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-The Project Gutenberg EBook of Humoristische Erinnerungen aus meinem
-academischen Leben in Heidelberg und , by Theodor von Kobbe
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819
- Zweites Bändchen
-
-Author: Theodor von Kobbe
-
-Release Date: September 16, 2016 [EBook #53061]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HUMORISTISCHE ERINNERUNGEN ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
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- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1840 erschienenen Ausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
- und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
- korrigiert, auch wurden vereinzelte grammatische Korrekturen
- vorgenommen, wenn ansonsten der Sinn des Textes verfälscht würde.
-
- Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden beibehalten,
- insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren oder
- im Text mehrfach auftreten. Fremdsprachliche Begriffe und Zitate
- wurden nicht korrigiert; einzelne unleserliche Buchstaben wurden
- aber sinngemäß ergänzt.
-
- Einige Namen (z.B. Gurlitt und Mellish) erscheinen in voneinander
- abweichenden Schreibweisen, teilweise auch innerhalb desselben
- Abschnitts. Diese Varianten wurden gegenüber dem Original nicht
- verändert.
-
- In der gedruckten Ausgabe werden einige Geldbeträge genannt, deren
- Abkürzungen hier nur annähernd wiedergegeben werden können. Im
- vorliegenden Text werden ‚Mark‘ und ‚Schilling‘ (in ‚Hamburger
- Courant‘) mit ‚m&‘ bzw. ‚ß‘ (als Ersatz für die dort verwendete
- ‚sz‘-Ligatur) abgekürzt.
-
- Im Original wurde die Kapitelnummer neun irrtümlich doppelt
- verwendet; im vorliegenden Text wurde dagegen die fortlaufende
- Nummerierung richtiggestellt. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom
- Bearbeiter eingefügt.
-
- Der Ausschnitt ‚Aus dem Eunuchen des Terenz‘ (S. 86-93) wurde
- im Original seitenweise nebeneinander gedruckt; auf der linken
- Buchseite die lateinische, auf der rechten Seite die deutsche
- Fassung. In dieser Version wird zuerst die lateinische Fassung
- zusammengefasst, danach folgt die deutsche; die ursprüngliche
- Formatierung wurde hierbei strikt beibehalten.
-
- Für die von der im Originaltext verwendeten Frakturschrift
- abweichenden Schriftschnitte wurden die folgenden Sonderzeichen
- verwendet:
-
- fett: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: _Unterstriche_
-
- Das Caret-Symbol (^) steht für ein nachfolgendes hochgestelltes
- Zeichen.
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-
-
-
- Humoristische Erinnerungen
-
- aus meinem
-
- academischen Leben
-
- in
-
- Heidelberg und Kiel
-
- in den Jahren 1817-1819
-
- von
-
- Theodor von Kobbe.
-
-
- Zweites Bändchen.
-
-
- Bremen,
- Verlag von Wilhelm Kaiser.
-
-
- 1840.
-
-
-
-
- Druck von F. W. Buschmann.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
-
-
- Achtes Kapitel. 1
-
- Neuntes Kapitel. 25
-
- Zehntes Kapitel. 77
-
- Elftes Kapitel. 124
-
- Zwölftes Kapitel. 142
-
- Dreizehntes Kapitel. 162
-
- Vierzehntes und letztes Kapitel. 187
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
- Rückreise nach Kiel. Travestie der Ideale und des Lebens von Saß.
- Kobbe der zweite und in Bonn der achte. Mein Comitat. Mein Prozeß
- in Auerbach. Philipp Stieffel.
-
-
-Umstände, welche zu beseitigen nicht in meiner Macht stand, hatten
-meine schon Michaelis 1818 beabsichtigte Abreise von Heidelberg bis
-Ende Januar 1819 verschoben. Jetzt sollte es Ernst werden.
-
-Als geborner dänischer Unterthan war ich gezwungen wenigstens ein Jahr
-zur Erlernung der Landesrechte in Kiel zu studiren. Das Glückstädtsche
-Examen war sehr schwer, der erste Charakter, welchen das Obergericht in
-Schleswig nicht selten ertheilte, etwas Unerhörtes. -- Aber schon um
-den Zweiten mit rühmlicher Auszeichnung zu erlangen war es die höchste
-Zeit für mich, daß ich Heidelberg verließ.
-
-Es mag mir hier vergönnt sein eine sehr launige Travestie von Schillers
-»die Ideale und das Leben« einzuschalten. Sie ist freilich in Kiel
-verfaßt, gehört aber der damaligen Burschenschaft durchaus an. Ihr
-Verfasser ist der nachher in Garding verstorbene vortreffliche
-Auscultant Saß, welcher in dem Herzogthum Schleswig geboren, vor dem
-Obergericht in der Stadt gleichen Namens auf dem Schloß Gottorf geprüft
-wurde. -- Die Examenangst welche diese Arbeit geschaffen, war freilich
-unnöthig, da der sehr wohl in jure erfahrene Dichter bald darauf mit
-dem ersten Character belohnt wurde.
-
- Wie einst mit flehendem Verlangen
- Pygmalion den Stein umschloß,
- Bis in des Marmors kalte Wangen
- Empfindung glühend sich ergoß,
- So schlang ich einst mit Liebesarmen
- Um _corpus juris_ mich mit Lust,
- Bis es zu athmen, zu erwarmen
- Begann an des Juristen Brust.
- Und theilend meine Flammentriebe
- Die Stumme eine Sprache fand,
- Mir wiedergab den Kuß der Liebe,
- Und meines Herzens Klang verstand.
- Da klang mir lieblich jede Stelle,
- Gleich reiner Quellen Silberfall,
- Selbst aus der trockensten Novelle
- Horcht’ ich der Weisheit Wiederhall.
- Es dehnte mit allmächt’gem Streben
- Die enge Brust ein kreisend All’,
- Hervorzutreten auf’s Catheder
- Mit Weisheitswort und Witzesschall.
- Wie groß war diese Welt gestaltet,
- So lang’ der Hörsaal mich noch barg,
- Wie wenig, ach! hat sich entfaltet!
- Dies Wenige wie klein und karg!
- Wie sprang von Savigny beflügelt,
- Beglückt durch theoretschen Wahn,
- Von keiner Praxis noch gezügelt
- Ich da in die gelehrte Bahn!
- Bis an der Glosse bleichste Sterne
- Erhob mich der Entwürfe Flug;
- Nichts war zu hoch und nichts zu ferne,
- Wohin ihr Flügel mich nicht trug.
- Wie leicht ward ich dahin getragen,
- Selbst Griechisch ward mir nicht zu schwer!
- Auf meinem Tische, o! da lagen
- Die Folianten kreuz und queer!
- +Cujaz+ mit civilist’scher Krone,
- +Donell+ in des Systemes Glanz
- Auch +Schulting+ lockt mit reichem Lohne,
- Selbst +Glück+ mit rings verstohlnem Kranz.
- Doch ach! schon in des Sommers Mitte
- Verloren meine Gönner sich,
- Sie wandten treulos ihre Schritte,
- Und einer nach dem Andern wich.
- Zu leicht an sich war +Glück+ entflogen,
- +Cujazius+ blieb unenthüllt,
- In dem +Donell+ las ich zwei Bogen
- Und schnitt mir nur heraus sein Bild.
- Im alten Rechte sucht’ ich Kränze,
- Doch +Schulting+ führte mich zu weit,
- Ach allzuschnell nach kurzem Lenze
- Entfloh die schöne Quellenzeit.
- Und immer stiller wards und immer
- Verlaß’ner auf dem Burschenpult.
- Von Savigny borgt ich noch Schimmer
- Doch dazu riß auch die Geduld.
- Von all dem rauschenden Geleite,
- Wer harrte liebend bei mir aus?
- Wer steht mir tröstend noch zur Seite,
- In Gottorfs finsterm Prüfungshaus?
- O! die du alle Wunden heilest,
- Du Thibauts viel gefaßte Hand,
- Für das Examen Kraft ertheilest,
- Du, die ich ungesucht schon fand!
- Und du, der gern sich mit ihm gattet,
- Wie er der Prüfung Quaal beschwört,
- O +Höpfner+ Du, der nie ermattet,
- Der selten schafft, doch nie zerstört;
- Der zu dem Bau der Ewigkeiten
- Zwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht,
- Doch dem in des Examens Zeiten
- +Cujaz+ und _corpus juris_ weicht!
-
-»Die Eminenz geht im Januar nach Holstein zurück,« erscholl es in
-Heidelberg und ich darf zu meiner Ehre und Freude versichern, daß
-diese meine bevorstehende Unsichtbarkeit eine allgemeine Betrübniß,
-selbst bei den Philistern erregte, welche vor meinem Abgang die Zahlung
-nicht unbedeutender Rechnungen erwarten durften, wovon mehrere, wegen
-meines Titels der gang und gäbe war, sehr häufig an Herrn +»Eminenz«+
-ausgestellt wurden.
-
-Die ungeheuchelste Trauer bewiesen meine Cerevisianer, wovon jede
-Nacht einer während der letzten beiden Monate, wie ein Page, auf
-einem Strohsacke zu den Füßen meines Bettes ruhte. Ich ernannte einen
-Nachfolger, welcher an dem Vorabende meiner Abreise einen Schoppen
-Bier trank während ich dieselbe Quantität Wasser genoß. Dies war
-mein Cerevistod, in demselben Augenblick wurden alle Krüge und
-Gläser mit schwarzem Flor umzogen und mein Nachfolger als Kobbe der
-zweite begrüßt. -- Mein Reich hat sich indessen nicht fortgepflanzt,
-die Cerevisia verquirlte schon im nächsten Semester, da bei meinem
-Nachfolger, welcher sonst gewiß Geschick genug gehabt hätte, mein
-großes Werk fortzusetzen, der Reiz der Neuheit fehlte. -- Glaubwürdigen
-Nachrichten zufolge soll jedoch, in der von dem sogenannten Grafen
-Loseburg (auch »+Schnurri-Major+, +Carbonädel+« genannt,) zu Bonn
-gegründeten Cerevisia, ein Kobbe der achte regiert haben, welcher
-später ein Bierapostat geworden und zur Vinia übergegangen sein soll.
-Es ist ein tiefbetrübender Gedanke, daß alle Dynastien, sogar die
-Freude und Lust verbreitenden humoristischen, vergänglich sind.
-
-Bei allen diesen lächerlichen Proceduren war mir sehr ernst und so wehe
-zu Muthe als ob ich dem Tode ins Gesicht lächeln sollte. Der Abschied
-von Heidelberg fiel mir zu schwer, noch härter als mich die Ankunft
-daselbst beseeligt hatte. In den letzten acht Nächten träumte mir, daß
-ich in Kiel mein verlornes Badisches Paradies beweine. Beim fröhlichen
-Erwachen träufelten allemal noch die vom Traum betrogenen Zähren von
-meinen Wangen.
-
-Die Burschenschaft hatte mir und dem Magdeburger N., (vulgo Dämmerfürst
-genannt,) die Ehre eines Comitats zugedacht, und war beschlossen beide
-zu verschmelzen.
-
-Der Tag war angesetzt und konnte nicht mehr zurück gerufen werden,
-obgleich mein Mittriumphator und ich noch einige Tage zum Empfang der
-nöthigen Reisegelder uns in Heidelberg aufhalten mußte. -- Die Abreise
-mußte aber simulirt werden.
-
-Morgens 8 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung.
-
-Voran ritten, angeführt vom Grafen K., zwölf Burschenschaftler, mit
-gezogenem Säbel, Barett mit Federn, verziert mit unsern Schärpen.
-
-Dann kam G. der Kurhesse, der Besieger des Kurländers W., in einem
-Wagen, den die sechs Schimmel des Kutschers Hormuth zogen. Er war
-schwarz gekleidet und hielt den Schläger der Burschenschaft in der
-Scheide, vor sich.
-
-Hierauf folgten wir, die Helden des Tages, in einem Wagen mit acht
-Pferden Extrapost. Die Postillione hatten ihre Uniform mit unsern
-Farben verbrämt. Wir, die bemoosten Häupter saßen, N. im grünen, ich im
-weißen Flaus, angethan mit alten Mützen, eine Pfeife mit großen Quästen
-in der Hand haltend, im Fond; vor uns in feinster schwarzer Tracht, in
-_escarpins_, ihren Claquehut unter dem Arme, zwei _Chapeaux d’honneurs_
-auf dem Rücksitz. An jedem Kutschenschlag ritt noch ein Ehrengardist.
--- Hierauf folgten achtzehn vierspännige mit Studenten erfüllte Wagen.
-
-Der Zug ging nach Weinheim, wo eine voraus bestellte sehr gute
-Tafel uns im Karlsberg erwartete. Wir beiden Gefeierten hatten nach
-Analogie der Kieler Generalführer und Generalbeschließer, bei den
-Feierlichkeiten ihrer Studenten, »Hochs« genannt, den Titel der
-Excellenz, den aber die getreuen Cerevisianer bei mir allezeit in
-+Eminenz+ verwandelten.
-
-Von dem Fest weiß ich wenig zu erzählen. Die Trennung war nur bildlich,
-nur ein Vorläufer des härteren Abschiedes der meiner nach wenigen Tagen
-harrte. Wir poculirten stark, ich wie immer, ohne berauscht zu werden.
-Meine Mitexcellenz war aber nicht so glücklich als ich. Schwer beladen
-stieg sie in den achtspännigen Wagen um sich auch nach Heidelberg
-zurückführen zu lassen.
-
-Am andern Tage hatten wir, wie Simson seine Kraft nach seiner Schur,
-nach unserer Tour, unsere Burschenqualität verloren. Die Burschenschaft
-behandelte uns wie Philister.
-
-Wir hatten uns burschikos überlebt.
-
-Es war ein schöner Januarmorgen als ich Heidelberg verließ. Mir war
-zu Muthe als ob ich hingerichtet werden sollte. Weinende Cerevisianer
-umstanden mich, ich kam mir fast vor wie Maria Stuart und verschenkte
-auch mit einer fast gleichen Empfindung meine wenigen Habseligkeiten
-als Andenken. Ein Stammblättchen nach dem andern vertheilte, empfing
-und beschrieb ich, wobei ich, der ich keine Anthologie deutscher
-Dichter haben wollte, durchaus das Verlangen einer eignen Composition
-stellte, wodurch meine Stammbücher, das Heidelberger wie das Jenaische
-viel interessanter geworden sind als so viele andere, die nichts als
-eine poetische Blumenlese burschikoser Verse enthalten.
-
-Ich hatte mit zwei Gebrüdern S...., bekannten Hornisten aus Stuttgardt,
-gemeinschaftlich eine Chaise gemiethet, welche die Herrn in der Nacht
-nach Darmstadt, mich aber zeitig am andern Morgen nach Frankfurt zu
-bringen versprochen hatte.
-
-Die Hirschgasse schien ausgestorben, alle Kinder waren geflohen, nur
-der alte Ditteneyer drückte mir weinend die Hand. »Ach Ihro Eminenz,
-ach liebster Herr Baron!« rief er aus »wie vergänglich sind die Freuden
-der Welt!«
-
-»Es kommt darauf an wer sie erlebt hat, Alter!« versetzte ich ihm
-herzlich, »die meinigen sind unsterblich, ja sie werden noch um so
-schöner, je älter sie werden. Uebrigens sehen wir uns ohne allen
-Zweifel wieder.«
-
-Ein Bursche berichtete, daß mein Kutscher mit meinen beiden
-Reisegefährten am Neckarthore hielten, und daß alle drei nicht länger
-warten wollten. »Der Kutscher scheint ä grober G’sell,« bemerkte der
-Berichterstatter.
-
-»Adieu Dittenei, Adieu Türck, Adieu Hirschgasse.« Wir gingen zum
-Unglückskarrn. Noch einige Küsse und die Excecution war vollzogen.
-
-Es ist nur der Unterschied zwischen Trennung im und vom Leben,
-daß in dem letzten Fall der Scheidende besser daran ist als die
-Zurückbleibenden.
-
-»Stumm liegt die Welt wie das Grab!«
-
-»O wäre ich nie geboren!« seufzte ich, das Gretchen im Faust
-parodirend, leise in mich hinein. Starr blickte ich vor mir hin. Ich
-glaubte den Abschied ohne Thränen überwunden zu haben, als ich um die
-Ecke bei Neuenheim gebogen und Heidelberg meinen Blicken entschwunden
-war. Aber nicht also, in Handschuhsheim traten noch einige mir
-wohlbekannte Preußen K... aus B. aus des dicken Vetters Kneipe.
-
-Was sahen die beiden Kerle fidel aus! Unbegreiflich für mich!!
-»Adieu liebe Eminenz!« riefen sie mir zu, und warfen mir dabei eine
-Kußhand in den Wagen, »Adieu! hast Du auch noch etwas in Heidelberg
-auszurichten, so sag es uns doch!«
-
-Mein stolzer Muth ward durch dieses unvorhergesehene Begebniß total
-gebrochen. Ich wollte antworten, allein meine Stimme gerieth ins
-Stocken. Der Kutscher, welcher ohnehin auf den Ruf nicht angehalten
-hatte, setzte, Gott sei Dank! grade in diesem Augenblick seine Pferde
-in den stärksten Trab, den die Bergstraße überhaupt kennt.
-
-Tief ergriffen warf ich mich in eine Ecke unserer holprigen Chaise
-und zum ersten Male stürzten die lang verhaltenen unburschikosen
-Abschiedsthränen aus meinen nur schwarze freudelose Zukunft sehenden
-Blicken.
-
-Die philiströse Bemerkung des einen Hornisten: »Schämen Sie sich Ihrer
-Thränen nicht, Herr Baron, sie sind edel geweint,« hätten meine tiefe
-Rührung beinahe in Zorn verwandelt und meinen Zährenstrom versiegen
-gemacht. -- Allein mein Schmerz war zu innerlich, ich schämte mich
-seiner nicht mehr.
-
-Unsere Musici sprachen dann über das Glück des Studentenlebens und von
-den Freuden die sie hätten genießen können, wenn sie ihre Jugend nicht
-verblasen hätten. -- Sie kamen mir vor wie jene alte Jungfer, die in
-der Nacht ihres siebzigjährigen Geburtstags im Traum das Geschrei aller
-Kinder hörte, die sie hätte kriegen können. -- Solche Tonkünstler sind
-wahre +Kaspar Hauser+, sie sind fast alle um ihre Jugend betrogen.
-Ich kenne einige, welche ihr Vater um Mitternacht geweckt hat, auf daß
-sie geigen sollten. -- Aber der Geist ist wenigstens auch verkrüppelt
-und dient ihrer Schwester der Fertigkeit, à la Aschenbrödel, besonders
-nur zur Verhandlung der Billette an der Kasse.
-
-Ich war von den vorhergehenden Abenden ermüdet, fast in einen leisen
-Schlummer gesunken, als ein heftiger Wortstreit des sächsischen
-Brüderpaares meine ganze Aufmerksamkeit erregte. Sie sagten sich
-gegenseitig den Kauf auf und erklärten, sich auf der nächsten Station
-trennen zu wollen.
-
-»Wer hätte das denken sollen?« versetzte der Jüngere wehmüthig, »wir
-reisen nun schon dreißig Jahre zusammen, und haben uns noch niemals
-gestritten als wenn einer dem andern durchaus die Neige Wein aus der
-Flasche zukommen lassen wollte.«
-
-»Ja wohl ist das schrecklich,« erwiederte der Aelteste. »Wir haben
-unter Einem Herzen gelegen, und dich, den damals Unmündigen, hat mir
-die sterbende Mutter noch insbesondere empfohlen. Nichts destoweniger
-willst du heute den Superklugen gegen deinen, es mit dir so treu
-meinenden älteren Bruder spielen.«
-
-»Ganz und gar nicht lieber Bruder,« versetzte dieser, »allein ich habe
-das klare Recht, und du weißt, selbst die Römer sagten schon, _fiat
-justitia pereat mundus_.«
-
-»Laß den Herrn entscheiden!« rief der Ältere.
-
-»Jawohl« entgegnete der Andere. -- »Der ist grade der competente
-Richter dafür.«
-
-Und mit Furiengewalt plaidirten jetzt beide vor mir ihren
-unbrüderlichen Rechtshandel.
-
-Es handelte sich nur darüber ob das Wort »+Philister+« bei den
-Studenten einen +schlechten Kerl+ oder einen +Nicht-Burschen+ bedeute.
-
-Mit Burschenstolz sah ich beide an, sprach dann die inhaltsschweren
-Worte
-
-»+Es bedeutet beides+«
-
-und versenkte mich dann wieder in das Kissen um wieder von meinen
-Cerevisianern zu träumen.
-
-Das Brüderpaar schien aber mit meinem Spruch sehr unzufrieden. Da es
-aber nicht appelliren konnte, vertrug es sich bald wieder, nachdem
-es ausgemacht hatte das ominöse Wort »+Philister+« nie wieder gegen
-einander aussprechen. Das war eben recht philiströs.
-
- Den Teufel spürt das Völkchen nie,
- Und wenn er sie beim Kragen hätte.
-
-In Weinheim begrüßte mich der Wirth zum Karlsberg mit einer Flasche
-Laubenheimer. Nicht meinem Comitat, bei welchem ich ihn gar nicht
-gesehen, sondern dem Umstande, daß ich im vorigen Jahre der erste
-Gast in seinem neu erbauten Hause gewesen, verdankte ich seine
-Freigebigkeit. Ich war nämlich der, welcher durch das Begehren einer
-Flasche Rheinwein den Grundstein zu seinem nachherigen bedeutenden
-Wohlstand gelegt, freilich auch der, welcher dem nachbarlichen rothen
-Ochsen den ersten Schlag versetzt hatte, dem, wenn ich nicht irre, bald
-dessen Garaus gefolgt ist.
-
-Es war schon spät Abends als unser Fuhrmann wankend den Wagen
-bestieg, um seine Pferde über die Brücke zu lenken, welche hinter dem
-Dieffenbachschen Gasthause zu Auerbach liegt. -- »Ach! der ist ja
-total betrunken«, seufzten die Musici. Sie hatten die Phrase indessen
-kaum vollendet, als unser Kutscher, erfüllt von einigen Schoppen
-neuen Weins, an ein Chausseehaus anprallend, die Deichsel am Wagen
-abgebrochen hatte. Wir wurden nur durch einen von ungefähr daliegenden
-Klotz vor dem Unglück bewahrt, von dem abschüssigen Flecke worauf
-unser Wagen gedreht war, rückwärts in den Fluß zu gleiten.
-
-Mit größter Bestimmtheit erklärte nunmehr das Brüderpaar nicht länger
-mit dem berauschten Phaeton fahren zu wollen. Ich trat ihnen bei, weil
-der Kutscher in seinem Rausch ein ganz abscheuliches Grobheitsgas auf
-unsern Vorwurf wegen seines ungeschickten Fahrens, entwickelt hatte.
-Wir entschlossen uns daher den Kutscher _pro rata_ seines Weges, zu
-bezahlen und dann einen Wagen auf gemeinschaftliche Kosten zu nehmen.
-Mich brannte es am Meisten auf den Nagel, ich mußte am andern Morgen
-neun Uhr in Frankfurt am Main sein um mit der Post, die damals nur drei
-oder vier Male in der Woche nach Cassel abging, meinen Heimweg ohne
-Unterbrechungen fortsetzen zu können.
-
-Aber der Kutscher erklärte rundweg, daß wir entweder, sobald sein
-Wagen wieder reparirt sey, mit ihm fahren müßten, oder daß ich den
-versprochenen Lohn bis Frankfurt, die Herren S. aber bis Darmstadt
-zahlen müßten.
-
-Dieffenbach, bei dem wir einst mit zehn Studenten so viel Deidesheimer
-verzehrt hatten, schien an meine mögliche Rückkehr nach Hessen und
-bei Rhein zu zweifeln und nahm dummstreisterweise die Parthie des
-verwünschten Hauderers. Er negirte sogar dessen sichtbare nicht
-partiale sondern totale Besoffenheit und hielt die Verwechselung einer
-Chaussee mit dem Chausseehause für durchaus menschlich.
-
-»Ist denn hier keine Gerechtigkeit im Orte?« riefen die Gebrüder.
-
-»Freilich,« sagte der Wirth, »eine Stunde von hier, am Fuße des _mille
-bocus_, wohnt der Schultheiß.«
-
-Es wurde beschlossen zu dem Themispallast zu wandern.
-
-Die Karavane brach auf -- der Wirth mit der Leuchte voran, dann ich,
-mein etwas knappes Reisegeld im Schritt zählend und an das Verfehlen
-der Post in Frankfurt nicht ohne Sorgen denkend, im Übrigen durch
-den nächtlichen abentheuerlichen Proceß hoch erfreut; -- sodann der
-Kutscher fluchend und schimpfend, und endlich zagend und klagend die
-Hornisten. --
-
-Nachdem unser, vom Wirth für nüchtern erklärte Wagenlenker zwei und
-zwanzig Male gestolpert war, langten wir endlich vor der Wohnung der
-Gerechtigkeit an.
-
-Das Haus war unscheinbar, man hätte es für einen grotesken Hundestall
-ansehen können. Und doch war es zu groß für seinen Bewohner, einen
-kleinen verwachsenen Schneider, den Schultheiß des Dorfs, den
-körperlich unscheinendsten Richter, den meine Augen je wahrgenommen
-haben.
-
-Nachdem er eine Menge persönlicher Fragen an uns gestellt, und von
-dem ihm der Stimme nach bekannten Wirthe die beruhigende Versicherung
-erhalten hatte, daß wir keinen Landfriedensbruch beabsichtigten,
-sondern aus Respect gegen den Landfrieden grade bei ihm unser Recht
-suchen wollten, öffnete er die Thür.
-
-»Herr Baron! Sie sind ja Jurist« riefen meine Reisegefährten, »Sie
-haben gewiß recht viel in Ihrem Fach gelernt, Sie müssen unsere Sache
-führen.«
-
-Ware es bei Tage gewesen, meine Lobredner würden bemerkt haben, daß ich
-bei diesen Lobsprüchen etwas erröthete.
-
-Ich bemerkte indessen bescheiden und ablehnend, daß die Entscheidung
-der ganzen Sache die des gesunden Menschenverstandes sei, welche in
-unserm würdigen Schultheiß so recht zu Hause zu sein scheine.
-
-Dieser Kunstgriff wurde von unserm Herrn Judex recht freundlich
-aufgenommen. Während ich mit dem Kutscher abwechselnd plaidirte,
-und dieser sich in seinem Partheivortrag mancher Kränkungen und
-gar einiger Schimpfwörter bediente, ahndete unsern Minos, doch jede
-anstößige Stelle, welche er jedes Mal mit dem Ausruf: »+Er ist ein
-grober Mensch+« begleitete.
-
-Endlich war zum Schluß verhandelt, das Erkenntniß sollte abgegeben
-werden.
-
-Welche Erwartung erfüllte uns! So harrt ein Dichter auf den ersten
-Druckbogen seines Manuscripts, so ein neu ernannter Fähndrich auf seine
-erste Uniform, so ein lange unbeachtet gelassener Staatsdiener auf die
-Zulage am Neujahrstage, so ein Vater in der Stunde der Geburt, auf das
-ihn von Gott anvertraut werdende ihm so sprechend ähnlich sehende Pfand
-der ehelichen Liebe.
-
-»Jetzt kommt der Bescheid!« rief der Schultheiß, plötzlich auf einen
-Stuhl steigend, von wo er uns, ein »_mille bocus miniature_«, Alle
-übersehen konnte. Er glich dem berühmten Moses wie der auf Horebs Höhen
-nach den göttlichen Gesetzen langte.
-
-»In Sache« rief der Stuhlrichter »wird hiemit zu Recht erkannt, daß das
-Object der Sache eine kleine Thaler, nämlich ein Gulden dreißig Kreuzer
-übersteigt, ich mich hiemit zum Erkenntniß in diesem Rechtsstreite für
-incompetent erkläre muß. Ich bin aber bereit da mir die Lichtstumpe
-ausgange sind, sobald es Tag geworde ist, oder falls sie noch so
-viel Licht in ihrer Laterne haben, sogleich ein Protocoll in dieser
-Rechtssache aufzunehme und dasselbe an das Großherzogliche Amt
-Zwingeberg zu schicke, von wo sie in drei Tage Bescheid habe könne.
-
- »Von Rechts Wege.«
-
-Dieses Erkenntniß, in welchem das Beste war, daß der Kostenpunct mit
-Stillschweigen übergangen war, versetzte meine Herren Reisegefährten in
-eine sprachlose Betrübniß.
-
-Wir wandelten schweigend heim. -- »Die Gerechtigkeit ist eine Göttin,
-sie wohnt nicht auf der Erde,« meinte der älteste Hornist.
-
-»Sie ist vielleicht nur bei Tage bei der Hand. Sie schläft vielleicht
-gerne oder logirt des Nachts im Himmel,« erwiederte ich.
-
-Der Kutscher schlenderte triumphirend neben uns her und pfiff jetzt gar
-ein Cerevislied vor mir. Das ärgerte mich mehr als Alles. Ich sann auf
-Rache. --
-
-Als wir im Wirthshause angekommen waren, mußten wir Alles zahlen was
-unser grober Hauderer verlangte. Er hätte noch mehr mit Effect fordern
-können, wenigstens wenn das Mehr über einen Gulden dreißig Kreuzer
-gewesen wäre. Wir hätten die Wallfarth zu unserm Richter Ziegenbart
-nicht wieder unternommen.
-
-Es wurde schon Morgen, in dem ganzen Nest Auerbach war nur ein
-Ackerwagen aufzutreiben, und konnten wir diesen auch erst in einer
-Stunde bekommen. --
-
-»Wissen Sie was?« rief der älteste meiner Begleiter. »Wir wollen aufs
-Neue mit dem Kutscher einen Vertrag schließen. Es ist nicht mehr
-gefährlich sich von ihm fahren zu lassen. Der Weg zum Schultheiß und
-der Proceß haben ihn entnüchtert.«
-
-»Meinetwegen«, rief ich ärgerlich »wenn ich nur um acht Uhr morgen früh
-in Frankfurt bin. Aber das ist ja auch schon unmöglich geworden.«
-
-»Kutscher! Landsmann! Schwager!« redete der älteste S. den siegreichen
-Beklagten an. -- »Was wollt Ihr haben, wenn Ihr uns nach Darmstadt, den
-Herrn aber nach Frankfurt fahrt.«
-
-Der Kutscher gab eine fürchterliche Antwort. Ich mag sie hier gar nicht
-hersetzen.
-
-Aber ich thue es doch -- Nein, ich thue es nicht. -- Er sagte -- er
-sagte, -- es ist demüthigend -- »Solch ein Lumpenpack wie Ihr seid, das
-nicht einmal begreift wie leicht man ein weißes Chausseehaus mit einer
-weißen Chaussee verwechseln kann, fahre ich mein Lebtag nit wieder.« --
-
-Das war zu viel. -- Während der Ackerwagen bestellt wurde schrieb
-ich an die Heidelberger Burschenschaft und an die Cerevisia. In der
-tiefsten Zerknirschung beantragte ich den ewigen Verruf des Kutschers.
-
-Endlich kam der Ackerwagen, auf dessen Stroh wir uns wie Beinbrüchige,
-wie Blessirte, vagabondenmäßig hinlegen mußten. Und doch ward diese
-horizontale Procedur ein Glück für uns, denn wir waren keine sechs
-Schritte gefahren, als ein Rad vom Wagen lief, und wir auf der Erde
-lagen.
-
-Unsern _ci devant_ Kutscher hörte ich höhnisch lachen.
-
-Nach einer halben Stunde wurde unser Fahrzeug wieder flott. Ich langte
-aber erst in derselben Stunde zu +Darmstadt+ an, als die von mir
-ersehnte Post von +Frankfurt+ nach +Cassel+ abging. --
-
-In Frankfurt erhielt ich am folgenden Tage Briefe von meinen
-Heidelberger Freunden. Meine Leiden waren dort schon allgemein bekannt
-geworden, der Kutscher (nur ein Knecht Hormuths, den ein Verruf
-unverdienter Weise getroffen hätte) sollte von seinem Herrn entlassen
-werden.
-
-Mir schrieb ein Freund:
-
- »In der Hirschgasse hat man geträumt Du kämest wieder zurück, und
- obgleich ich nicht viel auf Träume gebe, so entzündete dies doch in
- mir die Errinnerung an Dich mit neuem Feuer. -- Aber ach ich sehe
- Dich schwerlich wieder und werde nie solche Weinlese mitmachen, wie
- voriges Jahr mit Dir.«
-
-Ich rescribirte meinen Cerevisianern:
-
- »Habt Ihr immer trüben Sinn
- An den Neckarthoren,
- Weil ich dort geschieden bin
- Und Euch dort verloren;
- Hebt doch Brust und Kopf empor,
- Habt Ihr’s nicht vernommen?
- Glaubt: durch dieses selbe Thor
- Werd’ ich wiederkommen.«
-
-Erst im Jahre 1832 erfüllte sich dieser Spruch. Ich sprach ihn mit
-bebender Stimme als wir Abends in der Diligence über die Neckarbrücke
-in das hell erleuchtete Heidelberg rollten, in Gegenwart einer
-ältlichen Dame aus Oesterreich, welche tief davon ergriffen schien. Ich
-hatte derselben schon früher von meinem Universitätsleben erzählt.
-
-»Einer solchen Anhänglichkeit wie Sie gegen Ihre Freunde beweisen,«
-bemerkte sie, »hätte ich das Herz eines +Mannes+ nicht fähig
-gehalten. -- Erlauben Sie mir eine Frage:
-
-»Sind Sie verheirathet?«
-
-»Nein! gnädige Frau!«
-
-»Schade! Solche ewige Jugend müßten Sie auf Kinder übertragen, sich auf
-diese Weise selbst verjüngen können!«
-
-»Madam! ich nehme meine ewige Jugend mit« antwortete ich.
