
-Blanche.</p>
-
-<p>Dem Pferde wäre nicht zu trauen, sagte
-der Knecht.</p>
-
-<p>»Nicht bös! nicht bös!« behauptete Manuel.
-»Ich habe selbst Pferd.«</p>
-
-<p>Dem Knecht schien der kleine selbstbewußte
-Manuel Spaß zu machen. Auch mochte
-es mit der Bösartigkeit des Pferdes nicht so
-arg sein. Genug, Manuel setzte es durch,
-daß er seinen Willen bekam.</p>
-
-<p>»Es kennt mich schon,« sagte er, als das
-kleine hübsche Tier sich ruhig von ihm
-streicheln ließ. Der Knecht führte es auf
-den Hof und hob Manuel auf seinen Rücken.
-»Loslassen!« kommandierte der. Und Blanche
-<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-und Lux schrien auch heftig: »Loslassen!
-loslassen!«</p>
-
-<p>»Aber nur Schritt,« sagte der Knecht, der
-dem Kleinen jedoch angesehen haben mochte,
-daß er nicht zum ersten Male auf einem
-Pferderücken saß.</p>
-
-<p>Blanche strahlte den kleinen Reiter ordentlich
-an mit ihren großen Augen und ihrem
-lachenden Gesicht. Lux stand mit rotem
-Kopf daneben und ärgerte sich, daß das
-Pferd überhaupt von der Stelle ging.</p>
-
-<p>Jetzt fing es sogar gemächlich an zu traben
-und trug seinen Reiter zweimal um den
-ganzen Hofplatz. Manuel feuerte es mit
-lauten Zurufen an und schlug ihm beständig
-mit den Hacken in die Weichen, bis
-es unruhig wurde. Da griff der Knecht nach
-dem Zügel und gab nicht nach, er mußte
-herunter vom Pferd.</p>
-
-<p>Lux sagte kein Wort, und sie gingen fast
-stumm nebeneinander heim. Blanche ärgerte
-sich über ihn, obgleich sie seine Verstimmung
-wohl verstand. Sie hätte so gern gesehen,
-<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-daß sie alle drei als gute Freunde
-zusammen hielten, und nun konnten die
-Knaben sich nicht miteinander stellen. Und
-da sie dunkel empfand, daß es ihretwegen
-war, wurde sie befangen und unsicher.</p>
-
-<p>Von diesem Tage an haßte Lux den fremden
-Knaben.</p>
-
-
-
-
-<h2><img src="images/p053i.jpg" alt="" /><br />
-
-5. KAPITEL.</h2>
-
-
-<p>Dr. Irmler, der schon lange eine kleine
-Studienreise vorbereitet hatte, packte jetzt seinen
-Koffer für eine kurze Italienfahrt. Länger
-als vierzehn Tage gedachte er keineswegs
-weg zu bleiben. Aber auch während dieses
-Zeitraumes wäre es ihm ein drückender Gedanke
-gewesen, Lux allein in der Obhut
-der alten Hausverwalterin zu lassen. Er
-mußte sich sagen, daß er bei ihr auf das
-Beste aufgehoben sei, was ihre Gewissenhaftigkeit
-und ihre Zuneigung für den Knaben
-betraf; allein sie war alt, manchen Zufällen
-<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-höherer Jahre bereits ausgesetzt und
-nicht mehr immer Herr ihrer physischen
-Kräfte. Ein zweiter Dienstbote war auf so
-kurze Zeit nicht zu beschaffen und wäre
-auch wenig nützlicher gewesen, als die Hilfe
-eines kleinen Schulmädchens, das statt dessen
-der Alten zur persönlichen Dienstleistung
-beigegeben wurde. Dieses aber konnte weiter
-keine Beruhigung bieten, was Luxens Pflege
-und persönliche Sicherheit anging.</p>
-
-<p>Daß Dr. Irmler um seinen einzigen Knaben
-besorgt war, konnte ihm keiner verdenken.
-Ihm war aus einem großen, wenn auch
-kurzen Glück nur dieses eine Pfand einer
-seltenen Liebesgemeinschaft geblieben. Dazu
-kam, daß die beabsichtigte Reise ihn wieder
-an jenen Ort führen würde, wo er die
-glücklichsten Tage seines Lebens mit der
-Verstorbenen zusammen verlebt, wo er sie
-zum ersten Male gesehen und sich sogleich
-in sie verliebt hatte. Das war in Venedig
-gewesen, während einer Überfahrt nach dem
-Lido, wo sie auf überfülltem Boot in drangvoller
-<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-Enge ihm gegenüber gesessen hatte,
-so daß er dem Zauber ihrer blonden Schönheit,
-wollend oder nicht wollend, geduldig
-standhalten mußte. Alles dieses lebte in der
-Erinnerung wieder auf und machte ihn besonders
-weich und bewegt und erschwerte
-ihm die Trennung von dem Knaben. Doch
-die Reise mußte gemacht werden, und so
-ging er kurz entschlossen und herzlich dankbar
-auf Frau Elisabeths Vorschlag ein, die
-Lux solange zu sich ins Haus nehmen wollte.</p>
-
-<p>Einigermaßen verwundert war er, daß
-Lux diese Lösung nicht erfreuter aufnahm;
-war doch der Knabe bisher in der Nachbarvilla
-auf das vertrauteste aus- und eingegangen
-und hing mit einer etwas scheuen,
-aber echten Zuneigung an der »Tante«!
-Und daß es nicht nur die Tante war, der
-die Anhänglichkeit galt, das war ihm als
-aufmerksamer Vater auch nicht entgangen,
-und er hatte sich des guten Einvernehmens,
-das zwischen Lux und Blanche
-herrschte, aufrichtig gefreut. Hätte die Vorbereitung
-<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-zu der Reise ihn nicht in Anspruch
-genommen, so wäre ihm die Verstimmung,
-die zwischen den Kindern herrschte, gewiß
-nicht verborgen geblieben; jetzt war er nicht
-wenig erstaunt, statt eines jubelnden Einverständnisses
-ein bloßes Sichfügen bei Lux
-anzutreffen.</p>
-
-<p>»Freust du dich nicht?« fragte er.</p>
-
-<p>»O doch,« antwortete der Knabe mehr
-hastig als freudig.</p>
-
-<p>»Fehlt dir etwas?«</p>
-
-<p>Dr. Irmler sah besorgt in das etwas
-blasse Gesicht, das ihm einen Grad schmäler
-und zarter erscheinen wollte.</p>
-
-<p>»Du kommst ja bald wieder,« erwiderte
-Lux auf die besorgte Frage, konnte aber
-einer plötzlichen Gemütsbewegung nicht
-Herr werden und brach in ein heftiges
-Schluchzen aus.</p>
-
-<p>Bestürzt schloß der Vater den Knaben in
-seine Arme und tröstete ihn. Die vierzehn
-Tage würden ja schnell vorübergehen. Bei
-der Tante hätte er es gewiß gut. Er hätte
-<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-die Gespielen immer um sich, und Frau
-Elisabeth würde schon für manche kleine
-Zerstreuung sorgen.</p>
-
-<p>Frau Elisabeth tat das ihre, Lux heiter
-zu stimmen. »Laß den Papa nur reisen,«
-sagte sie fröhlich, »wir wollen uns schon
-ohne ihn vergnügte Tage machen. Blanche
-und Manuel freuen sich auch schon darauf.
-Das soll aber hübsch werden.«</p>
-
-<p>Lux beruhigte sich denn auch bald.</p>
-
-<p>Frau Elisabeth freute sich, eine Gelegenheit
-zu haben, dem einstigen Retter ihres
-Kindes einmal ihre Dankbarkeit durch eine
-wirkliche Gegenleistung zu zeigen. Und
-noch ein anderes bewegte sie: ihren mütterlichen
-Augen war nicht entgangen, daß
-Blanche sich in der letzten Zeit mehr dem
-neuen Hausgenossen zuwandte und ihren
-alten Spielkameraden vernachlässigte. Doch
-hatte sie kaum Veranlassung gehabt, sich
-hinein zu mengen. Auch war sie klug genug,
-zu wissen, daß das unter Umständen mehr
-schaden als nützen konnte. Sie selbst hatte
-<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-in ihrer Jugend durch zudringliche Störung
-kindlicher Neigung ihren ersten seelischen
-Schmerz erlitten. Ein freundschaftliches Gefühl
-von unbewußter Innigkeit war ihr als
-etwas Besonderes und eigentlich Unziemliches
-hingestellt und durch unüberlegte,
-alberne Neckereien aus einem harmlosen,
-stillen Glücksgefühl zu etwas Quälendem
-und Beschämendem gemacht worden.</p>
-
-<p>Dessen hatte sie sich erinnert, und hatte
-die Freundschaft zwischen Lux und Blanche
-weder gefördert noch gehindert, sondern
-hatte sie gewähren lassen.</p>
-
-<p>Ein etwas wachsameres Auge hatte sie
-auf Manuel gehabt, dessen frühreife Manieren
-und südländische Lebendigkeit Blanche
-sehr zu imponieren schienen. Doch hatte
-sie hinlänglich Beweise von dem graden
-und ritterlichen Charakter des kleinen neuen
-Hausgenossen, um einen nachteiligen Einfluß
-auf ihr Töchterchen zu befürchten.
-Dennoch war es ihr lieb, den Beiden jetzt
-Lux auf längere Zeit zu engerem Verkehr
-<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-zugesellen zu können. Lux, obgleich nur
-um ein Jahr jünger, war doch um mindestens
-drei Jahre kindlicher als der kleine
-Afrikaner. Der war in einem reichen Hause
-aufgewachsen, wo unterwürfige farbige
-Diener den Herrensohn früh verwöhnten.
-Nachher, in Paris, fern von der Heimat
-und den Eltern, war Manuel erst recht
-selbständig geworden und hatte sich manche
-Manieren der Erwachsenen angeeignet. Seine
-Höflichkeit des Handküssens hatte Frau Elisabeth
-zuerst bei einem so jungen Knaben befremdet,
-doch lag so viel Natürlichkeit und
-Ritterlichkeit darin, daß sie nicht für berechtigt
-hielt, ihm diesen Handkuß zu verbieten.
-Nur als sie gewahrte, daß er anfing,
-auch Blanche in dieser Weise zu begrüßen,
-erhob sie Einspruch; solches wäre hierzulande
-unter Kindern nicht Sitte, die schüttelten sich
-herzhaft die Hände, und das wäre auch ein
-hübscher Gruß. Manuel nahm diese Belehrung
-mit bescheidenem Lächeln auf, und sie
-sah ihn nie wieder ihrem Töchterchen die
-<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-Hand küssen. Daß er es trotzdem oft tat,
-wenn die Kinder unter sich waren, wußte sie
-nicht. Und Lux, der es einmal als ungewollter
-Zeuge gesehen hatte, hütete sich, diese
-schlimmste Ursache seiner kindlichen Betrübnis
-zu verraten. Er hätte sich geschämt, davon
-zu sprechen. Aber seinem Herzen tat es weh.</p>
-
-<p>Wohl hundert Mal nahm er sich vor, es
-dem anderen nachzutun, aber nie brachte
-er es über sich; unschlüssig überlegte er:
-küßt du ihr nun die Hand, oder begnügst
-dich mit einem Händedruck? Und vor lauter
-Überlegung fiel denn auch wohl noch dieser
-Händedruck nur schwach und gleichsam
-versuchsweise aus; zum Befremden der wenig
-nachdenklichen Blanche.</p>
-
-<p>»Was hat er nur? Hab ich ihm etwas
-getan? Komischer Junge.«</p>
-
-<p>Damit war es für sie abgetan. Sie merkte
-gar nicht, daß Lux ihr gleichgültiger wurde.
-Manuel machte ihr mehr Spaß.</p>
-
-<p>»Der Lux ist jetzt immer so langweilig,«
-sagte sie.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-Trotzdem freute sie sich aufrichtig, daß
-Lux auf ein paar Wochen zu ihnen ins
-Haus kommen sollte.</p>
-
-<p>Zu dritt war es am Ende noch lustiger.
-Was wollten sie alles aufstellen! Obendrein
-standen die Ferien vor der Tür, und das
-war immer eine schöne Zeit. Die Mutter
-hatte schon, wie alljährlich in dieser Sommerzeit,
-Ausflüge mit ihnen geplant. Da
-sollten die beiden Jungen aber Augen
-machen!</p>
-
-<p>Lux war wohl schon einmal mit gewesen,
-wenn auch nicht so gar weit. Aber Manuel
-kannte noch nichts von der Gegend.
