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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-06 06:32:54 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819 - Zweites Bändchen - -Author: Theodor von Kobbe - -Release Date: September 16, 2016 [EBook #53061] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HUMORISTISCHE ERINNERUNGEN *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1840 erschienenen Ausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung - und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend - korrigiert, auch wurden vereinzelte grammatische Korrekturen - vorgenommen, wenn ansonsten der Sinn des Textes verfälscht würde. - - Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden beibehalten, - insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren oder - im Text mehrfach auftreten. Fremdsprachliche Begriffe und Zitate - wurden nicht korrigiert; einzelne unleserliche Buchstaben wurden - aber sinngemäß ergänzt. - - Einige Namen (z.B. Gurlitt und Mellish) erscheinen in voneinander - abweichenden Schreibweisen, teilweise auch innerhalb desselben - Abschnitts. Diese Varianten wurden gegenüber dem Original nicht - verändert. - - In der gedruckten Ausgabe werden einige Geldbeträge genannt, deren - Abkürzungen hier nur annähernd wiedergegeben werden können. Im - vorliegenden Text werden ‚Mark‘ und ‚Schilling‘ (in ‚Hamburger - Courant‘) mit ‚m&‘ bzw. ‚ß‘ (als Ersatz für die dort verwendete - ‚sz‘-Ligatur) abgekürzt. - - Im Original wurde die Kapitelnummer neun irrtümlich doppelt - verwendet; im vorliegenden Text wurde dagegen die fortlaufende - Nummerierung richtiggestellt. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom - Bearbeiter eingefügt. - - Der Ausschnitt ‚Aus dem Eunuchen des Terenz‘ (S. 86-93) wurde - im Original seitenweise nebeneinander gedruckt; auf der linken - Buchseite die lateinische, auf der rechten Seite die deutsche - Fassung. In dieser Version wird zuerst die lateinische Fassung - zusammengefasst, danach folgt die deutsche; die ursprüngliche - Formatierung wurde hierbei strikt beibehalten. - - Für die von der im Originaltext verwendeten Frakturschrift - abweichenden Schriftschnitte wurden die folgenden Sonderzeichen - verwendet: - - fett: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: _Unterstriche_ - - Das Caret-Symbol (^) steht für ein nachfolgendes hochgestelltes - Zeichen. - - #################################################################### - - - - - Humoristische Erinnerungen - - aus meinem - - academischen Leben - - in - - Heidelberg und Kiel - - in den Jahren 1817-1819 - - von - - Theodor von Kobbe. - - - Zweites Bändchen. - - - Bremen, - Verlag von Wilhelm Kaiser. - - - 1840. - - - - - Druck von F. W. Buschmann. - - - - -Inhaltsverzeichnis. - - - Achtes Kapitel. 1 - - Neuntes Kapitel. 25 - - Zehntes Kapitel. 77 - - Elftes Kapitel. 124 - - Zwölftes Kapitel. 142 - - Dreizehntes Kapitel. 162 - - Vierzehntes und letztes Kapitel. 187 - - - - -Achtes Kapitel. - - Rückreise nach Kiel. Travestie der Ideale und des Lebens von Saß. - Kobbe der zweite und in Bonn der achte. Mein Comitat. Mein Prozeß - in Auerbach. Philipp Stieffel. - - -Umstände, welche zu beseitigen nicht in meiner Macht stand, hatten -meine schon Michaelis 1818 beabsichtigte Abreise von Heidelberg bis -Ende Januar 1819 verschoben. Jetzt sollte es Ernst werden. - -Als geborner dänischer Unterthan war ich gezwungen wenigstens ein Jahr -zur Erlernung der Landesrechte in Kiel zu studiren. Das Glückstädtsche -Examen war sehr schwer, der erste Charakter, welchen das Obergericht in -Schleswig nicht selten ertheilte, etwas Unerhörtes. -- Aber schon um -den Zweiten mit rühmlicher Auszeichnung zu erlangen war es die höchste -Zeit für mich, daß ich Heidelberg verließ. - -Es mag mir hier vergönnt sein eine sehr launige Travestie von Schillers -»die Ideale und das Leben« einzuschalten. Sie ist freilich in Kiel -verfaßt, gehört aber der damaligen Burschenschaft durchaus an. Ihr -Verfasser ist der nachher in Garding verstorbene vortreffliche -Auscultant Saß, welcher in dem Herzogthum Schleswig geboren, vor dem -Obergericht in der Stadt gleichen Namens auf dem Schloß Gottorf geprüft -wurde. -- Die Examenangst welche diese Arbeit geschaffen, war freilich -unnöthig, da der sehr wohl in jure erfahrene Dichter bald darauf mit -dem ersten Character belohnt wurde. - - Wie einst mit flehendem Verlangen - Pygmalion den Stein umschloß, - Bis in des Marmors kalte Wangen - Empfindung glühend sich ergoß, - So schlang ich einst mit Liebesarmen - Um _corpus juris_ mich mit Lust, - Bis es zu athmen, zu erwarmen - Begann an des Juristen Brust. - Und theilend meine Flammentriebe - Die Stumme eine Sprache fand, - Mir wiedergab den Kuß der Liebe, - Und meines Herzens Klang verstand. - Da klang mir lieblich jede Stelle, - Gleich reiner Quellen Silberfall, - Selbst aus der trockensten Novelle - Horcht’ ich der Weisheit Wiederhall. - Es dehnte mit allmächt’gem Streben - Die enge Brust ein kreisend All’, - Hervorzutreten auf’s Catheder - Mit Weisheitswort und Witzesschall. - Wie groß war diese Welt gestaltet, - So lang’ der Hörsaal mich noch barg, - Wie wenig, ach! hat sich entfaltet! - Dies Wenige wie klein und karg! - Wie sprang von Savigny beflügelt, - Beglückt durch theoretschen Wahn, - Von keiner Praxis noch gezügelt - Ich da in die gelehrte Bahn! - Bis an der Glosse bleichste Sterne - Erhob mich der Entwürfe Flug; - Nichts war zu hoch und nichts zu ferne, - Wohin ihr Flügel mich nicht trug. - Wie leicht ward ich dahin getragen, - Selbst Griechisch ward mir nicht zu schwer! - Auf meinem Tische, o! da lagen - Die Folianten kreuz und queer! - +Cujaz+ mit civilist’scher Krone, - +Donell+ in des Systemes Glanz - Auch +Schulting+ lockt mit reichem Lohne, - Selbst +Glück+ mit rings verstohlnem Kranz. - Doch ach! schon in des Sommers Mitte - Verloren meine Gönner sich, - Sie wandten treulos ihre Schritte, - Und einer nach dem Andern wich. - Zu leicht an sich war +Glück+ entflogen, - +Cujazius+ blieb unenthüllt, - In dem +Donell+ las ich zwei Bogen - Und schnitt mir nur heraus sein Bild. - Im alten Rechte sucht’ ich Kränze, - Doch +Schulting+ führte mich zu weit, - Ach allzuschnell nach kurzem Lenze - Entfloh die schöne Quellenzeit. - Und immer stiller wards und immer - Verlaß’ner auf dem Burschenpult. - Von Savigny borgt ich noch Schimmer - Doch dazu riß auch die Geduld. - Von all dem rauschenden Geleite, - Wer harrte liebend bei mir aus? - Wer steht mir tröstend noch zur Seite, - In Gottorfs finsterm Prüfungshaus? - O! die du alle Wunden heilest, - Du Thibauts viel gefaßte Hand, - Für das Examen Kraft ertheilest, - Du, die ich ungesucht schon fand! - Und du, der gern sich mit ihm gattet, - Wie er der Prüfung Quaal beschwört, - O +Höpfner+ Du, der nie ermattet, - Der selten schafft, doch nie zerstört; - Der zu dem Bau der Ewigkeiten - Zwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht, - Doch dem in des Examens Zeiten - +Cujaz+ und _corpus juris_ weicht! - -»Die Eminenz geht im Januar nach Holstein zurück,« erscholl es in -Heidelberg und ich darf zu meiner Ehre und Freude versichern, daß -diese meine bevorstehende Unsichtbarkeit eine allgemeine Betrübniß, -selbst bei den Philistern erregte, welche vor meinem Abgang die Zahlung -nicht unbedeutender Rechnungen erwarten durften, wovon mehrere, wegen -meines Titels der gang und gäbe war, sehr häufig an Herrn +»Eminenz«+ -ausgestellt wurden. - -Die ungeheuchelste Trauer bewiesen meine Cerevisianer, wovon jede -Nacht einer während der letzten beiden Monate, wie ein Page, auf -einem Strohsacke zu den Füßen meines Bettes ruhte. Ich ernannte einen -Nachfolger, welcher an dem Vorabende meiner Abreise einen Schoppen -Bier trank während ich dieselbe Quantität Wasser genoß. Dies war -mein Cerevistod, in demselben Augenblick wurden alle Krüge und -Gläser mit schwarzem Flor umzogen und mein Nachfolger als Kobbe der -zweite begrüßt. -- Mein Reich hat sich indessen nicht fortgepflanzt, -die Cerevisia verquirlte schon im nächsten Semester, da bei meinem -Nachfolger, welcher sonst gewiß Geschick genug gehabt hätte, mein -großes Werk fortzusetzen, der Reiz der Neuheit fehlte. -- Glaubwürdigen -Nachrichten zufolge soll jedoch, in der von dem sogenannten Grafen -Loseburg (auch »+Schnurri-Major+, +Carbonädel+« genannt,) zu Bonn -gegründeten Cerevisia, ein Kobbe der achte regiert haben, welcher -später ein Bierapostat geworden und zur Vinia übergegangen sein soll. -Es ist ein tiefbetrübender Gedanke, daß alle Dynastien, sogar die -Freude und Lust verbreitenden humoristischen, vergänglich sind. - -Bei allen diesen lächerlichen Proceduren war mir sehr ernst und so wehe -zu Muthe als ob ich dem Tode ins Gesicht lächeln sollte. Der Abschied -von Heidelberg fiel mir zu schwer, noch härter als mich die Ankunft -daselbst beseeligt hatte. In den letzten acht Nächten träumte mir, daß -ich in Kiel mein verlornes Badisches Paradies beweine. Beim fröhlichen -Erwachen träufelten allemal noch die vom Traum betrogenen Zähren von -meinen Wangen. - -Die Burschenschaft hatte mir und dem Magdeburger N., (vulgo Dämmerfürst -genannt,) die Ehre eines Comitats zugedacht, und war beschlossen beide -zu verschmelzen. - -Der Tag war angesetzt und konnte nicht mehr zurück gerufen werden, -obgleich mein Mittriumphator und ich noch einige Tage zum Empfang der -nöthigen Reisegelder uns in Heidelberg aufhalten mußte. -- Die Abreise -mußte aber simulirt werden. - -Morgens 8 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. - -Voran ritten, angeführt vom Grafen K., zwölf Burschenschaftler, mit -gezogenem Säbel, Barett mit Federn, verziert mit unsern Schärpen. - -Dann kam G. der Kurhesse, der Besieger des Kurländers W., in einem -Wagen, den die sechs Schimmel des Kutschers Hormuth zogen. Er war -schwarz gekleidet und hielt den Schläger der Burschenschaft in der -Scheide, vor sich. - -Hierauf folgten wir, die Helden des Tages, in einem Wagen mit acht -Pferden Extrapost. Die Postillione hatten ihre Uniform mit unsern -Farben verbrämt. Wir, die bemoosten Häupter saßen, N. im grünen, ich im -weißen Flaus, angethan mit alten Mützen, eine Pfeife mit großen Quästen -in der Hand haltend, im Fond; vor uns in feinster schwarzer Tracht, in -_escarpins_, ihren Claquehut unter dem Arme, zwei _Chapeaux d’honneurs_ -auf dem Rücksitz. An jedem Kutschenschlag ritt noch ein Ehrengardist. --- Hierauf folgten achtzehn vierspännige mit Studenten erfüllte Wagen. - -Der Zug ging nach Weinheim, wo eine voraus bestellte sehr gute -Tafel uns im Karlsberg erwartete. Wir beiden Gefeierten hatten nach -Analogie der Kieler Generalführer und Generalbeschließer, bei den -Feierlichkeiten ihrer Studenten, »Hochs« genannt, den Titel der -Excellenz, den aber die getreuen Cerevisianer bei mir allezeit in -+Eminenz+ verwandelten. - -Von dem Fest weiß ich wenig zu erzählen. Die Trennung war nur bildlich, -nur ein Vorläufer des härteren Abschiedes der meiner nach wenigen Tagen -harrte. Wir poculirten stark, ich wie immer, ohne berauscht zu werden. -Meine Mitexcellenz war aber nicht so glücklich als ich. Schwer beladen -stieg sie in den achtspännigen Wagen um sich auch nach Heidelberg -zurückführen zu lassen. - -Am andern Tage hatten wir, wie Simson seine Kraft nach seiner Schur, -nach unserer Tour, unsere Burschenqualität verloren. Die Burschenschaft -behandelte uns wie Philister. - -Wir hatten uns burschikos überlebt. - -Es war ein schöner Januarmorgen als ich Heidelberg verließ. Mir war -zu Muthe als ob ich hingerichtet werden sollte. Weinende Cerevisianer -umstanden mich, ich kam mir fast vor wie Maria Stuart und verschenkte -auch mit einer fast gleichen Empfindung meine wenigen Habseligkeiten -als Andenken. Ein Stammblättchen nach dem andern vertheilte, empfing -und beschrieb ich, wobei ich, der ich keine Anthologie deutscher -Dichter haben wollte, durchaus das Verlangen einer eignen Composition -stellte, wodurch meine Stammbücher, das Heidelberger wie das Jenaische -viel interessanter geworden sind als so viele andere, die nichts als -eine poetische Blumenlese burschikoser Verse enthalten. - -Ich hatte mit zwei Gebrüdern S...., bekannten Hornisten aus Stuttgardt, -gemeinschaftlich eine Chaise gemiethet, welche die Herrn in der Nacht -nach Darmstadt, mich aber zeitig am andern Morgen nach Frankfurt zu -bringen versprochen hatte. - -Die Hirschgasse schien ausgestorben, alle Kinder waren geflohen, nur -der alte Ditteneyer drückte mir weinend die Hand. »Ach Ihro Eminenz, -ach liebster Herr Baron!« rief er aus »wie vergänglich sind die Freuden -der Welt!« - -»Es kommt darauf an wer sie erlebt hat, Alter!« versetzte ich ihm -herzlich, »die meinigen sind unsterblich, ja sie werden noch um so -schöner, je älter sie werden. Uebrigens sehen wir uns ohne allen -Zweifel wieder.« - -Ein Bursche berichtete, daß mein Kutscher mit meinen beiden -Reisegefährten am Neckarthore hielten, und daß alle drei nicht länger -warten wollten. »Der Kutscher scheint ä grober G’sell,« bemerkte der -Berichterstatter. - -»Adieu Dittenei, Adieu Türck, Adieu Hirschgasse.« Wir gingen zum -Unglückskarrn. Noch einige Küsse und die Excecution war vollzogen. - -Es ist nur der Unterschied zwischen Trennung im und vom Leben, -daß in dem letzten Fall der Scheidende besser daran ist als die -Zurückbleibenden. - -»Stumm liegt die Welt wie das Grab!« - -»O wäre ich nie geboren!« seufzte ich, das Gretchen im Faust -parodirend, leise in mich hinein. Starr blickte ich vor mir hin. Ich -glaubte den Abschied ohne Thränen überwunden zu haben, als ich um die -Ecke bei Neuenheim gebogen und Heidelberg meinen Blicken entschwunden -war. Aber nicht also, in Handschuhsheim traten noch einige mir -wohlbekannte Preußen K... aus B. aus des dicken Vetters Kneipe. - -Was sahen die beiden Kerle fidel aus! Unbegreiflich für mich!! -»Adieu liebe Eminenz!« riefen sie mir zu, und warfen mir dabei eine -Kußhand in den Wagen, »Adieu! hast Du auch noch etwas in Heidelberg -auszurichten, so sag es uns doch!« - -Mein stolzer Muth ward durch dieses unvorhergesehene Begebniß total -gebrochen. Ich wollte antworten, allein meine Stimme gerieth ins -Stocken. Der Kutscher, welcher ohnehin auf den Ruf nicht angehalten -hatte, setzte, Gott sei Dank! grade in diesem Augenblick seine Pferde -in den stärksten Trab, den die Bergstraße überhaupt kennt. - -Tief ergriffen warf ich mich in eine Ecke unserer holprigen Chaise -und zum ersten Male stürzten die lang verhaltenen unburschikosen -Abschiedsthränen aus meinen nur schwarze freudelose Zukunft sehenden -Blicken. - -Die philiströse Bemerkung des einen Hornisten: »Schämen Sie sich Ihrer -Thränen nicht, Herr Baron, sie sind edel geweint,« hätten meine tiefe -Rührung beinahe in Zorn verwandelt und meinen Zährenstrom versiegen -gemacht. -- Allein mein Schmerz war zu innerlich, ich schämte mich -seiner nicht mehr. - -Unsere Musici sprachen dann über das Glück des Studentenlebens und von -den Freuden die sie hätten genießen können, wenn sie ihre Jugend nicht -verblasen hätten. -- Sie kamen mir vor wie jene alte Jungfer, die in -der Nacht ihres siebzigjährigen Geburtstags im Traum das Geschrei aller -Kinder hörte, die sie hätte kriegen können. -- Solche Tonkünstler sind -wahre +Kaspar Hauser+, sie sind fast alle um ihre Jugend betrogen. -Ich kenne einige, welche ihr Vater um Mitternacht geweckt hat, auf daß -sie geigen sollten. -- Aber der Geist ist wenigstens auch verkrüppelt -und dient ihrer Schwester der Fertigkeit, à la Aschenbrödel, besonders -nur zur Verhandlung der Billette an der Kasse. - -Ich war von den vorhergehenden Abenden ermüdet, fast in einen leisen -Schlummer gesunken, als ein heftiger Wortstreit des sächsischen -Brüderpaares meine ganze Aufmerksamkeit erregte. Sie sagten sich -gegenseitig den Kauf auf und erklärten, sich auf der nächsten Station -trennen zu wollen. - -»Wer hätte das denken sollen?« versetzte der Jüngere wehmüthig, »wir -reisen nun schon dreißig Jahre zusammen, und haben uns noch niemals -gestritten als wenn einer dem andern durchaus die Neige Wein aus der -Flasche zukommen lassen wollte.« - -»Ja wohl ist das schrecklich,« erwiederte der Aelteste. »Wir haben -unter Einem Herzen gelegen, und dich, den damals Unmündigen, hat mir -die sterbende Mutter noch insbesondere empfohlen. Nichts destoweniger -willst du heute den Superklugen gegen deinen, es mit dir so treu -meinenden älteren Bruder spielen.« - -»Ganz und gar nicht lieber Bruder,« versetzte dieser, »allein ich habe -das klare Recht, und du weißt, selbst die Römer sagten schon, _fiat -justitia pereat mundus_.« - -»Laß den Herrn entscheiden!« rief der Ältere. - -»Jawohl« entgegnete der Andere. -- »Der ist grade der competente -Richter dafür.« - -Und mit Furiengewalt plaidirten jetzt beide vor mir ihren -unbrüderlichen Rechtshandel. - -Es handelte sich nur darüber ob das Wort »+Philister+« bei den -Studenten einen +schlechten Kerl+ oder einen +Nicht-Burschen+ bedeute. - -Mit Burschenstolz sah ich beide an, sprach dann die inhaltsschweren -Worte - -»+Es bedeutet beides+« - -und versenkte mich dann wieder in das Kissen um wieder von meinen -Cerevisianern zu träumen. - -Das Brüderpaar schien aber mit meinem Spruch sehr unzufrieden. Da es -aber nicht appelliren konnte, vertrug es sich bald wieder, nachdem -es ausgemacht hatte das ominöse Wort »+Philister+« nie wieder gegen -einander aussprechen. Das war eben recht philiströs. - - Den Teufel spürt das Völkchen nie, - Und wenn er sie beim Kragen hätte. - -In Weinheim begrüßte mich der Wirth zum Karlsberg mit einer Flasche -Laubenheimer. Nicht meinem Comitat, bei welchem ich ihn gar nicht -gesehen, sondern dem Umstande, daß ich im vorigen Jahre der erste -Gast in seinem neu erbauten Hause gewesen, verdankte ich seine -Freigebigkeit. Ich war nämlich der, welcher durch das Begehren einer -Flasche Rheinwein den Grundstein zu seinem nachherigen bedeutenden -Wohlstand gelegt, freilich auch der, welcher dem nachbarlichen rothen -Ochsen den ersten Schlag versetzt hatte, dem, wenn ich nicht irre, bald -dessen Garaus gefolgt ist. - -Es war schon spät Abends als unser Fuhrmann wankend den Wagen -bestieg, um seine Pferde über die Brücke zu lenken, welche hinter dem -Dieffenbachschen Gasthause zu Auerbach liegt. -- »Ach! der ist ja -total betrunken«, seufzten die Musici. Sie hatten die Phrase indessen -kaum vollendet, als unser Kutscher, erfüllt von einigen Schoppen -neuen Weins, an ein Chausseehaus anprallend, die Deichsel am Wagen -abgebrochen hatte. Wir wurden nur durch einen von ungefähr daliegenden -Klotz vor dem Unglück bewahrt, von dem abschüssigen Flecke worauf -unser Wagen gedreht war, rückwärts in den Fluß zu gleiten. - -Mit größter Bestimmtheit erklärte nunmehr das Brüderpaar nicht länger -mit dem berauschten Phaeton fahren zu wollen. Ich trat ihnen bei, weil -der Kutscher in seinem Rausch ein ganz abscheuliches Grobheitsgas auf -unsern Vorwurf wegen seines ungeschickten Fahrens, entwickelt hatte. -Wir entschlossen uns daher den Kutscher _pro rata_ seines Weges, zu -bezahlen und dann einen Wagen auf gemeinschaftliche Kosten zu nehmen. -Mich brannte es am Meisten auf den Nagel, ich mußte am andern Morgen -neun Uhr in Frankfurt am Main sein um mit der Post, die damals nur drei -oder vier Male in der Woche nach Cassel abging, meinen Heimweg ohne -Unterbrechungen fortsetzen zu können. - -Aber der Kutscher erklärte rundweg, daß wir entweder, sobald sein -Wagen wieder reparirt sey, mit ihm fahren müßten, oder daß ich den -versprochenen Lohn bis Frankfurt, die Herren S. aber bis Darmstadt -zahlen müßten. - -Dieffenbach, bei dem wir einst mit zehn Studenten so viel Deidesheimer -verzehrt hatten, schien an meine mögliche Rückkehr nach Hessen und -bei Rhein zu zweifeln und nahm dummstreisterweise die Parthie des -verwünschten Hauderers. Er negirte sogar dessen sichtbare nicht -partiale sondern totale Besoffenheit und hielt die Verwechselung einer -Chaussee mit dem Chausseehause für durchaus menschlich. - -»Ist denn hier keine Gerechtigkeit im Orte?« riefen die Gebrüder. - -»Freilich,« sagte der Wirth, »eine Stunde von hier, am Fuße des _mille -bocus_, wohnt der Schultheiß.« - -Es wurde beschlossen zu dem Themispallast zu wandern. - -Die Karavane brach auf -- der Wirth mit der Leuchte voran, dann ich, -mein etwas knappes Reisegeld im Schritt zählend und an das Verfehlen -der Post in Frankfurt nicht ohne Sorgen denkend, im Übrigen durch -den nächtlichen abentheuerlichen Proceß hoch erfreut; -- sodann der -Kutscher fluchend und schimpfend, und endlich zagend und klagend die -Hornisten. -- - -Nachdem unser, vom Wirth für nüchtern erklärte Wagenlenker zwei und -zwanzig Male gestolpert war, langten wir endlich vor der Wohnung der -Gerechtigkeit an. - -Das Haus war unscheinbar, man hätte es für einen grotesken Hundestall -ansehen können. Und doch war es zu groß für seinen Bewohner, einen -kleinen verwachsenen Schneider, den Schultheiß des Dorfs, den -körperlich unscheinendsten Richter, den meine Augen je wahrgenommen -haben. - -Nachdem er eine Menge persönlicher Fragen an uns gestellt, und von -dem ihm der Stimme nach bekannten Wirthe die beruhigende Versicherung -erhalten hatte, daß wir keinen Landfriedensbruch beabsichtigten, -sondern aus Respect gegen den Landfrieden grade bei ihm unser Recht -suchen wollten, öffnete er die Thür. - -»Herr Baron! Sie sind ja Jurist« riefen meine Reisegefährten, »Sie -haben gewiß recht viel in Ihrem Fach gelernt, Sie müssen unsere Sache -führen.« - -Ware es bei Tage gewesen, meine Lobredner würden bemerkt haben, daß ich -bei diesen Lobsprüchen etwas erröthete. - -Ich bemerkte indessen bescheiden und ablehnend, daß die Entscheidung -der ganzen Sache die des gesunden Menschenverstandes sei, welche in -unserm würdigen Schultheiß so recht zu Hause zu sein scheine. - -Dieser Kunstgriff wurde von unserm Herrn Judex recht freundlich -aufgenommen. Während ich mit dem Kutscher abwechselnd plaidirte, -und dieser sich in seinem Partheivortrag mancher Kränkungen und -gar einiger Schimpfwörter bediente, ahndete unsern Minos, doch jede -anstößige Stelle, welche er jedes Mal mit dem Ausruf: »+Er ist ein -grober Mensch+« begleitete. - -Endlich war zum Schluß verhandelt, das Erkenntniß sollte abgegeben -werden. - -Welche Erwartung erfüllte uns! So harrt ein Dichter auf den ersten -Druckbogen seines Manuscripts, so ein neu ernannter Fähndrich auf seine -erste Uniform, so ein lange unbeachtet gelassener Staatsdiener auf die -Zulage am Neujahrstage, so ein Vater in der Stunde der Geburt, auf das -ihn von Gott anvertraut werdende ihm so sprechend ähnlich sehende Pfand -der ehelichen Liebe. - -»Jetzt kommt der Bescheid!« rief der Schultheiß, plötzlich auf einen -Stuhl steigend, von wo er uns, ein »_mille bocus miniature_«, Alle -übersehen konnte. Er glich dem berühmten Moses wie der auf Horebs Höhen -nach den göttlichen Gesetzen langte. - -»In Sache« rief der Stuhlrichter »wird hiemit zu Recht erkannt, daß das -Object der Sache eine kleine Thaler, nämlich ein Gulden dreißig Kreuzer -übersteigt, ich mich hiemit zum Erkenntniß in diesem Rechtsstreite für -incompetent erkläre muß. Ich bin aber bereit da mir die Lichtstumpe -ausgange sind, sobald es Tag geworde ist, oder falls sie noch so -viel Licht in ihrer Laterne haben, sogleich ein Protocoll in dieser -Rechtssache aufzunehme und dasselbe an das Großherzogliche Amt -Zwingeberg zu schicke, von wo sie in drei Tage Bescheid habe könne. - - »Von Rechts Wege.« - -Dieses Erkenntniß, in welchem das Beste war, daß der Kostenpunct mit -Stillschweigen übergangen war, versetzte meine Herren Reisegefährten in -eine sprachlose Betrübniß. - -Wir wandelten schweigend heim. -- »Die Gerechtigkeit ist eine Göttin, -sie wohnt nicht auf der Erde,« meinte der älteste Hornist. - -»Sie ist vielleicht nur bei Tage bei der Hand. Sie schläft vielleicht -gerne oder logirt des Nachts im Himmel,« erwiederte ich. - -Der Kutscher schlenderte triumphirend neben uns her und pfiff jetzt gar -ein Cerevislied vor mir. Das ärgerte mich mehr als Alles. Ich sann auf -Rache. -- - -Als wir im Wirthshause angekommen waren, mußten wir Alles zahlen was -unser grober Hauderer verlangte. Er hätte noch mehr mit Effect fordern -können, wenigstens wenn das Mehr über einen Gulden dreißig Kreuzer -gewesen wäre. Wir hätten die Wallfarth zu unserm Richter Ziegenbart -nicht wieder unternommen. - -Es wurde schon Morgen, in dem ganzen Nest Auerbach war nur ein -Ackerwagen aufzutreiben, und konnten wir diesen auch erst in einer -Stunde bekommen. -- - -»Wissen Sie was?« rief der älteste meiner Begleiter. »Wir wollen aufs -Neue mit dem Kutscher einen Vertrag schließen. Es ist nicht mehr -gefährlich sich von ihm fahren zu lassen. Der Weg zum Schultheiß und -der Proceß haben ihn entnüchtert.« - -»Meinetwegen«, rief ich ärgerlich »wenn ich nur um acht Uhr morgen früh -in Frankfurt bin. Aber das ist ja auch schon unmöglich geworden.« - -»Kutscher! Landsmann! Schwager!« redete der älteste S. den siegreichen -Beklagten an. -- »Was wollt Ihr haben, wenn Ihr uns nach Darmstadt, den -Herrn aber nach Frankfurt fahrt.« - -Der Kutscher gab eine fürchterliche Antwort. Ich mag sie hier gar nicht -hersetzen. - -Aber ich thue es doch -- Nein, ich thue es nicht. -- Er sagte -- er -sagte, -- es ist demüthigend -- »Solch ein Lumpenpack wie Ihr seid, das -nicht einmal begreift wie leicht man ein weißes Chausseehaus mit einer -weißen Chaussee verwechseln kann, fahre ich mein Lebtag nit wieder.« -- - -Das war zu viel. -- Während der Ackerwagen bestellt wurde schrieb -ich an die Heidelberger Burschenschaft und an die Cerevisia. In der -tiefsten Zerknirschung beantragte ich den ewigen Verruf des Kutschers. - -Endlich kam der Ackerwagen, auf dessen Stroh wir uns wie Beinbrüchige, -wie Blessirte, vagabondenmäßig hinlegen mußten. Und doch ward diese -horizontale Procedur ein Glück für uns, denn wir waren keine sechs -Schritte gefahren, als ein Rad vom Wagen lief, und wir auf der Erde -lagen. - -Unsern _ci devant_ Kutscher hörte ich höhnisch lachen. - -Nach einer halben Stunde wurde unser Fahrzeug wieder flott. Ich langte -aber erst in derselben Stunde zu +Darmstadt+ an, als die von mir -ersehnte Post von +Frankfurt+ nach +Cassel+ abging. -- - -In Frankfurt erhielt ich am folgenden Tage Briefe von meinen -Heidelberger Freunden. Meine Leiden waren dort schon allgemein bekannt -geworden, der Kutscher (nur ein Knecht Hormuths, den ein Verruf -unverdienter Weise getroffen hätte) sollte von seinem Herrn entlassen -werden. - -Mir schrieb ein Freund: - - »In der Hirschgasse hat man geträumt Du kämest wieder zurück, und - obgleich ich nicht viel auf Träume gebe, so entzündete dies doch in - mir die Errinnerung an Dich mit neuem Feuer. -- Aber ach ich sehe - Dich schwerlich wieder und werde nie solche Weinlese mitmachen, wie - voriges Jahr mit Dir.« - -Ich rescribirte meinen Cerevisianern: - - »Habt Ihr immer trüben Sinn - An den Neckarthoren, - Weil ich dort geschieden bin - Und Euch dort verloren; - Hebt doch Brust und Kopf empor, - Habt Ihr’s nicht vernommen? - Glaubt: durch dieses selbe Thor - Werd’ ich wiederkommen.« - -Erst im Jahre 1832 erfüllte sich dieser Spruch. Ich sprach ihn mit -bebender Stimme als wir Abends in der Diligence über die Neckarbrücke -in das hell erleuchtete Heidelberg rollten, in Gegenwart einer -ältlichen Dame aus Oesterreich, welche tief davon ergriffen schien. Ich -hatte derselben schon früher von meinem Universitätsleben erzählt. - -»Einer solchen Anhänglichkeit wie Sie gegen Ihre Freunde beweisen,« -bemerkte sie, »hätte ich das Herz eines +Mannes+ nicht fähig -gehalten. -- Erlauben Sie mir eine Frage: - -»Sind Sie verheirathet?« - -»Nein! gnädige Frau!« - -»Schade! Solche ewige Jugend müßten Sie auf Kinder übertragen, sich auf -diese Weise selbst verjüngen können!« - -»Madam! ich nehme meine ewige Jugend mit« antwortete ich. - -»Und wie heißt noch der academische Freund, von dem Sie so viel -Vortreffliches erzählen, mit dem Sie in stetem Briefwechsel stehen, -von dem Sie jeden Mittewochenmorgen einen so enggeschriebenen Brief in -Oldenburg erhalten und dem Sie in jeder Woche auf gleiche Weise wieder -antworten?« - -»Dieser Freund, der größte Schatz meines Lebens, dem ich nicht würdig -bin die Schuhriemen zu lösen, der mir in allem Guten ein ewiges Vorbild -in Wissenschaft und Herzensgüte ist, den ich jetzt zum ersten Male und -in Zukunft jährlich aufsuchen zu können hoffe, ist der hochgeachtete -Professor an der polytechnischen Schule, +Philipp Stieffel+ in -Carlsruhe.« -- - -»Sehen Sie das hübsche Eckhaus. Dort ist er geboren. Dort wohnt sein -wackerer Vater.« - - - - -Neuntes Kapitel. - - Die fernere Rückreise. Frankfurt am Main. Die Judengasse. Baron W - -- s. Gießen. Der räthselhafte Fremde. Die beiden französischen - Berliner. Kassel. - - -Ich war in Frankfurt am Main angekommen und im Weidenhof abgestiegen. -Mein guter Wille, mich mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt bekannt -zu machen, wurde mir, wie noch so oft später, durch die Judengasse -vereitelt, wohin es mich magnetisch zog und aus der ich auch durch -keine andere Reizung heraus zu bringen im Stande war. Ich betrachtete -das Volk Gottes, das durch die christliche Liebe, in Schmutz und -Elend zusammen gepfercht, hier haus’t, grade wie jene Thiere, deren -anatomische Beschaffenheit so viele Ähnlichkeit mit den Menschen haben, -die sich doch so ungerne mit jenen vergleichen lassen. Von allen -Geisteskräften ist den Israeliten nichts geblieben als die List, welche -+Kant+ »+klein+« aber »+schön+« nennt. Der gottesläugnerische Witz ist -ihr Orakel. Sie betrachten sich wie freiwillige Parias, zufrieden mit -dem Recht des Handels, den sie vor ihren schmutzigen dumpfen Wohnungen -treiben. Aber so wie die Contrevolution in allen Dingen herrscht, so -macht sich auch der unterdrückte kosmopolitische Jesus Christus um so -lebhafter in ihrem Familienleben geltend. Es ist rührend zu sehen wie -der Jude seine leidende Gattin und seine kranken Kinder verpflegt, wie -er den blinden Vater ins Freie und wo möglich in die Sonne, welche in -der Frankfurter Judengasse ihn kaum zu bescheinen vermag, trägt, und -wie er keine Ausgabe scheut um diesen Hülfe und Dienstleistungen zu -gewähren. -- Wahrlich! ich habe in dieser Beziehung keinen solchen -Glauben wie in Israel gefunden. -- - -Christliche Fürsten! Ihr habt größtentheils Leichdörner und Juden. -Wißt Ihr wie Ihr Euch von beiden befreit? -- Von den letzten wie von -den ersten, durch +Aufhebung+ des +Druckes+. Glaubt nur es ist kein -Plaisir für den Juden heutigen Tages es mehr zu sein, nur in dem -Schmerz seiner Unterdrückung findet er noch Wollust Jude zu bleiben. - -Es war 2 Uhr Mittags geworden, und man schellte zur _table d’hôte_! Ich -hatte kaum Platz genommen, als ein alter Mann herein trat, welcher der -Einladung eines Stammgastes, sich neben ihn zu setzen, mit den Worten -sich entzog: »Sie kennen meine Liebhaberei, und wissen, warum ich gerne -Bekanntschaften mit den Fremden mache;« und zu gleicher Zeit, während -man uns die Suppe servirte, dem Kellner winkte, seinen Caffee auf einen -unbesetzten Platz neben dem meinigen zu bringen. »Eine Secunde nur, -lieber Baron!« rief der Stammgast, »wir lasen heute auf dem Casino ein -Wort, das keiner wußte. Ich nahm mir gleich vor, Sie heute Mittag zu -fragen. Was heißt »Falkiren«?« - -»Falkiren heißt ein Pferd auf das Hintertheil setzen,« rief der dadurch -auch mich belehrende Baron, und schritt dann auf den bezeichneten Platz -zu, den er mit einem verbindlichen Gruß gegen mich einnahm. - -Ich hatte mich inzwischen schon nach seiner Persönlichkeit bei dem -Oberkellner erkundigt. »Es ist der Baron von W--s« hatte mir dieser -entgegnet. Es ist der merkwürdigste Mensch, den ich in meinem Leben -gesehen habe; Alles weiß er, Alles kann er, aber Alles opfert er auch -seiner einzigen merkwürdigen Liebhaberei; doch ich werde ihnen nicht -vorgreifen, sie sollen ihn selbst kennen lernen, denn um seiner eben -erwähnten Passion willen sucht et stets neue Bekanntschaften zu machen. -Der alte Herr zählt übrigens schon vier und achtzig Jahre, obgleich er -erst jeden Morgen um vier Uhr zu Bette geht, das er Mittags um zwei Uhr -erst wieder verläßt. - -Der Baron wurde indessen sogleich in ein Gespräch mit seinem -Uebernachbar verwickelt, der von ihm »Legationsrath« angeredet wurde -und wie es mir schien, in B--schen Diensten stand. Dieser sprach von -einer Brochüre, welche an die Restauration der Staatswissenschaften des -Herrn von Haller erinnert, und vertheidigte den Satz, daß es die ewige -unabänderliche Ordnung Gottes sei, daß der Mächtige herrschen müsse, -und immer herrschen werde. Nach dieser zerfleische auch der Geier das -unschuldige Lamm, und die durch Gesetzkenntniß Mächtigeren thäten ganz -recht daran, die gläubigen Schutzbedürftigen, als die Schwachen, zu -plündern. Dann ging er zu den Verhältnissen des Staats zur Religion -über, und wollte den erstern der letztern ganz untergeordnet wissen. - -»Es kommt nur darauf an,« schmunzelte der Baron, »daß man das -Verhältnis von Staat und Religion richtig faßt, oder vielmehr ihren -Begriff in sich aufnimmt. Die Religion hat die absolute Wahrheit zu -ihrem Inhalt, und damit fällt auch das Höchste der Gesinnung in sie. -Als Anschauung, Gefühl, vorstellende Erkenntniß, die sich mit Gott, -als der uneingeschränkten Grundlage und Ursache, an der Alles hängt, -beschäftigt, enthält sie die Forderung, daß Alles auch in dieser -Beziehung gefaßt werde, und in ihr seine Bestätigung, Rechtfertigung, -Vergewisserung erlangt. Die Religion bildet so die Grundlage, der Staat -ist göttlicher Wille, ein gegenwärtiger sich zur wirklichen Gestalt -und Organisation einer Welt entfaltender Geist. Die Religion ist das -Verhältnis zum Absoluten +in Form des Gefühls, der Vorstellung -des Glaubens+, und in ihrem Alles enthaltenden Centrum ist Alles -nur als ein Accidentelles auch Verschwindendes. Wird an dieser Form -auch in Beziehung auf den Staat so fest gehalten, daß sie auch für -ihn das wesentlich Bestimmende und Gültige sei, so ist er, als der -zu bestehenden Unterschieden, Gesetzen und Einrichtungen entwickelte -Organismus, dem Schwanken, der Unsicherheit und Zerrüttung, Preis -gegeben.« -- - -Das Gespräch wurde hier unterbrochen, da der Legationsrath -herausgerufen wurde. Er kehrte zwar sogleich zurück, verließ uns aber -sofort, da er noch nachträglich von einem Gesandten zu einem Diner -eingeladen war. »Leben Sie wohl, lieber Herr Baron«, sagte er, »ich -hoffe, Sie werden morgen das belehrende Gespräch wieder fortsetzen.« - -»Sehr gerne, geehrter Herr Legationsrath,« versetzte der Angeredete, -»allein vergessen Sie nicht das Versprochene von Tufstein.« - -»Ein Wort ein Mann,« lächelte der Legationsrath verschwindend. - -Ich aber hatte, nicht ohne Erstaunen, den wenigen Worten des Mannes -zugehorcht, so viele Hegelsche Weisheit, die sich fast wörtlich in -der Geschichte der Philosophie des Rechts dieses großen Meisters -wiederfindet, in dem Gespräche des fast vier und achtzigjährigen -Greises zu hören. - -Er nahm die Veranlassung mit mir ein Gespräch anzuknüpfen, dadurch, daß -er mir erzählte, wie morgen eine vortreffliche Oper »der Wasserträger,« -von Cherubini, gegeben werde. Schon damals urtheilte er über die -Wichtigkeit eines guten Sujets zu einer Oper, gerade, wie sich in -den Gesprächen Eckermanns mit Göthe aufgezeichnet findet, indem er -behauptete, daß man eigentlich ein so gutes Sujet haben müsse, daß -man es ohne Musik, als ein bloßes Stück geben könne. »Die Componisten -begreifen nicht die Wichtigkeit einer guten Unterlage,« endete er. - -Nun verbreitete sich der Baron über mehrere Gegenstände der -Wissenschaft und Kunst, und ich gestehe, nie ein reiferes, -überzeugenderes Urtheil über alle Gegenstände, als von diesem Manne -gehört zu haben. Es wurde mir, dem Zwanzigjährigen, wunderbar bei -diesem Nestor zu Muthe. Mich tröstete zwar der Gedanke, noch lange -hin zu haben, bis zu vier und achtzig Jahren, aber in meines Nichts -durchbohrendem Gefühle, fand ich mich doch von diesem Weisen tief -entmuthigt. Er fragte nun nach meinem Namen, wußte nun sogar, daß meine -Familie zu den Osterstadern Junkern gehöre, welche man spottweise -einmal »Bohnenjunker« genannt hat, machte mich aber für diesen Scherz -gleichsam, noch begütigend, auch wieder darauf aufmerksam, daß es schon -Kobbe’s unter Karl dem Großen in jener Gegend gegeben habe. Ich sperrte -sehr den Studentenmund auf, so viel Notizen über meine Familie bei -einem süddeutschen Baron zu finden, noch mehr aber erstaunte ich, als -er mich auf das dänische Handwörterbuch von Müller verwies, und mir zu -gleicher Zeit erklärte, daß ich eigentlich meinen Geschlechtsnamen -dem Seehunde verdanke. Wirklich ergiebt dies Lexicon, daß Kobbe -- -Seehund, besonders in Norwegen bedeutet. Nach Heibergs Vermuthung ist -der deutsche Name Robbe nur aus dem falsch gehörten Kobbe entstanden. - -Das Desert wurde aufgetragen. - -»Apropos, lieber Herr von Kobbe,« begann der Baron, indem er mir eine -Priese darbot, »Sie sind ja ein Holsteiner, und werden den Grafen -M. v. N. kennen?« Ich bejahte dies. »Graf M. war der Vater meines -Jugendfreundes, dessen ich im ersten Capitel dieser Schrift gedacht -habe.« »Nun so müssen Sie mir Ihr Ehrenwort geben, eine Forderung an -ihn auszurichten.« »Wenn es nicht auf Tod und Leben ist,« versetzte -ich, mich an das unglückliche Duell meines Freundes in diesem -Augenblick erinnernd. »Es ist eine Forderung«, entgegnete er, »aber -keine Herausforderung. Der Graf M. hat mir eine Dose von Segeberger -Kalk versprochen.« - -»Von Segeberger Kalk?« fragte ich gedehnt. - -»Ja, von Segeberger Kalk. Sie müssen wissen, lieber Herr von Kobbe, -daß ich nur Eine Liebhaberei habe für die ich lebe. Es ist die, meine -Sammlung von Schnupftabacksdosen zu vermehren. Ich habe deren jetzt -gerade so viele, wie Tage im Jahre, dreihundert fünf und sechszig. -Ich nehme keine Doublette, ich habe nur Eine goldene, Eine silberne, -Eine kupferne, aber ich suche sie von allen Stoffen auf der Welt -zusammen zu bringen. Hier auf der selben Stelle, wo Sie sitzen, lernte -ich den Grafen M. kennen. Wir erlebten hier einige frohe Mittage, -namentlich erinnerten wir uns unseres gemeinschaftlichen Freundes, des -Dichters Baggesen, von denen ich ihnen noch eine komische Geschichte -zum Besten geben muß, die er mir selbst erzählt hat. Baggesen war -bekanntlich ein großer Freund der Franzosen und Napoleons und eben -deßhalb in Kopenhagen nicht gut angeschrieben. Eines Tages wurde er zum -Polizeiminister K. gerufen, dem bekannten wüthenden Napoleonisten. »Sie -müssen funfzig Thaler Strafe bezahlen, Baggesen,« redete ihn K. an, -»weil Sie gegen die Polizeiverordnung geschrieben haben!« »Das wüßte -ich nicht Ew. Excellenz«, erwiederte Baggesen, »ich bitte mir dies zu -belegen.« - - * * * * * - -K. holt die Polizeiverordnung. B. läßt sich mit der Versicherung, daß -erst am Morgen das Gesetz gelesen, gegen welches er peccirte, nicht -abweisen. Endlich zeigt ihm dieser einen Artikel, welcher lautet: - - »Es soll bei hoher Strafe verboten sein, etwas gegen unsere - Alliirten zu schreiben; und Sie haben etwas gegen Napoleon - geschrieben,« endete er. - -»Das habe ich allerdings gethan, Ew. Excellenz! aber zu einer Zeit, als -Sr. Majestät, unser Allergnädigster König, Napoleon den Krieg erklärt -hatte, ich sehe keine strafbare Handlung darin.« »Baggesen!« erwiederte -der Minister vorstellend, »so viel Logik werden Sie als Doctor und -Poet doch wohl haben, daß wenn es bei +großer+ Strafe verboten ist, -etwas gegen unsere Alliirten zu schreiben, es doch bei kleiner Strafe -verboten sein muß, etwas gegen die zu schreiben, welche nicht mit uns -alliirt sind.« - -»Das kann ich nicht zugeben«, versetzte der Dichter lächelnd, »das -kommt mir eben so vor, als wenn man sagen wollte, weil es bei hoher -Strafe verboten ist, die Frauen Anderer zu umarmen, so müßte es doch -bei kleiner Strafe verboten sein, seiner eigenen Frau ein Gleiches zu -erweisen.« - -Das Gespräch tournirte sich jetzt wieder auf die Dosen, worauf der -alte Herr nach allen Excursionen in das Gebiet der Kunst und der -Wissenschaft wieder zurück kam. »Wie gefällt Ihnen meine Liebhaberei«, -fragte er mich sogar einmal. - -»Sie ist allerliebst und einzig in ihrer Art,« versetzte ich mit -Schonung. »Ich fühle mich selbst trotz meiner Seehund-Qualität davon -ergriffen.« - -»Ja, es ist eine schöne Liebhaberei,« versetzte der Alte ernst, »aber -Gott bewahre Sie davor, sie macht einen fast zum Narren. -- Denken Sie -sich,« fuhr er dann heiterer fort, »früher hatte ich die lächerliche -Passion für Pfeifenköpfe und besonders meerschaumene zu sammeln. Da hat -sich doch mein Geschmack jetzt um Vieles geläutert.« - -Es war bei diesen Unterhaltungen Abend geworden, der Baron erhob sich, -mich führte die Neugierde in das Theater. Aber ich ennuyirte mich -dort, es wurde eins von den niederträchtigen Conversationsstücken -gegeben, womit man jetzt alle Bühnen überfluthet. Ich danke Gott, daß -ich unverheirathet bin und daß ich nicht roth zu werden brauche, wenn -meine Frau im Theater gewesen ist und ein Stück wie den beliebten -»Ball zu Ellerbrunn,« und in demselben den Commissionsrath Zucker, -seine Frau Gemahlin und dergleichen Charactere bewundert hat. -- O -lieber Vater Schiller! wie hatten die Recensenten Recht, aber wie -schrecklich versündigten sie sich auch, als sie nachwiesen, daß deine -meisten Menschen nicht lebensfähig, zu göttlich oder wie man sie auch -nennt »Ideale« seien. -- Das kann man freilich von den jetzigen nicht -sagen, sie sind nur zu natürlich, aber auch von der Sorte, daß, wenn -alle Personen einer solchen Komödie mit meiner Hündin Diana in das -Wasser plumpsen, ich es vor Gott verantworten will, wenn ich meine -Vierfüßlerin, welche durch ihre Treue das Thier besiegt hat, _par -preference_ vor diesen entgöttlichten Menschen, rette. - -Eine Pause erregte in mir das Bedürfniß ein Glas Bier zu trinken. Wie -jener ein herrliches Haus gebaut aber die Treppe vergessen hatte, so -haben die genußsüchtigen Frankfurter zu spät an eine Buvette gedacht, -die sich noch jetzt in Form einer kleinen Barbierstube im Theater -befindet. Indessen wird auch hier kein Cerevis dispensirt, ich war -daher in ein benachbartes Haus gegangen, wo der braune Stoff mir auf -Begehren von einer freundlichen Wirthin gereicht wurde. - -In dem Gastzimmer saßen Frankfurter Bürger zweiten Grades. Die -Primasorte ist daran zu kennen, daß sie auf den Rath, der doch nicht -rathlos ist, auf den Bundestag, der doch viel schweres Geld dort -verzehrt, und auf die schlechten Zeiten schimpft, wobei sie für so viel -Geld Wein vertrinkt, daß sie wenigstens in ihrem Rayon die schlechten -zu guten Zeiten machen könnte. Es waren vielmehr nur jüngere -Professionisten dort zu sehen, alle fröhlichen Gemüths, die noch zu -wenig Misantropen schienen um Unzufriedenheit zur Zufriedenheit zu -gebrauchen, Ihre Reden gefielen mir, ich setzte mich zu ihnen -- willig -machten sie mir Platz. - -Mein Bier folgte mir. Ich bemerkte, daß das Getränk der übrigen viel -heller war als das meinige. - -Ich forschte nach der Ursache. - -»Wir trinke Eppelwein,« war die Antwort. -- - -»Apfelwein, Cider?« fragte ich halb verwundert nicht ohne eine Art -Mitleiden. - -»Ja mein Herr, ziehe Sie nur die Achsel, Sie habe gewiß nit ander als -saure Eppelwein getrunke. Aber dieser Eppelwein ist gut. Nit wahr meine -Herre, Eppelwein und Eppelwein das ist ein Unterschied?« - -»Ei freilich,« versetzten die Angeredeten, »Eppelwein und Eppelwein das -ist ein großer Unterschied.« - -»Wenn ich meinetwege,« fuhr der Redner fort, »in Bockenheim zwei -Schoppe Eppelwein getrunke habe, und mein bester Freund sagt mir ein -ehnziges Wort, so fang ich gleich Krakeel an, trinke ich aber von dem -Eppelwein hier, meinetwege acht Schoppe, so bleibe ich fromm wie ä -Lamm. Aber das ist natürlich denn, nit wahr meine Herre! Eppelwein und -Eppelwein ist ä großer Unterschied?« - -»Das glaub ich, Eppelwein und Eppelwein ist ä Unterschied«, erscholl -von allen Seiten die Antwort. - -»Ich bin ä Schreiner, ich muß zuweile nach Sachsenhause wo mir meine -Kunde Eppelwein vorsetze. -- Ja, wenn ich dann Maaß nehm, verpaß ich -gar leicht ä Stück Möbel, wenn ich aber hier von diese Eppelwein -getrunke habe, da mach i ä Sarg, bloß nach de oberflächlichste Anblick -und ich steh’ dafür, daß der akkerat für de Todte paßt ohn ihn zu -geniere. Aber nit wahr meine Herre! Eppelwein und Eppelwein ist ä -großer Unterschied?« - -»Ei freilich,« bemerkte der Chorus. »Eppelwein und Eppelwein ist ein -großer Unterschied.« - -»Ja meine Herre, ich schwätz viel über die Eppelwein aber er kost -mich auch schon was,« fuhr der Tischler fort und heftete nicht ohne -Melancholie sein Auge auf das eben gefüllte Glas. »Ich mein als nit die -Sechsbäzner, die ich meinetwege dafür ausgegebe habe, er kost mich auch -ä Onkel und ä Braut --« - -»Das wäre viel für Rheinwein und Champagner,« bemerkte ich, »aber für -Apfelwein nach meinem geringen Ermessen doch zu viel.« - -»Sehe Sie,« sagte er, »ich hab in Zwingeberg ä Onkel gehabt wo -kinderlos war und ä angenommene Tochter hatte. Des Mädel ist die -Tochter von ä Baiersche Offizier, wo vor Hanau erschossen ist. Die -Babett ist ä schönes und gutes Mädche und wir ware halb wege einig, -und der Onkel wo mein Herr Vettrich (Gevatter) ist, war auch damit -einverstande. Aber zum Unglück machte der Onkel selbst Eppelwein und -de miserabelste verfluchteste wo ich in meinem ganze Lebe getrunke -hab’. -- Damit wollt er mich nun allezeit tractire und ich mußt ihn -mir gefalle lasse, auch kam mir der Sauerampfer von Wein nit so -spottschlecht vor wenn ich ihn auf das Wohl der mich so freundlich -anblickende Babett hinunter stürzte.« »Gelt Joseph?« pflegte denn mein -Onkel zu sage, »mein Eppelwein ist besser als dei Frankfurter?« -- -Ich nickte fast allemal ein »Ja« und erfreute dadurch meinen dicken -rothnasigen Oheim nit wenig. -- Da begab es sich, daß wir an eine -Sonntag in das benachbarte Bad Auerbach fuhre. -- Kenne Sie Auerbach -und de Wirth Dieffenbach?« - -»Ob ich sie kenne? auch die heilige Justiz, welche von einem -bucklichten Schneider dort verwaltet wird,« entgegnete ich fast -verstimmt. - -»Es ist dort schön, gelte Sie?« fuhr der Apfelwein-Panegyricker fort. --- »An dem Tag wurde ich mit Babett ganz einig, wir gelobte uns Herz -und Hand und beschlosse unsere Angelegenheit noch an demselbe Abend de -Onkel vorzutrage. -- Der mogt auch schon was davon gespürt habe, er -sah so piffig aus, und war kreuzfidel dabei. -- Leider kam er auf die -Unglücksidee Champagnerwein komme zu lassen. - -»Nun, der ist doch besser wie Apfelwein?« fragte ich. - -»Ei Gott bewahre,« entgegnete der Redner. »Des ist der schlechteste -Wein wo uf der ganze Welt wächst. Der macht Eine ganz verrückt. Wann -ich Champagner getrunke hab da werd ich so wüthend wie ä wild Thier, -wann mir Ener nur en einzig Widerwort giebt.« - -»Geriethen Sie denn durch den Champagner gar in Streit mit Ihrer -Babett,« forschte ich. - -»Nein des nit«, erwiederte der Schreiner, »es ging auch im Anfang mit -de Onkel gut. Ich hielt mich wunderbar. Als wir aber zu Haus angelangt -ware, da reitet ihn der Teufel, er verlangt ich soll Eppelwein mit ihm -trinke.« - -»Nun und das wollten Sie nicht?« - -»Ich konnte keine halbe Schoppe hinunter bringe. Der Onkel drang -indessen darauf, daß ich mit ihm von seine Necktar trinke sollte. Ich -erklärte ihm jetzt, durch de verdammte Champagner zu ä Plaudertasch -gemacht, daß unter Eppelwein und Eppelwein ä grosser Unterschied sei -und daß ich den seinige für hundsschlecht erkläre müsse. -- Das reizte -aber de Alte fürchterlich. Geh, rief er aus, ich will als nichts mehr -mit eine so ungerathene Bub zu thun habe. Du bist nit mehr mein Neveu, -ich bin nit mehr dein Vettrich und Oheim. Wer nit mei Eppelwein trinkt, -der ist nit von meine Blut. -- Ich blieb die Antwort nit schuldig, der -Wortwechsel führte zum Handgemenge. Der Onkel rief seine Leute, man -drängte mich als zum Tempel hinaus warf und mir meine Effecte nach.« - -»Komm mir nit wieder vor de Auge oder ich hetz meine Hund auf Dich,« -ware die letzte Worte, die mein fast vor Wuth erstickende gewesene -Erblasser mir oben aus Babetts Fenster zurief. -- Ihr Schluchze das ich -obe zu vernehme glaubte, fing an mich zu entnüchtern. Dieser Proceß -wurde noch vollends durch eine Platzrege vollendet, der mir uf de Kopp -fiel.« - -»Als ich am andere Morge meine Rausch verschlafe, eilte ich von -Verdruß, Beschämung und Liebe gespornt in das Haus meines Oheims. -Aber wie erschrack ich als ich von der alte Haushälterin die -Schreckensnachricht erfuhr, daß mein alter Oheim Müller schon seit drei -Stunde mit Babett nach Italien abgereis’t sei. -- »Sei letztsch Wort -ischt ä Fluch über Sie gewese,« endete der alte schwäbische Drache.« - -»Was war zu thun? Weder meine Zeit noch mein Geschäft (ich wurde -dermale stündlich in Frankfurt zurück erwartet) erlaubte mir, de Oheim -nachzureise. Ihm oder der Babett zu schreibe war auch total unmöglich, -da ich ihre Address nit wußte. Ich ergab mich in Geduld, deren schon -mürb gewordener Fade freilich am Ende vollends riß, als ich in der -Frankfurter Oberpostamtszeitung nach einem Vierteljahre vollends las, -daß mein Bräutchen Babett Reichard in Mühlheim mit eine Badischen -Parrer verheirathet sei. Sie hatte sogar die Unverschämtheit mir diese -Schritt selbst anzuzeige, indem sie denselbe damit entschuldigte, -ihr Pflegvatter, mein Oheim habe ihr keine Ruh gelassen, bis sie de -Bewerber nähm und ihr mit völliger Enterbung gedroht, wenn sie den -Eppelwein-Verächter, womit er mich gemeint, nähm. Sie fügte noch am -Ende die beide leidige Sprichwörter hinzu: Man muß aus der Noth eine -Tugend mache, ich aber sollte mich mit dem Satz tröste: Ein ander -Städtche ein ander Mädche.« - -»Es sind jetzt vier Jahre verflosse seit jener Zeit. Ich bin -anderweitig verheirathet und hab Gott sei Dank ä gute Frau bekomme. Der -Onkel hat sich längst todt gesoffe in seine saure Wein und die Babett -ist ungesund und harthörig geworde. -- Ich sag oft zu mir selbst wer -weiß wozu de Geschichte gut war. Und ich kann behaupte, der Eppelwein -hier schmeckt mir immer noch mal so gut, wenn ich dran denk, wie ich -ihn vertheidigt und so viel um ihn verlore habe. Und darum bleib ich uf -meine Satz. -- Eppelwein und Eppelwein ist ä Unterschied.« -- - -Ich aber stimmte in die nunmehro auch erlernte Rundrede: »Eppelwein -und Eppelwein ist ä großer Unterschied,« und verließ den großen -Eppelweinmärtyrer, der wie so viele Menschen doch nur einer einzigen -leichtsinnigen Minute sein ganzes Unglück, seinen Stoizismus und seine -Begeisterung für den Eppelwein verdankte. - -Während seiner Rede, die übrigens immer auf einen und denselben Satz -hinauslief, war ich lebhaft an die Shakespearsche Rede des Antonius -erinnert und an seinen Refrain: - - Doch Brutus sagt: daß er voll Herrschsucht war, - Und Brutus ist ein ehrenwerther Mann. - -Diese Geschichte wäre übrigens wohl aus meinem Gedächtnisse -entschlüpft, wenn sie nicht eine Lieblingsanekdote meiner Freundin, der -Haizinger, der ich sie einmal erzählte, geworden wäre. Diese empfängt -mich fortwährend lachend mit den Worten: »Eppelwein und Eppelwein ist ä -großer Unterschied.« - -Es war schon ziemlich spät als wir am Abend in Gießen anlangten, -wo, wie noch vor wenigen Jahren, außer einigen Scheiben gekochten -Schinkens nur zwei wunderliche Dinge -- ein ganz trüber Punsch und ein -Salat zu haben, wovon der letzte zu reichlich mit Spinnradöl getränkt -war. Indessen traf ich vor dem Posthause zwei ehemalige Heidelberger -Corpssisten, nunmehro Gießener Burschen, mit denen beiden ich oft auf -der Mensur gestanden hatte, die aber jetzt nach Walhalla-Comment mir -um den Hals fielen und nicht abließen bis ich ihnen folgte und die -Stunde, während die Post in Gießen anhielt, in ihrer Burschenkneipe mit -ihnen verplauderte und verzechte. Das ganze Gespräch enthielt nichts -als eine gegenseitige Anerkennung und wie sehr es zu beklagen sei, -daß man nicht zu unserer Zeit schon eine freundschaftliche Verbindung -zu Stande gebracht habe. -- Solche weise Todtengespräche werden einst -in dem ihnen angewiesenen Aufenthalt die jetzigen Diplomaten nach -ihrem Tode über die Orientalische Frage führen. Es ist übrigens eine -traurige Erfahrung, daß die meisten Menschen erst dann anfangen sich -lieb zu haben, wenn Einer den Andern verloren hat. Und da hat man denn -den scheinbar frommen Satz geschaffen: _De mortuis et absentibus nil -nisi bene_. Dummes Zeug, lieb nur die Lebenden und Gegenwärtigen. Damit -ist dem lieben Gott weit mehr gedient als mit eurer Kanonisirung nach -dem Tode, die ohnehin nicht lange vorhält. Ich bin wenigstens auch in -diesem Punct der Meinung des lieben Gottes. Habt mich lieb so lange -ich lebe, nach meinem Tode redet was ihr nicht lassen könnt. Eure -Seegnungen, eure Flüche verhallen hier doch auf Erden, der berühmteste -Mensch wird doch am Ende durch die ewig retouchirenden Historiker -entstellt, ein Fabelthier wie Tell, ein Wilddieb wie Shaekespear, und -verwandelt sich am Ende gar wie eine Metamorphosen-Puppe und noch dazu -geblendet, in viele kleine -- wie der gute Homer. - -Fast wäre ich von Gießen, anstatt nach Cassel, wieder nach Frankfurt -zurück gefahren, und wäre sonach der Traum meines Heidelberger -Universitätsfreundes in Erfüllung gegangen. Denn beide Posten waren -zusammen getroffen, und ich hatte die Direction der Diligencen -verwechselt. Allein zum Glück hatte der Conducteur die Häupter seiner -Lieben gezählt und mich wie ein Gesandter reclamirt. - -»Es fehlt uns noch ein Herr,« rief unser Schutz- und Schirm-Meister, -»der wird indessen erst eine Viertelstunde von hier einsteigen.« Und so -geschah’s. -- Nach Verlauf dieser Zeit hielt der Postwagen und unter -heftigem Weinen lagen zwei Männer, in einer mehrere Minuten dauernden -Abschiedsumarmung. Der eine war ein mit einem Mantel bekleideter -Offizier, auf dessen Brust zuweilen einige Ordenskreuze hervorblitzten. -Der Scheidende war hingegen angethan wie ein wohlhabender Gutsbesitzer. -Er riß sich jetzt gewaltsam aus den Armen des Andern, der die seinigen -mit den Worten ihm nachstreckte: - -»Bruder! mein theurer Bruder! ich besuche Dich!« -- - -»Sei kein Thor,« sprach dieser kaum verständlich, »wir bleiben im -Geiste ewig bei einander, aber bedenke Deine Stellung. Noch Eins, laß -die Mutter ewig im Irrthum, ich schreibe Dir von Kassel.« - -Und nach diesen Worten nahm er den ihm vom Conducteur angewiesenen -Platz im Cabriolet ein, aus dem er den laut weinenden zur Salzsäule -gewordenen Offizier so lange thränenlos und düster in den hellen -Mondschein hinein nachstarrte, bis ein mitleidiger Baum zwischen beide -trat, und der Hals sich in sein Wagenhäuschen zurückzog. - -Unsere Gesellschaft im Innern des Wagens bestand außer meiner Wenigkeit -aus einem angeblich gewesenen holländischen Rittmeister von Z.. nebst -seiner Frau, der von einer kärglichen Pension in Manheim lebte und -einen kuriosen Nebenerwerb, einen Verkauf von überjährigen (in Saat -geschossenen) Taschenbüchern betrieb, und aus zwei Brüdern Berliner -Tabackshändlern, die ich Derene nennen will und die angeblich von den -französischen Refügiés abstammten. Drollig war es, daß der eine ein -doppeltes Kinn hatte, während dem andern diese Gesichtszierde fast -ganz versagt war fast nur einen inkompleten Puppenkopf darbot. Solche -Versehen kommen indessen in Familien nicht selten vor und müssen wol -in den himmlischen Fleischhallen von der zu eilfertigen Natur begangen -werden. Hatte ich doch in Uetersen zwei Schulkameraden »Gebrüder -Richter,« von denen »Ferdinand,« der ältere, ein doppeltes Ohrläppchen -am rechten Ohr hatte, wogegen dem nachfolgenden »Fritz« diese Ohrzierde -an derselben Seite gänzlich fehlte. In der That macht mich der Gedanke -oft traurig, denn ich habe einen sehr magern Bruder und bilde mir oft -ein, daß ich, der corpulentere, dessen Fleisch durch irgend eine -Engel-Culpa an mich gebracht habe, von dem man freilich nicht sagen -kann, daß unrechtes Gut nicht gedeiht. - -Wir fünf erschöpften uns in Muthmaßungen über den wunderlichen Fremden -und über dessen Verhältniß zu dem Offizier. Daß er ein Spitzbube sei, -war unter den Vieren ausgemacht, nur wußte man nicht recht, in welche -Klasse des Fieskoschen Mohrs man ihn bringen sollte. Demagogen waren -damals noch nicht erfunden, die liebe Klatschsucht lag auf der Folter. - -Mir hatte der Mann imponirt und ungemein gefallen, was sich auf -jeder Station trotz seiner Einsilbigkeit sehr vermehrte. An die -andern richtete er kein einziges Wort, ja er behandelte sie sichtlich -hochmüthig, und vereitelte den vor Neugierde Platzenden durch seine -knappen Antworten alle Fragen nach seiner Person. Die beiden Berliner -waren ein vollkommner Typus des preußischen Residenzler ihres Schlages. -Und so mag denn für meine humoristischen Leser hier eine ihrer Dialogen -stehen, welche das Brüderpaar damals führte und bei meiner mündlichen -Ueberlieferung jederzeit eine günstige Aufnahme gefunden hat. Möge Herr -Brennglas mir vergeben, wenn ich hie und da das Berliner Idiom nicht -ganz täuschend reproducire. -- - -Es war von Schriftstellern die Rede. Wahrscheinlich suchte der -Holländer, der dieses Gespräch auf das Tapet gebracht hatte, durch -den verminderten Septimaccord der Conversation schon damals seine -Taschenkalender feil bieten zu können. - -»Schriftsteller? Es giebt nur ehnen Ehnzigen;« fiel der ältere Derene -ein, »dat is der Satiricker Friederich.« - -»Kennen Sie den nich?« begleitete der Jüngste. - -Ich nickte bejahend. - -»Hören Sie Mal Menneken!« hub der Primogenitus gegen den Rittmeister -an, »den müssen Sie lesen, det ist der erste deutsche Dichter, des -sagt mein Kousin och, und der hat Recht. Wissen Sie wie ich zu dessen -Lectüre gekommen bin?« - -»Wie sollte ich das wissen?« - -»Hören Sie Mal, durch den wunderlichsten Zufall von die Welt. Als wir -noch unsern ersten Tabacksladen etablirt hatten, wohnten wir in de -Friedrichsstraße Nummer 46.« - -Der jüngere Defrene berichtigte die Nummer. - -»Um die Zeit wohnte bei uns ein Kammergerichtsrath der sich »Meier« -nennen that. -- Ehnes Tages sagte er mich: Sagen Sie Mal Herr Defrene -können Sie mich wol ehn Bette leihen uff acht Dage, ein Freund will -mir in die Zeit besuchen. Es war des uff en Mittewoch.« - -»Ne Bruder! es war uff en Donnerstag,« verbesserte der _minor natu_. - -»Des ist Parthie egal,« beschwichtigte der ältere. »ich sagte ihm -gleich, dat wir in Compagnie handelten, mein Bruder und ich, weshalb -wir uns noch bis auf die heutige Stunde »Gebrüder +Defrene und -Compagnie+« schreiben, und det wir nie ohne einander thun thäten, des -ick aber ett ihm zusagen wollte, wenn wir ehn Bette wirklich haben thun -thäten.« - -»Ick rief denn gleich unsere Haushälterin. Weßt Du wol Bruder, det war -damals de rothe Lise?« -- - -»Ne«, fiel die Opposition ein, »de lahme Jette von Strahlau, de -Geliebte von den russischen Jelehrten.« - -»Parthie egal, meinetwegen, die Jette »Jette!« rief ick, haben wir noch -Bettzeug genug für einen Freund des Herrn Raths, der ihm uff acht Tage -+hier+ zu besuchen, die Freundschaft thun will.« - -»+Jette+, ick meehne +Lise+, sagte, das Ding soll vielleicht wol -angehen duhn, und der Herr Kammerrath war mit diese ungewisse Aeußerung -dicke zufrieden. Er war überhaupt ehn sehr zufriedener Mensch und -dabei unverheirathet wie wir Gebrüder Defrene.« - -»Ich hatte mir nig weiter um den ganzen Besuch bekümmert, aber nach -Verlauf von ehnigen Dagen wurden jrade die Räuber von Schiller jejeben. -Haben Sie wol Mal Carl Moor von Devrient jesehen?« - -»Bruder! Devrient spielt den Karl nicht, sondern den unrejellen Bruder, -den +Franz+,« fiel der Ohrlappenberaubte ein. - -»Des ist ejal,« replicirte der Senior, »jenug dat er den Moor so -hinreißend spielte dat ick so in Gedanken war, dat ick gar nig druf -weiter rejardirte als mich Lise rapportirte, dat der Fremde bei den -Herrn Kammerjerichtsrath anjekommen sei und mich einen Zettel von -die Polizei in die Hand drückte, wo der Name von den Fremden uff -geschrieben stund. Ick las ihn jar nich Mal und steckte ihn mithin -unjelesen in die linke Westentasche. Denn warum? immer sah ick den -leibhaftigen Moor für mich, jrade in den Moment wo er beten will und -nich kann. Hu! des ist jräsig!« -- - -Genug die Geschichte war uff en Donnerstag -- - -»Uffn Freitag,« verbesserte der jüngere Defrene. - -»Nu, uffn Donnerstag,« beharrte der Erzähler. - -»Wie du leugnest dat es uff’n Freitag war?« - -besserte jener. »Sieh! ick beweise es Dich. War nicht der Cousin uff -den nächstfolgenden Sonntag bei uns?