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-The Project Gutenberg EBook of Roman einer Ehe, by Leo Tolstoi
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Roman einer Ehe
-
-Author: Leo Tolstoi
-
-Translator: Alexander Eliasberg
-
-Release Date: October 27, 2019 [EBook #60579]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROMAN EINER EHE ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
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- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Graf Leo Tolstoi
-
- Roman einer Ehe
-
- Deutsch
-
- von
-
- Alexander Eliasberg
-
- [Illustration]
-
- O. C. Recht Verlag München
-
-
-
-
-Copyright by O. C. Recht Verlag München 1921
-
-Viertes bis siebentes Tausend
-
-
-Druck von Julius Klinkhardt in Leipzig
-
-
-
-
-Erster Teil.
-
-
-I
-
-Wir trugen Trauer um unsere Mutter, die im Herbste gestorben war. Den
-ganzen Winter verlebten wir, Katja, Ssonja und ich, auf dem Lande.
-
-Katja war eine alte Freundin unseres Hauses, unsere Gouvernante, die
-uns alle großgezogen hatte, und die ich kannte und liebte, seit ich
-mich meiner überhaupt erinnere. Ssonja war meine jüngere Schwester. Wir
-verlebten einen düsteren und traurigen Winter in unserem alten Hause zu
-Pokrowskoje. Das Wetter war kalt, und der Wind hatte die Schneewehen
-bis über die Fensterhöhe herangefegt; die Fenster waren immer vereist
-und undurchsichtig, und wir gingen und fuhren fast den ganzen Winter
-nicht aus. Nur selten kam jemand zu uns, und wenn auch jemand kam, so
-brachte er uns weder Fröhlichkeit noch Freude ins Haus. Alle hatten
-traurige Mienen, alle sprachen so leise, als fürchteten sie, jemand zu
-wecken, niemand lachte, alle seufzten und weinten oft, wenn sie mich
-und besonders die kleine Ssonja in ihrem schwarzen Kleidchen ansahen.
-Im Hause ließ sich noch die Gegenwart des Todes spüren; Trauer und
-Todesgrauen erfüllten die Luft. Mamas Zimmer war geschlossen, und es
-war mir unheimlich zumute, und ich fühlte mich zugleich hingezogen, in
-dieses kalte und leere Zimmer hineinzublicken, sooft ich auf dem Wege
-nach meinem Schlafzimmer vorbeimußte.
-
-Ich war damals siebzehn Jahre alt, und Mama hatte noch im gleichen
-Jahre, als sie starb, die Absicht gehabt, in die Stadt zu übersiedeln,
-um mich in die Gesellschaft einzuführen. Der Verlust meiner Mutter
-bedeutete für mich einen schweren Kummer, aber zu diesem Gefühl
-gesellte sich, ich muß es gestehen, auch noch der Gram darüber, daß
-ich, die ich, wie mir alle sagten, jung und hübsch war, schon den
-zweiten Winter in der ländlichen Einöde nutzlos verbringen mußte. Kurz
-vor dem Ende des Winters steigerte sich das Gefühl der Trauer, der
-Einsamkeit und auch der gewöhnlichen Langweile dermaßen, daß ich mein
-Zimmer nicht mehr verließ, mein Klavier nicht mehr öffnete und kein
-Buch in die Hand nahm. Wenn Katja mir zuredete, ich solle das eine oder
-andere beginnen, so antwortete ich ihr: »Ich habe keine Lust, ich kann
-nicht!« In meinem Herzen regte sich aber die Frage: -- Wozu? Warum soll
-ich etwas beginnen, wenn meine beste Zeit unnütz dahingeht? Wozu? --
-Und auf dieses »Wozu« gab es keine andere Antwort als Tränen.
-
-Man sagte mir, ich sei während dieser Zeit mager geworden und hätte
-viel von meiner Schönheit eingebüßt, aber auch das interessierte mich
-nicht. Wozu? Für wen? Mir schien, als müsse mein ganzes Leben in dieser
-Einöde, in dieser hilflosen Trauer dahingehen, aus der mich zu befreien
-ich selbst keine Kraft und nicht einmal den Willen hatte. Gegen Ende
-des Winters nahm sich Katja, die um mich sehr besorgt war, vor, mich
-unbedingt ins Ausland zu bringen. Dazu brauchte man Geld, wir wußten
-aber kaum, was uns nach dem Tode unserer Mutter geblieben war und
-erwarteten von Tag zu Tag unseren Vormund, der kommen sollte, um die
-Vermögensverhältnisse zu klären.
-
-Im März kam der Vormund.
-
-»Nun, Gott sei Dank!« sagte mir einmal Katja, als ich wie ein Schatten,
-müßig, ohne Gedanken und ohne Wünsche von Winkel zu Winkel irrte.
-»Ssergej Michailytsch ist angekommen, hat schon nach uns gefragt und
-sich zum Mittagessen angemeldet. Nimm dich zusammen, Maschetschka,«
-fügte sie hinzu. »Was soll er von dir denken? Er hat ja euch alle so
-sehr geliebt.«
-
-Ssergej Michailytsch war unser naher Nachbar und mit unserem
-verstorbenen Vater befreundet gewesen, obwohl er viel jünger war als
-dieser. Ganz abgesehen davon, daß seine Ankunft alle unsere Pläne über
-den Haufen warf und uns die Möglichkeit gab, aus der ländlichen Einöde
-herauszukommen, war ich schon von der frühesten Kindheit an gewöhnt,
-ihn zu lieben und zu achten, und Katja hatte, als sie mir den Rat gab,
-mich zusammenzunehmen, ganz richtig erraten, daß es mir schmerzvoller
-war, mich Ssergej Michailowitsch als jemand anderem von unsern
-Bekannten in ungünstigem Lichte zu zeigen. Abgesehen davon, daß ich
-ihn, wie alle im Hause, von Katja und Ssonja, seiner Patentochter an,
-bis zum letzten Kutscher schon aus Gewohnheit liebte, hatte er für mich
-noch eine ganz besondere Bedeutung infolge einer Bemerkung, die Mama
-einmal in meiner Gegenwart gemacht hatte. Sie hatte gesagt, daß sie
-mir einen solchen Mann wünsche. Damals war mir das sonderbar und sogar
-unangenehm erschienen. Mein Held sollte ganz anders aussehen: schlank,
-hager, bleich und traurig, aber Ssergej Michailytsch war schon in den
-Jahren, groß gewachsen, wohlbeleibt und, wie mir schien, immer lustig;
-aber die Worte meiner Mutter hatten sich trotzdem in meiner Erinnerung
-festgesetzt, und ich hatte mich noch vor sechs Jahren, als ich erst
-elf Jahre alt war und er zu mir »du« sagte und mich »Veilchenmädchen«
-nannte, zuweilen nicht ohne Schrecken gefragt, was ich tun sollte, wenn
-er mich plötzlich heiraten wollen würde. --
-
-Vor dem Mittagessen, bei dem es auf Katjas Anordnung außer den
-gewöhnlichen Speisen auch noch Gefrorenes, eine Creme und eine
-Spinatsauce gab, kam Ssergej Michailytsch an. Ich sah ihn durchs
-Fenster in seinem kleinen Schlitten heranfahren; als er um die Ecke
-bog, eilte ich ins Wohnzimmer und wollte so tun, als hätte ich ihn
-gar nicht erwartet. Aber als ich im Vorzimmer seine Schritte, seine
-laute Stimme und die Schritte Katjas hörte, hielt ich es doch nicht
-aus und ging ihm entgegen. Er hielt Katja bei der Hand, sprach laut
-und lächelte. Als er mich erblickte, verstummte er und sah mich einige
-Zeit, ohne mich zu begrüßen, an. Ich wurde verlegen und fühlte, daß ich
-errötete.
-
-»Ach! Sind Sie es wirklich?« sagte er in seiner bestimmten, einfachen
-Art, vor Erstaunen die Arme spreizend und auf mich zugehend. »Kann sich
-denn ein Mensch so verändern! Wie groß Sie geworden sind! Das soll ein
-Veilchen sein! Sie sind zu einer Rose aufgeblüht.«
-
-Er ergriff mit seiner großen Hand die meine und drückte sie herzlich
-und so stark, daß es mir fast weh tat. Ich glaubte, er würde mir die
-Hand küssen und hatte mich schon vorgeneigt, um mit den Lippen seine
-Stirn zu berühren, aber er drückte noch einmal meine Hand und sah mir
-mit einem festen und lustigen Blicke gerade in die Augen.
-
-Ich hatte ihn seit sechs Jahren nicht gesehen. Er hatte sich sehr
-verändert: war älter und brauner geworden und hatte sich einen
-Backenbart wachsen lassen, der ihm gar nicht stand; aber seine
-einfachen Manieren, sein offenes, ehrliches Gesicht mit den scharfen
-Zügen, die klugen, leuchtenden Augen und das freundliche, fast
-kindliche Lächeln waren noch dieselben.
-
-Nach fünf Minuten schon hatte er aufgehört Gast zu sein und war wieder
-zu einem altvertrauten Familienmitglied geworden, wie für uns alle, so
-auch für das Hausgesinde, das sich, was man seiner Dienstfertigkeit
-ansah, über seine Ankunft besonders freute.
-
-Er benahm sich ganz anders als alle Nachbarn, die nach dem Tode Mamas
-zu uns kamen und es für nötig hielten, während der ganzen Dauer des
-Besuchs zu schweigen oder uns zu bemitleiden; er war vielmehr sehr
-redselig, lustig und kam mit keinem Worte auf Mama zu sprechen, so daß
-diese Gleichgültigkeit seitens eines so nahe stehenden Menschen mir
-zuerst seltsam und sogar unpassend vorkam. Später begriff ich aber,
-daß dieses Gebaren keine Gleichgültigkeit, sondern eine besondere
-Herzlichkeit bedeutete, und ich war ihm dafür dankbar. Abends tranken
-wir im Wohnzimmer Tee; Katja schenkte wie bei Mamas Lebzeiten den
-Tee ein und saß auf ihrem alten Platz; Ssonja und ich setzten uns
-neben sie; der alte Grigorij brachte ihm Papas alte Pfeife, die er
-aufgefunden hatte, und er begann wie vor Zeiten im Zimmer auf und ab zu
-gehen.
-
-»Wenn man es so bedenkt, welche furchtbaren Veränderungen in diesem
-Hause!« sagte er, stehen bleibend.
-
-»Ja,« erwiderte Katja mit einem Seufzer. Sie deckte den Samowar zu und
-blickte Ssergej Michailytsch an, im Begriff, in Tränen auszubrechen.
-
-»Sie können sich wohl noch Ihres Vaters erinnern?« wandte er sich an
-mich.
-
-»Kaum,« antwortete ich.
-
-»Wie gut hätten Sie es jetzt, wenn er noch am Leben wäre!« sagte er,
-indem er mir still und nachdenklich auf die Stirne blickte. »Ich habe
-Ihren Vater immer sehr lieb gehabt!« fügte er leiser hinzu, und es kam
-mir vor, als wären seine Augen noch glänzender geworden.
-
-»Der Herr hat aber auch sie zu sich genommen!« sagte Katja. Sie legte
-eine Serviette auf die Teekanne, holte ihr Tuch aus der Tasche und fing
-zu weinen an.
-
-»Ja, furchtbare Veränderungen in diesem Hause,« sagte er noch einmal,
-sich wegwendend. »Ssonja, zeig mal deine Spielsachen,« fügte er nach
-einer Weile hinzu und ging in den Salon. Als er fort war, sah ich Katja
-mit Tränen in den Augen an.
-
-»So ein guter Freund!« sagte sie.
-
-Die Teilnahme dieses fremden und gütigen Menschen tat mir wirklich warm
-und wohl.
-
-Man hörte Ssonja im Salon lustig kreischen, während er mit ihr spielte.
-Ich schickte ihm ein Glas Tee hinüber; dann hörten wir, wie er sich ans
-Klavier setzte und mit Ssonjas Händchen auf die Tasten schlug.
-
-»Marja Alexandrowna!« hörte ich ihn rufen, »kommen Sie her, spielen Sie
-etwas.«
-
-Es war mir angenehm, daß er sich so ungezwungen und in einem
-freundschaftlich gebieterischen Ton an mich wandte; ich stand auf und
-ging auf ihn zu.
-
-»Spielen Sie mal das,« sagte er, das Beethovenheft bei dem Adagio der
-Sonate Quasi una fantasia aufschlagend. »Wir wollen mal sehen, wie Sie
-spielen,« fügte er hinzu und zog sich mit seinem Teeglas in eine Ecke
-des Salons zurück.
-
-Ich hatte, ich weiß selbst nicht warum, das Gefühl, daß es mir
-unmöglich gewesen wäre, mich zu weigern oder vorauszuschicken, daß ich
-schlecht spiele; ich setzte mich gehorsam ans Klavier und spielte so
-gut ich konnte, obwohl ich mich vor seinem Urteil fürchtete: ich wußte,
-daß er sich auf Musik verstand und sie liebte. Das Adagio entsprach
-ganz der Stimmung der Erinnerungen, die das Gespräch am Teetisch in
-mir geweckt hatte, und ich spielte es, glaube ich, recht anständig.
-Aber das Scherzo wollte er mich nicht spielen lassen. »Nein, das werden
-Sie nicht gut spielen,« sagte er, auf mich zugehend. »Lassen Sie das,
-aber der erste Teil war nicht schlecht. Sie scheinen Verständnis für
-Musik zu haben.« Dieses recht mäßige Lob freute mich so sehr, daß
-ich sogar rot wurde. Es war mir so neu und so angenehm, daß er, der
-Freund und beinahe Altersgenosse meines Vaters, zu mir ernst und wie zu
-seinesgleichen sprach, und nicht wie zu einem Kinde wie einst. Katja
-ging mit Ssonja hinauf, um sie zu Bett zu bringen, und wir blieben
-allein im Salon.
-
-Er erzählte mir von meinem Vater; wie er sich ihm angeschlossen
-hatte, wie lustig sie gelebt hatten, als ich mich noch mit meinen
-Lehrbüchern und Spielsachen abgab; und mein Vater erschien mir in
-diesen Erzählungen als ein einfacher und lieber Mensch, wie ich ihn
-noch gar nicht gekannt hatte. Er erkundigte sich auch danach, was ich
-besonders liebe, was ich lese, was ich zu unternehmen gedenke und
-gab mir Ratschläge. Er war jetzt für mich nicht mehr der stets zu
-Scherzen aufgelegte lustige Patron, der mich einst gerne neckte und mir
-Spielsachen anfertigte, sondern ein ernster, einfacher und liebender
-Mann, dem ich unwillkürlich Achtung und Sympathie entgegenbrachte. Es
-war mir so leicht und wohl ums Herz, zugleich spürte ich auch eine
-gewisse Befangenheit, als ich mit ihm sprach. Ich fürchtete für jedes
-meiner Worte; ich wollte bei ihm selbst die Liebe verdienen, die er
-mir schon aus dem Grunde entgegenbrachte, weil ich die Tochter meines
-Vaters war.
-
-Nachdem Katja Ssonja zu Bett gebracht hatte, gesellte sie sich zu uns.
-Sie beklagte sich über meine Apathie, von der ich selbst nichts gesagt
-hatte.
-
-»Das Wichtigste hat sie mir verschwiegen,« sagte er lächelnd und
-schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.
-
-»Was soll ich darüber erzählen!« entgegnete ich. »Es ist sehr
-langweilig und wird sich auch bald geben.« (Mir schien in jenem
-Augenblick nicht nur, als müßte meine Langeweile vorübergehen, sondern
-als wäre sie schon vorübergegangen und würde niemals wiederkehren.)
-
-»Es ist nicht gut, wenn man die Einsamkeit nicht ertragen kann,« sagte
-er. »Sind Sie denn ein Fräulein?«
-
-»Natürlich bin ich ein Fräulein,« antwortete ich lachend.
-
-»Nein, Sie sind ein schlechtes Fräulein, das nur dann lebendig
-ist, solange man es bewundert, und das den Mut sinken läßt und zu
-nichts mehr Lust hat, sobald es allein geblieben ist; alles nur als
-Schauspiel für die anderen, und nichts für sich selbst.«
-
-»Eine nette Meinung haben Sie von mir!« sagte ich, nur um etwas zu
-sagen.
-
-»Nein!« versetzte er nach kurzem Schweigen. »Nicht umsonst sehen Sie
-Ihrem Vater ähnlich. _Es steckt etwas in Ihnen_ ...« Sein freundlicher,
-aufmerksamer Blick schmeichelte mir wieder und brachte mich in freudige
-Verlegenheit.
-
-Erst jetzt entdeckte ich in seinem, im ersten Moment lustig scheinenden
-Gesicht, diesen einzigen, nur ihm allein eigentümlichen Blick, der
-anfangs heiter schien und dann immer forschender und sogar etwas
-traurig wurde.
-
-»Sie dürfen und können sich nicht langweilen,« sagte er. »Sie haben
-Ihre Musik, für die Sie Verständnis haben, Ihre Bücher, Ihr Studium,
-Sie haben ein ganzes Leben vor sich, auf das Sie sich nur jetzt
-vorbereiten können, um es später nicht zu beklagen. Nach einem Jahr
-wird es schon zu spät sein.«
-
-Er sprach zu mir wie ein Vater oder wie ein Onkel, und ich fühlte, daß
-er sich fortwährend die Mühe gab, sich wie meinesgleichen zu geben. Es
-kränkte mich, daß er auf mich eigentlich von oben herabsah, und es war
-mir zugleich angenehm, daß er sich mir zuliebe bemühte, als ein anderer
-zu erscheinen.
-
-Den Rest des Abends sprach er mit Katja über geschäftliche Dinge.
-
-»Nun, lebt wohl, meine lieben Freunde,« sagte er, indem er sich erhob,
-auf mich zuging und meine Hand ergriff.
-
-»Wann werden wir uns wiedersehen?« fragte Katja.
-
-»Im Frühjahr,« antwortete er, mich noch immer bei der Hand haltend.
-»Jetzt fahre ich nach Danilowka (so hieß unser anderes Gut), um dort
-alles festzustellen und, soweit ich kann, in Ordnung zu bringen, dann
-in meinen eigenen Geschäften nach Moskau, und im Sommer werden wir uns
-wiedersehen.«
-
-»Warum verlassen Sie uns für so lange? ...« sagte ich furchtbar
-traurig; ich hatte in der Tat gehofft, ihn jeden Tag zu sehen, und es
-wurde mir plötzlich so trist und bange zumute, daß meine Schwermut
-wiederkehren sollte. Wahrscheinlich war das auch in meinem Blick und in
-meinem Ton zu lesen.
-
-»Suchen Sie die Zeit mit Arbeit totzuschlagen und fangen Sie keine
-Grillen,« sagte er mir, wie es mir schien, in einem viel zu kalten und
-gleichgültigen Tone. »Im Frühjahr werde ich Sie examinieren,« fügte er
-hinzu, meine Hand loslassend, und ohne mich anzublicken.
-
-Im Vorzimmer, wohin wir ihn begleiteten, hatte er es sehr eilig, seinen
-Pelz anzuziehen und vermied es, mich anzublicken. -- Umsonst gibt er
-sich solche Mühe! -- dachte ich mir. -- Glaubt er denn wirklich, es sei
-mir so angenehm, daß er mich ansieht? Er ist ein guter Mensch, ein sehr
-guter Mensch ... aber das ist auch alles. --
-
-Aber an diesem Abend konnten Katja und ich lange nicht einschlafen; wir
-sprachen immer, doch nicht von ihm, sondern davon, wie wir den Sommer
-verleben und wie und wo wir den nächsten Winter zubringen würden. Die
-schreckliche Frage: »Wozu?« kam mir nicht mehr in den Sinn. Es erschien
-mir so einfach und so klar, daß man leben müsse, um glücklich zu
-sein, und daß mich in der Zukunft viel Glück erwarte. Als wäre unser
-altes, düsteres Gutshaus von Pokrowskoje plötzlich mit Licht und Leben
-erfüllt.
-
-
-II
-
-Indessen kam der Frühling. Meine frühere Schwermut war vergangen und an
-ihre Stelle die träumerische Frühlingssehnsucht voller unbegreiflicher
-Hoffnungen und Gelüste getreten. Ich lebte zwar nicht mehr so wie zu
-Beginn des Winters, sondern gab mich mit Ssonja ab und beschäftigte
-mich mit Musik und mit Lektüre; aber ich ging oft in den Garten und
-irrte lange, lange allein durch die Alleen oder saß auf einer Bank, und
-Gott allein weiß, was ich mir da dachte, was ich wünschte und worauf
-ich hoffte. Manchmal saß ich ganze Nächte, besonders beim Mondschein
-bis zum Morgen am Fenster meines Zimmers; zuweilen schlich ich mich
-leise, damit es Katja nicht höre, bloß mit der Nachtjacke bekleidet, in
-den Garten und lief über das taubedeckte Gras bis zum Teiche; einmal
-gelangte ich sogar ins freie Feld und umwanderte eines Nachts allein
-den ganzen Garten.
-
-Jetzt fällt es mir schwer, mich der Träume, die damals meine Phantasie
-beschäftigten, zu erinnern und sie zu begreifen. Wenn ich jetzt sogar
-daran zurückdenke, kann ich kaum glauben, daß es wirklich meine Träume
-gewesen seien: so seltsam und lebensfremd waren sie.
-
-Ende Mai kam Ssergej Michailytsch, so wie er versprochen hatte, von
-seiner Reise zurück.
-
-Zum erstenmal besuchte er uns am Abend, als wir ihn gar nicht
-erwarteten. Wir saßen auf der Terrasse und schickten uns an, Tee zu
-trinken. Der Garten war schon dicht belaubt, und im Gebüsch nisteten
-während der Petrifasten die Nachtigallen. Die krausen Fliederbüsche
-sahen so aus, als wären sie oben mit etwas Weißem und Lila überpudert.
-Das waren die aufbrechenden Knospen. Das Laub der Birkenallee war im
-Scheine der untergehenden Sonne ganz durchsichtig. Auf der Terrasse
-lag ein frischer, kühler Schatten. Das Gras erwartete reichlichen
-Abendtau. Im Hofe hinter dem Garten ließen sich die letzten Laute des
-Tages, die Geräusche der heimgekehrten Herde vernehmen; der närrische
-Nikon fuhr mit einem Fasse auf dem Gartenwege vor der Terrasse auf und
-nieder, und der kalte Wasserstrahl aus seiner Gießkanne schwärzte die
-aufgewühlte Erde an den Stengeln der Georginen und ihren Stäben. Bei
-uns auf der Terrasse funkelte und kochte auf dem weißen Tischtuch der
-blank geputzte Samowar, standen Sahne, Brezeln und Gebäck. Katja spülte
-als sorgsame Hausfrau mit ihren rundlichen Händen die Tassen. Ich hatte
-nach dem Bade solchen Hunger, daß ich den Tee nicht erwarten konnte
-und das Brot mit dicker frischer Sahne aß. Ich hatte eine Leinenbluse
-mit offenen Ärmeln an, und meine feuchten Haare waren mit einem Tuch
-umwunden. Katja hatte ihn als erste durch das Fenster erblickt.
-
-»Ah, Ssergej Michailytsch!« rief sie. »Wir haben doch soeben von Ihnen
-gesprochen.«
-
-Ich stand auf und wollte gehen, um mich umzukleiden, er kam aber gerade
-in dem Augenblick, als ich schon in der Türe war.
-
-»Macht man denn auf dem Lande so große Umstände?« sagte er lächelnd,
-mit einem Blick auf meinen mit dem Tuche umwundenen Kopf. »Vor
-Grigorij genieren Sie sich doch nicht, ich bin aber für Sie doch so
-gut wie Grigorij.« Aber es kam mir gerade in jenem Augenblick vor, als
-sähe er mich gar nicht so an, wie mich Grigorij ansehen könnte, und ich
-wurde verlegen.
-
-»Ich komme gleich wieder,« sagte ich fortgehend.
-
-»Warum sollte das unpassend sein!« rief er mir nach. »So sehen Sie doch
-ganz wie eine junge Bäuerin aus.«
-
--- Wie seltsam hat er mich eben angesehen, -- dachte ich mir, während
-ich mich oben umzog. -- Nun, Gott sei Dank, daß er gekommen ist:
-jetzt wird es wieder lustiger werden! -- Ich warf noch einen Blick
-in den Spiegel, eilte lustig die Treppe hinunter und kam außer
-Atem, ohne irgendwie zu verheimlichen, daß ich mich beeilt hatte,
-auf die Terrasse. Er saß am Tisch und sprach mit Katja über unsere
-Vermögensverhältnisse. Er sah mich lächelnd an und fuhr in seinem
-Gespräch fort. Unsere Verhältnisse waren nach seinen Worten im besten
-Zustande. Wir müßten jetzt nur noch den Sommer auf dem Lande verbringen
-und könnten dann entweder nach Petersburg, um für Ssonjas Erziehung zu
-sorgen, oder ins Ausland gehen.
-
-»Ja, wenn Sie doch mit uns ins Ausland mitkommen wollten,« sagte Katja.
-»Allein würden wir uns dort so einsam wie in einem Walde fühlen.«
-
-»Ach, wie gerne würde ich mit Ihnen eine Reise um die Welt machen!«
-sagte er halb im Scherz und halb im Ernst.
-
-»Nun,« erwiderte ich, »machen wir doch wirklich eine Reise um die Welt.«
-
-Er lächelte und schüttelte den Kopf.
-
-»Und meine Mutter? Und meine Geschäfte?« versetzte er. »Aber es
-handelt sich jetzt nicht darum. Erzählen Sie mir lieber, wie Sie die
-Zeit verbracht haben. Haben Sie denn wieder Grillen gefangen?«
-
-Als ich ihm berichtete, was ich in seiner Abwesenheit getrieben,
-und daß ich mich nicht gelangweilt hatte, und als Katja meine Worte
-bestätigte, lobte er und liebkoste mich mit Worten und Blicken, als
-ob ich noch ein Kind wäre, und er ein Recht darauf hätte. Ich hielt
-es für meine Pflicht, ihm ausführlich und besonders aufrichtig über
-alles zu berichten, was ich Gutes getan hatte, und ihm wie in der
-Beichte alles zu gestehen, was seine Unzufriedenheit erregen konnte.
-Der Abend war so schön, daß wir auch nach dem Tee auf der Terrasse
-blieben, und das Gespräch fesselte mich so, daß ich gar nicht merkte,
-wie ringsum allmählich alle menschlichen Laute verstummten. Von allen
-Seiten duftete es nach Blumen, reichlicher Tau netzte das Gras, eine
-Nachtigall begann in der Nähe in einem Fliederbusch zu schmettern und
-verstummte, als sie unsere Stimmen hörte; der gestirnte Himmel senkte
-sich gleichsam auf uns herab.
-
-Ich merkte den Anbruch der Nacht erst dann, als eine Fledermaus lautlos
-unter die Leinenmarkise der Terrasse geflogen kam und mein weißes
-Kopftuch zu umflattern begann. Ich drückte mich an die Wand und wollte
-schon aufschreien, aber die Fledermaus flog ebenso lautlos und schnell,
-wie sie gekommen war, unter der Markise hinaus und verschwand im
-Halbdunkel des Gartens.
-
-»Wie liebe ich Euer Pokrowskoje,« sagte er, das Gespräch unterbrechend.
-»Ich könnte mein ganzes Leben hier auf dieser Terrasse sitzen.«
-
-»Nun, bleiben Sie doch wirklich hier sitzen,« sagte Katja.
-
-»Ja, sitzen,« erwiderte er, »das Leben sitzt nicht still.«
-
-»Warum heiraten Sie nicht?« fragte Katja. »Sie wären doch ein
-vorzüglicher Ehemann.«
-
-»Weil ich gerne sitze?« Er lachte auf. »Nein, Katerina Karlowna, wir
-beide heiraten nicht mehr. Man hat schon längst aufgehört, mich für
-einen Menschen zu halten, den man verheiraten könnte. Ich selbst denke
-erst recht nicht daran, und seitdem ich es nicht mehr tue, fühle ich
-mich wirklich wohl.«
-
-Es kam mir vor, als spräche er das irgendwie unnatürlich und affektiert.
-
-»Großartig! Mit sechsunddreißig Jahren wollen Sie schon das Leben
-hinter sich haben,« versetzte Katja.
-
-»Und wie!« fuhr er fort. »Ich habe nur noch den einen Wunsch, still zu
-sitzen. Um zu heiraten, braucht man aber etwas anderes. Fragen Sie mal
-sie,« fügte er hinzu, mit einer Kopfbewegung auf mich deutend. »Solche
-müssen heiraten. Wir beide werden uns aber ihrer freuen.«
-
-Im Tone seiner Stimme lagen eine verhaltene Trauer und Erregung, die
-mir nicht entgingen. Er schwieg eine Weile; Katja und ich versetzten
-kein Wort.
-
-»Stellen Sie sich nur vor,« fuhr er fort, sich auf seinem Stuhle
-umdrehend, »das Unglück wollte es, daß ich mich mit einem
-siebzehnjährigen Mädchen verheiratete, zum Beispiel mit Masch... mit
-Marja Alexandrowna. Das ist sogar ein schönes Beispiel, und ich freue
-mich, daß es so gut paßt ... es ist das allerbeste Beispiel.«
-
-Ich lachte und konnte unmöglich verstehen, worüber er sich so freute
-und was da so gut paßte.
-
-»Nun, sagen Sie mir aufrichtig, die Hand aufs Herz,« fuhr er fort, sich
-scherzend an mich wendend, »wäre es denn für Sie kein Unglück, Ihr
-Leben an das eines alten, abgelebten Mannes zu binden, der nur noch
-ruhig sitzen will, während in Ihnen Gott weiß was für Wünsche gären?«
-
-Ich wurde verlegen und schwieg, da ich nicht wußte, was darauf zu
-antworten.
-
-»Ich mache Ihnen ja keinen Antrag,« fuhr er lachend fort. »Sagen Sie
-mir aber aufrichtig, Sie ersehnen sich doch nicht einen solchen Mann,
-wenn Sie abends allein durch die Alleen wandeln? Das wäre doch ein
-Unglück?«
-
-»Kein Unglück ...« begann ich.
-
-»Gut wäre es aber auch nicht,« sprach er meinen Satz zu Ende.
-
-»Aber ich kann auch irren ...«
-
-Er unterbrach mich wieder.
-
-»Nun sehen Sie es selbst. Sie hat vollkommen recht, ich bin ihr für die
-Aufrichtigkeit dankbar und freue mich, daß die Rede darauf gekommen
-ist! Und noch mehr als das, es wäre auch für mich das größte Unglück,«
-fügte er hinzu.
-
-»Sie sind doch wirklich komisch und haben sich nicht im geringsten
-verändert,« sagte Katja und verließ die Terrasse, um den Tisch zum
-Abendessen decken zu lassen.
-
-Als Katja gegangen war, verstummten wir beide, und auch alles um uns
-herum war stumm. Nur die Nachtigall schmetterte, so daß es durch den
-ganzen Garten schallte, doch nicht mehr so abgerissen und zaghaft wie
-vorhin, sondern auf ihre nächtliche Weise, ruhig und ohne Übereilung;
-eine zweite Nachtigall, die sich heute abend zum erstenmal vernehmen
-ließ, antwortete ihr aus der Schlucht. Die erste Nachtigall verstummte
-für eine Weile, als lauschte sie der anderen, und ließ dann noch
-lauter und mächtiger ihre hellen Triller erschallen. Majestätisch
-und ruhig klangen diese Stimmen durch ihre, uns fremde nächtliche
-Welt. Der Gärtner ging vorüber, um sich im Gewächshaus schlafen zu
-legen; seine Schritte in den schweren Stiefeln entfernten sich auf dem
-Gartenwege und verhallten. Am Fuße des Berges ließ jemand zweimal einen
-durchdringenden Pfiff erschallen, und alles wurde wieder still. Kaum
-hörbar regte sich das Laub, schwankte die Zeltleinwand der Markise;
-etwas Duftendes zog durch die Luft und verbreitete sich über die
-Terrasse. Es war mir peinlich, nach allem, was schon gesagt worden war,
-zu schweigen, aber ich wußte auch nicht, was zu sagen. Ich sah ihn an.
-Er richtete seine im Halbdunkel glänzenden Augen auf mich.
-
-»Es ist so schön, auf dieser Welt zu leben!« sagte er.
-
-Ich seufzte auf, ich wußte selbst nicht warum.
-
-»Was?«
-
-»Es ist so schön, auf dieser Welt zu leben!« sprach ich seine Worte
-nach.
-
-Und wir schwiegen wieder, und ich fühlte mich wieder verlegen. Mir
-kam immer wieder der Gedanke, daß ich ihm wehgetan hätte, als ich
-zugegeben, daß er alt sei; ich wollte ihn trösten, wußte aber nicht,
-wie.
-
-»Nun, leben Sie wohl,« sagte er, sich erhebend. »Meine Mutter erwartet
-mich zum Abendessen. Ich habe sie heute fast gar nicht gesehen.«
-
-»Und ich wollte Ihnen gerade eine neue Sonate vorspielen,« sagte ich.
-
-»Ein anderes Mal,« entgegnete er, wie mir schien, etwas kühl.
-
-»Leben Sie wohl.«
-
-Nun hatte ich noch mehr das Gefühl, daß ich ihm weh getan hätte, und er
-tat mir leid. Katja und ich begleiteten ihn hinaus und blieben noch auf
-dem Hofe, bis er unseren Blicken entschwand. Als die Hufschläge seines
-Pferdes verhallt waren, ging ich um das Haus herum auf die Terrasse und
-begann wieder in den Garten hinauszuschauen; im taufeuchten Nebel, in
-dem alle nächtlichen Töne lebten, sah und hörte ich noch lange alles,
-was ich sehen und hören wollte.
-
-Er kam ein zweites und ein drittes Mal, und die Befangenheit, die von
-unserem ersten seltsamen Gespräch herrührte, war ganz verschwunden
-und kehrte nicht wieder. Im Laufe des ganzen Sommers besuchte er uns
-zwei- und dreimal wöchentlich, und ich gewöhnte mich so sehr an ihn,
-daß es mir, wenn er längere Zeit ausblieb, unbehaglich wurde, allein
-zu leben; ich zürnte ihm und fand, daß er unrecht tat, wenn er mich
-so allein ließ. Er behandelte mich wie einen jungen lieben Freund,
-fragte mich über alles, forderte meine herzlichste Aufrichtigkeit
-heraus, gab mir Ratschläge, lobte mich, machte mir manchmal Vorwürfe
-und wies mich manchmal zurecht. -- Aber trotz seiner Bemühungen, immer
-auf der gleichen Stufe mit mir zu stehen, fühlte ich, daß hinter dem,
-was ich an ihm verstand, noch eine ganze mir fremde Welt blieb, in die
-mich einzuführen er nicht für notwendig hielt, und das unterstützte
-meine Achtung vor ihm und zog mich zu ihm hin. Ich wußte von Katja
-und von den Nachbarn, daß er außer den Sorgen für die alte Mutter,
-mit der er zusammenlebte, außer seiner Gutswirtschaft und den mit der
-Vormundschaft verbundenen Mühen, auch noch irgendeine Tätigkeit im
-Adelsausschuß hatte, die ihm große Unannehmlichkeiten einbrachte; aber
-wie er das alles ansah, was für Überzeugungen, Pläne und Hoffnungen er
-hatte, konnte ich von ihm niemals erfahren. Wenn ich nur die Rede auf
-seine Geschäfte brachte, verzog er eigentümlich das Gesicht, als wollte
-er sagen: »Hören Sie bitte auf, das kann Sie doch nicht interessieren,«
-und brachte das Gespräch auf ein anderes Thema. Anfangs kränkte mich
-das, aber dann gewöhnte ich mich so sehr daran, nur noch von Dingen zu
-sprechen, die mich allein angingen, daß ich es vollkommen natürlich
-fand.
-
-Was mir anfangs gleichfalls mißfiel, aber mit der Zeit sogar angenehm
-wurde, war seine völlige Gleichgültigkeit und beinahe Verachtung gegen
-mein Äußeres. Er deutete niemals, weder mit einem Blicke, noch mit
-einem Worte an, daß ich hübsch sei; im Gegenteil, er verzog das Gesicht
-und lachte, wenn man mich in seiner Gegenwart hübsch nannte. Er liebte
-es sogar, äußere Mängel an mir zu finden und mich mit ihnen zu necken.
-Die modernen Kleider und Frisuren, mit denen mich Katja an Festtagen
-herauszuputzen liebte, reizten ihn nur zu spöttischen Bemerkungen, die
-die gute Katja kränkten und anfangs auch mich stutzig machten. Katja,
-für die es feststand, daß ich ihm gefalle, konnte unmöglich begreifen,
-wie es ein Mann nicht gerne sehen möchte, daß die ihm gefallende Frau
-in einem möglichst günstigen Lichte erscheine. Ich aber kam bald
-dahinter, was er eigentlich wollte. Er wollte glauben, daß ich nicht
-kokett sei. Als ich das eingesehen hatte, blieb in mir keine Spur von
-Koketterie in der Kleidung, in der Frisur und in den Bewegungen; an
-ihre Stelle trat die allzu naive Koketterie der Einfachheit, während
-ich noch gar nicht so einfach sein konnte. Ich wußte, daß er mich
-liebte; ob aber wie ein Kind oder wie ein Weib, fragte ich mich noch
-nicht; seine Liebe war mir teuer, und da ich fühlte, daß er mich
-für das beste Mädchen in der Welt hielt, konnte ich nichts anderes
-wünschen, als daß diese Täuschung bestehen bleibe. Und ich täuschte
-ihn unwillkürlich. Aber indem ich ihn täuschte, wurde ich selbst
-besser. Ich fühlte, daß es besser und würdiger für mich sei, ihm die
-schönsten Seiten meiner Seele zu zeigen, als die meines Körpers. Meine
-Haare, Hände, Gesichtszüge, Gewohnheiten hatte er, wie mir schien,
-gleich auf den ersten Blick, wie sie auch sein mochten, ob gut oder
-schlecht, richtig eingeschätzt und kannte sie so gut, daß ich meinem
-Äußern nichts mehr hinzufügen konnte, außer der Sucht, ihn zu täuschen.
-Meine Seele kannte er aber nicht, weil er sie liebte, weil sie sich
-gerade in dieser Zeit entwickelte und wuchs, und darin konnte ich
-ihn täuschen, was ich auch tat. Wie leicht fühlte ich mich in seiner
-Gegenwart, als ich das begriffen hatte! Alle die grundlosen Hemmungen,
-alle Befangenheit war vollständig verschwunden. Ich fühlte, daß er
-mich, ganz gleich, ob er mich von vorn oder von der Seite, sitzend oder
-stehend, mit hinauf- oder hinuntergekämmtem Haar sah, durch und durch
-kannte, und es schien mir, daß er mit mir zufrieden sei, so wie ich
-war. Ich glaube, daß, wenn er mir gegen seine Gewohnheit plötzlich wie
-einer der anderen gesagt hätte, daß ich ein schönes Gesicht habe, ich
-darüber gar nicht froh gewesen wäre. Wie wohl, wie leicht wurde es mir
-dagegen ums Herz, wenn er mich nach irgendeinem Wort, das ich gerade
-gesagt hatte, aufmerksam ansah und mit bewegter Stimme, der er einen
-scherzhaften Ton zu geben versuchte, sagte:
-
-»Ja, ja, in Ihnen steckt etwas. Sie sind ein gutes Mädchen, und ich muß
-es Ihnen sagen.«
-
-Wofür empfing ich aber damals diesen Lohn, der mein Herz mit Stolz
-und Freude erfüllte? Nur weil ich sagte, daß ich die Liebe des alten
-Grigorij zu seiner Enkelin teile, oder weil mich ein Gedicht oder ein
-Roman, den ich gelesen, zu Tränen rührte, oder weil ich Mozart dem
-Schulhof vorzog. Und ich wunderte mich selbst über den ungewöhnlichen
-Spürsinn, mit dem ich immer erriet, was gut sei und was man lieben
-müsse, obwohl ich damals noch gar nicht wußte, was gut ist und
-was man lieben muß. Die Mehrzahl meiner früheren Gewohnheiten und
-Neigungen gefiel ihm nicht, und er brauchte nur mit einer Bewegung
-seiner Brauen oder mit einem Blick anzudeuten, daß ihm das, was ich
-eben sagen wollte, mißfalle, oder nur die eigentümliche, mitleidige,
-fast verächtliche Miene zu machen, damit es mir gleich vorkäme, daß
-ich das, was mir erst eben gefiel, nicht mehr liebe. Zuweilen hatte
-er erst die Absicht, mir irgendeinen Rat zu geben, aber ich glaubte
-schon zu wissen, was er mir sagen wollte. Er fragte mich mit einem
-stummen Blick, mir gerade in die Augen sehend, und sein Blick entlockte
-mir sofort jeden Gedanken, den er nur wollte. Alle meine damaligen
-Gedanken, alle meine damaligen Gefühle waren gar nicht mein; es waren
-nur seine Gedanken und Gefühle, die plötzlich mein wurden, in mein
-Leben übergingen und es erleuchteten. Ganz unmerklich fing ich an,
-alles: Katja, unsere Dienstboten, Ssonja, mich selbst und auch meine
-Beschäftigungen mit anderen Augen anzusehen. Die Bücher, die ich früher
-zu lesen pflegte, nur um die Langeweile zu vertreiben, waren für mich
-plötzlich zu einer der schönsten Lebensfreuden geworden, und das nur
-aus dem Grunde, weil wir beide über Bücher sprachen, sie zusammen lasen
-und er mir welche brachte. Die Beschäftigung mit Ssonja, die Stunden,
-die ich ihr erteilte, waren für mich früher eine schwere Last gewesen,
-die ich nur aus Pflichtgefühl auf mich nahm; als er aber einmal einer
-Stunde beiwohnte, wurde es mir eine große Freude, die Fortschritte
-Ssonjas zu verfolgen. Es erschien mir früher unmöglich, ein ganzes
-Musikstück einzuüben; aber jetzt, wo ich wußte, daß er mir zuhören
-und mich vielleicht auch loben würde, spielte ich oft vierzigmal
-hintereinander die gleiche Stelle, so daß die arme Katja sich Watte
-in die Ohren stopfte, während es mich nicht im geringsten langweilte.
-Die gleichen alten Sonaten klangen jetzt ganz anders und gerieten mir
-auch anders und viel besser. Selbst Katja, die ich so gut wie mich
-selbst kannte und liebte, war in meinen Augen wie verändert. Jetzt
-erst begriff ich, daß sie gar nicht verpflichtet war, uns eine Mutter,
-eine Freundin und eine Sklavin, die sie uns in Wirklichkeit war, zu
-sein. Ich begriff die ganze Selbstaufopferung und Hingebung dieses
-liebevollen Wesens, begriff alles, was ich ihr schuldete, und liebte
-sie noch mehr als früher. Er lehrte mich auch alle unsere Leute -- die
-Bauern, das leibeigene Hausgesinde und die Dienstmädchen -- mit ganz
-anderen Augen ansehen. Es klingt unglaublich, aber diese Menschen,
-unter denen ich bis zu meinem siebzehnten Lebensjahre gelebt hatte,
-waren mir viel fremder, als solche, die ich nie gesehen hatte; es war
-mir kein einziges Mal in den Sinn gekommen, daß diese Menschen ebenso
-liebten, wünschten und litten wie ich. Unser Garten, unsere Wälder,
-unsere Felder, die ich so lange schon kannte, waren für mich plötzlich
-neu und schön. Nicht umsonst pflegte er zu sagen, daß es im Leben nur
-ein einziges, zweifelloses Glück gäbe: für einen andern zu leben.
-Mir kam es zuerst seltsam vor, und ich begriff es nicht; aber diese
-Überzeugung drang mir, ohne daß ich mir viel überlegte, ins Herz. Er
-eröffnete mir eine ganze Welt von Freuden in der Gegenwart, ohne etwas
-in meinem Leben zu ändern und meinen Eindrücken etwas hinzuzufügen
-außer sich selbst. Alles, was mich von meiner Kindheit an stumm umgab,
-war plötzlich lebendig geworden. Er brauchte nur zu mir zu kommen, und
-alles fing sofort zu sprechen an und bestürmte meine Seele, sie mit
-Glück erfüllend.
-
-Oft ging ich in jenem Sommer in mein Zimmer hinauf, legte mich
-aufs Bett und, statt der Frühlingssehnsucht mit ihren Wünschen und
-Hoffnungen auf die Zukunft, umfing mich die Unruhe eines gegenwärtigen
-Glücks. Ich konnte nicht einschlafen, ich stand auf, setzte mich zu
-Katja aufs Bett und sagte ihr, daß ich vollkommen zufrieden sei, was
-ich, wie ich jetzt weiß, ihr gar nicht zu sagen brauchte: sie konnte es
-mir ansehen. Aber sie sagte mir, daß auch sie sich nichts mehr wünsche,
-daß auch sie glücklich sei, und sie küßte mich. Ich glaubte es ihr, es
-erschien mir so notwendig und gerecht, daß alle glücklich seien. Katja
-wollte schlafen; sie stellte sich böse, jagte mich von ihrem Bette
-fort und schlief ein; ich aber nahm noch lange alles durch, was mich so
-glücklich machte. Manchmal stand ich auf und betete, betete mit eigenen
-Worten, um Gott für all das Glück zu danken, das Er mir gab.
-
-Im Zimmer war es still; Katja atmete regelmäßig im Schlafe, neben
-ihr tickte die Uhr, ich aber wälzte mich hin und her und flüsterte
-irgendwelche Worte oder bekreuzigte mich und küßte das Kreuz, das ich
-am Halse trug. Die Türe war geschlossen, die Fensterläden waren zu, und
-irgendeine Fliege oder Mücke summte immer an der gleichen Stelle. Und
-mir war es, als wollte ich dieses Zimmer niemals verlassen, als wollte
-ich nicht, daß der Morgen komme, daß die mich umgebende seelische
-Atmosphäre sich verflüchtige. Mir schien, daß meine Gedanken, Gebete
-und Empfindungen lebende Wesen seien, die hier im Dunkeln neben mir
-wohnten, mein Bett umschwebten und über mir stünden. Und jeder Gedanke
-war sein Gedanke, und jedes Gefühl -- sein Gefühl. Ich wußte damals
-noch nicht, daß es die Liebe ist, ich glaubte, daß es immer so sein
-könne, daß dieses Gefühl uns ganz einfach und ohne Grund gegeben werde.
-
-
-III
-
-Während der Getreideernte gingen wir, Katja, Ssonja und ich eines
-Nachmittags in den Garten zu unserer Lieblingsbank im Schatten der
-Linden über der Schlucht mit der Aussicht auf die Wälder und Felder.
-Ssergej Michailytsch hatte uns schon seit drei Tagen nicht besucht,
-und wir erwarteten ihn an diesem Tage, um so mehr als unser Verwalter
-gesagt hatte, er hätte versprochen, aufs Feld herauszukommen. Gegen
-zwei Uhr sahen wir ihn, wie er aufs Kornfeld geritten kam. Katja ließ
-Pfirsiche und Kirschen bringen, die er gerne aß, blickte mich lächelnd
-an, legte sich auf die Bank und schlummerte ein. Ich brach mir einen
-krummen und flachen Lindenzweig mit saftigen Blättern und saftigem
-Bast, der mir die Hand befeuchtete, fächelte damit Katja und fuhr
-in meiner Lektüre fort, blickte aber immer vom Buche auf und spähte
-nach dem Feldweg hin, auf dem er kommen mußte. Ssonja baute an den
-Wurzeln der alten Linde eine Laube für ihre Puppen. Der Tag war heiß
-und windstill, es war schwül, die Wolken ballten sich zusammen und
-wurden immer schwärzer, ein Gewitter war schon seit dem frühen Morgen
-im Anzug. Ich war erregt wie immer vor einem Gewitter. Aber nach der
-Mittagsstunde hatten die Wolken angefangen, sich zu zerstreuen, und die
-Sonne war in einen wolkenlosen Teil des Himmels getreten; nur an einem
-Ende des Himmels grollte es noch, und die schwere Wolke, die tief über
-dem Horizonte stand und mit dem Staube der Felder zusammenfloß, wurde
-ab und zu bis zur Erde vom bleichen Zickzack des Blitzes zerrissen. Es
-war klar, daß das Gewitter an diesem Tage nicht zur Entladung kommen
-würde, wenigstens bei uns nicht. Auf dem hier und da hinter dem Garten
-sichtbaren Wege zogen sich ununterbrochen Fuhrwerke hin: bald die
-langsamen, knarrenden, hoch mit Garben beladenen Wagen, bald die ihnen
-schnell entgegenfahrenden leeren; die Beine der auf ihnen stehenden
-Bauern zitterten, und ihre Hemden flatterten. Die dichten Staubwolken
-stiegen weder in die Höhe, noch sanken sie auf die Erde nieder, sondern
-blieben hinter der Hecke zwischen dem durchsichtigen Laube der Bäume
-des Gartens hängen. Etwas weiter, auf der Tenne, ließen sich die
-gleichen Stimmen und das gleiche Knarren der Räder vernehmen, und
-dieselben gelben Garben, die langsam längs des Zaunes vorübergefahren
-waren, flogen dort durch die Luft und häuften sich vor meinen Augen zu
-ovalen oben spitz zulaufenden Zelten, auf denen die Bauern sich wie die
-Ameisen regten. Vorne, auf dem staubigen Felde bewegten sich ebenfalls
-Wagen, waren ebenfalls gelbe Garben zu sehen, und das gleiche Knarren
-der Wagen, Schreien und Singen hallten von fern. An einem Ende wurde
-das Feld immer nackter und nackter, und die Streifen der mit Beifuß
-bewachsenen Raine traten darauf hervor. Unten rechts hoben sich vom
-abgemähten Felde, auf dem das Korn noch unordentlich herumlag, die
-bunten Kleider der Frauen ab, die die Garben banden, sich bückten und
-mit den Armen fuchtelten, und das unordentliche Feld säuberte sich
-allmählich, und die Garben erschienen in hübschen, engen Reihen. Es
-war, als verwandelte sich vor meinen Augen der Sommer in den Herbst.
-Überall herrschten Staub und Glut; nur unser Lieblingsplätzchen im
-Garten blieb davon verschont. An allen Seiten redete, lärmte und
-bewegte sich in diesem Staube, unter dieser sengenden Sonne das
-Arbeitervolk.
-
-Katja schlief aber so süß mit dem Batisttaschentuch auf dem Gesicht auf
-unserer kühlen Bank, die schwarzen Kirschen glänzten so saftig auf dem
-Teller, unsere Kleider waren so frisch und rein, das Wasser im Kruge
-spielte und schillerte so hell in der Sonne, und es war mir so wohl ums
-Herz. -- Was soll ich machen? -- dachte ich. -- Ist es meine Schuld,
-daß ich glücklich bin? Aber wie kann ich dieses Glück den anderen
-mitteilen? Wie und wem soll ich mich und mein ganzes Glück hingeben? --
-
-Die Sonne sank hinter die Wipfel der Birkenallee; der Staub auf den
-Feldern legte sich; die Ferne wurde beim schräg fallenden Lichte immer
-deutlicher und klarer; die Wolken hatten sich vollständig verzogen;
-auf der Tenne ragten drei neue Getreideschober über die Bäume hinauf,
-und die Bauern waren von ihnen herabgestiegen; die Wagen fuhren, wohl
-zum letztenmal, unter lautem Geschrei der Arbeiter vorbei; die Weiber
-gingen mit den Rechen auf den Schultern und den Garbenbändern im Gürtel
-laut singend nach Hause, aber Ssergej Michailytsch wollte noch immer
-nicht kommen, obwohl ich schon längst gesehen hatte, wie er von der
-Anhöhe hinuntergeritten war. Plötzlich tauchte in der Allee, an der
-Seite, wo ich ihn gar nicht erwartete, seine Gestalt auf (er war um die
-Schlucht herumgegangen). Mit freudigem, strahlendem Gesicht, den Hut
-in der Hand, näherte er sich mir mit schnellen Schritten. Als er sah,
-daß Katja schlief, biß er sich in die Lippen, kniff die Augen zusammen
-und kam auf den Fußspitzen näher; ich merkte sofort, daß er sich in der
-eigentümlichen Stimmung einer grundlosen Freude befand, die ich an ihm
-so furchtbar liebte und die wir »wildes Entzücken« nannten. Er war wie
-ein Schuljunge, der aus der Schule entlaufen ist; sein ganzes Wesen,
-vom Gesicht bis zu den Füßen atmete Zufriedenheit, Glück und kindliche
-Ausgelassenheit.
-
-»Nun, guten Tag, junges Veilchen, wie geht es Ihnen? Gut?« flüsterte
-er, auf mich zugehend und mir die Hand drückend. »Mir geht es
-ausgezeichnet,« antwortete er auf meine Frage nach seinem Befinden,
-»ich bin heute dreizehn Jahre alt und habe Lust, Pferdchen zu spielen
-und auf die Bäume zu klettern.«
-
-»In wildem Entzücken?« fragte ich, ihm in die lachenden Augen blickend
-und fühlend, daß dieses »wilde Entzücken« sich auch mir mitgeteilt
-hatte.
-
-»Ja,« antwortete er, mir mit einem Auge zublinzelnd und ein Lächeln
-unterdrückend. »Warum schlagen Sie aber Katerina Karlowna auf die Nase?«
-
-Ich hatte gar nicht bemerkt, daß ich, ihn immerfort ansehend, mit dem
-Zweige das Taschentuch von Katja heruntergeworfen hatte und ihr mit den
-Blättern über das Gesicht fuhr. Ich mußte lachen.
-
-»Sie wird aber behaupten, sie hätte gar nicht geschlafen,« sagte ich
-im Flüstertone, als fürchtete ich Katja zu wecken; aber ich tat es gar
-nicht aus diesem Grunde: es war mir einfach angenehm, mit ihm so zu
-sprechen.
-
-Er bewegte, mir nachäffend, die Lippen, als hätte ich so leise
-gesprochen, daß er nichts hören konnte. Als er den Teller mit den
-Kirschen sah, ergriff er ihn mit einer Miene, als täte er es heimlich,
-ging zu Ssonja unter die Linde und setzte sich auf ihre Puppen. Ssonja
-wurde anfangs böse, aber er besänftigte sie bald damit, daß er ein
-Spiel ersann, bei dem sie beide die Kirschen um die Wette essen mußten.
-
-»Soll ich noch mehr holen lassen?« fragte ich. »Oder wollen Sie selbst
-welche holen?«
-
-Er nahm den Teller, setzte die Puppen darauf, und wir begaben uns zu
-dritt zum Gewächshause. Ssonja lief uns lachend nach und zupfte ihn am
-Mantel, damit er ihr ihre Puppen zurückgebe. Er gab sie ihr wieder und
-wandte sich mit ernster Miene zu mir.
-
-»Und Sie wollen kein Veilchen sein?« sagte er mir, immer noch leise,
-obwohl niemand in der Nähe war, den er hätte wecken können. »Als ich
-nach all dem Staub, der Hitze und Arbeit auf Sie zuging, da duftete
-es gleich nach Veilchen. Und zwar nicht nach den starkriechenden
-Gartenveilchen, sondern nach den anderen, ersten, dunklen, die nach
-tauendem Schnee und Frühlingsgrase riechen.«
-
-»Ist in der Wirtschaft alles in Ordnung?« fragte ich ihn, um die
-freudige Verwirrung zu verbergen, die seine Worte in mir weckten.
-
-»Ausgezeichnet! Diese Leute sind überall ausgezeichnet. Je mehr man sie
-kennt, um so mehr liebt man sie.«
-
-»Ja,« sagte ich, »ehe Sie kamen, sah ich heute vom Garten aus den
-Arbeitern zu, und ich mußte mich plötzlich schämen, daß sie sich
-abmühen, während es mir so wohl ist, daß ...«
-
-»Kokettieren Sie nicht damit, liebes Kind,« unterbrach er mich, indem
-er mir plötzlich ernst, doch liebevoll in die Augen blickte. »Das ist
-eine heilige Sache. Behüte Sie Gott davor, damit zu kokettieren.«
-
-»Aber ich sage es doch nur _Ihnen_.«
-
-»Nun ja, ich weiß es. Wo sind aber die Kirschen?«
-
-Das Gewächshaus war zugesperrt, und von den Gärtnern sah man niemand
-(er hatte sie alle aufs Feld hinausgeschickt). Ssonja lief fort, den
-Schlüssel zu holen; er wartete aber ihre Rückkehr nicht ab, stieg auf
-den Eckpfosten, hob das Drahtnetz ab und sprang hinüber.
-
-»Wollen Sie Kirschen?« hörte ich seine Stimme von drüben. »Geben Sie
-mir den Teller.«
-
-»Nein, ich will auch selbst pflücken, ich will den Schlüssel holen,«
-sagte ich. »Ssonja wird ihn nicht finden ...«
-
-Zugleich empfand ich den Wunsch, zu sehen, was er dort wohl tue und
-wie er sich bewege, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Eigentlich
-wollte ich ihn einfach für keinen Augenblick aus den Augen lassen.
-Ich lief auf den Zehen durch die Brennesseln an die andere Seite des
-Gewächshauses, wo die Umzäunung niedriger war, stieg auf ein leeres
-Faß, so daß die Mauer mir bis an die Brust reichte, und lehnte mich
-hinüber. Ich warf einen Blick in das Innere des Gewächshauses mit den
-alten, krummen Bäumen und den breiten, zackigen Blättern, unter denen
-die schwarzen, saftigen Kirschen schwer und senkrecht niederhingen;
-ich steckte den Kopf unter das Netz und erblickte unter dem Aste
-eines alten Kirschbaumes Ssergej Michailytsch. Er glaubte wohl, ich
-sei fortgegangen und niemand beobachte ihn. Er saß ohne Hut, die
-Augen geschlossen, auf dem morschen Stamme eines alten Kirschbaumes
-und rollte mit den Fingern ein Stück Kirschharz zu einem Kügelchen
-zusammen. Plötzlich zuckte er die Achseln, schlug die Augen auf, sagte
-etwas und lächelte. Dieses Wort und dieses Lächeln nahmen sich bei ihm
-so ungewohnt aus, daß ich mich schämte, ihn belauscht zu haben. Es
-schien mir, als wäre dieses Wort -- »Mascha!« gewesen. -- Es kann nicht
-sein, -- dachte ich mir. »Liebe Mascha!« wiederholte er noch leiser
-und noch zärtlicher. Diese beiden Worte hörte ich aber schon ganz
-deutlich. Mein Herz schlug so heftig, eine so aufregende, gleichsam
-verbotene Freude hatte mich plötzlich ergriffen, daß ich mich an die
-Mauer klammerte, um nicht umzufallen und mich nicht zu verraten. Er
-hörte meine Bewegung, sah sich erschrocken um, schlug plötzlich die
-Augen nieder und errötete wie ein Kind. Er wollte mir etwas sagen,
-konnte es aber nicht, und immer neue Blutwellen röteten sein Gesicht.
-Aber er lächelte, als er mich ansah. Auch ich lächelte. Sein ganzes
-Gesicht erstrahlte vor Freude. Er war nicht mehr der alte Onkel, der
-mich liebkoste und belehrte, er war ein Mann, der mir gleichstand, der
-mich liebte und fürchtete und den auch ich fürchtete und liebte. Wir
-sagten nichts und sahen bloß einander an. Plötzlich runzelte er aber
-die Stirn, das Lächeln und der Glanz seiner Augen waren verschwunden,
-und er wandte sich wieder kühl und väterlich an mich, als hätten wir
-etwas Schlimmes getan, als wäre er zur Besinnung gekommen und rate auch
-mir, zur Besinnung zu kommen.
-
-»Steigen Sie herab, Sie können sich weh tun,« sagte er mir. »Bringen
-Sie Ihr Haar in Ordnung, wie sehen Sie aus!«
-
--- Warum verstellt er sich so? Warum will er mir weh tun! -- fragte
-ich mich ärgerlich. Im gleichen Augenblick kam mir das unwiderstehliche
-Verlangen, ihn noch einmal in Verlegenheit zu bringen und meine Gewalt
-über ihn zu erproben.
-
-»Nein, ich will selbst pflücken!« sagte ich. Ich ergriff mit den Händen
-den nächsten Ast und sprang mit den Füßen auf die Mauer. Er hatte
-nicht Zeit, mich zu stützen, denn ich sprang mit einem Satz in das
-Gewächshaus hinunter.
-
-»Was machen Sie für Dummheiten!« sagte er, wieder errötend und seine
-Verwirrung hinter der ärgerlichen Miene verbergend. »Sie haben sich
-doch weh tun können. Wie wollen Sie von hier heraus?«
-
-Er war in noch größerer Verwirrung als früher, aber dies freute mich
-nicht mehr, sondern machte mir Angst. Diese Angst konnte ich nicht
-verbergen, ich errötete, wich seinen Blicken aus und fing an, da ich
-nicht wußte, was zu sagen, die Kirschen zu pflücken, die ich aber
-nirgends hintun konnte. Ich machte mir Vorwürfe, ich bereute alles, ich
-fürchtete, und es war mir, als hätte ich mich durch diesen Streich für
-immer in seinen Augen blamiert. Ssonja, die mit dem Schlüssel gelaufen
-kam, befreite uns aus dieser peinlichen Situation. Lange Zeit sprachen
-wir nicht mehr miteinander und wandten uns nur an Ssonja. Als wir zu
-Katja zurückkehrten, welche beteuerte, sie habe gar nicht geschlafen
-und alles gehört, wurde ich wieder ruhig, während er versuchte, wieder
-den herablassenden väterlichen Ton anzuschlagen; aber dieser Ton wollte
-ihm nicht mehr gelingen, und er vermochte mich mit ihm nicht mehr zu
-täuschen. Ich erinnerte mich lebhaft des Gesprächs, das wir vor einigen
-Tagen geführt hatten.
-
-Katja hatte gesagt, daß der Mann es leichter habe, zu lieben und seine
-Liebe zu äußern als die Frau.
-
-»Der Mann kann sagen, daß er liebt, die Frau kann es aber nicht,« hatte
-sie gesagt.
-
-»Mir scheint aber, auch der Mann kann und darf gar nicht sagen, daß er
-liebt,« hatte er eingewandt.
-
-»Warum?« hatte ich gefragt.
-
-»Weil es immer eine Lüge sein wird. Was ist das für eine neue
-Offenbarung, daß der Mensch liebt? Als ob in dem Augenblick, wo
-er das sagt, etwas einschnappte: fertig, er liebt! Als müßte
-in dem Augenblick, wo er dieses Wort ausspricht, irgend etwas
-Außergewöhnliches geschehen, irgendein Zeichen am Himmel erscheinen,
-als müßte ein Salut aus allen Kanonen erschallen. Mir scheint,« hatte
-er weiter gesagt, »daß die Menschen, welche feierlich die Worte: ›Ich
-liebe Sie‹ sprechen, entweder sich selbst oder, was noch schlimmer ist,
-die andern betrügen.«
-
-»Wie soll dann die Frau erfahren, daß man sie liebt, wenn man es ihr
-nicht sagt?« hatte Katja gefragt.
-
-»Das weiß ich nicht,« hatte er geantwortet. »Jeder Mensch hat seine
-eigene Ausdrucksweise. Wo aber ein Gefühl ist, da kommt es auch von
-selbst zum Ausdruck. Wenn ich einen Roman lese, so muß ich immer
-denken, was für ein verdutztes Gesicht die Leutnants Strelskij oder
-Alfred machen, wenn sie die Worte sprechen: ›Ich liebe dich, Eleonore!‹
-und erwarten, daß plötzlich etwas Außergewöhnliches geschieht; es
-geschieht aber weder an ihr noch an ihm etwas, die Augen, die Nase usw.
-bleiben dieselben.«
-
-Aus diesen scherzhaften Worten hatte ich schon damals etwas Ernstes
-herausgehört, was sich auf mich bezog; aber Katja wollte nicht dulden,
-daß er die Helden ihrer Romane so leichtfertig behandele.
-
-»Ewig diese Paradoxen!« hatte sie gesagt. »Sagen Sie aufrichtig: haben
-Sie denn nie einer Frau gestanden, daß Sie sie lieben?«
-
-»Das habe ich niemals gesagt und habe auch nie ein Knie vor einer Frau
-gebeugt,« hatte er lachend geantwortet, »und ich werde es auch niemals
-tun.«
-
--- Er braucht mir wirklich nicht zu sagen, daß er mich liebt, -- dachte
-ich nun, mich lebhaft an dieses Gespräch erinnernd. -- Er liebt mich,
-ich weiß es. Und wenn er sich noch solche Mühe gibt, gleichgültig zu
-erscheinen, wird er mir diese Gewißheit doch nicht nehmen. --
-
-An diesem ganzen Abend sprach er sehr wenig mit mir, aber ich las
-in jedem seiner Worte, die er an Katja oder Ssonja richtete, in
-jeder seiner Bewegungen, in jedem seiner Blicke seine Liebe, und ich
-zweifelte nicht mehr an ihr. Es verdroß und dauerte mich nur, daß er es
-für nötig hielt, sein Gefühl zu verheimlichen und sich kalt zu stellen,
-wo alles schon so klar war und wo man auf eine so leichte und einfache
-Weise so unglaublich glücklich werden konnte. Aber mich bedrückte
-es immer wie ein Verbrechen, daß ich zu ihm in das Gewächshaus
-hineingesprungen war. Mir schien immer, als würde er nun aufhören, mich
-zu achten und als sei er mir böse.
-
-Nach dem Tee trat ich ans Klavier, und er folgte mir.
-
-»Spielen Sie mir doch etwas, ich habe Sie schon lange nicht spielen
-hören,« sagte er, als er mich im Wohnzimmer einholte.
-
-»Ich wollte auch selbst ... Ssergej Michailytsch!« sagte ich, ihm
-plötzlich gerade in die Augen blickend. »Sie sind mir doch nicht böse?«
-
-»Weshalb denn?« fragte er.
-
-»Weil ich heute nachmittag auf Sie nicht gehört habe,« antwortete ich
-errötend.
-
-Er verstand, was ich meinte, schüttelte den Kopf und lächelte. Sein
-Blick sagte mir, daß er mich schelten müßte, aber keine Kraft dazu
-hätte.
-
-»Es ist nichts passiert, wir sind wieder gute Freunde,« sagte ich,
-indem ich mich ans Klavier setzte.