-Wenn sie dann zusammen im Eisenbahnwagen
-sitzen würden, natürlich am Fenster,
-und alles flöge so lustig schnell an ihnen
-vorüber, und sie würde es ihm zeigen: das
-ist Neudorf und das ist Birkendorf und das
-ist Bentheim, und in dem Walde dahinten
-sind wir mal mit Papa gewesen; und wenn
-sie dann durch die Heide liefen, oder noch
-schöner am Seestrande, barfuß, und die
-<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-Wellen so kühl und erquickend heranrollten
-und bis an die Knöchel herauf schäumten,
-wie schön würde das sein. Und das
-Schanzen aufwerfen und Burgen aufbauen!
-Und das Bootfahren!</p>
-
-<p>Ob Manuel wohl Angst vor dem Wasser
-hätte? Sie hatte es. Nur ein ganz klein wenig.</p>
-
-<p>Aber Manuel war ja doch über das Meer
-gekommen. Und die große Stadt in Afrika,
-wo er zuhause war, lag ja unmittelbar am
-Meer. Am Ende würde sie ihm gar nichts
-Neues zeigen können.</p>
-
-<p>Das betrübte sie etwas. Was war sie doch
-für ein Dummchen gegen ihn. Aber dafür
-war er ja auch ein Knabe und war fast
-zwei Jahre älter als sie. In zwei Jahren
-würde sie auch noch viel lernen und sehen
-und erleben. Doch die Einsicht in ihre Unwissenheit
-hielt nie lange vor. Später! später!
-Das würde alles schon kommen, wie es
-kommen sollte.</p>
-
-<p>Manuel lebte wie Blanche in den Tag
-hinein, und genoß mit Behagen die Freiheit,
-<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-deren Ende freilich mit dem Schulanfang
-immer näher rückte. Doch waren es Wochen,
-die ihm noch gegönnt waren. Inzwischen
-las er leichte, deutsche Bücher,
-die Frau Elisabeth ihm gab, und schrieb
-jede Woche seinem Vater einen deutschen
-Brief, dessen Inhalt sich immer ziemlich
-gleich blieb; ungelenke, mit dem Ausdruck
-und mehr noch mit der Orthographie ringende
-Briefe. Schnelle Fortschritte machte
-er im Sprechen; und zwar verdankte er
-diese raschen Erfolge weniger Frau Elisabeth
-und den anderen Hausgenossen, als
-seiner kleinen Freundin Blanche, deren Plappermaul
-nie lange still stand.</p>
-
-<p>Er hatte in einem Brief an den Vater
-begeisterte Schilderungen von Blanche gemacht,
-die der vielbeschäftigte und viel
-reisende Kaufherr und Lebemann mit einem
-flüchtigen Lächeln gelesen haben mochte; ihm
-aber waren sie Ausdruck seines Heiligsten:
-Blanche war für sein ungestümes Knabenherz
-alles, ersetzte ihm Heimat und Elternhaus.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-Er hielt ein abgelegtes blaues Haarband
-und ein altes Schreibheft von ihr als köstliche
-Besitztümer verwahrt. Das kleine Heiligenbild
-über seinem Bett hörte oft ihren
-Namen, wenn er sie in sein Gebet einschloß,
-oder in Gedanken an sie verloren,
-halblaut diesen schönen Namen stammelte,
-in dessen romanischem Klang ihn Verwandtes
-grüßte, und in dem so viel Reinheit,
-Jugend und Süße lag.</p>
-
-<p>Blanche!</p>
-
-<p>Er kannte eine halbe Strophe eines französischen
-Liedes, in der dieser Name vorkam,
-und er wurde nicht müde, sie vor
-sich hin zu trillern.</p>
-
-<p>»Blanche, petite Blanche!«</p>
-
-<p>Auf dem Schulweg trug er ihr die Mappe
-bis zum kleinen Bahnhof, von wo aus sie
-der Zug in einer Viertelstunde in die Stadt
-führte. Sonst hatte Lux ihr die Mappe getragen,
-konnte es aber nicht ändern, daß
-Manuel ihm nun immer zuvorkam. Dieser
-ging übrigens nicht mit auf den Perron,
-<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-sondern verabschiedete sich schon vorher;
-denn sie trafen auf dem Bahnhof noch
-einige andere Knaben und Mädchen, die in
-die Schule fuhren, und deren Anstarren ihm
-unangenehm war. War man denn als Ausländer
-ein wildes Tier für diese dummen
-deutschen Kinder? Eine häßliche Unsitte,
-dieses Anglotzen eines Fremden. Daß er
-dunkler war als sie, sahen sie doch mit
-einem halben Blick. Und was war denn
-sonst an ihm, was ihre Aufmerksamkeit
-immer aufs neue wieder erregen konnte?
-Er wußte ja nicht, daß Blanche es war, die
-mit ihren Erzählungen diese Unart nährte.</p>
-
-<p>Keinem, keinem hätte er ein Wort über
-Blanche gesagt; ganz allein ihm gehörte sie
-und den Heiligen, deren Schutz er sie mit
-kindlicher Frömmigkeit empfahl. Was ging
-es andere an, was er über Blanche dachte,
-was er für sie empfand; nur ihr selbst es
-mit tausend kleinen Aufmerksamkeiten und
-Artigkeiten zu zeigen, war er beflissen. Ihre
-Mutter hatte ihm den Handkuß untersagt;
-<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-aber was ihm alte Gewohnheit war, konnte
-er nicht sobald lassen und tat es jetzt heimlich
-und mit dem Bewußtsein einer verbotenen
-Huldigung. Dieses war das einzige,
-was er sich vorzuwerfen hatte. Er hätte sonst
-nie eine Lüge über seine Lippen gebracht;
-in diesem Falle aber entschuldigte er sich
-vor seinem Herzen.</p>
-
-<p>Blanche! Blanche! jubelte dieses heiße
-Knabenherz, wenn sie ihm entgegenkam,
-schlank, schwebend, ganz Licht in dem
-Strahlenkranz ihrer goldenen Haare, und
-ihm schon von weitem ihre feine schlanke
-Hand mit den etwas langen Fingern entgegenstreckte.</p>
-
-<p>Blanche!</p>
-
-<p>Und dann sollte er diese Hand wieder
-fahren lassen, ohne sie zu küssen? Mochte
-es nicht Sitte sein in diesem kühlen Lande,
-und mochte der blasse Lux nie die Hand
-der kleinen Blanche küssen, ihm sollte man
-es nicht wehren. Und bei der Vorstellung,
-daß auch Lux diese Hand küssen könne,
-<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-zog sich eine feine Falte zwischen den
-schwarzen Augenbrauen zusammen.</p>
-
-<p>Manuel war denn auch der einzige, der
-sich nicht auf Lux freute. Mochte er doch
-zum Spielen herüberkommen. Aber daß er
-nun auch das Zimmer mit ihm teilen sollte,
-gefiel ihm nicht. Frau Elisabeth hatte es ihm
-schon angekündigt. Freilich nur in Form
-einer Frage, ob er wohl auf vierzehn Tage
-Lux bei sich aufnehmen wolle. Gewiß wollte
-er, er durfte doch nicht nein sagen, aber
-erfreut war er nicht. Nicht, daß er den
-Nachbarssohn fürchtete; aber Lux würde
-die wenigen Stunden, die Manuel bisher mit
-Blanche allein sein durfte, stören. Und das
-war Grund genug, ihn zu hassen.</p>
-
-<p>Doch der Tag rückte heran, an dem Lux
-übersiedeln sollte. Dr. Irmler hatte seinen
-Koffer gepackt und kam nun am Abend vor
-seiner Abreise mit Lux herüber, um sich
-zu verabschieden und seinen Knaben in die
-Hände der verehrten Pflegerin abzuliefern.
-Man saß nach dem Tee in der offenen
-<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-Veranda in angeregtem Gespräch über Italien,
-das beiden Gatten nicht fremd war, und
-die Kinder durften dabei sein und sich still
-verhalten. Manuel und Blanche wären lieber
-noch in den Garten gegangen, aber Lux
-wollte sich begreiflicherweise in der letzten
-Stunde nicht vom Vater trennen und stand
-an dessen Seite, von seinem Arm umschlungen.</p>
-
-<p>Manuel dachte an seinen Vater. So zärtlich
-hatte der ihn nie umfaßt. Selten, daß
-er einen Kuß von ihm bekommen hatte.
-Auch als er sich zuletzt auf dem Bahnhof
-von ihm verabschiedete, hatte er ihm nur
-die Hand gegeben und sie fast geschäftsmäßig
-geschüttelt.</p>
-
-<p>Ein tiefes Heimweh nach Liebe und
-Mutterarmen packte ihn. Wie lange hatte
-er sie entbehren müssen. Seine Mutter, von
-der er fast nie sprach, war eine träge, indolente
-Südländerin, und der Vater ging ganz
-in seinen Geschäften auf. Ein einziges Briefchen
-erst hatte er von der Mutter bekommen,
-<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-der das Schreiben eine körperliche
-und mehr noch geistige Anstrengung war.
-Wohl liebte er sie und er hätte sie nicht leiden
-sehen können, aber die Trägheit ihres
-Gefühlslebens hatte auch die Äußerungen
-seiner Neigung mehr und mehr erschlaffen
-lassen. Nur Nushat war es, an die Manuel
-mit Zärtlichkeit dachte. Sie allein hatte wohl
-einmal ihren Arm um seinen Hals gelegt
-und hatte ihm sanfte Worte gesagt. Die
-braune Tochter Arabiens stand plötzlich vor
-seinen Augen und verdunkelte sogar die
-lichte Blanche, so daß er sich gänzlich
-fremd und verlassen in diesem Kreise vorkam,
-und mit einem feindlichen Gefühl als
-stiller und übelwollender Beobachter in seiner
-Ecke sitzen blieb.</p>
-
-<p>Lux aber war nicht nur bei seinem Vater
-Liebkind an diesem Abend, sondern auch
-Frau Elisabeth und ihr Gatte waren geflissentlich
-freundlich und aufmunternd zu
-ihm, um ihm die Trennung leichter zu
-machen und ihm gleich zu zeigen, daß sie
-<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-es gut mit ihm meinten, und er hier wohl
-geborgen sei. Und auch Blanche, dem Beispiel
-ihrer Eltern folgend, war freundlicher
-gegen Lux, als sonst wohl in der letzten Zeit.</p>
-
-<p>Nachher, als Dr. Irmler Lux den Gute
-Nachtkuß gab und in sein eigenes Heim
-hinüberging, war Lux wieder dem Weinen
-nahe; doch er beherrschte sich und stieg
-still mit Manuel in ihr gemeinsames Stübchen
-hinauf.</p>
-
-<p>Still kleideten sie sich aus. Jeder war mit
-seinen Gedanken beschäftigt, und wollte
-von dem anderen nichts, als unbehelligt gelassen
-werden.</p>
-
-<p>»Soll ich auslöschen?« fragte Manuel.</p>
-
-<p>»Ja, bitte.«</p>
-
-<p>Es wurde dunkel in der kleinen Kammer
-und still, nur das feine, hastige Ticken
-zweier Taschenuhren erfüllte als einziges,
-leises Geräusch den Raum, und ab und an
-knarrte eine der Bettstellen.</p>
-
-<p>Manuel konnte nicht einschlafen. Zum
-ersten Mal hatte er sein Nachtgebet leise
-<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-hergesagt und den lieben Namen Blanche
-nicht ausgesprochen. Seine Gedanken waren
-zerstreut, halb drüben in der Heimat und
-nur zur Hälfte hier, wo er sich zum ersten
-Male fremd und verlassen vorkam. Lux
-schlief schon lange, mit ruhigen, leisen
-Atemzügen, als Manuel noch wach lag, das
-Gesicht in die Kissen drückte und leidenschaftlich
-weinte.</p>
-
-
-
-
-<h2><img src="images/p071i.jpg" alt="" /><br />
-
-6. KAPITEL.</h2>
-
-
-<p>Dr. Irmler war am anderen Morgen abgereist.