« - -»Ja Brüderken! Du hast Recht,« versetzte der Aeltere durch den -unlogischsten aller Gründe völlig überzeugt, und ließ dieses Mal -sein versöhnendes »Et is ejal,« sogar weg. »Also jut, des wer uff en -Freitag. Am Sonntag war mein Cousin bei mich, det is der gebildeste -junge Mann den ich in janz Berlin kenne. Er hat den Feldzug mitjemacht -und wenn er oog eigentlich jar nich im Feuer jewesen ist, so kann er -doch jede Schlacht haarkleen von A bis Z erzählen, und was noch mehr -sagen will, er trägt die Medaille. - -Nicht immer, wenn Trauer in die Familie ist, trägt er sie aus -Zartjefühl nich, und oog nich aus Sympathie, wenn er Zahnweh hat,« -ergänzte Defrene junior. - -»Vielleicht auch nicht im Gewitter,« bemerkte ich, denn Eisen zieht an. - -»Deß weeß ich jrade nicht, aber es ist ejal,« fuhr der Referent -fort. »Also, jenug, an den Sonntagmorjen probirte unser Cousin unsre -neusten selbstjemachten ächten Hannahcigarren. Da jing plötzlich die -Thüre, und es trat ein Herr herein, der sich als der Gast vom Herrn -Kammergerichtsrath persönlich ankündigte. - -»Ich bat ihn sehr artig, sich zu setzen, er aber bedauerte dieses -enige nich zu können. Mein Bruder, der jrade dem Vetter eenen -kleenen Schnapps präsentirt hatte, schenkte ooch dem Fremden so ein -verjoldetes Glas aus unsern Flaschenkeller, den unsre Voreltern bei die -Religionsverfolgung noch mit aus Frankreich mitgebracht haben, ein, und -präsentirte es dem Fremden, welches dieser auch sofort annahm. -- - -»Erst dankte er, alleene, ich nöthigte ihn zwei Male, wor’uff -er sich nicht länger excüsirte,« unterbrach der Correferent den -Berichterstatter, welcher verweisend fortfuhr: - -»Et is ejal, jenug er trunk ihm. Aber der Herr war erschrecklich -bebberig, er zitterte so unjeheuer, dat er meinen Cousin, der immer -sehr nach die Mode jekleidet war und dieses aparti vorzüglich -am Sonntage, das halbe Glas von dem braunen Rum uff seine -Tricotbeinkleider goß. Während dieser sich nun, in dem Nichtbewußtsein -das Jedahne verübt zu haben, entfernte, und janz arglos aus die -Stubenthüre sich mit Einem »ich empfehle mir Sie« gegangen war, -hatte mein Cousin, der ein ville zu sehr gebildeter Mensch ist -und ville zu ville Lebensart hat um das Gastrecht zu beleidigen -und den Fremden aufzubieten, -- doch über die Beschmutzung seiner -Lieblingsbeinkleider einen so rothen Kopp wie ein Puter bekommen, -und fing jetzt an, entsetzlich unanjenehm zu werden. -- Als sich der -Sturm aber etwas verpuhst hatte, da fragte er, wie der Fremde denn -ejentlich heißen thäte. -- Lise wurde gerufen. Die sagte gleich, -der Herr hätte ein Vornamen zum Zunamen, des wüßte sie wohl, aber -jenauer könnte sie den Namen jar nicht beschreiben, -- Ick hätte aber -ja den Namen für die Polizei von ihr in Empfang jenommen und in die -Westentasche gesteckt. Und denken Sie sich, ich hatte jrade diselbe -Weste an, die ich den Freitag jetragen. Und des war ein Glück dat des -alles so kommen mußte, denn, wäre das nich so gekommen, und es wären -mich drei Tage verstrichen, so hätte ick Strafe uff der Polizei für -einen unbeherbergten oder vielmehr unanjezeigten Fremden bezahlen -müssen. -- Aber kaum hatte ich den Zettel an meinen Cousin jezeigt, -als dieser janz siegestrunken uffsprang und ausrief: »+Friedrichs+, -+Schriftsteller+,« jeh heruff und bitt ihn, daß er herunter kommt, er -kann mir dreist noch zehn Male begießen. +Friedrichs+ der +Satiriker+, -ist der größte wenn auch nicht gelebt habende, doch leben werdende -und man kann noch wol sagen lebende Dichter, den es giebt. Sie können -denken, wie diese wirkliche und nicht jeschmückte Bejeisterung von -unsern jebildeten Cousin uff meinen Bruder wirkte. Dieses Lob hören -und gleich nach alle Lesebibliotheken schicken, war das Werk von Ehner -Minute. Acht Dage waren mein Bruder und ich wie eingespunnt bei die -satirischen Feldzüge. Kehner wollte heraus wenn ehner vor den Laden -kam. Ehner las bestimmt im Friedrichs, und blieb uff den Fleck und wenn -ooch vier Personen Cigarren haben wollten. Aber ick stimme mit meinem -Vetter darin überein: »Friedrichs ist der größte leben werdende Dichter -seiner Zeit.« - -»Und wie wurde es mit der ferneren persönlichen Bekanntschaft des -Dichters?« forschte ich. - -Ick habe ihn nur ein einziges Mal wieder gesehen, erwiederte Defrene -etwas kleinlaut, ick sagte ick wünschte mit ihm über seine satirischen -Feldzüge zu reden. Es versetzte mich aber fast verdrießlich, daß -er jrade keene Zeit nich habe mit mich darüber zu reden. Ick mußte -mich den Mund wischen. »Sie wissen, wie die Jelehrten oft sind, so -schrecklich aparti.« - -»Allerdings,« endete ich, und dachte an den Studiosus Meyer und an den -großen Jean Paul. - -Diese Unterhaltungen dauerten im gleichen Genre fort. Da ich keinen -Spiritus familiaris im Wagen hatte, der die sich entwickelnde -Lächerlichkeit mit mir theilen konnte, fingen sie an, mich sehr -zu ermüden. Der Holländer und seine Frau brachten langweilige -Geistergeschichten auf das Tapet, die mich gewiß in Morpheus Arme -versenkt hätten, wenn ich überall im Stande wäre, die erste Nacht im -Wagen schlafen zu können. Ich tauschte daher auf der nächsten Station -mit dem Conducteur und nahm meinen Platz neben dem räthselhaften -Fremden ein. - -Derselbe zeigte sich jetzt freundlich und gesprächig. Indessen kamen -wir nur auf ernste Materien. Wir redeten viel über Criminalgeschichten -und namentlich über den Fonkschen Proceß, der damals viel besprochen -wurde. Dann wandte sich die Conversation auf entfernte Länder und -Welttheile. Allenthalben war mein Reisegefährte, der sich immer nur als -Oeconom ankündigte, zu Hause, wenn sein Urtheil auch fortwährend eine -düstere, wenn gleich nicht strenge Färbung trug. Seine ganze Person -schien mir immer mehr ein Geheimniß, ich wurde an den Prinzen mit -der eisernen Maske erinnert. Indessen konnte ich es zu meinem eignen -Ärger nicht über mich gewinnen, an dem Schleier zu zerren, welcher die -Herkunft des Mannes umgab, dessen Dialekt indessen meinem scharfen -Ohre gar bald die Überzeugung verschaffte, daß mein Mitpassagier ein -Süddeutscher sei und wol aus der Wetterau stamme. - -Es war Abend geworden als wir in Cassel anlangten. Die Gasthöfe waren, -ich weiß nicht aus welchem Grunde, so überfüllt, daß uns nur drei -Zimmer angewiesen werden konnten. Die beiden Brüder, Mann und Frau, als -natürliche Alliirte nahmen je zwei eins in Beschlag, ich vereinigte -mich mit dem räthselhaften Fremden das dritte zu beziehen. -- Wir -plauderten hier noch etwa eine halbe Stunde, endlich ersuchte mich mein -Reisegefährte ihm etwas in das Stammbuch zu schreiben. Ich ergriff das -Papier, und verglich, noch von Heidelberg her mit Abschiedsschmerz -erfüllt, die Trennung mit einer Hinrichtung; -- das Schicksal mit dem -Henker. -- Ich übergab das Geschriebene meinem Stubenkameraden der es -ungelesen in seine Brieftasche steckte. In dem Augenblick klopfte es an -die Thüre. Ein garstiger blatternarbiger Kerl trat in das Zimmer. Er -begrüßte den Fremden fast wie ein Geselle seinen Meister, und fragte, -ob dieser seiner Dienste bedürftig sei. »Ich werde mit Euch gehen,« -versetzte der fremde Herr! »Harret meiner nur unten.« -- - -Ich merkte daß es ihn drängte, brach die Conversation ab und folgte dem -Geklingel das jetzt zum Abendessen einlud. Er versprach, sobald als -möglich, nachzukommen. »Wenn ich nicht irre,« setzte er hinzu, »daß er -leider einen Collegen besuchen müsse.« -- Mir war das wunderlich daß -ein Oeconom in der Stadt einen Collegen aufsuchte. -- - -Als ich an die _Table d’hôte_ kam fand ich meine Reisegefährten schon -in der unverdrossensten Kinnbackenarbeit. Aber kaum gewahrten die -mich als sie Gabel und Messer niederlegten und mir durchaus à tempo -zuriefen. »Wissen Sie denn jetzt wer der Fremde ist der oben mit Ihnen -auf einem Zimmer logirt?« - -Ich machte ein verneinendes Zeichen. - -»Der Kerl, welcher sich gegen einen Militair und Edelmann so hochmüthig -beträgt, ist nichts anders als ein -- -- --« - -Hiebei machten alle vier mit beiden Händen an ihrem eignen Kopfe eine -höchst lächerliche Pantomime. Sie thaten nämlich als ob sie sich selbst -das Haupt aus den Schultern sägen wollten, bis der Redner, welcher sein -»ist ein« -- noch mehrere Male lang gedehnt wiederholt hatte, mit einem - - »+Scharfrichter+« - -herausplatzte. Die Berliner meinten, so etwas hätten sie dem »juten -Freund«, trotz seines Vornehmthuns schon längst anjesehen. Sie -bedauerten dabei nichts mehr als daß ihr jeistreicher Cousin nicht -zujegen sei, der hätte dem Scharfrichter mit seinem Witz, wie sie sich -ausdrückten, +mich nicht dich nichts+ seinen »+hochmüthigen Kopp+« wol -herunterjehauen. Des wäre eine Scene für Jötter und für Menschen zum -Todtlachen jewesen. - -Die Frau von Z--, wußte aber schon viel mehr specialia, welche sie -in der Küche gesammelt haben wollte. Nach der Köchin Erzählung sei -der Scharfrichter ein hessischer Baron, der beim Hühnchenspielen -als Kind dreien seiner Geschwister den Hals abgeschnitten habe, und -deßhalb von den Eltern Jahrelang eingesperrt und nachher auf einer -wüsten Insel ausgesetzt sei. Einer andern unverbürgten Nachricht der -Nätherin zufolge wäre der Räthselhafte durch Lesung von Räuberromanen -ein Anhänger von Rinaldini geworden, und hätte als solcher bereits -experimentirt. Man hätte ihn in das Gefängniß geschleppt, woselbst -die Familie, um die Schande zu unterdrücken, mit dem Kerkermeister -durchgestochen und den Tod des Knaben vorgegeben, denselben aber dann -unter fingirtem Namen in das Ausland geschickt habe. - -Ich weiß zwar noch bis zur Stunde nicht wie die Sache zusammen hängt -und wie das Dienstpersonal in der Küche zu den Notizen über unsern -Mitpassagier gekommen war, indessen bin ich überhaupt nicht abgeneigt -etwas Ähnliches, etwa einen leichtsinnigen Jugendstreich, der ihn früh -von den Seinigen entfernt hat, anzunehmen. Die Schadenfreude aber, -womit das Vierblatt über den Ruf des armen Scharfrichters herfiel, -versetzte mich indessen in eine kalte Malice, und versicherte ich dem -ehrabschneiderischem Quartett, daß das Ganze fingirt und selbst die -Scene mit dem Offizier der Gießen eine Farce gewesen sei, um seine -Reisegesellschaft ein wenig zu mystificiren. Sie möchten daher ihren -malitiösen Glauben nicht zu sehr cultiviren, weil der Mecklenburgische -Graf sie sonst am Ende gar zu sehr auslachen würde. - -Der Ernst, womit ich diese Worte aussprach, erregte einige saure -Gesichter. Gemeine Seelen empfinden es schmerzhaft wenn Menschen besser -sind als ihr Ruf. -- Sie haben nicht einmal die Gutmüthigkeit jenes -Vechtaer Juden, welcher einen Spaßvogel fragte, ob er denn nicht heute -zur Execution eines Raubmörders nach dem einige Meilen entfernten -Städtchen Diepholz gefahren sei, und als er die Antwort erhalten, »der -Befragte habe hingewollt, aber sei zu Hause geblieben weil er die -Nachricht bekommen, daß der Verurtheilte begnadigt sei,« -- ausrief: -»Es freut mich für den Menschen -- aber, au waih! geschrieen für meine -Femilie. Die ist hin zu sehn das Koppabschlagen. Und der Wagen kostet -mich, bei mein Gesundheit, Einen Thaler acht und vierzig Grote.« - -Schon hatte ich beinahe den Scharfrichterverdacht von meinem -Stubengenossen gewälzt, als die Frau von Z., eine Rheinländerin, -ausrief: - -»Ne dat Ding kann ich nicht globe, de Kechin und das Nähmädchen habe es -mir Alles zu gewiß erzählt. Ich muß mit de Behde noch ehnmal darüber -spreche.« - -»Ick geh’ mit, mein Kind,« bemerkte der Mann und hinkte seiner eilenden -Gattin nach, welche die Nachfolge ihres Nicht-Ehegebieters nicht eben -zu erfreuen schien. - -»Brüderken! gehst du noch mal mit in die Küche?« rief der jüngste -Defrene. - -»Et is alles egal,« sprach das bejahende Doppelkinn, »laßt uns Mal -Ehnen satirischen Feldzug zu die Köchin und zu die Näherin unternehmen.« - -Die Quadrupelallianz war bald verschwunden. Ich wartete noch eine -Zeitlang auf meinen Contubernalen, und folgte, da dieser sich bei -seinen Collegen zu verspäten schien, der Einladung eines inzwischen -eingetretenen Officiers, heute die Maskerade im Schauspielhause mit -anzusehen. Leider war hier Spiel, und zwar das verführerische Roulett. -Zwei Male kam auch richtig meine Lieblingnummer, »_vingt-sept, -rouge impair et passe_« heraus; das erste Mal aber, als ich in den -Saal trat und nicht gesetzt hatte. -- Zum Zweiten, als ich den -vorhergehenden _coup_ mein letztes Achtgutegroschenstück verloren -hatte. Glücklicherweise hatte meine letzte Pistole durch ein Loch in -der Tasche des Beinkleides, sich der allgemeinen Conseription entzogen. -Sie war in den Stiefel geglitten und bewahrte mich vor gänzlicher -Armuth. Ich dankte Gott, daß meine Post bis Hannover, wo ich einen -hülfreichen Universitätsfreund hatte, bereits bezahlt war. -- Unter -den Zuschauern schien Einer viel Theilnahme an meinen _guignon_ zu -nehmen. Ich erinnerte mich seit Jahren dankbar. Er gab mir, glaube ich -sogar, den wohlmeinenden Rath nicht mehr zu spielen, als ich kein Geld -mehr hatte. Aber wie wunderte ich mich, als ich nach mehreren Jahren -dieselbe Physiognomie in Nenndorf, als einem Bankier des Hazardsspiels -angehörig, wiedersah. Dasselbe fromme Gesicht, dieselbe tremulante -Stimme, dieselben dürren Spielfinger, womit er, wenn das Höllenfeuer -des Rouletts und des Pharaos ruhte, die Ohren der Kinder seiner -Pointeurs, mit Liebkosungen und Segnungen bestrich, indem er wol im -Stillen dachte: »O könnte ich Euch gleich so groß so erwachsen in die -Höhe ziehn, damit Ihr dasjenige, was Eure Väter noch nicht an mich -verloren, anbringen könntet.« - -Bei dieser Erinnerung an Nenndorf fällt mir ein, daß dort die Hunde -dem Sprichwort »+Bankier ist ein Hund+« viel Qualität verleihn. Die -Hauptspieler sind namentlich Bürger aus Hannover, welche an den -Spieltagen, Sonntags und Donnerstags, theils in Geschäftswagen, theils -als _chevaliers de demie fortune_ in Einspännern, oder auch wol um -alles zu verspielen, gar zu Fuß, ihren Feldzug gegen die Blutsauger -unternehmen. Die vornehmeren betrügen bei ihrer Ankunft gewöhnlich -ihren Magen, indem sie sich gegenseitig versichern, daß sie noch keinen -Appetit zum Essen haben, -- und daß sie tüchtig zusammen soupiren -wollen. »Die essen jetzt nicht, aus Ungeduld an die Bank zu kommen,« -pflegte der alte Zahn dann wohl prophetisch zu flüstern, »geben Sie -Acht, die lassen heute Abend die Zeche anschreiben und ich muß Ihnen -noch Geld zur Rückreise überher geben.« - -Die Honoratioren des mittleren Bürgerstandes pflegen in einem -benachbarten Wäldchen Toilette zu machen, wohin sie auch mit ihren -leeren Börsen zu ihrer dort oft weidenden Rosinante zurückkehren, -und dann bei dem Gesange des Spottvogels ihr mitgebrachtes Abendbrod -verzehren. Der Platz hat davon den Namen »+Schinkenhölzchen+,« und -ist der heilige Hain aller Hunde Nenndorfs geworden. Denn kaum hat -ein Banquier die letzten drei Züge gethan, so stürzen die vor dem -Conversationshause versammelten Vierfüßler nach dem Schinkenhölzchen, -um dort mit den auf den Hund gekommene Hanoveranern als nachfolgende -Gäste ein Abendessen zu halten, und die Knochen durch Vertilgung -derselben, vor der Sünde, wieder ein Würfel zu werden, zu bewahren. --- An einem Abend, wo mehrere Hanoveraner über Wunstorf nach Hause -fuhren, kamen die betrogenen Hunde ganz traurig zurück und gewährten -einen Anblick zum Todtlachen. Sie begegneten den Banquiers welche auch -gesenkten Blickes gingen, da ein berauschter Student, der auf meinen -väterlichen Rath mit einem treuen Freunde und seinem Gewinn in die -Heimath gereis’t war, sie tüchtig ausgebeutelt hatte. Die Blicke der -Menschen wie der Hunde schienen sich zu verstehen. - -Arm am Beutel, krank am Herzen, kehrte ich in mein Hotel zurück. Ich -fand meinen Scharfrichter im tiefen Schlaf und zwar derb schnarchend, -ich hätte ihm gerne ein »_dosine tandem carnifex!_« zugerufen, ich -fürchtete aber, daß er das Schnarchen dadurch nicht, wie August das -zum Tode verurtheilen, nachlassen würde. Alles Geräusch, selbst der -Versuch ihn zu wecken, war umsonst, ich legte mich bald rechts bald -links, der Schlaf floh mich. -- Voll Verzweiflung warf ich mich der -Poesie in die Arme. Es entstand in dieser Nacht die erste Scene meines -Burschenerdenwallen, welches später im Jahr 1826 bei Wilhelm Kaiser -erschienen ist und wovon eine Scene als Probe des ganzen Büchlein, hier -einen Platz finden mag. Sie ist übrigens eine erlebte. - - (Alter Bursch und Fuchs treten auf.) - - +Alter Bursch.+ - - Ich muß dich vor allen Dingen, - Hier in dieses Wirthshaus bringen, - Wo der Bursch fast immer kneipt; - Kannst am Abend wie am Morgen, - Beim Philister Porzel borgen, - Wenn er auch oft doppelt schreibt. - Ich bin ihm schon höllisch schuldig, - Doch der Kerl der ist geduldig. - - +Fuchs.+ - - Wenn das Tante wüßte, Fritze - Mir verbot man Kaffeehäuser. - - +Alter Bursch.+ - - O so sprich doch etwas leiser. - Hört’ man deine schnöden Witze, - Könnte man ja Wunder denken. - - +Fuchs.+ - - Gott wie magst du Tante kränken. - - +Alter Bursch.+ - - Mutter ist ein Frauenzimmer, - Fürchtet sich bei Allem immer; - Doch wie die Philister sagen, - War Papa als Bursche schlimmer - Hat sich alle Tag’ geschlagen. - Ist ein Erzsuitier gewesen. - Hab seinen Namen im Carcer gelesen. - - +Fuchs.+ - - Fritz! nein ich bezweifle dies, - Onkel der ist so vernünftig. - - +Alter Bursch.+ - - Nun das werd ich auch zukünftig, - Wahr ist es auf Cerevis. - - +Fuchs.+ - - In den letzten zwei Semestern - Sollt’st du wirklich fleißig sein. - Das versprachst du mir noch gestern, - So gewiß, und fest; allein -- - - +Alter Bursch.+ - - Ja ich will auch, laß das Lästern, - - +Fuchs.+ - - Der verdammte Branntewein! - Denke dran was du versprochen. - - +Alter Bursch.+ - - Hab’ ich denn mein Wort gebrochen? - Hab’ die ganze Nacht gewacht, - Immerfort hab’ ich studirt, - Nicht gegrockt und nicht gebiert. - - +Fuchs.+ - - Nun, das hast du brav gemacht. - - +Alter Bursch.+ - - Heute mach ich eine Pause, - Aber jetzt erzähl mir ja, - Was macht Mutter und Papa - Und die Schwestern denn im Hause? - Und wie gehts in unserm Städtchen, - Insbesondere mit den Mädchen? - Sprich, was macht Louise Kranz? - - +Fuchs.+ - - Neulich sah’ ich sie beim Tanz, - Schwer hob sie die Schwanenbrust, - Gerne wollt ich mit ihr tanzen, - Doch sie hatte keine Lust. - - +Alter Bursch.+ - - Warum machte sie Speranzen? - Wenn sie mir das abgeschlagen, - Hätt’ ich wollen sie curanzen! - - +Fuchs.+ - - Gott! wie kannst du so was sagen? - Denk dir, ihre Augensterne - Blickten still und schmachtend nieder, - Immer sprach sie ach! von dir. - - +Alter Bursch.+ - - Ja sie mag mich höllisch gerne. - Wenn die Besen sich verkeilen - Sind sie einmal nicht zu heilen. - - +Fuchs.+ - - Könnt wie du, ich, um sie minnen, - All mein Leben setzt’ ich dran, - Diesen Engel zu gewinnen. -- - - +Alter Bursch.+ - - Seht mir mal den Crassen an. - - +Fuchs.+ - - Wird Ihr Vetter lange bleiben? - Fragte sie von Schmerz erweicht, - Gerne wollte ich an ihn schreiben, - Doch ich fürchte daß er schweigt. - Sieh so sprach sie, Du Profaner! - - +Alter Bursch.+ - - Ach der Besen ist halb toll, - Zwar poussirt hab’ ich ihn mal, - Aber ich war noch Primaner. - - +Fuchs.+ - - Fritz bei dem verwandten Blute - Das ja in uns beiden fließt, - Und so wahr das reine Gute - Ewig unvergänglich ist; - Reich Louisen deine Rechte - Wolle ihr dein Leben weihn, - Eurem kommenden Geschlechte, - Will ich Freund und Onkel sein. - Nie mehr wird mein Auge trübe - Denn ich denk’ an Körners »Durch« - Ich veredle meine Liebe - Gleich dem Ritter Toggenburg. - Wenn ich dann oft einsam weine - Daß Dein Mädchen mich verkannt, - Daß die Holde nicht die Meine! - Einst mich decket Grabes-Sand! - Fritz! dann mögest Du ihr sagen, - Opfer kennt die Liebe keine! -- - - +Alter Bursch.+ - - Das ist doch zum Überschlagen! - - +Fuchs.+ - - Marmorstein! wirst du nicht roth? - - +Alter Bursch.+ - - Die Louise Kranz in Ehren, - Lieber Jung’! ich hab’ kein Brod - Eine Frau mir zu ernähren. - - +Fuchs.+ - - Willst du denn des Mädchens Tod? - - +Alter Bursch.+ - - Hör’! ich will sie dir cediren, - Willst du tüchtig Wein poniren! - Aber nimm es mir nicht krumm. - - +Fuchs.+ - - Hör Elender! du bist dumm. - Meines Hasses Fackel lodert. -- - Solch ein schändlicher Betrug! - - +Alter Bursch.+ - - Das Wort »dumm« das ist genug. - Du touchirst, weist nicht warum. - Aber Fuchs du bist gefordert. - - +Fuchs.+ - - Wohl! ich folg’ zum Waffentanz (ab). - - +Alter Bursch.+ - - Ich bin meiner Seel verplext, - Wie kann mich der Jung’ touchiren? - Die verdammte Lise Kranz - Hat den Bengel wol behext? - Doch der Fuchs muß revociren - Millionen Donnerwetter! - Hört man das im Vaterlande, - Louis bleibt ja doch mein Vetter, - Das wär’ eine ew’ge Schande. -- - -Ich hatte kaum meine Scene beendet, als das Schnarchen meines -Stubengenossen aufhörte. Er warf sich auf die linke Seite, und alsbald -strömten einzelne Worte, wie »Vergebung liebe Mutter!« »Folge mir nicht -lieber Bruder« an mein Ohr! -- - -Ich horchte, vernahm aber nichts mehr. Da hörte ich plötzlich einen -gewaltigen Lärmen im Hause. Göttinger Studenten mit Pfeifen im Munde, -an denen gewaltige Quäste herunter baumelten, traten in mein Zimmer. - -»Wo ist die Heidelberger Eminenz?« erscholl es, »wo ist der Secretair -der Heidelberger Burschenschaft, der Jenenser Deputirte? Er soll mit -uns trinken und morgen den unpartheiischen Zeugen bei unsern Paukereien -machen.« - -Und als sie diese Worte gesprochen hatten, trat ein Theil vor mein -Bett, der andere vor das meines Reisegefährten. -- »Laßt den Kerl -liegen, das ist ein Philister,« scholl es, endlich, während der Herr -von Leben zum Tode, ganz unbeweglich da zu liegen und offenbar nur -verstellt zu schlummern schien. -- - -Aber auf einmal rief wieder Einer der zum Bett des Fremden geschlichen -war. »Kinder! der Kerl trägt ein Kainszeichen. Das ist gewiß der -Scharfrichter, von dem der Kalenderverkäufer und die beiden Berliner -erzählten.« - -»Ja wahrhaftig ein Scharfrichter!« riefen Alle. »Und mit dem schläft -ein Bursch in Einem Zimmer. Das ist gemein, solch einen Kerl müssen wir -stürzen. Der soll sich mit uns pauken.« - -Ich hatte Alles nicht ohne Verwunderung angehört, uns erstaunte dabei -zu gleicher Zeit über die Frechheit der Studiosen welche in Kassel -alle Zöpfe trugen. Jetzt aber war meine Geduld zu Ende. Ich sprang aus -dem Bett und rief: »die Eminenz ist Euer Mann. Hätte ich nur einen -Secundanten dann wollten wir die Sache gleich abmachen. Ihr seid alle -dumme Jungen.« Meine Forderung machte eine wunderbare Wirkung, die -Burschen wurden kleinlaut und zogen, einen Heidelberger Cottillon -singend, von dannen. Ich verschloß die Thüre und legte mich zur Ruhe. - -Aber wunderbar! aus einem großen Wandschranke des geräumigen Zimmers -traten plötzlich zwei meiner getreuesten Cerevisianer und versicherten -mir auf Cerevis und Ehrenwort, daß sie mir nur voraus geeilt seien um -ihre Eminenz würdig zu empfangen. Der eine, der Graf von Schoppentod, -(es war bekanntlich in der Winterzeit) übergab mir eine künstliche -Josmine und ein solches Weinblatt, so wie eine wirkliche Monatsrose, -die von mir gestifteten Ordensembleme, der andere Graf von Bierfedel -hatte einen ungemein großen Humpen Cerevis in den Händen, den er mir -mit einigen feierlichen Worten kredenzte. -- - -Ich wollte den edlen Stoff an die Lippen setzen und Bescheid thun, -aber, hilf Himmel! der Henkel des Kruges brach und Gefäß und Bier -stürzten auf die Erde. -- -- - -Mit einem, »O! über das herrliche Cerevis!« erwachte ich, und merkte -nun nur zu deutlich, daß ein Traum mich gefoppt hatte; ich wäre -übrigens in der That auch im Wachen ein solcher Bierheld und Raufer wie -im Schlaf gewesen. - -Unfern meines Bettes saß der Scharfrichter, welcher mich schweigend -anblickte. - »Sie haben im Traum viel mit ihren Kameraden zu thun -gehabt,« bemerkte er jetzt. -- - -Besseres als wie du mit Mutter und Bruder, dachte ich mitleidig -schweigend. -- - -Jetzt bemerkte ich erst, daß mein Stubenbursche mein Stammblatt in der -Hand hatte. Diese schien ihm zu zittern. - -»Haben Sie,« fragte er jetzt mit bebender Stimme, »diese Zeilen mit -irgend einer Beziehung auf mich geschrieben?« - -Ich erröthete urplötzlich, da mir die Worte und ihre Misdeutung -sogleich gegenwärtig waren. - -»Ich kann Ihnen versichern,« stammelte ich nach kurzer Pause, »daß ich -meine Worte wohlwollend und nicht in der mindesten Absicht geschrieben -habe, Ihnen weh zu thun.« -- - -»Ihre Gesichtsfarbe straft Sie Lügen mein Herr!« rief der Fremde sofort -aus dem Zimmer eilend, auf meine Bitten, ruhig da zu bleiben und mich -anzuhören, nicht ferner achtend. Ich eilte ihm vergebens nach, er floh -wie ein Besessener davon, und war sofort aus dem Hause. - -Mit dem Bewußtsein, in den Augen des Unglücklichen für einen -erzmalitiösen Menschen zu gelten, schied ich mit schwerem Herzen und -leichter Börse von Kassel. Noch jetzt verfolgt mich der Gedanke und -ich habe die Worte des König Philipps begreifen gelernt, wenn er von -Posa sagt: - - »Er dachte klein von mir und starb.« - -Aber vielleicht ist mein Reisecompagnon noch nicht todt. Wahrlich! -ich möchte an alle Scharfrichter Norddeutschlands ein Exemplar dieses -Buches senden. Vielleicht versöhnte ich den armen gekränkten Hinko -noch. Wenn’s noch ein scharfer[1] Richter gewesen wäre! Ich kenne -wohl einige, welche einiger exemplarischen Fingerzeige bedürfen, -allein die sollen +klein+ von mir denken wenn ich sterbe, dafür -bin ich ihnen gut oder schlecht. Meine Memoiren, welch nach meinem -Tode heraus kommen sollen, sind kein Phantom, aber wenn auch kein -Böttichersohn Klatschereien, denn sie sollen nichts als die _verité_ -enthalten, werden sie doch sehr im Contrast zu den Inschriften auf -den Leichensteinen stehen, die manchem Lieblosen auf das Grab gesetzt -werden. - - - - -Zehntes Kapitel. - - Meine Schuljahre. Etwas über Uetersen. Reise nach Hamburg. Eine - Fête bei Rainville. Professor Zimmermann. Uebersetzung aus dem - Terenz. Veit Weber, Prätzel. Travestie der Glocke. Gurlitt. Hipp. - Strauch Radspiller. Travestie der Kapuzinerrede. Köstlin. Cornelius - Müller. Die Eiermahnspost. Die Kommersche des Primaner. Der - Dichterclubb in Altona. Wit von Dörring. Wolff. Palt. Bahrdt. - - -Der geneigte Leser wird mir verzeihen, wenn ich hier einen -Anachronismus begehe und meinen humoristischen Wanderjahren einen Theil -meiner Lehrjahre voran sende. Es sind die in Hamburg verlebten, sie -werden auch für Norddeutschland wenigstens ein gleiches Interesse wie -meine academischen Reminiscenzen haben. - -Es war um Michaelis 1814, als mein Oheim und Vormund mich aus der -Schule des Rectors Andresen in Uetersen nach Hamburg schickte, um dort -auf dem Joanneo meine letzte Vorbereitung zur Universität zu empfangen. -Seit 1804 war ich in diesem Klosterflecken und nach dem im August 1809 -erfolgten Tode meines Großvaters, des dortigen Prälaten Grafen Ranzau, -(_vulgo_ Peter Graf genannt,) in der Pension des gedachten Andresen -erzogen. Ich kann nicht sagen, daß ich diesem Manne viel verdanke, -denn das thue ich leider! aus sehr traurigen Gründen, Keinem, aber das -wenige Gute, was sich in meinem glücklichen Naturell ausgebildet hat, --- meinen Haß gegen das Gemeine, meine Schamröthe über das Unsittliche -und meine Unbeugsamkeit und Verachtung gegen Vornehmere, die nur voll -von jener Rechtschaffenheit, welche sie nichts kostet, und die sie -stets auf der gleißnerischen Zunge tragen, nur zu gerne den Stab über -Menschen brechen, in denen ihnen eine höhere Natur ahndet -- und das -Motto meiner humoristischen Blätter: »_nil bonum nisi quod honestum_« --- ich verdanke dies alles ihm dem liebenswürdigen poetischen und wohl -unterrichteten Manne, dem schwerlich ein Lehrer in ganz Dänemark -verglichen werden kann, aus dessen Schule so viele ausgezeichnete -Männer hervorgegangen sind, und der nach sechs und dreißigjähriger -Dienstzeit im großen Dänischen Staatskalender, einem Veilchen im -fürstlichen Blumengarten vergleichbar, als unscheinbarer »Rector« -verzeichnet ist. Indessen werden ihn die Augen seines neuen geistvollen -Königs schon finden, und dieser die Anerkennung, welche ich hiermit im -Namen von hunderten seiner Schüler ausspreche, auf irgend eine Weise -»+königlich+« bestätigen. - -An Uetersen knüpfe ich meine liebsten Erinnerungen. Wenn ich recht -diät lebe, recht vielen Leuten geholfen habe, besonders wenn ich Tags -vorher recht tüchtig für sie herumgelaufen bin, worin überhaupt meine -meiste Bewegung besteht, dann träumt mir von Uetersen (»ich lof nich -für mir selber, ich lof für Andere«, sagt jener Jude). Komme ich -einmal dorthin, was freilich selten geschieht, so erheben sich die -Erinnerungen auf meinen Blutwellen, daß mein armes Gehirn Mühe genug -hat, beide zu beherbergen; ich kenne dort jeden Stein, jede Baumwurzel -wieder, und beklage es nur, daß alle Häuser kleiner geworden sind, wie -die aus Rüben gezogenen Gespielinnen der durchlauchtigsten Prinzessin -Rübezahl, oder daß gar neue Häuser ohne Geschichte die alten Giebel, -aus denen jedem tausend und eine Erzählungen zu schnitzen wären, -verdrängt haben. Ja, ich besitze eine solche gute Physiognomik, daß ich -alle die verschiedenen Geschlechter Uetersen’s mit ihren Abarten, durch -der Hölle teuflischen Hohn, recognoscire, so daß ich nach vier und -zwanzig Jahren einen Jungen, der wie ein Contrebandier oder wie eine -geschwärzte Rübe mit unfreiwillig schmutzigem Gesicht in einer Gosse -lag, nach seiner Gentilität, durch den Schmutz durch, errieth, und auch -auf die plattdeutsche Anfrage: - - Hehtst Du nich +Jan+ Matzen? - -die Antwort - - »Ne, Klas Matzen.« - -erhielt. - -Ich erkenne es übrigens für ein Glück, meine Jugend in einem andern -Staate, als meine späteren Jahre, verlebt zu haben. Sie ist mir reiner, -heiliger und frischer geblieben. Am Ende geht es den Menschen wie den -Kartoffeln: sie gedeihen besser, wenn sie verpflanzt werden. Wenn man -erst in der Fremde heimisch werden muß, so lernt man den Herrn Jesum -Christum auch besser erkennen. -- - -Ich kann bei diesem Simultaneo, Gott sei Dank! eine humoristische -Iliade und Aeneide singen, und das ist viel werth. - -Ich reis’te also von Uetersen ab. Mein Abschied wurde mir damals sowol -durch die Aussicht, nach Hamburg zu kommen, als durch den Umstand -erleichtert, daß Uetersen damals von einer gräßlichen Seuche, der Ruhr, -heimgesucht wurde, welche in dem etwa aus 400 Feuerstellen bestehenden -Orte damals kaum fünf Häuser, aber auch das unsrige, verschont und -fast aus allen ein Opfer gefordert hatte. Kurios ist es, daß überhaupt -Holstein, wenigstens in meiner Jugendzeit, viel heftiger, als irgend -ein Land, von ihr bedroht wurde, die dermalen viel heftiger wüthete, -als es irgendwo die menschenmörderische Cholera ihr nachgethan hat. -Gewöhnlich begann sie im Dorf Kaltenkirchen, welches, wenn ich nicht -irre, an der Poststraße von Hamburg nach Kiel liegt, und dann sofort -gesperrt wurde. Ich habe oft über die Gründe dieses endemischen Uebels -nachgedacht, vielleicht sind die frischen Seewinde daran Schuld, welche -namentlich des Abends die in der Sommerzeit erhitzte Luft urplötzlich -kühlen. Euch, lieben Landsleuten! aber will ich vorläufig ein sicheres -Präservativ gegen diese Krankheit anvertrauen. Es ist dieses ein -solches, welches ich kürzlich von dem Nichtdoctor, aber geschickten -Arzt Prießnitz erlernt und sehr bewährt gefunden habe. Tragt in dieser -Zeit ein nasses, ausgerungenes Tuch um den Unterleib, und stärkt Eure -Haut dadurch, daß Ihr, sobald Ihr aus dem Bette kommt, Euch eine halbe -Minute in eiskaltem Wasser badet. _Probatum est_. Merke Du Dir es vor -allen Dingen, jedesmaliger _pro tempore_ Pastor in Kaltenkirchen! - -Mein Weg führte mich über Dummerjan, Jappob, Luhrop[2] nach Hamburg. -Der Wirth im ersten Wirthshause, welcher mich von Jugend auf kannte, -ertheilte mir seinen väterlichen Segen. Ich habe aber doch nicht den -Segen der Dummheit in der Welt gespürt, ohne klug geworden zu sein, und -verzweifle daher an der Görgentheorie Gellert’s. - -Als ich in Altona ankam, wurde ich zu dem prächtigsten Feste geladen, -das meine Augen je gesehen. Es wurde dies in Altona und zwar in dem -Rainvill’schen Hotel lediglich auf Kosten des Königs von Dänemark zu -Ehren der ganzen russischen Generalität und vorzüglich dem General -Grafen von Benningsen gegeben, und soll nach Einigen 12,000, -nach Andern 20,000 Thaler gekostet haben. Der ganze, nur für die -Feierlichkeit erbaute Salon war auf das Geschmackvollste drappirt, und -wurde während der Abendtafel, wie durch einen Zauberschlag, gänzlich -umgewandelt, indem man alle Seitenwände mit Bildern schmückte, welche -die elegantesten russischen Bauten und Gegenden darstellten. Ich -vergesse das Erstaunen und die Ausrufungen nicht, welche den guten -_Skys_ und _Skas_ und _Witschs_ entströmten, als sie sich so in die -heimathlichen Gegenden versetzt sahen. - -Die Plätze waren genau berechnet; es hatten sich indessen doch, -vielleicht durch die Russische Galanterie bewogen, einige Personen mehr -als die Geladenen, namentlich einige unbekannte Damen, eingefunden. Das -gab einige überzählige Gäste, von denen ich mich noch eines berufenen, -aber vom Schicksal nicht auserwählten Barons erinnere, der sich mit -einiger Mühe einige junge Erbsen nebst jungem Lachs eigenfüßig geholt -hatte, und dem nun Messer und Gabel fehlten um diese eroberten Dinge -auch eigenhändig zu verzehren. Das kleine unansehnliche Männchen, das -man spottweise wol »Bandjude« nannte, hatte das Unglück einen sehr -massiven Russen mit einem unangestellten Paar Messer und Gabeln zu -begegnen, der ihm ein »Passluschai, mai Druk« (Höre, mein Freund!) -zurief und in der Meinung, einen Aufwärter in escarpins vor sich zu -haben, seinem Mitgast mit martialischer hungriger Miene das mühsam -Erworbene rein aufaß, ohne daß dieser, theils aus Furcht, theils aus -Galanterie, sich dem Kaukasier widersetzte. -- - -Am andern Tage ging es zum Professor Zimmermann in die Pension, der -damals in der Königsstraße dicht an dem Hause wohnte, worin einst -Klopstock gedichtet, und das damals von dessen Wittwe bewohnt wurde. - -Zimmermann, der Sohn eines Leinwebers aus Dornburg im Weimarischen, -ein Schüler Bötticher’s, war bei Weitem der geistvollste Lehrer an -der Hamburger Schule. Leider fehlte es ihm an Ausdauer; er hatte die -Prolegomena zu jedem Schriftsteller, sowie die ersten Kapitel auf eine -bewunderungswürdige Weise bearbeitet; hätte er sie so durchgeführt, -so wäre die statarische Weise seines Lehrens vielleicht von keinem -Philologen übertroffen worden. Allein sowol die Politik (er redigirte -eine Zeitlang nach dem Hamburger Befreiungskriege, an dem er selbst -thätigen Antheil genommen, den Hamburger Deutschen Beobachter), wie -seine Liebe für Kunst und Theater, welche ihn zum Autor der bekannten -dramaturgischen Blätter machten, zogen ihn leider zu sehr von seinem -Berufe ab. Seine philologischen Arbeiten wurden ihm auch im Jahr 1815 -oder 1816 durch einen wol nicht ganz ungegründeten Vorwurf verleidet, -daß er bei einer Beurtheilung von Horaz Satiren, herausgegeben von -Heindorf, sich eines Plagiats aus dem Heft des berühmten Philologen -Heinrichs in Kiel habe zu Schulden kommen lassen. Er wurde dadurch -hart gestraft, dem Heindorf die letzten Stunden durch eine nicht -ungerechte, aber zu scharfe Kritik verbittert zu haben. Dazu kam sein -Talent, so wie sein Hang zur Geselligkeit, welche seinen Körper zu -sehr zerrütteten, so daß er zuletzt in Geistesabwesenheit verschied, -während seine Frau, auch schwachsinnig, in demselben Krankenhause -saß. -- Uebrigens war Zimmermann eine edle Natur, voll Geist und -klassischer Gelehrsamkeit, nur klebte ihm von seiner Jugend eine -gewisse Derbheit an die er nicht leicht verleugnen konnte, und die -ihm, da er sehr leicht Parthei nahm, mit manchen Leuten verfeindete. -In dem berühmten Sängerinnen-Streit zwischen der +Becker+ und der -+Gley+ nahm er entschieden Parthei für die erstere, und war in seinen -Theaterrecensionen oft zu streng und beißend. Zu jener Zeit kam es -auf, bürgerliche Jungfrauen »Fräulein« zu nennen, welches Zimmermann -allezeit dahin benutzte, daß er den unbescholtenen Damen des Theaters -dieses _epitheton_, den einigermaßen anrüchigen aber nur den Titel -»Demoiselle« ertheilte, wie er denn auch mit gleicher Berücksichtigung -die verheiratheten Schauspielerinnen bald »Frau«, bald »Madame« nannte. - -Vortrefflich war seine Erklärung und Uebersetzung des Theocrits und -des Terenz, worin er die ewigen Thorheiten der Menschen auf eine -unvergleichliche Weise in die Sprache des Tages übertrug. Wenn er das -Fest des Adonis in das Plattdeutsche übersetzen wollte, so gelang ihm -dies zwar nicht ganz, aus Unkenntniß dieser Mundart, allein desto -herrlicher war seine Version des Lateinischen, von dem ich, so weit ich -dies jetzt aus dem Gedächtniß vermag, hier eine Probe geben will. - - -_Actus III. Scena I._ - -_Thraso. Gnatho. Parmeno._ - - - _T. Magnas vero agere gratias Thais mihi?_ - - _G. Ingentis. T. ain tu, laeta est? G. non tam ipso quidem._ - - _Dono, quam abs te datum esse: id vero serio - Triumphat. P. huc proviso, ut ubi tempus siet. - Deducam sed eccum militem. T. est istuc datum - Profecto, ut grata mihi sint, quae facio omnia._ - - _G. Advorti hercle animum. T. vel rex semper maxumas._ - - _Mihi agebat quidquid feceram; aliis non item._ - - _G. Labore alieno magnam partam gloriam - Verbis saepo in se transmovet. Qui habet salem, - Quod in te est. T. habes. G. rex te ergo in oculis?_ - - _T. scilicet._ - - _G. Gestare? T. verum credere omnem exercitum. - Consilia. G. mirum T. tum sic ubi cum satietas, - Hominum, aut negoti si quando odium ceperat, - Requiescere ubi volebat, quasi: nostin? G. scio: - Quasi ubi illam expuerat miseriam ex animo._ - - _T. tenes._ - - _Tum me convivam solum abducebat sibi. G. hui, - Regem elegantem narras. T. immo sic homo - Est, perpaucorum hominum. G. immo nullorum arbitror, - Si tecum vivit. T. invidere omnes mihi, - Mordere clanculum: ego non flocci pendere. - Illi invidere misere, verum unus tamen, - Impense, elephantis quem Indicis praeceferat._ - - _Is ubi magis molestus est, quaeso inquam, Strato, - Eone ex es ferox, quia habes imperium in belluas?_ - - _G. Pulchre me hercle dictum et sapienter papae! - lugularas hominem quid ille? T. mutus illico._ - - _G. Quidni esset? P. dii vostram fidem hominem perditum - Miserumque et illum sacrilegum! T. Quid illuc Gnatho, - Quo pacto Rhodium tetigerim in convivio, - Nunquam tibi dixi? G. nunqum sed narra, obsecro. - Plus millies audivi. T. una in convivio - Erat hic, quem dico Rhodius adolescentulus - Fort habui scortum: coepit ad id aludere - Et me irridere, quidagis inquam, homo impudens? - Lepus tute es et pulpamentum quaeris G. ha, ha, hae._ - - _T. Quid est? G. fascete lepide, laute: nihis supra_ - - _Tuumne, obsecro te, hoc dictum erat? vetus credidi._ - - _T. Audieras? G. saepe: et fertur in primis. T. meum est._ - - _G. Dolet dictum imprudenti adolescenti et libero._ - - _P. At te dii perdant! G. quid ille, quaeso? T. perditus._ - - _Risu omnes, qui aderant emoriri: denique - Metuebant omnes jam me. G. non injuria._ - - -Aus dem Eunuchen des Terenz.[3] - -+Dritter Act. Erste Scene.+ - -Thraso, Gnatho, Parmeno. - -(Letzterer wird von beiden nicht gesehen, spricht vor sich und -begleitet die Reden jener durch Pantomimen.) - - Thraso. Also die Thais ist mir so erschrecklich dankbar? - - Gnatho. Unmenschlich. - - Thraso. Ne, sagt ’mal, ist sie fidel? - - Gnatho. Nicht so sehr über das Präsent, als darüber, daß es von - Ihnen kommt, das ist ihr auf Ehre ein Triumph. - - Parmeno. Ich muß speculiren, ob die Luft rein ist, um meine - Leutchen herzuführen. Aber -- was sehe ich, den Offizier! - - Thraso. Es ist mir auf Taille! so gegeben: Alles, was ich beginne, - schlägt mir ein. - - Gnatho. Das habe ich auf Ehre auch immer gefunden. - - Thraso. Der König war auch immer äußerst zufrieden mit meinen - Handlungen; mit den Geschichten von Andern war es immer _au - contraire_. - - Gnatho (bei Seite). Der pflügt gleich wieder mit fremdem Kalbe. - (Laut.) Ja, wer soviel Witz hat, wie Sie. - - Thraso. Das will ich zwar nicht abläugnen. -- - - Gnatho. Also die Augen Seiner Majestät waren immer auf Sie - gerichtet? - - Thraso. Das kannst Du glauben. - - Gnatho. Sie waren sein Favorit? - - Thraso. Aber seine ganze Armee Einem anzuvertrauen, alle seine - Pläne -- - - Gnatho. Sapperment! - - Thraso. Wenn die Menschheit und sein Scepter ihn anekelten, wenn er - sich erquicken wollte, wenn er so zu sagen -- -- Verstanden? - - Gnatho. Ja, ja. Wenn er, so zu sagen, die misere aus seiner Seele - speien wollte -- - - Thraso. Gut gesagt. Da müssen Seine Majestät ein Menschenkenner - gewesen sein. - - Thraso. Ja, so ist er, ein Herr für Wenige. - - Gnatho. Ich glaubte, für keinen Menschen, da er nur für Sie lebte. - - Thraso. Die Hofleute wurden alle höllisch neidisch. Heimlich - cabalirten sie; ich fragte aber nicht die Kanaille danach. Sie - barsten vor Neid. Einer aber, der eine Schwadron indischer - Elephanten commandirte, crepirte das Ding zu sehr. Als der nun - anfing, sich unangenehm zu machen, fragte ich ihn: »Sagen Sie mir, - Baron Strato, sind Sie deshalb so grimmig, weil sie die wilden - Bestien commandiren?« - - Gnatho. Fein gegeben, auf Ehre! wunderschön göttlich! Das heißt: - mit Elephantenfüßen todt treten. Und was antwortete er? - - Thraso. Er war stumm wie ein Fisch. - - Gnatho. Natürlich. - - Parmeno. O Gott, Gott! was ist das für ein schändlicher, - niederträchtiger Erzschurke! - - Thraso. Sagt ’mal, Gnatho, habe ich Euch nie erzählt, wie ich den - Rhodier auf einem Kommersch touchirt habe? - - Gnatho. Nein, niemals! Um Alles in der Welt, das müssen Sie mir - erzählen. (Bei Seite.) Ich habe die Geschichte schon mehr als - tausend Male gehört. - - Thraso. Es war besagtes rhodisches Jüngelchen mit mir auf einem - Kommersche. Zufällig hatt ich ein Mädchen, mit dem er caressiren - und mich railliren wollte. »Was will Er?« fuhr ich ihn an, »Er Kiek - in die Welt! essen Hasen auch Wildpret?« - - Gnatho (überlaut.) Ha, ha, ha! - - Thraso. Was kommt Euch an? - - Gnatho. Das war superbe, einzig, himmlisch, unvergleichlich! Aber - ernstlich, ist der Witz von Ihnen? ich habe ihn uralt gehalten. - - Thraso. Habt Ihr ihn schon gehört? - - Gnatho. Und wie oft; er steht ja oben an in den Anekdoten zum - Todtlachen. - - Thraso. Der ist von meiner Fabrik. - - Gnatho. Der arme junge Mann von guter Familie dauert mich doch, daß - er für seine Unvorsichtigkeit so angekommen ist. - - Parmeno. Hol’ Dich der Henker! - - Gnatho. Aber sagen Sie ’mal, was antwortete der Mensch? - - Thraso. Er war auf’s Maul geschlagen. Die ganze Gesellschaft wollte - vor Lachen bersten. Nachher hatte ich aber allerwärts Respekt. - - Gnatho. Und das von Rechtswegen. - -Zimmermann sah in seinem Hause wenig Gesellschaft, welche zu -unterhalten und zu bewirthen die Frau Professorin auch schwerlich -verstanden haben würde. Indessen brachte er doch zum Souper zuweilen -einige Literaten mit, welche damals in Hamburg sehr leicht zu zählen -waren. Ich entsinne mich noch mit dem größten Vergnügen eines -Abends, an welchem Veit Weber und der bekannte Prätzel sich dort -trafen und, wenn ich nicht irre, kennen lernten. Veit Weber war ein -interessanter alter Herr, der gewiß immer seinen Platz in der deutschen -Literaturgeschichte mit voller Berechtigung behaupten wird. Nichts -desto weniger laborirte der gute Mann an einer gewissen Eitelkeit und -Abgeschlossenheit, welche die deutschen Poeten des vorigen Jahrhunderts -überhaupt auf eine ganz merkwürdige Weise zu einer gewissen -Abgeschlossenheit brachte, die sie keine neueren Productionen junger -Dichter mehr anerkennen ließ. Wie einst der Dichter Müller in Itzehoe -in meiner Gegenwart erklärte, er würde sich todt schämen, wenn er die -Schillersche »Jungfrau von Orleans« geschrieben hätte, so äußerte -der gute Weber unverholen, daß er seinen Wilhelm Tell weit über den -Schillerschen setze. - -In Erzählungen kleiner Schnurren war Weber excellent. Er war eben dabei -eine Legende zu erzählen, in welcher der Teufel immer niesen muß, wenn -man ein Kreuz schlägt, als er, den aufmerksam zuhorchenden Prätzel -anblickend, plötzlich mit den Worten inne hielt: »Nein, ich erzähle -nicht weiter, der Prätzel schnappt mir sonst Alles für die Allmanache -weg.« - -Da halfen keine Contestationen, keine Versicherungen Prätzel’s, Veit -Weber blieb heiter, aber erzählte keine Histörchen mehr. »Es ist -mir unerträglich,« sagte er, »meine eignen Ideen von einer fremden -Feder dargestellt zu sehen. Es ist kein Mißtrauen gegen Sie, liebster -Prätzel! Sie sind grade der Mann, um meine Ideen auszuführen; aber -warten Sie bis nach meinem Tode, dann verspreche ich Ihnen meine -sämmtlichen hinterlassenen Papiere.« - -Topp! sagte Prätzel, und Zimmermann schlug durch die vereinigten Hände. - -So viel ich glaube, hat der liebenswürdige, lange nicht genug in seinem -Vaterlande anerkannte Prätzel das ihm gethane Versprechen, zu welchem -ich ihm wol noch einen Zeugen stellen könnte, vergessen. - -Zimmermann war sehr jähzornig. Er vergaß sich einmal so weit, einem -Primaner eine Ohrfeige zu ertheilen, welches diese so übel nahmen, daß -sie nach Studentenweise förmlich auszogen. Ich war damals Secundaner -und fühlte mich durch diesen Vorfall veranlaßt, die Glocke zur Hälfte -zu travestiren, die hier ihren Platz finden mag. Sie ist freilich die -Arbeit eines Schülers, allein ich gestehe zu meiner Beschämung, daß -ich nicht im Stande sein würde, jetzt eine bessere zu liefern. Sie ist -übrigens gedruckt, wie manche in diesem Werkchen vorkommende Anekdote. -Indessen dürfen alle der Vollständigkeit halber nicht fehlen, wie -die bereits publicirte Probe einer Uebersetzung in die ganze Version -aufgenommen werden muß. - - -Das Lied vom Prügel. - -_Vivos ferio, mortuis abstinco, ossa frango._ - -Prolog zum Michaelisexamen, gesprochen vom Custos. - - War ein Prügel je auf Erden, - Der dem jüngst zerbrochnen glich? - Dennoch muß ein neuer werden; - Denn mein alter hielt nicht Stich! - Hilf mir, Anne, frisch! - Bring den runden Tisch, - Hol’ mir Beil und Hammer - Aus der kleinen Kammer! - Zum Werkzeug, das wir ernst bereiten, - Geziemt sich wol ein ernstes Wort; - Wenn gute Reden sie begleiten, - Dann fließt die Arbeit munter fort. - So laßt uns denn mit Fleiß betrachten, - Was durch des Prügels Kraft zerspringt; - Den schlechten Mann muß man verachten, - Der nie bedacht, was er vollbringt. - Das ist’s ja, was den Custos zieret, - Und dazu ward ihm der Verstand, - Daß er der Schüler Schmerzen spüret, - Wenn er sie schlägt mit kräft’ger Hand. - Reich’ das Holz mir aus der Ecke, - Doch es sei noch etwas feucht, - Daß ich es gehörig recke; - Dann wird mir die Biegung leicht. - Koch’ des Leimes Brei -- - Schnell den Topf herbei, - Daß der Leim sich bald zertheile, - Anne, blas in aller Eile! - Was unter seines Daches Stube - Der muth’ge Custos winden muß, - Das fühlet der geschlag’ne Bube, - Wenn er dem Lehrer macht Verdruß. - Noch jucken wird’s in späten Tagen, - Er wird vom herben Schmerz gequält, - Betrübt wird er’s der Mutter klagen, - Die grimmig auf den Lehrer schmäht; - Was ihrem Sohn mit einem Stocke - Das wechselnde Verhängniß bringt, - Das schlägt sie an die große Glocke, - Die es erbaulich weiter klingt. - Blasen seh’ ich sich bewegen: - Wohl, die Massen sind im Fluß. - Du mußt Kohlen unterlegen, - Das befördert schnell den Guß. - Reich von ungefähr - Mir ein Messer her, - Daß den Stock ich ründe, - Eh’ ich ihn umwinde. - Denn, frühe in der Bürgerschule - Begrüßt er das geliebte Kind - Auf seines Lebens erstem Gange, - Den er beim ABC beginnt; - Ihm ruhen in der Zeiten Schooße - Die schwarzen wie die heitern Loose. - Der Custos nur allein macht Sorgen, - Und grüßt ihn unsanft jeden Morgen -- - Die Jahre fliegen pfeilgeschwind. - Von _mensa_ reißt sich stolz der Knabe, - Er stürmt nach Quarta freudig hin; - Geleitet nur an meinem Stabe, - Wächst ihm der Unart wilder Sinn, - Und herrlich, in der Jugend Prangen, - Wie ein Gebild aus Himmelshöh’n, - Mit rothen ungeschminkten Wangen - Sieht ihn Herr Quartus vor sich steh’n. - Doch tönet oft ein schweres Klagen - Vom Knaben her: er irrt allein, - Er muß sich mit dem Nepos plagen, - Er flieht der Brüder wilde Reih’n, - Es lauscht der Lehrer seinen Spuren, - Er wird von seinem Fleiß beglückt, - Und mit der schönsten aller Uhren - Wird er vom Vater ausgeschmückt. - O! süße Sehnsucht, zartes Hoffen - Für ihn, der keine Sorgen kennt! - Er sieht für sich schon Prima offen, - Er ist im Geiste schon Student, - O, daß sie Gott ihm doch bewahre, - Die erste Zeit der Flegeljahre! - Wie sich schon die Blasen bräunen! - Dieses Stäbchen tauch’ ich ein, - Seh’n wir’s überglas’t erscheinen, - Wird’s zum Decken zeitig sein. - Anne, sei zur Hand! - Leder von der Wand, - Laß mich jetzt den Stock bekleben, - Und mit Juchten fest umgeben. -- - Denn wo der Jugendseelen Flügel - Begleitet wird von einem Prügel, - Da giebt es eine gute Zucht. - Drum laß, wenn ihn der Lehrstand bindet, - Sobald er böse Jugend findet, - Dies Mittel keiner unversucht. - Freudig machen sie Spectakel, - Bis mein Tritt sie ängstlich schreckt. - Und mein allzu ernster Bakel - Sie aus ihrem Frohsinn schreckt. - Mancher Kantschuh ist zerbrochen, - Schaden hab’ ich auch dabei, - Und auf fühllos derben Knochen - Ging mein letzter noch entzwei. - Der Schüler geht fort, - Der Custos muß bleiben, - Der wechselt den Ort, - Mich wird man nicht treiben. - Gar Mancher steigt auf, - In Tertia zu streben - Für’s künftige Leben, - Muß pflanzen und schaffen, - Mehr hören, als gaffen, - Muß Nächte studiren, - Um was zu capiren, - Muß wetten und wagen, - Genie zu erjagen. - Da wird nach Secunda der Schüler gehoben: - Man hört den Director den Fleißigen loben, - Es freu’n sich die Tanten, es freut sich das Haus. - Und drinnen studirt - Der _primus secundae_, - Die Mutter der Klasse, - Und herrschet weise - In der Schüler Kreise, - Und wehret dem Langen - Und muthigt den Bangen, - Und regt ohne Ende - Die Zung’ und die Hände - Und mehrt den Gewinn - Mit ordnendem Sinn, - Und füllet mit Wasser die durstenden Schwämme, - Und hilft sich mit Vorsicht aus jeglicher Klemme, - Und birgt mit Klugheit im geglätteten Schrank - Die schimmernde Kreide dem Lehrer zu Dank. - Ruft mich, wenn es Noth thut, zum Besserungszimmer - Und ruhet nimmer. - Und der Primaner mit frohem Blick - Aus der Prima geöffnetem Fenster - Ueberdenket sein blühend Glück, - Wie die Schüler vor Arbeit vergehen - Und um gnädige Strafe flehen; - Sieht einen Knaben traurig gefangen, - Welcher versucht die eisernen Stangen, -- - Rühmt sich mit stolzem Mund: - Fest, wie der Erde Grund, - Gegen des Lehrers Macht - Steht unserer Klasse Pracht! - Doch mit des Geschickes Mächten - Ist kein ew’ger Bund zu flechten. - Und das Unglück waltet schnell. - Wohl, jetzt herrlich grad gerecket, - Schön geründet ist der Stock; - Doch, bevor ihn Leim bedecket, - Mache mir ein Gläschen Grock. - Etwas Aquavit - Stärke mein Gemüth. - Bei den so gelehrten Brocken - Wird mir sonst die Zunge trocken. - Wohlthätig sind der Schläge Macht, - Wenn sich der Mensch bezähmt, bewacht, - Und was er bildet, was er schafft, - Das leite seiner Hände Kraft; - Doch furchtbar wird der Hände Kraft, - Wenn sie im Zorn sich aufgerafft. - Einher tritt in der Schüler Kreis, - Und selber führt den Rechtsbeweis. -- - Wehe! wenn da losgelassen - Treffend voller Unverstand - An die Ohren der Primaner - Fliegt, die zornentbrannte Hand! - Denn die jungen Leute hassen - Einen Schlag von Lehrers Hand. - Von dem Lehrer kommt die Wahrheit, - Strömt die Klarheit; - Doch der Lehrer ohne Wahl - Schlägt auch ’Mal. - Seht Ihr’s toben dort _in prima_? - Roth wie Blut - Ist der Lehrer. - Das ist bösen Zornes Gut! - Welche Worte! - Der steht auf, - Jener auf. - Er, ergrimmt, ruft Mord und Zeter! - Eilend fliegt er vom Katheder, - Spricht: Heraus, Du Schwerenöther! - Kochend wie aus Ofensschlunde - Glüh’n die Augen; aus dem Munde - Stürzen Buben, Jungen fallen, - Böse Worte hört man schallen, - Nicht geberdt sich, - Nicht mehr wehrt sich - Steffen, der in’s Freie flüchtet, - Nach der Thür den Lauf gerichtet, - Durch der Glieder lange Kette - Um die Wette. - Jenen Unfug zu bezahlen, - Fliegen fast magnet’sche Strahlen. - Keuchend Töffel kommt geflogen, - Der den Zwist zu hemmen sucht. - Steffen in der engen Bucht - Will den Streit noch weiter führen, - Hingeworfen an die Thüre, - Und mit jedem Augenblicke - Wächst der Lärm. Die junge Zucht - Nimmt fast schon vor Angst die Flucht. - Aber sieh, zu ihrem Glücke - Thür aufgeht: - Rektor steht - Da, und Alles fliegt zum Sitze; - Auf Befehl nimmt seine Mütze - Jeder Schüler sich und geht. -- - Leergebrannt - Ist die Stätte - Wilder Stürme rauhes Bette, - In der öden _prima_ Mauern - Wohnt das Grauen, - Und nur Secundaner trauren - Schwitzend dort. - Einen Blick - Nach dem letzten - Der Geschätzten - Sendet Gurlitt noch zurück, - Eilt fröhlich dann in seine Kammer. - Was ihm der Trotzkopf auch geraubt, - Ein süßer Trost ist ihm geblieben, -- - Er hat die Klasse seiner Lieben - Drei volle Tage ausgesetzt. -- - Wohl, der Stock hat angenommen, - Glücklich ist das Holz beklebt, - Damit in den Saal zu kommen, - Und der Stein im Kalk erbebt. - Wenn man munter singt, - Heiter scherzt und springt, - Mache ich die Thüre offen - Und die Horde schweigt betroffen. - Des frechen Buben starken Rücken - Vertrauen wir des Lehrers Saat, - Und hoffen, daß sie keimen werde - Zum Doctor, Pred’ger oder Rath. - Doch einem undankbaren Herzen - Der Weisheit schönstes Gut vertrau’n, - Das muß wol ärgern, muß wol schmerzen, - Das weckt den Mißmuth, weckt das Graun. - Aus dem Stadtthor, - Schwer und bang - Tönt der Schüler - Ernster Gang. - Sie begleiten, die das Feuer schürten, - Einen armen Relegirten! - Ach! es ist der theure Steffen, - Ach! es ist der gute Schüler, - Der das Scholarchat verkannte, - Den der Herr Director bannte - Aus der Schüler muntrer Schaar, - Deren Eins und All’ er war, - Denen er so sehr gefiel - Durch Primaner Widerspiel. - Weh! der Schule zarte Bande - Sind gelös’t auf immerdar! - Er studirt in fernem Lande, - Der der Klasse Seele war; - Denn es fehlt sein treues Pochen, - Seine Sorge wacht nicht mehr, - Und seit sieben vollen Wochen - Ist der liebe Karzer leer. - -Als ich Zimmermann diese Travestie mit dem Motto vorlas: - - »Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken, - Verderblich ist des Tigers Zahn; - Jedoch das schrecklichste der Schrecken, - Das ist der böse Zimmermann!« - -lächelte er zwar anfangs, verbot mir aber später bei Strafe der -Relegation, meine Travestie zu verbreiten. Da sie indessen im Ganzen -harmlos war, habe ich mich auch an dies Pascha-Verbot nicht gekehrt, -zumal da einige der Lehrer mein Gedicht sich heimlich abschrieben, und -mich, da sie selbst _mala fide_ waren, nicht _bona fide_ consiliiren -konnten. In späteren Jahren hat Zimmermann oft herzlich über die Poesie -seines Pensionärs und Secundaners gelacht. - -Der Director der Schule war der bekannte Doctor der Theologie -»+Gurlitt+«, welcher von Klosterbergen hierher berufen war, woselbst er -eine früher in Hamburg nie gekannte Schuldisciplin eingeführt hatte. -Die Schüler zitterten, wenn er in die Classe trat, wohin er freilich -mit Ausnahme seiner Prima nur kam, um irgend ein Strafgericht zu halten. - -Alle, die den seligen Doctor Gurlitt kannten, werden dahin -übereinstimmen, daß dieser wirklich große Schulmann, dem die Primaner -mit militärischer Subordination gehorchten, vor dessen Anblick die -Secundaner in den combinirten Stunden fast vor Angst, um mich Heinisch -auszudrücken, verquirlten, weil er das Princip der _disciplina -scholastica_ mit eiserner Ruthe handhabte, _au fond_ ein höchst humaner -und gutmüthiger Mensch war. _Incuriosus_ in Bezug auf die Dinge des -Lebens, verwechselte er _Fouqué_ und _Fouché_, litt nicht, daß die -gewandten Hamburger Kutscher ihn schnell fuhren, und obgleich diese -Großstädter einen magnetischen Tact haben, die Deichsel des Wagens -eine Terze vorher zu fühlen, und ihr auszuweichen; ehe sie den Rücken -durchbohrt; rief er nicht selten, der Übersetzer der Pindarschen -Gesänge, dem Wagenlenker zu: »Halt Barbar, Du fährst einen Menschen -über!« Ein galanter Witz entwaffnete ihn auf eine komische Weise, und -er pflegte dann, bestürzt, dieser Geisteskraft ganz ungewöhnliche -Benennungen, wie Mathematik oder Poesie zu geben. Als er einmal bei -Tische die Bemerkung ausgesprochen hatte, daß es doch nie zwei Tage -hinter einander stürme, bemerkte seine Haushälterin witzelnd, daß es -auch nie zwei Tage hinter einander regne. -- »Wie das?« fragte Gurlitt -erstaunt. »Es ist allemal eine Nacht dazwischen,« belehrte ihn die -Dame. »Nun das zeigt von mathematischem Verstande!« entgegnete Gurlitt -verwirrt. - -Einstmal traf er einen holsteinischen Eleven des Johannei, der trotz -seines Alters und seiner Größe sich nicht weiter im Examen, als -bis zur _classis latina et graeca secunda_, und das Letztere nur -deshalb hatte legitimiren können, weil er auf die mehrmalige Anfrage: -»Was das _verbum_ für eine Zeit sei?« mit großem Glücke _aoristus -primus_ geantwortet hatte, an einem Sonntage in Harvstehude. Der arme -Secundaner hatte seine Schwächen gefühlt, sich nicht einmal Zeit -genommen, im ersten Vierteljahre in die Comödie zu gehen, und belohnte -heute am Ostertage zum ersten Male seinen Wagner’schen emsigem Fleiß -durch einen Spaziergang. Nicht ohne Zagen folgte er dem Ruf des ihn -erspähenden Directors, der ihn mit den Worten anredete: »Hören Sie, -mein liebes Kind, als ich in Ihren Jahren war, war ich nicht so -desparat zurück, wie Sie. Und doch feierte ich den Ostertag, anstatt -vor die Thore Leipzig’s zu gehen, nur damit, daß ich aus der _Clavis -ciceronia_, die ich mir vom Morgenbrod abgespart hatte, vertirte -und revertirte.« Verdutzt sah ihn der Schüler an. Contestirte er -_litem_, so war er verloren, und Gurlitt nannte ihn gewiß bis nach der -Abschiedsrede, wo der Primaner den Beinamen »Hecht« verlor und von -ihm liberal behandelt wurde, nur den »Harvstehudegänger.« Bei leichtem -jugendlichen Blute sann er bald auf eine humoristische Antwort. -- -»Das mußten Sie auch thun, Herr Doctor,« versetzte er, »ich habe es -aber nicht nöthig!« »Wie so?« versetzte Gulit, entrüstet durch die -Replik. »Sie hatten nicht einen so guten Director, bei dem man in der -Woche soviel lernte, um sich Sonntags durch einen Spaziergang erholen -zu dürfen!« antwortete der Johanniter. »Gehen Sie nur!« antwortete -Gurlitt, fast mädchenhaft verlegen, »Sie sind ein Poet.« - -Einer seiner oft in der Schule wiederholten Professorenwitze war die -Erklärung über den _infinitivus historicus_. Nachdem er gezeigt hatte, -daß dieser gewissermaßen in der menschlichen Natur liege eigentlich -der Invinitiv des Affects sei, wie »_me hoc pati, me hoc ferre_?« -den die kindliche Sprache der Grammatik erfunden habe, pflegte er -oft hinzu zu fügen: »Es gab viele Theologen, die sich bemühten, den -_infinitivus historicus_ durch das ausgelassene Wort »_coepit_« zu -erklären. Dieser falschen Meinung war auch ein alter Scholarch der -Schule zu Magdeburg oder Kloster-Bergen, der bei einem öffentlichen -Examen den examinirenden, den Livius docirenden Collaborator daran -erinnerte, daß er seine Schüler doch fragen solle, von welchem Worte -der _infinitivus historicus_ abhänge? Der prüfende Lehrer, der den -Ungrund dieser Ansicht kannte, vermied die Frage, bis der Scholarch, am -Ende ungeduldig, die Schüler mit den Worten belehrte: »Der _infinitivus -historicus_ hängt von _coepit_ ab.« -- Schweigend ließ der Lehrer die -jungen Leute weiter expliciren, bis am Ende das ihn rächende Wort -»_coepisse_« als _infinitivus historicus_ kam. »Von welchem Worte -hängt der _infinitivus historicus_ ab?« fragte nun der gekränkte -Collaborator. »Von dem Worte _coepit_,« rief die Jugend. »Recht,« -entgegnete der Lehrer -- _coepit_, _coepisse_ -- - -Gurlitt’s Lob war sehr spärlich. Zu einem der ersten jetzigen hamburger -Prediger sagte er einmal, und das war das größte Lob, womit ich ihn -Jemand habe beschenken hören: -- »Wenn Sie so fortfahren, fleißig -vertiren und revertiren, so ist Hoffnung vorhanden, daß Sie ein -Fünkchen lernen.« - -In _politicis_ war er dänisch gesinnt, und strich jedesmal den jungen -Hamburgern, die in ihrem _vitae curriculo_ beim Eintritt in _prima_ -der Besetzung Hamburg’s in der Franzosenzeit nicht zum Lobe jenes -Staats erwähnten, mit der Bemerkung: _hoc falsum est, ut ex scriptis -Hafneri_ (des dänischen Obristen) _apparet_. -- Am empfindlichsten war -Gurlitt gegen Wunden. Die Vorstellung davon und die Erwähnung derselben -scheuchte er immer mit den Worten: »Schweigen Sie still, ich kriege -Krämpfe.« Hierauf bauend, befreite ein Schüler einmal seinen Kameraden -aus dem Karzer, indem er Gurlitt von dem kranken Arm des Arrestanten -erzählte. - -In religiöser Beziehung war Gurlit ein höchst eifriger Rationalist. -Er war einer von den Wenigen, welche es verweigert hatten, die -symbolischen Bücher zu beschwören, welches er oft in der Klasse mit den -Worten erzählte: »Einige hamburger Rindfleischseelen wollten durchaus, -daß ich die symbolischen Bücher beschwören sollte; ich habe es aber -doch nicht gethan und der Senat hat mich doch nicht zwingen können, -gegen meine Ueberzeugung zu handeln.« - -Der zweite Lehrer am Johanneo war der Professor +Hipp+, der eigentliche -Begründer einer kaufmännischen Schule, welche mit der lateinischen -verbunden war. Er lehrte in Prima die Mathematik und las den Tacitus, -von dem er eine Uebersetzung lieferte, die an Gedrängtheit und -Schönheit des Ausdrucks dem Originale nicht nachstand. Es wäre wol -der Mühe werth, Nachforschungen darüber anzustellen, ob sich nicht -eine schriftliche Version des Tacitus in seinem Nachlasse befindet; -Hipp’s Erben würden gewiß gute Geschäfte damit machen. Daß er eine -Uebersetzung des Agricola und der Germania schriftlich besessen, weiß -ich mit Bestimmtheit. Uebrigens war Hipp ein chamäleontischer Mensch, -dessen Laune wie Aprilwetter wechselte, weshalb er auch nicht im Stande -war, eine Autorität bei seinen Schülern gehörig zu conserviren. Stets -in finanziellen Bedrängnissen war er von bodenloser Gutmüthigkeit, so -daß er eines Morgens mit Pantoffeln in die Schule kommen mußte, weil -er in der Frühe einem durchreisenden Handwerksburschen sein einziges -Paar Schuhe, daß er angehabt, geschenkt hatte. Gegen Gurlitt spielte er -sehr den Devoten. Er trat gewöhnlich um zehn Uhr Morgens, zu welcher -Zeit seine mathematische Stunde anfing, in die erste Klasse, ließ es -sich aber jedesmal gefallen, wenn der alte Schulmonarch ohne ihn zu -fragen noch bis halb elf und noch länger fortdocirte, während welcher -Zeit er sich zu einem der Schüler setzte, mit der Miene der größten -Aufmerksamkeit in dessen Buch sah und oft den alten Gurlitt mit lauten -Bewunderungen belobte, während er doch nicht selten, wenn dieser die -Classe verlassen hatte, den Succensor des alten Herrn machte. Hipp war -übrigens der fleißigste Mensch, den ich in meinem Leben gesehen habe. -Kein Tag verfloß ihm ohne funfzehn Arbeitsstunden. - -Ein Lehrer der zweiten und dritten Klasse war der jetzige Pastor -Strauch in Hamburg, ein Mann von vieler Wissenschaft, ausgezeichnetem -Fleiße und guter Lehrergabe. Indessen war sein Tadel oft zu ironisch, -welcher mehreren seiner Schüler eine Abneigung wider ihn einflößte. -Einer von diesen, der sich zu sehr und zu oft durch Strauch’s Tadel -deprimirt fühlte, rächte sich eines Tages auf eine originelle Weise. - -Strauch beging den Fehler, Dichter ziehen zu wollen, ohne zu bedenken, -daß diese geboren werden müssen. So verlangte er einmal, jeder -Schüler solle ihm eine Fabel liefern, was der hamburgischen, höchst -unpoetischen Jugend recht schwer wurde, worauf der Antagonist eine -Fabel einlieferte, von der mir etwa noch Folgendes erinnerlich ist. - - -+Der Strauch und die Eiche.