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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Roman einer Ehe - -Author: Leo Tolstoi - -Translator: Alexander Eliasberg - -Release Date: October 27, 2019 [EBook #60579] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROMAN EINER EHE *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Graf Leo Tolstoi - - Roman einer Ehe - - Deutsch - - von - - Alexander Eliasberg - - [Illustration] - - O. C. Recht Verlag München - - - - -Copyright by O. C. Recht Verlag München 1921 - -Viertes bis siebentes Tausend - - -Druck von Julius Klinkhardt in Leipzig - - - - -Erster Teil. - - -I - -Wir trugen Trauer um unsere Mutter, die im Herbste gestorben war. Den -ganzen Winter verlebten wir, Katja, Ssonja und ich, auf dem Lande. - -Katja war eine alte Freundin unseres Hauses, unsere Gouvernante, die -uns alle großgezogen hatte, und die ich kannte und liebte, seit ich -mich meiner überhaupt erinnere. Ssonja war meine jüngere Schwester. Wir -verlebten einen düsteren und traurigen Winter in unserem alten Hause zu -Pokrowskoje. Das Wetter war kalt, und der Wind hatte die Schneewehen -bis über die Fensterhöhe herangefegt; die Fenster waren immer vereist -und undurchsichtig, und wir gingen und fuhren fast den ganzen Winter -nicht aus. Nur selten kam jemand zu uns, und wenn auch jemand kam, so -brachte er uns weder Fröhlichkeit noch Freude ins Haus. Alle hatten -traurige Mienen, alle sprachen so leise, als fürchteten sie, jemand zu -wecken, niemand lachte, alle seufzten und weinten oft, wenn sie mich -und besonders die kleine Ssonja in ihrem schwarzen Kleidchen ansahen. -Im Hause ließ sich noch die Gegenwart des Todes spüren; Trauer und -Todesgrauen erfüllten die Luft. Mamas Zimmer war geschlossen, und es -war mir unheimlich zumute, und ich fühlte mich zugleich hingezogen, in -dieses kalte und leere Zimmer hineinzublicken, sooft ich auf dem Wege -nach meinem Schlafzimmer vorbeimußte. - -Ich war damals siebzehn Jahre alt, und Mama hatte noch im gleichen -Jahre, als sie starb, die Absicht gehabt, in die Stadt zu übersiedeln, -um mich in die Gesellschaft einzuführen. Der Verlust meiner Mutter -bedeutete für mich einen schweren Kummer, aber zu diesem Gefühl -gesellte sich, ich muß es gestehen, auch noch der Gram darüber, daß -ich, die ich, wie mir alle sagten, jung und hübsch war, schon den -zweiten Winter in der ländlichen Einöde nutzlos verbringen mußte. Kurz -vor dem Ende des Winters steigerte sich das Gefühl der Trauer, der -Einsamkeit und auch der gewöhnlichen Langweile dermaßen, daß ich mein -Zimmer nicht mehr verließ, mein Klavier nicht mehr öffnete und kein -Buch in die Hand nahm. Wenn Katja mir zuredete, ich solle das eine oder -andere beginnen, so antwortete ich ihr: »Ich habe keine Lust, ich kann -nicht!« In meinem Herzen regte sich aber die Frage: -- Wozu? Warum soll -ich etwas beginnen, wenn meine beste Zeit unnütz dahingeht? Wozu? -- -Und auf dieses »Wozu« gab es keine andere Antwort als Tränen. - -Man sagte mir, ich sei während dieser Zeit mager geworden und hätte -viel von meiner Schönheit eingebüßt, aber auch das interessierte mich -nicht. Wozu? Für wen? Mir schien, als müsse mein ganzes Leben in dieser -Einöde, in dieser hilflosen Trauer dahingehen, aus der mich zu befreien -ich selbst keine Kraft und nicht einmal den Willen hatte. Gegen Ende -des Winters nahm sich Katja, die um mich sehr besorgt war, vor, mich -unbedingt ins Ausland zu bringen. Dazu brauchte man Geld, wir wußten -aber kaum, was uns nach dem Tode unserer Mutter geblieben war und -erwarteten von Tag zu Tag unseren Vormund, der kommen sollte, um die -Vermögensverhältnisse zu klären. - -Im März kam der Vormund. - -»Nun, Gott sei Dank!« sagte mir einmal Katja, als ich wie ein Schatten, -müßig, ohne Gedanken und ohne Wünsche von Winkel zu Winkel irrte. -»Ssergej Michailytsch ist angekommen, hat schon nach uns gefragt und -sich zum Mittagessen angemeldet. Nimm dich zusammen, Maschetschka,« -fügte sie hinzu. »Was soll er von dir denken? Er hat ja euch alle so -sehr geliebt.« - -Ssergej Michailytsch war unser naher Nachbar und mit unserem -verstorbenen Vater befreundet gewesen, obwohl er viel jünger war als -dieser. Ganz abgesehen davon, daß seine Ankunft alle unsere Pläne über -den Haufen warf und uns die Möglichkeit gab, aus der ländlichen Einöde -herauszukommen, war ich schon von der frühesten Kindheit an gewöhnt, -ihn zu lieben und zu achten, und Katja hatte, als sie mir den Rat gab, -mich zusammenzunehmen, ganz richtig erraten, daß es mir schmerzvoller -war, mich Ssergej Michailowitsch als jemand anderem von unsern -Bekannten in ungünstigem Lichte zu zeigen. Abgesehen davon, daß ich -ihn, wie alle im Hause, von Katja und Ssonja, seiner Patentochter an, -bis zum letzten Kutscher schon aus Gewohnheit liebte, hatte er für mich -noch eine ganz besondere Bedeutung infolge einer Bemerkung, die Mama -einmal in meiner Gegenwart gemacht hatte. Sie hatte gesagt, daß sie -mir einen solchen Mann wünsche. Damals war mir das sonderbar und sogar -unangenehm erschienen. Mein Held sollte ganz anders aussehen: schlank, -hager, bleich und traurig, aber Ssergej Michailytsch war schon in den -Jahren, groß gewachsen, wohlbeleibt und, wie mir schien, immer lustig; -aber die Worte meiner Mutter hatten sich trotzdem in meiner Erinnerung -festgesetzt, und ich hatte mich noch vor sechs Jahren, als ich erst -elf Jahre alt war und er zu mir »du« sagte und mich »Veilchenmädchen« -nannte, zuweilen nicht ohne Schrecken gefragt, was ich tun sollte, wenn -er mich plötzlich heiraten wollen würde. -- - -Vor dem Mittagessen, bei dem es auf Katjas Anordnung außer den -gewöhnlichen Speisen auch noch Gefrorenes, eine Creme und eine -Spinatsauce gab, kam Ssergej Michailytsch an. Ich sah ihn durchs -Fenster in seinem kleinen Schlitten heranfahren; als er um die Ecke -bog, eilte ich ins Wohnzimmer und wollte so tun, als hätte ich ihn -gar nicht erwartet. Aber als ich im Vorzimmer seine Schritte, seine -laute Stimme und die Schritte Katjas hörte, hielt ich es doch nicht -aus und ging ihm entgegen. Er hielt Katja bei der Hand, sprach laut -und lächelte. Als er mich erblickte, verstummte er und sah mich einige -Zeit, ohne mich zu begrüßen, an. Ich wurde verlegen und fühlte, daß ich -errötete. - -»Ach! Sind Sie es wirklich?« sagte er in seiner bestimmten, einfachen -Art, vor Erstaunen die Arme spreizend und auf mich zugehend. »Kann sich -denn ein Mensch so verändern! Wie groß Sie geworden sind! Das soll ein -Veilchen sein! Sie sind zu einer Rose aufgeblüht.« - -Er ergriff mit seiner großen Hand die meine und drückte sie herzlich -und so stark, daß es mir fast weh tat. Ich glaubte, er würde mir die -Hand küssen und hatte mich schon vorgeneigt, um mit den Lippen seine -Stirn zu berühren, aber er drückte noch einmal meine Hand und sah mir -mit einem festen und lustigen Blicke gerade in die Augen. - -Ich hatte ihn seit sechs Jahren nicht gesehen. Er hatte sich sehr -verändert: war älter und brauner geworden und hatte sich einen -Backenbart wachsen lassen, der ihm gar nicht stand; aber seine -einfachen Manieren, sein offenes, ehrliches Gesicht mit den scharfen -Zügen, die klugen, leuchtenden Augen und das freundliche, fast -kindliche Lächeln waren noch dieselben. - -Nach fünf Minuten schon hatte er aufgehört Gast zu sein und war wieder -zu einem altvertrauten Familienmitglied geworden, wie für uns alle, so -auch für das Hausgesinde, das sich, was man seiner Dienstfertigkeit -ansah, über seine Ankunft besonders freute. - -Er benahm sich ganz anders als alle Nachbarn, die nach dem Tode Mamas -zu uns kamen und es für nötig hielten, während der ganzen Dauer des -Besuchs zu schweigen oder uns zu bemitleiden; er war vielmehr sehr -redselig, lustig und kam mit keinem Worte auf Mama zu sprechen, so daß -diese Gleichgültigkeit seitens eines so nahe stehenden Menschen mir -zuerst seltsam und sogar unpassend vorkam. Später begriff ich aber, -daß dieses Gebaren keine Gleichgültigkeit, sondern eine besondere -Herzlichkeit bedeutete, und ich war ihm dafür dankbar. Abends tranken -wir im Wohnzimmer Tee; Katja schenkte wie bei Mamas Lebzeiten den -Tee ein und saß auf ihrem alten Platz; Ssonja und ich setzten uns -neben sie; der alte Grigorij brachte ihm Papas alte Pfeife, die er -aufgefunden hatte, und er begann wie vor Zeiten im Zimmer auf und ab zu -gehen. - -»Wenn man es so bedenkt, welche furchtbaren Veränderungen in diesem -Hause!« sagte er, stehen bleibend. - -»Ja,« erwiderte Katja mit einem Seufzer. Sie deckte den Samowar zu und -blickte Ssergej Michailytsch an, im Begriff, in Tränen auszubrechen. - -»Sie können sich wohl noch Ihres Vaters erinnern?« wandte er sich an -mich. - -»Kaum,« antwortete ich. - -»Wie gut hätten Sie es jetzt, wenn er noch am Leben wäre!« sagte er, -indem er mir still und nachdenklich auf die Stirne blickte. »Ich habe -Ihren Vater immer sehr lieb gehabt!« fügte er leiser hinzu, und es kam -mir vor, als wären seine Augen noch glänzender geworden. - -»Der Herr hat aber auch sie zu sich genommen!« sagte Katja. Sie legte -eine Serviette auf die Teekanne, holte ihr Tuch aus der Tasche und fing -zu weinen an. - -»Ja, furchtbare Veränderungen in diesem Hause,« sagte er noch einmal, -sich wegwendend. »Ssonja, zeig mal deine Spielsachen,« fügte er nach -einer Weile hinzu und ging in den Salon. Als er fort war, sah ich Katja -mit Tränen in den Augen an. - -»So ein guter Freund!« sagte sie. - -Die Teilnahme dieses fremden und gütigen Menschen tat mir wirklich warm -und wohl. - -Man hörte Ssonja im Salon lustig kreischen, während er mit ihr spielte. -Ich schickte ihm ein Glas Tee hinüber; dann hörten wir, wie er sich ans -Klavier setzte und mit Ssonjas Händchen auf die Tasten schlug. - -»Marja Alexandrowna!« hörte ich ihn rufen, »kommen Sie her, spielen Sie -etwas.« - -Es war mir angenehm, daß er sich so ungezwungen und in einem -freundschaftlich gebieterischen Ton an mich wandte; ich stand auf und -ging auf ihn zu. - -»Spielen Sie mal das,« sagte er, das Beethovenheft bei dem Adagio der -Sonate Quasi una fantasia aufschlagend. »Wir wollen mal sehen, wie Sie -spielen,« fügte er hinzu und zog sich mit seinem Teeglas in eine Ecke -des Salons zurück. - -Ich hatte, ich weiß selbst nicht warum, das Gefühl, daß es mir -unmöglich gewesen wäre, mich zu weigern oder vorauszuschicken, daß ich -schlecht spiele; ich setzte mich gehorsam ans Klavier und spielte so -gut ich konnte, obwohl ich mich vor seinem Urteil fürchtete: ich wußte, -daß er sich auf Musik verstand und sie liebte. Das Adagio entsprach -ganz der Stimmung der Erinnerungen, die das Gespräch am Teetisch in -mir geweckt hatte, und ich spielte es, glaube ich, recht anständig. -Aber das Scherzo wollte er mich nicht spielen lassen. »Nein, das werden -Sie nicht gut spielen,« sagte er, auf mich zugehend. »Lassen Sie das, -aber der erste Teil war nicht schlecht. Sie scheinen Verständnis für -Musik zu haben.« Dieses recht mäßige Lob freute mich so sehr, daß -ich sogar rot wurde. Es war mir so neu und so angenehm, daß er, der -Freund und beinahe Altersgenosse meines Vaters, zu mir ernst und wie zu -seinesgleichen sprach, und nicht wie zu einem Kinde wie einst. Katja -ging mit Ssonja hinauf, um sie zu Bett zu bringen, und wir blieben -allein im Salon. - -Er erzählte mir von meinem Vater; wie er sich ihm angeschlossen -hatte, wie lustig sie gelebt hatten, als ich mich noch mit meinen -Lehrbüchern und Spielsachen abgab; und mein Vater erschien mir in -diesen Erzählungen als ein einfacher und lieber Mensch, wie ich ihn -noch gar nicht gekannt hatte. Er erkundigte sich auch danach, was ich -besonders liebe, was ich lese, was ich zu unternehmen gedenke und -gab mir Ratschläge. Er war jetzt für mich nicht mehr der stets zu -Scherzen aufgelegte lustige Patron, der mich einst gerne neckte und mir -Spielsachen anfertigte, sondern ein ernster, einfacher und liebender -Mann, dem ich unwillkürlich Achtung und Sympathie entgegenbrachte. Es -war mir so leicht und wohl ums Herz, zugleich spürte ich auch eine -gewisse Befangenheit, als ich mit ihm sprach. Ich fürchtete für jedes -meiner Worte; ich wollte bei ihm selbst die Liebe verdienen, die er -mir schon aus dem Grunde entgegenbrachte, weil ich die Tochter meines -Vaters war. - -Nachdem Katja Ssonja zu Bett gebracht hatte, gesellte sie sich zu uns. -Sie beklagte sich über meine Apathie, von der ich selbst nichts gesagt -hatte. - -»Das Wichtigste hat sie mir verschwiegen,« sagte er lächelnd und -schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. - -»Was soll ich darüber erzählen!« entgegnete ich. »Es ist sehr -langweilig und wird sich auch bald geben.« (Mir schien in jenem -Augenblick nicht nur, als müßte meine Langeweile vorübergehen, sondern -als wäre sie schon vorübergegangen und würde niemals wiederkehren.) - -»Es ist nicht gut, wenn man die Einsamkeit nicht ertragen kann,« sagte -er. »Sind Sie denn ein Fräulein?« - -»Natürlich bin ich ein Fräulein,« antwortete ich lachend. - -»Nein, Sie sind ein schlechtes Fräulein, das nur dann lebendig -ist, solange man es bewundert, und das den Mut sinken läßt und zu -nichts mehr Lust hat, sobald es allein geblieben ist; alles nur als -Schauspiel für die anderen, und nichts für sich selbst.« - -»Eine nette Meinung haben Sie von mir!« sagte ich, nur um etwas zu -sagen. - -»Nein!« versetzte er nach kurzem Schweigen. »Nicht umsonst sehen Sie -Ihrem Vater ähnlich. _Es steckt etwas in Ihnen_ ...« Sein freundlicher, -aufmerksamer Blick schmeichelte mir wieder und brachte mich in freudige -Verlegenheit. - -Erst jetzt entdeckte ich in seinem, im ersten Moment lustig scheinenden -Gesicht, diesen einzigen, nur ihm allein eigentümlichen Blick, der -anfangs heiter schien und dann immer forschender und sogar etwas -traurig wurde. - -»Sie dürfen und können sich nicht langweilen,« sagte er. »Sie haben -Ihre Musik, für die Sie Verständnis haben, Ihre Bücher, Ihr Studium, -Sie haben ein ganzes Leben vor sich, auf das Sie sich nur jetzt -vorbereiten können, um es später nicht zu beklagen. Nach einem Jahr -wird es schon zu spät sein.« - -Er sprach zu mir wie ein Vater oder wie ein Onkel, und ich fühlte, daß -er sich fortwährend die Mühe gab, sich wie meinesgleichen zu geben. Es -kränkte mich, daß er auf mich eigentlich von oben herabsah, und es war -mir zugleich angenehm, daß er sich mir zuliebe bemühte, als ein anderer -zu erscheinen. - -Den Rest des Abends sprach er mit Katja über geschäftliche Dinge. - -»Nun, lebt wohl, meine lieben Freunde,« sagte er, indem er sich erhob, -auf mich zuging und meine Hand ergriff. - -»Wann werden wir uns wiedersehen?« fragte Katja. - -»Im Frühjahr,« antwortete er, mich noch immer bei der Hand haltend. -»Jetzt fahre ich nach Danilowka (so hieß unser anderes Gut), um dort -alles festzustellen und, soweit ich kann, in Ordnung zu bringen, dann -in meinen eigenen Geschäften nach Moskau, und im Sommer werden wir uns -wiedersehen.« - -»Warum verlassen Sie uns für so lange? ...« sagte ich furchtbar -traurig; ich hatte in der Tat gehofft, ihn jeden Tag zu sehen, und es -wurde mir plötzlich so trist und bange zumute, daß meine Schwermut -wiederkehren sollte. Wahrscheinlich war das auch in meinem Blick und in -meinem Ton zu lesen. - -»Suchen Sie die Zeit mit Arbeit totzuschlagen und fangen Sie keine -Grillen,« sagte er mir, wie es mir schien, in einem viel zu kalten und -gleichgültigen Tone. »Im Frühjahr werde ich Sie examinieren,« fügte er -hinzu, meine Hand loslassend, und ohne mich anzublicken. - -Im Vorzimmer, wohin wir ihn begleiteten, hatte er es sehr eilig, seinen -Pelz anzuziehen und vermied es, mich anzublicken. -- Umsonst gibt er -sich solche Mühe! -- dachte ich mir. -- Glaubt er denn wirklich, es sei -mir so angenehm, daß er mich ansieht? Er ist ein guter Mensch, ein sehr -guter Mensch ... aber das ist auch alles. -- - -Aber an diesem Abend konnten Katja und ich lange nicht einschlafen; wir -sprachen immer, doch nicht von ihm, sondern davon, wie wir den Sommer -verleben und wie und wo wir den nächsten Winter zubringen würden. Die -schreckliche Frage: »Wozu?« kam mir nicht mehr in den Sinn. Es erschien -mir so einfach und so klar, daß man leben müsse, um glücklich zu -sein, und daß mich in der Zukunft viel Glück erwarte. Als wäre unser -altes, düsteres Gutshaus von Pokrowskoje plötzlich mit Licht und Leben -erfüllt. - - -II - -Indessen kam der Frühling. Meine frühere Schwermut war vergangen und an -ihre Stelle die träumerische Frühlingssehnsucht voller unbegreiflicher -Hoffnungen und Gelüste getreten. Ich lebte zwar nicht mehr so wie zu -Beginn des Winters, sondern gab mich mit Ssonja ab und beschäftigte -mich mit Musik und mit Lektüre; aber ich ging oft in den Garten und -irrte lange, lange allein durch die Alleen oder saß auf einer Bank, und -Gott allein weiß, was ich mir da dachte, was ich wünschte und worauf -ich hoffte. Manchmal saß ich ganze Nächte, besonders beim Mondschein -bis zum Morgen am Fenster meines Zimmers; zuweilen schlich ich mich -leise, damit es Katja nicht höre, bloß mit der Nachtjacke bekleidet, in -den Garten und lief über das taubedeckte Gras bis zum Teiche; einmal -gelangte ich sogar ins freie Feld und umwanderte eines Nachts allein -den ganzen Garten. - -Jetzt fällt es mir schwer, mich der Träume, die damals meine Phantasie -beschäftigten, zu erinnern und sie zu begreifen. Wenn ich jetzt sogar -daran zurückdenke, kann ich kaum glauben, daß es wirklich meine Träume -gewesen seien: so seltsam und lebensfremd waren sie. - -Ende Mai kam Ssergej Michailytsch, so wie er versprochen hatte, von -seiner Reise zurück. - -Zum erstenmal besuchte er uns am Abend, als wir ihn gar nicht -erwarteten. Wir saßen auf der Terrasse und schickten uns an, Tee zu -trinken. Der Garten war schon dicht belaubt, und im Gebüsch nisteten -während der Petrifasten die Nachtigallen. Die krausen Fliederbüsche -sahen so aus, als wären sie oben mit etwas Weißem und Lila überpudert. -Das waren die aufbrechenden Knospen. Das Laub der Birkenallee war im -Scheine der untergehenden Sonne ganz durchsichtig. Auf der Terrasse -lag ein frischer, kühler Schatten. Das Gras erwartete reichlichen -Abendtau. Im Hofe hinter dem Garten ließen sich die letzten Laute des -Tages, die Geräusche der heimgekehrten Herde vernehmen; der närrische -Nikon fuhr mit einem Fasse auf dem Gartenwege vor der Terrasse auf und -nieder, und der kalte Wasserstrahl aus seiner Gießkanne schwärzte die -aufgewühlte Erde an den Stengeln der Georginen und ihren Stäben. Bei -uns auf der Terrasse funkelte und kochte auf dem weißen Tischtuch der -blank geputzte Samowar, standen Sahne, Brezeln und Gebäck. Katja spülte -als sorgsame Hausfrau mit ihren rundlichen Händen die Tassen. Ich hatte -nach dem Bade solchen Hunger, daß ich den Tee nicht erwarten konnte -und das Brot mit dicker frischer Sahne aß. Ich hatte eine Leinenbluse -mit offenen Ärmeln an, und meine feuchten Haare waren mit einem Tuch -umwunden. Katja hatte ihn als erste durch das Fenster erblickt. - -»Ah, Ssergej Michailytsch!« rief sie. »Wir haben doch soeben von Ihnen -gesprochen.« - -Ich stand auf und wollte gehen, um mich umzukleiden, er kam aber gerade -in dem Augenblick, als ich schon in der Türe war. - -»Macht man denn auf dem Lande so große Umstände?« sagte er lächelnd, -mit einem Blick auf meinen mit dem Tuche umwundenen Kopf. »Vor -Grigorij genieren Sie sich doch nicht, ich bin aber für Sie doch so -gut wie Grigorij.« Aber es kam mir gerade in jenem Augenblick vor, als -sähe er mich gar nicht so an, wie mich Grigorij ansehen könnte, und ich -wurde verlegen. - -»Ich komme gleich wieder,« sagte ich fortgehend. - -»Warum sollte das unpassend sein!« rief er mir nach. »So sehen Sie doch -ganz wie eine junge Bäuerin aus.« - --- Wie seltsam hat er mich eben angesehen, -- dachte ich mir, während -ich mich oben umzog. -- Nun, Gott sei Dank, daß er gekommen ist: -jetzt wird es wieder lustiger werden! -- Ich warf noch einen Blick -in den Spiegel, eilte lustig die Treppe hinunter und kam außer -Atem, ohne irgendwie zu verheimlichen, daß ich mich beeilt hatte, -auf die Terrasse. Er saß am Tisch und sprach mit Katja über unsere -Vermögensverhältnisse. Er sah mich lächelnd an und fuhr in seinem -Gespräch fort. Unsere Verhältnisse waren nach seinen Worten im besten -Zustande. Wir müßten jetzt nur noch den Sommer auf dem Lande verbringen -und könnten dann entweder nach Petersburg, um für Ssonjas Erziehung zu -sorgen, oder ins Ausland gehen. - -»Ja, wenn Sie doch mit uns ins Ausland mitkommen wollten,« sagte Katja. -»Allein würden wir uns dort so einsam wie in einem Walde fühlen.« - -»Ach, wie gerne würde ich mit Ihnen eine Reise um die Welt machen!« -sagte er halb im Scherz und halb im Ernst. - -»Nun,« erwiderte ich, »machen wir doch wirklich eine Reise um die Welt.« - -Er lächelte und schüttelte den Kopf. - -»Und meine Mutter? Und meine Geschäfte?« versetzte er. »Aber es -handelt sich jetzt nicht darum. Erzählen Sie mir lieber, wie Sie die -Zeit verbracht haben. Haben Sie denn wieder Grillen gefangen?« - -Als ich ihm berichtete, was ich in seiner Abwesenheit getrieben, -und daß ich mich nicht gelangweilt hatte, und als Katja meine Worte -bestätigte, lobte er und liebkoste mich mit Worten und Blicken, als -ob ich noch ein Kind wäre, und er ein Recht darauf hätte. Ich hielt -es für meine Pflicht, ihm ausführlich und besonders aufrichtig über -alles zu berichten, was ich Gutes getan hatte, und ihm wie in der -Beichte alles zu gestehen, was seine Unzufriedenheit erregen konnte. -Der Abend war so schön, daß wir auch nach dem Tee auf der Terrasse -blieben, und das Gespräch fesselte mich so, daß ich gar nicht merkte, -wie ringsum allmählich alle menschlichen Laute verstummten. Von allen -Seiten duftete es nach Blumen, reichlicher Tau netzte das Gras, eine -Nachtigall begann in der Nähe in einem Fliederbusch zu schmettern und -verstummte, als sie unsere Stimmen hörte; der gestirnte Himmel senkte -sich gleichsam auf uns herab. - -Ich merkte den Anbruch der Nacht erst dann, als eine Fledermaus lautlos -unter die Leinenmarkise der Terrasse geflogen kam und mein weißes -Kopftuch zu umflattern begann. Ich drückte mich an die Wand und wollte -schon aufschreien, aber die Fledermaus flog ebenso lautlos und schnell, -wie sie gekommen war, unter der Markise hinaus und verschwand im -Halbdunkel des Gartens. - -»Wie liebe ich Euer Pokrowskoje,« sagte er, das Gespräch unterbrechend. -»Ich könnte mein ganzes Leben hier auf dieser Terrasse sitzen.« - -»Nun, bleiben Sie doch wirklich hier sitzen,« sagte Katja. - -»Ja, sitzen,« erwiderte er, »das Leben sitzt nicht still.« - -»Warum heiraten Sie nicht?« fragte Katja. »Sie wären doch ein -vorzüglicher Ehemann.« - -»Weil ich gerne sitze?« Er lachte auf. »Nein, Katerina Karlowna, wir -beide heiraten nicht mehr. Man hat schon längst aufgehört, mich für -einen Menschen zu halten, den man verheiraten könnte. Ich selbst denke -erst recht nicht daran, und seitdem ich es nicht mehr tue, fühle ich -mich wirklich wohl.« - -Es kam mir vor, als spräche er das irgendwie unnatürlich und affektiert. - -»Großartig! Mit sechsunddreißig Jahren wollen Sie schon das Leben -hinter sich haben,« versetzte Katja. - -»Und wie!« fuhr er fort. »Ich habe nur noch den einen Wunsch, still zu -sitzen. Um zu heiraten, braucht man aber etwas anderes. Fragen Sie mal -sie,« fügte er hinzu, mit einer Kopfbewegung auf mich deutend. »Solche -müssen heiraten. Wir beide werden uns aber ihrer freuen.« - -Im Tone seiner Stimme lagen eine verhaltene Trauer und Erregung, die -mir nicht entgingen. Er schwieg eine Weile; Katja und ich versetzten -kein Wort. - -»Stellen Sie sich nur vor,« fuhr er fort, sich auf seinem Stuhle -umdrehend, »das Unglück wollte es, daß ich mich mit einem -siebzehnjährigen Mädchen verheiratete, zum Beispiel mit Masch... mit -Marja Alexandrowna. Das ist sogar ein schönes Beispiel, und ich freue -mich, daß es so gut paßt ... es ist das allerbeste Beispiel.« - -Ich lachte und konnte unmöglich verstehen, worüber er sich so freute -und was da so gut paßte. - -»Nun, sagen Sie mir aufrichtig, die Hand aufs Herz,« fuhr er fort, sich -scherzend an mich wendend, »wäre es denn für Sie kein Unglück, Ihr -Leben an das eines alten, abgelebten Mannes zu binden, der nur noch -ruhig sitzen will, während in Ihnen Gott weiß was für Wünsche gären?« - -Ich wurde verlegen und schwieg, da ich nicht wußte, was darauf zu -antworten. - -»Ich mache Ihnen ja keinen Antrag,« fuhr er lachend fort. »Sagen Sie -mir aber aufrichtig, Sie ersehnen sich doch nicht einen solchen Mann, -wenn Sie abends allein durch die Alleen wandeln? Das wäre doch ein -Unglück?« - -»Kein Unglück ...« begann ich. - -»Gut wäre es aber auch nicht,« sprach er meinen Satz zu Ende. - -»Aber ich kann auch irren ...« - -Er unterbrach mich wieder. - -»Nun sehen Sie es selbst. Sie hat vollkommen recht, ich bin ihr für die -Aufrichtigkeit dankbar und freue mich, daß die Rede darauf gekommen -ist! Und noch mehr als das, es wäre auch für mich das größte Unglück,« -fügte er hinzu. - -»Sie sind doch wirklich komisch und haben sich nicht im geringsten -verändert,« sagte Katja und verließ die Terrasse, um den Tisch zum -Abendessen decken zu lassen. - -Als Katja gegangen war, verstummten wir beide, und auch alles um uns -herum war stumm. Nur die Nachtigall schmetterte, so daß es durch den -ganzen Garten schallte, doch nicht mehr so abgerissen und zaghaft wie -vorhin, sondern auf ihre nächtliche Weise, ruhig und ohne Übereilung; -eine zweite Nachtigall, die sich heute abend zum erstenmal vernehmen -ließ, antwortete ihr aus der Schlucht. Die erste Nachtigall verstummte -für eine Weile, als lauschte sie der anderen, und ließ dann noch -lauter und mächtiger ihre hellen Triller erschallen. Majestätisch -und ruhig klangen diese Stimmen durch ihre, uns fremde nächtliche -Welt. Der Gärtner ging vorüber, um sich im Gewächshaus schlafen zu -legen; seine Schritte in den schweren Stiefeln entfernten sich auf dem -Gartenwege und verhallten. Am Fuße des Berges ließ jemand zweimal einen -durchdringenden Pfiff erschallen, und alles wurde wieder still. Kaum -hörbar regte sich das Laub, schwankte die Zeltleinwand der Markise; -etwas Duftendes zog durch die Luft und verbreitete sich über die -Terrasse. Es war mir peinlich, nach allem, was schon gesagt worden war, -zu schweigen, aber ich wußte auch nicht, was zu sagen. Ich sah ihn an. -Er richtete seine im Halbdunkel glänzenden Augen auf mich. - -»Es ist so schön, auf dieser Welt zu leben!« sagte er. - -Ich seufzte auf, ich wußte selbst nicht warum. - -»Was?« - -»Es ist so schön, auf dieser Welt zu leben!« sprach ich seine Worte -nach. - -Und wir schwiegen wieder, und ich fühlte mich wieder verlegen. Mir -kam immer wieder der Gedanke, daß ich ihm wehgetan hätte, als ich -zugegeben, daß er alt sei; ich wollte ihn trösten, wußte aber nicht, -wie. - -»Nun, leben Sie wohl,« sagte er, sich erhebend. »Meine Mutter erwartet -mich zum Abendessen. Ich habe sie heute fast gar nicht gesehen.« - -»Und ich wollte Ihnen gerade eine neue Sonate vorspielen,« sagte ich. - -»Ein anderes Mal,« entgegnete er, wie mir schien, etwas kühl. - -»Leben Sie wohl.« - -Nun hatte ich noch mehr das Gefühl, daß ich ihm weh getan hätte, und er -tat mir leid. Katja und ich begleiteten ihn hinaus und blieben noch auf -dem Hofe, bis er unseren Blicken entschwand. Als die Hufschläge seines -Pferdes verhallt waren, ging ich um das Haus herum auf die Terrasse und -begann wieder in den Garten hinauszuschauen; im taufeuchten Nebel, in -dem alle nächtlichen Töne lebten, sah und hörte ich noch lange alles, -was ich sehen und hören wollte. - -Er kam ein zweites und ein drittes Mal, und die Befangenheit, die von -unserem ersten seltsamen Gespräch herrührte, war ganz verschwunden -und kehrte nicht wieder. Im Laufe des ganzen Sommers besuchte er uns -zwei- und dreimal wöchentlich, und ich gewöhnte mich so sehr an ihn, -daß es mir, wenn er längere Zeit ausblieb, unbehaglich wurde, allein -zu leben; ich zürnte ihm und fand, daß er unrecht tat, wenn er mich -so allein ließ. Er behandelte mich wie einen jungen lieben Freund, -fragte mich über alles, forderte meine herzlichste Aufrichtigkeit -heraus, gab mir Ratschläge, lobte mich, machte mir manchmal Vorwürfe -und wies mich manchmal zurecht. -- Aber trotz seiner Bemühungen, immer -auf der gleichen Stufe mit mir zu stehen, fühlte ich, daß hinter dem, -was ich an ihm verstand, noch eine ganze mir fremde Welt blieb, in die -mich einzuführen er nicht für notwendig hielt, und das unterstützte -meine Achtung vor ihm und zog mich zu ihm hin. Ich wußte von Katja -und von den Nachbarn, daß er außer den Sorgen für die alte Mutter, -mit der er zusammenlebte, außer seiner Gutswirtschaft und den mit der -Vormundschaft verbundenen Mühen, auch noch irgendeine Tätigkeit im -Adelsausschuß hatte, die ihm große Unannehmlichkeiten einbrachte; aber -wie er das alles ansah, was für Überzeugungen, Pläne und Hoffnungen er -hatte, konnte ich von ihm niemals erfahren. Wenn ich nur die Rede auf -seine Geschäfte brachte, verzog er eigentümlich das Gesicht, als wollte -er sagen: »Hören Sie bitte auf, das kann Sie doch nicht interessieren,« -und brachte das Gespräch auf ein anderes Thema. Anfangs kränkte mich -das, aber dann gewöhnte ich mich so sehr daran, nur noch von Dingen zu -sprechen, die mich allein angingen, daß ich es vollkommen natürlich -fand. - -Was mir anfangs gleichfalls mißfiel, aber mit der Zeit sogar angenehm -wurde, war seine völlige Gleichgültigkeit und beinahe Verachtung gegen -mein Äußeres. Er deutete niemals, weder mit einem Blicke, noch mit -einem Worte an, daß ich hübsch sei; im Gegenteil, er verzog das Gesicht -und lachte, wenn man mich in seiner Gegenwart hübsch nannte. Er liebte -es sogar, äußere Mängel an mir zu finden und mich mit ihnen zu necken. -Die modernen Kleider und Frisuren, mit denen mich Katja an Festtagen -herauszuputzen liebte, reizten ihn nur zu spöttischen Bemerkungen, die -die gute Katja kränkten und anfangs auch mich stutzig machten. Katja, -für die es feststand, daß ich ihm gefalle, konnte unmöglich begreifen, -wie es ein Mann nicht gerne sehen möchte, daß die ihm gefallende Frau -in einem möglichst günstigen Lichte erscheine. Ich aber kam bald -dahinter, was er eigentlich wollte. Er wollte glauben, daß ich nicht -kokett sei. Als ich das eingesehen hatte, blieb in mir keine Spur von -Koketterie in der Kleidung, in der Frisur und in den Bewegungen; an -ihre Stelle trat die allzu naive Koketterie der Einfachheit, während -ich noch gar nicht so einfach sein konnte. Ich wußte, daß er mich -liebte; ob aber wie ein Kind oder wie ein Weib, fragte ich mich noch -nicht; seine Liebe war mir teuer, und da ich fühlte, daß er mich -für das beste Mädchen in der Welt hielt, konnte ich nichts anderes -wünschen, als daß diese Täuschung bestehen bleibe. Und ich täuschte -ihn unwillkürlich. Aber indem ich ihn täuschte, wurde ich selbst -besser. Ich fühlte, daß es besser und würdiger für mich sei, ihm die -schönsten Seiten meiner Seele zu zeigen, als die meines Körpers. Meine -Haare, Hände, Gesichtszüge, Gewohnheiten hatte er, wie mir schien, -gleich auf den ersten Blick, wie sie auch sein mochten, ob gut oder -schlecht, richtig eingeschätzt und kannte sie so gut, daß ich meinem -Äußern nichts mehr hinzufügen konnte, außer der Sucht, ihn zu täuschen. -Meine Seele kannte er aber nicht, weil er sie liebte, weil sie sich -gerade in dieser Zeit entwickelte und wuchs, und darin konnte ich -ihn täuschen, was ich auch tat. Wie leicht fühlte ich mich in seiner -Gegenwart, als ich das begriffen hatte! Alle die grundlosen Hemmungen, -alle Befangenheit war vollständig verschwunden. Ich fühlte, daß er -mich, ganz gleich, ob er mich von vorn oder von der Seite, sitzend oder -stehend, mit hinauf- oder hinuntergekämmtem Haar sah, durch und durch -kannte, und es schien mir, daß er mit mir zufrieden sei, so wie ich -war. Ich glaube, daß, wenn er mir gegen seine Gewohnheit plötzlich wie -einer der anderen gesagt hätte, daß ich ein schönes Gesicht habe, ich -darüber gar nicht froh gewesen wäre. Wie wohl, wie leicht wurde es mir -dagegen ums Herz, wenn er mich nach irgendeinem Wort, das ich gerade -gesagt hatte, aufmerksam ansah und mit bewegter Stimme, der er einen -scherzhaften Ton zu geben versuchte, sagte: - -»Ja, ja, in Ihnen steckt etwas. Sie sind ein gutes Mädchen, und ich muß -es Ihnen sagen.« - -Wofür empfing ich aber damals diesen Lohn, der mein Herz mit Stolz -und Freude erfüllte? Nur weil ich sagte, daß ich die Liebe des alten -Grigorij zu seiner Enkelin teile, oder weil mich ein Gedicht oder ein -Roman, den ich gelesen, zu Tränen rührte, oder weil ich Mozart dem -Schulhof vorzog. Und ich wunderte mich selbst über den ungewöhnlichen -Spürsinn, mit dem ich immer erriet, was gut sei und was man lieben -müsse, obwohl ich damals noch gar nicht wußte, was gut ist und -was man lieben muß. Die Mehrzahl meiner früheren Gewohnheiten und -Neigungen gefiel ihm nicht, und er brauchte nur mit einer Bewegung -seiner Brauen oder mit einem Blick anzudeuten, daß ihm das, was ich -eben sagen wollte, mißfalle, oder nur die eigentümliche, mitleidige, -fast verächtliche Miene zu machen, damit es mir gleich vorkäme, daß -ich das, was mir erst eben gefiel, nicht mehr liebe. Zuweilen hatte -er erst die Absicht, mir irgendeinen Rat zu geben, aber ich glaubte -schon zu wissen, was er mir sagen wollte. Er fragte mich mit einem -stummen Blick, mir gerade in die Augen sehend, und sein Blick entlockte -mir sofort jeden Gedanken, den er nur wollte. Alle meine damaligen -Gedanken, alle meine damaligen Gefühle waren gar nicht mein; es waren -nur seine Gedanken und Gefühle, die plötzlich mein wurden, in mein -Leben übergingen und es erleuchteten. Ganz unmerklich fing ich an, -alles: Katja, unsere Dienstboten, Ssonja, mich selbst und auch meine -Beschäftigungen mit anderen Augen anzusehen. Die Bücher, die ich früher -zu lesen pflegte, nur um die Langeweile zu vertreiben, waren für mich -plötzlich zu einer der schönsten Lebensfreuden geworden, und das nur -aus dem Grunde, weil wir beide über Bücher sprachen, sie zusammen lasen -und er mir welche brachte. Die Beschäftigung mit Ssonja, die Stunden, -die ich ihr erteilte, waren für mich früher eine schwere Last gewesen, -die ich nur aus Pflichtgefühl auf mich nahm; als er aber einmal einer -Stunde beiwohnte, wurde es mir eine große Freude, die Fortschritte -Ssonjas zu verfolgen. Es erschien mir früher unmöglich, ein ganzes -Musikstück einzuüben; aber jetzt, wo ich wußte, daß er mir zuhören -und mich vielleicht auch loben würde, spielte ich oft vierzigmal -hintereinander die gleiche Stelle, so daß die arme Katja sich Watte -in die Ohren stopfte, während es mich nicht im geringsten langweilte. -Die gleichen alten Sonaten klangen jetzt ganz anders und gerieten mir -auch anders und viel besser. Selbst Katja, die ich so gut wie mich -selbst kannte und liebte, war in meinen Augen wie verändert. Jetzt -erst begriff ich, daß sie gar nicht verpflichtet war, uns eine Mutter, -eine Freundin und eine Sklavin, die sie uns in Wirklichkeit war, zu -sein. Ich begriff die ganze Selbstaufopferung und Hingebung dieses -liebevollen Wesens, begriff alles, was ich ihr schuldete, und liebte -sie noch mehr als früher. Er lehrte mich auch alle unsere Leute -- die -Bauern, das leibeigene Hausgesinde und die Dienstmädchen -- mit ganz -anderen Augen ansehen. Es klingt unglaublich, aber diese Menschen, -unter denen ich bis zu meinem siebzehnten Lebensjahre gelebt hatte, -waren mir viel fremder, als solche, die ich nie gesehen hatte; es war -mir kein einziges Mal in den Sinn gekommen, daß diese Menschen ebenso -liebten, wünschten und litten wie ich. Unser Garten, unsere Wälder, -unsere Felder, die ich so lange schon kannte, waren für mich plötzlich -neu und schön. Nicht umsonst pflegte er zu sagen, daß es im Leben nur -ein einziges, zweifelloses Glück gäbe: für einen andern zu leben. -Mir kam es zuerst seltsam vor, und ich begriff es nicht; aber diese -Überzeugung drang mir, ohne daß ich mir viel überlegte, ins Herz. Er -eröffnete mir eine ganze Welt von Freuden in der Gegenwart, ohne etwas -in meinem Leben zu ändern und meinen Eindrücken etwas hinzuzufügen -außer sich selbst. Alles, was mich von meiner Kindheit an stumm umgab, -war plötzlich lebendig geworden. Er brauchte nur zu mir zu kommen, und -alles fing sofort zu sprechen an und bestürmte meine Seele, sie mit -Glück erfüllend. - -Oft ging ich in jenem Sommer in mein Zimmer hinauf, legte mich -aufs Bett und, statt der Frühlingssehnsucht mit ihren Wünschen und -Hoffnungen auf die Zukunft, umfing mich die Unruhe eines gegenwärtigen -Glücks. Ich konnte nicht einschlafen, ich stand auf, setzte mich zu -Katja aufs Bett und sagte ihr, daß ich vollkommen zufrieden sei, was -ich, wie ich jetzt weiß, ihr gar nicht zu sagen brauchte: sie konnte es -mir ansehen. Aber sie sagte mir, daß auch sie sich nichts mehr wünsche, -daß auch sie glücklich sei, und sie küßte mich. Ich glaubte es ihr, es -erschien mir so notwendig und gerecht, daß alle glücklich seien. Katja -wollte schlafen; sie stellte sich böse, jagte mich von ihrem Bette -fort und schlief ein; ich aber nahm noch lange alles durch, was mich so -glücklich machte. Manchmal stand ich auf und betete, betete mit eigenen -Worten, um Gott für all das Glück zu danken, das Er mir gab. - -Im Zimmer war es still; Katja atmete regelmäßig im Schlafe, neben -ihr tickte die Uhr, ich aber wälzte mich hin und her und flüsterte -irgendwelche Worte oder bekreuzigte mich und küßte das Kreuz, das ich -am Halse trug. Die Türe war geschlossen, die Fensterläden waren zu, und -irgendeine Fliege oder Mücke summte immer an der gleichen Stelle. Und -mir war es, als wollte ich dieses Zimmer niemals verlassen, als wollte -ich nicht, daß der Morgen komme, daß die mich umgebende seelische -Atmosphäre sich verflüchtige. Mir schien, daß meine Gedanken, Gebete -und Empfindungen lebende Wesen seien, die hier im Dunkeln neben mir -wohnten, mein Bett umschwebten und über mir stünden. Und jeder Gedanke -war sein Gedanke, und jedes Gefühl -- sein Gefühl. Ich wußte damals -noch nicht, daß es die Liebe ist, ich glaubte, daß es immer so sein -könne, daß dieses Gefühl uns ganz einfach und ohne Grund gegeben werde. - - -III - -Während der Getreideernte gingen wir, Katja, Ssonja und ich eines -Nachmittags in den Garten zu unserer Lieblingsbank im Schatten der -Linden über der Schlucht mit der Aussicht auf die Wälder und Felder. -Ssergej Michailytsch hatte uns schon seit drei Tagen nicht besucht, -und wir erwarteten ihn an diesem Tage, um so mehr als unser Verwalter -gesagt hatte, er hätte versprochen, aufs Feld herauszukommen. Gegen -zwei Uhr sahen wir ihn, wie er aufs Kornfeld geritten kam. Katja ließ -Pfirsiche und Kirschen bringen, die er gerne aß, blickte mich lächelnd -an, legte sich auf die Bank und schlummerte ein. Ich brach mir einen -krummen und flachen Lindenzweig mit saftigen Blättern und saftigem -Bast, der mir die Hand befeuchtete, fächelte damit Katja und fuhr -in meiner Lektüre fort, blickte aber immer vom Buche auf und spähte -nach dem Feldweg hin, auf dem er kommen mußte. Ssonja baute an den -Wurzeln der alten Linde eine Laube für ihre Puppen. Der Tag war heiß -und windstill, es war schwül, die Wolken ballten sich zusammen und -wurden immer schwärzer, ein Gewitter war schon seit dem frühen Morgen -im Anzug. Ich war erregt wie immer vor einem Gewitter. Aber nach der -Mittagsstunde hatten die Wolken angefangen, sich zu zerstreuen, und die -Sonne war in einen wolkenlosen Teil des Himmels getreten; nur an einem -Ende des Himmels grollte es noch, und die schwere Wolke, die tief über -dem Horizonte stand und mit dem Staube der Felder zusammenfloß, wurde -ab und zu bis zur Erde vom bleichen Zickzack des Blitzes zerrissen. Es -war klar, daß das Gewitter an diesem Tage nicht zur Entladung kommen -würde, wenigstens bei uns nicht. Auf dem hier und da hinter dem Garten -sichtbaren Wege zogen sich ununterbrochen Fuhrwerke hin: bald die -langsamen, knarrenden, hoch mit Garben beladenen Wagen, bald die ihnen -schnell entgegenfahrenden leeren; die Beine der auf ihnen stehenden -Bauern zitterten, und ihre Hemden flatterten. Die dichten Staubwolken -stiegen weder in die Höhe, noch sanken sie auf die Erde nieder, sondern -blieben hinter der Hecke zwischen dem durchsichtigen Laube der Bäume -des Gartens hängen. Etwas weiter, auf der Tenne, ließen sich die -gleichen Stimmen und das gleiche Knarren der Räder vernehmen, und -dieselben gelben Garben, die langsam längs des Zaunes vorübergefahren -waren, flogen dort durch die Luft und häuften sich vor meinen Augen zu -ovalen oben spitz zulaufenden Zelten, auf denen die Bauern sich wie die -Ameisen regten. Vorne, auf dem staubigen Felde bewegten sich ebenfalls -Wagen, waren ebenfalls gelbe Garben zu sehen, und das gleiche Knarren -der Wagen, Schreien und Singen hallten von fern. An einem Ende wurde -das Feld immer nackter und nackter, und die Streifen der mit Beifuß -bewachsenen Raine traten darauf hervor. Unten rechts hoben sich vom -abgemähten Felde, auf dem das Korn noch unordentlich herumlag, die -bunten Kleider der Frauen ab, die die Garben banden, sich bückten und -mit den Armen fuchtelten, und das unordentliche Feld säuberte sich -allmählich, und die Garben erschienen in hübschen, engen Reihen. Es -war, als verwandelte sich vor meinen Augen der Sommer in den Herbst. -Überall herrschten Staub und Glut; nur unser Lieblingsplätzchen im -Garten blieb davon verschont. An allen Seiten redete, lärmte und -bewegte sich in diesem Staube, unter dieser sengenden Sonne das -Arbeitervolk. - -Katja schlief aber so süß mit dem Batisttaschentuch auf dem Gesicht auf -unserer kühlen Bank, die schwarzen Kirschen glänzten so saftig auf dem -Teller, unsere Kleider waren so frisch und rein, das Wasser im Kruge -spielte und schillerte so hell in der Sonne, und es war mir so wohl ums -Herz. -- Was soll ich machen? -- dachte ich. -- Ist es meine Schuld, -daß ich glücklich bin? Aber wie kann ich dieses Glück den anderen -mitteilen? Wie und wem soll ich mich und mein ganzes Glück hingeben? -- - -Die Sonne sank hinter die Wipfel der Birkenallee; der Staub auf den -Feldern legte sich; die Ferne wurde beim schräg fallenden Lichte immer -deutlicher und klarer; die Wolken hatten sich vollständig verzogen; -auf der Tenne ragten drei neue Getreideschober über die Bäume hinauf, -und die Bauern waren von ihnen herabgestiegen; die Wagen fuhren, wohl -zum letztenmal, unter lautem Geschrei der Arbeiter vorbei; die Weiber -gingen mit den Rechen auf den Schultern und den Garbenbändern im Gürtel -laut singend nach Hause, aber Ssergej Michailytsch wollte noch immer -nicht kommen, obwohl ich schon längst gesehen hatte, wie er von der -Anhöhe hinuntergeritten war. Plötzlich tauchte in der Allee, an der -Seite, wo ich ihn gar nicht erwartete, seine Gestalt auf (er war um die -Schlucht herumgegangen). Mit freudigem, strahlendem Gesicht, den Hut -in der Hand, näherte er sich mir mit schnellen Schritten. Als er sah, -daß Katja schlief, biß er sich in die Lippen, kniff die Augen zusammen -und kam auf den Fußspitzen näher; ich merkte sofort, daß er sich in der -eigentümlichen Stimmung einer grundlosen Freude befand, die ich an ihm -so furchtbar liebte und die wir »wildes Entzücken« nannten. Er war wie -ein Schuljunge, der aus der Schule entlaufen ist; sein ganzes Wesen, -vom Gesicht bis zu den Füßen atmete Zufriedenheit, Glück und kindliche -Ausgelassenheit. - -»Nun, guten Tag, junges Veilchen, wie geht es Ihnen? Gut?« flüsterte -er, auf mich zugehend und mir die Hand drückend. »Mir geht es -ausgezeichnet,« antwortete er auf meine Frage nach seinem Befinden, -»ich bin heute dreizehn Jahre alt und habe Lust, Pferdchen zu spielen -und auf die Bäume zu klettern.« - -»In wildem Entzücken?« fragte ich, ihm in die lachenden Augen blickend -und fühlend, daß dieses »wilde Entzücken« sich auch mir mitgeteilt -hatte. - -»Ja,« antwortete er, mir mit einem Auge zublinzelnd und ein Lächeln -unterdrückend. »Warum schlagen Sie aber Katerina Karlowna auf die Nase?« - -Ich hatte gar nicht bemerkt, daß ich, ihn immerfort ansehend, mit dem -Zweige das Taschentuch von Katja heruntergeworfen hatte und ihr mit den -Blättern über das Gesicht fuhr. Ich mußte lachen. - -»Sie wird aber behaupten, sie hätte gar nicht geschlafen,« sagte ich -im Flüstertone, als fürchtete ich Katja zu wecken; aber ich tat es gar -nicht aus diesem Grunde: es war mir einfach angenehm, mit ihm so zu -sprechen. - -Er bewegte, mir nachäffend, die Lippen, als hätte ich so leise -gesprochen, daß er nichts hören konnte. Als er den Teller mit den -Kirschen sah, ergriff er ihn mit einer Miene, als täte er es heimlich, -ging zu Ssonja unter die Linde und setzte sich auf ihre Puppen. Ssonja -wurde anfangs böse, aber er besänftigte sie bald damit, daß er ein -Spiel ersann, bei dem sie beide die Kirschen um die Wette essen mußten. - -»Soll ich noch mehr holen lassen?« fragte ich. »Oder wollen Sie selbst -welche holen?« - -Er nahm den Teller, setzte die Puppen darauf, und wir begaben uns zu -dritt zum Gewächshause. Ssonja lief uns lachend nach und zupfte ihn am -Mantel, damit er ihr ihre Puppen zurückgebe. Er gab sie ihr wieder und -wandte sich mit ernster Miene zu mir. - -»Und Sie wollen kein Veilchen sein?« sagte er mir, immer noch leise, -obwohl niemand in der Nähe war, den er hätte wecken können. »Als ich -nach all dem Staub, der Hitze und Arbeit auf Sie zuging, da duftete -es gleich nach Veilchen. Und zwar nicht nach den starkriechenden -Gartenveilchen, sondern nach den anderen, ersten, dunklen, die nach -tauendem Schnee und Frühlingsgrase riechen.« - -»Ist in der Wirtschaft alles in Ordnung?« fragte ich ihn, um die -freudige Verwirrung zu verbergen, die seine Worte in mir weckten. - -»Ausgezeichnet! Diese Leute sind überall ausgezeichnet. Je mehr man sie -kennt, um so mehr liebt man sie.« - -»Ja,« sagte ich, »ehe Sie kamen, sah ich heute vom Garten aus den -Arbeitern zu, und ich mußte mich plötzlich schämen, daß sie sich -abmühen, während es mir so wohl ist, daß ...« - -»Kokettieren Sie nicht damit, liebes Kind,« unterbrach er mich, indem -er mir plötzlich ernst, doch liebevoll in die Augen blickte. »Das ist -eine heilige Sache. Behüte Sie Gott davor, damit zu kokettieren.« - -»Aber ich sage es doch nur _Ihnen_.« - -»Nun ja, ich weiß es. Wo sind aber die Kirschen?« - -Das Gewächshaus war zugesperrt, und von den Gärtnern sah man niemand -(er hatte sie alle aufs Feld hinausgeschickt). Ssonja lief fort, den -Schlüssel zu holen; er wartete aber ihre Rückkehr nicht ab, stieg auf -den Eckpfosten, hob das Drahtnetz ab und sprang hinüber. - -»Wollen Sie Kirschen?« hörte ich seine Stimme von drüben. »Geben Sie -mir den Teller.« - -»Nein, ich will auch selbst pflücken, ich will den Schlüssel holen,« -sagte ich. »Ssonja wird ihn nicht finden ...« - -Zugleich empfand ich den Wunsch, zu sehen, was er dort wohl tue und -wie er sich bewege, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Eigentlich -wollte ich ihn einfach für keinen Augenblick aus den Augen lassen. -Ich lief auf den Zehen durch die Brennesseln an die andere Seite des -Gewächshauses, wo die Umzäunung niedriger war, stieg auf ein leeres -Faß, so daß die Mauer mir bis an die Brust reichte, und lehnte mich -hinüber. Ich warf einen Blick in das Innere des Gewächshauses mit den -alten, krummen Bäumen und den breiten, zackigen Blättern, unter denen -die schwarzen, saftigen Kirschen schwer und senkrecht niederhingen; -ich steckte den Kopf unter das Netz und erblickte unter dem Aste -eines alten Kirschbaumes Ssergej Michailytsch. Er glaubte wohl, ich -sei fortgegangen und niemand beobachte ihn. Er saß ohne Hut, die -Augen geschlossen, auf dem morschen Stamme eines alten Kirschbaumes -und rollte mit den Fingern ein Stück Kirschharz zu einem Kügelchen -zusammen. Plötzlich zuckte er die Achseln, schlug die Augen auf, sagte -etwas und lächelte. Dieses Wort und dieses Lächeln nahmen sich bei ihm -so ungewohnt aus, daß ich mich schämte, ihn belauscht zu haben. Es -schien mir, als wäre dieses Wort -- »Mascha!« gewesen. -- Es kann nicht -sein, -- dachte ich mir. »Liebe Mascha!« wiederholte er noch leiser -und noch zärtlicher. Diese beiden Worte hörte ich aber schon ganz -deutlich. Mein Herz schlug so heftig, eine so aufregende, gleichsam -verbotene Freude hatte mich plötzlich ergriffen, daß ich mich an die -Mauer klammerte, um nicht umzufallen und mich nicht zu verraten. Er -hörte meine Bewegung, sah sich erschrocken um, schlug plötzlich die -Augen nieder und errötete wie ein Kind. Er wollte mir etwas sagen, -konnte es aber nicht, und immer neue Blutwellen röteten sein Gesicht. -Aber er lächelte, als er mich ansah. Auch ich lächelte. Sein ganzes -Gesicht erstrahlte vor Freude. Er war nicht mehr der alte Onkel, der -mich liebkoste und belehrte, er war ein Mann, der mir gleichstand, der -mich liebte und fürchtete und den auch ich fürchtete und liebte. Wir -sagten nichts und sahen bloß einander an. Plötzlich runzelte er aber -die Stirn, das Lächeln und der Glanz seiner Augen waren verschwunden, -und er wandte sich wieder kühl und väterlich an mich, als hätten wir -etwas Schlimmes getan, als wäre er zur Besinnung gekommen und rate auch -mir, zur Besinnung zu kommen. - -»Steigen Sie herab, Sie können sich weh tun,« sagte er mir. »Bringen -Sie Ihr Haar in Ordnung, wie sehen Sie aus!« - --- Warum verstellt er sich so? Warum will er mir weh tun! -- fragte -ich mich ärgerlich. Im gleichen Augenblick kam mir das unwiderstehliche -Verlangen, ihn noch einmal in Verlegenheit zu bringen und meine Gewalt -über ihn zu erproben. - -»Nein, ich will selbst pflücken!« sagte ich. Ich ergriff mit den Händen -den nächsten Ast und sprang mit den Füßen auf die Mauer. Er hatte -nicht Zeit, mich zu stützen, denn ich sprang mit einem Satz in das -Gewächshaus hinunter. - -»Was machen Sie für Dummheiten!« sagte er, wieder errötend und seine -Verwirrung hinter der ärgerlichen Miene verbergend. »Sie haben sich -doch weh tun können. Wie wollen Sie von hier heraus?« - -Er war in noch größerer Verwirrung als früher, aber dies freute mich -nicht mehr, sondern machte mir Angst. Diese Angst konnte ich nicht -verbergen, ich errötete, wich seinen Blicken aus und fing an, da ich -nicht wußte, was zu sagen, die Kirschen zu pflücken, die ich aber -nirgends hintun konnte. Ich machte mir Vorwürfe, ich bereute alles, ich -fürchtete, und es war mir, als hätte ich mich durch diesen Streich für -immer in seinen Augen blamiert. Ssonja, die mit dem Schlüssel gelaufen -kam, befreite uns aus dieser peinlichen Situation. Lange Zeit sprachen -wir nicht mehr miteinander und wandten uns nur an Ssonja. Als wir zu -Katja zurückkehrten, welche beteuerte, sie habe gar nicht geschlafen -und alles gehört, wurde ich wieder ruhig, während er versuchte, wieder -den herablassenden väterlichen Ton anzuschlagen; aber dieser Ton wollte -ihm nicht mehr gelingen, und er vermochte mich mit ihm nicht mehr zu -täuschen. Ich erinnerte mich lebhaft des Gesprächs, das wir vor einigen -Tagen geführt hatten. - -Katja hatte gesagt, daß der Mann es leichter habe, zu lieben und seine -Liebe zu äußern als die Frau. - -»Der Mann kann sagen, daß er liebt, die Frau kann es aber nicht,« hatte -sie gesagt. - -»Mir scheint aber, auch der Mann kann und darf gar nicht sagen, daß er -liebt,« hatte er eingewandt. - -»Warum?« hatte ich gefragt. - -»Weil es immer eine Lüge sein wird. Was ist das für eine neue -Offenbarung, daß der Mensch liebt? Als ob in dem Augenblick, wo -er das sagt, etwas einschnappte: fertig, er liebt! Als müßte -in dem Augenblick, wo er dieses Wort ausspricht, irgend etwas -Außergewöhnliches geschehen, irgendein Zeichen am Himmel erscheinen, -als müßte ein Salut aus allen Kanonen erschallen. Mir scheint,« hatte -er weiter gesagt, »daß die Menschen, welche feierlich die Worte: ›Ich -liebe Sie‹ sprechen, entweder sich selbst oder, was noch schlimmer ist, -die andern betrügen.« - -»Wie soll dann die Frau erfahren, daß man sie liebt, wenn man es ihr -nicht sagt?« hatte Katja gefragt. - -»Das weiß ich nicht,« hatte er geantwortet. »Jeder Mensch hat seine -eigene Ausdrucksweise. Wo aber ein Gefühl ist, da kommt es auch von -selbst zum Ausdruck. Wenn ich einen Roman lese, so muß ich immer -denken, was für ein verdutztes Gesicht die Leutnants Strelskij oder -Alfred machen, wenn sie die Worte sprechen: ›Ich liebe dich, Eleonore!‹ -und erwarten, daß plötzlich etwas Außergewöhnliches geschieht; es -geschieht aber weder an ihr noch an ihm etwas, die Augen, die Nase usw. -bleiben dieselben.« - -Aus diesen scherzhaften Worten hatte ich schon damals etwas Ernstes -herausgehört, was sich auf mich bezog; aber Katja wollte nicht dulden, -daß er die Helden ihrer Romane so leichtfertig behandele. - -»Ewig diese Paradoxen!« hatte sie gesagt. »Sagen Sie aufrichtig: haben -Sie denn nie einer Frau gestanden, daß Sie sie lieben?« - -»Das habe ich niemals gesagt und habe auch nie ein Knie vor einer Frau -gebeugt,« hatte er lachend geantwortet, »und ich werde es auch niemals -tun.« - --- Er braucht mir wirklich nicht zu sagen, daß er mich liebt, -- dachte -ich nun, mich lebhaft an dieses Gespräch erinnernd. -- Er liebt mich, -ich weiß es. Und wenn er sich noch solche Mühe gibt, gleichgültig zu -erscheinen, wird er mir diese Gewißheit doch nicht nehmen. -- - -An diesem ganzen Abend sprach er sehr wenig mit mir, aber ich las -in jedem seiner Worte, die er an Katja oder Ssonja richtete, in -jeder seiner Bewegungen, in jedem seiner Blicke seine Liebe, und ich -zweifelte nicht mehr an ihr. Es verdroß und dauerte mich nur, daß er es -für nötig hielt, sein Gefühl zu verheimlichen und sich kalt zu stellen, -wo alles schon so klar war und wo man auf eine so leichte und einfache -Weise so unglaublich glücklich werden konnte. Aber mich bedrückte -es immer wie ein Verbrechen, daß ich zu ihm in das Gewächshaus -hineingesprungen war. Mir schien immer, als würde er nun aufhören, mich -zu achten und als sei er mir böse. - -Nach dem Tee trat ich ans Klavier, und er folgte mir. - -»Spielen Sie mir doch etwas, ich habe Sie schon lange nicht spielen -hören,« sagte er, als er mich im Wohnzimmer einholte. - -»Ich wollte auch selbst ... Ssergej Michailytsch!« sagte ich, ihm -plötzlich gerade in die Augen blickend. »Sie sind mir doch nicht böse?« - -»Weshalb denn?« fragte er. - -»Weil ich heute nachmittag auf Sie nicht gehört habe,« antwortete ich -errötend. - -Er verstand, was ich meinte, schüttelte den Kopf und lächelte. Sein -Blick sagte mir, daß er mich schelten müßte, aber keine Kraft dazu -hätte. - -»Es ist nichts passiert, wir sind wieder gute Freunde,« sagte ich, -indem ich mich ans Klavier setzte. - -»Und ob!