-
-»Und wie heißt noch der academische Freund, von dem Sie so viel
-Vortreffliches erzählen, mit dem Sie in stetem Briefwechsel stehen,
-von dem Sie jeden Mittewochenmorgen einen so enggeschriebenen Brief in
-Oldenburg erhalten und dem Sie in jeder Woche auf gleiche Weise wieder
-antworten?«
-
-»Dieser Freund, der größte Schatz meines Lebens, dem ich nicht würdig
-bin die Schuhriemen zu lösen, der mir in allem Guten ein ewiges Vorbild
-in Wissenschaft und Herzensgüte ist, den ich jetzt zum ersten Male und
-in Zukunft jährlich aufsuchen zu können hoffe, ist der hochgeachtete
-Professor an der polytechnischen Schule, +Philipp Stieffel+ in
-Carlsruhe.« --
-
-»Sehen Sie das hübsche Eckhaus. Dort ist er geboren. Dort wohnt sein
-wackerer Vater.«
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
- Die fernere Rückreise. Frankfurt am Main. Die Judengasse. Baron W
- -- s. Gießen. Der räthselhafte Fremde. Die beiden französischen
- Berliner. Kassel.
-
-
-Ich war in Frankfurt am Main angekommen und im Weidenhof abgestiegen.
-Mein guter Wille, mich mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt bekannt
-zu machen, wurde mir, wie noch so oft später, durch die Judengasse
-vereitelt, wohin es mich magnetisch zog und aus der ich auch durch
-keine andere Reizung heraus zu bringen im Stande war. Ich betrachtete
-das Volk Gottes, das durch die christliche Liebe, in Schmutz und
-Elend zusammen gepfercht, hier haus’t, grade wie jene Thiere, deren
-anatomische Beschaffenheit so viele Ähnlichkeit mit den Menschen haben,
-die sich doch so ungerne mit jenen vergleichen lassen. Von allen
-Geisteskräften ist den Israeliten nichts geblieben als die List, welche
-+Kant+ »+klein+« aber »+schön+« nennt. Der gottesläugnerische Witz ist
-ihr Orakel. Sie betrachten sich wie freiwillige Parias, zufrieden mit
-dem Recht des Handels, den sie vor ihren schmutzigen dumpfen Wohnungen
-treiben. Aber so wie die Contrevolution in allen Dingen herrscht, so
-macht sich auch der unterdrückte kosmopolitische Jesus Christus um so
-lebhafter in ihrem Familienleben geltend. Es ist rührend zu sehen wie
-der Jude seine leidende Gattin und seine kranken Kinder verpflegt, wie
-er den blinden Vater ins Freie und wo möglich in die Sonne, welche in
-der Frankfurter Judengasse ihn kaum zu bescheinen vermag, trägt, und
-wie er keine Ausgabe scheut um diesen Hülfe und Dienstleistungen zu
-gewähren. -- Wahrlich! ich habe in dieser Beziehung keinen solchen
-Glauben wie in Israel gefunden. --
-
-Christliche Fürsten! Ihr habt größtentheils Leichdörner und Juden.
-Wißt Ihr wie Ihr Euch von beiden befreit? -- Von den letzten wie von
-den ersten, durch +Aufhebung+ des +Druckes+. Glaubt nur es ist kein
-Plaisir für den Juden heutigen Tages es mehr zu sein, nur in dem
-Schmerz seiner Unterdrückung findet er noch Wollust Jude zu bleiben.
-
-Es war 2 Uhr Mittags geworden, und man schellte zur _table d’hôte_! Ich
-hatte kaum Platz genommen, als ein alter Mann herein trat, welcher der
-Einladung eines Stammgastes, sich neben ihn zu setzen, mit den Worten
-sich entzog: »Sie kennen meine Liebhaberei, und wissen, warum ich gerne
-Bekanntschaften mit den Fremden mache;« und zu gleicher Zeit, während
-man uns die Suppe servirte, dem Kellner winkte, seinen Caffee auf einen
-unbesetzten Platz neben dem meinigen zu bringen. »Eine Secunde nur,
-lieber Baron!« rief der Stammgast, »wir lasen heute auf dem Casino ein
-Wort, das keiner wußte. Ich nahm mir gleich vor, Sie heute Mittag zu
-fragen. Was heißt »Falkiren«?«
-
-»Falkiren heißt ein Pferd auf das Hintertheil setzen,« rief der dadurch
-auch mich belehrende Baron, und schritt dann auf den bezeichneten Platz
-zu, den er mit einem verbindlichen Gruß gegen mich einnahm.
-
-Ich hatte mich inzwischen schon nach seiner Persönlichkeit bei dem
-Oberkellner erkundigt. »Es ist der Baron von W--s« hatte mir dieser
-entgegnet. Es ist der merkwürdigste Mensch, den ich in meinem Leben
-gesehen habe; Alles weiß er, Alles kann er, aber Alles opfert er auch
-seiner einzigen merkwürdigen Liebhaberei; doch ich werde ihnen nicht
-vorgreifen, sie sollen ihn selbst kennen lernen, denn um seiner eben
-erwähnten Passion willen sucht et stets neue Bekanntschaften zu machen.
-Der alte Herr zählt übrigens schon vier und achtzig Jahre, obgleich er
-erst jeden Morgen um vier Uhr zu Bette geht, das er Mittags um zwei Uhr
-erst wieder verläßt.
-
-Der Baron wurde indessen sogleich in ein Gespräch mit seinem
-Uebernachbar verwickelt, der von ihm »Legationsrath« angeredet wurde
-und wie es mir schien, in B--schen Diensten stand. Dieser sprach von
-einer Brochüre, welche an die Restauration der Staatswissenschaften des
-Herrn von Haller erinnert, und vertheidigte den Satz, daß es die ewige
-unabänderliche Ordnung Gottes sei, daß der Mächtige herrschen müsse,
-und immer herrschen werde. Nach dieser zerfleische auch der Geier das
-unschuldige Lamm, und die durch Gesetzkenntniß Mächtigeren thäten ganz
-recht daran, die gläubigen Schutzbedürftigen, als die Schwachen, zu
-plündern. Dann ging er zu den Verhältnissen des Staats zur Religion
-über, und wollte den erstern der letztern ganz untergeordnet wissen.
-
-»Es kommt nur darauf an,« schmunzelte der Baron, »daß man das
-Verhältnis von Staat und Religion richtig faßt, oder vielmehr ihren
-Begriff in sich aufnimmt. Die Religion hat die absolute Wahrheit zu
-ihrem Inhalt, und damit fällt auch das Höchste der Gesinnung in sie.
-Als Anschauung, Gefühl, vorstellende Erkenntniß, die sich mit Gott,
-als der uneingeschränkten Grundlage und Ursache, an der Alles hängt,
-beschäftigt, enthält sie die Forderung, daß Alles auch in dieser
-Beziehung gefaßt werde, und in ihr seine Bestätigung, Rechtfertigung,
-Vergewisserung erlangt. Die Religion bildet so die Grundlage, der Staat
-ist göttlicher Wille, ein gegenwärtiger sich zur wirklichen Gestalt
-und Organisation einer Welt entfaltender Geist. Die Religion ist das
-Verhältnis zum Absoluten +in Form des Gefühls, der Vorstellung
-des Glaubens+, und in ihrem Alles enthaltenden Centrum ist Alles
-nur als ein Accidentelles auch Verschwindendes. Wird an dieser Form
-auch in Beziehung auf den Staat so fest gehalten, daß sie auch für
-ihn das wesentlich Bestimmende und Gültige sei, so ist er, als der
-zu bestehenden Unterschieden, Gesetzen und Einrichtungen entwickelte
-Organismus, dem Schwanken, der Unsicherheit und Zerrüttung, Preis
-gegeben.« --
-
-Das Gespräch wurde hier unterbrochen, da der Legationsrath
-herausgerufen wurde. Er kehrte zwar sogleich zurück, verließ uns aber
-sofort, da er noch nachträglich von einem Gesandten zu einem Diner
-eingeladen war. »Leben Sie wohl, lieber Herr Baron«, sagte er, »ich
-hoffe, Sie werden morgen das belehrende Gespräch wieder fortsetzen.«
-
-»Sehr gerne, geehrter Herr Legationsrath,« versetzte der Angeredete,
-»allein vergessen Sie nicht das Versprochene von Tufstein.«
-
-»Ein Wort ein Mann,« lächelte der Legationsrath verschwindend.
-
-Ich aber hatte, nicht ohne Erstaunen, den wenigen Worten des Mannes
-zugehorcht, so viele Hegelsche Weisheit, die sich fast wörtlich in
-der Geschichte der Philosophie des Rechts dieses großen Meisters
-wiederfindet, in dem Gespräche des fast vier und achtzigjährigen
-Greises zu hören.
-
-Er nahm die Veranlassung mit mir ein Gespräch anzuknüpfen, dadurch, daß
-er mir erzählte, wie morgen eine vortreffliche Oper »der Wasserträger,«
-von Cherubini, gegeben werde. Schon damals urtheilte er über die
-Wichtigkeit eines guten Sujets zu einer Oper, gerade, wie sich in
-den Gesprächen Eckermanns mit Göthe aufgezeichnet findet, indem er
-behauptete, daß man eigentlich ein so gutes Sujet haben müsse, daß
-man es ohne Musik, als ein bloßes Stück geben könne. »Die Componisten
-begreifen nicht die Wichtigkeit einer guten Unterlage,« endete er.
-
-Nun verbreitete sich der Baron über mehrere Gegenstände der
-Wissenschaft und Kunst, und ich gestehe, nie ein reiferes,
-überzeugenderes Urtheil über alle Gegenstände, als von diesem Manne
-gehört zu haben. Es wurde mir, dem Zwanzigjährigen, wunderbar bei
-diesem Nestor zu Muthe. Mich tröstete zwar der Gedanke, noch lange
-hin zu haben, bis zu vier und achtzig Jahren, aber in meines Nichts
-durchbohrendem Gefühle, fand ich mich doch von diesem Weisen tief
-entmuthigt. Er fragte nun nach meinem Namen, wußte nun sogar, daß meine
-Familie zu den Osterstadern Junkern gehöre, welche man spottweise
-einmal »Bohnenjunker« genannt hat, machte mich aber für diesen Scherz
-gleichsam, noch begütigend, auch wieder darauf aufmerksam, daß es schon
-Kobbe’s unter Karl dem Großen in jener Gegend gegeben habe. Ich sperrte
-sehr den Studentenmund auf, so viel Notizen über meine Familie bei
-einem süddeutschen Baron zu finden, noch mehr aber erstaunte ich, als
-er mich auf das dänische Handwörterbuch von Müller verwies, und mir zu
-gleicher Zeit erklärte, daß ich eigentlich meinen Geschlechtsnamen
-dem Seehunde verdanke. Wirklich ergiebt dies Lexicon, daß Kobbe --
-Seehund, besonders in Norwegen bedeutet. Nach Heibergs Vermuthung ist
-der deutsche Name Robbe nur aus dem falsch gehörten Kobbe entstanden.
-
-Das Desert wurde aufgetragen.
-
-»Apropos, lieber Herr von Kobbe,« begann der Baron, indem er mir eine
-Priese darbot, »Sie sind ja ein Holsteiner, und werden den Grafen
-M. v. N. kennen?« Ich bejahte dies. »Graf M. war der Vater meines
-Jugendfreundes, dessen ich im ersten Capitel dieser Schrift gedacht
-habe.« »Nun so müssen Sie mir Ihr Ehrenwort geben, eine Forderung an
-ihn auszurichten.« »Wenn es nicht auf Tod und Leben ist,« versetzte
-ich, mich an das unglückliche Duell meines Freundes in diesem
-Augenblick erinnernd. »Es ist eine Forderung«, entgegnete er, »aber
-keine Herausforderung. Der Graf M. hat mir eine Dose von Segeberger
-Kalk versprochen.«
-
-»Von Segeberger Kalk?« fragte ich gedehnt.
-
-»Ja, von Segeberger Kalk. Sie müssen wissen, lieber Herr von Kobbe,
-daß ich nur Eine Liebhaberei habe für die ich lebe. Es ist die, meine
-Sammlung von Schnupftabacksdosen zu vermehren. Ich habe deren jetzt
-gerade so viele, wie Tage im Jahre, dreihundert fünf und sechszig.
-Ich nehme keine Doublette, ich habe nur Eine goldene, Eine silberne,
-Eine kupferne, aber ich suche sie von allen Stoffen auf der Welt
-zusammen zu bringen. Hier auf der selben Stelle, wo Sie sitzen, lernte
-ich den Grafen M. kennen. Wir erlebten hier einige frohe Mittage,
-namentlich erinnerten wir uns unseres gemeinschaftlichen Freundes, des
-Dichters Baggesen, von denen ich ihnen noch eine komische Geschichte
-zum Besten geben muß, die er mir selbst erzählt hat. Baggesen war
-bekanntlich ein großer Freund der Franzosen und Napoleons und eben
-deßhalb in Kopenhagen nicht gut angeschrieben. Eines Tages wurde er zum
-Polizeiminister K. gerufen, dem bekannten wüthenden Napoleonisten. »Sie
-müssen funfzig Thaler Strafe bezahlen, Baggesen,« redete ihn K. an,
-»weil Sie gegen die Polizeiverordnung geschrieben haben!« »Das wüßte
-ich nicht Ew. Excellenz«, erwiederte Baggesen, »ich bitte mir dies zu
-belegen.«
-
- * * * * *
-
-K. holt die Polizeiverordnung. B. läßt sich mit der Versicherung, daß
-erst am Morgen das Gesetz gelesen, gegen welches er peccirte, nicht
-abweisen. Endlich zeigt ihm dieser einen Artikel, welcher lautet:
-
- »Es soll bei hoher Strafe verboten sein, etwas gegen unsere
- Alliirten zu schreiben; und Sie haben etwas gegen Napoleon
- geschrieben,« endete er.
-
-»Das habe ich allerdings gethan, Ew. Excellenz! aber zu einer Zeit, als
-Sr. Majestät, unser Allergnädigster König, Napoleon den Krieg erklärt
-hatte, ich sehe keine strafbare Handlung darin.« »Baggesen!« erwiederte
-der Minister vorstellend, »so viel Logik werden Sie als Doctor und
-Poet doch wohl haben, daß wenn es bei +großer+ Strafe verboten ist,
-etwas gegen unsere Alliirten zu schreiben, es doch bei kleiner Strafe
-verboten sein muß, etwas gegen die zu schreiben, welche nicht mit uns
-alliirt sind.«
-
-»Das kann ich nicht zugeben«, versetzte der Dichter lächelnd, »das
-kommt mir eben so vor, als wenn man sagen wollte, weil es bei hoher
-Strafe verboten ist, die Frauen Anderer zu umarmen, so müßte es doch
-bei kleiner Strafe verboten sein, seiner eigenen Frau ein Gleiches zu
-erweisen.«
-
-Das Gespräch tournirte sich jetzt wieder auf die Dosen, worauf der
-alte Herr nach allen Excursionen in das Gebiet der Kunst und der
-Wissenschaft wieder zurück kam. »Wie gefällt Ihnen meine Liebhaberei«,
-fragte er mich sogar einmal.
-
-»Sie ist allerliebst und einzig in ihrer Art,« versetzte ich mit
-Schonung. »Ich fühle mich selbst trotz meiner Seehund-Qualität davon
-ergriffen.«
-
-»Ja, es ist eine schöne Liebhaberei,« versetzte der Alte ernst, »aber
-Gott bewahre Sie davor, sie macht einen fast zum Narren. -- Denken Sie
-sich,« fuhr er dann heiterer fort, »früher hatte ich die lächerliche
-Passion für Pfeifenköpfe und besonders meerschaumene zu sammeln. Da hat
-sich doch mein Geschmack jetzt um Vieles geläutert.«
-
-Es war bei diesen Unterhaltungen Abend geworden, der Baron erhob sich,
-mich führte die Neugierde in das Theater. Aber ich ennuyirte mich
-dort, es wurde eins von den niederträchtigen Conversationsstücken
-gegeben, womit man jetzt alle Bühnen überfluthet. Ich danke Gott, daß
-ich unverheirathet bin und daß ich nicht roth zu werden brauche, wenn
-meine Frau im Theater gewesen ist und ein Stück wie den beliebten
-»Ball zu Ellerbrunn,« und in demselben den Commissionsrath Zucker,
-seine Frau Gemahlin und dergleichen Charactere bewundert hat. -- O
-lieber Vater Schiller! wie hatten die Recensenten Recht, aber wie
-schrecklich versündigten sie sich auch, als sie nachwiesen, daß deine
-meisten Menschen nicht lebensfähig, zu göttlich oder wie man sie auch
-nennt »Ideale« seien. -- Das kann man freilich von den jetzigen nicht
-sagen, sie sind nur zu natürlich, aber auch von der Sorte, daß, wenn
-alle Personen einer solchen Komödie mit meiner Hündin Diana in das
-Wasser plumpsen, ich es vor Gott verantworten will, wenn ich meine
-Vierfüßlerin, welche durch ihre Treue das Thier besiegt hat, _par
-preference_ vor diesen entgöttlichten Menschen, rette.
-
-Eine Pause erregte in mir das Bedürfniß ein Glas Bier zu trinken. Wie
-jener ein herrliches Haus gebaut aber die Treppe vergessen hatte, so
-haben die genußsüchtigen Frankfurter zu spät an eine Buvette gedacht,
-die sich noch jetzt in Form einer kleinen Barbierstube im Theater
-befindet. Indessen wird auch hier kein Cerevis dispensirt, ich war
-daher in ein benachbartes Haus gegangen, wo der braune Stoff mir auf
-Begehren von einer freundlichen Wirthin gereicht wurde.
-
-In dem Gastzimmer saßen Frankfurter Bürger zweiten Grades. Die
-Primasorte ist daran zu kennen, daß sie auf den Rath, der doch nicht
-rathlos ist, auf den Bundestag, der doch viel schweres Geld dort
-verzehrt, und auf die schlechten Zeiten schimpft, wobei sie für so viel
-Geld Wein vertrinkt, daß sie wenigstens in ihrem Rayon die schlechten
-zu guten Zeiten machen könnte. Es waren vielmehr nur jüngere
-Professionisten dort zu sehen, alle fröhlichen Gemüths, die noch zu
-wenig Misantropen schienen um Unzufriedenheit zur Zufriedenheit zu
-gebrauchen, Ihre Reden gefielen mir, ich setzte mich zu ihnen -- willig
-machten sie mir Platz.
-
-Mein Bier folgte mir. Ich bemerkte, daß das Getränk der übrigen viel
-heller war als das meinige.
-
-Ich forschte nach der Ursache.
-
-»Wir trinke Eppelwein,« war die Antwort. --
-
-»Apfelwein, Cider?« fragte ich halb verwundert nicht ohne eine Art
-Mitleiden.
-
-»Ja mein Herr, ziehe Sie nur die Achsel, Sie habe gewiß nit ander als
-saure Eppelwein getrunke. Aber dieser Eppelwein ist gut. Nit wahr meine
-Herre, Eppelwein und Eppelwein das ist ein Unterschied?«
-
-»Ei freilich,« versetzten die Angeredeten, »Eppelwein und Eppelwein das
-ist ein großer Unterschied.«
-
-»Wenn ich meinetwege,« fuhr der Redner fort, »in Bockenheim zwei
-Schoppe Eppelwein getrunke habe, und mein bester Freund sagt mir ein
-ehnziges Wort, so fang ich gleich Krakeel an, trinke ich aber von dem
-Eppelwein hier, meinetwege acht Schoppe, so bleibe ich fromm wie ä
-Lamm. Aber das ist natürlich denn, nit wahr meine Herre! Eppelwein und
-Eppelwein ist ä großer Unterschied?«
-
-»Das glaub ich, Eppelwein und Eppelwein ist ä Unterschied«, erscholl
-von allen Seiten die Antwort.
-
-»Ich bin ä Schreiner, ich muß zuweile nach Sachsenhause wo mir meine
-Kunde Eppelwein vorsetze. -- Ja, wenn ich dann Maaß nehm, verpaß ich
-gar leicht ä Stück Möbel, wenn ich aber hier von diese Eppelwein
-getrunke habe, da mach i ä Sarg, bloß nach de oberflächlichste Anblick
-und ich steh’ dafür, daß der akkerat für de Todte paßt ohn ihn zu
-geniere. Aber nit wahr meine Herre! Eppelwein und Eppelwein ist ä
-großer Unterschied?«
-
-»Ei freilich,« bemerkte der Chorus. »Eppelwein und Eppelwein ist ein
-großer Unterschied.«
-
-»Ja meine Herre, ich schwätz viel über die Eppelwein aber er kost
-mich auch schon was,« fuhr der Tischler fort und heftete nicht ohne
-Melancholie sein Auge auf das eben gefüllte Glas. »Ich mein als nit die
-Sechsbäzner, die ich meinetwege dafür ausgegebe habe, er kost mich auch
-ä Onkel und ä Braut --«
-
-»Das wäre viel für Rheinwein und Champagner,« bemerkte ich, »aber für
-Apfelwein nach meinem geringen Ermessen doch zu viel.«
-
-»Sehe Sie,« sagte er, »ich hab in Zwingeberg ä Onkel gehabt wo
-kinderlos war und ä angenommene Tochter hatte. Des Mädel ist die
-Tochter von ä Baiersche Offizier, wo vor Hanau erschossen ist. Die
-Babett ist ä schönes und gutes Mädche und wir ware halb wege einig,
-und der Onkel wo mein Herr Vettrich (Gevatter) ist, war auch damit
-einverstande. Aber zum Unglück machte der Onkel selbst Eppelwein und
-de miserabelste verfluchteste wo ich in meinem ganze Lebe getrunke
-hab’. -- Damit wollt er mich nun allezeit tractire und ich mußt ihn
-mir gefalle lasse, auch kam mir der Sauerampfer von Wein nit so
-spottschlecht vor wenn ich ihn auf das Wohl der mich so freundlich
-anblickende Babett hinunter stürzte.« »Gelt Joseph?« pflegte denn mein
-Onkel zu sage, »mein Eppelwein ist besser als dei Frankfurter?« --
-Ich nickte fast allemal ein »Ja« und erfreute dadurch meinen dicken
-rothnasigen Oheim nit wenig. -- Da begab es sich, daß wir an eine
-Sonntag in das benachbarte Bad Auerbach fuhre. -- Kenne Sie Auerbach
-und de Wirth Dieffenbach?«
-
-»Ob ich sie kenne? auch die heilige Justiz, welche von einem
-bucklichten Schneider dort verwaltet wird,« entgegnete ich fast
-verstimmt.
-
-»Es ist dort schön, gelte Sie?« fuhr der Apfelwein-Panegyricker fort.
--- »An dem Tag wurde ich mit Babett ganz einig, wir gelobte uns Herz
-und Hand und beschlosse unsere Angelegenheit noch an demselbe Abend de
-Onkel vorzutrage. -- Der mogt auch schon was davon gespürt habe, er
-sah so piffig aus, und war kreuzfidel dabei. -- Leider kam er auf die
-Unglücksidee Champagnerwein komme zu lassen.
-
-»Nun, der ist doch besser wie Apfelwein?« fragte ich.
-
-»Ei Gott bewahre,« entgegnete der Redner. »Des ist der schlechteste
-Wein wo uf der ganze Welt wächst. Der macht Eine ganz verrückt. Wann
-ich Champagner getrunke hab da werd ich so wüthend wie ä wild Thier,
-wann mir Ener nur en einzig Widerwort giebt.«
-
-»Geriethen Sie denn durch den Champagner gar in Streit mit Ihrer
-Babett,« forschte ich.
-
-»Nein des nit«, erwiederte der Schreiner, »es ging auch im Anfang mit
-de Onkel gut. Ich hielt mich wunderbar. Als wir aber zu Haus angelangt
-ware, da reitet ihn der Teufel, er verlangt ich soll Eppelwein mit ihm
-trinke.«
-
-»Nun und das wollten Sie nicht?«
-
-»Ich konnte keine halbe Schoppe hinunter bringe. Der Onkel drang
-indessen darauf, daß ich mit ihm von seine Necktar trinke sollte. Ich
-erklärte ihm jetzt, durch de verdammte Champagner zu ä Plaudertasch
-gemacht, daß unter Eppelwein und Eppelwein ä grosser Unterschied sei
-und daß ich den seinige für hundsschlecht erkläre müsse. -- Das reizte
-aber de Alte fürchterlich. Geh, rief er aus, ich will als nichts mehr
-mit eine so ungerathene Bub zu thun habe. Du bist nit mehr mein Neveu,
-ich bin nit mehr dein Vettrich und Oheim. Wer nit mei Eppelwein trinkt,
-der ist nit von meine Blut. -- Ich blieb die Antwort nit schuldig, der
-Wortwechsel führte zum Handgemenge. Der Onkel rief seine Leute, man
-drängte mich als zum Tempel hinaus warf und mir meine Effecte nach.«
-
-»Komm mir nit wieder vor de Auge oder ich hetz meine Hund auf Dich,«
-ware die letzte Worte, die mein fast vor Wuth erstickende gewesene
-Erblasser mir oben aus Babetts Fenster zurief. -- Ihr Schluchze das ich
-obe zu vernehme glaubte, fing an mich zu entnüchtern. Dieser Proceß
-wurde noch vollends durch eine Platzrege vollendet, der mir uf de Kopp
-fiel.«
-
-»Als ich am andere Morge meine Rausch verschlafe, eilte ich von
-Verdruß, Beschämung und Liebe gespornt in das Haus meines Oheims.
-Aber wie erschrack ich als ich von der alte Haushälterin die
-Schreckensnachricht erfuhr, daß mein alter Oheim Müller schon seit drei
-Stunde mit Babett nach Italien abgereis’t sei. -- »Sei letztsch Wort
-ischt ä Fluch über Sie gewese,« endete der alte schwäbische Drache.«
-
-»Was war zu thun? Weder meine Zeit noch mein Geschäft (ich wurde
-dermale stündlich in Frankfurt zurück erwartet) erlaubte mir, de Oheim
-nachzureise. Ihm oder der Babett zu schreibe war auch total unmöglich,
-da ich ihre Address nit wußte. Ich ergab mich in Geduld, deren schon
-mürb gewordener Fade freilich am Ende vollends riß, als ich in der
-Frankfurter Oberpostamtszeitung nach einem Vierteljahre vollends las,
-daß mein Bräutchen Babett Reichard in Mühlheim mit eine Badischen
-Parrer verheirathet sei. Sie hatte sogar die Unverschämtheit mir diese
-Schritt selbst anzuzeige, indem sie denselbe damit entschuldigte,
-ihr Pflegvatter, mein Oheim habe ihr keine Ruh gelassen, bis sie de
-Bewerber nähm und ihr mit völliger Enterbung gedroht, wenn sie den
-Eppelwein-Verächter, womit er mich gemeint, nähm. Sie fügte noch am
-Ende die beide leidige Sprichwörter hinzu: Man muß aus der Noth eine
-Tugend mache, ich aber sollte mich mit dem Satz tröste: Ein ander
-Städtche ein ander Mädche.«
-
-»Es sind jetzt vier Jahre verflosse seit jener Zeit. Ich bin
-anderweitig verheirathet und hab Gott sei Dank ä gute Frau bekomme. Der
-Onkel hat sich längst todt gesoffe in seine saure Wein und die Babett
-ist ungesund und harthörig geworde. -- Ich sag oft zu mir selbst wer
-weiß wozu de Geschichte gut war. Und ich kann behaupte, der Eppelwein
-hier schmeckt mir immer noch mal so gut, wenn ich dran denk, wie ich
-ihn vertheidigt und so viel um ihn verlore habe. Und darum bleib ich uf
-meine Satz. -- Eppelwein und Eppelwein ist ä Unterschied.« --
-
-Ich aber stimmte in die nunmehro auch erlernte Rundrede: »Eppelwein
-und Eppelwein ist ä großer Unterschied,« und verließ den großen
-Eppelweinmärtyrer, der wie so viele Menschen doch nur einer einzigen
-leichtsinnigen Minute sein ganzes Unglück, seinen Stoizismus und seine
-Begeisterung für den Eppelwein verdankte.
-
-Während seiner Rede, die übrigens immer auf einen und denselben Satz
-hinauslief, war ich lebhaft an die Shakespearsche Rede des Antonius
-erinnert und an seinen Refrain:
-
- Doch Brutus sagt: daß er voll Herrschsucht war,
- Und Brutus ist ein ehrenwerther Mann.
-
-Diese Geschichte wäre übrigens wohl aus meinem Gedächtnisse
-entschlüpft, wenn sie nicht eine Lieblingsanekdote meiner Freundin, der
-Haizinger, der ich sie einmal erzählte, geworden wäre. Diese empfängt
-mich fortwährend lachend mit den Worten: »Eppelwein und Eppelwein ist ä
-großer Unterschied.«
-
-Es war schon ziemlich spät als wir am Abend in Gießen anlangten,
-wo, wie noch vor wenigen Jahren, außer einigen Scheiben gekochten
-Schinkens nur zwei wunderliche Dinge -- ein ganz trüber Punsch und ein
-Salat zu haben, wovon der letzte zu reichlich mit Spinnradöl getränkt
-war. Indessen traf ich vor dem Posthause zwei ehemalige Heidelberger
-Corpssisten, nunmehro Gießener Burschen, mit denen beiden ich oft auf
-der Mensur gestanden hatte, die aber jetzt nach Walhalla-Comment mir
-um den Hals fielen und nicht abließen bis ich ihnen folgte und die
-Stunde, während die Post in Gießen anhielt, in ihrer Burschenkneipe mit
-ihnen verplauderte und verzechte. Das ganze Gespräch enthielt nichts
-als eine gegenseitige Anerkennung und wie sehr es zu beklagen sei,
-daß man nicht zu unserer Zeit schon eine freundschaftliche Verbindung
-zu Stande gebracht habe. -- Solche weise Todtengespräche werden einst
-in dem ihnen angewiesenen Aufenthalt die jetzigen Diplomaten nach
-ihrem Tode über die Orientalische Frage führen. Es ist übrigens eine
-traurige Erfahrung, daß die meisten Menschen erst dann anfangen sich
-lieb zu haben, wenn Einer den Andern verloren hat. Und da hat man denn
-den scheinbar frommen Satz geschaffen: _De mortuis et absentibus nil
-nisi bene_. Dummes Zeug, lieb nur die Lebenden und Gegenwärtigen. Damit
-ist dem lieben Gott weit mehr gedient als mit eurer Kanonisirung nach
-dem Tode, die ohnehin nicht lange vorhält. Ich bin wenigstens auch in
-diesem Punct der Meinung des lieben Gottes. Habt mich lieb so lange
-ich lebe, nach meinem Tode redet was ihr nicht lassen könnt. Eure
-Seegnungen, eure Flüche verhallen hier doch auf Erden, der berühmteste
-Mensch wird doch am Ende durch die ewig retouchirenden Historiker
-entstellt, ein Fabelthier wie Tell, ein Wilddieb wie Shaekespear, und
-verwandelt sich am Ende gar wie eine Metamorphosen-Puppe und noch dazu
-geblendet, in viele kleine -- wie der gute Homer.
-
-Fast wäre ich von Gießen, anstatt nach Cassel, wieder nach Frankfurt
-zurück gefahren, und wäre sonach der Traum meines Heidelberger
-Universitätsfreundes in Erfüllung gegangen. Denn beide Posten waren
-zusammen getroffen, und ich hatte die Direction der Diligencen
-verwechselt. Allein zum Glück hatte der Conducteur die Häupter seiner
-Lieben gezählt und mich wie ein Gesandter reclamirt.
-
-»Es fehlt uns noch ein Herr,« rief unser Schutz- und Schirm-Meister,
-»der wird indessen erst eine Viertelstunde von hier einsteigen.« Und so
-geschah’s. -- Nach Verlauf dieser Zeit hielt der Postwagen und unter
-heftigem Weinen lagen zwei Männer, in einer mehrere Minuten dauernden
-Abschiedsumarmung. Der eine war ein mit einem Mantel bekleideter
-Offizier, auf dessen Brust zuweilen einige Ordenskreuze hervorblitzten.
-Der Scheidende war hingegen angethan wie ein wohlhabender Gutsbesitzer.
-Er riß sich jetzt gewaltsam aus den Armen des Andern, der die seinigen
-mit den Worten ihm nachstreckte:
-
-»Bruder! mein theurer Bruder! ich besuche Dich!« --
-
-»Sei kein Thor,« sprach dieser kaum verständlich, »wir bleiben im
-Geiste ewig bei einander, aber bedenke Deine Stellung. Noch Eins, laß
-die Mutter ewig im Irrthum, ich schreibe Dir von Kassel.«
-
-Und nach diesen Worten nahm er den ihm vom Conducteur angewiesenen
-Platz im Cabriolet ein, aus dem er den laut weinenden zur Salzsäule
-gewordenen Offizier so lange thränenlos und düster in den hellen
-Mondschein hinein nachstarrte, bis ein mitleidiger Baum zwischen beide
-trat, und der Hals sich in sein Wagenhäuschen zurückzog.
-
-Unsere Gesellschaft im Innern des Wagens bestand außer meiner Wenigkeit
-aus einem angeblich gewesenen holländischen Rittmeister von Z.. nebst
-seiner Frau, der von einer kärglichen Pension in Manheim lebte und
-einen kuriosen Nebenerwerb, einen Verkauf von überjährigen (in Saat
-geschossenen) Taschenbüchern betrieb, und aus zwei Brüdern Berliner
-Tabackshändlern, die ich Derene nennen will und die angeblich von den
-französischen Refügiés abstammten. Drollig war es, daß der eine ein
-doppeltes Kinn hatte, während dem andern diese Gesichtszierde fast
-ganz versagt war fast nur einen inkompleten Puppenkopf darbot. Solche
-Versehen kommen indessen in Familien nicht selten vor und müssen wol
-in den himmlischen Fleischhallen von der zu eilfertigen Natur begangen
-werden. Hatte ich doch in Uetersen zwei Schulkameraden »Gebrüder
-Richter,« von denen »Ferdinand,« der ältere, ein doppeltes Ohrläppchen
-am rechten Ohr hatte, wogegen dem nachfolgenden »Fritz« diese Ohrzierde
-an derselben Seite gänzlich fehlte. In der That macht mich der Gedanke
-oft traurig, denn ich habe einen sehr magern Bruder und bilde mir oft
-ein, daß ich, der corpulentere, dessen Fleisch durch irgend eine
-Engel-Culpa an mich gebracht habe, von dem man freilich nicht sagen
-kann, daß unrechtes Gut nicht gedeiht.
-
-Wir fünf erschöpften uns in Muthmaßungen über den wunderlichen Fremden
-und über dessen Verhältniß zu dem Offizier. Daß er ein Spitzbube sei,
-war unter den Vieren ausgemacht, nur wußte man nicht recht, in welche
-Klasse des Fieskoschen Mohrs man ihn bringen sollte. Demagogen waren
-damals noch nicht erfunden, die liebe Klatschsucht lag auf der Folter.