+ - - In eines Strauches Schatten war gepflanzt - Der Eiche Sproß, im Schutze vor der Sonne; - Doch, neidisch auf der Eiche kräft’ge Höh’, - Bedeckte sie der Strauch mit seinen Blättern. - Allein die Eiche hob sich himmelwärts - Und sah beschämend auf den Strauch hinab. - - * * * * * - - So sucht auch oft des Schülers freien Sinn - Der niedre Strauch, der Lehrer zu ersticken. - -Der Professor Radspiller war ein alter schwacher Lehrer, an dem fast -alle Schüler ihr Müthchen durch gewaltige Ungezogenheiten kühlten. Ich -habe immer einen zu großen Respekt für das Alter gehabt, um mich gegen -diesen depontanen[4] Mann zu versuchen, der mir in allen Conferenzen -das Zeugniß gab, daß ich sein bester Schüler sei, wie ich denn auch -in der That durch meine Autorität gar manchen heftigen Aerger von ihm -abgewandt habe. Nichts desto weniger habe ich ihn einmal zur Folie -gebraucht, um die Wallenstein’sche Kapuzinerrede zu travestiren. Auch -diese humoristische Erinnerung an meine Jugend, durch welche ich dem -Professor Zimmermann gleichsam eine _reparation d’honneur_ wegen meiner -Travestie auf die Glocke machen wollte, möge hier ein Plätzchen finden. - - (Der Magister tritt auf.) - - Heisa, Juchheisa, Dideldumdei! - Das geht ja hoch her. Bin auch dabei! - Ist das eine Klasse von Studiosen? - Seid Ihr Türken? seid Ihr Franzosen? - Werft Ihr so mit frechem Blick, - Als hätte der allmächtige Fick[5] - Das Chiragra, könnte die Hand nicht rühren? - Ist es jetzt Zeit zum Expectoriren, - Sich für’s Schwänzen zu expostuliren? - _Quid hic statis otiosi_? - Was steht Ihr und legt die Hände in den Schooß? - Der Teufel ist jetzt in den Klassen los: - Die Primaner haben sich schlecht betragen, - Einer ist an die Ohren geschlagen, - Und Ihr, anstatt ein Exempel zu nehmen, - Streicht umher, laßt’s Euch wenig grämen, - Geht lieber in’s Wirthshaus und in die Schenke, - Als in den Unterricht des Herrn Enke; - Sorgt lieber für Euren dummen Bauch, - Als für den gelehrten Doctor Strauch: - Nehmt lieber Liqueur und franksche Essenz, - Als französische Dictate des feinen Lemenz; - Mögt lieber Dampf aus der Pfeife ziehn, - Als Nutzen aus den Lehren des Doctors Köstlin. - Die Lehrer studiren Tag und Nacht, - Doch Ihr gebt kaum am Tage Acht. - Es ist eine Zeit der Thränen und Noth; - Auf Euren Rücken stehen die blausten Wunder, - Und schlüg’ Euch Fick nicht blutig roth, - Ihr riss’t mich am Ende vom Katheder herunter!! - Der Custos steckt seine dicke Ruthe - Vor seiner Bude Fenster aus, - Die ganze Schul’ ist ein Klagehaus, - Doch Ihr beharrt im Uebermuthe. - Um unser berühmtes Gymnasium - Leider Gottes -- giebt man nichts um. - Die Prüfungen sind worden zu Prüglungen, - Die gelehrten Klassen sind worden rohe Massen: - Anstatt in Folianten aus Bibliotheken - Les’t Ihr in alten Romanencharteken, - Und das beschimpfende Carzer allhie - Ist worden Euer täglich’ Logis. -- - Woher kommt das? Das will ich Euch verkünden! - Das schreibt sich her von Euren Lastern und Sünden, - Von dem Greuel und Heidenleben, - Dem sich _primi_ und Schüler ergeben. - Das Billard bei Benne ist der Magnetstein, - Der Euch führt in das Haus der Sünde hinein; - Doch auf den Spektakel da folgt der Bakel, - Wie auf den Branntwein das Trunkensein; - Das zu lieben, erregt das _jus_, - Das ist die Ordnung im Livius[6]. - »_Sed ubi erit spes literarum_, - _Me si vexatis_?« Wie soll man siegen, - Wenn Ihr die Stunden schwänzt, und warum? - Wenn Ihr thut in den Pavillons liegen. - Eine Frau hier in der Nachbarschaft - Fand ihren bösen Ehemann wieder, - Der Bäcker fand seine Gesellen wieder[7], - Napoleon seine vertriebenen Brüder: - Aber wer bei Schülern sucht - Fleiß, Gehorsam und gute Zucht, - Der wird nie seine Hoffnung erjagen, - Thut er auch alle Rücken zerschlagen. - Zu dem König der Franzosen, - Wie wir lesen im Correspondenten, - Kamen sogar Soldaten gelaufen, - Thaten Buß, um sich Gnade zu erkaufen, - Fragten ihn: »_Sire! que faire?_« - Wie machen wir’s, daß wir kommen bei Euch in Ehr’? - _Et il repond_, und er sagt: - _Dites: »Vive le roi!_« - Wenn Ihr keine Nelken tragt, - _L’etat c’est moi_, - Wenn Ihr nicht in meinen Jagden jagt, - _Suivez le roi_, Euch begnügt - _Avec les fleurs de lis_, mit meinen Orden, -- - Kurz, wenn Ihr bessern Sinnes geworden. -- - Es ist ein Gebot: Du sollst die Namen - Deiner Lehrer nicht übel auskramen; - Aber wo hört man mehr blasphemiren, - Als wenn man hier horcht an den Stubenthüren? - Wenn der Senat für jeden boshaften Witz, - Den ihr losbrennt von Eurer Zungenspitz, - Müßtet geben ein Zweimarkstück her, - Es wäre die hamburger Bank bald leer; - Und wenn für jede Travestie, - Die Ihr macht ohne mathematisch’ Genie, - Ein Wassertropfen fiel in ein Anker Wein, - Das Getränke würde bald schier Wasser sein. - Der alte Gurlitt war auch Primaner, - Der gelehrte Hipp lange Tertianer, - Aber wo steht denn geschrieben zu lesen, - Daß die Beiden jemals witzig gewesen? - Muß man den Mund doch, ich sollte - Nur aufmachen zu einem »Helf Gott!« - Zum Exponiren und Butterbrod; - Aber Ihr seid stets mit Wein erfüllt, - Der als Humor aus Eurem Munde quillt. - Wieder ein Gebot ist: Du sollst studiren! - Ja, das befolgt Ihr nach dem Wort: - Ihr studirt auf Ränke immerfort. - Vor Euren Griffen und Satanspfiffen, - Vor Euren Praktiken und bösen Kniffen - Ist man nicht sicher, in seinem Haus, - Ihr hebt mir Nachts die Laden aus - Und tragt mir Hunde und Katzen heraus. - Was sagt Doctor Gurlitt? »_Assidui estote_, - Spart die _clavis Ernesti_ vom Morgenbrode!« - Aber wie soll man die Schüler loben, - Wenn ihnen immer verziehen wird von oben, - Weil der Professor Zimmermann - Die Menschen ohne Strafe regieren kann! - -Der Professor +Köstlin+ war ein interessanter und vielseitig gebildeter -Mann, wenn gleich seine Schwächlichkeit, welche auch seinen frühen Tod -herbei führte, oft seine Stimmung verdüsterte. -- Von den übrigen -Lehrern ist nicht viel zu referiren. Damals las der jetzige Professor -Müller, welcher so eben von der Universität zurück gekehrt war, ein -gelehrtes und interessantes Collegium über den Juvenal. Müller hing -unbedingt an dem alten Gurlitt, und wurde darum oft als Schmeichler -desselben getadelt.. Mich hat diese Anhänglichkeit die gewiß aus reinem -Herzen kam, immer gerührt, die, wenn auch Müller keinesweges dem alten -Herrn an Gelehrsamkeit so sehr nachstand, doch aus dem schönen Gefühl -entsteht, von welchem erfüllt, Schiller seinen Don Carlos aus rufen -läßt: - - »Da mich der Muth verließ ihm gleich zu sein, - Entschloß ich mich ihn gränzenlos zu lieben.« - -Das Leben der Hamburger Primaner hatte sehr wenig Burschikoses. Nur -etwa zwei Male im Jahr wurde so eine Art von Kommersch im Eimbeckschen -Hause gehalten, was am andern Tage jedes Mal durch ganz Hamburg bekannt -wurde, weil die Vorübergehenden etwas Unerhörtes, »lateinisch Singen« -vernommen hatten. Wir Holsteiner hielten uns auch ziemlich unter uns, -oder verkehrten oft mit den Altonaer Schülern, und ich vor allen Dingen -mit Wit von Dörring, dessen ich bereits im ersten Theile erwähnt habe. -Mit ihm, dem liebenswürdigen Professor Wolff in Jena, einem gewissen -+Pelt+ und Bahrdt, beide höchst gemüthliche und talentvolle Jünglinge, -hatten wir einen Dichterbund gestiftet, der sich monatlich einmal in -Altona versammelte, und in welchem Witt, durch sein vielseitigeres -Wissen, die erste Rolle spielte. - -Wit hat viele und harte Beurtheilungen erfahren und ich will nicht -alle seine Handlungen vertheidigen. Eitelkeit und Thatendurst haben -ihn in manche Verirrungen gebracht, aus denen ihn übrigens seine -bessere edlere Natur jedesmal noch vor dem Verderben herausriß. -- Das -Geschwür seiner Eitelkeit ist geplatzt und er zeigt der Welt, daß eine -gute Haut darunter sitzt. Er lebt im Besitz einer vortrefflichen Frau -und liebenswürdiger Kinder, in glücklichen finanziellen Verhältnissen -zu Urbanowiz im Preußischen Schlesien, von wo aus er Glück und Segen -nach Kräften verbreitet. Zu beklagen bleibt es immer, daß seinem -großen Talent, seinen gereifteren und geläuterten Ansichten und seinem -redlichen Willen, nicht ein noch größerer praktischer Wirkungskreis vom -Staate angewiesen ist, der doch nicht immer mit ihm zürnen und einsehen -sollte, daß Wit ein viel zu edles Herz besitzt, um je in Schand und -Bosheit willigen zu können. Wenn er, wie ich nicht bezweifle der -Verfasser des Büchleins, das etwa so lautet: »Memoiren eines Reisenden -der sich ausruht« ist, worin Dänemark vortrefflich geschildert ist, so -wäre eine ähnliche Zeichnung der übrigen deutschen Höfe nicht bloß eine -interessante Lectüre, sondern sogar ein Gewinn für die Geschichte zu -nennen. -- Wit’s Mutter war eine vortreffliche, geistreiche Frau, deren -Bruder, der bekannte Baron Eckstein, der geistvollster Correspondent -der allgemeinen Zeitung ist. Sein Vetter, Ferdinand Teuffer, dies -bekannte Holsteinsche _cerveau brulè_, voll herrlicher Anlagen, ist -von seinen ewigen, selbst geschaffenen Leiden, vor Kurzem durch den -Todesengel befreit. - - - - -Elftes Kapitel. - - v. Struve. Mellis’h. Grote. Das Hamburger Theater. Seine - Mitglieder. Eine Hinrichtung in Hamburg. - - -Hamburg hatte damals zwei Diplomaten, welche zu den ausgezeichnetesten -Geistern unserer Zeit gerechnet werden müssen. Der erste war der -noch in Hamburg lebende Russische Minister +von Struve+, ein als -Naturforscher ausgezeichneter Gelehrter, bei dem es mir immer -zweifelhaft geblieben ist, ob ich mehr dessen Herz ober seinen -Verstand, oder den schönen Einklang beider bewundern soll. Ich hoffe -daß sein Sohn, mein Coaetane, welcher bereits die Stellung seines -Vaters, bei der Russischen Gesandtschaft in Wien, überflügelt zu haben -scheint, in die Fußstapfen des vortrefflichen Vaters treten wird, -von dem noch als naturhistorisch zu berichten ist, daß dreißig Jahre -Leben in Hamburg denselben nicht um Eine Linie älter gemacht haben. -- -Vielleicht macht die Natur bei ihrem großen Forscher eine Ausnahme, -vielleicht werden wir wieder in die alten Zeiten versetzt, in denen -der liebe Gott die besten und frömmsten Leute mit einem hohen Alter -beschenkte. Vielleicht ist es indessen auch damals besser auf der Erde -oder noch nicht so gut wie jetzt im Himmel gewesen. -- - -Das Englische Consulat in Hamburg ist das einträglichste, welches das -Englische Gouvernement zu vergeben hat. Dies bekleidete damals ein -gewisser Mellis’h, welches er einem Ministerposten vorzog, den er bei -dem Wechsel eines jeden Ministerii zu verlieren riskirte. Mellis’h war -ein äußerst gelehrter und vielseitig gebildeter Mann, und machte eins -der ersten Häuser in Hamburg. Er hatte in seinem Hause die empfindliche -Junggesellensteuer in Hamburg, die +Trinkgelder+, abgeschafft, mit -denen man das Essen in dieser Stadt doppelt und dreifach bezahlen muß, -und seinen Domesticken die Annahme eines solchen, bei unfehlbarer -sofortiger Entfernung aus dem Dienst verboten. In seinem Hause ging -es überaus gastfrei zu, Mellish’ wußte seine Tafel durch eine -vortreffliche Unterhaltung zu würzen. Er war ein genauer Freund von -Schiller und Göthe gewesen. Von dem ersten besaß er eine große Menge -Correkturen seiner eignen deutschen Gedichte, welche auch später, -jedoch ohne Hinzufügung des ersteren, gedruckt worden sind, was die -literarische Erscheinung um Vieles interessanter gemacht haben würde. -Göthe schickte seinem Sohne Charles Mellish’, ein Exemplar seines -»+Hermann und Dorothee+,« mit den schmeichelhaften Worten: »Meinen -lieben Pathen, Karl Wolfgang von Mellis’h, dem sein Vater, der beste -Dollmetscher dieses Gedichts sein kann, treumeinend Göthe.« -- Als -Mellis’h nach einer vieljährigen Trennung von Weimar, wo er lange als -Kammerherr gelebt hatte, Göthe besuchte, rief dieser beim Anblick -seines Freundes, mit dem er mancher Flasche den Hals gebrochen hatte, -und dessen Liebhaberei für den Wein er wohl kannte, nur das einzige -Wort »Champagner« aus. - -Der Sohn des Consuls Mellis’h, +Charles+, war mit mir bei Zimmermann in -Pension. Wir hatten ein gemeinschaftliches Arbeits- und Schlafzimmer. -Er war schon damals ein liebenswürdiger Mensch und würde gewiß jetzt in -seiner diplomatischen Laufbahn ein weit entschiedneres Glück machen, -wenn er nicht unter die _torys_ gegangen wäre, zu denen sein Vater, -ein Busenfreund des berühmten Canning, gewiß nicht zu rechnen war. - -Das Schlafen ist von früher Jugend auf nie meine Sache gewesen, vor -allen Dingen nicht das Einschlafen; auch liegt mein Bischen Ruhe fast -immer in einer von lebhaften Träumen gewebten Wiege, die bei dem -leisesten Geräusch zerreißt. Anders ging es mit Charles Mellisch, der -seine zehn Stunden _uno tenore_ wegschnarchte und sich weder durch -meine Bitten, wach zu bleiben, noch durch die bunten Sonnenstäubchen -und Bilder, die mein geschäftiger Mund vor seine unempfängliche -Ohren und Augen trug, noch durch Spectakel aller Art, nachdem er die -Worte: »Gute Nacht, lassen Sie mich in Ruhe!« ausgesprochen hatte, -abhalten ließ, in den festesten Schlaf zu verfallen, womit die Natur -je einen Dachs, einen Domherrn oder gar den Siebenschläfer vor anderen -Geschöpfen begnadigt hat. - -Ich mochte nun anfangen, was ich wollte, alle Mittel, den guten Charles -zu erwecken von der leisesten Sprache in die Ohren bis zum Feuerlärm, -waren vergeblich. Brummende und schreiende kurze Töne waren die -einzigsten Früchte, die meine Kehle und meine Phantasie erbeuteten, -kein menschlicher Ton leistete meiner beredten Zunge Gesellschaft. Da -fiel ich auf den glücklichen Gedanken bald »_God save the king_«, bald -»_Rule Britannia_« anzustimmen. Und siehe! wie durch einen Zauberstab -geweckt, begleitete Mellis’h jedesmal das angestimmte Lied; bald aber -bat der Mitsänger mit herzbrechenden Tönen, die durch Schluchzen und -Thränen unvernehmlich wurden: »Lassen Sie mich doch schlafen; ich bin -ein Engländer und liebe mein Vaterland mehr als meinen Schlaf; allein -ich nicke sonst morgen in der Schule ein und kann nicht exponiren.« - -Selig, ein Mittel gefunden zu haben, den Fühllosen zu rühren, -chicanirte ich ihn die ganze Nacht hindurch, wie die Knaben den allzu -musikalischen, aber tyrannischen Küster, dem sie beim Nachmittagsschlaf -einen Accord auf dem Positiv nur anschlugen, dann wegliefen, und so -den alten Mann zwangen, denselben zu vollenden, bis am Ende auch -meine Lebendigkeit bei den Worten: »_rule the waves_« einen sanfteren -Charakter annahm, und die Töne mich in den Schlaf einlullten. Schon im -Traum hörte ich noch einen Engel anstatt des Engländers singen: _For -Britons never shall be slaves_. - -Am andern Tage verklagte mich mein Contubernalis beim Professor -Zimmermann. Ich opponirte die Einrede, daß sich der gute Karl durch -keinen andern Lärm, als durch die genannten englischen Nationalgesänge -stören lasse und wollte ihm ein _privilegium de non cantando_ nicht -zugestehen. Der Professor enthielt sich aller Intervention, Charles -wurde abgewiesen und nun meiner Gewalt überantwortet. Aber ich war -großmüthig; jeden Abend accordirte ich beim Schlafengehen mit ihm, wie -lange er mit mir reden sollte. Er hielt allemal Wort aus Furcht vor -meinem Gesange, womit ich denn überhaupt, ein travestirter Orpheus, -schon gar viel in meinem Leben durchgesetzt habe. -- - -Ein ähnliches Beispiel dieser National-Pommade erlebte ich zehn Jahre -später von einem Holländer. Ich lernte ihn an der Abendtafel als einen -liebenswürdigen jungen Gelehrten kennen. Er erfreute uns durch viele -interessante holländische Epigramme und Anekdoten, durch unpoetische -Poesien seiner Dichter, die Schiller’s Poesien einen »+Misthaufen+« -nennen, und durch Erzählungen von seiner liebenswürdigen Braut. -Plötzlich schlug es zehn Uhr: er gähnte mehre Male, befahl dem Kellner, -zu leuchten, und ließ sich durch keine Bitte bewegen, noch unter uns -zu verweilen. »_Het doet mij leed, dat wij scheiden moeten, ben u soo -gefattigeerd?_« (Es thut mir leid, daß mir scheiden müssen, sind Sie -so ermüdet?) fragte ich ihn worauf er antwortete: _Myn Her ik ben -gefattigeerd, daar ik morgen vroeg um zes Uur opstaan moet_. (Mein -Herr, ich bin müde, da ich morgen frühe um sechs Uhr aufstehen muß.) - -Der englische Viceconsul, ein vortrefflicher Geschäftsmann und -Mellis’hens rechte Hand, hieß +Wesselhoeft+ und bekleidet noch -jetzt diese Stelle. So oft ich in Hamburg bin, erinnere ich mich in -seinem liebenswürdigen Familienkreise der Englischen Familie, dessen -Haupt alle Liebenswürdigkeiten eines Deutschen und eines Engländers -vereinigte. - -Unter den übrigen Diplomaten zeichnete sich der Preußische Gesandte, -ein Graf Grote, der sich immer dadurch dem Publikum +bloß+ gab, daß -er nie seine Garderobe, d. h den Titel als _maître de la garderobe_ -ablegte, durch Originalität aus. Der alte Herr hatte sich in dem -republikanischen Hamburg, wo übrigens die _haute volée_ oft auch sehr -an die _noble aristrocraci_ von Amerika erinnert, ganz acclimatisirt. -Es wurden demselben auch alle möglichen geselligen Vorzugsrechte -eingeräumt, was er denn auch zu seiner Lebenserhaltung bedurfte. -Denn der Greis schwitzte große Tropfen, wenn er mit einigen andern -Exellenzen auf einem Diner und ungewiß war, wer der älteste von ihnen -sei und das Recht habe, den ersten Toast auszubringen. Man erzählte von -ihm, daß er zuweilen ganz eigne Noten an den Hamburger Senat erlasse -und namentlich an den mit der Polizei beauftragten Rathsherr, bei einer -Gelegenheit, wo ein anderer nicht ferne von ihm wohnender Minister -bestohlen war -- geschrieben habe. »Ich suche Ew. Hochedlen dafür zu -sorgen, daß dergleichen Scandal nicht wieder in meiner Nähe passirt.« - -Das Theater war zu meiner Zeit vortrefflich. Wie ein geheizt gewesener -Ofen noch eine Zeitlang seine Wärme hält, wie Weimar noch einen -poetischen Anstrich von der früheren Farbe hat, so lebte noch Schröders -Muster in der Erinnerung des Publikums und in dem Bestreben der -Schauspieler, ihm zu gleichen. Ich beklage es diesen großen Mimen nur -stumm spatzierend, in seinem Garten zu Rellingen gesehen zu haben, -den, nach dem Urtheil sachverständiger Hamburger, selbst der geniale -Devrient nur als »+Franz Moor+« erreicht haben soll. Nie vergesse ich -Zimmermanns Begeisterung, als er eines Abends aus der Freimaurer-Loge -zurückgekehrt war und erzählte, daß Schröder Bürgers »+Lenore+« im -schwarzen Anzuge mit einem weißen Stäbchen in der Hand, so begeisternd -gesprochen habe, daß alle Anwesenden die Geistererscheinung mit eigenen -Augen wahrzunehmen zu haben geglaubt hätten -- Schröder war aber auch -in seiner Jugend ein vortrefflicher Tänzer gewesen, wogegen sich unsere -jungen Histrionen höchstens eine _Radawazka_ einstudiren. - -Schmidt nahm schon damals wol den ersten Rang unter den Hamburger -Schauspielern ein, und würde unstreitig einen noch weit größeren Ruf -erlangt haben, wenn ihm nicht ein etwas tremulantes Organ im Wege -gestanden, das sich freilich ganz vortrefflich zu einigen älteren -Rollen, wie im »+zerbrochnen Krug+« eignete, oft aber auch sehr störend -einwirkte. Schmidt hat in Königsberg ehrenwerthe philosophische Studien -gemacht, auch ist es sehr zu beklagen, daß er sein entschiedenes Talent -als Lustspieldichter so ganz unverantwortlich vernachlässigt, da sein -»+leichtsinniger Lügner+,« welcher damals auch einen Preis erhielt, ihn -als so ungemein dazu befähigt darstellt, wogegen seine Schauspiele, z. -B. »der Sturm von Magdeburg« sich weniger Beifall im Publikum erworben -haben. In Gesellschaften, deren der jetzige Schauspiel-Director -zuweilen sehr glänzende und auserlesene giebt, ist Schmidt höchst -liebenswürdig und unterhaltend und würzt dieselbe durch treffliche -Bonmots. Ein solches, wodurch er einen höchst originellen materiellen -Beweis für die Unsterblichkeit führte, fällt mir so eben ein und -verdient der Vergessenheit entrissen zu werden. - - »Die Elemente rasten nie, - Und hat der Mensch sie in sich aufgenommen, - Sagt mir Ihr Philosophen, wie - Soll da der Mensch zur Ruhe kommen?« - -Das Hamburger Publikum ist ein höchst gutmüthiges dankbares, und voller -Pietät gegen seine bei ihm ergrauten Schauspieler. Es kommt mir vor wie -ein braver Apotheker, der seinen alt und schwach gewordenen Provisor, -auf dessen Knieen er sich als Knabe oft hat schaukeln lassen, nicht -verstößt, wenn derselbe auch kaum mehr die Neujahrsrechnungen schreiben -kann. Es gab dort einen Pensions-Beifall, der so weit ging, daß man gar -keine fremde Künstler in den wenigen Musterrollen, worin hie und da ein -alter mittelmäßiger Schauspieler excellirte, sehen wollte. Die kleine -niedliche Oper »+das Dorf im Gebirge+« war immer zum brechen voll, -wenn der alte Schrader den Schulmeister mit seiner trocknen Komik gab, -wogegen der brave Berliner Kaselitz, welcher Devrient auf einer Reise -begleitete, bei einer ganz braven Leistung dieser Rolle fast riskirt -hätte, ausgepfiffen zu werden. Jakobi war ein Naturalist, begabt mit -einer vortrefflichen Stimme, und hat vielleicht ein halbes Jahrhundert -den Don Karlos immer mit gleichem Beifall gespielt. Das Hamburger -Publikum zeigt sich darin wie ein tieffühlender Poet, dem seine erste -Jugendliebe nie alt wird. - -Jakobi war ein origineller Mensch, sein Gefühl wurde zuweilen -verstopft, wie eine Wasserleitung, floß aber dann desto reichlicher. -Nach Schröders Tode hatte er fast ein Jahr verstreichen lassen, ohne -der Frau irgend ein Zeichen von Condolenz zugehen zu lassen. Da ritt -er plötzlich, an einem Sonntage, zu der würdigen Wittwe des großen -Mimen, nach dem zwei Meilen entfernten Rellingen, erhielt Audienz und -brach jetzt in einen so lebhaften Schmerz über den Tod des Großmeisters -aus, und suchte so lebendig die arme Wittwe zu trösten, daß ein jeder -Gegenwärtiger nothwendig auf die Idee kommen mußte, der gute Schröder -sei erst gestern gestorben. So frisch schien Jakobis ungeheuchelter -Schmerz, welcher übrigens der Wittwe, trotz aller wehmüthigen -Erinnerung ein Lächeln und die Antwort: »Ihre Theilnahme, lieber Jakobi -freut mich ungemein. Aber wie kommen Sie denn damit so spät?« entlockt -haben soll. - -Mit den Schmerz über nahe Hingeschiedene ist es übrigens ein eigen -Ding. Es ist nothwendig, aber höchst unpoetisch, daß die Zeit den Gram -über den doch so nothwendigen Tod besiegt. Und doch, wer läßt sich -in der Zeit des Schmerzes diesen nehmen, wer glaubt nicht an seine -Unsterblichkeit? -- Welcher Bräutigam denkt je daran, seine verstorbene -Geliebte ersetzt zu sehen, welche Wittwe von Gefühl meint an seinem -Sarge, daß des seligen Gatten Stelle je wieder von einem Andern -eingenommen werden könne? -- - -Die Indianischen Weiber haben den poetischen Feuertod erfunden, um -den Moment des Übergang zum geringeren Schmerz zu coupiren, für den -sich vielleicht noch viel mehr sagen lassen würde, wenn eine einzige -Geliebte dem verstorbenen Gatten nachfolgte, obgleich die durch den Tod -sich versöhnende Eifersucht auch etwas Rührendes hat; ich habe aber -einen protestantischen Geistlichen gekannt, welcher den Schmerz durch -eine übermäßige Nahrung desselben verkohlen lassen wollte. - -Er war nämlich schon etwa eine Stunde aus der Residenz auf dem Heimweg -nach seiner Dorfpfarre, als es ihm einfiel, daß er seinen Freund, den -ich »Ranz« nennen will, und der seit acht Tagen Wittwer geworden war, -nicht getröstet habe. - -»Paul! kehr um,« rief er seinem Knechte zu, »ich muß wieder zurück.« -»Ich muß +Ranz+ trösten, der sein Weib verloren hat,« sprach dann -zu seiner Frau gewendet; »diese Christenpflicht habe ich über diese -Einkäufe schändlicher Weise vergessen.« -- »Aber, lieber Mann! es -regnet, als ob es vom Himmel mit Mulden gösse«, stellte die sanfte Frau -vor. - -»Thut nichts!« erwiderte der Enthusiast, der, eine nachgemachte -zweite Tarpeja, bei einem Deichbruch schon einmal in die Bruchstelle -gesprungen war und verlangt hatte, man solle ihn rings umher bedeichen -und seinen doch zu Erde werdenden Körper schon als solchen ansehen, -»ich muß Ranz trösten und ich werde meine Schnellmittel dabei -anwenden.« -- -- - -Frau, Kutscher und Pferde mußten gehorchen. Man fuhr zu Ranzens -Pfarrei. -- - -Ranz lag auf dem Sopha. Er versuchte, Mittagsruhe zu halten. -- »Ranz, -ich bin hieher gekommen, um Dich zu trösten!« hub der eintretende -Freund an, »weine Ranz.« -- -- - -Ranz weinte. Aber kaum fing der Thränenstrom an, zu versiegen, als sein -Freund »Homa« ihn durch rührende Erinnerungen an die Verstorbene zu -einem neuen Thränenstrom aufforderte. Auch der verlief sich. -- - -Homa wiederholte diese Thränenerpressung noch einige Male. -- Ranz ward -endlich thränenlos. - -»Du hast dem Schmerz sein Recht widerfahren lassen«, endete Homa, -»jetzt aber ermanne dich und sei auch wieder lustig.« - -Welche Wirkung dieser verminderte Septimaccord auf Ranz Stimmung -gehabt, weiß ich nicht zu referiren. Indessen ist das Mittel originell -und ich sehe nicht ein, warum man es nicht bei Jemandem, von dem man -doch weiß, daß er seinen Schmerz ohnehin bald überlebt, anwenden -sollte. Ich würde freilich einem solchen trösten Wollenden die Thüre -zeigen. -- - -+Herzfeld+ war ein guter Schauspieler, mit einem nur zu sehr sich -überschreienden Tone. Vortrefflich waren auch +Kühne+, jetzt »Lenz« -genannt, und der alte +Schwarz+. Das war ein _ensemble_, wie ich es -niemals wiedergesehen. +Lebrun+ trat zu meiner Zeit zum ersten Male, -ich glaube als »+Perin+« in der Donna Diana auf und erkannte Zimmermann -schon damals den künftigen Meister in ihm. Auch Lebrun ist schon von -den Brettern getreten und von hartnäckigen körperlichen Leiden, welche -übrigens die Kräfte seines Geistes zu steigern schienen, heimgesucht. -Indessen habe ich ihn nie liebenswürdiger gefunden, als eben jetzt. - -Unter den weiblichen Personen zeichneten sich vor allen eine Demoiselle -+Wrede+, welche durch Gott Hymen vom Theater abgerufen wurde, und die -allzu früh verstorbene Doctorin Reinhold aus; zwei Wesen, denen ein -solches Unschuldsgas entströmte, daß der Theaterbesuch nur begeisternd -auf die idealistische Jugend wirken konnte. Die letzte lernte ich als -Primaner einmal bei einer Bostonparthie kennen, wo mich ihr Anblick so -sehr entzückte und verwirrte, daß ich, ein vollkommen guter Spieler, -die Farben verwechselte und noch mehr confus wurde, und bis über die -Ohren erröthete, als die liebenswürdige Künstlerin die richtige -Bemerkung machte: »Aber Sie bedienen ja nicht recht, immer Herz!« - -Schöne Zeit, in der die Schauspielerinnen so begeistern! -- - -Unter den Trauerspielen, welche ich in Hamburg gesehen, machten keine -mehr Wirkung auf mich, als die erste Aufführung von Müllner’s »Schuld« -und die einzigste Hinrichtung, welche ich in meinem Leben gesehen; -denn als Gesina Gottfried, die bekannte Giftmischerin, in unserm -nachbarlichen Bremen decollirt wurde, hätten wie überhaupt auch keinen -von der oldenburgischen geistigen Elite, mich nicht zwanzig Pferde -wieder hingezogen, obgleich der damalige Bremer Schauspieldirector -»Bethmann« uns Oldenburgern schriftlich anzeigte, daß er in den Tagen -mit passenden Stücken aufwarten würde. - -Catharina Margaretha Seep, hatte einen Raubmord an einer Verwandtin -begangen, welche das Glück gehabt hatte, auf die von ihr geträumten -Nummern eine Sechslingambe, etwa drei Preußische Thaler, in der -dänischen Zahllotterie zu gewinnen. Ihr Seelsorger war mit den derben -Worten: »Verflucht ist wer einen Menschen mordet«, zu ihr in die -Gefangenenzelle getreten und hatte durch dies, in der That höchst -ungewöhnliche Mittel, die Sünderin so zerknirscht, daß diese bald ganz -reumüthig, oder wie Lichtenberg irgendwo sehr irreligiös aber sehr -witzig sagt, als ein Kapaun für den Himmel fett gemacht wurde. -- - -Da _acta Hamburgensia_ ergeben sollen, daß die feierliche Begleitung -der Delinquenten, von Seiten der Geistlichen, in den ersten acht Tagen -des vorigen Jahrhunderts, die Ursache mancher Mordthaten geworden ist, -weil die Leute geglaubt haben, wenn sie auf dem letzten Wege, von -einem Hochehrwürdigen begleitet wurden, recht selig zu sterben, so -wird jetzt der Inquisit von einem Menschen begleitet, der ihm weiter -keine Ehre anthun kann, wenn er gleich oft im Himmel besser vermitteln -können mag, als mancher Geistlicher -- vom Schinderknecht. Und der -jenige, welcher die Begleitung der Catharina Margaretha Seep hatte, -schien ein wohldenkender, nicht fühlloser Mensch zu sein, wenn sich -gleich die Todesangst, welche er mit der armen Delinquentin theilen -mochte, in ziemlich ungeeignete Phrasen auflös’te, von denen ich -Ohrenzeuge war, da ich durch die Bekanntschaft mit einem Officier, in -den engern Kreis gekommen war, welcher dicht am Eingange, zu dem mit -einem Graben versehenen Richtplatze stand. Er tröstete nämlich die, -nach dem Richtstuhl starrende und weinende Sünderin in abgebrochenen -Sätzen immer also: -- Swig man still Magret, -- dat is so slimm nig -- -dat kann den +Besten paßeeren+, und zeigte auch noch nach ihrem Tode -dieselbe Theilnahme, da er, anstatt den beim Schopf gefaßten Kopf, -während der Scharfrichter mit seinem Degen vor dem Volk salutirte, -ringsumher zu zeigen, ohnmächtig mit demselben in der blutigen Hand -hinfiel. -- Der Mann würde in Athen ein sehr populärer Henker sein. -- - -Bei dieser Gelegenheit habe ich erst recht die Stelle in Göthe’s Faust: - - »Schon zückt nach jedem Nacken - Die Schärfe die nach meinem zückt« - -verstehen gelernt. Denn in dem Augenblick, da das Schwerdt das Haupt -vom Rumpfe trennt, greift man unwillkührlich nach seinem eignen Halse, -so daß einige der Soldaten, (es war Gewehr bei’m Fuß commandirt), ihre -Waffe unwillkührlich fallen, ließen. - -Unter den drei Bruchvögten, welche das Schaffot in Gallauniform, -während des Augenblicks der Kopfverkürzung umstanden, war der, mir von -mehreren Gastmalen her, wohlbekannte joviale alte Mävius, welcher mir -nachher gestand, daß er bei einem solchen Ort immer eine Höllenangst -empfinde, daß der Scharfrichter Hennings einmal sich verhaue und dann -wie ein durch Blut gereizter Tiger, Alles um sich herum niedersäbele. - -Während der Execution ist der Senat in Hamburg versammelt, und die -Thore der Stadt sind geschlossen, welche erst wieder eröffnet werden, -wenn der Adjutant die Nachricht von der glücklichen Vollziehung der -Strafe überbringt. - - - - -Zwölftes Kapitel. - - Das Hamburger Militair. Die Dänen. Pedro Gabe. Zucker-Raffinaderie. - Juden. Feuerlöschanstalten. Fürst Blücher. Heyse. Godefroy. - Geffcken. Schuhmacher. Gebrüder Fleischmann. - - -Die Hamburger Bürgergarde wurde zu meiner Zeit neu uniformirt und -organisirt. Vor der französischen Zeit standen die Bürger in ihren sehr -von einander abstechenden Civilkleidern mit einer Pfeife im Munde, -Schildwache, die sie denn auch wol dann und wann verließen, wenn -irgend ein Lieblingsgericht sie nach Hause zog, obgleich ein altes -Gesetz diese Contravention mit dem Erschossenwerden bedroht hatte. -Auf die Unzweckmäßigkeit dieses Gesetzes fußend hatte auch einer -von den droken (patzigen) Hamburger Bürgern, welcher durch ein Stück -Hamburger Rauchfleisch sich vom Posten nach Hause hatte locken lassen -und jetzt deshalb angeklagt war, sich standhaft geweigert, zuerst die -ihm auferlegten 1000 m&, dann 500 m& bis auf 7 m& 8 ß hinunter, bis -zu welcher Summe man mit ihm hatte accordiren wollen, als Strafe zu -zahlen. »Nix« hatte er gesagt, »ick verlang min Recht -- Entweder dod -schaten wärden oder gar keen Straf ick betahl keenen Sösling, (entweder -todt geschossen werden oder gar keine Strafe, ich bezahl keinen -Sechsling,) und war dem Vernehmen nach auf diese Weise frei gekommen. - -Die früheren Hamburger Stadtsoldaten waren damals ein würdiges -Seitenstück zu dem damaligen Bürgermilitair. Man erzählte von einem -ihrer Officiere, daß, als der dänische Rittmeister Ewald über einen -niedergelassenen Schlagbaum habe setzen lassen, den der Hamburger -Lieutnant seiner Instruction gemäß, nicht habe öffnen lassen gewollt, -dieser mit den Worten fort gelaufen sei. »Na, wenn Gewalt über -Recht geht, so mag der Teufel Soldat bleiben.« Der Chef der alten -Stadtsoldaten, ein Obrist aus N. soll gewünscht haben als Hamburg -französisch wurde in gleicher Eigenschaft bei der französischen Armee -angestellt zu werden, als er aber befragt, wie viel Schlachten er -mitgemacht, »+keine+« geantwortet, soll ihm Prinz Eckmühl erwiedert -haben: _Point de bataille, point de colonel_. - -Ein anderer Officier der freien Städte wurde in späterer Zeit einmal -von einem deutschen Fürsten gefragt, »Haben Sie schon früher gedient?« -worauf dieser sehr harmlos antwortete: »O ja, sechs Jahre beim Senator -Meier.« - -Die jetzigen, sehr gut einexercirten Hanseaten sind im Begriff, ein -recht tüchtiges Corps zu bilden, da sie von Jugend auf militairisch in -Oldenburg gebildet werden. Leider fehlt noch in einigen Staaten, wie z. -B. in Bremen, die Conscription. - -Ein geborner Glückstädter, obgleich ich mich wegen Mangel an Glück -lateinisch nie _tychopolitanus_, sondern bescheiden, fast so zu sagen -deutsch weg, _glockstadienis_ schreib, war ich durch meine Geburt doch -ein dänischer Unterthan und dies um so mehr weil meine Mutter nur -zufällig ihr Wochenbett in meinem großväterlichen Hause zu Glückstadt -hielt, mein Vater aber derzeit den Posten eines Landvogts auf der Insel -Föhr in der Nordsee bekleidete, dasselbe Amt, welcher etwa 30 Jahre -später dem unglücklichen Lornsen übertragen wurde. Unser Lehrer in -Uetersen hatte uns den Regentenstamm aus dem Hause Oldenburg auch so -lobenswerth bezeichnet, den grausamen Charakter Christians II., den -er gewöhnlich den Unglücklichen nannte, und den Don Quixote-Feldzug -Johanns I. so mildern dargestellt hatte, daß ich überall sehr dänisch -patriotisch gesinnt war. Vollends mußte das nun jeder dänische -Unterthan werden, als die Politik der Alliirten so grausam gegen -Dänemark verfuhr, daß man dem König Friedrich VI. erklärte, nie anders -mit ihm unterhandeln zu wollen, als auf der Basis, daß er Bernadotte -Norwegen abtrete. Der König ergrimmte in seinem gerechten Zorn, die für -die gute deutsche Sache brennenden Truppen, welche sich schon auf der -Wilhelmsburg für dieselbe geschlagen hatten, mußten auf’s Neue für die -verlornen Waffen Napoleon’s kämpfen und Hamburg wurde den Franzosen -überantwortet. Die Dänen selbst führten die Franzosen in die Stadt. -- - -Die Hamburger waren ungerecht genug, die Wirkung mit der Ursache zu -verwechseln. Sie faßten einen heftigen Haß gegen die Dänen, welcher -auch nicht durch die unendliche samaritanische Barmherzigkeit -gemildert wurden, womit diese und vorzüglich die Holsteiner an 30,000 -Hamburger[8], welche der französische Marschall Davoust, weil sie -sich nicht verproviantiren konnten, vor der Belagerung aus der Stadt -gejagt hatte, behandelten. Noch mehrere Jahre hießen die Dänen -»Schukel-Meier«, welches soviel wie »Schmugler« bedeutet, und darauf -ging, daß sie die Franzosen in die Stadt geschwärzt hätten. Man fand -damals die unanständigsten Anspielungen auf den König von Dänemark in -den Zeitungen, von denen ich nur als einer der minder beleidigenden, -der Anzeigen erwähnen will, welche an dem Tage in den Zeitungen stand, -als der König von Dänemark auf seiner Reise zum Congreß nach Wien in -Altona angekommen war. Damals las man: - -»Daß ich auf meiner Reise von Kopenhagen nach Wien glücklich hier -angekommen bin, zeige ich hierdurch ergebenst an. - -Altona, den. .. - - L. S. Meier, - (_id est_ Schukelmeier.)« - -Mit blutendem Herzen habe ich es häufig bemerkt, daß der Stadtsoldat, -welcher die dänische fahrende Post von Altona nach Hamburg begleitete, -mit Schmutz beworfen, da er unfähig gewesen war, sich gegen den ganzen -Hamburger Berg zu vertheidigen, vor dem Königlich dänischen Postamte in -Hamburg anlangte. Sowohl ich als meine Landsleute mußten deßhalb manche -Neckereien von den Hamburger Commilitonen ertragen, die wir indeß durch -unsere geistige und körperliche Superiorität gar bald zum Schweigen -brachten. - -Ein geistreicher Hamburger war +Pedro Gabe+ der Sohn des dortigen -Senators, welcher später in Paris starb. Ich entsinne mich kaum -eines Menschen, der so alle Herzen zu gewinnen wußte, wie er. -Seine Bemerkungen waren launig und treffend. Er wohnte auf der -Kaffeemacherreihe. »Wenn ich zur Börse gehe,« pflegte er zu sagen, »so -mache ich das ganze menschliche Leben durch.« - -»Ich gehe in die +ABC-Straße+; das ABC ist dasjenige, was die Menschen -zu erlernen pflegen. Von dort wandere ich auf den +Gänsemarkt+, -welcher für mich die Flegeljahre bedeutet. Vom Gänsemarkt führt es zum -+Jungfernstieg+.« - - »O! süße Sehnsucht, zartes Hoffen, - Der ersten Liebe goldne Zeit!« - -»Ich gerathe nun auf die +Kunst+, die mich an das Streben geistreicher -Männer erinnert. Jetzt liegen drei Wege vor mir: links das +Zuchthaus+, -der Weg der Gottlosen; gerade aus der +St. Petrikirchhof+, der frühe -Tod; rechts das +Johanniskloster+, für das beschauliche, ascethische -Leben gemacht. Ich aber, als rüstiger Geschäftsmann, überwinde den -+Berg+, denke in der +Reichenstraße+ an den Gewinn und verfolge so -meinen Weg zur +Börse+.« - -Schon im Jahre 1814 fing die große Tirannei an, nachzulassen, welche -seit vielen Jahren von den hamburger Zuckerbäckerknechten auf den -Straßen verübt worden war, die oft an acht Mann, Arm in Arm, mit -ihren weißen Nachtmützen und ihren feinen weißen Schürzen, durch die -Straßen schritten, ohne irgend Einem, selbst nicht dem Bürgermeister, -auszuweichen. Es waren Menschen von herkulischer Körperstärke, und -zum Theil von gutem Herkommen, da damals auch die Söhne der reichen -Raffinadeure ihr Handwerk unter ihnen erlernen mußten. Ich habe -gesehen, daß ein solcher 225 Pfd. mit dem kleinen Finger hob, und daß -ein anderer, es klingt zwar spanisch, als acht spanische Soldaten mit -gefälltem Bajonett ihm den Ausgang aus dem Hause verweigerten, die -Bajonette des vierten und fünften Mannes ergriff, und, ein parodierter -Winkelried, sowohl nach der rechten wie nach der linken Seite warf, so -daß die guten Catalonier rechts und links auf der Erde lagen. Ehe diese -sich mit ihren Waffen wieder erheben konnten, war der unbewaffnete -Sieger entflohen. - -Die hamburgische Zucker-Raffinaderie ist hauptsächlich durch die -Industrie der Holländer zu Grunde gerichtet. Hunderte von Matadoren, -welche früher auf der Börse ihr Folium hatten, sind jetzt spurlos -verschwunden, so daß ich, selbst auf Nachfragen kundiger Leute, nichts -von dem Aufenthalt der Nachkommen einiger meiner Bekannten unter diesen -erfahren konnte. - -Die Juden waren zu meiner Zeit in Hamburg, wie in allen freien Städten, -sehr unfrei. Ihrer rastlosen Thätigkeit verdanken sie indessen, daß -sie sich in den Besitz der einträglichsten Geschäfte gesetzt haben. -Wer kennt nicht den Namen +Salomon Heine+ als den des Rothschild von -Hamburg, der auch im Verhältniß seines großen Vermögens die reichen -Christen durch Wohlthätigkeit beschämt? Als sein Schwiegersohn, der -jetzige Präsident von Halle, ein Schulcamerad von mir, der übrigens -auch von allen hamburger Juristen diesen ehrenvollen Posten mit dem -allergrößesten Rechte bekleiden mag, denselben, trotz der Concurrenz -mit dem _Dr._ Heinchen, erhalten hatte, äußerte ein Spaßvogel nicht -unwitzig: »Was kann Heinchen wider Heine!« Schon damals spielten sie -gewöhnlich den schöngeistigen Kunstrichter; indessen schlug ihnen -dabei nicht selten das materielle Interesse in den Nacken, so daß -sich ihr Witz inmitten der artistischen Beurtheilung auch über dieses -verbreitete. An dem Abend, als die »Schuld« von Müllner zum ersten -Male gegeben wurde und ein ungemein großes Interesse erregte, auch die -Israeliten zum lautesten Beifall hinriß, erhob sich plötzlich während -der rührendsten Scene ein heftiges Gelächter unter diesen, welche, wie -einst im _coin du roi_ im Theater _francais_ die pariser Schöngeister -rechts im Parterre gewöhnlich zusammengeschaart standen: »Haben Sie -gehört den Witz von Herrn Kohn?« erscholl es von allen Seiten. »Herr -Kohn steigt eben auf die Gallerie und sagt: das ist acht Viertel -breiter Gingham.« Ich konnte den Witz nicht begreifen, der die Juden -zu ersticken drohte, erfuhr aber nachher, daß Gingham, der damals erst -aufkam, nur eine Breite von vier Viertel-Ellen habe. Der Spottvogel -mußte sich daher über einen Stoff mockirt haben, welcher dem Gingham an -Güte nicht gleich kam. - -Die Juden wohnen fast alle in der Neustadt und zwar auf dem Steinwege, -wo sie eigentlich nur aufgenommen sein sollen, um die Cloaken der -Stadt zu reinigen. Als ein Judenknabe in einer der christlichen -Straßen von den Buben geschlagen wurde, hörte ich ihn ganz ruhig mit -Resignation ausrufen: - -»Hier iß keen Kunst nich, aber kommt mal nahn grauten Steenweg, da is -min Broder mit de graute Hand, de sleit ju dat ji den Deubel krigt.« -(»Hier ist es keine Kunst; aber kommt nur mit nach dem großen Steinweg, -da ist mein Bruder mit der großen Hand, der schlägt Euch, daß Ihr den -Teufel kriegt.)« -- - -Einige Jahre später reis’te ein Hamburger Jude durch eine -Universitätstadt; er hatte einen Studenten seiner Vaterstadt zu Tische -geladen, und dieser sich der Einladung aus besondern Gründen nicht -erwehren können. Der Hebräer tischte mit der Großmuth auf, die das -unglückliche verachtete Volk nur zu gern vor Andern zeigt, um das wider -sie herrschende Vorurtheil des Geizes zu entkräften. - -Eine Flasche verdrängte die andere, und die ganze Weinkarte ward -praktisch durchstudirt. Endlich aber rief der Gastgeber, »Eins müssen -wir noch trinken, lieber Herr Müller!« Dieser dankte, für ein Mehreres. -Da aber der Israelit nicht aufhörte, diese Aufforderung zu wiederholen, -und immer mit dem Refrain endete: »Rathen Sie doch mal!« da fiel -endlich der Student auf den heute nicht getrunkenen Champagner und -_Saint Peray_. Lächelnd schüttelte der Jude fortwährend den Kopf indem -er hinzu fügte: »Viel etwas Besseres!«. - -Als der Musensohn sich endlich dem geistigen Bankerotte näherte, und -versicherte, die Aufgabe nicht lösen zu können, rief die Sphinx: -»_Smollis_ (Brüderschaft) müssen wir trinken!« - -Die Hamburger Feuer-Lösch-Anstalten sind vielleicht die besten in -Europa. Die Häuser, und namentlich die sogenannten Twieten, enge -Gänge, sind von der Art gebaut, daß es fast unmöglich wird, das Feuer -zu dämpfen; und dennoch sind, so viele Feuer leider jetzt in Hamburg -vorkommen, was häufig auch nicht mit rechten Dingen zugehen mag, die -Beispiele, daß Menschen bei einer Feuersbrunst ihr Leben verlieren, -sehr selten; obgleich einige der Sprützenbeamten selbst wohl ihr Leben -dabei verlieren. Noch vor einem Jahre, erzählte mir ein Hamburger -Freund, ist einer von diesen wackeren Leuten auf eine schreckliche -Weise ums Leben gekommen. Er hatte sich zu weit auf ein dem Feuer -nahestehendes Dach gewagt, um dieses zu schützen. »Wasser her!« rief -er in der Todesangst, »Besprützt mich,« und da ihm weder Hülfe noch -hinlängliche Kühlung sogleich gereicht werden konnte, stürzte er mit -den Worten: »Nun so helfe mir Gott,« wie ein Indianisches Weib, in das -ihn von seiner Todesangst errettende Feuer. Einen ähnlichen edlen Tod -erlitt in früherer Zeit der Sprützenmeister Repsold, welcher aus einer -heitern Gesellschaft kommend, unverzüglich zur Rettung herbeieilte, -sich zu weit wagte und seinen Tod in den Gluthen fand. - -Mich haben Kolbenstöße von einer ähnlichen Gefahr, die zu bestehen, -ich mich auch wol fähig halte, abgehalten; denn als ich kaum einige -Tage in Hamburg war, gerieth das Haus des Lotterie-Collecteurs Bingo -auf dem Dreckwall in Flammen. Erzogen auf dem Lande, habe ich von -Jugend auf keinen größeren Lebenswunsch gehabt, als einen Menschen vom -Feuertode zu retten. Ich eilte also beim ersten Signal zu der nicht -weit entfernten Feuersbrunst, sah aber bald, daß die herbeigeeilten -Bürgergardisten nebst den eigends dazu bestellten Leuten, welche das -Wort »Retter« am Hute tragen, mir jede Mithülfe unmöglich machten. -Gedrängt von ihnen flüchtete ich auf die Schwelle eines Juden, der, -wenn ich nicht irre, Cohn hieß. Obgleich mehrere Christen mit mir die -Treppe vor seinem Hause inne hatten, so antwortete dieser Mann doch auf -die Frage: »Sind alle die Leute, welche hier auf der Treppe stehen, -von Ihrer Familie?« -- »Sie sind alle von meiner Familie, nur nicht der -lange dünne junge Herr,« auf mich hinweisend. Dies hatte die Folge, daß -die Diensteifrigen mich, den retten Wollenden, mit ihren Kolben von -meinem Asyl vertrieben. Das ist die letzte physische Gewalt, die an -mir ausgeübt ist. In geistiger Hinsicht habe ich diese Kolbenschläge -oft noch nachher empfangen, wenn ich mit Ueterser, von meinem guten -Rektor, eingesogenen Enthusiasmus, Menschen retten wollte. Uebrigens -ist es drollig, daß ich noch nie in Hamburg gewesen bin, ohne ein Feuer -erlebt zu haben, und daß ich solches zu den Dingen rechne, die ich -dort unvermeidlich zu betrachten habe. Ich kann dem nicht entgehen, -wie mein guter Ueterser Rektor, der »Bestürmung von Smolensk,« welche -sechs Male nach der Reihe gegeben wurde, wenn derselbe nach langen -Intervallen sich einmal einen vergnügten Abend in Hamburg machen -wollte. -- Es war allezeit eine reine Prädestination, welche sich für -die Lehrer von der Gnadenwahl anführen ließe. Da half kein Lesen der -Hamburger Zeitung. Dreimal war eine Oper angezeigt gewesen, allemal war -eine Sängerin krank geworden oder etwas Anderes dazwischen gekommen -und »die Bestürmung von Smolensk« war als Ersatzmann eingetreten. Ich -aber rief, als angehender humoristischer Troßbube, dem zum sechsten -Male von Hamburg heimkehrenden Rektor mit Sicherheit zu: »Nicht wahr, -Herr Rektor, es ist wieder die Bestürmung von Smolensk gegeben worden,« -worauf er, halb ärgerlich halb lachend, die Bestätigung ertheilte. - -Ich habe mich seit der Zeit daran gewöhnt alle Ereignisse, die sich um -mich her zutragen, zu meinem Nutz und Frommen in diejenige Flüssigkeit -zu verwandeln, welche man »+Humor+« nennt, und nur eine mühsame -Existenz durch diese Procedur ertragen erlernt. Die Ereignisse meines -Lebens sind aber auch so abentheuerlich und fratzenhaft geworden, -daß ich kein Buch kenne, welches in dieser Beziehung es mit meinen -Erlebnissen aufnehmen kann, selbst »Tausend und eine Nacht« reicht -ihnen nicht das Wasser. Ich erzähle sie nicht alle, aus Furcht, ein -Lügner gescholten zu werden, und wenn ich auch zu Gütern und Würden -kommen könnte, welche die Familie Münchhausen im Hannöverschen hat. Ich -werde aber einige davon in meinen Memoiren nach meinem Tode zum Besten -geben, denen man freilich auch schwerlich selbst dann, wenn meine -Mitbürger mir das Zeugniß eines wahrhaften Menschen gegeben haben, -Glauben beimessen wird. - -Das Bestreben der Abentheuer, sich an mich zu drängen, ehre ich -übrigens, wie ein Fürst die Liebe seiner Unterthanen. Ich gehe zu allen -Feuersbrünsten, Aufläufen, und andern tumultarischen Auftritten mit -höflichem Ernst, weil ich weiß, daß sie mir zu Ehren vom Weltgeiste -veranstaltet sind. Oft zeige ich mich nur der Etiquette willen, bei -solchen Gelegenheiten, aber ich zeige mich doch. - -Ich muß hier einer großartigen Antwort eines Einfaltspinsels erwähnen. --- Als ich im Jahre 1830 mit Heine und Zimmermann im Schweizer Pavillon -an der Alster saß, riß ich mich aus dem interessanten Gespräche mit -ihnen, beschworen durch einen plötzlichen Feuerlärm-Ruf. Bei der -jetzigen Schule, die, wenn ich nicht irre, auf dem Adolphsplatze liegt, -brannte es fürchterlich schön. Ich eilte hin, da aber die Hamburger -Feuerofficianten bald Herren des Brandes zu werden versprachen, begab -ich mich zu Hause und zwar in »den wilden Mann,« auf dem Hopfenmarkt. --- Als ich am andern Morgen neu gestärkt vom Schlafe wählig im Bette -lag, fragte ich den hereintretenden, mich anglotzenden Kellner -übermüthig: »Brennt die Stadt noch?« worauf er mir die unvergeßliche -Antwort gab? »Kann nicht dienen, will aber gleich Mal nachfragen.« Er -verschwand darauf und kehrte alsdann mit der Paroli-Antwort zurück: -wie in dem Hause und auf der Nachbarschaft Niemand wisse, daß in der -vorigen Nacht Feuer in Hamburg gewesen sei. -- Anders ist es bei uns in -Oldenburg, hier besprechen wir das Feuer. - -Der verstorbene Herzog hatte während seiner langen Regierung das Glück, -äußerst selten seine Residenz von Feuerlärm beunruhigt zu sehen. -Entstand ein solcher, so wurde der Brand gar bald durch die Thätigkeit -der Oldenburger, in Gegenwart des herbeieilenden Fürsten bekämpft. -Dadurch entstand bei dem sonst keineswegs abergläubischen Volke die -Meinung, sein Herzog Peter könne das Feuer besprechen. -- - -Als nun beim Antritt der Regierung des jetzigen, gnädigsten Großherzogs -auch eine bald gedämpfte Feuersbrunst ausbrach, die, trotz heftigen -Windes nur +ein+ Gebäude verzehrte, wozu die Gegenwart und die -Aufmunterung des jetzigen Regenten gewiß einen großen Theil beitrug, -raunten sich die guten Leute zu: »Der hat das Besprechen vom Vater -gelernt, und kann es das erste Mal schon fast eben so gut, wie der -selige Herr!« - -Im Jahre 1814 oder 15 kam der alte Blücher nach Hamburg. Die Erwartung -den zu sehen, von dem Follenius in seinem Liedern an der Katzbach so -schön singt: - - »Gebhard heißt der Wahlstatt Meister, - Denn er hat es hart gegeben. - Lebrecht; Gebhard Lebrecht heißt er, - Denn er führt das rechte Leben.« - -bewegte mein Herzblut. - -Drei Abgeordnete der ehemaligen Hamburger Freiwilligen, und unter -diesen mein Professor Zimmermann, waren dem großen vaterländischen -Helden entgegengefahren, um ihn auf der Hamburger Grenze zu begrüßen. -Es war schon ziemlich spät geworden als es endlich erscholl: »Blücher -kommt.« Ich stürzte mit Vielen aus dem Benneschen Kaffeehause an der -Petrikirche und folgte, in den Jubel der Hamburger einstimmend, dem -sich rechts nach dem Jungfernstieg drehenden Wagen, worin Blücher sein -sollte, während ein anderer Vierspänner über den +Berg+ nach der Börse -hineilte. -- Aber, wie groß war mein Erstaunen, als Blücher nicht -am Jungfernstieg anhielt, der Kutscher vielmehr über den Gänsemarkt -nach der Königstraße hinfuhr und hier vor meiner eigenen Wohnung Halt -machte. Und siehe! es stieg nur mein Professor mit seinen beiden -Begleitern heraus, während ich athemlos dastand und mich nicht wenig -ärgerte, diesen Herren doch eine gar zu große Verehrung bewiesen zu -haben, und Zimmermann lachend meinte, daß ein solcher Respect vor -ihm, und eine solche Begeisterung für meinen Lehrer, bei mir ganz in -der Ordnung sei. -- Jetzt ging es nach der Börsenhalle, wohin der -alte Fürst gefahren war und wo man, wie die Welt sagte, ihm sofort -ein kleines Pharo zu Ehren arrangirt hatte. Der Enthusiasmus war -ungemessen; er mußte fast nach jeder Taille wieder erscheinen; allein, -obgleich er vortrefflich und anhaltend redete, so kam doch von dem -lauten, fortwährenden Jubel getödtet, keins seiner Worte lebendig zur -Erde. - -Die Stadt war wie in einem Nu erleuchtet, jeder Zauderer aber durch -Steinwürfe zur sofortigen Erfüllung des allgemeinen Willens gezwungen. - -Blücher hielt sich reichlich acht Tage in Hamburg auf, in welcher Zeit -man ihm eine verdiente, übermenschliche Ehre erwies. Ich hatte die -Freude, vor ihm auf dem Heiligen Geistfelde mit zu turnen. Eines Tages -besuchte er die Wittwe des Dichters Klopstock; unsere Nachbarin, deren -großer Verehrer er in früherer Zeit gewesen sein soll. Mühsam kam ihm -die Alte entgegen und wollte den Fürsten auf der Treppe vor dem Hause -empfangen. Allein der agilere Blücher winkte ihr zu auf der Hausflur -zu bleiben, indem er ihr zurief: »Mit dem Sprüngemachen ist es vorbei; -wohl dem der welche gemacht hat.« Die guten Hamburger, gewohnt, an -Blücher Alles zu vergöttern, posaunten am andern Tage den großen Sinn -des Fürsten für deutsche Literatur aus und priesen den Helden, der, -kaum in Hamburg angekommen, zu der Wittwe des Messiassängers gefahren -sei. - -Am Vorabende, vor der Abreise Blücher’s hatten sich eine Menge -Honoratioren verabredet, demselben eine Nachtmusik zu bringen, welche -mit Wachsfackeln auch ausgeführt wurde, ohne daß davon etwas unterm -Pöbel verlautete. Es wurde ein Lied auf die Melodie des: »_God save -the king_« gesungen, das Blücher vom Balcon anhörte und nach dessen -Beendigung er uns haranguirte. Ich gestehe, nie eine bessere Rede aus -dem Stegreif gehört zu haben, welche wie ein warmer Mairegen auf dürre -Saaten, auf uns niederfiel und jedem Auge Zähren entlockte. - -Die Todtenstille, die während seiner Rede herrschte, dauerte noch -fort, als diese schon verstummt war, bis ein alter Hamburger mit -lautschluchzender Stimme sie mit den Worten »Danke! lieber Vater -Blücher, Danke!« unterbrach, welche die Thränen der Rührung verstärkte, -aber auch einige der Komik hervorrief. - -Von meinen Schulcameraden sind Mehrere, arge Philister geworden. -Einer, bei dem ich drittehalb Jahre gesessen, und den ich nach einer -Trennung von 10 Jahren im vorigen wiedersah, antwortete mir auf die -Frage: ob er seinen alten Commilitonen wol wiederkenne: »Jawohl lieber -Meier, ich erkannte Dich gleich.« Einige wissen Einem nichts als ein -Diner vorzusetzen, noch Andere sind geistig im materiellen Wohlleben -untergegangen. Mit Freuden gedenke ich des geistreichen Doctors Carl -Ludwig Heise, des liebenswürdigen Richard Godefroy, des biedern -Gottfried Geffcken, des poetischen August Schuhmacher und der sich -immer gleichbleibenden Gebrüder, Carl und Christian Fleischmann, in -deren väterlichen Hause ich auf der Schule schon so viele Güte und -Gastfreundschaft genossen hatte. Ich tröste mich oft in Hamburg mit -dem, freilich unwahren Satz, den mein ältester Bruder einmal im Unmuth -ausstieß, der aber ein gutes Expediens ist wenn man sich in einem -Menschen getäuscht sieht. »_Distinguendum._« Einige Menschen sind -unsterblich und einige sind es nicht. - -Uebrigens thut man weise daran die geistreichsten Menschen in Hamburg -unter dem Kaufmannsstande zu suchen, nicht unter den im Durchschnitt -sehr materiell gewordenen Gelehrten. - - - - -Dreizehntes Kapitel. - - Die Dänischen Postwagen. Ankunft in Kiel. Der Compagnie-Chirurgus - E.......... Harms. Kiel. Das Hoch der Studenten. Das Vogelschießen. - Das Hazardspiel. Steffens. Junker Slenz. Die Advocaten D--s - und D--r. Meine Botschaft als Secundant. Landfriedensbruch und - Wegelagerung. Citation vor das Arctius. - - -Zu den Ueberresten der Tortur gehörten damals die Dänischen Diliganzen, -welche aus offnen Leiterwagen bestanden, auf denen nur der Conducteur -auf dem Wege von Altona nach Copenhagen, einen ledernen Stuhl hatte, -worauf man den Ehrenplatz bei demselben oft auf Wochen im Voraus -belegte, und durch Freihalten des Schirrmeisters, während fünf Tage und -fünf Nächte, dankbar in der höchsten Potenz vergütete. Und um diesen -elenden, menschenmörderischen Posten bewarben sich bei jedesmaligen -Vacanz Hunderte, -- ich will nur an den ehemaligen Kapitain »Kurzhals« -erinnern, der entweder die letzte Silbe seines Namens oder ein paar -Male den Arm in seinem Dienste gebrochen hat, was in der Regel freilich -jedem seiner Collegen passirte. Noch ärger war es indessen mit dem -Mecklenburg-Schwerin’schen Postwagen nach Hamburg, auf dem ich mir, -ein langer, dünner Primaner, ein menschliches Ausrufungszeichen, im -Jahre 1815, einen Platz von Ratzeburg aus, und zwar, nach dem Dänischen -Präjudiz, bei’m Conducteur erwirkt hatte. Dieser hatte aber nicht -einmal eine _sella curulis_, war aber ein vierschrötiger Mann, in eine -so große Menge Mantel eingewickelt, das diese mich fast schon meines -dürftigen Sitzes beraubten. Kaum war er, auf dem einst da gewesenen -sich immer wieder geltend machenden Steinpflaster ruhig eingeschlafen, -so lehnte er sich sogar auf mich, und setzte mich die ganze Nacht in -den Nothstand, ihn mir vom Leibe oder vielmehr wie ein Kind, wenn auch -ein sehr vergrößertes, in meinem Arm zu halten -- -- - -Nach einer regnerischen Nacht, welche ich auf einem gottverfluchten -Postwagen zugebracht hatte, langte ich gegen Mittag in Kiel an. Ich -hatte nichts Eiligeres zu thun, als meinen Bruder, den Historiker -aufzusuchen, der mir zwar schon auf der Straße begegnete, mich aber -nicht recht erkannte. Zum Theil mochte mein Wachsthum, zum Theil auch -meine etwas ehrwürdige Garderobe daran Schuld sein. Er rief mich beim -Zunamen, von dem er, als ich aufhorchte, auf den Vornamen überging; -dann führte er mich in seine Wohnung, welche er in dem Hause eines -alten Compagniechirurgen E........., von einigen achtzig Jahren -hatte, zu einem alten Mann der auf eine bewundrungswürdige Weise -seine angeborne Unwissenheit neben einer sehr tüchtigen körperlichen -Gesundheit conservirt hatte. Der Greis von ehrwürdigem Aeußern war -auf eine humoristische Weise in jedem Gebiet des Geistes, selbst in -dem der Religion mit sich fertig; seit dem schweren Winter von 1788 -hatte er kein medizinisches Werk mehr gelesen. Von Harms, der damals -ganz Holstein bewegte, pflegte er zu sagen: »Der Harms soll sehr gut -predigen, und wie man sagt, eine sehr brave neue Religion erfunden -haben, welche die Menschen zu sehr guten Dingen anhalten soll. Allein -ich müßte doch ein +niederträchtiger Kerl+ sein wenn ich mich in -meinen Jahren noch bessern wollte. - -Ueber Harms habe ich in meinem Aufsatz »Holstein zu meiner Zeit,« -welcher im ersten Theil der kürzlich erschienenen Pandora, manches -in die Lesewelt geschickt, das selbst durch die Kirchenzeitung und -andere Journale zu sehr in der Lesewelt verbreitet ist, als daß ich es -wagen sollte, es abermals ihren Augen hier vorzuführen. Indessen wird -es mir vergönnt sein, um der Vollständigkeit meiner humoristischen -Erinnerungen aus jenen Jahren willen, hier einen Passus aus jenen -Skizzen einzuschalten. - -»Die Hauptstadt des Herzogthums Holstein ist Kiel, welches an einem -Busen der Ostsee liegt. Die Bewohner treiben einen ausgebreiteten -Handel und Schiffahrt, und unterhalten Tabacks-, Zucker-, und -andere Fabriken. Kiel hat 10,000 Einwohner, und war bis 1773 die -Hauptstadt des gottorpschen (kaiserl. russischen) Antheils am -Herzogthum Holstein, welcher im genannten Jahre gegen Oldenburg und -Delmenhorst an Dänemark vertauscht wurde. Die Universität ward 1665 -vom Herzoge Christian Albrecht von Holstein gestiftet, weshalb sie -auch Christiana Albertina heißt, und zählt etwa 300 Studirende. Diese -sind mit ausgedehnten Privilegien versehen, welche, wenn ich nicht -irre, von der russischen Kaiserin Katharina herstammen. Zu diesen -gehört denn auch ein sogenanntes »Hoch«, welches bei feierlichen -Gelegenheiten, als Anwesenheit des Königs von Dänemark in Holstein, -Universitätsjubiläen, u. dgl. m. von den Studenten gebracht wird. -Diese wählen alsdann einen Generalbeschließer, welche drei Tage nach -demselben diese Würde bekleiden, Generals-Uniform tragen, den Titel -»Excellenz« führen und als solche nicht bloß die militairischen -Honneurs genießen, sondern auch bei Anwesenheit Sr. Maj. des Königs als -Excellenzen zur Tafel gezogen werden.[9] Sämmtliche Studenten, welche -eine recht geschmackvolle Uniform tragen dürfen, erscheinen alsdann in -solchen. Da ist aber dann streng militairische Disciplin eingeführt, -das trauliche »Du«, das _Smollis_ aufgehoben, und Alles bewegt sich -in den unnatürlichen Formen militairischer Etiquette. Nur eine Amme -machte zu meiner Zeit einen Verstoß dagegen. Sie hatte gehört, daß ihr -Säugling, der Sohn eines reichen Postmeisters, die ehrenvolle Charge -eines Generalanführers bekleidete, in einem großen, auf sieben Tage -gemietheten Palais wohne und machte sich daher zu Fuß auf, um ihre -Helden in Friedenszeiten zu bewundern. Sie achtete nicht des Adjutanten -im Vorzimmer, welcher sie erst melden wollte. »Ich bin seine Amme« rief -sie, Alles fortstoßend, was ihr in den Weg trat, und gelangte so in das -vornehmste Zimmer, wo ihr Abgott den städtischen Behörden eben eine -Audienz ertheilte. Sie trat sofort neben den General, den alsbald Stolz -und Dankbarkeit zu geniren anfingen, und rief endlich: »Peter, Peter, -wat bist du schön und förnehm! Schade is et, dat de Ehre man söben Dage -duhrt; wenn ick de König were ick leet di so.« (Schade, daß die Ehre -nur sieben Tage dauert; wenn ich der König wäre, ich ließe Dich so.) -- -Die Ehre, eine solche Charge zu bekleiden, wird freilich von den Eltern -theuer bezahlt, und schlägt man diese siebentägige Ehre meistens auf -eben so viele hundert Thaler an. - -»Die Kieler Einwohner entwickeln in Beziehung auf ihre Lebenslust einen -süddeutschen Character. Die Vergnügungsörter in und um die Stadt sind -meistens von Besuchern erfüllt; namentlich wird die Schießkunst von -allen Ständen exercert, so daß es nicht selten vorkommt, daß man in -dem Kieler Wochenblatt an demselben Tage, in denselben Umkreise von -einer Meile sieben bis acht Vogel- resp. Scheibenschießen angekündigt -findet. Der Preis des besten Schusses ist sehr verschieden, und sinkt -von bedeutenden Silbersachen bis zu einigen Pfunden Aale hinab, welche -die ärmeren Fischer dem Sieger erkennen. Die Stadt Kiel hat eine -grüne Schützengarde, von der sich auszuschließen zu meiner Zeit den -Schimpf des Bankerotts noch überstieg. Als die alte Mutter eines dieser -Gardisten zum Erstaunen des Lombardverwalters das beste Weißzeug des -Hauses versetzen wollte, und dieser hierüber seine Verwundrung äußerte, -antwortete sie mit derselben Ruhe, womit ein Vernünftiger die Wirkung -einer Naturnotwendigkeit anerkennt: »Et is ja dat Vagelscheten.