« antwortete er. - -Im großen, hohen Salon brannten nur die beiden Kerzen auf dem Klavier, -der übrige Raum war halbfinster. Durch die offenen Fenster blickte -die helle Sommernacht herein. Alles war still, wir hörten nur hin und -wieder, wie Katja im dunklen Wohnzimmer auf und ab ging und wie sein -unter einem der Fenster angebundenes Pferd schnaubte und mit den Hufen -auf die Pestwurzstauden stampfte. Er saß hinter mir, so daß ich ihn -nicht sehen konnte; aber ich fühlte überall -- im Halbdunkel dieses -Zimmers, in den Tönen, in mir selbst -- seine Gegenwart. Ich spürte -in meinem Herzen jeden seiner Blicke, jede seiner Bewegungen, die ich -nicht sehen konnte. Ich spielte die Fantasie-Sonate von Mozart, die -er mir gebracht und die ich in seinem Beisein und für ihn einstudiert -hatte. Ich dachte gar nicht daran, was ich spielte, aber ich glaube, -daß ich gut spielte, und es schien mir, daß es ihm gefiel. Ich -hatte den gleichen Genuß, den er empfand und fühlte auch, ohne ihn -anzusehen, seinen Blick, der auf meinem Rücken ruhte. Ich sah mich -ganz unwillkürlich nach ihm um, während meine Finger bewußtlos über -die Tasten liefen. Sein Kopf hob sich vom leuchtenden Hintergrunde des -nächtlichen Himmels ab. Er saß, den Kopf in die Hände gestützt, und -sah mich unverwandt mit glänzenden Augen an. Ich lächelte, als ich den -Blick bemerkte, und hörte zu spielen auf. Auch er lächelte und wies -vorwurfsvoll mit dem Kopf auf die Noten, damit ich weiter spiele. Als -ich fertig war, leuchtete der Mond, der nun hoch am Himmel stand, ins -Zimmer herein, und außer dem schwachen Scheine der Kerzen, war der Raum -auch noch von einem anderen silbernen Lichte erfüllt, das durch die -Fenster eindrang und sich auf den Boden legte. Katja sagte, es sei ganz -unerhört, daß ich gerade an der schönsten Stelle aufgehört, und daß -ich schlecht gespielt hätte; er aber meinte, ich hätte noch nie so gut -gespielt wie heute; und er fing an, auf und ab zu gehen, -- durch den -Saal ins dunkle Wohnzimmer und dann wieder durch den Saal, und sooft -er an mir vorüberging, lächelte er mir zu. Auch ich lächelte und hatte -sogar Lust, ohne jeden Grund zu lachen: so froh war ich über etwas, -was sich heute, soeben ereignet hatte. Sooft er in der Tür verschwand, -umarmte ich Katja, mit der ich am Klavier stand und küßte sie auf meine -Lieblingsstelle -- den vollen Hals unter dem Kinn; sobald er aber -wiederkam, machte ich ein ernstes Gesicht und hielt mit Mühe das Lachen -zurück. - -»Was ist mit ihr heute auf einmal los?« fragte ihn Katja. - -Er antwortete aber nicht und sah mich nur lächelnd an: er wußte, was -mit mir los war. - -»Sehen Sie nur, welch eine Nacht!« rief er aus dem Wohnzimmer, vor der -offenen, auf den Garten hinausgehenden Balkontüre stehen bleibend. - -Wir gingen zu ihm; es war in der Tat eine Nacht, wie ich sie später nie -wieder gesehen habe. Der Vollmond stand hinter uns über dem Hause, so -daß wir ihn nicht sehen konnten, und der halbe Schatten des Daches, der -Säulen und der Markise lag schräg und verkürzt auf dem sandbestreuten -Gartenwege und auf dem runden Rasenplatze. Alles übrige war hell und -von Tau und Mondlicht versilbert. Der breite, mit Blumen eingefaßte -Weg, auf den von der einen Seite die schrägen Schatten der Georginen -und ihrer Stäbe fielen, zog sich, ganz hell und kalt, durch den Nebel -in die Ferne hin, und der Schotter, mit dem er bestreut war, glänzte. -Hinter den Bäumen leuchtete das Dach des Gewächshauses hervor, und -aus der Schlucht stieg Nebel auf. Die schon ein wenig entblößten -Fliedersträuche waren bis zu den Ästen durchleuchtet. Alle vom Tau -befeuchteten Blumen waren deutlich voneinander zu unterscheiden. In den -Alleen hatten sich Licht und Schatten so innig miteinander vermischt, -daß die Alleen nicht mehr als von Bäumen eingefaßte Wege, sondern als -durchsichtige, schwankende und zitternde Gebäude erschienen. Rechts, im -Schatten des Hauses war alles schwarz, unbestimmt und unheimlich. Dafür -ragte aus diesem Dunkel noch heller der phantastische Wipfel der Pappel -hervor, die so seltsam in der Nähe des Hauses, oben im hellen Lichte -unbeweglich zu schweben schien, statt in den fernen bläulichen Himmel -emporzufliegen. - -»Wollen wir etwas gehen,« sagte ich. - -Katja war einverstanden, meinte aber, daß ich meine Galoschen anziehen -müßte. - -»Es ist nicht nötig, Katja,« sagte ich, »Ssergej Michailytsch wird mir -ja den Arm geben.« - -Als ob mich das hinderte, nasse Füße zu bekommen! Aber damals kam es -uns allen dreien ganz natürlich und gar nicht sonderbar vor. Er hatte -mir noch niemals den Arm gegeben, doch diesmal nahm ich ihn selbst, und -er fand auch das gar nicht sonderbar. Zu dritt gingen wir die Terrasse -hinab. Diese ganze Welt, dieser Himmel, dieser Garten, diese Luft waren -nicht mehr dieselben, die ich kannte. - -Als ich die Allee, über die wir gingen, hinuntersah, war es mir, als -sei es unmöglich, noch weiter zu gehen, als habe die Welt des Möglichen -dort ihr Ende, als müsse dies alles für immer in seiner Schönheit -erstarren. Aber wir gingen weiter, und die Zauberwand der Schönheit -öffnete sich vor uns und ließ uns ein, und auch dort schien unser -alter Garten mit seinen Bäumen, Wegen und trockenem Laub zu liegen. Es -war, als ob wir über die Wege gingen, mit den Füßen auf die Licht- und -Schattenseite träten, als raschelte das welke Laub unter meinem Fuße -und als streifte ein frischer Zweig mein Gesicht. Es war, als ob er es -wäre, der gleichmäßig und langsam neben mir gehend, behutsam meinen Arm -hielt; als ob es wirklich Katja wäre, unter deren Schritten neben uns -der Sand knirschte. Es war wohl auch wirklich der Mond am Himmel, der -auf uns durch die regungslosen Zweige herabschien ... - -Aber mit jedem Schritt schloß sich die Zauberwand wieder vor uns und -hinter uns, und ich hörte zu glauben auf, daß es möglich sei, noch -weiter zu gehen, und ich glaubte nicht mehr an das, was war. - -»Ach! Ein Frosch!« rief Katja. - --- Wer sagt das und warum sagt er das? -- dachte ich mir. Aber später -begriff ich, daß es Katja sei, daß sie sich vor den Fröschen fürchtete, -und ich blickte vor meine Füße. Ein kleiner Frosch hüpfte und blieb -dann unbeweglich vor mir sitzen, und sein kleiner Schatten zeichnete -sich auf dem hellen, lehmigen Wege ab. - -»Und Sie fürchten sich gar nicht?« fragte er. - -Ich sah ihn an. Dort, wo wir eben gingen, fehlte in der Allee eine -Linde, und ich konnte sein Gesicht deutlich sehen. Es war so schön und -so glücklich ... - -Er hatte gesagt: »Sie fürchten sich gar nicht?« aber ich hörte ihn -sagen: -- Ich liebe dich, mein liebes Mädchen! -- Ich liebe, ich liebe -dich! -- sagten sein Blick und sein Arm; auch Licht und Schatten und -die Luft sagten dasselbe. - -Wir umwanderten den ganzen Garten. Katja ging neben uns mit ihren -kleinen Schritten und atmete schwer vor Müdigkeit. Sie sagte, daß es -Zeit sei, umzukehren, und die Ärmste tat mir so furchtbar leid. -- -Warum fühlt sie nicht dasselbe wie wir? fragte ich mich. -- Warum sind -nicht alle so jung und so glücklich wie diese Nacht, wie wir beide? - -Wir kehrten ins Haus zurück, aber er blieb noch lange bei uns, obwohl -die Hähne schon gekräht hatten, obwohl alle im Hause schliefen und -sein Pferd vor dem Fenster immer ungeduldiger schnaubte und mit den -Hufen auf die Pestwurzstauden stampfte. Katja sagte uns nicht, daß es -schon spät sei, und so blieben wir, von den gleichgültigsten Dingen -sprechend, ohne es selbst zu merken bis zur dritten Morgenstunde auf. -Die Hähne krähten schon zum drittenmal, und der Morgen dämmerte, -als er uns verließ. Er verabschiedete sich ganz wie sonst und sagte -nichts Außergewöhnliches; aber ich wußte, daß er von diesem Tage an -mir gehörte, und daß ich ihn nie wieder verlieren würde. Sobald ich -mir eingestanden hatte, daß ich ihn liebe, erzählte ich alles Katja. -Sie war sehr erfreut und gerührt, weil ich es ihr erzählte, aber die -Ärmste konnte diese ganze Nacht nicht einschlafen. Ich ging noch lange -auf der Terrasse auf und ab, stieg in den Garten hinunter, wandelte -durch die gleichen Alleen, durch die wir früher gewandelt, und suchte -mich jedes seiner Worte, jeder seiner Bewegungen zu entsinnen. Ich -schlief diese ganze Nacht nicht und sah zum erstenmal in meinem Leben -den Sonnenaufgang und den frühen Morgen. Eine solche Nacht und einen -solchen Morgen habe ich später nie wieder erlebt. -- Aber warum sagt -er mir nicht ganz einfach, daß er mich liebt? -- dachte ich. -- Warum -erfindet er allerlei Schwierigkeiten, warum nennt er sich einen alten -Mann, während alles doch so einfach und so herrlich ist? Warum verliert -er die goldene Zeit, die vielleicht niemals wiederkehrt? Mag er doch -nur einmal sagen: »ich liebe dich!«, mag er es mir nur einmal mit -Worten sagen, mag er meine Hand in die seine nehmen, seinen Kopf über -sie beugen und sagen: »ich liebe dich«. Mag er erröten und die Augen -vor mir niederschlagen, und dann will ich ihm auch alles sagen. Ich -werde es ihm nicht einmal sagen, ich werde ihn umarmen, mich an ihn -schmiegen und zu weinen anfangen. -- Aber wenn ich mich täusche, wenn -er mich gar nicht liebt? -- ging es mir plötzlich durch den Kopf. - -Ich erschrak vor meinem Gefühl, -- Gott weiß, wohin es mich hätte -führen können; ich erinnerte mich seiner und meiner Verwirrung im -Gewächshaus, als ich plötzlich zu ihm hinuntersprang, und es wurde -mir so schwer, so schwer ums Herz. Tränen stürzten mir aus den Augen, -und ich begann zu beten. Und mir kam ein seltsamer Gedanke, der mich -beruhigte, und eine neue Hoffnung erfüllte mich. Ich entschloß mich, -gleich vom nächsten Morgen an zu fasten, an meinem Geburtstage zu -beichten und zu kommunizieren und am gleichen Tage seine Braut zu -werden. - -Wie und warum es so kommen mußte, wußte ich gar nicht, aber von diesem -Augenblicke an glaubte ich fest, daß es so kommen würde. Es war schon -ganz hell geworden, und die Leute standen auf, als ich in mein Zimmer -zurückkehrte. - - -IV - -Es waren die Fasten vor Mariä Himmelfahrt, und niemand im Hause -wunderte sich darum über meinen Entschluß, mich zur Beichte -vorzubereiten. - -Diese ganze Woche war er kein einzigesmal bei uns gewesen, und mir fiel -es nicht nur nicht ein, mich darüber zu wundern, mich zu beunruhigen -und ihm deswegen zu zürnen, sondern ich war sogar froh, daß er nicht -kam und erwartete ihn erst an meinem Geburtstage. Im Laufe dieser -ganzen Woche stand ich jeden Morgen sehr früh auf. Während man den -Wagen für mich anspannte, ging ich allein im Garten auf und ab, nahm -alle meine Sünden des vorhergehenden Tages durch und überlegte mir, was -ich heute machen sollte, um mit diesem Tage zufrieden zu sein und kein -einziges Mal zu straucheln. Damals kam es mir so leicht vor, ganz rein -von Sünden zu sein. Ich dachte mir, es genüge, daß ich mich ein wenig -zusammennehme. Die Pferde fuhren vor, ich stieg mit Katja oder einem -der Dienstmädchen in die Liniendroschke, und wir begaben uns nach der -drei Werst entfernten Kirche. Beim Betreten der Kirche erinnerte ich -mich jedesmal, daß man für alle »mit Gottesfurcht Eintretenden« betet, -und bemühte mich, mit diesem Gefühl über die beiden grasbewachsenen -Stufen des Kirchenportals zu treten. In der Kirche waren um diese -Stunde nie mehr als an die zehn Bauern und Bäuerinnen, die sich -ebenfalls zur Beichte vorbereiteten; ich erwiderte mit besonderer -Demut ihre Verbeugungen, ging selbst, was mir als ein gottgefälliges -Werk erschien, zu der Kerzenlade, ließ mir vom Kirchenältesten, einem -alten Soldaten, eine Kerze geben und stellte sie dann selbst vor -die Heiligenbilder. Durch die »Zarenpforte« sah ich die von meiner -Mama gestickte Altardecke: über der Heiligenwand waren zwei Engel -mit Sternen angebracht, die mir, als ich noch klein war, so groß -erschienen, und eine Taube mit gelbem Heiligenschein, die mich damals -gleichfalls gefesselt hatte. Hinter dem Chore stand das zerbeulte -Taufbecken, über dem ich schon so oft die Kinder unserer Leibeigenen -als Taufpatin gehalten hatte und in dem ich einst selbst getauft worden -war. Der alte Priester trat vor den Altar in einem Ornat, das aus dem -Bahrtuch meines verstorbenen Vaters angefertigt worden war, und sprach -die Gebete mit der gleichen Stimme, mit der er immer, soweit ich mich -erinnern konnte, in unserem Hause die Gottesdienste abgehalten, Ssonja -getauft, die Seelenmesse für meinen Vater gelesen und die Leiche meiner -Mutter eingesegnet hatte. Die gleiche zitternde Stimme des Küsters -klang im Chor, und die gleiche alte Frau, die ich in dieser Kirche -von jeher und bei jedem Gottesdienste gesehen hatte, stand gebückt an -der Wand, blickte mit weinenden Augen auf das Heiligenbild im Chor, -drückte die zum Zeichen des Kreuzes zusammengelegten Finger an ihr -verschossenes Kopftuch und flüsterte etwas mit zahnlosem Munde. Dies -alles weckte jetzt in mir nicht mehr Neugierde, auch nicht bloß liebe -Erinnerungen, sondern war groß und heilig und schien mir von einer -tiefen Bedeutung erfüllt. Ich glaubte jedem Worte des Gebets, das der -Priester las, bemühte mich, auf jedes Wort mit innerem Gefühl Antwort -zu geben, und wenn ich etwas nicht verstand, so bat ich in Gedanken -Gott, mich zu erleuchten, oder erfand an Stelle des Gebetes, dem ich -nicht folgen konnte, mein eigenes. Wenn die Bußgebete gelesen wurden, -erinnerte ich mich meiner ganzen Vergangenheit, und diese kindliche und -unschuldige Vergangenheit erschien mir im Vergleich mit dem jetzigen -lichten Zustande meiner Seele so schwarz, daß ich weinte und mich -über mich selbst entsetzte; zugleich fühlte ich aber, daß mir dies -alles vergeben würde, und daß, wenn ich sogar noch mehr Sünden hätte, -die Reue für mich um so süßer wäre. Wenn der Priester am Ende des -Gottesdienstes die Worte sprach: »Gottes Segen über Euch«, glaubte ich -im gleichen Augenblick von einem körperlichen Wohlgefühl durchströmt zu -werden: es war, als ob mir plötzlich Licht und Wärme ins Herz drängen. -Nach dem Gottesdienste kam der Priester zu mir heraus und fragte, ob -und wann er zu uns ins Haus kommen solle, um eine Abendmesse zu lesen; -aber ich dankte ihm gerührt dafür, daß er es, wie ich glaubte, für mich -tun wollte, und sagte, daß ich selbst zu Fuß oder zu Wagen zur Kirche -kommen werde. - -»Sie wollen sich selbst bemühen?« pflegte er zu fragen. - -Ich wußte nicht, was zu antworten, ohne in die Sünde des Hochmuts zu -verfallen. - -Nach der Messe schickte ich, wenn Katja nicht dabei war, die Pferde -immer weg und ging allein zu Fuß nach Hause. Unterwegs verbeugte ich -mich demütig vor allen, denen ich begegnete und suchte Gelegenheit, -jemand mit Tat oder Rat zu helfen, mich für jemand aufzuopfern; bald -half ich einem Bauern, einen umgekippten Wagen aufzuheben, bald wiegte -ich ein Kind und trat bald von der Straße in den Schmutz, um jemand -den Weg frei zu machen. Eines Abends hörte ich, wie der Verwalter -Katja erzählte, daß der Bauer Ssemjon zu ihm gekommen sei, um Bretter -zu einem Sarge für seine verstorbene Tochter und einen Rubel für die -Seelenmesse zu bitten, und daß er ihm beides gegeben habe. »Sind -denn die Leute so arm?« fragte ich. -- »Sie sind sehr arm, gnädiges -Fräulein, sie haben nicht mal Salz,« antwortete der Verwalter. Mein -Herz schnürte sich zusammen, und zugleich überkam mich etwas wie -Freude, als ich das hörte. Ich log Katja vor, daß ich spazieren gehen -möchte, lief hinauf, holte mein ganzes Geld (es war sehr wenig, aber -doch alles, was ich besaß), bekreuzigte mich und ging allein über die -Terrasse und den Garten ins Dorf zu Ssemjons Hause. Sein Haus stand am -Rande des Dorfes, ich trat, von niemand bemerkt, ans Fenster, legte -das Geld hinein und klopfte an. Die Tür knarrte, jemand kam aus dem -Hause und rief mich an; ich lief, vor Schreck zitternd und am ganzen -Leibe erkaltend, wie eine Verbrecherin heim. Katja fragte mich, wo ich -gewesen und was mit mir los sei, aber ich verstand nicht einmal, was -sie zu mir sagte, und gab ihr keine Antwort. Alles erschien mir auf -einmal so nichtig und eitel. Ich schloß mich in meinem Zimmer ein und -ging lange auf und ab, außerstande, etwas zu tun, an etwas zu denken, -außerstande, mir Rechenschaft über meine Empfindungen zu geben. Ich -dachte an die Freude, die ich der ganzen Familie bereitet hatte, an -die Worte, mit denen sie von demjenigen sprechen würden, der das Geld -hingelegt hatte, und es tat mir leid, daß ich ihnen das Geld nicht -in die Hand gegeben hatte. Ich dachte auch daran, was wohl Ssergej -Michailytsch sagen würde, wenn er von dieser Tat erführe und freute -mich darüber, daß niemand es erfahren würde. Und in mir war eine solche -Freude, alle Menschen und ich selbst erschienen mir so schlecht, und -ich betrachtete mich und die anderen so mild, daß der Gedanke an den -Tod mir wie ein Traum von Glück erschien. Ich lächelte und betete und -weinte und liebte in diesem Augenblick alle Menschen und auch mich -selbst so heiß und so leidenschaftlich. Zwischen den Messen las ich -im Evangelium, und immer verständlicher wurde mir dieses Buch, immer -rührender und einfacher erschien mir die Geschichte dieses göttlichen -Lebens und immer unheimlicher und unergründlicher die Tiefe des Gefühls -und der Gedanken, die ich in seiner Lehre fand. So klar und einfach -erschien mir dafür alles, wenn ich das Buch beiseite legte und tiefer -ins Leben schaute, das mich umgab. Es erschien mir so schwer, nicht -gut zu sein, und so einfach, alle zu lieben und von allen geliebt zu -werden. Alle waren so gut und sanft zu mir; sogar Ssonja, der ich -noch immer Unterricht erteilte, war eine ganz andere geworden und gab -sich Mühe, mich zu verstehen, mir gefällig zu sein und mich nicht zu -betrüben. Wie ich zu den Menschen war, so waren sie auch zu mir. Ich -überlegte mir, ob ich nicht Feinde hätte, die ich vor der Beichte -um Verzeihung bitten müßte, und erinnerte mich nur eines jungen -Mädchens aus der Nachbarschaft, über das ich mich einmal vor Gästen -lustig gemacht hatte und das uns nicht mehr besuchte. Ich schrieb ihr -einen Brief, in dem ich meine Schuld bekannte und sie um Vergebung -bat. Sie antwortete mir mit einem Briefe, in dem sie mich selbst um -Verzeihung bat und auch mir verzieh. Ich weinte vor Freude, als ich -diese einfachen Zeilen las, in denen ich damals ein ebenso tiefes und -rührendes Gefühl zu sehen glaubte. Die alte Kinderfrau weinte, als -ich sie um Vergebung bat. -- Warum sind sie alle so gut zu mir? Womit -habe ich solche Liebe verdient? -- fragte ich mich. Ich erinnerte mich -auch unwillkürlich Ssergej Michailytschs und dachte lange an ihn. Ich -konnte nicht anders und hielt es sogar auch nicht für Sünde. Aber -ich dachte an ihn jetzt ganz anders als in jener Nacht, wo ich zum -erstenmal erfuhr, daß ich ihn liebe; ich dachte an ihn wie an mich -selbst und verknüpfte ihn unwillkürlich mit jedem Gedanken an meine -eigene Zukunft. Der erdrückende Einfluß, den ich in seiner Gegenwart -verspürt hatte, war nun in meiner Fantasie vollkommen verschwunden. -Ich betrachtete mich als ihm gleich und verstand ihn vollkommen von -der Höhe der geistlichen Stimmung herab, in der ich mich befand. -Alles, was mir an ihm früher seltsam erschienen, war mir jetzt klar. -Erst jetzt begriff ich, warum er gesagt hatte, daß das Glück nur darin -liege, für andere zu leben, und ich war mit ihm jetzt darin vollkommen -einverstanden. Es schien mir, daß uns beide ein unendliches und ruhiges -Glück erwartete. Ich dachte aber dabei nicht an Reisen ins Ausland, -nicht an den Glanz der großen Welt, sondern an ein ganz anderes, -stilles Familienleben auf dem Lande, mit ewiger Selbstaufopferung, -mit ewiger Liebe zueinander und mit ewiger Erkenntnis der milden und -hilfreichen Vorsehung in allen Dingen. - -Ich kommunizierte, wie ich es mir vorgenommen hatte, an meinem -Geburtstage. Als ich an diesem Tage aus der Kirche zurückkehrte, war -mein Herz von einem so vollkommenen Glück erfüllt, daß ich mich vor -dem Leben, vor jedem Eindruck, vor allem fürchtete, was dieses Glück -hätte stören können. Aber kaum waren wir der Liniendroschke vor unserer -Freitreppe entstiegen, als auf der Brücke das mir bekannte Kabriolett -rasselte und ich Ssergej Michailytsch erblickte. Er gratulierte mir, -und wir traten zusammen ins Wohnzimmer. Noch niemals, seitdem ich -ihn kannte, war ich so ruhig und meiner selbst sicher wie an diesem -Morgen. Ich fühlte in mir eine ganze neue Welt, die er nicht begriff, -die größer war als er. Ich empfand vor ihm nicht die geringste -Verlegenheit. Er merkte wohl, woher das kam, und benahm sich besonders -zartfühlend, sanft und fromm mir gegenüber. Ich trat an das Klavier, -aber er schloß es zu und steckte den Schlüssel in die Tasche. - -»Verderben Sie Ihre Stimmung nicht,« sagte er. »In Ihrer Seele ist -jetzt eine Musik, die schöner ist als jede Musik auf Erden.« - -Ich war ihm dankbar dafür, und doch war es mir zugleich auch etwas -unangenehm, daß er so leicht und klar alles begriff, was als Geheimnis -in meiner Seele ruhen sollte. Beim Mittagessen sagte er, er sei -gekommen, mir zu gratulieren und zugleich Abschied zu nehmen, weil er -morgen nach Moskau verreise. Als er das sagte, sah er nur Katja an; -dann streifte er aber auch mich mit einem Blick, und ich sah ihm an, -daß er fürchtete, in meinem Gesicht eine Erregung zu merken. Aber ich -war weder erstaunt noch erregt und fragte ihn nicht mal, ob er für -lange verreise. Ich hatte erwartet, daß er es sagen würde, und ich -wußte auch, daß er nicht verreisen würde. Wie ich das wußte? Jetzt kann -ich mir das unmöglich erklären; aber an jenem denkwürdigen Tage war -es mir, als ob ich alles, wie das Vergangene, so auch das Zukünftige -wüßte. Ich war wie in einem glücklichen Traum, wo mir alles, was auch -geschieht, schon bekannt vorkommt, wo ich alles schon längst weiß, es -aber erst in der Zukunft geschehen soll, und ich weiß, daß es geschehen -wird. - -Er wollte gleich nach dem Essen wegfahren, aber Katja, die noch von -der Messe ermüdet war, zog sich zurück, um sich etwas hinzulegen, und -er mußte warten, bis sie erwachte, um sich von ihr zu verabschieden. -Im Salon war die Sonne, und wir gingen auf die Terrasse. Kaum hatten -wir uns hingesetzt, als ich in vollkommener Ruhe das Gespräch begann, -das über das Schicksal meiner Liebe entscheiden sollte. Ich fing zu -sprechen an, weder früher noch später, sondern just in dem Augenblick, -als wir uns hingesetzt hatten, als noch nichts gesagt worden war und -als weder der Ton noch der Charakter des Gesprächs mich darin, was ich -sagen wollte, hindern konnten. Ich weiß selbst nicht, wo ich damals -solche Ruhe, Entschlossenheit und Genauigkeit der Ausdrucksweise -hernahm. Es war, als sagte ich es nicht selbst, als spräche etwas, was -von meinem Willen nicht abhing, aus mir heraus. Er saß mir gegenüber, -die Ellbogen auf das Geländer gestützt und rupfte die Blätter von einem -Fliederzweige, den er zu sich herangezogen hatte. Als ich zu sprechen -anfing, ließ er den Zweig fahren und stützte den Kopf in die Hand. -Das konnte die Pose eines durchaus ruhigen, wie auch die eines sehr -aufgeregten Mannes sein. - -»Warum verreisen Sie?« fragte ich bedeutungsvoll und langsam, ihm -gerade ins Gesicht blickend. - -Er antwortete nicht gleich. - -»Die Geschäfte!« versetzte er schließlich, die Augen senkend. - -Ich begriff, wie schwer es ihm fiel, mir die Unwahrheit zu sagen und -dazu noch auf eine so aufrichtig gestellte Frage. - -»Hören Sie,« sagte ich, »Sie wissen, was dieser Tag für mich ist. Er -ist mir in mancher Beziehung wichtig. Wenn ich Sie frage, so tue ich -es nicht nur, um mein Interesse für Sie zu zeigen (Sie wissen, daß ich -mich an Sie gewöhnt habe und Sie gerne mag); ich frage, weil ich es -wissen muß. Warum verreisen Sie?« - -»Es ist mir sehr schwer, Ihnen die Wahrheit zu sagen, warum ich -verreise,« sagte er. »In dieser Woche habe ich viel an Sie und auch an -mich gedacht und bin zu dem Schluß gekommen, daß ich verreisen muß. -Sie verstehen doch, warum, und wenn Sie mich lieben, werden Sie nicht -weiter fragen.« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne und bedeckte -dann mit ihr die Augen. »Es fällt mir schwer ... Und Sie verstehen es -doch.« - -Mein Herz fing heftig zu schlagen an. - -»Ich kann es nicht verstehen,« entgegnete ich, »_ich kann es nicht_, -aber _Sie selbst_, sagen Sie es mir um Gottes willen, schon weil es ein -so besonderer Tag für mich ist, ich kann alles ruhig anhören!« - -Er änderte seine Stellung, blickte mich an und zog den Fliederzweig -wieder zu sich. - -»Übrigens,« sagte er nach kurzer Pause mit einer Stimme, die sich -vergebens bemühte, fest zu erscheinen, »obwohl es dumm und unmöglich -ist, es mit Worten auszusprechen, obwohl es mir schwer fällt, will ich -mich doch bemühen, es Ihnen zu erklären,« fügte er hinzu, das Gesicht -wie bei einem körperlichen Schmerz verziehend. - -»Nun?« fragte ich. - -»Denken Sie sich folgenden Fall: es war einmal ein Herr, sagen wir ein -Herr A.,« begann er, »ein alter und abgelebter Mann, und es war ein -gewisses Fräulein B., ein glückliches junges Mädchen, das das Leben und -die Menschen noch nicht kannte. Infolge besonderer Familienverhältnisse -gewann er sie wie eine Tochter lieb und dachte gar nicht daran, sie -anders lieben zu können.« - -Er hielt inne, aber ich unterbrach ihn nicht. - -»Aber er hatte vergessen, daß Fräulein B. so jung war, daß das Leben -für sie noch ein Spiel bedeutete,« fuhr er plötzlich schnell und -entschlossen fort, ohne mich anzublicken, »daß es sehr leicht sei, sie -anders zu lieben, und daß dies ihr sehr amüsant erscheinen würde. Er -hatte sich aber geirrt und fühlte plötzlich, daß ein anderes Gefühl, so -schwer wie die Reue sich in sein Herz einschlich, und er erschrak. Er -fürchtete, daß ihre früheren freundschaftlichen Beziehungen abbrechen -könnten, und er entschloß sich, zu verreisen, bevor dies geschähe.« Als -er das sagte, rieb er sich, wie zerstreut, mit der Hand die Augen und -schloß sie wieder. - -»Warum fürchtete er denn, sie anders zu lieben?« fragte ich kaum -hörbar, meine Erregung zurückhaltend, so daß meine Stimme ruhig klang; -ihm erschien aber mein Ton wohl scherzhaft, und er antwortete wie -beleidigt: - -»Sie sind jung, und ich bin nicht mehr jung. Sie wollen spielen, aber -ich will etwas anderes. Spielen Sie nur, aber nur nicht mit mir, denn -sonst werde ich es vielleicht ernst nehmen, und das wäre für mich nicht -gut, und Sie würden es bereuen. Das sagte der A.,« fügte er hinzu. »Es -sind lauter Dummheiten, aber Sie verstehen wohl, warum ich verreise. -Sprechen wir nie mehr davon, ich bitte Sie!« - -»Nein! Nein! Sprechen wir gerade davon!« rief ich aus, und meine Stimme -zitterte vor zurückgehaltenen Tränen. »Liebte er sie oder nicht?« - -Er gab keine Antwort. - -»Wenn er sie aber nicht liebte, warum spielte er dann mit ihr wie mit -einem Kinde?« fragte ich. - -»Ja, ja, das war eben seine Schuld,« antwortete er, mich hastig -unterbrechend, »aber alles war zu Ende, und sie schieden ... als -Freunde.« - -»Aber es ist doch entsetzlich! Ist denn kein anderer Ausweg möglich?« -brachte ich mit Mühe hervor und erschrak gleich darauf über meine -eigenen Worte. - -»Ja, es gibt wohl einen anderen Ausweg,« sagte er, indem er die Hand -von seinem aufgeregten Gesicht nahm und mir gerade in die Augen -blickte. »Es gibt zwei verschiedene Auswege. Aber um Gottes willen, -unterbrechen Sie mich nicht und versuchen Sie mich mit Ruhe zu -begreifen. Die einen sagen,« fing er an, indem er sich erhob, mit einem -schmerzvollen und schwermütigen Lächeln, »die einen sagen, A. sei -verrückt geworden, hätte sich in die B. wahnsinnig verliebt und ihr -seine Liebe gestanden ... Sie hätte aber nur gelacht. Für sie war es -nur ein Spiel, für ihn aber eine Lebensfrage.« - -Ich fuhr zusammen und wollte ihn unterbrechen, wollte ihm sagen, -daß er sich nicht unterstehen dürfe, mir seine eigenen Gedanken -unterzuschieben, aber er legte seine Hand auf die meine, um mich -zurückzuhalten. - -»Warten Sie,« sagte er mit bebender Stimme, »die einen sagen, sie -hätte Mitleid mit ihm gehabt; die Ärmste, die die Menschen noch nicht -kannte, hätte sich eingebildet, daß sie ihn wirklich lieben könne, und -eingewilligt, seine Frau zu werden. Er, der Wahnsinnige hätte geglaubt, -daß für ihn ein neues Leben beginnen würde, aber sie hätte selbst -begriffen, daß sie ihn betrogen habe, wie auch er sie ... Sprechen wir -nicht mehr davon,« schloß er, offenbar außerstande, weiter zu sprechen, -und fing an, vor mir auf und ab zu gehen. - -Er sagte: »sprechen wir nicht mehr davon«, aber ich sah, daß er mit der -ganzen Sehnsucht seiner Seele ein Wort von mir erwartete. Ich wollte -sprechen, konnte es aber nicht: etwas preßte mir die Brust zusammen. -Ich sah ihn an: er war blaß, und seine Unterlippe zitterte. Ich fühlte -Mitleid mit ihm. Ich nahm meine ganze Kraft zusammen, zerriß plötzlich -die Fesseln des Schweigens und begann mit leiser, verhaltener Stimme, -die, wie ich fürchtete, jeden Augenblick versagen konnte. - -»Und die dritte Möglichkeit,« begann ich und hielt inne; aber er -schwieg. »Die dritte Möglichkeit ist, daß er sie nicht liebte und -ihr sehr weh tat; er glaubte, im Rechte zu sein, und verließ sie und -rühmte sich auch noch dessen. Für Sie ist es ein Spiel, aber nicht für -mich, ich habe Sie vom ersten Tage an geliebt, geliebt!« wiederholte -ich, und beim Worte »geliebt« steigerte sich meine bis dahin leise -und verhaltene Stimme zu einem wilden Aufschrei, vor dem ich selbst -erschrak. - -Er stand bleich vor mir, seine Lippe bebte immer heftiger, und zwei -Tränen rollten über seine Wangen. - -»Das ist schlecht!« schrie ich fast, während mich die unterdrückten -Tränen der Kränkung zu ersticken drohten. »Womit habe ich das -verdient?« fragte ich und erhob mich, um fortzugehen. - -Er ließ mich aber nicht fort. Sein Kopf lag auf meinem Schoße, seine -Lippen küßten meine zitternden Hände, und seine Tränen netzten sie. -»Mein Gott, wenn ich es gewußt hätte!« rief er. - -»Womit? Womit?« wiederholte ich, und in meiner Seele war ein Glück, das -dann für immer entschwand und nie wiederkam. - -Fünf Minuten später lief Ssonja zu Katja hinauf und schrie, daß es im -ganzen Hause hallte: »Mascha will Ssergej Michailytsch heiraten!« - - -V - -Es lagen keine Gründe vor, die Hochzeit hinauszuschieben, und weder -er, noch ich wünschten das. Katja wollte allerdings erst nach Moskau -fahren, um Verschiedenes für die Aussteuer einzukaufen und zu -bestellen, und seine Mutter versuchte, darauf zu bestehen, daß er vor -der Heirat eine neue Equipage und neue Möbel anschaffe und das Haus neu -tapezieren lasse; wir beide setzten aber unseren Entschluß durch, dies -alles, wenn es schon so notwendig sei, erst später zu besorgen und uns -zwei Wochen nach meinem Geburtstage, in aller Stille, ohne Aussteuer, -ohne Gäste, ohne Hochzeitsbeistände, ohne Festtafel, Champagner und -sonstige Hochzeitsattribute trauen zu lassen. Er erzählte mir, wie -ungehalten seine Mutter darüber war, daß unsere Hochzeit ohne Musik, -ohne einen Berg von Truhen und ohne Erneuerung des ganzen Hauses -gefeiert werden sollte, ganz anders, als ihre Hochzeit, die einst -dreißigtausend Rubel gekostet habe, und wie sie hinter seinem Rücken -die alten Kisten und Kasten durchwühlt und sich mit der Wirtschafterin -Marjuschka ernsthaft wegen der für unser Glück unentbehrlichen -Teppiche, Gardinen und Tabletts beraten habe. Meine Katja machte es -ebenso mit der Wärterin Kusminischna. Darüber durfte man mit ihr nicht -scherzen. Sie war fest überzeugt, daß wir, wenn wir von unserer -Zukunft sprachen, nur tändelten und Unsinn trieben, wie es Menschen in -dieser Lage überhaupt eigen sei, daß aber das wesentliche Glück unserer -Zukunft nur davon abhänge, daß die Hemden richtig zugeschnitten und -genäht und die Tischtücher und Servietten ordentlich gesäumt seien. -Zwischen Pokrowskoje und Nikolskoje wurden einigemal am Tage geheime -Berichte darüber ausgetauscht, was auf der einen und auf der anderen -Seite vorbereitet wurde; obwohl die Beziehungen zwischen Katja und -seiner Mutter äußerlich die zärtlichsten waren, war doch eine etwas -feindselige, wenn auch raffinierte Diplomatie dabei. Seine Mutter, -Tatjana Ssemjonowna, die ich jetzt näher kennen lernte, war eine steife -und strenge Hausfrau, eine Dame der guten alten Zeit. Er liebte sie -nicht nur als Sohn aus Pflichtgefühl, sondern auch aus menschlicher -Neigung, da er sie für die beste, gütigste, klügste und liebreichste -Frau in der Welt hielt. Tatjana Ssemjonowna war immer gut zu uns, -besonders zu mir, und freute sich, daß ihr Sohn heiraten wollte; als -ich sie aber als seine Braut besuchte, kam es mir vor, als wollte sie -mich fühlen lassen, daß ich als die Auserwählte ihres Sohnes auch -besser hätte sein können und daß es mir gar nicht schaden würde, dessen -immer eingedenk zu sein. Ich verstand sie vollkommen und war mit ihr -einverstanden. - -In den beiden letzten Wochen sahen wir uns jeden Tag. Er aß bei uns -zu Mittag und blieb dann bis Mitternacht. Aber obwohl er sagte -- und -ich wußte, daß er die Wahrheit sprach, -- daß er ohne mich gar nicht -lebe, verbrachte er doch nie einen ganzen Tag mit mir und bemühte sich -seinen Geschäften nachzugehen. Unsere äußeren Beziehungen blieben bis -zur Hochzeit die alten: wir fuhren fort, uns mit »Sie« anzureden, er -küßte mir nicht mal die Hand und suchte nicht nur keine Gelegenheit, -mit mir allein zu sein, sondern schien auch solche Gelegenheiten -zu meiden. Als fürchtete er, sich der allzu großen, gefährlichen -Zärtlichkeit hinzugeben, die in ihm war. Ich weiß nicht, wer sich von -uns beiden verändert hatte, er oder ich, aber jetzt fühlte ich mich ihm -vollkommen gleich, nahm an ihm nicht mehr jene geheuchelte Einfachheit -wahr, die mir früher so mißfiel, und sah vor mir oft mit Freude, statt -des Respekt und Furcht einflößenden Mannes, ein sanftes und vor Glück -fassungsloses Kind. -- Das ist also alles, was an ihm war! -- sagte ich -mir oft: -- Er ist genau so ein Mensch wie ich und nicht mehr. -- Jetzt -schien mir, daß ich ihn ganz durchschaut und erkannt hätte. Und alles, -was ich erkannt hatte, war so einfach und stimmte so ganz mit meinem -Wesen überein. Selbst seine Pläne über unser künftiges Leben waren auch -die meinigen, die er nur klarer und besser in Worte zu kleiden verstand. - -Das Wetter war während dieser Wochen schlecht, und wir verbrachten die -meiste Zeit im Hause. Die schönsten und herzlichsten Gespräche führten -wir in der Ecke zwischen dem Klavier und dem Fenster. Auf dem dunklen -Fenster spiegelte sich ganz nahe das Licht der Kerzen, die Regentropfen -schlugen gegen die glänzenden Scheiben und flossen an ihnen herab. -Gegen das Dach prasselte es, in der Pfütze unter der Traufe klatschte -das Wasser, und durch das Fenster zog Feuchtigkeit herein. - -»Wissen Sie, ich wollte Ihnen schon lange etwas sagen,« begann er -einmal, als wir sehr spät in unserem Winkel aufgeblieben waren. -»Solange Sie spielten, mußte ich fortwährend daran denken.« - -»Sagen Sie nichts, ich weiß alles,« erwiderte ich. - -»Ja, wirklich, sprechen wir nicht davon.« - -»Nein, sagen Sie es mir doch, was ist es?« fragte ich. - -»Also hören Sie. Erinnern Sie sich noch, wie ich Ihnen die Geschichte -von A. und B. erzählte?« - -»Wie sollte ich mich dieser dummen Geschichte nicht erinnern? Es ist -gut, daß sie so ausgegangen ist ...« - -»Ja, es hat nur ein Weniges gefehlt, und ich hätte selbst mein eigenes -Glück vernichtet. Sie haben mich errettet. Die Hauptsache aber ist, daß -ich damals log; ich schäme mich jetzt und will Ihnen die Geschichte zu -Ende erzählen.« - -»Ach, bitte nicht.« - -»Haben Sie keine Angst,« sagte er lächelnd. »Ich will mich nur -rechtfertigen. Als ich eben begann, wollte ich mit langen Betrachtungen -kommen.« - -»Wozu Betrachtungen anstellen!« sagte ich. »Das soll man niemals.« - -»Ja, ich hatte es auch schlecht gemacht. Nach allen meinen -Enttäuschungen, den Fehlern, die ich in meinem Leben begangen hatte, -sagte ich mir, als ich diesmal aufs Land kam, so entschieden, die -Liebe sei für mich zu Ende und es bleibe mir nur noch die Pflicht, -mein Leben irgendwie abzuschließen übrig, daß ich mir lange Zeit keine -Rechenschaft darüber gab, was eigentlich mein Gefühl gegen Sie sei und -wohin es mich bringen könne. Ich hoffte und hoffte auch nicht. Bald -schien es mir, daß Sie kokettieren, bald glaubte ich wieder, Sie seien -aufrichtig, und ich wußte selbst nicht, was ich tun würde. Aber nach -jenem Abend, Sie wissen doch, als wir nachts durch den Garten gingen, -erschrak ich plötzlich, und mein jetziges Glück erschien mir viel zu -groß und unmöglich. Nun, wie wäre es gekommen, wenn ich mir erlaubt -hätte, zu hoffen, und zwar vergebens? Aber ich dachte natürlich nur an -mich, denn ich bin ein ganz gemeiner Egoist.« - -Er schwieg eine Weile und sah mich an. - -»Aber es war auch nicht lauter Unsinn, was ich damals sagte. Ich durfte -und mußte auch fürchten. Ich empfange von Ihnen so viel und kann -Ihnen so wenig geben. Sie sind noch ein Kind, eine Knospe, die erst -aufbrechen wird, Sie lieben zum erstenmal, während ich ...« - -»Ja, sagen Sie mir die Wahrheit ...« begann ich, bekam aber plötzlich -Angst vor seiner Antwort. »Nein, lieber nicht ...« - -»Ob ich schon einmal geliebt habe? Ja?« fragte er, meinen Gedanken -sofort erratend. »Das kann ich Ihnen sagen. Nein, ich habe noch nicht -geliebt. Ich habe noch nie etwas empfunden, was diesem Gefühl ähnlich -wäre ...« Aber plötzlich war es, als wenn ihn eine schwere Erinnerung -durchzuckte. »Nein, ich müßte Ihr Herz haben, um Sie lieben zu dürfen,« -sagte er traurig. »Nun, mußte ich es mir nicht vorher überlegen, ehe -ich Ihnen sagen durfte, daß ich Sie liebe? Was gebe ich Ihnen? Meine -Liebe, allerdings.« - -»Ist denn das wenig?« fragte ich, ihm in die Augen blickend. - -»Es ist wenig, meine Freundin, für Sie ist es zu wenig,« fuhr er -fort. »Sie haben die Schönheit und die Jugend! Ich kann jetzt oft in -der Nacht vor Glück nicht einschlafen und denke immer daran, wie wir -zusammen leben werden. Ich habe schon viel gelebt und glaube das, was -ich zum Glücke brauche, gefunden zu haben. Ein stilles, einsames Leben -in unserer ländlichen Einöde, die Möglichkeit, den Menschen Gutes zu -tun, solchen Menschen, denen es so leicht ist, Gutes zu erweisen, weil -sie daran noch nicht gewöhnt sind; dann die Arbeit, die Arbeit, von der -man Nutzen erwartet, dann Erholung, die Natur, Bücher, Musik, die Liebe -zu den uns Nahestehenden, -- das ist mein Glück, das höchste Glück, das -ich mir ersehnte. Dazu noch eine solche Gefährtin wie Sie, vielleicht -auch eine Familie und alles, was der Mensch sich nur wünschen kann.« - -»Ja!« sagte ich. - -»Doch nur für mich, der ich meine Jugend hinter mir habe, aber nicht -für Sie,« fuhr er fort. »Sie haben noch nicht gelebt, Sie werden das -Glück vielleicht in anderen Dingen suchen wollen und es vielleicht auch -in anderen Dingen finden. Vielleicht kommt Ihnen das jetzt nur darum -als ein Glück vor, weil Sie mich lieben.« - -»Nein, ich habe immer nur dieses stille Familienleben gewünscht und -geliebt,« erwiderte ich. »Und Sie sagen nur das, was ich mir schon -gedacht habe.« - -Er lächelte. - -»Es kommt Ihnen nur so vor, liebe Freundin. Aber das ist zu wenig für -Sie. Sie haben die Schönheit und die Jugend,« sagte er wieder. - -Aber ich wurde böse, daß er mir nicht glauben wollte und mir meine -Schönheit und Jugend gleichsam zum Vorwurf machte. - -»Warum lieben Sie mich dann?« fragte ich böse. »Um meiner Jugend oder -um meiner selbst willen?« - -»Ich weiß es nicht, aber ich liebe Sie,« antwortete er und sah mich mit -einem durchdringenden und anziehenden Blicke an. - -Ich antwortete nicht und blickte ihm unwillkürlich in die Augen. -Plötzlich geschah mit mir etwas Seltsames: zuerst hörte ich auf, das, -was mich umgab, zu sehen, dann verschwand auch sein Gesicht vor mir, -und nur seine Augen schienen ganz dicht vor meinen Augen zu glänzen; -dann war es mir, als ob seine Augen in mir wären; alles trübte sich, -ich sah nichts mehr und mußte meine Augen schließen, um mich von diesem -Gefühl von Wonne und Grauen zu befreien, das in mir dieser Blick -weckte ... - -Am Vorabend unseres Hochzeitstages wurde das Wetter besser. Nach den -verregneten Sommertagen kam der erste kalte und heitere Herbstabend. -Alles war feucht, kalt und hell, und der Garten zeigte sich zum -erstenmal herbstlich leer, bunt und nackt. Der Himmel war klar, kalt -und bleich. Ich ging schlafen, glücklich, daß an meinem Hochzeitstage -schönes Wetter sein würde. Ich erwachte mit der Sonne, und der Gedanke, -daß es schon heute sei, erschreckte mich und setzte mich zugleich in -Erstaunen. Ich trat in den Garten. Die Sonne war erst eben aufgegangen -und leuchtete durch die halbentlaubten, gelb gewordenen Linden der -Allee hindurch. Der Gartenweg war mit raschelndem Laub bedeckt. -Die runzligen Beeren der Eberesche leuchteten rot auf den Zweigen -neben den spärlichen, vom Froste getöteten Blättern; die Georginen -waren zusammengeschrumpft und schwarz geworden. Der Reif lag zum -erstenmal silbern auf dem bleichen Rasen und auf den abgebrochenen -Pestwurzstauden vor dem Hause. Am heiteren kalten Himmel war kein -Wölkchen zu sehen, ein solches wäre auch nicht möglich gewesen. - --- Ist es wirklich heute? -- fragte ich mich, meinem Glücke nicht -trauend. -- Werde ich denn wirklich morgen nicht hier, sondern im -fremden, säulengeschmückten Hause von Nikolskoje erwachen? Werde ich -ihn nicht mehr hier erwarten, werde ihm nicht mehr entgegengehen -und abends und nachts nicht mehr mit Katja über ihn plaudern? Werde -nicht mehr mit ihm in Pokrowskoje am Klavier sitzen? Ihn nicht -mehr begleiten und mich um ihn in den finsteren Nächten nicht mehr -ängstigen? -- Aber ich erinnerte mich seiner Worte von gestern abend, -er käme zum letztenmal, und daß Katja mich genötigt, das Hochzeitskleid -anzuprobieren und dabei gesagt hatte: »Für morgen«; einen Augenblick -lang glaubte ich es und fing dann wieder zu zweifeln an. -- Werde ich -denn von morgen ab dort mit der Schwiegermutter, ohne die Nadeschda, -ohne den alten Grigorij, ohne Katja leben? Werde vor dem Schlafengehen -meine alte Wärterin nicht mehr küssen, und sie wird mich nicht -mehr nach alter Gewohnheit bekreuzigen und mir sagen: »Gute Nacht, -Fräulein«? Werde Ssonja nicht mehr unterrichten und mit ihr nicht mehr -spielen, des Morgens nicht mehr an die Wand ihres Zimmers klopfen und -ihr helles Lachen hören? Werde ich denn heute für mich selbst fremd -werden, wird sich vor mir ein neues Leben mit der Verwirklichung aller -meiner Wünsche und Hoffnungen auftun? Kommt dieses neue Leben für -immer? -- Ich erwartete ihn mit Ungeduld, denn es war mir so schwer, -allein alle diese Gedanken zu tragen. Er kam früh, und erst an seiner -Seite glaubte ich wirklich daran, daß ich heute seine Frau werden -sollte, und dieser Gedanke hatte für mich nichts Schreckliches mehr. - -Vor dem Essen gingen wir in unsere Kirche, um eine Messe für meinen -verstorbenen Vater zu hören. - --- Wenn er doch jetzt am Leben wäre! -- dachte ich, als wir nach Hause -zurückkehrten und ich mich schweigend auf den Arm eines Mannes stützte, -der der beste Freund dessen gewesen war, an den ich dachte. Als ich -während des Gebets mit meiner Stirne die kalten steinernen Fußböden -der Kapelle berührte, sah ich meinen Vater so lebhaft vor mir, glaubte -so fest daran, daß seine Seele mich verstehe und meine Wahl segne, daß -es mir auch jetzt schien, seine Seele schwebe über uns, und daß ich -seinen Segen auf mir ruhen fühlte. Erinnerungen, Hoffnungen, Glück und -Trauer flossen zu einer einzigen, feierlichen und angenehmen Empfindung -zusammen, zu der diese unbewegliche, frische Luft, die Stille, die -entblößten Felder und der bleiche Himmel, von dem leuchtende, doch -ohnmächtige Strahlen herabfielen, die sich vergebens bemühten, mir die -Wange zu versengen, so wunderbar paßten. Mir schien, als ob auch er, -mit dem ich ging, mein Gefühl verstünde und teilte. Er ging langsam und -schweigend, und sein Gesicht, das ich ab und zu anblickte, drückte die -gleiche feierliche Stimmung, die halb Trauer und halb Freude war, aus, -von der die Natur und auch mein Herz erfüllt waren. - -Plötzlich wandte er sich zu mir um; ich sah, daß er mir etwas sagen -wollte. -- Wie, wenn er mir jetzt dasselbe sagt, was ich selbst denke? --- kam es mir in den Sinn. Er sprach aber von meinem Vater, ohne ihn -übrigens zu nennen. - -»Einmal sagte er mir im Scherz: ›Heirate doch meine Mascha!‹« - -»Wie glücklich wäre er jetzt,« sagte ich und drückte seinen Arm, der -den meinigen stützte, noch fester an mich. - -»Ja, Sie waren damals noch ein Kind,« fuhr er fort, mir in die Augen -blickend. »Ich küßte damals diese Augen und liebte sie, nur weil sie -den seinigen glichen; aber ich dachte gar nicht daran, daß sie mir -einst um ihrer selbst willen so teuer sein würden. Ich nannte Sie -damals ›Mascha‹.« - -»Sagen Sie doch ›du‹ zu mir,« sagte ich. - -»Gerade wollte ich selbst ›du‹ zu dir sagen,« erwiderte er. »Erst jetzt -ist es mir, als wärest du ganz mein.« Sein ruhiger und glücklicher, -anziehender Blick ruhte auf mir. - -Und wir gingen langsam über den noch wenig ausgetretenen Feldweg durch -das niedergestampfte Stoppelfeld; wir hörten nichts als unsere eigenen -Schritte und Stimmen. Auf der einen Seite zog sich über die Schlucht -bis zum fernen entlaubten Gehölz ein braunes Stoppelfeld hin, auf dem -ein Bauer mit seinem Pfluge lautlos einen immer breiter werdenden -schwarzen Streifen aufwühlte. Die Pferdeherde unten am Hügel schien -ganz nahe. An der anderen Seite und vor uns bis zum Garten und bis zu -unserem Hause, das hinter dem Garten hervorschaute, lag schwarz und -streifenweise auch schon grün der mit der Wintersaat bestellte Acker. -Auf alles leuchtete die nicht mehr heiße Sonne, und auf allen Dingen -lagen lange faserige Spinnenfäden. Sie schwebten in der Luft um uns -herum, legten sich auf die hartgefrorenen Stoppelfelder und fielen uns -auf die Augen, Haare und Kleider. Wenn wir sprachen, so klangen unsere -Stimmen so, als blieben sie über uns in der regungslosen Luft hängen, -als wären wir ganz allein in der ganzen Welt, allein unter diesem -blauen Himmelszelt, an dem zitternd und blinzelnd die gar nicht heiße -Sonne spielte. - -Auch ich wollte zu ihm »du« sagen, aber ich schämte mich noch. - -»Warum gehst du so schnell?« fragte ich hastig, beinahe im Flüstertone, -und mußte dabei erröten. - -Er verlangsamte seine Schritte und blickte mich noch liebevoller, noch -freudiger und glücklicher an. - -Als wir nach Hause kamen, waren dort schon seine Mutter und die Gäste -versammelt, die wir schließlich doch hatten einladen müssen, und so -blieb ich bis zu dem Augenblick, als wir aus der Kirche traten und uns -in den Wagen setzten, um nach Nikolskoje zu fahren, nicht mehr allein. - -Die Kirche war fast leer, und ich sah mit einem flüchtigen Blick nur -seine Mutter, die auf dem kleinen Teppich neben dem Chor aufrecht -stand, Katja in einer Haube mit lila Bändern und mit Tränen an den -Wangen, und zwei oder drei leibeigene Dienstboten, die mich neugierig -musterten. Ihn sah ich nicht an, aber ich fühlte seine Nähe. Ich -lauschte den Worten der Gebete, sprach sie nach, aber in meiner Seele -weckten sie keinen Widerhall. Ich konnte nicht beten und blickte -stumpf auf die Heiligenbilder, auf die Kerzen, auf das Kreuz des -Ornates auf dem Rücken des Geistlichen, auf die Heiligenwand, auf -das Fenster der Kirche und konnte nichts verstehen. Ich fühlte nur, -daß mit mir etwas Ungewöhnliches geschah. Als der Geistliche sich -mit dem Kreuz zu uns wandte, uns gratulierte und sagte, daß er mich -einst getauft und es nun dank Gottes Gnade erlebt habe, mich auch zu -trauen, als Katja und seine Mutter uns küßten und Grigorijs Stimme -erklang, der nach dem Wagen rief, da erstaunte und erschrak ich beim -Gedanken, daß alles schon vorbei sei, und daß in meiner Seele nichts -Außergewöhnliches geschehen wäre, was dem heiligen Sakrament, das an -mir soeben vollzogen worden war, entspräche. Wir küßten uns, und dieser -Kuß war so seltsam und unserem Gefühle fremd. -- Ist das alles?! -- -dachte ich mir. Wir traten vor das Portal, das Gerassel der Räder -hallte dumpf unter der Kuppel wider, ein frischer Lufthauch wehte mir -ins Gesicht, er setzte seinen Hut auf und half mir in den Wagen. Durch -das Wagenfenster sah ich den frostigen, von einem Hofe umgebenen Mond. -Er setzte sich neben mich und schloß den Wagenschlag. Etwas stach mich -ins Herz. Die Selbstverständlichkeit, mit der er es machte, kam mir -irgendwie verletzend vor. Katjas Stimme rief, ich solle mir den Kopf -gut einhüllen, die Räder rollten über die Steine, dann über die weiche -Landstraße, und wir fuhren davon. Ich drückte mich in die Ecke und -blickte auf die fernen, hellen Fluren und auf den Weg hinaus, der im -kalten Mondlichte dahinzulaufen schien. Ohne ihn anzublicken, fühlte -ich doch seine Nähe. -- Ist das alles, was mir dieser Augenblick gab, -von dem ich so viel erwartet hatte? -- dachte ich, und es kam mir noch -immer demütigend und beleidigend vor, so nahe neben ihm zu sitzen. Ich -wandte mich zu ihm um, mit der Absicht, ihm etwas zu sagen. Aber kein -Wort wollte mir über die Lippen kommen, als hätte sich das zärtliche -Gefühl von früher verflüchtigt und als wäre ein Gefühl von Kränkung und -Angst an seine Stelle getreten. - -»Bis zu diesem Augenblick habe ich noch immer nicht geglaubt, daß es -möglich sei,« antwortete er leise auf meinen Blick. - -»Ja, aber ich fürchte mich so, ich weiß selbst nicht, warum,« sagte ich. - -»Du fürchtest dich vor mir, liebes Kind,« sagte er. Dann nahm er meine -Hand und beugte über sie sein Gesicht. - -Meine Hand lag wie leblos in der seinen, und mein Herz tat mir vor -Kälte weh. - -»Ja,« flüsterte ich. - -Aber im gleichen Augenblick fing mein Herz heftiger zu klopfen an, -meine Hand zitterte und drückte seine Hand zusammen, es wurde mir -heiß, meine Augen suchten im Halbdunkel seinen Blick, und ich fühlte -plötzlich, daß ich ihn nicht mehr fürchtete, daß diese Furcht die Liebe -sei, eine neue, noch zärtlichere und größere Liebe als früher. Ich -fühlte, daß ich ihm ganz gehörte, und daß ich über seine Gewalt über -mich glücklich war. - - - - -Zweiter Teil. - - -I - -Tage und Wochen, ganze zwei Monate des zurückgezogenen ländlichen -Lebens vergingen, wie es mir schien, unbemerkt; und doch hätten die -Gefühle, die Aufregungen und das Glück dieser beiden Monate für ein -ganzes Leben genügt. Meine und seine Träume von unserem Landleben waren -ganz anders in Erfüllung gegangen, als wir es erwartet hatten. Aber -unser Leben war nicht schlechter, als unsere Träume. Es gab nichts von -der ernsten Arbeit, von Pflichterfüllung, von Selbstaufopferung und -vom Leben für die anderen, die ich mir ausgemalt hatte, als ich noch -seine Braut gewesen; es war dagegen ein selbstsüchtiges Gefühl der -Liebe zueinander, der Wunsch, geliebt zu werden, eine immerwährende, -grundlose Heiterkeit und ein Vergessen aller Dinge auf der Welt. Er -zog sich zwar wirklich manchmal in sein Kabinett zurück, um etwas zu -tun, fuhr manchmal in Geschäften nach der Stadt oder ging aus dem -Hause, um nach der Wirtschaft zu sehen; aber ich sah, was für Mühe -es ihn kostete, sich von mir loszureißen. Er gestand mir später auch -selbst, daß alles in der Welt, wenn ich nicht dabei sei, ihm so nichtig -und unsinnig erscheine, daß er gar nicht verstehe, wie man sich damit -überhaupt abgeben könne. Mit mir verhielt es sich ebenso. Ich las, -trieb Musik, widmete mich der Schwiegermama und der Schule; doch ich -tat es nur, weil jede dieser Beschäftigungen mit ihm zusammenhing -und von ihm gutgeheißen wurde; aber wenn sich zu irgendeinem Tun der -Gedanke an ihn nicht gesellte, so sanken mir die Hände in den Schoß, -und es kam mir so komisch vor, daß es außer ihm auf der Welt noch etwas -geben könne. Vielleicht war es ein schlechtes, selbstsüchtiges Gefühl, -aber es gab mir Glück und hob mich über die ganze Welt empor. Nur er -allein existierte für mich auf der Erde, ihn hielt ich aber für den -herrlichsten und unfehlbarsten Menschen auf Erden; darum konnte ich für -nichts anderes leben als für ihn, als um in seinen Augen das zu sein, -für was er mich hielt. Er hielt mich aber für das erste und herrlichste -Weib auf Erden, begabt mit allen möglichen Tugenden; und ich bemühte -mich, in den Augen des ersten und besten Menschen auf der ganzen Welt -so ein Weib zu sein. - -Einmal trat er zu mir ins Zimmer, als ich gerade betete. Ich sah mich -nach ihm um und betete weiter. Er setzte sich an den Tisch, um mich -nicht zu stören, und schlug ein Buch auf. Aber es kam mir vor, als sähe -er mich an, und ich wandte mich wieder um. Er lächelte, ich fing zu -lachen an und konnte nicht mehr beten. - -»Hast du schon gebetet?« fragte ich ihn. - -»Ja. Fahre nur fort, ich will weggehen.« - -»Du betest doch hoffentlich?« - -Er wollte gehen, ohne zu antworten, aber ich hielt ihn zurück. - -»Liebster, tu es bitte für mich, sprich mal mit mir die Gebete.« Er -kniete neben mir nieder, ließ die Hände linkisch sinken und begann mit -ernstem Gesicht und stockend zu beten. Ab und zu wandte er sich zu mir -um und suchte in meinem Gesicht Zustimmung und Hilfe. - -Als er fertig war, fing ich zu lachen an und umarmte ihn. - -»Alles kannst du, alles kannst du! Es ist mir, als ob ich wieder ein -Junge von zehn Jahren wäre,« sagte er errötend und mir die Hände -küssend. - -Unser Haus war eines von den alten Landsitzen, in denen mehrere -aufeinanderfolgende Generationen in Eintracht und gegenseitiger -Liebe und Achtung gelebt haben. Es war vom Dufte guter, ehrlicher -Familienerinnerungen erfüllt, welche plötzlich, als ich dieses Haus -betreten, auch zu meinen Erinnerungen geworden waren. Über die -Ausstattung des Hauses und die Lebensordnung wachte Tatjana Ssemjonowna -nach alter Weise. Man kann nicht behaupten, daß alles elegant und -hübsch gewesen wäre; aber von allem, von den Dienstboten bis zu den -Möbeln und Speisen war genug da, alles war reinlich, dauerhaft, -ordentlich und flößte Achtung ein. Im Wohnzimmer standen symmetrisch -die Möbel und hingen Familienbilder, auf dem Fußboden lagen hausgewebte -Teppiche und Läufer. Im »Diwanzimmer« befanden sich ein altes Klavier, -zwei Chiffonnièren von verschiedener Form, Diwans und Tischchen mit -Messingverzierungen und eingelegter Arbeit. In meinem Arbeitszimmer, -auf dessen Ausstattung Tatjana Ssemjonowna besondere Mühe verwandt -hatte, standen die besten Möbel aus verschiedenen Jahrhunderten und -von verschiedenen Fassons; unter anderem auch ein alter Trumeau, in -den ich anfangs nur schüchterne Blicke zu werfen wagte, der mir aber -später so lieb wurde wie ein alter Freund. Von Tatjana Ssemjonowna -war nichts zu hören, aber alles im Hause ging so regelmäßig, wie eine -aufgezogene Uhr. Es gab zwar viele überflüssige Dienstboten, aber -alle diese Leute, welche weiche Schuhe ohne Absätze trugen (Tatjana -Ssemjonowna hielt das Knarren der Sohlen und das Klappern der Absätze -für das Unangenehmste auf der Welt), -- alle diese Leute waren stolz -auf ihre Stellung, zitterten vor der alten Herrin, sahen auf mich und -meinen Mann mit einem gönnerhaften Lächeln herab und schienen ihre -Arbeit mit besonderer Freude zu verrichten. Jeden Sonnabend wurden -sämtliche Fußböden gescheuert und sämtliche Teppiche geklopft; an -jedem Ersten wurden Gottesdienste mit Wasserweihe abgehalten, und -an jedem Namenstage Tatjana Ssemjonownas oder ihres Sohnes (auch an -meinem -- zum erstenmal in diesem Herbst) gab es ein Festmahl für die -ganze Nachbarschaft. Dies alles geschah unverändert seit ältester -Zeit, soweit Tatjana Ssemjonowna sich ihrer selbst erinnerte. Mein -Mann mischte sich in den Haushalt nicht ein und beschäftigte sich -nur mit der Gutswirtschaft und den Bauern und das mit großem Eifer. -Er stand selbst im Winter so früh auf, daß ich ihn beim Aufwachen -nicht mehr sah. Er kam gewöhnlich zum Frühstückstee zurück, den wir -allein tranken, und befand sich um diese Stunde, nach allen Mühen -und Unannehmlichkeiten, die ihm die Wirtschaft bereitet hatte, in -der besonders lustigen Stimmung, die wir »wildes Entzücken« nannten. -Oft verlangte ich von ihm einen Bericht über alles, was er am Morgen -getrieben hatte, und er erzählte mir dann solchen Unsinn, daß wir uns -beide vor Lachen kugelten; manchmal bestand ich darauf, daß er mir -alles ernsthaft berichte, und er berichtete es mir, sein Lächeln -unterdrückend. Ich blickte ihm in die Augen, sah seine Lippen sich -bewegen, verstand nichts und freute mich nur darüber, daß ich ihn sah -und seine Stimme hörte. - -»Nun, was habe ich eben gesagt? Wiederhole es!