-
-»Und ob!« antwortete er.
-
-Im großen, hohen Salon brannten nur die beiden Kerzen auf dem Klavier,
-der übrige Raum war halbfinster. Durch die offenen Fenster blickte
-die helle Sommernacht herein. Alles war still, wir hörten nur hin und
-wieder, wie Katja im dunklen Wohnzimmer auf und ab ging und wie sein
-unter einem der Fenster angebundenes Pferd schnaubte und mit den Hufen
-auf die Pestwurzstauden stampfte. Er saß hinter mir, so daß ich ihn
-nicht sehen konnte; aber ich fühlte überall -- im Halbdunkel dieses
-Zimmers, in den Tönen, in mir selbst -- seine Gegenwart. Ich spürte
-in meinem Herzen jeden seiner Blicke, jede seiner Bewegungen, die ich
-nicht sehen konnte. Ich spielte die Fantasie-Sonate von Mozart, die
-er mir gebracht und die ich in seinem Beisein und für ihn einstudiert
-hatte. Ich dachte gar nicht daran, was ich spielte, aber ich glaube,
-daß ich gut spielte, und es schien mir, daß es ihm gefiel. Ich
-hatte den gleichen Genuß, den er empfand und fühlte auch, ohne ihn
-anzusehen, seinen Blick, der auf meinem Rücken ruhte. Ich sah mich
-ganz unwillkürlich nach ihm um, während meine Finger bewußtlos über
-die Tasten liefen. Sein Kopf hob sich vom leuchtenden Hintergrunde des
-nächtlichen Himmels ab. Er saß, den Kopf in die Hände gestützt, und
-sah mich unverwandt mit glänzenden Augen an. Ich lächelte, als ich den
-Blick bemerkte, und hörte zu spielen auf. Auch er lächelte und wies
-vorwurfsvoll mit dem Kopf auf die Noten, damit ich weiter spiele. Als
-ich fertig war, leuchtete der Mond, der nun hoch am Himmel stand, ins
-Zimmer herein, und außer dem schwachen Scheine der Kerzen, war der Raum
-auch noch von einem anderen silbernen Lichte erfüllt, das durch die
-Fenster eindrang und sich auf den Boden legte. Katja sagte, es sei ganz
-unerhört, daß ich gerade an der schönsten Stelle aufgehört, und daß
-ich schlecht gespielt hätte; er aber meinte, ich hätte noch nie so gut
-gespielt wie heute; und er fing an, auf und ab zu gehen, -- durch den
-Saal ins dunkle Wohnzimmer und dann wieder durch den Saal, und sooft
-er an mir vorüberging, lächelte er mir zu. Auch ich lächelte und hatte
-sogar Lust, ohne jeden Grund zu lachen: so froh war ich über etwas,
-was sich heute, soeben ereignet hatte. Sooft er in der Tür verschwand,
-umarmte ich Katja, mit der ich am Klavier stand und küßte sie auf meine
-Lieblingsstelle -- den vollen Hals unter dem Kinn; sobald er aber
-wiederkam, machte ich ein ernstes Gesicht und hielt mit Mühe das Lachen
-zurück.
-
-»Was ist mit ihr heute auf einmal los?« fragte ihn Katja.
-
-Er antwortete aber nicht und sah mich nur lächelnd an: er wußte, was
-mit mir los war.
-
-»Sehen Sie nur, welch eine Nacht!« rief er aus dem Wohnzimmer, vor der
-offenen, auf den Garten hinausgehenden Balkontüre stehen bleibend.
-
-Wir gingen zu ihm; es war in der Tat eine Nacht, wie ich sie später nie
-wieder gesehen habe. Der Vollmond stand hinter uns über dem Hause, so
-daß wir ihn nicht sehen konnten, und der halbe Schatten des Daches, der
-Säulen und der Markise lag schräg und verkürzt auf dem sandbestreuten
-Gartenwege und auf dem runden Rasenplatze. Alles übrige war hell und
-von Tau und Mondlicht versilbert. Der breite, mit Blumen eingefaßte
-Weg, auf den von der einen Seite die schrägen Schatten der Georginen
-und ihrer Stäbe fielen, zog sich, ganz hell und kalt, durch den Nebel
-in die Ferne hin, und der Schotter, mit dem er bestreut war, glänzte.
-Hinter den Bäumen leuchtete das Dach des Gewächshauses hervor, und
-aus der Schlucht stieg Nebel auf. Die schon ein wenig entblößten
-Fliedersträuche waren bis zu den Ästen durchleuchtet. Alle vom Tau
-befeuchteten Blumen waren deutlich voneinander zu unterscheiden. In den
-Alleen hatten sich Licht und Schatten so innig miteinander vermischt,
-daß die Alleen nicht mehr als von Bäumen eingefaßte Wege, sondern als
-durchsichtige, schwankende und zitternde Gebäude erschienen. Rechts, im
-Schatten des Hauses war alles schwarz, unbestimmt und unheimlich. Dafür
-ragte aus diesem Dunkel noch heller der phantastische Wipfel der Pappel
-hervor, die so seltsam in der Nähe des Hauses, oben im hellen Lichte
-unbeweglich zu schweben schien, statt in den fernen bläulichen Himmel
-emporzufliegen.
-
-»Wollen wir etwas gehen,« sagte ich.
-
-Katja war einverstanden, meinte aber, daß ich meine Galoschen anziehen
-müßte.
-
-»Es ist nicht nötig, Katja,« sagte ich, »Ssergej Michailytsch wird mir
-ja den Arm geben.«
-
-Als ob mich das hinderte, nasse Füße zu bekommen! Aber damals kam es
-uns allen dreien ganz natürlich und gar nicht sonderbar vor. Er hatte
-mir noch niemals den Arm gegeben, doch diesmal nahm ich ihn selbst, und
-er fand auch das gar nicht sonderbar. Zu dritt gingen wir die Terrasse
-hinab. Diese ganze Welt, dieser Himmel, dieser Garten, diese Luft waren
-nicht mehr dieselben, die ich kannte.
-
-Als ich die Allee, über die wir gingen, hinuntersah, war es mir, als
-sei es unmöglich, noch weiter zu gehen, als habe die Welt des Möglichen
-dort ihr Ende, als müsse dies alles für immer in seiner Schönheit
-erstarren. Aber wir gingen weiter, und die Zauberwand der Schönheit
-öffnete sich vor uns und ließ uns ein, und auch dort schien unser
-alter Garten mit seinen Bäumen, Wegen und trockenem Laub zu liegen. Es
-war, als ob wir über die Wege gingen, mit den Füßen auf die Licht- und
-Schattenseite träten, als raschelte das welke Laub unter meinem Fuße
-und als streifte ein frischer Zweig mein Gesicht. Es war, als ob er es
-wäre, der gleichmäßig und langsam neben mir gehend, behutsam meinen Arm
-hielt; als ob es wirklich Katja wäre, unter deren Schritten neben uns
-der Sand knirschte. Es war wohl auch wirklich der Mond am Himmel, der
-auf uns durch die regungslosen Zweige herabschien ...
-
-Aber mit jedem Schritt schloß sich die Zauberwand wieder vor uns und
-hinter uns, und ich hörte zu glauben auf, daß es möglich sei, noch
-weiter zu gehen, und ich glaubte nicht mehr an das, was war.
-
-»Ach! Ein Frosch!« rief Katja.
-
--- Wer sagt das und warum sagt er das? -- dachte ich mir. Aber später
-begriff ich, daß es Katja sei, daß sie sich vor den Fröschen fürchtete,
-und ich blickte vor meine Füße. Ein kleiner Frosch hüpfte und blieb
-dann unbeweglich vor mir sitzen, und sein kleiner Schatten zeichnete
-sich auf dem hellen, lehmigen Wege ab.
-
-»Und Sie fürchten sich gar nicht?« fragte er.
-
-Ich sah ihn an. Dort, wo wir eben gingen, fehlte in der Allee eine
-Linde, und ich konnte sein Gesicht deutlich sehen. Es war so schön und
-so glücklich ...
-
-Er hatte gesagt: »Sie fürchten sich gar nicht?« aber ich hörte ihn
-sagen: -- Ich liebe dich, mein liebes Mädchen! -- Ich liebe, ich liebe
-dich! -- sagten sein Blick und sein Arm; auch Licht und Schatten und
-die Luft sagten dasselbe.
-
-Wir umwanderten den ganzen Garten. Katja ging neben uns mit ihren
-kleinen Schritten und atmete schwer vor Müdigkeit. Sie sagte, daß es
-Zeit sei, umzukehren, und die Ärmste tat mir so furchtbar leid. --
-Warum fühlt sie nicht dasselbe wie wir? fragte ich mich. -- Warum sind
-nicht alle so jung und so glücklich wie diese Nacht, wie wir beide?
-
-Wir kehrten ins Haus zurück, aber er blieb noch lange bei uns, obwohl
-die Hähne schon gekräht hatten, obwohl alle im Hause schliefen und
-sein Pferd vor dem Fenster immer ungeduldiger schnaubte und mit den
-Hufen auf die Pestwurzstauden stampfte. Katja sagte uns nicht, daß es
-schon spät sei, und so blieben wir, von den gleichgültigsten Dingen
-sprechend, ohne es selbst zu merken bis zur dritten Morgenstunde auf.
-Die Hähne krähten schon zum drittenmal, und der Morgen dämmerte,
-als er uns verließ. Er verabschiedete sich ganz wie sonst und sagte
-nichts Außergewöhnliches; aber ich wußte, daß er von diesem Tage an
-mir gehörte, und daß ich ihn nie wieder verlieren würde. Sobald ich
-mir eingestanden hatte, daß ich ihn liebe, erzählte ich alles Katja.
-Sie war sehr erfreut und gerührt, weil ich es ihr erzählte, aber die
-Ärmste konnte diese ganze Nacht nicht einschlafen. Ich ging noch lange
-auf der Terrasse auf und ab, stieg in den Garten hinunter, wandelte
-durch die gleichen Alleen, durch die wir früher gewandelt, und suchte
-mich jedes seiner Worte, jeder seiner Bewegungen zu entsinnen. Ich
-schlief diese ganze Nacht nicht und sah zum erstenmal in meinem Leben
-den Sonnenaufgang und den frühen Morgen. Eine solche Nacht und einen
-solchen Morgen habe ich später nie wieder erlebt. -- Aber warum sagt
-er mir nicht ganz einfach, daß er mich liebt? -- dachte ich. -- Warum
-erfindet er allerlei Schwierigkeiten, warum nennt er sich einen alten
-Mann, während alles doch so einfach und so herrlich ist? Warum verliert
-er die goldene Zeit, die vielleicht niemals wiederkehrt? Mag er doch
-nur einmal sagen: »ich liebe dich!«, mag er es mir nur einmal mit
-Worten sagen, mag er meine Hand in die seine nehmen, seinen Kopf über
-sie beugen und sagen: »ich liebe dich«. Mag er erröten und die Augen
-vor mir niederschlagen, und dann will ich ihm auch alles sagen. Ich
-werde es ihm nicht einmal sagen, ich werde ihn umarmen, mich an ihn
-schmiegen und zu weinen anfangen. -- Aber wenn ich mich täusche, wenn
-er mich gar nicht liebt? -- ging es mir plötzlich durch den Kopf.
-
-Ich erschrak vor meinem Gefühl, -- Gott weiß, wohin es mich hätte
-führen können; ich erinnerte mich seiner und meiner Verwirrung im
-Gewächshaus, als ich plötzlich zu ihm hinuntersprang, und es wurde
-mir so schwer, so schwer ums Herz. Tränen stürzten mir aus den Augen,
-und ich begann zu beten. Und mir kam ein seltsamer Gedanke, der mich
-beruhigte, und eine neue Hoffnung erfüllte mich. Ich entschloß mich,
-gleich vom nächsten Morgen an zu fasten, an meinem Geburtstage zu
-beichten und zu kommunizieren und am gleichen Tage seine Braut zu
-werden.
-
-Wie und warum es so kommen mußte, wußte ich gar nicht, aber von diesem
-Augenblicke an glaubte ich fest, daß es so kommen würde. Es war schon
-ganz hell geworden, und die Leute standen auf, als ich in mein Zimmer
-zurückkehrte.
-
-
-IV
-
-Es waren die Fasten vor Mariä Himmelfahrt, und niemand im Hause
-wunderte sich darum über meinen Entschluß, mich zur Beichte
-vorzubereiten.
-
-Diese ganze Woche war er kein einzigesmal bei uns gewesen, und mir fiel
-es nicht nur nicht ein, mich darüber zu wundern, mich zu beunruhigen
-und ihm deswegen zu zürnen, sondern ich war sogar froh, daß er nicht
-kam und erwartete ihn erst an meinem Geburtstage. Im Laufe dieser
-ganzen Woche stand ich jeden Morgen sehr früh auf. Während man den
-Wagen für mich anspannte, ging ich allein im Garten auf und ab, nahm
-alle meine Sünden des vorhergehenden Tages durch und überlegte mir, was
-ich heute machen sollte, um mit diesem Tage zufrieden zu sein und kein
-einziges Mal zu straucheln. Damals kam es mir so leicht vor, ganz rein
-von Sünden zu sein. Ich dachte mir, es genüge, daß ich mich ein wenig
-zusammennehme. Die Pferde fuhren vor, ich stieg mit Katja oder einem
-der Dienstmädchen in die Liniendroschke, und wir begaben uns nach der
-drei Werst entfernten Kirche. Beim Betreten der Kirche erinnerte ich
-mich jedesmal, daß man für alle »mit Gottesfurcht Eintretenden« betet,
-und bemühte mich, mit diesem Gefühl über die beiden grasbewachsenen
-Stufen des Kirchenportals zu treten. In der Kirche waren um diese
-Stunde nie mehr als an die zehn Bauern und Bäuerinnen, die sich
-ebenfalls zur Beichte vorbereiteten; ich erwiderte mit besonderer
-Demut ihre Verbeugungen, ging selbst, was mir als ein gottgefälliges
-Werk erschien, zu der Kerzenlade, ließ mir vom Kirchenältesten, einem
-alten Soldaten, eine Kerze geben und stellte sie dann selbst vor
-die Heiligenbilder. Durch die »Zarenpforte« sah ich die von meiner
-Mama gestickte Altardecke: über der Heiligenwand waren zwei Engel
-mit Sternen angebracht, die mir, als ich noch klein war, so groß
-erschienen, und eine Taube mit gelbem Heiligenschein, die mich damals
-gleichfalls gefesselt hatte. Hinter dem Chore stand das zerbeulte
-Taufbecken, über dem ich schon so oft die Kinder unserer Leibeigenen
-als Taufpatin gehalten hatte und in dem ich einst selbst getauft worden
-war. Der alte Priester trat vor den Altar in einem Ornat, das aus dem
-Bahrtuch meines verstorbenen Vaters angefertigt worden war, und sprach
-die Gebete mit der gleichen Stimme, mit der er immer, soweit ich mich
-erinnern konnte, in unserem Hause die Gottesdienste abgehalten, Ssonja
-getauft, die Seelenmesse für meinen Vater gelesen und die Leiche meiner
-Mutter eingesegnet hatte. Die gleiche zitternde Stimme des Küsters
-klang im Chor, und die gleiche alte Frau, die ich in dieser Kirche
-von jeher und bei jedem Gottesdienste gesehen hatte, stand gebückt an
-der Wand, blickte mit weinenden Augen auf das Heiligenbild im Chor,
-drückte die zum Zeichen des Kreuzes zusammengelegten Finger an ihr
-verschossenes Kopftuch und flüsterte etwas mit zahnlosem Munde. Dies
-alles weckte jetzt in mir nicht mehr Neugierde, auch nicht bloß liebe
-Erinnerungen, sondern war groß und heilig und schien mir von einer
-tiefen Bedeutung erfüllt. Ich glaubte jedem Worte des Gebets, das der
-Priester las, bemühte mich, auf jedes Wort mit innerem Gefühl Antwort
-zu geben, und wenn ich etwas nicht verstand, so bat ich in Gedanken
-Gott, mich zu erleuchten, oder erfand an Stelle des Gebetes, dem ich
-nicht folgen konnte, mein eigenes. Wenn die Bußgebete gelesen wurden,
-erinnerte ich mich meiner ganzen Vergangenheit, und diese kindliche und
-unschuldige Vergangenheit erschien mir im Vergleich mit dem jetzigen
-lichten Zustande meiner Seele so schwarz, daß ich weinte und mich
-über mich selbst entsetzte; zugleich fühlte ich aber, daß mir dies
-alles vergeben würde, und daß, wenn ich sogar noch mehr Sünden hätte,
-die Reue für mich um so süßer wäre. Wenn der Priester am Ende des
-Gottesdienstes die Worte sprach: »Gottes Segen über Euch«, glaubte ich
-im gleichen Augenblick von einem körperlichen Wohlgefühl durchströmt zu
-werden: es war, als ob mir plötzlich Licht und Wärme ins Herz drängen.
-Nach dem Gottesdienste kam der Priester zu mir heraus und fragte, ob
-und wann er zu uns ins Haus kommen solle, um eine Abendmesse zu lesen;
-aber ich dankte ihm gerührt dafür, daß er es, wie ich glaubte, für mich
-tun wollte, und sagte, daß ich selbst zu Fuß oder zu Wagen zur Kirche
-kommen werde.
-
-»Sie wollen sich selbst bemühen?« pflegte er zu fragen.
-
-Ich wußte nicht, was zu antworten, ohne in die Sünde des Hochmuts zu
-verfallen.
-
-Nach der Messe schickte ich, wenn Katja nicht dabei war, die Pferde
-immer weg und ging allein zu Fuß nach Hause. Unterwegs verbeugte ich
-mich demütig vor allen, denen ich begegnete und suchte Gelegenheit,
-jemand mit Tat oder Rat zu helfen, mich für jemand aufzuopfern; bald
-half ich einem Bauern, einen umgekippten Wagen aufzuheben, bald wiegte
-ich ein Kind und trat bald von der Straße in den Schmutz, um jemand
-den Weg frei zu machen. Eines Abends hörte ich, wie der Verwalter
-Katja erzählte, daß der Bauer Ssemjon zu ihm gekommen sei, um Bretter
-zu einem Sarge für seine verstorbene Tochter und einen Rubel für die
-Seelenmesse zu bitten, und daß er ihm beides gegeben habe. »Sind
-denn die Leute so arm?« fragte ich. -- »Sie sind sehr arm, gnädiges
-Fräulein, sie haben nicht mal Salz,« antwortete der Verwalter. Mein
-Herz schnürte sich zusammen, und zugleich überkam mich etwas wie
-Freude, als ich das hörte. Ich log Katja vor, daß ich spazieren gehen
-möchte, lief hinauf, holte mein ganzes Geld (es war sehr wenig, aber
-doch alles, was ich besaß), bekreuzigte mich und ging allein über die
-Terrasse und den Garten ins Dorf zu Ssemjons Hause. Sein Haus stand am
-Rande des Dorfes, ich trat, von niemand bemerkt, ans Fenster, legte
-das Geld hinein und klopfte an. Die Tür knarrte, jemand kam aus dem
-Hause und rief mich an; ich lief, vor Schreck zitternd und am ganzen
-Leibe erkaltend, wie eine Verbrecherin heim. Katja fragte mich, wo ich
-gewesen und was mit mir los sei, aber ich verstand nicht einmal, was
-sie zu mir sagte, und gab ihr keine Antwort. Alles erschien mir auf
-einmal so nichtig und eitel. Ich schloß mich in meinem Zimmer ein und
-ging lange auf und ab, außerstande, etwas zu tun, an etwas zu denken,
-außerstande, mir Rechenschaft über meine Empfindungen zu geben. Ich
-dachte an die Freude, die ich der ganzen Familie bereitet hatte, an
-die Worte, mit denen sie von demjenigen sprechen würden, der das Geld
-hingelegt hatte, und es tat mir leid, daß ich ihnen das Geld nicht
-in die Hand gegeben hatte. Ich dachte auch daran, was wohl Ssergej
-Michailytsch sagen würde, wenn er von dieser Tat erführe und freute
-mich darüber, daß niemand es erfahren würde. Und in mir war eine solche
-Freude, alle Menschen und ich selbst erschienen mir so schlecht, und
-ich betrachtete mich und die anderen so mild, daß der Gedanke an den
-Tod mir wie ein Traum von Glück erschien. Ich lächelte und betete und
-weinte und liebte in diesem Augenblick alle Menschen und auch mich
-selbst so heiß und so leidenschaftlich. Zwischen den Messen las ich
-im Evangelium, und immer verständlicher wurde mir dieses Buch, immer
-rührender und einfacher erschien mir die Geschichte dieses göttlichen
-Lebens und immer unheimlicher und unergründlicher die Tiefe des Gefühls
-und der Gedanken, die ich in seiner Lehre fand. So klar und einfach
-erschien mir dafür alles, wenn ich das Buch beiseite legte und tiefer
-ins Leben schaute, das mich umgab. Es erschien mir so schwer, nicht
-gut zu sein, und so einfach, alle zu lieben und von allen geliebt zu
-werden. Alle waren so gut und sanft zu mir; sogar Ssonja, der ich
-noch immer Unterricht erteilte, war eine ganz andere geworden und gab
-sich Mühe, mich zu verstehen, mir gefällig zu sein und mich nicht zu
-betrüben. Wie ich zu den Menschen war, so waren sie auch zu mir. Ich
-überlegte mir, ob ich nicht Feinde hätte, die ich vor der Beichte
-um Verzeihung bitten müßte, und erinnerte mich nur eines jungen
-Mädchens aus der Nachbarschaft, über das ich mich einmal vor Gästen
-lustig gemacht hatte und das uns nicht mehr besuchte. Ich schrieb ihr
-einen Brief, in dem ich meine Schuld bekannte und sie um Vergebung
-bat. Sie antwortete mir mit einem Briefe, in dem sie mich selbst um
-Verzeihung bat und auch mir verzieh. Ich weinte vor Freude, als ich
-diese einfachen Zeilen las, in denen ich damals ein ebenso tiefes und
-rührendes Gefühl zu sehen glaubte. Die alte Kinderfrau weinte, als
-ich sie um Vergebung bat. -- Warum sind sie alle so gut zu mir? Womit
-habe ich solche Liebe verdient? -- fragte ich mich. Ich erinnerte mich
-auch unwillkürlich Ssergej Michailytschs und dachte lange an ihn. Ich
-konnte nicht anders und hielt es sogar auch nicht für Sünde. Aber
-ich dachte an ihn jetzt ganz anders als in jener Nacht, wo ich zum
-erstenmal erfuhr, daß ich ihn liebe; ich dachte an ihn wie an mich
-selbst und verknüpfte ihn unwillkürlich mit jedem Gedanken an meine
-eigene Zukunft. Der erdrückende Einfluß, den ich in seiner Gegenwart
-verspürt hatte, war nun in meiner Fantasie vollkommen verschwunden.
-Ich betrachtete mich als ihm gleich und verstand ihn vollkommen von
-der Höhe der geistlichen Stimmung herab, in der ich mich befand.
-Alles, was mir an ihm früher seltsam erschienen, war mir jetzt klar.
-Erst jetzt begriff ich, warum er gesagt hatte, daß das Glück nur darin
-liege, für andere zu leben, und ich war mit ihm jetzt darin vollkommen
-einverstanden. Es schien mir, daß uns beide ein unendliches und ruhiges
-Glück erwartete. Ich dachte aber dabei nicht an Reisen ins Ausland,
-nicht an den Glanz der großen Welt, sondern an ein ganz anderes,
-stilles Familienleben auf dem Lande, mit ewiger Selbstaufopferung,
-mit ewiger Liebe zueinander und mit ewiger Erkenntnis der milden und
-hilfreichen Vorsehung in allen Dingen.
-
-Ich kommunizierte, wie ich es mir vorgenommen hatte, an meinem
-Geburtstage. Als ich an diesem Tage aus der Kirche zurückkehrte, war
-mein Herz von einem so vollkommenen Glück erfüllt, daß ich mich vor
-dem Leben, vor jedem Eindruck, vor allem fürchtete, was dieses Glück
-hätte stören können. Aber kaum waren wir der Liniendroschke vor unserer
-Freitreppe entstiegen, als auf der Brücke das mir bekannte Kabriolett
-rasselte und ich Ssergej Michailytsch erblickte. Er gratulierte mir,
-und wir traten zusammen ins Wohnzimmer. Noch niemals, seitdem ich
-ihn kannte, war ich so ruhig und meiner selbst sicher wie an diesem
-Morgen. Ich fühlte in mir eine ganze neue Welt, die er nicht begriff,
-die größer war als er. Ich empfand vor ihm nicht die geringste
-Verlegenheit. Er merkte wohl, woher das kam, und benahm sich besonders
-zartfühlend, sanft und fromm mir gegenüber. Ich trat an das Klavier,
-aber er schloß es zu und steckte den Schlüssel in die Tasche.
-
-»Verderben Sie Ihre Stimmung nicht,« sagte er. »In Ihrer Seele ist
-jetzt eine Musik, die schöner ist als jede Musik auf Erden.«
-
-Ich war ihm dankbar dafür, und doch war es mir zugleich auch etwas
-unangenehm, daß er so leicht und klar alles begriff, was als Geheimnis
-in meiner Seele ruhen sollte. Beim Mittagessen sagte er, er sei
-gekommen, mir zu gratulieren und zugleich Abschied zu nehmen, weil er
-morgen nach Moskau verreise. Als er das sagte, sah er nur Katja an;
-dann streifte er aber auch mich mit einem Blick, und ich sah ihm an,
-daß er fürchtete, in meinem Gesicht eine Erregung zu merken. Aber ich
-war weder erstaunt noch erregt und fragte ihn nicht mal, ob er für
-lange verreise. Ich hatte erwartet, daß er es sagen würde, und ich
-wußte auch, daß er nicht verreisen würde. Wie ich das wußte? Jetzt kann
-ich mir das unmöglich erklären; aber an jenem denkwürdigen Tage war
-es mir, als ob ich alles, wie das Vergangene, so auch das Zukünftige
-wüßte. Ich war wie in einem glücklichen Traum, wo mir alles, was auch
-geschieht, schon bekannt vorkommt, wo ich alles schon längst weiß, es
-aber erst in der Zukunft geschehen soll, und ich weiß, daß es geschehen
-wird.
-
-Er wollte gleich nach dem Essen wegfahren, aber Katja, die noch von
-der Messe ermüdet war, zog sich zurück, um sich etwas hinzulegen, und
-er mußte warten, bis sie erwachte, um sich von ihr zu verabschieden.
-Im Salon war die Sonne, und wir gingen auf die Terrasse. Kaum hatten
-wir uns hingesetzt, als ich in vollkommener Ruhe das Gespräch begann,
-das über das Schicksal meiner Liebe entscheiden sollte. Ich fing zu
-sprechen an, weder früher noch später, sondern just in dem Augenblick,
-als wir uns hingesetzt hatten, als noch nichts gesagt worden war und
-als weder der Ton noch der Charakter des Gesprächs mich darin, was ich
-sagen wollte, hindern konnten. Ich weiß selbst nicht, wo ich damals
-solche Ruhe, Entschlossenheit und Genauigkeit der Ausdrucksweise
-hernahm. Es war, als sagte ich es nicht selbst, als spräche etwas, was
-von meinem Willen nicht abhing, aus mir heraus. Er saß mir gegenüber,
-die Ellbogen auf das Geländer gestützt und rupfte die Blätter von einem
-Fliederzweige, den er zu sich herangezogen hatte. Als ich zu sprechen
-anfing, ließ er den Zweig fahren und stützte den Kopf in die Hand.
-Das konnte die Pose eines durchaus ruhigen, wie auch die eines sehr
-aufgeregten Mannes sein.
-
-»Warum verreisen Sie?« fragte ich bedeutungsvoll und langsam, ihm
-gerade ins Gesicht blickend.
-
-Er antwortete nicht gleich.
-
-»Die Geschäfte!« versetzte er schließlich, die Augen senkend.
-
-Ich begriff, wie schwer es ihm fiel, mir die Unwahrheit zu sagen und
-dazu noch auf eine so aufrichtig gestellte Frage.
-
-»Hören Sie,« sagte ich, »Sie wissen, was dieser Tag für mich ist. Er
-ist mir in mancher Beziehung wichtig. Wenn ich Sie frage, so tue ich
-es nicht nur, um mein Interesse für Sie zu zeigen (Sie wissen, daß ich
-mich an Sie gewöhnt habe und Sie gerne mag); ich frage, weil ich es
-wissen muß. Warum verreisen Sie?«
-
-»Es ist mir sehr schwer, Ihnen die Wahrheit zu sagen, warum ich
-verreise,« sagte er. »In dieser Woche habe ich viel an Sie und auch an
-mich gedacht und bin zu dem Schluß gekommen, daß ich verreisen muß.
-Sie verstehen doch, warum, und wenn Sie mich lieben, werden Sie nicht
-weiter fragen.« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne und bedeckte
-dann mit ihr die Augen. »Es fällt mir schwer ... Und Sie verstehen es
-doch.«
-
-Mein Herz fing heftig zu schlagen an.
-
-»Ich kann es nicht verstehen,« entgegnete ich, »_ich kann es nicht_,
-aber _Sie selbst_, sagen Sie es mir um Gottes willen, schon weil es ein
-so besonderer Tag für mich ist, ich kann alles ruhig anhören!«
-
-Er änderte seine Stellung, blickte mich an und zog den Fliederzweig
-wieder zu sich.
-
-»Übrigens,« sagte er nach kurzer Pause mit einer Stimme, die sich
-vergebens bemühte, fest zu erscheinen, »obwohl es dumm und unmöglich
-ist, es mit Worten auszusprechen, obwohl es mir schwer fällt, will ich
-mich doch bemühen, es Ihnen zu erklären,« fügte er hinzu, das Gesicht
-wie bei einem körperlichen Schmerz verziehend.
-
-»Nun?« fragte ich.
-
-»Denken Sie sich folgenden Fall: es war einmal ein Herr, sagen wir ein
-Herr A.,« begann er, »ein alter und abgelebter Mann, und es war ein
-gewisses Fräulein B., ein glückliches junges Mädchen, das das Leben und
-die Menschen noch nicht kannte. Infolge besonderer Familienverhältnisse
-gewann er sie wie eine Tochter lieb und dachte gar nicht daran, sie
-anders lieben zu können.«
-
-Er hielt inne, aber ich unterbrach ihn nicht.
-
-»Aber er hatte vergessen, daß Fräulein B. so jung war, daß das Leben
-für sie noch ein Spiel bedeutete,« fuhr er plötzlich schnell und
-entschlossen fort, ohne mich anzublicken, »daß es sehr leicht sei, sie
-anders zu lieben, und daß dies ihr sehr amüsant erscheinen würde. Er
-hatte sich aber geirrt und fühlte plötzlich, daß ein anderes Gefühl, so
-schwer wie die Reue sich in sein Herz einschlich, und er erschrak. Er
-fürchtete, daß ihre früheren freundschaftlichen Beziehungen abbrechen
-könnten, und er entschloß sich, zu verreisen, bevor dies geschähe.« Als
-er das sagte, rieb er sich, wie zerstreut, mit der Hand die Augen und
-schloß sie wieder.
-
-»Warum fürchtete er denn, sie anders zu lieben?« fragte ich kaum
-hörbar, meine Erregung zurückhaltend, so daß meine Stimme ruhig klang;
-ihm erschien aber mein Ton wohl scherzhaft, und er antwortete wie
-beleidigt:
-
-»Sie sind jung, und ich bin nicht mehr jung. Sie wollen spielen, aber
-ich will etwas anderes. Spielen Sie nur, aber nur nicht mit mir, denn
-sonst werde ich es vielleicht ernst nehmen, und das wäre für mich nicht
-gut, und Sie würden es bereuen. Das sagte der A.,« fügte er hinzu. »Es
-sind lauter Dummheiten, aber Sie verstehen wohl, warum ich verreise.
-Sprechen wir nie mehr davon, ich bitte Sie!«
-
-»Nein! Nein! Sprechen wir gerade davon!« rief ich aus, und meine Stimme
-zitterte vor zurückgehaltenen Tränen. »Liebte er sie oder nicht?«
-
-Er gab keine Antwort.
-
-»Wenn er sie aber nicht liebte, warum spielte er dann mit ihr wie mit
-einem Kinde?« fragte ich.
-
-»Ja, ja, das war eben seine Schuld,« antwortete er, mich hastig
-unterbrechend, »aber alles war zu Ende, und sie schieden ... als
-Freunde.«
-
-»Aber es ist doch entsetzlich! Ist denn kein anderer Ausweg möglich?«
-brachte ich mit Mühe hervor und erschrak gleich darauf über meine
-eigenen Worte.
-
-»Ja, es gibt wohl einen anderen Ausweg,« sagte er, indem er die Hand
-von seinem aufgeregten Gesicht nahm und mir gerade in die Augen
-blickte. »Es gibt zwei verschiedene Auswege. Aber um Gottes willen,
-unterbrechen Sie mich nicht und versuchen Sie mich mit Ruhe zu
-begreifen. Die einen sagen,« fing er an, indem er sich erhob, mit einem
-schmerzvollen und schwermütigen Lächeln, »die einen sagen, A. sei
-verrückt geworden, hätte sich in die B. wahnsinnig verliebt und ihr
-seine Liebe gestanden ... Sie hätte aber nur gelacht. Für sie war es
-nur ein Spiel, für ihn aber eine Lebensfrage.«
-
-Ich fuhr zusammen und wollte ihn unterbrechen, wollte ihm sagen,
-daß er sich nicht unterstehen dürfe, mir seine eigenen Gedanken
-unterzuschieben, aber er legte seine Hand auf die meine, um mich
-zurückzuhalten.
-
-»Warten Sie,« sagte er mit bebender Stimme, »die einen sagen, sie
-hätte Mitleid mit ihm gehabt; die Ärmste, die die Menschen noch nicht
-kannte, hätte sich eingebildet, daß sie ihn wirklich lieben könne, und
-eingewilligt, seine Frau zu werden. Er, der Wahnsinnige hätte geglaubt,
-daß für ihn ein neues Leben beginnen würde, aber sie hätte selbst
-begriffen, daß sie ihn betrogen habe, wie auch er sie ... Sprechen wir
-nicht mehr davon,« schloß er, offenbar außerstande, weiter zu sprechen,
-und fing an, vor mir auf und ab zu gehen.
-
-Er sagte: »sprechen wir nicht mehr davon«, aber ich sah, daß er mit der
-ganzen Sehnsucht seiner Seele ein Wort von mir erwartete. Ich wollte
-sprechen, konnte es aber nicht: etwas preßte mir die Brust zusammen.
-Ich sah ihn an: er war blaß, und seine Unterlippe zitterte. Ich fühlte
-Mitleid mit ihm. Ich nahm meine ganze Kraft zusammen, zerriß plötzlich
-die Fesseln des Schweigens und begann mit leiser, verhaltener Stimme,
-die, wie ich fürchtete, jeden Augenblick versagen konnte.
-
-»Und die dritte Möglichkeit,« begann ich und hielt inne; aber er
-schwieg. »Die dritte Möglichkeit ist, daß er sie nicht liebte und
-ihr sehr weh tat; er glaubte, im Rechte zu sein, und verließ sie und
-rühmte sich auch noch dessen. Für Sie ist es ein Spiel, aber nicht für
-mich, ich habe Sie vom ersten Tage an geliebt, geliebt!« wiederholte
-ich, und beim Worte »geliebt« steigerte sich meine bis dahin leise
-und verhaltene Stimme zu einem wilden Aufschrei, vor dem ich selbst
-erschrak.
-
-Er stand bleich vor mir, seine Lippe bebte immer heftiger, und zwei
-Tränen rollten über seine Wangen.
-
-»Das ist schlecht!« schrie ich fast, während mich die unterdrückten
-Tränen der Kränkung zu ersticken drohten. »Womit habe ich das
-verdient?« fragte ich und erhob mich, um fortzugehen.
-
-Er ließ mich aber nicht fort. Sein Kopf lag auf meinem Schoße, seine
-Lippen küßten meine zitternden Hände, und seine Tränen netzten sie.
-»Mein Gott, wenn ich es gewußt hätte!« rief er.
-
-»Womit? Womit?« wiederholte ich, und in meiner Seele war ein Glück, das
-dann für immer entschwand und nie wiederkam.
-
-Fünf Minuten später lief Ssonja zu Katja hinauf und schrie, daß es im
-ganzen Hause hallte: »Mascha will Ssergej Michailytsch heiraten!«
-
-
-V
-
-Es lagen keine Gründe vor, die Hochzeit hinauszuschieben, und weder
-er, noch ich wünschten das. Katja wollte allerdings erst nach Moskau
-fahren, um Verschiedenes für die Aussteuer einzukaufen und zu
-bestellen, und seine Mutter versuchte, darauf zu bestehen, daß er vor
-der Heirat eine neue Equipage und neue Möbel anschaffe und das Haus neu
-tapezieren lasse; wir beide setzten aber unseren Entschluß durch, dies
-alles, wenn es schon so notwendig sei, erst später zu besorgen und uns
-zwei Wochen nach meinem Geburtstage, in aller Stille, ohne Aussteuer,
-ohne Gäste, ohne Hochzeitsbeistände, ohne Festtafel, Champagner und
-sonstige Hochzeitsattribute trauen zu lassen. Er erzählte mir, wie
-ungehalten seine Mutter darüber war, daß unsere Hochzeit ohne Musik,
-ohne einen Berg von Truhen und ohne Erneuerung des ganzen Hauses
-gefeiert werden sollte, ganz anders, als ihre Hochzeit, die einst
-dreißigtausend Rubel gekostet habe, und wie sie hinter seinem Rücken
-die alten Kisten und Kasten durchwühlt und sich mit der Wirtschafterin
-Marjuschka ernsthaft wegen der für unser Glück unentbehrlichen
-Teppiche, Gardinen und Tabletts beraten habe. Meine Katja machte es
-ebenso mit der Wärterin Kusminischna. Darüber durfte man mit ihr nicht
-scherzen. Sie war fest überzeugt, daß wir, wenn wir von unserer
-Zukunft sprachen, nur tändelten und Unsinn trieben, wie es Menschen in
-dieser Lage überhaupt eigen sei, daß aber das wesentliche Glück unserer
-Zukunft nur davon abhänge, daß die Hemden richtig zugeschnitten und
-genäht und die Tischtücher und Servietten ordentlich gesäumt seien.
-Zwischen Pokrowskoje und Nikolskoje wurden einigemal am Tage geheime
-Berichte darüber ausgetauscht, was auf der einen und auf der anderen
-Seite vorbereitet wurde; obwohl die Beziehungen zwischen Katja und
-seiner Mutter äußerlich die zärtlichsten waren, war doch eine etwas
-feindselige, wenn auch raffinierte Diplomatie dabei. Seine Mutter,
-Tatjana Ssemjonowna, die ich jetzt näher kennen lernte, war eine steife
-und strenge Hausfrau, eine Dame der guten alten Zeit. Er liebte sie
-nicht nur als Sohn aus Pflichtgefühl, sondern auch aus menschlicher
-Neigung, da er sie für die beste, gütigste, klügste und liebreichste
-Frau in der Welt hielt. Tatjana Ssemjonowna war immer gut zu uns,
-besonders zu mir, und freute sich, daß ihr Sohn heiraten wollte; als
-ich sie aber als seine Braut besuchte, kam es mir vor, als wollte sie
-mich fühlen lassen, daß ich als die Auserwählte ihres Sohnes auch
-besser hätte sein können und daß es mir gar nicht schaden würde, dessen
-immer eingedenk zu sein. Ich verstand sie vollkommen und war mit ihr
-einverstanden.
-
-In den beiden letzten Wochen sahen wir uns jeden Tag. Er aß bei uns
-zu Mittag und blieb dann bis Mitternacht. Aber obwohl er sagte -- und
-ich wußte, daß er die Wahrheit sprach, -- daß er ohne mich gar nicht
-lebe, verbrachte er doch nie einen ganzen Tag mit mir und bemühte sich
-seinen Geschäften nachzugehen. Unsere äußeren Beziehungen blieben bis
-zur Hochzeit die alten: wir fuhren fort, uns mit »Sie« anzureden, er
-küßte mir nicht mal die Hand und suchte nicht nur keine Gelegenheit,
-mit mir allein zu sein, sondern schien auch solche Gelegenheiten
-zu meiden. Als fürchtete er, sich der allzu großen, gefährlichen
-Zärtlichkeit hinzugeben, die in ihm war. Ich weiß nicht, wer sich von
-uns beiden verändert hatte, er oder ich, aber jetzt fühlte ich mich ihm
-vollkommen gleich, nahm an ihm nicht mehr jene geheuchelte Einfachheit
-wahr, die mir früher so mißfiel, und sah vor mir oft mit Freude, statt
-des Respekt und Furcht einflößenden Mannes, ein sanftes und vor Glück
-fassungsloses Kind. -- Das ist also alles, was an ihm war! -- sagte ich
-mir oft: -- Er ist genau so ein Mensch wie ich und nicht mehr. -- Jetzt
-schien mir, daß ich ihn ganz durchschaut und erkannt hätte. Und alles,
-was ich erkannt hatte, war so einfach und stimmte so ganz mit meinem
-Wesen überein. Selbst seine Pläne über unser künftiges Leben waren auch
-die meinigen, die er nur klarer und besser in Worte zu kleiden verstand.
-
-Das Wetter war während dieser Wochen schlecht, und wir verbrachten die
-meiste Zeit im Hause. Die schönsten und herzlichsten Gespräche führten
-wir in der Ecke zwischen dem Klavier und dem Fenster. Auf dem dunklen
-Fenster spiegelte sich ganz nahe das Licht der Kerzen, die Regentropfen
-schlugen gegen die glänzenden Scheiben und flossen an ihnen herab.
-Gegen das Dach prasselte es, in der Pfütze unter der Traufe klatschte
-das Wasser, und durch das Fenster zog Feuchtigkeit herein.
-
-»Wissen Sie, ich wollte Ihnen schon lange etwas sagen,« begann er
-einmal, als wir sehr spät in unserem Winkel aufgeblieben waren.
-»Solange Sie spielten, mußte ich fortwährend daran denken.«
-
-»Sagen Sie nichts, ich weiß alles,« erwiderte ich.
-
-»Ja, wirklich, sprechen wir nicht davon.«
-
-»Nein, sagen Sie es mir doch, was ist es?« fragte ich.
-
-»Also hören Sie. Erinnern Sie sich noch, wie ich Ihnen die Geschichte
-von A. und B. erzählte?«
-
-»Wie sollte ich mich dieser dummen Geschichte nicht erinnern? Es ist
-gut, daß sie so ausgegangen ist ...«
-
-»Ja, es hat nur ein Weniges gefehlt, und ich hätte selbst mein eigenes
-Glück vernichtet. Sie haben mich errettet. Die Hauptsache aber ist, daß
-ich damals log; ich schäme mich jetzt und will Ihnen die Geschichte zu
-Ende erzählen.«
-
-»Ach, bitte nicht.«
-
-»Haben Sie keine Angst,« sagte er lächelnd. »Ich will mich nur
-rechtfertigen. Als ich eben begann, wollte ich mit langen Betrachtungen
-kommen.«
-
-»Wozu Betrachtungen anstellen!« sagte ich. »Das soll man niemals.«
-
-»Ja, ich hatte es auch schlecht gemacht. Nach allen meinen
-Enttäuschungen, den Fehlern, die ich in meinem Leben begangen hatte,
-sagte ich mir, als ich diesmal aufs Land kam, so entschieden, die
-Liebe sei für mich zu Ende und es bleibe mir nur noch die Pflicht,
-mein Leben irgendwie abzuschließen übrig, daß ich mir lange Zeit keine
-Rechenschaft darüber gab, was eigentlich mein Gefühl gegen Sie sei und
-wohin es mich bringen könne. Ich hoffte und hoffte auch nicht. Bald
-schien es mir, daß Sie kokettieren, bald glaubte ich wieder, Sie seien
-aufrichtig, und ich wußte selbst nicht, was ich tun würde. Aber nach
-jenem Abend, Sie wissen doch, als wir nachts durch den Garten gingen,
-erschrak ich plötzlich, und mein jetziges Glück erschien mir viel zu
-groß und unmöglich. Nun, wie wäre es gekommen, wenn ich mir erlaubt
-hätte, zu hoffen, und zwar vergebens? Aber ich dachte natürlich nur an
-mich, denn ich bin ein ganz gemeiner Egoist.«
-
-Er schwieg eine Weile und sah mich an.
-
-»Aber es war auch nicht lauter Unsinn, was ich damals sagte. Ich durfte
-und mußte auch fürchten. Ich empfange von Ihnen so viel und kann
-Ihnen so wenig geben. Sie sind noch ein Kind, eine Knospe, die erst
-aufbrechen wird, Sie lieben zum erstenmal, während ich ...«
-
-»Ja, sagen Sie mir die Wahrheit ...« begann ich, bekam aber plötzlich
-Angst vor seiner Antwort. »Nein, lieber nicht ...«
-
-»Ob ich schon einmal geliebt habe? Ja?« fragte er, meinen Gedanken
-sofort erratend. »Das kann ich Ihnen sagen. Nein, ich habe noch nicht
-geliebt. Ich habe noch nie etwas empfunden, was diesem Gefühl ähnlich
-wäre ...« Aber plötzlich war es, als wenn ihn eine schwere Erinnerung
-durchzuckte. »Nein, ich müßte Ihr Herz haben, um Sie lieben zu dürfen,«
-sagte er traurig. »Nun, mußte ich es mir nicht vorher überlegen, ehe
-ich Ihnen sagen durfte, daß ich Sie liebe? Was gebe ich Ihnen? Meine
-Liebe, allerdings.«
-
-»Ist denn das wenig?« fragte ich, ihm in die Augen blickend.
-
-»Es ist wenig, meine Freundin, für Sie ist es zu wenig,« fuhr er
-fort. »Sie haben die Schönheit und die Jugend! Ich kann jetzt oft in
-der Nacht vor Glück nicht einschlafen und denke immer daran, wie wir
-zusammen leben werden. Ich habe schon viel gelebt und glaube das, was
-ich zum Glücke brauche, gefunden zu haben. Ein stilles, einsames Leben
-in unserer ländlichen Einöde, die Möglichkeit, den Menschen Gutes zu
-tun, solchen Menschen, denen es so leicht ist, Gutes zu erweisen, weil
-sie daran noch nicht gewöhnt sind; dann die Arbeit, die Arbeit, von der
-man Nutzen erwartet, dann Erholung, die Natur, Bücher, Musik, die Liebe
-zu den uns Nahestehenden, -- das ist mein Glück, das höchste Glück, das
-ich mir ersehnte. Dazu noch eine solche Gefährtin wie Sie, vielleicht
-auch eine Familie und alles, was der Mensch sich nur wünschen kann.«
-
-»Ja!« sagte ich.
-
-»Doch nur für mich, der ich meine Jugend hinter mir habe, aber nicht
-für Sie,« fuhr er fort. »Sie haben noch nicht gelebt, Sie werden das
-Glück vielleicht in anderen Dingen suchen wollen und es vielleicht auch
-in anderen Dingen finden. Vielleicht kommt Ihnen das jetzt nur darum
-als ein Glück vor, weil Sie mich lieben.«
-
-»Nein, ich habe immer nur dieses stille Familienleben gewünscht und
-geliebt,« erwiderte ich. »Und Sie sagen nur das, was ich mir schon
-gedacht habe.«
-
-Er lächelte.
-
-»Es kommt Ihnen nur so vor, liebe Freundin. Aber das ist zu wenig für
-Sie. Sie haben die Schönheit und die Jugend,« sagte er wieder.
-
-Aber ich wurde böse, daß er mir nicht glauben wollte und mir meine
-Schönheit und Jugend gleichsam zum Vorwurf machte.
-
-»Warum lieben Sie mich dann?« fragte ich böse. »Um meiner Jugend oder
-um meiner selbst willen?«
-
-»Ich weiß es nicht, aber ich liebe Sie,« antwortete er und sah mich mit
-einem durchdringenden und anziehenden Blicke an.
-
-Ich antwortete nicht und blickte ihm unwillkürlich in die Augen.
-Plötzlich geschah mit mir etwas Seltsames: zuerst hörte ich auf, das,
-was mich umgab, zu sehen, dann verschwand auch sein Gesicht vor mir,
-und nur seine Augen schienen ganz dicht vor meinen Augen zu glänzen;
-dann war es mir, als ob seine Augen in mir wären; alles trübte sich,
-ich sah nichts mehr und mußte meine Augen schließen, um mich von diesem
-Gefühl von Wonne und Grauen zu befreien, das in mir dieser Blick
-weckte ...
-
-Am Vorabend unseres Hochzeitstages wurde das Wetter besser. Nach den
-verregneten Sommertagen kam der erste kalte und heitere Herbstabend.
-Alles war feucht, kalt und hell, und der Garten zeigte sich zum
-erstenmal herbstlich leer, bunt und nackt. Der Himmel war klar, kalt
-und bleich. Ich ging schlafen, glücklich, daß an meinem Hochzeitstage
-schönes Wetter sein würde. Ich erwachte mit der Sonne, und der Gedanke,
-daß es schon heute sei, erschreckte mich und setzte mich zugleich in
-Erstaunen. Ich trat in den Garten. Die Sonne war erst eben aufgegangen
-und leuchtete durch die halbentlaubten, gelb gewordenen Linden der
-Allee hindurch. Der Gartenweg war mit raschelndem Laub bedeckt.
-Die runzligen Beeren der Eberesche leuchteten rot auf den Zweigen
-neben den spärlichen, vom Froste getöteten Blättern; die Georginen
-waren zusammengeschrumpft und schwarz geworden. Der Reif lag zum
-erstenmal silbern auf dem bleichen Rasen und auf den abgebrochenen
-Pestwurzstauden vor dem Hause. Am heiteren kalten Himmel war kein
-Wölkchen zu sehen, ein solches wäre auch nicht möglich gewesen.
-
--- Ist es wirklich heute? -- fragte ich mich, meinem Glücke nicht
-trauend. -- Werde ich denn wirklich morgen nicht hier, sondern im
-fremden, säulengeschmückten Hause von Nikolskoje erwachen? Werde ich
-ihn nicht mehr hier erwarten, werde ihm nicht mehr entgegengehen
-und abends und nachts nicht mehr mit Katja über ihn plaudern? Werde
-nicht mehr mit ihm in Pokrowskoje am Klavier sitzen? Ihn nicht
-mehr begleiten und mich um ihn in den finsteren Nächten nicht mehr
-ängstigen? -- Aber ich erinnerte mich seiner Worte von gestern abend,
-er käme zum letztenmal, und daß Katja mich genötigt, das Hochzeitskleid
-anzuprobieren und dabei gesagt hatte: »Für morgen«; einen Augenblick
-lang glaubte ich es und fing dann wieder zu zweifeln an. -- Werde ich
-denn von morgen ab dort mit der Schwiegermutter, ohne die Nadeschda,
-ohne den alten Grigorij, ohne Katja leben? Werde vor dem Schlafengehen
-meine alte Wärterin nicht mehr küssen, und sie wird mich nicht
-mehr nach alter Gewohnheit bekreuzigen und mir sagen: »Gute Nacht,
-Fräulein«? Werde Ssonja nicht mehr unterrichten und mit ihr nicht mehr
-spielen, des Morgens nicht mehr an die Wand ihres Zimmers klopfen und
-ihr helles Lachen hören? Werde ich denn heute für mich selbst fremd
-werden, wird sich vor mir ein neues Leben mit der Verwirklichung aller
-meiner Wünsche und Hoffnungen auftun? Kommt dieses neue Leben für
-immer? -- Ich erwartete ihn mit Ungeduld, denn es war mir so schwer,
-allein alle diese Gedanken zu tragen. Er kam früh, und erst an seiner
-Seite glaubte ich wirklich daran, daß ich heute seine Frau werden
-sollte, und dieser Gedanke hatte für mich nichts Schreckliches mehr.
-
-Vor dem Essen gingen wir in unsere Kirche, um eine Messe für meinen
-verstorbenen Vater zu hören.
-
--- Wenn er doch jetzt am Leben wäre! -- dachte ich, als wir nach Hause
-zurückkehrten und ich mich schweigend auf den Arm eines Mannes stützte,
-der der beste Freund dessen gewesen war, an den ich dachte. Als ich
-während des Gebets mit meiner Stirne die kalten steinernen Fußböden
-der Kapelle berührte, sah ich meinen Vater so lebhaft vor mir, glaubte
-so fest daran, daß seine Seele mich verstehe und meine Wahl segne, daß
-es mir auch jetzt schien, seine Seele schwebe über uns, und daß ich
-seinen Segen auf mir ruhen fühlte. Erinnerungen, Hoffnungen, Glück und
-Trauer flossen zu einer einzigen, feierlichen und angenehmen Empfindung
-zusammen, zu der diese unbewegliche, frische Luft, die Stille, die
-entblößten Felder und der bleiche Himmel, von dem leuchtende, doch
-ohnmächtige Strahlen herabfielen, die sich vergebens bemühten, mir die
-Wange zu versengen, so wunderbar paßten. Mir schien, als ob auch er,
-mit dem ich ging, mein Gefühl verstünde und teilte. Er ging langsam und
-schweigend, und sein Gesicht, das ich ab und zu anblickte, drückte die
-gleiche feierliche Stimmung, die halb Trauer und halb Freude war, aus,
-von der die Natur und auch mein Herz erfüllt waren.
-
-Plötzlich wandte er sich zu mir um; ich sah, daß er mir etwas sagen
-wollte. -- Wie, wenn er mir jetzt dasselbe sagt, was ich selbst denke?
--- kam es mir in den Sinn. Er sprach aber von meinem Vater, ohne ihn
-übrigens zu nennen.
-
-»Einmal sagte er mir im Scherz: ›Heirate doch meine Mascha!‹«
-
-»Wie glücklich wäre er jetzt,« sagte ich und drückte seinen Arm, der
-den meinigen stützte, noch fester an mich.
-
-»Ja, Sie waren damals noch ein Kind,« fuhr er fort, mir in die Augen
-blickend. »Ich küßte damals diese Augen und liebte sie, nur weil sie
-den seinigen glichen; aber ich dachte gar nicht daran, daß sie mir
-einst um ihrer selbst willen so teuer sein würden. Ich nannte Sie
-damals ›Mascha‹.«
-
-»Sagen Sie doch ›du‹ zu mir,« sagte ich.
-
-»Gerade wollte ich selbst ›du‹ zu dir sagen,« erwiderte er. »Erst jetzt
-ist es mir, als wärest du ganz mein.« Sein ruhiger und glücklicher,
-anziehender Blick ruhte auf mir.
-
-Und wir gingen langsam über den noch wenig ausgetretenen Feldweg durch
-das niedergestampfte Stoppelfeld; wir hörten nichts als unsere eigenen
-Schritte und Stimmen. Auf der einen Seite zog sich über die Schlucht
-bis zum fernen entlaubten Gehölz ein braunes Stoppelfeld hin, auf dem
-ein Bauer mit seinem Pfluge lautlos einen immer breiter werdenden
-schwarzen Streifen aufwühlte. Die Pferdeherde unten am Hügel schien
-ganz nahe. An der anderen Seite und vor uns bis zum Garten und bis zu
-unserem Hause, das hinter dem Garten hervorschaute, lag schwarz und
-streifenweise auch schon grün der mit der Wintersaat bestellte Acker.
-Auf alles leuchtete die nicht mehr heiße Sonne, und auf allen Dingen
-lagen lange faserige Spinnenfäden. Sie schwebten in der Luft um uns
-herum, legten sich auf die hartgefrorenen Stoppelfelder und fielen uns
-auf die Augen, Haare und Kleider. Wenn wir sprachen, so klangen unsere
-Stimmen so, als blieben sie über uns in der regungslosen Luft hängen,
-als wären wir ganz allein in der ganzen Welt, allein unter diesem
-blauen Himmelszelt, an dem zitternd und blinzelnd die gar nicht heiße
-Sonne spielte.
-
-Auch ich wollte zu ihm »du« sagen, aber ich schämte mich noch.
-
-»Warum gehst du so schnell?« fragte ich hastig, beinahe im Flüstertone,
-und mußte dabei erröten.
-
-Er verlangsamte seine Schritte und blickte mich noch liebevoller, noch
-freudiger und glücklicher an.
-
-Als wir nach Hause kamen, waren dort schon seine Mutter und die Gäste
-versammelt, die wir schließlich doch hatten einladen müssen, und so
-blieb ich bis zu dem Augenblick, als wir aus der Kirche traten und uns
-in den Wagen setzten, um nach Nikolskoje zu fahren, nicht mehr allein.
-
-Die Kirche war fast leer, und ich sah mit einem flüchtigen Blick nur
-seine Mutter, die auf dem kleinen Teppich neben dem Chor aufrecht
-stand, Katja in einer Haube mit lila Bändern und mit Tränen an den
-Wangen, und zwei oder drei leibeigene Dienstboten, die mich neugierig
-musterten. Ihn sah ich nicht an, aber ich fühlte seine Nähe. Ich
-lauschte den Worten der Gebete, sprach sie nach, aber in meiner Seele
-weckten sie keinen Widerhall. Ich konnte nicht beten und blickte
-stumpf auf die Heiligenbilder, auf die Kerzen, auf das Kreuz des
-Ornates auf dem Rücken des Geistlichen, auf die Heiligenwand, auf
-das Fenster der Kirche und konnte nichts verstehen. Ich fühlte nur,
-daß mit mir etwas Ungewöhnliches geschah. Als der Geistliche sich
-mit dem Kreuz zu uns wandte, uns gratulierte und sagte, daß er mich
-einst getauft und es nun dank Gottes Gnade erlebt habe, mich auch zu
-trauen, als Katja und seine Mutter uns küßten und Grigorijs Stimme
-erklang, der nach dem Wagen rief, da erstaunte und erschrak ich beim
-Gedanken, daß alles schon vorbei sei, und daß in meiner Seele nichts
-Außergewöhnliches geschehen wäre, was dem heiligen Sakrament, das an
-mir soeben vollzogen worden war, entspräche. Wir küßten uns, und dieser
-Kuß war so seltsam und unserem Gefühle fremd. -- Ist das alles?! --
-dachte ich mir. Wir traten vor das Portal, das Gerassel der Räder
-hallte dumpf unter der Kuppel wider, ein frischer Lufthauch wehte mir
-ins Gesicht, er setzte seinen Hut auf und half mir in den Wagen. Durch
-das Wagenfenster sah ich den frostigen, von einem Hofe umgebenen Mond.
-Er setzte sich neben mich und schloß den Wagenschlag. Etwas stach mich
-ins Herz. Die Selbstverständlichkeit, mit der er es machte, kam mir
-irgendwie verletzend vor. Katjas Stimme rief, ich solle mir den Kopf
-gut einhüllen, die Räder rollten über die Steine, dann über die weiche
-Landstraße, und wir fuhren davon. Ich drückte mich in die Ecke und
-blickte auf die fernen, hellen Fluren und auf den Weg hinaus, der im
-kalten Mondlichte dahinzulaufen schien. Ohne ihn anzublicken, fühlte
-ich doch seine Nähe. -- Ist das alles, was mir dieser Augenblick gab,
-von dem ich so viel erwartet hatte? -- dachte ich, und es kam mir noch
-immer demütigend und beleidigend vor, so nahe neben ihm zu sitzen. Ich
-wandte mich zu ihm um, mit der Absicht, ihm etwas zu sagen. Aber kein
-Wort wollte mir über die Lippen kommen, als hätte sich das zärtliche
-Gefühl von früher verflüchtigt und als wäre ein Gefühl von Kränkung und
-Angst an seine Stelle getreten.
-
-»Bis zu diesem Augenblick habe ich noch immer nicht geglaubt, daß es
-möglich sei,« antwortete er leise auf meinen Blick.
-
-»Ja, aber ich fürchte mich so, ich weiß selbst nicht, warum,« sagte ich.
-
-»Du fürchtest dich vor mir, liebes Kind,« sagte er. Dann nahm er meine
-Hand und beugte über sie sein Gesicht.
-
-Meine Hand lag wie leblos in der seinen, und mein Herz tat mir vor
-Kälte weh.
-
-»Ja,« flüsterte ich.
-
-Aber im gleichen Augenblick fing mein Herz heftiger zu klopfen an,
-meine Hand zitterte und drückte seine Hand zusammen, es wurde mir
-heiß, meine Augen suchten im Halbdunkel seinen Blick, und ich fühlte
-plötzlich, daß ich ihn nicht mehr fürchtete, daß diese Furcht die Liebe
-sei, eine neue, noch zärtlichere und größere Liebe als früher. Ich
-fühlte, daß ich ihm ganz gehörte, und daß ich über seine Gewalt über
-mich glücklich war.
-
-
-
-
-Zweiter Teil.
-
-
-I
-
-Tage und Wochen, ganze zwei Monate des zurückgezogenen ländlichen
-Lebens vergingen, wie es mir schien, unbemerkt; und doch hätten die
-Gefühle, die Aufregungen und das Glück dieser beiden Monate für ein
-ganzes Leben genügt. Meine und seine Träume von unserem Landleben waren
-ganz anders in Erfüllung gegangen, als wir es erwartet hatten. Aber
-unser Leben war nicht schlechter, als unsere Träume. Es gab nichts von
-der ernsten Arbeit, von Pflichterfüllung, von Selbstaufopferung und
-vom Leben für die anderen, die ich mir ausgemalt hatte, als ich noch
-seine Braut gewesen; es war dagegen ein selbstsüchtiges Gefühl der
-Liebe zueinander, der Wunsch, geliebt zu werden, eine immerwährende,
-grundlose Heiterkeit und ein Vergessen aller Dinge auf der Welt. Er
-zog sich zwar wirklich manchmal in sein Kabinett zurück, um etwas zu
-tun, fuhr manchmal in Geschäften nach der Stadt oder ging aus dem
-Hause, um nach der Wirtschaft zu sehen; aber ich sah, was für Mühe
-es ihn kostete, sich von mir loszureißen. Er gestand mir später auch
-selbst, daß alles in der Welt, wenn ich nicht dabei sei, ihm so nichtig
-und unsinnig erscheine, daß er gar nicht verstehe, wie man sich damit
-überhaupt abgeben könne. Mit mir verhielt es sich ebenso. Ich las,
-trieb Musik, widmete mich der Schwiegermama und der Schule; doch ich
-tat es nur, weil jede dieser Beschäftigungen mit ihm zusammenhing
-und von ihm gutgeheißen wurde; aber wenn sich zu irgendeinem Tun der
-Gedanke an ihn nicht gesellte, so sanken mir die Hände in den Schoß,
-und es kam mir so komisch vor, daß es außer ihm auf der Welt noch etwas
-geben könne. Vielleicht war es ein schlechtes, selbstsüchtiges Gefühl,
-aber es gab mir Glück und hob mich über die ganze Welt empor. Nur er
-allein existierte für mich auf der Erde, ihn hielt ich aber für den
-herrlichsten und unfehlbarsten Menschen auf Erden; darum konnte ich für
-nichts anderes leben als für ihn, als um in seinen Augen das zu sein,
-für was er mich hielt. Er hielt mich aber für das erste und herrlichste
-Weib auf Erden, begabt mit allen möglichen Tugenden; und ich bemühte
-mich, in den Augen des ersten und besten Menschen auf der ganzen Welt
-so ein Weib zu sein.
-
-Einmal trat er zu mir ins Zimmer, als ich gerade betete. Ich sah mich
-nach ihm um und betete weiter. Er setzte sich an den Tisch, um mich
-nicht zu stören, und schlug ein Buch auf. Aber es kam mir vor, als sähe
-er mich an, und ich wandte mich wieder um. Er lächelte, ich fing zu
-lachen an und konnte nicht mehr beten.
-
-»Hast du schon gebetet?« fragte ich ihn.
-
-»Ja. Fahre nur fort, ich will weggehen.«
-
-»Du betest doch hoffentlich?«
-
-Er wollte gehen, ohne zu antworten, aber ich hielt ihn zurück.
-
-»Liebster, tu es bitte für mich, sprich mal mit mir die Gebete.« Er
-kniete neben mir nieder, ließ die Hände linkisch sinken und begann mit
-ernstem Gesicht und stockend zu beten. Ab und zu wandte er sich zu mir
-um und suchte in meinem Gesicht Zustimmung und Hilfe.
-
-Als er fertig war, fing ich zu lachen an und umarmte ihn.
-
-»Alles kannst du, alles kannst du! Es ist mir, als ob ich wieder ein
-Junge von zehn Jahren wäre,« sagte er errötend und mir die Hände
-küssend.
-
-Unser Haus war eines von den alten Landsitzen, in denen mehrere
-aufeinanderfolgende Generationen in Eintracht und gegenseitiger
-Liebe und Achtung gelebt haben. Es war vom Dufte guter, ehrlicher
-Familienerinnerungen erfüllt, welche plötzlich, als ich dieses Haus
-betreten, auch zu meinen Erinnerungen geworden waren. Über die
-Ausstattung des Hauses und die Lebensordnung wachte Tatjana Ssemjonowna
-nach alter Weise. Man kann nicht behaupten, daß alles elegant und
-hübsch gewesen wäre; aber von allem, von den Dienstboten bis zu den
-Möbeln und Speisen war genug da, alles war reinlich, dauerhaft,
-ordentlich und flößte Achtung ein. Im Wohnzimmer standen symmetrisch
-die Möbel und hingen Familienbilder, auf dem Fußboden lagen hausgewebte
-Teppiche und Läufer. Im »Diwanzimmer« befanden sich ein altes Klavier,
-zwei Chiffonnièren von verschiedener Form, Diwans und Tischchen mit
-Messingverzierungen und eingelegter Arbeit. In meinem Arbeitszimmer,
-auf dessen Ausstattung Tatjana Ssemjonowna besondere Mühe verwandt
-hatte, standen die besten Möbel aus verschiedenen Jahrhunderten und
-von verschiedenen Fassons; unter anderem auch ein alter Trumeau, in
-den ich anfangs nur schüchterne Blicke zu werfen wagte, der mir aber
-später so lieb wurde wie ein alter Freund. Von Tatjana Ssemjonowna
-war nichts zu hören, aber alles im Hause ging so regelmäßig, wie eine
-aufgezogene Uhr. Es gab zwar viele überflüssige Dienstboten, aber
-alle diese Leute, welche weiche Schuhe ohne Absätze trugen (Tatjana
-Ssemjonowna hielt das Knarren der Sohlen und das Klappern der Absätze
-für das Unangenehmste auf der Welt), -- alle diese Leute waren stolz
-auf ihre Stellung, zitterten vor der alten Herrin, sahen auf mich und
-meinen Mann mit einem gönnerhaften Lächeln herab und schienen ihre
-Arbeit mit besonderer Freude zu verrichten. Jeden Sonnabend wurden
-sämtliche Fußböden gescheuert und sämtliche Teppiche geklopft; an
-jedem Ersten wurden Gottesdienste mit Wasserweihe abgehalten, und
-an jedem Namenstage Tatjana Ssemjonownas oder ihres Sohnes (auch an
-meinem -- zum erstenmal in diesem Herbst) gab es ein Festmahl für die
-ganze Nachbarschaft. Dies alles geschah unverändert seit ältester
-Zeit, soweit Tatjana Ssemjonowna sich ihrer selbst erinnerte. Mein
-Mann mischte sich in den Haushalt nicht ein und beschäftigte sich
-nur mit der Gutswirtschaft und den Bauern und das mit großem Eifer.