« - -Während des Umschlags fehlt auch nicht das Hazardspiel. Der Kammerherr -und Oberst v. T., den sein Onkel, der reichste Privatmann in Holstein, -wegen dieser Sorte Industrie enterbt hatte, ließ in drei Kaffeehäusern -Bank halten, und verschmähte es selbst nicht, die ritterlichen Finger -zum Abschlag einer Taille in Bewegung zu setzen. Wahrlich, es ist -eine Schande, daß Deutschland im 19. Jahrhundert solche Glücksritter -duldet, daß Fürsten sie bebändern und zur Tafel ziehen, was jeder -ehrliche Schinder zehnhundertmal eher verdient, als diese Agenten -der Hölle. Und können diese Ungeheuer einmal nicht entbehrt werden, -warum belastet man sie nicht mit der Infamie ihres Geschäfts, wie -einst ungerechter Weise die Freiknechte, Müller, Leineweber und -Schweineschneider anrüchig waren? Warum erlaubt man ihnen in den Bädern -an der Table d’hote zu speisen, und in den Promenaden gleich andern -ehrlichen Leuten zu wandeln? Warum tragen sie nicht ein polizeiliches -Abzeichen? Warum sind sie nicht in Wachstuch vernäht, wie es Leuten -zukömmt, welche Pestkranke herumschleppen? -- Wahrlich ich sage Euch, -Ihr Fürsten! Ihr könnt höchstens auf den Titel eines Stiefvaters -aber nicht auf den des Landesvaters Anspruch machen, so lange ihr -das Spielergezücht in Euren Ländern duldet, ohne es wenigstens durch -ein Abzeichen zu beschimpfen. Glaubt mir, der Gegenstand ist wichtig -genug, um meine Worte zu beherzigen, und möchte sich gar wohl zu einer -vertraulichen Sitzung des Bundestages eignen. - -Unter den Professoren meiner Zeit ist außer dem humoristischen +Pfaff+, -dem vielgeliebten +Dahlmann+, dem Menschen rettenden +Ritter+, vor -allen Dingen der Statsrath +Cramer+ zu merken, der sowohl als Jurist -wie als Philolog eine der ersten Stellen auf deutschen Kathedern -einnahm. Nie habe ich ein fertigeres und schöneres Latein als von ihm -gehört. Dabei war er ungemein launig. Als einst ein Student, seinem -vortrefflichen L’hombrespiele zusehend, mit dem Gesichte fast auf -dessen Schultern ruhte, zog Cramer mit der größten Ruhe sein Sacktuch -aus der Tasche, und ergriff damit die Nase des Studenten, als ob er sie -schneuzen wolle, indem er sogleich eine erschrockene Miene affektirte, -und sich dann mit den Worten entschuldigte: »Verzeihen Sie mein Herr, -ich glaubte, es sei +meine+ Nase.« Mit dem Professor der deutschen -Sprache, Adolph +Nasser+, einem süßflötenden und lispelnden Männchen -aber von dem besten Herzen, dem es gar komisch anstand, wenn er das -Nibelungenlied erklärte, und sich selber vor der starken Brunhild, -welcher die Männer an die Wand aufhing, zu fürchten schien, -- hatte -Cramer einst L’hombre gespielt, und Nasser, der sein ganzes Geld auf -Sonderbarkeiten verwendete, eine bedeutende Summe an ihn verloren. -Nasser hatte im besten Glauben das Dreifache seiner Schuld zu zahlen, -Cramer eine Gemme gebracht, welche diese zwar lächelnd angenommen -hatte, die ihn aber doch veranlaßte vor jeder künftigen Partie mit -Nasser zu bemerken: »Herr Professor, wir spielen aber nicht um -Steine.« Höchst merkwürdig war es, daß Cramer, der später in Wahnsinn -verfiel, ein Werk geschrieben hat, wovon er sich nach erfolgter Heilung -nicht das Mindeste erinnerte. Dieses Manuscript, voll von geistlichen -Sarkasmen, ist meines Wissens nicht gedruckt, sondern durch Cramers -Familie von einem Buchhändler, der es bereits käuflich an sich gebracht -hatte, wieder erstanden, und vielleicht für die Nachwelt aufbewahrt. - -Die Freigebigkeit und Ungehörigkeit der dänischen Titel zeigte sich -auch an einigen Mitgliedern der Universität. Es giebt vielleicht kaum -ein friedlicheres Geschäft, als das eines Geburtshelfers. Nichts -destoweniger war der eine, Namens Wiedemann, +Justizrath+, der andere, -ein Herr Maas, +Kriegsrath+. - -Die Kieler Studenten theilen sich in solche, welche auch andere -Universitäten besucht haben, und in »Kümmeltürken,« welche in Kiel -absolviren. Da zu meiner Zeit die Matrikel vom Soldatendienst frei -machte, so sah man gar viele Bauerburschen, welche das Geld, das -eigentlich einem Stellvertreter gebührt hätte, in Kiel vergeudeten, -und später, wie Phocion aus der Schlacht, vom Kommersch zu den Rüben -zurückkehrten. - -Die ewige Selbstverspottung, worin die Holsteiner zu leben pflegen, -und womit sie sich und ihre Landsleute weidlich züchtigen, macht es -jeder Individualität schwer, sich auszuzeichnen, und sich als solche -geltend zu machen. In einer eng abgeschlossen, geistig etwas langsamen -Nationalität, bei der engen Verknüpfung der Persönlichkeit und ihrer -Verhältnisse untereinander wo Jeder dem Andern in die Fenster und in -den Mund guckt, erzeugt sich leicht jene etwas philisterhafte Vorliebe -für die abstracte democratische Gleichheit im Gebiete des Geistigen, -und ein Widerwillen gegen jede hervorragende oder überragende -Persönlichkeit, die auf der andern Seite wieder die Scheu als solche -heraus, ja überhaupt nur frei aufzutreten nach sich zieht. Das erinnert -an die Ephesier, die den Hermodorus durch Ostrazismus verbannten, weil -unter ihnen keiner besser und geschickter sein solle als die Anderen -eben auch. Der Demos von Ephesus sprach also das: »Wir brauchen keine -gescheite Leute!« schon über 2000 Jahre vor den guten Holsteinern aus. --- - -Noch an demselben Abende, da ich in Kiel angelangt war, besuchte ich -einen Jugendfreund, den ich für meine Universitätsbekannte hier mit -seinem Spitznamen, Junker »Slenz«[10] bezeichnen will. Slenz war eine -ehrliche Haut, voll Mutterwitz, allein kein Verehrer vom Brodstudium. -Und doch konnte er, wenn gleich von einer sehr angesehenen Familie, -dem Examen in Schleswig nicht entgehen. Er lebte daher jetzt in -Düsternbrock bei dem Kaffetier Bruhn, woselbst er »+ochsen+,« (der -technischem Ausdruck der Studenten für »+fleißig sein+«) wollte. -Allein des Morgens schadeten die +Katzen+ dem +Ochsen+. Denn Slenz -hatte die Manier, sobald er irgend einer Katze ansichtig wurde, und -in Düsternbrock war grade ihr Congreßplatz, auf dem sich damals schon -viele mit Frühlingsahnung einfanden, -- sie mit seiner Flinte zu -verfolgen, wobei er denn seine Abhandlung über den »_salvum conductum_« -denn oft ganze Stunden suspendirte. Am Nachmittag aber zogen die -kneiplustigen Musensöhne den oben meditirenden Candidaten mit mehr als -Katzengewalt, wieder als alten Burschen in ihre Zirkel hinunter, wo -sie seinen ritterlichen Burschenthaten und Erzählungen, in denen viel -Wahrheit und viel Dichtung war, zuhorchten. - -Ich traf Slenz auf seinem Zimmer im wissenschaftlichen Gespräch mit dem -biedern und gelehrten Doctor Steffens, meinem Universitätsfreunde von -Heidelberg her, dessen Verdienste um des Examensfieber der Holsteiner -und Schleswiger, welche fünf Tage ein mündliches und ebenso lange -ein schriftliches Examen bestehen müssen, ein unsterbliches genannt -werden kann. Meine Erscheinung störte natürlich Slenz wieder in seiner -juristischen Verpuppung, ich mußte Nachrichten über den Stand der -Burschenschaften, über die Zahl des Corps, über den Biercomment, über -die Art und Weise wie man losging, (sich duellirte,) über die Existenz -einiger hübschen Philistertöchter, ob man grüne und weiße Fläuse trage, -und dergleichen Dinge von Wichtigkeit mehr, geben. - -Steffens war schon längst fort, als wir noch im eifrigsten Gespräche -waren. Slenz erzählte grade von der berühmten Stürzerei, wo mein Freund -v. H. in Göttingen siebzehn Kurländer gefodert hatte, weil diese sich -nachtheilig über einen Freund von ihm geäußert hatten, als es ungestüm -an die Thüre pochte, und ohne das »Herein« abzuwarten, ein kurzer -kräftiger Vierziger, sichtbar erhitzt, mit funkelnden Augen herein trat. - -»Herr von Slenz,« rief er aus, »ich bitte daß Sie mir secundiren, daß -Sie den verdammten D--r fodern.« - -»Haben Sie endlich mit ihm angebunden? Hat er Sie endlich touchirt?« -versetzte mein Freund. - -»Freilich hat er das. Er hat mich einen niederträchtigen Kerl genannt,« -versetzte der Fremde. »Aber er soll es mir büßen. Fodern Sie ihn ja nur -morgen früh, liebster Herr von Slenz. Meine Ehre brennt mir, ich muß -sie in Blut abwaschen.« - -»Sie wissen mein lieber Herr D--r,« versetzte Herr von Slenz, »daß ich -mich mit Paukereien gar nicht abgebe, weil ich ochse. Zudem habe ich -schon mehrere Male das _consilium_ unterschrieben, und möchte nicht -gern vor dem Examen wieder in eine solche Suite verwickelt werden. - -»Aber da ist hier mein Freund, der thut das gleich. Der hat noch keine -Stunde Carcer gehabt (Nich wahr lüt Tedor, Du deihst dat glick? Nicht -wahr kleiner Theodor du thust das gleich?)« fuhr er gegen mich gewendet -fort. - -Slenz sprach nur plattdeutsch, wenn er Geld borgen oder Jemanden sonst -überreden wollte. - -»Ich muß doch die Herren miteinander bekannt machen,« endete er. - - »Der Herr Obergerichtsanwald D--s, ein braver couragöser Philister, - der geistig immer Bursch geblieben und Herr Theodor v. Kobbe, - Secretair und Deputirter der Heidelberger Burschenschaft, Eminenz - der Heidelberger _Cerevisia_.« - -»Da mein Freund Slenz es wünscht, so will ich die Herausfoderung -überbringen,« sprach ich nach dem Sprichwort, _qui cito dat, bis -dat_, schnell, aber nicht ohne einige Verstimmung. -- Es galt aber -doch auch in Kiel forsch zu debütiren, ich erkannte eine burschikose -Notwendigkeit an. - -O Sie Goldmann! rief D--r. Sie schaffen mir meine Ehre wieder! -- - -»Ich glaube nicht, daß der Kerl überall sich schlägt,« bemerkte Slenz. - -»Muß, muß, muß, muß,« protestirte D--r. Auf Pistolen oder Degen, -einerlei. Eine Narbe soll ihm schon gut stehen, in seinem fieberhaften -Basiliogesicht. Wann befehlen Sie morgen frühe, daß ich zu Ihnen komme -und Sie näher instruire?« - -»Um acht Uhr stehe ich zu Dienste,« versetzte ich. Die acht Schläge -waren noch nicht verklungen, als D--s in mein Zimmer trat. Nach einigen -Minuten führte er mich vor die Wohnung des Advokaten D--r. - -D--s war von einer angesehenen Kieler Patrifamilie. Auf dem Hinwege -sprach er bei vielen seiner Jugendfreunde vor und erzählte ihnen, -daß ich jetzt im Begriff sei, den Injurianten D--r zu fodern. Diese -Mittheilung schien übrigens nicht viel Sympathie zu erregen, was mich -verdroß. -- Indessen, wer A gesagt hat muß B sagen, und geschah ja -Alles aus Liebe für Slenz. - -D--r war ein reicher Advokat. Man schätzte seinen Verdienst auf -8000 Rt. jährlich. Das war übrigens noch nicht das Meiste, welches -ein Anwald verdiente. Der Advokat Adler in Altona hatte sogar eine -jährliche Einnahme von 20000 Rt. angegeben, deren saurer Erwerb ihm -freilich auch am Ende den Verstand kostete. -- Zum Theil verdienten -diese Herrn, und thun es noch, diese Summen durch Geldgeschäfte. -Inzwischen wußten sie auch die juristischen Arbeiten schnell zu -improvisiren. Der Advokat +Hagemeister+ in Kiel, vulgo von den -Bauern ohne alle Ironie »+Hagelmeister+« genannt, kam einmal in ein -Gasthaus nach Neumunster, wohin sogleich mehrere Eingesessene des -Ortes strömten, welche beim Landgericht einen Prozeß verloren, ihm das -Urtheil zeigten und ihn um Rath fragten, ob sie appelliren sollten, -und ob er in zweiter Instanz ihre Sache beim Glückstädter Obergericht -führen wolle. - -»Kinder,« erwiederte Hagemeister theilnehmend »ich habe gestern Abend -schon von dem unglücklichen und unvernünftigen Urtheil gehört« -- -und nun las er aus seinen mitgebrachten Papieren, die einen ganz -andern Gegenstand betrafen, und die vor dem Neumünster Amt verhandelt -werden sollten, indem er dann und wann umblätterte, den horchenden -triumphirenden am Ende ihren Prozeß im Geiste schon gewonnen habenden -Bauern eine Deduction, ganz aus der Luft gegriffen vor, -- so daß diese -begeistert ausriefen: »Bravo, Herr Hagelmeister! dat schall Ihr Schad’ -nich syn dat Se disse Nacht vör uns schreben hebbt.« -- »Bravo Herr -Hagelmeister! das soll Ihr Schaden nicht sein, daß Sie diese Nacht für -uns geschrieben haben.« -- -- -- - -Ich trat also in D--r.’s Haus. Ein gallonirter Bediente meldete mich. -Ich wurde in ein Staatszimmer geführt, in welches auch der Herr alsbald -eintrat. - -»Sind Sie nicht, lieber Herr von Kobbe! ein Neveu von Grafen R.?« Mit -diesen Worten empfing er mich. Ich nickte bejahend. -- - -»Wie freue ich mich, Sie kennen zu lernen?« fuhr er verbindlich fort? -»Mein Schwager K., der damals ein Sekretair Ihres Herrn Onkels war, -hat mir hundert Male von Ihnen erzählt, namentlich von einer Travestie -der Glocke, die Sie schon als Schüler verfertigt haben und die so -allerliebst sein soll. Wie lange sind Sie schon in Kiel?« - -»Seit gestern,« versetzte ich bald unmuthig über die Tücke des -Schicksals, die mich zu einem tantalischen Nicht-Frühstück eingeladen -hatte, denn sofort schellte D--r. und bestellte bei dem so schnell -eintretenden wie verschwindenden Diener Austern und Madeira. -- - -Ich deprecirte. - -»Setzen wir uns, Sie müssen eine Kleinigkeit bei mir genießen. Ich -lasse Sie nicht.« - -Er zog mich auf das Sopha. -- - -»Herr D--r« unterbrach ich ihn in einer komisch verdrießlichen -Stimmung, »es thut mir leid, allein ich darf hier im Hause nichts -annehmen und nichts fordern, als Sie selbst. --« - -»Wie so? lieber Herr von Kobbe. --« - -»Ich soll Sie vom Advokaten D--s. auf Pistolen oder Degen, gleich viel -wie, fordern.« - -»So?« rief D--r. gedehnt. »Aber darf ich fragen, wie Sie zu der -Bekanntschaft des Herrn D--s. kommen?« - -In dem Augenblick servirte der Famulus Austern und Dry-Madeira. Herr -D--r nöthigte kalt, ich dankte warm. Die Frage durfte ich nicht -beantworten. -- Slenz hatte mir verboten, seiner Intervention zu -gedenken. -- Ich drang daher, wie ein Gesandter am Türkischen Hofe auf -eine unumwundene Erklärung. - -»Wenn Herr D--s,« fuhr Provocat feierlich fort »erst den Schimpf -ausgewetzt hat, der ihm dadurch geworden, daß ihn der Advokat -Hagemeister vor 20 Jahren die Treppe hinunter geworfen, wenn und wenn --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- und wenn -- --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --« - -Alle Vordersätze enthielten lauter Vorwürfe, nach denen D--s noch alte -Scandäler auf sich sitzen lassen habe, was ich freilich noch bis zur -Stunde von D--s. Persönlichkeit nicht glaube, und andere Criminationen, -von denen ich übrigens noch eine sehr ergötzliche zu erzählen weiß. -Sie enthält nämlich eine Anweisung, wie man angesehenen Staatsdienern -und Magistratspersonen Ohrfeigen austheilen kann, ohne befürchten zu -brauchen, deßhalb zur Verantwortung gezogen zu werden, und geht von -der wahren Voraussetzung aus, daß die meisten Staatsdiener, und grade -den höchst gestellten, am Besten besoldeten und so zu sagen verzogenen -am Ersten einmal eine ungebührliche Aeußerung über ihren Landesherrn -entfährt.[11] - -D--s soll nämlich gegen einen frühern längst verstorbenen -Bürgermeister, eine große Malice gehabt und nun einen Moment abgewartet -haben, wo dieser in _N^o 1_, dem Professoren und Philister-Zimmer, des -Bruhnschen Kaffeehauses zu Düsternbrock ein Sprudelkopf sich etwas -ungezogen über die Dänische Majestät ausgedrückt hatte, dann aber -sofort dem Bürgermeister _coeram multis testibus_ eine heftige Ohrfeige -applicirt haben, die er noch durch die Worte gepfeffert hatte: »Ich -sehe ein, ich habe mich übereilt, verklagen Sie mich immer hin, Herr -Bürgermeister! allein ich kann es nicht hören, wenn man auf meinen -König schimpft. Ich will gerne Strafe leiden, wenn der mich nicht -begnadigt, um dessen willen ich sie verwirkt habe.« - -D--r concludirte endlich nach allen »+Wenns+« dahin, daß, wenn alle -diese »+Wenns+« nicht wären, er nicht ermangeln würde, dem Hrn. D--s -die verlangte Satisfaction auf Degen oder Pistolen zu ertheilen. - -Mit dieser betrübenden Wendung eilte ich sehr verstimmt davon. Ich -beklagte meine Voreiligkeit, die mich übrigens seit Lebzeiten gewitzigt -hat, -- und berichtete dem Hrn. D--s und seiner ihn umgebenden -Schaar getreulich die Gründe, welche Hrn. D--r bewögen, die von mir -geschehenen Forderung zu verweigern. - -»O über den Cujon!« lachte D--s -- »er glaubt, eine _exceptio litis -ingressum impediens_ zu haben. Allein das soll ihm nichts helfen, Herr -von Kobbe, ich räche Sie und mich eclatant.« - -Ich ging zu Hause und mußte zu dem unglücklichen Feldzug noch die -verdienten Vorwürfe meines Bruders, mich auf die Geschichte überall -eingelassen zu haben, ertragen. - -Von dem Augenblick an entschloß ich mich, jedem burschikosen Treiben zu -entsagen. Wer mein academisches Leben von jetzt an verfolgt, wird mir -das Zeugniß anhaltenden Fleißes nicht versagen. Ich war aber auch recht -sehr zurück, ich mußte wol mit drei bis vier Studentenkraft arbeiten, -und habe es am Ende doch nicht weit gebracht, weil ich sehr kränklich -wurde. Ich bekam nämlich die gallopirende Schwindsucht, die mein -vortrefflicher Arzt, der Doktor +Ritter+, dessen Liebe oder Kunst ich -mein Leben verdanke, erst in den Trab, dann in Schritt setzte und die -mich endlich aus Langeweile gänzlich verließ. -- - -Die Geschichte mit dem Advokaten ist noch nicht aus. Am ersten schönen -Frühlingstage ging D--r im Schloßgarten. Bald darauf hörte man Hülfe -rufen. Der Rathsdiener, welcher sich in der Nähe auch auf einem -Spatziergange von der Sonne bescheinen ließ, und überhaupt gerne bei -Verhinderung des Hochweisen Senats das Geschäft eines Friedensrichters -übernahm, folgte unverzüglich dem Angstgeschrei und fand: -- -- -- -- --- Man hörte ihn, sobald er in das Dickicht getreten war, ausrufen: - - »Im Namen Seiner Majestät des Königs Friedrich des Sechsten von - Dänemark, Erben von Schweden und Norwegen, Herrn von Ditmarsen, - Wagrien, Stomarn Administrator[12] der Grafschaft Ranzau u. s. - w. u. s. w. beschwöre ich Sie, meine sehr verehrtesten Herren - Obergerichtsadvocaten! nicht den Landfrieden durch handgreifliche - Betastungen, welche durchaus dem Charakter von Realinjurien an sich - zu tragen den Anschein gewinnen möchten, zu stören und nicht den - Schloßgarten Seiner Majestät diesen durch und durch befriedeten - geheiligten Ort, durch solche Acte unfreiwilliger Gerichtsbarkeit - zu entweihen.« -- - -Am andern Tage hieß es in Kiel, der Advocat D--r sei gestern vom -Advocat D--s im Schloßgarten angefallen und gemißhandelt worden. Nur -die Intervention des rechtskundigen Rathsdieners habe größeres Unglück -verhütet. - -Der Advocat D--r reichte sofort eine Denunciation wegen -Landfriedenbruchs und Wegelagerung bei dem competenten _foro_ des -_delicti commissi_ ein. Wir, der Rechtswissenschaft Beflissene, fanden -die erste Beschuldigung doch zu sehr übertrieben und waren der Meinung, -daß zum Landfriedensbruch doch wenigstens ein Pluralis gehöre. - -Ein halbes Jahr darauf wurde ich vor das _arctius_ citirt, welches, -wenn ich nicht irre, aus der Quintessenz, wenigstens aus fünfen des -academischen Senats bestand. - -Ich wurde aufgefordert, zu erzählen, welch eine Bewandtniß es mit einer -angeblich von mir überbrachten Forderung des Advocaten D--s an den -Herrn Advocaten D--r habe. - -Ich referirte dem _arctius_ die Sache, wie jetzt dem verehrten Leser, -und wünsche bei dem letzten dieselbe unverbissene Hilarität zu -erwecken, die ich damals bei den ehrwürdigen Vätern zu erregen schien. -Als diese indessen in ein nicht länger verhaltbares Lachen ausbrechen -wollten, mußte ich abtreten. - -Nach wenigen Minuten wurde ich wieder vorgerufen. Ich befürchtete -innerlich jetzt, die erste academische Rüge zu erhalten. -- Denn wenn -ich ja einmal in Heidelberg hier und da eine verdient hatte, so pflegte -ich reiche, auch im Philisterio dereinst unabhängige Füchse hin zu -schicken, die von der Natur dazu construirt waren, einen Tag Carcer zu -ihren Lebensfreuden zu rechnen, und Nichts eifriger zu thun hatten, -als solche und ähnliche Memorabilien zu sammeln, um sie dereinst als -Rittergutsbesitzer, oder im Besitz städtischer Ehrenposten beim Glase -Champagner wieder zu erzählen. - -»Der _arctius_ kann nicht umhin,« begann der Vorsitzende der -Burschen-Hermandad, »Sie, lieber Herr von Kobbe! darauf aufmerksam zu -machen, wie nahe Sie daran gewesen wären, die Gesetze zu übertreten, -wenn die Forderung des Advocaten D--s vom Advocaten D--r angenommen -worden wäre.« - -Eine solche Nachsicht war mir unerwartet. -- Ich dankte für gnädige -Nichtstrafe sehr lebhaft. - -»Schon gut!« bedeutete man mir. - -Allein ich war im Fluß der Rede und kam _parlando_ nimmer mehr -hinein. Meine Dankbarkeit wurde immer gränzenloser. Mir war zu Muthe, -als ob ich inspirirt werde. Ich stieg immer höher in meinem Lobe. -Ich verglich, wenn ich nicht irre, die Gerechtigkeitsliebe meiner -Professoren mit der der unterirdischen Oberappellationsräthe Minos und -Consorten, ihre Güte mit der himmlischen Indulgenz. -- Da klingelte -zuletzt der Präsident, und befahl dem Pedell, mich ohne Weiteres in’s -Carcer zu sperren, wenn ich noch ein Wort des Lobes rede. - -Glücklicherweise fiel mir der Satz ein: »_Incidit in Scyllam qui vult -vitare Charybden_.« Ich schwieg und zog von dannen. - -Mein sehr gutes Kieler Zeugniß enthält keinen Tadel über die versuchte -Kanonisirung ihres _arctius_. - -Ich aber muß noch in meinen alten Tagen darüber lachen, wenn ich daran -denke, wie den fünf Professoren, deren Stand gewöhnlich viel Lob -vertragen kann, einem nach dem andern dasselbe doch zu arg wurde. - - - - -Vierzehntes und letztes Kapitel. - - Burchardi. Des Vaters Tod. Die Brüder. Santo. _Dr._ O., der - Würgengel. Fischer. Heinrich. Schluß. -- - - -Der Professor +Burchardi+ wollte damals promoviren und veranlaßte -mich, ihm zu opponiren. - -Ich war von Rendsburg, wo ich daselbst zum Besuch bei meinem Vater -gewesen, nach Kiel zurückgekehrt. Am Vorabende wurde ich mit meinem -ältern Bruder von einem Ball, der auf dem Schlosse gegeben wurde, -abberufen, und erfuhren wir jetzt, daß unser guter unser vortrefflicher -Vater, ein Engel in Menschengestalt, todt auf dem Markte in Rendsburg -niedergesunken sei. - -Am andern Tage erschien mein zweiter Bruder, der vier Jahre mit der -alliirten Armee in Frankreich gewesen war. Nach mehrjähriger Trennung -sahen wir uns Drei an der Leiche des Vaters wieder. - -Es kam mir bei dem Wiedersehen vor, als ob der Vater aus Liebe und -Erbarmen erwachen wollte. -- Allein ich irrte mich! -- Wir haben für -unsere »Liebe zu ihm, für unsern Schmerz um ihn keine Worte«, endete -unsere Anzeige seines Todes. Ganz Rendsburg trauerte um ihn, und es -thut mir noch wohl, dieser Stadt in Liebe zu gedenken. Ich grüße Euch, -Ihr Freunde des Vaters! -- - -Wir drei Brüder zogen jetzt zusammen nach Kiel. Ich hatte das Glück, -ihr Lehrer im Lateinischen zu werden. Sie überflügelten mich bald. Der -älteste hat jetzt eine römische Geschichte geschrieben, welche die von -Niebuhr in so mancher Hinsicht entstellte _Vulgata_ restituiren -wird; der zweite hat jetzt seine zweite Ausgabe einer vortrefflichen -Uebersetzung des Ciceros über den Staat besorgt. Beide waren früher -dänische Offiziere. Mit Brüdern renommiren, ist verzeihlich. Mit mir -selbst kann ich das leider nicht. -- - -In Kiel hatten wir einen Bekannten von einer der angesehensten Familien -Holsteins, die aber verarmt war. Der junge Mann war uns früher, da -sein Vater noch nicht einen Prozeß verloren, der ihn um sein ganzes -Vermögen gebracht, von alten Tanten als ein Muster vorgestellt worden, -sogar von seinem ehemaligen Lehrer, der ihn übrigens nichts gelehrt -hatte, wenn auch nur aus dem Grunde, daß er selbst nichts wußte. - -Dieses ehemalige Vorbild besuchte uns täglich. Da wir gewöhnlich -beschäftigt waren, mußte er fast immer lesen bis zum Thee, bei dem wir -nach vierzehnstündiger Arbeit ruhten. Er nahm gewöhnlich den dänischen -Staatskalender, in den er übrigens selbst nie gekommen ist zur Hand. - -Eines Tages erzählte er uns, daß er auch auf einen Studentencommersch -zu gehen beabsichtige. Sein Vater habe es ihm erlaubt, ihm indessen -verboten, Brüderschaft mit Theologen zu trinken. »Denn«, habe -er gesagt, »es wäre doch immerhin möglich, daß wir unsere jetzt -verpfändeten und in Prozeß befangenen Güter wieder erhielten und daß -ein solcher Universitätsfreund einmal unser Pfarrer würde, dann würde -sich aber eine Brüderschaft zwischen Euch beiden doch nicht schicken.« - -Welche Eventualmaxime! - -Jährlich, zur Zeit der Messe, »Kieler Umschlag« genannt, wegen dessen -näherer Beschreibung ich gleichfalls auf meinen Aufsatz in der Pandora -verweisen muß, war in Kiel Theater. Der Schauspieldirector Santo -war ein vortrefflicher Musikkenner und hätte daher wenigstens etwas -für die Oper gethan, wenn er nicht allzu öconomisch gewesen wäre. Er -hatte zwei Pflegetöchter, Kinder des verstorbenen Schauspieldirectors -Breyther, welche die Lieblinge des Publikums und _in specie_ der -Studenten waren, in deren Namen ich im Jahre 1819 noch nach Beendigung -des Umschlags vom dermaligen Magnificus, dem sehr liebenswürdigen -Professor Falk, die Erlaubniß zu einer Vorstellung, welche zum Benefiz -der Breyther’schen Kinder dienen sollte, erbat. -- Ich hatte dabei zur -Bedingung gemacht, das aufzuführende Quodlibet wählen zu dürfen, und -suchte nun lauter Scenen worin meine Protegnes vorzüglich glänzten. -Leider hatte die älteste, ein liebliches Mädchen, ihre erste Liebe -an einen jungen ausschweifenden Menschen, den Tenoristen und Sohn -eines berühmten Hamburger Schauspielers weggeworfen, der, wenn er, -was häufig der Fall, von nächtlichen Orgien heiser war, bloß auf der -Bühne gesticulirte, während ein anderer Schauspieler, ein Sachse, dem -Hände und Füße im Wege standen, zwar nur nicht mit gleich schöner, aber -doch mit frischer Stimme, das Alibi, der anderen hinter den Coulissen -ergänzte, ohne daß das Kieler Publikum während des ganzen Marktes -diesen Betrug bemerkte. Louise Breyhter wollte aber nicht von ihrem -Schatz lassen, ja sie ging in der Nacht nach jenem Benefiz wovon sie -indessen wenig bekommen haben mag, mit ihrem Geliebten durch. - -Wir hatten alle schon eine halbe Ahnung davon, denn sie sang das Duett: - - Ewig bleib ich der (die) Deine, - Ewig bleibst Du die (der) Meine, - Was auch der Alte spricht - -mit ihrem Geliebten, indem sie auf Santo, der im Theater dirigirte, -auf den sie Beide mit dem Finger hinwiesen, in solcher Laune, daß man -eine italiänische Oper, worin zwei Liebende und ein geprellter Alter -agiren, nur zu lebendig vor Augen sah. Ein donnernder Applaus hatte -das liebende Paar vielleicht noch insbesondere zu ihrer leichtsinnigen -Reise auf gemeinschaftliche Kosten begeistert. - -Einer der witzigsten Studenten war der joviale _Dr. med._ O.... in -Krempe. In der Neujahrsnacht schrieb er an die Thür des damaligen -Polizeiministers, der ein braver Mann war, aber etwas zu sehr _brevi -manu_ entschied: »_Fiat justitia_«, und an die Thür dessen Nachbars -eines theoretisch sehr gebildeten Arztes, der aber am Krankenlager -nicht glücklich war: »_Pereat mundus._« Diese für keinen Arzt -schmeichelhafte Inscription war für den Beleidigten um so betrübender, -als derselbe den Spottnamen +Würgengel+ führte, den er daher hatte, daß -er einmal Arzt in einer Ruhrepidemie gewesen war, wo der Familienvater -Frau und sieben Kinder verloren. Als nun der Gebeugte, nachdem er die -Seinigen begraben, seinen Verlust im Wochenblatt angezeigt, hatte er -dies mit den Worten gethan: - - »Auch der Würgengel trat in mein Haus«, - -was die böse Welt anstatt auf den »+Todesengel+« auf den »+Hausarzt+« -bezogen hatte. -- - -Als O.... seine Doctordisputation hielt, opponirte ihm ein jüdischer -Mediciner voll Gelehrsamkeit, der ihn namentlich durch seine große -Gewandtheit im Lateinsprechen in große Verlegenheit setzte. Als O. zu -sehr sich eingeschlossen sah, endete er den ganzen Streit, indem er -die ganze Disputation mit den Worten selbst schloß: _Sed sat iam verba -fecimus, hoc tibi tribuo testimonium te fortissimis pugnatoribus atque -adeo Maccabeis esse anumerandum. Hoc tibi concedo._ (Wir haben genug -geredet, ich stelle Dir aber das Zeugniß aus, daß du zu den tapfersten -Kämpfern, ja sogar zu den Makkabaern zu rechnen bist.) Dieses concedire -ich Dir. - -Der alte um das holsteinische Partikularrecht sehr verdiente Schrader -war eben verstorben. Da der alte Professor gewöhnlich seine Vorlesungen -mit den Worten: »Meine Herren? ich will Ihnen einen _cosus_ für einen -_casus_ verzählen,« angefangen hatte, so war ihm der Spitznamen Herr -»_Cosus_« seiner Frau der »_cosa_« geworden. Die Söhne und Töchter -wurden aber respective _cosellus_ und _cosella_ genannt. -- - -Ein interessanter Lehrer war der alte Anatom Fischer, bei dem ich die -_medicina forensis_ hörte die er mit einem ungemeinen Humor docirte. -Seltsam war sein Ernst, wenn er auf die Todesstrafen kam, von denen -er nur das Ertränken und den Tod des Hängens statuirt wissen wollte -und uns fast allen das Wort abnahm, wenn wir dereinst in unserm -Beruf darauf zu wirken im Stande sein würden, nur diese Arten den -Menschen vom Leben zum Tode zu bringen einzuführen. »Das Messer, die -Guillotine,« pflegte er zu sagen, »giebt zwar einen momentanen Tod, -allein der Schmerz ist ein so ungeheurer, daß der tausendste Theil -hinreichen würde, um einen Menschen zu tödten, während die vom Strick -geschnittenen und aus dem Wasser gezogenen Scheintodten welche wieder -in das Leben zurück gerufen sind, Alle bezeugen, daß sie ohne Schmerz -und ohne Angst in den Zustand der Bewußtlosigkeit gesunken sind. -- -Diese Bemerkung überantworte ich den Gesetzgebern und Machthabern zur -Erwägung.« - -Uebrigens war Fischer zu jener Zeit in einem humoristischen Streit -verwickelt. Er hatte an dem Sitzfleisch des später ermordeten Dänischen -Ministers v. Q. die glücklichste Operation seines Lebens, durch -Beseitigung eines Fistelübels gemacht, und sich dessen unbedingte -Dankbarkeit erworben, die sich aber doch opponirte, als der Retter -die Krankheitsgeschichte seines hohen Patienten mit dem in Kupfer -gestochenen leidenden Theil publiciren wollte. »Der Undankbare,« -pflegte Fischer zu sagen, »er will nicht einmal einen unbedeutenden -Theil seines Körpers in _efigie_ Preis geben, um damit die Wissenschaft -zu bereichern.« - -Der Professor Heinrich, einer der berühmtesten Philologen seiner Zeit, -hatte damals schon Kiel verlassen. Es waren mehrere Histörchen von -ihm im Gange, von denen mir immer die als die komischste erinnerlich -ist, daß er, während das Schwedische Hauptquartier in Kiel lag und -er Proreiter war, er nach einem fröhlichen Souper, bei dem der -Wein oft gekreist hatte, mit dem verstorbenen _Dr._ L-- aus Plön -in einen so lauten Wortstreit über das »Thema,« wie viel Füße ein -Krebs habe, gerathen sein soll, daß beide von einer schwedischen -Patrouille auf die Hauptwache gebracht worden, von wo aus erst ein an -den Commandanten geschriebener Brief dem Patriarchen der Studenten -seine augenblickliche Freilassung bewirkt haben soll. -- So schaden -Krebse nicht bloß den Buchhändlern sondern auch den Gelehrten. -- -Heinrich hatte etwas Imponirendes, das er noch durch eine seltene -Kälte zu steigern verstand. Ein junger Mann, den wir A nennen wollen, -aufgebracht über einige Ausdrücke, welche der Professor über mehrere -Damen geäußert hatte, ging in seine Wohnung, und redete ihn mit den -Worten an: - - A. »Herr Professor, haben Sie das und das über die und die Dame - gesagt?« - - H. »Ja.« - - A. »Das müssen Sie zurück nehmen?« - - H. »Das thue ich nicht.« - - A. »Das sollen Sie.« - - H. »Das will ich nicht.« - - A. »Nun dann weiß ich, was ich zu thun habe.« - - H. »Das wissen Sie nicht.« - -Und so war es, der junge Mann wußte in der That nicht, was er zu thun -hatte. Er schlich von dannen, und die Sache blieb ohne Erfolg. -- - -Doch es ist Zeit, meine beiden Bändchen zu schließen. Ich hoffe meine -academischen Jugendfreunde und Landsleute durch die Erzählung dieser -Erinnerungen eine frohe Stunde bereitet zu haben, wie sie mir die -Recapitulation meiner Remniscenzen verursacht hat, und damit ist mein -Zweck erreicht. -- - -Ich habe nur etwa noch hinzuzufügen, daß ich jetzt schon 20 Jahre im -Oldenburgischen Dienst stehe, und das Glück habe, unter einem Fürsten -zu leben, der Seinesgleichen wie Seinen Unterthanen ein unerreichtes -Vorbild an Güte des Herzens bleibt. -- Diese Hände bezeugen dabei, -daß sie Namens Seiner Hohen Gemahlin mehr Gold als sie fassen können, -erhalten haben, um Thränen des Schmerzes und Kummers zu lindern und -längst versiegte Freudenthränen hervor zu rufen. Von dieser letzten -Sorte wird meine Herrin dereinst einen Halsschmuck im Paradiese -tragen. Ich fürchte nicht der Kriecherei gezüchtigt zu werden, wenn -ich solch Zeugniß hier öffentlich ablege, ja, daß ich dies öffentlich -und unbefangen kann, spricht für meine Freisinnigkeit und innere -Unabhängigkeit. - -Einen sauren Richterdienst verwaltend, habe ich nur sehr wenige -Freistunden, welche meine Muse oder meine Freunde deren ich mehrere -und vortreffliche besitze, in Anspruch nehmen. Ich habe die Liebe für -die Welt, und meinen Respect vor dem Himmel frisch behalten wie ich -beide von Kindheit her im Herzen trug, lache und weine dabei über die -Thorheit des Menschen und werde mein Rittergut, das ich nächstens in -der Lotterie gewinne, »Heraclitsruhe« und »Demokritslust« nennen. -Mein Jugendland Holstein liegt wie eine glückliche Insel vor den -Blicken meiner Erinnerung, nichts desto weniger fühle ich mich ganz -Oldenburgisch, und weiche in dieser Gesinnung keinem Eingebornen, gebe -einigen sogar auf die Parthie Patriotismus mehrere Points vor. - -Für dießmal schließe ich. Mein nächstes Werkchen wird über Prießnitz -und Gräfenberg im Jahre 1840 handeln. - - -Ende des zweiten und letzten Bändchens. - - - - -Beim Verleger dieses ist ferner erschienen: - - Kobbe, Theod. von, die Schweden im Kloster zu Uetersen: - Historischer Roman. 8. 1830. - - 1 Rt. 4 ggr. - - - -- -- humoristische Skizzen und Bilder. 8. 1831. geh. 21 ggr. - - - -- -- Die Leier der Meister in den Händen des Jüngers, oder: - achtzehn Gedichte in fremder Manier, und eins in eigener. gr. 8. - 1826. - - 12 ggr. - - - -- -- Reiseskizzen aus Belgien und Frankreich. Nebst einer Novelle, - der anonyme Brief. 8. 1835. brosch. - - - -- -- Wesernymphe. Novellen und Erzählungen. gr. 8. 1831, brosch. 1 - Rt. 8 ggr. - - -- -- Briefe über Helgoland, nebst poetischen und prosaischen - Versuchen in der dortigen Mundart. 1840. brosch. 12 ggr. - - * * * * * - -Sodann erschien so eben: - - Greverus, Reiselust in Ideen und Bildern aus Italien und - Griechenland. 2 Bde. - 1r Bd.: Reise in Italien 1 Rt. 12 ggr. - 2r Bd.: Reise in Griechenland. 1 Rt. 12 ggr. - - Gall, Ferd. v., Reise durch Schweden. 2 Bde. - - 1 Rt. 16 ggr. - - - - -Fußnoten: - -[1] Ich verstehe darunter die Menschen vom Regiment »Lieblosigkeit.« - -[2] Ich habe schon anderweitig bemerkt, daß die Namen der Wirthshäuser -bei Hamburg größtentheils vom Anhalten der Pferde hergenommen sind, -als Luhrop (Laur auf), Stahwedder (Steh wieder), Jappob (Japp auf), -Kruppunner (Kriech unter), und Oha. - -[3] Die Personen sind: Thraso, ein Offizier. Gnatho, dessen -Schmarotzer. Parmeno, ein Diener des Phädria. - -[4] _Senex depontanus._ Ein Greis, der nicht mehr über die Brücke zu -den Volkscomitien gehen durfte. - -[5] Name des damaligen Custos. - -[6] Die Anspielung ist etwas _à la Pater Abraham a Santa Clara_. -Dieser predigte: »Es giebt allerhand Narren: Tanznarren, Freßnarren, -Hofnarren, Spielnarren, Saufnarren, Geldnarren. Daher steht auch -geschrieben: _Narraverunt patres et nos narravimus omnes_.« - -[7] Die Bäckergesellen hatten sich dermalen mit ihren Meistern -veruneinigt und waren ausgezogen gewesen, jedoch nach stattgehabter -Vereinigung zurückgekehrt. - -[8] Und diese Zeit wandte der Director der Altonaer Schule Professor -+Struve+, den bekannten Virgil’schen Vers - -_Superet modo Mantua nobis O Mantua nimium vicina miserae Cremonae_ - -sehr glücklich parodirend auf Hamburg und Altona an: - -_Superet modo Altona nobis O Altona, nimium vicina_ (allzunah) _misero -Hamburgo_. - - -[9] Das Verlangen der Musensöhne, ihre Siebentagsfliegen Excellenzen -mit einer Schildwache vor ihren Häusern zu ehren, wurde in Gnaden -abgeschlagen. Dagegen ritten sie, mit den Rang eines Generallieutnants -bekleidet, rechts am Kutschenschlag neben den Majestäten, während sich -die wirklichen Obristen mit dieser Ehre an der linken Seite des Wagens -begnügen mußten. - -[10] Junker Slenz war bekanntlich der Commandeur eines Freicorps im -Anfang des sechszehnten Jahrhunderts, das er an fremde Potentaten -zu einzelnen Kriegszügen vermiethete. Er fand seinen Tod in -Ditmarsen, wohin er den König Hans von Dänemark begleitete. Seine -Soldaten trugen die Devise »Wahr di Buhr, de Gard de kummt.« Als -diese aber schwer bewaffnet im Morast stecken geblieben, wurden sie -von den leichtfüßigeren des Terrains kundigen Ditmarsen mit den -Contrevolutions-Worten »Wahr di Gard de Buhr de kummt« erschlagen. - -[11] Die Lastthiere des Staats, die am Meisten mit Arbeit Geplagten -sind immer die Frommsten. Freilich! wie soll die auch der Hafer -stechen? da die Pferde, die ihn am Meisten verdienen, ihn bekanntlich -nicht bekommen. - -[12] Diesen letzten Titel hat der König von Dänemark seitdem abgelegt -und die früher confiscirten reichsunmittelbaren Ranzau’schen Güter -ganz dem guten Dänemark einverleibt. Das ist hart für die Gräflich -Rauzau’schen Schwerdtmagen und Spielmagen, und, da ich zu den letzten -gehöre, auch für meinen Magen. -- Wer will meinen Anspruch an die -dänische Krone kaufen? Drei Herrschaften und drei und dreißig Edelgüter --- Wer bietet Geld? - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Humoristische Erinnerungen aus meinem -academischen Leben in Heidelberg und , by Theodor von Kobbe - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HUMORISTISCHE ERINNERUNGEN *** - -***** This file should be named 53061-0.txt or 53061-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/0/6/53061/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819 - Zweites Bändchen - -Author: Theodor von Kobbe - -Release Date: September 16, 2016 [EBook #53061] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HUMORISTISCHE ERINNERUNGEN *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1840 erschienenen -Ausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. -Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden -stillschweigend korrigiert, auch wurden vereinzelte grammatische -Korrekturen vorgenommen, wenn ansonsten der Sinn des Textes verfälscht -würde.</p> - -<p class="p0">Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden -beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren -oder im Text mehrfach auftreten. Fremdsprachliche Begriffe und Zitate -wurden nicht korrigiert; einzelne unleserliche Buchstaben wurden aber -sinngemäß ergänzt.</p> - -<p class="p0">Einige Namen (z.B. Gurlitt und Mellish) erscheinen in -voneinander abweichenden Schreibweisen, teilweise auch innerhalb -desselben Abschnitts. Diese Varianten wurden gegenüber dem Original -nicht verändert.</p> - -<p class="p0">In der gedruckten Ausgabe werden einige Geldbeträge -genannt, deren Abkürzungen hier nur annähernd wiedergegeben werden -können. Im vorliegenden Text werden ‚Mark‘ und ‚Schilling‘ (in -‚Hamburger Courant‘) mit ‚m&‘ bzw. ‚ß‘ (als Ersatz für die dort -verwendete ‚sz‘-Ligatur) abgekürzt.</p> - -<p class="p0">Im Original wurde die Kapitelnummer neun irrtümlich -doppelt verwendet; im vorliegenden Text wurde dagegen die fortlaufende -Nummerierung richtiggestellt. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom -Bearbeiter eingefügt.</p> - -<p class="p0">Der Ausschnitt ‚Aus dem Eunuchen des Terenz‘ (<a href="#Seite_86">S. 86–93</a>) -wurde im Original seitenweise nebeneinander gedruckt; auf der linken -Buchseite die lateinische, auf der rechten Seite die deutsche Fassung. -In dieser Version wird zuerst die lateinische Fassung zusammengefasst, -danach folgt die deutsche; die ursprüngliche Formatierung wurde hierbei -strikt beibehalten. <span class="ebhide">Die Seitennummern -bleiben den entsprechenden Textstellen zugeordnet, so dass sie in -diesem Abschnitt nicht fortlaufend erscheinen.</span></p> - -<p class="p0">Antiquaschrift in der Originalausgabe wird hier durch -<em class="antiqua">kursive</em> Schrift dargestellt.</p> - -<p class="p0 htmlnoshow"> Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät -installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten -Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos -als auch gesperrt erscheinen.</p> - -</div> - -<div class="front"> - -<h1><span class="s6"><b>Humoristische Erinnerungen</b></span><br /> - -<span class="s7">aus meinem</span><br /> - -<b>academischen Leben</b><br /> - -<span class="s7">in</span><br /> - -<span class="s6"><b>Heidelberg und Kiel</b></span><br /> - -<span class="s7"><em class="gesperrt">in den Jahren</em> -<b class="mleft1">1817–1819</b></span></h1> - -<p class="center">von</p> - -<p class="s2 center mtop1"><b><em class="gesperrt">Theodor von Kobbe.</em></b></p> - -<hr class="band" /> - -<p class="s4 center">Zweites Bändchen.</p> - -<hr class="band" /> - -<p class="s4 center"><b>Bremen,</b><br /> -Verlag von Wilhelm Kaiser.</p> - -<p class="s4 center"><b>1840.</b></p> - -<p class="s5 center padtop5 break-before">Druck von F. W. Buschmann.</p> - -</div> - -<hr class="full" /> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2> - -</div> - -<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td class="tdl vat padr1"> - Achtes Kapitel. - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_1">1</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat padr1"> - Neuntes Kapitel. - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_25">25</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat padr1"> - Zehntes Kapitel. - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_77">77</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat padr1"> - Elftes Kapitel. - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_124">124</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat padr1"> - Zwölftes Kapitel. - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_142">142</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat padr1"> - Dreizehntes Kapitel. - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_162">162</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="tdl vat padr1"> - Vierzehntes und letztes Kapitel. - </td> - <td class="tdr vab"> - <a href="#Seite_187">187</a> - </td> - </tr> -</table> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1"> 1 </a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel.</h2> - -</div> - -<p class="untertitel">Rückreise nach Kiel. Travestie der Ideale und des Lebens von Saß. -Kobbe der zweite und in Bonn der achte. Mein Comitat. Mein Prozeß -in Auerbach. Philipp Stieffel.</p> - -<p>Umstände, welche zu beseitigen nicht in meiner Macht stand, hatten -meine schon Michaelis 1818 beabsichtigte Abreise von Heidelberg bis -Ende Januar 1819 verschoben. Jetzt sollte es Ernst werden.</p> - -<p>Als geborner dänischer Unterthan war ich gezwungen wenigstens ein Jahr -zur Erlernung der Landesrechte in Kiel zu studiren. Das Glückstädtsche -Examen war sehr schwer, der erste Charakter, welchen das Obergericht in -Schleswig nicht selten ertheilte, etwas Unerhörtes. — Aber schon um -den<span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2"> 2 </a></span> Zweiten mit rühmlicher Auszeichnung zu erlangen war es die höchste -Zeit für mich, daß ich Heidelberg verließ.</p> - -<p>Es mag mir hier vergönnt sein eine sehr launige Travestie von Schillers -»die Ideale und das Leben« einzuschalten. Sie ist freilich in Kiel -verfaßt, gehört aber der damaligen Burschenschaft durchaus an. Ihr -Verfasser ist der nachher in Garding verstorbene vortreffliche -Auscultant Saß, welcher in dem Herzogthum Schleswig geboren, vor dem -Obergericht in der Stadt gleichen Namens auf dem Schloß Gottorf geprüft -wurde. — Die Examenangst welche diese Arbeit geschaffen, war freilich -unnöthig, da der sehr wohl in jure erfahrene Dichter bald darauf mit -dem ersten Character belohnt wurde.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1">Wie einst mit flehendem Verlangen</div> - <div class="verse">Pygmalion den Stein umschloß,</div> - <div class="verse">Bis in des Marmors kalte Wangen</div> - <div class="verse">Empfindung glühend sich ergoß,</div> - <div class="verse">So schlang ich einst mit Liebesarmen</div> - <div class="verse">Um <em class="antiqua">corpus juris</em> mich mit Lust,</div> - <div class="verse">Bis es zu athmen, zu erwarmen</div> - <div class="verse">Begann an des Juristen Brust.</div> - <div class="verse mleft1">Und theilend meine Flammentriebe</div> - <div class="verse">Die Stumme eine Sprache fand,</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3"> 3 </a></span> - <div class="verse">Mir wiedergab den Kuß der Liebe,</div> - <div class="verse">Und meines Herzens Klang verstand.</div> - <div class="verse">Da klang mir lieblich jede Stelle,</div> - <div class="verse">Gleich reiner Quellen Silberfall,</div> - <div class="verse">Selbst aus der trockensten Novelle</div> - <div class="verse">Horcht’ ich der Weisheit Wiederhall.</div> - <div class="verse mleft1">Es dehnte mit allmächt’gem Streben</div> - <div class="verse">Die enge Brust ein kreisend All’,</div> - <div class="verse">Hervorzutreten auf’s Catheder</div> - <div class="verse">Mit Weisheitswort und Witzesschall.</div> - <div class="verse">Wie groß war diese Welt gestaltet,</div> - <div class="verse">So lang’ der Hörsaal mich noch barg,</div> - <div class="verse">Wie wenig, ach! hat sich entfaltet!</div> - <div class="verse">Dies Wenige wie klein und karg!</div> - <div class="verse mleft1">Wie sprang von Savigny beflügelt,</div> - <div class="verse">Beglückt durch theoretschen Wahn,</div> - <div class="verse">Von keiner Praxis noch gezügelt</div> - <div class="verse">Ich da in die gelehrte Bahn!</div> - <div class="verse">Bis an der Glosse bleichste Sterne</div> - <div class="verse">Erhob mich der Entwürfe Flug;</div> - <div class="verse">Nichts war zu hoch und nichts zu ferne,</div> - <div class="verse">Wohin ihr Flügel mich nicht trug.</div> - <div class="verse mleft1">Wie leicht ward ich dahin getragen,</div> - <div class="verse">Selbst Griechisch ward mir nicht zu schwer!</div> - <div class="verse">Auf meinem Tische, o! da lagen</div> - <div class="verse">Die Folianten kreuz und queer!</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4"> 4 </a></span> - <div class="verse"><em class="gesperrt">Cujaz</em> mit civilist’scher Krone,</div> - <div class="verse"><em class="gesperrt">Donell</em> in des Systemes Glanz</div> - <div class="verse">Auch <em class="gesperrt">Schulting</em> lockt mit reichem Lohne,</div> - <div class="verse">Selbst <em class="gesperrt">Glück</em> mit rings verstohlnem Kranz.</div> - <div class="verse mleft1">Doch ach! schon in des Sommers Mitte</div> - <div class="verse">Verloren meine Gönner sich,</div> - <div class="verse">Sie wandten treulos ihre Schritte,</div> - <div class="verse">Und einer nach dem Andern wich.</div> - <div class="verse">Zu leicht an sich war <em class="gesperrt">Glück</em> entflogen,</div> - <div class="verse"><em class="gesperrt">Cujazius</em> blieb unenthüllt,</div> - <div class="verse">In dem <em class="gesperrt">Donell</em> las ich zwei Bogen</div> - <div class="verse">Und schnitt mir nur heraus sein Bild.</div> - <div class="verse mleft1">Im alten Rechte sucht’ ich Kränze,</div> - <div class="verse">Doch <em class="gesperrt">Schulting</em> führte mich zu weit,</div> - <div class="verse">Ach allzuschnell nach kurzem Lenze</div> - <div class="verse">Entfloh die schöne Quellenzeit.</div> - <div class="verse">Und immer stiller wards und immer</div> - <div class="verse">Verlaß’ner auf dem Burschenpult.</div> - <div class="verse">Von Savigny borgt ich noch Schimmer</div> - <div class="verse">Doch dazu riß auch die Geduld.</div> - <div class="verse mleft1">Von all dem rauschenden Geleite,</div> - <div class="verse">Wer harrte liebend bei mir aus?</div> - <div class="verse">Wer steht mir tröstend noch zur Seite,</div> - <div class="verse">In Gottorfs finsterm Prüfungshaus?</div> - <div class="verse">O! die du alle Wunden heilest,</div> - <div class="verse">Du Thibauts viel gefaßte Hand,</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5"> 5 </a></span> - <div class="verse">Für das Examen Kraft ertheilest,</div> - <div class="verse">Du, die ich ungesucht schon fand!</div> - <div class="verse mleft1">Und du, der gern sich mit ihm gattet,</div> - <div class="verse">Wie er der Prüfung Quaal beschwört,</div> - <div class="verse">O <em class="gesperrt">Höpfner</em> Du, der nie ermattet,</div> - <div class="verse">Der selten schafft, doch nie zerstört;</div> - <div class="verse">Der zu dem Bau der Ewigkeiten</div> - <div class="verse">Zwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht,</div> - <div class="verse">Doch dem in des Examens Zeiten</div> - <div class="verse"><em class="gesperrt">Cujaz</em> und <em class="antiqua">corpus juris</em> weicht!</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>»Die Eminenz geht im Januar nach Holstein zurück,« erscholl es in -Heidelberg und ich darf zu meiner Ehre und Freude versichern, daß diese -meine bevorstehende Unsichtbarkeit eine allgemeine Betrübniß, selbst -bei den Philistern erregte, welche vor meinem Abgang die Zahlung nicht -unbedeutender Rechnungen erwarten durften, wovon mehrere, wegen meines -Titels der gang und gäbe war, sehr häufig an Herrn <em class="gesperrt">»Eminenz«</em> -ausgestellt wurden.</p> - -<p>Die ungeheuchelste Trauer bewiesen meine Cerevisianer, wovon jede -Nacht einer während der letzten beiden Monate, wie ein Page, auf -einem Strohsacke zu den Füßen meines Bettes ruhte. Ich ernannte einen -Nachfolger, welcher an dem Vorabende meiner Abreise einen Schoppen -Bier trank während ich dieselbe Quantität Wasser genoß. Dies<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6"> 6 </a></span> war -mein Cerevistod, in demselben Augenblick wurden alle Krüge und -Gläser mit schwarzem Flor umzogen und mein Nachfolger als Kobbe der -zweite begrüßt. — Mein Reich hat sich indessen nicht fortgepflanzt, -die Cerevisia verquirlte schon im nächsten Semester, da bei meinem -Nachfolger, welcher sonst gewiß Geschick genug gehabt hätte, mein -großes Werk fortzusetzen, der Reiz der Neuheit fehlte. — Glaubwürdigen -Nachrichten zufolge soll jedoch, in der von dem sogenannten Grafen -Loseburg (auch »<em class="gesperrt">Schnurri-Major</em>, <em class="gesperrt">Carbonädel</em>« genannt,) zu -Bonn gegründeten Cerevisia, ein Kobbe der achte regiert haben, welcher -später ein Bierapostat geworden und zur Vinia übergegangen sein soll. -Es ist ein tiefbetrübender Gedanke, daß alle Dynastien, sogar die -Freude und Lust verbreitenden humoristischen, vergänglich sind.</p> - -<p>Bei allen diesen lächerlichen Proceduren war mir sehr ernst und so wehe -zu Muthe als ob ich dem Tode ins Gesicht lächeln sollte. Der Abschied -von Heidelberg fiel mir zu schwer, noch härter als mich die Ankunft -daselbst beseeligt hatte. In den letzten acht Nächten träumte mir, daß -ich in Kiel mein verlornes Badisches Paradies beweine. Beim fröhlichen -Erwachen träufelten allemal noch die vom Traum betrogenen Zähren von -meinen Wangen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7"> 7 </a></span></p> - -<p>Die Burschenschaft hatte mir und dem Magdeburger N., (vulgo Dämmerfürst -genannt,) die Ehre eines Comitats zugedacht, und war beschlossen beide -zu verschmelzen.</p> - -<p>Der Tag war angesetzt und konnte nicht mehr zurück gerufen werden, -obgleich mein Mittriumphator und ich noch einige Tage zum Empfang der -nöthigen Reisegelder uns in Heidelberg aufhalten mußte. — Die Abreise -mußte aber simulirt werden.</p> - -<p>Morgens 8 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung.</p> - -<p>Voran ritten, angeführt vom Grafen K., zwölf Burschenschaftler, mit -gezogenem Säbel, Barett mit Federn, verziert mit unsern Schärpen.</p> - -<p>Dann kam G. der Kurhesse, der Besieger des Kurländers W., in einem -Wagen, den die sechs Schimmel des Kutschers Hormuth zogen. Er war -schwarz gekleidet und hielt den Schläger der Burschenschaft in der -Scheide, vor sich.</p> - -<p>Hierauf folgten wir, die Helden des Tages, in einem Wagen mit acht -Pferden Extrapost. Die Postillione hatten ihre Uniform mit unsern -Farben verbrämt. Wir, die bemoosten Häupter saßen, N. im grünen, ich im -weißen Flaus, angethan mit alten Mützen, eine Pfeife mit großen Quästen -in der Hand haltend, im Fond; vor uns in feinster<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8"> 8 </a></span> schwarzer Tracht, -in <em class="antiqua">escarpins</em>, ihren Claquehut unter dem Arme, zwei <em class="antiqua">Chapeaux -d’honneurs</em> auf dem Rücksitz. An jedem Kutschenschlag ritt noch ein -Ehrengardist. — Hierauf folgten achtzehn vierspännige mit Studenten -erfüllte Wagen.</p> - -<p>Der Zug ging nach Weinheim, wo eine voraus bestellte sehr gute -Tafel uns im Karlsberg erwartete. Wir beiden Gefeierten hatten nach -Analogie der Kieler Generalführer und Generalbeschließer, bei den -Feierlichkeiten ihrer Studenten, »Hochs« genannt, den Titel der -Excellenz, den aber die getreuen Cerevisianer bei mir allezeit in -<em class="gesperrt">Eminenz</em> verwandelten.</p> - -<p>Von dem Fest weiß ich wenig zu erzählen. Die Trennung war nur bildlich, -nur ein Vorläufer des härteren Abschiedes der meiner nach wenigen Tagen -harrte. Wir poculirten stark, ich wie immer, ohne berauscht zu werden. -Meine Mitexcellenz war aber nicht so glücklich als ich. Schwer beladen -stieg sie in den achtspännigen Wagen um sich auch nach Heidelberg -zurückführen zu lassen.</p> - -<p>Am andern Tage hatten wir, wie Simson seine Kraft nach seiner Schur, -nach unserer Tour, unsere Burschenqualität verloren. Die Burschenschaft -behandelte uns wie Philister.</p> - -<p>Wir hatten uns burschikos überlebt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9"> 9 </a></span></p> - -<p>Es war ein schöner Januarmorgen als ich Heidelberg verließ. Mir war -zu Muthe als ob ich hingerichtet werden sollte. Weinende Cerevisianer -umstanden mich, ich kam mir fast vor wie Maria Stuart und verschenkte -auch mit einer fast gleichen Empfindung meine wenigen Habseligkeiten -als Andenken. Ein Stammblättchen nach dem andern vertheilte, empfing -und beschrieb ich, wobei ich, der ich keine Anthologie deutscher -Dichter haben wollte, durchaus das Verlangen einer eignen Composition -stellte, wodurch meine Stammbücher, das Heidelberger wie das Jenaische -viel interessanter geworden sind als so viele andere, die nichts als -eine poetische Blumenlese burschikoser Verse enthalten.</p> - -<p>Ich hatte mit zwei Gebrüdern S...., bekannten Hornisten aus Stuttgardt, -gemeinschaftlich eine Chaise gemiethet, welche die Herrn in der Nacht -nach Darmstadt, mich aber zeitig am andern Morgen nach Frankfurt zu -bringen versprochen hatte.</p> - -<p>Die Hirschgasse schien ausgestorben, alle Kinder waren geflohen, nur -der alte Ditteneyer drückte mir weinend die Hand. »Ach Ihro Eminenz, -ach liebster Herr Baron!« rief er aus »wie vergänglich sind die Freuden -der Welt!«</p> - -<p>»Es kommt darauf an wer sie erlebt hat, Alter!« versetzte ich ihm -herzlich, »die meinigen<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10"> 10 </a></span> sind unsterblich, ja sie werden noch um so -schöner, je älter sie werden. Uebrigens sehen wir uns ohne allen -Zweifel wieder.«</p> - -<p>Ein Bursche berichtete, daß mein Kutscher mit meinen beiden -Reisegefährten am Neckarthore hielten, und daß alle drei nicht länger -warten wollten. »Der Kutscher scheint ä grober G’sell,« bemerkte der -Berichterstatter.</p> - -<p>»Adieu Dittenei, Adieu Türck, Adieu Hirschgasse.« Wir gingen zum -Unglückskarrn. Noch einige Küsse und die Excecution war vollzogen.</p> - -<p>Es ist nur der Unterschied zwischen Trennung im und vom Leben, -daß in dem letzten Fall der Scheidende besser daran ist als die -Zurückbleibenden.</p> - -<p>»Stumm liegt die Welt wie das Grab!«</p> - -<p>»O wäre ich nie geboren!« seufzte ich, das Gretchen im Faust -parodirend, leise in mich hinein. Starr blickte ich vor mir hin. Ich -glaubte den Abschied ohne Thränen überwunden zu haben, als ich um die -Ecke bei Neuenheim gebogen und Heidelberg meinen Blicken entschwunden -war. Aber nicht also, in Handschuhsheim traten noch einige mir -wohlbekannte Preußen K... aus B. aus des dicken Vetters Kneipe.</p> - -<p>Was sahen die beiden Kerle fidel aus! Unbegreiflich für mich!! -»Adieu liebe Eminenz!« riefen<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11"> 11 </a></span> sie mir zu, und warfen mir dabei eine -Kußhand in den Wagen, »Adieu! hast Du auch noch etwas in Heidelberg -auszurichten, so sag es uns doch!«</p> - -<p>Mein stolzer Muth ward durch dieses unvorhergesehene Begebniß total -gebrochen. Ich wollte antworten, allein meine Stimme gerieth ins -Stocken. Der Kutscher, welcher ohnehin auf den Ruf nicht angehalten -hatte, setzte, Gott sei Dank! grade in diesem Augenblick seine Pferde -in den stärksten Trab, den die Bergstraße überhaupt kennt.</p> - -<p>Tief ergriffen warf ich mich in eine Ecke unserer holprigen Chaise -und zum ersten Male stürzten die lang verhaltenen unburschikosen -Abschiedsthränen aus meinen nur schwarze freudelose Zukunft sehenden -Blicken.</p> - -<p>Die philiströse Bemerkung des einen Hornisten: »Schämen Sie sich Ihrer -Thränen nicht, Herr Baron, sie sind edel geweint,« hätten meine tiefe -Rührung beinahe in Zorn verwandelt und meinen Zährenstrom versiegen -gemacht. — Allein mein Schmerz war zu innerlich, ich schämte mich -seiner nicht mehr.</p> - -<p>Unsere Musici sprachen dann über das Glück des Studentenlebens und von -den Freuden die sie hätten genießen können, wenn sie ihre Jugend nicht -verblasen hätten. — Sie kamen mir vor wie jene<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12"> 12 </a></span> alte Jungfer, die in -der Nacht ihres siebzigjährigen Geburtstags im Traum das Geschrei aller -Kinder hörte, die sie hätte kriegen können. — Solche Tonkünstler sind -wahre <em class="gesperrt">Kaspar Hauser</em>, sie sind fast alle um ihre Jugend betrogen. -Ich kenne einige, welche ihr Vater um Mitternacht geweckt hat, auf daß -sie geigen sollten. — Aber der Geist ist wenigstens auch verkrüppelt -und dient ihrer Schwester der Fertigkeit, à la Aschenbrödel, besonders -nur zur Verhandlung der Billette an der Kasse.</p> - -<p>Ich war von den vorhergehenden Abenden ermüdet, fast in einen leisen -Schlummer gesunken, als ein heftiger Wortstreit des sächsischen -Brüderpaares meine ganze Aufmerksamkeit erregte. Sie sagten sich -gegenseitig den Kauf auf und erklärten, sich auf der nächsten Station -trennen zu wollen.</p> - -<p>»Wer hätte das denken sollen?« versetzte der Jüngere wehmüthig, »wir -reisen nun schon dreißig Jahre zusammen, und haben uns noch niemals -gestritten als wenn einer dem andern durchaus die Neige Wein aus der -Flasche zukommen lassen wollte.«</p> - -<p>»Ja wohl ist das schrecklich,« erwiederte der Aelteste. »Wir haben -unter Einem Herzen gelegen, und dich, den damals Unmündigen, hat mir -die sterbende Mutter noch insbesondere empfohlen.<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13"> 13 </a></span> Nichts destoweniger -willst du heute den Superklugen gegen deinen, es mit dir so treu -meinenden älteren Bruder spielen.«</p> - -<p>»Ganz und gar nicht lieber Bruder,« versetzte dieser, »allein ich habe -das klare Recht, und du weißt, selbst die Römer sagten schon, <em class="antiqua">fiat -justitia pereat mundus</em>.«</p> - -<p>»Laß den Herrn entscheiden!« rief der Ältere.</p> - -<p>»Jawohl« entgegnete der Andere. — »Der ist grade der competente -Richter dafür.«</p> - -<p>Und mit Furiengewalt plaidirten jetzt beide vor mir ihren -unbrüderlichen Rechtshandel.</p> - -<p>Es handelte sich nur darüber ob das Wort »<em class="gesperrt">Philister</em>« bei den -Studenten einen <em class="gesperrt">schlechten Kerl</em> oder einen <em class="gesperrt">Nicht-Burschen</em> -bedeute.</p> - -<p>Mit Burschenstolz sah ich beide an, sprach dann die inhaltsschweren -Worte</p> - -<p class="center">»<em class="gesperrt">Es bedeutet beides</em>«</p> - -<p class="p0">und versenkte mich dann wieder in das Kissen um wieder von meinen -Cerevisianern zu träumen.</p> - -<p>Das Brüderpaar schien aber mit meinem Spruch sehr unzufrieden. Da es -aber nicht appelliren konnte, vertrug es sich bald wieder, nachdem es -ausgemacht hatte das ominöse Wort »<em class="gesperrt">Philister</em>« nie wieder gegen -einander aussprechen. Das war eben recht philiströs.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14"> 14 </a></span></p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Den Teufel spürt das Völkchen nie,</div> - <div class="verse">Und wenn er sie beim Kragen hätte.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>In Weinheim begrüßte mich der Wirth zum Karlsberg mit einer Flasche -Laubenheimer. Nicht meinem Comitat, bei welchem ich ihn gar nicht -gesehen, sondern dem Umstande, daß ich im vorigen Jahre der erste -Gast in seinem neu erbauten Hause gewesen, verdankte ich seine -Freigebigkeit. Ich war nämlich der, welcher durch das Begehren einer -Flasche Rheinwein den Grundstein zu seinem nachherigen bedeutenden -Wohlstand gelegt, freilich auch der, welcher dem nachbarlichen rothen -Ochsen den ersten Schlag versetzt hatte, dem, wenn ich nicht irre, bald -dessen Garaus gefolgt ist.</p> - -<p>Es war schon spät Abends als unser Fuhrmann wankend den Wagen -bestieg, um seine Pferde über die Brücke zu lenken, welche hinter dem -Dieffenbachschen Gasthause zu Auerbach liegt. — »Ach! der ist ja -total betrunken«, seufzten die Musici. Sie hatten die Phrase indessen -kaum vollendet, als unser Kutscher, erfüllt von einigen Schoppen -neuen Weins, an ein Chausseehaus anprallend, die Deichsel am Wagen -abgebrochen hatte. Wir wurden nur durch einen von ungefähr daliegenden -Klotz vor dem Unglück bewahrt, von dem abschüssigen Flecke<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15"> 15 </a></span> worauf -unser Wagen gedreht war, rückwärts in den Fluß zu gleiten.