« verlangte er von mir. -Aber ich konnte nichts wiederholen. Es kam mir so komisch vor, daß -er mir nicht von sich selbst und nicht von mir erzählte, sondern von -irgendwelchen anderen Dingen. Als wäre es nicht ganz gleich, was es -dort alles gab! Erst viel später fing ich an, seine Sorgen einigermaßen -zu verstehen und mich für sie zu interessieren. Tatjana Ssemjonowna -zeigte sich am Vormittag nicht, trank ihren Tee allein und ließ uns -nur durch Abgesandte begrüßen. So seltsam klang in unserer eigenen, -wahnsinnig glücklichen kleinen Welt die Stimme aus jenem anderen -ordentlichen und vernünftigen Reich, daß ich mich oft nicht beherrschen -konnte und nur laut lachte, wenn ihre Zofe, die Hände auf der Brust -gefaltet, mir mit monotoner Stimme meldete, »Tatjana Ssemjonowna habe -ihr befohlen, zu fragen, wie wir nach dem gestrigen Spaziergange -geruht hätten; von sich selbst lasse sie aber berichten, daß ihr die -ganze Nacht eine Seite wehgetan hätte, und daß ein dummer Hund im -Dorfe gebellt und sie nicht schlafen lassen habe. Ferner lasse die -gnädige Frau fragen, wie uns das heutige Gebäck gemundet habe, und dazu -bemerken, daß heute nicht Taras, sondern zum ersten Male probeweise -Nikolascha gebacken habe; alles, besonders die kleinen Brezeln seien -ganz gut geraten, die Zwiebacke hätte er aber angebrannt.« Bis zum -Mittagessen blieben wir wenig zusammen. Ich spielte Klavier oder las -allein, er schrieb und ging noch einmal aus; aber zum Mittagessen, -das wir um vier Uhr einnahmen, trafen wir uns im Wohnzimmer; die Mama -tauchte aus ihrem Zimmer auf, und es erschienen irgendwelche arme, -adlige Damen oder Wallfahrerinnen, von denen immer zwei bis drei im -Hause wohnten. Mein Mann reichte regelmäßig nach alter Gewohnheit -seiner Mutter den Arm, sie verlangte aber, daß er den anderen Arm mir -reiche, und so gab es in der Türe regelmäßig Schwierigkeiten. Den -Vorsitz beim Mittagessen führte die Mama, und das Gespräch bei Tische -hatte immer einen ernsten und vernünftigen, etwas feierlichen Ton. -Die einfachen Worte, die ich mit meinem Manne wechselte, störten auf -eine angenehme Weise die Feierlichkeit dieser Sitzungen. Zwischen -Mutter und Sohn kam es zuweilen zu Streitigkeiten und Sticheleien; -ich mochte diese Streitigkeiten und Sticheleien besonders gern, weil -bei diesen Gelegenheiten die zärtliche und dauerhafte Liebe, die uns -verband, am stärksten zum Ausdruck kam. Nach dem Essen setzte sich -Mama in den großen Sessel im Wohnzimmer und rieb Tabak oder schnitt -die neuangekommenen Bücher auf, während wir etwas vorlasen oder ins -Diwanzimmer zum Klavier gingen. Wir lasen in dieser Zeit sehr viel, -aber die Musik war unser liebster und schönster Zeitvertreib, da sie -jedesmal neue Saiten in unseren Herzen zum Tönen brachte und uns -einander in einem neuen Lichte zeigte. Wenn ich seine Lieblingsstücke -spielte, setzte er sich auf ein fernes Sofa, wo ich ihn fast nicht -sehen konnte und bemühte sich aus Schamhaftigkeit den Eindruck zu -verbergen, den die Musik auf ihn machte; aber oft, wenn er es gar nicht -erwartete, stand ich vom Klavier auf und ging auf ihn zu, um in seinem -Gesicht noch die Spuren der Erregung und den unnatürlich feuchten -Glanz der Augen vorzufinden, die er vergebens vor mir zu verbergen -suchte. Mama hatte oft Lust, nach uns zu sehen, wenn wir im Diwanzimmer -waren; sie fürchtete wohl, uns zu stören, und ging zuweilen, ohne uns -anzublicken, mit einem geheuchelt ernsten und gleichgültigen Ausdruck -durchs Zimmer. Aber ich wußte, daß sie gar keinen Grund hatte, auf -ihr Zimmer zu gehen und so schnell zurückzukehren. Den Abendtee, den -ich einschenken mußte, tranken wir im großen Wohnzimmer, und alle -Hausgenossen versammelten sich wieder bei Tisch. Diese feierlichen -Sitzungen um den Samowar herum und das Verteilen der Gläser und Tassen -brachten mich lange Zeit in Verlegenheit. Es kam mir immer vor, als -sei ich der Ehre nicht würdig und viel zu jung und zu leichtsinnig, -um den Hahn des so großen Samowars umzudrehen, um Glas für Glas auf -Nikitas Tablett zu setzen und dabei zu sagen: »Für Pjotr Iwanowitsch, -für Marja Minitschna«, um zu fragen: »Ist es süß genug?« und um -einige Stück Zucker für die Kinderfrau und die verdienten Dienstboten -zurückzulegen. »Sehr gut, sehr gut,« sagte mir oft mein Mann, »ganz wie -eine Erwachsene!« Und das brachte mich in noch größere Verlegenheit. - -Nach dem Tee legte die Schwiegermama Patience oder ließ sich von -Marja Minitschna die Karten schlagen; dann küßte und bekreuzigte -sie uns beide, und wir zogen uns zurück. Meistens blieben wir aber -noch bis nach Mitternacht auf, und das war unsere schönste und -angenehmste Zeit. Er erzählte mir von seiner Vergangenheit, wir -schmiedeten Pläne, philosophierten auch manchmal und bemühten uns -immer, recht leise zu sprechen, damit man uns oben nicht höre und es -nicht Tatjana Ssemjonowna melde, die von uns verlangte, daß wir zeitig -zu Bett gingen. Manchmal bekamen wir Appetit, schlichen uns in die -Speisekammer, verschafften uns durch Nikitas Protektion einen kalten -Imbiß und verzehrten ihn beim Scheine einer einzigen Kerze in meinem -Kabinett. So lebten wir beide wie fremde Leute in diesem großen, alten -Hause, in dem alles vom strengen Geist der alten Zeiten und dem Tatjana -Ssemjonownas beherrscht wurde. Nicht nur sie selbst, sondern auch die -Dienstboten, die ältlichen Mädchen, die Möbel, die Bilder flößten mir -Respekt, eine gewisse Scheu und das Bewußtsein ein, daß wir hier nicht -ganz auf unserem Platze seien und uns sehr vorsichtig und aufmerksam -zu benehmen hätten. Wenn ich mich jetzt jener Zeit erinnere, so sehe -ich, daß vieles -- diese lästige unabänderliche Hausordnung, diese -Menge müßiger und neugieriger Menschen in unserem Hause -- unbequem -und schwer zu ertragen war; aber diese Einengung vergrößerte unsere -Liebe. Nicht nur ich, sondern auch er verriet durch keine Miene, daß -ihm etwas mißfiele. Im Gegenteil, er schien sich sogar selbst von allem -fernzuhalten, was schlecht war. Mamas Kammerdiener, Dmitrij Ssidorow, -ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher, ging regelmäßig nach dem Essen, -wenn wir uns im Diwanzimmer befanden, in das Kabinett meines Mannes, -um sich Tabak aus dem Kasten zu holen; man muß es gesehen haben, mit -welchem lustigen Schrecken Ssergej Michailytsch auf den Zehen zu mir -kam und, mit dem Finger drohend und mir zublinzelnd, auf Dmitrij -Ssidorow zeigte, der es gar nicht ahnte, daß man ihn beobachtete. Und -wenn Dmitrij Ssidorow fortging, ohne uns bemerkt zu haben, sagte mir -mein Mann vor Freude darüber, daß alles so gut abgelaufen war, wie -auch bei jeder anderen Gelegenheit, ich sei ein entzückendes Geschöpf -und gab mir einen Kuß. Diese Ruhe, diese Allverzeihung und scheinbare -Gleichgültigkeit gegen alles mißfielen mir zuweilen; ich merkte nicht, -daß in mir die gleichen Eigenschaften steckten und hielt sie für eine -Schwäche. -- Ganz wie ein Kind, das sich nicht getraut, seinen Willen -zu zeigen, -- dachte ich mir. - -»Ach, liebe Freundin,« antwortete er mir, als ich ihm einmal sagte, daß -ich über seine Schwäche staunen müsse, »kann denn ein Mensch über etwas -unzufrieden sein, wenn er so glücklich ist, wie ich? Es ist doch viel -leichter, nachzugeben, als sich die anderen gefügig zu machen; davon -habe ich mich schon längst überzeugt, und es gibt keine Lebenslage, in -der man nicht glücklich sein könnte. Wir haben es aber so gut! Ich kann -nicht zürnen, es gibt für mich jetzt nichts Schlechtes, es gibt nur -Bemitleidenswertes und Komisches. Vor allen Dingen aber: ~le mieux est -l'ennemi du bien~. Glaube mir, wenn ich die Schelle eines Wagens höre, -wenn ich einen Brief erhalte oder auch nur einfach erwache, überkommt -mich zuweilen ein Grauen. Es ist so schrecklich, daß man leben muß, daß -sich etwas ändern kann; etwas Besseres als die Gegenwart kann es aber -gar nicht geben.« - -Ich glaubte ihm, verstand ihn aber nicht; ich fühlte mich wohl, aber -ich glaubte, daß es gerade so und nicht anders sein müsse, und daß es -auch allen anderen Menschen ebenso ginge; daß es aber irgendwo auch -noch ein anderes, wenn auch nicht größeres, aber ein anderes Glück -gäbe. - -So vergingen zwei Monate, es kam der Winter mit seinen Frösten und -Schneestürmen, und ich fing an, obwohl er mit mir war, mich einsam -zu fühlen; zu fühlen, daß das Leben sich wiederhole, daß weder in -mir noch in ihm etwas Neues sei, daß wir vielmehr wieder zum Alten -zurückkehrten. Er widmete sich jetzt immer mehr seinen Geschäften ohne -mich, und es kam mir wieder vor, als wäre in seiner Seele eine eigene -Welt, in die er mich nicht einlassen wolle. Seine immer ruhige Stimmung -reizte mich. Ich liebte ihn nicht weniger als früher und war auch über -seine Liebe nicht weniger glücklich als früher; aber meine Liebe war in -ihrem Wachstum stehengeblieben, und neben ihr keimte in meinem Herzen -irgendein neues unruhiges Gefühl. Es genügte mir nicht, ihn zu lieben, -nachdem ich das Glück genossen hatte, diese Liebe in mir aufblühen -zu fühlen. Ich sehnte mich nach Bewegung und nicht nach einem ruhig -dahinfließenden Leben. Ich sehnte mich nach Aufregungen, Gefahren und -Aufopferung des Gefühls wegen. Es war in mir ein Überfluß an Kraft, -die in unserem stillen Leben keine Anwendung fand. Mich überkamen -Anfälle von Schwermut, die ich wie etwas Schlimmes vor ihm zu verbergen -suchte, und Anfälle einer ungestümen Zärtlichkeit und Lustigkeit, die -ihn erschreckten. Er merkte meinen Zustand früher als ich und machte -mir den Vorschlag, in die Stadt zu ziehen; ich aber bat ihn, es nicht -zu tun, unsere Lebensweise nicht zu ändern und unser Glück nicht zu -stören. Ich war in der Tat glücklich, aber mich quälte es, daß dieses -Glück mich gar keine Mühe, gar kein Opfer kostete, während mich der -Überfluß an Tatkraft und Opferwilligkeit erdrückte. Ich liebte ihn -und sah, daß ich für ihn alles war; aber ich wünschte mir, daß alle -Menschen unsere Liebe sähen, daß man mich daran zu hindern suchte, -ihn zu lieben, und daß ich ihn trotzdem liebte. Mein Geist und sogar -meine Empfindung waren beschäftigt, aber es gab auch noch ein anderes -Gefühl von Jugend, ein Verlangen nach Bewegung, das in unserem stillen -Leben keine Befriedigung fand. Warum hatte er mir gesagt, daß wir in -die Stadt ziehen könnten, sobald ich es nur wünschte? Hätte er es mir -nicht gesagt, so hätte ich vielleicht verstanden, daß das Gefühl, das -mich bedrückte, eine dumme und schädliche Einbildung und ein Fehler -von mir war, daß das Opfer, nach dem ich lechzte, vor mir lag und in -der Unterdrückung dieses Gefühls bestand. Der Gedanke, daß ich meiner -Schwermut entgehen könnte, wenn ich nur in die Stadt zöge, kam mir -unwillkürlich in den Sinn; zugleich wäre es aber für mich beschämend -und schmerzlich, ihn von allem, was er liebte, loszureißen. Die Zeit -ging aber dahin, der Schnee häufte sich immer höher an den Hausmauern -auf, und wir waren immer allein und immer noch die gleichen zueinander; -aber irgendwo draußen wogten in Glanz und Lärm Scharen von Menschen, -die litten und sich freuten, ohne an uns und an unser dahinschwindendes -Dasein zu denken. Das Unangenehmste war für mich, daß ich fühlte, wie -die Gewohnheiten unser Leben mit jedem Tage zu einer bestimmten Form -erstarren machten, wie unser Gefühl, statt frei zu werden, sich dem -gleichmäßigen und leidenschaftslosen Gange der Zeit fügte. Des Morgens -waren wir lustig, um die Mittagsstunde höflich und am Abend zärtlich. --- Gut! ... -- sagte ich mir, -- es ist gut, Gutes zu tun und ehrlich -zu leben, wie er es nennt; aber dazu haben wir noch Zeit, und es gibt -auch noch etwas anderes, wozu ich nur jetzt die Kraft habe. -- Mir tat -etwas anderes not, ich lechzte nach Kampf; ich wollte, daß das Gefühl -unser Leben leite und nicht vom Leben geleitet werde. Ich wollte mit -ihm an den Rand eines Abgrunds treten und sagen: -- Ein Schritt, und -ich stürze mich hinab, eine Bewegung, und ich bin verloren! -- Er aber -sollte am Rande des Abgrunds erbleichen, mich mit seinen kräftigen -Armen emporheben, eine Weile über dem Abgrunde halten, so daß mir das -Herz erkaltete, und mich dann forttragen, wohin er wollte. - -Dieser Zustand beeinflußte sogar meine Gesundheit, und ich wurde -nervös. Eines Morgens fühlte ich mich noch schlechter als gewöhnlich; -er war aus dem Gutskontor in übler Laune zurückgekehrt, was bei ihm -selten der Fall war. Ich merkte es sofort und fragte ihn, was er habe. -Er wollte es mir aber nicht sagen und meinte, es sei nicht der Rede -wert. Wie ich später erfuhr, hatte der Isprawnik einige von unseren -Bauern zu sich berufen und von ihnen, um meinen Mann zu ärgern, unter -Drohungen etwas Ungesetzliches verlangt. Mein Mann hatte es noch nicht -so weit verdaut, daß es ihm bloß jämmerlich und lächerlich erschiene; -er war gereizt und wollte darum mit mir nicht sprechen. Mir schien -aber, er wolle darum nicht sprechen, weil er mich für ein Kind halte, -welches gar nicht verstehen könne, was ihn beschäftige. Ich wandte -mich von ihm weg, verstummte und ließ Marja Minitschna, die bei uns zu -Besuch war, zum Tee bitten. Nach dem Tee, der sehr schnell getrunken -war, ging ich mit Marja Minitschna ins Diwanzimmer und begann ihr -irgendeinen Unsinn zu erzählen, der mich gar nicht interessierte. Er -aber ging im Zimmer auf und ab und streifte uns ab und zu mit einem -Blick. Diese Blicke hatten auf mich diesmal die eigentümliche Wirkung, -daß ich immer größere Lust verspürte, zu sprechen und sogar zu lachen; -alles, was ich selbst sagte, und auch alles, was Marja Minitschna -sagte, kam mir so komisch vor. Er sagte mir kein Wort, zog sich in -sein Kabinett zurück und schloß die Türe. Sobald ich seine Schritte -nicht mehr hörte, verflüchtigte sich sofort meine ganze Lustigkeit, -so daß Marja Minitschna mich sogar fragte, was ich habe. Ohne ihr zu -antworten, setzte ich mich aufs Sofa und war bereit zu weinen. -- Was -fällt ihm bloß ein? -- dachte ich mir. -- Es ist irgendein Unsinn, der -ihm so wichtig erscheint; wenn er bloß versuchen wollte, es mir zu -sagen, so würde ich ihm zeigen, daß es ein Unsinn ist. Nein, er muß -sich unbedingt einreden, daß ich es nicht verstehen werde, er muß mich -mit seiner majestätischen Ruhe demütigen und immer Recht mir gegenüber -behalten. Dafür habe ich auch Recht, wenn ich mich langweile, wenn -mir alles leer erscheint, wenn ich leben und mich bewegen will, aber -nicht immer auf demselben Flecke bleiben und fühlen, wie die Zeit über -mich hinweggeht. Ich will vorwärtsgehen, ich will jeden Tag und jede -Stunde etwas Neues; aber er will stehenbleiben und auch mich zum Stehen -zwingen. Wie leicht könnte er es haben! Er brauchte mich gar nicht in -die Stadt zu bringen, es genügte, wenn er nur so wäre, wie ich, wenn -er sich keinen Zwang antäte, sich nicht zurückhielte und ganz einfach -leben wollte. Das rät er immer mir, ist aber dabei selbst gar nicht -einfach. Das ist es! -- - -Ich fühlte, wie mich die Tränen würgten, und daß ich gegen ihn gereizt -war. Ich erschrak vor diesem Gefühl und ging zu ihm. Er saß im Kabinett -und schrieb. Als er meine Schritte hörte, warf er mir einen kurzen, -gleichgültigen und ruhigen Blick zu und fuhr fort zu schreiben. Dieser -Blick gefiel mir nicht; statt zu ihm zu treten, blieb ich vor dem -Tische stehen, auf dem er schrieb, schlug ein Buch auf und blickte -hinein. Er hielt noch einmal in seinem Schreiben inne und sah mich an. - -»Mascha, bist du heute schlecht gelaunt?« fragte er. - -Ich antwortete mit einem kühlen Blick, welcher besagte: -- Brauchst -nicht zu fragen! Was sind das für Liebenswürdigkeiten? -- Er schüttelte -den Kopf und lächelte scheu und zärtlich; zum erstenmal antwortete ich -auf sein Lächeln nicht mit meinem Lächeln. - -»Was hast du heute gehabt?« fragte ich. »Warum hast du es mir nicht -gesagt?« - -»Unsinn! Eine kleine Unannehmlichkeit,« antwortete er. »Aber ich kann -es dir auch erzählen. Zwei Bauern gingen in die Stadt ...« - -Aber ich ließ ihn nicht weitersprechen. - -»Warum hast du es mir nicht schon beim Tee erzählt, als ich dich danach -fragte?« - -»Damals hätte ich dir eine Dummheit gesagt, denn ich war wütend.« - -»Aber ich wollte es gerade damals wissen.« - -»Warum?« - -»Warum glaubst du, ich könnte dir niemals helfen?« - -»Und ob ich es glaube!« sagte er, die Feder fortlegend. »Ich glaube, -daß ich ohne dich nicht leben kann. In allen Dingen, in allen Dingen -hilfst du mir nicht nur, sondern tust alles statt meiner. Was dir -plötzlich einfällt!« rief er lachend. »Ich lebe doch nur dank dir. -Alles erscheint mir nur darum gut, weil du hier bist, weil man dich ...« - -»Ja, ich weiß es: ich bin ein liebes Kind, das man beruhigen muß,« -sagte ich in einem solchen Ton, daß er mich so erstaunt, als sähe er -mich zum erstenmal, anblickte. »Ich will die Ruhe nicht, du hast sie ja -im Überfluß,« fügte ich hinzu. - -»Nun siehst du selbst, worum es sich hier handelt,« begann er hastig, -mich unterbrechend, als fürchtete er, mich aussprechen zu lassen, »was -würdest du in diesem Falle sagen?« - -»Jetzt will ich nichts sagen,« antwortete ich. Ich hatte zwar Lust, ihm -zuzuhören, aber es war mir so angenehm, seine Ruhe zu stören. »Ich will -nicht so tun, als ob ich lebte, ich will leben,« sagte ich, »genau so -wie du.« - -Sein Gesicht, das jeden Eindruck so schnell und so lebhaft -wiederspiegelte, drückte Schmerz und gespannte Aufmerksamkeit aus. - -»Ich will genau so wie du leben, mit dir ...« - -Aber ich konnte nicht zu Ende sprechen: sein Gesicht nahm einen so -traurigen, einen so tieftraurigen Ausdruck an. Er schwieg eine Weile. - -»Worin liegt der Unterschied zwischen meinem und deinem Leben?« fragte -er. »Doch nur darin, daß ich, und nicht du, mich mit dem Isprawnik und -den betrunkenen Bauern herumschlage ...« - -»Nein, das ist nicht alles,« erwiderte ich. - -»Begreife es doch, liebes Kind, um Gottes willen,« fuhr er fort, »ich -weiß, daß alle solche Aufregungen uns immer weh tun; ich kenne das -Leben und weiß es. Ich liebe dich und kann darum nichts anderes wollen, -als dir alle diese Aufregungen ersparen. Darin liegt mein Leben, in der -Liebe zu dir; erschwere mir nicht dieses Leben.« - -»Du hast immer Recht!« sagte ich, ohne ihn anzusehen. - -Es kränkte mich, daß in seiner Seele alles wieder so heiter und ruhig -war, während ich Ärger und ein Gefühl, das der Reue glich, empfand. - -»Mascha, was hast du nur?« sagte er. »Die Rede ist doch nicht davon, ob -ich Recht habe oder du Recht hast, sondern von etwas ganz anderem: was -hast du gegen mich? Sage es mir nicht sofort, überlege es dir erst und -sage mir alles, was du dir denkst. Du bist mit mir unzufrieden, du hast -wahrscheinlich Recht, aber erkläre mir, worin ich Unrecht habe.« - -Aber wie konnte ich ihm das Innerste meiner Seele aufdecken? Daß er -mich sofort verstanden hatte, daß ich wieder wie ein Kind vor ihm -dastand, daß ich nichts anfangen konnte, ohne daß er es begriff und -voraussah, -- regte mich noch mehr auf. - -»Ich habe nichts gegen dich,« sagte ich. »Ich langweile mich nur und -will, daß diese Langweile aufhört. Aber du sagst, daß es so sein muß, -und hast wieder Recht!« - -Nachdem ich das gesagt hatte, sah ich ihn an. Ich hatte meinen Zweck -erreicht: seine Ruhe war dahin, sein Gesicht drückte Schrecken und -Schmerz aus. - -»Mascha,« begann er mit leiser, erregter Stimme, »es ist kein Scherz, -was wir jetzt treiben. Unser Schicksal steht auf dem Spiele. Ich bitte -dich, mir nichts zu antworten und mich anzuhören. Warum willst du mich -so quälen?« - -Aber ich unterbrach ihn. - -»Ich weiß, daß du Recht behältst. Sprich lieber nicht, du hast Recht,« -sagte ich kühl, als spräche ich es nicht selbst, sondern irgendein -böser Geist in mir. - -»Wenn du nur wüßtest, was du tust!« sagte er mit zitternder Stimme. - -Ich fing zu weinen an, und die Tränen erleichterten mir das Herz. Er -saß neben mir und schwieg. Ich empfand Mitleid mit ihm, ich schämte -mich und ärgerte mich über mein Tun. Ich sah ihn nicht an. Ich glaubte, -er müsse mich in diesem Augenblick entweder streng oder erstaunt -ansehen. Ich wandte mich zu ihm: ein sanfter, zärtlicher, wie um -Verzeihung bittender Blick war auf mich gerichtet. Ich nahm seine Hand -und sagte: - -»Vergib mir! Ich weiß selbst nicht, was ich sagte.« - -»Ja, aber ich weiß, was du sagtest, und du hattest Recht.« - -»Wieso denn?« fragte ich. - -»Wir müssen wirklich nach Petersburg gehen,« antwortete er. »Hier haben -wir nichts mehr zu tun.« - -»Wie du willst,« sagte ich. - -Er umarmte und küßte mich. - -»Verzeih mir,« sagte er. »Ich war im Unrecht.« - -An diesem Abend spielte ich ihm lange vor, während er im Zimmer auf und -ab ging und etwas flüsterte. Er hatte die Gewohnheit, so zu flüstern; -ich fragte ihn oft, was er geflüstert habe, und er sagte es mir dann -immer nach kurzem Besinnen; meistens waren es Verse und zuweilen auch -irgendein Unsinn, aber selbst an diesem Unsinn konnte ich immer seine -Stimmung erkennen. - -»Was flüsterst du heute?« fragte ich. - -Er blieb stehen, dachte nach und antwortete mir lächelnd mit den zwei -Zeilen Lermontows: - - »... Doch der Verwegne lechzt nach Stürmen, - Als wäre in den Stürmen Ruh!« - --- Nein, er ist mehr als ein Mensch, er weiß alles! -- dachte ich mir. --- Wie sollte ich ihn nicht lieben! -- - -Ich stand auf, ergriff seinen Arm und begann mit ihm auf und ab zu -gehen, mir Mühe gebend, gleichen Schritt mit ihm zu halten. - -»Ja?« fragte er und sah mich lächelnd an. - -»Ja,« antwortete ich flüsternd; und eine eigentümliche, lustige -Stimmung ergriff uns beide, unsere Augen lachten, wir machten immer -größere Schritte und reckten uns immer höher auf den Zehen empor. Mit -dem gleichen Schritt gingen wir zu großer Entrüstung Grigorijs und zum -Erstaunen Mamas, die im Wohnzimmer Patience legte, durch alle Zimmer -ins Speisezimmer, blieben dort stehen, sahen einander an und brachen in -Lachen aus. - -Vierzehn Tage später, vor den Feiertagen, waren wir schon in -Petersburg. - - -II - -Unsere Reise nach Petersburg, die acht Tage in Moskau, das Wiedersehen -mit seinen und meinen Verwandten, die Einrichtung in der neuen Wohnung, -die Fahrt selbst, die neuen Städte und die neuen Gesichter -- all das -zog wie ein Traum an mir vorüber. Das alles war so abwechslungsreich, -neu und lustig, so warm und hell von seiner Gegenwart, von seiner -Liebe erleuchtet, daß unser stilles Leben auf dem Lande mir als etwas -Längstvergangenes und Nichtiges erschien. Zu meinem großen Erstaunen -kamen mir alle (und zwar nicht nur die Verwandten, sondern auch die -Fremden), statt mit dem Hochmut und der Kälte der großen Welt, die -ich erwartete, mit einer so unverfälschten Liebenswürdigkeit und -Freude entgegen, daß ich den Eindruck hatte, als hätten sie nur an -mich gedacht und nur mich erwartet, um selbst ihre Freude an mir zu -haben. Ebenso unerwartet für mich zeigte es sich, daß mein Mann in -den vornehmsten Kreisen, die mir als die besten erschienen, viele -Bekannte hatte, von denen er mir niemals erzählt hatte; und es war -mir oft so sonderbar und unangenehm, aus seinem Munde strenge Urteile -über manche dieser Menschen zu hören, die mir so gut zu sein schienen. -Ich konnte nicht begreifen, warum er sie so kühl behandelte und -vielen Bekanntschaften aus dem Wege ging, die mir so schmeichelhaft -erschienen. Ich glaubte, je mehr gute Menschen man kenne, um so besser -sei es, und alle Menschen seien doch so gut. - -»Siehst du, wie wir uns einrichten müssen,« hatte er mir vor der -Abreise vom Lande gesagt. »Hier sind wir reiche Leute, aber dort -sind wir es lange nicht. Darum dürfen wir in der Stadt nur bis zur -Osterwoche bleiben und müssen die große Welt meiden, sonst könnten wir -Schwierigkeiten haben; auch deinetwegen möchte ich es nicht anders.« - -»Wozu die große Welt?« fragte ich. »Wir wollen nur die Theater und -unsere Verwandten besuchen, ein paarmal in die Oper gehen, gute Musik -hören und schon vor der Osterwoche aufs Land zurückkehren.« - -Kaum kamen wir aber nach Petersburg, als diese Pläne vergessen waren. -Ich befand mich plötzlich in einer so neuen, glücklichen Welt, war von -so viel Freuden umfangen und von solchen neuen Interessen in Anspruch -genommen, daß ich mich sofort, wenn auch unbewußt, von meiner ganzen -Vergangenheit und den in der Vergangenheit gefaßten Plänen lossagte. -- -Bisher war alles nur ein Spiel, das Richtige hatte noch nicht begonnen; -das da ist aber das wahre Leben! Und was erwartet mich noch alles?! --- dachte ich mir. Die Unruhe und die beginnende Langweile, die mich -auf dem Lande gequält hatten, waren plötzlich wie durch einen Zauber -gänzlich verschwunden. Meine Liebe zu meinem Mann war ruhiger geworden, -und hier kam mir niemals der Gedanke, ob er mich nicht weniger liebe -als früher. Ich durfte auch nicht an seiner Liebe zweifeln: er erriet -sofort jeden meiner Gedanken, teilte jedes meiner Gefühle und erfüllte -jeden meiner Wünsche. Seine Ruhe war hier verschwunden oder hatte bloß -aufgehört, mich zu reizen. Dabei fühlte ich, daß zu seiner früheren -Liebe sich auch noch ein Entzücken gesellte. Gar oft sagte er nach -einem Besuch, oder wenn wir eine neue Bekanntschaft gemacht oder bei -uns eine Abendgesellschaft gehabt hatten, wo ich vor Angst, irgendeinen -Mißgriff zu machen, zitternd die Pflichten der Hausfrau erfüllte: -- -»Sehr gut, mein Kind! Ausgezeichnet! Mut! Wirklich ausgezeichnet!« Und -ich war dann sehr froh. Bald nach unserer Ankunft in Petersburg schrieb -er seiner Mutter einen Brief, und als ich einige Worte hinzuschreiben -sollte, wollte er mir nicht zeigen, was er geschrieben hatte; -infolgedessen bestand ich natürlich darauf und bekam das Geschriebene -zu lesen. »Sie werden Mascha gar nicht wiedererkennen,« schrieb er ihr, -»und auch ich selbst erkenne sie nicht wieder. Woher hat sie nur diese -nette, graziöse Sicherheit, diese ›~affabilité~‹, diese Fähigkeit, in -der Gesellschaft durch Geist zu glänzen, und diese Liebenswürdigkeit! -Und all das ist bei ihr so einfach, lieb und gutmütig. Alle sind von -ihr entzückt, und auch ich selbst kann sie gar nicht genug bewundern; -wenn es möglich wäre, müßte ich sie noch mehr lieb gewinnen.« - --- Ach so, also so eine bin ich! -- dachte ich mir. Es wurde mir so -wohl und so lustig zumute, und es kam mir sogar vor, als liebte ich -ihn noch mehr. Mein Erfolg bei allen unseren Bekannten war für mich -völlig unerwartet. Von allen Seiten hörte ich, daß ich hier einem Onkel -besonders gut gefallen, daß dort eine Tante sich in mich verliebt -hätte; der eine sagte mir, daß es in ganz Petersburg keine ähnliche -Frau gäbe, die andere versicherte mich, ich brauche nur zu wollen, -um die »exklusivste« Dame der Gesellschaft zu werden. Besonderen -Eindruck machte ich auf eine Kusine meines Mannes, die Fürstin D., -eine nicht mehr junge Dame der großen Welt; diese hatte sich plötzlich -in mich verliebt und sagte mir so schmeichelhafte Dinge, daß es mir -schwindelte. Als diese Kusine mich zum erstenmal aufforderte, einen -Ball zu besuchen, und meinen Mann darum bat, wandte er sich an mich -mit einem kaum merklichen schlauen Lächeln und fragte, ob ich hingehen -möchte. Ich nickte bejahend und fühlte, wie ich errötete. - -»Sie gesteht wie eine Verbrecherin, was sie möchte,« sagte er mit einem -gutmütigen Lächeln. - -»Du hattest doch selbst gesagt, daß wir keine großen Gesellschaften -besuchen würden, auch magst du so was nicht,« antwortete ich lächelnd -und ihn flehend anblickend. - -»Wenn du so große Lust hast gehen wir hin,« sagte er. - -»Nein, wirklich, lieber nicht.« - -»Hast du große Lust?« fragte er wieder. - -Ich gab keine Antwort. - -»Die große Welt ist noch kein Übel,« fuhr er fort, »aber die -unbefriedigten Gelüste, die sie in uns weckt, sind schlimm und häßlich. -Wir müssen aber unbedingt hin und werden es auch tun,« schloß er sehr -bestimmt. - -»Wenn ich dir die Wahrheit sagen soll,« entgegnete ich, »so wünsche ich -in der ganzen Welt nichts so sehr, wie diesen Ball zu besuchen.« - -Wir gingen auch hin, und der Genuß, den mir der Ball verschaffte, -übertraf alle meine Erwartungen. Auf dem Balle hatte ich noch mehr -als früher den Eindruck, ich sei der Mittelpunkt, um den sich alles -bewegte, als sei dieser große Saal nur meinetwegen erleuchtet, als -spiele die Musik nur für mich und als hätten sich alle diese Menschen -versammelt, nur um mich zu bewundern. Alle, vom Friseur und der Zofe -bis zu den Greisen, die durch den Saal gingen, schienen mir zu sagen -und gaben mir zu fühlen, daß sie mich liebten. Das allgemeine Urteil, -das sich über mich auf diesem Balle gebildet hatte und das ich von der -Kusine zu hören bekam, lautete, daß ich allen anderen Damen gar nicht -ähnlich sehe, daß an mir etwas Besonderes, Ländlich-Einfaches und -Reizendes sei. Dieser Erfolg schmeichelte mir so sehr, daß ich meinem -Mann ganz offenherzig sagte, wie gerne ich in diesem Jahre noch zwei -oder drei Bälle besuchen möchte; »um sie ordentlich satt zu bekommen,« -fügte ich nicht ganz aufrichtig hinzu. - -Mein Mann willigte gerne ein und führte mich in der ersten Zeit mit -sichtlichem Vergnügen auf die Bälle, freute sich über meine Erfolge und -schien das, was er früher gesagt hatte, ganz vergessen zu haben oder es -zu verleugnen. - -Mit der Zeit fing er an sich offenbar zu langweilen und das Leben, das -wir führten, als eine Last zu empfinden. Aber ich kümmerte mich nicht -viel darum; wenn ich zuweilen auch seinen aufmerksamen und ernsten, -fragend auf mich gerichteten Blick sah, verstand ich seine Bedeutung -nicht. Ich war von diesem Gefühl, das ich so plötzlich in allen Fremden -geweckt hatte und das ich für Liebe hielt, von dieser Luft des Luxus, -der Vergnügungen und der neuen Eindrücke, die ich hier zum erstenmal -atmete, so benebelt, sein mich erdrückender moralischer Einfluß war so -spurlos verschwunden, es war mir so angenehm, hier in dieser Welt nicht -nur auf der gleichen Stufe mit ihm, sondern sogar über ihm zu stehen -und ihn darum noch mehr und selbständiger zu lieben als früher, daß -ich unmöglich verstehen konnte, was er in diesem Leben in der großen -Welt Unangenehmes für mich erblickte. Ich empfand das mir neue Gefühl -des Stolzes und der Genugtuung, wenn bei meinem Erscheinen auf einem -Balle alle Blicke sich auf mich richteten, während er, als schämte -er sich, dieser Menge zu zeigen, daß er mich besitze, mich eiligst -verließ und sich in der schwarzen Schar der Fracks verlor. -- Wart' -einmal! -- sagte ich mir oft, mit den Augen am Ende des Saales seine -unauffällige Gestalt mit dem oft gelangweilten Gesicht suchend, -- -wart' einmal! -- sagte ich mir, -- wenn wir wieder zu Hause sind, so -wirst du auch verstehen, für wen ich so schön und glänzend sein wollte -und wen ich von allen, die mich am heutigen Abend umgeben, liebe. -- -Ich glaubte selbst aufrichtig daran, daß meine Erfolge mich nur darum -so freuten, weil ich sie ihm zum Opfer bringen konnte. Das Einzige, -was mir in dieser großen Welt gefährlich werden konnte, glaubte ich, -sei die Möglichkeit, mich in einen der Männer, die ich da traf, zu -vergaffen und in meinem Manne Eifersucht zu wecken; aber er vertraute -mir so sehr und schien so ruhig und gleichgültig, und alle diese jungen -Männer kamen mir im Vergleich zu ihm so unbedeutend vor, daß diese -Gefahr, die ich für die einzige hielt, mich gar nicht erschreckte. Aber -die Aufmerksamkeit mancher Menschen in der Gesellschaft gewährte mir -dennoch Vergnügen, schmeichelte meinem Ehrgeiz, brachte mich auf den -Gedanken, daß meine Liebe zu meinem Manne mir als Verdienst anzurechnen -sei und verlieh meinem Benehmen gegen ihn eine gewisse Überlegenheit -und sogar Nachlässigkeit. - -»Ich habe gesehen, wie lebhaft du dich mit der N. N. unterhalten -hast,« sagte ich ihm einmal bei der Rückkehr von einem Ball, ihm mit -dem Finger drohend und eine der bekannten Damen der Petersburger -Gesellschaft nennend, mit der er an diesem Abend wirklich gesprochen -hatte. Ich sagte dies, um ihn etwas aufzurütteln, denn er war besonders -schweigsam und langweilig. - -»Ach, wie kann man nur so sprechen? Und das sagst du, Mascha!« sprach -er durch die Zähne und das Gesicht wie bei einem körperlichen Schmerz -verziehend. »Das steht uns beiden nicht! Überlaß das den anderen; solch -ein verlogenes Verhältnis könnte unser wahres Verhältnis zueinander -trüben, und ich hoffe doch, daß dieses wahre Verhältnis wiederkehrt.« - -Ich schämte mich und schwieg. - -»Es kehrt doch wieder, Mascha? Wie glaubst du?« fragte er. - -»Es hat sich doch gar nicht getrübt und wird sich nie trüben,« -entgegnete ich und glaubte in jenem Augenblick wirklich daran. - -»Gott gebe es!« sagte er. »Sonst wäre es Zeit, aufs Land -zurückzukehren.« - -Das war aber auch das einzige Mal, daß er so zu mir sprach; sonst -schien es mir immer, daß er sich ebenso wohl fühlte wie ich, mir war -aber so lustig und fröhlich zumute. -- Wenn er sich sogar manchmal -langweilt, -- tröstete ich mich, -- so habe ich mich doch seinetwegen -genug auf dem Lande gelangweilt; und wenn unser Verhältnis sich auch -etwas verändert hat, so wird es doch wiederkehren, sobald wir im -Sommer wieder allein mit Tatjana Ssemjonowna in unserem Hause von -Nikolskoje sind. -- - -So verging für mich unmerklich dieser Winter, und wir blieben sogar, -entgegen unserer Absicht, auch die Osterwoche in Petersburg. In -der Woche nach Ostern, als wir schon reisefertig waren, als alles -eingepackt war und mein Mann, der die Geschenke, Blumen und andere -Gegenstände für unser Landleben einkaufte, besonders zärtlich und -fröhlich gestimmt war, kam zu uns unerwartet die Kusine, um uns -zu überreden, bis zum nächsten Sonnabend zu bleiben und noch eine -Soiree bei der Gräfin R. mitzumachen. Sie sagte, die Gräfin R. wolle -mich unbedingt bei sich sehen und der Prinz M., der sich damals in -Petersburg aufhielt, hätte noch auf dem letzten Ball den Wunsch -geäußert, mich kennenzulernen; er würde nur deswegen zu der Soiree -kommen und hätte gesagt, ich sei die hübscheste Frau in ganz Rußland. -Die ganze Stadt werde dabei sein, mit einem Worte, es wäre ganz -unerhört, wenn ich nicht käme. - -Mein Mann stand am anderen Ende des Wohnzimmers und sprach mit jemand. - -»Nun, werden Sie kommen, Marie?« fragte die Kusine. - -»Wir wollen übermorgen aufs Land,« antwortete ich unentschlossen und -blickte meinen Mann an. Unsere Augen begegneten sich, und er wandte -sich schnell weg. - -»Ich will ihn überreden, zu bleiben,« sagte die Kusine, »und am -Sonnabend gehen wir zur Gräfin, um allen die Köpfe zu verdrehen. Ja?« - -»Das würde alle unsere Pläne über den Haufen werfen, und wir haben -auch schon gepackt,« antwortete ich, nahe daran, nachzugeben. - -»Das beste wäre, sie ginge heute abend selbst zum Prinzen, um ihm ihre -Aufwartung zu machen,« sagte mein Mann vom anderen Ende des Zimmers in -einem so gereizten Ton, wie ich ihn bei ihm noch nie gehört hatte. - -»Ach, er ist eifersüchtig! Das hätte ich doch nicht erwartet!« rief -die Kusine lachend. »Ich bitte sie ja nicht des Prinzen wegen, Ssergej -Michailytsch, sondern weil wir es alle wünschen. Wie flehentlich hat -mich doch die Gräfin R. darum gebeten!« - -»Das hängt von ihr ab,« entgegnete mein Mann kühl und verließ das -Zimmer. - -Ich sah, daß er erregter war als sonst; dies quälte mich, und ich -versprach der Kusine nichts. Als sie fort war, ging ich sofort zu -meinem Mann. Er ging nachdenklich auf und ab und sah und hörte nicht, -wie ich auf den Zehen zu ihm ins Zimmer trat. - --- Er denkt schon an sein liebes Haus zu Nikolskoje, -- sagte ich mir, -ihn anblickend, -- an den Morgenkaffee im hellen Wohnzimmer, an seine -Felder und Bauern, an die Abende im Diwanzimmer und an unsere geheimen -nächtlichen Mahlzeiten. Nein! -- sagte ich mir sehr entschieden, -- -alle Bälle auf der Welt und die Schmeicheleien aller Prinzen gebe ich -gerne für seine freudige Verlegenheit und seine stillen Liebkosungen -hin! -- Ich wollte ihm schon sagen, daß ich zu der Soiree nicht gehen -würde, als er sich plötzlich umwandte, mich bemerkte und der sanfte -und nachdenkliche Ausdruck aus seinem Gesicht verschwand. Sein Blick -drückte wieder Klugheit, Weisheit und eine gönnerhafte Ruhe aus. Er -wollte nicht, daß ich ihn als einen gewöhnlichen Menschen sähe: er -mußte unbedingt als Halbgott auf einem Piedestal vor mir stehen. - -»Was hast du, liebes Kind?« fragte er, sich gleichgültig und ruhig an -mich wendend. - -Ich antwortete nicht. Mich verdroß es, daß er sich vor mir verstellte -und nicht so bleiben wollte, wie ich ihn liebte. - -»Willst du also am Sonnabend zu der Soiree?« fragte er. - -»Ich wollte es,« antwortete ich, »aber du hast keine Lust. Auch ist ja -schon alles gepackt,« fügte ich hinzu. - -Noch nie hatte er mich so kalt angesehen, noch niemals so kalt mit mir -gesprochen. - -»Ich reise nicht vor Dienstag ab und werde die Sachen wieder auspacken -lassen,« sagte er. »Darum kannst du auch die Soiree mitmachen, wenn du -Lust hast. Geh bitte hin. Ich reise nicht ab.« - -Wie immer, wenn er aufgeregt war, ging er mit ungleichen Schritten auf -und ab und sah mich nicht an. - -»Ich kann dich unmöglich verstehen,« sagte ich, ohne mich ihm zu -nähern und ihn mit den Augen verfolgend. »Du sagst, daß du immer so -ruhig seist (er hatte das niemals gesagt), warum sprichst du dann so -merkwürdig mit mir? Ich bin bereit, dir dieses Vergnügen zu opfern, du -aber verlangst von mir mit einer Ironie, mit der du zu mir noch niemals -gesprochen hast, daß ich zu der Soiree gehe.« - -»Nun, du bringst _ein Opfer_ (er betonte dieses Wort ganz besonders), -auch ich bringe ein Opfer; was kann man sich besseres wünschen? Es -ist ein Wettstreit der Großmut. Kann man sich denn ein schöneres -Familienglück denken?« - -Ich hörte von ihm zum erstenmal so erbitterte und höhnische Worte. -Sein Hohn beschämte mich nicht, sondern verletzte mich, und seine -Erbitterung erschreckte mich nicht, sondern teilte sich auch mir mit. -Kamen diese Worte wirklich von ihm, der sonst in unserem Verhältnis -jede Phrase mied und immer so aufrichtig und einfach war? Womit hatte -ich das verdient? Damit, daß ich ihm wirklich mein Vergnügen opfern -wollte, in dem ich nichts Schlimmes erblicken konnte, und daß ich ihn -erst vor einer Minute so gut verstanden und geliebt hatte! Wir hatten -die Rollen getauscht: er vermied die einfachen und direkten Worte, -während ich sie suchte. - -»Du hast dich sehr verändert,« sagte ich seufzend. »Was habe ich -gegen dich verbrochen? Es ist nicht der Abend bei der Gräfin, es -ist etwas anderes, Altes, was du gegen mich im Herzen hast. Warum -diese Unaufrichtigkeit? Hast du sie denn bisher nicht selbst immer -gefürchtet? Sag mir ganz offen, was du gegen mich hast!« -- Was wird -er mir wohl sagen? -- dachte ich mir, von der angenehmen Gewißheit -erfüllt, daß ich mir im Laufe des ganzen Winters nichts zuschulden -kommen ließ, was er mir vorzuwerfen hätte. - -Ich trat in die Mitte des Zimmers, so daß er ganz nahe an mir -vorübergehen mußte und sah ihn an. -- Er wird auf mich zugehen, mich -umarmen und damit wird alles enden, -- ging es mir durch den Kopf, -und es tat mir sogar leid, daß ich nicht dazu kommen würde, ihm zu -beweisen, daß er im Unrecht sei. Aber er blieb am Ende des Zimmers -stehen und sah mich an. - -»Verstehst du noch immer nichts?« fragte er. - -»Nein.« - -»Dann will ich es dir sagen. Es ist mir ekelhaft, es ist mir zum -erstenmal ekelhaft, was ich empfinde und was ich empfinden muß ...« Er -blieb stehen, sichtlich vom rauhen Ton seiner eigenen Stimme erschreckt. - -»Was ist es denn?« fragte ich mit Tränen der Entrüstung in den Augen. - -»Es ist ekelhaft, daß der Prinz dich hübsch findet, und daß du ihm -darum nachlaufen willst, darüber deinen Mann, dich selbst und die -weibliche Würde vergißt und nicht begreifen willst, was dein Mann -an deiner Statt empfinden muß, wenn dir selbst das Gefühl der Würde -abgeht; im Gegenteil, du kommst zu deinem Mann und sagst ihm, daß du -ein _Opfer_ bringst, d. h.: ›es ist für mich ein großes Glück, mich -seiner Hoheit zu zeigen, aber ich bringe dieses Glück zum _Opfer_.‹« - -Je länger er sprach, um so mehr geriet er in Feuer, und seine Stimme -klang giftig, grausam und roh. Niemals hatte ich ihn so gesehen und -von ihm so etwas auch nie erwartet; das ganze Blut schoß mir ins -Herz, ich fürchtete mich, aber zugleich erregte mich das Gefühl einer -unverdienten Beschämung und einer verletzten Eigenliebe, und ich fühlte -den Wunsch, mich an ihm zu rächen. - -»Ich habe das schon längst erwartet,« sagte ich, »sprich nur, sprich.« - -»Ich weiß nicht, was du erwartet hast,« fuhr er fort, »aber ich konnte -das Schlimmste erwarten, da ich dich täglich in diesem Schmutz, im -Müßiggange und Luxus dieser dummen Gesellschaft sah; und ich habe es -auch erlebt ... Ich hab' es erlebt, daß ich heute Scham und Schmerz -empfinde wie niemals; es war mir schmerzvoll genug, als deine Freundin -mit ihren schmutzigen Händen in mein Herz griff und von meiner -Eifersucht zu sprechen begann; und von was für einer Eifersucht? -- auf -einen Menschen, den keiner von uns, weder du noch ich, kennt. Du aber -willst mich wie zu Trotz nicht verstehen, du willst mir etwas zum Opfer -bringen, -- doch was? ... Ich muß mich für dich, für deine Erniedrigung -schämen! ... Ein Opfer!« wiederholte er. - --- Ach, so ist also die Gewalt des Mannes, -- dachte ich mir: -- -Eine Frau zu beleidigen und zu demütigen, die nichts verbrochen hat. -Das sind also die Rechte des Mannes, aber ich werde mich ihnen nicht -fügen. -- - -»Nein, ich will dir nichts zum Opfer bringen,« sagte ich und fühlte, -wie meine Nüstern sich unnatürlich erweiterten und wie mir das Blut aus -dem Gesicht strömte. »Ich werde am Sonnabend zu der Soiree gehen, werde -unbedingt hingehen.« - -»Gott gebe dir viel Vergnügen, aber zwischen uns ist alles aus!« rief -er in einem Anfalle von Raserei, die er nicht mehr beherrschen konnte. -»Aber du wirst mich nicht länger quälen. Ich war dumm, daß ich ...« -begann er wieder, aber seine Lippen zitterten, und er nahm sich mit -sichtlicher Anstrengung zusammen, um den angefangenen Satz nicht zu -Ende zu sprechen. - -Ich fürchtete und haßte ihn in diesem Augenblick. Ich wollte ihm vieles -sagen und mich für alle die Beleidigungen rächen; hätte ich aber nur -den Mund aufgemacht, so wäre ich in Tränen ausgebrochen und hätte mich -vor ihm erniedrigt. Ich verließ schweigend das Zimmer. Als ich aber -seine Schritte nicht mehr hörte, entsetzte ich mich vor dem, was wir -getan hatten. Ich entsetzte mich vor dem Gedanken, daß dieses Band, das -mein Glück ausgemacht hatte, für immer zerreißen würde, und ich wollte -schon zu ihm zurückkehren. -- Hat er sich aber auch genügend beruhigt, -um mich zu verstehen, wenn ich ihm schweigend die Hand reiche und ihn -anblicke? -- fragte ich mich. -- Wird er meine Großmut begreifen? Wie, -wenn er meinen Schmerz für Heuchelei hält? Oder wenn er meine Reue mit -dem Bewußtsein seines Rechts und mit stolzer Ruhe hinnimmt und mir -verzeiht? Warum, warum hat er, den ich so sehr liebte, mich so grausam -beleidigt? -- - -Ich ging nicht zu ihm, sondern in mein Zimmer, wo ich lange allein saß -und weinte, mich mit Grauen jedes Wortes, das zwischen uns gefallen -war, erinnernd, diese Worte mit anderen vertauschend und andere, gute -Worte hinzufügend, dann wieder mit Entsetzen und einem Gefühl der -Kränkung des Vorgefallenen gedenkend. Als ich am Abend am Teetisch -erschien und in Gegenwart von S., der bei uns zu Besuch war, meinen -Mann traf, fühlte ich, daß an diesem Tage sich ein ganzer Abgrund -zwischen uns aufgetan hatte. S. fragte mich, wann wir abreisten. Ich -kam nicht dazu, ihm zu antworten. - -»Am Dienstag,« antwortete mein Mann. »Wir wollen noch die Soiree bei -der Gräfin R. mitmachen. Du gehst doch hin?« wandte er sich an mich. - -Ich erschrak über den einfachen Ton seiner Stimme und sah ihn ängstlich -an. Seine Augen waren gerade auf mich gerichtet, der Blick war boshaft -und spöttisch, seine Stimme klang gemessen und kalt. - -»Ja,« antwortete ich. - -Am Abend, als wir allein geblieben waren, ging er auf mich zu und -reichte mir die Hand. - -»Vergiß bitte, was ich dir gesagt habe,« sagte er. - -Ich ergriff seine Hand, ein zitterndes Lächeln erschien auf meinem -Gesicht, die Tränen wollten mir schon aus den Augen stürzen, aber er -zog seine Hand zurück und setzte sich in einen Sessel ziemlich weit -von mir, als fürchtete er eine empfindsame Szene. -- Glaubt er denn -wirklich, daß er im Rechte sei? -- dachte ich mir, und die schon -fertige Erklärung und die Bitte, nicht zur Soiree zu gehen, erstarben -mir auf den Lippen. - -»Wir müssen Mama schreiben, daß wir die Abreise aufgeschoben haben,« -sagte er, »sonst wird sie unruhig werden.« - -»Wann gedenkst du denn zu reisen?« fragte ich. - -»Am Dienstag nach der Soiree,« antwortete er. - -»Ich hoffe, daß es nicht meinetwegen geschieht,« sagte ich, ihm in die -Augen blickend, aber seine Augen sahen mich nur an und sagten nichts, -als wären sie verschleiert. Sein Gesicht kam mir plötzlich alt und -unangenehm vor. - -Wir gingen zu der Soiree, und zwischen uns stellte sich äußerlich -wieder ein gutes und freundschaftliches Verhältnis ein; aber dieses -Verhältnis war ganz anders als das frühere. - -Auf der Soiree saß ich unter den Damen, als der Prinz auf mich zuging, -so daß ich aufstehen mußte, um mit ihm zu sprechen. Als ich aufstand, -suchte ich unwillkürlich mit den Augen meinen Mann und sah, daß -er mich vom anderen Ende des Saales beobachtete und sich plötzlich -wegwandte. Ich empfand plötzlich solchen Schmerz und solche Scham, -daß ich unter den Augen des Prinzen furchtbar verlegen wurde und über -das Gesicht bis zum Hals hinunter errötete. Ich mußte aber stehen -und anhören, was er sagte, indem er mich von oben herab betrachtete. -Unser Gespräch war nur kurz, es gab neben mir keinen Platz, wo er sich -hinsetzen konnte, und er merkte wohl auch, daß ich mich unbehaglich -fühlte. Wir sprachen vom letzten Ball, wo ich den Sommer zuzubringen -pflege usw. Als er mich verließ, äußerte er den Wunsch, auch meinen -Mann kennenzulernen, und ich sah, wie sie sich am anderen Ende des -Saales trafen und ins Gespräch kamen. Der Prinz sagte wohl etwas von -mir, da er sich mitten im Gespräch lächelnd nach mir umwandte. - -Mein Mann wurde plötzlich rot, machte eine tiefe Verbeugung und ließ -den Prinzen stehen. Auch ich errötete: ich mußte mich schämen, als ich -mir dachte, welche Vorstellung der Prinz wohl von mir und besonders -von meinem Manne gewonnen haben müßte. Mir kam vor, als hätten alle -bemerkt, wie verlegen ich war, als ich mit dem Prinzen sprach, als sei -allen auch das sonderbare Benehmen meines Mannes aufgefallen; Gott -weiß, wie sie es sich wohl erklären mögen; wissen sie vielleicht etwas -vom Gespräch, das ich mit ihm gehabt habe? Die Kusine brachte mich nach -Hause, und unterwegs kamen wir auch auf meinen Mann zu sprechen. Ich -konnte mich nicht beherrschen und erzählte ihr alles, was zwischen uns -anläßlich dieser unglückseligen Soiree vorgefallen war. Sie beruhigte -mich und sagte, daß es ein ganz bedeutungsloses, durchaus gewöhnliches -Zerwürfnis sei, das keinerlei Folgen haben werde; sie äußerte sich auch -von ihrem Standpunkte aus über den Charakter meines Mannes und meinte, -daß er verschlossen und stolz geworden sei; ich stimmte ihr bei, und es -war mir, als finge ich jetzt an, ihn ruhiger und besser zu beurteilen. - -Aber später, als ich wieder allein mit meinem Manne war, lastete dieses -Urteil über ihn wie ein Verbrechen auf meinem Gewissen, und ich fühlte, -daß der uns trennende Abgrund noch größer geworden war. - - -III - -Von diesem Tage an trat in unserem Leben und in unserem Verhältnis -eine tiefe Veränderung ein. Wir fühlten uns, wenn wir allein waren, -nicht mehr so wohl wie einst. Es gab Fragen, die wir umgingen, und -in Gegenwart eines Dritten war es uns viel leichter zu sprechen als -unter vier Augen. Wenn bloß die Rede auf das Landleben oder auf einen -Ball kam, fing es uns vor den Augen zu flimmern an, und wir schämten -uns, uns anzusehen. Als fühlten wir beide, wo der Abgrund lag, der uns -trennte, und als mieden wir, ihm nahe zu kommen. Ich war überzeugt, daß -er stolz und aufbrausend sei, und daß ich ihn vorsichtiger behandeln -müsse, um nicht seine schwachen Seiten zu verletzen. Er aber war -überzeugt, daß ich ohne die große Welt nicht leben könne, daß das Leben -auf dem Lande mir nicht passe, und daß er sich meinem unglücklichen -Geschmack fügen müsse. Wir vermieden beide jedes direkte Gespräch über -diese Gegenstände und beurteilten darum einander falsch. Wir hatten -schon lange aufgehört, einander für die vollkommensten Menschen auf -Erden zu halten; wir stellten vielmehr Vergleiche mit anderen an und -übten aneinander heimlich Kritik. Vor der Abreise erkrankte ich, und -wir zogen statt aufs Land in eine Sommerfrische in der Nähe der Stadt, -von wo mein Mann allein zu seiner Mutter reiste. Als er abreiste, -war ich schon so weit hergestellt, daß ich mit ihm hätte mitkommen -können, aber er bat mich, noch zu bleiben, als fürchtete er für -meine Gesundheit. Ich fühlte, daß ihm nicht meine Gesundheit Sorgen -machte, sondern der Gedanke, daß wir uns auf dem Lande zusammen nicht -wohl fühlen würden; ich widersprach ihm nicht viel und blieb. Ohne -ihn kam mir alles so leer und öde vor, als er aber wiederkam, merkte -ich, daß er meinem Leben nicht mehr das zu verleihen vermochte, was -er ihm früher verliehen hatte. Unsere früheren Beziehungen, wo jeder -Gedanke, jede Empfindung, die ich ihm nicht mitteilte, auf mir wie -ein Verbrechen lasteten, wo jede Handlung und jedes Wort von ihm mir -als der Gipfel der Vollkommenheit erschienen, wo wir immer vor Freude -lachen wollten, wenn wir uns bloß ansahen, -- dieses Verhältnis war -unmerklich zu einem anderen geworden und verschwunden, ehe wir uns -dessen versahen. Ein jeder von uns hatte jetzt seine eigenen Interessen -und Sorgen, die er gar nicht zu gemeinsamen zu machen suchte. Es -bedrückte uns sogar nicht mehr, daß jeder von uns seine eigene, für -den anderen fremde Welt hatte. Wir hatten uns an diesen Gedanken -gewöhnt, und nach einem Jahre hörte es schon sogar in unseren Augen -zu flimmern auf, wenn wir einander ansahen. Seine früheren Anfälle -plötzlicher Lustigkeit waren dahin, ebenso sein kindliches Wesen, -seine Allverzeihung und Gleichgültigkeit gegen alles, die mich früher -so empört hatten; vorbei war es mit seinem tiefen Blick, der mich -früher so verwirrte und erfreute, vorbei mit den gemeinsamen Gebeten -und Ekstasen; wir sahen uns sogar recht selten, denn er war immer auf -Reisen, und es tat ihm weder leid, noch ängstigte er sich, mich allein -zu lassen; ich aber war immer in der großen Welt, wo ich ihn nicht -brauchte. - -Szenen und Zerwürfnisse kamen zwischen uns nicht mehr vor; ich bemühte -mich, ihm gefällig zu sein, er erfüllte alle meine Wünsche, und es sah -so aus, als ob wir einander noch liebten. - -Wenn wir allein blieben, was nur selten vorkam, empfand ich in seiner -Gegenwart weder Freude, noch Aufregung oder Verwirrung, ganz als wäre -ich allein mit mir selbst. Ich wußte sehr gut, daß er mein Mann war, -nicht irgendein neuer, unbekannter Fremder, sondern ein guter Mensch, -mein Mann, den ich so gut kannte, wie mich selbst. Ich war überzeugt, -daß ich alles wisse, was er tun und was er sagen, und wie er dies oder -jenes ansehen würde, und wenn er etwas anders tat oder ansah, als ich -erwartete, so glaubte ich, _er_ habe sich geirrt. Ich erwartete von -ihm nichts. Mit einem Worte, er war mein Mann und sonst nichts. Mir -schien, als müsse es so sein, als gäbe es kein anderes Verhältnis, als -hätte es unter uns sogar nie ein anderes Verhältnis gegeben. Wenn er -verreiste, fühlte ich mich, besonders in der ersten Zeit, einsam; in -seiner Abwesenheit empfand ich stärker, welche Stütze ich in ihm hatte; -wenn er zurückkehrte, fiel ich ihm vor Freude um den Hals, obwohl ich -schon nach zwei Stunden diese Freude vergaß und nicht mehr wußte, -über was mit ihm zu sprechen. Nur in den Augenblicken der stillen, -gemäßigten Zärtlichkeit, die es zwischen uns manchmal gab, kam es mir -vor, als sei es nicht das Richtige, als hätte ich im Herzen ein Weh, -und ich glaubte auch in seinen Augen dasselbe zu lesen. Ich sah vor mir -jene Grenze der Zärtlichkeit, die zu überschreiten er nicht den Willen -und ich nicht die Kraft hatte. Manchmal stimmte mich das traurig, aber -ich hatte keine Zeit, mich irgendwelchen Betrachtungen hinzugeben, -und ich bemühte mich, diese Trauer über die Änderung, die ich dunkel -empfand, in den Zerstreuungen zu vergessen, die mir immer zur Verfügung -standen. Das Leben in der großen Welt, das mich anfangs mit seinem -Glanze benebelt und meinem Ehrgeiz geschmeichelt hatte, bemächtigte -sich bald aller meiner Neigungen, wurde mir zur Gewohnheit, schlug mich -in Fesseln und nahm in meiner Seele den ganzen Platz ein, der für die -Gefühle bereitet war. Ich blieb jetzt niemals allein mit mir selbst -und scheute es, über meine Lage zu grübeln. Die ganze Zeit vom frühen -Morgen bis spät in die Nacht hinein war besetzt und gehörte nicht mir, -selbst wenn ich nicht ausging. Das war mir jetzt weder lustig noch -langweilig, sondern ich hatte das Gefühl, als müsse es immer so und -nicht anders sein. - -So vergingen drei Jahre, und während dieser Jahre blieben unsere -Beziehungen dieselben; sie waren gleichsam stehengeblieben, erstarrt -und konnten weder schlechter noch besser werden. Im Laufe dieser -drei Jahre gab es zwei wichtige Ereignisse in unserem Familienleben, -doch keines von den beiden vermochte mein Leben irgendwie zu ändern. -Es waren dies die Geburt meines ersten Kindes und der Tod Tatjana -Ssemjonownas. Das Muttergefühl hatte mich in der ersten Zeit so mächtig -ergriffen und ein so unerwartetes Entzücken in mir geweckt, daß ich -schon glaubte, nun beginne für mich ein neues Leben; aber nach zwei -Monaten, als ich wieder in den Strudel der großen Welt kam, fing -dieses Gefühl an, beständig abzunehmen und wurde schließlich zu einer -Gewohnheit und kalten Pflichterfüllung. Mein Mann dagegen war nach der -Geburt unseres ersten Sohnes wieder der frühere sanfte und ruhige -Stubenhocker geworden und hatte seine ganze Zärtlichkeit und Lustigkeit -auf das Kind übertragen. Oft, wenn ich im Ballkleide ins Kinderzimmer -kam, um es zum Abschied zu bekreuzigen, und dort meinen Mann traf, -fühlte ich seinen vorwurfsvollen und durchdringenden Blick auf mir -ruhen, und ich mußte mich schämen. Ich erschrak plötzlich über meine -Gleichgültigkeit gegen das Kind und fragte mich, ob ich denn schlechter -sei als die anderen Frauen. -- Was soll ich machen? -- dachte ich mir: --- Ich liebe meinen Sohn, aber ich kann doch nicht tagelang bei ihm -sitzen, das ist mir langweilig; heucheln werde ich aber um nichts in -der Welt. -- Der Tod seiner Mutter war für ihn ein harter Schlag; es -war ihm schwer, wie er sagte, nach ihrem Tode in Nikolskoje zu wohnen; -obwohl ich sie auch betrauerte und meinem Mann mitfühlte, hätte ich -doch das Landleben vorgezogen, das mir angenehmer und ruhiger erschien. -Diese ganzen drei Jahre hatten wir zum größten Teil in der Stadt -verlebt, aufs Land kam ich nur einmal für zwei Monate, und im dritten -Jahre reisten wir ins Ausland. - -Wir verbrachten den Sommer in einem Badeorte. - -Ich war damals erst einundzwanzig Jahre alt; unsere -Vermögensverhältnisse waren, wie ich glaubte, im glänzendsten Zustande; -vom Familienleben verlangte ich nicht mehr, als es mir gab; alle, -die ich kannte, schienen mich zu lieben; mein Gesundheitszustand war -gut; meine Toiletten waren die schönsten im ganzen Badeorte; ich -wußte, daß ich schön war; das Wetter war herrlich; eine eigentümliche -Atmosphäre von Schönheit und Eleganz umgab mich, und es war mir sehr -lustig zumute. Aber ich war doch nicht so lustig, wie ich es in -Nikolskoje gewesen, als ich fühlte, daß ich in mir selbst glücklich -sei, glücklich, weil ich dieses Glück verdient habe, daß mein Glück -wohl groß sei, es aber irgendwo auch noch ein größeres Glück geben -müsse, und daß ich immer mehr und mehr von diesem Glück wolle. Damals -war es ganz anders gewesen; aber auch in diesem Sommer fühlte ich mich -wohl. Ich wünschte nichts, ich hoffte auf nichts, ich befürchtete -nichts, mein Leben erschien mir ganz ausgefüllt, und mein Gewissen -war ruhig. Unter allen jungen Männern jener Saison gab es nicht -einen einzigen, den ich irgendwie vor den anderen bevorzugte, -- -nicht mal vor dem alten Fürsten K., unserem Gesandten, der mir den -Hof machte. Der eine war jung, der andere alt, der eine ein blonder -Engländer, der andere ein Franzose mit einem Spitzbart; sie erschienen -mir alle gleich, doch alle waren mir unentbehrlich. Es waren lauter -gleichgültige Menschen, die die freudige Lebensatmosphäre bildeten, -die mich umgab. Nur einer unter ihnen, der italienische Marchese D., -hatte durch die kühne Art, sein Entzücken über mich zu äußern, mehr -als die anderen meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er ließ keine -Gelegenheit vorübergehen, um mit mir zusammen zu sein, zu tanzen, -auszureiten, mich im Kasino usw. zu treffen und mir zu sagen, daß ich -schön sei. Einigemal sah ich ihn durchs Fenster in der Nähe unseres -Hauses stehen, und oft hatte der unangenehme durchdringende Blick -seiner glänzenden Augen mich erröten gemacht und genötigt, mich -umzuwenden. Er war jung, hübsch, elegant und hatte, vor allen Dingen, -in seinem Lächeln und im Ausdruck seiner Stirne eine Ähnlichkeit mit -meinem Manne, obwohl er viel hübscher war als dieser. Die Ähnlichkeit -frappierte mich, obwohl er im allgemeinen, in den Augen, im Blick, im -langen Kinn, statt des reizenden Ausdruckes der Güte und der idealen -Ruhe meines Mannes, etwas Rohes und Tierisches hatte. Ich glaubte -damals, daß er mich leidenschaftlich liebe und dachte daran mit stolzem -Mitleid. Manchmal kam mir der Wunsch, ihn zu beruhigen und auf den -Ton einer halbfreundschaftlichen stillen Vertrautheit zu stimmen, er -wies aber alle solche Versuche schroff zurück und fuhr fort, mich auf -die unangenehmste Weise mit seiner noch unausgesprochenen, aber jeden -Augenblick zur Entladung kommen wollenden Leidenschaft in Verlegenheit -zu bringen. Obwohl ich es mir auch nicht eingestand, fürchtete ich doch -diesen Menschen und dachte oft unwillkürlich an ihn. Mein Mann kannte -ihn und begegnete ihm noch kühler und hochmütiger als unseren anderen -Bekannten, für die er bloß der Mann seiner Frau war. Gegen Ende der -Saison wurde ich krank und hütete vierzehn Tage lang das Zimmer. Als -ich zum erstenmal nach meiner Krankheit abends zur Kurmusik kam, erfuhr -ich, daß währenddessen die längst erwartete und wegen ihrer Schönheit -bekannte Lady S. angekommen sei. Um mich bildete sich ein Kreis, -man empfing mich mit großer Freude, aber ein noch schönerer Kreis -hatte sich um die neuangekommene Salonlöwin gebildet. Alle um mich -herum sprachen nur von ihrer Schönheit. Man zeigte sie mir; sie war -tatsächlich schön, aber ihr selbstbewußter Ausdruck war mir unangenehm, -und ich sprach es auch aus. An diesem Tage langweilte mich alles, was -mir früher lustig vorkam. Am nächsten Tage veranstaltete Lady S. einen -Ausflug zur Burg, an dem ich mich nicht beteiligte. Bei mir blieb fast -niemand, und alles hatte sich in meinen Augen verändert. Alle kamen mir -auf einmal so dumm und langweilig vor, ich weinte beinahe, ich wollte -meine Kur so schnell als möglich beenden und nach Rußland zurückkehren. -In meinem Herzen regte sich irgendein häßliches Gefühl, aber ich wollte -es mir nicht eingestehen. Unter dem Vorwande, daß ich zu schwach sei, -hörte ich auf, mich in der großen Gesellschaft zu zeigen und kam nur -manchmal des Morgens ganz allein zum Brunnen oder machte mit meiner -russischen Bekannten L. M. Ausflüge in die Umgegend. Mein Mann war -während dieser Zeit abwesend: er war für einige Tage nach Heidelberg -gefahren, um dort das Ende meiner Kur abzuwarten und dann zusammen mit -mir nach Rußland zurückzukehren, und besuchte mich nur ab und zu. - -Eines Tages hatte Lady S. die ganze Gesellschaft zu einer Jagd -mitgenommen, während ich mit L. M. am Nachmittag zur Burg hinausfuhr. -Als unsere Equipage im Schritt die vielgewundene Chaussee zwischen -den hundertjährigen Kastanien hinauffuhr, durch die man die von den -Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtete liebliche Umgebung von -Baden-Baden sehen konnte, kam es zwischen uns zu einem so ernsten -Gespräch, wie wir es noch nie geführt hatten. L. M., die ich schon seit -langem kannte, erschien mir zum erstenmal als eine kluge und gute Frau, -mit der man über alles sprechen konnte und deren Freundschaft angenehm -war. Wir sprachen von unseren Familien und Kindern, von der Leere des -hiesigen Lebens, wir sehnten uns nach Rußland und dem Leben auf dem -Gute zurück, und es wurde uns plötzlich so schwermütig und wohl ums -Herz. Wir betraten die Burg unter dem Einflusse des gleichen ernsten -Gefühls. In ihren Mauern war es schattig und kühl, oben auf den Ruinen -spielte die Sonne und ließen sich Schritte und Stimmen vernehmen. Durch -die Türe zeigte sich uns wie in einem Rahmen das reizende, aber für -uns Russen so kalte Bild der Landschaft von Baden-Baden. Wir setzten -uns hin, um auszuruhen, und blickten schweigend auf die untergehende -Sonne. Die Stimmen erklangen deutlicher, und es war mir, als hörte ich -meinen Namen. Ich lauschte und hörte unwillkürlich jedes Wort. Die -Stimmen waren mir bekannt: es waren der Marchese D. und sein Freund, -ein Franzose, den ich ebenfalls kannte. Sie sprachen von mir und -von der Lady S. Der Franzose verglich mich mit ihr und kritisierte -meine und ihre Schönheit. Er sagte zwar nichts Beleidigendes, aber -mir strömte das ganze Blut zum Herzen, als ich seine Worte hörte. Er -erklärte sehr ausführlich, was an mir und was an Lady S. schön sei. Ich -hätte schon ein Kind, aber Lady S. sei erst neunzehn Jahre alt; mein -Haar sei schöner, dafür habe Lady S. eine schlankere Taille; die Lady -sei eine große Dame, »während Ihre Passion,« sagte er, »nur eine von -den kleinen russischen Fürstinnen ist, die in der letzten Zeit so oft -hier erscheinen.