-Sie hatten ihn alle an die Bahn gebracht,
-und die beiden Herren waren zusammen
-abgefahren, der eine nach Italien,
-der andere ins Kontor.</p>
-
-<p>Frau Elisabeth kehrte mit den Kindern
-auf einem längeren Umweg zurück. Es
-war zugleich der erste Ferientag, und
-Blanche war in ausgelassenster Stimmung.</p>
-
-<p>»Lach doch mal!« rief sie und neckte
-<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-Lux mit einem herzhaften Stoß, so daß er
-taumelte und fast in einen Graben gefallen
-wäre. Er wurde rot vor Schreck und auch
-ein wenig vor Ärger und lachte gezwungen.</p>
-
-<p>Die Mutter verwies ihr so derbe Späße.
-Lux wäre noch nicht aufgelegt zum Scherzen.</p>
-
-<p>»O doch,« sagte er. Und um Blanche
-eine Beschämung zu ersparen, bezwang er
-sich und war auch bald von ihrer Lustigkeit
-angesteckt. Da wandte Frau Elisabeth
-sich an Manuel.</p>
-
-<p>»So ernst?« fragte sie. »Woran denkst du?«</p>
-
-<p>»Wie schön das Reisen ist!« sagte er,
-»und wie schön es gewesen wäre, wenn
-ich hätte mitfahren können.«</p>
-
-<p>»Gefällt es dir nicht mehr bei uns?«</p>
-
-<p>»O doch!«</p>
-
-<p>Sie sah ihn erröten und drang nicht weiter
-in ihn. Er hat Heimweh bekommen.
-Das wird sich wieder geben.</p>
-
-<p>»Wir wollen recht vergnügt in den Ferien
-sein,« sagte sie, und was an ihr lag, tat sie
-dazu. Es kam, wie Blanche es vorausgesehen:
-<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-sie machten zwei, drei Mal in der
-Woche kleinere oder größere Ausflüge in
-die Umgebung, wobei sie es nicht verschmähten,
-mit dem Rucksack auf dem
-Rücken zu marschieren, den Wanderstab in
-der Hand.</p>
-
-<p>Frau Elisabeths frische Stimme wußte immer
-ein Lied anzugeben, das den Weg
-würzte. Manuel konnte natürlich nur zuhören
-oder einzelne Takte mittrillern. Doch
-fand sich bei solchem Singen die Gelegenheit,
-auch ihn zum Auskramen seiner kleinen
-spanischen und französischen Lieder zu
-bewegen. Ohne gerade musikalisch zu sein,
-besaß er doch ein gutes Gedächtnis für
-volkstümliche Weisen; selbst ein arabisches
-Liedchen konnte er zum Besten geben. Es
-war ein ländliches Liedchen, dessen Text
-auch ihm vielleicht nur leere Worte blieben,
-aber er sang mit einer solchen Ergriffenheit
-und mit einem zitternden Heimweh,
-daß Frau Elisabeth ein gerührtes Lächeln
-nicht unterdrücken konnte, und Blanche und
-<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-Lux ihn ganz verwundert anstarrten, so daß
-er tief errötete und mit einem gewinnenden
-Lächeln der Verlegenheit sagte: »Ich kann
-nicht singen.«</p>
-
-<p>Frau Elisabeth hatte eine feine, erzieherische
-Art, jedem eine kleine Pflicht aufzuerlegen;
-der eine mußte den Proviant tragen,
-der Andere den Quartiermacher spielen, der
-Dritte in ein Wanderbüchlein einschreiben,
-was ihnen des Aufzeichnens wert erschien.
-Sie selbst behielt sich die Führung und die
-Kasse vor.</p>
-
-<p>So wußte sie ein gemeinsames Band zu
-schlingen, das wieder fester verknüpfte, was
-sich schon leise zu lockern drohte.</p>
-
-<p>Manuel vergaß sein Heimweh, und Lux
-empfand die Trennung vom Vater bald
-nicht mehr als Leid, sondern als eine
-fröhliche Abwechselung. Dazu trugen die
-häufigen Briefe und Karten Dr. Irmlers vieles
-bei; fast von jeder Station kam wenigstens
-ein kurzer, an Lux adressierter Kartengruß.
-Im übrigen hielten längere, ausführliche
-<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-Briefe an Frau Elisabeth die Zurückgebliebenen
-mit dem Abwesenden in
-steter Verbindung. Die Briefe des Reisenden,
-der vom schönsten Wetter begünstigt
-dem Lande der Sonne und Schönheit zueilte,
-atmeten Heiterkeit und Lebensfreude, und
-ein neuerliches Schreiben versprach dem
-Sohne und den Freunden allerlei Erfreuliches
-und Ergötzliches mit heim zu bringen.</p>
-
-<p>So fühlte sich denn Lux im freien Genuß
-der Gegenwart und in stiller Hoffnung auf
-die Zukunft im ganzen glücklich, zumal
-Blanche, die nicht mehr unter dem überwiegenden
-Einfluß Manuels stand, sich ihm
-wieder mehr zuwandte. Das wurde dann
-die Ursache, daß Manuel, dessen Eifersucht
-diese Wandlung wohl bemerkte, der
-Vergangenheit und seinem Heimweh wieder
-kräftig entzogen wurde und sich wieder leidenschaftlich
-dem Tage zuwandte. Ein stilles
-Ringen begann jetzt unter den beiden Knaben
-um das Mädchen, das fortfuhr, seine
-Gunst gleichmäßig zu verteilen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-Lux war schon zufrieden, wenn er nicht
-hinter Manuel zurückstehen brauchte; der
-war nun einmal da, und ein Anteil von
-Blanches Freundschaft war ihm nicht zu
-verweigern. Nur wachte Lux eifersüchtig
-darüber, daß ehrlich geteilt wurde. Anders
-Manuel, der anspruchsvoller am liebsten die
-kleine Freundin für sich allein gehabt hätte,
-und die alte Eifersucht und den alten Groll
-auf Lux wieder aufkeimen fühlte. Und sonderbarer
-Weise kam er, ohne daß Blanche
-es wollte, nur durch eigene Schuld, wenn
-auch unbewußt, ein wenig ins Hintertreffen.
-Wetteiferten sie auf den Ausflügen, sich
-durch kleine Gefälligkeiten und knabenhafte
-Galanterien beliebt zu machen, so kam Lux
-ihm oft zuvor, weil es nicht in Manuels
-Natur lag, über Blanche Frau Elisabeth zu
-vernachlässigen. Schon als der ältere fühlte
-er sich verpflichtet, ihr Ritterdienste zu leisten,
-während der jüngere Lux an dergleichen
-Artigkeiten nicht dachte und nur für Blanche
-da war.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-Da schlug denn jenem oft das Herz, wenn
-er neben Frau Elisabeth herging, ihren Mantel
-trug, oder sich ihrer Unterhaltung widmete
-und sehen mußte, wie Lux und Blanche fröhlich
-vorauf sprangen, auch wohl einmal wieder,
-wie in früheren Tagen, Hand in Hand.</p>
-
-<p>Frau Elisabeth ließ das Betragen des ritterlichen
-Knaben nicht ohne Anerkennung,
-indem sie ihn ihrem Töchterchen als Beispiel
-hinstellte, wozu die unbekümmerte
-Blanche reichlich Gelegenheit gab.</p>
-
-<p>»Du könntest dich deiner Mutter auch
-einmal gefällig erweisen,« sagte sie.</p>
-
-<p>»Mutti, was soll ich denn tun?«, rief
-Blanche stürmisch, die Arme schmeichelnd
-um ihren Hals legend. Aber dabei blieb es
-denn auch. Manuel doch war stolz auf Frau
-Elisabeths Lob, und trug dafür die Qualen
-der Eifersucht heroisch weiter.</p>
-
-<p>Anders aber gab er sich zuhause, bei den
-Spielen im Garten, wo die Kinder unter
-sich waren. Da trachtete er, das Versäumte
-nachzuholen, und forderte sein vorenthaltenes
-<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-Teil mit Zinsen ein. Blanche, die ganz nach
-Lust und Laune handelte, und keinen eigentlich
-bevorzugte, fühlte sich dann manchmal
-von seinem heftigen Wesen befremdet, und
-hielt sich ein wenig zurück, ohne zu ahnen,
-wie weh sie ihm tat und wie sehr sie
-ihn reizte.</p>
-
-<p>Ihr Name erschien schon lange wieder
-in seinen Gebeten, und er stammelte ihn
-halb laut aus sehnsüchtigen und kranken
-Träumen heraus.</p>
-
-<p>Und eines Nachts, als ein Traum ihm
-gezeigt hatte, wie Blanche Hand in Hand
-mit Lux Blumen pflückte, während er abseits
-stand und nicht zu ihnen konnte, saß
-er, erwacht, aufrecht im Bett und starrte
-voll Zorn, Haß und Kummer durch das
-Dunkel auf Lux, der ruhig in seinen Kissen
-lag. Manuels Fäuste ballten sich, und seine
-Zähne preßten sich wild aufeinander. Hätte
-Lux Licht gemacht, er hätte sich vor diesem
-Gesicht entsetzt, das durchaus nicht mehr
-kindlich aussah, sondern mit dem Ausdruck
-<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-einer fast männlichen Energie heißen Haß
-und tiefschneidendes Weh verband.</p>
-
-<p>Lux wachte freilich, und auch seine Gedanken
-beschäftigten sich mit Manuel. Er
-sah ihn auch, obgleich nur undeutlich, aufrecht
-im Bett sitzen, wenn der Vorhang,
-hinter dem das Fenster offen stand, von
-einem stärkeren Luftzug getroffen sich leise
-hin und her bewegte und das Dunkel ein
-wenig aufhellte. Auch suchte Lux nach
-einem Wort, ihn anzureden, aber er fand
-keines; denn was ihn zu reden trieb,
-beschäftigte auch wieder so sehr seine Gedanken,
-daß er damit nicht fertig wurde.</p>
-
-<p>Manuel hatte im Schlaf laut und leidenschaftlich
-Blanches Namen gerufen.</p>
-
-<p>»Blanche! Blanche!«</p>
-
-<p>Zweimal hatte der geliebte Name mit
-einem wehen Laut durch das Dunkel und
-durch die Stille gezittert. Etwas Fremdes,
-nicht Gekanntes klang dem erschreckten
-Lux daraus entgegen.</p>
-
-<p>»Blanche! Blanche!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-»Was hast du? Was ist dir?«, wollte Lux
-rufen, aber etwas lähmte seine Zunge, benahm
-ihm den Atem. Fast unheimlich klang
-dieses zweimalige Rufen.</p>
-
-<p>Und jetzt wurde wieder Manuels Stimme
-laut.</p>
-
-<p>»Lux! &ndash; Lux! &ndash; schläfst du?«</p>
-
-<p>»Nein, was willst du?«</p>
-
-<p>Manuel gab keine Antwort.</p>
-
-<p>»Willst du was?« fragte Lux noch einmal
-dringlicher.</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>Und dann rang sich jedes Wort langsam
-und leise, aber leidenschaftlich von den
-zuckenden Knabenlippen.</p>
-
-<p>»Ich liebe Blanche. Sie soll nicht immer
-nur mit dir freundlich sein. Ich halte das
-nicht aus. Ich will es nicht.«</p>
-
-<p>Im Dunkel der Nacht saß der Knabe
-aufrecht in seinem Bett und stammelte dieses
-Bekenntnis, und es war Lux, dem er es
-vorstammelte, Lux, der am Tage der letzte
-gewesen wäre, dem er es anvertraut hätte.
-<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-Aber er mußte sein übervolles Gemüt entladen,
-war froh, daß er Lux nicht dabei
-sehen konnte, sprach wie zu einem Fremden,
-fühlte, wie bei jedem Wort die Tränen
-höher in ihm aufstiegen, und zitterte am
-ganzen Leibe vor Erregung.</p>
-
-<p>Eine lange Stille folgte Manuels Worten,
-während nur sein unterdrücktes Schluchzen
-zu vernehmen war.</p>
-
-<p>Ich liebe Blanche! Lux hätte nie für sein
-Empfinden für Blanche diesen Ausdruck
-gefunden. Er war aufs neue erschreckt,
-beängstigt, von etwas Fremdem verwirrt.</p>
-
-<p>»Blanche ist doch auch gegen dich freundlich,«
-sagte er. Er konnte Manuels Weinen
-nicht länger hören und hätte ihn gern getröstet.</p>
-
-<p>»Wir kennen uns doch auch schon viel
-länger, Blanche und ich,« fuhr er fort.