-
-Mir hatte der Mann imponirt und ungemein gefallen, was sich auf
-jeder Station trotz seiner Einsilbigkeit sehr vermehrte. An die
-andern richtete er kein einziges Wort, ja er behandelte sie sichtlich
-hochmüthig, und vereitelte den vor Neugierde Platzenden durch seine
-knappen Antworten alle Fragen nach seiner Person. Die beiden Berliner
-waren ein vollkommner Typus des preußischen Residenzler ihres Schlages.
-Und so mag denn für meine humoristischen Leser hier eine ihrer Dialogen
-stehen, welche das Brüderpaar damals führte und bei meiner mündlichen
-Ueberlieferung jederzeit eine günstige Aufnahme gefunden hat. Möge Herr
-Brennglas mir vergeben, wenn ich hie und da das Berliner Idiom nicht
-ganz täuschend reproducire. --
-
-Es war von Schriftstellern die Rede. Wahrscheinlich suchte der
-Holländer, der dieses Gespräch auf das Tapet gebracht hatte, durch
-den verminderten Septimaccord der Conversation schon damals seine
-Taschenkalender feil bieten zu können.
-
-»Schriftsteller? Es giebt nur ehnen Ehnzigen;« fiel der ältere Derene
-ein, »dat is der Satiricker Friederich.«
-
-»Kennen Sie den nich?« begleitete der Jüngste.
-
-Ich nickte bejahend.
-
-»Hören Sie Mal Menneken!« hub der Primogenitus gegen den Rittmeister
-an, »den müssen Sie lesen, det ist der erste deutsche Dichter, des
-sagt mein Kousin och, und der hat Recht. Wissen Sie wie ich zu dessen
-Lectüre gekommen bin?«
-
-»Wie sollte ich das wissen?«
-
-»Hören Sie Mal, durch den wunderlichsten Zufall von die Welt. Als wir
-noch unsern ersten Tabacksladen etablirt hatten, wohnten wir in de
-Friedrichsstraße Nummer 46.«
-
-Der jüngere Defrene berichtigte die Nummer.
-
-»Um die Zeit wohnte bei uns ein Kammergerichtsrath der sich »Meier«
-nennen that. -- Ehnes Tages sagte er mich: Sagen Sie Mal Herr Defrene
-können Sie mich wol ehn Bette leihen uff acht Dage, ein Freund will
-mir in die Zeit besuchen. Es war des uff en Mittewoch.«
-
-»Ne Bruder! es war uff en Donnerstag,« verbesserte der _minor natu_.
-
-»Des ist Parthie egal,« beschwichtigte der ältere. »ich sagte ihm
-gleich, dat wir in Compagnie handelten, mein Bruder und ich, weshalb
-wir uns noch bis auf die heutige Stunde »Gebrüder +Defrene und
-Compagnie+« schreiben, und det wir nie ohne einander thun thäten, des
-ick aber ett ihm zusagen wollte, wenn wir ehn Bette wirklich haben thun
-thäten.«
-
-»Ick rief denn gleich unsere Haushälterin. Weßt Du wol Bruder, det war
-damals de rothe Lise?« --
-
-»Ne«, fiel die Opposition ein, »de lahme Jette von Strahlau, de
-Geliebte von den russischen Jelehrten.«
-
-»Parthie egal, meinetwegen, die Jette »Jette!« rief ick, haben wir noch
-Bettzeug genug für einen Freund des Herrn Raths, der ihm uff acht Tage
-+hier+ zu besuchen, die Freundschaft thun will.«
-
-»+Jette+, ick meehne +Lise+, sagte, das Ding soll vielleicht wol
-angehen duhn, und der Herr Kammerrath war mit diese ungewisse Aeußerung
-dicke zufrieden. Er war überhaupt ehn sehr zufriedener Mensch und
-dabei unverheirathet wie wir Gebrüder Defrene.«
-
-»Ich hatte mir nig weiter um den ganzen Besuch bekümmert, aber nach
-Verlauf von ehnigen Dagen wurden jrade die Räuber von Schiller jejeben.
-Haben Sie wol Mal Carl Moor von Devrient jesehen?«
-
-»Bruder! Devrient spielt den Karl nicht, sondern den unrejellen Bruder,
-den +Franz+,« fiel der Ohrlappenberaubte ein.
-
-»Des ist ejal,« replicirte der Senior, »jenug dat er den Moor so
-hinreißend spielte dat ick so in Gedanken war, dat ick gar nig druf
-weiter rejardirte als mich Lise rapportirte, dat der Fremde bei den
-Herrn Kammerjerichtsrath anjekommen sei und mich einen Zettel von
-die Polizei in die Hand drückte, wo der Name von den Fremden uff
-geschrieben stund. Ick las ihn jar nich Mal und steckte ihn mithin
-unjelesen in die linke Westentasche. Denn warum? immer sah ick den
-leibhaftigen Moor für mich, jrade in den Moment wo er beten will und
-nich kann. Hu! des ist jräsig!« --
-
-Genug die Geschichte war uff en Donnerstag --
-
-»Uffn Freitag,« verbesserte der jüngere Defrene.
-
-»Nu, uffn Donnerstag,« beharrte der Erzähler.
-
-»Wie du leugnest dat es uff’n Freitag war?«
-
-besserte jener. »Sieh! ick beweise es Dich. War nicht der Cousin uff
-den nächstfolgenden Sonntag bei uns?«
-
-»Ja Brüderken! Du hast Recht,« versetzte der Aeltere durch den
-unlogischsten aller Gründe völlig überzeugt, und ließ dieses Mal
-sein versöhnendes »Et is ejal,« sogar weg. »Also jut, des wer uff en
-Freitag. Am Sonntag war mein Cousin bei mich, det is der gebildeste
-junge Mann den ich in janz Berlin kenne. Er hat den Feldzug mitjemacht
-und wenn er oog eigentlich jar nich im Feuer jewesen ist, so kann er
-doch jede Schlacht haarkleen von A bis Z erzählen, und was noch mehr
-sagen will, er trägt die Medaille.
-
-Nicht immer, wenn Trauer in die Familie ist, trägt er sie aus
-Zartjefühl nich, und oog nich aus Sympathie, wenn er Zahnweh hat,«
-ergänzte Defrene junior.
-
-»Vielleicht auch nicht im Gewitter,« bemerkte ich, denn Eisen zieht an.
-
-»Deß weeß ich jrade nicht, aber es ist ejal,« fuhr der Referent
-fort. »Also, jenug, an den Sonntagmorjen probirte unser Cousin unsre
-neusten selbstjemachten ächten Hannahcigarren. Da jing plötzlich die
-Thüre, und es trat ein Herr herein, der sich als der Gast vom Herrn
-Kammergerichtsrath persönlich ankündigte.
-
-»Ich bat ihn sehr artig, sich zu setzen, er aber bedauerte dieses
-enige nich zu können. Mein Bruder, der jrade dem Vetter eenen
-kleenen Schnapps präsentirt hatte, schenkte ooch dem Fremden so ein
-verjoldetes Glas aus unsern Flaschenkeller, den unsre Voreltern bei die
-Religionsverfolgung noch mit aus Frankreich mitgebracht haben, ein, und
-präsentirte es dem Fremden, welches dieser auch sofort annahm. --
-
-»Erst dankte er, alleene, ich nöthigte ihn zwei Male, wor’uff
-er sich nicht länger excüsirte,« unterbrach der Correferent den
-Berichterstatter, welcher verweisend fortfuhr:
-
-»Et is ejal, jenug er trunk ihm. Aber der Herr war erschrecklich
-bebberig, er zitterte so unjeheuer, dat er meinen Cousin, der immer
-sehr nach die Mode jekleidet war und dieses aparti vorzüglich
-am Sonntage, das halbe Glas von dem braunen Rum uff seine
-Tricotbeinkleider goß. Während dieser sich nun, in dem Nichtbewußtsein
-das Jedahne verübt zu haben, entfernte, und janz arglos aus die
-Stubenthüre sich mit Einem »ich empfehle mir Sie« gegangen war,
-hatte mein Cousin, der ein ville zu sehr gebildeter Mensch ist
-und ville zu ville Lebensart hat um das Gastrecht zu beleidigen
-und den Fremden aufzubieten, -- doch über die Beschmutzung seiner
-Lieblingsbeinkleider einen so rothen Kopp wie ein Puter bekommen,
-und fing jetzt an, entsetzlich unanjenehm zu werden. -- Als sich der
-Sturm aber etwas verpuhst hatte, da fragte er, wie der Fremde denn
-ejentlich heißen thäte. -- Lise wurde gerufen. Die sagte gleich,
-der Herr hätte ein Vornamen zum Zunamen, des wüßte sie wohl, aber
-jenauer könnte sie den Namen jar nicht beschreiben, -- Ick hätte aber
-ja den Namen für die Polizei von ihr in Empfang jenommen und in die
-Westentasche gesteckt. Und denken Sie sich, ich hatte jrade diselbe
-Weste an, die ich den Freitag jetragen. Und des war ein Glück dat des
-alles so kommen mußte, denn, wäre das nich so gekommen, und es wären
-mich drei Tage verstrichen, so hätte ick Strafe uff der Polizei für
-einen unbeherbergten oder vielmehr unanjezeigten Fremden bezahlen
-müssen. -- Aber kaum hatte ich den Zettel an meinen Cousin jezeigt,
-als dieser janz siegestrunken uffsprang und ausrief: »+Friedrichs+,
-+Schriftsteller+,« jeh heruff und bitt ihn, daß er herunter kommt, er
-kann mir dreist noch zehn Male begießen. +Friedrichs+ der +Satiriker+,
-ist der größte wenn auch nicht gelebt habende, doch leben werdende
-und man kann noch wol sagen lebende Dichter, den es giebt. Sie können
-denken, wie diese wirkliche und nicht jeschmückte Bejeisterung von
-unsern jebildeten Cousin uff meinen Bruder wirkte. Dieses Lob hören
-und gleich nach alle Lesebibliotheken schicken, war das Werk von Ehner
-Minute. Acht Dage waren mein Bruder und ich wie eingespunnt bei die
-satirischen Feldzüge. Kehner wollte heraus wenn ehner vor den Laden
-kam. Ehner las bestimmt im Friedrichs, und blieb uff den Fleck und wenn
-ooch vier Personen Cigarren haben wollten. Aber ick stimme mit meinem
-Vetter darin überein: »Friedrichs ist der größte leben werdende Dichter
-seiner Zeit.«
-
-»Und wie wurde es mit der ferneren persönlichen Bekanntschaft des
-Dichters?« forschte ich.
-
-Ick habe ihn nur ein einziges Mal wieder gesehen, erwiederte Defrene
-etwas kleinlaut, ick sagte ick wünschte mit ihm über seine satirischen
-Feldzüge zu reden. Es versetzte mich aber fast verdrießlich, daß
-er jrade keene Zeit nich habe mit mich darüber zu reden. Ick mußte
-mich den Mund wischen. »Sie wissen, wie die Jelehrten oft sind, so
-schrecklich aparti.«
-
-»Allerdings,« endete ich, und dachte an den Studiosus Meyer und an den
-großen Jean Paul.
-
-Diese Unterhaltungen dauerten im gleichen Genre fort. Da ich keinen
-Spiritus familiaris im Wagen hatte, der die sich entwickelnde
-Lächerlichkeit mit mir theilen konnte, fingen sie an, mich sehr
-zu ermüden. Der Holländer und seine Frau brachten langweilige
-Geistergeschichten auf das Tapet, die mich gewiß in Morpheus Arme
-versenkt hätten, wenn ich überall im Stande wäre, die erste Nacht im
-Wagen schlafen zu können. Ich tauschte daher auf der nächsten Station
-mit dem Conducteur und nahm meinen Platz neben dem räthselhaften
-Fremden ein.
-
-Derselbe zeigte sich jetzt freundlich und gesprächig. Indessen kamen
-wir nur auf ernste Materien. Wir redeten viel über Criminalgeschichten
-und namentlich über den Fonkschen Proceß, der damals viel besprochen
-wurde. Dann wandte sich die Conversation auf entfernte Länder und
-Welttheile. Allenthalben war mein Reisegefährte, der sich immer nur als
-Oeconom ankündigte, zu Hause, wenn sein Urtheil auch fortwährend eine
-düstere, wenn gleich nicht strenge Färbung trug. Seine ganze Person
-schien mir immer mehr ein Geheimniß, ich wurde an den Prinzen mit
-der eisernen Maske erinnert. Indessen konnte ich es zu meinem eignen
-Ärger nicht über mich gewinnen, an dem Schleier zu zerren, welcher die
-Herkunft des Mannes umgab, dessen Dialekt indessen meinem scharfen
-Ohre gar bald die Überzeugung verschaffte, daß mein Mitpassagier ein
-Süddeutscher sei und wol aus der Wetterau stamme.
-
-Es war Abend geworden als wir in Cassel anlangten. Die Gasthöfe waren,
-ich weiß nicht aus welchem Grunde, so überfüllt, daß uns nur drei
-Zimmer angewiesen werden konnten. Die beiden Brüder, Mann und Frau, als
-natürliche Alliirte nahmen je zwei eins in Beschlag, ich vereinigte
-mich mit dem räthselhaften Fremden das dritte zu beziehen. -- Wir
-plauderten hier noch etwa eine halbe Stunde, endlich ersuchte mich mein
-Reisegefährte ihm etwas in das Stammbuch zu schreiben. Ich ergriff das
-Papier, und verglich, noch von Heidelberg her mit Abschiedsschmerz
-erfüllt, die Trennung mit einer Hinrichtung; -- das Schicksal mit dem
-Henker. -- Ich übergab das Geschriebene meinem Stubenkameraden der es
-ungelesen in seine Brieftasche steckte. In dem Augenblick klopfte es an
-die Thüre. Ein garstiger blatternarbiger Kerl trat in das Zimmer. Er
-begrüßte den Fremden fast wie ein Geselle seinen Meister, und fragte,
-ob dieser seiner Dienste bedürftig sei. »Ich werde mit Euch gehen,«
-versetzte der fremde Herr! »Harret meiner nur unten.« --
-
-Ich merkte daß es ihn drängte, brach die Conversation ab und folgte dem
-Geklingel das jetzt zum Abendessen einlud. Er versprach, sobald als
-möglich, nachzukommen. »Wenn ich nicht irre,« setzte er hinzu, »daß er
-leider einen Collegen besuchen müsse.« -- Mir war das wunderlich daß
-ein Oeconom in der Stadt einen Collegen aufsuchte. --
-
-Als ich an die _Table d’hôte_ kam fand ich meine Reisegefährten schon
-in der unverdrossensten Kinnbackenarbeit. Aber kaum gewahrten die
-mich als sie Gabel und Messer niederlegten und mir durchaus à tempo
-zuriefen. »Wissen Sie denn jetzt wer der Fremde ist der oben mit Ihnen
-auf einem Zimmer logirt?«
-
-Ich machte ein verneinendes Zeichen.
-
-»Der Kerl, welcher sich gegen einen Militair und Edelmann so hochmüthig
-beträgt, ist nichts anders als ein -- -- --«
-
-Hiebei machten alle vier mit beiden Händen an ihrem eignen Kopfe eine
-höchst lächerliche Pantomime. Sie thaten nämlich als ob sie sich selbst
-das Haupt aus den Schultern sägen wollten, bis der Redner, welcher sein
-»ist ein« -- noch mehrere Male lang gedehnt wiederholt hatte, mit einem
-
- »+Scharfrichter+«
-
-herausplatzte. Die Berliner meinten, so etwas hätten sie dem »juten
-Freund«, trotz seines Vornehmthuns schon längst anjesehen. Sie
-bedauerten dabei nichts mehr als daß ihr jeistreicher Cousin nicht
-zujegen sei, der hätte dem Scharfrichter mit seinem Witz, wie sie sich
-ausdrückten, +mich nicht dich nichts+ seinen »+hochmüthigen Kopp+« wol
-herunterjehauen. Des wäre eine Scene für Jötter und für Menschen zum
-Todtlachen jewesen.
-
-Die Frau von Z--, wußte aber schon viel mehr specialia, welche sie
-in der Küche gesammelt haben wollte. Nach der Köchin Erzählung sei
-der Scharfrichter ein hessischer Baron, der beim Hühnchenspielen
-als Kind dreien seiner Geschwister den Hals abgeschnitten habe, und
-deßhalb von den Eltern Jahrelang eingesperrt und nachher auf einer
-wüsten Insel ausgesetzt sei. Einer andern unverbürgten Nachricht der
-Nätherin zufolge wäre der Räthselhafte durch Lesung von Räuberromanen
-ein Anhänger von Rinaldini geworden, und hätte als solcher bereits
-experimentirt. Man hätte ihn in das Gefängniß geschleppt, woselbst
-die Familie, um die Schande zu unterdrücken, mit dem Kerkermeister
-durchgestochen und den Tod des Knaben vorgegeben, denselben aber dann
-unter fingirtem Namen in das Ausland geschickt habe.
-
-Ich weiß zwar noch bis zur Stunde nicht wie die Sache zusammen hängt
-und wie das Dienstpersonal in der Küche zu den Notizen über unsern
-Mitpassagier gekommen war, indessen bin ich überhaupt nicht abgeneigt
-etwas Ähnliches, etwa einen leichtsinnigen Jugendstreich, der ihn früh
-von den Seinigen entfernt hat, anzunehmen. Die Schadenfreude aber,
-womit das Vierblatt über den Ruf des armen Scharfrichters herfiel,
-versetzte mich indessen in eine kalte Malice, und versicherte ich dem
-ehrabschneiderischem Quartett, daß das Ganze fingirt und selbst die
-Scene mit dem Offizier der Gießen eine Farce gewesen sei, um seine
-Reisegesellschaft ein wenig zu mystificiren. Sie möchten daher ihren
-malitiösen Glauben nicht zu sehr cultiviren, weil der Mecklenburgische
-Graf sie sonst am Ende gar zu sehr auslachen würde.
-
-Der Ernst, womit ich diese Worte aussprach, erregte einige saure
-Gesichter. Gemeine Seelen empfinden es schmerzhaft wenn Menschen besser
-sind als ihr Ruf. -- Sie haben nicht einmal die Gutmüthigkeit jenes
-Vechtaer Juden, welcher einen Spaßvogel fragte, ob er denn nicht heute
-zur Execution eines Raubmörders nach dem einige Meilen entfernten
-Städtchen Diepholz gefahren sei, und als er die Antwort erhalten, »der
-Befragte habe hingewollt, aber sei zu Hause geblieben weil er die
-Nachricht bekommen, daß der Verurtheilte begnadigt sei,« -- ausrief:
-»Es freut mich für den Menschen -- aber, au waih! geschrieen für meine
-Femilie. Die ist hin zu sehn das Koppabschlagen. Und der Wagen kostet
-mich, bei mein Gesundheit, Einen Thaler acht und vierzig Grote.«
-
-Schon hatte ich beinahe den Scharfrichterverdacht von meinem
-Stubengenossen gewälzt, als die Frau von Z., eine Rheinländerin,
-ausrief:
-
-»Ne dat Ding kann ich nicht globe, de Kechin und das Nähmädchen habe es
-mir Alles zu gewiß erzählt. Ich muß mit de Behde noch ehnmal darüber
-spreche.«
-
-»Ick geh’ mit, mein Kind,« bemerkte der Mann und hinkte seiner eilenden
-Gattin nach, welche die Nachfolge ihres Nicht-Ehegebieters nicht eben
-zu erfreuen schien.
-
-»Brüderken! gehst du noch mal mit in die Küche?« rief der jüngste
-Defrene.
-
-»Et is alles egal,« sprach das bejahende Doppelkinn, »laßt uns Mal
-Ehnen satirischen Feldzug zu die Köchin und zu die Näherin unternehmen.«
-
-Die Quadrupelallianz war bald verschwunden. Ich wartete noch eine
-Zeitlang auf meinen Contubernalen, und folgte, da dieser sich bei
-seinen Collegen zu verspäten schien, der Einladung eines inzwischen
-eingetretenen Officiers, heute die Maskerade im Schauspielhause mit
-anzusehen. Leider war hier Spiel, und zwar das verführerische Roulett.
-Zwei Male kam auch richtig meine Lieblingnummer, »_vingt-sept,
-rouge impair et passe_« heraus; das erste Mal aber, als ich in den
-Saal trat und nicht gesetzt hatte. -- Zum Zweiten, als ich den
-vorhergehenden _coup_ mein letztes Achtgutegroschenstück verloren
-hatte. Glücklicherweise hatte meine letzte Pistole durch ein Loch in
-der Tasche des Beinkleides, sich der allgemeinen Conseription entzogen.
-Sie war in den Stiefel geglitten und bewahrte mich vor gänzlicher
-Armuth. Ich dankte Gott, daß meine Post bis Hannover, wo ich einen
-hülfreichen Universitätsfreund hatte, bereits bezahlt war. -- Unter
-den Zuschauern schien Einer viel Theilnahme an meinen _guignon_ zu
-nehmen. Ich erinnerte mich seit Jahren dankbar. Er gab mir, glaube ich
-sogar, den wohlmeinenden Rath nicht mehr zu spielen, als ich kein Geld
-mehr hatte. Aber wie wunderte ich mich, als ich nach mehreren Jahren
-dieselbe Physiognomie in Nenndorf, als einem Bankier des Hazardsspiels
-angehörig, wiedersah. Dasselbe fromme Gesicht, dieselbe tremulante
-Stimme, dieselben dürren Spielfinger, womit er, wenn das Höllenfeuer
-des Rouletts und des Pharaos ruhte, die Ohren der Kinder seiner
-Pointeurs, mit Liebkosungen und Segnungen bestrich, indem er wol im
-Stillen dachte: »O könnte ich Euch gleich so groß so erwachsen in die
-Höhe ziehn, damit Ihr dasjenige, was Eure Väter noch nicht an mich
-verloren, anbringen könntet.«
-
-Bei dieser Erinnerung an Nenndorf fällt mir ein, daß dort die Hunde
-dem Sprichwort »+Bankier ist ein Hund+« viel Qualität verleihn. Die
-Hauptspieler sind namentlich Bürger aus Hannover, welche an den
-Spieltagen, Sonntags und Donnerstags, theils in Geschäftswagen, theils
-als _chevaliers de demie fortune_ in Einspännern, oder auch wol um
-alles zu verspielen, gar zu Fuß, ihren Feldzug gegen die Blutsauger
-unternehmen. Die vornehmeren betrügen bei ihrer Ankunft gewöhnlich
-ihren Magen, indem sie sich gegenseitig versichern, daß sie noch keinen
-Appetit zum Essen haben, -- und daß sie tüchtig zusammen soupiren
-wollen. »Die essen jetzt nicht, aus Ungeduld an die Bank zu kommen,«
-pflegte der alte Zahn dann wohl prophetisch zu flüstern, »geben Sie
-Acht, die lassen heute Abend die Zeche anschreiben und ich muß Ihnen
-noch Geld zur Rückreise überher geben.«
-
-Die Honoratioren des mittleren Bürgerstandes pflegen in einem
-benachbarten Wäldchen Toilette zu machen, wohin sie auch mit ihren
-leeren Börsen zu ihrer dort oft weidenden Rosinante zurückkehren,
-und dann bei dem Gesange des Spottvogels ihr mitgebrachtes Abendbrod
-verzehren. Der Platz hat davon den Namen »+Schinkenhölzchen+,« und
-ist der heilige Hain aller Hunde Nenndorfs geworden. Denn kaum hat
-ein Banquier die letzten drei Züge gethan, so stürzen die vor dem
-Conversationshause versammelten Vierfüßler nach dem Schinkenhölzchen,
-um dort mit den auf den Hund gekommene Hanoveranern als nachfolgende
-Gäste ein Abendessen zu halten, und die Knochen durch Vertilgung
-derselben, vor der Sünde, wieder ein Würfel zu werden, zu bewahren.
--- An einem Abend, wo mehrere Hanoveraner über Wunstorf nach Hause
-fuhren, kamen die betrogenen Hunde ganz traurig zurück und gewährten
-einen Anblick zum Todtlachen. Sie begegneten den Banquiers welche auch
-gesenkten Blickes gingen, da ein berauschter Student, der auf meinen
-väterlichen Rath mit einem treuen Freunde und seinem Gewinn in die
-Heimath gereis’t war, sie tüchtig ausgebeutelt hatte. Die Blicke der
-Menschen wie der Hunde schienen sich zu verstehen.
-
-Arm am Beutel, krank am Herzen, kehrte ich in mein Hotel zurück. Ich
-fand meinen Scharfrichter im tiefen Schlaf und zwar derb schnarchend,
-ich hätte ihm gerne ein »_dosine tandem carnifex!_« zugerufen, ich
-fürchtete aber, daß er das Schnarchen dadurch nicht, wie August das
-zum Tode verurtheilen, nachlassen würde. Alles Geräusch, selbst der
-Versuch ihn zu wecken, war umsonst, ich legte mich bald rechts bald
-links, der Schlaf floh mich. -- Voll Verzweiflung warf ich mich der
-Poesie in die Arme. Es entstand in dieser Nacht die erste Scene meines
-Burschenerdenwallen, welches später im Jahr 1826 bei Wilhelm Kaiser
-erschienen ist und wovon eine Scene als Probe des ganzen Büchlein, hier
-einen Platz finden mag. Sie ist übrigens eine erlebte.
-
- (Alter Bursch und Fuchs treten auf.)
-
- +Alter Bursch.+
-
- Ich muß dich vor allen Dingen,
- Hier in dieses Wirthshaus bringen,
- Wo der Bursch fast immer kneipt;
- Kannst am Abend wie am Morgen,
- Beim Philister Porzel borgen,
- Wenn er auch oft doppelt schreibt.
- Ich bin ihm schon höllisch schuldig,
- Doch der Kerl der ist geduldig.
-
- +Fuchs.+
-
- Wenn das Tante wüßte, Fritze
- Mir verbot man Kaffeehäuser.
-
- +Alter Bursch.+
-
- O so sprich doch etwas leiser.
- Hört’ man deine schnöden Witze,
- Könnte man ja Wunder denken.
-
- +Fuchs.+
-
- Gott wie magst du Tante kränken.
-
- +Alter Bursch.+
-
- Mutter ist ein Frauenzimmer,
- Fürchtet sich bei Allem immer;
- Doch wie die Philister sagen,
- War Papa als Bursche schlimmer
- Hat sich alle Tag’ geschlagen.
- Ist ein Erzsuitier gewesen.
- Hab seinen Namen im Carcer gelesen.
-
- +Fuchs.+
-
- Fritz! nein ich bezweifle dies,
- Onkel der ist so vernünftig.
-
- +Alter Bursch.+
-
- Nun das werd ich auch zukünftig,
- Wahr ist es auf Cerevis.
-
- +Fuchs.+
-
- In den letzten zwei Semestern
- Sollt’st du wirklich fleißig sein.
- Das versprachst du mir noch gestern,
- So gewiß, und fest; allein --
-
- +Alter Bursch.+
-
- Ja ich will auch, laß das Lästern,
-
- +Fuchs.+
-
- Der verdammte Branntewein!
- Denke dran was du versprochen.
-
- +Alter Bursch.+
-
- Hab’ ich denn mein Wort gebrochen?
- Hab’ die ganze Nacht gewacht,
- Immerfort hab’ ich studirt,
- Nicht gegrockt und nicht gebiert.
-
- +Fuchs.+
-
- Nun, das hast du brav gemacht.
-
- +Alter Bursch.+
-
- Heute mach ich eine Pause,
- Aber jetzt erzähl mir ja,
- Was macht Mutter und Papa
- Und die Schwestern denn im Hause?
- Und wie gehts in unserm Städtchen,
- Insbesondere mit den Mädchen?
- Sprich, was macht Louise Kranz?
-
- +Fuchs.+
-
- Neulich sah’ ich sie beim Tanz,
- Schwer hob sie die Schwanenbrust,
- Gerne wollt ich mit ihr tanzen,
- Doch sie hatte keine Lust.
-
- +Alter Bursch.+
-
- Warum machte sie Speranzen?
- Wenn sie mir das abgeschlagen,
- Hätt’ ich wollen sie curanzen!
-
- +Fuchs.+
-
- Gott! wie kannst du so was sagen?
- Denk dir, ihre Augensterne
- Blickten still und schmachtend nieder,
- Immer sprach sie ach! von dir.
-
- +Alter Bursch.+
-
- Ja sie mag mich höllisch gerne.
- Wenn die Besen sich verkeilen
- Sind sie einmal nicht zu heilen.
-
- +Fuchs.+
-
- Könnt wie du, ich, um sie minnen,
- All mein Leben setzt’ ich dran,
- Diesen Engel zu gewinnen. --
-
- +Alter Bursch.+
-
- Seht mir mal den Crassen an.
-
- +Fuchs.+
-
- Wird Ihr Vetter lange bleiben?
- Fragte sie von Schmerz erweicht,
- Gerne wollte ich an ihn schreiben,
- Doch ich fürchte daß er schweigt.
- Sieh so sprach sie, Du Profaner!
-
- +Alter Bursch.+
-
- Ach der Besen ist halb toll,
- Zwar poussirt hab’ ich ihn mal,
- Aber ich war noch Primaner.
-
- +Fuchs.+
-
- Fritz bei dem verwandten Blute
- Das ja in uns beiden fließt,
- Und so wahr das reine Gute
- Ewig unvergänglich ist;
- Reich Louisen deine Rechte
- Wolle ihr dein Leben weihn,
- Eurem kommenden Geschlechte,
- Will ich Freund und Onkel sein.
- Nie mehr wird mein Auge trübe
- Denn ich denk’ an Körners »Durch«
- Ich veredle meine Liebe
- Gleich dem Ritter Toggenburg.
- Wenn ich dann oft einsam weine
- Daß Dein Mädchen mich verkannt,
- Daß die Holde nicht die Meine!
- Einst mich decket Grabes-Sand!
- Fritz! dann mögest Du ihr sagen,
- Opfer kennt die Liebe keine! --
-
- +Alter Bursch.+
-
- Das ist doch zum Überschlagen!
-
- +Fuchs.+
-
- Marmorstein! wirst du nicht roth?
-
- +Alter Bursch.+
-
- Die Louise Kranz in Ehren,
- Lieber Jung’! ich hab’ kein Brod
- Eine Frau mir zu ernähren.
-
- +Fuchs.+
-
- Willst du denn des Mädchens Tod?
-
- +Alter Bursch.+
-
- Hör’! ich will sie dir cediren,
- Willst du tüchtig Wein poniren!
- Aber nimm es mir nicht krumm.
-
- +Fuchs.+
-
- Hör Elender! du bist dumm.
- Meines Hasses Fackel lodert. --
- Solch ein schändlicher Betrug!
-
- +Alter Bursch.+
-
- Das Wort »dumm« das ist genug.
- Du touchirst, weist nicht warum.
- Aber Fuchs du bist gefordert.
-
- +Fuchs.+
-
- Wohl! ich folg’ zum Waffentanz (ab).
-
- +Alter Bursch.+
-
- Ich bin meiner Seel verplext,
- Wie kann mich der Jung’ touchiren?
- Die verdammte Lise Kranz
- Hat den Bengel wol behext?
- Doch der Fuchs muß revociren
- Millionen Donnerwetter!
- Hört man das im Vaterlande,
- Louis bleibt ja doch mein Vetter,
- Das wär’ eine ew’ge Schande. --
-
-Ich hatte kaum meine Scene beendet, als das Schnarchen meines
-Stubengenossen aufhörte. Er warf sich auf die linke Seite, und alsbald
-strömten einzelne Worte, wie »Vergebung liebe Mutter!« »Folge mir nicht
-lieber Bruder« an mein Ohr! --
-
-Ich horchte, vernahm aber nichts mehr. Da hörte ich plötzlich einen
-gewaltigen Lärmen im Hause. Göttinger Studenten mit Pfeifen im Munde,
-an denen gewaltige Quäste herunter baumelten, traten in mein Zimmer.
-
-»Wo ist die Heidelberger Eminenz?« erscholl es, »wo ist der Secretair
-der Heidelberger Burschenschaft, der Jenenser Deputirte? Er soll mit
-uns trinken und morgen den unpartheiischen Zeugen bei unsern Paukereien
-machen.«
-
-Und als sie diese Worte gesprochen hatten, trat ein Theil vor mein
-Bett, der andere vor das meines Reisegefährten. -- »Laßt den Kerl
-liegen, das ist ein Philister,« scholl es, endlich, während der Herr
-von Leben zum Tode, ganz unbeweglich da zu liegen und offenbar nur
-verstellt zu schlummern schien. --
-
-Aber auf einmal rief wieder Einer der zum Bett des Fremden geschlichen
-war. »Kinder! der Kerl trägt ein Kainszeichen. Das ist gewiß der
-Scharfrichter, von dem der Kalenderverkäufer und die beiden Berliner
-erzählten.«
-
-»Ja wahrhaftig ein Scharfrichter!« riefen Alle. »Und mit dem schläft
-ein Bursch in Einem Zimmer. Das ist gemein, solch einen Kerl müssen wir
-stürzen. Der soll sich mit uns pauken.«
-
-Ich hatte Alles nicht ohne Verwunderung angehört, uns erstaunte dabei
-zu gleicher Zeit über die Frechheit der Studiosen welche in Kassel
-alle Zöpfe trugen. Jetzt aber war meine Geduld zu Ende. Ich sprang aus
-dem Bett und rief: »die Eminenz ist Euer Mann. Hätte ich nur einen
-Secundanten dann wollten wir die Sache gleich abmachen. Ihr seid alle
-dumme Jungen.« Meine Forderung machte eine wunderbare Wirkung, die
-Burschen wurden kleinlaut und zogen, einen Heidelberger Cottillon
-singend, von dannen. Ich verschloß die Thüre und legte mich zur Ruhe.