</p> - -<p>Mit größter Bestimmtheit erklärte nunmehr das Brüderpaar nicht länger -mit dem berauschten Phaeton fahren zu wollen. Ich trat ihnen bei, weil -der Kutscher in seinem Rausch ein ganz abscheuliches Grobheitsgas auf -unsern Vorwurf wegen seines ungeschickten Fahrens, entwickelt hatte. -Wir entschlossen uns daher den Kutscher <em class="antiqua">pro rata</em> seines Weges, -zu bezahlen und dann einen Wagen auf gemeinschaftliche Kosten zu -nehmen. Mich brannte es am Meisten auf den Nagel, ich mußte am andern -Morgen neun Uhr in Frankfurt am Main sein um mit der Post, die damals -nur drei oder vier Male in der Woche nach Cassel abging, meinen Heimweg -ohne Unterbrechungen fortsetzen zu können.</p> - -<p>Aber der Kutscher erklärte rundweg, daß wir entweder, sobald sein -Wagen wieder reparirt sey, mit ihm fahren müßten, oder daß ich den -versprochenen Lohn bis Frankfurt, die Herren S. aber bis Darmstadt -zahlen müßten.</p> - -<p>Dieffenbach, bei dem wir einst mit zehn Studenten so viel Deidesheimer -verzehrt hatten, schien an meine mögliche Rückkehr nach Hessen und -bei Rhein zu zweifeln und nahm dummstreisterweise die Parthie des -verwünschten Hauderers. Er negirte<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16"> 16 </a></span> sogar dessen sichtbare nicht -partiale sondern totale Besoffenheit und hielt die Verwechselung einer -Chaussee mit dem Chausseehause für durchaus menschlich.</p> - -<p>»Ist denn hier keine Gerechtigkeit im Orte?« riefen die Gebrüder.</p> - -<p>»Freilich,« sagte der Wirth, »eine Stunde von hier, am Fuße des -<em class="antiqua">mille bocus</em>, wohnt der Schultheiß.«</p> - -<p>Es wurde beschlossen zu dem Themispallast zu wandern.</p> - -<p>Die Karavane brach auf — der Wirth mit der Leuchte voran, dann ich, -mein etwas knappes Reisegeld im Schritt zählend und an das Verfehlen -der Post in Frankfurt nicht ohne Sorgen denkend, im Übrigen durch -den nächtlichen abentheuerlichen Proceß hoch erfreut; — sodann der -Kutscher fluchend und schimpfend, und endlich zagend und klagend die -Hornisten. —</p> - -<p>Nachdem unser, vom Wirth für nüchtern erklärte Wagenlenker zwei und -zwanzig Male gestolpert war, langten wir endlich vor der Wohnung der -Gerechtigkeit an.</p> - -<p>Das Haus war unscheinbar, man hätte es für einen grotesken Hundestall -ansehen können. Und doch war es zu groß für seinen Bewohner, einen<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17"> 17 </a></span> -kleinen verwachsenen Schneider, den Schultheiß des Dorfs, den -körperlich unscheinendsten Richter, den meine Augen je wahrgenommen -haben.</p> - -<p>Nachdem er eine Menge persönlicher Fragen an uns gestellt, und von -dem ihm der Stimme nach bekannten Wirthe die beruhigende Versicherung -erhalten hatte, daß wir keinen Landfriedensbruch beabsichtigten, -sondern aus Respect gegen den Landfrieden grade bei ihm unser Recht -suchen wollten, öffnete er die Thür.</p> - -<p>»Herr Baron! Sie sind ja Jurist« riefen meine Reisegefährten, »Sie -haben gewiß recht viel in Ihrem Fach gelernt, Sie müssen unsere Sache -führen.«</p> - -<p>Ware es bei Tage gewesen, meine Lobredner würden bemerkt haben, daß ich -bei diesen Lobsprüchen etwas erröthete.</p> - -<p>Ich bemerkte indessen bescheiden und ablehnend, daß die Entscheidung -der ganzen Sache die des gesunden Menschenverstandes sei, welche in -unserm würdigen Schultheiß so recht zu Hause zu sein scheine.</p> - -<p>Dieser Kunstgriff wurde von unserm Herrn Judex recht freundlich -aufgenommen. Während ich mit dem Kutscher abwechselnd plaidirte, -und dieser sich in seinem Partheivortrag mancher Kränkungen<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18"> 18 </a></span> und -gar einiger Schimpfwörter bediente, ahndete unsern Minos, doch jede -anstößige Stelle, welche er jedes Mal mit dem Ausruf: »<em class="gesperrt">Er ist ein -grober Mensch</em>« begleitete.</p> - -<p>Endlich war zum Schluß verhandelt, das Erkenntniß sollte abgegeben -werden.</p> - -<p>Welche Erwartung erfüllte uns! So harrt ein Dichter auf den ersten -Druckbogen seines Manuscripts, so ein neu ernannter Fähndrich auf seine -erste Uniform, so ein lange unbeachtet gelassener Staatsdiener auf die -Zulage am Neujahrstage, so ein Vater in der Stunde der Geburt, auf das -ihn von Gott anvertraut werdende ihm so sprechend ähnlich sehende Pfand -der ehelichen Liebe.</p> - -<p>»Jetzt kommt der Bescheid!« rief der Schultheiß, plötzlich auf einen -Stuhl steigend, von wo er uns, ein »<em class="antiqua">mille bocus miniature</em>«, Alle -übersehen konnte. Er glich dem berühmten Moses wie der auf Horebs Höhen -nach den göttlichen Gesetzen langte.</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>»In Sache« rief der Stuhlrichter »wird hiemit zu Recht erkannt, daß das -Object der Sache eine kleine Thaler, nämlich ein Gulden dreißig Kreuzer -übersteigt, ich mich hiemit zum Erkenntniß in diesem Rechtsstreite für -incompetent erkläre<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19"><span class="s4"> 19 </span></a></span> muß. Ich bin aber bereit da mir die Lichtstumpe -ausgange sind, sobald es Tag geworde ist, oder falls sie noch so -viel Licht in ihrer Laterne haben, sogleich ein Protocoll in dieser -Rechtssache aufzunehme und dasselbe an das Großherzogliche Amt -Zwingeberg zu schicke, von wo sie in drei Tage Bescheid habe könne.</p> - -<p class="mleft2">»Von Rechts Wege.«</p> - -</div> - -<p>Dieses Erkenntniß, in welchem das Beste war, daß der Kostenpunct mit -Stillschweigen übergangen war, versetzte meine Herren Reisegefährten in -eine sprachlose Betrübniß.</p> - -<p>Wir wandelten schweigend heim. — »Die Gerechtigkeit ist eine Göttin, -sie wohnt nicht auf der Erde,« meinte der älteste Hornist.</p> - -<p>»Sie ist vielleicht nur bei Tage bei der Hand. Sie schläft vielleicht -gerne oder logirt des Nachts im Himmel,« erwiederte ich.</p> - -<p>Der Kutscher schlenderte triumphirend neben uns her und pfiff jetzt gar -ein Cerevislied vor mir. Das ärgerte mich mehr als Alles. Ich sann auf -Rache. —</p> - -<p>Als wir im Wirthshause angekommen waren, mußten wir Alles zahlen was -unser grober Hauderer verlangte. Er hätte noch mehr mit Effect fordern -können, wenigstens wenn das Mehr über einen<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20"> 20 </a></span> Gulden dreißig Kreuzer -gewesen wäre. Wir hätten die Wallfarth zu unserm Richter Ziegenbart -nicht wieder unternommen.</p> - -<p>Es wurde schon Morgen, in dem ganzen Nest Auerbach war nur ein -Ackerwagen aufzutreiben, und konnten wir diesen auch erst in einer -Stunde bekommen. —</p> - -<p>»Wissen Sie was?« rief der älteste meiner Begleiter. »Wir wollen aufs -Neue mit dem Kutscher einen Vertrag schließen. Es ist nicht mehr -gefährlich sich von ihm fahren zu lassen. Der Weg zum Schultheiß und -der Proceß haben ihn entnüchtert.«</p> - -<p>»Meinetwegen«, rief ich ärgerlich »wenn ich nur um acht Uhr morgen früh -in Frankfurt bin. Aber das ist ja auch schon unmöglich geworden.«</p> - -<p>»Kutscher! Landsmann! Schwager!« redete der älteste S. den siegreichen -Beklagten an. — »Was wollt Ihr haben, wenn Ihr uns nach Darmstadt, den -Herrn aber nach Frankfurt fahrt.«</p> - -<p>Der Kutscher gab eine fürchterliche Antwort. Ich mag sie hier gar nicht -hersetzen.</p> - -<p>Aber ich thue es doch — Nein, ich thue es nicht. — Er sagte — er -sagte, — es ist demüthigend — »Solch ein Lumpenpack wie Ihr seid, das -nicht einmal begreift wie leicht man ein weißes<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21"> 21 </a></span> Chausseehaus mit einer -weißen Chaussee verwechseln kann, fahre ich mein Lebtag nit wieder.« —</p> - -<p>Das war zu viel. — Während der Ackerwagen bestellt wurde schrieb -ich an die Heidelberger Burschenschaft und an die Cerevisia. In der -tiefsten Zerknirschung beantragte ich den ewigen Verruf des Kutschers.</p> - -<p>Endlich kam der Ackerwagen, auf dessen Stroh wir uns wie Beinbrüchige, -wie Blessirte, vagabondenmäßig hinlegen mußten. Und doch ward diese -horizontale Procedur ein Glück für uns, denn wir waren keine sechs -Schritte gefahren, als ein Rad vom Wagen lief, und wir auf der Erde -lagen.</p> - -<p>Unsern <em class="antiqua">ci devant</em> Kutscher hörte ich höhnisch lachen.</p> - -<p>Nach einer halben Stunde wurde unser Fahrzeug wieder flott. Ich langte -aber erst in derselben Stunde zu <em class="gesperrt">Darmstadt</em> an, als die von mir -ersehnte Post von <em class="gesperrt">Frankfurt</em> nach <em class="gesperrt">Cassel</em> abging. —</p> - -<p>In Frankfurt erhielt ich am folgenden Tage Briefe von meinen -Heidelberger Freunden. Meine Leiden waren dort schon allgemein bekannt -geworden, der Kutscher (nur ein Knecht Hormuths, den ein Verruf -unverdienter Weise getroffen hätte) sollte von seinem Herrn entlassen -werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22"> 22 </a></span></p> - -<p>Mir schrieb ein Freund:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="p0">»In der Hirschgasse hat man geträumt Du kämest wieder zurück, und -obgleich ich nicht viel auf Träume gebe, so entzündete dies doch in -mir die Errinnerung an Dich mit neuem Feuer. — Aber ach ich sehe -Dich schwerlich wieder und werde nie solche Weinlese mitmachen, wie -voriges Jahr mit Dir.«</p></div> - -<p>Ich rescribirte meinen Cerevisianern:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Habt Ihr immer trüben Sinn</div> - <div class="verse">An den Neckarthoren,</div> - <div class="verse">Weil ich dort geschieden bin</div> - <div class="verse">Und Euch dort verloren;</div> - <div class="verse">Hebt doch Brust und Kopf empor,</div> - <div class="verse">Habt Ihr’s nicht vernommen?</div> - <div class="verse">Glaubt: durch dieses selbe Thor</div> - <div class="verse">Werd’ ich wiederkommen.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Erst im Jahre 1832 erfüllte sich dieser Spruch. Ich sprach ihn mit -bebender Stimme als wir Abends in der Diligence über die Neckarbrücke -in das hell erleuchtete Heidelberg rollten, in Gegenwart einer -ältlichen Dame aus Oesterreich, welche tief davon ergriffen schien. Ich -hatte derselben schon früher von meinem Universitätsleben erzählt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23"> 23 </a></span></p> - -<p>»Einer solchen Anhänglichkeit wie Sie gegen Ihre Freunde beweisen,« -bemerkte sie, »hätte ich das Herz eines <em class="gesperrt">Mannes</em> nicht fähig -gehalten. — Erlauben Sie mir eine Frage:</p> - -<p>»Sind Sie verheirathet?«</p> - -<p>»Nein! gnädige Frau!«</p> - -<p>»Schade! Solche ewige Jugend müßten Sie auf Kinder übertragen, sich auf -diese Weise selbst verjüngen können!«</p> - -<p>»Madam! ich nehme meine ewige Jugend mit« antwortete ich.</p> - -<p>»Und wie heißt noch der academische Freund, von dem Sie so viel -Vortreffliches erzählen, mit dem Sie in stetem Briefwechsel stehen, -von dem Sie jeden Mittewochenmorgen einen so enggeschriebenen Brief in -Oldenburg erhalten und dem Sie in jeder Woche auf gleiche Weise wieder -antworten?«</p> - -<p>»Dieser Freund, der größte Schatz meines Lebens, dem ich nicht würdig -bin die Schuhriemen zu lösen, der mir in allem Guten ein ewiges Vorbild -in Wissenschaft und Herzensgüte ist, den ich jetzt zum ersten Male und -in Zukunft jährlich aufsuchen zu können hoffe, ist der hochgeachtete<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24"> 24 </a></span> -Professor an der polytechnischen Schule, <em class="gesperrt">Philipp Stieffel</em> in -Carlsruhe.« —</p> - -<p>»Sehen Sie das hübsche Eckhaus. Dort ist er geboren. Dort wohnt sein -wackerer Vater.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25"> 25 </a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel.</h2> - -</div> - -<p class="untertitel">Die fernere Rückreise. Frankfurt am Main. Die Judengasse. Baron W -— s. Gießen. Der räthselhafte Fremde. Die beiden französischen -Berliner. Kassel.</p> - -<p>Ich war in Frankfurt am Main angekommen und im Weidenhof abgestiegen. -Mein guter Wille, mich mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt bekannt -zu machen, wurde mir, wie noch so oft später, durch die Judengasse -vereitelt, wohin es mich magnetisch zog und aus der ich auch durch -keine andere Reizung heraus zu bringen im Stande war. Ich betrachtete -das Volk Gottes, das durch die christliche Liebe, in Schmutz und -Elend zusammen gepfercht,<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26"> 26 </a></span> hier haus’t, grade wie jene Thiere, deren -anatomische Beschaffenheit so viele Ähnlichkeit mit den Menschen -haben, die sich doch so ungerne mit jenen vergleichen lassen. Von -allen Geisteskräften ist den Israeliten nichts geblieben als die -List, welche <em class="gesperrt">Kant</em> »<em class="gesperrt">klein</em>« aber »<em class="gesperrt">schön</em>« nennt. -Der gottesläugnerische Witz ist ihr Orakel. Sie betrachten sich wie -freiwillige Parias, zufrieden mit dem Recht des Handels, den sie -vor ihren schmutzigen dumpfen Wohnungen treiben. Aber so wie die -Contrevolution in allen Dingen herrscht, so macht sich auch der -unterdrückte kosmopolitische Jesus Christus um so lebhafter in ihrem -Familienleben geltend. Es ist rührend zu sehen wie der Jude seine -leidende Gattin und seine kranken Kinder verpflegt, wie er den blinden -Vater ins Freie und wo möglich in die Sonne, welche in der Frankfurter -Judengasse ihn kaum zu bescheinen vermag, trägt, und wie er keine -Ausgabe scheut um diesen Hülfe und Dienstleistungen zu gewähren. — -Wahrlich! ich habe in dieser Beziehung keinen solchen Glauben wie in -Israel gefunden. —</p> - -<p>Christliche Fürsten! Ihr habt größtentheils Leichdörner und Juden. Wißt -Ihr wie Ihr Euch von beiden befreit? — Von den letzten wie von den -ersten, durch <em class="gesperrt">Aufhebung</em> des <em class="gesperrt">Druckes</em>. Glaubt<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27"> 27 </a></span> nur es ist -kein Plaisir für den Juden heutigen Tages es mehr zu sein, nur in dem -Schmerz seiner Unterdrückung findet er noch Wollust Jude zu bleiben.</p> - -<p>Es war 2 Uhr Mittags geworden, und man schellte zur <em class="antiqua">table -d’hôte</em>! Ich hatte kaum Platz genommen, als ein alter Mann herein -trat, welcher der Einladung eines Stammgastes, sich neben ihn zu -setzen, mit den Worten sich entzog: »Sie kennen meine Liebhaberei, -und wissen, warum ich gerne Bekanntschaften mit den Fremden mache;« -und zu gleicher Zeit, während man uns die Suppe servirte, dem Kellner -winkte, seinen Caffee auf einen unbesetzten Platz neben dem meinigen -zu bringen. »Eine Secunde nur, lieber Baron!« rief der Stammgast, »wir -lasen heute auf dem Casino ein Wort, das keiner wußte. Ich nahm mir -gleich vor, Sie heute Mittag zu fragen. Was heißt »Falkiren«?«</p> - -<p>»Falkiren heißt ein Pferd auf das Hintertheil setzen,« rief der dadurch -auch mich belehrende Baron, und schritt dann auf den bezeichneten Platz -zu, den er mit einem verbindlichen Gruß gegen mich einnahm.</p> - -<p>Ich hatte mich inzwischen schon nach seiner Persönlichkeit bei dem -Oberkellner erkundigt. »Es ist der Baron von W—s« hatte mir dieser -entgegnet. Es ist der merkwürdigste Mensch, den ich in<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28"> 28 </a></span> meinem Leben -gesehen habe; Alles weiß er, Alles kann er, aber Alles opfert er auch -seiner einzigen merkwürdigen Liebhaberei; doch ich werde ihnen nicht -vorgreifen, sie sollen ihn selbst kennen lernen, denn um seiner eben -erwähnten Passion willen sucht et stets neue Bekanntschaften zu machen. -Der alte Herr zählt übrigens schon vier und achtzig Jahre, obgleich er -erst jeden Morgen um vier Uhr zu Bette geht, das er Mittags um zwei Uhr -erst wieder verläßt.</p> - -<p>Der Baron wurde indessen sogleich in ein Gespräch mit seinem -Uebernachbar verwickelt, der von ihm »Legationsrath« angeredet wurde -und wie es mir schien, in B—schen Diensten stand. Dieser sprach von -einer Brochüre, welche an die Restauration der Staatswissenschaften des -Herrn von Haller erinnert, und vertheidigte den Satz, daß es die ewige -unabänderliche Ordnung Gottes sei, daß der Mächtige herrschen müsse, -und immer herrschen werde. Nach dieser zerfleische auch der Geier das -unschuldige Lamm, und die durch Gesetzkenntniß Mächtigeren thäten ganz -recht daran, die gläubigen Schutzbedürftigen, als die Schwachen, zu -plündern. Dann ging er zu den Verhältnissen des Staats zur Religion -über, und wollte den erstern der letztern ganz untergeordnet wissen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29"> 29 </a></span></p> - -<p>»Es kommt nur darauf an,« schmunzelte der Baron, »daß man das -Verhältnis von Staat und Religion richtig faßt, oder vielmehr ihren -Begriff in sich aufnimmt. Die Religion hat die absolute Wahrheit zu -ihrem Inhalt, und damit fällt auch das Höchste der Gesinnung in sie. -Als Anschauung, Gefühl, vorstellende Erkenntniß, die sich mit Gott, -als der uneingeschränkten Grundlage und Ursache, an der Alles hängt, -beschäftigt, enthält sie die Forderung, daß Alles auch in dieser -Beziehung gefaßt werde, und in ihr seine Bestätigung, Rechtfertigung, -Vergewisserung erlangt. Die Religion bildet so die Grundlage, der Staat -ist göttlicher Wille, ein gegenwärtiger sich zur wirklichen Gestalt -und Organisation einer Welt entfaltender Geist. Die Religion ist das -Verhältnis zum Absoluten <em class="gesperrt">in Form des Gefühls, der Vorstellung -des Glaubens</em>, und in ihrem Alles enthaltenden Centrum ist Alles -nur als ein Accidentelles auch Verschwindendes. Wird an dieser Form -auch in Beziehung auf den Staat so fest gehalten, daß sie auch für -ihn das wesentlich Bestimmende und Gültige sei, so ist er, als der -zu bestehenden Unterschieden, Gesetzen und Einrichtungen entwickelte -Organismus, dem Schwanken, der Unsicherheit und Zerrüttung, Preis -gegeben.« —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30"> 30 </a></span></p> - -<p>Das Gespräch wurde hier unterbrochen, da der Legationsrath -herausgerufen wurde. Er kehrte zwar sogleich zurück, verließ uns aber -sofort, da er noch nachträglich von einem Gesandten zu einem Diner -eingeladen war. »Leben Sie wohl, lieber Herr Baron«, sagte er, »ich -hoffe, Sie werden morgen das belehrende Gespräch wieder fortsetzen.«</p> - -<p>»Sehr gerne, geehrter Herr Legationsrath,« versetzte der Angeredete, -»allein vergessen Sie nicht das Versprochene von Tufstein.«</p> - -<p>»Ein Wort ein Mann,« lächelte der Legationsrath verschwindend.</p> - -<p>Ich aber hatte, nicht ohne Erstaunen, den wenigen Worten des Mannes -zugehorcht, so viele Hegelsche Weisheit, die sich fast wörtlich in -der Geschichte der Philosophie des Rechts dieses großen Meisters -wiederfindet, in dem Gespräche des fast vier und achtzigjährigen -Greises zu hören.</p> - -<p>Er nahm die Veranlassung mit mir ein Gespräch anzuknüpfen, dadurch, daß -er mir erzählte, wie morgen eine vortreffliche Oper »der Wasserträger,« -von Cherubini, gegeben werde. Schon damals urtheilte er über die -Wichtigkeit eines guten Sujets zu einer Oper, gerade, wie sich in -den Gesprächen Eckermanns mit Göthe aufgezeichnet findet, indem er -behauptete, daß man eigentlich ein so<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31"> 31 </a></span> gutes Sujet haben müsse, daß -man es ohne Musik, als ein bloßes Stück geben könne. »Die Componisten -begreifen nicht die Wichtigkeit einer guten Unterlage,« endete er.</p> - -<p>Nun verbreitete sich der Baron über mehrere Gegenstände der -Wissenschaft und Kunst, und ich gestehe, nie ein reiferes, -überzeugenderes Urtheil über alle Gegenstände, als von diesem Manne -gehört zu haben. Es wurde mir, dem Zwanzigjährigen, wunderbar bei -diesem Nestor zu Muthe. Mich tröstete zwar der Gedanke, noch lange -hin zu haben, bis zu vier und achtzig Jahren, aber in meines Nichts -durchbohrendem Gefühle, fand ich mich doch von diesem Weisen tief -entmuthigt. Er fragte nun nach meinem Namen, wußte nun sogar, daß meine -Familie zu den Osterstadern Junkern gehöre, welche man spottweise -einmal »Bohnenjunker« genannt hat, machte mich aber für diesen Scherz -gleichsam, noch begütigend, auch wieder darauf aufmerksam, daß es schon -Kobbe’s unter Karl dem Großen in jener Gegend gegeben habe. Ich sperrte -sehr den Studentenmund auf, so viel Notizen über meine Familie bei -einem süddeutschen Baron zu finden, noch mehr aber erstaunte ich, als -er mich auf das dänische Handwörterbuch von Müller verwies, und mir zu -gleicher Zeit erklärte, daß ich eigentlich<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32"> 32 </a></span> meinen Geschlechtsnamen -dem Seehunde verdanke. Wirklich ergiebt dies Lexicon, daß Kobbe — -Seehund, besonders in Norwegen bedeutet. Nach Heibergs Vermuthung ist -der deutsche Name Robbe nur aus dem falsch gehörten Kobbe entstanden.</p> - -<p>Das Desert wurde aufgetragen.</p> - -<p>»Apropos, lieber Herr von Kobbe,« begann der Baron, indem er mir eine -Priese darbot, »Sie sind ja ein Holsteiner, und werden den Grafen -M. v. N. kennen?« Ich bejahte dies. »Graf M. war der Vater meines -Jugendfreundes, dessen ich im ersten Capitel dieser Schrift gedacht -habe.« »Nun so müssen Sie mir Ihr Ehrenwort geben, eine Forderung an -ihn auszurichten.« »Wenn es nicht auf Tod und Leben ist,« versetzte -ich, mich an das unglückliche Duell meines Freundes in diesem -Augenblick erinnernd. »Es ist eine Forderung«, entgegnete er, »aber -keine Herausforderung. Der Graf M. hat mir eine Dose von Segeberger -Kalk versprochen.«</p> - -<p>»Von Segeberger Kalk?« fragte ich gedehnt.</p> - -<p class="mbot1">»Ja, von Segeberger Kalk. Sie müssen wissen, lieber Herr von Kobbe, -daß ich nur Eine Liebhaberei habe für die ich lebe. Es ist die, meine -Sammlung von Schnupftabacksdosen zu vermehren. Ich habe deren jetzt -gerade so viele, wie Tage im Jahre,<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33"> 33 </a></span> dreihundert fünf und sechszig. -Ich nehme keine Doublette, ich habe nur Eine goldene, Eine silberne, -Eine kupferne, aber ich suche sie von allen Stoffen auf der Welt -zusammen zu bringen. Hier auf der selben Stelle, wo Sie sitzen, lernte -ich den Grafen M. kennen. Wir erlebten hier einige frohe Mittage, -namentlich erinnerten wir uns unseres gemeinschaftlichen Freundes, des -Dichters Baggesen, von denen ich ihnen noch eine komische Geschichte -zum Besten geben muß, die er mir selbst erzählt hat. Baggesen war -bekanntlich ein großer Freund der Franzosen und Napoleons und eben -deßhalb in Kopenhagen nicht gut angeschrieben. Eines Tages wurde er zum -Polizeiminister K. gerufen, dem bekannten wüthenden Napoleonisten. »Sie -müssen funfzig Thaler Strafe bezahlen, Baggesen,« redete ihn K. an, -»weil Sie gegen die Polizeiverordnung geschrieben haben!« »Das wüßte -ich nicht Ew. Excellenz«, erwiederte Baggesen, »ich bitte mir dies zu -belegen.«</p> - -<p>K. holt die Polizeiverordnung. B. läßt sich mit der Versicherung, daß -erst am Morgen das Gesetz gelesen, gegen welches er peccirte, nicht -abweisen. Endlich zeigt ihm dieser einen Artikel, welcher lautet:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34"> 34 </a></span></p> - -<div class="blockquot"> - -<p>»Es soll bei hoher Strafe verboten sein, etwas gegen unsere -Alliirten zu schreiben; und Sie haben etwas gegen Napoleon -geschrieben,« endete er.</p></div> - -<p>»Das habe ich allerdings gethan, Ew. Excellenz! aber zu einer Zeit, als -Sr. Majestät, unser Allergnädigster König, Napoleon den Krieg erklärt -hatte, ich sehe keine strafbare Handlung darin.« »Baggesen!« erwiederte -der Minister vorstellend, »so viel Logik werden Sie als Doctor und Poet -doch wohl haben, daß wenn es bei <em class="gesperrt">großer</em> Strafe verboten ist, -etwas gegen unsere Alliirten zu schreiben, es doch bei kleiner Strafe -verboten sein muß, etwas gegen die zu schreiben, welche nicht mit uns -alliirt sind.«</p> - -<p>»Das kann ich nicht zugeben«, versetzte der Dichter lächelnd, »das -kommt mir eben so vor, als wenn man sagen wollte, weil es bei hoher -Strafe verboten ist, die Frauen Anderer zu umarmen, so müßte es doch -bei kleiner Strafe verboten sein, seiner eigenen Frau ein Gleiches zu -erweisen.«</p> - -<p>Das Gespräch tournirte sich jetzt wieder auf die Dosen, worauf der -alte Herr nach allen Excursionen in das Gebiet der Kunst und der -Wissenschaft wieder zurück kam. »Wie gefällt Ihnen meine Liebhaberei«, -fragte er mich sogar einmal.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35"> 35 </a></span></p> - -<p>»Sie ist allerliebst und einzig in ihrer Art,« versetzte ich mit -Schonung. »Ich fühle mich selbst trotz meiner Seehund-Qualität davon -ergriffen.«</p> - -<p>»Ja, es ist eine schöne Liebhaberei,« versetzte der Alte ernst, »aber -Gott bewahre Sie davor, sie macht einen fast zum Narren. — Denken Sie -sich,« fuhr er dann heiterer fort, »früher hatte ich die lächerliche -Passion für Pfeifenköpfe und besonders meerschaumene zu sammeln. Da hat -sich doch mein Geschmack jetzt um Vieles geläutert.«</p> - -<p>Es war bei diesen Unterhaltungen Abend geworden, der Baron erhob sich, -mich führte die Neugierde in das Theater. Aber ich ennuyirte mich -dort, es wurde eins von den niederträchtigen Conversationsstücken -gegeben, womit man jetzt alle Bühnen überfluthet. Ich danke Gott, daß -ich unverheirathet bin und daß ich nicht roth zu werden brauche, wenn -meine Frau im Theater gewesen ist und ein Stück wie den beliebten -»Ball zu Ellerbrunn,« und in demselben den Commissionsrath Zucker, -seine Frau Gemahlin und dergleichen Charactere bewundert hat. — O -lieber Vater Schiller! wie hatten die Recensenten Recht, aber wie -schrecklich versündigten sie sich auch, als sie nachwiesen, daß deine -meisten Menschen nicht lebensfähig, zu göttlich oder wie man sie auch -nennt »Ideale«<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36"> 36 </a></span> seien. — Das kann man freilich von den jetzigen nicht -sagen, sie sind nur zu natürlich, aber auch von der Sorte, daß, wenn -alle Personen einer solchen Komödie mit meiner Hündin Diana in das -Wasser plumpsen, ich es vor Gott verantworten will, wenn ich meine -Vierfüßlerin, welche durch ihre Treue das Thier besiegt hat, <em class="antiqua">par -preference</em> vor diesen entgöttlichten Menschen, rette.</p> - -<p>Eine Pause erregte in mir das Bedürfniß ein Glas Bier zu trinken. Wie -jener ein herrliches Haus gebaut aber die Treppe vergessen hatte, so -haben die genußsüchtigen Frankfurter zu spät an eine Buvette gedacht, -die sich noch jetzt in Form einer kleinen Barbierstube im Theater -befindet. Indessen wird auch hier kein Cerevis dispensirt, ich war -daher in ein benachbartes Haus gegangen, wo der braune Stoff mir auf -Begehren von einer freundlichen Wirthin gereicht wurde.</p> - -<p>In dem Gastzimmer saßen Frankfurter Bürger zweiten Grades. Die -Primasorte ist daran zu kennen, daß sie auf den Rath, der doch nicht -rathlos ist, auf den Bundestag, der doch viel schweres Geld dort -verzehrt, und auf die schlechten Zeiten schimpft, wobei sie für so viel -Geld Wein vertrinkt, daß sie wenigstens in ihrem Rayon die schlechten -zu guten Zeiten machen könnte. Es waren vielmehr nur<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37"> 37 </a></span> jüngere -Professionisten dort zu sehen, alle fröhlichen Gemüths, die noch zu -wenig Misantropen schienen um Unzufriedenheit zur Zufriedenheit zu -gebrauchen, Ihre Reden gefielen mir, ich setzte mich zu ihnen — willig -machten sie mir Platz.</p> - -<p>Mein Bier folgte mir. Ich bemerkte, daß das Getränk der übrigen viel -heller war als das meinige.</p> - -<p>Ich forschte nach der Ursache.</p> - -<p>»Wir trinke Eppelwein,« war die Antwort. —</p> - -<p>»Apfelwein, Cider?« fragte ich halb verwundert nicht ohne eine Art -Mitleiden.</p> - -<p>»Ja mein Herr, ziehe Sie nur die Achsel, Sie habe gewiß nit ander als -saure Eppelwein getrunke. Aber dieser Eppelwein ist gut. Nit wahr meine -Herre, Eppelwein und Eppelwein das ist ein Unterschied?«</p> - -<p>»Ei freilich,« versetzten die Angeredeten, »Eppelwein und Eppelwein das -ist ein großer Unterschied.«</p> - -<p>»Wenn ich meinetwege,« fuhr der Redner fort, »in Bockenheim zwei -Schoppe Eppelwein getrunke habe, und mein bester Freund sagt mir ein -ehnziges Wort, so fang ich gleich Krakeel an, trinke ich aber von dem -Eppelwein hier, meinetwege acht Schoppe, so bleibe ich fromm wie ä -Lamm. Aber das ist<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38"> 38 </a></span> natürlich denn, nit wahr meine Herre! Eppelwein und -Eppelwein ist ä großer Unterschied?«</p> - -<p>»Das glaub ich, Eppelwein und Eppelwein ist ä Unterschied«, erscholl -von allen Seiten die Antwort.</p> - -<p>»Ich bin ä Schreiner, ich muß zuweile nach Sachsenhause wo mir meine -Kunde Eppelwein vorsetze. — Ja, wenn ich dann Maaß nehm, verpaß ich -gar leicht ä Stück Möbel, wenn ich aber hier von diese Eppelwein -getrunke habe, da mach i ä Sarg, bloß nach de oberflächlichste Anblick -und ich steh’ dafür, daß der akkerat für de Todte paßt ohn ihn zu -geniere. Aber nit wahr meine Herre! Eppelwein und Eppelwein ist ä -großer Unterschied?«</p> - -<p>»Ei freilich,« bemerkte der Chorus. »Eppelwein und Eppelwein ist ein -großer Unterschied.«</p> - -<p>»Ja meine Herre, ich schwätz viel über die Eppelwein aber er kost -mich auch schon was,« fuhr der Tischler fort und heftete nicht ohne -Melancholie sein Auge auf das eben gefüllte Glas. »Ich mein als nit die -Sechsbäzner, die ich meinetwege dafür ausgegebe habe, er kost mich auch -ä Onkel und ä Braut —«</p> - -<p>»Das wäre viel für Rheinwein und Champagner,« bemerkte ich, »aber für -Apfelwein nach meinem geringen Ermessen doch zu viel.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39"> 39 </a></span></p> - -<p>»Sehe Sie,« sagte er, »ich hab in Zwingeberg ä Onkel gehabt wo -kinderlos war und ä angenommene Tochter hatte. Des Mädel ist die -Tochter von ä Baiersche Offizier, wo vor Hanau erschossen ist. Die -Babett ist ä schönes und gutes Mädche und wir ware halb wege einig, -und der Onkel wo mein Herr Vettrich (Gevatter) ist, war auch damit -einverstande. Aber zum Unglück machte der Onkel selbst Eppelwein und -de miserabelste verfluchteste wo ich in meinem ganze Lebe getrunke -hab’. — Damit wollt er mich nun allezeit tractire und ich mußt ihn -mir gefalle lasse, auch kam mir der Sauerampfer von Wein nit so -spottschlecht vor wenn ich ihn auf das Wohl der mich so freundlich -anblickende Babett hinunter stürzte.« »Gelt Joseph?« pflegte denn mein -Onkel zu sage, »mein Eppelwein ist besser als dei Frankfurter?« — -Ich nickte fast allemal ein »Ja« und erfreute dadurch meinen dicken -rothnasigen Oheim nit wenig. — Da begab es sich, daß wir an eine -Sonntag in das benachbarte Bad Auerbach fuhre. — Kenne Sie Auerbach -und de Wirth Dieffenbach?«</p> - -<p>»Ob ich sie kenne? auch die heilige Justiz, welche von einem -bucklichten Schneider dort verwaltet wird,« entgegnete ich fast -verstimmt.</p> - -<p>»Es ist dort schön, gelte Sie?« fuhr der<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40"> 40 </a></span> Apfelwein-Panegyricker fort. -— »An dem Tag wurde ich mit Babett ganz einig, wir gelobte uns Herz -und Hand und beschlosse unsere Angelegenheit noch an demselbe Abend de -Onkel vorzutrage. — Der mogt auch schon was davon gespürt habe, er -sah so piffig aus, und war kreuzfidel dabei. — Leider kam er auf die -Unglücksidee Champagnerwein komme zu lassen.</p> - -<p>»Nun, der ist doch besser wie Apfelwein?« fragte ich.</p> - -<p>»Ei Gott bewahre,« entgegnete der Redner. »Des ist der schlechteste -Wein wo uf der ganze Welt wächst. Der macht Eine ganz verrückt. Wann -ich Champagner getrunke hab da werd ich so wüthend wie ä wild Thier, -wann mir Ener nur en einzig Widerwort giebt.«</p> - -<p>»Geriethen Sie denn durch den Champagner gar in Streit mit Ihrer -Babett,« forschte ich.</p> - -<p>»Nein des nit«, erwiederte der Schreiner, »es ging auch im Anfang mit -de Onkel gut. Ich hielt mich wunderbar. Als wir aber zu Haus angelangt -ware, da reitet ihn der Teufel, er verlangt ich soll Eppelwein mit ihm -trinke.«</p> - -<p>»Nun und das wollten Sie nicht?«</p> - -<p>»Ich konnte keine halbe Schoppe hinunter bringe. Der Onkel drang -indessen darauf, daß ich<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41"> 41 </a></span> mit ihm von seine Necktar trinke sollte. Ich -erklärte ihm jetzt, durch de verdammte Champagner zu ä Plaudertasch -gemacht, daß unter Eppelwein und Eppelwein ä grosser Unterschied sei -und daß ich den seinige für hundsschlecht erkläre müsse. — Das reizte -aber de Alte fürchterlich. Geh, rief er aus, ich will als nichts mehr -mit eine so ungerathene Bub zu thun habe. Du bist nit mehr mein Neveu, -ich bin nit mehr dein Vettrich und Oheim. Wer nit mei Eppelwein trinkt, -der ist nit von meine Blut. — Ich blieb die Antwort nit schuldig, der -Wortwechsel führte zum Handgemenge. Der Onkel rief seine Leute, man -drängte mich als zum Tempel hinaus warf und mir meine Effecte nach.«</p> - -<p>»Komm mir nit wieder vor de Auge oder ich hetz meine Hund auf Dich,« -ware die letzte Worte, die mein fast vor Wuth erstickende gewesene -Erblasser mir oben aus Babetts Fenster zurief. — Ihr Schluchze das ich -obe zu vernehme glaubte, fing an mich zu entnüchtern. Dieser Proceß -wurde noch vollends durch eine Platzrege vollendet, der mir uf de Kopp -fiel.«</p> - -<p>»Als ich am andere Morge meine Rausch verschlafe, eilte ich von -Verdruß, Beschämung und Liebe gespornt in das Haus meines Oheims. -Aber wie erschrack ich als ich von der alte Haushälterin<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42"> 42 </a></span> die -Schreckensnachricht erfuhr, daß mein alter Oheim Müller schon seit drei -Stunde mit Babett nach Italien abgereis’t sei. — »Sei letztsch Wort -ischt ä Fluch über Sie gewese,« endete der alte schwäbische Drache.«</p> - -<p>»Was war zu thun? Weder meine Zeit noch mein Geschäft (ich wurde -dermale stündlich in Frankfurt zurück erwartet) erlaubte mir, de Oheim -nachzureise. Ihm oder der Babett zu schreibe war auch total unmöglich, -da ich ihre Address nit wußte. Ich ergab mich in Geduld, deren schon -mürb gewordener Fade freilich am Ende vollends riß, als ich in der -Frankfurter Oberpostamtszeitung nach einem Vierteljahre vollends las, -daß mein Bräutchen Babett Reichard in Mühlheim mit eine Badischen -Parrer verheirathet sei. Sie hatte sogar die Unverschämtheit mir diese -Schritt selbst anzuzeige, indem sie denselbe damit entschuldigte, -ihr Pflegvatter, mein Oheim habe ihr keine Ruh gelassen, bis sie de -Bewerber nähm und ihr mit völliger Enterbung gedroht, wenn sie den -Eppelwein-Verächter, womit er mich gemeint, nähm. Sie fügte noch am -Ende die beide leidige Sprichwörter hinzu: Man muß aus der Noth eine -Tugend mache, ich aber sollte mich mit dem Satz tröste: Ein ander -Städtche ein ander Mädche.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43"> 43 </a></span></p> - -<p>»Es sind jetzt vier Jahre verflosse seit jener Zeit. Ich bin -anderweitig verheirathet und hab Gott sei Dank ä gute Frau bekomme. Der -Onkel hat sich längst todt gesoffe in seine saure Wein und die Babett -ist ungesund und harthörig geworde. — Ich sag oft zu mir selbst wer -weiß wozu de Geschichte gut war. Und ich kann behaupte, der Eppelwein -hier schmeckt mir immer noch mal so gut, wenn ich dran denk, wie ich -ihn vertheidigt und so viel um ihn verlore habe. Und darum bleib ich uf -meine Satz. — Eppelwein und Eppelwein ist ä Unterschied.« —</p> - -<p>Ich aber stimmte in die nunmehro auch erlernte Rundrede: »Eppelwein -und Eppelwein ist ä großer Unterschied,« und verließ den großen -Eppelweinmärtyrer, der wie so viele Menschen doch nur einer einzigen -leichtsinnigen Minute sein ganzes Unglück, seinen Stoizismus und seine -Begeisterung für den Eppelwein verdankte.</p> - -<p>Während seiner Rede, die übrigens immer auf einen und denselben Satz -hinauslief, war ich lebhaft an die Shakespearsche Rede des Antonius -erinnert und an seinen Refrain:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Doch Brutus sagt: daß er voll Herrschsucht war,</div> - <div class="verse">Und Brutus ist ein ehrenwerther Mann.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44"> 44 </a></span></p> - -<p>Diese Geschichte wäre übrigens wohl aus meinem Gedächtnisse -entschlüpft, wenn sie nicht eine Lieblingsanekdote meiner Freundin, der -Haizinger, der ich sie einmal erzählte, geworden wäre. Diese empfängt -mich fortwährend lachend mit den Worten: »Eppelwein und Eppelwein ist ä -großer Unterschied.«</p> - -<p>Es war schon ziemlich spät als wir am Abend in Gießen anlangten, -wo, wie noch vor wenigen Jahren, außer einigen Scheiben gekochten -Schinkens nur zwei wunderliche Dinge — ein ganz trüber Punsch und ein -Salat zu haben, wovon der letzte zu reichlich mit Spinnradöl getränkt -war. Indessen traf ich vor dem Posthause zwei ehemalige Heidelberger -Corpssisten, nunmehro Gießener Burschen, mit denen beiden ich oft auf -der Mensur gestanden hatte, die aber jetzt nach Walhalla-Comment mir -um den Hals fielen und nicht abließen bis ich ihnen folgte und die -Stunde, während die Post in Gießen anhielt, in ihrer Burschenkneipe mit -ihnen verplauderte und verzechte. Das ganze Gespräch enthielt nichts -als eine gegenseitige Anerkennung und wie sehr es zu beklagen sei, -daß man nicht zu unserer Zeit schon eine freundschaftliche Verbindung -zu Stande gebracht habe. — Solche weise Todtengespräche werden einst -in dem ihnen angewiesenen Aufenthalt die jetzigen Diplomaten nach -ihrem Tode über die Ori<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45"> 45 </a></span>entalische Frage führen. Es ist übrigens eine -traurige Erfahrung, daß die meisten Menschen erst dann anfangen sich -lieb zu haben, wenn Einer den Andern verloren hat. Und da hat man denn -den scheinbar frommen Satz geschaffen: <em class="antiqua">De mortuis et absentibus nil -nisi bene</em>. Dummes Zeug, lieb nur die Lebenden und Gegenwärtigen. -Damit ist dem lieben Gott weit mehr gedient als mit eurer Kanonisirung -nach dem Tode, die ohnehin nicht lange vorhält. Ich bin wenigstens -auch in diesem Punct der Meinung des lieben Gottes. Habt mich lieb so -lange ich lebe, nach meinem Tode redet was ihr nicht lassen könnt. Eure -Seegnungen, eure Flüche verhallen hier doch auf Erden, der berühmteste -Mensch wird doch am Ende durch die ewig retouchirenden Historiker -entstellt, ein Fabelthier wie Tell, ein Wilddieb wie Shaekespear, und -verwandelt sich am Ende gar wie eine Metamorphosen-Puppe und noch dazu -geblendet, in viele kleine — wie der gute Homer.</p> - -<p>Fast wäre ich von Gießen, anstatt nach Cassel, wieder nach Frankfurt -zurück gefahren, und wäre sonach der Traum meines Heidelberger -Universitätsfreundes in Erfüllung gegangen. Denn beide Posten waren -zusammen getroffen, und ich hatte die Direction der Diligencen -verwechselt. Allein zum Glück<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46"> 46 </a></span> hatte der Conducteur die Häupter seiner -Lieben gezählt und mich wie ein Gesandter reclamirt.</p> - -<p>»Es fehlt uns noch ein Herr,« rief unser Schutz- und Schirm-Meister, -»der wird indessen erst eine Viertelstunde von hier einsteigen.« Und so -geschah’s. — Nach Verlauf dieser Zeit hielt der Postwagen und unter -heftigem Weinen lagen zwei Männer, in einer mehrere Minuten dauernden -Abschiedsumarmung. Der eine war ein mit einem Mantel bekleideter -Offizier, auf dessen Brust zuweilen einige Ordenskreuze hervorblitzten. -Der Scheidende war hingegen angethan wie ein wohlhabender Gutsbesitzer. -Er riß sich jetzt gewaltsam aus den Armen des Andern, der die seinigen -mit den Worten ihm nachstreckte:</p> - -<p>»Bruder! mein theurer Bruder! ich besuche Dich!« —</p> - -<p>»Sei kein Thor,« sprach dieser kaum verständlich, »wir bleiben im -Geiste ewig bei einander, aber bedenke Deine Stellung. Noch Eins, laß -die Mutter ewig im Irrthum, ich schreibe Dir von Kassel.«</p> - -<p>Und nach diesen Worten nahm er den ihm vom Conducteur angewiesenen -Platz im Cabriolet ein, aus dem er den laut weinenden zur Salzsäule -gewordenen Offizier so lange thränenlos und düster in den hellen -Mondschein hinein nachstarrte, bis ein<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47"> 47 </a></span> mitleidiger Baum zwischen beide -trat, und der Hals sich in sein Wagenhäuschen zurückzog.</p> - -<p>Unsere Gesellschaft im Innern des Wagens bestand außer meiner Wenigkeit -aus einem angeblich gewesenen holländischen Rittmeister von Z.. nebst -seiner Frau, der von einer kärglichen Pension in Manheim lebte und -einen kuriosen Nebenerwerb, einen Verkauf von überjährigen (in Saat -geschossenen) Taschenbüchern betrieb, und aus zwei Brüdern Berliner -Tabackshändlern, die ich Derene nennen will und die angeblich von den -französischen Refügiés abstammten. Drollig war es, daß der eine ein -doppeltes Kinn hatte, während dem andern diese Gesichtszierde fast -ganz versagt war fast nur einen inkompleten Puppenkopf darbot. Solche -Versehen kommen indessen in Familien nicht selten vor und müssen wol -in den himmlischen Fleischhallen von der zu eilfertigen Natur begangen -werden. Hatte ich doch in Uetersen zwei Schulkameraden »Gebrüder -Richter,« von denen »Ferdinand,« der ältere, ein doppeltes Ohrläppchen -am rechten Ohr hatte, wogegen dem nachfolgenden »Fritz« diese Ohrzierde -an derselben Seite gänzlich fehlte. In der That macht mich der Gedanke -oft traurig, denn ich habe einen sehr magern Bruder und bilde mir oft -ein, daß ich, der corpulentere, dessen Fleisch durch irgend eine<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48"> 48 </a></span> -Engel-Culpa an mich gebracht habe, von dem man freilich nicht sagen -kann, daß unrechtes Gut nicht gedeiht.</p> - -<p>Wir fünf erschöpften uns in Muthmaßungen über den wunderlichen Fremden -und über dessen Verhältniß zu dem Offizier. Daß er ein Spitzbube sei, -war unter den Vieren ausgemacht, nur wußte man nicht recht, in welche -Klasse des Fieskoschen Mohrs man ihn bringen sollte. Demagogen waren -damals noch nicht erfunden, die liebe Klatschsucht lag auf der Folter.</p> - -<p>Mir hatte der Mann imponirt und ungemein gefallen, was sich auf -jeder Station trotz seiner Einsilbigkeit sehr vermehrte. An die -andern richtete er kein einziges Wort, ja er behandelte sie sichtlich -hochmüthig, und vereitelte den vor Neugierde Platzenden durch seine -knappen Antworten alle Fragen nach seiner Person. Die beiden Berliner -waren ein vollkommner Typus des preußischen Residenzler ihres Schlages. -Und so mag denn für meine humoristischen Leser hier eine ihrer Dialogen -stehen, welche das Brüderpaar damals führte und bei meiner mündlichen -Ueberlieferung jederzeit eine günstige Aufnahme gefunden hat. Möge Herr -Brennglas mir vergeben, wenn ich hie und da das Berliner Idiom nicht -ganz täuschend reproducire. —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49"> 49 </a></span></p> - -<p>Es war von Schriftstellern die Rede. Wahrscheinlich suchte der -Holländer, der dieses Gespräch auf das Tapet gebracht hatte, durch -den verminderten Septimaccord der Conversation schon damals seine -Taschenkalender feil bieten zu können.</p> - -<p>»Schriftsteller? Es giebt nur ehnen Ehnzigen;« fiel der ältere Derene -ein, »dat is der Satiricker Friederich.«</p> - -<p>»Kennen Sie den nich?« begleitete der Jüngste.</p> - -<p>Ich nickte bejahend.</p> - -<p>»Hören Sie Mal Menneken!« hub der Primogenitus gegen den Rittmeister -an, »den müssen Sie lesen, det ist der erste deutsche Dichter, des -sagt mein Kousin och, und der hat Recht. Wissen Sie wie ich zu dessen -Lectüre gekommen bin?«</p> - -<p>»Wie sollte ich das wissen?«</p> - -<p>»Hören Sie Mal, durch den wunderlichsten Zufall von die Welt. Als wir -noch unsern ersten Tabacksladen etablirt hatten, wohnten wir in de -Friedrichsstraße Nummer 46.«</p> - -<p>Der jüngere Defrene berichtigte die Nummer.</p> - -<p>»Um die Zeit wohnte bei uns ein Kammergerichtsrath der sich »Meier« -nennen that. — Ehnes Tages sagte er mich: Sagen Sie Mal Herr Defrene -können Sie mich wol ehn Bette leihen uff<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50"> 50 </a></span> acht Dage, ein Freund will -mir in die Zeit besuchen. Es war des uff en Mittewoch.«</p> - -<p>»Ne Bruder! es war uff en Donnerstag,« verbesserte der <em class="antiqua">minor -natu</em>.</p> - -<p>»Des ist Parthie egal,« beschwichtigte der ältere. »ich sagte ihm -gleich, dat wir in Compagnie handelten, mein Bruder und ich, weshalb -wir uns noch bis auf die heutige Stunde »Gebrüder <em class="gesperrt">Defrene und -Compagnie</em>« schreiben, und det wir nie ohne einander thun thäten, -des ick aber ett ihm zusagen wollte, wenn wir ehn Bette wirklich haben -thun thäten.«</p> - -<p>»Ick rief denn gleich unsere Haushälterin. Weßt Du wol Bruder, det war -damals de rothe Lise?« —</p> - -<p>»Ne«, fiel die Opposition ein, »de lahme Jette von Strahlau, de -Geliebte von den russischen Jelehrten.«</p> - -<p>»Parthie egal, meinetwegen, die Jette »Jette!« rief ick, haben wir noch -Bettzeug genug für einen Freund des Herrn Raths, der ihm uff acht Tage -<em class="gesperrt">hier</em> zu besuchen, die Freundschaft thun will.«</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Jette</em>, ick meehne <em class="gesperrt">Lise</em>, sagte, das Ding soll vielleicht -wol angehen duhn, und der Herr Kammerrath war mit diese ungewisse -Aeußerung dicke zufrieden. Er war überhaupt ehn sehr zufriedener<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51"> 51 </a></span> -Mensch und dabei unverheirathet wie wir Gebrüder Defrene.«</p> - -<p>»Ich hatte mir nig weiter um den ganzen Besuch bekümmert, aber nach -Verlauf von ehnigen Dagen wurden jrade die Räuber von Schiller jejeben. -Haben Sie wol Mal Carl Moor von Devrient jesehen?«</p> - -<p>»Bruder! Devrient spielt den Karl nicht, sondern den unrejellen Bruder, -den <em class="gesperrt">Franz</em>,« fiel der Ohrlappenberaubte ein.</p> - -<p>»Des ist ejal,« replicirte der Senior, »jenug dat er den Moor so -hinreißend spielte dat ick so in Gedanken war, dat ick gar nig druf -weiter rejardirte als mich Lise rapportirte, dat der Fremde bei den -Herrn Kammerjerichtsrath anjekommen sei und mich einen Zettel von -die Polizei in die Hand drückte, wo der Name von den Fremden uff -geschrieben stund. Ick las ihn jar nich Mal und steckte ihn mithin -unjelesen in die linke Westentasche. Denn warum? immer sah ick den -leibhaftigen Moor für mich, jrade in den Moment wo er beten will und -nich kann. Hu! des ist jräsig!« —</p> - -<p>Genug die Geschichte war uff en Donnerstag —</p> - -<p>»Uffn Freitag,« verbesserte der jüngere Defrene.</p> - -<p>»Nu, uffn Donnerstag,« beharrte der Erzähler.</p> - -<p>»Wie du leugnest dat es uff’n Freitag war?«</p> -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52"> 52 </a></span></p> -<p>besserte jener. »Sieh! ick beweise es Dich. War nicht der Cousin uff -den nächstfolgenden Sonntag bei uns?«</p> - -<p>»Ja Brüderken! Du hast Recht,« versetzte der Aeltere durch den -unlogischsten aller Gründe völlig überzeugt, und ließ dieses Mal -sein versöhnendes »Et is ejal,« sogar weg. »Also jut, des wer uff en -Freitag. Am Sonntag war mein Cousin bei mich, det is der gebildeste -junge Mann den ich in janz Berlin kenne. Er hat den Feldzug mitjemacht -und wenn er oog eigentlich jar nich im Feuer jewesen ist, so kann er -doch jede Schlacht haarkleen von A bis Z erzählen, und was noch mehr -sagen will, er trägt die Medaille.</p> - -<p>Nicht immer, wenn Trauer in die Familie ist, trägt er sie aus -Zartjefühl nich, und oog nich aus Sympathie, wenn er Zahnweh hat,« -ergänzte Defrene junior.</p> - -<p>»Vielleicht auch nicht im Gewitter,« bemerkte ich, denn Eisen zieht an.</p> - -<p>»Deß weeß ich jrade nicht, aber es ist ejal,« fuhr der Referent -fort. »Also, jenug, an den Sonntagmorjen probirte unser Cousin unsre -neusten selbstjemachten ächten Hannahcigarren. Da jing plötzlich die -Thüre, und es trat ein Herr herein, der<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53"> 53 </a></span> sich als der Gast vom Herrn -Kammergerichtsrath persönlich ankündigte.</p> - -<p>»Ich bat ihn sehr artig, sich zu setzen, er aber bedauerte dieses -enige nich zu können. Mein Bruder, der jrade dem Vetter eenen -kleenen Schnapps präsentirt hatte, schenkte ooch dem Fremden so ein -verjoldetes Glas aus unsern Flaschenkeller, den unsre Voreltern bei die -Religionsverfolgung noch mit aus Frankreich mitgebracht haben, ein, und -präsentirte es dem Fremden, welches dieser auch sofort annahm. —</p> - -<p>»Erst dankte er, alleene, ich nöthigte ihn zwei Male, wor’uff -er sich nicht länger excüsirte,« unterbrach der Correferent den -Berichterstatter, welcher verweisend fortfuhr:</p> - -<p>»Et is ejal, jenug er trunk ihm. Aber der Herr war erschrecklich -bebberig, er zitterte so unjeheuer, dat er meinen Cousin, der immer -sehr nach die Mode jekleidet war und dieses aparti vorzüglich -am Sonntage, das halbe Glas von dem braunen Rum uff seine -Tricotbeinkleider goß. Während dieser sich nun, in dem Nichtbewußtsein -das Jedahne verübt zu haben, entfernte, und janz arglos aus die -Stubenthüre sich mit Einem »ich empfehle mir Sie« gegangen war, hatte -mein Cousin, der ein ville zu sehr gebildeter Mensch ist und ville zu -ville<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54"> 54 </a></span> Lebensart hat um das Gastrecht zu beleidigen und den Fremden -aufzubieten, — doch über die Beschmutzung seiner Lieblingsbeinkleider -einen so rothen Kopp wie ein Puter bekommen, und fing jetzt an, -entsetzlich unanjenehm zu werden. — Als sich der Sturm aber etwas -verpuhst hatte, da fragte er, wie der Fremde denn ejentlich heißen -thäte. — Lise wurde gerufen. Die sagte gleich, der Herr hätte ein -Vornamen zum Zunamen, des wüßte sie wohl, aber jenauer könnte sie -den Namen jar nicht beschreiben, — Ick hätte aber ja den Namen für -die Polizei von ihr in Empfang jenommen und in die Westentasche -gesteckt. Und denken Sie sich, ich hatte jrade diselbe Weste an, -die ich den Freitag jetragen. Und des war ein Glück dat des alles -so kommen mußte, denn, wäre das nich so gekommen, und es wären mich -drei Tage verstrichen, so hätte ick Strafe uff der Polizei für einen -unbeherbergten oder vielmehr unanjezeigten Fremden bezahlen müssen. -— Aber kaum hatte ich den Zettel an meinen Cousin jezeigt, als -dieser janz siegestrunken uffsprang und ausrief: »<em class="gesperrt">Friedrichs</em>, -<em class="gesperrt">Schriftsteller</em>,« jeh heruff und bitt ihn, daß er herunter kommt, -er kann mir dreist noch zehn Male begießen. <em class="gesperrt">Friedrichs</em> der -<em class="gesperrt">Satiriker</em>, ist der größte wenn auch nicht gelebt habende, doch -leben werdende<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55"> 55 </a></span> und man kann noch wol sagen lebende Dichter, den es -giebt. Sie können denken, wie diese wirkliche und nicht jeschmückte -Bejeisterung von unsern jebildeten Cousin uff meinen Bruder wirkte. -Dieses Lob hören und gleich nach alle Lesebibliotheken schicken, war -das Werk von Ehner Minute. Acht Dage waren mein Bruder und ich wie -eingespunnt bei die satirischen Feldzüge. Kehner wollte heraus wenn -ehner vor den Laden kam. Ehner las bestimmt im Friedrichs, und blieb -uff den Fleck und wenn ooch vier Personen Cigarren haben wollten. Aber -ick stimme mit meinem Vetter darin überein: »Friedrichs ist der größte -leben werdende Dichter seiner Zeit.«</p> - -<p>»Und wie wurde es mit der ferneren persönlichen Bekanntschaft des -Dichters?« forschte ich.</p> - -<p>Ick habe ihn nur ein einziges Mal wieder gesehen, erwiederte Defrene -etwas kleinlaut, ick sagte ick wünschte mit ihm über seine satirischen -Feldzüge zu reden. Es versetzte mich aber fast verdrießlich, daß -er jrade keene Zeit nich habe mit mich darüber zu reden. Ick mußte -mich den Mund wischen. »Sie wissen, wie die Jelehrten oft sind, so -schrecklich aparti.«</p> - -<p>»Allerdings,« endete ich, und dachte an den Studiosus Meyer und an den -großen Jean Paul.</p> - -<p>Diese Unterhaltungen dauerten im gleichen<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56"> 56 </a></span> Genre fort. Da ich keinen -Spiritus familiaris im Wagen hatte, der die sich entwickelnde -Lächerlichkeit mit mir theilen konnte, fingen sie an, mich sehr -zu ermüden. Der Holländer und seine Frau brachten langweilige -Geistergeschichten auf das Tapet, die mich gewiß in Morpheus Arme -versenkt hätten, wenn ich überall im Stande wäre, die erste Nacht im -Wagen schlafen zu können. Ich tauschte daher auf der nächsten Station -mit dem Conducteur und nahm meinen Platz neben dem räthselhaften -Fremden ein.</p> - -<p>Derselbe zeigte sich jetzt freundlich und gesprächig. Indessen kamen -wir nur auf ernste Materien. Wir redeten viel über Criminalgeschichten -und namentlich über den Fonkschen Proceß, der damals viel besprochen -wurde. Dann wandte sich die Conversation auf entfernte Länder und -Welttheile. Allenthalben war mein Reisegefährte, der sich immer nur als -Oeconom ankündigte, zu Hause, wenn sein Urtheil auch fortwährend eine -düstere, wenn gleich nicht strenge Färbung trug. Seine ganze Person -schien mir immer mehr ein Geheimniß, ich wurde an den Prinzen mit -der eisernen Maske erinnert. Indessen konnte ich es zu meinem eignen -Ärger nicht über mich gewinnen, an dem Schleier zu zerren, welcher die -Herkunft des Mannes umgab,<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57"> 57 </a></span> dessen Dialekt indessen meinem scharfen -Ohre gar bald die Überzeugung verschaffte, daß mein Mitpassagier ein -Süddeutscher sei und wol aus der Wetterau stamme.</p> - -<p>Es war Abend geworden als wir in Cassel anlangten. Die Gasthöfe waren, -ich weiß nicht aus welchem Grunde, so überfüllt, daß uns nur drei -Zimmer angewiesen werden konnten. Die beiden Brüder, Mann und Frau, als -natürliche Alliirte nahmen je zwei eins in Beschlag, ich vereinigte -mich mit dem räthselhaften Fremden das dritte zu beziehen. — Wir -plauderten hier noch etwa eine halbe Stunde, endlich ersuchte mich mein -Reisegefährte ihm etwas in das Stammbuch zu schreiben. Ich ergriff das -Papier, und verglich, noch von Heidelberg her mit Abschiedsschmerz -erfüllt, die Trennung mit einer Hinrichtung; — das Schicksal mit dem -Henker. — Ich übergab das Geschriebene meinem Stubenkameraden der es -ungelesen in seine Brieftasche steckte. In dem Augenblick klopfte es an -die Thüre. Ein garstiger blatternarbiger Kerl trat in das Zimmer. Er -begrüßte den Fremden fast wie ein Geselle seinen Meister, und fragte, -ob dieser seiner Dienste bedürftig sei. »Ich werde mit Euch gehen,« -versetzte der fremde Herr! »Harret meiner nur unten.« —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58"> 58 </a></span></p> - -<p>Ich merkte daß es ihn drängte, brach die Conversation ab und folgte dem -Geklingel das jetzt zum Abendessen einlud. Er versprach, sobald als -möglich, nachzukommen. »Wenn ich nicht irre,« setzte er hinzu, »daß er -leider einen Collegen besuchen müsse.« — Mir war das wunderlich daß -ein Oeconom in der Stadt einen Collegen aufsuchte. —</p> - -<p>Als ich an die <em class="antiqua">Table d’hôte</em> kam fand ich meine Reisegefährten -schon in der unverdrossensten Kinnbackenarbeit. Aber kaum gewahrten die -mich als sie Gabel und Messer niederlegten und mir durchaus à tempo -zuriefen. »Wissen Sie denn jetzt wer der Fremde ist der oben mit Ihnen -auf einem Zimmer logirt?«</p> - -<p>Ich machte ein verneinendes Zeichen.</p> - -<p>»Der Kerl, welcher sich gegen einen Militair und Edelmann so hochmüthig -beträgt, ist nichts anders als ein — — —«</p> - -<p>Hiebei machten alle vier mit beiden Händen an ihrem eignen Kopfe eine -höchst lächerliche Pantomime. Sie thaten nämlich als ob sie sich selbst -das Haupt aus den Schultern sägen wollten, bis der Redner, welcher sein -»ist ein« — noch mehrere Male lang gedehnt wiederholt hatte, mit einem</p> - -<p class="center">»<em class="gesperrt">Scharfrichter</em>«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59"> 59 </a></span></p> - -<p>herausplatzte. Die Berliner meinten, so etwas hätten sie dem »juten -Freund«, trotz seines Vornehmthuns schon längst anjesehen. Sie -bedauerten dabei nichts mehr als daß ihr jeistreicher Cousin nicht -zujegen sei, der hätte dem Scharfrichter mit seinem Witz, wie sie sich -ausdrückten, <em class="gesperrt">mich nicht dich nichts</em> seinen »<em class="gesperrt">hochmüthigen -Kopp</em>« wol herunterjehauen. Des wäre eine Scene für Jötter und für -Menschen zum Todtlachen jewesen.</p> - -<p>Die Frau von Z—, wußte aber schon viel mehr specialia, welche sie -in der Küche gesammelt haben wollte. Nach der Köchin Erzählung sei -der Scharfrichter ein hessischer Baron, der beim Hühnchenspielen -als Kind dreien seiner Geschwister den Hals abgeschnitten habe, und -deßhalb von den Eltern Jahrelang eingesperrt und nachher auf einer -wüsten Insel ausgesetzt sei. Einer andern unverbürgten Nachricht der -Nätherin zufolge wäre der Räthselhafte durch Lesung von Räuberromanen -ein Anhänger von Rinaldini geworden, und hätte als solcher bereits -experimentirt. Man hätte ihn in das Gefängniß geschleppt, woselbst -die Familie, um die Schande zu unterdrücken, mit dem Kerkermeister -durchgestochen und den Tod des Knaben vorgegeben, denselben aber dann -unter fingirtem Namen in das Ausland geschickt habe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60"> 60 </a></span></p> - -<p>Ich weiß zwar noch bis zur Stunde nicht wie die Sache zusammen hängt -und wie das Dienstpersonal in der Küche zu den Notizen über unsern -Mitpassagier gekommen war, indessen bin ich überhaupt nicht abgeneigt -etwas Ähnliches, etwa einen leichtsinnigen Jugendstreich, der ihn früh -von den Seinigen entfernt hat, anzunehmen. Die Schadenfreude aber, -womit das Vierblatt über den Ruf des armen Scharfrichters herfiel, -versetzte mich indessen in eine kalte Malice, und versicherte ich dem -ehrabschneiderischem Quartett, daß das Ganze fingirt und selbst die -Scene mit dem Offizier der Gießen eine Farce gewesen sei, um seine -Reisegesellschaft ein wenig zu mystificiren. Sie möchten daher ihren -malitiösen Glauben nicht zu sehr cultiviren, weil der Mecklenburgische -Graf sie sonst am Ende gar zu sehr auslachen würde.</p> - -<p>Der Ernst, womit ich diese Worte aussprach, erregte einige saure -Gesichter. Gemeine Seelen empfinden es schmerzhaft wenn Menschen besser -sind als ihr Ruf. — Sie haben nicht einmal die Gutmüthigkeit jenes -Vechtaer Juden, welcher einen Spaßvogel fragte, ob er denn nicht heute -zur Execution eines Raubmörders nach dem einige Meilen entfernten -Städtchen Diepholz gefahren sei, und als er die Antwort erhalten, »der -Befragte habe hinge<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61"> 61 </a></span>wollt, aber sei zu Hause geblieben weil er die -Nachricht bekommen, daß der Verurtheilte begnadigt sei,« — ausrief: -»Es freut mich für den Menschen — aber, au waih! geschrieen für meine -Femilie. Die ist hin zu sehn das Koppabschlagen. Und der Wagen kostet -mich, bei mein Gesundheit, Einen Thaler acht und vierzig Grote.«</p> - -<p>Schon hatte ich beinahe den Scharfrichterverdacht von meinem -Stubengenossen gewälzt, als die Frau von Z., eine Rheinländerin, -ausrief:</p> - -<p>»Ne dat Ding kann ich nicht globe, de Kechin und das Nähmädchen habe es -mir Alles zu gewiß erzählt. Ich muß mit de Behde noch ehnmal darüber -spreche.«</p> - -<p>»Ick geh’ mit, mein Kind,« bemerkte der Mann und hinkte seiner eilenden -Gattin nach, welche die Nachfolge ihres Nicht-Ehegebieters nicht eben -zu erfreuen schien.</p> - -<p>»Brüderken! gehst du noch mal mit in die Küche?« rief der jüngste -Defrene.</p> - -<p>»Et is alles egal,« sprach das bejahende Doppelkinn, »laßt uns Mal -Ehnen satirischen Feldzug zu die Köchin und zu die Näherin unternehmen.«</p> - -<p>Die Quadrupelallianz war bald verschwunden. Ich wartete noch eine -Zeitlang auf meinen Contubernalen, und folgte, da dieser sich bei -seinen Colle<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62"> 62 </a></span>gen zu verspäten schien, der Einladung eines inzwischen -eingetretenen Officiers, heute die Maskerade im Schauspielhause mit -anzusehen. Leider war hier Spiel, und zwar das verführerische Roulett. -Zwei Male kam auch richtig meine Lieblingnummer, »<em class="antiqua">vingt-sept, -rouge impair et passe</em>« heraus; das erste Mal aber, als ich in -den Saal trat und nicht gesetzt hatte. — Zum Zweiten, als ich den -vorhergehenden <em class="antiqua">coup</em> mein letztes Achtgutegroschenstück verloren hatte. -Glücklicherweise hatte meine letzte Pistole durch ein Loch in der -Tasche des Beinkleides, sich der allgemeinen Conseription entzogen. -Sie war in den Stiefel geglitten und bewahrte mich vor gänzlicher -Armuth. Ich dankte Gott, daß meine Post bis Hannover, wo ich einen -hülfreichen Universitätsfreund hatte, bereits bezahlt war. — Unter -den Zuschauern schien Einer viel Theilnahme an meinen <em class="antiqua">guignon</em> zu -nehmen. Ich erinnerte mich seit Jahren dankbar. Er gab mir, glaube ich -sogar, den wohlmeinenden Rath nicht mehr zu spielen, als ich kein Geld -mehr hatte. Aber wie wunderte ich mich, als ich nach mehreren Jahren -dieselbe Physiognomie in Nenndorf, als einem Bankier des Hazardsspiels -angehörig, wiedersah. Dasselbe fromme Gesicht, dieselbe tremulante -Stimme, dieselben dürren Spielfinger, womit er, wenn das Höllenfeuer<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63"> 63 </a></span> -des Rouletts und des Pharaos ruhte, die Ohren der Kinder seiner -Pointeurs, mit Liebkosungen und Segnungen bestrich, indem er wol im -Stillen dachte: »O könnte ich Euch gleich so groß so erwachsen in die -Höhe ziehn, damit Ihr dasjenige, was Eure Väter noch nicht an mich -verloren, anbringen könntet.«</p> - -<p>Bei dieser Erinnerung an Nenndorf fällt mir ein, daß dort die Hunde -dem Sprichwort »<em class="gesperrt">Bankier ist ein Hund</em>« viel Qualität verleihn. -Die Hauptspieler sind namentlich Bürger aus Hannover, welche an den -Spieltagen, Sonntags und Donnerstags, theils in Geschäftswagen, theils -als <em class="antiqua">chevaliers de demie fortune</em> in Einspännern, oder auch wol -um alles zu verspielen, gar zu Fuß, ihren Feldzug gegen die Blutsauger -unternehmen. Die vornehmeren betrügen bei ihrer Ankunft gewöhnlich -ihren Magen, indem sie sich gegenseitig versichern, daß sie noch keinen -Appetit zum Essen haben, — und daß sie tüchtig zusammen soupiren -wollen. »Die essen jetzt nicht, aus Ungeduld an die Bank zu kommen,« -pflegte der alte Zahn dann wohl prophetisch zu flüstern, »geben Sie -Acht, die lassen heute Abend die Zeche anschreiben und ich muß Ihnen -noch Geld zur Rückreise überher geben.