-»Deswegen ist sie doch nicht weniger
-freundlich mit dir. &ndash; Laß doch das
-Weinen. &ndash; Ich will es ihr sagen, daß sie
-freundlicher mit dir sein soll!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-»Nein!« rief Manuel, schrie es fast. »Daß
-du es ihr nicht sagst. Ich glaube, ich könnte
-dich töten, wenn du es tust.«</p>
-
-<p>»Dummes Zeug!« brummte Lux, der solche
-Leidenschaft nicht verstand und sich ärgerlich
-auf die andere Seite legte.</p>
-
-<p>»Lux! du! Lux!«</p>
-
-<p>»Was denn?«</p>
-
-<p>»Daß du es ihr nicht sagst!«</p>
-
-<p>»Mir ist es gleich. Du kannst es ihr ja
-selbst sagen. Aber jetzt möchte ich gern
-schlafen.«</p>
-
-<p>Seine Müdigkeit überwog wirklich seine
-Teilnahme für Manuel und auch für Blanche.
-Es dauerte nicht lange, da schwebten wieder
-seine leisen, feinen Atemzüge durch
-das Zimmer.</p>
-
-<p>Manuel aber lag noch lange wach und
-betete zum ungezählten Male zur Mutter
-Gottes, sie möchte ihm das Herz der kleinen
-Blanche zuwenden.</p>
-
-<p>Die Folge dieses nächtlichen Zwiegespräches
-war eine weitere Entfremdung zwischen
-<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-den Knaben. Lux betrachtete Manuel
-jetzt mit ganz anderen Augen. Er fühlte
-etwas wie Neid. So viel er von Blanche
-hielt, seinen Schlaf hatte sie ihm noch nie
-gestört. Und nun gar diese Tränen, dieser
-leidenschaftliche Ausbruch Manuels in der
-Nacht. Er schämte sich und schalt sich, daß
-er nicht auch so empfand. Manuel war freilich
-auch schon älter als er und in vielem
-reifer. Lux war ehrlich genug, es anzuerkennen,
-und hatte Respekt vor ihm. Aber das
-wurmte ihn wieder; er hätte ihn lieber verachtet.
-Sein Selbstgefühl bäumte sich auf,
-und er besann sich darauf, daß er ältere
-Rechte als Manuel hatte, der nur ein Eindringling
-war. Und zugleich erwachten Gedanken
-in ihm, die bisher geschlummert
-hatten.</p>
-
-<p>»Ich liebe Blanche auch. Er soll nicht
-glauben, daß er es allein ist.« Und er wurde
-mißtrauisch und beobachtete die beiden.</p>
-
-<p>Manuel haßte Lux nur umsomehr, als er
-ihn jetzt zu fürchten hatte. Oh, daß er sich
-<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-ihm in jener Nacht in seiner Seelennacktheit
-gezeigt hatte! Er schämte sich vor ihm
-und suchte seinem Blick auszuweichen,
-wurde argwöhnisch und belauerte Blanche,
-ob sie wohl etwas wisse. Ganz im tiefsten
-Innern war dabei der heimliche Wunsch
-rege, sie möchte es wissen; er würde Lux
-jetzt nicht mehr deshalb töten.</p>
-
-<p>»Du hast doch nichts gesagt?« fragte er
-ihn zwei Tage später und zwang sich zu
-einem Ton freundlicher Vertraulichkeit.</p>
-
-<p>»Was denn?« fragte Lux mit verstellter
-Gleichgültigkeit.</p>
-
-<p>Manuel ärgerte sich.</p>
-
-<p>»Das weißt du recht gut.«</p>
-
-<p>»Ach das.«</p>
-
-<p>Der Ton war womöglich noch gleichgültiger.</p>
-
-<p>»Ich will es aber wissen!«</p>
-
-<p>Manuel wurde heftig.</p>
-
-<p>»Frage sie doch selbst,« gab Lux zur
-Antwort.</p>
-
-<p>Zornig ging Manuel weg.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-An diesem Tage kam ein Brief Dr. Irmlers,
-der eine Verlängerung seiner Reise um
-höchstens acht Tage ankündigte und hoffte,
-daß Lux den Freunden nicht lästig werden
-würde. Die Veranlassung zu diesem Schreiben
-aber war diese:</p>
-
-<p>Er ist in Rom, kommt abends spät aus
-einer kleinen Gesellschaft, hört in einer einsamen
-menschenleeren Straße plötzlich einen
-Schrei ganz in seiner Nähe und steht im
-nächsten Augenblick vor einem entseelten
-Körper, der quer über den Bürgersteig liegt.
-Ein Schatten fliegt über die Straße, ein
-geisterblasses Gesicht wendet sich noch einmal
-um, und er meint im ersten Augenblicke
-nichts als zwei große schwarze, weit
-aufgerissene Augen in diesem Gesicht zu
-erkennen. Aber schon nahen Schritte, er
-wird bei der Leiche gesehen, verdächtigt,
-und muß mit auf die Wache. Hier gelingt
-es ihm bald, seine Unschuld glaubhaft zu
-machen. Indessen kann man ihn nicht ganz
-freigeben, da er den Mörder gesehen haben
-<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-will und eine ungefähre Beschreibung von
-ihm zu liefern imstande ist. Des einzigen
-Zeugen muß man sich versichern, zumal
-seine Angaben viel Wahrscheinlichkeit für
-sich haben. Seine Beschreibung paßt auf
-einen jungen Burschen, den man mit dem
-Getöteten befreundet weiß, und von dem
-es bekannt ist, daß er sich mit jenem gleichzeitig
-um ein hübsches und braves Bürgermädchen
-bewarb.</p>
-
-<p>Vor die Frage gestellt, glaubt Dr. Irmler
-sich noch anderer Merkzeichen entsinnen zu
-können, als nur der dunklen Augen. Und
-alles zeigt auf jenen Freund hin. Dieser
-wird gefunden, festgenommen und dem
-Zeugen gegenübergestellt, der ihn zu erkennen
-glaubt. Ein anfängliches Leugnen
-zieht die Sache hin, aber der Unglückliche
-entschließt sich zuletzt zu einem Geständnis.
-Und wirklich ist die unselige Eifersucht
-das Motiv seiner Tat.</p>
-
-<p>Diese Begebenheit hatte Dr. Irmler mehrere
-Tage gekostet, während welcher er nicht
-<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-fähig war, seinen Studien nachzugehen.
-So war noch manches nachzuholen und
-eine Verlängerung seines Aufenthaltes erwünscht.</p>
-
-<p>Er möchte sich nicht beeilen und sich
-nicht sorgen, schrieb Frau Elisabeth zurück.
-Lux wäre gut aufgehoben, und sie
-hätten ihn alle gern bei sich.</p>
-
-<p>»Daß dieses hitzköpfige Volk doch immer
-gleich zum Messer greifen muß!« sagte ihr
-Gatte beim Tee, als er von dem Inhalt des
-Briefes erfuhr. »Und wenn es dann noch
-wenigstens zum ehrlichen Zweikampf schreitet.
-Aber ein feiger Meuchelmord aus solchem
-Beweggrunde, noch dazu an einem
-Freund, will einem schier unverständlich
-sein.«</p>
-
-<p>»Es ist schrecklich,« erwiderte Frau Elisabeth,
-»wie die Leidenschaft alles verdunkelt,
-alle Begriffe von gut und böse auslöscht
-und den Menschen zum blinden Werkzeug
-seiner Triebe macht. Ich erinnere mich eines
-ähnlichen Falles aus meiner Heimat, wo
-<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-ein sonst liebenswürdiges Schwesternpaar
-sich um einen jungen Mann heftig entzweite;
-beide getäuscht, suchten sie statt
-Trost in der Versöhnung Trost im Tod.
-Man fand beide Leichen am blühenden
-Sommerrain des kleinen Flusses, von den
-mitleidigen Wellen sanft nebeneinander hingebettet.«</p>
-
-<p>So erzählte Frau Elisabeth in tiefer Ergriffenheit.
-Den Kindern enthielt sie diesen
-Teil des Briefes vor. Es schien ihr nicht
-ratsam, die jungen Seelen schon mit solchen
-Dingen zu beschweren; sie würden früh genug
-die Tragik des Lebens kennen oder doch
-wenigstens ahnen lernen. Sie sagte ihnen nur,
-daß Dr. Irmlers Studien seine Anwesenheit
-in Rom noch für einige Tage verlange.</p>
-
-<p>Lux selbst war zufrieden. Die Tage
-gingen abwechselungsreich hin, und die
-leichten Schatten, die die Verstimmung zwischen
-ihm und Manuel auf ihre Freuden
-warf, bedrückten ihn nicht allzusehr.</p>
-
-<p>Manuel jedoch war keineswegs erfreut
-<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-über Luxens verlängerten Aufenthalt. Acht
-Tage noch! Wäre doch die Zeit bald um!</p>
-
-<p>Blanche aber rief einfach: »Wie schön!«
-obgleich es ihr keinen großen Kummer
-gemacht hätte, Lux schon jetzt an seinen
-Vater zurückzugeben.</p>
-
-<p>Nun mußte es geschehen, daß Frau Elisabeth
-um diese Zeit von heftigen Kopfschmerzen
-anhaltend geplagt wurde, so daß
-sie sich den Kindern nicht so viel wie sonst
-widmen konnte. Sie überließ sie um so
-ruhiger sich selbst, als es ihr bisher erschienen
-war, daß sie in guter Kameradschaft
-miteinander verkehrten.</p>
-
-<p>Aus dieser Ruhe sollte sie eines Tages
-aufgestört werden. Die Spannung zwischen
-den beiden Knaben hatte sich wie ein böses
-Geschwür weiter gefressen, das nun unerwartet
-aufbrach.</p>
-
-<p class="ce"><img src="images/p089i.jpg" alt="" /></p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-<img src="images/p090i.jpg" alt="" /><br />
-
-7. KAPITEL.</h2>
-
-
-<p>Blanches Geburtstag sollte, wie alljährlich,
-festlich gefeiert werden. Ja, man plante
-diesmal etwas ganz Besonderes. Das beständige
-schöne Wetter ließ das Gelingen eines
-kleinen Gartenfestes erhoffen. Ketten von
-Lampions sollten gezogen und eine italienische
-Nacht unter nordischem Himmel hergezaubert
-werden. Wochenlang hatte man
-sich schon darauf gefreut, und diese gemeinsame
-Vorfreude war immer wieder das
-Band gewesen, Auseinanderstrebendes zusammen
-zu halten.</p>
-
-<p>Nun war der festliche Tag da, und alles
-stand in Erwartung eines besonderen Freudentages
-früher auf als sonst. Schon am
-Morgen kam eine Cousine Blanches, während
-die anderen kleinen Gäste sich erst
-am Nachmittag einfanden. Es war ihrer
-ein großer Kreis geladen worden, auch
-<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-Knaben, damit es den Mädchen nicht an
-Tänzern fehle. Alle kleinen Freundinnen
-kamen in weißen Kleidern mit bunten
-Schleifen und Schärpen und brachten Blumen
-und Schokolade und kleine Geschenke
-mit. Alle gaben sie Frau Elisabeth mit einem
-zierlichen Knicks die Hand und schauten
-sich dann mit großen Augen im Kreise um.
-Die Knaben traten selbstbewußt auf, und
-konnten doch eine lächerliche Verlegenheit
-und Unbeholfenheit nicht verbergen; sie
-waren in der Minderzahl und hätten offenbar
-lieber unter sich Pferd oder Räuber und
-Soldat gespielt, als sich hier sittsam und kavaliermäßig
-zu betragen. Sie hielten sich zu
-Lux und Manuel und staunten diesen ebenso
-an, wie es die kleinen Mädchen taten.</p>
-
-<p>»Wie braun er ist,« flüsterten sie untereinander.</p>
-
-<p>»Er kommt nachher in unsere Schule.«</p>
-
-<p>»Aber klein ist er nur.«</p>
-
-<p>»Ist er nett?«, fragten sie Lux leise, und
-Lux sagte: »Sehr nett.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-Daß er ziemlich gut deutsch sprach, merkten
-sie bald, und ebenso, daß er ihnen allen
-an Sicherheit des Betragens überlegen war.