-
-Aber wunderbar! aus einem großen Wandschranke des geräumigen Zimmers
-traten plötzlich zwei meiner getreuesten Cerevisianer und versicherten
-mir auf Cerevis und Ehrenwort, daß sie mir nur voraus geeilt seien um
-ihre Eminenz würdig zu empfangen. Der eine, der Graf von Schoppentod,
-(es war bekanntlich in der Winterzeit) übergab mir eine künstliche
-Josmine und ein solches Weinblatt, so wie eine wirkliche Monatsrose,
-die von mir gestifteten Ordensembleme, der andere Graf von Bierfedel
-hatte einen ungemein großen Humpen Cerevis in den Händen, den er mir
-mit einigen feierlichen Worten kredenzte. --
-
-Ich wollte den edlen Stoff an die Lippen setzen und Bescheid thun,
-aber, hilf Himmel! der Henkel des Kruges brach und Gefäß und Bier
-stürzten auf die Erde. -- --
-
-Mit einem, »O! über das herrliche Cerevis!« erwachte ich, und merkte
-nun nur zu deutlich, daß ein Traum mich gefoppt hatte; ich wäre
-übrigens in der That auch im Wachen ein solcher Bierheld und Raufer wie
-im Schlaf gewesen.
-
-Unfern meines Bettes saß der Scharfrichter, welcher mich schweigend
-anblickte. - »Sie haben im Traum viel mit ihren Kameraden zu thun
-gehabt,« bemerkte er jetzt. --
-
-Besseres als wie du mit Mutter und Bruder, dachte ich mitleidig
-schweigend. --
-
-Jetzt bemerkte ich erst, daß mein Stubenbursche mein Stammblatt in der
-Hand hatte. Diese schien ihm zu zittern.
-
-»Haben Sie,« fragte er jetzt mit bebender Stimme, »diese Zeilen mit
-irgend einer Beziehung auf mich geschrieben?«
-
-Ich erröthete urplötzlich, da mir die Worte und ihre Misdeutung
-sogleich gegenwärtig waren.
-
-»Ich kann Ihnen versichern,« stammelte ich nach kurzer Pause, »daß ich
-meine Worte wohlwollend und nicht in der mindesten Absicht geschrieben
-habe, Ihnen weh zu thun.« --
-
-»Ihre Gesichtsfarbe straft Sie Lügen mein Herr!« rief der Fremde sofort
-aus dem Zimmer eilend, auf meine Bitten, ruhig da zu bleiben und mich
-anzuhören, nicht ferner achtend. Ich eilte ihm vergebens nach, er floh
-wie ein Besessener davon, und war sofort aus dem Hause.
-
-Mit dem Bewußtsein, in den Augen des Unglücklichen für einen
-erzmalitiösen Menschen zu gelten, schied ich mit schwerem Herzen und
-leichter Börse von Kassel. Noch jetzt verfolgt mich der Gedanke und
-ich habe die Worte des König Philipps begreifen gelernt, wenn er von
-Posa sagt:
-
- »Er dachte klein von mir und starb.«
-
-Aber vielleicht ist mein Reisecompagnon noch nicht todt. Wahrlich!
-ich möchte an alle Scharfrichter Norddeutschlands ein Exemplar dieses
-Buches senden. Vielleicht versöhnte ich den armen gekränkten Hinko
-noch. Wenn’s noch ein scharfer[1] Richter gewesen wäre! Ich kenne
-wohl einige, welche einiger exemplarischen Fingerzeige bedürfen,
-allein die sollen +klein+ von mir denken wenn ich sterbe, dafür
-bin ich ihnen gut oder schlecht. Meine Memoiren, welch nach meinem
-Tode heraus kommen sollen, sind kein Phantom, aber wenn auch kein
-Böttichersohn Klatschereien, denn sie sollen nichts als die _verité_
-enthalten, werden sie doch sehr im Contrast zu den Inschriften auf
-den Leichensteinen stehen, die manchem Lieblosen auf das Grab gesetzt
-werden.
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
- Meine Schuljahre. Etwas über Uetersen. Reise nach Hamburg. Eine
- Fête bei Rainville. Professor Zimmermann. Uebersetzung aus dem
- Terenz. Veit Weber, Prätzel. Travestie der Glocke. Gurlitt. Hipp.
- Strauch Radspiller. Travestie der Kapuzinerrede. Köstlin. Cornelius
- Müller. Die Eiermahnspost. Die Kommersche des Primaner. Der
- Dichterclubb in Altona. Wit von Dörring. Wolff. Palt. Bahrdt.
-
-
-Der geneigte Leser wird mir verzeihen, wenn ich hier einen
-Anachronismus begehe und meinen humoristischen Wanderjahren einen Theil
-meiner Lehrjahre voran sende. Es sind die in Hamburg verlebten, sie
-werden auch für Norddeutschland wenigstens ein gleiches Interesse wie
-meine academischen Reminiscenzen haben.
-
-Es war um Michaelis 1814, als mein Oheim und Vormund mich aus der
-Schule des Rectors Andresen in Uetersen nach Hamburg schickte, um dort
-auf dem Joanneo meine letzte Vorbereitung zur Universität zu empfangen.
-Seit 1804 war ich in diesem Klosterflecken und nach dem im August 1809
-erfolgten Tode meines Großvaters, des dortigen Prälaten Grafen Ranzau,
-(_vulgo_ Peter Graf genannt,) in der Pension des gedachten Andresen
-erzogen. Ich kann nicht sagen, daß ich diesem Manne viel verdanke,
-denn das thue ich leider! aus sehr traurigen Gründen, Keinem, aber das
-wenige Gute, was sich in meinem glücklichen Naturell ausgebildet hat,
--- meinen Haß gegen das Gemeine, meine Schamröthe über das Unsittliche
-und meine Unbeugsamkeit und Verachtung gegen Vornehmere, die nur voll
-von jener Rechtschaffenheit, welche sie nichts kostet, und die sie
-stets auf der gleißnerischen Zunge tragen, nur zu gerne den Stab über
-Menschen brechen, in denen ihnen eine höhere Natur ahndet -- und das
-Motto meiner humoristischen Blätter: »_nil bonum nisi quod honestum_«
--- ich verdanke dies alles ihm dem liebenswürdigen poetischen und wohl
-unterrichteten Manne, dem schwerlich ein Lehrer in ganz Dänemark
-verglichen werden kann, aus dessen Schule so viele ausgezeichnete
-Männer hervorgegangen sind, und der nach sechs und dreißigjähriger
-Dienstzeit im großen Dänischen Staatskalender, einem Veilchen im
-fürstlichen Blumengarten vergleichbar, als unscheinbarer »Rector«
-verzeichnet ist. Indessen werden ihn die Augen seines neuen geistvollen
-Königs schon finden, und dieser die Anerkennung, welche ich hiermit im
-Namen von hunderten seiner Schüler ausspreche, auf irgend eine Weise
-»+königlich+« bestätigen.
-
-An Uetersen knüpfe ich meine liebsten Erinnerungen. Wenn ich recht
-diät lebe, recht vielen Leuten geholfen habe, besonders wenn ich Tags
-vorher recht tüchtig für sie herumgelaufen bin, worin überhaupt meine
-meiste Bewegung besteht, dann träumt mir von Uetersen (»ich lof nich
-für mir selber, ich lof für Andere«, sagt jener Jude). Komme ich
-einmal dorthin, was freilich selten geschieht, so erheben sich die
-Erinnerungen auf meinen Blutwellen, daß mein armes Gehirn Mühe genug
-hat, beide zu beherbergen; ich kenne dort jeden Stein, jede Baumwurzel
-wieder, und beklage es nur, daß alle Häuser kleiner geworden sind, wie
-die aus Rüben gezogenen Gespielinnen der durchlauchtigsten Prinzessin
-Rübezahl, oder daß gar neue Häuser ohne Geschichte die alten Giebel,
-aus denen jedem tausend und eine Erzählungen zu schnitzen wären,
-verdrängt haben. Ja, ich besitze eine solche gute Physiognomik, daß ich
-alle die verschiedenen Geschlechter Uetersen’s mit ihren Abarten, durch
-der Hölle teuflischen Hohn, recognoscire, so daß ich nach vier und
-zwanzig Jahren einen Jungen, der wie ein Contrebandier oder wie eine
-geschwärzte Rübe mit unfreiwillig schmutzigem Gesicht in einer Gosse
-lag, nach seiner Gentilität, durch den Schmutz durch, errieth, und auch
-auf die plattdeutsche Anfrage:
-
- Hehtst Du nich +Jan+ Matzen?
-
-die Antwort
-
- »Ne, Klas Matzen.«
-
-erhielt.
-
-Ich erkenne es übrigens für ein Glück, meine Jugend in einem andern
-Staate, als meine späteren Jahre, verlebt zu haben. Sie ist mir reiner,
-heiliger und frischer geblieben. Am Ende geht es den Menschen wie den
-Kartoffeln: sie gedeihen besser, wenn sie verpflanzt werden. Wenn man
-erst in der Fremde heimisch werden muß, so lernt man den Herrn Jesum
-Christum auch besser erkennen. --
-
-Ich kann bei diesem Simultaneo, Gott sei Dank! eine humoristische
-Iliade und Aeneide singen, und das ist viel werth.
-
-Ich reis’te also von Uetersen ab. Mein Abschied wurde mir damals sowol
-durch die Aussicht, nach Hamburg zu kommen, als durch den Umstand
-erleichtert, daß Uetersen damals von einer gräßlichen Seuche, der Ruhr,
-heimgesucht wurde, welche in dem etwa aus 400 Feuerstellen bestehenden
-Orte damals kaum fünf Häuser, aber auch das unsrige, verschont und
-fast aus allen ein Opfer gefordert hatte. Kurios ist es, daß überhaupt
-Holstein, wenigstens in meiner Jugendzeit, viel heftiger, als irgend
-ein Land, von ihr bedroht wurde, die dermalen viel heftiger wüthete,
-als es irgendwo die menschenmörderische Cholera ihr nachgethan hat.
-Gewöhnlich begann sie im Dorf Kaltenkirchen, welches, wenn ich nicht
-irre, an der Poststraße von Hamburg nach Kiel liegt, und dann sofort
-gesperrt wurde. Ich habe oft über die Gründe dieses endemischen Uebels
-nachgedacht, vielleicht sind die frischen Seewinde daran Schuld, welche
-namentlich des Abends die in der Sommerzeit erhitzte Luft urplötzlich
-kühlen. Euch, lieben Landsleuten! aber will ich vorläufig ein sicheres
-Präservativ gegen diese Krankheit anvertrauen. Es ist dieses ein
-solches, welches ich kürzlich von dem Nichtdoctor, aber geschickten
-Arzt Prießnitz erlernt und sehr bewährt gefunden habe. Tragt in dieser
-Zeit ein nasses, ausgerungenes Tuch um den Unterleib, und stärkt Eure
-Haut dadurch, daß Ihr, sobald Ihr aus dem Bette kommt, Euch eine halbe
-Minute in eiskaltem Wasser badet. _Probatum est_. Merke Du Dir es vor
-allen Dingen, jedesmaliger _pro tempore_ Pastor in Kaltenkirchen!
-
-Mein Weg führte mich über Dummerjan, Jappob, Luhrop[2] nach Hamburg.
-Der Wirth im ersten Wirthshause, welcher mich von Jugend auf kannte,
-ertheilte mir seinen väterlichen Segen. Ich habe aber doch nicht den
-Segen der Dummheit in der Welt gespürt, ohne klug geworden zu sein, und
-verzweifle daher an der Görgentheorie Gellert’s.
-
-Als ich in Altona ankam, wurde ich zu dem prächtigsten Feste geladen,
-das meine Augen je gesehen. Es wurde dies in Altona und zwar in dem
-Rainvill’schen Hotel lediglich auf Kosten des Königs von Dänemark zu
-Ehren der ganzen russischen Generalität und vorzüglich dem General
-Grafen von Benningsen gegeben, und soll nach Einigen 12,000,
-nach Andern 20,000 Thaler gekostet haben. Der ganze, nur für die
-Feierlichkeit erbaute Salon war auf das Geschmackvollste drappirt, und
-wurde während der Abendtafel, wie durch einen Zauberschlag, gänzlich
-umgewandelt, indem man alle Seitenwände mit Bildern schmückte, welche
-die elegantesten russischen Bauten und Gegenden darstellten. Ich
-vergesse das Erstaunen und die Ausrufungen nicht, welche den guten
-_Skys_ und _Skas_ und _Witschs_ entströmten, als sie sich so in die
-heimathlichen Gegenden versetzt sahen.
-
-Die Plätze waren genau berechnet; es hatten sich indessen doch,
-vielleicht durch die Russische Galanterie bewogen, einige Personen mehr
-als die Geladenen, namentlich einige unbekannte Damen, eingefunden. Das
-gab einige überzählige Gäste, von denen ich mich noch eines berufenen,
-aber vom Schicksal nicht auserwählten Barons erinnere, der sich mit
-einiger Mühe einige junge Erbsen nebst jungem Lachs eigenfüßig geholt
-hatte, und dem nun Messer und Gabel fehlten um diese eroberten Dinge
-auch eigenhändig zu verzehren. Das kleine unansehnliche Männchen, das
-man spottweise wol »Bandjude« nannte, hatte das Unglück einen sehr
-massiven Russen mit einem unangestellten Paar Messer und Gabeln zu
-begegnen, der ihm ein »Passluschai, mai Druk« (Höre, mein Freund!)
-zurief und in der Meinung, einen Aufwärter in escarpins vor sich zu
-haben, seinem Mitgast mit martialischer hungriger Miene das mühsam
-Erworbene rein aufaß, ohne daß dieser, theils aus Furcht, theils aus
-Galanterie, sich dem Kaukasier widersetzte. --
-
-Am andern Tage ging es zum Professor Zimmermann in die Pension, der
-damals in der Königsstraße dicht an dem Hause wohnte, worin einst
-Klopstock gedichtet, und das damals von dessen Wittwe bewohnt wurde.
-
-Zimmermann, der Sohn eines Leinwebers aus Dornburg im Weimarischen,
-ein Schüler Bötticher’s, war bei Weitem der geistvollste Lehrer an
-der Hamburger Schule. Leider fehlte es ihm an Ausdauer; er hatte die
-Prolegomena zu jedem Schriftsteller, sowie die ersten Kapitel auf eine
-bewunderungswürdige Weise bearbeitet; hätte er sie so durchgeführt,
-so wäre die statarische Weise seines Lehrens vielleicht von keinem
-Philologen übertroffen worden. Allein sowol die Politik (er redigirte
-eine Zeitlang nach dem Hamburger Befreiungskriege, an dem er selbst
-thätigen Antheil genommen, den Hamburger Deutschen Beobachter), wie
-seine Liebe für Kunst und Theater, welche ihn zum Autor der bekannten
-dramaturgischen Blätter machten, zogen ihn leider zu sehr von seinem
-Berufe ab. Seine philologischen Arbeiten wurden ihm auch im Jahr 1815
-oder 1816 durch einen wol nicht ganz ungegründeten Vorwurf verleidet,
-daß er bei einer Beurtheilung von Horaz Satiren, herausgegeben von
-Heindorf, sich eines Plagiats aus dem Heft des berühmten Philologen
-Heinrichs in Kiel habe zu Schulden kommen lassen. Er wurde dadurch
-hart gestraft, dem Heindorf die letzten Stunden durch eine nicht
-ungerechte, aber zu scharfe Kritik verbittert zu haben. Dazu kam sein
-Talent, so wie sein Hang zur Geselligkeit, welche seinen Körper zu
-sehr zerrütteten, so daß er zuletzt in Geistesabwesenheit verschied,
-während seine Frau, auch schwachsinnig, in demselben Krankenhause
-saß. -- Uebrigens war Zimmermann eine edle Natur, voll Geist und
-klassischer Gelehrsamkeit, nur klebte ihm von seiner Jugend eine
-gewisse Derbheit an die er nicht leicht verleugnen konnte, und die
-ihm, da er sehr leicht Parthei nahm, mit manchen Leuten verfeindete.
-In dem berühmten Sängerinnen-Streit zwischen der +Becker+ und der
-+Gley+ nahm er entschieden Parthei für die erstere, und war in seinen
-Theaterrecensionen oft zu streng und beißend. Zu jener Zeit kam es
-auf, bürgerliche Jungfrauen »Fräulein« zu nennen, welches Zimmermann
-allezeit dahin benutzte, daß er den unbescholtenen Damen des Theaters
-dieses _epitheton_, den einigermaßen anrüchigen aber nur den Titel
-»Demoiselle« ertheilte, wie er denn auch mit gleicher Berücksichtigung
-die verheiratheten Schauspielerinnen bald »Frau«, bald »Madame« nannte.
-
-Vortrefflich war seine Erklärung und Uebersetzung des Theocrits und
-des Terenz, worin er die ewigen Thorheiten der Menschen auf eine
-unvergleichliche Weise in die Sprache des Tages übertrug. Wenn er das
-Fest des Adonis in das Plattdeutsche übersetzen wollte, so gelang ihm
-dies zwar nicht ganz, aus Unkenntniß dieser Mundart, allein desto
-herrlicher war seine Version des Lateinischen, von dem ich, so weit ich
-dies jetzt aus dem Gedächtniß vermag, hier eine Probe geben will.
-
-
-_Actus III. Scena I._
-
-_Thraso. Gnatho. Parmeno._
-
-
- _T. Magnas vero agere gratias Thais mihi?_
-
- _G. Ingentis. T. ain tu, laeta est? G. non tam ipso quidem._
-
- _Dono, quam abs te datum esse: id vero serio
- Triumphat. P. huc proviso, ut ubi tempus siet.
- Deducam sed eccum militem. T. est istuc datum
- Profecto, ut grata mihi sint, quae facio omnia._
-
- _G. Advorti hercle animum. T. vel rex semper maxumas._
-
- _Mihi agebat quidquid feceram; aliis non item._
-
- _G. Labore alieno magnam partam gloriam
- Verbis saepo in se transmovet. Qui habet salem,
- Quod in te est. T. habes. G. rex te ergo in oculis?_
-
- _T. scilicet._
-
- _G. Gestare? T. verum credere omnem exercitum.
- Consilia. G. mirum T. tum sic ubi cum satietas,
- Hominum, aut negoti si quando odium ceperat,
- Requiescere ubi volebat, quasi: nostin? G. scio:
- Quasi ubi illam expuerat miseriam ex animo._
-
- _T. tenes._
-
- _Tum me convivam solum abducebat sibi. G. hui,
- Regem elegantem narras. T. immo sic homo
- Est, perpaucorum hominum. G. immo nullorum arbitror,
- Si tecum vivit. T. invidere omnes mihi,
- Mordere clanculum: ego non flocci pendere.
- Illi invidere misere, verum unus tamen,
- Impense, elephantis quem Indicis praeceferat._
-
- _Is ubi magis molestus est, quaeso inquam, Strato,
- Eone ex es ferox, quia habes imperium in belluas?_
-
- _G. Pulchre me hercle dictum et sapienter papae!
- lugularas hominem quid ille? T. mutus illico._
-
- _G. Quidni esset? P. dii vostram fidem hominem perditum
- Miserumque et illum sacrilegum! T. Quid illuc Gnatho,
- Quo pacto Rhodium tetigerim in convivio,
- Nunquam tibi dixi? G. nunqum sed narra, obsecro.
- Plus millies audivi. T. una in convivio
- Erat hic, quem dico Rhodius adolescentulus
- Fort habui scortum: coepit ad id aludere
- Et me irridere, quidagis inquam, homo impudens?
- Lepus tute es et pulpamentum quaeris G. ha, ha, hae._
-
- _T. Quid est? G. fascete lepide, laute: nihis supra_
-
- _Tuumne, obsecro te, hoc dictum erat? vetus credidi._
-
- _T. Audieras? G. saepe: et fertur in primis. T. meum est._
-
- _G. Dolet dictum imprudenti adolescenti et libero._
-
- _P. At te dii perdant! G. quid ille, quaeso? T. perditus._
-
- _Risu omnes, qui aderant emoriri: denique
- Metuebant omnes jam me. G. non injuria._
-
-
-Aus dem Eunuchen des Terenz.[3]
-
-+Dritter Act. Erste Scene.+
-
-Thraso, Gnatho, Parmeno.
-
-(Letzterer wird von beiden nicht gesehen, spricht vor sich und
-begleitet die Reden jener durch Pantomimen.)
-
- Thraso. Also die Thais ist mir so erschrecklich dankbar?
-
- Gnatho. Unmenschlich.
-
- Thraso. Ne, sagt ’mal, ist sie fidel?
-
- Gnatho. Nicht so sehr über das Präsent, als darüber, daß es von
- Ihnen kommt, das ist ihr auf Ehre ein Triumph.
-
- Parmeno. Ich muß speculiren, ob die Luft rein ist, um meine
- Leutchen herzuführen. Aber -- was sehe ich, den Offizier!
-
- Thraso. Es ist mir auf Taille! so gegeben: Alles, was ich beginne,
- schlägt mir ein.
-
- Gnatho. Das habe ich auf Ehre auch immer gefunden.
-
- Thraso. Der König war auch immer äußerst zufrieden mit meinen
- Handlungen; mit den Geschichten von Andern war es immer _au
- contraire_.
-
- Gnatho (bei Seite). Der pflügt gleich wieder mit fremdem Kalbe.
- (Laut.) Ja, wer soviel Witz hat, wie Sie.
-
- Thraso. Das will ich zwar nicht abläugnen. --
-
- Gnatho. Also die Augen Seiner Majestät waren immer auf Sie
- gerichtet?
-
- Thraso. Das kannst Du glauben.
-
- Gnatho. Sie waren sein Favorit?
-
- Thraso. Aber seine ganze Armee Einem anzuvertrauen, alle seine
- Pläne --
-
- Gnatho. Sapperment!
-
- Thraso. Wenn die Menschheit und sein Scepter ihn anekelten, wenn er
- sich erquicken wollte, wenn er so zu sagen -- -- Verstanden?
-
- Gnatho. Ja, ja. Wenn er, so zu sagen, die misere aus seiner Seele
- speien wollte --
-
- Thraso. Gut gesagt. Da müssen Seine Majestät ein Menschenkenner
- gewesen sein.
-
- Thraso. Ja, so ist er, ein Herr für Wenige.
-
- Gnatho. Ich glaubte, für keinen Menschen, da er nur für Sie lebte.
-
- Thraso. Die Hofleute wurden alle höllisch neidisch. Heimlich
- cabalirten sie; ich fragte aber nicht die Kanaille danach. Sie
- barsten vor Neid. Einer aber, der eine Schwadron indischer
- Elephanten commandirte, crepirte das Ding zu sehr. Als der nun
- anfing, sich unangenehm zu machen, fragte ich ihn: »Sagen Sie mir,
- Baron Strato, sind Sie deshalb so grimmig, weil sie die wilden
- Bestien commandiren?«
-
- Gnatho. Fein gegeben, auf Ehre! wunderschön göttlich! Das heißt:
- mit Elephantenfüßen todt treten. Und was antwortete er?
-
- Thraso. Er war stumm wie ein Fisch.
-
- Gnatho. Natürlich.
-
- Parmeno. O Gott, Gott! was ist das für ein schändlicher,
- niederträchtiger Erzschurke!
-
- Thraso. Sagt ’mal, Gnatho, habe ich Euch nie erzählt, wie ich den
- Rhodier auf einem Kommersch touchirt habe?
-
- Gnatho. Nein, niemals! Um Alles in der Welt, das müssen Sie mir
- erzählen. (Bei Seite.) Ich habe die Geschichte schon mehr als
- tausend Male gehört.
-
- Thraso. Es war besagtes rhodisches Jüngelchen mit mir auf einem
- Kommersche. Zufällig hatt ich ein Mädchen, mit dem er caressiren
- und mich railliren wollte. »Was will Er?« fuhr ich ihn an, »Er Kiek
- in die Welt! essen Hasen auch Wildpret?«
-
- Gnatho (überlaut.) Ha, ha, ha!
-
- Thraso. Was kommt Euch an?
-
- Gnatho. Das war superbe, einzig, himmlisch, unvergleichlich! Aber
- ernstlich, ist der Witz von Ihnen? ich habe ihn uralt gehalten.
-
- Thraso. Habt Ihr ihn schon gehört?
-
- Gnatho. Und wie oft; er steht ja oben an in den Anekdoten zum
- Todtlachen.
-
- Thraso. Der ist von meiner Fabrik.
-
- Gnatho. Der arme junge Mann von guter Familie dauert mich doch, daß
- er für seine Unvorsichtigkeit so angekommen ist.
-
- Parmeno. Hol’ Dich der Henker!
-
- Gnatho. Aber sagen Sie ’mal, was antwortete der Mensch?
-
- Thraso. Er war auf’s Maul geschlagen. Die ganze Gesellschaft wollte
- vor Lachen bersten. Nachher hatte ich aber allerwärts Respekt.
-
- Gnatho. Und das von Rechtswegen.
-
-Zimmermann sah in seinem Hause wenig Gesellschaft, welche zu
-unterhalten und zu bewirthen die Frau Professorin auch schwerlich
-verstanden haben würde. Indessen brachte er doch zum Souper zuweilen
-einige Literaten mit, welche damals in Hamburg sehr leicht zu zählen
-waren. Ich entsinne mich noch mit dem größten Vergnügen eines
-Abends, an welchem Veit Weber und der bekannte Prätzel sich dort
-trafen und, wenn ich nicht irre, kennen lernten. Veit Weber war ein
-interessanter alter Herr, der gewiß immer seinen Platz in der deutschen
-Literaturgeschichte mit voller Berechtigung behaupten wird. Nichts
-desto weniger laborirte der gute Mann an einer gewissen Eitelkeit und
-Abgeschlossenheit, welche die deutschen Poeten des vorigen Jahrhunderts
-überhaupt auf eine ganz merkwürdige Weise zu einer gewissen
-Abgeschlossenheit brachte, die sie keine neueren Productionen junger
-Dichter mehr anerkennen ließ. Wie einst der Dichter Müller in Itzehoe
-in meiner Gegenwart erklärte, er würde sich todt schämen, wenn er die
-Schillersche »Jungfrau von Orleans« geschrieben hätte, so äußerte
-der gute Weber unverholen, daß er seinen Wilhelm Tell weit über den
-Schillerschen setze.
-
-In Erzählungen kleiner Schnurren war Weber excellent. Er war eben dabei
-eine Legende zu erzählen, in welcher der Teufel immer niesen muß, wenn
-man ein Kreuz schlägt, als er, den aufmerksam zuhorchenden Prätzel
-anblickend, plötzlich mit den Worten inne hielt: »Nein, ich erzähle
-nicht weiter, der Prätzel schnappt mir sonst Alles für die Allmanache
-weg.«
-
-Da halfen keine Contestationen, keine Versicherungen Prätzel’s, Veit
-Weber blieb heiter, aber erzählte keine Histörchen mehr. »Es ist
-mir unerträglich,« sagte er, »meine eignen Ideen von einer fremden
-Feder dargestellt zu sehen. Es ist kein Mißtrauen gegen Sie, liebster
-Prätzel! Sie sind grade der Mann, um meine Ideen auszuführen; aber
-warten Sie bis nach meinem Tode, dann verspreche ich Ihnen meine
-sämmtlichen hinterlassenen Papiere.«
-
-Topp! sagte Prätzel, und Zimmermann schlug durch die vereinigten Hände.
-
-So viel ich glaube, hat der liebenswürdige, lange nicht genug in seinem
-Vaterlande anerkannte Prätzel das ihm gethane Versprechen, zu welchem
-ich ihm wol noch einen Zeugen stellen könnte, vergessen.
-
-Zimmermann war sehr jähzornig. Er vergaß sich einmal so weit, einem
-Primaner eine Ohrfeige zu ertheilen, welches diese so übel nahmen, daß
-sie nach Studentenweise förmlich auszogen. Ich war damals Secundaner
-und fühlte mich durch diesen Vorfall veranlaßt, die Glocke zur Hälfte
-zu travestiren, die hier ihren Platz finden mag. Sie ist freilich die
-Arbeit eines Schülers, allein ich gestehe zu meiner Beschämung, daß
-ich nicht im Stande sein würde, jetzt eine bessere zu liefern. Sie ist
-übrigens gedruckt, wie manche in diesem Werkchen vorkommende Anekdote.
-Indessen dürfen alle der Vollständigkeit halber nicht fehlen, wie
-die bereits publicirte Probe einer Uebersetzung in die ganze Version
-aufgenommen werden muß.
-
-
-Das Lied vom Prügel.
-
-_Vivos ferio, mortuis abstinco, ossa frango._
-
-Prolog zum Michaelisexamen, gesprochen vom Custos.
-
- War ein Prügel je auf Erden,
- Der dem jüngst zerbrochnen glich?
- Dennoch muß ein neuer werden;
- Denn mein alter hielt nicht Stich!
- Hilf mir, Anne, frisch!
- Bring den runden Tisch,
- Hol’ mir Beil und Hammer
- Aus der kleinen Kammer!
- Zum Werkzeug, das wir ernst bereiten,
- Geziemt sich wol ein ernstes Wort;
- Wenn gute Reden sie begleiten,
- Dann fließt die Arbeit munter fort.
- So laßt uns denn mit Fleiß betrachten,
- Was durch des Prügels Kraft zerspringt;
- Den schlechten Mann muß man verachten,
- Der nie bedacht, was er vollbringt.
- Das ist’s ja, was den Custos zieret,
- Und dazu ward ihm der Verstand,
- Daß er der Schüler Schmerzen spüret,
- Wenn er sie schlägt mit kräft’ger Hand.
- Reich’ das Holz mir aus der Ecke,
- Doch es sei noch etwas feucht,
- Daß ich es gehörig recke;
- Dann wird mir die Biegung leicht.
- Koch’ des Leimes Brei --
- Schnell den Topf herbei,
- Daß der Leim sich bald zertheile,
- Anne, blas in aller Eile!
- Was unter seines Daches Stube
- Der muth’ge Custos winden muß,
- Das fühlet der geschlag’ne Bube,
- Wenn er dem Lehrer macht Verdruß.
- Noch jucken wird’s in späten Tagen,
- Er wird vom herben Schmerz gequält,
- Betrübt wird er’s der Mutter klagen,
- Die grimmig auf den Lehrer schmäht;
- Was ihrem Sohn mit einem Stocke
- Das wechselnde Verhängniß bringt,
- Das schlägt sie an die große Glocke,
- Die es erbaulich weiter klingt.
- Blasen seh’ ich sich bewegen:
- Wohl, die Massen sind im Fluß.
- Du mußt Kohlen unterlegen,
- Das befördert schnell den Guß.
- Reich von ungefähr
- Mir ein Messer her,
- Daß den Stock ich ründe,
- Eh’ ich ihn umwinde.
- Denn, frühe in der Bürgerschule
- Begrüßt er das geliebte Kind
- Auf seines Lebens erstem Gange,
- Den er beim ABC beginnt;
- Ihm ruhen in der Zeiten Schooße
- Die schwarzen wie die heitern Loose.
- Der Custos nur allein macht Sorgen,
- Und grüßt ihn unsanft jeden Morgen --
- Die Jahre fliegen pfeilgeschwind.
- Von _mensa_ reißt sich stolz der Knabe,
- Er stürmt nach Quarta freudig hin;
- Geleitet nur an meinem Stabe,
- Wächst ihm der Unart wilder Sinn,
- Und herrlich, in der Jugend Prangen,
- Wie ein Gebild aus Himmelshöh’n,
- Mit rothen ungeschminkten Wangen
- Sieht ihn Herr Quartus vor sich steh’n.
- Doch tönet oft ein schweres Klagen
- Vom Knaben her: er irrt allein,
- Er muß sich mit dem Nepos plagen,
- Er flieht der Brüder wilde Reih’n,
- Es lauscht der Lehrer seinen Spuren,
- Er wird von seinem Fleiß beglückt,
- Und mit der schönsten aller Uhren
- Wird er vom Vater ausgeschmückt.
- O! süße Sehnsucht, zartes Hoffen
- Für ihn, der keine Sorgen kennt!
- Er sieht für sich schon Prima offen,
- Er ist im Geiste schon Student,
- O, daß sie Gott ihm doch bewahre,
- Die erste Zeit der Flegeljahre!
- Wie sich schon die Blasen bräunen!
- Dieses Stäbchen tauch’ ich ein,
- Seh’n wir’s überglas’t erscheinen,
- Wird’s zum Decken zeitig sein.
- Anne, sei zur Hand!
- Leder von der Wand,
- Laß mich jetzt den Stock bekleben,
- Und mit Juchten fest umgeben. --
- Denn wo der Jugendseelen Flügel
- Begleitet wird von einem Prügel,
- Da giebt es eine gute Zucht.
- Drum laß, wenn ihn der Lehrstand bindet,
- Sobald er böse Jugend findet,
- Dies Mittel keiner unversucht.
- Freudig machen sie Spectakel,
- Bis mein Tritt sie ängstlich schreckt.
- Und mein allzu ernster Bakel
- Sie aus ihrem Frohsinn schreckt.
- Mancher Kantschuh ist zerbrochen,
- Schaden hab’ ich auch dabei,
- Und auf fühllos derben Knochen
- Ging mein letzter noch entzwei.
- Der Schüler geht fort,
- Der Custos muß bleiben,
- Der wechselt den Ort,
- Mich wird man nicht treiben.
- Gar Mancher steigt auf,
- In Tertia zu streben
- Für’s künftige Leben,
- Muß pflanzen und schaffen,
- Mehr hören, als gaffen,
- Muß Nächte studiren,
- Um was zu capiren,
- Muß wetten und wagen,
- Genie zu erjagen.
- Da wird nach Secunda der Schüler gehoben:
- Man hört den Director den Fleißigen loben,
- Es freu’n sich die Tanten, es freut sich das Haus.
- Und drinnen studirt
- Der _primus secundae_,
- Die Mutter der Klasse,
- Und herrschet weise
- In der Schüler Kreise,
- Und wehret dem Langen
- Und muthigt den Bangen,
- Und regt ohne Ende
- Die Zung’ und die Hände
- Und mehrt den Gewinn
- Mit ordnendem Sinn,
- Und füllet mit Wasser die durstenden Schwämme,
- Und hilft sich mit Vorsicht aus jeglicher Klemme,
- Und birgt mit Klugheit im geglätteten Schrank
- Die schimmernde Kreide dem Lehrer zu Dank.
- Ruft mich, wenn es Noth thut, zum Besserungszimmer
- Und ruhet nimmer.
- Und der Primaner mit frohem Blick
- Aus der Prima geöffnetem Fenster
- Ueberdenket sein blühend Glück,
- Wie die Schüler vor Arbeit vergehen
- Und um gnädige Strafe flehen;
- Sieht einen Knaben traurig gefangen,
- Welcher versucht die eisernen Stangen, --
- Rühmt sich mit stolzem Mund:
- Fest, wie der Erde Grund,
- Gegen des Lehrers Macht
- Steht unserer Klasse Pracht!