«</p> - -<p>Die Honoratioren des mittleren Bürgerstandes<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64"> 64 </a></span> pflegen in einem -benachbarten Wäldchen Toilette zu machen, wohin sie auch mit ihren -leeren Börsen zu ihrer dort oft weidenden Rosinante zurückkehren, -und dann bei dem Gesange des Spottvogels ihr mitgebrachtes Abendbrod -verzehren. Der Platz hat davon den Namen »<em class="gesperrt">Schinkenhölzchen</em>,« -und ist der heilige Hain aller Hunde Nenndorfs geworden. Denn kaum -hat ein Banquier die letzten drei Züge gethan, so stürzen die vor dem -Conversationshause versammelten Vierfüßler nach dem Schinkenhölzchen, -um dort mit den auf den Hund gekommene Hanoveranern als nachfolgende -Gäste ein Abendessen zu halten, und die Knochen durch Vertilgung -derselben, vor der Sünde, wieder ein Würfel zu werden, zu bewahren. -— An einem Abend, wo mehrere Hanoveraner über Wunstorf nach Hause -fuhren, kamen die betrogenen Hunde ganz traurig zurück und gewährten -einen Anblick zum Todtlachen. Sie begegneten den Banquiers welche auch -gesenkten Blickes gingen, da ein berauschter Student, der auf meinen -väterlichen Rath mit einem treuen Freunde und seinem Gewinn in die -Heimath gereis’t war, sie tüchtig ausgebeutelt hatte. Die Blicke der -Menschen wie der Hunde schienen sich zu verstehen.</p> - -<p>Arm am Beutel, krank am Herzen, kehrte ich in mein Hotel zurück. Ich -fand meinen Scharfrich<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65"> 65 </a></span>ter im tiefen Schlaf und zwar derb schnarchend, -ich hätte ihm gerne ein »<em class="antiqua">dosine tandem carnifex!</em>« zugerufen, ich -fürchtete aber, daß er das Schnarchen dadurch nicht, wie August das -zum Tode verurtheilen, nachlassen würde. Alles Geräusch, selbst der -Versuch ihn zu wecken, war umsonst, ich legte mich bald rechts bald -links, der Schlaf floh mich. — Voll Verzweiflung warf ich mich der -Poesie in die Arme. Es entstand in dieser Nacht die erste Scene meines -Burschenerdenwallen, welches später im Jahr 1826 bei Wilhelm Kaiser -erschienen ist und wovon eine Scene als Probe des ganzen Büchlein, hier -einen Platz finden mag. Sie ist übrigens eine erlebte.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse s5">(Alter Bursch und Fuchs treten auf.)</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Ich muß dich vor allen Dingen,</div> - <div class="verse">Hier in dieses Wirthshaus bringen,</div> - <div class="verse">Wo der Bursch fast immer kneipt;</div> - <div class="verse">Kannst am Abend wie am Morgen,</div> - <div class="verse">Beim Philister Porzel borgen,</div> - <div class="verse">Wenn er auch oft doppelt schreibt.</div> - <div class="verse">Ich bin ihm schon höllisch schuldig,</div> - <div class="verse">Doch der Kerl der ist geduldig.</div> - </div> - <div class="stanza"> -<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66"> 66 </a></span> - <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Wenn das Tante wüßte, Fritze</div> - <div class="verse">Mir verbot man Kaffeehäuser.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">O so sprich doch etwas leiser.</div> - <div class="verse">Hört’ man deine schnöden Witze,</div> - <div class="verse">Könnte man ja Wunder denken.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Gott wie magst du Tante kränken.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Mutter ist ein Frauenzimmer,</div> - <div class="verse">Fürchtet sich bei Allem immer;</div> - <div class="verse">Doch wie die Philister sagen,</div> - <div class="verse">War Papa als Bursche schlimmer</div> - <div class="verse">Hat sich alle Tag’ geschlagen.</div> - <div class="verse">Ist ein Erzsuitier gewesen.</div> - <div class="verse">Hab seinen Namen im Carcer gelesen.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Fritz! nein ich bezweifle dies,</div> - <div class="verse">Onkel der ist so vernünftig.</div> - </div> - <div class="stanza"> -<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67"> 67 </a></span> - <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Nun das werd ich auch zukünftig,</div> - <div class="verse">Wahr ist es auf Cerevis.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">In den letzten zwei Semestern</div> - <div class="verse">Sollt’st du wirklich fleißig sein.</div> - <div class="verse">Das versprachst du mir noch gestern,</div> - <div class="verse">So gewiß, und fest; allein —</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Ja ich will auch, laß das Lästern,</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Der verdammte Branntewein!</div> - <div class="verse">Denke dran was du versprochen.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Hab’ ich denn mein Wort gebrochen?</div> - <div class="verse">Hab’ die ganze Nacht gewacht,</div> - <div class="verse">Immerfort hab’ ich studirt,</div> - <div class="verse">Nicht gegrockt und nicht gebiert.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Nun, das hast du brav gemacht.</div> - </div> - <div class="stanza"> -<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68"> 68 </a></span> - <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Heute mach ich eine Pause,</div> - <div class="verse">Aber jetzt erzähl mir ja,</div> - <div class="verse">Was macht Mutter und Papa</div> - <div class="verse">Und die Schwestern denn im Hause?</div> - <div class="verse">Und wie gehts in unserm Städtchen,</div> - <div class="verse">Insbesondere mit den Mädchen?</div> - <div class="verse">Sprich, was macht Louise Kranz?</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Neulich sah’ ich sie beim Tanz,</div> - <div class="verse">Schwer hob sie die Schwanenbrust,</div> - <div class="verse">Gerne wollt ich mit ihr tanzen,</div> - <div class="verse">Doch sie hatte keine Lust.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Warum machte sie Speranzen?</div> - <div class="verse">Wenn sie mir das abgeschlagen,</div> - <div class="verse">Hätt’ ich wollen sie curanzen!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Gott! wie kannst du so was sagen?</div> - <div class="verse">Denk dir, ihre Augensterne</div> - <div class="verse">Blickten still und schmachtend nieder,</div> - <div class="verse">Immer sprach sie ach! von dir.</div> - </div> - <div class="stanza"> -<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69"> 69 </a></span> - <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Ja sie mag mich höllisch gerne.</div> - <div class="verse">Wenn die Besen sich verkeilen</div> - <div class="verse">Sind sie einmal nicht zu heilen.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Könnt wie du, ich, um sie minnen,</div> - <div class="verse">All mein Leben setzt’ ich dran,</div> - <div class="verse">Diesen Engel zu gewinnen. —</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Seht mir mal den Crassen an.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Wird Ihr Vetter lange bleiben?</div> - <div class="verse">Fragte sie von Schmerz erweicht,</div> - <div class="verse">Gerne wollte ich an ihn schreiben,</div> - <div class="verse">Doch ich fürchte daß er schweigt.</div> - <div class="verse">Sieh so sprach sie, Du Profaner!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Ach der Besen ist halb toll,</div> - <div class="verse">Zwar poussirt hab’ ich ihn mal,</div> - <div class="verse">Aber ich war noch Primaner.</div> - </div> - <div class="stanza"> -<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70"> 70 </a></span> - <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Fritz bei dem verwandten Blute</div> - <div class="verse">Das ja in uns beiden fließt,</div> - <div class="verse">Und so wahr das reine Gute</div> - <div class="verse">Ewig unvergänglich ist;</div> - <div class="verse">Reich Louisen deine Rechte</div> - <div class="verse">Wolle ihr dein Leben weihn,</div> - <div class="verse">Eurem kommenden Geschlechte,</div> - <div class="verse">Will ich Freund und Onkel sein.</div> - <div class="verse">Nie mehr wird mein Auge trübe</div> - <div class="verse">Denn ich denk’ an Körners »Durch«</div> - <div class="verse">Ich veredle meine Liebe</div> - <div class="verse">Gleich dem Ritter Toggenburg.</div> - <div class="verse">Wenn ich dann oft einsam weine</div> - <div class="verse">Daß Dein Mädchen mich verkannt,</div> - <div class="verse">Daß die Holde nicht die Meine!</div> - <div class="verse">Einst mich decket Grabes-Sand!</div> - <div class="verse">Fritz! dann mögest Du ihr sagen,</div> - <div class="verse">Opfer kennt die Liebe keine! —</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Das ist doch zum Überschlagen!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Marmorstein! wirst du nicht roth?</div> - </div> - <div class="stanza"> -<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71"> 71 </a></span> - <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Die Louise Kranz in Ehren,</div> - <div class="verse">Lieber Jung’! ich hab’ kein Brod</div> - <div class="verse">Eine Frau mir zu ernähren.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Willst du denn des Mädchens Tod?</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Hör’! ich will sie dir cediren,</div> - <div class="verse">Willst du tüchtig Wein poniren!</div> - <div class="verse">Aber nimm es mir nicht krumm.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Hör Elender! du bist dumm.</div> - <div class="verse">Meines Hasses Fackel lodert. —</div> - <div class="verse">Solch ein schändlicher Betrug!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Das Wort »dumm« das ist genug.</div> - <div class="verse">Du touchirst, weist nicht warum.</div> - <div class="verse">Aber Fuchs du bist gefordert.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft5"><em class="gesperrt">Fuchs.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Wohl! ich folg’ zum Waffentanz (ab).</div> - </div> - <div class="stanza"> -<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72"> 72 </a></span> - <div class="verse mleft3"><em class="gesperrt">Alter Bursch.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Ich bin meiner Seel verplext,</div> - <div class="verse">Wie kann mich der Jung’ touchiren?</div> - <div class="verse">Die verdammte Lise Kranz</div> - <div class="verse">Hat den Bengel wol behext?</div> - <div class="verse">Doch der Fuchs muß revociren</div> - <div class="verse">Millionen Donnerwetter!</div> - <div class="verse">Hört man das im Vaterlande,</div> - <div class="verse">Louis bleibt ja doch mein Vetter,</div> - <div class="verse">Das wär’ eine ew’ge Schande. —</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Ich hatte kaum meine Scene beendet, als das Schnarchen meines -Stubengenossen aufhörte. Er warf sich auf die linke Seite, und alsbald -strömten einzelne Worte, wie »Vergebung liebe Mutter!« »Folge mir nicht -lieber Bruder« an mein Ohr! —</p> - -<p>Ich horchte, vernahm aber nichts mehr. Da hörte ich plötzlich einen -gewaltigen Lärmen im Hause. Göttinger Studenten mit Pfeifen im Munde, -an denen gewaltige Quäste herunter baumelten, traten in mein Zimmer.</p> - -<p>»Wo ist die Heidelberger Eminenz?« erscholl es, »wo ist der Secretair -der Heidelberger Burschenschaft, der Jenenser Deputirte? Er soll mit -uns trinken und morgen den unpartheiischen Zeugen bei unsern Paukereien -machen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73"> 73 </a></span></p> - -<p>Und als sie diese Worte gesprochen hatten, trat ein Theil vor mein -Bett, der andere vor das meines Reisegefährten. — »Laßt den Kerl -liegen, das ist ein Philister,« scholl es, endlich, während der Herr -von Leben zum Tode, ganz unbeweglich da zu liegen und offenbar nur -verstellt zu schlummern schien. —</p> - -<p>Aber auf einmal rief wieder Einer der zum Bett des Fremden geschlichen -war. »Kinder! der Kerl trägt ein Kainszeichen. Das ist gewiß der -Scharfrichter, von dem der Kalenderverkäufer und die beiden Berliner -erzählten.«</p> - -<p>»Ja wahrhaftig ein Scharfrichter!« riefen Alle. »Und mit dem schläft -ein Bursch in Einem Zimmer. Das ist gemein, solch einen Kerl müssen wir -stürzen. Der soll sich mit uns pauken.«</p> - -<p>Ich hatte Alles nicht ohne Verwunderung angehört, uns erstaunte dabei -zu gleicher Zeit über die Frechheit der Studiosen welche in Kassel -alle Zöpfe trugen. Jetzt aber war meine Geduld zu Ende. Ich sprang aus -dem Bett und rief: »die Eminenz ist Euer Mann. Hätte ich nur einen -Secundanten dann wollten wir die Sache gleich abmachen. Ihr seid alle -dumme Jungen.« Meine Forderung machte eine wunderbare Wirkung, die -Burschen wurden kleinlaut und zogen, einen Heidelberger Cottillon<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74"> 74 </a></span> -singend, von dannen. Ich verschloß die Thüre und legte mich zur Ruhe.</p> - -<p>Aber wunderbar! aus einem großen Wandschranke des geräumigen Zimmers -traten plötzlich zwei meiner getreuesten Cerevisianer und versicherten -mir auf Cerevis und Ehrenwort, daß sie mir nur voraus geeilt seien um -ihre Eminenz würdig zu empfangen. Der eine, der Graf von Schoppentod, -(es war bekanntlich in der Winterzeit) übergab mir eine künstliche -Josmine und ein solches Weinblatt, so wie eine wirkliche Monatsrose, -die von mir gestifteten Ordensembleme, der andere Graf von Bierfedel -hatte einen ungemein großen Humpen Cerevis in den Händen, den er mir -mit einigen feierlichen Worten kredenzte. —</p> - -<p>Ich wollte den edlen Stoff an die Lippen setzen und Bescheid thun, -aber, hilf Himmel! der Henkel des Kruges brach und Gefäß und Bier -stürzten auf die Erde. — —</p> - -<p>Mit einem, »O! über das herrliche Cerevis!« erwachte ich, und merkte -nun nur zu deutlich, daß ein Traum mich gefoppt hatte; ich wäre -übrigens in der That auch im Wachen ein solcher Bierheld und Raufer wie -im Schlaf gewesen.</p> - -<p>Unfern meines Bettes saß der Scharfrichter, welcher mich schweigend -anblickte. - »Sie haben im<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75"> 75 </a></span> Traum viel mit ihren Kameraden zu thun -gehabt,« bemerkte er jetzt. —</p> - -<p>Besseres als wie du mit Mutter und Bruder, dachte ich mitleidig -schweigend. —</p> - -<p>Jetzt bemerkte ich erst, daß mein Stubenbursche mein Stammblatt in der -Hand hatte. Diese schien ihm zu zittern.</p> - -<p>»Haben Sie,« fragte er jetzt mit bebender Stimme, »diese Zeilen mit -irgend einer Beziehung auf mich geschrieben?«</p> - -<p>Ich erröthete urplötzlich, da mir die Worte und ihre Misdeutung -sogleich gegenwärtig waren.</p> - -<p>»Ich kann Ihnen versichern,« stammelte ich nach kurzer Pause, »daß ich -meine Worte wohlwollend und nicht in der mindesten Absicht geschrieben -habe, Ihnen weh zu thun.« —</p> - -<p>»Ihre Gesichtsfarbe straft Sie Lügen mein Herr!« rief der Fremde sofort -aus dem Zimmer eilend, auf meine Bitten, ruhig da zu bleiben und mich -anzuhören, nicht ferner achtend. Ich eilte ihm vergebens nach, er floh -wie ein Besessener davon, und war sofort aus dem Hause.</p> - -<p>Mit dem Bewußtsein, in den Augen des Unglücklichen für einen -erzmalitiösen Menschen zu gelten, schied ich mit schwerem Herzen und -leichter Börse von Kassel. Noch jetzt verfolgt mich der<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76"> 76 </a></span> Gedanke und -ich habe die Worte des König Philipps begreifen gelernt, wenn er von -Posa sagt:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Er dachte klein von mir und starb.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Aber vielleicht ist mein Reisecompagnon noch nicht todt. Wahrlich! -ich möchte an alle Scharfrichter Norddeutschlands ein Exemplar dieses -Buches senden. Vielleicht versöhnte ich den armen gekränkten Hinko -noch. Wenn’s noch ein scharfer<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> Richter gewesen wäre! Ich kenne wohl -einige, welche einiger exemplarischen Fingerzeige bedürfen, allein -die sollen <em class="gesperrt">klein</em> von mir denken wenn ich sterbe, dafür bin ich -ihnen gut oder schlecht. Meine Memoiren, welch nach meinem Tode heraus -kommen sollen, sind kein Phantom, aber wenn auch kein Böttichersohn -Klatschereien, denn sie sollen nichts als die <em class="antiqua">verité</em> -enthalten, werden sie doch sehr im Contrast zu den Inschriften auf -den Leichensteinen stehen, die manchem Lieblosen auf das Grab gesetzt -werden.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77"> 77 </a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel.</h2> - -</div> - -<p class="untertitel">Meine Schuljahre. Etwas über Uetersen. Reise nach Hamburg. Eine -Fête bei Rainville. Professor Zimmermann. Uebersetzung aus dem -Terenz. Veit Weber, Prätzel. Travestie der Glocke. Gurlitt. Hipp. -Strauch Radspiller. Travestie der Kapuzinerrede. Köstlin. Cornelius -Müller. Die Eiermahnspost. Die Kommersche des Primaner. Der -Dichterclubb in Altona. Wit von Dörring. Wolff. Palt. Bahrdt.</p> - -<p>Der geneigte Leser wird mir verzeihen, wenn ich hier einen -Anachronismus begehe und meinen humoristischen Wanderjahren einen Theil -meiner Lehrjahre voran sende. Es sind die in Hamburg verlebten, sie -werden auch für Norddeutschland wenigstens<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78"> 78 </a></span> ein gleiches Interesse wie -meine academischen Reminiscenzen haben.</p> - -<p>Es war um Michaelis 1814, als mein Oheim und Vormund mich aus der -Schule des Rectors Andresen in Uetersen nach Hamburg schickte, um -dort auf dem Joanneo meine letzte Vorbereitung zur Universität zu -empfangen. Seit 1804 war ich in diesem Klosterflecken und nach dem im -August 1809 erfolgten Tode meines Großvaters, des dortigen Prälaten -Grafen Ranzau, (<em class="antiqua">vulgo</em> Peter Graf genannt,) in der Pension des -gedachten Andresen erzogen. Ich kann nicht sagen, daß ich diesem Manne -viel verdanke, denn das thue ich leider! aus sehr traurigen Gründen, -Keinem, aber das wenige Gute, was sich in meinem glücklichen Naturell -ausgebildet hat, — meinen Haß gegen das Gemeine, meine Schamröthe -über das Unsittliche und meine Unbeugsamkeit und Verachtung gegen -Vornehmere, die nur voll von jener Rechtschaffenheit, welche sie -nichts kostet, und die sie stets auf der gleißnerischen Zunge tragen, -nur zu gerne den Stab über Menschen brechen, in denen ihnen eine -höhere Natur ahndet — und das Motto meiner humoristischen Blätter: -»<em class="antiqua">nil bonum nisi quod honestum</em>« — ich verdanke dies alles -ihm dem liebenswürdigen poetischen und wohl unterrichteten Manne, -dem<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79"> 79 </a></span> schwerlich ein Lehrer in ganz Dänemark verglichen werden kann, -aus dessen Schule so viele ausgezeichnete Männer hervorgegangen -sind, und der nach sechs und dreißigjähriger Dienstzeit im großen -Dänischen Staatskalender, einem Veilchen im fürstlichen Blumengarten -vergleichbar, als unscheinbarer »Rector« verzeichnet ist. Indessen -werden ihn die Augen seines neuen geistvollen Königs schon finden, -und dieser die Anerkennung, welche ich hiermit im Namen von hunderten -seiner Schüler ausspreche, auf irgend eine Weise »<em class="gesperrt">königlich</em>« -bestätigen.</p> - -<p>An Uetersen knüpfe ich meine liebsten Erinnerungen. Wenn ich recht -diät lebe, recht vielen Leuten geholfen habe, besonders wenn ich Tags -vorher recht tüchtig für sie herumgelaufen bin, worin überhaupt meine -meiste Bewegung besteht, dann träumt mir von Uetersen (»ich lof nich -für mir selber, ich lof für Andere«, sagt jener Jude). Komme ich -einmal dorthin, was freilich selten geschieht, so erheben sich die -Erinnerungen auf meinen Blutwellen, daß mein armes Gehirn Mühe genug -hat, beide zu beherbergen; ich kenne dort jeden Stein, jede Baumwurzel -wieder, und beklage es nur, daß alle Häuser kleiner geworden sind, wie -die aus Rüben gezogenen Gespielinnen der durchlauchtigsten Prinzessin -Rübezahl, oder daß gar neue Häuser ohne Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80"> 80 </a></span>schichte die alten Giebel, -aus denen jedem tausend und eine Erzählungen zu schnitzen wären, -verdrängt haben. Ja, ich besitze eine solche gute Physiognomik, daß ich -alle die verschiedenen Geschlechter Uetersen’s mit ihren Abarten, durch -der Hölle teuflischen Hohn, recognoscire, so daß ich nach vier und -zwanzig Jahren einen Jungen, der wie ein Contrebandier oder wie eine -geschwärzte Rübe mit unfreiwillig schmutzigem Gesicht in einer Gosse -lag, nach seiner Gentilität, durch den Schmutz durch, errieth, und auch -auf die plattdeutsche Anfrage:</p> - -<p class="center">Hehtst Du nich <em class="gesperrt">Jan</em> Matzen?</p> - -<p>die Antwort</p> - -<p class="center">»Ne, Klas Matzen.«</p> - -<p>erhielt.</p> - -<p>Ich erkenne es übrigens für ein Glück, meine Jugend in einem andern -Staate, als meine späteren Jahre, verlebt zu haben. Sie ist mir reiner, -heiliger und frischer geblieben. Am Ende geht es den Menschen wie den -Kartoffeln: sie gedeihen besser, wenn sie verpflanzt werden. Wenn man -erst in der Fremde heimisch werden muß, so lernt man den Herrn Jesum -Christum auch besser erkennen. —</p> - -<p>Ich kann bei diesem Simultaneo, Gott sei Dank! eine humoristische -Iliade und Aeneide singen, und das ist viel werth.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81"> 81 </a></span></p> - -<p>Ich reis’te also von Uetersen ab. Mein Abschied wurde mir damals sowol -durch die Aussicht, nach Hamburg zu kommen, als durch den Umstand -erleichtert, daß Uetersen damals von einer gräßlichen Seuche, der Ruhr, -heimgesucht wurde, welche in dem etwa aus 400 Feuerstellen bestehenden -Orte damals kaum fünf Häuser, aber auch das unsrige, verschont und -fast aus allen ein Opfer gefordert hatte. Kurios ist es, daß überhaupt -Holstein, wenigstens in meiner Jugendzeit, viel heftiger, als irgend -ein Land, von ihr bedroht wurde, die dermalen viel heftiger wüthete, -als es irgendwo die menschenmörderische Cholera ihr nachgethan hat. -Gewöhnlich begann sie im Dorf Kaltenkirchen, welches, wenn ich nicht -irre, an der Poststraße von Hamburg nach Kiel liegt, und dann sofort -gesperrt wurde. Ich habe oft über die Gründe dieses endemischen Uebels -nachgedacht, vielleicht sind die frischen Seewinde daran Schuld, welche -namentlich des Abends die in der Sommerzeit erhitzte Luft urplötzlich -kühlen. Euch, lieben Landsleuten! aber will ich vorläufig ein sicheres -Präservativ gegen diese Krankheit anvertrauen. Es ist dieses ein -solches, welches ich kürzlich von dem Nichtdoctor, aber geschickten -Arzt Prießnitz erlernt und sehr bewährt gefunden habe. Tragt in dieser -Zeit ein nasses, ausgerungenes Tuch<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82"> 82 </a></span> um den Unterleib, und stärkt -Eure Haut dadurch, daß Ihr, sobald Ihr aus dem Bette kommt, Euch eine -halbe Minute in eiskaltem Wasser badet. <em class="antiqua">Probatum est</em>. Merke Du -Dir es vor allen Dingen, jedesmaliger <em class="antiqua">pro tempore</em> Pastor in -Kaltenkirchen!</p> - -<p>Mein Weg führte mich über Dummerjan, Jappob, Luhrop<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> nach Hamburg. -Der Wirth im ersten Wirthshause, welcher mich von Jugend auf kannte, -ertheilte mir seinen väterlichen Segen. Ich habe aber doch nicht den -Segen der Dummheit in der Welt gespürt, ohne klug geworden zu sein, und -verzweifle daher an der Görgentheorie Gellert’s.</p> - -<p>Als ich in Altona ankam, wurde ich zu dem prächtigsten Feste geladen, -das meine Augen je gesehen. Es wurde dies in Altona und zwar in dem -Rainvill’schen Hotel lediglich auf Kosten des Königs von Dänemark zu -Ehren der ganzen russischen Generalität und vorzüglich dem General -Grafen von Benningsen gegeben, und soll nach Einigen<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83"> 83 </a></span> 12,000, -nach Andern 20,000 Thaler gekostet haben. Der ganze, nur für die -Feierlichkeit erbaute Salon war auf das Geschmackvollste drappirt, und -wurde während der Abendtafel, wie durch einen Zauberschlag, gänzlich -umgewandelt, indem man alle Seitenwände mit Bildern schmückte, welche -die elegantesten russischen Bauten und Gegenden darstellten. Ich -vergesse das Erstaunen und die Ausrufungen nicht, welche den guten -<em class="antiqua">Skys</em> und <em class="antiqua">Skas</em> und <em class="antiqua">Witschs</em> entströmten, als sie -sich so in die heimathlichen Gegenden versetzt sahen.</p> - -<p>Die Plätze waren genau berechnet; es hatten sich indessen doch, -vielleicht durch die Russische Galanterie bewogen, einige Personen mehr -als die Geladenen, namentlich einige unbekannte Damen, eingefunden. Das -gab einige überzählige Gäste, von denen ich mich noch eines berufenen, -aber vom Schicksal nicht auserwählten Barons erinnere, der sich mit -einiger Mühe einige junge Erbsen nebst jungem Lachs eigenfüßig geholt -hatte, und dem nun Messer und Gabel fehlten um diese eroberten Dinge -auch eigenhändig zu verzehren. Das kleine unansehnliche Männchen, das -man spottweise wol »Bandjude« nannte, hatte das Unglück einen sehr -massiven Russen mit einem unangestellten Paar Messer und Gabeln zu -begegnen, der ihm ein »Passluschai, mai<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84"> 84 </a></span> Druk« (Höre, mein Freund!) -zurief und in der Meinung, einen Aufwärter in escarpins vor sich zu -haben, seinem Mitgast mit martialischer hungriger Miene das mühsam -Erworbene rein aufaß, ohne daß dieser, theils aus Furcht, theils aus -Galanterie, sich dem Kaukasier widersetzte. —</p> - -<p>Am andern Tage ging es zum Professor Zimmermann in die Pension, der -damals in der Königsstraße dicht an dem Hause wohnte, worin einst -Klopstock gedichtet, und das damals von dessen Wittwe bewohnt wurde.</p> - -<p>Zimmermann, der Sohn eines Leinwebers aus Dornburg im Weimarischen, -ein Schüler Bötticher’s, war bei Weitem der geistvollste Lehrer an -der Hamburger Schule. Leider fehlte es ihm an Ausdauer; er hatte die -Prolegomena zu jedem Schriftsteller, sowie die ersten Kapitel auf eine -bewunderungswürdige Weise bearbeitet; hätte er sie so durchgeführt, -so wäre die statarische Weise seines Lehrens vielleicht von keinem -Philologen übertroffen worden. Allein sowol die Politik (er redigirte -eine Zeitlang nach dem Hamburger Befreiungskriege, an dem er selbst -thätigen Antheil genommen, den Hamburger Deutschen Beobachter), wie -seine Liebe für Kunst und Theater, welche ihn zum Autor der bekannten -dramaturgischen Blätter machten, zogen ihn leider zu sehr von seinem -Berufe ab. Seine philologischen Arbeiten wurden ihm auch im Jahr 1815 -oder 1816 durch einen wol nicht ganz ungegründeten Vorwurf verleidet, -daß er bei einer Beurtheilung von Horaz Satiren, herausgegeben von -Heindorf, sich eines Plagiats aus dem Heft des berühmten Philologen -Heinrichs in Kiel habe zu Schulden kommen lassen. Er wurde dadurch -hart gestraft, dem Heindorf die<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85"> 85 </a></span> letzten Stunden durch eine nicht -ungerechte, aber zu scharfe Kritik verbittert zu haben. Dazu kam sein -Talent, so wie sein Hang zur Geselligkeit, welche seinen Körper zu -sehr zerrütteten, so daß er zuletzt in Geistesabwesenheit verschied, -während seine Frau, auch schwachsinnig, in demselben Krankenhause -saß. — Uebrigens war Zimmermann eine edle Natur, voll Geist und -klassischer Gelehrsamkeit, nur klebte ihm von seiner Jugend eine -gewisse Derbheit an die er nicht leicht verleugnen konnte, und die -ihm, da er sehr leicht Parthei nahm, mit manchen Leuten verfeindete. -In dem berühmten Sängerinnen-Streit zwischen der <em class="gesperrt">Becker</em> und der -<em class="gesperrt">Gley</em> nahm er entschieden Parthei für die erstere, und war in -seinen Theaterrecensionen oft zu streng und beißend. Zu jener Zeit kam -es auf, bürgerliche Jungfrauen »Fräulein« zu nennen, welches Zimmermann -allezeit dahin benutzte, daß er den unbescholtenen Damen des Theaters -dieses <em class="antiqua">epitheton</em>, den einigermaßen anrüchigen aber nur den Titel -»Demoiselle« ertheilte, wie er denn auch mit gleicher Berücksichtigung -die verheiratheten Schauspielerinnen bald »Frau«, bald »Madame« nannte.</p> - -<p>Vortrefflich war seine Erklärung und Uebersetzung des Theocrits und -des Terenz, worin er die ewigen Thorheiten der Menschen auf eine -unvergleichliche Weise in die Sprache des Tages übertrug. Wenn er das -Fest des Adonis in das Plattdeutsche übersetzen wollte, so gelang ihm -dies zwar nicht ganz, aus Unkenntniß dieser Mundart, allein desto -herrlicher war seine Version des Lateinischen, von dem ich, so weit ich -dies jetzt aus dem Gedächtniß vermag, hier eine Probe geben will.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86"> 86 </a></span></p> - -<div class="poetry-container latein"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft7"><em class="antiqua">Actus III. Scena I.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft5"><em class="antiqua">Thraso. Gnatho. Parmeno.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse"><em class="antiqua">T. Magnas vero agere gratias Thais mihi?</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">G. Ingentis. T. ain tu, laeta est? G. non tam ipso quidem.</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Dono, quam abs te datum esse: id vero serio</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Triumphat. P. huc proviso, ut ubi tempus siet.</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Deducam sed eccum militem. T. est istuc datum</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Profecto, ut grata mihi sint, quae facio omnia.</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">G. Advorti hercle animum. T. vel rex semper maxumas.</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Mihi agebat quidquid feceram; aliis non item.</em></div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88"> 88 </a></span> - <div class="verse"><em class="antiqua">G. Labore alieno magnam partam gloriam</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Verbis saepo in se transmovet. Qui habet salem,</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Quod in te est. T. habes. G. rex te ergo in oculis? T. scilicet.</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">G. Gestare? T. verum credere omnem exercitum.</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Consilia. G. mirum T. tum sic ubi cum satietas,</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Hominum, aut negoti si quando odium ceperat,</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Requiescere ubi volebat, quasi: nostin? G. scio:</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Quasi ubi illam expuerat miseriam ex animo. T. tenes.</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Tum me convivam solum abducebat sibi. G. hui,</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Regem elegantem narras. T. immo sic homo</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Est, perpaucorum hominum. G. immo nullorum arbitror,</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Si tecum vivit. T. invidere omnes mihi,</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Mordere clanculum: ego non flocci pendere.</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Illi invidere misere, verum unus tamen,</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Impense, elephantis quem Indicis praeceferat.</em></div> -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90"> 90 </a></span></p> - <div class="verse"><em class="antiqua">Is ubi magis molestus est, quaeso inquam, Strato,</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Eone ex es ferox, quia habes imperium in belluas?</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">G. Pulchre me hercle dictum et sapienter papae!</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">lugularas hominem quid ille? T. mutus illico.</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">G. Quidni esset? P. dii vostram fidem hominem perditum</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Miserumque et illum sacrilegum! T. Quid illuc Gnatho,</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Quo pacto Rhodium tetigerim in convivio,</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Nunquam tibi dixi? G. nunqum sed narra, obsecro.</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Plus millies audivi. T. una in convivio</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Erat hic, quem dico Rhodius adolescentulus</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Fort habui scortum: coepit ad id aludere</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Et me irridere, quidagis inquam, homo impudens?</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Lepus tute es et pulpamentum quaeris G. ha, ha, hae.</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">T. Quid est? G. fascete lepide, laute: nihis supra</em></div> -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92"> 92 </a></span></p> - <div class="verse"><em class="antiqua">Tuumne, obsecro te, hoc dictum erat? vetus credidi.</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">T. Audieras? G. saepe: et fertur in primis. T. meum est.</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">G. Dolet dictum imprudenti adolescenti et libero.</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">P. At te dii perdant! G. quid ille, quaeso? T. perditus.</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Risu omnes, qui aderant emoriri: denique</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Metuebant omnes jam me. G. non injuria.</em></div> - </div> - </div> -</div> - -<hr class="r20" /> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87"> 87 </a></span></p> - -<p class="s3 center"><b>Aus dem Eunuchen des Terenz.</b><a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor"><span class="s5">[3]</span></a></p> - -<p class="s4 center"><em class="gesperrt">Dritter Act. Erste Scene.</em></p> - -<p class="center mbot1">Thraso, Gnatho, Parmeno.</p> - -<p class="center mbot1">(Letzterer wird von beiden nicht gesehen, spricht vor sich und -begleitet die Reden jener durch Pantomimen.)</p> - -<div class="blockquot2"> - -<p>Thraso. Also die Thais ist mir so erschrecklich dankbar?</p> - -<p>Gnatho. Unmenschlich.</p> - -<p>Thraso. Ne, sagt ’mal, ist sie fidel?</p> - -<p>Gnatho. Nicht so sehr über das Präsent, als darüber, daß es von -Ihnen kommt, das ist ihr auf Ehre ein Triumph.</p> - -<p>Parmeno. Ich muß speculiren, ob die Luft rein ist, um meine -Leutchen herzuführen. Aber — was sehe ich, den Offizier!</p> - -<p>Thraso. Es ist mir auf Taille! so gegeben: Alles, was ich beginne, -schlägt mir ein.</p> - -<p>Gnatho. Das habe ich auf Ehre auch immer gefunden.</p> - -<p>Thraso. Der König war auch immer äußerst zufrieden mit meinen -Handlungen; mit den Geschichten von Andern war es immer <em class="antiqua">au -contraire</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89"> 89 </a></span></p> - -<p>Gnatho (bei Seite). Der pflügt gleich wieder mit fremdem Kalbe. -(Laut.) Ja, wer soviel Witz hat, wie Sie.</p> - -<p>Thraso. Das will ich zwar nicht abläugnen. —</p> - -<p>Gnatho. Also die Augen Seiner Majestät waren immer auf Sie -gerichtet?</p> - -<p>Thraso. Das kannst Du glauben.</p> - -<p>Gnatho. Sie waren sein Favorit?</p> - -<p>Thraso. Aber seine ganze Armee Einem anzuvertrauen, alle seine -Pläne —</p> - -<p>Gnatho. Sapperment!</p> - -<p>Thraso. Wenn die Menschheit und sein Scepter ihn anekelten, wenn er -sich erquicken wollte, wenn er so zu sagen — — Verstanden?</p> - -<p>Gnatho. Ja, ja. Wenn er, so zu sagen, die misere aus seiner Seele -speien wollte —</p> - -<p>Thraso. Gut gesagt. Da müssen Seine Majestät ein Menschenkenner -gewesen sein.</p> - -<p>Thraso. Ja, so ist er, ein Herr für Wenige.</p> - -<p>Gnatho. Ich glaubte, für keinen Menschen, da er nur für Sie lebte.</p> - -<p>Thraso. Die Hofleute wurden alle höllisch neidisch. Heimlich -cabalirten sie; ich fragte aber nicht die Kanaille danach. Sie -barsten vor Neid. Einer aber, der eine Schwadron indischer -Elephanten commandirte, crepirte das Ding zu sehr. Als -der<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91"> 91 </a></span> -nun anfing, sich unangenehm zu machen, fragte ich ihn: »Sagen Sie -mir, Baron Strato, sind Sie deshalb so grimmig, weil sie die wilden -Bestien commandiren?«</p> - -<p>Gnatho. Fein gegeben, auf Ehre! wunderschön göttlich! Das heißt: -mit Elephantenfüßen todt treten. Und was antwortete er?</p> - -<p>Thraso. Er war stumm wie ein Fisch.</p> - -<p>Gnatho. Natürlich.</p> - -<p>Parmeno. O Gott, Gott! was ist das für ein schändlicher, -niederträchtiger Erzschurke!</p> - -<p>Thraso. Sagt ’mal, Gnatho, habe ich Euch nie erzählt, wie ich den -Rhodier auf einem Kommersch touchirt habe?</p> - -<p>Gnatho. Nein, niemals! Um Alles in der Welt, das müssen Sie mir -erzählen. (Bei Seite.) Ich habe die Geschichte schon mehr als -tausend Male gehört.</p> - -<p>Thraso. Es war besagtes rhodisches Jüngelchen mit mir auf einem -Kommersche. Zufällig hatt ich ein Mädchen, mit dem er caressiren -und mich railliren wollte. »Was will Er?« fuhr ich ihn an, »Er Kiek -in die Welt! essen Hasen auch Wildpret?«</p> - -<p>Gnatho (überlaut.) Ha, ha, ha!</p> - -<p>Thraso. Was kommt Euch an?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93"> 93 </a></span></p> - -<p>Gnatho. Das war superbe, einzig, himmlisch, unvergleichlich! Aber -ernstlich, ist der Witz von Ihnen? ich habe ihn uralt gehalten.</p> - -<p>Thraso. Habt Ihr ihn schon gehört?</p> - -<p>Gnatho. Und wie oft; er steht ja oben an in den Anekdoten zum -Todtlachen.</p> - -<p>Thraso. Der ist von meiner Fabrik.</p> - -<p>Gnatho. Der arme junge Mann von guter Familie dauert mich doch, daß -er für seine Unvorsichtigkeit so angekommen ist.</p> - -<p>Parmeno. Hol’ Dich der Henker!</p> - -<p>Gnatho. Aber sagen Sie ’mal, was antwortete der Mensch?</p> - -<p>Thraso. Er war auf’s Maul geschlagen. Die ganze Gesellschaft wollte -vor Lachen bersten. Nachher hatte ich aber allerwärts Respekt.</p> - -<p>Gnatho. Und das von Rechtswegen.</p> - -</div> - -<hr class="r20" /> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94"> 94 </a></span></p> - -<p>Zimmermann sah in seinem Hause wenig Gesellschaft, welche zu -unterhalten und zu bewirthen die Frau Professorin auch schwerlich -verstanden haben würde. Indessen brachte er doch zum Souper zuweilen -einige Literaten mit, welche damals in Hamburg sehr leicht zu zählen -waren. Ich entsinne mich noch mit dem größten Vergnügen eines -Abends, an welchem Veit Weber und der bekannte Prätzel sich dort -trafen und, wenn ich nicht irre, kennen lernten. Veit Weber war ein -interessanter alter Herr, der gewiß immer seinen Platz in der deutschen -Literaturgeschichte mit voller Berechtigung behaupten wird. Nichts -desto weniger laborirte der gute Mann an einer gewissen Eitelkeit und -Abgeschlossenheit, welche die deutschen Poeten des vorigen Jahrhunderts -überhaupt auf eine ganz merkwürdige Weise zu einer gewissen -Abgeschlossenheit brachte, die sie keine neueren Productionen junger -Dichter mehr anerkennen ließ. Wie einst der Dichter Müller in Itzehoe -in meiner Gegenwart erklärte, er würde sich todt schämen, wenn er die -Schillersche »Jungfrau von Orleans« geschrieben hätte, so äußerte -der gute Weber unverholen, daß er seinen Wilhelm Tell weit über den -Schillerschen setze.</p> - -<p>In Erzählungen kleiner Schnurren war Weber excellent. Er war eben dabei -eine Legende zu er<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95"> 95 </a></span>zählen, in welcher der Teufel immer niesen muß, wenn -man ein Kreuz schlägt, als er, den aufmerksam zuhorchenden Prätzel -anblickend, plötzlich mit den Worten inne hielt: »Nein, ich erzähle -nicht weiter, der Prätzel schnappt mir sonst Alles für die Allmanache -weg.«</p> - -<p>Da halfen keine Contestationen, keine Versicherungen Prätzel’s, Veit -Weber blieb heiter, aber erzählte keine Histörchen mehr. »Es ist -mir unerträglich,« sagte er, »meine eignen Ideen von einer fremden -Feder dargestellt zu sehen. Es ist kein Mißtrauen gegen Sie, liebster -Prätzel! Sie sind grade der Mann, um meine Ideen auszuführen; aber -warten Sie bis nach meinem Tode, dann verspreche ich Ihnen meine -sämmtlichen hinterlassenen Papiere.«</p> - -<p>Topp! sagte Prätzel, und Zimmermann schlug durch die vereinigten Hände.</p> - -<p>So viel ich glaube, hat der liebenswürdige, lange nicht genug in seinem -Vaterlande anerkannte Prätzel das ihm gethane Versprechen, zu welchem -ich ihm wol noch einen Zeugen stellen könnte, vergessen.</p> - -<p>Zimmermann war sehr jähzornig. Er vergaß sich einmal so weit, einem -Primaner eine Ohrfeige zu ertheilen, welches diese so übel nahmen, daß -sie<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96"> 96 </a></span> nach Studentenweise förmlich auszogen. Ich war damals Secundaner -und fühlte mich durch diesen Vorfall veranlaßt, die Glocke zur Hälfte -zu travestiren, die hier ihren Platz finden mag. Sie ist freilich die -Arbeit eines Schülers, allein ich gestehe zu meiner Beschämung, daß -ich nicht im Stande sein würde, jetzt eine bessere zu liefern. Sie ist -übrigens gedruckt, wie manche in diesem Werkchen vorkommende Anekdote. -Indessen dürfen alle der Vollständigkeit halber nicht fehlen, wie -die bereits publicirte Probe einer Uebersetzung in die ganze Version -aufgenommen werden muß.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="s3 center"><b>Das Lied vom Prügel.</b></p> - -<hr class="r20" /> - -<p class="center mleft7"><em class="antiqua">Vivos ferio, mortuis abstinco, ossa frango.</em></p> - -<hr class="r20" /> - -<p class="center">Prolog zum Michaelisexamen, gesprochen vom Custos.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">War ein Prügel je auf Erden,</div> - <div class="verse">Der dem jüngst zerbrochnen glich?</div> - <div class="verse">Dennoch muß ein neuer werden;</div> - <div class="verse">Denn mein alter hielt nicht Stich!</div> - <div class="verse mleft2">Hilf mir, Anne, frisch!</div> - <div class="verse mleft2">Bring den runden Tisch,</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97"> 97 </a></span> - <div class="verse mleft2">Hol’ mir Beil und Hammer</div> - <div class="verse mleft2">Aus der kleinen Kammer!</div> - <div class="verse">Zum Werkzeug, das wir ernst bereiten,</div> - <div class="verse">Geziemt sich wol ein ernstes Wort;</div> - <div class="verse">Wenn gute Reden sie begleiten,</div> - <div class="verse">Dann fließt die Arbeit munter fort.</div> - <div class="verse">So laßt uns denn mit Fleiß betrachten,</div> - <div class="verse">Was durch des Prügels Kraft zerspringt;</div> - <div class="verse">Den schlechten Mann muß man verachten,</div> - <div class="verse">Der nie bedacht, was er vollbringt.</div> - <div class="verse">Das ist’s ja, was den Custos zieret,</div> - <div class="verse">Und dazu ward ihm der Verstand,</div> - <div class="verse">Daß er der Schüler Schmerzen spüret,</div> - <div class="verse">Wenn er sie schlägt mit kräft’ger Hand.</div> - <div class="verse mleft2">Reich’ das Holz mir aus der Ecke,</div> - <div class="verse mleft2">Doch es sei noch etwas feucht,</div> - <div class="verse mleft2">Daß ich es gehörig recke;</div> - <div class="verse mleft2">Dann wird mir die Biegung leicht.</div> - <div class="verse mleft4">Koch’ des Leimes Brei —</div> - <div class="verse mleft4">Schnell den Topf herbei,</div> - <div class="verse mleft2">Daß der Leim sich bald zertheile,</div> - <div class="verse mleft2">Anne, blas in aller Eile!</div> - <div class="verse">Was unter seines Daches Stube</div> - <div class="verse">Der muth’ge Custos winden muß,</div> - <div class="verse">Das fühlet der geschlag’ne Bube,</div> - <div class="verse">Wenn er dem Lehrer macht Verdruß.</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98"> 98 </a></span> - <div class="verse">Noch jucken wird’s in späten Tagen,</div> - <div class="verse">Er wird vom herben Schmerz gequält,</div> - <div class="verse">Betrübt wird er’s der Mutter klagen,</div> - <div class="verse">Die grimmig auf den Lehrer schmäht;</div> - <div class="verse">Was ihrem Sohn mit einem Stocke</div> - <div class="verse">Das wechselnde Verhängniß bringt,</div> - <div class="verse">Das schlägt sie an die große Glocke,</div> - <div class="verse">Die es erbaulich weiter klingt.</div> - <div class="verse mleft2">Blasen seh’ ich sich bewegen:</div> - <div class="verse mleft2">Wohl, die Massen sind im Fluß.</div> - <div class="verse mleft2">Du mußt Kohlen unterlegen,</div> - <div class="verse mleft2">Das befördert schnell den Guß.</div> - <div class="verse mleft4">Reich von ungefähr</div> - <div class="verse mleft4">Mir ein Messer her,</div> - <div class="verse mleft2">Daß den Stock ich ründe,</div> - <div class="verse mleft2">Eh’ ich ihn umwinde.</div> - <div class="verse">Denn, frühe in der Bürgerschule</div> - <div class="verse">Begrüßt er das geliebte Kind</div> - <div class="verse">Auf seines Lebens erstem Gange,</div> - <div class="verse">Den er beim ABC beginnt;</div> - <div class="verse">Ihm ruhen in der Zeiten Schooße</div> - <div class="verse">Die schwarzen wie die heitern Loose.</div> - <div class="verse">Der Custos nur allein macht Sorgen,</div> - <div class="verse">Und grüßt ihn unsanft jeden Morgen —</div> - <div class="verse">Die Jahre fliegen pfeilgeschwind.</div> - <div class="verse">Von <em class="antiqua">mensa</em> reißt sich stolz der Knabe,</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99"> 99 </a></span> - <div class="verse">Er stürmt nach Quarta freudig hin;</div> - <div class="verse">Geleitet nur an meinem Stabe,</div> - <div class="verse">Wächst ihm der Unart wilder Sinn,</div> - <div class="verse">Und herrlich, in der Jugend Prangen,</div> - <div class="verse">Wie ein Gebild aus Himmelshöh’n,</div> - <div class="verse">Mit rothen ungeschminkten Wangen</div> - <div class="verse">Sieht ihn Herr Quartus vor sich steh’n.</div> - <div class="verse">Doch tönet oft ein schweres Klagen</div> - <div class="verse">Vom Knaben her: er irrt allein,</div> - <div class="verse">Er muß sich mit dem Nepos plagen,</div> - <div class="verse">Er flieht der Brüder wilde Reih’n,</div> - <div class="verse">Es lauscht der Lehrer seinen Spuren,</div> - <div class="verse">Er wird von seinem Fleiß beglückt,</div> - <div class="verse">Und mit der schönsten aller Uhren</div> - <div class="verse">Wird er vom Vater ausgeschmückt.</div> - <div class="verse">O! süße Sehnsucht, zartes Hoffen</div> - <div class="verse">Für ihn, der keine Sorgen kennt!</div> - <div class="verse">Er sieht für sich schon Prima offen,</div> - <div class="verse">Er ist im Geiste schon Student,</div> - <div class="verse">O, daß sie Gott ihm doch bewahre,</div> - <div class="verse">Die erste Zeit der Flegeljahre!</div> - <div class="verse mleft2">Wie sich schon die Blasen bräunen!</div> - <div class="verse mleft2">Dieses Stäbchen tauch’ ich ein,</div> - <div class="verse mleft2">Seh’n wir’s überglas’t erscheinen,</div> - <div class="verse mleft2">Wird’s zum Decken zeitig sein.</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100"> 100 </a></span> - <div class="verse mleft4">Anne, sei zur Hand!</div> - <div class="verse mleft4">Leder von der Wand,</div> - <div class="verse mleft2">Laß mich jetzt den Stock bekleben,</div> - <div class="verse mleft2">Und mit Juchten fest umgeben. —</div> - <div class="verse">Denn wo der Jugendseelen Flügel</div> - <div class="verse">Begleitet wird von einem Prügel,</div> - <div class="verse">Da giebt es eine gute Zucht.</div> - <div class="verse">Drum laß, wenn ihn der Lehrstand bindet,</div> - <div class="verse">Sobald er böse Jugend findet,</div> - <div class="verse">Dies Mittel keiner unversucht.</div> - <div class="verse">Freudig machen sie Spectakel,</div> - <div class="verse">Bis mein Tritt sie ängstlich schreckt.</div> - <div class="verse">Und mein allzu ernster Bakel</div> - <div class="verse">Sie aus ihrem Frohsinn schreckt.</div> - <div class="verse">Mancher Kantschuh ist zerbrochen,</div> - <div class="verse">Schaden hab’ ich auch dabei,</div> - <div class="verse">Und auf fühllos derben Knochen</div> - <div class="verse">Ging mein letzter noch entzwei.</div> - <div class="verse">Der Schüler geht fort,</div> - <div class="verse">Der Custos muß bleiben,</div> - <div class="verse">Der wechselt den Ort,</div> - <div class="verse">Mich wird man nicht treiben.</div> - <div class="verse">Gar Mancher steigt auf,</div> - <div class="verse">In Tertia zu streben</div> - <div class="verse">Für’s künftige Leben,</div> - <div class="verse">Muß pflanzen und schaffen,</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101"> 101 </a></span> - <div class="verse">Mehr hören, als gaffen,</div> - <div class="verse">Muß Nächte studiren,</div> - <div class="verse">Um was zu capiren,</div> - <div class="verse">Muß wetten und wagen,</div> - <div class="verse">Genie zu erjagen.</div> - <div class="verse">Da wird nach Secunda der Schüler gehoben:</div> - <div class="verse">Man hört den Director den Fleißigen loben,</div> - <div class="verse">Es freu’n sich die Tanten, es freut sich das Haus.</div> - <div class="verse">Und drinnen studirt</div> - <div class="verse">Der <em class="antiqua">primus secundae</em>,</div> - <div class="verse">Die Mutter der Klasse,</div> - <div class="verse">Und herrschet weise</div> - <div class="verse">In der Schüler Kreise,</div> - <div class="verse">Und wehret dem Langen</div> - <div class="verse">Und muthigt den Bangen,</div> - <div class="verse">Und regt ohne Ende</div> - <div class="verse">Die Zung’ und die Hände</div> - <div class="verse">Und mehrt den Gewinn</div> - <div class="verse">Mit ordnendem Sinn,</div> - <div class="verse">Und füllet mit Wasser die durstenden Schwämme,</div> - <div class="verse">Und hilft sich mit Vorsicht aus jeglicher Klemme,</div> - <div class="verse">Und birgt mit Klugheit im geglätteten Schrank</div> - <div class="verse">Die schimmernde Kreide dem Lehrer zu Dank.</div> - <div class="verse">Ruft mich, wenn es Noth thut, zum Besserungszimmer</div> - <div class="verse">Und ruhet nimmer.</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102"> 102 </a></span> - <div class="verse">Und der Primaner mit frohem Blick</div> - <div class="verse">Aus der Prima geöffnetem Fenster</div> - <div class="verse">Ueberdenket sein blühend Glück,</div> - <div class="verse">Wie die Schüler vor Arbeit vergehen</div> - <div class="verse">Und um gnädige Strafe flehen;</div> - <div class="verse">Sieht einen Knaben traurig gefangen,</div> - <div class="verse">Welcher versucht die eisernen Stangen, —</div> - <div class="verse">Rühmt sich mit stolzem Mund:</div> - <div class="verse">Fest, wie der Erde Grund,</div> - <div class="verse">Gegen des Lehrers Macht</div> - <div class="verse">Steht unserer Klasse Pracht!</div> - <div class="verse">Doch mit des Geschickes Mächten</div> - <div class="verse">Ist kein ew’ger Bund zu flechten.</div> - <div class="verse">Und das Unglück waltet schnell.</div> - <div class="verse mleft2">Wohl, jetzt herrlich grad gerecket,</div> - <div class="verse mleft2">Schön geründet ist der Stock;</div> - <div class="verse mleft2">Doch, bevor ihn Leim bedecket,</div> - <div class="verse mleft2">Mache mir ein Gläschen Grock.</div> - <div class="verse mleft4">Etwas Aquavit</div> - <div class="verse mleft4">Stärke mein Gemüth.</div> - <div class="verse mleft2">Bei den so gelehrten Brocken</div> - <div class="verse mleft2">Wird mir sonst die Zunge trocken.</div> - <div class="verse">Wohlthätig sind der Schläge Macht,</div> - <div class="verse">Wenn sich der Mensch bezähmt, bewacht,</div> - <div class="verse">Und was er bildet, was er schafft,</div> - <div class="verse">Das leite seiner Hände Kraft;</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103"> 103 </a></span> - <div class="verse">Doch furchtbar wird der Hände Kraft,</div> - <div class="verse">Wenn sie im Zorn sich aufgerafft.</div> - <div class="verse">Einher tritt in der Schüler Kreis,</div> - <div class="verse">Und selber führt den Rechtsbeweis. —</div> - <div class="verse">Wehe! wenn da losgelassen</div> - <div class="verse">Treffend voller Unverstand</div> - <div class="verse">An die Ohren der Primaner</div> - <div class="verse">Fliegt, die zornentbrannte Hand!</div> - <div class="verse">Denn die jungen Leute hassen</div> - <div class="verse">Einen Schlag von Lehrers Hand.</div> - <div class="verse">Von dem Lehrer kommt die Wahrheit,</div> - <div class="verse">Strömt die Klarheit;</div> - <div class="verse">Doch der Lehrer ohne Wahl</div> - <div class="verse">Schlägt auch ’Mal.</div> - <div class="verse">Seht Ihr’s toben dort <em class="antiqua">in prima</em>?</div> - <div class="verse">Roth wie Blut</div> - <div class="verse">Ist der Lehrer.</div> - <div class="verse">Das ist bösen Zornes Gut!</div> - <div class="verse">Welche Worte!</div> - <div class="verse">Der steht auf,</div> - <div class="verse">Jener auf.</div> - <div class="verse">Er, ergrimmt, ruft Mord und Zeter!</div> - <div class="verse">Eilend fliegt er vom Katheder,</div> - <div class="verse">Spricht: Heraus, Du Schwerenöther!</div> - <div class="verse">Kochend wie aus Ofensschlunde</div> - <div class="verse">Glüh’n die Augen; aus dem Munde</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104"> 104 </a></span> - <div class="verse">Stürzen Buben, Jungen fallen,</div> - <div class="verse">Böse Worte hört man schallen,</div> - <div class="verse">Nicht geberdt sich,</div> - <div class="verse">Nicht mehr wehrt sich</div> - <div class="verse">Steffen, der in’s Freie flüchtet,</div> - <div class="verse">Nach der Thür den Lauf gerichtet,</div> - <div class="verse">Durch der Glieder lange Kette</div> - <div class="verse">Um die Wette.</div> - <div class="verse">Jenen Unfug zu bezahlen,</div> - <div class="verse">Fliegen fast magnet’sche Strahlen.</div> - <div class="verse">Keuchend Töffel kommt geflogen,</div> - <div class="verse">Der den Zwist zu hemmen sucht.</div> - <div class="verse">Steffen in der engen Bucht</div> - <div class="verse">Will den Streit noch weiter führen,</div> - <div class="verse">Hingeworfen an die Thüre,</div> - <div class="verse">Und mit jedem Augenblicke</div> - <div class="verse">Wächst der Lärm. Die junge Zucht</div> - <div class="verse">Nimmt fast schon vor Angst die Flucht.</div> - <div class="verse">Aber sieh, zu ihrem Glücke</div> - <div class="verse">Thür aufgeht:</div> - <div class="verse">Rektor steht</div> - <div class="verse">Da, und Alles fliegt zum Sitze;</div> - <div class="verse">Auf Befehl nimmt seine Mütze</div> - <div class="verse">Jeder Schüler sich und geht. —</div> - <div class="verse">Leergebrannt</div> - <div class="verse">Ist die Stätte</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105"> 105 </a></span> - <div class="verse">Wilder Stürme rauhes Bette,</div> - <div class="verse">In der öden <em class="antiqua">prima</em> Mauern</div> - <div class="verse">Wohnt das Grauen,</div> - <div class="verse">Und nur Secundaner trauren</div> - <div class="verse">Schwitzend dort.</div> - <div class="verse">Einen Blick</div> - <div class="verse">Nach dem letzten</div> - <div class="verse">Der Geschätzten</div> - <div class="verse">Sendet Gurlitt noch zurück,</div> - <div class="verse">Eilt fröhlich dann in seine Kammer.</div> - <div class="verse">Was ihm der Trotzkopf auch geraubt,</div> - <div class="verse">Ein süßer Trost ist ihm geblieben, —</div> - <div class="verse">Er hat die Klasse seiner Lieben</div> - <div class="verse">Drei volle Tage ausgesetzt. —</div> - <div class="verse mleft2">Wohl, der Stock hat angenommen,</div> - <div class="verse">Glücklich ist das Holz beklebt,</div> - <div class="verse">Damit in den Saal zu kommen,</div> - <div class="verse">Und der Stein im Kalk erbebt.</div> - <div class="verse mleft4">Wenn man munter singt,</div> - <div class="verse mleft4">Heiter scherzt und springt,</div> - <div class="verse mleft2">Mache ich die Thüre offen</div> - <div class="verse mleft2">Und die Horde schweigt betroffen.</div> - <div class="verse">Des frechen Buben starken Rücken</div> - <div class="verse">Vertrauen wir des Lehrers Saat,</div> - <div class="verse">Und hoffen, daß sie keimen werde</div> - <div class="verse">Zum Doctor, Pred’ger oder Rath.</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106"> 106 </a></span> - <div class="verse">Doch einem undankbaren Herzen</div> - <div class="verse">Der Weisheit schönstes Gut vertrau’n,</div> - <div class="verse">Das muß wol ärgern, muß wol schmerzen,</div> - <div class="verse">Das weckt den Mißmuth, weckt das Graun.</div> - <div class="verse mleft2">Aus dem Stadtthor,</div> - <div class="verse mleft2">Schwer und bang</div> - <div class="verse mleft2">Tönt der Schüler</div> - <div class="verse mleft2">Ernster Gang.</div> - <div class="verse">Sie begleiten, die das Feuer schürten,</div> - <div class="verse">Einen armen Relegirten!</div> - <div class="verse">Ach! es ist der theure Steffen,</div> - <div class="verse">Ach! es ist der gute Schüler,</div> - <div class="verse">Der das Scholarchat verkannte,</div> - <div class="verse">Den der Herr Director bannte</div> - <div class="verse">Aus der Schüler muntrer Schaar,</div> - <div class="verse">Deren Eins und All’ er war,</div> - <div class="verse">Denen er so sehr gefiel</div> - <div class="verse">Durch Primaner Widerspiel.</div> - <div class="verse">Weh! der Schule zarte Bande</div> - <div class="verse">Sind gelös’t auf immerdar!</div> - <div class="verse">Er studirt in fernem Lande,</div> - <div class="verse">Der der Klasse Seele war;</div> - <div class="verse">Denn es fehlt sein treues Pochen,</div> - <div class="verse">Seine Sorge wacht nicht mehr,</div> - <div class="verse">Und seit sieben vollen Wochen</div> - <div class="verse">Ist der liebe Karzer leer.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107"> 107 </a></span></p> - -<p>Als ich Zimmermann diese Travestie mit dem Motto vorlas:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken,</div> - <div class="verse">Verderblich ist des Tigers Zahn;</div> - <div class="verse">Jedoch das schrecklichste der Schrecken,</div> - <div class="verse">Das ist der böse Zimmermann!«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0">lächelte er zwar anfangs, verbot mir aber später bei Strafe der -Relegation, meine Travestie zu verbreiten. Da sie indessen im Ganzen -harmlos war, habe ich mich auch an dies Pascha-Verbot nicht gekehrt, -zumal da einige der Lehrer mein Gedicht sich heimlich abschrieben, -und mich, da sie selbst <em class="antiqua">mala fide</em> waren, nicht <em class="antiqua">bona fide</em> consiliiren -konnten. In späteren Jahren hat Zimmermann oft herzlich über die Poesie -seines Pensionärs und Secundaners gelacht.</p> - -<p>Der Director der Schule war der bekannte Doctor der Theologie -»<em class="gesperrt">Gurlitt</em>«, welcher von Klosterbergen hierher berufen war, -woselbst er eine früher in Hamburg nie gekannte Schuldisciplin -eingeführt hatte. Die Schüler zitterten, wenn er in die Classe trat, -wohin er freilich mit Ausnahme seiner Prima nur kam, um irgend ein -Strafgericht zu halten.</p> - -<p>Alle, die den seligen Doctor Gurlitt kannten, werden dahin -übereinstimmen, daß dieser wirklich große Schulmann, dem die Primaner -mit militäri<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108"> 108 </a></span>scher Subordination gehorchten, vor dessen Anblick die -Secundaner in den combinirten Stunden fast vor Angst, um mich Heinisch -auszudrücken, verquirlten, weil er das Princip der <em class="antiqua">disciplina -scholastica</em> mit eiserner Ruthe handhabte, <em class="antiqua">au fond</em> ein höchst -humaner und gutmüthiger Mensch war. <em class="antiqua">Incuriosus</em> in Bezug auf die -Dinge des Lebens, verwechselte er <em class="antiqua">Fouqué</em> und <em class="antiqua">Fouché</em>, -litt nicht, daß die gewandten Hamburger Kutscher ihn schnell fuhren, -und obgleich diese Großstädter einen magnetischen Tact haben, die -Deichsel des Wagens eine Terze vorher zu fühlen, und ihr auszuweichen; -ehe sie den Rücken durchbohrt; rief er nicht selten, der Übersetzer -der Pindarschen Gesänge, dem Wagenlenker zu: »Halt Barbar, Du fährst -einen Menschen über!« Ein galanter Witz entwaffnete ihn auf eine -komische Weise, und er pflegte dann, bestürzt, dieser Geisteskraft ganz -ungewöhnliche Benennungen, wie Mathematik oder Poesie zu geben. Als er -einmal bei Tische die Bemerkung ausgesprochen hatte, daß es doch nie -zwei Tage hinter einander stürme, bemerkte seine Haushälterin witzelnd, -daß es auch nie zwei Tage hinter einander regne. — »Wie das?« fragte -Gurlitt erstaunt. »Es ist allemal eine Nacht dazwischen,« belehrte ihn -die Dame. »Nun das zeigt<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109"> 109 </a></span> von mathematischem Verstande!« entgegnete -Gurlitt verwirrt.</p> - -<p>Einstmal traf er einen holsteinischen Eleven des Johannei, der trotz -seines Alters und seiner Größe sich nicht weiter im Examen, als bis zur -<em class="antiqua">classis latina et graeca secunda</em>, und das Letztere nur deshalb -hatte legitimiren können, weil er auf die mehrmalige Anfrage: »Was -das <em class="antiqua">verbum</em> für eine Zeit sei?« mit großem Glücke <em class="antiqua">aoristus -primus</em> geantwortet hatte, an einem Sonntage in Harvstehude. Der -arme Secundaner hatte seine Schwächen gefühlt, sich nicht einmal Zeit -genommen, im ersten Vierteljahre in die Comödie zu gehen, und belohnte -heute am Ostertage zum ersten Male seinen Wagner’schen emsigem Fleiß -durch einen Spaziergang. Nicht ohne Zagen folgte er dem Ruf des ihn -erspähenden Directors, der ihn mit den Worten anredete: »Hören Sie, -mein liebes Kind, als ich in Ihren Jahren war, war ich nicht so -desparat zurück, wie Sie. Und doch feierte ich den Ostertag, anstatt -vor die Thore Leipzig’s zu gehen, nur damit, daß ich aus der <em class="antiqua">Clavis -ciceronia</em>, die ich mir vom Morgenbrod abgespart hatte, vertirte -und revertirte.