-Lux war einer von ihnen, aber Manuel war
-etwas Besonderes.</p>
-
-<p>Manuel merkte wohl, daß er Eindruck
-machte, und fühlte sich geschmeichelt, denn
-er dachte an Blanche dabei. Ihr wollte er
-gefallen.</p>
-
-<p>Blanche aber war anfangs noch viel zu
-sehr mit sich selbst beschäftigt; sie war
-nicht ohne mädchenhafte Eitelkeit und wollte
-in ihrem neuen Geburtstagskleide auch gefallen.
-Sie sah in der Tat reizend aus. Ihre
-zarte, sonnige Elfenschönheit war vom Glanz
-heiterer Freude umstrahlt. Dazu kam das
-Bewußtsein, Hauptperson zu sein, und die
-Überlegenheit der kleinen Wirtin, die sich
-bei sich zuhause fühlt und glücklich ist,
-ihren Gästen etwas bieten zu können.</p>
-
-<p>Es war ein liebliches Bild, die vielen hellen,
-mit farbigen Bändern geschmückten Kindergestalten
-sich im Garten tummeln zu sehen.
-<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-Die Blumen auf den Beeten jedoch, vor
-allem die in vollem Flor stehenden Rosen,
-scheuten solche Nachbarschaft nicht, sondern
-behaupteten sich in schönster Pracht.
-Auch die kleinen bunten Papierlaternen,
-die ganz regungslos in der stillen Luft
-hingen und sich auf den Abend zu freuen
-schienen, wo sie ihr Licht leuchten lassen
-sollten, kamen schon jetzt in ihrem bunten
-Farbenschmuck zu hohen Ehren. Wenn sie
-erst brennen würden, das mußte schön sein.
-Doch damit sollte es noch ein wenig Zeit
-haben. Es waren lange, helle Abende, und
-die Illumination war als Abschluß des
-Festes gedacht.</p>
-
-<p>Allerlei Spiele vertrieben indessen die
-Zeit. Man spielte Haschen, von Baum zu
-Baum und Topf schlagen. Wie gerufen fanden
-sich ein paar Straßenmusikanten vor
-dem Hause ein; man holte sie herein und
-improvisierte auf kurz geschorenem Rasen
-ein lustiges Tänzchen zu keineswegs wohlklingender
-Musik. Aber wer tanzen will,
-<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-dem ist leicht geblasen. Die geschmeichelten
-Künstler befleißigten sich, ihr Bestes zu
-leisten, und namentlich die Klarinette gab
-sich alle Mühe, in diesem herrschaftlichen
-Kreise ehrenvoll zu bestehen.</p>
-
-<p>Als sich die Leute nach drei Tänzen wieder
-verabschieden wollten, wollte man sie
-nicht weglassen. Noch einmal! noch einmal!
-Die kleinen Tänzer waren unersättlich.</p>
-
-<p>Da besprach sich Frau Elisabeth mit den
-Musikanten, daß sie für eine hinreichende
-Entschädigung noch ein halbes Stündchen
-bleiben und sich zum Schluß an die Spitze
-einer Polonaise stellen möchten, die sich
-mit brennenden Papierlaternen unter den
-leuchtenden Lampiongewinden durch den
-Garten bewegen sollte. Als sie einwilligten,
-entstand allgemeiner Jubel, und man war
-einig, ein so schönes Fest noch nicht gefeiert
-zu haben.</p>
-
-<p>Nun waren die anderen Knaben fast alle
-schlechte Tänzer. Auch Lux stand hierin
-hinter Manuel zurück. Dieser war der einzige,
-<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-der eigentlich tanzen konnte, während
-die Kunst der anderen nicht viel mehr als
-ein munteres Hüpfen war. Das genügte ja
-nun für diese kleine Gesellschaft vollkommen.
-Aber die Dämchen waren doch froh,
-wenn der bewunderte Spanier ihnen seine
-Aufmerksamkeit schenkte. Die schien nun
-freilich einzig dem Geburtstagskind zu gelten.
-Schon längst hatte Lux das mit Verdruß
-bemerkt. Gerade den Spielkameraden
-gegenüber ärgerte es ihn. Was mußten sie
-denken. Seine Versuche, Manuel aus dem
-Sattel zu heben, schlugen alle fehl; Blanche
-schien nur für diesen da zu sein, oder sie
-war zu schwach oder zu ungewandt, sich
-seinem Einfluß zu entziehen.</p>
-
-<p>Das nächtliche Geständnis Manuels hatte
-Lux die Augen geöffnet und seinen eigenen
-Gefühlen für Blanche die Unbefangenheit
-geraubt. Er hatte sie auch lieb, Manuel
-sollte sie nicht für sich allein haben.</p>
-
-<p>Und wie hübsch war Blanche heute. So
-war sie ihm noch nie erschienen. Er hätte
-<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-sie bei der Hand nehmen mögen wie früher:
-komm Blanche, wir wollen allein spielen.
-Alle die anderen Mädchen beachtete er
-nicht. Da war eine Größere mit stillen,
-klugen Augen, die immer Lux suchten. Aber
-er merkte es nicht und sandte seine Blicke
-nach Blanche aus.</p>
-
-<p>Mit einem Male war Blanche verschwunden.
-Wo war sie? Und jetzt fehlte auch
-Manuel.</p>
-
-<p>Vergeblich sah er sich nach den beiden
-um; die Gesellschaft war groß genug, daß
-sie sich ungesehen hatten entfernen können.
-Lux wollte Gewißheit haben und suchte
-den ganzen Garten ab. Schon gab er die
-Hoffnung auf, sie zu finden, als sein Fuß
-stockte.</p>
-
-<p>Waren das nicht Stimmen?</p>
-
-<p>Aus dem Nußgebüsch am Bach?</p>
-
-<p>Ein Flüstern?</p>
-
-<p>»Blanche, süße, liebe Blanche!«</p>
-
-<p>Ein Griff, und Lux riß die Sträucher
-auseinander.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-Da saßen sie auf der niedrigen Rasenbank,
-und die glühende Blanche empfing
-die ersten, stürmischen Küsse des wilden,
-leidenschaftlichen Knaben.</p>
-
-<p>Mit einem Schrei schreckte Lux die Selbstvergessenen
-auf, stürzte sich auf sie und
-riß Manuel weg, stieß den Erschrockenen,
-daß er taumelte und zu Boden stürzte.</p>
-
-<p>»Lux! Lux!« rief Blanche angstvoll.</p>
-
-<p>Manuel war wie eine Katze wieder aufgesprungen,
-und mit zornfunkelnden Augen
-standen sich die beiden Knaben gegenüber.</p>
-
-<p>»Das sag ich nach,« keuchte Lux, atemlos
-vor Aufregung.</p>
-
-<p>Ein Blick grenzenloser Verachtung traf
-ihn aus Manuels schwarzen Augen.</p>
-
-<p>»Wage das nicht!«</p>
-
-<p>»Alles, alles sage ich nach,« zischte Lux.</p>
-
-<p>Wie ein wildes Tier schäumte Manuel auf.</p>
-
-<p>»Manuel! Lux! Manuel!«</p>
-
-<p>Vergeblich versuchte Blanche sich zwischen
-sie zu werfen. Der Augenblick war jetzt
-da, wo diese beiden Knaben, in deren Seelen
-<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-sich langsam der Haß angesammelt hatte,
-aneinander geraten mußten. Wie zwei Panther
-fielen sie sich an, packten sich und rangen
-miteinander, nur von dem einen Trieb beseelt,
-den andern unter sich zu bringen.</p>
-
-<p>Es war Zufall, daß Manuel unterlag. Er
-stolperte und rutschte aus, fiel auf den Rücken
-und riß Lux über sich.</p>
-
-<p>Mit weit aufgerissenen Augen, zitternd,
-keines Wortes mächtig, starrte Blanche auf
-die kämpfenden Knaben, schrie nicht auf,
-als Manuel fiel, starrte nur in zitterndem
-Schweigen auf den Kampf. Selbst der Gedanke,
-es ist deinetwegen, verblaßte.</p>
-
-<p>Wenn sie sich nur nicht weh tun!</p>
-
-<p>Diese fürchterlichen Knaben!</p>
-
-<p>Wie wild sie immer gleich sind!</p>
-
-<p>Sie kennt Lux kaum wieder. Wie verrückt
-hämmert er auf Manuel los. Sie kann es
-nicht mehr mit ansehen und stürzt hinaus.</p>
-
-<p>Da folgt ihr ein kurzer Schrei.</p>
-
-<p>Lux taumelt ihr nach, die Hand auf der
-Brust.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-»Blanche!«</p>
-
-<p>Es klingt röchelnd, aus tiefster Angst
-heraus. Totenblaß ist Lux, taumelt hinter
-sich, dreht sich um, greift in die Luft
-und fällt mit einem dumpfen Aufschlag zu
-Boden.</p>
-
-<p>Blut!</p>
-
-<p>Es rinnt über seine Bluse, ein feiner, roter
-Streifen.</p>
-
-<p>Da kreischt sie laut auf und stürzt weg,
-und ihr Kreischen schreckt die Tanzenden
-auf und macht die Musik verstummen.</p>
-
-<p>Hinter ihr teilt sich das Gesträuch, und
-Manuel, das Messer noch in der krampfhaft
-geballten Faust, steht starr vor Lux. Aller
-Haß, aller Zorn ist aus den schwarzen Augen
-verschwunden; entsetzt, mit leeren Blicken
-sehen sie wie auf etwas Rätselhaftes.</p>
-
-<p>So findet man die beiden Knaben. Die
-Musikanten, der ganze Kinderschwarm, alles
-drängt sich herzu.</p>
-
-<p>Lux atmet noch. Sein Gesicht ist schneeweiß,
-und die geschlossenen Lippen zucken.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-Einer der Musikanten, der Fagottbläser,
-ein großer Mensch mit einem roten Gesicht,
-nimmt ihn auf die Arme und trägt
-ihn ins Haus.</p>
-
-<p>Frau Elisabeth, mit dem willenlosen Manuel
-an der Hand, folgt. Sie schickt die
-kleinen Gäste nach Hause, und das schöne
-Fest findet ein jähes schreckliches Ende.</p>
-
-<p>Kein Wort ist aus Manuel herauszubringen,
-so sehr auch Frau Elisabeth in ihn dringt.
-Aber er wirft sich ihr zu Füßen und bleibt
-unter heftigem Schluchzen liegen, bis man
-ihn gerührt, erschüttert, aufhebt und auf
-sein Bett legt.</p>
-
-<p>Als der Vater vom Kontor nach Hause
-kam, hatte Blanche bereits alles gebeichtet,
-unter strömenden Tränen. Die Gatten verharrten
-in dumpfem Schweigen gegeneinander.
-Wie sollten sie sich über das unselige
-Geschehnis auslassen. Erst nach und
-nach sprachen sie sich aus. Sie gedachten
-jenes römischen Briefes als einer Warnung,
-die sie nicht verstanden hatten, und machten
-<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-sich Vorwürfe. Hätte nicht ein solches Beispiel,
-wohin ungebändigte Leidenschaft führt,
-auf Manuel Eindruck machen und das Schreckliche
-verhüten können?</p>
-
-<p>Eine Depesche eilte nach Rom, und schon
-am dritten Tage saß Dr. Irmler gebrochen
-am Bett seines Knaben. Man hatte Lux noch
-nicht umbetten können; doch gab der Arzt
-Hoffnung, daß es sich in den nächsten
-Tagen ermöglichen ließe. Direkte Lebensgefahr
-war nicht vorhanden, aber der Kranke
-bedurfte der sorgsamsten Pflege und äußersten
-Schonung. Der linke Lungenflügel war durch
-den Stich der kurzen Taschenmesserklinge
-verletzt worden. Die Heilung war sicher,
-wenn sie in Ruhe, ohne Störung vor sich
-gehen konnte.</p>
-
-<p>Dr. Irmler, so dicht vor den Verlust seines
-einzigen Glückes gestellt, wollte doch die
-Selbstanklagen der Freunde nicht gelten
-lassen und war weit davon entfernt, ihnen
-irgend einen Vorwurf zu machen. Wie hätten
-sie ein solches Unglück verhüten wollen?