« Er schloß damit, daß ich sehr gut daran tue, mich mit -der Lady S. nicht zu messen, und daß ich nun in Baden-Baden endgültig -erledigt sei. - -»Sie tut mir leid.« - -»Wenn es ihr nur nicht einfällt, sich mit Ihnen zu trösten,« fügte er -mit einem lustigen und harten Lachen hinzu. - -»Wenn sie verreist, folge ich ihr,« sagte roh die andere Stimme mit -italienischem Akzent. - -»Der glückliche Sterbliche! Er kann noch lieben!« lachte der Franzose. - -»Lieben!« antwortete die andere Stimme und fuhr nach einigem Schweigen -fort: »Ich kann nicht anders, ohne Liebe gibt es kein Leben. Aus seinem -Leben einen Roman machen, ist das einzig Schöne. Mein Roman bleibt aber -niemals in der Mitte stecken, und ich werde auch diesen zu Ende führen.« - -»~Bonne chance, mon ami~,« sagte der Franzose. - -Das Weitere hörten wir nicht, denn sie waren um eine Ecke gebogen, und -ihre Stimmen erklangen von der anderen Seite. Sie gingen die Treppe -hinunter, kamen nach einigen Minuten aus einer Seitentür und waren -sehr erstaunt, uns hier zu treffen. Ich errötete, als der Marchese D. -sich mir näherte, und erschrak, als er beim Verlassen der Burg mir -den Arm bot. Ich konnte nicht ablehnen, und so begaben wir uns hinter -L. M., die mit seinem Freunde vorausging, zu unserem Wagen. Die Worte -des Franzosen hatten mich beleidigt, obwohl er nur das, was ich selbst -fühlte, ausgesprochen hatte; aber die Worte des Marchese hatten mich -durch ihre Rohheit in Erstaunen gesetzt und empört. Mich peinigte der -Gedanke, daß er, obwohl ich seine Worte gehört hatte, keine Scheu vor -mir empfand. Es war mir ekelhaft, ihn so nahe neben mir zu fühlen, und -ich ging, ohne ihn anzusehen und ohne auf seine Worte zu antworten, -schnell hinter L. M. und dem Franzosen her und bemühte mich, meinen -Arm so zu halten, daß ich seine Worte nicht hören konnte. Der Marchese -sagte etwas über die schöne Aussicht, über das unerwartete Glück, mich -hier getroffen zu haben, und noch etwas, aber ich hörte ihm nicht zu. -Ich dachte die ganze Zeit an meinen Mann, an meinen Sohn, an Rußland; -ich empfand Scham, etwas tat mir leid, ich wünschte etwas und wollte -so schnell als möglich nach Hause, nach meinem einsamen Zimmer im -~Hôtel de Bade~, um ungestört über alles nachzudenken, was in meiner -Seele aufgewühlt worden war. Aber L. M. ging langsam, zum Wagen war es -noch weit, und mein Kavalier verlangsamte, wie mir schien, hartnäckig -seine Schritte, als versuchte er mich zurückzuhalten. -- Das darf nicht -sein! -- sagte ich mir und beschleunigte energisch meine Schritte. Aber -er hielt mich tatsächlich zurück und drückte sogar meinen Arm. L. M. -verschwand hinter einer Biegung des Weges, und wir blieben ganz allein. -Mich überkam ein Schreck. - -»Entschuldigen Sie,« sagte ich kühl und versuchte meinen Arm zu -befreien, aber mein Spitzenärmel blieb an einem seiner Knöpfe -hängen. Er beugte sich mit der Brust nach vorn und begann den Ärmel -freizumachen, und die Finger seiner bloßen Hand berührten die meine. -Ein eigentümliches, mir ganz neues Gefühl, in dem sich ein Grauen und -eine Wonne vermischten, überlief mir kalt den Rücken. Ich sah ihn an, -um durch einen kalten Blick die ganze Verachtung auszusprechen, die -ich gegen ihn empfand; aber mein Blick drückte etwas ganz anderes aus: -Furcht und Erregung. Seine brennenden, feuchten Augen, die so nahe -an meinem Gesicht waren, sahen so eigentümlich auf mich, auf meinen -Hals, auf meine Brust; seine beiden Hände betasteten meine Hand über -dem Gelenk, seine offenen Lippen sprachen etwas, sie sagten, daß er -mich liebe, daß ich für ihn alles sei; und diese Lippen kamen immer -näher, und seine Hände drückten immer fester die meinen zusammen und -versengten mich. Ein Feuer lief durch alle meine Adern, es wurde mir -finster vor den Augen, ich zitterte, und die Worte, mit denen ich ihn -zurückhalten wollte, blieben mir in der Kehle stecken. Plötzlich fühlte -ich einen Kuß auf meiner Wange, ich blieb, am ganzen Leibe zitternd und -erkaltend, stehen und sah ihn an. Außerstande, zu sprechen oder mich -zu rühren, erwartete ich voller Schrecken etwas und verlangte zugleich -danach. Das alles dauerte nur einen Augenblick. Aber dieser Augenblick -war entsetzlich! Ich hatte ihn während dieses Augenblicks so genau -gesehen. So verständlich war mir sein Gesicht: diese niedrige, steile -Stirne, die der Stirne meines Mannes so ähnlich war, diese schöne, -gerade Nase mit den geblähten Nüstern, dieser lange, steif gewichste -Schnurr- und Kinnbart, diese glatt rasierten Wangen und der gebräunte -Hals. Ich haßte ihn, ich fürchtete ihn: so fremd war er mir; aber in -diesem Augenblick weckten in mir die Aufregung und die Leidenschaft -dieses verhaßten, fremden Mannes einen so mächtigen Widerhall, ich -fühlte ein so unüberwindliches Verlangen, mich den Küssen dieses rohen -und schönen Mundes und den Umschlingungen dieser weißen Hände mit den -feinen Adern und den ringgeschmückten Fingern hinzugeben, mich kopfüber -in den lockenden Abgrund verbotener Wonnen, der sich plötzlich vor mir -auftat, zu stürzen! ... - --- Ich bin so unglücklich, -- dachte ich --, möge sich noch mehr -Unglück über meinem Kopfe häufen. -- - -Er umschlang mich mit dem einen Arm und beugte sich über mein Gesicht. --- Möge sich noch mehr Schande und Sünde über meinem Kopfe sammeln! -- - -»~Je vous aime~,« flüsterte er mit einer Stimme, die so sehr an die -meines Mannes erinnerte. Ich dachte an meinen Mann und an mein Kind -wie an längst entschwundene teure Wesen, mit denen mich nichts mehr -verband. Aber plötzlich erklang hinter der Biegung die Stimme der L. -M., die mich rief. Ich kam zur Besinnung, entriß ihm meine Hand und -lief fast, ohne ihn anzusehen, zu L. M. Wir stiegen in den Wagen, und -erst jetzt sah ich ihn an. Er nahm den Hut ab und sagte lächelnd etwas. -Er begriff wohl nicht den unsagbaren Ekel, den ich in diesem Augenblick -gegen ihn empfand. - -Mein Leben erschien mir so unglücklich, meine Zukunft so hoffnungslos, -die Vergangenheit so schwarz! L. M. sprach etwas zu mir, aber ich -verstand ihre Worte nicht. Es war mir, als spräche sie mit mir nur aus -Mitleid, um die Verachtung zu verbergen, die ich in ihr weckte. In -jedem ihrer Worte, in jedem ihrer Blicke glaubte ich diese Verachtung, -dieses verletzende Mitleid zu fühlen. Der Kuß brannte mir wie ein -Schandmal auf der Wange, und der Gedanke an meinen Mann und an mein -Kind war mir unerträglich. Ich hoffte allein in meinem Zimmer über -meine Lage nachdenken zu können, aber es war mir so schrecklich, allein -zu sein. Ich trank den Tee, den man mir gebracht hatte, nicht aus und -machte mich mit fieberhafter Hast bereit, ohne zu wissen, warum, mit -dem Abendzug zu meinem Mann nach Heidelberg zu fahren. - -Als ich mit meiner Zofe im leeren Wagen saß, die Maschine sich in -Bewegung setzte und die durch das Fenster hereinwehende frische Luft -mir über das Gesicht strich, kam ich allmählich zur Besinnung und -fing an, meine Vergangenheit und Zukunft klarer zu sehen. Mein ganzes -Eheleben vom Tage unserer Abreise nach Petersburg an erschien mir -in einem neuen Lichte und legte sich mir als schwerer Vorwurf aufs -Gewissen. Zum erstenmal erinnerte ich mich wieder lebhaft unserer -ersten Zeit auf dem Lande, unserer Pläne, und zum erstenmal kam mir die -Frage in den Sinn: welches waren seine Freuden während dieser ganzen -Zeit? Und ich fühlte mich schuldig gegen ihn. -- Warum hat er mich -aber nicht zurückgehalten, warum hat er geheuchelt, warum ist er allen -Erklärungen aus dem Wege gegangen, warum hat er mich beleidigt? -- -fragte ich mich. -- Warum hat er nicht von der Macht seiner Liebe über -mich Gebrauch gemacht? Oder liebt er mich nicht? -- Aber so schuldig -er auch sein mochte, der Kuß jenes fremden Mannes brannte mir auf der -Wange, und ich fühlte ihn. Je mehr ich mich Heidelberg näherte, um so -klarer sah ich meinen Mann vor mir, und um so schrecklicher erschien -mir die bevorstehende Begegnung. -- Ich will ihm alles, alles sagen, -ich will alles mit den Tränen der Reue ausweinen, -- dachte ich, -- -und er wird mir verzeihen. -- Aber ich wußte selbst nicht, was dieses -»alles« war, was ich ihm sagen wollte, und ich glaubte selbst nicht, -daß er mir verzeihen würde. - -Als ich aber ins Zimmer meines Mannes trat und sein ruhiges, wenn auch -erstauntes Gesicht sah, fühlte ich, daß ich ihm nichts zu sagen, nichts -zu gestehen und auch nichts abzubitten habe. Der Gram und die Reue -mußten unausgesprochen in meiner Seele bleiben. - -»Was ist dir eingefallen?« fragte er. »Ich wollte ja selbst morgen zu -dir kommen.« Als er aber mein Gesicht aufmerksamer betrachtete, schien -er erschrocken. »Was hast du? Was ist mit dir los?« fragte er mich. - -»Nichts,« antwortete ich, meine Tränen mit Mühe zurückhaltend. »Ich bin -für ganz hergekommen. Fahren wir meinetwegen gleich morgen heim nach -Rußland.« - -Er sah mich recht lange schweigend und aufmerksam an. - -»Erzähle doch, was geschehen ist,« sagte er. - -Ich errötete unwillkürlich und schlug die Augen nieder. In seinen Augen -flammte ein Ausdruck von Kränkung und Zorn auf. Ich erschrak vor den -Gedanken, die ihm kommen konnten, und sagte mit einer Verstellung, die -ich von mir selbst nicht erwartet hatte: - -»Es ist nichts geschehen, es war mir nur so langweilig und traurig -allein zu sein, und ich dachte viel an unser Leben und an dich. Ich -fühle mich schon so lange schuldig gegen dich! Warum fährst du mit -mir dorthin, wo es dir nicht gefällt? Ich fühle mich schon so lange -schuldig gegen dich,« wiederholte ich, und die Tränen traten mir wieder -in die Augen. »Wollen wir doch auf unser Gut fahren und für immer.« - -»Ach, liebes Kind, verschone mich mit solchen empfindsamen Szenen,« -sagte er kühl. »Daß du aufs Land willst, ist sehr schön, denn es ist -uns recht wenig Geld übrig geblieben; aber für immer, -- das ist nur -eine Phantasie. Ich weiß, daß du es nicht aushalten wirst. Jetzt aber -trinke Tee, das wird besser sein,« schloß er und stand auf, um dem -Kellner zu klingeln. - -Ich stellte mir alles vor, was er von mir denken konnte, und fühlte -mich durch die schrecklichen Gedanken beleidigt, die ich ihm zuschrieb, -als ich seinen ungläubigen, gleichsam beschämten Blick, den er auf mich -gerichtet hielt, sah. -- Nein, er will und kann mich nicht verstehen! --- Ich sagte ihm, daß ich nach dem Kinde sehen möchte und verließ ihn. -Ich wollte allein sein und weinen, weinen, weinen ... - - -IV - -Das lange nicht geheizte leere Haus zu Nikolskoje wurde wieder -lebendig; aber das, was darin einst gelebt hatte, erwachte nicht mehr. -Die Mama war nicht mehr am Leben, und wir standen uns allein gegenüber. -Wir verlangten jetzt aber nicht nach dieser Einsamkeit, sie fiel uns -sogar zur Last. Der Winter verging für mich um so schlimmer, als ich -krank war und mich erst nach der Geburt meines zweiten Sohnes etwas -erholte. Das Verhältnis zu meinem Mann war noch immer so kühl und -freundschaftlich wie zur Zeit unseres Lebens in der Stadt; aber auf dem -Lande erinnerte mich jedes Dielenbrett, jede Wand, jedes Sofa daran, -was er für mich einst gewesen war und was ich verloren hatte! Zwischen -uns stand etwas wie eine nicht verziehene Kränkung, als bestrafte er -mich für irgend etwas und gäbe sich den Anschein, als merke er es -nicht. Ich hatte ihm nichts abzubitten, es war nichts, womit er mich -hätte verschonen können; er strafte mich nur damit, daß er sich und -seine ganze Seele mir nicht mehr hingab, wie früher; er gab sie auch -niemandem hin, als hätte er überhaupt keine Seele mehr. Manchmal kam -mir der Gedanke, er stelle sich nur so, um mich zu quälen, während in -ihm noch das alte Gefühl lebe, und ich bemühte mich, es zu wecken. -Aber er schien jedesmal einer offenen Aussprache aus dem Wege zu -gehen, mich der Verstellung zu verdächtigen und jede Empfindsamkeit -als etwas Lächerliches zu fürchten. Sein Blick und sein Ton sagten -mir: -- Ich weiß alles, ich weiß alles, du brauchst mir nichts zu -sagen, ich weiß alles, was du mir sagen willst. Ich weiß auch, daß du -das eine sagen und etwas anderes tun wirst. -- Diese Furcht vor einer -offenen Aussprache verletzte mich anfangs, aber dann gewöhnte ich mich -an den Gedanken, daß es kein Mangel an Offenheit, sondern das Fehlen -eines Bedürfnisses nach Offenheit sei. Ich hätte es niemals übers Herz -gebracht, ihm zu sagen, daß ich ihn liebe, oder ihn zu bitten, mit -mir zu beten oder ihn zu rufen, damit er meinem Klavierspiel zuhöre. -Im Verkehr zwischen uns hatten sich schon gewisse Anstandsgesetze -herausgebildet. Wir lebten ein jeder für sich: er mit seinen Arbeiten, -an denen mich zu beteiligen ich weder brauchte, noch wünschte, ich mit -meinem Müßiggang, der ihn nicht mehr kränkte und betrübte wie früher. -Die Kinder waren noch zu klein, um uns aneinander zu binden. - -Da brach aber das Frühjahr an. Katja und Ssonja kamen für den Sommer -aufs Land, unser Haus in Nikolskoje wurde umgebaut, und wir siedelten -nach Pokrowskoje über. Es war dasselbe alte Haus von Pokrowskoje -mit seinem Ausziehtisch, dem Klavier in dem hellen Salon und meinem -ehemaligen Zimmer mit den weißen Vorhängen und meinen gleichsam -vergessenen Mädchenträumen. In diesem Zimmer standen zwei Kinderbetten: -in dem einen, in dem ich einst selbst gelegen hatte, bekreuzigte ich -jetzt jeden Abend den pausbackigen Kokoscha, und aus dem anderen, -kleineren guckte das Gesicht des kleinen Wanja aus seinen Windeln -hervor. Nachdem ich sie bekreuzigt hatte, blieb ich oft in der Mitte -dieses stillen Stübchens stehen, und plötzlich stiegen aus allen -Ecken, von den Wänden und den Vorhängen alte, vergessene Gesichte -meiner Jugend auf. Alte Stimmen sangen Mädchenlieder. Wo sind aber -diese Gesichte? Wo diese lieben, süßen Lieder? Alles, was ich kaum zu -hoffen wagte, war in Erfüllung gegangen. Unklare, ineinanderfließende -Träume waren zur Wirklichkeit geworden, und die Wirklichkeit hatte sich -in ein schweres, mühseliges und freudloses Leben verwandelt. Dabei war -aber alles noch das alte: der gleiche Garten liegt vor den Fenstern -mit dem gleichen Rasenplatz und den gleichen Wegen; die gleiche Bank -steht dort über der Schlucht, der gleiche Nachtigallengesang schallt -vom Teiche herüber, die gleichen Fliederbüsche prangen in voller Blüte, -und derselbe Mond steht über dem Hause; und doch hat sich alles in -einer so schrecklichen, so unmöglichen Weise verändert! So kalt ist -alles, was so lieb und so nahe sein könnte! Ich sitze genau wie einst -mit Katja im Wohnzimmer, und wir sprechen leise von ihm. Katjas Gesicht -ist aber von Runzeln durchfurcht und gelb, ihre Augen glänzen nicht -mehr vor Freude und Hoffnung, sondern drücken teilnahmsvolle Trauer -und Mitleid aus. Wir sprechen nicht mehr mit Entzücken von ihm, wir -kritisieren ihn; wir staunen nicht mehr, warum und wofür uns dieses -Glück beschieden ist und haben auch nicht mehr den Wunsch wie einst, -der ganzen Welt unsere Gefühle und Gedanken mitzuteilen; wir tuscheln -miteinander wie Verschworene und fragen uns zum hundertsten Male, warum -sich alles so traurig geändert habe. Er ist aber noch immer derselbe, -nur die Falte zwischen seinen Brauen ist tiefer geworden, an seinen -Schläfen schimmern mehr graue Haare, aber sein tiefer, aufmerksamer -Blick ist vor mir immer mit einer Wolke verhüllt. Auch ich bin noch -immer dieselbe, aber in mir ist keine Liebe und kein Verlangen nach -Liebe. Kein Bedürfnis nach Arbeit, keine Zufriedenheit mit mir selbst. -Und so fern und unmöglich erscheinen mir jetzt meine religiösen -Ekstasen, meine einstige Liebe zu ihm, die frühere Fülle meines Lebens. -Jetzt würde ich nicht mehr begreifen, was mir einst so klar und gerecht -erschien: das Glück, für einen anderen zu leben. Weshalb für einen -anderen, wenn ich nicht mal für mich selbst leben will? - -Ich hatte seit der damaligen Petersburger Reise die Musik ganz -aufgegeben; aber das alte Klavier und die alten Noten weckten in mir -wieder die alte Lust. - -Eines Tages fühlte ich mich etwas unwohl und blieb allein zu Hause; -Katja und Ssonja waren mit ihm nach Nikolskoje gefahren, um den Neubau -zu besichtigen. Der Teetisch war gedeckt; ich ging hinunter, um auf sie -zu warten, und setzte mich ans Klavier. Ich schlug die Sonate ~quasi -una fantasia~ auf und begann zu spielen. Niemand war zu sehen oder zu -hören, die Fenster nach dem Garten standen offen, und die bekannten -Töne voller majestätischer Trauer klangen durch das Zimmer. Als ich -mit dem ersten Teil zu Ende war, blickte ich aus alter Gewohnheit in -den Winkel, wo er einst zu sitzen und mir zuzuhören pflegte. Er war -aber nicht da; der Stuhl, den man schon lange nicht von der Stelle -gerückt hatte, stand noch in seiner Ecke; durch das Fenster sah -ich einen Fliederbusch, der sich vom hellen Abendhimmel abhob, und -die Kühle des Abends strömte durch das offene Fenster herein. Ich -stützte mich auf das Klavier, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen -und gab mich meinen Gedanken hin. Lange saß ich so, voller Schmerz -der unwiederbringlichen alten Zeiten gedenkend und ängstlich in die -Zukunft blickend. Aber die Zukunft schien leer, als ob ich mir nichts -mehr erhoffte, nichts mehr ersehnte. -- Habe ich denn mein Leben -schon hinter mir? -- fragte ich mich und hob entsetzt den Kopf. Um zu -vergessen und nicht mehr zu denken, begann ich noch einmal dasselbe -Andante zu spielen. -- Mein Gott! -- dachte ich mir, -- verzeih mir, -wenn ich schuldig bin, oder gib mir alles wieder, was in meiner Seele -so schön war, oder lehre mich, was ich jetzt tun, wie ich leben soll! --- Ein Wagen rollte über den Rasen und hielt vor dem Hause, auf der -Terrasse ließen sich die bekannten vorsichtigen Schritte vernehmen, -die gleich wieder verhallten. Aber diese bekannten Schritte weckten -in meiner Seele nicht mehr das frühere Gefühl. Als ich zu Ende war, -hörte ich diese Schritte hinter mir, und eine Hand legte sich auf meine -Schulter. - -»Wie klug von dir, daß du diese Sonate gespielt hast!« sagte er. - -Ich schwieg. - -»Hast du noch keinen Tee getrunken?« - -Ich schüttelte verneinend den Kopf und sah mich nicht um, um die Spuren -der Erregung auf meinem Gesicht nicht zu verraten. - -»Katja und Ssonja kommen gleich nach: das Pferd wollte nicht recht -laufen, sie sind an der Landstraße aus dem Wagen gestiegen und kommen -zu Fuß,« sagte er. - -»Wir wollen auf sie warten,« sagte ich und trat auf die Terrasse, in -der Hoffnung, daß er mir folgen würde; er erkundigte sich aber nach den -Kindern und ging zu ihnen. Seine Gegenwart, der Ton seiner einfachen, -gütigen Stimme ließen es mir unglaublich erscheinen, daß ich etwas -verloren hätte. Was soll ich mir noch wünschen? Er ist gütig und mild, -er ist ein guter Gatte und Vater, ich weiß selbst nicht, was mir noch -fehlt. Ich trat auf die Terrasse und setzte mich unter die Markise, -auf die gleiche Bank, auf der ich am Tage unserer ersten Aussprache -gesessen hatte. Die Sonne war schon untergegangen, es dämmerte, eine -dunkle Frühlingswolke hing über dem Hause und dem Garten, und nur -durch die Bäume war noch ein wolkenloser Streif des Himmels mit dem -erlöschenden Abendrot und dem eben aufleuchtenden Abendstern zu sehen. -Auf allen Dingen lag der Schatten der leichten Wolke, und alles wartete -auf einen milden Frühlingsregen. Der Wind hatte sich gelegt, kein -Blatt, kein Halm regte sich, der Duft des Flieders und des Faulbaums -war im Garten und auf der Terrasse so stark, als stünde die ganze Luft -in Blüte, und wogte bald stärker, bald schwächer, so daß man die Augen -schließen wollte, um nichts zu sehen und nichts zu fühlen außer diesem -süßen Duft. Die Georginen und die noch nicht aufgeblühten Rosen standen -unbeweglich auf ihren aufgewühlten, schwarzen Beeten und schienen -langsam an ihren weißen Stäben hinaufzuwachsen; die Frösche quakten -unten in der Schlucht so laut und durchdringend, als wollten sie sich -zum letztenmal vor dem Regen, der sie ins Wasser treiben würde, gehörig -ausschreien. Ein ununterbrochenes, feines Rieseln tönte durch ihr -Geschrei hindurch. Die Nachtigallen riefen einander etwas zu, und man -hörte sie unruhig von der einen Stelle zu der anderen fliegen. Auch in -diesem Frühling versuchte eine Nachtigall, sich im Gebüsch unter dem -Fenster niederzulassen, und als ich hinaustrat, hörte ich, wie sie in -die Allee flog, dort noch einen Triller losließ und dann erwartungsvoll -verstummte. - -Vergebens suchte ich mich zu beruhigen: ich erwartete und beklagte -etwas. - -Er kam hinunter und setzte sich neben mich. - -»Ich glaube, die beiden werden in den Regen kommen,« sagte er. - -»Ja,« sagte ich. Dann schwiegen wir beide lange. - -Die Wolke senkte sich immer tiefer in der windstillen Luft, alles -wurde stiller, duftender und unbeweglicher; plötzlich fiel ein Tropfen -nieder und prallte von der Markise ab; ein anderer zerschellte auf dem -Schotter des Gartenweges; dann klatschte es gegen die Pestwurzstauden, -und bald ging ein frischer, immer stärker werdender Regen nieder. Die -Nachtigallen und die Frösche waren ganz verstummt, das feine Rieseln -ließ sich noch immer vernehmen, obwohl es beim Rauschen des Regens aus -weiterer Ferne zu kommen schien; und irgendein Vogel, der sich wohl -im welken Laub nicht weit von der Terrasse versteckt hielt, ließ in -regelmäßigen Abständen seine zwei einförmigen Töne erklingen. Mein Mann -stand auf und wollte fortgehen. - -»Wo willst du hin?« fragte ich, um ihn zurückzuhalten. »Es ist so schön -hier.« - -»Man muß ihnen einen Regenschirm und Galoschen schicken,« antwortete er. - -»Nicht nötig, der Regen hört gleich auf.« - -Er stimmte mir bei, und wir blieben beide am Geländer der Terrasse -stehen. Ich stützte den Arm auf einen nassen, glatten Balken und hielt -den Kopf hinaus. Der kühle Regen tropfte mir auf Haar und Hals. Die -Wolke über uns wurde immer heller und dünner und erschöpfte sich; an -Stelle des gleichmäßigen Rauschens des Regens klangen bald nur noch die -einzelnen Tropfen, die aus der Luft und von den Blättern fielen. Wieder -schmetterten unten die Frösche, wieder regten sich die Nachtigallen, -die einander von der einen und von der anderen Seite etwas zuzurufen -begannen. Alles vor unseren Blicken war wieder heller geworden. - -»Wie schön!« sagte er, sich auf das Geländer setzend und mit der Hand -über mein nasses Haar streichend. - -Diese einfache Liebkosung wirkte auf mich wie ein Vorwurf: ich war nahe -daran, zu weinen. - -»Was braucht der Mensch denn noch?« fragte er. »Ich bin jetzt so -zufrieden, daß ich nichts mehr brauche! Ich bin vollkommen glücklich!« - --- Ganz anders sprachst du zu mir einst von deinem Glücke, -- dachte -ich mir. -- Wie groß es auch war, sagtest du, daß du noch mehr -verlangtest. Jetzt aber bist du ruhig und zufrieden, während meine -Seele voll unausgesprochener Reue und nicht ausgeweinter Tränen ist. -- - -»Auch mir ist es so wohl,« sagte ich, »aber gerade das, daß alles vor -mir so schön ist, stimmt mich traurig. In meiner Seele ist alles so -unharmonisch und unvollständig, ich verlange nach etwas, und hier ist -alles so schön und ruhig. Mischt sich denn nicht auch bei dir eine -Trauer in den Naturgenuß, sehnst du dich nicht nach der Vergangenheit -zurück?« - -Er nahm seine Hand von meinem Kopf und schwieg eine Weile. - -»Ja, einst hatte auch ich dieses Gefühl, besonders im Frühjahr,« sagte -er, als besänne er sich auf etwas. »Ich blieb manche Nacht auf, mir -etwas ersehnend und auf etwas hoffend, und es waren schöne Nächte! ... -Aber damals hatte ich alles vor mir, und jetzt habe ich alles hinter -mir; jetzt genügt mir das, was ist, und es ist mir so wohl ums Herz,« -schloß er mit einer so lässigen Sicherheit, daß ich, wie schmerzlich -mir es auch zu hören war, glauben mußte, daß er die Wahrheit spreche. - -»Du hast also gar keine Wünsche?« fragte ich. - -»Ich wünsche mir nichts Unmögliches,« antwortete er, mein Gefühl -erratend. »Du machst dir den Kopf naß,« fügte er hinzu, mich wie ein -Kind liebkosend und mir wieder mit der Hand über das Haar streichend. -»Du beneidest die Blätter und das Gras, weil sie vom Regen benetzt -werden, du möchtest selbst Gras, Laub und Regen sein. Ich aber freue -mich nur über sie, wie über alles in der Welt, was schön, jung und -glücklich ist.« - -»Und betrauerst du nichts Vergangenes?« fragte ich weiter; ich fühlte, -wie es mir immer schwerer ums Herz wurde. - -Er wurde nachdenklich und schwieg. Ich sah, daß er mir ganz aufrichtig -antworten wollte. - -»Nein!« antwortete er kurz. - -»Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr!« sagte ich, mich zu ihm wendend -und ihm in die Augen blickend. »Betrauerst du nicht das Vergangene?« - -»Nein!« sagte er wieder. »Ich bin dem Himmel dafür dankbar, aber ich -betrauere das Vergangene nicht.« - -»Und du wünschst nicht einmal, daß es wiederkehre?« fragte ich. - -Er wandte sich um und begann in den Garten hinauszublicken. - -»Ich wünsche es nicht, wie ich auch nicht wünsche, daß mir Flügel -wachsen,« sagte er. »Es darf nicht sein.« - -»Und du möchtest das Vergangene gar nicht besser machen? Du machst dir -oder mir gar keine Vorwürfe?« - -»Niemals! Alles war zu unserem Besten.« - -»Hör einmal!« sagte ich und berührte seine Hand, damit er sich nach mir -umblicke. »Hör einmal: warum hast du mir niemals gesagt, es sei dein -Wunsch, daß ich so lebe, wie du es möchtest? Warum gabst du mir die -Freiheit, mit der ich nichts anzufangen wußte, warum hast du aufgehört, -mich zu lehren? Wenn du nur wolltest, wenn du mich anders geleitet -hättest, so wäre nichts, gar nichts geschehen,« sagte ich mit einer -Stimme, aus der immer stärker ein kalter Ärger und Vorwurf, aber nicht -die frühere Liebe herausklang. - -»Was wäre nicht geschehen?« fragte er, sich erstaunt nach mir -umwendend. »Es ist doch gar nichts geschehen. Alles ist gut. Sehr gut,« -fügte er mit einem Lächeln hinzu. - --- Versteht er denn nichts, oder will er, was noch schlimmer wäre, -nichts verstehen? -- fragte ich mich, und Tränen traten mir in die -Augen. - -»Dann wäre es nicht geschehen, daß ich, die ich keine Schuld vor -dir trage, mit deiner Gleichgültigkeit, sogar mit deiner Verachtung -gestraft worden wäre,« entfuhr es mir plötzlich. »Dann wäre es nicht -geschehen, daß du mir plötzlich ohne jede Schuld von meiner Seite alles -genommen hättest, was mir teuer war.« - -»Was sagst du, liebes Kind!« rief er, als verstünde er meine Worte -nicht. - -»Nein, laß mich ausreden ... Du hast mir dein Vertrauen, deine Liebe, -sogar deine Achtung genommen; denn ich kann nicht glauben, daß du -mich nach allem, was einst war, noch liebst. Nein, laß mich doch -einmal aussprechen, was mich schon so lange quält,« unterbrach ich ihn -wieder. »Ist es denn meine Schuld, daß ich das Leben nicht kannte, und -daß du es mir überließest, meinen Weg allein zu suchen? ... Ist es -denn meine Schuld, daß du mich jetzt, wo ich schon selbst begriffen -habe, was not tut, wo ich mich schon seit einem Jahre abmühe, zu dir -zurückzukehren, von dir stößt, als verstündest du nicht, was ich will, -und zwar so, daß man dir gar nichts vorwerfen kann, während ich allein -schuldig und unglücklich bin?! Ja, du willst mich wieder in jenes Leben -zurückstoßen, das mir und dir zum Unglück werden könnte.« - -»Womit habe ich denn das gezeigt?« fragte er mit aufrichtigem Entsetzen -und Erstaunen. - -»Hast du mir denn nicht gestern noch gesagt und sagst du mir nicht -immer, daß ich es hier nicht aushalten werde, daß wir für den Winter -wieder nach Petersburg gehen müssen, das mir verhaßt ist?« fuhr ich -fort. »Statt mich zu stützen, vermeidest du jede offene Aussprache -mit mir, jedes aufrichtige, zärtliche Wort. Aber dann, wenn ich ganz -gesunken bin, wirst du mir Vorwürfe machen und dich über meinen Fall -freuen.« - -»Wart, wart,« sagte er streng und kalt, »es ist nicht gut, was du jetzt -sagst. Das beweist nur, daß du jetzt gegen mich eingenommen bist, daß -du mich nicht ...« - -»Daß ich dich nicht liebe? Sag es doch, sag!« sprach ich seinen Satz zu -Ende, und Tränen stürzten mir aus den Augen. Ich setzte mich auf die -Bank und bedeckte mein Gesicht mit dem Taschentuch. - --- So hat er mich also verstanden! -- dachte ich und gab mir Mühe, das -Schluchzen zu unterdrücken, das mich zu ersticken drohte. -- Es ist mit -unserer alten Liebe zu Ende, -- sagte eine Stimme in meinem Herzen. -Er ging nicht auf mich zu, er tröstete mich nicht. Er war durch meine -Worte beleidigt. Seine Stimme war ruhig und trocken. - -»Ich weiß nicht, was du mir vorwirfst,« begann er, »wenn es nur das -ist, daß ich dich nicht mehr so liebe, wie ich dich früher liebte ...« - -»Ja, wie du mich liebtest!« sagte ich in das Taschentuch hinein, das -die bitteren Tränen immer reichlicher netzten. - -»So liegt es an der Zeit und auch an uns selbst. Jedes Alter hat seine -eigene Liebe ...« Er schwieg eine Weile. »Soll ich dir die ganze -Wahrheit sagen, wenn du Aufrichtigkeit verlangst? Soll ich dir sagen, -wie ich in jenem Jahre, als ich dich kennen lernte, manche schlaflose -Nacht an dich dachte, wie ich selbst meine Liebe schuf, wie diese Liebe -in meinem Herzen wuchs und wuchs, wie ich dann in Petersburg und im -Auslande viele schreckliche Nächte schlaflos verbrachte um diese Liebe, -die mich quälte, zerstörte und vernichtete? Ich zerstörte nicht sie, -sondern nur das, was mich quälte; ich habe mich beruhigt, und doch -liebe ich dich noch immer, aber mit einer anderen Liebe.« - -»Ja, du nennst das Liebe, es ist aber eine Qual,« sagte ich. »Warum -erlaubtest du mir, in der großen Welt zu leben, wenn sie dir so -verderblich erschien, daß du mich um ihretwillen zu lieben aufgehört -hast?« - -»Es ist nicht die große Welt, liebes Kind,« sagte er. - -»Warum hast du nicht von deiner Gewalt Gebrauch gemacht,« fuhr ich -fort, »warum hast du mich nicht gebunden und getötet? Das wäre für mich -besser, als alles zu verlieren, was mein Glück ausmachte, es wäre mir -wohl, und ich müßte mich nicht so schämen.« - -Ich fing wieder zu schluchzen an und bedeckte mein Gesicht mit dem Tuch. - -In diesem Augenblick kamen Katja und Ssonja, lustig und durchnäßt, -laut redend und lachend auf die Terrasse; als sie uns aber erblickten, -verstummten sie und gingen sofort weg. - -Als sie fort waren, schwiegen wir lange; ich hatte mich ausgeweint und -fühlte mich erleichtert. Ich sah ihn an. Er saß, den Kopf in die Hand -gestützt, und wollte etwas auf meinen Blick antworten; aber er seufzte -nur schwer auf und stützte den Kopf wieder in die Hand. - -Ich ging auf ihn zu und nahm seine Hand. Er sah mich nachdenklich an. - -»Ja,« begann er, als fahre er in seinen Gedanken fort. »Wir alle -- -besonders aber ihr Frauen -- müssen die ganze Eitelkeit des Lebens -auskosten, um zum Leben selbst zurückzukehren; die Erfahrung eines -anderen kann uns nichts nützen. Du hattest damals diese verlockende und -liebe, eitle Lust am Leben, die ich in dir bewunderte, noch lange nicht -ausgekostet; ich ließ dich sie ganz auskosten und fühlte, daß ich kein -Recht hätte, dir Schwierigkeiten zu machen, obwohl für mich diese Zeit -längst vorbei war.« - -»Warum hast du dann diese ganze Eitelkeit mit mir genossen, warum -ließest du mich sie genießen, wenn du mich liebst?« fragte ich. - -»Weil du, selbst wenn du wolltest, mir nicht geglaubt haben würdest; du -mußtest alles selbst kennenlernen, und du hast es auch kennengelernt.« - -»Du hast viel zu viel Überlegungen angestellt,« sagte ich. »Du hast zu -wenig geliebt.« - -Wir schwiegen wieder eine Weile. - -»Es ist grausam, was du eben sagtest, aber es ist wahr,« versetzte er, -indem er sich plötzlich erhob und auf der Terrasse auf und ab und zu -gehen begann. »Ja, es ist wahr. Ich war im Unrecht,« fügte er hinzu, -vor mir stehen bleibend, »entweder hätte ich mir gar nicht erlauben -dürfen, dich zu lieben, oder ich hätte dich einfacher lieben sollen. -Ja.« - -»Vergessen wir alles,« sagte ich scheu. - -»Nein, das Vergangene kehrt nicht wieder, kehrt niemals wieder.« Seine -Stimme wurde weicher, als er das sagte. - -»Alles ist ja schon wiedergekehrt!« sagte ich, indem ich ihm meine Hand -auf die Schulter legte. - -Er nahm meine Hand von seiner Schulter und drückte sie. - -»Nein, ich sprach die Unwahrheit, als ich sagte, daß ich das Vergangene -nicht betrauere; nein, ich betrauere es wohl, ich beweine jene frühere -Liebe, die nicht mehr ist und nicht mehr wiederkehren kann. Wer die -Schuld trägt, weiß ich nicht. Es ist wohl eine Liebe geblieben, aber -es ist nicht die von einst; es ist nur ihr Platz geblieben, doch sie -selbst ist verkümmert, es ist weder Kraft noch Saft in ihr, es sind -nur die Erinnerungen und die Dankbarkeit geblieben, aber ...« - -»Sprich nicht so ...« unterbrach ich ihn. »Mag alles wieder so werden, -wie es war. Das ist doch möglich? Ja?« fragte ich, ihm in die Augen -blickend. Aber seine Augen waren heiter und ruhig und blickten gar -nicht tief in die meinigen. - -Während ich das sagte, fühlte ich schon, daß das, was ich wollte und um -was ich ihn bat, unmöglich sei. Er lächelte ein ruhiges, mildes, wie -mir schien greisenhaftes Lächeln. - -»Wie jung du noch bist, und wie alt bin ich,« sagte er. »In mir ist -nichts mehr davon, was du suchst; warum soll man sich betrügen?« fügte -er mit dem gleichen Lächeln hinzu. - -Ich stand schweigend neben ihm, und es wurde mir ruhiger ums Herz. - -»Wir wollen nicht versuchen, das Leben zu wiederholen,« fuhr er fort, -»wir wollen uns nicht mehr belügen. Daß aber die alten Aufregungen und -Sorgen dahin sind, dafür müssen wir Gott danken! Wir haben nichts mehr -zu suchen, keinen Grund mehr, uns aufzuregen. Wir haben schon alles -gefunden, und es ist uns nicht wenig Glück zuteil geworden. Jetzt -müssen wir zur Seite treten und den Weg diesem da freigeben,« sagte er, -auf die Amme weisend, die mit Wanja auf dem Arme in der Terrassentüre -erschienen war. »Ja, so ist es, liebes Kind,« schloß er, meinen Kopf -niederbeugend und küssend. Es war kein Liebhaber mehr, sondern ein -alter Freund, der mich küßte. - -Aus dem Garten zog aber immer stärker und süßer die duftende Frische -der Nacht herein, immer feierlicher wurden alle Töne und die Stille, -und immer mehr Sterne leuchteten am Himmel auf. Ich blickte ihn an, -und es wurde mir plötzlich so leicht ums Herz, als hätte man mir einen -kranken seelischen Nerv entfernt, der mir solche Schmerzen verursacht -hatte. Ich begriff plötzlich klar und ruhig, daß das Gefühl jener Zeit -so unwiederbringlich vorbei war, wie jene Zeit selbst, und daß es -nicht nur unmöglich, sondern auch unerträglich und schmerzvoll gewesen -wäre, jenes Gefühl wieder zu empfinden. War denn jene Zeit, die mir so -glücklich erschienen, auch wirklich so schön gewesen? Und wie lange, -wie lange war es schon her! - -»Aber es ist Zeit, Tee zu trinken!« sagte er, und wir gingen zusammen -in das Wohnzimmer. In der Türe trafen wir wieder die Amme mit Wanja. -Ich nahm das Kind auf die Arme, deckte seine bloßen roten Beinchen zu, -drückte es an mich und küßte es, sein Köpfchen kaum mit den Lippen -berührend. Das Kind bewegte wie im Schlafe das Händchen mit den -gespreizten Fingerchen und schlug die trüben Äuglein auf, als suchte es -etwas oder als wollte es sich an etwas erinnern; seine Äuglein blieben -plötzlich an mir haften, ein Funke von Bewußtsein leuchtete in ihnen -auf, und die vollen, etwas vorstehenden Lippen öffneten sich zu einem -Lächeln. -- Mein, mein, mein! -- dachte ich, indem ich mir das Kind -mit einer beseligenden Spannung in allen Gliedern an die Brust drückte -und mich mit Mühe zusammennahm, um ihm nicht weh zu tun. Und ich -begann, seine kalten Füßchen, seinen Leib, seine Händchen und sein kaum -behaartes Köpfchen zu küssen. Mein Mann ging auf mich zu, ich verhüllte -schnell das Gesicht des Kindes und deckte es gleich wieder auf. - -»Iwan Ssergejitsch!« sagte mein Mann, indem er das Kind mit dem Finger -unter dem Kinne berührte. Ich deckte aber den Iwan Ssergejitsch wieder -zu. Niemand durfte ihn lange ansehen außer mir. Ich sah meinen Mann an; -seine Augen lachten, indem sie in die meinen blickten, und es war mir -zum erstenmal seit langer Zeit so leicht und so wohl ums Herz, sie zu -sehen. - -An diesem Tage endete mein Roman mit meinem Manne; das alte Gefühl -wurde zu einer teueren, unwiederbringlichen Erinnerung, und das neue -Gefühl der Liebe zu den Kindern und zum Vater meiner Kinder legte den -Grund zu einem neuen, in einem ganz anderen Sinne glücklichen Leben, -das ich in diesem Augenblicke noch nicht abgeschlossen habe ... - - - - -Empfehlenswerte Bücher aus dem - -O. C. Recht Verlage, München, Leopoldstr. 3 - - -_E. T. A. Hoffmann_ - -Nußknacker und Mausekönig - -Mit über hundert Illustrationen von Bertall - -»Das schmucke Büchlein stellt ein typographisches Meisterwerk dar.« - - (Berliner Morgenzeitung) - -»Ein Verdienst ist die Veröffentlichung mit den zahlreichen -Illustrationen von Bertall ... sie werden dem Buche eine ungeahnte -Verbreitung sichern.« - - (Ostdeutsche Grenzboten) - -In Halbleinen gebunden M. 50.-- - - -_Charles Perrault_ - -Gänsemütterchens Märchen - -Herausgegeben und übertragen von - -Hans Krause - -Mit etwa 50 meistenteils ganzseitigen Illustrationen von - -Gustave Doré - -Perrault, ein Dichter des französischen Rokoko, ist der erste -gewesen, der so bekannte Weltmärchen wie »Dornröschen«, »Blaubart«, -»Rotkäppchen« usw. aufgezeichnet hat. Die Illustrationen des großen -Doré unterstützen sein Werk, das romanischen Esprits und unsterblicher -Grazie voll ist; ja, sie erheben es sogar, sie sichern ihm die -Unsterblichkeit. - -In Halbleinen gebunden M. 75.-- - - -»Gestern und heute« - -Rechts Roman Reihe - -Diese Reihe bringt eine Auswahl spannendster Romane von hohem -literarischem Wert in buchtechnisch vollendeter Ausstattung. - -Bisher sind erschienen: - - -Band 1: - -Leo Tolstoi - -Kindheit - - -Band 2: - -Edgar Allan Poe - -A. G. Pyms abenteuerliche Erlebnisse - - -Band 3: - -Theodor Storm - -Die Chronik von Grieshuus - - -Preis jeden Bandes in Halbleinen M. 60.-- - -Vorzugsausgabe auf federleichtem Druckpapier in Halbleder gebunden -M. 250.-- - - -Verlagsverzeichnisse und Prospekte werden vom Verlag auf Anforderung -bereitwilligst versandt - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Der Schmutztitel - wurde entfernt. - - Ergänzung offensichtlich fehlender Wörter im Druck: - - S. 59: bekam → bekam aber - bekam {aber} plötzlich Angst - - S. 70: als ich → als ob ich - als {ob} ich wieder ein Junge - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Roman einer Ehe, by Leo Tolstoi - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROMAN EINER EHE *** - -***** This file should be named 60579-0.txt or 60579-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/5/7/60579/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit http://pglaf.org - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. 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Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/60579-0.zip b/old/60579-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 7a7039f..0000000 --- a/old/60579-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/60579-h.zip b/old/60579-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 8ba2f02..0000000 --- a/old/60579-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/60579-h/60579-h.htm b/old/60579-h/60579-h.htm deleted file mode 100644 index 131d4d7..0000000 --- a/old/60579-h/60579-h.htm +++ /dev/null @@ -1,5220 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - The Project Gutenberg eBook of Roman einer Ehe, by Graf Leo Tolstoi. - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -.chapter { - page-break-before: always; -} - -h1, h2, h3 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -.h2 { - text-indent: 0; - text-align: center; - font-size: x-large; -} - -p { - margin-top: 1ex; - margin-bottom: 1ex; - text-align: justify; - text-indent: 1em; -} - -.noind { - text-indent: 0; -} - -.p2 {margin-top: 2em;} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: 33.5%; - margin-right: 33.5%; - clear: both; -} - -hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%; } -hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; } - -.pagenum { - position: absolute; - left: 90%; - width: 8%; - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-weight: normal; - font-size: small; - text-align: right; -} /* page numbers */ - -.pagenum a { - color: gray; -} - -.center { - text-align: center; - text-indent: 0; -} - -.right {text-align: right;} - -.larger { - font-size: larger; -} - -.smaller { - font-size: smaller; -} - -.u {text-decoration: underline;} - -.antiqua { - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-size: 95%; -} - -.gesperrt { - font-style: italic; -} - -/* Images */ -img { - max-width: 100%; - height: auto; -} - -.figcenter { - margin: auto; - text-align: center; -} - -/* Poetry */ -.poem { - margin-left:10%; - margin-right:10%; - text-align: left; -} - -.poem br {display: none;} - -.poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} -.poem span.i0 { - display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em; -} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote {background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em; -} - -.transnote p { - text-indent: 0; -} - -.corr p { - margin-left: 2em; - text-indent: -1em; -} - </style> - </head> -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Roman einer Ehe, by Leo Tolstoi - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. 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C. Recht Verlag München -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Copyright by O. C. Recht Verlag München 1921</p> - -<p class="center">Viertes bis siebentes Tausend</p> - -<p class="center p2">Druck von Julius Klinkhardt in Leipzig</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_1">[1]</a></span></p> - -<h2 id="Erster_Teil">Erster Teil.</h2> - -<h3 id="kap1_1">I</h3> -</div> - -<p>Wir trugen Trauer um unsere Mutter, die im Herbste -gestorben war. Den ganzen Winter verlebten wir, Katja, -Ssonja und ich, auf dem Lande.</p> - -<p>Katja war eine alte Freundin unseres Hauses, unsere -Gouvernante, die uns alle großgezogen hatte, und die ich -kannte und liebte, seit ich mich meiner überhaupt erinnere. -Ssonja war meine jüngere Schwester. Wir verlebten einen -düsteren und traurigen Winter in unserem alten Hause zu -Pokrowskoje. Das Wetter war kalt, und der Wind hatte -die Schneewehen bis über die Fensterhöhe herangefegt; die -Fenster waren immer vereist und undurchsichtig, und wir -gingen und fuhren fast den ganzen Winter nicht aus. Nur -selten kam jemand zu uns, und wenn auch jemand kam, so -brachte er uns weder Fröhlichkeit noch Freude ins Haus. -Alle hatten traurige Mienen, alle sprachen so leise, als -fürchteten sie, jemand zu wecken, niemand lachte, alle seufzten -und weinten oft, wenn sie mich und besonders die kleine -Ssonja in ihrem schwarzen Kleidchen ansahen. Im Hause -ließ sich noch die Gegenwart des Todes spüren; Trauer -und Todesgrauen erfüllten die Luft. Mamas Zimmer war -geschlossen, und es war mir unheimlich zumute, und ich -fühlte mich zugleich hingezogen, in dieses kalte und leere<span class="pagenum"><a id="Page_2">[2]</a></span> -Zimmer hineinzublicken, sooft ich auf dem Wege nach -meinem Schlafzimmer vorbeimußte.</p> - -<p>Ich war damals siebzehn Jahre alt, und Mama hatte -noch im gleichen Jahre, als sie starb, die Absicht gehabt, -in die Stadt zu übersiedeln, um mich in die Gesellschaft -einzuführen. Der Verlust meiner Mutter bedeutete für -mich einen schweren Kummer, aber zu diesem Gefühl gesellte -sich, ich muß es gestehen, auch noch der Gram darüber, -daß ich, die ich, wie mir alle sagten, jung und hübsch -war, schon den zweiten Winter in der ländlichen Einöde -nutzlos verbringen mußte. Kurz vor dem Ende des Winters -steigerte sich das Gefühl der Trauer, der Einsamkeit -und auch der gewöhnlichen Langweile dermaßen, daß ich -mein Zimmer nicht mehr verließ, mein Klavier nicht mehr -öffnete und kein Buch in die Hand nahm. Wenn Katja -mir zuredete, ich solle das eine oder andere beginnen, so -antwortete ich ihr: »Ich habe keine Lust, ich kann nicht!« -In meinem Herzen regte sich aber die Frage: – Wozu? -Warum soll ich etwas beginnen, wenn meine beste Zeit -unnütz dahingeht? Wozu? – Und auf dieses »Wozu« gab -es keine andere Antwort als Tränen.</p> - -<p>Man sagte mir, ich sei während dieser Zeit mager geworden -und hätte viel von meiner Schönheit eingebüßt, -aber auch das interessierte mich nicht. Wozu? Für wen? -Mir schien, als müsse mein ganzes Leben in dieser Einöde, -in dieser hilflosen Trauer dahingehen, aus der mich zu befreien -ich selbst keine Kraft und nicht einmal den Willen -hatte. Gegen Ende des Winters nahm sich Katja, die um -mich sehr besorgt war, vor, mich unbedingt ins Ausland zu -bringen. Dazu brauchte man Geld, wir wußten aber kaum,<span class="pagenum"><a id="Page_3">[3]</a></span> -was uns nach dem Tode unserer Mutter geblieben war -und erwarteten von Tag zu Tag unseren Vormund, der -kommen sollte, um die Vermögensverhältnisse zu klären.</p> - -<p>Im März kam der Vormund.</p> - -<p>»Nun, Gott sei Dank!« sagte mir einmal Katja, als -ich wie ein Schatten, müßig, ohne Gedanken und ohne -Wünsche von Winkel zu Winkel irrte. »Ssergej Michailytsch -ist angekommen, hat schon nach uns gefragt und -sich zum Mittagessen angemeldet. Nimm dich zusammen, -Maschetschka,« fügte sie hinzu. »Was soll er von dir -denken? Er hat ja euch alle so sehr geliebt.«</p> - -<p>Ssergej Michailytsch war unser naher Nachbar und mit -unserem verstorbenen Vater befreundet gewesen, obwohl er -viel jünger war als dieser. Ganz abgesehen davon, daß seine -Ankunft alle unsere Pläne über den Haufen warf und uns -die Möglichkeit gab, aus der ländlichen Einöde herauszukommen, -war ich schon von der frühesten Kindheit an gewöhnt, -ihn zu lieben und zu achten, und Katja hatte, als sie -mir den Rat gab, mich zusammenzunehmen, ganz richtig erraten, -daß es mir schmerzvoller war, mich Ssergej Michailowitsch -als jemand anderem von unsern Bekannten in -ungünstigem Lichte zu zeigen. Abgesehen davon, daß ich ihn, -wie alle im Hause, von Katja und Ssonja, seiner Patentochter -an, bis zum letzten Kutscher schon aus Gewohnheit -liebte, hatte er für mich noch eine ganz besondere Bedeutung -infolge einer Bemerkung, die Mama einmal in meiner -Gegenwart gemacht hatte. Sie hatte gesagt, daß sie mir -einen solchen Mann wünsche. Damals war mir das sonderbar -und sogar unangenehm erschienen. Mein Held sollte -ganz anders aussehen: schlank, hager, bleich und traurig,<span class="pagenum"><a id="Page_4">[4]</a></span> -aber Ssergej Michailytsch war schon in den Jahren, groß -gewachsen, wohlbeleibt und, wie mir schien, immer lustig; -aber die Worte meiner Mutter hatten sich trotzdem in -meiner Erinnerung festgesetzt, und ich hatte mich noch vor -sechs Jahren, als ich erst elf Jahre alt war und er zu -mir »du« sagte und mich »Veilchenmädchen« nannte, zuweilen -nicht ohne Schrecken gefragt, was ich tun sollte, -wenn er mich plötzlich heiraten wollen würde. –</p> - -<p>Vor dem Mittagessen, bei dem es auf Katjas Anordnung -außer den gewöhnlichen Speisen auch noch Gefrorenes, -eine Creme und eine Spinatsauce gab, kam Ssergej Michailytsch -an. Ich sah ihn durchs Fenster in seinem kleinen -Schlitten heranfahren; als er um die Ecke bog, eilte -ich ins Wohnzimmer und wollte so tun, als hätte ich ihn -gar nicht erwartet. Aber als ich im Vorzimmer seine -Schritte, seine laute Stimme und die Schritte Katjas -hörte, hielt ich es doch nicht aus und ging ihm entgegen. -Er hielt Katja bei der Hand, sprach laut und lächelte. Als -er mich erblickte, verstummte er und sah mich einige Zeit, -ohne mich zu begrüßen, an. Ich wurde verlegen und fühlte, -daß ich errötete.