« Verdutzt sah ihn der Schüler an. Contestirte er -<em class="antiqua">litem</em>, so war er verloren, und Gurlitt nannte ihn gewiß bis nach -der Abschiedsrede,<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110"> 110 </a></span> wo der Primaner den Beinamen »Hecht« verlor und von -ihm liberal behandelt wurde, nur den »Harvstehudegänger.« Bei leichtem -jugendlichen Blute sann er bald auf eine humoristische Antwort. — -»Das mußten Sie auch thun, Herr Doctor,« versetzte er, »ich habe es -aber nicht nöthig!« »Wie so?« versetzte Gulit, entrüstet durch die -Replik. »Sie hatten nicht einen so guten Director, bei dem man in der -Woche soviel lernte, um sich Sonntags durch einen Spaziergang erholen -zu dürfen!« antwortete der Johanniter. »Gehen Sie nur!« antwortete -Gurlitt, fast mädchenhaft verlegen, »Sie sind ein Poet.«</p> - -<p>Einer seiner oft in der Schule wiederholten Professorenwitze war die -Erklärung über den <em class="antiqua">infinitivus historicus</em>. Nachdem er gezeigt -hatte, daß dieser gewissermaßen in der menschlichen Natur liege -eigentlich der Invinitiv des Affects sei, wie »<em class="antiqua">me hoc pati, me hoc -ferre</em>?« den die kindliche Sprache der Grammatik erfunden habe, -pflegte er oft hinzu zu fügen: »Es gab viele Theologen, die sich -bemühten, den <em class="antiqua">infinitivus historicus</em> durch das ausgelassene -Wort »<em class="antiqua">coepit</em>« zu erklären. Dieser falschen Meinung war auch -ein alter Scholarch der Schule zu Magdeburg oder Kloster-Bergen, -der bei einem öffentlichen Examen den examinirenden, den Livius<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111"> 111 </a></span> -docirenden Collaborator daran erinnerte, daß er seine Schüler doch -fragen solle, von welchem Worte der <em class="antiqua">infinitivus historicus</em> -abhänge? Der prüfende Lehrer, der den Ungrund dieser Ansicht kannte, -vermied die Frage, bis der Scholarch, am Ende ungeduldig, die Schüler -mit den Worten belehrte: »Der <em class="antiqua">infinitivus historicus</em> hängt von -<em class="antiqua">coepit</em> ab.« — Schweigend ließ der Lehrer die jungen Leute -weiter expliciren, bis am Ende das ihn rächende Wort »<em class="antiqua">coepisse</em>« -als <em class="antiqua">infinitivus historicus</em> kam. »Von welchem Worte hängt -der <em class="antiqua">infinitivus historicus</em> ab?« fragte nun der gekränkte -Collaborator. »Von dem Worte <em class="antiqua">coepit</em>,« rief die Jugend. »Recht,« -entgegnete der Lehrer — <em class="antiqua">coepit</em>, <em class="antiqua">coepisse</em> —</p> - -<p>Gurlitt’s Lob war sehr spärlich. Zu einem der ersten jetzigen hamburger -Prediger sagte er einmal, und das war das größte Lob, womit ich ihn -Jemand habe beschenken hören: — »Wenn Sie so fortfahren, fleißig -vertiren und revertiren, so ist Hoffnung vorhanden, daß Sie ein -Fünkchen lernen.«</p> - -<p>In <em class="antiqua">politicis</em> war er dänisch gesinnt, und strich jedesmal den -jungen Hamburgern, die in ihrem <em class="antiqua">vitae curriculo</em> beim Eintritt -in <em class="antiqua">prima</em> der Besetzung Hamburg’s in der Franzosenzeit nicht zum -Lobe jenes Staats erwähnten, mit der Bemerkung: <em class="antiqua">hoc falsum est, ut -ex scriptis Hafneri</em> (des dänischen<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112"> 112 </a></span> Obristen) <em class="antiqua">apparet</em>. — Am -empfindlichsten war Gurlitt gegen Wunden. Die Vorstellung davon und die -Erwähnung derselben scheuchte er immer mit den Worten: »Schweigen Sie -still, ich kriege Krämpfe.« Hierauf bauend, befreite ein Schüler einmal -seinen Kameraden aus dem Karzer, indem er Gurlitt von dem kranken Arm -des Arrestanten erzählte.</p> - -<p>In religiöser Beziehung war Gurlit ein höchst eifriger Rationalist. -Er war einer von den Wenigen, welche es verweigert hatten, die -symbolischen Bücher zu beschwören, welches er oft in der Klasse mit den -Worten erzählte: »Einige hamburger Rindfleischseelen wollten durchaus, -daß ich die symbolischen Bücher beschwören sollte; ich habe es aber -doch nicht gethan und der Senat hat mich doch nicht zwingen können, -gegen meine Ueberzeugung zu handeln.«</p> - -<p>Der zweite Lehrer am Johanneo war der Professor <em class="gesperrt">Hipp</em>, der -eigentliche Begründer einer kaufmännischen Schule, welche mit der -lateinischen verbunden war. Er lehrte in Prima die Mathematik und las -den Tacitus, von dem er eine Uebersetzung lieferte, die an Gedrängtheit -und Schönheit des Ausdrucks dem Originale nicht nachstand. Es wäre wol -der Mühe werth, Nachforschungen darüber anzustellen, ob sich nicht -eine schriftliche Version<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113"> 113 </a></span> des Tacitus in seinem Nachlasse befindet; -Hipp’s Erben würden gewiß gute Geschäfte damit machen. Daß er eine -Uebersetzung des Agricola und der Germania schriftlich besessen, weiß -ich mit Bestimmtheit. Uebrigens war Hipp ein chamäleontischer Mensch, -dessen Laune wie Aprilwetter wechselte, weshalb er auch nicht im Stande -war, eine Autorität bei seinen Schülern gehörig zu conserviren. Stets -in finanziellen Bedrängnissen war er von bodenloser Gutmüthigkeit, so -daß er eines Morgens mit Pantoffeln in die Schule kommen mußte, weil -er in der Frühe einem durchreisenden Handwerksburschen sein einziges -Paar Schuhe, daß er angehabt, geschenkt hatte. Gegen Gurlitt spielte er -sehr den Devoten. Er trat gewöhnlich um zehn Uhr Morgens, zu welcher -Zeit seine mathematische Stunde anfing, in die erste Klasse, ließ es -sich aber jedesmal gefallen, wenn der alte Schulmonarch ohne ihn zu -fragen noch bis halb elf und noch länger fortdocirte, während welcher -Zeit er sich zu einem der Schüler setzte, mit der Miene der größten -Aufmerksamkeit in dessen Buch sah und oft den alten Gurlitt mit lauten -Bewunderungen belobte, während er doch nicht selten, wenn dieser die -Classe verlassen hatte, den Succensor des alten Herrn machte. Hipp war -übrigens der fleißigste Mensch,<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114"> 114 </a></span> den ich in meinem Leben gesehen habe. -Kein Tag verfloß ihm ohne funfzehn Arbeitsstunden.</p> - -<p>Ein Lehrer der zweiten und dritten Klasse war der jetzige Pastor -Strauch in Hamburg, ein Mann von vieler Wissenschaft, ausgezeichnetem -Fleiße und guter Lehrergabe. Indessen war sein Tadel oft zu ironisch, -welcher mehreren seiner Schüler eine Abneigung wider ihn einflößte. -Einer von diesen, der sich zu sehr und zu oft durch Strauch’s Tadel -deprimirt fühlte, rächte sich eines Tages auf eine originelle Weise.</p> - -<p>Strauch beging den Fehler, Dichter ziehen zu wollen, ohne zu bedenken, -daß diese geboren werden müssen. So verlangte er einmal, jeder -Schüler solle ihm eine Fabel liefern, was der hamburgischen, höchst -unpoetischen Jugend recht schwer wurde, worauf der Antagonist eine -Fabel einlieferte, von der mir etwa noch Folgendes erinnerlich ist.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1"><em class="gesperrt">Der Strauch und die Eiche.</em></div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">In eines Strauches Schatten war gepflanzt</div> - <div class="verse">Der Eiche Sproß, im Schutze vor der Sonne;</div> - <div class="verse">Doch, neidisch auf der Eiche kräft’ge Höh’,</div> - <div class="verse">Bedeckte sie der Strauch mit seinen Blättern.</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115"> 115 </a></span> - <div class="verse">Allein die Eiche hob sich himmelwärts</div> - <div class="verse">Und sah beschämend auf den Strauch hinab.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="center">*       *<br /> -*</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">So sucht auch oft des Schülers freien Sinn</div> - <div class="verse">Der niedre Strauch, der Lehrer zu ersticken.</div> - </div> - </div> -</div> -<p>Der Professor Radspiller war ein alter schwacher Lehrer, an dem fast -alle Schüler ihr Müthchen durch gewaltige Ungezogenheiten kühlten. Ich -habe immer einen zu großen Respekt für das Alter gehabt, um mich gegen -diesen depontanen<a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> Mann zu versuchen, der mir in allen Conferenzen -das Zeugniß gab, daß ich sein bester Schüler sei, wie ich denn auch -in der That durch meine Autorität gar manchen heftigen Aerger von ihm -abgewandt habe. Nichts desto weniger habe ich ihn einmal zur Folie -gebraucht, um die Wallenstein’sche Kapuzinerrede zu travestiren. Auch -diese humoristische Erinnerung an meine Jugend, durch welche ich dem -Professor Zimmermann gleichsam eine <em class="antiqua">reparation d’honneur</em> wegen -meiner Travestie auf die Glocke machen wollte, möge hier ein Plätzchen -finden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116"> 116 </a></span></p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft4">(Der Magister tritt auf.)</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Heisa, Juchheisa, Dideldumdei!</div> - <div class="verse">Das geht ja hoch her. Bin auch dabei!</div> - <div class="verse">Ist das eine Klasse von Studiosen?</div> - <div class="verse">Seid Ihr Türken? seid Ihr Franzosen?</div> - <div class="verse">Werft Ihr so mit frechem Blick,</div> - <div class="verse">Als hätte der allmächtige Fick<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a></div> - <div class="verse">Das Chiragra, könnte die Hand nicht rühren?</div> - <div class="verse">Ist es jetzt Zeit zum Expectoriren,</div> - <div class="verse">Sich für’s Schwänzen zu expostuliren?</div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Quid hic statis otiosi</em>?</div> - <div class="verse">Was steht Ihr und legt die Hände in den Schooß?</div> - <div class="verse">Der Teufel ist jetzt in den Klassen los:</div> - <div class="verse">Die Primaner haben sich schlecht betragen,</div> - <div class="verse">Einer ist an die Ohren geschlagen,</div> - <div class="verse">Und Ihr, anstatt ein Exempel zu nehmen,</div> - <div class="verse">Streicht umher, laßt’s Euch wenig grämen,</div> - <div class="verse">Geht lieber in’s Wirthshaus und in die Schenke,</div> - <div class="verse">Als in den Unterricht des Herrn Enke;</div> - <div class="verse">Sorgt lieber für Euren dummen Bauch,</div> - <div class="verse">Als für den gelehrten Doctor Strauch:</div> - <div class="verse">Nehmt lieber Liqueur und franksche Essenz,</div> - <div class="verse">Als französische Dictate des feinen Lemenz;</div> - <div class="verse">Mögt lieber Dampf aus der Pfeife ziehn,</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117"> 117 </a></span> - <div class="verse">Als Nutzen aus den Lehren des Doctors Köstlin.</div> - <div class="verse">Die Lehrer studiren Tag und Nacht,</div> - <div class="verse">Doch Ihr gebt kaum am Tage Acht.</div> - <div class="verse">Es ist eine Zeit der Thränen und Noth;</div> - <div class="verse">Auf Euren Rücken stehen die blausten Wunder,</div> - <div class="verse">Und schlüg’ Euch Fick nicht blutig roth,</div> - <div class="verse">Ihr riss’t mich am Ende vom Katheder herunter!!</div> - <div class="verse">Der Custos steckt seine dicke Ruthe</div> - <div class="verse">Vor seiner Bude Fenster aus,</div> - <div class="verse">Die ganze Schul’ ist ein Klagehaus,</div> - <div class="verse">Doch Ihr beharrt im Uebermuthe.</div> - <div class="verse">Um unser berühmtes Gymnasium</div> - <div class="verse">Leider Gottes — giebt man nichts um.</div> - <div class="verse">Die Prüfungen sind worden zu Prüglungen,</div> - <div class="verse">Die gelehrten Klassen sind worden rohe Massen:</div> - <div class="verse">Anstatt in Folianten aus Bibliotheken</div> - <div class="verse">Les’t Ihr in alten Romanencharteken,</div> - <div class="verse">Und das beschimpfende Carzer allhie</div> - <div class="verse">Ist worden Euer täglich’ Logis. —</div> - <div class="verse">Woher kommt das? Das will ich Euch verkünden!</div> - <div class="verse">Das schreibt sich her von Euren Lastern und Sünden,</div> - <div class="verse">Von dem Greuel und Heidenleben,</div> - <div class="verse">Dem sich <em class="antiqua">primi</em> und Schüler ergeben.</div> - <div class="verse">Das Billard bei Benne ist der Magnetstein,</div> - <div class="verse">Der Euch führt in das Haus der Sünde hinein;</div> - <div class="verse">Doch auf den Spektakel da folgt der Bakel,</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118"> 118 </a></span> - <div class="verse">Wie auf den Branntwein das Trunkensein;</div> - <div class="verse">Das zu lieben, erregt das <em class="antiqua">jus</em>,</div> - <div class="verse">Das ist die Ordnung im Livius<a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a>.</div> - <div class="verse">»<em class="antiqua">Sed ubi erit spes literarum</em>,</div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Me si vexatis</em>?« Wie soll man siegen,</div> - <div class="verse">Wenn Ihr die Stunden schwänzt, und warum?</div> - <div class="verse">Wenn Ihr thut in den Pavillons liegen.</div> - <div class="verse">Eine Frau hier in der Nachbarschaft</div> - <div class="verse">Fand ihren bösen Ehemann wieder,</div> - <div class="verse">Der Bäcker fand seine Gesellen wieder<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a>,</div> - <div class="verse">Napoleon seine vertriebenen Brüder:</div> - <div class="verse">Aber wer bei Schülern sucht</div> - <div class="verse">Fleiß, Gehorsam und gute Zucht,</div> - <div class="verse">Der wird nie seine Hoffnung erjagen,</div> - <div class="verse">Thut er auch alle Rücken zerschlagen.</div> - <div class="verse">Zu dem König der Franzosen,</div> - <div class="verse">Wie wir lesen im Correspondenten,</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119"> 119 </a></span> - <div class="verse">Kamen sogar Soldaten gelaufen,</div> - <div class="verse">Thaten Buß, um sich Gnade zu erkaufen,</div> - <div class="verse">Fragten ihn: »<em class="antiqua">Sire! que faire?</em>«</div> - <div class="verse">Wie machen wir’s, daß wir kommen bei Euch in Ehr’?</div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Et il repond</em>, und er sagt:</div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Dites: »Vive le roi!</em>«</div> - <div class="verse">Wenn Ihr keine Nelken tragt,</div> - <div class="verse"><em class="antiqua">L’etat c’est moi</em>,</div> - <div class="verse">Wenn Ihr nicht in meinen Jagden jagt,</div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Suivez le roi</em>, Euch begnügt</div> - <div class="verse"><em class="antiqua">Avec les fleurs de lis</em>, mit meinen Orden, —</div> - <div class="verse">Kurz, wenn Ihr bessern Sinnes geworden. —</div> - <div class="verse">Es ist ein Gebot: Du sollst die Namen</div> - <div class="verse">Deiner Lehrer nicht übel auskramen;</div> - <div class="verse">Aber wo hört man mehr blasphemiren,</div> - <div class="verse">Als wenn man hier horcht an den Stubenthüren?</div> - <div class="verse">Wenn der Senat für jeden boshaften Witz,</div> - <div class="verse">Den ihr losbrennt von Eurer Zungenspitz,</div> - <div class="verse">Müßtet geben ein Zweimarkstück her,</div> - <div class="verse">Es wäre die hamburger Bank bald leer;</div> - <div class="verse">Und wenn für jede Travestie,</div> - <div class="verse">Die Ihr macht ohne mathematisch’ Genie,</div> - <div class="verse">Ein Wassertropfen fiel in ein Anker Wein,</div> - <div class="verse">Das Getränke würde bald schier Wasser sein.</div> - <div class="verse">Der alte Gurlitt war auch Primaner,</div> - <div class="verse">Der gelehrte Hipp lange Tertianer,</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120"> 120 </a></span> - <div class="verse">Aber wo steht denn geschrieben zu lesen,</div> - <div class="verse">Daß die Beiden jemals witzig gewesen?</div> - <div class="verse">Muß man den Mund doch, ich sollte</div> - <div class="verse">Nur aufmachen zu einem »Helf Gott!«</div> - <div class="verse">Zum Exponiren und Butterbrod;</div> - <div class="verse">Aber Ihr seid stets mit Wein erfüllt,</div> - <div class="verse">Der als Humor aus Eurem Munde quillt.</div> - <div class="verse">Wieder ein Gebot ist: Du sollst studiren!</div> - <div class="verse">Ja, das befolgt Ihr nach dem Wort:</div> - <div class="verse">Ihr studirt auf Ränke immerfort.</div> - <div class="verse">Vor Euren Griffen und Satanspfiffen,</div> - <div class="verse">Vor Euren Praktiken und bösen Kniffen</div> - <div class="verse">Ist man nicht sicher, in seinem Haus,</div> - <div class="verse">Ihr hebt mir Nachts die Laden aus</div> - <div class="verse">Und tragt mir Hunde und Katzen heraus.</div> - <div class="verse">Was sagt Doctor Gurlitt? »<em class="antiqua">Assidui estote</em>,</div> - <div class="verse">Spart die <em class="antiqua">clavis Ernesti</em> vom Morgenbrode!«</div> - <div class="verse">Aber wie soll man die Schüler loben,</div> - <div class="verse">Wenn ihnen immer verziehen wird von oben,</div> - <div class="verse">Weil der Professor Zimmermann</div> - <div class="verse">Die Menschen ohne Strafe regieren kann!</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Der Professor <em class="gesperrt">Köstlin</em> war ein interessanter und vielseitig -gebildeter Mann, wenn gleich seine Schwächlichkeit, welche auch seinen -frühen Tod herbei führte, oft seine Stimmung verdüsterte. — Von den<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121"> 121 </a></span> -übrigen Lehrern ist nicht viel zu referiren. Damals las der jetzige -Professor Müller, welcher so eben von der Universität zurück gekehrt -war, ein gelehrtes und interessantes Collegium über den Juvenal. -Müller hing unbedingt an dem alten Gurlitt, und wurde darum oft als -Schmeichler desselben getadelt.. Mich hat diese Anhänglichkeit die -gewiß aus reinem Herzen kam, immer gerührt, die, wenn auch Müller -keinesweges dem alten Herrn an Gelehrsamkeit so sehr nachstand, doch -aus dem schönen Gefühl entsteht, von welchem erfüllt, Schiller seinen -Don Carlos aus rufen läßt:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Da mich der Muth verließ ihm gleich zu sein,</div> - <div class="verse">Entschloß ich mich ihn gränzenlos zu lieben.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Das Leben der Hamburger Primaner hatte sehr wenig Burschikoses. Nur -etwa zwei Male im Jahr wurde so eine Art von Kommersch im Eimbeckschen -Hause gehalten, was am andern Tage jedes Mal durch ganz Hamburg -bekannt wurde, weil die Vorübergehenden etwas Unerhörtes, »lateinisch -Singen« vernommen hatten. Wir Holsteiner hielten uns auch ziemlich -unter uns, oder verkehrten oft mit den Altonaer Schülern, und ich vor -allen Dingen mit Wit von Dörring, dessen ich bereits im ersten Theile -erwähnt habe. Mit ihm, dem liebenswürdigen Professor Wolff in Jena, -einem gewissen <em class="gesperrt">Pelt</em> und<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122"> 122 </a></span> Bahrdt, beide höchst gemüthliche und -talentvolle Jünglinge, hatten wir einen Dichterbund gestiftet, der sich -monatlich einmal in Altona versammelte, und in welchem Witt, durch sein -vielseitigeres Wissen, die erste Rolle spielte.</p> - -<p>Wit hat viele und harte Beurtheilungen erfahren und ich will nicht -alle seine Handlungen vertheidigen. Eitelkeit und Thatendurst haben -ihn in manche Verirrungen gebracht, aus denen ihn übrigens seine -bessere edlere Natur jedesmal noch vor dem Verderben herausriß. — Das -Geschwür seiner Eitelkeit ist geplatzt und er zeigt der Welt, daß eine -gute Haut darunter sitzt. Er lebt im Besitz einer vortrefflichen Frau -und liebenswürdiger Kinder, in glücklichen finanziellen Verhältnissen -zu Urbanowiz im Preußischen Schlesien, von wo aus er Glück und Segen -nach Kräften verbreitet. Zu beklagen bleibt es immer, daß seinem -großen Talent, seinen gereifteren und geläuterten Ansichten und seinem -redlichen Willen, nicht ein noch größerer praktischer Wirkungskreis vom -Staate angewiesen ist, der doch nicht immer mit ihm zürnen und einsehen -sollte, daß Wit ein viel zu edles Herz besitzt, um je in Schand und -Bosheit willigen zu können. Wenn er, wie ich nicht bezweifle der -Verfasser des Büchleins, das etwa so lautet: »Memoiren eines Reisenden -der sich ausruht«<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123"> 123 </a></span> ist, worin Dänemark vortrefflich geschildert ist, so -wäre eine ähnliche Zeichnung der übrigen deutschen Höfe nicht bloß eine -interessante Lectüre, sondern sogar ein Gewinn für die Geschichte zu -nennen. — Wit’s Mutter war eine vortreffliche, geistreiche Frau, deren -Bruder, der bekannte Baron Eckstein, der geistvollster Correspondent -der allgemeinen Zeitung ist. Sein Vetter, Ferdinand Teuffer, dies -bekannte Holsteinsche <em class="antiqua">cerveau brulè</em>, voll herrlicher Anlagen, -ist von seinen ewigen, selbst geschaffenen Leiden, vor Kurzem durch den -Todesengel befreit.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124"> 124 </a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Elftes_Kapitel">Elftes Kapitel.</h2> - -</div> - -<p class="untertitel">v. Struve. Mellis’h. Grote. Das Hamburger Theater. Seine -Mitglieder. Eine Hinrichtung in Hamburg.</p> - -<p>Hamburg hatte damals zwei Diplomaten, welche zu den ausgezeichnetesten -Geistern unserer Zeit gerechnet werden müssen. Der erste war der -noch in Hamburg lebende Russische Minister <em class="gesperrt">von Struve</em>, ein -als Naturforscher ausgezeichneter Gelehrter, bei dem es mir immer -zweifelhaft geblieben ist, ob ich mehr dessen Herz ober seinen -Verstand, oder den schönen Einklang beider bewundern soll. Ich hoffe -daß sein Sohn, mein Coaetane, welcher bereits die Stellung seines -Vaters, bei der Russischen Gesandtschaft in<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125"> 125 </a></span> Wien, überflügelt zu haben -scheint, in die Fußstapfen des vortrefflichen Vaters treten wird, -von dem noch als naturhistorisch zu berichten ist, daß dreißig Jahre -Leben in Hamburg denselben nicht um Eine Linie älter gemacht haben. — -Vielleicht macht die Natur bei ihrem großen Forscher eine Ausnahme, -vielleicht werden wir wieder in die alten Zeiten versetzt, in denen -der liebe Gott die besten und frömmsten Leute mit einem hohen Alter -beschenkte. Vielleicht ist es indessen auch damals besser auf der Erde -oder noch nicht so gut wie jetzt im Himmel gewesen. —</p> - -<p>Das Englische Consulat in Hamburg ist das einträglichste, welches das -Englische Gouvernement zu vergeben hat. Dies bekleidete damals ein -gewisser Mellis’h, welches er einem Ministerposten vorzog, den er bei -dem Wechsel eines jeden Ministerii zu verlieren riskirte. Mellis’h war -ein äußerst gelehrter und vielseitig gebildeter Mann, und machte eins -der ersten Häuser in Hamburg. Er hatte in seinem Hause die empfindliche -Junggesellensteuer in Hamburg, die <em class="gesperrt">Trinkgelder</em>, abgeschafft, -mit denen man das Essen in dieser Stadt doppelt und dreifach bezahlen -muß, und seinen Domesticken die Annahme eines solchen, bei unfehlbarer -sofortiger Entfernung aus dem Dienst verboten. In seinem Hause ging -es überaus gastfrei zu, Mellish’ wußte seine Tafel<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126"> 126 </a></span> durch eine -vortreffliche Unterhaltung zu würzen. Er war ein genauer Freund von -Schiller und Göthe gewesen. Von dem ersten besaß er eine große Menge -Correkturen seiner eignen deutschen Gedichte, welche auch später, -jedoch ohne Hinzufügung des ersteren, gedruckt worden sind, was die -literarische Erscheinung um Vieles interessanter gemacht haben würde. -Göthe schickte seinem Sohne Charles Mellish’, ein Exemplar seines -»<em class="gesperrt">Hermann und Dorothee</em>,« mit den schmeichelhaften Worten: »Meinen -lieben Pathen, Karl Wolfgang von Mellis’h, dem sein Vater, der beste -Dollmetscher dieses Gedichts sein kann, treumeinend Göthe.« — Als -Mellis’h nach einer vieljährigen Trennung von Weimar, wo er lange als -Kammerherr gelebt hatte, Göthe besuchte, rief dieser beim Anblick -seines Freundes, mit dem er mancher Flasche den Hals gebrochen hatte, -und dessen Liebhaberei für den Wein er wohl kannte, nur das einzige -Wort »Champagner« aus.</p> - -<p>Der Sohn des Consuls Mellis’h, <em class="gesperrt">Charles</em>, war mit mir bei -Zimmermann in Pension. Wir hatten ein gemeinschaftliches Arbeits- und -Schlafzimmer. Er war schon damals ein liebenswürdiger Mensch und würde -gewiß jetzt in seiner diplomatischen Laufbahn ein weit entschiedneres -Glück machen, wenn er nicht unter die <em class="antiqua">torys</em> gegangen wäre, zu<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127"> 127 </a></span> -denen sein Vater, ein Busenfreund des berühmten Canning, gewiß nicht zu -rechnen war.</p> - -<p>Das Schlafen ist von früher Jugend auf nie meine Sache gewesen, vor -allen Dingen nicht das Einschlafen; auch liegt mein Bischen Ruhe fast -immer in einer von lebhaften Träumen gewebten Wiege, die bei dem -leisesten Geräusch zerreißt. Anders ging es mit Charles Mellisch, der -seine zehn Stunden <em class="antiqua">uno tenore</em> wegschnarchte und sich weder durch -meine Bitten, wach zu bleiben, noch durch die bunten Sonnenstäubchen -und Bilder, die mein geschäftiger Mund vor seine unempfängliche -Ohren und Augen trug, noch durch Spectakel aller Art, nachdem er die -Worte: »Gute Nacht, lassen Sie mich in Ruhe!« ausgesprochen hatte, -abhalten ließ, in den festesten Schlaf zu verfallen, womit die Natur -je einen Dachs, einen Domherrn oder gar den Siebenschläfer vor anderen -Geschöpfen begnadigt hat.</p> - -<p>Ich mochte nun anfangen, was ich wollte, alle Mittel, den guten Charles -zu erwecken von der leisesten Sprache in die Ohren bis zum Feuerlärm, -waren vergeblich. Brummende und schreiende kurze Töne waren die -einzigsten Früchte, die meine Kehle und meine Phantasie erbeuteten, -kein menschlicher Ton leistete meiner beredten Zunge Gesellschaft. Da -fiel ich auf den glücklichen Gedanken bald »<em class="antiqua">God<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128"> 128 </a></span> save the king</em>«, -bald »<em class="antiqua">Rule Britannia</em>« anzustimmen. Und siehe! wie durch einen -Zauberstab geweckt, begleitete Mellis’h jedesmal das angestimmte -Lied; bald aber bat der Mitsänger mit herzbrechenden Tönen, die durch -Schluchzen und Thränen unvernehmlich wurden: »Lassen Sie mich doch -schlafen; ich bin ein Engländer und liebe mein Vaterland mehr als -meinen Schlaf; allein ich nicke sonst morgen in der Schule ein und kann -nicht exponiren.«</p> - -<p>Selig, ein Mittel gefunden zu haben, den Fühllosen zu rühren, -chicanirte ich ihn die ganze Nacht hindurch, wie die Knaben den allzu -musikalischen, aber tyrannischen Küster, dem sie beim Nachmittagsschlaf -einen Accord auf dem Positiv nur anschlugen, dann wegliefen, und so -den alten Mann zwangen, denselben zu vollenden, bis am Ende auch meine -Lebendigkeit bei den Worten: »<em class="antiqua">rule the waves</em>« einen sanfteren -Charakter annahm, und die Töne mich in den Schlaf einlullten. Schon im -Traum hörte ich noch einen Engel anstatt des Engländers singen: <em class="antiqua">For -Britons never shall be slaves</em>.</p> - -<p>Am andern Tage verklagte mich mein Contubernalis beim Professor -Zimmermann. Ich opponirte die Einrede, daß sich der gute Karl durch -keinen andern Lärm, als durch die genannten englischen Nationalgesänge -stören lasse und wollte ihm ein<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129"> 129 </a></span> <em class="antiqua">privilegium de non cantando</em> -nicht zugestehen. Der Professor enthielt sich aller Intervention, -Charles wurde abgewiesen und nun meiner Gewalt überantwortet. Aber ich -war großmüthig; jeden Abend accordirte ich beim Schlafengehen mit ihm, -wie lange er mit mir reden sollte. Er hielt allemal Wort aus Furcht vor -meinem Gesange, womit ich denn überhaupt, ein travestirter Orpheus, -schon gar viel in meinem Leben durchgesetzt habe. —</p> - -<p>Ein ähnliches Beispiel dieser National-Pommade erlebte ich zehn -Jahre später von einem Holländer. Ich lernte ihn an der Abendtafel -als einen liebenswürdigen jungen Gelehrten kennen. Er erfreute uns -durch viele interessante holländische Epigramme und Anekdoten, -durch unpoetische Poesien seiner Dichter, die Schiller’s Poesien -einen »<em class="gesperrt">Misthaufen</em>« nennen, und durch Erzählungen von seiner -liebenswürdigen Braut. Plötzlich schlug es zehn Uhr: er gähnte mehre -Male, befahl dem Kellner, zu leuchten, und ließ sich durch keine Bitte -bewegen, noch unter uns zu verweilen. »<em class="antiqua">Het doet mij leed, dat wij -scheiden moeten, ben u soo gefattigeerd?</em>« (Es thut mir leid, daß -mir scheiden müssen, sind Sie so ermüdet?) fragte ich ihn worauf er -antwortete: <em class="antiqua">Myn Her ik ben gefattigeerd, daar ik morgen vroeg um zes -Uur opstaan moet</em>. (Mein Herr, ich bin müde, da ich morgen frühe um -sechs Uhr aufstehen muß.)</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130"> 130 </a></span></p> - -<p>Der englische Viceconsul, ein vortrefflicher Geschäftsmann und -Mellis’hens rechte Hand, hieß <em class="gesperrt">Wesselhoeft</em> und bekleidet noch -jetzt diese Stelle. So oft ich in Hamburg bin, erinnere ich mich in -seinem liebenswürdigen Familienkreise der Englischen Familie, dessen -Haupt alle Liebenswürdigkeiten eines Deutschen und eines Engländers -vereinigte.</p> - -<p>Unter den übrigen Diplomaten zeichnete sich der Preußische Gesandte, -ein Graf Grote, der sich immer dadurch dem Publikum <em class="gesperrt">bloß</em> -gab, daß er nie seine Garderobe, d. h den Titel als <em class="antiqua">maître de la -garderobe</em> ablegte, durch Originalität aus. Der alte Herr hatte sich -in dem republikanischen Hamburg, wo übrigens die <em class="antiqua">haute volée</em> -oft auch sehr an die <em class="antiqua">noble aristrocraci</em> von Amerika erinnert, -ganz acclimatisirt. Es wurden demselben auch alle möglichen geselligen -Vorzugsrechte eingeräumt, was er denn auch zu seiner Lebenserhaltung -bedurfte. Denn der Greis schwitzte große Tropfen, wenn er mit einigen -andern Exellenzen auf einem Diner und ungewiß war, wer der älteste -von ihnen sei und das Recht habe, den ersten Toast auszubringen. Man -erzählte von ihm, daß er zuweilen ganz eigne Noten an den Hamburger -Senat erlasse und namentlich an den mit der Polizei beauftragten -Rathsherr, bei einer Gelegenheit, wo ein anderer nicht ferne von ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131"> 131 </a></span> -wohnender Minister bestohlen war — geschrieben habe. »Ich suche Ew. -Hochedlen dafür zu sorgen, daß dergleichen Scandal nicht wieder in -meiner Nähe passirt.«</p> - -<p>Das Theater war zu meiner Zeit vortrefflich. Wie ein geheizt -gewesener Ofen noch eine Zeitlang seine Wärme hält, wie Weimar noch -einen poetischen Anstrich von der früheren Farbe hat, so lebte noch -Schröders Muster in der Erinnerung des Publikums und in dem Bestreben -der Schauspieler, ihm zu gleichen. Ich beklage es diesen großen -Mimen nur stumm spatzierend, in seinem Garten zu Rellingen gesehen -zu haben, den, nach dem Urtheil sachverständiger Hamburger, selbst -der geniale Devrient nur als »<em class="gesperrt">Franz Moor</em>« erreicht haben soll. -Nie vergesse ich Zimmermanns Begeisterung, als er eines Abends aus -der Freimaurer-Loge zurückgekehrt war und erzählte, daß Schröder -Bürgers »<em class="gesperrt">Lenore</em>« im schwarzen Anzuge mit einem weißen Stäbchen -in der Hand, so begeisternd gesprochen habe, daß alle Anwesenden die -Geistererscheinung mit eigenen Augen wahrzunehmen zu haben geglaubt -hätten — Schröder war aber auch in seiner Jugend ein vortrefflicher -Tänzer gewesen, wogegen sich unsere jungen Histrionen höchstens eine -<em class="antiqua">Radawazka</em> einstudiren.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132"> 132 </a></span></p> - -<p>Schmidt nahm schon damals wol den ersten Rang unter den Hamburger -Schauspielern ein, und würde unstreitig einen noch weit größeren -Ruf erlangt haben, wenn ihm nicht ein etwas tremulantes Organ im -Wege gestanden, das sich freilich ganz vortrefflich zu einigen -älteren Rollen, wie im »<em class="gesperrt">zerbrochnen Krug</em>« eignete, oft aber -auch sehr störend einwirkte. Schmidt hat in Königsberg ehrenwerthe -philosophische Studien gemacht, auch ist es sehr zu beklagen, daß er -sein entschiedenes Talent als Lustspieldichter so ganz unverantwortlich -vernachlässigt, da sein »<em class="gesperrt">leichtsinniger Lügner</em>,« welcher damals -auch einen Preis erhielt, ihn als so ungemein dazu befähigt darstellt, -wogegen seine Schauspiele, z. B. »der Sturm von Magdeburg« sich weniger -Beifall im Publikum erworben haben. In Gesellschaften, deren der -jetzige Schauspiel-Director zuweilen sehr glänzende und auserlesene -giebt, ist Schmidt höchst liebenswürdig und unterhaltend und würzt -dieselbe durch treffliche Bonmots. Ein solches, wodurch er einen höchst -originellen materiellen Beweis für die Unsterblichkeit führte, fällt -mir so eben ein und verdient der Vergessenheit entrissen zu werden.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Die Elemente rasten nie,</div> - <div class="verse">Und hat der Mensch sie in sich aufgenommen,</div> - <div class="verse">Sagt mir Ihr Philosophen, wie</div> - <div class="verse">Soll da der Mensch zur Ruhe kommen?«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133"> 133 </a></span></p> - -<p>Das Hamburger Publikum ist ein höchst gutmüthiges dankbares, und voller -Pietät gegen seine bei ihm ergrauten Schauspieler. Es kommt mir vor wie -ein braver Apotheker, der seinen alt und schwach gewordenen Provisor, -auf dessen Knieen er sich als Knabe oft hat schaukeln lassen, nicht -verstößt, wenn derselbe auch kaum mehr die Neujahrsrechnungen schreiben -kann. Es gab dort einen Pensions-Beifall, der so weit ging, daß man gar -keine fremde Künstler in den wenigen Musterrollen, worin hie und da ein -alter mittelmäßiger Schauspieler excellirte, sehen wollte. Die kleine -niedliche Oper »<em class="gesperrt">das Dorf im Gebirge</em>« war immer zum brechen voll, -wenn der alte Schrader den Schulmeister mit seiner trocknen Komik gab, -wogegen der brave Berliner Kaselitz, welcher Devrient auf einer Reise -begleitete, bei einer ganz braven Leistung dieser Rolle fast riskirt -hätte, ausgepfiffen zu werden. Jakobi war ein Naturalist, begabt mit -einer vortrefflichen Stimme, und hat vielleicht ein halbes Jahrhundert -den Don Karlos immer mit gleichem Beifall gespielt. Das Hamburger -Publikum zeigt sich darin wie ein tieffühlender Poet, dem seine erste -Jugendliebe nie alt wird.</p> - -<p>Jakobi war ein origineller Mensch, sein Gefühl wurde zuweilen -verstopft, wie eine Wasserleitung, floß aber dann desto reichlicher. -Nach<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134"> 134 </a></span> Schröders Tode hatte er fast ein Jahr verstreichen lassen, ohne -der Frau irgend ein Zeichen von Condolenz zugehen zu lassen. Da ritt -er plötzlich, an einem Sonntage, zu der würdigen Wittwe des großen -Mimen, nach dem zwei Meilen entfernten Rellingen, erhielt Audienz und -brach jetzt in einen so lebhaften Schmerz über den Tod des Großmeisters -aus, und suchte so lebendig die arme Wittwe zu trösten, daß ein jeder -Gegenwärtiger nothwendig auf die Idee kommen mußte, der gute Schröder -sei erst gestern gestorben. So frisch schien Jakobis ungeheuchelter -Schmerz, welcher übrigens der Wittwe, trotz aller wehmüthigen -Erinnerung ein Lächeln und die Antwort: »Ihre Theilnahme, lieber Jakobi -freut mich ungemein. Aber wie kommen Sie denn damit so spät?« entlockt -haben soll.</p> - -<p>Mit den Schmerz über nahe Hingeschiedene ist es übrigens ein eigen -Ding. Es ist nothwendig, aber höchst unpoetisch, daß die Zeit den Gram -über den doch so nothwendigen Tod besiegt. Und doch, wer läßt sich -in der Zeit des Schmerzes diesen nehmen, wer glaubt nicht an seine -Unsterblichkeit? — Welcher Bräutigam denkt je daran, seine verstorbene -Geliebte ersetzt zu sehen, welche Wittwe von Gefühl meint an seinem -Sarge, daß des seligen Gatten Stelle je wieder von einem Andern -eingenommen werden könne? —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135"> 135 </a></span></p> - -<p>Die Indianischen Weiber haben den poetischen Feuertod erfunden, um -den Moment des Übergang zum geringeren Schmerz zu coupiren, für den -sich vielleicht noch viel mehr sagen lassen würde, wenn eine einzige -Geliebte dem verstorbenen Gatten nachfolgte, obgleich die durch den Tod -sich versöhnende Eifersucht auch etwas Rührendes hat; ich habe aber -einen protestantischen Geistlichen gekannt, welcher den Schmerz durch -eine übermäßige Nahrung desselben verkohlen lassen wollte.</p> - -<p>Er war nämlich schon etwa eine Stunde aus der Residenz auf dem Heimweg -nach seiner Dorfpfarre, als es ihm einfiel, daß er seinen Freund, den -ich »Ranz« nennen will, und der seit acht Tagen Wittwer geworden war, -nicht getröstet habe.</p> - -<p>»Paul! kehr um,« rief er seinem Knechte zu, »ich muß wieder zurück.« -»Ich muß <em class="gesperrt">Ranz</em> trösten, der sein Weib verloren hat,« sprach dann -zu seiner Frau gewendet; »diese Christenpflicht habe ich über diese -Einkäufe schändlicher Weise vergessen.« — »Aber, lieber Mann! es -regnet, als ob es vom Himmel mit Mulden gösse«, stellte die sanfte Frau -vor.</p> - -<p>»Thut nichts!« erwiderte der Enthusiast, der, eine nachgemachte -zweite Tarpeja, bei einem Deichbruch schon einmal in die Bruchstelle -gesprungen war und verlangt hatte, man solle ihn rings umher bedeichen -und seinen doch zu Erde werdenden Körper<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136"> 136 </a></span> schon als solchen ansehen, -»ich muß Ranz trösten und ich werde meine Schnellmittel dabei -anwenden.« — —</p> - -<p>Frau, Kutscher und Pferde mußten gehorchen. Man fuhr zu Ranzens -Pfarrei. —</p> - -<p>Ranz lag auf dem Sopha. Er versuchte, Mittagsruhe zu halten. — »Ranz, -ich bin hieher gekommen, um Dich zu trösten!« hub der eintretende -Freund an, »weine Ranz.« — —</p> - -<p>Ranz weinte. Aber kaum fing der Thränenstrom an, zu versiegen, als sein -Freund »Homa« ihn durch rührende Erinnerungen an die Verstorbene zu -einem neuen Thränenstrom aufforderte. Auch der verlief sich. —</p> - -<p>Homa wiederholte diese Thränenerpressung noch einige Male. — Ranz ward -endlich thränenlos.</p> - -<p>»Du hast dem Schmerz sein Recht widerfahren lassen«, endete Homa, -»jetzt aber ermanne dich und sei auch wieder lustig.«</p> - -<p>Welche Wirkung dieser verminderte Septimaccord auf Ranz Stimmung -gehabt, weiß ich nicht zu referiren. Indessen ist das Mittel originell -und ich sehe nicht ein, warum man es nicht bei Jemandem, von dem man -doch weiß, daß er seinen Schmerz ohnehin bald überlebt, anwenden -sollte. Ich würde freilich einem solchen trösten Wollenden die Thüre -zeigen. —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137"> 137 </a></span></p> - -<p><em class="gesperrt">Herzfeld</em> war ein guter Schauspieler, mit einem nur zu sehr sich -überschreienden Tone. Vortrefflich waren auch <em class="gesperrt">Kühne</em>, jetzt -»Lenz« genannt, und der alte <em class="gesperrt">Schwarz</em>. Das war ein <em class="antiqua">ensemble</em>, -wie ich es niemals wiedergesehen. <em class="gesperrt">Lebrun</em> trat zu meiner Zeit -zum ersten Male, ich glaube als »<em class="gesperrt">Perin</em>« in der Donna Diana -auf und erkannte Zimmermann schon damals den künftigen Meister -in ihm. Auch Lebrun ist schon von den Brettern getreten und von -hartnäckigen körperlichen Leiden, welche übrigens die Kräfte seines -Geistes zu steigern schienen, heimgesucht. Indessen habe ich ihn nie -liebenswürdiger gefunden, als eben jetzt.</p> - -<p>Unter den weiblichen Personen zeichneten sich vor allen eine Demoiselle -<em class="gesperrt">Wrede</em>, welche durch Gott Hymen vom Theater abgerufen wurde, und -die allzu früh verstorbene Doctorin Reinhold aus; zwei Wesen, denen ein -solches Unschuldsgas entströmte, daß der Theaterbesuch nur begeisternd -auf die idealistische Jugend wirken konnte. Die letzte lernte ich als -Primaner einmal bei einer Bostonparthie kennen, wo mich ihr Anblick so -sehr entzückte und verwirrte, daß ich, ein vollkommen guter Spieler, -die Farben verwechselte und noch mehr confus wurde, und bis über die -Ohren erröthete, als die liebenswürdige Künstlerin<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138"> 138 </a></span> die richtige -Bemerkung machte: »Aber Sie bedienen ja nicht recht, immer Herz!«</p> - -<p>Schöne Zeit, in der die Schauspielerinnen so begeistern! —</p> - -<p>Unter den Trauerspielen, welche ich in Hamburg gesehen, machten keine -mehr Wirkung auf mich, als die erste Aufführung von Müllner’s »Schuld« -und die einzigste Hinrichtung, welche ich in meinem Leben gesehen; -denn als Gesina Gottfried, die bekannte Giftmischerin, in unserm -nachbarlichen Bremen decollirt wurde, hätten wie überhaupt auch keinen -von der oldenburgischen geistigen Elite, mich nicht zwanzig Pferde -wieder hingezogen, obgleich der damalige Bremer Schauspieldirector -»Bethmann« uns Oldenburgern schriftlich anzeigte, daß er in den Tagen -mit passenden Stücken aufwarten würde.</p> - -<p>Catharina Margaretha Seep, hatte einen Raubmord an einer Verwandtin -begangen, welche das Glück gehabt hatte, auf die von ihr geträumten -Nummern eine Sechslingambe, etwa drei Preußische Thaler, in der -dänischen Zahllotterie zu gewinnen. Ihr Seelsorger war mit den derben -Worten: »Verflucht ist wer einen Menschen mordet«, zu ihr in die -Gefangenenzelle getreten und hatte durch dies, in der That höchst -ungewöhnliche Mittel, die Sünderin so zerknirscht, daß diese bald ganz -reumüthig, oder wie<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139"> 139 </a></span> Lichtenberg irgendwo sehr irreligiös aber sehr -witzig sagt, als ein Kapaun für den Himmel fett gemacht wurde. —</p> - -<p>Da <em class="antiqua">acta Hamburgensia</em> ergeben sollen, daß die feierliche -Begleitung der Delinquenten, von Seiten der Geistlichen, in den ersten -acht Tagen des vorigen Jahrhunderts, die Ursache mancher Mordthaten -geworden ist, weil die Leute geglaubt haben, wenn sie auf dem letzten -Wege, von einem Hochehrwürdigen begleitet wurden, recht selig zu -sterben, so wird jetzt der Inquisit von einem Menschen begleitet, der -ihm weiter keine Ehre anthun kann, wenn er gleich oft im Himmel besser -vermitteln können mag, als mancher Geistlicher — vom Schinderknecht. -Und der jenige, welcher die Begleitung der Catharina Margaretha Seep -hatte, schien ein wohldenkender, nicht fühlloser Mensch zu sein, wenn -sich gleich die Todesangst, welche er mit der armen Delinquentin -theilen mochte, in ziemlich ungeeignete Phrasen auflös’te, von denen -ich Ohrenzeuge war, da ich durch die Bekanntschaft mit einem Officier, -in den engern Kreis gekommen war, welcher dicht am Eingange, zu dem mit -einem Graben versehenen Richtplatze stand. Er tröstete nämlich die, -nach dem Richtstuhl starrende und weinende Sünderin in abgebrochenen -Sätzen immer also: — Swig man still Magret, — dat is<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140"> 140 </a></span> so slimm nig — -dat kann den <em class="gesperrt">Besten paßeeren</em>, und zeigte auch noch nach ihrem -Tode dieselbe Theilnahme, da er, anstatt den beim Schopf gefaßten Kopf, -während der Scharfrichter mit seinem Degen vor dem Volk salutirte, -ringsumher zu zeigen, ohnmächtig mit demselben in der blutigen Hand -hinfiel. — Der Mann würde in Athen ein sehr populärer Henker sein. —</p> - -<p>Bei dieser Gelegenheit habe ich erst recht die Stelle in Göthe’s Faust:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Schon zückt nach jedem Nacken</div> - <div class="verse">Die Schärfe die nach meinem zückt«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0">verstehen gelernt. Denn in dem Augenblick, da das Schwerdt das Haupt -vom Rumpfe trennt, greift man unwillkührlich nach seinem eignen Halse, -so daß einige der Soldaten, (es war Gewehr bei’m Fuß commandirt), ihre -Waffe unwillkührlich fallen, ließen.</p> - -<p>Unter den drei Bruchvögten, welche das Schaffot in Gallauniform, -während des Augenblicks der Kopfverkürzung umstanden, war der, mir von -mehreren Gastmalen her, wohlbekannte joviale alte Mävius, welcher mir -nachher gestand, daß er bei einem solchen Ort immer eine Höllenangst -empfinde, daß der Scharfrichter Hennings einmal sich verhaue und<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141"> 141 </a></span> dann -wie ein durch Blut gereizter Tiger, Alles um sich herum niedersäbele.</p> - -<p>Während der Execution ist der Senat in Hamburg versammelt, und die -Thore der Stadt sind geschlossen, welche erst wieder eröffnet werden, -wenn der Adjutant die Nachricht von der glücklichen Vollziehung der -Strafe überbringt.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142"> 142 </a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Zwoelftes_Kapitel">Zwölftes Kapitel.</h2> - -</div> - -<p class="untertitel">Das Hamburger Militair. Die Dänen. Pedro Gabe. Zucker-Raffinaderie. -Juden. Feuerlöschanstalten. Fürst Blücher. Heyse. Godefroy. -Geffcken. Schuhmacher. Gebrüder Fleischmann.</p> - -<p>Die Hamburger Bürgergarde wurde zu meiner Zeit neu uniformirt und -organisirt. Vor der französischen Zeit standen die Bürger in ihren sehr -von einander abstechenden Civilkleidern mit einer Pfeife im Munde, -Schildwache, die sie denn auch wol dann und wann verließen, wenn -irgend ein Lieblingsgericht sie nach Hause zog, obgleich ein altes -Gesetz diese Contravention mit dem Erschossenwerden bedroht hatte. -Auf die Unzweckmäßigkeit dieses Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143"> 143 </a></span>setzes fußend hatte auch einer -von den droken (patzigen) Hamburger Bürgern, welcher durch ein Stück -Hamburger Rauchfleisch sich vom Posten nach Hause hatte locken lassen -und jetzt deshalb angeklagt war, sich standhaft geweigert, zuerst die -ihm auferlegten 1000 m&, dann 500 m& bis auf 7 m& 8 ß hinunter, bis -zu welcher Summe man mit ihm hatte accordiren wollen, als Strafe zu -zahlen. »Nix« hatte er gesagt, »ick verlang min Recht — Entweder dod -schaten wärden oder gar keen Straf ick betahl keenen Sösling, (entweder -todt geschossen werden oder gar keine Strafe, ich bezahl keinen -Sechsling,) und war dem Vernehmen nach auf diese Weise frei gekommen.</p> - -<p>Die früheren Hamburger Stadtsoldaten waren damals ein würdiges -Seitenstück zu dem damaligen Bürgermilitair. Man erzählte von einem -ihrer Officiere, daß, als der dänische Rittmeister Ewald über einen -niedergelassenen Schlagbaum habe setzen lassen, den der Hamburger -Lieutnant seiner Instruction gemäß, nicht habe öffnen lassen gewollt, -dieser mit den Worten fort gelaufen sei. »Na, wenn Gewalt über -Recht geht, so mag der Teufel Soldat bleiben.« Der Chef der alten -Stadtsoldaten, ein Obrist aus N. soll gewünscht haben als Hamburg -französisch wurde in gleicher Eigenschaft bei der<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144"> 144 </a></span> französischen -Armee angestellt zu werden, als er aber befragt, wie viel Schlachten -er mitgemacht, »<em class="gesperrt">keine</em>« geantwortet, soll ihm Prinz Eckmühl -erwiedert haben: <em class="antiqua">Point de bataille, point de colonel</em>.</p> - -<p>Ein anderer Officier der freien Städte wurde in späterer Zeit einmal -von einem deutschen Fürsten gefragt, »Haben Sie schon früher gedient?« -worauf dieser sehr harmlos antwortete: »O ja, sechs Jahre beim Senator -Meier.«</p> - -<p>Die jetzigen, sehr gut einexercirten Hanseaten sind im Begriff, ein -recht tüchtiges Corps zu bilden, da sie von Jugend auf militairisch in -Oldenburg gebildet werden. Leider fehlt noch in einigen Staaten, wie z. -B. in Bremen, die Conscription.</p> - -<p>Ein geborner Glückstädter, obgleich ich mich wegen Mangel an Glück -lateinisch nie <em class="antiqua">tychopolitanus</em>, sondern bescheiden, fast so zu -sagen deutsch weg, <em class="antiqua">glockstadienis</em> schreib, war ich durch meine Geburt -doch ein dänischer Unterthan und dies um so mehr weil meine Mutter nur -zufällig ihr Wochenbett in meinem großväterlichen Hause zu Glückstadt -hielt, mein Vater aber derzeit den Posten eines Landvogts auf der Insel -Föhr in der Nordsee bekleidete, dasselbe Amt, welcher etwa 30 Jahre -später dem unglücklichen Lornsen übertragen wurde. Unser<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145"> 145 </a></span> Lehrer in -Uetersen hatte uns den Regentenstamm aus dem Hause Oldenburg auch so -lobenswerth bezeichnet, den grausamen Charakter Christians II., den -er gewöhnlich den Unglücklichen nannte, und den Don Quixote-Feldzug -Johanns I. so mildern dargestellt hatte, daß ich überall sehr dänisch -patriotisch gesinnt war. Vollends mußte das nun jeder dänische -Unterthan werden, als die Politik der Alliirten so grausam gegen -Dänemark verfuhr, daß man dem König Friedrich VI. erklärte, nie anders -mit ihm unterhandeln zu wollen, als auf der Basis, daß er Bernadotte -Norwegen abtrete. Der König ergrimmte in seinem gerechten Zorn, die für -die gute deutsche Sache brennenden Truppen, welche sich schon auf der -Wilhelmsburg für dieselbe geschlagen hatten, mußten auf’s Neue für die -verlornen Waffen Napoleon’s kämpfen und Hamburg wurde den Franzosen -überantwortet. Die Dänen selbst führten die Franzosen in die Stadt. —</p> - -<p>Die Hamburger waren ungerecht genug, die Wirkung mit der Ursache zu -verwechseln. Sie faßten einen heftigen Haß gegen die Dänen, welcher -auch nicht durch die unendliche samaritanische Barmherzigkeit -gemildert wurden, womit diese und vorzüglich die Holsteiner an 30,000 -Ham<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146"> 146 </a></span>burger<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a>, welche der französische Marschall Davoust, weil sie -sich nicht verproviantiren konnten, vor der Belagerung aus der Stadt -gejagt hatte, behandelten. Noch mehrere Jahre hießen die Dänen -»Schukel-Meier«, welches soviel wie »Schmugler« bedeutet, und darauf -ging, daß sie die Franzosen in die Stadt geschwärzt hätten. Man fand -damals die unanständigsten Anspielungen auf den König von Dänemark in -den Zeitungen, von denen ich nur als einer der minder beleidigenden, -der Anzeigen erwähnen will, welche an dem Tage in den Zeitungen stand, -als der König von Dänemark auf seiner Reise zum Congreß nach Wien in -Altona angekommen war. Damals las man:</p> - -<p>»Daß ich auf meiner Reise von Kopenhagen nach Wien glücklich hier -angekommen bin, zeige ich hierdurch ergebenst an.</p> - -<p>Altona, den...</p> - -<p class="right mbot1"><span class="mright4">L. S. Meier,</span><br /> -<span class="mright2">(<em class="antiqua">id est</em> Schukelmeier.)«</span></p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147"> 147 </a></span></p> - -<p>Mit blutendem Herzen habe ich es häufig bemerkt, daß der Stadtsoldat, -welcher die dänische fahrende Post von Altona nach Hamburg begleitete, -mit Schmutz beworfen, da er unfähig gewesen war, sich gegen den ganzen -Hamburger Berg zu vertheidigen, vor dem Königlich dänischen Postamte in -Hamburg anlangte. Sowohl ich als meine Landsleute mußten deßhalb manche -Neckereien von den Hamburger Commilitonen ertragen, die wir indeß durch -unsere geistige und körperliche Superiorität gar bald zum Schweigen -brachten.</p> - -<p>Ein geistreicher Hamburger war <em class="gesperrt">Pedro Gabe</em> der Sohn des -dortigen Senators, welcher später in Paris starb. Ich entsinne mich -kaum eines Menschen, der so alle Herzen zu gewinnen wußte, wie er. -Seine Bemerkungen waren launig und treffend. Er wohnte auf der -Kaffeemacherreihe. »Wenn ich zur Börse gehe,« pflegte er zu sagen, »so -mache ich das ganze menschliche Leben durch.«</p> - -<p>»Ich gehe in die <em class="gesperrt">ABC-Straße</em>; das ABC ist dasjenige, was -die Menschen zu erlernen pflegen. Von dort wandere ich auf den -<em class="gesperrt">Gänsemarkt</em>, welcher für mich die Flegeljahre bedeutet. Vom -Gänsemarkt führt es zum <em class="gesperrt">Jungfernstieg</em>.«</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»O! süße Sehnsucht, zartes Hoffen,</div> - <div class="verse">Der ersten Liebe goldne Zeit!«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148"> 148 </a></span></p> - -<p>»Ich gerathe nun auf die <em class="gesperrt">Kunst</em>, die mich an das Streben -geistreicher Männer erinnert. Jetzt liegen drei Wege vor mir: links -das <em class="gesperrt">Zuchthaus</em>, der Weg der Gottlosen; gerade aus der <em class="gesperrt">St. -Petrikirchhof</em>, der frühe Tod; rechts das <em class="gesperrt">Johanniskloster</em>, -für das beschauliche, ascethische Leben gemacht. Ich aber, als -rüstiger Geschäftsmann, überwinde den <em class="gesperrt">Berg</em>, denke in der -<em class="gesperrt">Reichenstraße</em> an den Gewinn und verfolge so meinen Weg zur -<em class="gesperrt">Börse</em>.«</p> - -<p>Schon im Jahre 1814 fing die große Tirannei an, nachzulassen, welche -seit vielen Jahren von den hamburger Zuckerbäckerknechten auf den -Straßen verübt worden war, die oft an acht Mann, Arm in Arm, mit -ihren weißen Nachtmützen und ihren feinen weißen Schürzen, durch die -Straßen schritten, ohne irgend Einem, selbst nicht dem Bürgermeister, -auszuweichen. Es waren Menschen von herkulischer Körperstärke, und -zum Theil von gutem Herkommen, da damals auch die Söhne der reichen -Raffinadeure ihr Handwerk unter ihnen erlernen mußten. Ich habe -gesehen, daß ein solcher 225 Pfd. mit dem kleinen Finger hob, und daß -ein anderer, es klingt zwar spanisch, als acht spanische Soldaten mit -gefälltem Bajonett ihm den Ausgang aus dem Hause verweigerten, die -Bajonette des vierten und fünften Mannes ergriff, und, ein parodierter -Winkelried,<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149"> 149 </a></span> sowohl nach der rechten wie nach der linken Seite warf, so -daß die guten Catalonier rechts und links auf der Erde lagen. Ehe diese -sich mit ihren Waffen wieder erheben konnten, war der unbewaffnete -Sieger entflohen.</p> - -<p>Die hamburgische Zucker-Raffinaderie ist hauptsächlich durch die -Industrie der Holländer zu Grunde gerichtet. Hunderte von Matadoren, -welche früher auf der Börse ihr Folium hatten, sind jetzt spurlos -verschwunden, so daß ich, selbst auf Nachfragen kundiger Leute, nichts -von dem Aufenthalt der Nachkommen einiger meiner Bekannten unter diesen -erfahren konnte.</p> - -<p>Die Juden waren zu meiner Zeit in Hamburg, wie in allen freien Städten, -sehr unfrei. Ihrer rastlosen Thätigkeit verdanken sie indessen, daß sie -sich in den Besitz der einträglichsten Geschäfte gesetzt haben. Wer -kennt nicht den Namen <em class="gesperrt">Salomon Heine</em> als den des Rothschild von -Hamburg, der auch im Verhältniß seines großen Vermögens die reichen -Christen durch Wohlthätigkeit beschämt? Als sein Schwiegersohn, der -jetzige Präsident von Halle, ein Schulcamerad von mir, der übrigens -auch von allen hamburger Juristen diesen ehrenvollen Posten mit dem -allergrößesten Rechte bekleiden mag, denselben, trotz der Concurrenz -mit dem <em class="antiqua">Dr.</em> Hein<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150"> 150 </a></span>chen, erhalten hatte, äußerte ein Spaßvogel -nicht unwitzig: »Was kann Heinchen wider Heine!« Schon damals spielten -sie gewöhnlich den schöngeistigen Kunstrichter; indessen schlug ihnen -dabei nicht selten das materielle Interesse in den Nacken, so daß -sich ihr Witz inmitten der artistischen Beurtheilung auch über dieses -verbreitete. An dem Abend, als die »Schuld« von Müllner zum ersten -Male gegeben wurde und ein ungemein großes Interesse erregte, auch die -Israeliten zum lautesten Beifall hinriß, erhob sich plötzlich während -der rührendsten Scene ein heftiges Gelächter unter diesen, welche, wie -einst im <em class="antiqua">coin du roi</em> im Theater <em class="antiqua">francais</em> die pariser -Schöngeister rechts im Parterre gewöhnlich zusammengeschaart standen: -»Haben Sie gehört den Witz von Herrn Kohn?« erscholl es von allen -Seiten. »Herr Kohn steigt eben auf die Gallerie und sagt: das ist acht -Viertel breiter Gingham.« Ich konnte den Witz nicht begreifen, der -die Juden zu ersticken drohte, erfuhr aber nachher, daß Gingham, der -damals erst aufkam, nur eine Breite von vier Viertel-Ellen habe. Der -Spottvogel mußte sich daher über einen Stoff mockirt haben, welcher dem -Gingham an Güte nicht gleich kam.</p> - -<p>Die Juden wohnen fast alle in der Neustadt und zwar auf dem Steinwege, -wo sie eigentlich nur aufgenommen sein sollen, um die Cloaken der -Stadt<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151"> 151 </a></span> zu reinigen. Als ein Judenknabe in einer der christlichen -Straßen von den Buben geschlagen wurde, hörte ich ihn ganz ruhig mit -Resignation ausrufen:</p> - -<p>»Hier iß keen Kunst nich, aber kommt mal nahn grauten Steenweg, da is -min Broder mit de graute Hand, de sleit ju dat ji den Deubel krigt.« -(»Hier ist es keine Kunst; aber kommt nur mit nach dem großen Steinweg, -da ist mein Bruder mit der großen Hand, der schlägt Euch, daß Ihr den -Teufel kriegt.)« —</p> - -<p>Einige Jahre später reis’te ein Hamburger Jude durch eine -Universitätstadt; er hatte einen Studenten seiner Vaterstadt zu Tische -geladen, und dieser sich der Einladung aus besondern Gründen nicht -erwehren können. Der Hebräer tischte mit der Großmuth auf, die das -unglückliche verachtete Volk nur zu gern vor Andern zeigt, um das wider -sie herrschende Vorurtheil des Geizes zu entkräften.</p> - -<p>Eine Flasche verdrängte die andere, und die ganze Weinkarte ward -praktisch durchstudirt. Endlich aber rief der Gastgeber, »Eins müssen -wir noch trinken, lieber Herr Müller!« Dieser dankte, für ein Mehreres. -Da aber der Israelit nicht aufhörte, diese Aufforderung zu wiederholen, -und im<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152"> 152 </a></span>mer mit dem Refrain endete: »Rathen Sie doch mal!« da fiel -endlich der Student auf den heute nicht getrunkenen Champagner und -<em class="antiqua">Saint Peray</em>. Lächelnd schüttelte der Jude fortwährend den Kopf -indem er hinzu fügte: »Viel etwas Besseres!«.</p> - -<p>Als der Musensohn sich endlich dem geistigen Bankerotte näherte, und -versicherte, die Aufgabe nicht lösen zu können, rief die Sphinx: -»<em class="antiqua">Smollis</em> (Brüderschaft) müssen wir trinken!«</p> - -<p>Die Hamburger Feuer-Lösch-Anstalten sind vielleicht die besten in -Europa. Die Häuser, und namentlich die sogenannten Twieten, enge -Gänge, sind von der Art gebaut, daß es fast unmöglich wird, das Feuer -zu dämpfen; und dennoch sind, so viele Feuer leider jetzt in Hamburg -vorkommen, was häufig auch nicht mit rechten Dingen zugehen mag, die -Beispiele, daß Menschen bei einer Feuersbrunst ihr Leben verlieren, -sehr selten; obgleich einige der Sprützenbeamten selbst wohl ihr Leben -dabei verlieren. Noch vor einem Jahre, erzählte mir ein Hamburger -Freund, ist einer von diesen wackeren Leuten auf eine schreckliche -Weise ums Leben gekommen. Er hatte sich zu weit auf ein dem Feuer -nahestehendes Dach gewagt, um dieses zu schützen. »Wasser her!« rief -er in der Todesangst, »Besprützt mich,« und da ihm weder Hülfe noch<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153"> 153 </a></span> -hinlängliche Kühlung sogleich gereicht werden konnte, stürzte er mit -den Worten: »Nun so helfe mir Gott,« wie ein Indianisches Weib, in das -ihn von seiner Todesangst errettende Feuer. Einen ähnlichen edlen Tod -erlitt in früherer Zeit der Sprützenmeister Repsold, welcher aus einer -heitern Gesellschaft kommend, unverzüglich zur Rettung herbeieilte, -sich zu weit wagte und seinen Tod in den Gluthen fand.</p> - -<p>Mich haben Kolbenstöße von einer ähnlichen Gefahr, die zu bestehen, -ich mich auch wol fähig halte, abgehalten; denn als ich kaum einige -Tage in Hamburg war, gerieth das Haus des Lotterie-Collecteurs Bingo -auf dem Dreckwall in Flammen. Erzogen auf dem Lande, habe ich von -Jugend auf keinen größeren Lebenswunsch gehabt, als einen Menschen vom -Feuertode zu retten. Ich eilte also beim ersten Signal zu der nicht -weit entfernten Feuersbrunst, sah aber bald, daß die herbeigeeilten -Bürgergardisten nebst den eigends dazu bestellten Leuten, welche das -Wort »Retter« am Hute tragen, mir jede Mithülfe unmöglich machten. -Gedrängt von ihnen flüchtete ich auf die Schwelle eines Juden, der, -wenn ich nicht irre, Cohn hieß. Obgleich mehrere Christen mit mir die -Treppe vor seinem Hause inne hatten, so antwortete dieser Mann doch auf -die Frage: »Sind alle die Leute, welche hier auf der<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154"> 154 </a></span> Treppe stehen, -von Ihrer Familie?« — »Sie sind alle von meiner Familie, nur nicht der -lange dünne junge Herr,« auf mich hinweisend. Dies hatte die Folge, daß -die Diensteifrigen mich, den retten Wollenden, mit ihren Kolben von -meinem Asyl vertrieben. Das ist die letzte physische Gewalt, die an -mir ausgeübt ist. In geistiger Hinsicht habe ich diese Kolbenschläge -oft noch nachher empfangen, wenn ich mit Ueterser, von meinem guten -Rektor, eingesogenen Enthusiasmus, Menschen retten wollte. Uebrigens -ist es drollig, daß ich noch nie in Hamburg gewesen bin, ohne ein Feuer -erlebt zu haben, und daß ich solches zu den Dingen rechne, die ich -dort unvermeidlich zu betrachten habe. Ich kann dem nicht entgehen, -wie mein guter Ueterser Rektor, der »Bestürmung von Smolensk,« welche -sechs Male nach der Reihe gegeben wurde, wenn derselbe nach langen -Intervallen sich einmal einen vergnügten Abend in Hamburg machen -wollte. — Es war allezeit eine reine Prädestination, welche sich für -die Lehrer von der Gnadenwahl anführen ließe. Da half kein Lesen der -Hamburger Zeitung. Dreimal war eine Oper angezeigt gewesen, allemal war -eine Sängerin krank geworden oder etwas Anderes dazwischen gekommen -und »die Bestürmung von Smolensk« war als Ersatzmann eingetreten. Ich -aber<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155"> 155 </a></span> rief, als angehender humoristischer Troßbube, dem zum sechsten -Male von Hamburg heimkehrenden Rektor mit Sicherheit zu: »Nicht wahr, -Herr Rektor, es ist wieder die Bestürmung von Smolensk gegeben worden,« -worauf er, halb ärgerlich halb lachend, die Bestätigung ertheilte.