-Er stand selbst im Winter so früh auf, daß ich ihn beim Aufwachen
-nicht mehr sah. Er kam gewöhnlich zum Frühstückstee zurück, den wir
-allein tranken, und befand sich um diese Stunde, nach allen Mühen
-und Unannehmlichkeiten, die ihm die Wirtschaft bereitet hatte, in
-der besonders lustigen Stimmung, die wir »wildes Entzücken« nannten.
-Oft verlangte ich von ihm einen Bericht über alles, was er am Morgen
-getrieben hatte, und er erzählte mir dann solchen Unsinn, daß wir uns
-beide vor Lachen kugelten; manchmal bestand ich darauf, daß er mir
-alles ernsthaft berichte, und er berichtete es mir, sein Lächeln
-unterdrückend. Ich blickte ihm in die Augen, sah seine Lippen sich
-bewegen, verstand nichts und freute mich nur darüber, daß ich ihn sah
-und seine Stimme hörte.
-
-»Nun, was habe ich eben gesagt? Wiederhole es!« verlangte er von mir.
-Aber ich konnte nichts wiederholen. Es kam mir so komisch vor, daß
-er mir nicht von sich selbst und nicht von mir erzählte, sondern von
-irgendwelchen anderen Dingen. Als wäre es nicht ganz gleich, was es
-dort alles gab! Erst viel später fing ich an, seine Sorgen einigermaßen
-zu verstehen und mich für sie zu interessieren. Tatjana Ssemjonowna
-zeigte sich am Vormittag nicht, trank ihren Tee allein und ließ uns
-nur durch Abgesandte begrüßen. So seltsam klang in unserer eigenen,
-wahnsinnig glücklichen kleinen Welt die Stimme aus jenem anderen
-ordentlichen und vernünftigen Reich, daß ich mich oft nicht beherrschen
-konnte und nur laut lachte, wenn ihre Zofe, die Hände auf der Brust
-gefaltet, mir mit monotoner Stimme meldete, »Tatjana Ssemjonowna habe
-ihr befohlen, zu fragen, wie wir nach dem gestrigen Spaziergange
-geruht hätten; von sich selbst lasse sie aber berichten, daß ihr die
-ganze Nacht eine Seite wehgetan hätte, und daß ein dummer Hund im
-Dorfe gebellt und sie nicht schlafen lassen habe. Ferner lasse die
-gnädige Frau fragen, wie uns das heutige Gebäck gemundet habe, und dazu
-bemerken, daß heute nicht Taras, sondern zum ersten Male probeweise
-Nikolascha gebacken habe; alles, besonders die kleinen Brezeln seien
-ganz gut geraten, die Zwiebacke hätte er aber angebrannt.« Bis zum
-Mittagessen blieben wir wenig zusammen. Ich spielte Klavier oder las
-allein, er schrieb und ging noch einmal aus; aber zum Mittagessen,
-das wir um vier Uhr einnahmen, trafen wir uns im Wohnzimmer; die Mama
-tauchte aus ihrem Zimmer auf, und es erschienen irgendwelche arme,
-adlige Damen oder Wallfahrerinnen, von denen immer zwei bis drei im
-Hause wohnten. Mein Mann reichte regelmäßig nach alter Gewohnheit
-seiner Mutter den Arm, sie verlangte aber, daß er den anderen Arm mir
-reiche, und so gab es in der Türe regelmäßig Schwierigkeiten. Den
-Vorsitz beim Mittagessen führte die Mama, und das Gespräch bei Tische
-hatte immer einen ernsten und vernünftigen, etwas feierlichen Ton.
-Die einfachen Worte, die ich mit meinem Manne wechselte, störten auf
-eine angenehme Weise die Feierlichkeit dieser Sitzungen. Zwischen
-Mutter und Sohn kam es zuweilen zu Streitigkeiten und Sticheleien;
-ich mochte diese Streitigkeiten und Sticheleien besonders gern, weil
-bei diesen Gelegenheiten die zärtliche und dauerhafte Liebe, die uns
-verband, am stärksten zum Ausdruck kam. Nach dem Essen setzte sich
-Mama in den großen Sessel im Wohnzimmer und rieb Tabak oder schnitt
-die neuangekommenen Bücher auf, während wir etwas vorlasen oder ins
-Diwanzimmer zum Klavier gingen. Wir lasen in dieser Zeit sehr viel,
-aber die Musik war unser liebster und schönster Zeitvertreib, da sie
-jedesmal neue Saiten in unseren Herzen zum Tönen brachte und uns
-einander in einem neuen Lichte zeigte. Wenn ich seine Lieblingsstücke
-spielte, setzte er sich auf ein fernes Sofa, wo ich ihn fast nicht
-sehen konnte und bemühte sich aus Schamhaftigkeit den Eindruck zu
-verbergen, den die Musik auf ihn machte; aber oft, wenn er es gar nicht
-erwartete, stand ich vom Klavier auf und ging auf ihn zu, um in seinem
-Gesicht noch die Spuren der Erregung und den unnatürlich feuchten
-Glanz der Augen vorzufinden, die er vergebens vor mir zu verbergen
-suchte. Mama hatte oft Lust, nach uns zu sehen, wenn wir im Diwanzimmer
-waren; sie fürchtete wohl, uns zu stören, und ging zuweilen, ohne uns
-anzublicken, mit einem geheuchelt ernsten und gleichgültigen Ausdruck
-durchs Zimmer. Aber ich wußte, daß sie gar keinen Grund hatte, auf
-ihr Zimmer zu gehen und so schnell zurückzukehren. Den Abendtee, den
-ich einschenken mußte, tranken wir im großen Wohnzimmer, und alle
-Hausgenossen versammelten sich wieder bei Tisch. Diese feierlichen
-Sitzungen um den Samowar herum und das Verteilen der Gläser und Tassen
-brachten mich lange Zeit in Verlegenheit. Es kam mir immer vor, als
-sei ich der Ehre nicht würdig und viel zu jung und zu leichtsinnig,
-um den Hahn des so großen Samowars umzudrehen, um Glas für Glas auf
-Nikitas Tablett zu setzen und dabei zu sagen: »Für Pjotr Iwanowitsch,
-für Marja Minitschna«, um zu fragen: »Ist es süß genug?« und um
-einige Stück Zucker für die Kinderfrau und die verdienten Dienstboten
-zurückzulegen. »Sehr gut, sehr gut,« sagte mir oft mein Mann, »ganz wie
-eine Erwachsene!« Und das brachte mich in noch größere Verlegenheit.
-
-Nach dem Tee legte die Schwiegermama Patience oder ließ sich von
-Marja Minitschna die Karten schlagen; dann küßte und bekreuzigte
-sie uns beide, und wir zogen uns zurück. Meistens blieben wir aber
-noch bis nach Mitternacht auf, und das war unsere schönste und
-angenehmste Zeit. Er erzählte mir von seiner Vergangenheit, wir
-schmiedeten Pläne, philosophierten auch manchmal und bemühten uns
-immer, recht leise zu sprechen, damit man uns oben nicht höre und es
-nicht Tatjana Ssemjonowna melde, die von uns verlangte, daß wir zeitig
-zu Bett gingen. Manchmal bekamen wir Appetit, schlichen uns in die
-Speisekammer, verschafften uns durch Nikitas Protektion einen kalten
-Imbiß und verzehrten ihn beim Scheine einer einzigen Kerze in meinem
-Kabinett. So lebten wir beide wie fremde Leute in diesem großen, alten
-Hause, in dem alles vom strengen Geist der alten Zeiten und dem Tatjana
-Ssemjonownas beherrscht wurde. Nicht nur sie selbst, sondern auch die
-Dienstboten, die ältlichen Mädchen, die Möbel, die Bilder flößten mir
-Respekt, eine gewisse Scheu und das Bewußtsein ein, daß wir hier nicht
-ganz auf unserem Platze seien und uns sehr vorsichtig und aufmerksam
-zu benehmen hätten. Wenn ich mich jetzt jener Zeit erinnere, so sehe
-ich, daß vieles -- diese lästige unabänderliche Hausordnung, diese
-Menge müßiger und neugieriger Menschen in unserem Hause -- unbequem
-und schwer zu ertragen war; aber diese Einengung vergrößerte unsere
-Liebe. Nicht nur ich, sondern auch er verriet durch keine Miene, daß
-ihm etwas mißfiele. Im Gegenteil, er schien sich sogar selbst von allem
-fernzuhalten, was schlecht war. Mamas Kammerdiener, Dmitrij Ssidorow,
-ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher, ging regelmäßig nach dem Essen,
-wenn wir uns im Diwanzimmer befanden, in das Kabinett meines Mannes,
-um sich Tabak aus dem Kasten zu holen; man muß es gesehen haben, mit
-welchem lustigen Schrecken Ssergej Michailytsch auf den Zehen zu mir
-kam und, mit dem Finger drohend und mir zublinzelnd, auf Dmitrij
-Ssidorow zeigte, der es gar nicht ahnte, daß man ihn beobachtete. Und
-wenn Dmitrij Ssidorow fortging, ohne uns bemerkt zu haben, sagte mir
-mein Mann vor Freude darüber, daß alles so gut abgelaufen war, wie
-auch bei jeder anderen Gelegenheit, ich sei ein entzückendes Geschöpf
-und gab mir einen Kuß. Diese Ruhe, diese Allverzeihung und scheinbare
-Gleichgültigkeit gegen alles mißfielen mir zuweilen; ich merkte nicht,
-daß in mir die gleichen Eigenschaften steckten und hielt sie für eine
-Schwäche. -- Ganz wie ein Kind, das sich nicht getraut, seinen Willen
-zu zeigen, -- dachte ich mir.
-
-»Ach, liebe Freundin,« antwortete er mir, als ich ihm einmal sagte, daß
-ich über seine Schwäche staunen müsse, »kann denn ein Mensch über etwas
-unzufrieden sein, wenn er so glücklich ist, wie ich? Es ist doch viel
-leichter, nachzugeben, als sich die anderen gefügig zu machen; davon
-habe ich mich schon längst überzeugt, und es gibt keine Lebenslage, in
-der man nicht glücklich sein könnte. Wir haben es aber so gut! Ich kann
-nicht zürnen, es gibt für mich jetzt nichts Schlechtes, es gibt nur
-Bemitleidenswertes und Komisches. Vor allen Dingen aber: ~le mieux est
-l'ennemi du bien~. Glaube mir, wenn ich die Schelle eines Wagens höre,
-wenn ich einen Brief erhalte oder auch nur einfach erwache, überkommt
-mich zuweilen ein Grauen. Es ist so schrecklich, daß man leben muß, daß
-sich etwas ändern kann; etwas Besseres als die Gegenwart kann es aber
-gar nicht geben.«
-
-Ich glaubte ihm, verstand ihn aber nicht; ich fühlte mich wohl, aber
-ich glaubte, daß es gerade so und nicht anders sein müsse, und daß es
-auch allen anderen Menschen ebenso ginge; daß es aber irgendwo auch
-noch ein anderes, wenn auch nicht größeres, aber ein anderes Glück
-gäbe.
-
-So vergingen zwei Monate, es kam der Winter mit seinen Frösten und
-Schneestürmen, und ich fing an, obwohl er mit mir war, mich einsam
-zu fühlen; zu fühlen, daß das Leben sich wiederhole, daß weder in
-mir noch in ihm etwas Neues sei, daß wir vielmehr wieder zum Alten
-zurückkehrten. Er widmete sich jetzt immer mehr seinen Geschäften ohne
-mich, und es kam mir wieder vor, als wäre in seiner Seele eine eigene
-Welt, in die er mich nicht einlassen wolle. Seine immer ruhige Stimmung
-reizte mich. Ich liebte ihn nicht weniger als früher und war auch über
-seine Liebe nicht weniger glücklich als früher; aber meine Liebe war in
-ihrem Wachstum stehengeblieben, und neben ihr keimte in meinem Herzen
-irgendein neues unruhiges Gefühl. Es genügte mir nicht, ihn zu lieben,
-nachdem ich das Glück genossen hatte, diese Liebe in mir aufblühen
-zu fühlen. Ich sehnte mich nach Bewegung und nicht nach einem ruhig
-dahinfließenden Leben. Ich sehnte mich nach Aufregungen, Gefahren und
-Aufopferung des Gefühls wegen. Es war in mir ein Überfluß an Kraft,
-die in unserem stillen Leben keine Anwendung fand. Mich überkamen
-Anfälle von Schwermut, die ich wie etwas Schlimmes vor ihm zu verbergen
-suchte, und Anfälle einer ungestümen Zärtlichkeit und Lustigkeit, die
-ihn erschreckten. Er merkte meinen Zustand früher als ich und machte
-mir den Vorschlag, in die Stadt zu ziehen; ich aber bat ihn, es nicht
-zu tun, unsere Lebensweise nicht zu ändern und unser Glück nicht zu
-stören. Ich war in der Tat glücklich, aber mich quälte es, daß dieses
-Glück mich gar keine Mühe, gar kein Opfer kostete, während mich der
-Überfluß an Tatkraft und Opferwilligkeit erdrückte. Ich liebte ihn
-und sah, daß ich für ihn alles war; aber ich wünschte mir, daß alle
-Menschen unsere Liebe sähen, daß man mich daran zu hindern suchte,
-ihn zu lieben, und daß ich ihn trotzdem liebte. Mein Geist und sogar
-meine Empfindung waren beschäftigt, aber es gab auch noch ein anderes
-Gefühl von Jugend, ein Verlangen nach Bewegung, das in unserem stillen
-Leben keine Befriedigung fand. Warum hatte er mir gesagt, daß wir in
-die Stadt ziehen könnten, sobald ich es nur wünschte? Hätte er es mir
-nicht gesagt, so hätte ich vielleicht verstanden, daß das Gefühl, das
-mich bedrückte, eine dumme und schädliche Einbildung und ein Fehler
-von mir war, daß das Opfer, nach dem ich lechzte, vor mir lag und in
-der Unterdrückung dieses Gefühls bestand. Der Gedanke, daß ich meiner
-Schwermut entgehen könnte, wenn ich nur in die Stadt zöge, kam mir
-unwillkürlich in den Sinn; zugleich wäre es aber für mich beschämend
-und schmerzlich, ihn von allem, was er liebte, loszureißen. Die Zeit
-ging aber dahin, der Schnee häufte sich immer höher an den Hausmauern
-auf, und wir waren immer allein und immer noch die gleichen zueinander;
-aber irgendwo draußen wogten in Glanz und Lärm Scharen von Menschen,
-die litten und sich freuten, ohne an uns und an unser dahinschwindendes
-Dasein zu denken. Das Unangenehmste war für mich, daß ich fühlte, wie
-die Gewohnheiten unser Leben mit jedem Tage zu einer bestimmten Form
-erstarren machten, wie unser Gefühl, statt frei zu werden, sich dem
-gleichmäßigen und leidenschaftslosen Gange der Zeit fügte. Des Morgens
-waren wir lustig, um die Mittagsstunde höflich und am Abend zärtlich.
--- Gut! ... -- sagte ich mir, -- es ist gut, Gutes zu tun und ehrlich
-zu leben, wie er es nennt; aber dazu haben wir noch Zeit, und es gibt
-auch noch etwas anderes, wozu ich nur jetzt die Kraft habe. -- Mir tat
-etwas anderes not, ich lechzte nach Kampf; ich wollte, daß das Gefühl
-unser Leben leite und nicht vom Leben geleitet werde. Ich wollte mit
-ihm an den Rand eines Abgrunds treten und sagen: -- Ein Schritt, und
-ich stürze mich hinab, eine Bewegung, und ich bin verloren! -- Er aber
-sollte am Rande des Abgrunds erbleichen, mich mit seinen kräftigen
-Armen emporheben, eine Weile über dem Abgrunde halten, so daß mir das
-Herz erkaltete, und mich dann forttragen, wohin er wollte.
-
-Dieser Zustand beeinflußte sogar meine Gesundheit, und ich wurde
-nervös. Eines Morgens fühlte ich mich noch schlechter als gewöhnlich;
-er war aus dem Gutskontor in übler Laune zurückgekehrt, was bei ihm
-selten der Fall war. Ich merkte es sofort und fragte ihn, was er habe.
-Er wollte es mir aber nicht sagen und meinte, es sei nicht der Rede
-wert. Wie ich später erfuhr, hatte der Isprawnik einige von unseren
-Bauern zu sich berufen und von ihnen, um meinen Mann zu ärgern, unter
-Drohungen etwas Ungesetzliches verlangt. Mein Mann hatte es noch nicht
-so weit verdaut, daß es ihm bloß jämmerlich und lächerlich erschiene;
-er war gereizt und wollte darum mit mir nicht sprechen. Mir schien
-aber, er wolle darum nicht sprechen, weil er mich für ein Kind halte,
-welches gar nicht verstehen könne, was ihn beschäftige. Ich wandte
-mich von ihm weg, verstummte und ließ Marja Minitschna, die bei uns zu
-Besuch war, zum Tee bitten. Nach dem Tee, der sehr schnell getrunken
-war, ging ich mit Marja Minitschna ins Diwanzimmer und begann ihr
-irgendeinen Unsinn zu erzählen, der mich gar nicht interessierte. Er
-aber ging im Zimmer auf und ab und streifte uns ab und zu mit einem
-Blick. Diese Blicke hatten auf mich diesmal die eigentümliche Wirkung,
-daß ich immer größere Lust verspürte, zu sprechen und sogar zu lachen;
-alles, was ich selbst sagte, und auch alles, was Marja Minitschna
-sagte, kam mir so komisch vor. Er sagte mir kein Wort, zog sich in
-sein Kabinett zurück und schloß die Türe. Sobald ich seine Schritte
-nicht mehr hörte, verflüchtigte sich sofort meine ganze Lustigkeit,
-so daß Marja Minitschna mich sogar fragte, was ich habe. Ohne ihr zu
-antworten, setzte ich mich aufs Sofa und war bereit zu weinen. -- Was
-fällt ihm bloß ein? -- dachte ich mir. -- Es ist irgendein Unsinn, der
-ihm so wichtig erscheint; wenn er bloß versuchen wollte, es mir zu
-sagen, so würde ich ihm zeigen, daß es ein Unsinn ist. Nein, er muß
-sich unbedingt einreden, daß ich es nicht verstehen werde, er muß mich
-mit seiner majestätischen Ruhe demütigen und immer Recht mir gegenüber
-behalten. Dafür habe ich auch Recht, wenn ich mich langweile, wenn
-mir alles leer erscheint, wenn ich leben und mich bewegen will, aber
-nicht immer auf demselben Flecke bleiben und fühlen, wie die Zeit über
-mich hinweggeht. Ich will vorwärtsgehen, ich will jeden Tag und jede
-Stunde etwas Neues; aber er will stehenbleiben und auch mich zum Stehen
-zwingen. Wie leicht könnte er es haben! Er brauchte mich gar nicht in
-die Stadt zu bringen, es genügte, wenn er nur so wäre, wie ich, wenn
-er sich keinen Zwang antäte, sich nicht zurückhielte und ganz einfach
-leben wollte. Das rät er immer mir, ist aber dabei selbst gar nicht
-einfach. Das ist es! --
-
-Ich fühlte, wie mich die Tränen würgten, und daß ich gegen ihn gereizt
-war. Ich erschrak vor diesem Gefühl und ging zu ihm. Er saß im Kabinett
-und schrieb. Als er meine Schritte hörte, warf er mir einen kurzen,
-gleichgültigen und ruhigen Blick zu und fuhr fort zu schreiben. Dieser
-Blick gefiel mir nicht; statt zu ihm zu treten, blieb ich vor dem
-Tische stehen, auf dem er schrieb, schlug ein Buch auf und blickte
-hinein. Er hielt noch einmal in seinem Schreiben inne und sah mich an.
-
-»Mascha, bist du heute schlecht gelaunt?« fragte er.
-
-Ich antwortete mit einem kühlen Blick, welcher besagte: -- Brauchst
-nicht zu fragen! Was sind das für Liebenswürdigkeiten? -- Er schüttelte
-den Kopf und lächelte scheu und zärtlich; zum erstenmal antwortete ich
-auf sein Lächeln nicht mit meinem Lächeln.
-
-»Was hast du heute gehabt?« fragte ich. »Warum hast du es mir nicht
-gesagt?«
-
-»Unsinn! Eine kleine Unannehmlichkeit,« antwortete er. »Aber ich kann
-es dir auch erzählen. Zwei Bauern gingen in die Stadt ...«
-
-Aber ich ließ ihn nicht weitersprechen.
-
-»Warum hast du es mir nicht schon beim Tee erzählt, als ich dich danach
-fragte?«
-
-»Damals hätte ich dir eine Dummheit gesagt, denn ich war wütend.«
-
-»Aber ich wollte es gerade damals wissen.«
-
-»Warum?«
-
-»Warum glaubst du, ich könnte dir niemals helfen?«
-
-»Und ob ich es glaube!« sagte er, die Feder fortlegend. »Ich glaube,
-daß ich ohne dich nicht leben kann. In allen Dingen, in allen Dingen
-hilfst du mir nicht nur, sondern tust alles statt meiner. Was dir
-plötzlich einfällt!« rief er lachend. »Ich lebe doch nur dank dir.
-Alles erscheint mir nur darum gut, weil du hier bist, weil man dich ...«
-
-»Ja, ich weiß es: ich bin ein liebes Kind, das man beruhigen muß,«
-sagte ich in einem solchen Ton, daß er mich so erstaunt, als sähe er
-mich zum erstenmal, anblickte. »Ich will die Ruhe nicht, du hast sie ja
-im Überfluß,« fügte ich hinzu.
-
-»Nun siehst du selbst, worum es sich hier handelt,« begann er hastig,
-mich unterbrechend, als fürchtete er, mich aussprechen zu lassen, »was
-würdest du in diesem Falle sagen?«
-
-»Jetzt will ich nichts sagen,« antwortete ich. Ich hatte zwar Lust, ihm
-zuzuhören, aber es war mir so angenehm, seine Ruhe zu stören. »Ich will
-nicht so tun, als ob ich lebte, ich will leben,« sagte ich, »genau so
-wie du.«
-
-Sein Gesicht, das jeden Eindruck so schnell und so lebhaft
-wiederspiegelte, drückte Schmerz und gespannte Aufmerksamkeit aus.
-
-»Ich will genau so wie du leben, mit dir ...«
-
-Aber ich konnte nicht zu Ende sprechen: sein Gesicht nahm einen so
-traurigen, einen so tieftraurigen Ausdruck an. Er schwieg eine Weile.
-
-»Worin liegt der Unterschied zwischen meinem und deinem Leben?« fragte
-er. »Doch nur darin, daß ich, und nicht du, mich mit dem Isprawnik und
-den betrunkenen Bauern herumschlage ...«
-
-»Nein, das ist nicht alles,« erwiderte ich.
-
-»Begreife es doch, liebes Kind, um Gottes willen,« fuhr er fort, »ich
-weiß, daß alle solche Aufregungen uns immer weh tun; ich kenne das
-Leben und weiß es. Ich liebe dich und kann darum nichts anderes wollen,
-als dir alle diese Aufregungen ersparen. Darin liegt mein Leben, in der
-Liebe zu dir; erschwere mir nicht dieses Leben.«
-
-»Du hast immer Recht!« sagte ich, ohne ihn anzusehen.
-
-Es kränkte mich, daß in seiner Seele alles wieder so heiter und ruhig
-war, während ich Ärger und ein Gefühl, das der Reue glich, empfand.
-
-»Mascha, was hast du nur?« sagte er. »Die Rede ist doch nicht davon, ob
-ich Recht habe oder du Recht hast, sondern von etwas ganz anderem: was
-hast du gegen mich? Sage es mir nicht sofort, überlege es dir erst und
-sage mir alles, was du dir denkst. Du bist mit mir unzufrieden, du hast
-wahrscheinlich Recht, aber erkläre mir, worin ich Unrecht habe.«
-
-Aber wie konnte ich ihm das Innerste meiner Seele aufdecken? Daß er
-mich sofort verstanden hatte, daß ich wieder wie ein Kind vor ihm
-dastand, daß ich nichts anfangen konnte, ohne daß er es begriff und
-voraussah, -- regte mich noch mehr auf.
-
-»Ich habe nichts gegen dich,« sagte ich. »Ich langweile mich nur und
-will, daß diese Langweile aufhört. Aber du sagst, daß es so sein muß,
-und hast wieder Recht!«
-
-Nachdem ich das gesagt hatte, sah ich ihn an. Ich hatte meinen Zweck
-erreicht: seine Ruhe war dahin, sein Gesicht drückte Schrecken und
-Schmerz aus.
-
-»Mascha,« begann er mit leiser, erregter Stimme, »es ist kein Scherz,
-was wir jetzt treiben. Unser Schicksal steht auf dem Spiele. Ich bitte
-dich, mir nichts zu antworten und mich anzuhören. Warum willst du mich
-so quälen?«
-
-Aber ich unterbrach ihn.
-
-»Ich weiß, daß du Recht behältst. Sprich lieber nicht, du hast Recht,«
-sagte ich kühl, als spräche ich es nicht selbst, sondern irgendein
-böser Geist in mir.
-
-»Wenn du nur wüßtest, was du tust!« sagte er mit zitternder Stimme.
-
-Ich fing zu weinen an, und die Tränen erleichterten mir das Herz. Er
-saß neben mir und schwieg. Ich empfand Mitleid mit ihm, ich schämte
-mich und ärgerte mich über mein Tun. Ich sah ihn nicht an. Ich glaubte,
-er müsse mich in diesem Augenblick entweder streng oder erstaunt
-ansehen. Ich wandte mich zu ihm: ein sanfter, zärtlicher, wie um
-Verzeihung bittender Blick war auf mich gerichtet. Ich nahm seine Hand
-und sagte:
-
-»Vergib mir! Ich weiß selbst nicht, was ich sagte.«
-
-»Ja, aber ich weiß, was du sagtest, und du hattest Recht.«
-
-»Wieso denn?« fragte ich.
-
-»Wir müssen wirklich nach Petersburg gehen,« antwortete er. »Hier haben
-wir nichts mehr zu tun.«
-
-»Wie du willst,« sagte ich.
-
-Er umarmte und küßte mich.
-
-»Verzeih mir,« sagte er. »Ich war im Unrecht.«
-
-An diesem Abend spielte ich ihm lange vor, während er im Zimmer auf und
-ab ging und etwas flüsterte. Er hatte die Gewohnheit, so zu flüstern;
-ich fragte ihn oft, was er geflüstert habe, und er sagte es mir dann
-immer nach kurzem Besinnen; meistens waren es Verse und zuweilen auch
-irgendein Unsinn, aber selbst an diesem Unsinn konnte ich immer seine
-Stimmung erkennen.
-
-»Was flüsterst du heute?« fragte ich.
-
-Er blieb stehen, dachte nach und antwortete mir lächelnd mit den zwei
-Zeilen Lermontows:
-
- »... Doch der Verwegne lechzt nach Stürmen,
- Als wäre in den Stürmen Ruh!«
-
--- Nein, er ist mehr als ein Mensch, er weiß alles! -- dachte ich mir.
--- Wie sollte ich ihn nicht lieben! --
-
-Ich stand auf, ergriff seinen Arm und begann mit ihm auf und ab zu
-gehen, mir Mühe gebend, gleichen Schritt mit ihm zu halten.
-
-»Ja?« fragte er und sah mich lächelnd an.
-
-»Ja,« antwortete ich flüsternd; und eine eigentümliche, lustige
-Stimmung ergriff uns beide, unsere Augen lachten, wir machten immer
-größere Schritte und reckten uns immer höher auf den Zehen empor. Mit
-dem gleichen Schritt gingen wir zu großer Entrüstung Grigorijs und zum
-Erstaunen Mamas, die im Wohnzimmer Patience legte, durch alle Zimmer
-ins Speisezimmer, blieben dort stehen, sahen einander an und brachen in
-Lachen aus.
-
-Vierzehn Tage später, vor den Feiertagen, waren wir schon in
-Petersburg.
-
-
-II
-
-Unsere Reise nach Petersburg, die acht Tage in Moskau, das Wiedersehen
-mit seinen und meinen Verwandten, die Einrichtung in der neuen Wohnung,
-die Fahrt selbst, die neuen Städte und die neuen Gesichter -- all das
-zog wie ein Traum an mir vorüber. Das alles war so abwechslungsreich,
-neu und lustig, so warm und hell von seiner Gegenwart, von seiner
-Liebe erleuchtet, daß unser stilles Leben auf dem Lande mir als etwas
-Längstvergangenes und Nichtiges erschien. Zu meinem großen Erstaunen
-kamen mir alle (und zwar nicht nur die Verwandten, sondern auch die
-Fremden), statt mit dem Hochmut und der Kälte der großen Welt, die
-ich erwartete, mit einer so unverfälschten Liebenswürdigkeit und
-Freude entgegen, daß ich den Eindruck hatte, als hätten sie nur an
-mich gedacht und nur mich erwartet, um selbst ihre Freude an mir zu
-haben. Ebenso unerwartet für mich zeigte es sich, daß mein Mann in
-den vornehmsten Kreisen, die mir als die besten erschienen, viele
-Bekannte hatte, von denen er mir niemals erzählt hatte; und es war
-mir oft so sonderbar und unangenehm, aus seinem Munde strenge Urteile
-über manche dieser Menschen zu hören, die mir so gut zu sein schienen.
-Ich konnte nicht begreifen, warum er sie so kühl behandelte und
-vielen Bekanntschaften aus dem Wege ging, die mir so schmeichelhaft
-erschienen. Ich glaubte, je mehr gute Menschen man kenne, um so besser
-sei es, und alle Menschen seien doch so gut.
-
-»Siehst du, wie wir uns einrichten müssen,« hatte er mir vor der
-Abreise vom Lande gesagt. »Hier sind wir reiche Leute, aber dort
-sind wir es lange nicht. Darum dürfen wir in der Stadt nur bis zur
-Osterwoche bleiben und müssen die große Welt meiden, sonst könnten wir
-Schwierigkeiten haben; auch deinetwegen möchte ich es nicht anders.«
-
-»Wozu die große Welt?« fragte ich. »Wir wollen nur die Theater und
-unsere Verwandten besuchen, ein paarmal in die Oper gehen, gute Musik
-hören und schon vor der Osterwoche aufs Land zurückkehren.«
-
-Kaum kamen wir aber nach Petersburg, als diese Pläne vergessen waren.
-Ich befand mich plötzlich in einer so neuen, glücklichen Welt, war von
-so viel Freuden umfangen und von solchen neuen Interessen in Anspruch
-genommen, daß ich mich sofort, wenn auch unbewußt, von meiner ganzen
-Vergangenheit und den in der Vergangenheit gefaßten Plänen lossagte. --
-Bisher war alles nur ein Spiel, das Richtige hatte noch nicht begonnen;
-das da ist aber das wahre Leben! Und was erwartet mich noch alles?!
--- dachte ich mir. Die Unruhe und die beginnende Langweile, die mich
-auf dem Lande gequält hatten, waren plötzlich wie durch einen Zauber
-gänzlich verschwunden. Meine Liebe zu meinem Mann war ruhiger geworden,
-und hier kam mir niemals der Gedanke, ob er mich nicht weniger liebe
-als früher. Ich durfte auch nicht an seiner Liebe zweifeln: er erriet
-sofort jeden meiner Gedanken, teilte jedes meiner Gefühle und erfüllte
-jeden meiner Wünsche. Seine Ruhe war hier verschwunden oder hatte bloß
-aufgehört, mich zu reizen. Dabei fühlte ich, daß zu seiner früheren
-Liebe sich auch noch ein Entzücken gesellte. Gar oft sagte er nach
-einem Besuch, oder wenn wir eine neue Bekanntschaft gemacht oder bei
-uns eine Abendgesellschaft gehabt hatten, wo ich vor Angst, irgendeinen
-Mißgriff zu machen, zitternd die Pflichten der Hausfrau erfüllte: --
-»Sehr gut, mein Kind! Ausgezeichnet! Mut! Wirklich ausgezeichnet!« Und
-ich war dann sehr froh. Bald nach unserer Ankunft in Petersburg schrieb
-er seiner Mutter einen Brief, und als ich einige Worte hinzuschreiben
-sollte, wollte er mir nicht zeigen, was er geschrieben hatte;
-infolgedessen bestand ich natürlich darauf und bekam das Geschriebene
-zu lesen. »Sie werden Mascha gar nicht wiedererkennen,« schrieb er ihr,
-»und auch ich selbst erkenne sie nicht wieder. Woher hat sie nur diese
-nette, graziöse Sicherheit, diese ›~affabilité~‹, diese Fähigkeit, in
-der Gesellschaft durch Geist zu glänzen, und diese Liebenswürdigkeit!
-Und all das ist bei ihr so einfach, lieb und gutmütig. Alle sind von
-ihr entzückt, und auch ich selbst kann sie gar nicht genug bewundern;
-wenn es möglich wäre, müßte ich sie noch mehr lieb gewinnen.«
-
--- Ach so, also so eine bin ich! -- dachte ich mir. Es wurde mir so
-wohl und so lustig zumute, und es kam mir sogar vor, als liebte ich
-ihn noch mehr. Mein Erfolg bei allen unseren Bekannten war für mich
-völlig unerwartet. Von allen Seiten hörte ich, daß ich hier einem Onkel
-besonders gut gefallen, daß dort eine Tante sich in mich verliebt
-hätte; der eine sagte mir, daß es in ganz Petersburg keine ähnliche
-Frau gäbe, die andere versicherte mich, ich brauche nur zu wollen,
-um die »exklusivste« Dame der Gesellschaft zu werden. Besonderen
-Eindruck machte ich auf eine Kusine meines Mannes, die Fürstin D.,
-eine nicht mehr junge Dame der großen Welt; diese hatte sich plötzlich
-in mich verliebt und sagte mir so schmeichelhafte Dinge, daß es mir
-schwindelte. Als diese Kusine mich zum erstenmal aufforderte, einen
-Ball zu besuchen, und meinen Mann darum bat, wandte er sich an mich
-mit einem kaum merklichen schlauen Lächeln und fragte, ob ich hingehen
-möchte. Ich nickte bejahend und fühlte, wie ich errötete.
-
-»Sie gesteht wie eine Verbrecherin, was sie möchte,« sagte er mit einem
-gutmütigen Lächeln.
-
-»Du hattest doch selbst gesagt, daß wir keine großen Gesellschaften
-besuchen würden, auch magst du so was nicht,« antwortete ich lächelnd
-und ihn flehend anblickend.
-
-»Wenn du so große Lust hast gehen wir hin,« sagte er.
-
-»Nein, wirklich, lieber nicht.«
-
-»Hast du große Lust?« fragte er wieder.
-
-Ich gab keine Antwort.
-
-»Die große Welt ist noch kein Übel,« fuhr er fort, »aber die
-unbefriedigten Gelüste, die sie in uns weckt, sind schlimm und häßlich.
-Wir müssen aber unbedingt hin und werden es auch tun,« schloß er sehr
-bestimmt.
-
-»Wenn ich dir die Wahrheit sagen soll,« entgegnete ich, »so wünsche ich
-in der ganzen Welt nichts so sehr, wie diesen Ball zu besuchen.«
-
-Wir gingen auch hin, und der Genuß, den mir der Ball verschaffte,
-übertraf alle meine Erwartungen. Auf dem Balle hatte ich noch mehr
-als früher den Eindruck, ich sei der Mittelpunkt, um den sich alles
-bewegte, als sei dieser große Saal nur meinetwegen erleuchtet, als
-spiele die Musik nur für mich und als hätten sich alle diese Menschen
-versammelt, nur um mich zu bewundern. Alle, vom Friseur und der Zofe
-bis zu den Greisen, die durch den Saal gingen, schienen mir zu sagen
-und gaben mir zu fühlen, daß sie mich liebten. Das allgemeine Urteil,
-das sich über mich auf diesem Balle gebildet hatte und das ich von der
-Kusine zu hören bekam, lautete, daß ich allen anderen Damen gar nicht
-ähnlich sehe, daß an mir etwas Besonderes, Ländlich-Einfaches und
-Reizendes sei. Dieser Erfolg schmeichelte mir so sehr, daß ich meinem
-Mann ganz offenherzig sagte, wie gerne ich in diesem Jahre noch zwei
-oder drei Bälle besuchen möchte; »um sie ordentlich satt zu bekommen,«
-fügte ich nicht ganz aufrichtig hinzu.
-
-Mein Mann willigte gerne ein und führte mich in der ersten Zeit mit
-sichtlichem Vergnügen auf die Bälle, freute sich über meine Erfolge und
-schien das, was er früher gesagt hatte, ganz vergessen zu haben oder es
-zu verleugnen.
-
-Mit der Zeit fing er an sich offenbar zu langweilen und das Leben, das
-wir führten, als eine Last zu empfinden. Aber ich kümmerte mich nicht
-viel darum; wenn ich zuweilen auch seinen aufmerksamen und ernsten,
-fragend auf mich gerichteten Blick sah, verstand ich seine Bedeutung
-nicht. Ich war von diesem Gefühl, das ich so plötzlich in allen Fremden
-geweckt hatte und das ich für Liebe hielt, von dieser Luft des Luxus,
-der Vergnügungen und der neuen Eindrücke, die ich hier zum erstenmal
-atmete, so benebelt, sein mich erdrückender moralischer Einfluß war so
-spurlos verschwunden, es war mir so angenehm, hier in dieser Welt nicht
-nur auf der gleichen Stufe mit ihm, sondern sogar über ihm zu stehen
-und ihn darum noch mehr und selbständiger zu lieben als früher, daß
-ich unmöglich verstehen konnte, was er in diesem Leben in der großen
-Welt Unangenehmes für mich erblickte. Ich empfand das mir neue Gefühl
-des Stolzes und der Genugtuung, wenn bei meinem Erscheinen auf einem
-Balle alle Blicke sich auf mich richteten, während er, als schämte
-er sich, dieser Menge zu zeigen, daß er mich besitze, mich eiligst
-verließ und sich in der schwarzen Schar der Fracks verlor. -- Wart'
-einmal! -- sagte ich mir oft, mit den Augen am Ende des Saales seine
-unauffällige Gestalt mit dem oft gelangweilten Gesicht suchend, --
-wart' einmal! -- sagte ich mir, -- wenn wir wieder zu Hause sind, so
-wirst du auch verstehen, für wen ich so schön und glänzend sein wollte
-und wen ich von allen, die mich am heutigen Abend umgeben, liebe. --
-Ich glaubte selbst aufrichtig daran, daß meine Erfolge mich nur darum
-so freuten, weil ich sie ihm zum Opfer bringen konnte. Das Einzige,
-was mir in dieser großen Welt gefährlich werden konnte, glaubte ich,
-sei die Möglichkeit, mich in einen der Männer, die ich da traf, zu
-vergaffen und in meinem Manne Eifersucht zu wecken; aber er vertraute
-mir so sehr und schien so ruhig und gleichgültig, und alle diese jungen
-Männer kamen mir im Vergleich zu ihm so unbedeutend vor, daß diese
-Gefahr, die ich für die einzige hielt, mich gar nicht erschreckte. Aber
-die Aufmerksamkeit mancher Menschen in der Gesellschaft gewährte mir
-dennoch Vergnügen, schmeichelte meinem Ehrgeiz, brachte mich auf den
-Gedanken, daß meine Liebe zu meinem Manne mir als Verdienst anzurechnen
-sei und verlieh meinem Benehmen gegen ihn eine gewisse Überlegenheit
-und sogar Nachlässigkeit.
-
-»Ich habe gesehen, wie lebhaft du dich mit der N. N. unterhalten
-hast,« sagte ich ihm einmal bei der Rückkehr von einem Ball, ihm mit
-dem Finger drohend und eine der bekannten Damen der Petersburger
-Gesellschaft nennend, mit der er an diesem Abend wirklich gesprochen
-hatte. Ich sagte dies, um ihn etwas aufzurütteln, denn er war besonders
-schweigsam und langweilig.
-
-»Ach, wie kann man nur so sprechen? Und das sagst du, Mascha!« sprach
-er durch die Zähne und das Gesicht wie bei einem körperlichen Schmerz
-verziehend. »Das steht uns beiden nicht! Überlaß das den anderen; solch
-ein verlogenes Verhältnis könnte unser wahres Verhältnis zueinander
-trüben, und ich hoffe doch, daß dieses wahre Verhältnis wiederkehrt.«
-
-Ich schämte mich und schwieg.
-
-»Es kehrt doch wieder, Mascha? Wie glaubst du?« fragte er.
-
-»Es hat sich doch gar nicht getrübt und wird sich nie trüben,«
-entgegnete ich und glaubte in jenem Augenblick wirklich daran.
-
-»Gott gebe es!« sagte er. »Sonst wäre es Zeit, aufs Land
-zurückzukehren.«
-
-Das war aber auch das einzige Mal, daß er so zu mir sprach; sonst
-schien es mir immer, daß er sich ebenso wohl fühlte wie ich, mir war
-aber so lustig und fröhlich zumute. -- Wenn er sich sogar manchmal
-langweilt, -- tröstete ich mich, -- so habe ich mich doch seinetwegen
-genug auf dem Lande gelangweilt; und wenn unser Verhältnis sich auch
-etwas verändert hat, so wird es doch wiederkehren, sobald wir im
-Sommer wieder allein mit Tatjana Ssemjonowna in unserem Hause von
-Nikolskoje sind. --
-
-So verging für mich unmerklich dieser Winter, und wir blieben sogar,
-entgegen unserer Absicht, auch die Osterwoche in Petersburg. In
-der Woche nach Ostern, als wir schon reisefertig waren, als alles
-eingepackt war und mein Mann, der die Geschenke, Blumen und andere
-Gegenstände für unser Landleben einkaufte, besonders zärtlich und
-fröhlich gestimmt war, kam zu uns unerwartet die Kusine, um uns
-zu überreden, bis zum nächsten Sonnabend zu bleiben und noch eine
-Soiree bei der Gräfin R. mitzumachen. Sie sagte, die Gräfin R. wolle
-mich unbedingt bei sich sehen und der Prinz M., der sich damals in
-Petersburg aufhielt, hätte noch auf dem letzten Ball den Wunsch
-geäußert, mich kennenzulernen; er würde nur deswegen zu der Soiree
-kommen und hätte gesagt, ich sei die hübscheste Frau in ganz Rußland.
-Die ganze Stadt werde dabei sein, mit einem Worte, es wäre ganz
-unerhört, wenn ich nicht käme.
-
-Mein Mann stand am anderen Ende des Wohnzimmers und sprach mit jemand.
-
-»Nun, werden Sie kommen, Marie?« fragte die Kusine.
-
-»Wir wollen übermorgen aufs Land,« antwortete ich unentschlossen und
-blickte meinen Mann an. Unsere Augen begegneten sich, und er wandte
-sich schnell weg.
-
-»Ich will ihn überreden, zu bleiben,« sagte die Kusine, »und am
-Sonnabend gehen wir zur Gräfin, um allen die Köpfe zu verdrehen. Ja?«
-
-»Das würde alle unsere Pläne über den Haufen werfen, und wir haben
-auch schon gepackt,« antwortete ich, nahe daran, nachzugeben.
-
-»Das beste wäre, sie ginge heute abend selbst zum Prinzen, um ihm ihre
-Aufwartung zu machen,« sagte mein Mann vom anderen Ende des Zimmers in
-einem so gereizten Ton, wie ich ihn bei ihm noch nie gehört hatte.
-
-»Ach, er ist eifersüchtig! Das hätte ich doch nicht erwartet!« rief
-die Kusine lachend. »Ich bitte sie ja nicht des Prinzen wegen, Ssergej
-Michailytsch, sondern weil wir es alle wünschen. Wie flehentlich hat
-mich doch die Gräfin R. darum gebeten!«
-
-»Das hängt von ihr ab,« entgegnete mein Mann kühl und verließ das
-Zimmer.
-
-Ich sah, daß er erregter war als sonst; dies quälte mich, und ich
-versprach der Kusine nichts. Als sie fort war, ging ich sofort zu
-meinem Mann. Er ging nachdenklich auf und ab und sah und hörte nicht,
-wie ich auf den Zehen zu ihm ins Zimmer trat.
-
--- Er denkt schon an sein liebes Haus zu Nikolskoje, -- sagte ich mir,
-ihn anblickend, -- an den Morgenkaffee im hellen Wohnzimmer, an seine
-Felder und Bauern, an die Abende im Diwanzimmer und an unsere geheimen
-nächtlichen Mahlzeiten. Nein! -- sagte ich mir sehr entschieden, --
-alle Bälle auf der Welt und die Schmeicheleien aller Prinzen gebe ich
-gerne für seine freudige Verlegenheit und seine stillen Liebkosungen
-hin! -- Ich wollte ihm schon sagen, daß ich zu der Soiree nicht gehen
-würde, als er sich plötzlich umwandte, mich bemerkte und der sanfte
-und nachdenkliche Ausdruck aus seinem Gesicht verschwand. Sein Blick
-drückte wieder Klugheit, Weisheit und eine gönnerhafte Ruhe aus. Er
-wollte nicht, daß ich ihn als einen gewöhnlichen Menschen sähe: er
-mußte unbedingt als Halbgott auf einem Piedestal vor mir stehen.
-
-»Was hast du, liebes Kind?« fragte er, sich gleichgültig und ruhig an
-mich wendend.
-
-Ich antwortete nicht. Mich verdroß es, daß er sich vor mir verstellte
-und nicht so bleiben wollte, wie ich ihn liebte.
-
-»Willst du also am Sonnabend zu der Soiree?« fragte er.
-
-»Ich wollte es,« antwortete ich, »aber du hast keine Lust. Auch ist ja
-schon alles gepackt,« fügte ich hinzu.
-
-Noch nie hatte er mich so kalt angesehen, noch niemals so kalt mit mir
-gesprochen.
-
-»Ich reise nicht vor Dienstag ab und werde die Sachen wieder auspacken
-lassen,« sagte er. »Darum kannst du auch die Soiree mitmachen, wenn du
-Lust hast. Geh bitte hin. Ich reise nicht ab.«
-
-Wie immer, wenn er aufgeregt war, ging er mit ungleichen Schritten auf
-und ab und sah mich nicht an.
-
-»Ich kann dich unmöglich verstehen,« sagte ich, ohne mich ihm zu
-nähern und ihn mit den Augen verfolgend. »Du sagst, daß du immer so
-ruhig seist (er hatte das niemals gesagt), warum sprichst du dann so
-merkwürdig mit mir? Ich bin bereit, dir dieses Vergnügen zu opfern, du
-aber verlangst von mir mit einer Ironie, mit der du zu mir noch niemals
-gesprochen hast, daß ich zu der Soiree gehe.«
-
-»Nun, du bringst _ein Opfer_ (er betonte dieses Wort ganz besonders),
-auch ich bringe ein Opfer; was kann man sich besseres wünschen? Es
-ist ein Wettstreit der Großmut. Kann man sich denn ein schöneres
-Familienglück denken?«
-
-Ich hörte von ihm zum erstenmal so erbitterte und höhnische Worte.
-Sein Hohn beschämte mich nicht, sondern verletzte mich, und seine
-Erbitterung erschreckte mich nicht, sondern teilte sich auch mir mit.
-Kamen diese Worte wirklich von ihm, der sonst in unserem Verhältnis
-jede Phrase mied und immer so aufrichtig und einfach war? Womit hatte
-ich das verdient? Damit, daß ich ihm wirklich mein Vergnügen opfern
-wollte, in dem ich nichts Schlimmes erblicken konnte, und daß ich ihn
-erst vor einer Minute so gut verstanden und geliebt hatte! Wir hatten
-die Rollen getauscht: er vermied die einfachen und direkten Worte,
-während ich sie suchte.
-
-»Du hast dich sehr verändert,« sagte ich seufzend. »Was habe ich
-gegen dich verbrochen? Es ist nicht der Abend bei der Gräfin, es
-ist etwas anderes, Altes, was du gegen mich im Herzen hast. Warum
-diese Unaufrichtigkeit? Hast du sie denn bisher nicht selbst immer
-gefürchtet? Sag mir ganz offen, was du gegen mich hast!« -- Was wird
-er mir wohl sagen? -- dachte ich mir, von der angenehmen Gewißheit
-erfüllt, daß ich mir im Laufe des ganzen Winters nichts zuschulden
-kommen ließ, was er mir vorzuwerfen hätte.
-
-Ich trat in die Mitte des Zimmers, so daß er ganz nahe an mir
-vorübergehen mußte und sah ihn an. -- Er wird auf mich zugehen, mich
-umarmen und damit wird alles enden, -- ging es mir durch den Kopf,
-und es tat mir sogar leid, daß ich nicht dazu kommen würde, ihm zu
-beweisen, daß er im Unrecht sei. Aber er blieb am Ende des Zimmers
-stehen und sah mich an.
-
-»Verstehst du noch immer nichts?« fragte er.
-
-»Nein.«
-
-»Dann will ich es dir sagen. Es ist mir ekelhaft, es ist mir zum
-erstenmal ekelhaft, was ich empfinde und was ich empfinden muß ...« Er
-blieb stehen, sichtlich vom rauhen Ton seiner eigenen Stimme erschreckt.
-
-»Was ist es denn?« fragte ich mit Tränen der Entrüstung in den Augen.
-
-»Es ist ekelhaft, daß der Prinz dich hübsch findet, und daß du ihm
-darum nachlaufen willst, darüber deinen Mann, dich selbst und die
-weibliche Würde vergißt und nicht begreifen willst, was dein Mann
-an deiner Statt empfinden muß, wenn dir selbst das Gefühl der Würde
-abgeht; im Gegenteil, du kommst zu deinem Mann und sagst ihm, daß du
-ein _Opfer_ bringst, d. h.: ›es ist für mich ein großes Glück, mich
-seiner Hoheit zu zeigen, aber ich bringe dieses Glück zum _Opfer_.‹«
-
-Je länger er sprach, um so mehr geriet er in Feuer, und seine Stimme
-klang giftig, grausam und roh. Niemals hatte ich ihn so gesehen und
-von ihm so etwas auch nie erwartet; das ganze Blut schoß mir ins
-Herz, ich fürchtete mich, aber zugleich erregte mich das Gefühl einer
-unverdienten Beschämung und einer verletzten Eigenliebe, und ich fühlte
-den Wunsch, mich an ihm zu rächen.
-
-»Ich habe das schon längst erwartet,« sagte ich, »sprich nur, sprich.«
-
-»Ich weiß nicht, was du erwartet hast,« fuhr er fort, »aber ich konnte
-das Schlimmste erwarten, da ich dich täglich in diesem Schmutz, im
-Müßiggange und Luxus dieser dummen Gesellschaft sah; und ich habe es
-auch erlebt ... Ich hab' es erlebt, daß ich heute Scham und Schmerz
-empfinde wie niemals; es war mir schmerzvoll genug, als deine Freundin
-mit ihren schmutzigen Händen in mein Herz griff und von meiner
-Eifersucht zu sprechen begann; und von was für einer Eifersucht? -- auf
-einen Menschen, den keiner von uns, weder du noch ich, kennt. Du aber
-willst mich wie zu Trotz nicht verstehen, du willst mir etwas zum Opfer
-bringen, -- doch was? ... Ich muß mich für dich, für deine Erniedrigung
-schämen! ... Ein Opfer!« wiederholte er.
-
--- Ach, so ist also die Gewalt des Mannes, -- dachte ich mir: --
-Eine Frau zu beleidigen und zu demütigen, die nichts verbrochen hat.
-Das sind also die Rechte des Mannes, aber ich werde mich ihnen nicht
-fügen. --
-
-»Nein, ich will dir nichts zum Opfer bringen,« sagte ich und fühlte,
-wie meine Nüstern sich unnatürlich erweiterten und wie mir das Blut aus
-dem Gesicht strömte. »Ich werde am Sonnabend zu der Soiree gehen, werde
-unbedingt hingehen.«
-
-»Gott gebe dir viel Vergnügen, aber zwischen uns ist alles aus!« rief
-er in einem Anfalle von Raserei, die er nicht mehr beherrschen konnte.
-»Aber du wirst mich nicht länger quälen. Ich war dumm, daß ich ...«
-begann er wieder, aber seine Lippen zitterten, und er nahm sich mit
-sichtlicher Anstrengung zusammen, um den angefangenen Satz nicht zu
-Ende zu sprechen.
-
-Ich fürchtete und haßte ihn in diesem Augenblick. Ich wollte ihm vieles
-sagen und mich für alle die Beleidigungen rächen; hätte ich aber nur
-den Mund aufgemacht, so wäre ich in Tränen ausgebrochen und hätte mich
-vor ihm erniedrigt. Ich verließ schweigend das Zimmer. Als ich aber
-seine Schritte nicht mehr hörte, entsetzte ich mich vor dem, was wir
-getan hatten. Ich entsetzte mich vor dem Gedanken, daß dieses Band, das
-mein Glück ausgemacht hatte, für immer zerreißen würde, und ich wollte
-schon zu ihm zurückkehren. -- Hat er sich aber auch genügend beruhigt,
-um mich zu verstehen, wenn ich ihm schweigend die Hand reiche und ihn
-anblicke? -- fragte ich mich. -- Wird er meine Großmut begreifen? Wie,
-wenn er meinen Schmerz für Heuchelei hält? Oder wenn er meine Reue mit
-dem Bewußtsein seines Rechts und mit stolzer Ruhe hinnimmt und mir
-verzeiht? Warum, warum hat er, den ich so sehr liebte, mich so grausam
-beleidigt? --
-
-Ich ging nicht zu ihm, sondern in mein Zimmer, wo ich lange allein saß
-und weinte, mich mit Grauen jedes Wortes, das zwischen uns gefallen
-war, erinnernd, diese Worte mit anderen vertauschend und andere, gute
-Worte hinzufügend, dann wieder mit Entsetzen und einem Gefühl der
-Kränkung des Vorgefallenen gedenkend. Als ich am Abend am Teetisch
-erschien und in Gegenwart von S., der bei uns zu Besuch war, meinen
-Mann traf, fühlte ich, daß an diesem Tage sich ein ganzer Abgrund
-zwischen uns aufgetan hatte. S. fragte mich, wann wir abreisten. Ich
-kam nicht dazu, ihm zu antworten.
-
-»Am Dienstag,« antwortete mein Mann. »Wir wollen noch die Soiree bei
-der Gräfin R. mitmachen. Du gehst doch hin?« wandte er sich an mich.
-
-Ich erschrak über den einfachen Ton seiner Stimme und sah ihn ängstlich
-an. Seine Augen waren gerade auf mich gerichtet, der Blick war boshaft
-und spöttisch, seine Stimme klang gemessen und kalt.
-
-»Ja,« antwortete ich.
-
-Am Abend, als wir allein geblieben waren, ging er auf mich zu und
-reichte mir die Hand.
-
-»Vergiß bitte, was ich dir gesagt habe,« sagte er.
-
-Ich ergriff seine Hand, ein zitterndes Lächeln erschien auf meinem
-Gesicht, die Tränen wollten mir schon aus den Augen stürzen, aber er
-zog seine Hand zurück und setzte sich in einen Sessel ziemlich weit
-von mir, als fürchtete er eine empfindsame Szene. -- Glaubt er denn
-wirklich, daß er im Rechte sei? -- dachte ich mir, und die schon
-fertige Erklärung und die Bitte, nicht zur Soiree zu gehen, erstarben
-mir auf den Lippen.
-
-»Wir müssen Mama schreiben, daß wir die Abreise aufgeschoben haben,«
-sagte er, »sonst wird sie unruhig werden.«
-
-»Wann gedenkst du denn zu reisen?« fragte ich.
-
-»Am Dienstag nach der Soiree,« antwortete er.
-
-»Ich hoffe, daß es nicht meinetwegen geschieht,« sagte ich, ihm in die
-Augen blickend, aber seine Augen sahen mich nur an und sagten nichts,
-als wären sie verschleiert. Sein Gesicht kam mir plötzlich alt und
-unangenehm vor.
-
-Wir gingen zu der Soiree, und zwischen uns stellte sich äußerlich
-wieder ein gutes und freundschaftliches Verhältnis ein; aber dieses
-Verhältnis war ganz anders als das frühere.
-
-Auf der Soiree saß ich unter den Damen, als der Prinz auf mich zuging,
-so daß ich aufstehen mußte, um mit ihm zu sprechen. Als ich aufstand,
-suchte ich unwillkürlich mit den Augen meinen Mann und sah, daß
-er mich vom anderen Ende des Saales beobachtete und sich plötzlich
-wegwandte. Ich empfand plötzlich solchen Schmerz und solche Scham,
-daß ich unter den Augen des Prinzen furchtbar verlegen wurde und über
-das Gesicht bis zum Hals hinunter errötete. Ich mußte aber stehen
-und anhören, was er sagte, indem er mich von oben herab betrachtete.
-Unser Gespräch war nur kurz, es gab neben mir keinen Platz, wo er sich
-hinsetzen konnte, und er merkte wohl auch, daß ich mich unbehaglich
-fühlte. Wir sprachen vom letzten Ball, wo ich den Sommer zuzubringen
-pflege usw. Als er mich verließ, äußerte er den Wunsch, auch meinen
-Mann kennenzulernen, und ich sah, wie sie sich am anderen Ende des
-Saales trafen und ins Gespräch kamen. Der Prinz sagte wohl etwas von
-mir, da er sich mitten im Gespräch lächelnd nach mir umwandte.
-
-Mein Mann wurde plötzlich rot, machte eine tiefe Verbeugung und ließ
-den Prinzen stehen. Auch ich errötete: ich mußte mich schämen, als ich
-mir dachte, welche Vorstellung der Prinz wohl von mir und besonders
-von meinem Manne gewonnen haben müßte. Mir kam vor, als hätten alle
-bemerkt, wie verlegen ich war, als ich mit dem Prinzen sprach, als sei
-allen auch das sonderbare Benehmen meines Mannes aufgefallen; Gott
-weiß, wie sie es sich wohl erklären mögen; wissen sie vielleicht etwas
-vom Gespräch, das ich mit ihm gehabt habe? Die Kusine brachte mich nach
-Hause, und unterwegs kamen wir auch auf meinen Mann zu sprechen. Ich
-konnte mich nicht beherrschen und erzählte ihr alles, was zwischen uns
-anläßlich dieser unglückseligen Soiree vorgefallen war. Sie beruhigte
-mich und sagte, daß es ein ganz bedeutungsloses, durchaus gewöhnliches
-Zerwürfnis sei, das keinerlei Folgen haben werde; sie äußerte sich auch
-von ihrem Standpunkte aus über den Charakter meines Mannes und meinte,
-daß er verschlossen und stolz geworden sei; ich stimmte ihr bei, und es
-war mir, als finge ich jetzt an, ihn ruhiger und besser zu beurteilen.
-
-Aber später, als ich wieder allein mit meinem Manne war, lastete dieses
-Urteil über ihn wie ein Verbrechen auf meinem Gewissen, und ich fühlte,
-daß der uns trennende Abgrund noch größer geworden war.
-
-
-III
-
-Von diesem Tage an trat in unserem Leben und in unserem Verhältnis
-eine tiefe Veränderung ein. Wir fühlten uns, wenn wir allein waren,
-nicht mehr so wohl wie einst. Es gab Fragen, die wir umgingen, und
-in Gegenwart eines Dritten war es uns viel leichter zu sprechen als
-unter vier Augen. Wenn bloß die Rede auf das Landleben oder auf einen
-Ball kam, fing es uns vor den Augen zu flimmern an, und wir schämten
-uns, uns anzusehen. Als fühlten wir beide, wo der Abgrund lag, der uns
-trennte, und als mieden wir, ihm nahe zu kommen. Ich war überzeugt, daß
-er stolz und aufbrausend sei, und daß ich ihn vorsichtiger behandeln
-müsse, um nicht seine schwachen Seiten zu verletzen. Er aber war
-überzeugt, daß ich ohne die große Welt nicht leben könne, daß das Leben
-auf dem Lande mir nicht passe, und daß er sich meinem unglücklichen
-Geschmack fügen müsse. Wir vermieden beide jedes direkte Gespräch über
-diese Gegenstände und beurteilten darum einander falsch. Wir hatten
-schon lange aufgehört, einander für die vollkommensten Menschen auf
-Erden zu halten; wir stellten vielmehr Vergleiche mit anderen an und
-übten aneinander heimlich Kritik. Vor der Abreise erkrankte ich, und
-wir zogen statt aufs Land in eine Sommerfrische in der Nähe der Stadt,
-von wo mein Mann allein zu seiner Mutter reiste. Als er abreiste,
-war ich schon so weit hergestellt, daß ich mit ihm hätte mitkommen
-können, aber er bat mich, noch zu bleiben, als fürchtete er für
-meine Gesundheit. Ich fühlte, daß ihm nicht meine Gesundheit Sorgen
-machte, sondern der Gedanke, daß wir uns auf dem Lande zusammen nicht
-wohl fühlen würden; ich widersprach ihm nicht viel und blieb. Ohne
-ihn kam mir alles so leer und öde vor, als er aber wiederkam, merkte
-ich, daß er meinem Leben nicht mehr das zu verleihen vermochte, was
-er ihm früher verliehen hatte. Unsere früheren Beziehungen, wo jeder
-Gedanke, jede Empfindung, die ich ihm nicht mitteilte, auf mir wie
-ein Verbrechen lasteten, wo jede Handlung und jedes Wort von ihm mir
-als der Gipfel der Vollkommenheit erschienen, wo wir immer vor Freude
-lachen wollten, wenn wir uns bloß ansahen, -- dieses Verhältnis war
-unmerklich zu einem anderen geworden und verschwunden, ehe wir uns
-dessen versahen. Ein jeder von uns hatte jetzt seine eigenen Interessen
-und Sorgen, die er gar nicht zu gemeinsamen zu machen suchte. Es
-bedrückte uns sogar nicht mehr, daß jeder von uns seine eigene, für
-den anderen fremde Welt hatte. Wir hatten uns an diesen Gedanken
-gewöhnt, und nach einem Jahre hörte es schon sogar in unseren Augen
-zu flimmern auf, wenn wir einander ansahen. Seine früheren Anfälle
-plötzlicher Lustigkeit waren dahin, ebenso sein kindliches Wesen,
-seine Allverzeihung und Gleichgültigkeit gegen alles, die mich früher
-so empört hatten; vorbei war es mit seinem tiefen Blick, der mich
-früher so verwirrte und erfreute, vorbei mit den gemeinsamen Gebeten
-und Ekstasen; wir sahen uns sogar recht selten, denn er war immer auf
-Reisen, und es tat ihm weder leid, noch ängstigte er sich, mich allein
-zu lassen; ich aber war immer in der großen Welt, wo ich ihn nicht
-brauchte.
-
-Szenen und Zerwürfnisse kamen zwischen uns nicht mehr vor; ich bemühte
-mich, ihm gefällig zu sein, er erfüllte alle meine Wünsche, und es sah
-so aus, als ob wir einander noch liebten.
-
-Wenn wir allein blieben, was nur selten vorkam, empfand ich in seiner
-Gegenwart weder Freude, noch Aufregung oder Verwirrung, ganz als wäre
-ich allein mit mir selbst. Ich wußte sehr gut, daß er mein Mann war,
-nicht irgendein neuer, unbekannter Fremder, sondern ein guter Mensch,
-mein Mann, den ich so gut kannte, wie mich selbst. Ich war überzeugt,
-daß ich alles wisse, was er tun und was er sagen, und wie er dies oder
-jenes ansehen würde, und wenn er etwas anders tat oder ansah, als ich
-erwartete, so glaubte ich, _er_ habe sich geirrt. Ich erwartete von
-ihm nichts. Mit einem Worte, er war mein Mann und sonst nichts. Mir
-schien, als müsse es so sein, als gäbe es kein anderes Verhältnis, als
-hätte es unter uns sogar nie ein anderes Verhältnis gegeben. Wenn er
-verreiste, fühlte ich mich, besonders in der ersten Zeit, einsam; in
-seiner Abwesenheit empfand ich stärker, welche Stütze ich in ihm hatte;
-wenn er zurückkehrte, fiel ich ihm vor Freude um den Hals, obwohl ich
-schon nach zwei Stunden diese Freude vergaß und nicht mehr wußte,
-über was mit ihm zu sprechen. Nur in den Augenblicken der stillen,
-gemäßigten Zärtlichkeit, die es zwischen uns manchmal gab, kam es mir
-vor, als sei es nicht das Richtige, als hätte ich im Herzen ein Weh,
-und ich glaubte auch in seinen Augen dasselbe zu lesen. Ich sah vor mir
-jene Grenze der Zärtlichkeit, die zu überschreiten er nicht den Willen
-und ich nicht die Kraft hatte. Manchmal stimmte mich das traurig, aber
-ich hatte keine Zeit, mich irgendwelchen Betrachtungen hinzugeben,
-und ich bemühte mich, diese Trauer über die Änderung, die ich dunkel
-empfand, in den Zerstreuungen zu vergessen, die mir immer zur Verfügung
-standen. Das Leben in der großen Welt, das mich anfangs mit seinem
-Glanze benebelt und meinem Ehrgeiz geschmeichelt hatte, bemächtigte
-sich bald aller meiner Neigungen, wurde mir zur Gewohnheit, schlug mich
-in Fesseln und nahm in meiner Seele den ganzen Platz ein, der für die
-Gefühle bereitet war. Ich blieb jetzt niemals allein mit mir selbst
-und scheute es, über meine Lage zu grübeln. Die ganze Zeit vom frühen
-Morgen bis spät in die Nacht hinein war besetzt und gehörte nicht mir,
-selbst wenn ich nicht ausging. Das war mir jetzt weder lustig noch
-langweilig, sondern ich hatte das Gefühl, als müsse es immer so und
-nicht anders sein.