-<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-Was hätte sie bei der großen Jugend der
-Kinder auf die rechte Spur führen sollen,
-auf den Gedanken, daß sich hier in diesen
-jungen Seelen eine Tragödie vorbereite?</p>
-
-<p>Manuel war freilich als leidenschaftliches
-Kind bekannt, aber doch auch als ein edelveranlagter
-Charakter wiederholt erprobt
-worden. Sein tiefer Schmerz jetzt, sein
-völliges Zusammenbrechen entwaffnete jeden
-Zorn und rührte die Herzen. Man empfand
-tiefes Mitleid mit ihm und verschonte
-den Beklagenswerten mit unnützen Vorwürfen.</p>
-
-<p>Frau Elisabeth hatte ihn auf seinem Zimmer
-aufgesucht, nachdem sie von Blanche gehört,
-wie alles gekommen. Er lag mit dem
-Kopf auf dem Tisch und wagte nicht aufzusehen.
-Sie trat an ihn heran, legte ihre
-Hand leise auf seinen dunklen Scheitel und
-sagte ernst, doch ohne Vorwurf:</p>
-
-<p>»Ich weiß nun alles, Manuel. Wir wollen
-Gott danken, daß es nicht schlimmer ausgelaufen
-ist.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-Er tastete nach ihren Händen, überströmte
-sie mit Tränen und bedeckte sie wieder und
-wieder mit Küssen. Sie ließ es ruhig geschehen;
-es würde ihm gut tun. Endlich
-entzog sie sich ihm leise.</p>
-
-<p>»Fasse dich nun, mein Junge,« sagte sie
-fast zärtlich. »Wir haben dir alles verziehen.
-Du wirst zu deinem Vater zurück müssen,
-und alles, was gewesen, wird wieder gut
-werden. Und nun gib mir die Hand und
-versprich mir, daß du immer dein Herz
-und deine Hand hüten willst.«</p>
-
-<p>Er gab ihr leidenschaftlich die Hand und
-wollte sich wieder über die ihre neigen,
-doch sie faßte ihm mit der Linken unters Kinn,
-hob sein Gesicht ein wenig zu sich empor
-und küßte ihn mütterlich auf die Stirne.</p>
-
-<p>Als sie die Tür hinter sich geschlossen
-hatte, hörte sie ihn wieder laut aufschluchzen.
-Sie glaubte diese Knabenseele zu verstehen:
-Manuels Tränen galten ebenso sehr Blanche,
-von der er sich jetzt trennen sollte, als
-Lux und der Reue. Das erste heiße Feuer
-<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
-in einer erwachenden Kinderseele; helle, hohe
-Flammen, heftig auflodernd, als wollten sie
-die Welt in Brand stecken, und dann ein
-ebenso jähes Erlöschen.</p>
-
-<p>Um Blanche und Lux war sie ein wenig
-in Sorge, welchen Einfluß dieses Erlebnis
-auf ihre jungen Seelen haben würde. Auch
-dachte sie darüber nach, wie weit sie Blanche
-Vorwürfe zu machen hätte. Jedes Wort zu
-viel könnte schaden statt nützen. Blanche
-war doch noch ein ganzes Kind, harmlos,
-wenig fest, und leicht zu bestimmen. Frau
-Elisabeth wußte schon die Antwort voraus,
-als sie sie fragte, wie sie dazu gekommen
-wäre, ihre Gäste einfach zu verlassen
-und mit Manuel zu gehen.</p>
-
-<p>»Er wollte es ja durchaus.«</p>
-
-<p>»Und du weißt nicht, daß sich das nicht
-schickt? Wäret ihr bei den anderen geblieben,
-so wäre alles nicht geschehen. Das
-war sehr unrecht von dir. Du siehst, was
-für ein Unglück aus solchen Kindereien
-entstehen kann.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-Frau Elisabeth hielt es für das richtigste,
-Blanche gegenüber diesen Ausdruck zu gebrauchen:
-Kindereien. Blanche freilich war
-wenig geneigt, es als Kindereien zu nehmen.
-Sie kam sich sogar sehr wichtig vor. Schade,
-daß noch Ferien waren; am liebsten wäre
-sie morgen in die Schule gegangen, um
-zu hören, was die Freundinnen sagten.</p>
-
-<p>Natürlich tat Lux ihr furchtbar leid. Und
-wie traurig Dr. Irmler aussah. Aber Lux
-würde ja nicht sterben. Sie wußte, was der
-Arzt gesagt hatte. Und sie wollte auch jeden
-Abend beten, daß der liebe Gott Lux doch
-wieder gesund werden ließe.</p>
-
-<p>Am meisten waren ihre Gedanken natürlich
-bei Manuel. Der kam nicht von seinem
-Zimmer, und sie sah und hörte nichts von
-ihm. Sie wollte die Mutter nach ihm fragen,
-wagte es aber dann doch nicht. So spionierte
-sie herum, ob sie nicht irgendwo
-etwas von ihm erhaschen könne.</p>
-
-<p>Sie war in Angst um ihn. Ob er wohl
-bestraft werden würde? Er durfte nicht
-<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-stechen. Lux hatte allerdings angefangen.
-Was ging es den überhaupt an? Und wie
-hatte er auf Manuel losgeprügelt. Der konnte
-sich ja garnicht anders wehren, noch dazu,
-da er gefallen war und unter Lux lag.</p>
-
-<p>Vier Tage später fuhr ihr Vater mit dem
-kleinen Spanier weg, ohne daß Blanche
-ihn wieder gesehen hatte. Manuel ist wieder
-zu seinem Papa gefahren, hieß es, er läßt
-dich freundlich grüßen.</p>
-
-<p>Das fand sie empörend. So abzureisen,
-ohne ihr Adieu gesagt zu haben!</p>
-
-<p>Ob er nie wieder kommen würde?</p>
-
-<p>Sie wagte nicht, danach zu fragen. Aber
-sie sagte sich, daß sie ihn zum letzten
-Mal gesehen hatte, daß er für immer
-weg war.</p>
-
-<p>Und nicht das kleinste Andenken an ihn
-besaß sie. Sie wußte, er hatte ein altes
-Schreibheft von ihr, ein paar Haarbänder
-und ein Stückchen von ihrer roten Geburtstagsschärpe,
-das er sich selbst abgeschnitten
-hatte. Aber sie besaß nichts von ihm, gar
-<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-nichts. Zum Geburtstag hatte er ihr einen
-Kasten mit feinsten Bonbons geschenkt. Sie
-hatte sich sehr gefreut, aber die Freundinnen
-hatten nachher die meisten aufgenascht.
-Ein paar waren noch nachgeblieben, die
-wollte sie aufheben. Eine Stunde später aber
-erschien es ihr doch pietätvoller, sie so zu
-verwenden, wie Manuel es gewollt hatte.
-Und sie setzte sich ans Fenster, nahm das
-Kästchen vor sich auf den Schoß und schob
-einen Bonbon nach dem anderen in ihren
-kleinen Mund und zerlutschte ihn mit Hingebung.
-Ihre Gedanken waren dabei gar
-nicht einmal bei Manuel, sondern ganz bei
-der Sache: der schmeckte nach Himbeeren,
-der nach Pfeffermünz, und das war Kakaobutter!</p>
-
-<p>Und ihre Blicke schweiften dabei träumerisch
-über den Garten bis zu den hohen
-Bäumen, die die Wiese jenseits des Bächleins
-einfaßten und auf deren Wipfeln die
-leuchtende Sonne eines ersten heißen Augusttages
-lag.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-<img src="images/p108i.jpg" alt="" /><br />
-
-8. KAPITEL.</h2>
-
-
-<p>Manuel war abgereist, und Lux war umgebettet
-worden. Blanche war wieder allein
-im Hause, in dem das Leben wie früher verlief,
-nur um ein weniges gedämpfter. Sie war
-zu lange durch die Spielkameraden verwöhnt
-worden und langweilte sich nun manchmal.
-Mit Lux würde sie wohl sobald nicht spielen
-können. Zwar war er außer Gefahr und
-ging der Genesung entgegen. Aber es ging
-langsam. Er mußte wohl noch ein paar
-Wochen ruhig im Bette verbringen. Sie
-hörte täglich von ihm, aus dem Gespräch
-der Eltern, und einmal hatte er sie auch
-grüßen lassen. Ihr Verlangen, ihn zu sehen,
-war nicht übermäßig groß; es war mehr
-Neugierde, die sie gern befriedigt hätte, als
-eigentliche Teilnahme. Er würde schon
-wieder besser werden, und dann würden
-sie im Garten wieder zusammentreffen,
-<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-und sie würde sich erst ein wenig vor
-ihm schämen, und dann würde alles wie
-früher sein.</p>
-
-<p>Als Lux soweit war, daß er Besuch empfangen
-durfte, schickte Frau Elisabeth Blanche
-mit ein paar Blumen hinüber. Es war Blanche
-fürchterlich, und sie hätte am liebsten nein
-gesagt: doch trotzen durfte sie nicht.</p>
-
-<p>Sie ging also zu Irmlers, konnte es aber
-nicht über sich gewinnen, zu Lux hineinzugehen.
-Sie gab die Blumen der alten
-Magdalene und log, ihre Mutter habe gemeint,
-sie solle Lux lieber noch nicht
-guten Tag sagen. Natürlich mußte die Unwahrheit
-herauskommen, und Frau Elisabeth
-war sehr böse und schickte sie zur
-Strafe auf ihr Zimmer.</p>
-
-<p>Jetzt vertrotzte sich Blanche.</p>
-
-<p>»Wenn sie mich wieder hinschicken, gehe
-ich nicht.«</p>
-
-<p>Frau Elisabeth war solche Widersetzlichkeit
-bei ihr nicht gewohnt. Sie war überrascht
-und überlegte, ob es nur kindischer
-<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-Trotz sei, oder ob andere Beweggründe
-dahinter stecken könnten. Berechtigte Auflehnung
-mit Gewalt zu brechen, gehörte
-nicht zu ihren Erziehungsgrundsätzen. Drum
-sagte sie nur:</p>
-
-<p>»Ich wundere mich über dich, Blanche,
-und bin sehr traurig. Ich hoffe, du besinnst
-dich und siehst ein, daß der arme Lux
-ein Anrecht auf ein freundliches Wort von
-dir hat.«</p>
-
-<p>Diese Worte machten wohl einigen Eindruck
-auf Blanche, aber brachen doch ihren
-Trotz nicht.</p>
-
-<p>»Ich wünsche, daß du jetzt hinüber gehst,«
-befahl Frau Elisabeth nach ein paar Tagen.
-»Hier sind Orangen, die werden Lux erfreuen.
-Komm, ich werde dich begleiten.«</p>
-
-<p>Sie nahm Blanche bei der Hand und
-ging mit ihr ins Nachbarhaus. Das Kind
-war blaß und schwankte zwischen Trotz
-und Tränen. Die alte Magdalene lächelte gutmütig
-und rief:</p>
-
-<p>»Ei, wird der Lux sich aber freuen, daß
-<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-du kommst. Und die schönen Orangen!