</p> - -<p>»Ach! Sind Sie es wirklich?« sagte er in seiner bestimmten, -einfachen Art, vor Erstaunen die Arme spreizend -und auf mich zugehend. »Kann sich denn ein Mensch so -verändern! Wie groß Sie geworden sind! Das soll ein -Veilchen sein! Sie sind zu einer Rose aufgeblüht.«</p> - -<p>Er ergriff mit seiner großen Hand die meine und drückte -sie herzlich und so stark, daß es mir fast weh tat. Ich -glaubte, er würde mir die Hand küssen und hatte mich -schon vorgeneigt, um mit den Lippen seine Stirn zu berühren,<span class="pagenum"><a id="Page_5">[5]</a></span> -aber er drückte noch einmal meine Hand und sah -mir mit einem festen und lustigen Blicke gerade in die -Augen.</p> - -<p>Ich hatte ihn seit sechs Jahren nicht gesehen. Er hatte -sich sehr verändert: war älter und brauner geworden und -hatte sich einen Backenbart wachsen lassen, der ihm gar -nicht stand; aber seine einfachen Manieren, sein offenes, -ehrliches Gesicht mit den scharfen Zügen, die klugen, leuchtenden -Augen und das freundliche, fast kindliche Lächeln -waren noch dieselben.</p> - -<p>Nach fünf Minuten schon hatte er aufgehört Gast zu -sein und war wieder zu einem altvertrauten Familienmitglied -geworden, wie für uns alle, so auch für das Hausgesinde, -das sich, was man seiner Dienstfertigkeit ansah, -über seine Ankunft besonders freute.</p> - -<p>Er benahm sich ganz anders als alle Nachbarn, die nach -dem Tode Mamas zu uns kamen und es für nötig hielten, -während der ganzen Dauer des Besuchs zu schweigen oder -uns zu bemitleiden; er war vielmehr sehr redselig, -lustig und kam mit keinem Worte auf Mama zu sprechen, -so daß diese Gleichgültigkeit seitens eines so nahe stehenden -Menschen mir zuerst seltsam und sogar unpassend vorkam. -Später begriff ich aber, daß dieses Gebaren keine Gleichgültigkeit, -sondern eine besondere Herzlichkeit bedeutete, -und ich war ihm dafür dankbar. Abends tranken wir im -Wohnzimmer Tee; Katja schenkte wie bei Mamas Lebzeiten -den Tee ein und saß auf ihrem alten Platz; Ssonja und -ich setzten uns neben sie; der alte Grigorij brachte ihm -Papas alte Pfeife, die er aufgefunden hatte, und er begann -wie vor Zeiten im Zimmer auf und ab zu gehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_6">[6]</a></span></p> - -<p>»Wenn man es so bedenkt, welche furchtbaren Veränderungen -in diesem Hause!« sagte er, stehen bleibend.</p> - -<p>»Ja,« erwiderte Katja mit einem Seufzer. Sie deckte -den Samowar zu und blickte Ssergej Michailytsch an, im -Begriff, in Tränen auszubrechen.</p> - -<p>»Sie können sich wohl noch Ihres Vaters erinnern?« -wandte er sich an mich.</p> - -<p>»Kaum,« antwortete ich.</p> - -<p>»Wie gut hätten Sie es jetzt, wenn er noch am Leben -wäre!« sagte er, indem er mir still und nachdenklich auf -die Stirne blickte. »Ich habe Ihren Vater immer sehr -lieb gehabt!« fügte er leiser hinzu, und es kam mir vor, -als wären seine Augen noch glänzender geworden.</p> - -<p>»Der Herr hat aber auch sie zu sich genommen!« sagte -Katja. Sie legte eine Serviette auf die Teekanne, holte -ihr Tuch aus der Tasche und fing zu weinen an.</p> - -<p>»Ja, furchtbare Veränderungen in diesem Hause,« sagte -er noch einmal, sich wegwendend. »Ssonja, zeig mal deine -Spielsachen,« fügte er nach einer Weile hinzu und ging in -den Salon. Als er fort war, sah ich Katja mit Tränen in -den Augen an.</p> - -<p>»So ein guter Freund!« sagte sie.</p> - -<p>Die Teilnahme dieses fremden und gütigen Menschen -tat mir wirklich warm und wohl.</p> - -<p>Man hörte Ssonja im Salon lustig kreischen, während -er mit ihr spielte. Ich schickte ihm ein Glas Tee hinüber; -dann hörten wir, wie er sich ans Klavier setzte und mit -Ssonjas Händchen auf die Tasten schlug.</p> - -<p>»Marja Alexandrowna!« hörte ich ihn rufen, »kommen -Sie her, spielen Sie etwas.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span></p> - -<p>Es war mir angenehm, daß er sich so ungezwungen und -in einem freundschaftlich gebieterischen Ton an mich wandte; -ich stand auf und ging auf ihn zu.</p> - -<p>»Spielen Sie mal das,« sagte er, das Beethovenheft -bei dem Adagio der Sonate Quasi una fantasia aufschlagend. -»Wir wollen mal sehen, wie Sie spielen,« fügte er -hinzu und zog sich mit seinem Teeglas in eine Ecke des -Salons zurück.</p> - -<p>Ich hatte, ich weiß selbst nicht warum, das Gefühl, daß -es mir unmöglich gewesen wäre, mich zu weigern oder vorauszuschicken, -daß ich schlecht spiele; ich setzte mich gehorsam -ans Klavier und spielte so gut ich konnte, obwohl ich -mich vor seinem Urteil fürchtete: ich wußte, daß er sich auf -Musik verstand und sie liebte. Das Adagio entsprach ganz -der Stimmung der Erinnerungen, die das Gespräch am -Teetisch in mir geweckt hatte, und ich spielte es, glaube ich, -recht anständig. Aber das Scherzo wollte er mich nicht -spielen lassen. »Nein, das werden Sie nicht gut spielen,« -sagte er, auf mich zugehend. »Lassen Sie das, aber der -erste Teil war nicht schlecht. Sie scheinen Verständnis für -Musik zu haben.« Dieses recht mäßige Lob freute mich so -sehr, daß ich sogar rot wurde. Es war mir so neu und so -angenehm, daß er, der Freund und beinahe Altersgenosse -meines Vaters, zu mir ernst und wie zu seinesgleichen sprach, -und nicht wie zu einem Kinde wie einst. Katja ging mit -Ssonja hinauf, um sie zu Bett zu bringen, und wir blieben -allein im Salon.</p> - -<p>Er erzählte mir von meinem Vater; wie er sich ihm -angeschlossen hatte, wie lustig sie gelebt hatten, als ich mich -noch mit meinen Lehrbüchern und Spielsachen abgab; und<span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span> -mein Vater erschien mir in diesen Erzählungen als ein einfacher -und lieber Mensch, wie ich ihn noch gar nicht gekannt -hatte. Er erkundigte sich auch danach, was ich besonders -liebe, was ich lese, was ich zu unternehmen gedenke -und gab mir Ratschläge. Er war jetzt für mich nicht mehr -der stets zu Scherzen aufgelegte lustige Patron, der mich -einst gerne neckte und mir Spielsachen anfertigte, sondern -ein ernster, einfacher und liebender Mann, dem ich unwillkürlich -Achtung und Sympathie entgegenbrachte. Es war -mir so leicht und wohl ums Herz, zugleich spürte ich auch -eine gewisse Befangenheit, als ich mit ihm sprach. Ich -fürchtete für jedes meiner Worte; ich wollte bei ihm selbst -die Liebe verdienen, die er mir schon aus dem Grunde entgegenbrachte, -weil ich die Tochter meines Vaters war.</p> - -<p>Nachdem Katja Ssonja zu Bett gebracht hatte, gesellte -sie sich zu uns. Sie beklagte sich über meine Apathie, von -der ich selbst nichts gesagt hatte.</p> - -<p>»Das Wichtigste hat sie mir verschwiegen,« sagte er -lächelnd und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.</p> - -<p>»Was soll ich darüber erzählen!« entgegnete ich. »Es -ist sehr langweilig und wird sich auch bald geben.« (Mir -schien in jenem Augenblick nicht nur, als müßte meine -Langeweile vorübergehen, sondern als wäre sie schon vorübergegangen -und würde niemals wiederkehren.)</p> - -<p>»Es ist nicht gut, wenn man die Einsamkeit nicht ertragen -kann,« sagte er. »Sind Sie denn ein Fräulein?«</p> - -<p>»Natürlich bin ich ein Fräulein,« antwortete ich lachend.</p> - -<p>»Nein, Sie sind ein schlechtes Fräulein, das nur dann -lebendig ist, solange man es bewundert, und das den Mut -sinken läßt und zu nichts mehr Lust hat, sobald es allein<span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span> -geblieben ist; alles nur als Schauspiel für die anderen, und -nichts für sich selbst.«</p> - -<p>»Eine nette Meinung haben Sie von mir!« sagte ich, nur -um etwas zu sagen.</p> - -<p>»Nein!« versetzte er nach kurzem Schweigen. »Nicht umsonst -sehen Sie Ihrem Vater ähnlich. <em class="gesperrt">Es steckt etwas -in Ihnen</em> …« Sein freundlicher, aufmerksamer Blick -schmeichelte mir wieder und brachte mich in freudige Verlegenheit.</p> - -<p>Erst jetzt entdeckte ich in seinem, im ersten Moment -lustig scheinenden Gesicht, diesen einzigen, nur ihm allein -eigentümlichen Blick, der anfangs heiter schien und dann -immer forschender und sogar etwas traurig wurde.</p> - -<p>»Sie dürfen und können sich nicht langweilen,« sagte er. -»Sie haben Ihre Musik, für die Sie Verständnis haben, -Ihre Bücher, Ihr Studium, Sie haben ein ganzes Leben vor -sich, auf das Sie sich nur jetzt vorbereiten können, um es später -nicht zu beklagen. Nach einem Jahr wird es schon zu spät sein.«</p> - -<p>Er sprach zu mir wie ein Vater oder wie ein Onkel, -und ich fühlte, daß er sich fortwährend die Mühe gab, -sich wie meinesgleichen zu geben. Es kränkte mich, daß er -auf mich eigentlich von oben herabsah, und es war mir -zugleich angenehm, daß er sich mir zuliebe bemühte, als ein -anderer zu erscheinen.</p> - -<p>Den Rest des Abends sprach er mit Katja über geschäftliche -Dinge.</p> - -<p>»Nun, lebt wohl, meine lieben Freunde,« sagte er, indem -er sich erhob, auf mich zuging und meine Hand ergriff.</p> - -<p>»Wann werden wir uns wiedersehen?« fragte Katja.</p> - -<p>»Im Frühjahr,« antwortete er, mich noch immer bei der<span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span> -Hand haltend. »Jetzt fahre ich nach Danilowka (so hieß -unser anderes Gut), um dort alles festzustellen und, soweit -ich kann, in Ordnung zu bringen, dann in meinen eigenen -Geschäften nach Moskau, und im Sommer werden wir uns -wiedersehen.«</p> - -<p>»Warum verlassen Sie uns für so lange? …« sagte ich -furchtbar traurig; ich hatte in der Tat gehofft, ihn jeden Tag -zu sehen, und es wurde mir plötzlich so trist und bange zumute, -daß meine Schwermut wiederkehren sollte. Wahrscheinlich -war das auch in meinem Blick und in meinem Ton zu lesen.</p> - -<p>»Suchen Sie die Zeit mit Arbeit totzuschlagen und -fangen Sie keine Grillen,« sagte er mir, wie es mir -schien, in einem viel zu kalten und gleichgültigen Tone. »Im -Frühjahr werde ich Sie examinieren,« fügte er hinzu, meine -Hand loslassend, und ohne mich anzublicken.</p> - -<p>Im Vorzimmer, wohin wir ihn begleiteten, hatte er es -sehr eilig, seinen Pelz anzuziehen und vermied es, mich anzublicken. -– Umsonst gibt er sich solche Mühe! – dachte -ich mir. – Glaubt er denn wirklich, es sei mir so angenehm, -daß er mich ansieht? Er ist ein guter Mensch, ein -sehr guter Mensch … aber das ist auch alles. –</p> - -<p>Aber an diesem Abend konnten Katja und ich lange nicht -einschlafen; wir sprachen immer, doch nicht von ihm, sondern -davon, wie wir den Sommer verleben und wie und -wo wir den nächsten Winter zubringen würden. Die schreckliche -Frage: »Wozu?« kam mir nicht mehr in den Sinn. -Es erschien mir so einfach und so klar, daß man leben müsse, -um glücklich zu sein, und daß mich in der Zukunft viel Glück -erwarte. Als wäre unser altes, düsteres Gutshaus von -Pokrowskoje plötzlich mit Licht und Leben erfüllt.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span></p> - -<h3 id="kap1_2">II</h3> -</div> - -<p>Indessen kam der Frühling. Meine frühere Schwermut -war vergangen und an ihre Stelle die träumerische -Frühlingssehnsucht voller unbegreiflicher Hoffnungen und -Gelüste getreten. Ich lebte zwar nicht mehr so wie zu Beginn -des Winters, sondern gab mich mit Ssonja ab und -beschäftigte mich mit Musik und mit Lektüre; aber ich ging -oft in den Garten und irrte lange, lange allein durch die -Alleen oder saß auf einer Bank, und Gott allein weiß, was -ich mir da dachte, was ich wünschte und worauf ich hoffte. -Manchmal saß ich ganze Nächte, besonders beim Mondschein -bis zum Morgen am Fenster meines Zimmers; zuweilen -schlich ich mich leise, damit es Katja nicht höre, bloß -mit der Nachtjacke bekleidet, in den Garten und lief über das -taubedeckte Gras bis zum Teiche; einmal gelangte ich sogar -ins freie Feld und umwanderte eines Nachts allein den -ganzen Garten.</p> - -<p>Jetzt fällt es mir schwer, mich der Träume, die damals -meine Phantasie beschäftigten, zu erinnern und sie zu begreifen. -Wenn ich jetzt sogar daran zurückdenke, kann ich -kaum glauben, daß es wirklich meine Träume gewesen -seien: so seltsam und lebensfremd waren sie.</p> - -<p>Ende Mai kam Ssergej Michailytsch, so wie er versprochen -hatte, von seiner Reise zurück.</p> - -<p>Zum erstenmal besuchte er uns am Abend, als wir ihn -gar nicht erwarteten. Wir saßen auf der Terrasse und<span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span> -schickten uns an, Tee zu trinken. Der Garten war schon -dicht belaubt, und im Gebüsch nisteten während der Petrifasten -die Nachtigallen. Die krausen Fliederbüsche sahen so -aus, als wären sie oben mit etwas Weißem und Lila überpudert. -Das waren die aufbrechenden Knospen. Das Laub -der Birkenallee war im Scheine der untergehenden Sonne -ganz durchsichtig. Auf der Terrasse lag ein frischer, kühler -Schatten. Das Gras erwartete reichlichen Abendtau. Im -Hofe hinter dem Garten ließen sich die letzten Laute des -Tages, die Geräusche der heimgekehrten Herde vernehmen; -der närrische Nikon fuhr mit einem Fasse auf dem Gartenwege -vor der Terrasse auf und nieder, und der kalte Wasserstrahl -aus seiner Gießkanne schwärzte die aufgewühlte Erde -an den Stengeln der Georginen und ihren Stäben. Bei -uns auf der Terrasse funkelte und kochte auf dem weißen -Tischtuch der blank geputzte Samowar, standen Sahne, -Brezeln und Gebäck. Katja spülte als sorgsame Hausfrau -mit ihren rundlichen Händen die Tassen. Ich hatte nach -dem Bade solchen Hunger, daß ich den Tee nicht erwarten -konnte und das Brot mit dicker frischer Sahne aß. Ich -hatte eine Leinenbluse mit offenen Ärmeln an, und meine -feuchten Haare waren mit einem Tuch umwunden. Katja -hatte ihn als erste durch das Fenster erblickt.</p> - -<p>»Ah, Ssergej Michailytsch!« rief sie. »Wir haben -doch soeben von Ihnen gesprochen.«</p> - -<p>Ich stand auf und wollte gehen, um mich umzukleiden, -er kam aber gerade in dem Augenblick, als ich schon in der -Türe war.</p> - -<p>»Macht man denn auf dem Lande so große Umstände?« -sagte er lächelnd, mit einem Blick auf meinen mit dem<span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span> -Tuche umwundenen Kopf. »Vor Grigorij genieren Sie -sich doch nicht, ich bin aber für Sie doch so gut wie Grigorij.« -Aber es kam mir gerade in jenem Augenblick vor, -als sähe er mich gar nicht so an, wie mich Grigorij ansehen -könnte, und ich wurde verlegen.</p> - -<p>»Ich komme gleich wieder,« sagte ich fortgehend.</p> - -<p>»Warum sollte das unpassend sein!« rief er mir nach. -»So sehen Sie doch ganz wie eine junge Bäuerin aus.«</p> - -<p>– Wie seltsam hat er mich eben angesehen, – dachte ich -mir, während ich mich oben umzog. – Nun, Gott sei Dank, -daß er gekommen ist: jetzt wird es wieder lustiger werden! – -Ich warf noch einen Blick in den Spiegel, eilte lustig die -Treppe hinunter und kam außer Atem, ohne irgendwie zu -verheimlichen, daß ich mich beeilt hatte, auf die Terrasse. -Er saß am Tisch und sprach mit Katja über unsere Vermögensverhältnisse. -Er sah mich lächelnd an und fuhr in -seinem Gespräch fort. Unsere Verhältnisse waren nach -seinen Worten im besten Zustande. Wir müßten jetzt nur -noch den Sommer auf dem Lande verbringen und könnten -dann entweder nach Petersburg, um für Ssonjas Erziehung -zu sorgen, oder ins Ausland gehen.</p> - -<p>»Ja, wenn Sie doch mit uns ins Ausland mitkommen -wollten,« sagte Katja. »Allein würden wir uns dort so -einsam wie in einem Walde fühlen.«</p> - -<p>»Ach, wie gerne würde ich mit Ihnen eine Reise um die -Welt machen!« sagte er halb im Scherz und halb im Ernst.</p> - -<p>»Nun,« erwiderte ich, »machen wir doch wirklich eine -Reise um die Welt.«</p> - -<p>Er lächelte und schüttelte den Kopf.</p> - -<p>»Und meine Mutter? Und meine Geschäfte?« versetzte<span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span> -er. »Aber es handelt sich jetzt nicht darum. Erzählen Sie -mir lieber, wie Sie die Zeit verbracht haben. Haben Sie -denn wieder Grillen gefangen?«</p> - -<p>Als ich ihm berichtete, was ich in seiner Abwesenheit getrieben, -und daß ich mich nicht gelangweilt hatte, und als -Katja meine Worte bestätigte, lobte er und liebkoste mich -mit Worten und Blicken, als ob ich noch ein Kind wäre, -und er ein Recht darauf hätte. Ich hielt es für meine -Pflicht, ihm ausführlich und besonders aufrichtig über -alles zu berichten, was ich Gutes getan hatte, und ihm -wie in der Beichte alles zu gestehen, was seine Unzufriedenheit -erregen konnte. Der Abend war so schön, daß wir auch -nach dem Tee auf der Terrasse blieben, und das Gespräch -fesselte mich so, daß ich gar nicht merkte, wie ringsum allmählich -alle menschlichen Laute verstummten. Von allen -Seiten duftete es nach Blumen, reichlicher Tau netzte das -Gras, eine Nachtigall begann in der Nähe in einem Fliederbusch -zu schmettern und verstummte, als sie unsere Stimmen -hörte; der gestirnte Himmel senkte sich gleichsam auf uns -herab.</p> - -<p>Ich merkte den Anbruch der Nacht erst dann, als eine -Fledermaus lautlos unter die Leinenmarkise der Terrasse -geflogen kam und mein weißes Kopftuch zu umflattern begann. -Ich drückte mich an die Wand und wollte schon -aufschreien, aber die Fledermaus flog ebenso lautlos und -schnell, wie sie gekommen war, unter der Markise hinaus -und verschwand im Halbdunkel des Gartens.</p> - -<p>»Wie liebe ich Euer Pokrowskoje,« sagte er, das Gespräch -unterbrechend. »Ich könnte mein ganzes Leben hier -auf dieser Terrasse sitzen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span></p> - -<p>»Nun, bleiben Sie doch wirklich hier sitzen,« sagte -Katja.</p> - -<p>»Ja, sitzen,« erwiderte er, »das Leben sitzt nicht still.«</p> - -<p>»Warum heiraten Sie nicht?« fragte Katja. »Sie -wären doch ein vorzüglicher Ehemann.«</p> - -<p>»Weil ich gerne sitze?« Er lachte auf. »Nein, Katerina -Karlowna, wir beide heiraten nicht mehr. Man hat schon -längst aufgehört, mich für einen Menschen zu halten, den -man verheiraten könnte. Ich selbst denke erst recht nicht -daran, und seitdem ich es nicht mehr tue, fühle ich mich -wirklich wohl.«</p> - -<p>Es kam mir vor, als spräche er das irgendwie unnatürlich -und affektiert.</p> - -<p>»Großartig! Mit sechsunddreißig Jahren wollen Sie -schon das Leben hinter sich haben,« versetzte Katja.</p> - -<p>»Und wie!« fuhr er fort. »Ich habe nur noch den einen -Wunsch, still zu sitzen. Um zu heiraten, braucht man aber -etwas anderes. Fragen Sie mal sie,« fügte er hinzu, mit -einer Kopfbewegung auf mich deutend. »Solche müssen heiraten. -Wir beide werden uns aber ihrer freuen.«</p> - -<p>Im Tone seiner Stimme lagen eine verhaltene Trauer -und Erregung, die mir nicht entgingen. Er schwieg eine -Weile; Katja und ich versetzten kein Wort.</p> - -<p>»Stellen Sie sich nur vor,« fuhr er fort, sich auf -seinem Stuhle umdrehend, »das Unglück wollte es, daß -ich mich mit einem siebzehnjährigen Mädchen verheiratete, -zum Beispiel mit Masch… mit Marja Alexandrowna. -Das ist sogar ein schönes Beispiel, und ich freue mich, daß -es so gut paßt … es ist das allerbeste Beispiel.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span></p> - -<p>Ich lachte und konnte unmöglich verstehen, worüber er -sich so freute und was da so gut paßte.</p> - -<p>»Nun, sagen Sie mir aufrichtig, die Hand aufs Herz,« -fuhr er fort, sich scherzend an mich wendend, »wäre es -denn für Sie kein Unglück, Ihr Leben an das eines alten, -abgelebten Mannes zu binden, der nur noch ruhig sitzen will, -während in Ihnen Gott weiß was für Wünsche gären?«</p> - -<p>Ich wurde verlegen und schwieg, da ich nicht wußte, was -darauf zu antworten.</p> - -<p>»Ich mache Ihnen ja keinen Antrag,« fuhr er lachend fort. -»Sagen Sie mir aber aufrichtig, Sie ersehnen sich doch -nicht einen solchen Mann, wenn Sie abends allein durch die -Alleen wandeln? Das wäre doch ein Unglück?«</p> - -<p>»Kein Unglück …« begann ich.</p> - -<p>»Gut wäre es aber auch nicht,« sprach er meinen Satz -zu Ende.</p> - -<p>»Aber ich kann auch irren …«</p> - -<p>Er unterbrach mich wieder.</p> - -<p>»Nun sehen Sie es selbst. Sie hat vollkommen recht, ich -bin ihr für die Aufrichtigkeit dankbar und freue mich, daß -die Rede darauf gekommen ist! Und noch mehr als das, es -wäre auch für mich das größte Unglück,« fügte er hinzu.</p> - -<p>»Sie sind doch wirklich komisch und haben sich nicht im -geringsten verändert,« sagte Katja und verließ die Terrasse, -um den Tisch zum Abendessen decken zu lassen.</p> - -<p>Als Katja gegangen war, verstummten wir beide, und -auch alles um uns herum war stumm. Nur die Nachtigall -schmetterte, so daß es durch den ganzen Garten schallte, -doch nicht mehr so abgerissen und zaghaft wie vorhin, sondern<span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span> -auf ihre nächtliche Weise, ruhig und ohne Übereilung; -eine zweite Nachtigall, die sich heute abend zum erstenmal -vernehmen ließ, antwortete ihr aus der Schlucht. Die erste -Nachtigall verstummte für eine Weile, als lauschte sie der -anderen, und ließ dann noch lauter und mächtiger ihre hellen -Triller erschallen. Majestätisch und ruhig klangen diese -Stimmen durch ihre, uns fremde nächtliche Welt. Der -Gärtner ging vorüber, um sich im Gewächshaus schlafen -zu legen; seine Schritte in den schweren Stiefeln entfernten -sich auf dem Gartenwege und verhallten. Am Fuße des -Berges ließ jemand zweimal einen durchdringenden Pfiff -erschallen, und alles wurde wieder still. Kaum hörbar regte -sich das Laub, schwankte die Zeltleinwand der Markise; -etwas Duftendes zog durch die Luft und verbreitete sich über -die Terrasse. Es war mir peinlich, nach allem, was schon -gesagt worden war, zu schweigen, aber ich wußte auch nicht, -was zu sagen. Ich sah ihn an. Er richtete seine im Halbdunkel -glänzenden Augen auf mich.</p> - -<p>»Es ist so schön, auf dieser Welt zu leben!« sagte er.</p> - -<p>Ich seufzte auf, ich wußte selbst nicht warum.</p> - -<p>»Was?«</p> - -<p>»Es ist so schön, auf dieser Welt zu leben!« sprach ich -seine Worte nach.</p> - -<p>Und wir schwiegen wieder, und ich fühlte mich wieder -verlegen. Mir kam immer wieder der Gedanke, daß ich -ihm wehgetan hätte, als ich zugegeben, daß er alt sei; -ich wollte ihn trösten, wußte aber nicht, wie.</p> - -<p>»Nun, leben Sie wohl,« sagte er, sich erhebend. -»Meine Mutter erwartet mich zum Abendessen. Ich habe -sie heute fast gar nicht gesehen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span></p> - -<p>»Und ich wollte Ihnen gerade eine neue Sonate vorspielen,« -sagte ich.</p> - -<p>»Ein anderes Mal,« entgegnete er, wie mir schien, etwas -kühl.</p> - -<p>»Leben Sie wohl.«</p> - -<p>Nun hatte ich noch mehr das Gefühl, daß ich ihm weh -getan hätte, und er tat mir leid. Katja und ich begleiteten -ihn hinaus und blieben noch auf dem Hofe, bis er unseren -Blicken entschwand. Als die Hufschläge seines Pferdes -verhallt waren, ging ich um das Haus herum auf die -Terrasse und begann wieder in den Garten hinauszuschauen; -im taufeuchten Nebel, in dem alle nächtlichen Töne lebten, -sah und hörte ich noch lange alles, was ich sehen und hören -wollte.</p> - -<p>Er kam ein zweites und ein drittes Mal, und die Befangenheit, -die von unserem ersten seltsamen Gespräch herrührte, -war ganz verschwunden und kehrte nicht wieder. Im -Laufe des ganzen Sommers besuchte er uns zwei- und dreimal -wöchentlich, und ich gewöhnte mich so sehr an ihn, daß -es mir, wenn er längere Zeit ausblieb, unbehaglich wurde, -allein zu leben; ich zürnte ihm und fand, daß er unrecht tat, -wenn er mich so allein ließ. Er behandelte mich wie einen -jungen lieben Freund, fragte mich über alles, forderte -meine herzlichste Aufrichtigkeit heraus, gab mir Ratschläge, -lobte mich, machte mir manchmal Vorwürfe und wies mich -manchmal zurecht. – Aber trotz seiner Bemühungen, immer -auf der gleichen Stufe mit mir zu stehen, fühlte ich, daß -hinter dem, was ich an ihm verstand, noch eine ganze mir -fremde Welt blieb, in die mich einzuführen er nicht für -notwendig hielt, und das unterstützte meine Achtung vor<span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span> -ihm und zog mich zu ihm hin. Ich wußte von Katja und -von den Nachbarn, daß er außer den Sorgen für die alte -Mutter, mit der er zusammenlebte, außer seiner Gutswirtschaft -und den mit der Vormundschaft verbundenen -Mühen, auch noch irgendeine Tätigkeit im Adelsausschuß -hatte, die ihm große Unannehmlichkeiten einbrachte; aber -wie er das alles ansah, was für Überzeugungen, Pläne und -Hoffnungen er hatte, konnte ich von ihm niemals erfahren. -Wenn ich nur die Rede auf seine Geschäfte brachte, verzog -er eigentümlich das Gesicht, als wollte er sagen: »Hören -Sie bitte auf, das kann Sie doch nicht interessieren,« und -brachte das Gespräch auf ein anderes Thema. Anfangs -kränkte mich das, aber dann gewöhnte ich mich so sehr -daran, nur noch von Dingen zu sprechen, die mich allein -angingen, daß ich es vollkommen natürlich fand.</p> - -<p>Was mir anfangs gleichfalls mißfiel, aber mit der Zeit -sogar angenehm wurde, war seine völlige Gleichgültigkeit -und beinahe Verachtung gegen mein Äußeres. Er deutete -niemals, weder mit einem Blicke, noch mit einem Worte -an, daß ich hübsch sei; im Gegenteil, er verzog das Gesicht -und lachte, wenn man mich in seiner Gegenwart hübsch -nannte. Er liebte es sogar, äußere Mängel an mir zu -finden und mich mit ihnen zu necken. Die modernen Kleider -und Frisuren, mit denen mich Katja an Festtagen herauszuputzen -liebte, reizten ihn nur zu spöttischen Bemerkungen, -die die gute Katja kränkten und anfangs auch mich stutzig -machten. Katja, für die es feststand, daß ich ihm gefalle, -konnte unmöglich begreifen, wie es ein Mann nicht gerne -sehen möchte, daß die ihm gefallende Frau in einem möglichst -günstigen Lichte erscheine. Ich aber kam bald dahinter,<span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span> -was er eigentlich wollte. Er wollte glauben, daß ich nicht -kokett sei. Als ich das eingesehen hatte, blieb in mir keine -Spur von Koketterie in der Kleidung, in der Frisur und -in den Bewegungen; an ihre Stelle trat die allzu naive -Koketterie der Einfachheit, während ich noch gar nicht so -einfach sein konnte. Ich wußte, daß er mich liebte; ob aber -wie ein Kind oder wie ein Weib, fragte ich mich noch nicht; -seine Liebe war mir teuer, und da ich fühlte, daß er mich -für das beste Mädchen in der Welt hielt, konnte ich nichts -anderes wünschen, als daß diese Täuschung bestehen bleibe. -Und ich täuschte ihn unwillkürlich. Aber indem ich ihn -täuschte, wurde ich selbst besser. Ich fühlte, daß es besser -und würdiger für mich sei, ihm die schönsten Seiten meiner -Seele zu zeigen, als die meines Körpers. Meine Haare, -Hände, Gesichtszüge, Gewohnheiten hatte er, wie mir schien, -gleich auf den ersten Blick, wie sie auch sein mochten, ob -gut oder schlecht, richtig eingeschätzt und kannte sie so gut, -daß ich meinem Äußern nichts mehr hinzufügen konnte, -außer der Sucht, ihn zu täuschen. Meine Seele kannte er -aber nicht, weil er sie liebte, weil sie sich gerade in dieser -Zeit entwickelte und wuchs, und darin konnte ich ihn -täuschen, was ich auch tat. Wie leicht fühlte ich mich in -seiner Gegenwart, als ich das begriffen hatte! Alle die -grundlosen Hemmungen, alle Befangenheit war vollständig -verschwunden. Ich fühlte, daß er mich, ganz gleich, ob er -mich von vorn oder von der Seite, sitzend oder stehend, mit -hinauf- oder hinuntergekämmtem Haar sah, durch und durch -kannte, und es schien mir, daß er mit mir zufrieden sei, -so wie ich war. Ich glaube, daß, wenn er mir gegen seine -Gewohnheit plötzlich wie einer der anderen gesagt hätte,<span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span> -daß ich ein schönes Gesicht habe, ich darüber gar nicht froh -gewesen wäre. Wie wohl, wie leicht wurde es mir dagegen -ums Herz, wenn er mich nach irgendeinem Wort, das ich -gerade gesagt hatte, aufmerksam ansah und mit bewegter -Stimme, der er einen scherzhaften Ton zu geben versuchte, -sagte:</p> - -<p>»Ja, ja, in Ihnen steckt etwas. Sie sind ein gutes -Mädchen, und ich muß es Ihnen sagen.«</p> - -<p>Wofür empfing ich aber damals diesen Lohn, der mein -Herz mit Stolz und Freude erfüllte? Nur weil ich sagte, -daß ich die Liebe des alten Grigorij zu seiner Enkelin teile, -oder weil mich ein Gedicht oder ein Roman, den ich gelesen, -zu Tränen rührte, oder weil ich Mozart dem Schulhof vorzog. -Und ich wunderte mich selbst über den ungewöhnlichen -Spürsinn, mit dem ich immer erriet, was gut sei und was -man lieben müsse, obwohl ich damals noch gar nicht wußte, -was gut ist und was man lieben muß. Die Mehrzahl -meiner früheren Gewohnheiten und Neigungen gefiel ihm -nicht, und er brauchte nur mit einer Bewegung seiner -Brauen oder mit einem Blick anzudeuten, daß ihm das, -was ich eben sagen wollte, mißfalle, oder nur die eigentümliche, -mitleidige, fast verächtliche Miene zu machen, damit -es mir gleich vorkäme, daß ich das, was mir erst eben -gefiel, nicht mehr liebe. Zuweilen hatte er erst die Absicht, -mir irgendeinen Rat zu geben, aber ich glaubte schon zu -wissen, was er mir sagen wollte. Er fragte mich mit einem -stummen Blick, mir gerade in die Augen sehend, und sein -Blick entlockte mir sofort jeden Gedanken, den er nur -wollte. Alle meine damaligen Gedanken, alle meine damaligen -Gefühle waren gar nicht mein; es waren nur seine<span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span> -Gedanken und Gefühle, die plötzlich mein wurden, in mein -Leben übergingen und es erleuchteten. Ganz unmerklich fing -ich an, alles: Katja, unsere Dienstboten, Ssonja, mich selbst -und auch meine Beschäftigungen mit anderen Augen anzusehen. -Die Bücher, die ich früher zu lesen pflegte, nur um -die Langeweile zu vertreiben, waren für mich plötzlich zu -einer der schönsten Lebensfreuden geworden, und das nur -aus dem Grunde, weil wir beide über Bücher sprachen, sie -zusammen lasen und er mir welche brachte. Die Beschäftigung -mit Ssonja, die Stunden, die ich ihr erteilte, waren -für mich früher eine schwere Last gewesen, die ich nur aus -Pflichtgefühl auf mich nahm; als er aber einmal einer -Stunde beiwohnte, wurde es mir eine große Freude, die -Fortschritte Ssonjas zu verfolgen. Es erschien mir früher -unmöglich, ein ganzes Musikstück einzuüben; aber jetzt, wo -ich wußte, daß er mir zuhören und mich vielleicht auch loben -würde, spielte ich oft vierzigmal hintereinander die gleiche -Stelle, so daß die arme Katja sich Watte in die Ohren -stopfte, während es mich nicht im geringsten langweilte. -Die gleichen alten Sonaten klangen jetzt ganz anders und -gerieten mir auch anders und viel besser. Selbst Katja, -die ich so gut wie mich selbst kannte und liebte, war in -meinen Augen wie verändert. Jetzt erst begriff ich, daß sie -gar nicht verpflichtet war, uns eine Mutter, eine Freundin -und eine Sklavin, die sie uns in Wirklichkeit war, zu sein. -Ich begriff die ganze Selbstaufopferung und Hingebung -dieses liebevollen Wesens, begriff alles, was ich ihr schuldete, -und liebte sie noch mehr als früher. Er lehrte mich -auch alle unsere Leute – die Bauern, das leibeigene Hausgesinde -und die Dienstmädchen – mit ganz anderen Augen<span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span> -ansehen. Es klingt unglaublich, aber diese Menschen, unter -denen ich bis zu meinem siebzehnten Lebensjahre gelebt hatte, -waren mir viel fremder, als solche, die ich nie gesehen hatte; -es war mir kein einziges Mal in den Sinn gekommen, daß -diese Menschen ebenso liebten, wünschten und litten wie -ich. Unser Garten, unsere Wälder, unsere Felder, die ich -so lange schon kannte, waren für mich plötzlich neu und -schön. Nicht umsonst pflegte er zu sagen, daß es im Leben -nur ein einziges, zweifelloses Glück gäbe: für einen andern -zu leben. Mir kam es zuerst seltsam vor, und ich begriff es -nicht; aber diese Überzeugung drang mir, ohne daß ich mir -viel überlegte, ins Herz. Er eröffnete mir eine ganze Welt -von Freuden in der Gegenwart, ohne etwas in meinem -Leben zu ändern und meinen Eindrücken etwas hinzuzufügen -außer sich selbst. Alles, was mich von meiner Kindheit -an stumm umgab, war plötzlich lebendig geworden. Er -brauchte nur zu mir zu kommen, und alles fing sofort zu -sprechen an und bestürmte meine Seele, sie mit Glück -erfüllend.</p> - -<p>Oft ging ich in jenem Sommer in mein Zimmer hinauf, -legte mich aufs Bett und, statt der Frühlingssehnsucht mit -ihren Wünschen und Hoffnungen auf die Zukunft, umfing -mich die Unruhe eines gegenwärtigen Glücks. Ich konnte -nicht einschlafen, ich stand auf, setzte mich zu Katja aufs -Bett und sagte ihr, daß ich vollkommen zufrieden sei, was -ich, wie ich jetzt weiß, ihr gar nicht zu sagen brauchte: sie -konnte es mir ansehen. Aber sie sagte mir, daß auch sie -sich nichts mehr wünsche, daß auch sie glücklich sei, und -sie küßte mich. Ich glaubte es ihr, es erschien mir so notwendig -und gerecht, daß alle glücklich seien. Katja wollte<span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span> -schlafen; sie stellte sich böse, jagte mich von ihrem Bette -fort und schlief ein; ich aber nahm noch lange alles durch, -was mich so glücklich machte. Manchmal stand ich auf und -betete, betete mit eigenen Worten, um Gott für all das -Glück zu danken, das Er mir gab.</p> - -<p>Im Zimmer war es still; Katja atmete regelmäßig im -Schlafe, neben ihr tickte die Uhr, ich aber wälzte mich hin -und her und flüsterte irgendwelche Worte oder bekreuzigte -mich und küßte das Kreuz, das ich am Halse trug. Die -Türe war geschlossen, die Fensterläden waren zu, und irgendeine -Fliege oder Mücke summte immer an der gleichen -Stelle. Und mir war es, als wollte ich dieses Zimmer -niemals verlassen, als wollte ich nicht, daß der Morgen -komme, daß die mich umgebende seelische Atmosphäre sich -verflüchtige. Mir schien, daß meine Gedanken, Gebete und -Empfindungen lebende Wesen seien, die hier im Dunkeln -neben mir wohnten, mein Bett umschwebten und über mir -stünden. Und jeder Gedanke war sein Gedanke, und jedes -Gefühl – sein Gefühl. Ich wußte damals noch nicht, daß -es die Liebe ist, ich glaubte, daß es immer so sein könne, -daß dieses Gefühl uns ganz einfach und ohne Grund gegeben -werde.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span></p> - -<h3 id="kap1_3">III</h3> -</div> - -<p>Während der Getreideernte gingen wir, Katja, Ssonja -und ich eines Nachmittags in den Garten zu unserer -Lieblingsbank im Schatten der Linden über der Schlucht -mit der Aussicht auf die Wälder und Felder. Ssergej -Michailytsch hatte uns schon seit drei Tagen nicht besucht, -und wir erwarteten ihn an diesem Tage, um so mehr als -unser Verwalter gesagt hatte, er hätte versprochen, aufs -Feld herauszukommen. Gegen zwei Uhr sahen wir ihn, wie -er aufs Kornfeld geritten kam. Katja ließ Pfirsiche und -Kirschen bringen, die er gerne aß, blickte mich lächelnd an, -legte sich auf die Bank und schlummerte ein. Ich brach mir -einen krummen und flachen Lindenzweig mit saftigen Blättern -und saftigem Bast, der mir die Hand befeuchtete, -fächelte damit Katja und fuhr in meiner Lektüre fort, -blickte aber immer vom Buche auf und spähte nach dem -Feldweg hin, auf dem er kommen mußte. Ssonja baute -an den Wurzeln der alten Linde eine Laube für ihre Puppen. -Der Tag war heiß und windstill, es war schwül, die Wolken -ballten sich zusammen und wurden immer schwärzer, ein -Gewitter war schon seit dem frühen Morgen im Anzug. Ich -war erregt wie immer vor einem Gewitter. Aber nach der -Mittagsstunde hatten die Wolken angefangen, sich zu zerstreuen, -und die Sonne war in einen wolkenlosen Teil des -Himmels getreten; nur an einem Ende des Himmels -grollte es noch, und die schwere Wolke, die tief über dem<span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span> -Horizonte stand und mit dem Staube der Felder zusammenfloß, -wurde ab und zu bis zur Erde vom bleichen Zickzack -des Blitzes zerrissen. Es war klar, daß das Gewitter an -diesem Tage nicht zur Entladung kommen würde, wenigstens -bei uns nicht. Auf dem hier und da hinter dem Garten -sichtbaren Wege zogen sich ununterbrochen Fuhrwerke hin: -bald die langsamen, knarrenden, hoch mit Garben beladenen -Wagen, bald die ihnen schnell entgegenfahrenden leeren; -die Beine der auf ihnen stehenden Bauern zitterten, und -ihre Hemden flatterten. Die dichten Staubwolken stiegen -weder in die Höhe, noch sanken sie auf die Erde nieder, -sondern blieben hinter der Hecke zwischen dem durchsichtigen -Laube der Bäume des Gartens hängen. Etwas weiter, auf -der Tenne, ließen sich die gleichen Stimmen und das gleiche -Knarren der Räder vernehmen, und dieselben gelben Garben, -die langsam längs des Zaunes vorübergefahren waren, -flogen dort durch die Luft und häuften sich vor meinen -Augen zu ovalen oben spitz zulaufenden Zelten, auf denen -die Bauern sich wie die Ameisen regten. Vorne, auf dem -staubigen Felde bewegten sich ebenfalls Wagen, waren -ebenfalls gelbe Garben zu sehen, und das gleiche Knarren -der Wagen, Schreien und Singen hallten von fern. An -einem Ende wurde das Feld immer nackter und nackter, -und die Streifen der mit Beifuß bewachsenen Raine traten -darauf hervor. Unten rechts hoben sich vom abgemähten -Felde, auf dem das Korn noch unordentlich herumlag, die -bunten Kleider der Frauen ab, die die Garben banden, sich -bückten und mit den Armen fuchtelten, und das unordentliche -Feld säuberte sich allmählich, und die Garben erschienen -in hübschen, engen Reihen. Es war, als verwandelte<span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span> -sich vor meinen Augen der Sommer in den Herbst. -Überall herrschten Staub und Glut; nur unser Lieblingsplätzchen -im Garten blieb davon verschont. An allen Seiten -redete, lärmte und bewegte sich in diesem Staube, unter -dieser sengenden Sonne das Arbeitervolk.</p> - -<p>Katja schlief aber so süß mit dem Batisttaschentuch auf -dem Gesicht auf unserer kühlen Bank, die schwarzen Kirschen -glänzten so saftig auf dem Teller, unsere Kleider waren so -frisch und rein, das Wasser im Kruge spielte und schillerte -so hell in der Sonne, und es war mir so wohl ums Herz. -– Was soll ich machen? – dachte ich. – Ist es meine -Schuld, daß ich glücklich bin? Aber wie kann ich dieses -Glück den anderen mitteilen? Wie und wem soll ich mich -und mein ganzes Glück hingeben? –</p> - -<p>Die Sonne sank hinter die Wipfel der Birkenallee; -der Staub auf den Feldern legte sich; die Ferne wurde -beim schräg fallenden Lichte immer deutlicher und klarer; -die Wolken hatten sich vollständig verzogen; auf der Tenne -ragten drei neue Getreideschober über die Bäume hinauf, -und die Bauern waren von ihnen herabgestiegen; die Wagen -fuhren, wohl zum letztenmal, unter lautem Geschrei der -Arbeiter vorbei; die Weiber gingen mit den Rechen auf -den Schultern und den Garbenbändern im Gürtel laut -singend nach Hause, aber Ssergej Michailytsch wollte noch -immer nicht kommen, obwohl ich schon längst gesehen hatte, -wie er von der Anhöhe hinuntergeritten war. Plötzlich -tauchte in der Allee, an der Seite, wo ich ihn gar nicht -erwartete, seine Gestalt auf (er war um die Schlucht -herumgegangen). Mit freudigem, strahlendem Gesicht, den -Hut in der Hand, näherte er sich mir mit schnellen Schritten.<span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span> -Als er sah, daß Katja schlief, biß er sich in die Lippen, -kniff die Augen zusammen und kam auf den Fußspitzen -näher; ich merkte sofort, daß er sich in der eigentümlichen -Stimmung einer grundlosen Freude befand, die ich an ihm -so furchtbar liebte und die wir »wildes Entzücken« nannten. -Er war wie ein Schuljunge, der aus der Schule entlaufen -ist; sein ganzes Wesen, vom Gesicht bis zu den Füßen -atmete Zufriedenheit, Glück und kindliche Ausgelassenheit.</p> - -<p>»Nun, guten Tag, junges Veilchen, wie geht es Ihnen? -Gut?« flüsterte er, auf mich zugehend und mir die Hand -drückend. »Mir geht es ausgezeichnet,« antwortete er auf -meine Frage nach seinem Befinden, »ich bin heute dreizehn -Jahre alt und habe Lust, Pferdchen zu spielen und auf die -Bäume zu klettern.«</p> - -<p>»In wildem Entzücken?« fragte ich, ihm in die lachenden -Augen blickend und fühlend, daß dieses »wilde Entzücken« -sich auch mir mitgeteilt hatte.</p> - -<p>»Ja,« antwortete er, mir mit einem Auge zublinzelnd -und ein Lächeln unterdrückend. »Warum schlagen Sie aber -Katerina Karlowna auf die Nase?«</p> - -<p>Ich hatte gar nicht bemerkt, daß ich, ihn immerfort ansehend, -mit dem Zweige das Taschentuch von Katja heruntergeworfen -hatte und ihr mit den Blättern über das -Gesicht fuhr. Ich mußte lachen.</p> - -<p>»Sie wird aber behaupten, sie hätte gar nicht geschlafen,« -sagte ich im Flüstertone, als fürchtete ich Katja zu wecken; -aber ich tat es gar nicht aus diesem Grunde: es war mir -einfach angenehm, mit ihm so zu sprechen.</p> - -<p>Er bewegte, mir nachäffend, die Lippen, als hätte ich so -leise gesprochen, daß er nichts hören konnte. Als er den<span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span> -Teller mit den Kirschen sah, ergriff er ihn mit einer Miene, -als täte er es heimlich, ging zu Ssonja unter die Linde und -setzte sich auf ihre Puppen. Ssonja wurde anfangs böse, -aber er besänftigte sie bald damit, daß er ein Spiel ersann, -bei dem sie beide die Kirschen um die Wette essen -mußten.</p> - -<p>»Soll ich noch mehr holen lassen?« fragte ich. »Oder -wollen Sie selbst welche holen?«</p> - -<p>Er nahm den Teller, setzte die Puppen darauf, und wir -begaben uns zu dritt zum Gewächshause. Ssonja lief uns -lachend nach und zupfte ihn am Mantel, damit er ihr ihre -Puppen zurückgebe. Er gab sie ihr wieder und wandte sich -mit ernster Miene zu mir.</p> - -<p>»Und Sie wollen kein Veilchen sein?« sagte er mir, -immer noch leise, obwohl niemand in der Nähe war, den -er hätte wecken können. »Als ich nach all dem Staub, der -Hitze und Arbeit auf Sie zuging, da duftete es gleich nach -Veilchen. Und zwar nicht nach den starkriechenden Gartenveilchen, -sondern nach den anderen, ersten, dunklen, die nach -tauendem Schnee und Frühlingsgrase riechen.«</p> - -<p>»Ist in der Wirtschaft alles in Ordnung?« fragte ich -ihn, um die freudige Verwirrung zu verbergen, die seine -Worte in mir weckten.</p> - -<p>»Ausgezeichnet! Diese Leute sind überall ausgezeichnet. -Je mehr man sie kennt, um so mehr liebt man sie.«</p> - -<p>»Ja,« sagte ich, »ehe Sie kamen, sah ich heute vom -Garten aus den Arbeitern zu, und ich mußte mich plötzlich -schämen, daß sie sich abmühen, während es mir so wohl -ist, daß …«</p> - -<p>»Kokettieren Sie nicht damit, liebes Kind,« unterbrach<span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span> -er mich, indem er mir plötzlich ernst, doch liebevoll in die -Augen blickte. »Das ist eine heilige Sache. Behüte Sie -Gott davor, damit zu kokettieren.«</p> - -<p>»Aber ich sage es doch nur <em class="gesperrt">Ihnen</em>.«</p> - -<p>»Nun ja, ich weiß es. Wo sind aber die Kirschen?«</p> - -<p>Das Gewächshaus war zugesperrt, und von den Gärtnern -sah man niemand (er hatte sie alle aufs Feld hinausgeschickt). -Ssonja lief fort, den Schlüssel zu holen; -er wartete aber ihre Rückkehr nicht ab, stieg auf den Eckpfosten, -hob das Drahtnetz ab und sprang hinüber.</p> - -<p>»Wollen Sie Kirschen?« hörte ich seine Stimme von -drüben. »Geben Sie mir den Teller.«</p> - -<p>»Nein, ich will auch selbst pflücken, ich will den Schlüssel -holen,« sagte ich. »Ssonja wird ihn nicht finden …«</p> - -<p>Zugleich empfand ich den Wunsch, zu sehen, was er dort -wohl tue und wie er sich bewege, wenn er sich unbeobachtet -glaubte. Eigentlich wollte ich ihn einfach für keinen Augenblick -aus den Augen lassen. Ich lief auf den Zehen durch -die Brennesseln an die andere Seite des Gewächshauses, -wo die Umzäunung niedriger war, stieg auf ein leeres Faß, -so daß die Mauer mir bis an die Brust reichte, und lehnte -mich hinüber. Ich warf einen Blick in das Innere des -Gewächshauses mit den alten, krummen Bäumen und den -breiten, zackigen Blättern, unter denen die schwarzen, saftigen -Kirschen schwer und senkrecht niederhingen; ich steckte -den Kopf unter das Netz und erblickte unter dem Aste -eines alten Kirschbaumes Ssergej Michailytsch. Er glaubte -wohl, ich sei fortgegangen und niemand beobachte ihn. Er -saß ohne Hut, die Augen geschlossen, auf dem morschen -Stamme eines alten Kirschbaumes und rollte mit den<span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span> -Fingern ein Stück Kirschharz zu einem Kügelchen zusammen. -Plötzlich zuckte er die Achseln, schlug die Augen -auf, sagte etwas und lächelte. Dieses Wort und dieses -Lächeln nahmen sich bei ihm so ungewohnt aus, daß -ich mich schämte, ihn belauscht zu haben. Es schien -mir, als wäre dieses Wort – »Mascha!« gewesen. – Es -kann nicht sein, – dachte ich mir. »Liebe Mascha!« wiederholte -er noch leiser und noch zärtlicher. Diese beiden Worte -hörte ich aber schon ganz deutlich. Mein Herz schlug so -heftig, eine so aufregende, gleichsam verbotene Freude hatte -mich plötzlich ergriffen, daß ich mich an die Mauer klammerte, -um nicht umzufallen und mich nicht zu verraten. -Er hörte meine Bewegung, sah sich erschrocken um, schlug -plötzlich die Augen nieder und errötete wie ein Kind. Er -wollte mir etwas sagen, konnte es aber nicht, und immer -neue Blutwellen röteten sein Gesicht. Aber er lächelte, -als er mich ansah. Auch ich lächelte. Sein ganzes Gesicht -erstrahlte vor Freude. Er war nicht mehr der alte Onkel, -der mich liebkoste und belehrte, er war ein Mann, der mir -gleichstand, der mich liebte und fürchtete und den auch ich -fürchtete und liebte. Wir sagten nichts und sahen bloß -einander an. Plötzlich runzelte er aber die Stirn, das -Lächeln und der Glanz seiner Augen waren verschwunden, und -er wandte sich wieder kühl und väterlich an mich, als hätten -wir etwas Schlimmes getan, als wäre er zur Besinnung -gekommen und rate auch mir, zur Besinnung zu kommen.</p> - -<p>»Steigen Sie herab, Sie können sich weh tun,« sagte -er mir. »Bringen Sie Ihr Haar in Ordnung, wie sehen -Sie aus!«</p> - -<p>– Warum verstellt er sich so? Warum will er mir weh<span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span> -tun! – fragte ich mich ärgerlich. Im gleichen Augenblick -kam mir das unwiderstehliche Verlangen, ihn noch einmal -in Verlegenheit zu bringen und meine Gewalt über ihn zu -erproben.</p> - -<p>»Nein, ich will selbst pflücken!« sagte ich. Ich ergriff -mit den Händen den nächsten Ast und sprang mit den Füßen -auf die Mauer. Er hatte nicht Zeit, mich zu stützen, denn -ich sprang mit einem Satz in das Gewächshaus hinunter.</p> - -<p>»Was machen Sie für Dummheiten!« sagte er, wieder -errötend und seine Verwirrung hinter der ärgerlichen Miene -verbergend. »Sie haben sich doch weh tun können. Wie -wollen Sie von hier heraus?«</p> - -<p>Er war in noch größerer Verwirrung als früher, aber -dies freute mich nicht mehr, sondern machte mir Angst. -Diese Angst konnte ich nicht verbergen, ich errötete, wich -seinen Blicken aus und fing an, da ich nicht wußte, was -zu sagen, die Kirschen zu pflücken, die ich aber nirgends -hintun konnte. Ich machte mir Vorwürfe, ich bereute alles, -ich fürchtete, und es war mir, als hätte ich mich durch diesen -Streich für immer in seinen Augen blamiert. Ssonja, die -mit dem Schlüssel gelaufen kam, befreite uns aus dieser -peinlichen Situation. Lange Zeit sprachen wir nicht mehr -miteinander und wandten uns nur an Ssonja. Als wir zu -Katja zurückkehrten, welche beteuerte, sie habe gar nicht geschlafen -und alles gehört, wurde ich wieder ruhig, während -er versuchte, wieder den herablassenden väterlichen Ton anzuschlagen; -aber dieser Ton wollte ihm nicht mehr gelingen, -und er vermochte mich mit ihm nicht mehr zu täuschen. Ich -erinnerte mich lebhaft des Gesprächs, das wir vor einigen -Tagen geführt hatten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span></p> - -<p>Katja hatte gesagt, daß der Mann es leichter habe, zu -lieben und seine Liebe zu äußern als die Frau.</p> - -<p>»Der Mann kann sagen, daß er liebt, die Frau kann -es aber nicht,« hatte sie gesagt.</p> - -<p>»Mir scheint aber, auch der Mann kann und darf gar -nicht sagen, daß er liebt,« hatte er eingewandt.</p> - -<p>»Warum?« hatte ich gefragt.</p> - -<p>»Weil es immer eine Lüge sein wird. Was ist das für -eine neue Offenbarung, daß der Mensch liebt? Als ob in -dem Augenblick, wo er das sagt, etwas einschnappte: fertig, -er liebt! Als müßte in dem Augenblick, wo er dieses Wort -ausspricht, irgend etwas Außergewöhnliches geschehen, -irgendein Zeichen am Himmel erscheinen, als müßte ein -Salut aus allen Kanonen erschallen. Mir scheint,« hatte -er weiter gesagt, »daß die Menschen, welche feierlich die -Worte: ›Ich liebe Sie‹ sprechen, entweder sich selbst oder, -was noch schlimmer ist, die andern betrügen.«</p> - -<p>»Wie soll dann die Frau erfahren, daß man sie liebt, -wenn man es ihr nicht sagt?« hatte Katja gefragt.</p> - -<p>»Das weiß ich nicht,« hatte er geantwortet. »Jeder -Mensch hat seine eigene Ausdrucksweise. Wo aber ein Gefühl -ist, da kommt es auch von selbst zum Ausdruck. Wenn -ich einen Roman lese, so muß ich immer denken, was für -ein verdutztes Gesicht die Leutnants Strelskij oder Alfred -machen, wenn sie die Worte sprechen: ›Ich liebe dich, -Eleonore!‹ und erwarten, daß plötzlich etwas Außergewöhnliches -geschieht; es geschieht aber weder an ihr noch an ihm -etwas, die Augen, die Nase usw. bleiben dieselben.«</p> - -<p>Aus diesen scherzhaften Worten hatte ich schon damals -etwas Ernstes herausgehört, was sich auf mich bezog; aber<span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span> -Katja wollte nicht dulden, daß er die Helden ihrer Romane -so leichtfertig behandele.</p> - -<p>»Ewig diese Paradoxen!« hatte sie gesagt. »Sagen Sie -aufrichtig: haben Sie denn nie einer Frau gestanden, daß -Sie sie lieben?«</p> - -<p>»Das habe ich niemals gesagt und habe auch nie ein -Knie vor einer Frau gebeugt,« hatte er lachend geantwortet, -»und ich werde es auch niemals tun.«</p> - -<p>– Er braucht mir wirklich nicht zu sagen, daß er mich -liebt, – dachte ich nun, mich lebhaft an dieses Gespräch -erinnernd. – Er liebt mich, ich weiß es. Und wenn er sich -noch solche Mühe gibt, gleichgültig zu erscheinen, wird er -mir diese Gewißheit doch nicht nehmen. –</p> - -<p>An diesem ganzen Abend sprach er sehr wenig mit mir, -aber ich las in jedem seiner Worte, die er an Katja oder -Ssonja richtete, in jeder seiner Bewegungen, in jedem -seiner Blicke seine Liebe, und ich zweifelte nicht mehr an -ihr. Es verdroß und dauerte mich nur, daß er es für nötig -hielt, sein Gefühl zu verheimlichen und sich kalt zu stellen, -wo alles schon so klar war und wo man auf eine so leichte -und einfache Weise so unglaublich glücklich werden konnte. -Aber mich bedrückte es immer wie ein Verbrechen, daß -ich zu ihm in das Gewächshaus hineingesprungen war. Mir -schien immer, als würde er nun aufhören, mich zu achten -und als sei er mir böse.</p> - -<p>Nach dem Tee trat ich ans Klavier, und er folgte mir.</p> - -<p>»Spielen Sie mir doch etwas, ich habe Sie schon lange -nicht spielen hören,« sagte er, als er mich im Wohnzimmer -einholte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span></p> - -<p>»Ich wollte auch selbst … Ssergej Michailytsch!« sagte -ich, ihm plötzlich gerade in die Augen blickend. »Sie sind -mir doch nicht böse?«</p> - -<p>»Weshalb denn?« fragte er.</p> - -<p>»Weil ich heute nachmittag auf Sie nicht gehört habe,« -antwortete ich errötend.</p> - -<p>Er verstand, was ich meinte, schüttelte den Kopf und -lächelte. Sein Blick sagte mir, daß er mich schelten müßte, -aber keine Kraft dazu hätte.</p> - -<p>»Es ist nichts passiert, wir sind wieder gute Freunde,« -sagte ich, indem ich mich ans Klavier setzte.</p> - -<p>»Und ob!« antwortete er.</p> - -<p>Im großen, hohen Salon brannten nur die beiden Kerzen -auf dem Klavier, der übrige Raum war halbfinster. Durch -die offenen Fenster blickte die helle Sommernacht herein. -Alles war still, wir hörten nur hin und wieder, wie Katja im -dunklen Wohnzimmer auf und ab ging und wie sein unter -einem der Fenster angebundenes Pferd schnaubte und mit -den Hufen auf die Pestwurzstauden stampfte. Er saß hinter -mir, so daß ich ihn nicht sehen konnte; aber ich fühlte überall -– im Halbdunkel dieses Zimmers, in den Tönen, in mir -selbst – seine Gegenwart. Ich spürte in meinem Herzen -jeden seiner Blicke, jede seiner Bewegungen, die ich nicht -sehen konnte. Ich spielte die Fantasie-Sonate von Mozart, -die er mir gebracht und die ich in seinem Beisein und für -ihn einstudiert hatte. Ich dachte gar nicht daran, was ich -spielte, aber ich glaube, daß ich gut spielte, und es schien -mir, daß es ihm gefiel. Ich hatte den gleichen Genuß, den -er empfand und fühlte auch, ohne ihn anzusehen, seinen -Blick, der auf meinem Rücken ruhte. Ich sah mich ganz<span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span> -unwillkürlich nach ihm um, während meine Finger bewußtlos -über die Tasten liefen. Sein Kopf hob sich vom leuchtenden -Hintergrunde des nächtlichen Himmels ab. Er saß, -den Kopf in die Hände gestützt, und sah mich unverwandt -mit glänzenden Augen an. Ich lächelte, als ich den Blick -bemerkte, und hörte zu spielen auf. Auch er lächelte und -wies vorwurfsvoll mit dem Kopf auf die Noten, damit -ich weiter spiele. Als ich fertig war, leuchtete der Mond, -der nun hoch am Himmel stand, ins Zimmer herein, und -außer dem schwachen Scheine der Kerzen, war der Raum -auch noch von einem anderen silbernen Lichte erfüllt, das -durch die Fenster eindrang und sich auf den Boden legte. -Katja sagte, es sei ganz unerhört, daß ich gerade an der -schönsten Stelle aufgehört, und daß ich schlecht gespielt hätte; -er aber meinte, ich hätte noch nie so gut gespielt wie heute; -und er fing an, auf und ab zu gehen, – durch den Saal ins -dunkle Wohnzimmer und dann wieder durch den Saal, -und sooft er an mir vorüberging, lächelte er mir zu. Auch -ich lächelte und hatte sogar Lust, ohne jeden Grund zu -lachen: so froh war ich über etwas, was sich heute, soeben -ereignet hatte. Sooft er in der Tür verschwand, umarmte -ich Katja, mit der ich am Klavier stand und küßte sie auf -meine Lieblingsstelle – den vollen Hals unter dem Kinn; -sobald er aber wiederkam, machte ich ein ernstes Gesicht und -hielt mit Mühe das Lachen zurück.</p> - -<p>»Was ist mit ihr heute auf einmal los?« fragte ihn -Katja.</p> - -<p>Er antwortete aber nicht und sah mich nur lächelnd an: -er wußte, was mit mir los war.</p> - -<p>»Sehen Sie nur, welch eine Nacht!« rief er aus dem<span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span> -Wohnzimmer, vor der offenen, auf den Garten hinausgehenden -Balkontüre stehen bleibend.