-
-So vergingen drei Jahre, und während dieser Jahre blieben unsere
-Beziehungen dieselben; sie waren gleichsam stehengeblieben, erstarrt
-und konnten weder schlechter noch besser werden. Im Laufe dieser
-drei Jahre gab es zwei wichtige Ereignisse in unserem Familienleben,
-doch keines von den beiden vermochte mein Leben irgendwie zu ändern.
-Es waren dies die Geburt meines ersten Kindes und der Tod Tatjana
-Ssemjonownas. Das Muttergefühl hatte mich in der ersten Zeit so mächtig
-ergriffen und ein so unerwartetes Entzücken in mir geweckt, daß ich
-schon glaubte, nun beginne für mich ein neues Leben; aber nach zwei
-Monaten, als ich wieder in den Strudel der großen Welt kam, fing
-dieses Gefühl an, beständig abzunehmen und wurde schließlich zu einer
-Gewohnheit und kalten Pflichterfüllung. Mein Mann dagegen war nach der
-Geburt unseres ersten Sohnes wieder der frühere sanfte und ruhige
-Stubenhocker geworden und hatte seine ganze Zärtlichkeit und Lustigkeit
-auf das Kind übertragen. Oft, wenn ich im Ballkleide ins Kinderzimmer
-kam, um es zum Abschied zu bekreuzigen, und dort meinen Mann traf,
-fühlte ich seinen vorwurfsvollen und durchdringenden Blick auf mir
-ruhen, und ich mußte mich schämen. Ich erschrak plötzlich über meine
-Gleichgültigkeit gegen das Kind und fragte mich, ob ich denn schlechter
-sei als die anderen Frauen. -- Was soll ich machen? -- dachte ich mir:
--- Ich liebe meinen Sohn, aber ich kann doch nicht tagelang bei ihm
-sitzen, das ist mir langweilig; heucheln werde ich aber um nichts in
-der Welt. -- Der Tod seiner Mutter war für ihn ein harter Schlag; es
-war ihm schwer, wie er sagte, nach ihrem Tode in Nikolskoje zu wohnen;
-obwohl ich sie auch betrauerte und meinem Mann mitfühlte, hätte ich
-doch das Landleben vorgezogen, das mir angenehmer und ruhiger erschien.
-Diese ganzen drei Jahre hatten wir zum größten Teil in der Stadt
-verlebt, aufs Land kam ich nur einmal für zwei Monate, und im dritten
-Jahre reisten wir ins Ausland.
-
-Wir verbrachten den Sommer in einem Badeorte.
-
-Ich war damals erst einundzwanzig Jahre alt; unsere
-Vermögensverhältnisse waren, wie ich glaubte, im glänzendsten Zustande;
-vom Familienleben verlangte ich nicht mehr, als es mir gab; alle,
-die ich kannte, schienen mich zu lieben; mein Gesundheitszustand war
-gut; meine Toiletten waren die schönsten im ganzen Badeorte; ich
-wußte, daß ich schön war; das Wetter war herrlich; eine eigentümliche
-Atmosphäre von Schönheit und Eleganz umgab mich, und es war mir sehr
-lustig zumute. Aber ich war doch nicht so lustig, wie ich es in
-Nikolskoje gewesen, als ich fühlte, daß ich in mir selbst glücklich
-sei, glücklich, weil ich dieses Glück verdient habe, daß mein Glück
-wohl groß sei, es aber irgendwo auch noch ein größeres Glück geben
-müsse, und daß ich immer mehr und mehr von diesem Glück wolle. Damals
-war es ganz anders gewesen; aber auch in diesem Sommer fühlte ich mich
-wohl. Ich wünschte nichts, ich hoffte auf nichts, ich befürchtete
-nichts, mein Leben erschien mir ganz ausgefüllt, und mein Gewissen
-war ruhig. Unter allen jungen Männern jener Saison gab es nicht
-einen einzigen, den ich irgendwie vor den anderen bevorzugte, --
-nicht mal vor dem alten Fürsten K., unserem Gesandten, der mir den
-Hof machte. Der eine war jung, der andere alt, der eine ein blonder
-Engländer, der andere ein Franzose mit einem Spitzbart; sie erschienen
-mir alle gleich, doch alle waren mir unentbehrlich. Es waren lauter
-gleichgültige Menschen, die die freudige Lebensatmosphäre bildeten,
-die mich umgab. Nur einer unter ihnen, der italienische Marchese D.,
-hatte durch die kühne Art, sein Entzücken über mich zu äußern, mehr
-als die anderen meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er ließ keine
-Gelegenheit vorübergehen, um mit mir zusammen zu sein, zu tanzen,
-auszureiten, mich im Kasino usw. zu treffen und mir zu sagen, daß ich
-schön sei. Einigemal sah ich ihn durchs Fenster in der Nähe unseres
-Hauses stehen, und oft hatte der unangenehme durchdringende Blick
-seiner glänzenden Augen mich erröten gemacht und genötigt, mich
-umzuwenden. Er war jung, hübsch, elegant und hatte, vor allen Dingen,
-in seinem Lächeln und im Ausdruck seiner Stirne eine Ähnlichkeit mit
-meinem Manne, obwohl er viel hübscher war als dieser. Die Ähnlichkeit
-frappierte mich, obwohl er im allgemeinen, in den Augen, im Blick, im
-langen Kinn, statt des reizenden Ausdruckes der Güte und der idealen
-Ruhe meines Mannes, etwas Rohes und Tierisches hatte. Ich glaubte
-damals, daß er mich leidenschaftlich liebe und dachte daran mit stolzem
-Mitleid. Manchmal kam mir der Wunsch, ihn zu beruhigen und auf den
-Ton einer halbfreundschaftlichen stillen Vertrautheit zu stimmen, er
-wies aber alle solche Versuche schroff zurück und fuhr fort, mich auf
-die unangenehmste Weise mit seiner noch unausgesprochenen, aber jeden
-Augenblick zur Entladung kommen wollenden Leidenschaft in Verlegenheit
-zu bringen. Obwohl ich es mir auch nicht eingestand, fürchtete ich doch
-diesen Menschen und dachte oft unwillkürlich an ihn. Mein Mann kannte
-ihn und begegnete ihm noch kühler und hochmütiger als unseren anderen
-Bekannten, für die er bloß der Mann seiner Frau war. Gegen Ende der
-Saison wurde ich krank und hütete vierzehn Tage lang das Zimmer. Als
-ich zum erstenmal nach meiner Krankheit abends zur Kurmusik kam, erfuhr
-ich, daß währenddessen die längst erwartete und wegen ihrer Schönheit
-bekannte Lady S. angekommen sei. Um mich bildete sich ein Kreis,
-man empfing mich mit großer Freude, aber ein noch schönerer Kreis
-hatte sich um die neuangekommene Salonlöwin gebildet. Alle um mich
-herum sprachen nur von ihrer Schönheit. Man zeigte sie mir; sie war
-tatsächlich schön, aber ihr selbstbewußter Ausdruck war mir unangenehm,
-und ich sprach es auch aus. An diesem Tage langweilte mich alles, was
-mir früher lustig vorkam. Am nächsten Tage veranstaltete Lady S. einen
-Ausflug zur Burg, an dem ich mich nicht beteiligte. Bei mir blieb fast
-niemand, und alles hatte sich in meinen Augen verändert. Alle kamen mir
-auf einmal so dumm und langweilig vor, ich weinte beinahe, ich wollte
-meine Kur so schnell als möglich beenden und nach Rußland zurückkehren.
-In meinem Herzen regte sich irgendein häßliches Gefühl, aber ich wollte
-es mir nicht eingestehen. Unter dem Vorwande, daß ich zu schwach sei,
-hörte ich auf, mich in der großen Gesellschaft zu zeigen und kam nur
-manchmal des Morgens ganz allein zum Brunnen oder machte mit meiner
-russischen Bekannten L. M. Ausflüge in die Umgegend. Mein Mann war
-während dieser Zeit abwesend: er war für einige Tage nach Heidelberg
-gefahren, um dort das Ende meiner Kur abzuwarten und dann zusammen mit
-mir nach Rußland zurückzukehren, und besuchte mich nur ab und zu.
-
-Eines Tages hatte Lady S. die ganze Gesellschaft zu einer Jagd
-mitgenommen, während ich mit L. M. am Nachmittag zur Burg hinausfuhr.
-Als unsere Equipage im Schritt die vielgewundene Chaussee zwischen
-den hundertjährigen Kastanien hinauffuhr, durch die man die von den
-Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtete liebliche Umgebung von
-Baden-Baden sehen konnte, kam es zwischen uns zu einem so ernsten
-Gespräch, wie wir es noch nie geführt hatten. L. M., die ich schon seit
-langem kannte, erschien mir zum erstenmal als eine kluge und gute Frau,
-mit der man über alles sprechen konnte und deren Freundschaft angenehm
-war. Wir sprachen von unseren Familien und Kindern, von der Leere des
-hiesigen Lebens, wir sehnten uns nach Rußland und dem Leben auf dem
-Gute zurück, und es wurde uns plötzlich so schwermütig und wohl ums
-Herz. Wir betraten die Burg unter dem Einflusse des gleichen ernsten
-Gefühls. In ihren Mauern war es schattig und kühl, oben auf den Ruinen
-spielte die Sonne und ließen sich Schritte und Stimmen vernehmen. Durch
-die Türe zeigte sich uns wie in einem Rahmen das reizende, aber für
-uns Russen so kalte Bild der Landschaft von Baden-Baden. Wir setzten
-uns hin, um auszuruhen, und blickten schweigend auf die untergehende
-Sonne. Die Stimmen erklangen deutlicher, und es war mir, als hörte ich
-meinen Namen. Ich lauschte und hörte unwillkürlich jedes Wort. Die
-Stimmen waren mir bekannt: es waren der Marchese D. und sein Freund,
-ein Franzose, den ich ebenfalls kannte. Sie sprachen von mir und
-von der Lady S. Der Franzose verglich mich mit ihr und kritisierte
-meine und ihre Schönheit. Er sagte zwar nichts Beleidigendes, aber
-mir strömte das ganze Blut zum Herzen, als ich seine Worte hörte. Er
-erklärte sehr ausführlich, was an mir und was an Lady S. schön sei. Ich
-hätte schon ein Kind, aber Lady S. sei erst neunzehn Jahre alt; mein
-Haar sei schöner, dafür habe Lady S. eine schlankere Taille; die Lady
-sei eine große Dame, »während Ihre Passion,« sagte er, »nur eine von
-den kleinen russischen Fürstinnen ist, die in der letzten Zeit so oft
-hier erscheinen.« Er schloß damit, daß ich sehr gut daran tue, mich mit
-der Lady S. nicht zu messen, und daß ich nun in Baden-Baden endgültig
-erledigt sei.
-
-»Sie tut mir leid.«
-
-»Wenn es ihr nur nicht einfällt, sich mit Ihnen zu trösten,« fügte er
-mit einem lustigen und harten Lachen hinzu.
-
-»Wenn sie verreist, folge ich ihr,« sagte roh die andere Stimme mit
-italienischem Akzent.
-
-»Der glückliche Sterbliche! Er kann noch lieben!« lachte der Franzose.
-
-»Lieben!« antwortete die andere Stimme und fuhr nach einigem Schweigen
-fort: »Ich kann nicht anders, ohne Liebe gibt es kein Leben. Aus seinem
-Leben einen Roman machen, ist das einzig Schöne. Mein Roman bleibt aber
-niemals in der Mitte stecken, und ich werde auch diesen zu Ende führen.«
-
-»~Bonne chance, mon ami~,« sagte der Franzose.
-
-Das Weitere hörten wir nicht, denn sie waren um eine Ecke gebogen, und
-ihre Stimmen erklangen von der anderen Seite. Sie gingen die Treppe
-hinunter, kamen nach einigen Minuten aus einer Seitentür und waren
-sehr erstaunt, uns hier zu treffen. Ich errötete, als der Marchese D.
-sich mir näherte, und erschrak, als er beim Verlassen der Burg mir
-den Arm bot. Ich konnte nicht ablehnen, und so begaben wir uns hinter
-L. M., die mit seinem Freunde vorausging, zu unserem Wagen. Die Worte
-des Franzosen hatten mich beleidigt, obwohl er nur das, was ich selbst
-fühlte, ausgesprochen hatte; aber die Worte des Marchese hatten mich
-durch ihre Rohheit in Erstaunen gesetzt und empört. Mich peinigte der
-Gedanke, daß er, obwohl ich seine Worte gehört hatte, keine Scheu vor
-mir empfand. Es war mir ekelhaft, ihn so nahe neben mir zu fühlen, und
-ich ging, ohne ihn anzusehen und ohne auf seine Worte zu antworten,
-schnell hinter L. M. und dem Franzosen her und bemühte mich, meinen
-Arm so zu halten, daß ich seine Worte nicht hören konnte. Der Marchese
-sagte etwas über die schöne Aussicht, über das unerwartete Glück, mich
-hier getroffen zu haben, und noch etwas, aber ich hörte ihm nicht zu.
-Ich dachte die ganze Zeit an meinen Mann, an meinen Sohn, an Rußland;
-ich empfand Scham, etwas tat mir leid, ich wünschte etwas und wollte
-so schnell als möglich nach Hause, nach meinem einsamen Zimmer im
-~Hôtel de Bade~, um ungestört über alles nachzudenken, was in meiner
-Seele aufgewühlt worden war. Aber L. M. ging langsam, zum Wagen war es
-noch weit, und mein Kavalier verlangsamte, wie mir schien, hartnäckig
-seine Schritte, als versuchte er mich zurückzuhalten. -- Das darf nicht
-sein! -- sagte ich mir und beschleunigte energisch meine Schritte. Aber
-er hielt mich tatsächlich zurück und drückte sogar meinen Arm. L. M.
-verschwand hinter einer Biegung des Weges, und wir blieben ganz allein.
-Mich überkam ein Schreck.
-
-»Entschuldigen Sie,« sagte ich kühl und versuchte meinen Arm zu
-befreien, aber mein Spitzenärmel blieb an einem seiner Knöpfe
-hängen. Er beugte sich mit der Brust nach vorn und begann den Ärmel
-freizumachen, und die Finger seiner bloßen Hand berührten die meine.
-Ein eigentümliches, mir ganz neues Gefühl, in dem sich ein Grauen und
-eine Wonne vermischten, überlief mir kalt den Rücken. Ich sah ihn an,
-um durch einen kalten Blick die ganze Verachtung auszusprechen, die
-ich gegen ihn empfand; aber mein Blick drückte etwas ganz anderes aus:
-Furcht und Erregung. Seine brennenden, feuchten Augen, die so nahe
-an meinem Gesicht waren, sahen so eigentümlich auf mich, auf meinen
-Hals, auf meine Brust; seine beiden Hände betasteten meine Hand über
-dem Gelenk, seine offenen Lippen sprachen etwas, sie sagten, daß er
-mich liebe, daß ich für ihn alles sei; und diese Lippen kamen immer
-näher, und seine Hände drückten immer fester die meinen zusammen und
-versengten mich. Ein Feuer lief durch alle meine Adern, es wurde mir
-finster vor den Augen, ich zitterte, und die Worte, mit denen ich ihn
-zurückhalten wollte, blieben mir in der Kehle stecken. Plötzlich fühlte
-ich einen Kuß auf meiner Wange, ich blieb, am ganzen Leibe zitternd und
-erkaltend, stehen und sah ihn an. Außerstande, zu sprechen oder mich
-zu rühren, erwartete ich voller Schrecken etwas und verlangte zugleich
-danach. Das alles dauerte nur einen Augenblick. Aber dieser Augenblick
-war entsetzlich! Ich hatte ihn während dieses Augenblicks so genau
-gesehen. So verständlich war mir sein Gesicht: diese niedrige, steile
-Stirne, die der Stirne meines Mannes so ähnlich war, diese schöne,
-gerade Nase mit den geblähten Nüstern, dieser lange, steif gewichste
-Schnurr- und Kinnbart, diese glatt rasierten Wangen und der gebräunte
-Hals. Ich haßte ihn, ich fürchtete ihn: so fremd war er mir; aber in
-diesem Augenblick weckten in mir die Aufregung und die Leidenschaft
-dieses verhaßten, fremden Mannes einen so mächtigen Widerhall, ich
-fühlte ein so unüberwindliches Verlangen, mich den Küssen dieses rohen
-und schönen Mundes und den Umschlingungen dieser weißen Hände mit den
-feinen Adern und den ringgeschmückten Fingern hinzugeben, mich kopfüber
-in den lockenden Abgrund verbotener Wonnen, der sich plötzlich vor mir
-auftat, zu stürzen! ...
-
--- Ich bin so unglücklich, -- dachte ich --, möge sich noch mehr
-Unglück über meinem Kopfe häufen. --
-
-Er umschlang mich mit dem einen Arm und beugte sich über mein Gesicht.
--- Möge sich noch mehr Schande und Sünde über meinem Kopfe sammeln! --
-
-»~Je vous aime~,« flüsterte er mit einer Stimme, die so sehr an die
-meines Mannes erinnerte. Ich dachte an meinen Mann und an mein Kind
-wie an längst entschwundene teure Wesen, mit denen mich nichts mehr
-verband. Aber plötzlich erklang hinter der Biegung die Stimme der L.
-M., die mich rief. Ich kam zur Besinnung, entriß ihm meine Hand und
-lief fast, ohne ihn anzusehen, zu L. M. Wir stiegen in den Wagen, und
-erst jetzt sah ich ihn an. Er nahm den Hut ab und sagte lächelnd etwas.
-Er begriff wohl nicht den unsagbaren Ekel, den ich in diesem Augenblick
-gegen ihn empfand.
-
-Mein Leben erschien mir so unglücklich, meine Zukunft so hoffnungslos,
-die Vergangenheit so schwarz! L. M. sprach etwas zu mir, aber ich
-verstand ihre Worte nicht. Es war mir, als spräche sie mit mir nur aus
-Mitleid, um die Verachtung zu verbergen, die ich in ihr weckte. In
-jedem ihrer Worte, in jedem ihrer Blicke glaubte ich diese Verachtung,
-dieses verletzende Mitleid zu fühlen. Der Kuß brannte mir wie ein
-Schandmal auf der Wange, und der Gedanke an meinen Mann und an mein
-Kind war mir unerträglich. Ich hoffte allein in meinem Zimmer über
-meine Lage nachdenken zu können, aber es war mir so schrecklich, allein
-zu sein. Ich trank den Tee, den man mir gebracht hatte, nicht aus und
-machte mich mit fieberhafter Hast bereit, ohne zu wissen, warum, mit
-dem Abendzug zu meinem Mann nach Heidelberg zu fahren.
-
-Als ich mit meiner Zofe im leeren Wagen saß, die Maschine sich in
-Bewegung setzte und die durch das Fenster hereinwehende frische Luft
-mir über das Gesicht strich, kam ich allmählich zur Besinnung und
-fing an, meine Vergangenheit und Zukunft klarer zu sehen. Mein ganzes
-Eheleben vom Tage unserer Abreise nach Petersburg an erschien mir
-in einem neuen Lichte und legte sich mir als schwerer Vorwurf aufs
-Gewissen. Zum erstenmal erinnerte ich mich wieder lebhaft unserer
-ersten Zeit auf dem Lande, unserer Pläne, und zum erstenmal kam mir die
-Frage in den Sinn: welches waren seine Freuden während dieser ganzen
-Zeit? Und ich fühlte mich schuldig gegen ihn. -- Warum hat er mich
-aber nicht zurückgehalten, warum hat er geheuchelt, warum ist er allen
-Erklärungen aus dem Wege gegangen, warum hat er mich beleidigt? --
-fragte ich mich. -- Warum hat er nicht von der Macht seiner Liebe über
-mich Gebrauch gemacht? Oder liebt er mich nicht? -- Aber so schuldig
-er auch sein mochte, der Kuß jenes fremden Mannes brannte mir auf der
-Wange, und ich fühlte ihn. Je mehr ich mich Heidelberg näherte, um so
-klarer sah ich meinen Mann vor mir, und um so schrecklicher erschien
-mir die bevorstehende Begegnung. -- Ich will ihm alles, alles sagen,
-ich will alles mit den Tränen der Reue ausweinen, -- dachte ich, --
-und er wird mir verzeihen. -- Aber ich wußte selbst nicht, was dieses
-»alles« war, was ich ihm sagen wollte, und ich glaubte selbst nicht,
-daß er mir verzeihen würde.
-
-Als ich aber ins Zimmer meines Mannes trat und sein ruhiges, wenn auch
-erstauntes Gesicht sah, fühlte ich, daß ich ihm nichts zu sagen, nichts
-zu gestehen und auch nichts abzubitten habe. Der Gram und die Reue
-mußten unausgesprochen in meiner Seele bleiben.
-
-»Was ist dir eingefallen?« fragte er. »Ich wollte ja selbst morgen zu
-dir kommen.« Als er aber mein Gesicht aufmerksamer betrachtete, schien
-er erschrocken. »Was hast du? Was ist mit dir los?« fragte er mich.
-
-»Nichts,« antwortete ich, meine Tränen mit Mühe zurückhaltend. »Ich bin
-für ganz hergekommen. Fahren wir meinetwegen gleich morgen heim nach
-Rußland.«
-
-Er sah mich recht lange schweigend und aufmerksam an.
-
-»Erzähle doch, was geschehen ist,« sagte er.
-
-Ich errötete unwillkürlich und schlug die Augen nieder. In seinen Augen
-flammte ein Ausdruck von Kränkung und Zorn auf. Ich erschrak vor den
-Gedanken, die ihm kommen konnten, und sagte mit einer Verstellung, die
-ich von mir selbst nicht erwartet hatte:
-
-»Es ist nichts geschehen, es war mir nur so langweilig und traurig
-allein zu sein, und ich dachte viel an unser Leben und an dich. Ich
-fühle mich schon so lange schuldig gegen dich! Warum fährst du mit
-mir dorthin, wo es dir nicht gefällt? Ich fühle mich schon so lange
-schuldig gegen dich,« wiederholte ich, und die Tränen traten mir wieder
-in die Augen. »Wollen wir doch auf unser Gut fahren und für immer.«
-
-»Ach, liebes Kind, verschone mich mit solchen empfindsamen Szenen,«
-sagte er kühl. »Daß du aufs Land willst, ist sehr schön, denn es ist
-uns recht wenig Geld übrig geblieben; aber für immer, -- das ist nur
-eine Phantasie. Ich weiß, daß du es nicht aushalten wirst. Jetzt aber
-trinke Tee, das wird besser sein,« schloß er und stand auf, um dem
-Kellner zu klingeln.
-
-Ich stellte mir alles vor, was er von mir denken konnte, und fühlte
-mich durch die schrecklichen Gedanken beleidigt, die ich ihm zuschrieb,
-als ich seinen ungläubigen, gleichsam beschämten Blick, den er auf mich
-gerichtet hielt, sah. -- Nein, er will und kann mich nicht verstehen!
--- Ich sagte ihm, daß ich nach dem Kinde sehen möchte und verließ ihn.
-Ich wollte allein sein und weinen, weinen, weinen ...
-
-
-IV
-
-Das lange nicht geheizte leere Haus zu Nikolskoje wurde wieder
-lebendig; aber das, was darin einst gelebt hatte, erwachte nicht mehr.
-Die Mama war nicht mehr am Leben, und wir standen uns allein gegenüber.
-Wir verlangten jetzt aber nicht nach dieser Einsamkeit, sie fiel uns
-sogar zur Last. Der Winter verging für mich um so schlimmer, als ich
-krank war und mich erst nach der Geburt meines zweiten Sohnes etwas
-erholte. Das Verhältnis zu meinem Mann war noch immer so kühl und
-freundschaftlich wie zur Zeit unseres Lebens in der Stadt; aber auf dem
-Lande erinnerte mich jedes Dielenbrett, jede Wand, jedes Sofa daran,
-was er für mich einst gewesen war und was ich verloren hatte! Zwischen
-uns stand etwas wie eine nicht verziehene Kränkung, als bestrafte er
-mich für irgend etwas und gäbe sich den Anschein, als merke er es
-nicht. Ich hatte ihm nichts abzubitten, es war nichts, womit er mich
-hätte verschonen können; er strafte mich nur damit, daß er sich und
-seine ganze Seele mir nicht mehr hingab, wie früher; er gab sie auch
-niemandem hin, als hätte er überhaupt keine Seele mehr. Manchmal kam
-mir der Gedanke, er stelle sich nur so, um mich zu quälen, während in
-ihm noch das alte Gefühl lebe, und ich bemühte mich, es zu wecken.
-Aber er schien jedesmal einer offenen Aussprache aus dem Wege zu
-gehen, mich der Verstellung zu verdächtigen und jede Empfindsamkeit
-als etwas Lächerliches zu fürchten. Sein Blick und sein Ton sagten
-mir: -- Ich weiß alles, ich weiß alles, du brauchst mir nichts zu
-sagen, ich weiß alles, was du mir sagen willst. Ich weiß auch, daß du
-das eine sagen und etwas anderes tun wirst. -- Diese Furcht vor einer
-offenen Aussprache verletzte mich anfangs, aber dann gewöhnte ich mich
-an den Gedanken, daß es kein Mangel an Offenheit, sondern das Fehlen
-eines Bedürfnisses nach Offenheit sei. Ich hätte es niemals übers Herz
-gebracht, ihm zu sagen, daß ich ihn liebe, oder ihn zu bitten, mit
-mir zu beten oder ihn zu rufen, damit er meinem Klavierspiel zuhöre.
-Im Verkehr zwischen uns hatten sich schon gewisse Anstandsgesetze
-herausgebildet. Wir lebten ein jeder für sich: er mit seinen Arbeiten,
-an denen mich zu beteiligen ich weder brauchte, noch wünschte, ich mit
-meinem Müßiggang, der ihn nicht mehr kränkte und betrübte wie früher.
-Die Kinder waren noch zu klein, um uns aneinander zu binden.
-
-Da brach aber das Frühjahr an. Katja und Ssonja kamen für den Sommer
-aufs Land, unser Haus in Nikolskoje wurde umgebaut, und wir siedelten
-nach Pokrowskoje über. Es war dasselbe alte Haus von Pokrowskoje
-mit seinem Ausziehtisch, dem Klavier in dem hellen Salon und meinem
-ehemaligen Zimmer mit den weißen Vorhängen und meinen gleichsam
-vergessenen Mädchenträumen. In diesem Zimmer standen zwei Kinderbetten:
-in dem einen, in dem ich einst selbst gelegen hatte, bekreuzigte ich
-jetzt jeden Abend den pausbackigen Kokoscha, und aus dem anderen,
-kleineren guckte das Gesicht des kleinen Wanja aus seinen Windeln
-hervor. Nachdem ich sie bekreuzigt hatte, blieb ich oft in der Mitte
-dieses stillen Stübchens stehen, und plötzlich stiegen aus allen
-Ecken, von den Wänden und den Vorhängen alte, vergessene Gesichte
-meiner Jugend auf. Alte Stimmen sangen Mädchenlieder. Wo sind aber
-diese Gesichte? Wo diese lieben, süßen Lieder? Alles, was ich kaum zu
-hoffen wagte, war in Erfüllung gegangen. Unklare, ineinanderfließende
-Träume waren zur Wirklichkeit geworden, und die Wirklichkeit hatte sich
-in ein schweres, mühseliges und freudloses Leben verwandelt. Dabei war
-aber alles noch das alte: der gleiche Garten liegt vor den Fenstern
-mit dem gleichen Rasenplatz und den gleichen Wegen; die gleiche Bank
-steht dort über der Schlucht, der gleiche Nachtigallengesang schallt
-vom Teiche herüber, die gleichen Fliederbüsche prangen in voller Blüte,
-und derselbe Mond steht über dem Hause; und doch hat sich alles in
-einer so schrecklichen, so unmöglichen Weise verändert! So kalt ist
-alles, was so lieb und so nahe sein könnte! Ich sitze genau wie einst
-mit Katja im Wohnzimmer, und wir sprechen leise von ihm. Katjas Gesicht
-ist aber von Runzeln durchfurcht und gelb, ihre Augen glänzen nicht
-mehr vor Freude und Hoffnung, sondern drücken teilnahmsvolle Trauer
-und Mitleid aus. Wir sprechen nicht mehr mit Entzücken von ihm, wir
-kritisieren ihn; wir staunen nicht mehr, warum und wofür uns dieses
-Glück beschieden ist und haben auch nicht mehr den Wunsch wie einst,
-der ganzen Welt unsere Gefühle und Gedanken mitzuteilen; wir tuscheln
-miteinander wie Verschworene und fragen uns zum hundertsten Male, warum
-sich alles so traurig geändert habe. Er ist aber noch immer derselbe,
-nur die Falte zwischen seinen Brauen ist tiefer geworden, an seinen
-Schläfen schimmern mehr graue Haare, aber sein tiefer, aufmerksamer
-Blick ist vor mir immer mit einer Wolke verhüllt. Auch ich bin noch
-immer dieselbe, aber in mir ist keine Liebe und kein Verlangen nach
-Liebe. Kein Bedürfnis nach Arbeit, keine Zufriedenheit mit mir selbst.
-Und so fern und unmöglich erscheinen mir jetzt meine religiösen
-Ekstasen, meine einstige Liebe zu ihm, die frühere Fülle meines Lebens.
-Jetzt würde ich nicht mehr begreifen, was mir einst so klar und gerecht
-erschien: das Glück, für einen anderen zu leben. Weshalb für einen
-anderen, wenn ich nicht mal für mich selbst leben will?
-
-Ich hatte seit der damaligen Petersburger Reise die Musik ganz
-aufgegeben; aber das alte Klavier und die alten Noten weckten in mir
-wieder die alte Lust.
-
-Eines Tages fühlte ich mich etwas unwohl und blieb allein zu Hause;
-Katja und Ssonja waren mit ihm nach Nikolskoje gefahren, um den Neubau
-zu besichtigen. Der Teetisch war gedeckt; ich ging hinunter, um auf sie
-zu warten, und setzte mich ans Klavier. Ich schlug die Sonate ~quasi
-una fantasia~ auf und begann zu spielen. Niemand war zu sehen oder zu
-hören, die Fenster nach dem Garten standen offen, und die bekannten
-Töne voller majestätischer Trauer klangen durch das Zimmer. Als ich
-mit dem ersten Teil zu Ende war, blickte ich aus alter Gewohnheit in
-den Winkel, wo er einst zu sitzen und mir zuzuhören pflegte. Er war
-aber nicht da; der Stuhl, den man schon lange nicht von der Stelle
-gerückt hatte, stand noch in seiner Ecke; durch das Fenster sah
-ich einen Fliederbusch, der sich vom hellen Abendhimmel abhob, und
-die Kühle des Abends strömte durch das offene Fenster herein. Ich
-stützte mich auf das Klavier, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen
-und gab mich meinen Gedanken hin. Lange saß ich so, voller Schmerz
-der unwiederbringlichen alten Zeiten gedenkend und ängstlich in die
-Zukunft blickend. Aber die Zukunft schien leer, als ob ich mir nichts
-mehr erhoffte, nichts mehr ersehnte. -- Habe ich denn mein Leben
-schon hinter mir? -- fragte ich mich und hob entsetzt den Kopf. Um zu
-vergessen und nicht mehr zu denken, begann ich noch einmal dasselbe
-Andante zu spielen. -- Mein Gott! -- dachte ich mir, -- verzeih mir,
-wenn ich schuldig bin, oder gib mir alles wieder, was in meiner Seele
-so schön war, oder lehre mich, was ich jetzt tun, wie ich leben soll!
--- Ein Wagen rollte über den Rasen und hielt vor dem Hause, auf der
-Terrasse ließen sich die bekannten vorsichtigen Schritte vernehmen,
-die gleich wieder verhallten. Aber diese bekannten Schritte weckten
-in meiner Seele nicht mehr das frühere Gefühl. Als ich zu Ende war,
-hörte ich diese Schritte hinter mir, und eine Hand legte sich auf meine
-Schulter.
-
-»Wie klug von dir, daß du diese Sonate gespielt hast!« sagte er.
-
-Ich schwieg.
-
-»Hast du noch keinen Tee getrunken?«
-
-Ich schüttelte verneinend den Kopf und sah mich nicht um, um die Spuren
-der Erregung auf meinem Gesicht nicht zu verraten.
-
-»Katja und Ssonja kommen gleich nach: das Pferd wollte nicht recht
-laufen, sie sind an der Landstraße aus dem Wagen gestiegen und kommen
-zu Fuß,« sagte er.
-
-»Wir wollen auf sie warten,« sagte ich und trat auf die Terrasse, in
-der Hoffnung, daß er mir folgen würde; er erkundigte sich aber nach den
-Kindern und ging zu ihnen. Seine Gegenwart, der Ton seiner einfachen,
-gütigen Stimme ließen es mir unglaublich erscheinen, daß ich etwas
-verloren hätte. Was soll ich mir noch wünschen? Er ist gütig und mild,
-er ist ein guter Gatte und Vater, ich weiß selbst nicht, was mir noch
-fehlt. Ich trat auf die Terrasse und setzte mich unter die Markise,
-auf die gleiche Bank, auf der ich am Tage unserer ersten Aussprache
-gesessen hatte. Die Sonne war schon untergegangen, es dämmerte, eine
-dunkle Frühlingswolke hing über dem Hause und dem Garten, und nur
-durch die Bäume war noch ein wolkenloser Streif des Himmels mit dem
-erlöschenden Abendrot und dem eben aufleuchtenden Abendstern zu sehen.
-Auf allen Dingen lag der Schatten der leichten Wolke, und alles wartete
-auf einen milden Frühlingsregen. Der Wind hatte sich gelegt, kein
-Blatt, kein Halm regte sich, der Duft des Flieders und des Faulbaums
-war im Garten und auf der Terrasse so stark, als stünde die ganze Luft
-in Blüte, und wogte bald stärker, bald schwächer, so daß man die Augen
-schließen wollte, um nichts zu sehen und nichts zu fühlen außer diesem
-süßen Duft. Die Georginen und die noch nicht aufgeblühten Rosen standen
-unbeweglich auf ihren aufgewühlten, schwarzen Beeten und schienen
-langsam an ihren weißen Stäben hinaufzuwachsen; die Frösche quakten
-unten in der Schlucht so laut und durchdringend, als wollten sie sich
-zum letztenmal vor dem Regen, der sie ins Wasser treiben würde, gehörig
-ausschreien. Ein ununterbrochenes, feines Rieseln tönte durch ihr
-Geschrei hindurch. Die Nachtigallen riefen einander etwas zu, und man
-hörte sie unruhig von der einen Stelle zu der anderen fliegen. Auch in
-diesem Frühling versuchte eine Nachtigall, sich im Gebüsch unter dem
-Fenster niederzulassen, und als ich hinaustrat, hörte ich, wie sie in
-die Allee flog, dort noch einen Triller losließ und dann erwartungsvoll
-verstummte.
-
-Vergebens suchte ich mich zu beruhigen: ich erwartete und beklagte
-etwas.
-
-Er kam hinunter und setzte sich neben mich.
-
-»Ich glaube, die beiden werden in den Regen kommen,« sagte er.
-
-»Ja,« sagte ich. Dann schwiegen wir beide lange.
-
-Die Wolke senkte sich immer tiefer in der windstillen Luft, alles
-wurde stiller, duftender und unbeweglicher; plötzlich fiel ein Tropfen
-nieder und prallte von der Markise ab; ein anderer zerschellte auf dem
-Schotter des Gartenweges; dann klatschte es gegen die Pestwurzstauden,
-und bald ging ein frischer, immer stärker werdender Regen nieder. Die
-Nachtigallen und die Frösche waren ganz verstummt, das feine Rieseln
-ließ sich noch immer vernehmen, obwohl es beim Rauschen des Regens aus
-weiterer Ferne zu kommen schien; und irgendein Vogel, der sich wohl
-im welken Laub nicht weit von der Terrasse versteckt hielt, ließ in
-regelmäßigen Abständen seine zwei einförmigen Töne erklingen. Mein Mann
-stand auf und wollte fortgehen.
-
-»Wo willst du hin?« fragte ich, um ihn zurückzuhalten. »Es ist so schön
-hier.«
-
-»Man muß ihnen einen Regenschirm und Galoschen schicken,« antwortete er.
-
-»Nicht nötig, der Regen hört gleich auf.«
-
-Er stimmte mir bei, und wir blieben beide am Geländer der Terrasse
-stehen. Ich stützte den Arm auf einen nassen, glatten Balken und hielt
-den Kopf hinaus. Der kühle Regen tropfte mir auf Haar und Hals. Die
-Wolke über uns wurde immer heller und dünner und erschöpfte sich; an
-Stelle des gleichmäßigen Rauschens des Regens klangen bald nur noch die
-einzelnen Tropfen, die aus der Luft und von den Blättern fielen. Wieder
-schmetterten unten die Frösche, wieder regten sich die Nachtigallen,
-die einander von der einen und von der anderen Seite etwas zuzurufen
-begannen. Alles vor unseren Blicken war wieder heller geworden.
-
-»Wie schön!« sagte er, sich auf das Geländer setzend und mit der Hand
-über mein nasses Haar streichend.
-
-Diese einfache Liebkosung wirkte auf mich wie ein Vorwurf: ich war nahe
-daran, zu weinen.
-
-»Was braucht der Mensch denn noch?« fragte er. »Ich bin jetzt so
-zufrieden, daß ich nichts mehr brauche! Ich bin vollkommen glücklich!«
-
--- Ganz anders sprachst du zu mir einst von deinem Glücke, -- dachte
-ich mir. -- Wie groß es auch war, sagtest du, daß du noch mehr
-verlangtest. Jetzt aber bist du ruhig und zufrieden, während meine
-Seele voll unausgesprochener Reue und nicht ausgeweinter Tränen ist. --
-
-»Auch mir ist es so wohl,« sagte ich, »aber gerade das, daß alles vor
-mir so schön ist, stimmt mich traurig. In meiner Seele ist alles so
-unharmonisch und unvollständig, ich verlange nach etwas, und hier ist
-alles so schön und ruhig. Mischt sich denn nicht auch bei dir eine
-Trauer in den Naturgenuß, sehnst du dich nicht nach der Vergangenheit
-zurück?«
-
-Er nahm seine Hand von meinem Kopf und schwieg eine Weile.
-
-»Ja, einst hatte auch ich dieses Gefühl, besonders im Frühjahr,« sagte
-er, als besänne er sich auf etwas. »Ich blieb manche Nacht auf, mir
-etwas ersehnend und auf etwas hoffend, und es waren schöne Nächte! ...
-Aber damals hatte ich alles vor mir, und jetzt habe ich alles hinter
-mir; jetzt genügt mir das, was ist, und es ist mir so wohl ums Herz,«
-schloß er mit einer so lässigen Sicherheit, daß ich, wie schmerzlich
-mir es auch zu hören war, glauben mußte, daß er die Wahrheit spreche.
-
-»Du hast also gar keine Wünsche?« fragte ich.
-
-»Ich wünsche mir nichts Unmögliches,« antwortete er, mein Gefühl
-erratend. »Du machst dir den Kopf naß,« fügte er hinzu, mich wie ein
-Kind liebkosend und mir wieder mit der Hand über das Haar streichend.
-»Du beneidest die Blätter und das Gras, weil sie vom Regen benetzt
-werden, du möchtest selbst Gras, Laub und Regen sein. Ich aber freue
-mich nur über sie, wie über alles in der Welt, was schön, jung und
-glücklich ist.«
-
-»Und betrauerst du nichts Vergangenes?« fragte ich weiter; ich fühlte,
-wie es mir immer schwerer ums Herz wurde.
-
-Er wurde nachdenklich und schwieg. Ich sah, daß er mir ganz aufrichtig
-antworten wollte.
-
-»Nein!« antwortete er kurz.
-
-»Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr!« sagte ich, mich zu ihm wendend
-und ihm in die Augen blickend. »Betrauerst du nicht das Vergangene?«
-
-»Nein!« sagte er wieder. »Ich bin dem Himmel dafür dankbar, aber ich
-betrauere das Vergangene nicht.«
-
-»Und du wünschst nicht einmal, daß es wiederkehre?« fragte ich.
-
-Er wandte sich um und begann in den Garten hinauszublicken.
-
-»Ich wünsche es nicht, wie ich auch nicht wünsche, daß mir Flügel
-wachsen,« sagte er. »Es darf nicht sein.«
-
-»Und du möchtest das Vergangene gar nicht besser machen? Du machst dir
-oder mir gar keine Vorwürfe?«
-
-»Niemals! Alles war zu unserem Besten.«
-
-»Hör einmal!« sagte ich und berührte seine Hand, damit er sich nach mir
-umblicke. »Hör einmal: warum hast du mir niemals gesagt, es sei dein
-Wunsch, daß ich so lebe, wie du es möchtest? Warum gabst du mir die
-Freiheit, mit der ich nichts anzufangen wußte, warum hast du aufgehört,
-mich zu lehren? Wenn du nur wolltest, wenn du mich anders geleitet
-hättest, so wäre nichts, gar nichts geschehen,« sagte ich mit einer
-Stimme, aus der immer stärker ein kalter Ärger und Vorwurf, aber nicht
-die frühere Liebe herausklang.
-
-»Was wäre nicht geschehen?« fragte er, sich erstaunt nach mir
-umwendend. »Es ist doch gar nichts geschehen. Alles ist gut. Sehr gut,«
-fügte er mit einem Lächeln hinzu.
-
--- Versteht er denn nichts, oder will er, was noch schlimmer wäre,
-nichts verstehen? -- fragte ich mich, und Tränen traten mir in die
-Augen.
-
-»Dann wäre es nicht geschehen, daß ich, die ich keine Schuld vor
-dir trage, mit deiner Gleichgültigkeit, sogar mit deiner Verachtung
-gestraft worden wäre,« entfuhr es mir plötzlich. »Dann wäre es nicht
-geschehen, daß du mir plötzlich ohne jede Schuld von meiner Seite alles
-genommen hättest, was mir teuer war.«
-
-»Was sagst du, liebes Kind!« rief er, als verstünde er meine Worte
-nicht.
-
-»Nein, laß mich ausreden ... Du hast mir dein Vertrauen, deine Liebe,
-sogar deine Achtung genommen; denn ich kann nicht glauben, daß du
-mich nach allem, was einst war, noch liebst. Nein, laß mich doch
-einmal aussprechen, was mich schon so lange quält,« unterbrach ich ihn
-wieder. »Ist es denn meine Schuld, daß ich das Leben nicht kannte, und
-daß du es mir überließest, meinen Weg allein zu suchen? ... Ist es
-denn meine Schuld, daß du mich jetzt, wo ich schon selbst begriffen
-habe, was not tut, wo ich mich schon seit einem Jahre abmühe, zu dir
-zurückzukehren, von dir stößt, als verstündest du nicht, was ich will,
-und zwar so, daß man dir gar nichts vorwerfen kann, während ich allein
-schuldig und unglücklich bin?! Ja, du willst mich wieder in jenes Leben
-zurückstoßen, das mir und dir zum Unglück werden könnte.«
-
-»Womit habe ich denn das gezeigt?« fragte er mit aufrichtigem Entsetzen
-und Erstaunen.
-
-»Hast du mir denn nicht gestern noch gesagt und sagst du mir nicht
-immer, daß ich es hier nicht aushalten werde, daß wir für den Winter
-wieder nach Petersburg gehen müssen, das mir verhaßt ist?« fuhr ich
-fort. »Statt mich zu stützen, vermeidest du jede offene Aussprache
-mit mir, jedes aufrichtige, zärtliche Wort. Aber dann, wenn ich ganz
-gesunken bin, wirst du mir Vorwürfe machen und dich über meinen Fall
-freuen.«
-
-»Wart, wart,« sagte er streng und kalt, »es ist nicht gut, was du jetzt
-sagst. Das beweist nur, daß du jetzt gegen mich eingenommen bist, daß
-du mich nicht ...«
-
-»Daß ich dich nicht liebe? Sag es doch, sag!« sprach ich seinen Satz zu
-Ende, und Tränen stürzten mir aus den Augen. Ich setzte mich auf die
-Bank und bedeckte mein Gesicht mit dem Taschentuch.
-
--- So hat er mich also verstanden! -- dachte ich und gab mir Mühe, das
-Schluchzen zu unterdrücken, das mich zu ersticken drohte. -- Es ist mit
-unserer alten Liebe zu Ende, -- sagte eine Stimme in meinem Herzen.
-Er ging nicht auf mich zu, er tröstete mich nicht. Er war durch meine
-Worte beleidigt. Seine Stimme war ruhig und trocken.
-
-»Ich weiß nicht, was du mir vorwirfst,« begann er, »wenn es nur das
-ist, daß ich dich nicht mehr so liebe, wie ich dich früher liebte ...«
-
-»Ja, wie du mich liebtest!« sagte ich in das Taschentuch hinein, das
-die bitteren Tränen immer reichlicher netzten.
-
-»So liegt es an der Zeit und auch an uns selbst. Jedes Alter hat seine
-eigene Liebe ...« Er schwieg eine Weile. »Soll ich dir die ganze
-Wahrheit sagen, wenn du Aufrichtigkeit verlangst? Soll ich dir sagen,
-wie ich in jenem Jahre, als ich dich kennen lernte, manche schlaflose
-Nacht an dich dachte, wie ich selbst meine Liebe schuf, wie diese Liebe
-in meinem Herzen wuchs und wuchs, wie ich dann in Petersburg und im
-Auslande viele schreckliche Nächte schlaflos verbrachte um diese Liebe,
-die mich quälte, zerstörte und vernichtete? Ich zerstörte nicht sie,
-sondern nur das, was mich quälte; ich habe mich beruhigt, und doch
-liebe ich dich noch immer, aber mit einer anderen Liebe.«
-
-»Ja, du nennst das Liebe, es ist aber eine Qual,« sagte ich. »Warum
-erlaubtest du mir, in der großen Welt zu leben, wenn sie dir so
-verderblich erschien, daß du mich um ihretwillen zu lieben aufgehört
-hast?«
-
-»Es ist nicht die große Welt, liebes Kind,« sagte er.
-
-»Warum hast du nicht von deiner Gewalt Gebrauch gemacht,« fuhr ich
-fort, »warum hast du mich nicht gebunden und getötet? Das wäre für mich
-besser, als alles zu verlieren, was mein Glück ausmachte, es wäre mir
-wohl, und ich müßte mich nicht so schämen.«
-
-Ich fing wieder zu schluchzen an und bedeckte mein Gesicht mit dem Tuch.
-
-In diesem Augenblick kamen Katja und Ssonja, lustig und durchnäßt,
-laut redend und lachend auf die Terrasse; als sie uns aber erblickten,
-verstummten sie und gingen sofort weg.
-
-Als sie fort waren, schwiegen wir lange; ich hatte mich ausgeweint und
-fühlte mich erleichtert. Ich sah ihn an. Er saß, den Kopf in die Hand
-gestützt, und wollte etwas auf meinen Blick antworten; aber er seufzte
-nur schwer auf und stützte den Kopf wieder in die Hand.
-
-Ich ging auf ihn zu und nahm seine Hand. Er sah mich nachdenklich an.
-
-»Ja,« begann er, als fahre er in seinen Gedanken fort. »Wir alle --
-besonders aber ihr Frauen -- müssen die ganze Eitelkeit des Lebens
-auskosten, um zum Leben selbst zurückzukehren; die Erfahrung eines
-anderen kann uns nichts nützen. Du hattest damals diese verlockende und
-liebe, eitle Lust am Leben, die ich in dir bewunderte, noch lange nicht
-ausgekostet; ich ließ dich sie ganz auskosten und fühlte, daß ich kein
-Recht hätte, dir Schwierigkeiten zu machen, obwohl für mich diese Zeit
-längst vorbei war.«
-
-»Warum hast du dann diese ganze Eitelkeit mit mir genossen, warum
-ließest du mich sie genießen, wenn du mich liebst?« fragte ich.
-
-»Weil du, selbst wenn du wolltest, mir nicht geglaubt haben würdest; du
-mußtest alles selbst kennenlernen, und du hast es auch kennengelernt.«
-
-»Du hast viel zu viel Überlegungen angestellt,« sagte ich. »Du hast zu
-wenig geliebt.«
-
-Wir schwiegen wieder eine Weile.
-
-»Es ist grausam, was du eben sagtest, aber es ist wahr,« versetzte er,
-indem er sich plötzlich erhob und auf der Terrasse auf und ab und zu
-gehen begann. »Ja, es ist wahr. Ich war im Unrecht,« fügte er hinzu,
-vor mir stehen bleibend, »entweder hätte ich mir gar nicht erlauben
-dürfen, dich zu lieben, oder ich hätte dich einfacher lieben sollen.
-Ja.«
-
-»Vergessen wir alles,« sagte ich scheu.
-
-»Nein, das Vergangene kehrt nicht wieder, kehrt niemals wieder.« Seine
-Stimme wurde weicher, als er das sagte.
-
-»Alles ist ja schon wiedergekehrt!« sagte ich, indem ich ihm meine Hand
-auf die Schulter legte.
-
-Er nahm meine Hand von seiner Schulter und drückte sie.
-
-»Nein, ich sprach die Unwahrheit, als ich sagte, daß ich das Vergangene
-nicht betrauere; nein, ich betrauere es wohl, ich beweine jene frühere
-Liebe, die nicht mehr ist und nicht mehr wiederkehren kann. Wer die
-Schuld trägt, weiß ich nicht. Es ist wohl eine Liebe geblieben, aber
-es ist nicht die von einst; es ist nur ihr Platz geblieben, doch sie
-selbst ist verkümmert, es ist weder Kraft noch Saft in ihr, es sind
-nur die Erinnerungen und die Dankbarkeit geblieben, aber ...«
-
-»Sprich nicht so ...« unterbrach ich ihn. »Mag alles wieder so werden,
-wie es war. Das ist doch möglich? Ja?« fragte ich, ihm in die Augen
-blickend. Aber seine Augen waren heiter und ruhig und blickten gar
-nicht tief in die meinigen.
-
-Während ich das sagte, fühlte ich schon, daß das, was ich wollte und um
-was ich ihn bat, unmöglich sei. Er lächelte ein ruhiges, mildes, wie
-mir schien greisenhaftes Lächeln.
-
-»Wie jung du noch bist, und wie alt bin ich,« sagte er. »In mir ist
-nichts mehr davon, was du suchst; warum soll man sich betrügen?« fügte
-er mit dem gleichen Lächeln hinzu.
-
-Ich stand schweigend neben ihm, und es wurde mir ruhiger ums Herz.
-
-»Wir wollen nicht versuchen, das Leben zu wiederholen,« fuhr er fort,
-»wir wollen uns nicht mehr belügen. Daß aber die alten Aufregungen und
-Sorgen dahin sind, dafür müssen wir Gott danken! Wir haben nichts mehr
-zu suchen, keinen Grund mehr, uns aufzuregen. Wir haben schon alles
-gefunden, und es ist uns nicht wenig Glück zuteil geworden. Jetzt
-müssen wir zur Seite treten und den Weg diesem da freigeben,« sagte er,
-auf die Amme weisend, die mit Wanja auf dem Arme in der Terrassentüre
-erschienen war. »Ja, so ist es, liebes Kind,« schloß er, meinen Kopf
-niederbeugend und küssend. Es war kein Liebhaber mehr, sondern ein
-alter Freund, der mich küßte.
-
-Aus dem Garten zog aber immer stärker und süßer die duftende Frische
-der Nacht herein, immer feierlicher wurden alle Töne und die Stille,
-und immer mehr Sterne leuchteten am Himmel auf. Ich blickte ihn an,
-und es wurde mir plötzlich so leicht ums Herz, als hätte man mir einen
-kranken seelischen Nerv entfernt, der mir solche Schmerzen verursacht
-hatte. Ich begriff plötzlich klar und ruhig, daß das Gefühl jener Zeit
-so unwiederbringlich vorbei war, wie jene Zeit selbst, und daß es
-nicht nur unmöglich, sondern auch unerträglich und schmerzvoll gewesen
-wäre, jenes Gefühl wieder zu empfinden. War denn jene Zeit, die mir so
-glücklich erschienen, auch wirklich so schön gewesen? Und wie lange,
-wie lange war es schon her!
-
-»Aber es ist Zeit, Tee zu trinken!« sagte er, und wir gingen zusammen
-in das Wohnzimmer. In der Türe trafen wir wieder die Amme mit Wanja.
-Ich nahm das Kind auf die Arme, deckte seine bloßen roten Beinchen zu,
-drückte es an mich und küßte es, sein Köpfchen kaum mit den Lippen
-berührend. Das Kind bewegte wie im Schlafe das Händchen mit den
-gespreizten Fingerchen und schlug die trüben Äuglein auf, als suchte es
-etwas oder als wollte es sich an etwas erinnern; seine Äuglein blieben
-plötzlich an mir haften, ein Funke von Bewußtsein leuchtete in ihnen
-auf, und die vollen, etwas vorstehenden Lippen öffneten sich zu einem
-Lächeln. -- Mein, mein, mein! -- dachte ich, indem ich mir das Kind
-mit einer beseligenden Spannung in allen Gliedern an die Brust drückte
-und mich mit Mühe zusammennahm, um ihm nicht weh zu tun. Und ich
-begann, seine kalten Füßchen, seinen Leib, seine Händchen und sein kaum
-behaartes Köpfchen zu küssen. Mein Mann ging auf mich zu, ich verhüllte
-schnell das Gesicht des Kindes und deckte es gleich wieder auf.
-
-»Iwan Ssergejitsch!« sagte mein Mann, indem er das Kind mit dem Finger
-unter dem Kinne berührte. Ich deckte aber den Iwan Ssergejitsch wieder
-zu. Niemand durfte ihn lange ansehen außer mir. Ich sah meinen Mann an;
-seine Augen lachten, indem sie in die meinen blickten, und es war mir
-zum erstenmal seit langer Zeit so leicht und so wohl ums Herz, sie zu
-sehen.
-
-An diesem Tage endete mein Roman mit meinem Manne; das alte Gefühl
-wurde zu einer teueren, unwiederbringlichen Erinnerung, und das neue
-Gefühl der Liebe zu den Kindern und zum Vater meiner Kinder legte den
-Grund zu einem neuen, in einem ganz anderen Sinne glücklichen Leben,
-das ich in diesem Augenblicke noch nicht abgeschlossen habe ...
-
-
-
-
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-
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-
-
-Verlagsverzeichnisse und Prospekte werden vom Verlag auf Anforderung
-bereitwilligst versandt
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Der Schmutztitel
- wurde entfernt.
-
- Ergänzung offensichtlich fehlender Wörter im Druck:
-
- S. 59: bekam → bekam aber
- bekam {aber} plötzlich Angst
-
- S. 70: als ich → als ob ich
- als {ob} ich wieder ein Junge
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Roman einer Ehe, by Leo Tolstoi
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROMAN EINER EHE ***
-
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- The Project Gutenberg eBook of Roman einer Ehe, by Graf Leo Tolstoi.
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-The Project Gutenberg EBook of Roman einer Ehe, by Leo Tolstoi
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Roman einer Ehe
-
-Author: Leo Tolstoi
-
-Translator: Alexander Eliasberg
-
-Release Date: October 27, 2019 [EBook #60579]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROMAN EINER EHE ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
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-
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-
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-<div class="chapter">
-<p class="h2">Graf Leo Tolstoi</p>
-
-<h1>Roman einer Ehe</h1>
-
-<p class="center">Deutsch</p>
-
-<p class="center smaller">von</p>
-
-<p class="center">Alexander Eliasberg</p>
-
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-
-<p class="center p2">O. C. Recht Verlag München
-</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Copyright by O. C. Recht Verlag München 1921</p>
-
-<p class="center">Viertes bis siebentes Tausend</p>
-
-<p class="center p2">Druck von Julius Klinkhardt in Leipzig</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_1">[1]</a></span></p>
-
-<h2 id="Erster_Teil">Erster Teil.</h2>
-
-<h3 id="kap1_1">I</h3>
-</div>
-
-<p>Wir trugen Trauer um unsere Mutter, die im Herbste
-gestorben war. Den ganzen Winter verlebten wir, Katja,
-Ssonja und ich, auf dem Lande.</p>
-
-<p>Katja war eine alte Freundin unseres Hauses, unsere
-Gouvernante, die uns alle großgezogen hatte, und die ich
-kannte und liebte, seit ich mich meiner überhaupt erinnere.
-Ssonja war meine jüngere Schwester. Wir verlebten einen
-düsteren und traurigen Winter in unserem alten Hause zu
-Pokrowskoje. Das Wetter war kalt, und der Wind hatte
-die Schneewehen bis über die Fensterhöhe herangefegt; die
-Fenster waren immer vereist und undurchsichtig, und wir
-gingen und fuhren fast den ganzen Winter nicht aus. Nur
-selten kam jemand zu uns, und wenn auch jemand kam, so
-brachte er uns weder Fröhlichkeit noch Freude ins Haus.
-Alle hatten traurige Mienen, alle sprachen so leise, als
-fürchteten sie, jemand zu wecken, niemand lachte, alle seufzten
-und weinten oft, wenn sie mich und besonders die kleine
-Ssonja in ihrem schwarzen Kleidchen ansahen. Im Hause
-ließ sich noch die Gegenwart des Todes spüren; Trauer
-und Todesgrauen erfüllten die Luft. Mamas Zimmer war
-geschlossen, und es war mir unheimlich zumute, und ich
-fühlte mich zugleich hingezogen, in dieses kalte und leere<span class="pagenum"><a id="Page_2">[2]</a></span>
-Zimmer hineinzublicken, sooft ich auf dem Wege nach
-meinem Schlafzimmer vorbeimußte.</p>
-
-<p>Ich war damals siebzehn Jahre alt, und Mama hatte
-noch im gleichen Jahre, als sie starb, die Absicht gehabt,
-in die Stadt zu übersiedeln, um mich in die Gesellschaft
-einzuführen. Der Verlust meiner Mutter bedeutete für
-mich einen schweren Kummer, aber zu diesem Gefühl gesellte
-sich, ich muß es gestehen, auch noch der Gram darüber,
-daß ich, die ich, wie mir alle sagten, jung und hübsch
-war, schon den zweiten Winter in der ländlichen Einöde
-nutzlos verbringen mußte. Kurz vor dem Ende des Winters
-steigerte sich das Gefühl der Trauer, der Einsamkeit
-und auch der gewöhnlichen Langweile dermaßen, daß ich
-mein Zimmer nicht mehr verließ, mein Klavier nicht mehr
-öffnete und kein Buch in die Hand nahm. Wenn Katja
-mir zuredete, ich solle das eine oder andere beginnen, so
-antwortete ich ihr: »Ich habe keine Lust, ich kann nicht!«
-In meinem Herzen regte sich aber die Frage: &ndash; Wozu?
-Warum soll ich etwas beginnen, wenn meine beste Zeit
-unnütz dahingeht? Wozu? &ndash; Und auf dieses »Wozu« gab
-es keine andere Antwort als Tränen.</p>
-
-<p>Man sagte mir, ich sei während dieser Zeit mager geworden
-und hätte viel von meiner Schönheit eingebüßt,
-aber auch das interessierte mich nicht. Wozu? Für wen?
-Mir schien, als müsse mein ganzes Leben in dieser Einöde,
-in dieser hilflosen Trauer dahingehen, aus der mich zu befreien
-ich selbst keine Kraft und nicht einmal den Willen
-hatte. Gegen Ende des Winters nahm sich Katja, die um
-mich sehr besorgt war, vor, mich unbedingt ins Ausland zu
-bringen. Dazu brauchte man Geld, wir wußten aber kaum,<span class="pagenum"><a id="Page_3">[3]</a></span>
-was uns nach dem Tode unserer Mutter geblieben war
-und erwarteten von Tag zu Tag unseren Vormund, der
-kommen sollte, um die Vermögensverhältnisse zu klären.</p>
-
-<p>Im März kam der Vormund.</p>
-
-<p>»Nun, Gott sei Dank!« sagte mir einmal Katja, als
-ich wie ein Schatten, müßig, ohne Gedanken und ohne
-Wünsche von Winkel zu Winkel irrte. »Ssergej Michailytsch
-ist angekommen, hat schon nach uns gefragt und
-sich zum Mittagessen angemeldet. Nimm dich zusammen,
-Maschetschka,« fügte sie hinzu. »Was soll er von dir
-denken? Er hat ja euch alle so sehr geliebt.«</p>
-
-<p>Ssergej Michailytsch war unser naher Nachbar und mit
-unserem verstorbenen Vater befreundet gewesen, obwohl er
-viel jünger war als dieser. Ganz abgesehen davon, daß seine
-Ankunft alle unsere Pläne über den Haufen warf und uns
-die Möglichkeit gab, aus der ländlichen Einöde herauszukommen,
-war ich schon von der frühesten Kindheit an gewöhnt,
-ihn zu lieben und zu achten, und Katja hatte, als sie
-mir den Rat gab, mich zusammenzunehmen, ganz richtig erraten,
-daß es mir schmerzvoller war, mich Ssergej Michailowitsch
-als jemand anderem von unsern Bekannten in
-ungünstigem Lichte zu zeigen. Abgesehen davon, daß ich ihn,
-wie alle im Hause, von Katja und Ssonja, seiner Patentochter
-an, bis zum letzten Kutscher schon aus Gewohnheit
-liebte, hatte er für mich noch eine ganz besondere Bedeutung
-infolge einer Bemerkung, die Mama einmal in meiner
-Gegenwart gemacht hatte. Sie hatte gesagt, daß sie mir
-einen solchen Mann wünsche. Damals war mir das sonderbar
-und sogar unangenehm erschienen. Mein Held sollte
-ganz anders aussehen: schlank, hager, bleich und traurig,<span class="pagenum"><a id="Page_4">[4]</a></span>
-aber Ssergej Michailytsch war schon in den Jahren, groß
-gewachsen, wohlbeleibt und, wie mir schien, immer lustig;
-aber die Worte meiner Mutter hatten sich trotzdem in
-meiner Erinnerung festgesetzt, und ich hatte mich noch vor
-sechs Jahren, als ich erst elf Jahre alt war und er zu
-mir »du« sagte und mich »Veilchenmädchen« nannte, zuweilen
-nicht ohne Schrecken gefragt, was ich tun sollte,
-wenn er mich plötzlich heiraten wollen würde.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Vor dem Mittagessen, bei dem es auf Katjas Anordnung
-außer den gewöhnlichen Speisen auch noch Gefrorenes,
-eine Creme und eine Spinatsauce gab, kam Ssergej Michailytsch
-an. Ich sah ihn durchs Fenster in seinem kleinen
-Schlitten heranfahren; als er um die Ecke bog, eilte
-ich ins Wohnzimmer und wollte so tun, als hätte ich ihn
-gar nicht erwartet. Aber als ich im Vorzimmer seine
-Schritte, seine laute Stimme und die Schritte Katjas
-hörte, hielt ich es doch nicht aus und ging ihm entgegen.
-Er hielt Katja bei der Hand, sprach laut und lächelte. Als
-er mich erblickte, verstummte er und sah mich einige Zeit,
-ohne mich zu begrüßen, an. Ich wurde verlegen und fühlte,
-daß ich errötete.</p>
-
-<p>»Ach! Sind Sie es wirklich?« sagte er in seiner bestimmten,
-einfachen Art, vor Erstaunen die Arme spreizend
-und auf mich zugehend. »Kann sich denn ein Mensch so
-verändern! Wie groß Sie geworden sind! Das soll ein
-Veilchen sein! Sie sind zu einer Rose aufgeblüht.«</p>
-
-<p>Er ergriff mit seiner großen Hand die meine und drückte
-sie herzlich und so stark, daß es mir fast weh tat. Ich
-glaubte, er würde mir die Hand küssen und hatte mich
-schon vorgeneigt, um mit den Lippen seine Stirn zu berühren,<span class="pagenum"><a id="Page_5">[5]</a></span>
-aber er drückte noch einmal meine Hand und sah
-mir mit einem festen und lustigen Blicke gerade in die
-Augen.</p>
-
-<p>Ich hatte ihn seit sechs Jahren nicht gesehen. Er hatte
-sich sehr verändert: war älter und brauner geworden und
-hatte sich einen Backenbart wachsen lassen, der ihm gar
-nicht stand; aber seine einfachen Manieren, sein offenes,
-ehrliches Gesicht mit den scharfen Zügen, die klugen, leuchtenden
-Augen und das freundliche, fast kindliche Lächeln
-waren noch dieselben.</p>
-
-<p>Nach fünf Minuten schon hatte er aufgehört Gast zu
-sein und war wieder zu einem altvertrauten Familienmitglied
-geworden, wie für uns alle, so auch für das Hausgesinde,
-das sich, was man seiner Dienstfertigkeit ansah,
-über seine Ankunft besonders freute.</p>
-
-<p>Er benahm sich ganz anders als alle Nachbarn, die nach
-dem Tode Mamas zu uns kamen und es für nötig hielten,
-während der ganzen Dauer des Besuchs zu schweigen oder
-uns zu bemitleiden; er war vielmehr sehr redselig,
-lustig und kam mit keinem Worte auf Mama zu sprechen,
-so daß diese Gleichgültigkeit seitens eines so nahe stehenden
-Menschen mir zuerst seltsam und sogar unpassend vorkam.