</p> - -<p>Ich habe mich seit der Zeit daran gewöhnt alle Ereignisse, die sich um -mich her zutragen, zu meinem Nutz und Frommen in diejenige Flüssigkeit -zu verwandeln, welche man »<em class="gesperrt">Humor</em>« nennt, und nur eine mühsame -Existenz durch diese Procedur ertragen erlernt. Die Ereignisse meines -Lebens sind aber auch so abentheuerlich und fratzenhaft geworden, -daß ich kein Buch kenne, welches in dieser Beziehung es mit meinen -Erlebnissen aufnehmen kann, selbst »Tausend und eine Nacht« reicht -ihnen nicht das Wasser. Ich erzähle sie nicht alle, aus Furcht, ein -Lügner gescholten zu werden, und wenn ich auch zu Gütern und Würden -kommen könnte, welche die Familie Münchhausen im Hannöverschen hat. Ich -werde aber einige davon in meinen Memoiren nach meinem Tode zum Besten -geben, denen man freilich auch schwerlich selbst dann, wenn meine -Mitbürger mir das Zeugniß eines wahrhaften Menschen gegeben haben, -Glauben beimessen wird.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156"> 156 </a></span></p> - -<p>Das Bestreben der Abentheuer, sich an mich zu drängen, ehre ich -übrigens, wie ein Fürst die Liebe seiner Unterthanen. Ich gehe zu allen -Feuersbrünsten, Aufläufen, und andern tumultarischen Auftritten mit -höflichem Ernst, weil ich weiß, daß sie mir zu Ehren vom Weltgeiste -veranstaltet sind. Oft zeige ich mich nur der Etiquette willen, bei -solchen Gelegenheiten, aber ich zeige mich doch.</p> - -<p>Ich muß hier einer großartigen Antwort eines Einfaltspinsels erwähnen. -— Als ich im Jahre 1830 mit Heine und Zimmermann im Schweizer Pavillon -an der Alster saß, riß ich mich aus dem interessanten Gespräche mit -ihnen, beschworen durch einen plötzlichen Feuerlärm-Ruf. Bei der -jetzigen Schule, die, wenn ich nicht irre, auf dem Adolphsplatze liegt, -brannte es fürchterlich schön. Ich eilte hin, da aber die Hamburger -Feuerofficianten bald Herren des Brandes zu werden versprachen, begab -ich mich zu Hause und zwar in »den wilden Mann,« auf dem Hopfenmarkt. -— Als ich am andern Morgen neu gestärkt vom Schlafe wählig im Bette -lag, fragte ich den hereintretenden, mich anglotzenden Kellner -übermüthig: »Brennt die Stadt noch?« worauf er mir die unvergeßliche -Antwort gab? »Kann nicht dienen, will aber gleich Mal nachfragen.« Er -verschwand darauf und kehrte alsdann<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157"> 157 </a></span> mit der Paroli-Antwort zurück: -wie in dem Hause und auf der Nachbarschaft Niemand wisse, daß in der -vorigen Nacht Feuer in Hamburg gewesen sei. — Anders ist es bei uns in -Oldenburg, hier besprechen wir das Feuer.</p> - -<p>Der verstorbene Herzog hatte während seiner langen Regierung das Glück, -äußerst selten seine Residenz von Feuerlärm beunruhigt zu sehen. -Entstand ein solcher, so wurde der Brand gar bald durch die Thätigkeit -der Oldenburger, in Gegenwart des herbeieilenden Fürsten bekämpft. -Dadurch entstand bei dem sonst keineswegs abergläubischen Volke die -Meinung, sein Herzog Peter könne das Feuer besprechen. —</p> - -<p>Als nun beim Antritt der Regierung des jetzigen, gnädigsten Großherzogs -auch eine bald gedämpfte Feuersbrunst ausbrach, die, trotz heftigen -Windes nur <em class="gesperrt">ein</em> Gebäude verzehrte, wozu die Gegenwart und die -Aufmunterung des jetzigen Regenten gewiß einen großen Theil beitrug, -raunten sich die guten Leute zu: »Der hat das Besprechen vom Vater -gelernt, und kann es das erste Mal schon fast eben so gut, wie der -selige Herr!«</p> - -<p>Im Jahre 1814 oder 15 kam der alte Blücher nach Hamburg. Die Erwartung -den zu sehen,<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158"> 158 </a></span> von dem Follenius in seinem Liedern an der Katzbach so -schön singt:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Gebhard heißt der Wahlstatt Meister,</div> - <div class="verse">Denn er hat es hart gegeben.</div> - <div class="verse">Lebrecht; Gebhard Lebrecht heißt er,</div> - <div class="verse">Denn er führt das rechte Leben.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0">bewegte mein Herzblut.</p> - -<p>Drei Abgeordnete der ehemaligen Hamburger Freiwilligen, und unter -diesen mein Professor Zimmermann, waren dem großen vaterländischen -Helden entgegengefahren, um ihn auf der Hamburger Grenze zu begrüßen. -Es war schon ziemlich spät geworden als es endlich erscholl: »Blücher -kommt.« Ich stürzte mit Vielen aus dem Benneschen Kaffeehause an der -Petrikirche und folgte, in den Jubel der Hamburger einstimmend, dem -sich rechts nach dem Jungfernstieg drehenden Wagen, worin Blücher sein -sollte, während ein anderer Vierspänner über den <em class="gesperrt">Berg</em> nach der -Börse hineilte. — Aber, wie groß war mein Erstaunen, als Blücher nicht -am Jungfernstieg anhielt, der Kutscher vielmehr über den Gänsemarkt -nach der Königstraße hinfuhr und hier vor meiner eigenen Wohnung Halt -machte. Und siehe! es stieg nur mein Professor mit seinen beiden -Begleitern heraus, während ich athemlos dastand und mich nicht wenig -ärgerte, diesen Herren doch eine gar zu große Verehrung bewie<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159"> 159 </a></span>sen zu -haben, und Zimmermann lachend meinte, daß ein solcher Respect vor -ihm, und eine solche Begeisterung für meinen Lehrer, bei mir ganz in -der Ordnung sei. — Jetzt ging es nach der Börsenhalle, wohin der -alte Fürst gefahren war und wo man, wie die Welt sagte, ihm sofort -ein kleines Pharo zu Ehren arrangirt hatte. Der Enthusiasmus war -ungemessen; er mußte fast nach jeder Taille wieder erscheinen; allein, -obgleich er vortrefflich und anhaltend redete, so kam doch von dem -lauten, fortwährenden Jubel getödtet, keins seiner Worte lebendig zur -Erde.</p> - -<p>Die Stadt war wie in einem Nu erleuchtet, jeder Zauderer aber durch -Steinwürfe zur sofortigen Erfüllung des allgemeinen Willens gezwungen.</p> - -<p>Blücher hielt sich reichlich acht Tage in Hamburg auf, in welcher Zeit -man ihm eine verdiente, übermenschliche Ehre erwies. Ich hatte die -Freude, vor ihm auf dem Heiligen Geistfelde mit zu turnen. Eines Tages -besuchte er die Wittwe des Dichters Klopstock; unsere Nachbarin, deren -großer Verehrer er in früherer Zeit gewesen sein soll. Mühsam kam ihm -die Alte entgegen und wollte den Fürsten auf der Treppe vor dem Hause -empfangen. Allein der agilere Blücher winkte ihr zu auf der Hausflur -zu bleiben, indem er ihr zurief: »Mit dem Sprüngemachen ist es vorbei; -wohl dem der<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160"> 160 </a></span> welche gemacht hat.« Die guten Hamburger, gewohnt, an -Blücher Alles zu vergöttern, posaunten am andern Tage den großen Sinn -des Fürsten für deutsche Literatur aus und priesen den Helden, der, -kaum in Hamburg angekommen, zu der Wittwe des Messiassängers gefahren -sei.</p> - -<p>Am Vorabende, vor der Abreise Blücher’s hatten sich eine Menge -Honoratioren verabredet, demselben eine Nachtmusik zu bringen, welche -mit Wachsfackeln auch ausgeführt wurde, ohne daß davon etwas unterm -Pöbel verlautete. Es wurde ein Lied auf die Melodie des: »<em class="antiqua">God save -the king</em>« gesungen, das Blücher vom Balcon anhörte und nach dessen -Beendigung er uns haranguirte. Ich gestehe, nie eine bessere Rede aus -dem Stegreif gehört zu haben, welche wie ein warmer Mairegen auf dürre -Saaten, auf uns niederfiel und jedem Auge Zähren entlockte.</p> - -<p>Die Todtenstille, die während seiner Rede herrschte, dauerte noch -fort, als diese schon verstummt war, bis ein alter Hamburger mit -lautschluchzender Stimme sie mit den Worten »Danke! lieber Vater -Blücher, Danke!« unterbrach, welche die Thränen der Rührung verstärkte, -aber auch einige der Komik hervorrief.</p> - -<p>Von meinen Schulcameraden sind Mehrere, arge Philister geworden. -Einer, bei dem ich dritte<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161"> 161 </a></span>halb Jahre gesessen, und den ich nach einer -Trennung von 10 Jahren im vorigen wiedersah, antwortete mir auf die -Frage: ob er seinen alten Commilitonen wol wiederkenne: »Jawohl lieber -Meier, ich erkannte Dich gleich.« Einige wissen Einem nichts als ein -Diner vorzusetzen, noch Andere sind geistig im materiellen Wohlleben -untergegangen. Mit Freuden gedenke ich des geistreichen Doctors Carl -Ludwig Heise, des liebenswürdigen Richard Godefroy, des biedern -Gottfried Geffcken, des poetischen August Schuhmacher und der sich -immer gleichbleibenden Gebrüder, Carl und Christian Fleischmann, in -deren väterlichen Hause ich auf der Schule schon so viele Güte und -Gastfreundschaft genossen hatte. Ich tröste mich oft in Hamburg mit -dem, freilich unwahren Satz, den mein ältester Bruder einmal im Unmuth -ausstieß, der aber ein gutes Expediens ist wenn man sich in einem -Menschen getäuscht sieht. »<em class="antiqua">Distinguendum.</em>« Einige Menschen sind -unsterblich und einige sind es nicht.</p> - -<p>Uebrigens thut man weise daran die geistreichsten Menschen in Hamburg -unter dem Kaufmannsstande zu suchen, nicht unter den im Durchschnitt -sehr materiell gewordenen Gelehrten.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162"> 162 </a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Dreizehntes_Kapitel">Dreizehntes Kapitel.</h2> - -</div> - -<p class="untertitel">Die Dänischen Postwagen. Ankunft in Kiel. Der Compagnie-Chirurgus -E.......... Harms. Kiel. Das Hoch der Studenten. Das Vogelschießen. -Das Hazardspiel. Steffens. Junker Slenz. Die Advocaten D—s -und D—r. Meine Botschaft als Secundant. Landfriedensbruch und -Wegelagerung. Citation vor das Arctius.</p> - -<p>Zu den Ueberresten der Tortur gehörten damals die Dänischen Diliganzen, -welche aus offnen Leiterwagen bestanden, auf denen nur der Conducteur -auf dem Wege von Altona nach Copenhagen, einen ledernen Stuhl hatte, -worauf man den Ehrenplatz<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163"> 163 </a></span> bei demselben oft auf Wochen im Voraus -belegte, und durch Freihalten des Schirrmeisters, während fünf Tage und -fünf Nächte, dankbar in der höchsten Potenz vergütete. Und um diesen -elenden, menschenmörderischen Posten bewarben sich bei jedesmaligen -Vacanz Hunderte, — ich will nur an den ehemaligen Kapitain »Kurzhals« -erinnern, der entweder die letzte Silbe seines Namens oder ein paar -Male den Arm in seinem Dienste gebrochen hat, was in der Regel freilich -jedem seiner Collegen passirte. Noch ärger war es indessen mit dem -Mecklenburg-Schwerin’schen Postwagen nach Hamburg, auf dem ich mir, -ein langer, dünner Primaner, ein menschliches Ausrufungszeichen, -im Jahre 1815, einen Platz von Ratzeburg aus, und zwar, nach dem -Dänischen Präjudiz, bei’m Conducteur erwirkt hatte. Dieser hatte aber -nicht einmal eine <em class="antiqua">sella curulis</em>, war aber ein vierschrötiger -Mann, in eine so große Menge Mantel eingewickelt, das diese mich fast -schon meines dürftigen Sitzes beraubten. Kaum war er, auf dem einst -da gewesenen sich immer wieder geltend machenden Steinpflaster ruhig -eingeschlafen, so lehnte er sich sogar auf mich, und setzte mich die -ganze Nacht in den Nothstand, ihn mir vom Leibe oder vielmehr wie ein -Kind, wenn auch ein sehr vergrößertes, in meinem Arm zu halten — —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164"> 164 </a></span></p> - -<p>Nach einer regnerischen Nacht, welche ich auf einem gottverfluchten -Postwagen zugebracht hatte, langte ich gegen Mittag in Kiel an. Ich -hatte nichts Eiligeres zu thun, als meinen Bruder, den Historiker -aufzusuchen, der mir zwar schon auf der Straße begegnete, mich aber -nicht recht erkannte. Zum Theil mochte mein Wachsthum, zum Theil auch -meine etwas ehrwürdige Garderobe daran Schuld sein. Er rief mich beim -Zunamen, von dem er, als ich aufhorchte, auf den Vornamen überging; -dann führte er mich in seine Wohnung, welche er in dem Hause eines -alten Compagniechirurgen E........., von einigen achtzig Jahren -hatte, zu einem alten Mann der auf eine bewundrungswürdige Weise -seine angeborne Unwissenheit neben einer sehr tüchtigen körperlichen -Gesundheit conservirt hatte. Der Greis von ehrwürdigem Aeußern war -auf eine humoristische Weise in jedem Gebiet des Geistes, selbst in -dem der Religion mit sich fertig; seit dem schweren Winter von 1788 -hatte er kein medizinisches Werk mehr gelesen. Von Harms, der damals -ganz Holstein bewegte, pflegte er zu sagen: »Der Harms soll sehr gut -predigen, und wie man sagt, eine sehr brave neue Religion erfunden -haben, welche die Menschen zu sehr guten Dingen anhalten soll. Allein -ich müßte doch ein <em class="gesperrt">niederträchtiger Kerl</em> sein<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165"> 165 </a></span> wenn ich mich in -meinen Jahren noch bessern wollte.</p> - -<p class="mbot2">Ueber Harms habe ich in meinem Aufsatz »Holstein zu meiner Zeit,« -welcher im ersten Theil der kürzlich erschienenen Pandora, manches -in die Lesewelt geschickt, das selbst durch die Kirchenzeitung und -andere Journale zu sehr in der Lesewelt verbreitet ist, als daß ich es -wagen sollte, es abermals ihren Augen hier vorzuführen. Indessen wird -es mir vergönnt sein, um der Vollständigkeit meiner humoristischen -Erinnerungen aus jenen Jahren willen, hier einen Passus aus jenen -Skizzen einzuschalten.</p> - -<p>»Die Hauptstadt des Herzogthums Holstein ist Kiel, welches an einem -Busen der Ostsee liegt. Die Bewohner treiben einen ausgebreiteten -Handel und Schiffahrt, und unterhalten Tabacks-, Zucker-, und -andere Fabriken. Kiel hat 10,000 Einwohner, und war bis 1773 die -Hauptstadt des gottorpschen (kaiserl. russischen) Antheils am -Herzogthum Holstein, welcher im genannten Jahre gegen Oldenburg und -Delmenhorst an Dänemark vertauscht wurde. Die Universität ward 1665 -vom Herzoge Christian Albrecht von Holstein gestiftet, weshalb sie -auch Christiana Albertina heißt, und zählt etwa 300 Studirende. Diese -sind mit ausgedehnten Privilegien versehen, welche, wenn ich<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166"> 166 </a></span> nicht -irre, von der russischen Kaiserin Katharina herstammen. Zu diesen -gehört denn auch ein sogenanntes »Hoch«, welches bei feierlichen -Gelegenheiten, als Anwesenheit des Königs von Dänemark in Holstein, -Universitätsjubiläen, u. dgl. m. von den Studenten gebracht wird. -Diese wählen alsdann einen Generalbeschließer, welche drei Tage nach -demselben diese Würde bekleiden, Generals-Uniform tragen, den Titel -»Excellenz« führen und als solche nicht bloß die militairischen -Honneurs genießen, sondern auch bei Anwesenheit Sr. Maj. des Königs als -Excellenzen zur Tafel gezogen werden.<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> Sämmtliche Studenten, welche -eine recht geschmackvolle Uniform tragen dürfen, erscheinen alsdann in -solchen. Da ist aber dann streng militairische Disciplin eingeführt, -das trauliche »Du«, das <em class="antiqua">Smollis</em> aufgehoben, und Alles bewegt -sich in den unnatürlichen Formen militairischer Etiquette. Nur eine -Amme machte zu mei<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167"> 167 </a></span>ner Zeit einen Verstoß dagegen. Sie hatte gehört, -daß ihr Säugling, der Sohn eines reichen Postmeisters, die ehrenvolle -Charge eines Generalanführers bekleidete, in einem großen, auf sieben -Tage gemietheten Palais wohne und machte sich daher zu Fuß auf, um ihre -Helden in Friedenszeiten zu bewundern. Sie achtete nicht des Adjutanten -im Vorzimmer, welcher sie erst melden wollte. »Ich bin seine Amme« rief -sie, Alles fortstoßend, was ihr in den Weg trat, und gelangte so in das -vornehmste Zimmer, wo ihr Abgott den städtischen Behörden eben eine -Audienz ertheilte. Sie trat sofort neben den General, den alsbald Stolz -und Dankbarkeit zu geniren anfingen, und rief endlich: »Peter, Peter, -wat bist du schön und förnehm! Schade is et, dat de Ehre man söben Dage -duhrt; wenn ick de König were ick leet di so.« (Schade, daß die Ehre -nur sieben Tage dauert; wenn ich der König wäre, ich ließe Dich so.) — -Die Ehre, eine solche Charge zu bekleiden, wird freilich von den Eltern -theuer bezahlt, und schlägt man diese siebentägige Ehre meistens auf -eben so viele hundert Thaler an.</p> - -<p>»Die Kieler Einwohner entwickeln in Beziehung auf ihre Lebenslust einen -süddeutschen Character. Die Vergnügungsörter in und um die Stadt sind -meistens von Besuchern erfüllt; namentlich wird<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168"> 168 </a></span> die Schießkunst von -allen Ständen exercert, so daß es nicht selten vorkommt, daß man in -dem Kieler Wochenblatt an demselben Tage, in denselben Umkreise von -einer Meile sieben bis acht Vogel- resp. Scheibenschießen angekündigt -findet. Der Preis des besten Schusses ist sehr verschieden, und sinkt -von bedeutenden Silbersachen bis zu einigen Pfunden Aale hinab, welche -die ärmeren Fischer dem Sieger erkennen. Die Stadt Kiel hat eine -grüne Schützengarde, von der sich auszuschließen zu meiner Zeit den -Schimpf des Bankerotts noch überstieg. Als die alte Mutter eines dieser -Gardisten zum Erstaunen des Lombardverwalters das beste Weißzeug des -Hauses versetzen wollte, und dieser hierüber seine Verwundrung äußerte, -antwortete sie mit derselben Ruhe, womit ein Vernünftiger die Wirkung -einer Naturnotwendigkeit anerkennt: »Et is ja dat Vagelscheten.«</p> - -<p>Während des Umschlags fehlt auch nicht das Hazardspiel. Der Kammerherr -und Oberst v. T., den sein Onkel, der reichste Privatmann in Holstein, -wegen dieser Sorte Industrie enterbt hatte, ließ in drei Kaffeehäusern -Bank halten, und verschmähte es selbst nicht, die ritterlichen Finger -zum Abschlag einer Taille in Bewegung zu setzen. Wahrlich, es ist -eine Schande, daß Deutschland im 19. Jahr<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169"> 169 </a></span>hundert solche Glücksritter -duldet, daß Fürsten sie bebändern und zur Tafel ziehen, was jeder -ehrliche Schinder zehnhundertmal eher verdient, als diese Agenten -der Hölle. Und können diese Ungeheuer einmal nicht entbehrt werden, -warum belastet man sie nicht mit der Infamie ihres Geschäfts, wie -einst ungerechter Weise die Freiknechte, Müller, Leineweber und -Schweineschneider anrüchig waren? Warum erlaubt man ihnen in den Bädern -an der Table d’hote zu speisen, und in den Promenaden gleich andern -ehrlichen Leuten zu wandeln? Warum tragen sie nicht ein polizeiliches -Abzeichen? Warum sind sie nicht in Wachstuch vernäht, wie es Leuten -zukömmt, welche Pestkranke herumschleppen? — Wahrlich ich sage Euch, -Ihr Fürsten! Ihr könnt höchstens auf den Titel eines Stiefvaters -aber nicht auf den des Landesvaters Anspruch machen, so lange ihr -das Spielergezücht in Euren Ländern duldet, ohne es wenigstens durch -ein Abzeichen zu beschimpfen. Glaubt mir, der Gegenstand ist wichtig -genug, um meine Worte zu beherzigen, und möchte sich gar wohl zu einer -vertraulichen Sitzung des Bundestages eignen.</p> - -<p>Unter den Professoren meiner Zeit ist außer dem humoristischen -<em class="gesperrt">Pfaff</em>, dem vielgeliebten <em class="gesperrt">Dahlmann</em>, dem Menschen -rettenden <em class="gesperrt">Ritter</em>, vor allen Dingen der Statsrath <em class="gesperrt">Cramer</em> -zu merken,<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170"> 170 </a></span> der sowohl als Jurist wie als Philolog eine der ersten -Stellen auf deutschen Kathedern einnahm. Nie habe ich ein fertigeres -und schöneres Latein als von ihm gehört. Dabei war er ungemein launig. -Als einst ein Student, seinem vortrefflichen L’hombrespiele zusehend, -mit dem Gesichte fast auf dessen Schultern ruhte, zog Cramer mit -der größten Ruhe sein Sacktuch aus der Tasche, und ergriff damit -die Nase des Studenten, als ob er sie schneuzen wolle, indem er -sogleich eine erschrockene Miene affektirte, und sich dann mit den -Worten entschuldigte: »Verzeihen Sie mein Herr, ich glaubte, es sei -<em class="gesperrt">meine</em> Nase.« Mit dem Professor der deutschen Sprache, Adolph -<em class="gesperrt">Nasser</em>, einem süßflötenden und lispelnden Männchen aber von dem -besten Herzen, dem es gar komisch anstand, wenn er das Nibelungenlied -erklärte, und sich selber vor der starken Brunhild, welcher die -Männer an die Wand aufhing, zu fürchten schien, — hatte Cramer einst -L’hombre gespielt, und Nasser, der sein ganzes Geld auf Sonderbarkeiten -verwendete, eine bedeutende Summe an ihn verloren. Nasser hatte im -besten Glauben das Dreifache seiner Schuld zu zahlen, Cramer eine -Gemme gebracht, welche diese zwar lächelnd angenommen hatte, die -ihn aber doch veranlaßte vor jeder künftigen Partie mit Nasser zu -bemerken: »Herr<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171"> 171 </a></span> Professor, wir spielen aber nicht um Steine.« Höchst -merkwürdig war es, daß Cramer, der später in Wahnsinn verfiel, ein -Werk geschrieben hat, wovon er sich nach erfolgter Heilung nicht das -Mindeste erinnerte. Dieses Manuscript, voll von geistlichen Sarkasmen, -ist meines Wissens nicht gedruckt, sondern durch Cramers Familie von -einem Buchhändler, der es bereits käuflich an sich gebracht hatte, -wieder erstanden, und vielleicht für die Nachwelt aufbewahrt.</p> - -<p>Die Freigebigkeit und Ungehörigkeit der dänischen Titel zeigte sich -auch an einigen Mitgliedern der Universität. Es giebt vielleicht kaum -ein friedlicheres Geschäft, als das eines Geburtshelfers. Nichts -destoweniger war der eine, Namens Wiedemann, <em class="gesperrt">Justizrath</em>, der -andere, ein Herr Maas, <em class="gesperrt">Kriegsrath</em>.</p> - -<p>Die Kieler Studenten theilen sich in solche, welche auch andere -Universitäten besucht haben, und in »Kümmeltürken,« welche in Kiel -absolviren. Da zu meiner Zeit die Matrikel vom Soldatendienst frei -machte, so sah man gar viele Bauerburschen, welche das Geld, das -eigentlich einem Stellvertreter gebührt hätte, in Kiel vergeudeten, -und später, wie Phocion aus der Schlacht, vom Kommersch zu den Rüben -zurückkehrten.</p> - -<p>Die ewige Selbstverspottung, worin die Hol<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172"> 172 </a></span>steiner zu leben pflegen, -und womit sie sich und ihre Landsleute weidlich züchtigen, macht es -jeder Individualität schwer, sich auszuzeichnen, und sich als solche -geltend zu machen. In einer eng abgeschlossen, geistig etwas langsamen -Nationalität, bei der engen Verknüpfung der Persönlichkeit und ihrer -Verhältnisse untereinander wo Jeder dem Andern in die Fenster und in -den Mund guckt, erzeugt sich leicht jene etwas philisterhafte Vorliebe -für die abstracte democratische Gleichheit im Gebiete des Geistigen, -und ein Widerwillen gegen jede hervorragende oder überragende -Persönlichkeit, die auf der andern Seite wieder die Scheu als solche -heraus, ja überhaupt nur frei aufzutreten nach sich zieht. Das erinnert -an die Ephesier, die den Hermodorus durch Ostrazismus verbannten, weil -unter ihnen keiner besser und geschickter sein solle als die Anderen -eben auch. Der Demos von Ephesus sprach also das: »Wir brauchen keine -gescheite Leute!« schon über 2000 Jahre vor den guten Holsteinern aus. -—</p> - -<p>Noch an demselben Abende, da ich in Kiel angelangt war, besuchte ich -einen Jugendfreund, den ich für meine Universitätsbekannte hier mit -seinem Spitznamen, Junker »Slenz«<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> bezeichnen<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173"> 173 </a></span> will. Slenz war eine -ehrliche Haut, voll Mutterwitz, allein kein Verehrer vom Brodstudium. -Und doch konnte er, wenn gleich von einer sehr angesehenen Familie, -dem Examen in Schleswig nicht entgehen. Er lebte daher jetzt in -Düsternbrock bei dem Kaffetier Bruhn, woselbst er »<em class="gesperrt">ochsen</em>,« (der -technischem Ausdruck der Studenten für »<em class="gesperrt">fleißig sein</em>«) wollte. -Allein des Morgens schadeten die <em class="gesperrt">Katzen</em> dem <em class="gesperrt">Ochsen</em>. -Denn Slenz hatte die Manier, sobald er irgend einer Katze ansichtig -wurde, und in Düsternbrock war grade ihr Congreßplatz, auf dem sich -damals schon viele mit Frühlingsahnung einfanden, — sie mit seiner -Flinte zu verfolgen, wobei er denn seine Abhandlung über den »<em class="antiqua">salvum -conductum</em>« denn oft ganze Stunden suspendirte. Am Nachmittag aber -zogen die kneiplustigen Musensöhne den oben meditirenden Candidaten -mit mehr als<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174"> 174 </a></span> Katzengewalt, wieder als alten Burschen in ihre Zirkel -hinunter, wo sie seinen ritterlichen Burschenthaten und Erzählungen, in -denen viel Wahrheit und viel Dichtung war, zuhorchten.</p> - -<p>Ich traf Slenz auf seinem Zimmer im wissenschaftlichen Gespräch mit dem -biedern und gelehrten Doctor Steffens, meinem Universitätsfreunde von -Heidelberg her, dessen Verdienste um des Examensfieber der Holsteiner -und Schleswiger, welche fünf Tage ein mündliches und ebenso lange -ein schriftliches Examen bestehen müssen, ein unsterbliches genannt -werden kann. Meine Erscheinung störte natürlich Slenz wieder in seiner -juristischen Verpuppung, ich mußte Nachrichten über den Stand der -Burschenschaften, über die Zahl des Corps, über den Biercomment, über -die Art und Weise wie man losging, (sich duellirte,) über die Existenz -einiger hübschen Philistertöchter, ob man grüne und weiße Fläuse trage, -und dergleichen Dinge von Wichtigkeit mehr, geben.</p> - -<p>Steffens war schon längst fort, als wir noch im eifrigsten Gespräche -waren. Slenz erzählte grade von der berühmten Stürzerei, wo mein Freund -v. H. in Göttingen siebzehn Kurländer gefodert hatte, weil diese sich -nachtheilig über einen Freund von ihm geäußert hatten, als es ungestüm -an die Thüre pochte, und ohne das »Herein« abzu<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175"> 175 </a></span>warten, ein kurzer -kräftiger Vierziger, sichtbar erhitzt, mit funkelnden Augen herein trat.</p> - -<p>»Herr von Slenz,« rief er aus, »ich bitte daß Sie mir secundiren, daß -Sie den verdammten D—r fodern.«</p> - -<p>»Haben Sie endlich mit ihm angebunden? Hat er Sie endlich touchirt?« -versetzte mein Freund.</p> - -<p>»Freilich hat er das. Er hat mich einen niederträchtigen Kerl genannt,« -versetzte der Fremde. »Aber er soll es mir büßen. Fodern Sie ihn ja nur -morgen früh, liebster Herr von Slenz. Meine Ehre brennt mir, ich muß -sie in Blut abwaschen.«</p> - -<p>»Sie wissen mein lieber Herr D—r,« versetzte Herr von Slenz, »daß ich -mich mit Paukereien gar nicht abgebe, weil ich ochse. Zudem habe ich -schon mehrere Male das <em class="antiqua">consilium</em> unterschrieben, und möchte -nicht gern vor dem Examen wieder in eine solche Suite verwickelt werden.</p> - -<p>»Aber da ist hier mein Freund, der thut das gleich. Der hat noch keine -Stunde Carcer gehabt (Nich wahr lüt Tedor, Du deihst dat glick? Nicht -wahr kleiner Theodor du thust das gleich?)« fuhr er gegen mich gewendet -fort.</p> - -<p>Slenz sprach nur plattdeutsch, wenn er Geld borgen oder Jemanden sonst -überreden wollte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176"> 176 </a></span></p> - -<p>»Ich muß doch die Herren miteinander bekannt machen,« endete er.</p> - -<div class="blockquot2"> - -<p>»Der Herr Obergerichtsanwald D—s, ein braver couragöser Philister, -der geistig immer Bursch geblieben und Herr Theodor v. Kobbe, -Secretair und Deputirter der Heidelberger Burschenschaft, Eminenz -der Heidelberger <em class="antiqua">Cerevisia</em>.«</p> - -</div> - -<p>»Da mein Freund Slenz es wünscht, so will ich die Herausfoderung -überbringen,« sprach ich nach dem Sprichwort, <em class="antiqua">qui cito dat, bis -dat</em>, schnell, aber nicht ohne einige Verstimmung. — Es galt aber -doch auch in Kiel forsch zu debütiren, ich erkannte eine burschikose -Notwendigkeit an.</p> - -<p>O Sie Goldmann! rief D—r. Sie schaffen mir meine Ehre wieder! —</p> - -<p>»Ich glaube nicht, daß der Kerl überall sich schlägt,« bemerkte Slenz.</p> - -<p>»Muß, muß, muß, muß,« protestirte D—r. Auf Pistolen oder Degen, -einerlei. Eine Narbe soll ihm schon gut stehen, in seinem fieberhaften -Basiliogesicht. Wann befehlen Sie morgen frühe, daß ich zu Ihnen komme -und Sie näher instruire?«</p> - -<p>»Um acht Uhr stehe ich zu Dienste,« versetzte ich. Die acht Schläge -waren noch nicht verklungen, als D—s in mein Zimmer trat. Nach einigen -Minu<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177"> 177 </a></span>ten führte er mich vor die Wohnung des Advokaten D—r.</p> - -<p>D—s war von einer angesehenen Kieler Patrifamilie. Auf dem Hinwege -sprach er bei vielen seiner Jugendfreunde vor und erzählte ihnen, -daß ich jetzt im Begriff sei, den Injurianten D—r zu fodern. Diese -Mittheilung schien übrigens nicht viel Sympathie zu erregen, was mich -verdroß. — Indessen, wer A gesagt hat muß B sagen, und geschah ja -Alles aus Liebe für Slenz.</p> - -<p>D—r war ein reicher Advokat. Man schätzte seinen Verdienst auf -8000 Rt. jährlich. Das war übrigens noch nicht das Meiste, welches -ein Anwald verdiente. Der Advokat Adler in Altona hatte sogar eine -jährliche Einnahme von 20000 Rt. angegeben, deren saurer Erwerb ihm -freilich auch am Ende den Verstand kostete. — Zum Theil verdienten -diese Herrn, und thun es noch, diese Summen durch Geldgeschäfte. -Inzwischen wußten sie auch die juristischen Arbeiten schnell zu -improvisiren. Der Advokat <em class="gesperrt">Hagemeister</em> in Kiel, vulgo von den -Bauern ohne alle Ironie »<em class="gesperrt">Hagelmeister</em>« genannt, kam einmal in -ein Gasthaus nach Neumunster, wohin sogleich mehrere Eingesessene des -Ortes strömten, welche beim Landgericht einen Prozeß verloren, ihm das -Urtheil zeigten und ihn um<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178"> 178 </a></span> Rath fragten, ob sie appelliren sollten, -und ob er in zweiter Instanz ihre Sache beim Glückstädter Obergericht -führen wolle.</p> - -<p>»Kinder,« erwiederte Hagemeister theilnehmend »ich habe gestern Abend -schon von dem unglücklichen und unvernünftigen Urtheil gehört« — -und nun las er aus seinen mitgebrachten Papieren, die einen ganz -andern Gegenstand betrafen, und die vor dem Neumünster Amt verhandelt -werden sollten, indem er dann und wann umblätterte, den horchenden -triumphirenden am Ende ihren Prozeß im Geiste schon gewonnen habenden -Bauern eine Deduction, ganz aus der Luft gegriffen vor, — so daß diese -begeistert ausriefen: »Bravo, Herr Hagelmeister! dat schall Ihr Schad’ -nich syn dat Se disse Nacht vör uns schreben hebbt.« — »Bravo Herr -Hagelmeister! das soll Ihr Schaden nicht sein, daß Sie diese Nacht für -uns geschrieben haben.« — — —</p> - -<p>Ich trat also in D—r.’s Haus. Ein gallonirter Bediente meldete mich. -Ich wurde in ein Staatszimmer geführt, in welches auch der Herr alsbald -eintrat.</p> - -<p>»Sind Sie nicht, lieber Herr von Kobbe! ein Neveu von Grafen R.?« Mit -diesen Worten empfing er mich. Ich nickte bejahend. —</p> - -<p>»Wie freue ich mich, Sie kennen zu lernen?«<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179"> 179 </a></span> fuhr er verbindlich fort? -»Mein Schwager K., der damals ein Sekretair Ihres Herrn Onkels war, -hat mir hundert Male von Ihnen erzählt, namentlich von einer Travestie -der Glocke, die Sie schon als Schüler verfertigt haben und die so -allerliebst sein soll. Wie lange sind Sie schon in Kiel?«</p> - -<p>»Seit gestern,« versetzte ich bald unmuthig über die Tücke des -Schicksals, die mich zu einem tantalischen Nicht-Frühstück eingeladen -hatte, denn sofort schellte D—r. und bestellte bei dem so schnell -eintretenden wie verschwindenden Diener Austern und Madeira. —</p> - -<p>Ich deprecirte.</p> - -<p>»Setzen wir uns, Sie müssen eine Kleinigkeit bei mir genießen. Ich -lasse Sie nicht.«</p> - -<p>Er zog mich auf das Sopha. —</p> - -<p>»Herr D—r« unterbrach ich ihn in einer komisch verdrießlichen -Stimmung, »es thut mir leid, allein ich darf hier im Hause nichts -annehmen und nichts fordern, als Sie selbst. —«</p> - -<p>»Wie so? lieber Herr von Kobbe. —«</p> - -<p>»Ich soll Sie vom Advokaten D—s. auf Pistolen oder Degen, gleich viel -wie, fordern.«</p> - -<p>»So?« rief D—r. gedehnt. »Aber darf ich fragen, wie Sie zu der -Bekanntschaft des Herrn D—s. kommen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180"> 180 </a></span></p> - -<p>In dem Augenblick servirte der Famulus Austern und Dry-Madeira. Herr -D—r nöthigte kalt, ich dankte warm. Die Frage durfte ich nicht -beantworten. — Slenz hatte mir verboten, seiner Intervention zu -gedenken. — Ich drang daher, wie ein Gesandter am Türkischen Hofe auf -eine unumwundene Erklärung.</p> - -<p>»Wenn Herr D—s,« fuhr Provocat feierlich fort »erst den Schimpf -ausgewetzt hat, der ihm dadurch geworden, daß ihn der Advokat -Hagemeister vor 20 Jahren die Treppe hinunter geworfen, wenn und wenn -— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — und wenn — -— — — — — — — — — — — — — —«</p> - -<p>Alle Vordersätze enthielten lauter Vorwürfe, nach denen D—s noch alte -Scandäler auf sich sitzen lassen habe, was ich freilich noch bis zur -Stunde von D—s. Persönlichkeit nicht glaube, und andere Criminationen, -von denen ich übrigens noch eine sehr ergötzliche zu erzählen weiß. -Sie enthält nämlich eine Anweisung, wie man angesehenen Staatsdienern -und Magistratspersonen Ohrfeigen austheilen kann, ohne befürchten zu -brauchen, deßhalb zur Verantwortung gezogen zu werden, und geht von -der wahren Voraussetzung aus, daß die meisten<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181"> 181 </a></span> Staatsdiener, und grade -den höchst gestellten, am Besten besoldeten und so zu sagen verzogenen -am Ersten einmal eine ungebührliche Aeußerung über ihren Landesherrn -entfährt.<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a></p> - -<p>D—s soll nämlich gegen einen frühern längst verstorbenen -Bürgermeister, eine große Malice gehabt und nun einen Moment abgewartet -haben, wo dieser in <em class="antiqua">N<sup>o</sup> 1</em>, dem Professoren und Philister-Zimmer, -des Bruhnschen Kaffeehauses zu Düsternbrock ein Sprudelkopf sich etwas -ungezogen über die Dänische Majestät ausgedrückt hatte, dann aber -sofort dem Bürgermeister <em class="antiqua">coeram multis testibus</em> eine heftige -Ohrfeige applicirt haben, die er noch durch die Worte gepfeffert hatte: -»Ich sehe ein, ich habe mich übereilt, verklagen Sie mich immer hin, -Herr Bürgermeister! allein ich kann es nicht hören, wenn man auf meinen -König schimpft. Ich will gerne Strafe leiden, wenn der mich nicht -begnadigt, um dessen willen ich sie verwirkt habe.«</p> - -<p>D—r concludirte endlich nach allen »<em class="gesperrt">Wenns</em>« dahin, daß, wenn -alle diese »<em class="gesperrt">Wenns</em>« nicht wären,<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182"> 182 </a></span> er nicht ermangeln würde, -dem Hrn. D—s die verlangte Satisfaction auf Degen oder Pistolen zu -ertheilen.</p> - -<p>Mit dieser betrübenden Wendung eilte ich sehr verstimmt davon. Ich -beklagte meine Voreiligkeit, die mich übrigens seit Lebzeiten gewitzigt -hat, — und berichtete dem Hrn. D—s und seiner ihn umgebenden -Schaar getreulich die Gründe, welche Hrn. D—r bewögen, die von mir -geschehenen Forderung zu verweigern.</p> - -<p>»O über den Cujon!« lachte D—s — »er glaubt, eine <em class="antiqua">exceptio litis -ingressum impediens</em> zu haben. Allein das soll ihm nichts helfen, -Herr von Kobbe, ich räche Sie und mich eclatant.«</p> - -<p>Ich ging zu Hause und mußte zu dem unglücklichen Feldzug noch die -verdienten Vorwürfe meines Bruders, mich auf die Geschichte überall -eingelassen zu haben, ertragen.</p> - -<p>Von dem Augenblick an entschloß ich mich, jedem burschikosen Treiben zu -entsagen. Wer mein academisches Leben von jetzt an verfolgt, wird mir -das Zeugniß anhaltenden Fleißes nicht versagen. Ich war aber auch recht -sehr zurück, ich mußte wol mit drei bis vier Studentenkraft arbeiten, -und habe es am Ende doch nicht weit gebracht, weil ich sehr kränklich -wurde. Ich bekam nämlich die gallopirende Schwindsucht, die mein -vortrefflicher Arzt, der<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183"> 183 </a></span> Doktor <em class="gesperrt">Ritter</em>, dessen Liebe oder Kunst -ich mein Leben verdanke, erst in den Trab, dann in Schritt setzte und -die mich endlich aus Langeweile gänzlich verließ. —</p> - -<p>Die Geschichte mit dem Advokaten ist noch nicht aus. Am ersten schönen -Frühlingstage ging D—r im Schloßgarten. Bald darauf hörte man Hülfe -rufen. Der Rathsdiener, welcher sich in der Nähe auch auf einem -Spatziergange von der Sonne bescheinen ließ, und überhaupt gerne bei -Verhinderung des Hochweisen Senats das Geschäft eines Friedensrichters -übernahm, folgte unverzüglich dem Angstgeschrei und fand: — — — — -— Man hörte ihn, sobald er in das Dickicht getreten war, ausrufen:</p> - -<div class="blockquot2"> - -<p>»Im Namen Seiner Majestät des Königs Friedrich des Sechsten von -Dänemark, Erben von Schweden und Norwegen, Herrn von Ditmarsen, -Wagrien, Stomarn Administrator<a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> der Grafschaft Ranzau -u. s. w. u. s. w. beschwöre ich Sie, meine sehr verehrtesten<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184"> 184 </a></span> Herren -Obergerichtsadvocaten! nicht den Landfrieden durch handgreifliche -Betastungen, welche durchaus dem Charakter von Realinjurien an sich -zu tragen den Anschein gewinnen möchten, zu stören und nicht den -Schloßgarten Seiner Majestät diesen durch und durch befriedeten -geheiligten Ort, durch solche Acte unfreiwilliger Gerichtsbarkeit -zu entweihen.« —</p></div> - -<p>Am andern Tage hieß es in Kiel, der Advocat D—r sei gestern vom -Advocat D—s im Schloßgarten angefallen und gemißhandelt worden. Nur -die Intervention des rechtskundigen Rathsdieners habe größeres Unglück -verhütet.</p> - -<p>Der Advocat D—r reichte sofort eine Denunciation wegen -Landfriedenbruchs und Wegelagerung bei dem competenten <em class="antiqua">foro</em> des -<em class="antiqua">delicti commissi</em> ein. Wir, der Rechtswissenschaft Beflissene, -fanden die erste Beschuldigung doch zu sehr übertrieben und waren der -Meinung, daß zum Landfriedensbruch doch wenigstens ein Pluralis gehöre.</p> - -<p>Ein halbes Jahr darauf wurde ich vor das <em class="antiqua">arctius</em> citirt, -welches, wenn ich nicht irre, aus der Quintessenz, wenigstens aus -fünfen des academischen Senats bestand.</p> - -<p>Ich wurde aufgefordert, zu erzählen, welch eine Bewandtniß es mit einer -angeblich von mir über<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185"> 185 </a></span>brachten Forderung des Advocaten D—s an den -Herrn Advocaten D—r habe.</p> - -<p>Ich referirte dem <em class="antiqua">arctius</em> die Sache, wie jetzt dem verehrten -Leser, und wünsche bei dem letzten dieselbe unverbissene Hilarität zu -erwecken, die ich damals bei den ehrwürdigen Vätern zu erregen schien. -Als diese indessen in ein nicht länger verhaltbares Lachen ausbrechen -wollten, mußte ich abtreten.</p> - -<p>Nach wenigen Minuten wurde ich wieder vorgerufen. Ich befürchtete -innerlich jetzt, die erste academische Rüge zu erhalten. — Denn wenn -ich ja einmal in Heidelberg hier und da eine verdient hatte, so pflegte -ich reiche, auch im Philisterio dereinst unabhängige Füchse hin zu -schicken, die von der Natur dazu construirt waren, einen Tag Carcer zu -ihren Lebensfreuden zu rechnen, und Nichts eifriger zu thun hatten, -als solche und ähnliche Memorabilien zu sammeln, um sie dereinst als -Rittergutsbesitzer, oder im Besitz städtischer Ehrenposten beim Glase -Champagner wieder zu erzählen.</p> - -<p>»Der <em class="antiqua">arctius</em> kann nicht umhin,« begann der Vorsitzende der -Burschen-Hermandad, »Sie, lieber Herr von Kobbe! darauf aufmerksam zu -machen, wie nahe Sie daran gewesen wären, die Gesetze zu übertreten, -wenn die Forderung des Advocaten D—s vom Advocaten D—r angenommen -worden wäre.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186"> 186 </a></span></p> - -<p>Eine solche Nachsicht war mir unerwartet. — Ich dankte für gnädige -Nichtstrafe sehr lebhaft.</p> - -<p>»Schon gut!« bedeutete man mir.</p> - -<p>Allein ich war im Fluß der Rede und kam <em class="antiqua">parlando</em> nimmer mehr -hinein. Meine Dankbarkeit wurde immer gränzenloser. Mir war zu Muthe, -als ob ich inspirirt werde. Ich stieg immer höher in meinem Lobe. -Ich verglich, wenn ich nicht irre, die Gerechtigkeitsliebe meiner -Professoren mit der der unterirdischen Oberappellationsräthe Minos und -Consorten, ihre Güte mit der himmlischen Indulgenz. — Da klingelte -zuletzt der Präsident, und befahl dem Pedell, mich ohne Weiteres in’s -Carcer zu sperren, wenn ich noch ein Wort des Lobes rede.</p> - -<p>Glücklicherweise fiel mir der Satz ein:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»<em class="antiqua">Incidit in Scyllam qui vult vitare Charybden</em>.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0">Ich schwieg und zog von dannen.</p> - -<p>Mein sehr gutes Kieler Zeugniß enthält keinen Tadel über die versuchte -Kanonisirung ihres <em class="antiqua">arctius</em>.</p> - -<p>Ich aber muß noch in meinen alten Tagen darüber lachen, wenn ich daran -denke, wie den fünf Professoren, deren Stand gewöhnlich viel Lob -vertragen kann, einem nach dem andern dasselbe doch zu arg wurde.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187"> 187 </a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Vierzehntes_und_letztes_Kapitel">Vierzehntes -und letztes Kapitel.</h2> - -</div> - -<p class="untertitel">Burchardi. Des Vaters Tod. Die Brüder. Santo. <em class="antiqua">Dr.</em> O., der -Würgengel. Fischer. Heinrich. Schluß. —</p> - -<p>Der Professor <em class="gesperrt">Burchardi</em> wollte damals promoviren und veranlaßte -mich, ihm zu opponiren.</p> - -<p>Ich war von Rendsburg, wo ich daselbst zum Besuch bei meinem Vater -gewesen, nach Kiel zurückgekehrt. Am Vorabende wurde ich mit meinem -ältern Bruder von einem Ball, der auf dem Schlosse gegeben wurde, -abberufen, und erfuhren wir jetzt, daß unser guter unser vortrefflicher -Vater, ein Engel in Menschengestalt, todt auf dem Markte in Rendsburg -niedergesunken sei.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188"> 188 </a></span></p> - -<p>Am andern Tage erschien mein zweiter Bruder, der vier Jahre mit der -alliirten Armee in Frankreich gewesen war. Nach mehrjähriger Trennung -sahen wir uns Drei an der Leiche des Vaters wieder.</p> - -<p>Es kam mir bei dem Wiedersehen vor, als ob der Vater aus Liebe und -Erbarmen erwachen wollte. — Allein ich irrte mich! — Wir haben für -unsere »Liebe zu ihm, für unsern Schmerz um ihn keine Worte«, endete -unsere Anzeige seines Todes. Ganz Rendsburg trauerte um ihn, und es -thut mir noch wohl, dieser Stadt in Liebe zu gedenken. Ich grüße Euch, -Ihr Freunde des Vaters! —</p> - -<p>Wir drei Brüder zogen jetzt zusammen nach Kiel. Ich hatte das Glück, -ihr Lehrer im Lateinischen zu werden. Sie überflügelten mich bald. Der -älteste hat jetzt eine römische Geschichte geschrieben, welche die von -Niebuhr in so mancher Hinsicht entstellte <em class="antiqua">Vulgata</em> restituiren -wird; der zweite hat jetzt seine zweite Ausgabe einer vortrefflichen -Uebersetzung des Ciceros über den Staat besorgt. Beide waren früher -dänische Offiziere. Mit Brüdern renommiren, ist verzeihlich. Mit mir -selbst kann ich das leider nicht. —</p> - -<p>In Kiel hatten wir einen Bekannten von einer der angesehensten Familien -Holsteins, die aber verarmt war. Der junge Mann war uns früher, da<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189"> 189 </a></span> -sein Vater noch nicht einen Prozeß verloren, der ihn um sein ganzes -Vermögen gebracht, von alten Tanten als ein Muster vorgestellt worden, -sogar von seinem ehemaligen Lehrer, der ihn übrigens nichts gelehrt -hatte, wenn auch nur aus dem Grunde, daß er selbst nichts wußte.</p> - -<p>Dieses ehemalige Vorbild besuchte uns täglich. Da wir gewöhnlich -beschäftigt waren, mußte er fast immer lesen bis zum Thee, bei dem wir -nach vierzehnstündiger Arbeit ruhten. Er nahm gewöhnlich den dänischen -Staatskalender, in den er übrigens selbst nie gekommen ist zur Hand.</p> - -<p>Eines Tages erzählte er uns, daß er auch auf einen Studentencommersch -zu gehen beabsichtige. Sein Vater habe es ihm erlaubt, ihm indessen -verboten, Brüderschaft mit Theologen zu trinken. »Denn«, habe -er gesagt, »es wäre doch immerhin möglich, daß wir unsere jetzt -verpfändeten und in Prozeß befangenen Güter wieder erhielten und daß -ein solcher Universitätsfreund einmal unser Pfarrer würde, dann würde -sich aber eine Brüderschaft zwischen Euch beiden doch nicht schicken.«</p> - -<p>Welche Eventualmaxime!</p> - -<p>Jährlich, zur Zeit der Messe, »Kieler Umschlag« genannt, wegen dessen -näherer Beschreibung ich gleichfalls auf meinen Aufsatz in der Pandora -ver<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190"> 190 </a></span>weisen muß, war in Kiel Theater. Der Schauspieldirector Santo -war ein vortrefflicher Musikkenner und hätte daher wenigstens etwas -für die Oper gethan, wenn er nicht allzu öconomisch gewesen wäre. Er -hatte zwei Pflegetöchter, Kinder des verstorbenen Schauspieldirectors -Breyther, welche die Lieblinge des Publikums und <em class="antiqua">in specie</em> der -Studenten waren, in deren Namen ich im Jahre 1819 noch nach Beendigung -des Umschlags vom dermaligen Magnificus, dem sehr liebenswürdigen -Professor Falk, die Erlaubniß zu einer Vorstellung, welche zum Benefiz -der Breyther’schen Kinder dienen sollte, erbat. — Ich hatte dabei zur -Bedingung gemacht, das aufzuführende Quodlibet wählen zu dürfen, und -suchte nun lauter Scenen worin meine Protegnes vorzüglich glänzten. -Leider hatte die älteste, ein liebliches Mädchen, ihre erste Liebe -an einen jungen ausschweifenden Menschen, den Tenoristen und Sohn -eines berühmten Hamburger Schauspielers weggeworfen, der, wenn er, -was häufig der Fall, von nächtlichen Orgien heiser war, bloß auf der -Bühne gesticulirte, während ein anderer Schauspieler, ein Sachse, dem -Hände und Füße im Wege standen, zwar nur nicht mit gleich schöner, aber -doch mit frischer Stimme, das Alibi, der anderen hinter den Coulissen -ergänzte, ohne daß das Kieler Publikum während des ganzen Mark<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191"> 191 </a></span>tes -diesen Betrug bemerkte. Louise Breyhter wollte aber nicht von ihrem -Schatz lassen, ja sie ging in der Nacht nach jenem Benefiz wovon sie -indessen wenig bekommen haben mag, mit ihrem Geliebten durch.</p> - -<p>Wir hatten alle schon eine halbe Ahnung davon, denn sie sang das Duett:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Ewig bleib ich der (die) Deine,</div> - <div class="verse">Ewig bleibst Du die (der) Meine,</div> - <div class="verse">Was auch der Alte spricht</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0">mit ihrem Geliebten, indem sie auf Santo, der im Theater dirigirte, -auf den sie Beide mit dem Finger hinwiesen, in solcher Laune, daß man -eine italiänische Oper, worin zwei Liebende und ein geprellter Alter -agiren, nur zu lebendig vor Augen sah. Ein donnernder Applaus hatte -das liebende Paar vielleicht noch insbesondere zu ihrer leichtsinnigen -Reise auf gemeinschaftliche Kosten begeistert.</p> - -<p>Einer der witzigsten Studenten war der joviale <em class="antiqua">Dr. med.</em> O.... -in Krempe. In der Neujahrsnacht schrieb er an die Thür des damaligen -Polizeiministers, der ein braver Mann war, aber etwas zu sehr <em class="antiqua">brevi -manu</em> entschied: »<em class="antiqua">Fiat justitia</em>«, und an die Thür dessen -Nachbars eines theoretisch sehr gebildeten Arztes, der aber am -Krankenlager nicht glücklich war: »<em class="antiqua">Pereat mundus.</em>« Diese für -keinen Arzt schmeichelhafte Inscription war für den Beleidigten um -so<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192"> 192 </a></span> betrübender, als derselbe den Spottnamen <em class="gesperrt">Würgengel</em> führte, -den er daher hatte, daß er einmal Arzt in einer Ruhrepidemie gewesen -war, wo der Familienvater Frau und sieben Kinder verloren. Als nun -der Gebeugte, nachdem er die Seinigen begraben, seinen Verlust im -Wochenblatt angezeigt, hatte er dies mit den Worten gethan:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">»Auch der Würgengel trat in mein Haus«,</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0">was die böse Welt anstatt auf den »<em class="gesperrt">Todesengel</em>« auf den -»<em class="gesperrt">Hausarzt</em>« bezogen hatte. —</p> - -<p>Als O.... seine Doctordisputation hielt, opponirte ihm ein jüdischer -Mediciner voll Gelehrsamkeit, der ihn namentlich durch seine große -Gewandtheit im Lateinsprechen in große Verlegenheit setzte. Als O. zu -sehr sich eingeschlossen sah, endete er den ganzen Streit, indem er die -ganze Disputation mit den Worten selbst schloß: <em class="antiqua">Sed sat iam verba -fecimus, hoc tibi tribuo testimonium te fortissimis pugnatoribus atque -adeo Maccabeis esse anumerandum. Hoc tibi concedo.</em> (Wir haben genug -geredet, ich stelle Dir aber das Zeugniß aus, daß du zu den tapfersten -Kämpfern, ja sogar zu den Makkabaern zu rechnen bist.) Dieses concedire -ich Dir.</p> - -<p>Der alte um das holsteinische Partikularrecht sehr verdiente Schrader -war eben verstorben. Da der alte Professor gewöhnlich seine Vorlesungen -mit<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193"> 193 </a></span> den Worten: »Meine Herren? ich will Ihnen einen <em class="antiqua">cosus</em> -für einen <em class="antiqua">casus</em> verzählen,« angefangen hatte, so war ihm der -Spitznamen Herr »<em class="antiqua">Cosus</em>« seiner Frau der »<em class="antiqua">cosa</em>« geworden. -Die Söhne und Töchter wurden aber respective <em class="antiqua">cosellus</em> und -<em class="antiqua">cosella</em> genannt. —</p> - -<p>Ein interessanter Lehrer war der alte Anatom Fischer, bei dem ich -die <em class="antiqua">medicina forensis</em> hörte die er mit einem ungemeinen Humor -docirte. Seltsam war sein Ernst, wenn er auf die Todesstrafen kam, von -denen er nur das Ertränken und den Tod des Hängens statuirt wissen -wollte und uns fast allen das Wort abnahm, wenn wir dereinst in unserm -Beruf darauf zu wirken im Stande sein würden, nur diese Arten den -Menschen vom Leben zum Tode zu bringen einzuführen. »Das Messer, die -Guillotine,« pflegte er zu sagen, »giebt zwar einen momentanen Tod, -allein der Schmerz ist ein so ungeheurer, daß der tausendste Theil -hinreichen würde, um einen Menschen zu tödten, während die vom Strick -geschnittenen und aus dem Wasser gezogenen Scheintodten welche wieder -in das Leben zurück gerufen sind, Alle bezeugen, daß sie ohne Schmerz -und ohne Angst in den Zustand der Bewußtlosigkeit gesunken sind. — -Diese Bemerkung überantworte ich den Gesetzgebern und Machthabern zur -Erwägung.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194"> 194 </a></span></p> - -<p>Uebrigens war Fischer zu jener Zeit in einem humoristischen Streit -verwickelt. Er hatte an dem Sitzfleisch des später ermordeten Dänischen -Ministers v. Q. die glücklichste Operation seines Lebens, durch -Beseitigung eines Fistelübels gemacht, und sich dessen unbedingte -Dankbarkeit erworben, die sich aber doch opponirte, als der Retter -die Krankheitsgeschichte seines hohen Patienten mit dem in Kupfer -gestochenen leidenden Theil publiciren wollte. »Der Undankbare,« -pflegte Fischer zu sagen, »er will nicht einmal einen unbedeutenden -Theil seines Körpers in <em class="antiqua">efigie</em> Preis geben, um damit die -Wissenschaft zu bereichern.«</p> - -<p>Der Professor Heinrich, einer der berühmtesten Philologen seiner Zeit, -hatte damals schon Kiel verlassen. Es waren mehrere Histörchen von -ihm im Gange, von denen mir immer die als die komischste erinnerlich -ist, daß er, während das Schwedische Hauptquartier in Kiel lag und -er Proreiter war, er nach einem fröhlichen Souper, bei dem der Wein -oft gekreist hatte, mit dem verstorbenen <em class="antiqua">Dr.</em> L— aus Plön -in einen so lauten Wortstreit über das »Thema,« wie viel Füße ein -Krebs habe, gerathen sein soll, daß beide von einer schwedischen -Patrouille auf die Hauptwache gebracht worden, von wo aus erst ein an -den Commandanten geschriebener Brief<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195"> 195 </a></span> dem Patriarchen der Studenten -seine augenblickliche Freilassung bewirkt haben soll. — So schaden -Krebse nicht bloß den Buchhändlern sondern auch den Gelehrten. — -Heinrich hatte etwas Imponirendes, das er noch durch eine seltene -Kälte zu steigern verstand. Ein junger Mann, den wir A nennen wollen, -aufgebracht über einige Ausdrücke, welche der Professor über mehrere -Damen geäußert hatte, ging in seine Wohnung, und redete ihn mit den -Worten an:</p> - -<p>A. »Herr Professor, haben Sie das und das über die und die Dame -gesagt?«</p> - -<p>H. »Ja.«</p> - -<p>A. »Das müssen Sie zurück nehmen?«</p> - -<p>H. »Das thue ich nicht.«</p> - -<p>A. »Das sollen Sie.«</p> - -<p>H. »Das will ich nicht.«</p> - -<p>A. »Nun dann weiß ich, was ich zu thun habe.«</p> - -<p>H. »Das wissen Sie nicht.«</p> - -<p>Und so war es, der junge Mann wußte in der That nicht, was er zu thun -hatte. Er schlich von dannen, und die Sache blieb ohne Erfolg. —</p> - -<p>Doch es ist Zeit, meine beiden Bändchen zu schließen. Ich hoffe meine -academischen Jugendfreunde und Landsleute durch die Erzählung dieser -Erinnerungen eine frohe Stunde bereitet zu haben,<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196"> 196 </a></span> wie sie mir die -Recapitulation meiner Remniscenzen verursacht hat, und damit ist mein -Zweck erreicht. —</p> - -<p>Ich habe nur etwa noch hinzuzufügen, daß ich jetzt schon 20 Jahre im -Oldenburgischen Dienst stehe, und das Glück habe, unter einem Fürsten -zu leben, der Seinesgleichen wie Seinen Unterthanen ein unerreichtes -Vorbild an Güte des Herzens bleibt. — Diese Hände bezeugen dabei, -daß sie Namens Seiner Hohen Gemahlin mehr Gold als sie fassen können, -erhalten haben, um Thränen des Schmerzes und Kummers zu lindern und -längst versiegte Freudenthränen hervor zu rufen. Von dieser letzten -Sorte wird meine Herrin dereinst einen Halsschmuck im Paradiese -tragen. Ich fürchte nicht der Kriecherei gezüchtigt zu werden, wenn -ich solch Zeugniß hier öffentlich ablege, ja, daß ich dies öffentlich -und unbefangen kann, spricht für meine Freisinnigkeit und innere -Unabhängigkeit.</p> - -<p>Einen sauren Richterdienst verwaltend, habe ich nur sehr wenige -Freistunden, welche meine Muse oder meine Freunde deren ich mehrere -und vortreffliche besitze, in Anspruch nehmen. Ich habe die Liebe für -die Welt, und meinen Respect vor dem Himmel frisch behalten wie ich -beide von Kindheit her im Herzen trug, lache und weine dabei über die -Thorheit des Menschen und werde mein Rittergut, das ich nächstens in -der Lotterie gewinne, »Heraclitsruhe« und<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197"> 197 </a></span> »Demokritslust« nennen. -Mein Jugendland Holstein liegt wie eine glückliche Insel vor den -Blicken meiner Erinnerung, nichts desto weniger fühle ich mich ganz -Oldenburgisch, und weiche in dieser Gesinnung keinem Eingebornen, gebe -einigen sogar auf die Parthie Patriotismus mehrere Points vor.</p> - -<p>Für dießmal schließe ich. Mein nächstes Werkchen wird über Prießnitz -und Gräfenberg im Jahre 1840 handeln.</p> - -<p class="center mtop3">Ende des zweiten und letzten Bändchens.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p class="s4 padtop2 mbot1"><span class="initial">B</span>eim Verleger dieses ist ferner erschienen:</p> - -</div> - -<div class="blockquot3"> - -<p>Kobbe, Theod. von, die Schweden im Kloster zu Uetersen: -Historischer Roman. 8. 1830.</p> - -</div> - -<p class="right mright2 mbot1">1 Rt. 4 ggr.</p> - -<div class="blockquot3"> - -<p>— — humoristische Skizzen und Bilder. 8. 1831. geh.</p> - -</div> - -<p class="right mright2 mbot1">21 ggr.</p> - -<div class="blockquot3"> - -<p>— — Die Leier der Meister in den Händen des Jüngers, oder: -achtzehn Gedichte in fremder Manier, und eins in eigener. gr. 8. -1826.</p> - -</div> - -<p class="right mright2 mbot1">12 ggr.</p> - -<div class="blockquot3"> - -<p>— — Reiseskizzen aus Belgien und Frankreich. Nebst einer Novelle, -der anonyme Brief. 8. 1835. brosch.</p> - -</div> - -<div class="blockquot3"> - -<p>— — Wesernymphe. Novellen und Erzählungen. gr. 8. 1831, brosch.</p> - -</div> - -<p class="right mright2 mbot1">1 Rt. 8 ggr.</p> - -<div class="blockquot3"> - -<p>— — Briefe über Helgoland, nebst poetischen und -prosaischen Versuchen in der dortigen Mundart. 1840. brosch.</p> - -</div> - -<p class="right mright2 mbot1">12 ggr.</p> - -<hr class="r20" /> - -<p class="mbot1">Sodann erschien so eben:</p> - -<div class="blockquot3"> - -<p>Greverus, Reiselust in Ideen und Bildern aus Italien und -Griechenland. 2 Bde.</p> - -<p class="mleft2">1r Bd.: Reise in Italien</p> - -<p class="right mright2 mbot1">1 Rt. 12 ggr.</p> - -<p class="mleft2">2r Bd.: Reise in Griechenland.</p> - -<p class="right mright2 mbot1">1 Rt. 12 ggr.</p> - -</div> - -<div class="blockquot3"> - -<p class="mtop1">Gall, Ferd. v., Reise durch Schweden. 2 Bde.</p> - -</div> - -<p class="right mright2 mbot1">1 Rt. 16 ggr.</p> - -<hr class="full" /> - -<div class="footnotes"> - -<div class="chapter"> - -<p class="s2 center"><b>Fußnoten:</b></p> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Ich verstehe darunter die Menschen vom Regiment -»Lieblosigkeit.«</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Ich habe schon anderweitig bemerkt, daß die Namen der -Wirthshäuser bei Hamburg größtentheils vom Anhalten der Pferde -hergenommen sind, als Luhrop (Laur auf), Stahwedder (Steh wieder), -Jappob (Japp auf), Kruppunner (Kriech unter), und Oha.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Die Personen sind: Thraso, ein Offizier. Gnatho, dessen -Schmarotzer. Parmeno, ein Diener des Phädria.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> <em class="antiqua">Senex depontanus.</em> Ein Greis, der nicht mehr über -die Brücke zu den Volkscomitien gehen durfte.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Name des damaligen Custos.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Die Anspielung ist etwas <em class="antiqua">à la Pater Abraham a Santa -Clara</em>. Dieser predigte: »Es giebt allerhand Narren: Tanznarren, -Freßnarren, Hofnarren, Spielnarren, Saufnarren, Geldnarren. Daher steht -auch geschrieben: <em class="antiqua">Narraverunt patres et nos narravimus omnes</em>.«</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Die Bäckergesellen hatten sich dermalen mit ihren Meistern -veruneinigt und waren ausgezogen gewesen, jedoch nach stattgehabter -Vereinigung zurückgekehrt.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Und diese Zeit wandte der Director der Altonaer Schule -Professor <em class="gesperrt">Struve</em>, den bekannten Virgil’schen Vers</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse"><em class="antiqua">Superet modo Mantua nobis</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">O Mantua nimium vicina miserae Cremonae</em></div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0">sehr glücklich parodirend auf Hamburg und Altona an:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse"><em class="antiqua">Superet modo Altona nobis</em></div> - <div class="verse"><em class="antiqua">O Altona, nimium vicina</em> (allzunah) <em class="antiqua">misero Hamburgo</em>.</div> - </div> - </div> -</div> - -</div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Das Verlangen der Musensöhne, ihre Siebentagsfliegen -Excellenzen mit einer Schildwache vor ihren Häusern zu ehren, wurde -in Gnaden abgeschlagen. Dagegen ritten sie, mit den Rang eines -Generallieutnants bekleidet, rechts am Kutschenschlag neben den -Majestäten, während sich die wirklichen Obristen mit dieser Ehre an der -linken Seite des Wagens begnügen mußten.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Junker Slenz war bekanntlich der Commandeur eines -Freicorps im Anfang des sechszehnten Jahrhunderts, das er an fremde -Potentaten zu einzelnen Kriegszügen vermiethete. Er fand seinen -Tod in Ditmarsen, wohin er den König Hans von Dänemark begleitete. -Seine Soldaten trugen die Devise »Wahr di Buhr, de Gard de kummt.« -Als diese aber schwer bewaffnet im Morast stecken geblieben, wurden -sie von den leichtfüßigeren des Terrains kundigen Ditmarsen mit den -Contrevolutions-Worten »Wahr di Gard de Buhr de kummt« erschlagen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> Die Lastthiere des Staats, die am Meisten mit Arbeit -Geplagten sind immer die Frommsten. Freilich! wie soll die auch der -Hafer stechen? da die Pferde, die ihn am Meisten verdienen, ihn -bekanntlich nicht bekommen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Diesen letzten Titel hat der König von Dänemark seitdem -abgelegt und die früher confiscirten reichsunmittelbaren Ranzau’schen -Güter ganz dem guten Dänemark einverleibt. Das ist hart für die -Gräflich Rauzau’schen Schwerdtmagen und Spielmagen, und, da ich zu den -letzten gehöre, auch für meinen Magen. — Wer will meinen Anspruch -an die dänische Krone kaufen? Drei Herrschaften und drei und dreißig -Edelgüter — Wer bietet Geld?</p></div> - -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Humoristische Erinnerungen aus meinem -academischen Leben in Heidelberg und , by Theodor von Kobbe - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HUMORISTISCHE ERINNERUNGEN *** - -***** This file should be named 53061-h.htm or 53061-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/0/6/53061/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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