</p> - -<p>Wir gingen zu ihm; es war in der Tat eine Nacht, wie -ich sie später nie wieder gesehen habe. Der Vollmond -stand hinter uns über dem Hause, so daß wir ihn nicht -sehen konnten, und der halbe Schatten des Daches, der -Säulen und der Markise lag schräg und verkürzt auf dem -sandbestreuten Gartenwege und auf dem runden Rasenplatze. -Alles übrige war hell und von Tau und Mondlicht -versilbert. Der breite, mit Blumen eingefaßte Weg, auf -den von der einen Seite die schrägen Schatten der Georginen -und ihrer Stäbe fielen, zog sich, ganz hell und kalt, -durch den Nebel in die Ferne hin, und der Schotter, mit -dem er bestreut war, glänzte. Hinter den Bäumen leuchtete -das Dach des Gewächshauses hervor, und aus der Schlucht -stieg Nebel auf. Die schon ein wenig entblößten Fliedersträuche -waren bis zu den Ästen durchleuchtet. Alle vom -Tau befeuchteten Blumen waren deutlich voneinander zu -unterscheiden. In den Alleen hatten sich Licht und Schatten -so innig miteinander vermischt, daß die Alleen nicht mehr -als von Bäumen eingefaßte Wege, sondern als durchsichtige, -schwankende und zitternde Gebäude erschienen. -Rechts, im Schatten des Hauses war alles schwarz, unbestimmt -und unheimlich. Dafür ragte aus diesem Dunkel -noch heller der phantastische Wipfel der Pappel hervor, die -so seltsam in der Nähe des Hauses, oben im hellen Lichte -unbeweglich zu schweben schien, statt in den fernen bläulichen -Himmel emporzufliegen.</p> - -<p>»Wollen wir etwas gehen,« sagte ich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span></p> - -<p>Katja war einverstanden, meinte aber, daß ich meine -Galoschen anziehen müßte.</p> - -<p>»Es ist nicht nötig, Katja,« sagte ich, »Ssergej -Michailytsch wird mir ja den Arm geben.«</p> - -<p>Als ob mich das hinderte, nasse Füße zu bekommen! -Aber damals kam es uns allen dreien ganz natürlich und -gar nicht sonderbar vor. Er hatte mir noch niemals den -Arm gegeben, doch diesmal nahm ich ihn selbst, und er fand -auch das gar nicht sonderbar. Zu dritt gingen wir die -Terrasse hinab. Diese ganze Welt, dieser Himmel, dieser -Garten, diese Luft waren nicht mehr dieselben, die ich -kannte.</p> - -<p>Als ich die Allee, über die wir gingen, hinuntersah, war -es mir, als sei es unmöglich, noch weiter zu gehen, als habe -die Welt des Möglichen dort ihr Ende, als müsse dies -alles für immer in seiner Schönheit erstarren. Aber wir -gingen weiter, und die Zauberwand der Schönheit öffnete -sich vor uns und ließ uns ein, und auch dort schien -unser alter Garten mit seinen Bäumen, Wegen und trockenem -Laub zu liegen. Es war, als ob wir über die Wege -gingen, mit den Füßen auf die Licht- und Schattenseite -träten, als raschelte das welke Laub unter meinem Fuße -und als streifte ein frischer Zweig mein Gesicht. Es war, -als ob er es wäre, der gleichmäßig und langsam neben mir -gehend, behutsam meinen Arm hielt; als ob es wirklich -Katja wäre, unter deren Schritten neben uns der Sand -knirschte. Es war wohl auch wirklich der Mond am Himmel, -der auf uns durch die regungslosen Zweige herabschien …</p> - -<p>Aber mit jedem Schritt schloß sich die Zauberwand<span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span> -wieder vor uns und hinter uns, und ich hörte zu glauben -auf, daß es möglich sei, noch weiter zu gehen, und ich glaubte -nicht mehr an das, was war.</p> - -<p>»Ach! Ein Frosch!« rief Katja.</p> - -<p>– Wer sagt das und warum sagt er das? – dachte ich -mir. Aber später begriff ich, daß es Katja sei, daß sie -sich vor den Fröschen fürchtete, und ich blickte vor meine -Füße. Ein kleiner Frosch hüpfte und blieb dann unbeweglich -vor mir sitzen, und sein kleiner Schatten zeichnete sich -auf dem hellen, lehmigen Wege ab.</p> - -<p>»Und Sie fürchten sich gar nicht?« fragte er.</p> - -<p>Ich sah ihn an. Dort, wo wir eben gingen, fehlte in der -Allee eine Linde, und ich konnte sein Gesicht deutlich -sehen. Es war so schön und so glücklich …</p> - -<p>Er hatte gesagt: »Sie fürchten sich gar nicht?« aber ich -hörte ihn sagen: – Ich liebe dich, mein liebes Mädchen! – -Ich liebe, ich liebe dich! – sagten sein Blick und sein Arm; -auch Licht und Schatten und die Luft sagten dasselbe.</p> - -<p>Wir umwanderten den ganzen Garten. Katja ging neben -uns mit ihren kleinen Schritten und atmete schwer vor -Müdigkeit. Sie sagte, daß es Zeit sei, umzukehren, und -die Ärmste tat mir so furchtbar leid. – Warum fühlt sie -nicht dasselbe wie wir? fragte ich mich. – Warum sind -nicht alle so jung und so glücklich wie diese Nacht, wie -wir beide?</p> - -<p>Wir kehrten ins Haus zurück, aber er blieb noch lange -bei uns, obwohl die Hähne schon gekräht hatten, obwohl -alle im Hause schliefen und sein Pferd vor dem Fenster -immer ungeduldiger schnaubte und mit den Hufen auf die -Pestwurzstauden stampfte. Katja sagte uns nicht, daß es<span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span> -schon spät sei, und so blieben wir, von den gleichgültigsten -Dingen sprechend, ohne es selbst zu merken bis zur dritten -Morgenstunde auf. Die Hähne krähten schon zum drittenmal, -und der Morgen dämmerte, als er uns verließ. Er -verabschiedete sich ganz wie sonst und sagte nichts Außergewöhnliches; -aber ich wußte, daß er von diesem Tage an -mir gehörte, und daß ich ihn nie wieder verlieren würde. Sobald -ich mir eingestanden hatte, daß ich ihn liebe, erzählte ich -alles Katja. Sie war sehr erfreut und gerührt, weil ich -es ihr erzählte, aber die Ärmste konnte diese ganze Nacht -nicht einschlafen. Ich ging noch lange auf der Terrasse -auf und ab, stieg in den Garten hinunter, wandelte durch -die gleichen Alleen, durch die wir früher gewandelt, und -suchte mich jedes seiner Worte, jeder seiner Bewegungen -zu entsinnen. Ich schlief diese ganze Nacht nicht und sah -zum erstenmal in meinem Leben den Sonnenaufgang und -den frühen Morgen. Eine solche Nacht und einen solchen -Morgen habe ich später nie wieder erlebt. – Aber warum -sagt er mir nicht ganz einfach, daß er mich liebt? – dachte -ich. – Warum erfindet er allerlei Schwierigkeiten, warum -nennt er sich einen alten Mann, während alles doch so einfach -und so herrlich ist? Warum verliert er die goldene -Zeit, die vielleicht niemals wiederkehrt? Mag er doch -nur einmal sagen: »ich liebe dich!«, mag er es mir nur -einmal mit Worten sagen, mag er meine Hand in die seine -nehmen, seinen Kopf über sie beugen und sagen: »ich liebe -dich«. Mag er erröten und die Augen vor mir niederschlagen, -und dann will ich ihm auch alles sagen. Ich -werde es ihm nicht einmal sagen, ich werde ihn umarmen, -mich an ihn schmiegen und zu weinen anfangen. – Aber<span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span> -wenn ich mich täusche, wenn er mich gar nicht liebt? – ging -es mir plötzlich durch den Kopf.</p> - -<p>Ich erschrak vor meinem Gefühl, – Gott weiß, wohin -es mich hätte führen können; ich erinnerte mich seiner und -meiner Verwirrung im Gewächshaus, als ich plötzlich zu -ihm hinuntersprang, und es wurde mir so schwer, so schwer -ums Herz. Tränen stürzten mir aus den Augen, und ich -begann zu beten. Und mir kam ein seltsamer Gedanke, -der mich beruhigte, und eine neue Hoffnung erfüllte mich. -Ich entschloß mich, gleich vom nächsten Morgen an zu fasten, -an meinem Geburtstage zu beichten und zu kommunizieren -und am gleichen Tage seine Braut zu werden.</p> - -<p>Wie und warum es so kommen mußte, wußte ich gar -nicht, aber von diesem Augenblicke an glaubte ich fest, daß -es so kommen würde. Es war schon ganz hell geworden, -und die Leute standen auf, als ich in mein Zimmer zurückkehrte.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span></p> - -<h3 id="kap1_4">IV</h3> -</div> - -<p>Es waren die Fasten vor Mariä Himmelfahrt, und -niemand im Hause wunderte sich darum über meinen Entschluß, -mich zur Beichte vorzubereiten.</p> - -<p>Diese ganze Woche war er kein einzigesmal bei uns gewesen, -und mir fiel es nicht nur nicht ein, mich darüber zu -wundern, mich zu beunruhigen und ihm deswegen zu zürnen, -sondern ich war sogar froh, daß er nicht kam und erwartete -ihn erst an meinem Geburtstage. Im Laufe dieser ganzen -Woche stand ich jeden Morgen sehr früh auf. Während man -den Wagen für mich anspannte, ging ich allein im Garten -auf und ab, nahm alle meine Sünden des vorhergehenden -Tages durch und überlegte mir, was ich heute machen sollte, -um mit diesem Tage zufrieden zu sein und kein einziges Mal -zu straucheln. Damals kam es mir so leicht vor, ganz rein -von Sünden zu sein. Ich dachte mir, es genüge, daß ich mich -ein wenig zusammennehme. Die Pferde fuhren vor, ich -stieg mit Katja oder einem der Dienstmädchen in die Liniendroschke, -und wir begaben uns nach der drei Werst entfernten -Kirche. Beim Betreten der Kirche erinnerte ich mich jedesmal, -daß man für alle »mit Gottesfurcht Eintretenden« -betet, und bemühte mich, mit diesem Gefühl über die beiden -grasbewachsenen Stufen des Kirchenportals zu treten. In -der Kirche waren um diese Stunde nie mehr als an die zehn -Bauern und Bäuerinnen, die sich ebenfalls zur Beichte vorbereiteten; -ich erwiderte mit besonderer Demut ihre Verbeugungen,<span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span> -ging selbst, was mir als ein gottgefälliges -Werk erschien, zu der Kerzenlade, ließ mir vom Kirchenältesten, -einem alten Soldaten, eine Kerze geben und stellte -sie dann selbst vor die Heiligenbilder. Durch die »Zarenpforte« -sah ich die von meiner Mama gestickte Altardecke: -über der Heiligenwand waren zwei Engel mit Sternen angebracht, -die mir, als ich noch klein war, so groß erschienen, -und eine Taube mit gelbem Heiligenschein, die mich damals -gleichfalls gefesselt hatte. Hinter dem Chore stand das -zerbeulte Taufbecken, über dem ich schon so oft die Kinder -unserer Leibeigenen als Taufpatin gehalten hatte und in -dem ich einst selbst getauft worden war. Der alte Priester -trat vor den Altar in einem Ornat, das aus dem Bahrtuch -meines verstorbenen Vaters angefertigt worden war, -und sprach die Gebete mit der gleichen Stimme, mit der er -immer, soweit ich mich erinnern konnte, in unserem Hause -die Gottesdienste abgehalten, Ssonja getauft, die Seelenmesse -für meinen Vater gelesen und die Leiche meiner -Mutter eingesegnet hatte. Die gleiche zitternde Stimme -des Küsters klang im Chor, und die gleiche alte Frau, die -ich in dieser Kirche von jeher und bei jedem Gottesdienste -gesehen hatte, stand gebückt an der Wand, blickte mit -weinenden Augen auf das Heiligenbild im Chor, drückte -die zum Zeichen des Kreuzes zusammengelegten Finger an -ihr verschossenes Kopftuch und flüsterte etwas mit zahnlosem -Munde. Dies alles weckte jetzt in mir nicht mehr -Neugierde, auch nicht bloß liebe Erinnerungen, sondern -war groß und heilig und schien mir von einer tiefen Bedeutung -erfüllt. Ich glaubte jedem Worte des Gebets, -das der Priester las, bemühte mich, auf jedes Wort mit<span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span> -innerem Gefühl Antwort zu geben, und wenn ich etwas -nicht verstand, so bat ich in Gedanken Gott, mich zu erleuchten, -oder erfand an Stelle des Gebetes, dem ich nicht -folgen konnte, mein eigenes. Wenn die Bußgebete gelesen -wurden, erinnerte ich mich meiner ganzen Vergangenheit, -und diese kindliche und unschuldige Vergangenheit erschien -mir im Vergleich mit dem jetzigen lichten Zustande meiner -Seele so schwarz, daß ich weinte und mich über mich selbst -entsetzte; zugleich fühlte ich aber, daß mir dies alles vergeben -würde, und daß, wenn ich sogar noch mehr Sünden -hätte, die Reue für mich um so süßer wäre. Wenn der -Priester am Ende des Gottesdienstes die Worte sprach: -»Gottes Segen über Euch«, glaubte ich im gleichen Augenblick -von einem körperlichen Wohlgefühl durchströmt zu -werden: es war, als ob mir plötzlich Licht und Wärme -ins Herz drängen. Nach dem Gottesdienste kam der Priester -zu mir heraus und fragte, ob und wann er zu uns ins Haus -kommen solle, um eine Abendmesse zu lesen; aber ich dankte -ihm gerührt dafür, daß er es, wie ich glaubte, für mich -tun wollte, und sagte, daß ich selbst zu Fuß oder zu Wagen -zur Kirche kommen werde.</p> - -<p>»Sie wollen sich selbst bemühen?« pflegte er zu fragen.</p> - -<p>Ich wußte nicht, was zu antworten, ohne in die Sünde -des Hochmuts zu verfallen.</p> - -<p>Nach der Messe schickte ich, wenn Katja nicht dabei war, -die Pferde immer weg und ging allein zu Fuß nach Hause. -Unterwegs verbeugte ich mich demütig vor allen, denen ich -begegnete und suchte Gelegenheit, jemand mit Tat oder -Rat zu helfen, mich für jemand aufzuopfern; bald half ich -einem Bauern, einen umgekippten Wagen aufzuheben, bald<span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span> -wiegte ich ein Kind und trat bald von der Straße in den -Schmutz, um jemand den Weg frei zu machen. Eines -Abends hörte ich, wie der Verwalter Katja erzählte, daß -der Bauer Ssemjon zu ihm gekommen sei, um Bretter zu -einem Sarge für seine verstorbene Tochter und einen Rubel -für die Seelenmesse zu bitten, und daß er ihm beides gegeben -habe. »Sind denn die Leute so arm?« fragte ich. – -»Sie sind sehr arm, gnädiges Fräulein, sie haben nicht mal -Salz,« antwortete der Verwalter. Mein Herz schnürte sich -zusammen, und zugleich überkam mich etwas wie Freude, als -ich das hörte. Ich log Katja vor, daß ich spazieren gehen -möchte, lief hinauf, holte mein ganzes Geld (es war sehr -wenig, aber doch alles, was ich besaß), bekreuzigte mich und -ging allein über die Terrasse und den Garten ins Dorf -zu Ssemjons Hause. Sein Haus stand am Rande des -Dorfes, ich trat, von niemand bemerkt, ans Fenster, legte -das Geld hinein und klopfte an. Die Tür knarrte, jemand -kam aus dem Hause und rief mich an; ich lief, vor Schreck -zitternd und am ganzen Leibe erkaltend, wie eine Verbrecherin -heim. Katja fragte mich, wo ich gewesen und was -mit mir los sei, aber ich verstand nicht einmal, was sie zu -mir sagte, und gab ihr keine Antwort. Alles erschien mir -auf einmal so nichtig und eitel. Ich schloß mich in meinem -Zimmer ein und ging lange auf und ab, außerstande, etwas -zu tun, an etwas zu denken, außerstande, mir Rechenschaft -über meine Empfindungen zu geben. Ich dachte an die -Freude, die ich der ganzen Familie bereitet hatte, an die -Worte, mit denen sie von demjenigen sprechen würden, der -das Geld hingelegt hatte, und es tat mir leid, daß ich -ihnen das Geld nicht in die Hand gegeben hatte. Ich dachte<span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span> -auch daran, was wohl Ssergej Michailytsch sagen würde, -wenn er von dieser Tat erführe und freute mich darüber, -daß niemand es erfahren würde. Und in mir war eine solche -Freude, alle Menschen und ich selbst erschienen mir so -schlecht, und ich betrachtete mich und die anderen so mild, -daß der Gedanke an den Tod mir wie ein Traum von Glück -erschien. Ich lächelte und betete und weinte und liebte in -diesem Augenblick alle Menschen und auch mich selbst so -heiß und so leidenschaftlich. Zwischen den Messen las ich -im Evangelium, und immer verständlicher wurde mir dieses -Buch, immer rührender und einfacher erschien mir die Geschichte -dieses göttlichen Lebens und immer unheimlicher und -unergründlicher die Tiefe des Gefühls und der Gedanken, -die ich in seiner Lehre fand. So klar und einfach erschien -mir dafür alles, wenn ich das Buch beiseite legte und tiefer -ins Leben schaute, das mich umgab. Es erschien mir so -schwer, nicht gut zu sein, und so einfach, alle zu lieben und -von allen geliebt zu werden. Alle waren so gut und sanft -zu mir; sogar Ssonja, der ich noch immer Unterricht erteilte, -war eine ganz andere geworden und gab sich Mühe, -mich zu verstehen, mir gefällig zu sein und mich nicht zu -betrüben. Wie ich zu den Menschen war, so waren sie auch -zu mir. Ich überlegte mir, ob ich nicht Feinde hätte, die -ich vor der Beichte um Verzeihung bitten müßte, und erinnerte -mich nur eines jungen Mädchens aus der Nachbarschaft, -über das ich mich einmal vor Gästen lustig gemacht -hatte und das uns nicht mehr besuchte. Ich schrieb ihr -einen Brief, in dem ich meine Schuld bekannte und sie -um Vergebung bat. Sie antwortete mir mit einem Briefe, -in dem sie mich selbst um Verzeihung bat und auch mir<span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span> -verzieh. Ich weinte vor Freude, als ich diese einfachen -Zeilen las, in denen ich damals ein ebenso tiefes und rührendes -Gefühl zu sehen glaubte. Die alte Kinderfrau weinte, -als ich sie um Vergebung bat. – Warum sind sie alle -so gut zu mir? Womit habe ich solche Liebe verdient? – -fragte ich mich. Ich erinnerte mich auch unwillkürlich -Ssergej Michailytschs und dachte lange an ihn. Ich konnte -nicht anders und hielt es sogar auch nicht für Sünde. Aber -ich dachte an ihn jetzt ganz anders als in jener Nacht, wo -ich zum erstenmal erfuhr, daß ich ihn liebe; ich dachte an -ihn wie an mich selbst und verknüpfte ihn unwillkürlich -mit jedem Gedanken an meine eigene Zukunft. Der erdrückende -Einfluß, den ich in seiner Gegenwart verspürt -hatte, war nun in meiner Fantasie vollkommen verschwunden. -Ich betrachtete mich als ihm gleich und verstand ihn -vollkommen von der Höhe der geistlichen Stimmung herab, -in der ich mich befand. Alles, was mir an ihm früher -seltsam erschienen, war mir jetzt klar. Erst jetzt begriff -ich, warum er gesagt hatte, daß das Glück nur darin liege, -für andere zu leben, und ich war mit ihm jetzt darin vollkommen -einverstanden. Es schien mir, daß uns beide ein -unendliches und ruhiges Glück erwartete. Ich dachte aber -dabei nicht an Reisen ins Ausland, nicht an den Glanz -der großen Welt, sondern an ein ganz anderes, stilles -Familienleben auf dem Lande, mit ewiger Selbstaufopferung, -mit ewiger Liebe zueinander und mit ewiger Erkenntnis -der milden und hilfreichen Vorsehung in allen Dingen.</p> - -<p>Ich kommunizierte, wie ich es mir vorgenommen hatte, -an meinem Geburtstage. Als ich an diesem Tage aus der -Kirche zurückkehrte, war mein Herz von einem so vollkommenen<span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span> -Glück erfüllt, daß ich mich vor dem Leben, vor -jedem Eindruck, vor allem fürchtete, was dieses Glück -hätte stören können. Aber kaum waren wir der Liniendroschke -vor unserer Freitreppe entstiegen, als auf der -Brücke das mir bekannte Kabriolett rasselte und ich Ssergej -Michailytsch erblickte. Er gratulierte mir, und wir traten -zusammen ins Wohnzimmer. Noch niemals, seitdem ich -ihn kannte, war ich so ruhig und meiner selbst sicher wie an -diesem Morgen. Ich fühlte in mir eine ganze neue Welt, -die er nicht begriff, die größer war als er. Ich empfand -vor ihm nicht die geringste Verlegenheit. Er merkte wohl, -woher das kam, und benahm sich besonders zartfühlend, -sanft und fromm mir gegenüber. Ich trat an das Klavier, -aber er schloß es zu und steckte den Schlüssel in die Tasche.</p> - -<p>»Verderben Sie Ihre Stimmung nicht,« sagte er. »In -Ihrer Seele ist jetzt eine Musik, die schöner ist als jede -Musik auf Erden.«</p> - -<p>Ich war ihm dankbar dafür, und doch war es mir zugleich -auch etwas unangenehm, daß er so leicht und klar -alles begriff, was als Geheimnis in meiner Seele ruhen -sollte. Beim Mittagessen sagte er, er sei gekommen, mir -zu gratulieren und zugleich Abschied zu nehmen, weil er -morgen nach Moskau verreise. Als er das sagte, sah er nur -Katja an; dann streifte er aber auch mich mit einem Blick, -und ich sah ihm an, daß er fürchtete, in meinem Gesicht -eine Erregung zu merken. Aber ich war weder erstaunt -noch erregt und fragte ihn nicht mal, ob er für lange verreise. -Ich hatte erwartet, daß er es sagen würde, und -ich wußte auch, daß er nicht verreisen würde. Wie ich das -wußte? Jetzt kann ich mir das unmöglich erklären; aber an<span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span> -jenem denkwürdigen Tage war es mir, als ob ich alles, wie -das Vergangene, so auch das Zukünftige wüßte. Ich war -wie in einem glücklichen Traum, wo mir alles, was auch -geschieht, schon bekannt vorkommt, wo ich alles schon längst -weiß, es aber erst in der Zukunft geschehen soll, und ich -weiß, daß es geschehen wird.</p> - -<p>Er wollte gleich nach dem Essen wegfahren, aber Katja, -die noch von der Messe ermüdet war, zog sich zurück, um -sich etwas hinzulegen, und er mußte warten, bis sie erwachte, -um sich von ihr zu verabschieden. Im Salon war -die Sonne, und wir gingen auf die Terrasse. Kaum hatten -wir uns hingesetzt, als ich in vollkommener Ruhe das -Gespräch begann, das über das Schicksal meiner Liebe entscheiden -sollte. Ich fing zu sprechen an, weder früher noch -später, sondern just in dem Augenblick, als wir uns hingesetzt -hatten, als noch nichts gesagt worden war und als -weder der Ton noch der Charakter des Gesprächs mich -darin, was ich sagen wollte, hindern konnten. Ich weiß -selbst nicht, wo ich damals solche Ruhe, Entschlossenheit -und Genauigkeit der Ausdrucksweise hernahm. Es war, -als sagte ich es nicht selbst, als spräche etwas, was von -meinem Willen nicht abhing, aus mir heraus. Er saß mir -gegenüber, die Ellbogen auf das Geländer gestützt und -rupfte die Blätter von einem Fliederzweige, den er zu sich -herangezogen hatte. Als ich zu sprechen anfing, ließ er den -Zweig fahren und stützte den Kopf in die Hand. Das konnte -die Pose eines durchaus ruhigen, wie auch die eines sehr -aufgeregten Mannes sein.</p> - -<p>»Warum verreisen Sie?« fragte ich bedeutungsvoll und -langsam, ihm gerade ins Gesicht blickend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span></p> - -<p>Er antwortete nicht gleich.</p> - -<p>»Die Geschäfte!« versetzte er schließlich, die Augen -senkend.</p> - -<p>Ich begriff, wie schwer es ihm fiel, mir die Unwahrheit -zu sagen und dazu noch auf eine so aufrichtig gestellte Frage.</p> - -<p>»Hören Sie,« sagte ich, »Sie wissen, was dieser Tag -für mich ist. Er ist mir in mancher Beziehung wichtig. -Wenn ich Sie frage, so tue ich es nicht nur, um mein Interesse -für Sie zu zeigen (Sie wissen, daß ich mich an Sie -gewöhnt habe und Sie gerne mag); ich frage, weil ich es -wissen muß. Warum verreisen Sie?«</p> - -<p>»Es ist mir sehr schwer, Ihnen die Wahrheit zu sagen, -warum ich verreise,« sagte er. »In dieser Woche habe ich -viel an Sie und auch an mich gedacht und bin zu dem -Schluß gekommen, daß ich verreisen muß. Sie verstehen -doch, warum, und wenn Sie mich lieben, werden Sie -nicht weiter fragen.« Er fuhr sich mit der Hand über die -Stirne und bedeckte dann mit ihr die Augen. »Es fällt -mir schwer … Und Sie verstehen es doch.«</p> - -<p>Mein Herz fing heftig zu schlagen an.</p> - -<p>»Ich kann es nicht verstehen,« entgegnete ich, »<em class="gesperrt">ich -kann es nicht</em>, aber <em class="gesperrt">Sie selbst</em>, sagen Sie es mir um -Gottes willen, schon weil es ein so besonderer Tag für mich -ist, ich kann alles ruhig anhören!«</p> - -<p>Er änderte seine Stellung, blickte mich an und zog den -Fliederzweig wieder zu sich.</p> - -<p>»Übrigens,« sagte er nach kurzer Pause mit einer -Stimme, die sich vergebens bemühte, fest zu erscheinen, -»obwohl es dumm und unmöglich ist, es mit Worten auszusprechen, -obwohl es mir schwer fällt, will ich mich doch<span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span> -bemühen, es Ihnen zu erklären,« fügte er hinzu, das Gesicht -wie bei einem körperlichen Schmerz verziehend.</p> - -<p>»Nun?« fragte ich.</p> - -<p>»Denken Sie sich folgenden Fall: es war einmal ein -Herr, sagen wir ein Herr A.,« begann er, »ein alter und -abgelebter Mann, und es war ein gewisses Fräulein B., -ein glückliches junges Mädchen, das das Leben und die -Menschen noch nicht kannte. Infolge besonderer Familienverhältnisse -gewann er sie wie eine Tochter lieb und dachte -gar nicht daran, sie anders lieben zu können.«</p> - -<p>Er hielt inne, aber ich unterbrach ihn nicht.</p> - -<p>»Aber er hatte vergessen, daß Fräulein B. so jung war, -daß das Leben für sie noch ein Spiel bedeutete,« fuhr er -plötzlich schnell und entschlossen fort, ohne mich anzublicken, -»daß es sehr leicht sei, sie anders zu lieben, und daß dies -ihr sehr amüsant erscheinen würde. Er hatte sich aber geirrt -und fühlte plötzlich, daß ein anderes Gefühl, so schwer wie -die Reue sich in sein Herz einschlich, und er erschrak. Er -fürchtete, daß ihre früheren freundschaftlichen Beziehungen -abbrechen könnten, und er entschloß sich, zu verreisen, bevor -dies geschähe.« Als er das sagte, rieb er sich, wie zerstreut, -mit der Hand die Augen und schloß sie wieder.</p> - -<p>»Warum fürchtete er denn, sie anders zu lieben?« -fragte ich kaum hörbar, meine Erregung zurückhaltend, -so daß meine Stimme ruhig klang; ihm erschien aber mein -Ton wohl scherzhaft, und er antwortete wie beleidigt:</p> - -<p>»Sie sind jung, und ich bin nicht mehr jung. Sie wollen -spielen, aber ich will etwas anderes. Spielen Sie nur, -aber nur nicht mit mir, denn sonst werde ich es vielleicht -ernst nehmen, und das wäre für mich nicht gut, und Sie<span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span> -würden es bereuen. Das sagte der A.,« fügte er hinzu. -»Es sind lauter Dummheiten, aber Sie verstehen wohl, -warum ich verreise. Sprechen wir nie mehr davon, ich bitte -Sie!«</p> - -<p>»Nein! Nein! Sprechen wir gerade davon!« rief ich -aus, und meine Stimme zitterte vor zurückgehaltenen -Tränen. »Liebte er sie oder nicht?«</p> - -<p>Er gab keine Antwort.</p> - -<p>»Wenn er sie aber nicht liebte, warum spielte er dann -mit ihr wie mit einem Kinde?« fragte ich.</p> - -<p>»Ja, ja, das war eben seine Schuld,« antwortete er, -mich hastig unterbrechend, »aber alles war zu Ende, und -sie schieden … als Freunde.«</p> - -<p>»Aber es ist doch entsetzlich! Ist denn kein anderer -Ausweg möglich?« brachte ich mit Mühe hervor und erschrak -gleich darauf über meine eigenen Worte.</p> - -<p>»Ja, es gibt wohl einen anderen Ausweg,« sagte er, -indem er die Hand von seinem aufgeregten Gesicht nahm -und mir gerade in die Augen blickte. »Es gibt zwei verschiedene -Auswege. Aber um Gottes willen, unterbrechen -Sie mich nicht und versuchen Sie mich mit Ruhe zu -begreifen. Die einen sagen,« fing er an, indem er sich -erhob, mit einem schmerzvollen und schwermütigen Lächeln, -»die einen sagen, A. sei verrückt geworden, hätte sich in -die B. wahnsinnig verliebt und ihr seine Liebe gestanden … -Sie hätte aber nur gelacht. Für sie war es nur ein Spiel, -für ihn aber eine Lebensfrage.«</p> - -<p>Ich fuhr zusammen und wollte ihn unterbrechen, wollte -ihm sagen, daß er sich nicht unterstehen dürfe, mir seine<span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span> -eigenen Gedanken unterzuschieben, aber er legte seine Hand -auf die meine, um mich zurückzuhalten.</p> - -<p>»Warten Sie,« sagte er mit bebender Stimme, »die -einen sagen, sie hätte Mitleid mit ihm gehabt; die Ärmste, -die die Menschen noch nicht kannte, hätte sich eingebildet, -daß sie ihn wirklich lieben könne, und eingewilligt, seine -Frau zu werden. Er, der Wahnsinnige hätte geglaubt, -daß für ihn ein neues Leben beginnen würde, aber sie hätte -selbst begriffen, daß sie ihn betrogen habe, wie auch er sie … -Sprechen wir nicht mehr davon,« schloß er, offenbar außerstande, -weiter zu sprechen, und fing an, vor mir auf und -ab zu gehen.</p> - -<p>Er sagte: »sprechen wir nicht mehr davon«, aber ich -sah, daß er mit der ganzen Sehnsucht seiner Seele ein -Wort von mir erwartete. Ich wollte sprechen, konnte es -aber nicht: etwas preßte mir die Brust zusammen. Ich -sah ihn an: er war blaß, und seine Unterlippe zitterte. Ich -fühlte Mitleid mit ihm. Ich nahm meine ganze Kraft zusammen, -zerriß plötzlich die Fesseln des Schweigens und -begann mit leiser, verhaltener Stimme, die, wie ich fürchtete, -jeden Augenblick versagen konnte.</p> - -<p>»Und die dritte Möglichkeit,« begann ich und hielt inne; -aber er schwieg. »Die dritte Möglichkeit ist, daß er sie -nicht liebte und ihr sehr weh tat; er glaubte, im Rechte -zu sein, und verließ sie und rühmte sich auch noch dessen. -Für Sie ist es ein Spiel, aber nicht für mich, ich habe -Sie vom ersten Tage an geliebt, geliebt!« wiederholte ich, -und beim Worte »geliebt« steigerte sich meine bis dahin -leise und verhaltene Stimme zu einem wilden Aufschrei, -vor dem ich selbst erschrak.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span></p> - -<p>Er stand bleich vor mir, seine Lippe bebte immer heftiger, -und zwei Tränen rollten über seine Wangen.</p> - -<p>»Das ist schlecht!« schrie ich fast, während mich die -unterdrückten Tränen der Kränkung zu ersticken drohten. -»Womit habe ich das verdient?« fragte ich und erhob mich, -um fortzugehen.</p> - -<p>Er ließ mich aber nicht fort. Sein Kopf lag auf meinem -Schoße, seine Lippen küßten meine zitternden Hände, und -seine Tränen netzten sie. »Mein Gott, wenn ich es gewußt -hätte!« rief er.</p> - -<p>»Womit? Womit?« wiederholte ich, und in meiner -Seele war ein Glück, das dann für immer entschwand -und nie wiederkam.</p> - -<p>Fünf Minuten später lief Ssonja zu Katja hinauf und -schrie, daß es im ganzen Hause hallte: »Mascha will -Ssergej Michailytsch heiraten!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span></p> - -<h3 id="kap1_5">V</h3> -</div> - -<p>Es lagen keine Gründe vor, die Hochzeit hinauszuschieben, -und weder er, noch ich wünschten das. Katja -wollte allerdings erst nach Moskau fahren, um Verschiedenes -für die Aussteuer einzukaufen und zu bestellen, -und seine Mutter versuchte, darauf zu bestehen, daß er vor -der Heirat eine neue Equipage und neue Möbel anschaffe -und das Haus neu tapezieren lasse; wir beide setzten aber -unseren Entschluß durch, dies alles, wenn es schon so notwendig -sei, erst später zu besorgen und uns zwei Wochen -nach meinem Geburtstage, in aller Stille, ohne Aussteuer, -ohne Gäste, ohne Hochzeitsbeistände, ohne Festtafel, Champagner -und sonstige Hochzeitsattribute trauen zu lassen. -Er erzählte mir, wie ungehalten seine Mutter darüber -war, daß unsere Hochzeit ohne Musik, ohne einen Berg -von Truhen und ohne Erneuerung des ganzen Hauses -gefeiert werden sollte, ganz anders, als ihre Hochzeit, die -einst dreißigtausend Rubel gekostet habe, und wie sie hinter -seinem Rücken die alten Kisten und Kasten durchwühlt -und sich mit der Wirtschafterin Marjuschka ernsthaft wegen -der für unser Glück unentbehrlichen Teppiche, Gardinen und -Tabletts beraten habe. Meine Katja machte es ebenso mit -der Wärterin Kusminischna. Darüber durfte man mit ihr -nicht scherzen. Sie war fest überzeugt, daß wir, wenn wir<span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span> -von unserer Zukunft sprachen, nur tändelten und Unsinn -trieben, wie es Menschen in dieser Lage überhaupt eigen sei, -daß aber das wesentliche Glück unserer Zukunft nur davon -abhänge, daß die Hemden richtig zugeschnitten und genäht -und die Tischtücher und Servietten ordentlich gesäumt seien. -Zwischen Pokrowskoje und Nikolskoje wurden einigemal -am Tage geheime Berichte darüber ausgetauscht, was auf -der einen und auf der anderen Seite vorbereitet wurde; -obwohl die Beziehungen zwischen Katja und seiner Mutter -äußerlich die zärtlichsten waren, war doch eine etwas feindselige, -wenn auch raffinierte Diplomatie dabei. Seine -Mutter, Tatjana Ssemjonowna, die ich jetzt näher kennen -lernte, war eine steife und strenge Hausfrau, eine Dame -der guten alten Zeit. Er liebte sie nicht nur als Sohn -aus Pflichtgefühl, sondern auch aus menschlicher Neigung, -da er sie für die beste, gütigste, klügste und liebreichste -Frau in der Welt hielt. Tatjana Ssemjonowna war immer -gut zu uns, besonders zu mir, und freute sich, daß ihr -Sohn heiraten wollte; als ich sie aber als seine Braut -besuchte, kam es mir vor, als wollte sie mich fühlen lassen, -daß ich als die Auserwählte ihres Sohnes auch besser hätte -sein können und daß es mir gar nicht schaden würde, dessen -immer eingedenk zu sein. Ich verstand sie vollkommen und -war mit ihr einverstanden.</p> - -<p>In den beiden letzten Wochen sahen wir uns jeden Tag. -Er aß bei uns zu Mittag und blieb dann bis Mitternacht. -Aber obwohl er sagte – und ich wußte, daß er die Wahrheit -sprach, – daß er ohne mich gar nicht lebe, verbrachte -er doch nie einen ganzen Tag mit mir und bemühte sich -seinen Geschäften nachzugehen. Unsere äußeren Beziehungen<span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span> -blieben bis zur Hochzeit die alten: wir fuhren fort, uns -mit »Sie« anzureden, er küßte mir nicht mal die Hand -und suchte nicht nur keine Gelegenheit, mit mir allein zu -sein, sondern schien auch solche Gelegenheiten zu meiden. -Als fürchtete er, sich der allzu großen, gefährlichen Zärtlichkeit -hinzugeben, die in ihm war. Ich weiß nicht, wer -sich von uns beiden verändert hatte, er oder ich, aber jetzt -fühlte ich mich ihm vollkommen gleich, nahm an ihm nicht -mehr jene geheuchelte Einfachheit wahr, die mir früher -so mißfiel, und sah vor mir oft mit Freude, statt des Respekt -und Furcht einflößenden Mannes, ein sanftes und vor Glück -fassungsloses Kind. – Das ist also alles, was an ihm -war! – sagte ich mir oft: – Er ist genau so ein Mensch -wie ich und nicht mehr. – Jetzt schien mir, daß ich ihn -ganz durchschaut und erkannt hätte. Und alles, was ich -erkannt hatte, war so einfach und stimmte so ganz mit -meinem Wesen überein. Selbst seine Pläne über unser -künftiges Leben waren auch die meinigen, die er nur klarer -und besser in Worte zu kleiden verstand.</p> - -<p>Das Wetter war während dieser Wochen schlecht, und -wir verbrachten die meiste Zeit im Hause. Die schönsten -und herzlichsten Gespräche führten wir in der Ecke zwischen -dem Klavier und dem Fenster. Auf dem dunklen Fenster -spiegelte sich ganz nahe das Licht der Kerzen, die Regentropfen -schlugen gegen die glänzenden Scheiben und flossen -an ihnen herab. Gegen das Dach prasselte es, in der Pfütze -unter der Traufe klatschte das Wasser, und durch das -Fenster zog Feuchtigkeit herein.</p> - -<p>»Wissen Sie, ich wollte Ihnen schon lange etwas sagen,« -begann er einmal, als wir sehr spät in unserem Winkel<span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span> -aufgeblieben waren. »Solange Sie spielten, mußte ich -fortwährend daran denken.«</p> - -<p>»Sagen Sie nichts, ich weiß alles,« erwiderte ich.</p> - -<p>»Ja, wirklich, sprechen wir nicht davon.«</p> - -<p>»Nein, sagen Sie es mir doch, was ist es?« fragte ich.</p> - -<p>»Also hören Sie. Erinnern Sie sich noch, wie ich Ihnen -die Geschichte von A. und B. erzählte?«</p> - -<p>»Wie sollte ich mich dieser dummen Geschichte nicht -erinnern? Es ist gut, daß sie so ausgegangen ist …«</p> - -<p>»Ja, es hat nur ein Weniges gefehlt, und ich hätte -selbst mein eigenes Glück vernichtet. Sie haben mich errettet. -Die Hauptsache aber ist, daß ich damals log; ich -schäme mich jetzt und will Ihnen die Geschichte zu Ende -erzählen.«</p> - -<p>»Ach, bitte nicht.«</p> - -<p>»Haben Sie keine Angst,« sagte er lächelnd. »Ich will -mich nur rechtfertigen. Als ich eben begann, wollte ich mit -langen Betrachtungen kommen.«</p> - -<p>»Wozu Betrachtungen anstellen!« sagte ich. »Das soll -man niemals.«</p> - -<p>»Ja, ich hatte es auch schlecht gemacht. Nach allen -meinen Enttäuschungen, den Fehlern, die ich in meinem -Leben begangen hatte, sagte ich mir, als ich diesmal aufs -Land kam, so entschieden, die Liebe sei für mich zu Ende -und es bleibe mir nur noch die Pflicht, mein Leben irgendwie -abzuschließen übrig, daß ich mir lange Zeit keine Rechenschaft -darüber gab, was eigentlich mein Gefühl gegen Sie -sei und wohin es mich bringen könne. Ich hoffte und hoffte -auch nicht. Bald schien es mir, daß Sie kokettieren, -bald glaubte ich wieder, Sie seien aufrichtig, und ich wußte<span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span> -selbst nicht, was ich tun würde. Aber nach jenem Abend, -Sie wissen doch, als wir nachts durch den Garten gingen, -erschrak ich plötzlich, und mein jetziges Glück erschien mir -viel zu groß und unmöglich. Nun, wie wäre es gekommen, -wenn ich mir erlaubt hätte, zu hoffen, und zwar vergebens? -Aber ich dachte natürlich nur an mich, denn ich bin ein ganz -gemeiner Egoist.«</p> - -<p>Er schwieg eine Weile und sah mich an.</p> - -<p>»Aber es war auch nicht lauter Unsinn, was ich damals -sagte. Ich durfte und mußte auch fürchten. Ich empfange -von Ihnen so viel und kann Ihnen so wenig geben. Sie -sind noch ein Kind, eine Knospe, die erst aufbrechen wird, -Sie lieben zum erstenmal, während ich …«</p> - -<p>»Ja, sagen Sie mir die Wahrheit …« begann ich, -bekam <span id="corr059">aber</span> plötzlich Angst vor seiner Antwort. »Nein, -lieber nicht …«</p> - -<p>»Ob ich schon einmal geliebt habe? Ja?« fragte er, -meinen Gedanken sofort erratend. »Das kann ich Ihnen -sagen. Nein, ich habe noch nicht geliebt. Ich habe noch nie -etwas empfunden, was diesem Gefühl ähnlich wäre …« -Aber plötzlich war es, als wenn ihn eine schwere Erinnerung -durchzuckte. »Nein, ich müßte Ihr Herz haben, um Sie -lieben zu dürfen,« sagte er traurig. »Nun, mußte ich es mir -nicht vorher überlegen, ehe ich Ihnen sagen durfte, daß -ich Sie liebe? Was gebe ich Ihnen? Meine Liebe, allerdings.«</p> - -<p>»Ist denn das wenig?« fragte ich, ihm in die Augen -blickend.</p> - -<p>»Es ist wenig, meine Freundin, für Sie ist es zu wenig,« -fuhr er fort. »Sie haben die Schönheit und die Jugend!<span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span> -Ich kann jetzt oft in der Nacht vor Glück nicht einschlafen -und denke immer daran, wie wir zusammen leben werden. -Ich habe schon viel gelebt und glaube das, was ich zum -Glücke brauche, gefunden zu haben. Ein stilles, einsames -Leben in unserer ländlichen Einöde, die Möglichkeit, den -Menschen Gutes zu tun, solchen Menschen, denen es so -leicht ist, Gutes zu erweisen, weil sie daran noch nicht -gewöhnt sind; dann die Arbeit, die Arbeit, von der man -Nutzen erwartet, dann Erholung, die Natur, Bücher, -Musik, die Liebe zu den uns Nahestehenden, – das ist -mein Glück, das höchste Glück, das ich mir ersehnte. Dazu -noch eine solche Gefährtin wie Sie, vielleicht auch eine -Familie und alles, was der Mensch sich nur wünschen kann.«</p> - -<p>»Ja!« sagte ich.</p> - -<p>»Doch nur für mich, der ich meine Jugend hinter mir -habe, aber nicht für Sie,« fuhr er fort. »Sie haben noch -nicht gelebt, Sie werden das Glück vielleicht in anderen -Dingen suchen wollen und es vielleicht auch in anderen -Dingen finden. Vielleicht kommt Ihnen das jetzt nur -darum als ein Glück vor, weil Sie mich lieben.«</p> - -<p>»Nein, ich habe immer nur dieses stille Familienleben -gewünscht und geliebt,« erwiderte ich. »Und Sie sagen nur -das, was ich mir schon gedacht habe.«</p> - -<p>Er lächelte.</p> - -<p>»Es kommt Ihnen nur so vor, liebe Freundin. Aber -das ist zu wenig für Sie. Sie haben die Schönheit und die -Jugend,« sagte er wieder.</p> - -<p>Aber ich wurde böse, daß er mir nicht glauben wollte -und mir meine Schönheit und Jugend gleichsam zum Vorwurf -machte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span></p> - -<p>»Warum lieben Sie mich dann?« fragte ich böse. »Um -meiner Jugend oder um meiner selbst willen?«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht, aber ich liebe Sie,« antwortete er -und sah mich mit einem durchdringenden und anziehenden -Blicke an.</p> - -<p>Ich antwortete nicht und blickte ihm unwillkürlich in -die Augen. Plötzlich geschah mit mir etwas Seltsames: -zuerst hörte ich auf, das, was mich umgab, zu sehen, dann -verschwand auch sein Gesicht vor mir, und nur seine Augen -schienen ganz dicht vor meinen Augen zu glänzen; dann war -es mir, als ob seine Augen in mir wären; alles trübte sich, -ich sah nichts mehr und mußte meine Augen schließen, um -mich von diesem Gefühl von Wonne und Grauen zu befreien, -das in mir dieser Blick weckte …</p> - -<p>Am Vorabend unseres Hochzeitstages wurde das Wetter -besser. Nach den verregneten Sommertagen kam der erste -kalte und heitere Herbstabend. Alles war feucht, kalt und -hell, und der Garten zeigte sich zum erstenmal herbstlich -leer, bunt und nackt. Der Himmel war klar, kalt und -bleich. Ich ging schlafen, glücklich, daß an meinem Hochzeitstage -schönes Wetter sein würde. Ich erwachte mit der -Sonne, und der Gedanke, daß es schon heute sei, erschreckte -mich und setzte mich zugleich in Erstaunen. Ich trat in den -Garten. Die Sonne war erst eben aufgegangen und leuchtete -durch die halbentlaubten, gelb gewordenen Linden der -Allee hindurch. Der Gartenweg war mit raschelndem Laub -bedeckt. Die runzligen Beeren der Eberesche leuchteten rot -auf den Zweigen neben den spärlichen, vom Froste getöteten -Blättern; die Georginen waren zusammengeschrumpft und -schwarz geworden. Der Reif lag zum erstenmal silbern<span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span> -auf dem bleichen Rasen und auf den abgebrochenen Pestwurzstauden -vor dem Hause. Am heiteren kalten Himmel -war kein Wölkchen zu sehen, ein solches wäre auch nicht -möglich gewesen.</p> - -<p>– Ist es wirklich heute? – fragte ich mich, meinem -Glücke nicht trauend. – Werde ich denn wirklich morgen -nicht hier, sondern im fremden, säulengeschmückten Hause -von Nikolskoje erwachen? Werde ich ihn nicht mehr hier -erwarten, werde ihm nicht mehr entgegengehen und abends -und nachts nicht mehr mit Katja über ihn plaudern? Werde -nicht mehr mit ihm in Pokrowskoje am Klavier sitzen? -Ihn nicht mehr begleiten und mich um ihn in den finsteren -Nächten nicht mehr ängstigen? – Aber ich erinnerte mich -seiner Worte von gestern abend, er käme zum letztenmal, -und daß Katja mich genötigt, das Hochzeitskleid anzuprobieren -und dabei gesagt hatte: »Für morgen«; einen -Augenblick lang glaubte ich es und fing dann wieder zu -zweifeln an. – Werde ich denn von morgen ab dort mit -der Schwiegermutter, ohne die Nadeschda, ohne den alten -Grigorij, ohne Katja leben? Werde vor dem Schlafengehen -meine alte Wärterin nicht mehr küssen, und sie -wird mich nicht mehr nach alter Gewohnheit bekreuzigen -und mir sagen: »Gute Nacht, Fräulein«? Werde Ssonja -nicht mehr unterrichten und mit ihr nicht mehr spielen, -des Morgens nicht mehr an die Wand ihres Zimmers -klopfen und ihr helles Lachen hören? Werde ich denn heute -für mich selbst fremd werden, wird sich vor mir ein neues -Leben mit der Verwirklichung aller meiner Wünsche und -Hoffnungen auftun? Kommt dieses neue Leben für immer? -– Ich erwartete ihn mit Ungeduld, denn es war mir so<span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span> -schwer, allein alle diese Gedanken zu tragen. Er kam früh, -und erst an seiner Seite glaubte ich wirklich daran, daß ich -heute seine Frau werden sollte, und dieser Gedanke hatte -für mich nichts Schreckliches mehr.</p> - -<p>Vor dem Essen gingen wir in unsere Kirche, um eine -Messe für meinen verstorbenen Vater zu hören.</p> - -<p>– Wenn er doch jetzt am Leben wäre! – dachte ich, als -wir nach Hause zurückkehrten und ich mich schweigend auf -den Arm eines Mannes stützte, der der beste Freund dessen -gewesen war, an den ich dachte. Als ich während des Gebets -mit meiner Stirne die kalten steinernen Fußböden der -Kapelle berührte, sah ich meinen Vater so lebhaft vor -mir, glaubte so fest daran, daß seine Seele mich verstehe -und meine Wahl segne, daß es mir auch jetzt schien, seine -Seele schwebe über uns, und daß ich seinen Segen auf mir -ruhen fühlte. Erinnerungen, Hoffnungen, Glück und Trauer -flossen zu einer einzigen, feierlichen und angenehmen Empfindung -zusammen, zu der diese unbewegliche, frische Luft, -die Stille, die entblößten Felder und der bleiche Himmel, -von dem leuchtende, doch ohnmächtige Strahlen herabfielen, -die sich vergebens bemühten, mir die Wange zu versengen, -so wunderbar paßten. Mir schien, als ob auch er, mit dem -ich ging, mein Gefühl verstünde und teilte. Er ging langsam -und schweigend, und sein Gesicht, das ich ab und zu -anblickte, drückte die gleiche feierliche Stimmung, die halb -Trauer und halb Freude war, aus, von der die Natur und -auch mein Herz erfüllt waren.</p> - -<p>Plötzlich wandte er sich zu mir um; ich sah, daß er mir -etwas sagen wollte. – Wie, wenn er mir jetzt dasselbe -sagt, was ich selbst denke? – kam es mir in den Sinn.<span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span> -Er sprach aber von meinem Vater, ohne ihn übrigens zu -nennen.</p> - -<p>»Einmal sagte er mir im Scherz: ›Heirate doch meine -Mascha!‹«</p> - -<p>»Wie glücklich wäre er jetzt,« sagte ich und drückte seinen -Arm, der den meinigen stützte, noch fester an mich.</p> - -<p>»Ja, Sie waren damals noch ein Kind,« fuhr er fort, -mir in die Augen blickend. »Ich küßte damals diese Augen -und liebte sie, nur weil sie den seinigen glichen; aber -ich dachte gar nicht daran, daß sie mir einst um ihrer selbst -willen so teuer sein würden. Ich nannte Sie damals -›Mascha‹.«</p> - -<p>»Sagen Sie doch ›du‹ zu mir,« sagte ich.</p> - -<p>»Gerade wollte ich selbst ›du‹ zu dir sagen,« erwiderte -er. »Erst jetzt ist es mir, als wärest du ganz mein.« Sein -ruhiger und glücklicher, anziehender Blick ruhte auf mir.</p> - -<p>Und wir gingen langsam über den noch wenig ausgetretenen -Feldweg durch das niedergestampfte Stoppelfeld; -wir hörten nichts als unsere eigenen Schritte und -Stimmen. Auf der einen Seite zog sich über die Schlucht -bis zum fernen entlaubten Gehölz ein braunes Stoppelfeld -hin, auf dem ein Bauer mit seinem Pfluge lautlos -einen immer breiter werdenden schwarzen Streifen aufwühlte. -Die Pferdeherde unten am Hügel schien ganz nahe. -An der anderen Seite und vor uns bis zum Garten und -bis zu unserem Hause, das hinter dem Garten hervorschaute, -lag schwarz und streifenweise auch schon grün der -mit der Wintersaat bestellte Acker. Auf alles leuchtete -die nicht mehr heiße Sonne, und auf allen Dingen lagen -lange faserige Spinnenfäden. Sie schwebten in der Luft<span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span> -um uns herum, legten sich auf die hartgefrorenen Stoppelfelder -und fielen uns auf die Augen, Haare und Kleider. -Wenn wir sprachen, so klangen unsere Stimmen so, als -blieben sie über uns in der regungslosen Luft hängen, als -wären wir ganz allein in der ganzen Welt, allein unter -diesem blauen Himmelszelt, an dem zitternd und blinzelnd -die gar nicht heiße Sonne spielte.</p> - -<p>Auch ich wollte zu ihm »du« sagen, aber ich schämte -mich noch.</p> - -<p>»Warum gehst du so schnell?« fragte ich hastig, beinahe -im Flüstertone, und mußte dabei erröten.</p> - -<p>Er verlangsamte seine Schritte und blickte mich noch -liebevoller, noch freudiger und glücklicher an.</p> - -<p>Als wir nach Hause kamen, waren dort schon seine -Mutter und die Gäste versammelt, die wir schließlich doch -hatten einladen müssen, und so blieb ich bis zu dem -Augenblick, als wir aus der Kirche traten und uns in den -Wagen setzten, um nach Nikolskoje zu fahren, nicht mehr -allein.</p> - -<p>Die Kirche war fast leer, und ich sah mit einem flüchtigen -Blick nur seine Mutter, die auf dem kleinen Teppich -neben dem Chor aufrecht stand, Katja in einer Haube mit -lila Bändern und mit Tränen an den Wangen, und zwei -oder drei leibeigene Dienstboten, die mich neugierig musterten. -Ihn sah ich nicht an, aber ich fühlte seine Nähe. Ich -lauschte den Worten der Gebete, sprach sie nach, aber in -meiner Seele weckten sie keinen Widerhall. Ich konnte -nicht beten und blickte stumpf auf die Heiligenbilder, auf -die Kerzen, auf das Kreuz des Ornates auf dem Rücken -des Geistlichen, auf die Heiligenwand, auf das Fenster der<span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span> -Kirche und konnte nichts verstehen. Ich fühlte nur, daß mit -mir etwas Ungewöhnliches geschah. Als der Geistliche sich -mit dem Kreuz zu uns wandte, uns gratulierte und sagte, -daß er mich einst getauft und es nun dank Gottes Gnade -erlebt habe, mich auch zu trauen, als Katja und seine -Mutter uns küßten und Grigorijs Stimme erklang, der -nach dem Wagen rief, da erstaunte und erschrak ich beim -Gedanken, daß alles schon vorbei sei, und daß in meiner -Seele nichts Außergewöhnliches geschehen wäre, was dem -heiligen Sakrament, das an mir soeben vollzogen worden -war, entspräche. Wir küßten uns, und dieser Kuß war so -seltsam und unserem Gefühle fremd. – Ist das alles?! – -dachte ich mir. Wir traten vor das Portal, das Gerassel -der Räder hallte dumpf unter der Kuppel wider, ein -frischer Lufthauch wehte mir ins Gesicht, er setzte seinen -Hut auf und half mir in den Wagen. Durch das Wagenfenster -sah ich den frostigen, von einem Hofe umgebenen -Mond. Er setzte sich neben mich und schloß den Wagenschlag. -Etwas stach mich ins Herz. Die Selbstverständlichkeit, -mit der er es machte, kam mir irgendwie verletzend -vor. Katjas Stimme rief, ich solle mir den Kopf -gut einhüllen, die Räder rollten über die Steine, dann -über die weiche Landstraße, und wir fuhren davon. Ich -drückte mich in die Ecke und blickte auf die fernen, hellen -Fluren und auf den Weg hinaus, der im kalten Mondlichte -dahinzulaufen schien. Ohne ihn anzublicken, fühlte ich doch -seine Nähe. – Ist das alles, was mir dieser Augenblick -gab, von dem ich so viel erwartet hatte? – dachte ich, und -es kam mir noch immer demütigend und beleidigend vor, -so nahe neben ihm zu sitzen. Ich wandte mich zu ihm um,<span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span> -mit der Absicht, ihm etwas zu sagen. Aber kein Wort -wollte mir über die Lippen kommen, als hätte sich das zärtliche -Gefühl von früher verflüchtigt und als wäre ein -Gefühl von Kränkung und Angst an seine Stelle getreten.</p> - -<p>»Bis zu diesem Augenblick habe ich noch immer nicht -geglaubt, daß es möglich sei,« antwortete er leise auf -meinen Blick.</p> - -<p>»Ja, aber ich fürchte mich so, ich weiß selbst nicht, -warum,« sagte ich.</p> - -<p>»Du fürchtest dich vor mir, liebes Kind,« sagte er. -Dann nahm er meine Hand und beugte über sie sein Gesicht.</p> - -<p>Meine Hand lag wie leblos in der seinen, und mein -Herz tat mir vor Kälte weh.</p> - -<p>»Ja,« flüsterte ich.</p> - -<p>Aber im gleichen Augenblick fing mein Herz heftiger zu -klopfen an, meine Hand zitterte und drückte seine Hand zusammen, -es wurde mir heiß, meine Augen suchten im Halbdunkel -seinen Blick, und ich fühlte plötzlich, daß ich ihn nicht -mehr fürchtete, daß diese Furcht die Liebe sei, eine neue, -noch zärtlichere und größere Liebe als früher. Ich fühlte, -daß ich ihm ganz gehörte, und daß ich über seine Gewalt -über mich glücklich war.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span></p> - -<h2 id="Zweiter_Teil">Zweiter Teil.</h2> - -<h3 id="kap2_1">I</h3> -</div> - -<p>Tage und Wochen, ganze zwei Monate des zurückgezogenen -ländlichen Lebens vergingen, wie es mir schien, unbemerkt; -und doch hätten die Gefühle, die Aufregungen -und das Glück dieser beiden Monate für ein ganzes Leben -genügt. Meine und seine Träume von unserem Landleben -waren ganz anders in Erfüllung gegangen, als wir es erwartet -hatten. Aber unser Leben war nicht schlechter, als -unsere Träume. Es gab nichts von der ernsten Arbeit, von -Pflichterfüllung, von Selbstaufopferung und vom Leben -für die anderen, die ich mir ausgemalt hatte, als ich noch -seine Braut gewesen; es war dagegen ein selbstsüchtiges -Gefühl der Liebe zueinander, der Wunsch, geliebt zu werden, -eine immerwährende, grundlose Heiterkeit und ein -Vergessen aller Dinge auf der Welt. Er zog sich zwar -wirklich manchmal in sein Kabinett zurück, um etwas zu tun, -fuhr manchmal in Geschäften nach der Stadt oder ging aus -dem Hause, um nach der Wirtschaft zu sehen; aber ich sah, -was für Mühe es ihn kostete, sich von mir loszureißen. Er -gestand mir später auch selbst, daß alles in der Welt, wenn -ich nicht dabei sei, ihm so nichtig und unsinnig erscheine, daß -er gar nicht verstehe, wie man sich damit überhaupt abgeben -könne. Mit mir verhielt es sich ebenso. Ich las,<span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span> -trieb Musik, widmete mich der Schwiegermama und der -Schule; doch ich tat es nur, weil jede dieser Beschäftigungen -mit ihm zusammenhing und von ihm gutgeheißen wurde; -aber wenn sich zu irgendeinem Tun der Gedanke an ihn -nicht gesellte, so sanken mir die Hände in den Schoß, und -es kam mir so komisch vor, daß es außer ihm auf der Welt -noch etwas geben könne. Vielleicht war es ein schlechtes, -selbstsüchtiges Gefühl, aber es gab mir Glück und hob mich -über die ganze Welt empor. Nur er allein existierte für -mich auf der Erde, ihn hielt ich aber für den herrlichsten -und unfehlbarsten Menschen auf Erden; darum konnte ich -für nichts anderes leben als für ihn, als um in seinen -Augen das zu sein, für was er mich hielt. Er hielt mich -aber für das erste und herrlichste Weib auf Erden, begabt -mit allen möglichen Tugenden; und ich bemühte mich, in -den Augen des ersten und besten Menschen auf der ganzen -Welt so ein Weib zu sein.</p> - -<p>Einmal trat er zu mir ins Zimmer, als ich gerade -betete. Ich sah mich nach ihm um und betete weiter. Er -setzte sich an den Tisch, um mich nicht zu stören, und schlug -ein Buch auf. Aber es kam mir vor, als sähe er mich an, -und ich wandte mich wieder um. Er lächelte, ich fing zu -lachen an und konnte nicht mehr beten.</p> - -<p>»Hast du schon gebetet?« fragte ich ihn.</p> - -<p>»Ja. Fahre nur fort, ich will weggehen.«</p> - -<p>»Du betest doch hoffentlich?«</p> - -<p>Er wollte gehen, ohne zu antworten, aber ich hielt ihn -zurück.</p> - -<p>»Liebster, tu es bitte für mich, sprich mal mit mir die -Gebete.« Er kniete neben mir nieder, ließ die Hände linkisch<span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span> -sinken und begann mit ernstem Gesicht und stockend -zu beten. Ab und zu wandte er sich zu mir um und suchte -in meinem Gesicht Zustimmung und Hilfe.</p> - -<p>Als er fertig war, fing ich zu lachen an und umarmte ihn.</p> - -<p>»Alles kannst du, alles kannst du! Es ist mir, als <span id="corr070">ob</span> -ich wieder ein Junge von zehn Jahren wäre,« sagte er errötend -und mir die Hände küssend.