- Doch mit des Geschickes Mächten
- Ist kein ew’ger Bund zu flechten.
- Und das Unglück waltet schnell.
- Wohl, jetzt herrlich grad gerecket,
- Schön geründet ist der Stock;
- Doch, bevor ihn Leim bedecket,
- Mache mir ein Gläschen Grock.
- Etwas Aquavit
- Stärke mein Gemüth.
- Bei den so gelehrten Brocken
- Wird mir sonst die Zunge trocken.
- Wohlthätig sind der Schläge Macht,
- Wenn sich der Mensch bezähmt, bewacht,
- Und was er bildet, was er schafft,
- Das leite seiner Hände Kraft;
- Doch furchtbar wird der Hände Kraft,
- Wenn sie im Zorn sich aufgerafft.
- Einher tritt in der Schüler Kreis,
- Und selber führt den Rechtsbeweis. --
- Wehe! wenn da losgelassen
- Treffend voller Unverstand
- An die Ohren der Primaner
- Fliegt, die zornentbrannte Hand!
- Denn die jungen Leute hassen
- Einen Schlag von Lehrers Hand.
- Von dem Lehrer kommt die Wahrheit,
- Strömt die Klarheit;
- Doch der Lehrer ohne Wahl
- Schlägt auch ’Mal.
- Seht Ihr’s toben dort _in prima_?
- Roth wie Blut
- Ist der Lehrer.
- Das ist bösen Zornes Gut!
- Welche Worte!
- Der steht auf,
- Jener auf.
- Er, ergrimmt, ruft Mord und Zeter!
- Eilend fliegt er vom Katheder,
- Spricht: Heraus, Du Schwerenöther!
- Kochend wie aus Ofensschlunde
- Glüh’n die Augen; aus dem Munde
- Stürzen Buben, Jungen fallen,
- Böse Worte hört man schallen,
- Nicht geberdt sich,
- Nicht mehr wehrt sich
- Steffen, der in’s Freie flüchtet,
- Nach der Thür den Lauf gerichtet,
- Durch der Glieder lange Kette
- Um die Wette.
- Jenen Unfug zu bezahlen,
- Fliegen fast magnet’sche Strahlen.
- Keuchend Töffel kommt geflogen,
- Der den Zwist zu hemmen sucht.
- Steffen in der engen Bucht
- Will den Streit noch weiter führen,
- Hingeworfen an die Thüre,
- Und mit jedem Augenblicke
- Wächst der Lärm. Die junge Zucht
- Nimmt fast schon vor Angst die Flucht.
- Aber sieh, zu ihrem Glücke
- Thür aufgeht:
- Rektor steht
- Da, und Alles fliegt zum Sitze;
- Auf Befehl nimmt seine Mütze
- Jeder Schüler sich und geht. --
- Leergebrannt
- Ist die Stätte
- Wilder Stürme rauhes Bette,
- In der öden _prima_ Mauern
- Wohnt das Grauen,
- Und nur Secundaner trauren
- Schwitzend dort.
- Einen Blick
- Nach dem letzten
- Der Geschätzten
- Sendet Gurlitt noch zurück,
- Eilt fröhlich dann in seine Kammer.
- Was ihm der Trotzkopf auch geraubt,
- Ein süßer Trost ist ihm geblieben, --
- Er hat die Klasse seiner Lieben
- Drei volle Tage ausgesetzt. --
- Wohl, der Stock hat angenommen,
- Glücklich ist das Holz beklebt,
- Damit in den Saal zu kommen,
- Und der Stein im Kalk erbebt.
- Wenn man munter singt,
- Heiter scherzt und springt,
- Mache ich die Thüre offen
- Und die Horde schweigt betroffen.
- Des frechen Buben starken Rücken
- Vertrauen wir des Lehrers Saat,
- Und hoffen, daß sie keimen werde
- Zum Doctor, Pred’ger oder Rath.
- Doch einem undankbaren Herzen
- Der Weisheit schönstes Gut vertrau’n,
- Das muß wol ärgern, muß wol schmerzen,
- Das weckt den Mißmuth, weckt das Graun.
- Aus dem Stadtthor,
- Schwer und bang
- Tönt der Schüler
- Ernster Gang.
- Sie begleiten, die das Feuer schürten,
- Einen armen Relegirten!
- Ach! es ist der theure Steffen,
- Ach! es ist der gute Schüler,
- Der das Scholarchat verkannte,
- Den der Herr Director bannte
- Aus der Schüler muntrer Schaar,
- Deren Eins und All’ er war,
- Denen er so sehr gefiel
- Durch Primaner Widerspiel.
- Weh! der Schule zarte Bande
- Sind gelös’t auf immerdar!
- Er studirt in fernem Lande,
- Der der Klasse Seele war;
- Denn es fehlt sein treues Pochen,
- Seine Sorge wacht nicht mehr,
- Und seit sieben vollen Wochen
- Ist der liebe Karzer leer.
-
-Als ich Zimmermann diese Travestie mit dem Motto vorlas:
-
- »Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken,
- Verderblich ist des Tigers Zahn;
- Jedoch das schrecklichste der Schrecken,
- Das ist der böse Zimmermann!«
-
-lächelte er zwar anfangs, verbot mir aber später bei Strafe der
-Relegation, meine Travestie zu verbreiten. Da sie indessen im Ganzen
-harmlos war, habe ich mich auch an dies Pascha-Verbot nicht gekehrt,
-zumal da einige der Lehrer mein Gedicht sich heimlich abschrieben, und
-mich, da sie selbst _mala fide_ waren, nicht _bona fide_ consiliiren
-konnten. In späteren Jahren hat Zimmermann oft herzlich über die Poesie
-seines Pensionärs und Secundaners gelacht.
-
-Der Director der Schule war der bekannte Doctor der Theologie
-»+Gurlitt+«, welcher von Klosterbergen hierher berufen war, woselbst er
-eine früher in Hamburg nie gekannte Schuldisciplin eingeführt hatte.
-Die Schüler zitterten, wenn er in die Classe trat, wohin er freilich
-mit Ausnahme seiner Prima nur kam, um irgend ein Strafgericht zu halten.
-
-Alle, die den seligen Doctor Gurlitt kannten, werden dahin
-übereinstimmen, daß dieser wirklich große Schulmann, dem die Primaner
-mit militärischer Subordination gehorchten, vor dessen Anblick die
-Secundaner in den combinirten Stunden fast vor Angst, um mich Heinisch
-auszudrücken, verquirlten, weil er das Princip der _disciplina
-scholastica_ mit eiserner Ruthe handhabte, _au fond_ ein höchst humaner
-und gutmüthiger Mensch war. _Incuriosus_ in Bezug auf die Dinge des
-Lebens, verwechselte er _Fouqué_ und _Fouché_, litt nicht, daß die
-gewandten Hamburger Kutscher ihn schnell fuhren, und obgleich diese
-Großstädter einen magnetischen Tact haben, die Deichsel des Wagens
-eine Terze vorher zu fühlen, und ihr auszuweichen; ehe sie den Rücken
-durchbohrt; rief er nicht selten, der Übersetzer der Pindarschen
-Gesänge, dem Wagenlenker zu: »Halt Barbar, Du fährst einen Menschen
-über!« Ein galanter Witz entwaffnete ihn auf eine komische Weise, und
-er pflegte dann, bestürzt, dieser Geisteskraft ganz ungewöhnliche
-Benennungen, wie Mathematik oder Poesie zu geben. Als er einmal bei
-Tische die Bemerkung ausgesprochen hatte, daß es doch nie zwei Tage
-hinter einander stürme, bemerkte seine Haushälterin witzelnd, daß es
-auch nie zwei Tage hinter einander regne. -- »Wie das?« fragte Gurlitt
-erstaunt. »Es ist allemal eine Nacht dazwischen,« belehrte ihn die
-Dame. »Nun das zeigt von mathematischem Verstande!« entgegnete Gurlitt
-verwirrt.
-
-Einstmal traf er einen holsteinischen Eleven des Johannei, der trotz
-seines Alters und seiner Größe sich nicht weiter im Examen, als
-bis zur _classis latina et graeca secunda_, und das Letztere nur
-deshalb hatte legitimiren können, weil er auf die mehrmalige Anfrage:
-»Was das _verbum_ für eine Zeit sei?« mit großem Glücke _aoristus
-primus_ geantwortet hatte, an einem Sonntage in Harvstehude. Der arme
-Secundaner hatte seine Schwächen gefühlt, sich nicht einmal Zeit
-genommen, im ersten Vierteljahre in die Comödie zu gehen, und belohnte
-heute am Ostertage zum ersten Male seinen Wagner’schen emsigem Fleiß
-durch einen Spaziergang. Nicht ohne Zagen folgte er dem Ruf des ihn
-erspähenden Directors, der ihn mit den Worten anredete: »Hören Sie,
-mein liebes Kind, als ich in Ihren Jahren war, war ich nicht so
-desparat zurück, wie Sie. Und doch feierte ich den Ostertag, anstatt
-vor die Thore Leipzig’s zu gehen, nur damit, daß ich aus der _Clavis
-ciceronia_, die ich mir vom Morgenbrod abgespart hatte, vertirte
-und revertirte.« Verdutzt sah ihn der Schüler an. Contestirte er
-_litem_, so war er verloren, und Gurlitt nannte ihn gewiß bis nach der
-Abschiedsrede, wo der Primaner den Beinamen »Hecht« verlor und von
-ihm liberal behandelt wurde, nur den »Harvstehudegänger.« Bei leichtem
-jugendlichen Blute sann er bald auf eine humoristische Antwort. --
-»Das mußten Sie auch thun, Herr Doctor,« versetzte er, »ich habe es
-aber nicht nöthig!« »Wie so?« versetzte Gulit, entrüstet durch die
-Replik. »Sie hatten nicht einen so guten Director, bei dem man in der
-Woche soviel lernte, um sich Sonntags durch einen Spaziergang erholen
-zu dürfen!« antwortete der Johanniter. »Gehen Sie nur!« antwortete
-Gurlitt, fast mädchenhaft verlegen, »Sie sind ein Poet.«
-
-Einer seiner oft in der Schule wiederholten Professorenwitze war die
-Erklärung über den _infinitivus historicus_. Nachdem er gezeigt hatte,
-daß dieser gewissermaßen in der menschlichen Natur liege eigentlich
-der Invinitiv des Affects sei, wie »_me hoc pati, me hoc ferre_?«
-den die kindliche Sprache der Grammatik erfunden habe, pflegte er
-oft hinzu zu fügen: »Es gab viele Theologen, die sich bemühten, den
-_infinitivus historicus_ durch das ausgelassene Wort »_coepit_« zu
-erklären. Dieser falschen Meinung war auch ein alter Scholarch der
-Schule zu Magdeburg oder Kloster-Bergen, der bei einem öffentlichen
-Examen den examinirenden, den Livius docirenden Collaborator daran
-erinnerte, daß er seine Schüler doch fragen solle, von welchem Worte
-der _infinitivus historicus_ abhänge? Der prüfende Lehrer, der den
-Ungrund dieser Ansicht kannte, vermied die Frage, bis der Scholarch, am
-Ende ungeduldig, die Schüler mit den Worten belehrte: »Der _infinitivus
-historicus_ hängt von _coepit_ ab.« -- Schweigend ließ der Lehrer die
-jungen Leute weiter expliciren, bis am Ende das ihn rächende Wort
-»_coepisse_« als _infinitivus historicus_ kam. »Von welchem Worte
-hängt der _infinitivus historicus_ ab?« fragte nun der gekränkte
-Collaborator. »Von dem Worte _coepit_,« rief die Jugend. »Recht,«
-entgegnete der Lehrer -- _coepit_, _coepisse_ --
-
-Gurlitt’s Lob war sehr spärlich. Zu einem der ersten jetzigen hamburger
-Prediger sagte er einmal, und das war das größte Lob, womit ich ihn
-Jemand habe beschenken hören: -- »Wenn Sie so fortfahren, fleißig
-vertiren und revertiren, so ist Hoffnung vorhanden, daß Sie ein
-Fünkchen lernen.«
-
-In _politicis_ war er dänisch gesinnt, und strich jedesmal den jungen
-Hamburgern, die in ihrem _vitae curriculo_ beim Eintritt in _prima_
-der Besetzung Hamburg’s in der Franzosenzeit nicht zum Lobe jenes
-Staats erwähnten, mit der Bemerkung: _hoc falsum est, ut ex scriptis
-Hafneri_ (des dänischen Obristen) _apparet_. -- Am empfindlichsten war
-Gurlitt gegen Wunden. Die Vorstellung davon und die Erwähnung derselben
-scheuchte er immer mit den Worten: »Schweigen Sie still, ich kriege
-Krämpfe.« Hierauf bauend, befreite ein Schüler einmal seinen Kameraden
-aus dem Karzer, indem er Gurlitt von dem kranken Arm des Arrestanten
-erzählte.
-
-In religiöser Beziehung war Gurlit ein höchst eifriger Rationalist.
-Er war einer von den Wenigen, welche es verweigert hatten, die
-symbolischen Bücher zu beschwören, welches er oft in der Klasse mit den
-Worten erzählte: »Einige hamburger Rindfleischseelen wollten durchaus,
-daß ich die symbolischen Bücher beschwören sollte; ich habe es aber
-doch nicht gethan und der Senat hat mich doch nicht zwingen können,
-gegen meine Ueberzeugung zu handeln.«
-
-Der zweite Lehrer am Johanneo war der Professor +Hipp+, der eigentliche
-Begründer einer kaufmännischen Schule, welche mit der lateinischen
-verbunden war. Er lehrte in Prima die Mathematik und las den Tacitus,
-von dem er eine Uebersetzung lieferte, die an Gedrängtheit und
-Schönheit des Ausdrucks dem Originale nicht nachstand. Es wäre wol
-der Mühe werth, Nachforschungen darüber anzustellen, ob sich nicht
-eine schriftliche Version des Tacitus in seinem Nachlasse befindet;
-Hipp’s Erben würden gewiß gute Geschäfte damit machen. Daß er eine
-Uebersetzung des Agricola und der Germania schriftlich besessen, weiß
-ich mit Bestimmtheit. Uebrigens war Hipp ein chamäleontischer Mensch,
-dessen Laune wie Aprilwetter wechselte, weshalb er auch nicht im Stande
-war, eine Autorität bei seinen Schülern gehörig zu conserviren. Stets
-in finanziellen Bedrängnissen war er von bodenloser Gutmüthigkeit, so
-daß er eines Morgens mit Pantoffeln in die Schule kommen mußte, weil
-er in der Frühe einem durchreisenden Handwerksburschen sein einziges
-Paar Schuhe, daß er angehabt, geschenkt hatte. Gegen Gurlitt spielte er
-sehr den Devoten. Er trat gewöhnlich um zehn Uhr Morgens, zu welcher
-Zeit seine mathematische Stunde anfing, in die erste Klasse, ließ es
-sich aber jedesmal gefallen, wenn der alte Schulmonarch ohne ihn zu
-fragen noch bis halb elf und noch länger fortdocirte, während welcher
-Zeit er sich zu einem der Schüler setzte, mit der Miene der größten
-Aufmerksamkeit in dessen Buch sah und oft den alten Gurlitt mit lauten
-Bewunderungen belobte, während er doch nicht selten, wenn dieser die
-Classe verlassen hatte, den Succensor des alten Herrn machte. Hipp war
-übrigens der fleißigste Mensch, den ich in meinem Leben gesehen habe.
-Kein Tag verfloß ihm ohne funfzehn Arbeitsstunden.
-
-Ein Lehrer der zweiten und dritten Klasse war der jetzige Pastor
-Strauch in Hamburg, ein Mann von vieler Wissenschaft, ausgezeichnetem
-Fleiße und guter Lehrergabe. Indessen war sein Tadel oft zu ironisch,
-welcher mehreren seiner Schüler eine Abneigung wider ihn einflößte.
-Einer von diesen, der sich zu sehr und zu oft durch Strauch’s Tadel
-deprimirt fühlte, rächte sich eines Tages auf eine originelle Weise.
-
-Strauch beging den Fehler, Dichter ziehen zu wollen, ohne zu bedenken,
-daß diese geboren werden müssen. So verlangte er einmal, jeder
-Schüler solle ihm eine Fabel liefern, was der hamburgischen, höchst
-unpoetischen Jugend recht schwer wurde, worauf der Antagonist eine
-Fabel einlieferte, von der mir etwa noch Folgendes erinnerlich ist.
-
-
-+Der Strauch und die Eiche.+
-
- In eines Strauches Schatten war gepflanzt
- Der Eiche Sproß, im Schutze vor der Sonne;
- Doch, neidisch auf der Eiche kräft’ge Höh’,
- Bedeckte sie der Strauch mit seinen Blättern.
- Allein die Eiche hob sich himmelwärts
- Und sah beschämend auf den Strauch hinab.
-
- * * * * *
-
- So sucht auch oft des Schülers freien Sinn
- Der niedre Strauch, der Lehrer zu ersticken.
-
-Der Professor Radspiller war ein alter schwacher Lehrer, an dem fast
-alle Schüler ihr Müthchen durch gewaltige Ungezogenheiten kühlten. Ich
-habe immer einen zu großen Respekt für das Alter gehabt, um mich gegen
-diesen depontanen[4] Mann zu versuchen, der mir in allen Conferenzen
-das Zeugniß gab, daß ich sein bester Schüler sei, wie ich denn auch
-in der That durch meine Autorität gar manchen heftigen Aerger von ihm
-abgewandt habe. Nichts desto weniger habe ich ihn einmal zur Folie
-gebraucht, um die Wallenstein’sche Kapuzinerrede zu travestiren. Auch
-diese humoristische Erinnerung an meine Jugend, durch welche ich dem
-Professor Zimmermann gleichsam eine _reparation d’honneur_ wegen meiner
-Travestie auf die Glocke machen wollte, möge hier ein Plätzchen finden.
-
- (Der Magister tritt auf.)
-
- Heisa, Juchheisa, Dideldumdei!
- Das geht ja hoch her. Bin auch dabei!
- Ist das eine Klasse von Studiosen?
- Seid Ihr Türken? seid Ihr Franzosen?
- Werft Ihr so mit frechem Blick,
- Als hätte der allmächtige Fick[5]
- Das Chiragra, könnte die Hand nicht rühren?
- Ist es jetzt Zeit zum Expectoriren,
- Sich für’s Schwänzen zu expostuliren?
- _Quid hic statis otiosi_?
- Was steht Ihr und legt die Hände in den Schooß?
- Der Teufel ist jetzt in den Klassen los:
- Die Primaner haben sich schlecht betragen,
- Einer ist an die Ohren geschlagen,
- Und Ihr, anstatt ein Exempel zu nehmen,
- Streicht umher, laßt’s Euch wenig grämen,
- Geht lieber in’s Wirthshaus und in die Schenke,
- Als in den Unterricht des Herrn Enke;
- Sorgt lieber für Euren dummen Bauch,
- Als für den gelehrten Doctor Strauch:
- Nehmt lieber Liqueur und franksche Essenz,
- Als französische Dictate des feinen Lemenz;
- Mögt lieber Dampf aus der Pfeife ziehn,
- Als Nutzen aus den Lehren des Doctors Köstlin.
- Die Lehrer studiren Tag und Nacht,
- Doch Ihr gebt kaum am Tage Acht.
- Es ist eine Zeit der Thränen und Noth;
- Auf Euren Rücken stehen die blausten Wunder,
- Und schlüg’ Euch Fick nicht blutig roth,
- Ihr riss’t mich am Ende vom Katheder herunter!!
- Der Custos steckt seine dicke Ruthe
- Vor seiner Bude Fenster aus,
- Die ganze Schul’ ist ein Klagehaus,
- Doch Ihr beharrt im Uebermuthe.
- Um unser berühmtes Gymnasium
- Leider Gottes -- giebt man nichts um.
- Die Prüfungen sind worden zu Prüglungen,
- Die gelehrten Klassen sind worden rohe Massen:
- Anstatt in Folianten aus Bibliotheken
- Les’t Ihr in alten Romanencharteken,
- Und das beschimpfende Carzer allhie
- Ist worden Euer täglich’ Logis. --
- Woher kommt das? Das will ich Euch verkünden!
- Das schreibt sich her von Euren Lastern und Sünden,
- Von dem Greuel und Heidenleben,
- Dem sich _primi_ und Schüler ergeben.
- Das Billard bei Benne ist der Magnetstein,
- Der Euch führt in das Haus der Sünde hinein;
- Doch auf den Spektakel da folgt der Bakel,
- Wie auf den Branntwein das Trunkensein;
- Das zu lieben, erregt das _jus_,
- Das ist die Ordnung im Livius[6].
- »_Sed ubi erit spes literarum_,
- _Me si vexatis_?« Wie soll man siegen,
- Wenn Ihr die Stunden schwänzt, und warum?
- Wenn Ihr thut in den Pavillons liegen.
- Eine Frau hier in der Nachbarschaft
- Fand ihren bösen Ehemann wieder,
- Der Bäcker fand seine Gesellen wieder[7],
- Napoleon seine vertriebenen Brüder:
- Aber wer bei Schülern sucht
- Fleiß, Gehorsam und gute Zucht,
- Der wird nie seine Hoffnung erjagen,
- Thut er auch alle Rücken zerschlagen.
- Zu dem König der Franzosen,
- Wie wir lesen im Correspondenten,
- Kamen sogar Soldaten gelaufen,
- Thaten Buß, um sich Gnade zu erkaufen,
- Fragten ihn: »_Sire! que faire?_«
- Wie machen wir’s, daß wir kommen bei Euch in Ehr’?
- _Et il repond_, und er sagt:
- _Dites: »Vive le roi!_«
- Wenn Ihr keine Nelken tragt,
- _L’etat c’est moi_,
- Wenn Ihr nicht in meinen Jagden jagt,
- _Suivez le roi_, Euch begnügt
- _Avec les fleurs de lis_, mit meinen Orden, --
- Kurz, wenn Ihr bessern Sinnes geworden. --
- Es ist ein Gebot: Du sollst die Namen
- Deiner Lehrer nicht übel auskramen;
- Aber wo hört man mehr blasphemiren,
- Als wenn man hier horcht an den Stubenthüren?
- Wenn der Senat für jeden boshaften Witz,
- Den ihr losbrennt von Eurer Zungenspitz,
- Müßtet geben ein Zweimarkstück her,
- Es wäre die hamburger Bank bald leer;
- Und wenn für jede Travestie,
- Die Ihr macht ohne mathematisch’ Genie,
- Ein Wassertropfen fiel in ein Anker Wein,
- Das Getränke würde bald schier Wasser sein.
- Der alte Gurlitt war auch Primaner,
- Der gelehrte Hipp lange Tertianer,
- Aber wo steht denn geschrieben zu lesen,
- Daß die Beiden jemals witzig gewesen?
- Muß man den Mund doch, ich sollte
- Nur aufmachen zu einem »Helf Gott!«
- Zum Exponiren und Butterbrod;
- Aber Ihr seid stets mit Wein erfüllt,
- Der als Humor aus Eurem Munde quillt.
- Wieder ein Gebot ist: Du sollst studiren!
- Ja, das befolgt Ihr nach dem Wort:
- Ihr studirt auf Ränke immerfort.
- Vor Euren Griffen und Satanspfiffen,
- Vor Euren Praktiken und bösen Kniffen
- Ist man nicht sicher, in seinem Haus,
- Ihr hebt mir Nachts die Laden aus
- Und tragt mir Hunde und Katzen heraus.
- Was sagt Doctor Gurlitt? »_Assidui estote_,
- Spart die _clavis Ernesti_ vom Morgenbrode!«
- Aber wie soll man die Schüler loben,
- Wenn ihnen immer verziehen wird von oben,
- Weil der Professor Zimmermann
- Die Menschen ohne Strafe regieren kann!
-
-Der Professor +Köstlin+ war ein interessanter und vielseitig gebildeter
-Mann, wenn gleich seine Schwächlichkeit, welche auch seinen frühen Tod
-herbei führte, oft seine Stimmung verdüsterte. -- Von den übrigen
-Lehrern ist nicht viel zu referiren. Damals las der jetzige Professor
-Müller, welcher so eben von der Universität zurück gekehrt war, ein
-gelehrtes und interessantes Collegium über den Juvenal. Müller hing
-unbedingt an dem alten Gurlitt, und wurde darum oft als Schmeichler
-desselben getadelt.. Mich hat diese Anhänglichkeit die gewiß aus reinem
-Herzen kam, immer gerührt, die, wenn auch Müller keinesweges dem alten
-Herrn an Gelehrsamkeit so sehr nachstand, doch aus dem schönen Gefühl
-entsteht, von welchem erfüllt, Schiller seinen Don Carlos aus rufen
-läßt:
-
- »Da mich der Muth verließ ihm gleich zu sein,
- Entschloß ich mich ihn gränzenlos zu lieben.«
-
-Das Leben der Hamburger Primaner hatte sehr wenig Burschikoses. Nur
-etwa zwei Male im Jahr wurde so eine Art von Kommersch im Eimbeckschen
-Hause gehalten, was am andern Tage jedes Mal durch ganz Hamburg bekannt
-wurde, weil die Vorübergehenden etwas Unerhörtes, »lateinisch Singen«
-vernommen hatten. Wir Holsteiner hielten uns auch ziemlich unter uns,
-oder verkehrten oft mit den Altonaer Schülern, und ich vor allen Dingen
-mit Wit von Dörring, dessen ich bereits im ersten Theile erwähnt habe.
-Mit ihm, dem liebenswürdigen Professor Wolff in Jena, einem gewissen
-+Pelt+ und Bahrdt, beide höchst gemüthliche und talentvolle Jünglinge,
-hatten wir einen Dichterbund gestiftet, der sich monatlich einmal in
-Altona versammelte, und in welchem Witt, durch sein vielseitigeres
-Wissen, die erste Rolle spielte.
-
-Wit hat viele und harte Beurtheilungen erfahren und ich will nicht
-alle seine Handlungen vertheidigen. Eitelkeit und Thatendurst haben
-ihn in manche Verirrungen gebracht, aus denen ihn übrigens seine
-bessere edlere Natur jedesmal noch vor dem Verderben herausriß. -- Das
-Geschwür seiner Eitelkeit ist geplatzt und er zeigt der Welt, daß eine
-gute Haut darunter sitzt. Er lebt im Besitz einer vortrefflichen Frau
-und liebenswürdiger Kinder, in glücklichen finanziellen Verhältnissen
-zu Urbanowiz im Preußischen Schlesien, von wo aus er Glück und Segen
-nach Kräften verbreitet. Zu beklagen bleibt es immer, daß seinem
-großen Talent, seinen gereifteren und geläuterten Ansichten und seinem
-redlichen Willen, nicht ein noch größerer praktischer Wirkungskreis vom
-Staate angewiesen ist, der doch nicht immer mit ihm zürnen und einsehen
-sollte, daß Wit ein viel zu edles Herz besitzt, um je in Schand und
-Bosheit willigen zu können. Wenn er, wie ich nicht bezweifle der
-Verfasser des Büchleins, das etwa so lautet: »Memoiren eines Reisenden
-der sich ausruht« ist, worin Dänemark vortrefflich geschildert ist, so
-wäre eine ähnliche Zeichnung der übrigen deutschen Höfe nicht bloß eine
-interessante Lectüre, sondern sogar ein Gewinn für die Geschichte zu
-nennen. -- Wit’s Mutter war eine vortreffliche, geistreiche Frau, deren
-Bruder, der bekannte Baron Eckstein, der geistvollster Correspondent
-der allgemeinen Zeitung ist. Sein Vetter, Ferdinand Teuffer, dies
-bekannte Holsteinsche _cerveau brulè_, voll herrlicher Anlagen, ist
-von seinen ewigen, selbst geschaffenen Leiden, vor Kurzem durch den
-Todesengel befreit.
-
-
-
-
-Elftes Kapitel.
-
- v. Struve. Mellis’h. Grote. Das Hamburger Theater. Seine
- Mitglieder. Eine Hinrichtung in Hamburg.
-
-
-Hamburg hatte damals zwei Diplomaten, welche zu den ausgezeichnetesten
-Geistern unserer Zeit gerechnet werden müssen. Der erste war der
-noch in Hamburg lebende Russische Minister +von Struve+, ein als
-Naturforscher ausgezeichneter Gelehrter, bei dem es mir immer
-zweifelhaft geblieben ist, ob ich mehr dessen Herz ober seinen
-Verstand, oder den schönen Einklang beider bewundern soll. Ich hoffe
-daß sein Sohn, mein Coaetane, welcher bereits die Stellung seines
-Vaters, bei der Russischen Gesandtschaft in Wien, überflügelt zu haben
-scheint, in die Fußstapfen des vortrefflichen Vaters treten wird,
-von dem noch als naturhistorisch zu berichten ist, daß dreißig Jahre
-Leben in Hamburg denselben nicht um Eine Linie älter gemacht haben. --
-Vielleicht macht die Natur bei ihrem großen Forscher eine Ausnahme,
-vielleicht werden wir wieder in die alten Zeiten versetzt, in denen
-der liebe Gott die besten und frömmsten Leute mit einem hohen Alter
-beschenkte. Vielleicht ist es indessen auch damals besser auf der Erde
-oder noch nicht so gut wie jetzt im Himmel gewesen. --
-
-Das Englische Consulat in Hamburg ist das einträglichste, welches das
-Englische Gouvernement zu vergeben hat. Dies bekleidete damals ein
-gewisser Mellis’h, welches er einem Ministerposten vorzog, den er bei
-dem Wechsel eines jeden Ministerii zu verlieren riskirte. Mellis’h war
-ein äußerst gelehrter und vielseitig gebildeter Mann, und machte eins
-der ersten Häuser in Hamburg. Er hatte in seinem Hause die empfindliche
-Junggesellensteuer in Hamburg, die +Trinkgelder+, abgeschafft, mit
-denen man das Essen in dieser Stadt doppelt und dreifach bezahlen muß,
-und seinen Domesticken die Annahme eines solchen, bei unfehlbarer
-sofortiger Entfernung aus dem Dienst verboten. In seinem Hause ging
-es überaus gastfrei zu, Mellish’ wußte seine Tafel durch eine
-vortreffliche Unterhaltung zu würzen. Er war ein genauer Freund von
-Schiller und Göthe gewesen. Von dem ersten besaß er eine große Menge
-Correkturen seiner eignen deutschen Gedichte, welche auch später,
-jedoch ohne Hinzufügung des ersteren, gedruckt worden sind, was die
-literarische Erscheinung um Vieles interessanter gemacht haben würde.
-Göthe schickte seinem Sohne Charles Mellish’, ein Exemplar seines
-»+Hermann und Dorothee+,« mit den schmeichelhaften Worten: »Meinen
-lieben Pathen, Karl Wolfgang von Mellis’h, dem sein Vater, der beste
-Dollmetscher dieses Gedichts sein kann, treumeinend Göthe.« -- Als
-Mellis’h nach einer vieljährigen Trennung von Weimar, wo er lange als
-Kammerherr gelebt hatte, Göthe besuchte, rief dieser beim Anblick
-seines Freundes, mit dem er mancher Flasche den Hals gebrochen hatte,
-und dessen Liebhaberei für den Wein er wohl kannte, nur das einzige
-Wort »Champagner« aus.
-
-Der Sohn des Consuls Mellis’h, +Charles+, war mit mir bei Zimmermann in
-Pension. Wir hatten ein gemeinschaftliches Arbeits- und Schlafzimmer.
-Er war schon damals ein liebenswürdiger Mensch und würde gewiß jetzt in
-seiner diplomatischen Laufbahn ein weit entschiedneres Glück machen,
-wenn er nicht unter die _torys_ gegangen wäre, zu denen sein Vater,
-ein Busenfreund des berühmten Canning, gewiß nicht zu rechnen war.
-
-Das Schlafen ist von früher Jugend auf nie meine Sache gewesen, vor
-allen Dingen nicht das Einschlafen; auch liegt mein Bischen Ruhe fast
-immer in einer von lebhaften Träumen gewebten Wiege, die bei dem
-leisesten Geräusch zerreißt. Anders ging es mit Charles Mellisch, der
-seine zehn Stunden _uno tenore_ wegschnarchte und sich weder durch
-meine Bitten, wach zu bleiben, noch durch die bunten Sonnenstäubchen
-und Bilder, die mein geschäftiger Mund vor seine unempfängliche
-Ohren und Augen trug, noch durch Spectakel aller Art, nachdem er die
-Worte: »Gute Nacht, lassen Sie mich in Ruhe!« ausgesprochen hatte,
-abhalten ließ, in den festesten Schlaf zu verfallen, womit die Natur
-je einen Dachs, einen Domherrn oder gar den Siebenschläfer vor anderen
-Geschöpfen begnadigt hat.
-
-Ich mochte nun anfangen, was ich wollte, alle Mittel, den guten Charles
-zu erwecken von der leisesten Sprache in die Ohren bis zum Feuerlärm,
-waren vergeblich. Brummende und schreiende kurze Töne waren die
-einzigsten Früchte, die meine Kehle und meine Phantasie erbeuteten,
-kein menschlicher Ton leistete meiner beredten Zunge Gesellschaft. Da
-fiel ich auf den glücklichen Gedanken bald »_God save the king_«, bald
-»_Rule Britannia_« anzustimmen. Und siehe! wie durch einen Zauberstab
-geweckt, begleitete Mellis’h jedesmal das angestimmte Lied; bald aber
-bat der Mitsänger mit herzbrechenden Tönen, die durch Schluchzen und
-Thränen unvernehmlich wurden: »Lassen Sie mich doch schlafen; ich bin
-ein Engländer und liebe mein Vaterland mehr als meinen Schlaf; allein
-ich nicke sonst morgen in der Schule ein und kann nicht exponiren.«
-
-Selig, ein Mittel gefunden zu haben, den Fühllosen zu rühren,
-chicanirte ich ihn die ganze Nacht hindurch, wie die Knaben den allzu
-musikalischen, aber tyrannischen Küster, dem sie beim Nachmittagsschlaf
-einen Accord auf dem Positiv nur anschlugen, dann wegliefen, und so
-den alten Mann zwangen, denselben zu vollenden, bis am Ende auch
-meine Lebendigkeit bei den Worten: »_rule the waves_« einen sanfteren
-Charakter annahm, und die Töne mich in den Schlaf einlullten. Schon im
-Traum hörte ich noch einen Engel anstatt des Engländers singen: _For
-Britons never shall be slaves_.