-Da geh nur gleich zu ihm hinein. Gerade
-Orangen sind so gut für ihn.«</p>
-
-<p>Das war freilich alles mit Überlegung
-gesagt und mit Frau Elisabeth unter einer
-Decke gespielt. Aber es ermunterte Blanche
-doch und machte ihr einigen Mut, als
-ihre Mutter sie nun einfach ins Krankenzimmer
-schob und die Türe hinter ihr
-schloß.</p>
-
-<p>Da stand sie, ihr Körbchen Orangen
-in der Hand, mitten im Zimmer und sah
-verlegen und hilflos auf Lux, der sie mit
-großen Augen anleuchtete. Sie hätte kein
-Wort herausgebracht, wenn nicht er das
-Schweigen gebrochen hätte.</p>
-
-<p>»Blanche! Du?« rief er.</p>
-
-<p>Es lag ebenso viel Überraschung als Freude
-darin.</p>
-
-<p>Da trat sie näher, und ihre Stimme zitterte,
-als sie sagte:</p>
-
-<p>»Ich wollte doch mal sehen, wie es dir
-geht.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
-»Danke, ganz gut! Der Doktor meint, ich
-würde wohl bald wieder aufstehen dürfen.«</p>
-
-<p>Sie sagte nichts darauf, sondern stand
-mit ihrem Körbchen dicht vor seinem Bett,
-und sah ihn mit verlegenem Lächeln neugierig
-an, musterte das Bett, die Wand, die
-Bilder daran, und dachte endlich an die
-Orangen.</p>
-
-<p>»Die soll ich dir geben,« sagte sie.</p>
-
-<p>»O wie schön!« rief Lux. »Danke,
-Blanche!«</p>
-
-<p>Und er nahm das Körbchen und stellte
-es vor sich auf die Decke.</p>
-
-<p>»Willst du dich nicht hinsetzen?« fragte er.</p>
-
-<p>Sie setzte sich auf einen Stuhl vor seinem
-Bett und sah bald das Körbchen, bald den
-Kranken an, während Luxens Augen still
-auf ihrem Gesicht ruhten, mit einem gespannten
-Ausdruck, als erwarte er ein Wort
-von ihr.</p>
-
-<p>Es war merkwürdig, wie wenig sie sich
-zu sagen hatten. Endlich fragte sie:</p>
-
-<p>»Tut es noch weh?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-»Manchmal. Aber nur ein ganz klein
-wenig.«</p>
-
-<p>Sie wurde mit einmal blutrot. Es war
-ihr, als müsse sie sich schämen, als wäre
-sie selbst es, die ihn gestochen hätte. Wie
-dumm! Sie konnte doch nichts dafür.</p>
-
-<p>Er aber dachte: »Warum wird sie so rot?
-Es ist doch nicht ihre Schuld.«</p>
-
-<p>In diesem Augenblick wurde die Tür
-leise aufgemacht und gleich wieder geschlossen.
-Blanche nahm das als Zeichen,
-abbrechen zu müssen. Sie erhob sich und
-gab ihm ungelenk die Hand.</p>
-
-<p>»Adieu, Lux!«</p>
-
-<p>»Adieu, Blanche! Ich danke dir auch.
-Willst du so gut sein und sie auf den Tisch
-stellen?«</p>
-
-<p>Sie stellte die Orangen auf den Tisch
-und nickte ihm noch einmal zu.</p>
-
-<p>»Adieu, Lux!«</p>
-
-<p>Dann schloß sich die Tür hinter ihr.</p>
-
-<p>»Nun, hat Lux sich nicht gefreut?« fragte
-Frau Elisabeth.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-»Ja, sehr,« antwortete Blanche.</p>
-
-<p>»Siehst du? Und du wolltest nicht zu
-ihm gehen.«</p>
-
-<p>»Das wollte ich schon, aber nicht so schnell.«</p>
-
-<p>Blanche war froh, den ersten Besuch
-hinter sich zu haben; nun würde es ihr
-leichter werden, wieder hinzugehen. Ob er
-wirklich nur wenig Schmerzen mehr hätte?
-Er sah doch noch sehr blaß aus. Das tat
-er freilich immer. Aber doch nicht so furchtbar
-blaß wie jetzt. Ob er wohl ganz wieder
-besser würde? So ganz und gar wie früher?</p>
-
-<p>Dr. Irmler sagte abends zu ihrer Mutter,
-daß Lux sich sehr über den Besuch von
-Blanche gefreut habe, und er sagte es auch
-ihr selbst:</p>
-
-<p>»Komm nur recht oft, Lux wird sich
-immer freuen. Er liegt so allein.«</p>
-
-<p>Sie war fast glücklich. Wenn er sich
-wirklich freute, wollte sie ja gern zu ihm
-gehen; meinetwegen jeden Tag.</p>
-
-<p>»Vielleicht nimmst du ein Buch mit,«
-sagte Frau Elisabeth.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-Und sie ging am nächsten Tag mit einem
-Buch zu ihm.</p>
-
-<p>»Soll ich dir etwas vorlesen?« fragte sie.</p>
-
-<p>»Wenn du willst!«</p>
-
-<p>Seine Augen leuchteten auf und sprangen
-von ihrem Gesicht auf das Buch über.</p>
-
-<p>Sie sah die Frage in seinem Blick.</p>
-
-<p>»Andersens Märchen,« sagte sie. »Magst
-du das auch hören?«</p>
-
-<p>»Ja, gern. Lies nur, was du willst, Blanche;
-es ist alles hübsch.«</p>
-
-<p>Er legte sich in die Kissen zurück, und
-sie blätterte noch ein wenig, obgleich sie
-sich schon für die Geschichte von der kleinen
-Seejungfrau entschieden hatte, und fing endlich
-an:</p>
-
-<p>»Weit hinaus im Meere ist das Wasser
-so blau wie die Blätter der prächtigen
-Kornblume und so klar wie das reinste
-Glas, aber es ist außerordentlich tief, tiefer
-als irgend ein Ankertau reicht. Viele Kirchtürme
-müßten übereinander gestellt werden,
-um vom Grunde bis über das Wasser
-<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-hervor zu reichen. Dort wohnt das Meervolk.«</p>
-
-<p>Ihre Stimme war wie das Klingen kleiner
-Wellen, wie ihr leises Rauschen und Plätschern
-am Strande. Und ihr eigenes Bild
-verfloß ihm mit dem der jüngsten Meertochter.</p>
-
-<p>»Sie war doch die Schönste von allen,
-ihre Haut war so durchsichtig und zart wie
-ein Rosenblatt, ihre Augen so blau wie das
-tiefste Meer, aber wie alle die anderen hatte
-sie keine Füße, der Körper ging in einen
-Fischschwanz aus.«</p>
-
-<p>Und Blanche saß so vor seinem Bett, daß
-er ihre Füße nicht sah, und er lächelte ganz
-heimlich bei dem Gedanken und schloß die
-Augen.</p>
-
-<p>Sobald sie ihre fünfzehn Jahre erreicht
-hatte, sollte die kleine Meerprinzessin Erlaubnis
-haben, aus dem Meere empor zu
-tauchen, im Mondschein auf der Klippe zu
-sitzen und die großen Schiffe sich anzusehen,
-die vorbei segeln.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-Blanche war nun vierzehn. Ein Jahr noch,
-so dachten sie beide, obgleich Blanche doch
-keine Meerjungfrau war, die sich sehnte,
-empor zu tauchen und auf Klippen zu
-sitzen. Aber je weiter sie lasen, je mehr
-nahm Blanche die Gestalt der jüngsten Prinzessin
-an, sowohl für Lux, wie für sich
-selbst.</p>
-
-<p>So knüpfte das Buch ein neues Band
-zwischen ihnen. Lux hatte nicht geglaubt,
-daß er noch soviel Geschmack an Märchen
-fände. Und gerade diese kannte er ja alle
-schon. Aber wie neu klangen sie aus dem
-Munde der kleinen Blanche, die mit geröteten
-Wangen und leuchtenden Augen auch
-das Nebensächlichste mit so großer Wichtigkeit
-und herzlicher Betonung las. Sie
-hatte einen lieblichen, singenden Klang in
-der Stimme und las so sicher und fließend
-und versprach sich nicht ein einziges Mal.
-Doch! Als sie las, wie die Störche nach
-Afrika zogen, da versprach sie sich sogar
-zweimal hintereinander. Das machte, sie
-<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-dachte dabei an Manuel und an dessen
-Heimat, an die Brandung in dem Hafen
-von Tanger und an die braune Nushat.
-Und dabei versprach sie sich, und Lux
-mußte lachen.</p>
-
-<p>Aber Manuels Name wurde nie wieder
-zwischen ihnen genannt.</p>
-
-<p>Schade, daß die Ferien zu Ende gingen.
-Blanche würde nun nicht jeden Tag kommen
-können. Die Schule nahm viele Stunden
-des Tages in Anspruch, die Schule
-und die Hausarbeiten. Aber Lux würde
-ja auch bald ganz gesund sein, und dann
-würden sie wieder zusammen im Garten
-spielen.</p>
-
-<p>Und dann kam sie das letzte Mal mit
-dem Buch, und Lux bat: »Lies noch mal
-das Märchen von der Nachtigall.«</p>
-
-<p>Und sie las noch einmal das Märchen
-von der Nachtigall, und Lux hörte fast die
-ganze Geschichte mit geschlossenen Augen
-an, während ein glückliches Lächeln auf
-seinem Gesicht lag.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-<img src="images/p119i.jpg" alt="" /><br />
-
-9. KAPITEL.</h2>
-
-
-<p>Frau Elisabeth war sehr froh, daß Blanche
-so bald vergaß, und legte es ihr nicht als
-Oberflächlichkeit aus. Das Kind lebt dem
-Tage und soll ihm leben. Seine kleinen
-Leiden überwindet es schnell und öffnet
-mit jedem neuen Tag sich wieder der Sonne;
-wie die Blume am Abend ihren Kelch
-schließt und ihn am Morgen in Reinheit
-und Frische wieder auftut. Und sie meinte,
-man solle das Kind in diesem auf das
-nächste, auf die Gegenwart gerichteten Wesen
-nicht stören und man solle froh sein,
-wenn ihm der Tag alles ist und das Gestern
-nichts mehr gilt. Die Wandlung kommt leise
-von selbst, und stete Sorge für eine rechte
-Gemütsbildung verhindert die Oberflächlichkeit.</p>
-
-<p>Für Lux war sie in dieser Beziehung
-nicht bange. Ihre eigene Beobachtung und
-<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
-viele kleine Züge, die Dr. Irmler ihr erzählt
-hatte, sprachen dafür, daß er ein reiches
-Innenleben führte.</p>
-
-<p>Wenn Lux mit keinem Wort nach Manuel
-fragte, so war es nur Scheu, einen Namen
-zu nennen, der in jedermann schmerzliche Erinnerung
-erwecken mußte. Hörte er doch
-auch von den Erwachsenen Manuels nie erwähnen,
-so daß es war, als wäre sein vorübergehender
-Aufenthalt unter ihnen nur ein
-Traum gewesen.</p>
-
-<p>Nun war Manuel keineswegs so vergessen,
-als es den Anschein hatte. Blanches Vater
-blieb nach wie vor in Geschäftsverbindung
-mit Herrn Negros, und es kam Nachricht
-von dem weiteren Ergehen des kleinen
-Spaniers auf dem Weg über das Kontor
-ins Haus. Ja von ihm selbst gelangte ein
-für seine Jahre reifer und doch auch wieder
-kindlicher Brief in Frau Elisabeths
-Hände:</p>
-
-<p>»Ich denke jeden Tag und jede Nacht
-an Sie und an Blanche und an Lux und
-<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-bete für sie alle. Und ich bin sehr böse
-auf mich, daß ich ihnen so weh getan habe
-und daß ich nun nie mehr zu ihnen zurück
-kann. Grüßen Sie Blanche, ich werde
-sie nie vergessen. Und grüßen Sie auch Lux.
-Er soll mir schreiben, daß er mir nicht mehr
-böse ist. Ich habe auch hier gute Menschen
-gefunden, aber ich werde Sie nie vergessen
-können.«</p>
-
-<p>Sie schrieb ihm gütig zurück und bestellte
-ihm Grüße von Blanche und auch
-von Lux, der noch nicht selbst schreiben
-dürfe, aber es ginge ihm besser, und er
-dächte nur noch freundlich an ihn.</p>
-
-<p>Ob sie recht daran tat, den Kindern Manuels
-Grüße vorzuenthalten? Sie überlegte lange
-und kam zu dem Entschlusse, daß es besser
-sei. Blanche schloß sich eben in alter Weise
-wieder an Lux an, in harmloser Kameradschaft;
-das wollte sie nicht stören.</p>
-
-<p>Es war in den ersten Tagen des September,
-daß Lux zum ersten Male in den
-Garten gehen durfte. Er war völlig wiederhergestellt.
-<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
-Aber er trug noch die Farbe
-des Krankenzimmers. Doch der Spätsommer
-war so schön, wie er selten war, und die
-Sonne hatte noch Kraft genug, kranke
-Wangen zu bräunen. Die Bäume standen
-still und früchteschwer, auf den Beeten dufteten
-Goldlack und Levkojen, und Dalien
-und Georginen blühten üppig und farbenprächtig
-am Wege.</p>
-
-<p>Hand in Hand gingen Lux und Blanche
-auf den sonnigen Steigen durch all die
-reife, satte Sommerpracht zu ihrem Lieblingsplätzchen.