</p> - -<p>Unser Haus war eines von den alten Landsitzen, in denen -mehrere aufeinanderfolgende Generationen in Eintracht und -gegenseitiger Liebe und Achtung gelebt haben. Es war vom -Dufte guter, ehrlicher Familienerinnerungen erfüllt, welche -plötzlich, als ich dieses Haus betreten, auch zu meinen Erinnerungen -geworden waren. Über die Ausstattung des -Hauses und die Lebensordnung wachte Tatjana Ssemjonowna -nach alter Weise. Man kann nicht behaupten, daß -alles elegant und hübsch gewesen wäre; aber von allem, -von den Dienstboten bis zu den Möbeln und Speisen war -genug da, alles war reinlich, dauerhaft, ordentlich und flößte -Achtung ein. Im Wohnzimmer standen symmetrisch die -Möbel und hingen Familienbilder, auf dem Fußboden lagen -hausgewebte Teppiche und Läufer. Im »Diwanzimmer« -befanden sich ein altes Klavier, zwei Chiffonnièren von verschiedener -Form, Diwans und Tischchen mit Messingverzierungen -und eingelegter Arbeit. In meinem Arbeitszimmer, -auf dessen Ausstattung Tatjana Ssemjonowna -besondere Mühe verwandt hatte, standen die besten Möbel -aus verschiedenen Jahrhunderten und von verschiedenen -Fassons; unter anderem auch ein alter Trumeau, in den -ich anfangs nur schüchterne Blicke zu werfen wagte, der -mir aber später so lieb wurde wie ein alter Freund. Von<span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span> -Tatjana Ssemjonowna war nichts zu hören, aber alles -im Hause ging so regelmäßig, wie eine aufgezogene Uhr. -Es gab zwar viele überflüssige Dienstboten, aber alle diese -Leute, welche weiche Schuhe ohne Absätze trugen (Tatjana -Ssemjonowna hielt das Knarren der Sohlen und das Klappern -der Absätze für das Unangenehmste auf der Welt), – -alle diese Leute waren stolz auf ihre Stellung, zitterten -vor der alten Herrin, sahen auf mich und meinen Mann -mit einem gönnerhaften Lächeln herab und schienen ihre -Arbeit mit besonderer Freude zu verrichten. Jeden Sonnabend -wurden sämtliche Fußböden gescheuert und sämtliche -Teppiche geklopft; an jedem Ersten wurden Gottesdienste -mit Wasserweihe abgehalten, und an jedem Namenstage -Tatjana Ssemjonownas oder ihres Sohnes (auch an -meinem – zum erstenmal in diesem Herbst) gab es ein -Festmahl für die ganze Nachbarschaft. Dies alles geschah -unverändert seit ältester Zeit, soweit Tatjana Ssemjonowna -sich ihrer selbst erinnerte. Mein Mann mischte sich -in den Haushalt nicht ein und beschäftigte sich nur mit der -Gutswirtschaft und den Bauern und das mit großem Eifer. -Er stand selbst im Winter so früh auf, daß ich ihn beim -Aufwachen nicht mehr sah. Er kam gewöhnlich zum Frühstückstee -zurück, den wir allein tranken, und befand sich um -diese Stunde, nach allen Mühen und Unannehmlichkeiten, -die ihm die Wirtschaft bereitet hatte, in der besonders -lustigen Stimmung, die wir »wildes Entzücken« nannten. -Oft verlangte ich von ihm einen Bericht über alles, was -er am Morgen getrieben hatte, und er erzählte mir dann -solchen Unsinn, daß wir uns beide vor Lachen kugelten; -manchmal bestand ich darauf, daß er mir alles ernsthaft berichte,<span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span> -und er berichtete es mir, sein Lächeln unterdrückend. -Ich blickte ihm in die Augen, sah seine Lippen sich bewegen, -verstand nichts und freute mich nur darüber, daß ich ihn -sah und seine Stimme hörte.</p> - -<p>»Nun, was habe ich eben gesagt? Wiederhole es!« verlangte -er von mir. Aber ich konnte nichts wiederholen. Es -kam mir so komisch vor, daß er mir nicht von sich selbst -und nicht von mir erzählte, sondern von irgendwelchen -anderen Dingen. Als wäre es nicht ganz gleich, was es -dort alles gab! Erst viel später fing ich an, seine Sorgen -einigermaßen zu verstehen und mich für sie zu interessieren. -Tatjana Ssemjonowna zeigte sich am Vormittag nicht, -trank ihren Tee allein und ließ uns nur durch Abgesandte -begrüßen. So seltsam klang in unserer eigenen, wahnsinnig -glücklichen kleinen Welt die Stimme aus jenem -anderen ordentlichen und vernünftigen Reich, daß ich mich -oft nicht beherrschen konnte und nur laut lachte, wenn ihre -Zofe, die Hände auf der Brust gefaltet, mir mit monotoner -Stimme meldete, »Tatjana Ssemjonowna habe ihr -befohlen, zu fragen, wie wir nach dem gestrigen Spaziergange -geruht hätten; von sich selbst lasse sie aber berichten, -daß ihr die ganze Nacht eine Seite wehgetan hätte, und daß -ein dummer Hund im Dorfe gebellt und sie nicht schlafen -lassen habe. Ferner lasse die gnädige Frau fragen, wie uns -das heutige Gebäck gemundet habe, und dazu bemerken, -daß heute nicht Taras, sondern zum ersten Male probeweise -Nikolascha gebacken habe; alles, besonders die kleinen -Brezeln seien ganz gut geraten, die Zwiebacke hätte er -aber angebrannt.« Bis zum Mittagessen blieben wir wenig -zusammen. Ich spielte Klavier oder las allein, er schrieb<span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span> -und ging noch einmal aus; aber zum Mittagessen, das wir -um vier Uhr einnahmen, trafen wir uns im Wohnzimmer; -die Mama tauchte aus ihrem Zimmer auf, und es erschienen -irgendwelche arme, adlige Damen oder Wallfahrerinnen, -von denen immer zwei bis drei im Hause -wohnten. Mein Mann reichte regelmäßig nach alter Gewohnheit -seiner Mutter den Arm, sie verlangte aber, daß -er den anderen Arm mir reiche, und so gab es in der Türe -regelmäßig Schwierigkeiten. Den Vorsitz beim Mittagessen -führte die Mama, und das Gespräch bei Tische hatte immer -einen ernsten und vernünftigen, etwas feierlichen Ton. Die -einfachen Worte, die ich mit meinem Manne wechselte, -störten auf eine angenehme Weise die Feierlichkeit dieser -Sitzungen. Zwischen Mutter und Sohn kam es zuweilen -zu Streitigkeiten und Sticheleien; ich mochte diese Streitigkeiten -und Sticheleien besonders gern, weil bei diesen -Gelegenheiten die zärtliche und dauerhafte Liebe, die uns -verband, am stärksten zum Ausdruck kam. Nach dem Essen -setzte sich Mama in den großen Sessel im Wohnzimmer -und rieb Tabak oder schnitt die neuangekommenen Bücher -auf, während wir etwas vorlasen oder ins Diwanzimmer -zum Klavier gingen. Wir lasen in dieser Zeit sehr viel, -aber die Musik war unser liebster und schönster Zeitvertreib, -da sie jedesmal neue Saiten in unseren Herzen zum -Tönen brachte und uns einander in einem neuen Lichte -zeigte. Wenn ich seine Lieblingsstücke spielte, setzte er sich -auf ein fernes Sofa, wo ich ihn fast nicht sehen konnte -und bemühte sich aus Schamhaftigkeit den Eindruck zu verbergen, -den die Musik auf ihn machte; aber oft, wenn er -es gar nicht erwartete, stand ich vom Klavier auf und<span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span> -ging auf ihn zu, um in seinem Gesicht noch die Spuren -der Erregung und den unnatürlich feuchten Glanz der -Augen vorzufinden, die er vergebens vor mir zu verbergen -suchte. Mama hatte oft Lust, nach uns zu sehen, wenn wir -im Diwanzimmer waren; sie fürchtete wohl, uns zu stören, -und ging zuweilen, ohne uns anzublicken, mit einem geheuchelt -ernsten und gleichgültigen Ausdruck durchs Zimmer. -Aber ich wußte, daß sie gar keinen Grund hatte, auf ihr -Zimmer zu gehen und so schnell zurückzukehren. Den Abendtee, -den ich einschenken mußte, tranken wir im großen -Wohnzimmer, und alle Hausgenossen versammelten sich -wieder bei Tisch. Diese feierlichen Sitzungen um den Samowar -herum und das Verteilen der Gläser und Tassen brachten -mich lange Zeit in Verlegenheit. Es kam mir immer -vor, als sei ich der Ehre nicht würdig und viel zu jung -und zu leichtsinnig, um den Hahn des so großen Samowars -umzudrehen, um Glas für Glas auf Nikitas Tablett zu -setzen und dabei zu sagen: »Für Pjotr Iwanowitsch, für -Marja Minitschna«, um zu fragen: »Ist es süß genug?« -und um einige Stück Zucker für die Kinderfrau und die -verdienten Dienstboten zurückzulegen. »Sehr gut, sehr gut,« -sagte mir oft mein Mann, »ganz wie eine Erwachsene!« -Und das brachte mich in noch größere Verlegenheit.</p> - -<p>Nach dem Tee legte die Schwiegermama Patience oder -ließ sich von Marja Minitschna die Karten schlagen; dann -küßte und bekreuzigte sie uns beide, und wir zogen uns -zurück. Meistens blieben wir aber noch bis nach Mitternacht -auf, und das war unsere schönste und angenehmste Zeit. -Er erzählte mir von seiner Vergangenheit, wir schmiedeten -Pläne, philosophierten auch manchmal und bemühten uns<span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span> -immer, recht leise zu sprechen, damit man uns oben nicht -höre und es nicht Tatjana Ssemjonowna melde, die von -uns verlangte, daß wir zeitig zu Bett gingen. Manchmal -bekamen wir Appetit, schlichen uns in die Speisekammer, -verschafften uns durch Nikitas Protektion einen kalten -Imbiß und verzehrten ihn beim Scheine einer einzigen -Kerze in meinem Kabinett. So lebten wir beide wie fremde -Leute in diesem großen, alten Hause, in dem alles vom strengen -Geist der alten Zeiten und dem Tatjana Ssemjonownas -beherrscht wurde. Nicht nur sie selbst, sondern auch die -Dienstboten, die ältlichen Mädchen, die Möbel, die Bilder -flößten mir Respekt, eine gewisse Scheu und das Bewußtsein -ein, daß wir hier nicht ganz auf unserem Platze seien -und uns sehr vorsichtig und aufmerksam zu benehmen hätten. -Wenn ich mich jetzt jener Zeit erinnere, so sehe ich, daß -vieles – diese lästige unabänderliche Hausordnung, diese -Menge müßiger und neugieriger Menschen in unserem Hause -– unbequem und schwer zu ertragen war; aber diese Einengung -vergrößerte unsere Liebe. Nicht nur ich, sondern -auch er verriet durch keine Miene, daß ihm etwas mißfiele. -Im Gegenteil, er schien sich sogar selbst von allem -fernzuhalten, was schlecht war. Mamas Kammerdiener, -Dmitrij Ssidorow, ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher, -ging regelmäßig nach dem Essen, wenn wir uns im Diwanzimmer -befanden, in das Kabinett meines Mannes, um -sich Tabak aus dem Kasten zu holen; man muß es gesehen -haben, mit welchem lustigen Schrecken Ssergej Michailytsch -auf den Zehen zu mir kam und, mit dem Finger -drohend und mir zublinzelnd, auf Dmitrij Ssidorow zeigte, -der es gar nicht ahnte, daß man ihn beobachtete. Und wenn<span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span> -Dmitrij Ssidorow fortging, ohne uns bemerkt zu haben, -sagte mir mein Mann vor Freude darüber, daß alles so gut -abgelaufen war, wie auch bei jeder anderen Gelegenheit, -ich sei ein entzückendes Geschöpf und gab mir einen Kuß. -Diese Ruhe, diese Allverzeihung und scheinbare Gleichgültigkeit -gegen alles mißfielen mir zuweilen; ich merkte -nicht, daß in mir die gleichen Eigenschaften steckten und -hielt sie für eine Schwäche. – Ganz wie ein Kind, das -sich nicht getraut, seinen Willen zu zeigen, – dachte ich mir.</p> - -<p>»Ach, liebe Freundin,« antwortete er mir, als ich ihm -einmal sagte, daß ich über seine Schwäche staunen müsse, -»kann denn ein Mensch über etwas unzufrieden sein, wenn -er so glücklich ist, wie ich? Es ist doch viel leichter, nachzugeben, -als sich die anderen gefügig zu machen; davon habe -ich mich schon längst überzeugt, und es gibt keine Lebenslage, -in der man nicht glücklich sein könnte. Wir haben es -aber so gut! Ich kann nicht zürnen, es gibt für mich jetzt -nichts Schlechtes, es gibt nur Bemitleidenswertes und -Komisches. Vor allen Dingen aber: <em class="antiqua">le mieux est l'ennemi -du bien</em>. Glaube mir, wenn ich die Schelle eines Wagens -höre, wenn ich einen Brief erhalte oder auch nur einfach -erwache, überkommt mich zuweilen ein Grauen. Es ist so -schrecklich, daß man leben muß, daß sich etwas ändern kann; -etwas Besseres als die Gegenwart kann es aber gar nicht -geben.«</p> - -<p>Ich glaubte ihm, verstand ihn aber nicht; ich fühlte mich -wohl, aber ich glaubte, daß es gerade so und nicht anders -sein müsse, und daß es auch allen anderen Menschen ebenso -ginge; daß es aber irgendwo auch noch ein anderes, wenn -auch nicht größeres, aber ein anderes Glück gäbe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span></p> - -<p>So vergingen zwei Monate, es kam der Winter mit -seinen Frösten und Schneestürmen, und ich fing an, obwohl -er mit mir war, mich einsam zu fühlen; zu fühlen, -daß das Leben sich wiederhole, daß weder in mir noch in -ihm etwas Neues sei, daß wir vielmehr wieder zum Alten -zurückkehrten. Er widmete sich jetzt immer mehr seinen Geschäften -ohne mich, und es kam mir wieder vor, als wäre -in seiner Seele eine eigene Welt, in die er mich -nicht einlassen wolle. Seine immer ruhige Stimmung -reizte mich. Ich liebte ihn nicht weniger als früher und -war auch über seine Liebe nicht weniger glücklich als früher; -aber meine Liebe war in ihrem Wachstum stehengeblieben, -und neben ihr keimte in meinem Herzen irgendein neues -unruhiges Gefühl. Es genügte mir nicht, ihn zu lieben, -nachdem ich das Glück genossen hatte, diese Liebe in mir -aufblühen zu fühlen. Ich sehnte mich nach Bewegung und -nicht nach einem ruhig dahinfließenden Leben. Ich sehnte -mich nach Aufregungen, Gefahren und Aufopferung des -Gefühls wegen. Es war in mir ein Überfluß an Kraft, -die in unserem stillen Leben keine Anwendung fand. Mich -überkamen Anfälle von Schwermut, die ich wie etwas -Schlimmes vor ihm zu verbergen suchte, und Anfälle einer -ungestümen Zärtlichkeit und Lustigkeit, die ihn erschreckten. -Er merkte meinen Zustand früher als ich und machte mir -den Vorschlag, in die Stadt zu ziehen; ich aber bat ihn, -es nicht zu tun, unsere Lebensweise nicht zu ändern und -unser Glück nicht zu stören. Ich war in der Tat glücklich, -aber mich quälte es, daß dieses Glück mich gar keine Mühe, -gar kein Opfer kostete, während mich der Überfluß an Tatkraft -und Opferwilligkeit erdrückte. Ich liebte ihn und sah,<span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span> -daß ich für ihn alles war; aber ich wünschte mir, daß alle -Menschen unsere Liebe sähen, daß man mich daran zu hindern -suchte, ihn zu lieben, und daß ich ihn trotzdem liebte. -Mein Geist und sogar meine Empfindung waren beschäftigt, -aber es gab auch noch ein anderes Gefühl von Jugend, ein -Verlangen nach Bewegung, das in unserem stillen Leben -keine Befriedigung fand. Warum hatte er mir gesagt, daß -wir in die Stadt ziehen könnten, sobald ich es nur wünschte? -Hätte er es mir nicht gesagt, so hätte ich vielleicht verstanden, -daß das Gefühl, das mich bedrückte, eine dumme und -schädliche Einbildung und ein Fehler von mir war, daß das -Opfer, nach dem ich lechzte, vor mir lag und in der Unterdrückung -dieses Gefühls bestand. Der Gedanke, daß ich -meiner Schwermut entgehen könnte, wenn ich nur in die -Stadt zöge, kam mir unwillkürlich in den Sinn; zugleich -wäre es aber für mich beschämend und schmerzlich, ihn von -allem, was er liebte, loszureißen. Die Zeit ging aber dahin, -der Schnee häufte sich immer höher an den Hausmauern -auf, und wir waren immer allein und immer noch -die gleichen zueinander; aber irgendwo draußen wogten in -Glanz und Lärm Scharen von Menschen, die litten und sich -freuten, ohne an uns und an unser dahinschwindendes Dasein -zu denken. Das Unangenehmste war für mich, daß ich -fühlte, wie die Gewohnheiten unser Leben mit jedem Tage -zu einer bestimmten Form erstarren machten, wie unser -Gefühl, statt frei zu werden, sich dem gleichmäßigen und -leidenschaftslosen Gange der Zeit fügte. Des Morgens -waren wir lustig, um die Mittagsstunde höflich und am -Abend zärtlich. – Gut! … – sagte ich mir, – es ist -gut, Gutes zu tun und ehrlich zu leben, wie er es nennt;<span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span> -aber dazu haben wir noch Zeit, und es gibt auch noch etwas -anderes, wozu ich nur jetzt die Kraft habe. – Mir tat etwas -anderes not, ich lechzte nach Kampf; ich wollte, daß das -Gefühl unser Leben leite und nicht vom Leben geleitet werde. -Ich wollte mit ihm an den Rand eines Abgrunds treten -und sagen: – Ein Schritt, und ich stürze mich hinab, eine -Bewegung, und ich bin verloren! – Er aber sollte am -Rande des Abgrunds erbleichen, mich mit seinen kräftigen -Armen emporheben, eine Weile über dem Abgrunde halten, -so daß mir das Herz erkaltete, und mich dann forttragen, -wohin er wollte.</p> - -<p>Dieser Zustand beeinflußte sogar meine Gesundheit, und -ich wurde nervös. Eines Morgens fühlte ich mich noch -schlechter als gewöhnlich; er war aus dem Gutskontor in -übler Laune zurückgekehrt, was bei ihm selten der Fall -war. Ich merkte es sofort und fragte ihn, was er habe. -Er wollte es mir aber nicht sagen und meinte, es sei nicht -der Rede wert. Wie ich später erfuhr, hatte der Isprawnik -einige von unseren Bauern zu sich berufen und von ihnen, -um meinen Mann zu ärgern, unter Drohungen etwas -Ungesetzliches verlangt. Mein Mann hatte es noch nicht -so weit verdaut, daß es ihm bloß jämmerlich und lächerlich -erschiene; er war gereizt und wollte darum mit mir -nicht sprechen. Mir schien aber, er wolle darum nicht -sprechen, weil er mich für ein Kind halte, welches gar nicht -verstehen könne, was ihn beschäftige. Ich wandte mich von -ihm weg, verstummte und ließ Marja Minitschna, die bei -uns zu Besuch war, zum Tee bitten. Nach dem Tee, der -sehr schnell getrunken war, ging ich mit Marja Minitschna -ins Diwanzimmer und begann ihr irgendeinen Unsinn zu<span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span> -erzählen, der mich gar nicht interessierte. Er aber ging im -Zimmer auf und ab und streifte uns ab und zu mit einem -Blick. Diese Blicke hatten auf mich diesmal die eigentümliche -Wirkung, daß ich immer größere Lust verspürte, -zu sprechen und sogar zu lachen; alles, was ich selbst sagte, -und auch alles, was Marja Minitschna sagte, kam mir -so komisch vor. Er sagte mir kein Wort, zog sich in sein -Kabinett zurück und schloß die Türe. Sobald ich seine -Schritte nicht mehr hörte, verflüchtigte sich sofort meine -ganze Lustigkeit, so daß Marja Minitschna mich sogar -fragte, was ich habe. Ohne ihr zu antworten, setzte ich mich -aufs Sofa und war bereit zu weinen. – Was fällt ihm -bloß ein? – dachte ich mir. – Es ist irgendein Unsinn, -der ihm so wichtig erscheint; wenn er bloß versuchen wollte, -es mir zu sagen, so würde ich ihm zeigen, daß es ein Unsinn -ist. Nein, er muß sich unbedingt einreden, daß ich es -nicht verstehen werde, er muß mich mit seiner majestätischen -Ruhe demütigen und immer Recht mir gegenüber behalten. -Dafür habe ich auch Recht, wenn ich mich langweile, wenn -mir alles leer erscheint, wenn ich leben und mich bewegen -will, aber nicht immer auf demselben Flecke bleiben und -fühlen, wie die Zeit über mich hinweggeht. Ich will vorwärtsgehen, -ich will jeden Tag und jede Stunde etwas -Neues; aber er will stehenbleiben und auch mich zum -Stehen zwingen. Wie leicht könnte er es haben! Er -brauchte mich gar nicht in die Stadt zu bringen, es genügte, -wenn er nur so wäre, wie ich, wenn er sich keinen Zwang -antäte, sich nicht zurückhielte und ganz einfach leben wollte. -Das rät er immer mir, ist aber dabei selbst gar nicht einfach. -Das ist es! –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span></p> - -<p>Ich fühlte, wie mich die Tränen würgten, und daß ich -gegen ihn gereizt war. Ich erschrak vor diesem Gefühl -und ging zu ihm. Er saß im Kabinett und schrieb. Als er -meine Schritte hörte, warf er mir einen kurzen, gleichgültigen -und ruhigen Blick zu und fuhr fort zu schreiben. -Dieser Blick gefiel mir nicht; statt zu ihm zu treten, blieb -ich vor dem Tische stehen, auf dem er schrieb, schlug ein -Buch auf und blickte hinein. Er hielt noch einmal in seinem -Schreiben inne und sah mich an.</p> - -<p>»Mascha, bist du heute schlecht gelaunt?« fragte er.</p> - -<p>Ich antwortete mit einem kühlen Blick, welcher besagte: -– Brauchst nicht zu fragen! Was sind das für -Liebenswürdigkeiten? – Er schüttelte den Kopf und lächelte -scheu und zärtlich; zum erstenmal antwortete ich auf sein -Lächeln nicht mit meinem Lächeln.</p> - -<p>»Was hast du heute gehabt?« fragte ich. »Warum hast -du es mir nicht gesagt?«</p> - -<p>»Unsinn! Eine kleine Unannehmlichkeit,« antwortete er. -»Aber ich kann es dir auch erzählen. Zwei Bauern gingen -in die Stadt …«</p> - -<p>Aber ich ließ ihn nicht weitersprechen.</p> - -<p>»Warum hast du es mir nicht schon beim Tee erzählt, -als ich dich danach fragte?«</p> - -<p>»Damals hätte ich dir eine Dummheit gesagt, denn ich -war wütend.«</p> - -<p>»Aber ich wollte es gerade damals wissen.«</p> - -<p>»Warum?«</p> - -<p>»Warum glaubst du, ich könnte dir niemals helfen?«</p> - -<p>»Und ob ich es glaube!« sagte er, die Feder fortlegend. -»Ich glaube, daß ich ohne dich nicht leben kann. In allen<span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span> -Dingen, in allen Dingen hilfst du mir nicht nur, sondern -tust alles statt meiner. Was dir plötzlich einfällt!« rief er -lachend. »Ich lebe doch nur dank dir. Alles erscheint mir -nur darum gut, weil du hier bist, weil man dich …«</p> - -<p>»Ja, ich weiß es: ich bin ein liebes Kind, das man beruhigen -muß,« sagte ich in einem solchen Ton, daß er mich -so erstaunt, als sähe er mich zum erstenmal, anblickte. »Ich -will die Ruhe nicht, du hast sie ja im Überfluß,« fügte -ich hinzu.</p> - -<p>»Nun siehst du selbst, worum es sich hier handelt,« begann -er hastig, mich unterbrechend, als fürchtete er, mich -aussprechen zu lassen, »was würdest du in diesem Falle -sagen?«</p> - -<p>»Jetzt will ich nichts sagen,« antwortete ich. Ich hatte -zwar Lust, ihm zuzuhören, aber es war mir so angenehm, -seine Ruhe zu stören. »Ich will nicht so tun, als ob ich -lebte, ich will leben,« sagte ich, »genau so wie du.«</p> - -<p>Sein Gesicht, das jeden Eindruck so schnell und so lebhaft -wiederspiegelte, drückte Schmerz und gespannte Aufmerksamkeit -aus.</p> - -<p>»Ich will genau so wie du leben, mit dir …«</p> - -<p>Aber ich konnte nicht zu Ende sprechen: sein Gesicht nahm -einen so traurigen, einen so tieftraurigen Ausdruck an. Er -schwieg eine Weile.</p> - -<p>»Worin liegt der Unterschied zwischen meinem und -deinem Leben?« fragte er. »Doch nur darin, daß ich, und -nicht du, mich mit dem Isprawnik und den betrunkenen -Bauern herumschlage …«</p> - -<p>»Nein, das ist nicht alles,« erwiderte ich.</p> - -<p>»Begreife es doch, liebes Kind, um Gottes willen,«<span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span> -fuhr er fort, »ich weiß, daß alle solche Aufregungen uns -immer weh tun; ich kenne das Leben und weiß es. Ich liebe -dich und kann darum nichts anderes wollen, als dir alle -diese Aufregungen ersparen. Darin liegt mein Leben, in -der Liebe zu dir; erschwere mir nicht dieses Leben.«</p> - -<p>»Du hast immer Recht!« sagte ich, ohne ihn anzusehen.</p> - -<p>Es kränkte mich, daß in seiner Seele alles wieder so -heiter und ruhig war, während ich Ärger und ein Gefühl, -das der Reue glich, empfand.</p> - -<p>»Mascha, was hast du nur?« sagte er. »Die Rede ist -doch nicht davon, ob ich Recht habe oder du Recht hast, sondern -von etwas ganz anderem: was hast du gegen mich? -Sage es mir nicht sofort, überlege es dir erst und sage mir -alles, was du dir denkst. Du bist mit mir unzufrieden, -du hast wahrscheinlich Recht, aber erkläre mir, worin ich -Unrecht habe.«</p> - -<p>Aber wie konnte ich ihm das Innerste meiner Seele -aufdecken? Daß er mich sofort verstanden hatte, daß ich -wieder wie ein Kind vor ihm dastand, daß ich nichts anfangen -konnte, ohne daß er es begriff und voraussah, – -regte mich noch mehr auf.</p> - -<p>»Ich habe nichts gegen dich,« sagte ich. »Ich langweile -mich nur und will, daß diese Langweile aufhört. Aber du -sagst, daß es so sein muß, und hast wieder Recht!«</p> - -<p>Nachdem ich das gesagt hatte, sah ich ihn an. Ich hatte -meinen Zweck erreicht: seine Ruhe war dahin, sein Gesicht -drückte Schrecken und Schmerz aus.</p> - -<p>»Mascha,« begann er mit leiser, erregter Stimme, -»es ist kein Scherz, was wir jetzt treiben. Unser Schicksal -steht auf dem Spiele. Ich bitte dich, mir nichts zu antworten<span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span> -und mich anzuhören. Warum willst du mich so -quälen?«</p> - -<p>Aber ich unterbrach ihn.</p> - -<p>»Ich weiß, daß du Recht behältst. Sprich lieber nicht, -du hast Recht,« sagte ich kühl, als spräche ich es nicht selbst, -sondern irgendein böser Geist in mir.</p> - -<p>»Wenn du nur wüßtest, was du tust!« sagte er mit -zitternder Stimme.</p> - -<p>Ich fing zu weinen an, und die Tränen erleichterten mir -das Herz. Er saß neben mir und schwieg. Ich empfand -Mitleid mit ihm, ich schämte mich und ärgerte mich über -mein Tun. Ich sah ihn nicht an. Ich glaubte, er müsse -mich in diesem Augenblick entweder streng oder erstaunt ansehen. -Ich wandte mich zu ihm: ein sanfter, zärtlicher, wie -um Verzeihung bittender Blick war auf mich gerichtet. -Ich nahm seine Hand und sagte:</p> - -<p>»Vergib mir! Ich weiß selbst nicht, was ich sagte.«</p> - -<p>»Ja, aber ich weiß, was du sagtest, und du hattest -Recht.«</p> - -<p>»Wieso denn?« fragte ich.</p> - -<p>»Wir müssen wirklich nach Petersburg gehen,« antwortete -er. »Hier haben wir nichts mehr zu tun.«</p> - -<p>»Wie du willst,« sagte ich.</p> - -<p>Er umarmte und küßte mich.</p> - -<p>»Verzeih mir,« sagte er. »Ich war im Unrecht.«</p> - -<p>An diesem Abend spielte ich ihm lange vor, während -er im Zimmer auf und ab ging und etwas flüsterte. Er -hatte die Gewohnheit, so zu flüstern; ich fragte ihn oft, -was er geflüstert habe, und er sagte es mir dann immer -nach kurzem Besinnen; meistens waren es Verse und zuweilen<span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span> -auch irgendein Unsinn, aber selbst an diesem Unsinn -konnte ich immer seine Stimmung erkennen.</p> - -<p>»Was flüsterst du heute?« fragte ich.</p> - -<p>Er blieb stehen, dachte nach und antwortete mir lächelnd -mit den zwei Zeilen Lermontows:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»… Doch der Verwegne lechzt nach Stürmen,<br /></span> -<span class="i0">Als wäre in den Stürmen Ruh!«<br /></span> -</div></div> - -<p>– Nein, er ist mehr als ein Mensch, er weiß alles! – -dachte ich mir. – Wie sollte ich ihn nicht lieben! –</p> - -<p>Ich stand auf, ergriff seinen Arm und begann mit ihm -auf und ab zu gehen, mir Mühe gebend, gleichen Schritt -mit ihm zu halten.</p> - -<p>»Ja?« fragte er und sah mich lächelnd an.</p> - -<p>»Ja,« antwortete ich flüsternd; und eine eigentümliche, -lustige Stimmung ergriff uns beide, unsere Augen lachten, -wir machten immer größere Schritte und reckten uns immer -höher auf den Zehen empor. Mit dem gleichen Schritt -gingen wir zu großer Entrüstung Grigorijs und zum Erstaunen -Mamas, die im Wohnzimmer Patience legte, durch -alle Zimmer ins Speisezimmer, blieben dort stehen, sahen -einander an und brachen in Lachen aus.</p> - -<p>Vierzehn Tage später, vor den Feiertagen, waren wir -schon in Petersburg.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span></p> - -<h3 id="kap2_2">II</h3> -</div> - -<p>Unsere Reise nach Petersburg, die acht Tage in Moskau, -das Wiedersehen mit seinen und meinen Verwandten, die -Einrichtung in der neuen Wohnung, die Fahrt selbst, die -neuen Städte und die neuen Gesichter – all das zog wie -ein Traum an mir vorüber. Das alles war so abwechslungsreich, -neu und lustig, so warm und hell von seiner Gegenwart, -von seiner Liebe erleuchtet, daß unser stilles Leben -auf dem Lande mir als etwas Längstvergangenes und Nichtiges -erschien. Zu meinem großen Erstaunen kamen mir -alle (und zwar nicht nur die Verwandten, sondern auch die -Fremden), statt mit dem Hochmut und der Kälte der großen -Welt, die ich erwartete, mit einer so unverfälschten Liebenswürdigkeit -und Freude entgegen, daß ich den Eindruck -hatte, als hätten sie nur an mich gedacht und nur mich erwartet, -um selbst ihre Freude an mir zu haben. Ebenso -unerwartet für mich zeigte es sich, daß mein Mann in den -vornehmsten Kreisen, die mir als die besten erschienen, -viele Bekannte hatte, von denen er mir niemals erzählt -hatte; und es war mir oft so sonderbar und unangenehm, -aus seinem Munde strenge Urteile über manche dieser -Menschen zu hören, die mir so gut zu sein schienen. Ich -konnte nicht begreifen, warum er sie so kühl behandelte und -vielen Bekanntschaften aus dem Wege ging, die mir so -schmeichelhaft erschienen. Ich glaubte, je mehr gute Menschen -man kenne, um so besser sei es, und alle Menschen -seien doch so gut.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span></p> - -<p>»Siehst du, wie wir uns einrichten müssen,« hatte er -mir vor der Abreise vom Lande gesagt. »Hier sind wir -reiche Leute, aber dort sind wir es lange nicht. Darum -dürfen wir in der Stadt nur bis zur Osterwoche bleiben -und müssen die große Welt meiden, sonst könnten wir -Schwierigkeiten haben; auch deinetwegen möchte ich es nicht -anders.«</p> - -<p>»Wozu die große Welt?« fragte ich. »Wir wollen nur -die Theater und unsere Verwandten besuchen, ein paarmal -in die Oper gehen, gute Musik hören und schon vor der -Osterwoche aufs Land zurückkehren.«</p> - -<p>Kaum kamen wir aber nach Petersburg, als diese Pläne -vergessen waren. Ich befand mich plötzlich in einer so neuen, -glücklichen Welt, war von so viel Freuden umfangen und -von solchen neuen Interessen in Anspruch genommen, daß -ich mich sofort, wenn auch unbewußt, von meiner ganzen -Vergangenheit und den in der Vergangenheit gefaßten -Plänen lossagte. – Bisher war alles nur ein Spiel, das -Richtige hatte noch nicht begonnen; das da ist aber das -wahre Leben! Und was erwartet mich noch alles?! – dachte -ich mir. Die Unruhe und die beginnende Langweile, die -mich auf dem Lande gequält hatten, waren plötzlich wie durch -einen Zauber gänzlich verschwunden. Meine Liebe zu meinem -Mann war ruhiger geworden, und hier kam mir niemals -der Gedanke, ob er mich nicht weniger liebe als -früher. Ich durfte auch nicht an seiner Liebe zweifeln: er -erriet sofort jeden meiner Gedanken, teilte jedes meiner -Gefühle und erfüllte jeden meiner Wünsche. Seine Ruhe -war hier verschwunden oder hatte bloß aufgehört, mich zu -reizen. Dabei fühlte ich, daß zu seiner früheren Liebe sich<span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span> -auch noch ein Entzücken gesellte. Gar oft sagte er nach -einem Besuch, oder wenn wir eine neue Bekanntschaft -gemacht oder bei uns eine Abendgesellschaft gehabt hatten, -wo ich vor Angst, irgendeinen Mißgriff zu machen, zitternd -die Pflichten der Hausfrau erfüllte: – »Sehr gut, mein -Kind! Ausgezeichnet! Mut! Wirklich ausgezeichnet!« Und -ich war dann sehr froh. Bald nach unserer Ankunft in -Petersburg schrieb er seiner Mutter einen Brief, und als -ich einige Worte hinzuschreiben sollte, wollte er mir nicht -zeigen, was er geschrieben hatte; infolgedessen bestand ich -natürlich darauf und bekam das Geschriebene zu lesen. -»Sie werden Mascha gar nicht wiedererkennen,« schrieb -er ihr, »und auch ich selbst erkenne sie nicht wieder. -Woher hat sie nur diese nette, graziöse Sicherheit, diese -›<em class="antiqua">affabilité</em>‹, diese Fähigkeit, in der Gesellschaft durch Geist -zu glänzen, und diese Liebenswürdigkeit! Und all das ist -bei ihr so einfach, lieb und gutmütig. Alle sind von ihr -entzückt, und auch ich selbst kann sie gar nicht genug bewundern; -wenn es möglich wäre, müßte ich sie noch mehr -lieb gewinnen.«</p> - -<p>– Ach so, also so eine bin ich! – dachte ich mir. Es -wurde mir so wohl und so lustig zumute, und es kam mir -sogar vor, als liebte ich ihn noch mehr. Mein Erfolg bei -allen unseren Bekannten war für mich völlig unerwartet. -Von allen Seiten hörte ich, daß ich hier einem Onkel -besonders gut gefallen, daß dort eine Tante sich in mich -verliebt hätte; der eine sagte mir, daß es in ganz Petersburg -keine ähnliche Frau gäbe, die andere versicherte mich, -ich brauche nur zu wollen, um die »exklusivste« Dame der -Gesellschaft zu werden. Besonderen Eindruck machte ich<span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span> -auf eine Kusine meines Mannes, die Fürstin D., eine -nicht mehr junge Dame der großen Welt; diese hatte sich -plötzlich in mich verliebt und sagte mir so schmeichelhafte -Dinge, daß es mir schwindelte. Als diese Kusine mich zum -erstenmal aufforderte, einen Ball zu besuchen, und meinen -Mann darum bat, wandte er sich an mich mit einem kaum -merklichen schlauen Lächeln und fragte, ob ich hingehen -möchte. Ich nickte bejahend und fühlte, wie ich errötete.</p> - -<p>»Sie gesteht wie eine Verbrecherin, was sie möchte,« -sagte er mit einem gutmütigen Lächeln.</p> - -<p>»Du hattest doch selbst gesagt, daß wir keine großen -Gesellschaften besuchen würden, auch magst du so was -nicht,« antwortete ich lächelnd und ihn flehend anblickend.</p> - -<p>»Wenn du so große Lust hast gehen wir hin,« sagte er.</p> - -<p>»Nein, wirklich, lieber nicht.«</p> - -<p>»Hast du große Lust?« fragte er wieder.</p> - -<p>Ich gab keine Antwort.</p> - -<p>»Die große Welt ist noch kein Übel,« fuhr er fort, -»aber die unbefriedigten Gelüste, die sie in uns weckt, -sind schlimm und häßlich. Wir müssen aber unbedingt -hin und werden es auch tun,« schloß er sehr bestimmt.</p> - -<p>»Wenn ich dir die Wahrheit sagen soll,« entgegnete -ich, »so wünsche ich in der ganzen Welt nichts so sehr, wie -diesen Ball zu besuchen.«</p> - -<p>Wir gingen auch hin, und der Genuß, den mir der Ball -verschaffte, übertraf alle meine Erwartungen. Auf dem -Balle hatte ich noch mehr als früher den Eindruck, ich -sei der Mittelpunkt, um den sich alles bewegte, als sei -dieser große Saal nur meinetwegen erleuchtet, als spiele -die Musik nur für mich und als hätten sich alle diese<span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span> -Menschen versammelt, nur um mich zu bewundern. Alle, -vom Friseur und der Zofe bis zu den Greisen, die durch -den Saal gingen, schienen mir zu sagen und gaben mir zu -fühlen, daß sie mich liebten. Das allgemeine Urteil, das -sich über mich auf diesem Balle gebildet hatte und das ich -von der Kusine zu hören bekam, lautete, daß ich allen -anderen Damen gar nicht ähnlich sehe, daß an mir etwas -Besonderes, Ländlich-Einfaches und Reizendes sei. Dieser -Erfolg schmeichelte mir so sehr, daß ich meinem Mann ganz -offenherzig sagte, wie gerne ich in diesem Jahre noch zwei -oder drei Bälle besuchen möchte; »um sie ordentlich satt -zu bekommen,« fügte ich nicht ganz aufrichtig hinzu.</p> - -<p>Mein Mann willigte gerne ein und führte mich in der -ersten Zeit mit sichtlichem Vergnügen auf die Bälle, freute -sich über meine Erfolge und schien das, was er früher -gesagt hatte, ganz vergessen zu haben oder es zu verleugnen.</p> - -<p>Mit der Zeit fing er an sich offenbar zu langweilen -und das Leben, das wir führten, als eine Last zu empfinden. -Aber ich kümmerte mich nicht viel darum; wenn -ich zuweilen auch seinen aufmerksamen und ernsten, fragend -auf mich gerichteten Blick sah, verstand ich seine Bedeutung -nicht. Ich war von diesem Gefühl, das ich so plötzlich in -allen Fremden geweckt hatte und das ich für Liebe hielt, -von dieser Luft des Luxus, der Vergnügungen und der -neuen Eindrücke, die ich hier zum erstenmal atmete, so benebelt, -sein mich erdrückender moralischer Einfluß war so -spurlos verschwunden, es war mir so angenehm, hier in -dieser Welt nicht nur auf der gleichen Stufe mit ihm, sondern -sogar über ihm zu stehen und ihn darum noch mehr<span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span> -und selbständiger zu lieben als früher, daß ich unmöglich -verstehen konnte, was er in diesem Leben in der großen -Welt Unangenehmes für mich erblickte. Ich empfand das -mir neue Gefühl des Stolzes und der Genugtuung, wenn -bei meinem Erscheinen auf einem Balle alle Blicke sich -auf mich richteten, während er, als schämte er sich, dieser -Menge zu zeigen, daß er mich besitze, mich eiligst verließ -und sich in der schwarzen Schar der Fracks verlor. – Wart' -einmal! – sagte ich mir oft, mit den Augen am Ende -des Saales seine unauffällige Gestalt mit dem oft gelangweilten -Gesicht suchend, – wart' einmal! – sagte ich -mir, – wenn wir wieder zu Hause sind, so wirst du auch -verstehen, für wen ich so schön und glänzend sein wollte -und wen ich von allen, die mich am heutigen Abend umgeben, -liebe. – Ich glaubte selbst aufrichtig daran, daß -meine Erfolge mich nur darum so freuten, weil ich sie ihm -zum Opfer bringen konnte. Das Einzige, was mir in dieser -großen Welt gefährlich werden konnte, glaubte ich, sei die -Möglichkeit, mich in einen der Männer, die ich da traf, -zu vergaffen und in meinem Manne Eifersucht zu wecken; -aber er vertraute mir so sehr und schien so ruhig und gleichgültig, -und alle diese jungen Männer kamen mir im -Vergleich zu ihm so unbedeutend vor, daß diese Gefahr, -die ich für die einzige hielt, mich gar nicht erschreckte. Aber -die Aufmerksamkeit mancher Menschen in der Gesellschaft -gewährte mir dennoch Vergnügen, schmeichelte meinem Ehrgeiz, -brachte mich auf den Gedanken, daß meine Liebe zu -meinem Manne mir als Verdienst anzurechnen sei und -verlieh meinem Benehmen gegen ihn eine gewisse Überlegenheit -und sogar Nachlässigkeit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span></p> - -<p>»Ich habe gesehen, wie lebhaft du dich mit der N. N. -unterhalten hast,« sagte ich ihm einmal bei der Rückkehr -von einem Ball, ihm mit dem Finger drohend und eine -der bekannten Damen der Petersburger Gesellschaft -nennend, mit der er an diesem Abend wirklich gesprochen -hatte. Ich sagte dies, um ihn etwas aufzurütteln, denn er -war besonders schweigsam und langweilig.</p> - -<p>»Ach, wie kann man nur so sprechen? Und das sagst -du, Mascha!« sprach er durch die Zähne und das Gesicht -wie bei einem körperlichen Schmerz verziehend. »Das steht -uns beiden nicht! Überlaß das den anderen; solch ein -verlogenes Verhältnis könnte unser wahres Verhältnis -zueinander trüben, und ich hoffe doch, daß dieses wahre -Verhältnis wiederkehrt.«</p> - -<p>Ich schämte mich und schwieg.</p> - -<p>»Es kehrt doch wieder, Mascha? Wie glaubst du?« -fragte er.</p> - -<p>»Es hat sich doch gar nicht getrübt und wird sich nie -trüben,« entgegnete ich und glaubte in jenem Augenblick -wirklich daran.</p> - -<p>»Gott gebe es!« sagte er. »Sonst wäre es Zeit, aufs -Land zurückzukehren.«</p> - -<p>Das war aber auch das einzige Mal, daß er so zu mir -sprach; sonst schien es mir immer, daß er sich ebenso wohl -fühlte wie ich, mir war aber so lustig und fröhlich zumute. -– Wenn er sich sogar manchmal langweilt, – tröstete ich -mich, – so habe ich mich doch seinetwegen genug auf dem -Lande gelangweilt; und wenn unser Verhältnis sich auch -etwas verändert hat, so wird es doch wiederkehren, sobald<span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span> -wir im Sommer wieder allein mit Tatjana Ssemjonowna -in unserem Hause von Nikolskoje sind. –</p> - -<p>So verging für mich unmerklich dieser Winter, und wir -blieben sogar, entgegen unserer Absicht, auch die Osterwoche -in Petersburg. In der Woche nach Ostern, als wir -schon reisefertig waren, als alles eingepackt war und mein -Mann, der die Geschenke, Blumen und andere Gegenstände -für unser Landleben einkaufte, besonders zärtlich und fröhlich -gestimmt war, kam zu uns unerwartet die Kusine, -um uns zu überreden, bis zum nächsten Sonnabend zu -bleiben und noch eine Soiree bei der Gräfin R. mitzumachen. -Sie sagte, die Gräfin R. wolle mich unbedingt -bei sich sehen und der Prinz M., der sich damals in Petersburg -aufhielt, hätte noch auf dem letzten Ball den Wunsch -geäußert, mich kennenzulernen; er würde nur deswegen -zu der Soiree kommen und hätte gesagt, ich sei die hübscheste -Frau in ganz Rußland. Die ganze Stadt werde dabei sein, -mit einem Worte, es wäre ganz unerhört, wenn ich nicht -käme.</p> - -<p>Mein Mann stand am anderen Ende des Wohnzimmers -und sprach mit jemand.</p> - -<p>»Nun, werden Sie kommen, Marie?« fragte die Kusine.</p> - -<p>»Wir wollen übermorgen aufs Land,« antwortete ich -unentschlossen und blickte meinen Mann an. Unsere Augen -begegneten sich, und er wandte sich schnell weg.</p> - -<p>»Ich will ihn überreden, zu bleiben,« sagte die Kusine, -»und am Sonnabend gehen wir zur Gräfin, um allen die -Köpfe zu verdrehen. Ja?«</p> - -<p>»Das würde alle unsere Pläne über den Haufen werfen,<span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span> -und wir haben auch schon gepackt,« antwortete ich, nahe -daran, nachzugeben.</p> - -<p>»Das beste wäre, sie ginge heute abend selbst zum -Prinzen, um ihm ihre Aufwartung zu machen,« sagte mein -Mann vom anderen Ende des Zimmers in einem so gereizten -Ton, wie ich ihn bei ihm noch nie gehört hatte.</p> - -<p>»Ach, er ist eifersüchtig! Das hätte ich doch nicht erwartet!« -rief die Kusine lachend. »Ich bitte sie ja nicht -des Prinzen wegen, Ssergej Michailytsch, sondern weil -wir es alle wünschen. Wie flehentlich hat mich doch die -Gräfin R. darum gebeten!«</p> - -<p>»Das hängt von ihr ab,« entgegnete mein Mann kühl -und verließ das Zimmer.</p> - -<p>Ich sah, daß er erregter war als sonst; dies quälte mich, -und ich versprach der Kusine nichts. Als sie fort war, -ging ich sofort zu meinem Mann. Er ging nachdenklich auf -und ab und sah und hörte nicht, wie ich auf den Zehen zu -ihm ins Zimmer trat.</p> - -<p>– Er denkt schon an sein liebes Haus zu Nikolskoje, – -sagte ich mir, ihn anblickend, – an den Morgenkaffee im -hellen Wohnzimmer, an seine Felder und Bauern, an die -Abende im Diwanzimmer und an unsere geheimen nächtlichen -Mahlzeiten. Nein! – sagte ich mir sehr entschieden, -– alle Bälle auf der Welt und die Schmeicheleien aller -Prinzen gebe ich gerne für seine freudige Verlegenheit und -seine stillen Liebkosungen hin! – Ich wollte ihm schon -sagen, daß ich zu der Soiree nicht gehen würde, als er sich -plötzlich umwandte, mich bemerkte und der sanfte und nachdenkliche -Ausdruck aus seinem Gesicht verschwand. Sein -Blick drückte wieder Klugheit, Weisheit und eine gönnerhafte<span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span> -Ruhe aus. Er wollte nicht, daß ich ihn als einen -gewöhnlichen Menschen sähe: er mußte unbedingt als Halbgott -auf einem Piedestal vor mir stehen.</p> - -<p>»Was hast du, liebes Kind?« fragte er, sich gleichgültig -und ruhig an mich wendend.</p> - -<p>Ich antwortete nicht. Mich verdroß es, daß er sich vor -mir verstellte und nicht so bleiben wollte, wie ich ihn -liebte.</p> - -<p>»Willst du also am Sonnabend zu der Soiree?« -fragte er.</p> - -<p>»Ich wollte es,« antwortete ich, »aber du hast keine -Lust. Auch ist ja schon alles gepackt,« fügte ich hinzu.</p> - -<p>Noch nie hatte er mich so kalt angesehen, noch niemals -so kalt mit mir gesprochen.</p> - -<p>»Ich reise nicht vor Dienstag ab und werde die Sachen -wieder auspacken lassen,« sagte er. »Darum kannst du -auch die Soiree mitmachen, wenn du Lust hast. Geh bitte -hin. Ich reise nicht ab.«</p> - -<p>Wie immer, wenn er aufgeregt war, ging er mit ungleichen -Schritten auf und ab und sah mich nicht an.</p> - -<p>»Ich kann dich unmöglich verstehen,« sagte ich, ohne -mich ihm zu nähern und ihn mit den Augen verfolgend. -»Du sagst, daß du immer so ruhig seist (er hatte das niemals -gesagt), warum sprichst du dann so merkwürdig mit -mir? Ich bin bereit, dir dieses Vergnügen zu opfern, du -aber verlangst von mir mit einer Ironie, mit der du zu -mir noch niemals gesprochen hast, daß ich zu der Soiree -gehe.«</p> - -<p>»Nun, du bringst <em class="gesperrt">ein Opfer</em> (er betonte dieses Wort -ganz besonders), auch ich bringe ein Opfer; was kann man<span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span> -sich besseres wünschen? Es ist ein Wettstreit der Großmut. -Kann man sich denn ein schöneres Familienglück denken?«</p> - -<p>Ich hörte von ihm zum erstenmal so erbitterte und -höhnische Worte. Sein Hohn beschämte mich nicht, sondern -verletzte mich, und seine Erbitterung erschreckte mich nicht, -sondern teilte sich auch mir mit. Kamen diese Worte wirklich -von ihm, der sonst in unserem Verhältnis jede Phrase -mied und immer so aufrichtig und einfach war? Womit -hatte ich das verdient? Damit, daß ich ihm wirklich mein -Vergnügen opfern wollte, in dem ich nichts Schlimmes -erblicken konnte, und daß ich ihn erst vor einer Minute so -gut verstanden und geliebt hatte! Wir hatten die Rollen -getauscht: er vermied die einfachen und direkten Worte, -während ich sie suchte.</p> - -<p>»Du hast dich sehr verändert,« sagte ich seufzend. »Was -habe ich gegen dich verbrochen? Es ist nicht der Abend -bei der Gräfin, es ist etwas anderes, Altes, was du gegen -mich im Herzen hast. Warum diese Unaufrichtigkeit? Hast -du sie denn bisher nicht selbst immer gefürchtet? Sag mir -ganz offen, was du gegen mich hast!« – Was wird er -mir wohl sagen? – dachte ich mir, von der angenehmen -Gewißheit erfüllt, daß ich mir im Laufe des ganzen Winters -nichts zuschulden kommen ließ, was er mir vorzuwerfen hätte.</p> - -<p>Ich trat in die Mitte des Zimmers, so daß er ganz -nahe an mir vorübergehen mußte und sah ihn an. – Er -wird auf mich zugehen, mich umarmen und damit wird -alles enden, – ging es mir durch den Kopf, und es tat -mir sogar leid, daß ich nicht dazu kommen würde, ihm -zu beweisen, daß er im Unrecht sei. Aber er blieb am Ende -des Zimmers stehen und sah mich an.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span></p> - -<p>»Verstehst du noch immer nichts?« fragte er.</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Dann will ich es dir sagen. Es ist mir ekelhaft, es ist -mir zum erstenmal ekelhaft, was ich empfinde und was ich -empfinden muß …« Er blieb stehen, sichtlich vom rauhen -Ton seiner eigenen Stimme erschreckt.</p> - -<p>»Was ist es denn?« fragte ich mit Tränen der Entrüstung -in den Augen.</p> - -<p>»Es ist ekelhaft, daß der Prinz dich hübsch findet, und -daß du ihm darum nachlaufen willst, darüber deinen Mann, -dich selbst und die weibliche Würde vergißt und nicht -begreifen willst, was dein Mann an deiner Statt empfinden -muß, wenn dir selbst das Gefühl der Würde abgeht; -im Gegenteil, du kommst zu deinem Mann und sagst ihm, -daß du ein <em class="gesperrt">Opfer</em> bringst, d. h.: ›es ist für mich ein großes -Glück, mich seiner Hoheit zu zeigen, aber ich bringe dieses -Glück zum <em class="gesperrt">Opfer</em>.‹«</p> - -<p>Je länger er sprach, um so mehr geriet er in Feuer, und -seine Stimme klang giftig, grausam und roh. Niemals -hatte ich ihn so gesehen und von ihm so etwas auch nie -erwartet; das ganze Blut schoß mir ins Herz, ich fürchtete -mich, aber zugleich erregte mich das Gefühl einer unverdienten -Beschämung und einer verletzten Eigenliebe, und -ich fühlte den Wunsch, mich an ihm zu rächen.</p> - -<p>»Ich habe das schon längst erwartet,« sagte ich, »sprich -nur, sprich.«</p> - -<p>»Ich weiß nicht, was du erwartet hast,« fuhr er fort, -»aber ich konnte das Schlimmste erwarten, da ich dich -täglich in diesem Schmutz, im Müßiggange und Luxus -dieser dummen Gesellschaft sah; und ich habe es auch<span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span> -erlebt … Ich hab' es erlebt, daß ich heute Scham und -Schmerz empfinde wie niemals; es war mir schmerzvoll -genug, als deine Freundin mit ihren schmutzigen Händen -in mein Herz griff und von meiner Eifersucht zu sprechen -begann; und von was für einer Eifersucht? – auf einen -Menschen, den keiner von uns, weder du noch ich, kennt. -Du aber willst mich wie zu Trotz nicht verstehen, du willst -mir etwas zum Opfer bringen, – doch was? … Ich muß -mich für dich, für deine Erniedrigung schämen! … Ein -Opfer!« wiederholte er.</p> - -<p>– Ach, so ist also die Gewalt des Mannes, – dachte ich -mir: – Eine Frau zu beleidigen und zu demütigen, die -nichts verbrochen hat. Das sind also die Rechte des Mannes, -aber ich werde mich ihnen nicht fügen. –</p> - -<p>»Nein, ich will dir nichts zum Opfer bringen,« sagte ich -und fühlte, wie meine Nüstern sich unnatürlich erweiterten -und wie mir das Blut aus dem Gesicht strömte. »Ich -werde am Sonnabend zu der Soiree gehen, werde unbedingt -hingehen.«</p> - -<p>»Gott gebe dir viel Vergnügen, aber zwischen uns ist -alles aus!« rief er in einem Anfalle von Raserei, die er -nicht mehr beherrschen konnte. »Aber du wirst mich nicht -länger quälen. Ich war dumm, daß ich …« begann er -wieder, aber seine Lippen zitterten, und er nahm sich mit -sichtlicher Anstrengung zusammen, um den angefangenen -Satz nicht zu Ende zu sprechen.</p> - -<p>Ich fürchtete und haßte ihn in diesem Augenblick. Ich -wollte ihm vieles sagen und mich für alle die Beleidigungen -rächen; hätte ich aber nur den Mund aufgemacht, so wäre -ich in Tränen ausgebrochen und hätte mich vor ihm erniedrigt.<span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span> -Ich verließ schweigend das Zimmer. Als ich aber -seine Schritte nicht mehr hörte, entsetzte ich mich vor dem, -was wir getan hatten. Ich entsetzte mich vor dem Gedanken, -daß dieses Band, das mein Glück ausgemacht hatte, für -immer zerreißen würde, und ich wollte schon zu ihm zurückkehren. -– Hat er sich aber auch genügend beruhigt, um -mich zu verstehen, wenn ich ihm schweigend die Hand reiche -und ihn anblicke? – fragte ich mich. – Wird er meine -Großmut begreifen? Wie, wenn er meinen Schmerz für -Heuchelei hält? Oder wenn er meine Reue mit dem Bewußtsein -seines Rechts und mit stolzer Ruhe hinnimmt -und mir verzeiht? Warum, warum hat er, den ich so sehr -liebte, mich so grausam beleidigt? –</p> - -<p>Ich ging nicht zu ihm, sondern in mein Zimmer, wo ich -lange allein saß und weinte, mich mit Grauen jedes Wortes, -das zwischen uns gefallen war, erinnernd, diese Worte mit -anderen vertauschend und andere, gute Worte hinzufügend, -dann wieder mit Entsetzen und einem Gefühl der Kränkung -des Vorgefallenen gedenkend. Als ich am Abend am Teetisch -erschien und in Gegenwart von S., der bei uns zu -Besuch war, meinen Mann traf, fühlte ich, daß an diesem -Tage sich ein ganzer Abgrund zwischen uns aufgetan hatte. -S. fragte mich, wann wir abreisten. Ich kam nicht dazu, -ihm zu antworten.</p> - -<p>»Am Dienstag,« antwortete mein Mann. »Wir wollen -noch die Soiree bei der Gräfin R. mitmachen. Du gehst -doch hin?« wandte er sich an mich.</p> - -<p>Ich erschrak über den einfachen Ton seiner Stimme und -sah ihn ängstlich an. Seine Augen waren gerade auf mich<span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span> -gerichtet, der Blick war boshaft und spöttisch, seine Stimme -klang gemessen und kalt.</p> - -<p>»Ja,« antwortete ich.</p> - -<p>Am Abend, als wir allein geblieben waren, ging er auf -mich zu und reichte mir die Hand.</p> - -<p>»Vergiß bitte, was ich dir gesagt habe,« sagte er.</p> - -<p>Ich ergriff seine Hand, ein zitterndes Lächeln erschien -auf meinem Gesicht, die Tränen wollten mir schon aus den -Augen stürzen, aber er zog seine Hand zurück und setzte sich -in einen Sessel ziemlich weit von mir, als fürchtete er eine -empfindsame Szene. – Glaubt er denn wirklich, daß er im -Rechte sei? – dachte ich mir, und die schon fertige Erklärung -und die Bitte, nicht zur Soiree zu gehen, erstarben -mir auf den Lippen.</p> - -<p>»Wir müssen Mama schreiben, daß wir die Abreise -aufgeschoben haben,« sagte er, »sonst wird sie unruhig -werden.«</p> - -<p>»Wann gedenkst du denn zu reisen?« fragte ich.</p> - -<p>»Am Dienstag nach der Soiree,« antwortete er.</p> - -<p>»Ich hoffe, daß es nicht meinetwegen geschieht,« sagte -ich, ihm in die Augen blickend, aber seine Augen sahen mich -nur an und sagten nichts, als wären sie verschleiert. Sein -Gesicht kam mir plötzlich alt und unangenehm vor.</p> - -<p>Wir gingen zu der Soiree, und zwischen uns stellte sich -äußerlich wieder ein gutes und freundschaftliches Verhältnis -ein; aber dieses Verhältnis war ganz anders als das -frühere.</p> - -<p>Auf der Soiree saß ich unter den Damen, als der Prinz -auf mich zuging, so daß ich aufstehen mußte, um mit ihm -zu sprechen. Als ich aufstand, suchte ich unwillkürlich mit<span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span> -den Augen meinen Mann und sah, daß er mich vom anderen -Ende des Saales beobachtete und sich plötzlich wegwandte. -Ich empfand plötzlich solchen Schmerz und solche Scham, -daß ich unter den Augen des Prinzen furchtbar verlegen -wurde und über das Gesicht bis zum Hals hinunter errötete. -Ich mußte aber stehen und anhören, was er sagte, indem er -mich von oben herab betrachtete. Unser Gespräch war nur kurz, -es gab neben mir keinen Platz, wo er sich hinsetzen konnte, -und er merkte wohl auch, daß ich mich unbehaglich fühlte. -Wir sprachen vom letzten Ball, wo ich den Sommer zuzubringen -pflege usw. Als er mich verließ, äußerte er den -Wunsch, auch meinen Mann kennenzulernen, und ich sah, -wie sie sich am anderen Ende des Saales trafen und ins -Gespräch kamen. Der Prinz sagte wohl etwas von mir, -da er sich mitten im Gespräch lächelnd nach mir umwandte.</p> - -<p>Mein Mann wurde plötzlich rot, machte eine tiefe Verbeugung -und ließ den Prinzen stehen. Auch ich errötete: -ich mußte mich schämen, als ich mir dachte, welche Vorstellung -der Prinz wohl von mir und besonders von meinem -Manne gewonnen haben müßte. Mir kam vor, als hätten -alle bemerkt, wie verlegen ich war, als ich mit dem Prinzen -sprach, als sei allen auch das sonderbare Benehmen meines -Mannes aufgefallen; Gott weiß, wie sie es sich wohl -erklären mögen; wissen sie vielleicht etwas vom Gespräch, -das ich mit ihm gehabt habe? Die Kusine brachte mich nach -Hause, und unterwegs kamen wir auch auf meinen Mann -zu sprechen. Ich konnte mich nicht beherrschen und erzählte -ihr alles, was zwischen uns anläßlich dieser unglückseligen -Soiree vorgefallen war. Sie beruhigte mich und sagte, -daß es ein ganz bedeutungsloses, durchaus gewöhnliches<span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span> -Zerwürfnis sei, das keinerlei Folgen haben werde; sie -äußerte sich auch von ihrem Standpunkte aus über den -Charakter meines Mannes und meinte, daß er verschlossen -und stolz geworden sei; ich stimmte ihr bei, und es war -mir, als finge ich jetzt an, ihn ruhiger und besser zu -beurteilen.</p> - -<p>Aber später, als ich wieder allein mit meinem Manne -war, lastete dieses Urteil über ihn wie ein Verbrechen auf -meinem Gewissen, und ich fühlte, daß der uns trennende -Abgrund noch größer geworden war.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_103">[103]</a></span></p> - -<h3 id="kap2_3">III</h3> -</div> - -<p>Von diesem Tage an trat in unserem Leben und in -unserem Verhältnis eine tiefe Veränderung ein. Wir -fühlten uns, wenn wir allein waren, nicht mehr so wohl -wie einst. Es gab Fragen, die wir umgingen, und in -Gegenwart eines Dritten war es uns viel leichter zu -sprechen als unter vier Augen. Wenn bloß die Rede auf -das Landleben oder auf einen Ball kam, fing es uns vor -den Augen zu flimmern an, und wir schämten uns, uns -anzusehen. Als fühlten wir beide, wo der Abgrund lag, -der uns trennte, und als mieden wir, ihm nahe zu kommen. -Ich war überzeugt, daß er stolz und aufbrausend sei, und daß -ich ihn vorsichtiger behandeln müsse, um nicht seine schwachen -Seiten zu verletzen. Er aber war überzeugt, daß ich ohne -die große Welt nicht leben könne, daß das Leben auf dem -Lande mir nicht passe, und daß er sich meinem unglücklichen -Geschmack fügen müsse. Wir vermieden beide jedes direkte -Gespräch über diese Gegenstände und beurteilten darum einander -falsch. Wir hatten schon lange aufgehört, einander -für die vollkommensten Menschen auf Erden zu halten; -wir stellten vielmehr Vergleiche mit anderen an und übten -aneinander heimlich Kritik. Vor der Abreise erkrankte -ich, und wir zogen statt aufs Land in eine Sommerfrische -in der Nähe der Stadt, von wo mein Mann allein zu seiner -Mutter reiste. Als er abreiste, war ich schon so weit hergestellt, -daß ich mit ihm hätte mitkommen können, aber -er bat mich, noch zu bleiben, als fürchtete er für meine<span class="pagenum"><a id="Page_104">[104]</a></span> -Gesundheit. Ich fühlte, daß ihm nicht meine Gesundheit -Sorgen machte, sondern der Gedanke, daß wir uns auf dem -Lande zusammen nicht wohl fühlen würden; ich widersprach -ihm nicht viel und blieb. Ohne ihn kam mir alles so leer -und öde vor, als er aber wiederkam, merkte ich, daß er -meinem Leben nicht mehr das zu verleihen vermochte, was -er ihm früher verliehen hatte. Unsere früheren Beziehungen, -wo jeder Gedanke, jede Empfindung, die ich ihm -nicht mitteilte, auf mir wie ein Verbrechen lasteten, wo -jede Handlung und jedes Wort von ihm mir als der Gipfel -der Vollkommenheit erschienen, wo wir immer vor Freude -lachen wollten, wenn wir uns bloß ansahen, – dieses -Verhältnis war unmerklich zu einem anderen geworden und -verschwunden, ehe wir uns dessen versahen. Ein jeder von -uns hatte jetzt seine eigenen Interessen und Sorgen, die -er gar nicht zu gemeinsamen zu machen suchte. Es bedrückte -uns sogar nicht mehr, daß jeder von uns seine eigene, für -den anderen fremde Welt hatte. Wir hatten uns an diesen -Gedanken gewöhnt, und nach einem Jahre hörte es schon -sogar in unseren Augen zu flimmern auf, wenn wir einander -ansahen. Seine früheren Anfälle plötzlicher Lustigkeit -waren dahin, ebenso sein kindliches Wesen, seine Allverzeihung -und Gleichgültigkeit gegen alles, die mich früher -so empört hatten; vorbei war es mit seinem tiefen Blick, der -mich früher so verwirrte und erfreute, vorbei mit den gemeinsamen -Gebeten und Ekstasen; wir sahen uns sogar recht -selten, denn er war immer auf Reisen, und es tat ihm -weder leid, noch ängstigte er sich, mich allein zu lassen; ich -aber war immer in der großen Welt, wo ich ihn nicht -brauchte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span></p> - -<p>Szenen und Zerwürfnisse kamen zwischen uns nicht mehr -vor; ich bemühte mich, ihm gefällig zu sein, er erfüllte -alle meine Wünsche, und es sah so aus, als ob wir einander -noch liebten.