-
-Am andern Tage verklagte mich mein Contubernalis beim Professor
-Zimmermann. Ich opponirte die Einrede, daß sich der gute Karl durch
-keinen andern Lärm, als durch die genannten englischen Nationalgesänge
-stören lasse und wollte ihm ein _privilegium de non cantando_ nicht
-zugestehen. Der Professor enthielt sich aller Intervention, Charles
-wurde abgewiesen und nun meiner Gewalt überantwortet. Aber ich war
-großmüthig; jeden Abend accordirte ich beim Schlafengehen mit ihm, wie
-lange er mit mir reden sollte. Er hielt allemal Wort aus Furcht vor
-meinem Gesange, womit ich denn überhaupt, ein travestirter Orpheus,
-schon gar viel in meinem Leben durchgesetzt habe. --
-
-Ein ähnliches Beispiel dieser National-Pommade erlebte ich zehn Jahre
-später von einem Holländer. Ich lernte ihn an der Abendtafel als einen
-liebenswürdigen jungen Gelehrten kennen. Er erfreute uns durch viele
-interessante holländische Epigramme und Anekdoten, durch unpoetische
-Poesien seiner Dichter, die Schiller’s Poesien einen »+Misthaufen+«
-nennen, und durch Erzählungen von seiner liebenswürdigen Braut.
-Plötzlich schlug es zehn Uhr: er gähnte mehre Male, befahl dem Kellner,
-zu leuchten, und ließ sich durch keine Bitte bewegen, noch unter uns
-zu verweilen. »_Het doet mij leed, dat wij scheiden moeten, ben u soo
-gefattigeerd?_« (Es thut mir leid, daß mir scheiden müssen, sind Sie
-so ermüdet?) fragte ich ihn worauf er antwortete: _Myn Her ik ben
-gefattigeerd, daar ik morgen vroeg um zes Uur opstaan moet_. (Mein
-Herr, ich bin müde, da ich morgen frühe um sechs Uhr aufstehen muß.)
-
-Der englische Viceconsul, ein vortrefflicher Geschäftsmann und
-Mellis’hens rechte Hand, hieß +Wesselhoeft+ und bekleidet noch
-jetzt diese Stelle. So oft ich in Hamburg bin, erinnere ich mich in
-seinem liebenswürdigen Familienkreise der Englischen Familie, dessen
-Haupt alle Liebenswürdigkeiten eines Deutschen und eines Engländers
-vereinigte.
-
-Unter den übrigen Diplomaten zeichnete sich der Preußische Gesandte,
-ein Graf Grote, der sich immer dadurch dem Publikum +bloß+ gab, daß
-er nie seine Garderobe, d. h den Titel als _maître de la garderobe_
-ablegte, durch Originalität aus. Der alte Herr hatte sich in dem
-republikanischen Hamburg, wo übrigens die _haute volée_ oft auch sehr
-an die _noble aristrocraci_ von Amerika erinnert, ganz acclimatisirt.
-Es wurden demselben auch alle möglichen geselligen Vorzugsrechte
-eingeräumt, was er denn auch zu seiner Lebenserhaltung bedurfte.
-Denn der Greis schwitzte große Tropfen, wenn er mit einigen andern
-Exellenzen auf einem Diner und ungewiß war, wer der älteste von ihnen
-sei und das Recht habe, den ersten Toast auszubringen. Man erzählte von
-ihm, daß er zuweilen ganz eigne Noten an den Hamburger Senat erlasse
-und namentlich an den mit der Polizei beauftragten Rathsherr, bei einer
-Gelegenheit, wo ein anderer nicht ferne von ihm wohnender Minister
-bestohlen war -- geschrieben habe. »Ich suche Ew. Hochedlen dafür zu
-sorgen, daß dergleichen Scandal nicht wieder in meiner Nähe passirt.«
-
-Das Theater war zu meiner Zeit vortrefflich. Wie ein geheizt gewesener
-Ofen noch eine Zeitlang seine Wärme hält, wie Weimar noch einen
-poetischen Anstrich von der früheren Farbe hat, so lebte noch Schröders
-Muster in der Erinnerung des Publikums und in dem Bestreben der
-Schauspieler, ihm zu gleichen. Ich beklage es diesen großen Mimen nur
-stumm spatzierend, in seinem Garten zu Rellingen gesehen zu haben,
-den, nach dem Urtheil sachverständiger Hamburger, selbst der geniale
-Devrient nur als »+Franz Moor+« erreicht haben soll. Nie vergesse ich
-Zimmermanns Begeisterung, als er eines Abends aus der Freimaurer-Loge
-zurückgekehrt war und erzählte, daß Schröder Bürgers »+Lenore+« im
-schwarzen Anzuge mit einem weißen Stäbchen in der Hand, so begeisternd
-gesprochen habe, daß alle Anwesenden die Geistererscheinung mit eigenen
-Augen wahrzunehmen zu haben geglaubt hätten -- Schröder war aber auch
-in seiner Jugend ein vortrefflicher Tänzer gewesen, wogegen sich unsere
-jungen Histrionen höchstens eine _Radawazka_ einstudiren.
-
-Schmidt nahm schon damals wol den ersten Rang unter den Hamburger
-Schauspielern ein, und würde unstreitig einen noch weit größeren Ruf
-erlangt haben, wenn ihm nicht ein etwas tremulantes Organ im Wege
-gestanden, das sich freilich ganz vortrefflich zu einigen älteren
-Rollen, wie im »+zerbrochnen Krug+« eignete, oft aber auch sehr störend
-einwirkte. Schmidt hat in Königsberg ehrenwerthe philosophische Studien
-gemacht, auch ist es sehr zu beklagen, daß er sein entschiedenes Talent
-als Lustspieldichter so ganz unverantwortlich vernachlässigt, da sein
-»+leichtsinniger Lügner+,« welcher damals auch einen Preis erhielt, ihn
-als so ungemein dazu befähigt darstellt, wogegen seine Schauspiele, z.
-B. »der Sturm von Magdeburg« sich weniger Beifall im Publikum erworben
-haben. In Gesellschaften, deren der jetzige Schauspiel-Director
-zuweilen sehr glänzende und auserlesene giebt, ist Schmidt höchst
-liebenswürdig und unterhaltend und würzt dieselbe durch treffliche
-Bonmots. Ein solches, wodurch er einen höchst originellen materiellen
-Beweis für die Unsterblichkeit führte, fällt mir so eben ein und
-verdient der Vergessenheit entrissen zu werden.
-
- »Die Elemente rasten nie,
- Und hat der Mensch sie in sich aufgenommen,
- Sagt mir Ihr Philosophen, wie
- Soll da der Mensch zur Ruhe kommen?«
-
-Das Hamburger Publikum ist ein höchst gutmüthiges dankbares, und voller
-Pietät gegen seine bei ihm ergrauten Schauspieler. Es kommt mir vor wie
-ein braver Apotheker, der seinen alt und schwach gewordenen Provisor,
-auf dessen Knieen er sich als Knabe oft hat schaukeln lassen, nicht
-verstößt, wenn derselbe auch kaum mehr die Neujahrsrechnungen schreiben
-kann. Es gab dort einen Pensions-Beifall, der so weit ging, daß man gar
-keine fremde Künstler in den wenigen Musterrollen, worin hie und da ein
-alter mittelmäßiger Schauspieler excellirte, sehen wollte. Die kleine
-niedliche Oper »+das Dorf im Gebirge+« war immer zum brechen voll,
-wenn der alte Schrader den Schulmeister mit seiner trocknen Komik gab,
-wogegen der brave Berliner Kaselitz, welcher Devrient auf einer Reise
-begleitete, bei einer ganz braven Leistung dieser Rolle fast riskirt
-hätte, ausgepfiffen zu werden. Jakobi war ein Naturalist, begabt mit
-einer vortrefflichen Stimme, und hat vielleicht ein halbes Jahrhundert
-den Don Karlos immer mit gleichem Beifall gespielt. Das Hamburger
-Publikum zeigt sich darin wie ein tieffühlender Poet, dem seine erste
-Jugendliebe nie alt wird.
-
-Jakobi war ein origineller Mensch, sein Gefühl wurde zuweilen
-verstopft, wie eine Wasserleitung, floß aber dann desto reichlicher.
-Nach Schröders Tode hatte er fast ein Jahr verstreichen lassen, ohne
-der Frau irgend ein Zeichen von Condolenz zugehen zu lassen. Da ritt
-er plötzlich, an einem Sonntage, zu der würdigen Wittwe des großen
-Mimen, nach dem zwei Meilen entfernten Rellingen, erhielt Audienz und
-brach jetzt in einen so lebhaften Schmerz über den Tod des Großmeisters
-aus, und suchte so lebendig die arme Wittwe zu trösten, daß ein jeder
-Gegenwärtiger nothwendig auf die Idee kommen mußte, der gute Schröder
-sei erst gestern gestorben. So frisch schien Jakobis ungeheuchelter
-Schmerz, welcher übrigens der Wittwe, trotz aller wehmüthigen
-Erinnerung ein Lächeln und die Antwort: »Ihre Theilnahme, lieber Jakobi
-freut mich ungemein. Aber wie kommen Sie denn damit so spät?« entlockt
-haben soll.
-
-Mit den Schmerz über nahe Hingeschiedene ist es übrigens ein eigen
-Ding. Es ist nothwendig, aber höchst unpoetisch, daß die Zeit den Gram
-über den doch so nothwendigen Tod besiegt. Und doch, wer läßt sich
-in der Zeit des Schmerzes diesen nehmen, wer glaubt nicht an seine
-Unsterblichkeit? -- Welcher Bräutigam denkt je daran, seine verstorbene
-Geliebte ersetzt zu sehen, welche Wittwe von Gefühl meint an seinem
-Sarge, daß des seligen Gatten Stelle je wieder von einem Andern
-eingenommen werden könne? --
-
-Die Indianischen Weiber haben den poetischen Feuertod erfunden, um
-den Moment des Übergang zum geringeren Schmerz zu coupiren, für den
-sich vielleicht noch viel mehr sagen lassen würde, wenn eine einzige
-Geliebte dem verstorbenen Gatten nachfolgte, obgleich die durch den Tod
-sich versöhnende Eifersucht auch etwas Rührendes hat; ich habe aber
-einen protestantischen Geistlichen gekannt, welcher den Schmerz durch
-eine übermäßige Nahrung desselben verkohlen lassen wollte.
-
-Er war nämlich schon etwa eine Stunde aus der Residenz auf dem Heimweg
-nach seiner Dorfpfarre, als es ihm einfiel, daß er seinen Freund, den
-ich »Ranz« nennen will, und der seit acht Tagen Wittwer geworden war,
-nicht getröstet habe.
-
-»Paul! kehr um,« rief er seinem Knechte zu, »ich muß wieder zurück.«
-»Ich muß +Ranz+ trösten, der sein Weib verloren hat,« sprach dann
-zu seiner Frau gewendet; »diese Christenpflicht habe ich über diese
-Einkäufe schändlicher Weise vergessen.« -- »Aber, lieber Mann! es
-regnet, als ob es vom Himmel mit Mulden gösse«, stellte die sanfte Frau
-vor.
-
-»Thut nichts!« erwiderte der Enthusiast, der, eine nachgemachte
-zweite Tarpeja, bei einem Deichbruch schon einmal in die Bruchstelle
-gesprungen war und verlangt hatte, man solle ihn rings umher bedeichen
-und seinen doch zu Erde werdenden Körper schon als solchen ansehen,
-»ich muß Ranz trösten und ich werde meine Schnellmittel dabei
-anwenden.« -- --
-
-Frau, Kutscher und Pferde mußten gehorchen. Man fuhr zu Ranzens
-Pfarrei. --
-
-Ranz lag auf dem Sopha. Er versuchte, Mittagsruhe zu halten. -- »Ranz,
-ich bin hieher gekommen, um Dich zu trösten!« hub der eintretende
-Freund an, »weine Ranz.« -- --
-
-Ranz weinte. Aber kaum fing der Thränenstrom an, zu versiegen, als sein
-Freund »Homa« ihn durch rührende Erinnerungen an die Verstorbene zu
-einem neuen Thränenstrom aufforderte. Auch der verlief sich. --
-
-Homa wiederholte diese Thränenerpressung noch einige Male. -- Ranz ward
-endlich thränenlos.
-
-»Du hast dem Schmerz sein Recht widerfahren lassen«, endete Homa,
-»jetzt aber ermanne dich und sei auch wieder lustig.«
-
-Welche Wirkung dieser verminderte Septimaccord auf Ranz Stimmung
-gehabt, weiß ich nicht zu referiren. Indessen ist das Mittel originell
-und ich sehe nicht ein, warum man es nicht bei Jemandem, von dem man
-doch weiß, daß er seinen Schmerz ohnehin bald überlebt, anwenden
-sollte. Ich würde freilich einem solchen trösten Wollenden die Thüre
-zeigen. --
-
-+Herzfeld+ war ein guter Schauspieler, mit einem nur zu sehr sich
-überschreienden Tone. Vortrefflich waren auch +Kühne+, jetzt »Lenz«
-genannt, und der alte +Schwarz+. Das war ein _ensemble_, wie ich es
-niemals wiedergesehen. +Lebrun+ trat zu meiner Zeit zum ersten Male,
-ich glaube als »+Perin+« in der Donna Diana auf und erkannte Zimmermann
-schon damals den künftigen Meister in ihm. Auch Lebrun ist schon von
-den Brettern getreten und von hartnäckigen körperlichen Leiden, welche
-übrigens die Kräfte seines Geistes zu steigern schienen, heimgesucht.
-Indessen habe ich ihn nie liebenswürdiger gefunden, als eben jetzt.
-
-Unter den weiblichen Personen zeichneten sich vor allen eine Demoiselle
-+Wrede+, welche durch Gott Hymen vom Theater abgerufen wurde, und die
-allzu früh verstorbene Doctorin Reinhold aus; zwei Wesen, denen ein
-solches Unschuldsgas entströmte, daß der Theaterbesuch nur begeisternd
-auf die idealistische Jugend wirken konnte. Die letzte lernte ich als
-Primaner einmal bei einer Bostonparthie kennen, wo mich ihr Anblick so
-sehr entzückte und verwirrte, daß ich, ein vollkommen guter Spieler,
-die Farben verwechselte und noch mehr confus wurde, und bis über die
-Ohren erröthete, als die liebenswürdige Künstlerin die richtige
-Bemerkung machte: »Aber Sie bedienen ja nicht recht, immer Herz!«
-
-Schöne Zeit, in der die Schauspielerinnen so begeistern! --
-
-Unter den Trauerspielen, welche ich in Hamburg gesehen, machten keine
-mehr Wirkung auf mich, als die erste Aufführung von Müllner’s »Schuld«
-und die einzigste Hinrichtung, welche ich in meinem Leben gesehen;
-denn als Gesina Gottfried, die bekannte Giftmischerin, in unserm
-nachbarlichen Bremen decollirt wurde, hätten wie überhaupt auch keinen
-von der oldenburgischen geistigen Elite, mich nicht zwanzig Pferde
-wieder hingezogen, obgleich der damalige Bremer Schauspieldirector
-»Bethmann« uns Oldenburgern schriftlich anzeigte, daß er in den Tagen
-mit passenden Stücken aufwarten würde.
-
-Catharina Margaretha Seep, hatte einen Raubmord an einer Verwandtin
-begangen, welche das Glück gehabt hatte, auf die von ihr geträumten
-Nummern eine Sechslingambe, etwa drei Preußische Thaler, in der
-dänischen Zahllotterie zu gewinnen. Ihr Seelsorger war mit den derben
-Worten: »Verflucht ist wer einen Menschen mordet«, zu ihr in die
-Gefangenenzelle getreten und hatte durch dies, in der That höchst
-ungewöhnliche Mittel, die Sünderin so zerknirscht, daß diese bald ganz
-reumüthig, oder wie Lichtenberg irgendwo sehr irreligiös aber sehr
-witzig sagt, als ein Kapaun für den Himmel fett gemacht wurde. --
-
-Da _acta Hamburgensia_ ergeben sollen, daß die feierliche Begleitung
-der Delinquenten, von Seiten der Geistlichen, in den ersten acht Tagen
-des vorigen Jahrhunderts, die Ursache mancher Mordthaten geworden ist,
-weil die Leute geglaubt haben, wenn sie auf dem letzten Wege, von
-einem Hochehrwürdigen begleitet wurden, recht selig zu sterben, so
-wird jetzt der Inquisit von einem Menschen begleitet, der ihm weiter
-keine Ehre anthun kann, wenn er gleich oft im Himmel besser vermitteln
-können mag, als mancher Geistlicher -- vom Schinderknecht. Und der
-jenige, welcher die Begleitung der Catharina Margaretha Seep hatte,
-schien ein wohldenkender, nicht fühlloser Mensch zu sein, wenn sich
-gleich die Todesangst, welche er mit der armen Delinquentin theilen
-mochte, in ziemlich ungeeignete Phrasen auflös’te, von denen ich
-Ohrenzeuge war, da ich durch die Bekanntschaft mit einem Officier, in
-den engern Kreis gekommen war, welcher dicht am Eingange, zu dem mit
-einem Graben versehenen Richtplatze stand. Er tröstete nämlich die,
-nach dem Richtstuhl starrende und weinende Sünderin in abgebrochenen
-Sätzen immer also: -- Swig man still Magret, -- dat is so slimm nig --
-dat kann den +Besten paßeeren+, und zeigte auch noch nach ihrem Tode
-dieselbe Theilnahme, da er, anstatt den beim Schopf gefaßten Kopf,
-während der Scharfrichter mit seinem Degen vor dem Volk salutirte,
-ringsumher zu zeigen, ohnmächtig mit demselben in der blutigen Hand
-hinfiel. -- Der Mann würde in Athen ein sehr populärer Henker sein. --
-
-Bei dieser Gelegenheit habe ich erst recht die Stelle in Göthe’s Faust:
-
- »Schon zückt nach jedem Nacken
- Die Schärfe die nach meinem zückt«
-
-verstehen gelernt. Denn in dem Augenblick, da das Schwerdt das Haupt
-vom Rumpfe trennt, greift man unwillkührlich nach seinem eignen Halse,
-so daß einige der Soldaten, (es war Gewehr bei’m Fuß commandirt), ihre
-Waffe unwillkührlich fallen, ließen.
-
-Unter den drei Bruchvögten, welche das Schaffot in Gallauniform,
-während des Augenblicks der Kopfverkürzung umstanden, war der, mir von
-mehreren Gastmalen her, wohlbekannte joviale alte Mävius, welcher mir
-nachher gestand, daß er bei einem solchen Ort immer eine Höllenangst
-empfinde, daß der Scharfrichter Hennings einmal sich verhaue und dann
-wie ein durch Blut gereizter Tiger, Alles um sich herum niedersäbele.
-
-Während der Execution ist der Senat in Hamburg versammelt, und die
-Thore der Stadt sind geschlossen, welche erst wieder eröffnet werden,
-wenn der Adjutant die Nachricht von der glücklichen Vollziehung der
-Strafe überbringt.
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel.
-
- Das Hamburger Militair. Die Dänen. Pedro Gabe. Zucker-Raffinaderie.
- Juden. Feuerlöschanstalten. Fürst Blücher. Heyse. Godefroy.
- Geffcken. Schuhmacher. Gebrüder Fleischmann.
-
-
-Die Hamburger Bürgergarde wurde zu meiner Zeit neu uniformirt und
-organisirt. Vor der französischen Zeit standen die Bürger in ihren sehr
-von einander abstechenden Civilkleidern mit einer Pfeife im Munde,
-Schildwache, die sie denn auch wol dann und wann verließen, wenn
-irgend ein Lieblingsgericht sie nach Hause zog, obgleich ein altes
-Gesetz diese Contravention mit dem Erschossenwerden bedroht hatte.
-Auf die Unzweckmäßigkeit dieses Gesetzes fußend hatte auch einer
-von den droken (patzigen) Hamburger Bürgern, welcher durch ein Stück
-Hamburger Rauchfleisch sich vom Posten nach Hause hatte locken lassen
-und jetzt deshalb angeklagt war, sich standhaft geweigert, zuerst die
-ihm auferlegten 1000 m&, dann 500 m& bis auf 7 m& 8 ß hinunter, bis
-zu welcher Summe man mit ihm hatte accordiren wollen, als Strafe zu
-zahlen. »Nix« hatte er gesagt, »ick verlang min Recht -- Entweder dod
-schaten wärden oder gar keen Straf ick betahl keenen Sösling, (entweder
-todt geschossen werden oder gar keine Strafe, ich bezahl keinen
-Sechsling,) und war dem Vernehmen nach auf diese Weise frei gekommen.
-
-Die früheren Hamburger Stadtsoldaten waren damals ein würdiges
-Seitenstück zu dem damaligen Bürgermilitair. Man erzählte von einem
-ihrer Officiere, daß, als der dänische Rittmeister Ewald über einen
-niedergelassenen Schlagbaum habe setzen lassen, den der Hamburger
-Lieutnant seiner Instruction gemäß, nicht habe öffnen lassen gewollt,
-dieser mit den Worten fort gelaufen sei. »Na, wenn Gewalt über
-Recht geht, so mag der Teufel Soldat bleiben.« Der Chef der alten
-Stadtsoldaten, ein Obrist aus N. soll gewünscht haben als Hamburg
-französisch wurde in gleicher Eigenschaft bei der französischen Armee
-angestellt zu werden, als er aber befragt, wie viel Schlachten er
-mitgemacht, »+keine+« geantwortet, soll ihm Prinz Eckmühl erwiedert
-haben: _Point de bataille, point de colonel_.
-
-Ein anderer Officier der freien Städte wurde in späterer Zeit einmal
-von einem deutschen Fürsten gefragt, »Haben Sie schon früher gedient?«
-worauf dieser sehr harmlos antwortete: »O ja, sechs Jahre beim Senator
-Meier.«
-
-Die jetzigen, sehr gut einexercirten Hanseaten sind im Begriff, ein
-recht tüchtiges Corps zu bilden, da sie von Jugend auf militairisch in
-Oldenburg gebildet werden. Leider fehlt noch in einigen Staaten, wie z.
-B. in Bremen, die Conscription.
-
-Ein geborner Glückstädter, obgleich ich mich wegen Mangel an Glück
-lateinisch nie _tychopolitanus_, sondern bescheiden, fast so zu sagen
-deutsch weg, _glockstadienis_ schreib, war ich durch meine Geburt doch
-ein dänischer Unterthan und dies um so mehr weil meine Mutter nur
-zufällig ihr Wochenbett in meinem großväterlichen Hause zu Glückstadt
-hielt, mein Vater aber derzeit den Posten eines Landvogts auf der Insel
-Föhr in der Nordsee bekleidete, dasselbe Amt, welcher etwa 30 Jahre
-später dem unglücklichen Lornsen übertragen wurde. Unser Lehrer in
-Uetersen hatte uns den Regentenstamm aus dem Hause Oldenburg auch so
-lobenswerth bezeichnet, den grausamen Charakter Christians II., den
-er gewöhnlich den Unglücklichen nannte, und den Don Quixote-Feldzug
-Johanns I. so mildern dargestellt hatte, daß ich überall sehr dänisch
-patriotisch gesinnt war. Vollends mußte das nun jeder dänische
-Unterthan werden, als die Politik der Alliirten so grausam gegen
-Dänemark verfuhr, daß man dem König Friedrich VI. erklärte, nie anders
-mit ihm unterhandeln zu wollen, als auf der Basis, daß er Bernadotte
-Norwegen abtrete. Der König ergrimmte in seinem gerechten Zorn, die für
-die gute deutsche Sache brennenden Truppen, welche sich schon auf der
-Wilhelmsburg für dieselbe geschlagen hatten, mußten auf’s Neue für die
-verlornen Waffen Napoleon’s kämpfen und Hamburg wurde den Franzosen
-überantwortet. Die Dänen selbst führten die Franzosen in die Stadt. --
-
-Die Hamburger waren ungerecht genug, die Wirkung mit der Ursache zu
-verwechseln. Sie faßten einen heftigen Haß gegen die Dänen, welcher
-auch nicht durch die unendliche samaritanische Barmherzigkeit
-gemildert wurden, womit diese und vorzüglich die Holsteiner an 30,000
-Hamburger[8], welche der französische Marschall Davoust, weil sie
-sich nicht verproviantiren konnten, vor der Belagerung aus der Stadt
-gejagt hatte, behandelten. Noch mehrere Jahre hießen die Dänen
-»Schukel-Meier«, welches soviel wie »Schmugler« bedeutet, und darauf
-ging, daß sie die Franzosen in die Stadt geschwärzt hätten. Man fand
-damals die unanständigsten Anspielungen auf den König von Dänemark in
-den Zeitungen, von denen ich nur als einer der minder beleidigenden,
-der Anzeigen erwähnen will, welche an dem Tage in den Zeitungen stand,
-als der König von Dänemark auf seiner Reise zum Congreß nach Wien in
-Altona angekommen war. Damals las man:
-
-»Daß ich auf meiner Reise von Kopenhagen nach Wien glücklich hier
-angekommen bin, zeige ich hierdurch ergebenst an.
-
-Altona, den. ..
-
- L. S. Meier,
- (_id est_ Schukelmeier.)«
-
-Mit blutendem Herzen habe ich es häufig bemerkt, daß der Stadtsoldat,
-welcher die dänische fahrende Post von Altona nach Hamburg begleitete,
-mit Schmutz beworfen, da er unfähig gewesen war, sich gegen den ganzen
-Hamburger Berg zu vertheidigen, vor dem Königlich dänischen Postamte in
-Hamburg anlangte. Sowohl ich als meine Landsleute mußten deßhalb manche
-Neckereien von den Hamburger Commilitonen ertragen, die wir indeß durch
-unsere geistige und körperliche Superiorität gar bald zum Schweigen
-brachten.
-
-Ein geistreicher Hamburger war +Pedro Gabe+ der Sohn des dortigen
-Senators, welcher später in Paris starb. Ich entsinne mich kaum
-eines Menschen, der so alle Herzen zu gewinnen wußte, wie er.
-Seine Bemerkungen waren launig und treffend. Er wohnte auf der
-Kaffeemacherreihe. »Wenn ich zur Börse gehe,« pflegte er zu sagen, »so
-mache ich das ganze menschliche Leben durch.«
-
-»Ich gehe in die +ABC-Straße+; das ABC ist dasjenige, was die Menschen
-zu erlernen pflegen. Von dort wandere ich auf den +Gänsemarkt+,
-welcher für mich die Flegeljahre bedeutet. Vom Gänsemarkt führt es zum
-+Jungfernstieg+.«
-
- »O! süße Sehnsucht, zartes Hoffen,
- Der ersten Liebe goldne Zeit!«
-
-»Ich gerathe nun auf die +Kunst+, die mich an das Streben geistreicher
-Männer erinnert. Jetzt liegen drei Wege vor mir: links das +Zuchthaus+,
-der Weg der Gottlosen; gerade aus der +St. Petrikirchhof+, der frühe
-Tod; rechts das +Johanniskloster+, für das beschauliche, ascethische
-Leben gemacht. Ich aber, als rüstiger Geschäftsmann, überwinde den
-+Berg+, denke in der +Reichenstraße+ an den Gewinn und verfolge so
-meinen Weg zur +Börse+.«
-
-Schon im Jahre 1814 fing die große Tirannei an, nachzulassen, welche
-seit vielen Jahren von den hamburger Zuckerbäckerknechten auf den
-Straßen verübt worden war, die oft an acht Mann, Arm in Arm, mit
-ihren weißen Nachtmützen und ihren feinen weißen Schürzen, durch die
-Straßen schritten, ohne irgend Einem, selbst nicht dem Bürgermeister,
-auszuweichen. Es waren Menschen von herkulischer Körperstärke, und
-zum Theil von gutem Herkommen, da damals auch die Söhne der reichen
-Raffinadeure ihr Handwerk unter ihnen erlernen mußten. Ich habe
-gesehen, daß ein solcher 225 Pfd. mit dem kleinen Finger hob, und daß
-ein anderer, es klingt zwar spanisch, als acht spanische Soldaten mit
-gefälltem Bajonett ihm den Ausgang aus dem Hause verweigerten, die
-Bajonette des vierten und fünften Mannes ergriff, und, ein parodierter
-Winkelried, sowohl nach der rechten wie nach der linken Seite warf, so
-daß die guten Catalonier rechts und links auf der Erde lagen. Ehe diese
-sich mit ihren Waffen wieder erheben konnten, war der unbewaffnete
-Sieger entflohen.
-
-Die hamburgische Zucker-Raffinaderie ist hauptsächlich durch die
-Industrie der Holländer zu Grunde gerichtet. Hunderte von Matadoren,
-welche früher auf der Börse ihr Folium hatten, sind jetzt spurlos
-verschwunden, so daß ich, selbst auf Nachfragen kundiger Leute, nichts
-von dem Aufenthalt der Nachkommen einiger meiner Bekannten unter diesen
-erfahren konnte.
-
-Die Juden waren zu meiner Zeit in Hamburg, wie in allen freien Städten,
-sehr unfrei. Ihrer rastlosen Thätigkeit verdanken sie indessen, daß
-sie sich in den Besitz der einträglichsten Geschäfte gesetzt haben.
-Wer kennt nicht den Namen +Salomon Heine+ als den des Rothschild von
-Hamburg, der auch im Verhältniß seines großen Vermögens die reichen
-Christen durch Wohlthätigkeit beschämt? Als sein Schwiegersohn, der
-jetzige Präsident von Halle, ein Schulcamerad von mir, der übrigens
-auch von allen hamburger Juristen diesen ehrenvollen Posten mit dem
-allergrößesten Rechte bekleiden mag, denselben, trotz der Concurrenz
-mit dem _Dr._ Heinchen, erhalten hatte, äußerte ein Spaßvogel nicht
-unwitzig: »Was kann Heinchen wider Heine!« Schon damals spielten sie
-gewöhnlich den schöngeistigen Kunstrichter; indessen schlug ihnen
-dabei nicht selten das materielle Interesse in den Nacken, so daß
-sich ihr Witz inmitten der artistischen Beurtheilung auch über dieses
-verbreitete. An dem Abend, als die »Schuld« von Müllner zum ersten
-Male gegeben wurde und ein ungemein großes Interesse erregte, auch die
-Israeliten zum lautesten Beifall hinriß, erhob sich plötzlich während
-der rührendsten Scene ein heftiges Gelächter unter diesen, welche, wie
-einst im _coin du roi_ im Theater _francais_ die pariser Schöngeister
-rechts im Parterre gewöhnlich zusammengeschaart standen: »Haben Sie
-gehört den Witz von Herrn Kohn?« erscholl es von allen Seiten. »Herr
-Kohn steigt eben auf die Gallerie und sagt: das ist acht Viertel
-breiter Gingham.« Ich konnte den Witz nicht begreifen, der die Juden
-zu ersticken drohte, erfuhr aber nachher, daß Gingham, der damals erst
-aufkam, nur eine Breite von vier Viertel-Ellen habe. Der Spottvogel
-mußte sich daher über einen Stoff mockirt haben, welcher dem Gingham an
-Güte nicht gleich kam.
-
-Die Juden wohnen fast alle in der Neustadt und zwar auf dem Steinwege,
-wo sie eigentlich nur aufgenommen sein sollen, um die Cloaken der
-Stadt zu reinigen. Als ein Judenknabe in einer der christlichen
-Straßen von den Buben geschlagen wurde, hörte ich ihn ganz ruhig mit
-Resignation ausrufen:
-
-»Hier iß keen Kunst nich, aber kommt mal nahn grauten Steenweg, da is
-min Broder mit de graute Hand, de sleit ju dat ji den Deubel krigt.«
-(»Hier ist es keine Kunst; aber kommt nur mit nach dem großen Steinweg,
-da ist mein Bruder mit der großen Hand, der schlägt Euch, daß Ihr den
-Teufel kriegt.)« --
-
-Einige Jahre später reis’te ein Hamburger Jude durch eine
-Universitätstadt; er hatte einen Studenten seiner Vaterstadt zu Tische
-geladen, und dieser sich der Einladung aus besondern Gründen nicht
-erwehren können. Der Hebräer tischte mit der Großmuth auf, die das
-unglückliche verachtete Volk nur zu gern vor Andern zeigt, um das wider
-sie herrschende Vorurtheil des Geizes zu entkräften.
-
-Eine Flasche verdrängte die andere, und die ganze Weinkarte ward
-praktisch durchstudirt. Endlich aber rief der Gastgeber, »Eins müssen
-wir noch trinken, lieber Herr Müller!« Dieser dankte, für ein Mehreres.
-Da aber der Israelit nicht aufhörte, diese Aufforderung zu wiederholen,
-und immer mit dem Refrain endete: »Rathen Sie doch mal!« da fiel
-endlich der Student auf den heute nicht getrunkenen Champagner und
-_Saint Peray_. Lächelnd schüttelte der Jude fortwährend den Kopf indem
-er hinzu fügte: »Viel etwas Besseres!«.
-
-Als der Musensohn sich endlich dem geistigen Bankerotte näherte, und
-versicherte, die Aufgabe nicht lösen zu können, rief die Sphinx:
-»_Smollis_ (Brüderschaft) müssen wir trinken!«
-
-Die Hamburger Feuer-Lösch-Anstalten sind vielleicht die besten in
-Europa. Die Häuser, und namentlich die sogenannten Twieten, enge
-Gänge, sind von der Art gebaut, daß es fast unmöglich wird, das Feuer
-zu dämpfen; und dennoch sind, so viele Feuer leider jetzt in Hamburg
-vorkommen, was häufig auch nicht mit rechten Dingen zugehen mag, die
-Beispiele, daß Menschen bei einer Feuersbrunst ihr Leben verlieren,
-sehr selten; obgleich einige der Sprützenbeamten selbst wohl ihr Leben
-dabei verlieren. Noch vor einem Jahre, erzählte mir ein Hamburger
-Freund, ist einer von diesen wackeren Leuten auf eine schreckliche
-Weise ums Leben gekommen. Er hatte sich zu weit auf ein dem Feuer
-nahestehendes Dach gewagt, um dieses zu schützen. »Wasser her!« rief
-er in der Todesangst, »Besprützt mich,« und da ihm weder Hülfe noch
-hinlängliche Kühlung sogleich gereicht werden konnte, stürzte er mit
-den Worten: »Nun so helfe mir Gott,« wie ein Indianisches Weib, in das
-ihn von seiner Todesangst errettende Feuer. Einen ähnlichen edlen Tod
-erlitt in früherer Zeit der Sprützenmeister Repsold, welcher aus einer
-heitern Gesellschaft kommend, unverzüglich zur Rettung herbeieilte,
-sich zu weit wagte und seinen Tod in den Gluthen fand.