-Später begriff ich aber, daß dieses Gebaren keine Gleichgültigkeit,
-sondern eine besondere Herzlichkeit bedeutete,
-und ich war ihm dafür dankbar. Abends tranken wir im
-Wohnzimmer Tee; Katja schenkte wie bei Mamas Lebzeiten
-den Tee ein und saß auf ihrem alten Platz; Ssonja und
-ich setzten uns neben sie; der alte Grigorij brachte ihm
-Papas alte Pfeife, die er aufgefunden hatte, und er begann
-wie vor Zeiten im Zimmer auf und ab zu gehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_6">[6]</a></span></p>
-
-<p>»Wenn man es so bedenkt, welche furchtbaren Veränderungen
-in diesem Hause!« sagte er, stehen bleibend.</p>
-
-<p>»Ja,« erwiderte Katja mit einem Seufzer. Sie deckte
-den Samowar zu und blickte Ssergej Michailytsch an, im
-Begriff, in Tränen auszubrechen.</p>
-
-<p>»Sie können sich wohl noch Ihres Vaters erinnern?«
-wandte er sich an mich.</p>
-
-<p>»Kaum,« antwortete ich.</p>
-
-<p>»Wie gut hätten Sie es jetzt, wenn er noch am Leben
-wäre!« sagte er, indem er mir still und nachdenklich auf
-die Stirne blickte. »Ich habe Ihren Vater immer sehr
-lieb gehabt!« fügte er leiser hinzu, und es kam mir vor,
-als wären seine Augen noch glänzender geworden.</p>
-
-<p>»Der Herr hat aber auch sie zu sich genommen!« sagte
-Katja. Sie legte eine Serviette auf die Teekanne, holte
-ihr Tuch aus der Tasche und fing zu weinen an.</p>
-
-<p>»Ja, furchtbare Veränderungen in diesem Hause,« sagte
-er noch einmal, sich wegwendend. »Ssonja, zeig mal deine
-Spielsachen,« fügte er nach einer Weile hinzu und ging in
-den Salon. Als er fort war, sah ich Katja mit Tränen in
-den Augen an.</p>
-
-<p>»So ein guter Freund!« sagte sie.</p>
-
-<p>Die Teilnahme dieses fremden und gütigen Menschen
-tat mir wirklich warm und wohl.</p>
-
-<p>Man hörte Ssonja im Salon lustig kreischen, während
-er mit ihr spielte. Ich schickte ihm ein Glas Tee hinüber;
-dann hörten wir, wie er sich ans Klavier setzte und mit
-Ssonjas Händchen auf die Tasten schlug.</p>
-
-<p>»Marja Alexandrowna!« hörte ich ihn rufen, »kommen
-Sie her, spielen Sie etwas.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_7">[7]</a></span></p>
-
-<p>Es war mir angenehm, daß er sich so ungezwungen und
-in einem freundschaftlich gebieterischen Ton an mich wandte;
-ich stand auf und ging auf ihn zu.</p>
-
-<p>»Spielen Sie mal das,« sagte er, das Beethovenheft
-bei dem Adagio der Sonate Quasi una fantasia aufschlagend.
-»Wir wollen mal sehen, wie Sie spielen,« fügte er
-hinzu und zog sich mit seinem Teeglas in eine Ecke des
-Salons zurück.</p>
-
-<p>Ich hatte, ich weiß selbst nicht warum, das Gefühl, daß
-es mir unmöglich gewesen wäre, mich zu weigern oder vorauszuschicken,
-daß ich schlecht spiele; ich setzte mich gehorsam
-ans Klavier und spielte so gut ich konnte, obwohl ich
-mich vor seinem Urteil fürchtete: ich wußte, daß er sich auf
-Musik verstand und sie liebte. Das Adagio entsprach ganz
-der Stimmung der Erinnerungen, die das Gespräch am
-Teetisch in mir geweckt hatte, und ich spielte es, glaube ich,
-recht anständig. Aber das Scherzo wollte er mich nicht
-spielen lassen. »Nein, das werden Sie nicht gut spielen,«
-sagte er, auf mich zugehend. »Lassen Sie das, aber der
-erste Teil war nicht schlecht. Sie scheinen Verständnis für
-Musik zu haben.« Dieses recht mäßige Lob freute mich so
-sehr, daß ich sogar rot wurde. Es war mir so neu und so
-angenehm, daß er, der Freund und beinahe Altersgenosse
-meines Vaters, zu mir ernst und wie zu seinesgleichen sprach,
-und nicht wie zu einem Kinde wie einst. Katja ging mit
-Ssonja hinauf, um sie zu Bett zu bringen, und wir blieben
-allein im Salon.</p>
-
-<p>Er erzählte mir von meinem Vater; wie er sich ihm
-angeschlossen hatte, wie lustig sie gelebt hatten, als ich mich
-noch mit meinen Lehrbüchern und Spielsachen abgab; und<span class="pagenum"><a id="Page_8">[8]</a></span>
-mein Vater erschien mir in diesen Erzählungen als ein einfacher
-und lieber Mensch, wie ich ihn noch gar nicht gekannt
-hatte. Er erkundigte sich auch danach, was ich besonders
-liebe, was ich lese, was ich zu unternehmen gedenke
-und gab mir Ratschläge. Er war jetzt für mich nicht mehr
-der stets zu Scherzen aufgelegte lustige Patron, der mich
-einst gerne neckte und mir Spielsachen anfertigte, sondern
-ein ernster, einfacher und liebender Mann, dem ich unwillkürlich
-Achtung und Sympathie entgegenbrachte. Es war
-mir so leicht und wohl ums Herz, zugleich spürte ich auch
-eine gewisse Befangenheit, als ich mit ihm sprach. Ich
-fürchtete für jedes meiner Worte; ich wollte bei ihm selbst
-die Liebe verdienen, die er mir schon aus dem Grunde entgegenbrachte,
-weil ich die Tochter meines Vaters war.</p>
-
-<p>Nachdem Katja Ssonja zu Bett gebracht hatte, gesellte
-sie sich zu uns. Sie beklagte sich über meine Apathie, von
-der ich selbst nichts gesagt hatte.</p>
-
-<p>»Das Wichtigste hat sie mir verschwiegen,« sagte er
-lächelnd und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.</p>
-
-<p>»Was soll ich darüber erzählen!« entgegnete ich. »Es
-ist sehr langweilig und wird sich auch bald geben.« (Mir
-schien in jenem Augenblick nicht nur, als müßte meine
-Langeweile vorübergehen, sondern als wäre sie schon vorübergegangen
-und würde niemals wiederkehren.)</p>
-
-<p>»Es ist nicht gut, wenn man die Einsamkeit nicht ertragen
-kann,« sagte er. »Sind Sie denn ein Fräulein?«</p>
-
-<p>»Natürlich bin ich ein Fräulein,« antwortete ich lachend.</p>
-
-<p>»Nein, Sie sind ein schlechtes Fräulein, das nur dann
-lebendig ist, solange man es bewundert, und das den Mut
-sinken läßt und zu nichts mehr Lust hat, sobald es allein<span class="pagenum"><a id="Page_9">[9]</a></span>
-geblieben ist; alles nur als Schauspiel für die anderen, und
-nichts für sich selbst.«</p>
-
-<p>»Eine nette Meinung haben Sie von mir!« sagte ich, nur
-um etwas zu sagen.</p>
-
-<p>»Nein!« versetzte er nach kurzem Schweigen. »Nicht umsonst
-sehen Sie Ihrem Vater ähnlich. <em class="gesperrt">Es steckt etwas
-in Ihnen</em>&nbsp;…« Sein freundlicher, aufmerksamer Blick
-schmeichelte mir wieder und brachte mich in freudige Verlegenheit.</p>
-
-<p>Erst jetzt entdeckte ich in seinem, im ersten Moment
-lustig scheinenden Gesicht, diesen einzigen, nur ihm allein
-eigentümlichen Blick, der anfangs heiter schien und dann
-immer forschender und sogar etwas traurig wurde.</p>
-
-<p>»Sie dürfen und können sich nicht langweilen,« sagte er.
-»Sie haben Ihre Musik, für die Sie Verständnis haben,
-Ihre Bücher, Ihr Studium, Sie haben ein ganzes Leben vor
-sich, auf das Sie sich nur jetzt vorbereiten können, um es später
-nicht zu beklagen. Nach einem Jahr wird es schon zu spät sein.«</p>
-
-<p>Er sprach zu mir wie ein Vater oder wie ein Onkel,
-und ich fühlte, daß er sich fortwährend die Mühe gab,
-sich wie meinesgleichen zu geben. Es kränkte mich, daß er
-auf mich eigentlich von oben herabsah, und es war mir
-zugleich angenehm, daß er sich mir zuliebe bemühte, als ein
-anderer zu erscheinen.</p>
-
-<p>Den Rest des Abends sprach er mit Katja über geschäftliche
-Dinge.</p>
-
-<p>»Nun, lebt wohl, meine lieben Freunde,« sagte er, indem
-er sich erhob, auf mich zuging und meine Hand ergriff.</p>
-
-<p>»Wann werden wir uns wiedersehen?« fragte Katja.</p>
-
-<p>»Im Frühjahr,« antwortete er, mich noch immer bei der<span class="pagenum"><a id="Page_10">[10]</a></span>
-Hand haltend. »Jetzt fahre ich nach Danilowka (so hieß
-unser anderes Gut), um dort alles festzustellen und, soweit
-ich kann, in Ordnung zu bringen, dann in meinen eigenen
-Geschäften nach Moskau, und im Sommer werden wir uns
-wiedersehen.«</p>
-
-<p>»Warum verlassen Sie uns für so lange?&nbsp;…« sagte ich
-furchtbar traurig; ich hatte in der Tat gehofft, ihn jeden Tag
-zu sehen, und es wurde mir plötzlich so trist und bange zumute,
-daß meine Schwermut wiederkehren sollte. Wahrscheinlich
-war das auch in meinem Blick und in meinem Ton zu lesen.</p>
-
-<p>»Suchen Sie die Zeit mit Arbeit totzuschlagen und
-fangen Sie keine Grillen,« sagte er mir, wie es mir
-schien, in einem viel zu kalten und gleichgültigen Tone. »Im
-Frühjahr werde ich Sie examinieren,« fügte er hinzu, meine
-Hand loslassend, und ohne mich anzublicken.</p>
-
-<p>Im Vorzimmer, wohin wir ihn begleiteten, hatte er es
-sehr eilig, seinen Pelz anzuziehen und vermied es, mich anzublicken.
-&ndash; Umsonst gibt er sich solche Mühe! &ndash; dachte
-ich mir. &ndash; Glaubt er denn wirklich, es sei mir so angenehm,
-daß er mich ansieht? Er ist ein guter Mensch, ein
-sehr guter Mensch … aber das ist auch alles.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Aber an diesem Abend konnten Katja und ich lange nicht
-einschlafen; wir sprachen immer, doch nicht von ihm, sondern
-davon, wie wir den Sommer verleben und wie und
-wo wir den nächsten Winter zubringen würden. Die schreckliche
-Frage: »Wozu?« kam mir nicht mehr in den Sinn.
-Es erschien mir so einfach und so klar, daß man leben müsse,
-um glücklich zu sein, und daß mich in der Zukunft viel Glück
-erwarte. Als wäre unser altes, düsteres Gutshaus von
-Pokrowskoje plötzlich mit Licht und Leben erfüllt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_11">[11]</a></span></p>
-
-<h3 id="kap1_2">II</h3>
-</div>
-
-<p>Indessen kam der Frühling. Meine frühere Schwermut
-war vergangen und an ihre Stelle die träumerische
-Frühlingssehnsucht voller unbegreiflicher Hoffnungen und
-Gelüste getreten. Ich lebte zwar nicht mehr so wie zu Beginn
-des Winters, sondern gab mich mit Ssonja ab und
-beschäftigte mich mit Musik und mit Lektüre; aber ich ging
-oft in den Garten und irrte lange, lange allein durch die
-Alleen oder saß auf einer Bank, und Gott allein weiß, was
-ich mir da dachte, was ich wünschte und worauf ich hoffte.
-Manchmal saß ich ganze Nächte, besonders beim Mondschein
-bis zum Morgen am Fenster meines Zimmers; zuweilen
-schlich ich mich leise, damit es Katja nicht höre, bloß
-mit der Nachtjacke bekleidet, in den Garten und lief über das
-taubedeckte Gras bis zum Teiche; einmal gelangte ich sogar
-ins freie Feld und umwanderte eines Nachts allein den
-ganzen Garten.</p>
-
-<p>Jetzt fällt es mir schwer, mich der Träume, die damals
-meine Phantasie beschäftigten, zu erinnern und sie zu begreifen.
-Wenn ich jetzt sogar daran zurückdenke, kann ich
-kaum glauben, daß es wirklich meine Träume gewesen
-seien: so seltsam und lebensfremd waren sie.</p>
-
-<p>Ende Mai kam Ssergej Michailytsch, so wie er versprochen
-hatte, von seiner Reise zurück.</p>
-
-<p>Zum erstenmal besuchte er uns am Abend, als wir ihn
-gar nicht erwarteten. Wir saßen auf der Terrasse und<span class="pagenum"><a id="Page_12">[12]</a></span>
-schickten uns an, Tee zu trinken. Der Garten war schon
-dicht belaubt, und im Gebüsch nisteten während der Petrifasten
-die Nachtigallen. Die krausen Fliederbüsche sahen so
-aus, als wären sie oben mit etwas Weißem und Lila überpudert.
-Das waren die aufbrechenden Knospen. Das Laub
-der Birkenallee war im Scheine der untergehenden Sonne
-ganz durchsichtig. Auf der Terrasse lag ein frischer, kühler
-Schatten. Das Gras erwartete reichlichen Abendtau. Im
-Hofe hinter dem Garten ließen sich die letzten Laute des
-Tages, die Geräusche der heimgekehrten Herde vernehmen;
-der närrische Nikon fuhr mit einem Fasse auf dem Gartenwege
-vor der Terrasse auf und nieder, und der kalte Wasserstrahl
-aus seiner Gießkanne schwärzte die aufgewühlte Erde
-an den Stengeln der Georginen und ihren Stäben. Bei
-uns auf der Terrasse funkelte und kochte auf dem weißen
-Tischtuch der blank geputzte Samowar, standen Sahne,
-Brezeln und Gebäck. Katja spülte als sorgsame Hausfrau
-mit ihren rundlichen Händen die Tassen. Ich hatte nach
-dem Bade solchen Hunger, daß ich den Tee nicht erwarten
-konnte und das Brot mit dicker frischer Sahne aß. Ich
-hatte eine Leinenbluse mit offenen Ärmeln an, und meine
-feuchten Haare waren mit einem Tuch umwunden. Katja
-hatte ihn als erste durch das Fenster erblickt.</p>
-
-<p>»Ah, Ssergej Michailytsch!« rief sie. »Wir haben
-doch soeben von Ihnen gesprochen.«</p>
-
-<p>Ich stand auf und wollte gehen, um mich umzukleiden,
-er kam aber gerade in dem Augenblick, als ich schon in der
-Türe war.</p>
-
-<p>»Macht man denn auf dem Lande so große Umstände?«
-sagte er lächelnd, mit einem Blick auf meinen mit dem<span class="pagenum"><a id="Page_13">[13]</a></span>
-Tuche umwundenen Kopf. »Vor Grigorij genieren Sie
-sich doch nicht, ich bin aber für Sie doch so gut wie Grigorij.«
-Aber es kam mir gerade in jenem Augenblick vor,
-als sähe er mich gar nicht so an, wie mich Grigorij ansehen
-könnte, und ich wurde verlegen.</p>
-
-<p>»Ich komme gleich wieder,« sagte ich fortgehend.</p>
-
-<p>»Warum sollte das unpassend sein!« rief er mir nach.
-»So sehen Sie doch ganz wie eine junge Bäuerin aus.«</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;Wie seltsam hat er mich eben angesehen, &ndash; dachte ich
-mir, während ich mich oben umzog. &ndash; Nun, Gott sei Dank,
-daß er gekommen ist: jetzt wird es wieder lustiger werden! &ndash;
-Ich warf noch einen Blick in den Spiegel, eilte lustig die
-Treppe hinunter und kam außer Atem, ohne irgendwie zu
-verheimlichen, daß ich mich beeilt hatte, auf die Terrasse.
-Er saß am Tisch und sprach mit Katja über unsere Vermögensverhältnisse.
-Er sah mich lächelnd an und fuhr in
-seinem Gespräch fort. Unsere Verhältnisse waren nach
-seinen Worten im besten Zustande. Wir müßten jetzt nur
-noch den Sommer auf dem Lande verbringen und könnten
-dann entweder nach Petersburg, um für Ssonjas Erziehung
-zu sorgen, oder ins Ausland gehen.</p>
-
-<p>»Ja, wenn Sie doch mit uns ins Ausland mitkommen
-wollten,« sagte Katja. »Allein würden wir uns dort so
-einsam wie in einem Walde fühlen.«</p>
-
-<p>»Ach, wie gerne würde ich mit Ihnen eine Reise um die
-Welt machen!« sagte er halb im Scherz und halb im Ernst.</p>
-
-<p>»Nun,« erwiderte ich, »machen wir doch wirklich eine
-Reise um die Welt.«</p>
-
-<p>Er lächelte und schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>»Und meine Mutter? Und meine Geschäfte?« versetzte<span class="pagenum"><a id="Page_14">[14]</a></span>
-er. »Aber es handelt sich jetzt nicht darum. Erzählen Sie
-mir lieber, wie Sie die Zeit verbracht haben. Haben Sie
-denn wieder Grillen gefangen?«</p>
-
-<p>Als ich ihm berichtete, was ich in seiner Abwesenheit getrieben,
-und daß ich mich nicht gelangweilt hatte, und als
-Katja meine Worte bestätigte, lobte er und liebkoste mich
-mit Worten und Blicken, als ob ich noch ein Kind wäre,
-und er ein Recht darauf hätte. Ich hielt es für meine
-Pflicht, ihm ausführlich und besonders aufrichtig über
-alles zu berichten, was ich Gutes getan hatte, und ihm
-wie in der Beichte alles zu gestehen, was seine Unzufriedenheit
-erregen konnte. Der Abend war so schön, daß wir auch
-nach dem Tee auf der Terrasse blieben, und das Gespräch
-fesselte mich so, daß ich gar nicht merkte, wie ringsum allmählich
-alle menschlichen Laute verstummten. Von allen
-Seiten duftete es nach Blumen, reichlicher Tau netzte das
-Gras, eine Nachtigall begann in der Nähe in einem Fliederbusch
-zu schmettern und verstummte, als sie unsere Stimmen
-hörte; der gestirnte Himmel senkte sich gleichsam auf uns
-herab.</p>
-
-<p>Ich merkte den Anbruch der Nacht erst dann, als eine
-Fledermaus lautlos unter die Leinenmarkise der Terrasse
-geflogen kam und mein weißes Kopftuch zu umflattern begann.
-Ich drückte mich an die Wand und wollte schon
-aufschreien, aber die Fledermaus flog ebenso lautlos und
-schnell, wie sie gekommen war, unter der Markise hinaus
-und verschwand im Halbdunkel des Gartens.</p>
-
-<p>»Wie liebe ich Euer Pokrowskoje,« sagte er, das Gespräch
-unterbrechend. »Ich könnte mein ganzes Leben hier
-auf dieser Terrasse sitzen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_15">[15]</a></span></p>
-
-<p>»Nun, bleiben Sie doch wirklich hier sitzen,« sagte
-Katja.</p>
-
-<p>»Ja, sitzen,« erwiderte er, »das Leben sitzt nicht still.«</p>
-
-<p>»Warum heiraten Sie nicht?« fragte Katja. »Sie
-wären doch ein vorzüglicher Ehemann.«</p>
-
-<p>»Weil ich gerne sitze?« Er lachte auf. »Nein, Katerina
-Karlowna, wir beide heiraten nicht mehr. Man hat schon
-längst aufgehört, mich für einen Menschen zu halten, den
-man verheiraten könnte. Ich selbst denke erst recht nicht
-daran, und seitdem ich es nicht mehr tue, fühle ich mich
-wirklich wohl.«</p>
-
-<p>Es kam mir vor, als spräche er das irgendwie unnatürlich
-und affektiert.</p>
-
-<p>»Großartig! Mit sechsunddreißig Jahren wollen Sie
-schon das Leben hinter sich haben,« versetzte Katja.</p>
-
-<p>»Und wie!« fuhr er fort. »Ich habe nur noch den einen
-Wunsch, still zu sitzen. Um zu heiraten, braucht man aber
-etwas anderes. Fragen Sie mal sie,« fügte er hinzu, mit
-einer Kopfbewegung auf mich deutend. »Solche müssen heiraten.
-Wir beide werden uns aber ihrer freuen.«</p>
-
-<p>Im Tone seiner Stimme lagen eine verhaltene Trauer
-und Erregung, die mir nicht entgingen. Er schwieg eine
-Weile; Katja und ich versetzten kein Wort.</p>
-
-<p>»Stellen Sie sich nur vor,« fuhr er fort, sich auf
-seinem Stuhle umdrehend, »das Unglück wollte es, daß
-ich mich mit einem siebzehnjährigen Mädchen verheiratete,
-zum Beispiel mit Masch… mit Marja Alexandrowna.
-Das ist sogar ein schönes Beispiel, und ich freue mich, daß
-es so gut paßt … es ist das allerbeste Beispiel.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_16">[16]</a></span></p>
-
-<p>Ich lachte und konnte unmöglich verstehen, worüber er
-sich so freute und was da so gut paßte.</p>
-
-<p>»Nun, sagen Sie mir aufrichtig, die Hand aufs Herz,«
-fuhr er fort, sich scherzend an mich wendend, »wäre es
-denn für Sie kein Unglück, Ihr Leben an das eines alten,
-abgelebten Mannes zu binden, der nur noch ruhig sitzen will,
-während in Ihnen Gott weiß was für Wünsche gären?«</p>
-
-<p>Ich wurde verlegen und schwieg, da ich nicht wußte, was
-darauf zu antworten.</p>
-
-<p>»Ich mache Ihnen ja keinen Antrag,« fuhr er lachend fort.
-»Sagen Sie mir aber aufrichtig, Sie ersehnen sich doch
-nicht einen solchen Mann, wenn Sie abends allein durch die
-Alleen wandeln? Das wäre doch ein Unglück?«</p>
-
-<p>»Kein Unglück&nbsp;…« begann ich.</p>
-
-<p>»Gut wäre es aber auch nicht,« sprach er meinen Satz
-zu Ende.</p>
-
-<p>»Aber ich kann auch irren&nbsp;…«</p>
-
-<p>Er unterbrach mich wieder.</p>
-
-<p>»Nun sehen Sie es selbst. Sie hat vollkommen recht, ich
-bin ihr für die Aufrichtigkeit dankbar und freue mich, daß
-die Rede darauf gekommen ist! Und noch mehr als das, es
-wäre auch für mich das größte Unglück,« fügte er hinzu.</p>
-
-<p>»Sie sind doch wirklich komisch und haben sich nicht im
-geringsten verändert,« sagte Katja und verließ die Terrasse,
-um den Tisch zum Abendessen decken zu lassen.</p>
-
-<p>Als Katja gegangen war, verstummten wir beide, und
-auch alles um uns herum war stumm. Nur die Nachtigall
-schmetterte, so daß es durch den ganzen Garten schallte,
-doch nicht mehr so abgerissen und zaghaft wie vorhin, sondern<span class="pagenum"><a id="Page_17">[17]</a></span>
-auf ihre nächtliche Weise, ruhig und ohne Übereilung;
-eine zweite Nachtigall, die sich heute abend zum erstenmal
-vernehmen ließ, antwortete ihr aus der Schlucht. Die erste
-Nachtigall verstummte für eine Weile, als lauschte sie der
-anderen, und ließ dann noch lauter und mächtiger ihre hellen
-Triller erschallen. Majestätisch und ruhig klangen diese
-Stimmen durch ihre, uns fremde nächtliche Welt. Der
-Gärtner ging vorüber, um sich im Gewächshaus schlafen
-zu legen; seine Schritte in den schweren Stiefeln entfernten
-sich auf dem Gartenwege und verhallten. Am Fuße des
-Berges ließ jemand zweimal einen durchdringenden Pfiff
-erschallen, und alles wurde wieder still. Kaum hörbar regte
-sich das Laub, schwankte die Zeltleinwand der Markise;
-etwas Duftendes zog durch die Luft und verbreitete sich über
-die Terrasse. Es war mir peinlich, nach allem, was schon
-gesagt worden war, zu schweigen, aber ich wußte auch nicht,
-was zu sagen. Ich sah ihn an. Er richtete seine im Halbdunkel
-glänzenden Augen auf mich.</p>
-
-<p>»Es ist so schön, auf dieser Welt zu leben!« sagte er.</p>
-
-<p>Ich seufzte auf, ich wußte selbst nicht warum.</p>
-
-<p>»Was?«</p>
-
-<p>»Es ist so schön, auf dieser Welt zu leben!« sprach ich
-seine Worte nach.</p>
-
-<p>Und wir schwiegen wieder, und ich fühlte mich wieder
-verlegen. Mir kam immer wieder der Gedanke, daß ich
-ihm wehgetan hätte, als ich zugegeben, daß er alt sei;
-ich wollte ihn trösten, wußte aber nicht, wie.</p>
-
-<p>»Nun, leben Sie wohl,« sagte er, sich erhebend.
-»Meine Mutter erwartet mich zum Abendessen. Ich habe
-sie heute fast gar nicht gesehen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_18">[18]</a></span></p>
-
-<p>»Und ich wollte Ihnen gerade eine neue Sonate vorspielen,«
-sagte ich.</p>
-
-<p>»Ein anderes Mal,« entgegnete er, wie mir schien, etwas
-kühl.</p>
-
-<p>»Leben Sie wohl.«</p>
-
-<p>Nun hatte ich noch mehr das Gefühl, daß ich ihm weh
-getan hätte, und er tat mir leid. Katja und ich begleiteten
-ihn hinaus und blieben noch auf dem Hofe, bis er unseren
-Blicken entschwand. Als die Hufschläge seines Pferdes
-verhallt waren, ging ich um das Haus herum auf die
-Terrasse und begann wieder in den Garten hinauszuschauen;
-im taufeuchten Nebel, in dem alle nächtlichen Töne lebten,
-sah und hörte ich noch lange alles, was ich sehen und hören
-wollte.</p>
-
-<p>Er kam ein zweites und ein drittes Mal, und die Befangenheit,
-die von unserem ersten seltsamen Gespräch herrührte,
-war ganz verschwunden und kehrte nicht wieder. Im
-Laufe des ganzen Sommers besuchte er uns zwei- und dreimal
-wöchentlich, und ich gewöhnte mich so sehr an ihn, daß
-es mir, wenn er längere Zeit ausblieb, unbehaglich wurde,
-allein zu leben; ich zürnte ihm und fand, daß er unrecht tat,
-wenn er mich so allein ließ. Er behandelte mich wie einen
-jungen lieben Freund, fragte mich über alles, forderte
-meine herzlichste Aufrichtigkeit heraus, gab mir Ratschläge,
-lobte mich, machte mir manchmal Vorwürfe und wies mich
-manchmal zurecht. &ndash; Aber trotz seiner Bemühungen, immer
-auf der gleichen Stufe mit mir zu stehen, fühlte ich, daß
-hinter dem, was ich an ihm verstand, noch eine ganze mir
-fremde Welt blieb, in die mich einzuführen er nicht für
-notwendig hielt, und das unterstützte meine Achtung vor<span class="pagenum"><a id="Page_19">[19]</a></span>
-ihm und zog mich zu ihm hin. Ich wußte von Katja und
-von den Nachbarn, daß er außer den Sorgen für die alte
-Mutter, mit der er zusammenlebte, außer seiner Gutswirtschaft
-und den mit der Vormundschaft verbundenen
-Mühen, auch noch irgendeine Tätigkeit im Adelsausschuß
-hatte, die ihm große Unannehmlichkeiten einbrachte; aber
-wie er das alles ansah, was für Überzeugungen, Pläne und
-Hoffnungen er hatte, konnte ich von ihm niemals erfahren.
-Wenn ich nur die Rede auf seine Geschäfte brachte, verzog
-er eigentümlich das Gesicht, als wollte er sagen: »Hören
-Sie bitte auf, das kann Sie doch nicht interessieren,« und
-brachte das Gespräch auf ein anderes Thema. Anfangs
-kränkte mich das, aber dann gewöhnte ich mich so sehr
-daran, nur noch von Dingen zu sprechen, die mich allein
-angingen, daß ich es vollkommen natürlich fand.</p>
-
-<p>Was mir anfangs gleichfalls mißfiel, aber mit der Zeit
-sogar angenehm wurde, war seine völlige Gleichgültigkeit
-und beinahe Verachtung gegen mein Äußeres. Er deutete
-niemals, weder mit einem Blicke, noch mit einem Worte
-an, daß ich hübsch sei; im Gegenteil, er verzog das Gesicht
-und lachte, wenn man mich in seiner Gegenwart hübsch
-nannte. Er liebte es sogar, äußere Mängel an mir zu
-finden und mich mit ihnen zu necken. Die modernen Kleider
-und Frisuren, mit denen mich Katja an Festtagen herauszuputzen
-liebte, reizten ihn nur zu spöttischen Bemerkungen,
-die die gute Katja kränkten und anfangs auch mich stutzig
-machten. Katja, für die es feststand, daß ich ihm gefalle,
-konnte unmöglich begreifen, wie es ein Mann nicht gerne
-sehen möchte, daß die ihm gefallende Frau in einem möglichst
-günstigen Lichte erscheine. Ich aber kam bald dahinter,<span class="pagenum"><a id="Page_20">[20]</a></span>
-was er eigentlich wollte. Er wollte glauben, daß ich nicht
-kokett sei. Als ich das eingesehen hatte, blieb in mir keine
-Spur von Koketterie in der Kleidung, in der Frisur und
-in den Bewegungen; an ihre Stelle trat die allzu naive
-Koketterie der Einfachheit, während ich noch gar nicht so
-einfach sein konnte. Ich wußte, daß er mich liebte; ob aber
-wie ein Kind oder wie ein Weib, fragte ich mich noch nicht;
-seine Liebe war mir teuer, und da ich fühlte, daß er mich
-für das beste Mädchen in der Welt hielt, konnte ich nichts
-anderes wünschen, als daß diese Täuschung bestehen bleibe.
-Und ich täuschte ihn unwillkürlich. Aber indem ich ihn
-täuschte, wurde ich selbst besser. Ich fühlte, daß es besser
-und würdiger für mich sei, ihm die schönsten Seiten meiner
-Seele zu zeigen, als die meines Körpers. Meine Haare,
-Hände, Gesichtszüge, Gewohnheiten hatte er, wie mir schien,
-gleich auf den ersten Blick, wie sie auch sein mochten, ob
-gut oder schlecht, richtig eingeschätzt und kannte sie so gut,
-daß ich meinem Äußern nichts mehr hinzufügen konnte,
-außer der Sucht, ihn zu täuschen. Meine Seele kannte er
-aber nicht, weil er sie liebte, weil sie sich gerade in dieser
-Zeit entwickelte und wuchs, und darin konnte ich ihn
-täuschen, was ich auch tat. Wie leicht fühlte ich mich in
-seiner Gegenwart, als ich das begriffen hatte! Alle die
-grundlosen Hemmungen, alle Befangenheit war vollständig
-verschwunden. Ich fühlte, daß er mich, ganz gleich, ob er
-mich von vorn oder von der Seite, sitzend oder stehend, mit
-hinauf- oder hinuntergekämmtem Haar sah, durch und durch
-kannte, und es schien mir, daß er mit mir zufrieden sei,
-so wie ich war. Ich glaube, daß, wenn er mir gegen seine
-Gewohnheit plötzlich wie einer der anderen gesagt hätte,<span class="pagenum"><a id="Page_21">[21]</a></span>
-daß ich ein schönes Gesicht habe, ich darüber gar nicht froh
-gewesen wäre. Wie wohl, wie leicht wurde es mir dagegen
-ums Herz, wenn er mich nach irgendeinem Wort, das ich
-gerade gesagt hatte, aufmerksam ansah und mit bewegter
-Stimme, der er einen scherzhaften Ton zu geben versuchte,
-sagte:</p>
-
-<p>»Ja, ja, in Ihnen steckt etwas. Sie sind ein gutes
-Mädchen, und ich muß es Ihnen sagen.«</p>
-
-<p>Wofür empfing ich aber damals diesen Lohn, der mein
-Herz mit Stolz und Freude erfüllte? Nur weil ich sagte,
-daß ich die Liebe des alten Grigorij zu seiner Enkelin teile,
-oder weil mich ein Gedicht oder ein Roman, den ich gelesen,
-zu Tränen rührte, oder weil ich Mozart dem Schulhof vorzog.
-Und ich wunderte mich selbst über den ungewöhnlichen
-Spürsinn, mit dem ich immer erriet, was gut sei und was
-man lieben müsse, obwohl ich damals noch gar nicht wußte,
-was gut ist und was man lieben muß. Die Mehrzahl
-meiner früheren Gewohnheiten und Neigungen gefiel ihm
-nicht, und er brauchte nur mit einer Bewegung seiner
-Brauen oder mit einem Blick anzudeuten, daß ihm das,
-was ich eben sagen wollte, mißfalle, oder nur die eigentümliche,
-mitleidige, fast verächtliche Miene zu machen, damit
-es mir gleich vorkäme, daß ich das, was mir erst eben
-gefiel, nicht mehr liebe. Zuweilen hatte er erst die Absicht,
-mir irgendeinen Rat zu geben, aber ich glaubte schon zu
-wissen, was er mir sagen wollte. Er fragte mich mit einem
-stummen Blick, mir gerade in die Augen sehend, und sein
-Blick entlockte mir sofort jeden Gedanken, den er nur
-wollte. Alle meine damaligen Gedanken, alle meine damaligen
-Gefühle waren gar nicht mein; es waren nur seine<span class="pagenum"><a id="Page_22">[22]</a></span>
-Gedanken und Gefühle, die plötzlich mein wurden, in mein
-Leben übergingen und es erleuchteten. Ganz unmerklich fing
-ich an, alles: Katja, unsere Dienstboten, Ssonja, mich selbst
-und auch meine Beschäftigungen mit anderen Augen anzusehen.
-Die Bücher, die ich früher zu lesen pflegte, nur um
-die Langeweile zu vertreiben, waren für mich plötzlich zu
-einer der schönsten Lebensfreuden geworden, und das nur
-aus dem Grunde, weil wir beide über Bücher sprachen, sie
-zusammen lasen und er mir welche brachte. Die Beschäftigung
-mit Ssonja, die Stunden, die ich ihr erteilte, waren
-für mich früher eine schwere Last gewesen, die ich nur aus
-Pflichtgefühl auf mich nahm; als er aber einmal einer
-Stunde beiwohnte, wurde es mir eine große Freude, die
-Fortschritte Ssonjas zu verfolgen. Es erschien mir früher
-unmöglich, ein ganzes Musikstück einzuüben; aber jetzt, wo
-ich wußte, daß er mir zuhören und mich vielleicht auch loben
-würde, spielte ich oft vierzigmal hintereinander die gleiche
-Stelle, so daß die arme Katja sich Watte in die Ohren
-stopfte, während es mich nicht im geringsten langweilte.
-Die gleichen alten Sonaten klangen jetzt ganz anders und
-gerieten mir auch anders und viel besser. Selbst Katja,
-die ich so gut wie mich selbst kannte und liebte, war in
-meinen Augen wie verändert. Jetzt erst begriff ich, daß sie
-gar nicht verpflichtet war, uns eine Mutter, eine Freundin
-und eine Sklavin, die sie uns in Wirklichkeit war, zu sein.
-Ich begriff die ganze Selbstaufopferung und Hingebung
-dieses liebevollen Wesens, begriff alles, was ich ihr schuldete,
-und liebte sie noch mehr als früher. Er lehrte mich
-auch alle unsere Leute &ndash; die Bauern, das leibeigene Hausgesinde
-und die Dienstmädchen &ndash; mit ganz anderen Augen<span class="pagenum"><a id="Page_23">[23]</a></span>
-ansehen. Es klingt unglaublich, aber diese Menschen, unter
-denen ich bis zu meinem siebzehnten Lebensjahre gelebt hatte,
-waren mir viel fremder, als solche, die ich nie gesehen hatte;
-es war mir kein einziges Mal in den Sinn gekommen, daß
-diese Menschen ebenso liebten, wünschten und litten wie
-ich. Unser Garten, unsere Wälder, unsere Felder, die ich
-so lange schon kannte, waren für mich plötzlich neu und
-schön. Nicht umsonst pflegte er zu sagen, daß es im Leben
-nur ein einziges, zweifelloses Glück gäbe: für einen andern
-zu leben. Mir kam es zuerst seltsam vor, und ich begriff es
-nicht; aber diese Überzeugung drang mir, ohne daß ich mir
-viel überlegte, ins Herz. Er eröffnete mir eine ganze Welt
-von Freuden in der Gegenwart, ohne etwas in meinem
-Leben zu ändern und meinen Eindrücken etwas hinzuzufügen
-außer sich selbst. Alles, was mich von meiner Kindheit
-an stumm umgab, war plötzlich lebendig geworden. Er
-brauchte nur zu mir zu kommen, und alles fing sofort zu
-sprechen an und bestürmte meine Seele, sie mit Glück
-erfüllend.</p>
-
-<p>Oft ging ich in jenem Sommer in mein Zimmer hinauf,
-legte mich aufs Bett und, statt der Frühlingssehnsucht mit
-ihren Wünschen und Hoffnungen auf die Zukunft, umfing
-mich die Unruhe eines gegenwärtigen Glücks. Ich konnte
-nicht einschlafen, ich stand auf, setzte mich zu Katja aufs
-Bett und sagte ihr, daß ich vollkommen zufrieden sei, was
-ich, wie ich jetzt weiß, ihr gar nicht zu sagen brauchte: sie
-konnte es mir ansehen. Aber sie sagte mir, daß auch sie
-sich nichts mehr wünsche, daß auch sie glücklich sei, und
-sie küßte mich. Ich glaubte es ihr, es erschien mir so notwendig
-und gerecht, daß alle glücklich seien. Katja wollte<span class="pagenum"><a id="Page_24">[24]</a></span>
-schlafen; sie stellte sich böse, jagte mich von ihrem Bette
-fort und schlief ein; ich aber nahm noch lange alles durch,
-was mich so glücklich machte. Manchmal stand ich auf und
-betete, betete mit eigenen Worten, um Gott für all das
-Glück zu danken, das Er mir gab.</p>
-
-<p>Im Zimmer war es still; Katja atmete regelmäßig im
-Schlafe, neben ihr tickte die Uhr, ich aber wälzte mich hin
-und her und flüsterte irgendwelche Worte oder bekreuzigte
-mich und küßte das Kreuz, das ich am Halse trug. Die
-Türe war geschlossen, die Fensterläden waren zu, und irgendeine
-Fliege oder Mücke summte immer an der gleichen
-Stelle. Und mir war es, als wollte ich dieses Zimmer
-niemals verlassen, als wollte ich nicht, daß der Morgen
-komme, daß die mich umgebende seelische Atmosphäre sich
-verflüchtige. Mir schien, daß meine Gedanken, Gebete und
-Empfindungen lebende Wesen seien, die hier im Dunkeln
-neben mir wohnten, mein Bett umschwebten und über mir
-stünden. Und jeder Gedanke war sein Gedanke, und jedes
-Gefühl &ndash; sein Gefühl. Ich wußte damals noch nicht, daß
-es die Liebe ist, ich glaubte, daß es immer so sein könne,
-daß dieses Gefühl uns ganz einfach und ohne Grund gegeben
-werde.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_25">[25]</a></span></p>
-
-<h3 id="kap1_3">III</h3>
-</div>
-
-<p>Während der Getreideernte gingen wir, Katja, Ssonja
-und ich eines Nachmittags in den Garten zu unserer
-Lieblingsbank im Schatten der Linden über der Schlucht
-mit der Aussicht auf die Wälder und Felder. Ssergej
-Michailytsch hatte uns schon seit drei Tagen nicht besucht,
-und wir erwarteten ihn an diesem Tage, um so mehr als
-unser Verwalter gesagt hatte, er hätte versprochen, aufs
-Feld herauszukommen. Gegen zwei Uhr sahen wir ihn, wie
-er aufs Kornfeld geritten kam. Katja ließ Pfirsiche und
-Kirschen bringen, die er gerne aß, blickte mich lächelnd an,
-legte sich auf die Bank und schlummerte ein. Ich brach mir
-einen krummen und flachen Lindenzweig mit saftigen Blättern
-und saftigem Bast, der mir die Hand befeuchtete,
-fächelte damit Katja und fuhr in meiner Lektüre fort,
-blickte aber immer vom Buche auf und spähte nach dem
-Feldweg hin, auf dem er kommen mußte. Ssonja baute
-an den Wurzeln der alten Linde eine Laube für ihre Puppen.
-Der Tag war heiß und windstill, es war schwül, die Wolken
-ballten sich zusammen und wurden immer schwärzer, ein
-Gewitter war schon seit dem frühen Morgen im Anzug. Ich
-war erregt wie immer vor einem Gewitter. Aber nach der
-Mittagsstunde hatten die Wolken angefangen, sich zu zerstreuen,
-und die Sonne war in einen wolkenlosen Teil des
-Himmels getreten; nur an einem Ende des Himmels
-grollte es noch, und die schwere Wolke, die tief über dem<span class="pagenum"><a id="Page_26">[26]</a></span>
-Horizonte stand und mit dem Staube der Felder zusammenfloß,
-wurde ab und zu bis zur Erde vom bleichen Zickzack
-des Blitzes zerrissen. Es war klar, daß das Gewitter an
-diesem Tage nicht zur Entladung kommen würde, wenigstens
-bei uns nicht. Auf dem hier und da hinter dem Garten
-sichtbaren Wege zogen sich ununterbrochen Fuhrwerke hin:
-bald die langsamen, knarrenden, hoch mit Garben beladenen
-Wagen, bald die ihnen schnell entgegenfahrenden leeren;
-die Beine der auf ihnen stehenden Bauern zitterten, und
-ihre Hemden flatterten. Die dichten Staubwolken stiegen
-weder in die Höhe, noch sanken sie auf die Erde nieder,
-sondern blieben hinter der Hecke zwischen dem durchsichtigen
-Laube der Bäume des Gartens hängen. Etwas weiter, auf
-der Tenne, ließen sich die gleichen Stimmen und das gleiche
-Knarren der Räder vernehmen, und dieselben gelben Garben,
-die langsam längs des Zaunes vorübergefahren waren,
-flogen dort durch die Luft und häuften sich vor meinen
-Augen zu ovalen oben spitz zulaufenden Zelten, auf denen
-die Bauern sich wie die Ameisen regten. Vorne, auf dem
-staubigen Felde bewegten sich ebenfalls Wagen, waren
-ebenfalls gelbe Garben zu sehen, und das gleiche Knarren
-der Wagen, Schreien und Singen hallten von fern. An
-einem Ende wurde das Feld immer nackter und nackter,
-und die Streifen der mit Beifuß bewachsenen Raine traten
-darauf hervor. Unten rechts hoben sich vom abgemähten
-Felde, auf dem das Korn noch unordentlich herumlag, die
-bunten Kleider der Frauen ab, die die Garben banden, sich
-bückten und mit den Armen fuchtelten, und das unordentliche
-Feld säuberte sich allmählich, und die Garben erschienen
-in hübschen, engen Reihen. Es war, als verwandelte<span class="pagenum"><a id="Page_27">[27]</a></span>
-sich vor meinen Augen der Sommer in den Herbst.
-Überall herrschten Staub und Glut; nur unser Lieblingsplätzchen
-im Garten blieb davon verschont. An allen Seiten
-redete, lärmte und bewegte sich in diesem Staube, unter
-dieser sengenden Sonne das Arbeitervolk.</p>
-
-<p>Katja schlief aber so süß mit dem Batisttaschentuch auf
-dem Gesicht auf unserer kühlen Bank, die schwarzen Kirschen
-glänzten so saftig auf dem Teller, unsere Kleider waren so
-frisch und rein, das Wasser im Kruge spielte und schillerte
-so hell in der Sonne, und es war mir so wohl ums Herz.
-&ndash; Was soll ich machen? &ndash; dachte ich. &ndash; Ist es meine
-Schuld, daß ich glücklich bin? Aber wie kann ich dieses
-Glück den anderen mitteilen? Wie und wem soll ich mich
-und mein ganzes Glück hingeben?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Die Sonne sank hinter die Wipfel der Birkenallee;
-der Staub auf den Feldern legte sich; die Ferne wurde
-beim schräg fallenden Lichte immer deutlicher und klarer;
-die Wolken hatten sich vollständig verzogen; auf der Tenne
-ragten drei neue Getreideschober über die Bäume hinauf,
-und die Bauern waren von ihnen herabgestiegen; die Wagen
-fuhren, wohl zum letztenmal, unter lautem Geschrei der
-Arbeiter vorbei; die Weiber gingen mit den Rechen auf
-den Schultern und den Garbenbändern im Gürtel laut
-singend nach Hause, aber Ssergej Michailytsch wollte noch
-immer nicht kommen, obwohl ich schon längst gesehen hatte,
-wie er von der Anhöhe hinuntergeritten war. Plötzlich
-tauchte in der Allee, an der Seite, wo ich ihn gar nicht
-erwartete, seine Gestalt auf (er war um die Schlucht
-herumgegangen). Mit freudigem, strahlendem Gesicht, den
-Hut in der Hand, näherte er sich mir mit schnellen Schritten.<span class="pagenum"><a id="Page_28">[28]</a></span>
-Als er sah, daß Katja schlief, biß er sich in die Lippen,
-kniff die Augen zusammen und kam auf den Fußspitzen
-näher; ich merkte sofort, daß er sich in der eigentümlichen
-Stimmung einer grundlosen Freude befand, die ich an ihm
-so furchtbar liebte und die wir »wildes Entzücken« nannten.
-Er war wie ein Schuljunge, der aus der Schule entlaufen
-ist; sein ganzes Wesen, vom Gesicht bis zu den Füßen
-atmete Zufriedenheit, Glück und kindliche Ausgelassenheit.</p>
-
-<p>»Nun, guten Tag, junges Veilchen, wie geht es Ihnen?
-Gut?« flüsterte er, auf mich zugehend und mir die Hand
-drückend. »Mir geht es ausgezeichnet,« antwortete er auf
-meine Frage nach seinem Befinden, »ich bin heute dreizehn
-Jahre alt und habe Lust, Pferdchen zu spielen und auf die
-Bäume zu klettern.«</p>
-
-<p>»In wildem Entzücken?« fragte ich, ihm in die lachenden
-Augen blickend und fühlend, daß dieses »wilde Entzücken«
-sich auch mir mitgeteilt hatte.</p>
-
-<p>»Ja,« antwortete er, mir mit einem Auge zublinzelnd
-und ein Lächeln unterdrückend. »Warum schlagen Sie aber
-Katerina Karlowna auf die Nase?«</p>
-
-<p>Ich hatte gar nicht bemerkt, daß ich, ihn immerfort ansehend,
-mit dem Zweige das Taschentuch von Katja heruntergeworfen
-hatte und ihr mit den Blättern über das
-Gesicht fuhr. Ich mußte lachen.</p>
-
-<p>»Sie wird aber behaupten, sie hätte gar nicht geschlafen,«
-sagte ich im Flüstertone, als fürchtete ich Katja zu wecken;
-aber ich tat es gar nicht aus diesem Grunde: es war mir
-einfach angenehm, mit ihm so zu sprechen.</p>
-
-<p>Er bewegte, mir nachäffend, die Lippen, als hätte ich so
-leise gesprochen, daß er nichts hören konnte. Als er den<span class="pagenum"><a id="Page_29">[29]</a></span>
-Teller mit den Kirschen sah, ergriff er ihn mit einer Miene,
-als täte er es heimlich, ging zu Ssonja unter die Linde und
-setzte sich auf ihre Puppen. Ssonja wurde anfangs böse,
-aber er besänftigte sie bald damit, daß er ein Spiel ersann,
-bei dem sie beide die Kirschen um die Wette essen
-mußten.</p>
-
-<p>»Soll ich noch mehr holen lassen?« fragte ich. »Oder
-wollen Sie selbst welche holen?«</p>
-
-<p>Er nahm den Teller, setzte die Puppen darauf, und wir
-begaben uns zu dritt zum Gewächshause. Ssonja lief uns
-lachend nach und zupfte ihn am Mantel, damit er ihr ihre
-Puppen zurückgebe. Er gab sie ihr wieder und wandte sich
-mit ernster Miene zu mir.</p>
-
-<p>»Und Sie wollen kein Veilchen sein?« sagte er mir,
-immer noch leise, obwohl niemand in der Nähe war, den
-er hätte wecken können. »Als ich nach all dem Staub, der
-Hitze und Arbeit auf Sie zuging, da duftete es gleich nach
-Veilchen. Und zwar nicht nach den starkriechenden Gartenveilchen,
-sondern nach den anderen, ersten, dunklen, die nach
-tauendem Schnee und Frühlingsgrase riechen.«</p>
-
-<p>»Ist in der Wirtschaft alles in Ordnung?« fragte ich
-ihn, um die freudige Verwirrung zu verbergen, die seine
-Worte in mir weckten.</p>
-
-<p>»Ausgezeichnet! Diese Leute sind überall ausgezeichnet.
-Je mehr man sie kennt, um so mehr liebt man sie.«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte ich, »ehe Sie kamen, sah ich heute vom
-Garten aus den Arbeitern zu, und ich mußte mich plötzlich
-schämen, daß sie sich abmühen, während es mir so wohl
-ist, daß&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Kokettieren Sie nicht damit, liebes Kind,« unterbrach<span class="pagenum"><a id="Page_30">[30]</a></span>
-er mich, indem er mir plötzlich ernst, doch liebevoll in die
-Augen blickte. »Das ist eine heilige Sache. Behüte Sie
-Gott davor, damit zu kokettieren.«</p>
-
-<p>»Aber ich sage es doch nur <em class="gesperrt">Ihnen</em>.«</p>
-
-<p>»Nun ja, ich weiß es. Wo sind aber die Kirschen?«</p>
-
-<p>Das Gewächshaus war zugesperrt, und von den Gärtnern
-sah man niemand (er hatte sie alle aufs Feld hinausgeschickt).
-Ssonja lief fort, den Schlüssel zu holen;
-er wartete aber ihre Rückkehr nicht ab, stieg auf den Eckpfosten,
-hob das Drahtnetz ab und sprang hinüber.</p>
-
-<p>»Wollen Sie Kirschen?« hörte ich seine Stimme von
-drüben. »Geben Sie mir den Teller.«</p>
-
-<p>»Nein, ich will auch selbst pflücken, ich will den Schlüssel
-holen,« sagte ich. »Ssonja wird ihn nicht finden&nbsp;…«</p>
-
-<p>Zugleich empfand ich den Wunsch, zu sehen, was er dort
-wohl tue und wie er sich bewege, wenn er sich unbeobachtet
-glaubte. Eigentlich wollte ich ihn einfach für keinen Augenblick
-aus den Augen lassen. Ich lief auf den Zehen durch
-die Brennesseln an die andere Seite des Gewächshauses,
-wo die Umzäunung niedriger war, stieg auf ein leeres Faß,
-so daß die Mauer mir bis an die Brust reichte, und lehnte
-mich hinüber. Ich warf einen Blick in das Innere des
-Gewächshauses mit den alten, krummen Bäumen und den
-breiten, zackigen Blättern, unter denen die schwarzen, saftigen
-Kirschen schwer und senkrecht niederhingen; ich steckte
-den Kopf unter das Netz und erblickte unter dem Aste
-eines alten Kirschbaumes Ssergej Michailytsch. Er glaubte
-wohl, ich sei fortgegangen und niemand beobachte ihn. Er
-saß ohne Hut, die Augen geschlossen, auf dem morschen
-Stamme eines alten Kirschbaumes und rollte mit den<span class="pagenum"><a id="Page_31">[31]</a></span>
-Fingern ein Stück Kirschharz zu einem Kügelchen zusammen.
-Plötzlich zuckte er die Achseln, schlug die Augen
-auf, sagte etwas und lächelte. Dieses Wort und dieses
-Lächeln nahmen sich bei ihm so ungewohnt aus, daß
-ich mich schämte, ihn belauscht zu haben. Es schien
-mir, als wäre dieses Wort &ndash; »Mascha!« gewesen. &ndash; Es
-kann nicht sein, &ndash; dachte ich mir. »Liebe Mascha!« wiederholte
-er noch leiser und noch zärtlicher. Diese beiden Worte
-hörte ich aber schon ganz deutlich. Mein Herz schlug so
-heftig, eine so aufregende, gleichsam verbotene Freude hatte
-mich plötzlich ergriffen, daß ich mich an die Mauer klammerte,
-um nicht umzufallen und mich nicht zu verraten.
-Er hörte meine Bewegung, sah sich erschrocken um, schlug
-plötzlich die Augen nieder und errötete wie ein Kind. Er
-wollte mir etwas sagen, konnte es aber nicht, und immer
-neue Blutwellen röteten sein Gesicht. Aber er lächelte,
-als er mich ansah. Auch ich lächelte. Sein ganzes Gesicht
-erstrahlte vor Freude. Er war nicht mehr der alte Onkel,
-der mich liebkoste und belehrte, er war ein Mann, der mir
-gleichstand, der mich liebte und fürchtete und den auch ich
-fürchtete und liebte. Wir sagten nichts und sahen bloß
-einander an. Plötzlich runzelte er aber die Stirn, das
-Lächeln und der Glanz seiner Augen waren verschwunden, und
-er wandte sich wieder kühl und väterlich an mich, als hätten
-wir etwas Schlimmes getan, als wäre er zur Besinnung
-gekommen und rate auch mir, zur Besinnung zu kommen.</p>
-
-<p>»Steigen Sie herab, Sie können sich weh tun,« sagte
-er mir. »Bringen Sie Ihr Haar in Ordnung, wie sehen
-Sie aus!«</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;Warum verstellt er sich so? Warum will er mir weh<span class="pagenum"><a id="Page_32">[32]</a></span>
-tun! &ndash; fragte ich mich ärgerlich. Im gleichen Augenblick
-kam mir das unwiderstehliche Verlangen, ihn noch einmal
-in Verlegenheit zu bringen und meine Gewalt über ihn zu
-erproben.</p>
-
-<p>»Nein, ich will selbst pflücken!« sagte ich. Ich ergriff
-mit den Händen den nächsten Ast und sprang mit den Füßen
-auf die Mauer. Er hatte nicht Zeit, mich zu stützen, denn
-ich sprang mit einem Satz in das Gewächshaus hinunter.</p>
-
-<p>»Was machen Sie für Dummheiten!« sagte er, wieder
-errötend und seine Verwirrung hinter der ärgerlichen Miene
-verbergend. »Sie haben sich doch weh tun können. Wie
-wollen Sie von hier heraus?«</p>
-
-<p>Er war in noch größerer Verwirrung als früher, aber
-dies freute mich nicht mehr, sondern machte mir Angst.
-Diese Angst konnte ich nicht verbergen, ich errötete, wich
-seinen Blicken aus und fing an, da ich nicht wußte, was
-zu sagen, die Kirschen zu pflücken, die ich aber nirgends
-hintun konnte. Ich machte mir Vorwürfe, ich bereute alles,
-ich fürchtete, und es war mir, als hätte ich mich durch diesen
-Streich für immer in seinen Augen blamiert. Ssonja, die
-mit dem Schlüssel gelaufen kam, befreite uns aus dieser
-peinlichen Situation. Lange Zeit sprachen wir nicht mehr
-miteinander und wandten uns nur an Ssonja. Als wir zu
-Katja zurückkehrten, welche beteuerte, sie habe gar nicht geschlafen
-und alles gehört, wurde ich wieder ruhig, während
-er versuchte, wieder den herablassenden väterlichen Ton anzuschlagen;
-aber dieser Ton wollte ihm nicht mehr gelingen,
-und er vermochte mich mit ihm nicht mehr zu täuschen. Ich
-erinnerte mich lebhaft des Gesprächs, das wir vor einigen
-Tagen geführt hatten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_33">[33]</a></span></p>
-
-<p>Katja hatte gesagt, daß der Mann es leichter habe, zu
-lieben und seine Liebe zu äußern als die Frau.</p>
-
-<p>»Der Mann kann sagen, daß er liebt, die Frau kann
-es aber nicht,« hatte sie gesagt.</p>
-
-<p>»Mir scheint aber, auch der Mann kann und darf gar
-nicht sagen, daß er liebt,« hatte er eingewandt.</p>
-
-<p>»Warum?« hatte ich gefragt.</p>
-
-<p>»Weil es immer eine Lüge sein wird. Was ist das für
-eine neue Offenbarung, daß der Mensch liebt? Als ob in
-dem Augenblick, wo er das sagt, etwas einschnappte: fertig,
-er liebt! Als müßte in dem Augenblick, wo er dieses Wort
-ausspricht, irgend etwas Außergewöhnliches geschehen,
-irgendein Zeichen am Himmel erscheinen, als müßte ein
-Salut aus allen Kanonen erschallen. Mir scheint,« hatte
-er weiter gesagt, »daß die Menschen, welche feierlich die
-Worte: ›Ich liebe Sie‹ sprechen, entweder sich selbst oder,
-was noch schlimmer ist, die andern betrügen.«</p>
-
-<p>»Wie soll dann die Frau erfahren, daß man sie liebt,
-wenn man es ihr nicht sagt?« hatte Katja gefragt.</p>
-
-<p>»Das weiß ich nicht,« hatte er geantwortet. »Jeder
-Mensch hat seine eigene Ausdrucksweise. Wo aber ein Gefühl
-ist, da kommt es auch von selbst zum Ausdruck. Wenn
-ich einen Roman lese, so muß ich immer denken, was für
-ein verdutztes Gesicht die Leutnants Strelskij oder Alfred
-machen, wenn sie die Worte sprechen: ›Ich liebe dich,
-Eleonore!‹ und erwarten, daß plötzlich etwas Außergewöhnliches
-geschieht; es geschieht aber weder an ihr noch an ihm
-etwas, die Augen, die Nase usw. bleiben dieselben.«</p>
-
-<p>Aus diesen scherzhaften Worten hatte ich schon damals
-etwas Ernstes herausgehört, was sich auf mich bezog; aber<span class="pagenum"><a id="Page_34">[34]</a></span>
-Katja wollte nicht dulden, daß er die Helden ihrer Romane
-so leichtfertig behandele.</p>
-
-<p>»Ewig diese Paradoxen!« hatte sie gesagt. »Sagen Sie
-aufrichtig: haben Sie denn nie einer Frau gestanden, daß
-Sie sie lieben?«</p>
-
-<p>»Das habe ich niemals gesagt und habe auch nie ein
-Knie vor einer Frau gebeugt,« hatte er lachend geantwortet,
-»und ich werde es auch niemals tun.«</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;Er braucht mir wirklich nicht zu sagen, daß er mich
-liebt, &ndash; dachte ich nun, mich lebhaft an dieses Gespräch
-erinnernd. &ndash; Er liebt mich, ich weiß es. Und wenn er sich
-noch solche Mühe gibt, gleichgültig zu erscheinen, wird er
-mir diese Gewißheit doch nicht nehmen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>An diesem ganzen Abend sprach er sehr wenig mit mir,
-aber ich las in jedem seiner Worte, die er an Katja oder
-Ssonja richtete, in jeder seiner Bewegungen, in jedem
-seiner Blicke seine Liebe, und ich zweifelte nicht mehr an
-ihr. Es verdroß und dauerte mich nur, daß er es für nötig
-hielt, sein Gefühl zu verheimlichen und sich kalt zu stellen,
-wo alles schon so klar war und wo man auf eine so leichte
-und einfache Weise so unglaublich glücklich werden konnte.
-Aber mich bedrückte es immer wie ein Verbrechen, daß
-ich zu ihm in das Gewächshaus hineingesprungen war. Mir
-schien immer, als würde er nun aufhören, mich zu achten
-und als sei er mir böse.</p>
-
-<p>Nach dem Tee trat ich ans Klavier, und er folgte mir.</p>
-
-<p>»Spielen Sie mir doch etwas, ich habe Sie schon lange
-nicht spielen hören,« sagte er, als er mich im Wohnzimmer
-einholte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_35">[35]</a></span></p>
-
-<p>»Ich wollte auch selbst … Ssergej Michailytsch!« sagte
-ich, ihm plötzlich gerade in die Augen blickend. »Sie sind
-mir doch nicht böse?«</p>
-
-<p>»Weshalb denn?« fragte er.</p>
-
-<p>»Weil ich heute nachmittag auf Sie nicht gehört habe,«
-antwortete ich errötend.</p>
-
-<p>Er verstand, was ich meinte, schüttelte den Kopf und
-lächelte. Sein Blick sagte mir, daß er mich schelten müßte,
-aber keine Kraft dazu hätte.</p>
-
-<p>»Es ist nichts passiert, wir sind wieder gute Freunde,«
-sagte ich, indem ich mich ans Klavier setzte.</p>
-
-<p>»Und ob!« antwortete er.</p>
-
-<p>Im großen, hohen Salon brannten nur die beiden Kerzen
-auf dem Klavier, der übrige Raum war halbfinster. Durch
-die offenen Fenster blickte die helle Sommernacht herein.
-Alles war still, wir hörten nur hin und wieder, wie Katja im
-dunklen Wohnzimmer auf und ab ging und wie sein unter
-einem der Fenster angebundenes Pferd schnaubte und mit
-den Hufen auf die Pestwurzstauden stampfte. Er saß hinter
-mir, so daß ich ihn nicht sehen konnte; aber ich fühlte überall
-&ndash; im Halbdunkel dieses Zimmers, in den Tönen, in mir
-selbst &ndash; seine Gegenwart. Ich spürte in meinem Herzen
-jeden seiner Blicke, jede seiner Bewegungen, die ich nicht
-sehen konnte. Ich spielte die Fantasie-Sonate von Mozart,
-die er mir gebracht und die ich in seinem Beisein und für
-ihn einstudiert hatte. Ich dachte gar nicht daran, was ich
-spielte, aber ich glaube, daß ich gut spielte, und es schien
-mir, daß es ihm gefiel. Ich hatte den gleichen Genuß, den
-er empfand und fühlte auch, ohne ihn anzusehen, seinen
-Blick, der auf meinem Rücken ruhte. Ich sah mich ganz<span class="pagenum"><a id="Page_36">[36]</a></span>
-unwillkürlich nach ihm um, während meine Finger bewußtlos
-über die Tasten liefen. Sein Kopf hob sich vom leuchtenden
-Hintergrunde des nächtlichen Himmels ab. Er saß,
-den Kopf in die Hände gestützt, und sah mich unverwandt
-mit glänzenden Augen an. Ich lächelte, als ich den Blick
-bemerkte, und hörte zu spielen auf. Auch er lächelte und
-wies vorwurfsvoll mit dem Kopf auf die Noten, damit
-ich weiter spiele. Als ich fertig war, leuchtete der Mond,
-der nun hoch am Himmel stand, ins Zimmer herein, und
-außer dem schwachen Scheine der Kerzen, war der Raum
-auch noch von einem anderen silbernen Lichte erfüllt, das
-durch die Fenster eindrang und sich auf den Boden legte.
-Katja sagte, es sei ganz unerhört, daß ich gerade an der
-schönsten Stelle aufgehört, und daß ich schlecht gespielt hätte;
-er aber meinte, ich hätte noch nie so gut gespielt wie heute;
-und er fing an, auf und ab zu gehen, &ndash; durch den Saal ins
-dunkle Wohnzimmer und dann wieder durch den Saal,
-und sooft er an mir vorüberging, lächelte er mir zu. Auch
-ich lächelte und hatte sogar Lust, ohne jeden Grund zu
-lachen: so froh war ich über etwas, was sich heute, soeben
-ereignet hatte. Sooft er in der Tür verschwand, umarmte
-ich Katja, mit der ich am Klavier stand und küßte sie auf
-meine Lieblingsstelle &ndash; den vollen Hals unter dem Kinn;
-sobald er aber wiederkam, machte ich ein ernstes Gesicht und
-hielt mit Mühe das Lachen zurück.</p>
-
-<p>»Was ist mit ihr heute auf einmal los?« fragte ihn
-Katja.</p>
-
-<p>Er antwortete aber nicht und sah mich nur lächelnd an:
-er wußte, was mit mir los war.</p>
-
-<p>»Sehen Sie nur, welch eine Nacht!« rief er aus dem<span class="pagenum"><a id="Page_37">[37]</a></span>
-Wohnzimmer, vor der offenen, auf den Garten hinausgehenden
-Balkontüre stehen bleibend.</p>
-
-<p>Wir gingen zu ihm; es war in der Tat eine Nacht, wie
-ich sie später nie wieder gesehen habe. Der Vollmond
-stand hinter uns über dem Hause, so daß wir ihn nicht
-sehen konnten, und der halbe Schatten des Daches, der
-Säulen und der Markise lag schräg und verkürzt auf dem
-sandbestreuten Gartenwege und auf dem runden Rasenplatze.
-Alles übrige war hell und von Tau und Mondlicht
-versilbert. Der breite, mit Blumen eingefaßte Weg, auf
-den von der einen Seite die schrägen Schatten der Georginen
-und ihrer Stäbe fielen, zog sich, ganz hell und kalt,
-durch den Nebel in die Ferne hin, und der Schotter, mit
-dem er bestreut war, glänzte. Hinter den Bäumen leuchtete
-das Dach des Gewächshauses hervor, und aus der Schlucht
-stieg Nebel auf. Die schon ein wenig entblößten Fliedersträuche
-waren bis zu den Ästen durchleuchtet. Alle vom
-Tau befeuchteten Blumen waren deutlich voneinander zu
-unterscheiden. In den Alleen hatten sich Licht und Schatten
-so innig miteinander vermischt, daß die Alleen nicht mehr
-als von Bäumen eingefaßte Wege, sondern als durchsichtige,
-schwankende und zitternde Gebäude erschienen.
-Rechts, im Schatten des Hauses war alles schwarz, unbestimmt
-und unheimlich. Dafür ragte aus diesem Dunkel
-noch heller der phantastische Wipfel der Pappel hervor, die
-so seltsam in der Nähe des Hauses, oben im hellen Lichte
-unbeweglich zu schweben schien, statt in den fernen bläulichen
-Himmel emporzufliegen.</p>
-
-<p>»Wollen wir etwas gehen,« sagte ich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_38">[38]</a></span></p>
-
-<p>Katja war einverstanden, meinte aber, daß ich meine
-Galoschen anziehen müßte.</p>
-
-<p>»Es ist nicht nötig, Katja,« sagte ich, »Ssergej
-Michailytsch wird mir ja den Arm geben.«</p>
-
-<p>Als ob mich das hinderte, nasse Füße zu bekommen!