-Hier schwellten am Strauch
-die grünen Haselnüsse. Kaum merklich
-stockte ihr Fuß, und sie gingen verstummend
-vorüber.</p>
-
-<p>Das Bächlein, das im Hochsommer oft
-ein armseliges Rinnsal gewesen, lief wasserreich
-vorbei und lockte sie. Sie setzten
-sich auf die Stufen, die hinabführten, und
-sahen bis auf den klaren Grund. Da lag,
-halb übersandet, ein verrostetes, offenes
-Taschenmesser. Sie sahen es beide zugleich.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-»Das ist es!« rief Blanche und reckte den
-Hals noch weiter vor.</p>
-
-<p>»Soll ich es holen?« fragte sie.</p>
-
-<p>»Ich darf es nicht!« sagte Lux. »Aber laß
-es doch. Was willst du damit?«</p>
-
-<p>»Nein, ich hole es.«</p>
-
-<p>Sie legte Schuhe und Strümpfe ab, und
-watete in das klare Wasser hinein; es ging
-ihr fast bis an die Knie. Sie streifte die
-Ärmel hoch, als sie sich nach dem Messer
-bückte, und ihr goldenes Haar fiel ihr wie
-ein goldener Schleier vors Gesicht.</p>
-
-<p>Sie bemühte sich, das Messer zu schließen;
-doch vergeblich.</p>
-
-<p>»Gib her,« sagte Lux, tat, als ob er es
-auch versuche, besann sich einen Augenblick
-und schleuderte es weit weg.</p>
-
-<p>»Du kannst dir Blutvergiftung damit zuziehen,«
-sagte er.</p>
-
-<p>Sie sah ihn unwillig an, beruhigte sich
-aber doch; was wollte sie auch mit dem
-alten verrosteten Messer.</p>
-
-<p>»Möchtest du wohl, daß Manuel wieder
-<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-kommt?« wollte sie fragen, dachte
-aber noch rechtzeitig, daß sie ihn das
-kaum fragen dürfe. Er aber, als hätte er
-ihre unterlassene Frage dennoch verstanden,
-sagte:</p>
-
-<p>»Es ist doch viel besser so, &ndash; jetzt&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aber nett war er doch,« sagte Blanche
-nachdenklich.</p>
-
-<p>Durch den Garten zitterten die dumpfen
-Töne eines Gong.</p>
-
-<p>Langsam erhoben sie sich und gingen
-dem Hause zu, diesmal nicht Hand in
-Hand.</p>
-
-<p>Blanche schlenderte etwas vorauf. Unter
-einem jungen Apfelbaum blieb sie
-stehen.</p>
-
-<p>»Sieh mal!« rief sie bewundernd und
-wandte sich halb zurück.</p>
-
-<p>An einem niederhängenden Zweig saß
-an der äußersten Spitze ein schöner, wachsglänzender,
-rotbackiger Frühapfel.</p>
-
-<p>Sie streckte die Hand danach aus, blieb
-einen Augenblick so auf den Zehenspitzen
-<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-stehen, und drehte leise an der schönen
-Frucht.</p>
-
-<p>Plötzlich löste sich der Apfel und blieb
-in ihrer Hand.</p>
-
-<p>»Ach!« rief sie und errötete vor Schreck.</p>
-
-<p>Doch schnell entschlossen gab sie den
-Apfel Lux.</p>
-
-<p>»Da!«</p>
-
-<p>Sollte er ihn zurückweisen?</p>
-
-<p>Zögernd nahm er ihn und ließ ihn ohne
-ein Wort in seine Tasche verschwinden.</p>
-
-<p>»Blanche! Blanche!« klang die helle Stimme
-Frau Elisabeths vom Hause her.</p>
-
-<p>»Gleich!« rief Blanche zurück. »Ich komme
-schon! Adieu, Lux!«</p>
-
-<p>Sie nickte ihm zu und sprang leicht den
-Steig herauf.</p>
-
-<p>Lux blieb an der kleinen Pforte zurück
-und sah ihr nach; die Hand in der Tasche
-spielte dabei mit dem Apfel. Ein leises
-Leuchten lag auf dem schmalen, blassen
-Knabengesicht; und Lux wandte sich nicht
-eher weg, als bis das weiße Kleid der zierlichen
-<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-Blanche in der Nähe des Hauses verschwand,
-in dessen Fenstern des Mittags
-rote Rosen blühten.</p>
-
-<p class="ce"><img src="images/p126i.jpg" alt="" /></p>
-
-
-<p class="ce mt6"><a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-<img src="images/p128i.jpg" alt="" /><br />
-
-Gedruckt in Leipzig<br />
-bei Poeschel &amp; Trepte</p>
-
-
-
-
-<h2>In dieser Sammlung sind ferner erschienen:</h2>
-
-
-<p class="tdl"><b>Marie von Bunsen</b>, <span class="ge">Allerhand Briefe, Novellen
-und Skizzen.</span> Geh.&nbsp;2&nbsp;M., geb.&nbsp;3&nbsp;M.</p>
-
-<p class="tdl"><b>Ludwig Ganghofer</b>, <span class="ge">Das Kaser-Mandl.</span> Eine
-Erzählung. Illustriert von Carl Röhling. 10.&nbsp;Tausend.
-Kart.&nbsp;1.50&nbsp;M., geb.&nbsp;2.20&nbsp;M.</p>
-
-<p class="tdl"><b>F. Hugin</b>, <span class="ge">Hahn Berta</span>. Eine Erzählung. 4.&nbsp;Tausend.
-Kart.&nbsp;2&nbsp;M., geb.&nbsp;3&nbsp;M.</p>
-
-<p class="tdl"><b>Wilhelm Raabe</b>, <span class="ge">Halb Mähr, halb mehr.</span>
-Zwei Erzählungen. Illustriert von Carl Röhling.
-12.&nbsp;Tausend. Kart.&nbsp;1.50&nbsp;M., geb.&nbsp;2.20&nbsp;M.</p>
-
-<p class="tdl"><b>Ernst von Wildenbruch</b>, <span class="ge">Das edle Blut.</span> Eine
-Erzählung. Illustriert von C.&nbsp;Röhling. 106.&nbsp;Tausend.
-Kart.&nbsp;1.50&nbsp;M., geb.&nbsp;2.20&nbsp;M.</p>
-
-<p class="tdl">&mdash;&emsp;<span class="ge">Claudias Garten.</span> Eine Legende. Illustr. von
-C.&nbsp;Röhling. 17.&nbsp;Aufl. Kart.&nbsp;1.50&nbsp;M.,&nbsp;geb. 2.20&nbsp;M.</p>
-
-<p class="tdl">&mdash;&emsp;<span class="ge">Die Danaide.</span> Eine Erzählung. Illustriert von
-H.&nbsp;Vogel. 7.&nbsp;Tausend. Kart.&nbsp;1.50&nbsp;M., geb.&nbsp;2.20&nbsp;M.</p>
-
-<p class="tdl">&mdash;&emsp;<span class="ge">Franceska von Rimini.</span> Novelle. Neue Ausgabe.
-Kart&nbsp;2.20&nbsp;M., geb. in Leinw. 3&nbsp;M., geb. in Leder 5.50&nbsp;M.</p>
-
-<p class="tdl">&mdash;&emsp;<span class="ge">Unter der Geißel.</span> Eine Erzählung. 8. Tausend.
-Kart.&nbsp;2.20&nbsp;M., geb.&nbsp;3&nbsp;M.</p>
-
-<p class="tdl">&mdash;&emsp;<span class="ge">Kindertränen.</span> Zwei Erzählungen. Mit Buchschmuck
-von Heinrich Vogeler-Worpswede. 66.&nbsp;Tausend.
-Kart.&nbsp;1.50&nbsp;M., geb.&nbsp;2.20&nbsp;M.</p>
-
-<p class="tdl">&mdash;&emsp;<span class="ge">Der Meister von Tanagra.</span> Eine Künstlergeschichte
-aus Alt-Hellas. Illustriert von Franz
-Stassen. 10.&nbsp;Aufl. Kart.&nbsp;2.20&nbsp;M., geb.&nbsp;3&nbsp;M.</p>
-
-<p class="tdl">&mdash;&emsp;<span class="ge">Neid.</span> Eine Erzählung.
-26.&nbsp;Tausend. Kart.&nbsp;2.20&nbsp;M., geb.&nbsp;3&nbsp;M.</p>
-
-<p class="tdl">&mdash;&emsp;<span class="ge">Die letzte Partie.</span> Zwei Erzählungen.
-Kart.&nbsp;2.20&nbsp;M., geb.&nbsp;3&nbsp;M.</p>
-
-<p class="tdl">&mdash;&emsp;<span class="ge">Semiramis.</span> Eine Erzählung. 8.&nbsp;Tausend.
-Kart.&nbsp;3&nbsp;M., geb.&nbsp;3.60&nbsp;M.</p>
-
-<p class="tdl">&mdash;&emsp;<span class="ge">Vice-Mama.</span> Eine Erzählung. 21.&nbsp;Tausend.
-Kart.&nbsp;3&nbsp;M., geb.&nbsp;3.60&nbsp;M.</p>
-
-<hr />
-
-<p class="ce"><span class="fsl">Bücher von Gustav Falke</span><br />
-(Verlag von Alfred Janssen in Hamburg)</p>
-
-<p class="in0"><b>Romane</b></p>
-
-<p class="ci">
- <span class="ge">Aus dem Durchschnitt.</span> Geb.&nbsp;3&nbsp;M.<br />
- <span class="ge">Die Kinder aus Ohlsens Gang.</span> Geb.&nbsp;4.50&nbsp;M.<br />
- <span class="ge">Der Mann im Nebel.</span> Geb.&nbsp;3.50&nbsp;M.
-</p>
-
-<p class="in0"><b>Gedichtbücher</b></p>
-
-<p class="ci"><span class="ge">Mynheer der Tod.</span> Geb.&nbsp;4&nbsp;M.<br />
- <span class="ge">Tanz und Andacht.</span> Geb.&nbsp;4&nbsp;M.<br />
- <span class="ge">Neue Fahrt.</span> Geb.&nbsp;4&nbsp;M.<br />
- <span class="ge">Zwischen zwei Nächten.</span> Geb.&nbsp;3&nbsp;M.<br />
- <span class="ge">Mit dem Leben.</span> Geb.&nbsp;3&nbsp;M.<br />
- <span class="ge">Hohe Sommertage.</span> Geb.&nbsp;3&nbsp;M.<br />
- <span class="ge">Frohe Fracht.</span> Geb.&nbsp;3&nbsp;M.<br />
- <span class="ge">Der gestiefelte Kater.</span> Dichtung in XI Gesängen. Geb.&nbsp;3&nbsp;M.<br />
- <span class="ge">Die Auswahl.</span> Gedichte. Geb.&nbsp;5&nbsp;M.
-</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<p class="in0">Die Verlagswerbung wurde vom Buchanfang an das Buchende verschoben,
-der Schmutztitel wurde entfernt.</p>
-
-<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,
-einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen, mit
-folgenden Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_006">6</a>:<br />
-"«," geändert in ",«"<br />
-(»Einen Bernhardiner,« rief Lux)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_040">40</a>:<br />
-"glitzerden" geändert in "glitzernden"<br />
-(schnell wie die glitzernden Wellen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_046">46</a>:<br />
-"«," geändert in ",«"<br />
-(»Alle drei können wir ja doch nicht darin sitzen,« sagte er)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_049">49</a>:<br />
-"erkärte" geändert in "erklärte"<br />
-(als er erklärte, er habe schon oft geraucht)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_063">63</a>:<br />
-"keinen" geändert in "kleinen"<br />
-(als seiner kleinen Freundin Blanche, deren Plappermaul)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_066">66</a>:<br />
-"entgegegenkam" geändert in "entgegenkam"<br />
-(wenn sie ihm entgegenkam, schlank, schwebend)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_072">72</a>:<br />
-"bewang" geändert in "bezwang"<br />
-(eine Beschämung zu ersparen, bezwang er sich)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_077">77</a>:<br />
-"einal" geändert in "einmal"<br />
-(deiner Mutter auch einmal gefällig erweisen)</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Spanier, by Gustav Falke
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPANIER ***
-
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-
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-
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-even without complying with the full terms of this agreement. See
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-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
-
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-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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-1.E.9.
-
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-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
-terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
-to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
-permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
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-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
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-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
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-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
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