-
-Mich haben Kolbenstöße von einer ähnlichen Gefahr, die zu bestehen,
-ich mich auch wol fähig halte, abgehalten; denn als ich kaum einige
-Tage in Hamburg war, gerieth das Haus des Lotterie-Collecteurs Bingo
-auf dem Dreckwall in Flammen. Erzogen auf dem Lande, habe ich von
-Jugend auf keinen größeren Lebenswunsch gehabt, als einen Menschen vom
-Feuertode zu retten. Ich eilte also beim ersten Signal zu der nicht
-weit entfernten Feuersbrunst, sah aber bald, daß die herbeigeeilten
-Bürgergardisten nebst den eigends dazu bestellten Leuten, welche das
-Wort »Retter« am Hute tragen, mir jede Mithülfe unmöglich machten.
-Gedrängt von ihnen flüchtete ich auf die Schwelle eines Juden, der,
-wenn ich nicht irre, Cohn hieß. Obgleich mehrere Christen mit mir die
-Treppe vor seinem Hause inne hatten, so antwortete dieser Mann doch auf
-die Frage: »Sind alle die Leute, welche hier auf der Treppe stehen,
-von Ihrer Familie?« -- »Sie sind alle von meiner Familie, nur nicht der
-lange dünne junge Herr,« auf mich hinweisend. Dies hatte die Folge, daß
-die Diensteifrigen mich, den retten Wollenden, mit ihren Kolben von
-meinem Asyl vertrieben. Das ist die letzte physische Gewalt, die an
-mir ausgeübt ist. In geistiger Hinsicht habe ich diese Kolbenschläge
-oft noch nachher empfangen, wenn ich mit Ueterser, von meinem guten
-Rektor, eingesogenen Enthusiasmus, Menschen retten wollte. Uebrigens
-ist es drollig, daß ich noch nie in Hamburg gewesen bin, ohne ein Feuer
-erlebt zu haben, und daß ich solches zu den Dingen rechne, die ich
-dort unvermeidlich zu betrachten habe. Ich kann dem nicht entgehen,
-wie mein guter Ueterser Rektor, der »Bestürmung von Smolensk,« welche
-sechs Male nach der Reihe gegeben wurde, wenn derselbe nach langen
-Intervallen sich einmal einen vergnügten Abend in Hamburg machen
-wollte. -- Es war allezeit eine reine Prädestination, welche sich für
-die Lehrer von der Gnadenwahl anführen ließe. Da half kein Lesen der
-Hamburger Zeitung. Dreimal war eine Oper angezeigt gewesen, allemal war
-eine Sängerin krank geworden oder etwas Anderes dazwischen gekommen
-und »die Bestürmung von Smolensk« war als Ersatzmann eingetreten. Ich
-aber rief, als angehender humoristischer Troßbube, dem zum sechsten
-Male von Hamburg heimkehrenden Rektor mit Sicherheit zu: »Nicht wahr,
-Herr Rektor, es ist wieder die Bestürmung von Smolensk gegeben worden,«
-worauf er, halb ärgerlich halb lachend, die Bestätigung ertheilte.
-
-Ich habe mich seit der Zeit daran gewöhnt alle Ereignisse, die sich um
-mich her zutragen, zu meinem Nutz und Frommen in diejenige Flüssigkeit
-zu verwandeln, welche man »+Humor+« nennt, und nur eine mühsame
-Existenz durch diese Procedur ertragen erlernt. Die Ereignisse meines
-Lebens sind aber auch so abentheuerlich und fratzenhaft geworden,
-daß ich kein Buch kenne, welches in dieser Beziehung es mit meinen
-Erlebnissen aufnehmen kann, selbst »Tausend und eine Nacht« reicht
-ihnen nicht das Wasser. Ich erzähle sie nicht alle, aus Furcht, ein
-Lügner gescholten zu werden, und wenn ich auch zu Gütern und Würden
-kommen könnte, welche die Familie Münchhausen im Hannöverschen hat. Ich
-werde aber einige davon in meinen Memoiren nach meinem Tode zum Besten
-geben, denen man freilich auch schwerlich selbst dann, wenn meine
-Mitbürger mir das Zeugniß eines wahrhaften Menschen gegeben haben,
-Glauben beimessen wird.
-
-Das Bestreben der Abentheuer, sich an mich zu drängen, ehre ich
-übrigens, wie ein Fürst die Liebe seiner Unterthanen. Ich gehe zu allen
-Feuersbrünsten, Aufläufen, und andern tumultarischen Auftritten mit
-höflichem Ernst, weil ich weiß, daß sie mir zu Ehren vom Weltgeiste
-veranstaltet sind. Oft zeige ich mich nur der Etiquette willen, bei
-solchen Gelegenheiten, aber ich zeige mich doch.
-
-Ich muß hier einer großartigen Antwort eines Einfaltspinsels erwähnen.
--- Als ich im Jahre 1830 mit Heine und Zimmermann im Schweizer Pavillon
-an der Alster saß, riß ich mich aus dem interessanten Gespräche mit
-ihnen, beschworen durch einen plötzlichen Feuerlärm-Ruf. Bei der
-jetzigen Schule, die, wenn ich nicht irre, auf dem Adolphsplatze liegt,
-brannte es fürchterlich schön. Ich eilte hin, da aber die Hamburger
-Feuerofficianten bald Herren des Brandes zu werden versprachen, begab
-ich mich zu Hause und zwar in »den wilden Mann,« auf dem Hopfenmarkt.
--- Als ich am andern Morgen neu gestärkt vom Schlafe wählig im Bette
-lag, fragte ich den hereintretenden, mich anglotzenden Kellner
-übermüthig: »Brennt die Stadt noch?« worauf er mir die unvergeßliche
-Antwort gab? »Kann nicht dienen, will aber gleich Mal nachfragen.« Er
-verschwand darauf und kehrte alsdann mit der Paroli-Antwort zurück:
-wie in dem Hause und auf der Nachbarschaft Niemand wisse, daß in der
-vorigen Nacht Feuer in Hamburg gewesen sei. -- Anders ist es bei uns in
-Oldenburg, hier besprechen wir das Feuer.
-
-Der verstorbene Herzog hatte während seiner langen Regierung das Glück,
-äußerst selten seine Residenz von Feuerlärm beunruhigt zu sehen.
-Entstand ein solcher, so wurde der Brand gar bald durch die Thätigkeit
-der Oldenburger, in Gegenwart des herbeieilenden Fürsten bekämpft.
-Dadurch entstand bei dem sonst keineswegs abergläubischen Volke die
-Meinung, sein Herzog Peter könne das Feuer besprechen. --
-
-Als nun beim Antritt der Regierung des jetzigen, gnädigsten Großherzogs
-auch eine bald gedämpfte Feuersbrunst ausbrach, die, trotz heftigen
-Windes nur +ein+ Gebäude verzehrte, wozu die Gegenwart und die
-Aufmunterung des jetzigen Regenten gewiß einen großen Theil beitrug,
-raunten sich die guten Leute zu: »Der hat das Besprechen vom Vater
-gelernt, und kann es das erste Mal schon fast eben so gut, wie der
-selige Herr!«
-
-Im Jahre 1814 oder 15 kam der alte Blücher nach Hamburg. Die Erwartung
-den zu sehen, von dem Follenius in seinem Liedern an der Katzbach so
-schön singt:
-
- »Gebhard heißt der Wahlstatt Meister,
- Denn er hat es hart gegeben.
- Lebrecht; Gebhard Lebrecht heißt er,
- Denn er führt das rechte Leben.«
-
-bewegte mein Herzblut.
-
-Drei Abgeordnete der ehemaligen Hamburger Freiwilligen, und unter
-diesen mein Professor Zimmermann, waren dem großen vaterländischen
-Helden entgegengefahren, um ihn auf der Hamburger Grenze zu begrüßen.
-Es war schon ziemlich spät geworden als es endlich erscholl: »Blücher
-kommt.« Ich stürzte mit Vielen aus dem Benneschen Kaffeehause an der
-Petrikirche und folgte, in den Jubel der Hamburger einstimmend, dem
-sich rechts nach dem Jungfernstieg drehenden Wagen, worin Blücher sein
-sollte, während ein anderer Vierspänner über den +Berg+ nach der Börse
-hineilte. -- Aber, wie groß war mein Erstaunen, als Blücher nicht
-am Jungfernstieg anhielt, der Kutscher vielmehr über den Gänsemarkt
-nach der Königstraße hinfuhr und hier vor meiner eigenen Wohnung Halt
-machte. Und siehe! es stieg nur mein Professor mit seinen beiden
-Begleitern heraus, während ich athemlos dastand und mich nicht wenig
-ärgerte, diesen Herren doch eine gar zu große Verehrung bewiesen zu
-haben, und Zimmermann lachend meinte, daß ein solcher Respect vor
-ihm, und eine solche Begeisterung für meinen Lehrer, bei mir ganz in
-der Ordnung sei. -- Jetzt ging es nach der Börsenhalle, wohin der
-alte Fürst gefahren war und wo man, wie die Welt sagte, ihm sofort
-ein kleines Pharo zu Ehren arrangirt hatte. Der Enthusiasmus war
-ungemessen; er mußte fast nach jeder Taille wieder erscheinen; allein,
-obgleich er vortrefflich und anhaltend redete, so kam doch von dem
-lauten, fortwährenden Jubel getödtet, keins seiner Worte lebendig zur
-Erde.
-
-Die Stadt war wie in einem Nu erleuchtet, jeder Zauderer aber durch
-Steinwürfe zur sofortigen Erfüllung des allgemeinen Willens gezwungen.
-
-Blücher hielt sich reichlich acht Tage in Hamburg auf, in welcher Zeit
-man ihm eine verdiente, übermenschliche Ehre erwies. Ich hatte die
-Freude, vor ihm auf dem Heiligen Geistfelde mit zu turnen. Eines Tages
-besuchte er die Wittwe des Dichters Klopstock; unsere Nachbarin, deren
-großer Verehrer er in früherer Zeit gewesen sein soll. Mühsam kam ihm
-die Alte entgegen und wollte den Fürsten auf der Treppe vor dem Hause
-empfangen. Allein der agilere Blücher winkte ihr zu auf der Hausflur
-zu bleiben, indem er ihr zurief: »Mit dem Sprüngemachen ist es vorbei;
-wohl dem der welche gemacht hat.« Die guten Hamburger, gewohnt, an
-Blücher Alles zu vergöttern, posaunten am andern Tage den großen Sinn
-des Fürsten für deutsche Literatur aus und priesen den Helden, der,
-kaum in Hamburg angekommen, zu der Wittwe des Messiassängers gefahren
-sei.
-
-Am Vorabende, vor der Abreise Blücher’s hatten sich eine Menge
-Honoratioren verabredet, demselben eine Nachtmusik zu bringen, welche
-mit Wachsfackeln auch ausgeführt wurde, ohne daß davon etwas unterm
-Pöbel verlautete. Es wurde ein Lied auf die Melodie des: »_God save
-the king_« gesungen, das Blücher vom Balcon anhörte und nach dessen
-Beendigung er uns haranguirte. Ich gestehe, nie eine bessere Rede aus
-dem Stegreif gehört zu haben, welche wie ein warmer Mairegen auf dürre
-Saaten, auf uns niederfiel und jedem Auge Zähren entlockte.
-
-Die Todtenstille, die während seiner Rede herrschte, dauerte noch
-fort, als diese schon verstummt war, bis ein alter Hamburger mit
-lautschluchzender Stimme sie mit den Worten »Danke! lieber Vater
-Blücher, Danke!« unterbrach, welche die Thränen der Rührung verstärkte,
-aber auch einige der Komik hervorrief.
-
-Von meinen Schulcameraden sind Mehrere, arge Philister geworden.
-Einer, bei dem ich drittehalb Jahre gesessen, und den ich nach einer
-Trennung von 10 Jahren im vorigen wiedersah, antwortete mir auf die
-Frage: ob er seinen alten Commilitonen wol wiederkenne: »Jawohl lieber
-Meier, ich erkannte Dich gleich.« Einige wissen Einem nichts als ein
-Diner vorzusetzen, noch Andere sind geistig im materiellen Wohlleben
-untergegangen. Mit Freuden gedenke ich des geistreichen Doctors Carl
-Ludwig Heise, des liebenswürdigen Richard Godefroy, des biedern
-Gottfried Geffcken, des poetischen August Schuhmacher und der sich
-immer gleichbleibenden Gebrüder, Carl und Christian Fleischmann, in
-deren väterlichen Hause ich auf der Schule schon so viele Güte und
-Gastfreundschaft genossen hatte. Ich tröste mich oft in Hamburg mit
-dem, freilich unwahren Satz, den mein ältester Bruder einmal im Unmuth
-ausstieß, der aber ein gutes Expediens ist wenn man sich in einem
-Menschen getäuscht sieht. »_Distinguendum._« Einige Menschen sind
-unsterblich und einige sind es nicht.
-
-Uebrigens thut man weise daran die geistreichsten Menschen in Hamburg
-unter dem Kaufmannsstande zu suchen, nicht unter den im Durchschnitt
-sehr materiell gewordenen Gelehrten.
-
-
-
-
-Dreizehntes Kapitel.
-
- Die Dänischen Postwagen. Ankunft in Kiel. Der Compagnie-Chirurgus
- E.......... Harms. Kiel. Das Hoch der Studenten. Das Vogelschießen.
- Das Hazardspiel. Steffens. Junker Slenz. Die Advocaten D--s
- und D--r. Meine Botschaft als Secundant. Landfriedensbruch und
- Wegelagerung. Citation vor das Arctius.
-
-
-Zu den Ueberresten der Tortur gehörten damals die Dänischen Diliganzen,
-welche aus offnen Leiterwagen bestanden, auf denen nur der Conducteur
-auf dem Wege von Altona nach Copenhagen, einen ledernen Stuhl hatte,
-worauf man den Ehrenplatz bei demselben oft auf Wochen im Voraus
-belegte, und durch Freihalten des Schirrmeisters, während fünf Tage und
-fünf Nächte, dankbar in der höchsten Potenz vergütete. Und um diesen
-elenden, menschenmörderischen Posten bewarben sich bei jedesmaligen
-Vacanz Hunderte, -- ich will nur an den ehemaligen Kapitain »Kurzhals«
-erinnern, der entweder die letzte Silbe seines Namens oder ein paar
-Male den Arm in seinem Dienste gebrochen hat, was in der Regel freilich
-jedem seiner Collegen passirte. Noch ärger war es indessen mit dem
-Mecklenburg-Schwerin’schen Postwagen nach Hamburg, auf dem ich mir,
-ein langer, dünner Primaner, ein menschliches Ausrufungszeichen, im
-Jahre 1815, einen Platz von Ratzeburg aus, und zwar, nach dem Dänischen
-Präjudiz, bei’m Conducteur erwirkt hatte. Dieser hatte aber nicht
-einmal eine _sella curulis_, war aber ein vierschrötiger Mann, in eine
-so große Menge Mantel eingewickelt, das diese mich fast schon meines
-dürftigen Sitzes beraubten. Kaum war er, auf dem einst da gewesenen
-sich immer wieder geltend machenden Steinpflaster ruhig eingeschlafen,
-so lehnte er sich sogar auf mich, und setzte mich die ganze Nacht in
-den Nothstand, ihn mir vom Leibe oder vielmehr wie ein Kind, wenn auch
-ein sehr vergrößertes, in meinem Arm zu halten -- --
-
-Nach einer regnerischen Nacht, welche ich auf einem gottverfluchten
-Postwagen zugebracht hatte, langte ich gegen Mittag in Kiel an. Ich
-hatte nichts Eiligeres zu thun, als meinen Bruder, den Historiker
-aufzusuchen, der mir zwar schon auf der Straße begegnete, mich aber
-nicht recht erkannte. Zum Theil mochte mein Wachsthum, zum Theil auch
-meine etwas ehrwürdige Garderobe daran Schuld sein. Er rief mich beim
-Zunamen, von dem er, als ich aufhorchte, auf den Vornamen überging;
-dann führte er mich in seine Wohnung, welche er in dem Hause eines
-alten Compagniechirurgen E........., von einigen achtzig Jahren
-hatte, zu einem alten Mann der auf eine bewundrungswürdige Weise
-seine angeborne Unwissenheit neben einer sehr tüchtigen körperlichen
-Gesundheit conservirt hatte. Der Greis von ehrwürdigem Aeußern war
-auf eine humoristische Weise in jedem Gebiet des Geistes, selbst in
-dem der Religion mit sich fertig; seit dem schweren Winter von 1788
-hatte er kein medizinisches Werk mehr gelesen. Von Harms, der damals
-ganz Holstein bewegte, pflegte er zu sagen: »Der Harms soll sehr gut
-predigen, und wie man sagt, eine sehr brave neue Religion erfunden
-haben, welche die Menschen zu sehr guten Dingen anhalten soll. Allein
-ich müßte doch ein +niederträchtiger Kerl+ sein wenn ich mich in
-meinen Jahren noch bessern wollte.
-
-Ueber Harms habe ich in meinem Aufsatz »Holstein zu meiner Zeit,«
-welcher im ersten Theil der kürzlich erschienenen Pandora, manches
-in die Lesewelt geschickt, das selbst durch die Kirchenzeitung und
-andere Journale zu sehr in der Lesewelt verbreitet ist, als daß ich es
-wagen sollte, es abermals ihren Augen hier vorzuführen. Indessen wird
-es mir vergönnt sein, um der Vollständigkeit meiner humoristischen
-Erinnerungen aus jenen Jahren willen, hier einen Passus aus jenen
-Skizzen einzuschalten.
-
-»Die Hauptstadt des Herzogthums Holstein ist Kiel, welches an einem
-Busen der Ostsee liegt. Die Bewohner treiben einen ausgebreiteten
-Handel und Schiffahrt, und unterhalten Tabacks-, Zucker-, und
-andere Fabriken. Kiel hat 10,000 Einwohner, und war bis 1773 die
-Hauptstadt des gottorpschen (kaiserl. russischen) Antheils am
-Herzogthum Holstein, welcher im genannten Jahre gegen Oldenburg und
-Delmenhorst an Dänemark vertauscht wurde. Die Universität ward 1665
-vom Herzoge Christian Albrecht von Holstein gestiftet, weshalb sie
-auch Christiana Albertina heißt, und zählt etwa 300 Studirende. Diese
-sind mit ausgedehnten Privilegien versehen, welche, wenn ich nicht
-irre, von der russischen Kaiserin Katharina herstammen. Zu diesen
-gehört denn auch ein sogenanntes »Hoch«, welches bei feierlichen
-Gelegenheiten, als Anwesenheit des Königs von Dänemark in Holstein,
-Universitätsjubiläen, u. dgl. m. von den Studenten gebracht wird.
-Diese wählen alsdann einen Generalbeschließer, welche drei Tage nach
-demselben diese Würde bekleiden, Generals-Uniform tragen, den Titel
-»Excellenz« führen und als solche nicht bloß die militairischen
-Honneurs genießen, sondern auch bei Anwesenheit Sr. Maj. des Königs als
-Excellenzen zur Tafel gezogen werden.[9] Sämmtliche Studenten, welche
-eine recht geschmackvolle Uniform tragen dürfen, erscheinen alsdann in
-solchen. Da ist aber dann streng militairische Disciplin eingeführt,
-das trauliche »Du«, das _Smollis_ aufgehoben, und Alles bewegt sich
-in den unnatürlichen Formen militairischer Etiquette. Nur eine Amme
-machte zu meiner Zeit einen Verstoß dagegen. Sie hatte gehört, daß ihr
-Säugling, der Sohn eines reichen Postmeisters, die ehrenvolle Charge
-eines Generalanführers bekleidete, in einem großen, auf sieben Tage
-gemietheten Palais wohne und machte sich daher zu Fuß auf, um ihre
-Helden in Friedenszeiten zu bewundern. Sie achtete nicht des Adjutanten
-im Vorzimmer, welcher sie erst melden wollte. »Ich bin seine Amme« rief
-sie, Alles fortstoßend, was ihr in den Weg trat, und gelangte so in das
-vornehmste Zimmer, wo ihr Abgott den städtischen Behörden eben eine
-Audienz ertheilte. Sie trat sofort neben den General, den alsbald Stolz
-und Dankbarkeit zu geniren anfingen, und rief endlich: »Peter, Peter,
-wat bist du schön und förnehm! Schade is et, dat de Ehre man söben Dage
-duhrt; wenn ick de König were ick leet di so.« (Schade, daß die Ehre
-nur sieben Tage dauert; wenn ich der König wäre, ich ließe Dich so.) --
-Die Ehre, eine solche Charge zu bekleiden, wird freilich von den Eltern
-theuer bezahlt, und schlägt man diese siebentägige Ehre meistens auf
-eben so viele hundert Thaler an.
-
-»Die Kieler Einwohner entwickeln in Beziehung auf ihre Lebenslust einen
-süddeutschen Character. Die Vergnügungsörter in und um die Stadt sind
-meistens von Besuchern erfüllt; namentlich wird die Schießkunst von
-allen Ständen exercert, so daß es nicht selten vorkommt, daß man in
-dem Kieler Wochenblatt an demselben Tage, in denselben Umkreise von
-einer Meile sieben bis acht Vogel- resp. Scheibenschießen angekündigt
-findet. Der Preis des besten Schusses ist sehr verschieden, und sinkt
-von bedeutenden Silbersachen bis zu einigen Pfunden Aale hinab, welche
-die ärmeren Fischer dem Sieger erkennen. Die Stadt Kiel hat eine
-grüne Schützengarde, von der sich auszuschließen zu meiner Zeit den
-Schimpf des Bankerotts noch überstieg. Als die alte Mutter eines dieser
-Gardisten zum Erstaunen des Lombardverwalters das beste Weißzeug des
-Hauses versetzen wollte, und dieser hierüber seine Verwundrung äußerte,
-antwortete sie mit derselben Ruhe, womit ein Vernünftiger die Wirkung
-einer Naturnotwendigkeit anerkennt: »Et is ja dat Vagelscheten.«
-
-Während des Umschlags fehlt auch nicht das Hazardspiel. Der Kammerherr
-und Oberst v. T., den sein Onkel, der reichste Privatmann in Holstein,
-wegen dieser Sorte Industrie enterbt hatte, ließ in drei Kaffeehäusern
-Bank halten, und verschmähte es selbst nicht, die ritterlichen Finger
-zum Abschlag einer Taille in Bewegung zu setzen. Wahrlich, es ist
-eine Schande, daß Deutschland im 19. Jahrhundert solche Glücksritter
-duldet, daß Fürsten sie bebändern und zur Tafel ziehen, was jeder
-ehrliche Schinder zehnhundertmal eher verdient, als diese Agenten
-der Hölle. Und können diese Ungeheuer einmal nicht entbehrt werden,
-warum belastet man sie nicht mit der Infamie ihres Geschäfts, wie
-einst ungerechter Weise die Freiknechte, Müller, Leineweber und
-Schweineschneider anrüchig waren? Warum erlaubt man ihnen in den Bädern
-an der Table d’hote zu speisen, und in den Promenaden gleich andern
-ehrlichen Leuten zu wandeln? Warum tragen sie nicht ein polizeiliches
-Abzeichen? Warum sind sie nicht in Wachstuch vernäht, wie es Leuten
-zukömmt, welche Pestkranke herumschleppen? -- Wahrlich ich sage Euch,
-Ihr Fürsten! Ihr könnt höchstens auf den Titel eines Stiefvaters
-aber nicht auf den des Landesvaters Anspruch machen, so lange ihr
-das Spielergezücht in Euren Ländern duldet, ohne es wenigstens durch
-ein Abzeichen zu beschimpfen. Glaubt mir, der Gegenstand ist wichtig
-genug, um meine Worte zu beherzigen, und möchte sich gar wohl zu einer
-vertraulichen Sitzung des Bundestages eignen.
-
-Unter den Professoren meiner Zeit ist außer dem humoristischen +Pfaff+,
-dem vielgeliebten +Dahlmann+, dem Menschen rettenden +Ritter+, vor
-allen Dingen der Statsrath +Cramer+ zu merken, der sowohl als Jurist
-wie als Philolog eine der ersten Stellen auf deutschen Kathedern
-einnahm. Nie habe ich ein fertigeres und schöneres Latein als von ihm
-gehört. Dabei war er ungemein launig. Als einst ein Student, seinem
-vortrefflichen L’hombrespiele zusehend, mit dem Gesichte fast auf
-dessen Schultern ruhte, zog Cramer mit der größten Ruhe sein Sacktuch
-aus der Tasche, und ergriff damit die Nase des Studenten, als ob er sie
-schneuzen wolle, indem er sogleich eine erschrockene Miene affektirte,
-und sich dann mit den Worten entschuldigte: »Verzeihen Sie mein Herr,
-ich glaubte, es sei +meine+ Nase.« Mit dem Professor der deutschen
-Sprache, Adolph +Nasser+, einem süßflötenden und lispelnden Männchen
-aber von dem besten Herzen, dem es gar komisch anstand, wenn er das
-Nibelungenlied erklärte, und sich selber vor der starken Brunhild,
-welcher die Männer an die Wand aufhing, zu fürchten schien, -- hatte
-Cramer einst L’hombre gespielt, und Nasser, der sein ganzes Geld auf
-Sonderbarkeiten verwendete, eine bedeutende Summe an ihn verloren.
-Nasser hatte im besten Glauben das Dreifache seiner Schuld zu zahlen,
-Cramer eine Gemme gebracht, welche diese zwar lächelnd angenommen
-hatte, die ihn aber doch veranlaßte vor jeder künftigen Partie mit
-Nasser zu bemerken: »Herr Professor, wir spielen aber nicht um
-Steine.« Höchst merkwürdig war es, daß Cramer, der später in Wahnsinn
-verfiel, ein Werk geschrieben hat, wovon er sich nach erfolgter Heilung
-nicht das Mindeste erinnerte. Dieses Manuscript, voll von geistlichen
-Sarkasmen, ist meines Wissens nicht gedruckt, sondern durch Cramers
-Familie von einem Buchhändler, der es bereits käuflich an sich gebracht
-hatte, wieder erstanden, und vielleicht für die Nachwelt aufbewahrt.
-
-Die Freigebigkeit und Ungehörigkeit der dänischen Titel zeigte sich
-auch an einigen Mitgliedern der Universität. Es giebt vielleicht kaum
-ein friedlicheres Geschäft, als das eines Geburtshelfers. Nichts
-destoweniger war der eine, Namens Wiedemann, +Justizrath+, der andere,
-ein Herr Maas, +Kriegsrath+.
-
-Die Kieler Studenten theilen sich in solche, welche auch andere
-Universitäten besucht haben, und in »Kümmeltürken,« welche in Kiel
-absolviren. Da zu meiner Zeit die Matrikel vom Soldatendienst frei
-machte, so sah man gar viele Bauerburschen, welche das Geld, das
-eigentlich einem Stellvertreter gebührt hätte, in Kiel vergeudeten,
-und später, wie Phocion aus der Schlacht, vom Kommersch zu den Rüben
-zurückkehrten.
-
-Die ewige Selbstverspottung, worin die Holsteiner zu leben pflegen,
-und womit sie sich und ihre Landsleute weidlich züchtigen, macht es
-jeder Individualität schwer, sich auszuzeichnen, und sich als solche
-geltend zu machen. In einer eng abgeschlossen, geistig etwas langsamen
-Nationalität, bei der engen Verknüpfung der Persönlichkeit und ihrer
-Verhältnisse untereinander wo Jeder dem Andern in die Fenster und in
-den Mund guckt, erzeugt sich leicht jene etwas philisterhafte Vorliebe
-für die abstracte democratische Gleichheit im Gebiete des Geistigen,
-und ein Widerwillen gegen jede hervorragende oder überragende
-Persönlichkeit, die auf der andern Seite wieder die Scheu als solche
-heraus, ja überhaupt nur frei aufzutreten nach sich zieht. Das erinnert
-an die Ephesier, die den Hermodorus durch Ostrazismus verbannten, weil
-unter ihnen keiner besser und geschickter sein solle als die Anderen
-eben auch. Der Demos von Ephesus sprach also das: »Wir brauchen keine
-gescheite Leute!« schon über 2000 Jahre vor den guten Holsteinern aus.
---
-
-Noch an demselben Abende, da ich in Kiel angelangt war, besuchte ich
-einen Jugendfreund, den ich für meine Universitätsbekannte hier mit
-seinem Spitznamen, Junker »Slenz«[10] bezeichnen will. Slenz war eine
-ehrliche Haut, voll Mutterwitz, allein kein Verehrer vom Brodstudium.
-Und doch konnte er, wenn gleich von einer sehr angesehenen Familie,
-dem Examen in Schleswig nicht entgehen. Er lebte daher jetzt in
-Düsternbrock bei dem Kaffetier Bruhn, woselbst er »+ochsen+,« (der
-technischem Ausdruck der Studenten für »+fleißig sein+«) wollte.
-Allein des Morgens schadeten die +Katzen+ dem +Ochsen+. Denn Slenz
-hatte die Manier, sobald er irgend einer Katze ansichtig wurde, und
-in Düsternbrock war grade ihr Congreßplatz, auf dem sich damals schon
-viele mit Frühlingsahnung einfanden, -- sie mit seiner Flinte zu
-verfolgen, wobei er denn seine Abhandlung über den »_salvum conductum_«
-denn oft ganze Stunden suspendirte. Am Nachmittag aber zogen die
-kneiplustigen Musensöhne den oben meditirenden Candidaten mit mehr als
-Katzengewalt, wieder als alten Burschen in ihre Zirkel hinunter, wo
-sie seinen ritterlichen Burschenthaten und Erzählungen, in denen viel
-Wahrheit und viel Dichtung war, zuhorchten.
-
-Ich traf Slenz auf seinem Zimmer im wissenschaftlichen Gespräch mit dem
-biedern und gelehrten Doctor Steffens, meinem Universitätsfreunde von
-Heidelberg her, dessen Verdienste um des Examensfieber der Holsteiner
-und Schleswiger, welche fünf Tage ein mündliches und ebenso lange
-ein schriftliches Examen bestehen müssen, ein unsterbliches genannt
-werden kann. Meine Erscheinung störte natürlich Slenz wieder in seiner
-juristischen Verpuppung, ich mußte Nachrichten über den Stand der
-Burschenschaften, über die Zahl des Corps, über den Biercomment, über
-die Art und Weise wie man losging, (sich duellirte,) über die Existenz
-einiger hübschen Philistertöchter, ob man grüne und weiße Fläuse trage,
-und dergleichen Dinge von Wichtigkeit mehr, geben.
-
-Steffens war schon längst fort, als wir noch im eifrigsten Gespräche
-waren. Slenz erzählte grade von der berühmten Stürzerei, wo mein Freund
-v. H. in Göttingen siebzehn Kurländer gefodert hatte, weil diese sich
-nachtheilig über einen Freund von ihm geäußert hatten, als es ungestüm
-an die Thüre pochte, und ohne das »Herein« abzuwarten, ein kurzer
-kräftiger Vierziger, sichtbar erhitzt, mit funkelnden Augen herein trat.
-
-»Herr von Slenz,« rief er aus, »ich bitte daß Sie mir secundiren, daß
-Sie den verdammten D--r fodern.«
-
-»Haben Sie endlich mit ihm angebunden? Hat er Sie endlich touchirt?«
-versetzte mein Freund.
-
-»Freilich hat er das. Er hat mich einen niederträchtigen Kerl genannt,«
-versetzte der Fremde. »Aber er soll es mir büßen. Fodern Sie ihn ja nur
-morgen früh, liebster Herr von Slenz. Meine Ehre brennt mir, ich muß
-sie in Blut abwaschen.«
-
-»Sie wissen mein lieber Herr D--r,« versetzte Herr von Slenz, »daß ich
-mich mit Paukereien gar nicht abgebe, weil ich ochse. Zudem habe ich
-schon mehrere Male das _consilium_ unterschrieben, und möchte nicht
-gern vor dem Examen wieder in eine solche Suite verwickelt werden.
-
-»Aber da ist hier mein Freund, der thut das gleich. Der hat noch keine
-Stunde Carcer gehabt (Nich wahr lüt Tedor, Du deihst dat glick? Nicht
-wahr kleiner Theodor du thust das gleich?)« fuhr er gegen mich gewendet
-fort.
-
-Slenz sprach nur plattdeutsch, wenn er Geld borgen oder Jemanden sonst
-überreden wollte.
-
-»Ich muß doch die Herren miteinander bekannt machen,« endete er.
-
- »Der Herr Obergerichtsanwald D--s, ein braver couragöser Philister,
- der geistig immer Bursch geblieben und Herr Theodor v. Kobbe,
- Secretair und Deputirter der Heidelberger Burschenschaft, Eminenz
- der Heidelberger _Cerevisia_.«
-
-»Da mein Freund Slenz es wünscht, so will ich die Herausfoderung
-überbringen,« sprach ich nach dem Sprichwort, _qui cito dat, bis
-dat_, schnell, aber nicht ohne einige Verstimmung. -- Es galt aber
-doch auch in Kiel forsch zu debütiren, ich erkannte eine burschikose
-Notwendigkeit an.
-
-O Sie Goldmann! rief D--r. Sie schaffen mir meine Ehre wieder! --
-
-»Ich glaube nicht, daß der Kerl überall sich schlägt,« bemerkte Slenz.
-
-»Muß, muß, muß, muß,« protestirte D--r. Auf Pistolen oder Degen,
-einerlei. Eine Narbe soll ihm schon gut stehen, in seinem fieberhaften
-Basiliogesicht. Wann befehlen Sie morgen frühe, daß ich zu Ihnen komme
-und Sie näher instruire?«
-
-»Um acht Uhr stehe ich zu Dienste,« versetzte ich. Die acht Schläge
-waren noch nicht verklungen, als D--s in mein Zimmer trat. Nach einigen
-Minuten führte er mich vor die Wohnung des Advokaten D--r.