-Aber damals kam es uns allen dreien ganz natürlich und
-gar nicht sonderbar vor. Er hatte mir noch niemals den
-Arm gegeben, doch diesmal nahm ich ihn selbst, und er fand
-auch das gar nicht sonderbar. Zu dritt gingen wir die
-Terrasse hinab. Diese ganze Welt, dieser Himmel, dieser
-Garten, diese Luft waren nicht mehr dieselben, die ich
-kannte.</p>
-
-<p>Als ich die Allee, über die wir gingen, hinuntersah, war
-es mir, als sei es unmöglich, noch weiter zu gehen, als habe
-die Welt des Möglichen dort ihr Ende, als müsse dies
-alles für immer in seiner Schönheit erstarren. Aber wir
-gingen weiter, und die Zauberwand der Schönheit öffnete
-sich vor uns und ließ uns ein, und auch dort schien
-unser alter Garten mit seinen Bäumen, Wegen und trockenem
-Laub zu liegen. Es war, als ob wir über die Wege
-gingen, mit den Füßen auf die Licht- und Schattenseite
-träten, als raschelte das welke Laub unter meinem Fuße
-und als streifte ein frischer Zweig mein Gesicht. Es war,
-als ob er es wäre, der gleichmäßig und langsam neben mir
-gehend, behutsam meinen Arm hielt; als ob es wirklich
-Katja wäre, unter deren Schritten neben uns der Sand
-knirschte. Es war wohl auch wirklich der Mond am Himmel,
-der auf uns durch die regungslosen Zweige herabschien&nbsp;…</p>
-
-<p>Aber mit jedem Schritt schloß sich die Zauberwand<span class="pagenum"><a id="Page_39">[39]</a></span>
-wieder vor uns und hinter uns, und ich hörte zu glauben
-auf, daß es möglich sei, noch weiter zu gehen, und ich glaubte
-nicht mehr an das, was war.</p>
-
-<p>»Ach! Ein Frosch!« rief Katja.</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;Wer sagt das und warum sagt er das? &ndash; dachte ich
-mir. Aber später begriff ich, daß es Katja sei, daß sie
-sich vor den Fröschen fürchtete, und ich blickte vor meine
-Füße. Ein kleiner Frosch hüpfte und blieb dann unbeweglich
-vor mir sitzen, und sein kleiner Schatten zeichnete sich
-auf dem hellen, lehmigen Wege ab.</p>
-
-<p>»Und Sie fürchten sich gar nicht?« fragte er.</p>
-
-<p>Ich sah ihn an. Dort, wo wir eben gingen, fehlte in der
-Allee eine Linde, und ich konnte sein Gesicht deutlich
-sehen. Es war so schön und so glücklich&nbsp;…</p>
-
-<p>Er hatte gesagt: »Sie fürchten sich gar nicht?« aber ich
-hörte ihn sagen: &ndash; Ich liebe dich, mein liebes Mädchen! &ndash;
-Ich liebe, ich liebe dich! &ndash; sagten sein Blick und sein Arm;
-auch Licht und Schatten und die Luft sagten dasselbe.</p>
-
-<p>Wir umwanderten den ganzen Garten. Katja ging neben
-uns mit ihren kleinen Schritten und atmete schwer vor
-Müdigkeit. Sie sagte, daß es Zeit sei, umzukehren, und
-die Ärmste tat mir so furchtbar leid. &ndash; Warum fühlt sie
-nicht dasselbe wie wir? fragte ich mich. &ndash; Warum sind
-nicht alle so jung und so glücklich wie diese Nacht, wie
-wir beide?</p>
-
-<p>Wir kehrten ins Haus zurück, aber er blieb noch lange
-bei uns, obwohl die Hähne schon gekräht hatten, obwohl
-alle im Hause schliefen und sein Pferd vor dem Fenster
-immer ungeduldiger schnaubte und mit den Hufen auf die
-Pestwurzstauden stampfte. Katja sagte uns nicht, daß es<span class="pagenum"><a id="Page_40">[40]</a></span>
-schon spät sei, und so blieben wir, von den gleichgültigsten
-Dingen sprechend, ohne es selbst zu merken bis zur dritten
-Morgenstunde auf. Die Hähne krähten schon zum drittenmal,
-und der Morgen dämmerte, als er uns verließ. Er
-verabschiedete sich ganz wie sonst und sagte nichts Außergewöhnliches;
-aber ich wußte, daß er von diesem Tage an
-mir gehörte, und daß ich ihn nie wieder verlieren würde. Sobald
-ich mir eingestanden hatte, daß ich ihn liebe, erzählte ich
-alles Katja. Sie war sehr erfreut und gerührt, weil ich
-es ihr erzählte, aber die Ärmste konnte diese ganze Nacht
-nicht einschlafen. Ich ging noch lange auf der Terrasse
-auf und ab, stieg in den Garten hinunter, wandelte durch
-die gleichen Alleen, durch die wir früher gewandelt, und
-suchte mich jedes seiner Worte, jeder seiner Bewegungen
-zu entsinnen. Ich schlief diese ganze Nacht nicht und sah
-zum erstenmal in meinem Leben den Sonnenaufgang und
-den frühen Morgen. Eine solche Nacht und einen solchen
-Morgen habe ich später nie wieder erlebt. &ndash; Aber warum
-sagt er mir nicht ganz einfach, daß er mich liebt? &ndash; dachte
-ich. &ndash; Warum erfindet er allerlei Schwierigkeiten, warum
-nennt er sich einen alten Mann, während alles doch so einfach
-und so herrlich ist? Warum verliert er die goldene
-Zeit, die vielleicht niemals wiederkehrt? Mag er doch
-nur einmal sagen: »ich liebe dich!«, mag er es mir nur
-einmal mit Worten sagen, mag er meine Hand in die seine
-nehmen, seinen Kopf über sie beugen und sagen: »ich liebe
-dich«. Mag er erröten und die Augen vor mir niederschlagen,
-und dann will ich ihm auch alles sagen. Ich
-werde es ihm nicht einmal sagen, ich werde ihn umarmen,
-mich an ihn schmiegen und zu weinen anfangen. &ndash; Aber<span class="pagenum"><a id="Page_41">[41]</a></span>
-wenn ich mich täusche, wenn er mich gar nicht liebt? &ndash; ging
-es mir plötzlich durch den Kopf.</p>
-
-<p>Ich erschrak vor meinem Gefühl, &ndash; Gott weiß, wohin
-es mich hätte führen können; ich erinnerte mich seiner und
-meiner Verwirrung im Gewächshaus, als ich plötzlich zu
-ihm hinuntersprang, und es wurde mir so schwer, so schwer
-ums Herz. Tränen stürzten mir aus den Augen, und ich
-begann zu beten. Und mir kam ein seltsamer Gedanke,
-der mich beruhigte, und eine neue Hoffnung erfüllte mich.
-Ich entschloß mich, gleich vom nächsten Morgen an zu fasten,
-an meinem Geburtstage zu beichten und zu kommunizieren
-und am gleichen Tage seine Braut zu werden.</p>
-
-<p>Wie und warum es so kommen mußte, wußte ich gar
-nicht, aber von diesem Augenblicke an glaubte ich fest, daß
-es so kommen würde. Es war schon ganz hell geworden,
-und die Leute standen auf, als ich in mein Zimmer zurückkehrte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_42">[42]</a></span></p>
-
-<h3 id="kap1_4">IV</h3>
-</div>
-
-<p>Es waren die Fasten vor Mariä Himmelfahrt, und
-niemand im Hause wunderte sich darum über meinen Entschluß,
-mich zur Beichte vorzubereiten.</p>
-
-<p>Diese ganze Woche war er kein einzigesmal bei uns gewesen,
-und mir fiel es nicht nur nicht ein, mich darüber zu
-wundern, mich zu beunruhigen und ihm deswegen zu zürnen,
-sondern ich war sogar froh, daß er nicht kam und erwartete
-ihn erst an meinem Geburtstage. Im Laufe dieser ganzen
-Woche stand ich jeden Morgen sehr früh auf. Während man
-den Wagen für mich anspannte, ging ich allein im Garten
-auf und ab, nahm alle meine Sünden des vorhergehenden
-Tages durch und überlegte mir, was ich heute machen sollte,
-um mit diesem Tage zufrieden zu sein und kein einziges Mal
-zu straucheln. Damals kam es mir so leicht vor, ganz rein
-von Sünden zu sein. Ich dachte mir, es genüge, daß ich mich
-ein wenig zusammennehme. Die Pferde fuhren vor, ich
-stieg mit Katja oder einem der Dienstmädchen in die Liniendroschke,
-und wir begaben uns nach der drei Werst entfernten
-Kirche. Beim Betreten der Kirche erinnerte ich mich jedesmal,
-daß man für alle »mit Gottesfurcht Eintretenden«
-betet, und bemühte mich, mit diesem Gefühl über die beiden
-grasbewachsenen Stufen des Kirchenportals zu treten. In
-der Kirche waren um diese Stunde nie mehr als an die zehn
-Bauern und Bäuerinnen, die sich ebenfalls zur Beichte vorbereiteten;
-ich erwiderte mit besonderer Demut ihre Verbeugungen,<span class="pagenum"><a id="Page_43">[43]</a></span>
-ging selbst, was mir als ein gottgefälliges
-Werk erschien, zu der Kerzenlade, ließ mir vom Kirchenältesten,
-einem alten Soldaten, eine Kerze geben und stellte
-sie dann selbst vor die Heiligenbilder. Durch die »Zarenpforte«
-sah ich die von meiner Mama gestickte Altardecke:
-über der Heiligenwand waren zwei Engel mit Sternen angebracht,
-die mir, als ich noch klein war, so groß erschienen,
-und eine Taube mit gelbem Heiligenschein, die mich damals
-gleichfalls gefesselt hatte. Hinter dem Chore stand das
-zerbeulte Taufbecken, über dem ich schon so oft die Kinder
-unserer Leibeigenen als Taufpatin gehalten hatte und in
-dem ich einst selbst getauft worden war. Der alte Priester
-trat vor den Altar in einem Ornat, das aus dem Bahrtuch
-meines verstorbenen Vaters angefertigt worden war,
-und sprach die Gebete mit der gleichen Stimme, mit der er
-immer, soweit ich mich erinnern konnte, in unserem Hause
-die Gottesdienste abgehalten, Ssonja getauft, die Seelenmesse
-für meinen Vater gelesen und die Leiche meiner
-Mutter eingesegnet hatte. Die gleiche zitternde Stimme
-des Küsters klang im Chor, und die gleiche alte Frau, die
-ich in dieser Kirche von jeher und bei jedem Gottesdienste
-gesehen hatte, stand gebückt an der Wand, blickte mit
-weinenden Augen auf das Heiligenbild im Chor, drückte
-die zum Zeichen des Kreuzes zusammengelegten Finger an
-ihr verschossenes Kopftuch und flüsterte etwas mit zahnlosem
-Munde. Dies alles weckte jetzt in mir nicht mehr
-Neugierde, auch nicht bloß liebe Erinnerungen, sondern
-war groß und heilig und schien mir von einer tiefen Bedeutung
-erfüllt. Ich glaubte jedem Worte des Gebets,
-das der Priester las, bemühte mich, auf jedes Wort mit<span class="pagenum"><a id="Page_44">[44]</a></span>
-innerem Gefühl Antwort zu geben, und wenn ich etwas
-nicht verstand, so bat ich in Gedanken Gott, mich zu erleuchten,
-oder erfand an Stelle des Gebetes, dem ich nicht
-folgen konnte, mein eigenes. Wenn die Bußgebete gelesen
-wurden, erinnerte ich mich meiner ganzen Vergangenheit,
-und diese kindliche und unschuldige Vergangenheit erschien
-mir im Vergleich mit dem jetzigen lichten Zustande meiner
-Seele so schwarz, daß ich weinte und mich über mich selbst
-entsetzte; zugleich fühlte ich aber, daß mir dies alles vergeben
-würde, und daß, wenn ich sogar noch mehr Sünden
-hätte, die Reue für mich um so süßer wäre. Wenn der
-Priester am Ende des Gottesdienstes die Worte sprach:
-»Gottes Segen über Euch«, glaubte ich im gleichen Augenblick
-von einem körperlichen Wohlgefühl durchströmt zu
-werden: es war, als ob mir plötzlich Licht und Wärme
-ins Herz drängen. Nach dem Gottesdienste kam der Priester
-zu mir heraus und fragte, ob und wann er zu uns ins Haus
-kommen solle, um eine Abendmesse zu lesen; aber ich dankte
-ihm gerührt dafür, daß er es, wie ich glaubte, für mich
-tun wollte, und sagte, daß ich selbst zu Fuß oder zu Wagen
-zur Kirche kommen werde.</p>
-
-<p>»Sie wollen sich selbst bemühen?« pflegte er zu fragen.</p>
-
-<p>Ich wußte nicht, was zu antworten, ohne in die Sünde
-des Hochmuts zu verfallen.</p>
-
-<p>Nach der Messe schickte ich, wenn Katja nicht dabei war,
-die Pferde immer weg und ging allein zu Fuß nach Hause.
-Unterwegs verbeugte ich mich demütig vor allen, denen ich
-begegnete und suchte Gelegenheit, jemand mit Tat oder
-Rat zu helfen, mich für jemand aufzuopfern; bald half ich
-einem Bauern, einen umgekippten Wagen aufzuheben, bald<span class="pagenum"><a id="Page_45">[45]</a></span>
-wiegte ich ein Kind und trat bald von der Straße in den
-Schmutz, um jemand den Weg frei zu machen. Eines
-Abends hörte ich, wie der Verwalter Katja erzählte, daß
-der Bauer Ssemjon zu ihm gekommen sei, um Bretter zu
-einem Sarge für seine verstorbene Tochter und einen Rubel
-für die Seelenmesse zu bitten, und daß er ihm beides gegeben
-habe. »Sind denn die Leute so arm?« fragte ich. &ndash;
-»Sie sind sehr arm, gnädiges Fräulein, sie haben nicht mal
-Salz,« antwortete der Verwalter. Mein Herz schnürte sich
-zusammen, und zugleich überkam mich etwas wie Freude, als
-ich das hörte. Ich log Katja vor, daß ich spazieren gehen
-möchte, lief hinauf, holte mein ganzes Geld (es war sehr
-wenig, aber doch alles, was ich besaß), bekreuzigte mich und
-ging allein über die Terrasse und den Garten ins Dorf
-zu Ssemjons Hause. Sein Haus stand am Rande des
-Dorfes, ich trat, von niemand bemerkt, ans Fenster, legte
-das Geld hinein und klopfte an. Die Tür knarrte, jemand
-kam aus dem Hause und rief mich an; ich lief, vor Schreck
-zitternd und am ganzen Leibe erkaltend, wie eine Verbrecherin
-heim. Katja fragte mich, wo ich gewesen und was
-mit mir los sei, aber ich verstand nicht einmal, was sie zu
-mir sagte, und gab ihr keine Antwort. Alles erschien mir
-auf einmal so nichtig und eitel. Ich schloß mich in meinem
-Zimmer ein und ging lange auf und ab, außerstande, etwas
-zu tun, an etwas zu denken, außerstande, mir Rechenschaft
-über meine Empfindungen zu geben. Ich dachte an die
-Freude, die ich der ganzen Familie bereitet hatte, an die
-Worte, mit denen sie von demjenigen sprechen würden, der
-das Geld hingelegt hatte, und es tat mir leid, daß ich
-ihnen das Geld nicht in die Hand gegeben hatte. Ich dachte<span class="pagenum"><a id="Page_46">[46]</a></span>
-auch daran, was wohl Ssergej Michailytsch sagen würde,
-wenn er von dieser Tat erführe und freute mich darüber,
-daß niemand es erfahren würde. Und in mir war eine solche
-Freude, alle Menschen und ich selbst erschienen mir so
-schlecht, und ich betrachtete mich und die anderen so mild,
-daß der Gedanke an den Tod mir wie ein Traum von Glück
-erschien. Ich lächelte und betete und weinte und liebte in
-diesem Augenblick alle Menschen und auch mich selbst so
-heiß und so leidenschaftlich. Zwischen den Messen las ich
-im Evangelium, und immer verständlicher wurde mir dieses
-Buch, immer rührender und einfacher erschien mir die Geschichte
-dieses göttlichen Lebens und immer unheimlicher und
-unergründlicher die Tiefe des Gefühls und der Gedanken,
-die ich in seiner Lehre fand. So klar und einfach erschien
-mir dafür alles, wenn ich das Buch beiseite legte und tiefer
-ins Leben schaute, das mich umgab. Es erschien mir so
-schwer, nicht gut zu sein, und so einfach, alle zu lieben und
-von allen geliebt zu werden. Alle waren so gut und sanft
-zu mir; sogar Ssonja, der ich noch immer Unterricht erteilte,
-war eine ganz andere geworden und gab sich Mühe,
-mich zu verstehen, mir gefällig zu sein und mich nicht zu
-betrüben. Wie ich zu den Menschen war, so waren sie auch
-zu mir. Ich überlegte mir, ob ich nicht Feinde hätte, die
-ich vor der Beichte um Verzeihung bitten müßte, und erinnerte
-mich nur eines jungen Mädchens aus der Nachbarschaft,
-über das ich mich einmal vor Gästen lustig gemacht
-hatte und das uns nicht mehr besuchte. Ich schrieb ihr
-einen Brief, in dem ich meine Schuld bekannte und sie
-um Vergebung bat. Sie antwortete mir mit einem Briefe,
-in dem sie mich selbst um Verzeihung bat und auch mir<span class="pagenum"><a id="Page_47">[47]</a></span>
-verzieh. Ich weinte vor Freude, als ich diese einfachen
-Zeilen las, in denen ich damals ein ebenso tiefes und rührendes
-Gefühl zu sehen glaubte. Die alte Kinderfrau weinte,
-als ich sie um Vergebung bat. &ndash; Warum sind sie alle
-so gut zu mir? Womit habe ich solche Liebe verdient? &ndash;
-fragte ich mich. Ich erinnerte mich auch unwillkürlich
-Ssergej Michailytschs und dachte lange an ihn. Ich konnte
-nicht anders und hielt es sogar auch nicht für Sünde. Aber
-ich dachte an ihn jetzt ganz anders als in jener Nacht, wo
-ich zum erstenmal erfuhr, daß ich ihn liebe; ich dachte an
-ihn wie an mich selbst und verknüpfte ihn unwillkürlich
-mit jedem Gedanken an meine eigene Zukunft. Der erdrückende
-Einfluß, den ich in seiner Gegenwart verspürt
-hatte, war nun in meiner Fantasie vollkommen verschwunden.
-Ich betrachtete mich als ihm gleich und verstand ihn
-vollkommen von der Höhe der geistlichen Stimmung herab,
-in der ich mich befand. Alles, was mir an ihm früher
-seltsam erschienen, war mir jetzt klar. Erst jetzt begriff
-ich, warum er gesagt hatte, daß das Glück nur darin liege,
-für andere zu leben, und ich war mit ihm jetzt darin vollkommen
-einverstanden. Es schien mir, daß uns beide ein
-unendliches und ruhiges Glück erwartete. Ich dachte aber
-dabei nicht an Reisen ins Ausland, nicht an den Glanz
-der großen Welt, sondern an ein ganz anderes, stilles
-Familienleben auf dem Lande, mit ewiger Selbstaufopferung,
-mit ewiger Liebe zueinander und mit ewiger Erkenntnis
-der milden und hilfreichen Vorsehung in allen Dingen.</p>
-
-<p>Ich kommunizierte, wie ich es mir vorgenommen hatte,
-an meinem Geburtstage. Als ich an diesem Tage aus der
-Kirche zurückkehrte, war mein Herz von einem so vollkommenen<span class="pagenum"><a id="Page_48">[48]</a></span>
-Glück erfüllt, daß ich mich vor dem Leben, vor
-jedem Eindruck, vor allem fürchtete, was dieses Glück
-hätte stören können. Aber kaum waren wir der Liniendroschke
-vor unserer Freitreppe entstiegen, als auf der
-Brücke das mir bekannte Kabriolett rasselte und ich Ssergej
-Michailytsch erblickte. Er gratulierte mir, und wir traten
-zusammen ins Wohnzimmer. Noch niemals, seitdem ich
-ihn kannte, war ich so ruhig und meiner selbst sicher wie an
-diesem Morgen. Ich fühlte in mir eine ganze neue Welt,
-die er nicht begriff, die größer war als er. Ich empfand
-vor ihm nicht die geringste Verlegenheit. Er merkte wohl,
-woher das kam, und benahm sich besonders zartfühlend,
-sanft und fromm mir gegenüber. Ich trat an das Klavier,
-aber er schloß es zu und steckte den Schlüssel in die Tasche.</p>
-
-<p>»Verderben Sie Ihre Stimmung nicht,« sagte er. »In
-Ihrer Seele ist jetzt eine Musik, die schöner ist als jede
-Musik auf Erden.«</p>
-
-<p>Ich war ihm dankbar dafür, und doch war es mir zugleich
-auch etwas unangenehm, daß er so leicht und klar
-alles begriff, was als Geheimnis in meiner Seele ruhen
-sollte. Beim Mittagessen sagte er, er sei gekommen, mir
-zu gratulieren und zugleich Abschied zu nehmen, weil er
-morgen nach Moskau verreise. Als er das sagte, sah er nur
-Katja an; dann streifte er aber auch mich mit einem Blick,
-und ich sah ihm an, daß er fürchtete, in meinem Gesicht
-eine Erregung zu merken. Aber ich war weder erstaunt
-noch erregt und fragte ihn nicht mal, ob er für lange verreise.
-Ich hatte erwartet, daß er es sagen würde, und
-ich wußte auch, daß er nicht verreisen würde. Wie ich das
-wußte? Jetzt kann ich mir das unmöglich erklären; aber an<span class="pagenum"><a id="Page_49">[49]</a></span>
-jenem denkwürdigen Tage war es mir, als ob ich alles, wie
-das Vergangene, so auch das Zukünftige wüßte. Ich war
-wie in einem glücklichen Traum, wo mir alles, was auch
-geschieht, schon bekannt vorkommt, wo ich alles schon längst
-weiß, es aber erst in der Zukunft geschehen soll, und ich
-weiß, daß es geschehen wird.</p>
-
-<p>Er wollte gleich nach dem Essen wegfahren, aber Katja,
-die noch von der Messe ermüdet war, zog sich zurück, um
-sich etwas hinzulegen, und er mußte warten, bis sie erwachte,
-um sich von ihr zu verabschieden. Im Salon war
-die Sonne, und wir gingen auf die Terrasse. Kaum hatten
-wir uns hingesetzt, als ich in vollkommener Ruhe das
-Gespräch begann, das über das Schicksal meiner Liebe entscheiden
-sollte. Ich fing zu sprechen an, weder früher noch
-später, sondern just in dem Augenblick, als wir uns hingesetzt
-hatten, als noch nichts gesagt worden war und als
-weder der Ton noch der Charakter des Gesprächs mich
-darin, was ich sagen wollte, hindern konnten. Ich weiß
-selbst nicht, wo ich damals solche Ruhe, Entschlossenheit
-und Genauigkeit der Ausdrucksweise hernahm. Es war,
-als sagte ich es nicht selbst, als spräche etwas, was von
-meinem Willen nicht abhing, aus mir heraus. Er saß mir
-gegenüber, die Ellbogen auf das Geländer gestützt und
-rupfte die Blätter von einem Fliederzweige, den er zu sich
-herangezogen hatte. Als ich zu sprechen anfing, ließ er den
-Zweig fahren und stützte den Kopf in die Hand. Das konnte
-die Pose eines durchaus ruhigen, wie auch die eines sehr
-aufgeregten Mannes sein.</p>
-
-<p>»Warum verreisen Sie?« fragte ich bedeutungsvoll und
-langsam, ihm gerade ins Gesicht blickend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_50">[50]</a></span></p>
-
-<p>Er antwortete nicht gleich.</p>
-
-<p>»Die Geschäfte!« versetzte er schließlich, die Augen
-senkend.</p>
-
-<p>Ich begriff, wie schwer es ihm fiel, mir die Unwahrheit
-zu sagen und dazu noch auf eine so aufrichtig gestellte Frage.</p>
-
-<p>»Hören Sie,« sagte ich, »Sie wissen, was dieser Tag
-für mich ist. Er ist mir in mancher Beziehung wichtig.
-Wenn ich Sie frage, so tue ich es nicht nur, um mein Interesse
-für Sie zu zeigen (Sie wissen, daß ich mich an Sie
-gewöhnt habe und Sie gerne mag); ich frage, weil ich es
-wissen muß. Warum verreisen Sie?«</p>
-
-<p>»Es ist mir sehr schwer, Ihnen die Wahrheit zu sagen,
-warum ich verreise,« sagte er. »In dieser Woche habe ich
-viel an Sie und auch an mich gedacht und bin zu dem
-Schluß gekommen, daß ich verreisen muß. Sie verstehen
-doch, warum, und wenn Sie mich lieben, werden Sie
-nicht weiter fragen.« Er fuhr sich mit der Hand über die
-Stirne und bedeckte dann mit ihr die Augen. »Es fällt
-mir schwer … Und Sie verstehen es doch.«</p>
-
-<p>Mein Herz fing heftig zu schlagen an.</p>
-
-<p>»Ich kann es nicht verstehen,« entgegnete ich, »<em class="gesperrt">ich
-kann es nicht</em>, aber <em class="gesperrt">Sie selbst</em>, sagen Sie es mir um
-Gottes willen, schon weil es ein so besonderer Tag für mich
-ist, ich kann alles ruhig anhören!«</p>
-
-<p>Er änderte seine Stellung, blickte mich an und zog den
-Fliederzweig wieder zu sich.</p>
-
-<p>»Übrigens,« sagte er nach kurzer Pause mit einer
-Stimme, die sich vergebens bemühte, fest zu erscheinen,
-»obwohl es dumm und unmöglich ist, es mit Worten auszusprechen,
-obwohl es mir schwer fällt, will ich mich doch<span class="pagenum"><a id="Page_51">[51]</a></span>
-bemühen, es Ihnen zu erklären,« fügte er hinzu, das Gesicht
-wie bei einem körperlichen Schmerz verziehend.</p>
-
-<p>»Nun?« fragte ich.</p>
-
-<p>»Denken Sie sich folgenden Fall: es war einmal ein
-Herr, sagen wir ein Herr A.,« begann er, »ein alter und
-abgelebter Mann, und es war ein gewisses Fräulein B.,
-ein glückliches junges Mädchen, das das Leben und die
-Menschen noch nicht kannte. Infolge besonderer Familienverhältnisse
-gewann er sie wie eine Tochter lieb und dachte
-gar nicht daran, sie anders lieben zu können.«</p>
-
-<p>Er hielt inne, aber ich unterbrach ihn nicht.</p>
-
-<p>»Aber er hatte vergessen, daß Fräulein B. so jung war,
-daß das Leben für sie noch ein Spiel bedeutete,« fuhr er
-plötzlich schnell und entschlossen fort, ohne mich anzublicken,
-»daß es sehr leicht sei, sie anders zu lieben, und daß dies
-ihr sehr amüsant erscheinen würde. Er hatte sich aber geirrt
-und fühlte plötzlich, daß ein anderes Gefühl, so schwer wie
-die Reue sich in sein Herz einschlich, und er erschrak. Er
-fürchtete, daß ihre früheren freundschaftlichen Beziehungen
-abbrechen könnten, und er entschloß sich, zu verreisen, bevor
-dies geschähe.« Als er das sagte, rieb er sich, wie zerstreut,
-mit der Hand die Augen und schloß sie wieder.</p>
-
-<p>»Warum fürchtete er denn, sie anders zu lieben?«
-fragte ich kaum hörbar, meine Erregung zurückhaltend,
-so daß meine Stimme ruhig klang; ihm erschien aber mein
-Ton wohl scherzhaft, und er antwortete wie beleidigt:</p>
-
-<p>»Sie sind jung, und ich bin nicht mehr jung. Sie wollen
-spielen, aber ich will etwas anderes. Spielen Sie nur,
-aber nur nicht mit mir, denn sonst werde ich es vielleicht
-ernst nehmen, und das wäre für mich nicht gut, und Sie<span class="pagenum"><a id="Page_52">[52]</a></span>
-würden es bereuen. Das sagte der A.,« fügte er hinzu.
-»Es sind lauter Dummheiten, aber Sie verstehen wohl,
-warum ich verreise. Sprechen wir nie mehr davon, ich bitte
-Sie!«</p>
-
-<p>»Nein! Nein! Sprechen wir gerade davon!« rief ich
-aus, und meine Stimme zitterte vor zurückgehaltenen
-Tränen. »Liebte er sie oder nicht?«</p>
-
-<p>Er gab keine Antwort.</p>
-
-<p>»Wenn er sie aber nicht liebte, warum spielte er dann
-mit ihr wie mit einem Kinde?« fragte ich.</p>
-
-<p>»Ja, ja, das war eben seine Schuld,« antwortete er,
-mich hastig unterbrechend, »aber alles war zu Ende, und
-sie schieden … als Freunde.«</p>
-
-<p>»Aber es ist doch entsetzlich! Ist denn kein anderer
-Ausweg möglich?« brachte ich mit Mühe hervor und erschrak
-gleich darauf über meine eigenen Worte.</p>
-
-<p>»Ja, es gibt wohl einen anderen Ausweg,« sagte er,
-indem er die Hand von seinem aufgeregten Gesicht nahm
-und mir gerade in die Augen blickte. »Es gibt zwei verschiedene
-Auswege. Aber um Gottes willen, unterbrechen
-Sie mich nicht und versuchen Sie mich mit Ruhe zu
-begreifen. Die einen sagen,« fing er an, indem er sich
-erhob, mit einem schmerzvollen und schwermütigen Lächeln,
-»die einen sagen, A. sei verrückt geworden, hätte sich in
-die B. wahnsinnig verliebt und ihr seine Liebe gestanden&nbsp;…
-Sie hätte aber nur gelacht. Für sie war es nur ein Spiel,
-für ihn aber eine Lebensfrage.«</p>
-
-<p>Ich fuhr zusammen und wollte ihn unterbrechen, wollte
-ihm sagen, daß er sich nicht unterstehen dürfe, mir seine<span class="pagenum"><a id="Page_53">[53]</a></span>
-eigenen Gedanken unterzuschieben, aber er legte seine Hand
-auf die meine, um mich zurückzuhalten.</p>
-
-<p>»Warten Sie,« sagte er mit bebender Stimme, »die
-einen sagen, sie hätte Mitleid mit ihm gehabt; die Ärmste,
-die die Menschen noch nicht kannte, hätte sich eingebildet,
-daß sie ihn wirklich lieben könne, und eingewilligt, seine
-Frau zu werden. Er, der Wahnsinnige hätte geglaubt,
-daß für ihn ein neues Leben beginnen würde, aber sie hätte
-selbst begriffen, daß sie ihn betrogen habe, wie auch er sie&nbsp;…
-Sprechen wir nicht mehr davon,« schloß er, offenbar außerstande,
-weiter zu sprechen, und fing an, vor mir auf und
-ab zu gehen.</p>
-
-<p>Er sagte: »sprechen wir nicht mehr davon«, aber ich
-sah, daß er mit der ganzen Sehnsucht seiner Seele ein
-Wort von mir erwartete. Ich wollte sprechen, konnte es
-aber nicht: etwas preßte mir die Brust zusammen. Ich
-sah ihn an: er war blaß, und seine Unterlippe zitterte. Ich
-fühlte Mitleid mit ihm. Ich nahm meine ganze Kraft zusammen,
-zerriß plötzlich die Fesseln des Schweigens und
-begann mit leiser, verhaltener Stimme, die, wie ich fürchtete,
-jeden Augenblick versagen konnte.</p>
-
-<p>»Und die dritte Möglichkeit,« begann ich und hielt inne;
-aber er schwieg. »Die dritte Möglichkeit ist, daß er sie
-nicht liebte und ihr sehr weh tat; er glaubte, im Rechte
-zu sein, und verließ sie und rühmte sich auch noch dessen.
-Für Sie ist es ein Spiel, aber nicht für mich, ich habe
-Sie vom ersten Tage an geliebt, geliebt!« wiederholte ich,
-und beim Worte »geliebt« steigerte sich meine bis dahin
-leise und verhaltene Stimme zu einem wilden Aufschrei,
-vor dem ich selbst erschrak.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_54">[54]</a></span></p>
-
-<p>Er stand bleich vor mir, seine Lippe bebte immer heftiger,
-und zwei Tränen rollten über seine Wangen.</p>
-
-<p>»Das ist schlecht!« schrie ich fast, während mich die
-unterdrückten Tränen der Kränkung zu ersticken drohten.
-»Womit habe ich das verdient?« fragte ich und erhob mich,
-um fortzugehen.</p>
-
-<p>Er ließ mich aber nicht fort. Sein Kopf lag auf meinem
-Schoße, seine Lippen küßten meine zitternden Hände, und
-seine Tränen netzten sie. »Mein Gott, wenn ich es gewußt
-hätte!« rief er.</p>
-
-<p>»Womit? Womit?« wiederholte ich, und in meiner
-Seele war ein Glück, das dann für immer entschwand
-und nie wiederkam.</p>
-
-<p>Fünf Minuten später lief Ssonja zu Katja hinauf und
-schrie, daß es im ganzen Hause hallte: »Mascha will
-Ssergej Michailytsch heiraten!«</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_55">[55]</a></span></p>
-
-<h3 id="kap1_5">V</h3>
-</div>
-
-<p>Es lagen keine Gründe vor, die Hochzeit hinauszuschieben,
-und weder er, noch ich wünschten das. Katja
-wollte allerdings erst nach Moskau fahren, um Verschiedenes
-für die Aussteuer einzukaufen und zu bestellen,
-und seine Mutter versuchte, darauf zu bestehen, daß er vor
-der Heirat eine neue Equipage und neue Möbel anschaffe
-und das Haus neu tapezieren lasse; wir beide setzten aber
-unseren Entschluß durch, dies alles, wenn es schon so notwendig
-sei, erst später zu besorgen und uns zwei Wochen
-nach meinem Geburtstage, in aller Stille, ohne Aussteuer,
-ohne Gäste, ohne Hochzeitsbeistände, ohne Festtafel, Champagner
-und sonstige Hochzeitsattribute trauen zu lassen.
-Er erzählte mir, wie ungehalten seine Mutter darüber
-war, daß unsere Hochzeit ohne Musik, ohne einen Berg
-von Truhen und ohne Erneuerung des ganzen Hauses
-gefeiert werden sollte, ganz anders, als ihre Hochzeit, die
-einst dreißigtausend Rubel gekostet habe, und wie sie hinter
-seinem Rücken die alten Kisten und Kasten durchwühlt
-und sich mit der Wirtschafterin Marjuschka ernsthaft wegen
-der für unser Glück unentbehrlichen Teppiche, Gardinen und
-Tabletts beraten habe. Meine Katja machte es ebenso mit
-der Wärterin Kusminischna. Darüber durfte man mit ihr
-nicht scherzen. Sie war fest überzeugt, daß wir, wenn wir<span class="pagenum"><a id="Page_56">[56]</a></span>
-von unserer Zukunft sprachen, nur tändelten und Unsinn
-trieben, wie es Menschen in dieser Lage überhaupt eigen sei,
-daß aber das wesentliche Glück unserer Zukunft nur davon
-abhänge, daß die Hemden richtig zugeschnitten und genäht
-und die Tischtücher und Servietten ordentlich gesäumt seien.
-Zwischen Pokrowskoje und Nikolskoje wurden einigemal
-am Tage geheime Berichte darüber ausgetauscht, was auf
-der einen und auf der anderen Seite vorbereitet wurde;
-obwohl die Beziehungen zwischen Katja und seiner Mutter
-äußerlich die zärtlichsten waren, war doch eine etwas feindselige,
-wenn auch raffinierte Diplomatie dabei. Seine
-Mutter, Tatjana Ssemjonowna, die ich jetzt näher kennen
-lernte, war eine steife und strenge Hausfrau, eine Dame
-der guten alten Zeit. Er liebte sie nicht nur als Sohn
-aus Pflichtgefühl, sondern auch aus menschlicher Neigung,
-da er sie für die beste, gütigste, klügste und liebreichste
-Frau in der Welt hielt. Tatjana Ssemjonowna war immer
-gut zu uns, besonders zu mir, und freute sich, daß ihr
-Sohn heiraten wollte; als ich sie aber als seine Braut
-besuchte, kam es mir vor, als wollte sie mich fühlen lassen,
-daß ich als die Auserwählte ihres Sohnes auch besser hätte
-sein können und daß es mir gar nicht schaden würde, dessen
-immer eingedenk zu sein. Ich verstand sie vollkommen und
-war mit ihr einverstanden.</p>
-
-<p>In den beiden letzten Wochen sahen wir uns jeden Tag.
-Er aß bei uns zu Mittag und blieb dann bis Mitternacht.
-Aber obwohl er sagte &ndash; und ich wußte, daß er die Wahrheit
-sprach, &ndash; daß er ohne mich gar nicht lebe, verbrachte
-er doch nie einen ganzen Tag mit mir und bemühte sich
-seinen Geschäften nachzugehen. Unsere äußeren Beziehungen<span class="pagenum"><a id="Page_57">[57]</a></span>
-blieben bis zur Hochzeit die alten: wir fuhren fort, uns
-mit »Sie« anzureden, er küßte mir nicht mal die Hand
-und suchte nicht nur keine Gelegenheit, mit mir allein zu
-sein, sondern schien auch solche Gelegenheiten zu meiden.
-Als fürchtete er, sich der allzu großen, gefährlichen Zärtlichkeit
-hinzugeben, die in ihm war. Ich weiß nicht, wer
-sich von uns beiden verändert hatte, er oder ich, aber jetzt
-fühlte ich mich ihm vollkommen gleich, nahm an ihm nicht
-mehr jene geheuchelte Einfachheit wahr, die mir früher
-so mißfiel, und sah vor mir oft mit Freude, statt des Respekt
-und Furcht einflößenden Mannes, ein sanftes und vor Glück
-fassungsloses Kind. &ndash; Das ist also alles, was an ihm
-war! &ndash; sagte ich mir oft: &ndash; Er ist genau so ein Mensch
-wie ich und nicht mehr. &ndash; Jetzt schien mir, daß ich ihn
-ganz durchschaut und erkannt hätte. Und alles, was ich
-erkannt hatte, war so einfach und stimmte so ganz mit
-meinem Wesen überein. Selbst seine Pläne über unser
-künftiges Leben waren auch die meinigen, die er nur klarer
-und besser in Worte zu kleiden verstand.</p>
-
-<p>Das Wetter war während dieser Wochen schlecht, und
-wir verbrachten die meiste Zeit im Hause. Die schönsten
-und herzlichsten Gespräche führten wir in der Ecke zwischen
-dem Klavier und dem Fenster. Auf dem dunklen Fenster
-spiegelte sich ganz nahe das Licht der Kerzen, die Regentropfen
-schlugen gegen die glänzenden Scheiben und flossen
-an ihnen herab. Gegen das Dach prasselte es, in der Pfütze
-unter der Traufe klatschte das Wasser, und durch das
-Fenster zog Feuchtigkeit herein.</p>
-
-<p>»Wissen Sie, ich wollte Ihnen schon lange etwas sagen,«
-begann er einmal, als wir sehr spät in unserem Winkel<span class="pagenum"><a id="Page_58">[58]</a></span>
-aufgeblieben waren. »Solange Sie spielten, mußte ich
-fortwährend daran denken.«</p>
-
-<p>»Sagen Sie nichts, ich weiß alles,« erwiderte ich.</p>
-
-<p>»Ja, wirklich, sprechen wir nicht davon.«</p>
-
-<p>»Nein, sagen Sie es mir doch, was ist es?« fragte ich.</p>
-
-<p>»Also hören Sie. Erinnern Sie sich noch, wie ich Ihnen
-die Geschichte von A. und B. erzählte?«</p>
-
-<p>»Wie sollte ich mich dieser dummen Geschichte nicht
-erinnern? Es ist gut, daß sie so ausgegangen ist&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ja, es hat nur ein Weniges gefehlt, und ich hätte
-selbst mein eigenes Glück vernichtet. Sie haben mich errettet.
-Die Hauptsache aber ist, daß ich damals log; ich
-schäme mich jetzt und will Ihnen die Geschichte zu Ende
-erzählen.«</p>
-
-<p>»Ach, bitte nicht.«</p>
-
-<p>»Haben Sie keine Angst,« sagte er lächelnd. »Ich will
-mich nur rechtfertigen. Als ich eben begann, wollte ich mit
-langen Betrachtungen kommen.«</p>
-
-<p>»Wozu Betrachtungen anstellen!« sagte ich. »Das soll
-man niemals.«</p>
-
-<p>»Ja, ich hatte es auch schlecht gemacht. Nach allen
-meinen Enttäuschungen, den Fehlern, die ich in meinem
-Leben begangen hatte, sagte ich mir, als ich diesmal aufs
-Land kam, so entschieden, die Liebe sei für mich zu Ende
-und es bleibe mir nur noch die Pflicht, mein Leben irgendwie
-abzuschließen übrig, daß ich mir lange Zeit keine Rechenschaft
-darüber gab, was eigentlich mein Gefühl gegen Sie
-sei und wohin es mich bringen könne. Ich hoffte und hoffte
-auch nicht. Bald schien es mir, daß Sie kokettieren,
-bald glaubte ich wieder, Sie seien aufrichtig, und ich wußte<span class="pagenum"><a id="Page_59">[59]</a></span>
-selbst nicht, was ich tun würde. Aber nach jenem Abend,
-Sie wissen doch, als wir nachts durch den Garten gingen,
-erschrak ich plötzlich, und mein jetziges Glück erschien mir
-viel zu groß und unmöglich. Nun, wie wäre es gekommen,
-wenn ich mir erlaubt hätte, zu hoffen, und zwar vergebens?
-Aber ich dachte natürlich nur an mich, denn ich bin ein ganz
-gemeiner Egoist.«</p>
-
-<p>Er schwieg eine Weile und sah mich an.</p>
-
-<p>»Aber es war auch nicht lauter Unsinn, was ich damals
-sagte. Ich durfte und mußte auch fürchten. Ich empfange
-von Ihnen so viel und kann Ihnen so wenig geben. Sie
-sind noch ein Kind, eine Knospe, die erst aufbrechen wird,
-Sie lieben zum erstenmal, während ich&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ja, sagen Sie mir die Wahrheit&nbsp;…« begann ich,
-bekam <span id="corr059">aber</span> plötzlich Angst vor seiner Antwort. »Nein,
-lieber nicht&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ob ich schon einmal geliebt habe? Ja?« fragte er,
-meinen Gedanken sofort erratend. »Das kann ich Ihnen
-sagen. Nein, ich habe noch nicht geliebt. Ich habe noch nie
-etwas empfunden, was diesem Gefühl ähnlich wäre&nbsp;…«
-Aber plötzlich war es, als wenn ihn eine schwere Erinnerung
-durchzuckte. »Nein, ich müßte Ihr Herz haben, um Sie
-lieben zu dürfen,« sagte er traurig. »Nun, mußte ich es mir
-nicht vorher überlegen, ehe ich Ihnen sagen durfte, daß
-ich Sie liebe? Was gebe ich Ihnen? Meine Liebe, allerdings.«</p>
-
-<p>»Ist denn das wenig?« fragte ich, ihm in die Augen
-blickend.</p>
-
-<p>»Es ist wenig, meine Freundin, für Sie ist es zu wenig,«
-fuhr er fort. »Sie haben die Schönheit und die Jugend!<span class="pagenum"><a id="Page_60">[60]</a></span>
-Ich kann jetzt oft in der Nacht vor Glück nicht einschlafen
-und denke immer daran, wie wir zusammen leben werden.
-Ich habe schon viel gelebt und glaube das, was ich zum
-Glücke brauche, gefunden zu haben. Ein stilles, einsames
-Leben in unserer ländlichen Einöde, die Möglichkeit, den
-Menschen Gutes zu tun, solchen Menschen, denen es so
-leicht ist, Gutes zu erweisen, weil sie daran noch nicht
-gewöhnt sind; dann die Arbeit, die Arbeit, von der man
-Nutzen erwartet, dann Erholung, die Natur, Bücher,
-Musik, die Liebe zu den uns Nahestehenden, &ndash; das ist
-mein Glück, das höchste Glück, das ich mir ersehnte. Dazu
-noch eine solche Gefährtin wie Sie, vielleicht auch eine
-Familie und alles, was der Mensch sich nur wünschen kann.«</p>
-
-<p>»Ja!« sagte ich.</p>
-
-<p>»Doch nur für mich, der ich meine Jugend hinter mir
-habe, aber nicht für Sie,« fuhr er fort. »Sie haben noch
-nicht gelebt, Sie werden das Glück vielleicht in anderen
-Dingen suchen wollen und es vielleicht auch in anderen
-Dingen finden. Vielleicht kommt Ihnen das jetzt nur
-darum als ein Glück vor, weil Sie mich lieben.«</p>
-
-<p>»Nein, ich habe immer nur dieses stille Familienleben
-gewünscht und geliebt,« erwiderte ich. »Und Sie sagen nur
-das, was ich mir schon gedacht habe.«</p>
-
-<p>Er lächelte.</p>
-
-<p>»Es kommt Ihnen nur so vor, liebe Freundin. Aber
-das ist zu wenig für Sie. Sie haben die Schönheit und die
-Jugend,« sagte er wieder.</p>
-
-<p>Aber ich wurde böse, daß er mir nicht glauben wollte
-und mir meine Schönheit und Jugend gleichsam zum Vorwurf
-machte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_61">[61]</a></span></p>
-
-<p>»Warum lieben Sie mich dann?« fragte ich böse. »Um
-meiner Jugend oder um meiner selbst willen?«</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht, aber ich liebe Sie,« antwortete er
-und sah mich mit einem durchdringenden und anziehenden
-Blicke an.</p>
-
-<p>Ich antwortete nicht und blickte ihm unwillkürlich in
-die Augen. Plötzlich geschah mit mir etwas Seltsames:
-zuerst hörte ich auf, das, was mich umgab, zu sehen, dann
-verschwand auch sein Gesicht vor mir, und nur seine Augen
-schienen ganz dicht vor meinen Augen zu glänzen; dann war
-es mir, als ob seine Augen in mir wären; alles trübte sich,
-ich sah nichts mehr und mußte meine Augen schließen, um
-mich von diesem Gefühl von Wonne und Grauen zu befreien,
-das in mir dieser Blick weckte&nbsp;…</p>
-
-<p>Am Vorabend unseres Hochzeitstages wurde das Wetter
-besser. Nach den verregneten Sommertagen kam der erste
-kalte und heitere Herbstabend. Alles war feucht, kalt und
-hell, und der Garten zeigte sich zum erstenmal herbstlich
-leer, bunt und nackt. Der Himmel war klar, kalt und
-bleich. Ich ging schlafen, glücklich, daß an meinem Hochzeitstage
-schönes Wetter sein würde. Ich erwachte mit der
-Sonne, und der Gedanke, daß es schon heute sei, erschreckte
-mich und setzte mich zugleich in Erstaunen. Ich trat in den
-Garten. Die Sonne war erst eben aufgegangen und leuchtete
-durch die halbentlaubten, gelb gewordenen Linden der
-Allee hindurch. Der Gartenweg war mit raschelndem Laub
-bedeckt. Die runzligen Beeren der Eberesche leuchteten rot
-auf den Zweigen neben den spärlichen, vom Froste getöteten
-Blättern; die Georginen waren zusammengeschrumpft und
-schwarz geworden. Der Reif lag zum erstenmal silbern<span class="pagenum"><a id="Page_62">[62]</a></span>
-auf dem bleichen Rasen und auf den abgebrochenen Pestwurzstauden
-vor dem Hause. Am heiteren kalten Himmel
-war kein Wölkchen zu sehen, ein solches wäre auch nicht
-möglich gewesen.</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;Ist es wirklich heute? &ndash; fragte ich mich, meinem
-Glücke nicht trauend. &ndash; Werde ich denn wirklich morgen
-nicht hier, sondern im fremden, säulengeschmückten Hause
-von Nikolskoje erwachen? Werde ich ihn nicht mehr hier
-erwarten, werde ihm nicht mehr entgegengehen und abends
-und nachts nicht mehr mit Katja über ihn plaudern? Werde
-nicht mehr mit ihm in Pokrowskoje am Klavier sitzen?
-Ihn nicht mehr begleiten und mich um ihn in den finsteren
-Nächten nicht mehr ängstigen? &ndash; Aber ich erinnerte mich
-seiner Worte von gestern abend, er käme zum letztenmal,
-und daß Katja mich genötigt, das Hochzeitskleid anzuprobieren
-und dabei gesagt hatte: »Für morgen«; einen
-Augenblick lang glaubte ich es und fing dann wieder zu
-zweifeln an. &ndash; Werde ich denn von morgen ab dort mit
-der Schwiegermutter, ohne die Nadeschda, ohne den alten
-Grigorij, ohne Katja leben? Werde vor dem Schlafengehen
-meine alte Wärterin nicht mehr küssen, und sie
-wird mich nicht mehr nach alter Gewohnheit bekreuzigen
-und mir sagen: »Gute Nacht, Fräulein«? Werde Ssonja
-nicht mehr unterrichten und mit ihr nicht mehr spielen,
-des Morgens nicht mehr an die Wand ihres Zimmers
-klopfen und ihr helles Lachen hören? Werde ich denn heute
-für mich selbst fremd werden, wird sich vor mir ein neues
-Leben mit der Verwirklichung aller meiner Wünsche und
-Hoffnungen auftun? Kommt dieses neue Leben für immer?
-&ndash; Ich erwartete ihn mit Ungeduld, denn es war mir so<span class="pagenum"><a id="Page_63">[63]</a></span>
-schwer, allein alle diese Gedanken zu tragen. Er kam früh,
-und erst an seiner Seite glaubte ich wirklich daran, daß ich
-heute seine Frau werden sollte, und dieser Gedanke hatte
-für mich nichts Schreckliches mehr.</p>
-
-<p>Vor dem Essen gingen wir in unsere Kirche, um eine
-Messe für meinen verstorbenen Vater zu hören.</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;Wenn er doch jetzt am Leben wäre! &ndash; dachte ich, als
-wir nach Hause zurückkehrten und ich mich schweigend auf
-den Arm eines Mannes stützte, der der beste Freund dessen
-gewesen war, an den ich dachte. Als ich während des Gebets
-mit meiner Stirne die kalten steinernen Fußböden der
-Kapelle berührte, sah ich meinen Vater so lebhaft vor
-mir, glaubte so fest daran, daß seine Seele mich verstehe
-und meine Wahl segne, daß es mir auch jetzt schien, seine
-Seele schwebe über uns, und daß ich seinen Segen auf mir
-ruhen fühlte. Erinnerungen, Hoffnungen, Glück und Trauer
-flossen zu einer einzigen, feierlichen und angenehmen Empfindung
-zusammen, zu der diese unbewegliche, frische Luft,
-die Stille, die entblößten Felder und der bleiche Himmel,
-von dem leuchtende, doch ohnmächtige Strahlen herabfielen,
-die sich vergebens bemühten, mir die Wange zu versengen,
-so wunderbar paßten. Mir schien, als ob auch er, mit dem
-ich ging, mein Gefühl verstünde und teilte. Er ging langsam
-und schweigend, und sein Gesicht, das ich ab und zu
-anblickte, drückte die gleiche feierliche Stimmung, die halb
-Trauer und halb Freude war, aus, von der die Natur und
-auch mein Herz erfüllt waren.</p>
-
-<p>Plötzlich wandte er sich zu mir um; ich sah, daß er mir
-etwas sagen wollte. &ndash; Wie, wenn er mir jetzt dasselbe
-sagt, was ich selbst denke? &ndash; kam es mir in den Sinn.<span class="pagenum"><a id="Page_64">[64]</a></span>
-Er sprach aber von meinem Vater, ohne ihn übrigens zu
-nennen.</p>
-
-<p>»Einmal sagte er mir im Scherz: ›Heirate doch meine
-Mascha!‹«</p>
-
-<p>»Wie glücklich wäre er jetzt,« sagte ich und drückte seinen
-Arm, der den meinigen stützte, noch fester an mich.</p>
-
-<p>»Ja, Sie waren damals noch ein Kind,« fuhr er fort,
-mir in die Augen blickend. »Ich küßte damals diese Augen
-und liebte sie, nur weil sie den seinigen glichen; aber
-ich dachte gar nicht daran, daß sie mir einst um ihrer selbst
-willen so teuer sein würden. Ich nannte Sie damals
-›Mascha‹.«</p>
-
-<p>»Sagen Sie doch ›du‹ zu mir,« sagte ich.</p>
-
-<p>»Gerade wollte ich selbst ›du‹ zu dir sagen,« erwiderte
-er. »Erst jetzt ist es mir, als wärest du ganz mein.« Sein
-ruhiger und glücklicher, anziehender Blick ruhte auf mir.</p>
-
-<p>Und wir gingen langsam über den noch wenig ausgetretenen
-Feldweg durch das niedergestampfte Stoppelfeld;
-wir hörten nichts als unsere eigenen Schritte und
-Stimmen. Auf der einen Seite zog sich über die Schlucht
-bis zum fernen entlaubten Gehölz ein braunes Stoppelfeld
-hin, auf dem ein Bauer mit seinem Pfluge lautlos
-einen immer breiter werdenden schwarzen Streifen aufwühlte.
-Die Pferdeherde unten am Hügel schien ganz nahe.
-An der anderen Seite und vor uns bis zum Garten und
-bis zu unserem Hause, das hinter dem Garten hervorschaute,
-lag schwarz und streifenweise auch schon grün der
-mit der Wintersaat bestellte Acker. Auf alles leuchtete
-die nicht mehr heiße Sonne, und auf allen Dingen lagen
-lange faserige Spinnenfäden. Sie schwebten in der Luft<span class="pagenum"><a id="Page_65">[65]</a></span>
-um uns herum, legten sich auf die hartgefrorenen Stoppelfelder
-und fielen uns auf die Augen, Haare und Kleider.
-Wenn wir sprachen, so klangen unsere Stimmen so, als
-blieben sie über uns in der regungslosen Luft hängen, als
-wären wir ganz allein in der ganzen Welt, allein unter
-diesem blauen Himmelszelt, an dem zitternd und blinzelnd
-die gar nicht heiße Sonne spielte.</p>
-
-<p>Auch ich wollte zu ihm »du« sagen, aber ich schämte
-mich noch.</p>
-
-<p>»Warum gehst du so schnell?« fragte ich hastig, beinahe
-im Flüstertone, und mußte dabei erröten.</p>
-
-<p>Er verlangsamte seine Schritte und blickte mich noch
-liebevoller, noch freudiger und glücklicher an.</p>
-
-<p>Als wir nach Hause kamen, waren dort schon seine
-Mutter und die Gäste versammelt, die wir schließlich doch
-hatten einladen müssen, und so blieb ich bis zu dem
-Augenblick, als wir aus der Kirche traten und uns in den
-Wagen setzten, um nach Nikolskoje zu fahren, nicht mehr
-allein.</p>
-
-<p>Die Kirche war fast leer, und ich sah mit einem flüchtigen
-Blick nur seine Mutter, die auf dem kleinen Teppich
-neben dem Chor aufrecht stand, Katja in einer Haube mit
-lila Bändern und mit Tränen an den Wangen, und zwei
-oder drei leibeigene Dienstboten, die mich neugierig musterten.
-Ihn sah ich nicht an, aber ich fühlte seine Nähe. Ich
-lauschte den Worten der Gebete, sprach sie nach, aber in
-meiner Seele weckten sie keinen Widerhall. Ich konnte
-nicht beten und blickte stumpf auf die Heiligenbilder, auf
-die Kerzen, auf das Kreuz des Ornates auf dem Rücken
-des Geistlichen, auf die Heiligenwand, auf das Fenster der<span class="pagenum"><a id="Page_66">[66]</a></span>
-Kirche und konnte nichts verstehen. Ich fühlte nur, daß mit
-mir etwas Ungewöhnliches geschah. Als der Geistliche sich
-mit dem Kreuz zu uns wandte, uns gratulierte und sagte,
-daß er mich einst getauft und es nun dank Gottes Gnade
-erlebt habe, mich auch zu trauen, als Katja und seine
-Mutter uns küßten und Grigorijs Stimme erklang, der
-nach dem Wagen rief, da erstaunte und erschrak ich beim
-Gedanken, daß alles schon vorbei sei, und daß in meiner
-Seele nichts Außergewöhnliches geschehen wäre, was dem
-heiligen Sakrament, das an mir soeben vollzogen worden
-war, entspräche. Wir küßten uns, und dieser Kuß war so
-seltsam und unserem Gefühle fremd. &ndash; Ist das alles?! &ndash;
-dachte ich mir. Wir traten vor das Portal, das Gerassel
-der Räder hallte dumpf unter der Kuppel wider, ein
-frischer Lufthauch wehte mir ins Gesicht, er setzte seinen
-Hut auf und half mir in den Wagen. Durch das Wagenfenster
-sah ich den frostigen, von einem Hofe umgebenen
-Mond. Er setzte sich neben mich und schloß den Wagenschlag.
-Etwas stach mich ins Herz. Die Selbstverständlichkeit,
-mit der er es machte, kam mir irgendwie verletzend
-vor. Katjas Stimme rief, ich solle mir den Kopf
-gut einhüllen, die Räder rollten über die Steine, dann
-über die weiche Landstraße, und wir fuhren davon. Ich
-drückte mich in die Ecke und blickte auf die fernen, hellen
-Fluren und auf den Weg hinaus, der im kalten Mondlichte
-dahinzulaufen schien. Ohne ihn anzublicken, fühlte ich doch
-seine Nähe. &ndash; Ist das alles, was mir dieser Augenblick
-gab, von dem ich so viel erwartet hatte? &ndash; dachte ich, und
-es kam mir noch immer demütigend und beleidigend vor,
-so nahe neben ihm zu sitzen. Ich wandte mich zu ihm um,<span class="pagenum"><a id="Page_67">[67]</a></span>
-mit der Absicht, ihm etwas zu sagen. Aber kein Wort
-wollte mir über die Lippen kommen, als hätte sich das zärtliche
-Gefühl von früher verflüchtigt und als wäre ein
-Gefühl von Kränkung und Angst an seine Stelle getreten.</p>
-
-<p>»Bis zu diesem Augenblick habe ich noch immer nicht
-geglaubt, daß es möglich sei,« antwortete er leise auf
-meinen Blick.</p>
-
-<p>»Ja, aber ich fürchte mich so, ich weiß selbst nicht,
-warum,« sagte ich.</p>
-
-<p>»Du fürchtest dich vor mir, liebes Kind,« sagte er.
-Dann nahm er meine Hand und beugte über sie sein Gesicht.</p>
-
-<p>Meine Hand lag wie leblos in der seinen, und mein
-Herz tat mir vor Kälte weh.</p>
-
-<p>»Ja,« flüsterte ich.</p>
-
-<p>Aber im gleichen Augenblick fing mein Herz heftiger zu
-klopfen an, meine Hand zitterte und drückte seine Hand zusammen,
-es wurde mir heiß, meine Augen suchten im Halbdunkel
-seinen Blick, und ich fühlte plötzlich, daß ich ihn nicht
-mehr fürchtete, daß diese Furcht die Liebe sei, eine neue,
-noch zärtlichere und größere Liebe als früher. Ich fühlte,
-daß ich ihm ganz gehörte, und daß ich über seine Gewalt
-über mich glücklich war.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_68">[68]</a></span></p>
-
-<h2 id="Zweiter_Teil">Zweiter Teil.</h2>
-
-<h3 id="kap2_1">I</h3>
-</div>
-
-<p>Tage und Wochen, ganze zwei Monate des zurückgezogenen
-ländlichen Lebens vergingen, wie es mir schien, unbemerkt;
-und doch hätten die Gefühle, die Aufregungen
-und das Glück dieser beiden Monate für ein ganzes Leben
-genügt. Meine und seine Träume von unserem Landleben
-waren ganz anders in Erfüllung gegangen, als wir es erwartet
-hatten. Aber unser Leben war nicht schlechter, als
-unsere Träume. Es gab nichts von der ernsten Arbeit, von
-Pflichterfüllung, von Selbstaufopferung und vom Leben
-für die anderen, die ich mir ausgemalt hatte, als ich noch
-seine Braut gewesen; es war dagegen ein selbstsüchtiges
-Gefühl der Liebe zueinander, der Wunsch, geliebt zu werden,
-eine immerwährende, grundlose Heiterkeit und ein
-Vergessen aller Dinge auf der Welt. Er zog sich zwar
-wirklich manchmal in sein Kabinett zurück, um etwas zu tun,
-fuhr manchmal in Geschäften nach der Stadt oder ging aus
-dem Hause, um nach der Wirtschaft zu sehen; aber ich sah,
-was für Mühe es ihn kostete, sich von mir loszureißen. Er
-gestand mir später auch selbst, daß alles in der Welt, wenn
-ich nicht dabei sei, ihm so nichtig und unsinnig erscheine, daß
-er gar nicht verstehe, wie man sich damit überhaupt abgeben
-könne. Mit mir verhielt es sich ebenso. Ich las,<span class="pagenum"><a id="Page_69">[69]</a></span>
-trieb Musik, widmete mich der Schwiegermama und der
-Schule; doch ich tat es nur, weil jede dieser Beschäftigungen
-mit ihm zusammenhing und von ihm gutgeheißen wurde;
-aber wenn sich zu irgendeinem Tun der Gedanke an ihn
-nicht gesellte, so sanken mir die Hände in den Schoß, und
-es kam mir so komisch vor, daß es außer ihm auf der Welt
-noch etwas geben könne. Vielleicht war es ein schlechtes,
-selbstsüchtiges Gefühl, aber es gab mir Glück und hob mich
-über die ganze Welt empor. Nur er allein existierte für
-mich auf der Erde, ihn hielt ich aber für den herrlichsten
-und unfehlbarsten Menschen auf Erden; darum konnte ich
-für nichts anderes leben als für ihn, als um in seinen
-Augen das zu sein, für was er mich hielt. Er hielt mich
-aber für das erste und herrlichste Weib auf Erden, begabt
-mit allen möglichen Tugenden; und ich bemühte mich, in
-den Augen des ersten und besten Menschen auf der ganzen
-Welt so ein Weib zu sein.</p>
-
-<p>Einmal trat er zu mir ins Zimmer, als ich gerade
-betete. Ich sah mich nach ihm um und betete weiter. Er
-setzte sich an den Tisch, um mich nicht zu stören, und schlug
-ein Buch auf. Aber es kam mir vor, als sähe er mich an,
-und ich wandte mich wieder um. Er lächelte, ich fing zu
-lachen an und konnte nicht mehr beten.</p>
-
-<p>»Hast du schon gebetet?« fragte ich ihn.</p>
-
-<p>»Ja. Fahre nur fort, ich will weggehen.«</p>
-
-<p>»Du betest doch hoffentlich?«</p>
-
-<p>Er wollte gehen, ohne zu antworten, aber ich hielt ihn
-zurück.</p>
-
-<p>»Liebster, tu es bitte für mich, sprich mal mit mir die
-Gebete.« Er kniete neben mir nieder, ließ die Hände linkisch<span class="pagenum"><a id="Page_70">[70]</a></span>
-sinken und begann mit ernstem Gesicht und stockend
-zu beten. Ab und zu wandte er sich zu mir um und suchte
-in meinem Gesicht Zustimmung und Hilfe.</p>
-
-<p>Als er fertig war, fing ich zu lachen an und umarmte ihn.</p>
-
-<p>»Alles kannst du, alles kannst du! Es ist mir, als <span id="corr070">ob</span>
-ich wieder ein Junge von zehn Jahren wäre,« sagte er errötend
-und mir die Hände küssend.</p>
-
-<p>Unser Haus war eines von den alten Landsitzen, in denen
-mehrere aufeinanderfolgende Generationen in Eintracht und
-gegenseitiger Liebe und Achtung gelebt haben. Es war vom
-Dufte guter, ehrlicher Familienerinnerungen erfüllt, welche
-plötzlich, als ich dieses Haus betreten, auch zu meinen Erinnerungen
-geworden waren. Über die Ausstattung des
-Hauses und die Lebensordnung wachte Tatjana Ssemjonowna
-nach alter Weise. Man kann nicht behaupten, daß
-alles elegant und hübsch gewesen wäre; aber von allem,
-von den Dienstboten bis zu den Möbeln und Speisen war
-genug da, alles war reinlich, dauerhaft, ordentlich und flößte
-Achtung ein. Im Wohnzimmer standen symmetrisch die
-Möbel und hingen Familienbilder, auf dem Fußboden lagen
-hausgewebte Teppiche und Läufer. Im »Diwanzimmer«
-befanden sich ein altes Klavier, zwei Chiffonnièren von verschiedener
-Form, Diwans und Tischchen mit Messingverzierungen
-und eingelegter Arbeit. In meinem Arbeitszimmer,
-auf dessen Ausstattung Tatjana Ssemjonowna
-besondere Mühe verwandt hatte, standen die besten Möbel
-aus verschiedenen Jahrhunderten und von verschiedenen
-Fassons; unter anderem auch ein alter Trumeau, in den
-ich anfangs nur schüchterne Blicke zu werfen wagte, der
-mir aber später so lieb wurde wie ein alter Freund. Von<span class="pagenum"><a id="Page_71">[71]</a></span>
-Tatjana Ssemjonowna war nichts zu hören, aber alles
-im Hause ging so regelmäßig, wie eine aufgezogene Uhr.
-Es gab zwar viele überflüssige Dienstboten, aber alle diese
-Leute, welche weiche Schuhe ohne Absätze trugen (Tatjana
-Ssemjonowna hielt das Knarren der Sohlen und das Klappern
-der Absätze für das Unangenehmste auf der Welt), &ndash;
-alle diese Leute waren stolz auf ihre Stellung, zitterten
-vor der alten Herrin, sahen auf mich und meinen Mann
-mit einem gönnerhaften Lächeln herab und schienen ihre
-Arbeit mit besonderer Freude zu verrichten. Jeden Sonnabend
-wurden sämtliche Fußböden gescheuert und sämtliche
-Teppiche geklopft; an jedem Ersten wurden Gottesdienste
-mit Wasserweihe abgehalten, und an jedem Namenstage
-Tatjana Ssemjonownas oder ihres Sohnes (auch an
-meinem &ndash; zum erstenmal in diesem Herbst) gab es ein
-Festmahl für die ganze Nachbarschaft. Dies alles geschah
-unverändert seit ältester Zeit, soweit Tatjana Ssemjonowna
-sich ihrer selbst erinnerte. Mein Mann mischte sich
-in den Haushalt nicht ein und beschäftigte sich nur mit der
-Gutswirtschaft und den Bauern und das mit großem Eifer.