</p> - -<p>Wenn wir allein blieben, was nur selten vorkam, empfand -ich in seiner Gegenwart weder Freude, noch Aufregung -oder Verwirrung, ganz als wäre ich allein mit mir selbst. -Ich wußte sehr gut, daß er mein Mann war, nicht irgendein -neuer, unbekannter Fremder, sondern ein guter Mensch, -mein Mann, den ich so gut kannte, wie mich selbst. Ich -war überzeugt, daß ich alles wisse, was er tun und -was er sagen, und wie er dies oder jenes ansehen würde, -und wenn er etwas anders tat oder ansah, als ich erwartete, -so glaubte ich, <em class="gesperrt">er</em> habe sich geirrt. Ich erwartete von ihm -nichts. Mit einem Worte, er war mein Mann und sonst -nichts. Mir schien, als müsse es so sein, als gäbe es kein -anderes Verhältnis, als hätte es unter uns sogar nie ein -anderes Verhältnis gegeben. Wenn er verreiste, fühlte -ich mich, besonders in der ersten Zeit, einsam; in seiner -Abwesenheit empfand ich stärker, welche Stütze ich in ihm -hatte; wenn er zurückkehrte, fiel ich ihm vor Freude um -den Hals, obwohl ich schon nach zwei Stunden diese Freude -vergaß und nicht mehr wußte, über was mit ihm zu sprechen. -Nur in den Augenblicken der stillen, gemäßigten Zärtlichkeit, -die es zwischen uns manchmal gab, kam es mir vor, -als sei es nicht das Richtige, als hätte ich im Herzen ein -Weh, und ich glaubte auch in seinen Augen dasselbe zu -lesen. Ich sah vor mir jene Grenze der Zärtlichkeit, die zu -überschreiten er nicht den Willen und ich nicht die Kraft -hatte. Manchmal stimmte mich das traurig, aber ich hatte<span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span> -keine Zeit, mich irgendwelchen Betrachtungen hinzugeben, -und ich bemühte mich, diese Trauer über die Änderung, die -ich dunkel empfand, in den Zerstreuungen zu vergessen, die -mir immer zur Verfügung standen. Das Leben in der -großen Welt, das mich anfangs mit seinem Glanze benebelt -und meinem Ehrgeiz geschmeichelt hatte, bemächtigte -sich bald aller meiner Neigungen, wurde mir zur Gewohnheit, -schlug mich in Fesseln und nahm in meiner Seele den -ganzen Platz ein, der für die Gefühle bereitet war. Ich -blieb jetzt niemals allein mit mir selbst und scheute es, über -meine Lage zu grübeln. Die ganze Zeit vom frühen Morgen -bis spät in die Nacht hinein war besetzt und gehörte -nicht mir, selbst wenn ich nicht ausging. Das war mir jetzt -weder lustig noch langweilig, sondern ich hatte das Gefühl, -als müsse es immer so und nicht anders sein.</p> - -<p>So vergingen drei Jahre, und während dieser Jahre -blieben unsere Beziehungen dieselben; sie waren gleichsam -stehengeblieben, erstarrt und konnten weder schlechter noch -besser werden. Im Laufe dieser drei Jahre gab es zwei -wichtige Ereignisse in unserem Familienleben, doch keines -von den beiden vermochte mein Leben irgendwie zu ändern. -Es waren dies die Geburt meines ersten Kindes und der -Tod Tatjana Ssemjonownas. Das Muttergefühl hatte -mich in der ersten Zeit so mächtig ergriffen und ein so -unerwartetes Entzücken in mir geweckt, daß ich schon -glaubte, nun beginne für mich ein neues Leben; aber nach -zwei Monaten, als ich wieder in den Strudel der großen -Welt kam, fing dieses Gefühl an, beständig abzunehmen -und wurde schließlich zu einer Gewohnheit und kalten -Pflichterfüllung. Mein Mann dagegen war nach der Geburt<span class="pagenum"><a id="Page_107">[107]</a></span> -unseres ersten Sohnes wieder der frühere sanfte und -ruhige Stubenhocker geworden und hatte seine ganze Zärtlichkeit -und Lustigkeit auf das Kind übertragen. Oft, wenn -ich im Ballkleide ins Kinderzimmer kam, um es zum Abschied -zu bekreuzigen, und dort meinen Mann traf, fühlte -ich seinen vorwurfsvollen und durchdringenden Blick auf -mir ruhen, und ich mußte mich schämen. Ich erschrak plötzlich -über meine Gleichgültigkeit gegen das Kind und fragte -mich, ob ich denn schlechter sei als die anderen Frauen. – -Was soll ich machen? – dachte ich mir: – Ich liebe meinen -Sohn, aber ich kann doch nicht tagelang bei ihm sitzen, das -ist mir langweilig; heucheln werde ich aber um nichts in -der Welt. – Der Tod seiner Mutter war für ihn ein harter -Schlag; es war ihm schwer, wie er sagte, nach ihrem Tode in -Nikolskoje zu wohnen; obwohl ich sie auch betrauerte und -meinem Mann mitfühlte, hätte ich doch das Landleben vorgezogen, -das mir angenehmer und ruhiger erschien. Diese -ganzen drei Jahre hatten wir zum größten Teil in der -Stadt verlebt, aufs Land kam ich nur einmal für zwei -Monate, und im dritten Jahre reisten wir ins Ausland.</p> - -<p>Wir verbrachten den Sommer in einem Badeorte.</p> - -<p>Ich war damals erst einundzwanzig Jahre alt; unsere -Vermögensverhältnisse waren, wie ich glaubte, im glänzendsten -Zustande; vom Familienleben verlangte ich nicht -mehr, als es mir gab; alle, die ich kannte, schienen mich zu -lieben; mein Gesundheitszustand war gut; meine Toiletten -waren die schönsten im ganzen Badeorte; ich wußte, daß -ich schön war; das Wetter war herrlich; eine eigentümliche -Atmosphäre von Schönheit und Eleganz umgab mich, und -es war mir sehr lustig zumute. Aber ich war doch nicht so<span class="pagenum"><a id="Page_108">[108]</a></span> -lustig, wie ich es in Nikolskoje gewesen, als ich fühlte, daß -ich in mir selbst glücklich sei, glücklich, weil ich dieses Glück -verdient habe, daß mein Glück wohl groß sei, es aber irgendwo -auch noch ein größeres Glück geben müsse, und daß ich -immer mehr und mehr von diesem Glück wolle. Damals -war es ganz anders gewesen; aber auch in diesem Sommer -fühlte ich mich wohl. Ich wünschte nichts, ich hoffte auf -nichts, ich befürchtete nichts, mein Leben erschien mir ganz -ausgefüllt, und mein Gewissen war ruhig. Unter allen -jungen Männern jener Saison gab es nicht einen einzigen, -den ich irgendwie vor den anderen bevorzugte, – nicht mal -vor dem alten Fürsten K., unserem Gesandten, der mir den -Hof machte. Der eine war jung, der andere alt, der eine -ein blonder Engländer, der andere ein Franzose mit einem -Spitzbart; sie erschienen mir alle gleich, doch alle waren -mir unentbehrlich. Es waren lauter gleichgültige Menschen, -die die freudige Lebensatmosphäre bildeten, die mich umgab. -Nur einer unter ihnen, der italienische Marchese D., -hatte durch die kühne Art, sein Entzücken über mich zu -äußern, mehr als die anderen meine Aufmerksamkeit auf -sich gezogen. Er ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um -mit mir zusammen zu sein, zu tanzen, auszureiten, mich im -Kasino usw. zu treffen und mir zu sagen, daß ich schön -sei. Einigemal sah ich ihn durchs Fenster in der Nähe -unseres Hauses stehen, und oft hatte der unangenehme -durchdringende Blick seiner glänzenden Augen mich erröten -gemacht und genötigt, mich umzuwenden. Er war jung, -hübsch, elegant und hatte, vor allen Dingen, in seinem -Lächeln und im Ausdruck seiner Stirne eine Ähnlichkeit mit -meinem Manne, obwohl er viel hübscher war als dieser.<span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span> -Die Ähnlichkeit frappierte mich, obwohl er im allgemeinen, -in den Augen, im Blick, im langen Kinn, statt des reizenden -Ausdruckes der Güte und der idealen Ruhe meines Mannes, -etwas Rohes und Tierisches hatte. Ich glaubte damals, -daß er mich leidenschaftlich liebe und dachte daran mit -stolzem Mitleid. Manchmal kam mir der Wunsch, ihn zu -beruhigen und auf den Ton einer halbfreundschaftlichen -stillen Vertrautheit zu stimmen, er wies aber alle solche -Versuche schroff zurück und fuhr fort, mich auf die unangenehmste -Weise mit seiner noch unausgesprochenen, aber -jeden Augenblick zur Entladung kommen wollenden Leidenschaft -in Verlegenheit zu bringen. Obwohl ich es mir auch -nicht eingestand, fürchtete ich doch diesen Menschen und dachte -oft unwillkürlich an ihn. Mein Mann kannte ihn und -begegnete ihm noch kühler und hochmütiger als unseren -anderen Bekannten, für die er bloß der Mann seiner Frau -war. Gegen Ende der Saison wurde ich krank und hütete -vierzehn Tage lang das Zimmer. Als ich zum erstenmal -nach meiner Krankheit abends zur Kurmusik kam, erfuhr -ich, daß währenddessen die längst erwartete und wegen -ihrer Schönheit bekannte Lady S. angekommen sei. Um -mich bildete sich ein Kreis, man empfing mich mit großer -Freude, aber ein noch schönerer Kreis hatte sich um die -neuangekommene Salonlöwin gebildet. Alle um mich herum -sprachen nur von ihrer Schönheit. Man zeigte sie mir; -sie war tatsächlich schön, aber ihr selbstbewußter Ausdruck -war mir unangenehm, und ich sprach es auch aus. An diesem -Tage langweilte mich alles, was mir früher lustig vorkam. -Am nächsten Tage veranstaltete Lady S. einen Ausflug -zur Burg, an dem ich mich nicht beteiligte. Bei mir blieb<span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span> -fast niemand, und alles hatte sich in meinen Augen verändert. -Alle kamen mir auf einmal so dumm und langweilig -vor, ich weinte beinahe, ich wollte meine Kur so -schnell als möglich beenden und nach Rußland zurückkehren. -In meinem Herzen regte sich irgendein häßliches Gefühl, -aber ich wollte es mir nicht eingestehen. Unter dem Vorwande, -daß ich zu schwach sei, hörte ich auf, mich in der -großen Gesellschaft zu zeigen und kam nur manchmal des -Morgens ganz allein zum Brunnen oder machte mit meiner -russischen Bekannten L. M. Ausflüge in die Umgegend. -Mein Mann war während dieser Zeit abwesend: er war -für einige Tage nach Heidelberg gefahren, um dort das -Ende meiner Kur abzuwarten und dann zusammen mit mir -nach Rußland zurückzukehren, und besuchte mich nur ab -und zu.</p> - -<p>Eines Tages hatte Lady S. die ganze Gesellschaft zu -einer Jagd mitgenommen, während ich mit L. M. am Nachmittag -zur Burg hinausfuhr. Als unsere Equipage im -Schritt die vielgewundene Chaussee zwischen den hundertjährigen -Kastanien hinauffuhr, durch die man die von den -Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtete liebliche -Umgebung von Baden-Baden sehen konnte, kam es zwischen -uns zu einem so ernsten Gespräch, wie wir es noch nie -geführt hatten. L. M., die ich schon seit langem kannte, -erschien mir zum erstenmal als eine kluge und gute Frau, -mit der man über alles sprechen konnte und deren Freundschaft -angenehm war. Wir sprachen von unseren Familien -und Kindern, von der Leere des hiesigen Lebens, wir -sehnten uns nach Rußland und dem Leben auf dem Gute -zurück, und es wurde uns plötzlich so schwermütig und wohl<span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span> -ums Herz. Wir betraten die Burg unter dem Einflusse des -gleichen ernsten Gefühls. In ihren Mauern war es schattig -und kühl, oben auf den Ruinen spielte die Sonne und -ließen sich Schritte und Stimmen vernehmen. Durch die -Türe zeigte sich uns wie in einem Rahmen das reizende, -aber für uns Russen so kalte Bild der Landschaft von -Baden-Baden. Wir setzten uns hin, um auszuruhen, und -blickten schweigend auf die untergehende Sonne. Die Stimmen -erklangen deutlicher, und es war mir, als hörte ich -meinen Namen. Ich lauschte und hörte unwillkürlich jedes -Wort. Die Stimmen waren mir bekannt: es waren der -Marchese D. und sein Freund, ein Franzose, den ich ebenfalls -kannte. Sie sprachen von mir und von der Lady S. -Der Franzose verglich mich mit ihr und kritisierte meine -und ihre Schönheit. Er sagte zwar nichts Beleidigendes, -aber mir strömte das ganze Blut zum Herzen, als ich seine -Worte hörte. Er erklärte sehr ausführlich, was an mir -und was an Lady S. schön sei. Ich hätte schon ein Kind, -aber Lady S. sei erst neunzehn Jahre alt; mein Haar sei -schöner, dafür habe Lady S. eine schlankere Taille; die Lady -sei eine große Dame, »während Ihre Passion,« sagte er, -»nur eine von den kleinen russischen Fürstinnen ist, die in -der letzten Zeit so oft hier erscheinen.« Er schloß damit, -daß ich sehr gut daran tue, mich mit der Lady S. nicht -zu messen, und daß ich nun in Baden-Baden endgültig -erledigt sei.</p> - -<p>»Sie tut mir leid.«</p> - -<p>»Wenn es ihr nur nicht einfällt, sich mit Ihnen zu -trösten,« fügte er mit einem lustigen und harten Lachen -hinzu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_112">[112]</a></span></p> - -<p>»Wenn sie verreist, folge ich ihr,« sagte roh die andere -Stimme mit italienischem Akzent.</p> - -<p>»Der glückliche Sterbliche! Er kann noch lieben!« lachte -der Franzose.</p> - -<p>»Lieben!« antwortete die andere Stimme und fuhr nach -einigem Schweigen fort: »Ich kann nicht anders, ohne -Liebe gibt es kein Leben. Aus seinem Leben einen Roman -machen, ist das einzig Schöne. Mein Roman bleibt aber -niemals in der Mitte stecken, und ich werde auch diesen -zu Ende führen.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Bonne chance, mon ami</em>,« sagte der Franzose.</p> - -<p>Das Weitere hörten wir nicht, denn sie waren um eine -Ecke gebogen, und ihre Stimmen erklangen von der anderen -Seite. Sie gingen die Treppe hinunter, kamen nach einigen -Minuten aus einer Seitentür und waren sehr erstaunt, uns -hier zu treffen. Ich errötete, als der Marchese D. sich mir -näherte, und erschrak, als er beim Verlassen der Burg -mir den Arm bot. Ich konnte nicht ablehnen, und so begaben -wir uns hinter L. M., die mit seinem Freunde vorausging, -zu unserem Wagen. Die Worte des Franzosen -hatten mich beleidigt, obwohl er nur das, was ich selbst -fühlte, ausgesprochen hatte; aber die Worte des Marchese -hatten mich durch ihre Rohheit in Erstaunen gesetzt und -empört. Mich peinigte der Gedanke, daß er, obwohl ich -seine Worte gehört hatte, keine Scheu vor mir empfand. -Es war mir ekelhaft, ihn so nahe neben mir zu fühlen, und -ich ging, ohne ihn anzusehen und ohne auf seine Worte zu -antworten, schnell hinter L. M. und dem Franzosen her und -bemühte mich, meinen Arm so zu halten, daß ich seine -Worte nicht hören konnte. Der Marchese sagte etwas über<span class="pagenum"><a id="Page_113">[113]</a></span> -die schöne Aussicht, über das unerwartete Glück, mich hier -getroffen zu haben, und noch etwas, aber ich hörte ihm -nicht zu. Ich dachte die ganze Zeit an meinen Mann, an -meinen Sohn, an Rußland; ich empfand Scham, etwas tat -mir leid, ich wünschte etwas und wollte so schnell als möglich -nach Hause, nach meinem einsamen Zimmer im <em class="antiqua">Hôtel -de Bade</em>, um ungestört über alles nachzudenken, was in -meiner Seele aufgewühlt worden war. Aber L. M. ging -langsam, zum Wagen war es noch weit, und mein -Kavalier verlangsamte, wie mir schien, hartnäckig seine -Schritte, als versuchte er mich zurückzuhalten. – Das darf -nicht sein! – sagte ich mir und beschleunigte energisch -meine Schritte. Aber er hielt mich tatsächlich zurück und -drückte sogar meinen Arm. L. M. verschwand hinter einer -Biegung des Weges, und wir blieben ganz allein. Mich -überkam ein Schreck.</p> - -<p>»Entschuldigen Sie,« sagte ich kühl und versuchte -meinen Arm zu befreien, aber mein Spitzenärmel blieb an -einem seiner Knöpfe hängen. Er beugte sich mit der Brust -nach vorn und begann den Ärmel freizumachen, und die -Finger seiner bloßen Hand berührten die meine. Ein -eigentümliches, mir ganz neues Gefühl, in dem sich ein -Grauen und eine Wonne vermischten, überlief mir kalt -den Rücken. Ich sah ihn an, um durch einen kalten Blick -die ganze Verachtung auszusprechen, die ich gegen ihn empfand; -aber mein Blick drückte etwas ganz anderes aus: -Furcht und Erregung. Seine brennenden, feuchten Augen, -die so nahe an meinem Gesicht waren, sahen so eigentümlich -auf mich, auf meinen Hals, auf meine Brust; seine beiden -Hände betasteten meine Hand über dem Gelenk, seine<span class="pagenum"><a id="Page_114">[114]</a></span> -offenen Lippen sprachen etwas, sie sagten, daß er mich -liebe, daß ich für ihn alles sei; und diese Lippen kamen -immer näher, und seine Hände drückten immer fester die -meinen zusammen und versengten mich. Ein Feuer lief -durch alle meine Adern, es wurde mir finster vor den -Augen, ich zitterte, und die Worte, mit denen ich ihn -zurückhalten wollte, blieben mir in der Kehle stecken. Plötzlich -fühlte ich einen Kuß auf meiner Wange, ich blieb, am -ganzen Leibe zitternd und erkaltend, stehen und sah ihn -an. Außerstande, zu sprechen oder mich zu rühren, erwartete -ich voller Schrecken etwas und verlangte zugleich danach. -Das alles dauerte nur einen Augenblick. Aber dieser -Augenblick war entsetzlich! Ich hatte ihn während dieses -Augenblicks so genau gesehen. So verständlich war mir -sein Gesicht: diese niedrige, steile Stirne, die der Stirne -meines Mannes so ähnlich war, diese schöne, gerade Nase -mit den geblähten Nüstern, dieser lange, steif gewichste -Schnurr- und Kinnbart, diese glatt rasierten Wangen und -der gebräunte Hals. Ich haßte ihn, ich fürchtete ihn: so -fremd war er mir; aber in diesem Augenblick weckten in -mir die Aufregung und die Leidenschaft dieses verhaßten, -fremden Mannes einen so mächtigen Widerhall, ich fühlte -ein so unüberwindliches Verlangen, mich den Küssen dieses -rohen und schönen Mundes und den Umschlingungen dieser -weißen Hände mit den feinen Adern und den ringgeschmückten -Fingern hinzugeben, mich kopfüber in den lockenden Abgrund -verbotener Wonnen, der sich plötzlich vor mir auftat, -zu stürzen! …</p> - -<p>– Ich bin so unglücklich, – dachte ich –, möge sich -noch mehr Unglück über meinem Kopfe häufen. –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_115">[115]</a></span></p> - -<p>Er umschlang mich mit dem einen Arm und beugte -sich über mein Gesicht. – Möge sich noch mehr Schande -und Sünde über meinem Kopfe sammeln! –</p> - -<p>»<em class="antiqua">Je vous aime</em>,« flüsterte er mit einer Stimme, die -so sehr an die meines Mannes erinnerte. Ich dachte an -meinen Mann und an mein Kind wie an längst entschwundene -teure Wesen, mit denen mich nichts mehr verband. -Aber plötzlich erklang hinter der Biegung die Stimme der -L. M., die mich rief. Ich kam zur Besinnung, entriß ihm -meine Hand und lief fast, ohne ihn anzusehen, zu L. M. -Wir stiegen in den Wagen, und erst jetzt sah ich ihn an. -Er nahm den Hut ab und sagte lächelnd etwas. Er begriff -wohl nicht den unsagbaren Ekel, den ich in diesem Augenblick -gegen ihn empfand.</p> - -<p>Mein Leben erschien mir so unglücklich, meine Zukunft -so hoffnungslos, die Vergangenheit so schwarz! L. M. -sprach etwas zu mir, aber ich verstand ihre Worte nicht. -Es war mir, als spräche sie mit mir nur aus Mitleid, um -die Verachtung zu verbergen, die ich in ihr weckte. In -jedem ihrer Worte, in jedem ihrer Blicke glaubte ich -diese Verachtung, dieses verletzende Mitleid zu fühlen. Der -Kuß brannte mir wie ein Schandmal auf der Wange, und -der Gedanke an meinen Mann und an mein Kind war -mir unerträglich. Ich hoffte allein in meinem Zimmer -über meine Lage nachdenken zu können, aber es war mir -so schrecklich, allein zu sein. Ich trank den Tee, den man -mir gebracht hatte, nicht aus und machte mich mit fieberhafter -Hast bereit, ohne zu wissen, warum, mit dem Abendzug -zu meinem Mann nach Heidelberg zu fahren.</p> - -<p>Als ich mit meiner Zofe im leeren Wagen saß, die<span class="pagenum"><a id="Page_116">[116]</a></span> -Maschine sich in Bewegung setzte und die durch das Fenster -hereinwehende frische Luft mir über das Gesicht strich, kam -ich allmählich zur Besinnung und fing an, meine Vergangenheit -und Zukunft klarer zu sehen. Mein ganzes Eheleben -vom Tage unserer Abreise nach Petersburg an erschien -mir in einem neuen Lichte und legte sich mir als -schwerer Vorwurf aufs Gewissen. Zum erstenmal erinnerte -ich mich wieder lebhaft unserer ersten Zeit auf dem Lande, -unserer Pläne, und zum erstenmal kam mir die Frage in -den Sinn: welches waren seine Freuden während dieser -ganzen Zeit? Und ich fühlte mich schuldig gegen ihn. – -Warum hat er mich aber nicht zurückgehalten, warum hat -er geheuchelt, warum ist er allen Erklärungen aus dem -Wege gegangen, warum hat er mich beleidigt? – fragte -ich mich. – Warum hat er nicht von der Macht seiner -Liebe über mich Gebrauch gemacht? Oder liebt er mich -nicht? – Aber so schuldig er auch sein mochte, der Kuß -jenes fremden Mannes brannte mir auf der Wange, und -ich fühlte ihn. Je mehr ich mich Heidelberg näherte, um so -klarer sah ich meinen Mann vor mir, und um so schrecklicher -erschien mir die bevorstehende Begegnung. – Ich will ihm -alles, alles sagen, ich will alles mit den Tränen der Reue -ausweinen, – dachte ich, – und er wird mir verzeihen. -– Aber ich wußte selbst nicht, was dieses »alles« war, -was ich ihm sagen wollte, und ich glaubte selbst nicht, daß -er mir verzeihen würde.</p> - -<p>Als ich aber ins Zimmer meines Mannes trat und sein -ruhiges, wenn auch erstauntes Gesicht sah, fühlte ich, daß -ich ihm nichts zu sagen, nichts zu gestehen und auch nichts<span class="pagenum"><a id="Page_117">[117]</a></span> -abzubitten habe. Der Gram und die Reue mußten unausgesprochen -in meiner Seele bleiben.</p> - -<p>»Was ist dir eingefallen?« fragte er. »Ich wollte ja -selbst morgen zu dir kommen.« Als er aber mein Gesicht -aufmerksamer betrachtete, schien er erschrocken. »Was hast -du? Was ist mit dir los?« fragte er mich.</p> - -<p>»Nichts,« antwortete ich, meine Tränen mit Mühe -zurückhaltend. »Ich bin für ganz hergekommen. Fahren wir -meinetwegen gleich morgen heim nach Rußland.«</p> - -<p>Er sah mich recht lange schweigend und aufmerksam an.</p> - -<p>»Erzähle doch, was geschehen ist,« sagte er.</p> - -<p>Ich errötete unwillkürlich und schlug die Augen nieder. -In seinen Augen flammte ein Ausdruck von Kränkung und -Zorn auf. Ich erschrak vor den Gedanken, die ihm kommen -konnten, und sagte mit einer Verstellung, die ich von mir -selbst nicht erwartet hatte:</p> - -<p>»Es ist nichts geschehen, es war mir nur so langweilig und -traurig allein zu sein, und ich dachte viel an unser Leben -und an dich. Ich fühle mich schon so lange schuldig gegen -dich! Warum fährst du mit mir dorthin, wo es dir nicht -gefällt? Ich fühle mich schon so lange schuldig gegen dich,« -wiederholte ich, und die Tränen traten mir wieder in die -Augen. »Wollen wir doch auf unser Gut fahren und für -immer.«</p> - -<p>»Ach, liebes Kind, verschone mich mit solchen empfindsamen -Szenen,« sagte er kühl. »Daß du aufs Land willst, -ist sehr schön, denn es ist uns recht wenig Geld übrig -geblieben; aber für immer, – das ist nur eine Phantasie. -Ich weiß, daß du es nicht aushalten wirst. Jetzt aber trinke<span class="pagenum"><a id="Page_118">[118]</a></span> -Tee, das wird besser sein,« schloß er und stand auf, um dem -Kellner zu klingeln.</p> - -<p>Ich stellte mir alles vor, was er von mir denken konnte, -und fühlte mich durch die schrecklichen Gedanken beleidigt, -die ich ihm zuschrieb, als ich seinen ungläubigen, gleichsam -beschämten Blick, den er auf mich gerichtet hielt, sah. – -Nein, er will und kann mich nicht verstehen! – Ich sagte -ihm, daß ich nach dem Kinde sehen möchte und verließ ihn. -Ich wollte allein sein und weinen, weinen, weinen …</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Page_119">[119]</a></span></p> - -<h3 id="kap2_4">IV</h3> -</div> - -<p>Das lange nicht geheizte leere Haus zu Nikolskoje wurde -wieder lebendig; aber das, was darin einst gelebt hatte, -erwachte nicht mehr. Die Mama war nicht mehr am Leben, -und wir standen uns allein gegenüber. Wir verlangten jetzt -aber nicht nach dieser Einsamkeit, sie fiel uns sogar zur Last. -Der Winter verging für mich um so schlimmer, als ich -krank war und mich erst nach der Geburt meines zweiten -Sohnes etwas erholte. Das Verhältnis zu meinem Mann -war noch immer so kühl und freundschaftlich wie zur Zeit -unseres Lebens in der Stadt; aber auf dem Lande erinnerte -mich jedes Dielenbrett, jede Wand, jedes Sofa daran, was -er für mich einst gewesen war und was ich verloren hatte! -Zwischen uns stand etwas wie eine nicht verziehene Kränkung, -als bestrafte er mich für irgend etwas und gäbe sich -den Anschein, als merke er es nicht. Ich hatte ihm nichts -abzubitten, es war nichts, womit er mich hätte verschonen -können; er strafte mich nur damit, daß er sich und seine -ganze Seele mir nicht mehr hingab, wie früher; er gab sie -auch niemandem hin, als hätte er überhaupt keine Seele -mehr. Manchmal kam mir der Gedanke, er stelle sich nur -so, um mich zu quälen, während in ihm noch das alte Gefühl -lebe, und ich bemühte mich, es zu wecken. Aber er schien -jedesmal einer offenen Aussprache aus dem Wege zu gehen, -mich der Verstellung zu verdächtigen und jede Empfindsamkeit<span class="pagenum"><a id="Page_120">[120]</a></span> -als etwas Lächerliches zu fürchten. Sein Blick und sein -Ton sagten mir: – Ich weiß alles, ich weiß alles, du brauchst -mir nichts zu sagen, ich weiß alles, was du mir sagen willst. -Ich weiß auch, daß du das eine sagen und etwas anderes -tun wirst. – Diese Furcht vor einer offenen Aussprache verletzte -mich anfangs, aber dann gewöhnte ich mich an den -Gedanken, daß es kein Mangel an Offenheit, sondern das -Fehlen eines Bedürfnisses nach Offenheit sei. Ich hätte es -niemals übers Herz gebracht, ihm zu sagen, daß ich ihn -liebe, oder ihn zu bitten, mit mir zu beten oder ihn zu rufen, -damit er meinem Klavierspiel zuhöre. Im Verkehr zwischen -uns hatten sich schon gewisse Anstandsgesetze herausgebildet. -Wir lebten ein jeder für sich: er mit seinen Arbeiten, an -denen mich zu beteiligen ich weder brauchte, noch wünschte, -ich mit meinem Müßiggang, der ihn nicht mehr kränkte und -betrübte wie früher. Die Kinder waren noch zu klein, um -uns aneinander zu binden.</p> - -<p>Da brach aber das Frühjahr an. Katja und Ssonja -kamen für den Sommer aufs Land, unser Haus in Nikolskoje -wurde umgebaut, und wir siedelten nach Pokrowskoje -über. Es war dasselbe alte Haus von Pokrowskoje -mit seinem Ausziehtisch, dem Klavier in dem hellen -Salon und meinem ehemaligen Zimmer mit den weißen -Vorhängen und meinen gleichsam vergessenen Mädchenträumen. -In diesem Zimmer standen zwei Kinderbetten: -in dem einen, in dem ich einst selbst gelegen hatte, bekreuzigte -ich jetzt jeden Abend den pausbackigen Kokoscha, -und aus dem anderen, kleineren guckte das Gesicht des -kleinen Wanja aus seinen Windeln hervor. Nachdem ich -sie bekreuzigt hatte, blieb ich oft in der Mitte dieses stillen<span class="pagenum"><a id="Page_121">[121]</a></span> -Stübchens stehen, und plötzlich stiegen aus allen Ecken, -von den Wänden und den Vorhängen alte, vergessene Gesichte -meiner Jugend auf. Alte Stimmen sangen Mädchenlieder. -Wo sind aber diese Gesichte? Wo diese lieben, -süßen Lieder? Alles, was ich kaum zu hoffen wagte, war -in Erfüllung gegangen. Unklare, ineinanderfließende -Träume waren zur Wirklichkeit geworden, und die Wirklichkeit -hatte sich in ein schweres, mühseliges und freudloses -Leben verwandelt. Dabei war aber alles noch das alte: -der gleiche Garten liegt vor den Fenstern mit dem gleichen -Rasenplatz und den gleichen Wegen; die gleiche Bank steht -dort über der Schlucht, der gleiche Nachtigallengesang schallt -vom Teiche herüber, die gleichen Fliederbüsche prangen in -voller Blüte, und derselbe Mond steht über dem Hause; und -doch hat sich alles in einer so schrecklichen, so unmöglichen -Weise verändert! So kalt ist alles, was so lieb und -so nahe sein könnte! Ich sitze genau wie einst mit Katja -im Wohnzimmer, und wir sprechen leise von ihm. Katjas -Gesicht ist aber von Runzeln durchfurcht und gelb, ihre -Augen glänzen nicht mehr vor Freude und Hoffnung, sondern -drücken teilnahmsvolle Trauer und Mitleid aus. Wir -sprechen nicht mehr mit Entzücken von ihm, wir kritisieren -ihn; wir staunen nicht mehr, warum und wofür uns dieses -Glück beschieden ist und haben auch nicht mehr den Wunsch -wie einst, der ganzen Welt unsere Gefühle und Gedanken -mitzuteilen; wir tuscheln miteinander wie Verschworene und -fragen uns zum hundertsten Male, warum sich alles so -traurig geändert habe. Er ist aber noch immer derselbe, -nur die Falte zwischen seinen Brauen ist tiefer geworden, -an seinen Schläfen schimmern mehr graue Haare, aber sein<span class="pagenum"><a id="Page_122">[122]</a></span> -tiefer, aufmerksamer Blick ist vor mir immer mit einer -Wolke verhüllt. Auch ich bin noch immer dieselbe, aber in -mir ist keine Liebe und kein Verlangen nach Liebe. Kein -Bedürfnis nach Arbeit, keine Zufriedenheit mit mir selbst. -Und so fern und unmöglich erscheinen mir jetzt meine religiösen -Ekstasen, meine einstige Liebe zu ihm, die frühere -Fülle meines Lebens. Jetzt würde ich nicht mehr begreifen, -was mir einst so klar und gerecht erschien: das Glück, für -einen anderen zu leben. Weshalb für einen anderen, wenn -ich nicht mal für mich selbst leben will?</p> - -<p>Ich hatte seit der damaligen Petersburger Reise die -Musik ganz aufgegeben; aber das alte Klavier und die alten -Noten weckten in mir wieder die alte Lust.</p> - -<p>Eines Tages fühlte ich mich etwas unwohl und blieb allein -zu Hause; Katja und Ssonja waren mit ihm nach Nikolskoje -gefahren, um den Neubau zu besichtigen. Der Teetisch -war gedeckt; ich ging hinunter, um auf sie zu warten, und -setzte mich ans Klavier. Ich schlug die Sonate <em class="antiqua">quasi una -fantasia</em> auf und begann zu spielen. Niemand war zu sehen -oder zu hören, die Fenster nach dem Garten standen offen, -und die bekannten Töne voller majestätischer Trauer klangen -durch das Zimmer. Als ich mit dem ersten Teil zu Ende -war, blickte ich aus alter Gewohnheit in den Winkel, wo -er einst zu sitzen und mir zuzuhören pflegte. Er war aber -nicht da; der Stuhl, den man schon lange nicht von der -Stelle gerückt hatte, stand noch in seiner Ecke; durch das -Fenster sah ich einen Fliederbusch, der sich vom hellen Abendhimmel -abhob, und die Kühle des Abends strömte durch -das offene Fenster herein. Ich stützte mich auf das Klavier, -bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und gab mich meinen<span class="pagenum"><a id="Page_123">[123]</a></span> -Gedanken hin. Lange saß ich so, voller Schmerz der unwiederbringlichen -alten Zeiten gedenkend und ängstlich in -die Zukunft blickend. Aber die Zukunft schien leer, als ob -ich mir nichts mehr erhoffte, nichts mehr ersehnte. – Habe -ich denn mein Leben schon hinter mir? – fragte ich mich -und hob entsetzt den Kopf. Um zu vergessen und nicht mehr -zu denken, begann ich noch einmal dasselbe Andante zu -spielen. – Mein Gott! – dachte ich mir, – verzeih mir, -wenn ich schuldig bin, oder gib mir alles wieder, was in -meiner Seele so schön war, oder lehre mich, was ich jetzt -tun, wie ich leben soll! – Ein Wagen rollte über den Rasen -und hielt vor dem Hause, auf der Terrasse ließen sich die -bekannten vorsichtigen Schritte vernehmen, die gleich wieder -verhallten. Aber diese bekannten Schritte weckten in meiner -Seele nicht mehr das frühere Gefühl. Als ich zu Ende war, -hörte ich diese Schritte hinter mir, und eine Hand legte -sich auf meine Schulter.</p> - -<p>»Wie klug von dir, daß du diese Sonate gespielt hast!« -sagte er.</p> - -<p>Ich schwieg.</p> - -<p>»Hast du noch keinen Tee getrunken?«</p> - -<p>Ich schüttelte verneinend den Kopf und sah mich nicht um, -um die Spuren der Erregung auf meinem Gesicht nicht zu -verraten.</p> - -<p>»Katja und Ssonja kommen gleich nach: das Pferd -wollte nicht recht laufen, sie sind an der Landstraße aus dem -Wagen gestiegen und kommen zu Fuß,« sagte er.</p> - -<p>»Wir wollen auf sie warten,« sagte ich und trat auf -die Terrasse, in der Hoffnung, daß er mir folgen würde; -er erkundigte sich aber nach den Kindern und ging zu ihnen.<span class="pagenum"><a id="Page_124">[124]</a></span> -Seine Gegenwart, der Ton seiner einfachen, gütigen Stimme -ließen es mir unglaublich erscheinen, daß ich etwas verloren -hätte. Was soll ich mir noch wünschen? Er ist gütig -und mild, er ist ein guter Gatte und Vater, ich weiß selbst -nicht, was mir noch fehlt. Ich trat auf die Terrasse und -setzte mich unter die Markise, auf die gleiche Bank, auf -der ich am Tage unserer ersten Aussprache gesessen hatte. -Die Sonne war schon untergegangen, es dämmerte, eine -dunkle Frühlingswolke hing über dem Hause und dem -Garten, und nur durch die Bäume war noch ein wolkenloser -Streif des Himmels mit dem erlöschenden Abendrot -und dem eben aufleuchtenden Abendstern zu sehen. Auf -allen Dingen lag der Schatten der leichten Wolke, und alles -wartete auf einen milden Frühlingsregen. Der Wind hatte -sich gelegt, kein Blatt, kein Halm regte sich, der Duft des -Flieders und des Faulbaums war im Garten und auf der -Terrasse so stark, als stünde die ganze Luft in Blüte, und -wogte bald stärker, bald schwächer, so daß man die Augen -schließen wollte, um nichts zu sehen und nichts zu fühlen -außer diesem süßen Duft. Die Georginen und die noch nicht -aufgeblühten Rosen standen unbeweglich auf ihren aufgewühlten, -schwarzen Beeten und schienen langsam an ihren -weißen Stäben hinaufzuwachsen; die Frösche quakten unten -in der Schlucht so laut und durchdringend, als wollten sie -sich zum letztenmal vor dem Regen, der sie ins Wasser -treiben würde, gehörig ausschreien. Ein ununterbrochenes, -feines Rieseln tönte durch ihr Geschrei hindurch. Die Nachtigallen -riefen einander etwas zu, und man hörte sie unruhig -von der einen Stelle zu der anderen fliegen. Auch in -diesem Frühling versuchte eine Nachtigall, sich im Gebüsch<span class="pagenum"><a id="Page_125">[125]</a></span> -unter dem Fenster niederzulassen, und als ich hinaustrat, -hörte ich, wie sie in die Allee flog, dort noch einen Triller -losließ und dann erwartungsvoll verstummte.</p> - -<p>Vergebens suchte ich mich zu beruhigen: ich erwartete -und beklagte etwas.</p> - -<p>Er kam hinunter und setzte sich neben mich.</p> - -<p>»Ich glaube, die beiden werden in den Regen kommen,« -sagte er.</p> - -<p>»Ja,« sagte ich. Dann schwiegen wir beide lange.</p> - -<p>Die Wolke senkte sich immer tiefer in der windstillen -Luft, alles wurde stiller, duftender und unbeweglicher; -plötzlich fiel ein Tropfen nieder und prallte von der Markise -ab; ein anderer zerschellte auf dem Schotter des Gartenweges; -dann klatschte es gegen die Pestwurzstauden, und -bald ging ein frischer, immer stärker werdender Regen -nieder. Die Nachtigallen und die Frösche waren ganz -verstummt, das feine Rieseln ließ sich noch immer vernehmen, -obwohl es beim Rauschen des Regens aus weiterer -Ferne zu kommen schien; und irgendein Vogel, der sich -wohl im welken Laub nicht weit von der Terrasse versteckt -hielt, ließ in regelmäßigen Abständen seine zwei einförmigen -Töne erklingen. Mein Mann stand auf und wollte fortgehen.</p> - -<p>»Wo willst du hin?« fragte ich, um ihn zurückzuhalten. -»Es ist so schön hier.«</p> - -<p>»Man muß ihnen einen Regenschirm und Galoschen -schicken,« antwortete er.</p> - -<p>»Nicht nötig, der Regen hört gleich auf.«</p> - -<p>Er stimmte mir bei, und wir blieben beide am Geländer -der Terrasse stehen. Ich stützte den Arm auf einen nassen, -glatten Balken und hielt den Kopf hinaus. Der kühle<span class="pagenum"><a id="Page_126">[126]</a></span> -Regen tropfte mir auf Haar und Hals. Die Wolke über -uns wurde immer heller und dünner und erschöpfte sich; an -Stelle des gleichmäßigen Rauschens des Regens klangen -bald nur noch die einzelnen Tropfen, die aus der Luft und -von den Blättern fielen. Wieder schmetterten unten die -Frösche, wieder regten sich die Nachtigallen, die einander -von der einen und von der anderen Seite etwas zuzurufen -begannen. Alles vor unseren Blicken war wieder heller -geworden.</p> - -<p>»Wie schön!« sagte er, sich auf das Geländer setzend -und mit der Hand über mein nasses Haar streichend.</p> - -<p>Diese einfache Liebkosung wirkte auf mich wie ein Vorwurf: -ich war nahe daran, zu weinen.</p> - -<p>»Was braucht der Mensch denn noch?« fragte er. »Ich -bin jetzt so zufrieden, daß ich nichts mehr brauche! Ich bin -vollkommen glücklich!«</p> - -<p>– Ganz anders sprachst du zu mir einst von deinem -Glücke, – dachte ich mir. – Wie groß es auch war, sagtest -du, daß du noch mehr verlangtest. Jetzt aber bist du ruhig -und zufrieden, während meine Seele voll unausgesprochener -Reue und nicht ausgeweinter Tränen ist. –</p> - -<p>»Auch mir ist es so wohl,« sagte ich, »aber gerade das, -daß alles vor mir so schön ist, stimmt mich traurig. In -meiner Seele ist alles so unharmonisch und unvollständig, -ich verlange nach etwas, und hier ist alles so schön und ruhig. -Mischt sich denn nicht auch bei dir eine Trauer in den Naturgenuß, -sehnst du dich nicht nach der Vergangenheit zurück?«</p> - -<p>Er nahm seine Hand von meinem Kopf und schwieg eine -Weile.</p> - -<p>»Ja, einst hatte auch ich dieses Gefühl, besonders im<span class="pagenum"><a id="Page_127">[127]</a></span> -Frühjahr,« sagte er, als besänne er sich auf etwas. »Ich -blieb manche Nacht auf, mir etwas ersehnend und auf etwas -hoffend, und es waren schöne Nächte! … Aber damals hatte -ich alles vor mir, und jetzt habe ich alles hinter mir; jetzt -genügt mir das, was ist, und es ist mir so wohl ums Herz,« -schloß er mit einer so lässigen Sicherheit, daß ich, wie -schmerzlich mir es auch zu hören war, glauben mußte, daß -er die Wahrheit spreche.</p> - -<p>»Du hast also gar keine Wünsche?« fragte ich.</p> - -<p>»Ich wünsche mir nichts Unmögliches,« antwortete er, -mein Gefühl erratend. »Du machst dir den Kopf naß,« -fügte er hinzu, mich wie ein Kind liebkosend und mir wieder -mit der Hand über das Haar streichend. »Du beneidest -die Blätter und das Gras, weil sie vom Regen benetzt -werden, du möchtest selbst Gras, Laub und Regen sein. -Ich aber freue mich nur über sie, wie über alles in der -Welt, was schön, jung und glücklich ist.«</p> - -<p>»Und betrauerst du nichts Vergangenes?« fragte ich -weiter; ich fühlte, wie es mir immer schwerer ums Herz -wurde.</p> - -<p>Er wurde nachdenklich und schwieg. Ich sah, daß er mir -ganz aufrichtig antworten wollte.</p> - -<p>»Nein!« antwortete er kurz.</p> - -<p>»Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr!« sagte ich, mich -zu ihm wendend und ihm in die Augen blickend. »Betrauerst -du nicht das Vergangene?«</p> - -<p>»Nein!« sagte er wieder. »Ich bin dem Himmel dafür -dankbar, aber ich betrauere das Vergangene nicht.«</p> - -<p>»Und du wünschst nicht einmal, daß es wiederkehre?« -fragte ich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_128">[128]</a></span></p> - -<p>Er wandte sich um und begann in den Garten hinauszublicken.</p> - -<p>»Ich wünsche es nicht, wie ich auch nicht wünsche, daß -mir Flügel wachsen,« sagte er. »Es darf nicht sein.«</p> - -<p>»Und du möchtest das Vergangene gar nicht besser -machen? Du machst dir oder mir gar keine Vorwürfe?«</p> - -<p>»Niemals! Alles war zu unserem Besten.«</p> - -<p>»Hör einmal!« sagte ich und berührte seine Hand, damit -er sich nach mir umblicke. »Hör einmal: warum hast -du mir niemals gesagt, es sei dein Wunsch, daß ich so lebe, -wie du es möchtest? Warum gabst du mir die Freiheit, mit -der ich nichts anzufangen wußte, warum hast du aufgehört, -mich zu lehren? Wenn du nur wolltest, wenn du mich -anders geleitet hättest, so wäre nichts, gar nichts geschehen,« -sagte ich mit einer Stimme, aus der immer stärker ein kalter -Ärger und Vorwurf, aber nicht die frühere Liebe herausklang.</p> - -<p>»Was wäre nicht geschehen?« fragte er, sich erstaunt -nach mir umwendend. »Es ist doch gar nichts geschehen. -Alles ist gut. Sehr gut,« fügte er mit einem Lächeln hinzu.</p> - -<p>– Versteht er denn nichts, oder will er, was noch -schlimmer wäre, nichts verstehen? – fragte ich mich, und -Tränen traten mir in die Augen.</p> - -<p>»Dann wäre es nicht geschehen, daß ich, die ich keine -Schuld vor dir trage, mit deiner Gleichgültigkeit, sogar mit -deiner Verachtung gestraft worden wäre,« entfuhr es mir -plötzlich. »Dann wäre es nicht geschehen, daß du mir plötzlich -ohne jede Schuld von meiner Seite alles genommen hättest, -was mir teuer war.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_129">[129]</a></span></p> - -<p>»Was sagst du, liebes Kind!« rief er, als verstünde er -meine Worte nicht.</p> - -<p>»Nein, laß mich ausreden … Du hast mir dein Vertrauen, -deine Liebe, sogar deine Achtung genommen; denn -ich kann nicht glauben, daß du mich nach allem, was einst -war, noch liebst. Nein, laß mich doch einmal aussprechen, -was mich schon so lange quält,« unterbrach ich ihn wieder. -»Ist es denn meine Schuld, daß ich das Leben nicht kannte, -und daß du es mir überließest, meinen Weg allein zu -suchen? … Ist es denn meine Schuld, daß du mich jetzt, -wo ich schon selbst begriffen habe, was not tut, wo ich mich -schon seit einem Jahre abmühe, zu dir zurückzukehren, von -dir stößt, als verstündest du nicht, was ich will, und zwar -so, daß man dir gar nichts vorwerfen kann, während ich -allein schuldig und unglücklich bin?! Ja, du willst mich -wieder in jenes Leben zurückstoßen, das mir und dir zum -Unglück werden könnte.«</p> - -<p>»Womit habe ich denn das gezeigt?« fragte er mit aufrichtigem -Entsetzen und Erstaunen.</p> - -<p>»Hast du mir denn nicht gestern noch gesagt und sagst -du mir nicht immer, daß ich es hier nicht aushalten werde, -daß wir für den Winter wieder nach Petersburg gehen -müssen, das mir verhaßt ist?« fuhr ich fort. »Statt mich -zu stützen, vermeidest du jede offene Aussprache mit mir, -jedes aufrichtige, zärtliche Wort. Aber dann, wenn ich -ganz gesunken bin, wirst du mir Vorwürfe machen und dich -über meinen Fall freuen.«</p> - -<p>»Wart, wart,« sagte er streng und kalt, »es ist nicht -gut, was du jetzt sagst. Das beweist nur, daß du jetzt gegen -mich eingenommen bist, daß du mich nicht …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_130">[130]</a></span></p> - -<p>»Daß ich dich nicht liebe? Sag es doch, sag!« sprach -ich seinen Satz zu Ende, und Tränen stürzten mir aus den -Augen. Ich setzte mich auf die Bank und bedeckte mein -Gesicht mit dem Taschentuch.</p> - -<p>– So hat er mich also verstanden! – dachte ich und gab -mir Mühe, das Schluchzen zu unterdrücken, das mich zu -ersticken drohte. – Es ist mit unserer alten Liebe zu Ende, -– sagte eine Stimme in meinem Herzen. Er ging nicht -auf mich zu, er tröstete mich nicht. Er war durch meine -Worte beleidigt. Seine Stimme war ruhig und trocken.</p> - -<p>»Ich weiß nicht, was du mir vorwirfst,« begann er, -»wenn es nur das ist, daß ich dich nicht mehr so liebe, wie -ich dich früher liebte …«</p> - -<p>»Ja, wie du mich liebtest!« sagte ich in das Taschentuch -hinein, das die bitteren Tränen immer reichlicher netzten.</p> - -<p>»So liegt es an der Zeit und auch an uns selbst. Jedes -Alter hat seine eigene Liebe …« Er schwieg eine Weile. -»Soll ich dir die ganze Wahrheit sagen, wenn du Aufrichtigkeit -verlangst? Soll ich dir sagen, wie ich in jenem -Jahre, als ich dich kennen lernte, manche schlaflose Nacht -an dich dachte, wie ich selbst meine Liebe schuf, wie diese -Liebe in meinem Herzen wuchs und wuchs, wie ich dann in -Petersburg und im Auslande viele schreckliche Nächte schlaflos -verbrachte um diese Liebe, die mich quälte, zerstörte und -vernichtete? Ich zerstörte nicht sie, sondern nur das, was -mich quälte; ich habe mich beruhigt, und doch liebe ich -dich noch immer, aber mit einer anderen Liebe.«</p> - -<p>»Ja, du nennst das Liebe, es ist aber eine Qual,« sagte -ich. »Warum erlaubtest du mir, in der großen Welt zu<span class="pagenum"><a id="Page_131">[131]</a></span> -leben, wenn sie dir so verderblich erschien, daß du mich um -ihretwillen zu lieben aufgehört hast?«</p> - -<p>»Es ist nicht die große Welt, liebes Kind,« sagte er.</p> - -<p>»Warum hast du nicht von deiner Gewalt Gebrauch -gemacht,« fuhr ich fort, »warum hast du mich nicht gebunden -und getötet? Das wäre für mich besser, als alles zu verlieren, -was mein Glück ausmachte, es wäre mir wohl, und -ich müßte mich nicht so schämen.«</p> - -<p>Ich fing wieder zu schluchzen an und bedeckte mein Gesicht -mit dem Tuch.</p> - -<p>In diesem Augenblick kamen Katja und Ssonja, lustig -und durchnäßt, laut redend und lachend auf die Terrasse; -als sie uns aber erblickten, verstummten sie und gingen -sofort weg.</p> - -<p>Als sie fort waren, schwiegen wir lange; ich hatte mich -ausgeweint und fühlte mich erleichtert. Ich sah ihn an. -Er saß, den Kopf in die Hand gestützt, und wollte etwas -auf meinen Blick antworten; aber er seufzte nur schwer auf -und stützte den Kopf wieder in die Hand.</p> - -<p>Ich ging auf ihn zu und nahm seine Hand. Er sah mich -nachdenklich an.</p> - -<p>»Ja,« begann er, als fahre er in seinen Gedanken fort. -»Wir alle – besonders aber ihr Frauen – müssen die ganze -Eitelkeit des Lebens auskosten, um zum Leben selbst zurückzukehren; -die Erfahrung eines anderen kann uns nichts -nützen. Du hattest damals diese verlockende und liebe, eitle -Lust am Leben, die ich in dir bewunderte, noch lange nicht -ausgekostet; ich ließ dich sie ganz auskosten und fühlte, daß -ich kein Recht hätte, dir Schwierigkeiten zu machen, obwohl -für mich diese Zeit längst vorbei war.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_132">[132]</a></span></p> - -<p>»Warum hast du dann diese ganze Eitelkeit mit mir -genossen, warum ließest du mich sie genießen, wenn du mich -liebst?« fragte ich.</p> - -<p>»Weil du, selbst wenn du wolltest, mir nicht geglaubt -haben würdest; du mußtest alles selbst kennenlernen, und -du hast es auch kennengelernt.«</p> - -<p>»Du hast viel zu viel Überlegungen angestellt,« sagte -ich. »Du hast zu wenig geliebt.«</p> - -<p>Wir schwiegen wieder eine Weile.</p> - -<p>»Es ist grausam, was du eben sagtest, aber es ist wahr,« -versetzte er, indem er sich plötzlich erhob und auf der Terrasse -auf und ab und zu gehen begann. »Ja, es ist wahr. Ich war -im Unrecht,« fügte er hinzu, vor mir stehen bleibend, »entweder -hätte ich mir gar nicht erlauben dürfen, dich zu lieben, -oder ich hätte dich einfacher lieben sollen. Ja.«</p> - -<p>»Vergessen wir alles,« sagte ich scheu.</p> - -<p>»Nein, das Vergangene kehrt nicht wieder, kehrt niemals -wieder.« Seine Stimme wurde weicher, als er das -sagte.</p> - -<p>»Alles ist ja schon wiedergekehrt!« sagte ich, indem ich -ihm meine Hand auf die Schulter legte.</p> - -<p>Er nahm meine Hand von seiner Schulter und drückte sie.</p> - -<p>»Nein, ich sprach die Unwahrheit, als ich sagte, daß ich -das Vergangene nicht betrauere; nein, ich betrauere es wohl, -ich beweine jene frühere Liebe, die nicht mehr ist und nicht -mehr wiederkehren kann. Wer die Schuld trägt, weiß ich -nicht. Es ist wohl eine Liebe geblieben, aber es ist nicht die -von einst; es ist nur ihr Platz geblieben, doch sie selbst ist -verkümmert, es ist weder Kraft noch Saft in ihr, es sind<span class="pagenum"><a id="Page_133">[133]</a></span> -nur die Erinnerungen und die Dankbarkeit geblieben, -aber …«</p> - -<p>»Sprich nicht so …« unterbrach ich ihn. »Mag alles -wieder so werden, wie es war. Das ist doch möglich? Ja?« -fragte ich, ihm in die Augen blickend. Aber seine Augen -waren heiter und ruhig und blickten gar nicht tief in die -meinigen.</p> - -<p>Während ich das sagte, fühlte ich schon, daß das, was ich -wollte und um was ich ihn bat, unmöglich sei. Er lächelte -ein ruhiges, mildes, wie mir schien greisenhaftes Lächeln.</p> - -<p>»Wie jung du noch bist, und wie alt bin ich,« sagte er. -»In mir ist nichts mehr davon, was du suchst; warum soll -man sich betrügen?« fügte er mit dem gleichen Lächeln hinzu.</p> - -<p>Ich stand schweigend neben ihm, und es wurde mir ruhiger -ums Herz.</p> - -<p>»Wir wollen nicht versuchen, das Leben zu wiederholen,« -fuhr er fort, »wir wollen uns nicht mehr belügen. Daß aber -die alten Aufregungen und Sorgen dahin sind, dafür -müssen wir Gott danken! Wir haben nichts mehr zu suchen, -keinen Grund mehr, uns aufzuregen. Wir haben schon -alles gefunden, und es ist uns nicht wenig Glück zuteil geworden. -Jetzt müssen wir zur Seite treten und den Weg -diesem da freigeben,« sagte er, auf die Amme weisend, die -mit Wanja auf dem Arme in der Terrassentüre erschienen -war. »Ja, so ist es, liebes Kind,« schloß er, meinen Kopf -niederbeugend und küssend. Es war kein Liebhaber mehr, -sondern ein alter Freund, der mich küßte.</p> - -<p>Aus dem Garten zog aber immer stärker und süßer die -duftende Frische der Nacht herein, immer feierlicher wurden -alle Töne und die Stille, und immer mehr Sterne leuchteten<span class="pagenum"><a id="Page_134">[134]</a></span> -am Himmel auf. Ich blickte ihn an, und es wurde mir plötzlich -so leicht ums Herz, als hätte man mir einen kranken -seelischen Nerv entfernt, der mir solche Schmerzen verursacht -hatte. Ich begriff plötzlich klar und ruhig, daß das -Gefühl jener Zeit so unwiederbringlich vorbei war, wie jene -Zeit selbst, und daß es nicht nur unmöglich, sondern auch -unerträglich und schmerzvoll gewesen wäre, jenes Gefühl -wieder zu empfinden. War denn jene Zeit, die mir so glücklich -erschienen, auch wirklich so schön gewesen? Und wie -lange, wie lange war es schon her!</p> - -<p>»Aber es ist Zeit, Tee zu trinken!« sagte er, und wir -gingen zusammen in das Wohnzimmer. In der Türe trafen -wir wieder die Amme mit Wanja. Ich nahm das Kind auf -die Arme, deckte seine bloßen roten Beinchen zu, drückte -es an mich und küßte es, sein Köpfchen kaum mit den Lippen -berührend. Das Kind bewegte wie im Schlafe das Händchen -mit den gespreizten Fingerchen und schlug die trüben -Äuglein auf, als suchte es etwas oder als wollte es sich -an etwas erinnern; seine Äuglein blieben plötzlich an mir -haften, ein Funke von Bewußtsein leuchtete in ihnen auf, -und die vollen, etwas vorstehenden Lippen öffneten sich zu -einem Lächeln. – Mein, mein, mein! – dachte ich, indem -ich mir das Kind mit einer beseligenden Spannung in allen -Gliedern an die Brust drückte und mich mit Mühe zusammennahm, -um ihm nicht weh zu tun. Und ich begann, seine kalten -Füßchen, seinen Leib, seine Händchen und sein kaum -behaartes Köpfchen zu küssen. Mein Mann ging auf mich -zu, ich verhüllte schnell das Gesicht des Kindes und deckte -es gleich wieder auf.</p> - -<p>»Iwan Ssergejitsch!« sagte mein Mann, indem er das<span class="pagenum"><a id="Page_135">[135]</a></span> -Kind mit dem Finger unter dem Kinne berührte. Ich -deckte aber den Iwan Ssergejitsch wieder zu. Niemand -durfte ihn lange ansehen außer mir. Ich sah meinen Mann -an; seine Augen lachten, indem sie in die meinen blickten, -und es war mir zum erstenmal seit langer Zeit so leicht und -so wohl ums Herz, sie zu sehen.</p> - -<p>An diesem Tage endete mein Roman mit meinem Manne; -das alte Gefühl wurde zu einer teueren, unwiederbringlichen -Erinnerung, und das neue Gefühl der Liebe zu den -Kindern und zum Vater meiner Kinder legte den Grund zu -einem neuen, in einem ganz anderen Sinne glücklichen -Leben, das ich in diesem Augenblicke noch nicht abgeschlossen -habe …</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Empfehlenswerte Bücher aus dem</p> -<p class="center"><span class="larger">O. C. Recht Verlage, München</span>, Leopoldstr. 3</p> -</div> - -<p class="center larger u p2">E. T. A. Hoffmann</p> - -<p class="h2">Nußknacker<br /> -und Mausekönig</p> - -<p class="center">Mit über hundert Illustrationen von Bertall</p> - -<p class="noind">»Das schmucke Büchlein stellt ein typographisches -Meisterwerk dar.«</p> - -<p class="right"> -(Berliner Morgenzeitung) -</p> - -<p class="noind">»Ein Verdienst ist die Veröffentlichung mit den zahlreichen -Illustrationen von Bertall … sie werden -dem Buche eine ungeahnte Verbreitung sichern.«</p> - -<p class="right"> -(Ostdeutsche Grenzboten) -</p> - -<p class="center">In Halbleinen gebunden M. 50.–</p> - -<p class="center larger p2 u">Charles Perrault</p> - -<p class="h2">Gänsemütterchens -Märchen</p> - -<p class="center">Herausgegeben und übertragen von</p> - -<p class="center larger">Hans Krause</p> - -<p class="center">Mit etwa 50 meistenteils ganzseitigen Illustrationen von</p> - -<p class="center larger">Gustave Doré</p> - -<p class="noind">Perrault, ein Dichter des französischen Rokoko, ist der erste gewesen, -der so bekannte Weltmärchen wie »Dornröschen«, »Blaubart«, -»Rotkäppchen« usw. aufgezeichnet hat. Die Illustrationen des großen -Doré unterstützen sein Werk, das romanischen Esprits und unsterblicher -Grazie voll ist; ja, sie erheben es sogar, sie sichern ihm die Unsterblichkeit.</p> - -<p class="center">In Halbleinen gebunden M. 75.–</p> - -<p class="h2 p2">»Gestern und heute«</p> - -<p class="center larger">Rechts Roman Reihe</p> - -<p class="center">Diese Reihe bringt eine Auswahl spannendster Romane von hohem -literarischem Wert in buchtechnisch vollendeter Ausstattung.</p> - -<p class="center"><em class="gesperrt">Bisher sind erschienen</em>:</p> - -<p class="center p2">Band 1:</p> - -<p class="center larger">Leo Tolstoi</p> - -<p class="h2">Kindheit</p> - -<p class="center p2">Band 2:</p> - -<p class="center larger">Edgar Allan Poe</p> - -<p class="h2">A. G. Pyms<br /> -abenteuerliche Erlebnisse</p> - -<p class="center p2">Band 3:</p> - -<p class="center larger">Theodor Storm</p> - -<p class="h2">Die Chronik von Grieshuus</p> - -<p class="center p2">Preis jeden Bandes in Halbleinen M. 60.–</p> - -<p class="center">Vorzugsausgabe auf federleichtem Druckpapier -in Halbleder gebunden M. 250.–</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="center">Verlagsverzeichnisse und Prospekte werden vom<br /> -Verlag auf Anforderung bereitwilligst versandt</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung -der Ellipsen wurde vereinheitlicht. -Der Schmutztitel wurde entfernt. -</p> - -<p>Ergänzung offensichtlich fehlender Wörter im Druck:</p> - -<div class="corr"> -<p> -S. 59: bekam → bekam aber<br /> -bekam <a href="#corr059">aber</a> plötzlich Angst</p> -<p> -S. 70: als ich → als ob ich<br /> -als <a href="#corr070">ob</a> ich wieder ein Junge</p> -</div> -</div> - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Roman einer Ehe, by Leo Tolstoi - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROMAN EINER EHE *** - -***** This file should be named 60579-h.htm or 60579-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/5/7/60579/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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