-
-D--s war von einer angesehenen Kieler Patrifamilie. Auf dem Hinwege
-sprach er bei vielen seiner Jugendfreunde vor und erzählte ihnen,
-daß ich jetzt im Begriff sei, den Injurianten D--r zu fodern. Diese
-Mittheilung schien übrigens nicht viel Sympathie zu erregen, was mich
-verdroß. -- Indessen, wer A gesagt hat muß B sagen, und geschah ja
-Alles aus Liebe für Slenz.
-
-D--r war ein reicher Advokat. Man schätzte seinen Verdienst auf
-8000 Rt. jährlich. Das war übrigens noch nicht das Meiste, welches
-ein Anwald verdiente. Der Advokat Adler in Altona hatte sogar eine
-jährliche Einnahme von 20000 Rt. angegeben, deren saurer Erwerb ihm
-freilich auch am Ende den Verstand kostete. -- Zum Theil verdienten
-diese Herrn, und thun es noch, diese Summen durch Geldgeschäfte.
-Inzwischen wußten sie auch die juristischen Arbeiten schnell zu
-improvisiren. Der Advokat +Hagemeister+ in Kiel, vulgo von den
-Bauern ohne alle Ironie »+Hagelmeister+« genannt, kam einmal in ein
-Gasthaus nach Neumunster, wohin sogleich mehrere Eingesessene des
-Ortes strömten, welche beim Landgericht einen Prozeß verloren, ihm das
-Urtheil zeigten und ihn um Rath fragten, ob sie appelliren sollten,
-und ob er in zweiter Instanz ihre Sache beim Glückstädter Obergericht
-führen wolle.
-
-»Kinder,« erwiederte Hagemeister theilnehmend »ich habe gestern Abend
-schon von dem unglücklichen und unvernünftigen Urtheil gehört« --
-und nun las er aus seinen mitgebrachten Papieren, die einen ganz
-andern Gegenstand betrafen, und die vor dem Neumünster Amt verhandelt
-werden sollten, indem er dann und wann umblätterte, den horchenden
-triumphirenden am Ende ihren Prozeß im Geiste schon gewonnen habenden
-Bauern eine Deduction, ganz aus der Luft gegriffen vor, -- so daß diese
-begeistert ausriefen: »Bravo, Herr Hagelmeister! dat schall Ihr Schad’
-nich syn dat Se disse Nacht vör uns schreben hebbt.« -- »Bravo Herr
-Hagelmeister! das soll Ihr Schaden nicht sein, daß Sie diese Nacht für
-uns geschrieben haben.« -- -- --
-
-Ich trat also in D--r.’s Haus. Ein gallonirter Bediente meldete mich.
-Ich wurde in ein Staatszimmer geführt, in welches auch der Herr alsbald
-eintrat.
-
-»Sind Sie nicht, lieber Herr von Kobbe! ein Neveu von Grafen R.?« Mit
-diesen Worten empfing er mich. Ich nickte bejahend. --
-
-»Wie freue ich mich, Sie kennen zu lernen?« fuhr er verbindlich fort?
-»Mein Schwager K., der damals ein Sekretair Ihres Herrn Onkels war,
-hat mir hundert Male von Ihnen erzählt, namentlich von einer Travestie
-der Glocke, die Sie schon als Schüler verfertigt haben und die so
-allerliebst sein soll. Wie lange sind Sie schon in Kiel?«
-
-»Seit gestern,« versetzte ich bald unmuthig über die Tücke des
-Schicksals, die mich zu einem tantalischen Nicht-Frühstück eingeladen
-hatte, denn sofort schellte D--r. und bestellte bei dem so schnell
-eintretenden wie verschwindenden Diener Austern und Madeira. --
-
-Ich deprecirte.
-
-»Setzen wir uns, Sie müssen eine Kleinigkeit bei mir genießen. Ich
-lasse Sie nicht.«
-
-Er zog mich auf das Sopha. --
-
-»Herr D--r« unterbrach ich ihn in einer komisch verdrießlichen
-Stimmung, »es thut mir leid, allein ich darf hier im Hause nichts
-annehmen und nichts fordern, als Sie selbst. --«
-
-»Wie so? lieber Herr von Kobbe. --«
-
-»Ich soll Sie vom Advokaten D--s. auf Pistolen oder Degen, gleich viel
-wie, fordern.«
-
-»So?« rief D--r. gedehnt. »Aber darf ich fragen, wie Sie zu der
-Bekanntschaft des Herrn D--s. kommen?«
-
-In dem Augenblick servirte der Famulus Austern und Dry-Madeira. Herr
-D--r nöthigte kalt, ich dankte warm. Die Frage durfte ich nicht
-beantworten. -- Slenz hatte mir verboten, seiner Intervention zu
-gedenken. -- Ich drang daher, wie ein Gesandter am Türkischen Hofe auf
-eine unumwundene Erklärung.
-
-»Wenn Herr D--s,« fuhr Provocat feierlich fort »erst den Schimpf
-ausgewetzt hat, der ihm dadurch geworden, daß ihn der Advokat
-Hagemeister vor 20 Jahren die Treppe hinunter geworfen, wenn und wenn
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- und wenn --
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --«
-
-Alle Vordersätze enthielten lauter Vorwürfe, nach denen D--s noch alte
-Scandäler auf sich sitzen lassen habe, was ich freilich noch bis zur
-Stunde von D--s. Persönlichkeit nicht glaube, und andere Criminationen,
-von denen ich übrigens noch eine sehr ergötzliche zu erzählen weiß.
-Sie enthält nämlich eine Anweisung, wie man angesehenen Staatsdienern
-und Magistratspersonen Ohrfeigen austheilen kann, ohne befürchten zu
-brauchen, deßhalb zur Verantwortung gezogen zu werden, und geht von
-der wahren Voraussetzung aus, daß die meisten Staatsdiener, und grade
-den höchst gestellten, am Besten besoldeten und so zu sagen verzogenen
-am Ersten einmal eine ungebührliche Aeußerung über ihren Landesherrn
-entfährt.[11]
-
-D--s soll nämlich gegen einen frühern längst verstorbenen
-Bürgermeister, eine große Malice gehabt und nun einen Moment abgewartet
-haben, wo dieser in _N^o 1_, dem Professoren und Philister-Zimmer, des
-Bruhnschen Kaffeehauses zu Düsternbrock ein Sprudelkopf sich etwas
-ungezogen über die Dänische Majestät ausgedrückt hatte, dann aber
-sofort dem Bürgermeister _coeram multis testibus_ eine heftige Ohrfeige
-applicirt haben, die er noch durch die Worte gepfeffert hatte: »Ich
-sehe ein, ich habe mich übereilt, verklagen Sie mich immer hin, Herr
-Bürgermeister! allein ich kann es nicht hören, wenn man auf meinen
-König schimpft. Ich will gerne Strafe leiden, wenn der mich nicht
-begnadigt, um dessen willen ich sie verwirkt habe.«
-
-D--r concludirte endlich nach allen »+Wenns+« dahin, daß, wenn alle
-diese »+Wenns+« nicht wären, er nicht ermangeln würde, dem Hrn. D--s
-die verlangte Satisfaction auf Degen oder Pistolen zu ertheilen.
-
-Mit dieser betrübenden Wendung eilte ich sehr verstimmt davon. Ich
-beklagte meine Voreiligkeit, die mich übrigens seit Lebzeiten gewitzigt
-hat, -- und berichtete dem Hrn. D--s und seiner ihn umgebenden
-Schaar getreulich die Gründe, welche Hrn. D--r bewögen, die von mir
-geschehenen Forderung zu verweigern.
-
-»O über den Cujon!« lachte D--s -- »er glaubt, eine _exceptio litis
-ingressum impediens_ zu haben. Allein das soll ihm nichts helfen, Herr
-von Kobbe, ich räche Sie und mich eclatant.«
-
-Ich ging zu Hause und mußte zu dem unglücklichen Feldzug noch die
-verdienten Vorwürfe meines Bruders, mich auf die Geschichte überall
-eingelassen zu haben, ertragen.
-
-Von dem Augenblick an entschloß ich mich, jedem burschikosen Treiben zu
-entsagen. Wer mein academisches Leben von jetzt an verfolgt, wird mir
-das Zeugniß anhaltenden Fleißes nicht versagen. Ich war aber auch recht
-sehr zurück, ich mußte wol mit drei bis vier Studentenkraft arbeiten,
-und habe es am Ende doch nicht weit gebracht, weil ich sehr kränklich
-wurde. Ich bekam nämlich die gallopirende Schwindsucht, die mein
-vortrefflicher Arzt, der Doktor +Ritter+, dessen Liebe oder Kunst ich
-mein Leben verdanke, erst in den Trab, dann in Schritt setzte und die
-mich endlich aus Langeweile gänzlich verließ. --
-
-Die Geschichte mit dem Advokaten ist noch nicht aus. Am ersten schönen
-Frühlingstage ging D--r im Schloßgarten. Bald darauf hörte man Hülfe
-rufen. Der Rathsdiener, welcher sich in der Nähe auch auf einem
-Spatziergange von der Sonne bescheinen ließ, und überhaupt gerne bei
-Verhinderung des Hochweisen Senats das Geschäft eines Friedensrichters
-übernahm, folgte unverzüglich dem Angstgeschrei und fand: -- -- -- --
--- Man hörte ihn, sobald er in das Dickicht getreten war, ausrufen:
-
- »Im Namen Seiner Majestät des Königs Friedrich des Sechsten von
- Dänemark, Erben von Schweden und Norwegen, Herrn von Ditmarsen,
- Wagrien, Stomarn Administrator[12] der Grafschaft Ranzau u. s.
- w. u. s. w. beschwöre ich Sie, meine sehr verehrtesten Herren
- Obergerichtsadvocaten! nicht den Landfrieden durch handgreifliche
- Betastungen, welche durchaus dem Charakter von Realinjurien an sich
- zu tragen den Anschein gewinnen möchten, zu stören und nicht den
- Schloßgarten Seiner Majestät diesen durch und durch befriedeten
- geheiligten Ort, durch solche Acte unfreiwilliger Gerichtsbarkeit
- zu entweihen.« --
-
-Am andern Tage hieß es in Kiel, der Advocat D--r sei gestern vom
-Advocat D--s im Schloßgarten angefallen und gemißhandelt worden. Nur
-die Intervention des rechtskundigen Rathsdieners habe größeres Unglück
-verhütet.
-
-Der Advocat D--r reichte sofort eine Denunciation wegen
-Landfriedenbruchs und Wegelagerung bei dem competenten _foro_ des
-_delicti commissi_ ein. Wir, der Rechtswissenschaft Beflissene, fanden
-die erste Beschuldigung doch zu sehr übertrieben und waren der Meinung,
-daß zum Landfriedensbruch doch wenigstens ein Pluralis gehöre.
-
-Ein halbes Jahr darauf wurde ich vor das _arctius_ citirt, welches,
-wenn ich nicht irre, aus der Quintessenz, wenigstens aus fünfen des
-academischen Senats bestand.
-
-Ich wurde aufgefordert, zu erzählen, welch eine Bewandtniß es mit einer
-angeblich von mir überbrachten Forderung des Advocaten D--s an den
-Herrn Advocaten D--r habe.
-
-Ich referirte dem _arctius_ die Sache, wie jetzt dem verehrten Leser,
-und wünsche bei dem letzten dieselbe unverbissene Hilarität zu
-erwecken, die ich damals bei den ehrwürdigen Vätern zu erregen schien.
-Als diese indessen in ein nicht länger verhaltbares Lachen ausbrechen
-wollten, mußte ich abtreten.
-
-Nach wenigen Minuten wurde ich wieder vorgerufen. Ich befürchtete
-innerlich jetzt, die erste academische Rüge zu erhalten. -- Denn wenn
-ich ja einmal in Heidelberg hier und da eine verdient hatte, so pflegte
-ich reiche, auch im Philisterio dereinst unabhängige Füchse hin zu
-schicken, die von der Natur dazu construirt waren, einen Tag Carcer zu
-ihren Lebensfreuden zu rechnen, und Nichts eifriger zu thun hatten,
-als solche und ähnliche Memorabilien zu sammeln, um sie dereinst als
-Rittergutsbesitzer, oder im Besitz städtischer Ehrenposten beim Glase
-Champagner wieder zu erzählen.
-
-»Der _arctius_ kann nicht umhin,« begann der Vorsitzende der
-Burschen-Hermandad, »Sie, lieber Herr von Kobbe! darauf aufmerksam zu
-machen, wie nahe Sie daran gewesen wären, die Gesetze zu übertreten,
-wenn die Forderung des Advocaten D--s vom Advocaten D--r angenommen
-worden wäre.«
-
-Eine solche Nachsicht war mir unerwartet. -- Ich dankte für gnädige
-Nichtstrafe sehr lebhaft.
-
-»Schon gut!« bedeutete man mir.
-
-Allein ich war im Fluß der Rede und kam _parlando_ nimmer mehr
-hinein. Meine Dankbarkeit wurde immer gränzenloser. Mir war zu Muthe,
-als ob ich inspirirt werde. Ich stieg immer höher in meinem Lobe.
-Ich verglich, wenn ich nicht irre, die Gerechtigkeitsliebe meiner
-Professoren mit der der unterirdischen Oberappellationsräthe Minos und
-Consorten, ihre Güte mit der himmlischen Indulgenz. -- Da klingelte
-zuletzt der Präsident, und befahl dem Pedell, mich ohne Weiteres in’s
-Carcer zu sperren, wenn ich noch ein Wort des Lobes rede.
-
-Glücklicherweise fiel mir der Satz ein: »_Incidit in Scyllam qui vult
-vitare Charybden_.« Ich schwieg und zog von dannen.
-
-Mein sehr gutes Kieler Zeugniß enthält keinen Tadel über die versuchte
-Kanonisirung ihres _arctius_.
-
-Ich aber muß noch in meinen alten Tagen darüber lachen, wenn ich daran
-denke, wie den fünf Professoren, deren Stand gewöhnlich viel Lob
-vertragen kann, einem nach dem andern dasselbe doch zu arg wurde.
-
-
-
-
-Vierzehntes und letztes Kapitel.
-
- Burchardi. Des Vaters Tod. Die Brüder. Santo. _Dr._ O., der
- Würgengel. Fischer. Heinrich. Schluß. --
-
-
-Der Professor +Burchardi+ wollte damals promoviren und veranlaßte
-mich, ihm zu opponiren.
-
-Ich war von Rendsburg, wo ich daselbst zum Besuch bei meinem Vater
-gewesen, nach Kiel zurückgekehrt. Am Vorabende wurde ich mit meinem
-ältern Bruder von einem Ball, der auf dem Schlosse gegeben wurde,
-abberufen, und erfuhren wir jetzt, daß unser guter unser vortrefflicher
-Vater, ein Engel in Menschengestalt, todt auf dem Markte in Rendsburg
-niedergesunken sei.
-
-Am andern Tage erschien mein zweiter Bruder, der vier Jahre mit der
-alliirten Armee in Frankreich gewesen war. Nach mehrjähriger Trennung
-sahen wir uns Drei an der Leiche des Vaters wieder.
-
-Es kam mir bei dem Wiedersehen vor, als ob der Vater aus Liebe und
-Erbarmen erwachen wollte. -- Allein ich irrte mich! -- Wir haben für
-unsere »Liebe zu ihm, für unsern Schmerz um ihn keine Worte«, endete
-unsere Anzeige seines Todes. Ganz Rendsburg trauerte um ihn, und es
-thut mir noch wohl, dieser Stadt in Liebe zu gedenken. Ich grüße Euch,
-Ihr Freunde des Vaters! --
-
-Wir drei Brüder zogen jetzt zusammen nach Kiel. Ich hatte das Glück,
-ihr Lehrer im Lateinischen zu werden. Sie überflügelten mich bald. Der
-älteste hat jetzt eine römische Geschichte geschrieben, welche die von
-Niebuhr in so mancher Hinsicht entstellte _Vulgata_ restituiren
-wird; der zweite hat jetzt seine zweite Ausgabe einer vortrefflichen
-Uebersetzung des Ciceros über den Staat besorgt. Beide waren früher
-dänische Offiziere. Mit Brüdern renommiren, ist verzeihlich. Mit mir
-selbst kann ich das leider nicht. --
-
-In Kiel hatten wir einen Bekannten von einer der angesehensten Familien
-Holsteins, die aber verarmt war. Der junge Mann war uns früher, da
-sein Vater noch nicht einen Prozeß verloren, der ihn um sein ganzes
-Vermögen gebracht, von alten Tanten als ein Muster vorgestellt worden,
-sogar von seinem ehemaligen Lehrer, der ihn übrigens nichts gelehrt
-hatte, wenn auch nur aus dem Grunde, daß er selbst nichts wußte.
-
-Dieses ehemalige Vorbild besuchte uns täglich. Da wir gewöhnlich
-beschäftigt waren, mußte er fast immer lesen bis zum Thee, bei dem wir
-nach vierzehnstündiger Arbeit ruhten. Er nahm gewöhnlich den dänischen
-Staatskalender, in den er übrigens selbst nie gekommen ist zur Hand.
-
-Eines Tages erzählte er uns, daß er auch auf einen Studentencommersch
-zu gehen beabsichtige. Sein Vater habe es ihm erlaubt, ihm indessen
-verboten, Brüderschaft mit Theologen zu trinken. »Denn«, habe
-er gesagt, »es wäre doch immerhin möglich, daß wir unsere jetzt
-verpfändeten und in Prozeß befangenen Güter wieder erhielten und daß
-ein solcher Universitätsfreund einmal unser Pfarrer würde, dann würde
-sich aber eine Brüderschaft zwischen Euch beiden doch nicht schicken.«
-
-Welche Eventualmaxime!
-
-Jährlich, zur Zeit der Messe, »Kieler Umschlag« genannt, wegen dessen
-näherer Beschreibung ich gleichfalls auf meinen Aufsatz in der Pandora
-verweisen muß, war in Kiel Theater. Der Schauspieldirector Santo
-war ein vortrefflicher Musikkenner und hätte daher wenigstens etwas
-für die Oper gethan, wenn er nicht allzu öconomisch gewesen wäre. Er
-hatte zwei Pflegetöchter, Kinder des verstorbenen Schauspieldirectors
-Breyther, welche die Lieblinge des Publikums und _in specie_ der
-Studenten waren, in deren Namen ich im Jahre 1819 noch nach Beendigung
-des Umschlags vom dermaligen Magnificus, dem sehr liebenswürdigen
-Professor Falk, die Erlaubniß zu einer Vorstellung, welche zum Benefiz
-der Breyther’schen Kinder dienen sollte, erbat. -- Ich hatte dabei zur
-Bedingung gemacht, das aufzuführende Quodlibet wählen zu dürfen, und
-suchte nun lauter Scenen worin meine Protegnes vorzüglich glänzten.
-Leider hatte die älteste, ein liebliches Mädchen, ihre erste Liebe
-an einen jungen ausschweifenden Menschen, den Tenoristen und Sohn
-eines berühmten Hamburger Schauspielers weggeworfen, der, wenn er,
-was häufig der Fall, von nächtlichen Orgien heiser war, bloß auf der
-Bühne gesticulirte, während ein anderer Schauspieler, ein Sachse, dem
-Hände und Füße im Wege standen, zwar nur nicht mit gleich schöner, aber
-doch mit frischer Stimme, das Alibi, der anderen hinter den Coulissen
-ergänzte, ohne daß das Kieler Publikum während des ganzen Marktes
-diesen Betrug bemerkte. Louise Breyhter wollte aber nicht von ihrem
-Schatz lassen, ja sie ging in der Nacht nach jenem Benefiz wovon sie
-indessen wenig bekommen haben mag, mit ihrem Geliebten durch.
-
-Wir hatten alle schon eine halbe Ahnung davon, denn sie sang das Duett:
-
- Ewig bleib ich der (die) Deine,
- Ewig bleibst Du die (der) Meine,
- Was auch der Alte spricht
-
-mit ihrem Geliebten, indem sie auf Santo, der im Theater dirigirte,
-auf den sie Beide mit dem Finger hinwiesen, in solcher Laune, daß man
-eine italiänische Oper, worin zwei Liebende und ein geprellter Alter
-agiren, nur zu lebendig vor Augen sah. Ein donnernder Applaus hatte
-das liebende Paar vielleicht noch insbesondere zu ihrer leichtsinnigen
-Reise auf gemeinschaftliche Kosten begeistert.
-
-Einer der witzigsten Studenten war der joviale _Dr. med._ O.... in
-Krempe. In der Neujahrsnacht schrieb er an die Thür des damaligen
-Polizeiministers, der ein braver Mann war, aber etwas zu sehr _brevi
-manu_ entschied: »_Fiat justitia_«, und an die Thür dessen Nachbars
-eines theoretisch sehr gebildeten Arztes, der aber am Krankenlager
-nicht glücklich war: »_Pereat mundus._« Diese für keinen Arzt
-schmeichelhafte Inscription war für den Beleidigten um so betrübender,
-als derselbe den Spottnamen +Würgengel+ führte, den er daher hatte, daß
-er einmal Arzt in einer Ruhrepidemie gewesen war, wo der Familienvater
-Frau und sieben Kinder verloren. Als nun der Gebeugte, nachdem er die
-Seinigen begraben, seinen Verlust im Wochenblatt angezeigt, hatte er
-dies mit den Worten gethan:
-
- »Auch der Würgengel trat in mein Haus«,
-
-was die böse Welt anstatt auf den »+Todesengel+« auf den »+Hausarzt+«
-bezogen hatte. --
-
-Als O.... seine Doctordisputation hielt, opponirte ihm ein jüdischer
-Mediciner voll Gelehrsamkeit, der ihn namentlich durch seine große
-Gewandtheit im Lateinsprechen in große Verlegenheit setzte. Als O. zu
-sehr sich eingeschlossen sah, endete er den ganzen Streit, indem er
-die ganze Disputation mit den Worten selbst schloß: _Sed sat iam verba
-fecimus, hoc tibi tribuo testimonium te fortissimis pugnatoribus atque
-adeo Maccabeis esse anumerandum. Hoc tibi concedo._ (Wir haben genug
-geredet, ich stelle Dir aber das Zeugniß aus, daß du zu den tapfersten
-Kämpfern, ja sogar zu den Makkabaern zu rechnen bist.) Dieses concedire
-ich Dir.
-
-Der alte um das holsteinische Partikularrecht sehr verdiente Schrader
-war eben verstorben. Da der alte Professor gewöhnlich seine Vorlesungen
-mit den Worten: »Meine Herren? ich will Ihnen einen _cosus_ für einen
-_casus_ verzählen,« angefangen hatte, so war ihm der Spitznamen Herr
-»_Cosus_« seiner Frau der »_cosa_« geworden. Die Söhne und Töchter
-wurden aber respective _cosellus_ und _cosella_ genannt. --
-
-Ein interessanter Lehrer war der alte Anatom Fischer, bei dem ich die
-_medicina forensis_ hörte die er mit einem ungemeinen Humor docirte.
-Seltsam war sein Ernst, wenn er auf die Todesstrafen kam, von denen
-er nur das Ertränken und den Tod des Hängens statuirt wissen wollte
-und uns fast allen das Wort abnahm, wenn wir dereinst in unserm
-Beruf darauf zu wirken im Stande sein würden, nur diese Arten den
-Menschen vom Leben zum Tode zu bringen einzuführen. »Das Messer, die
-Guillotine,« pflegte er zu sagen, »giebt zwar einen momentanen Tod,
-allein der Schmerz ist ein so ungeheurer, daß der tausendste Theil
-hinreichen würde, um einen Menschen zu tödten, während die vom Strick
-geschnittenen und aus dem Wasser gezogenen Scheintodten welche wieder
-in das Leben zurück gerufen sind, Alle bezeugen, daß sie ohne Schmerz
-und ohne Angst in den Zustand der Bewußtlosigkeit gesunken sind. --
-Diese Bemerkung überantworte ich den Gesetzgebern und Machthabern zur
-Erwägung.«
-
-Uebrigens war Fischer zu jener Zeit in einem humoristischen Streit
-verwickelt. Er hatte an dem Sitzfleisch des später ermordeten Dänischen
-Ministers v. Q. die glücklichste Operation seines Lebens, durch
-Beseitigung eines Fistelübels gemacht, und sich dessen unbedingte
-Dankbarkeit erworben, die sich aber doch opponirte, als der Retter
-die Krankheitsgeschichte seines hohen Patienten mit dem in Kupfer
-gestochenen leidenden Theil publiciren wollte. »Der Undankbare,«
-pflegte Fischer zu sagen, »er will nicht einmal einen unbedeutenden
-Theil seines Körpers in _efigie_ Preis geben, um damit die Wissenschaft
-zu bereichern.«
-
-Der Professor Heinrich, einer der berühmtesten Philologen seiner Zeit,
-hatte damals schon Kiel verlassen. Es waren mehrere Histörchen von
-ihm im Gange, von denen mir immer die als die komischste erinnerlich
-ist, daß er, während das Schwedische Hauptquartier in Kiel lag und
-er Proreiter war, er nach einem fröhlichen Souper, bei dem der
-Wein oft gekreist hatte, mit dem verstorbenen _Dr._ L-- aus Plön
-in einen so lauten Wortstreit über das »Thema,« wie viel Füße ein
-Krebs habe, gerathen sein soll, daß beide von einer schwedischen
-Patrouille auf die Hauptwache gebracht worden, von wo aus erst ein an
-den Commandanten geschriebener Brief dem Patriarchen der Studenten
-seine augenblickliche Freilassung bewirkt haben soll. -- So schaden
-Krebse nicht bloß den Buchhändlern sondern auch den Gelehrten. --
-Heinrich hatte etwas Imponirendes, das er noch durch eine seltene
-Kälte zu steigern verstand. Ein junger Mann, den wir A nennen wollen,
-aufgebracht über einige Ausdrücke, welche der Professor über mehrere
-Damen geäußert hatte, ging in seine Wohnung, und redete ihn mit den
-Worten an:
-
- A. »Herr Professor, haben Sie das und das über die und die Dame
- gesagt?«
-
- H. »Ja.«
-
- A. »Das müssen Sie zurück nehmen?«
-
- H. »Das thue ich nicht.«
-
- A. »Das sollen Sie.«
-
- H. »Das will ich nicht.«
-
- A. »Nun dann weiß ich, was ich zu thun habe.«
-
- H. »Das wissen Sie nicht.«
-
-Und so war es, der junge Mann wußte in der That nicht, was er zu thun
-hatte. Er schlich von dannen, und die Sache blieb ohne Erfolg. --
-
-Doch es ist Zeit, meine beiden Bändchen zu schließen. Ich hoffe meine
-academischen Jugendfreunde und Landsleute durch die Erzählung dieser
-Erinnerungen eine frohe Stunde bereitet zu haben, wie sie mir die
-Recapitulation meiner Remniscenzen verursacht hat, und damit ist mein
-Zweck erreicht. --
-
-Ich habe nur etwa noch hinzuzufügen, daß ich jetzt schon 20 Jahre im
-Oldenburgischen Dienst stehe, und das Glück habe, unter einem Fürsten
-zu leben, der Seinesgleichen wie Seinen Unterthanen ein unerreichtes
-Vorbild an Güte des Herzens bleibt. -- Diese Hände bezeugen dabei,
-daß sie Namens Seiner Hohen Gemahlin mehr Gold als sie fassen können,
-erhalten haben, um Thränen des Schmerzes und Kummers zu lindern und
-längst versiegte Freudenthränen hervor zu rufen. Von dieser letzten
-Sorte wird meine Herrin dereinst einen Halsschmuck im Paradiese
-tragen. Ich fürchte nicht der Kriecherei gezüchtigt zu werden, wenn
-ich solch Zeugniß hier öffentlich ablege, ja, daß ich dies öffentlich
-und unbefangen kann, spricht für meine Freisinnigkeit und innere
-Unabhängigkeit.
-
-Einen sauren Richterdienst verwaltend, habe ich nur sehr wenige
-Freistunden, welche meine Muse oder meine Freunde deren ich mehrere
-und vortreffliche besitze, in Anspruch nehmen. Ich habe die Liebe für
-die Welt, und meinen Respect vor dem Himmel frisch behalten wie ich
-beide von Kindheit her im Herzen trug, lache und weine dabei über die
-Thorheit des Menschen und werde mein Rittergut, das ich nächstens in
-der Lotterie gewinne, »Heraclitsruhe« und »Demokritslust« nennen.
-Mein Jugendland Holstein liegt wie eine glückliche Insel vor den
-Blicken meiner Erinnerung, nichts desto weniger fühle ich mich ganz
-Oldenburgisch, und weiche in dieser Gesinnung keinem Eingebornen, gebe
-einigen sogar auf die Parthie Patriotismus mehrere Points vor.
-
-Für dießmal schließe ich. Mein nächstes Werkchen wird über Prießnitz
-und Gräfenberg im Jahre 1840 handeln.
-
-
-Ende des zweiten und letzten Bändchens.
-
-
-
-
-Beim Verleger dieses ist ferner erschienen:
-
- Kobbe, Theod. von, die Schweden im Kloster zu Uetersen:
- Historischer Roman. 8. 1830.
-
- 1 Rt. 4 ggr.
-
-
- -- -- humoristische Skizzen und Bilder. 8. 1831. geh. 21 ggr.
-
-
- -- -- Die Leier der Meister in den Händen des Jüngers, oder:
- achtzehn Gedichte in fremder Manier, und eins in eigener. gr. 8.
- 1826.
-
- 12 ggr.
-
-
- -- -- Reiseskizzen aus Belgien und Frankreich. Nebst einer Novelle,
- der anonyme Brief. 8. 1835. brosch.
-
-
- -- -- Wesernymphe. Novellen und Erzählungen. gr. 8. 1831, brosch. 1
- Rt. 8 ggr.
-
- -- -- Briefe über Helgoland, nebst poetischen und prosaischen
- Versuchen in der dortigen Mundart. 1840. brosch. 12 ggr.
-
- * * * * *
-
-Sodann erschien so eben:
-
- Greverus, Reiselust in Ideen und Bildern aus Italien und
- Griechenland. 2 Bde.
- 1r Bd.: Reise in Italien 1 Rt. 12 ggr.
- 2r Bd.: Reise in Griechenland. 1 Rt. 12 ggr.
-
- Gall, Ferd. v., Reise durch Schweden. 2 Bde.
-
- 1 Rt. 16 ggr.
-
-
-
-
-Fußnoten:
-
-[1] Ich verstehe darunter die Menschen vom Regiment »Lieblosigkeit.«
-
-[2] Ich habe schon anderweitig bemerkt, daß die Namen der Wirthshäuser
-bei Hamburg größtentheils vom Anhalten der Pferde hergenommen sind,
-als Luhrop (Laur auf), Stahwedder (Steh wieder), Jappob (Japp auf),
-Kruppunner (Kriech unter), und Oha.
-
-[3] Die Personen sind: Thraso, ein Offizier. Gnatho, dessen
-Schmarotzer. Parmeno, ein Diener des Phädria.
-
-[4] _Senex depontanus._ Ein Greis, der nicht mehr über die Brücke zu
-den Volkscomitien gehen durfte.
-
-[5] Name des damaligen Custos.
-
-[6] Die Anspielung ist etwas _à la Pater Abraham a Santa Clara_.
-Dieser predigte: »Es giebt allerhand Narren: Tanznarren, Freßnarren,
-Hofnarren, Spielnarren, Saufnarren, Geldnarren. Daher steht auch
-geschrieben: _Narraverunt patres et nos narravimus omnes_.«
-
-[7] Die Bäckergesellen hatten sich dermalen mit ihren Meistern
-veruneinigt und waren ausgezogen gewesen, jedoch nach stattgehabter
-Vereinigung zurückgekehrt.
-
-[8] Und diese Zeit wandte der Director der Altonaer Schule Professor
-+Struve+, den bekannten Virgil’schen Vers
-
-_Superet modo Mantua nobis O Mantua nimium vicina miserae Cremonae_
-
-sehr glücklich parodirend auf Hamburg und Altona an:
-
-_Superet modo Altona nobis O Altona, nimium vicina_ (allzunah) _misero
-Hamburgo_.
-
-
-[9] Das Verlangen der Musensöhne, ihre Siebentagsfliegen Excellenzen
-mit einer Schildwache vor ihren Häusern zu ehren, wurde in Gnaden
-abgeschlagen. Dagegen ritten sie, mit den Rang eines Generallieutnants
-bekleidet, rechts am Kutschenschlag neben den Majestäten, während sich
-die wirklichen Obristen mit dieser Ehre an der linken Seite des Wagens
-begnügen mußten.
-
-[10] Junker Slenz war bekanntlich der Commandeur eines Freicorps im
-Anfang des sechszehnten Jahrhunderts, das er an fremde Potentaten
-zu einzelnen Kriegszügen vermiethete. Er fand seinen Tod in
-Ditmarsen, wohin er den König Hans von Dänemark begleitete. Seine
-Soldaten trugen die Devise »Wahr di Buhr, de Gard de kummt.« Als
-diese aber schwer bewaffnet im Morast stecken geblieben, wurden sie
-von den leichtfüßigeren des Terrains kundigen Ditmarsen mit den
-Contrevolutions-Worten »Wahr di Gard de Buhr de kummt« erschlagen.
-
-[11] Die Lastthiere des Staats, die am Meisten mit Arbeit Geplagten
-sind immer die Frommsten. Freilich! wie soll die auch der Hafer
-stechen? da die Pferde, die ihn am Meisten verdienen, ihn bekanntlich
-nicht bekommen.
-
-[12] Diesen letzten Titel hat der König von Dänemark seitdem abgelegt
-und die früher confiscirten reichsunmittelbaren Ranzau’schen Güter
-ganz dem guten Dänemark einverleibt. Das ist hart für die Gräflich
-Rauzau’schen Schwerdtmagen und Spielmagen, und, da ich zu den letzten
-gehöre, auch für meinen Magen. -- Wer will meinen Anspruch an die
-dänische Krone kaufen? Drei Herrschaften und drei und dreißig Edelgüter
--- Wer bietet Geld?
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Humoristische Erinnerungen aus meinem
-academischen Leben in Heidelberg und , by Theodor von Kobbe
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HUMORISTISCHE ERINNERUNGEN ***
-
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