-Er stand selbst im Winter so früh auf, daß ich ihn beim
-Aufwachen nicht mehr sah. Er kam gewöhnlich zum Frühstückstee
-zurück, den wir allein tranken, und befand sich um
-diese Stunde, nach allen Mühen und Unannehmlichkeiten,
-die ihm die Wirtschaft bereitet hatte, in der besonders
-lustigen Stimmung, die wir »wildes Entzücken« nannten.
-Oft verlangte ich von ihm einen Bericht über alles, was
-er am Morgen getrieben hatte, und er erzählte mir dann
-solchen Unsinn, daß wir uns beide vor Lachen kugelten;
-manchmal bestand ich darauf, daß er mir alles ernsthaft berichte,<span class="pagenum"><a id="Page_72">[72]</a></span>
-und er berichtete es mir, sein Lächeln unterdrückend.
-Ich blickte ihm in die Augen, sah seine Lippen sich bewegen,
-verstand nichts und freute mich nur darüber, daß ich ihn
-sah und seine Stimme hörte.</p>
-
-<p>»Nun, was habe ich eben gesagt? Wiederhole es!« verlangte
-er von mir. Aber ich konnte nichts wiederholen. Es
-kam mir so komisch vor, daß er mir nicht von sich selbst
-und nicht von mir erzählte, sondern von irgendwelchen
-anderen Dingen. Als wäre es nicht ganz gleich, was es
-dort alles gab! Erst viel später fing ich an, seine Sorgen
-einigermaßen zu verstehen und mich für sie zu interessieren.
-Tatjana Ssemjonowna zeigte sich am Vormittag nicht,
-trank ihren Tee allein und ließ uns nur durch Abgesandte
-begrüßen. So seltsam klang in unserer eigenen, wahnsinnig
-glücklichen kleinen Welt die Stimme aus jenem
-anderen ordentlichen und vernünftigen Reich, daß ich mich
-oft nicht beherrschen konnte und nur laut lachte, wenn ihre
-Zofe, die Hände auf der Brust gefaltet, mir mit monotoner
-Stimme meldete, »Tatjana Ssemjonowna habe ihr
-befohlen, zu fragen, wie wir nach dem gestrigen Spaziergange
-geruht hätten; von sich selbst lasse sie aber berichten,
-daß ihr die ganze Nacht eine Seite wehgetan hätte, und daß
-ein dummer Hund im Dorfe gebellt und sie nicht schlafen
-lassen habe. Ferner lasse die gnädige Frau fragen, wie uns
-das heutige Gebäck gemundet habe, und dazu bemerken,
-daß heute nicht Taras, sondern zum ersten Male probeweise
-Nikolascha gebacken habe; alles, besonders die kleinen
-Brezeln seien ganz gut geraten, die Zwiebacke hätte er
-aber angebrannt.« Bis zum Mittagessen blieben wir wenig
-zusammen. Ich spielte Klavier oder las allein, er schrieb<span class="pagenum"><a id="Page_73">[73]</a></span>
-und ging noch einmal aus; aber zum Mittagessen, das wir
-um vier Uhr einnahmen, trafen wir uns im Wohnzimmer;
-die Mama tauchte aus ihrem Zimmer auf, und es erschienen
-irgendwelche arme, adlige Damen oder Wallfahrerinnen,
-von denen immer zwei bis drei im Hause
-wohnten. Mein Mann reichte regelmäßig nach alter Gewohnheit
-seiner Mutter den Arm, sie verlangte aber, daß
-er den anderen Arm mir reiche, und so gab es in der Türe
-regelmäßig Schwierigkeiten. Den Vorsitz beim Mittagessen
-führte die Mama, und das Gespräch bei Tische hatte immer
-einen ernsten und vernünftigen, etwas feierlichen Ton. Die
-einfachen Worte, die ich mit meinem Manne wechselte,
-störten auf eine angenehme Weise die Feierlichkeit dieser
-Sitzungen. Zwischen Mutter und Sohn kam es zuweilen
-zu Streitigkeiten und Sticheleien; ich mochte diese Streitigkeiten
-und Sticheleien besonders gern, weil bei diesen
-Gelegenheiten die zärtliche und dauerhafte Liebe, die uns
-verband, am stärksten zum Ausdruck kam. Nach dem Essen
-setzte sich Mama in den großen Sessel im Wohnzimmer
-und rieb Tabak oder schnitt die neuangekommenen Bücher
-auf, während wir etwas vorlasen oder ins Diwanzimmer
-zum Klavier gingen. Wir lasen in dieser Zeit sehr viel,
-aber die Musik war unser liebster und schönster Zeitvertreib,
-da sie jedesmal neue Saiten in unseren Herzen zum
-Tönen brachte und uns einander in einem neuen Lichte
-zeigte. Wenn ich seine Lieblingsstücke spielte, setzte er sich
-auf ein fernes Sofa, wo ich ihn fast nicht sehen konnte
-und bemühte sich aus Schamhaftigkeit den Eindruck zu verbergen,
-den die Musik auf ihn machte; aber oft, wenn er
-es gar nicht erwartete, stand ich vom Klavier auf und<span class="pagenum"><a id="Page_74">[74]</a></span>
-ging auf ihn zu, um in seinem Gesicht noch die Spuren
-der Erregung und den unnatürlich feuchten Glanz der
-Augen vorzufinden, die er vergebens vor mir zu verbergen
-suchte. Mama hatte oft Lust, nach uns zu sehen, wenn wir
-im Diwanzimmer waren; sie fürchtete wohl, uns zu stören,
-und ging zuweilen, ohne uns anzublicken, mit einem geheuchelt
-ernsten und gleichgültigen Ausdruck durchs Zimmer.
-Aber ich wußte, daß sie gar keinen Grund hatte, auf ihr
-Zimmer zu gehen und so schnell zurückzukehren. Den Abendtee,
-den ich einschenken mußte, tranken wir im großen
-Wohnzimmer, und alle Hausgenossen versammelten sich
-wieder bei Tisch. Diese feierlichen Sitzungen um den Samowar
-herum und das Verteilen der Gläser und Tassen brachten
-mich lange Zeit in Verlegenheit. Es kam mir immer
-vor, als sei ich der Ehre nicht würdig und viel zu jung
-und zu leichtsinnig, um den Hahn des so großen Samowars
-umzudrehen, um Glas für Glas auf Nikitas Tablett zu
-setzen und dabei zu sagen: »Für Pjotr Iwanowitsch, für
-Marja Minitschna«, um zu fragen: »Ist es süß genug?«
-und um einige Stück Zucker für die Kinderfrau und die
-verdienten Dienstboten zurückzulegen. »Sehr gut, sehr gut,«
-sagte mir oft mein Mann, »ganz wie eine Erwachsene!«
-Und das brachte mich in noch größere Verlegenheit.</p>
-
-<p>Nach dem Tee legte die Schwiegermama Patience oder
-ließ sich von Marja Minitschna die Karten schlagen; dann
-küßte und bekreuzigte sie uns beide, und wir zogen uns
-zurück. Meistens blieben wir aber noch bis nach Mitternacht
-auf, und das war unsere schönste und angenehmste Zeit.
-Er erzählte mir von seiner Vergangenheit, wir schmiedeten
-Pläne, philosophierten auch manchmal und bemühten uns<span class="pagenum"><a id="Page_75">[75]</a></span>
-immer, recht leise zu sprechen, damit man uns oben nicht
-höre und es nicht Tatjana Ssemjonowna melde, die von
-uns verlangte, daß wir zeitig zu Bett gingen. Manchmal
-bekamen wir Appetit, schlichen uns in die Speisekammer,
-verschafften uns durch Nikitas Protektion einen kalten
-Imbiß und verzehrten ihn beim Scheine einer einzigen
-Kerze in meinem Kabinett. So lebten wir beide wie fremde
-Leute in diesem großen, alten Hause, in dem alles vom strengen
-Geist der alten Zeiten und dem Tatjana Ssemjonownas
-beherrscht wurde. Nicht nur sie selbst, sondern auch die
-Dienstboten, die ältlichen Mädchen, die Möbel, die Bilder
-flößten mir Respekt, eine gewisse Scheu und das Bewußtsein
-ein, daß wir hier nicht ganz auf unserem Platze seien
-und uns sehr vorsichtig und aufmerksam zu benehmen hätten.
-Wenn ich mich jetzt jener Zeit erinnere, so sehe ich, daß
-vieles &ndash; diese lästige unabänderliche Hausordnung, diese
-Menge müßiger und neugieriger Menschen in unserem Hause
-&ndash; unbequem und schwer zu ertragen war; aber diese Einengung
-vergrößerte unsere Liebe. Nicht nur ich, sondern
-auch er verriet durch keine Miene, daß ihm etwas mißfiele.
-Im Gegenteil, er schien sich sogar selbst von allem
-fernzuhalten, was schlecht war. Mamas Kammerdiener,
-Dmitrij Ssidorow, ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher,
-ging regelmäßig nach dem Essen, wenn wir uns im Diwanzimmer
-befanden, in das Kabinett meines Mannes, um
-sich Tabak aus dem Kasten zu holen; man muß es gesehen
-haben, mit welchem lustigen Schrecken Ssergej Michailytsch
-auf den Zehen zu mir kam und, mit dem Finger
-drohend und mir zublinzelnd, auf Dmitrij Ssidorow zeigte,
-der es gar nicht ahnte, daß man ihn beobachtete. Und wenn<span class="pagenum"><a id="Page_76">[76]</a></span>
-Dmitrij Ssidorow fortging, ohne uns bemerkt zu haben,
-sagte mir mein Mann vor Freude darüber, daß alles so gut
-abgelaufen war, wie auch bei jeder anderen Gelegenheit,
-ich sei ein entzückendes Geschöpf und gab mir einen Kuß.
-Diese Ruhe, diese Allverzeihung und scheinbare Gleichgültigkeit
-gegen alles mißfielen mir zuweilen; ich merkte
-nicht, daß in mir die gleichen Eigenschaften steckten und
-hielt sie für eine Schwäche. &ndash; Ganz wie ein Kind, das
-sich nicht getraut, seinen Willen zu zeigen, &ndash; dachte ich mir.</p>
-
-<p>»Ach, liebe Freundin,« antwortete er mir, als ich ihm
-einmal sagte, daß ich über seine Schwäche staunen müsse,
-»kann denn ein Mensch über etwas unzufrieden sein, wenn
-er so glücklich ist, wie ich? Es ist doch viel leichter, nachzugeben,
-als sich die anderen gefügig zu machen; davon habe
-ich mich schon längst überzeugt, und es gibt keine Lebenslage,
-in der man nicht glücklich sein könnte. Wir haben es
-aber so gut! Ich kann nicht zürnen, es gibt für mich jetzt
-nichts Schlechtes, es gibt nur Bemitleidenswertes und
-Komisches. Vor allen Dingen aber: <em class="antiqua">le mieux est l'ennemi
-du bien</em>. Glaube mir, wenn ich die Schelle eines Wagens
-höre, wenn ich einen Brief erhalte oder auch nur einfach
-erwache, überkommt mich zuweilen ein Grauen. Es ist so
-schrecklich, daß man leben muß, daß sich etwas ändern kann;
-etwas Besseres als die Gegenwart kann es aber gar nicht
-geben.«</p>
-
-<p>Ich glaubte ihm, verstand ihn aber nicht; ich fühlte mich
-wohl, aber ich glaubte, daß es gerade so und nicht anders
-sein müsse, und daß es auch allen anderen Menschen ebenso
-ginge; daß es aber irgendwo auch noch ein anderes, wenn
-auch nicht größeres, aber ein anderes Glück gäbe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_77">[77]</a></span></p>
-
-<p>So vergingen zwei Monate, es kam der Winter mit
-seinen Frösten und Schneestürmen, und ich fing an, obwohl
-er mit mir war, mich einsam zu fühlen; zu fühlen,
-daß das Leben sich wiederhole, daß weder in mir noch in
-ihm etwas Neues sei, daß wir vielmehr wieder zum Alten
-zurückkehrten. Er widmete sich jetzt immer mehr seinen Geschäften
-ohne mich, und es kam mir wieder vor, als wäre
-in seiner Seele eine eigene Welt, in die er mich
-nicht einlassen wolle. Seine immer ruhige Stimmung
-reizte mich. Ich liebte ihn nicht weniger als früher und
-war auch über seine Liebe nicht weniger glücklich als früher;
-aber meine Liebe war in ihrem Wachstum stehengeblieben,
-und neben ihr keimte in meinem Herzen irgendein neues
-unruhiges Gefühl. Es genügte mir nicht, ihn zu lieben,
-nachdem ich das Glück genossen hatte, diese Liebe in mir
-aufblühen zu fühlen. Ich sehnte mich nach Bewegung und
-nicht nach einem ruhig dahinfließenden Leben. Ich sehnte
-mich nach Aufregungen, Gefahren und Aufopferung des
-Gefühls wegen. Es war in mir ein Überfluß an Kraft,
-die in unserem stillen Leben keine Anwendung fand. Mich
-überkamen Anfälle von Schwermut, die ich wie etwas
-Schlimmes vor ihm zu verbergen suchte, und Anfälle einer
-ungestümen Zärtlichkeit und Lustigkeit, die ihn erschreckten.
-Er merkte meinen Zustand früher als ich und machte mir
-den Vorschlag, in die Stadt zu ziehen; ich aber bat ihn,
-es nicht zu tun, unsere Lebensweise nicht zu ändern und
-unser Glück nicht zu stören. Ich war in der Tat glücklich,
-aber mich quälte es, daß dieses Glück mich gar keine Mühe,
-gar kein Opfer kostete, während mich der Überfluß an Tatkraft
-und Opferwilligkeit erdrückte. Ich liebte ihn und sah,<span class="pagenum"><a id="Page_78">[78]</a></span>
-daß ich für ihn alles war; aber ich wünschte mir, daß alle
-Menschen unsere Liebe sähen, daß man mich daran zu hindern
-suchte, ihn zu lieben, und daß ich ihn trotzdem liebte.
-Mein Geist und sogar meine Empfindung waren beschäftigt,
-aber es gab auch noch ein anderes Gefühl von Jugend, ein
-Verlangen nach Bewegung, das in unserem stillen Leben
-keine Befriedigung fand. Warum hatte er mir gesagt, daß
-wir in die Stadt ziehen könnten, sobald ich es nur wünschte?
-Hätte er es mir nicht gesagt, so hätte ich vielleicht verstanden,
-daß das Gefühl, das mich bedrückte, eine dumme und
-schädliche Einbildung und ein Fehler von mir war, daß das
-Opfer, nach dem ich lechzte, vor mir lag und in der Unterdrückung
-dieses Gefühls bestand. Der Gedanke, daß ich
-meiner Schwermut entgehen könnte, wenn ich nur in die
-Stadt zöge, kam mir unwillkürlich in den Sinn; zugleich
-wäre es aber für mich beschämend und schmerzlich, ihn von
-allem, was er liebte, loszureißen. Die Zeit ging aber dahin,
-der Schnee häufte sich immer höher an den Hausmauern
-auf, und wir waren immer allein und immer noch
-die gleichen zueinander; aber irgendwo draußen wogten in
-Glanz und Lärm Scharen von Menschen, die litten und sich
-freuten, ohne an uns und an unser dahinschwindendes Dasein
-zu denken. Das Unangenehmste war für mich, daß ich
-fühlte, wie die Gewohnheiten unser Leben mit jedem Tage
-zu einer bestimmten Form erstarren machten, wie unser
-Gefühl, statt frei zu werden, sich dem gleichmäßigen und
-leidenschaftslosen Gange der Zeit fügte. Des Morgens
-waren wir lustig, um die Mittagsstunde höflich und am
-Abend zärtlich. &ndash; Gut!&nbsp;… &ndash; sagte ich mir, &ndash; es ist
-gut, Gutes zu tun und ehrlich zu leben, wie er es nennt;<span class="pagenum"><a id="Page_79">[79]</a></span>
-aber dazu haben wir noch Zeit, und es gibt auch noch etwas
-anderes, wozu ich nur jetzt die Kraft habe. &ndash; Mir tat etwas
-anderes not, ich lechzte nach Kampf; ich wollte, daß das
-Gefühl unser Leben leite und nicht vom Leben geleitet werde.
-Ich wollte mit ihm an den Rand eines Abgrunds treten
-und sagen: &ndash; Ein Schritt, und ich stürze mich hinab, eine
-Bewegung, und ich bin verloren! &ndash; Er aber sollte am
-Rande des Abgrunds erbleichen, mich mit seinen kräftigen
-Armen emporheben, eine Weile über dem Abgrunde halten,
-so daß mir das Herz erkaltete, und mich dann forttragen,
-wohin er wollte.</p>
-
-<p>Dieser Zustand beeinflußte sogar meine Gesundheit, und
-ich wurde nervös. Eines Morgens fühlte ich mich noch
-schlechter als gewöhnlich; er war aus dem Gutskontor in
-übler Laune zurückgekehrt, was bei ihm selten der Fall
-war. Ich merkte es sofort und fragte ihn, was er habe.
-Er wollte es mir aber nicht sagen und meinte, es sei nicht
-der Rede wert. Wie ich später erfuhr, hatte der Isprawnik
-einige von unseren Bauern zu sich berufen und von ihnen,
-um meinen Mann zu ärgern, unter Drohungen etwas
-Ungesetzliches verlangt. Mein Mann hatte es noch nicht
-so weit verdaut, daß es ihm bloß jämmerlich und lächerlich
-erschiene; er war gereizt und wollte darum mit mir
-nicht sprechen. Mir schien aber, er wolle darum nicht
-sprechen, weil er mich für ein Kind halte, welches gar nicht
-verstehen könne, was ihn beschäftige. Ich wandte mich von
-ihm weg, verstummte und ließ Marja Minitschna, die bei
-uns zu Besuch war, zum Tee bitten. Nach dem Tee, der
-sehr schnell getrunken war, ging ich mit Marja Minitschna
-ins Diwanzimmer und begann ihr irgendeinen Unsinn zu<span class="pagenum"><a id="Page_80">[80]</a></span>
-erzählen, der mich gar nicht interessierte. Er aber ging im
-Zimmer auf und ab und streifte uns ab und zu mit einem
-Blick. Diese Blicke hatten auf mich diesmal die eigentümliche
-Wirkung, daß ich immer größere Lust verspürte,
-zu sprechen und sogar zu lachen; alles, was ich selbst sagte,
-und auch alles, was Marja Minitschna sagte, kam mir
-so komisch vor. Er sagte mir kein Wort, zog sich in sein
-Kabinett zurück und schloß die Türe. Sobald ich seine
-Schritte nicht mehr hörte, verflüchtigte sich sofort meine
-ganze Lustigkeit, so daß Marja Minitschna mich sogar
-fragte, was ich habe. Ohne ihr zu antworten, setzte ich mich
-aufs Sofa und war bereit zu weinen. &ndash; Was fällt ihm
-bloß ein? &ndash; dachte ich mir. &ndash; Es ist irgendein Unsinn,
-der ihm so wichtig erscheint; wenn er bloß versuchen wollte,
-es mir zu sagen, so würde ich ihm zeigen, daß es ein Unsinn
-ist. Nein, er muß sich unbedingt einreden, daß ich es
-nicht verstehen werde, er muß mich mit seiner majestätischen
-Ruhe demütigen und immer Recht mir gegenüber behalten.
-Dafür habe ich auch Recht, wenn ich mich langweile, wenn
-mir alles leer erscheint, wenn ich leben und mich bewegen
-will, aber nicht immer auf demselben Flecke bleiben und
-fühlen, wie die Zeit über mich hinweggeht. Ich will vorwärtsgehen,
-ich will jeden Tag und jede Stunde etwas
-Neues; aber er will stehenbleiben und auch mich zum
-Stehen zwingen. Wie leicht könnte er es haben! Er
-brauchte mich gar nicht in die Stadt zu bringen, es genügte,
-wenn er nur so wäre, wie ich, wenn er sich keinen Zwang
-antäte, sich nicht zurückhielte und ganz einfach leben wollte.
-Das rät er immer mir, ist aber dabei selbst gar nicht einfach.
-Das ist es!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_81">[81]</a></span></p>
-
-<p>Ich fühlte, wie mich die Tränen würgten, und daß ich
-gegen ihn gereizt war. Ich erschrak vor diesem Gefühl
-und ging zu ihm. Er saß im Kabinett und schrieb. Als er
-meine Schritte hörte, warf er mir einen kurzen, gleichgültigen
-und ruhigen Blick zu und fuhr fort zu schreiben.
-Dieser Blick gefiel mir nicht; statt zu ihm zu treten, blieb
-ich vor dem Tische stehen, auf dem er schrieb, schlug ein
-Buch auf und blickte hinein. Er hielt noch einmal in seinem
-Schreiben inne und sah mich an.</p>
-
-<p>»Mascha, bist du heute schlecht gelaunt?« fragte er.</p>
-
-<p>Ich antwortete mit einem kühlen Blick, welcher besagte:
-&ndash; Brauchst nicht zu fragen! Was sind das für
-Liebenswürdigkeiten? &ndash; Er schüttelte den Kopf und lächelte
-scheu und zärtlich; zum erstenmal antwortete ich auf sein
-Lächeln nicht mit meinem Lächeln.</p>
-
-<p>»Was hast du heute gehabt?« fragte ich. »Warum hast
-du es mir nicht gesagt?«</p>
-
-<p>»Unsinn! Eine kleine Unannehmlichkeit,« antwortete er.
-»Aber ich kann es dir auch erzählen. Zwei Bauern gingen
-in die Stadt&nbsp;…«</p>
-
-<p>Aber ich ließ ihn nicht weitersprechen.</p>
-
-<p>»Warum hast du es mir nicht schon beim Tee erzählt,
-als ich dich danach fragte?«</p>
-
-<p>»Damals hätte ich dir eine Dummheit gesagt, denn ich
-war wütend.«</p>
-
-<p>»Aber ich wollte es gerade damals wissen.«</p>
-
-<p>»Warum?«</p>
-
-<p>»Warum glaubst du, ich könnte dir niemals helfen?«</p>
-
-<p>»Und ob ich es glaube!« sagte er, die Feder fortlegend.
-»Ich glaube, daß ich ohne dich nicht leben kann. In allen<span class="pagenum"><a id="Page_82">[82]</a></span>
-Dingen, in allen Dingen hilfst du mir nicht nur, sondern
-tust alles statt meiner. Was dir plötzlich einfällt!« rief er
-lachend. »Ich lebe doch nur dank dir. Alles erscheint mir
-nur darum gut, weil du hier bist, weil man dich&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ja, ich weiß es: ich bin ein liebes Kind, das man beruhigen
-muß,« sagte ich in einem solchen Ton, daß er mich
-so erstaunt, als sähe er mich zum erstenmal, anblickte. »Ich
-will die Ruhe nicht, du hast sie ja im Überfluß,« fügte
-ich hinzu.</p>
-
-<p>»Nun siehst du selbst, worum es sich hier handelt,« begann
-er hastig, mich unterbrechend, als fürchtete er, mich
-aussprechen zu lassen, »was würdest du in diesem Falle
-sagen?«</p>
-
-<p>»Jetzt will ich nichts sagen,« antwortete ich. Ich hatte
-zwar Lust, ihm zuzuhören, aber es war mir so angenehm,
-seine Ruhe zu stören. »Ich will nicht so tun, als ob ich
-lebte, ich will leben,« sagte ich, »genau so wie du.«</p>
-
-<p>Sein Gesicht, das jeden Eindruck so schnell und so lebhaft
-wiederspiegelte, drückte Schmerz und gespannte Aufmerksamkeit
-aus.</p>
-
-<p>»Ich will genau so wie du leben, mit dir&nbsp;…«</p>
-
-<p>Aber ich konnte nicht zu Ende sprechen: sein Gesicht nahm
-einen so traurigen, einen so tieftraurigen Ausdruck an. Er
-schwieg eine Weile.</p>
-
-<p>»Worin liegt der Unterschied zwischen meinem und
-deinem Leben?« fragte er. »Doch nur darin, daß ich, und
-nicht du, mich mit dem Isprawnik und den betrunkenen
-Bauern herumschlage&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nein, das ist nicht alles,« erwiderte ich.</p>
-
-<p>»Begreife es doch, liebes Kind, um Gottes willen,«<span class="pagenum"><a id="Page_83">[83]</a></span>
-fuhr er fort, »ich weiß, daß alle solche Aufregungen uns
-immer weh tun; ich kenne das Leben und weiß es. Ich liebe
-dich und kann darum nichts anderes wollen, als dir alle
-diese Aufregungen ersparen. Darin liegt mein Leben, in
-der Liebe zu dir; erschwere mir nicht dieses Leben.«</p>
-
-<p>»Du hast immer Recht!« sagte ich, ohne ihn anzusehen.</p>
-
-<p>Es kränkte mich, daß in seiner Seele alles wieder so
-heiter und ruhig war, während ich Ärger und ein Gefühl,
-das der Reue glich, empfand.</p>
-
-<p>»Mascha, was hast du nur?« sagte er. »Die Rede ist
-doch nicht davon, ob ich Recht habe oder du Recht hast, sondern
-von etwas ganz anderem: was hast du gegen mich?
-Sage es mir nicht sofort, überlege es dir erst und sage mir
-alles, was du dir denkst. Du bist mit mir unzufrieden,
-du hast wahrscheinlich Recht, aber erkläre mir, worin ich
-Unrecht habe.«</p>
-
-<p>Aber wie konnte ich ihm das Innerste meiner Seele
-aufdecken? Daß er mich sofort verstanden hatte, daß ich
-wieder wie ein Kind vor ihm dastand, daß ich nichts anfangen
-konnte, ohne daß er es begriff und voraussah, &ndash;
-regte mich noch mehr auf.</p>
-
-<p>»Ich habe nichts gegen dich,« sagte ich. »Ich langweile
-mich nur und will, daß diese Langweile aufhört. Aber du
-sagst, daß es so sein muß, und hast wieder Recht!«</p>
-
-<p>Nachdem ich das gesagt hatte, sah ich ihn an. Ich hatte
-meinen Zweck erreicht: seine Ruhe war dahin, sein Gesicht
-drückte Schrecken und Schmerz aus.</p>
-
-<p>»Mascha,« begann er mit leiser, erregter Stimme,
-»es ist kein Scherz, was wir jetzt treiben. Unser Schicksal
-steht auf dem Spiele. Ich bitte dich, mir nichts zu antworten<span class="pagenum"><a id="Page_84">[84]</a></span>
-und mich anzuhören. Warum willst du mich so
-quälen?«</p>
-
-<p>Aber ich unterbrach ihn.</p>
-
-<p>»Ich weiß, daß du Recht behältst. Sprich lieber nicht,
-du hast Recht,« sagte ich kühl, als spräche ich es nicht selbst,
-sondern irgendein böser Geist in mir.</p>
-
-<p>»Wenn du nur wüßtest, was du tust!« sagte er mit
-zitternder Stimme.</p>
-
-<p>Ich fing zu weinen an, und die Tränen erleichterten mir
-das Herz. Er saß neben mir und schwieg. Ich empfand
-Mitleid mit ihm, ich schämte mich und ärgerte mich über
-mein Tun. Ich sah ihn nicht an. Ich glaubte, er müsse
-mich in diesem Augenblick entweder streng oder erstaunt ansehen.
-Ich wandte mich zu ihm: ein sanfter, zärtlicher, wie
-um Verzeihung bittender Blick war auf mich gerichtet.
-Ich nahm seine Hand und sagte:</p>
-
-<p>»Vergib mir! Ich weiß selbst nicht, was ich sagte.«</p>
-
-<p>»Ja, aber ich weiß, was du sagtest, und du hattest
-Recht.«</p>
-
-<p>»Wieso denn?« fragte ich.</p>
-
-<p>»Wir müssen wirklich nach Petersburg gehen,« antwortete
-er. »Hier haben wir nichts mehr zu tun.«</p>
-
-<p>»Wie du willst,« sagte ich.</p>
-
-<p>Er umarmte und küßte mich.</p>
-
-<p>»Verzeih mir,« sagte er. »Ich war im Unrecht.«</p>
-
-<p>An diesem Abend spielte ich ihm lange vor, während
-er im Zimmer auf und ab ging und etwas flüsterte. Er
-hatte die Gewohnheit, so zu flüstern; ich fragte ihn oft,
-was er geflüstert habe, und er sagte es mir dann immer
-nach kurzem Besinnen; meistens waren es Verse und zuweilen<span class="pagenum"><a id="Page_85">[85]</a></span>
-auch irgendein Unsinn, aber selbst an diesem Unsinn
-konnte ich immer seine Stimmung erkennen.</p>
-
-<p>»Was flüsterst du heute?« fragte ich.</p>
-
-<p>Er blieb stehen, dachte nach und antwortete mir lächelnd
-mit den zwei Zeilen Lermontows:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»…&nbsp;Doch der Verwegne lechzt nach Stürmen,<br /></span>
-<span class="i0">Als wäre in den Stürmen Ruh!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>&ndash;&nbsp;Nein, er ist mehr als ein Mensch, er weiß alles! &ndash;
-dachte ich mir. &ndash; Wie sollte ich ihn nicht lieben!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ich stand auf, ergriff seinen Arm und begann mit ihm
-auf und ab zu gehen, mir Mühe gebend, gleichen Schritt
-mit ihm zu halten.</p>
-
-<p>»Ja?« fragte er und sah mich lächelnd an.</p>
-
-<p>»Ja,« antwortete ich flüsternd; und eine eigentümliche,
-lustige Stimmung ergriff uns beide, unsere Augen lachten,
-wir machten immer größere Schritte und reckten uns immer
-höher auf den Zehen empor. Mit dem gleichen Schritt
-gingen wir zu großer Entrüstung Grigorijs und zum Erstaunen
-Mamas, die im Wohnzimmer Patience legte, durch
-alle Zimmer ins Speisezimmer, blieben dort stehen, sahen
-einander an und brachen in Lachen aus.</p>
-
-<p>Vierzehn Tage später, vor den Feiertagen, waren wir
-schon in Petersburg.</p>
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-<hr class="chap" />
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-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[86]</a></span></p>
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-<h3 id="kap2_2">II</h3>
-</div>
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-<p>Unsere Reise nach Petersburg, die acht Tage in Moskau,
-das Wiedersehen mit seinen und meinen Verwandten, die
-Einrichtung in der neuen Wohnung, die Fahrt selbst, die
-neuen Städte und die neuen Gesichter &ndash; all das zog wie
-ein Traum an mir vorüber. Das alles war so abwechslungsreich,
-neu und lustig, so warm und hell von seiner Gegenwart,
-von seiner Liebe erleuchtet, daß unser stilles Leben
-auf dem Lande mir als etwas Längstvergangenes und Nichtiges
-erschien. Zu meinem großen Erstaunen kamen mir
-alle (und zwar nicht nur die Verwandten, sondern auch die
-Fremden), statt mit dem Hochmut und der Kälte der großen
-Welt, die ich erwartete, mit einer so unverfälschten Liebenswürdigkeit
-und Freude entgegen, daß ich den Eindruck
-hatte, als hätten sie nur an mich gedacht und nur mich erwartet,
-um selbst ihre Freude an mir zu haben. Ebenso
-unerwartet für mich zeigte es sich, daß mein Mann in den
-vornehmsten Kreisen, die mir als die besten erschienen,
-viele Bekannte hatte, von denen er mir niemals erzählt
-hatte; und es war mir oft so sonderbar und unangenehm,
-aus seinem Munde strenge Urteile über manche dieser
-Menschen zu hören, die mir so gut zu sein schienen. Ich
-konnte nicht begreifen, warum er sie so kühl behandelte und
-vielen Bekanntschaften aus dem Wege ging, die mir so
-schmeichelhaft erschienen. Ich glaubte, je mehr gute Menschen
-man kenne, um so besser sei es, und alle Menschen
-seien doch so gut.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_87">[87]</a></span></p>
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-<p>»Siehst du, wie wir uns einrichten müssen,« hatte er
-mir vor der Abreise vom Lande gesagt. »Hier sind wir
-reiche Leute, aber dort sind wir es lange nicht. Darum
-dürfen wir in der Stadt nur bis zur Osterwoche bleiben
-und müssen die große Welt meiden, sonst könnten wir
-Schwierigkeiten haben; auch deinetwegen möchte ich es nicht
-anders.«</p>
-
-<p>»Wozu die große Welt?« fragte ich. »Wir wollen nur
-die Theater und unsere Verwandten besuchen, ein paarmal
-in die Oper gehen, gute Musik hören und schon vor der
-Osterwoche aufs Land zurückkehren.«</p>
-
-<p>Kaum kamen wir aber nach Petersburg, als diese Pläne
-vergessen waren. Ich befand mich plötzlich in einer so neuen,
-glücklichen Welt, war von so viel Freuden umfangen und
-von solchen neuen Interessen in Anspruch genommen, daß
-ich mich sofort, wenn auch unbewußt, von meiner ganzen
-Vergangenheit und den in der Vergangenheit gefaßten
-Plänen lossagte. &ndash; Bisher war alles nur ein Spiel, das
-Richtige hatte noch nicht begonnen; das da ist aber das
-wahre Leben! Und was erwartet mich noch alles?! &ndash; dachte
-ich mir. Die Unruhe und die beginnende Langweile, die
-mich auf dem Lande gequält hatten, waren plötzlich wie durch
-einen Zauber gänzlich verschwunden. Meine Liebe zu meinem
-Mann war ruhiger geworden, und hier kam mir niemals
-der Gedanke, ob er mich nicht weniger liebe als
-früher. Ich durfte auch nicht an seiner Liebe zweifeln: er
-erriet sofort jeden meiner Gedanken, teilte jedes meiner
-Gefühle und erfüllte jeden meiner Wünsche. Seine Ruhe
-war hier verschwunden oder hatte bloß aufgehört, mich zu
-reizen. Dabei fühlte ich, daß zu seiner früheren Liebe sich<span class="pagenum"><a id="Page_88">[88]</a></span>
-auch noch ein Entzücken gesellte. Gar oft sagte er nach
-einem Besuch, oder wenn wir eine neue Bekanntschaft
-gemacht oder bei uns eine Abendgesellschaft gehabt hatten,
-wo ich vor Angst, irgendeinen Mißgriff zu machen, zitternd
-die Pflichten der Hausfrau erfüllte: &ndash; »Sehr gut, mein
-Kind! Ausgezeichnet! Mut! Wirklich ausgezeichnet!« Und
-ich war dann sehr froh. Bald nach unserer Ankunft in
-Petersburg schrieb er seiner Mutter einen Brief, und als
-ich einige Worte hinzuschreiben sollte, wollte er mir nicht
-zeigen, was er geschrieben hatte; infolgedessen bestand ich
-natürlich darauf und bekam das Geschriebene zu lesen.
-»Sie werden Mascha gar nicht wiedererkennen,« schrieb
-er ihr, »und auch ich selbst erkenne sie nicht wieder.
-Woher hat sie nur diese nette, graziöse Sicherheit, diese
-›<em class="antiqua">affabilité</em>‹, diese Fähigkeit, in der Gesellschaft durch Geist
-zu glänzen, und diese Liebenswürdigkeit! Und all das ist
-bei ihr so einfach, lieb und gutmütig. Alle sind von ihr
-entzückt, und auch ich selbst kann sie gar nicht genug bewundern;
-wenn es möglich wäre, müßte ich sie noch mehr
-lieb gewinnen.«</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;Ach so, also so eine bin ich! &ndash; dachte ich mir. Es
-wurde mir so wohl und so lustig zumute, und es kam mir
-sogar vor, als liebte ich ihn noch mehr. Mein Erfolg bei
-allen unseren Bekannten war für mich völlig unerwartet.
-Von allen Seiten hörte ich, daß ich hier einem Onkel
-besonders gut gefallen, daß dort eine Tante sich in mich
-verliebt hätte; der eine sagte mir, daß es in ganz Petersburg
-keine ähnliche Frau gäbe, die andere versicherte mich,
-ich brauche nur zu wollen, um die »exklusivste« Dame der
-Gesellschaft zu werden. Besonderen Eindruck machte ich<span class="pagenum"><a id="Page_89">[89]</a></span>
-auf eine Kusine meines Mannes, die Fürstin D., eine
-nicht mehr junge Dame der großen Welt; diese hatte sich
-plötzlich in mich verliebt und sagte mir so schmeichelhafte
-Dinge, daß es mir schwindelte. Als diese Kusine mich zum
-erstenmal aufforderte, einen Ball zu besuchen, und meinen
-Mann darum bat, wandte er sich an mich mit einem kaum
-merklichen schlauen Lächeln und fragte, ob ich hingehen
-möchte. Ich nickte bejahend und fühlte, wie ich errötete.</p>
-
-<p>»Sie gesteht wie eine Verbrecherin, was sie möchte,«
-sagte er mit einem gutmütigen Lächeln.</p>
-
-<p>»Du hattest doch selbst gesagt, daß wir keine großen
-Gesellschaften besuchen würden, auch magst du so was
-nicht,« antwortete ich lächelnd und ihn flehend anblickend.</p>
-
-<p>»Wenn du so große Lust hast gehen wir hin,« sagte er.</p>
-
-<p>»Nein, wirklich, lieber nicht.«</p>
-
-<p>»Hast du große Lust?« fragte er wieder.</p>
-
-<p>Ich gab keine Antwort.</p>
-
-<p>»Die große Welt ist noch kein Übel,« fuhr er fort,
-»aber die unbefriedigten Gelüste, die sie in uns weckt,
-sind schlimm und häßlich. Wir müssen aber unbedingt
-hin und werden es auch tun,« schloß er sehr bestimmt.</p>
-
-<p>»Wenn ich dir die Wahrheit sagen soll,« entgegnete
-ich, »so wünsche ich in der ganzen Welt nichts so sehr, wie
-diesen Ball zu besuchen.«</p>
-
-<p>Wir gingen auch hin, und der Genuß, den mir der Ball
-verschaffte, übertraf alle meine Erwartungen. Auf dem
-Balle hatte ich noch mehr als früher den Eindruck, ich
-sei der Mittelpunkt, um den sich alles bewegte, als sei
-dieser große Saal nur meinetwegen erleuchtet, als spiele
-die Musik nur für mich und als hätten sich alle diese<span class="pagenum"><a id="Page_90">[90]</a></span>
-Menschen versammelt, nur um mich zu bewundern. Alle,
-vom Friseur und der Zofe bis zu den Greisen, die durch
-den Saal gingen, schienen mir zu sagen und gaben mir zu
-fühlen, daß sie mich liebten. Das allgemeine Urteil, das
-sich über mich auf diesem Balle gebildet hatte und das ich
-von der Kusine zu hören bekam, lautete, daß ich allen
-anderen Damen gar nicht ähnlich sehe, daß an mir etwas
-Besonderes, Ländlich-Einfaches und Reizendes sei. Dieser
-Erfolg schmeichelte mir so sehr, daß ich meinem Mann ganz
-offenherzig sagte, wie gerne ich in diesem Jahre noch zwei
-oder drei Bälle besuchen möchte; »um sie ordentlich satt
-zu bekommen,« fügte ich nicht ganz aufrichtig hinzu.</p>
-
-<p>Mein Mann willigte gerne ein und führte mich in der
-ersten Zeit mit sichtlichem Vergnügen auf die Bälle, freute
-sich über meine Erfolge und schien das, was er früher
-gesagt hatte, ganz vergessen zu haben oder es zu verleugnen.</p>
-
-<p>Mit der Zeit fing er an sich offenbar zu langweilen
-und das Leben, das wir führten, als eine Last zu empfinden.
-Aber ich kümmerte mich nicht viel darum; wenn
-ich zuweilen auch seinen aufmerksamen und ernsten, fragend
-auf mich gerichteten Blick sah, verstand ich seine Bedeutung
-nicht. Ich war von diesem Gefühl, das ich so plötzlich in
-allen Fremden geweckt hatte und das ich für Liebe hielt,
-von dieser Luft des Luxus, der Vergnügungen und der
-neuen Eindrücke, die ich hier zum erstenmal atmete, so benebelt,
-sein mich erdrückender moralischer Einfluß war so
-spurlos verschwunden, es war mir so angenehm, hier in
-dieser Welt nicht nur auf der gleichen Stufe mit ihm, sondern
-sogar über ihm zu stehen und ihn darum noch mehr<span class="pagenum"><a id="Page_91">[91]</a></span>
-und selbständiger zu lieben als früher, daß ich unmöglich
-verstehen konnte, was er in diesem Leben in der großen
-Welt Unangenehmes für mich erblickte. Ich empfand das
-mir neue Gefühl des Stolzes und der Genugtuung, wenn
-bei meinem Erscheinen auf einem Balle alle Blicke sich
-auf mich richteten, während er, als schämte er sich, dieser
-Menge zu zeigen, daß er mich besitze, mich eiligst verließ
-und sich in der schwarzen Schar der Fracks verlor. &ndash; Wart'
-einmal! &ndash; sagte ich mir oft, mit den Augen am Ende
-des Saales seine unauffällige Gestalt mit dem oft gelangweilten
-Gesicht suchend, &ndash; wart' einmal! &ndash; sagte ich
-mir, &ndash; wenn wir wieder zu Hause sind, so wirst du auch
-verstehen, für wen ich so schön und glänzend sein wollte
-und wen ich von allen, die mich am heutigen Abend umgeben,
-liebe. &ndash; Ich glaubte selbst aufrichtig daran, daß
-meine Erfolge mich nur darum so freuten, weil ich sie ihm
-zum Opfer bringen konnte. Das Einzige, was mir in dieser
-großen Welt gefährlich werden konnte, glaubte ich, sei die
-Möglichkeit, mich in einen der Männer, die ich da traf,
-zu vergaffen und in meinem Manne Eifersucht zu wecken;
-aber er vertraute mir so sehr und schien so ruhig und gleichgültig,
-und alle diese jungen Männer kamen mir im
-Vergleich zu ihm so unbedeutend vor, daß diese Gefahr,
-die ich für die einzige hielt, mich gar nicht erschreckte. Aber
-die Aufmerksamkeit mancher Menschen in der Gesellschaft
-gewährte mir dennoch Vergnügen, schmeichelte meinem Ehrgeiz,
-brachte mich auf den Gedanken, daß meine Liebe zu
-meinem Manne mir als Verdienst anzurechnen sei und
-verlieh meinem Benehmen gegen ihn eine gewisse Überlegenheit
-und sogar Nachlässigkeit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_92">[92]</a></span></p>
-
-<p>»Ich habe gesehen, wie lebhaft du dich mit der N. N.
-unterhalten hast,« sagte ich ihm einmal bei der Rückkehr
-von einem Ball, ihm mit dem Finger drohend und eine
-der bekannten Damen der Petersburger Gesellschaft
-nennend, mit der er an diesem Abend wirklich gesprochen
-hatte. Ich sagte dies, um ihn etwas aufzurütteln, denn er
-war besonders schweigsam und langweilig.</p>
-
-<p>»Ach, wie kann man nur so sprechen? Und das sagst
-du, Mascha!« sprach er durch die Zähne und das Gesicht
-wie bei einem körperlichen Schmerz verziehend. »Das steht
-uns beiden nicht! Überlaß das den anderen; solch ein
-verlogenes Verhältnis könnte unser wahres Verhältnis
-zueinander trüben, und ich hoffe doch, daß dieses wahre
-Verhältnis wiederkehrt.«</p>
-
-<p>Ich schämte mich und schwieg.</p>
-
-<p>»Es kehrt doch wieder, Mascha? Wie glaubst du?«
-fragte er.</p>
-
-<p>»Es hat sich doch gar nicht getrübt und wird sich nie
-trüben,« entgegnete ich und glaubte in jenem Augenblick
-wirklich daran.</p>
-
-<p>»Gott gebe es!« sagte er. »Sonst wäre es Zeit, aufs
-Land zurückzukehren.«</p>
-
-<p>Das war aber auch das einzige Mal, daß er so zu mir
-sprach; sonst schien es mir immer, daß er sich ebenso wohl
-fühlte wie ich, mir war aber so lustig und fröhlich zumute.
-&ndash; Wenn er sich sogar manchmal langweilt, &ndash; tröstete ich
-mich, &ndash; so habe ich mich doch seinetwegen genug auf dem
-Lande gelangweilt; und wenn unser Verhältnis sich auch
-etwas verändert hat, so wird es doch wiederkehren, sobald<span class="pagenum"><a id="Page_93">[93]</a></span>
-wir im Sommer wieder allein mit Tatjana Ssemjonowna
-in unserem Hause von Nikolskoje sind.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>So verging für mich unmerklich dieser Winter, und wir
-blieben sogar, entgegen unserer Absicht, auch die Osterwoche
-in Petersburg. In der Woche nach Ostern, als wir
-schon reisefertig waren, als alles eingepackt war und mein
-Mann, der die Geschenke, Blumen und andere Gegenstände
-für unser Landleben einkaufte, besonders zärtlich und fröhlich
-gestimmt war, kam zu uns unerwartet die Kusine,
-um uns zu überreden, bis zum nächsten Sonnabend zu
-bleiben und noch eine Soiree bei der Gräfin R. mitzumachen.
-Sie sagte, die Gräfin R. wolle mich unbedingt
-bei sich sehen und der Prinz M., der sich damals in Petersburg
-aufhielt, hätte noch auf dem letzten Ball den Wunsch
-geäußert, mich kennenzulernen; er würde nur deswegen
-zu der Soiree kommen und hätte gesagt, ich sei die hübscheste
-Frau in ganz Rußland. Die ganze Stadt werde dabei sein,
-mit einem Worte, es wäre ganz unerhört, wenn ich nicht
-käme.</p>
-
-<p>Mein Mann stand am anderen Ende des Wohnzimmers
-und sprach mit jemand.</p>
-
-<p>»Nun, werden Sie kommen, Marie?« fragte die Kusine.</p>
-
-<p>»Wir wollen übermorgen aufs Land,« antwortete ich
-unentschlossen und blickte meinen Mann an. Unsere Augen
-begegneten sich, und er wandte sich schnell weg.</p>
-
-<p>»Ich will ihn überreden, zu bleiben,« sagte die Kusine,
-»und am Sonnabend gehen wir zur Gräfin, um allen die
-Köpfe zu verdrehen. Ja?«</p>
-
-<p>»Das würde alle unsere Pläne über den Haufen werfen,<span class="pagenum"><a id="Page_94">[94]</a></span>
-und wir haben auch schon gepackt,« antwortete ich, nahe
-daran, nachzugeben.</p>
-
-<p>»Das beste wäre, sie ginge heute abend selbst zum
-Prinzen, um ihm ihre Aufwartung zu machen,« sagte mein
-Mann vom anderen Ende des Zimmers in einem so gereizten
-Ton, wie ich ihn bei ihm noch nie gehört hatte.</p>
-
-<p>»Ach, er ist eifersüchtig! Das hätte ich doch nicht erwartet!«
-rief die Kusine lachend. »Ich bitte sie ja nicht
-des Prinzen wegen, Ssergej Michailytsch, sondern weil
-wir es alle wünschen. Wie flehentlich hat mich doch die
-Gräfin R. darum gebeten!«</p>
-
-<p>»Das hängt von ihr ab,« entgegnete mein Mann kühl
-und verließ das Zimmer.</p>
-
-<p>Ich sah, daß er erregter war als sonst; dies quälte mich,
-und ich versprach der Kusine nichts. Als sie fort war,
-ging ich sofort zu meinem Mann. Er ging nachdenklich auf
-und ab und sah und hörte nicht, wie ich auf den Zehen zu
-ihm ins Zimmer trat.</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;Er denkt schon an sein liebes Haus zu Nikolskoje, &ndash;
-sagte ich mir, ihn anblickend, &ndash; an den Morgenkaffee im
-hellen Wohnzimmer, an seine Felder und Bauern, an die
-Abende im Diwanzimmer und an unsere geheimen nächtlichen
-Mahlzeiten. Nein! &ndash; sagte ich mir sehr entschieden,
-&ndash; alle Bälle auf der Welt und die Schmeicheleien aller
-Prinzen gebe ich gerne für seine freudige Verlegenheit und
-seine stillen Liebkosungen hin! &ndash; Ich wollte ihm schon
-sagen, daß ich zu der Soiree nicht gehen würde, als er sich
-plötzlich umwandte, mich bemerkte und der sanfte und nachdenkliche
-Ausdruck aus seinem Gesicht verschwand. Sein
-Blick drückte wieder Klugheit, Weisheit und eine gönnerhafte<span class="pagenum"><a id="Page_95">[95]</a></span>
-Ruhe aus. Er wollte nicht, daß ich ihn als einen
-gewöhnlichen Menschen sähe: er mußte unbedingt als Halbgott
-auf einem Piedestal vor mir stehen.</p>
-
-<p>»Was hast du, liebes Kind?« fragte er, sich gleichgültig
-und ruhig an mich wendend.</p>
-
-<p>Ich antwortete nicht. Mich verdroß es, daß er sich vor
-mir verstellte und nicht so bleiben wollte, wie ich ihn
-liebte.</p>
-
-<p>»Willst du also am Sonnabend zu der Soiree?«
-fragte er.</p>
-
-<p>»Ich wollte es,« antwortete ich, »aber du hast keine
-Lust. Auch ist ja schon alles gepackt,« fügte ich hinzu.</p>
-
-<p>Noch nie hatte er mich so kalt angesehen, noch niemals
-so kalt mit mir gesprochen.</p>
-
-<p>»Ich reise nicht vor Dienstag ab und werde die Sachen
-wieder auspacken lassen,« sagte er. »Darum kannst du
-auch die Soiree mitmachen, wenn du Lust hast. Geh bitte
-hin. Ich reise nicht ab.«</p>
-
-<p>Wie immer, wenn er aufgeregt war, ging er mit ungleichen
-Schritten auf und ab und sah mich nicht an.</p>
-
-<p>»Ich kann dich unmöglich verstehen,« sagte ich, ohne
-mich ihm zu nähern und ihn mit den Augen verfolgend.
-»Du sagst, daß du immer so ruhig seist (er hatte das niemals
-gesagt), warum sprichst du dann so merkwürdig mit
-mir? Ich bin bereit, dir dieses Vergnügen zu opfern, du
-aber verlangst von mir mit einer Ironie, mit der du zu
-mir noch niemals gesprochen hast, daß ich zu der Soiree
-gehe.«</p>
-
-<p>»Nun, du bringst <em class="gesperrt">ein Opfer</em> (er betonte dieses Wort
-ganz besonders), auch ich bringe ein Opfer; was kann man<span class="pagenum"><a id="Page_96">[96]</a></span>
-sich besseres wünschen? Es ist ein Wettstreit der Großmut.
-Kann man sich denn ein schöneres Familienglück denken?«</p>
-
-<p>Ich hörte von ihm zum erstenmal so erbitterte und
-höhnische Worte. Sein Hohn beschämte mich nicht, sondern
-verletzte mich, und seine Erbitterung erschreckte mich nicht,
-sondern teilte sich auch mir mit. Kamen diese Worte wirklich
-von ihm, der sonst in unserem Verhältnis jede Phrase
-mied und immer so aufrichtig und einfach war? Womit
-hatte ich das verdient? Damit, daß ich ihm wirklich mein
-Vergnügen opfern wollte, in dem ich nichts Schlimmes
-erblicken konnte, und daß ich ihn erst vor einer Minute so
-gut verstanden und geliebt hatte! Wir hatten die Rollen
-getauscht: er vermied die einfachen und direkten Worte,
-während ich sie suchte.</p>
-
-<p>»Du hast dich sehr verändert,« sagte ich seufzend. »Was
-habe ich gegen dich verbrochen? Es ist nicht der Abend
-bei der Gräfin, es ist etwas anderes, Altes, was du gegen
-mich im Herzen hast. Warum diese Unaufrichtigkeit? Hast
-du sie denn bisher nicht selbst immer gefürchtet? Sag mir
-ganz offen, was du gegen mich hast!« &ndash; Was wird er
-mir wohl sagen? &ndash; dachte ich mir, von der angenehmen
-Gewißheit erfüllt, daß ich mir im Laufe des ganzen Winters
-nichts zuschulden kommen ließ, was er mir vorzuwerfen hätte.</p>
-
-<p>Ich trat in die Mitte des Zimmers, so daß er ganz
-nahe an mir vorübergehen mußte und sah ihn an. &ndash; Er
-wird auf mich zugehen, mich umarmen und damit wird
-alles enden, &ndash; ging es mir durch den Kopf, und es tat
-mir sogar leid, daß ich nicht dazu kommen würde, ihm
-zu beweisen, daß er im Unrecht sei. Aber er blieb am Ende
-des Zimmers stehen und sah mich an.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_97">[97]</a></span></p>
-
-<p>»Verstehst du noch immer nichts?« fragte er.</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Dann will ich es dir sagen. Es ist mir ekelhaft, es ist
-mir zum erstenmal ekelhaft, was ich empfinde und was ich
-empfinden muß&nbsp;…« Er blieb stehen, sichtlich vom rauhen
-Ton seiner eigenen Stimme erschreckt.</p>
-
-<p>»Was ist es denn?« fragte ich mit Tränen der Entrüstung
-in den Augen.</p>
-
-<p>»Es ist ekelhaft, daß der Prinz dich hübsch findet, und
-daß du ihm darum nachlaufen willst, darüber deinen Mann,
-dich selbst und die weibliche Würde vergißt und nicht
-begreifen willst, was dein Mann an deiner Statt empfinden
-muß, wenn dir selbst das Gefühl der Würde abgeht;
-im Gegenteil, du kommst zu deinem Mann und sagst ihm,
-daß du ein <em class="gesperrt">Opfer</em> bringst, d. h.: ›es ist für mich ein großes
-Glück, mich seiner Hoheit zu zeigen, aber ich bringe dieses
-Glück zum <em class="gesperrt">Opfer</em>.‹«</p>
-
-<p>Je länger er sprach, um so mehr geriet er in Feuer, und
-seine Stimme klang giftig, grausam und roh. Niemals
-hatte ich ihn so gesehen und von ihm so etwas auch nie
-erwartet; das ganze Blut schoß mir ins Herz, ich fürchtete
-mich, aber zugleich erregte mich das Gefühl einer unverdienten
-Beschämung und einer verletzten Eigenliebe, und
-ich fühlte den Wunsch, mich an ihm zu rächen.</p>
-
-<p>»Ich habe das schon längst erwartet,« sagte ich, »sprich
-nur, sprich.«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, was du erwartet hast,« fuhr er fort,
-»aber ich konnte das Schlimmste erwarten, da ich dich
-täglich in diesem Schmutz, im Müßiggange und Luxus
-dieser dummen Gesellschaft sah; und ich habe es auch<span class="pagenum"><a id="Page_98">[98]</a></span>
-erlebt&nbsp;… Ich hab' es erlebt, daß ich heute Scham und
-Schmerz empfinde wie niemals; es war mir schmerzvoll
-genug, als deine Freundin mit ihren schmutzigen Händen
-in mein Herz griff und von meiner Eifersucht zu sprechen
-begann; und von was für einer Eifersucht? &ndash; auf einen
-Menschen, den keiner von uns, weder du noch ich, kennt.
-Du aber willst mich wie zu Trotz nicht verstehen, du willst
-mir etwas zum Opfer bringen, &ndash; doch was? … Ich muß
-mich für dich, für deine Erniedrigung schämen! … Ein
-Opfer!« wiederholte er.</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;Ach, so ist also die Gewalt des Mannes, &ndash; dachte ich
-mir: &ndash; Eine Frau zu beleidigen und zu demütigen, die
-nichts verbrochen hat. Das sind also die Rechte des Mannes,
-aber ich werde mich ihnen nicht fügen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Nein, ich will dir nichts zum Opfer bringen,« sagte ich
-und fühlte, wie meine Nüstern sich unnatürlich erweiterten
-und wie mir das Blut aus dem Gesicht strömte. »Ich
-werde am Sonnabend zu der Soiree gehen, werde unbedingt
-hingehen.«</p>
-
-<p>»Gott gebe dir viel Vergnügen, aber zwischen uns ist
-alles aus!« rief er in einem Anfalle von Raserei, die er
-nicht mehr beherrschen konnte. »Aber du wirst mich nicht
-länger quälen. Ich war dumm, daß ich&nbsp;…« begann er
-wieder, aber seine Lippen zitterten, und er nahm sich mit
-sichtlicher Anstrengung zusammen, um den angefangenen
-Satz nicht zu Ende zu sprechen.</p>
-
-<p>Ich fürchtete und haßte ihn in diesem Augenblick. Ich
-wollte ihm vieles sagen und mich für alle die Beleidigungen
-rächen; hätte ich aber nur den Mund aufgemacht, so wäre
-ich in Tränen ausgebrochen und hätte mich vor ihm erniedrigt.<span class="pagenum"><a id="Page_99">[99]</a></span>
-Ich verließ schweigend das Zimmer. Als ich aber
-seine Schritte nicht mehr hörte, entsetzte ich mich vor dem,
-was wir getan hatten. Ich entsetzte mich vor dem Gedanken,
-daß dieses Band, das mein Glück ausgemacht hatte, für
-immer zerreißen würde, und ich wollte schon zu ihm zurückkehren.
-&ndash; Hat er sich aber auch genügend beruhigt, um
-mich zu verstehen, wenn ich ihm schweigend die Hand reiche
-und ihn anblicke? &ndash; fragte ich mich. &ndash; Wird er meine
-Großmut begreifen? Wie, wenn er meinen Schmerz für
-Heuchelei hält? Oder wenn er meine Reue mit dem Bewußtsein
-seines Rechts und mit stolzer Ruhe hinnimmt
-und mir verzeiht? Warum, warum hat er, den ich so sehr
-liebte, mich so grausam beleidigt?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ich ging nicht zu ihm, sondern in mein Zimmer, wo ich
-lange allein saß und weinte, mich mit Grauen jedes Wortes,
-das zwischen uns gefallen war, erinnernd, diese Worte mit
-anderen vertauschend und andere, gute Worte hinzufügend,
-dann wieder mit Entsetzen und einem Gefühl der Kränkung
-des Vorgefallenen gedenkend. Als ich am Abend am Teetisch
-erschien und in Gegenwart von S., der bei uns zu
-Besuch war, meinen Mann traf, fühlte ich, daß an diesem
-Tage sich ein ganzer Abgrund zwischen uns aufgetan hatte.
-S. fragte mich, wann wir abreisten. Ich kam nicht dazu,
-ihm zu antworten.</p>
-
-<p>»Am Dienstag,« antwortete mein Mann. »Wir wollen
-noch die Soiree bei der Gräfin R. mitmachen. Du gehst
-doch hin?« wandte er sich an mich.</p>
-
-<p>Ich erschrak über den einfachen Ton seiner Stimme und
-sah ihn ängstlich an. Seine Augen waren gerade auf mich<span class="pagenum"><a id="Page_100">[100]</a></span>
-gerichtet, der Blick war boshaft und spöttisch, seine Stimme
-klang gemessen und kalt.</p>
-
-<p>»Ja,« antwortete ich.</p>
-
-<p>Am Abend, als wir allein geblieben waren, ging er auf
-mich zu und reichte mir die Hand.</p>
-
-<p>»Vergiß bitte, was ich dir gesagt habe,« sagte er.</p>
-
-<p>Ich ergriff seine Hand, ein zitterndes Lächeln erschien
-auf meinem Gesicht, die Tränen wollten mir schon aus den
-Augen stürzen, aber er zog seine Hand zurück und setzte sich
-in einen Sessel ziemlich weit von mir, als fürchtete er eine
-empfindsame Szene. &ndash; Glaubt er denn wirklich, daß er im
-Rechte sei? &ndash; dachte ich mir, und die schon fertige Erklärung
-und die Bitte, nicht zur Soiree zu gehen, erstarben
-mir auf den Lippen.</p>
-
-<p>»Wir müssen Mama schreiben, daß wir die Abreise
-aufgeschoben haben,« sagte er, »sonst wird sie unruhig
-werden.«</p>
-
-<p>»Wann gedenkst du denn zu reisen?« fragte ich.</p>
-
-<p>»Am Dienstag nach der Soiree,« antwortete er.</p>
-
-<p>»Ich hoffe, daß es nicht meinetwegen geschieht,« sagte
-ich, ihm in die Augen blickend, aber seine Augen sahen mich
-nur an und sagten nichts, als wären sie verschleiert. Sein
-Gesicht kam mir plötzlich alt und unangenehm vor.</p>
-
-<p>Wir gingen zu der Soiree, und zwischen uns stellte sich
-äußerlich wieder ein gutes und freundschaftliches Verhältnis
-ein; aber dieses Verhältnis war ganz anders als das
-frühere.</p>
-
-<p>Auf der Soiree saß ich unter den Damen, als der Prinz
-auf mich zuging, so daß ich aufstehen mußte, um mit ihm
-zu sprechen. Als ich aufstand, suchte ich unwillkürlich mit<span class="pagenum"><a id="Page_101">[101]</a></span>
-den Augen meinen Mann und sah, daß er mich vom anderen
-Ende des Saales beobachtete und sich plötzlich wegwandte.
-Ich empfand plötzlich solchen Schmerz und solche Scham,
-daß ich unter den Augen des Prinzen furchtbar verlegen
-wurde und über das Gesicht bis zum Hals hinunter errötete.
-Ich mußte aber stehen und anhören, was er sagte, indem er
-mich von oben herab betrachtete. Unser Gespräch war nur kurz,
-es gab neben mir keinen Platz, wo er sich hinsetzen konnte,
-und er merkte wohl auch, daß ich mich unbehaglich fühlte.
-Wir sprachen vom letzten Ball, wo ich den Sommer zuzubringen
-pflege usw. Als er mich verließ, äußerte er den
-Wunsch, auch meinen Mann kennenzulernen, und ich sah,
-wie sie sich am anderen Ende des Saales trafen und ins
-Gespräch kamen. Der Prinz sagte wohl etwas von mir,
-da er sich mitten im Gespräch lächelnd nach mir umwandte.</p>
-
-<p>Mein Mann wurde plötzlich rot, machte eine tiefe Verbeugung
-und ließ den Prinzen stehen. Auch ich errötete:
-ich mußte mich schämen, als ich mir dachte, welche Vorstellung
-der Prinz wohl von mir und besonders von meinem
-Manne gewonnen haben müßte. Mir kam vor, als hätten
-alle bemerkt, wie verlegen ich war, als ich mit dem Prinzen
-sprach, als sei allen auch das sonderbare Benehmen meines
-Mannes aufgefallen; Gott weiß, wie sie es sich wohl
-erklären mögen; wissen sie vielleicht etwas vom Gespräch,
-das ich mit ihm gehabt habe? Die Kusine brachte mich nach
-Hause, und unterwegs kamen wir auch auf meinen Mann
-zu sprechen. Ich konnte mich nicht beherrschen und erzählte
-ihr alles, was zwischen uns anläßlich dieser unglückseligen
-Soiree vorgefallen war. Sie beruhigte mich und sagte,
-daß es ein ganz bedeutungsloses, durchaus gewöhnliches<span class="pagenum"><a id="Page_102">[102]</a></span>
-Zerwürfnis sei, das keinerlei Folgen haben werde; sie
-äußerte sich auch von ihrem Standpunkte aus über den
-Charakter meines Mannes und meinte, daß er verschlossen
-und stolz geworden sei; ich stimmte ihr bei, und es war
-mir, als finge ich jetzt an, ihn ruhiger und besser zu
-beurteilen.</p>
-
-<p>Aber später, als ich wieder allein mit meinem Manne
-war, lastete dieses Urteil über ihn wie ein Verbrechen auf
-meinem Gewissen, und ich fühlte, daß der uns trennende
-Abgrund noch größer geworden war.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_103">[103]</a></span></p>
-
-<h3 id="kap2_3">III</h3>
-</div>
-
-<p>Von diesem Tage an trat in unserem Leben und in
-unserem Verhältnis eine tiefe Veränderung ein. Wir
-fühlten uns, wenn wir allein waren, nicht mehr so wohl
-wie einst. Es gab Fragen, die wir umgingen, und in
-Gegenwart eines Dritten war es uns viel leichter zu
-sprechen als unter vier Augen. Wenn bloß die Rede auf
-das Landleben oder auf einen Ball kam, fing es uns vor
-den Augen zu flimmern an, und wir schämten uns, uns
-anzusehen. Als fühlten wir beide, wo der Abgrund lag,
-der uns trennte, und als mieden wir, ihm nahe zu kommen.
-Ich war überzeugt, daß er stolz und aufbrausend sei, und daß
-ich ihn vorsichtiger behandeln müsse, um nicht seine schwachen
-Seiten zu verletzen. Er aber war überzeugt, daß ich ohne
-die große Welt nicht leben könne, daß das Leben auf dem
-Lande mir nicht passe, und daß er sich meinem unglücklichen
-Geschmack fügen müsse. Wir vermieden beide jedes direkte
-Gespräch über diese Gegenstände und beurteilten darum einander
-falsch. Wir hatten schon lange aufgehört, einander
-für die vollkommensten Menschen auf Erden zu halten;
-wir stellten vielmehr Vergleiche mit anderen an und übten
-aneinander heimlich Kritik. Vor der Abreise erkrankte
-ich, und wir zogen statt aufs Land in eine Sommerfrische
-in der Nähe der Stadt, von wo mein Mann allein zu seiner
-Mutter reiste. Als er abreiste, war ich schon so weit hergestellt,
-daß ich mit ihm hätte mitkommen können, aber
-er bat mich, noch zu bleiben, als fürchtete er für meine<span class="pagenum"><a id="Page_104">[104]</a></span>
-Gesundheit. Ich fühlte, daß ihm nicht meine Gesundheit
-Sorgen machte, sondern der Gedanke, daß wir uns auf dem
-Lande zusammen nicht wohl fühlen würden; ich widersprach
-ihm nicht viel und blieb. Ohne ihn kam mir alles so leer
-und öde vor, als er aber wiederkam, merkte ich, daß er
-meinem Leben nicht mehr das zu verleihen vermochte, was
-er ihm früher verliehen hatte. Unsere früheren Beziehungen,
-wo jeder Gedanke, jede Empfindung, die ich ihm
-nicht mitteilte, auf mir wie ein Verbrechen lasteten, wo
-jede Handlung und jedes Wort von ihm mir als der Gipfel
-der Vollkommenheit erschienen, wo wir immer vor Freude
-lachen wollten, wenn wir uns bloß ansahen, &ndash; dieses
-Verhältnis war unmerklich zu einem anderen geworden und
-verschwunden, ehe wir uns dessen versahen. Ein jeder von
-uns hatte jetzt seine eigenen Interessen und Sorgen, die
-er gar nicht zu gemeinsamen zu machen suchte. Es bedrückte
-uns sogar nicht mehr, daß jeder von uns seine eigene, für
-den anderen fremde Welt hatte. Wir hatten uns an diesen
-Gedanken gewöhnt, und nach einem Jahre hörte es schon
-sogar in unseren Augen zu flimmern auf, wenn wir einander
-ansahen. Seine früheren Anfälle plötzlicher Lustigkeit
-waren dahin, ebenso sein kindliches Wesen, seine Allverzeihung
-und Gleichgültigkeit gegen alles, die mich früher
-so empört hatten; vorbei war es mit seinem tiefen Blick, der
-mich früher so verwirrte und erfreute, vorbei mit den gemeinsamen
-Gebeten und Ekstasen; wir sahen uns sogar recht
-selten, denn er war immer auf Reisen, und es tat ihm
-weder leid, noch ängstigte er sich, mich allein zu lassen; ich
-aber war immer in der großen Welt, wo ich ihn nicht
-brauchte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_105">[105]</a></span></p>
-
-<p>Szenen und Zerwürfnisse kamen zwischen uns nicht mehr
-vor; ich bemühte mich, ihm gefällig zu sein, er erfüllte
-alle meine Wünsche, und es sah so aus, als ob wir einander
-noch liebten.</p>
-
-<p>Wenn wir allein blieben, was nur selten vorkam, empfand
-ich in seiner Gegenwart weder Freude, noch Aufregung
-oder Verwirrung, ganz als wäre ich allein mit mir selbst.
-Ich wußte sehr gut, daß er mein Mann war, nicht irgendein
-neuer, unbekannter Fremder, sondern ein guter Mensch,
-mein Mann, den ich so gut kannte, wie mich selbst. Ich
-war überzeugt, daß ich alles wisse, was er tun und
-was er sagen, und wie er dies oder jenes ansehen würde,
-und wenn er etwas anders tat oder ansah, als ich erwartete,
-so glaubte ich, <em class="gesperrt">er</em> habe sich geirrt. Ich erwartete von ihm
-nichts. Mit einem Worte, er war mein Mann und sonst
-nichts. Mir schien, als müsse es so sein, als gäbe es kein
-anderes Verhältnis, als hätte es unter uns sogar nie ein
-anderes Verhältnis gegeben. Wenn er verreiste, fühlte
-ich mich, besonders in der ersten Zeit, einsam; in seiner
-Abwesenheit empfand ich stärker, welche Stütze ich in ihm
-hatte; wenn er zurückkehrte, fiel ich ihm vor Freude um
-den Hals, obwohl ich schon nach zwei Stunden diese Freude
-vergaß und nicht mehr wußte, über was mit ihm zu sprechen.
-Nur in den Augenblicken der stillen, gemäßigten Zärtlichkeit,
-die es zwischen uns manchmal gab, kam es mir vor,
-als sei es nicht das Richtige, als hätte ich im Herzen ein
-Weh, und ich glaubte auch in seinen Augen dasselbe zu
-lesen. Ich sah vor mir jene Grenze der Zärtlichkeit, die zu
-überschreiten er nicht den Willen und ich nicht die Kraft
-hatte. Manchmal stimmte mich das traurig, aber ich hatte<span class="pagenum"><a id="Page_106">[106]</a></span>
-keine Zeit, mich irgendwelchen Betrachtungen hinzugeben,
-und ich bemühte mich, diese Trauer über die Änderung, die
-ich dunkel empfand, in den Zerstreuungen zu vergessen, die
-mir immer zur Verfügung standen. Das Leben in der
-großen Welt, das mich anfangs mit seinem Glanze benebelt
-und meinem Ehrgeiz geschmeichelt hatte, bemächtigte
-sich bald aller meiner Neigungen, wurde mir zur Gewohnheit,
-schlug mich in Fesseln und nahm in meiner Seele den
-ganzen Platz ein, der für die Gefühle bereitet war. Ich
-blieb jetzt niemals allein mit mir selbst und scheute es, über
-meine Lage zu grübeln. Die ganze Zeit vom frühen Morgen
-bis spät in die Nacht hinein war besetzt und gehörte
-nicht mir, selbst wenn ich nicht ausging. Das war mir jetzt
-weder lustig noch langweilig, sondern ich hatte das Gefühl,
-als müsse es immer so und nicht anders sein.</p>
-
-<p>So vergingen drei Jahre, und während dieser Jahre
-blieben unsere Beziehungen dieselben; sie waren gleichsam
-stehengeblieben, erstarrt und konnten weder schlechter noch
-besser werden. Im Laufe dieser drei Jahre gab es zwei
-wichtige Ereignisse in unserem Familienleben, doch keines
-von den beiden vermochte mein Leben irgendwie zu ändern.
-Es waren dies die Geburt meines ersten Kindes und der
-Tod Tatjana Ssemjonownas. Das Muttergefühl hatte
-mich in der ersten Zeit so mächtig ergriffen und ein so
-unerwartetes Entzücken in mir geweckt, daß ich schon
-glaubte, nun beginne für mich ein neues Leben; aber nach
-zwei Monaten, als ich wieder in den Strudel der großen
-Welt kam, fing dieses Gefühl an, beständig abzunehmen
-und wurde schließlich zu einer Gewohnheit und kalten
-Pflichterfüllung. Mein Mann dagegen war nach der Geburt<span class="pagenum"><a id="Page_107">[107]</a></span>
-unseres ersten Sohnes wieder der frühere sanfte und
-ruhige Stubenhocker geworden und hatte seine ganze Zärtlichkeit
-und Lustigkeit auf das Kind übertragen. Oft, wenn
-ich im Ballkleide ins Kinderzimmer kam, um es zum Abschied
-zu bekreuzigen, und dort meinen Mann traf, fühlte
-ich seinen vorwurfsvollen und durchdringenden Blick auf
-mir ruhen, und ich mußte mich schämen. Ich erschrak plötzlich
-über meine Gleichgültigkeit gegen das Kind und fragte
-mich, ob ich denn schlechter sei als die anderen Frauen. &ndash;
-Was soll ich machen? &ndash; dachte ich mir: &ndash; Ich liebe meinen
-Sohn, aber ich kann doch nicht tagelang bei ihm sitzen, das
-ist mir langweilig; heucheln werde ich aber um nichts in
-der Welt. &ndash; Der Tod seiner Mutter war für ihn ein harter
-Schlag; es war ihm schwer, wie er sagte, nach ihrem Tode in
-Nikolskoje zu wohnen; obwohl ich sie auch betrauerte und
-meinem Mann mitfühlte, hätte ich doch das Landleben vorgezogen,
-das mir angenehmer und ruhiger erschien. Diese
-ganzen drei Jahre hatten wir zum größten Teil in der
-Stadt verlebt, aufs Land kam ich nur einmal für zwei
-Monate, und im dritten Jahre reisten wir ins Ausland.</p>
-
-<p>Wir verbrachten den Sommer in einem Badeorte.</p>
-
-<p>Ich war damals erst einundzwanzig Jahre alt; unsere
-Vermögensverhältnisse waren, wie ich glaubte, im glänzendsten
-Zustande; vom Familienleben verlangte ich nicht
-mehr, als es mir gab; alle, die ich kannte, schienen mich zu
-lieben; mein Gesundheitszustand war gut; meine Toiletten
-waren die schönsten im ganzen Badeorte; ich wußte, daß
-ich schön war; das Wetter war herrlich; eine eigentümliche
-Atmosphäre von Schönheit und Eleganz umgab mich, und
-es war mir sehr lustig zumute. Aber ich war doch nicht so<span class="pagenum"><a id="Page_108">[108]</a></span>
-lustig, wie ich es in Nikolskoje gewesen, als ich fühlte, daß
-ich in mir selbst glücklich sei, glücklich, weil ich dieses Glück
-verdient habe, daß mein Glück wohl groß sei, es aber irgendwo
-auch noch ein größeres Glück geben müsse, und daß ich
-immer mehr und mehr von diesem Glück wolle. Damals
-war es ganz anders gewesen; aber auch in diesem Sommer
-fühlte ich mich wohl. Ich wünschte nichts, ich hoffte auf
-nichts, ich befürchtete nichts, mein Leben erschien mir ganz
-ausgefüllt, und mein Gewissen war ruhig. Unter allen
-jungen Männern jener Saison gab es nicht einen einzigen,
-den ich irgendwie vor den anderen bevorzugte, &ndash; nicht mal
-vor dem alten Fürsten K., unserem Gesandten, der mir den
-Hof machte. Der eine war jung, der andere alt, der eine
-ein blonder Engländer, der andere ein Franzose mit einem
-Spitzbart; sie erschienen mir alle gleich, doch alle waren
-mir unentbehrlich. Es waren lauter gleichgültige Menschen,
-die die freudige Lebensatmosphäre bildeten, die mich umgab.
-Nur einer unter ihnen, der italienische Marchese D.,
-hatte durch die kühne Art, sein Entzücken über mich zu
-äußern, mehr als die anderen meine Aufmerksamkeit auf
-sich gezogen. Er ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um
-mit mir zusammen zu sein, zu tanzen, auszureiten, mich im
-Kasino usw. zu treffen und mir zu sagen, daß ich schön
-sei. Einigemal sah ich ihn durchs Fenster in der Nähe
-unseres Hauses stehen, und oft hatte der unangenehme
-durchdringende Blick seiner glänzenden Augen mich erröten
-gemacht und genötigt, mich umzuwenden. Er war jung,
-hübsch, elegant und hatte, vor allen Dingen, in seinem
-Lächeln und im Ausdruck seiner Stirne eine Ähnlichkeit mit
-meinem Manne, obwohl er viel hübscher war als dieser.<span class="pagenum"><a id="Page_109">[109]</a></span>
-Die Ähnlichkeit frappierte mich, obwohl er im allgemeinen,
-in den Augen, im Blick, im langen Kinn, statt des reizenden
-Ausdruckes der Güte und der idealen Ruhe meines Mannes,
-etwas Rohes und Tierisches hatte. Ich glaubte damals,
-daß er mich leidenschaftlich liebe und dachte daran mit
-stolzem Mitleid. Manchmal kam mir der Wunsch, ihn zu
-beruhigen und auf den Ton einer halbfreundschaftlichen
-stillen Vertrautheit zu stimmen, er wies aber alle solche
-Versuche schroff zurück und fuhr fort, mich auf die unangenehmste
-Weise mit seiner noch unausgesprochenen, aber
-jeden Augenblick zur Entladung kommen wollenden Leidenschaft
-in Verlegenheit zu bringen. Obwohl ich es mir auch
-nicht eingestand, fürchtete ich doch diesen Menschen und dachte
-oft unwillkürlich an ihn. Mein Mann kannte ihn und
-begegnete ihm noch kühler und hochmütiger als unseren
-anderen Bekannten, für die er bloß der Mann seiner Frau
-war. Gegen Ende der Saison wurde ich krank und hütete
-vierzehn Tage lang das Zimmer. Als ich zum erstenmal
-nach meiner Krankheit abends zur Kurmusik kam, erfuhr
-ich, daß währenddessen die längst erwartete und wegen
-ihrer Schönheit bekannte Lady S. angekommen sei. Um
-mich bildete sich ein Kreis, man empfing mich mit großer
-Freude, aber ein noch schönerer Kreis hatte sich um die
-neuangekommene Salonlöwin gebildet. Alle um mich herum
-sprachen nur von ihrer Schönheit. Man zeigte sie mir;
-sie war tatsächlich schön, aber ihr selbstbewußter Ausdruck
-war mir unangenehm, und ich sprach es auch aus. An diesem
-Tage langweilte mich alles, was mir früher lustig vorkam.
-Am nächsten Tage veranstaltete Lady S. einen Ausflug
-zur Burg, an dem ich mich nicht beteiligte. Bei mir blieb<span class="pagenum"><a id="Page_110">[110]</a></span>
-fast niemand, und alles hatte sich in meinen Augen verändert.
-Alle kamen mir auf einmal so dumm und langweilig
-vor, ich weinte beinahe, ich wollte meine Kur so
-schnell als möglich beenden und nach Rußland zurückkehren.
-In meinem Herzen regte sich irgendein häßliches Gefühl,
-aber ich wollte es mir nicht eingestehen. Unter dem Vorwande,
-daß ich zu schwach sei, hörte ich auf, mich in der
-großen Gesellschaft zu zeigen und kam nur manchmal des
-Morgens ganz allein zum Brunnen oder machte mit meiner
-russischen Bekannten L. M. Ausflüge in die Umgegend.
-Mein Mann war während dieser Zeit abwesend: er war
-für einige Tage nach Heidelberg gefahren, um dort das
-Ende meiner Kur abzuwarten und dann zusammen mit mir
-nach Rußland zurückzukehren, und besuchte mich nur ab
-und zu.</p>
-
-<p>Eines Tages hatte Lady S. die ganze Gesellschaft zu
-einer Jagd mitgenommen, während ich mit L. M. am Nachmittag
-zur Burg hinausfuhr. Als unsere Equipage im
-Schritt die vielgewundene Chaussee zwischen den hundertjährigen
-Kastanien hinauffuhr, durch die man die von den
-Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtete liebliche
-Umgebung von Baden-Baden sehen konnte, kam es zwischen
-uns zu einem so ernsten Gespräch, wie wir es noch nie
-geführt hatten. L. M., die ich schon seit langem kannte,
-erschien mir zum erstenmal als eine kluge und gute Frau,
-mit der man über alles sprechen konnte und deren Freundschaft
-angenehm war. Wir sprachen von unseren Familien
-und Kindern, von der Leere des hiesigen Lebens, wir
-sehnten uns nach Rußland und dem Leben auf dem Gute
-zurück, und es wurde uns plötzlich so schwermütig und wohl<span class="pagenum"><a id="Page_111">[111]</a></span>
-ums Herz. Wir betraten die Burg unter dem Einflusse des
-gleichen ernsten Gefühls. In ihren Mauern war es schattig
-und kühl, oben auf den Ruinen spielte die Sonne und
-ließen sich Schritte und Stimmen vernehmen. Durch die
-Türe zeigte sich uns wie in einem Rahmen das reizende,
-aber für uns Russen so kalte Bild der Landschaft von
-Baden-Baden. Wir setzten uns hin, um auszuruhen, und
-blickten schweigend auf die untergehende Sonne. Die Stimmen
-erklangen deutlicher, und es war mir, als hörte ich
-meinen Namen. Ich lauschte und hörte unwillkürlich jedes
-Wort. Die Stimmen waren mir bekannt: es waren der
-Marchese D. und sein Freund, ein Franzose, den ich ebenfalls
-kannte. Sie sprachen von mir und von der Lady S.
-Der Franzose verglich mich mit ihr und kritisierte meine
-und ihre Schönheit. Er sagte zwar nichts Beleidigendes,
-aber mir strömte das ganze Blut zum Herzen, als ich seine
-Worte hörte. Er erklärte sehr ausführlich, was an mir
-und was an Lady S. schön sei. Ich hätte schon ein Kind,
-aber Lady S. sei erst neunzehn Jahre alt; mein Haar sei
-schöner, dafür habe Lady S. eine schlankere Taille; die Lady
-sei eine große Dame, »während Ihre Passion,« sagte er,
-»nur eine von den kleinen russischen Fürstinnen ist, die in
-der letzten Zeit so oft hier erscheinen.« Er schloß damit,
-daß ich sehr gut daran tue, mich mit der Lady S. nicht
-zu messen, und daß ich nun in Baden-Baden endgültig
-erledigt sei.</p>
-
-<p>»Sie tut mir leid.«</p>
-
-<p>»Wenn es ihr nur nicht einfällt, sich mit Ihnen zu
-trösten,« fügte er mit einem lustigen und harten Lachen
-hinzu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_112">[112]</a></span></p>
-
-<p>»Wenn sie verreist, folge ich ihr,« sagte roh die andere
-Stimme mit italienischem Akzent.</p>
-
-<p>»Der glückliche Sterbliche! Er kann noch lieben!« lachte
-der Franzose.</p>
-
-<p>»Lieben!« antwortete die andere Stimme und fuhr nach
-einigem Schweigen fort: »Ich kann nicht anders, ohne
-Liebe gibt es kein Leben. Aus seinem Leben einen Roman
-machen, ist das einzig Schöne. Mein Roman bleibt aber
-niemals in der Mitte stecken, und ich werde auch diesen
-zu Ende führen.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Bonne chance, mon ami</em>,« sagte der Franzose.</p>
-
-<p>Das Weitere hörten wir nicht, denn sie waren um eine
-Ecke gebogen, und ihre Stimmen erklangen von der anderen
-Seite. Sie gingen die Treppe hinunter, kamen nach einigen
-Minuten aus einer Seitentür und waren sehr erstaunt, uns
-hier zu treffen. Ich errötete, als der Marchese D. sich mir
-näherte, und erschrak, als er beim Verlassen der Burg
-mir den Arm bot. Ich konnte nicht ablehnen, und so begaben
-wir uns hinter L. M., die mit seinem Freunde vorausging,
-zu unserem Wagen. Die Worte des Franzosen
-hatten mich beleidigt, obwohl er nur das, was ich selbst
-fühlte, ausgesprochen hatte; aber die Worte des Marchese
-hatten mich durch ihre Rohheit in Erstaunen gesetzt und
-empört. Mich peinigte der Gedanke, daß er, obwohl ich
-seine Worte gehört hatte, keine Scheu vor mir empfand.
-Es war mir ekelhaft, ihn so nahe neben mir zu fühlen, und
-ich ging, ohne ihn anzusehen und ohne auf seine Worte zu
-antworten, schnell hinter L. M. und dem Franzosen her und
-bemühte mich, meinen Arm so zu halten, daß ich seine
-Worte nicht hören konnte. Der Marchese sagte etwas über<span class="pagenum"><a id="Page_113">[113]</a></span>
-die schöne Aussicht, über das unerwartete Glück, mich hier
-getroffen zu haben, und noch etwas, aber ich hörte ihm
-nicht zu. Ich dachte die ganze Zeit an meinen Mann, an
-meinen Sohn, an Rußland; ich empfand Scham, etwas tat
-mir leid, ich wünschte etwas und wollte so schnell als möglich
-nach Hause, nach meinem einsamen Zimmer im <em class="antiqua">Hôtel
-de Bade</em>, um ungestört über alles nachzudenken, was in
-meiner Seele aufgewühlt worden war. Aber L. M. ging
-langsam, zum Wagen war es noch weit, und mein
-Kavalier verlangsamte, wie mir schien, hartnäckig seine
-Schritte, als versuchte er mich zurückzuhalten. &ndash; Das darf
-nicht sein! &ndash; sagte ich mir und beschleunigte energisch
-meine Schritte. Aber er hielt mich tatsächlich zurück und
-drückte sogar meinen Arm. L. M. verschwand hinter einer
-Biegung des Weges, und wir blieben ganz allein. Mich
-überkam ein Schreck.</p>
-
-<p>»Entschuldigen Sie,« sagte ich kühl und versuchte
-meinen Arm zu befreien, aber mein Spitzenärmel blieb an
-einem seiner Knöpfe hängen. Er beugte sich mit der Brust
-nach vorn und begann den Ärmel freizumachen, und die
-Finger seiner bloßen Hand berührten die meine. Ein
-eigentümliches, mir ganz neues Gefühl, in dem sich ein
-Grauen und eine Wonne vermischten, überlief mir kalt
-den Rücken. Ich sah ihn an, um durch einen kalten Blick
-die ganze Verachtung auszusprechen, die ich gegen ihn empfand;
-aber mein Blick drückte etwas ganz anderes aus:
-Furcht und Erregung. Seine brennenden, feuchten Augen,
-die so nahe an meinem Gesicht waren, sahen so eigentümlich
-auf mich, auf meinen Hals, auf meine Brust; seine beiden
-Hände betasteten meine Hand über dem Gelenk, seine<span class="pagenum"><a id="Page_114">[114]</a></span>
-offenen Lippen sprachen etwas, sie sagten, daß er mich
-liebe, daß ich für ihn alles sei; und diese Lippen kamen
-immer näher, und seine Hände drückten immer fester die
-meinen zusammen und versengten mich. Ein Feuer lief
-durch alle meine Adern, es wurde mir finster vor den
-Augen, ich zitterte, und die Worte, mit denen ich ihn
-zurückhalten wollte, blieben mir in der Kehle stecken. Plötzlich
-fühlte ich einen Kuß auf meiner Wange, ich blieb, am
-ganzen Leibe zitternd und erkaltend, stehen und sah ihn
-an. Außerstande, zu sprechen oder mich zu rühren, erwartete
-ich voller Schrecken etwas und verlangte zugleich danach.
-Das alles dauerte nur einen Augenblick. Aber dieser
-Augenblick war entsetzlich! Ich hatte ihn während dieses
-Augenblicks so genau gesehen. So verständlich war mir
-sein Gesicht: diese niedrige, steile Stirne, die der Stirne
-meines Mannes so ähnlich war, diese schöne, gerade Nase
-mit den geblähten Nüstern, dieser lange, steif gewichste
-Schnurr- und Kinnbart, diese glatt rasierten Wangen und
-der gebräunte Hals. Ich haßte ihn, ich fürchtete ihn: so
-fremd war er mir; aber in diesem Augenblick weckten in
-mir die Aufregung und die Leidenschaft dieses verhaßten,
-fremden Mannes einen so mächtigen Widerhall, ich fühlte
-ein so unüberwindliches Verlangen, mich den Küssen dieses
-rohen und schönen Mundes und den Umschlingungen dieser
-weißen Hände mit den feinen Adern und den ringgeschmückten
-Fingern hinzugeben, mich kopfüber in den lockenden Abgrund
-verbotener Wonnen, der sich plötzlich vor mir auftat,
-zu stürzen!&nbsp;…</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;Ich bin so unglücklich, &ndash; dachte ich&nbsp;&ndash;, möge sich
-noch mehr Unglück über meinem Kopfe häufen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_115">[115]</a></span></p>
-
-<p>Er umschlang mich mit dem einen Arm und beugte
-sich über mein Gesicht. &ndash; Möge sich noch mehr Schande
-und Sünde über meinem Kopfe sammeln!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Je vous aime</em>,« flüsterte er mit einer Stimme, die
-so sehr an die meines Mannes erinnerte. Ich dachte an
-meinen Mann und an mein Kind wie an längst entschwundene
-teure Wesen, mit denen mich nichts mehr verband.
-Aber plötzlich erklang hinter der Biegung die Stimme der
-L. M., die mich rief. Ich kam zur Besinnung, entriß ihm
-meine Hand und lief fast, ohne ihn anzusehen, zu L. M.
-Wir stiegen in den Wagen, und erst jetzt sah ich ihn an.
-Er nahm den Hut ab und sagte lächelnd etwas. Er begriff
-wohl nicht den unsagbaren Ekel, den ich in diesem Augenblick
-gegen ihn empfand.</p>
-
-<p>Mein Leben erschien mir so unglücklich, meine Zukunft
-so hoffnungslos, die Vergangenheit so schwarz! L. M.
-sprach etwas zu mir, aber ich verstand ihre Worte nicht.
-Es war mir, als spräche sie mit mir nur aus Mitleid, um
-die Verachtung zu verbergen, die ich in ihr weckte. In
-jedem ihrer Worte, in jedem ihrer Blicke glaubte ich
-diese Verachtung, dieses verletzende Mitleid zu fühlen. Der
-Kuß brannte mir wie ein Schandmal auf der Wange, und
-der Gedanke an meinen Mann und an mein Kind war
-mir unerträglich. Ich hoffte allein in meinem Zimmer
-über meine Lage nachdenken zu können, aber es war mir
-so schrecklich, allein zu sein. Ich trank den Tee, den man
-mir gebracht hatte, nicht aus und machte mich mit fieberhafter
-Hast bereit, ohne zu wissen, warum, mit dem Abendzug
-zu meinem Mann nach Heidelberg zu fahren.</p>
-
-<p>Als ich mit meiner Zofe im leeren Wagen saß, die<span class="pagenum"><a id="Page_116">[116]</a></span>
-Maschine sich in Bewegung setzte und die durch das Fenster
-hereinwehende frische Luft mir über das Gesicht strich, kam
-ich allmählich zur Besinnung und fing an, meine Vergangenheit
-und Zukunft klarer zu sehen. Mein ganzes Eheleben
-vom Tage unserer Abreise nach Petersburg an erschien
-mir in einem neuen Lichte und legte sich mir als
-schwerer Vorwurf aufs Gewissen. Zum erstenmal erinnerte
-ich mich wieder lebhaft unserer ersten Zeit auf dem Lande,
-unserer Pläne, und zum erstenmal kam mir die Frage in
-den Sinn: welches waren seine Freuden während dieser
-ganzen Zeit? Und ich fühlte mich schuldig gegen ihn. &ndash;
-Warum hat er mich aber nicht zurückgehalten, warum hat
-er geheuchelt, warum ist er allen Erklärungen aus dem
-Wege gegangen, warum hat er mich beleidigt? &ndash; fragte
-ich mich. &ndash; Warum hat er nicht von der Macht seiner
-Liebe über mich Gebrauch gemacht? Oder liebt er mich
-nicht? &ndash; Aber so schuldig er auch sein mochte, der Kuß
-jenes fremden Mannes brannte mir auf der Wange, und
-ich fühlte ihn. Je mehr ich mich Heidelberg näherte, um so
-klarer sah ich meinen Mann vor mir, und um so schrecklicher
-erschien mir die bevorstehende Begegnung. &ndash; Ich will ihm
-alles, alles sagen, ich will alles mit den Tränen der Reue
-ausweinen, &ndash; dachte ich, &ndash; und er wird mir verzeihen.
-&ndash; Aber ich wußte selbst nicht, was dieses »alles« war,
-was ich ihm sagen wollte, und ich glaubte selbst nicht, daß
-er mir verzeihen würde.</p>
-
-<p>Als ich aber ins Zimmer meines Mannes trat und sein
-ruhiges, wenn auch erstauntes Gesicht sah, fühlte ich, daß
-ich ihm nichts zu sagen, nichts zu gestehen und auch nichts<span class="pagenum"><a id="Page_117">[117]</a></span>
-abzubitten habe. Der Gram und die Reue mußten unausgesprochen
-in meiner Seele bleiben.</p>
-
-<p>»Was ist dir eingefallen?« fragte er. »Ich wollte ja
-selbst morgen zu dir kommen.« Als er aber mein Gesicht
-aufmerksamer betrachtete, schien er erschrocken. »Was hast
-du? Was ist mit dir los?« fragte er mich.</p>
-
-<p>»Nichts,« antwortete ich, meine Tränen mit Mühe
-zurückhaltend. »Ich bin für ganz hergekommen. Fahren wir
-meinetwegen gleich morgen heim nach Rußland.«</p>
-
-<p>Er sah mich recht lange schweigend und aufmerksam an.</p>
-
-<p>»Erzähle doch, was geschehen ist,« sagte er.</p>
-
-<p>Ich errötete unwillkürlich und schlug die Augen nieder.
-In seinen Augen flammte ein Ausdruck von Kränkung und
-Zorn auf. Ich erschrak vor den Gedanken, die ihm kommen
-konnten, und sagte mit einer Verstellung, die ich von mir
-selbst nicht erwartet hatte:</p>
-
-<p>»Es ist nichts geschehen, es war mir nur so langweilig und
-traurig allein zu sein, und ich dachte viel an unser Leben
-und an dich. Ich fühle mich schon so lange schuldig gegen
-dich! Warum fährst du mit mir dorthin, wo es dir nicht
-gefällt? Ich fühle mich schon so lange schuldig gegen dich,«
-wiederholte ich, und die Tränen traten mir wieder in die
-Augen. »Wollen wir doch auf unser Gut fahren und für
-immer.«</p>
-
-<p>»Ach, liebes Kind, verschone mich mit solchen empfindsamen
-Szenen,« sagte er kühl. »Daß du aufs Land willst,
-ist sehr schön, denn es ist uns recht wenig Geld übrig
-geblieben; aber für immer, &ndash; das ist nur eine Phantasie.
-Ich weiß, daß du es nicht aushalten wirst. Jetzt aber trinke<span class="pagenum"><a id="Page_118">[118]</a></span>
-Tee, das wird besser sein,« schloß er und stand auf, um dem
-Kellner zu klingeln.</p>
-
-<p>Ich stellte mir alles vor, was er von mir denken konnte,
-und fühlte mich durch die schrecklichen Gedanken beleidigt,
-die ich ihm zuschrieb, als ich seinen ungläubigen, gleichsam
-beschämten Blick, den er auf mich gerichtet hielt, sah. &ndash;
-Nein, er will und kann mich nicht verstehen! &ndash; Ich sagte
-ihm, daß ich nach dem Kinde sehen möchte und verließ ihn.
-Ich wollte allein sein und weinen, weinen, weinen&nbsp;…</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_119">[119]</a></span></p>
-
-<h3 id="kap2_4">IV</h3>
-</div>
-
-<p>Das lange nicht geheizte leere Haus zu Nikolskoje wurde
-wieder lebendig; aber das, was darin einst gelebt hatte,
-erwachte nicht mehr. Die Mama war nicht mehr am Leben,
-und wir standen uns allein gegenüber. Wir verlangten jetzt
-aber nicht nach dieser Einsamkeit, sie fiel uns sogar zur Last.
-Der Winter verging für mich um so schlimmer, als ich
-krank war und mich erst nach der Geburt meines zweiten
-Sohnes etwas erholte. Das Verhältnis zu meinem Mann
-war noch immer so kühl und freundschaftlich wie zur Zeit
-unseres Lebens in der Stadt; aber auf dem Lande erinnerte
-mich jedes Dielenbrett, jede Wand, jedes Sofa daran, was
-er für mich einst gewesen war und was ich verloren hatte!
-Zwischen uns stand etwas wie eine nicht verziehene Kränkung,
-als bestrafte er mich für irgend etwas und gäbe sich
-den Anschein, als merke er es nicht. Ich hatte ihm nichts
-abzubitten, es war nichts, womit er mich hätte verschonen
-können; er strafte mich nur damit, daß er sich und seine
-ganze Seele mir nicht mehr hingab, wie früher; er gab sie
-auch niemandem hin, als hätte er überhaupt keine Seele
-mehr. Manchmal kam mir der Gedanke, er stelle sich nur
-so, um mich zu quälen, während in ihm noch das alte Gefühl
-lebe, und ich bemühte mich, es zu wecken. Aber er schien
-jedesmal einer offenen Aussprache aus dem Wege zu gehen,
-mich der Verstellung zu verdächtigen und jede Empfindsamkeit<span class="pagenum"><a id="Page_120">[120]</a></span>
-als etwas Lächerliches zu fürchten. Sein Blick und sein
-Ton sagten mir: &ndash; Ich weiß alles, ich weiß alles, du brauchst
-mir nichts zu sagen, ich weiß alles, was du mir sagen willst.
-Ich weiß auch, daß du das eine sagen und etwas anderes
-tun wirst. &ndash; Diese Furcht vor einer offenen Aussprache verletzte
-mich anfangs, aber dann gewöhnte ich mich an den
-Gedanken, daß es kein Mangel an Offenheit, sondern das
-Fehlen eines Bedürfnisses nach Offenheit sei. Ich hätte es
-niemals übers Herz gebracht, ihm zu sagen, daß ich ihn
-liebe, oder ihn zu bitten, mit mir zu beten oder ihn zu rufen,
-damit er meinem Klavierspiel zuhöre. Im Verkehr zwischen
-uns hatten sich schon gewisse Anstandsgesetze herausgebildet.
-Wir lebten ein jeder für sich: er mit seinen Arbeiten, an
-denen mich zu beteiligen ich weder brauchte, noch wünschte,
-ich mit meinem Müßiggang, der ihn nicht mehr kränkte und
-betrübte wie früher. Die Kinder waren noch zu klein, um
-uns aneinander zu binden.</p>
-
-<p>Da brach aber das Frühjahr an. Katja und Ssonja
-kamen für den Sommer aufs Land, unser Haus in Nikolskoje
-wurde umgebaut, und wir siedelten nach Pokrowskoje
-über. Es war dasselbe alte Haus von Pokrowskoje
-mit seinem Ausziehtisch, dem Klavier in dem hellen
-Salon und meinem ehemaligen Zimmer mit den weißen
-Vorhängen und meinen gleichsam vergessenen Mädchenträumen.
-In diesem Zimmer standen zwei Kinderbetten:
-in dem einen, in dem ich einst selbst gelegen hatte, bekreuzigte
-ich jetzt jeden Abend den pausbackigen Kokoscha,
-und aus dem anderen, kleineren guckte das Gesicht des
-kleinen Wanja aus seinen Windeln hervor. Nachdem ich
-sie bekreuzigt hatte, blieb ich oft in der Mitte dieses stillen<span class="pagenum"><a id="Page_121">[121]</a></span>
-Stübchens stehen, und plötzlich stiegen aus allen Ecken,
-von den Wänden und den Vorhängen alte, vergessene Gesichte
-meiner Jugend auf. Alte Stimmen sangen Mädchenlieder.
-Wo sind aber diese Gesichte? Wo diese lieben,
-süßen Lieder? Alles, was ich kaum zu hoffen wagte, war
-in Erfüllung gegangen. Unklare, ineinanderfließende
-Träume waren zur Wirklichkeit geworden, und die Wirklichkeit
-hatte sich in ein schweres, mühseliges und freudloses
-Leben verwandelt. Dabei war aber alles noch das alte:
-der gleiche Garten liegt vor den Fenstern mit dem gleichen
-Rasenplatz und den gleichen Wegen; die gleiche Bank steht
-dort über der Schlucht, der gleiche Nachtigallengesang schallt
-vom Teiche herüber, die gleichen Fliederbüsche prangen in
-voller Blüte, und derselbe Mond steht über dem Hause; und
-doch hat sich alles in einer so schrecklichen, so unmöglichen
-Weise verändert! So kalt ist alles, was so lieb und
-so nahe sein könnte! Ich sitze genau wie einst mit Katja
-im Wohnzimmer, und wir sprechen leise von ihm. Katjas
-Gesicht ist aber von Runzeln durchfurcht und gelb, ihre
-Augen glänzen nicht mehr vor Freude und Hoffnung, sondern
-drücken teilnahmsvolle Trauer und Mitleid aus. Wir
-sprechen nicht mehr mit Entzücken von ihm, wir kritisieren
-ihn; wir staunen nicht mehr, warum und wofür uns dieses
-Glück beschieden ist und haben auch nicht mehr den Wunsch
-wie einst, der ganzen Welt unsere Gefühle und Gedanken
-mitzuteilen; wir tuscheln miteinander wie Verschworene und
-fragen uns zum hundertsten Male, warum sich alles so
-traurig geändert habe. Er ist aber noch immer derselbe,
-nur die Falte zwischen seinen Brauen ist tiefer geworden,
-an seinen Schläfen schimmern mehr graue Haare, aber sein<span class="pagenum"><a id="Page_122">[122]</a></span>
-tiefer, aufmerksamer Blick ist vor mir immer mit einer
-Wolke verhüllt. Auch ich bin noch immer dieselbe, aber in
-mir ist keine Liebe und kein Verlangen nach Liebe. Kein
-Bedürfnis nach Arbeit, keine Zufriedenheit mit mir selbst.
-Und so fern und unmöglich erscheinen mir jetzt meine religiösen
-Ekstasen, meine einstige Liebe zu ihm, die frühere
-Fülle meines Lebens. Jetzt würde ich nicht mehr begreifen,
-was mir einst so klar und gerecht erschien: das Glück, für
-einen anderen zu leben. Weshalb für einen anderen, wenn
-ich nicht mal für mich selbst leben will?</p>
-
-<p>Ich hatte seit der damaligen Petersburger Reise die
-Musik ganz aufgegeben; aber das alte Klavier und die alten
-Noten weckten in mir wieder die alte Lust.</p>
-
-<p>Eines Tages fühlte ich mich etwas unwohl und blieb allein
-zu Hause; Katja und Ssonja waren mit ihm nach Nikolskoje
-gefahren, um den Neubau zu besichtigen. Der Teetisch
-war gedeckt; ich ging hinunter, um auf sie zu warten, und
-setzte mich ans Klavier. Ich schlug die Sonate <em class="antiqua">quasi una
-fantasia</em> auf und begann zu spielen. Niemand war zu sehen
-oder zu hören, die Fenster nach dem Garten standen offen,
-und die bekannten Töne voller majestätischer Trauer klangen
-durch das Zimmer. Als ich mit dem ersten Teil zu Ende
-war, blickte ich aus alter Gewohnheit in den Winkel, wo
-er einst zu sitzen und mir zuzuhören pflegte. Er war aber
-nicht da; der Stuhl, den man schon lange nicht von der
-Stelle gerückt hatte, stand noch in seiner Ecke; durch das
-Fenster sah ich einen Fliederbusch, der sich vom hellen Abendhimmel
-abhob, und die Kühle des Abends strömte durch
-das offene Fenster herein. Ich stützte mich auf das Klavier,
-bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und gab mich meinen<span class="pagenum"><a id="Page_123">[123]</a></span>
-Gedanken hin. Lange saß ich so, voller Schmerz der unwiederbringlichen
-alten Zeiten gedenkend und ängstlich in
-die Zukunft blickend. Aber die Zukunft schien leer, als ob
-ich mir nichts mehr erhoffte, nichts mehr ersehnte. &ndash; Habe
-ich denn mein Leben schon hinter mir? &ndash; fragte ich mich
-und hob entsetzt den Kopf. Um zu vergessen und nicht mehr
-zu denken, begann ich noch einmal dasselbe Andante zu
-spielen. &ndash; Mein Gott! &ndash; dachte ich mir, &ndash; verzeih mir,
-wenn ich schuldig bin, oder gib mir alles wieder, was in
-meiner Seele so schön war, oder lehre mich, was ich jetzt
-tun, wie ich leben soll! &ndash; Ein Wagen rollte über den Rasen
-und hielt vor dem Hause, auf der Terrasse ließen sich die
-bekannten vorsichtigen Schritte vernehmen, die gleich wieder
-verhallten. Aber diese bekannten Schritte weckten in meiner
-Seele nicht mehr das frühere Gefühl. Als ich zu Ende war,
-hörte ich diese Schritte hinter mir, und eine Hand legte
-sich auf meine Schulter.</p>
-
-<p>»Wie klug von dir, daß du diese Sonate gespielt hast!«
-sagte er.</p>
-
-<p>Ich schwieg.</p>
-
-<p>»Hast du noch keinen Tee getrunken?«</p>
-
-<p>Ich schüttelte verneinend den Kopf und sah mich nicht um,
-um die Spuren der Erregung auf meinem Gesicht nicht zu
-verraten.</p>
-
-<p>»Katja und Ssonja kommen gleich nach: das Pferd
-wollte nicht recht laufen, sie sind an der Landstraße aus dem
-Wagen gestiegen und kommen zu Fuß,« sagte er.</p>
-
-<p>»Wir wollen auf sie warten,« sagte ich und trat auf
-die Terrasse, in der Hoffnung, daß er mir folgen würde;
-er erkundigte sich aber nach den Kindern und ging zu ihnen.<span class="pagenum"><a id="Page_124">[124]</a></span>
-Seine Gegenwart, der Ton seiner einfachen, gütigen Stimme
-ließen es mir unglaublich erscheinen, daß ich etwas verloren
-hätte. Was soll ich mir noch wünschen? Er ist gütig
-und mild, er ist ein guter Gatte und Vater, ich weiß selbst
-nicht, was mir noch fehlt. Ich trat auf die Terrasse und
-setzte mich unter die Markise, auf die gleiche Bank, auf
-der ich am Tage unserer ersten Aussprache gesessen hatte.
-Die Sonne war schon untergegangen, es dämmerte, eine
-dunkle Frühlingswolke hing über dem Hause und dem
-Garten, und nur durch die Bäume war noch ein wolkenloser
-Streif des Himmels mit dem erlöschenden Abendrot
-und dem eben aufleuchtenden Abendstern zu sehen. Auf
-allen Dingen lag der Schatten der leichten Wolke, und alles
-wartete auf einen milden Frühlingsregen. Der Wind hatte
-sich gelegt, kein Blatt, kein Halm regte sich, der Duft des
-Flieders und des Faulbaums war im Garten und auf der
-Terrasse so stark, als stünde die ganze Luft in Blüte, und
-wogte bald stärker, bald schwächer, so daß man die Augen
-schließen wollte, um nichts zu sehen und nichts zu fühlen
-außer diesem süßen Duft. Die Georginen und die noch nicht
-aufgeblühten Rosen standen unbeweglich auf ihren aufgewühlten,
-schwarzen Beeten und schienen langsam an ihren
-weißen Stäben hinaufzuwachsen; die Frösche quakten unten
-in der Schlucht so laut und durchdringend, als wollten sie
-sich zum letztenmal vor dem Regen, der sie ins Wasser
-treiben würde, gehörig ausschreien. Ein ununterbrochenes,
-feines Rieseln tönte durch ihr Geschrei hindurch. Die Nachtigallen
-riefen einander etwas zu, und man hörte sie unruhig
-von der einen Stelle zu der anderen fliegen. Auch in
-diesem Frühling versuchte eine Nachtigall, sich im Gebüsch<span class="pagenum"><a id="Page_125">[125]</a></span>
-unter dem Fenster niederzulassen, und als ich hinaustrat,
-hörte ich, wie sie in die Allee flog, dort noch einen Triller
-losließ und dann erwartungsvoll verstummte.</p>
-
-<p>Vergebens suchte ich mich zu beruhigen: ich erwartete
-und beklagte etwas.</p>
-
-<p>Er kam hinunter und setzte sich neben mich.</p>
-
-<p>»Ich glaube, die beiden werden in den Regen kommen,«
-sagte er.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte ich. Dann schwiegen wir beide lange.</p>
-
-<p>Die Wolke senkte sich immer tiefer in der windstillen
-Luft, alles wurde stiller, duftender und unbeweglicher;
-plötzlich fiel ein Tropfen nieder und prallte von der Markise
-ab; ein anderer zerschellte auf dem Schotter des Gartenweges;
-dann klatschte es gegen die Pestwurzstauden, und
-bald ging ein frischer, immer stärker werdender Regen
-nieder. Die Nachtigallen und die Frösche waren ganz
-verstummt, das feine Rieseln ließ sich noch immer vernehmen,
-obwohl es beim Rauschen des Regens aus weiterer
-Ferne zu kommen schien; und irgendein Vogel, der sich
-wohl im welken Laub nicht weit von der Terrasse versteckt
-hielt, ließ in regelmäßigen Abständen seine zwei einförmigen
-Töne erklingen. Mein Mann stand auf und wollte fortgehen.</p>
-
-<p>»Wo willst du hin?« fragte ich, um ihn zurückzuhalten.
-»Es ist so schön hier.«</p>
-
-<p>»Man muß ihnen einen Regenschirm und Galoschen
-schicken,« antwortete er.</p>
-
-<p>»Nicht nötig, der Regen hört gleich auf.«</p>
-
-<p>Er stimmte mir bei, und wir blieben beide am Geländer
-der Terrasse stehen. Ich stützte den Arm auf einen nassen,
-glatten Balken und hielt den Kopf hinaus. Der kühle<span class="pagenum"><a id="Page_126">[126]</a></span>
-Regen tropfte mir auf Haar und Hals. Die Wolke über
-uns wurde immer heller und dünner und erschöpfte sich; an
-Stelle des gleichmäßigen Rauschens des Regens klangen
-bald nur noch die einzelnen Tropfen, die aus der Luft und
-von den Blättern fielen. Wieder schmetterten unten die
-Frösche, wieder regten sich die Nachtigallen, die einander
-von der einen und von der anderen Seite etwas zuzurufen
-begannen. Alles vor unseren Blicken war wieder heller
-geworden.</p>
-
-<p>»Wie schön!« sagte er, sich auf das Geländer setzend
-und mit der Hand über mein nasses Haar streichend.</p>
-
-<p>Diese einfache Liebkosung wirkte auf mich wie ein Vorwurf:
-ich war nahe daran, zu weinen.</p>
-
-<p>»Was braucht der Mensch denn noch?« fragte er. »Ich
-bin jetzt so zufrieden, daß ich nichts mehr brauche! Ich bin
-vollkommen glücklich!«</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;Ganz anders sprachst du zu mir einst von deinem
-Glücke, &ndash; dachte ich mir. &ndash; Wie groß es auch war, sagtest
-du, daß du noch mehr verlangtest. Jetzt aber bist du ruhig
-und zufrieden, während meine Seele voll unausgesprochener
-Reue und nicht ausgeweinter Tränen ist.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Auch mir ist es so wohl,« sagte ich, »aber gerade das,
-daß alles vor mir so schön ist, stimmt mich traurig. In
-meiner Seele ist alles so unharmonisch und unvollständig,
-ich verlange nach etwas, und hier ist alles so schön und ruhig.
-Mischt sich denn nicht auch bei dir eine Trauer in den Naturgenuß,
-sehnst du dich nicht nach der Vergangenheit zurück?«</p>
-
-<p>Er nahm seine Hand von meinem Kopf und schwieg eine
-Weile.</p>
-
-<p>»Ja, einst hatte auch ich dieses Gefühl, besonders im<span class="pagenum"><a id="Page_127">[127]</a></span>
-Frühjahr,« sagte er, als besänne er sich auf etwas. »Ich
-blieb manche Nacht auf, mir etwas ersehnend und auf etwas
-hoffend, und es waren schöne Nächte! … Aber damals hatte
-ich alles vor mir, und jetzt habe ich alles hinter mir; jetzt
-genügt mir das, was ist, und es ist mir so wohl ums Herz,«
-schloß er mit einer so lässigen Sicherheit, daß ich, wie
-schmerzlich mir es auch zu hören war, glauben mußte, daß
-er die Wahrheit spreche.</p>
-
-<p>»Du hast also gar keine Wünsche?« fragte ich.</p>
-
-<p>»Ich wünsche mir nichts Unmögliches,« antwortete er,
-mein Gefühl erratend. »Du machst dir den Kopf naß,«
-fügte er hinzu, mich wie ein Kind liebkosend und mir wieder
-mit der Hand über das Haar streichend. »Du beneidest
-die Blätter und das Gras, weil sie vom Regen benetzt
-werden, du möchtest selbst Gras, Laub und Regen sein.
-Ich aber freue mich nur über sie, wie über alles in der
-Welt, was schön, jung und glücklich ist.«</p>
-
-<p>»Und betrauerst du nichts Vergangenes?« fragte ich
-weiter; ich fühlte, wie es mir immer schwerer ums Herz
-wurde.</p>
-
-<p>Er wurde nachdenklich und schwieg. Ich sah, daß er mir
-ganz aufrichtig antworten wollte.</p>
-
-<p>»Nein!« antwortete er kurz.</p>
-
-<p>»Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr!« sagte ich, mich
-zu ihm wendend und ihm in die Augen blickend. »Betrauerst
-du nicht das Vergangene?«</p>
-
-<p>»Nein!« sagte er wieder. »Ich bin dem Himmel dafür
-dankbar, aber ich betrauere das Vergangene nicht.«</p>
-
-<p>»Und du wünschst nicht einmal, daß es wiederkehre?«
-fragte ich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_128">[128]</a></span></p>
-
-<p>Er wandte sich um und begann in den Garten hinauszublicken.</p>
-
-<p>»Ich wünsche es nicht, wie ich auch nicht wünsche, daß
-mir Flügel wachsen,« sagte er. »Es darf nicht sein.«</p>
-
-<p>»Und du möchtest das Vergangene gar nicht besser
-machen? Du machst dir oder mir gar keine Vorwürfe?«</p>
-
-<p>»Niemals! Alles war zu unserem Besten.«</p>
-
-<p>»Hör einmal!« sagte ich und berührte seine Hand, damit
-er sich nach mir umblicke. »Hör einmal: warum hast
-du mir niemals gesagt, es sei dein Wunsch, daß ich so lebe,
-wie du es möchtest? Warum gabst du mir die Freiheit, mit
-der ich nichts anzufangen wußte, warum hast du aufgehört,
-mich zu lehren? Wenn du nur wolltest, wenn du mich
-anders geleitet hättest, so wäre nichts, gar nichts geschehen,«
-sagte ich mit einer Stimme, aus der immer stärker ein kalter
-Ärger und Vorwurf, aber nicht die frühere Liebe herausklang.</p>
-
-<p>»Was wäre nicht geschehen?« fragte er, sich erstaunt
-nach mir umwendend. »Es ist doch gar nichts geschehen.
-Alles ist gut. Sehr gut,« fügte er mit einem Lächeln hinzu.</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;Versteht er denn nichts, oder will er, was noch
-schlimmer wäre, nichts verstehen? &ndash; fragte ich mich, und
-Tränen traten mir in die Augen.</p>
-
-<p>»Dann wäre es nicht geschehen, daß ich, die ich keine
-Schuld vor dir trage, mit deiner Gleichgültigkeit, sogar mit
-deiner Verachtung gestraft worden wäre,« entfuhr es mir
-plötzlich. »Dann wäre es nicht geschehen, daß du mir plötzlich
-ohne jede Schuld von meiner Seite alles genommen hättest,
-was mir teuer war.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_129">[129]</a></span></p>
-
-<p>»Was sagst du, liebes Kind!« rief er, als verstünde er
-meine Worte nicht.</p>
-
-<p>»Nein, laß mich ausreden&nbsp;… Du hast mir dein Vertrauen,
-deine Liebe, sogar deine Achtung genommen; denn
-ich kann nicht glauben, daß du mich nach allem, was einst
-war, noch liebst. Nein, laß mich doch einmal aussprechen,
-was mich schon so lange quält,« unterbrach ich ihn wieder.
-»Ist es denn meine Schuld, daß ich das Leben nicht kannte,
-und daß du es mir überließest, meinen Weg allein zu
-suchen? … Ist es denn meine Schuld, daß du mich jetzt,
-wo ich schon selbst begriffen habe, was not tut, wo ich mich
-schon seit einem Jahre abmühe, zu dir zurückzukehren, von
-dir stößt, als verstündest du nicht, was ich will, und zwar
-so, daß man dir gar nichts vorwerfen kann, während ich
-allein schuldig und unglücklich bin?! Ja, du willst mich
-wieder in jenes Leben zurückstoßen, das mir und dir zum
-Unglück werden könnte.«</p>
-
-<p>»Womit habe ich denn das gezeigt?« fragte er mit aufrichtigem
-Entsetzen und Erstaunen.</p>
-
-<p>»Hast du mir denn nicht gestern noch gesagt und sagst
-du mir nicht immer, daß ich es hier nicht aushalten werde,
-daß wir für den Winter wieder nach Petersburg gehen
-müssen, das mir verhaßt ist?« fuhr ich fort. »Statt mich
-zu stützen, vermeidest du jede offene Aussprache mit mir,
-jedes aufrichtige, zärtliche Wort. Aber dann, wenn ich
-ganz gesunken bin, wirst du mir Vorwürfe machen und dich
-über meinen Fall freuen.«</p>
-
-<p>»Wart, wart,« sagte er streng und kalt, »es ist nicht
-gut, was du jetzt sagst. Das beweist nur, daß du jetzt gegen
-mich eingenommen bist, daß du mich nicht&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_130">[130]</a></span></p>
-
-<p>»Daß ich dich nicht liebe? Sag es doch, sag!« sprach
-ich seinen Satz zu Ende, und Tränen stürzten mir aus den
-Augen. Ich setzte mich auf die Bank und bedeckte mein
-Gesicht mit dem Taschentuch.</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;So hat er mich also verstanden! &ndash; dachte ich und gab
-mir Mühe, das Schluchzen zu unterdrücken, das mich zu
-ersticken drohte. &ndash; Es ist mit unserer alten Liebe zu Ende,
-&ndash; sagte eine Stimme in meinem Herzen. Er ging nicht
-auf mich zu, er tröstete mich nicht. Er war durch meine
-Worte beleidigt. Seine Stimme war ruhig und trocken.</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, was du mir vorwirfst,« begann er,
-»wenn es nur das ist, daß ich dich nicht mehr so liebe, wie
-ich dich früher liebte&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ja, wie du mich liebtest!« sagte ich in das Taschentuch
-hinein, das die bitteren Tränen immer reichlicher netzten.</p>
-
-<p>»So liegt es an der Zeit und auch an uns selbst. Jedes
-Alter hat seine eigene Liebe&nbsp;…« Er schwieg eine Weile.
-»Soll ich dir die ganze Wahrheit sagen, wenn du Aufrichtigkeit
-verlangst? Soll ich dir sagen, wie ich in jenem
-Jahre, als ich dich kennen lernte, manche schlaflose Nacht
-an dich dachte, wie ich selbst meine Liebe schuf, wie diese
-Liebe in meinem Herzen wuchs und wuchs, wie ich dann in
-Petersburg und im Auslande viele schreckliche Nächte schlaflos
-verbrachte um diese Liebe, die mich quälte, zerstörte und
-vernichtete? Ich zerstörte nicht sie, sondern nur das, was
-mich quälte; ich habe mich beruhigt, und doch liebe ich
-dich noch immer, aber mit einer anderen Liebe.«</p>
-
-<p>»Ja, du nennst das Liebe, es ist aber eine Qual,« sagte
-ich. »Warum erlaubtest du mir, in der großen Welt zu<span class="pagenum"><a id="Page_131">[131]</a></span>
-leben, wenn sie dir so verderblich erschien, daß du mich um
-ihretwillen zu lieben aufgehört hast?«</p>
-
-<p>»Es ist nicht die große Welt, liebes Kind,« sagte er.</p>
-
-<p>»Warum hast du nicht von deiner Gewalt Gebrauch
-gemacht,« fuhr ich fort, »warum hast du mich nicht gebunden
-und getötet? Das wäre für mich besser, als alles zu verlieren,
-was mein Glück ausmachte, es wäre mir wohl, und
-ich müßte mich nicht so schämen.«</p>
-
-<p>Ich fing wieder zu schluchzen an und bedeckte mein Gesicht
-mit dem Tuch.</p>
-
-<p>In diesem Augenblick kamen Katja und Ssonja, lustig
-und durchnäßt, laut redend und lachend auf die Terrasse;
-als sie uns aber erblickten, verstummten sie und gingen
-sofort weg.</p>
-
-<p>Als sie fort waren, schwiegen wir lange; ich hatte mich
-ausgeweint und fühlte mich erleichtert. Ich sah ihn an.
-Er saß, den Kopf in die Hand gestützt, und wollte etwas
-auf meinen Blick antworten; aber er seufzte nur schwer auf
-und stützte den Kopf wieder in die Hand.</p>
-
-<p>Ich ging auf ihn zu und nahm seine Hand. Er sah mich
-nachdenklich an.</p>
-
-<p>»Ja,« begann er, als fahre er in seinen Gedanken fort.
-»Wir alle &ndash; besonders aber ihr Frauen &ndash; müssen die ganze
-Eitelkeit des Lebens auskosten, um zum Leben selbst zurückzukehren;
-die Erfahrung eines anderen kann uns nichts
-nützen. Du hattest damals diese verlockende und liebe, eitle
-Lust am Leben, die ich in dir bewunderte, noch lange nicht
-ausgekostet; ich ließ dich sie ganz auskosten und fühlte, daß
-ich kein Recht hätte, dir Schwierigkeiten zu machen, obwohl
-für mich diese Zeit längst vorbei war.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_132">[132]</a></span></p>
-
-<p>»Warum hast du dann diese ganze Eitelkeit mit mir
-genossen, warum ließest du mich sie genießen, wenn du mich
-liebst?« fragte ich.</p>
-
-<p>»Weil du, selbst wenn du wolltest, mir nicht geglaubt
-haben würdest; du mußtest alles selbst kennenlernen, und
-du hast es auch kennengelernt.«</p>
-
-<p>»Du hast viel zu viel Überlegungen angestellt,« sagte
-ich. »Du hast zu wenig geliebt.«</p>
-
-<p>Wir schwiegen wieder eine Weile.</p>
-
-<p>»Es ist grausam, was du eben sagtest, aber es ist wahr,«
-versetzte er, indem er sich plötzlich erhob und auf der Terrasse
-auf und ab und zu gehen begann. »Ja, es ist wahr. Ich war
-im Unrecht,« fügte er hinzu, vor mir stehen bleibend, »entweder
-hätte ich mir gar nicht erlauben dürfen, dich zu lieben,
-oder ich hätte dich einfacher lieben sollen. Ja.«</p>
-
-<p>»Vergessen wir alles,« sagte ich scheu.</p>
-
-<p>»Nein, das Vergangene kehrt nicht wieder, kehrt niemals
-wieder.« Seine Stimme wurde weicher, als er das
-sagte.</p>
-
-<p>»Alles ist ja schon wiedergekehrt!« sagte ich, indem ich
-ihm meine Hand auf die Schulter legte.</p>
-
-<p>Er nahm meine Hand von seiner Schulter und drückte sie.</p>
-
-<p>»Nein, ich sprach die Unwahrheit, als ich sagte, daß ich
-das Vergangene nicht betrauere; nein, ich betrauere es wohl,
-ich beweine jene frühere Liebe, die nicht mehr ist und nicht
-mehr wiederkehren kann. Wer die Schuld trägt, weiß ich
-nicht. Es ist wohl eine Liebe geblieben, aber es ist nicht die
-von einst; es ist nur ihr Platz geblieben, doch sie selbst ist
-verkümmert, es ist weder Kraft noch Saft in ihr, es sind<span class="pagenum"><a id="Page_133">[133]</a></span>
-nur die Erinnerungen und die Dankbarkeit geblieben,
-aber&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sprich nicht so&nbsp;…« unterbrach ich ihn. »Mag alles
-wieder so werden, wie es war. Das ist doch möglich? Ja?«
-fragte ich, ihm in die Augen blickend. Aber seine Augen
-waren heiter und ruhig und blickten gar nicht tief in die
-meinigen.</p>
-
-<p>Während ich das sagte, fühlte ich schon, daß das, was ich
-wollte und um was ich ihn bat, unmöglich sei. Er lächelte
-ein ruhiges, mildes, wie mir schien greisenhaftes Lächeln.</p>
-
-<p>»Wie jung du noch bist, und wie alt bin ich,« sagte er.
-»In mir ist nichts mehr davon, was du suchst; warum soll
-man sich betrügen?« fügte er mit dem gleichen Lächeln hinzu.</p>
-
-<p>Ich stand schweigend neben ihm, und es wurde mir ruhiger
-ums Herz.</p>
-
-<p>»Wir wollen nicht versuchen, das Leben zu wiederholen,«
-fuhr er fort, »wir wollen uns nicht mehr belügen. Daß aber
-die alten Aufregungen und Sorgen dahin sind, dafür
-müssen wir Gott danken! Wir haben nichts mehr zu suchen,
-keinen Grund mehr, uns aufzuregen. Wir haben schon
-alles gefunden, und es ist uns nicht wenig Glück zuteil geworden.
-Jetzt müssen wir zur Seite treten und den Weg
-diesem da freigeben,« sagte er, auf die Amme weisend, die
-mit Wanja auf dem Arme in der Terrassentüre erschienen
-war. »Ja, so ist es, liebes Kind,« schloß er, meinen Kopf
-niederbeugend und küssend. Es war kein Liebhaber mehr,
-sondern ein alter Freund, der mich küßte.</p>
-
-<p>Aus dem Garten zog aber immer stärker und süßer die
-duftende Frische der Nacht herein, immer feierlicher wurden
-alle Töne und die Stille, und immer mehr Sterne leuchteten<span class="pagenum"><a id="Page_134">[134]</a></span>
-am Himmel auf. Ich blickte ihn an, und es wurde mir plötzlich
-so leicht ums Herz, als hätte man mir einen kranken
-seelischen Nerv entfernt, der mir solche Schmerzen verursacht
-hatte. Ich begriff plötzlich klar und ruhig, daß das
-Gefühl jener Zeit so unwiederbringlich vorbei war, wie jene
-Zeit selbst, und daß es nicht nur unmöglich, sondern auch
-unerträglich und schmerzvoll gewesen wäre, jenes Gefühl
-wieder zu empfinden. War denn jene Zeit, die mir so glücklich
-erschienen, auch wirklich so schön gewesen? Und wie
-lange, wie lange war es schon her!</p>
-
-<p>»Aber es ist Zeit, Tee zu trinken!« sagte er, und wir
-gingen zusammen in das Wohnzimmer. In der Türe trafen
-wir wieder die Amme mit Wanja. Ich nahm das Kind auf
-die Arme, deckte seine bloßen roten Beinchen zu, drückte
-es an mich und küßte es, sein Köpfchen kaum mit den Lippen
-berührend. Das Kind bewegte wie im Schlafe das Händchen
-mit den gespreizten Fingerchen und schlug die trüben
-Äuglein auf, als suchte es etwas oder als wollte es sich
-an etwas erinnern; seine Äuglein blieben plötzlich an mir
-haften, ein Funke von Bewußtsein leuchtete in ihnen auf,
-und die vollen, etwas vorstehenden Lippen öffneten sich zu
-einem Lächeln. &ndash; Mein, mein, mein! &ndash; dachte ich, indem
-ich mir das Kind mit einer beseligenden Spannung in allen
-Gliedern an die Brust drückte und mich mit Mühe zusammennahm,
-um ihm nicht weh zu tun. Und ich begann, seine kalten
-Füßchen, seinen Leib, seine Händchen und sein kaum
-behaartes Köpfchen zu küssen. Mein Mann ging auf mich
-zu, ich verhüllte schnell das Gesicht des Kindes und deckte
-es gleich wieder auf.</p>
-
-<p>»Iwan Ssergejitsch!« sagte mein Mann, indem er das<span class="pagenum"><a id="Page_135">[135]</a></span>
-Kind mit dem Finger unter dem Kinne berührte. Ich
-deckte aber den Iwan Ssergejitsch wieder zu. Niemand
-durfte ihn lange ansehen außer mir. Ich sah meinen Mann
-an; seine Augen lachten, indem sie in die meinen blickten,
-und es war mir zum erstenmal seit langer Zeit so leicht und
-so wohl ums Herz, sie zu sehen.</p>
-
-<p>An diesem Tage endete mein Roman mit meinem Manne;
-das alte Gefühl wurde zu einer teueren, unwiederbringlichen
-Erinnerung, und das neue Gefühl der Liebe zu den
-Kindern und zum Vater meiner Kinder legte den Grund zu
-einem neuen, in einem ganz anderen Sinne glücklichen
-Leben, das ich in diesem Augenblicke noch nicht abgeschlossen
-habe&nbsp;…</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Empfehlenswerte Bücher aus dem</p>
-<p class="center"><span class="larger">O. C. Recht Verlage, München</span>, Leopoldstr. 3</p>
-</div>
-
-<p class="center larger u p2">E. T. A. Hoffmann</p>
-
-<p class="h2">Nußknacker<br />
-und Mausekönig</p>
-
-<p class="center">Mit über hundert Illustrationen von Bertall</p>
-
-<p class="noind">»Das schmucke Büchlein stellt ein typographisches
-Meisterwerk dar.«</p>
-
-<p class="right">
-(Berliner Morgenzeitung)
-</p>
-
-<p class="noind">»Ein Verdienst ist die Veröffentlichung mit den zahlreichen
-Illustrationen von Bertall … sie werden
-dem Buche eine ungeahnte Verbreitung sichern.«</p>
-
-<p class="right">
-(Ostdeutsche Grenzboten)
-</p>
-
-<p class="center">In Halbleinen gebunden M. 50.&ndash;</p>
-
-<p class="center larger p2 u">Charles Perrault</p>
-
-<p class="h2">Gänsemütterchens
-Märchen</p>
-
-<p class="center">Herausgegeben und übertragen von</p>
-
-<p class="center larger">Hans Krause</p>
-
-<p class="center">Mit etwa 50 meistenteils ganzseitigen Illustrationen von</p>
-
-<p class="center larger">Gustave Doré</p>
-
-<p class="noind">Perrault, ein Dichter des französischen Rokoko, ist der erste gewesen,
-der so bekannte Weltmärchen wie »Dornröschen«, »Blaubart«,
-»Rotkäppchen« usw. aufgezeichnet hat. Die Illustrationen des großen
-Doré unterstützen sein Werk, das romanischen Esprits und unsterblicher
-Grazie voll ist; ja, sie erheben es sogar, sie sichern ihm die Unsterblichkeit.</p>
-
-<p class="center">In Halbleinen gebunden M. 75.&ndash;</p>
-
-<p class="h2 p2">»Gestern und heute«</p>
-
-<p class="center larger">Rechts Roman Reihe</p>
-
-<p class="center">Diese Reihe bringt eine Auswahl spannendster Romane von hohem
-literarischem Wert in buchtechnisch vollendeter Ausstattung.</p>
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">Bisher sind erschienen</em>:</p>
-
-<p class="center p2">Band 1:</p>
-
-<p class="center larger">Leo Tolstoi</p>
-
-<p class="h2">Kindheit</p>
-
-<p class="center p2">Band 2:</p>
-
-<p class="center larger">Edgar Allan Poe</p>
-
-<p class="h2">A. G. Pyms<br />
-abenteuerliche Erlebnisse</p>
-
-<p class="center p2">Band 3:</p>
-
-<p class="center larger">Theodor Storm</p>
-
-<p class="h2">Die Chronik von Grieshuus</p>
-
-<p class="center p2">Preis jeden Bandes in Halbleinen M.&nbsp;60.&ndash;</p>
-
-<p class="center">Vorzugsausgabe auf federleichtem Druckpapier
-in Halbleder gebunden M.&nbsp;250.&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="center">Verlagsverzeichnisse und Prospekte werden vom<br />
-Verlag auf Anforderung bereitwilligst versandt</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung
-der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-Der Schmutztitel wurde entfernt.
-</p>
-
-<p>Ergänzung offensichtlich fehlender Wörter im Druck:</p>
-
-<div class="corr">
-<p>
-S. 59: bekam → bekam aber<br />
-bekam <a href="#corr059">aber</a> plötzlich Angst</p>
-<p>
-S. 70: als ich → als ob ich<br />
-als <a href="#corr070">ob</a> ich wieder ein Junge</p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Roman einer Ehe, by Leo Tolstoi
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROMAN EINER EHE ***
-
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-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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